Author: Wehrmann M.
Tags: geschichte kultur architektur verlag von üeon sauniers buchhandlung gefdiichfe der stadt stettin. stettin deutschland polen hansebund preußen zweiter weltkrieg siedlung festung rekonstruktion tourismus denkmäler museen handel entwicklung seehafen ostsee grenzüberschreitende zusammenarbeit
Year: 2011
Gefdiichfe der Stadt Stettin.
Gefdiidite
der Stadt Stettin.
Von
IRarfin Wehrmann.
Stettin.
Verlag von ü e o n Sauniers Buchhandlung.
1911.
^wSZf'KrB?!
^7/
^?otw
V)
Akc.—Nr
^orroorf bes ^erfaffers.
®as oorliegenbe Vudj ocrbanft [eine Csiitftefjung ber Slnregung
bes Inhabers ber VerlagSbudjhanblung, bereu girnia gerabe jefjt
75 Bahre befiehl- ®as SebürfniS nad) einer gufammenfaffeiiben ®ar=
[tellung ber @e[djid)te Stettins ift ifjm roiebertjolt entgegengetreten,
unb es ift nicht gu leugnen, baß ein foldjeS nortjßnben ift, ba feit
bem ©rfdjeinen non $r. ®t)iebe§ Efjronit non Stettin (1849) bie
Stabtgefrijidjte feine ausführliche gufammenhäiigenbe Sehanblung
erfahren bat. Sluf ®runb langjähriger Stubien habe i<h eS über»
nommen, eine folcfje gu liefern. ®abei war ich mir ber Schwierigfeit
ber Slufgabe ftctS bewußt, bie weniger barin liegt, baß bie @efd)id)te
Stettins, wie man glaubt, feine großen SJlomente unb ©reigniffe
bietet, als in ber großen Sßerfcßiebcnßeit beS erhaltenen urfunblidjeu
unb ardjioalifdjen CuellenmaterialS. (Ss ift fiir bie ältere Beit über»
aus bürftig, fo baß e§ faum möglich ift, ein oollftänbigeS Vilb oon
ben mittelalterlichen guftänben gu entwerfen, Bür bie fpätere Beit,
etwa feit bem 16. Q^rßunbert, wirb eS umfangreicher unb wädjft
bann allmählich lawinengleid; an. SS ift mein Seinüben gewefen,
möglidjft alles burdjguarbeitcn, unb bieS würbe mir burd) baS alt»
bewährte (Sntgegentommen ber Verwaltung beS ftönigl. StaatSardjioS
gu Stettin feljr erleichtert, aber ich weiß feßr wohl, baß meine Arbeit
nur Stücfwert ift. (SinerfeitS tonnte bod) nidjt alles SRaterial gang
bewältigt, anbererfeitS mußte oiel von bem gefammelten Stoff bei
Seite gelaffen ober gang turg gufammengefaßt werben. ®eSl)alb habe
icß hier unb ba in ber Tarftellung barauf bingeroiefen, wo weitere
gorfdjuiigen gur Stabtgefchidjte wünfchenSwert finb, unb ba§ ift
befonberS ber §all für oiele Seiten ber Verwaltung unb beS fRedjtS
wefenS. 2luf bie Srfjilberung ber inneren B,lftänbe habe ich lllGhr
Vadjbrnct gelegt als auf bie Srgählung ber äußeren Vorgänge. Stoß
bem h°ffG ’<h, ^6 gefamte ©ntwidelung Stettins im gangen
Har bargeftellt ift.
Silit Slbbilbungen, Vlänen unb anberen Veilagen hat ber $err
'Verleger baS Sud) reich auSgeftattet, wofür ihm befonberer ®ant
VI
gebüljrt. fiu bauten ift aud) oerfd)icbeiieit Bereinen, bie eine
oon Borlagen für ben Bilberfdjmud freunblidjft gut Berfügung geftcllt
haben. ©aß er ftef) etrnaS ungleidj auf ba§ Bud] verteilt, ljat feinen
®runb barin, bafj für bie ältere Beit loirflid) braudjbare unb nütjlidje
ülbbilbungen nid)t <ju befdjaffen mären.
©eit niefjr als 25 Baljren befdjäftige id) midj mit bem ©tubium
ber pommerfdjen Sefdjidjte unb tjabe gerne baran gearbeitet, nidjt
weil biefe Arbeit gerabe befonberS angie^enb unb befriebigenb ift,
fonbern in bem Söunfdje, bie Kenntnis doh ber Bergangenljeit
fßommernS, bie bad) aud) fiir bie ©cgeniuart nidjt oljne Bebeutuug
ift, (ju Derbreiten unb gu uertiefen. ©er ©ebanfe, baß bies> and) fiir
bie pommerfdje ^auptftabt wünfdjenSmert ift, ßat mir bei ber ?lb
faffung biefe§ ®ud)e§ über Diele ©dpoierigteiten ljinweggeljolfen.
©läge es burdj Söort unb Bttb giim Berftänbniffe ber ©utroidelung
©tettinS beitragen unb namentlich feine Bürger in ber Slnljänglidjleit
an bie Reimet ftärfen I
©tettin, im ©eptember 1911.
tl!*rofe|Tor Dr. ^llartin ?ilcl)rm<uin.
^onvort öe$ ^erfeßers.
'JJlit ber Verausgabe einer ßtefd)id)te ber ©tobt (Stettin erfüllt
bie iBerlagSfirma ihrer Vcimatftabt gegenüber eine ©aiifespflirfjt. Qn
ihr würbe bie ffirnto heute oor 75 fahren gegrünbet, unb wenn fie
fief) bie ßiuijje .Seit ihres öeftebenS hinbtird) einer gleidjmäfng fort
fdjreitenben ©ntwicfelung erfreuen bnrfte, fo oerbantt fie baS nor
ollem bent freitnblidjcn ^ntereffe, baS mau if)r Ijier non vielen ©eiten
entgegenbrodjte.
(Sin anbereS fommt tyin^u. Steinern ©rofjoater, bent ßirünber
ber Sncf)bmiblung, nnb meinem Bater war eS oergönnt, ihre Strafte
für baS @emeinroof)l ber ©tobt einjufetjen. SBie feljr ihnen bereit
GSebeitjen nm bergen lag nnb mit weldjer Siebe fie an ber SJaterftobt
gingen, weiß ich, unb ich glaube baljer and) in iljrent ©inne 31t bmtbeln
unb iljr Slnbenfen 31t ehren, wenn id) ba§ Qubilöttnt ber fjirnta jttni
?lnlofj ber ^erottSgabe gerabe einer ©tabtgefd)icf)te gewählt t)ßbe.
®ie 9lu§fül)ruitg meines planes ift nur baburd) möglich geworben,
bafi ber $err ißerfaffer fidj mit größter Sereitwilligfeit ber mübetwllen
unb langwierigen Slrbeit unterzogen ljat. Qljm gilt mein befonberer
Tauf.
Stettin, beu 1. Cftober 1911.
3>er gkrfcfler.
(Seite
gnMte-^widjnis.
1. Kapitel. Ut(jefd?idjte 1
2. ff ®te ißenbenjeit 4
3. n TaS Ginbrittßen beS ßbriftentumS 11
4. .. S)ie beutfdje Stobt 19
5. tf Stettin« (Entivirfcluiifl in ber erften Hälfte beß 14.^abrbunbertß 32
ß. il ®ie mittelalterliche iPlütejeit Stettin« ßl
7. M Stettin in ben binnbenbutßifd) pomnicrfdten Kämpfen . . . 107
8. ff Stettin unter ©oßiflaro X. (147ß—1523) 121
9. Stettin um 1500 . . . 141
10. n ®ie Seit ber ^Reformation . . 157
11. H Stettin in ber jroeiten Jpiilfte beß Iß. $al)rf)iinbertß . 195
12. n Stettin im Beitalter beß bretfiißiäbrißen Krießeß 241
13. .. Stettin unter fdjtuebifdjer £>errfcbaft 282
14. •t (Srroerbunß Stettins burd) IJreufjen 327
15. n Stettin unter bem Jföniße griebrid) Söiltjelni 1. 340
Iß. H Stettin unter ber fReßieritnß griebridiS beS ©rofien . . 370
17. ft Stettins gran^ofeiiieit 408
18. » Stettin im 19. gabrbnnbert bis jur Viuffjebunß ber gcftunß 435
19. n ®ie neuefte ßtü fcit IWS . . . . 494
yinnierfunßtn............................................................ . 519
£>rt$- unb Uerfonen-SHeflifter 531
(Seite
1. 'Sie cilteften Siegel Stettins 35
Wad) ben ülbbrüden im 'Illtertumßmufeum 311 Stettin.
Sigillum Burgensium de Stitin.
Secretnm civitatis Stetin.
S. Scabinorum in Stetin
2. Siirflopfer ber Sdjlofifirdje . . . .87
8luß „®au unb itunftbenfniäler beß Wcflicwnißßbeprfß Stettin".
£>eft XIV, 1. (Stettin 1909) S. 84. ü!gl. ©alt. Stubieu XXXIII.
S. 101—109.
3. ®rabftein beß Siitterß Henning nun Weberg (1370)
in ber (Sdjlofjfircfjje . 103
Sluß J0au= unb Stunftbentmäler oeß Weflierunßßbejirfß Stettin".
$eft XIV, 1. (Stettin 190#) S. 69:
Hic iacet dominus Henninghus de Rebeigli miles, qui
obiit anno domini MCCCbXX sabbato post festum ascen-
sionis domini, cuiue anima per piam misericordiam dei
requieseat in pace amen.
4. $of Sdjuljftrafee 4 . . . 141
Warb einer UHjotoßrapbie von Sdjalow im ißefifje beß Stettiner
SBeifebrß-SBereinß.
5. Sliter Speid)er ... 142
Wad) einer ^otoßrapbie von Sgaloro int tbenye btß Stettiner
®erfebrß=®ereinß.
6. Stein mit ^unftiüQppen ottß bem Seglerljanfe 145
y?urf) einem Gltdjb im SMitje ber SBorfteber ber tfaufmannfebatt
in Stettin. Ser Stein würbe 1901 im Atelier beß ©brfeiißebäubeß
ßefunben. Gr ftamint auß bent Slufatiße be§ 17. ^nbtbuubertß unb
ftellt neben bent Sdjiffe büß Sßappen ber Stabt unb ber ®eroanb=>
fdjneiberjunft bar.
7. Tenfftein Snrnimfe III . . 189
8Iuß „®ait- unb Äunfibentmäler beß iKtflierunßfbejirtß Stettin".
£>eft XIV, 1. (Stettin 1909) S. 19. tößl. ?)tonatßblätter 1898 S. 147 f.
8. Saß Sdjlofj in Stettin ... . . 2U3
9?acb einem Shtpferflidje in SWerianß topographia electoratus
Brandenburgici et ducatus Pomeraniae. ca. 1650.
9. S<$n>ei(jert)of 216
Sind) einer ißljotoßrapbie.
©eite
1(). Sür am Sdjiueigerljof e . 217
Wad) einer ^'^otoflrut>l)ie Don Sd)alo)D int ©efive be8 Stettiner
©ertel)rs5=©ereinS.
11 £>eumarft 220
Warf; einer Vitboßiapbie Bon Wob. ©eißler. ©erlaß d. Saiinenberß
u. Tübr in Stettin.
12. ©ilb Stettins au§ ber Srägerrolle 230
Wad) einer farbißen 3eid)tturtfl in ber Wolle ber Stettiner
Sxäßerjnnft Dom 27. SWärj 1620 tut elßl. StaatSarrfjiD ju Stettin.
(®epof. Stabt Stettin Tit. VIII. Sect. 91a Wr. 10a.)
Ter im ©orberßrunbe fteljenbe beitiße VaurentiitS war ber Sd)iitj=
pat'on ber 3unft.
13. Sliter Wateteller......................... . 250
Warf; einer Sitljoßrapljie von Wob. Meißler, ©erlaß D. 'Tannenberß
u. Tiibr in Stettin.
14 DaS Stettiner (Sljrenwappen non 1000 201
Warf; ber farbißen Qeidmitnß in ber ©erleibmißSurfunbe Dom
14. September (n. St.) 1660 im Urfunbenard)iD ber Stabt Stettin.
15. Dentmiinge . ............. 309
Warf) einem ßyemplar ber ‘•WebaiUe in bem SlltertumSinufenm
in Stettin.
10. Die ^atobitirdje 314
Warf) einer Vitfjoßvapfjie Don Wob. (SJeipler. ©erlaß d. Tannenberß
u. Tiißr in Stettin.
17. Die SßeterSfircfje ... 323
Warf; bem ©tlbe in (Sßr. girfermannS „£)iftorifrf)er Wi.rf;ri.bt Don
ben alten ßinwoljiicrn in ©ommern", Stettin 1724.
18. 4yoItent)auerfd)eS $au§ (erbaut 1721—22) 345
Warf, einer ©botoßrapbie.
19. 'Tier Wofjniartt mit ber Ißafferfunft non 1732 340
Warf) einem Stirfje im SlltertinnSmitfeum in Stettin, ©erlaß von
5. ißalboiv in Stettin.
20. Die SWarienfirdje . 348
Warf; einem Stidje Don V. Jtii rfiboff in Stettin 1789.
21. ®aS ßönigStor 350
Wad) einer Vitboßrapbie Don Wob. (feifjler. ©erlaß D. Tannenbcrß
u. Dübr in Stettin.
22. Qfaaf Salingre 383
Warf; einem Ölßemälbe im ©efive beS 4>errn äfapitän j. S.
Stubenraurf; in SdjWtnn i. SW.
23. ©ilb ber breiten Straße 1790 390
Warf; einer Vitt;ofli.ipt)i- im Slltertumgmufeum in Stetun
24. Tenfmal griebridjg be§ ©roßen 407
Wacß einer älteren ©botoßrapbie.
XI1L
©eite
25. 3. ©eil ...............................426
Wad; einem Ölgemölbe im SöefiVe beö Äbnißl. TtarienftiftS«
gijmnafunnS in ©tettin.
26. Qotjann ?lugilft ©oef . .... 438
Wad» einem ©tidje tm Slltertunismufenm ju ©tettin.
27. ©tettin nom üogengarten auS . ...............439
'Jlad; einer ßeidmung von B. ^eterS, fli’ftodjeit Von £>. ißiufler.
28. ©tettin non ber Cbermiet an§ . 441
Wad) einer ßeidjitung von Viitte im WltertumSmufeum in ©tettin.
29. ©tettin Dom redjten Cberitfer (1837) . 442
Wad) einem ölgemätbe von G. Teffoiv im Wltertunidmufeum in
©tettin.
30. Der Uhiltan . 461
Wad) einer Photographie.
31. ©d)lofjl)of non Cften gefeFjen (nad) 1831) 469
Slu3 „'Bau unb ft’unftbentmäler beS Wegierniißßbejirfö ©tettin”.
Jpeft XIV, 1. (©tettin 1909) ©. 53.
32. ftarl öoeive 490
3iad; einer 'ßpotoßrapbie.
33. 2eon ©aunier . 492
Wad) einer ')5botoguipl)ie.
34 Der greitjafen . . • 500
Wad) einer 'bbotograpbie.
35. Ter SWanjelbrunnen . 502
Wad) einer 'bbotoflrapbie von SBiSbed, im iöefiye beß Stettiner
SBeitetjrä-Vereins.
36. TaS ©djlofj non Worbioeften 505
illuß „S)au= unb iiunftbeiitinäler beS WeßieruiißStiejirtsS ©tettin".
Jpeft XIV, 1. (©tettin 1909) ©. 37.
37. SiatljauS 506
Wad) einer 'libotoßiappie.
38. Tas ftiibtifdje 'BeriualtungSgebäube . 508
Wad) einer ‘fbotoßrap^ie von ßafper im Befifce beS Stettiner
BertebrS SBcreinS.
39. Tie SBugenljagentirdje 509
sWad; einer 'Jßbotoßiapbie von ftafper im 'Befilje be8 ©tettmer
JBerfebrS'Syereinö.
40. Wlbert ©d)luton> 510
Wad, einer ^botoßiapbie.
41. ©iegel ber Wlterleute be§ ©eglerIjanfeö 518
Wad) bem Sießelftempel im 5Befi(je ber SJorftetjer ber Kauf
mannhaft.
'•pcrjeidjnis ber ^afefn unb 23ei(aijen.
3u Seite
I ®aS Stettiner Sdjlofe nor 1577, auß ber 23ogel»
f(f)nii non Silben.............................................. 124
Stuß „Sau* unb ibunftöeuhnüler beß Wegierungßbejirlß Stettin"
£>eft XIV, 1 (Stettin rJüli) “älbb. 1.
jßer Ulbbilbung liegt eine 3e'd)iiung auß bem (Jafcre 1607
(im Ägl. Staatßard)ive in Stettin. Stett. SIrd). t'- I- Xit- 71
sWr. 21) ju ®runbe.
11. Stettin uni 1590 .................... 142
Wild; ber Ulbbilbung im Stäbtebnd) üon ®eorg '-Britin nnb
granj JQogenberg. (Uluß welcher Vlnßgabe bie Borlage flammt, bat
fid; bisher nidjt fieber feftfteUeu laffen.)
III. Stettin um 1600 218
Wach einem Stiche (int Ulltertumßniufcum) non einem £(•
gemälbe, baß fid) un Börfengebäubt befinbet.
IV. Flugblatt über bett Ulufruljr in Stettin im
(Juli 1616 ... 255
‘Xaß Drigittal befinbet fid) in ber Sibliotljet beß ftgl. Stnotß
ardiiveß ju Stettin; eß fdjeint baß einjige erhaltene (fremplar
ßu fein.
V. eilten Stettin auß ber Bogelftfjau. .ßeicöitung
non .fjeinrid) ftote 1625 267
(£tn Exemplar ber Jürigiitalaußgabe befinbet fid) im Ulltertumß
muieum ju Stettin.
VI. Stettin uni 1650 280
Wad) bent Silbe in Wieriaiiß topograpliia electaratus Bran-
denbttrgici et dneatus Pomeraniae. ca. Iti5(».
VII 'JJlaii ber Belagerung non Stettin im (Jahre 1659
non £> Sdjaeoiitß . . 289
Wad) enter Beidjnung in ber Sibliotljet bet ®efellfd)aft für
pommerfdie ®efd)td)te unb Slltertnmßfunbe.
VIII. Plan de la ville Stettin anno MDCCXX1 343
SerfleinerteWad)bilbungbet!Drigiiial}eidmung(in ber Bibliotbel
ber (MefeUfdjaft für pommerfefee ®efd)id)te unb Ulltertumßfunbe).
IX. Stettin 1735 . . . 351
‘Jlnfidit von fWuttl). Seutter in Ulugßbittg.
Xie '-Borkige befinbet fid) in bet Bibliotljef ber föefilbdjaft
für pommcrfdie ®efdiid)te unb Ulltertumßtuiibe.
XVI
3« ©eite
X. (Stettin um 1740 ... 370
F. B. Wei ner del., J G. Ringlin sculps., Mart. Engel-
brecht excud-
XI. (Stettiner Bettung uom 21. Wonember 1806 417
Die Wummer enthält bie ÄapitulationSbebinflunflen oom
2!». Dltober 1806.
XII. Sian ber (Stabt Stettin mit ber näd)ften Um»
gegenb. Son Sau bau in & ßo., in (Stein graoiert
doh ß. Sanne 1828 . .......................... 435
Die Sorlaße befinbet fid) in ber Söibltot^ef ber ©efellfdjuft
für pomuierfdje ßefdjirfite unb 9lttertumgfunbe.
XIII. u. XHIa. Cberbürgermeifter non Stettin 449
1. Dberbürßermeifter S- V. fbirftein (1809—1828).
Warf) einem Ölßemälbe im Sefifce beö $errn ®ef). Saurat
Trabet in Stettin.
2. Cberbürgermeifter 91. ff SWafdje (1832—18451.
Warf) einem Stiebe im Seftye beg ffräulein Tiafcbe in Stettin.
3. Dberbürßermeifter 6. 91. gering (1849 1867).
Wad; einer Sbotographie.
4. Dberbürgermeifier % ß. Surftfoer (1868—1877).
Wad) einer Sbotoßtapfite.
5. Dberbürgermeifter Dr. $ $aten (1878—1907).
Wad) einer Sbotograptne
6. Dberbürßermeifter Dr. ff. 9lcfetntann (feit 1907).
Wad) einer Sbotograpfrie.
XIV. Die alte Saumbriide .... 501
‘Warf) einem Silbe imSermaltuugöberirfite b. Stabt Stettin 1909.
XV. Die neue Saumbriide ..................501
Warf) einem Silbe im Ser waltungöberirfjte b. Stabt Stettin 1909.
XVI. Sian ber Stabt Stettin. 91 ngefertigt burrf) ba§ am
StabtuermeffungSamt. Sdjultje, Dberlanb»6(Wuffe
meffer 1911.............................................. . tumtw
Die mit piolett bejeirfneteu ßinßemeinbunßen finb nirfjt, roie
auf bem Sinne ftebt, 1910, fonbern 1911 erfolgt.
1. Miipitcl.
^Irgeftfyidjk.
Mann ift ©tettin ciitftanbeii? TuS ift eine fyrnge, bie fehl'
oft geftcllt wirb, ober bodj nie beftimnit beantwortet werben
tann. ©tauten nnb ©tiibte hüben fidi faft niemals plötjlid)
in einem genau aiijugebenbcn ^eitpunfte, fonbern entwideln fid) gan^all
mählidj aus Heinen Vlnfängcn, von betten bie (Mefdjidjtc feine Jtenntnis
hat. ©ic hängen, and) wenn ihre redjtlidjc Vegriinbung zeitlich betannt
ift, bod) mcift mehr ober weniger mit älteren, nad) nnb nad) crwadjfcnen
Vilbungeii beS menfdjlidjcn ©enicinfdjaftslebens jufanimen unb fdjiefjen
feiten aus „wilbcr S&itr^cl" hervor. ©S ift bahcr, wenn mau es
unternimmt, bie elften 'Jlnfängc einer Sliifiebliing 311 erforfdien, ber
Vcrfnrf) burdjaus beredjtigt, in eine 3eit vollbringen, von ber feine
fdiriftlidje ober miinblidje JUtnbe in nufere Jage bcriibcrflingt. 3-reilidj
ift cs woljl überall unmöglid), fidjcre 'Jiad)rid)t baiwn 31t erhalten,
wann jjuerft eine 'Jlieberlaffung an ber Stelle entftanbcn ift, wo fid)
bie ©tobt fpäter cntwicfelte. 9)lan muß fid) jnfrieben geben, wenn
ein Vlicf auf bie natürlidie Hefd)affenl)cit bet trtcs unb ber fflegcnb
nnb auf bie biirftigcn JHefte ober 3eugni)fc niettfdjlidier 'Jätigfeit, bie
bort aitfgefunbcn worben finb, einigen 'Jlnbalt 311 Vermutungen ober
©djliiffen gibt, ^lud) bie ÖJefdjidjtsforfdjung barf hier mehr als fouft
mit 2Sahrfd)einlid)teiten redincn, mnf; fid) freilid) ftets bcwufjt bleiben,
bafj cs fid) eben nur um foldjc Ijanbelt. Tie Ideologie tann mancherlei
lehren, was 311111 Vcrftiinbniffe ber fpätcren ©ntwicfelung nidjt ohne
'-Wert fein mag, inbeffen ift es nidjt bie Aufgabe ber ge’d)id)tlidjen
Vetradjtung, eine uollftänbigc gcologifdje ober crbgefd)id)tlid)e Tar
ftellnng bes MebieteS 311 geben, mit beut fic es 311 tun h‘ü. Sind)
ift eS nid)t inöglid), bas Gntftehen unb Vtadjfen einer menfdjlidjcn
Ülnficblnng allein aus ber natürlirijcn Vefdjaffenhcit ihrer Vage 311
erfläreii, es ift Ijinrcidjenb befannt, baf; hierbei gatt,] anbere Ve»
bingungcti nnb Mräftc mitgewirft ljaben unb oft weit ftärter, als
inan aii3itiiebmcn beliebt.
Tie Cbcr beginnt in einer Sntfcrnnng von ber Cfifec, bie in
ber Vuftlinic etwa 80 km beträgt, fid) 311 teilen nnb ihr ^al
2
Urflefd)id)te.
bebentenb 31t erweitern. Dicfe Erweiterung nimmt und) Cften bin
immer mehr 31t, inbem baS weite Jöcdett bes Danimfdjcn Gees einen
groben Seit beS CbertalS ausfüllt. ülnf bem (inten Ufer gießen fid)
au ber eigentlichen Cber .fräßen entlang, bie fid) nad) 9lorbcn <511 alb
mäßlid) nict)r ertjeben, bis fie bann 311m $apenwaffer unb fraff wicber
abfladjeit. ?ln ber Gtelle, wo bie beiben Hauptarme ber Cber mehr
fad) in Serbinbiing fteben, fteigen biefe .frügel bireft iwm SBaffer
empor unb geljen nach 'JBeften 31t in eine fanft gewellte Hochebene
über. frier bietet bas etwa 7 km breite Dal mit feinen fnmpfigen
liefen nod) bie 9Jlöglid)tcit, einen ßanbiibcrgang nadj Cften 31t
fcßaffeit, während weiter abwärts fid) ber breite Gee von Damm als
ein betrnd)tlid)eS frinberniS bagwifd*en legt. Die 9lnße beS ruhig
baljiitfliefjenbeii ^IiiffeS, ber Gdjuß, ber bitrd) fein weites Dal im
Cften geboten ift, ber bequeme nnb natürlidje Bufammenßang mit
bem weftlid) gelegenen Gelände, bie SJlöglidjfeit, 311 ®affer ober and)
31t Vanbc bie anbere Gcite bes Dales gu erreichen, bas alles finb
iUorgüge ber Gegend, in ber Gtettin liegt. Die Slerbinbitngcn, bie bnrd)
bie Cber und) ber Cftfee, fowie nach bem fiiblid) liegenben Vanbe gegeben
finb, biirfen au biefer Gtelle nidjt bcfonbcrS ßeroorgeßoben werben,
ba fie woßl faum oon Vlnfatig an eine ülusfdjlag gebenbe Söcbcntimg
gehabt haben. 9tid)t ber Sölid in bie XSJeite hat bie erfteu SInfiebler
hierher gezogen, fonbern bie unmittelbar nahe liegenben SSerljältiiiffe.
.friermit foll nun nid)t behauptet werben, baß bie 'JJtcnfdjen, bie
fid) guerft auf ben .fräßen am Unten Cberufer nieberließen, fid) ber
ißorgiige ihrer neuen .freimat flar bewußt waren unb gerade beSwegen
ben fßlag auSwäßlten, nein, was fie bortl)in führte, läßt fid) un»
möglich beftinimen; man mag, wenn man will, es einen Bufall
nennen, ^ebenfalls fanden fie bort Vcbeiisbcbingungcn, bie fie für
notwendig hielten, 'Jlaßrintg nnb Gdjuß, mod)te ihnen beides baS
©Jaffer ober bas franb bieten. Söie füllen wir uns ein Silb oon
bem ßuftanbe beS Gebietes 31t jener 3c>t machen, als einft ßier bie
erfte fefte Gieblung entftanb? Die ©puren ber nießrfadjen ®er=
gletfd)crung, bie heute nur nnißfam, aber nod) beutlid) genug 31t
ertennen finb, bie 'ÄUrtuiigen beS großen .fraffftaufecs beeinflußten
bamals gewiß in gang anderer ilSJeife ben Gßarafter ber Vanbfdjaft
alS heute. Gumpf unb SSalb ßerrfdjten uor, jener in ber Gliederung
beS fjlujfes, biefer auf ber fräße. GS muß jebod) ber fhantafie über
laffen bleiben, fid) eine 53orftellung oon jener llrgeit 311 ntadjen, bie
C^efd)id)te hat nur leife barattf hinöubeuten, wie gar feljr and) bie
Vaiibßhaft fid) im Vaufe ber ^ahrhunberte geändert l)at. 9iod) weniger
ift fie, aber aud; teilte anbere sJBiffeiifd)aft iuiftanbe, eine Beit au
Stein« unb Bronjejeit.
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jugeben, wann fid) gncrft auf ben .fwhen am liiifcu ©berufet Tlenfcfjen
bauernb niebergelaffen hoben, ober wer biefe waren, woher [ie fainen.
G’S ift müßig, ja faft vermeffen, Bermutungen aufjuftellen. 'Jtur baraiif
mag ßiugewiefen werben, baß ßeute bie '?lnfid)t fel)r verbreitet, wenn
and) nidjt oljite 'Bibcrfpritd) ift, bie äüeften Sitje ber ©ermanen feien
im Silben ber ©ftfce in ÜJtedlenburg unb fßonunern gewefen.
$>abcn fid) Spuren biefer Beoöltcrung bes VanbeS erhalten?
Sind) hierauf läßt fid) fdnver eine beftimmte Antwort geben. Sollen
wir bie angeblid) von fUtenfdjenljQnb bearbeiteten Steine, in beiten
lebhafte ^ßantafie ft'unftprobutte von „Urbewohnern" erblidt t)at,
wirtlid) als ßeugniffe menfd)lid)er Uätigteit anfel)en? ©ber vermögen
uns einzelne auf bem Gebiete bes heutigen Stettin aufgefunbene ober
in ber ©ber auSgebaggcrte Steinbeile unb ='J(rte viel von ber älteften
3eit beridjtcn? (SS ift ja nid)t ju bezweifeln, baß fdjon in jener
fßeriobe ber Kultur, bie man gemeinhin bie Steinzeit 31t nennen
pflegt, bort SJlenfdjen wohnten, aber folrije gang vereinzelte ^itnbe
bieten und für nufere Kenntnis feßr wenig, ißiir tonnen uuS and)
nicht wunberu, baß in tiefem befd)räntten SBezirTe fo auffallenb
wenige 9Mte ber Bereit entbedt worben finb. Söie oft ift in ben
fpätcren ^al)rl)itnt»crten ber Boben burdjgewühlt, wie oft ift an jeber
einzelnen Stelle gebaut, niebergeriffen unb abermals bis in bie iiefe
be§ BobcitS hinein gebaut worben! (ftwaS mehr liberrcfte Ijat man
ans fpiitercr 3cit entbedt, in ber bie Btonze bas am meift’en benutzte
Material für bie .^erftellung von (Seräten unb 'Baffen barftcllte.
Sidjer erftredt fie fid) über mehrere Qahrljunberte, in benen bie
(Jiegenb von Stettin, wie eS fd)cint, bereits bidjter bewohnt war.
darauf beuten manrfjcrlei gunbe aus ber llmgegenb, bie aufgebedten
ÖJräberfelber bei ber OlaSanftalt in (SJrünhof unb auf bem Zentral«
friebhofe, von benen, fo wenig fie and) burd)forfd)t finb, bod) wohl
anzimehmen ift, baß fie in bie jüngere Bronzezeit gehören, g-reilid)
haben biefe mit ber Slnfieblung, bie wir auf beni eigentlidjen (Gebiete
ber fpäteren Stabt annehmen, wenig 311 tun, aber fie geigen unS
bod), baß in biefer Segcub eine Bcvölferung ihren feften Söohnfiß
hatte. ®aS ertennen wir, viclleid)t für eine etwas jüngere (£pod)e,
and) aus ben bei 9teii 'Beftenb aufgebedten Braubgrubengräbern unb
ben ebenbort gefunbeiien fließen eines ÜöpferofenS, in bem einft
Urnen uub Jongefäße aus bem in jener @egenb vorhanbeuen Üon
hergeftellt worben finb. ’ÖIiitf) für biefe Beriobe lernen wir aus ben
einzelnen Csrgebnijfeit ber urgefd)id)tlid)en Spaten=gorfd)ung taum
mcl)r, als baß bie Stelle Stettins bereits früh befiebelt worben fein
mag. Siefer laffen fie unS nicht bliden, unb eS finb unb bleiben
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JRönicrjeit.
Jllermntitngen, bie freilidj feljr nabe liegen, wenn von einem früh
zeitigen .ßanbelsiierfefrr an ber wichtigen Cberftrafje gefprodjeu wirb,
föeweife hierfür liegen nidjt einmal aus ber fpnteren periobe vor,
bie uns in bie fliöniergeit Ijinemführt.
SÜJie bat man fid) in früheren Qaljrljnnberten, in beiten bie
gelehrte 5®clt bnrdjauS alles mit ben iüömerii in Pcrbinbung bringen
wollte, abgenüiljt, and) (Stettin ans römifdjer 'JSnr<eI crwadjfen 311
lafl'en! Plan fdjente nidjt vor ben tiibnften nnb abentenerlidjften
Grbidjtnngen nnb Pamen§crt(ärungcn juriitf. 'Wenn man fo verwegen
war, ftnlin mit Sulins Gäfar 31t vertniipfen, fo war es nod) nidjt
einmal befonbcrS gewagt, in ben Sodini (SideiToi), bie ber Geograph
KlanbioS Ptolemaios (ungef. 1'>() n. teljr.) erwähnt, bie Porfaljrcu
ber Stettiner 311 erblicfen, nnb halb ocrwaubeltc eitle Gelebrfainteit
ben Wanten ber Stabt in Swlinuin. Weiter bat man mit Ijeifjem
Pemiiljen bie STenntniS ber Eliten von ben Vänbern an ber Cftfee
erforfdjt, ben Seefahrer Pijtljeas von SJlaffilia, einen ;feitgenoffen
VtleranberS beS Großen, bis bortbin gelangen (affen, als er angeblich
baS ©ernfteinlanb in Samlanb entberfte. i’lber befoiincncr gorfrfjnng
bat biefe Mitnahme nidjt ftanbgcbaltcn. Über bie Gcgcnb von Stettin
erhalten wir burdj iljn ebenfo wenig ffttnbe, wie bnrdj bie römifdjen
fyorfdjer. Gewiß ift ber Ginfluß beS römifdjen Kaifcrrcidjes and) bis
in bas Pliinbnngsgebict ber £ber vorgebritngcn, eS ift and) woljl an
bem 3?lnffe entlang eine .(janbelsftrafje gegangen, aber fidjer nad)
weifen (affen fidj Schiebungen 311 JHotn nidjt. Tenn bie brei römifdjen
fDlüngen, bie in ber Stabt 311111 Seil unter 911113 merfwürbigen Ilm«
ftänben aitfgefnnbeii worben finb, fötinen nidjt als Pewcisftiide
bienen. Tie elften ^abrljnnberte nad) Gljrifti ßiebnrt lidjten nid)t
im minbeften bas Tuntel, bas über bein Gebiete an ber unteren
£ber ruht, nnb gehören bnrdjans 31t ber periobe ber @efdjid)te ber
Stabt, bie etwas fiiljn als Ihgefdjirijte bchcidjnet worben ift, wenn
fie andj wirtlich Gk'fdjidjtlidjes überhaupt nodj nidjt bietet.
2. Kapitel.
J>ie ^eubeiijrit
ie gernianifdjen Stämme an ber Sübtüfte ber Cftfee, mögen
fie Senuionen ober füngier ober fonftwie geljcifjen haben,
verliefjcn nad) nnb nad) itjre SBoljnfifie unb brangen nad)
'löeften nnb Sübeit vor, oft vielleicht nad) Ijctgcn Kämpfen nut ben
von £ften Ijer nadjbrängenbeii flawifdjcn Pölferidjaften. Tiefe iafjten
Ter Zinnie Stettin.
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nllmäl)lid) in bem fnft gah3 ueröbeten ßnnbe feften 3'iifj »nb ficbelten
fiel) 311111 Teil nn ben Stätten, wo bereits Tentfdjc gewoljnt (innen, 511111
Teil nn neuen bläßen nn. Go iniirbe bie Gtelle mit linfen Cbcriifer, nn
ber fid) i>ielleid)t Werinnncn guerft ihre .£>iitten gebaut Ijnttcn, eine
f(awifd)e ’HJohnftätte nnb erhielt, wie eS fd)eint, non ber neuen
töeoölfernng ben 'Jlnmen Stettin. 'Was bebentet bet Minute, ber
gewiß anfänglich eine etiunS anbere ^orni lintte? Jin Tentnngen ift
fein Wnngcl: bn foll ber 'Jlame non einem Worte, bas „öorftc"
bebentet, nb^ideiten fein, fo baß es mit bem (intbnujtljifdjen ,,'-ünrftn=
bnrg" ber norbifdjen Snge tbentifd) wäre, nnbere wollen es nut
„Wipfel" ober unter Berufung nnf bie Jlntorität bes pontmerfdjen
(Sljroniften JljomnS Sl'nntjow mit „Sdjilb“ in 'jlerbinbniig fegen,
nnbere nlS „ßnfnmmenflnß" erflären. 'Ulan fieljt, eS ift eine reich’
lidje Jlnswnljl rwrhanbcn nnb immer nod) freies J-elb für neue
Tcntnngen, bn bisher feine allgemeine Jlnertennnng gefnnben l)Qt.
Um weiter 311 fominen, müßten bie älteften ^iwnen be§ 9lnmenS
crforfdjt nnb nnterfnrfjt werben, beim er Ijnt fid) allein in ben Beitcn
uerfdjieben geänbert, bie nnS gcfdjidjtlid) befnnnt finb. Sehen wir
00m polnifdjen Sczecino nnb Szczecin ab, fo finben wir nachweisbar
Stitin nnb Stetin, nnf jeben f^nll mit einfachem t gefdjrieben. Tie
'4?erboppelnng biefes ®nd)ftabens fommt nidjt uor bem 15. $nl)r
[jnnbert rwr, gewinnt nber bnlb allgemeine Wültigfeit. (Stwas früher
bereits nennt innn bie Stabt im Wegenfnß 311 bem 131t) gegriinbeten
'Jlen Stettin immer allgemeiner Jllten Stettin. (Srft im 1H. Qnljr
hnnbert fehlt man allmählid) 31t bem einfndien 'Jlanien Stettin ^nrürf,
beffen gönn nun erft feft nnb nnwnnbelbnr wirb.
bereits int uierten nadjdirifllidjen Qnljrljnnbert fdjeinen flnwifdie
Stämme bis nn bie Cber oorgebrnngen 31t fein. Cb bie breite Tnl
nieberimg iljrcr SSnnbernng und) üßeften binberlid) entgegentrnt, wiffen
wir nidjt; fpnter fdjeint fie nllerbingS längere ei|ie ®rengc
3wifdjen ben Stämmen gebilbet 31t l)nben. Jlnf bem linfen Ufer
faßen bie Söi 13011 ober ÜUelntabcn, bie fpäter and) Chitinen ßießen,
auf bem rcd)ten bie Stämme, bie innn mit gemeinfnmen Flamen
Sommern nannte. Cb nber biefe ®ten3linie immer eingeljnlten
worben ift, ob nidjt iiicllcidjt ber niirblidje Seil ber fftanbow roenigftens
für einige Beit bie Iinti3ifd)*pommerfcf)e Canbfdjeibe gewefen ift, läßt
fid) nid)t fidjer entfdjeiben. l£s wirb fid) weber beftimmt angeben
Inffen, oon welchem Stamme bie Slawenanfieblnng Stettin begriinbet
iniirbe, nod) weld)eni fie bie längfte Beit angcl)örte. 3für Batjr
hnnberte fehlt jebc fid)cre Slachridjt, nnb wir finb nid)t imftanbe,
bie (S'iuwüfelnng bes Crtes nnrf) nur überfrd)tlidj barjiiftellen. Tns
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Ser SBuißWafl «Stettin.
Silb, ba§ wir non bem alten flawifdjen (Stettin 31t entwerfen fudjen,
bebentet nidjt viel nieljr als einen Cuerfdjnitt aus jenen 7—8ftaljr»
Ijunberten, bie vergangen waren, als enblid) ber £rt in baS ßidjt
ber Gfefdjidjte trat, ja eS fiiljrt uns wofjl weit meljr in bie fpätefte
Slaweiijeit als in bie ältere.
Sie (Slawen legten, wie uns beridjtet wirb unb galjlreidje fRefte
bezeugen, im Vanbe eigenartige (Srbwerfe, bie fogcnanntcn $8itrg
wälle, an, bie wofjl in elfter £iuie ber SJerteibigung uub bem
Sdjutje ber Sevölfennig bei feinblidjen Eingriffen bienten. Sic
erftanben teils auf £wfjen, bie non ber fRatur bafiir gefdjaffen 311
fein fdjieiien, teils in fiimpfigen 'Jlieberungen, in benen fidj foldje
Bufludjtsftättcn leidjt Ijcrftellen ließen. SefonberS geeignet aber waren
Crte, an benen fid) ßiijcbuiigeu unb Sümpfe iiebcneiuanber fanben,
wie es an ber Stelle mm Stettin ber $all war. leinen natürlidjeit
Sdjuß nad) Cften tjin bot ba§ weite, fdjwer paffierbare £al. Ser
^latj bebiirfte eigentlidj nur einer fünftlidjen Sefeftigung nad) Xöcften
Ijin, unb eS war eine 9lrt non Sing gefdjaffen, bie uneinnehmbar
eifdjeinen mußte. So haben wir unS ben alten 5öenben=Snrgwall
Stettin 511 beulen auf bem Glebiete, ba§ von fninpfigem ©elänbe im
Slorben nnb Silben begrenzt war. Spuren biefer Slieberungen finb
beute nodj an beiben Stellen 311 entbeden. Son brci .^ügeln ift bei
Stettin bie JRebe; man fann fie vielleidjt norf) erfeitnen, fo feljr and)
baS ganje Gielänbe burdj Sebauung, Abtragung unb Eluffdjiittung
veränbert worben ift. Eluf biefem Giebiete ljaben, wie e§ fdjeint,
flwei Siirganlagcn beftanben, von benen bie ältere etwa bie Stelle
beS fpäteren SdjloffeS ehinatjm, bie anbere wofjl ihren Wittelpnnft
in bem 'JJlarieiiplatje batte. $m einzelnen bie Gtrenjen feftgulegen,
baS ermöglidjen and) nidjt bie 1888 aufgefimbencii jafjlreidjen 9lcfte
flawifdjer ßeit, ba fie nidjt fijftcmatifdj bitrdjforfdjt worben finb.
Elber fo viel ift baburdj gewonnen, baß wir wiffen, ber mittelalterlidje
Stabtgraben, ber bie Stabt iiadj korben ^u fdjütjtc, bat bereits in
flawifdjer ,3eit beftanben, wie eS fdjeint, als eine natürliche Senfe,
bie burdj 'Uleiifdjeiiljanb vertieft unb auSgeniitjt würbe, 'fjfäljle finb
bort ju Sage getreten, in benen man iRefte von prüften ober SSoljG
wegen erblideu faim, wenn man nidjt bei ifjnen an Subftruftionen
von pfaljlbauartigen Santen bellten will. Giewiß war biefe Einlage
burdj ©rbwälle, *PciItifaben unb ff-Iedjtwerfe verftärft, bie anfänglidj
in einfaeßfter SBeife b^rfieftcllt, im Eaitfe ber ßeit aber erweitert unb
verbeffert wurben. fjernbalten uiiiffen wir inbeffeit ben GJebanfen an
Stein», namentlich 8'e(]c^,nn*eit, bie ben Slawen imbeTaniit gewefen
fein füllen. Srotjbcni muß baS gaiijje SBert in ben leijten feiten ber
Ser Surßroaü Stettin.
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(Etaiveiiljerrfdjaft recf)t mifeljiilid) gewefen fein, fobaß bie fteftigfeit
ber Surg (Stettin weithin fprürfjiuörtlirij bctaiint war.
SJeldjeni biente biefe gange Shilage? iJlatiirlid) war fie
in erfter ßinie bcftimmt, ber unnuoljnenben Sevölterung als ^’ufludjts
ort bei firiegeu nnb feinblidjen ©iufällen, foivie als Scrteibigungs
punlt be§ gangen ©ebieteS gu bienen. Hierher fonnten fid; bie
einzeln ober in Surfern woljneuben Slawen gurüdgiehen unb bem
Sorbringen feinblidjer Sdjaren ftaiibljalten. Siefe Surgwälle waren
gum größten Seile anfäiiglid; taimi baiternb bewohnt ober wenigfteuS
nur oon einer Vlrt von ScfatjuiigSniaiiiifdjaft behütet. Salb aber
bilbeten fie fid) gu Slittelpunften einer ßanbfdjaft aus, bie fiir ben
wirtfdjaftlidjen Scrfelji unb fiir bie Senvaltung immer mehr an
Sebeittung gewannen. ©in abgegrengtes Serritorium fdjloß fid) einem
foldjen Surgwälle an, unb bie Setvofjiter biefeS ©aitcS ivaren in
niannigfadjer Segieljiing an ibn gefniipft. Sie ivaren gum Sienft
unb gur Sertcibigung verpflidjtet, unb je mehr bie Slawenftämme
eine ftaatlidje JCrganifation erhielten, befto bcftimniter würben biefe
fßflidjten. ©rft allmätjlid) bilbete fid) bei ben Slawen eine ?lrt von
gürftenftaub auS, unter ben Häuptlingen ber cingelnen ©aue gewann
einer bie beljerrßhcnbe Stellung. Siefer tonnte bie Surgwälle fcl;r
woljl als Stüßpuiitte feiner SJladjt im ßanbe benutjen. ®r ftellte
an ifjre Spiße Surgljerren, bie gugleid) feine Oberhoheit in bem
Surgwarbbegirtc vertraten. £ft nahmen fie in einem ber Surgwälle
bauernben SBoIjnfilj unb übten audj in {VriebenSgeiten von bort au§
bie Serwaltung beS gangen SegirteS aus. ©ine foldje ©ntroirfelung
vom einfadjen ©rbwerfe bis gum Hauptpunfte eines größeren ©ebietes
biirfen wir für Stettin ainieljmcn, ja biefe ätfeiibenburg fdjeint fdjon
frütj eine befonbere SBcbeutiuig gewonnen gu ljaben, entwebcr als
Wrengfeftc ober als widjtiger Übergangspuuft über bie £bcr ober als
'JJlittelpuntt eines großen (MaueS. ©S entftaiiben im IBitrgivallc Sauten,
au§ .fjolg einfad), aber nidjt oljue Sdjmud erridjtet, bie gum Seil
als SSoIjnftätten für ben Surgljerrcn unb feine Ceute, gum Seil
aber aud) anberen .ßwerfen bienten. Sa war ber ftrug, ber ljaupt
fädjlid) ber Sitj ber Sauverwaltung gewefen gu fein fdjeint; bort
mußten bie Sewoljner bie Abgaben abliefern, bort empfingen fie bie
Sefeljle unb Vlnorbnintgcn beS Surgljerru ober gürften, bort Ijattcn
fie fid) gu Sienftcn gu ftellen. Sind) mögen in iljneit WeridjtS=
verljanbtungeii ober Serfanimhingen ber ©augenoffen ftattgefunben
haben, bod) bienten biefem .ßivede, wie berichtet wirb, in Stettin
eigene Sauten, wcldje bie beutfdjen Seridjtcrftatter ©ontinen nannten.
9ludj ein fürftlidjer Hof beftaub, fo wirb gemelbct, in Stettin.
8 Xrifilatv. — Ter fylcrfen Stettin.
Sieben ihrer Vcbcntung als fteftiingen unb VerwaltiingSmittel
punttc gewannen bie Vurgimille and) ule Icmpelftälten eine befonbere
ÜSidjtigfeit, unb Stettin nahm in biefer Veziehnng eine hcrrnnragcubc
Stellung ein. ^reilid) erhalten mir über biefe Verhältniffc Sind)
ridjten nur burdj bie elften Voten ber djriftlidjen Vcljre, benen es
(in redjtem Verftänbuiffc für bie ficmbcii ;{uftänbe fehlte unb bie
biefe mit niisfdjweifeiiber Vbantafie ihren beutfdjcn Viinbsleuteit
fdjilberten. Von einem Tempel bes Triglaw in Stettin wiffen fie
nidjt genug 31t beridjteu. mit wnnberbarer Slunft füll er gebaut fein,
bie Wänbe aiifjen unb innen mit Vilbwertcn gefdjmiirft, bie SJleiifdjen,
Vögel unb atibcre Tiere barftellten. Vunte ^arbeit crgläiijen überall,
reidjc Sdjät;c finb im Jmicrit aiifbewahrt, Veuteftücfe, bie mm .ttriegS»
Zügen Ijeimgcbrndit finb. Tort fleht and) bas breitöpfige Vilb bes
Wottcs. 'Wir Wüllen biefe Slarfjridjten, bie mit bem, was wir fünft
mm ber Atunfttätigfcit ber Slawen wiffen, wenig ,pifammenpaffcn, auf
fid) beruhen lallen unb un§ nur an bie Jatfadje halten, baf; in
Stettin ein Vliitclpiiuft beS Triglawbienftes war. 'Jlatiirlidj ift cs
iinmöglidj, (eben einzelnen, mm ben bcutfdjen 'JJtondjeii ermähnten
Vunft in ber Vurg, wie einen uugewöljnlidj fdjönen unb grofjeu
Sliifsbaum, eine Gliche ober eine Vriirfe, örtlid) feftjulegen, nne man
es fo oft ucrfiidit hat. Wiffen mir bod) nidjt einmal, ob bie (Erzähler,
bie 3‘ibrzeljiitc fpäler ihre eigenen (Srlebniffe nad) ber (Sriiinernng
ober bie überfommenen (Erzählungen anbercr nicberfdjriebeu, nürflidj
alles in fo treuem (Mcbädjtniffe batten, baf; wir ihren Worten and)
beute nodj gar fo große Widjtigfeit beilegen bürfen.
'Jiebcu unb bei beut alten Vitrgwalle, ber auf ber .frohe mit
feiner Umwehrung lag, entftanb allmäljlidj eine Slaweiniicbcrlaffung,
ein Torf ober frieden am ^litffc. War es nidjt mitiirlid), baf; gar
manrije Vewoljncr bcS Vanbcs fiel) bauerub bidjt bei ber fyefte an
Hebelten, bie ihnen immer Sdiut; bot, unb bart, wo fid; allmäljlidj
ein regerer Vcrfehr cntwidclte, ihre 'Jlaljrung leidjtcr 31t finbeii meinten?
Tie Cbei unb bie weiten fifewäffer ber Wegcnb boten für bie fjifdjcrci,
ein VieblingSgewerbe ber Slawen, em ausgcbeljnteS fVelb; iljren f?ang
tonnten fie hier leidjt abfetjen, ba bei Verfammliingcii unb fteften
ein Vlartt unb .fjanbelsuerfchr ftattfaub. So erwudjs allmäljlid)
eine wenbifdje llnterftabt Stettin nörblid) unb öftlidj ber Vnrg, etwa
in ber 'Jlusbeljnuug zwifdjen ber Vaitm unb ber .fjagenftrafje, an ber
Cbcr entlang. (Erft burdj längere Arbeit fann biefeS fumpfige (Gebiet
bem bluffe für bie 'Jlnlage von Syohnftätten abgewonnen worben fein
Tie Vewoljner ftanben unter bem Burgherrn, hatten aber unzweifelhaft
30 gemciniamcn Werfen eine Vlrt uon («ciitcinbcorbnuiig mit 'jilte|ten
Slmvifdje Kultur.
()
nn ber Spitje. Siu» £>olj unb £eljiu hergeftcllte füllen, bie ebenfo
Icidjt unfgebaut, wie jcrftört würben, erhoben fid) auf Ijalbfuiiippgeiit
SBoben. Vlbfälle aller Ülrt, Vebensinittel, Sdjerben, Mnodjen, ftifdj
fdjuppen u. a. in., würben einfach ljinauSgeworfen, wo fie im 'JJloore
verfanfen. Cb bieS (Stettin etwa and) eine 9lrt von llmwallung
batte, ift zweifelhaft, (ebenfalls war es frfjou burdj feine natürlidje
Sage jwifdjcn .fwlje, Sumpf unb fftufj gefdiiißt. £>ier gingen bie
gifd)er ihrem ©enterbe und), hier crwiirijs ein eiufadjer .fjanbwerfs
betrieb, hier cntftanb eine Slrt non .fjanbel. Betjfenfcr, Spinnwirtel,
Bernfteinperren in roljer Bearbeitung, Sdjleiffteine, Heine £>nfei)eii,
3onfd)crben ber flawifdjen 9lrt haben fid) tu Biengen gefnnben Sie
bezeugen nnS, baß eine lauge ßeit, bereu Tatter wir nidjt anjugebeii
vermögen, eine foicfje Bieberlaffung bcftanben bat, fie laffen uns
viellcidjt and) eine geiuiffe (intwicfcliing ber ßiiftönbc erlernten, aber
fie jeigcn bori) vor allem ben nichtigen Stanbpiinft flawifdjer Kultur.
Bk'itn oft, bereits vor Qfabrßunbcrtcn, behauptet worben ift,
Stettin fei urfpriinglidj ein V^ifrtjcrborf gcwefen, fo ift biefe Hingabe,
bie oon feljr vielen Stabten CftbentfdjlnnbS gemadjt wirb, nidjt gonj
ohne Beredjtignng, iiifofcrn als tatfädjlidj viele ffifdjer an ber Stelle
ber fpätereii Stabt woljnten. Slber wcber war iljr Sßoljnfitj em Torf
tu bcntfdjem Sinne, nod) ift biefe Slnfiebluug ber cigentlidje Hinfang
Stettins. Seine Bhirjel liegt in ber Slarociibttrg auf ber £>iil)e, bie
an ihrem f?iiße entftanbcue Sieblung fommt crft an jiveiter Stelle
in Betracht.
Siegen nun für bie ©efdjidjte be§ flawifdjen Stettin aus ber
langen ^eitperwbe bis in ben Hinfang bes 12. BahrljitnberlS gar
feine tJiadjridjten vor? Bei ben Kämpfen, bie von ben Tciitfdjen
gegen bie Slawcnftämmc jur ;’>eit Marls bes ©roßen gefüljrt worben
finb, ift bie ©egettb an ber unteren Cber nidjt berührt worben. Hludj
ans ben ^aljren, in bcticii .£>einridj I., Ctto I. ober beffeu Badjfolgcr
gegen bie Slawen fämpften, aitS ben Tagen eines Dlarfgrafen ©ero
unb feiner tapferen Blaniteii bringt feine Munbe über bies ©ebiet
,ju uns. Ten Tentfdjen, bie uielleid)t bis borthin vorriidten,
nber hier (ebenfalls nidjt feften A'iiß faßten, maditeu bie von
Barben über bie See unb in bie f}lüffe uorbringenben Täncii
bie .£>errfdjaft über bie Cberflainen ftreitig. ?luf ihren Bügen tainen
biefe BJifinger, bie in ber BfoniSburg fid) einen feften Siß fdjnfen,
in bas Manb nnb lanbeten mit ihren Sdjiffen viclleidjt and) mandjmal
bei ber Bnrg Stettin. (Sriiinerungen baran fönneii wir in ben
norbifdjen Sagen entbeden, unb bie in ber Cber aufgefinibcnen
Srijwerter biefer 'KMfüiger finb viclleidjt bei foldjen jährten in bie
10
Stümpfe ber Tönen unb Sohn.
Tiefe gefüllten, ^nbeffen auch für biefe Beit fehlen beftimmte Ijiftorifdje
Eingaben. Ihn ein fidjereS BeugniS für Stettin gu gewinnen, tjat
man einen £rt SdjineSghe, ber in einer ber f^ornt unb Beit nadj
gleicf) iinficheren Urlaube (um 950) vortommt, als Stettin angefeljen,
bocfj es liegt Ijicrfiir fein ©runb vor, man barf woljl nur an
©liefen beuten.
Qn biefer Seit, als 983 ber furchtbare Slufftaub ber Slawen bie
beutfdje £>errfd)aft gwifchen Elbe unb £bcr gum 3lIfantmenbrudje
bradite, begann von Silben Ijer ber ?lnftnrni ber Solen gegen Sommern.
Cb ber $ergog Soleflaw big in bie ©egenb non Stettin vorbrang,
ob bie bortigen Slawen an ben weiteren Stümpfen aud) gegen bie
Teutfchen teilnaljmen, wiffeu wir nicht, wahrfdjeinlid) überwog aber
hier ber bärtifctje Einfluh unb blieb baS 11. Baljrljunbert ljinburdj
beftchen. Tabei mögen Stümpfe ber Seewenbeu, bie von fRügeu ober
Bfitlin auS iljre Wahrten unternahmen, bei ber alten Dberfefte ftatt=
gefunben haben. Sin bem JfjaubclSvertehr, von beffen Umfang bie
alten 9lad)ridjteii über Bulin, baö fagenfjafte Sineta, nicht genug gu
ergä()len wiffeu, nahm ungweifelhaft Stettin teil, ja eS frfjemt in
biefer $eit für foldjen Sertehr bie Sebeutung gewonnen gu haben,
bie eS im Slnfange bes 12. ^aljrhuiibertg befafj. Teutfche unb Tauen,
^Joleu unb SRuffen, Slngeljörige ber verfd)iebenen Slawenftämme tarnen
woljl auch h’erl&er» taufdjten unb hanbelten mit ben Sewohncrn.
SIrabifcheS .ftadfilber, baS als SSertmeffer beuutjt würbe, beutfcfje
SJlüngen, non benen g. S. eine grofje SJlenge aus ber Beit M 1050
bei Sdjwargow gefunben worben ift, tonnen als 3icltGniff«' eineö
foldjen .fjjanbelS gelten. ES muh alfo neben allen friegerifcfjen feiten,
in benen Staub unb Serwüftung, Stampf unb Streit an ber Ober
herrfdjten, auch frieblidjc Sage gegeben haben. Sie erfte djroiiitalifdjc
Erwähnung Stettins freilidj geigt un§ ben Ort in ber .£>anb oon
gcinben. Qm Stärg 10!) 1, fo beridjtct eine polnifdjc (Shrouit, nahm
fiergog SÖIabiflaw Stettin, „einen giemlid) bevölferten unb reidjen £rt
bes ßanbeS", ein unb führte von bort uucrmefjlidje Seute unb mi=
gäfjlige Stlaoen fort. sJJlag auch manches hierbei übertrieben fein,
eS fteht woljl feft, bah fßommeru, beffen $ürft gerabe bamalS feine
.fjerrfdjaft bis an unb über bie Ober gur 9lnerfeiinitng bradjte, um
bie üöenbc be§ 11. BaljrljunbertS unter pohiifdje Oberhoheit tarn,
©efonbcrs ber £>ergog Soleflaw (1102—1137) fudjte biefe auS=
gubeljnen unb war bemüht, bie Slufftänbe uiebergufd)Iagen. gurdjtbar
witrbe baS ßaub ^)ciiiiqefnd)t, bie Sevölterung mit Reiter unb Schwert
niebergeworfeu, aber immer wieber gwaitgen Erhebungen ben Solen
fiirfteu, gegen bie S01,,,Ilcr11 311 gielje»- ^>c iue*t bavon Stettin
Jteleiifiuupfe.
11
betroffen würbe, ift iticfjt befmntt, aber cs wirb beridjtct, baf; bei
bem letzten entfcfjeibeiiben ftelbguge uon 1119 Soleflaw mt Stelltet
liegen bie gefte vorbrang, bie, von Sumpf nnb fijentäffern auf allen
Seiten umgeben, fnr uncinneunibar galt nnb als bie „Shittcrftabt"
(b. b- moljl bie erfte nnb ältefte Stabt) oon gang jammern angefeljen
mnrbc. Tas Uis ermöglichte ben ißolen ben Übergang; fie eroberten
ben Söall, machten grobe Stellte nnb gahllofe (gefangene nnb ver«
wüfteten bie gange Otegcnb. Tie SBibcrftanbstraft ber Sommern nnb
iljres dürften SSartiflaw, ber vielleicht in ber 'Burg Stettin weilte,
mar gebrochen, mit furchtbarer Strenge begrünbctc Soleflaw feine
£tei rfdjaft, man gitterte vor feinem Samen. ?lbcr auch nitefte
Suite Stettins war oernidjtet, bie Scoöltcrung verlor iljr Selbftgefiujl,
fie war bis gum Tobe getroffen. SBoljl ftanb nodj auf ber .£>ölje
ber Triglawtempel, ben, wie eS fefjeint, nidjt einmal Soleflaw an=
pitaftcu wagte, woljl geboten bort nodj bie tjeibnifenen Srufter, aber
neben ber polnifdjen Eber(joljeit hatte Stettin jetjt bie .£>crrfcfjnft bcS
Sonimcrnfiirfteii gu tragen, bie Tage beS freien beionifdjen Slawen*
tiunS waren baljin, bereits war bie Slrt bem Saume an bie SBurgel
gelegt. Sier aber folltc Den entfdjeiüenben .fjieb ausfutjren?
3. Kapitel.
Das Einbringen bes ^Ijriftcntitnis.
Si ^>7 ,m ^rieben vom 3<il)ie 1120 Ijattc Soleflaw ben fßoniuieni
W Sluitabme beS EbjriftcntumS gur Sebiiigung gemadjt,
ba er nur bann Sicfjerljeit für bie öhengen feines Vanbcs
unb eine baitcrnbe .fjcrrfdiaft in fßommcrn gu erlangen glaubte wenn
bie beibnifdje Scvöltcrung djriftlidj geworben fei unb mit ber poliu|djcit
.ffirdje in enge Serbiiibimg gefetjt werbe. Tie Sommern hingen in
ber Skiffe bem .fjeibentum an, aber infolge ber vielfadjen Seriiljrimgen
nut ben Sadjbarn war bie djriftlidje Seligion bod) fdjon in baS
Vanb eingebritiigeii unb nidjt oljne Syirtung geblieben. Sud) in
Stettin fanben fich Snljänger bcS GbrifteiitumS, bie gwar ibren
Wlauben taiini offen betaiuiten, aber bodj jebergeit bereit waren, für
feine Sterbreitung tätig gu fein. Ter ^ergog 'ffiartiflaw war, wie cs
fdjeint, in feiner Qugenb (Sljrift geworben unb badjtc nidjt barait,
irgenb etwas für bie Srbaltung bes morfd) geworbenen .fjcibeiitumS
gu nnterncljmen. So nur ift ber allgenieine Slbfall von ber nationalen
Seligion gu erflären, ber eintrat, als £)ergog Solcflaw ben Slantt
fanb unb in bas Itanb fanbte, ber es verftanb, ber flawifdjen Sc
12
Bifdiof Ctto uon Bombern.
uölteniiig bie cfjriftlidje ßehre nalje^nbringcn. Ter Bifdjof Ctto
Don Bamberg übernahm auf feine Bitte baS fdjwcre 'Werf ber
pommerfdien Wliffioii unb erwies fid) burdj feine natürlidje Bcreb-
famfeit, SJiilbe unb Borfidjt, fowic burdj ein eigene^ CrganifationS
talent als fehr geeignet für biefe Sltifgabe. Sind) baf; er fein Unter
nehmen als ein bentfdjes, nur mit polnifdjer llnterftütjung in Eingriff
genommenes auffaßtc, war ber Sadje forberlidj, beim ber .fjjafj ber
'Pommern gegen 'Polen trat auf biefe fWcifc nidjt fjinbernb in ben
'-Weg. 3m 'JJlai 1124 madjte fidj Ctto auf bie Steife, nadjbem er alles
woljl erwogen unb vorbereitet hatte, unb iibcrfdjritt int Einfang 3ttni
bie pommerfdje Phcnje mit einer Sdjar bentfdjer SUoudje, PJeiftlidjen
unb Baien unb in Begleitung einiger polnifdjer Üblen, namentlich
beS „®rafen" 'ßaulicitts. 'löartiflaw [teilte fid) bem Bifdjof oon
vornherein freunblidj, aber mit einer gewiffen ^uriirfljaltung gegen
über, im ßaitbe felbft fanb biefer in 'Purit? unb Sanimin balb willige
ßnljörcr, bie fidj burdj bie Slnnahme ber Saufe uon ber Ijeibitifrfjeii
flieligiou losfagten.
Tie uerfdiiebeiten Biographen CttoS bcridjten uon fehr grofien
(Erfolgen unb er^äljleu von fönnlidjen SWuiibertateii. SSJir bürfeu
biefen ©rjäfjlitngen reinen grofien gefdjidjtlidjen 'Wert beilegen. Ter
'Priifeniiiger BlÖiidj, £>erborb unb Gbo verfaßten iljre Biographien
in ber Senbeiig, bett 'J.Raiiu, befjen -^eiligfpred)inig bei ber Riiric
beantragt worben war, als biefer G'hre witrbig 31t fdjilbern, iljn in
ba§ ßidjt eines .^eiligen 311 [teilen, feine Säten unb Srfolge möglidift
aus,pifdjinücfen unb 311 vergrößern. Co fomnit in iljre (Stählungen
ein legenbenhafter [fug, unb bie wirflidjen (Sreiguiffe laffen fidj
fdjwer heraiisfinbett. Srotjbem füllen hier bie 'Borgänge nadj ihnen
bargeftellt werben, oljne baß im einzelnen immer £Tritif geübt
werben fann.
3m'Jluguft 1124 etwa gelangte Cito uon Samnün, wo er beim
.{icraoge frennblidje Slufiiatjme unb Unterftütiung in feiner 'JJliffionS-
arbeit gefuiibett Ijatte, nadj SPolltn, bas bamals uon feiner alten
Blüte nur nod) wenig bewahrt jtt haben fdjeint. £ier trat iljm fluni
elften SJtale heftiger 'Aöiberftanb entgegen. Snblidj uerfprad)en iljm
bie '-Wolliner, fidj ber djriftlidjen ßehre gegenüber ebenfo 31t ucrljahen
wie bie Stettiner. „Tenn bereit Stabt tft bie ältefte unb uorneljmfte
int ßanbe ber 'Pommern, unb es würbe llnredjt fein, wenn wir eine
nette Sleligion annehmen wollten, bie nidjt uorljer burdj bie Stettiner
anertannt worben ift.“ Tarattf madjte fidj ber 'Bifdjof mit feiner
Sdjar 311 Sdjiff auf nadj Stettin unb lanbete — es foll gegen Snbe
bes 'Jlugnft gewefen fein — 31t nädjtltdjer bet ber Slawenburg
$Bt|djof OttoS Sütißfeit in Stettin. 13
Gs gelang ben ftremben tjeimlidj ben Ijei^oglidjen £>of 31t errcidjen,
in bem fie ein fidjercS Jlfijl gefunben 31t haben meinten. Tie elften
Jßerfudje, unter Berufung auf ben £>ci-3og bie Mitnahme bes Gljriften
tttiuS bei ben Stettinern bitrd)3ufe{jen, Ratten wenig Grfolg, ja audi
ber -öinweiS auf baS bem ^olenbjer^oge gegebene ©erfprerijen ntadjte
jimädjft geringen Ginbnirf. Sils Otto bann aber ertlärte, er wolle
Gefanbte nad) 'fJolen fenben unb um weitere DJcrbaltnngSmafircgeln
bitten, ba erfdjraf man in Stettin bodj, weil man einen neuen Ärieg
fürdjtete. TeSljalb erhärten bie 53ewoljncr bem Sifdjofc, fie wollten
and) iljrerfcits eine Wefanbtfdjaft au iöüleflaw fdjiden itnb bie ßu
fage eines bauerliaftcu ^-riebenS unb einer Grleidjterung beS Tributs
forbern, wenn fie bie djriftlidje tWeligion aniieljmen fällten. Sind)
in Stettin war ber Üßiberftanb gegen bas Ghriftentum nidjt fo feft
gegrüiibet, wie öS gunädjft ben Mnfdjein batte, bas .fjeibciitnin war
and) ljier bereits niorfd). SöeiügftenS gelang es ben DJliffiotiareii
burd) feiertid)e Umzüge unb Dieben bei bett ßentcii Mufmertfaniteit
311 erregen unb allmäljlidj Dlnbänger 511 gewinnen War rüljreub
erzählen bie ^Biographen, wie Otto 3wci Söljnc eines vornehmen
Stettiners — Toniijlaw wirb er genannt — jnr Saufe bradjte, wie
ihre DJiutter fid) als Ghriftin befannte unb bann nidjt nur ihren
Watten fiir bie neue ßeljre gewann, fonbern and) galjlreidje aubere
eblc Slawen bem ffiifdjof gufiibrte. So war immerhin frfjon einiges
in Stettin errcidjt, als bie (Sefanbteii aus 'jlolen jnrürffehrteii nnb
bie 'JJielbuug bradjten, ber -fjer^og wolle ben Tribut Ijerabfetjcu nnb
bie Caft ber ft’riegsfolgc crlcidjtcrit, wenn bie Stettiner bie djriftlidje
Dleligion aititcljmen würben. Ta befdjlofj eine große '-Berfammlung,
ben 'Wiberftanb gegen ben öifdjof aufptgeben unb fid) bem Stfillett
'BolcflawS 311 fügen Otto ging alsbalb energifd) gegen baS
•Öeibcntum vor, ließ bie Tempel abbredjen, baS Triglawbilb 3er
ftorett, vermiet es aber babei ängftlid), fid) felbft mit ben geftnibenen
Sdjätjen unb töenteftiiden 311 bereidjern. Mud) uerfnljr er nidjt gar
311 rigoros, fonbern verfdjonte 3. eine alte Gidjc, bie an einer
C-uelle ftanb unb von ben Stettinern ljodj uereljrt witrbe. Tarauf
legte ber üöifdjof ben Writnb 311 3wei Slirrijen, bereit Dlltäre er bem
heiligen SIbalbert unb ben Dlpoftelu Petrus unb Paulus roeiljte.
Ter Sau, fo einfad) er and) war, tonnte natiirlidj in ber füllen
Beit, bie fid; Otto tiodj in Stettin aufljielt, nidjt iwllenbet werben,
'üo biefe elften Wottesljaufer gcftaiiben haben, bariiber ljat inait tricl
nadjgebadjt unb geforfdjt; eine volle Sidjerljeit wirb fid) bei ben
unfidjereit Eingaben nie er3ielen [affen. GS ift inbeffen wahrfdjeinlid),
baf; bie '|?eter '^anlstirdje anfjerljalb bes 'Burgumlles im 'Jlorben
14
TaS Eljriftentiini in Stettin.
etwa qh ber Stelle erridjtet worben ift, wo feitbeni bie ^afjrljunberte
[jiuburdj ein ben llpoftelfiirften geweiljteS EottesljanS geftanbeu ljat
unb nodj fteljt. ES war in erfter Vinie ba^u beftinunt, ben djrift=
udjeii (glauben unter ben etwas entfernt von bem fBurgroalfe in
'Dörfern unb einzelnen £>öfeu woljnenben Slawen gu verbreiten.
'Bon ber 'llhalbertsfirdje ift feine Spur mcljr vorljanben; fie füll in
ber SJlitte bes Stettiner dJlnrftcS erbaut worben fein, nlfo bod) woljl
in bem Rieden, ber nm J-itße bes 'BurgwalleS nn ber Ober lag, fie
ftanb uielleidjt auf ber Stelle ber fpäteren Slifolaifirdje, b. lj. auf
bem heutigen neuen 'JJiarft. Turdj 'Jlrebigt unb SMcljrinig würben
bie Stettiner für bie du iftfidje Vcljre gewonnen, aber bie 'JJliffionare
begnügten fid) mit oberflädjlidjer 'Berfünbigung, um nur redjt halb
unb fdjnell bie deute gur Taufe gu füljren. Sou einem wirflidjeu
Einbringen djriftlidien ©huibcnS, mm einer llnigeftaltung ber Sitten
unb be§ Gebens fbimte und) feine Siebe fein, ber Same mar aus
gefirmt, feine weitere 'Bflege, fein 'löadjstum unb feine Slusbreitiing
mußten ber Jeit unb bem 'Idirfeu berer uberlaffen bleiben, bie ber
lUifdjof als QJeiftlidje für bie neue Eemeinbe guriidließ 'liier unb
wie viele bas waren, wiffen wir leiber nidjt. Um fo eifriger teilen
unS aber bie Ramberger 'Blöndjc mit, baß in Stettin 900 ,Vamilten
unter gewoljnt nnb biefe alle mit llnsiialjme eines *ßriefterS bas
Evangelium angenommen Ijätten. (Es ift felbftuerftänblidj, baf) tjier
eine gewaltige Übertreibung vorliegt, eine berartig große füeoölterung,
bie fid) auf viele Taufenbe belief, ift für bas flaivifdje Stettin, bas
erft wenige ^faljre vorljer int polnifdjen St’ricg ftarfc Bcrlufte gehabt
batte, gang uiibeufbnr.
'Hon Stettin au§ befudjte Ctto und; gwei 'Burgwälle, bie gum
Stettiner S3egirfe gebürten, ©rabicia unb Gubin werben fie genannt.
'JJlan geljt wofjl nidjt feljl, wenn inan in beni elfteren (Burtj a. £.
wicber erfennt. Ten gweiien S3iirgwall glaubt mau nenerbings in
bem an ber £ber bei Sdjöiiingeu licqeiibeii fogenannten Sdjloßberg,
ber £>eibeftabt, entbedt gu Ijaben. $m 'Jlouember verließ ber '-Uifdjof
Stettin unb fdjidte fidj bereits im g-ebruar 1125 gur SHüdfeljr nadj
'jlolen an.
Ter ('Irunb gum (Eljriftentiim in Stettin war gelegt, eS galt
aber nun weitergubaueu unb bie Jöevölferuug wirflid) ginn djiiftlidjen
SWeinitniS unb Ceben gu ergieljen. Ta§ war natiirlidj nidjt fo
fdjnell uwglidj, eS fehlte an gar vielem. Tie pommerfdje Stirdje
war nidjt organifiert, bie wenigen im Sanbe guriidgelaßenen ißriefter
ftanben ber großen SJlaffe fremb gegenüber nnb gewannen nur
langfam tiefer gebeuben Einfluß Sieben ber ßaljl berer, bie fidj
Stfdjof Ctto8 jweiter 2lufeutbalt in Stettin.
15
ber Taufe unterzogen, aber bodj jumeift bie neue ^Religion nur
äußerlidj angenommen ljatten, gab e§ überall weit größere Waffen
non Ungetauften. (ES ift Ieid)t erflärlidj, baß Sdjwierigfeitcu erwudjfen,
bie jit iiberwinben weber bie djriftlidjen ^ßriefter, nod) iljre neuen
Wlaubensgenoffen iniftanbe waren. Sie <Jioietrad^t roudjS, ber Triebe
nut ^ßolen würbe geftört, eS trat eine Scaftion ein, bie befonberS
uon ben Ijeibnifdjen Srieftent offen unb int geljeimen geforbert
würbe, ©ewalttätigfeitcn tauten ljier unb bort uor, ober man fudjte
bie alte unb bie neue ^Religion ju vereinigen. 3fn ber 2lbalbertS«
firdje ju Stettin erridjtete man neben bem Jlltar beS (EljriftengottcS
einen foldjen für ben Triglaw. Vergebens fudjte Söartiflaiu E)ier=
gegen eiiijufdjreiten, man tjörte nidjt auf iljii, ja es trat eine fönt
•jweiung jwifdjen iljm unb ben Stettinern ein.
Söifcfjof Ctto, ber audj uon Samberg aus in Serbinbung mit
Sommern blieb, entfdjloß fidj, um fein Söerf nidjt ganj untergeben jit
laffen, im griiljjaljr 1128 31t einer ^weiten SliffionSreife. TieS
mal fant er unter bem Sdjutje beS beittfdjen ftönigd Uotljar, ber
fdjon al§ Sadjfenljer^og IcbljafteS ^ntereffe für bie (Jljriftiaiiifierung
ber Slawenläitber gezeigt ljatte. (Er langte gegen (Enbe Slai 1128
in Temmin an, erreidjte in llfebom auf einer ßanbesoerfammlutig
bett Sefdjluß ber Slnnaljuie beS (EfjriftentumS unb wirtte bann nidjt
oßne (Erfolg unter ben Siutigen. $n Stettin ftanben bie djriftlidje
unb bie Ijeibnifdje Sa«ei fidj befonberS feinblidj gegenüber. Sdjon
broljte ein netter (Entfall ber S°lut, unb Soleflaw riidte erzürnt
über bett Slbfall ber Sommern mit ftarfer SSaffeugewalt Ijerait.
Stur mit großer Sliilje gelang eS bem Sifdjof, ber felbft bem Soleu-
berrn cntgegcneilte, einen ^rieben 31t vermitteln. Tiefer (Erfolg trug
nidjt wenig bajju bei, baS Slnfcljcn beS beutfdjen ilirdjenfürften aud)
in Stettin gu Ijeben. Seine Slnßäuger, unter betten ein Slatin mit
Samen 'JSitfcac befonberS gerüljmt wirb, fdjarten fidj um ifjn, al§
er in ben letzten Tagen beS Jfttli bort eintraf unb fogleirf) itt bie
SeterSfirdje 30g, um Wottesbienft 31t Ijalten. Slber bie (Gegner ber
neuen ^Religion empfingen bie Sliffionare mit £ärm unb Tumult,
wagten inbeffen nidjt, mit Sewalt gegen fie uorjugeljeti. Tie Vebens-
gefaljren, non betten bie Samberger Slöndjc feljr uiel reben, waren
woljl nidjt fo groß unb finb erft in ber Sljmttafie übermäßig gewadjfett.
$n ben folgettben Tagen madjte fidj bei bett Srebigteti, bie Ctto
felbft ober ber zum fünftigeti CaitbeSbifdjofe aitSerfeljcne Vlbalbert in
bem Surgwalle unb in ber Slawen-'llnfieblung ljielten, SJiberfprudj
geltenb, eS laut gelegentlidj <ju ^anbgreiflidjfeiten, aber 311 energifdjem
Raubein war bie Ijeibnifdje Sorü'i nidjt fäljig. ‘3» e'net Serfamiiilung
IG
$iid)lidje Orßcmifütion.
würbe ber Befdjhtfj gefafjt, bem .fieibentnme 31t entfagen, vielleidjt
erft nie Otto broljte, ba§ 'Jlnatljcma über Stettin 31t verhängen,
b. [). und) ber. l’hiffaffimg ber .fteibcit ben Ort bem fthidje bes
mädjtigen Ghriftcngottes unb bamit audj ber JRadje ber 'Bolen unb
Teutfdjen preiS3ttgehen. Gs gelang iljm, bie Stettiner mit ihrem
dürften Jffinrtiflaw aiiS3iiföljiieii Tie beibeit ftirdjeu wiirben neu
geweiht, Geiftlidje befiehl unb woljl fonft nodj bie iiotwcnbigftcn
Giiiridjtungen fiir ben g-ortbeftaub beS Ghrifteutums getroffen 'Jlnr
wenige BJodjcn weilte £tto bicsmal in Stettin, bann 30g er weiter,
um bereits im .fjcrbfte über Sßolen in bie .fieimat ^urürf^ufebreit.
Sein perfönlidjcS SBirfen in 'Bommern war 311 Gnbe, bod) bis 31t
feinem Tobe (1139) behütete er bie junge 'Bflanae, bie er im fernen
Slawcnlanbe eingefetjt bat, mit treuer gürforge. 'Bor allem betrieb
er bie Tioaefaii Ginridjtung beS VanbcS, bie Crganifation ber tird)
lieben 'Berwaltung, bie Söcihe bes 311m Bifdjof gewählten Slbalbcrt.
Bnbeffen ber Slnfprudj, ben fowoljl ältagbeburg, wie ©liefen auf bas
üanb erhoben, verzögerte bie Gntfdjeibung in Mont. 'JJlan befdjlofi 1133
bie Ginridjtung von zwei Bistümern im Üßeften unb Cfteu bes Vanbes,
Stettin nnb 'Bommern, unb imtcrfteflte fie mit ben gejaulten Territorien
'BoleiiS ber G^biözefc SRagbeburg. Bur 'Jliisfiiljruitg fain inbeffen
biefe päpftlidje Beftimnuing nidjt, unb erft nad) langen weiteren 'Ber
banbliiugen würbe 1140 baS pommerfdje 'Bistum eingeridjtet unb
Vlbalbert als elfter 'Bifdjof geweiht. 'JRit Abgaben voni 'Bflttge,
.£>ebiingcii aus einer Slnzaljl uoit 'IRärften, Si'rügeii ober Salzpfannen,
Behüten unb einigem Wrniibbefitj fdjeint baS 'Bistum, beffen Grenzen
mit beiten be§ Vanbes ziifammcnfielen, ausgeftattet worben 311 fein.
Sind) in bem Burgbezirte Stettin ober in bem 'Burgwalle felbft mag
ber Bifdjof 'Befitj unb .fjcbuugcn erhalten haben, bas einzelne läfjt
fidj aus ber Srüiibuiigsiiifunbe nidjt erfeben
ISbenfo wenig wiffeu wir von ber Siitwidelung Stettins nad)
ben verfdjiebenen 'Jiidjtiiugen ljin, wie fid) baS fird)lidje Vebeu geftaltete,
wie baS (Sljrifteutum an Boben gewann, wie fidj etwa unter feiner
'Blirfung baS mirtfdjaftlidie ©etriebc umänberte. 'Jlidjt bas geringfte
BcugniS liegt vor, aber wir tun gewifj gut baran, uns bie (Siu
wirtung ber neuen '.Religion auf bas Sehen unb Treiben ber Slawen
in Stettin anfänglich nidjt als feljr tief vorsuftellen. GS wirb in
vieler .fiinfidjt nodj ben Ginbrurf eines heibnifcbeit Ortes geinadjt,
ja bas .fieibeutum bort nodj lange Seit eine gröüerc ßaljl mm
'Jliibäiigern gehabt haben. Gewifi fehlte es nidjt an Streitigfeiteu
3wifd)cn ben beiben Parteien, waljrfdjeinlidj traten wieberljolt 'Be-
wegungeii Ijetoor, unter benen bie djriftlidjen Geiftlidjen, bie in Stettin
j?>« SSenbenfrtujjitH
17
tätig waren, nidjt wenig 31t letoen tjatten. ©b biefe Scanner, bie
nod; alle fremben, polnifdjcn ober beutfdjen, StammeS waren, e§
oerftanben, mit ben einljeimifdjen Slawen in gutem Giiwerftaiibniffe
31t fteljcn nnb and) bereits JRiirftjalt an eingewunbciten Caiibsleuten
fanben, würben wir gerne wiffen, aber ®untel liegt für unS über
bem Vauue.
®a bringt bie‘Jladjridjt oon bem mertwürbigen ©enbentreugsnge
oon 1147 wicber eine ft'iinbe über Stettin. Gin Seil ber .fjeeres
fdjaren, bie fidj in JDlagbeburg 311m .Kampfe gegen baS Stawculanb,
gegen bie ©botriten unb Vintisen, gefummelt ljatten, rürftc oor Stettin
unb fdjloß es ein. GS waren woljl bei biefem £>eere bie SJikijofe
?lnfelm uon Havelberg, ^jeinridj oon Wldljren unb ber 'JJlarfgraf
'2llbredjt/ Saljen fie wirtlidj bie Stettiner für Reiben an, bie erft
mit bem Sdjwerte 311111 djriftlidieu Glauben belehrt werben mußten?
Ober waren Ijmter ben rctigiöfen löewcggrünben, bie ben ßug fjerooi
riefen, weltliche »erborgen? ®aß ba§ Gljriftentuiu wieber oollftänbig
in Stettin untergegangen war, ift nidjt richtig, ja e§ feljlt jeber
^Inhalt für bie Vlnnaljme, es fei gerabe bamalS eine befonberS Ijeftige
JReaftion feitens ber Ijeibnifdj gefilmten Bewohner eingetreten. Um
ben brobenbeii Sturm ber Jtreusfaljrer absuwcljren, erridjteten bie
Stettiner ein STreuß auf bem Sünrgwalle unb öHanlaßten ben Sbifcfjof
Sloalbert, ber fid) bort aufhielt, mit ben giifjrern ber feinblidjen Sdjar
311 ocrljiiiibeln. „fföarum feib iljr bewaffnet gegen uns gesogen?
yßollt iljr ben Ghrifteiiglauben ftärten, fo tut e§ nut 'Vrebigt, aber
nidjt mit Söaffen!" fo fragte er nnb erreidjte and), baff bie beutfdjen
£>erren mit bem ßanbeSfürften Dtatibor, ber hier bie 'Berteibigung
leitete, in Untcrljanbliing traten unb bann absogen. Qn .fäaoelberg
befanute fidj Siatibor 1148 offen 311m djriftlidjen Glauben, unb balb
entftanben 31t Stolp an ber 'jJeene unb 31t Grobe auf llfebom btc
erften Ulöfter im Vanbc; 311 ber SluSftatiung beS leijtercn gehörte ba§
®orf .ßülldjow bei Stettin.
Vag and) ber Gebaute einer planmäßigen Germanifieriing bes
poiiimerfdjeii Vanbes nod) nidjt im GefidjtStreife ber Griinber biefer
Stiftungen, fo würbe bodj bas iBanb mit ©eutfdjlanb enger getnüpft
unb Sommern bem Uierfeljr mit ben ©eutfdjcn allmatjlich eröffnet,
bereits sogen beutfdje Kaufleute unb -^änbler Oortljin, um mit beu
Slawen in .paubelsbesiebungen 311 treten, ja fidj oielleidjt baueriib
ober Dorübcrgcljenb in bem Gebiete niebersulaffeit. 8B0 aber fanben
fie 311 folajem JBertchr oeffere Gelegenheit als bei ben SJurgen, ben
'JJlittelpunften ber einzelnen Gaue? ®ort fpielte fidj bet £)aiibelS
betrieb ber Ginwohncr ab, bort war eS möglidi, wirtfdjaftlidie
Wifjrmaiiii, non Stellt», >
V
18
Die DCnenljerrfdjaft.
Schiebungen anhuYnüpfen. Slidjt nur vom Sadjfcnlanbe aus fudjte
man m bem l*anbe am SJlcere Juß 311 [affen, and) in Samberg mar
baS ^ntereffe an bem (Gebiete, ba§ ber Sifdjof Otto einft neu entbedt
batte, burdjaus nicfjt erlofdjen. Aerobe um 1180, als ber (SebanTe
ber ^jeiligfpredjung be§ SmnmernapoftelS eifrig erörtert würbe, richteten
fid) bie Slkfe unb ®ebanten oon neuem bortfjin. ®s würben ®r-
tunbigungeii über bas Vanb eingegogen, unb bies mag maiidjen £aicn
gum 3line nt>d) Sterben bewogen unb nach Stettin geführt haben.
Jreilid) madjte fid) in jener Beit bort ber Sinfluß einer anberen
auswärtigen Station noch mäd)tiger geltcnb. Die Danen fudjteit,
nadjbcm S°lcn e§ aufgegeben batte, feine .£>errfd)aft biS an bie Cftfcc
unb Ober gelteiib 311 machen, bortl)in ihre VJtadjt auShiibebnen.
SBalbemar unb fein Jreunb, ber Sifdjof Wbfaton oon IRoestilbe,
batten an ben Stümpfen £>einrid)§ beS Vöwen gegen bie Stauen teil*
genommen unb 1168 Stiigcn gewonnen. Sd)or. babei fdjeineii bie
Dänen mit ben pommerfdjen Jürftcn in Stonfldt geraten 31t fein.
Sie griffen biefe batb in ihrem eigenen Vanbe an unb brangen mit
ihren Sdjiffeit um 1170 in bie Obermnnbungen ein. Sie lagerten
1171 oor Stettin, bas in Dänemart als eine faft unbehwinglidje
Jette galt. £öie fie es aber einige Jahre 3uvor mit Slrtona gemacht
batten, fo ocrfud)ten fie and) hier, baS .£>olh be§ ScfeftiguiigswerfeS
in Sranb 3U fteden nnb fo bie Surg cinhunebmen. Der bänifdje
©bronift Saro SrammatifuS erhäljlt mandjerlei oon ben Jtämpfen
um Stettin, bod) Dürfen wir ißm nicht alles glauben, waS er 311m
Steife bei Danen erhäl)It. Der Surgbcrr Stettins, SBartiflaw, em ?hi
gehöriger bc§ pommerfdjen JürftcnbaufeS, foll heimlich mit SBalbemar
über bie Übergabe oerbanbelt unb fiefj in fein Vager begeben haben,
aber mit biefer 9lad)rid)t paßt nicht redit 3iifamincii bie Hingabe,
baß bie Dänen faft inioerrid)teter Sache abhogen unb fid) mit ber
nominellen Unterwerfung SBartiflawS begnügten. SBalbemar fdiemt
in ben folgenben Jahren nod) niedrere Büge gegen Sommern unter
nominell, ja oielleid)t 1176 Stettin abermals belagert 311 b‘tben.
JnDeffen bie Unterwerfung beS .fjerhogS Sogiflaw I., ber furh oorl)er
(1181) al§ beutfeber Scichsfürft anertannt worben war, erfolgte
erft 1185. Sei biefen Kämpfen unb ben gleid)3eitigen llriegeu
£ieinr.d)§ bes Vbwcn würbe Stettin gewiß öfter, als unS beruhtet
wirb, in Slitltibcnfchatt ge3ogen. Die USiberftanbsfraft ber Slawen
würbe nad) unb nad) auf gerieben, ihre 3al)l oerringert, ißre Sin
ficblung ging woljl mehr als einmal in Jlammeii auf. Jür eine
Sefieblimg ber Stätte mit Gmwanbcrern anbercr Station würbe ber
Slaß gefd)affen, and) ben Jürften unb Herren ber Gebaute nal)egelegt,
Teutfdje ßinwanberunß.
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fid) anftclle beS bahinfdjwiiibenben 23olfe§ ein neues gu bilbcn. Ter
£>rt fdjeint in biefer ;feit ganj bunieber gelegen ju haben; frelmolb,
ber um 1168 feine (Stlaoendjrouit fdjrieb, erwäßnt ißn nie, obwohl
er ä. 23. Tentmin oft genug nennt. Tem wiberfpridjt fdjeinbar beS
Tönen (Sajo (Sdjilberung, ber er^fitjlt, „(Stettin fei bie ältefte (Stabt
'ßoninierus, anfeljulid) mit feinem Ijoljen 'Italic unb burd) bie 9iatur
unb feine iöurg überaus feft". Tod) je mehr er ben £rt Fjetanö^
ftrcidjt, befto Ijeller erftraljlt ber Shiljm bes (Eroberers. 2Sir bürfen
wohl anneljnicii, baß bie (Slawenburg nut ber 2lufieblung an ihrem
ftufje im Vaufe bes 12. ^al)rljimberts äußerlid) faum gewadifen,
fonbern fogar entfdjieben .juriirfgegangen ift. (Es mußten aubere
Kräfte wirffam werben, um einen $ortfd)ritt, eine 2Öeiter= ober 2leu
bilbnng bes (flemeiiiwefeus Ijerbeiiufüljren.
4. Kapitel.
Pie beiitlrtie £tabt.
^uf ber 4>öf)e neben bem alten Surgwälle entftaub in biefer 3eit
c*ue ,,CUC 1,0,1 äuiuanbernbeu ^remben beutfdjen,
bänifdjen ober and) flawifdjeu (Stammes. (ES waren anfänglidj
nur einzelne, a(lmäl)lid) mehr ßeute, bie beS .franbels wegen I)ierljer tarnen,
gimädjft ooriibergebeub fid) l)ier aufljielteu, bann aber bauernb blieben.
2Bo füllten fie fid) ihre 2BoI)iiftätten, bie 23Iodl)äitfern ähnlidj gewefen
fein mögen, erbauen? Tie Slieberung au ber Ober war oon ben
frütten ber (Slawen befeljt, fobaß bort faum 'JMaß fiir bie (Eiuwauberer
war. 2lud) lub baS fumpfige, unwirtlidje (Eebiet bort nidjt 311m
lohnen ein Tagegen bot fid) auf ber frohe SRaum genug, auf bem
bie Slnfiebler ben (Sdjuß bes SurgwalleS gettoffeit. Tiefe neue
Gieblitng — wann unb oon wem fie juerft begriinbet worben ift,
wiffeu wir nidjt — ift in ihren Anfängen nidjt planmäßig angelegt
worben, fonbern ijat fid) und) unb nad) entwictelt. (ES tann aber
nidjt gefdjeljen fein oljne beS ßanbeSfürfteii ober feines
23ittgl)crrn in (Stettin. Tie 23riiber 23ogiflaw I. (geft. 1187) unb
Kafimir I (geft. 1180) forberten ungweifelßaft nidjt oljne 2lbfid)t unb
,'Jiel bie djriftlidj=gerinaiiifdje Kultur in ihrem ßanbe, mit il)rer frilfe
entftanbeii Klafter, bie mit beutfdjem ober bänifd)ent Klerus befetjt
würben Sind) finbcii fid) in ifjrcr 3eit bie erften Spuren einer
ßaien-@inwanberung. Trotjbem tann man nodj uid)t oon einer jicb
bewußten (Oermauifierimg fpredjen. Tie dürften haben im einzelnen
ihre Uiiterftüljuug ben (Einwanbercrn zuteil werben (affen, aber biefe
2*
20
®ie ®rünbung ber Safobitiirfje.
nidjt abfidjtltrf) in§ 2anb gegoßen. 3br Serwanbter, löartiflaw
Swantiborig, ber .Surgbcrr oon Stettin, tont ber ©uironnberung
oielleidjt meljr entgegen, also fie; er war ber Srünbcr bes ft'IofterS
£toloatj, ba§ mit bänifdjen Slöiidjen befolgt würbe, unb betätigte ftets
eine befouberS djrifteiifreunblidjc ßlefinnuitg. ®*ef.e Herren fjinberten
fidjerlidj bie neue Slnfiebluug bei ber ^efte Stettin nicht Sou allen,
bie fid; bort nieberließen, mirb uns nur einer genannt, Seringer
au§ Samberg, ein Slatin oon ebler Seburt. SBann er nad) Stettin
gefommen ift, läßt fidi nidjt angeben; baß er mit feiner .fbeimat,
nameutlidj nut bem Slidjaelsflofter, in bem fid) bas ®rab bes Sqdwfs
ßtto befanb, in Scrbiiibung ftanb, mirb ausbrüdlidj überliefert. @r
war es oielleidjt, ber bie SöadjSfdjenfung an baS Stlofter (1182) ocr
mittelte. Som .fjergoge Sogiflaw erljielt er ßfrunbbefiß bei Stettin
unb gewann in ber neuen beutfdjeu ßJemeinbe, bie fidj bei bem Surg=
walle bilbete, eine aiigefeljenc Stellung. XSenii biefe audj nod) feine
rcdjtlid) feftgelegte politifdje ober tomnnuiale Crbuuiig befaß, fo ift
e§ bodj anguucljmen, bafj bie ®eittfdjen fid) einen güljrer erforen,
ber geiwuifdjaftlidje Unternehmungen leiten unb ihre Qfntereffen oer
treten tonnte. Set allem 'JJlangcl an fRedjten unb SriuUegien, hei
ber gang ifolierten Stellung, wcldje bie 'Deutfdjeu im Slawenlanbe
entnahmen, wirb bod) bereits ber 'Jlnfang einer Crganifation vor«
ljanbert gewefen fein. 'Diefe erfuhr gerabe burdj Seringer bie widjtigfte
görberung baburdj, baß er für bie ßJemeinbe einen Slittelpunft fdjuf
in einer Sfirdje, bie er oor bem Sttrgwalle erbaute. ®er ftonvent
bes Samberger STloftcrS nnterftiißte gewiß bie Slnsfiiljrung unb fanbte
Slöncße nadj Stettin, bie ifjni mit Slat unb Xat gur Seite ftanbeu.
ißem anbers füllte bies ®otteshaiis in bem fremoen Vanbe geweiljt
werben, als bem Ülpoftel 5nf°hus, bem Sutton her ^rembeii unb
Silger? ®ie Söeilje tonnte nur ein Sifdjof vornehmen, unb bie redjt«
ltdje Segiiinbung ber Shrdje, bie Seftimmnng über IfJatroiiat unb
Slusftattung mit Sefiß beburften ber ®eiiet)miguiig ber ßanoesregierung.
®iefe gu erlangen bot fidj ßlelegenljeit, als halb nadj bem £obe
Sogiflaws I 1187 in Stettin eine ßanbesoerfammlung ftattfanb.
follte bort nameutlidj audi bie oormiinbfdjaftlidje 'Jlegierung bes
üanbeS für bie unmiinbigcn Söljnc bes .fjergogs, bie jungen ^iiiften
Sogiflaw II. uub .fta|intir II., georbnet weroeit. üin biefe Ser=
fammlung wanbte fidj Seringer mit ber Sitte um Seftätigung feiner
'änorbnuiigen, bie baliin gingen, baß bie neue Qüitobitirdje, mit
'Jicfeui bei Stettin ausgeftattet, unter bem SnlF0+ldte bes Samberger
Shdjaelstlofter fteljen uub burdj Slbndie, bie oon bort gefunbt
würben, oerwaltet werben follte. Sinn gab bie GinwiUiguug ljieigit,
’55ie beutfdjc 9?ieöertaffituß.
21
unb int SSeifcin vieler ©eutfdjeu unb Slawen wciljte SBifdjof Siegfrieb
baS neue ©ottcsljaiiS als fßiarrtirdje ber Teutjdjen mit bent ’Jlcdjte
ber ‘Saufe unb be§ ©«gräbniffeS. .fjierbiird) nntrbe ein VJlittclpunft
gefdjaffen, um ben fidj bie erftc bcutfdje SUebertaffung bilbete unb
u(lmöl)Iid) anSgeftaltete. Jroar tonnen wir bie weitere Gntwicfeliing
Siniädjft nidjt verfolgen, ober bie fpiuere ©eftaltmtg, bie Mittage eines
'UlarttcS (an ber Stelle bes Ijeutigen JRoßinarftcs) unb ber Straßen,
fleigt nnS, baf? wir ljier bereits eine fijftematifdje Qkiitiftnrg nadj
Md ber beutfdjen Stabtaiitageu in bent STolonialgebictc anj*tneljnien
haben. 'Die glcidjniäßtgcn, im rcdjteit Söinfel fidj fdmeibenben
Straften, bie bnS Ijeutige Stnbtgebict jwifdien ber Heinen 'Doinftraßc.
ber SSoIlwebcr® unb iöreitenftraße trotj uieler fpätcrer Gin unb Um
bauten und) 3cigt, geben unjweifdbnft auf bie erfte Mittage guriief.
Gs muß audj babet bereits eilte einljcitlidjc ßeitung gewaltet haben,
unb viclleidjt baben wir in Geringer, ber freilief) in ben llrfunbeit
nidjt weiter genannt wirb, ben erften jener Wänner 311 erblidcn, bie
als Untcriidjnier (possessores werben fie fpäter genannt) bei bet Mn=
tage uon Stabten tätig waren.
9latnrli(b ging bie Mnsgcftaltung ber ’Jleitgrünbung nur taiigfam
war fief)- Gs fdjeint and) halb eine fdjwere .fteimfudjung über fie
getommen 31t fein, als 11 »9 ein bäntfdjer fjelbgug gegen ba§ Stettiner
(Gebiet erfolgte. 'JBuS bie Wrantaffutig war, tonnen wir nur ver=
muten Gute ßosfage ber Sommern oon Der banifdjen Cberfjoljeit
bewog ben Slönig Stunt, 31t ben SStaffen 31t greifen unb gegen Stettin
31t 3icben, baS er bamalS jcrftvrt 31t haben fdjeint; eS witrbe and)
woljl eine bänifdje ober riigifdje Sefaßung in bie fflurg gelegt. 'Dänil'dje
Gljroniteit bcridjten, baß Stettin 1190 wieber anfgebaut worben fei.
£?b eS fid) babei nm eine Söieberljerftcllnng unb fHcubefeftigung ber
©urg ober um einen Mufban ber beutfdjen Mnficblitng ljanbelt, ift
nidjt 311 eutfdjcibeu, wir mögen inbcS an beibe* beuten. “Damit Ijängt
nielleidjt 3iifantmen, baß 1191 ber Sifdjof Sigwin von Gannuiii bie
©riinbnng unb Miisftattung ber ^afobitirdje beftätigte unb iljr beit
Adjuten aus brci Dörfern »erlief), von beiten ßaben nnb Garow nod)
heute befteljen. Sßartiflaw verlor banials feine Stellung als IBurgljerr
Stettins. Mn feine Stelle trat viclleidjt 3iinädjft fein Soljn '-Öartljolo
maus, bann aber halb ber flawifdjc Gble iRojivar.
3fn biefer geit begann man eine cinfadje löefeftigung nm bie
beutfclje 'JHcbcrlaffitng aimilcgen, um tfjr einigen Sdjutj gegen feinb
lidje Mngriffe 311 geben. £taß fie audj im Qnncrii fidj weiter auS=
geftaltetc, tonnen wir vermuten, ba cS an einigen Mnbeiitiingen nidjt
feljlt. Gs ift iubeffen bie 3aljl her crljaltcitcn Urtunben attS biefer
22
SBruitbenburßifrfje .fterrfcßaft.
3eit überaus gering, unb fie bieten fiir Stettins <^efcf)irfjtc fo gut
wie rtid)t£>. ®a bie djronifalifcßen Slufgcicßiuingen ebenfo bürftig
finb, fo muffen wir weit häufiger, als es Tritifdjer ©cfdiidnsbarftcllniig
angemeffcn ift, älerinntiingcn aufftellen unb bie (Srgäljlnng mit einem
„oielleicßt" ober „wie eS fdjeint" ot§ nnfirfjci femigcidjnen, uns audj
oft mit bem offenen Söctenntniffe begnügen, baß wir uidjtS wiffeu.
®as trifft gang befonberS gu für bie überaus widjtige $»it ber elften
Gntwidelung bes beutfdjen Stettu:; bie fRotigcii, au§ benen ein Sdjluß
gu gießen ift, finb gnng fpärlidj, einige Slamen finb anfällig erßalten,
eine ober bie nnbere Slngabe gibt einen unfidjereii 3lnßalt, unb nur
eine (Quelle läßt uns ein wenig tiefer blicfcn, ber Stabtplan. Slber
nnd) er erlaubt bodj fdjließlidj nur fBermutungeii, ooIKoninwu fidjcren
Staben gewinnen wir burdj ißn nidjt. 3öir tonnen anS ißm nur
bie äußere fflilbung ber Slnfieblung crfennen, wie gerne würben wir
etwnS erfuhren über bie innere Qfeftnltimg, über bie Crntfteßiiiig ber
politifdien Wemeinbe, über bas S3erljältni§ Der neuen beutfdjen ©runbung
gu ber alten flawifdjeu Slicberlaffititg. 33tr wiffeu nidjt einmal, ob
wir mit Siecfjt bie neue Qfemeinbe als emo beutfdje begeidjnen bürfcn,
ob fidj bort nidjt aud) Tönen nieberließen.
(Sine Stiiße fanb bie ^ortbilbung ber beutfdjen .Kolonie um bie
33enbe beS 12 3nßri)inibertS oielleidjt barin, baß bamals bie bänifdje
ßeßusßoßcit über fßoniniern eine ;feit lang geftürgt würbe unb bie
astanifdjen fOlartgrafen oon ©ranbenbuig oon 1197 bis 1211 bie
Cberßerrfdjaft befaßen. Cb non ben bamaligen Kämpfen aitdj Stettin
betroffen würbe, ift iinbetannt, aber baß bie branbenburgifdjen Herren,
bie in iljrem ßanbe bereits mit QSermaitificrnng oorgii.qen, ber beutfdjen
'Jlicberlaffung wenigftenS niefjt ljinberlidj in ben 33eg traten, tann
woßl als fidjer gelten. Sollten bie fHlartgrafen nidjt eine SJefaßung
in bie fflurg gelegt unb biefe naturgemäß Slnfdiluß an bie beutfdjen
SSewoßner gefudjt ßaben-«' 3a, füllten nidjt wirtfdjaftlicße Sfejießungeii
gwifdjen ber SRart unb bem Cberlanbe entftanbeu fein, bie gur .fjebuug
beS beutfdjen Stettin beitrugen?
Tie branbenburgifdje ßeßnSßoßeit war aber nidjt oon langer Tauer,
1211 gewannen bie Säuen bie .fjierrfdjaft über Sommern guriiif. Cfs
Iain and) in ben folgeiibcn 3nßren gu heftigen Kämpfen, bei benen
1214 ber fölarfgraf Sllbrccßt 11. ißafewalf unb Stettin eroberte, aber
halb an bie Tönen oerlor. ^a|? biefe bie langfam oor fidj gcljenbc
Wcrmanificrung bcS ßanbcS irgenb wie (jiiiberten, ift nidjt nadjweisbar,
and) mißt waljrfdjeinlidi. leilirfi hegt wieber em faft unburdjbringlidjeS
“Iluntcl über Stettin, unb bie einzigen bürftiqeit Reugniffe für baS
^ortbefteßen ber beutfdjen ?Iuüeblimg bieten uns bie Wamcii iwu einigen
$)ie Seriuanifientng ^ommernS.
23
Sciftlidjen. 1220 werben ald foldje SanluS, Vlnbreas unb Hlubolf,
fowie ber Serwalter ber Qafobifirdje, ber Samberger 'JJlönch .fjcinridj,
erwähnt. ®ie crfteren mögen an ber 'ßeter^ßaulSfirdje tätig gewefen
fein unb fo birett mit bem beutfdjen Stettin nidjtS 31t tun gehabt
haben, ober baff fie felbft beutfdjcr Vlbftammung waren, biirfen wir
woljl vermuten. Stuf eine ©ntwirfeluiig ber beutfdjen Semeinbe weift
vielleicht bie Sdjenfitng ljin, weldjc bie fterjogin VInaftafia ber $atobi=
firtfje machte; fie überwies iljr baS ®orf SJtanbelfow, wo ber (Samminer
Sifdjof alSbalb bie Stelle bes VlltarS unb ben fiircfjljof junt Sau einer
Itirdje weihte. Qljr Soljn Sogiflaw II. fügte auf bent Sterbebette ein
®orf Ijinju, unb 1220 würbe bei ber Jrauerverfammlung, bie ans
Vlnlaf? beS SobeS bes ^cr^ogS in Stettin aufammengetommen war,
bie gan^e Sdjentung beftätigt unb urfunblidj feftgelegt. Siclleidjt
gewann biirrfj bie Überwcifung biefer Dörfer an bie beutfdje Alirdjc
and) bie beutfdje Sevöltcrung bei Stettin an BuwadjS. ®enn follten
bie Samberger VJlöiidjc ihren Olrunbbefiti nidjt lieber ©eutfdjen als
Slawen aut Sewirtfdjaftung übergeben ljabcn? 1a,gi verlieben fie bie
Vider entweber an bort bereits anfäffige Slänner ober an eigens gu
bem 3>necfe ins ßanb gerufene Sauern, wie eS anbere geiftlidje Stiftungen
bereits taten. SRit Vlderbau werben fid) faft alle Vlnfiebler befdjäftigt
haben, and) wenn fie ^aitbel ober ein £>anbwerf trieben.
®ie 3citverfjä[tniffe waren allerbingS einer ruhigen Sntwidclung
redjt ungiiuftig. ®ie bäuifdje Sorljerrfdjaft brach 1223 infolge ber
©efangennaljmc beS .QöitigS SJalbemar gufammen, Sommern würbe
1225 frei non frember ßehnStjoljeit, aber balb begann von neuem ber
branbcnburgifdje Vlnfturm gegen baS ßanb, beffen Herren wiebcr ,jwei
gana junge dürften Samirn 1. unb SÖartiflaw HI. waren. Vlber
gerabe fie finb es gewefen, bie eine planmäßige Sermonifieritng in
bie .fjanb nahmen, in ihre Beit fällt ber VInfang bes beutfdjen Stäbte=
unb ßehnSwefcnS in Sommern, unter ihrer ^Regierung werben beutfdje
Dörfer t)ier uub borl gcgrüubct. Vludj bie eigentlidje beutfdje Stabt
Stettin ift bamalS entftanben, unb .fjergog Sarnini hat ihr bie redjt
liehe Srunblage gegeben. SBicber beflogen wir ben Stängel an beftimmten
9la<hridjtett aufs hödjfte. .ftabcu wir für bie Vlnlagen anberer beutfdjer
Stäbte in bem oftbeutfdjcu .tfolouialgebiet, in baS jetjt immer mehr
ber Buftrom ber Vlnfiebler gelenft würbe, bie urtunblidjeu Vlbmadjungen
mit ben Unternehmern unb wiffen, wie uub unter welchen Sebingungen
fie baS SJerf begannen unb ausführten, für Stettin haben wir nur
bas Siefultat urfunblidj bezeugt, sieben ber alten Sttrg, in ber 122!)
ein SJartiflaw, ber fpätere £>err von Sütjtow, als Sitrgljcrr gebot,
würbe in uub an ber Stelle ber flawifdjeu Vlnfieblung, bie ziemlich
24
Die beutfdje Stabt.
verfallen fein ning, eine beutfdje angelegt. SBcnn fdjon 1242, ehe
bie Stabt Stettin als beutfdje anerfriiint würbe, ein Scfjitltljeif? Söcrncr
oortommt, fo fönnen wir woljl in ihm ben Unternehmer ber netten
Slnlagc erfennen. Sind) ift es uielleicfjt erlaubt, iljn als ben erften
uns befannten Slngeljorigen ber gamilie Saruot ai^ufeljcn, bie halb
eine beoorredjtigte Stellung in ber beutfdjen Stabt einncljmen füllte.
Diefer SBerner, fo nehmen wir an, würbe uielleidjt mit anberen 31t-
fammen 00m .fjteraoge Santini I. beauftragt, ben Slawcnort Stettin
in eine beutfdje Stabt nnt^itioanbclii, b. t). neben ber beutfdjen Sin
fieblung, bie fidj bereits um St. gafobi gebilbet Ijattc, eine gweite
am Slbljange ber £>ölje unb am ghiffe cinßiiridjten. Die Slbfidjt, aus
beiben eine Stabt mit beutfdjem Sledjte 31t bilbeti, fpridjt ber $cr£og
am 28. Dc3embcr 1237 in einer llrfunbe aus. Damals war bas
üBcrt bereits begonnen; fdjon woljnten Deutfrije in bem Slaweuflertcn
(oppidum), ber im Vorbcu unb Siibett eine Vefeftigung ljatte unb
fidj im SBeftcn au ben SBall ber Surg aiileljutc, jufammen mit
Slawen, aber bie Einlage ber Straften, bc§ VlarfteS ttnb einer Süiirfje
für biefett gierten war nod) nidjt vollenbet. Der .£jer3og feftte auf
bett fHat beS SifdjofS Slonrab uon (Sammin unb im (SinoerftänbuiS
mit feinen Vafallen teils beutfdjer, teils flawifdjer Slbftammung 311=
nädjft eine Orbuung ber firdjlidjcn («emeinben feft. Die in bem
gierten bereits woljnetiben Deutfdjen füllen wie iljre ßanbsleute in
ber gafobi Slnfieblung 31t biefer Stirdjc geboren, obwohl fie außerhalb
bes gleitens liegt, bie Slawen bagegeu, bie bort woljuett, ihre geift-
lidjc Verfolgung in ber 'Betritirdje fitdjen, bie ebenfalls nid)t innerhalb
ber Sefeftigmtg liegt. (Sbenfo werben bie Slawcnbörfer in ber Vlcilje
auf beibe ©otteSljäufer oerteilt, bie 311t Cinten ber nadj Vren3lau
füljrenben Strafte (fie mag etwa in ber Slidjtung ber ^afcwalter
(Sljauffee gegangen fein) 3U St. gafobi, bie 311t Sledjten 311 St. 'Betri
gewiefen. gugleidj oerleiljt ber .yer3og aud) biefe Stirdjc, wie alle in
Stettin nod) 31t erbauenben s4Sfacrfircf)eii bem 'Bamberger 'JJlidjaels
flofter, fie füllen alfo alle burdj beutfdje ffieiftlidje verwaltet werben.
SJlati erfeunt aus biefett Veftimnningcn Varnimd beutlidj bie Vlbfidjt,
bas Dcntfdjtum 311 förbern unb feinen Vertretern suniidjft wcnigftcnS
bie gciftlidje Leitung beS gefaulten Stettin 311 übertragen. Die llm-
waublung beS Slawenfledens in eine, beutfdje Stabt erfuhr babtirdj
eine wefentlidje görberung. Sie würbe nadj glcidjmäftigem 'Blaue
angelegt. Der SJlarft lag, wie es bad fumpfige Scbict erforberte,
möglidjft nalje au bem Slbhauge, bie Straften gingen parallel ber
£ber, unb baS («01136 würbe burd) anbere, bie biefe fdjnitten, in
einaelne 30 bebaueiibe Vicrerte geteilt. Das enge («ebiet mit 311m
Tie Vlnliige ber beutfdjen Stnbt.
25
Teil nodj rcdjt funipfigeni ®rutib unb üJobcit jwang hier unb ba,
von ber iwlltommcncn JRcgelniäftigfeit, bie man aiiberSwo ftreng
einfjiclt, a^pwcidjen. UU§ ber Bebauungsplan fiir biefe Einlage feft
qeiegt worben war, galt cS and) BerbinbiingSftrafteu sniifrijen iftr
unb ber höher gelegenen ^afobi-Sliifieblintg licrjultcllen; fie witrben
nidjt [teil Ijinaufgeführt, fonbern in fünfter Shnmniinig angelegt, wie
eS in ben heutigen auffteigenben Schulden , Breiten-- unb Sdjitli
Straften nodj 311 crfenuen ift. So wudiS bie beutfdje Stabt Stettin
auS gwei Teilen jufammen, beut, ben wir bie Q?aEobt Slnfieblnng
nannten, mit bem Sloftmartt als SJlittelpimft unb ber Unterftabt,
bem Slarocnflcctcn, ber fidj um ben $euniartt bilbete. Tauchen
beftaiib jiniadjft nodj fiir fid) bie alte Burg auf ber $olje beS
Sd)lof|e§ unb be§ 'JJlaricnplatjcS.
(Stu Blirf auf ben Stabtplan läftt iwdj heute biefe brei Teile
crtciineu, wenn and) infolge ber BeränOerungeii, bie baS gan^e We
länbe bei ben unaufhörlichen SJaiiten erfahren hat, bie Qjrci^en nidjt
überall gaiiß genau aiijugebcn finb. Ter Slnoau ging in biefer fleit,
in ber eS bem Unternehmer nidjt fdjroer würbe, neue Ülufiebler herbe i
jugieben, vcrhaltniSmäftig fdjitell vor fid), freilich nidjt als ob bas
gaiye für bie Stabtanlage beftimmte Webiet fofort bebaut worben
wäre. 9lein, man gab aud) hier ber neuen Wniiibuiig einen Umfang,
ber gunäihft und) fRauni genug für -fiöfe, Warten unb '.'Icfcr frei lieft.
.£>ai bod) ber fßlaß, ben man für bie Stabt beftimmie, viele Cfahr-
hunberte hinbitrdj faft nolirommeii aitögcreiefjt big 311111 ^aljre 1845,
in bem bie erftc gröftcre Stabterwciterung nad) Sübwcften 31t erfolgte.
Btaut bie altüberlieferte 9cadjrid)t, baft 1240 bereits eine 'Jhebei
laffung ber graftsiSfaner in Stettin erfolgt ift, richtig ift, fo nutft
bamalS bie Einlage im wefeutlidjen iljrem ciuftereii Umfange nad)
voüenbet gewefen fein. Tie SHöfter ber grauen 9Jlönd)c würben
überall in ben Stabten bidjt an ber sJJtaucr angelegt, unb fo madjt
eS bie Begrünbitng bes Stettiner Sl'lofterS fahr wahrfdjeinlid), baft
bie Sdjiitjweljr im (Silben 1240 bereits gefdjaffen ober wenigftenS in
Virbeit war. Vluf ber anbercti Seite nntrbc vor 1243 non ber
.£>cr3ogin 'JJlariaime, Barnims Wcmahlin, ein 9lonnent(ofter beS
^ifterdciiferorbenS begriinbct; es erhielt am 27. Januar unb 5. $e
bruar bes genannten QahrcS uom £>er3ogc unb ber ^er3ogin urtuub
Iidje iBcrfdjrcibungcu iiber feinen Wrunbbefitj unb feine Hebungen.
Tics ftlofter lag auftcrhalb bcS Stabtgrabcns unb ber woljl erft
fpätcr erbauten DJlauer nidjt weil von ber £bcr; bie 'Jlamen bei
SHofterljofs unb ber 3«au«iiftwifte erinnern nodj an bies graueutlofter.
(£S erhielt reichen Wrunbbcfitj in nahegelegenen Törfcrn, wie Wrabow,
2ß
innere Siniidjtuug ber beutfdjen Stubt.
Vrebow, Solagin (fyater Jrauenborf genannt) u. a., Hebungen unb
bebeutenbe fRedjte. 3hm überwieg ber $>ecjog and) bie s4?etriFird)c,
b. fj. baS fßatronat über fie, bas bemnadj baS Samberger klafter 1237
nidjt übernommen 311 Ijaben fdjeint, unb bie Jlirdje ber heiligen
'JJlaria mit itjrem Sefitj- 9Rit biefer ift rootjt baS fdjon früher
begriinbete WotteSljauS be§ .«(öfters gemeint, .fjierauf fdjeint bie
Se-jeidjuitug binsnweifen, beim unter ber Ijciligen 9Jlaria haben wir
oielleidjt nidjt an bie Jungfrau VJiaria, fonbern an bie Vlaria
'JJlagbalena ju benfen, ber baS fllofter geweiht war. Sludj bie Vifolai
firdjc mit ber fßfarre ber Stabt wirb ihm übertragen. .fjieranS
ertennen wir, bafj bamalS für bie neue Stabt (civita») bereits bie
.«irdje gegrünbet worben war. Sie lag auf bem Tlartte ber neuen
Slnfieblung in bem alten Shtwenflerfen, oielleidjt an berfelben Stelle,
wo einft bie oom 'ötfdjDf Ctto gegrünbete Slbaibertsfirche ftanb. SSir
fönuen biefe Seitgrünbung cntfprcdienb ber QalobUVnfieblung bie
Vtrolai ’Mnfieblung nennen. So ift, wie wir fehen, bie firdjlidje ©in
ridjtung oollenbet.
'Sie neue beutfdje Stabt war äufjerlidj angelegt, eS galt nodj
bie Verwaltung, bie ©eridjtsbarteit unb baS fHedjt ber neuen Sürger
311 orbnen unb ben Sefitj ber ©emeinbe feft^ulegeu. “Siefen ab-
frijliefjenben Sdjritt hat ber .fjergog Santini 1 mit ber Urfimbe vorn
3. SIpril 1243 getan, burdj bie Stettin redjtlidj a(ß beutfdje Stabt
anerfannt worben ift. Schon oor iljrer SluSfertigumj waren bie
Ginridjtimgen getroffen worben, bie für bie ftabtifdje ©emeinbe not
wenbig waren. SScrner Saruot, ber Veiter ber ganzen (Mrünbimg,
war bereits oom .fjergoge 311m Sdjuftljeifien, b. h- 311m Vertreter ber
lanbeSherrlidjen ©ewalt, ernannt worben. “SaS eigenartige aber
ber beittfdjen Stabte war eS, bafj bie ßlemeinbe in ihrer Verfaffung,
Verwaltung nnb (RedjtSpflegc eine rcdjttidj begriinbete uub privilegierte
Sclbftänbigfr'it befafj. Vlit foldjer Sluffaffung oon bem ®efen einer
beutfdjen Stabt waren bie neuen Surger in baS frembe Canb ge=
tommen, bie (Redjte, bie fie in ihrer alten Heimat befeffen hatten,
wollten fie auch in ber neuen nicht miffen, unb es inufjtc eine
gefchliche ©ritnblage gefdjaffen, b. h- ber 9leit-Wriiubimg ein Stabt
redjt oom VanbeSbcrrn ^uertannt werben. “Sicfcr oerlielj, wie woljl
leidjt ertlärlich ift, nidjt willtürlich eines ber befonberS oerbreiteten
(Rechte, fonbern basjentge, welajeS bie neue (jkmeinbe ober ihre
Vertreter 3U haben wünfditen. 311 Scrhanbluugen hierüber mufften
einige SRitglieber ber Semcinbe erwählt unb fo ber Slnfang mit ber
Vegrimbung einer «öryerfetjaft gemadjt werben, bie mit ber ßeitung
ber gemcinfdjaftlidjen 9litgclcgciiljcitcn betraut würbe. Oft mag auch
ToS Sdjöffeufollefliuni.
27
fdjon ber Unternehmer fid) eine 5lrt uon JHcit befonberS ijur ßnt
fdjeibung uon Streitigfeiten gebilbet haben; eS ift faunt bentbar, baß
bie beutfdjen ®iitwanberer, weldje bie Slnfdjauungen unb ©eiuoljntjeitcu
red)tlidjer Slrt aus ihrer $ciinat mitbradjten, ohne eine gewiffe £>rb=
mtng and) nur voriibergehenb aiiSfomnien tonnten, ©er Sdjultljeiß
brauchte zur GieridjtSverwaltinig Dlänner neben fid), bie baS Urteil
Zit finben hatten, ©iefe waren in mandjen Stabten bie 'JJlitglieber
beS 9iateS, ber von Slnfang ber reditlidjen ©rifteiijj an beftanb, in
anberu gab eS bagegen ein Sdjöffentollegiitm, in beffen föänben neben
ber ffleridjtsbarfcit aud) bie gefaulte Leitung ber ftäbtifdjen dermal
titng tag. ©ieS war ber fVall in 9Jlagbebitrg unb ben Stabten, bie
fein Stabtredjt aunahmen. Sins ber Wegenb, wo bieS vorwiegenb
(Mültigteit hatte, fdjeint ein großer ©eil ber von betn Unternehmer
nad) Stettin gezogenen (Sinwaitberer gefomtnen 311 fein, unb fo war
eS natiirlid), baß ber Sdjultljeiß SScrner unb feine VanbSleute fdjon
halb, {ebenfalls vor betn Sitte ber redjtlidjen ©egrütibung ber neuen
Stabtgentcinbc, ein Kollegium von Sdjöffen bilbeten. SBir werben
besljalb bie in ber Urtunbe vom 3. Slpril 1243 genannten Bürger
als bie erften Schöffen Stettins anjiifehen haben, and) wenn fie
nidjt atiSbrüdlidj als foldjc be^eidjnet werben, ©ic ffllitglieber biefer
erften leiteuben SBeljörbe waren Stephan Sdjütte, Johann Span,
Sllbert von iSranbenburg, .fjieintid) von VJlagbeburg, Cambert von
Sanbotv, Sllbert von Sparrenfelbe, £>einridj oon (Muhen, (Merljarb
.Rränter unb ©erljarb von ©öntiß. ©iefe 'JJlänner baten bett Herzog
53anum um bie offizielle Serleihmtg bes SRagbeburger StedjteS, baS
fdjon einige fällte früher (1235) bie neue Stabt 'ßrenzlau von ihm
erhalten batte, ©urdj bie mehrfadj erwähnte Urtunbe von 1243
erfüllte er biefe gorberung itnb beftätigte -bamit als Vanbcsljerr
einen redjtlidjen .ßuftanb, ber fidj bereits oon felbft in ber neuen
(Memeinbe ausgebilbet hatte. ;{u einer beutfdjen Stabt gehörte not
wenbigerwcife and) als Wenicinbebefitj eine feft begrenzte Stabtflnr,
bie von ben Siirgcrn z11 gemeinfauier Slußung übernommen würbe,
wie bie Sllmenbe ber beutfdjen ©örfcr. SUS fold) Stabtfelb, von
bem ber üanbcsljerr einen beftimmtcn jährlidjeit Gaiton erhielt,
überwies biefer ben Stettinern lot) $ufen (etwa 6000 SJlorgen)
Slderlanb unb 30 .{pnfeit SÖcibelanb, außerbem ®eibegered)tigteit
oberhalb unb unterhalb ber £?ber auf eine 'Dletle hin. $n einer
Urtunbe vom gleidjen ©age geftattete ber Herzog ben 'Bürgern nod)
attSbrüdlidj bie 'Benuljuitg ber 'AMefcn unb SBalbuiigeit zwifdjeu ber
Stabt ©amm unb bem Qhuaflnffe. 'BJciter würbe ber Glemcinbe
freie gifdjerei auf ber Ober eine 'JJleile weit oberhalb unb unterhalb
28
Ta§ ©tnbtredjt. — Ter SRcit.
ber Stabt iicrfdjricbcn; fie erhielt and) Freiheit uom S^l 1111 Ungclb
(ba§ ift ein Steuerauffdjlag auf (betreibe) im gingen ßaubc mit
SluSnahme ber ßollftätte« Tiocuow unb .fioiberg, wo bie Stettiner
bie .fjäffte 311 3aljlcn Ijatten. Sdjltefjlidj fetjte ber $«-309 bie .fjöljc
be§ ihlagen3olle§ (4 ißfenit. oon jebem 'öagenpferbe) unb be§ UngclbS
(y2 'JSicrbung non ber £aft) feft.
SQagbebitrger Stabtredit wirb fiir bie Stabt Stettin bie
redjtlidjc Cbmnblage 31t weiterer innerer (Sntwictelung. (SS war nidjt ein
genau fixiertet SRedjt, baS fjier fdjematifdj übertragen würbe, fonbern
bas McwotjnljeitSrcdjt, wie cs fidj in SJlagbebitrg auSgebilbct hatte,
fanb feine 'Jliiweiibiing unter ©erüdfidjtigung ber befonbcreti ißer=
Ijältniffe. Tic im ®olfe lebenben unb anertaiinten SRcditSnormen,
wie fie etwa bie Sdjöffeu 311 .fjallc 1253 fiir bie fdjlefifdje Stabt
Weumartt mitteiltcn, legten bie Stettiner ihren S3erwaltuug§= 1111D
CheridjtSeiiiriiijtungeit, ihren Slcdjtsfprüdjen u. f. w 311 ©rintbc. Tafj
and) fie non SJlagbeburg eine ähnliche ^lufgeirijnitrig erhielten, ift
unbefannt nnb faum waljifdjeiulidj. Tagegen wiffeu wir, bafj bic
Sdjöffett oon Stenin fief) in 3iiicifelhnften fällen nadj ÜDlagbcburg
waubteu unb um ©eleljrung ober Sntfdjeibinig baten. (Sbeiifo würbe
iljr Sdjöffenftuhl für anbere Stabte if?onimerii§ mit 9ftagbebttrgifdjein
Ncdjte eine ®rt oon oberer Quftanß in 'Jledjtsjallcn.
Tiefe Sdjöffeu hatten in Stettin anfänglidj neben ber fJtcdjt’
fyredjung bic Stabtvcrwaltniig in ben £änbeit. ^war laffen uns
bie Urrünben bie Cnitwidliing nidjt beutlidj ertennen, ba Sdjoifen in
Stettin auSbriicflidj erft 1290 erwähnt werben, aber bie Vertreter
ber Qknteinbe, bie in bett erfteti fahren urfitnblidj genannt werben,
haben ftetS ben Sdjultheifjen an ihrer Spilje unb fiitjrcn feine weitere
Skjcidjiiiing, fo bafj wohl nur an eine einige leitenbe SBeljörbe 311
beuten ift unb biefe wirb, wie in SJlagbeburg felbft, ba§ Kollegium
ber Sdjöffeu geiocfen fein. $m 3abre 1263 werben 311m erften
fülale in Stettin SRatstjerren (consules) erwaljnt, unb mut tritt biefe
.Uörperfdjaft (universitas consnlum 12(>8) immer mehr Ijenwr. SBie
fic fidj neben bem Sdjlffenfollegiuin gebilbet hat, [afft fidj nur «er
nntten. ift nidjt im Megenfaije 31t biefem, aber wohl infolge
be§ 3itnchmcnben Selbftänbigteit?gefü§leS ber fflenteiiibe gefdjeljen.
Ter Sdjulthcih war Vertreter ber Ijer3oglidjeit Gewalt in ber Stabt;
je mehr bie SBiirgerfdjaft fidj al§ eine freie Korporation fühlte, befto
lebhafter würbe ber 'föitnfdj unb baö Verlangen nadj einer eigenen
felbftänbigcn llerwaltung, bie unabhängig 00111 Vaitbesljerrn bie
Siedjte ber ®emeinbe vertreten tonnte. ®o ift es ertärlidi, bafj
andi bic Stettiner fidj halb einen Dlat bilbeten, wie cs in allen
®er 9tut.
29
beutfdjen Stäbtcn gefdjat). Gr nntrbe non ben Vürgern gewäljlt
unb übernaljm junädjft mit beut Sdjiiltljeißen unb ben Sdjöffen 311=
fantmen bie Vertretung ber gefaulten Sürgerfdjaft. Madj unb nadj
fiel bem Mote immer nieljr bie eigentlidje ßcitung ber ftäbtifcfjen Singe
legenljeitcn 311; er uerfjaitbelte mit bem ßanbesljerrn unb ftcllte
felbftänbig Urfunbeii aii£> (gitcrft 1283). Shifänglidj fdjeint ber
Sdjultljeiß and) an ber Spitje bed Mates geftanben 311 haben,
allmäljlidj aber mürbe feilte unb ber Sdjöffen Sätigfeit auf bie
eigentlidje Medjtfpredjung befdjränft. ®er Mat mürbe mit ber Beit
faft gang unabljängig bau iljrer fOlitwirfung unb wählte fidj bann
feine eigenen Heiter unb Sßorfteljer. ^reilidj finb Sürgenneifter
(proconsules) erft 1345 fiir Stettin urfunblidj nadjweisbar, aber es
ift fidjer an^uneljmen, baß e§ fdjon Qatjrjeljnte vorljer foldjc gab.
JfiJäljrenb bie Sdjöffen woljl von Slnfaug an auf ßebenSjcit iljr Slnit
verwalteten, ift ba§ fiir bie Matmanneii unfidjer. ilöir erfaljreu and
einer Urfunbe non 1309, baß am lÖalpurgiätage (1. SJlai) bie neuen
SJlitglieber gewäljlt mürben unb mit ben miebergemäljlteii älteren iljre
Sitje einnaljmen. ®aS tlmgt fo, al§ merbe ber gange Mat alle
$aljre erneuert, roobei natiirlidj SBiebcrmaljlen ^äufig vorfonimen
miiffcu. G§ ift inbeffen moljl an bie fpäter iiblictje, alljäfjrlidj
erfolgenbe Ilmfetjung, b. Ij. teilweife Grueuernng, be3 MateS 311
bcnfen. SÖir finb bei bem ffllangel au Madjridjten nidjt imftaubc
beutlidj 31t erfeinien, wie fidj ber Mat in Stettin entwirfelt ljat;
wiffen mir bodj faum einige Manien oon SMitglieberu. daraus geljt
Ijeruor, baß eine Meilje von Familien, bereu Manien fidj erft in biefer
JJeit allmäljlid) bilbcti, Ijäufig in bem Mate vertreten ift; mir finben
Slngcljörige ber Gefdjlcdjter Segelet, SiUfe, Vrafel, Soltwebel,
Slngermiinbe, SBitte, ©iintersberg, £>oljeiiljau§, Sanne, Mite u. a. 111.
®ie Baljl ber Wtitgliebcr fteljt nidjt feft; eS merben aber gmeimal
(129(1 unb 1302) in Urfiuiben 15 MatSljcrren (mit bem Sdjiiltljeißen)
aufgefiiljrt. Qljre amtlidje üätigfeit 311 fdjilbern, ift fiir biefe ältefte Jeit
nidjt möglidj, fie ljabeii gewiß neben ber Verwaltung ber gefaulten
Stabt unb iljrer öefitjungen aitdj von Slnfang an ein gewiffes Straf
redjt 3. S. im $anbel§= unb Oarftverfeljr befeffen. Sie urtiinben in
biefer ßeit bisweilen allein, einige SMale mit bem Sdjultljeißen unb
ben Sdjöffen 3ufainmen, einmal (1290) [teilen Sdjultljeiß, Sdjöffen,
Matöljerren uub bie Gemeitibe eine Urfunbe au§. Gineii Sdjluß
Ijierawä 31t madjen, ift faum erlaubt, ba wir au§ ber galten ßeit bi§
1325 nur fedjd von ber Stabt Stettin ausgefertigte Urtuiiben fcnneii
®ie Viirgerfdjaft (uiiiversitus civium) bilbetc bie Gemeiube
ber Stabt. SÖie fie entftanben, woljer bie eiii3elneu ©lieber gefommen,
30
Sie SBürßerfdjaft.
wer unb was fie an bie Cber gcfüßrt ljat, baS finb grageu uon
ljoljem ^Xntereffe unb uon großer ©ebeutung für untere Kenntnis
vom ältefteu Stettin,' aber gragen, bie bocf) nur feßr itnfidier 31t
beantworten finb. CSntftanben ift bie Sbürgergenteiiibe (civitas) redjtlidj
natürlich erft 1243, aber gebilbet ljat fie fid) fdjon vorßer, ja ntandje
von ben Slngeßörigen mögen bereits galjr3eßute lang in ber gafobi
ftabt gewoljnt haben, Ser größere Seil ift inbeffen um 1240 ein»
gewanbert, unb biefe (Sinwanberung hörte natürlich mit 1243 nidjt
auf, fonbern nahm nun erft einen größeren Umfang an unb bauerte
nod) lange fort. (Serabe ber llniftanb, baß bie redjtlidje Srunblage
gegeben worben war, bracßte viele ßeute ba^u, iljren Söoljnfiß in bie
neue beutfdje Stabt ju verlegen. DBoljer tarnen biefe Stettiner 'Bürger
ber erften geit? SaS tonnen nnS bie Flamen fageii, inbeffen bodj
nur guin Seil unb in redjt befdjränftem Umfange. 5Bir muffen
bebenten, baß bie gamiliennamcii erft in biefer geit entftauben unb
fidj noch nidjt immer vom SSater auf ben Soßn forterbten. Cft
genügte ber SBontame gut SBegeirijnung, ber Bürger gab ficfj felbft
ober anbere iljm einen näßer tenngeidjneiiben Beinamen. (Er naßm
biefeu fefjr oft von bem Crte, aus bem er fam, bodj braudjte bieS
nidjt jebcSmal feine nrfprünglidje £jeimat 311 fein, fonbern bie Stätte,
wo feine Familie ober er juleßt bei ber DSanberung gefeffen ober
wo er fidj juerft im Slawenlanbe iriebergelaffen hatte. Sie Sßanbe
rang auS bem SSJeften nadj bem Cften ging bei vielen gamilien in
(Etappen vor fidj; auS ißrer ehemaligen Heimat wanbten fie fidj 3. B.
nadj Branbeuburg, ©lagbeburg, Saljwcbel, Ghtbeii u. a. 0., ließen
fidj bort nieber, bann 30g aber ein gweig ober ein ©lieb weiter
nadj Cften, etwa nadj Stettin, unb würbe bort mit betn Dianten
bes CrteS, von bem er fam, be^eidjuet. Slnbere gamilien ljatten
fidj junädjft in einem Sotfe im (Slawenlanbe angefiebelt, ein Singe
höriger 30g bann in bie neue Stabt unb erljielt als Flamen eine
flawifcße Crtßl^eicßniing, obwoljl er ein guter Seutfdjer war. So
gibt alfo biefer uns nidjt immer DluSfunft, aus weldjer ®egeub bes
alten beutfdjen ©ebieteß ber Sräger bes Dlaniens ober feine gamilie
urfprünglidj ftammte. Sie gahl ber auS ber erften <}eit Stettins
erhaltenen Flamen ift auefj feljr gering, gn ben llrfunbeu werben
nur wenige genannt, unb baS ältefte Stabtbndj beginnt erft mit bem
gaßre 1306; wir fönnen es alfo für bie Sarftellimg ber griiljscit
ber (Semeinbe nur mit Borfidjt ßerai^ießen, ba wir ja nie wiffen,
wann bie betreffenben Bürger ober iljre ganiilieit nadj Stettin
gefommen finb. Sie Satfadje, baß bie neue Stabt baS DJtagbe
burgifdje IHedjt annaljm, ljat fdjon bie iUermutung naljegelegt, baß
Sit $ertunft ber ©ürget.
31
bie elften ©ärger, bie maßgebcnbeii (Siiifluß ßattcii, ans einem
©ebiete tarnen, wo biefes (jerrfdite, alfo au§ ©ftfalen, ber ©lart
©ranbenbitrg, ©leißen, ber ßaufiß, Sdjlefien. ©ortßin weifen and)
gum Seil bie fdjon erwähnten ©amen ber elften Sdjöffeu (©rauben*
bürg, ©lagbcbnrg, Snnbow, (Silben, Somit)), fowie fpätere, wie
Siltwebel, ©fterobe, ©teslau, ©crleberg n. a Saun fäljren uns
aber feljr galjlreidje Orte weiter und) ©Seften, nad) ©Jcftfalen unb bein
'Jlieberrljein, unb e§ tritt im ßaufc ber ßeit, wie wir nod) feljen
werben, immer bentlidjer Ijervor, bafj bie ©leljrgaßl ber Stettiner
©ärger entweber bireft auS jenen ©ebieten an ber ©Scfer, ßippe,
©uljr unb bem ©Ijein getommen finb ober bort iljre älteftc Heimat
geljabt ljaben. Sortljüi weifen ©amen, wie Wlfmiinbe, Slngermiinbe,
Sl'ölu, vom ©Ijeiue, nad) ©Seftfalen bagegen foldje, wie ©Jeftfal,
©ratel, ©Sirmingljaufen, Snisbnrg it. a. m. 'Sie ©ürgerfdjaft Stettins
ljatte gum allergrößten Seile tßre urfprünglidje ^eimat im weftelbifdjen
©ebiete, ©ieberfad)fen unb ©Seftfalen. Sortljer mögen and) foldje
eiiiftmals getommen fein, bie fid) nad) einem flawifd)en ©rte (©Sollin,
©Juffow, ©agmiißl, ©enfitn, ©öliß) benannten Jlnbere ber. ältefteii
©cgeidjiiungen geben uuS feine SluSfunft über bie Heimat; fie finb
oon ber ©efdjäftigung (fträmer, Segeler, Sdjreiber, .fpafe, ©Hiller,
©länger), von geiftigen ober förperlid)cn ©igenfdjaften, oft vielleidjt
in fpöttifdjem Sinuc, (©Sicfe (Sapiens), $ung, ©rot, ft'lein, ©Sitte
(Albus), Start, Sdjele (Luscus), 9iiet (Dives), ©arfoot, ©ropefej
ober von ißreu Käufern in Stettin (^oljenßaitf, Atelier, ©lule) berge
nominell. Sie älteftc ©evölferuiig Stettins war nid)t fo bunt
gemifdjt, wie man oft angenommen bot, unb ift nidjt in erfter ßinie
burdj ben Zufall gufaminengefiibrt worben, fonbern eine gemeiufame
Heimat verbinbet viele. VluS einzelnen ©ebieten ©SeftbeutfdjlanbS
fdjeint eine planmäßig organifierte ©Säuberung nadj ber neuen SDber=
ftabt ftattgefunben jii ljaben, vielleidjt von ben elften mit ber ©riin
bung beauftragten Untcriieljmerii veranlaßt.
©om ©iirgerleben in ber ältefteii Stabt vermögen wir uns fein
©ilb 311 madjcii. ©Sir tönneii e§ uns woljl nidjt einfaeß unb befdjeibeu
genug vorftellen. ©iebrige £>oljbänfer erljoben fidj in ber Stabt neben
ben einfadjen Atirdjcn. ©Ian begann fidj erft allmäljlidj in bem neuen
©Jobnfiije ein^uridjteu. Sie au§ ber Heimat mitgebradjten ©eiuolm
Ijeiteu, ©rbnungen unb ©edjte ließen fid) ljier erft nadj unb nad)
einfiiljren, eS war eben alles nod). im ©Serben. 3U ber weiteren
©iitwidclung bes ©enieinwefenS bradjten bie füljnen unb wagemutigen
©ärger ben beften ©Sillen mit, aber fie beburften, um etwas jit
erreidjeii, ber talträfligen lliiterftüßung bes ßanbesljerrn. ©r mußte
32
Stettin uub bet ü’iuibeSljtrr.
bie Stabt, bie er begrüubct tjatte, weiter ftütjeu, iljr SRedjte unb
Vrioilegien verleiden, otjne bie fie all? beutfdje Stabt nidjt bcfteljen,
vor allem uidit bie 'Jltifgabe erfüllen tonnte, bie iljr geftellt war.
Sie füllte £>anbel unb bewerbe Ijebeit unb förbern, bie biSIjer im
Slawenlanbe arg banieber gelegen (jattcn, UAerteljr mit ben weftlid en
beutfdjen Gebieten aiitniipfeu unb fo bas ßanb au ber unteren Ober
ber allgemeinen Jl'ultur eröffnen, (ffewifj ift fid) Sarmin I. bi<feS
Ijoljen Zieles nidjt tlar bewufjt gewefeii, aber bafj er burdj bie
öfriiubung unb Smlage uon beutfdjen Stabten fein Vanb wirtfdjaftlidj
unb tulturell heben wollte, bas ift nidjt 311 bezweifeln. Um biefen
(Geballten auSzufiiljren, Ijabeit bie ^ommern^eraojie, Sarnim unb feine
'Jladjfolger, audj in ber folgeiibeu ßeit vielerlei getan. Stettin begann
bamalS fidj in ber ShJjtuug 31t entwirfeüi, bie für bie Stabt auf bie
Tauer bczeidjnenb unb bebeutfam geblieben ift.
5. jfapitel.
btetttns feiilwidlelitug
in ber eilten löffle bes 14. ^alhßnnberts.
fz ’tettin Ijatte, wie alle beutfdjen Stabte, eine grofje lliiabljäugigfeit
ei'l)«Uen; es war felbftänbig in feiner inneren Verwaltung,
felbftänbig würbe es audj in gewiffem Sinne nadj aufjen
inbezug auf fein VerljältuiS 311 anbern ftäbtifdjen (fJeiueinbeu. SKeitere
Diedjtc unb '-Privilegien 311 gewinnen, ben Umfang bes VcfiijeS 31t
meljren, im Qniiern bie Vcrfuffniig unb Verwaltung auSäugeftalteti,
bas war bas Streben ber Viirgerfdjaft uub 3war ftets mit bem Vhmfdje,
bie Sclbftänbigteit 311 erweitern unb 311 fidjern. Tabei war unb blieb
aber bie Stabt ftetS bem ßaiibesljerrn untertan. ;)rgenb ein ®egen=
faij 3Wifdjen beiben beftaub urfprünglidj nidjt, es wäre foiift fauiii
31t uerfteljen, wie bie $er3oge bie Siitwirfelung ber Stabt fo eifrig
förberten. Söeiber ^utereffen gingen nebeneiiiauber Ijer. Tie aufblüljeube
Stabt biente ber fUladjt bed ßanbesljerrn, unb biefer war iljrer fyreiljcit
förbcrhdj, gewährte iljr Sdjutj unb 'Jlulje 311 gebedjlidjem 'lüadjstuiit.
'Blau barf babei nidjt anneljnieii, baff bie giirften ben Stäbten alle
bie 3aljlreidjen Stedjte unb Vefiljungeii nur „ber 'Jlot gcljordjenb, nidjt
bem eigenen Triebe" gewaljrten, nein, fie bradjtcn burdj bie QJriiubitng
unb Segiiiiftigung ber Stabtgcmcinbeii in iljr (gebiet ein neues,
belebeubes Element, baS freie, aufftrebenbe Vurgertiim, bas geeignet
war, bie .Qräftc beS Vanbes 130113 aiibcrs aiiS3iibeuten uub bem
(«enieuiwoljle uuljbarer 31t madjen, als cd bisher gefdjcljen war.
Stettin unb ber Vanbeä$eir.
3Ö
Söir feljcn beSßalb in bem größten Seile be§ erftcn Qaljrfjunbertö
bcibe, gürft nnb Stabtgemeinbe, in befter (Eintradjt einanber Ijetfcn
nnb förbern. Sie Snrgerfdjaft, bie fid) bind) 3lIäll9 auS ^ent '-ISeften
fortbauernb ergänzte, gewann nad) unb nad) alle bie Sorredjte, bie
fie and iljrer ober iljrer Säter Heimat fannte unb nidjt entbeljreu tonnte,
bas JHedjt, ^nuungen 31t bilbeu uub ein fRatfjauS ju bauen, fefte Crbnungeu
fiir Soll, .fianbel unb ©djiffal)rt, Seftiiunningcn über fliedjt unb
unb (Gerid)tSbarteit. Son befonberer Sebeutnng aber war gunäd)ft ba§
Serl)ältnis, baS fidj gwifdjcn Stabt unb VanbeSljerrn auSbilbetc. Diefer
war ber (Srnnbfjerr unb erhielt nad) ber geftfeßnng oon 1243 als
'Ihierfeiiiiuug feiner Stellung eine jäljrlidje Saljlung non bem Stabt»
felbc uub and) woljl oon bem eigentlichen Sefitje innerhalb ber Stabt.
Tiefe Summe bauerub fcftgulegen, gelang ber Sürgerfdjaft bereits 1283;
ber £>crgog Sogiflaw IV. fetjtc bamalS bie £ölje ber als „Orböre“
begeidjnetcn Abgabe auf 100 Start öranbcnburgifd) feft. Seljr gefdjictt
hatte bie Stabt biefe baburdj gewonnen, baß fie bem ^etjoge
ein Sarleljn oon 600 Start ^fenn. gewährte uub fid) bafür bis jur
SRii(fyal)Iitiig biefe unb anbere Serfpredjungen mad)en ließ; natürlich
ift bie Sd)ulb nie getilgt worben.
(Größeres ljatte bie Siiirgerfdjaft bereits früljer erreidjt. Seben
unb in ber neuen Stabt befanb fid; nod) ber alte Jüurgwall ber
Slawengeit; er war nidjt nur ein £>inberniS für bie Musbeljnnng ber
ftäbtifdjen Slieberlaffung, fonbern mußte aud) ben beutfdjen Bürgern
als eine (Gefaßr für bie Selbftänbigteit iljreS ©emeinwefenS erfdjeinen.
.£jatte mau bod) in ben älteren beutfdjen Stabten fdjon läugft alles
aufgewanbt, biefe Swingburgeii lanbeSljerrlidjer ^»oljeit auf fricblidjem
ober gewaltfanieni Siege gu bcfeitigcn. Siie es ben Stettinern gelang,
beit $ergog Starnini I. 1249 gur Slufgabe bes SSurgwallcs gu bewegen,
ift nidjt gang flat; eS Ijeifjt gwar, baß er burdj iljre Sitten veranlaßt
worben fei, bie Surg aufgngeben, gewiß wirb aber neben ben Sitten
nod) etwas (Greifbareres mitgewirtt Ijaben. .ßugleicf) gab er bas
feierlidje Serfpredjen, nie wieber eine SBurg in Stettin aufgubguen unb
feinem feiner Safallen gu geftattcn, innerhalb breier Steilen um bie
Stabt eine foldje angulegen. Der 'Jiaiint für ben Slusbau ber Stabt
war frei, bie beiben Teile ber Sicberlaffung, bie um St. $afobi unb
bie um St. Sifolai, tonnten enger gufammenwadjfen, unb halb
entftanben neue Straßcngügc, bie fid) bie £>ol)e hinaufgogen, wie ber
Oltböterberg (heute ifk'lgerftraße). Die Käufer brängten fid) allmäljlid)
enger um bie alte Siirgftatte, wo ber ßanbcsljerr einige £)Öfe in feinem
Sefitj beljalten hatte. (Sinige Saljre fpäter (1263) überließ bie Siirgcrfdjaft
eine Stelle ber alten Surg bem neu erridjtetcn Domtapitel nou St. Sdri
Wet)tmann. O)ef<t|(djte von Stettin.
3
34
(Stettin unb Vogiflaro IV.
gum Van eines !)Jlarien=®omeS auf bet -frohe (in sumrao) bes heutigen
VlarienpIatjeS.
•frergog Samirn I. unb feine Slachfolger hielten fidj nur vorüber»
gefjenb in Stettin auf, namentlich bei ber Vollgiehung urtunblidjer
Sitte. ®agu uerfammelten fie in ber Stabt iljre Vafallen unb ©etreuen.
Stucf) mit bem State ber Stabt Derljanbelten fie oft in ben mannigfachen
Sloten unb Kriegen, bie Vranbenburg über baS ßanb bradjte, bis
1250 burdj ben Vertrag oon frohen=ßanbin Sommern in ein fefteS
ftaatsrechtlidjeS Verhältnis gut 'JJlarl trat. (Sbenfo beiiutjte Vornan I.
bie friilfe ber Stabt gerne, als er nadj bem £obe feines Vetters
SSartiflaw III. (17. Vlai 1204) baS gange pommerfdje fianb in feiner
franb vereinte. Viele Vegabungen Stettins mit Vedjten unb Vefißungen
finb als greife für geleifteten Veiftanb aufgitfaffen.
Schwerere feiten brachen an nad) VamimS JJobe (13. Slo»
oember 1278), als ber 'Jlltefte beS ®efd)Iedjtes, Vogiflaro IV., ber für
feine unmünbigen Vrüber bie Vegierung füljrte, in einen heftigen
Streit mit ben SJlarfgrafen geriet. ®r fanb aber frülfe bei gahlreidjen
norbbeutfdjen dürften, neben bie 1283 in bem 'Jioftoder ßanbfrtebens«
bünbniffe mehrere Stabte, gum erften SJlale gleichberechtigt, traten.
Su ihnen gehörte auch Stettin. Serabe hier fürchtete man bie ftetig
roadjfenbe fDladjt ber branbenburgifchen Herren, bie (Srnflufj unb -frerr
fdjaft auch i*11 unteren Vbergebiet gu erringen fudjten. Unter ßübectS
Rührung tarn biefe erfte größere Einigung ber Stabte guftanbe. Valb
barauf beanfprudjte Stettin bie verljeißene £ilfe, als bie Vranbenburger
iljren ßanbeSherrn Vogiflaro IV. hart bebrängten. ®er Vat bat in
einem Schreiben doch 4. Quli ßübed um fdjleunige Slbfenbuug eines
£)ilfSforpS. Vis in bie Valje ber Stabt fdjeint ber flrieg bamals
gebrungen gu fein; ob fie felbft baoon berührt roorben ift, wiffeu wir
nicht. Sbenfowenig vermögen wir im eiugelnen bie Vorgänge gu
ertennen, bürd) bie Stettins »ßolitit beeinflußt roorben ift. Soviel
inbeffen ift beutlidj, baß ber 9iat in biefen unruhigen Seiten, in benen
neben bem Streite mit Vranbenburg ein ^ruift ber hergoglidjeu Vrüber
Vogiflaro, Varnim unb Otto Ijergiug, roirtlidj eine eigene ftäbtifdje
'.ßolitit trieb unb wie eine felbftänbige unabhängige Wlacht je nadj
bem Vorteil, ber für bie ©emeinbe barauS gewonnen werben tonnte,
Stellung gu ben Streitfragen nahm, ßange Seit ftanb Stettin, wie
eS fdjeint, treu gu bem .frergog Vogiflaw, bann aber oerbanb eS fidj
1292 mit ber $ergogin=&ßitwe Süechtilbe, bie ihrem Stieffoljne Vogiflaw
gumeift wenig freunblidj gefinnt war. ®aß ber Stabt auS foldjem
Verhalten, baS gu beurteilen uns bie erhaltenen 'Jladjridjten nidjt
erlauben, ©eroinn erwudjs, töimcii wir auS inandjen ?lugeidjen entnehmen.
(Stettin unb ©ogiflaw IV.
35
'Jluguft 1293 beftätigte ©ogiflmn feierltcf) bie Stettin bisher
gegebenen SHedjte unb %?rinilegien, ba bie bamaligen Siatsljerren mit
bem Sdjultljeifjen ^jeuiefin an ber Spitje QoijanneS uon $bln,
9Irnolb non Sanne, fßeter non ©raiel, Qfoljannes Scfjele, Sobelin
Schreibet, ^foljanneS SBufforo) gu feiner ©artet hielten. Smige $afjre
fpäter, als 1295 bie Teilung fßommentS gtuifefjen ©ogiflaro unb Ctto
notyogen iniirbe, fpielten bie ©ertreter ber Stabt bei biefem roiefjtigen
ISlbb. 1. ®ie älttflen Sieget Stettins.
Staatsatte eine Ijeruorragenbe Stolle. 9lm 1. Quli mürbe beftinimt,
bafj bie guiucifung ber Vanbesteile burd) 8 fRttter unb 4 ©ärger
Stettins, 'Jlrnoib non Sanne, ©eter non ©ratet, ben Sdjultl)eif;en
4>einrid) ©arfoot unb QobanneS SSuffoiu, uorgenommen merben füllte.
®abei fiel fie an ba§ ®ebiet beS ^jerjogs Ctto I., bas SJlittclpominern
nmfafjte unb alle Stabte mit ©lagbeburgifdjem Steckte umfdjlofj. Stettin
gab biefem ^jergogtum ben Slamen unb übernahm mit anberen bie
befonbere ©iirgfdjaft für baS galten bes ©ertrages.
3*
Stettin unb Cito 1.
36
Ter neue Canbesfjerr Otto I. verlielj, wie wir nod) weiter feljen
werben, Stettin viele fReifjte unb 'Privilegien, bie ber ©ntwidelung ber
ftäbtifdjen ©eineinbe giinftig waren. Qljre Selbftänbigtcit wudjs in
mandjer fRidjtung; vielleicht erhielt bie Stabt bereits int 'Anfänge beS
14. QafjrljimbertS bie eigene äRünggerechtigfeit, nadjbcm bie ßanbesljerreii
fcfjoii länger bort eine PHinge unterhalten hatten. Sieben ben Ijergoglidjeu
Prafteaten unb Senaten, bie ben ©reifenfopf führten, tauten in biefer
3eit audj folcfje vor, bie bereits als ftäbtifdje angufeljen finb 'Audj
fie geigen ben il'opf beS ©reifen, ben wir ebenfalls in beut älteften
Siegel ber Stettiner Sdjöffen unb beut Setretfiegel ber Stabt finben.
®ies trat erft im Verläufe bes 14. ^aljrljiinberts an bie Stelle bes
früheren Siegels, baS ber Sage nadj Stettin bereits 1181 von ben
$ergogen Stafiinir unb Sogiflaw erljalten fjaben füll. Css taun aber,
ba es bie lluifdjrift Sigillum Burgensium de Stitin hat, nidjt vor 1243
entftanben fein, ©er erljaltene brongene Stempel, ber, nadj ben Sudj=
ftabcn gu urteilen, im 13. ^aljrljunbert angefertigt worben ift, geigt
einen throncnbeii .fjerrfdjer, bem gwei SSappcnfdjilber mit ©reifen gttr
Seite ftetjen, gwifdjen Türmen unb unter einem ©reipafj, auf bem
fidj Türme unb fünfer erheben. Sie crfte erljaltene Crigiualurfunbe,
an ber bieS Siegel Ijängt, flammt aus bem Qatjre 1333. ©amalS
fdjeint baS Heine Siegel eiitftaiiben gu fein, baS bie lluifdjrift ljat:
S. Civitatis Stetin Antiquae unb ben fteljenben ©reif unter einem
Purggiebel geigt. ©ie Pegeidjnung eivitas Stetin untiqua wirb erft
nadj 1310 gebräudjlidj.
®ie Stabt ftanb in ben erften ^aljrgcljnten nadj 1300 in gutem
Einvernehmen mit iljrem üanbesljerrn. ES waren verhältnismäßig
ruljige feiten für bas ßanb an ber unteren ©ber, beim an bem großen
Stampfe beS ©änenlönigs Eridj 'JJieiweb unb bes 'JJlartgrafen PJalbemar
von Pranbenbttrg gegen bie aufbliiljenbeii norbbeutfdjeit Stäbte unb
namentlich gegen Stralfunb, fdjeint fid) Stettin nidjt beteiligt gu ljaben.
®aS vorfidjtige 3»rücHjalten Ijiug mit ber äljnlidjen Haltung ©ttoS I.
gufammen, ber in ben ^aljreu bes STonfliftes gwifdjen ©äneniart unb
Sranbenburg gu feinem märtifdjen ßeljnsljerrn ljielt, inbcffcii oljne iljn
befonberS gu unterftiitjen. Er betätigte im September 1308 Stettin
alle Sicdjte unb Privilegien unb erneuerte bie bariiber ausgeftellten
llrtuiiben. ©asfelbe tat im Quni 1309 ber äöolgafter £>ergog
'hJartiflaw IV., ber turg gitvor bie ^jerrfdjaft in feinem ßanbeSteile
übernommen ljatte. ®a beibe £jcrgogtiimer, Stettin unb Sßolgaft, in
eiigfter Perbiubung [tauben uub ben .fjerreu gut gefilmten .fjiaiib gehörten,
mufften nadj bein Üeiluiigsvertrage bie Pafalleii uub Stäbte beiben
dürften £>ulbigung leiften. Stettin ljat bamalS bem neuen SSJolgafter
Stettins $altu>iß in Kriegen.
37
•fjcrgoge geljulbigt nnb barauf bie Sleftätigung feiner Privilegien oon
ifjnt erhalten. Tiefe Stellung ber Stabt ,ju ben beibeu pommerfdjen
^crgogeit war für fie von nidjt geringer Pebeutung, ba fie fid) bei
Streitigfeiten mit iljrem eigentlichen CanbeSljerrn an ben anberen
dürften wenben nnb feinen Peiftanb forbern fonnte. Taburd) ljatte
bie Stabt einen Sdjutj gegen Übergriffe beS .f)er(jogs, ber faum je
verfugte. Cb ber Stettiner Siat etroa 1313 bie Xöolgafter $errfdjaft
um Sjilfe anging, als er mit .fjerjog Ctto wegen bet Sdjiffahrt auf
ber Cber unb fRcglitj unb wegen ber ©etreibeauSfuhr in -ßwift geriet,
ift unbefannt. Pad) ber llrfnnbe, burdj bie am 30. Buni biefer Streit
beigelegt wnrbe, fdjemt er nidjt unbebeutenbe Slusbeljuung angenommen
ju ljaben. SS ift bort von ber Teilnahme anberer Stäbte itnb
Pafallcu, von Slerbädjtigungen, von Slnljängern ber ftäbtifdjcu unb
ber herjoglidjen Partei bie Siebe. Poch bebenflidjer würbe bie
Sadje, als vor 1319 bie Pafallen unb Stäbte bes ^er^ogtumS
Stettin mit iljrem VanbeSljerrn wegen einiger Purgen in heftigen
Streit gerieten. Sie fdjloffen am 18. 3uni 1319 ein SiinbniS mit
PJartiflaw angeblich gegen einige Pitter, in SSaljrljeit aber gegen
Ctto. ®S ift nidjt betaunt, wie weit Stettin an biefem Broifte
beteiligt ift unb weldjen SluSgang bie Sadje genommen Ijot. Sidjer
ift jebodj, baß ber Streit halb ausgeglidjen wnrbe, befonberS als
ber Tob bes Plartgrafen SSalbemar (14. Sluguft 1319) von neuem
bie niärfifdje ^rage eröffnete. Pei ben folgenben Perfjanblungen
fidjerten fidj bie beibeu .fjergoge Ctto unb PJartiflaw vor allem ben
Peiftanb ber Stäbte, unb Stettin übernahm einige SPale bie Piirg
fdjaft für bie dürften ober ftreette iljncn Ofelb vor. Tafj bei ben
Mampfen audj bie Stabt in Plitleibenfdjaft gezogen worben ift, wie
eS fpätere CHjroniften behaupten, erfdjeint wenig glaitblidj. (Mewijj
waren biefe unruhigen unb unfidjeren Beiten für £janbel unb Perteljr
ber Piirger fdjablid), in iveldjem Plafje bies ber galt war, läßt fidj
aber nidjt erfenneu. Tic Stabt Stettin leiftete bem ^>er<joge Ctto
audj birett £>iilfe. ®r befenut am 17. $uni 1338, baß er gunt
ßohne für ben Peiftanb, ben ihm Stettin im Kriege gegen ben
Plarfgrafcn gcleiftet habe, ber Stabt 6 £mfcn im Torfe Pteffenthin
überweife. TaS gefdjah wenige SJlonate vor bem Slbfdjluffe beS
^rieben©, in bem ber Plarfgraf ßubwig von Praiibenburg, ber
Sßittelsbadjer, bie Celjnsherrfdjaft über bas ßanb Stettin aufgab.
Sin ben Perljanblungen, bie fid) jahrelang lji«3ogen, naljmen audj
Vertreter Stettins teil, unb eS mag in ber Stabt nidjt geringe
Pefriebigung gcljerrfdjt h°be,t> ^ie I- un& fein
uütregierenber Sohn Pamim II1. am 14. Sluguft 1338 in JJrantfurt
38
Stettin int Streit mit bem ?onoe8^erm.
vom fiaifer ßuöroig mit iljrem ßanbe belehnt mürben unb bie ©larf»
grafen nur ba§ Vlnfallsridj* erhielten.
3n bem bamals abgefdjloffenen Vertrage mürbe beftimmt, baß
bie Stäbte bis gum 2. fjebruar 1339 bem ©iarlgrafen al§ Sventual»
nadjfolger bie ßirbfjulbigung leiften fällten. Diefcr ©uuft ber 91b»
niadjung bot alSbalb Slnlafj gu einem neuen fionflitte. Stettin meigerte
fid) nämlid), ben ©ranbeuburgern gu Ijulbigen unb berief fiel) auf
ben Deiluiigsvertrag non 1295, in bem beftimmt roorben mar, bafj
ben SSolgafter Herren Eigentums* unb Erbrecht and) im Stettiner
ßanbe guftefje. Die ©iitger roollten bie 2SitteI§6adjer nidjt als gu*
tunftige Herren anertennen, fonbern an bem <55reifengefd)le<f)te fcftljalten.
Cb etroa bie ^ergoge ©ogiflaro V., ©arnim IV. unb ©lartiflaro V.,
bie in SSoigaft bie £>errfd)aft batten, ben SSiberftanb ber Stabt gegen
bie gorberung be§ granffurter gnebenS geroetft ljaben ober ob bie
Söiirgerfcfjaft non felbft fidj ber märtifdjen $ulbigung roiberfetjte, ift
nidjt tlar. ^uni 1339 nerbanb fidj Stettin in feierlichen ©er*
trägen mit Ereifenbagen unb Eollnoro, unb bie brei Stabte oerfpradjen
ben SSoigafter ^ergogen, fidj bei flebgeiten ihrer flanbe§berren unb
bereu Erben niefjt an einen anbern .£>crrn verroeifen gu laffen unb
nad) bem JluSfterben ber Stettiner ßinie nur ben S8olga|tern untertan
gu fein, Dagegen gaben biefe ben Stabten bie 3ufid)erung, alle ihre
JRedjte unb ©rivilegien gu erhalten unb ihre ftorbernngen, befonberö
inbetreff be§ SlbbntdjeS be§ SdjIofjeS ©ritter, gu erfüllen. ?lucf) anbere
Stäbte bes Stettiner $ergogtiun§ fdjloffen fid) an, fobafj ein grofjer
©unb guftanbe fam mit bem auSgefprodjenen groede, ben enentuellen
Slnfall be§ flanbeS an ©ranbenburg gu oereiteln. Ctto I. unb
©arnim III. hingegen nerbanben fid) mit bem ©lartgrafen flubroig,
ber für ben f?all, bafj ein offener JTrieg auSbrädje, $ilfe mit ganger
©ladjt gufagte. SSenn e§ aud) nidjt gum Kampfe mit ben ©laffen
getommen gu fein fdjeint, fo oerfdjärfte fid) ber Streit bennod) febr.
2lm 28. Januar 1341 fydbigten ©at unb ©iirgerfefjaft oon Stettin
ben ^ergogen non SSolgaft mit bem ©erfpredjen, bi en und eren
Erfnamen to blivende ewichliken unb bie Crböre, bie fie ben
Stettiner Herren gegablt hätten, fortan jenen gu entrichten. Darauf
betätigten ©ogiflaro V., ©arnim IV unb SSartiflaro V. ber Stabt
alle ©rivilegien unb Siedjte. »für Strafe erklärte fofort ©arnim III
bie Stabt aller ©edjte unb Eiiter für oerluftig unb nerlegte ben
Sdjöffenftubl von Stettin nad) b. b- naljm ber Stabt baS
©rivileg, fiir alle ©erooljner beS ßanbeS Stettin ©edii unb Urteil gu
finben. Der Ijeftige groiefpalt legte fidj, roie e§ fdjeint, al<3 bem
$ergoge ©arnim Sfinber geboren rourben unb bani" bie ©efaljr be§
(Stettins .Qonflift mit Barnim III.
30
SInfallS tut Sranbenburg für (Stabt nnb ßanb in weite gerne rürftc.
KJie aber ber (Streit fd)Iießli(b beigelegt würbe, wißen mir nidjt;
Biartgraf ßubwig oergidjtete anf bie geforberte £>ulbigung, unb and)
.fjergog Barnim gab nad).
Sßieber bebauern mir aufS Ijödjfte, baß über bie gange Sln=
gclegenßeit fo bürftige Badjiidjteii oorliegen, benn öS ift tlar, baß
ißr Berlauf oon größter Bebeutung für bie (Stellung (Stettins gegen»
über feinem ßanbeSljerrn gewefen fein muß. ©as (Sclbftbennißtfein
ber Bürger mag nidjt wenig gemachten fein, als fie ernannten, meld)
eine Blad)t iljre (SJemeinbe befaß. Sffiagte bod) $ergog Barnim gunächft
nicht, ben BMberftanb, ben fie ißm geleiftet ljatte, gu beftrafen, fonbern
nerlaufte am 15. guli 1345 ber (Stabt fogar Bliinge unb Soll uub
oergießtete bamit anf bödjft bebeutfaine $errfd)erred)te. £>ierbitrdj
würbe oielleidjt baS (Selbftgefüßl ber Bürgerfdjaft nod) meßt beftärtt,
unb halb war fie oon neuem in einen (Streit mit bem ßanbeSljerrn
oerwidelt. ©iefer führte, wie es ben Slnfcßein bat, mit ?lbfidjt einen
Swift Ijerfeei, nm bie (Stabt, bie iljm oor turgem mit fo großem
Erfolge SBiberftaiib geleiftet ljatte, 311 bemütigen. Barnim III. war
nadj allem, roa§ wir oon ißm wiffen, ein Blann oon entfdjloffener
Straft, ber fid) feiner (Selbftberrlidjfcit woljl bewußt war. gljm mar
beSßalb ber Sriumpb Stettins in innerfter (Seele guwiber. ©aber
cntfdjloß er fidj gu einem (Schritte, oon bem er fidjer wußte, baß er
ber Einlaß gu einem Slonflitte werben würbe. Slitf ber (Stelle bcS
alten BurgroalleS ljatte fidj Barnim I., als er 1249 biefen ber (Stabt
überwies, einige $öfe oorbeljalten, aber Weber er nod) feine Bad)»
folger fdjeinen oon biefen einen anberen Gicbrand) gemadjt gu hoben,
als baß fie bort oorübergeljenb Cnartier nahmen. C’ergog Barnim TU
begann nun, fidj bort ein fjaus, b. b- pine befeftigte Böoljnutig, gu
erridjten. ©aS rief in ber Bürgerfdjaft große Slitfregüng ßeroor. ©er
£>ergog, beffen Borfabren feierlich gelobt hatten, eS fülle niemals eine
Burg in ber (Stabt erridjtet werben, wollte fid) eine Smingburg
erbauen, um bie ^reiljcit ber (Stabt niebergugwingen, bie Bürger gu
tnedjten! ©aS war ein Sntdj jener feierlichen ba§ burfte unb
tonnte bie Bürgerfdjaft nicht bulben. Blan bewaffnete fid) fdjnell,
ftürmte hinauf 0,1 bie (Stelle, wo bie Simnierleute beS •föergogS au
ber Slrbeit waren, unb oerjagte fie fdjnell. ©odj bem leicßten (Siege
folgte balb eine üble Bieberlage, ßeiber wiffen wir garnidjts oon
bem Berlaufe ber Mngelcgenljeit, nur baS (Silbe lernen wir aus bem
Bertrage oom 24. Sluguft 1346 Tennen. ©amalS entfdjieben ber
.fjergog Bogiflaw V. nnb ber Kamminer Bifdjof goljann als (SdjiebS»
lichter beu Streit, aber in einer gönn, bie fofort tlar geigt, baß eS
40
(Stettins Temütißunß.
Sarnim III. gelungen war, bie (Stettiner ©ärger völlig 311 bemütigcn.
Dem ^er^oge wirb bie (Stätte beS £jufes auf ber tBiirg 3ngefprodjen;
bort muffen „9iat, Sdjöffen, Silben uub Wemeiube" ber (Stabt vor
die smaheit und vor den broke bem dürften ein Steinhaus, 100 ftuß
lang, 30 ftufj breit unb 25 §ufj Ijodj, mit gwet Stodiverten, einem
gewölbten Keller unb einer 12 $uß boljen Steinmauer barnm erbauen.
Taneben füllen fie eine fteinerne Kapelle, fo groß wie bie St. 3®gen8<
fapelle oor Stettin, errieten, einen Ktrdtljof barnm anlegen unb eine
5 $uß Ijolje fteinerne ©lauer auffüljren. Silles bies füll bi§ jtim
'Uhdjaelistage (29. Sept.) bes nädiften $aljreö. alfo in wenig mel)r
als einem $aljre, fertiggeftellt fein. So mußte bie ©ürgerfdjaft, bie
fid; oermeffen ljatte, ben ßanbesherrn nut (Gewalt an bem Sau beb
vtaufes 311 ljinberu, iljn felbft erridjten unb (puar in einer Slusbeljniing
nnb Slusfüljrung, baß ba§ Sebäube einer feften Burg febr äljnlidj
war. Slber bamit nod) nicfjt genug, bie Stabt mußte iljm bie jwei
Trittei be§ Stabtgeridjtes, bie ber toergog in ber uoraufgegangeneu
3eit bem Slate oerpfänbet ljatte, wieber überantworten, ben britten
Teil füllte ber Sdjultljeiß oon bem ßanoesberrn 31t ßeljii nehmen.
Tiefer erhielt audj freies SeifügintgSredit über ben fjof bei bem
SJlarienbome, ben fid) Barnim l einft (1263) vorbebalten ljatte.
Tagegen verfpradj Barnim III. ber Stabt weiter nichts, alS baß fie
baS ßeljn an ber Burg, b. h- ber Stätte beS alten Surgwalles, mit
SluSnahme beffcn, was ber .ßer.^og nnb bie Tomljerren von St. HJhirien
baran befaßen, bemalten füllte, ferner baß bie Bürger, bie wegen
eine? ßeljnbefißeS im ßanbe in Streit mit bem ßanbesljerrn waren,
biefen ,ju 9Jlannred)t inneljaben füllten, unb enblid), baß er alle llr
fuubcii ber ftäbtifdjen (ilemeinbe betätigen wollte.
Tiefer ©ertrag be^eidjnet baS Gnbe ber greißeit unb Seibftänbig
feit, bie ber Stettiner fRiit unb bie Sürgerfdjaft erftrebt ljatten unb
fifjon faft erreidjt 311 ljaben glaubten. Bon jctjt an ljatte ber Verflog
eine feite Burg innerhalb ber ©lauern nnb tonnte baburdj jeben
neuen Berfud), llnabbängigteit 311 gewinnen, leicfjt verbiubern. Gr
war jeßt tatfädjhd) ber fjerr m ber Stabt unb ift es für alle Seit
geblieben. Tenn bie Bebingungen, bie beu Bürgern auferlegt worben
waren, würben aud) erfüllt. Salb erhoben ficfj auf ber $bne bas
fteinerne £)aus, ber crfte Slnfaug bes nodj Ijeute befteljenben SdjIoffcS,
unb bie Kapelle, au§ ber im ßaufe ber ßeit bie Sdjloßtirdie
erwadjfen ift. Sarnim III. ließ fie bereits am 3. Cftober 1346
bem heiligen Ctto, bem ?lpoftel ber Sommern, weißen, beffcn 9lu=
beiden im ßanbe oon neuem 311 beleben er fidj angelegen fein ließ.
3uglcid) ftiftcte er bei biefer Cttenfirdje ein Tumfapdel von 12 'JJlit
Stettin im £mnfabunbc.
41
gliebern, bas in enge ©erbinbnng mit bem älteren Warientapitel
trat. SluS bem netten ©erhältniffc, in bem Stettin als SRefibeiiäftabt
ju bem .fjer3oge ftanb, ergaben fidj fiir bie folgcnbe ßeit mieberljolt
Vlnläffe 31t heftigen Streitigteiteu, immer kwieber rangen Wat nnb
©ärger, bie im ©unbe mit anberen Stabten waren nnb unwillig
manche non biefen fid) 311 größerer Freiheit unb Selbftänbigfeit ent»
wideln faljen, mit ben VmtbeSljerren nm ihre Stellung, aber baS
Sdjidfal Stettins war in einer Se^ieljung burdj ben ©ertrag von 1346
entfdjieben.
So ift eS and) erflärlid), bafj bie Stabt in bem .fjanfabunbe
feine große Wolle fpiclen fonntc, fie war in ihren Gntfdjlüffen unb
fßlänen nidjt frei. ®ie oft aufgeworfene $rage, wann Stettin Wit»
glieb biefeS SunbeS geworben ift, läfjt fid) cbenfo wenig beftimmt
beantworten, wie bie $rage nad) bem ©ritnbungsjaljre ber ^»aiifa
felbft. ®ie Stabt hatte 311 ßübed, ber bebcntenbften beutfdjen Stabt
an ber Cftfec, bie fdjon früh in ©ommern widjtige .fjanbelsprivilegien
erwarb, bereits im 13. igaljrhunbcrt mancherlei ©ejiehungen. ®ie
beutfifjeii Kaufleute, bie fid) in Stettin eine neue .fieimat gegriinbet
hatten, fanben bei ihren erften ^anbelSunternehnumgen, bei jährten
auf ber Cftfce ober 3ügen ins Vanb einen £>alt an Viibed, baS in
ber neuen Stabt nicht einen M'onfurreiiten, fonbern einen Gehilfen
bei feinem rftfechanbel erblidte. (SS fdjeinen and) Slnfiebler auS
Viibed nad) Stettin getommen 311 fein unb baS ©nnb 3wifd)en beiben
Crten nodj enger gefniipft 311 fjaben. ^Dabnrd) würbe bet gefd)äftlid)c
©erteljr erweitert unb bie Cberftabt in ben .fjanbel nad) Dänemarf,
befonberS nad) Sdjonen cingeführt. Sdjon 1278 erhielt fie 3ufammen
mit Viibed, ©Msmar, Woftod, Stralfnnb, GJreifswälb unb ben übrigen
weiibifdjcn Stabten 3ollfreil)eit unb fidjeres (Geleit 311m ©efudje ber
beiben ^aljrmärtte 311 fmiftanger auf Seelanb. ©anials hatten fid)
alfo bie Würger biefer Stäbte bereits 31t gemeinfamem .fjanbeln 311-
fammengetan, ob freilich auf (Wrunb eines förmlichen Vertrages 311
einem feften ©unbe ober in lofer Einigung, mag 3>vcifelbaft erfdjeinen.
©alb baranf traten fie im Sioftoder Vanbfrieben 3ufammen an bie
Seite ber iiorbbeittfdjen dürften. Stettin gehörte and) 311 ben Stabten,
bie bereits bamals für ihre Würger 311m ©efudje ber Sdjonifrfjen
Wärtte volle ©erfeljrs» unb ^anbelsfreiheit, fowie Sdnctj im gangen
bänifdjen Weichegenoffen; fiir bas Saljr 1283 ift ein ßleleitsbrief bes
Slönigs (Srid) erhalten. 'Hoch größere Sidjerljeit gewannen bie Stauf»
leute, bic 3um .fjanbel nach Täiiemarf gogen, als ber Stönig 1284
fid) auf neun ^aljre an baS Woftoder ©üubniS anfdjlofj unb voll
tommene fjrcil)eit beS ^»anbcls in feinem Vanbc gewäljrte, fowie fie
42 (Stettinfi Segie^unßtn ju Säitemart.
in iljrem Sorgcljen gegen Slorwegen gu unterftütjen verfptadj. ®aS
finb bie Slnfänge beS SunbeS Stettins mit anbeten norbbeutfdjen
Stabten, baS ift eine ber Söitrgeln, ans benen ber ftarfe Saum ber
•fjanfa mvuä)§. grcili^ ftanb Stettin bei bem Stampfe ber Stäbte
mit Norwegen (1283—85) niefjt in erfter ßinic, ja mir miffen
nidjt einmal, ob eS fid) wirflidj baran beteiligte, aber bie .f?anbelS=
oorteile, weldje bie Stäbte im gtieben gu ßalntar (1285) gewannen,
tarnen and) ibm gugnte. Stettin würbe in bem ^rioileg, baS ber
norwegifdje Stönig Geriet) am 13. SJiärg 1285 ben Stäbtcn erteilte,
miterwäljnt, and) war bie Stabt bei ben Serljanblungen, bie fßfingften
1294 in SönSberg gepflogen würben, burd) ben JRatSljerrn SUbert
oon Srenien oertreten.
9US im erften ga^rgeljute beS 14. ^aljrtjnnbertS ©ritt) Wenveb
oon ©änemart ben Slampf um bie $errfd)aft über bie beutfdje £ftfee=
tüfte begann, naljm Stettin nidjt baran teil, fonbern fjielt fid) oorfidjtig
guriirf, ebenfo wie es anbere Stäbte taten, oon benen jebe Sonber»
politif trieb. Stettin beteiligte fidj wenig an ben Serljanbiungcn,
nur anf einer Serfammlnng, bie in ©reifSwalb im Slovember 1310
ftattfanb, war Slrnolb Sranbenburg als Vertreter Stettins gugegen.
gn biefer $eit faxten bie Stettiner waljrfdjeinlid) feften gufj in
Sdjonen. Ter Uintauf unb baS Salgen ber geringe fütjrte guerft
bie beutfdjen Kaufleute bortljin, halb aber waren fie and) bemüljt,
itjre Ijeimifdjen Sßaren bort abgufetjen. Hin foldjen £anbel gu betreiben,
legten einzelne Stabte fRieberlaffungen, fogenannte güten, an, in
benen bie Kaufleute gu beftimmten Beiten nut iljren Sßarcn erfdjienen,
Stauf nnb Saufd) rwllgogen, bie geringe einfalgten unb gum Sran§=
porte fertig niadjten. (S§ ift fidjer, bafj and) Stettiner fdjon friilj nad)
Sdjonen tarnen unb anfangs als Säfte auf ber ßübifdjen gitte
unter bem Sdjutje unb ber ®erid)tSbarfeit beS ßübifdjen SogteS ifjre
®efdjäfte beforgten. SIber bereits im Slnfange beS 14. galjrljunberts
erwarben fie auf Trage unb galfterbo, ben beiben fßuntten, an benen
ber Serfeljr ber beutfdjen Slauflentc feine 9Jlittelpuntte ljatte, eigene
gitten, anfänglidj nodj in einem SdjutjoeiIjältniffe gu bem mädjtigeren
ßübed, an beffen gelb gu galfterbo baS ber Stettiner ftiefj. Salb
aber würbe biefe fRieberlaffung felbftänbiger unb erfjielt einen eigenen,
uon Stettin bortljin gefanbten Sogt. ?luf Tragö unb galfterbo
erfdjienen nun alljäljrlidj nom Sluguft an Stettiner STaufleute unb
oerblieben bort bis Snbe September ober bis in ben Vlonember.
gn biefen SJlonaten beoölterten fidj bie Silben, unb eS begann ein
ungemein reger Serfeljr gwifdjen ben Sürgern ber oerfdjiebenen Stäbte
einerfeitS unb ber einljeimifdjcn Seobltcrnng anbererfcitS. gür bereu
Der Jpcinbel in Schonen.
43
fflebürfniffe brachten bie Kaufleute SBareu mit, bie auf ben ftart
befuditen SRärtten jum Verlaufe fanien. Su ber befdjwerlidjen unb
gefährlichen Seefahrt taten fid) natürlich bie '-Bürger einer Stabt ju=
fammen, unb fo entftanben baib ©efellfdjaften unb Kompagnien ^uni
Swede ber Schonenfahrt, au§ benen fid) allmählidj förmliche SBriiber-
fdjaften ober Vereine entwidelten. So mögen fich bereits in biefer
Seit and) in Stettin ©enoffenfdjaften juin ^attbel nach Schonen
gebilbet ljaben, roie wir 1310 eine Srüberfdjaft ber Kaufleute
erwähnt finben. Die freilief) erft für fpätere Seit urtunblich nach«
weisbaren fDlarienbriiberfdjaften oon Dragö unb galfterbo, bie fpäter
einfad) Drater« unb galfterbofahrer genannt würben, finb gewiß auch
fd)on in ber erften £>äifte beS 14. QahrhunbertS entftanben. Unter
bem Sdjutje ber gitngfrau SJlaria unternahmen ihre SRitglieber bie
galjrt über baS ©leer unb hielten in ben gitten ju Dragö unb
galfterbo treu gufammen. Sie bilbeteii in gewiffent Sinne audj eine
S3ermögen§gemeinfdjaft unb waren nach ber frommen Sitte beS 9JtitteI=
alterS bebad)t, burdj ben Sau einer Kapelle in ber grembe ober burd)
fjeiftlidje Stiftungen in ber .fjeimat fowoljl für bie tir<hlid)e ffierforgung
im SluSlanbe als audj für bie ^erftellung eines geiftlidjen Sammel«
unb SRittelpunfteS in ber Sßaterftabt gu forgen. Cb bie St. Sinnen»
SSrüberfdjaft ber ffiornholmfahrer fdjon bamalS entftanben ift, läßt
fidj nicht beftimmt fageu, eS fanb aber fidjerlidj von Stettin aus
nad) iöornholm feit alter Seit ein $anbelSvertehr ftatt.
So fehen wir, wie fidj in biefer Seit .ßanbel unb Sdjiffaljrt ber
Stettiner in ber SRidjtung gu entwideln begannen, bie für bie Stabt
auf bie Dauer befonberS bebeutfam geblieben ift. gür ben Sßertehr
jur See, fowie auf bem ßanbe unb auf ber Cber war oon befonberer
Söidjtigfeit bie Soübefreiung, bie ber Stabt bereits 1243 nerliehen
worben war. Sim 19. Dezember 1283 erhielten bie Sürger baS
9ied)t, alle @üter, bie fie getauft ljatten, zollfrei auSjuführen, unb
1315 würbe ihnen bie greißeit uon S°K unb Ungelb nochmals
beftätigt. Sillen Kaufleuten beS $ergogtum§ Stettin gewährte 1275
ber gürft Söijlaw II. oon iRügen freien S3erfehr in feinem ganzen
ßanbe, unb £>ergog ©ogiflaro IV. von Sßolgaft bewilligte 1297 ihnen
ungefjinberte Sin« unb SluSfußr für ben Swinehafen. Sind) für bie
ißeene erhielten bie Stettiner 1320 völlige Sollfreiheit, nadjbem $ergog
Ctto I. bereits vorher verfprod)en hotte, bie bortigen ungeredjten S'öUe
ju befeitigen. Damals würbe ber Stabt Stettin bie Sllfa9e gemacht,
es füllten alle bie gaßrt hinbernben Säume in ber Cber unb JReglitj
entfernt werben. fRodj einmal 1349 beftätigte Verjag Samirn III.
ben Bürgern bie Sollftciljcit auf ber Cber, Swine, Sßeene, auf bem
14
£>mibcl unb Sdjiffaljtt.
£>aff nfw. Damit war ibrcm'^anberfrcie Saljn ciefdjaffen, er wudjS
unb beljnte fid) halb nadj allen Seiten auS.
(Jin befouberS wichtiger .fjanbelSartifel war neben ben ^ifdjeii
bas ©etreibe, baS, je niebr ber Ülnbait int ßanbe burdj bie bcutfdien
©inroanberer gnnaljm, beftu gidjlreicher auSgefüljrt würbe. ©3 felbft
im ßanbe aiifjutaufen unb bann weiter gu verhanbeln, war von
Einfang an baS ©eftreüen ber Stettiner (Burger, befßalb war eS fiir
fie von befonberer (Kid)tigteit, baß ^jergog ©arnim I. bereits 1253
fremben Kaufleuten verbot, vom .fperbfte bis £ftern in feinem ©ebiete
©etreibe git taufen, ein ©erbot, baß er 1271 wieberßolte. Dabei
war bie Slbfidjt, bie ben gangen mittelalterlichen £>anbel bcrjerrfdjte,
in erfter ßinie für ben fflebarf beS probugierenben ßanbeS felbft gu
forgen unb bann ben ©orteil ber etwaigen Slusfuljr ben Ijeiinifdjen
Kaufleuten zugute tonunen gu laffeu. $u biefem ßwede verorbnete
©ogiflaw IV. 1281, eS folle fein ©etreibe auf Kähnen, fonbern nur
auf größeren Sdjiffen aus ber (ßeene unb Swine auSgefüßrt werben.
Damit würbe woljl ben Stettinern, bie an ber unteren £ber allein
größere Sdjiffe befaßen, bas (ßrivileg ber ©etreibcauSfutjr gewähr»
leiftet. ©alb barauf würbe wieber verboten, baß ffrenibe ©etreibe
ausfiißrtcii, außer wenn fie e8 von einem (Bürger getauft ljatteu, unb
baß bie 'RuSfuljr von Korn nur mit (Killen unb guftimmung bes
(Rates unterfngt werben folle. Damit begab fid) ber ßanbeSfjerr eines
(RedjteS, ba» von nicht geringer ©ebeutung fiir ben goanbel war; er
tonnte nunmehr nidjt oljne weiteres bie ©etreibeauSfuljr auS Stettin,
wenn er eS für nötig fjielt, alfo g. (B. bei einer 'JRißernte ober
Deuerung, verbieten, fonbern mußte erft ben (Rat um feine ©in
willigung bitten. Durdj biefe ©erorbnungen würbe ber Kornfjanbel
gu einer (?lrt von SRonopol ber ©iirger. DaS würbe nodj erweitert,
als £>ergog Ctto 1312 beftimmtc, eS bürfe gwifdjen Stettin unb Ürfer=
münbe ©etreibe unb SReljI gu Schiff nur nach Stettin verleben werben,
unb ein Qaljr fpäter alle älteren ©eftimmuugen über bie SluSfuhr
von ©etreiOe ausbriidhd) beftätigte. Daburdj würbe ber -fjanbel mit
biefem Slrtitel auf ber unteren £bcr gang ausfdjließlidj auf Stettin
geteuft. DaSfelbe gefchaß aber aud) mit anberen $>anbeISgegenftänben,
wie g. ©. ©rennljolg unb Koljlen, für bie ebenfalls beftimmt würbe,
baß nidjt« aus ben (Kälbern, befonberS nichts von ber ßber aiiberS»
woßin als nadj Stettin gebracht werben folle. (!lni alterwidjtigften
inbeffen war für ben gangen $anbel baS ber Stabt 1283 verlieljeue
(Rieberlagsrecht. Sille ©üter ohne (Jlusnaljme, mochten fie bie Ober
auf- ober abwärts nach Stettin tomnien, füllten bort niebergelegt,
b. h- eine beftimmtc ,Beit gum ©erfauf gcftellt werben, Srft nad)
Tie yiiebeitaflößeiedjtißfeit.
45
Slblouf biefer §rift burfte ber Sdjiffer bie SBarett wieber einlaben
unb weiterfaßren. ®S würbe and) ftrctig «erboten, einen anberen
SBafferweg gu bentißeii als bie ©ber fclbft bei Stettin vorbei; man
nannte biefen vorgefdjriebenett Sßeg bie „redjte gafjrt". @S ift ftar,
bafc bieS 9tieberlage= ober Stapelredjt, baS fiir einzelne ^Irtifel niete
Stäbte befaßen, nad) unfern Segriffen eine ungeljeure Hemmung für
ben freien Serteljr bebeiitet; nad) mittelalterlidjer Slnfdjauuug war es
eine bered)tigte 'JJlaßregel gur Rebling bes [jeinü|djeii £>anbels unb
gut Tedung beS eigenen SebarfeS. Tie Siirger Ratten bas erfte
9ied)t auf alle SÖaren, bie in iljre Stabt tarnen, nur mit iljneii burfte
unb mußte ber grembc ober ®aft tjanbelit. Sperrung ber ©ber
bei Sladjt,gelten, bamit bann nidjt etwa ein Sdjiff Ijeimtidj burdj bie
Stabt faljre, biente ein Salten ober Saunt, ber über bie ©ber gelegt
unb angefettet werben tonnte. Tiefe Slieberlagsgeredjtigteit, bie, wie
wir feljett werben, fpäter bie llrfadje uneitblidjer Streitigteitcn würbe,
fdjeint gewoljnlidj nidjt gang ftreng burdjgefüljrt worben 311 fein. Sin
ber Ober befaßen grantfurt unb Sreslau, an ber 'IBarttje Vanbsberg
basfelbe Stedjt. ülnfätiglidj fdjeint ber Serteljr gwifdjen biefen Stabten
nur gering gewefen gu fein, aber als er wudjS, naljmen fidj bie
dürften felbft ber gorberttiig bes ©berljattbels an unb fudjten bie
einfeitige SJirtfdjaftspolitit ber Stäbte, foweit es moglidj war, gu
ntilbern. So erljielten auf Seranlaffung ber Slarfgrafen Söalbemar
unb Qoljantt V. von Sranbcnbnrg bereit Untertanen 1311 oom
£jergoge ©tto I. bie freie Turdjfaljrt burdj ben Saum Stettins oott
unb nad) ber See.
Sieben bem Serteljre auf bem SBaffer war oon Scbeutung ber
anf bem 1/anbe, ber in alten 3eiten oft weit befdjwerlidjer unb
gefäljrlicfjer als jener war. Ter gnftanb ber Straßen erfdjwcrte gang
befonberS bie Steifen ber Jtaufleute. 9Bir Ijörten bereits 1237 oon
einet SlönigSftraße nactj Srenglau unb finben 1277 eine ebenfoldje
erwäljnt, bie oon Stettin nadj flctermiinbe füljrte, aber in weldjetn
Suftanbe mögen fie gewefen fein! £ergog Samirn I. beftinunte 1278,
baß ber öffentlidje SJeg, ber ftetS oon Stettin nadj @rabow gefüljrt
ljabe, nie gefperrt werben bürfe; es beburfte bemnadj erft eines
befonberen ©ebotcS, eine foldje Straße offen gu Ijalten. giir bett
^anbelSrerteljr beftanb and) gu Vanbe ein 3>oang, mußten bie
oorgefdjriebeiieti Straßen benußt werben, es war oerboten, auf anberen
gu fatjren. So würbe 1302 ber Söeg oott Sdjwebt nadj Stettin
auf bie üiitie ®arß, Steinfenborf, Tantow feftgelegt, unb bie Stabt
®artj erljielt bas Straßenredjt, b. Ij. bie Sluffidjt barüber,
baß alle jt'aiifleiite, bie gwifdjen Sdjwebt ttitb Stettin verteilten,
4(3
Der 93au befe DammeS.
nut ihren Sßaren biefe Straße enthielten. Sbitcfjtig für Stettin war
bie ffierbinbung nadj bem Cften. £jier bot bie breite fumpfige
Sicherung beS gluffeS mit ben anftoßenben Sßiefen bem Serteßr
nidjt geringe Sdjwierigteiten, eS war aber burdjauS notroenbig, ljier
eine Straße ober einen Übergang gu fdjaffen. Defeßolb erhielt bie
Stabt bereits 1245 ba§ 3iedjt beS gährgolleS nad) Damm unb 1274
bie gößre nid) ßübgin. Stuf bie Dauer tonnte aber biefe Serbinbung
nidjt genügen, unb bie Sügerfdjaft erwarb 1299 oom $ergoge Ctto I.
bie (Erlaubnis, einen Damm unb Srüden oon Stettin nad; Damm
angulegen. ©S ift ein Seidjen beS UnterneljmungSgeifteS, ber in ber
Stabt Ijerrfdjte, baß biefe große SJert fo balb in Eingriff genommen
unb, wie eS fdjeint, audj fcfjirell ausgefüfjrt würbe. Die lange Sriirfe
(etwa an ber Stelle ber heutigen £>anfabrüde) wirb bereits 1283
erwähnt, alS bie ßaftabie auf bem rcdjten Cberitfer Idjon Sewotjner
ljatte unb als ßabeplaß für frembe Scfjiffe benußt würbe. 1302 war
man nodj mit bem Sau befdjäftigt, 1314 würbe bereits ber 3oll
erhoben unb brei galjre fpäter ausbrüdlidj beftimmt, baß bie guhr«
leute, bie auf bem SBege nadj Stettin bie Stabt Slltbamm berührten,
bort nidjt aufgefjalteti werben burften. Der große Sau muß feljr
erßeblitfje Ausgaben nerurfadjt haben; nodj fpäter belüfteten bie ftofteii
für feine Unterhaltung ben ©tat Stettins in ljotjeni Stoße. 316er erft
tjierburdj würbe bie Stabt redjt eigentlich ber Slittelpunft bes £aiibets
unb SerfeljrS für bie gange Umgegenb, fie tonnte fidj ein eigenes
SdirtfdjaftSgebiet fdjaffen. Der Serteljr in bie Söeite war anfangs
gewiß befdjräntt, eS feljlt inbeffen nidjt an ^eugniffen, baß er beftanb.
Samentlidj fdjeint audj ber Sufammenljang, ben bie neu einwanbernbeii
Sürger mit iljrer alten nieberfädjfifdjen fpeimat unterhielten, hierauf
gewirtt gu Ijabeu. IZiMr Ijoren bereits aus ben erften galjrgeljnteit
beS 14. QaljrljunbertS oon einem Serteljr mit Soeft, Dortmunb unb
anberen weftfälifdjen Crten. Qm einzelnen bie SluSbeljnung näher
gu begeidjncn, bagu feljlen nnS für biefe .rfeit bie Sadjridjten.
Über bie Sßaren, mit benen man in unb oon Stettin aus
Ijanbelte, wiffen wir beffer Sefdjeib. ßS würben, wie wir bereits
gehört haben, in erfter ßinie (betreibe unb £>olg, baS bie weiten
gelber uub Xöälbec beS ßaubeS in reidjlidjem Slaße boten, auS*
geführt, wätjreiib oon Sorben ßer Dran u- a. gur ßinfuljr
tarnen; baß baneben Saig unb Söein bebeutenbe ^anbelsartitel
bilbeteii, biirfen wir woßl ohne weiteres anneljmen. Sonft geigt uns
bie ältefte Sollrolle, bie allerbingS nicht iu urfprünglidjer gorm
erhalten ift unb etwa auS ber Seit gwifdjen 1283 unb 1293 ftammt,
baß in Stettin mit gellen, Dudj, £>onig, SßacßS, Söolle, Sielj, gleifdj,
Stäbtifdier ©runberroerb.
47
fßed), Jecr, (äifcn, ?3ier, Srot, Slfdje, Hopfen, .9'upfcr, 3i,l,b
Slei u. a. m. Cianbel getrieben würbe. ®ic bort feftgefeßteu .Soll’
füge entfpredjen gumeift ben in ßübed nnb in anberen norbbeutfdjen
Stabten üblidjen. ®iefe Stolle ift and) ein Seugniß bafiir, baß ber
franbel Stettins gegen baß Silbe beß 13. 3afjrt)unbertß nidjt mein
gang unbebeiitenb gewefen fein fann.
Slni beutlidjften tritt ber Sluffdjwung, ben Stettin bamals naljm,
in ber Erweiterung nnb Slußbeljnung beß ftäbtifdjen ÜBcfitjeß
tjeriwr. SJlit großem Erfolge waren 'Jiat nnb Surgerfdjaft nad)
biefer Stidjtung tjin tätig. Snnädjft war eß für bie ©emeinbe widjtig,
ein @ebiet in ber Siiiljc ber Stabt 311 gewinnen, auf bem eß mögtid)
war, 'JJlüljlen angulegen, unb bagu erljielt fie 1253 oom .frergoge
Samim I. ben oon Sdpvargow ßcrfoinmenben Sadj gwifdjen fßonp
inerensborf unb Sdjenne mit allen feinen .ßuflüffen gum Eigentum.
Ilm aber feine Üöaffertraft außguuutjen unb Dlüßlen angulegen,
beburfte fie eigenen Erunbbefitjeß an bem Sadje. ©eßljalb taufte
bie Stabt nod) in bcmfelben ^aßre oon bem frergoge baß gange
®orf fßommereußborf. ®ieß ©ebiet fdjeint aber allmäljlid) für bie
ftäbtifdjen 'JJlütjlenanlageii nidjt genügt gu ljaben, unb batjer erwarb
bie Stabt 1277 oon Ijergoglidjen iBafalleii bie beiben Törfer ftrefow
unb SBuffow mit im gangen 114 frufen unb gewann bamit ben
wafferreidjen Sad), ber von ber frölje bei SBuffow ßerabtommt unb
gum fülüljlenbetriebc gang befonberß geeignet ift. ©roßen SBefitj unter»
halb ber Stabt mit reidjem Söalbbeftanbe erljielt Stettin 1301, als
frergog Otto I. ifjnt bie krampe unb ben gangen Segirf gwifdjen
biefem gluffe, ber (Moll 110 wer freibe, ber Qljna, bem ®ammanfd),
bem S^abunfluffe unb ber Ober mit allen Qnfeln, Srüdjen, freiben
unb SSälbern überließ, friergu tarnen 1307 bie gwifdjen Swante,
®ammfdjem See, großer Slegliß, langem Wraben unb Ober gelegenen
Qnfeln, b. t). baß gange Srudjlanb redjtß von ber ©ber von ber Swante
biß gur Söubeniß bei fßobejudj, bem ®raben unb bem Oberarm, ber
gegenüber von ©üftoro fid) mit bem frauptfluffe vereinigt. ®iefer
Sefiß erljielt eine weitere Slußbetjnung nad) Slotben, alß 1312 aud)
bie bewalbeten ÜÜerber nörblidj von ber Swante biß gum sfJapen»
waffer Eigentum ber Stabt würben. Qetjt befaß fie baß gange @cbiet
ani redjten Ufer ber ©ber. Broar tarn Stettin wegen ber fflrengen
fdjon früt) in Streit mit ben Stabten Wtbamm unb ®ollnoro, aber
es behauptete feinen iöefitg. Siad) anberer Stidjtung erweiterte fid)
biefer 1319 burdj ben Slntauf ber Ober» unb Unterwiet, ber beiben
urfpninglidj flawifdjen Slieberlaffungen unmittelbar vor ber Stabt.
3m 13-1 würbe baß Stäbtd)eii UJölitj mit feinem ®ebiete
48
©tübtifcber ®iuuberroert>.
(Eigentum Stettins, unb eS entftaiib bas eigentümlidje WbhängigteitS»
DertjciltniS jener Stabt, bas faft fünf ^ahrtjunberte tjiiiburdj beftanb
unb eine bcbeutfame Stolle’ in ber Sefdjicfjte Stettins fpielte. 3fn ber
Wälje non *ßölit} gewann bie Stabt 1338 burdj ilauf einige .ßufen
bei SJleffentljin, wenn biefe nidjt fdjon früher erworben worben finb.
^enfeitS ber großen Weglitj faßte Stettin 1328 burdj beu (Erwerb
beS TorfcS ißobejitd) feften fyitß unb betaut 1333 bie Törfer ßüb^iit,
Üerglanb unb Sdjwartelaitt am Tammfdjcn See, fowic 133(> bie
beiben 3?liiffe Wegeliß mit iljren Qnfeln. '2llS bann bie Stabt 1351
uon bem '-Bifdjofe ^riebridj oon (Eammin nodj baS Torf Wemiß mit
3 ajlüljlen unb bie 2 $öfe Sdjwar.jow fiir 1480 'JJlart Pfennige
taufte, war ber ßanberwerb in ber .fpauptjadje abgefdjloffen. Tas
Gebiet, baS Stettin 311 eigen war, ift auf eine ®röße oon etwa
3—4 üuabratmeilen ab^ufdjäßen, unb bot ber ®emeinbe (Eintiinfte,
bie nidjt unbebcutenb gewefen fein tonnen. Ter eigene Befiß ber
Stabt würbe woljl ocrpadjtct, uub hierfür tarnen bie SJiirger felbft
in erfter ßiuie in Setradjt. Tie in ben ftäbtifdjen Törfern woljnenben
Bauern unb Aloffäten ljatten an iljren ®runbljerrn Abgaben 311 jaljlen,
wie audj bie SJfebintftnbt ißölitj eine beftinunte Orböre entridjtete.
Tie fDliiljlen uub SSalbungen ber Stabt bradjten gewiß nicht geringe
(Erträge ein, freilich mag bie Verwaltung, bie Ausübung ber grunb
Ijerrlidjen Sledjtc, ber ©eridjtsbarfeit unb beS fßatrouatS, audj mandje
Älofteu uentrfadjt Ijaben. '2luf jebeu fjall war Stettin in ben ljunbert
Qaljren feines BefteljenS audj inbe^ug auf feinen Srunbbefitj gar
mädjtig gewadjfen.
SiSir bebauern nur, baß wir fo wenig wiffen, weldje SRänner
in biefer .ßeitepodje bie ©efdjicfe ber ftäbtifdjen Seiueiitbe fo geleitet
Ijaben, baß fie einen berartigen Sluffdjwung neljmeit tonnte. (Einige
Warnen finb woljl überliefert, aber eS finb eben leere Warnen, bie
uns über iljre Präger nidjtS fügen. (Ein tüdjtigeS, mannhaftes ©efdjledjt
muß es aber gewefen fein, baS im Wat unb in ber 'Bürgerfdjaft fidj
betätigte, fief) auf neuem Boben eine £)eimat gründete uub in titrier
Seit bort Buftäube fdjuf, bie Ijutter ben älteren im SKeften Teutfdj
lanbs wenig ^urüdgeblieben fein mögen. Tas ^auptuerbienft wirb
ber .ttörperfdjaft aiijiifpredjen fein, ber bie ßeitiuig ber ftäbtifdjen
ülngelcgeiiljeit gufiel.
Taß ber Slot ber Stabtgcmeinbe fidj erft allniäljlidj aus bem
Sdjoffeiitollegium entwidelte unb 311 einer felbftäiibigcn Storporation
mit 'Bürgermeiftern an ber Spitje ausbilbete, Ijaben wir bereits
gefeljcii. (Es fdjeinen jjunädjft 2 Bürgermeifter gewefen 31t fein, bie
elften mit biefem Titel urtiuiblidj be3eidjncten finb Bordjarb Swinenfe
Ser Slot.
49
unb Hermann uon ber £ippe im Qaljre 1345. Über bie SSafjI ber
Statsmitglieber wiffen wir auS biefer nur, baß fie, wie bereits
erwähnt worben ift, am 1. fOlai erfolgte. SBäljrcnb fie gunächft auf
ein Qfaljr geftf)el)cn gu fein fdjeint, bahnte fidj nad) unb nad) ber
Srand) an, bie SJlitglieber auf ßebenSgeit gu wählen, an bem
beftimniten Sage (bent 1. SJlai) nur bie notwenbigen Sleuwaljleti
uorguneljmen unb bie Ämter gu verteilen. BJir fdjliefjen baS erfte
ans ber Satfadje, baff eingelne Slatsherren eine längere Steiße oon
fahren faft regelmäßig wieber uorfoninien, wo foldje urtimblidj
genannt werben, g. 8. Arnolb Sagtnil)! uon 1304—1323, 3foßanneS
uon Brätel 1317— 1334, Bernßarb Scßele 1316—1322, SBerner
SteinßuS 1317—1334, Sobelo Rouener 1320—1326, ber oben
genannte Borcßarb Swinenfe 1327—1345, QoßanneS fpölilj 1327
1346, £jeinricß XÖader 1338—1345, ißeter £>oneSben 1327—1331,
SSerner Söitte 1331—1338 u. a. m. greiltd) barf babei nidjt uer»
fdjwiegen werben, baß bie urtunblicßen (Erwähnungen uon Slawen
ber StatSßerren redjt feiten finb, gewöhnlich werben nur gang allgemein
bie domini consules civitatis genannt. SUS folcße ftellen fie entweber
für fid) Urfunben aus unb uertreten allein bei (Eintragungen in baS
Stabtbud) bie Setneinbe, ober fie werben gttfamnien mit ber Bürger»
fefjaft (meinheit), bisweilen aud) mit ben Sdjöffen unb Silben (1346)
genannt. Qtt bem älteften erhaltenen Stabtbudje, uon bem nur
biirftige Stefte auS ben fahren 1305—1314, 1324—26, 1344—46
unb 1350—52 auf nnS geformten finb, treten bie StatSl)erren erft
feit 1345 häufiger auf. (Es enthält (Eintragungen ber freiwilligen
Seridjtsbarteit über Auflaffungen uon Käufern ober Stenten, Befiß»
Übertragungen, Verläufe unb SSieberfäufe, Abtretungen uon Bcfiß-
anteilen aud) an Sdjtffen, uormunbfdjaftlid)e Beftimmungen u. a. m.
(Biefe Alte finb an ben Seridjtstageii, bie regelmäßig alle 14 Sage
am fUlontage abgeßalten würben, uor bent Scßöffentollegium uollgogett
worben. Anbere Stabtbüd)er, bie Silagen ober „Begiftinge" (b. ß.
Scßciituiigcii) enthielten, finb nid)t ntel)r uorßanben. Saljcr tonnen
wir uns uon ber AmtStätigfeit beS States in biefer 3^1 fein HareS
Bilb machen, eS ift aber ungweifelßaft, baß er nicht nur Berwaltungs»,
fonbern in gewiffen Sadjett auch SeritßtSbeßorbe war.
Sonft hatten bie Schöffen bie niebere Seridjtsbarteit ber Stabt
unter bem Borfilje beS Schultheißen. ®iefer würbe uom flanbeSßerrn
beftellt, bod) fdjon 1319 feßeint einmal ber Siat ben Bcrfud) gemad)t
gu ßaben, bas Sericßt eigenmäd)tig gu befetjen. Ser £>ergog uerließ
baS Amt an eilten Bürger als erblüßeS ßeßn. Boni Anfänge ber
beutfdjen Stabt an befaß eS bie gamilie Baruot. Am 24. April
VSe^rmann, von Stettin j
50 '3>aß grfjuljtiißeiidjt.
1321 beleljnte .fjjergog £>tto I. ©ernljarb Sdjele unb feine Geben mit
bem Sdjulgengeridjte unb mit ber Sdjitlgenftraße in ber SBiet oor
ben ©lauern ber (Stabt (Stettin. Qu biefer (Straße auf ber Cbetioief
lag ber Sdjulgenljof, ein erblidjeS ßeljn be§ Sdjultljeißcn, unb fie
unterftanb in Souberljeit feiner perfönlidjeii QuriSbictioit, tuäljrenb
fonft bie Sdjöffen als llrteilfinber iljm gur (Seite [tauben. Sim 8. ^funi
1334 ertjielteu bie Gebrüber ©eter unb Qfoljaiin ©htffow ba§ (Stettiner
Gcridjt mit ber Sdjulgcnftraßc gu erblidjeni ßeljn, unb im ©efitje
biefer gamilie ift es Qaljrljnnberte fjinburcf) geblieben. Üöie bie
Sdjöffenbant befetjt mürbe, ift fiir biefe Seit meßt betannt, inbeffen
bürfen wir anneljmcn, baß man batb begann, fie aud bem Statd=
follegium 31t bilben. Sie Giiitünfte au§ ben Strafen (broken), bie
gumeift in Gelb beftanben, lauten gu einem Sattel bem Sdjultljeißcn,
gu groei Seilen bem ßanbesljerrn gu. Gs ift aber fdjon erwiiljnt
worben, baß ber $ergog gu einer nidjt nciljer gu beftimmenben Seit
feinen Slnteil am Stabtgeridjte bem State oerpfänbet ljatte, baß biefer
e§ aber 1346 iljm wieber einlöfen mußte. Siem Sdjulgengeridjte
waren guftänbig bie Straf= unb Sioilfadjen ber Bürger untereinanber,
bodj feilten aud) Ijergoglidje ©a)allen wegen SJtorb, ljanbl)after Sat
unb in Silagen, bie fie mit ben ©ärgern wegen Srfjulben [jatten,
nad) einem Ijergoglidjen ©rioileg uon 1307 fidj uor bem Stabtridjter
ftellen. Grunblage fiir bie Siedjtfpredjiuig biente bad alte
©lagbeburger Stedjt, ber Siat ljatte aber bie ©efugnid, mit .ßuftim
mutig bed ßanbedfürften Siedjtsgrunbfätje unb Honftitutionen für bie
Stabt aufguftellen. So finb foldje g. ®. für bad Grbredjt bereits
1305 erlaßen worben, in benen namentlich ©eftimmungen über bie
„©abeleue", b. Ij. ben Slnteil ber £>inter(affenfdjaft, weldjer ber
nädjften weiblichen ©erwanbten gufällt, getroffen würben.
3u ber (Semeinbe im engeren Sinne gehörten bie ©ärger, bic
gu ©ürgerredjt in ber Stabt faßen. Um bied gu erwerben, mußten
fie ötiiubbefilj ljaben, einen Gib fdjwören unb iljre ©amen in bie
'Jlolle ber ©ärger eintragen [affen, wofür eine Abgabe gu galjlen
war. $n bem Gibe gelobten fie, bem State treu unb geljorfam gu
[ein, ftetd bad ©eße ber Stabt im Sinne gu ljaben unb alle Slbgabeti,
fowie Sienfte gu leiften, bie geforbert würben. SaS älteftc erljaltene
©ürgerbudj, in bem bie Stauten ber nett aufgenommenen ©ärger
uergeidpiet würben, beginnt erft mit bem Qaljre 1422. Sie ©ürger-
fdjaft ergängte fid) entweber burdj ©ufnaljme oon ©ürgetföljnen ober
burdj Buwanberuitg, unb gwar gefdjalj e§ in ber älteren ljoupt
fädjlid) auf biefem ©Jege. Sie große ÜÜU Slamen, bie in beit
Gintragungen bes früljer erwiiljntcn Stabtbudjes oorfommeti, ermöglicht
$einiat bet älteften (Stettiner ©ih'ßtr.
51
e§, einigermaßen eine Sorftellung bavon 311 geben, woljer ber ununter»
brodjene Strom oon Ginwanberern nad) Stettin tarn; er fdjeint um
1300 gang befonberS ftnrf gefloffen gu fein. Sian erleunt, bafj
förntlidje SlttSwanberergüge aus einer unb berfelben Gegcnb nadj
Oftcn gegangen finb. Sius bem iDeftfcilifcfjen Gebiete um £>amm,
Tortmitnb, Slünfter flammen befonberS galjlreidje Familiennamen,
bie mir in Stettin treffen. ©S fann nidjt Bufall fein, baß bort fid?
niebcrlaffenbe ßeute nad) Serge, Slünfter, Unna, Dortuumb, ©eoern,
Sedlingtjaufen, SSirbingtjaufen, Soeft, SSarenborf, Sllfen, (äffen, $agen,
©odjum unb oielen anberen in jener Gegeitb gelegenen Orten benannt
finb. Stad) bem öftlidjen SSeftfalen weifen Samen, wie $Ö£ter, §erforb,
Siinbc u. a., aber audj ans bem Silben ftammenbe Samen finben
wir in Stettin oertreten. Gewiß läfjt fidj nidjt in jebem einzelnen
Falle beftimmt behaupten, baß ber Same gerabe oon biefem weft»
fälifdjeu Orte fjerrüljrt, befonberS wenn eS fidj um fjäufiger oor=
fommenbe Slawen Ijanbelt, aber baß enge ©egiefjiingen gwifdjen ber
Stettiner ©ürgerfdjaft unb SBeftfalen beftanben, bafiir gibt es nod)
ein anbereS Zeugnis. $m Ffaljre 1344 vergiftete oor ben Stettiner
Sdjöffen Sodjer oon ßinbe (<le Tilin) anf baS oäterlidje ©rbc, baS
et in SÖeftfalen ljatte. ©in anberer Siirger wirb erwäljut, beffen
©ater in ^ertogenbofdj (in buscho ducis) in ben Sieberlanben woljnte.
'Jlus ben Gegenben am SHjeitt (bortfjin weifen and) Samen wie
Duisburg, Köln, Seuß) unb weiter befonberS auS bem eigentlidj
nieberfädjfifdjen Gebiete, aus ^januoocr uub ©raunfdjweig, fowie
auS ber SHtinarf unb bem Slagbeburgifdjen finb feljr viele Siirger
nad) Stettin getonnnen. ©S mag genügen Samen gu nennen, wie
©rannfdjiveig, ©reinen, ©eile, Dannenberg, GoSIar, Göttingen, £)iIbeS=
beim, Slagbebttrg, Cfterburg, OSnabrütf, Ofterwiet, Salgwcbel, Stol«
berg, Stabe, Steubal, ©Serben u. a. m. Slnbere ©inwanberer Ijaben
iljre Samen von näljer gelegenen Orten in Sledlenburg ober Komment
felbft übernommen. öS ift inbeffen nidjt möglid), an biefer Stelle
bie gcfaniten älteren Stettiner Familiennamen gu beljanbeln. So
viel floßt aber feft, baß bie grofje Stenge ber Stettiner Shirgerfdjaft
iljre itrfprünglidje Heimat in Söeftfalen unb Slieberfadjfen ljat, bafj
von bort Fabrgeljnte lang ein Sugug nadj Stettin erfolgt unb für
lange Seit ber Sitfammeidjaug aufredjt erljatten ift. 53ir. finben in
einer gangen Steitje oon roeftfälifdj-meberfädjfifdjeu Stabten, in Soeft,
Jameln, ßünebnrg, £jauun u. a., biefelben Fantiliettllai|tc,t wie i'1
Stettin, wobei freilidj nidjt immer an einen unmittelbaren Snfam-
menljang gu beulen ift. F>ir ßübed, mit bem Stettin ja in enger
Serbinbung ft iitb, ift auf biefe Datfadje bereits Ijingewiefen worben,
4“
52
DaS $anbwert.
unb äljnlich fteljt eS mit IHoftod ober SöiSmar. ilni frfjliefjlidj baS
Jöilb oon ber äitfainintnfejjung ber Sürgerfdjaft nodj 31t erweitern,
mögen Stauten wie Däne, Döring (Thuringus), Briefe, golfte, 9iorb=
manu, %JoIe, SBenbe, SBeftfal, ißreufee (nad) Cften weifen and) Slameit
wie Dl)orn nnb 9tiga) ober oon ^lüffen berge!eitete, wie von ber Gelbe,
ber Sippe, bem Stbein, ber Söefer, genannt werben. ®S ift ein bunteS
ihlb, bas nnS bie Slawen bet ©ürgerfdjaft barftellen, aber im leisten
©rnnbe ift es bodj einbeitlidjer, als eS junädjft ben Slnfdjein ljat.
Wahrung nnb Unterhalt gewannen viele Bürger, wie bereits
bervorgcljoben ift, au§ bem .fjanbel unb Serteljr. hierauf beuten
audj Slainen sbeseidjuungen, wie Kaufmann, £jafe (=•= £>öter), At'rämer,
$elltoper ober ^ubefoper ( ^äutefäufer), Slleiberfcller u. a. bin.
hierbei fanben and) Scrbienft ßeute, bie als guljrmann, Jloggen=
meifter, ftaljnfiibrer, GdjiffSbauer (liburnifex) bezeichnet werben. SJlit
bem .ftanbel waren eng verbuvben bie (bewerte. Qm älteften Gtabt=
budje finben wir eine grofje 3aljl von allen möglichen $anbwertem
erwäljnt. bunter fReiljenfolge feien genannt gleifdjer, Siider
(Sludieiibäder, fRoggenbätfer), Srauer, Wliiller, I?od), Gchnneb (Solb
fdjmteb, SJlefferfdpnieb, ftupferfdjmieb), Gdjwertfeger, Sarbier, Döpfer,
ftannengiefser, Gdmffelmadjer, fieffelflider, ©rapengiefjer, Jliftennuidjer,
genftcrinadjer, Xöollwcber, Dudjfdjerer, ©erber (Sßeifjgerber), il'iirfdjner,
Sticmfdineiber, Dafdjenmadjer, Gdjneiber ober Gdjröber, ßeinwanb*
fdjneiber, Wepfdjleger (•= Geiler), SJlaurer, ßetpnbecter, Zimmermann,
Gteinbriirfer ( *pflafterer), '.ßergamentenmadjer u. f. w. Stuf baS
Sorljanbenfein mancher ©ewerte beuten and) bereits Gtrafjennamen
au§ ber älteren Jeit. iöenn fid) £janbwerter in (Stettin nieberliefjen,
fo traten fie unsweifelljaft, fo wie eS Stand) in itjrer weftlidjen
.ßeunat war, and) halb gu Innungen unb ©ilben äufammen, befonberS
nadjbem ber neuen ©emeinbe baib nad) 1243 baS Sledjt verlieben
worben war, foldje 311 bilben. Die Säder von Stettin werben bereits
1277 in einer Xöetfe erwäljut, bafj man an eine ©ilbe benten fanit.
Die TVleifdjer erbielten am 13. Dezember 1312 vom Gdpiltbeifeen,
Gdjöffen unD 9tat eine auSfiibrlidje Stolle. 9Benn ihnen hierbei
aufjer einem Gdjladjtbaufe nidjt weniger als 56 gleifdibäntc in ber
Gtabt eingeräumt werben, fo ljat man barauS auf bie SlnSbeljnung
biefeS ©ewerbeS unb audj auf bie Zaf)1 fcer Sevölterung gefdjloffcii.
©s ift jeood) vorfidjtiger biefen Gdjlufj nicht 311 Rieben, ba bie 7?leifd)er
fidjer nidjt nur für bie Sewolpier ber Gtabt, fonbern aud) fiir bie
bort vertebrenben gremben tätig waren. Vlufjcrbem wiffen wir nidjt,
ob alle bie gicifdjbäntc regelmäßig in Senut}uitg genommen waren,
©nie jweite ©ewerberolle ift erhalten vom 1 Cttober 1313 für baS
®ewerfe.
53
?(nit unb BJert ber „Grofischmcde und Kleinschnwde, Schwerthfcgcr,
Messerschmede, Nagelschmede, Grapengeter, Koperschmcde und
Pantzermaker etc.“; banadj füllen ljöd)ftenS 14 fflrob» unb 10 .ft'lcin
fdjmiebe in ber Stabt tätig fein bürfeit. ßine Dtolle ber ft'iirfdjncr
ftammt aus bem Qaljre 1350. U'urg crwäljnt merben bie Briiber»
fdjaften ber SBollweber (1310), ber £ud)mad)er (1325), ber Segel»
madjer (1351). Seiuifj haben and) aitbere ©ewerte fdjon banials
fid) mit beftimmten Statuten unb ©rbnimgen organifiert, ja biefe
©ilben fdjeinen bereits einen gewiffeu ©iitflufj in ber Stabtoerroaltung
gu befitjen, werben fie bodj in bem Vertrage non 1346 neben Sdjöffeu
unb fRat auSbrüdlid) erwähnt. Tanadj ift es waljrfdjeiitlid), bafj bie
9llterlcute beftimmter ©ewerte bereits bamals in widjtigen 'Jingo
legenljeiten mit gur Beratung (jeraiige^ogeii würben. 'JBir biirfen
basfelbe woljl aud) fiir bie Dtlterleute ber Kaufmann Brüberfdjaft
annefjmen, bie, wie erwähnt ift, guerft 1310 genannt wirb. Dieben
i^r gewann balb befonbere Bebeiituug audj bas ?lmt ber ©ewanb»
fdjneiber (b. fj- ber Üudjfjänbler), baS 1350 t>om 9iate Statuten
erhielt. 2llS ein befonberS widjtigeS ©ewerbe ift bie J^ifdjerei gu
nennen, bie entweber IjanbwerfSmäfjig betrieben würbe ober oon ben
Bürgern nadj altem fRedjte felbftänbig auSgeübt werben tonnte. Bor
allem aber ift nidjt gu iiberfeljen, bafj ber lanbwirtfdjafthdje Betrieb
nod) in ben Stabten bamals einen bebeutenben Umfang ljatte. $eber
Bürger trieb aud) in gewiffem Umfange Sldcrbau, ba er feinen Dlnteil
an bem Stabtfelbe auSnugte. Ob bieS als Sllmenbe in gemein»
fchaftlidjer Dlutjimg war ober in einzelnen Stüdeu bebaut würbe, ift
nicht flar. daneben ljatteu oiele Bürger audj in ben benad)bartcn
Sörfern eigenen ober ^ßadjtbefife unb trieben als „Bauleute" Slderbau
unb Bieljgudjt.
Dieben ben Bollbürgern woljnten in ber Stabt natürlidj audj
ftrembc ohne Bürgerredjt. ®ieS befaßen audj nidjt bie gilben, bic
1261 in Stettin erwähnt werben unb baSfelbc Dledjt wie in DJlagbe»
bürg genoffen, fowie bie Slawen ober Söenbeu. ®ic wenigen Dladj»
tommen ber alten Bewohner bes wenbifdjen Stettin, bie nicht in ber
neuen beutfdjen Beoölferung aufgegangen ober auSgewanbert waren,
hatten gumeift ihren DBoljnfitj in ben Slnfieblnngcn vor ber eigen!»
lidjen Stabt genommen. ?llS butenlude woljnten fie in ben beiben
Briefen unb waren, wie eS fdjeint, gumeift als fjifdjer tätig. Sogial
unb redjtlidj waren fie oon ben Bürgern gerieben, biefe faßen fie
bereits wie eine nicbere ft'laffe von DRenfdjen au.
®ie Stabt felbft war, wie ergäljlt worben ift, auS gwei teilen,
ber Qfatobi» unb Dlifolai-Slnfieblung, gufammengewadjfen. ^fm 3abrc
54
Sic Dlauer unb bie Sore.
1309 itnterfcfjieb inan gwifdjen einer Den- unb Slltftabt, ber alte
SERarft (1310) war ber heutige 9iofj=, ber neue Dlarft (1306) ber £>cit
warft. 9US britter Scgirf fam ber alte Surgwall (jingu, ber inbeffen
gum Seil bem Somfapitel non (5t. Diarien, gum Seil bem gjergoge
gehörte unb nicht ber ftäbtifdjen (Heridjtsbarfeit unterftanb. Sic
gange (Stabt war non einem Srabeit (1278) unb einer Dlauer
umgeben, bereit Sau bereits oor 1283 begonnen worben war.
1286 fetjte ber Dat eine Süße oon 100 Dlarf (Silber feft ad opus
civitatis, worunter wir nur ein fo großes Unternehmen ber ©cmcinbe
oerfteljen rönnen, wie eS ber Dlauerbau gewefen fein muß. Tiefe
ältefte Diener batte benfelbeit Verlauf, wie bie fpätere mittelalterliche
(Sie begann an ber Cber etwa bei ber Saumftraße, ging am Sllofter=
ljofe bic^jt beim (Schlöffe hinauf, ben SönigSplatj nnb Sarabeplatj
entlang, fo baß bie eigentlichen Ißlälje cbenfo wie ber (Sdjloßgarten
als (Stabtgraben braußen lagen, bog bann in ber Segcnb beS Dofen-
gartenS um unb erreidjte etwa bei ber SUoftcrftraße wieber bie Cber.
2ludj an biefer entlang würbe früh eine einfache Dlauer, oielleidjt
nichtiger als bie (Stabtmauer, aufgefiiljrt. Set flehte (Stabtteil auf
bem rechten Cberufer war woljl nidjt befeftigt. Son Soren werben
in ber älteften 3eit erwähnt baS Dlühlcntor (1268), baS an bem
(Silbe ber Dliiljlcnftraße (1305), ber heutigen ßuifenftraße, ftanb, baS
.£>eilige=®cift=Sor (1306) an ber (Siiboftede ber (Stabtmaiter, baS
Paschardi-Sor (1307), baS fpäter in Serftümmelung biefeS nidjt gu
ertlärenben DamenS als Saffower unb Saffauer begcidjnet würbe,
unb fchheßlidj baS grauentor (1307) bei bem grauenflofter im
Dorben ber (Stabt. Son ben Heineren SBaffertoren ragten ßabe=
briiefen in bie Cber, bie für baS Anlegen ber (Sdjiffe bei bem
Diangel eines feften SolIwerfeS notwenbig waren. (Genannt werben
bie (Schneiber- (1302), Dlittwod)S= (1306), £>one§beiiS- (1307), gifdjer
(1308), fiiiter (b. h- Sleifdjer 1310), S«Peu= (1311) Sriicfen, bie
iljren Damen entwiber oon fSamilien ober oon (Stäuben erhalten
haben. Über bie Cber füljrte bie bereits erwähnte lange Sriide.
$n ber (Stabt fclbft erhoben fidj bie Käufer gum großen Seil nodj
auS £>olg gebaut; ber Sefitjer eines (Steinljaufes befam banadj feinen
Damen (Stein ober öohenhauS. Deben ben großen, befonberS in
bie Siefe fidj erftredenben Gerben (hereditates) ftanben fleinere Suben
(1325 cramboden erwähnt). Son größeren Sauten werben außer
ben tirdjudjen im erften ^fahrhunbert beS beutfdjen (Stettin genannt
baS ftaufhauS (theatrum), baS gn erridjten bie ßlemeinbe bereits
1245 bie (Erlaubnis erljiclt unb aus bem allmäljlidj baS DathauS
ftwudjs, bas (Schlachthaus an ber Juiterbvürfe (1312), bie (Jkifdj’
Tie Straßennamen.
55
unb Srotfdjarren (1307 unb 1351), bic Sliinge (1309), bas SelUjauS
(1325), baS ginn Sßerfoitfc namentlidj audj uon ^ifdjcn im kleinen
beftiuimt war, ein griidjteljauS (domus frugum 1325), bie Slawen»
[taue (1305), Spegelftovc (1344), ißapenftoue (1345), ebenfo wie bie
Stooe ber SBollweber (1310) Sabeftnben, bie fid) großer Seliebtljeit
erfreuten, bie Stoßmüljle (1306), bie Slpotßefc (1345), bie Stabtroage
(1350), bie Silberljüttc (1350). Tie Straßen waren redjt eng unb
gum Teil in fünften .Urummnngen angelegt, oft in ber SBeife, baß
bie eine nidjt unmittelbar bie ^ortfeßuug ber anberen war, fonbern
ein wenig fcitroärtS oerfdjoben fortlief, ©epflaftert ober, wie eS
bamalS ljieß, gebriidt waren bie Straßen nidjt, IjödjftenS mit Sdjritt
fteiuen verfeljen, bamit bie ßeute nidjt in bem argen Sdjmuß oer»
faulen. Tiefer war befonberS groß, weil fcljr oiele Sürgcr Sielj
hielten, ba§ fid) gum Seil ungeftört auf ben Straßen Ijerumtriob.
SereitS redjt frittj tarnen Slawen für bie Straßen in Olcbraudj. Sic
finb gum Teil non .franbwertern ßergenownien, wie non ben SBoll«
webern (1306), Sauleuten (1306), iTnodjenljaitern (1306), Sdjmieben
(1306), .fraten (1345), (SJrapengicßern (1351). friergu tonnen wir
aitdj bie Sättel (1306) unb s^apen=Straßc (1345) redjnen. Sladj
Familien finb benannt bie Soßmann» (1306), froneSbcn» (1311),
SUlittiDodj (1306), Tännebier=Straße (1325). Sluf Ijeroorragenbe
Sauten ober befonbere ©rtlidjteiten weifen ljin bie Surg» (1305),
Stühlen (1305), iRoßmäljlen- (1306), Ober» (1306), Toni» (1307),
graiten=Straße (1309). Sonft finben wir Segeidjnungen, wie bei
St. SlifolauS (1305), bei bem Tom (1306), bei bem ^atobitirdjßofe
(1306), bei bem Sllofter (1308), bei ober auf ber Surg (1308), oor
bem freiligen=65eift Tore (1308), bei ber langen Sriicfc (1309), oor
bem Safd)arbi=Tore (1309), bei ben Slinoritcn (1308), beim Saum
(1324) u. a. m. genier mögen nod) erwäljnt werben bie breite
(1306), bie furge (1306) Straße, ber Siöbenbcrg (1306), ber .fragen
(1306), ber ©algenbcrg (1311). Tagu tommen bie nadj gifdjen
(1306), .freu (1325) ober ftoßlen (1345) benannten SFlärtte. Tiefe
Slawen geben uns gugleicß eine SorfteHung oon ber Sebauung beS
innerhalb ber SJlauern liegenben Sebietes unb laffen uns ertennen,
wcldje (bewerbe, gamilicii unb Örtlidjtciten al§ befonberS bebcutfaw
aitgefeljen würben.
Sor ber Stabtniauer lagen bie bereits erroäljntcn ©ber« uub
Unterbiet, wo fidj aud) ein ftirdjhof befanb, fowic am anberen Ufer
ber ©ber bie ß oft ab ie. Tie bort rooljnenbcn Siirgcr unterftanben
nidjt bew ftäbtifdjen Sdjöffengcridjte, fonbern einer eigenen WJeridjtS«
bcljörbe, bem ßaftabifdjeu Qleridjt, baS mit einem IRedjtSvogt unb
56
SBerMjr.
Sdjöffen befetjt war. 9iad) ber £jöfje 311 lagen bad Stabtfelb unb
gahlreidje ©ärten, — ein ©arten ber 9loniteit wirb 1310 erwähnt
— in benen fogar SBein (1278 fonnnt ein Weinberg bei Grabow,
1314 einer auf ber Oberwief vor) unb £>opfen gebaut würben. ®ie
SRüljlen würben burd) Söaffer getrieben, boch wirb 1352 aud) eine
SSJinbmiiljIe erwähnt.
3n ber Ober nidjt weit non bem ®aum, ber gugleid) als Wehr
unb als (Störfang biente, befanb fid) bie Sßferbefdjwemme. Sin ben
Gabebrüden legten bie Schiffe, Sloggen, Schuten, ißrähme, Hähne an,
tuben unb löfdjten, wobei bie alte fträgerbrüberfdjaft SIrbeit unb
Serbienft fanb. gwifdjen ber Stabtinauer unb bem bluffe führte
nur ftellenweifc ein fdjmaler Weg entlang, bie Waren mußten burd)
bie Wafferpforten t)erau§= unb Ijineingetragen werben. '.Much bad
gcgenüberliegenbe Ufer, an bem fidj halb Speicher erhoben, fowie bie
'Uarniß würben gum Vlnlegen oon Schiffen benutjt. ®ie gangen
.frafenanlagen waren noch fehr bürftig unb einfach, unb bod) lag auf
bem Waffer fdjon bamals bie gufunft ber Stabt. ®ort fpielte fid)
ein großer Seil beS bürgerlichen Gebend ab, bort ljanbelte ber Wauf=
mann mit bem Sdjiffer, ber ihm Waren gubradjte ober fortführte,
bort würben bie ©efdjäfte mit bireftem Häuf ober SSerfauf abgemad)t,
bort legten bie 3?nhr3euge ber gremben an, bie in Stettin Slieberlage
halten mußten, gaft alle Bürger, Haufleute, ^aten, gifdjer, £atib-
werfer, waren an bem '-ßerteljr, ber fid) hier abfpieltc, mehr ober
weniger beteiligt, GtemeinfameS ^ntereffe uerbanb fie alle unter fid)
unb mit ber gangen Gemeinte. Oft mag eS bennodj babei gu heftigen
Streitigleiten, ja gu Gewalttaten getommen fein; eS war ein gu
Stampf unb Streit geneigtes ®efd)led)t, bad nidjt lange gögerte gur
'Waffe gu greifen. Silur wenig taffen und baoon bie Slufgeidjnungcii
bed älteften Stabtbud)es ertennen, in benen bisweilen Sühnen wegen
eines 'JJlorbed ober 'JJergleidje bei Streitigleiten befonberS oon SJlachbarn
über ben druppenval (Traufe) ober bad glint (ben Bonn), gumeift
aber frieblidje Gefdjäfte ocrgeidjnet finb. SSir tonnen und oon bem
eigentlidjen Geben unb Treiben ber alten Stettiner fein rcdjtcs Wlb
entwerfen, wenn wir nidjt unfere Sßljcintafie gar gn frei walten taffen
wollen, hätten fie barualS, wie in anberen Stäbten, eine Ghromt
führen laffen ober hätten bie fpäteren Gefdjledjter bie alten Stabt=
unb Söiirgcrbüdjer beffer aufbewal)rt, wir tonnten heute Stettin unb
feine öürgerfdjaft oon 1250 etwa bis 1350 in gang anberem Gidjte
crblirfcn, als eS und möglich ift.
Jrotjbem fetjen wir nicht ohne SBewuiiberung, was bie Stettiner
in jener ^eitepodjc geleiftet unb gefdjaffen Ijobcn. ®ie Stabt ift neu
Tit Kirchen.
57
angelegt, mit Wanern umgeben, gar inandjeS öffentlidje Sebäube erridjtet
unb allmäljlidj auSgcbaut worben. Vor allem aber ift bamalS audj
ber Srunb gelegt worben gu ben großen Kirchen, Kapellen unb
Klöftern, bie auf lange 3^’it Stettins fonberlidjer Sdjnuicf unb
Stolg waren, greilid) bat bie Vürgerfchaft bieS nidjt alles aus
eigener Kraft gefdjaffen, .ftergog uub Sifdjof, geiftlidjc Korporationen
unb Crbeu Ijaben mitgewirft. Sille fudjten burdj Stiftungen unb
Sefdjente fidj ein Serbienft um bie Kirdje gu erwerben, fpenbetcn
gern gtt ben SSerfen praftifdjer grömmigteit uub ftellten fidj unter
beit Sdjutj eines ^eiligen bei allen Sefdjäften beS tiiglicfjen Seberts.
23ar ^atobuS, beffcn Kirdje auf ber $ohe waljrfdjeinlidj fdjon um
bie Witte beS 13. ^aljrljiiiibertS als ftattlidjer Steinbau in bett
formen bcS gotifchen Stiles mit 3 Sdjiffen inib 2 Türmen auf
geführt würbe, ber Patron ber ^remben unb ißilger im allgemeinen,
fo verlieh St. SlitolauS ben Schiffern unb Scefaljrern feilten befoubereit
Sdjulj. Taljer erhob ficfj in allen Seeftäbten eine iljm gewciljte
Kirdje, unb bie Stettiner, bie einftmalS auf bem heutigen netten
Wartte ftanb, würbe waljrfdjeinlidj fogleidj bei ber Slnlage ber beutfdjen
Stabt errichtet; fie wirb fretlidj als Kirdje nidjt oor 1305 urfunblidj
erwähnt. Sott Slnbeginn an ftanben 3lat unb Kaufmannfdjaft gu
ihr in engem Verljältniffe, fie befaßen bort ihre Kapellen unb Slltäre
unb waren bei ber Dotierung unb ©rljaltung ber Kirche befonberS
beteiligt. Sie übten fdjon früh 01If bie Kirdjeiwerwaltung Siiifluß burdj
iJJrooiforen auS, bie bereits 1344 erwäljnt werben. 3U Satobi unb
Slifolai tarn in ben norbbeutfrfjen Stabten St. Warien. ^n Stettin
war, wie bereits erwähnt, bie iljr geweihte Kirdje eine Stiftung beS
.fjjergogs Varnim I (1263) unb gwar bie vorneljinfte, bebeutenbfte unb
reidjfte geiftlidje Stiftung ber Stabt. Sin ber Warien firdje erhielt
baS bereits 2 Oaljre früljer gegrünbete Tom» ober Kollegiatftift feinen
Sitj unb fein SottesfjauS. (£S beftanb auS 12 Witgliebern, bie unter
ber Seitung eines ^ropfteS bie SotteSbienfte in ber Kirdje abguljalten
ober iljiu burdj iljre Teilnahme Slang gu verleihen Ijfltten. TaS
Kapitel erhielt teidje Sdjentintgen, fo baß eS halb in großem Umfange
Srunbbefitj ober grunbljerrlidje SRedjte in ber Umgegenb von Stettin,
in bem ißrjritjer Sanbe unb an anberen Orten befaß. Ter tropft
betam bie Vefngniffe beS SlrdjibiafonuS, b. h- be§ Vertreters beS
VifdjofS, in Stettin mit bem JRedjte uub ber Vfliäjt bie geiftlidje
Seridjtsbarteit bort gu Ijaubtjabeu. Ter ftäbtifdje Vefitj ber Kirdje,
bie halb' ftattlidj aufgebaitt worben gu fein fdjeint, umfaßte ßaicpt»
fädjlidj baS Sebiet beS WarieuplaßeS, wo baS SotteSljauS ftanb,
mit ben baranftoßenbeii Straßen, bie nadj beut Toni benannt würben»
58
Tie Äßfter.
Tag Kird)fpicl [taub nidjt unter Stabtrcdjt, bie Bewohner hnttjcn
nidjt bic IHed'te unb ißflidjten brr SBiirger, fie fafjen auf ber Kird)en«
freiljeit. TaS Heinere, aber ebenfalls halb reich geworbene (St. ©ttcn»
tapitel, baS .^erflog Sarnim III. 134<> bei ber non ber Stettiner
Siirgerfdjaft ßur Strafe erbauten Kapelle aut fürftlidjen £jaufe eiuridjtete,
ftanb in einem engen ^ufammcnljaMge mit bem von St. SJlarieu.
9?eibe cjeiftlicfje Xtörperfdjnften gewannen im geiftigen unb geiftlidjen
fleben Stettins eine große SBebeutung, oiele aiigefefiene unb tüdjtige
SJlänner auS bem Slbeb unb bem IBiirgerftanbe gehörten 31t ihnen.
SBalb bcfamen bte Tomijcrren, als fie iljr Kapital an (Selb nutzbar
angulegen begannen, Gtuflnf? and) auf baS wirtfdjaftlidje flehen ber
Slürgerfdjaft. Tie Tomtirdjen würben eine (Selbmadjt, bei ber Hlat
unb Siirger in ber f}orm oon Btentenläufen Sütleiljen aufnaljmen.
Tie aufgefiifirten wer Kirdjen, St. ^atobi, St. 'Jlifolai, St. SJlarten
unb St. Ctten, waren bie GotteSfiaufer innerhalb ber Stabtniauer,
nur bie beiben jjuerft genannten aber ißfarrlirdjen mit Wemeinben,
bie beiben anberen hatten feine eigentliche Gemembe. G? ließen aber
bie Tomljerren oon DJlarien bie SBewoljuer ber ßaftabie geiftlidj per«
forgen. Gine ^ßfarrlirdje war bagegen bie unmittelbar oor ber Stabt
liegenbe IßeterStirdje, 31t bereu Sprengel bte Unterwirf unb bie nahe»
gelegenen Törfer an ber Cber gehörten. Sie war recht eigentlich baS
(SotteSfiauS her Sifdjer, bie fiter ihren geiftlidjen SJlittelpunft hatten.
Tie beiben großen Klöfter, baS ber grangistaner an ber Süb«
feite ber Stabt innerhalb ber 9Jlaucr gelegene (1240) unb baS ber
Bifter^ienferinnen (1243), baS biefit oor bem Stabtgraben im Slorben
lag, finb bereits erwähnt. Tie graugiStaner, IDlinoriten ober grauen
Srüber, wie fie hier meift genannt werben, hatten bie befonbere Sluf=
gäbe ber Seelforge unb ißrebigt unb erfreuten fid) bei ber Wrgerfdjaft
großer ^Beliebtheit, fobaß fie infolge reidjer (Sefdjentc iljr Klofter unb
iljre Kirdjc, bie heutige ^Yüfiniiniätirrfje, ftattlidj crridjten tonnten.
Ter frühgotifdje Gljnr ift wohl bereits um 1300 aiifgefiitjrt, unb an
ihn fdjloß fid) halb baS breifdjiffige ßanghauS an. ßlerabe bie an«
gefefienften (Sefd)led)ter, wie 3. ®. bie SBaroot, fdjeinen fid) früh 31t
biefem ßJotteSfiaufe gehalten unb bort ihre lebte Uiuheftätte gefunben 31t
haben. 'Vornehmer war bas Slonncntlofter ber Bifter^tenferinnen
oor ber Stabt, baS als eine Stiftung ber .§er,ugin SJlarianne fid)
großer GJiinft bei bem £jcr3og§haufe crfteute. Sßenn bie frommen
grauen, bie bort ben Scßleier nahmen, auch mancherlei Xßcrle ber
®armfier3igteit, '‘Pflege oon Krönten unb Sinnen, ocrridjteten, fo lag
bod) bie iBebeutung beS KlofterS auf anberem (Sebiete. GS erwarb
fehl’auSgebelmten (Srunbbefiß namentlich nn ber unteren £>ber, wo
®ie fjofpitäkr.
59
ber Slawe oon grauenborf nod) tjeute nn baS graucnflofter erinnert,
unb gewann fiter beutfdjcr ft'ultur nnb beutfdjcr Slrbeit ein grogeß
gelb. ®aß Scr^cidjniß ber ©iiter uom galjre 1312 ^eigt miß redjt
beittlicfi, wie weit fidfi ber Sefitj beß ß(öfters erftrcdtc unb waß bort
fiir Slnfieblung unb öewirtfdjaftung bereits geleistet worben war.
Cbft unb ©cmiifc», SSeitv uub £jopfenbau wnrbe uon ben JBögtcn,
Sdjul^en unb Sauern in ben .Oloftcrbnrfern eifrig getrieben. Ter
Sßropft nnb bie 9ibtiffin naljmen einen vornehmen Slang ein, bie
Slonnen felbft lebten in ruhiger Snriidge^ogeiiljeit. Um 1309 war
innn mit bem San ber neuen fteinernen Sloftertirdje befdjäftigt, fie
ergob fid) bnlb anfehnlid) mitten in ben Sebäuben ber ganzen ft'lofter
nnlnge, bie biß nn bie Cber rcidjte. Seidjtuater ber Slonnen wnr
ber Slbt beß 3iftcr,3ienfertIoftcrS Jlolbat), baß 1302 einen eigenen -fjof
nm gtöbenberg (nn ber Stelle beß heutigen ftäbtifdjcn Serwaftungß»
gebäitbeß) erwnrb. $ier fintten bie ft'olbntjer SJlöndje, bie oft nach
Stettin tarnen, iljr Slbfteigequnrtier.
Sei feiner nüttelalterlidjen Stabt fehlten ^ofpitäler jur Sflege
uon Slrnnfen unb flitr Slufnciljme uon gremben, unb gernbe bie
Siirgcr ber auf bem ftolonialboben gegriinbeten Stäbte liegen eß fidj
angelegen fein, bie ©lenben, bie fern oon ber Heimat weilten, für»
forglidj anfäuneljnien. 'Ser pflege ber 9litßfätjigen in erfter ßinic
bienten urfprünglidj bie St. ©eorgßhüfpitäler, bie auS gitrdjt oor
Slnfteduug uor ber Stnbt angelegt würben. ®aS Stettiner wirb jttni
erften SJlale 1307 urtunblid) erwäljnt, ift aber jebenfallß älter; eß
lag uor bem S°ftg°rbi=^Drc 3,lr Einten etwa bort, wo ijeute ber
Söietfdje Sl'ircfifiof fidj befinbet. Sicllcidjt ift baß St. ^fürgenfiofpital
bei einer fdjon älteren SRidjaelißtapeUc angelegt, bereu ißntronnt 1300
ber 'ißrior uon St. gafobi erhielt. SQIit biefer Stiftung ftnnb früfi
in engftem gufammenhang baß £>eiIig -©eifth o fpitn l, baS urfunb»
Iidj guerft 1295 genannt wirb. Sladj einer Eingabe füll eß ftfioit 1237
gegriinbet worben fein, wäre bann alfo bereits angelegt, alß Stettin
alß beutfdje Stabt nod) nidjt beftanb. ©ß lag unmittelbar uor bem
nad) iljm benannten Jore unb gatte glcidjfallß eine Kapelle. Seibe
Käufer erwarben burdj Sdjenfungen ein nidjt unbebeuteubeß ®er=
mögen, baß uon Srouiforeu verwaltet unb befonberS in .^njpotljefen
auf ftäbtifdjc ©ninbftürfe angelegt würbe. Söann baß britte Stettiner
^wfpital, baß ber heiligen fflertrnb, auf ber ßaftabie gegriinbet
worben ift, föunen wir nidjt angeben. 1308 beftanb eß, wie eß
fdjeint, nodj niefjt, unb bie Sladjridjt, baß bamalS ^ergog Ctto baß
Slirdjeiigebäube auf ber ßaftabie uollenbet fiafie, oerbient feinen
Glauben. Sßir gören erft im galjre 1402, bafj man au St. ©ertrub
ßo £>ie ®eiftlid)en unb bofi tivcfjlicfje ?cben.
baute. B»r pflege uub 9lufnatjme armer grember, namentlich aber
gu bem Bu'erfc, für ’hr Seelenheil unb iljr Begräbnis gu forgen,
bilbete fidj and) in Stettin eine fogenannte ©lenbenbrüberfdjaft.
Glenbe mürben bie ^retnben genannt, Schon 130*» wirb eine foldje
©cnoffenfdjaft ermähnt, iljr gehörte wohl ber ftrantenljof (curia
infirmorum), ber 1310 genannt wirb unb fid) oielleidjt fdjon au ber
Stelle beS fpäter fogeuannten BoljanniSljofcS an ber guljrftraße befanb.
(£s befanben fidj in Stettin nidjt wenige Kirchen uub geiftlidje
Stiftungen, unb ©eiftlidje, fowie ßaien waren bentüljt, fiir ihrer Blit=
menfdjen Seelenheil unb pflege gu forgen. ®ie Bühl ber Klerifer
war fdjon bamalS niefjt gering. 9ln St. ^Ynfübi war ber Sßrior mit
mehreren auS Bamberg gefanbten Blöndjeit, an St. Biarien unb
St. Otten waren bie Tomljerren, an St. BifoIaitS unb St. Beter bie
Bfarrljcrren tätig, ^b’ien ftanben überall Bitarc ober ülltariften gur
Seite. Sie hielten ben OlotteSbienft an ben Bebenaltären, bie in
allen WottcSljäiifern oon eingelnen Bürgerti ober Korporationen in
immer größerer Bohl geftiftet würben. Blt biefent SSelttlerus tarnen
bie Blöndje unb Bonnen, bereu Baßl wir nidjt abfdjäßen tonnen.
Wewiß flammte bie Bleljrgaljl aller biefer Klerifer in biefer Seit noch
auS ber ^rembe, erft allntäljlidj ergängte fiefj iljre 3aljl aus Familien,
bie im ßanbe einheimifdj geworben waren. Sie hoben ungweifelljaft
in nidjt geringem Blaße bagu beigetragen, beutfdje Kultur unb G5e=
fittung nadj Stettin gu oerpflangen. $hneti lag auch ber llnterridjt
ber Qugenb ob, unb eS liegen einige Slnbeiitungen oor, baß er
nicht gang oernacfjläffigt worben ift. ftreilidj finben wir foldje nur
in ber Srroäljnuiig einiger Sdjulmcifter, oon benen ber ältefte uns
befaunte ber 1305 genannte Blagifter Bolbewin ift. '?(n bem Blarien»
bom beftanb oon Anfang an eine eigene Sdjule, beren ßluffidjt bem
SdjolaftituS beS Kapitels guftanb. S3ie ber llnterridjt betrieben würbe,
bariiber fehlt eS gang an Beugniffen, inbeffen werben auch biefe
Schulen mit bagu beigetragen haben, ein ftarteS, frommes Oiefcfjledjt
herangugieljen. Seine grömmigfeit tat fidj, weuigftenS äußerlidj, gur
Genüge funb in ben galjllofen Stiftungen, Sdjentungen, in bem
gangen engen Berljältniffe, in bem eS gur Kirdje ftanb. Söir Ijören
oon ber Callfaljrt einer Stettinerin nadj Sladjeu, von ber greube
eines Bürgers an bem OJefange unb bem Crgelfpiel im Bonnenflofter»
wir lefen in ben Urlauben oon großem Geifer für bie Berfdjöneruug
unb 'JluSgeftaltung ber OJotteSbienfte, oon reidjen ©oben an Kirchen
unb Klöfter. Blögen fie audj nicht immer gang felbftlofer Blilb=
tätigfeit unb grömmigfeit entfprungen fein, non einem gewiffen
geiftigen Ceben unb Streben geugen fie boch- 'Cie füllten wir bieS
Stäbtebünbniffe.
61
oertennen, wenn wir guriicfbliden auf bie gange Seit ber SluSbilbung
Stettins non ber SSenbenburg 31t einer innertief) nnb äufjerlidj gefeftigten
beutfdjen Stabt, bic fid) in einem Saljrljnnbert non etwa 1250 an
niädjtig entwidelt [jat burdj bie Sätigfcit üjrer föiirgcr unb unter bem
Sdnttje iljrer ßanbesljerren.
6. st a p i t e l.
Pie miffcfanerHifie 23futegeit Stettins.
fi^fcytettiii fanb etwa um biefelbe Seit, in ber eS non feinem
ßanbeSljerrn gebemütigt würbe, engen Mnfdilufj an anbere
Stäbte. IBiclleidjt ljat gerabe bas Scrfaljren bes .fjergogfi
9tat unb föiirgcrfdjaft neranlafjt, braufjeit Söciftanb gu fndjen. Sie
Stäbtebünbniffe jener Seit batten ja in erfter ßinie ben S’ued, bem
^Bürger in ber grembe, ioo er redjt= unb fdjutjloS war, Sidjerljeit gu
nerfdjaffen, unb eS waren befonberS wirtfdjaftlidje Sfntereffeu, bie foldje
^Bereinigungen guftanbe bradjten. ®ocb aud) gur Slbwcljr lanbesljerrlidjer
Übergriffe taten fidj bie Olemeinben gufamnien, bie immer mehr ein
Sefiiljl non üjrer iUladjt unb löebeutung betauten. öeibe ®eweg«
griinbe fjaben fidjerlidj bei Stettin mitgewirtt, alS cs engeren Slnfdjluß
an bie fogenannten roenbifdjen Stäbte, flübed, SSJismar, 'Jloftorf,
Stralfimb, OJreifSwalb, fudjte, bie fdjon länger in engerem JBitnbe
[tauben. Söirtfdjaftlidje ^ntereffen wiefeit Stettin gang befonberS au
biefe ^anbelSplätje, als es auf feinen Eintrag im September 1352 m
bie Giniginig aufgenommen inurbc, bie feit 133!) gur Sidjenmg beS
SeeoerfeljrS gefdjlojfen worben war. IBon ben Stoffen, bie bei etwa
notwenbigen llnterneljmungcn erwudjfen, übernaljm ßübed ein drittel,
wäljrenb fRoftod unb ißiSniar, ebenfo wie Stralfunb unb Stettin je
ein drittel trugen. SJlit aller fßorfidjt fdjloß fidj bie Stabt biefer
engeren ^Bereinigung an, ba bie leitcnbcn 'JJlänncr woljl niefjt oljne
föeforgniS waren, wie fid) ber ßanbeSljerr bagu oerljalten werbe. ®iefe
©rwägung beeinflußte audj in ber folgenben Seit faft regelmäßig iljre
fßolitif, fo baß Stettin in bem Stäbtebiutbe immer nur eine wenig
bebeutenbe fRolle fpielte.
®er öuiib ber wenbifdjen Stäbte war gunädjft auf gwei Saljrc
gefdjloffen worben, würbe aber im September 1354 auf biefelbe SL’it
oerlängert, nadjbem fidj ®reif5walb angefdjloffen ljatte. CSie Stettiner
ljieltcn fidj aber bereits Ijier mertwiirbig gurürf, fie überualjmeii nidjt
wieber einfad), wie bie anberen fünf Stäbte einen beftimmten Seil
ber Stuften, fonbern wollten nur, foweit bie Sadje fie auginge, ben
62
Seilnaßme an ben Kriegen gegen Sänenuirt.
felben Seitrag wie ßlreifStualb gaßlen. Sind) bei ben mannigfadjen
SerßanbluitgeH, bie in ben uädjften Qaßren befonberS in Cübed gefüljrt
würben unb an henen fidj Stralfunb, Softod, SßiSmar, and) ®reifS=
walb befonberS beteiligten, war Stettin nidjt uertreten. ßs ift baS
immerljin auffallenb, aber non Slnfang an fdjeint in ber Stabt ber
©runbfaß geßerrfdjt gu Ijaben, bie Sorteile beS SunbeS für fid, felbft
gu genießen, aber nad) Slöglidjteit fidj fern gu galten, wenn nidjt
oas eigenfte Qntereffe in fjrage tarn. Salb inbeffen mußte eS ben
Sßert ber gufammengeljörigteit unb beS gemeinfdjaftlidjen .ftanbeln«
erlernten, als burdj König SßaltemarS IV. Sorgeßen in Sdjonen aud)
feine Sedjte unb Sefißungen bort gefäßrbet würben. Son ber Summe,
bie ber König im gruljjaljr 1361 für bie (Erneuerung ber ‘ßriuilegien
forberte, einen Seil gu tragen war aud; Stettin bereit, unb eS
übernaljm auf bem Sage gu Jtoftod (19. PJtai 1361) oon ben
4OOO Start ßüb. (gleidj etwa 25000Ü Start) mit Stralfunb gufammen
ein drittel, alfo ben Slnteil, ben eS im Sertrage uon 1352
gugefagt ljatte
?ll§ aber halb barauf Sßalbemar bie Qnfel ©otlanb mit Sßisbij
proberte unb baburd) bie Stäbte, namentlich bie wenbifdje ®ruppe,
in iljren Qntereffen ernftlidj bebroljte, ba tarn am 8. September 1361
ein K'riegSbünöniS biefer Stäbte mit Sdjweben unb Sorwegen gegen
ben König uon Sänemart guftanbe. 2Iuf ber Serfammlung ber
Satsfenbeboten uertraten bie Sürgermeifter Jpeinridj Söobbermtn unb
^ermann Ißape bie Stabt Stettin, unb fie geljörten mit gu benen,
bie für eine ^anbelsfperre ©änemarfs, bie (Erhebung einer Vlrt uon
SunbeSfteuer, bes fogenunnten ipfunbgoIIeS, eintraten, ba and) für iljre
Stabt widjtige Qntereffen auf bem Spiele ftanben. Stettin übernaljm
eS mit Kolberg unb 9lnHam unb ben fleinen Sadjbarftäbten 6 Koggen
(eigentlidje KriegSfdjiffe uon etwa 100 ßaft), 6 Sdjniggen ober Sdjuten
(leidjte SranSportfdjiffe) mit 600 Slann gu ftellen unb für fidj allein
nod) eine Slibe (3Surfgefd)üß) mit ScbienungSmannfdjaft gu liefern.
3m 3-riiIjjaljr 1362, als fid) bie flotte fammelte, erfdjienen uon Stettin
2 Sdjiffe mit 200 Slann ßeiber ift eS unS nidjt betannt, weldjen
Vluteil Stettin im eingelnen an ber KriegSfaljrt naljnt, bie bei ^elfmgborg
ein für bie O'reifswalber Serbünbeten jammerlidjeS ßnbe naßm S)ie
glotte wnrbe bort gum großen Seil ucrnidjtet, ber Sitnb mit ben
norbifdjen Königen gefprengt, fobaß man in ben Stäbten froß war,
gegen ßnbe 1362 einen Sßaffenftillftanb mit SSalbemar abfdjließen
gu rönnen. S)ie (Einigung ber Stäbte loderte fid) halb, als auf ben
uerfdjiebenen Sagen bie ?lbredjiutng über ben befdjloffenen IßfitiibgoII
unb über bie Ä'riegSfoften erfolgte, lieber madjte ftaj bad (Singet
Seilno^me an ben Slricgen ßeyen Sänemar!.
63
intereffe ber Stäbte in großem Umfange geltcnb, unb and) bie SiatS-
Ijerren, bie auf ben galjlreidjen £>anfetagen in Söismar, ßübed, fHoftod,
Stralfunb ober ®rcifswalb bie Stabt Stettin oertraten, Hermann
*ßape, ^einridj Söobbermin, QoljaiuieS '.ßötitj, Qcbcrljarb Stabe, £>artwig
Stralfunb, Vertljolb Sippe, Rinning ßinroanbfniber unb not allein
Henning Söeftfal, faljen eS gunädjft als iljre Slnfgabe an gum Vorteile
iljrer Stabt gu ljanbeln. Qn bem grieben nom 22. Vovember 1365
erljielt Stettin mit ben anberen eine Veftätigung feiner SJiecfjte in
Sdjonen. Safe eS wenig Steigung für eine gortfetjung bes SlriegeS
ljatte, bewies bie Stabt baburd), bafe fie 1364 gu fRoftod für biefen
$all IjödjftenS ein Sdjiff mit 50 Wann gu ftellen uerfpradj unb fidj
feljr vorfidjtig bamit entfcfjulbigtc, man tonne fidj oljne Erlaubnis beS
£>ergogS auf feinen Vunb einlaffen. Siljitlidj war bie Haltung audj
in ber folgenben 3eit> als bie Stonföberation von WreifSwalb gu
gerfallen begann unb bie Haltung nameutlidj ber wenbifdjen Stäbte
redjt tläglirfj war. (Srft ben preufeifdjeu Stabten gelang eS wieber,
baS ©efüljl ber ©emeiufdjaft in iljnen gu erwerfen, als Sinnig Söalbemar
burdj grobe VertragSbrüdje einen neuen Siampf gerabegu IjerauSforberte.
Qoljannis 1367 waren auf ber galjlreidj befitdjten Verfammlitng in
Stralfunb Henning Söeftfal unb 3o(jainieS Seuete als Vertreter Stettins,
unb, wenn man fidj audj nodj nidjt gu einem offenen Vrudj nut
SDäneniart eutfdjliefeen Tonnte, fo fpradjen audj fie gegen bie Vefenbung
eines SageS, gu bem bie bäuifdjen ©efanbten aufforberten, unb für
Verfjanblungeu mit ben preußifdjuiieberlänbifdjen Stabten, ©iefe
füljrten bann eublidj am 11. Vovember 1367 gu ber grofeen Slölner
Stonföberation, burdj bie ber Sl'rieg ber uerbünbeten Stäbte unb dürften
gegen Söalbemar oon neuem befdjloffeu würbe. Stettin war in Slolu
nidjt vertreten, ftanb aber ungweifclljaft auf ber Seite ber wenbifdjen
Stäbte, bie bort energifdj ben Slrieg unb bie erften Vorbereitungen
betrieben. ®S erljielt offizielle Witteilung von ben gefaßten Vefdjlüjfen
unb beteiligte fidj bann an bem IRoftoder Sage, auf bem Veujaljr
1368 bie Slontingcnte ber eingelueu Stäbte feftgefetjt würben. ®ie
Vertreter, Rinning ßinwanbfniber, Henning Söeftfal unb Hartwig
Stralfunb, bewilligten unter Vorbeljalt ber Genehmigung beS Slates
eine Sl'ogge mit 8ü bewaffneten, Qn Stettin felbft fdjeint allerbingS
bie Siriegsluft nidjt fonbcrlidj groß gewefen gu fein; gu ber ßübeder
Verfammlung, bie am 5. Februar ben Slbfagebrief an ben Slonig
Söalbemar abfaßte uub audj bem £ergoge Jöarinm 111., wie vielen
anberen dürften, SJiitteilung bavon madjte, erfdjieneu Stettiner ©efanbte
nidjt, uub bie Stäbte Ijatten SJlülje, ben 'Jtat gut Stellung bes Sion
tingenteS gu veraitlaffen. Seljr uorfidjtig uerljielten fidj Henning ißeftfal
64
Stilnöbme nn ben Sriefltn qeßtn Sänemarf
unb Süarquarb 93orab aud) auf bem 9i oft oder Sage (SJlärg 1368)
gegenüber ber gorberung erljöljter fflunbesljülfe. ®S mürbe gimädjft nur
einer oon ben beiben Hauptleuten, bie man non Stettin uerlangte,
ernannt unb gwar SUlarquarb IBurab. Stuf ber Stralfunber Jßerfammlung
am 6. Oftober 13(58 waubten bie uier erfdjienenen SRatSfenbeboten,
als eS fid) um bie öefeftigung ber Kölner Sonföberation unb bie
SluSfüljruug ber SSefd) affe ljanbelte, um fid) niajt gu binben, baS
beliebte SJlittel beS HinljaltenS an; fie erhärten, cor ber Jöefiegelung
bem SHate Scridjt erftatten gu muffen, fpäter aber oollgog Stettin,
jufammen mit Solberg unb Stargarb- ben SöuubeSbrief. Sroßbem
ftellte bie Stabt fdjließlidj mit Stargarb nur 1OOO SDlann unb mit
SSiberftreben eine SRafdjine.
2©ie Sättig Sßaibemar, um bet oerroanbten unb befreunbeten
Surften Hülfe gu fud)en, fein 'Jteidj uerliefs, >oie bie SJlotabe ber
bänifdjen unb norwcgifdjeit Süfte burd) bie glotte ber Stabte glüdte,
wie Sotiig Hnlon oon SJlorwegen fdjon im Sommer 1368 einen
SSaffenftillftanb fdjloß, im Herbfte 1369 gang ©änemart in ben Hänben
ber SBerbünbcten war unb ber 9teidj§rat fidj unterwarf, baS i)t Ijier
nidjt näljer gu ergäljlen. 2ßir wiffeu nidjtS über bie Seilnaljme ber
Stettiner an bem Stiege, nidjtS oon 'Berbienften, bie iljre Hauptleute
fDlarquarb iBorab unb fpäter 2,ibemann Sßatfer fidj unter beS ßübeder
SBiirgermeifterS iSrrnto 'Ißarborp Eberleitung im SriegSrate erwarben.
Slßeldjen (Sinbrud mögen bie fBadjridjten oon ben (Erfolgen in ber
Heimat gema$t ljaben! IBariiimS 111. (geft. 1368) Söljne, Safimir IV.,
Swantibor 111 unb Vogiflaw VII., bie ßanbeSßerren ber Stabt,
uerljielteu fidj neutral unb wagten nidjt gegen bie Stäbte iljreS ßanbeS,
bie bamals in bem SBimbe bie größten 'Borteile gewannen, irgenb
etwas gu unternehmen. $0, audj fie mögen fid) über ben .Qufammew-
brudj ber bänifdjen 'JJladjt int füllen gefreut ljaben. 91adj längeren
SBerljanblungen auf oerfdjiebenen Sagen, auf benen wieoer Henning
äßcftfal, (fberljarb Stabe ober ©gbert OJerwer bie Stabt vertraten,
tarn ani 24 fDlai 1370 ber griebe in Stralfunb guftanbe, burdj ben
ber Stäbtebunb ein großes allgemeines Scrtebrsprwileg für ©änemart,
ben 'Bfanbbefitj ber widjtigften fdjonenfdjen Jeften, fowie ein JJtit»
beftimmungsredjt über ben bänifdjen Sbron erljielt. $u ben 23 Stäbten,
bie Vertreter nadj Stralfunb fanbten, geljorte audj Stettin; eS würbe
in bem griebensoertrage mitaufgefüljrt unb biefer gur 9tatifitation an
ben Slot gefanbt. So würbe ber Stabt mit ben anberen Stäbten iljre
Stellung, bie fie fdjon in Sdtonen befaß, gefidjert, unb baS große
Privileg SßalbemarS vorn Satire 1370 war unb blieb für fie bie
magna cbarta iljrer banfifdicn Stellung.
Verhältnis ju ben Vunbeßberren. 65
®ci ben nun folgenben unerquidlidjeit Vertjanblungen über bie
Verwaltung ber verpfänbeten fdjoneitfdjen feften, bie Verteilung ber
Solleintiinfte, bie fonftigen VIbredjnungen, bie Stellung Söalbemarß
jur £>atifa uub ben SLtjronftreit in Tänemart nad) feinem Tobe (1375)
trat Stettin wenig Ijeroor. ©ewig naljm e§ an mandjen Verfanimlungen
Teil unb fudjte vor allem and) bei ben finanziellen Erörterungen nidjt
ju Sdjaben ju lammen, aber irgenb eine leitenbe ober maßgebenbe
Volle fpieltc bie Stabt hierbei nidjt. fdjeint, als ob man bort
ber ^Infidjt war, baß für ihren $anbel ber Cftfeeoerfeljr, ber bodj in
erfter ßiuie bie wenbifdjen Stäbte beS Vunbes intereffierte, nidjt allein
oon au§fd)Iaggebenber öebeutung war. güt ebenfo widjtig tjielt mau
bie Vejieljitngen zum .fjinierlanbe, baS Stettin betjerrfdjte. TaraitS
entftanb ein gewiffer Eegenfaß z11 ben Verbünbeten, beim eS fudjte
biefe vom bortigen Verteljr in äljnlidjer SÖeife fernzuljalten, wie e§
ben binnenlänbifdjen Kaufleuten ben üöeg über See oerfperrte. Stettin
wollte bett ®ewinn oon beibeu hoben, uub ba§ mag ein Girunb
gewefen fein, baß ber Vat bie ftäbtifdjen Qntereffen nidjt ju eng mit
betten ber $anfa vertnüpfte, alfo wieber redjt ecjoiftifdje fßolitif trieb.
Tas beeinflußte natürlich and) ba§ Verhalten ber Stabt gegen»
über ben ßanbeSljerren. Tie jungen dürften, Variante 111. Söhne,
bie nadj altflaroifdjer Sitte bie Vcgierung im Stettiner Herzogtum
gemeitifam führten, waren, wie eS fdjeint, nidjt imftanbe, bie Stellung
iljre§ Vaters ber Stabtgemeinbe gegenüber aufredjt zu erhalten. Vat
unb Siirgerfdjaft erreidjten fdjon im fDlärj 1370 bie Vcftätigung nieler
alter Vedjte burdj VeuauSfteUuiig unb Vefiegcluug ber alten Urhmben-
Qm guli 1371, fowie, nadjbem Kafimir im Kampfe gegen Vraubenburg
gefallen war, im guni 1373 betätigten bie Stüber nodj einmal alle
Vefißungcn unb ^Privilegien ber Stabt. Zugleich verliehen Swantibor
unb Vogiflaw ben Vürgcni bie gagb auf ftäbtifdjem, fowie bie gagbfolge
mit SBinbljunben auf Ijerzoglidjem (Mebietc. VJic feljr fie fidj widjtiger
Vcdjte begaben, bie fie noch ’n ber Stabt befaßen, zeigt bie Tatfadje, baß
fie 1378 bie ihnen juftehenbeu zmei Trittei be§ ©eridjteS ber Stabt
für 5200 SRart Silber verpfänbeten. Tie Gintünfte auS bem ©eridjte
erhielt jeßt 311 zwei Tritteln bie Stabt, ber Veft ftanb ben Grbridjteru,
ben Söuffow, zu, beneu biefelben dürften 1374 ben 'Anteil ebenfalls
oerpfänbet ljatten. fflewiß veranlaßte bie ©elbnot, in ber bie pommerfdjen
^erzöge in biefer Seit bauernb ftedten, fie biefe Vedjte preiSzngeben.
GS begann gerabe bamalS, al§ bie Teilung beS pommerfdjen ßanbeS
in immer meljr einzelne Heine ^errfdjaften bie fürftlidje 'JJladjt oljue
bie§ fdjon ungemein fdjwädjte, biefe infolge ber unbeftänbigen Volitit
unb ber fdjledjteu Siuanzwirtfdjaft bebeutenb zurüdzugeljen, tväljrenb
IMeljrniünit, Bon Stettin. <
66
Otto 3aQe^ujet.
ber Sibel nnb bie Stäbte an Vebeutung unb Ginfluß im ßanbe wud)fen.
3n ber ftänbifdjen Vertretung nahmen bie ftäbtifdjen (hemeinben in
biefer Seit eine immer bebeutenbere Stellung ein. Sieben bem Sibel
unb ber ®eiftlidjteit gewannen fie halb einen C^influfe auf bie ßanbeS»
regierung, ber nur 311 oft oon iljnen in |elbftfüdjtigem Qntereffe aus
genuljl würbe. Um audj ben Herren beS Sßolgafter .fjjergogtumS gegen«
über gefiebert gu fein, ließ fid) Stettin uon Vöartiflaw VI. unb
Vtgiflaw VI. im SJlai 1376 ebenfalls eine SHeiE)e oon ilrtunben
betätigen.
Von bem, was in biefen fahren in ber Stabt oorging, Ijaben
wir feine Vadjridjt; wir finb immer nod) faft nur auf bie Ilrtunben
angewiefen. Sie laffen uns aber feiten einen Vlid in bie ^juftänbe
unb Verljältniffe tun, unter benen fie ausgefertigt würben. ®a mögen
manche Streitigteiten unb Kämpfe im Qnnern oorgetommen fein, ba
mag mancherlei fid) ereignet hauen. baS für bie Gntwidelung ber Stabt
uon großer Vebeutung war, ba mögen audj ÜDlänner tätig gewefen
fein, Die eS uerbienten im Slnbenfen ber fpäteren Sefajiedjter fort»
guleben. Von all bem finben wir nichts berichtet; nur ein SJlaiui
au§ biefer Seit, überhaupt ber eingige faft aus oent gangen Vlittel»
alter, ift tjeute noch in Stettin bem Flamen nadj betannt Otto
3ageteufel, feit 1381 SRatstjerr, feit 1387 Vürgermeifter. Um feine
Verfon ljat fidj ein Kreis oon Sagen gebilbet. GS ift baS ein Veioeis
bafür, baß er bort eine bebeutenbe Stellung eingenommen ljat. 3rür
bie Stabt war er in nieten Senbungen unb hanfifdjen Slngelegenljeiteii
tätig unb oft üjr Vertreter bei ben Verfammlnngen ber Stäbte, auf
benen er mit 'JUtarquarb Vorab ober ^ßaul Srauenol für bie Qntereffen
Stettins eintrat. ®r wat aber audj mit fpergog Swantiboi III. be»
freunbet. Seinen Vamen hat fidj Sageteufel in Stettin erljalten burch
fein Seftament uom 4. JDlärg 1399, burdj baS er neben anberen ßegateu
eine Summe anSfetjte gur Erwerbung unb Unterhaltung eines £>aufeS,
in bem 24 arme Kinber, oornehml'ch audj ginblinge, ergogen unb
gur Schule gehalten werben feilten. ®iefe Stiftung trat halb nad)
3ageteufelS $obe (am 9. Sept. 1412) inS ßeben. Sonft ift audj Die
Seit feiner Sätigfeit für unS noch befonberS bunfel. Unb babei war
fie mit oeu Kämpfen gut See gegen bie Seeräuber, bie man bie
VItalienbrüber nannte unb uon betten Sage unb Vollslieb noch gerne
beridjten, mit ben norbifdjeii V^rwicfeluugen gur Beit ber großen Vlargrete
uub ihres SthüßlingS, Gridjs oon tßommcrn, mit ben braubenburgifdjeii,
medlettburgifdjen uub polnifdjen Kriegen bewegt unb unruhig genug.
Von all biefen Vorgängen muß auch Stettin berührt unb waljrfaje.nlidj
feljr heftig bewegt worben fein, ©iretten Anteil naljm eS an ben
Seilnaljmt an ben Äämpfen gegen bie (Seeräuber. 67
gafjrten, bie bie Ijmtfifchen Stäbte gur befriebung ber See gegen bie
Seeräuber unternahmen. fragen beS SdjabetterfaljeS befchäftigten bie
SiatSfenbeboten faft auf ollen Sagungen, bei benen jetjt Stettin, wenn
eS fie befdjidte, meift burd) SJlatipiarb Porab, Paul Sraoenol, QohanncS
Setiefe, Sibemann SSacfer u. a. tu. nertreten war. Sie Plage aber
würbe, als ber Krieg SänemarfS gegen Schweben unb SNedleuburg
begann unb ber Kampf fid) um Stodholm feftlegte, immer fdjliminer;
unerträglichen Sdjaben erlitten .fjanbel unb berteljr auf ber Cftfee.
Stad) oerfdjiebenen wenig erfolgreidjen herfudjen, an benen Stettin
fid) nidjt bireft beteiligte, befehle^ enblich ber £>anfatag in Viibed
(SJlärg 1394) eine grofje ^lottenrüftung gegen bie Piraten. 'Jla<h bem
'.plane, ber bort aufgeftellt würbe, füllte Stettin gitfammen mit Stargarb,
Wollnoro, ®artj, ©reifenljagen, Samin unb (Sanimin 2 Koggen mit
200 bewaffneten, fowie 2 Sdjuten unb 2 Sdjniggen [teilen. Sßenit
wir erfahren, baß ßübed allein bas Sreifadje, Stralfunb allein baS
Soppelte übernahm, fo wirb es flar, baft Stettins ßeiftungSfähigteit
im bergleid) gu jenen beiben Stäbten recht gering war. Bur «ollen
Ausführung lam inbeffen biefer Plan nicht. Stettin erflärte fidj gwar
nod) am 5. ®lai mit ihm uollfommeu cinuerftauben unb oerfprad)
auch bett befdjlüffen beS bunbeS nachgufommett, aber tatfiidjlid) [teilte
eS nidjtS gu bem Seeguge. Sagegen beteiligten fid) feine Vlbgefanbten
an ben berhanblungen mit SJlargrete wegen ber befetjung StodljoImS,
unb Stettin gehörte mit gu ben Stäbten, welche bie bürgfehaft für
bie greilaffung bes PledlenburgerS Albredjt übernahmen. Sie erfolgte
erft im September 1395, unb bamit würbe ber Kriegsguftanb in ber
Jüftfee befeitigt. Qttbeffen galt eS nodj, bie bitalienbrüber »lieber
guwerfen, bie fortfuhren ben Perteljr gu beunruhigen. Stettin [teilte
gu biefen mannigfachen herfudjen feine Sdjiffe unb fam fogar mit
anberen pommetfdjen Stäbten in ben berbad)t, bie braten gu
begünftigen, am Staube teilguneljmen, ihnen beute abgutaufen unb
®eleit gu geben. Ser .fjodjiiteifter beS Seutfdjen Jürbens madjte ber
Stabt biefen Porwurf, obgleid) ßübed fid) ihrer annaljm unb ben
Streit gu uergleidjen [ud)te; er gog fid) inbeffen nodj bis 1402 hin«
AIS im Auguft 1398 bie SiatSfenbeboten in Kopenhagen mit SJtargrete
wegen Übergabe StodtjolmS, baS bie Stäbte in Pfanbbefifc genommen
hatten, berieten unb [ich bann entfdjloffen, bie Stabt ber Königin
auSguliefern, ba erhielt aud) Stettin, beffen Pertreter gugegen waren,
mit ben anberen Stäbten am 28. Auguft eine beftätigung aller Siechte
unb Privilegien für Sänemarf, '-Norwegen unb Sdjtveben. B»r
befriebung ber See war fd)on im April biefes BatjreS eine neue
grofce Stiftung befdjloffen worben, bei ber Stralfunb, ©reifSwalb unb
5*
^attfifdjc 8-rnnJeluiißttt.
fib
Stettin mit ben anberen 31t ißnen gehörigen Stabten 2 Schiffe mit
200 Wann 3U [teilen übernähme«. ßugleidj füllte Stettin bie ißm
unter» ober jugeorbneten Stäbte ßur 'Xeilnaljme unb Sludrüftung ber
oorgefchriebenen Streitfräfte anhalten. ®a§ gelang ißm freilich nicht,
benn biefe Heinen QJemeinben hielten fid) nod) oorfidjtiger guriid, unb
bie Stettiner (Mefanbten tlagten in Kopenhagen, baß bie „ooerfwuifdjeu"
(b. h- ljinterpommerfdjeii) Stäbte „also nicht to gedan hebben, alse
des van den Steden en gedregen war“. Stettin felbft fdjemt nidjt
Steigung 311 größerer fRüftuug gehabt 3U haben, ed mar bei bem
Kontingente, bad ed mit Stralfunb unb Olreifdwalb aufjubtiugen hatte,
nur noch oou einem großen Sdjiffe mit 70 Wann bie SRebe. Sind)
an ben fpätercu Seefahrten, bie 139!) uub 1400 unternommen würben,
nahmen bie poinnierfchcu Stäbte faum teil, wir wiffen nidjt, ob
Stettin Schiffe ba^u fanbte. Xrotjbem blieb bie Stabt im £>unfabunbe,
befdjidte, freittdi recht unregelmäßig, bie Jage Cftafob oon Srulle war
gewöljulidj iljr Vertreter) unb ftanb auch bei ben Bunbedgenoffen in
foldjem 21n]elicn, baß fie am 25. Wai 1402 in ben Bunb aufgenomnien
würbe, ben bie wenbifdjen Stäbte 3U gegenteiligem Sdjuße uon neuem
auf 5 Qaljre abfdjloffen. ®amit gewannen biefe fjanfifchen Ber»
wicfelungen fiir Stettin einen gewiffen Slbfdjluß. .£>at bie Stabt audj
nießt mit in erfter ßime geftanben, fo lj“t fie fid) boch ben Pflichten,
bie iljr and ber Üeilnaljme an ben hanfifdjen Privilegien erwudjfen,
nicht entzogen, unb wir feljeit, wie fidj in biefer unruhigen Seit and)
iljre Bertreter mit Bat uub Üat an ben gemeinfamen Beratungen
unb Unternehmungen beteiligten. Sdjon bad eigene $ntereffe au ben
uorbifdjen Berhältnifien, bad im Vaufe ber Seit junahm, jjwang fie
ba^u nidjt feriijiifteljen.
BJeuiger birett als biefe norbifdjen Kämpfe befdjäftigten ben
Siut uub bie Bürgerfdjaft bie mannigfadjen Kriege, bie oon ben
^erflogen mit ben Badjbarftaateu geführt würben, inwieweit fie ber
Stabt Sdjaben ober Berluft brachten, läßt fidj nidjt nadjweifeu, 311
groß wirb er nießt gewefen fein. ®eitn biefe nadjbarlidjen Streitig
feiten, bie ja in biefer $eit eigentlidj nie aufljörten, batten meift nur
geringen Umfang unb griffen faum über bad ©ebiet IjiuaitS, in bem
fie fidj abfpielten, unb feiten feljr tief in bad wirtfdjaftlidje ßebeu
ein. dagegen boten fie ben Stabten ©elegeuljeit, bie ftetd gelb»
bebürftigen Herren fidj burch bie Bewilligung uon Sluleiljen 311 oer
pflichten. gür ben Schuß bed reifenbeu Kaufmannd mußten fie
freilich felbft forgen, wie ed Stettin burdj ben Beitrag oom 12 Sluguft
1379 tat, ben ed in ©emeinfdjaft non Stralfunb unb Bafewalf nut
einigen uderincirfifdjen Stabten 311m Schüße gegen Stäuber unb
Jtilttnfjmt nn Kämpfen ber ?nnbe§fjerren.
69
SJlorbbrenner abfdjlofe. gür ben S8erfet)r gcrabe bortljm waren non
befonberer SBiditigfeit bie ©tragen, bie über ®artj a. £. gingen nnb
bei ßöcfnitj bie Slanbuw iiberfdjrittcn. ES war beSljalb ein (Gewinn,
bafj Stettin 1388 gufammen mit einigen Heineren (Stäbten für bie
IBürgfdjaft, bie fie für eine ©djulb ber .^erjage ©wantibor nnb
Sogiflaw an ben £jodnneifter beS beutfdjen SOrbenS ubernaljmen, nidjt
nur ben $oll gu ®artj, fonbern audj baS SBerfpredjen erhielten, ©djlofe
nnb ßanb flödnig feilten nidjt oljne iljr SBiffcn uerfetjt werben. TieS
war nm fo wichtiger, al§ halb baranf ein Triebe mit ber SJlarl
guftanbe fam.
ES ift nidjt notwenbig, ljier auf bie fortwäbrenben branben
burgifdj’poinmerfdjen ©treitigfeiten nnb ®rengfe()ben ober bie merflen
burgifdjen Kämpfe emgugehen. SBaS bie ehrgeizigen 'fßläne beS
ÖergogS ©wantibor HL, ber 1109 bie ©tattljalterfdjaft ber SDlittel
marf befam, für eine Söirfnng auf bie Entwicfeluug feiner Siefibeng«
ftabt geljabt IjaBen, läfet fidj u'djt erfeiuien. Ebenfowenig feljen wir,
wie fidj bie Sürgerfdjaft gegenüber ber Teilnahme ber dürften an
ben preufjifdj-polnifdjen '43erwidelitiigen »erhielt. Sollte fie aber nidjt
mitgewirft hn&eni M fie fid) balb oon bem Sünbniffe mit bem
beutfdjen Drben roieber loSfagten unb fidj ißolen näherten? Ter
©djutjbrief, Den König Hölabiflaw oon ißolen am 18. Siuguft 1390
ben pommerfdjen unb anberen ©täbten für ihren ißerfehr mit ißolen
uerlieh, war bo<h gewife oon großem 'Ißerte audj für Stettin. Tie
neue ^anbelSftrafee oon Krajau auS längs ber Söartlje nadj fßommern
fam ihm befonberS gu ®ute. greilidj war fie nidjt uon langem
®eftanbe, obwohl ^ergog ©wantibor nodj 13‘Jß ben Kratauer Kauf-
leuten freien '.Berfetjr in feinem ©ebiete unter ^erabfegung ber bis«
fjerigen Söüc »erlich-
Sieben biefen ^od^pelitifdhjcn Vorgängen, an benen ©rettin bodj
nur inbireft beteiligt war, beidjäftiqten bie SBiirgerfdjaft in weif
bötjerem SJlafje, allerlei innere Slngelegenljeiteu, befonberS 'Ißiiufdje
auf Erweiterung ober Seftätigung Der ftäbtifdjen SRedjte. ^eljt lag
ihr »iel baran, bie Seefahrt gu fidjeru, beSljall’ liefe bie Stabt
fidj 1384 »on bem SBolgafter £)crgogc SÖartiflaw VI. einen ©djutj'
unb ®eleitSbrief für alle feine ©eweiffer unb .fjäfen, fowie für fein
ganges GJcbiet geben. Einige $abrc fpäter würbe iljr für Den 53efiidj
beS £>afetiS in 'JSolgaft fogar »olle ß-reiljeit »erlichen, ein Sledjt, baS
für bie Safert in bie £ ftfee »on Sßidjtigfeit war. Emen anberen
Vorteil bradjtc ben Slürgern bie 'Herfdjrcil’itng SogiflawS VI. »on
SSolgaft (1389), ber fie uon bem Sleniegelb (einer Abgabe »om
fHuber) in feinem ßanbe gang befreite, ^on geringerem vßiert, fo
70
^Stettiner ©Jiinjtn.
fdjeint eS, war eS, al§ 1390 bie Stettiner Herren alten Serooljncrn
Stettins baS Singeln in ben fiirfltitfjen ©eroäffern, rote bem fjaff,
oljne Slbgaben geftatteteu. 3oIIfreitjeit für allerlei Sßilbbret nnb
Sieh, baS gum Slußen ber Stabt nnb gum Sertaufe auf bem SJlarfte
eingefiibrt rottrbe, oerlief) Sroantibor 1412 ber ffliirgerfdjaft. SSir
roiffen nidjt, roeldje Sebeutung baS Sledjt tjatte, ba roir über bie
Bolloerbältniffe biefer 3eit nur fdjledjt unterrichtet finb. ©S fefjlt an
Eingaben, in roeldjem Umfange bie alten .gollpriDilegien ber Stabt
nodj ©iiltigfeit hatten, roaS für ©infuljrgölle erhoben würben, roeldje
Einnahmen bem $ergoge ober ber Stabt baraus erroudjfen. Sagegen
erfahren roir au§ biefer Seit einiges über iljr fDlüngred)t. Sim 2. Slpril
1397 erljielten Wat unb ©emeinbe baS Wedjt, „roitte ißenninge“ gu
müngen unb babei oon jeher Süarf Silbers brei ßot als fioftcn
abguredjnen. Siefe SSitten rourben nad) bem Worbilbe ßübedS unb
ber anberen roenbifdjen Stäbte eingefüljrt, ba ber alte Pfennig, ber
im ©croidjt nnb im ©eßclt immer tiefer fanl, bem ftarf entroirfelten
Serlehr nicht mehr genügen tonnte. Sie Stettiner Stüde rourben
mit bem gefrönten ©reifentopfe, bet fid) auf langem ober furgem
Strenge in einem Sdjilbe befanb, unb mit bem Sprudje nomine
domini amen ober sit laus deo patri geprägt. Sen Stettinern mufj
fpäter eine Heinere SRünge erroünfdjt geroefen fein, benn am 7. Quni
1408 erlaubte Sroantibor bem Wat to der not, to der vodinge
(Waljruug) und tor kopenschap ber Bürger einen Pfennig oon 4 hinten«
äugen gu fd)lagen Qn großer Wlaffe finb foldje Siercßeit, bie
einem ljalben 'Bitten gleich gu feigen finb, aufgefunben in oerfdjiebenet
Prägung mit bem gefronten ©reifentopfe auf ber einen unb bem
©reifen auf ber aubern Seite. SBie fdjroierig unb oerroirrt bie
SDliinguerhältniffe ber bamaligen Seit waren, baS geigen redjt beutlidj
bie 2?erl)anblitngcn bet .fjanfatage, auf benen namentlich im Anfänge
beS 15. QfaljrljunbertS bie SWiingfrage einen ftänbigen ißunft ber
SageSorbnung bilbete.
Sille biefe fjanblungen mit ben oerbünbeten Stäbten unb ben
eigenen, foroie fremben ßanbe§herren geigen unS, roie umfangreid)
bie Sätigfeit beS WateS in biefer Seit geroefen fein muß unb roie fie
fid) auf mandje ©ebiete erftredte, bie ber mobernen Stabtoerroaltuug
fern liegen. Sei anberen Stäbten ift unS burdj erhaltene Srief
biidjer bie SWöglidjfcit gegeben, ans ber fiorrefponbeng ein Silb oon
ber ©efd)äftstätigleit bes WateS gu entwerfen. ßeiber fehlen für
Stettin foldje Duellen, aber aus ben an anberen Orten erhaltenen
Briefen erfeljen roir, baß auch ^er Stettiner Wat einen nidjt unbe-
beutenben 53rieftued)fel mit ßübed ober Sanjig, mit Stralfunb ober
JDberfdjiffafjrt.
71
©targarb, mit bem ^odjmeifter beS beittfdjeii CrbenS ober ben
SBolgafter unb (Stolper Herren u. a. m. unterhielt. SReidjt bie Sebou»
tung ber ©tabt auch nidjt an bie anberer heran, fo tarnen bod) and)
hier Sachen unb fragen oor, bei benen bie SiatSberren bie Stolle
oon Diplomaten fpielen mußten. Es galt bie Qntereffen ber eigenen
©emeinbe roahrguneljmen unb ihre Siechte mit Bäljigteit gu behaupten,
aber and) bei bem roachfenben Verteßr mit ben Vürgerfcbaften anberer
©täbte bie Beziehungen gu pflegen. Seroiß fdjeute man in biefer
gewalttätigen Beit nidjt oor redjt energifdjcn SRaßregeln gurüd, aber
eS gab bod) geroiffe fßuntte, über bie man fich auch bamalS in @üte
einigen mußte.
Eine für ©tettin redjt bebeutfame {frage mar bie ber Cber«
fdjif faßet, für bie ©tettin gang befonberS roidjtige Srioilegien, roie
baS Slieberlageredjt, befaß. Be mehr ber Verteßr auf bem {fluffe
gunaßm, oon befto größerer Vebeutung mürbe baS Verhältnis gu
bem flußaufwärts gelegenen Eebiete, befonberS gu ber SJlart, bie in
grantfurt ihren niidjtigften Ort an ber Cber befaß. Silit biefer
©tabt entroicrelte fidj naturgemäß ein ftdnbig roadjfenbet Verlebt,
unb eine Einigung gioifchen beiben ©emeinben erroieS fich halb als
burchanS notroenbig. £ange ftanben fie einanber frieblid) gegenüber,
ba leine ber anberen an Slladjt unb Vebeutung überlegen geroefen
gu fein fdjeint unb bie beiberfeitigen CatibeShetren nicht baran badjten,
eine territoriale SßirtfchaftSpolitit gu treiben, ©ie überließen eS ben
©täbten, fich folgen fragen gu einigen unb gu Dergleichen, ©o
fdjloß ©tettin 1354 mit granlfurt einen Vertrag über bie ©djiffafjrt
auf ber Cber, in bem Veftimmungen über ben Goßn ber ©djiffer, über
fein Verhältnis gu ben ©djiffSfnedjteit, roie git ben Kaufleuten, über
bie (fradjt u. a. in. getroffen rourben. Sind) für Iriegerifdje Beiten
fucfjte man bie ©djiffaljrt auf bem {fluffe gu fidjern, unb ©tettin
oerhanbelte beSßalb mit ben SRarlgrafen ßubroig (13(53), ©igmunb
(1379) ober Bfoft (1398—1403). SJlan gab fidj SJlühe, bie SBeßre,
burd) bie bem Verlebt ein arges ^»inberniS entftanb, gu befeitigen,
bie SledjtSanfprüdje ber Staufleute gu fiebern, bie Sreitelpfabe am
ghtffe gu fdnitjen, baS B°ll‘ unb ©eleitSredjt feftgulegen. Xöie oiele
^»inberniffe errouchfen bem $anbel anS manchen mittelalterlidjcn
SiechtSanfchauungen unb ©ebräueßen! Das Girunbrubrredjt roar eins
bet fdjlimmften, ba eS ben Verlieft beS ©uteS mit fidj brachte, ba§
auf bem flanbe bei Bufammenbntd) ober ©turg ber Söagen ben
Soben berührte ober auf bem SSaffer bei ©djiffbriicfj unb ©tranbung
auS ben Schiffen fiel. Sßoljl n>ar man oon Sliters ber namentlich
gegen baS barbarifdjc ©traiibtecht eingefdjritten, aber auf ben ßaub=
72
Kämpfe mit ber ©tat!.
unb iffiafferftraßen hielten bie ©rimbherren eS tjortnncfig aufrecht.
Gs war infolgcbeffcn ein großer gortfdjritt, al§ Swantibor HI. 1407
bie Stettiner unb alle Slaufleitte bei Sd)iffbriid) ober Stranbung im
4>aff, auf ber Ober, bent Daninifdjen See ober anbereit (Mewäffern
ooni (Mnnibrnljrredjte befreite unb ißnen bie Bergung ißreS Gutes
geftattete. ©6 freilich biefe Berorbnung viel genüßt hQh muß
Zweifelhaft bleiben.
Sei ber gefdndjtltdjen (Sarftellnng ber Gntwidelung Stettins in
bem .ßeitabfdjnitte oon ber ©litte be§ 14. etwa big gur ©litte be§
15. galjrljunbertS Fjabert wir bisljer baS galjr 1413 als einen Gilb*
pimtt attgefcljen. Dies h°i nämlich für bie Stabt nidjt gerabe an
fid) eine fonberlidje Bebeutung, aber be^eidjnet bod) ungefähr ben
Gintritt veränberter Berljältniffe in mcljr al§ einer JHidjtuttg. Das
ift zum Seil ein gufatt, ba wir uon biefer Seit an einige Quellen
befißen, bie für unfere SlemitniS be£ mittelalterlichen Stettin feljr
widjtig finb, wie bie ältefte Bürgerfprache (1411), GeridjtSbüdjer (1400),
baS Biirgerbnd) (1422). Sum attbern Seile aber verlieren um biefe
Seit bie großen politifdjen Greigniffe im £jaitfabunbe an Bebeutung,
unb e§ treten, foweit eS Stettin angeht, bie Heineren, aber für bie
Stabt feßr widjtigen .£>anbel§* unb BerfehrSfragen mehr in ben ©litteb
puntt bes giitereffeS. SUSbann aber machen fieß bie ueränberten Ser
hältniffe in ber ©larf, wo burdj bie erften ^ohenjollem eine ftarte
gürftenniadjt gegriinbet wirb, and) für Stettins Gntwidelung gettenb,
wäßrenb zugleich im ßanbe felbft bie Ohnmacht bed £>errfd)erhaufe§
junimmt.
Bereits 1412 lagen bie Stettiner Herzoge im Kriege mit bem
Burggrafen griebrid) von ©ürnberg, ber bie ©larf Branbenburg ver»
waltete. ?luf bem Stremmer Damm fochten am 24. ©ttober, wie eS
heißt, auch Stettiner Bürger mit. Gs folgte aber halb ein SBaffen
ftillftanb, ber jebod) nidjt uon langer Sauer war. St'rieg unb grieben
wedjfelten ab, baS ßanb um Stettin würbe wieberholt von Siaub=
unb ©lünberungszügcn Ijeinigefud)t, and) ben Bürgern mag mancher
Sdjabe zugefügt worben fein. Sa traf bie Stabt am 10. ©lai 1415
mit ihren ßanbcSherren, ben .£>ergogeii Otto II. unb Sl'afimir VI., bie
5Reid)§adjt. Honig Sigmunb fpradj fie zu Houftaiij auf bie Silage
beS Burggrafen griebridj aus, weil fie, ebenfo wie bie gürften unb
Zahlreiche Bafallen in bet Ucfermarf, fidj jenem unget)orfam gezeigt
hätten. So fdjlimm bie Strafe erfdjeint, eine SBirfung hatte fie faum,
wir hären wenigftenS nid)t§ bauen. Ulrich mürbe fie wuljl halb auf-
gehoben, als e§ 1415 unb 1416 zu einer vorläufigen Ginigung zwifd)en
fßommetn unb Branbenburg tarn, ^oef) auch fie war wieber nidjt
innere Streitißfciten.
73
doii langem Söeftaube, bie ftehben inib STämpfe begannen doii neuem
nnb gegen fid) unter mannigfachen SBcdjfelfällen bis 1427 bin. (Srft
bamals fant ein griebe uon längerer Dauer guftanbe, in bem freilid)
bie Hauptfrage wegen beS ftaatsredjtlidjeu SBerljältiiiffeS ißoiiuiieriiS
gur SRarf nidjt geloft würbe.
SSäßrenb ba§ ßanb in biefen faßten »en äußeren Stümpfen beim
gefndjt würbe, erfdjütterten fdpuere innere Streitigfeiten Stettin,
ßeiber wiffeu wir wieber nidjt genug bäumt, um ben 3ufaminciil)aiig
unb bie $olgc ber Greigniffe gang gu uerfteljen. ift aber flar,
bafj fid) in ber Stabt gum erften fOlale eine {Bewegung ber 33ürger=
fdjaft gegen ben {Rat geltenb madjte in äl)itlid)er Hßeife, wie eS bamals
in uielen norbbeutfd)en Stäbten gefdjafj. Die ftarte finaugielle ®e
laftnng ber ©emeinbe, bie Ungufriebenljeit mit ber ftäbtifd)en Sßolitif,
ba§ Streben nadj Deilnaßine an ber Stabtuerroaltung waren bie
llrfadjen biefer fogialen Unruhen, unb e§ waren nieiftenS bie Hanb«
werfet, bie fid) gegen ben {Rat erhoben. Cb bie Unruhen in Slnflant
(1386), bie SJerfaffungSänberung in Stralfunb (1391) ober ähnliche
{Bewegungen in anbereit Stäbten einen Ginflitß auf bie fBerljältniffe
in Stettin auSiibten, ift unbefannt. SSir erfahren gum erften ®a(e
int 3afjre 1416, baß neben ben SRatSljerren aud) 9Uterleute Don
11 ©ewerfen an ber Stabtnerwaltitttg teilnafjmen. Dafj bereits früher
Vertreter ber ©emeinbe in roidjtigen Slngelegenljeiten gur {Beratung
mit Ijingugegogen würben, ift wahrfdjeinlid), aber burdjaitS unfidjer.
$n ben llrfunben, bie doii ber Stabt ausgeftellt worben finb, werben
foldje nie erwähnt. SBettti fie bagegen in llrfunben, bie anbere für
bie Stabt auSfertigteit, bisweilen neben bem State genannt werben,
fo beweift bas für iljre redjtlicfje Stellung fefjr wenig. GS ift an
gttncf)men, bafj um 14OU in Stettin bie Biinfte eine Deilnaljme an
ben SerwaltitngSgefdjäften erlangten. Cb bieS auf frieb(id)cm SBege
ober, wie an anberen Crten, burd) eine {Revolution erreicht worben
ift, läßt fidj nidjt entfdjeiben. Sladjridjten über eine fold)e Siuberung
muffen fdjon oor brei 3fal)rljuiiberteit gefeljlt ljaben, beim ißaul
JVriebeborn, ber 1613 feine ©efd)id)te Stettins auf ©runb forgfaltiger
Stubien Verausgab, fdjeint barüber and) nidjtS gefunben gu haben.
Gr fdjreibt, iiibem er guglcidj feiner Giitriiftung über ben unruhigen
„iPöbel" {.’luSbrucf gibt, gang allgemein, baß „anfänglich bie {Regierung
einig unb allein bei bem State, als ber orbeiitlidjen Cbrigteit, geftanben,
mar. hernach aber etlidje Sllterleute ber ©ewerfe mit gu 9tat ge«
gogeu habe."
Daß in Stettin tu biefer ßeit eine fogiale {Bewegung fjerrfdjtc,
geigen mannigfadje '-Borgängc. ßlitf bem großen Hanfatage gu ßübed 1418
74
93er&cmfun0 Stettins.
hatten bie Stäbte in einer BufantmenfteHuiig ber Statuten auch ein
ftrengeS Sorgehen gegen alle Serfdjroörer unb i!lufrii()rer gegen ben
SRat feftgefetjt unb fcharfe Strafen jeher Stabt angebroht, bereu Wat
fid) in feiner Stacht irgenbroie bekrönten liefee. TieS Statut rourbe
and) im SRatljaufe uon Stettin gur Kenntnisnahme ber ffiemeinbe auS«
gelängt. TaS erregte aber allgemeinen Unroillen, ba roaljrfdieinlidj
fdjon Borger allerlei llnjufriebenljeit mit bem Wegimente beS WateS
oortjanben mar. ®S tarn gu Tumulten, ber Wat rourbe iiberroältigt,
ber SluSIjang beseitigt unb Dernidjtet. Sluf bem Oübeder ^anfatagc
im September 1419 roollten bie SRatfenbeboten anfänglich fofort bie
angebroljte Strafe, bie Serhanfung, b. h- 9litßfd)lufj auS ber $anfa
unb Serluft ber ißrioilegien, über Stettin verhängen, aber fie festen
fie auf Serroenbung Don Stralfunb unb ©reifSroalb Dorläufig nod)
auS. 3u ber Serfammlung, bie im Slpril 1420 in SSißmar ftattfanb,
tanien aucf) Vertreter Stettins, auf beren Sitte ber Semeinbe nod) einmal
eine [frift bis gum 24. 3funi für bie neue Slufljänguug ber Statuten
gegeben rourbe. Slud) bie £>ergoge Otto unb Kafimir oerroanbten fid)
für ihre Stabt, inbeffen rourbe fie, als man auf bie SBarnungen
nidjt hörte, im $uli roirflid) au§ ber .fjanfa auSgefdjIoffen. Tiefe
Strafe fcfjeint nidjt oljne (Stnbritcf geblieben gu fein, benn auf bem
im September ftattfinbenben Tage gu Stralfunb erfdjienen bie beiben
Sürgermeifter oon Stettin, @erb Wöbe unb Qoljann oan Tolgen, unb
[teilten bie Sadje möglid)ft harmlos bar; bie Tafel fei aufgehängt
roorben, aber bie GSemeinbe ljabe gebeten, fie roegguneljmen, unb fie
hätten baS tun müffen, ba ihnen Sefaljr an Geib unb Geben gebroht
habe, fie h°fften inbeffen, „eS roürbe rooljl beffer roerben unb bie
Tafel roieber aufgehängt roerben tonnen". (Es bauerte aber bod) nodj
mehrere SWonate, bis Stralfunb am 17. 9Jlärg ben .franfeftäbten melben
tonnte, ber Slufruhr fei beigelegt unb bie Tafel mit ben Statuten
am 10. Wiärg roieber aufgeljängt roorben. Tarauf rourbe bie Ser«
hanfung aufgehoben, bie Stabt muffte aber nach öem Sefdjluffe ber
Stralfunber Serfammlung (21. September 1421) roegen iljrer SBiber»
fpenftigteit eine Strafe oon 2000 Whein. Oiulben galjlen. Tie
Seioegung, bie in ber Stabt Fjerrfdjte, fdjeint recht lebhaft geroefen
gu fein unb hatte ihren tieferen GJrunb geroifj in gang anberen fragen
als in ber Slufhängung ber hanfifdjen Setanntmadjung.
Tie (Währung blieb befteljen, fobafj bie Stäbte fid) noch 1426
auf bem Gübeder Tage mit ben Stettiner unruhigen [juftänben bc«
fdjäftigten unb Stralfunb, foroie GireifSioalb beauftragten, barüber
nähere Wachridjten eingugiehen. SBaS barauS geioorben ift, wirb nid)t
berichtet, inbeffen brach halb ber Sturm in Stettin los. Ten letjteu
Ter SSorcfeftfje Slec^tS^anbfl.
75
Slnlafj bagu gab eine SteuerauSfdjreibung. Stuf ©rititb bes> SleidjS
friegSfteuergefetjes oom 2. Tegember 1427, burdj ba§ bie Erhebung
beS „gemeinen Pfennigs" fiir ben Krieg gegen bie ^juffiten feftgefefct
worben war, wnrbe bie Saljlung and) non ber Stabt Stettin geforbert.
Ter Siat fdjrieb eine neue Steuer au§, unb barüber geigte fidj bie
Sürgerfdjaft aufs fjödjfte empört. fjatte man bod) gemeint, in ber
Stabttaffe fei genug ffiorrat, bie ffieidjöfteuer gu gahlen; wo blieben
bie Grinfünfte ber Stabt, warum legte man nidjt SRedjenfdjaft? 9J?an
rebete offen banon, bafj bie SJlitglieber be§ fRateS unb iljre Familien
ben SRutjen non ben ftäbtifdjen Sinfünften hätten, bie ^anbwerter
aber unb Heinen Sürger bie ßaften tragen füllten. So fpradj man
in ben QnnungSfjäufern, in ben Verbergen, im fRatSfeller, ljier unb
bort in ber Stabt unter ber Sürgcrfdjaft, in ber fdjon länger ein
geheimer ®roH gegen ben fRat tjerrfdjte. .£>atte bod) biefer gerabe
jetjt bie Stabt in einen ärgerlichen IRedjtSljanbel gebracht, ber niel 9litf
fetjen erregte. fRadj bem Tobe beS Kämmerers Sllbredjt Sorrfe (1425)
waren bie TeftamentSoollftreder, bie er beftellt ljatte, bie JliatSljerren
$an§ Sorde unb Tubflaw fRatjmerSborf, fowie £einrid) uon Sorde
mit ber SBitwe 9lnna, geborenen uon Slffen, in fehr heftige Streitig
feiten über ben Sladjlaf; geraten. TaS au§ jener Seit erhaltene
ffleridjtßbud) ift ooll oon Klagen ber SBormiinber gegen bie SBitroe
über ba§ ^ergewebe (ben SRadjlafj), über liegenbe unb ftchenbe fflriinbe
unb allerlei ®üter. $ene brei SRäuner fühlten fid) ber Aufgabe, bie
ihnen gugefallen war, felbft nidjt gewadjfen unb nahmen oor SRidjter
unb Sdjöffen nod) $anS uon ®roHe unb ®ottfdjalf oon Sorde gn
SRifoormünbern an. Sei ben Serhanbluugen füllen fRafjmerSbotf,
ber ein giemlidj ftrcitfüdjtiger SRann gewefen gu fein fdjeint unb oiele
Sadjen oor ©eridjt oerfod)t, unb $attS uou Sotrfe bie Schöffen in
öffentlidjer Sitjung gefdjmäljt unb gefdjolten tjabcit, als fie ein un»
günftigeS Urteil oon ihnen erhielten. Tarauf würben fie, wie beridjtet
wirb, wegen ^riebenS» unb 9?cd)tSbrnd)§ in§ ®efängniS geworfen.
S3ie fid) ba§ im eingclnen oerhält, ift nidjt gang Har. Sim 25. Slpril
füllen beibe fdjon wieher freigefommen fein, unb babei wirb über5
liefert, fie feien breioiertel <?ahre im ®efäitgniffe gewefen. TaS ftimmt
nidjt mit anberen Stetigen, auch ift es nidjt erfidjtlidj, wie SlaljmerSborf
pi bie feinblidje Stellung gegenüber bem State geriet. SBir muffen
annehmen, baß biefe geinbfdjaft StatjmerSborfS unb be§ $an§ oon
Sorde burdj bie ®efangenfetjung unb bie balb banadj erfolgeube ®er=
weifung auS ber Stabt tjeroorgerufen worben ift. ift nad) allem,
wa§ ergäFjft wirb, nicht baran gu gweifeln, bafj beibe am 25. Slpril 142ß
mit tßjeib unb Kinb oerfeftet, b. h- verbannt worben finb. Sie füljlten
76
Hufftnnb geßen btn SRnt.
fid) bitter gefräntt, verließen in Haß nnb Born gegen ben Slot iljre
Heimat unb flogen nad) ©ollnow. Obwohl fie llrfeljbe gefdjworen
hatten, gaben fie fid) nidjt flufrieben, fonbern wanbten fidj an ben
Slaifer Sigmunb. Tiefer befahl am 9. Slpril 1427 ber Stabt, fid)
mit ben beiben SJlännern flu einigen unb fie in iljren früheren Staub
mieber einflttfeljen, unb lub ben Slot Vor fein £>ofgerid)t. Bu gleicher
Beit wirften aber bie Verbannten im geheimen bei ber Vürgerfdjaft
immerfort gegen ben Slat. Sie erhoben, wie e§ Ijeifjt, in einem
Sdjreiben, baS fie au bie ?llterleute beS Kaufmanns unb ber ©ewerfe
ridjteten, fdjwere Slnfdjulbigungen gegen iljn unb inSbcfonbere gegen
ben Kämmerer Veter VJarbenburg namentlich wegen ber Verwenbuiiq
ber ftäbtifdjeir ©infünfte. SllleS bieS bewirtte, baß bie Vürger mit
llngeftiim von bem State Sledjenfdjaft verlangten, Slegierenbe Vürger»
meifter waren vom l. SJlai 1427 bte 1428 ©ertjarb Stöbe unb Hatte
van Tolgen, aber neben bem erftereu ljatte ben größten (Sitifluß
im Slate Johann ©rabow, ber fo manches Qaljr im fitjenben Slate
baS Vürgermeifteramt betreibet ljatte. Tiefe beiben SJlänner waren
eS, bie fidj ganj etitfdjieben weigerten, Sledjenfdjaft flu legen, fie
achteten, wie eS TljoniaS Kantjow in ber Spradje feiner Beit alte»
briidt, „eS ein fdjimpflidj Ting fein, baß fie bem gemeinen ißöbel
füllten Stedjenfdjaft tun", unb fügten, „fo manS oon ihnen haben
wollte, fo Ijätten fie einen ßanbeSfürften, ber wäre ißr Oberer unb
nidjt fie, bemfelben wollten fie Stedjenfdjaft geben“. Tarauf gingen
bie Vertreter ber 93iirgerfd)aft, unter benen neben ©erb oon Slffen
einige Sllterleute, wie ber VäCter HanS fiirdjljoff, ber fhwdjeiiljaucr
Henning Vifdjer, HanS Unruh, Henning ©rufe, TreweS ^oßenljolt u. a.,
bie Hauptrolle fpielten, mit Seroalt vor. ©erßarb Slobe unb (Johann
©rabow verließen im September bie Stabt, bie jeßt ganj in bie
Hänbe ber aufftäiibifdjen Vürger geriet. Obgleidj ber größte Teil ber
StatSmitglicber fid) vorfidjtig fluriictgeljalten hatte, würbe boCh bie am
1. SJlai erfolgte Vefeßung ber einflelnen 'Jimter im Slate umgeftoßeu
unb neu geregelt. $war ließ man Klaite SBigger im Vürgermeifter»
amte, aber Kirchhoff würbe Kämmerer, ©erb von 9lffen übernahm baS
Slmt eines Biegelljerrn, Sleftin bas eines SJltihleuherrn, .fjanS Unruh
würbe SHüiiflljerr, Vifdjer Vierherr ufw. Sin neues, bemofratifCheS
Slegiment würbe in ber Stabt eingerichtet. Tie gludjt ber beiben
alten verbienten Viirgermeifter erregte über bie Stabt hinaus großes
Sluffehen. ©rabow unb Stöbe unb oiellei<ht au<h anbere SJlitglieber
beS alten States, bie aus ber Stabt gewidjen waren, fanben Sdjutj
beim £>erfloge Kafimir. @r flog mit SBaffcngcwalt in bic Stabt unb
warf nidjt ohlle erljeblithcn VJibcrftanb ben Vlufftanb nieber. Tie
Slieberrotrfimfl bes SlufflanbeS.
77
SUcibrlöfüfjrer ©erb von Slffen unb .£>an§ von Slffen würben auf beut
Stabe Eingerichtet, anbere in§ (Gefängnis geworfen nnb bann auS ber
Stabt vermieten. Sim 18. Cftober würbe bie Stabt 31t einer <55elb=
ftrafe oon 12 000 SJtart verurteilt unb ber alte Stat wieber eingefegt.
SereitS am 16. Slovember nielbete er nadj ßübed, bafj bie beiben
füljrer ber Bewegung geridjtet feien, unb bat, bie fliidjtigen nidjt
aitfaunefjmen. ©abei werben mit Slamen genannt Henning Sßifdjer,
£>ans Unruh, Henning Strafe, fjanS Sleftin, Sl'lauS fjarleS, ©ietridj
oom Signe, ^ßeter SJleijer, Sernb Swertfeger, Sl'lauS ©ummow, £>einridj
Smebe, ber Sdjneiber, $einridj Siitfow, SJlattljeuS Stofelitj, ^anS
Söinmann, fatob oom ® rolle, ^ermann Ströpelin, ber Schreiber,
©ietricß ran fjeroorbe, ber SBeingapfer, £>anS ^oljenijauS unb Steijnete
oan ber ©ober. ©ie Bafjl ber (Gegner beS alten SlateS war beninadj
nicht gering, unb eS war nur bem energifdjen Eintreten beS ßanbeS»
tjerrn gu verbauten, bah bie {Revolution fo fdjnell vorüberging. ®odj
bie Sürgerfdjaft mußte ben Slufruljr fdjwet büßen, bie fjwlje ber Straf
fumme gwaitg ben Stat, Slnleiljen aufguneßmeu bei Siirgetn unb
frembeu, bei geiftlidjen Stiftungen unb Ebelleuten, unb eS würbe
ber Slnfaug gu bem finangiellcn Stuin ber Stabt gelegt, ber auf lange
Beit ljin verberblidj wirtte. Sie Sladjridjt, baß ber fpetgog biefe
(Gelegenheit benutjte, fein £auS in ber Stabt ftart gu befcftigen unb
gu einer .ßroingburg auSgubauen, „bamit er ber Bürger SRutwillen
gähmete", ift nicht gang ftdjer. ©och ift e§ immerhin möglich, baß
stafimir bamalS fein Sdjloß erweiterte.
©er Stat, in ben am 1. SDlai 1429 faft alle alten SJtitglieber
wieber gewählt würben, bemühte fidj, bie Eintradjt in ber (Gemeinbe
herguftellen. Einige ber flüchtigen, wie ©ietridj vom Shine unb £>anS
Unndj, erhielten bie Erlaubnis gur Stiidteljr, unb „aller £>aß unb
alle Bwietradjt“, bie lange gwifdjen bem Slate, bem Staufmann, ben
SBerfen unb gemeinen ®ürgeru geherrfcßt batte, würbe in ber Shtr=
fprate von 142!) als befeitigt ertlärt. ©er Stat verbot jeben Sluflauf
ober jebe Serfammlung gegen Slot unb (Gemeinbe unb bebroljte alle
(Gewalttat mit ©obeSftrafe. Gr felbft befcßwor bie neue Einigung,
laut ber Staufmann, Söerte unb jebermann bei alter freiljeit unb
(Gerechtigfeit erljalten werben füllten, unb auch bie (Gemeinbe ober
iljre Vertreter leifteten einen foldjen Eib. Son jetjt an würbe meljr
als früher bei Stabtangelegenljeiteii bie ^uftiinminig ber SBerte unb
gemeinen SSürgerfdjaft aitSbrücflidj geforbert, unb mit Willen und
Vulbort der werke unde ganzen gemeinen Borger ftellten Sürger
meifter unb Siatmannen Sdjiilbüerfchreibuiigen ober anbere Urfunben
aus. SJlan verfäumte e§ aber, tlar uub beutlidj feftgufeßen, in weldjen
78
(Stettin in ber Sldjt.
fällen biefe Einwilligung eingeholt werben mutte, bie Slompeteiijen
beS Slateä unb ber üöürgerfdjaftSvertreter würben nidjt ausbrüdlidj
beftimmt, batjer tarnen Honflitte unb (Streitigfeiten immer roieber uor.
Tie Stabt würbe in biefett Bal) reit ebenfalls ftart heimgefudjt
burtf) ben ißrojefj, ben £>an§ Vörde unb Tubflaw SlatpnerSborf gegen
fie anftrengten. Tie VermitteliiugSverfudje ber .fjerjoge fdjeiterten.
£>ans Sorde gab, wie berichtet wirb, eS balb auf, ben Stampf
gegen Stettin gu führen unb überlief) bie Sßaljrung feiner Qntereffen
feinem Schwager SSinefe uon Slffen, ber jufammen mit SlatjmerSborf
am fpofe beS StönigS Sigmunb gegen bie Stabt tätig war. äRetjr»
fadje VJlanbate ergingen an fie, unb am 1. Vluguft 1429 würbe
Stettin uon Sigmunb förmlich in bie yictjt ertlärt. Ter $erjog fdjidte
in biefer Slngelegenljeit ®efanbte an ben St'ouig, eS würbe aber nichts
erreicht, fonbern Sigmunb, ber am 19. September 1431 einen Erlaß
gegen baS rcuolutionärc Treiben ber Büufte, wie eS fid) u. a. audj
in Stettin tunbgetan hatte, an bie !Reid)ftänbe ausgeljen ließ, erneuerte
bie $Reid)Sad)t über bie Stabt. Sie ljabe, fo Ijeifjt e§ in ber Urtunbe,
trog be§ töniglid)en Serid)t§fprucf)e§ Vörde unb VatpnerSborf nidjt
(Genugtuung geleiftet, besfjalb ljatten biefe ba§ Sledjt, gegen fie ein
äufdjreiten, unb jeber Verfeljr mit ber geädjteten Vürgerfdjaft fei
verboten, ^war Ijören wir gar nidjtS von ber Sßirfiuig ber Sicht,
aber bod) fdjeuten ^ergog unb Siat feine Höften unb Vtiiljen, bie
Vlngelegcnßeit beigulegen. (Gnblicf) erhielten fie bie Bufage, ber Vfalg»
graf SBilljelm bei »tljeiii folle bie Sache entfdjciben. Tiefer tjob
bann (1433) bie Sicht vorläufig auf unb jitierte beibe Parteien vor
baS Slongil gu Vafel. Sind) bort tarnen bie Verljanblungen ju feinem
Slbfdjluffe, bod) erreidjte Stettin am 28. September 1434 gu Siegens
bürg, baß Slaifer Sigmunb einen grieben ber Stabt mit VaßmerSborf
unb SSinete von Slffen fd)lofj unb bem State gu Stolberg bie Ent*
fdjeibung über bie nod) fdjwebenben Streitigfeiten übertrug. Tamit
würbe bie Sicht enbgültig aufgehoben. Ta inbeffen ber Siat von
Stolberg feine (Smtfdjeibung Ijerbeifüljrte ober tjerbeifüljren tonnte, ging
im Bahre 1438 nodj einmal eine Sefanbtfchaft ber Stabt an ben
neuen Stönig Sllbredjt 11. Enblich am 23. September 1439 würbe
bie Streitfadje burd) Vermittler geiftlitfjen unb weltlidjen StanbeS
beigelegt. $anS VordeS SBitwe unb Stiuber, fowie SBinete von
Slffen, (Dubflaw uon SlatjmerSborf unb iljre Reifer füllten iljre (Güter
in ber Stabt ^uriiderljalten unb bort ruljig woljnen tonnen. Bugleid)
würbe einigen auS ber Stabt entwichenen Teilnehmern au bem früheren
Slufftanbe bie ©rlaubnis ^ur Siüdfeljr in bie Stabt gegeben. So
würbe biefe „langwierige unb befdjwerlidje" Sadje beigelegt unb ver
©tettin unb bie Berbiinbeten ©täbte. 79
tragen, ©ie ljatte, obwohl es fid) anfänglich gar nidjt birctt um
ftaötifdje Qiitereffen ljanbette, allmählich immer weitere Greife in 3)lit=
leibenfdjaft gezogen unb bie Strafte ber ©tabt nidjt unerheblich in
Slnfprud) genommen. Sluch biefer Oorrfefdjc 9ied)töftreit trug mit baju
bei, bafj Stettins ginanjen in Unorbnung tarnen, Ebenfo fdjäbigte
ber gange ^ßroflefj mit ber Sldjterflärung unb anberen recht nadj’
teiligen folgen ben ^rieben unb bie Eintradjt in ber Oürgerfchaft
auf lange 3eit Ijin.
Sie Erhebung ber großen SleidjSfriegSfteuer oon 1427, bie mit
Slnfaß 311 ber revolutionären Bewegung gegeben tjatte, würbe nur
fümmerlidj burdjgefütjrt. ©tettin ertlärte 1429, als eS jur 3«hlung
gemahnt würbe, baß fein £>err, £jergog Slafimir, fiir bie ©tabt
antworten werbe, nnb biefer fdjrieb, er wolle fidj mit feinen Herren
unb greunben befpredjen unb fpäter feinen Entfdjluß mitteilcn. ®o
fudjte fid) jeber mit Vlusreben ber ^aljluug 311 entjieljen, inbeffen
melbete bie ©tabt am 6. Sluguft bem Shirfürftcn fjriebridj oou
Oranbenburg, fie tjabe gut görberimg beS BugeS gegen bie bötjmifdjeii
Steher bie Summe an ihre SanbeSljerren abgeliefert, Oialjrfdjeinlidj
meinte man bamit baS an St'afimir gejafjlte Strafgelb unb wollte
baburdj weiterer tUlaljunng auS bem Silcge geljen.
Bfn biefer fdjweren Beit, bereu golgen noch lange genug in ben
galjlreidjen ©djulbbriefeu ober, wie man nadj mittelalter! idjem Sprach'
gebrauche fagen muß, IReiitciioerfdjreibungen 311 fpiireit finb, ljat ©tettin
bei ben oerbiinbeteii ©tobten taum Unterftüßung gefunben. 3,uar
ljatte eS noch 1428 mit Stralfunb, EreifSwalb, ülnllam, Demmin
unb ben Stettiner unb SBolgafter Herren einen Oiiingoertrag auf
5 Bfaljre gefdjloffcn, aber an ben Oerljanblungeii über bie Erneuerung
unb Erweiterung biefeS OiinbniffeS (im Segember 1433) beteiligte
fidj ©tettin nidjt mehr unb hielt fi<h auch 0011 1430 bis 1434 Dün
ben ^anfatagen fern. Ebenfowcnig nahm bie ©tabt an bem unljeil«
vollen unb langwierigen St'riege ber ©täbte gegen Stönig Erich teil
©ie Ijielt fidj bamals mehr als oorficfjtig guriid, entfdjulbigte fidj
bisweilen mit redjt biirftigen unb fabenfdjeinigen Eriinben, fudjte
bann aber, als eS im Buli 1435 3U bem griebenSfdjIuffe von
SBorbingborg tarn, an ben bort gewonnenen Outrechten Slnteil 311
betommen. Oidjt oiel anberS wat es mit ber Haltung ©tettinS, als
im Slorbeii ber Slampf um bie Union ber btei Slouigreidjc begann
unb Erichs beS ißommern $errfdjaft gufammenbrach. ©tettin war
von 1441 an auf ben Sagen wieber häufiger vertreten gumeift burdj
©erb Erute ober ißeter Slutftebe, audj finben wir feinen Flamen in
ben mannigfachen Entwürfen nnb ißlänen gur Erneuerung unb Oe=
80
Streitigteiteu mit brn Ji'anbeSßtrren.
feftigimg beS Stäbtebünbniffes (1441, 1443, 1447), ober troßbem
war bie wirtlidje Dätigfeit ber Stabt fiir ben Sunb gering. Da
gelten woßl bie Stettiner 1446 einmal einige griebenSfcßiffe gegen
bie Seeräuber auf ber Cftfee, ba nannten fie am Sdjußbünbniffe
non 1447 teil unb gelobten 8 fReifige 31t ftelien, ba ertlärten fie
wieberßolt fid) bereit bie Giraten 311 betämpfen, aber bann blieben
fie wieber auS uub ließen fid) rußig maßnen, ja mit Strafe
bebroßen. Dabei fudjten fie ißten .fjanbel in Sdjoneu auSgiibreiten
unb 311 ficfjern unb befiegelten 311 feinem Scßuße and) mit ben anberen
Stabten 1451 bie fedjsjäßrige Doßopefate bet ^anfaftäbte oom
18. Cftober 1450. .Qu gleicher Seit fiußte unb fanb Stettin wieber
Plnfdjluß an bie benadjbarten Stäbte ber wenbifeßen Wruppe. Dodj
and) biefen gegenüber war baS 'Serljalten oft meßt als tiiljl, unb
ßübect ober Stralfunb erßoben wieberßolt Silage über Stettin. Pim
22. $uni 1451 ßßloß eS mit Stralfunb, SreifSwalb, 'Jlntlam unb
Demmin eine Ginigung 3U gegenteiligem Scßuße unb 3ur Sidjerung
ber Straßen.
Soldje Scßußbünbniffe ßatten bie Stäbte in jener Seit allcrbingS
feßr nötig, beim eS ßerrfdjten in fßommern Quftänbe, bie fricblicßen
^anbel uub ffierteljr auf bem ßanbe, äßnlicß wie auf ber See
ungemein erfdjroerten. ^eßben unb Stampfe tobten in gang fßommern.
3fn ben ßeftigen Streit Stolbergs» mit ben Sifdjöfen oon ßammin
griff aud) Stettin oermittelnb ein, unb au ben Stampfen mit Sranben
bürg, bie fid) in größerer Stöße Stettins in ber llrfermart abfpielten,
mußten and) Bürger ber Stabt auf Sefeßl ißrer ßanbeSßerrcn,
SlafimirS VI. (geft. 1434) unb QoadßimS (geft. 1451), teilneßmen.
Gerft am 3. SJlai 1448 laut ein Stiebe uou längerer Dauer 3uftanbe.
Dabei feßlte eS nidjt an Stonflitten ber Stabt mit bem ^ergoge.
Pim 18. Quli 1446 würbe ein SBergleid) über mamßerlei Streitpunfte
gwifdjen Stettin unb bem Spergogc Soadjim gefdjloffen. Durdj einen
Übergriff beS fRateS in bie ®eridjtsbarteit be§ dürften fdjeint ber
Swift entftanben 31t fein, er ßatte einen ftRann, auf ben er faljubete,
mit Gewalt oom ßergoglidjen Sdjloffe ßolen laffen. Damals einigten
fidj ber S^ergog unb bie Stabt über bie Crbörc, beren £>öße auf 500
SJtart feftgefeßt würbe, über bie Stage bcS ftäbtifdjen GeleitSrecßtcs,
bie Plbgabe oon ber ^ifdjerei (bie für bie ßergoglidje Dafel 31t liefernben
„Gßfifdje") unb bie Sreißeit be§ ßergoglidjen CwfeS. Diefe Ginigung
fdjeint gur Sufriebenßeit beS ßanbeSljerrn ausgefallen gu fein, beim
im Saintar 1447 beftätigte er ber Stabt nidjt nur einige altere
Ilrtunben, fonbern ^ereignete ißr audj baS Dorf SJleffentßin, bei bem
fie biSßer bereits Sßiefen unb .fjolgungen befaß. Damit würbe bie
Tie GrbfdjaftSfrafle im «Stettiner Vanbe. 81
ftäbtifcße Grunbßcrrfdjaft über baS Torf bcgriinbet, von bent bie
Familie Söobbermin bamalS ben größten Teil befaß. Troßbent bracß ber
Streit mit ^erjog ^oadjim über bie Crböre, bas Geleit nnb bie „Gßfifdje"
nadj einigen Qaljrcn nod) einmal auS, nnb ber £>er3og USartiflaw IX.
von SBolgaft verglidj 1451 beibe Parteien; es fdjeint inbeffen ber
fjjeraog feine nnS nidjt betannten Slnfprüdje aufgegeben 311 ßaben.
SBenige SJlonate fpäter (am 22. September 1451) ftarb ^oadjim
unb ßinterließ nur einen nnmünbigen Soßn Ctto. Sdjon länger
ftanb baS Stettiner SürftenßanS auf vier Singen, unb man mußte
mit einem Grlofdjen biefes JfroeigeS bes alten QheifenftamnieS redjneit.
G§ ivar baßer natürlidj, baß bie, weldje einen Slnfprudj auf bie
Grbfdjaft ljatten ober 31t ßaben glaubten, fidj fdjon uorljer rüfteten,
ißn mit aller ÜDladjt geltenb 311 uiadjen. Gs waren bie Söolgafter
.^errett unb ber Sranbcnbitrger Slurfürft J^riebridj II. Qcne begrünbeten
iljre IHedjte mit ber llerwanbtfdjaft unb bem ®efamtbefiße bes pom
merfdjen gürftenßaufeS an bem galten Canb, biefer mit bem ber
Wart .ptgeftanbeiieii Slnfallredjte auf fßommern. Tie SSoIgafter
dürften, roeldje bie Stabt Stettin auf jeben $all für fidj 31t gewinnen
fudjten, verließen am 28. Slpril 1449 ben „Sürgcrmeiftern, Siatmann
.Kaufmann, Ginrooßnern unb allen gemeinen SHürgern" ein bebeut»
fames Privileg. Sie fidjerten ihnen Bullfreißeit auf SSaffcr= unb
ßanbftraßen, £5rciljeit vom Uledjt ber Grunbrußr unb ber Stranbung
3U. Ter H’urfürft JJriebrtdj von Sraitbeiiburg übernaljm bagegen bie
Slormunbfdjaft für ben jungen £>er3og £tto III. Gine Seit lang
würben bie beiben '-Parteien, bie begeljrlidj nadj bem Grbe anSfdjauten,
nodj burdj gemeinfame (fntereffen an ben Streitigfeiten um bie
•fjinterlaffenfrtjaft beS alten UnionSfönigS GridjS geeinigt, ber rußni-
unb tatenlos fein Cebeit 1459 in 'Jiitgcnroalbe befcßloß. Stettin aber
war itt jener ßeit befdjaftigt mit einem äußerft ßeftigen Streit, ben
eS gegen feine Sladjbarftabt Stargarb führte.
Troß aller perfönlidjen ©esieljungen, bie 3wifdjen ben SSerooßnern
ber beiben 'Jladjbarftäbte hcrrfdjten, troß ber vielfadjen roirtfdjaftlidjen
öerüßrungen uub be§ regen SierfeßrS beftanb boeß feit alter Seit
ein geroiffer Gegenfaß 3wifdjen Stettin unb Stargarb, ber feinen
Grunb in ber Giferfndjt beiber Gemeinheit gegencinanber ljatte.
Tie Stabtpolitif im Süittelalter war im ftrcngften Sinne beS
SöorteS partihilariftifdj nnb eigenfüdjtig; jebe Stabt ßielt an ißren
SRedjten unb >ßrivi(cgien feft unb trat, wenn biefe irgenbwie vcrleßt
würben, bem, ber bagegen verfließ, rüdfidjtSlos entgegen, modjte e§
fein, wer es wollte. Ta§ eigene SBirtfdjaftsgebict 31t erßalten unb
jebe Störung al^uroeßren, war eine ber roidjtigften Slufgaben ber
ffile^rmann, PefäWt »on Stettin.
82
(Streit mit «Starßarb.
ßeiter beS (StabtregimenteS. Son ollen (Stäbten, bie in (Stettins Päße
logen, war (Stargarb bie einzige, bie ftarf genug war, feinen Qntereffen
entgegenguroirfeii, unb es- verftanb, allerlei SRedjte gu erwerben, bie
benen ber größeren Stadjbarftabt binberlid) fein tonnten. ®ie ßanbeS=
ßerren waren gu allen feiten geneigt, folcße oljne Siiirfficßt auf ältere
fcßon befteljenbe Privilegien 311 verleiben, mochten bann bie ©emeinben
eS oerfudjeit, fidj in ©üte ober mit ©ewalt auseinanbergnfeßeii. Sinn
beftanb uni bie SJlitte beS 15. QaljrbunbertS ein fdjarfer ©egenfat}
gwifcßen ben Herren beS (Stettiner ßanbeS unb ben ßinterpommerfeßen
fjergogen, 30 bereu ^errfdjaft (Stargarb gehörte, unb bieS gefpannte
PerßältniS übertrug fidj aud) auf bie beiben «Stäbte. (Stargarb machte
von einem iljm frütjer verliehenen Privilege roeitgebenben ©ebraueß
unb oerlub Korn in Heine, fladjgeßenbe gaßrgeuge, bie eS bie Qßna
ljinab ans fpaff, Dtelleicfjt and) inS fjaff führten; bort würbe eS in
größere (Sdjiffe umgelaben unb über bie (See 3. S. nach ßiibed gebradjt-
®iefe SUuSfußr oon ©etreibe ärgerte bie (Stettiner, bie fieß auf bie
Privilegien von 1283 unb 1312 beriefen, bureß bie ißnen baS 9lieber=
lageredjt unb baS alleinige 9iecf)t ber ©etreibeauSfußr gugefagt worben
waren. ®abei war eS immerhin fraglich, ob biefe ffiorreeßte and)
gegen (Stargarb gültig waren, ob g. S. bie Qßna 8U ben bort erwähnten
©ewdffern gu redjnen war unb baS Uierbot ber SluSfußr von Korn
fid) auf (Stargarb begog. ES fanben manche Erörterungen über foldje
fragen ftatt, wieberbolt fdjeint and) ben (Stargarbern bie Qaßrt auf
ber Qljna bei ©ollnow gefperrt worben 311 fein, aber fie naßinen
immer wieber SluSfußr von Korn vor. ®a entfeßloß man fidj in
(Stettin, bie Bürger ber Sladjbarftabt mit ©eivalt gur SlnerFeititung
bes (StapclredjtS gu gwingen. Somit begann ein Kampf, ber fid)
Qaljrljunberte ßingog unb in feinen aüedjfelfäHen redjt beutlicß geigte,
wie rüdfichtSloS unb eiufeitig man auf beiben (Seiten feine Qntereffen
waßrnaljm. 'Ser Verlauf fteßt nidjt in allen Eingelbeiten feft, obwohl
Gdjriftftiicte nnb 'Briefe, bie gewcdjfelt würben, gur ©einige vorliegen.
E§ lammt fiir baS BcrftänbniS biefeS (Streites and) taum barauf an,
alle einzelnen Porgänge gu fdjilbern; eS genügt bie Sarftellung ber
fjauptereigiüffe, wobei ein näßeres Eingehen auf bie auSgetaufdjten
Kläge» unb PerteibigungSfdjriften fidj erübrigt. (Sie haben weit meljr
Qntereffe für bie ytedjt§= als für bie ßolalgefdjußte. ®ie f^rage, auf
weldjer (Seite baS formale JHecßt ftanb, ift fdjwer gu entfdjeiben, jebe
Partei ljatte von ißrem (Staubpunfte auS baS fHedjt, ißre Privilegien
aufreeßt gu erhalten unb fid) auf fie gu ftüßen.
Qm Qabre 1454 brad) ber Kampf auS. (Stettin fperrte im
grübfabr ben (Stargarbern bie SluSfaljrt auS ber Qljna in ben ®ammfcßen
4>anbel§fließ mit Stargarb. 83
See burd) fßfäljle unb naßm baS bort jur SluSfußr lagernbe Horn
fort. ©od) biefe räumten bie Sperre, fo gut fie tonnten, wieber fort
unb befdjwerten fid) bei ben gürftcn über bie Gewalttat ber Stettiner.
Slamentlid) wanbten fie fid) an bie SSolgafter Herren, bie als nädjfte
(Erben beS alten Königs (Srid) für baS ^ergogtum fßommern in SBetradjt
tarnen, .fjatte and) Sßartiflaw IX. mit feinen SÖljnen (Erid) II. unb
Sßartiflaro X. erft wenige galjre giwor Stettin baS bebeiitfame Privileg
oon 1449 verließen, waS niadjte eS iijnen auS, jetjt ben Stargarbern
beiguftefjett unb ben Stettinern mit (Entgieljuitg ber gugeftanbeneu
9ied)te 31t broljen? So betätigten fie am 14. ^uli 1454 ber Stabt
Stargarb alte iljre ^Privilegien über bie freie Sdjiffaljrt burd) bie gljna
bis inS Tleer; würben ber £>ergog von Stettin ober bie Stettiner fie
bei ®ollnow ober anberSwo baran tjinbern, fo verfpradjen fie jenen
bie gaßrt burd) bie fßecne unb Swine gu oerweigern. ®aS faß feljr
gefäljrlid) auS, war aber nidjt fo fdjlimm. Sdjon im fJlooember 1455
gewann Stettin babureß, baf; eS bem XÖolgafter gürften eine Summe
oon 1OOO fRljein. Ghilben gu 7 °/0 oorftredte, eine Slnertennung ber
Bollfreißeit in bem SSolgafter £anb. ©abei ift es nidjt glaublid),
baß bie Stettiner einfadj gufaljen, wenn auS ber Qljna Horn auSgefüßrt
wittbe. ©aß ber 9tat oon Stettin in bem neuen fjafen an ber gßna=
SJiünbuug, b. ß. ber Stelle, wo bie ©üter aus ben Käßnen in größere
Sd)iffe verlaben würben, immer eine unerlaubte Konfurrengftätte beS
Stettiner £>afenS faß uub fidj benüiljte ben Serteßr bort gu ljinbern
ober burd) SluSlegung von Sdjiffeii gang gu fperren, ift audj für bie
Beit anguneßmen, für bie beftinunte 'Jladjridjten nidjt vorliegen. Stettin
war bamalS eine wetjrßafte Stabt, bereu Sürger ober KriegSfuecßte
in Kampf unb Streit lagen mit mectlenburgifdjen Herren unb Stiftern
aus bet llingegenb, bie bei SJeraubuiig von Sßareiigügeu nidjt nur
mit Sefdjwerbeit ober, wie es bamalS gegen .fjergog Uliidj von 2Jledleti=
bürg gefdjaß, mit bem Slainie antworteten, fonbern and) mit Sclbft
gewalt vergingen. SSie bie Stargarber im £>erbft 1454 Stettinifdje
Sdjiffe gu Üöolgaft ljatteu außalten laßen unb ßeute angeworbeii ßatteu,
biefe gu überfallen unb auSgupliinbern, fo Ijaben aueß bie Stettiner
fid) bieS fießer nid)t gaßre ßinbuid) rußig gefallen laßen. Sie legten
ber KornauSfußr StargarbS alle möglidjeu Sdjwierigteiten in ben
Jföeg unb naßmen 1458 Sdjiffe, bie vor ber gßna lagen, in Vlrreft,
ja raubten fie oielleidjt audj auS. ©er stampf ualjm halb fdjärfere
gönnen an, Sdjiffe würben von beiben Seiten ausgefanbt, 'Bürger
ljier unb bort aufgegriffen, Xüaren bcfdjlagnaßmt, eS entbrannte ein
©anbclStrieg, ber in ben gönnen eines regelrechten SöaffcugangeS
gefüljrt würbe, ©uneben wedjfelte man Briefe uub Sdjriftftüde. ©er
6'
84
®er Streit mit Starßcirb.
jturfiirft non Sranbenburg, £>crjog CttoS oon Stettin Stormnnb, be=
fdjulbigte Stargarb ber Steuerung, -fjerßog Otto bezeugte, bafj bie
3JefdjIagnal)me von Sdjiffen burdj Stettiner mit feiner 31iftiniIIllni9
gcfrfjebeii fei. ®or allem aber traten bie Stäbte in Korrefponbeiij
mit llüberf, bem Raupte bes großen SunbeS, bem beibe angeljörten.
Stargarb fowoljl, wie Stettin crflärten fidj bereit, ihren Streit einem
Sdjicbsgeridjte ber benadjbarten ^anfaftäbte 31t unterwerfen, beibe
betonten jebodj fcljr beftimmt ihren Stanbpunft. Gflje inbeffen bieS
SdjiebSgeridjt in Uätigteit treten tonnte, verfudjten nod) fliuei Herren
ben Streit 31t vermitteln. $111 Vluguft 1458 teilte fyürft Vlbolf
mm Slnljalt bent Slate 31t Stargarb mit, er fei vom Könige griebridj
311m Kommiffar in Sadjen beS Sje^ogS Ctto gegen Stargarb ernannt
worben, nnb zitierte iljn nadj ^erbft, unb halb melbcte fid) and) ber
3Jifdjof Henning oou Gammin uub ernannte ben ®omljerrn grölidj
SBefifal 311m ’Jlidjter. Silan proteftierte in Stargarb gegen ben töniglidjeu
Kommiffar, naljm am 21. Cltober einen 3<ermittelinigSvorfdjlag ber
ftäbtifdjen Schiebsriditer oon Stralfnub, (Greifswalb, Slntlam unb
Demmin an unb retcfjte meljr ober weniger gut begriinbete .Klage»
fdjriften ein. GS breljte fidj um bie irrige, ob Stargarb für Korn
baS Stapelredjt Stettins innehalten miiffe, unb um bie Klage über
(Gewalttaten. Soldje fdjeiueu häufiger uorgefommen 31t fein, al§ in
biefen Sdjriften erwäljnt wirb. 3friebeboni, ber Stettiner Gljronift,
er3äljlt, baß 1458 bie Stettiner eines SageS in ber ^riitje Stargarb
mit bewaffneter Ipanb überfallen unb geplünbert, aber halb bie Stabt
wicber verlaffen h(ittc11- SSirb von biefem Überfalle bei ben 81er»
Ijaublungeii in ben ^aljrcn 1458 unb 59 audj nidjt auSbrücflid) gefprodjen,
fo fann er bodj ftattgefimben tjaben. Soldje nadjbarlidjen Sefudje
mit bewaffneter .£>anb tarnen oft genug vor, bavon madjte man nidjt
viel Slufljeben. Derartige (Gewalttaten gingen neben ben llerljanbhingen
her unb hätten fie taum geftört, wenn nidjt burdj anbere llmftänbe
bie Silirtfamfeit ber Sdjicberidjtcr gehemmt worben wäre. Stralfnub
30g fidj fdjon gegen Gilbe bcS 3aljreS 1458 von bem unerfreulidjen
Auftrage jiirüct Kolbatj würbe burdj ben Kamminer Domljerrn
Ijin unb Ijer verhanbelt, Vübed fudjte 311 vermitteln unb bradjte audj
am 8. Sllai 1459 mit .fjülfe anberer Stäbte einen vorläufigen 'Bergleid)
3iiftanbe, ben für Stettin ber SJürgermeifter 'lllbredjt (Glntbe unb ber
'Jlatsmann Klaus Sanbow annaljmen. ®odj and) Ijierbnrcf) würbe
ber Streit nidjt au§ ber Sßelt gefdjafft, er naljm vielmehr balb wieber
redjt gewalttätige formen an, 3111110! ba Stettin bamalS audj mit bent
.£>cr3oge Gridj 11. in ^eljbe lag unb iljm nm 28. SJlai baS Sdjlofj
dritter uub anbere Crte an ber Swine verbrannte. lli^wcifelhaft
Streit mit Storflurb.
85
lief? ber £>er3og von bort auS ben Sdjiffen Stettins nuflnuern, bu
fdjeuten bte SBürger nidjt vor Selbftljilfe gnriirf. Qm Slnfange beS
QaljreS 1460 naljm fid) enblidj (Sridj II. StargarbS an nnb erflärte
offen, bafj er Stettin wegen feines UngeljorfantS jiidjtigen wolle. Tie
Stabt erljielt 311 gleicher Qeit 'Jlbfagebriefe vom ^erjage, von ber
Stabt ©reifenberg, vom Atomtur von Qadjan, fowie von mehr als
90 [jinterpommerfdjen 9lbligen. Stettin fürdjtete fid) inbeffen nidjt,
fonbern riiftete fid) 31er ©egenwefjr, beftellte fReinljolb von Sdjeniugen
ßitm Stabtljauptmann nnb beantwortete Qeiiibfeligfeiten baburdj bafj
eS gegen Untertanen beS ^erjogS, bie ©efdjäfte mit Stettiner '-Bürgern
Ijatten, ebenfo vorging. ?lm 22. Q-ebruar aber würbe baS Stettiner
QollljauS an ber großen fHeglitj von ben Stargarbern überfallen nnb
inebergebrannt, and) ba§ Stettiner (SigentnmSborf '-Bcrglanb grunblidi
auSgeplünbert. ffiinige 'JJlonate fpäter erwiberten bie Stettiner, bieSmal
von niedlenbnrgifdjen nnb pommerfdjen Herren uuterftütjt, ben SSefndj.
Sim 25. Qnni brangen fie in bie Stabt Stargarb ein, mußten aber
halb vor ben 3ufammeneilenben ©ärgern wieber weirijen nnb mit
erbeutetem ©ielj abjieljen. ©ar 311 rüljmlidj fdjeint biefe Tat ber
Stettiner nidjt verlaufen 31t fein, fogar bie lotalpatriotifdjeii ©eridjt
erftattcr ljaben allerlei baran aitSjufeßen. Turdj foldje nnb äljnlidje
Sßorgängp würbe ein giitlidjcr 'JluSgang beS Streites lange vereitelt.
Qcbe von beiben '-Parteien warf ganj regelmäßig ber anbern vor, fie
habe Sdjulb baran, baß ber in Viibed gefdjloffeue Sßcrgleidj von 1458
nidjt gehalten werbe. Vludj fonft fehlte eS nidjt an ©orwürfen unb
filageii befonberS audj Viibed gegenüber, baS immer wieber, nidjt
au§ Qntereffe für Stettin ober Stargarb, fonbern auS Sorge um feinen
eigenen .tjanbcl, 31t vermitteln fudjte. SluSgeglidjen würbe ber Streit
bamals nidjt, Stettin behauptete feinen Sledjtsanfpnidj gegenüber
Stargarb immer unb feljte iljn and) fdjließlid) burdj. Tie Qljnaftabt
tonnte bodj nur mit SDliilje einen wirtlidjcn Seeljanbel treiben, bie
©erfdjiffung auf ben Qlüffen, bie Umlabung in anbere Qaljr^euge
waren umftänblidj unb toftfpielig. ^Iber bie eigenartigen SVirtfdjaftS-
intb £>aiibelSuerIjä[tiiif]e ber mittelalterlidjen Stäbte brachten es mit
fidj, baß jebe ©emeinbe, bie eS nur irgeub möglidj madjen tonnte,
fidj einen Qugang 311m ©leere fdjaffeu wollte. Sils allmäljlidj eine
territoriale ftVirtfdjaftspolitif an bie Stelle ber totalen 31t treten begann,
ba ßörte bieS ©emiiljen von felbcr auf. Qür Stettin war ber Stampf
mit Stargarb, wenn er fidj and) nodj bis inS 18. Qatjrljunbert fjiitgog,
nidjt von feljr tiefgeljcnber '-Bebrütung. Tic (Erbitterung unb ber
Stontiirreii3iieib fdjeinen 3war auf beiben Seiten oft groß gewefen 311
fein, baß aber Stargarb ber Cberftabt fiir iljren Seeljanbel ernftlidj
86 Streit mit bem SWarienfapitel.
gefätjrLicf) roerben tonnte, baS ljat bod) niemals felbft ber fleinmütigfte
©ärger geglaubt.
Jtleimiuit roar aber um bie ©litte beS 15. BatjrljunbertS burdjauS
nidjt eine ©igenfdjaft ber ©ärger ober, oielleidjt beffer gejagt, beS
fRateS. öeioifj roaren nidjt alle bie roaderen §anbroerfer ober eßrbaren
Kaufleute SlriegSljelben, bie fogleidj mit bem Sdjroertc breinfdjlugen,
aber fie roaren gum großen Deile geiootjut, mit itjm umgugeljen unb
nameutlidj, wenn eS fidj um baS eigene Wut Ijanbelte, tapfer gu ftreiten.
(Starter uielleidjt nod) als bie perföttlidje Dapferfeit im Stampfe roaren
ber ©lut, bie ©utfdjloffenljeit unb bie .ßäljigteit im .franbeln. 2ln
bem, roaS man für fein fRedjt anfalj, ljartnärfig feftguljalten, fidj oor
gürften unb Herren nidjt gu beugen, baS fdjeint audj djaratteriftifdj
gu fein fiir bie Stettiner ©atsljerren jener ßeit. Sölit bem ©larien»
fapitel geriet mau bautals wegen allerlei Weredjtfante, nameutlidj audj
roegen beS gifdjereiredjteS in Streit. Der ©rgbifdjof oon ©lagbeburg
nerfudjte gu oermittcln, aber baS Stapitel fpradj bie ©ffommunifatiou
ber JRatSfjerren unb ba§ gnterbift über bie Stabt aus. Dabei gefdjalj
es, baß ©ärger fidj im Born an ©eiftlidjen oergriffett, fo baß eine
„©apenfludjt" erfolgte. Die Sadje ging bis an bie päpftlidje Slurie.
9hn 13. ganuar 1462 beauftragte ©iuS II. ben ©ifdjof oon ©ammin
mit ber Dlufljebung beS gnterbitteS unb ber Unterfudjung ber Vln=
gelegenljeit; wenn eine ©inigung nidjt binnen fedjS Söodjen guftanbe
tomme, follc er oon neuem bas Qnterbift über bie Stabt oerljängen.
©Ur wiffen oon bem ©erlaufe biefer Unterfudjung nidjtS, aber eS
fdjeint eine oorläufige ©inigung gwifdjen bem JRat unb bem Dom=
fapitel erreidjt roorben gu fein. Dabei blieb freilidj nodj mandjer
ftreitige ©unft ungelöft Sind) ßier foditen, roie eS fdjeint, fRat unb
(Gemeinbe tapfer iljre JRedjte burd). Diene fdjwere Stampfe in ber
Stabt unb um fie bradjen aus, als am 7. September 1464 ber junge
$ergog Ctto III. oon Stettin inS ®rab faul, ofjne ffirben gu ljinterlaffcn.
DaS galjrljunbert, beffen ©erlauf für Stettin fjier gefdjilbert ift,
bebeutet ben £)öljepimtt ber inittelalterlidjen ©ntwidelimg ber Stabt.
$n iljrem Umfange, iljrem Dhtßetn, in ber ©erroaltung, in bem wirb
fdjaftlidjen unb fogialen Veben Ijabeit fidj in biefem 3citraunt bie
©erljältniffe unb Buftänbe gebilbet, bie, gwar in mandjen ©ingelljeiten
oeränbert, bod) lange Beit beftanben Ijaben nnb fdjließlidj für bie Wemeinbe
oertjänguisooll geworben finb. ©in ©ilb Stettins aus ber Be*t um
1400 gu entwerfen, ermöglidjen unS nur wenige Diefte ber ©ergangenljeit,
oiel weniger als in anberen Stabten. Son ber Stabtmauer mit iljren
Därmen unb Dören, ifjren SBiefljäufern unb ©Jafferpforten ift fo gut
roie nidjtS erhalten, ein eingiger Durmreft oertrauert fein Dafein auf
Sie Stauern unb Sore.
87
einem $ofe ber Sauniftrafje. Jn biefem ^P’traitnt zumeift finb bie
ehemals fo ftattlidjen SSeljrbouten entftanben, an ihnen mögen aud)
bie beiben Stettiner Saumeifter gearbeitet haben, bereu Samen an
Saunierten in Sranbenburg a. b. &. erhalten finb, bie Steifter Heinrich
Srunäberg uub SitoIauS Straft, ^ebenfalls waren beibe in ben erften
Slbb. 2. Sihtlopfer bet ©cfctofjfiicbe. f
Jahrzehnten be§ 15. JahrhunbertS in ihrer Heimat tätig. Jufammcn
mit ober nad) ihnen arbeiteten bort an ben Sauten ber Stabt anbere
Steiftet, j. S. Jürgen ber Stabt „Shtremefter" ober SitlauS ber
Stabt „Sijinmermann". SBann im einzelnen bie Stauern unb Sore
fo auSgebaut finb, wie wir fie auf ben älteften Sarftellungen noch
im 16. Jahrhunbert feljen, wirb fid) nidjt beftinimt angeben laffen.
®§ ift auch immer wieber baran gebeffert unb erneuert worben. Sie
88
Sauten.
eigentlichen vier Slabttore waren fdjon halb nad) 1400 ftattlidje Weljr«
bauten mit 9lußenbefeftigungen, vor bem Jßaffowfchen unb bem Slhljlcn
tore werben 1421 unb 1425 eine ober jwei „.ftameiben", b. t)- Anlagen
jur 9lbweljr, erwähnt, bie fid) jenfeitS beS StabtgrabenS befanben.
Starter befeftigt würben fie erft fpäter; 14(57 würbe bie neue Saftei
vor bem „.fjeil. Weiftes Sor“ unb 1472 „bie Saftei vor bem Stühlen*
tore aufgelegt unb ber Oraben vor bem Saffower Sor“. Gs ift
erflärlid), bafj man gerabe in biefer unruhigen Beit bie Stabt auf
jebe inoglidje Weife ju fidjern unb ju befeftigen fudjte. Sind) nad)
ber Cber ju würbe bamals bie Stauer verftärtt uub bie Wafferpforten
würben, wie eS fdjeint, vermehrt. Wir hören von neun folgen Soren,
von bem „Sombore“ an ber jum fyiißgängerverfehr beftimmten Saum
briiefe bis jum „Stönnefenbore" bei bem granjiStanertlofter. 9ln
unb auf bet Stauer ftanben Wiefl)äufer, bie jumeift von Stabtbienern
als Wohnungen benutjt würben, aber ebenfo wie bie Slauertiirme
jur Serteibigung bienten. Sie ßaljl beiber anjugeben ift fiir biefe
Seit, in ber nod) vieles geänbert nnb nmgebaut würbe, nidjt moglidj,
fie wirb aber nidjt Hein gewefen fein, hinter ber Stauer befanb fid)
nur ein fdjmaler OJang. Sie Käufer reichten jiemlidj nahe an fie
heran, wie wir eS j. S. von ben .fjöfen bes SifdjofeS von Gammin
an ber Heinen Soinftrafje unb beS Uolbaher 9lbteS ant Sofcngarten
ober von bem feften Sdjloffe ber ^erjage wiffen.
9lnd) vor bem Waben nnb bem Walle, ber bie äufjerfte Sdjutj
wehr ber Stabt war, lagen einjelne -fjäufer uub bie Sorftäbte ber
„overften Wiet“ ober ber „grauenwiet" am grauewSor. 91m heiligen
(SJeiftberge unb vor bem Saffower Sore befanben fid) ebenfalls GJe
bäube. innerhalb ber Stauer war bie Stabt nach unb nach aus»
gebaut worben, bie Baljl ber fteinernen Webäube, ber fünfer, Silben
unb Steller, nahm bebeutenb ju, unb manch ftattlidjer Sau ber
Wohlhabenheit Familien mit hoihrageitben GJiebeln, Sorbauten unb
großen .fjintergebäubeii würbe in biefer Beit errichtet. S)aS fftat«
IjauS am ^eumarft ift bamalS auSgebaut, wahrfdjeinlich in ber fform,
bie es bann ^ahrljiiiiberte h’nburd) bewahrt hat; and) uon biefem
gotifdjeit Sau jeugen nur nod) bie biirftigfteu Sefte. Sie (bewerte
bauten fid) hie fiir iljren G5ewerbetrieb ober ben .fjanbel notwenbigen
Saulidjteiten, Sellljäufer, Speidjer, baS Sliiterljauö, baS WanbhauS
in ber Slofjmiiblenftrafje, in ber and) bie ältefte 9lpotl)cte ber Stabt
lag. 9ln bem Sau ber stirdjen unb Stlöfter war man in biefer ßeit
ebenfalls mit großem Gifer tätig, nameutlidj halb nadj 1400 an
St. Bafobi. Samals würben ber Umgang um ben ljoljen Gtjor unb
bie nichtigeren Seitenfdjiffe Ijergeftellt. Stit jwei ftattlidjen Siirmen
TuS Stbeit in ber Stabt. 89
ragte bte Afirdje ftattlid) empor, bodj 1456 ftiirgte ber fiiblidje ein,
ein beweis bafiir, bafj man in biefer Seit ber eifrigften Qtautätigfeit
bisweilen wenig forgfältig in ber WuSfiiljrung vorging. Ebenfo war
man an St. SUlarien, St. 9lifolaus unb ben fletnen Alirdjen ober
Kapellen, ben £jofpitälern unb ftlöftern mit Stauten befdjäftigt, eS
laffen fid) jebodj, ba von all biefem faum etwas erljalten ift unb
nur einzelne, nidjt immer beutlidje 9lotigen auf biefe Tätigteit ljin
weifen, Eingelfjeiten nidjt augeben. Tas einzige erljaltene IßrivatljauS,
baS in feiner Einlage in biefe Seit guriidgeljt, ift baS tßriorat§I)au§
bei Qafobt, bas im Sintern gang oerbaute alte 93farrl)nu§ ber Stirdje.
3it ber Stabt, bie in iljrem Siufjeren fid) oon anberen nur
wenig unterfdjieb, auf ben engen, oft redjt unfauberen Straften, ben
nur gum Teil gepflafterten 9Jlärfteu, auf unb an bem gluffe fpielte
fidj ein reidjeS Seben ab, reidj au Virbeit unb SJluljc, reidj an Stift
unb greube. Star bie Stabt audj nur Nein, ber WefidjtSfreiS ber
S3ewol)tier nidjt weit, fo waren bod? bie SebenSformen reeftt niannig
faltig unb geugten oou reger Tätigfeit, emfigem gleift unb forgfältiger
SluSnuftung ber vorljaubeiteu Strafte. Tabei war freilidj bem eiii^clneit
fein SSirfungstreiS eng begrengt, freie Entfaltung bes FnbiuibuumS
lieft ber Weift ber Seit faum je gu, aber gerabe biefer Swang, ber
bis inS einzelne ging, ermoglidjte e§, auf fleiuem Webicte etwas gu
leiften ober wenigftenS beit SebenSunterljalt fidjer gu finben. Tie
tüeftimnmngen unb Wefetje, bie bem Kaufmann, bem ^aubwerter,
jebem Bürger gang fefte Sdjranten feftten, würben nidjt als brücfenb
empfunben. Ter Sdjutj, ben jebe eljrlidje Virbeit fanb, bie gürforge
ber Stabtverwaltung, bie jebem Jöewoljner guteil würbe, waren in
jenen unruljigen Seiten eine SSoljItat.
Ter 9t at ljatte bei ben laugen Slämpfen unb Streitigfeiten
fdjlieftlidj bod) feine bcljerrfdjenbe Stellung in ber Wemetnbe behauptet.
Tie Softt feiner fWitglieber betrug gewöftnlidj 28, oon benen aber
jebeS Qaljr nur 16 ben fiftenben ober gefdjäftsfiiftrenben 9lat bilbeten,
wäljrenb 12, fo gu fageit, beurlaubt waren. Tie Umfetjung fanb
oor bem 1. SDlai ftatt; an biefem Tage ergängte fidj ber 9lat bttrdj
9leuwaljl, wäljlte biejeuigen, bie fiir baS nädjfte $al)t wirtlid) mit
tätig waren, unb verteilte bie Ämter. ibei biefem etwas umftänb’
lidjen Serfaftren warben jebeSmal gimädjft 12 9JHtglieber, bie im
uorigett $al)re nidjt im 9tate gefeffen batten, gur WefdjäftSfiiljrung
auSgewaljlt unb bann 4 auS bem bisljer fiftenben 9late auf ein
gweites 3aljr wiebergewäftlt. Su biefen gehörten ber 9tegel nadj
je ein üöürgerineifter unb ein Hämmerer, fie füllten gewiffermaften
bie Trabition im State waljren unb bie Fortführung laufenber
ö<) Ter Tat.
®efd)äfte erleichtern. Sind) zweijähriger Slmtstntigfeit hatten biefe bann
eine Tultepaufe non einem 3aljre. Tie beiben roidjtigften 'Ämter
ber Viirgermeifter unb bei» JlänunererS würben fafl regelmäßig non
benfelbeu 3 Tlännerit verwaltet, bie nad) einigen Qfntjren ber Tiit
gliebfdjaft baju berufen unb bann ineift bis an iljr flebenSenbe immer
wieber gewählt würben S8ei ben anberen ‘Ämtern wedjfelte man
bagegen mit ben ^erfüllen giemlidj häufig, weil eS bei biefen nidjt
fo feljr auf beftimmte ffadjfenntniffe anfant. Tlandjinal tarnen aud)
in biefer 5ßeriobe Slbweidjungen uon ber üblichen Söaljl twr. ES
würben bisweilen ftatt 4 and) woljl 5 non ben SJlitgliebern beS
fitjenben 910168 wiebergewäljlt, eS ift and; vorgefomnien, baß ein
JRatSljerr brei Qaljre Ijintereiuanber mitfaß. 3m allgemeinen aber
hielt man ftreng an ber Slrt ber llmfeßung feft, bie fidj im Anfänge
bes 15. 3aßrl)unbertS IjerauSgebilbet ljatte. Tom ^aljre 1413 an
liegen bie Verzeidjniffe ber gewählten unb wiebergewäljltcii Tiit«
glieber be§ Slates für bie weiften $al)re uor. Tie 'Änberungen, bie
in einzelnen Öafjren vorgenommen würben, beuten barauf ßin, baß
eS bei ber SSaljl ober bei ber Verteilung ber 'Ämter nidjt offne (Streit
abgegangen ift. Tie gum Erfaße für bie ausgefdjiebenen Tlitglieber
neu gewählten TatSljerreu gehörten jumeift bem (Staube ber Kaufleute
an, bodj tonnte auch ein ^anbwerter in ben Slat tommen, nur war
eS (Sitte, baß er bann fein .(janbroerf nidjt weiter betrieb. Ein
eigentlidjeS 'Patriziat, b. h- eine beftimmte Sln^ahl oon Familien, auS
bcnen ber Slat feine Tlitglieber nahm, gab eS in Stettin nidjt. 'löenn
audj manche Slawen in ben Verjcidjniffen oft wiebertetjren, ja auch
wohl 31t gleidjer -Beit Vater unb Sohn im Täte fißen, fo tauchen
boch immer neue Slawen auf, unb neue Familien finben Vertretung
in ber hödjften Stabtbeljörbe. 3m 15. 3afjrl)unbert finb nad) ben
uorhaitbenen, wie eS fdjeint nicht ganj uollftänbigeu Verjeid)iüffen,
Angehörige von etwa 110 (flefdjledjtern im Slate vertreten, unb nur
wenige, wie von ‘Äffen, ißaul, Vorrat, 'JBarbenberg, Veringer, ®olb=
bed, VJigger, von Vorcfe, guge, Quaft, ßoijtj, Sliube, begegnen ttnS
häufiger.
Tie 311m erften Tlale gewählten Tlitglieber hatten eine ftattlidje
3eftlid)teit aiiSjurüften. Ta fie aber immer teuerer würbe unb für
bie neu 311111 Täte Eeforenen eine ftarfe Velaftung bilbete, fdjaffte
man 1455 bie „TatStöfte" ab. ES würbe beftimmt, baß bie neuen
Tatsherren 30 Tljein. Ohilben gut Verteilung an bie älteren ‘JJlit
glieber unb Veamten bes SlateS zahlen unb ein Slleinob von 2ys Tlarf
Silber „geformeret und gescliicket in einen sulvernen Kopf edder
Schower (= Vedjer) up dat beste und zierlikeste utgerichtet ftiften
Der ''Hat-
91
füllten Die Següge ber SlatSmitglieber waren in biefer $eit nidjt
veträdjtlidj. Die Gntfchäbigung, bie fie für iljre Amtsführung bezogen,
beftanb in ber Befreiung non einigen (Stenern unb Dienften, in
einem beftimmten Deputat an ßeoenSmitteln ober £>olg unb in
einigen anberen Gmolunienten. Dafj aber bie VatSljerren aud?
fonft mandje Vorteile genoffen, ift nidjt gu leugnen, allem ber Gßre
halber hoben bie weiften bie Sürbe nicht auf fid) genommen. Qfn
bem fitjenben 9iate befanben fidj 2 Sürgermeifter unb 2 .Uammerer.
Bwei 5Rat§l)erren hatten al§ SSeinljerren bie Auffidjt über ben 9tatS*
wemfeller, 2 Vögte bie (Meridjtsbarleit in bem ftäbtifdjen Eigentum,
2 Siegelljerren bie 3?ürforge für bie Sauten, 2 Vlüljlenljerren mußten
bie ftäbtifdjen Stühlen, 2 Dammljerreii ben großen Damm, ber burd)
ba» Cbertal nad) Cften fitijrte, beauffidjtigen, unb 2 SBetteljerren
waren Vorfißenbe beS 2öettegend)te§, baS bei .^anbdiftreitigteiten gu
entfdieiben ljatte. Seit 1428 bisweilen unb von 144z an regelmäßig
betlcibeten 2 3iat§l)erren baS Amt ber gifdjljerren, wäljrenb bas ber
9Jlül)leiil)erren einging.
Sei bem jebeSinaligen (Eintritt in ben fißenben Vat ljatte jeber
.£jerr ben Gib gu leiften: Bat ick van desseni Dage wente to Sunte
Philippi und Sunto Jacobi (1. 3J?ai) der Stad Ere, Beste und
Vraineu beweten wil, alse ik alderbeste I an und mach und alse
myne Synne und Witte toseggen, und wes men in Rades ise
handelt, dat wil ik neigende seggen, wen dar id sik van Rechte
wegen gehöret, und dat ik nicht nyges anheven wil, id sy denne
mit des Rades Wdle. Alse my God helpe.
3fn ben Glefdjäften, bie ben Ulatsljerren oblagen, würben fie nur
oon einem tleuien fßerfonal non Seamten unterftüßt. Der @tabt=
fdjreiber, oft ein ©eiftlidjer, nut einigen Weljülfen, mehrere (Stabt=
tnedjte gur Vebienung ber Herren unb Ausführung ber ihnen erteilten
Aufträge, ein JDtarttmeifter, ßöllner, ßanbreiter, ein „ßoper" unb
„Vrefbreger", bas waren in biefer Seit etwa bie Veamten, bie ber
Verwaltung gur Verjagung ftanben. Die reifigen Slnedjte, bie gum
<Sd)iitje ber (Stabt angeworben würben, uub bie von ihr befdjäftigten
^anbwcrler, wie ber <Stabt-Vlauer=, 3i|lin,er= ober ^iegelmeifter, ber
Armbofterer u. a. in, waren nidjt im eigentlichen (Sinne Seamte,
fonbern nur geitweife von ber (Stabt befdjäftigt. Vlit folchen fdjloß
man befonbere Verträge auf ein ober gwei 3fanre, wie g. V. ber
Stat am 1. April 14f>2 .fjanS SSrege gu feinem Dienftmann annahm;
„wo de Rad siner to behuvede, is were to Water efte to Lande, dar
scholde he sil gutwillich inne finden laten“. Dafür erhielt er 100 'JJlart
^intenaugen, freie Sßohnung, % ßaft SRoggen, 1 Söifpel Staig,
92
Tie Smfprafe.
6 Sahen £>olg, 1 Tonne gleifd), 1 Viertel Sutter nnb .fpaltung oon
2 Sferben. 3hm würbe oom Slate ba§ (Scfjlofj gu Sierruben, bas
ber (Stabt (Stettin uerpfänbet worben war, 3m Verwaltung übertragen
unb ber Tienftvertrag am 1. Cftober 14(>2 auf ein weiteres Qaljr
erneuert. (Später (1 465) übergab ber Siat bas (Sd)ioß an .£>eintidj
Söuffow gegen bie Verpflichtung einer idbrlidjen Abgabe oon 100 Vtart.
Tie Sefugniffe uub Stedjte be§ States waren feljr weitgeljenb, ja
faft unbefdjräiitt. Verwaltung, Vult<jei mit» Sieditfprecljung lagen ihm
ob, unb er batte auf allen biefen ©ebieten and) bie SefugniS, allgemein
gültige Verorbnungen uub Seftnnniiingen 311 erlaffen. 23ir lernen
fie auS ben „ Sur [prüfen " biefer Seit fcitnen. 3» jebem 3nOre
gweiinal, am SBalpurgis- (1. 'JJiai) unb am 'UlidiaeliS'Tagc (29. <Sep=
tember), wurbe ber auf bem •£>eumarfte oerfamweiten QJemeinbr oom
fKatljaufe au§ eine Setannimadning beS States ocrlefen, in ber bie
für bie 'Bürger gültigen Seftimnniiigen enthalten waren. Tiefe Sur*
fprafen, bereu Tejrte aus ben fahren oon 1411 biS 1480 gienuidj
oollftänbig erhalten finb, waren anfänglich redjt turg, würben aber all*
mdljlid) ausführlicher. ©S ift nicht ohne S'üereffe, 31t beobachten,
wie immer mehr ©ebiete bes wirtfdjaftlidjen, IjäuSlidjen ober perfönlidjen
ßebens ber poligeilidjeu Sluffidjt bes JJiateS unterftellt würben. „Ter
Siat gebietet" ober „ber Slot uerbietet", fo beginnen bie einzelnen
Seftiniminigen ber Surfenden uub fdjließen mit ber Troljnng „Do
Rad wil einen Broke (>= 'Strafe) nehmen* ober „De Rad wil id
richten“, (geboten wirb, bafj jeber '-Bürger fid) mit bem nötigen Srot=
torn oerfehe, ben (Sdioß gur rechten Seit galjle, bie (Straßen rein halte,
„dat en Naber to dein andern kamen möge“, auf fein ffeuer ad)te,
feinen $arnifdj bereit IjaLtc, bie iljm obliegenbe SBadjtufiidjt erfülle,
feine (Sdjweine aufs 3rib treibe ufiu. Slber nicht nur gur SeobadjUMlg
feiner äußerl .djeu Vflidjten wirb er ermahnt, nein, er füll auch vor-
fidjtig in feiner Siebe fein unb nidjt fdjelten ober räfmiicren. L)o
Rad de but, dat he hehben eine havesche Mund, fo Ijeißt eS jebeS-
mal in ber Snrfprate. Verboten werben falfdies ftllaß, ©ewidjt, un
gültige 'JJlünge, gu lange 'JJleffer (ba§ SJlaß für bie erlaubten hängt
uni Siathaufe). nidjt geftattet finb Vorfauf, b. h- Ätanf von Atom u. a.
oor ben Toren ber (Stabt, l’lusfuljr oon ©etreibe unb oon SJlcljl oljne
©rlaiibniS beS SiatS, SluSgapfen von freinbem Sier außerhalb beS
(StabtfellerS, ber unbefdjränfte .fpanbel mit ^remben ufw. 3fm eingelnen
erfahren biefe Seftimmuugeii im ßaufe ber Seit uatürlidj Verauberungeu.
(Seit 1442 richtet ber 9iat feine befonbere Slufmerffainteit audj auf
ben ^ifdj nameutlid) ^eringSljanbel unb bie Sehmiblung be§ SBeinS;
nienianb foll ben SSein gapfen, beoor er fid) gefelgt lj°he, ober alten
®ie (Burfprafe.
93
©ein gu neuem mifdjett. $e und) llmftänben wirb bie SluSfufjt
von Sl'orn verboten ober auf 3e*t erlaubt. Über ben Qterteljr von
ßeidjterfaljrgeugen auf bem (Stettiner (Gebiete in Sdjoiten, über ben
Verlauf von Stodfifdj unb gering enthält befonberS bie (Burfprafe
uon 1448 (Beftimmungen. (Dort wirb ben (Bürgern aud) geboten, ben
Steimveg vor ihren Käufern unb ©ohmtngen nidjt 31t iinbern, fonbern
ihn 31t erhalten. Sdjweinefofen werben 1456 verboten, iviifte b. lj- 1111
bebaute Stätten füllen nad) bem (Schote beS SlateS (1459) bebaut
werben, Sdjlamm, ffJtift, .Qeljridjt bürfen nidjt auf bie Strafen unb
(Blätje getragen werben (1462). Qit einem Qahre (1456) werben
wieber gang befonberS eingefjenbe (Berorbnungcn über ben ©eilt getroffen,
öhibeufdjer barf nadj SJlartiiti nur von anfäffigen (Bürgern gezapft,
frember ©ein nidjt ohne beS Slates ©ille angeftedt werben. ^n
anberen fahren (3. ®. 1464) wirb giirforge für ben Stornljanbel getroffen,
vor allem foll bie eigene (Biirgerfdjaft fid) verforgen unb einfaufeu,
feiner bem anbern fein (Brot verteuern, nnb ber (Saft (grembe) barf
erft Ijaubcln, wenn bie (Siitljeimifdjen bas, was fie nötig haben, erworben
haben. (J§ war eine gange Sieilje von ©eboten ober Verboten, bie ber
(Bürger beS 15. SaljrbuitbertS 3U beadjteu ljatte, wenn er nidjt G5elb=
ftrafe galjlen ober vor ©eridjt fteljen wollte. Seine perfönlidje greiljeit
war in gang anberer ©eife eingefdjränft, als eS heute ber f^all ift.
Überall umgaben iljn Giefetje unb (Borfdjriften, überall Strafen unb
(Droljungen, unb wenn ber Slat and) bie (Burfprafe mit ben ©orten
fdjloft: De Rad de danket juw, dat gy ere Word willichliken gehöret
hebben, fo flang bod) immer wieber burd): we dat nicht deit, de
Rad wil id hoehliken richten. @r hatte neben poligeilidjer gugleich
aud) rid)terlid)e (Befugnis. (Sr tonnte (Berorbnuugen ober iTonftitutionen
erlaffen, wie er 3. 59. 1464 eine auf lange 3eit gültige (Beftimmung
über bas (Srbredjt traf, in ber baS $eergewebe uub bie Stabe, b. lj- bie
Slnteile bes SJlanneS nnb ber ft-ran an einzelnen ©egenftänben beS
SladjlaffeS, für Stettin feftgefetjt würben. Sluf (Dafcln, bie im Slat»
häufe aufgcljängt waren, ftanben biefe unb ähnliche ürbnungen ver
ijeidjuet.
(Das Stabtgerid)t gehörte feit 1378 gu gwei (Dritteln ber Stabt
gemeittbe, 311 einem 'Drittel ben ©ufforv. (Befolgt wnrbe eS burd) bie
Sdjöffett, 311 beiten man auSfdjliefjlidj SJlitglieber beS SlateS wählte.
(Die ßeitung hatte einer ber (Bögte, unb iljm [tauben ein Schreiber unb
ein (Diener 3m (ßerfiigung. Sieben iljm tonnte and) ber Unterfdjulge
ber ©uffow gugegen fein. Sie ljatten in 3ivil= unb Sl'riminalfällen
bie Siedjtfpredjuitg, wäljrcnb 06130(110 Slngelegenheiten, wie fie in ben
(öttrfprafen erwähnt würben, ber ^urisbittion beS SlateS allein unter*
94
jDqS ©tabtgevidjt.
ftanben. ®ie SeridjtSgefälle würben gwifdjen ber ©tabt unb ben
SÖuffow geteilt. Über bas Serfaljren in Srogeffen, bei benen oft eine
Dietfadje Silage nötig war, geben bie erhaltenen Werid)tSbiid)er nur
mangelhafte Slufflänmg. ®er fogenannte eblir querelarum, ber für
bie 3fahre 1400—1420 erhalten ift, enthält nur ein SergeidjniS ber
Silagen, bie an ben beftimmten @eridjt§tagen (21 ober 22 Slontagen
im Qahre) uorgebracht finb. Ss haubelt ficf) um (Streitigfeiten über
^anbeldartifel, wie Slorn, SBein, Stehl, £>olg, $lad)S, Steer, gering,
$Ieifd), ßalen u. a. nt., über allerlei £>au§gerät ober Slleibung, um
(5rbfdjaft§= ober Sonnuitbfd)aftöfadjen, aber audj um fDlijjhanblungen,
(Gewalttaten ober Seleibigungen. ®ie Urteile finb in bem Sudje
nicht oerjeidjnet. Som ©djöffenftuhle in ffllagbebnrg würben wieber«
holt SJtechtsbelehnuigen eingeholt, Qn bem (GeridjtSregifter finben fidj
auch recijt zahlreiche Sitte ber (»genannten freiwilligen Serichtsbarfeit,
Sluflaffungen (upbedinghe), Serfchreibungen, Ueftamente, SollmadjtS«
erteilungen u. a. m. ?lUe§ bie§ würbe im SBortlant in bie ©djöffen«
büdjer eingetragen, bie nicht erhalten finb. Sei ber grofjen Sebeutung,
weldje bie Stirdjen unb geiftlidjen Stiftungen mit ihrem grofjen @runb=
ober Slapitalbefifje für ben GJelbnerfcljr hatten, würbe fiir alle geridjt=
lidjen Serljanblungen, bei benen jene beteiligt waren, 1373 ein eigene^
Sud) ber geiftlidjen Schaffungen angelegt. (£§ ift in gwei Steilen
fiir bie Saljre 1373 — 1522 erhalten unb gibt reidjeS Slaterial für
unfere St'enntni? ber inneren Serljältitiffe ber ©tettiner ©tabtgemeinbe.
SSir fehen beutlidj, wie grofj ber (Sinflufj ber geiftlidjen Slörper«
fcfjaften auf bas SöirtfdjaftSleben war, nidjt allein burch ihre» Sefitj
an Raufern unb (Grunbftücfen in ber ©tabt, fonbern auch burch bie
Anlegung unb Serwertung ihres SaroermögcnS. ©ie ftellten bie
gröfjte, ja oielleidjt bie einzige grofie (Gelbniadjt bar, bie burch ihre
Stenten ober £>ijpotljeten faft bie gange Sürgerfdjaft beherrfchte. ®iefe
(Gcridjtöbiidjer inhaltlich auSgunutjen ober and) nur nadj ihnen ba§
Serfaljren bei ben geridjtlidjen Serhanblungen barguftellen, ift hier
nidjt möglich, »ber eingehenbe llnterfudjungen würben un§ einen
tiefen Slid in bie wirtfdjaftlidjen 3»ftänbe ©tettinS im 15. ftaljr
ljunbert tun taffen. (Sin anbered Serlaffimgdbudj, in bem gang
allgemein bürgerliche Sluflaffungen aufgegeidjnet finb, beginnt mit
bem Qaljre 1495 unb ift nur bi§ 1523 erhalten. Slnfänglich machten
bie ©djreiber bie Slufgeidjmmgen auf ben Sergamentblätteru in lateini«
fdjer ©pradje, bodj bereits nor 1400 finbet bie nieberbeutfdje immer
häufiger Serwenbung.
Sieberbeutfdjen UrfprungS war bie Sürgerfdjaft. ©ie erhielt
auch i» biefem ßeitabfchnitte noch umfangreiche Csrgäiiguiig au§ ber
®ie $öür0trfd)üft.
95
alten Heimat, roie nidjt nur einzelne neue auftretenbe Slawen be=
weifen, bie jetjt fdjon vollfommen ben ©harafter ber Familiennamen
anna^men, fonbern aud; ^Begießungen 51t SNeftfalen ober bem 9lieber=
rtjein geigen, bie l)in unb wieber bei UledjtSgefdjäften tjervortreten.
Vlllmäljlid) aber Ijorte biefer ßufluß naturgemäß auf, bie ©iirgerfdjaft
ergänzte fidj auS fidj felbft ober erhielt BitwadjS aus ben benadjbarten
Orten, feltener auS entlegeneren GJegenben. Qu Beiten galjlreidjer
Sterbefälle, bie im 15. Qaljrljunbert ljaufig eintraten, tarnen neue
©inwanberer in größerer galjl Ijerbei, entroeber fjerbeigerufen von
greunben ober Sefannten, bie iljncn ein gutes gorttomnien unb
reidjlidjen ©erbienft oerfpredjen tonnten, ober audj auf ber SSauberung
al§ .fjanbwertSburfdjeii. Um tjier iljr GJewerbe treiben gu tonnen,
mußten fie baS Siirgerredjt erwerben. „De Rad de but, dat hir
neen Gast leng schole liggen wen Was unde Wadel (= ©lonot);
welk Gast hir leng licht, de Rad wil sinen Broke nemen“ (1430)
ober schal sin Schot geven van allem Gude, dat he hantiret, bi
gesworen Eden und schal alle Unplicht, di de Borger don, mede
utstan geliken unsen Medeborgern (1442)“. Vortmer but de
Rad, dat ein jewelik, de hir Jar und Dach togebolde und gewonet
heft, dat he sin Schot geve und winne de Borgerschop und doe
Borgerrecht, edder de Rad wil er Schot utpanden laten und darto
sinen Broke nemen“ (1445). So beftimmen bie ©urfprafen. ©3er
baS 99iirgerre<f)t gewinnen wollte, mußte ein ©infdjreibcgelb galjlen,
groei Särgen ftellen unb ben ©ib leiften; audj war ©ebingung, bafj
er ©igentuui in ber Stabt erwarb. ®er Slawe ber neu aufgenonuneneii
©ärger würbe in baS ©ürgerbudj eingetragen, anfänglich mit .fjingu»
fügung feiner Särgen (tideiussores), fpäter lieft man biefe fort. ®er
ältefte Steil beS erhaltenen SürgerbitdjeS umfaßt bie galjre 1422 bis
1603; ob eS bamals erft angelegt roorben ift, bleibt unfirfjer. SSir
fönneu auS iljm fiir bie eingeluen gahre feftftellen, roie viele neu
©ingewanberte unb ©iirgerföljne, bie ebenfalls bie angeführten ©e
bingnngen erfüllen mußten, baS ©ürgerredjt erworben ljaben ©iS
gum galjre 1465 fdjwanft bie gahl gwifdjen 14 unb 185. ®iefe
$öhe würbe 1453 erreidjt, oljne baß wir ertennen tonnen, waS ber
Einlaß gu biefer großen gunaljme war. gni ®urdjfdjuitt finb es
etwa 40 jäljrlidj. ®ie £>eimat ober ber Staub werben bei ben ältefteii
Gintragungen nur unregelmäßig angegeben. ©S werben genannt ©in
roanberer auS Stargarb, ©renglau, JlrnSwalbe, Glollnow, ©afewalf,
Sreifenljagen, ®arg, ®ramburg, flleuwarp, Sreptow, Slörenberg u. a.,
aber audj aus grantfurt, ©lagbeburg, ®angig. ©on betannten Ulameii
feien, oljne baß im eingeluen angitgeben ift, ob iljre Präger eingeboren
96
®ie SSürgtr.
ober gugewanbert finb, in Sturge erwähnt Slinbe, ßotje, Stofenow,
.föellewid), Sageteufel, Slantjow, ßoijtie, griebrid), SrunSberg, £>ouefd),
fßijl, 'löegener, Swaue, Äöittenbord) ufw ®ie Pingaben über Staub
unb Sewerbe (meift in lateinifdjer Segeidjnung) geben un§ eine iPor
l'tellung non ber PJlannigfaltigteit ber Sewerbe, bie in einer mittel
alterlidjen Stabt betrieben würben. ®a finb eingetragen in bunter
tHeiljenfolge 'Belgmadjer, ßeineweber, PJlaler, Solbfd)iniebe, 'Dlaurer,
Sd)neiber, Söötidjer, Slnudjenhauer, Uieepfdjläger, guljrleute, Sarbicre,
Sdjmiebe, Sdpifter, ßidjteinadjer, 9iiemfd)neiber, ißantinenmadier,
$arnif$mad)er, Töpfer, Serber, Sdpuertfeger, Stiften madjer, Sitdjfdjerer,
SJlabler, Söäder, '-Naber, Steffelflider, Sd)erenfd)leifer, Siirtler, Uhrmadjer,
Sd)iffbauei, Stiirfdpier, Stortenmarfjer ufw. SBeiter finben fid) Plpotljeter
(1431), 'Mlünjnieifter, Stornier, Sanleute (- ßanbwirte), §nl)rlente’,
Sdpffer, Schreiber, Studje, Staufleute, $?ralpifül)rer, Präget, nun bauen
1453 eine befonberS grofje 3af)( aiifgenommen wirb. sJhir feiten wirb
bie SBofjnung ber Pleubürger genannt, wir finben aber erwähnt, bafj
fid) 1453 nid)t weniger als 35 auf ber Cberwief, 12 auf ber Plieber»
wief, 3 bei St. Sertrub, 6 auf ber ßaftabie, 3 auf ber Ijeil. Seift
Sßief, je einer am Störfang unb im Splittfjoje nieberiiefien 1443
würben Bürger ber Böllner auf bem SBerdjfrit (einem Stabtturme)
unb ber Üiirljiiter im 9iatl)aufe, 1456 ber Stüfer im Stabtfeller, 1451
SHau§ IDlolner im Sernauer Heller, 1462 £>einritf) SSegner auf beni
Stüterhaufe u. a. m.
3u ben '.pflichten ber Sürger gehörten ber '2öad)bienft unb „vorme
Dore to sittende“, wie e§ in ben Surfprafen Reifet, fowie bie Ser»
teibigung ber Stabt in Notfällen, woju SSeljr unb Söaffen bereit gu
halten waren. Scftorfam gegen ben ehrfamen Plat würbe immer wieber
eingefdjärft. ®r ift bie oberfte Setjörbe für bie Sürger; bem ßanbeS»
fürften treu uub gef)orfam fein, ift für fie, wie es ftfjehit, minber
widjtig, bod) wirb bei ber Serfünbigung ber Surfprafe uon 'JJHd)acliS 1428
ben Sürgern and) eine berfloglidje fmünjorbnung mitgetedt. Ok i s
et ein Seede und (ine Wanheit, dat wi uns plegen to beschattende
des Jares ens Schot to gevende 6 Schill, to Vorschote und van
dem Bunde 2 Penninge, Ijeifjt e§ 1411 unb in fpüteren Surfproten,
wir wiffen aber uon bei Steuerpflid)t ber Sürger au§ biefer Beit ju
wenig, als bafj wir angeben fönnten, wie biefer Sd)of) erhoben würbe
unb ob anbere Abgaben gu leiften waren. Qfm Serid)te unterftanb
ber Siirger nur bem ber Stabt. De Rat but, dat nymant sines sulves
Richter sin schoie, men ein jewehk schal sik alhir an Borgerrechte
genügen laten, und nemant schal den andern in utwerdich Gerichte
teen edder Sake up em vorgeven bi ener lodegen Mark Snlvers
SRedjte ber btirger.
97
(1456). ©6 eine berufuitg an baS fürftlidje ^ofgericht erlaubt uub
möglid) war, ift zweifelhaft, eS fdjcineu aber bcrartige Jiille auch
bereits in biefer Seit uorgetonimen gu fein.
3)en fßflidjten ber bürget, bie nodj mannigfaltiger gewefen fein
mögen, al§ tjier angegeben roerben fann, ftefjen bie 'Jlcdjte gegenüber.
Sie genoffen uor allem ben Sdjutj ber Stabt unb ihrer Sßriutlegien.
<£fjr Gigentum roar ihnen gewäljrleiftet, fie tonnten ihren ^>anbel unb
ihr (bewerbe fidjer treiben, foroeit eS bie Statuten bes fllateS ober bie
bcftinimungen iljrer Gtlbe uub briiberfdjaft geftatteten. ®aS bürget»
recht madjte fie frei uon Abgaben unb Tienften, bie etwa ben VanbcS»
Ijerren gu leiften roaren; bafür gahlte bie Stabt bie jährliche Crböre.
Güten gcroiffcu, aber nidjt genau begrenzten Slnteil an ber Stabt»
uerroaltung hatte bie bürgerfdjaft, roie bereits ergäljlt roorben ift, fdjon
Ziemlich früh- Seit 1416 roäljlte ber Stat jciljrlidj auS anfangs 11, fpciter
audj 12 ©enterten, gwei bis oier Slltcrleute auS, bie neben ben bertretern
ber Slaufmannfdjaft ober ben Sdjöffen bei roidjtigeren Slngelcgeitljeiteu
Zur ^Beratung Ijinzugezogeu würben; eS roaren 24 bis 28 SHepräfentanten
bes 4>anbroerfSftanbeS. $öie bie Gemeinbe banadj ftrebte, Ginfluf; im
Stabtregimente git gewinnen, zeigen befonberS bie Unruhen uon 1428,
es rourbe aber burch t>iefe bewegungen bie ariftotratifdje Stabt«
uerfaffung im gangen nur wenig bef<hriinft. SSie roir bereits gefeljen
Ijaben, lag eS gang int belieben beS States, bie biirgeruertreter gu
bett bertjanblungen Ijingugugieljeu ober bei Seite gu laffen. Taljer
bebeutete bie gormel im Slnfange feierlidjer Ilrtunben „3Sij böiger
meifter uub Stat, Schöpen, Clberlttbe beS .flopmann, QÖerte unb gange
SJlcnfjet to Stettin" nicht uiel incljr als ein fßriinten mit ftolg tliiigenben
SSorten.
Unter ben bürgern bilbeten bie Kaufleute bie oorneljmfte Klaffe.
Gin Grofjljanbel in mobernem Sinne beftanb nidjt, jeber Kaufmann
befdjriinfte fid) auf ben bireften Ginfauf uon SSaren, bie er in nidjt
allgugrofjen poften wieber abfetjte. Jrotjbem fdjieb er fich ftreng uon
bem Krämer, ber in ber Stabt ben Kleinnerfauf betrieb. '2ludj ber
Stettiner Kaufmann fuljr gu Schiff ober gu Süagen hinaus, um g. b.
uon Schonen geringe, uon '.Norwegen ober Sdjroebcn Stodfifche, uon
glanbern Üudj, uon ^ranffurt a. ©. unb Guben SSein, aus 'Bolen
Getrcibe, aus bem ©ften unb Sieben bie mannigfadjften bfaren ein
guljolcii unb bann in ber Heimat weiter gu uerljanbeln. Qm einzelnen
bie Gebiete anzugeben, bis wohin er uorbrang, ift nidjt möglich-
f>luS ben wenigen Sdjriftftücfeu, bie uns auS jener $eit erhalten finb
unb einen Ginblitf in ben taufmännifdjen berteljr Stettins geftatten,
geht nicht bcutlirij Ijeruor, weldje SBareit anher benjenigen, nach benen
S5e$tmann, ü>efdji<$te ton Stettin. n
Ö8 ©anbei.
überall Sladjfrage war, hauptfädjlidj auf ben (Stettiner Warft tarnen,
eS fdjemen aber DefonberS Sifdje, ©olg, Saig unb 4ßein gewefen gu
fein. Sladjrichten liegen not über ©aubelsoertehr mit ben norbifdjen
flänbern, glanberu, Englanb, Dangig, £t)orn, Elbing, Königsberg,
Siiga, Steoal, mit granffurt a. £>., SreSlau, Solen, wäbrenb Eingaben
über ©aubelSbcgiehungen mit 11)eft= ober ®httelbeutfd)lanb fehlen.
Sicher ljaben aber in befdjränttem Umfange audj foldje beftanben,
obwohl Stettins ©interlanb eigentlich mehr im Dften lag; es umfaßte
Dorneljmlid) baS Cbergebiet in weitem Sinne. Daß bie Stabt hier-
in Konflikt mit granffurt tarn, ift bereits ergählt worben. ßlncfj
fudjten bie Stettiner, als bie SJlart Sranbenbitrg mit ißolen in ^einb=
fdjaft geriet, in biefem ßanbe fefteu guß gu faffen. Sie erreidjten
139U bie geftlegung unb Erneuerung ber alten Straße über .ßaiitodj.
3-tedidj gerieten fie barüber wieber in Streit mit bem beutfdjen
ß’rben, ber oon bem biretten ©anbelSöerteljr gwifdjen Stettin unb
Solen nidjtS wiffen wollte. Sroß aller Sefdjwerungeu unb ©inberuiffe,
Die bei ©anbei Stettins erfuhr, fdjeint er in biefer Beit in oerljältniS»
mäßig großer Sliite geftanben gu haben. Sun größter Sebeutiing
war ber ©anbei auf Schonen, wo bie Stettiner SHebertaffung fief)
immer meljr eutwidelte. Sieben ben Daugiger, Kolberger, Stral»
funber, Stoitocfer uub ßüoeder Ritten behüte fid) DaS Stettiner
Selb auS, auf bem etwa 60 SInfieblungen beftanben. Bur Beit beS
©eringSfangeS erfdjienen beren Sefitjer duS Stettin unb nahmen au
bem regen ©anbelStreibeu Seil, baS fidj fjier entroidelte. Eintauf
ber gefangenen gifdje, iljr Salgen unb ihre Serpadung befdjäfiigten
gahlreidje ©änbe, unb baneben würbe mit Den Einheiuiifdjen ©anbei
getrieben. Daß eS babei gwifdjen ben beutfdjen Kaufleuten auS ben
ocrfdjiebenen Stäbten gu Streitigteiten tarn, wirb gerabe auch für
Stettin aus ben fahren 13b4 unb 1454 erwähnt SJlan warf ben
Stettinern bie Einführung oon allerlei Steuerungen oor. Bur Sidjc=
riiug biefeS ©anbelSoerteljrS ließen fief) bie Stettiner non ben bänifdjeit
Königen EeleitSbriefe auSftellen, oon 1455 au liegt eine gange Slngaljl
oor. 2Iudj in $alfterbo unb SJlalmö (Ellenbogen) beftanben Stettinifcfje
Sitten. 1448 ertauften bie Kaufleute ber Stabt, „bie ba pflegen oon
Stettin nadj Ellenbogen auf ben ©ermgsfang gu fegelii", bort ein
Stiicf ßanb gegen eine jährliche SIbgabe an baS Donitapitel gu flunb.
©ier war ber ©anbei mit ber Ijeimifdjeii Seoöltermig bie ©auptfadje,
unb gu feinem Schiebe bilbete fidj neben ben älteren Ecfellßhafteii
ber Soruljolni', Dragi unb Salfterbofaljrer bie St. 9Jlarienbruber=
fdjaft gu Ellenbogen. SlUe biefe Kompagnien würben burdj ©anbelS=
intereffen gufammengehalteu, aber auch burch ein religiöfeS Sanb
Schiffahrt. 99
oertnüpft, ba fie gemeinfam geiftliche Stiftungen in niedreren Kirdjen
Stettins errichteten. Sie oerftaubeu itjr Vermögen nutzbar angulegen,
batjer waren biefe Sruberfdjaften für bie SluSleitjung onn Stenten ober
GSelbauflaffimgen oon nidjt geringer SSebeutung. ®on ihrem SBirteu,
ihrem ©efdjäftsbetriebe oermögen wir uns au§ ben bürftig erhaltenen
SReften nur ein allgemeines SBilb gu machen, aber funbiger JVorfdjung
ift eS fdjon gelungen, gerabe biefen Sweig bcS $anbelS nadj VJlög
lidjEeit aufgutldren, uub feitbem ift audj ein bisher oerfdjolleiieS
Stürf bcS alten Slrdjioes ber Tratet aufgefunben worben, baS 1461
angelegte Sud) ber Tratet. Sn ihm finb allerlei £>anbelSgefd)dfte in
ber Heimat unb fjrembe eingetragen. SBir feljen, bafj fidj fd)on
bamalS förmliche ©efellfchaften gufammentaten, bereu Teilnehmer je
nad) ber (Sinlage ffiewinn aus bem Setriebe gogen.
Soldje Stompagniegefdjäfte waren gang befonbers gebräuchlich
bei bem Setriebe ber Sdjiffahrt. 2ln einem Sdjiffe ljatte neben
bem $nhrerf &er einfach ber Sdjiffer tiiefj, oft eine gange Sahl non
Kaufleuten Anteil, ba ja natürlich feiten ein einzelner ein galjrgeug
allem befrachtete. Siu fRadjridjten über bie Slrt ber Sieberei unb beS
gangen SerfahreuS bei ber Seefahrt fehlt eS leiber. Daher tonnen
wir meift nicht angeben, ob bie Sdjiffe, auf beneit bie Stettiner ihre
SBaren oerfradjteten, iljnen felbft gehörten unb in Stettin beheimatet
waren ober ob fie an'bersroo ihren ^cimatSfjafen hotten nnb für
Stettiner {Rcdjnung fuhren. (Sin IjiefigeS Schiff, Das aus bem bisfaiji»
fdjen Sufen für preufjifdjc Kaufleute Saig Ejolte, wirb um 14U2
erwäljnt, aud) mandj anbereS Schiff mag für frembe {Rechnung in
ber Cftfee unb weiter hinaus gefahren fein. 211S Sieber oon Schiffen,
bie für König (Stich unö Königin SRargrete 1412 gechartert würben,
finoen wir genannt SRerten oon SBaren, $ofo£i oon fZBebel, liubete
oon bem £>ageu, Heinrich unb ^ermann oon Sljfen. Sonft hören
wir oon Stettiner Sdjiffen faft nur burdj Sdjriftftdde, in benen Der
{Rat fid) über Slrreftierung ober Seraubung oon folchen befdjwcrt
unb (Srfat) forbert 1385 wirb in Kingfton up $iiü ein nach ßübed
unb Stettin gehöriges Sdjiff „la Christofre“ ungehalten, 1387 liegt
ein Sdjiff beS Stettiner SJoljann JRilenow, au bem auch ber {Ratsherr
fReinholb oon Sort Slnteil bat, in SReoal oor Sinter, 1389 wirb
KlauS {RipenS Schiff in Taugig fcftgelegt, 1403 bie Kogge beS Sfatob
Sobeter, bie auf 350 Sfunb 10 Schilling flam, gefdjätjt wirb, in
Saijonne weggenommen. 1412 bot 4>anS Tufer fein Schiff in 'Jteoal
erft oertauft, bann aber gurudgenommen, 1418 finb Stettiner Schiffer
oon $ollänbern beraubt unb gefangen gefetjt worben. Ilm biefelbe
Seit würben wieberbolt Schiffe in preufjifefjen Stäbten gewaltfam
7*
100
©d'iffaljrt.
angel)cüten, rooi über ber IRat lebhafte Silage beim .fjodjmeifter erhob.
Bmei ©ärger baten 1125 bie Sllterleute ber großen (Silbe 311 Siiga
um ^iiffpractje für ihr’ bei ©otlanb auf ber ^aljrt mm glanbern
nach fHiga gefdjecterteS Sd)iff. 1450 mar ein uon (Stettiner Kaufleuten
mit SBein unb $anffanten nad) Königsberg befradjteted Schiff burch
ben (Sturm nach ßibau oerfdjlagen unb bort geftranbet, 1461 war
ein mit Stettinifdjem Sitte belabened Sd)tff, bad nad) Stettin fuhr,
auf bem Sellen ausgeraubt roorben. ®aS finb einige 9lad)ridjtcit über
bie Seefahrt aus biefer Beit; fie tönnen bei bem SFlangcl eitigebeiiber
Aufzeichnungen und roenigftenS ahnen laffen, in roeldjen sJlid)tungen
bie Stettiner Schiffe hauPHüdjlith nertehrten. Bitgleich aber geigen
fie bie großen Sdjroierigteiten unb Sefal)ren, bie bamalS ber Sd)iff«
fahrt entgegentraten. ©ingebenbere Unterfudjungen über bie See»
gefdjidjte, roie fie neuerbingS von berufener Stelle angeregt roorben
unb, roerben unzweifelhaft auch Stettins Anteil an bem Seel)anbel
in etwas tlarereS Sicht feßen.
©aß berSd)iffbau in Stettin felbft betrieben rourbe, ift an fid)
anjuuehmen, wirb aber aud) burch baS ©ürgerbuch beroiefen, in bem
roir befonberS 1460 eine größere Bal)l uon Schipburoer unb Stanemater
oergeidmet finben. ©ie Schiffbauerlaftabie fommt mit biefem Bauten
erft 1500 oor, bodj haben auf ber „luttefen ßaftabie" (1325) fcßon
früher Werften gelegen. Stuf ben £>afen weift ber „$aoening"
(141)5) genannte untere Seil ber Splittftraße hin- Unweit bes
3-luffes an ber ^agenftraße lag baS £>auS ber Srägerbrüberfdjaft, bie
unter bem Sd)Utje beS heiligen ßaurentiuS feit alter Beit alS eine
Bereinigung geprüfter unb geübter Arbeiter baS flabcn unb ßöfdjen
ber Schiffe beforgte. An bet Ober erhoben fich Speicher, flager- unb
Selllj* ufet, rootjin bie Präger bie Söarett aus ben Schiffen brachten.
Bad) mittelalterlicher Sitte war biefe Korporation ftreng organifiert
mit Alterlettien an ber Spiije unb religiöfen Einrichtungen, bie für
bas Seelenheil ber SRitglieber bienten.
©ie ftaufmannfchaft Stettins war feit alter Beit ebenfalls
torporatio oereinigt unb hatte ihren UBittelpuutt im Seglerhaufe, 3ft auch
baS, roaS griebeborn barüber erzählt, erfttnben, fo ftamml boch biefer
Bufammenfchluß zu gemeinfamer Arbeit, zu roirtfchaftltcfjer ober reli=
giöfer Unterftiißung aud ber älteften Ben ber beutfdjen Stabt, ©et
„ft'opmanii", wie eS hieß, wählte feine Alterleute, bie halb eine Bolle
in ber Stabtreg-erung fpielten, unb fdjuf fid) eine fefte Crganifation.
Sieben biefe trat bie Bereinigung ber SBanbfci)iieiber, ber ©ttdihättbler,
bie auch in Stettin eine aiigefehene Stellung entnahmen. Betbe
itorporationen rourben 1460 oereinigt; ad)t Alterleute leiteten bie
SRorftoerfehr.
101
Glefdjäftc beß Bereinigten Kaufmanns »am Seglerhaufe unb beS
CBewanbfdjnittes. 3hr Sennögen war für bamahge Serljdltniffe nidjt
gering, fie befafjen Slltäre, 'Bitarien unb anbere gciftlidje Stiftungen
in mehreren Kirchen, namentlich in ber be§ tjeiligen SlifoIattS. Scharf
gcfdjieben non biefen (üroßfaufleuten (wenn bag SJort für biefe Beit
erlaubt ift) waren bie Kramer unb bie £>alen (= £>öfer). Tiefe
befafjen baS auSfdjlicfjlidje SRedjt, mit beftimmten SIrtiteln, wie £5ifd)en,
Sutter, Kufe, Tran, Seer u. a. m., ben Kleiuljanbel gu betreiben.
TaS ältefte bcraiinte '.ßriuileg ber Hafen ftammt non 1476. BO1«
Baljl war auf 24 feftgcfcljt, bie in ebeufouiel Silben an ber Cber iljr
Sewerbe betrieben. Tie Silben gebürten bei Stabt mib würben ihnen
gegen eine jäljrlidje SRicte übergeben Tie Kramertompagnie ljatte
ein «ßrioileg Don 1384; banadj foll fie eren kram upslan edder
veyle hebben allene bynnen der vir Wenden der Huser edder
Keller utgenaiueii twe Mnrkedage in der Weken. 9lodj auSfitfjr«
lidjere Scftimmungeu enthielt bag ^ßriuiteg non 144-1; lebermann aud
ber Sürgerfdjaft würbe e§ nerboten, mit Kramwaren außguftehen.
SRur an ben brei ^aljrniärften unb an ben wöchentlichen SRarlttagen
burften Hanbiuerter ihre uerfertigten Staren in befdjräntteni Umfange
fcilljalten. Ter Süodjenmartt würbe in biefer Beit SlittwodjS auf
bem ft-ifd) unb SounabenbS auf bem fjaulen Stadt (einem Teile
ber JlRöndjenftrafje) gehalten. Sind, hier war alleg ftreng geregelt,
jebem (Srwerbsgweige waren gang beftimmtc Sorfdjriften gegeben.
Stan batte bag jeben Sürger bei feiner Hantierung gu
fdjütjen, aber audj bad ^fntereffe ber QJemeinbe gu wahren, baburdj,
bafj man eine llberprobuftion ober einen 'JRangel auf jebem Ölebiete
beg wirtfdjaftlidjen ßebenS gu ljinbern fudjta- ^Reglementiert unb uer=
orbnet würbe überall, am meifteu inbeffen beim Hanbwert.
„Wo! benen Soben" H°tte eg gu Stettin in biefem Beitraum woljl
tauni, aber eg muß bod) feinen SJlann genäljrt haben. Tie 3aljl
ber bewerte naljm gu, immer neue Hanbruerfe würben hier heiinifdj,
oon auswärts tani fortgefefct Srfatj. SJenig ift eß nur, waß wir aug
ber Beit oon 1350 etwa bis 1450 über bag Hanbwerfswefen in
Stettin erfahren, unb ber funbige gorfdjer, ber bie ßiinfte in ber
mittelalterlichen Stabt bargeftellt hat, ift genötigt gewefen, ben größten
Teil feiner ÜRadjridjten ber fpäteren Beit gu entnehmen. 'Jlber oicl
oon bem, wag im 16. unb 17. Qahrbuiibert beftanb, ftammt natürlich
auß früheren Beitabfdjnitten, fobaß bag Silb, bad er entworfen hat,
gumeift audj für biefe paßt. Sidier haben in ber Seriobe, bie ung
hier befefjäftigt, nur bie Kürfdjner (1350), bie Sßollwebcr (1357), bie
SdjnhiHactjer (1362?), bie SRaurer (1380) unb bie Söttdjer (1420,
102
TaS $anbwer!.
1473) itjre Bunftrolfen erhalten, teils nom State, teils oom ^er^oge
beftätigt. Tie Serfaffuug bet @i!ben bilbete fid) in biefer ßeit mehr
unb meßt aus. Tie 5Sal)l ber Altermänner erfolgte gum Teil unter
ber Auffidjt beS States, ber überhaupt fid) bamalS um bie .fjmnbmerfS»
orbnungen 31t flimmern anfing unb gerabe auf ben in ben Bünften
organifierten Teil ber 50iirgerfd)aft einen größeren (Einfluß gewann;
ba iljre Vertreter gu ben ^Beratungen gelegentlich hinjugegogen würben.
Anfangs waren bie ©eroerfe bet Sdjuhmadjer, Söttdjer, ^olgwrafcr,
SSollwebcr, Schmiebe, Sdjneiber, ffürfdjner, $aten, Söder, Stnodjen=
ljaiier, SSeber vertreten; oon ihnen tommcn bie ^»olgwrafer feit 1425
unter biefen benorredjtigten fünften nidjt meßt oor, bagegen treten
mit befdjränltem Siechte feit 1417 bie Siiemfchneiber ein. XÜenn wir
nach ber Bahl &er Alterleute, bie jebe biefer Büufte hot» urteilen
bürfen, fo ift bie bcbeutenbfte bie ber Xöollweber. SSann unb wie
biefe Vertreter be§ $anbroertcS mit bem ehrfamen State gufammen-
traten, läßt fich nidjt angeben, ba nähere sJiad)rid)ten fehlen; eS heißt
nur, baß „bie Alterleute biefer Stabt Sebeilj unb SBoljlfaljrt neben
bem State in hodjwidjtigen Artifeln unb norfallenben ©efdjäften mit
raten follen". Trotjbem tarnen, wie fdjon erwäljnt worben ift, gerabe
in biefer ßeit immer wieber Unruhen oor. Sie ridjteten fich nur gum
Teil gegen ben Slat, oft waren bie £>anbiuerfcr mit ihren Alterleuten
ober ben oom State jeber Bunft gefeßten Seifißcrn, bie geroiffermaßen
baS AnffidjtSredjt beS States auSübten, fo mtgufrieben, baß fie fogar
mit ©ewalt gegen fie oorgingen. TeStjalb wnrbe oom Siat roieberljolt
ber ©emeinbe jeber Auflauf ober jebe Serfammlung bei ßeibeSftrafe
oerboteit. TaS innere ßeben fpielte fidj in ben Bünften nach altem
Stedjt unb ^erfommett ab; fie waren, jebe für fich, ArbcitS*
gemeinfdjaften mit ftrengen Sefetjen unb Crbnungen, in benen
befonbers ber Umfang ber Arbeit unb bie Baßl ber ©efellen unb
ßeljrlinge fcjtgefeßt waren. Tie Bunftbrüber tontrollierten fich felbft
aufs ftrengfte, niemanb burfte bem anberen 311 ftarte fionfurreng
machen. Stoch meßr beauffidjtigten fie aber bie Angehörigen anberer
Bünfte, baß eS nur feiner wagte, in baS Arbeitsgebiet beS anberen
einjugreifen, Bufdjer ober ©öiit)afen, bie nidjt jur Bunft gehörten,
würben unbarmljerjig oerfolgt. Strcitigtciten tarnen natürlidj unauf=
hörlidj oor, aber biefer Bwang unb bie ftete gegenfeitige Kontrolle
ljatten bod) bas ©ute, baß bie ©ewerte ftreng auf orbentlidje Arbeit
hielten. Stad) mittelalterlicher Sitte bilbeten bie Bü»fte jumeift audj
eine religiöfe ©emeinfehaft, bie fich nur b’e ®eauffid)tigung ber
fDtitglieber, fonbern audj bie praftifdje B-iirforge für jtranfe unb 53er=
ftorbene angelegen fein ließ. 3hren SJlittelpuuft hatten fie an Altären,
2)q3 $>anbwert.
103
bie fie in ocrfdjiebcnen ftirdjen ftifteten unb mit Kapitalien aiH8-
ftatteten. (Sine große 3af)I oon foldjen Stiftungen fommt in ben
geiftlidjen Sßerlaffungsibüdjern biefer $eit oor. SBir finben j. ®. in
St. ^atobi bie SBolliocber, Sdjuljmadjer, Söder, Sdjmiebe, 4>afen,
ülbb. 3. ®rabflein beö $Ritter3 $enninß oon iRcberß (1370)
in btr Sdjlofjfircfje.
Sdjnciber, Jlnodjeuljauer, Sabftüber, Kannengießer mit Elitären
ober Sitarien vertreten Sind) in anberen Kirdjen beftanben fold)e
Stiftungen, mie j. S. in St. Seter »nö S°ui &er $ifcf)er ron
ber llnteriuief u. a. m. 2lu§ allem, wa§ wir über bie fünfte au§
biefer ßeit nerneljmen, geljt, fo bürftig auct; im ganzen bie Sladjridjten
104
Kiidjen unb Sflöfter.
Finb, bod) fo oiel Ijeruor, bafj fid) gerabe in iljuen regeS Heben,
eifrige Tätigteit nnb entfdjiebener ^ortfdjritt geltenb madjten. (Gewiß
biirfen wir nidjt an bie bolje (Siitniideliiiig beS £janbwerfeS in ben
oberbeutfdjen Stäbten beuten unb bie Serljältniffe in ©tettin mit
benen in Nürnberg, Slugsburg nnb anberen Ertön uergleidjen, eS
feljlt aber and) faft ganj baS DJlaterial, um einen foldjen Jlcrgleidj
aiijuftcllen. Tenn wo finb bie (Srjeugniffc bes euiljeimifdjen £>anb=
werte geblieben? Glut überaus bürftige Dlefte ljaben fidj ertjalten,
unb non biefen wiffeu wir nidjt einmal immer, ob fie in Stettin
unb non bort anfäffigen SRciftern angefertigt worben finb. ®odj geigen
j. Sö. bie alten (Dioden ber Sdjlofjtirdje non 1471 ober non 1473,
bie uerfdjiebenen (Grabplatten in St. QoljaimiS ober ber (Grabftein bcS
DiitterS .Henning non IReberg u. 3- 1370, ber in ber Sdjlofjtirdje ertjalten
ift, ber befonberS fdjönc Türtlopfer an biefer St'irdje (S. 87), ber
fogenannte Tebelowteldj ber ehemaligen Glifolaifirrfje (1493) u. a. m.
jur (Genüge, bafj bas (Gewerbe in ©tettin audj nidjt oljne fünftlerifdjes
©mpfinben auSgeübt unb gepflegt worben ift. Tie (Golbfdjmicbe,
bereu .ßatjl in ber Stabt nidjt gering war, bie SSaffeitfdjmiebe nnb
anbere ^anbroerter ljaben gewifj gar mandjeS ißruntftiid für bie
woljlljabenben Bürger angefertigt, unb bie iölüte bes beutfdjen Sliuift
fjanbwerts ift woljl and) für Stettin uon Einfluß unb ®ebeutuiig
gewefen.
Tic (GotteSljäiifer unb K l ö ft e r, bie fidj in ber Stabt immer
ftattlidjer erhoben, waren mit reidjem Sdjmude ausgeftattet, feljr wenig
aber ift audj ljier ertjalten, fo baß wir unS feine Sorftellung oon
iljrcm Slusfeljen in jenen Tagen beS SRittelalterS madjen tonnen.
Ilm 1400 entftanb auf ber ßaftabie, beren ^ßarodjialjugeljöriglcit
nodj 1384 einen ©treit jroifdjen bem ©t. ällarientapitcl nnb bem
ißrior uon St. ^fafübi fjeroorrief, bie St. (Gertrubstirdje mit bem
bajugeljÖrigen £wfpital, baS 1421 einen bifdjöflidjcn Vlblaftbrief
erljielt. Um bie GRitte bes ^aljrljunbertS würbe in ber SRöndjem
Itrafte ein Klofter ber Karmeliter angelegt, bie nadj iljrcm weiften
£>ut unb SRantel audj bie weißen GRimdje genannt würben, ©rauften
oor ber Stabt erljoben fidj in (Grabow bie (Gebäube ber 1360 he
grünbeten Kartljaufe (GotteSgnabe. GRit feinem reidjen ©efitje an
(Gruiibftüden uub Kapitalien würbe gerabe biefeS Kloftcr feljr balb
ein befonberS bebeutenbeS (Gelbinftitut, baS nidjt nur immerfort weite
ßänbereien iiamentlidj an ber unteren Eber unb Raufer in ber Stabt
anfaufte, fonbern audj in großem Umfange (Gelb auf Dienten auSlielj.
Glidjt minber wußten bie beiben ©omtapitel oon St. GRarien unb
St. Etten, an bereit SJereiniginig man fdjon bamals badjte, ober bic
Geiftißeß Vtben.
105
Gt. Qatobitirdje iljren Sefiß 31t mehren unb iljre Kapitalien ertrag-
reidj angulegeit. Die B°hl ber Geiftlidjcn, bie in ber Gtabt tätig
waren, muß in biefer Seit feljr groß gewefen fein; war bod; bie
Stircße bamalS bie eingige Ginrichtung, bie ihren Dienern eine An
ftellung auf ßebenßgeit unb bauernbe Serforgung gewährte. Daher
fudjten unb fanben aud) viele Angehörige Gtettiner ^nmilien bei iljr
eine Serforgung. B11 ben einheimifdjen Geiftlidjen taiu bie große
Baljl ber fremben, bie in ber Gtabt verteljrtcn. Die einen erfdjienen
bort terminiereub, b. t). bettelnb, bie anberen ljatten bafelbft Gcfdjäfte
gunieift redjt weltlidjer Art, ber Sifdjof von Gammin, ber Abt von
ft'olbat) unb anbere Prälaten fanben fid) gu ben ^Beratungen ber
Gtänbe ein. Gino Gijnobe beß gefamten S?Ieru§ ber Gamminer
Diögefe fanb am 26. Buni 1448 in Gtettin ftatt. Sifdjof Henning
leitete fie, aber leiber wiffen wir nidjtß von bem, wa§ bort beraten
nnb befd)Ioffen würbe. Gß tonnte miß fouft gewiß einen Slid tun
laffen in ben ®cift, ber in ber bantaligen ft'irdje Ijerrfdjte. An
SBiberfprud) gegen bie ßcb re ober au ßeidjen, baß aud) anbere Auf
faffungen vom ßfjrifteiituine ’ fidj geltenb machten, fehlte eß ljier in
biefer Seit nidjt. Qu ber näljeren unb weiteren llmgegenb Gtettiuß
verbreitete fidj gegen Gube beß 14. Qaljrfjunbcrtß bie Gelte ber
Söalbenfer. Die ßirdje ging gegen fie mit energifdjen Slaßregeln
vor, 1393 würbe in Gtettin Geruht über bie ileßer gehalten, bie
Gemeinheit würben auseinanber gefpreugt, einzelne Angehörige erlitten
and) roof)l ben Dob. Daß gleidje ®efd)id hotte 1411 in Gtettin ein
9Jlann, „be Ijabbc vele Grbome unb vele Gtutfe bi fid, be roebber beu
Griftenlooeii weren". Gr behauptete Gotteß Golju gu fein, würbe
aber vom „Sletjcrnieifter“ verurteilt unb „gengliten to Afdjen" ver«
bräunt. Arger 'Aberglauben Ijerrfchte in weiten Streifen, JVurdjt unb
Sangen ergriffen alle bei jebem Greigniß, baß ungewöhnlich 3U fein
fdjien. Sei Slaturerfdjeinungen, bie für ben gemeinen äüenfdjcip
verftanb unertlärlidj waren, gitterte man vor bem ßorne Gottes unb
fudjte burdj allerlei Gaben unb Gtiftungen an bie Stirdje iljn abgu«
wenbeu. Go eröffnen miß fnandje leftamente ober Gd)enfitiigßbriefe,
fo foiwentionell fie audj in ber gornt finb, bodj einen Slid in ben
Gciftcßguftanb unb bie Söeltauffaffung jener Beiten. Gic finb alß
berariige Beugniffe um fo wertvoller, je bürftiger fonft unfere fienntniß
von bem bamaligen geiftigen ßeben in Gtettin ift. 9htr gang ver»
eingelte Stetigen laffen ein Gdjlaglidjt barauf fallen unb geigen, baß
eß mit ber Silbung hu’c woljl ,,och fdjledjter ftaiib alß in anberen
beutfdjen Gebieten. 5Bie feljr bebauern wir, baß lein Geiftlidjer ober
Siirger eine Art von Gtabtdjroiiit aitgttlegen verfudjt ljat! 23aß für
106
©djulroefeit.
(Stralfunb, ßiibed ober anbere Stabte tu biefer SBegiefjung gcfdjeljcn ift,
feljlt in Stettin gang. SaS SBerf beS ißrior StjcobericiiS oon St ^Vafobi,
ber 14(58 ben fogenannten Liber Sancti Jacobi anlegte, fann faum
als eine (Sfjrotii! ber Stabt begeidjnet werben; baS S8udj enthält Ur
funben, bie fiel) auf biefe ftirdje begieljen, unb fDHttcilungen über bie
an iljr tätigen frieren. Sind) fonft Wunen wir oon wiffenfdjaftlichen
ßeiftungen auS Stettin nidjtS beridjten. ®S tjerrfctjte bort ber praftifdje
Sinn für £anbcl unb (bewerbe, gröfjereS Jgntercffe für ft'unft ober
Söiffenfdjaft war faum oorljanben. Sro^bem entftanben audj tjicr
oerljältniSmäfjig früfj Sdjttlen. SUicfjt nur am SJlarienbome würbe
unter Sluffidjt beS SdjolaftifuS oon Sdjulmeiftern unb iljren ®efjülfen
llnterridjt erteilt, fonbern audj fonft fonunen foldje roiebcrljolt oor.
SereitS 1371 war bei St. gatobi eine Sdjule eiiigeridjtet. ®S fam
bamals wegen biefer mit bem Somfapitel, baS wie in anberen Stabten
ba§ alleinige Stedjt bcS SdjulefjaltenS in Stettin beanfprudjte, gu
einem Streite, ber fidj galjrgeljnte lang tjingog unb bis an ben 'ßapft
gebradjt würbe. SonifatiuS IX. beftätigte gweimal (1391 unb 1404)
ben *ßrooiforen ber gafobifirdje baS Sledjt eine Sdjule gu ljalten unb
einen JReftor angnftellen. Srotjbem tjörte ber Sffiiberftanb beS JTapitelS
nidjt auf; für bie gfaljre 1462 unb 1469 liegen 3e>i(jniffe eines neuen
Streites oor, ja eS würbe in bem letjten galjre fogar bie Slufljebung
ber lateinifdjen unb ber beutfdjen Sdjule bei St. gatobi angeorbnet.
Slber biefe SInorbnung tarn nidjt gur SluSfüIjrung. gn ben Slnftalten
würbe natürlidj gang nad) ber ?lrt ber mittelalterlidjen Sdjulen geleljrt
nnb gelernt; ob man oiel über bie ^InfangSfenntniffe beS SrioimnS
IjinauStam, ift gweifelftaft. ®S begogen aber audj aus Stettin mandje
Jünglinge ober äRänner bie .^odjfdjulen in Italien, grantreidj unb
Seutfdjlanb. gn ben meiften UnioerfitätSniatriteln oon Sologna ober
ipariS, oon iPrag, $eibelberg, fJloftocf, ßeipgig ober ©reifSwalb finben
fid) ©eiftlidje ober Baien de Stetin oergeidjnet; was auS biefen geworben
ift, oermögen wir nid)t angitgeben. $n ben unatljigen Seiten finb
gewifj mandje biefer Sdjolaren weit verfdjlagen ober gar unter«
gegangen, mandje oielleidjt audj git angefefjenen Stellungen im Beben
einporgeftiegcn, otjne bafj wir baooti etwas wiffen. güt ari»e Sl'iiaben,
bie in Stettin gur Sdjule gefjen wollten, errichtete, wie bereits erwähnt
worben ift, Otto gageteufel eine Stiftung, bie halb nadj 1412 ins
Beben trat unb gunädjft in einem £jaufe in ber SRofjmarftftrafje, feit
1469 in ber Heinen Somftrafje untergebracht war. Dies Slfijl, bas
in jenen Sagen ber Kämpfe woljl gute Dienfte leiftete, ljat fidj alS
ein ®enfmal milbtätiger IDlenfdjenliebe aus ber Beit erhalten, alS in
bem ftrange ber nieberbeutfdjen Stäbte an ber Cftfeetüfte and; Stettin
(Stettiner ©rbfrfinftöfrafle.
107
eine Slüte barftellte. (Strahlte fie audj nidjt fo tjeroor wie^ßübcrf,
(Stralfunb ober Sangig, fo trug fie bod) gum (Sdjmucte mit bei. SaS
mittelalterlidje (Stettin liegt fiir ben inobernen SRenfdjcn iveit gurücf,
weil fo wenige 'Jlefte baran erinnern, aber fid) in jene Sage ber
inneren unb äußeren Kämpfe, beS eßrfamcn States, ber tiidjtigen
Sürgerfdjaft, in bie Sage bet ljodjragcnben Siirute unb 'JJlauern, ber
ftattlidjen ßirdjen unb ftolgen ©iebelbäufer int Weifte guriirfgunerfeßen,
Ijat einen befonberen SRei^.
7. Jfapitel.
Stettin in ben branbcnbiugifdi-pommerfdien >10 tupfen.
nt 7. (September 1464 ftarb ber junge £>crgog Ctto III. in
einem Sliter oon etwa 20 $aljreu. -JJtit iljm erlofdj ber
(Stettiner $wcig bc& alten $ergoßSfjaiifeS, ber feit 1295 in
SJlittelpommern bie Stcgieruug geführt tjatte, unb bie grage, wer bort
bic .gSerrfctjaft erben werbe, mußte entfdjiebcn werben. SBir wiffeu
bereits, baß auf ber einen (Seite bie SBolgafter .fperren Slttfprudj erljoben,
ba bei ber einftigen Seilung ber Wefamtbcfiß beS gangen dürften
gefcfjIecfjteS auSbrüctlid) feftgefeßt worben war, auf ber anberen (Seite
aber ber SJlarfgraf oon Sranbenburg auf ®runb ber ßefjnSljerrfdjaft,
bie er über ^ßommern beanfprudjte, baS (Stettiner ßanb als tjeimgefaHen
forberte. Sie ßeljnSobertjoljcit ber Sraiibenburger .gierten war einft
anerfaunt, im ßaufe bet $aljrl)unberte aber aufgegebeti, bann oon
neuem beanfprudjt worben. Ser Sufammeußang ber beiben pommerfdjen
ßinieu ljatte fidj in bcrfelben Seit immer nietjr gelöft, ja infolge oon
manrijerlci $eljbett war ein Wegenfaß gwifdjen iljuen entftanben, ber
fidj befonberS in bet legten Seit bebeutenb uerfdjärft ljatte.
ber (Stabt (Stettin gab eS Sluljänger beiber Parteien, unb baS
ßntfdjeibenbe bei ber (Stellungnahme ber ©ingelnen war ber ®ebanfe,
oon wcldjer (Seite ift woljl ber größte Vorteil fiir iljn gu erhoffen?
$c nadjbem ber Siirgcr nietjr gcfdjäftlidje SScrbinbungen mit Sranben«
bürg ober mit fßommcrn=Sßolgaft ljatte, wanbte fid) feine Steigung
biefem ober jenem ßanbe gu. (StwaS aubereS war eS mit beit leiteiibeu
UJliinnern ber (Stabt, bem Slate; bei iljuen fani nidjt allein ber per»
fönlidje Vorteil, fonbern baS $ittereffe bet (Stabt in grage. SieS
aber ging baßin, bie Stedjte unb $reiljeiten, bie fie befaß, nidjt nur
gu erljalten, fonbern and), wenn eS möglid) war, gu erweitern. 53on
weldjer ber beiben Parteien tonnte man aber am erften einen (Gewinn
in biefer S^idjtung 'erhoffen? Ser fturfürft $riebridj II unb fein
108
Parteien in Stettin.
Sruber Sllbredjt mären al§ geiube be§ SürgertumS betannt; biefer
lag in beftänbigem Kampfe mit ben fübbeutfdjen Stäbten, jener ljatte
1442 unb 1448 Scrliji Kölln gur fJtieberwerfung gegwungen unb
mit norbbeutfdjcn dürften Sufammenfünfte gehabt, um fie gu gemein»
fatnem Sorgehen gegen bie (Stäbte gu vcranlaffen, fo bafo felbft bie
fjanfa fid) bebroljt fühlte. ©ie SBoIgafter Herren bagegen ljatten, wie
wir gefeljen haben, fdjon feit längerer ßeit fidj bemüht, bie erfte (Stabt
bc§ umftrittenen ßanbe§ für fid) gu gewinnen; oon iljnen war nidjt
nur eine Erweiterung ber ftäbtifdjen Privilegien, fonbern audj ein
milbe§ Regiment gu erhoffen. ©eöljalb ift e§ ertlärlidj, bafj ber gröfjte
©eil be§ Slates auf ihrer Seite ftanb unb ihre Slnfpriidje auf ba§
ßanb begünftigte. ©aneben fdjeint öS infolge ber engen Segieljuttgeii,
bie gerabe gwifdjen bem Stettiner .fjergogtum unb ber benachbarten
Sfflatf beftanben, unb infolge be§ perfönlidjen EinfluffeS, ben griebridj II.
al§ Sormitub beS jungen Otto III. gewonnen ljatte, in ber Stabt
audj eine Heine branbenburgifdje Partei gegeben gu baben. Spätere
tenbeugiög gefärbte ©efdjidjtsfdjreibung ljat in foldjer Parteinahme für
bie Start einen ©errat am Saterlanbe erblicft unb biefer ^Infidjt
SlitSbrud gegeben in ber Ergäblung von einem Vorgänge, ber fid)
am offenen Stabe beS Stettiner .£>ergog§ giigetragett haben füll. §ll§
bie fleidje int ©ome von St. £tten in ©egenwart ber Vertreter bes
Sibels unb ber Stäbte beigefetjt würbe, habe, fo ergäbt Kantjow, ber
Sürgermeifter von Stettin Sllbredjt fölinbe Sdjilb unb £>elm in bie
©ruft geworfen, wie e§ beim SluSfterben fnrftlidjer unb abliger
®efdjled)ter Praudj war, unb babei ausgerufen: ,,©ar lidjt unfe
fjjerfdjop". ,,©o bat aiverft be Sibel fad), trat ein Eirfftebe, wo man
fedjt, tjerfor unb fprant in bat ®raf unb halbe ben Sdjilb unb fjelm
Webber ut unb febe, @linbe löge bat al§ ein eljrloS Söfewidjt; ib
ivereit nod) fjjertoge to Stettin unb Pommern, bat weren ere natürlife
gebaren fjerrn, be wölben fe nidjt utfdjlan. Unb fdjideben fort Sdjilb
unb £>elnt an fjertorfj Erifen unb fjertodj Söartiflaffeu mit Slttbebinge
ere§ ©eljorfameS". ©iefe bramatifdjc, audj poetifdj oft nerherrlidjte
Sgene tann, wie nadjgewiefen worben ift, fo nidjt ftattgefunben haben,
fdjon weil beftimmt beridjtet wirb, bc£ toten fpergogS Sdjilb fei mit
in ba§ Stab gelegt worben. SUttdj tann iiad) allem, roa§ fonft über
ßllbrecfjt Slinbe betannt ift, von einer verräterifdjen Parteinahme btcfeS
'JJlanneS für ben Kurfürften gar feine Siebe fein. So fdjarf, wie in
ber Rantjowfdjen Sthifberung ber ©egenfatj; ^jie Sranbcnburg — h>e
Söolgaftl Ijervortritt, ift er in biefer ßeit fidjer nodj nidjt gewefen.
jJJlan wartete in Stabt unb ßanb gunächft ab unb fudjte bie Ent»
fdjeibitiig hiaguljalten. ©a erfdjienen im Dttober ©efanbte bei
(Stettins Stellung gegenüber bent j?urfürften tJriebridj.
109
Söolgafter ^erjoge unb bes iturfürften in (Stettin, um bie ^ulbigung
gu forbern.
SBäljreub bie gürften burd) Serljanblungen am Xiaiferljofe iljre
ißläne biirdjaufetjen bemiiljt waren, ging ber Stat in feiner ißolitif
eigene Sßege. Saß man fi<f) bort im gemeinten Hoffnungen auf (Erlangung
ber ßleidjSfreitjeit madjte, ift oermutet roorben, läßt fid) aber ni<f)t
beroeifen; folcöe Sebimfen lagen in Slorbbeutfdjlanb, roo eS fo roenige
fHeidjSftäbte gab, rec±)t ferne. SIber roenn and) bie Sßläne nidjt fo
weit ginaen, fo roollte (Stettin bod) feine (Stellung gegenüber bem
neuen ßanbeSljerrn möqlictjft felbftänbig geftalten unb bie oerlangte
Hnlbigung nur für einen ßoljcii ißreiS leiften. hierbei war gewiß bie
Sorge um ben Cberbanbel unb nameutlidj um baS Slieberlageprioileg
oon auSfdjlaggebenber Sebeutung, beim man fürdjtete, e§ werbe
fdjroerlidj erhalten bleiben, roenn Stettin unter märfifdje .^errfeljaft
fäme. S)aS Serljältniö 31t grantfiirt, baS gerabe in biefer Seit fief)
immer meljr au einem ft'oiifitrrenafampfe geftaltete, oeranlaßte bie
Stettiner Siirger in erfter ßinie alt ber Sßorfidjt unb Surüdßattnng,
bie fie ben Sraiibenburgern gegenüber beroiefen. S)at)er roat bie 3u=
oerfidjt beS llurfiirfteit, ber mit nidjt geringem Selbstvertrauen fdjrieb,
baß bieÜJlädnigiten imßanbe unb fonberlidj bie Stabt Stettin iljm geneigt
fei, nur redjt fdjroadj begrünbet. Uladj langen Serljanblungen erlangten
bie HpofjengoVrern am 21. Sülarj 1465 bie Sliisftellimg beS taiferlidjen
Sricfes, burdj ben fie mit bem flanbe beleßnt würben, Slber bamit
war nodj nidjt oiel erreidjt, beim nur gegen eme Saßlimg oon
37000 ßhtlben follte biefe Urfunbe, bie mit anberen beim Slate oon
Nürnberg niebergelegt roorben war, ben branbenburqifdjen Herren auS=
geliefert roerben. Sie ponmierfdjen Stäbte leljnten e§ aber entfdjieben ab,
bie Hulbigunq gu leiften, roenn bie ftaiferurfunbe nidjt roirflidj oor»
gelegt würbe, unb iljr 5®it>erftanb gegen bie SJlärfer trat auf ben
oerfdjiebenen Sagen immer beutlicber beroor. SRit ben Söolgafter
§ürften attfammen fdjeint Stettin felbft bamals am taiferlidjen Hofe
gegen bie ?lnfpriidje ber H°f)enaollern geroirft au haben. Sei einem
Seile bes Sibels aber geigte fi<f) eine Hiuneigung au Sraitbenburg,
unb bieS trug mit baau bei, baß bie Hrraoge Sridj unb SSarriflaro
iljre Slnfprüdje nidjt au ßodj fpannten, fonbern fid) oon neuem mit bem
fiurfürften griebridj, ber gleichfalls feine ^orbenmgen Ijcrabftimmte, in
Serljanblungen einließen. So fam bie Ser|ammlimg in Solbin auftanbe,
bei ber bie Sürgermeifter Sietrich öfraboro unb Sertram ißaul mit
ben beiben SRatsßerren ißeter ©arenßolt unb Soadjint SJlellentin bie
Stabt Stettin oertraten. H^r rourbe am 21. Januar 1466 ein Sertrag
abgefdjloffen, beinaufolge bie beiben Ußolgafter Hrraoge baS ßanb
110
Sffiiberftanb Stettins gegen bte ^nlbigung.
(Stettin coin JTurfiirften für fid; unb iljre Grben gu ßeßn itaßtnen unb
mit iljm ein (Sc^utj» unb ©ruijbünbniS fdjloffen; bie Stäube beS
fjergogtumS füllten beniHurfürften unb ben ^ergogen ^ulbigung leiften.
©er gwibe über biefen frieblidjen SluSgang bes Streites gab Vertrant
fßaul SluSbrucf, inbcnt er nadj ber Vefiegelung beS Vertrages nut
gefalteten .fjänben ausrief: Gloria in excelsis deo et in terra pax
honiinibus bonae voluntatis!
©od) biefe banfbate $reube mar oerfrüfjt. Seljr balb madjte fid)
bei ben Stäuben beS ßanbeS Stettin eine fjeftige üppofition gegen bie
fjulbigung geltenb, bie fie nadj beut Vertrage non Solbin leiften füllten,
unb bie Stabt Stettin geigte fidj bereits im Slpril 14(56 bei ben in
Sarft a. £). gepflogenen Verßanblungen feljr gurüdtjaltenb unb erflärte,
man miiffe, beoor eine beftimmte Sufage wegen ber fjmlbigung uioglid)
fei, ben Vefdjluß ber allgemeinen Stänbeoerfammlung abwarten. ©od)
fdjon am 22. Slpril gab ber Stat bie beutlidje Grtlärung ab, bie Stabt
fei nidjt fdjulbig, bem Jt'urfürften bie Grbljulbigung gu leiften uub
tonne iljm ben Gintritt in Stettin nur mit fjodjftens 200 Jßferben
geftatten. ®aS war eine tlare unb bünbige Slbfage. SBie ift eS gu
ertlären, bafj in ben wenigen SJtonaten, bie feit bem Slbfdjluffe beS
Solbiner Vertrages oerfloffen waren, eine foldje Sbiberung in Stettin
eintreten tonnte? 2ln ben leitenben Stellen im State war ingwifdjen
fein SBedjfel eingetreten, Vertrant Vaul unb ©ietrid) Grabow waren
nod) bte üorfitjenben Viirgermeifter, unb eS ift tein Slngeidjen bafür
Dortjanbeu, baß fie bem britten Viirgermeifter Sllbrecßt Glinbe, ber
bamals nidjt gum fitjenben State gehörte, in tiefgeljeljenber VteinungS?
rerfdjiebcnljeit gegenüber ftanbeu. ©agegen ift eS waljrfdjeittlidj, baß
fid) in ber Vürgerfdjaft eine Cppofition gegen bie Stellung geltenb
madjte, bie ber Stat bei ben Solbiner Verljaiiblungeii eingenommen
ljatte, uub baß biefer bann felbft bie neu gefdjaffene Sadjlage anberS
beurteilte wie früljer unb bemnad) feine ißolitif änberte. GS tarn gu
erregten Verljanbluugen gwifdjen ben SJlitgliebern beS States unb ben
Vertretern ber Vürgerfdjaft; non einem „Stumor in Stettin" wirb in
einer gleidjgeitigen Slufgeicßnung berichtet, in ber audj uon einer
fdjließlidjen „Goncorbia“ bie Siebe ift. Vermutlid) fjat ber Siat fid)
mit ber Gemeinbe oertragen, gumal ba, wie eS fdjeint, ein ©eil be§
Sibels non Slufang au gegen ben Vertrag war unb bie ©ppofition
ber Vürger unterftüßte. ©aß aber aud) bie SSolgafter $crgoge im
^iiitergrunbe mitgewirtt unb burdj allerlei Verfpredjungen bie ab
leljnenbe Haltung bet Stettiner beftärtt ßaben, ift waljrfdjeinlid).
©er Kurfürft ^riebridj wat über bie troßige SSeigerung ber
Stabt aufs Ijödjfte empört. SBie tonnte fie es wagen, ißm, bem
SBttfrinbluitßeu mit bet SWart.
111
mächtigen SleidjSfurften, ber fdjon mandje wiberfpenftige Semeinbe
jum ©eljorfam gejwitngen ljatte, trotj ber flaren unb beutlidjeu ®er=
tragsbeftimnunigen bie jjugefagte ^ulbigung 31t oerweigern! Qn Ijellem
gorne erliefe er am 1. SJlai 1466 ein Sdjteiben an Siirgermeifter,
SRatmann, Sllterleute beS fiaufmann unb ber SSerfe unb bie ©cmeinbe.
ßwietradjt uub t'lrgernis wollten fie mit iijrer ^errfdjaft erregen unb
bie Solbiner Slbmadjungen nidjt ljalten, obwohl bie Übertreter ber
Stabt banials feierlich ertlärt hätten, dit scholen nicht pomcrsche
Dedinge wesen, sunder was man dedinge, dat scholde wol geholden
werden. „Wi hopen nicht“, ruft ber fiurfürft auS, „dat gy dy Lude
sind, dy uns unse liecht nemen edder des verweren scholen.“ 6)0113
befonbers empört war er aber über bie gorberung ber Stettiner, er
Jolle nicht meljr als 200 fReifige in bie Stabt bringen. „Wy weten
noch wol, wu stark wy in unse eygen Stpde rydeu scholen.“ üßiel
©inbrucf wirb bieS broljenbe Sdjreiben in Stettin faum gemadjt
haben, obwohl and) Verflog SBartiflaw X, ber in ber 9läfee in Sarg
weilte, fich cein ßurfiirften gegenüber Ijödjft entriiftet über ben lln-
geljorfam ber Stettiner ftellte. ®ie folgenben ÜBerhmtblungen, bie im
SJlai unb Quni 31t Stettin ober ÜRuppin ftattfanben, waren ergebnislos,
bie Stäube beS ^er3ogtnmS unb oor allem Stettin oerljanbelten für
fidj unb ftärlten fidj gegenteilig in ihrer ablehnenbcn Haltung, ja
felbft bie -$er3oge 3eigten bereits offentunbiger, bafe fie ebenfalls baran
buchten, fich heu Solbiner ÜBerpflidjtungen 31t er^icljen. ®a liefe ber
ft'urfürft am 12. September 1406 ein 3n>eiteS ernfteS Sdjreiben an
bie Stabt ergeben, in bem er 90113 entfdjieben bie £>ulbigttng bis
SRidjaeliS forberte; wenn baS nidjt gcfdjelje, fo werbe er mit anberen
gurften (Gewalt gegen fie anwenben unb oor allem eine ^anbclS=
fperre uerljängen. Sim 28. September aber fdjob er, oielleidjt infolge
einer ÜBerwenbung ber £jer3oge, ben ©nbtermin für bie f>ulbigung
auf ben 28. Cttober ljinauS unb lub bie Vertreter ber Stabt 311m
20. Cftober nach ®artj a. C. ®ie unfichere Haltung beS JTurfürften
war bie ÜBeranlaffung, bafe bie Stettiner ruljig bei iijrer ableljnenben
Haltung oerljarrten, als in ben folgenben UJlonaten bie frudjtlofen
Ißerhanblnngen fidj fotogen, aber audj fdjon mandjerlei geinbfelig-
leiten an ber pomuierfd' märfifdjen ®reit3e oorfamen. $er3og <£ridj II,
ber engen Slnfthlug an ißolen fudjte unb fanb, würbe immer mehr
bie Seele beS SßiberftanbeS. 8« offenem Srndje fam eS, als in
üßommern bie ^ladjridjt eintraf, Alaifer griebrirf) hQhf a,lt l4- CI
tober 1466 ben Solbiner Vertrag faf|iert unb ben SJefefjl erlaffen,
bie £>et3oge SSartiflaw unb Gridj füllten fidj in feine ÜBeränberung
betreffe, ber ÜeljnSabljcingigteit ber Canbe Stettin unb ißommern einlaffen.
112
$nnbelä!tit0 mit ber SJiarf.
Qn ben erften SJloiiaten beS Jahres 1467 ging ber Äitrfürft
3-riebrid) 311 ernften SJlafjregeln gegen bie Stabt Stettin über, fügte
ihrem Verfeljr guerft burch rigorofe 3ollerljebung manchen Schaben
gu unb erliefe balb barauf ein Verbot beS £>anbelS groifchen feinem
ßanbe unb Stettin. „Wir haben“, fo fcfereifct er, „ein gemein Gebot
in allen unseren Landen usgeen lassen, dass nymand durch unser
Land den von Stetin einicherleye Kaufinansschatz und Waren zu-
füren, noch abfüren oder Handel mit ihn haben soll.“ Slidjt nur
ßiibed, fonbern audj bie £jergoge non 'Uledlenburg unb Saufen
würben aufgeforbert, biefe .ftanbelSfperre gleichfalls anguneljmeii unb
gu verfünben. Vei ben dürften hotte biefe Sitte (Erfolg, flübed ba»
gegen unb bie £>anfa traten für Stettin ein unb roanbten fid) in
Schreiben, in benen gum Seil ein redjt brofjenber Son angefdjlagen
rourbe, an bett st urfürften. J^fefet geigten auch bie beiben .£>ergoge
SÖartiflaw X. unb (Erich II-, bie fidj in biefer Streitfrage non ben
(Juriften ber neuen ©reifSwalber llniuerfität beraten liefeen, offen ihre
Släne. Sie Stäube bes ßanbeS leifteten ihnen bie $ulbigung, unb
ihnen folgte am 26. SJlai 1467 bie Stabt Stettin. Sie betätigten
ihr in einer Urfunbe alle alten Hiedjte unb Sßriutlegieri, befonberS
biejenigen, de dar luden up ere Segelacie, Nedderlage, Tolle,
Stratentolle. ßugleid) aber gaben fie ihr baS roidjtige JJ?cd£)t, bafe
Sdjulbforberungen an Stettiner Sürger nur in ber Stabt felbft ein»
geflagt roerben füllten. Slodj bebeutfamer war bie Verpflichtung, bie
oon ben dürften übernommen warb, ohne (Einwilligung ber Stänbe
feinen ßanbfrieg gu beginnen unb bei Streitigfeiten gwifdjen ihnen
felbft ben Stettinern gu geftatten, bafe fie fich bem anfdjließen bürften,
ber bereit wäre, fid) ihrem StidEjterfprucfje gu unterwerfen. <Jit biefem
wichtigen Privileg fam am 1. Qfuni ein groeiteS, baS oielleicfjt nod;
größere Vebeutung hatte- SBartiffaro X. fagte ber Stabt gu, baß
alle Sdjiffe mit Söaren, bie oom .fjaff auS bie Cber aufwärts itadj
ben SJlarfen, Vleifjeu, Sachfen, VöfjmeH, Stolen ober umgefehrt auS
biefen flänbern bett glufj abwärts führen, in Stettin Slieberlage halten
füllten; basfelbe follte auch mit ben gu ßanbe geführten Söaren ge»
fchehcn- Sliemanb aus ben Cberlanben follte über Stettin hiaauS
bei Strafe ber Sfonfistation ber ©iiter ffaufmannfdjaft treiben. Sa=
burch war baS alte Siecht ber Vlärter vom Qahre 1311, bafj fie mit
ihren Sdjiffen ungehinbert ben Vaum von Stettin paffieren burften,
aufgeljoben unb iljnen bie birefte Verbinbung mit ber Oftfee unter»
bunben. ®aS war bie SIntwort auf bie btanbenburgifche Sperre.
SBie bie SSirtung biefeS £jaitbelSfriegeS für beibe Parteien loar, ver=
mögen wir nidjt gu beurteilen, fidjer aber haben fie nicht geringen
Shitfi bet Brmibenburger.
113
Sdjaben erlitten. Der Sturfürft, ber mit ber Eröffnung ber triegcrifdjen
Unternehmungen abermals zögerte, hoffte immer nod), bie trotzige
Stabt jum flladjgeben 311 bringen. So ermahnte er bie Stettiner
3. 'B. in einem Schreiben oom 2. 2J?ai 14(»8 nodjinalS, ben Vertrag
oon Solbin aiijuertcnnen; wenn fie baS täten, füllten für ben £>aubel
JRitfje nnb Triebe im ßanbe herrfdjeit.
®od) bie ßorfitng fanb fein Getjör. Qm 14(58 begann ber
Strieg, in bem bie Braiibenburger halb bis ßödnitj uorbrangen nnb
bie Burg bort entnahmen. 'Jliidj Wartj fiel in iljre .fjiänbe. Spätere
Überlieferung berichtet oon Verrat, ber Bürgermeifter 'Sllbredjt Gllinbe
füll mit babei im Spiele gewefen fein. Gr pflog, fo loitb erzählt,
in SdjillerSborf heimliche 'Berhanblungen mit ben branbenburgifdjen
Bäten nnb uerfprad) fogar, ben Blättern bie fiore Stettins 311 öffnen.
?lber burd) iljre ^ögernng nnb burdj bie SSachfainteit ber 23ürger=
wadje, befonbers ber Slnodjenhaiier, bie fid) nod) im lebten Slngenblicte
an bem fßaffauer Siore einftellten, würbe ber h<>iterliftige 'Bnfchlag
uereitelt. ®iefe oon ben Gljronifteii immer weiter auSgemalte unb
bramatifdjer geftaltete Grjäljlnng ift inbeffen unzweifelhaft ein Brobutt
ber gefdjäftigcn Boltspljantafie, bie in Grinnerung an bie fdjweren
Beiten biefeS StriegcS fpäter nidjt genug uon 'Berrat unb 'Berrätcrn
311 berid)ten wufjtc. £b ber Slurfürft bamals überhaupt einen 'Bn=
fdjlag auf Stettin unternahm, ift giueifeltjaft, uub uon einer branbeu
burgtfdjen fßartei in ber Stabt, bie fid) nod) bagu auf offentuubigen
'Betrat eiiigelaffen haben füll, fiubet fid) in ben beglaubigten iKacf)
richten feine Spur. Wibrecht Slinbe, ber audj fpäter eine aiigcfeljene
Stellung in Stettin entnahm, hat 3nhr0tmberte lang ben Barnen
eines 'BerräterS tragen muffen, bis enblich bie gefdjidjtlidje gorfdjung
ilju uon biefem fdjweren 'JJlatel gereinigt hat-
®er Stampf int Stettiner ßanbe bradjte bie .^erzöge Söartiflaw
unb Gridj in große BebräugiiiS, fobafj fie £>ilfe fndjenb fid? an 'Bolen
waubten. Gin uorläufiger 'Waffcnftillftanb tarn guftanbe, ber St lieg
brach aber balb wieber aus unb bauerte fort trotj wieberl)olt ein
geleiteter 'Berhanblungen, bei benen bie Stäbte Stralfunb unb GlreifS
walb ober Bolen bie 'Bermittelung übernahmen. ®iefe witrbeii befoiiberS
in Bolen geführt, unb als 'Bertreter Stettins waren bie 8fatSl)erreii
StlauS Steuen unb 'Slrnb uon ber ®ibe zugegen. 'Was fie in Betritau
auf bem JHeidjStage auSgeridjtet ljaben, ift unbetannt.
Gine neue äöenbung naljni ber langwierige Streit, als im
Slpril 1470 Slurfürft JVriebrid) H. ber £>errfdjaft in ber Biart entfagte
unb fein Bruber üllbredjt bie Regierung bort übernahm. 'JJiit Gnergie
unb Sattraft griff ber neue .fjerr bic Sadje au, befonbers ba fid) ber
HVrticiiiaun. voll Stettin
8
114
Ter Triebe gu Prenjlau 1472.
Slaifer für iljn entfdjieb. (£3 tarn wieber ju Jläntpfen an ber Wrettje,
unb bie verfdjiebenen faiferlidjen Planbate, bie an bie ^er^oge unb
iljre Untertanen, aud) an bie Stabt Stettin im Vlu^juft 1471, ergingen,
blieben nidjt oljne (Einbrncf. So fam am 16. September ein slöaffen=
ftillftanb auf etwa neun Pionate ^uftanbe; bie Straßen füllten
frei nnb friebfaui fein, ber Kaufmann unb ber fafjrenbe Plann
nngefdljrbet unb fidjer reifen. Ter Pat von granffurt beftätigte am
8. Cftober bem von Stettin, baß biefe Sicherheit aud) für bie Stettiner
Kaufleute gelten Jolle. Taniit war bie märfifdje .fcanbelsiperre auf
gehoben. Sll<ä bann U'urfürft Plbredjt felbft in ber SJlarf erfrijien,
fdjtoß man am 30. Plai 1172 ^u Prenzlau g-rieben. Tie ßehnd
Oberhoheit Pranbenburgs über Pommern-Stettin wnrbe anerfamit, bie
jpulbigung ber ßanbftänbe für ben Slurfiirften .pigefagt. Ter lange
Slampf mar beenbet wotbeit, aber in einer SSeife, bie noch gar viele
Sdjwierigfeiten nnbefeitigt ließ. Tie Stabt Stettin, bie anfänglidj
im Plittelpunfte bed Streites ftanb, trat juletjt faft gar nidjt tätig
hervor. .£>atte man bort fein £$ntereffe mehr an bem Streite, nad)
bem man bie großen Privilegien von ben ^er^ogen erhalten hatte?
Ober war im Pate eine anbere Pistung in ber Politif ()ur (Geltung
gefommen? Um bad $al)r 1470 verfd)winben and ben leitenben
Stellen ber Purgermeifter bie Pfänner, bie feit längerer ßeir biefe
'.'inner immer wieber oerwaltet ljatten, Sllbredjt Sliube (feit 1436 im
Pate, 1448 jiim erften Plale Purgermeifter), Tietridj (Arabow (feit
1442 im Pate, 1158 jiierft Pürgermeifter) unb Pertram paul
(feit 1442 int Pate, 1464 guerft Purgermeifter). Tie neuen Piirger»
meifter, Sttaud Oolbbet (feit 1469), peter Parenljolt (feit 1470),
Wluus Steven (feit 1471), bie biefe PHirbe bi§ 1478 abwedjfelnb
verwalteten, fdjeincn für ein teinlenfen ber Stabt gegenüber Praitben«
bürg eingetreten 31t fein, ©linbe legte 1171, vielleidjt, weil er bei
ber Umfetjung be§ Pates am 3. Plai nidjt wieber bad regierenbe
Pürgermeifteranit erhielt, fein ?luit nieber unb verjidjtete burd) bie
Urfitnbe vom 28. Quni auf alle '.’lnfprüdje an bie Stabt. Tanut
rourbc audj ber privatred)tlid)e Streit, ben er jufammen mit Tietridj
65rabow ober beffen (Erben feit längerer ßeit gegen bie Staot ver
mutlidj wegen eines Kapitals führte, cnbgültig erlebigt. (Er fdjeint
nod) einige Bahre ui Stettin gelebt ,pi haben.
Tic unruhigen Beiten bes Krieges (jaben bem .vanüel 311 ßanbe
uub auf bem g-luffe fidjerlid) mancherlei Sdjaben unb Pcrluft gebradjt,
,jttr See aber verfebrten bie Stettiner Sdjiffe ungeljinbert. fjür bie
jähiüdje Sdjoiienreife ftellte ber König von Täitemarf jebesmal einen
Sdjußbrief aus, benn ohne einen fotdjen wagten bie hanfifdjen Stäbte
©anbtl.
115
nidjt ben alten .fpanoelsuerteljr aufrecht 311 erhalten, ba fich in Däne«
marf ba§ löeftreben regte, bas ßanb non betn fjanbel ber ^reinben
frei ju machen. Dennoch bebeuteten bie ^Beziehungen 31t ©(honen
für ©tettin, baS gerabe in biefer Seit feine Ijerrfdjenbe Stellung im
TVifcfjljanbel begriinbete, noch anßerorbentlidj uiel. Drotj ber ungunftigen
Seiten ljielt inan baran feft, auf biefent Sebiete nicht anbere ©taöte
hodjfonunen 311 taffen, ging fogar mit (Meioalt gegen Heinere ®e=
meinben, mie SlöSlin, oor nnb begriinbete 1475 ein eigenes Slompagnie«
haue in 'JJlalmö, ioo oom Domfapitel gu ßunb ein £iof fiir einen
Sfahreszins uon 5 Sth- ®nlben gepadjtet mürbe, hiermit [teilen int
Sufammenhange mieberljolte SBefdjmerben, bie uon ben $anfatagen
1475 unb 147G gegen bie ©tetnner ruegen ihrer Slbfonberung uon
ber beutfdjen stompagrfie in SRaltnö erhoben mürben. Sluch geriet
man mit bem bortigen State in Differenzen, al§ er uon bem $ofe
bie fleiftinig uon ©djoß, llnpflidjt ufm. forberte. (ES ift beutlich 8U
ertennen, baß 311 berfelben Seit, als bie ©tabt ©tettin für ben Sinnen-
IjanM bie michtigften ißriüilegien erlangte, ber UnternebmungSgeift
ber bortigen Kaufleute redjt rege mar unb biefe ben SBerfehr über
See anf alle Weife aufrecht ju erhalten, ja 31t erweitern fich bemühten.
Die (Senoffenfdjaften ber Drafer, galfterbo- unb (Elleiibogenfahrer
waren, mie auS einzelnen Slotizen heruorgeht, für ben 3?ang ber
geringe unb iljren Verlauf nicht niinber eifrig tätig, als für bie
(Erhaltung ber alten ^anbeLSbezieljungen. 3n biefer Seit fdjeint noch
eine nierte Bereinigung zu biefent S'oecte entftanben zu fein, bie
©t. rinnemiBruberfdjaft ber Somholmfahrer, bie freilidi nur aus einer
(Eintragung uon 1499 befannt ift.
Sluf bie Crbnumj bes ^anbelS unb bie ^Beobachtung ber alten
(»efetjc unb 9?orfdjriften maren Stat uub Slaufmannfihaft in gleicher
'Weife bebacfjt. Reiter ließ immer mieber in ben SBürgerfpradjen b*e
(Gebräuche unb Beftiininungen über ben Jlterteljr mit ^remben, über
®etreibe= unb SBcintjanbel uerftinben, ben SBortauf uerbieten, ben
Sroang zur Slieberlage in (Erinnerung bringen. 3hrn lag nor allem
baran, ben Singen feiner ^Bürger zu wahren, fie uor 'Betrug, Über«
uorteilung unb jeglichem Sladjteil zu fdjügen, aber audj 31t Stedit
unb ®ljriid)feit im $anbel mit anberen anzuhalten. Dies mag nidjt
ganz überflitffig geiuefen fein, beim 1477 richtete ber Siat uon Sliirn«
berg an ©tettin eine Silage über gifdjuerfälfdjmig. 'lieben bem State
erließen bie ^anbelstompagnieu ähnliche SBorfdjriften unb forgten burd)
ihre Crbnungen, bie in ben SJlutljbüchern aufgezeidjnet mürben, zur
meift m ®emeinfdjaft mit ahnlidjeu ®cfellfchaftcn anberer £ianfaftäbte
für Slufrechterljaltuna aller bet SBeftimmungen, bie für einen georbneten
8*
116
Taß fSegkrtjauS.
fjaiibe! notwenbig waren. Ta tjaiibclte es fid) um bie gifdjerei,
bie ^jerftellung ber Tannen, bie ?lrt ber SBagcn, bie ®erwcnbitng oon
Saig, bie ßeidjterfaljräeiige, baS ßöfdjeu unb ßaben, bie ßudjt uub
Drbnttng auf ben Sdjiffen, ben Soll, ben ©infauf unb Verlauf, ben
perföiilidjen Serfeljr in ben gitten unb ßagerhänfent ufiu. QJei bem
Mangel allgemeiner ftaatlidjer aber gar internationaler iöeftnnmungen
mar eine foldje iKegefuttg burd) bie einzelnen Stäbte burdjatts not»
wettbig
©ine neue Crbnung erging 1472 fiir bie Stettiner Korporation,
in ber bie Kaufleute in ber $eimat feit langer Seit vereinigt waren.
Ter iftat einigte fid) mit ben Jlltcrleuten bes Kaufmanns über
Statuten für ba§ SeglerßauS, ju bem jeber „edjt unb red)t geborene,
ehren werte Kauf» uub £>anbelSmanti", aber fein $anbwerfer geljörcn
füllte. Sluf ©inlabiing ber Jllterleute mußten fie jttr ißerfammluiig
erfdjeinen unb „gemeine Stabt- unb KaufmatniS-^änbel, fo ihnen
von einem ehrbaren 9tate proponieret worben, einträdjtiglidj mit
bcfdtließen helfen." gür ©rljaltung oon ßudjt unb Slnftaub 31t Jorgen,
war in biefer Seit, in ber fid) oft unbäitbige Kraft in SSort unb Tat
funbtat, ganj befonbers notwenbig; baber würben für ben ikrteljr
auf bem Seglerhaufe ftrenge Üforfdjriften gegen Sdjlagen, Sfollfaufen,
Spielen, Sd)ulbetunad)eii, Sadjbefdjäbignng u. a. m. erlaffen. ?htd)
in gefelliger Segiehung naljm bas Seglerbaus, wie an anberen Crten
baS 'JlrtursbauS, eine attgefeljene Stellung ein. Mandjer Bürger war
gar ftolg barauf, iljin anjngeijöreii, unb glaubte wobt bie gabel, baß
es fdjon vor „etlidjen ßunbert Jahren bei ber SSJenben Jeit ein foldj
öffeutndieS unb feljr jterlidjeS anfeljnlidjeS £>aitS allljier gewefen,
bariu bie Ijantierenben Kaufleute iljre gewöhnlichen ^ufanimentünfte
uub fonberbaren Ijcibiiifdjeu gefte, Jedr uub Trinfgelage, gehalten."
©in eigenes KompagnieljauS befaßen and) bie Träfet in ber Ober»
ftraße feit 1463 burd) bie Stiftung iljres SlltermanneS KlauS Toni,
ber 3itr Siusfteuer armer Jungfrauen ©infünfte beftimmt ljatte. TaS
Traferbud) uon 1461 £cigt, baß bie Kaufleute es woljl uerftauben,
bas Verwögen iljrer ©enoffenfdjaft gut 311 verwalten uub baS Kapital
ertragreidj aitßtilegen. Tie Sdjüßengilbe entftairb vielleidjt in biefer
Seit, als ber märtifdje Krieg an bie äöeljrljaftigfeit ber '.Bürger große
sJlufprüd)e madjte, wenn fie urtunblidj and) erft 1491 nadjiueisbar
ift. Sie befaß gleidjfallS ein .fjatis am St. Jafobi Kitdjljof unb einen
Vlltar in ber Jafobitirdje.
?lus allen 9ladjricßteu, fo bürftig fie audj finb, gewinnt man
ben ©inbrud, baß bie Stabt in ben Jaljren bes ©rbfolgefriegeS einen
nidjt geringen Sluffdjwuiig naljm. TaS beweifen bie erfolgreidj6
©crljiiltitiS zu ©ronbenbutfl.
117
bie ihr ©at betrieb, unb bie rege Täiigfeit ber ©iirgerfdjaft,
bie fid) auf verfdjiebenen ßlebieteii beS wirtfdjaftlidjen ober fozialett
Vebcits offenbarte, baS gebt and) aus ben (Eintragungen bcS ©ürger-
bndjeS hervor. ©Benn 3. ©. im (fatjre 1466 nidjt weniger als
160 ©eubiirger aiifgenommen würben, fo fann ba§ ja auf große
©bgängc in ben voraufgegaugcnen (faljren fdjließcn laffen, aber biefe
mären nidjt fo halb erfetjt worben, wenn nidjt bie neuen ©iitgcr,
bie jinn Teil au§ bet gteinbc in bie Stabt zogen, bie ©nsfidjt gehabt
batten, bort iljr ©rot 311 verhielten (fn ben folgenben (fahren war
bie ©ufnaljnic non ©ärgern nidjt geringer als gewöhnlich, namentlich
aus ben benadjbarten Törfern fanb ein .ßujitg ftatt, bet vielleicht
burdj bie weiteren unruhigen $eiten veranlaßt würbe.
Tenn bas ©erljältnis jroifrfjen ©ontmern unb ©ranbenburg blieb
audj nadj bem ©ren,flauer ^rieben ein jiemlid) gefpannteS. Ter
Celjnseib würbe zwar von ben .fierjogen unb ben Stäuben geleiftct,
wie aber Stettin fidj babei verhielt, wiffen wir nidjt. (^ebenfalls
traute ber argwoljnifdje SRartgraf (foljann, ber für feinen ©ater, ben
jtnrfürften ©Ibrcdjt, bie ^Regierung in ber ©Hart führte, ber Stabt
nidjt im geringften. Sdjon im (fuli 1473 hatte er ben SRat im
©erbadjt, baß er auf ©bfall finite. Gs ift unzweifelhaft, baß man
in Stettin bie ©orgänge in ber ©larf attfmerffam beobadjtete unb
von bem Serwürfniffe ber bortigen Stäbte mit itjrem CaiibeSIjcrrn
wußte. Gewiß gab eS in ber Stabt eine ©artei, bie gegen ©rauben-
bürg unb ben ©renzlauer Trieben agitierte, wäljrenb anbererfeits
©nljänger ber Hoßenzollern nidjt fehlten, gär iljre Sache wirfte, wie
e§ fdjeint, bet päpftlidje flegat ?lntoniuS ©oniimbra, ber fid) 1473
uub 1474 längere ßeit in Stettin aufljielt. Ten CTegnern ©rauben
bürge war bagegen int Seljeimcn Herzog ©Bartiflaw X. zngencigt,
wäßrenb fjer.jog (Erich H , obwohl er im derzeit nid)t anbers gefinnt
war, fieß bodj vorfidjtiger ^nriicfljielt. Gr ftarb am 5. (fuli 1474
Zu ©Jolgaft, nnb fein Tob führte halb z» neuen Kämpfen unb
Streitigfeiten.
Sein ältefter Sohn ©ogiflaw X. übernahm, etwa 20 (faljre
alt, bie ^Regierung unter fdjivierigen ©erhältniffen, bie ißm nidjt, wie
bie alte fagcnljafte Überlieferung beridjtet, von feiten feiner ©Hutter,
ber Herzogin Sophie, crwudjfen, fonbern in ber Sage beS -ficrzog
tumS Stettin iljren fflntitb ljatten. Tie§ ßJebiet würbe von ben
beiben Cinieit bcS Herzogtums ©Bolgaft verwaltet, bie feit 1372
bieSfeitS unb jenfeitS ber Swine beftanben. Hi^urdj waren bereits
Zwifdjen ben ©rübern Grieß H. unb ©Öartiflaw X. Sdjwierigfeiten
entftanben, bie fidj für ben jungen Herzog fortfeßten. ©ber er
118
Stettin unb bie pommftfdjen tVitrllen
gewann halb Slnfdjlufj an ben Ctjeim, weil bie 3>oitterftellung
beS Stettiner ßanbeS bie dürften budj gu einmütigem £)anbeln wer
anlafite. Tenn bie bärtigen Stänbe, namentlich bie Stabt Stettin,
fudjten aus ber ftaatSredjtlid) unfidjereit Sage be§ umstrittenen (Gebietes
Sorteil gu gieren. Sie verhielten fiel) gegenüber ben fjorberungen
iEjrer ßanbeSfjerren ableljnenb unb benagten bie Stellung, bie fie
Sranbenburg gegenüber einnehmen tonnten, je nacfjbem e§ ihnen
gut biinfte. 8ln Sogiflaw trat bie gorbenmg heran, baS Stettiner
Canb alS ßeljn Dom Slartgrafen gu empfangen. @r weigerte fid)
beffen, unb fein Cgeim fowogl wie feine SRutter beftärtten ign in
feiner ablegnenben Haltung. Ta war eS für iljn oon 5Bid)tigteit,
wie fid) bie Stänbe gu biefer grage fteHten, ob fie iljm fofort bie
$ulbigung leiften würben. Stettin lernte eS ab, ohne weiteres gu
bulbigen, unb forberte gunädjft oor ber ^julbigung bie Seftätigung
feiner Srifdegien. Teni Slarfgrafen Johann eridjien ber Seitpuntt
günftig, bie Stabt für fidj gu gewinnen, unb er oerlielj iljr oielleidjt auS
biefent @runbe ein auSbrüdlidjeS Srifileg beS freien unb fidjiren
SerfefjrS in feinen ßanben. greilid) erreichte er nidjt oiel baburdj,
aber bem SRate würbe burd) foldj Sorgeben ber Süden geftärft, er
tonnte mit feinen fjorberungen gang anbers tjeroortreten, and) alS
am 25. Sooeinber 1475 bie binterponimerfdjen Stänbe bem .fjergoge
Sogiflaw gu Stargarb ljulbigten. So waren bie Serljältniffe längere
Seit Dolllommen ungeflärt; eS Ijerrfdjte wieber Streit gwifdjen Sranben=
bürg unb Sommern, ber fdjon faft gu neuem Kriege führte, Stettin
aber verhielt fich neutral gwifdjen beiben Sarteien unb wartete ab,
wo eS am meiften gewinnen tönne.
Turd) fein Serljalten tarn Stettin, wie eS fdjeint, audj in S?on=
flitte mit bem benachbarten Sibel, ber loenigftenS gum Teil für bie
pommerfdjen giirften eintrat. ®ir erfahren, bafj einer, ber gu ihm
gehörte, in bie ßiefangenfdjaft ber Stabt geriet unb erft nach längerer
Seit bie greil)eit gewann. Sind) fonft wirb oon Unruhen mancher
2lrt im ßanbe berichtet. Snbhd) aber gelang eS, eine (Einigung
gwifdien Sommern unb Sranbenburg fjetguftellen, inbem Sogiflaw
oerfpradj, bem Sfurfiirften Wibrecht, wenn er felbft ins ßanb tarne,
ben ßebnSeib gu leiften. llngweifelljaft hat bei biefer Vlbmadjung
auch Stettin eine beoeutfame Solle gefpielt. Sogiflaw gewann bie
Stabt, inbem er iljr am 23. Qanuar 1177 nicht nur iljre alten SRedite
betätigte, fonbern auch über bie Srioilegien, bie fein Sater uub
£h«m »hr verliefen hatten, hinaus iljre greipeiten erweiterte. Söer
etwas gegen ihre Sürger ljat. foll fein Siecht nur in Stettin fachen,
unb fie felbft follen oor feinem auswärtigen ©eridjte, als oor ben
Stritß mit Vranbcnburg.
119
ßergoglidjen ffieridjten fief) gu verantworten bte Spfficfjt buben. 3oII
freibeit mürbe ihnen gugefagt nidjt nur im gangen («ebiete, bag ber
.frergog jegt befaß, fonbern and) in bem, ba§ er etwa nod) gewinnen
mürbe. Von bem Vedjte ber QJritnbniljr würben bie (Stettiner voll=
fommen befreit, unb ein neuer gatjrmarft würbe ihnen für ben
16. Cttober bewilligt. Sei einem Streite gwifdjen ben beiben ßanbe§=
Ijerrett hatte bie Stabt ba§ 'Jledjt, fid) bem angiifdjließcu, ber fief)
ihrer ßntfdjeibnng fügen wollte. ß§ finb feljr ausgebehnte greiheiten,
bie l)ier ben Stettinern namcntlidj für ihren .franbel gu Söaffcr unb
gu ßanbe gegeben würben. Vogiflaw mußte bie friilbigung, bie ihm
geleiftct würbe, gar teuer erlaufen, aber er erreidjte wenigftenS, baß
Stettin fief) nidjt oon ihm unb feinem fraufe abwanbte.
3tittdd>ft frfjien greunbfehaft gwifdjen ben beiben Vadjbarlänbern
unb ihren frerrfdjerljäufetit baitetnb begrünbet gu fein, Vermählte
fid) hoch Vogiflaw im September 1477 mit SJlargarete, ber
SLocßter be§ fi'urfürfteii griebridj II. illber nidjt lange banaeß begann
'Jßartiflaw X. plötjlicß wieber beu Atampf gegen Vranbenburg, inbem
er am 6. Mprit 1478 («arg a. C. überfiel unb eroberte. Vei ber
Überrumpelung biefer Stabt, bie fpäter oon ber Voltsfage mannigfach
auSgefcßinücft worben ift, waren Vürger oon Stargarb nnb Stettin
eifrig tätig. Sie hatten ein großes gntereffe baran, bic Cberfefte in
pommerfeßem Vcfige gu wiffeu. TamalS etflang in ihren Straßen
ber alte Sdjlacßtruf: .frorfa Stettin! uub erweefte bie märfifdjc Vc
fagung aus ruhigem Sdjlaf. Valb banad) fiel aud) Vierrabeit in bie
.fräitbe ber Sommern, unb Vogiflaw X., ber fid) alsbalb feinem
Scheint anfcßloß, gab baS Schloß ben Stettinern gur Verwäßrung.
Sic oerteibigten es mit Erfolg, als ber fDlartgraf goßann erfeßien,
um bie gefte eingiiiieljmen. Vei ben folgcnben Kämpfen aber, in
benen Vogiflaw fidj nidjt fonberlid) aitSgeidjnete, gerieten bie Sommern
in foldje VebrängniS, baß ber junge frergog froh war, im Vtai 1478
einen VBaffenftillftaub gu erlangen. Valb barauf erfdjien Aturfürft
2Ubredjt felbft in ber füfarf unb begann nadj woljl vorbereitetem
Vlane ben gelbgug. Unter feiner eigenen ßcitung würbe ber Sturm
auf Vierraben unternommen, unb iljni gu wiberftcljen war bie Stettiner
Vefagung außerftanbe, ginnal ba baS pommerfdje freer, baS in ber
Väßc ftanb, beim Vlnrürfen ber 'JJfärfer floß. Vlm 14. Septeniber
witrbc Vierraben eingenommen, ein Erfolg ber Vranbcnbitrger, ber,
wie es fdjeint, befonbers aud) burd) gefdjirfte Verweiibung ber We
fdjüge erreicht würbe. SSas auS bet Vefagung wurbe, wiffeu wir
iiicfjt, aber neben ben Sölbnern, bie Stettin angenommen hatte, wirb
aueß mancher Vürger in bie («cfangcnfcßaft geraten fein. Cb ber
120
Ser Triebe uon 1179.
fpäter erhobene Sorwurf, bie Stettiner hätten bamalS ihre Sdjulbigfeit
nicht getan, berechtigt rogr, vermögen mir nicht 31t beurteilen. Söie
ein Sturmwinb braufte ßnrfürft SHbrecfjt burcf) ba§ ßanb, groaitg ben
^ergog Sogiflaw gttr gludjt, verfolgte ibn unb naljm Singen unb
Stäbte ein. CDabei würbe audj bas föebiet ber Stabt arg verwüftet,
Raubet unb Serfeljt gefdjäbigt, unb nidjt wenige Siirger fielen in bem
Stampfe. Salb nntrbe Sogiflaw gum 'ffiaffenftillftanbe gezwungen,
nnb ba§ von ben geinben iibel beimgefudjte ßanb tonnte fich ein
wenig erholen. Qetjt traten bie Stäbte, namentlich Stettin, entfdjiebcn
für IVriebcnSitnterljanbInngen ein unb fitdjtcn biefen gu gutem ®nbe
gu verhelfen. (Bewiß mag Sogiflaw in feinem Qnnern bisweilen
gemurrt unb gegürut hoben, baß bie Sürgerfdjaften iljn je£t im
Stidje ließen, unb gu ber Slbneigitug gegen bie SRadjt ber Stäbte,
bie er fpäter fo oft bewies, würbe in biefer ßeit ber ©ntnb gelegt.
SU§ währenb ber SBaffenftillftaubsuerhanblungeu .fjergog SSartiflaw X.
am 17. ®egcmber 1478 ftarb, wnrbe Sogiflaw ber alleinige $err
über gang Sommern. (Sine Beit lang buchte er baran, ben Al'rieg
gegen Sranbenburg gu erneuern, aber er eiitfdjieb fich bann ginn
Sadjgebcn uub erfanntc im ^rieben git Srcnglau (20. Qiuii 1479)
bie ßcljnsherrfdjaft SranbcnbjirgS an. 'Somit war für lange Beit
ber Streit gefdjlidjtet, ber and) für Stettin von großer Sebciitiing
gewefen war. 3m letjten fflrnnbe hatte bie Stabt in bem Stampfe
ber beiben Sodeien ben größten Sorteil errungen, fie hatte ihre
fRedjte, Sritrilegien nnb Stetheiten nidjt nur behauptet, fonbern in
bebcuteiibem Umfange erweitert, fie hatte trog be§ Slrieges ihren
^taiibcl treiben unb ihre Sürger fdjiißen föunen, fie ljatte vor allem
iljrem ßanbeShcrrn gegenüber eine Scbeutung unb Selbftänbigfeit
gewonnen, wie fie iljr bisher nod) nicht guteil geworben war. 3eßt
war nur bie fjrage: Söirb bie Stabt im grieben biefe Stellung
behaupten fönnen?
8. Slapitel.
£> feil in unter jSSogifTcw X. (1476 1523).
ogiflaw X., ber erftc pommcrfdje gürft, ber es ocrfudjtc
bie lanbesherrlidje (Bemalt in feinem ßanbe gu begriinben
unb ein wirflidjed Staatsgebilbe in Sommern gu fdjaffen,
mußte*um bieS gu erreidjen, uor allem bie Selbftänbigfeit ber Stäbte
bredjen. Stit ber iljm eigenen vorfidjtigen Sdjlauljeit ging ber fäergog
nidjt bireft auf bie§ .ßiet 3U- fonbern fudjte allmäljlidj ^-ortfdjritte ju
Uniibfjänfliflteit (Stettins.
121
machen. Bunädjft Fjnttc er in ber 9lot beS branbenburgifdjen Krieges
bie ftäbtifdjen Sriuilegien beftätigt unb babttrdj .fjilfc gewonnen, aber
nndjbem er uon bem 2lnbrauge ber geinbe befreit war, ging er
Schritt fiir Sdjritt gegen bie Stäbte uor. ^iiljrer unb 'Berater hierbei
war für ben jungen ^icrgog SBerner uon ber Sdjnlenbnrg, ber wert»
wiirbige Wann, ber e§ in biefer Seit verftanb, bem Startgrafen uon
Sraubenburg uub bem .fjergoge uon Sommern 51t glcidjer Beit gu
bienen.
Stettin batte uor bem Sraiibenbitrgifdjen Kriege einen hoben
(ftrab uon llnabljängigteit erreidjt unb biefe wäljrenb ber Sot, in bie
bas £>ergogsljans geriet, erheblich erweitert. Turdj bie grofecn Sriuilegicn
uon 1467 waren bie Sledjte unb (^reifjeiteri ber Stabt in einer Steife
vermehrt worben, bafj bie VanbeSljerrfdjaft nur nodj wenig gu fagen
ljatte. ferner war baS ^ergog§honö ber Stabt pefuniär verpflichtet,
bie fjiirften Ijattcn wieberljolt oon iljr ®elb aitfneljmen unb baniit
eine briirfenbe 21 bljängigfeit übernehmen müffen. Tafe eS mit ben
ginangen Stettins bamals aber nidjt fefjr glängenb ftanb, geljt aus
ben gahlrcidjen 21nlethen fjeruor, bie ber Stat um 1480 madjte. So
mädjtig bie Vage itadj aufeen erfdjien, im Bauern traten oiele 'JJtaugel
unb Sdjäben hervor. Ter ®egenfatj gwifdjen bem State unb einem grofecn
Seile ber „gemeinen" Sürgerfdjaft war nur oberflächlich befeitigt, in
weiten Streifen tjerrfdjtc llngitfriebenljeit mit ber Serwaltung ber Stabt,
ber Steuer» unb ®crictjtsvcrfaffung, .fjanbel unb SerFeljr hatten fdjwere
Schläge erlitten, unb ber llnternchmungSgeift, ber fidj nod? regte, täufdjte
aufmertfame Seobadjtcr faum barüber, bah eS mit ber mittelalterlichen
Slütc Stettins gu ßnbe ging, llngiueifelfjaft ift biefe Satfadje bem
•ßergoge Sogiflaw ober feinen Stäten nidjt entgangen, unb banadj richteten
fie ihren Sian im Sorgeljen gegen bte Stabt ein.
hatte freilich ben 21 nfdjcin, als ocrlieh Sogiflaw ber Stobt nodj
gröbere llnabljängigfeit, inbem er am 23. Januar 1482 mit ihr einen
Scrtrag über feinen 2lnteil am Stabtgeridjte fchlofe. ScrcitS 1378
hatten bie $ergoge Swantibor HF uub Sogiflaw VII. gwei Trittei
beS Berichte« für 5200 Start au Stettin oerpfänbet. Betjt überliefe
Sogiflaw ber Stabt biefe gu eigen nnb würbe bafür nidjt nur uon
ber jRüdgahlung ber Sfanbfumme befreit, fonbern erljielt auch Grlafe
anberer Sdjulben, wie ber oon ftoadjim uub Otto III. entliehenen
3200 'Jiljein. ®itlben, fowie bie Stürflieferung ber 1455 uom .fjergoge
(Sridj für 1000 ®nlben verpfänbeten 27 filbcruen ®efäfee nnb Zahlung
uon 5000 Start Stettiner Stiinge. TaS war gewife ein holjer Sreis,
ben bie Stettiner für ein 'Jtedjt begaljlten, baS fie fdjon mehr alS
100 3°bre tatfädjlidi befafecn. Ihn ben Sertrag ber ©emeinbe nodj
122
Verbnnblitnflcn mit beni .frerjoßr.
annehmbarer gu machen, vergidjtete ber .frergog auf einige 9lnfprüd)e,
bie bisweilen erhoben roorben waren, aber bocf) hödjft groeifelhaft
erscheinen muhten, frergog Stafitnir VT. ljatte oon ben Stettinern eine
Slbgabe oon gifcheii, bie fogeiiannten „©tefifdje" geforbert, bie oon
ben gifdjern an ben fjergoglidjen frof geliefert werben füllten. ©S war
über biefe Vaturallieferuncj roieberljolt gu Streit getommen, Vogiflaro
oergidjtete jetjt auf fie. ©benfo erfannte er baS Eigentumsrecht ber
Stabt an bem Dorfe Verglaub, ba§ ihr 1333 vereignet roorben wat,
ausbrürflid) att unb begab fid) be§ jährlichen Slblagers in Sßölitj,
b. h- er vergidjtete auf ba§ 9ledjt, in biefer Stettin gehörigen SRebiat»
ftabt auf fioften ber ©emeinbe ©infeljr unb frerberge gu galten.
SBichtiger als baS, roaS ber frergog hier aufgab, roar fiir ilju bamals
Cfrelb nnb Seit gu gewinnen; wollte er bod) bie alten lanbeSherrlidjen
Siechte, bie im Vaufe ber Sahrljunberte oerpfänbet, vertauft ober oer--
loreit roorben waren, allmählich guriieferroerben. Deshalb ging fein
Veftreben oor allem barattf au§, birefte Jlbgaben oom ßaubbefifee gu
erhalten, aber bagu beburfte er ber Suftimmung ber Stäube, ©in
ßanbfdjoh aus bem Stettiner franbe würbe ihm 1482 auf bem Dage
gu llcfermünbe fiir groei ^aljre bereinigt, tarn aber erft 1484 gut
Erhebung. Sind) Stettin würbe mit feinem Eigentum Ijetcmgegogen.
SBic anbere Stäbte, weigerte eS fid) gu galjlen, fo bah lange Ver=
hanblungeu notwenbig würben, frierbei muhten bie IRatsfenbeboteu
bereits bie Drohung vernehmen, bah ber frergog biejenigen, bie ben
Sdjoh nicht gahlen unb ihm hierin imgehorfam fein würben, pfänben
werbe. SJR an entfd)loh fi<h, ih« gu gafrleit, als man merfte, bah ein
anberer ©eift in ber ^Regierung waltete, gegen ben nicht fo leidjt
SBiberftanb gu leiften war. ßugleich gog biefe bie Vertreter ber Stäbte
gur Teilnahme an ben VerivaltungSgefchäften heran. Sei einem Streite
groifchen Stralfunb uub Stargarb waren bie Viirgermeifter Stettins
?lrnb oon ber SSibe, frans ©erben uub DeroeS 'Jleveling im Ijergoglichen
Slate mit tätig unb bradjten einen Vergleich guftanbe (1486 Deg. 31).
Vhtrben fdjon hier gwei Stäbte gur 2lnerfennung eines vom frergoge
eingefegten SdjiebSgeridjteS genötigt, fo groang er halb banad) auch
Stettin gum Slbfdjluffe eines Vertrages, ber beiberfeitige SlHfprüdje
entfdjieb. Sim 27. Sluguft 1489 fanb gu SBarnoro eine Vefpredjung
beS frergogS mit Vertretern ber Stabt, beit Viirgermeiftern ?lrnb
oon ber SSibe unb DeioeS Sleoeling unb ben fiänunerern SRidjel
Jöittenborn unb SQlichel Vure, ftatt. ©S banbelte fid) um Streitigfeiten
wegen beS Datnntfdjeit Sees, ber Crbötc, b. h- ber jährlichen Slbgabe,
bie oon ber Stabt an ben SaiibeSfürften gu leiften war, unb wegen
ber fräufer auf ber frerrenfreiheit. Von feiten beS frergogS würben
Der Vertrnfi oon 1191
123
alte ?Infprüd)e fjeftei.b gemacht, bie löngft Herfahrt 311 fein fdjienen,
aber auf ben üerfdjiebeiien Sagen jit VJarnow, Treptow a 5R. unb
an anberen Orten hielten bie fRäte feft an bem, wa§ ihnen aufgetragen
worben war. ßänger al§ ein 3faljr jagen ficf) bie Verhanblitngen
bin, fdjlicßlidj aber würbe am 12. Januar 1491 51t (Stettin ein Vergleidj
gefcf)Ioffen, in bem fid) „Viirgermeifter, SRatmanneii, Staufmann, SSerte
unb (Jemeinbe" mit bem ^erjage Vogiflaw einigten. Ter Tammfdje
(See würbe mit allem Bubeljör, ^ifcfjerci ufw. bem dürften jiigefprodjen,
ifjm fällte bie (Stabt alle 3faf)re auf (St. Vifolai (6. Tej.) 1250 JRarf
Crböre jatjlen unb eine Vaft IRoggcn liefern. VeibeS ljatte ber ^erjog
erreicht, inbem er eine mehr al§ 2 Qaljrljunberte alte Urtunbe Ijeranjog.
SHogiflaro IV. ljatte 1283 ber Stabt Stettin jiigefidjert, fie falle jäljrlid)
nur 100 SRarf Vranbenburgifd) Crböre galjlen, unb ifjr für 600 SRarf
Pfennige ba§ Eigentum be§ Tamnifdien See§ überlaffen, fidj unb
feinen Gerben jebodj ben fRüderwerb aorbeljalten. Steiner ber fpciteren
gürften ljatte an einen SRiirftauf gebadjt, ba fanb man in VogiflawS X.
St'aiijlei ben alten ©rief unb faßte fofort ben Eutfdjluß, ben ehemaligen
Ijerjogltdjen SJefitj juriidjugewinnen. Selb wollte man bafür nidjt
jaljlcn, ba würbe bie Silage gegen Stettin erhoben, e§ ljabe burd) beu
Vertuft Vierrabeus, ber burdj bie Sdjulb ber Burger erfolgt fei, bem
^jerjogSfjaufe einen Schaben jugefügt, ben bie Stabt erfeijen miiffe.
3Ran erflärte fid) jebodj bereit, einen Berjidjt auf jene SRüdfaufSfiimme
unb auf ba§ Eigentum be§ Tammfdjeii Sees al§ Erfaß aujufeljen
^uriftifdje QSntadjten fpradjcn fid) für bie gorberung ber ^Regierung
au§. Tabei tarnen bie Slnfdjauungen unb Erunbfäße be§ römifd)en
5Redjt§, baS in biefer .Beit immer meßt non ben beutfdjen SRedjtsS
gelehrten angenommen würbe, jur Slnwenbung, unb Stettin blieb
fdjiießlidj nichts übrig, al§ ficf) bem UrteilSfprudje 311 fügen. Schon
.oortjer ljatte e§ in bie neue gcftfetjung ber jäljrlidjen Slbgabe an ben
ßanbesRjerrn willigen muffen unb biefe bereits feit 1468 gegaljlt
Ter britte Bunft be§ Vertrages betraf eine Slngelegenljeit, bie 311
befonbers heftigen Streitigfeiten geführt 311 tjaben fdjeint. 8« beu
Steuerungen, bie Bogiflaro als notwenbig jur Schaffung einer wirtlidjen
Verwaltung beS VanbeS unb Hebung ber fiirftlidjen SRadjt ertaniite,
gehörte audj bie Grünbung einer feften fRefibenj. 3U biefem B10^
löfte er ba£> Slblageredjt, bat» ber ÜanbeSljerr in Stabten, Sflöftern unb
Sorfern befafj, ab unb ging baran, fidj einen [tÖubigeu Söotjnfiß 311
fdjaffen. Slfar er biSljer oiel im Vanbe umfjergesogen, fo fatj er halb
ein, baß ficf) ber SJhttelpunft ber fiirftlidjen Verwaltung unb feine
SRefibeti3 nur in Stettin befuibeu tönne. Tort befaß and) bas ^erjoge
hau§ feit Varuim HI. ein [teiiierneS £au§. ßwar ljatten bie Bürger
124
TnS finfllidje $cniS in Stettin.
immer mietet verflicht ben dürften ben ®efit; ftreitig gu mndjcti nnb
gu verljinbern, bofj fie fidj tjier bnnernb uieberliefjen, bod) gcrabc
biefer äiiiberftanb ber 'ftäbtifdjen Gemeinbe reifte Sogiflaw, fid) burdj
Grridjtung eines feften SdjloffeS 511m .fjerrn ber Stobt gu tuadjen.
Tagu fam, baf; er fidj int Jebruar 1490 mit ber jungen fßringeffin
Vlnna uon fßolen, ber Tochter bes STönigS ftafimir, uerlobte. Ta
erivieS es fidj als nötig, baS gtinge ^rofroefen, ba§ bisher nur wenig
gcorbnet war, neu eingurichteu unb fo 31t geftalten, bafj eS gegen baS
polnifrije nidjt gar gu feljr abftad). Tesljalb wollte er weingftcuS
vorläufig ben fiirftlidjen .£>of etnigeriuafjcit würbig Ijerftellen unb
verlangte, bafj bie Käufer unb Silben, bie von Sürgern auf bem
Gebiete, ba§ 311 iljm geljörte, erbaut worben waren, fofort abgebrochen
würben. Gs erhob fidj ein Streit bariiber, roie weit ber Segirf bes
fiirftlidjen .^anfcS reiche; bas war um fo nndjtiger, weil biefe fogenannte
.fjerrenfreiljeit nidjt unter ber ftäbtifdjen fturisbiction ftanb. 'Jladj
laugen Serljanblungeit rourbe in bem Settrage vom 12. Januar 1491
feftgefetjt, baf; bte beiben Straften, bie am fiirftlidjen £>ofe vorbei*
füljrten, etwa bie heutige Heute Siitter- uub ein Stüd ber ^ßelgerftrafje,
bi§ in ben Ulinnftcin, ber fidj in ber 9Jlitte befaub, gur Herren freiljeit
gehören füllten, ebenfo roie bie St. Dttenfirdje, bet von flattern unv
gebeue .£>of felbft nnb bie gum Hirdjljofe beftinunte Stelle Gs laffen
fidj bie Grengen, bie ljier genannt finb, Ijeute nidjt meljr genau angeben,
aber -and; in jener Seit fdjeineit fie unfidjer geblieben gu fein, ba
fpäter roicberljolt noch Streitigfeiten über bie Slnsbehnnng ber Herren*
freiljeit entftanben Sn ben weiteren SBeftimuutngen beS Vertrages
erfannte ber .fjergog bas Torf .ftreforo unb 5 .fntfen in Sthmellcntin
als ftäbtifdjes Eigentum an, eutfagte auSbrücflidj allen Nnfprüdjen, bie
fidj auf ben IBerluft von Uierrabcn begrünbeten, unb geftanb ben
Stettinern baS fRedjt gu, bah ein ^Bürger einen anbern nur uor einem
einljeimifdjen Geridjtc belangen Jolle, wobei freilidj bas fürftlidjc Gericht
ausbritdlidj als guläjfig anerfannt rourbe. fRamcntlidj füllte ber fßrogefj,
ben bie Stabt mit Vübefe Slhtfforo wegen bes StabtgeriditS führte,
vor biefent Geridjtshofe entfdjieben werben. ©eiter würbe beftimmt,
bah ber £>ergog baS Slblager in ^ölit;, auf bas er erft 1482 vergidjtet
hatte, beljalten follte uub bie Stabt 40U 'Jitjein. Gulben galjlcn muhte,
weil fie bie Wünge nidjt nadj bcS .fjergogs Gebot ljatte fdjlagcn laffen.
Tie neue Ijer^oglidje 'JJlüugorbnung vom 19. Dlärg 1489 faub befonberS
bei ben Stabten groben ©iberftanb; fie wollten von iljrem alten
Gebrandje unb JRedjte nidjt laffen, vor allem beit bebcutenben Gewinn,
ben fie aus ber IBerfdjIedjteruiig bet Wiinge gogen, nicht aufgeben,
roie es bei ben neuen Schillingen, bie IBogiflaro einführte, ber Jall
k
o o □
y
DD 0°
00^0
00 00 00
a Die Stadtmaur.
b Wiehhauss
C. Ein fahrt zus Wagen hauss
<1 Au ff diesem ort dicMiinh
AuIJ diesem ortt dike
Apolekersch Ilauss
f. Die peltze Stra/se.
g. Henne an beiden seilen der Stra/se
li Die fürstliche Schniide.
Die fürstliche Schniide.
i Das Wagen haus.
Klokenthurn.
Kirche S Otten eingang
m Eingang zur Kirch.
11 Apoteke
o. ihorhauss.
p unden die Rilterslube
q die l/aiiss-Renterey.
r ein Pferdslal
s Brandt Stelle
t Dreyalte Kellerschraden
U erste renne
v. 2 Renne vorlengst dem C
plankenthun
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(>
B ffi
EfflSBEffiaEfSffiB StB C3ÜJ £DES
EEBEBBffifflHH B B 0 H B B
w. Allfl diesem ortt Jürgen
Stegen f/attss
x. Die Fürst rufsc.
y Au ff diesem ortt Thomas.
I.ambrechts //auss
z. Tenne
A. Einfarlh au/Ts /'. Ilauss.
B. Der Platz
C. Renne vor dem Hauss
D.oben F. G. gemach
E. linden die t'ant/.lcy.
F. Raths Stube
G. Der Fanget /turn
W.Oben der gro/'se Säet
Enden grofse HoFfsltiben.
J. Mauer am oldlbiiterberg
K. Der oldtbiiterberk
L. Alle Kirche undt Fürstliche
stettinsehe Ilauss.
V\.Die Landlrenthey.
N. Keller.
„0 Der gang nach dem Frauenthnr
P //. Rar. J. E G. gern ach i ndt
vohrn der Trumelher Steil
ist zum letzten abgebrandt.
Q Die Kuchen.
R.ßack undt Brauhaus.
S.Die Frauen Sira Fse.
1. 'J'as ©tettiner Srfjlof) oor 15^7, o^g ^er 'Uogelfdjou oon Silben
Die 4>od)jeit VogiflmvS X.
125
war. ®e§i)alb berief fid) (Stettin auf feine Dliinzprivilegicn, bie eS
1397 nnb 1408 für ewige feiten erhalten batte. Ter £>erzog aber
flimmerte fid) um bas alte !Rcd)t nidjt, fonbern zwang Stettin 311 ber
angegebenen (Strafe unb zum Verfpredjeti, fid) tiinftig nad) ber CanbeS
Währung zu ricßten.
Üßeldj eine Stieberlage batte bie ftolje Stabt mit biefem Vertrage
erlitten! gaft auf allen ffiebieten ihrer Verwaltung fjatte f*c bem
^erjage Siuräunuingcn madjen müffelt. Sßir tonnen uns beiden,
bafj Vogiflaw mit ftol^er Vefriebigitng über ba§, was er erreidjt
batte, am 2. gebruar baS Vcilager mit ber ^irin^effin 2lnna feierte.
Vei ihrem Sin^uge ftauuteu bie marteren Vürger über ben Ollatiz
unb bie Vrfld)t beS polnifdjen ®efo!geS, bas bie fürftlidje Vraut
begleitete. SBar aud) burd) SSerner uon ber Sdjulenburg für ben
Empfang ber zahlreichen hoben Weifte, fiir iljre Vewirtuug uub Sin*
quartierung alleS woljl vorbereitet, fo tonnten bie Vürgerbätifer bod)
faum bie iDienge ber gremben faffen, unb bie Ställe reidjten nur
mit Vliibc für bie erwarteten 4000 Vfer^p aus. 9lod) nie batte
Stettin ein foldjeS geft gefel)en, für baS eine Unmenge von Vier,
Uöein, ®ewürz, gleifd), gifdjen u. a. m. zufammengebrarfjt worben
war. Ta ging e§ am fürftlidjen £>ofe bod) l)er mit Sdjmaufcreien,
Trintgelagen, Tänzen uub Turnieren. Vamentlid) bie polnifdjen
Herren, von benen einer beim ßanzenftedjeu fid) auszeid)ncte, riefen
allgemeine Vewunberung hervor. Vei bem lebhaften Verteljr unb
bem ungebunbeneu fleben werben bie VJadjen auf bem 'Jtatljaufe unb
an ben Toren maiidjerlei zu tun gehabt haben. Viirgermeifter unb
iHat aber, bic beim ©inzuge bem ßanbesljcrrn unb feiner neuen
®emal)lin ljulbigteii, werben bad gewiß mit gemifdjten Olefüblen
getan haben. Wußte ihnen baS geft bod) als eine Siegesfeier bc§
Vanbesherru über iljre Stabt etfd)eineit. Dabei wußten fie, baß bie
Streitpuutte, bie zwifdjeu bem Herzoge unb ihrer (Memeinbe beftanben,
nod) nidjt erlebigt nnb cntfdjieben waren.
Tie Verljanbliingen bauerten wirtlid) nod) lange fort, iiamentlid)
wegen ber Vlüuze. 3 war verfpradjen bie Viirgermeifter im JCttober
uub Vovember 1491, barauf 31t halten, baß im £>aubel bie neuen
'JJtünzeii gebraudjt würben, aber fie nagten immer wieber über ben
großen Verlieft (250 Witlben), ben bie Stabt burd) bie Neuerung
erleibc. terft am 18. September 1492 ertlärtc Vogiflaw, biefe Sadie
fei enbgültig entfdjieben unb er fönne nidjt znlaffen, baß fie immer
wieber aufgerübrt werbe; er wolle bie ,,.£)errlid)teit unb ben Vraud)
ber Vtünze weber ihnen nod) jemanb gönnen, fonbern fie für fid)
behalten". \'il)iilid)e fdjroffe 'Jlntworteu erhielten bie Vertreter ber
126 Streit mit bem ©ttenlopitel.
Staot aucf) in anberen Sadjen, bie bei ben verfdjiebenen Dagfaljrten
gur Spradje gebradjt lunrben. So war uon einem Sdjiffe, haS bei
Ufebom geftranbet war, ein Drittel ber Cabung als bent Canoesljerrn
verfallen burd) bie hcrä09iid)en Beamten aurüdbetjalten worben.
DJiit Diedjt beriefen fid) bie Stettiner auf ihre ^Privilegien, burdj bie
fie von biefer alten, aber foum nod) gebräurijlirijen Abgabe befreit
worben roaren. Der Öerjog aber 30g gleidifallS einen Vertrag au§
längft vergangenen Dagen Ijeran, unb bie Stettiner erklärten fdjliefelid),
fie wollten Seiner ©naben 45 ükilben 311111 Sefdjente geben, bamit
baS Sdnff frei fei, natürtidj ohne auf itjre Wecfjte 31t ve^idjten. Dludj
inbetreff be§ DtefifeeS in Sdjmellentin, ber Stühlen u. a. m. erljielteii
bie Senbboten be§ DlatS eine wenig befriebigenbe Slntwort.
Dieben biefen unerquidlidjeu Berljanblungen be§ Dtat§ mit bem
$er3oge ging ber ^ßro^efj mit ßiibete SOtiffow wegen be§ Stabt=
geridjte§, ber vor bem fiirftlidjen £jofgeridjt geführt würbe unb fidj
tauge Ijinaog, fowie ein Streit mit bem Cttenfapitel nebenher. Die
fiirdje von St. Ctten war immer metjr bie £>offird)e bes bezüglichen
£>aufe§ geworben unb ljatte 1489 unb 1491 von Jöogiftaw S9eftäti=
gangen ihres SefitjeS unb ber Dledjte be§ DomtapitelS ertjalten. Der
£>er3og verlegte am 25. Januar 1491 bie von feinem ®ater Grictj
im Qaljre 1472 beim SMofter 'Butow geftiftete DJlarienbrüberfdjaft,
eine 'Bereinigung von Dlbligen, bie alS Slbgeicfjen eine Dlrt von Crben
trugen, an bie Cttenfirdje unb verbanb bamit eine Stiftung für ben
Unterhalt unb bie Gr^ietjung von 24 fi'naben. Diefe Slu^eidjnung,
bie ben Domherren von St. Ctten guteil würbe, fdjeint audj iljre
'llitfprüdje gefteigert 31t haben Qm Sßertrauen auf bie fnilfe iljreS
fürftlicfjen ißatronS erhoben fie auf ©runb alter Serfchrgibungen bie
gorberung, bie Stabt müffe bem Sfapitel eine jährliche Diente von
20 Start unb aufjerbem 50 Start gintenaugen jährlich unb 3war
in ber neuen Stülpe ßahlen. 9tadj iinenblfdjen Berhaiibfungen tarn
am 25. Dioveniber 1493 ein SSergleicf) 3uftanbe. Das Kapitel ver=
jichtete auf bie jährliche Diente unb ertlärte fidj mit ber Qahlang ber
50 Start gintenaugen nach altem Slihi3fufee 3itfrieben. Dagegen
fprach ber Diät alle Käufer unb f>öfe ber Domherren — eS werben
im ganzen 5 aufgc3ählt — vom Schüfe unb 93urtgin& frei, fo lange
in iljneii nicht weltliche fßerfonen wohnten, gerner würbe bem
STapitel erlaubt ein StaltljauS Ijintev ber Xfircfje an ber Stauer 311m
Sutjeii ber Stirdje 3U erbauen. Qn biefer Seit ber Streitigteiten unb
fßro3effe bradj auch ein Swift mit ber Dladjbarftabt Dlltbamm au§
wegen eines 'Werbers in ber grofeen Dieglitj, ber bie „'.ßlagc" feiefe.
DJlan einigte fich fdjliefelidj baljin, bie ©ntfdjeibung bem fiirftlidjen
®ie giiljrt iBofliflowö X.
127
$ofgerid)te gu übertragen, eine Einigung, bie [jbdjft begeid)iienb für
bie (Stellung ber (stäbte gu ber ßanbeSregierung ift. ®ieS fällte am
31. Quli 1493 bas Urteil, in bem bie ©reugen in ber Peglit; für
beibe (stäbte feftgefeßt mürben.
Außer ber jätjrlidjen Orböre mußte bie (stabt in biefen fahren
and) nodj wieberholt (1492 unb 1494) bem ^ergoge ben oon ben
(stäuben bewilligten ßanbüfjofj gahlen; uon jebem £>aufe war ein
Utljeiii. ®ulöen, oon ber Silbe % Snlben, oom Steller ein Ort auf
2 Qaljre gu entridjten. ES mag fdjwer gewefen fein, biefen Sd)oß ein»
gutreiben, gumal ba mancherlei Ungliidsfälle, ftrantljeiten, Plißernien
u a. m. bas ßanb Ijeimfudjten. Sind) broljte wiebet U'rieg, ba
Söogiflaw immer mehr barauf ausging, fid) oon ber branbenbiirgifdjen
ßehnSherrfdjaft frei gu madjen unb biretten Anfd)luß an ben ftaifer
unb ba§ Petd) gu fliehen. Er uerweigerte bie nad) bem Sobe beS
Murfürften Albrecht (1486) geforberte ßel)n€t)ulbigung unb wußte bie
fdiwäd)lidje ^Regierung beS neuen Slurfürftcn Johann burd) lange
'Berhanblungen, trotzige Haltung unb (jartnärfigen ?öiberftanb eublid)
gum Pad)geben gu bringen. Qn bem 'Beiträge oon Pijrit) (26. Plärg
1493) fpradj Johann ben .fjergog unb feine Erben bes flel)nsempfangeS
lebig unb begnügte fid) mit ber Buficherung bes ErbanfallS. V3ei
bem Abfdjluffe biefer nridjtigen unb fiir Pommern feljr vorteilhaften
Abmachung waren and) Certreter (Stettins gugcgen; fie l)ängten mit
ben anberen (stnnbeii baS Siegel ihrer Stabt an bie Urlaube unb
erhielten eine Ausfertigung.
Jrotj biefcS Erfolges gab eS Sogiflaw nid)t auf, fid) an ben
itaifer SJlarimilian hsrangubrängeii in ber Hoffnung, baburch Sil)
unb Stimme auf bem PeidiStage gu erhalten. Er lieg fief) 1496
oon Plajimilian gum ®ienfte bei bem beabficfjtigten Pomguge an
werben unb betam bagu am 13. Cttober oon ber Stabt Stettin eine
19eil)iilfe oon 1400 Pl)ein- ®ulben. Am 16. ®egember brad) ber
£>ergog uon Glartj auf unb trat feine berühmte Steife an, bie nicht
ein StriegSgug nach Italien, fonbern eine Pilgerfahrt nach bem
heiligen ßanbe unb nad) Pom würbe. ®ie fpärlidjen Pad)richten,
bie auS fernen ßanbeii über bie Abenteuer beS £jergogS in bie Heimat
brangen, erregten bie pijantafie feiner Untertanen in hohe’111 Pleiße.
'JJlan ergäl)lte oon mertwiirbigen ©rlebuiffen, von großen £>elbentaten,
oon heften unb Ehrungen, bie nur gum geringen Eeile ber PJahrßeit
entfprad)en. Aber ber märd)enl)afte ®Iang unb Sdnmmer, ber bie
Perfon beS £>ergog§ gu umgeben begann, erhöhte ungweifell)aft fein
Anfehen aud) in Pommern, unb mit Stolg erfuhren bie Stettiner,
baß ber Pame ihrer Stabt in JJerufalem, Pom, 'Benebig befannt
128
Die Piufteln' beS ^ergogS.
würbe unb ber 9ittf evviva il duca di I’omerania e di Stettino an
mandjen Vrten Italiens erflang. Pleniger Ijörte ober, wenn bie
ftiinbc bavon in bie ^eimat brang, verftanb man von ben Peftre-
bungen, bie ber $ergvg and) bei biefer ®elegenljeit nidjt aus ben
klugen verlor, feine gürfteninadjt 31t erljöljen. 3» biefem Zwede
liefe er fidj in Pom vom Zapfte Pleranber VI. widjttge Privilegien
erteilen, macfjte fid) mit bem rönnfdjen Pedjte in ben italienifdjen
llniverfitätsftäbten betannt unb nahm berüljmte Pedjtsgeleferte nadj
Pommern mit. ?lm 12. Slpril 1498 gog er nad) langer Pbwefeuljeit
wieber in Stettin ein, freubig begrüßt von feiner Familie unb ben
Pewoljnern ber Stabt. Er ging in bie ©ttenfirdje, wo ein feierliches
Debenm abgeljalten würbe. Das Sdjwert unb ben £>ut, bie iljm
Papft Pleranber VI. SSeifjuadjten 1497 gefdjenft ljatte, würben bort
aufgefjängt unb lauge Zeit als wertvolle Erinnerungen an bie merf
wiubige galjrt aufbewaljrt. Das abergläubifdje Polt fafj freilief) ein
Unljeil verljeifeenbes Porgeidjcn barin, bafe fitrg vor ber ?hifunft be§
•fjergogd feine Poffe, vor allem fein Ceibfeengft, im Stalle fielen.
Da§ Unglücf blieb nidjt aus. Plit einem aufs Ijödjfte gefteigerten
Peivufetfein von feiner £>errfdjermadjt unb bem feften PJillen, ben
Pliberftanb ber Stäube 311 bredjen, war Sogiflaw Ijeimgeteljrt. Er
ljatte im Peidje gefeljen, wie bie Jürften überall bie fottveriine Pladjt
be§ VanbeSljerrn ftärtcr als früfjer betonten, wie fie bas fidj all
inäljlidj gur Geltung burdjringenbe romifdje Pedjt gu biefem 3mede
benufeten, wie fie fidj bemiiljten, vornefjmlidj bie Selbftänbigfeit ber
.nirdje unb ber Stäbte 311 bredjen. f^iir bie Stäube bes CanbeS war
es eine feljr wenig angeneljme Überrafdjung, als ber £>ergog halb
nadj feiner Piidfeljr auf einem ßanbtage 311 Stettin befannt gab,
bet Kaifer ljabe iljm gu ^nnsbrnd baS Pedjt verlieben, golbene
HJlihtgen gu fdjlagen unb ben Zoll <511 SBolgaft uub Damgarteu gu
erljöljen. Sofort erljoben bie Stäbte namentlidj gegen bas gweite
Privileg Einfprudj nnb beriefen fid) auf iljre alten greiljeiteu.
Sdjhefelidj aber erfinden fie fich bamit eiiwerftaubcn, bafe von aud»
länbifdjen Kaufleuten ein fjoljerer Zoll erljoben werbe, hiermit war
aber Pogiflaw nidjt gufrieben, unb ein neuer Streit entftanb gwifdjen
jljm unb Stettin, bas von feinen alten Zollbefreiungen nidjt ablaffen
wollte. Es batte bamals feinen bebeittenbften Sdjiffsverfeljr in ber
©ftfee unb nur geringe Pegieljungen über biefe Ijinaus. Padj ben
Sunbgollregiftern paffierten 1497 ben ©ftfeefnnb im gangen (55
pommerfdjc Sdjiffe, von betten 37 nadj Stralfnub, aber feind nadj
Stettin geljbrte. Die Sdjiffaljrt ber Stabt in ber ©ftfee berührte
aber gerabe PJolgaft, unb bort füllte ber erljöljte ßoll erljoben
(Streit mit bem ^trjogt.
129
werben. Ta§ bergoglidje Rliingprioileg ljatte bie Stabt nur wtber-
willig anertaniit, jetjt ljatte ber Ätaifer eß nidjt nur beftätigt, fonbern
and) noch erweitert, unb wegen ber SJliiljlen bei Semit) war ber
Bwifi nur oorliiufig beigelegt worben. So entfpann fid) alßbalb
ein neuer lebhafter Streit, in bem Sifdjof VJlartin oon Eainmin
ginn Sdjiebßridjter beftellt würbe. Sei ihm reichte bie Stabt int
Tegember 1499 eine Klagefdjrift ein, bie oon bem hergoglidjen Sadj
Walter alßbalb mit einer feljr fdjarfen Sdjrift beantwortet würbe.
@r hielt an ben brei gorberungen wegen ber Rlünge, beß 3°^
unb ber Rlüljleu feft, ja erhob von neuem Silage wegen bes Bölitjcr
'Jlblagerß, beß halben Weridjtö in Stettin unb ber Vororte. föS
folgten im Saufe beß galjreß 1500 weitere Schriften oon beiben
Seiten, unb ber fßrogeg würbe in ben gönnen beß römifdjeii Redjteß
geführt. Stettin berief fich immer wieber auf bie oon bes £>ergogß
Sorfahren erhaltenen unb tonfirmierten ißrioilegien. Ter gürft ba=
gegen lief) einweuben, (lat dese Artikel unnütte, witloftig und wedder
Recht och wedder gemeine Nutt si. Tie Parteien brachten Rcdjtß*
gutadjten unb Belehrungen oor; bie juriftifdje gatultät ber llnioerfität
(Erfurt reichte eine feljr gelehrte, mit ßitaten reidjlidj oerfeljene ©ent»
fdjrift ein, unb 'Betruß oon Ravenna, ber Rechtslehrer, ben Sogiflaw
auß BQöua mitgebradjt ljatte, oerfafjte eine nicht niinber gelehrte Slb»
hanblung über bie ßölle ber Stettiner. So würben Sdjarffinn unb
Welehrfamfeit angewaiibt, fpitjfinbige Red)tßbelehrung ljerall9eg°9e11
unb bte römifdjeii Rechtßquellen benutjt, um biefen Streit 311 ent
fdjeibeu, aber eß fam, wie eß bei bem umftänblidjen Verfahren jener
Beit gu gefdjeljen pflegte, nidjt gu einem Gmtfdjeibe. Tie Stimmung
beß gürften gegen bie Stabt, bie ihm fo Ijartnädig Söiberftanb leiftcte,
würbe immer gereigter. Sine grofje Bonunterfdjlagung, bie 1500
von frentben Kaufleuten begangen, aber aufgebeeft worben war,
würbe ber fiirftlidjen Regierung ein Slnlafj, an ihrer gorbening beß
erhöhten Bolleß feftguljalten unb baß Berljältniß nod) itnerquictlidjer
gu geftalten. Tie hergofllidje fRünge in Stettin würbe 1500 förmlidj
eingeridjtet, Reibereien mit ber SRart wegen beß ^aitbelßoerteljrs 31t
Gaffer unb gu ßanbe tarnen wieberljolt oor. gm Rate felbft fdjeint
Bwiefpalt geljerrfcht gu Ijaben; ba gab eß ßieguer beß $>ergogß, bie
für bie Redjte ber Stabt eintraten unb fie aufredjt gu erhalten beftrebt
waren, fowie Slnhänger beß Sanbeßherrn, bie für Rachgeben uub
Sintradjt wirtten. Soll eß boch am 17. gebruar 1502 gu einem
£>anbgemeuge im Rathaufe getommen fein unb gatob £>oheiiljolg ben
Kämmerer Baleiitin £>acfebolt oerwunbet Ijaben. Ta war eä wohl
ertlärlidj, baf) audj in ber Stabt üätlichteiten gwifchen Bürgern unb
®«4rmottn, don Clcttln a
130
Demütigung ber Stabt.
bezüglichen Beamten oorfamen. So gefdjalj es int De3ember 1502,
bafj eines VlbenbS ein fürftlidjer Diener $anS Slamel mit DeweS
93ofj in einen Streit geriet, in bem beibe alSbalb hanbgreiflidj würben.
'Sariiber erhob fidj in ber Stabt ein Auflauf, man wollte Slamel
mit ©ewalt fortfüljren. Der £>ezog liefe fofort bie SluSlieferung feines
Dieners forbern, ber unter fein bjergoglidjeS (Bericht gehörte, ber Stat
inbeffen roarf ifen in baS (MefängniS im Statfeaufe unb locigerte fid),
ihn ohne weiteres herauS3ugeben. Darüber würbe SBogiflaro feljr
äoriiig, oerliefj mit feiner ©emaljlin unb feinem ganzen $ofe Stettin
uub fiebelte nach @art) über. Um bie wiberfpeiiftigen Bürger 311:11
Sladjgebeit 311 gioingen, liefe er bie gewöhnliche ßu= unb Slbfuljr 311
SBaffer unb 311 ßanbe fperren. ^nbeffen bewog faum foldj feinblidjes
Verhalten bie Stabt 3U111 Sladjgeben, fonbern eS gewann bort ruhige
Überlegung ben Sieg über bas unüberlegte Raubein. Vergebens fall
Qafob £>ohenhol3, ber wegen {JriebenSbntdjeS eine ßeitlang oom
Slate auSgefchloffeu worben war, aber balb feinen Blafe wieber ein»
genommen h<iUe, gegen beu £>er3og gerebet uub, wie iljm fpäter oor«
geworfen würbe, baS gemeine Bolt auffäffig gemadjt ljaben, öie
Sllehrljeit im State mar für Sladjgeben. Ss war ja tlar, bafe bie
Stabt im llnredjt toar; ber fürftlidje Diener unterftaub niyweifelhaft
ber Seridjtsbarfeit feines .fjerrn, uub bas Stabtregiment hötte fein
Stedjt ihn bem 3uftänbigen Slidjter oor3ueuthalten Sind) in ber
Bürgerfd)aft fdjeint bie Stimmung in fu^er 3e’t umgefdjlagen 31t
fein. '-Bereits am 4. Januar 1503 ftellten Bürgermeifter, Stat,
(bewerfe unb (Gemeinheit Bollmadjten für 5 SJlitglieber beS BlatS unb
10 Sllterleute beS Kaufmanns unb ber SSerte aus, mit bem $er3oge
311 oerhanbeln. Schon am folgenben "Jage würbe ber Vertrag ge
fdjloffen. Der £>er3og will am 15. Januar in Stettin einreiten;
ber Stat unb DeweS Boß’ Berwaiibtfrfjaft füllen ihn vor bem Dore
um Beleihung unb (flnabe bitten uub oerfpredjen, fich ljinfort als
rechte Untertanen 311 uerhahen. Der Sürgermeifter 'ilrnb Siamniiii,
ber fidj mit SSorten unb Daten gegen ben dürften oergangen hext,
füll aus Stettin unb bem ßanbe weidjen, aber feine (Güter uerfaufen
unb baS Selb mitnehmen bürfen. Die Stabt hat in brei Dermiuen
1500 Stfeein. (halben als Strafe 311 3al)len. SHlein mit foldjen
Beftimuiungen begnügte fid) Bogiflaw nicht, er oerlangte unb
fetjte es burch, bafe bie Stettiner bie Raufer uub Sieben hinter bem
l)et3og(idjen £>ofe bis 31er Jtnneuftrafee abbredjen, bie Stellen
räumen unb bie Befitjer entfd)äbigeii muffen, währenb er felbft oer=
fpridjt, gleichfalls Baiilidjfeiteu bei bem £)cuife Jiieber3iireifeen unb
fich beSfealb mit ben Domherren oon St. £>tten 31t uertragen. Diefe
®et (Sttjlofjbnu.
131
Sefeitigung ber Käufer füllte iljm bie Dlöglidjteit geben, gur (Sidje
rung be§ <Scf)Ioffe§ eine Dinner 31t errichten nnb Neubauten oorgu
nehmen. Gnblid) wnrbe beftimmt, bafe in bent Stabtgeridjte ferner
nidjt Dhtglieber bes IßateS al§ (Sdjöffen fitjen, fonbern bagu Don ben
Vllterleuten bes Kaufmanns ßeute erronljlr werben füllten. Einen
Dollen (Sieg ljatte Sogiflaw errangen, bie (Stabt gebemütigt
©ewife naljm er am 15 Qannar mit ftolgem (Selbftgefüljl bie Unter®
werfttng bes WateS entgegen. ®er Siamelfdje (Streit unb feine üblen
(folgen ljaben nodj lange in ber Erinnerung ber (Stettiner fortgelebt,
in allen Q^ronifen ber fpäteren Beite» wirb er auSfiiljrlid) behanbclt
unb befonbers oon ben $ofljiftoriograpl)en mit einer gewiffen ©einig
tuiing bie (Strafe ergafelt, welche bie übermütige (Stabt traf. Dian
brachte and; ben £ob ber £jergogin SInna, bie am 12. Sluguft 1503
in Üdermünbe ftarb, bamit in Serbinbnng; fie fei, fo ljiefe es, au§
(Srijrerfen über ben eiligen Wufbrudj ertranft unb habe fid) in llder
niunbe, wo fie in einem frifcf) gelallten ©emadje CJofenung nehmen
mufete, ben Sob geholt. ®er £>ergog erwies fidj halb nadj bem
9lbfd)Iirffe be§ Vertrages ber (Stabt wieber gnäbig, inbem er am
27 ?lpril iljr einen üluffdjub für baS Wbbrerijen bei fünfer bewilligte.
9luf feinem £>ofe errichtete Sogiflaw alSbalb ben Dradjtbau bes
(SiibfliigelS, ber nur nod) in feinen unteren Seilen erljalten ift. ?lu§
einigen Ulbbilbungen vermögen wir un§ eine Sorftellung oon bem
mit (liebeln unb gwei ftattlidjen Siirmen gegierten $aufe gu machen.
Sliletn ber {fangerturm geigt beute nod) einiges oon ber bamaligen
®etoration. £)ben befanb fid) ber grofee (Saal, unten waren pof
ftuben, bie in ber pradjtoollen $olgberfe mit bem reidjen unb gefdjniad®
vollen Saitenwerte einen fonberlidjen (Sd)mud featten. 'Jladi bem
Vlltboterberge gu würbe eine Dlauer aufgeführt. ®er Sob ber
£>ergogiii SInna feat e§ wohl nicht bagu fommen taffen, bafe biefer
neue Sau nodj oft ber (Sdjauplat? grofeer unb glängeitber (feftlidj
feiten war ®er .pergog fanb gröfeereS ©efallen au herberen finiilidjen
©enüffeit, Sxintgelagen unb (Sdmiaiifereien, al§ an feineren feften,
wie fie bie junge polnifdje Königstochter aus iljrer ©eimat nadj
Sommern gu übertragen gefudjt ljatte. Sludj ljielt fich in ber nädjften
Beit ber ffürft wieber oiel aufeerfjalb Stettin auf unb gog ntirubig
ini ßanbe uniljer.
®ie in ben Sertrag oom 5. Januar 1503 aufgenommeiie Se
ftimmung über bie Sefetjung be§ (Stettiner (Sd)öffen)tuljis würbe am
7. September 1504 niiljer baljin auSgefüljrt, dat vorder kein Borger-
mester, Keinnierer efte Radtminin to Stettin schal ein Scfaepe wesen
noch gekaren werden. Elf <Sd)öffen würben oom 'Jiate au§ ben
9*
132
SogiflaroS güvfotflt für bie ©tabt.
Sllterleuten unb bem gemeinen Kaufmann gewäljlt, Sogiflaw beftätigte
fie. Die Sd)öffen übten uon nun an baS Söahlredjt fiir baS
Kollegium felbft auS unb ertöten auS ben 'Rlterleuteii unb Kauf
leuten „bienlidje unb tüdjtige ißetfonen". Durch biefe Trennung beS
SdjöffenftuljlS vom Slate würben natürlidj bie Wladjt unb ber (Einfluß
biefeS gefdjmälert, aber mau tonnte audj uiel eher auf eine unparteiifdje
JRechtSfpredjung redjtien. Qnfofeni ift biefe wichtige Seuorbnuitg, an
ber man bie Qaljrljunberte tjinburd) feftljielt, gewiß fegensreidj ge-
wefen, unb es wirb baburch waljrfdjeinlkh, bafj baS energifdje Sor
geben SogiflawS gegen Stettin nidjt allein bem Selbftgefüljle unb
autofratifdjer (Sefinnnng entfprang, fonbern baf; arge 'JRißftänbe in
ber Stabt ein (Eingreifen ber {Regierung in bie bortigen Serljältniffe
ertlärlid) unb notiuenbig niadjten. ßeiber erfaljren wir wenig uon
ben (Einzelheiten, oor allem fehlen fRadjridjten über baS Serfdjulben
bes oerbannten Rrnb fRantmin, beim bie harte Strafe ift woljl faum
allein burch feine Haltung in bem fRamelfdjen $anbel ju ertlären,
eS werben ba nodj mandje anbere Sadjen mitgefprodjen Ijaben. 'Ruf
jeben gall ljatte ber jtuifdjen Stabt unb Eanbesljerr fein
(Enbe, uon jefet an trat biefer mit einer gewiffen (Energie für bie
Sntereffen feiner Stabt ein.
DaS tat er mit (Erfolg, alS ber ®raf Sernb uon £wljenftein auf
(sjrunb eines taiferlidjen {ßrioilegS oom 29. ^uli 1505 ben -Soll bei
Sdjwebt jii erljöljen begann. fünf bie Sefdjwerbe ber Stettiner
wanbte fich Sogiflaw an beu Hurfürften Qoadjim oon Sranbeuburg,
unb biefer zwang 1508 ben (Srafen, ben erhöhten Soll ab^uftellen.
'Rber 1517 machte ber @raf S3olf, SernbS Sruber, uon neuem baS
jRedjt ber (Erhöhung geltenb. 'RbermalS uerroanbte fidj ber £>er,jng
für bie Stettiner bei bem Kurfiirften unb bat bringenb uni Slbftellimg.
Diesmal beburfte eS erft nachbriictlidjer Drohung feitenS Sogiflaios
unb Stettins, bis Kurfürft Sfoadjim 0111 s0- Cttober 1518 erflärte,
eS falle nur ber alte Soll erhoben werben.
Der Herzog war audj bemüht, ben äußeren Sllftnnb Stettins
311 beffent. Saufällige Käufer unb wiifte (b. lj- unbebaute) Slätje
bienten ^u „einem mertlichen ^all, Schwädjung unb Vlbbrudj ber
Stabt". Deshalb verlieh er a,n 19- Dezember 1511 bem State baS
iRedjt, uon benen, bie Kapital auf foldjen Käufern ober Stätten
hatten, ju verlangen, baß fie biefe in einem Qaljre aufbauten ober
uerfiniften, wibrigenfallS fie ber Stabt ^ufieleu. SluS biefer Ser
orbnung ift nidjt ohne weiteres gu fließen, baß Stettin bamals in
eine 9lrt uon Serfall geraten war. ,,'JBüfte ißlätje" ljat eS auch i’1
ber fpäteren Seif in ber Stabt gegeben; mandje Sefißer ließen bie
^ßrogeß bt8 3nfob $o&enf;olfr
133
'“Plätze uitgenufet liegen, anbere rourben im ßaufe ber 3eit herrenlos,
wenn $8. bie Vefitjer bic Stabt ocrliefeen, nnb nod) groang leine
Vauorbtuuig bagu, bie Raufer ober 'piätje inftanbguhaltcn.
SUS ein unangenehmer Stadiflang bes lefeten Streites groifchen
bem .fSergoge Vogiflaro unb ber Stabt ift in biefen fahren oiel bie
Siebe oon bem Vrogeffe beS Qatob ^ohenholg. Trofe zahlreicher
Sdiriftftüdc unb itmfangreidjer Sitten finb roir nicht imftanbe, in
biefer 'Angelegenheit ein ficheres Urteil gu fällen, eS liegen oon beiben
Seiten Vefdjulbigungen mannigfacher 'Art oor, ol)nc bafe roir erteiincn
fönnen, wer in biefer Sadje Stcd)t hatte. Satob Hohenholz, ber
roicberljolt als Verteibiger ber ftäbtifchen Sied)te fid) fdjarf gegen ben
ßanbesherrn geroanbt hatte, mar 1504 gum Viirgermeifter gewählt
roorben. Tie SBahl biefeS feines ©egnerS nahm, roie eS fcheint, ber
•frergog febr übel, Hohenholz felbft tat roieberholt unoorfid)tigc
Siufeerungen uub trat gegen beS ^ergogS ©ebot mit ben Stralfunberu
in Verbinbung, als biefe in g^h*56 mit Vogiflaw lagen. @r oer=
laugte beSfjalb uon ihm SRedjtfertiguiig oor bem fürftlichen £jofgerichtc.
'Als fid) £jol)enl)olz beffen weigerte, würbe er wegen Shiffäffigteit Der
urteilt unb bes ßanbeS oerroiefen. ©r begab fich 1507 nad) Verlin,
wo er Vcrroanbte hatte, unb erreichte, bafe ber Aturfürft $oad)im fid)
für ihn bei bem ^jergoge uerroanbte. Tiefer erflärte auf alle Vitten
immer wieber, er fei bereit einen 9led)tstag angufetjen unb .frohen
l)olg gu oerl)ören. Unter 3ufid)erung fid)ereu ©cleitS erfchien .frohenholg
1508 in Stettin, würbe aber bort, roie er fpäter behauptet, uon
Tieitern beS frergogS oerfd)iebentlich bebrofet uub gefährbet. Sind)
mufete er fid), als Vogiflaro am 13. Quni 1508 auf bem Segler=
häufe als ©aft beS States erfchien, oor bem genügen dürften ucr=
bergen, ber feinen ©egner nid)t als Viirgermeifter anerfennen wollte.
(Sbenfo war er auf Steifen nad) Tänemart oor Verfolgern nidjt ficher
unb mufete, als er 1510 wieber in Stettin war, aus ber Alird)c
flüdjten, ba er mit bem Spicfee bebroht würbe, frohenholg roanbte
fich an baS taiferlid)e Alamincrgerid)t mit einer Slpeflation gegen bas
Urteil beS frofgeridjts, unb nun begann bort eine lange Verhanblung,
oon ber bie erhaltenen Sitten unS ßunbe geben. Verid)te unb ©egen
berichte, Stepliten unb Tuplifen, BeugeiiDcrhöre unb (Stationen
wed)feln ab, oljiie uns tlar fet)en gu laffen, roie ber Streit entftanben
war unb oerlief. frohenholg befdjroerte fich auch über ben Stat, ber
ihn auf Vefeljl beS frergogS ol)tie Schulb beS VürgernieifteramteS
entfetjt habe. Tie fürftlidjen Veififeer beS StammergerichtS fuchten in
ber leibigen Sache gu nermitteln, aber immer wieber ertlärte Vogiflaro,
er fei gum Verhör bereit unb wolle frohenholg aufnehmen bod) biefer
134
Serokid) mit ^oljenljotj-
lehrte alles ab unb wolle itjn nicht als feinen CanbeSljerrn anerfennen.
SluSführlid) [teilten bie fiirftlidjen [Räte am 20. ?lpril 1513 ben
gangen $anbel bar. ^wtjenbolg ljabe ben .fjernt gefdjniäE)t unb fid;
ftets geweigert, um Sergeihung unb Gfnabe gu bitten. So Ijobe er
bereits 1508 tjöbnifcfj gefügt: „9ßaS wollt iljr oon mir haben? Soll
ich auf bie finie fallen uub fpredjen: inea culpa, mea maxima culpa,
al§ bie fßfaffen tun?" (Ebenfo unbotmäßig ljabe er fidj in anberen
Sachen benommen gegen ben jungen £>ergog Samirn, gegen ben Slat,
fei in allen Stiiden bem £>ergog guwiber gewefen, ha&e ben Strai
funbern beigeftanben, einzelne Sürger, wie $anS (EngelTt ober $unS
fßinfenS .frauSfrau, unredjtmäßig um Weib gebracht ober DaS hcr3°0;
liehe GJeleit mißachtet, freilich behauptete ^ohenholg, alle biefe Se-
fchulbigungcn feien erlogen. So gog fich ber Streit hin, beim .Qammcr=
gericht fam eS gu feiner (Entfcheibung. ®a fdjloß am 27. Quni 1511
— wir uermögen nicht gu ertennen, wie eS gu biefem Slbfdjluffe
fam — baS fiirftlidje $>ofgericht in Stettin einen Sergleidj gwifchen
^ohenljolg unb bem State babin, baß biefer jenem für baS uor«
enthaltene Deputat, baS ihm als Siirgermeifter gufomme, 500 ©ulbeii
gablen unb ibn auf ßebenSgeit, fo lange er in Stettin wohne, oom
Sdjoffe frei laffen fülle. ßugleidj würbe erflärt, ber £>ergog
habe alle llngnabe unb allen Unwillen gegen ^oßenholg cmfgegeben
unb bie Jlluge gegen ihn eingeftellt. griebeborn, ber uon Dem gangen
Streite nur ben leljten (Entfdjcib fennt, behauptet, Sogiflaw habe
auf Sitten bes StaiferS unb ber dürften biefen Sergleidj guftanbe
gebracht unb ^johenljolg wieber in fein ?lmt eingefetjt, roahrfdjeinlidjer
aber ift eS, baß £>obentjolg fcßließlidj ber gewefen war, ber nadjgab
unb bie Sergeibung feines ßanbeSljerrn fudjte unb fanb. ®ie tief
gcljenbeii Gfegeufäße, bie ljier entfdjiebcn gewaltet hQ&en> finb für
uns nidjt gu erlernten, aber eS ift waljrfdjeinlidj, baß ber £>ergog in
.fjohetiljolg bie letjte im Slat nod) oorbanbene ßppofition gegen feine
lanbeSh^triithe SJtadjt niebergroang.
9ln eingelneii ßonfliften fehlte es and) in ber folgenben ^ieit
nidjt gang. Slnlaß bagu boten befonbers bie WcridjlSoerljältnif|'e
in ber Stabt. Schon bie oerwicfelte Crbnung beS StabtgeridjteS, an
bem neben ber Stabt bie Jamilie SBuffow 9lnteil batte, tonnte unb
mußte leidjt gu Streitigfeiten über bie ftompetengen unb bie O'eridjtS
gefalle führen, fliibefe Söuffow ftrengte wegen foldjer ftrittigen
fragen wieberljolt fßrogeffe gegen bie Stabt uor bem fiirftlicfjen $of=
genchte an. So erhob er 1491 unb 1502ftiaae wegen feines SlnteilS
am ©eridjte unb beftritt bem £jergoge baS Sledjt, ben Stettinern baS
(Bericht gu uerfaufen (Einige ^ctfjre fpäter entßhieben bie fiirftlid)en
Die ®eri<btSbartcit.
135
£)ofridjter, baß bie ©elbftrafen int allgemeinen tjalb bent Grbridjter,
Ijalb bem 9iate aufallen, einzelne aber biefem allein, befonberS alle
Süriidje ((Gelbftrafcn) oon allerleye Wunniathe (b. h- falfdjem
unrechte Waghe edder Wichte und Schepel, allerleye valsche
Spisekop, ok we to kleine Brot und ungeve (b h- ungefunbeS)
Fleysz vorkoft. .gugleidj entfdjieb baS ^ofgeridjt einzelne ©treitpuntte,
bie atuifdjen ßübefe SSufforo unb ber ©tabt, namentlich and) roegeit
bes Dorfes ßiib^in fchwebten. Dies Urteil tarn inbeffen nicht jur
Ausführung. Deshalb toaiibte fid) ber 9iat Befdjwerbe fitljreitb an
ben •fjcraog, baS $ofgerid)t betätigte aber baS friiljere (ErtenntniS.
Drofe foldjer Stitfcfjeibungen blieb ber gemeinfame Anteil an bent
Stabtgerichte eine fortbauernbe Cuelle non ©treitigfeiten. Dagu
Tanten nod) bie ©djroierigleiten, bie aus bem fflorljaubenfein ber uer=
fdjiebenen (Gerichtshöfe in ber ©tabt erwttdjfen. Unterftanben bod)
bie Bewohner ber ßaftabie, ber beiben SBieten unb ber ftäbtifdjen
(EigentumSbörfer ber SuriSbittion beS IRateS allein, bie gahlreidjett
(Geiftlidjen bem geiftlidjen (Gerichte, bie Bewohner ber Dlarienfirdjen
Freiheit ber (GeridjtSbarfeit biefer Jlirdje unb bie berjoglidjen Beamten
ber fRedjtSfprcdjuitg beS fiirftlidjen (GeridjtS. 5Bie follten aus foldjen
oerroirfelten Berljältniffen bei ben immerfort in etuanber greifenben
fJledjtSfragen nidjt fortiuäljrenb STonflifte entfteljen? Glamentlidj baS
geiftlidje (Gericht, bas [tetS beftrebt mar, alle möglichen ©ad)en,
3i»il unb föriininalprojeffe, an fidj 311 aieljen, erregte immer roieber
Un(ptfriebenljeit unb 'Dliftbilligung. ©o tarnen and) in ©tettin Be
fdjroerben mandjer Art nor, bie tun fo berechtigter roaren, alS gerabe
biefer (Gerichtshof mit bem Cffigial ber ^Propftei an ber ©pitje e§ an
Unparteilichlcit fehlen lieft. 23ie roeit in ber freimütigen (GeridjtS»
barteit bie ©jemtion beS ftleruS mit allem, roaS au iftnt gehörte,
ging, ßeigen redjt beutlidj bie fogenannten geistlichen Berlaffnng§>
biicher, bie fiir bie ^fabre 1373 bis 1522 erljalten finb. Qn fie
würben bie Auflaffungen, Stäufe, Berfäitfe, ftontrafte u. f. ro ein»
getragen, bei benen irgenb roie SUeriter, Jtirdjen, Ül'löfter ober geift
lidje Stiftungen aller Art beteiligt roaren. 'Dian führte im ©djöffen«
gerieftte fiir biefe gefonberte SRegifter, unb bei ber groften galjl ber
geiftlidjen 'Pcrfonen ober Störperfdjaften roaren bie (Eintragungen in
biefen Biidjern feljr aaTjIreidj. .(Tonflifte mit bem fiirftlidjen (Gerichte,
bem alle auf ber herrcnfreil)eit roohnenben ßeiite unterftanben, ent
ftanben ebenfalls oft, feitbem Bogiflain ftreng unb riüffidjtSloS über
ber Beobadjtung feiner (GeridjtSbarfeit machen lieft. Die ©rennen
be§ Be^irTeS, ber oon ber ftäbtifdjen QuriSbiltion ejimiert war, ftanben
nidjt feft ober waren oft ftreitig, unb bie .Qompeten^en waren nidjt
136
Berh^ltn'S ber ©tabt gum SanbeSljerrn.
immer gang flat. ©o ljatte fdjon ber fRamelfcfee ©treit non 1502
Slnlafe gu bem Bufammenftofee gegeben, unb ätjnlidje $älle fcljrten
mehrfad) micber. Sim 8. ©eptember 1516 mürbe ein ^jofbiener
©berharb Morb in einem ft-rauenhaufe auf bem fRöbenberg (Stofen
garten) non bem ©tabttnedjte yans Stittrr erftocfeen. 33egcn biefer
©cmalttat erhob fich ein ©treit gwifdjen ber fürftlicfjen ^Regierung
unb ber ©tabt. Unenblid) lange Berhanblungen rourben uor ber
Sfommiffion gepflogen, bie uom ^ergogc eingejctjt roorben roar. 33ie
geroötjnliclj erfolgten Bertagungen unb Bergögenutgen uon beiben
©eiten, unb bie Slngelcgeuljeit gog fid) bis in baS $aljr 1523 bin,
ohne baß roir erfahren, ob unb roie fie beigelcgt rourbe. (SS ift aber
für baS SBerfjältniS, baS gwifdjen ber ^Regierung unb ©tettin beftanb,
Ijödjft bcgeid)nenb, bafe Diesmal bie Berhanblungen gang rubig ner«
liefen. (Jbenfo uerljielt eS fid) bei ben ©teuerauSfdjreiben, bie uon
ber ^Regierung erlaffen rourben. Söie bie ©tabt gang regelmäfeig ihre
Erhöre in ber fpolje non 1250 Wnlbeit an ben -£)ergog galjlte, fo
weigerte fie fidj and) nidjt mehr bie Abgaben, bie g. 50. 1512,
1515 ober 1518 nach bem Befdjluffe ber ßanbftänbe gum Teil gur
SlnSftattung uon *ßriiigeffinuen auSgefdjrieben rourben, oon ben
Raufern, Buben unb Stellern gu ergeben ober uom ftäbtifdjen ßanb»
befitje gu gahlen. Bon einem 33iberftanbe, roie er früher geroöhnlidj
roar, erfahren nur nichts. Bidtt minber fügte fiel) bie ©tabt in bie
hergogüdje ÜJlüngorbnung, fie gab in biefer Beit baS eigene Blüngen
gang auf.
$n bem ©djloffe fanben in biefen fuhren mancherlei Scftlidj
feiten ftatt, bei benen and) Vertreter ber ©tabt gugeqen waren. Ta
rourben 1513 bas Beilager beS ^crgogS ®eorg mit 'Jlmalia uon ber
Bfalg, 1515 bie .frodjgeit ber ^ßrin^efftn 9lnna mit bem £ergogc ®eorg
uon ßiegnitj, 1518 bie Bcrmählung ©opfeias mit bem £>ergoge ftricbridj I.
uon ©djIeSroig gefeiert. ©ewife ging eS babei bod) her, an (heuränge
hatte ber alte .fjergog (flefalleu, mit ben galjlreidjen ßloften, bic in
bie ©tabt fameu, erfreute er fid) an (Belagen unb mandjerlei Bcr=
gnügen. Tod) and) bie Trauer führte un ©djloffe ein, als Stafimir VIII.,
BogiflaroS ©oljii, am 29. Oftober 1518 burd) einen UnglüdSfall auS
bem Beben geriffen würbe. (iS begann eiitfam gu werben umBogiflaro;
er foll fid) in bem ©djloffe nidjt mehr rooljl gefühlt nnb oft BBoljnung
in einem ihm gehörigen g)anfe am ÜRarienplalte genommen haben.
Tort habe er fidj, fo ergäljlen bie ©hronifteu, ohne ©djeu ber
„BJolluft beS ßeibeS mit ©hebrudj, ©ffen unb Trintcn" hingegcben.
Cb baS wirflidj fo fd)Iintm war, fann ljier nidjt naher unterfudjt
roerben. Tie eifrige Tätigfeit BogiflaroS in ben legten $afjren feiner
fjanbeldflreitigteitcn.
137
Segiernng fpricfjt nidjt gerabe befonbers für bie SBatjrfjeit biefer
Sdjilberung.
Unermiiblitf) tvar er mit ber ff-rage über bie ftaatdredjtlidjc
Stellung Sommernd 311 ber Start Sranbenburg befdjäftigt, unb in
Stettin, bad enge Schiebungen gu bem Sadjbarlanbe hntto, «erfolgte
man mit lebhafter Vliiteilnaljmc bie Serhanblungen, bie fdjriftlidj ober
münblidj geführt warben. Sian wünfdjte iuotjl im ^ntcreffe bed
(fpanbeld unb Sertehrd eine frieblidje Urlebigung ber Sadje. (Erfuhren
Stettiner Sürger bod) fdjon bamalS bidroeilen, roeldje .ftinberniffe man
in ber Start ihnen bereiten tonnte. Sereitd 1511 ljatte bad ©bitt
bed fiurfürften $oadjim I., in bem beftimmt roorben roar, alle SBarero
bie in bie SSarttje non unterhalb bjer ober and ber Jffiartlje ftromab
gingen, füllten hiioor Sieberlage in grantfiirt galten, gang befonberen
llnroillen in Stettin erregt. Ter alte SBartljeljanbel, ber gerabe in
ber lebten 3eit in Slufnaljme gefommen roar, erhielt bitrtf) biefe ganh
ungeheuerliche Seftimiuuug einen fdjrocreu Sdjlctg. Sian tonnte fie
fidj in Sommern nidjt gefallen laffen, unb Sogiflaw ließ bie ©ber
für ben märtifdjen Serteljr fperren. Sind) fdjloß er am 21. Vlpril 1512
gu grauftabt mit Solen unb Sadjfen eine Ülbmadjung, burd) bie man
für ben £>aiibelduerteljr oom Cften nadj bem Sleften bie SBege unter
möglidjfter Unigeljung ber Start feftlegte. Tad Kampfmittel, bad
mit ber ©berfperre angeroanbt würbe, roar natürlich oon grocifelljaftem
Sterte, ba ed Sommern unb befonberd Stettin taum weniger fdjabete
ald ber Start. Tcdljalb ift cd rooljl nie ftreng burdjgefiiljrt roorben;
man ljat ed nidjt getobe^u aufgehoben, aber bie ganzen Serljältniffe
ergroangen halb eine ßulaffung bed Turdjganged, and) ald man 1519
nod) einmal ju biefer Stoffe griff. Tantald roar ber Streit groifrijeit
Sranbenburg unb ber Start roieber befonberd heftig entbrannt itnb
nahm an Sdjärfe immer mehr 31t. Tie £>attbeldfperre vergrößerte
bie Giegenfätje, unb Stettin erlitt abermald nidjt unbeträdjtlidjen
Sdjaben. Sraditen ed audj bie eigenen Qntereffen ber Stabt mit
fidj, baß bie Siirger bad ^aiibeldocrbot möglidjft milbe (jmibljabtcii
unb befonberd mit ben ^rantfurtern fidj fo gut ftellten, wie fie
tonnten, fo blieben bodj audj hwifdjen ben Seroohuern beiber Stäbte
3>»iftigteitcn nidjt aud. Sdjon 1503 betlagte fidj ber Jranffurter
Kaufmann Stinß, man wolle ihm bie freie Turdjfitljr von gering
biircfj ben Stettiner ftafen nitfjt geftatten, obwohl er fogar in Stettin
bie Kaufmannfdjaft erroorben 31t haben behauptete. Gd ift nicht tlar,
ob ljier perföulidje Serhältniffe bad Sorgetjen ber Stettiner gegen
SSinß veranlaßten, ober ob tiefere (firünbe vorlagen. Slber jebenfalld
roar mau nicht geneigt, bad Sedjt ber Jrantfurter auf freie
138
©ie $anfa.
©urdjfaljrt ohne weiteres anguertennen. ©ie gange Sage beS Stettiner
SSiniicnljanbclS blieb bei ben politifdjcn ßiiftänben höd)ft unfidjer.
So e bie Sdjroebter BoIIerljebung, fo brauten and) anbere Steuerungen
unb Seläftignngen immer roieber Unruhe mit fid). ®aS gcßt and
einem Sriefe beß Stettiner SRatß an ben non Jrantfurt au§ bem
Bahre 1518 heroor: ®ie Serfjältniffe anf ber Cber lägen fo, baß
man oon Stettin feine Wüter gu Sheaffer oerfdjiffen tonne, ©agegen
befdjroerte fid) 1519 ber Slurfürft Boadjtm über ben „iDlntroillen" ber
Stettiner, oon benen bie alte gewöhnliche Schiffahrt auf ber Cber
oerljinbert werbe; er wüßte „etwas baqegen gu erbeuten, baS ben oon
Stettin fo oerbrießlidj unb nachteilig fein follte, als ben Seinen bie
Serljinberung ber Sdjiffatjrt".
2®ie ftanb Stettin in ber Beit ber ^Regierung SBogiflaroS X. jur
•fjanfa? ®ing and; bie SSlüte beS SBimbeS iljrem Wnbe entgegen, fo
behauptete er bod) in ben leßten Ba^rgeljnten beS 15. Bahrhnnbertß
noch im gangen fein altes Slnfeljen. grcilid) mußten bie beutfdjen
Stäbte iljr ^janbelßgebiet gegen bie oorbringenben £ollänber unb
ßnglanber ebenfo roie gegen ben allmählich entfteßenben ©igenßanbel
ber norbifdjen Söller oerteibigen. 9lodj größeren Sdjaben aber fügte
ber $anfa bie nenbegrünbete Sladjt ber beutfdjen ©erritorialfiirften
gu, bie in ber felbftänbigen ißolitif iEjrer Stäbte unb in bem SRüct=
halt, ben biefe an bem 50unbe fanben, einen SReft ber alten ftäbtifdjen
llnabßängigtcit erblictten. ©cShalb trat and) Sogiflaw ber £janfa
cnergifdj entgegen, unb eine golge baoon war, baß Stettin fid) alb
mäljlidj an ben Ser|ammlnngen unb Jagen nidjt meljr beteiligte.
Bn ber 1494 aufgeftellten unb 1506 erneuerten SRatrifel ift Stettin
nod) als SJlitglieb ber $anfa mit einem Beiträge oon 40 SRI). Wulben
aufgeführt. 9US aber 1516 ber bänifdjc König fid) bei ben Stäbtcn
ertunbigte, ob „de van Stettin ander der van Lübeck und anderer
wendischen Steder Privilegien beschermet mede sin edder nicht“,
ba antworten bie ßübeder gang falt, „dat eren Oldesten davon
nichts bewust“; man wiffe nur, baß fie itjre eigene Kompagnie gu
Balfterbobe fjätten, wolle aber weitere gorfdjung anftellen. So un=
gilfrieben roar mau bamals mit ber Haltung Stettins, baß man eS
gerabegu oerleugnete. 1518 würbe ber Stabt oorgeroorfen, fie fei feit
bem B°hre 70 nidjt meljr oertreten gewefen. ©ie ßanfifeßen ißrioi»
legien aber nahmen bie Stettiner für fich weiter in Slnfprud), ließen
fidj entroeber eingelne WeleitSbriefe auSftellen. fiir bie fie eine Webüljr
an bie beutfdje Kanglei beS ©änentönigS gahlten, ober erwarben von
ben £>errfdjern allgemeine Sdjußbriefe für bie Sdjonenfaört. ®iefe
fanb regelmäßig ftatt, unb tiidjt wenige Stettiner Familien waren an
£>nnbt( unb Sdjiffaljrt.
130
bem S?efit?e auf ber Sitte 31t galfterbo beteiligt. ES finb bort für
bie erften galjrgehnte beS 16. ^aßrljunbertS 41 ®uben nnb 5 nn
bebaute gelber feftgeftellt loorben, in benen ülngeljörige ber gantilieu
Saul, ©toppelberg, Soß, SJiifteljof, ©unnenberg, ^oljenbolg, Srinrf,
©adjteleben, Sraunfdjweig, Eolbbet, ßoiß, ©affe, SOerbermann 11. a.
iljre G5efif)äfte betrieben. 9ln ber ©piße ber Sieberlaffung, bie fid)
bort gur Beit i>e§ .^eringSfangeS bilbete, ftanb ber oom Slate ernannte
Sogt. Er tjatie für bie Crbnung unb bie Seobadjtung ber alten
fjanbelSgebräudje gu forgen, audj (Streitigfeiten, toie fie g. S. 1493
mit bem Ergbifdjofe non ßitnb 11. a. oorfamen, gu entfdjciben. ©er
Serteljr auf ber gitte fdjeint in biefer Beit nod) wenig abgenommeit
gu haben, bie mit bem (Stettiner Birfel begeidjneten Sonnen mürben
in bebeutenben SJleiigen auSgefüljrt, entroeber nad) (Stettin, »on
i»o fie bann roeiter »erljanbelt würben, ober aud) auf (Stettiner
(Sdjiffen in anbere fjäfen. Ebenfo mar ber £>anbel, ben bie
Kaufleute in ©djonen mit gremben ober Einljcinüfdjen trieben,
nidjt gering, wenn ihm freilief) aud) bereits mancherlei £jemmniffe
in ben SKeg traten.
©onft erfaßten mir feljr wenig über ben Serteljr, ben (Stettin
mit anberen ©tabten unterhielt, ßödjftenS bie fiorrefponbeng mit
©angig läßt uns mancherlei frcmiblidje ober feinblidje Segiefjtingeii
erlernten. Sie (Sunbgollregifter non 150ß »ergeidjnen 15 Stettiner
(Sdjiffe, bie ben ©unb paffierten, eine B<tßb bte redjt niebrig erfdjeint,
wenn wir bannt »ergleidjen, bafj bort 95 ©tralfunber galjrgeuge cin=
getragen finb. ES laßt fidj jebodj hieraus fein ©djlufj gieljen für
bie fjölje unb Scbeutung ber ©djiffaljrt ber ©tabt, beim »iele ©djiffe
niadjten iljre gafjrteu regelmäßig in ber Cftfee felbft.
©er Sßolitif beS .fjanfabiinbeS ftanb Stettin fern; ob freiwillig
ober burdj ben ßaiibesljerrn gegwungen, bleibt unentfdjieben. Ein
»orfidjtigeS .gurürfbalten ljat ja, wie wir gefetjen ljaben, ber fRat ber
©tabt in auswärtigen Slngelegenßeiten, bie ibn nidjt bireft angingen,
ftets bewiefen, fobaß fie fein Scrtraucn bei ben »erbiinbeten Stabten
genoß. QÜS ©tettiu fid) im ©ominer 1507 befdjwerte, baß es nidjt
^u ber bamalS in ßübect tagenben Serfanimlung geloben worben fei,
obwoljl eS doreb so lange Tidt und Jare gu ber fjaitfa gehöre,
antwortete man, es fei unterlaffen mit fHiicffidjt auf bie £>eimlid)feit
ber gu beßanbelnben gragen. Sian beriet bort über baS SerljältniS
ßübedS gu ©äncniarf, baS 1509 ginn Kriege führte. Söäßreub
©trolfunb fich baran beteiligte unb cmpfinblidje Serlufte batte, hielt
fid) ©tettiu guriief, mußte allerbingS bafür von ben ©täbteu ßübect
unb ©tralfunb manchen ©djabon an ©d)tffen unb Eiitern erlciben.
140
Soßiflawß ßntt.
©er .fjergog nahm fid) aber feiner Untertanen an nnb neriangte oon
ßiibe.f Sdjabenerfatj, fowie Sd>ut} itjreS .fjanbelß. Gegen Stralfunb
ivanbte ficf) Sogiflaw, ber im Sunbe mit .Honig Johann uon ‘Däne
matt ftanb, bann felbft. Binar gelang eS iljm nidjt, bie mädjtige
Stabt niebergugwingen, aber fie fdjloß bod) 1512 einen Sergleidj.
Stettin bat fiir Stralfunb nidjtS getan, fei eS, baf; bie Stabt nidjt
imftanbe war, gegen ben Sditlen bcS ^ergogS gu fjanbeln, fei eS,
baß bie Sürger überhaupt wenig Sijmpatljie für bie niädjtigcrc Sieben
buljleriit ljatteii. 2ludj fonft haben bie Stettiner feiten in einem
engeren Serljältniffe gu ben Herren am Strelafunb geftanben. ^m
'lRärg 1520 waren einmal Scnbeboten uon Stettin (Surgermeifter
Qafob ^ohenljolg), GreifSwalb unb Vlnriam in Stralfunb mit ben
bortigen SRatSnerren jufammew, um über ein Slufgebot, baS ber £>ergog
an bie pommerfdjcu Stabte batte ergeben laffen, gu beraten. £>ier
füljrte fie bie Cupofition gegen ben ßanbeSherrn gufammen, gemeinhin
aber Ijerrfdjte etwas wie Giferfucht unb {Reib gwifdjen beiben Stabten.
©ie letzten Qaljre ber SlegierungSgeit Sogiflaroß waren für Stabt
unb ßanb wenig glüdlidj. Sradjten fdjon bie politifdjen ^uftänbe
mancherlei Unrucje, fo würben audj im Innern bie Sertjältniffe wieber
fdjledjter. Ter $ergog felbft weilte oft außerhalb beS ßanbeS unb
war gang mit ben branbenburgifdjpn £änbeln befdjaftigt, feine {Räte
geigten in ber {Regierung nidjt mehr bie alte Gucrgie unb ©iidjtigteit.
©ie Unfidjerljcit im ßanbe rourfjS roieber, roogu audj bie fortwäljrenben
g-etjben unb Streitigteiten an ber märtifdjen Grenge beitrugen, ber
Sertetjr auf ben Straßen würbe burdj {Rcaiber gefährbet, Überfälle
beS faljreuben STaufmannS würben häufiger, i« ber Stabt felbft tarnen
Gewalttaten uor. (SS madjten fidj auch in fßommerit bie Seroegungen
geltenb, bie bamals im gangen beittfdjen ßanbe baS .öeranitaheii einer
neuen -Seit, baS ßebenbigwerben eines neuen GeifteS anfünbigten.
So begann and) in Stettin neue frifdjere fluft gu wehen, Sogiflaw
aber uerftanb e§ nicht meljr, fidj in biefe ^cit hineiugufinben, unb
bie ßügel ber {Regierung entglitten unmerftidj ben Rauben, bie einft
fo ftart unb riidfidjtslos im ßanbe unb fonberlidj in feiner £>auptftabt
gewaltet hnüen- hatte baS SerftanbniS für bie Gegenwart
oerloren, als er am 5. Cftober 1523 in Stettin aus bein ßeben
fefjieb. Qu St. Ctten würbe er beigefetjt. Gin fcfjön auSgcfüljrteS
auS .fjjolg gefdjnitjteß (Epitaph, auf bem ber .fjergog mit feiner
Familie am Stenge Gfjrifti fnienb bargeftellt ift, hat fein Sohn
Samirn XI. iljm gu Gljren um 1550 anfertigen laffen. G§ hängt
heute noch in ber Sdjloßtirdjc, bie fidj au ber Stelle beS alten
CttenbomS erhebt.
(Stettins Sauten.
141
9. Kapitel.
Stettin nm 15(10.
m Slnfange beß 16. 3al)rljunbert§ [teilt fidj Stettin bem 93efncher
nidjt unwefeiitlid) anberS bar, wie ^itr ^eit ber mittelalter
lidjeit Slüte ber Stabt, etwa 50 3al,re jinwr. Start bewehrt
burd) bie Stabtmaucr mit 4 ftattlidjen Soren, etwa 10 Sännen unb
minbeftenS ebenfooiel Söiethäitfern, gefdjüßt burd) ben baoor liegenben
©raben, Ijat Stettin eine gar fefte Sage. 1km Eften führt ber große Stein
bamm burdj bie Saftabie bis an
bie Eber, unb oon bort geßt eß über
bie lauge Drüde in bie cigent»
lidje Stabt. Sludj Ijier erljebt ficfj
eine Waner in einiger Entfernung
vom gluffe, unb nenn Sore ober
Pforten führen in bie Unterftabt,
bereu Straßen allmäljlidj hinauf«
[teigen. Sort liegen ba§ KI öfter
ber [Jranjiötaiier, ba§ fRatljauS
am $euniarft mit ber unmittelbar
barauftoßenbeu Jtirdje oon St.
9litolai unb baß SeglerhauS.
Steigen wir bie [anft gcwiuibeneii
Straßen hinan, fo fallen inSVIuge
baß fürftlidje .gjaiiS, beffen gierbe
ber Sogiflawbau ift, ber Warten«
bom, bie mäd)tige3alobitird)e unb
anbere (Mebäube, bic fidj Ijier uub
bort anfeljnlidj erljeben. Saueben befiubcn fid) Heine ®uben unb nidjt
wenige unbebaute Stellen. Ser Haum, ber von ber Stabtmaucr ein«
gefdjloffert ift, bietet nodj manchen ^lat} ju Neubauten. Hur in
einigen Seilen finb bie Straßen eng unb würflig, meift peinlich breit,
uub nod) nicht fdjließen .fjäufer, bie mit uielen Stocfwerten in bie
£>öt)e gebaut finb, Suft unb Sicht ab. Sie Warttplätje haben teilweife
eine größere Vlußbehnung als fpäter, ber Koljl« unb Hoßmarft Ijängen
faft noch unmittelbar jufammen. ?luf anberen neljmen allerbingS
Sdjarrcn unb Serfaufßbiiben jiemlidj oiel %Mat} fort, unb manche
Vorbauten, fiellerljälfe ober Seifdjläge engen bie Straßen ein.
hinter ben Käufern liegen oft ©arten, namentlich an ber SBeftfeite
ber Stabtmauer.
142
SluSfeben ber Stobt.
‘Abb. 5. Sliter Speicher.
®or ben Stabttoren fteljen bie Scheunen unb SBirtfchaftsgebäube
ber Sürger, bort liegen ©bft- nnb Steingärten. Tie „Butenclorschen“,
bie in ben Sorftäbten, ber Cber= unb llnterioiet, bei St. gürgen vor
bent Sßaffonjfcfjen ober nor bem SJlühlentore unb am ßlofterljofe rooljnen,
treiben gum größten Steile h'anbroirtfdjaft, ©ärtnerci ober gifdjerei auf
ber Cber unb iljren Seitenarmen. Vluf ber Caftabie fteljen einzelne
Speicher, bort finb ßagerplätje, ^olgljöfe unb Schiffswerften ober
Steibeftätten für baS Sieb ber Stettiner.
®§ ift fcfjroer, ein 53ilb non bent Slusfefjen ber Stabt in biefer
geit gu entwerfen. Tie ältefte angebliche Slbbilbung Stettins ift bie,
welche Sebaftian ©fünfter in
feiner guerft 1543 gebrudten
ßoSmograpljie bringt, aber leiber
ftellt baS „ßontrafeit" nicht
Stettin, fonbern Stralfunb bar
unb trägt irrtümlich ben ©amen
jener Stabt. Tiefe falfdje Ein-
gabe macht unS and) anbern
Silbern gegenüber etwas arg-
wöhnifd), aber bie Slnfidjt, bie
in bem Stäbtebudje non @eorg
Sruiu unb grätig $ogenberg
enthalten ift, fcheint ber Stirt
licfjfeit im allgemeinen gu ent
fprechen. TieS Silb non 1576
ift nicht gu verfdjieben von bem,
baS mir uns für ben Vlnfaitg
beS 16. gahrfjunbertS madjen
bürfen, nur müffen roir un§ hüten, auS ben geidjiutngen ber eingeluen
©ebäube roeitgehenbe Schlüffe auf iljre ardjitettonifdje (Seftaltnng gu
giehen. Ter fßljantafie bleibt noch übrig, beim audj mit ber
eingigen furgen Sefdjreibung von Stettin, bie aus biefer geit uorliegt,
vermögen wir nicht viel angufangeit, obrooljl fie von einem ©fanne
herrührt, ber bie Stabt lannte. Sljomas Jtantjow fdjreibt in feiner
erften h°^beutfdjen (Sljronil, bie ivahrfdjemlich vor 1538 volleubet
roorben ift, „von Stettin". „Stettin ift bie eltifte Stat in Sommern,
ift aber nodj vor tnrtjen garen geringer geroeft roau ber Sunb
( Stralfunb) unb ©ripfroalbe. Vlber ftjber baS bie £jertjogen bafelbft
haben £>off gehalten, hotS überaus feljr gugenhomen, ift roeit über
®ripfroalbe geftigen unb gibt bem Sunbe nidjt viele nach- ®S leit
an ber Ober an einem Simberge unb ift audj fdjtjr burdjauS fteinen,
II. Stettin um (®ruin unb .ftogenberg).
©ie Seoölterimg
143
aber nidjt fo Ijnpfdj unb gleidj non £>cwfern unb ©offen wie ber ©unb;
bod) ljatz meljr unb beffer ©emedjer in ben ^ewfern als 311m Sunbe,
ljat aroeeu Utjunie (= ©ome) unb funft ßtou Ißfarfirdjen in ber Stat
unb eine uor ber Stat, weldje Sauet ißeter fjeiffet unb uon Samt
Ctten erbaioet ift, bargu jwei Elofter in ber Stat unb ljart oor ber
Stat eine SarttjauS unb Qunrffrawenclofter. “Sie Surften Ijaben bar
audj einen Ijnpfdjen .£>off unb feint funft anbere ftatlidje Sebew ba."
Sfflir muffen unS Stettin nidjt Dorftellen wie einen ber mädjtigen
Orte, an bie wir gewöljiilid) beuten, wenn wir itnS ein Silb oon ben
mittelalterlidjen Stabten ntadjen. Sidjt wie Slütiiberg ober ßübed,
WitgSburg ober ©an^ig barf unS baS Stettin jener ©age oor baS
geiftige Sluge treten, wir muffen uns mit einer befdjeibetteren Sorftellung
oon feinem SluSfeljen begnügen, wie eS unS etwa in ben Heineren
pommerfdjen ober märtifdjen Stabten entgegentritt, bie beute nodj teil
weife im Sdjmude ber mittelalterlidjen Sauten prangen. ?ln Umfang
war Stettin größer als $ijritj ober Königsberg in ber Sleumart, aber
in feinen SBeljrbauten waljrfdjeinlidj nidjt viel anberg geftaltet. 9lie
wirb, fo oiel wir feljen, audj in fpäterer Beit Stettin wegen feiner
Sauwerte fonberlidj gepriefett ober als eine fdjone unb ber Sewuitberung
würbige Stabt bargeftellt; man riiljmt gelegentlidj einzelne Sauten,
aber im ganzen muß ber Einbrucf, ben fie bot, bodj ftetS einfad) unb
befdjeiben gewefen fein.
SSoIlen wir tret; allem Slangel an beftimmten Eingaben eine Bald
für bie Seoölferung Ijaben, fo bürfen wir gewiß nidjt über 4—5000
IjinauSgeßeu. ©ie Steuer beS gemeinen Pfennigs, bie 1495—1498
oom Einfontmen aller über 25 Saljre alten Sewoljuer ißommerns
erhoben würbe, bradjte in Stettin jäßrlidj 210 ©ttlben ein, wäljrenb
in Stralfunb unb feinen ©ötfern 475, in Stargarb 140, in ©reifSwalb
70 ©ulben einfamen. ES läßt fidj barauS beregnen, baß eS 1495
in Stettin nur 200 ißerfonen gab, bie meljr als 25 ©ulben (etwa
400 yJtarT) jäßrlidjeS Einfontmen ljatten. ©ie .ßunaljnie ber Seoöl*
feruitg war, foweit wir fie aus ben Eintragungen in baS Sürgerbudj
ertennen tonnen, nidjt feljr ftarf. $n ben ^aljren oon 1479 bis
1518 würben im ©nrdjfdjnitt jäljrlidj 23 Seubürger aufgenommen,
©er Slbgang muß inbeffen weit bebeutenber gewefen fein, junial ba
bisweilen, 3. S. 1484 unb 1500, „große Sterben“ oortamen.
©er eßrbare Stat war im fRatljaitfe für bte Sürgerfdjaft tätig
unb forgte für IRedjt unb Crbnung in ber Stabt, freilidj fdjon nidjt
meljr unbefdjräntt, fonbern gar oft oom fjer^oge beeinflußt. Erließ
er nodj am 4 Slai 1479 mit „einmütiger Seliebung ber Sllterlente
beS Kaufmanns, ©ewertc unb ganzen ©emeine eine K’onftitution oon
144
I)tr Slot.
Srbfüllen, .fpeergeroette unb Serabe", fo würbe iljm fpäter nidjt nur
baS Seridjt im Sdjöffenftußl genommen, fonbern and) fonft feine
SefugniS, Sledjtsgrunbfäße aufjuftellen, nidjt unerljeblittj befdjränft.
Die Surfprate, in ber bie gültigen Seftimmungen fiir bie Sürgerfdjaft
betannt gemadjt mürben, blieb feit 1480 im wefentlicfjeu unveränbert.
güt fidj felbft gab ber Stat am 3. Qimi 1516 eine Crbnung, nadj
ber jeher SlatSljerr jju ben Sißungen um 8 Uljr, wann de Klocke
in Saute Niclaus-Kerke sleit, auf bem Slatljaufe erfdjeinen foll; wer
gu fpät fommt ober oljne Gmtfrfjulbigung auSbleibt, galjlt eine Selb
ftrafe. S3iel ljaben biefe Seftimmungen, wie eS fdjeint, nidjt genüßt.
Über unregelmäßiges Slbßalten ber Sitjungen uub fdjledjten Sefudj
wurbe audj fpäter getlagt. Sim 30. Cltober 1523 würbe nodj einmal
im Slate ein Sefdjluß über biefe Vlngelegeiifjeit gefaßt. ®er SJürger=
meifter foll bie SiatSperfonen jufammciiljalten unb ber (stabt Sefdjäfte
unb Slotburft mit iljnen überlegen. ®ie (strafen fiir SJerfäumniffe
unb fßerfpätungen feilen unerbittlidj eingeforbert werben; unb jwar
wirb ben beiben jüngfteii Siatsljerren baS wenig angeneljme Sefdjäft
beS Sin^ieljens ber (strafgelber übertragen. SllS Seamte ber Stabt
ftanbeu bem Slate ju fJJienften ber Stabtfdjreiber, ber Stabtfjofmeifter,
ber oberfte Diener, brei reitenbe unb fieben anbere Diener. fBon biefen
waren uier als Quartiersbiener, je einer als löaumfdjließer, £>offdjließer
unb SJlarttmeifter tätig.
SJom .fjanbel ber Sürger Stettins fagtKanßoro: „Qre groffifter
£>anbel ift mit geringe, gifdje uub SSeijn. Der beringt wirt fdjijr
auS allen Stetten baljin gefljuret. So fdjiden fie ine bie Eber
fjinauff gein granrfffjort, oon bar er in alle Orter wirt geljolt, barjegen
fie von fVrandfljort roibberfriegen S8ein, Kupffer, Gif en, roeldjS fie
ban oortbljan über baS ganße ßanb gu Romern, in Denemarden,
Sdjweben, Slorwegen unb fßreuffen fdjiden." fjricbeborn beridjtet vom
Qaßre 1481, baß „foldj eine große SJlenge von gering allljier an»
fommen, roie guvor nidjt gefdjetjen ober gefjöret roorben, alfo baß
alle Sürger» unb KaufmannSljänfer voll gelegen. (SS ljaben aber
bie Kaufleute großen Sdjaben baran erlitten, beim fie bie Haft
meßrenteilS für 30 Sulben eingetauft, aber fiir 10 ober 8 Sulben
roieber geben muffen". 3m Qaljre 1507 roar ein feljr gelinber
SBinter, bem ein überaus frurfjtbareS Qaljr folgte, fo baß ein 5®ifpel
Sioggeu nur 2 Sulben, ber Söifpel Serfte 1 Daler, ber SSifpel £>afer
1 Sulben, bie Donne Sier 8, eine Donne Söein 30 Srofdjeu toftete.
Bum Sergleidje mag bie Eingabe bienen, baß 1520 ber fßreis fiir
2 SBifpel Sioggen 9, für eine l*aft SSei^en 18 Sulben in Stettin
betrug. ®ie Sortäuferei, bie nacfy bamaliger Slnfdjauung ben
Qanbel unb ©eiverbe.
145
Vlbb. 6. «Stein mit Sunftnxippeii auß bem Seßlerbaufe.
Bewohnern ber Gtabt ganj ungemein fdjäblidj war unb ftänbig in ben
Kurfprafen verboten würbe, war nidjt ansjurotteu; immer wieber
fudjten (S’inljeimifdje uub ftreinbe namentlidj betreibe aufßufaufeu,
ehe eß in ber Gtabt <jur Dieberlage unb jitm regel redjten Kertatife
gefoinmen war. ©eßfealb erliefe ber Dat 1523 am 4. Cttober nod)
einmal ein außbrürtlidjeß Verbot beß Ißorfaufß bei Gtrafe beß Ker
Infteß uon GEljre unb ®ut (£ß gefdjah baß in betreiben Seit, in ber
man in Teutfdjlanb gegen bie grofeen ^anbelßgefellfdjaften, gegen
bie „Plonopolien" tämpfte.
Gin äbulidjer Gdjulj bet eigenen Virbeit gegenüber frenibet wirb
amt) in beu .£>aiibwertßrollen mit befonberem Dadjbrude hervor
geljoben. Setjt waren bie (bewerte nidjt mehr bamit aufrieben, bafe
ber Kat iljre Privilegien beftätigte, faft immer würbe bie tjeraoglidje
Kegierung angegangen, ben alten giinitngßbrief 311 fonfirmieren.
Goldje lanbeßljerrlidjeii Kcftatigungeii erhielten in biefer Seit u. a.
bie Köttdjer (1500) unb Gdjneiber (1514). Gireitigfeiten bagegen
frfjlidjtete ber Kat, wie er 1503 baß Vlmt ber SSeifebärfer mit bem
ber ^außbäcfer wegen beß KrotverfaufS verglidj. Tie ftrenge Trennung
ber verfdjiebenen (bewerte mit ber peinliriiften llntcrfdjeibung ber
einzelnen erlaubten ober verbotenen Virbeiten naljm in biefer Seit
nodj 311. Wir Ijöreit inbeffen fo wenig vom .fjaubwerte, bafe eß nidjt
311 fügen ift, wie bie Vlrbeitß unb ©rwerbß-Kerljältniffe in Gtettin
waren. Tie fpäteren (Sreigniffe laffen eß aber alß waljrfdjeinlidj
erfcheinen, bafe bie .ftanbroerfer bamalß redjt guten Kerbienft ljatten.
®U3ii mag ber Ijeraoglidje .fiofljalt and) nidjt wenig beigetragen haben.
'Wir lefen, bafe ber .^eraog (Solbfdjmiebe, Dialer, Gattler, Gd)miebe,
XUe^rmaiui, Bon «ttitln
146
®a8 Sehen in Stettin.
Stellmacher, Sifdjler, Xttrfjfcfieier u. a. befcfjnftigte. ?litd) bas £>of=
gefinbe mit feinen Kittern, Qunfern nnb Knechten t)at gewiß ben
^anbwerfern mancherlei Arbeit gegeben. So Famen auch Ceute nach
Stettin, bie Derfdjiebene, bisher bort faum oertretene (bewerbe ober
fünfte oerftanben. ©ir finben in bem ©ürgerbudje oergeidjnet
©erlenftider, ©lafeioerter (= @Iafer), ©edenfleger (= Sdjüffelmadjer),
Vudjbiuber, (Gürtler, Klipfenmafer (= Verfertiger oon einer beftimmten
Slrt oon Sdjuhen), Rotfilter, (= fjigljut machet), ©liefleger (== ülbereiter),
©ofoorer (= Sudjljäitbler), Kumpemafer (= Verfertiger oon ßeibdjeu),
Kuntormafer (= Üifdjler), Slrmbofterer (= 'Jlrmbruftmadjer), ©litten»
mater (— Verfertiger oon ©litten) u. a. m.
Von bem Slnteil, ben bie Kaufleute oom Seglerhanfe nnb bie
(Seroerfe an bem Stabtreginiente haben, erfahren mir aus biefer $eit
nichts VähereS, aber bei manchen Verorbnnngen, bie oon ©ärger»
meifter unb 'Jlat erlaffen roerben, roirb bie Ginroilligung ber ©ärger»
fdjaftSoertreter auSbrüdlich ermähnt. Ss hot jebodj ben SInfchein,
als höbe ber Kat gerabe jettf baS ©eftreben, bie Teilnahme ber
$anbroerfer guriidgubrängen. SS macht fich bort eine ariftofratifd)
patrigifche Strömung geltenb, bie mit einer SIrt oon Seringfchäßung
auf ben gemeinen ©lann unb ben unruhigen „fßöbel" herabblidt.
®er ©egenfat) ber oerfdjiebenen Sdjid)ten ber ftäbtifdjen ©evölferung
oerfdjärft fidj in biefer ^eit gang offenbar, hätten wir mehr ©ad)
ridjten über baS Geben in Stettin unb ben Verteljr ber Viirger unter
einanber, roir würben fidjerlid) mandje Spuren baoou entbeden, roie
fich bie große fogiale ©eroegung ber nädjften $aljre oorbereitet, roie
es überall gäljrt. Leuten nicht oielleicht mancherlei Verbote beS
KateS inbetreff ber Kfeibung, ber gefte u. a. m., roie roir fie bereits
in ber ©urfprafe oon 1472 finben, ober ernfte ©rmahnungen gum
®eljorfam gegen bie Cbrigteit barauf t>in, bah »tau reoolntionäre
Strömungen bemerfte unb fürchtete?
Von bem neuen g ei ft i g en Geben, baS in biefer 3eit in '3)eutfdjlanb
erroadjte, fpitren roir in Stettin taum etwas. 'Sie ©eilen ber großen
©eroegung brangen nicht bis in bas Ganb am ©leere, unb roaS
bortljin fam, fanb in einer Stabt, in ber bie WeifteSroiffenfchafteii
wenig gepflegt würben, nur geringe ©eadjtung. ©oßl mögen Stettiner,
bie bamals auf beutfehe Unioerfitäten, nadj Srfurt unb ©ittenberg,
fjeibelberg unb ©ien ober gar nadj ©älfdjlanb gogen, eingelnes oon
ber neuen 'Jiidjtung in bie £>eimat gemelbet Ijaben, aber ihre ßatjl
roar nur flein, unb manche Don ihnen feljrten nicht in ihre Vaterftabt
gurürf Slber and) bort madjte fidj ein engerer Slnfddufj an bas
Jteid) bemertbar, befonberS feitbem $ergog Vogiflaro ©egiehungen
Sdjutroefen.
147
gum STaifer unb gu einzelnen beutfdjen dürften angutnüpfen begann.
Slefer al§ früher braiigen beutfdje Kultur, Sefittung unb CebenSart
nad; Sommern not. Söenn 1490 guerft ein Sudjbänbler unb ein
SBudjbinber in Stettin oorfomnien, fo biirfen wir barin ein ßeichen
feljen, bafe jefet bort and) Südjer Slbfafe fanben. 311 ben SReife
büdjern ober ^tinerarien, bie in jener Beit g- ®- »on Sebaftian
'Brant oeröffentlidjt würben, auf ber Sparte beS SlürnbergerS Grljarb
©rglaub (ungefähr 1490—1500) wirb audj Stettin genannt, unb eS
mag mancher SBanberer bamalS bortljin wie auf eine @ntbedungS=
fafert gegogen fein.
Sdjuten beftanben an St. SQlarien unb unzweifelhaft an einigen
Sfarrfirdjen, Unterridjt erhielten bie Knaben in bem erwähnten fürft-
lidjen Kollegium oon St. Ctten unb aud) uielleidjt in QageteufelS
Stiftung, bie fidj feit 1469 in einem -£>aufe ber tleinen Tomftrafee
befanb. Slber fdjon bie Tatfadje, bafe hödjft feiten einmal ein ßeferer
erwähnt wirb, geigt, bafe bie UnterridjtSanftalten nur geringe ®e
beutung im ftäbtifdjen ßeben hatten. Utefer als gang oereingelte
Stetigen, g. B. oon ber „olben Sdjole" (1485), befitjen wir über baS
Stettiner Sdmlwefen nidjt; oon bem UnterridjtSbetriebe wiffen wir
garni<ht§-
Ter Bilbungsguftanb ber weiften Bürger war gewife redjt gering,
liefen unb Sdjreiben waren, wie auS einzelnen üliibeutungen fpäterer
Beit hervorgeht, h°4) lange für uiele imbetainite Künfte. (belehrte
SJlänner gab eS in ber Stabt wenige, oielleidjt einige unter ben
©eiftlidjen, fidjer mandje unter ben fiirftlidjen IRäten, oon benen
einzelne auf ber £>ochfdjule eine atabemifdje SSürbe als üllagifter
ober Tottor erlangt hatten. 'Jlber für oiele Aufgaben muffte Sogiflaw
grembe gewinnen, wie ben furfächfifdjen Dr. Johann oon Sfitfdjer,
ber fidj einige Qaljre in Stettin aufljielt, ober bereits früher ben
berühmten Italiener BetruS oon Staoenna. St ift oon QlreifSioalb
wieberholt nach Stettin getommen unb hat auch eine lange lateinifche
JJtebe oeröffentlicht, bie er bort im $erbfte 1500 frei aus bem
Sebädjtniffe huf halten wollen, aber nicht gehalten hat- TamalS
fanb eine Sijnobe ftatt, bie Sifcfeof 'Dtertin oon ©animin berufen
hatte. Vluf iljr würben oiele SJtifeftäube, bie fidj in ber Kirdje uub
©eiftlichteit bemertbar machten, beraten unb am 5 Cttober entgeljenbe
'Beftimnnnigen für ben KleruS erlaffen. SluS biefen Befdjlüffen im
allgemeinen auf bie guftänbe gu fdjliefeen, ift nicht oljne Weiteres
richtig, unb im befonbern bürfen wir uns bie Stettiner <$eiftlidjteit
burchaus nicht als oerfommen in Siinben unb unwürbig ihres StanbeS
oorftellen. Sicher hot eS audj hier nicht an räubigen Schafen in ber
10*
148
Die ©eiftlidjen.
£>erbe gefeljlt, aber unter allen fpäteren Hejdjroerben treten Silagen
über llnfittli<h!eit unb anftößigeS Geben ber ©eiftlicßen am aller=
weiften juriirf. So bürfen mir moljl annefjmen, baß bie Domherren
von (5t. 'JJlarien unb (St. Ctten in iljren Siitrien ein rnßigeS Geben
führten, ^reilicf), um iljre gottesbienftlidjen '.ßflidjteii fdjeinen fie fidj
nicht viel getiimmert ju haben; biefe überließen fie ben ^aljlreidjen
IBifaren, bie eine eigene Srüberfdjaft unter '.ßroviforen bilbeten. (Sie
verfaßen ben ©ottesbienft an ben Slltären ber Stirdjen, bie in großer
ßaljl von frommen Geilten geftiftet roorben maren, unb verwalteten baS
ju biefen (Stiftungen gehörige Vermögen, wovon feljr viele (Sin
tragungen in ben ©eridjtsbüdjern .ßengniS ablegen. Sie Domherren
felbft traten, wie es fdjeint, weniger in bie Cffentlidjteil, manche von
ihnen mögen audj bie '.ßflidjt, in (Stettin ihren UÖoljnfiß 311 ijaben,
nidjt beadjtet unb es vorgejogen haben, iljre fßriibenbeil an anberen
Crten 311 verbrauchen. Qn ben Domtapiteln finb in biefer Seit 9ln
gehörige bes pomnterfdjen Sibels wenig vertreten, aber woljl finben
mir in iljnen manche 'JJlitglieber (Stettiner Familien. Gange ßeit war
Detan an (St. Ctten (1488—1519) Dr. Henning von ©linbe, ein
Soßn bes StürgermeifterS Wibrecht ©linbe. Wndj ber Dlj^faurar
£>einridj 'JHebefinb (1488—1499) ober bie Domherren Petrus .’pouefdj
(1498), 'Hcuil Hartljolbi (feit 1516) u a waren woljl geborene
(Stettiner. 'Hon ihrem Geben wiffen wir nidjtS; bebeutenbe ©eleljrte,
bie fidj in jener Seit einen 'Jlamen gemadjt Ijaben, finben roir nidjt
unter iljnen. ©rinnerinigeu an iljre 'Jöoljiiungen, bie um (St. SJtarien
unb bei (St. Ctten an ber Stabtmaner ober in ber Domftraße lagen,
haben fidj nicht erljalten, roenn roir nidjt baS eigenartige unterirbifche
(leine ©eroölbe, baS unter bem £>aufe in ber Heinen Domftraße (Vir. 4)
neuerbings entbedt roorben ift, für einen geheimen Steller eines geifD
lidjen Sperrn anfeljen wollen, ©r tonnte oielleidjt von mandjeni
erjäljlen, was unS als wenig angemeffen fiir einen ©eiftlidjeii
erfdjeinen würbe. SftiitjmeiisroerteS wirb von einem Domherrn WnbreS
SBranb, ber 1510 ftirbt, beridjtet; er hat, fo tjeifet eS, auch bem
Stifte viel ©uteS getan. Das Vermögen ber beiben Domftifte war
redjt bebciitenb. ©riinbbefitj hatten fie in .jaljlreidjen Dörfern um
Stettin ober im 'Hijritjer SGeijader. XGegen beS Dorfes £robenfeld)oro
führte bas 'JJlarienfapitel feit 1510 einen 'Gro^eß gegen bie ©rufen
von .fcoljenftein unb 'Bierrabeu, ber fidj viele 3«hre hinjog. Vludj
fonft hatten bie Domherren gar mandje 'Jledjtsftreitigteiten um ©runb'
befiß mit WbelSgefdjledjtern, bie bereits lüftern nadj bem firdjlidjen
(Eigentum ausfdjaiiten. $n ber Stabt befaßen bie Stifte galjlreidie
fünfer unb waren ftets beftrebt, neue <pt erwerben, ba biefer fteuirfreie
Die gofobifirdje.
149
Befiß befonbers norteilljoft roar. Bor altem aber verfügten fie
über ein großes JTapitalvenhögen, baS in Stabt nnb Sfanb ginSbar
angelegt roorben roar. güt baS frrdjltdje Veben in ber Stabt roaren
bie Domfirdjen oon geringerer Bebeutung, ba fie feine '-Pfarrtirdjen
roaren uub ihre Sprenget nur wenige £»anfer gablten. Drotjbem
machten and) bürgerliche gantilien nnb Korporationen in bei Dianin
fird)e Stiftungen oon Elitären, SJleffen, Bitanen ober fanben bort
ihre letjte Slulieftätte. gn ben Deftanienten biefer Bpit werben
gewöhnlich aud) St. 'Diarien unb St. Sitten mit Bermäcfjtiiiffen
bebacfjt; mit Borliebe beftimmte man, roie es fdjeint, ein ffieläut nut
ben fdjönen Worten ber ©ttenfirdje, bie 1471 unb 1473 neu gegoffen
roorben roaren.
Die .f)auptpfarrfird)e ber Stabt roar bie von St. obi, bereit
'Patronat immer noch bas Bamberger DlidjaelSfloftcr befaß. Bon
bort Ijer tarnen bie fpriore, bie an ber Spitje ber GJeiftlirfjfeit ftanben.
Sic rocchfelten in biefer Beit giemlid) oft, man batte offenbar in
Samberg ben Sßunfd), bie nadj Stettin entfanbten 'Dlonrije nidjt
burd) gu lange Slbroefenljeit bem Klafter gu entfrembeu Dem Brior
ftanben ein Unterprior unb ein eigens gum Srebiger ernanntet Bruber
gur Seite. 9lber neben ihnen roirtte an ber Slcrdje eine große ;}cifjl
von Bitaren, benu St. gatobi war gang befonbers reich mit Elitären,
Bifarieit unb anberen Stiftungen ausgeftattet; eS finb mehr als
80 nadjroeiSbar. Siele ber an ibnen befdjäfngten (Meiftlirfjen gehörten
Stettiner gantilien an, wie von Slffen, Beringet, Debeloro, QJlinbe,
Qiotbbef, WtnterSberg, ^ohenbolg, £>ovefd), Coiß, Scheie, SSeftfal,
SSufforo u. a. Sind) biefe Bi la re taten fid) gu einer @enoffenfd)aft
gufamnicti, bereit Borfteher ebenfalls oft vor «Seridjt gu tun hatten
Denn ('ielbgifdjäfte gab es genug, nidjt nur für bie ftircfje, fonbern
aud) fiir bie eingeluen Stiftungen, unter benen in biefer 3pit befonbers
häufig Seelmeffen, Slimofen, Dagetiben ober Blarientiben (baS beißt
beftimmte gortesbienftlidje geiern) vortameu. gn St. ^Jcifobi batten
viele fünfte, ber Bat, bie Dritter, bie Sdjüßen, bie Sdjöffeu, bie
Segler, bie C>öfei ihre Elitäre, Iper roirtten Brüberfdjaften ber heiligen
Dreifaltigteit, ber gebntaufeiib 5)1 ater unb elftattfenb gungfraiic* beim
Oiottesbieufte nut. SQlit reidjem GJepränge unb großem Wange war
er ausgeftattet, an ben gabireidien Slltären fanben regelmäßige geiern
ftatt, unb oft brängte fid) in bent weiten Baume beS gotifdien Baues
eine ungäl)lige Dlcnge von Slnbädjtigen, befonberS an ben gublreidjen
gefttagen, welche bie Slitdje bamals feierte Dann ertlang bie
Orgel, bie 1486 erwähnt roirb, bann rourben bie Behquieu gegeigt,
bie man auS Bamberg gefanbt ljatte. Biele ljpil*Üp Q'efäßp, Bilber
150
Tie gafobi- unb bie ©tfolaifctdje.
unb mancherlei Zierrat bienten jum Gchmude beS ©otteShaufeS. ©on
i^m ift nicht« auf unfere 3eit gefomnien, auch bie zahlreichen Stab
fteine, bie einft in ber Kirche lagen, finb oerfchwunbeii. 3n unb um
3alobi fanben mahl bie meiften Siirger ber Gtabt ihre ©ul)eftätte,
aber fdjon bamalS ging man mit biefeu ©räbern wenig pietätSooU
um. Ter ©lange! an ©laß zwang oft z» riicffid)tSlofem ©erfahren,
unb bei ben häufigen Sauten mürbe gar manches filtere ohne weiteres
Zerftört unb befeitigt. ©etabe gegen (Enbe bes 15. ^ahrljunbertS
fanb ein großer Umbau ftatt, bnrch ben bie $?ircf)e eine oöllig oer«
änberte ©eftalt erhielt, ©leifter £>anS Sönete fcßloß 1504 biefett
Satt ab. Ta erhob fich baS gewaltige ©laffio beS einen TurmeS,
beffen Knopf am 13. $uli 1503 aufgefetjt würbe; er ragte 180 gufj
in bie £>öhe als ein weithin ficfjtbareS 'löaljrzeidjen ber Gtabt. Tie
Geitenfchiffe waren leljt ebenfo hoch wie baS ©littelfdjiff, unb an ber
©orbfeite war ein neues angefiigt worben. Gtrebepfeiler an ber
Giibfeite, lange Slenben, ein fcf)öner Kapellenanbau im Sorben zierten
oon Vlußen baS Webäube, baS fonft in einfachen, aber burch ihre
Timenfionen wirfenben formen baftanb. Ihn bie Kirche herum lagen
bie Käufer ber ©eiftlichen unb ©itare. 3» bem ^tattfe an ber Güb
feite, baS heute noch als ber ciltefte ©rofanbau GtettinS erhalten ift,
wohnte ber ©rior mit ben iljm z"gefellten Samberger ©löndjen.
©roßen Slnftoß erregte es, baß fie bort Sier auSfchenften, baS fie
unter bem Gchutje ihrer Gteuerfreiheit oon ©afewalf ober ®amm ein«
führten. Cft genug befeuerten fich bie ©rauer über biefe Konturrenz-
aber felbft bie Gtabtoerroaltung, bie für ihren GtabtteÜer baS ©riuileg
beS SluSfchenfenS oon fretnbem Sier ljatte, oermocßte nichts gegen
biefen ©lißbrauch geiftlidjer greißeit auSzurid)ten. Urfpriinglich mar
eS wohl nur für ben Kalanb ber ©eiftlichen, eine ©efellfchaft
gefelligen ©baratterS, gefreßen, aber halb ftellten fid) and) anbere
©äfte in biefer „offenen Gchente" oon Gt. $atobi ein. 3« ber
©apen unb ©rapengießer-Gtraße (ber oberen Gchulzenftraße)
befanben fid) ©ifarienhättfer, bie aber aud) in anberen Gtraßen
nicht fehlten, eins oon ihnen in ber ©eljet Gtraße nannte man baS
©aternofter=.f>auS.
Tie zweite ftäbtifdje ©farrtirdje war bie uon Gt. ©itolai, in
bie bas alte Keffin, faft bie ganze Unterftabt an ber Cber, ein
gepfarrt war. 9(uch hier fehlte es nicht an ©ifarien unb Gtiftungen
aller 2lrt, beten ©atroue oornehmlid) einzelne Kaufleute, Griffet unb
gifcher, fowie ihre Korporationen waren. Tie SUterleute beS SBanb=
fchnittS unb Kaufmanns ftifteten hier ©larientiben ober Tiben ber
©lebelibinge (bcS ©litlcibenS) ©lariä, bei beneu zu beftimmten gelten
ftofpitäler.
151
©efänge gu ®t)ren ber heiligen Jungfrau gefangen würben. Tie
Krämer errichteten fjier eine (Stiftung fiir bie Cidjter, „de dar werden
gedragen vor dat Sacrament, wen men to den Kranken geit“, eine
Kompagnie ber 1OOOO fRitter ober eitieSrasmuS 53riiberfd)aft beftanben
Ijier. (£inige ©lieber ber ©emeittbe beforgten bie äußeren 3lngelegen=
beiten, befonberS bie Verwaltung beS Vermögens ber Kirdje,
baS nidjt fehr groß gewefen gu fein fdjeint- Sfarrljerr war lange
3a[jre .fjerr SRatttjiaS Vlet (minbeftenS feit 1405 bis etwa 1536);
fein £>attS lag in ber grauenftraße Sieben ber Kirdje befanb fidj
eine iljr gehörige Vabftube, bie woljl reidjen Grtrag brachte. Von
bem ShtSfefjen ber Slifolaifirdjc, bie bidjt neben bent JRatljaufe lag,
tonnen wir uns aus biefer -Seit feine rechte Vorftellung machen. Sie
war ziemlich lang unb breit unb ljatte einen Turm, in bem eine
©locfe hing, bie nut ber mertroürbigen ^nfdjrift oerfeljen war:
Lewer Bole nim miner wahr.
Wenn et seven sleit, so findestu mi alidar.
He sprack: Ja.
Son bem inneren Sdjmurfe biefer Kirche, bie recht eigentlich baS
©otteShauS auch bes nieberen ViirgerftanbeS war, ljat fich nicht mehr
als ein toftbarer Keldj erhalten. Gr ift 1493 oon bem SRöndje
(Siegelte Tebelow geftiftet, mit feinem Schmud unb in feiner gangen
SluSfüßrung ein Kunftwert, vermutlich ein Teuf mal einljeimifdjer
^janbwertStüdjtigteit. Qn Vifolai tarn e§ gu einem (Jjgeffe, al§ 1490
ein ßutaS 9?iemann einen ffiitar geroaltfam aus feiner Kapelle oertrieb
nnb biefe abfdjlofj. Vielleicht bürfen wir in biefer Tat bereits ein
Slngeichen für bie guneljmenbe SRißadjtung ber ©eiftlidjfeit unb SIb
wenbung von ber Kirche erlernten. GtwaS ähnliches geigt auch ber
Tiebftaljl, ber 1479 in (St £$afobi vorlaut. Tie verbiente Strafe
erreichte biefe K'irchenfdjänber in Kiel.
Tie St. ©ertrubsfirdje unb baS babei befinblidje £>ofpital
anf ber ßaftabie ftanben unter ber Verwaltung von SBorftetjern, bie
auS bem Vürgerftanbe gewählt waren. (Sine eigentliche Sßfarrfircfje
war bieS ©otteSljaitS nicht nnb befaß feinen <ßfocrer, fonbern ben
©otteSbienft beforgten SBifare ober auch SRönche bes Karmeliter
IDrbeiiS, bie gugleidj bie Krauten beS .fjofpitalS, namentlich foldje,
die an den bösen Pocken liegen, pflegten. Von bem Van wiffen
wir nichts. Tie beiben anberen ^jofpitäler vor ber Stabt, vom
^eiligen ©eift unb St. Jürgen, würben in ähnlicher SBeife burch
weltliche Stoviforen oerwaltet; fie waren mit reichen Stiftungen unb
großem Sefitjc auSgeftattet. Sin ben Kapellen, bie gu ihnen gehörten.
152
Ätrrficn nnb fflöfter.
roaren Weiftlicße ber (Stabt tätig. St. Jürgen vor bent <ßaff orofdjen
Sore befaß Silben auf bent Heiligen Weift Serg nnb bent Söbenberg.
£»ier batte and) bie größte Srüberfcfjaft ber Stettiner ftlerifer, ber
ftalanb oon St. Jürgen, ben retigiöfen Slittelpunft. Unter ßeitnng
eine§ SetanS nnb mehrerer Serroefer vereinigte fid) bie ®eiftlid)teit
fltt tirdjlidjen feiern nnb gefclligen ßnfannnentiinften. Salb fpielten
biefe bie Hauptrolle im ßeben ber Sriiber, nnb bic Baien fpotteten
roobl oft über bas aitsgelaffene Sreiben, baS bei foldjen geften
ftattfanb. ®a§ niefjt nnbebentenbe Sermögen nnb bie mancherlei
Freiheiten, roeldje biefer fialanb befaß, madjten biefe Srüberfcfjaft ^n
einem Welbinftitnte nnb git einer GrnicrbSgenoffenfdjaft, bie fiir baS
wirtfdjaftlidje ßeben ber Stabt von nidjt geringer Sebentnng
roar. SJiefe Sätigfeit ber Weiftlidjcn erregte halb Scib nnb lln
^nfriebenheit bei ben Siirgern, bie fidj in ihrem (bewerbe beeilt
trädjtigt fühlten.
3m Sd)illing§fottnent, ber 1495 auf bem Söbenberg erwähnt
wirb, hatten bie Seginen ihren SBohnfitj. Unter biefem Samen roaren
Frauen, bie in tlöfterlidjer 5öeife jufammenlebten, ohne baS Weliibbe
ber Sonnen abgulegen, fiir bte ft'ranfenpflege tätig; fie verbienten fidj
mit ihrer SIrbeit ihr Srot. Wcftiftet roar ber Stettiner Konvent jtt
einer nnS itnbcfannten .Seit, wie eS fdjeint, non einem ffllanne mit
Samen Schilling. 3hr HanS führte nodj fpäter oft ben Samen
SeginenhauS.
Sor ber Stabt lag bie Seter Saul5=Rirdje, 31t ber bie Se
roohner ber Sorftäbte gehörten. Tas Heine efjrwiirbige WotteStjauS
roar niit Sifarien ausgeftattet, bereit Satrone entroeber einzelne
Familien, S. bie ßoit?, Sonnenberg, Siarbenbcrg n. a., ober Fünfte
unb Wilbett, rote baS Sdjiniebeamt unb bie Fifdjerinnung, waren.
Ter Sau war wohl int 9lnfaiige beS 15 3ahrh»nbertS aiifgefiihrt
roorben; bie Slirdje befaß ein inaffiveS Weroölbc mit bebcutenber
Spannweite unb ljatte bamals vielleidjt 3 Sd)iffe. 1517 würbe ber
Turm neu gebedt; einzelne Stüde von biefem Sau finb nodj heute vor
hanben, inSbefonbere einige adjtedige Kalffteinpfeiler. Qm Fahre 1520
rourbe bas ®ebäube burch einen neuen Stabtgraben unb einen
SBall gefdjüßt.
9lnt Klofterljofe befanb fid) attdi bas reid)e unb angefeljene
Fungfrauentlofter, in bent bie „begebenen 3»ngfrauen" unter
ßeitnng ihrer 9ibtiffin nnb Srioritt fidj frommen 'IScrfen unb Tienften
roibmeten Sehen Södjtern abliger Wefdjlcdjter, wie ber iSidftebt,
Sanimin it. a., faubeit hier audj Ftnigfrauen auS Stettiner Siirger
familien, Seringcr, SJttlf, Kroger u. a., Unterfunfi fiir iljr ßeben
Die Hlöfltr.
153
Der 2anb= unb Hapitalbefitj beS ftlofterS war bebeutenb, unb feine
Werwaltuug erforberte bie Straft eines SJlanneS, ber als Stlofterpropft
bent Hoiiuente jur Seite ftanb. (Er vertrat iljn jitnieift bei ben
Wed)tsgefd)äften, unb bie Gieiftlidjen Qoljann Srebow, Qoljann Sdjare,
$afob Warbenberg ober Wlidjel Sirdjent, begegnen un§ um 1500
oft in ben Gieridjtsbüdiern bei Serlaffungen, Hänfen ober Weilten
verfdjreibiingen. Die Hlofterbörfer an ber Cber brachten reidje (Erträge,
bod) Ratten bie Sägte ober Hauptleute eS Ijäufig nidjt leidjt, bie
Untertanen 31t ben Slbgaben, Dienften unb Stiftungen aii^ufjalten
@ar oft mufften ber Stopft ober ber Sogt in ben vcrfdjiebenen
Dörfern Gieridjt galten unb Streitigfeiten entfdieiben ober llngefjorfam
beftrafen. Die Werwaltung bes SefitjeS fdjeint nidjt fonberlid) forg
fältig getuefen 31t fein, man ljat c§ wenigftend nidjt für nötig gehalten,
bie einft um 1312 angelegte Wlatritel fortjiiführen, in ber bie alten
^Privilegien unb Sriefe, fowie bie filoftergiiter nnb (Eintiinfte auf»
ge^eidjnet worben waren. So mögen mancher Sefitj unb niaiidjes
Wedjt im ßattfe ber .ßeit verloren gegangen fein, wie 3. SB. baö
filofter 145*7 mit bem Watsfjerrn 'Peter Sprenger tun £>ercui§gat>e
von ©üterii projezierte. $n ber Hirdje unb in anberen Wäinnen
befanb fid) ein verhältniSmäfjig reidjer Sdjatj an wertvollen (Geräten,
Ornaten, Heldjen, firetijeii unb Deden, bie woljl 311111 Deil bie
Wonnen tunftreidj angefertigt ljatten. Da waren geftidte Worfjänge,
Wlanipeln, Stolen ober Silben, auf betten Silber von ber Slttf
erftetjung ober Himmelfahrt Gljrifti, vom jüngften ©eridjt 11. a. in.
bargeftellt waren, Wläntel für bas Silb ber SJlaria Wlagbalena, ber
Sdjutjheiligen beS HlofterS, ober ber Wlabonna unb manche anbere
Hoftbarfeiten. 'Wie bas Sieben innerhalb ber Winnern fidj abfpielte,
bavon ljaben wir feine Haube, aus ber einen anfällig erhaltenen
Slngabe, bie ein (Ebelmann vor Gleridjt madjte, er habe eine „greunbin"
ini Hlofter oft befudjt, bürfen wir feine 31t weitgeljenben Sdjlüffe
jieheti. Sind) von beu Saulidjfeiten beS HlofterS wiffen wir aus
biefer ^eit faitm etwas. Dodj ftanb woljl bamalS bie ftirdje, wie
fie im 14. Jaljrljunbert erridjtet worben war. SSegen ber (Erhaltung
ber Stabtniauer, au bie baS (Gebiet ftiefj, tarnen niannigfadje Streitig»
feiten mit bem Wate vor, eS hcrrfdjte aber im allgemeinen jwifdjcn
beiben gutes (Einvernehmen.
Weit mehr im ftäbtifdjen ßeben ftanb baS ^ranjisfaner»
flöfter, bie grauen Wlöndje tauten mit beu Sürgern in nahe
Serüljrung. War aud) bie £>odjfdjät;iing, bie man vor ber feel
forgerifdjeu Dätigfeit, ber Sinnen nnb Hrantenpflege ber Wiinoriten
einft geljabt hatte, im Sdjwinben begriffen, fo erfreute fid) ihr jtonvent,
154
Tie ÄlBflet.
namentlich bei ber nieberen Seoölterung, boch noch immer einer
geroiffen ^Popularität. 911S ©egriibniSftätte roar bie ftlnfterhrche feljr
beliebt, unb manche ber beute faft untenntiich unb unleferlidj
geworbenen (Grabplatten ftammt auS biefer iJeit. SDBotjl fpottete muii
bereits nicht feiten über bie ©ettelniöncfje unb roar nicht mehr fo
freigebig roie früher, aber man ftanb immer noch einem freiinb«
fdjaftlichen ©erhältniS 311 ihnen, ba fie auf xuirtfcfjaftlicfjcm (Gebiete
ben ©iirgern faum Konfurreng machten unb roeber auf bent (Gelb=
marfte, noch im Raubet eine SRolIe fpielten. Ter ftonuent mit bem
CGarbian an ber Spitje liefe eS fogar 311, bafe Gaien bei ber ©er
roaltung ber Kirche unb beS KlofterS mitwirtten. ßludj in biefer
Beit ift noch an ben (Gebäuben, bie einen roeiten ©tatj einnaljnien,
gebaut roorben, ber Kreuggang roar eine B’erbe beS KlofterS. SBaS
oom Geben unb Treiben ber ©rüber berichtet roirb, mufe mit ffiorficht,
ja mit SJlifetrauen angefeljen roerben, ba fpäterc tenbengiöfe Tar
ftellung eS oft in bunfehi färben gu geichnen liebte. (Geroife rourbe
bie ©egel beS Fjeiliqen grangistuS mit bem (Gebote ber Slrmut nid^t
mehr ftreng beobachtet, geroife roaren auch h’er gar manche ©rüber
in ihrem SBanbel anftöfjig, aber eine ausgeprägte SUifeadjtung gegen
biefe Sllöndje geigt fich ’n (Stettin nicht.
TaS neue KI öfter ber io eifeen ©löndje in ber nach ’hnen
benannten SDlöndjenftrafee ljat im geiftlidjen unb bürgerlichen Geben
ber Stabt feine grofee ©olle mehr fpielen tonnen. Tie Karmeliter
manche tonnten nicht einmal ben ©au ihrer ber heiligen Slnna
geweihten Kirche ferligftellen, ber hohe ®hor> ber angelegt fein
foll, ftanb lange ^Vnljre als ber allein oollenbete Teil. ben
(GeridjtSbüdjern treten bie witten Moneken mit ihrem ©rior unb
llnterprior feiten auf; eine St. Sinnen ©riiberfehaft, gu ber and)
befonberS bje Stabttnedjte gehört gu haben fcheinen, wirb oon 1497
bis 1522 wiebertjolt genannt. ©Joher baS ©erwögen biefer Stiftung
ftanimte, wie grofe eS war ober roie eS oerroaltet rourbe, baS finb
fragen, bie fidi nidjt beantroorten laffen.
ftiir baS ftäbtifche Geben roar oon ©ebeutung audj baS braufeen
liegenbe Kartljäufertlofter, beffen Konoent eS oor anberen oer
ftanb, bie Kapitalien in ber Stabt nutzbar angulegen. Tiefe geift
lidje Stiftung rourbe ein iGelbinftitut erften ©angeS, bas für ben
(Grnnbbefiij oon gröfeter ©ebeutung roar. Tie Schulboerfihreibungen
ober ©entenbriefe, bie oon ben Karttjau|ern auSgeftellt würben, finb
galjlreichcr, als bie einer anberen Korperfdjaft. Ter B’n§fufe, gegen
ben fie ’Gelb auSIichen, betrug in biefer B^t meift ß oom .fmnbert.
Tie (Erträge tarnen bem Klofter auS reichem ©efitje in ben Törfern
GJtiftlichtS Geben in ber Stabt.
155
an ber unteren Eber, auS Hebungen non SRüljIen ober Böllen,
roie [ie in bent SBeftätigungSbriefe oon 1449 aufgewühlt finb. £b
nod) bamalS roiffenfcfjaftlidje Stubien, uon benen ein Heiner erhaltener
3left oon ©anbfdjriften geugniS ablegt, in bem Tarife blühten, läßt
fich nidjt angeben. sJRit anberen Klöftern besfelben CrbenS in SRoftorf,
Jranffurt a. D., ©ilbeSheim u. a. unterhielten bie ©erren uon ber
Stettiner Srieberlaffung GiotteSgnabe gefcfjäftlidjen ffierteljr. Die gange
Gebenshaltung ljatte in biefem Klofter einen vornehmeren Vliiftrict),
mit Seelforge, Krönten unb Vlrmenpflegc gaben fid) biefe Gieiftlidjen
roenig ab. Sie führten ein befdjaitlidjeS Geben, ueradjteten aber in
ihrem recht ftattlidj auSgebauten Klofter roeltliche Jreuben ober Seniiffe
burdjaus nicht.
Slufjer biefen in ober bei Stettin gelegenen Klöftern hotten and;
anbere fortgefeftt fBewiebungen jur Stabt. Daftin tarnen frembe
Settelmöndje unb terminierten bei ben ^Bürgern, b. t). fummelten
Vilmofen ein. Da falj man JranwiStaner auS GJrcifenberg ober
fßijrift, Dominifaner aus ißaferoalt ober Gaiumin mit bem Settelfacf
in ben Straffen herumgehen, ba erfdjienen woljl auch Dönniesbrüber
au§ SJlectlenburg, bie iljre mit Gflörfchen behangenen Sdjweine oor
fich her trieben. Die vornehmeren Cifterjienfer aus Kolbat? hatten
ihr VIbfteigequartier im Slbtshofc am JRofeiigarten, Vlugnftiner fierten
auS Warft ober Stargarb erfdjienen gu ^Beratungen über bie SRefornt’
plane ihres DrbenS. Bu bem S3ilbe, roeldjeS baS Strafjcnleben jener
Beit bot, gehörten bie Kuttenträger, unb manche Ginroirtung auf bie
Seroofmer mag oon ihnen ausgegangen fein. DaS fönnen roir
natürlich nidjt im einzelnen fontrollieren, bodj füllten nicht bie Gegatc,
bie in faft allen üeftamenten jener Dago für Kirchen, Klofter nnb
anbere Stiftungen auSgefeftt werben, barauf hinbeuten? Da uer=
machte 3. 58. 1511 ftlanS $3ölte ©elbfummen, gumeift Heine ^Beträge,
an bie Kirdjen uon St. SJlarien, St. Dtten, St. fRitolauS, St. Jafob,
St. fßeter, an bie grauen unb roeiften fDlönche, bie Jungfrauen, bie
©ofpitäler uon St. Jürgen unb bem ©eiligen Weift, an bie Slrmen
uon St. Giertrub. Jn ähnlicher SBeife haben Diele SBürger, bie '-Ber
mögen befafjen, fich nut bem ungerechten SDlanimon einen Schaft im
©immel gu erwerben gefucht. Wüte VÖerte 31t tun roar eine 'Pfhdjt
ber ©hriften, ber fich feiner 31t entziehen fudjte. Das beroeifen auch
bie zahlreichen fflrüberfdjaften w»r pflege ber Vinnen unb (Slenben,
ber SBitroen unb SBaifen, bie in Stettin beftanben. Die dop
nehme SBrüberfchaft St. SRarien, bie ©erwog IBogiflaro an bie Cttem
tirche nerlegt hatte, lief? eS fief) angelegen fein, Knaben 3U erwieljen,
bie 5Brüberfd)aft St. £tten roirfte in bemfelbcn Sinne, bie fBerroefer
156
SJiifjftintmunß geßfn bie Gtiftlirfjfeit.
ber Sinnen, bie Korporation ber Glenben trugen fiir bie pflege in
Kranfljeiten ober fiir bie ©egröbniffe ber ßfrcinben Sorge.
Gute onberc ftragc ift eS, ob bie ©.leit ober Klofter Geiftlidjen
aucf) fonft im ßcbeu ber Stobt eine bebentenbe Stolle fpielten. Slnf
roirtfdjaftlidjem Gebiete roar es entfdjiebeti ber galt, unb $roar nidjt
immer 311t 3nfriebenljeit ber Voten. Tie rege Tiitigteit, bie jene im
£)anbel ober im Gelbuerfeljr entroidelten, rourbe uon Jfaitflenten nnb
.ftonbroerfern feljr ungern gcfeljen. Tenn roie tonnten fie mit ber
Kirdje fontnrrieren, bie fidj fo uielcr ©cuoi^ugitiigen erfreute? Tie
JVrciljeit uon Steuer unb Sdjofj, oon Tieuften unb ©iirgerpflidjtcn
erregte immer meljr llii3nfriebenljcit. SScnit bie Geiftlidjen bürgerliche
Slabntng trieben, warum 30g man fie nidjt audj 31t bett ©erpflidjtimgen
fjeran, bie anberen Gewerbetrcibenben aiifedegt roaren? SBanim lief?
man fie frei uon ben oft redjt fdjroeren ßaften, bie anbere tragen
mufften? Tiefe llngeredjtigteit marijte ben Staub ber Geiftlidjen
unbeliebt, ja jum Teil gerabe^u oertjafjt. SJian fdjalt auf bie faulen
Settelfärfe, bie Trofjiien, bie fid) uon anberen ernäljreu ließen, itnb
forberte immer briugeuber Slbftellung biefer fDlißftänbc. So tarn e§
311 manrijen Streitigfeiten be§ SlatS mit ber Geiftlidjfeit, 311 matidjeu
ärgerlidjen .fxiubclti einzelner ©ärger mit fßfarrent, ©tfaren ober
©löndjen. Gs lag eine 'JJlifjftünmitng über biefe ^uftnnbe in ber
ßuft, unb gcrabe in Stettin madite fie fid? uni fo meljr gelteub, alS
es bort unter ben Geiftlidjen jener Seit faum ©Immer gab, bie ein
©erftänbniS fiir bie üblen ©erljältniffe fjatteii. Söir erfahren nie
etwa§ bauon, bafj ©fairer ober iDlöttdje eine (jernorrageube Stellung
in ber Stabt einnaljnien ober eine befonbere Stolle im ßeben ber ©ärger
fdjaft fpielten. Tie Sdjeibitng gwifdjen Klerus unb ßaieutum fdjeint
feljr grofj gewefen 31t fein. Tie Geiftlidjfeit würbe meljr unb meljr
ein fVrenibforper in ber Stabt, ber iljrer Gntiuideliing oft ljinberlid)
fein mußte. Tiefe Tatfarije würbe freilidj erft uon einzelnen empfunben,
aber biefe Gnipfiubung inufete immer allgemeiner werben, je mehr
ber Klerus fidj uon ben ßaien frijieb unb ihren Qntereffen in inandjen
©unften gerabe^u entgegenarbeitete. So cntftanb bei aller i’lnljäng
lidjfeit an bie Kirdje als foldje bod) ein Gegenfaß gegen ihre
fRcpriifentaiiten, uub jwar befonberS in ben Streifen ber ©iirgerfrijaft,
bie am nieiften unter ben materiellen ©urteilen ber Geiftlidjfeit 31t
leiben batten, unter bett .£>anbroerfern uub Heinen ©iirgern, bie oft
in ben Kleriferu redjt unbequeme Stoiifurrenten erbliden mufften.
Tort begann es 311 gäljren, bort regte fidj im ftilleu eine
Dppofition, bort würben Sln.^eidten fitnb, bie auf einen itabcnben
Sturm Ijinbeutetcn.
Sojiale unb firctjlic^e Beroegnngen.
157
10. jtapitel.
Pir Seit ber ^kformation.
99ft88oginle unb tirdjlidjc Bewegungen, bie fid) feit langer ^eit
vorbereitet ljatten, begannen um bas $ahr 1520 fidj audj
in Stettin 311 regen, ©s baljnte fid) eine neue Beit an, in
ber mehr als bisher bie ©injelperfimlidjfeit im Stabtregimente uub
in ber Wirdje 311t Weitung 31t fonimen fudjte. 'Die lli^nfriebcnljcit
mit ben beftcljenben Berhältitiffen fam 311m 'Ausbnirfe, befonbers als
uon Wittenberg (jer bas Wort uon ber Freiheit beö ©briftenmenfdjcn
ertönte unb ber Stuf nadj einer ^Reformation bet Slirdje lauter würbe.
Bn ben Stabten fanben fid) Ceute, bie es oerftanben, biefe Bolts
ftimmung 311 fdjüren unb fid) 311 giiljrern ber fojialen 'Bewegung 311
machen, ntodjten fie aus luirflidjer Über.^eugung uon bem 'Jledjte, ba§
fie uerfodjten, ober aus ©l)rgei3 unb £)aß gegen bie Ijerrfdjenbe St taffe
tjanbeln. Wir feljen unter ihnen uaineittlidj -fianbwerfer, aber aud)
Hanfleute, bie bei ihren Berufsgeiioffen oft großen Anhang gewannen.
Diefen Demagogen gegenüber hatten bie Vertreter bes bisherigen
^Regiments nidjt feiten einen fdjweren Staub, weint fie ihre Stellung
in ber Stabtuerwaltnng behaupten wollten. Cb fie bie wirtlidj uor
Ijanbenen 'JJHßftänbe nidjt erfaunten ober ob fie biefe nur ableugneteu,
ift nidjt in jebem ftalle 311 entfdjeiben. Wewiß bat eS unter ihnen
yjläiuier gegeben, bie riirffidjtsloS iljre Bladjt ausnußtcii unb fidj
and) nidjt fdienten, in eigenem Bntereffe 31t verwerten unb Wemeinbe
gelber gerabe3it 311 uiiterfdjlagen, waren bodj bamals bie Wewiffen
nidjt fo fein wie in nuferer Beit, aber baß alle feite Bürger Diebe
unb Betrüger waren, wie fie oft gefdjoltcii würben, ift 130113 unglaublich-
Als ein neuer Streitpunft trat bie religiöfe grage 00311, unb fie
wirfte weiter 3erfeijenb auf bie Sdjidjten ber Beuölteruiig. Sdjloß
fid) audj vornehmlich bie Bürgerichaft ber neuen firdjlidjen JHidjtuiig
an, fo blieb bodj audj bte '.Ratspartei, wenn wir bie Anhänger beS
alten StabtregimcutcS fo nennen töiuien, uon ber neuen Bewegung
nidjt unbeeinflußt. ©S fd)icben fidj hier bie 'Parteien in anberer
Weife, unb bie Anhänger ber tirdjlidjen SReform waren nidjt immer
3iigleidj einer Umbilbuug ber Stabtuerfaffung 3iigeneigt. Die Stell«
geftaltung ber Sl'irdje ljatte aber audj weittragenbe folgen für bie
fojiale unb wirtfdjaftlidje Bewegung; man benfe nur an bie ejemte
Stellung ber Weiftlidjen in ber biirgerlidjen Wemeinbe, bie ja fdjon
lange ein Stein bes AnftoßeS war unb oft bett Anlaß ba3U gab,
Stellung gegenüber ber rcligiofen 'Jieform 31t neljmen.
158
Einfluß uon SutberS Sluftreten.
©ann bie erften 'Jladiridjten oon bem Vluftreten VutljerS nach
Stettin gelangten, löfet fid) mdjt feftftellen. üJewiß wirb man feiner
^ängfeit erft größere Vlufmertfamfeit ^ugemaiwt haben, als er immer
mehr in einen offenen Wegenfalj 31t ber alten Atirdje geriet. SefonberS
feit ber C^ip^iger Difputation, bei ber ^eijog Sanum, Sogiflaws
©otjn, jiigegen mar, mag SäljereS über ba§ tiiljne Sluftreten beS
SlöndjeS in ber Stabt bctannt geworben fein, nnb ba§ Qntereffe an
biefer neuen Sewegung imirbe lebhafter, al§ 1520 aud) einige Stettiner
in ©Ittenberg immatrifuliert worben waren. Sie berichteten in Sriefeti
oon ben neueften Sorgängen nnb iiberfanbten bie großen ^Reformation»
fd)riften ßittljerS in bie Heimat. Salb tarnen fjerumjießenbe ^ßräbi»
tarnen nach Stettin, uerfünbeten bie neue ßeßre, unb bie fRadjridjt
oon ben Ereigniffen auf bem SeicßStage 3U ©ormS, 311 bem fid)
$)erjog Sogiflaw begab, erregte gewiß große Sewegung. So würben
ber ^Reformator unb fein ©ert befannt, unb gar mancher Streit über
feine Ceßre wirb in ben Streifen ber Sürger ober ber Eeiftlichen
au§gefod)ten worben fein. Sicher glaubte nod) niemunb, baß ber
Vlnfang 3U einer völligen Trennung oon ber alten Jltrd)e gemacht war,
baß halb eine Sdjeibung gwifdjen Sllt unb Seugläubigen eintreten
werbe, man badjte nur an eine Umgeftaltung ber tirdjlidjen Ser»
bältniffe, bie reriit Dielen erwiinfd)t erfchien. Daher falj man bie
hierher üerfdjlagenen 'Anhänger ber ßutljerfdjen Sßartei nod) nicht als
Eegner ber Hirdje, fonbern als Sertreter einer anberen SRidjtung an,
unb felbft bie «Jeiftlidjeri uerfagten ihnen nicht ohne wDitereS Srebigt
jtubl ober 'Altar.
Eine fdjon früher viel erörterte fjrage würbe infolge ber Ereigniffe
in Stettin uon neuem aufgeworfen. Sian hielt bie Seit für getommen,
aberniuls wegen ber Steuerfreiheit ber ® ei ft lieh en nnb 3iuar
befonbers wegen ber Sefteueriiug bes ftäbtifdjen ErunbbefitjeS ber Dom«
ftifte, 311 üerhanbeln. Der Streit hierüber war nidjt oerftummt, feitbem
ber JRat in bem Sei trage von 1492 bie fünfer unb £>öfe beS Otten
ftifts als frei oon Sdjoß nnb GJrmib^inS aiierfaniit ljatte. Sielleidjt
hatten bie Domherren m ber leßteu Seit ihren Sefitj burd) Vlnfauf
uon Raufern vermehrt, oielleicht tarn aud) nur gerabe jetjt ber Unwille
über bieS Srioilegutm ber Eeiftlidjen 311 befonbers lebhaftem 'AuS»
brurfe. Vluch i,n Säte regten fich Zweifel, ob man mit jenem Ser
trage md)t ber Eemeinbe llnredjt getan habe. Sian befdjloß, über
biefe Vlngelegenljeit, bie bamals tu uielen Stäbten 311t Erörterung
tarn, ben tDlunn um 'Jlnt ju fragen, beffen Same in aller Stunbe
war unb ber in fircfjlidien fragen uon uielen atS ein befonbers
tompetenter Siebter angefeljen würbe. 3m ^aljre 1522 richtete ber
SutljerS Srief an ben 9lat.
159
JRat an SRartin Cutter ein Schreiben unb bat um feine SReinung
über bie ^erangiefjung ber (Meiftlidjen gu ben bürgerlidjen Saften.
Da biefer Srief nidjt erhalten ift, miffen wir nidjt, ob ber gefomte
'.Rat mit bem Sdjritte einoerftanben war ober ob nur ein Deil ber
'JJlitglicber fid; fo gu Suttjer befannte ^ebenfalls miiffen aber greunbe
beS '.Reformators im Slate gefeffen unb fidj nidjt gefdjeut Ijaben, mit
ihm in Serbinbung gu treten. Er antwortete am 11. Januar 1523,
allerbingS in einer SSeife, bie woljl bie SJleljrgaljl faum befriebigte.
Denn er fcfjrieb, ber gefdjloffeue Sertrag beftelje gu IRedjt; wenn er
aber nidjt beftänbe, fo fei eS billig, bafj bie Domljerreu bie bürget*
lidjen ßaften mittrügen, unb ber Stat Jolle, falls fie fidj weigerten,
burdj eine allgemeine Crbnung bafür forgen, bafj fie ber Cbrigleit
untertan feien. SRan fieJjt, bafj mit biefent Sefdieibe nidjt uiel
angufangen war. Dafjer ift eS nidjt wunberbar, bafj bie Sympathie
für ßuttjer im Stettiner Siat infolge biefer Slntwort nidjt wudjS. 3a
oielleidjt fdjieben fid) bort fegt bie (Meifter, unb e§ bilbeten fidj bie
beiben Parteien, bie fidj oon nun an immer feiublidjer gegenüber-
traten. Sion ben Siirgermeiftern neigten fidj Qafob Sjofjenljolg
(1504—24) unb £>anS Stoppelberg (1508 -38) ber neuen firdjlidjen
fRidjtung gu, wäljrenb goadjim SDtto (1512—35) unb Sloritj ©linefe
(1519—45) wenigftenS im Slnfange an ben alten Einridjtungen feft
gufjalten roünfdjteii. gür bie 'JiatSljerren, bie biefer Slnfidjt waren,
galt fdjon jegt als $aupt unb güfjrer iljr ,,'JRitfumpan" $>anS ßoitj,
ber Sohn beS früheren Siirgermeifters URidjel ßoifj, (f 1494). Seine
gamilie fommt feit ber SRitte beS 15. gatjrljunbertS in Stettin oor.
Cb bie Überlieferung oon itjrer ^erfunft aus bem Sauernftanbe ridjtig
ift, muß batjingeftellt bleiben. Salb tarn fie in Stettin gu SBoljl«
ljabenijeit unb Slnfetjen. ^anS fdjeint guerft baS ©runbftiirf in ber
grauenftrafje erworben gu Ijaben, auf bem feine Erben bas fdjon
gegierte £>auS erbauten, baS Ijeute nodj auf beut Sdjweigertjofe oon
ihrem Sieidjtuni geugt. SSie ber '.Rat bamals unter einanber uerwanbt
unb uerfdjroägert war, erlernten wir aus ben 'Jladjridjten über biefen
ßoitj; ber Siirgermeifter ^oljenljolg war mit feiner Sdjwefter uub er
felbft mit beS SürgermeifterS ©linete Schwefter vermählt. Er ljatte
als Satron galjlreidjer tirdjlidjer Stiftungen in oerfdjiebeiteii Kirdjeu
enge Serbinbungen mit ben ©eiftlidjen uub tjirig, wie eS fdjeint, aus
iibergeugung an ber alten firdjlicfjen ßeljre feft. Em 3?reunb ber
'.Partei ßutljers war ber Kämmerer Joachim Knljle (1520—43).
JRoch meljr alS int State madjte fidj bie Spaltung in ber Siirger*
fdjaft gelteub. Unter ben Slngeljörigen bes SeglerljaufeS unb ber
©ewerte fam eS gu lebhaften Erörterungen infolge bes Antwort
1(iü Saul t>om Sobe.
fdjreibenS ßutberd. 9Jlnn fah, wie ber SRat Fid) betrübet entgweite,
ntßii befprach in ben ^nfariinienfiitiften im Stabtteller ober bei ben
SRorgeitfpradjen bie Buftanbe in ber ßemeinbe unb Stirdje, man
[d)alt, wie es '-Brand) ber Sürger iuar, auf einen ehrbaren Slat.
Sdjou früh traten als Rührer ber lutljerifd) (Mefinnteii, bie gugleidj
gegen ben !Hat ^eßten nnb fdjürtcii, bet '-llpotljefer Jllaus Stellmadjer,
(feit 151(1 Sürger), ber IRüiigmeifter Senebift Sdjröber (1515) unb
ber Sdjueiber KeweS JJriebrid) (1508) heruor. Sei ihnen fielen bie
Süinfdje nad) einer SReform bes StabtregimeutS mit foldjen nad)
einer llmbilbung bes SlirdjenwcfeiiS gufammeu. 3» Üjren Streifen
fd)eint bereits etrna im Qanuar be§ BaljreS 1523 ber Shtnfd) laut
geworben 311 fein, über bie neue religiöfe Mehre nidjt nur uon einzelnen
'.ßräbifanten, bie gufällig nad) Stettin famen unb fid) bort nur uor
übergebenb aufljielteu, Scleljrung 311 erhalten, fonbern einen Sßrebiger
unb Mehrer bauernb bei fid) gu feljeu, ber ihnen bas ßuangclium
uerftiube. Tesljalb erging aus ihrer 'JJlitte ein Schreiben an Muther,
er möge einen foldjeu 'JJlaitu fenben. Tiefer Sitte willfahrte ber
Reformator; in feinem Sluftrage erfdjien uielleid)t fdjon im Februar
1523 in Stettin Saul itoni SRobe, ber 1489 bei dueblinburg ge
boren, feit 1513 in SJitteuberg ftubiert unb fid) friil) an Mutljer
augefdjloffen Ijntte. VllS tßrebiger unb Mehrer batte er bann in
Jüterbog unb in bem nabe gelegenen Torfe Oehna gewirtt. Son
bort fam er nad) Stettin, wo er bei ben greunbeu unb Snljängern
ber Vut()erifd)eii Mehre Slufnaljnie fanb. ßr uerfüubigte baS ßuan
geliuni guerft unter freiem $immel, wie es in jener religiös bewegten
Beit häufig gcfdjal), nnb gwar nach alter Überlieferung auf ber
Maftabie bei ben bort gum Sertaiife geftellten 'JRüljlfteiueu. Ter 3U
lauf, beu er fanb, wud)S, ba er mit ruhiger Sefonnenljeit gefprodjen
gu hoben fdjeint, fo bah ber (begenfatj, in bem er gu ben übrigen
ßeiftlidjen ftanb, nidjt fdjarf hervortrat. ßr verlangte feine '.Reiterung
ber fird)lid)eii Beremonieii unb betonte woljl Ijauptfädjlid) nur bie
(Skunbleljreu bes '.Reformators uon ber Rechtfertigung allein burd)
ben ©lauben unb ber grunblegenben Sebeutung ber Sibel. So tarn
es, bah er felbft bei Wegnern ber firdjlidjen Reformation Bnftinimung
fanb. '-Ruf Sitten feiner ^reunbe erwirfte ber 3lat oom fßrior an
St. gafobi Johannes bie ßilaubnis, bah 'Jtobe nadjmittagS in biefer
Ät'irdje prebigeu fönne, uub präfeutierte als Patron mehrerer Stiftungen
itjn bem Srior als Sitar. Bit ber Slirdje bat er längere Beit gewirft;
{jergog Sogiflaw hörte feine Rrebigt am 4. 31111’ 1,r’23 unb ljatte
au iljr nichts aiisgufeljen. 9leben iljm traten aud) anbere GSJeiftlicfje
berfelbeu iRidjtung in Stettin auf unb prebigten gum Keil nur
SHtfliöft Streitißftiten.
161
ooriibergehenb, roie FotjanneS ft'tüpftro, gum Seil bauernb, roie SRifoIaue
^ouefdj, ber uielleidjt ein Stettiner non ©eburt roar.
Vlllmäljlid) tarnen natürlidj bod) mancherlei Unruhen nnb Streitig
feiten oor. Bereits im Februar ober SOinr^ oergtiffen fief). wie berichtet
wirb, gwei SRünggefellen tätlich an bem Unterprior, nnb and) gwifdjen
ben ©ciftlidjen entftanb halb 3onf unb Streit über religiöfe Fragen,
©in SlifoIauS ShoniaS g. B. griff Slobe Ijeftig an unb roollte iljn
overpuchen, dat he de Lude jo by dein olden Geloven beholde.
®agu tarn, bafe ber'fßrior Johannes, roie eS fdjeint, 1523 ober 1524
burdj SßetruS Sudjner erfetjt würbe, ber bem Auftreten SiobeS in
feiner Uirdje Sdjroierigteiten entgegenfefete, and) bem Sdjelten uub
Sdjmätjen, ba§ auf beiben Seiten erfolgte, nidjt entgegen trat, hierbei
geidjnete fid) oielleidjt fdjon bamals, jebenfaltS fpäter ber bifdjöflidje
ftapellan Beter Bröntfe au§, ber befonbers heftige Eingriffe gegen
fftobe richtete, ©in folcfjer Streit, ber auf ben Stängeln au§gefod)ten
würbe, regte natürlich bie ©emüter ber Biirgerfdjaft nidjt roenig auf
unb fdjuf eine tiefgeljenbe Sdjeibung ber Parteien Sie Beroegung
wuchs unb würbe burd) wichtige politifdje Fragen, bie an bie ©emeinbe
Ijerantraten, nodj erheblich oerftärft.
Vltn 5. Oftober 1523 ftarb $ergog Sogiflaw X. ©r hotte ber
SieformationSberoegung in feinem ßanbe ziemlich gleidjgültig gegen«
über geftanben, jebenfalls feine rechte innerlidje Stellung gu ber ini
Borbergrinibe fteljenben religiöfen ®rage geroonnen. SUS fich ober
Unruhen unb reoolutionäre Bewegungen in ben Stäbten funbtaten,
erliefe er am 24. September 1523 einen fdjorfen ©rlafe gegen bie
verlaufenen Münche und losen Leute. Bon feinen Söhnen unb
9lad)folgerii galt ©eorg I. als ein entfefjiebener Anhänger ber alten
Stirdje, Barnim XI. bagegen als ein etwas lauer unb unentfdjiebener
3-reunb ber Cuttjerfcfjen Sßnrtei. Vlber nidjt bie Frage nad) bem
Bertjalten ber jungen £>ergoge in ben Sleligiongfadjen befdjäftigte Slot
unb ©emeinbe in erfter fiinie, fonbern bie ^mlbigungSangclegenheit.
Badjbem Bogiflaw bie Selbftänbigfeit ber Stäbte befdjränft unb fie
ber abfoluten ©eroalt bes ßaubesherrn unterworfen hatte, madjte fich
jetjt bort eine Steaftiou gegen bie SJtinberung ber ftäbtifdjen Unab«
ljängigfeit geltenb. ©§ fefjien ben Stettinern bie rechte Seit getommen
gu fein, ben neuen dürften gegenüber ihre alten Br*°>legien unb
Siechte geltenb gu madjen unb bereu Betätigung oor ber $ulbiguiig
gu forbern. ®ie £>ergoge bagegen roollten erft nach her .£>ulbigmig
bie Freiheiten ber ©emeinbe betätigen. So tarn e§ gu einem fdjarfen
Slonflitte gwifdjen Stabt unb ßanbesherren. ®et güljrer ber oppofitio
neUen Bartei im State roar £jan8 ßoift, ber 1524 gum Bürgernieifter
XUetfrmann, von Stettin. <.
162
Spaltung in ber Sürgerfdjaft.
gewäljlt würbe unb non nun an in bem regelmäßigen Stedjfel immer
wieber bie Leitung be§ fitjeiiben Sates erljielt. (staub er in ben
firdjlicßen fragen in einem Wegenfatje 31t feinem Sdjroager unb Vlmt§=
getroffen Stoppelberg, fo war er in ber £ulbigung§angelegenljeit mit
biefent einer SReinung.
3m Säte faß mau, wie e§ fdjeint, biefe {Jrage fiir widjtiger an
als bie religiöfe. Tie Sürgerfdjaft bagegen forberte immer bringenber
eine Neuerung bes At'irdjenwefenS unb war Ijödjft unjitfriebeu, baß
bie SatSljerreu in biefer Se^icljung nidjtS taten, ja bie Wegner, wie
lioitj unb (Stoppelberg, fidj jufantmenfanben. URati rebete offen uon
Seftrebungen bcS SatS, bie firtj gegen bie Sürgerfdjaft ridjteten, unb
fdjalt immer lauter auf bie SRißwirtfdjaft ber (Uique, bie iljre 'Jimter
nur 311 eigenem Sorteile auSitüße. Selbft oon Stoppelberg er^üljlte
man gan^ offen, er ljabe oom Stabteigentum, bem Störfange, unb
oom St. ßteorg ßirdjenader Stüde 311 feinem Steingarten genommen,
fowie gegen be§ SateS Sefdjluß im ftäbtifdjen Seljöl^ 311 Semit; unb
anberSwo Säume fällen laffen unb 3U eigenem Süßen verwanbt.
Solcß ®erebe, wie es über mandje Slitglieber bes SateS umlief, war
woljl geeignet, ben Unwillen ber ©emeinbe 311 erregen, unb 3U ben
genannten bemotratifdjen güljrern gefeilten fidj halb anbere, wie ber
Sdjneiber £>an§ Teßmattn, ber ©robfdjmieb $anS Sabbante, ber Sarbier
3oadjim ©djmibt, 3afob Stege, ftafper Srinrf u. a., bie immer lauter
eilte 'linberiing ber „Soli3ei", b. tj- bes ftäbtifdjen ^Regiments, Der
langten. Tiefe gorberung trat neben ben SJunfdj, „baß ba§ Stert
WotteS feinen Fortgang Ijaben unb inan bie Sinnen oerforgett unb
eine Sdjule aufridjten follte".
3m grauen SUofter fanbett im grüljjaljr 1524 wieberljolt Ser»
fantntlttngeti bes Teils ber Sürgerfdjaft ftatt, ber bringenb bie SIbftellung
ber Sefdjwerbett verlangte. Ta ging eS ftiirmifdj 3U. Sor anberen
führte Allans Stellmadjer bas Stert; er brattg barauf, baß ber Sat
eine „gute Politie an richten“, einen SluSgleidj mit ben fjürftett wegen
ber (ürbljulbigung 3iiftanbe bringen unb Wotteß Stert anueljmen folle.
Sehen iljnt traten befonberS Senebilt Sdjröber, 3af°b Stege ttnb
teafper Srind Ijernor unb gaben ber ÜRißftimniuiig gegen ben 9tat,
ber feit längerer Jeit leine Sißungeii ljalte, lebljaften ülusbrud.
tSiiblidj einigte man fid), einen größeren 'RuSfcljuß Don 300 uub
einen Heineren oon 48 Släniiern 3U wätjlen, bie mit bem Slate oer-
Ijanbeln feilten. Tiefer weigerte fidj lange, bie 30rberungen ber
(Semeinbe 31t bewilligen, geriet aber in immer größere SebrängtiiS,
ja oerlor eine ßeitlaug gatt3 bie 4>errfdjaft; eS wirb wenigfteus
beridjtet, baß Stellinadjer bie Stabtfdjlüffel mit (Gewalt an fidj
Tie 48 Vlätmtr.
163
genommen tjctbe. Ta fcgeint fid) ber fRat trog bes Streites, ben er
mit ben SanbeSljerren ljatte, an biefe gewaubt gu gaben. Sie
beftellten gergoglidje IRäte als Vermittler in bem lernte gwifdjen SRat
nnb ©enieiiibe, unb biefe bradjten am 28. 'JRai 1524 einen Vergleicg
guftanbe. Vadj iljm füllen 48 etjrlicge unb oerftänbige 9Ränuer, bie
aus ber ©emeinbe erwäljlt werben, mit bem VatStollegium unb ben
Vllterlcuten über eine gute Voligei unb ^Regiment beraten unb bie
'JJläugel im Stabtregimeute beteiligen; wenn fie fief) nidjt einigen,
wollen bie .frergoge bei ber Erbljulbigung bie Entfcgeibung treffen.
So würbe ber Vürgerfcgaft eine Teilnagme an ber Verwaltung gu«
geftanben, freilidj eine 9leuorbnung war erft in weite ?lusficgt geftellt
unb bie Jrage ber firdjlidjeii ^Reformation garnidjt gur Erörterung
getommen. TeSgalb bebeutete biefer Vertrag niegt oiel ineljr als ein
iöaffenftillftanb, bie Ungufiiebenljeit bauerte fort, ja wudjö wieber,
als man merfte, wie befonbers bie Viirgermeifter Woig unb Stoppelberg
bie 48 SRäuner mit VHfjacgtung beganbelten unb, um igre gorberungen
nidjt gu erfüllen, ben IRat garnidjt gu Sitjungen beriefen.
Slucg bie frergoge fagen fieg in ber froffnung auf eine Einigung
mit ber Stabt bitter getäufegt. Bunäcgft fuegte man oon iljrer Seite
aus bie oerfproegeue llnterganblung burig allerlei Stäube Ijittaus
gufdjiebeu, bann trat inan in einen giemlicg erregten, aber ergebniS
lofen Sdjriftroedjfel. ßwar bradjten bie oon ben Sfürfteii beftellten
Vidjter, unter benen fieg aueg Vifcgof EraSniuS oon Eanintin befanb,
1525 eine gegenteilige 3©’age guftanbe: Tie frergoge wollten wäljrenb
ber Srrung ben Stettinern gnäbige Herren fein uub fie fdjirmen, unb
biefe gelobten ©egorfam als treue Untertanen. Ter eigentlidje Streit
aber wegen ber frulbigung fanb trog langwieriger Verljanblungen,
ungültiger Scgriftftürfe unb ©utadjtcn, bie g. V. non ber juriftifdjen
gafiiltät ber granffurter Unioerfität erftattet würben unb fieg gum
Teil für bie Stabt auSfpradjen, leine Veilegung, uergebenS bemüljte
fidj Vifdjof EraSniuS Qagre lang, iljn gu feglicgten. Taneben
befdjäftigten bie Ereigniffe im Vorbei! ben JRat, ba bie ftäbtifdien
gntereffen bort nidjt niinber in ffrage tarnen als bie ber anberen
franfaftäbte. üöenn Stettin fidj aiug bem Vitnbe lange fern gegolten
gatte, fo naljm eS boeg an ben Veratungen teil, bie im SRärg 1520
gu Stralfunb wegen ber bänifdjen Übergriffe ftattfauben. slönig
Eljriftian IT. von Täiiemart ljatte bas Biel im 'Auge, bas mertantilifdje
Ubergewiegt ber franfa in feinen SReidjen gu bredjen, unb biefer fßlon
trat offen gu Tage, als er im September 1520 ben nationalen SÖiber-
ftaub in Scgwebeu niebergegwutigen uub fidj Stodljolms benüiegtigt
ljatte. 2lber unter ©uftav Söafas gügtung ergob fidj bort ber
11
Die .£>anfa.
164
Slufftanb halb wieber unb mit größerem Grfolge. Die $anfa gögerte
nod) lange, bie Schweben nerfprodjene .fjjilfe gu leifteu, unb erft im
f5rü[)jaf)r 1522 mar bie Stimmung für ben STrieg entfdjieben. Gine
flotte würbe uon ßübect auSgefanbt, gu ber alSbann bie Sdjiffe ber
58unbeSftäbte fließen. 'Die Operationen ljatten aber nur ein gering
fügigeS Refultat, unb auf bem großen läge ber Stäbte in Stralfnub,
gu bem and) giemlidj fpät RatSfenbeboten Stettins erfdjienen, geigte
fid) wenig (Geneigtheit gu energifdjen ßeiftungen; man einigte fich
mit SJlüfje über einen Termin, an bem bie {Jlotte gur SluSfaljrt bereit
fein füllte. Stettin fdjidte gwar fein Schiff gu ber flotte, bie im
UJlai in See ging unb anfangs mit (Glücf operierte, bann aber einen
unrühmlichen Rücfgug antrat, fanbte inbeffen, roie iljm ber Rat uon
ßiiberf im September 1523 begeugte, ben Ratmann 3aSper Bremer
mit 30 ßaft 'JJteljl nnb 30 ßaft Roggen gu £>ilfe. 211S bann ftönig
ftriebrid; alS Stönig uon (Däuemart unb Rorwegen anerfannt worben
war, beftätigte er am 1. September 1524 ben in Kopenhagen an=
wefenben Senbeboten bie Briuilegien, bie ihren Stabten uon bänifdjen
Königen uerlieljeii worben waren. ßugleidj erhielt ßüberf bie Soll
madjt, ungefähr innerhalb gwei Qafjren bent Könige bie ^aufaftäbte
namljaft gu madjen, bie ben SJlitgenuß au biefen 'ßriuilegien tjaben
füllten. UUß biefer Vertrag in Stettin betannt würbe, war eS
natürlich bie Aufgabe beS Rates, ber Stabt ben Slnteil an bem
wichtigen Sßrioileg gu fidjern. Gr erlangte bann auch, baß ßübect
am 23. Quni 1526 beurtunbete, baß Stettin ,,to all eollikeu Privi-
legien, Fry- und Gerechtigkeit in den Riken Dennenuuken in
rechter Tidt vermöge bcrorder Confinnation namkundig gemaket“
fei. 3u gleidjer Seit oerfpradj ßübed audj, bie uorgebracbten SBe
fdjwerben über Bebriidung ber Stettiner in Dänemart bortljin gu
feiiben. “Diefe politifdjen (Gefdjäfte nahmen bie Dätigteit bes Ulates
natiirlid) nidjt wenig in Slnfprudj, fobaß bagegen bie inneren Sin«
gelegenljeiten gurücftretcn mußten
(Dagit tarn, baß eS nidjt an mannigfadjen Reibereien mit Branben»
bürg feljlte, ba ber Kurfürft Soadjim I. bamalS mit beu pommerfdjen
•fjergogen wegen ber Grbljulbigung wieber in .Swift unb Streit geraten
war. Gr ließ fernen Unwillen an Stettiner Kaufleuten, g. 58 Sfafob
UJlilbenitj unb 'Balger greiberg, aus, unb audj baS brachte uielfältige
Sdjreibereien unb Rerljanblungen mit fich, bie <5n einem langwierigen
ißrogeffe am ReidjStammeigcridjte führten. Sn biefer Sadje ftanben
bie dürften ber Stabt gur Seite, obwohl bie 3rrung gwifdjen ihnen
nodj nidjt befeitigt worben war. ^Damals Derfdjärften fich inbegug
auf bie Religionsfrage bie (Wegenfäße nidjt unwefentlidj, namentlidj
Jliiftflhinp beß S'iul vorn Sobc. 165
infolge ber heftigen Singriffe, bie vonfeiteu ber alttirdfliqjcn Weift lieben
gegen *ßcnil vom fRobe nnb feine ©efimningßgenoffen erfolgten. Eß
foni gu einer offiziellen Sefdjmerbe über '.ßcter Srömfc, ber mit ben
Ejeftigftcn Sdjmähmorten gegen bie ßeljre oom ßaienfeldje eiferte, unb
ber fRat trat in Serljanblung mit bem Srior von St. ^afobi. ®iefer
gob enbhdj nad), alß bte Wemeinbc bie Srftellung SRobeß ginn tßrä
bifanten bringenb verlangte. So mürbe ^aitluß förmlich an ber
Kirche angeftellt unb tonnte vor= unb nadjmittagß prebigen. 'Dieß
3ugeftänbni§ ift nur barauß gu erflären, baß fRobe im allgemeinen
redjt gemäßigte gorberungen aufftellte unb vor allem einer gemalt
famen Stuberung ber firdjlidjen Scbrdudje energifdj entgegen trat.
Deshalb erfchien er audj ben Slltgtäubigen alß berjeinge Slnfjänger
ßuttjerß, ber am erften gu bulben mar; „er bat beß Srebigenß mit
fonberm fjleiß geivartet unb eine lange 3«t ahn e™>(l Suberung baß
Evangelium verfiinbet". Salb famen anbere ©eiftlidje nach Stettin,
bie mit iljm gemeinfam für ßutljerß ßetjre mirften; nielleidjt mar
einer von ihnen burd) ben b^rjoglidjen SRat $oft von 'Jlemitj, ber ein
mariner gtennb ber neuen firdjlicfjen SRid)tung mar, auß SSitienberg
eingelaben morben. ^m alten Kleruß machte fid) bie SSirfung ber
ßutberfd’en ßef)re bereits geltenb. ®aß Kapitel ber Kartljaufe vor
ber Stabt erliefe am 24. Slpril 1524 eine öffentliche SStarnnng an bie
auß bem Klafter entwichenen SRöndje unb forberte unter SInbrohuug
von Strafen gur fRüdteljr auf; ob eß bamit einen Erfolg batte, ift
unbefannt. Sluch auß anberen Klöftern fdjeinen bereitß eingelne Sin
gehörigen außgetreten gu fein unb ihre Weliibbe anfgegeben gn haben.
Ebenfo fam eß ivegen verfdjiebener Stiftungen in ben Kirchen gu
Streit, ba bie ißatrone bie Serfügung über bas Kapital verlangten
unb bie Wciftlichen fich weigerten, eß heraußgugebcn ober meuigftenß
5Reajenfd)aft gu legen Selbft ber Slot lelpnc eß ab, eine altber»
gcbradjte Baljlung an ben .ftalanb von St. <fitrgeii gu leiften. 9?odj
energifd)er ging er vor, alß man in biefer Seit einen SJeubau ber
SRauern uub bie Slitßbcfferung ber Stabtrocille begann $iergu miirbe
eine allgemeine Steuer außgefdjrieben, unb man verlangte bie Baljlung
and) von ber Weifttidifeit, namentlich von ben beiben Tomfapiteln
von St. SRarien unb St. Ctten. fRntürlidj erhoben biefe lebhaften
SEöiberfprud), galjlten aber fdjliefelid) 200 GJulüen. ®a bie Stabt fich
bamit nicht gufrieben gab, mürbe ber Streit vor bie $ergoge gebracht,
unb biefe entfchiebcn am 19 SRai 1525, baß bie ^ßriefterfchaft ober
Klerifei nodj 250 Sulben in ^roei Terminen galjlen unb 50000 9Rauer=
fteine liefern follte. ®afiir mürbe fie von aller weiteren Seihilfe gu
bem Sau befreit, ber fich auf bie gange SRauer uub bie SSälle vom
3of»nnne8 ÜlmanbuS.
IGfi
^eiligen ®cift Sore bis jum Jungfrauen Klofter erjtrccfte. Ter SRat
oerfprach bagegen, bie ^3rieftcr[d)nft 311 fdjiitjen unb und) iljre ©eridjts
barteii nicht 311 ftören.'
Jn biefer geit war <5U Stralfunb ber Silberfturm erfolgt, ber
jur Vertreibung ber ©eiftlidjeu führte unb baS bortige Stabtregiment
ftiirjte. Tiefer reoolutionäre 'JluSbrudj ber allgemeinen llnjufrieben-
tjeit wirfte aufreijenb auf anbere ©emeiitbcn unb oerfetjte bie Weift
liehen in foldjen Schreiten, bafj fie fidj mit ber Sitte um Oefjutj an
bie ßanbe^herren manbten. Tiefe roollten einerfeits bie Erlaffe bes
KaiferS ober be§ 'JleidjsreginicntS in ihrem ßanbe burdjfüljren, wagten
aber anbererfeits nidjt mit Energie ben Stäuben bes ßanbeS entgegen
jutreten, bie 311m grofj-m Teil ben Steuerungen geneigt waren. Sie
ftelltcn Sdjutjbriefe für gciftlidje fiörperfdjaften auS unb liefen am
23. SJlai nnb 2. Juni Inventare über bic Atleinobien be§ Wonnen
unb bes JranjiStanertlofterS in Stettin aufnefjmen, um einem unrecht
mäßigen Seifeitefdjaffen ber Sdjätje oorjubcugen. Tann erließen fie
am 13. Juli ein fdjarfeS Sdjreiben an alle Stäbte, in bem fie bie
taijerlidjcn Vlanbate jur Seadjtung einfdjärften unb geboten auf
rüljrerifdje iJ3rebiger ju beftrafen unb ju oerweifen, fowie bte M^ljerige
Crbnung be§ ©otteSbienfteS ju beobadjtcn. ©eorg I. tjatte woljl
gern nodj mehr getan, aber ihm waren bie fjänbe burch bie Stellung
ju feinem Vrüber Varnim gebimben, unb biefer liefj eS an Entfdjieben
heil nach ber einen ober ber anberen Wichtung hin fehlen. föefonberS
fdjwiertg war aber ihre Stellung Stettin gegenüber, ba fie mit ber
Stabt immer noch Streite wegen ber $ulbignng lagen. So begann
fich flsrobe bamals bort eine lebhaftere Sewegung gegen bie alte
Kirche geltenb ju machen, bie burdj ba§ Shiftrcteu oon fßrübitanten
ber bilberftürmifchen Hlidjtung genährt würbe. „E§ fernen etlicfe
uprurifdje fffrebiger int fianb; be prebigeben apenbar, men fcfjolbe be
fßopen, fUlonnete, Jürften uub wer aoer fie ljielbe. Derbeiigen • Der
tilgen) unb oorjagen." Einer oon foldjen revolutionären ©eiftlidjen
war JeljanneS SlmanbuS, ber au§ ^teuften feiner aufreijenben
Hieben wegen ausgewiefen, gegen Enbe beS Jaljres 1524 nach Stolp
gefommeu war unb bort im Sinne ber gewalttätigen 'Heilerer gewirtt
hatte. Etwa im Sommer ober $erbft 1525 erfchien ei ui Stettin
unb fanb hier einen für feine Sßirffamfeit geeigneten Voöen 'Ulan
war in weiteren Streifen beS $anbwerfer= unb fiaufmannftanbeS mit
Saul oom Wöbe nicht juf rieben; er ging ju oorfichtcg gegen bie alten
©ebräudje oor, feine 'Ulube uub gaggaftigfeit fefjienen nicht geeignet
eine Vlbftellung ber 'Ulifeftänbe herbeijufüfjren Ta war boch 'llmanbnS
ein anberer SFlann, ber otjne Hlücffidjt auf jllutoriiai unb Vergangenheit
SBertttbi0unfl8fd)ifibtn beS fflateS. 1H7
rebete, was ber großen SJlenge gefiel unb (Gottes SBort weit flarer
unb richtiger 31t beuten fdjien als JRobe. Tie Erregung ftieg, eS fam
gu allerlei (Gewalttaten. 9lm 14. ©ooember batten ber junge ©artelt
.fjialle unb ftafob Scßulber mit einem ©ifar non 6t. gafobi Qobattn
Kroger luegen eines fftecßtSftreitcS um eine Söifnrie eine lebhafte
llntcrrebung, bei ber eS 311 Tätlicßfeiten fam. ber ßßriftnadjt
würben gwei 65eiftlid)e in ber ^afobifirdje angegriffen, unb am
27. Tegember entftaub ein Tumult beim grangiStanerflofter. Slatiirlidj
luanbte fid) ber JUeruS ©efcßwerbe füßrenb an bie ßanbeSßerren unb
bracßte babei allerlei Klagen uor: ba fällte ber 9?at eine TiSputation
ber „Sdjeltprebiger" unb ber ©loudje auf betn SJlarfte oeranftaltet
ßaben, bei ber baS $olg gum Verbrennen ber altfirdjlidjen (Geiftlidjen
bereit gelegen ßabe, ba ßabe er ben Vlöndjen baS Singen, ©rebigen
unb Cäuten uerboten unb allerlei Störungen gebnlbet. ß-iißrer &er
9lufriißrerifd)en waren ber junge ©artelt £)alle, Qafob Sdjulber, Vierten
Krufe, ©ituS SroanteS, ©eter Slüße, Qatob Stege u. a. m. Es ift
flar, baß in fo erregten feiten fid) mandjerlei (Gerücßte in ber Stabt
oerbreiteten, bie nicßt im geringften ber 'JBaßrßeit entfpracßen, baß
bei beiben Parteien arge Übertreibungen in 3®ort unb Sdjrift oor-
famen. TaS geßt and) au§ bem Slntwortfdjrciben hervor, baS ber
SRat am 27. Januar 1526 auf bie 2lnflagefcßrift ber dürften bin
nerfaßte. ßr gibt gu, baß allerlei Unruhen uorgefommen feien,
weift aber bie übertriebenen Scßilberungen beS Johann Kroger guriid
unb erflärt, bie ßrgäßlung oon bem „©rennen auf bem Vlarfte"
fei ein (ofeS (Cetebe; er wiffe oon feiner TiSputation. Tie Vlöncße
hätten auf Sitten bes SlateS felbft nerfprodjen, fid) beS ©rebigens
gu enthalten, beim eS fei bitrcß ißr Schelten großer Unwille in ber
(Gemeinte entftanben unb 9lufrußr gu befürchten gewefen. „Ter
gemeine fDlann fei jetjt burd) oieles Cefen ber Sibel unb anberer
djriftlicber Sdjriften eines anberen geleßrt unb unterridjtet'', fo baß
er fid) ber ©löncße ©rebigen rerbeten ßabe. Tas gange rußig unb
wiirbig gehaltene Schreiben geigt, baß ber ffiat bereit war, bie Unruße-
ftifter unb (Gewalttäter gu beftrafen, aber baß er im (Grnnbe bie
Sdjulb an ben Unruhen ben Vlöudjen, bie „wedder de klare Wort
Gades geprediget“, gufdjob. Ein ernftlidjes Strafgeridjt Derßängtc
er baher nicßt, unb audt bie ^ergoge taten faunt etwas anberes, als
baß fie um biefe Seit ^oßamieS 9lmanbuS feftneßmen uub in (Garß
in ben Turm werfen ließen, Vad) einiger -Seit mürbe er loSgelaffeu
unb beS ßanbeS oerwiefen. Taburd) würbe für bie Stellung ber
CanbeSßerren wenig erreicßt, fie würben, wie Sfantjoro fcßreibt, je
länger je weniger bei bem gemeinen ©lanne g.'adjtet. Tiefe ©ppofitiou
168
Sltliflißfe Bänftreien.
fatit aud) gum SluSbrudc, als itn SERai 1587 in (Stettin ein Canbtag
ftattfanb; ßier ließen bie dürften ben jüngfteii SRcidjStagSabfdjieb
vertiinben, Sibel unb Stäbte jebodj verwarfen ißu mit ben SBorten,
fie wären faiferlidjer SJlajeftät unb ißren fürftlicßen ©naben mit ßeib
unb Ent verpflichtet, aber ©ott roollten fie ber Seelen halber geßoreßen.
5D?it biefem ®ef(ßeibe mußten fict> bie .fpergoge begnügen, wenn
fie fid) ißre Stänbe nidjt nod) meßr entfremben wollten. Saßen fie
bod) felbft in Stettin, wo fie längere geit refibierten, wie ber Swift
über bie Religion alle Serßältniffe gu verwirren fdjieu. Da fäntpfte
S3aul von« fRobe mit bem SBorte unb ber Sdjrift gegen ben 4tird)=
ßerren CiboriuS Sdjwidjtenberg in ©rinimen, ber ißn in einem ®ucßc
Handwiser to dem rechten chnstliken Wege ßeftig angegriffen ßatte.
Da er bieS ben ponunerfdjen dürften gewibmet ßatte, ßielt e§ JRobe
für feine ^fließt, fid) in einem 1527 gu SÖittenberg gebrudten IBiuße
Vorfechtinge der evangelischen und christlyken Lere gu verteibigen.
Son bem Baute, ber unter ben ©ärgern Stettins ßerrfißte, finb
Spuren auf uns getommen in ben maudjerlei Ergäßlungen, bie
fpätere Eßroniften in ißre Darftellungen aufgenommen ljaben. 5BaS
wußte man nidjt bamals in Stettin alles gu ergäßlen auf ber einen
Seite von ben böfen Jlnfcßlägcn unb ißlänen ber altgläubigen ®eift=
ließen, ber HRöndje, fowie ißrer Slnßänger im 5Rat unb in ber 23ürger=
feßaft! 5Bie rebete man aber auf ber ©egenpartei von ben böfen
Steuerern, bie in fiirdje unb ©emeinbe alles ©efteßenbe umftürgen
wollten, ben ßanbeSßerren nacßftellten unb unter ber ©eftalt be§
Evangelii ißre „©overige'1 bemäntelten. Da mag maneße üble 9lad)=
rebe, maneßer .Ulatftß gläubig aufgenommen unb weitergetragen worben
fein. ©Mr tonnen im eingeluen ftßwer uuterfrßeiben, was bavon auf
©Jaßrßeit berußte. fRicßt einmal bie Selt9cliau§fa0en *n ben ver>
feßiebenen Ißrogeffen, bie fieß an biefe Streitigfeiten antniipften, geben
uns immer einwanbfreie ©erußte, ba in ben bagwifeßen liegenben
faßten bie Erinnerung an bie ©orgänge in jener bewegten ©eriobe
feßr getrübt worben war unb viele Sengen faum nod) unterfrßeiben
tonnten gwifeßen bem, was fie erlebt, unb bem, was fie geßört ßatten.
Es ergäßlt .fiänßow von bem räntereießen, „lügenßaften nnb
betriiglußen" £>anS Stoppelberg, ber bem „trefflidj vorneßmen" £>anS
ßoiß nadjftellte, nicßt nur weil er in ißm ben ßauptfäcßlicßften ©egner
ber ^irtßenreformation gefeßen ßabe, fonbern weil er auf ben reießen
unb „von ben Bürgern woßl gelittenen SJlann“ eiferfüißtig gewefen
fei unb feinen Einfluß int Stabtregimente gu ftürgen beabfidjtigt
ßabe. Daß in biefer Seit ein ©egenfaß gwifdjen ben beiben ©ürger«
meiftern, bie wir fonft amß einträchtig neben eiuanber walten feßen,
£>anS StoppelberQ.
169
beftanben bat, ift glaublich- ®§ fehlt aber jebeS geugniS bafiir, bafj
fich biefe nerfcfjiebene Barteiftelliing in einem fo perfbnhdjeu Stampfe
geändert habe, wie Rantjoro ergäljlt, ber fidjtlid) fiir ßoitj als ben
Anhänger ber dürften eine Vorliebe hol. in Stoppelberg bagegeu ben
böfen jReooIutionär unb Uuruljeftifter erblicft. Soll er bod) alles
barauf angelegt hoben, bie ßanbeSIjerren aus ber Stabt gu entfernen,
um gang nach eigenem Willen gu fdjalten unb gu malten. ®r habe,
fo ergäbt ber S^ronift, einen Srief ben grauen iRöndjen gugeftedt,
in bem oon einem Anfdjtage gegen ben $ergog ©eorg bie tRebe mar.
®ie UJtöiicfje hätten iljn bem dürften gugeftellt, ber anfangs über ben
'Blau feljr erfcfjrocten gcmefen fei, bann aber eine Unterfudjung angefrellt
habe, bei ber Stoppelberg felbft in breifter Weife alles abgeleugnet
habe. ®ie Herren hätten, obwohl fie ibn für fdjroer verbädjtig
angefeben hätten, nicht gewagt gegen ibn eingufdjreiten. SRandie
Untiarbeiten enthält biefe Srgähluug, oor allem aber fiubet fidj bei
ben fpäteren umfangreichen Serljören über Stoppelbergs eigenmächtiges
Sorgeljen in ftäbtifcfjen Angelegenheiten, wobei gahlreidje Anfchulbi»
gungen gegen biefen SRann erljoben werben, feine Spur von biefem
Sorgange. ®eSljalb ift ber gange Seridjt, ben and) griebeborn in
feine ©efdjidjte Stettins übernommen bot, als eine jener Stlatfcfj=
gefcfjicfjteii angufeljeii, bie in jener erregten ßeit in ber Stobt ergäbt
würben.
Warum gaben gerabe bamalS bie geongislaner ihre SRieberlaffung
in ber Stabt auf? Sie hätten fid) bod) baburch, bafj fie ben au«
geblid) geplanten Anfdjlag bem 4>ergoge oerritten, ein Anrecht auf feinen
Schüfe erwerben muffen. Srotjbem »erlief}, wie berichtet wirb, 1527
her ©arbian Qafob Sdiröber mit einem Seile ber SRöndje bas RIofter,
unb ber Stonvent begann fid) allmafjlid) aufgulöfen. ®S blieben nur
nodj einige ©rüber gurürf, bie an ben alten ©ebräud)cn fefthielten
unb bie alte Stiftung, bie faft brei Qatjrbuiiberte beftanben hotte,
nidjt untergeben laffen wollten. 'Ser Abfall ber Rleriter würbe nach
unb nach allgemeiner. Sonft aber gaben bie Anhänger ber alten
Sl'irche ihren Wiberftanb nicht auf, fie oerteibigten fich °uf jebc Weife
gegen bie Stefter, bie in Stettin immer mehr bie Cberljunb gewannen.
Sangen boch bie Ratholifen Stralfunbs bereits oon ber Stabt:
Stettin, du piepest wol gut to syn,
nu heftu drunken der Ketter Wyn,
den kanstu nicht vordowen
Nini Purgacien! Dat is in in Rat,
dat schall di nicht geruwen.
'Mhnlidje Spott« unb Sdjnuihfdjriften würben oon betben Parteien
170
Stlciuä Stellmacher.
uerbreitct. So würbe eine? SRorgenS betannt, am Murine be. SRarien
nrche [ei eine Schrift angebeftet, in ber bie heftigften Singriffe unb
Schmähungen gegen ben Siirgermeiftcr £jan§ Stoppelberg ata ben
ärgften 3-einb bcS alten (Mlaiibetta enthalten feien. 9ll§ ben, bet bicS
Sdjnftftücf bort angebracht hübe, bezeichnete ber Volfsmitnb atabaib
Sertljolb, ben alten GMorfner oon St. gafobi. Fr würbe fofort
gefänglich eingegogen unb, ata er leugnete, auf bie Folter gebracht
unb gepeinigt, wie Stoppelberg ipdter behauptete, auf biretten Stafcl)!
bes £>ergbgS (Meorg. Ter arme SRann nannte ata Vlnftifter uer«
fchrebene ©eiftlidje, wiberrief aber bie Slawen unb würbe fdiließlidj
baburch, baß ber Scharfrichter iljm heiße $>ering§Iata in ben -öata
goß, onnt ßeben ginn Tobe gebracht Tiefer Vorgang erreate im*
geheueres Sluffehen. Tie einen warfen bent genfer oor, er habe beit
(JMöcfner abfidjtlicf) getötet, baniit er nidjta gegen bie Vapiften aus
fage, anbere be)d)itlbigten offen ben Viirgernieifter Stoppelberg, er
habe eigenmächtig ohne Sluftrag be§ fRateS bie peinliche Unterfudjung
angeftellt, unb erhoben bie heftigften Vorwürfe gegen ihn.
$it biefett Wegnern gehörte oor allem Sl'lauS Stellmadjer, bem
oer [Rat unb namentlich Stoppelberg bie göbterrolle nicht uergeihen
wollten, bie er bei bem 91 ufruhr uon 1524 gefpielt hatte. Fr ba»
gegen war empört bariiber, baß Viirgenneiftcr unb Slat bie bamata
eingeridjtetc karger Übertretung ber 48 URänner abfidjtlich Ftintenaii
festen, fid) uni bie Veftimniungen be§ Startrages uom 28 SJlai 1524
nicßt flimmerten unb eigenmächtig bie Wefd)äfte ber Stabt führten,
wie es ihnen gefiel Ter Unmut barüber war allgemein, unb man
bezeichnete gang offen in allerlei Sdjriften $atta Stoppelberg ata ben,
ber oornebmlid) im [Rate ein JjMgefiänbniS gegenüber ber Vürgerfdjaft
betämpfte. Tie alten Starwürfe ber unrechtmäßigen Slneigmtng
ftäbtifcheii Figentunta unb bc§ wiilfürlidien ^Regiments würben uon
neuem gegen ihn erhoben. Fine perfönlicfje geinbfehaft gwt[d)en
Stoppelberg unb Stellmacher tarn bazu unb fuhrte zu allerlei ärger-
lichen Sluftritten, bei beiten and) be§ letzteren Fhefrau beleibigt würbe.
Tem fRate würbe fdjließlich bas Treiben fo gum Sieger, baß er auf
Stoppelbcrgs Slnregung gegen Stellmacher ata ben „JRäbeta» unb $aupt-
fübrer m bent ?liifnil)r" Slnflage erhob nnb ihn gum 30. ßuni 1528
uor ^Richter unb Sdjoffen zitierte. Ter Slngcflagte erfeßien nicht, auch
ata er noch gweimal oorgeforbert würbe. Ta fprach ba§ (Merid)t nach
altem ^erfominen über ben ungeliorfanten Bürger bie Verfeftung unb
Verbannung aita. Stellmacher hatte jebodj oon ben dürften einen
@eleita= unb Scf)iigbrief erlangt, ben ber fRat nicht anerkennen wollte.
Sim 21 ^uli erfdjien Stoppelberg mit Sewaffneten im tßfarrhaufe
(Die ‘ßrojeffe StoppelberßS unb StellnwcbtrS.
171
flu SJlöljringen, wo SteÜtnadjer fidj aufbalten follte, unb lief} es vom
Steller bis 311m SBobcn burdjfudjen. Ter Berfeftcte rourbe ^roar nidjt
gefunben, aber eS fam babei allerlei 'JJlutroillen oor, fobajj ber
STapellaii ißeter Sßritje fid) bei ben ilanb^Sbei’ren befragte, ber <Sdjut),
ben fie aller ffleiftlidjfeit fliigefagt hätten, fei verletjt roorben. Tie
$erjoge, bie fcfjoii längft gegen (Stoppelberg als ben 'Berteibiger ber
ftäbtifdjen Selbftänbigfeit eingenommen waren, liefjen itjn wegen
hoppelten SBntdjeS be§ fiirftlidjen SdjutjcS auf ben 7. Jluguft nor iljr
$ofgerid)t in ßlart} forbern. Stoppelberg erfdjicn nidjt, aber feine
Vertreter, .frans SBramer unb RJeorg Sdjmibt, Übergaben einen ißroteft
gegen biefe Sitation, inbem fie fidj auf baS Privileg SBogifläroS X.
nom 23. Januar 1477 beriefen, burdj bas ben (Bürgern gugefagt
roorben ipar, fie fällten uor feinem auswärtigen Giericfjtsljofe 511 SRedjtc
ftefjen. Broar erfrärten bie (Räte, bie« Privileg fei nidjt gültig, aber
®toppelberg fteHte fidj audj 311 ben beiben folgenben Terminen nidjt.
Ta rourbe er wegen groben UngeljorfamS verfeftet unb geächtet.
®r batte aber bereits vorfjer bem Slate ange^cigt, baf; er wegen ber
ßabung oor ein „auswärtig ungewöhnliches" ©eridjt, roaS roiber ber
Stabt ißrivilegien fei, ^Berufung beim faiferlicfjeii Stammergeridjte ein
gelegt habe. Tie freraoge wagten, wie es fdjeint, nidjt baS Urteil
gegen Stoppelberg jur 'Bollftredung 311 bringen. ®r verblieb un«
angefod)ten in ber Stabt; roäbrenb bas Verfahren, baS er beim
Staminergeridjte gegen bie dürften eingeleitet batte, weiter ging. Ju
gleicher -Seit batte Stellmacher, ber vor bem Borne feiner ®egner aus
ber Stabt wich, bort ^Berufung gegen bas Urteil beS StabtgeridjtS
eingelegt. Eins beiben fßrogeffen erroudjfen ber Stabt grofce Sl'often
nnb viel 'Ärger. @ine nnenblidje gülle von Scfjriftftiicfeii würbe
äwtfdjen Stettin unb Speier gewechselt, fobafj e§ eine wahre dual
ift, alle biefe fRepliten, Tuplifen, G^eptionah unb Tefenfionalartifel,
öollmadjten, (ßrotofolle ufro. burdj^ufeben unb auS bem gotmelfram
berauSaufucben, roaS fadjlidj non Qntereffe ift. Unb fdjliefjlidj famen
biefe ^ßrojeffe, roie bie weiften vor bem fReidjSfanimergerichte geführten,
nidjt $um Slbfchluffe, man fudjt vergeblich nadj einer enbgiiltigen
Gcntfdjeibuiig.
Tiefe itnerquicflidjen Streitigfeiten waren natürlidj ber ®nt»
roirfelung ber firdjlidjen Ißerbältniffc Ijödjft ungiinftig; fie liefjen bie
roidjtigften fragen jjuriidtreten, mau erfdjöpfte feine Straft in flein
lieben Bänfereieii unb petfönlidjen Eingriffen, wie fie ®. auch aroifdjen
bem SiatSberrn £>an§ 'Jlebelung unb bem Elpotljefer £>an§ Vogelfang
vortamen, alS biefer jenen befdjulbiqte, er habe bei ber ißfingftfeier
ber Staufmaimfdjaft, ber fogenaiuiteii Ulaigrafenfabrt, 1526 ^eljn
172
Slnberuitfl bet gofttSbienftlidjen Sornten.
©ulben unterfdjlagen. SRntürlid) fam es gu einem ©rogcffe, ber bis
ans ilammergeridjt ging. Son anberen Streitfällen erfahren roir nur
gelegentlidj einiges, aber eS ift gu erlernten, bafe bie ßuftänbe in ber
Stabt mit ben fdjarfett ©egenfätjeii, bie nidjt nur groifdjen ben ?llt=
unb Steuglaubigen, fonbern aud) gwifdjen ben Slnfeängern unb ®egnern
beS 9iateS, gwifdjen biefem unb ber VanbeSfeerrffaft beftanben, int
feödjften ©rabe imerquidlid) waren. SllleS roar in ©äferuug, nidjtS
getlärt, ber 3lü’efPnlt rourbe immer gröfeer. Ta befanben fid) aud)
bie eoangelifdjen ©eiftlicfeen in übler Vage; von einer Seite rourben
fie gu offenem, entfdjiebenent Sluftreten, natnentlidj aud) gur SIbfdjaffung
ber alten firdjlidjen ©ebräucfee gebrängt, von anberer immer wieber
gur ©orficfet geinafent. ©anlttS nom Stöbe tjatte fid) biSfeer in feiner
etwas gagljaften Slrt gefcfeeut, bie Stoffe unb bie Taufe in beutfdjer
Spradje gu halten unb roar and; mit ber freier bes tjeil. Slbcnbmafels
in beiberlei ©eftalt gurüdfealtenb geroefen. ^fetjt mufete er fidj inbeffen
iibcrgeugen, bafe er nidjt länger in biefer Stiftung feintet anberen
©eiftlidjen guriidftefeen burfte, unb begann auf baS Trängen feiner
Slnfeänger ben ©otteSbienft in neuer gorm gu fealten. Sofort befafel
ifem ber Stat, mit folf er Steuerung aufgufeören. Stöbe aber fefete ent=
fdjloffen bem State auSeinanber, er fönne, nadjbem er lange -Seit mit
ber Slbftellung ber alten ©ebräufe gegögert feabe, nidjt mefer länger
bem ©erlangen ber ©emeinbe roiberftefeen; er miiffe „in biefen gefäfer
lidjen aufnifererifdjett Väufen in Sorge fteljen, wenn eS nidjt geftattet
würbe, bafe ber gemeine Wann fidj gu ?Iuf rufet unb Empörung
begebe". Darauf wagte and) ber Stat nidjt, baS ©erbot aufredjt gu
erfealten unb geftattete, „beutfdje Weffe, Taufe unb Satrament unter
beiberlei ©eftalt gu fealten unb gu reifen". Darüber erfeob alSbalb
ber ©rior oon St. ^cifobi, Qofeann Shmfeofer, bei feinem ©orgefefeten,
bem SIbte beS ©tif aelSflofterS gu ©amberg, ©efdjroerbe, unb biefer
fanbte einen ©oten an ben Stat, um als ©atron gegen foldje Steuerung
©infprudj gu erheben. ©S gelang, bei ber ©crfeaublung ein frieblif eS
Übereintommen gu ergielen; ber Stat verfpraf, bie latfeolifdjen ©eift
lidjen an Qatobi in iferen Slmtern gu belaffen unb nidjt gu feinbern,
bagegen rourbe von ber anberen Seite gugefagt, Stöbe ben Solb roie
einem ©rebiger gu geben. Tiefe gütlidje Slbmadjung rourbe aber halb
burdj neue Streitigfeiten gwifdjen ben ©eiftlifen beiber Stiftungen
geftört, fobafe ber Stat abermals vermitteln mufete. Wan madjte
ab, bafe Stöbe in St. 3«fobi unb Weiftet StitoIauS in St. Stitolai
Sonntags unb freitags von 6 bis 8 ober von 8 biß 10 Ufer, an ben
SBerltagen von 7 bis 8 Ufer prebigen unb ihres SlniteS warten, gu
anberen feiten ber ©rior unb feine ©eiftlidjen „bet iljrcm SSefeu
Der Sertrag Bon ©rimnifc.
173
unbeirrt bleiben fülltenaud) füllte man ben eoangelifdjen Pfarrern
„mäßige 5Bant (= Jlleibung), Jleldj, Srot unb SJcin geben unb mit
ber Sonntagsglode 31t ihrem ißrebigen läuten".
Die ^er^oge Seorg unb Sarnim ließen tiefen Sdjritt 31t, meil
fie, nod) immer im (Streite mit ihrer £auptftabt, es nidjt gang mit
ben Sürgern oerberben wollten, 3itmal ba fie bamalS in emften Ser-
tjanbluiigen mit Sranbenburg begriffen waren unb ba^u ber 4>ilfe
ihrer Stäbte beburften. Wad; unenblidjen Serhanblungen fam enblid;
ein ?lusgleicfj mit bem Knrfiirften $oad)im I. guftaiibe, ber in bem
Vertrage 311 ©rimtiiß am 26. Sluguft 1529 auf bie ßeljnSoberljotjeit
über Sommern oe^idjtete unb fidj mit bem Ittedjte beS erblidjen Sin
falleS begnügte. SDa^u mußte bie ^uftimmung ber ßanbftänbe geforbert
werben, bie ben Sranbenburgerii bie (Srbljulbigung leiften füllten.
SInfangS erhob fid) auf bem ßanbtage 311 Stettin (16. Cftober) Sßiber
fprudj, aber fdjließlidj gaben Sibel unb Stäbte nadj, als ihnen bie
4>erjoge einige gugeftänbniffe einräumten. So tonnten bann am
25. Cftober bie Urfunben ool^ogen unb am 23. Desember bie alten
Erboerträge erneuert werben, hierbei hön9tC11 and) bie Vertreter
Stettins ihr Siegel an bie Urfunben unb erhielten bie Sufidjerung,
baß im gälte ber Erneuerung, bie bei jebem 2:f)roiui>ecf)fel erfolgen
mußte, audj ein SIbgefanbter ihrer Stabt ^iti^ugegogen werben füllte.
Die Uneinigfeit 3Wifdjen ben beiben fiirftlidjen Stübern, bie einer
ruhigen Entwidelung Stettins fdjon lange Oinberlid) war, fanb burch
biefen für ißommem giinftigen Slusgleich fein Enbe, ba fie fidj über
bie Stirdjenfrage nidjt einigen tonnten. Miau fah in Stabt unb ßanb
bie Slnuäherung ©eorgs an ben ftreng fatholifdjen Hurfürft Soadjim I.,
beffen Swdjter er hpiratete, mit '-Mißtrauen unb fürdjtete eine ent
fdjiebene SBenbung beS $er3og§ gegen ben eoangelifdjen ©lauben.
Son bem fchwadjett unb energiclofen Sanum erwartete man in biefer
Schiebung nicht niet £>ilfe, unb fo würben bie Serljältiiiffe immer
unficherer unb 3erfaljrener. Sim ungetlärtefteu war bie ßage in Stettin.
Qu einigen Rirdjen wirften eoangeltfche unb fattjolifdje ©eiftlidje neben
einauber, in anberen, wie namentlidj ben beiben Domfirthen, hcrrfcfjte
nodj allein ber alte ©otteSbienft, ba bie Domherren an ihren @c
brauchen feftljielten. Sn ben Kföftcrn, Kapellen unb -frofpitälern waren
ebenfalls Slnljänger ber alten Kirche tätig unb weigerten fid), bie
Sorberungen ber Eoangelifdjen 311 erfüllen. Sn ber Siirgerfchaft, bie
im Sabre 1530 burch bie Slufnaljme oon 864 Weltbürgern feljr oer-
mebrt würbe, ljatten wohl bie Weugläubigen bie Wleßrljeit, aber bie
Heinere Partei ber Katljolifen muß nodj oon großem Einfhiffe gewefen
fein. Die Uiisufriebenljeit in ber Stabt war auch fonft groß. SJaS
174
Der Abfdjteb SRobeö.
war aus ber 1524 feftgefeßten Bürgernertretnng geworben? Der Bat
vermieb es nad) HRöglidjteit, bte 48 'JDlänner gu berufen; 2oiß unb
Stoppelberg, bie beiben allmädjtigeu Biirgermeifter, bie in ber Beli*
gionSfrage Wegner waren, geigten fid) völlig einig in bein iÖiberftanbe
gegen bie Anfpriidje ber ©emeinbe auf eine regelmäßige Anteilnahme
an ber Stabtverwaltung. Bon ber Ijergoglidjen Begierung war nidjtS
ju erwarten, weber für nod) gegen ben Bat, fie ließ ben Dingen
itjren Vauf unb müßte fid) immer nod) ab mit enblofen Berljanblungen
über bie $ulbigung ber ©tabt, bie nun fdjon ^Jfaljre lang verweigert
worben war.
Da ftarb giemlid) plößlid) in ber 9ladjt vom 9. gum 10. 2Jlai 1531
$ergog ®eorg. Qeßt meinte man woljl, werbe Barnim, ber bie Bügel
ber '.Regierung gunädjft allein in ben fanben tjatte, einen enfdjeibenben
Sdjritt tun uub bie Berfjältniffe regeln. Dodj e§ gefdjat) nidjtS.
Da gab fogar ein fo treuer Blann, wie e§ ißaul vom Bobe war,
jebe Hoffnung auf Befferung ber Berljältniffe auf, er glaubte auf eine
Crbnung ber tirdjlidjen Berljältniffe Stettins, namentlich and) auf
eine fefte Aufteilung unb regelredjte Befolbung nicht meljr redjnen gu
tonnen. $atte er fdjon im gebruar 1531 einen Buf, ber von ©oSlar
au§ an itjn erging, nidjt gang abgeleßnt, bann aber bod) immer
wieber gegögert, von feiner bisherigen BJirhingSftätte, wo er nun „adjt
volle Baljre oljne alle Berfolbung unb Bertröftung geprebigt hatte",
gu fdjeiben. Auf erneute biinglidje Berufung verließ er (Snbe Auguft
ober Anfang September Stettin unb ging nad) ©oSlar.
Den leßten Anftoß gu feinem (Sntfdjluffe gaben vielleicht bie
©reigniffe im Auguft. Die allgemeine Uitgufriebenljeit mit bem '.Rate
veranlaßte bie gefamte Bürgerfdjaft, ben gemeinen Kaufmann, Alter-
leute, Söerte unb ©ilben, gufammeiigutreten unb am 2. Auguft eine
große Befdjwerbe an ben £>ergog Barnim cingureidjen. 9Ran flagte,
ber Bat halte feine Sißungen unregelmäßig unb ßabe ber Bürger»
fdjaft einen Dag gum Borbringen iljrer Anliegen wieberljolt ab«
gefdjlageit, aud) iljr Anfudjen, eiiblidj ben Streit mit ben ßanbesfiirften
gu (Snbe gu bringen, ebenfowenig erfüllt, wie bie Bitte um Blaßregeln
gur Betätigung ber bänifcßen ^Privilegien, gur Abteilung ber branben
burgifd)en Bälle ober ber Ijeimlidjen (Sinftiljr. Das Stadteigentuni
werbe gum Deil von BatSmitgliedern gu eigenem Bußen verwandt
bie 48 Blänner feien feit Bahren nicht berufen worben, bie Ijödjft
notwendige Aufteilung eines Sijndituö habe ber Bat, ber in fidj un
einig unb groieträdjtig fei, abgelehnt. Bür ben 'Prediger, ben „ein
ehrbarer Bat gum Deil felbft erfordert habe", feien von ber ©emeinbe
oft Cohn, Unterhalt unb BJobnung erbeten, bie Aufrichtung einer
'Jledjtfeitiautttj bef 'RateS,
175
dinftlichen Schule, barin „bie 3ugenb, fo gu ßudjt, @tjre unb erwaS
gu lernen geneigt wäre, gehalten unb gelehrt werben möcfjte", oiele
Stale verlangt worben, boch bei iftat habe nidjt einmal eine Vlntwort
erteilt, infolge biefer Sefdjweiben übergab ber 9iat am (5. Sluguft
bem £>ergoge eine Siedjtfertigungsfdjrift, ^unieift in redjt fchwädjlidjer
SSeife werben bie einzelnen fßuntte mit ber Semertung abgefertigt,
man ftetje iubetreff biefer Slngelegenljeiten in Serhanblung. 'Die
4« URäimer feien nur beftimnit gewefen, eine gute ^ßolijei aufguriditen,
uub bas fei gefdjeljen; fie regelmäßig gu berufen, fei nicht möglidj,
beim gu widitigen Sadjen würben bie 54 'Jllterleute gu ’tJiate geforöert,
wenn bagu nodj bie 48 Hirnen, fo feien baS mit ben 24 'Jtab
niitgliebern im gangen 126 ^erfüllen, unb mit fo oielen tönne mau
nidjt uuterljaiibeln 'Der SRat beftreitet entfdjieben, baß ber fßrebiger
uon iEjm berufen worben fei; er ljabe eS nur gefchclien laffen, baß
„einige beS IRateS ilju erforbert". troßbem iljm jährlich 6 Qiulben
gegeben, auch mehr reichen wollen, wenn „bie ©tabt berbalben nicht
bei taiferlicher IRajeftät ober fonft in ©djaben geführt werbe". (SS
fei Sache berer, bie ben ißrebiger berufen hätten, ißn gu entlohnen
‘Die (Srridjtung einer djriftlicfjeii Sdjule ftellte ber JHal gang einfach
bem £>ergoge anheim, ©chließltdj erfiärte er fich bereit, einen Dag
fiir bie Sürgerfdjaft angufeßen, bod> bürfe biefe leine Serfammlung
cibtjcilten ooer ben SRat brangeu. Vluf biefe Antwort hin entfdjieo
£>ergog Sanum mit feinen IRäteu am 7. Vluguft in ber ^auptfadje
gegen bie Siirgerfchaft. 3*war würbe bem State befohlen, bie gewöhn
lidjen ©ißungstage abguljalten unb alles widjtige mit ben Vllterleuten,
wie von a'terS her gebräuchlidj, gu beraten, aber entfdjieben, baß
Die 48 SRäimer nicht ^iiidu^u^ie0en feien. Die verfchiebeuen S<’
fdjwerbeti füllte ber Stat abftelleti, babei würbe ber Sürgerfdjaft buS
Stroot oon 1524, Serfammlungen abguljalten, einbringlich eingefdjärfu
Die größte ßnttäufdjuug aber mußte ihr bie 'ilntwort mbegiig auf bie
iReiigicnsfadje bringen, ba ber £>ergog es ablehnte, irgenb welcue
'Jtiiberuug oorguneljnien, unb jebe Steuerung verbot.
©S ift oerftäublidj, baß burch biefen Sefajeib bie Uiigufriebenljeit
ber @emeinbe nodj nermeljrt würbe. £atte man fidj bod) einer foldjcii
ablehiienbeu Haltung bes öergogS um fo weniger oerfefjen, als auf
bem jüngften Canbtage (21. SDtai) bie ©taube ein Slusfdjreiben hatten
ergeljen laffen, baß man baS Ijeiltgc ßuangelium follte ungeljinbcrt
lehren uub prebigen. Der Unwillen ber Siirger ridjtetete fich befonberS
gegen ben Sürgermeifter £jans ßoiß, in bem man ben geiftigeu
llrljeber bes Sefcheibes gu erbliden glaubte SDaljer hörten bie Unruhen
m ber ©tabt nidjt auf, man rottete fich troß bes ßergoglidjen Serbots
176
Sufruljr in Stettin.
jufammen, unb „ib ging mit follitcr llngeftumidjeit unb llprohr
to, bat ib to erbarmenbe was". Bunt 2luSbrud)e tarn biefe Stimmung
nn £>crbfte, als bie Kaufleute oon iljrer Sdjonenfahrt jjuriidtamen.
Sie erfuhren erft jefet, bafe ißaul oom SRobe Stettin oerlaffen tjabe.
Bugleid) mürbe betannt, bafe ber junge Sohn unb ©rbe beS £jerjogS
©eorg, iß^ilipp, in Stettin angelangt fei, um bie ^errfdjaft neben
feinem Cheim Sarnim 311 übernehmen. Er ljatte, „woroofel (je nodj
jung waS, bennod) guten Jtofem", unb man fjoffte oon iljm gerabe
für ba» ©oangelium me(. So fanb am 13. Cttooer 1531 eine Ser
fammlung ber Sürger ftatt, in ber man befdjlofe, bem Srior uon
St. Bfatobi unb bem Sfarrer oon St. Slitolai aufagen ju laffen,
„bafe fie fid) Singens, filiiigenS unb 'JJleffeljaltenS unb bergleidjen
Beremonien enthalten feilten, aud) baS Satrament nidjt austragen,
nod) lateinifdj taufen; wenn fie folcheS nicht abfteUten unb ihnen
barüber etwas begegnen würbe, bürften fie niemanb flogen, aud)
füllten bie SRönche fid) in ben Jllöftern galten unb auf bie ©affen
nicht gefeit". 211S Rührer waren bei biefer Serfammlung tätig £janS
Steinbad) unb Sartel $alle, ber oor allem gegen ben Slat h^rjog,
feine SDlitglieber „für £d)fen fd)alt" unb £jans ßoitj als ben böfen
©eift be-jeidjnete. Cb eS wahr ift, bafe Stoppelberg im geheimen bie
Stenge gegen ben 9iat aufhetjte, läfet fid) nicht beftimmt entfd)eiben;
eS Reifet aber bei einer BeugenauSfage einmal oon iljm: „Stoppelberg
fieberte bie fßfeile, $alle mufete fie abfdjiefeen".
Ter Sefc^lufe ber Sürgerfdjaft fanb natiirlid) nid^t bie Buftimmung
befe States. Ta oerfammelte fid) am 17. Cttober früh bie ©emeinbe
in grofeer Bald auf bem ^eumartte. Tie Sllterleute brangen in baS
SiatljauS, wn ber Slat fdjon um 7 llljr jufaiiimengetreten war. ©S
tarn ßu ftiirmifdjen Serhanblungen, ba man oerlangtc, ber Slat falle
einen anbern '.ßrebig« an St. gafobi annefemen uub ben Stfdjlufe
ber ©emeinbe wegen ber ©eiftlichen genehmigen. Tie SJlenge wollte
bie Slatsherren nidjt auS bem £>aufe laffen, ehe fie etwas befchloffen
hätten, unb fo blieben biefe ben gangen Tag bis 6 Uhr abenbS
gufammen, ba fie ertlärten, fie tonnten nur etwas bewilligen, was
nidjt wiber ,,©ott ober ihre georbnete Cbrigfeit unb aud) ber Stabt
mifelid) fei“. Salb richtete fich bie S3nt beS SoIfeS namentlich IKgen
ßoitj, ber, wie eS fdjeint, beu hut Gnädigen 'JBiberftanb beS States
oeranlafete. ©nblta) aber liefe man bie SlatSherren h< imgehen, nachbem
fie eibhd) oerfprucheu h°tt^>1, am midjfteri SRorgen wieberum aufs
SlathauS gu tommen.
Bngwifchen hQtte $ergog Sarnim, ber iwn bem Slufruljr Slelbung
erhielt, bem 'Rate anfagen laffen, er folle mit ben Sllterleuten am
®trf;anblunflen.
177
folgenbeu Sage um 1 llljr auf bad Sdjlofe gu tommen. Sie brei
Sürgermeifter, Voife, Otto, ©linete, unb einige SRatSljerren folgten
biefem Sefefele, roäljrenb anbere iljrem (Eibe getreu auf bem fRatljaufe
erfdjienen. Sie Vllterleute weigerten fidj oor ben -frergog gu tommen,
audj als biefer fie nodj zweimal entbot. Sie ertlärten mit ber ©e*
nieinbe, fie wollten auf bem Dlatljaufe bleiben, unb bie DJlitglieber
bes DlateS, bie nidjt gu iljuen tämen, wie fie eiblidj verfprodjen Ijätten,
nidjt weiter gum fRatftuljle forbern, fonbern beffen eutfetjen. SaS
ging oorneljmlidj auf ßoitj, iljn wollte bie ©emeinbe nidjt meljr als
SJürgermeifter ljaben, unb man fefete iljn ab. Salb mufete ßoife auS
Stettin roeidjen, wollte er VeibeS unb liebens fidjer fein.
'2lm Sounerstag, bem 19. Cttober, frütj erfdjienen Dlat unb
Sllterleute, wie iljnen geboten worben war, oor ben fürftlidjen Diäten
auf bem Sdjloffe. Siefe fdjalten gunädjft bie Vertreter ber Siirger»
fdjaft wegen iljreS geftrigen UngeljorfamS gar Ijeftig, bann bradjten
fie ben bereits uerfünbeten 'llbfdjieb beS WugSburger DleidjStageS, ber
alle Steuerung in Jl'ircfeeugebräudjen bis auf ein allgemeine^ djrifl
lidjeS Jtongil oerbiete, fowie bie (Eutfdjeibung beS frergogS oom
7. Sluguft in (Erinnerung unb ertlärten, baS von ber Siirgerfdjaft
erlaffenc Serbot ber djriftlidjeit Zeremonien fei wiber biefe Drbnuugen
unb beSfealb nidjt gu billigen. Ser SRat erwiberte, er fei bereit, für
Dlobe einen anberen fßrebiger an ^afobi gu beftellen, bodj bürften
Serfammlungen ber ©emeinbe gu Sumult unb Slufruljr nidjt ftatt
finbett. Sie Dllterleute baten um einen Dluffdjub ber Serfeanblung,
bis fie fidj mit itjren SLRitbürgern beraten Ijätten. 2lm Dladjmittage
trugen bie SIbgeorbneteu ber ©emeinbe ben Ijergoglidjen Diäten iljre
Serteibigung oor, beflagten fidj aber gugleidj baritber, bafe ifenen bie
48 DJlänncr wieber entgegen worben feien; bie ©emeinbe fei nur
gufammen getommen, um wegen ber gemeinen ©ebredjen, fonberlidj
beS ©laubenS, Diät gu pflegen, an ?lufrufer unb Sumult Ijabe niemanb
gebadjt. Sie Diäte ermaljnten abermals gur (Einigfeit unb entliefeen
bie DUterleute, als biefe auf ber oom Slate oerfprodjenen ffierljanblung
beftanben, mit giemlid) nirfjtsfagenben Porten. So verlief bie lange
Unterrebung oljne redjteS Ergebnis. Es ift nidjt gu verwunbern, bafe
mau in ber Siirgcrfdjaft Ijödjft ungufrieben war, ja es fdjeint gu
allerlei Unfug unb Störung getommen gu fein. SöenigftenS wirb
bem jungen frergoge ^ßtjilipp, ber eben erft in Stettin eiugetroffen
war, von feinem Eljeiiu am 24. ©ttober beridjtet, in St. 3afobi
feien Saufe unb üüeiljwaffer umgefdjüttet, bie Silber aus ber fl'irdje
getragen unb bie DJlonftrang auS bem Eiborium genommen. Srotjbem
erteilten bie dürften am 28. Cttober ben Pfarrern von ^fatobi
Weltmann, Okfangte Don Stettin.
178
$an8 unb Simon Voiß.
unb Slitolai, fowie ben Wöndjcn bie ©rlaubnis, iljren ©otteSbienft
wie biöljer ju tjulten unb liefen biefen Sefdjeib bem State unb ben
Sllterleuten, bie ju einer Serfammlung in bie Ctteitfirdje berufen
roorben waren, uertiinben. „Slienianb fall fie baran ljinbern, ba fie
iljreS Jtird)eugebraud)§ auf (Erlaubnis g. g. ©naben fid) wieberum
unterfangen." gugleid) lourbe iljnen »erboten, eine 9inberung mit
bem gageteufelfdjen Kollegium »orgnueljmen; bereu Sorfteljer Ijätteu
gemelbet, man gebe in ber Stabt bamit um, biefe alte Stiftung auf»
jitljebeu unb in eine ®d)ule unijuroaubeln. Wit ernftlidjer Waljnung
311 untertänigem ©eljorfam entliehen bie 'Jtäte bie Serfammlung.
Sluffallenb ift, bafj aon feiten ber gürften nidjtS fiir ben feines
SlmteS entfetten $anS ßoitj gefcfjalj. (Er Ijcrtte, wie roieberbolt be
ridjtet wirb, offen erflärt, er wolle bei ben alten geremonien bleiben,
bis burdj ben ßanbeSfürften eine anbere Crbnung gemacht worben
fei, unb fidj geweigert, mit ber aufrührerifd)en ©emeinbe 31t uer
ljanbeln. Um ben SSiberftaub ber Sürgerfdjaft nidjt nod) 31t oer«
ftärfen, liefe bie ^Regierung iljn woljl frfjeinbar fallen, gab iljm aber
eine gufludjtSftätte in Tamm gu feiner Slbfetjung ljatte audj ein
Streit beigetragen, ben fein Sohn Simon mit Slnton ©olbbete ljatte.
Tiefer hatte oon jenem wegen einer Serrounbung, bie er burdj ihn
erlitten featte, eine (Entfdjäbigung uon 400 ©ulbeu »erlangt. ?lls
Simon auf redjtlidjer (Entfdjcibung oor bem State ober ben gürften
beftanb, entwich ©olbbete nadj grantfurt unb flagte bem Uurfürften
oon Sranbenburg, er tonne uon ben ßoitjen fein IRedjt befommen.
Tiefer trat fiir iljn bei ben 'JJonimernfürften ein, erhielt aber bie
Antwort, eS fei ©olbbete baS iRedjt burdjauS nidjt geweigert. $rotj
bem nahm Joachim iljn in feinen Sdjutj, um ben Sommern, mit
benen er wieber in gwift lebte, llnaiuieljmlidjfeiten 311 bereiten,
©olbbete fdjrieb einen geljbebrief au Stettin unb broljte, falls iljm
nidjt Sedjt werbe, bie Sürger aufjer ßanbeS -ju überfallen. £b woljl
man in ber Stabt wufjte, bah ©olbbete fid) mit Unredjt über ßoitj
beflagte, fo erregte feine Ulbfage bodj viel böfcS Slut, unb man »er«
langte uon bem Sürgermeifter, er fülle ben .fjaiibel aus bet S3elt
fdjaffen. Ta er ba^u nidjt imftanbe war, wiidjs bie (Erbitterung
gegen iljn, jiimal ba ©olbbete, obwoljl ber Jl'urfürft infolge energifdjen
GinfdjreiteuS bes .fjerjogS Samirn fid) uon iljm loSfagte, bodj fort»
fuhr IRaubjüge in baS ßanb jtt unternehmen. Stoppelberg füll eS
gewefen fein, ber bie Stettiner weiter gegen ßoitj anfljetjte, fo bah
biefer Tamm verliefe unb nach grantfurt a. C. ging, um ben ilur
fürften ju einem Sergleidje mit ©olbbete 311 ueranlaffen. TaS mißlang,
unb audj als ßoitj nadj >ßoi)inierii jiirüdgeteljrt war, tonnte ber
Streit mit ben $erjoßen.
179
ärgerliche £>anbel nicht beigelegt werben. SBegen biefeS Streites, ber
fid) 3«Ijre lang ^üi^og, foll £>erjog ®arnim folcfjen ®riinin gegen Stettin
gefafet haben, bafe er fein £>oflager nad) (Rügenwalbe »erlegte.
Slber nidjt biefer 3anf allein erzeugte bie SBerftimmung bes
Siirften gegen feine Stabt. Tie ?lnfprüdje ber Stettiner waren bei
ber fdjmädjlidjen Haltung ber ßanbesfeerren geroadjfen, man fudjte
gerabeju alles heruor> roa§ man flogen fie oorbringen tonnte, unb
fpannte ben Sogen immer ftraffer. Erbljulbigung unb Seftätigung
ber Srinilegien, ßoll unb SRünje, SlornauSfuhr unb Sdjiffafert, (Recht
nn ben (JJliifjIen unb am 'ßopetiwaffer, Sotronat unb (Redjt ber
jlirdjenneuerung, turj im ®runbe faft alle ftäbtifdjen Freiheiten unb
Sorredjtc tarnen jur Erörterung, bei ber oft hctouSforbernbe unb
unehrerbietige diufeerungeit oonfeiten ber Stettiner laut mürben.
SBudfS bod) bamalS bie Sürgerfdjaft an ßatjl unb (Reichtum, baute
man bodj an ben SJlauern, (löällen unb Sräben ber Stabt mit
befonbereni Eifer, uerbaub man fidj bod; mit anberen ftäbtifdjen
©emeinben gegen bie fürftlidje (Regierung. 9lm 23. Fe^ruar 1532
Bereinigten fidj bie Stäbte Stettin, Stargarb, Shrife, Earfe, Solliioro
nnb ©reifenljagen wegen beS „niedlichen SlbbrudjcS ihrer jeitlidjen
Währung" auf einige $unlte.
'ISaljrlidj, bie 'JRänner, bie bamalS bie ßeitung in ber .fjanb
hatten, müffen eS trotj aller inneren Streitigteiten oerftanben hoben,
bie Entwidelimg in grofeem Umfange ju förbern unb eine neue
Sliitejeit ber Stabt anjubaljnen. ßoife unb Stoppelberg waren fidjerlid»
IRänner, bie bei grofeem Eigenwillen nnb ausgeprägtem Selbftgefüljl
ju ben wenigen in ber Eefdjidjte ber Stabt bebeutfam heroortretenben
Serfönlidjfeiten gehören; eS ift nur ju bebauern, bafe wir uns oon
ihrem SScfen unb Streben fein tlareS Silb ju machen vermögen.
flampfeSfreubigfeit, wo eS fidj um Fntereffen ber Stabt Ijoubelte,
beljerrfcfjte fie in (jähem (Srabe. ?ludj mit bem ?lbte beS 3Jli<haelS=
berget SUofterS geriet ber (Rat in einen heftigen Streit, als biefer
Sefdjwerbe über bie Slnftellung beS Soul oom (Robe erljob unb mit
feiner Silage anS Slammergeridjt ging. 'JRit GJefdjid ftellte ber SijnbituS
Fatob Slrellner in einer langen Tenffdjrift bie ganjen Scrljältniffe
bar. Ter (Rat ertannte baS fflamberger Sotrouat ohne weiteres an
beftritt aber entfdjieben, bieS SRedjt oerletjt ju hoben. Ein neuer
Srojefe, ber lange Faljre anbauerte, erwudjs barauS ber Stabt.
Sind) ber alte Streit aroifdjen Stoppelberg unb Stellmadjer loberte
in biefen Faljren wieber empor. Tiefer war im Sertrauen auf bie
vom flaifer nnb ßanbeSfiirftcn erhaltenen Schntjbriefe nach Stettin
jurüefgefehrt unb lebte, wie er fpäter behauptete, bort ruhig unb
12*
180
Stoppclberg unb ©ttHnm^cr.
frieblidj Stoppelberg inbeffen ljatte ben Sd)impf, ber iljin oon feinem
(«egncr gugefiigt roorben roar, nidjt »ergeben ober oergeffen. So fam
eS, bafj SteUmadjer, als er in ber tjergoglicfjeu Sdjmiebe ein ißferb
befdjlagen ließ, am 16. Slpril 1532 von Stabtbienern verhaftet unb
in ben „biifteren Keller" beS Stathaufes geworfen rourbe. Sion bort
brachte man iljn alsbalb in bie „ißeiii» ober ^oltertammer", wo ber
Sürgermeifter Stoppelberg, ber ßJeridjtsoogt £>anS Tolgemann, ber
Stabtfrfjreiber £>anS ßübte nnb einige Schöffen mit bem Sdjarfruhter
erfdjienen. Ter Sefeljl -jur Reinigung rourbe gegeben, bocfj Stellmadjer
unb fein SiedjtSbeiftanb, ber gugegen roar, proteftierten gegen bieS
Verfahren. SBicber fammelten ficf) auf bie Kunbe von ben Vorgängen
galjlreidje Sürger oor bem Statljanfe. ®aljer gab Stoppelberg fdjliefelidj
nadj unb entliefe Stellmadjer aus ber £)aft, nadjbem biefer ber Stabt
llrfeljbe gefdjrooren unb Siirgfdjaft geftellt ljatte. Statürlich betlagte er
fidj bei bem ^ergoge über bie Serletjung beS taiferlidjen unb fürftlicfjen
(SJeleiteS. Ebrooljl Sarnim nichts gu feinem Stutjen unternahm, entftanb
bo<h abermals ein feeftiger Streit im State unb in ber Sürgerfdjaft.
Sian roarf Stoppelberg oor, er habe eigenmädjtig oljne beS States
Buftinimung gefjanbelt; er bagegen erflärte, er habe fich erboten, bie
Sadje auf feine eigenen Koften unb auf eigene Gfefaljr gu führen unb
für allen Schaben uub iRacfjteil eingutreten. Stellmacher betrieb feine
Sache mit grofjem (Sifer unb gog mieberfeolt von Stamm, roo er fidj
niebertiefe, nach Speier, aber roeber er, nodj feine (Gegner erlebten ben
SluSgang bes ißrogeffeS. Qnbeffen ljatten Stat unb («emeinbe auch
burdj biefe Sadje oiel Serbrufj, Slrbeit unb 'Ärger. ßunädjft aber
roar, roie eS fcfjeint, StoppelbergS Stellung noch unerfchüttert, unb er
fchaltete unb waltete eigenmädjtig, aber nicfjt oljne (fJefdjid in ben
ftäbtifdjen Slngelegenljeiten. 3hm ift eS n»otjl gu verbauten, baß
Stöbe, als er («oSIar wegen uiierquicflidjer Sertjältniffe verließ, ivieber
nadj Stettin guriidtehrte. (Er erljielt gwar immer nodj nicht eine
fefte Vlnftellung, aber eS fdjeinen ihm vom State bodj roenigftenS
60 («ntben jährlich gugefagt roorben gu fein. Stöbe h°t i*d) non nun
an roieber bemüljt, für Triebe unb Ccinigteit in ber Stabt gu wirten,
im Sinne beS UrbanuS SthegiuS, ber bereits am 1. gebruar 1532
bie dürften unb Stäbte ifionimerns vor ©eroalttat, Slttfruljr unb
(Smpöruug gewarnt hatte. SJtan gewinnt ben (Sinbrud, als fei
um 1532 ber £)öljepuntt ber geroaltfamen ^Bewegung, ber Slevoliition,
erreidjt uub ruljigere Beiten feien nadj unb nach eingetreten, bie eitblidj
eine Sntfdjeibung Ijetbeifüljrten.
®agu trug audj ber Urnftaiib bei, baß bie dürften allmählich gu
ber (Srteiinuüs burdjbraiigen, eS gelje auf bem bisherigen USege nidjt
SßenbuHß jum Srieben.
181
werter Sic fafecn, wie iljre 9J?acf)t im ßanbe immer meljr gufainnicii
bracfe, wie fidj überall ©iberftanb gegen bic ^Regierung geigte, unb
meinten, „wo be Stebe alfo fortgefaferen Ijebben, ib feebbe nergen
fein dürfte ebber Ebbelman blioen mögen". Söielleicljt war eS bem
jungen ^ergoge ißljilipp unb feinen SRäten gu bauten, bafe man
energifefeer aufgutreten unb Die Vorgänge namentlich in ben Stäbten
aufmerffaiuer gu «erfolgen begann. So ging man baran, bie £>anb
auf bie Scfeätje ber SHoftcr gu legen, liefe fie «crgeidjnen ober naljm
einen Seil in eigene ®erwaljrung, um einer Sefitjnnljme burdj anbere
giiDorgutommen. Vludj bie förmlidje Sciluna ißommerns in gwei
£>ergogtunter, bie am 21 Cttober 1532 erfolgte, war infofern «on
Einflüfe, weil jefet jeber ber beiben dürften in feinem ßanbeSteile
ungefeinbert fdjalten unb walten tonnte unb bie fortgefetjten ^Reibereien
gwifdjen beiben ein Enbe fanben. £>ergog Saniim XI. erljielt baS
ßanb Stettin unb griff feier unb bort mit gröfeerer Energie ein.
SefonberS ging man gegen bie abligen Strafeenräuber «or, «on benen
tnaiufeer audj ben Stettinifdjen auf ben Straffen nadjgcftellt uub fie
beraubt featte. SlfmuS «on Eicfftebt g. S. befannte bei feinem Serfeöre
im ’JJlai 1532, bafe er Kaufleuten «on Stettin bei bem fdiwargen
See wieberfeolt Sudj abgenommen feabe. Stabt unb ßanb atmeten
auf, al§ biefer 'ßlage nietjr unb meljr ein Enbe gemadjt würbe.
Sind) bie religiöfe Sewegung ging in biefen Qaferen in ruhigere
Saljnen über. Siir erfahren wenig barüber, bürfen aber annetjmen,
bafe bie ßefere be§ EoangeliumS, ber ja burefe ben iRärnberger IReli»
gionSfrieben «orläufig eine ungefeinberte Enrwideluug geftattet worben
war, allmählich in weitere Kreife brang unb in ben feiten ber SRufee
unb be§ ftriebenS liefe ftetiger ausbreitete, als in ben Sagen bc§
3ante§ unb Streites. Slofel fefelte eS nidjt an Eingriffen bet Katfeolifen
gegen bie Eoangelifcfeen, gegen bie biefe fidj nidjt minber heftig
wehrten. fliboriuS Scfewidjteiiberg neröffentlidjte 1532 noefe einmal
eine Sdjrift gegen bie „fetterligeu unb oalffen Scriftcn" be§ IßauIitS
«om fRobe. dagegen gelang c§ biefem, mandjen fatfeolifdjen Eeiftlidfeen
für bas e«angelifcfee Sefenntnis gu gewinnen, unter benen ber cfee
malige Qafenitjer SRöndj Sernfearb Strofefniber genannt wirb. Er
wanbte fiefe oiufe am 10. Quli 1534 mit einem ernften Schreiben an
ben Sefan unb ba§ STapitet «on St. SRarien, bie cbenfo wie bie
Tomfeerren «on St. ©tten an ber alten Hirdfee feftljielten, unb mafente
fie, baoon abgulaffen unb ber SSaferfeeit nidjt länger gu wiberftreben,
audj niefet weiter gegen bie eoangelifdje ßefere mit Sdjriften, Sifpu.
tationen unb allerlei Srohungen gu tämpfen. Er madjte and) warnenb
barauf aufmerffam, baS euangelifdje Sott foitiie faum nodj aufgefealteu
182
ßanbtcifl }u Treptow.
werben, gegen bie VHberftrebenben mit Wcroalt Dorgugeljett.
Die crfdjrocfenen ßleiftltdjcn wanbten fid) mit ber 'Bitte um Sdmtj
an ben ^jergog Sarnim unb erhielten non biefem eine beruhigenbe
Slntwort.
@cf)ori oerljanbelte mau wegen einer enblidjen Prbnung ber tirdi
ließen Verhältniffe. (£8 erwies fich als burrfjauS nötig, ben oölttg
unfidjeren Bitftänben ein ®nbe 311 madjcn unb baS ßirchenwefen, baS
infolge ber Dielen Slnberungen in ber Verwaltung unb Verwertung
ber Äirdjengüter, in ber SluSgeftaltung beS SotteSbienfteS, in ber
Veftellung ber Weifthdjen ufw. gäitßlidE) aufgelöft gu fein fcfjien,
auf neuer Wrunblagc eingurichten. SBaS in anberen beutfdien ßänbern
bereits gefdjeheit war, mufjte and) für Sommern erfolgen, unb bie
^crgoge mußten bies SStrf felbft in Singriff nehmen, „wollten fie fid) nidjt
um ßanb unb Meute bringen". DcSßalb begannen fie mit ben Stäuben
gu unterljanbeln unb fdjneben einen ßanbtag gu Treptow a. V.
auf ben 13. Degember 1534 aus. 'JJlit großem (Eifer unterwarfen
fid) bie fiirftlidjen Dcäte ber Slrbeit, oor altem audj bie Stäbte gur
Vefd)idung beS TageS unb gur Teilnahme an ber Veratung gu ner=
anlaffcn. Dagit war eine Vcfeitigitng ber (Megenfäge, bie in ben
eingelnen ©emeinben beftanben, feljr notwenbig, unb fo gab fidj in
biefer Bei* bie Regierung SRiilje. ben alten Swift, ber gwif<$en
Stoppelberg unb ßoitj uub ihren Slnljängern Ijerrfdjte, nach 'IRÖg
lidjfeit beigulegen. (Es fdjeint iljr bamalS gelungen gu fein, für ßoitj
bie (Erlaubnis gu erlangen, baß er wieber unbehelligt in Stettin
wohnen burfte, gitntal ba er offen ertlartc, er fei ein alter SRann
unb wolle in feiner $eimat rußig fterben. SRan ertannte, baß ßoitj,
ber bis an fein l£nbe bem alten (Glauben treu blieb, ber firdjlidjen
Neuerung nidjt meßt gcfaijrücß fein werbe, f^efjt war Stoppelberg,
obwohl er in ben Singen ber Regierung immer nod) als Slufrüßrer
galt, ber SRann, ber unbeftritten ben größten (Einfluß auSübte. (Er
madjte itjn in biefer Seit gugunften einer Slntiäßerung ber Wemeinbe
an bie Vläne ber £>eröoge geltcnb unb wirfte bafür, baß man trotj
ber no<ß nidjt beigelcgteii Streitigteiten nicht fdjmollenb gur Seite
ftanb, alS eS galt, eine Veuorbiiung beS pommerfeßen JtirdjenwefenS
gu fdjaffen. Vielleicht riet and) Johannes Vngenßagen, ber auf bie
Vittc ber dürften gufagte, an biefem Vierte niitjuarbeiten, bei einem
fnrgen Slufetißalte in Stettin gur Verfößnung unb bewog ben Vat,
fich QlIf bem ßanbtage gu Treptow oertreten gu laffen. Voul oom
fRobe arbeitete im Sluftrage ber Stäbte eine Dentfcßrift aus, in ber
ßeroorgeßoben würbe, baß gu einer „guten Crbinang unb ^ßoitgei"
oor allem eine (Eintracht ber ^Religion int ßanbe gehöre, unb madjte
VanbtaQ }it Treptoro.
183
gur Erreichung biefeS Zieles praftifdjc Vnrfdjläge fiir bic einheitliche
Kircheiwerfaffung, bie Einrichtung oon ©djulen u. a. m
®ie Voroerljanbliuigen m £reptow begannen am 7. ®egember,
unb Vitgenfjageu arbeitete alsbalb eine Kirdjenorbuung aus, bie am
14. ®cgember nach Eröffnung bes ßanbtageS ben ©tänben oorgelegt
würbe. Es erhob aber gegen fie nidjt nur ber Söifcfjnf EraSmuS
non Eammin Einfpntdj, fonbern auch ber größte 'Jeil beS 'Jlbeis unb
einige ©täbte, gu benen woljl ©tettin gehörte, waren mit ber Voi
läge nidjt einoerftanben. ©ie fiirdjtetcn bie große Vladjt, bie auS
biefer Crbnung ben £)ergogcn erioudjS. SIber ißre fefte Haltung wirftc
auf bie Vertreter ber ©täbte. bie befonbers auf eine Freigabe bes
EoangeliumS brangen. Sßre Vebenfen naljm bie ^Regierung gur
roeiteren Erroägung entgegen. 2rotj beS hartnödigen SSiberfprudjes,
an bem ber Vifdjof, feine (Setreuen unb ber ?lbel feftljielten, tarn
ber Vefdjluß guftanbe, „bat man aoer bat gange Canb baS billige
Eoangcliuni luter unb rein fdjolbe prebigen'1. SUS ßanbtagSabfdiieb
mürbe bie Kirdjenorbuung VugeiitjagenS publigiert unb im grütjling
1535 gu Sßittenberg gebrueft. ®amit war fiir bie pommerf<$e Kirche
ein Erimbgefetj gefetjaffen worben.
Eine fehwierige ?lufgabe aber war eS, bie bort gegebenen Ve<
ftimniungen im eingeluen burdjgufiifjren unb namentlich gnnädjft in
ben ©täbten eine neue Regelung beS KirdjenwefenS gu fifjaffen.
VcfonberS in ©tettin war infolge ber oorauSgegangenen Unruhen
eigentlich alles in Verwirrung geraten. Patrone oon Vifarien unb
anbereu geiftlidjen ©tiftungen hatten eigenmächtig ba§ Kapital an fich
genommen, mancher ©dnnudgegenftanb war aus ben Kirchen ober
Kapellen oerfchwunbcn, ber '.Rat felbft erhob Slnfprudj auf baS SRecfjt,
über baS Kirchenfiiber u. a. m. gu oerfügen. Es beburfte großer
SRülje, bie Unorbnuiig gu befeitigen unb wieber rectjtlidj fiefjere 3u
ftänbe gu fcfjciffen. ®ie Vorarbeiten fiir eine foldje fReuorbnung, bie nadj
bem Vefdjluffe beS Treptower ßanbtageS burd) eine Vifitatton aus
geführt werben füllte, hatten tüdjtige SRänner in ©tettin bereits in
Eingriff genommen. Vor allem war eS wieber VQul oom fRobe, ber
fid) große SRiilje gab, eine Erunblage fiir bie beoorftcljenbeii Verljanb
lungeu gu fefjaffen. Es liegen oon feiner £anb maudjerlei Schrift«
ftiirfe oor, g. V. über bie £)ofpitäler gu ©t. Weorg unb oom ^eiligen
Seifte, bereu Vermögen er gur Verforgung ber Sinnen oerwenbet
haben wollte. Runädjft war es nötig, ein Qnoentar unb SRegifter
über baS Vermögen angufertigeu, bamit man wußte, was nodj oor«
fjanben fei, beim feit lange war teme JRedjenfdjaft gelegt worben.
<War buch bie Klage allgemein, baS geiftlidje Ent fei oerfdjieubert
184 Tie erfle ÄirtfjenBifttation.
ober gu roeltlidjem Gebrauche gcroanbt roorben, bie Geiftliößen aber
erhielten feine ober feljr bürftige Verfolgung. Gs galt baßer erft baS
Vermögen ber s<irdjeii nnb Stiftungen roieber in ©rbnung 311 bringen
nnb bann eine redjte Verfolgung oer ^rebiger nnb ber Sinnen ein»
guridjten. Ta erljob fid) aber eine große Scßroierigfeit. SSie füllte
man benen, bie in ber oerroidjenen 3ed firrfjlicfjeö Vermögen an fid)
gebracht hatten, eS roieber abnehmen, roie namentlidj ben 9tat, ber
angeblich ber Sicherheit roegen, eben|o roie bie dürften, einen Teil
beS StirdjeitfilberS in Verwahrung genommen hatten, oeranlaffcn, es
roieber IjerauSgugeben? Gs ift tlar, baß ein Teil beS SRateS einer
Vifitation nicht freubig entgegenfaß. Slngcblidj fürchtete man fiir bie
Brioilegien ber Stabt, bereit Selbftänbigfeit abermals bebroßt fein
follte, in BJaßrßeit aber fcfjlug rooßl manchem baS Geroiffen über
unrechtmäßige Bereicherung auf fioften ber Stabt, .fpergog Barnim
geigte am 16. ^ebntar 1535 bem Bäte, ber Gemeinbe unb ber
gefaulten Geiftlichfeit StettinSoffigiell an, er ßabe QloßanneS Biigeubagcn,
ben Grafen Georg oon Gberftein, Qafob SSobefer, IRiibiger 'JJiaffoio
unb Bartholomäus Suaroe beauftragt, im Sehruar bie Vifitation in
ber Stabt oorguneßmen. Tie oerfeßiebenen Vorfdjläge 'Jlobes über
bie ?lngaßl unb bie Befolbung ber Geiftlidjen fanbcit gumeift bie
Billigung ber Bifitatoren, bie fidj nad) bem Befehle bes £>ergogs
an bie müheoolle Slrbeit machten. GS ift fiir uns fdjroer, biefe
Tätigten, bie oom 21. Jebruar bis weit in ben 'JRärg, ja oielleidjt
nodj länger bauerte, ridjtig gu beurteilen, ba roir unS feine rechte
Borftelhing baoon machen fönnen, roie bamalS bie 3uftänbe in Stettin
im eingelnen lagen. TeSßalb muffen roir uns bamit begnügen, baS
GrgebuiS ber BifitationSarbeit gu betradjten, bas in einem unbatierten
Slbfdjicbe oorliegt. TaS erhaltene Sloniept geigt beutlicß bie perfönlidje
SDlitarbeit BugeiiljatjenS, ber niaiidjerlei ßufäße mit eigner $anb
ljingugefiigt ßat. Grunblage fiir bas neue Sl'ircßenroefen gilt
natürlich bie Treptoroer £rbnyng, unb itjr gufolge wirb bie bisherige
häutig ber ßeremonien unb ber ftirdienregierung aufgehoben. Tie
Bifitatoren überlaffen bie beiben Tome unb baS Briorat oon St.
$afobi mit ihren Bermogen unb Ginnciljmen ber Verfügung ber
.fiergoge, bie, roie man ßofft, bamit eine llnioerfität ober eine anbere
Stiftung begritnben roerben. §iir bie ^\afobifirche roirb bie Vnftellung
eines Brebigers, breier Haplane, eines Lüfters nnb ©rganiften, fiir
St. Vifolai bie eines BrebigcrS, groeicr ßaplane unb eines JtüfterS
geforbert; außerbem foll ein Bräbifant für bie Sinnen in St. Georg
unb St. Gertrub gehalten roerben. Tie BrterSfirdje foil ißren eigenen
Bforrljerrn ßaben. fjür St. ^atobi unb Slifolai roerben B<ml oom Stöbe
Str Vifitation&rbfcbieb Uon 1535.
185
unb DlifolauS ^ovefdj als Ißfarrer beftätigt in ber ©rroartung, baß
fie „fid) ber wahrhaftigen Verfünbigttng bcS (Evangelii" befleißigen.
Sie gefaulten Kapitalien unb ©infiinfte ber Kirdjen, Kapellen, 'Altäre,
Vifarien, DJlemorien, Vrüberfdjaften u. f. n>. mit allen Kenten unb
Bmfen werben <ju einer einzigen großen Kaffe, bem gemeinen Kaften,
vereinigt, bie Verwaltung wirb 6 Siafonen ober Verwefern übertragen,
bie eine genaue ^nftruftion für iljr 'Amt erhalten. Sie erften Vürger,
bie hieran ernannt werben, finb £anS Keveliug, Qoadjim Kegelftorp,
DJlattßiaS Vobefer, ßutaS Kamin, Ctto Diamin unb ^oad)im Vinte,
^ßneii übergab ber Diät einen Seil bcS in Verwäßrung genommenen
Silbers (im ganzen 2G0 Vlarf) uub verßieß, ben (SrlöS auS ben
bereits verfauften Sdjätjen (800 Wulben) an ben Kaften abguliefern.
Sas Vermögen, baS aus ben beiben ^aupttirdjen bem Kaften jufloß
unb teils au§ Wrunbftüdeii, teils auS Kapitalien beftanb, wirb auf
13G65ys Ghtlben angegeben, eine Summe, bie in Sßirflidjfeit faum
bem entfpradj, was bie Kirdjen mit allem ihrem .ßubeßör befaßen
Später ift nod) viel über biefe Vermögensverßältniffe verljanbelt
worben, unb bie Siafone hatten eine fdjwere Aufgabe, mit ben ver=
fdjiebenen beteiligten Patronen ober Dlutjnießern von Stiftungen
'Abmachungen ju treffen. ®S war inbeffen ein (Srunbftorf für bie
genteinfame Kaffe gefdjaffen worben. Sas weitere git beforgen, bie
ßinfen unb Kenten ober bie Kapitalien von ben Sdjitlbuern ein«
auaießen ober einauflagen, würbe brei SUlitgliebern beS KatS, $anS
flübed, .£ianS Solgemann unb Veter Stampe, aufgetragen. AuS bem
gemeinfamen Kaften fallen bie Vefolbungen an Weiftlidje, Kirdjen
beamte, beu Sdjulnieifter unb feine Sefellen geaaßlt unb bie Kirdjen
gebäube mit ben baau gehörigen Käufern in gutem ,3uftanbe erhalten
werben. Sie Siafoue hoben jebeS ^aßr über ihre Verwaltung Kedjeii
fdjaft vor bem Kate an legen. Sie '-Befeßung erlebigter Stellen wirb
bem Kate augefprodien, ber in Gegenwart eines VrebigerS, ber Siatone
nnb etlicher Alterleute ber vornehmften Wewerfe „eine anbere tugeub
ließe Verfon in beS Verftorbenen ober Abgeftanbenen Statt erfetjeii“
foll. Ser Sdjule wirb baS fogenannte St. ^afobS'Kifarien .fiauS
augewiefen. Qßre Dehnung foll bem Sdjulmeifter, ben Vrebigern
unb anberen baau verorbneten 'fjerfonen überlaffen, babei aber bie
fädjfifdje Vifitatiou nad) Vlöglidjteit befolgt werben. DSinfelfcßulen
werben verboten, eine DJläbdjenfdjule, „barin man Sdjreiben, Gefeit
unb Singen lehre", wirb in AuSfidjt genommen. Dieben bem Kirdjen
unb Sdjulroefeii wirb eublidj and) bie Armenpflege georbnet. Aus
bem Vermögen ber ^ofpitäler von St. (Meorg, bem ^eiligen Weift,
St. GJertrub, fowie bcS (Jlenben Kaufes wirb eine eigene Kaffe, ber
186
2>q8 SobanniSflofter.
Sinnen .Raffen, bcgriinbet, in ben and) freimiHicje Gaben ober bic
(Erträge ber Klingelbeutel fließen. ^tjrc Verwaltung füljren ad)t
Tiafonc, neben ben uorljer genannten nod; $einrirf) SDtoIIer nnb
GgibiuS Vricßtc. (Sie batten bie Kaffe eingundjten, fiir bte Unter»
briuguna ber Krauten nnb Sinnen (Sorge an tragen, fowie bas Slötige
gur Verwaltung beS KaftcnS in bie $anb gu iiefjmen. ®aö finb int
großen bie Veftimmungen beS VifitationsabfdjiebeS oon 1535, bie
Wrunblagen für bic weitere Gntwicfelung ber (Stettin« Kirrfjen-, (Sdjul
nnb Sinnen Ginridjtungen. 3fm allgeineinen ljaben fie fid) bewäßrt,
im einzelnen war natürlich nod) oielcs genauer auSgugeftalten nnb
weiter gu bilbeii.
®afe Vatronatsredjt über bie beiben .fjauptpfarrfirdjen ber (Stabt
war bem State gugefprodjen, bamit war ba§ SBanb gelöft worben,
ba§ Qatjrljunberte lang bie ^fafobifirdje mit bem Vamberger WticfjaelS»
flofter oerbnnben ljatte; e§ ift, wie e§ fdjeint, oon biefer (Seite fein
nacfjbrürflidjer Ginfprucfj bagegen erhoben, ©agegen fam eS fpäter
wegen biefcS Sledjtes gu einem langen (Streite gwifdjen ben ^ergogen
nnb bem State, ber erft 1612 im wefentlicfjen gugunften biefeS ent
fdjieben wnrbe. ®ie neu gefdjaffenen (Stellen würben befetjt, cingelne
altere Oieiftlidjc, bie fid) nidjt gu ber euangelifdjen Celjre befannten,
erhielten nadj ber Crbnung, bie Söngenßagen für bie in Klöftern unb
(Stiften oerbleibenben KIcrifer 1535 oerfaßt unb ber Kirdjenorbuung
angetjängt tjatte, auf ßebcnSgeit notDiirttige Scrforgnng. Gs tann
auffallen, baß in bem (Stettiner VifitationSabfdjiebe mit feinem SBorte
beS gran8i§fanerflofter§ erwäßnt wirb. ®a§ fjat woßl feinen @ninb
barin, baß oon ißm ber Stat bereits oorßer SSefitj genommen unb
baraitS ein jpofpital für fcßwadie, alte unb oerarmte Vürger gejd.affen
ljatte. (Scßon 1528 war VifolauS JRÖljIe als ißrebiger unb Verwalter
bet' Kaffe angeftelh worben. Gine Vtarnfel, in ber bie Vefißungen
unb Ginfünfte ber oerfdjiebeneu .fjofpitäler unb Wottesßäufer auf
aegeidjnct würben, legte man 1536 an; erft fpäter (1557) vereinigte
man baS geturnte Vermögen, gu bem audj ba§, was oon bem alten
Kalanbe ober fonftigen SBrübcrfdjaften übrig geblieben war, getjörte,
gu einer eingigen SDtaffe, bereu jäßrlidje Binfcn 1564 auf 13779 Gulben
angegeben werben. (So entftanb ein großes $ofpital ber Sinnen, fiir
bas bic Heineren (Stiftungen uon (St. OJertrub, (St. Georg, oom ^eiligen
Weift gewiffermaßen Filialen waren. ®as Vegineuljaus am Stöben»
berg (Stofengarteii), ber fogenannte SdjiniuqSfonoent, würbe für bic
Slufnaßme oon grauen euigeridjtet. ®a§ weiße ober Karmeliter Klofter,
für bas eben erft ber ßoße Gßor ber Kirdje erridjtet worben war, ging
in ben Scfiß ber (Stabt über; man uerlcgte 1550 ljierljer bic
(S^ulwefen.
187
Stabtfchule, bie faft brei Saljrtjunberte bort iljre Untertunft getjabt ljat.
Gange Verhanblungcn mad)te nod) bie £ rbnung Der einzelnen (Stiftungen,
bie in ben oerfdjiebeiten Kirchen beftanben, notwenbig. Vinn muffte
guiwidjft feftftellen, wa§ bnoon oortianben war, bnnn mit ben Ißatronen,
gum Seil 'priuatperfoncn, gum Seil (Milben unb fünften, oerljanbclit.
SaS Kapitaloermögcn oon wielen würbe eingegogen unb bem Slrnien
Kaften gugelegt, für nnberc erhielten bie Vatrone Kapellen ober
(Meftüljle.
9ludj bie Crbnung be§ (SdjuIroefenS machte und) oielc (Schwierig
feiten, uub bei ber groeiten Vifitation, bie 1539 ber gum (Supcrintcnbcnten
ernannte Vaul oom Stöbe oornaljni, geigte e§ fid), bafj in biefer
£jinfid)t wenig gefefjefjen war. Grs wirften hier unb bort in ber (Stabt
fogar nod) Geljrer, bie ber fatljolifdjen Konfeffion anhingen ober burdi
nnorbentlidjeS Geben Slnftofj erregten. Sie Unterfunft in bem $aufe
an ber (Ede ber Vapeii* nnb 'Ulöiuiier Strafe war überaus bürftig,
bie lateinijdje (Sdjule nidjt mit ben nötigen Gehrern oerforgt nnb bie
beutfdje faum regelrecht eingerichtet. ®rft 155U würbe beffer für bie
lateimjdje (Sdjule gejorat; SRobe arbeitete felbft bie Crbnung für fie
au§ unb bemüljte fidj mit (Eifer nm bie Vefferuiig ber 3»ftänbe Sodj
nodj 1560 nullte er ben 91 at bringenb mahnen, enblidj beu Vau bet
beutfdjen Knaben« unb SJläbdjcnfdjiiIe in Eingriff gu nehmen; „fie ift",
fo fdjrieb er, „baS ebelfte Kleinob in ber (Stabt, barin lebenbige Vtlbe,
nämlich ber Vürger junge K'inber unb Knaben, ergogen werben,
barauS in Kirdjen unb fRattjaufcrn treue uub gefdjidte Siener unb
Hauswirtinnen ergogen werben", gür biefe wichtige 'Aufgabe geigte
bie (Stabtoerwaltung geringes ftntereffe unb liefe baS (Sdjulwefen lange
Beit in mehr alS tümmerlidiem 3uftaube. 'Jludj bie lateiuifdje Vats-
fdhule, an ber halb tüchtige Vlänner, wie VetruS Veder, ^oljann
Kogeler, 3°adjnn (Mrüneberg u. a. m., wirften, behielt eine unfertige
(Jfeftalt. SBei eingelnen in ber (Stabt Icbcnben Gehrern, (Stiitjlfdjreibem
ober Vedjennieiftcrn, beten Können gumeift recht bürftig war, liefjen
bie Vürger, bie ihre Kinbcr überhaupt etwas lernen laffen wollten,
in bie Gehre gehen.
'Jlidjl Stat unb Vürgerfdjaft allein hatten au ber Sleugeftaltung
gu arbeiten, bie Gbfnng gar oieler fragen blieb ber GanbeSherrfdjaft
oorbcljalten. Sic beiben reidjen Soinftifte oon (St. SRaricn unb
(St. Ctten hatten bie Hergogc alS (Stiftungen ihrer Vorfahren fich
fdjon bei Den Sreptoroer Verljanblungen referoiert, nuD eS foftete oiel
SJliitje, fie in bie neue Crbnung eingufiigen. Werabe an biefen Kirchen
hielt fich bei fatljolifdje Giotte&bienft lange. Sic Somljerren wollten
iljre Vräbenbeu nidjt aufgeben unb fetjten allen Verfudjcn gur
188
(Mrünbung beß ^ßftbagoQiumß.
Umgcftaltung energif<hen SSibcrftanb entgegen. Qnt ßanbe aber Ijutte
man an bicfen Stiften ein fonberlidjeß 3ntcrcffc. t>a fie in nidjt
geringem Umfange alß Serforgungßanftalten für 'Ulitglieber beß Sibels
bienten. Sujoit friil) madjte fidj eine Slgitation bafür geltenb, an
Stelle ber Stifte eine „ftatthdie Sdjule ober llniuerfität" 311 erridjtcn.
Tod) bie dürften lieben fid) ^nnädjft auf eine foldje ^nfagc nidjt ein,
?Uß bann aber ber Sibel einen Slnfprudj anf biefe geiftlidjen Stiftungen
crljob, micfen bie gnrften iljn in fdjönen Schreiben (12. nnb 25. Sep
tcmber 1535) ab nnb ertlärten, baß fie nidjt baran bädjtcn, fie fiir
fid) 5u oerwenbcn, fonbern allgemeinem Stuben bienftbar madjen,
namentlich auß St. Sülarien unb St. Otten in Stettin eine llnioerfität
erridjten wollten, freilich tarn eine foldje Ginridjtung nod) nidjt fo
halb .piftanbe. Sllß am 8. Februar 1541 in Stettin bie befinitioe
Teilung beß ßanbeß in bie beiben „Orte" Stettin unb SBoIgaft erfolgte,
ba gaben Sarnim unb fßl)ilipp enblid) iljre Slbfidjt funb, einen ‘Xeil ber
Grinfünfte fiir bie Plriinbuitg eineß fßäbagogiumß, b. I). einer ($r=
jieljungßanftalt, 311 benutzen Bnnädjft würben am 16. Tejember 1541
bie beiben Stifte oeretnigt unb eine aemeinfame Serroaltung etngefebt
bann erfolgte burd) bie llrfunbe oom 25. Oftober 1543 bie Segriinbinig
beß fßabagoginms, einer fturftenfdjnle, in ber „anftatt beß Sdieineß
ber Same redjter Tugcnb nnb (fl)rbarteit, gegen ben Slberglauben unb
Superftition eine Slnleitung #ur rechten SBaljrneit beß göttliajen SBorteß
unb djriftlidjen (Klaubens" gefäet unb gepflanzt werben follte. Tie
Sdjule unb &r,)iel)inigßanftalt trat 1544 unter iljreni SReftor Slntoniuß
Slaltljer inß ßeben. Sie roar oon Slnbeginn fiir Schiller beftimmt,
bie bereitß bie Slnfänge ber (ateinifdjen Sprache gelernt ljatten, nnb
befaß iibnlid) wie bie um biefelbe JJeit geftifteten fädjfifdjeii dürften
fdjulen einen außgefprodjen gelehrten Qufdjnitt, fo baß fie einen
atabemifdjen Slnftnd) edjielt. 3nt Sdjutje ber alten SJlarientirdje, in
ber nun aud) eoangclifdjer GBottesbienft eingerichtet würbe, erblühte
biefe SInftalt allmäljhd) 311m Segen ber Stabt unb beß Vanbcß. Tie
Ottenfirdje ljatte man urfprüngfidj gan^ abtragen wollen, aber als
Sarnim um 1538 fein Stettiner Sdjloß außbaute — ein auß Stein
gehauenes SBappeii an bem heutigen Dftflügel erinnert nod) an biefen
Sau —, ba würbe aud) biefe Jfirdie erneuert unb blieb oon nun an
alß Schloßtirdje 311111 firdjlidjen ßicbraudje beß herfloglidjen föofeß
erfjaltcn. ßu ihrem Sdnnude ließ ber fieqog um 1545 ein auß
£>ola gefdjnitteneß (Spitapb fiir Sogiflaw X. unfertigen unb bort auf
hängen. Sluß bem nidjt für bas Säbagogium oerroanbten iSintommen
beß neugeftalteteu Slarienftiftß fdjuf man Sräbenben, bie an hetfloglidje
Seamte unb Slblige oerlieben würben. Ta? alte TUgeteufelfche Stift,
Die £)ttenfir<be.
189
2lbb. 7. ©enfftein SöarnimS III.
bas nalje bei ber 'JJlarientircbe in ber Heinen Dom ©trage feine Unter
funft batte, trat in nabe ißerbinbiing mit biefem ©otteSbaufe.
190
Oberburg.
Ta? ßiflerjit iifennnen=filofter uor ber ©reibt würbe, wie bie
anberen großen Jelbflöfter bes Vanbeß, non ber '.Regierung in Sefitj
genommen. Sian liefe aber bie oorfeaiibeiien Jungfrauen rufeig in
bem Stlofier, in bem fidj 1553 und) fünf, 1563 jwei ÜRonnen befanben;
bie letjte Domina ftarb 1544. Sluß bem außgebeljuteii Grunbbefitje
bilbete man allmnt)iidj ein furftlidieß 3lmt ober eine Domäne. Daß
Gottesfeauß fdjeint nidjt meljr lange bem tirdjlidjeii Sebraudje gebient
311 feaben; mau wanbeite eß nodj im ßaufe beß 16. Jaferfeunbertß in
ein Jeugljauß um. Serlaffen war halb audj bie fiartfeaufe oor ber
Stabt; $er,3og Samirn nafem oon iljr Sefitj unb liefe fie gu einem
Sdjloffe umbauen, baß fpäter alß Oberburg belanut geworben ift.
Jti ben Jormen ber beutfdjen fRenaiffance, mit Dünnen unb ©iebem
gebaut lag eß auf ber $öfee über ber Ober. Jum SInbenlen an feinen
Vifen Santini IIL, ber einft baß Jlartfeäuferflofter geftiftet ljatte, erriefetete
Santini XL feier 1543 einen Dentftein. 'Jtuife maiufecrlei SBanberungen
ift er feeute in ber Jafobifirdje untergebradjt unb als einß ber wenigen
Dcnfmäler, bie an baß alte ^erjogsfeauß erinnern, erfealten. ^er^ng
Samirn XI nafem in ber ftartfeaufe 'JBofenung, alß 1551 ein Sranb
einen Deil beß Stettiner Scfeloffeß in Slfdje legte.
Die llmgeftaltinig beß Slirdjenwefenß in ber Stabt war erfolgt.
VI ber mit ber äußeren Jorm änberte fidj nidjt fogleidj ber innere
Sinn. Slodj lange bauerte eS, biß bie eoangelifdje ßefere wirtlich
Gingang in bie $er,-jen unb (SJemüter fanb, nodj lange würbe oon
vielen ber alte («taube feftgefealten, ja. eß fanben fid) immer wieber
ßeute, bie für ttjn '.ßropaganba madjten, fo bafe bie eoangelififeeii
Geiftlidjen oft gegen foldje auftreten mußten. Vlucfe bie Jormen beß
©otteßbienfteß, bie Gefänge unb Jeftfeiern blieben nod) lange erfealten
unb würben erft allmäljlidj umgeftaltet.
Unter ben 'JRännem, bie fiife um bie 'Reformation ber Hirdie in
Stettin oor anberen oerbient gemacht Ijaben, ift ißauluß oom SRobe
an erfter Stelle 31t nennen; er bat bie fdjweren Jeiten beß Slampfeß
burcfelebt unb mit unermüblidjem Gifer an ber Gntwiitelung ber Sriufee
gearbeitet. Söenii er bei ben fdjwierigen Scrfeältniffen au<fe bisweilen
ben 9Rut verlieren wollte unb Ißfingftcn 1537 fein Imt in Stettin
aufgab unb nadj Vüneburg ging, fo feing fein ^erg bod) an ber Stabt,
unb er lehrte auf 'JBunfctj beß ^eriogß Sariiim im ^erbfte 1538 bortljin
(jurüd. Siß an fein Vebensenbc (12. Januar l -r>63) ift er bort geblieben
unb feat bei ben mannigfachen Streitigleitcn unb Sdjwierigteiten in
feiner milben, aber beftimmten Söeife gewirlt. Vluf Sijnoben unb
bei Sifitationen, bie audj für Stettin in ben nädjften Jahren nodj
feödjft notwenbig waren, trat er für bie reine ßefere ßutfeerß gegen
©ie erften eDanßelifdjen (^eiflltdjen.
191
abweidjenbe 'Anfichten, wie fie 3. 93. 'fJetruS löeder in Stettin ueibreitete,
energifd) ein. Söeniger als uon Wooe iniffen wir uon bent Dlanne,
ber in ben Beiten ber Anfänge ber eoangelifdjen Jtirdje Stettins neben
iljm oft genannt wirb, DitoluiiS uoni $ofe ubpr WitolauS $öuifdj, fo
wenig, baß man bezweifelt fiat, baß beibe Wanten biefelbe ifJerfon
bezeichnen. @r ftarb bereits am 21. Dlärz 1541. ®ewiß uerbienten
and) bie anberen euangelifdjen Qfeiftlidjen ber erften Beit an biefer
Stelle genannt 311 werben, ®corg Sracow an St. Diarien, 'Anbreas
88ol)lgeniiitlj an St. Jacobi, Bfoljann ©raiiow an St. Witolai, Slnbreas
'Jßfeiffer, DifoIauS Wöljle an St. Qofjannis u. a. m. 9lber was finb
oas mehr als leere Damen? Doch weniger wiffen wir uon ben
Bürgern Stettins, bie fid) in biefer Beit um ilirdje imb Sd)tile, um
'Armen« unb ffrantenpflege uerbient machten unb an ber Weugeftaltung
ber firc^Iidjen unb fo.yaleii giirforge mitarbeiteten, ©arunt fei nur
im allgemeinen Ijeroorgeljoben, bafe bie 93ürgerfdjaft Stettins in biefer
politifd) unb religiös bewegten 'fieriobe eine große Bald non Wannern
befaß, bie mit Gifer unb Siebe fiir bas SBotjl ihrer Stabt tätig waren;
baß babei bisweilen Seibenfdjaft unb Selbftfudjt mit im Spiele waren,
foll temeSwegS geleugnet werben.
911S fiir bie tirdilidie Weiterung eine fefte ©runblage gefefjaffen
wotben tuar, ba tarn auch bie Seit, mit ber Sanbesljerrfdjaft ben
langjährigen Streit beizulegen. Wad; ben heftigen Kämpfen um bie
fpulbigung unb 93eftätignng ber '.ßriüilegien, bei beneit ^aijllofe Schrift«
ftücfe gewedjfelt unb Wedjtsgutadjtcn uon uerfdjiebenen llniuerfitnten,
wie grantfurt, SSittenberg, Ceipzig, eingeholt würben, trat im Baljie 1535
allmählich eine ^Beruhigung ein. Dian uerfud)te fid) gegenfeitig ent«
gegen zu tommen, fo baß am 23. April bie Vertreter ber Stabt mit
ben fiirftlidjen Säten einen Vertrag abfcfjloffen. Gs würbe beftimmt,
baß Stettin bie £mlbignng an einem uon ben .fierjogen feftzufetjenben
Jage leiften unb bafiir bie Weftätiguiig feiner 'firinilegien erhalten
folle. 'iSciter würben bie einzelnen Streitpunfte wegen beS Bolls,
ber Dlünzgeredjtigteit, ber Wemißer Dlühlen, beS ©cridjtswefeu» ufw.
erleüigt. Bu einem Streite mit bem ©omtapitel uon St. Diarien
über eine Baßlung auS ber jläntinerei unb Sdjoßabgabe uon ben
©omturien würbe ein fßergleidj uorgefdjiagen. Bin allgemeinen waren
biefe 'Abinadjiingeii für bie Stabt iiugiinftig. ©eshalb tann man
fid) nidjt wunbern, baß bie Deftimmungen llnzufriebenljcii in ber
Würgerfdjaft imb bem Wate erregten. Dian warf ben 'Vertretern uor,
fie hätten ben fiirftlidjen Waten als parteiifdjen SdjiebSridjtern uiel
Zu feljr nachgegeben, unb fie fcheinen tatfädjlid; ber Sanbesljerrfdjaft
meljr jugeftanben ju ljaben, als fie uerantworten tonnten. Gs tarn
192
SlmtStiieberlegunß StopptlbeißS.
barüber gu neuen Streitigfeiten unb Unruhen, fobaß bic Slbmadjungen
nidjt beftätigt würben. ^tergog Vartiiut mußte 1538 gerabegu ein
3rieben§gebot an Viirgermeifter unb 9iat ergeben laffett unb ungebühr-
liche 3ufaninientünfte ber Gilben oerbieten. (Der Unwille richtete fidj
bamals gegen bett Viirgermeifter Stoppelberg. 9Ran warf iljm nor,
er trage Sdjulb an bem ungünftigen Slbfdjluffe, unb, ba einmal bie
'JJlißftimniuug fid) ßuft madjte, fo tarnen and) anbere Vefdjwerben
gum 9lu§brud. (Der Stellmadjerfdje ißro^efj bereitete ber (stabt Diele
SIliitje unb große K'ofteit. 3)lan erinnerte fid), bafj Stoppelberg einft
ertlärt Ijabe, er wolle alles, was ber (stabt aus biefer Slugelegenljeit
an llntofteii erwadjfen werbe, auf fid) neljmcn. Qctjt oerlangtc man
uon iljm bie (Erfüllung feines VerfpredjeuS. $nt fRatc felbft war eine
ftarte (ßartei gegen ben Viirgermeifter tätig, ber fid), wie eS fdjeint,
allerlei Gigenmädjtigteiten Ijritte gu fdjulbett tommen laffett. Er foll
ein Sdjreibcn an ben König oon (Dänemart aufgeljalten unb bei ber
Kauf man nfdjaft ben iRat rerleumbet haben. So tarn e§ am
12. Slpril 1538 gu einer erregten Sitjung beS fRateS, an ber bie
Vllterlente als Vertreter ber (SJemeinbe teilnatjmen. Vartel .£>alle madjte
bem fRate berbe Vorwürfe wegen bcS Verhaltens gegen bie Kaufleute.
Sllö e§ aber Ijeraitsfam, bafe bie auf SluSfagen StoppelbergS beruljettben
'Jlnfdjulbigungen unbegrüiibet feien, ba wanbte fid) ber allgemeine
Unwille gegen iljn. SUSbalb erljob er fidj unb ertlärte: „ßiebe greitnbe,
<dj bin lange euer Viirgermeifter gewefen, bafiir iljr midj audj gehalten,
beS ich midj bebaute. SBeil idj aber Dermerte, bafj man mir gang
nidjt folgen unb meinen Stat nidjt meljr gelten unb in meiner eigenen
Sadje bie fRatifitation unb Kouftitution nidjt tun will, fo fage idj
allljier mein Vürgcrmeifter=9Imt auf unb will euer Vügermeifter Ijinfort
nicht meljr fein uub midj Ijinfürber wie ein anberer gemeiner Vürger
nähren unb ooben (b. lj. unterhalten) uub neljme alfo hiermit mein
Vefdjeib unb ißasport (b. lj. 9lbmufterung)". Gr fpradjS unb verließ
bie SRatsftubc. Vergebens Dcrfudjte fein greuttb Vartel .fjallc ihn gu
halten, unb auch bem iiadjgefanbten IRatSbiener ertlärte er, baß er
nidjt mehr Viirgermeifter fei. (Der Stat nahm bie 9lbbantuug an uub
wählte an feiner (stelle einen anberen. (Daß c§ Stoppelberg aber
mit feiner SlmtSnieberleginig nidjt Gruft war, geigte fidj balb. Voll
9irger bariiber, baß mau nidjt nodj weiter in ihn gebruugen war,
wanbte er fidj am 3. 9Rai mit einer K'lagefdjrift an ben £>ergog unb
behauptete, ber IRat habe iljn gewaltfam feiueS Vlmteö eutfeßt. Varnim
forberte ben IRat oor baS £>ofgeridjt, unb biefer ertlärte hier, wie bie
Sadje in Vialjrljeit uor fidj gegangen war. Gr lehnte bann aud) bie
ftorberung beS £>ergog§ ab, Stoppelberg fein Gintoinmen gu laffett.
StoppclbergS Silbe-
193
Sin neuer ©rogejj cutftanb, ba ber Stltbürgermeiftcr Silage erhob,
©ergebens befahl Santini am 2. SUlärg 1540 bem SRate, Hm roieber in
fein Slint «ingufetjen. ©Ian blieb bei ber Steigerung, ber ©rogefj uor
bem fReidjStanimergeridjte ging roeiter, biß am 3. Februar 1542 baS
Urteil gefptodjen rourbe, baS bie SlmtSnieberlegung StoppelbergS fiir
redjtmäjjig erflärte. ®er Staun, ber eine foldje 'Jiolle in ber Stabt-
uerroaltung gcfpielt ljatte, war bainalS bereits aus bem Ceben gefdjicben.
US ift fdjwet, ein Urteil über iljn gu fallen, aber fidjer ift nidjt alles,
roaS itantjoro uon iljm fagt, als ricfjtig angiierlennen. Ur ficht in
iljm nur beit Giegner ber hergoglidjen ©ladjt. Ungroeifelfjaft aber roar
(Stoppel berg einer ber bebeutenbften ©ärger, bie Stettin gehabt ljat.
Sin ben ©riuilegien unb J^reiljeiten feiner Stabt bat er feftgehalten
unb fie mit ber gangen SJladjt feiner ^ßerfönlidjfeit verteibigt, um bie
©euorbnung ber tirdjlidjen ©ertjältniffe ljat er fid; verbient gemadjt.
Der ftäbtifdje ©runbbefitj ift unter feinem ©egimente burdj ben Slnfauf
beS ®orfeS Sleffentljin, ber am 11. ©ovember 1534 erfolgte, beträdjtlidj
erweitert roorben, gwifdjen SBiirgerfcfjaft unb fRat bat er ein teiblicfjeS
©erljältnis bjergeftellt. Slber Stoppelberg roar ein Ijerrfdjfüdjtiger ©lann,
ber niemanb neben fidj bulben wollte, ber fidj nidjt fdjeute, eigennütjig
unb felbftfücfjtig au verfahren. Sein Stiirg, in ben audj fein fjreunb
©arte! .fjalle ljineingegogen würbe, ift ber Stabt nidjt jum Segen
geworben. ©odj lange flang fein ©ante ben Stettinern in ben Oljren,
beim Sl'lauS Stellmachers ©rogefj gegen iljn imb feine Urbeu machte
ber Stabt viel gu fdjaffen, bis er fdjliefjlidj um 1553 im 9lcidjS
fammergeridjte erlofd).
®ie ©erbanblungen gwifdjen bem dürften unb bem SRate gingen
inbeffen fort. ®ie Ijergoglidjen ©evollmädjtigteH, Wraf Oteorg
von Uberftein, ^oft Teroitj unb $atob SBobefer, gaben fid) alle
SJliilje, einen SluSgleidj guftanbe gu bringen, bod) »an feiten ber
Stabt erhob man immer neue ©efdjwcrben, fobafj man fdjlicßlidj
über nicht weniger alS 23 fünfte gu beraten hatte- SBiberftanb
beS fRateS roar aber nidjt meljr fo fräftig, unb in ben letjten lagen
beS 3uli 1540 tarn man gu einen« Slbfdjluffe, ber nun bodj im
roefentlidjen bie ©eftimmungen oom 23. Slpril 1535 wieberljolte.
Sim 4. Sluguft 1540 leifteten ©ürgernieifter SDtoritj öjlienete, SUauS
Sadjfe, ®aoib ©rauitfdjwcig, Stummerer Dr. Ubcrljarb von ©eile,
^(oadjim Stühle, £>anS ^ohenljolg, bie fRatmaniten, bie SUterleute bcS
SlmtfinannS, ber STnodjenljauer, ©öder, Sdjuljmadjer unb SSollroeber
im Flamen ber öfemeinbe ben .fjergogcn ©arnim XI nnb ^ßfjilipp I
ben ^ulbigungSeib unb ocrfpradjen ben ©ertrag oon 1535 gu halten,
wogegen bie dürften ber Stabt eine ©enerabJlonfirination ihrer
tQe(irinann, Ocf4l4tt ton Etrtttn
13
194
9?tti)trßan(j ber fiäbtifdjen SRadjt.
Sßriuilegien, Sledjte unb Freiheiten erteilten. SRndjbem fo junäd)ft
bie ©runblage gu einer (Einigung gelegt roorben roar, rourbe bann am
6. Vluguft ein neuer Vertrag groifdjen ben SanbeSIjerren unb ber
©tabt abgefdjloffen, in bem einzelne Seftimmungen oon 1535 mobi=
fixiert unb anbere tjin^ugefügt würben. Tod) nur in uubebeutenben
Fragen gaben bie -ftergoge nad), in ber .fpauytfadje be^eidjnete aud)
biefe Wbmadjung einen ©ieg ber CanbeStjerrfdjaft über bie ©tabt.
Tod) ein§ roar erreicht, Triebe. Ter lange ©treit, ber für bie @nb
roidelung ber ©tabt nidjt tjeilfam gewefen roar, ljatte fein (Silbe
gefnnben. ©tettin ftanb nad) aufjen ungebrochen mit feinen alten
Stedjten unb Freiheiten ba, im Innern aber roar feine Stellung eine
anbere geworben. Ter Berfud), bie ehemalige llnabljängigfeit wieber
jit gewinnen, war geheitert, bie erftartenbe gürfteninadjt hatte bie
Stabt, bie für fur^e Seit fich wieber trotjig erhob, niebergearoungeii,
aber eine Fülle oon ftreitigen fünften lag noch Dor> f° bafj immer
wieber uon ueueui Stonflilte auSbradjen uub erft recht eine ißeriobe
beS £>ab erS begann.
Ter Sliebergang ftäbtifcher SLRacfjt tritt aud) beutlich hero°r in
bem tläglid) gefieberten Berfudje, ben bie ^janfaftäbte unternahmen,
bie alte oorl)errfd)enbe Stellung in ben norbifchen Staaten wieber
jugeroinnen. 'JBir wiffen nidjt, wie fid) bie leiteuben SQänner ©tettinS
,ju bem ißlane eines Jürgen Sßullenroeber uerhielten, ber beu St'rieg
gegen Tänemart begann, um ßübed wieber ^ur Bormadjt in beu
Cftfeeläubern 311 erheben. (ES roar wenig Steigung 311 einer Teilnahme
au bem Unternehmen uorhanben, man roar Aufheben, wenn bie Sßriui-
legien auf ©choiien erhalten blieben, wenn bie Stettiner bort auf ihren
gitten ruf)ig £>anbel treiben tonnten, roaS fragte man oiel nad) ben
^ollänbern unb ihren (Eingriffen in bie Cftfee ober nach ber bänifdjen
Thronfolge? So fanben bie ©tralfunber IRatSfenbeboten, bie im Slpril
1535 nad) ©tettin tarnen, um bie ©tabt jur Teilnahme an bem Stampfe
aufauforbern ober einen Beitrag ju ben Stuften 311 erbitten, bort wenig
®el)ör. ©ie tarnen gerabe, ald ber SRat mit ben $erjogen uer»
ljanbelte; man 30g fie fogar jii ben Beratungen unb nahm ihre
Bermittelung, wie eS fctjeint, in Slnfpruch- Tann uerfprad) ber Slat,
15OU ©nlbeii 311 ben St'riegSfoften ju jahlen, aber nur ein Heiner Teil
ber Summe tarn 31er SluSjahliing. Tas ift baS einzige, womit ©tettin
fid) an bem Unternehmen beteiligte. Ter gaiye Beitabfchiiitt, in bem
bie Stabt unter lebhaften Stampfen im Qiinern auf religiöfem unb
lnchlid)em (Gebiete ber Freiheit 3UHI Siege uerl)alf, eubet in ber ftäbtifd)en
Sßolitit nach aufjen unb nach innen mit einer beutlidjen Weberlage
bed ©tabtregimentS.
Äanipf mit ber ftihfknmadjt.
195
11. ftapitel.
Stettin in ber jweilen XäCffe bes 16.
:f bie 3eit ber religiösen unb fogialeu stampfe folgt m ber
gweiten Hälfte be§ 16. SahrhunbertS eine (ßeriobe, in ber
anbere Qntereffen bie (Entwirfelung Stettins beeinfhiffen unb
iRat uub (Siirgerfdjaft bewegen. SBoljl befdjäfngt fie bie weitere ?lu§
geftaltung ber tirdjlidien Crganifation ober bie (Erörterung bogmatifdjer
fragen norf) lebhaft, aber in ben (Borbergruub treten mehr unb meljr
fragen über ba§ SBertjälliiiS ber ßanbeSljerren gu ber Stabtgemeinbe
nnb über bie .fjanbelspolitif. ®ie warfjfenbe giirftengewalt madjt fidj
gegenüber ber ftäbtifdjen ©elbftoerwaltung rüctfidjt§lo§ geltenb unb
fudjt in bie SRedjte ber ©tabt (örefdje gu legen. Slber ebenfo energifd)
bemiiljt fid) biefe, iljre ^anbelSoorredjte anberen Stäbten gegenüber
aufredjt gu galten ober gar gu erweitern, hierbei aber finben bie
Söürger eine llnterftüfeung bei ben dürften, bie *n biefer 3^it guerft
in größerem Umfange eine ftaatlidje SBirtfdjaftspolitil gu treiben beginnen
unb bie Stabt in ihrem Kampfe gegen anbere ®emeiubeii gerne unter*
ftütjeu, um barauS für iljre ißläne (gewinn gu gieljeii. ®afj bie Stabt
baburd) iljre ©onberftellung oerliereu mufete, fdjeinen bie Rührer ber
(Bewegung gunädjft nidjt bemertt gu ljaben; e§ war jebodj eine un
auSbleiblidje ftolge be? gemeinfamcii SBorgefeeuS gegen bie (Segnet,
bafe bie ftäbtifdje SöirtfdjaftSpohtit uon bei fürftlidjen beeinflußt, ja
verbrängt würbe, bafe anftelle ber lotalen ^ntereffen meljr unb meßt
bie territorialen traten.
üluf biefe XÖeife bahnte fid- ba§ (Enbe ber Autonomie ber Stabt
an; fie Derlei iljre felbftänbige Stellung im Staate, würbe allmählich
em «Slieb in iljm unb mufete ihre befonberen Qntereffen ben allgemeinen
unterorbneu. ®iefe (Entwictelung Stettins würbe begiiuftigt burd)
mehrere fdjwere ©djläge, bie feinen Söohlftanb trafen, unb befdjleunigt
burdj bie Xatlraft be§ £>ergog§, ber in biefer Seit bie (SefdjicCe
bes Stettiner ßanbeS lenlte. 0 h a n n r i e b r i dj, einer ber bebeutenbften
unb Iraftuollften dürften auS bem (Sreifengefdjlcdjte, fafe e§ al§ feine
widjtigfte Slufgube an, bie ©tabt ©tettin feine Cjerrfcfeermadjt fühlen
gu laffen unb gu bemütigen. Sßie haben fRat unb Surgerfdjaft unter
feiner fRiidfidjtSlofigteit gefeufgt unb 1584 offen betannt: „Sdjwer ift
es mit bem Teufel gu fedjten unb mit großen Herren gu rechten!"
fRan wunbert fid) gwar über bie Säljigfeit, mit ber bie (Bürger*
fcfjaft ben flampf führte, unb über bie Uraft, mit ber fie bie jdjweren
SdJläge auSfeielt, aber bod) madjte fich fdjon im Qnnern ein fleinei
13*
196
fanbegfteuern.
©eift bemerfbar. Stan rcrfo^t iuoIjI nadj außen fdjeinbar nodj große
gntereffen, aber trieb bodj babei eine Itirdjturmspolitit unb geigte fidj
oft in Dielen Slnfdjauungen ßöcf)ft befdjräntt unb engljergig. Sebeittenbe
SJtänner mit größeren ©efidjtspuutten treten in biefer 3eit in ber
Stabtoerwaltung nidjt fjeruor, eS ift unter beu gaßlieidjen Stamen,
bie unS in Ilrtunben unb Slttenftiirfeu genannt werben, feiner, ber
nodj fjeute in weiteren Streifen befannt ift. Tie große Stenge geigt
fid) biSwuIen redjt fleimnütig, beadjtet in abergläubifdjer Sdjeu allerlei
angeblidje llßunbergeidjen unb erblich in iljnen TeufelSwerfe unb Vln«
geidjen ßerannaljenben Unglücks. SBie finb bie pommerfdjen ©Ijroniften,
ein Stitolaug oon fl'lemptjen, Salentin uon Sidftebt, goadjim oon
Stebell u. a. m., eifrig bemüht, foldje lounberoare ßeidjen be§ gött-
lidjen 3orne§ aufaugeid)nen unb ber Stit= unb Sladjwelt gur SBarnung
oorgußalten. gn Stettin aber finbet fidj nod) feiner, ber e§ ber
DJlübe für wert fjäft, bie fötalen ©reigniffe aufgufc^reiben.
Tie enbgiiltige Teilung ber pommerfdjen fjerrfdjaft am 8. ge>
bruar 1541 ljatte ben £>ergog Samirn XI. gum alleinigen £>errn beS
Stettiner ßanbeS gemadjt, obwoljl ber .Jufamnienljaiig ber beiben
„Orte" forgfältig gewährt worben war. Tie ßanbeSDerfammlungen,
bei benen jetjt bie Vertreter ber Stäbte bie tätigfte Stolle fpielten,
fanben feit 1544 faft regelmäßig alle Qafjre ftatt, entweber für beibe
ßanbesteile gemeinfam ober für jebeit gefonbert. Stettin war ber
fjauptfit, biefer ßanbtage, uub feine Sertreter naljmen oft eine füljrenbe
Stellung ein. Tie Serljanbhingen bezogen fid) oorneljmlidj auf Steuer
fragen, ßanbfdioß, aufjerorbentlidje Seiträge, Steidjsfteuem, ben ge=
meinen «Pfennig u. a. m. Sei Den fcßledjten ginangoerljältniffen be§
ßanbe§ mußten fid) bie gürften immer wieber nut ©elbforberungen
an bie Stäube wenben unb faßen gerabe bie Stäbte als eine fo
ergiebige OJelbqitelle an, baß biefe m t aller SJladjt einer ungeredjteii
Selaftung entgegentraten. Tie gorberungen würben immer un
gemeffener, als goßann griebridj 1570 bie Siegierung übernahm.
Seine foftfpieligen Steigungen, feine weitgeßenben «ßläne madjten fort
gefeßt neue Steuerbewilligungen nötig, bie für Stabt unb ßanb
überaus briirfenb waren. Slber was fragte ber „töniglidje" fjjergog
im Sollgefiiljl feiner madjtuollcn Stellung oiel nadj bem Söotjlergeljen
feiner Untertanen? ©r griff gu bem Slittel, burdj bie ?lccife, b. ß. eine
inbirette Steuer auf Setränfe, nameutlidj auf Sier, feine ginaugeu
gu beffem. Tiefe Steuer, „fo bisljei im ßanbe nit gewefen", wollten
bie Stäbte, bie fie für itjre fommunalen Sebürfnijfe benutjten, nidjt
für bag ßanb bewilligen, goljann griebridj aber bemiiljte fiel), immer
wieber bie Streife burdjgufeßen. fam gu heftigen Kämpfen,
£>erjog Srid)6 ®urd)jua 1563.
197
namentlich mit (Stettin, bem ber ^erjog wegen ber Slblefenung anberer
gorbenmgen arg ^iirnte. ©rft nad) langen ffierfeanblungen, bei beiten
Sibel unb Stäbte fo jufammenftanben, bafe fie genieinfani brofeten,
beim Kaifer Serufuiig cinjulegcn, gab ber -frerjog ben Serfudj auf.
Das war fiir beu ftoljeu SRanu ein bitterer Scfelag, unb fein Unwille
über bie wiberfpenftigen Stäbte würbe baburcfe nod) gefteigert.
3m allgemeinen fjerrfcfjte in ber ^weiten Hälfte beS 16. Safer-
hunbertS in Sommern Stiebe, Sroftbem waren bie Seiten unruhig
unb bracfeteii mancfee Giefaferen aud) non aufeen mit fid), fo bafe
barnntcr bie (Sntioidelung ber Stäbte jti leiben featte. 9lid)t nur
nerfolgte man bort ben Kampf beS StaiferS gegen bie Serbünbeten
oon Sdjmaltalbeu unb fpäter bie ©rfeebung beittfcfier Surften gegen
bie fpanifd) feabsburgifcfee Ubermacfet mit Spannung, obwofel bie eigenen
ßaubeSfeerren fidj faft ängftlidj fernfeielten, fonbern eS ^og aud) 31t
beu fpätereu £>änbelu mancfeer Stettiner aus ober verfudjte, bei ihnen
ffiefdjnfte ju macfeen, wie wir eS oon ben Söfenen beS alten £>anS
ßoife, Stephan unb $anS, wiffen. Sic [tauben mit (Srinubad) unb
feinen ißarteigenoffeu 1564 in Serbinbung unb traten audj fonft mit
auswärtigen gürften ober Herren in gefcfeäftlicfec Schiebungen.
Der SRat uon Stettin entsag fid) in biefer Seit nidjt ber Sfti<fet,
für bie Sidjerfeeit ber Stabt ju forgen. 31m 17. Qanuar 1548
bestellte er $anS ‘Paris als „Söallfefeer", ber am SSallbau unb im
Seugfeaufe arbeiten unb als eine „Slrtoloreiperfon im gelbe unb bei
ber Sefafeung, wenn eS oon Hlöten fei", tätig fein folltc. Dirett
oon KriegSwtrren berührt würbe Stettin inbeffen erft 1563, al§ ber
^jerjog ©riefe oon Sraunfdjweig feinen abenteuerlicfeeu 3«g burd)
Sommern unternahm, um feine Sölbnerfcfearen nadj Solen hu fiiferen.
SJie regte bie Slacfericfet oon feinem ^erannafeen bie pommerfdje 9te>
giennig auf, bie nur hu halb bie SBeferlofigteit unb ©fenmadjt beS
iianbeS ertannte! Söic erfdjraf man in Stettin, als im Sluguft bie
SRelbung eintraf, bie Sd)ar oon etwa 7000 Kriegern nafee mit reidp
lirfeem gelbgefdjüfe uub oielen SBagen feeran! SBofel war bem $erjoge
ber Slufentfealt in ber Stabt abgefcfelagen unb nur ber Durcfehug
geftattet worben, aber wer roufete, weffen man fid) trat) aller Slb
macfeungen oon ben Sölbuern 311 oerfefeen feaben werbe? Der fRat
liefe fofort alle Säume auf ben SSälleu abfeauen, Scfeauhförbe unb
Wefdjüfe bortfein bringen unb bie gefamte Sürgerfdjaft in brei gäfenlein
auf bem SSalle Slufftellung nehmen. Die KriegSfcfear betrat am
21. Sluguft um 10 Ufer burd) ba§ £>eilige-®eift=3,or bie Stabt unb
gog burefe bie Uuterftabt über bie lange Srürfe nad) ®anun ju.
Staunenb fafeeu bie Sürger beu langen ßug, waren aber frofe, als
198
SMjrßaftißfeit ber Stabt.
er um 3 llßr. oljne weiteren ©djaben anguridjten, bie ©tobt paffiert
ljatte unb auf bem großen ©teinbamm $att madjte. ®ort ner»
prooiantierte man bie Striegsleute, .feergog C?ritt) aber, ber fidj in bem
fumpfigen Selänbe reißt unfidjer fütjlte unb in einer „SJhifetnipe“
(SJIaitfefalle) gu fifeen meinte, 30g möglidjft balb weiter. 91od) lange
fpradj man in ©tabt unb ßanbe oon biefem „£>anS Serifen-firiege".
burd) ben ©tettin fioften uon 1125 Sulben erwadjfen waren.
®icfer nod) glüdlid) genug »erlaufene Sinfall würbe bie SBer
anlaffung, buff man in ©tettin fidj nodj mehr um bie ©idjerung ber
©tabt tiimnierte. Ein befonberer ßlitSfdjufj, ber aus bem Sitrger
meifter Qoadjim ipiate unb ben fRatSßerren Sregor Srudjniann,
3oadjim Stitjerow, ©ebaftian Wumm unb SlmbrofiuS $abemer beftanb,
würbe eingefefet, „bie Söälte, Staben unb anbereS 311 befidjtigen, was
unb wie ifeo in ber ©tabt gu bauen, fid) gu uergleidjen unb alSbalb
aufgufdjreiben unb bem Stat iljr frfjriftlid) SebenTen vorgubnngen".
SJlan ging aud, roirflid) mit ber Strbeit an ben SBerfen uor, liefe 1504
brei ©tücf Sefdjüge für 682 Sulben gießen unb nerorbnete uon
neuem, baß ber 1560 angenommene ©tabtßauptniann Siemens ©töfeer
„in SJlufterung unb Slufrüftung innerhalb unb außerhalb ber ©tabt
aufwarten folle". Sind) bem ^Jeugfeaufe am ftoßlmartt würbe größere
Slufmertfainteit gewibmet. Sin Inventar oom 3un* 1571 geigt uns,
baß eS mit 29 ©tücf großem Sefdjütj, Slartaunen, ©cßlangen, 'JJlnrfern,
galtonetten ufw, mit 21 ©tücf eifernem (Siefcfjiife gang gut oerfeßen
war. 8Iuf beni ißaffower Üore befanben fid) ebenfalls Sefdjiitje, unb
bie beiben gwifdjen biefem unb bem SJtiißlentore gelegenen feften Jürme,
ber $uloer= unb ber ßoßc Surm, waren gleichfalls woßl ausgeftattet.
©0 war bie ©tabt gegen Sefaßren oon außen leiblich gefiebert.
®afiir ©orge gu tragen, mußte um fo notwenbiger erfdjeinen, als
1563 ber große ftrieg auSbratß, ben ©djweben gegen ftanemarf um
bie .£)erri<h<ift in ber ©ftfee begann unb ber alle an ißr gelegenen
©tauten in SJIitleibenfdjaft gog.
2ludj ©tettin würbe uon otefen ©irren ffljwer betroffen. GS
fudjte burd) gefdjidte Slerljanblungen feinen $anbel wußrenb ber
Hriegswirren gu fdjüßen. ißon ©djweben nnb $)änemarf witrbe bie
©tabt umworben, aber uon Anfang an war ber Uiat ber bänifdjen
'Partei gugcneigl. ©hißte er bodj woljl, baß ber ©tettiner .üanbel
feinen ©djioerpunft in Tänemarf ljatte, beSIjaib bewußte er fiiß fort
gefegt, Jfönig griebridj II günfrig gu ftimmen, oljne es babei gang
mit Srtdj XIV. oon ©djweben gu uerberben. Sbenfo galt es, mit
ßübed unb ber £>anfa nad) ©öglidjleit frieblid) auSgufommcn. Tos
foftete in biefen ^aßren uiele 'JJlüße, gaßllofe Briefe unb ©djriftftiide
Ser fltbtnjäljnfle norbiftfje Äriefl.
199
roitröen geroedjfelt, immerfort Wefanbtfdjaften nad) Sänemart,
Srfjweben, Cübecf, (Stralfunb auSgerüftet. Sie SHatSfenbeboten roaren
mit ben Nöten ber ^erjoge eifrig beftrebt, grieben 311 »ermitteln unb
bie Neutralität fßomnternS 31t fdjiitjen. SieS gelang aber nidjt, bie
Sdjroeben nahmen 3. B. 1564 unb 156(5 Stettiner Sdjiffe fort, unb
audj bie Säuen fdjeuten fid) nidjt, groei Sdjuten, bie für Niga ober
ßüberf befradjtet roorben roaren, als Ißrifen fortgufü^ren. Sin ben
tjanfifdjen Beratungen beteiligte fid) Stettin nadj Nlöglidjteit unb
fudjte einerfeitS Sänemart, auf bem „ber Stabt ©ebeiljen ober SBer=
berb" berutjte, unb baS biefent gugeneigte ßüberf nidjt 31t erzürnen,
anberfeitS aber aucf) mit Sdjroeben nidjt 31t bredjen. Sa mußten
bie Vertreter ber Stabt, SlmbrofiuS $abemer unb SlmbrofiuS Sroaroe,
1565 auf ben $anfatagen »orfidjtig oermitteln, fo baß eS iljnen
gelang, eine ßegation nadi Sdjroeben burdjanfetjen. Siefe rourbe
Stralfuub unb Stettin übertragen, unb 1566 ging @eorg Straupiß
als NatSfenbebote nad) Storftjoim, roäbrenb gugleicf) ^jabemer unb
©Iia§ Sdjlerfer in Jlopenljagen Berljanblungen füljiten. Sie fdjroebifdje
Sefanbtfdjaft geriet in bie ßataftroplje. bie infolge be§ SBabnfinnS
CcridjS 1568 Ijereinbradj, unb teljrte unoerridjteter Sadje ßeim. Sa»
gegen oerftanben bie beiben ©efanbten in Atopenljagen oom Könige
^riebrid) TT. burdj reidjlidje Selbgefdjente eine 3ufidjerung 51t er»
langen, baß bie Stettiner Bürger mit ßaftgelb uon iljren SBaren in
Sänemart »erfdjont bleiben füllten. SaS roar immerhin ein (Srfolg,
ber bein bänenfreunblidjen Bertolten Stettins unb bem gefdjidten
Sluftreten feiner Bertreter gu »erbauten roar. ®nblidj rourben bie
^riebenSuerfjanblungen groifdjen Sdjroeben unb Sänemart auSfidjtS»
notier unb Tarnen auf bent griebenStongreß, ber ooni 5. September
bis gum 13. Segember 1570 in Stettin tagte, 311m Slbfdjluffe. ^ergog
$oljanii griebriefj roar oom ßaifer SJlariniilian IT. gum ^pringLpaf
fommtffar für biefe 3ufnnilne,,funft ernannt roorben. Seine .fjanpi
ftabt bilbete für einige Nlonate ben SJttttelpuntt ber biplomatifdjen
Berljanblungen über bie baltifdje $rage. Sort tarnen Tuiferlidje,
bänifdje, fdjroebifdje, polnifdje, fäcfjfitdie, lübijdje G5efanbte gufammen.
Ser Nat ljatte oiel 311 tun, für bie jaßlreidjen ffläfte bie erforber»
najen „ßofamente" gu befdiaffen nnb alleS gum Empfange Ijerguridjten.
Nodj fdjroieriger roar e§, bie Berljanblungen 31t einem gliirflidjen Ccnbe
31t fiifjren, nameutlidj fidj mit ben gorberungen ber Stäbte ab3ufinben,
enblidj aber gelang es bem .£jer3oge $oljann ^riebridj, einen SluSgleid)
ßuftanbe 3U bringen Sie $rage aber wegen ber ^errfebaft auf ber
Cftfee rourbe nidjt gelöft, unb in baS BerljältniS ber pommerfdjen
Stäbte 31t ßüberf tarn ein arger Nlißtlang. Stettin ging aus biefen
Sainim XI. unb «Stettin.
200
Sßirren nod) leiblidj gut Ijeruor, feine Privilegien in Dänemart unb
m ©djweben waren erfealteu geblieben unb fein Serluft oerljältnid’
ucäfeig gering, fo baf; bie ©tabt barauf verjicfetete, eine gorberung
auf Srfatj ju erljebeii. Dagegen war ber inbirette ©djaben, ben fie
erlitten ljatte, nirfjt unbebeutenb; bie Sefdjwerben, weldje bie Filter
lento ber brei Compagnien über Serletjung wirtlicher ober angeblidjer
Prioilegien auf ifereii Ritten in Drago, galfterbo unb (Ellenbogen
erhoben, fanben faum Srlebigung.
Sarnim XI. trat roäferenb biefer unruhigen ßeit wenig energifd)
für fein ßanb unb feine £>errfdjaft ein, bewies aber im allgemeinen,
obwohl and) iljm ein ftarf ausgeprägtes fürftlidjeS ©elbftgefüljl nidjt
abging, feinen Untertanen gegenüber Sßoljlwollen ober Sutmütigfeit.
DeSIjalb tarn er mit ©tettin gang leiblich auS, unb bie Sürger gaben
in manchen fragen bem dürften nadj, weil fie wufeten, bafe er an
eine Unterbrürfung ftäbtifdjer Frc’beiten nidjt badjt«'. ©o geftattete
ber 9iat iljm 1535 bie Einlage eines SlbjugsfanalS oon bem ©djloffe
aus burch bie ©tabtmauer unb ljatte 1556 nichts bagegen, btrfj er
bei bem fiirftlidjen £>aufe einen Sang auf ihr tjerftellen liefe, ja trat
ihm 1552 einen Saum oor bem runbeii Dunne beS auSwenbigen
WiihlentoreS bei bem bort erbauten Ijerjoglidjen ßuftfeaufe gur Einlage
eines SartenS ab. Diefe Conjeffionen bebeuteten mehr, als nnS
heute erfdjeinen will, benu an ben ftäbtifdjen SefeftigungSwerfen
irgenbwie etwas ju änbern ober einem anbern, mochte eS auch ber
ßanbeSljerr fein, einen Singriff in fie 311 geftatten, galt als ein
Senat an ben Freiheiten ber ©tabt. SS fam gerabe über foldje
Fragen, bie fich auf bie Stauern ober Söälle ber ©tabt bezogen,
wiebcrljolt 311 ben Ijefticjfteii ©treitigteiten, unb wenn ber 9iat feier
bem ^erjoge Sarnim foldje ßugeftänbniffe, wenn fie audj nodj fo
befdjeiben waren, flu machen geneigt war, fo liegt barin ein SeweiS,
bafe man mit ifem in gutem Sinoernebmen ftanb. DaS geigt audj
bie ©tiftung, bie Sarnim unb feine Semafelin 1563 errichteten. Sin
.fjofpital am Clofterfeofe für „redjte wafere Sinne unb gebredjlidje
Beute, fo ber Sllmofen wert fein, ehrliche alte befannte unb wafere
baudarme Beute, bie Sliters, Cranffeeit unb Slrmut wegen ficfe nidjt
erljalten mögen, beSgleicfeen alte fronte £>ofbiener, aucfe alte SauerS«
leute" würbe oon ifenen begrünbet, 1565 mit Capital unb Srunb-
befitj auSgeftattet unb im folgenben Fahre eröffnet. SllS ein „Deut
mal lanbeSoäterlicfeer Fittforge" feat biefe ©tiftung lauge Fabre an
jener ©teile beftanben. Fm Fafere 1785 würbe für fie ein neues
Sebäube erridjtet, baS erft niebergeriffen wnrbe, als man für baS
©tift einen Seubau in SJeftenb feerftellte.
Streitiflfeikn mit brr Vanbe&otrrfdiaft.
201
©erabe in jener Seit, als baS .^er^ogSpaar in folrfjer Steife für
bie fßfiege armer unb franter ®erooljner Stettins forgte, Ijerrfdjte ein
Streit 3roifdjen ber ^Regierung unb ber Stabt, bereits 1544 begann
ber JRat über Bollbefchroerungen burdj fürftlidje Böllner Klage 31t
führen, unb immer roieber rourben uon iljm im ßinverftänbniffe mit
ben Sllterleuten beS Kaufmanns unb ber ©eroerte foldje 23efdjroerben
vorgebradjt, 3. 23. in einer langen Deutfdjrift vom 10. 9Rära 1551.
ßS fanben 23erljanblungen ftatt, bie fidj Bahre lang tjingogen, oljne
31t einem rechten SRefuItate 31t führen. Salb Tanten 31t ben Boll
fragen anbere 2Ingelegenljeiten, in benen fid) bie ©ürgerfdjaft bcfdjroert
fühlte, fooaß im gebruar 1554 roieber eine ausführliche Scfjrift an
ben £ier3og eingereicht würbe, in ber mau eine ganse ßifte von
Klagen auffüljrte. ßS ljanbelte fid) 311m Deil um Kleinigkeiten, roie
bie Sefdjlagunljnie von Dielen, Stilllegung eines DeidjeS bei SRemitj,
Übergriffe Ije^oglidjer SImtSleute u. a. m., aber bie 9-Rißftimmimg in
ber SÖügerfdjaft, bie aud) über baS SluSfdjiffen von ©etreibe unb bie
viel verbotene 23orfäuferei fragte, rourbe fo groß, baß am 24. Slpril
1550 ein förmlicher Vlufftanb ber ©emeinbe gegen ben SRat entftanb.
SRan roarf iljm vor, er tue feine ^ßflicfjt nidjt uub begiinftige 311m
SRadjteil ber ©emeinbe bie ?luftäufer ober „SRonopoIiten", burd)
beren Sfsrattiten ba§ ©etreibe verteuert werbe. SRur nut Wiitje gelang
eS bem SRate unb ben 23ertretern ber ^Regierung SRiitje 311 fdjaffen.
23arnim verbot 1557 von neuem ber ©emeinbe, fid) 311t llngebiitjr
3ufammen3iirotten. Doch bie llnsufriebenßeit blieb befteljen, unb baS
23erljdltniS ber Stabt 3um ^jje^oge rourbe gerabe in ben folgenben
Baljren, roie auS umfangreichen Klage* unb 23efd)roerbefd)riften hervor*
geht, nidjt befonbers freunblid). Bnb^itg auf bie KornauSfußr beftritt
ber 3?ürft bem fRatc baS ’Jledjt, eigenmächtig unb felbftänbig 23er
orbnungen 31t erlaffen, als einige Kaufleute fid) 1502 bei ihm über
em 2iiiSfut)rverbot beS SRateS befdjroerten. ßS roar baS eine in biefer
Beit viel erörterte $rage, ob biefer baS SRedjt habe, oljne Buftimmung
ber ^Regierung ein berartigeS 23erbot 3U erlaffen. Bl> folchem Streite
tarnen noch saljUofe anbere 23efd)roerben, bie SRat unb 23ürgerfdjaft
feit 1500 immerfort vorbrachten. Uni §oll unb ©eridjt, um SRüljlen
unb SBiefen, um ben 2lbtSßof unb ben Söeinberg u. a. m. fianbelte
eS fich; Ql,<h über ben SRutroillen bes ^ofgefinbes erhob man 2<>-
fdjroerben. Die ^Berhanblungen rourben jahrelang fortgefeßt, aus«
fnhrlid)e Dentfdjriften ausgearbeitet, ©machten eingeforbert unb über*
reicht unb immer neue Angelegenheiten hmeinge^ogen. um
Cftern 1570 rourbe ein ßntrourf 31t einem 23ertrage von ben IRäten
ausgearbeitet unb vorgelegt, bod) nodj nid)t 311m ?(bfdjhtffe gebradjt.
202
$erjO0 goljann fjritbritf).
Scfeon griff in biefe (Berljanblungen ber junge ^ergog gofeann
griebridj bisweilen ein, ber mit nidjt geringem Selbftgefüfele am
31. ®egember 1566 non einer gafert an ben taiferlidjen .fjof unb
nadj Ungarn gurüdteferte. ®S geigte fid) gar halb, baf; biefer -Sperr
gang anberS aufgutreten liebte, als fein alter Cfeeim, ber feit einiger
Seit in befdjaulidjer fRufee auf ber Cberburg lebte unb fid) möghdjft
wenig um bie SRegieruugSgefdjafte tiimmerte. @t einigte fidj 15(59
mit feinen ©rofeneffen, ben fünf Söfenen IßfeilippS I., bafein, bafj er
auf bie ^errfdjaft oergicfeten malle. fturdj ben Vertrag uom 3. ßlpril
überliefe er ben beiben SSritbern gofeann ^riebricf) unb Sarnim b. j.
baS ßanb Stettin unb befeielt fid) nur (Befife am Stettiner Sdjloffe,
an ber Cberburg, foroie ben (Riefebraudj einiger hinter not. Samirn b. j.
gab bie SRitregierung auf unb nut 3»ftimmung ber ßanbftänbe rourbe
gofeaun griebridj .föerr beS Stettiner ^jerjogtumä. gn ben erften
gaferen rourbe er in feinen feodjffiegenben fßlänen oft burdj baS ©in
greifen beS alten ^iergogS (Barnim gefeemmt, bis biefer am 2. 91o
nember 1573 auS bem ßeben fdjieb. gn St. Ctten erinnert an ifen
nodj ein fdjöner üeld) oon 1558, ben er fiir bie Sebürfniffe ber
eoangelifdjen ©emeinbe eilfertigen liefe.
SRit gofeann 55rtebri<f) gog ein anbereS ßeben in baS Stettiner
Sdjlofe ein. Der junge $err, ber fid) braufeen in ber SSelt umgefefeen
featte, griff bie Sefdjäfte mit Energie an. SEQit Sranbenburg rourbe
über bie ©rboerträge unb bie ©rbeinigung oerljanbelt unb bereits
1569 bie Sermäljlung beS ^ergogS mit ber fßringeffin Grbmut, ber
älteften Jodjter beS .fturfürften gofeann @eorgS, nerabrebet. Um feiner
jungen ®cmafelin einen fürftlidjen Söofenfife gu bieten, befdjlofe gofeann
griebridj, einen grofeen Umbau be§ Stettiner SdjIoffeS vornehmen gu
(affen. (Bereits 1570, als oiele feofee unb oornefeme ®äfte in
in Stettin rocilten, roar ifem baS £>aus als eines gürften nidjt
roürbig erfdjienen. (Rad) SarnimS XI (tobe fing er baS ffierf
an, berief als Saumeifter ben dReifter ?lntoniuS Söilfjelni, oielleidjt
einen Italiener, oerfdjrieb Steine unb anbereS SRaterial. 1575
rourben bie Cttentirdje unb ber grÖfete Steil beS alten SdjloffeS
abgeriffen, nur ber (BogiflaroSbau unb ber gum 2eil eben erft erridjtete
SarnimSbau blieben erfealten. gm Stile ber italienifdjen (Renaiffance
rourben itirdjc nnb fürftlidje (Mebäube erricfjtet, unb bas ffSert, obtoofel
eS am 28. Cftober 1576 burdj einen Sranb aufgefealten rourbe, fdjnell
fertiggeftellt, fo bafe man baS neue £>aiis bereits im gebruar 1577
in ®ebraudj nefemen fonnte. ®ie Sdjlofefirdjc, bie bamals in ber
gönn erricfjtet rourbe, bie fie nodj feeute unb groar nadj bem Umbau
oon 1909 roieber in urfprünglidjer Söeife geigt, rourbe erft etroaS
203
9lbb. 8. ®aö Sdjlofj in Stettin (äJierian).
204
Da8 (Stettiner
fpätcr vollenbet. Silbljaner unb SJtaler, unter benen Johannes Saptifta,
Siavib SJiettel unb SReifter ßljriftoplj genannt werben, fdjmiirften fie
mit Wemälben; auf bem 'tlltarbilbe finb bie .fjergoge Sarnim XL uub
Sfofjann ^riebridj felbft bargeftellt. Unter bem Elitäre legte man eine
Wruft fiir ßaS $ergogSljau§ an. War ftattlidj unb anfefjnlidj erfjob
fidj ba§ ftürftenfdjloß, baS bamals im großen nnb gangen feine Ijeutige
Weftalt erljielt. gnnen unb außen roar eS reidj auSgefdjmüdt, redjt
ber Siß eines ftolgen, pradjt liebenben .fjerrfdjerS, ber Fjier am
17. gebritar 1577 galjlreidje Wäfte, fürftlidje Serfonen aus Sranbenburg,
ßiinebnrg, Sdjlefien, 91nljalt, mit iljrem großen Wefolge empfing, um
feine Sermätjluiig mit Wrbnntt von Sranbenburg gu feiern. Sie Stauung
fanb im Sangfaale ftatt, bie f}eftlidjfeiten bauerten niedrere Sage,
sieben ben .fjofbeamten, für bie bereits 1575 eine neue Crbnnng erlaffen
roorben roar, ljatten and) 9iat unb SürgerfdjaftSvertreter viel gu tun,
für bie Untertnnft ber galjllofcn gremben, Crbnnng unb Sidjerßeit gu
forgen. Um bie Quartiere für bie Wäfte gu beftimmen, ließ man ein
SergeidjniS ber fünfer Ijerftellen, in benen foldje unterfomnien Tonnten;
eS ergaben firt) als geeignet bafür etwa 300 Käufer, bie fiir itngefäljr
2000 Pferbe Stallung boten. S>aS {Jeft verlief troß alles Webräiige
unb großer Unritfje glürflidj, unb bie Stettiner Sürger ftaunten geroiß
bie bei ben llmgügen, ben fVefteffen, Sluffüfjritngen ufro entfaltete
Pradjt gur Weniige an, wenn fie and; über bie Sieufte uub Weib»
auSgaben oft gefeufgt ljaben mögen. 3fn biefer Beit werben gnerft
als färben ber (Stabt, wenn man für biefe Seit fdjon von foldjen
fpredjeit barf, SRot unb Sian erwäljnt, benn foldje Rebern trugen bie
von ber Stabt geftelltcn Srabanten auf iljren .fjüten, and) befanben
fidj rot=blaue Säßnlein nn yeugljaufe.
S)ie Wefüljle, mit benen bie Stettiner bem gefte beirooljnten,
waren bodj gemifdjt. 3u ber f^reube über ben Wlang, ber über ihre
gute Stabt erftraljlte, Iain bereits bie SeforgniS vor ber eigenmädjtigcn
SMlIfiir unb bem ©elbftgefüljl bes $ergogS. Ratten fie bodj bavon
fdjon genug erfaßten, befonbers bei bem Sau beS fiirftlidjen £>aiifeS
ober ber Sdjloßtirdje, als er bei biefer Welegenljeit gerne beu piaß
an ber SRauer erweitern wollte. Sa ljatte ber SRat alle bie alten
Privilegien nnb Urfunben tjenrorgeßolt, aber was fragte ^oßann griebridj
viel banadj? SereitS ljierbei mußte man erfennen, baß ber giirft mit
einer geroiffen fonveränen Seradjtung auf bie Stabt tjerabfalj. (sdjon
1509 ljatte er von iljr oljne weiteres bie Stellung von pferben unb
Söagen gu einer Steife geforbert unb roar feljr ungnäbig geroefen, als
ber fRat bieS ableßnte, roeil man bagu nidjt verpflichtet fei. (Sdjließlidj
beroilligte er bie gorberung, wenn audj unter proteft, aber nun fam ber
'Jkojefft ber (Stobt ßeflen ben ^erjofl.
205
§ergog faft jebeS ^aljr (1574 fogar breimal) mit berfelben gorbentng.
$ebeSmaI gefdjat) basfelbe, erft leimte ber Stat entfdjieben ob, bann
aber willfahrte er sub protestatione. Grnftlidjer würbe ber Stonflift,
als ber fjürft 1572 uon ber Stabt freies ünartier nnb ©ienfte in
bent ftäbtifdjen ®orfe ®erglanb nidjt nur verlangte, foiioern and)
furjerljaitb fidj felbft naljm. Stuf bie ©efdjwerbe antwortete ber .fjerjog
Ijödjft ungnäbig, bad) ber Stat richtete ein fefjr ernftes Schreiben an
ibn, inbeni er bitter über Scbmäljreben, Gewalttaten, ^ortnabme
oon fßferben flagte unb ben ßanoestjerrn an bas ißerfpredjen erinnerte,
jeben bei feinen Stedjten 311 fdjütjen. Slber immer fdjärfer würbe ber
Gegenfatj gwifdjen £>erjog unb Stabt, man ljat bisweilen ben
©inbriuf, als ob Qoljann griebridj ben Stat abfidjtlcdj reijte. 'Sie
Stabtoerwaltung wehrte fid) tapfer unb appellierte, wenn fie oor
bem 4>ofgerid)te iljr Stedjt nidjt burdjfetjen tonnte, an bas Steidj»
fammergeridjt in Speier. $n bem Slrdjive biefes GeridjiSbofeS, baS
beute ju SBetjlar aufbewabrt wirb, finben fidj auS ben fahren 1573
bis 1594 bie Sitten über nidjt weniger als 10 jßrojeffe, bie oon ber
Stabt gegen ben ßanbeSljerrn geführt würben. t£S banbelte fidj
3. S. um bie fjifdjerei in ber ©ber, ba ber £>erflog nidjt nur eine
Slbgabe an {Jifcfjen für feine Steife! forberte, fonbern audj 1578 bie
bisljer gegaljlte SietognitiouSgebuljr eigenmächtig erboljte, um bie 3agb=
geredjtigfeit in ben ftäbtifdjen ^Salbungen, namentlich gwifdjen J?rampe
unb Qljna, um bie SJtüljleiiaiilageii, um Gingriffe in bie Steigerten
unb Stedjte ber Sdjneibet , Sdjmiebe* uub S8eutler={Junft, um bie
JtriminalgeridjtSbarteit u. a. m. Dbwoljl ber Stat 1583 ertlärte, „bafj
ihm nichts betümmerlidieres fei, als mit bem gnaoigeii geliebten
ßanbeSfürften unb £>errn in foldje Söeitlänfigfeiten, mannigfaltige
iffrojeffe unb Errungen 311 geraten", warf ber £>er3og ber Stabt
wieberljolt oor, fie fudje immer wieber Baut unb Streit, unb taffierte
1584 einen eben erft gefdjloffenen Vertrag uber bie {joljung in ben
ftäbtifdjen ^Salbungen, bie Qagb, ben SJlüljlenbau auf ber ©ber unb
bie fjifdjerei.
SlefonberS gerei3t würbe bie Stimmung wieber, als Johann
ftrteoridj oon neuem 'föünfdje inbejug auf bie SJefeftigungsaiilagen
äufjerte. 1578 würbe iljm unter SBorbeljalt geftattet, eine Slbflitfjrinne
burdj bie Stabtmauer in ben Graben 311 letten, aber bebentlidjer
erfchien eS bein State, als ber .fjerjog eine Söafferleitnng von 3«belS=
borf in fein Sdjlofj 311 bauen begann. Sdjliefjlidj würbe iljm audj
bieS geftattet, aber hellauf loberte bie Gntrüftung, als ber ljeröoglidje
®aumeifter Söilljelm babei ohne weiteres bie Stabtmauer in ber
Slälje beS SJtiiljlentores burdjbradj. ®aS erfdjien als eine '^erletjung
2<>6 (Streit bet Stabt mit bem £)ergo(je.
ber ftäbtifdjen greitjett unb Sicherheit, ber JHat legte 1582 Vroteft
ein, oerbot bie gortfegung ber Ülrbeiten unb erljob abermals Klage
beim SieidjSfammergerichte. ^oljann griebridj war empört, als er
bie ßabung jur Verljanbtung erhielt. „SBie wir, fo fdjrieb er am
21 ganuar 1583, nufere jufteljenbe lanbeSfürftlidje tjolje Dbrigteit
uub Sieqalien unabbriirtjig unb unoerfdjmälert gu erhalten gemeinen,
fo finb wir (Such unb (Suren Stadjfommen in (Suren woljl erlangten
ljabeiibeu ißriiHlegieu, Stedjten uub Seredjtigfeiten (Siutrag gu tun
nidjt bebadjt." Ta er fid) aber um biefe Beit ben Vertretern ber
(Stabt freunblidj unb gnäbig erwies, befdjlofj ber Stat für bieSmal
nadjgugeben, liefe inbeffen eine feierlidje Verwahrung in baS ißrototoll
aiifiietjnien. iljiilidje Streitfragen tarnen oor bei bem Vau eineS
BauneS auf bem Stabtwalle oom 2Jliiljleii= bis gum gcauentnr, auch
Ijier gab man auf feiten ber Stabt nadj. £>artnäcng blieb ber Stat
aber, als gotjann griebridj 1587 beim Sdjloffe ein eigenes Sor burch
bie Stabtmauer bredjen wollte uub bei biefer ©elegenljeit behauptete,
bie Slingmauer an biefer Stelle gehöre iljm. Ta ging man wieber
auS Kanimerqeridjt unb Ijolte ein SiedjiSgutadjten oon ber SBitteu
beiger gurifteiifafultät ein. Tiefe äufjerte fidj in einem für Stettin
giinftigen Sinne, fobafe ber SBiberftanb beS States geftärtt würbe.
Taljer mnjte eS bem gürften garnidjtS, als er oom Jt'aifer Stubolf II,
an ben er fidj fdjriftlidj wanbte, einen (Srlujj oom 2. gimi 1588
erljielt, in bem iljm ber s43au eines neuen ToreS geftattet würbe,
„wofern Vürgermeifter uub Stat barüber fein Vebenlen nodj Ve
fdjwerung haben“. Tiefe aber hatten feljr viel bagegen einguwenben,
uub ber 'l'iogefi würbe wettergeführt, obwohl eS ber gürft feljr übel
aufnaljm, bafj feine Stabt fidj bireft an ben ATaifer wanbte. (Sr aber
iiberfaiibte burdj ben Görafen ßubwig oon (Sberftein feine gorbemngen
nidjt nur wegen ber Toranlage, fonbern audj wegen goll unb Jkcife
an flaifer Stubolf II. unb reifte im September 1588 felbft nadj
Vrag, wo bie Verljanblungen nutet ber SJlitwirfuug ber Stettiner
ßanbftänbe geführt würben. Ta er aber wegen beS JoreS leinen
anberen Vefdjeib erljielt, fdjeint er fidj beruIjigt gu haben. 1593 madjtr
ber £>ergog inbeffen einen neuen Verfndj, „ein Vfärtleiii", wie eS jetjt
heijjt, gu erlangen. Ter Stat leljnte ben VJnnfdj ab unb ridjtete oon
neuem eine (Singabe an ben flaifer unb baS Rainmeigericht, foüafj
Stubolf II. am 6. guli 1594 ben ^omniernfürfteii erumhnte, eublidj
feine Streitigteiteii nut Stettin beignlegen. SJtit langen Sdjriften
unb 6Jegenfdjriften, Steplcten unb Tuplifen würbe ber Kampf weiter
gefüljrt, bie Stabtregierung aber füljlte fidj bem Vanbesljerrn gegen
über nidjt fidjer unb bat ben Kaifer um einen Sdjufebrief, ben fie
Streitigteiten in btt (Stabt.
207
am 9. Sluguft 1595 erhielt. Söie notwenbig ba§ mar, geigte ber
Umftanb, bafj am 20. Uluguft ber Watmann ®enebift Sud)§ gefangen
gefegt rourbe. Stofe aber roar ber gorn be§ dürften, als er falj,
bafj feine Stabt fid) unter faiferlitfjeti Sdjutj (teilte. ®a bot iljm im
'Mnfange beS SafjreS 1596 ein nädjnidjer lunnilt, bei bem ein Beit)
junge beS £>ergogS oon ber ftäbtifdjen SSadje feftgeuommen rourbe,
bie Selegenbeit, ben 9iat feine Uiignabe füljlen gu taffen. Sofort
mürben giuei ©iirgermeifter mit ber Söadje ber oergangeuen iRacfjt
auf baS Sdjlofe gittert, um fidj roegen bes Vorfalls gu oerantroorten.
Sie erfdjienen geljorfam, rourben aber ofjne weiteres feftgeuommen. .ßninr
entliefe man bie beiben Sürgernieifter nad) einigen Stunben, oen
2Uad)tmeifter uub feine «eilte roarf mau aber inS Sefängnis. SRatürüd)
ertjob ber Wut alsbalb ®efdjroerbe beim ft'aifer unb ftellte umfangreidje
Unterfudjungen unb SSerljöre an, wobei eS fiel) ergab, bafj baS Ijergog
lidje §ofgefinbe, ^ofjunter unb ßeibjungen, feljr oft burdj Seroalt
taten bie frieblidjen Bürger beläftigte ®er St'aifer ermahnte ben
$ergog, ben Sdjutj, in bem Stettin ftefee, gu beadjten ®ie Sadje
rouroe bamit woljl beigelegt.
SBaren in biefen Sadjen JHal unb iönrgerf^jaft einig, fobafj iljre
©ertreter, bie Unterteilte bes Kaufmanns unb ber Seroerfe, oft bem
©ergehen beS etjrbaren WateS auSbriidlid) guftiinmteu, fo gab eS bod)
audj mandje Ulngelegenbeiten, burd) roeldje bie Smtradjt arg geftört
rourbe. ßu iljuen geljörte in erfter ßinie bie Stage ber betreib'
ausfuhr unb beS £>aubels nut ßebensmittelii. ®aS ©olt glaubte,
fobalb bie ©reife ftiegen, ftetS, baS fei oon beu Kaufleuten oeranlafet,
bie burd) Utuftauf ber Söaren unb SRonopoltjanbel bie armen iflurger
briiden rooltten. Utile Utnorbniuigen beS WateS in foldjem Salle,
niodjte er bie Slusfnljr oon Korn oerbieten ober erlauben, fab
bie grofee Wlenge mit ©lifetrauen an. So entftanb immer roieber
Ungufriebenljeit, auS ber leidjt Stinnult unb Ulufftaub erroudjfeu. ©ei
einer foldjen Selegenheit tarn eS 1589 gu einem Ulnfturm bet ®e-
roerfe gegen beu Wut. SUlan roar befoiiberS beS §olgfaufes roegen
m Streit geraten. ®abei benaljmen fidj brei äRänner fo ungebiiljrlid)
gegen ben Wat, bafe biefer fie gefangen fegen liefe, darüber entftanb
grofee Pmpörung unter ben Silben unb fünften, ein Uluflauf auf bem
Wlartte folgte, bei bem man rierfudjte, bie Sefaugeneii gu befreien.
Bugleidj erhoben bie Ullterleute mandjerlei S°d>en,n9«<> i- ® roegen
ber (Sinfefeung oon 100 Wlihineru als Wertreteru bei Sürgerfdjaft. Wadj
längeren 'Berhanblungen brachten bie fürftlidjen Wate am 25. Dftober
1589 einen Wergleidj guftanbe, in bem ba§ aufriiljrerifdje Söefen ber
(bewerte fdjarf getabelt würbe. ®ie befangenen füllten frei gelaffen
208
Unjufriebeii^eit ber B Hißet fdjaft mit bem Slate.
werben, bie Bewerte aber Fidj in jeber (Gewalttat enthalten,
bem Bäte geßorfam unb mit bem alten redjtmäßigen Beginiente
Aufheben fein. ®ie Brregung in ben .fjiaiibwertertreifen legte fid)
inbeffen nidjt SLRan blieb unaufrieben mit bem Slate, ber bie Bürger»
fdjaft mit ungewohnter Sluflage unb Jtaje befdjiuere unb baburdj bie
ßebensmittel verteuere, unb fdjalt auf bie Kaufleute, bie mit SluS
länbern in Sefd)äftsvertel)r baS (betreibe im üanbe auftauften.
„®ie Semeinbe fetjet fid) miber ben Bat", fdjreibt fßaul griebeborn
311111 J3?aE)re 1590, erruäljiit aber nidjt, baß fdjon 1580 bie (bewerte
lebhaften (Sinfprudj gegen eine ßnlage auf allerlei Kaufmannswaren
erljoben unb eine auSfiif)rlid)e Supplifation einteidjten, in ber eine
Bürgervertretung geforbert nmrbe. Seßte ber Slat aud) bamals bie 3u
läge burd), fo Jjörten bie Befdpverben bod) nid)t auf, unb infolge be§
KonflifteS oon 1589 würbe bie Stimmung wieber erregter. ®er fRat
wollte 1590 abermals eine inbirette Steuer auSfdjreiben, uni eine
tjanfifd)e Kontribution leiften 31t tonnen. Bunädjft trat ißm ber $ergog
entgegen uub verwehrte ber Stabtoerwaltung ba§ Bedjt jur Einführung
einer foldjen Sluflage, bann aber erljoben bie Sllterleute ber neun
£jauptgeiverte Binfprudj gegen bie Sdjäbigung ber Bohrung, bie aus
ber Berteuerung ber CebenSmittel entfteije. Söie unjufrieben man
in ber Bürgerfdjaft mit ber ganzen 9lmtSfül)tung beS Bats war,
jeigen bie fjorberungen, bie man bamals ftellte; eS füllte Bedjnung
oon ben Stabtgüteru gelegt, Beridjt über bie „BathauSfchulben", bie
fid) bamals bereits auf meßr als 60000 Bulben beliefen, erftattet,
bie monopolifdje fjanbhmg, baS übermäßige Slusfdjiffen beS KornS,
bie Bortäuferei abgefdjafft werben. Sind) verlangte man, baß 100 SRänner
auS ber ©emeinbe bem Bäte beigegeben würben, iljn in feinen
©efdjäften 311 unterftütjen unb 311 beauffid)tigen. @S tarn bei ben
Berljanblimgeii wieber 3U mancher Unruhe unb „tätlichen £>anblungen",
bis im Deaember ber ßeraog eingriff unb in tagelangen Beratungen
unb Bertjören enblidj eine ©iitfdjeibuiig fällte, in ber et einaelne
Befdjwetben als berechtigt anertannte unb iljre SIbftellung bem Bäte
auftrug, fonft aber ben Bewerten feinen Unwillen auSfprad) unb fie 3U
befcßeibeuem Vluftreten mahnte. yiudj bie ©infetjung ber 100 Blamier
würbe abgefdjlagen, ba ja bie Sllterleute in „gemeinen unb
wid)tigeu Sadjeu allewege mit 31t Bat geforbert unb geaogeit würben".
So blieb alles beim Sitten, bet Bat erließ nur eine ©rbnung
über bie £jolalieferung, bie BatSfjerren, Sdjöffen, Sllterleuten ufw.
alljäßrlid) auteil würbe, unb gab Beftimnuuigen über ben BrofeffionSeib,
ben bie $aiibwerfer 311 leiften ljatten. ®al)er bauerten bie Berljanb»
hingen awifdjen Bat unb Bewerten, bie Befdjwetben gegen ben $ei’3og
Suniulte in ber ©tabt.
209
ununterbrochen fort, unb umfangreiche SIttenftüde auS ben fahren
1591 bi§ 1597 legen oon bet SJlülje geugniS ab, bie tnan fid; mit
ber {Beilegung beS 3roifte§ gab- £>b aber tatfädjlidj auf beiben ©eiten
ftetS guter Söille zum griebeit herrfdjte, tann man billig bezweifeln,
wenn man bie ^ödjft gereifte ©tiuimuiig auS zahlreichen ©djriftftüden
erfeunt uub oon ben mancherlei tumultuarifdjen Greffen (Sezember
1595, Januar 1596) härt. 3US ein güljrer ber un-jufriebenen Bürger
wirb ber IRiemer -fjauS 53elitj genannt unb uonfeiten ber SRatSpartei
als ein Ijödjft böswilliger, aufrül)rerifd)er ÜRann gefdjilbert, bet überall
„gefdjmäljet, gefdjänbet uub uor allen einen ehrbaren {Rat, fRidjter
unb ©thöffen aufs greulidjftc injuriert habe". SSelitj madjte mit
'.Redjt bem {Rate bie fdjroeren Vorwürfe ber Ungeredjtigteit, beS Sigen«
nutjeS, ja bet betrügerifdjen Verwaltung unb bedte bie SRängel, foweit
er eS tonnte, offen auf. S>er Unwille ber Viirgerfdjaft äußerte ficf)
befonberS in ber füllen SBodje 1597 in Shtfrufjr unb Suniult, eS
half aber nichts. ®enn ber {Rat faß in feiner 3Radjt ju feft unb
erhielt Unterftügung uon bem Herzoge, ber verniittelnb eintrat. St
Zitierte ben {Rat aufs ©djlofj, unb biefer erfdjien bort, obwohl er,
wie griebeborn erzählt, mitten but(h ben gemeinen Raufen gehen
nutzte, ber „mit 53elig auf ben ©affen ftanb, grunzte, murmelte,
tumultuierte unb Sljt unb Veil bliden lieh". ®a war ein ehrbarer
fRat gar fehr erfdjroden unb gab bei ber Verljanblung wenigftenS
bie geplante Sluflage auf. JWäljrenb man hin unb Ijer beriet, ent«
ftanb am Karfreitag (25. fülärz) auf ber ßaftabie iu ber ©ertrubfirche
ein Sumult, ber inbeffen, wie erzählt wirb, uon ben ©djiffern halb
gefüllt warb. ®ie fürftlidje {Regierung gab fidj alle möglidje 9Rühe,
ben Vcfdjroerben über bie ©etreibeauSfuhr gerecht ju werben unb oer=
aniahte ben {Rat z» bem ^ugeftänbniffe, bah non allem im ßanbe
aufgetauften Korn ein beftimmter Seil auf ben ©tabtljof geliefert
werben falle, bamit bort ben Bürgern ber ©djeffel {Roggen für
25 ©rofdjen, ber ©djeffel SBeijen für 5 CrtStaler uertauft werbe.
Sugleidj würbe eine Vlufnahme beS ©etreibeoorratS iu ber ©tabt
auSgeführt; man fanb 1512 ßaft 27 ©cheffel SSei^en, 1600 ßaft
10 ©djeffel {Roggen, 45 ßaft füReljl- ®iefe SRahregeln füllten ba^u
bienen, bie SBeforgniS uor Setreibemangel unb Seuerung zu befeitigen.
Gin enbgültiger Sntfdjeib beS Herzogs erfolgte erft am 14. Slpril,
enthielt aber nidjt uiel mehr als Vetweife auf ältere Verträge, fowie
Verwarnungen unb S>roljuugen au bie Semeinbe. SJlau erfeunt
abermals bie ©hn«iadjt beS gürften ober feinen Vlaugel an gutem
Söillen, enblid; georbnete Verljältniffe z» fdjaffen. ®r hoffte üielleicfjt
im füllen auf ben Vugenblid, iu bem bie guftänbe in ©tettin zu
HJf $rtnanu, »on Stettin- «4
210
(Stettin unb grantfurt a. £>.
einem gufammenbrudje ber eigenen Serwaltung führen mürben, um
bann mit aller Straft einaugreifen. ®a bie lineinigfeit aud) in ber
Sürgerfdjaft fo aunaljm, bafj fid) fogar bie ^anbroerfer gegen iljre
SUterleute manbiett unb iljuen nidjt meljr Vertrauen fdjenfen wollten,
mufete ein foldjer .Beitpunft gar nidjt meljr feljr fern erfdjeinen. ®afe
gofjann grieorid), ber am 9. gebruar 1000 jiemlidj plöfelicfj ftarb,
ibn nidjt meljr erlebte, mag für bie Stabt in einer Seaieljung alt»
em (Slüd, in anberer aber audj ald ein Uttglüd angefeljen werben
Er wäre woljl ber 'JJlann gewefen, Drbiiung au fdjaffen. gu Stettin
atmete mau fidjerlidj bei bem Stöbe be§ $eraog* auf, ber wie feiner
feiner Sorgänger ober 'Jladjfolger in bie ftäbtifdjen Seii)ältni|je ein
gegriffen ljatte.
Sei ben ftaatSredjtlidjen Stümpfen, bie um bie ©litte be§ 16. galjr’
ljunbertS ^jutfc^en fßomuiern uub Sranbenburg wegen ber Erbeinigung,
ber STlnroartung unb ber Erneuerung ber ©ertrüge vor fidj gingen, war
ba§ ©erf)äItni§ a,u• fdjen Stettin unb grauffnrt a. £>. oon grofeer
Sebeutung. '-Wir wiffen, bafe eS an Reibereien amifdjen beiben Cber-
ftäbten nie gefehlt ljat, bafe biefe St'onflifte um fo ernfter unb Ijeftiger
würben, je meljr fid) bie fortgefefeten Streitigfeiten ber Radjbarftaaten
oerfdjärften. SefonberS al§ goljann oon flüftrin in feiner uirffidjtS«
lofen SBeife eine SBirtfdjaftSpolitif in feinem neumärtifdjen Staate
einleitete unb burdjfüfjrte, bie auf eine birefte Sdjäbigmig beS Stettiner
Ober unb Söartl)eljatibel§ feinausging, würbe baS SerljäitniS awifdjen
ben Stäbten redjt gefpannt, obwoljl fie in mandjen Seaietjungeu
genieinfam gegen Erfcfeweruiigen be«i SerfeljrS burdj bie Stüftriner
ober Cberberger golle unb gegen Si'aiialpläne oorgingen. 9)lan war
in Stettin argwöfenifdj gegen ben Sluffdjwung granffurtö, ba§ nament
* lid) im £>anbel mit fßolen gefäferlidje St'onfiirreiia madjte. ®a§ alte
Rieberlagsredjt würbe oon ben Stettinern fdjärfer al§ friiljer geljanb
habt unb a- oerlangt, bafe ber oon (Silben ober Straffen eingefüljrte
ffßein, ber ein feljr bebeuteuber ^anbelsgegenftanb war, in ber Stabt
„getellert", b. lj. au§ beu Sdjiffen m einen Steller gefdjafft werbe
ulib bort brei Jage liege. ®er Sefudj ber beiberfeitigen ©lürfte
würbe eingefdnänft unb anbere SJlaferegeln a*11» Staben be§ freien
SerfeljrS auf beiben Seiten eiugefübrt. UJlan oermieb inbeffen beu
Slbbrudj ber ®ejiel)uugeu uub begnügte fidj mit tleinereu Stampf
mitteln.
'lieben ber Söirtfdjaftöpolitit ber einaelnen Stäbte begann fidj
immer meljr bie ber Serritorialfürften geltenb a11 madjen. Sei bem
engen Sanbe, ba§ beu pommerfdjen mit bem murfifdjen $anbel uer
banb, ift e§ erflärlit^, bafe eine feinblidie Störung ber Seaieljunqen
$>anbe(3fpetre.
211
Ijöchft befdjwerluh würbe, ©in beliebtes, aber and) feljr gefährliches
Kampfmittel roar ein ^anbelSverbot ober eine (Sperre ber SBaffer«
unb ßatibroege. So fperrte ^ergog Sarnim XL im ^erbfte 1560,
um ber Start gu fdjaben, bie Cber, mufjte aber halb eiitfeljen, bafe
biefe 'JJlaferegel fein ßanb fdjroerer traf als baS benachbarte, unb baS
Serbot wieber aufheben. Soldje unb äljiilid)e Vorgänge erfchwerten
eine giitlidje Seilegitng fdjwebenber fragen über ben Salghanbel, baS
Sanb ber (Stettiner ^eringSfäffer u. a. in. (So gefdjal) eS 1562, bafe
in ^rantfurt, als man bort bie Sichtigfeit ber uon (Stettin oerlabenen
.(peringSfäffer wieber einmal angroeifelte, ohne weiteres „baS Sonnen
banb" bei einet Witgaljl gu Heiner ©ebinbe genauen routbe Cbrootjl
baS gelegentlich bereits früher gefdjetjen roar, fo nahmen bie (Stettiner
eS biesmal feljr übel unb baten ihren ßanbeSherrn um fdjarfe ®lafe
regeln gegen bie granffurter. Sarnim roar bagu geneigt, ba er gerabe
gegen bie Start feljr verftimmt roar unb eine Sdjäbigmig namentlich
auch beS (Stettiner Salgljaiibels fürchtete. £>atte bod) bie (Stabt bereits
feit 1560 baS Saigmonopol, baS Kurfiirft Qoadjim II. für ben ^anbel
nad) (Sd)lefien bem (Stettiner £>aufe ber ßoitje unb ber Serliner ^itiria
VlnbreaS ßinbljolg verliehen I)nüe, mit °Hcn möglichen Slitteln
betämpft unb uereitelt. VI ber wie leicht founte ein ähnlicher ^lan
anftandjen, roie leicht eine anbere Steuerung ben (Stettinern unroiber
bringlidjeu (Schaben tun! Sarnim überliefe ber (Stabt ben
entfdjeibenben (Schritt gegen grantfurt, aber mit feiner geheimen
Silligung veröffentlichte (Stettin am 17 'JJlai 1562 baS ©bitt, burch
baS uon QohanniS (24. Quni) ab jebe Sdjiffahrt ftromauf oerboten
würbe; and) würbe ber (Stabt ^ranffurt jeber freie Sertehr auS unb
in (See unterfagt. ®aS roar ein (Schlag gegen bie anbere Cberftabt,
mit bem ein mehr alS iya ^abrtjiuiberte baueruber Stampf begann.
Wlarfgraf Qoljaun trat alSbalb energifdj gegen ben „unleiblidjen
9ladjteil unb Sdjaben" auf, ben bie Stettiner in „grofeer Ser
meffenheit“ bem gangen £>aufe Sranbenburg gufügten. ®ie Serl)anb
lungen, bie auf feinen Sorfdjlag eröffnet würben, verliefen ergebnislos.
®a madjten am 19. 3fuli beibe märtifdje dürften betannt, bafe vom
10. Suguft an bie Start für alle Söaren, bie von Stettin tarnen
ober Stettinern gehörten, gefperrt fein fülle. ®amit wat ber ^anbelS
frieg regelredjt eröffnet unb madjte halb auf beiben Seiten feine nn
vermeiblidjen folgen fühlbar. Sian ging infolgebeffen wieber auf
Serljanbluiigen ein, bei benen bie pommerfdjen dürften eine gweifel
hafte Solle fpielten, währenb Starfgraf Johann gielberoufet verging
nnb fid) burd) bie nachgiebige Haltung feines turfürftlidjen SruberS
wenig beirren liefe. $n Stettin fdjlug bie anfänglid) fiegeSgewiffe
14*
212
ftanbelSpolitit.
Stimmung alunäl)iictj um; man gab fcfjliefeticf) nad) unb hob am
28. Cttober baö Sperr - (Sbitt auf. ©arauf rourbe bie @ren je ber
'JJlart für bie Stettiner roieber geöffnet. Sie Stabt ljatte im Kampfe
jroar eine ©ieberlage erlitten, aber eine .fjjanbljabc 31t weiterem Kor«
geben gegen grantfurt bebalten, ba bei ber Slufhebung be§ Sbittes
uom 17. 9Jlai bas ©erbot bet Surdjfuljr grantfurter SBaren burdj
ben Stettiner £>afen nidjt jurüctgenommen roorben roar. Somit roar
ba§ lange Seit ber 9ladjbarftabt jugeftanbene 9ted)t gefdjrounben, unb ’
bie grantfurter, bie glaubten, es fei ber ehemalige ijuftanb wieber
bergeftellt, erfuhren halb mit iljren SSaren eine 3uriidroeifung. ©on
neuem begannen ©erhanblungen, bod) natürlich oljne Srfolg. gn
Stettin roar man anfangs um fo ftanb ljafter, als man inbejug auf
ben Saljljanbel einen oollen Sieg gewann. ?lm 15. September 1563
erlannte ber Kaifer in einem ©ertrage ba§ ©edjt ber Stabt auf bie
Saljeinfuhr an nnb beftellte einen taiferlidjen gattor in Stettin, ber baS
©orjfalj oon bortigen Kaufleuten einjutaufen unb weiter ju beförbern
ljatte. 9llS aber halb barauf ein juriftifdjeS ©utadjten fich für bas oon
grantfurt erfeffene SRedjt beS freien ©erteljrs auSfprad), ba gab man
jroar in Stettin nidjt nach, liefe inbeffen bie alten gönnen beS £janbel§
für grantfurt befteljen unb befonberS Kramroaren ben Saum im
allgemeinen frei paffieren. So blieb bie ©edjtSlage unfidjer. SDlancherlei
©erljältuiffe, ber Streit ber pommerfdjen unb braiibenburgifdjen gürften
um bie ßrbuerträge, neue Kanalpläne, bie Cberjölle oon Küftrin
uub Sdjwebt, ber ©erfudj bie Sanjiger .£>anbelsftrafee füblidjer ju
uerlegen, nidjt am roenigften auch ©lifeernten, oerfdjledjterten halb
baS ©erf)ältniS jroifdjen ben beiben Cberftäbten roieber, fobafe man
fdjon oon neuem an eine Sperrung badjte. PefonberS ber Korn
ljanbel befdjäftigte feit 1559 ben IRat unb bie Sllterleute be§ Kauf
inanns iu Stettin feljr; mau erliefe nadj längeren ©erhanblungen,
bie über ba§ ?luöfdjiffen mit bem ^erjage geführt worben roaren,
am 22. gebruar 1564 eine neue Crbnung, „bamit bem Kauf mann
billigerroeife bie stoniIjantierungS=9lahrung gegönnet unb audj biefe
Stabt mit jiotbürftigem ©orrat uerfehen roerben mödjte". Saju
follte uon jeher ßaft Korn, bie uerfdjifft werben folle, 1 Sdjeffel al§
„Saj“ jum ©orrat gegeben roerben; uon biefem füllte au arme unb
uuuermögenbe ©erfüllen verlauft roerben. Srotj aller ©erfudje, ja
trofe fdjeinbar guten ©BillenS tonnten fidj Stettin unb grantfurt auf
ben uerfdjiebenen Sagen nidjt einigen, ba feine uon beiben Stabten
ben prinzipiellen Stanbpunft aufgeben roollte unb jebe, obwohl man
fich nidjt oerheljlte, bafe jeglid)e ©efreiung ben £>anbel förbere, an ben
alten ©edjten unb Privilegien fefttjielt.
£>anbtlßtrie0 mit grantfurt a. £).
213
(Jrnfter rourbe bie £?age, alß 1571 turj nad) einanber ber Sur-
fürft goadjint II. uub ber fDlartgraf goljaun auß bem Ceben fdjieben.
9Jlan tjatte in Stetttin unb im übrigen 'Bommern gehofft, bafj fidj
mit bem Dobe beß letjteren, in bem man nidjt oljne Unrecht ben
eifrigften SBiberfadjer fßommemß erbtirfte, bie roirtfdjaftlidjen Ber»
hältniffe beffern roürben, jumal ba ber neue Surfürft gohrotn Georg
ber Schroiegeruater beß ^erjogß gofeaiin griebrich roerben füllte. Eß
geigte fid) jebodj halb, bafe man auf branbenburgifdjer (Seite bitrcfjaitß
nidjt niilber auftrat, nielmehr allerlei Srfdjroerungen oornaljm. ©er
Stettiner 'Hat fudjte unb fanb Seiftanb unb .fuilfe beim S'aifer, ber
burdj eine Urfunbe uom 16. SIpril 1571 bie Stabt Stettin mit allen
iljren fJtedjten unb 'Briuilegien in feinen Sdjutj nafjm. Sllß ein geichen
feiner Pfnabe ©erlief) SHajimilian TI. iljr zugleich baß SRedjt, „in allen
iljren SSefiegluiigen ju iljrem gnfiegel unb fßetfdjaft . . ein 9tot=
roadjß ju gebrauchen". Tiefe Berleihungen, bei benen im geheimen
beu 9iatßfeiibeboten ju %?rag noch mandjeß ermntigenbe !®ort jn
Ehren getommen fein mag, neranlafjtcn bie Stettiner ju energifdjem
'Borgehen gegen granffurt, man tonfißjierte Sßareit, arretierte Sauf
leute unb uerroeigerte Genugtuung. 9lni 28. guli 1571 erliefe ber
Slot ein ©bitt, burd) baß alle Saufleute, Schiffer unb gaftoren
geroarnt rourben, frembe Saufmannßgüter außer Slötfafe, Sitpfer,
Buder, SUaitn, Bitriol uub anberen Sramroaten au ber Stabt oor
überjufüljreu; bieß fei nötig, um „ben erheblichen Titrchfdjleif" ju
befeitigen, „fo auf bem Eberftrom . . gebraucht unb ber Stabt unb
ben Bürgern ju großem Sd)aben gereiche". Ebrooßl gohanu griebrich
anfciitglidj mit biefem Borgeljeu Stettinß nicht einoerftanben roar unb
beu 9iat ernftlid) oerroarnte, ließ er fid) bod) halb belehren, baß ein
foldjeß Verfahren im gntereffe ber Stabt liege, unb tat uidjtß gegen
bie Durchführung beß Gbiftß, auch alß Surfürft brohenbe Briefe
gegen Stettin erließ. 'JJlan begann roieber mit 'Berhanblungen, ber
junge Stettiner fjetjog nahm fid) aber energifch feiner Stabt an,
rocihrenb ber Surfürft oft redjt unbebadjt unb fdjrorotfenb bie Sache
granffurtß uertrat.
Da erfolgte bie Sataftrophe. ?Im 1. Blärj 1572 liefe ber Stat
uon granffurt Stettiner Saufleute, bie jum bärtigen 9leminifjere=
'JJlartt eingetroffen roaren, gefangen nehmen unb ihre gefronten 'ffiaren
uub Gelber mit Sefcßlag belegen. Durdj bieß unerhörte Verfahren
wollte bie Stabt geroaltfron eine Slnerfennung iljrer alten Gered)tfame
in Stettin erzwingen. Dort roar bie Aufregung groß, alß bie Sladjridjt
uon bem Greigniffe eüitraf. gn fieberhafter Dcitigfeit Juchte ber fftat
$ülfe beim 9ieid)ßtantmcrgerichte, boch ein uon biefem erlaffeiier ®efehl
214
Wärfiltbe $cmbtl3fpetre.
gur Aufhebung bes SIrreftS würbe oon granffurt fdjnöbe abgeroiefen.
Trotjbem liefe man halb barauf bie gefangen genommenen Kaufleute
frei, ja ben SBertefjr groifchen beiben Stäbten uon neuem anfnefemen.
SUS bie Stettiner merften, wie unfidjer man bamals in biefer ganzen
Slngeiegenfeeit auf branbcnburgrtdjer Seite oorging, fjielten fie an ber
gorberung, bie Sadje burd) baS fReidjStammergeridjt 311 entfdjeiben,
unbebingt feft. Tie Jranlfurter lehnten eS ub, beffen Kompeteng
anguerfennen, unb ftellten ber gegnerifdjen Stabt bie Silage nor bem
Kammergeridjte in Serhn anheim. So fdjien bie gange grage auf
einem toten fünfte angefommen gu fein, baS WrhaltniS groifchen
ben fJladjbarlänbern oerfdjledjterte fid) gufeljeubS. Ta griff ber Kurfürft
Qoljann Seorg gu bem uon bem Stettiner 4>ergoge Derfdjmäfeten
Wittel, er verhängte am 5. Cftober 1572 bie Sperre bes ÜBerfeljrS
für Stettin unb Stettiner ®üt*r in ber gangen Warf oom 21. SDTtober
ab. 3't’ar Derfudjten bie Stettiner iljre SBaren unter bem Flamen
benadjbarter Stäbte auf ben Warft gu bringen, aber uon ®ranben
bürg au§ ging man rürffidjtSloS oor, verwarnte bie pommerfdjen
Stäbte, beroadjte bie ®renge, ftellte Unterfudjungen mit Stettiner
Kaufleuten an, bie in granffurt erfdjienen, furg, tat alles, bie Sperre
anfredjt gu erhalten. Tie '-ßerljanblungen beS SReidjStammergeridjtS,
an baS fid) jefet aud) bie pommerfdjen gürften roanbten, nahmen,
wie immer, feljr tangfamen gortgang, iiber Tentfdjriften, fßroro
tolle ufw. fam man nidjt redjt hinaus. Stettin fudjte auf alle SBeife
feinen SBeg ruhig weitergugehen unb fanb hierbei gumcift audj Unter*
ftütjung fettens feines ßanbeSherrn. Troft ber fdjroeren Schläge, bie
bamals bie Stabt trafen, trot? ber grofeen 9?erlufte, bie eS erlitt, hielt
man an bem Srunbfatje feft: granffurt hat ben Königs* unb Warft
frieben gebrochen, um ein SRedjt gu erzwingen, baS ihm niemals gu
geftanben worben ift, unb und) ber Kurfiirft hat einen fdjroeren
fRethtSbruch begangen, greilidj brachten eS bie Serhältniffe halb mit
fidj, bafe ber ®egenfutj ber beiben Cberftäbte mehr in Sdjriftftüden
als in ber ^ßrajris gum MuSbrucf fam. Tie ftrenge ®rengfperre liefe
fich auf bie ®auer nicht aufrecht erhalten, Stettiner Kaufleute oet
feljrten, wenn and) mit iBorficht, wieber in märfifdjen Stabten. Ta
rourben im Dftober 1574 auf bem Warfte gu Schwebt plotjlidj etwa
100 Stettiner oerhaftet nnb iljre SSaren mit 58efdjiag belegt. 3roar
gab man bie ßeute halb roieber frei, aber bie Sitter blieben in 9lrreft.
SlbermalS würbe natürlich Klage über Seroalt unb SBerletjung bes
WarftfriebenS laut, roieber begannen feljr gereigte tRerljanblungen.
Ter Kartet roarbe angegangen, bie Stettiner fdjicften eine Sefanbtfdjaft
nach ^öln an ber Spree, gegenfeitige SBeläftiqungen unb (Stjitaiien
®a? Sanffjau? ber ßoiße.
215
fönten täglitf) nor, aber ein 9lu?gleidj roar nidjt gu finben. Sind)
einmal, am 21. September 1575, erneuerte ber Knrfiirft ba§ Sperr
ebift gegen Stettin, nadjbem and) bie Tagung gn ’Preiiglait oljne
Grfolg oerlaufen roar. Salb banadj geroaitn ba? Serljältni? gwifdjen
ben dürften ein freimblicfjcreS SInfeljeu, ber Bant ber beiben Stäbte
aber blieb ber alte. ®a oerfügte am 3. gebrnar 1576 ba? fiommer-
geridjt in Speier in einem erften Sprudje bie Slitfßebung ber Slrrefte
burdj beibe Parteien; bie eigentlidje Streitfrage wegen ber freien
'J'nrdjfatjrt fanb inbeffen feine Gntfdjeibung. ®er nnenblidje Bant
ging weiter unb bradjte beiben Stäbteu immer größere Serlufte, fobaß
fdjon halb nadj 1580 tjier roie bort eine Grfdjlaffung eintrat. ®abei
rourbe aber ber grunbfäßlitße Stanbpunft nidjt aufgegeben, tljeoretifd)
bie Grengfperre ebenfo roie bie Sperre be? Saume? aufredjt erhalten
unb bie fnr^ficfjtige .^anbel?politif fortgefetjt. So oerblutcten fid) bie
(Gegner allmäljlidj, ber S^ogeß oor bem Seidj?fammergerid)te blieb
nod) gahrgeßnte lang ein Kreb?fdjaben im roirtfdjaftlidjen ßeben beiber
Stäbte. G? oerloßnt ficf) nicht ber Wiilje im eingelnen ben Fortgang
ober ben Stillftanb ber Serljanbluiigen barguftellen. gür bie SSirt
fdjaft?* unb $anbel§gefd)id)te Stettin? aber liegt in ben unenblidjen
Vlftenbänben ein reidje? Waterial oor, ba? l)ier, roo e? fid) um eine
allgemeine Stabtgefdjidjte hanbelt, nicf)t au?genutjt roerben fann.
gür Stettin? Gntroidelung roar ber Streit geroifj oon grofjer
Sebeutung, fcßnitt aber bod), roie e? fdjeint, nidjt fo tief in ba§
allgemeine ßeben ber Stabt ein, roie ein Greigni?, ba? gerabe in
bie Beit be? tjeftigften Kampfe? fiel, ber große Santrott be§ .fjanbel?»
baufe? ber ßoiße, ber für gang Sommern überau? oerßä)Tgni?Doll
rourbe. 'Sie oier Sößne be? alten .fjan? ßoitj, Widjael, Simon»
Stepljan unb .fjan?, hatten ba? Gefdjäft be? Sater? fd)on früh
bebeutenb erweitert. gljre girma, bie in ®angig unb ßiineburg
Sieberlaffungen befaß, erwarb eine Sebeutung in Sorbbeutfdjlanb, bie
ben Inhabern, roie roir bereit? gefeßen ßaben, fogar in poütifcßen
Angelegenheiten einen nicht geringen Ginfluß oerliel). 911? Sanfier?
roaren befonber? Stephan, ber eine Beidang in ßiineburg bie Gefdjäfte
führte, unb £>an? in Stettin in ben Grumbacßfdjen $änbefn tätig
unb unterftüßten burd) Slnleifjen ben Wartgraf 9I(bredjt ?Ilfibiabe?
oon Sranbenburg Kulmbad), fo baß 1554 ber Kaifer Karl ben ^ergogen
Samirn unb Sh*IiPP befaßt, gegen Stephan ßoitj, weil er mit be?
Seidje? geinben in „allerlei SrQdifen" fteße, eingufdjreiten. ®a?
Sanfßau? rourbe ber Slittelpunft be? Gelb- unb Krebitoerfeßr? nidjt
nut in Sommern, fonbern roeit über bie Grengen be? ßanbe? fjinau?.
gürften uub Ablige, Stäbte unb Stiftungen, Kaufleute nnb
216
J)tt foi^t.
^anbrocrfcr oertrauten ihm Kapitalien gegen t>oE)e Binfen (bi§ gu 12 %)
an ober machten bei ihnen Anleihen gegen SSürgfcfjaft, bie anbere für
fie übernahmen, gür ben gelbarmen ?lbel £nnterpoinnkrn$ rourben
bie ßotfje eine ßtnelle, bie imerfrfjöpflid) fdjten, unb ihre 'Uludjt in
bein gangen ßanbe roud)§ fo fehr, bafe faum ein größeres Unter
nehmen ohne fie guftanbe fommen fonnte. Sliict) in Stettin felbft
übt. 9. Sdjweijer^of.
ftanben ’ßrroatperfonen foroohl
roie Korporationen in ®e
fdjäftSuertehr mit ihnen, legten
bei ihnen ihr Selb an ober
nahmen Ünleiljeu auf. Sogar
bie Stabt, bereu ginangoer
hältniffe bamals fc^Iecfjter gu
roerben anfingen, trat mit bem
$anbel§hmtfe ßoife in enge
Begieljungen. ?Il§ 1569 bie
üßolgafter.^ergoge oon ihm eine
Summe oon 25000 Sulben
entliehen, übernahm Stettin
neben anberen Stabten bie
B.trgfchaft. ßetber fehlt immer
nod) eine eingehenbe Unter=
fudjung über ben Umfang unb
bie VlttSbehnung be§ gefd)äft
lidjen BerfeljrS ber girnta, fo
bafe beftimmte Üngaben über
ihr Vermögen ober bie au§ge=
lieljenexi unb aufgenommenen
Summen nirfjt gemacht roerben
fönnen. „Sßer etroaS gehabt
ober befontmen, hot & alles
ben ßoitjen gugefeljret", fagt
griebeborn, ber unter mmtdjer»
lei moralifdjen Betrachtungen
ihren Stolg nnb £>ndmnit tabelt, aber auch ihre SJUlbtätigfeit rühmt,
gn Stettin befaß bie gamilie mehrere Späujer unb Speicher, foroie
ein Stücf ßanb oor bem SRühlentor. gljr äßofenljauS erbauten fie fich
an ber Berglehne gwifdjen guhr« unb grauenftrafee neu unb prädjtig
auS, in ben gönnen ber Übergangsgeit uom gotifchru Bauftile gu bem
ber iRenaiffancegeit. (Jin [tattlidjer Sreppenturm, beffen gaffabe mit
feinen SBanbftrcifen unb fttofetten gar anfehnlcch gcfchmudt ift, uub
Sanin it ber Soiße.
217
Slbb. 10. Sdjroeittiljof.
bie Holztäfelung an ber ®ede eines Saales im Obergefcßoffe zeugen
nod) ßeute oon fonft entfcßwunbener ißrarfjt. 2öaS fiir ein großer
Serteljr mag ljier geßerrfdjt ßaben, roo ber Slittelpuiitt beS ausgebeßnten
GfefcßäfteS lag, wie mögen ljier zaßtreicße grembe unb Sürger ein«
unb ausgegangen fein, wie mag man ljier oft Ijerrlidj unb in greuben
gelebt ßaöen! ®odj bie Ungunft ber Seiten, bie llnruße ber politifcßen
Serßiiltniffe, ber übertriebene Söagenuit bei Spetutationen fußrten ben
Sturz beS HaufeS ßerbei. Sßir finb nodj nicßt in ber ßage, im einzelnen
feftzuftellen, waS bie letjte Urfacße zu bem ßufammenbrudje gab, aber
eine feßr bebeutenbe polnifcße
StaatSanleiße, bie oon bem
Sanfßaufe übernommen
würbe, fcßeint feine Strafte
überftiegen zu ßaben. ffiinige
einfidjtige Släuner, wie ber
Kanzler Qatob oon ßitjewitj,
faßen vtelleicßt fdjon oorauS,
waS beoorftanb, aber bie große
Stenge in Stabt unb ßanb
war oollftänbig iiberrafdjt, als
betannt würbe, fj>anS ßoiß fei
um Cftern 1572 mit feiner
gamilie aus Stettin entwidjen
unb, um fitß feinen Serpflidj
tungen zu entzießen, nadj Solen
gegangen. (Sine Kataftropljc
oßne ßfleitßen tarn burcß ben
Santrott über baS ganze ßanb.
Son unabfeßbarcn folgen war
ber faße $ufammenbntdj für
ben Icinblidjen (ftrunbbefitj namentlich in £jinterpommern, bocß audj
in Stettin waren bie Serlnfte feßr groß. ?luS ben unenblidjen Srozeffen,
bie ficß an ben Santrott anfnüpften, unb auS ben Scßilberungen ber
Beitgenolfen ertennt man, wie tief bieS (SreigniS in bie SennögenS»
oerßältniffe zaßleeidjer Sürger, Korporationen unb ber Stabt felbft
eingriff.
®ar oiele Sdjidfal»fcßläge trafen in ber zweiten Hälfte beS
16. Qaßrßunberts Stettin, bie Streitigteiten mit ben ßanbeSfürften,
ber norbifcße .Krieg, ber Kampf mit granffurt, ber Santrott ber
ßoitje. ®a ift eS teu. Sönnber, baß bie wirtfcßaftiidjen Serßältniffe
ber Stabtgemeinbe ficß rierfdjledjterten. Sroßbcm bebentet biefe Seit
218
SluSftfjtn ber Stabt.
für bie gefamte Gntroirfetung feljr oiet, ja fie hat bie Grunblage für
biefe gelegt. SamatS Ijaben fich bie Sonnen ber ©tabtoerroaitung,
bie foziaten nnb nürtfcfjaftlidjen Buftänbe im großen unb ganzen
auSgebilbet, bie bann länger al§ ein Saljrljunbert fortbeftanben.
Gin SBilb oon bem 2lu§fet)en ber ©tabt fann und bie bereits
erwähnte SInfidjt oon Sitten»(Stettin geben, bie in bem etwa 1570
erfdjienenen ©täbtebudjc oon Georg Sritin nnb Srang ^ogenberg ent»
batten ift. Sie eigentlidje (Stabt innerhalb ber Sefeftigung hat ben
alten Umfang bewahrt, an fie lehnen fich bie Sorftäbte an, bie immer
mehr gewachfen fein fcfjeinen. Stuf bem rechten Ufer ^ätjlt bie
Caftabie mit ihren oerfchiebenen Seiten, ber ©d)iff§bauerlaftabie, ber
5ßoggenbitrg, bem BarfjariaSgange, ber ^ßtabbrin, ber großen Saftabie,
bem Jliiterhanfe ufw., fcfjon 1559 metjr als 150 fchoßpftichtige
Sewohner. Sor bem tfrauentore erftredt fich an ber Cber bie Slieber
miet, in ber bie als S?orn= unb Mutterhaus bcnußte Slirdje be§ Qung»
franenflofterS liegt. Sach Söeften zu fdjließt fidj ber Äilofterfjof mit
ber fßeter»fßanl§firdje unb bem unweit baoon gelegenen fiirfttichen
Garten an, in bem fich ein GufthauS befinbet. Sor bem *D?üt)lentore
flehen einige Käufer mit Gärten. Stuf ber ©übfeite ber (Stabtmauer
liegen ber .fjeiligc Geiftberg mit wenigen SSohngebäuben unb ber
fRoßmiihte, an ber Cber ber fogenannte ©törfang unb bie Cberroiet.
Sie Stauer am gtuffe hat 8 Sore, bad Saum-, ^ifcfjer , Slitwoch ,
$one§ben», ^apenbrüd , ßaiigebrücf-, Slöntenbrürf = Sor unb bie
.fjaoelnig; oon ihnen ragen ßabebrüden m bie Cber hinein, ein eigent
lidje§ Sollwert befinbet fidj nur zroifdjen ben beiben Srücfen.
Sic SefeftigungSantagen ber (Stabt haben auf bem Sruin $ogen
bergfdjen 5ßlane ein weit ftatttidjereS Slnfehen, at§ fie in SBirtlichfeit
befaßen, $m Maljre 1595 roerben in einer offiziellen Slufnafjme
neben ben 4 oft genannten (Stabttoren nur 3 Sürme (ber ^uloer»
turnt, ber habe Surin unb ber Gefangen» ober Sorturtnrm) unb
6 auf unb an ber Stauer ftehenbe SBiethäufer erwähnt. Mfjre ®r=
hattung fcfjeint oiel zu wünfchen übrig gelaffen zu haben. SPieber»
hott wirb baruber gettagt, baß ©tücfe ber Stauer niebergefatlen feien
unb nichts fiir bie Sßieberherftellung gefdjehe. Saß man fonft allerlei
tat, um bie (Stabt oerteibigungSfäljig Zu »lachen, ift bereits erwähnt
roorben; nod) 1593 ließ ber Sat 4 ©türf Gefdjüße burch ben ftäbti.
fdjen Gefdjüßgießcr .fjanö Goerling herfteltcn unb im ßengljaufe oer»
wahren. Sott befanben fich f°nft nodj mancherlei SBaffen, geuer
rohre, (Scfjroamb ober fpanifche Soljre, Storfer, .fraten, ßuntengerät,
eiferne unb fteinerne Engeln u. a. m. Sie ©tabt felbft fdjeint nach
bem Silbe feljr breite Straßen unb weite Slaße zu haben, bod) auch
Tie ©tragen.
219
bieS ift falfdj, wie nocf) tjeute ein (Song burdj bie Slltftabt feigen
tann. SBir wiffen, bag eS bort riirfjt im minbeften fo auSfag, wie
es bie Slnfidjt auS bem SSruin-^ogenbergfcgen SSitdje barftellt. Tie
©tragen würben burd) gaglreicge SluSbauten, Stellergälfe u. a. in. nod)
enger gemalt, als fie fchon waren. Tiefe waren bem ^ergoge goljatin
griebrich ein befonbereS Sirgernis in ben ©tragen, bie nage bei bem
©cgloffe lagen. Son 1575 an befahl er immer wieber bem fflate.
biefe Steller in ber gugr», ^elflen, grogen Tom-, ©djutjftrage unb
am Clbböterberge gu beteiligen, fflang furcgtbar war bie llnfauberteit
auf ben ©tragen. Sidjt nur in ber jcitjrlicf) gweintal oerlefenen
Sürgerfpracge würbe bie fReinljaltuiig angeorbnet, feit etwa 1560
ergingen Serorbnungen über Serorbnungen, bie ©affen gu reinigen,
©trafen würben angebrogt, aber eS würbe nicgtS gebeffert. TaS
Sieg, baS ein groger Teil ber Sewogner hielt, trieb fid) ungeginbert
umher, fo feljr auch wieber .ftergog gogann griebricg barüber Silage
ergob unb fo bringenb er Wbftellimg folrfjer „Unfläterei" uerlangte.
Silier Slbfall, ©cglantm, SJlift unb Unrat würben auf bie ©tragen
geworfen unb blieben bort liegen, obwoljl ber Slat einen eigenen
Sing auf bem „Tappenberg" auf ber ßaftabie gur Slbtage oon foldieni
Senge einricgtete. Tie guftänbe mi'tffen nad) allem, was wir gören,
fdjrerflid; gewefen fein. SSenn nidjt ber Slat bisweilen bei befonberen
©elegengeiten, wie bei fiirftlidjen ^jodjgeiten, geftlidjfeiten ober Se
fudjen, burdj ben ©cgarfridjter unb feine Slnedjte bie fflaffen grünblicg
gätte reinigen laffen ober biefer 1593 oerpflicgtet worben wäre, baS
„ftintenbe SlaS“ weggubringen unb ben SJlartt gu fäubern, fo wäre
eS für bie SBürger wohl noch befcgwerlicger unb gefährlicher gewefen,
bie ©tragen gu paffieren, als es ogiiegin fdjon war. SRit ber
Sflafterung ftanb eS nid)t beffer; nur einige ©tragen waren „gebrüdt“,
wie man bamals fagte, ober gatten wenigfteuS emporragenbe ©teine,
mit bereu $iilfe man non einer ©eite auf bie anbere gelangen fonnte.
©ine ©tragenbeleucgtung tanntc man nidjt, nur auSnagniSweifc
würben brennenbe S«gpfaiinen ober garfein an ben ©tragenerfen
befeftigt, um einiges Cidjt in bie Tunlelgeit gu bringen, fflewötjnlicg
blieb ber Sürger beS SlbenbS gu £jaufe uub ging geitig gur Stuge
ober fucgte mit einer ßaterne feinen SBcg in ben finfteren fflaffen.
Son ben Sriontgäufeni Stettins tonnen wir uuS eine Sor=
ftellung nur machen nadj ben Sauten in anberen ©täbteu, in benen
megr Beugen beS 16. gahrgunbertS erhalten finb. Sind) gier ftanben
ftattlicge ffliebelgäufer mit ber ©djmalfcite nadj ber ©trage gu unb
erftrerften fich weit in bie Tiefe, ©ie enthielten nerhältniSmägig
wenige unb nicgt allgugrogc SSognräume, bagegen umfangreiche glttre,
220
Sie ©äufer.
£)öfe, JRaitrnlicfjfeiten gum ®rauen, ®arfen unb Slodjen, Stallungen,
®öben, Speidjer unb was man fonft gebraitdjte. Senn eigene ßanb-
roirtfd)aft trieben nod) bie mciften ®erool)ner; fie fjatten ifjre Kirfer im
Stabtfelbe oor ben Soren unb ihre ©liefen, bie 1504 31t ben eingeluen
.ßäufern „unroanbelbar unb in unoerriidtcm Staube" gelegt rourben,
roäbrenb fie früher nad) bem ©rmeffen ber ®ürgernteifter verteilt
roorben roaren. Cb bie gaffaben ber Käufer aud) I)ier mit reichem
Sdjmitcf in gotifd)ein ober 9tenaiffance=Stile aixfgefiifjrt unb gegiert
roaren, tonnen roir nidjt beurteilen. Son einer befonbers regen ®aii-
tätigtert geugen bie fJiadjridjten nidjt, unb bie wenigen erhaltenen
tlbb. 11. ©runtürft.
®efte ober bie in ebenfo geringer Scifjl übernommenen Slbbilbungen
unb .getyiungcn geigen eine giemlid) bürftige SluSftattung. ©in
großer Seil ber ®eroohner wohnte in frödjft einfathen ®uben ober
Stellern. ^äljlte man bod) 1005 neben 334 toaufern 673 ®uben
unb 461 Steller. ©in fal)renber Sd)üler, ber 1590 nad) Stettin fam,
fd)reibt in feinem Sagebud)c: „Gs wohnt viel SoIteS unter ber Gerben,
fonberlid) von bem ^anbroerfSvolf, in Stellern unb Gewölben." Sonft
nennt er Stettin eine große unb rooßlerbaitte Stabt; „eS finb bie
fjjßufer mehrenteilS mit gebrannten Sieg^11 gemauert, aud) hat eS
barin feine roeite Gaffen unb ®Iätje." Gbenfo rühmen fübbeutfefje
Weifenbe, bie 1586 unb 1590 nad) Stettin tarnen, eS als eine
„luftige, fd)öne Stabt" ober einen „wohl erbauten Ort", wiffeu aber
©ie SBenualtung ber Stabt.
221
von einzelnen ©ebauben nichts ju berichten. Slur baS fürftlidje
Schloß wirb als ftattlich geftfjilbert mit „luftigen ßimmern, Sälen
unb Stamniern uub einem gewölbten fdjönen Stalle". Sind) ber ßuft
garten beS J^er^ogS mit „lieblidjett rooljlrtedjenben STräntern unb
Blumen, fd)öuen abgerichteten ßaubeti“ ufm. wirb erwäljnt. Sauft
ljat man ben ©inbrud, baß baS SluSfeljen ber Stabt nidjt gerabe
imponierenb war.
©ie Stabt ift in vier Quartiere eiugeteilt; baS erfte umfaßt ben
alten Steffin an ber Cber um ben £>eumartt Ijerum. ßu bem ^weiten
geljören bie am bidjteften bewohnten Straßen ber Stabt, bie breite
Straße, ber fRöbenberg unb ber fRofengarten. ©en 'IRittelpunlt bes
britten StabtteilS bilbet etwa ber Woßmartt, er erftredt fidj bis an
bie studjew unb Sdjloßfreiljeit, wäfjrenb jum vierten Quartier bie
3-rauenftraße mit ben jur Cber Ijeruntergeljenben Straßen vom 4?eu=
marft nörblidj gehört. Qn biefen vier Stabtvierteln jäßlte man im
ßahre 1559 ungefähr 1510 jjum Stabtfdjoß verpflichtete Bürger,
©awu tommen noch bie in bem SRegifter nicht aufgewühlten Bewohner
ber nicht unter ftäbtifdjer ©erichtSbarteit fteljenben Bewohner beS
2Rarientirchen= unb beS Sdjloßbejirfes, foroie bie vor ben Soren
wohneitben. SchätjungSwei)e mag bie gan^e Bevölterimg um biefe
ßeit auf etwa 6000 Seelen angegeben werben.
©ie Verwaltung ber Stabt war im Verhältnis gu ihrer ©röße
recht tompligiert unb erforberte einen wiemlidj großen Apparat von
Beamten, ©er eljrbare '.Rat, ber bie overfte ßettung ber gefaulten
Stabtgefdjäfte in ber §aub hotte, beftanb auS 28 VJlitgliebem, von
benen immer nur ein Seil ben fitjenben SRat bilbete. Qn ber ßifte
ber erwählten fRatSperfonen lehren Ängeljörige einiger Familien wieber
Ijolt vor, Brinl, Söiiftebofe, Söerbermauu, ©linele, Sdjaum, ^joljenljolw,
Brietjle, Sadjtlebcn, gudjS ober Voß, Schwelleitgrebel u. a. m., aber
bawwifdjen erfdjeinen auch immer neue Warnen, fo baß von einem
eigentlidj ratsfähigen Spatriwiat audj jetjt nicht bie fRebe fein taten,
©ie Ilmfetjung ber Ämter erfolgte wie bisljer, bodj bie Stellen ber
brei Bürgermeifter unb ber brei fiäninterer würben auf ßebenSjett
befeßt, nur fo, baß bie einaenien Inhaber in ber eigentlidjen
©ejdjäftsfübrung abwedjfelten. So würbe 1589 beftimmt, baß tnn-
fürber bie feeren Stummerer gleichergeftalt wie bie Herren Bürger»
meifter umfdjidjtig nach ber Crbnung iljr Ämt verwalten füllten
ÄuStritt au§ bem Wate würbe nur auSnaljmSweife geftattet. ©ie
Ärbeiten ber SRttglieber häuften fich i’1 biefer bewegten ßeit fo fehr,
baß mancher Vürger fich fträubte, in ben Wat einjutreten, ba er ba
burch feine ©efdjäfte ju verfäumen fürchtete, ©ie (Entfdjäbigung, bie
222
Stäbtifdje Seamte.
fie genoffen, beftanb aus einigen (Smolumenten, Teputaten nnb grei
feiten unb mar reibt geringfügig, 'Jleben bem Stabtfcbreiber, ber bie
laufeiiben ®efcb<ifte• ju beforgen, baS 9Irdjw gu vermalten, bie
STorrefponbenfl 311 beforgen batte« mürbe feit 1534 ein recbtshinbiger
SijiibihiS angeftellt. Tie immer ^unebnienbe Balji bet Sßroaeffe unb
SedjtSgefdjäfte madjte einen foldjeu unbebingt uotmenbig, unb mir
finben tüdjtige IRecbtSgeleljrte, mie fJe. Stephan fl'lintebiel, Dr. 'JJlidjael
Teuber, Dr (Sßriftoplj griebendj, in biefem Slmte tätig. Stabtfcbreiber
nnb SijnbihiS, bie nidjt Wlitglieber beS SateS maren, batten bie
eigentliche ©efdjäftsfiiljrung. Son ihrem unb iljrer ©eljilfen gleiß
ßeugen noch tjeiite bie bitten 'Jlltenftöße, bereu Slenge fdjon in ber
diueiten Hälfte bes 16. galjrbmiberts unljeimlidj aumädjft. Sie maren
bie, meldje bie IHedjte unb '-Privilegien ber Stabt leimen unb nn
gefcfjinälert erhalten mußten. TeStjalb legten Sebaftian Stumm
(geft. 1564), (£lia§ Sdjleter (geft. 1599) unb 'paul griebeborn, ber
1597 StabtfelretariuS mürbe, allerlei Stopiarien, Ciren^büdjer unb
Tiplomatarien an, in benen fie midjtige Urfunben unb Verträge 311m
bequemen (SJebraudje fummelten unb aufjjeidjneten.
SerbältniSmäßig groß mar audj bie Baljl ber übrigen Seantten
ober Tiener. Ter Stabtljauptmann ljatte bie yiufficfjt über bie <jur
Sicherung ber Stabt bienenben ©inridjtungen, bie gürforge für „bie
Sluftenmg unb illuSrüftung innerhalb unb außerhalb ber Stabt". Tas
BeugljauS am Stoblmarfte, ber 'ßulverturm unb baS 'PuIoerbauS
miterftaiiben iljm. Ter Stabtljofmeifter hatte bie Leitung ber ötonomie,
bie bei ber Selbftuermaltung ber ftäbtifdjen ßänbereien unb Törfec
redjt mnfangreidj mar, ihm maren bie Sägte, bie Sdjäfer 31t Serg
lanb, Stretoro, Semitj ufiv. untergeben. Trei reitenbe Tiener mußten
bie Bttationen ben untertänigen Sauern überbringen, ©efangene ein-
Ijolen unb Sotenbienfte außerhalb ber Stabt verridjten. Sier anbere
Tiener maren als Saumfdjließer, al§ 'JJlarftmeifter, als Sdjul^e auf
ber SJiet ober als Tamnijöllner tätig, ein £>auSfdjließer ljatte bie
Sorge für baS IRatbauS mit feinem gnventar an Slobilien,
£>auSgerät, Staunen, glafcßeu, Tellern, Slronen, ßeudjtern, Steffeln,
ßeinen ufiv. gm gafjre 1573 mürbe für bie Stabt Silbergefcfjicr
im SJerte von 450 ®ulben angefertigt, baS bei ben geftlidjteiten in
ber großen SRatSftube benutjt mürbe, hierbei batten vier Stabtbiener,
für bie 1569 eine eigene Crbnnng aufgefetjt mürbe, bie 'Jlufmartung
unb fonftige Tienfte; fie bilbeten mit ben anberen Tienern eine eigene
Srüberfdjaft, 311 ber audj bie Torfnedjte ober Cuartierbiener, bie
1587 eine gnftrultioii erhielten, ber ftäbtifdje Stall unb ber SBagen
fiiedjt, bie ben Seit= unb SJageuftall ju beauffidjtigen batten, foroie
Sßudjtorönung.
223
anbere, oft nur gelegentlich bestellte Slnedjte unb Tiener gehörten.
Sluf bem St. gatobitirdjturm ljatte ber ^jauSmann feine 8öo&nung,
um von bort aus auf eine etmaige jjleuerSbrunft 31t achten. Ter
Stabtgimmermeifter, ber VJtaurer unb bie Steinbrüder roaren mit
Stauten ober '.Reparaturen befdjäftigt, ber Srüdentieper tjatte Tienft
auf ben Srüden. gür ba§ SSeinljauS ber Stabt, ba5 tjinter bem
SRatljaufe 1564 erbaut rourbe, befteltte man einen Stellermeifter. terft
1588 rourbe eine regelrechte Xyadjtorbniing erlaffen, a(§ e§ fidj heraus
[teilte, bafe ber SBadjtmeifter unb feine oier Jtnedjte bie Sicherheit
unb Crbnung in ber Sladjt nidit aufrecht ertjalten tonnten. Suglidj
mufete ber SBadjtmeifter 25 ißerfonen auS ber Vürgerfdjaft nadj ben
eigens hierfür geführten 'Jiegiftern jur SUadje aufbieten unb auf bie
üuartiere verteilen. ®r felbft unb bie 'li.ladjttnechte hotte« für bie
rechte Crbnung im ÜSadjtbienfte 3U forgen. $11 ber ßaft, bie bter=
burdj ben '-Bürgern aufgelegt warb, tarnen auch noch ©elbabgaben,
bie fie ,jur Teduitg ber Atoften in jebem Quartal 311 leiften hatten,
Eigentliche Sjefutiobeamte roaren ber gronbote unb ber Scharfrichter,
ber bie mannigfachen 'JRarterroeifyenge, gangen, Pfannen, Steffel,
Srenner, beauffidjtigte unb beiuijjte. Tiefe Beamte erhielten jumeift
nur ein gang tleineS bares Eeljalt unb roaren in ber ^jauptfadje auf
ein Teputat an AHeibung, $013, (betreibe u. a. m. angeroiefen. Tafe
babei ein nicht geringer Teil ber Erträge ber ftäbtifdjen 'Jlder brauf=
ging, bafe and) mandjertei llnterfdjleife, Srpreffuugen u. a. ni. vor
tarnen, ift woljl ertlärlidj, wenn audj bie [täbtifdje Verwaltung fidj
baburdj j« fdjütjen fudjte, bafe fie jeben einjelneii ber Tiener einen
Eib fdjioören liefe.
JlSegen iljreS Eigentumes ljatte bie Stabt mancherlei Streitigteiten,
1548 mit Tamm roegen ber 05rennen in ben $ol jungen, feit 1561
mit Eollitow roegen ber Vriidje unb SBiefen an ber Atrampe. Tiefer
'ßrojjefe 30g fich gahr^eljnte lj’«> befonbers ba auch £>er<lü0 goljann
griebrich Slnfpriidje erljob. (&r oerftanb eS, auS bem Streite ber
beiben Stäbte Oeivinii 31t 3ieljen, beim als er am 13. SJIäty 1584
bie Ereilen feftfetjte unb bie verfdjiebenen Errungen beilegte, nahm
er ein beträdjtlidjeS Stüd, beu fogenannten ^iirftenflag, fiir fidj in
Veiih. Ebenfo ging ba§ (hebiet be§ Torfeö ßüb3in am Tammfchen
See, uni ba§ ber Stat feit etroa 1500 mit ben SUufforo [tritt, ber
Stabt verloren, al§ 1568 unb 1569 Suiadjten ber llnioerfitäten
gngolftabt mtb grantfurt ertlärten, bas Torf fei ben jjefjigen Inhabern
bunf) Verjährung 3ugefaHen. Tagegen gewann Stettin neuen Vefife an
ber Verg= (1549), ber ')ßopplion= (1550) unb ber StiidudSmiihle (1552),
fowie einselne weitere 'Anteile in Wteffentljin (1558), 'ßommerenSborf
224
tie (Einnahmen ber (Stabt.
unb Kretow (1560). ®a§ BerßältniS be§ UntertanftäbtchenS
©ölitj rourbe burch einen ©ertrag vom 21. Quli 1571 geregelt; e§
mußte eine £>rböre -uon 50 sJJlarf jäljrlich galjleu, fonft Slbgaben an
£>olg, Sutter ufro. leiften unb ®ienfte B. bei BefeftigungS
arbeiten ufro. tun.
®ie (Einnahmen ber (Stabt fegten fid) aus regelmäßigen 2lb
gaben ber Bürger unb ber fonftigen ßinrooljner, aus allerlei unregel
mäßigen ©efällen, aus (Erträgen ftäbtifdjer Unternehmungen ober
Befißuugeii, fßädjten unb anberen Hebungen gufanunen. Der Scßoß
ber ©ärger roar eine auf Selbfteinfd)ätjung beruljenbe BetmögeciS«
fteuer, bie oon ber gefaulten faljrenbeii unb liegeitben $abe, ber ©ar
fdjaft, auSfteljenben Kapitalien unb IHenten gu entrichten roar. ®agu
fam ber fogenannte Borfdjoß, ben bie Bürger fiir ißreS £>aufe§ Werät,
Kleinobien, Kleiber ufro. mit 0 Schillingen entrichteten, bie fonftigen
©inrooljner, bie nidjt gu Bürgerrecht faßen, als eingige ©elbgaljlung
leifteten. ®er (Ertrag roar erftaunlich gering, fobaß, roenn bie Selbft-
einfchätjuiig roirflidj richtig roar, bie Sürgerfdjaft recht arm geroefen
fein muß, benn er belief fich in ben Baßreu oon 1575—1600 auf
burcßfdjnittlid) nur etwa 2500 @ulben. ®lit oollem lRecßte hat man
gefugt, baß, wenn biefe (Einnahme als bas f?erg ber (Einfünfte ber
Kämmerei begeidjnet rourbe, in ber Sat biefeS £jerg nur fdjroadj roar
unb ben ftäbtifdjen Organismus nidjt tjinreidjeub mit ©lut gu oer«
forgen vermodjte. greilidj ljatte bie (Stabt galjlreidje anbere ©innaßtne»
queßen, bie gum Steil redjt ergiebig roaren, aber fie roaren ungleich
unb unregelmäßig unb baßer fdjroer vorßer gu berechnen. SS roaren
allerlei Sebüßren, g. 23. für (Seroinnung beS Bürgerrechts, (Straf
gelber, ©infünfte beS Stabt», beS ßaftabifdjen unb beS 2Bettegerid)t£,
Abgaben ber Stabt ©ölig unb ber ftäbtifdjen Dörfer, .Solle, ©rträge
auS bent flfatSroeinteller uub ben Biertellern, aus ben Sftiißlen, bem
Siegelljofe, ben Babftuben, bie BenutjungSgebüßren vom Kran, ben
Sdjarreii, bie SQieten für ftäbtifdje 2Boljnungen ufro. ®agu famen bie
©rgebniffe ber eigenen 2Birtfdjaft gu Berglanb, Kretoro, fRemiß.
®ie Summe ber ©innaßmen roar in ben eingelnen Sfaßren feljr
oerfdjieben, fie bewegte fidj in ber Beit von 1560—1600 gwifdjen
10254 Sulben (1561) unb 25011 (i. 3- 1571); im ®urchfchnitt
belief fie fidj auf etwa 15000 ©ulbeti. ®iefe llnfidjerljeit ber ©in»
naljmen erfdjroerte eine regelredjte ginangroirtfdjaft, man fomite roeber
mit einem beftimmten ©rtrage oorljer rechnen, nodj genau fontrollieren,
ob überall richtig geroirtfdjaftet roorben roar.
®en (Einnahmen ftanben redjt erljeblidje 2lue>gaben gegenüber.
®aß baS £eer ber Beamten mit ben baren Begügen unb oor allem
Die ßinnngütrroaltunfl.
225
mit ben Deputaten mannigfadjfter ?lrt gar uiel nerfdjlang, ift fdjon
heruorgehoben worben. ES läßt ficf) fdjiuer berechnen, wie tjod) etwa
biefe SliiSgabe war. ilöeiin fie fdiäßungsweife auf 5575 ®ulben
jährlich angegeben wirb, fo mag bas eljer 31t ttiebrig als 31t ljod)
fein. Verhältnismäßig geringer waren bie anberen orbentlidjen UlitS»
gaben, 311 benen u. a. bie Drböre (406 Qhtlben 21 ®r. 6 St) ge-
hörte. Dagegen erreidjten bie aiifjerorbentlidjeii ?luSgaben in jebem
^aljre eine redjt beträdjtlidje -£)öl)e. Soldje würben beanfprudjt burch
fHeifen unb ®efanbtfd)aften, Sro.jeffe, Sauten, Reparaturen, namentlidj
beS großen SteinbammeS, ®efd)ente an gürftlidjteiten unb Sefanbte,
Erbhulbigungen, fVefte, Tjanfifche Kontributionen ufw. ES wirb be
redniet, baß bie Stabt in ben ^aljren 15(>0 —1609 für foldje ^wede
mehr als 18000t» (Hülben auggegeben tjabe. Diefe Soften machen
es erflarlidj, baß bie gefaulte Summe ber Slusgaben ebenfalls feßr
fdjwanfenb war. Der niebrigfte Setrag beläuft fid) in ben Qfaljren
uon 1560 —1600 auf 7498 ®ulben (i. $. 1562), ber Ijödjfte auf
23792 ©ulben (i. $. 1571). ^uuädjft überfteigen in biefem Zeitraum
bie Einnahmen nodj jum Steil nidjt unbebeutenb bie Ausgaben; baS
erfte Defizit finbet fidj 1567, bann aber finb feit 1574—1586 bie
Ülusgaben faft regelmäßig höljer als bie Einnahmen. Um ben {^eöl
betrag 311 beden, mußte ber Rat immer wieber außerorbentlidje ?lb
gaben erljeben, bie man als inbirefte Steuer auf SSaren legte. Da
fie aber nur freiwillig unb auf Beit bewilligt warben, fonnte bie
Kämmerei nidjt fidjer bannt redjnen, aud) war ber Ertrag feljr
fdjwanfenb. Deshalb blieb, um überhaupt bie ftäbtifdje Verwaltung
fortjufidjren, nidjtS anbereS übrig als bie Aufnahme uon Sdjulben.
Daburdj geriet bie Stabt, bie iljre Einnahmen nur geringfügig unb
gang unregelmäßig 311 erljöljen uerftanb, in uollfommeit ungefunbe
{?niaii(werljn(tniffe; eS würben IHiileUjeit über Vlnleiljen aufgenommen,
für bie ljulje ßiufen (6%) bejaljlt werben mußten, widjtenb man an
eine regelredjte ?lbtragung ber Sdjulben nidjt badjte. Es ift wahrhaft
erfdjredenb 31t feljen, wie bie ftäbtifdje Sdjulb, bie 1560 nur
4450 (Sulben betrug, bis 1600 gaii3 regelmäßig auf 125625 ©ulben
ftieg. 3ft ba uerwunberii, baß gegen foldje 'ISirtfdjaft, bie ber
Rat ängftlidj 311 uerbergen fudjte, „bamit ber Stabt geringe Ein
fünfte nidjt propaliert unb ber galten ©emeinbe entbedet würben",
bodj enblid), al§ einiges bauen betannt wnrbe, bie Surgerfdjafl fidj
unwillig erhob unb *ßroteft euUegte? Vludj ben .Rämmerern fdjlitg
wnljl baS $er3, wenn fie beim Slbfdjluffe ber Subresredjnuug, bie
bem Slate ßitr Dedjarge Erteilung emgereicht würbe, immer wieber
auf bie fteigenbe Sdjulbenluft tjiniueifen unb über bie $öhe ber
Wt^rmann, ton €trtttn.
15
226
DaS ®eritßt8roefen.
BinSgaßlung fingen mußten. ÜJlcindjer fal) mit Sißreden oorauS,
baß Stettin einer ft'ataftropije entgegen ging, wenn nitfjt eine
eutfdjiebene Anbetung eintrat. Den bamaligen Dlitgliebern beS StatS
ift ber Vormurf gu madjen, baß fie nidjt an eine ^Reform ber ftäbti
ftßen Serroaltung badjten, baß fie oielmeßr uon fraffeftem Ccigemiutj
beßerrfdjt an ben befteßenben 3uftönben feftßalten roollten.
Sind) im ftäbtifdjen SeridjtSmefeu rißen arge Übelftänbe ein.
teilte Quelle uiiaufßörlidjcn Streites mar ba« VerßältntS ber Stabt
gu ber fjanulie Vhiffom, bie im alten Vefiße bes (SrbridjteramteS
mar Dian ftritt über bie Sfompetengen, bie Erträge, bie (Sjefuttoe
Die Stabt ljatte bie unbefdjräntte (MeridjtSgemalt in beu Vorftäbten,
ben beiben Caftabien unb liefen, ausgenommen bie Sdjulgenftraße
auf ber ©bermief, unb in ben ftäbtifdjen Dörfern. Sie mürbe bort
burdj ba§ laftabifdje (tfendjt ober auf beu fogenannten Vogtbiugen
burdj abgcorbnete fRatSljerren geßanbßabt Diefe erfdjienen bagu
jäßrlidj minbeftens einmal in Völitj ober in ben Dörfern, entjdjieben
bie SledjtSfälle, oerfünbeten bie Slrtifel, „fo beS 'JiateS Untertanen
geßorfamlidj gu ßalten ljaben", unb naljmen bie 'Jtecßmingcn ab.
3ugleidj mürben bie Verorbuitngen über bie ftäbtifdjen Dicnfte, bie
gumeift ungemeffen unb iinbeftimmt maren, über bie 'Abgaben an ben
Stat ober an foldje Bürger, benen biefe oerpadjtel morben maren, befaunt
gemadjt. 3» ber eigentlichen Stabt erftredte fidj bie Seridjtsgemalt
ber 'ISuffom auf baS Gfebiet gioifdjen ber 'Baum unb langen 'öriide
bis auf bie 'Ulitte ber ©ber unb bis in bie £>aoeling, foiuie auf bie
Sdjulgenftraße ber ©bermief. Von bem übrigen Deile ber Stabt
geljörteu bie STirdjenfreiljeit bei St. Dianen uub bie Scßloßfreißeit
mit iljren Vemoßuerii nidjt unter bas Staotgeridjt, beffen Sied'*
fpredjung audj fonft galjlreirfje egimierte '^erfüllen entgegen maren.
(£S ift tlar, baß eine foldje ^erjplitterung ber WeridjtSgeioalt gu uu«
anftjörlidjpii Slouflifteii füßren mußte. Desljalb ging ber Siat am
29. Degember 1551 mit grenben auf einen Vertrag ein, burdj ben
bie ©rbridjter Viibete uub ifjeter SBuffom ber Stabt Stettin iljren
'Anteil am ©eridjte für 5800 (Sulben oertauften. Diefe 'Abmadjuug
fanb jeboef) nidjt bie Suftimniung be§ fjjergogs Barnim, ber oielmeßr
1558 feinem State ^fatob Sißewiß bie Slmuartfißaft auf baS Stettiner
Sdjulgengeridjt oerließ. So blieb ba§ alte mißüdje Verhältnis in ber
Stabt befteßen, ja eS mürbe nod) unerquidlidjer, als bie ®rbridjter
fidj um bie 'Ausübung iljreS 'JledjteS felbft gar nidjt meßt tümmerten,
aber um fo meßr auf bie ridjtige Verteilung ber eingeßeuben Straf
gelber brangen. Dlit ißrem Vertreter, ber gerobßnlid) ein einfadjer
Scßreiber mar, tarn es gu uugäßligen Streitigteiteu. Sogar jjoßauu
Daß ©eridjtßwefen.
227
griebridj griff ein unb befahl gunädjft bem Abam Aöitffow 1585,
entroeber perfönlich ben orbentlidjen Gerichtstagen beijumotjuen ober
fid) burdj einen gelehrten Siidjter oertreten 3U laffen. Da bieS nidjtS
geholfen 31t hoben fdjeint, 30g er 1593 einfad) ben Anteil Abam
'IflufforoS am Stabtgeridjte ein unb beftellte am 2. ganuar 1594
einen her3oglidjen Sdjultljeifjen unb llnterfdju^en. hiergegen proteftierten
3ir»ar Siat, fHidjter, Sdjöffen unb Alterleute, aber alle ®efdjioerben
unb Ülagefdjriften, mit benen bie Stabt biß an ben Waifer ging,
niitjten nichts, ber $er3og beljielt ben Anteil am Stabtgeridjte in
feiner £>anb unb lieft bie GeridjtSgeroalt burd) einen beftellten fRidjter
ausiiben. '.Bielleidjt mar biefe Anbetung ein Vorteil, eS mar roenigftenS
bie Teilnahme ber Angehörigen einer gamilie befeitigt morbeit, bie
längft faft jebe giihlung mit ben ftäbtifdjen Buftänben oerloreu hotte
unb iljr altes Erbredjt nur nadj alS eine Einnahmequelle betradjtete.
greilid) begannen alSbalb iinenblidje Bönfereien über bie Geridjtß
barfeit mit bem £>er3oge, ber oft rüdfidjtsloS bie fRedjte ber Stabt
verlebte.
Sefettt rourbe bas Stabtgeridjt mit Sdjöffen; alS foldje rourben
nad) ber Crbnung oon 1504 auch fernerhin feine iRatSuerroanbte
beftellt. Dagegen beanfprudjte feit 1551 ber ^etßog bie 2®aljl ber
Sdjöffen, bie vom Slate anSgeübt rourbe, unb fetjte biefen Anfprudj
and) burch. B11 berfelben 3eit rourbe eS gebrciudjlidj, baf} Angehörige ber
Geroanbfdjneibergilbe 311t Sdjöffenbanf auSgeroäljlt, unb foldje <ßerfoneu,
bie nidjt bajit gehörten, nur ausnaljmsroeife mit bem Sdjöffeuamte
betraut würben. ES feljlte nidjt an mandjerlei Sefdjroerben über
biefen Stand), ebenfo roie bie Sdjöffen roiebertjolt über fDlängel be§
Gerichts flagten. Am 17. De3ember 1583 publizierte beShalb ber
Diät eine neue Geridjtsorbiiung, in ber 7 orbeiitlicfje Gerichtstage im
gatjre feftgefetjt, bie gönnen ber Öabung unb bes '^erfahrens beftimmt,
über bie ^rofuratoren, bie Sernfuug unb Erefution Anorbiunigen
getroffen rourben. Der Stat beftellte aus feiner fülitte einen fJlidjU
oogt, ber im Gerichte bie Leitung ljatte, unb befolbete einen Sdjöffen
biener, ber anf Sefeljl beß SogteS bie Parteien zitierte, gn beftimmten
gällen, befonberS bei Übertretungen oon allerlei Crbnungen, hotte ber
IHat für fidj eine gurißbittion; an iljn ging bie Appellation oom
ßaftabifdjen Gerichte, baS ebenfalls von Schöffen unb 3«ei auS bem
Wate gewählten fHidjtoögten befetjt rourbe. '.Boni Stabtgeridjte erfolgte
bie Berufung an bas ^ofgeridjt, für baS bereits 15(56 eine neue
Crbnung erlaffen roorben roar. Der Wat fudjte ftets bie Selbftänbig
feit ber gurisbiftiou aufredjt 311 erhalten unb betonte beSljalb nameutlidj
bie Gnmblageu bes WedjteS, bas in Stettin Giiltigfeit ljatte. ES
15*
228
®ic StrafuoUjiebunß.
beruhte auf ber Stabt R'onftitutioiien uub Crbniingen; baneben galten
baS 'JHagbeburgifcfee 'Weidjbilbredjt, gemeines Sadjfeu ober flanbredjt
unb gemeines faiferlidieS 9ietf)t. ®er Slat erliefe 'Deflorationen
namentlich 1568 über bie Srbfälle unb fiir bie SPiirgerfdjaft allgemein
gültige Serorbnungen. DaS Sdjöffengeridjt fudjte Jieditsbelefening
uon Dlagbeburg. ®ie Srefutiue übte bie Stabt felbft aus; fiir .^in
ridjtungen liefe fie um 1560 einen neuen Malgen im Siiben ber
Stabt auf ber Salgwiefe erridjten. bereits 1574 mufe er erneuert
luerbeu. Daneben beftanb oor bem Dluljlentore baS fogenannte
Slöppengeridjt, roo gafelreidje £>inritf)tuiigeii burdj geuer ober burdj
bas Scfewert uollgogen warben; 1542 warben bort 7 Diorbbrenner
auf einmal „gefdjmoft". SluS ben 3Qbren l-r)73—1580 werben
5 ©retutiouen wegen SljebrudjS, Slotjudjt, Sigamie u. a. m. beridjtet.
So tjatten ber ftäbtifdje Sdjarfadjter unb feine ftnedjte reidjtidjc
Slrbeit, für bie fie nad) einer befonberen Sebüferenorbnung entloljnt
würben, ©men armen Sünber mit bem Strange 311 ridjten, foftete
einen Salben. 'Wenn ber Sdjarfridjter einen an ben Staat, bie
Scfeaiibfäiile, bie auf bem ^eumartte ftanb, ftellte ober aus ber Stabt
ftdupte, erljielt er gleidjfalls einen ©ulben. Die Sefängniffe in einem
Dlauerturm ober ber fogenannte „JJinfenbaiier" im JRatfeaufe waren
feiten leer. Dlit Sdjwert unb 'Jiab, mit fteuer unb Salgen ging man
in gleicher 'Weife uor, wenn bas Stabtgeridjt bas Urteil gefprodjen
ober bas fiaftabififje Seridjt verurteilte Diiffetäter 31a ©retution übei
wiefen b«tte. Daneben liefe oiufe ber $ergog feine SeriditSgewalt
nidjt minber ausüben unb 1574 einen neuen Salgen uor bem Dliiljlentore
erriditen, an bem ein Dialergefelle, ber im Sdjloffe einen Diebftafel
begangen ljatte, als erfteS Opfer Ijing. 2IIS Q^panii gnebridj aber
1596 bort einen neuen 'Jiabeuftetn 31t erridjten oefaljl, erfeob ber
'.Hat bagegen 'jkoteft, ba bie Stelle ftäbtifcfeer 'Befitj uub ber ßanbed«
furft eine (Srefutioii in ber Stabt ausjuiibeii nidjt berechtigt fei; man
feabe iljm feien» nur unter Dorbefealt ber SRedjte ber Stabt nadj
gegeben. Srofebem fetjtc ber ^ergog [djliefelidj feinen Söillen burdj.
(Sine Slrt uon ^janbelsgeridjt war baS 'Watergeridjt, baS nadi
ber Seftimmung uon 1536 burdj bie Silterleute beS SeglerljuufeS uub beS
siaiifmannes uerwaltct würbe. Tantals feob mau bie Slppellatiou nadj
WiSbij auf uub übertrug fie bem 'Jiate, bodj nodj 1562 liefe man
fid) eine Slbfdjrift beS gotlänbifeijeii WaterrediteS tommeii, „bat ein
jeber, be tor See wärtS feanble, fid feina ndjten mag.“ ©ine Sßolijei
gendjtsbarteit befafeen bie auS bem 'Jiate beftellten ,,'Webbeljerren";
fie füllten, wie eS feeifet, uugüdjtige unb ungeborfaine ßeute in Selb«
[träfe nefemen ober fonft mit gebüferlidjer ßeibeSftrafe nadj ber Sdjöffen
T)ie Tätigkeit ber ©atStietren.
229
Erkenntnis [trafen, ^re ©efugniffe rourben, roie e§ fdjeint, allmählich
erroeitert, je meljr eS (Sitte warb, ba§ gefdjäftlidje unb bas ©rivat
leben ber ©arger gu benuffidjtigen unb immer meljr Sdjranten mtf-
gitridjtcu, über bic niemanb Ijinausgeljcn füllte.
Söemt mir guriidblidenb bie gefamtc ©erroaltungS unb (öeridjtS
tätigkcit beS SHateö betrachten, fo können roir nidjt umhin, über beu
Umfang ber (Mcfdjäfte, bie feine ©litglieber eutroeber in iljrer Sefamt-
Ijeit ober ringeln 311 verrichten Ijätten, Erftauneu gu äufjcrn. Tie
}Rat§tjerren mufften Diplomaten fein bei itjren ©erljanbtungen mit
dürften unb einljeimifdjen, fowie auswärtigen Staatsmännern, wenn
e§ galt bie fRedjte ber Stabt gu roaljren unb bei vielfachen [Reifen
in Sdjroeben ober Dänemark, auf ben £>anfatageu ober bei ©eratungen
mit Frankfurt bie Sadje iljrer (Semeinbe gu oertreten. Sie Ijätten
ba§ ©ermögen unb ben ©efitj ber Stabt gu verwalten, wobei fie
halb als JVinaugmänuer, halb at§ ßanbroirte tätig fein mufjten. Sie
fafjen gu Weridjt unb Ijätten itt ben verfdjiebenfteii Fällen gu ent
fdjeiben. Eine ^-iilfe von Obliegenheiten lag ben getreu ob, bic itjr
Amt nur als EIjrenamt bekleibeten. SRan mufj vor biefen SRännern,
mögen fie audj in mandjer ©egieljintg, roie roir faljen, iljre ©flichten
nidjt nach moberner Slnfdjauuttg aufgefafjt unb erfüllt tjabeu, bod)
alle Sichtung tjaben unb barf nicht an Eingeltjeiten, bie uns tjeixte
fremb unb fonberbar erfcheinen, Slnftofj nehmen.
©ei ber Tätigkeit be§ fRateS ift eine Entroickelung beutlidj erkennbar,
weit roeniger ift ba§ ber galt fiir bie Siirgerfchaft. Die formen, in
benen fie fich ergängte, ihre Anteilnahme am Stabtregiment, ihre
Organifation erfuhren keine roefentlichen, roenigftenS keine bauernben
©eräuberungen. Die ßaht ber ©erootjner ber Stabt, bie baS ©ärger
recht befaßen, roar, roie e§ fdjeint, geitroeitig recht klein, greilidj ver
langte man von benen, bie ein (Mefdjäft ober ein ^anbroerk in ber
Stabt betreiben unb Girunbbcfitj erroerben roottten, bie (Meroiniiung
be§ ©iirgerredjteS, aber gafjlreictje anbere Einwohner, nicht nur bie
ejimierten kirdjlidjcn ober fiirftlidjen ©eamten, fonbern auch 'Arbeiter,
Tagelöhner u. a. m., liefien fich at§ ©ärger eintragen, bent
©iirgerbudje finb beSljalb üaitflcute unb .fjaubroetfer am tjäufigften
vergcidjnet, nur gelegentlidj begegnen itn§ bort ©räbikanten, fRent»
mcifter, fiirftlidje Diener, ©roturatoren, ©otare, Sekretarii, bisweilen
audj ein Sdjulmeifter ober Stutjtfdjrciber 11 a. in. ©egclmäfjig er»
gängte fich bie ©ürgerfdjaft burdj eine 3nh* D0U ©iirgerfötjnen, aber
biefe war bodj giemlid) gering, fobafi mau wobt eine nidjt unbe
beutenbe Abroanberung annehmeu mufj. Daburdj ift audj gu erklären,
bah wir eigentlich nur wenige Familiennamen immer roieber in ben
230
Die Sürgerfcfjaft.
Giften finben, bagegen mandje non betanntcn Epfdjledjtern balb per
fdjniinben fefjen. SBaS ber CBrunb für einen foldjen ftänbigen SBedjfel
roar, läßt fid) nidjt erlennen; vielleicht waten bie ganzen roirtfdjafl
eichen Sertjaftniffe ber Entroicfelung einer in ben gamilien forterbenben
EefdjaftSfiihrung nidjt gimftig. So blieb bie ^nroanberung von
auSroartS immer eine Quelle ber Ergänzung ber Sürgerfdjaft. Sogar
SluSlänber aus -fpollanb, Sdjottlanb, Dirol, felbft and ^Slanb fanben
Vlufnaljme allerbings gumeift unter beftimmten SorfidjtSmaßregelu,
namentlich rourbe ben Schotten, bie ja bamals viel im Ganbe herum
gogen unb mit grofjem Slrgrooljn angefeljen rourben, ftreng verboten
mit bem VluSlanbe £anbel gu treiben ober fdjottifdje STnedjtc gu
halten. Sonft roanberten natürlich Geute aus pommerfdjen Stabten
galjlreidj gu. Sluffallenb aber ift eS, roie viele Seubiirgcr ans bem
fädjfifdjen unb ttjüringifetjen Oiebieten flammen; roir finben foldje
aus Geipgig, DreSben, ÜBittenberg, Sorgait, Steiften, groictau, Erfurt,
Seit}, Sdjleufingen, Sdjmaltalben, .tloburg u. a. m. Ebenfo tarnen
au§ ber Gaufitj unb Sdjlefien Emroanberer ober au§ bem Sßeften
von Slünfter, CSnabrücf, Effen, Dortmunb, Emben, fogar aus füb
beutfdjen Stäbten, roie §eudjtroangen, Sbrblingen, Sürnberg ufro.
ES läftt fidj nidjt angeben, roie viele von ben gugeroanberten bauernb
in Stettin anfäffig geblieben finb ober roeldje Sebeutung fie im
bortigen Geben gewannen, aber immerhin geigt fdjon eine gang ober’
flädjlitfje, Eingelljeiten nur anbeutenbe Setradjtung, baft bie Stettiner
Sevölferung fich aus redjt verfdjiebenen Elementen gufammenfetjte.
Sollte e§ möglich fein, barauS einen Schluß auf bie Entroicfelung
Stettins unb feiner Sürgerfdjaft gu giehen?
Die ßahl ber jährlich angenommenen Sürger belief fich in biefer
,'}eit auf etwa 80—90, nur im Qafjre 1562 rourben auf einmal
600 Seitbiirger eingetragen. Stan hat baS mit einem großen Sterben
erflären roollen, baS unmittelbar voranaegangen fein unb eine fo
umfaffenbe Ergängung nötig gemacht habe» ES ift aber, fo
viel roir auch von Seftilengen unb Stranfhenen hören, eine foldje
gerabe 1560 ober 1561 nidjt befannt. ES erging vielmehr bamalS
vom Säte eine 'Hufforberuiig gur Eeroinnung beS SiirgerredjtS, bie
einen foldjen Erfolg hatte, baß gafjlreidje Serootjner ber Stabt, bie
biS bahin bas Surgerredjt gu geroinuen verabfiuimt hatten, fidj
melbeten unb ben Siirgereib leifteten. hierbei gelobten fie nidjt nur
einem ehrbaren Säte unb ber Stabt, fonbern jefit audj bem CanbeS=
herrn Weljorfam unb Sreue: „Qd will orf gern bi Sag aber Sacht,
wann mi E. E. Sat verbaben läßt, perfonlidj erfdjeinen unb in allen
Dingen, bat mi vorgeljolben ift, ein treuer gcljorfamer Sürger fein."
©ürflttorbnunßen.
231
SefonberS oerfprach ber Seubürger, fid) nn feinem Slufruhr 31t be
teiligen, nientnnb vor ein frenibes @erid)t zu ^icljen, ber (Stobt fßrioi»
legien zu fdjütjen, oor altem bie Sieberlagegered)tigteit zu beobachten
unb feine gremben aufzunehmen. Diefe unb anbere ^Bürgerpflichten
ober bie Crbnungen bes Sate§ mürben regelmäßig in ber Sürger
[proehe oerfünbet, bie minbeftenS groeimal im gahre »on iw ßanbe
be§ SathaufeS oerlefen mürbe, (Daneben nber würben bie Serorb
nungen auch »»» ben Hanzelu betannt gemacht ober burch ben ®rud
Derbreitet gmnier mehr würbe e§ Sitte, auch in bie ^3rinat»
uerhnltniffe ber Sürger reglementierenb einzugreifen, ihnen für ntte
möglichen Sorgänge Sorfchriften 31t geben, ©ine Kleiber unb Soften
(b. h- ^ochaeitSfefh) Crbnnng würbe nm 2. guli 1558 erlaffen unb
wieberholt erneuert. Silan traf Seftimmungen für alte gamilicn
feftlidjteiten, Verlobung uub Sibbelfofte (b. i. bie Sewirtung ber
.£>ochjeit§bitter), ^odjgeit imb Kirchgang, Hinbeibier ufw. gc nnch
ben oier Stäuben, in bie man bie Seroohner teilte, würbe ber 3luf=
roanb an Speifen abgeftuft, unb SBorfdjriften für Sanz uub SRufif
würben gegeben. Sei ber flebensfreube unb ber ®cnuf3fud)t, bie im
bamaligen O5efd)led)te herrfdjten, mögen jn foldje Crbnungen not
wenbig gewefen fein, e§ fpridjt fich aber in ihnen and) ein gut Seil
be§ status aristocraticus au§, ber ba§ ©hararteriftifc^e in ber Stabt=
oerwaltung roar. Sürgermeifter, SatSljerren, Schöffen unb Sllterleute
rooltten in ber Kleibung uub beim geiern ber gefte etroaS uor ben
Kaufleuten unb Stauern, ben ^anbroertern unb Schiffern ober gar
oor ben Serootjnern ber Sorftäbte, Srägern, Sagelöhnern unb Heller
leuten ooranS haben.
Söuhtiger al§ biefe Crbniingen waren bie geuerorbnungen,
bie feit 154t» immer roieber publiziert würben. Schon feit alter ßeit
beftanb fiir bie Sürger bie *ßflid)t, bei geuerSgefahr £ilfe gu leiften,
aber Seftiinmungen, wie jeber einzelne babei mitzuroirfen hatte,
würben erft jetjt gegeben. SRnn benußte bazu bie Einteilung ber
Siirgerfcfjaft, bie fiir Krieg§= unb Söachzniecfe längft in ©ebrnttch
roar. Sas ^>eilige-®eift=Siertel hotte 220, baS ißaffauer 450, baS
SHühlen» 350 unb baS Keffin Siertel 350 SJlann z» ftellen, bie in
Sotten zu 10 eingeteilt waren, gebe Sötte hatte ihren beftimmten
Samnielplatj, roo fie unter ihrem Sottmeifter zufammentrat. Über
biefen ftanben bie SiertelSljerren, bie wieberholt im gahre nadjzufehen
hatten, ob jeber Sürger feine Söaffen wol)! uerroaljrte unb ob bie
geuergeräte, ßeiter, Eimer, Spritjen, bie Schlitten mit ben Kufen
unb Sonnen, in Crbnnng waren. Sind) bie Srunnen, zu öeren
Unterhalt bie fie bemtijenben anwohnenben Sürger eine Slrt oon
232
iJeuer» unb Sßarfjtorbnutiflen.
ßfenoffenfdjaft bilbeten unb Seiträge ju fahlen butten, rourben regele
maftig reoibiert Sei iljnen muftteu, fobalb ber £iaii§niann oom
^afobitirdjturme mit ber ^cuerglocfe unb bem .fiorue fetter gemelbet
batte, beftimmtc Klaffen ber Seoölfcrung erfdjcinen unb SBaffer .gehen,
anbere muftteu ^ferbe [teilen, bic 3i«tinerleiite nnb ©Innrer war allen
übrigen ^ur .£ilfe bereit fein Sei Dladjt rourben an einzelnen Stellen
angebrachte, mit Kienfpänen unb ©edj gefüllte Pfannen angejiinbet.
SSeun alles nadj ber Crbnung ridjtig gefdjah, roar ed rootjl möglich,
bem gefährlichen (Elemente, bad in ben engen Straften oft furdjtbar
wütete, roenigfteud einigermaftcn Einhalt ^u gebieten Slber bafj nicht
feiten allgemeine Serroirrung tjerrfcfjte, Aufregung unb Unorbnung
eine fidjere Slbroeljr ber Eefahr oerhiubertcn ober gar unmöglid)
machten, ift febr erflärlicfj. Srofibem ift ed bemerfendroert, baft Stettin
nicht in bem Slafte non ^euerdbrüiiften beimgefudjt roorben ju fein
fdjeint, roie ed bei anberen Stäbten ber $nll roar. 3111 Qahrc 157t)
brannte ber Surin ber ©lanenfirdje, 151)1 bie Stoftmiiljlc niebcr,
fonft wirb non gröfteren Sränben faum etroad gemelbet.
Sludj ^ur Erfüllung ber Söadjtpflidjt trat bie Siirgerfchaft nadj
iftrer alt Ijergebradjteii friegerifchen Einteilung jufammcn, fonft aber
jogen bie Sürger nidjt meljr aud ju Kampf unb JVetjbe, fonbern
gingen im Sdjutje ber Stabt frieblidj ihren Wefdjäften nach- ®>e
Seiten hatten fich geänbert; tarnen auch nodj auf ben Straften Über
fälle unb Hläubcreien genug nor, fo hatte bodj bie Sicherheit
bort angenommen, feitbem eine moberncrc Staatsverwaltung nadj
©löglidjfeit ben Scrfeljr ju fdjüften fudjte unb bad ®efdjlecht roeniger
geroalttätig unb riicffichtdlod ßu roerben anfing. Son birettem Kriege
blieb Sommern uerfdjont, fo baft Stettin feine fonberlidjeu Stiftungen
Dorjunehmen hatte. Saft man • bie Ställe, Wräben nnb ©lauern
erhielt, auch Welbaudgaben fiir ben Sau 1581, 1586 unb 1590 (im
ganzen etroa 1000 ®ulben) nidjt fdjeute, roar für bie Stabt eine
Ehrenpflidjt, roie man um bicfelbe Seit audj bad Watljaud ftattlicher
audbaute unb 1584 unb 1591 mehr al§ 2000 Eulben bafiir audgnb.
3hrc Siebe juui SSaffenljanbroerf betätigten bie Sürger in ber
Sdjutjenfompagnie, bte 1546, 1561 unb 1566 neue Crbnungen
erhielt, auch fonft mandjerlei görberung oom Wat ober SanbcSljcrnt
erfuhr, ftm Sdjütjengarten bei St. Jürgen fanben bic Übungen nnb
bad Königdfdjieften ftatt, ju bem ber 9iat 1581 fedjd £>ofentndjer aud
englifdjem SSant ber ®ilbe flufagte. Unter allgemeiner Teilnahme
rourbe um ©fingfteu bad Sdjiitjenfeft mit bent IDlaireiten gefeiert,
bei bem audj ber .frergog erfefjien, um mit feinen Siirgern an bem
geftc teiljuneljmeii. Ed waren ^aljre bed Jriebend, unb auch bic
XiiS $>anöwerf.
233
Unruhen im Innern, hielten bie gebeiljlirfje ©ntwitfelung oon (bewerbe
unb £>anbel nut wenig auf.
®a$ .£>anbroert befanb fidj auf ber -£>öt)c feiner SÖIüte, wenn
and) ber .ßunftgwang oft einen wenig günftigen Ginfluß auSübte.
So feljr fid) bie oerfd)iebcnen (Milben gegen cinanber abfdjloffcn unb
ängftlidj au itjrcn JHedjtcn unb Vnüilcgien fefthielten, fo niadjtc fid)
bod) and) ein Qjcfütjl ber ßufaiumengctjörigtcit iin £>anbwcrfc qeltenb,
unb man einigte fid) wieberljolt gu genteinfamem Vorgehen gegen
ben JRat, um bie Qiefamtintercffcn gu vertreten unb (Sinflnß auf bie
Stabtvcrwaltung gu gewinnen. Jrotj allen VJiberftrcbcnS tonnte
ber iRat fid) ber ^orberung nidjt entgiel)en; 1551 würbe auSbrüdud)
fcftgefeßt, baß bie unterteilte ber 'Ißerte „biefer Stabt ß>ebeÜj unb
Vtohlfart neben bem 9iat in tjodjwidjtigen Virtiteln unb oorfallenben
<Mefd)äften mit raten füllen". VluS ben neun .fpauptgewerten, ber
.Unodjenhaucr, harter, Schuljmadjer, Sdpteibcr, SBoIIweber, Sdjmicbe,
iööttdjer, ytiirfdjner, Sliemer, würben jährlich am 3. 9Rai je (» ober
4 Vliterleute gewählt, bie gnfaninicn mit 8 Vllterleiitcu vom Segler»
häufe unb vom (Mewanbfdjnittc eine Vlrt von VürgerauSfdjitß (ge
wohnlich 52 Vcrfonen) bilbetcu. fVreilid) ftanb feine Vcrufuug int
freien (Srmeffen bes fltatS, unb eS fehlte an einer feften Veftimmunq
feiner Vefugniffe. (53 nutjtc nid)t viel, baß ber Stat 1591 bcfdjloß,
er tönne „nadjfinnlidje unb vernünftige Srinncrungen gar wol)l leiben",
er behielt bnd) bie ßeitung ber @efd)äftc allein in beu $änbeit.
(Sine neue, fefte Crganifation erhielten bie weiften fünfte bereits
in ben fahren von 1530—1550. ßiilbebriefe auS biefer 3eit liegen
fiir faft alle (bewerte vor, anbere betonten etwas fpäter neue Stollen.
(Mar bunt ift bie SRenge ber oerfdjicbcnen 3ünfte, unter benen fid)
mandje taum nodj eriftiereube befinben, wie bie fieffelboter, J?lafd)eu-
breljer, (Marbrätcr u. a. m. Slodj bunter wirb baS Vilb, wenn wir
tut Viirgerbudie unter ben neu eingetragenen V.trgern von Schwert»
fegern, Gontormachern, SRalern, Sappetniadjern u. a. ui. lefen. ®ie
^unftorbnungen würben vom JRat gegeben uub vom jpergoge beftätigt.
Sie enthielten genaue Veftinnnungen über bie ^ahl ber SJtcifter, bie
bei faft allen (bewerten eine begrengte war, über bie ffiefelleu unb
Sehnungen, bie Virbeiten, baS Vermögen, bie Vliterlente unb was
fonft iu ben Vereid) ber 3imft gehörte. Überall ift baS Veftreben
ertennbar, bie @rwcrbstatigteit genau gu beftinimen, jebe Über
probuftion burdj Verbote gu verljinbern, jebe nonritrreiig burdj außer»
halb beS VlmteS ftebenbe ßeutc unmoglidj gu machen, feben Übergriff
eines anberen ^anbiverfes ftreng gu verbieten. VlnS biefen Verhält
niffen mußten natürlich unenbltdje ©treitigfciten erwadjfen mit bem
234
DaS ©anbmerf.
State, wenn er bie Sedjte eines ®erfeS nidjt genügenb gu fdjütjen
fdjien, mit nnberen SSerten, mit gufdjern nnb Sönljafen, ober aud)
mit 3nnftineiftern felbft. Dabei fam eS 3« ißrogeffen aller Slrt, unb
bie Slftenftüde be§ StatS nidjt minber, wie bie ber fjer^oglidjen Sie
gientng, ja audj beS SReidjStammergeridjteS legen baoon ßeugniS ab.
^afjlreidje Klagen non £>anbroerfern famen oor, weil fie nun ber
3uuft nidjt aufgenommen worben waren, oon ©cfellen, bie fidj über iljre
SJleifter befdjwerten, oon gangen (bewerfen, bie ben oerbotencn Setrieb
non ^anbroerfen auf bem ßanbe gur Slngeige bradjten. (fSang befonbers
aber oerfolgten bie fünfte bie ^ufdjer, bie aufjerljalb iljrer Qieniein
fcfjaft arbeiteten, befonbers feitbem ber .£jergog in faft jebem £janb
werfe einige ^reimeifter prioilegierte, bie, ohne gum ©ewerfe gu
gehören, iljr ^anbroerf betreiben burften.
Doch trotj aller foldjer Streitigfeiten unb Kämpfe, trotj bc§ engen
WeifteS, ber m ben fünften Ijerrfdjte, bliiljte im allgemeinen baS
^anbroerf, eS ljatte in SSaljrljeit golbenen Soben. Sßir wiffen gwar
faft nidjts oon bem ßeben unb Treiben ber Stettiner ^laubwerfer,
nidjts oon ihrem Serbienfi, aber au§ ber großen 3Qhl ber (bewerbe
treibenben, bie in biefer 3eit nadj Stettin famen unb bort ihren Grroerb
fudjtcn, barf man woljl fdjliefjen, bafj in ber Stabt ©elegentjeit gu
gewittnreidjer ülrbeit war. Die Slefibeng unb bie £)anbelSftabt mit
ftarfem Serteljr gog manchen Sleifter unb GJefellen (jierfjer, unb nidjt
wenige oon ihnen mögen gu SSohlftanb gefommen unb ehrbare
Stettiner Sürger geworben fein. 3®a§ aber biefe braoen unb tiidjtigen
SJletfter fünfen, ift faft alles oerfdjwunben unb gu örunbe gegangen.
DaS Söenige, was fidj ljier bort, in Slufeen erhalten hat, fann
uns faum ein 93ilb 0011 ihrer Kunftfertigfeit geben. Göang anberS
würben wir urteilen tonnen, wenn eS möglich wäre einen Slid in
bie bamaligen .fjäufer ber Wohlhabenheit Stettiner Sürger gu werfen
Da ftanben bie feften ßaben unb Sdjränfe, bie grofjen Difdje, Stühle
unb Settlaben, ba prangte in Staljuraum unb ft'üdje manches ißrunb
gerät neben ben gewöhnlichen WebraudjSgegenftänbeit, ba lagen in
Sntljen bie CJewänber unb ßinneti, unb wohl baS mciftc roar oon
cinhcimifdjen 'JJleiftern angefertigt.
„Die ©etreibeauSfuljr, Scfjiffatjrt unb Kaufmanns«
hanticrung ift ber Stabt t>erg unb ßeben“, fdjrcibt ber Stat
i. 3- 16<>6. Die gweitc £»älfte bcS 1(>. 3aljrhuitbcrtS begeidjuet trotj
aller Klagen unb Sefdjroerben einen .fjöljepunft beS Stettiner .^aubelS,
ber halb barauf in tiefen Serfall geriet. Die Kaufleute bilbeten bte
Korporation gum Seglerljaufe mit (> Sllterlcuten. 3» ihr gehörten
audj bie (Meroaiibfdjneibcr (b. Ij Jitrfjljäiibler), bie 1544 unb 1586 oom
Ter ©anbei.
2.35
{Rate neue (Statuten erhielten. SUS Srunbgefetje für ben Srofehanbel
galten bie SOrbnungen, bie gleichfalls oom SRate „ber Kaufmannfchaft
Ijalben" gegeben rourben. Sie enthalten bie näheren Veftimmungen
über ben SefchäftSoerteljr mit ben Säften unb ben gattoren (b. h-
Vertretern auSroärtiger ginnen), über ben Rornljanbel, ben Vorrat
an Setreibe, über baS 5Bettgerid)t ufro. Tie Kaufleute gum Segler
häufe hatten bie allgemeinen ^anbelsintereffen ber Stabt toahrgunehnten.
TeSljalb finben roir in ben Elften unzählige Verichte unb (Eingaben,
bie ber „ehrbare Kaufmann“ an ben fRat richtete. fUleift enthalten
fie bittere Klagen unb fchilbern bie guftänbe in Stettin in ben
fdjroärgeften garben. VefonberS lang roar ber VSunfdjgcttel, ben bic
Kaufleute am 9. ganuar 1556 übergaben, .©ier rourbe Vefdjroerbe
geführt über bie unerlaubte RotnauSfuhr unb ben Vorfauf, groei
Vorgänge, bie ftänbig in ben Rlagefdjriften roieberteljrten, über ben
Schiffbau, bie gradjten, bas Votlrocrf, ben tlRangel an oereibeten
Rornineffern, gölle itfro. ähnliche Vefdjroerbeti rourben in ben
folgenben galjren unaufhörlich roicberholt. Ter fRat beriet gewöhnlich
über bie Söünfche, erteilte audj roobl eine fRcfolution, traf h*n in,b
roieber iHnberungen, roar aber meift fclbft faum imftanbe, bie SRife-
ftänbe abguftellen ober bie ©anbelsoerljältniffe gu beffern. VJie be^
mühte er fich 6- 11111 bie roidjtigen gollfragen, roie tämpfte er feit
1555 gegen ben Sdjroebter ßoll! äöie feljr befefeäftigten ihn goll
ftreitigfeiten mit anberen Stäbten, 5. V. mit Sreifsroalb, Sarg a.
ober Vaferoalt! Srofee Slufregung Ejerrfcfjte in Stettin, als ©ergog
gofeann griebridj im Anfänge beS gahrcS 1588 eine gollerhöhnng
oornaljm. Tie angefdjlagenen fürftlidjen Vlanbatc rourben gerriffen
ober bcfchmutjt, [0 bafe eine grofee llnterfudjung über biefen Schimpf
angeftellt roerben mufete; eS fam natürlidj nichts heraus, nnb bie
gollcrhöhung blieb beftefeen. S§ gelang aber 1544 unb 1571 bem
JRate, eine Srhöljung beS fteibtifchen goIleS auf bem Tamm gu
erreichen. Tie Kaifer bewilligten fie, befonbers weil bie Unterhaltung
beS eine beutfdje SR ei le langen TammeS unb ber 7 Vrüden feljr
beträchtliche Koften oerurfadjte.
gaft noch meljr SRiitje machte bie grage bes Verlaufes. @S war
ftreng oerboten, irgenb weldje SSaren, bie gu Söaffer ober gu Canbe
in bie Stabt gebracht würben, aufgutaufen, beoor fie regelrecht auf
bem SRartte gum Verlaufe geftellt roorben waren. Sehr oft aber
gefchah e§, bafe Cente oor bie Tore gingen unb bort um bie an--
tommenben Suter hanbelten ober Setreibe in llfebom ober Ücter=
miiube einfauften, efee eS in bie Stabt gebracht roorben roar. Ver-
bote gegen einen foldjen Vortauf erfolgten immer roieber, aber gang
236 ®er ßornfjanbtl.
ab^uftellen roar „trotj allen SSeheflagenS ber gemeinen ©ürgerfdiaft"
biefer ©rauch nicfjt ©S roar ein .ßanptpriiijip ber ftäbtifdjen ©Mrt
fdjaftspolitif, allen ©licbern ber Stabtgeuicinbc bie ©löglidjteit 511
bieten, in gleicher ©öcife birctt an§ erfter .£>anb iljren ©ebarf jn be
.yeljen unb ben ^roifdjenhanbel auS^ufdjalteu. liefern ©runbfatje
cntfpradjen audj bie ©cftiinniungen über ben .W'ornljanbel, bie feit
alter 3eit üblid) roaren, aber, roie e§ fdjeint, ,yierft 1563 in einer
Crbnung, „roie e§ nut bem 9(uSfrfjiffen falle gehalten roerben", ju»
fammengefaßt rourben. ©Ian roar beftrebt ben ©iißen beS Kauf
mamtS mit bem ^ntercffc ber nadj billigem ©rotforn oerlangenben
©evölfenntg 31t vereinigen, ©in ©orrat an (betreibe follte von ber
Stabt unb non ben einzelnen ©ärgern gehalten roerben. ©alb gab
man hierüber neue ©erorbnungen; eS mußte für jebe ßaft, bie auS»
geführt roerben fällte, eine geroiffe Abgabe an (betreibe, bie fogenannte
,,'Jajt", in ber Stabt jum ©orrat gegeben roerben. Sobalb ber 'JJreiß
beS ©etreibeS nur ein roenig ftieg, äußerte bie ftäbtifcfje ©evölferung
fofort ihren Unwillen, fdjob alle Sdjulb auf Spefulatiou ber .^änblcr,
fdjalt auf bie Monopole unb roar git Sluftuljr geneigt. TcSfjalb ljatte
ber ©at ein ^ntereffe baran, bitrrf) ?liiffpeidjcrung oon (betreibe ober
audj burdj ein Wusfiihrverbot foldjen Unruhen jiroorgiitommcn. 1590
oerbot er bie ©erften» unb ©lalflausfuhr, ließ bie in ber Stabt be
finblidjeu ©orräte an ©oggeu unb ©Seiten reoibieren unb oerorbnete,
baß oom ©oggen ber 10. unb oom SBeijen ber 8. 3eil in ber Stabt
bleiben nuiffe. Sluf foldje ©Seife fudjte man baS ^ntereffe ber ©c»
wohnet 511 wahren, bodj bereits 1597 fam eS, roie bereits beridjtet
rourbe, infolge einet Neuerung roieber £u einem ©ufftanbe. ^nfolgc-
beffen erließ ber ©at am 25. 3uli 1597 eine neue auSfiiljrlidje ßorn
orbnung, in ber bie frühen ©eftimmnngen oerfdjärft unb bem ©e
treibehanbel enge ©rennen gezogen rourben. erfter flinie follte
baS in bie Stabt gebrachte ©etreibe gut 'Serfung beS ©ebarfeS in
ihr felbft bienen, ©rauer, ©ärfer, ©raiuitroeinbreniier, bann aber and)
bie ©eroerte unb bie einzelnen ©ürger füllten fich bis Tlartini
(11. ©ooeniber) ben nötigen ©errat beforgen, erft in ^weiter ßinie
burfte JTorn roeiter oerfauft unb auögefdjifft roerben. ©Ian fann
fidj benfen, baß wegen foldjer unb äljnlidjer ©orfdjriften mandje
Streitigfeitcn entftanbeu. ©s ift hier nidjt möglich, auf bie
©rn^eltjeiten einjugeljen, aber ber Hoffnung mag SluSbrud gegeben
roerben, baß ber Stettiner £>anbel einmal eine erneute griinblidje
Tarftellung finbe; ©Raterial liegt trog beS üblen ©efdjirfeS, baS
bie Slrdjivalien bes SeglerljaufeS getroffen ljat, nodj ziemlich
reidjlidj oor.
£>er ftanbtl.
237
Sieben bei» (betreibe bilbete ber SS ein einen befonbers widjtigen
£janbelsgegenftanb in Stettin. SBon ben feit 1571 in großer 3aljl
erhaltenen (Srlaubniöfdjeiiien, bie ber 9int fiir baS 'Itorbeifdjiffen von
Sparen auSftellte, belieben firt) bie weiften auf SSein aus St'roffen
unb ®uben, ber 311m großen Seil nad) fSanjig gebrad)t wnrbe. @S
ljatte fid) ber t&randj eingefüljrt, baß bie ^nffer nur brei Sage in
ben Sdjuten imb ^röljmeii in Stettin liegen blieben, aber nidjt auS
geloben unb in Steller gefdjafft würben. SUS ber SRat von Stettin
1574 auf (SJritnb ber 9lieberlagSprivilegien eine Steuerung oerlangte,
fam es gu langen Üferljanblungen. SRljein unb fran^öfifdje SSeine
würben in geringerer SJlenge importiert; wir hören Ijauptfädjlidj von
foldjen, bie fiir bie fürftlidje .fpofljaltung beftimmt waren. Um ben
nötigen Sforrat in ber Stabt 311 ljaben, erließ ber SHat 1581 eine
SSeinorbniuig, in ber brei 'Jiatsljerreu, beu SBeinljerreit, bie beu
(Sinfauf fiir ben Stabt SSeinfeller 311 beforgen hatten, bie Sluffidjt
über bie Sdjenten übertragen würbe unb and) bie greife feftgefeßt
würben. SSeiter fpielt in bem Stettiner ^aiibel bie ©iiifuljr von
gifdjen, namentlidj geringen, eine große Wolle. ißJir wiffen, baß
1598 nidjt weniger als 5612 Sonnen eingejiiljrt worben finb, von
benen ber größte Seil wieber 3iir Slitsfuljr fani. Über biefen Sweig
beS Stettiner £anbelS liegt eine ausfüljrlidje Slrbeit vor, bie jeigt,
welche ISebeittuiig er für ben gaumen Crt ljatte, wie er aber and)
von maiidjen Sdjwanfungen gerabe in biefer Seit tjeimgefiidjt würbe,
bereits 1545 tlagte ber Wat feßr lebhaft über ben Wüdgang beS
£jeringSljanbeIS infolge ber ilinberung ber Weligion — er badjte
babei woßl an bie Slbfdjaffung ber ftrengen gaftengebröudje — unb
infolge ber Vorliebe für ben mit Soijfala gefallenen gering. SUS
weitere wichtige ^anbelsgegenftänbe mögen nodj S11I3, $olj, 'ISoIle,
Seincwanb, Sud), (Sifen (DSmunb aus Sdjweben), Wtiiljlfteine erwäljnt
werben, oßne babei au eine vollftänbige Sluf^äljlung 311 beiden.
Seil Stleinljanbel in ber Stabt betrieben bie 4?af en unb bie
Slrämer. Wad) alter Qfeftimmung, bie 1582 erneuert würbe, ljatte
bas £>ateiuvert 24 Wlitglieber, bie voni Wate gegen eine fcftc ©ebiiljr
ein Privileg unb eine Stube an ober auf ber Cber erhielten. $ljnen
würbe baS Wedjt bcS £>anbelns mit beftimmtcn ©egenftänben, 5Vifd)en,
Sutter, Stäfe, Sljran, Cidjten, Seer u. a. m., übertragen; es erbte
fidj aber nidjt oßue weiteres fort. S>ie Slrämer bilbeten gleidjfalls
eine firüberfdjaft, bereu '-Privileg 1583 erneuert würbe. Sie besagen
bie beiben ^aljrmärfte (im Sluguft unb flloveniber), ljatten aber
bort Sdjuß vou. fremben £>aufierern, Seillplcrn, Sdjotten u. a. m.
gar feljr nötig. 3tuei jößrlidje Ißferbemärfte würben 1585 für ben
238
Der Setljanbtl.
Slpril unb Cttober eingerichtet. Sin folgen Dogen mag lebhafter
üßerleljr in ber Stabt geljerrfcht haben, nnb ber 'JJtarltmeifter mit
feinen Dienern ljatte- uiel mit ber ©rfealtung ber Crbnung beim Kaufe
unb 'Bertaufe, ber SRuljc unb Sidjerljeit gu tun. @S gab hierfür
gang beftimmte 'Borfdjriften, wie eS ja Sitte war, alles 311 reglemen«
tieren. Seit 1560 waren bie ßöljne unb bie '^trbeitSgeit für bie
„'JlrbeitSleute" beftimmt, um biefelbe 3eit erljielt bie Sniberfdjaft ber
Dräger ihre Crbnung, unb bad) waren Unruhen, ßwiftigteiten unb
Unordnung nidjt 311 befeitigan DaS wirtfdjaftlidje Sehen ljatte bereits
eine foldje 'Jlusbeljnung unb fo oerwidelte fVormeu angenommen,
bafe eS fdjwer war im eingeluen alles nadj 'Jiedjt unb 'Braud;
aiiSgufüljreii.
Der Jtreis ber ßänber unb Stäbte, mit benen Stettin bamals
im 'Berfeljr ftanb, war im dSrunbe nur tlein. SBir wiffeu nicht uiel
mehr, als bafe ee> in ^anbelsbcgiefeuiigeii mit ber 'JJlarf, Söljmen,
ißolen, Schlefien, ßaufitj, SJleifeen ftanb, bafe natürlich mandjerlei
©efdjäfte mit ben Heineren flladjbarftäbten gemadjt würben, obgleid,
gerabe ljier oft Dleib unb 'Blifegunft obwalteten. Sröfeer als ber
HJerfeljr nach ^el11 Sinnenlanbe war ber gur See. 9IIS Cftfeeljafen
ljatte Stettin, wenn eS auch an ßiibed, Stralfunb unb Danzig nidjt
feerantam, boch eine nidjt geringe 'Bebeutung. Bafelen für bie Stettiner
'Jieeberei uermögen wir nidjt angugeben, aber ber Schiffbau, für ben
auf ben Eintrag ber Sllterleute beS .Kaufmanns 1558 eine Crbnung erlaffen
würbe, war nicht uiibebeiiienb; oon 1556 -1562 warben 14 Schiffe
oom Stapel gelaffeii. Sie füllten feauptfächlidj ben Stettiner Kauf
leuten gur IBefradjtiuig bienen unb durften nor Slblauf oon 0 fahren
nidjt oerfauft werben. Die Stettiner Schiffe, bie oom £>eimatSljafen
auSliefen, unterhielten befonbers ben 'Bericht in ber Cftfee nadj
Kolberg, Daugiq, Königsberg, SSölgaft, ffiieifSroalb, Stralfunb, SBartlj,
SRuftoct, ßübecf. Der Slnteil, ben bie Schiffe Stettins an bem 'Ber=
teljr burdj ben Sunb hatten, war bis 1558 feljr gering; erft uon ba
an finb in ben Suubgollregifterii meljr als uier oergeidjnet. Die
feöcfefte Bafel finbet ficfe im ^atjre 1558 nut 54, fonft paffierten etwa
80- 40 ben Sunb. Sie unterhielten ljauptfädjiidj 'Bertefer mit ben
i’hvberlanben unb bis 158!) mit Norwegen; nur wenige fuferen nadj
grantreicfe unb fßottugal. ^m gangen war ber Vnteil, beu bie
Siettiner Sleeberei an bem bamals aufblühenbcn atlantifdien ’Berteljr
unterhielt, unbebeutenb; fie hatte ifer Sebiet woljl faft auSfdjliefelidj
auf ber Cftfee felbft. Dafe aucfe bie Scfeiffafert mit mandjerlei 53e
fdjwerben gu tun ljatte, ift gu uerftefeen Die Sdjiffer flagten 1590
jiber Störung ifereS GrwerbeS burdj frembe, iiamentlidj Ijaüänbifcfee
®er Jpanbrf.
239
Sdjiffer, über bie ßeid)terfdjiffaf)rt burd) bie ^bna unb Uder, über
bie ßöfd? unb ßabcylätje, über Untiefen unb 33er|cf)Ia:nrituiig ber
©ber u. a. ni. Binar wanbte ber 'Bat and) biefen Slängeln feine
Slufmerffamteit au, erlief) SolIwertSorbnungen, forgte für ben 'JluSbait
ber Stabtwage, befdjaffte auf Stabtfoften eine „Sdjale" unb baute 155b
ein neues SalgfiauS auf ber ßaftabie ober 15451 ba§ neue Sßanb
Ülbb. 12. ihlb ©tettinS auß oer ÜiäßerroHe.
IjauS am fRofjmarft. Bfnbeffen bie Wagen über allerfjanb Sllängel
Ijörten nid)t auf.
Sind) auf bem .^anbelSgebiete beobachten mir ben Vorgang, bafj
Stettin für fid) felbft forgen mufjte. 'Bon bem ßanbeSljerrn erfuhr
bie Stabt taum gbrberung unb llnterftütjuug, oft eljer Sdjäbignng ober
Urfdjroerung. (Sbenfo wenig bot ber£>aitfabunb, beffen 'JJladjt unb ©tnflufe
gegenüber ben felbftänbig geworbenen norbifdjen Staaten immer meljr
240
Tie £>anfa.
gitrurfging, wirtfame llnterftüfeiing. 'Jiiigftlid) ljielt (Stettin nn öen
alten ißriüilegieii feft, befdprfte and) wieber bie Tagungen ober
beteiligte fid) an ®efanbtfdjaften, bie ber Sitnb ausrüftete, aber
es gab fdjpn teilte in (Stettin, bie über bie ljanfifdjeii Kontributionen
al§ eine nnniitje WitSgabe Nagten. 9Jlan begann 311 erlernten, bafe
bie Cber= nnb SJartljejdnffaljrt, bie fiir Stettin befonbers widjtig
waren, aufeertjalb beS ffiefidjtstreifeS ber .fjjanfa lagen. ®aS bebeiitete
bagegen bie Wieberlaffuug ber Stettiner auf /yalfterbo, über bie @liaS
Schleifer als Bogt 157!) einen Bendjt erftattetc? Sluf ber gitte [tauben
nod) 18 Buben feljr uerfdjiebener ®röfee, bie meljr ober niinber ban
fällig unb oerfallen waren. BJeiiige ^aljre fpäter, 1597, befanden
fid) bort nur 18—20 jumeift aufgegeoeiie, baufällige Buben. Tiefe
Tatfadjen beweifen am beftcn, bafe eS oorbci war mit ber ^anfifdjen
^errlidjteit Stettins, bafe eS eigentlidj gaiijj überflüffig war, wenn
ber 'J?at nod) jäljrlid) einen Sdjoneiroogt ernannte. Sie alten
Kompagnien, bie Trafer, bie ^al[tevbo= unb (Slbogenfaljrer, liefeen fid)
1592 iljre alte 'Holle nod) einmal betätigen, würben aber immer
mefer ©efellfdjaften jjnr Besorgung ber in Krautljeit ober Wut ge
ratenen Brüber. güt biefen ßwerf würbe 1556 bie alte ©laus
Tornfdje Stiftung oerwanbt.
Stie fid) 111 biefer Bcriobe ber Gntwidelung Stettins bie äufeeren
nnb bie wirtfdjaftlidjen ßuftänbe ber Stabt für lange Seit auSbilbeten,
fo war eS aud) ber ^?all auf tirdjlidjem unb geiftigem (Gebiete.
ilÖas bie ^eit ber Deformation neu gefdjaffen ljatte, baS erljiclt jetjt bie
formen unb bie Meftalt, bie 3«l)rl)uuberte Ijinbiird) bewahrt würben.
Taju beburfte eS nod) mandjer müljfeligen Arbeit in ben Bifitationen,
bie in biefen Saferen (1539, 155(1, 1568, 1573) fid) immer wieber
holten Sim meiften 'JJiulje madjte bie BermögenSorbnung ber Kirdien;
eS war unenblidj fdjwierig, aus ben alten Degiftern bie Ginliinfte
unb ben Kapitalsbefife feftauftellen unb eine gi regelte Kaffenuerwaltiing
311 fdjaffen. 'Jlur allmäljlid) gelang baS, fo bafe man enblid) fiir bie
Befolbung ber Kirdjen- unb Sdjulbiener, bie äufeeren 9liigelegeiiljeiteii
ber Gemeinben bauernbe Beftininiungen treffen tonnte. ?lucf) ljierbei
tarn eS wegen ber JJeftftellung bes GlrunbbefitjeS ber Kirdjen ober ber
Berwenbung ber $n ben einzelnen Stiftungen, Bifarieii, Glemnfijnen
gehörigen Kapitalien 311 mandien ifiro^effen, bie fidj lange ßeit ljin
jogen. 'Befonbers bebentfani war ber Streit, in ben ber Wat mit
ben ^er^ogen über bas ^atronat oon St. gafobi unb Witolai geriet.
Tie emfige Jätigfeit ber ^roviforen, burd) bie es gelang, eine fefte
Crbnnng Ijeräuftellcii, uerbient alle ^odjadjtung. Sie arbeiteten mit
Eingebung für bie ®emeinben unb erwarben fidj um baS Stettiner
ftirdjenwefen.
241
ftirdjenroejcn ein bouerubeS Serbienft. Söotjl rourbe bamals mandjerlei
van bem alten Sigmurfe ber ®otteSljäitfer bei Seite gefdjafft ober
oerfauft, aber bie Seit verlangte bieS teils, weil man Vlnftoß baran
iiafjm, teils, weil man Selb brauchte. SHabifal ging man erft weit
fpäter mit einer foldjen Sefeitigung oor: SReßgeroänber, Atafeln nnb
Silben, blieben nodj lange galjre in (Mebrand). giir bie firdjlidje
Uetjre nnb ben ©ottesbienft wtirbe burdj bie ftirdjenorbnung nnb
Slgenbe oon 1583 eine fefte ©rnnblage gefdjaffen. (SS bilbete ftdi
in Stettin ein ftrengeS Vntljertnm IjerauS, fo ftreng, bafj alle ab
roeidjenben Vetjren, modjten fie tnjptofaluiniftifdjer ober fijntretiftifcfjer
Slrt fein, riictfidjtSloS befiimpft nnb itjre Slnljänger aus Slmt nnb Srot
gebrängt rourben. ©aS erfuhren ©eiftlidje, roie goadjim Stijge unb
goadjini grife, bie als Sacramentierer unb ft'aloiniften abgefegt
rourben, ober '.ßetriis Setter, ber gum Serlaffen ber Stabt bewogen
rourbe, weil er verbadjtig roar, mit Cfianber Serbinbungen gu unter»
ljalten. ©er SSunfdj, bie SotteSßänfer in ftattlidjem Sau ju erljalten
ober audj auSjubauen, lebte fort. So rourbe 1579 bie Slifolaitirdje
mit einem neuen ©timt oerfeljen, fiir St. fficrtrub 1569 eine neue
@lode gegoffeit unb maiirfj ftattlidjeS (Grabmal in St. gatobi erridjtet.
(£s ift fjier nidjt möglidj, auf bie ®efdjidjte ber einzelnen ©otteS»
[jäufer einjugetjen. ©abei wäre and) nidjt oon großen Vorgängen
3U berichten, aber rooljl oon bem ftillen, ernften iJöirfen nnb Söalten
glaubenstrener ©eiftlidjer, bie bei aller (Sinfeitigfeit im Greife iljrer
®emeinben uub barüber IjinauS mit Segen tätig roaren. 'JJlänner,
roie (Sljriftoplj Sttjmmel (f 1588), .W'oitrab Serg (f 1592) ober
griebridj SRutige (f 1604) an ber 'JJiarienfirdje, goljanneS (logier
(j- 1605) an gatobi, goljaniteS Slenno (f 1609) au Vhtolai, @eorg
tRfjete (f 1586) an St. Setri u. a. m , Ijaben nidjt nur in Stettin
einen guten Stuf geljabt, fonbern fidj jum ©eil audj burdj wiffen»
fdjaftlidje ©ätigfeit einen befannten Samen erworben. Siele gebrudte
Srebigten laffen uns ertenneu, baß fie es mit iljrem Slmte ernft
natjmen unb (SiotteS Sßort unb UutberS Vetjre mit (Sifer oerfiiitbeten.
fDlit bem Sdjulroefeii ftanb eS in ber Stabt jwar beffer als
früljer, aber nad) unfern '-Begriffen nodi fdjledjt genug, ©as fürftlirfje
Säbagogium roar mit geleljrten Veljrern rooljl oerfeljen unb erfreute
fidj eines regen SefudjeS. ©er llnterridjt ljatte von Slnfang an einen
atabemifdjeii Slnftridj, fo baß fiir mandje ber Sefudj ber dürften«
fdjule ben einer llnioerfität erfeßte. ©amit ^ogen ftubentifdje ®e»
bräudje unb Unfitten ein, unb roiebertjolt mußten bie gürften, bie
iljrer Stiftung ftetS ein fonberlidjeS gntereffe entgegenbradjten, ober
ber 9iat gegen Sügellofigteit, Unfug unb Übermut ber gugenb energifdj
HBf^rmann, (KefAi^tc Don Stettin. jg
212
Sdiulteefen.
einfdjreiten. (Sin Deil ber Sdjüler ljatte beim ©otteSbienfte in ber
SJlariem ober in ber Sdilofjlirdje ben ®efang ausguüben. Unter ber
ßeitnng be§ tüchtigen Komponiften ißljilipp DitlidjiuS, ber von 1587
bi§ 1630 am fßäbagogium als Kantor wirfte, würbe manch tunft
voller Sefang auSgeführt. Übler als mit biefer reidj botierten unb
ftattlid) unterhaltenen Slnftalt ftanb eS mit ber fRatSfdjule, bie feit
etwa 1550 ein fläglidjeS Unterfommeu in bem ehemaligen Sinnen
tlofter gefunben ljatte. S3or allem fehlte e§ an ®elb, ben fReltor
unb bie ßehrer auch nur notbiirftig gu befolben ober bie äußeren gu-
ftänbe gu beffern. Darunter litt natürlich ber innere Betrieb, fo bag
bie Klagen nicht aufhörten, gmmerhiu gegen viele Stettiner, bie hier
ihre Vorbereitung erhalten hatten, auf ^odjfdjulen in ber 'Rahe unb
gerne, um namentlich theologifdjen unb juriftifd)eu Stubien obgu=
liegen. 9Rit bem nieberen Sdjulwefen wollte eS noch weniger vor=
wärtS gehen. Die theologifd) gebilbeten Küfter an ben Stabtfirchen
füllten für Knaben unb SJläbdjen Schule hatten, aber im ©runbe
waren eS bod) hauptfächiich bie viel betämpften SBintelfchulen, bie
wenigftenS einem Deile ber gugenb notbiirftige Kenntniffe vermittelten.
Dagegen tonnten bie vom State tongeffionierten beutfdjen Schulmeifter
ober Stuhlfdjreiber wenig auSr’djten, eine regelrechte görberung bes
SdjulwefenS erfolgte nicht.
®ang anberS forgte man für Sinne unb Kraute. Das falj man
als eine religiöfe spflidjt an, ja man hielt eS für eine Slotwenbigteit,
bag Vettler in ber Stabt feien, bamit bie Bewohner Söohltätigtect
üben tonnten. Diefe an bie tatholifdje Seit erinnernbe Slnfdjanung
tommt gum beuthdjen SluSbrucf in ber Settler>Crbnung, bie 1553
burd) ben StabtfrjnbifuS Dr SBinS aufgefetjt unb 1574 revibiert
würbe. @r bentt gar nicht baran ben Vettel burd) geeignete SJlafj»
regeln gu unterbrürfen unb gu befeitigen, nein bie Settier werben gu
einer Brüberfdjaft vereinigt, mit befonberen Slbgeidjen verfeljen unb
gerabegu privilegiert. gwei Settelvögte muffen auf Crbnung hauen
unb bafür Jorgen, bafj nicht frembe Bettler einbringen. Die Sinnen
tjäufer, wie baS 'PinfenljauS am Stöbenberg, baS Klofter, baS alte
SeqinenhauS auf bem fRofengarten, bie ^ofpitäler von St. gürgen,
St. Spiritus unb St. Wertrub würben von bagit beftellten 'groviforen
verwaltet. (Sine fdjwere Sorge bereiteten bem Stabtregiment bie auf
treteuben epibemifdjen K'ranfheiten, 'Jßeftilen^eji, bie in erfchredenber
SSeife auch in Stettin häuften. 'Paul griebeborn berichtet in feiner
Stettiner ®hr0I,tt immer wieber von einer pestis ober lues epidemica.
Da füllen 1564 in einem halben gahre in ber Stabt 2500 fDlenfdjen
geftorben fein, 1565 nnb 1567 wütete fie fchon wieber. gm Sommer
Slimen- unb Rrontenpfleße.
243
1577 würben nad) feiner Angabe 2476 ‘ßerfonen non einer foldjen
Rrantßeit ßiiigerafft. ftaft oßne Unterbredjung teljrten foldje fßefti*
lenken jaßrlidj wieber. Sdjon 1549 ermahnte ber 9iat gur 'J^orfidjt
bei bem ^ahrniarftSuerteßr unb befaß! bie fflaffen gu reinigen, 1564
erliefe er eine eigene ^ßeftorbnung unb richtete im folgenben Qaßre
ein „SiedjßauS“ auf ber grofeen ßaftabie bei bem fflertrubenfirdjljofe
für bie 'ßefttrauten ein. ferner liefe er allerlei 'Ulittel gegen bie
'ßeft betannt madjen, IBorfidjtSmaßregcln uon ben Rangeln oertünbigen,
aber alles ljalf nicßtS, weil man es trotj aller Sefeßle beS £>ergog§
ober beS 9lat§ au ber nötigen 9leinlidjfeit feßlen liefe. 3>n ben engen
unfauberen Straßen, in ben ungefunben Rellerwoßnungen ßaufte bie
Rrantßeit furdjtbar. Der StabtpljßfifuS, ber minbeftenS feit 1565
regelmäßig oom 9late beftellt würbe, ober anbere Argte, %$eftbalbiere,
Rurpfufcßer oermocßten nidjts gegen biefen furchtbaren $einb auSgu
ridjten. SSaS in beu brei befteßenben Apotßeten, ber heutigen
ßöwen (um 1530 entftanben), .f>of= (um 1530) unb Abler'Apottjete
(um 1570), an 'Ulitteln oerfauft würbe, tonnte woljl nicßt »iel
nütjen. Diefe ^ßeftgeiten laffen unS aud) einen Sölicf tun in bie Un»
bilbuug unb ben Aberglauben ber Söeoölferung.
9Jlit einer gewiffen ftumpffinuigen ©leidjgültigfeit ftanb bie
SJlaffe foldjen £>eimfud)ungen gegenüber. 'Ulan naßm biefe Schiftung
rußig fein. 'Aberglaube beljerrfdjte baS bamalige fflefcßledjt, oon
Söunbergeidjen ber oerfcßiebenften 'Art beridjtet gläubig ber gebilbete
ffriebebom ebenfo wie alle anberen Sßroniften, oon SJlirateln ßanbeln
auSfüßrlidj bie ffleiftlidjen in iljren 'ßrebigten unb fflrbauungs»
bücßern. $n fliegeuben 'Blättern unb Straftaten würbe oon Blut*
unb Sdjwefelregen, oon ungewöhnlichem Donnern unb ölifeen, oon
Deufelgeifteru unb waS eS berartig meßt gab, ergäßlt. 23ie mußte
fold) Aberglaube bei ber großen 'JLIlaffe, ber e§ an geiftiger SJilbuiig
gänglid) fehlte, aud) moralifd) wirten! fflS wirb besßalb über Sitten
(ofigfeit, llngudjt unb anbere ßafter gur ffleniige getlagt. (SS war
eine 8eit, in ber ein großer Steil be§ SBolfeS in llnbilbung faft oer
fam, wäßrenb ein anberer lebhaftes Qntereffe an Stunft unb '-Kiffen
fdjaft gewann. Audj in Stettin gab es bamalS ßeute, bie wiffen
fdjaftlidjer gorfdjung ihre Deilnaljme guwanbten ober fidj gar felbft
mit foldjen Stubien befdjäftigten, bie mit Vorliebe in (ateinifdjer
Spradje profaifdje ober poetifdje Wrfudje madjten unb fflefaüeit baran
fanben, in Sljronobiftidjen bie 8eitereiguiffe gu oerewigen. 8» biefen
gehörten nicßt nur etwa ffleiftlicße unb ßeßrer, nein Sdjöffen, wie
'BetruS Sleumart ober Abam SJlöfler, liebten foldje 93efd)äftigung.
$n biefer 8eit hielt aud) bie 'Bucßbrucfertunft ihren ®ingug in Stettin.
16
244
SBudjbrud.
Qm Qaljre 1569 betam Qofjann Sidjljorn au§ Qrantfurt a. D. ein
Suchbruderpriirileg für Sitten Stettin unb mürbe alSbalb mit bem
Drude amtlicher 93eröffeut(idjungen betraut. Sein Sdjwiegerfolm
SlnbreaS Seltner übernahm nad) einigen Qaljren bie Cffigiu unb
brudte fdjon jafjlreidjere Werte, unter benen ber Meine SatedjiSmul
ßutljerS uon 1574 unb „bat utje Deftament" uon 1576 tedjnifd)
tjeruorrageu. Daneben errichtete ber SubbiatonuS an St. SRarien
05eorg ffttjete eine Slnftalt namentlich gum Drude rmn Salenbern, aus
ber al§ erfte§ betanuteS Wert 1577 ein Widjleiu oon ßometeu
Ijeroorging. ßu gleidjer Seit mürbe ber 93uchh«nbel in Stettin
Ijetmifdj; e§ maren guuädjft meift manbernbe „Wtdjfüljrer", bie iljre
Ware feilhielten. Sei bem reuen llerfetjr, ben jetjt bie Stabt mit
anberen Deutfdjen unterhielt, 30g auch bie (joctjbeutfdje Spradje meljr
uub mehr ein. Die llmgangSfpradje blieb freilich nodj lange ba§
Ütieberbeutfcfje, aber in öffentlidjen Slngelegenljeiten aalt e£> halb al-s
feiner fjodjbeittfdj gu fpredjen unb gu fdjreibeii So mürbe biefe
SRunbart um 1540 befonbers burdj beu StabtfetretariuS Sebaftian
ÜRumni auch in ber ftäbtifdjen Sanglei gebräudjlid).
Der Sieg be§ fremben Dialetteö ift ein Seidjen, bafj Stettin
begann, fid) mehr unb meljr bem allgemeinen beutfdjen Wefen angu-
nähern, bafj ber lluterfdjieb gmifdjeti nieber unb oberbeutfdjen Stäbten
allnuiljlidj ausgeglidjen mürbe. Sc bebeutet auch in biefer Öegieljung
ba<^ 16. Qafjrtjuiibert fiir bie ©ntmideluug ber Stabt einen Qortfdjritt.
Qür ^Religion unb Spradje, für IBermaltung unb ^Regierung, für
£juiibel unb 'Uertcljr mürben bamale neue (Srunblagen gefdjaffen,
burd) bie bem Semeinmefen auf lauge Seit bie Wege gemiefen maren.
12. ytapitel.
Steffin im ^eifaifer bes Dreißigjährigen /iriegeo.
j^yjißjie erfte Hälfte beS 17. QabrljunbertS ift für Stettin gang
j- MonberS ereignisuolt. Sie bringt einen fiuangiellen Su
famnienbrudj ber Stabtoermaltung, Srieg, Qrembljerrfchaft,
bp§ (Silbe be§ alten jjerrfdjerqeidjkdjteg. unb bie SSegrünbung ber
fdjroebifdjen ^Regierung mit fich- Dabei tut fich in ben erften Qatjr
gefjuteii trotj vieler Ungliicfdfälle unb Streitigfeiten eine nicht geringe
Wüte im £janbel unb ißerteljr, im ßeben unb Dreiben ber Söemoljner
funb. @5 ift, al§ ob ber Stabt cor ben langen triegerifdjen 93er
midelungen, in bie fie halb fjineingegogen mirb, noch einmal auf
turge Seit Qriebe unb SRulje menigftenS uon aufjen her befdjieben
Samirn Xll.
245
fein füllen, Freilid) ini Innern ijerrfdjen roieber Kämpfe groifdjen
£anbeSbetren, 9?at uub Sürgerfdjaft uub uerjeljren ^uni Steil bie
Alraft ber leitenben Streife, aber eS gelingt, einen Ausgleich 31t fdjaffen,
fo bafj ber PJenieiube nod) ein Qafjraeljnt ruhiger ©ntroictelung gegönnt
ift. Tann aber bringen bie Gefahren be§ grofjen Krieges, ber immer
weiter um fid) greift, bis an bie SRauern ber Stabt, unb halb fetjen
fid) frembe Sdjaren in ihr bauernb feft. Stettin gerät unter bie
•fjerrfdjaft ber Sdjroeben unb roirb oon ihnen feftgefjatten, nad)»
bem ber letjte .fjer^og au§ bem (Sreifengefdjteditc in§ ©rab gefüllten
ift. $cifj iiniftritten roirb bie Stabt mit bent ganzen ponnnerfdjen
Cattbe, bod) SJladjt gilt in biefer Seit oor Nedjt, bie frembett ©eroalt
habet behaupten fie. ®s ift eine fdjroere Seit, oon ber bie Stabt
l)cimgefud)t roirb; politifd) losgeriffen oon ber ßanbfd)aft, mit ber fie
burd) zahlreiche natürliche Schiebungen eng uerbitnben ift, roirb fie
einem grembtörper eingefiigt unb mit ben ©efdjiden beS AuSlanbeS
nerfnüpft.
Fohauu $riebrid)§ Nachfolger war fein Stuber Sarnim XII.,
ber nur ungern bie ©rbfdjaft antrat. Tenn bie Finanzen be§ ßanbe?
roaren fo zerrüttet unb bie Serpflidjtnngen für ben neuen £>errn fo
brüdenb, bafe >»an fdjier nerzweifelte, eine $ilfe auSfinbig 311 madjen.
Tazu madjten bie Streitigfeiten unb Srojeffe mit Stettin ein erträg-
liches NerljältniS beß ^er^ogS zu ber erften Stabt be§ ßanbe§ faft
unmöglid). AIS Sarnim bort erfdjieti unb man über bie übliche
.fjmlbigung 511 nerhanbeln begann, Gereinigten fid) fämtlid)e Stäbte
be§ ßanbeS ju ber Sitte an ben neuen ^erjog, er möge ifjneit bie
gewöhnlichen ^-eierlidjfeiten ber -foulbigung erlaffen unb fich m’f ber
Zahlung non 20000 Wulben begnügen. (Srft nach langen Serhanb
hingen erflärte fich ber Rürft bereit, biefe Sitte gu erfüllen. Tarauf
erfdjienen am 17. Februar 1601 au§ jeber Stabt einige Vertreter m
Stettin, um fiir ihre SRitbürger ben ®ib ju leiften unb ben oer
abrebeten Anteil an ber NefognitionSgebühr nebft einem ©efdjenfe ju
iiberreidjen. Stettin toftete biefe <£>ulbigung bod) immer noch etwa
6500 ©ulben, eS erhielt bafür bie übliche Seftätigung feiner Nedjte
unb Freiheiten. Silan oerfudjte auch alsbalb in eingeljenben Se
ratungen bie Streitpunfte, bie zroifdjen Stabt unb Herzog beftanben,
auS bem Söege ju räumen, aber fam bod) ju feinem Ausgleiche-
SereitS am 1. September 1603 ftarb Sarnitn XII ®r rourbe mit
feierlichem (Gepränge in ber Sdjlofjtirdie beigefetjt. TaS OJeroitter, bas
roährenb be§ SegräbniffeS eintrat unb bei bem ein Slii) in ben JJurm
non St. gatobi fuhr, erroedte in ben abergläubifdjen ©emiitern bange
Ahnungen unb Sefürchtungen. Ter faft 60 Fohre alte SogiflaroXIII.,
246
SDrbnuiigen.
ber bisher in fflartl) in gliirflidjer Stille gelebt batte, iibernabm bie
^errfdjaft. 3»näd)ft fam er nur norübergehcnb nad) Stettin, Derfudjte
aber alSbalb energifdj, bie fdjlmunftcn Sdjäben ber CanbeSregierung
gu beteiligen. 91 ber bie finangiellen Wtiftftänbe Stettins tieften fid)
nidjt fo leiefjt beffern, gumal ba eS ber Stat nicht magte, wirflid)
energifch eingugreifen. ©Ian fud)te woljl ljier imb ba gu Sparen, aber
bie Sdjulben wuchfen beftänbig; maren fie bod) im ^aftre 1604 bereits
auf meftr als 184900 Ghilben geftiegen. ©eun es einmal gelang,
ben StabtbauSftalt giinftiger gu geftalten, fo blieb bodj immer bie
.fjötje ber BtnSgaljlung für bie Stabtocrmaltung tjöcfjft brüdenb. ®abei
oerfäumte ber Stat nidjt, burd) allerlei Crbnungen bie oerfdjiebenen
©erftältniffe beS ftäbtifdjen ßebenS gu regeln, immer mit ber löblichen
Slbfidjt, Unregelmäftigfeiten ober Schaben gu befei'tigcn. Segen ben
fo uiel befämpften ©ortauf fdjritt man non neuem ein unb fetjte bie
Stuuben beS erlaubten Kaufes feft; es mürbe verboten, vor 9 llfjr
morgens unb nachmittags non 12 bis 3 llljr, fo lange bie rote §atjne
nidjt abgenommen roar, etwas gu taufen ober taufen gu laffen. (Ebenfo
würben ©eftiiumungcn erlaffen über ben £*olgf)aiibel, fiir ben ein auf
ber ffllöllenroiefe neu angelegter $of biente, ober über ben ©einljanbel,
ber fid) befonbers nadj ®uben, Kroffen unb giirftenberg erftredte. (Eine
neue ©ollwerfsorbining uom 27. 3uli 1604 traf ©eftimmungen über
baS Saben imb Vöfdjen ber Sdjiffe an ben in bie Cber tjinemgebauten
©rüden unb fetjte Jajen für bie hierbei oortommenben Arbeiten feft.
©eiter würben bie ©orfdjriften für bie .fjrocftgeitSfefte ber Sürger
erneuert, wobei fidj roieber bas Seftreben funbtat, ben llnterfdjieb ber
Stäube recht beutlid) IjerDorguheben. 9ludj bie Sauern im Stabt«
eigentum erhielten eine auSfütjrlidje Crbnnng für iljre JVeftlidjfeiten,
Kleibung u. a. m. (Ebenfo betam bamalS bas ©ettegeridjt ein neues
Steglement, in bem nidjt nur bie Bufammenfeftung biefes SeridjteS
auS 4 Statsfterren unb 4 Slngeljörtgen eines ehrbaren Kaufmanns
feftgelegt, fonbern audj bie alten ©eftimmungen über ben £>anbelS=
oerfebr ber Säfte unb ber Ratteren mit ben ©ärgern erneuert rourben.
Bugleid) erlieft man eine neue Kornorbnung mit ben oft eingefdjärften
Seftimmungen über ben (Eintauf unb ben ©orrat an (betreibe, fiir
ben bie eingelnen ©ärger unb bie bewerte gu forgen batten. SllleS
bies geigt, baft bie ©eriualtung ber Stabt bemüht roar, baS private unb'
öffentlidje Veben ber ©ärger fetjütjenb gu regeln.
Schwere Sorgen madjte bem State abermals bie grage ber
£>ulbigung, bie £>ergog ©ogiflaro immer bringenber forberte. Stettin
bot bereits im September 1604 bem dürften bie Baljlung einer Selb
fummc an, wenn es mit ber „SlitSridjtung" oerfdjont werbe. (Erft nadj
Voßiflaro XIII. unb TbilifV H.
247
längeren berhanblungen roar Vogiflaro bereit, fid) mit 6000 (Bulben
Aufheben zu geben; freilief) mufete bie Stabt ifem, feinem .^offtaate
unb (Bäften noch ein @t)renmabl ueranftalten, bie üblichen ®efd)enfe
überreichen unb in einem SReoerfe ben Verzicht auf bie geier als einen
befonbern (BnabenbeweiS bes £>errfcf)erS anerkennen. 9lni 5. 2lpril 1605
fanb bie fhtlbigung ber Stabt auf bent 9?att)aufe ftatt, roo ber Herzog
mit ftattlichem (Befolge erfchien. Qn zierlicher bebe begrüfetc ber
StjnbifuS Dr. Samuel Schwalch ben dürften unb feierte bie Vlütc
bes ^erzogshaufeS, bas bamals 8 männliche Sproffen zählte. SUSbann
rourbe oon Viirgermeifter unb bat, foroie oon ber uor bem SRathaufc
uerfammelten ^Siirgerfchaft ber übliche ®ib geleiftet. ©ine feftlidje
Veroirtung, bie oon 2 bis 9 Uhr bauerte, befchlofe ben Jag. Vogiflaro
Zeigte fich ber ®tabt im ganzen recht roohlgefinnt. So hatte ber
Jfiirft, ber bereits bei ber ©riinbung oon Franzburg ein befonbereS
^ntereffe für bie Hebung ber Qfnbuftrie beroiefen hatte, bic 9lbfid)t,
auch in Stettin ein grofees SBolI unb Spinnroert anzulegen. Cer
(tiefe aber bamit bei bem bäte auf energifchett flSiberftanb, fo bafe
aus ber Sache nichts rourbe. Söieber geigte es fich, bafe bie ftäbtifdjc
Verwaltung wenig VerftanbniS für weitere ©efichtSpunfte hatte. Der
fonft energifch auftretenbe Viirgermeifter SHejanber oon bammin (1602
bi§ 1622) fah in biefer Veziehung nidjt weiter als bie anberen sJbit
glieber beS bateS, unter betten feine SlmtSgenoffen Simon Siefelbrecf)t
unb Valthafar Sachtleben neben ben Kämmerern (Bregor SScrbermaun,
Jürgen (Biefe unb Satob Simon bie bebeicteitbften geroefen zu fein
fcheinen. 3» engherzigem Kampfe gegen bie Konturrenz ber bachbar
ftabte, roie Slltbamm, unb gegen baS auf bem ßanbe fich geltenb
machenbe .fjanbroerf erfchöpften biefe SDlänner ihre Kraft.
SDRitten in mannigfachen planen ftarb am 7. Sbärz 1606 Herzog
Vogiflaro XIII., unb fein Sohn ^ßljiHpp IJ- übernahm bie begie»
rung beS Stettiner ßanbeS. Durd) ben neuen Jhroitroechfel ent
ftanben ber Stabt abermals erhebliche Koften, unb noch waren bie
Ausgaben für bic beiben letjten .fjulbigungen nicht beftritten. Der
bat roar fchon gegen ©nbe bes QahreS 1605 mit ben Sllterleuten
beS Kaufmanns unb bet (Beroerte in Veratung über bie Sdpilben
getreten. Dabei fcnliig er eine Abgabe (ßltzifp) »an ben ©etränten
als aufeerorbentliche Steuer oor. Sine foldje „3ulage‘‘ roar bereits
1580 auf 4 3ahre bewilligt roorben, aber Ijödjft unbeliebt geroefen.
Jrofebent einigte man fich enblich am 3. 9)iai 1606, eine beftimmte
Slbgabe oon Vier, Sffiein, Sbeth unb Vratiutroeiii zur Tilgung ber
•ßulbigungsfoften zu erheben, unb machte zugleich bie Jaje befanitt.
Obwohl ber SRat allerlei Heine ßrleichterungen zugeftanb, erhob fief)
248
Sie Sltjife.
bod) oon rerfdjiebenen Seiten SBiberfprttdj bogegen, unb nameutlidj
bie Sraner roanbten fid) fofort an ben £>erjog *ßl)ilipp mit ber Sitte,
bie neue Sraiiffteuer’ nidjt ,51t buiben. Siefcr falj in tfjrer Ginfüljruiig,
roie e§ fdjeint, tatjadjlidj einen Gingriff in feine lattbeSljerrlidjen
SRecfjte, befdjieb Vertreter beS ’RatS unb ber Sürgerfdjaft anfS Sdjlofj
unb oerljanbelte mit iljnen. Gs tarn babei ju erregten ©jenen, be=
fonberS ba ber SRat gegen bie ©ratter feljr jornig mar unb iljnen
ahe 3ufammentitnfte oerbieten wollte. Gr unterlag jebodj, fo bafj
bas gattje SSerf ins (Störten geriet. Sie alte ^inanjroirtfdjaft bauerte
fort, neue SluSgaben (3. ©. 1600 eine Gntfdtäbigung für bie oicl
faltigen Sienfte ber Sdiöffett) famen baju, bie tjofjen 3irtfen mufjten
geaablr, neue Sdjulben (1606—13 burdjfdjnittlidj im Qfatjre faf*
24000 QJulben) aufgenonnnen werben. 5BaS blieb bem Slate übrig,
als eS abermals nut einer Zulage ju oerfudjen? Gr begann mit
ben Stauern ju uerljanbelit unb mit ben üllterleuten 51t beraten.
Sdjltefjlidj waren rie bereit, einen $itfd)Iag auf allerlei SSaren ju
bewilligen, bod) natürlidj nidjt oljne fid) felbft Vorteile ju fidjent.
So madjte am 1. SDiai 1608 ber SRat befannt, baf) oon allerljanb
ju SSaffer ober ju ßanb in bte Stabt gebradjten Kaufmanns unb
Äramwaren, fowie oott ben (Getränten eine Abgabe gejaljlt werben
fülle. Gin SLuSfdjttfj oon Vatsmitghebern unb Vertretern bes Stauf=
tnannS unb ber QJeroarfe erljielt bie Aufgabe bie ffielber ju fammeln
unb ju uerwalten, bie einjig jur Slbtragung ber Sdjulben oerroanbt
werben feilten. Ser Grtrag ber Abgaben, bereu £rolje in einem
Sarife feftgefetjt würbe unb bie neben ben (Mctränfen (betreibe, ©Wie,
SSadjS, ßeineroanb, Sud), •£>*'>Ij, -gering, Salj, Grje u. a. m. trafen,
rourbe auf etroa 150(»0 ßjulben gcfdjatjt
S3ie aber glaubte man jefet ben Sßiberftanb bes ßanbeSljerrn
ju überrotnben, ber hirj oorljer eine foldje Zulage oerboten ljatte?
Ser 'Jiat meinte feljr fing ju ljanbeln, inbem er bie Slbroefenljeit beS
fjerjogS bemitjte, um bie Steuer einjitfüljren, er taufdne fidj aber.
©creitS am 16. Quni erging aus Veuftettin, wo fid) ©Ijilipp befanb,
an ben SRat ein energifdjes Schreiben, in bem er jum fofortigen
©eridite über bie unerhörte Slfjifc aufgeforbert rourbe. Sie JRedjt
fertiqungSfdjrift beteiligte ben Unmut beS ^erjogS nidjt, er erliefe Diel»
meljr ein feljr fdjarfes fDlanbat, baS am 17 $tyli uon allen .Ranjelit
ber Stabt Detlefen werben nutzte. SRücffidjtSlos tabelte ©tj’lipp bie
ganje ginanjroirtfdjaft beS SRates unb feine Kuljnbeit, mit ber er eS
wagte, nidjt nur bie oor jroei ^aljren nidjt bewilligte Sranffteuer,
fonbern audj einen tjoben 3°^ auf a^e tjeimlidj oljne SSiffen
ber lanbesfürftlidien ß'brigfeit einjufüljren. Gs rourbe jebermann
£)er Vertraß »on 1612.
249
oerboten, biefe Steuern gu gahlen. Vergeblich oerfucfjte ber Stat bie
Slotwenbigteit feines Vorgehens gu rechtfertigen, oergeblid) halte er
uon ber juriftifcfjen gafultät gu Warburg ein gelehrtes (5hitad)ten
ein, ber £>ergog beharrte bei feinem Verbote. Slod) einmal erflärte
er, ber Slat habe fdjledjt gewirtfdjaft, bie Urfachen ber ntifjlidjen Vage
ber Stabt feien nicht bie .^ulbigungSfoften, fonbern, wie auch i'1
Värgertreifen gemuntelt mürbe, allerlei „llnterfdjleiferei, ©igennuij
uub Slachläffigteit". @r fei bereit, auf Wittel unb SBege gu gebenten
unb bem State gu helfen, wolle babei aber feinen lanbeSfürftlidjen
SBillen rcfpcftiert fehen unb bie wahren llrfacfjen ber .Urantheit
wiffen.
Wie mag man im Slate über bie fernere Slntlage, bie ber ^ergog
erhob, gemurrt hnben, befonbers ba mau fid) getroffen fühlte! Wie
mag man über bie fdjarfc Betonung ber Slutorität beS ßanbeSherrn
gegenüber ber ftäbtifdjen Verwaltung erfchrotfen gewefen fein! Tas
hatte mau oon bem dürften, beffen Vermählung am 10. Wärg 1607
auch Stat unb Bürgerfdjaft mit groben fVeierlichfeiten gefeiert, bem
man am 27. Slpril 1608 geljulbigt batte, tauni erwartet. Stur niüljfam
nnb gewuuben fuchte fidj ber Slat in einem Berichte oom 26. Januar
1610 gu oerteibigeu, bod) Vh>lipp blieb feft. Ruinier beutlidjer traten
bei ben bis ins ^ahr 1612 fortbaiiernben Unlerhanbluugen bie
groften Wängel ber Verwaltung gu Sage, immer fdjonungSIofer
würben bie Übelftänbe aufgebeeft. Tabei brachte bie Siegierung bie
gasreichen Streitpunfte, bie immer noch gwifdjen .'pergog unb Stabt
beftanben, gu erneuter Srörterung. Sie Beratungen, Slonferengen
auf bem Schlöffe ober bem Siatbaufe nahmen fein (Snbe. Um aber
in ber ginangfragc einen giinftigen Befdjeib gu ergielen, entfchloffen
fich ber Stat uub bie Vertreter ber Bürqerfdjaft enblid) roeuigftenS bie
Befdjmerbcn ber Ijergoglidjen Siegierung aus bem S&ege gu räumen,
unb am 27. SJlärg 1612 Tarn ein Vergleich hierüber guftanbe. Tiefer
Vertrag, ber in ber umftänblidjen, ja oft gerabegu tauni uerftänblidjen
JVorm biefer ßeit abgefafjt ift, umfafjt 11 Sßunfte. -Bunädjft würbe
inbetreff bes VatronatS ber beiben Uirrfjen uon St gafobi unb Slitolau
über baS man feit 1545 (tritt, feftgefetjt, bah ber Slat Vatron ber
Rirchen fein füllte, ber ßanbeSherr aber bei ber Befetjunq bes VaftoratS
an St. Qatobi ein BeftätigungSrecht auSguiiben hatte. Tie (Berichts
barfeit in ftirdjen” unb Schulfachen befam baS geiftlidje Äonfiftorium.
2In ihrem Slnteil am Stabtgeridjte hielt bie hergogliche Siegierung feft,
unb bie £>älfte ber ®intünfte unb ber Strafgewalt Derblieb bem ^ergoge.
Ilm möglidjft bie Verwicfelungen unb Streitigteiten, bie auS biefem
gemeinfamen Befi^e entftehen tonnten, gu befeitigen, würbe im eingelnen
250 ®«r Settrao »on 1612.
feftgefetjt, rote ber ftürft burd; feinen (Schultljeifi, ber Slat burd)
ben aus feiner *mitte gewählten QieridjtStiogt bie S?ed)tfpre<hung
mit ben (Schöffen auSüben, in roeldjen ber Stat allein
entfdjeiben, roie man bei SBerljaftungen, Slrreften unb in ©oligeifadjen
norgeljen, roie roeit bie Seridjtöbarfeit bes (Schöffengerichts gehen fällte,
roa§ ber lliiterfdjulge unb ber Schöffenbieiier 31t oerrüfjteii Ijätten, rote
bie 'Jladjtroadje 31t tjanbljabeu wäre. SSegen bet SJliiljIeit einigte man
fid) bafjin, baf; bie 9Jlül)le nor bem ©afforoer Üor nicht ben Södern
bienen füllte, eine SRalgmühle auf bem JVluffe gegen eine jährliche
Abgabe angelegt roerben burfte. Xöeiter ncrglid) man |id) über bte
fragen roegen bes StedjteS an ber ©ber unb ben anberen fjliiffen,
über bie ber ftiirft ba§ £>ol)eit§red)t behielt, über bie Stieberlags
gerecfjtigfeit unb ba§ Stecht, ben Saum gu öffnen nnb gu fdjliefjen,
baS ber (Stabt nur unter lanbeSherrlicher Muffidjt gugeftanben rourbe,
über baS 91n§fdjiffen bes ftorues, bie ftifdjerei, ba§ Söafferredjt ufro.
3m allgemeinen behielt bie (Stabt ihre alten Stedjte, aber bie Stegierung
gewann immer mehr bie ©efugniS, auch hier ein SSort mitgufprechen.
Mhnlidj nerhielt e§ fid) mit ben Seftiinmungen über bie BöHe auf
(Sdjlachtniel) unb SBilbbret, bie $agb 11. a. m. (Seljr eingehenb rourbe
feftgefetjt, welche Herren- unb $tird)enl)äufer bei (St. Diarien uon ber
ftäbtifchen OierichtSbarfeit nnb ben bürgerlichen ®icnften frei fein füllten,
unb gugleid) würben bie Segirfe, bie gur Schloß unb sJJ?arientird)en
freiheit gehörten, genau feftgelegt, um Übergriffe ber ftäbtifchen fßoligei
nach SJtöglichfeit gu üerljinbern. (Stiblid) erfolgten ©eftimmungen
über ba§ ^olgrccht ber fürftlidjen Untertanen, bie in ben acht SÖaffer
börfern an ber ©ber wohnten, über eine SSafchbant im gluffe unb
über ein Stafet ober ©tanfroerf am (Stabtgraben hinter bem grauen
tore. ‘Diefer Sergleid), bei beffen Ausfertigung neben ben fürftlidjen
Stäten alle SJlitglieber eines ehrbaren StateS, ber (Stabtfdjreiber ißaul
griebeborn, (Sdjöffeu unb Mlterleutc beS ßaufmannS, fowie ber neun
.ftauptgcroerle gugegen roaren, blieb auf lange Beit grunblegenb für
baS DerljältniS groifd)eit (Stabt» unb ßanbeSregierung, man nannte
ihn ben „gülbenen ©ertrag", MlS ein (Sieg ber ftäbtifchen ©erroaltung
ift «r faum angufehen, bie ßanbesherrfd)aft hatte redjt fing bie mifjlid)e
Vage ber Stabt benutzt, fie gu ber Mitnahme oon Seftimmungen gu
nötigen, bie ber (Selbftänbigfeit ber Wemeinbe erheblich? ©efdjränfungen
auferlegten, ©b man ba§ in ber Stabt bamalS nicht fo empfanb ober
ob man über bie Srlebigung biefer (eibigen (Streitpunlte in jebem
galle froh roar, mag unentfdjieben bleiben, ^ebenfalls rourbe ber
2lbfd)lufj burdh ein öffentliches 'Santfcft in ben fiird)en gefeiert, unb
bie Stubenten bes ©äbagogiumS führten gur fjeicr eine luftige ft'omöbie
3)ie Einfeßuno btt 60 Ttönntr, 251
auf, in ber ber „SBoblftanb beS griebenS unb baS ©erberben ber lln
eiliigteit" bargeftellt rourbe.
Hatte man wirtlich funberlidje llrfadje gum geiern? ®ie fcfjroierige
ginangfrage roar einer G'ofung nodj feljr fern, unb bie Slot roudjS
von Tag gu Stag. Die Sorfchläge, bie uon tjer^oglidjer (Seite gur
©effening gemacht rourben, Erhöhung ober ftrengere Eingießung beS
®d)offe§, Verpachtung ber ßanbgiiier, roaren bem Slate nidjt angenehm,
immer wieber fam er auf bie gulage unb bie Trantfteuer guriid.
SJlandj bitteres, aber wahres SBort mußten bie Slatsljerren fid) fagen
laffen, befonberS in bem fiirftlidjen Erlaffe oom 29. Cftober 1612.
Hier ging bei Hergog mit iljnen gar ftreng mS Seridjt, tjielt iljneti
oor, baß fie nidjt im geringften fidj bemiiljten, bie Ausgaben gu oer
minbern unb bie Einnaljnien burdj geredjte Erhebung ber Abgaben,
oerftänbige Verwaltung ber (Stabtgüter, beffere JOrbnung in ber (Stabt
felbft gu erhöhen. Tie Ijergoglidjen Weite machten treffliche Vorfdjlägc,
aber fie prebigten tauben Cbren. Ter Stat entwarf groar einen ©lau
gur Tilgung ber (Sdjulben, aber traf ben Siern ber gangen (Sache nidjt.
Er wollte felbft oon feinen Einfüuften, Deputaten unb ©rroilegien
nichts aufgeben unb eS mit ben beoorredjtigten Hlaffen ber SevÖlterung
nicht uerberbeu. Tod) immer bringenber traten bie gorberungen an
ihn Ijeran nicht nur oonfeiten beS .fjergogS, ber bie Herren „wegen
fdjjledjter SSirtfdjaft roie (Schulbuben abtangelte", fonbern auch oon
feiten ber Sürgerfdjaft, bie immer mifjtrauifdjer rourbe. Sticht mehr
im geheimen unb oon eingelnen, fonbern fchon gang offen unb von
ben Sllterleuten beS ftaufmaiinS rourbe eine geregelte Vertretung ber
Sürgerfdjaft gur Slnteilnahme an ber Verwaltung geforbert. Tie Er
roäljlung von 60 Wännem gu biefem ßroeefe roar non jefet an bie
Hauptfrage bei allen ©erhanblungen, bie fich ohne Slufhören hingegen,
ge mehr ber Stat fich 0egen eine folctje Einrichtung fträubte, befto
größer rourbe bie SJlißftimmung in ber (Memeiube. Tie ratsfeinbliche
©eroegung nahm immer größeren Umfang an unb fanb eine (Stuße
an bem Hergoge, ber bie Eiufetjung einer Sürgervertretung für „nicht
uneben" erllärte. Enblidj blieb bent Slate nichts weiter übrig als
nadjgugeben. Vlm 27. SJlai 1613 geigte er bent gürften an, er roolle
feine Sorfdjläge annetjmen, unb überreidjte eine Gifte von 60 Wannern,
bod) ba erllärte fich bie Vürgerfdjaft mit ben ©Innen nicht ein
verftanben. Ter (Streit um bie Slusroahl ber SJläuuer, bie Erhöhung
beS (SdjoffeS, bie ©rüfung ber alten .Uämnierei-SlechiiungeH, bie Tilgung
ber (Sdjulben ufro. erhob fich oon neuem. Slach langen llnterljanb
hingen lam eS am 26 Sluguft gu einem Ausgleiche; eS rourben mit
guftimmung ber Alterleute 6U SJläuner ernannt, bie ©unfte, über bie
252
Bentöbunßen bet 60 SRänner.
fie beraten fallen, beftimmt, unb „gute ©inigteit", wie eS fjeifjt,
mürbe gefdjaffen.
So mar enblicf) etwas erreicht, freilidj gunädjft nur eine neue
•fnftang gebilbet, bie iiber SJlittel unb Stege gur Beffentng beraten
fällte; aber bie Slrt, wie biefe wirtlich erreicht werben tonnte, ftanb
nod) nidjts» feft. Dod) ber Umftanb, bafe ber Stuf jetjt Vertretern ber
Bürgcrfdiaft einen (Jinblid in bie Verwaltung gu gewähren bereit
war, wirfte berutjigenb auf bie erregten ©emüter. T)ie 60 SDlänncr
leifteten am 6. September ben @ib, übernahmen bie ihnen uom State
nberlaffenen 'Ämter, nnb 12 oon ihnen würben mit ber fdjroerften
Slufgabe, ber Prüfung ber früheren ^Rechnungen, beauftragt. Balb
geigte eS fid) aber, bafe ber Slat burchauS nicht gewillt war, ihnen
bie Slrbeit gu erleichtern, ja er machte burch allerlei fleinlidje 'JJlafe
regeln ihnen baS ßeben fo faiter, bafe offene Silagen laut würben.
Bei allen Boifdjlägen, bie feitenS ber Bürgeroertreter gemadjt würben,
bet allen SRaferegeln, bie fie gur Bermiuberung ber SluSgaben trafen,
tarn eS gu Streiiigleitcn mit bem State. So ernft fich bie GO SRänner,
unter benen ber Brauer Daniel Schreiber eine führenbc Stellung ein
nahm, bemühten, Befferung gu fdjaffen unb Vtifeftänbe abguftellen,
fo feljr bewies ber Stat wieber eigennützige (Sefinnung. Die Sßünfche,
bie fie oorbraditen, fanben faum Beantwortung, bie Unterfudjungen,
bie fie wegen unrechtmdfeiger ©efdjäftSführung gegen eingeme Bcr
fonen, g. B Bhitipp Snfeliti, anftellten, fticfeen auf Sßiberftanb. Die
Wemeinbe, bie alle fjoffnuna auf ihre Datigteit gefegt fcjatte, fab fich
halb hierin getäufcht. SSaS fie erwartete, bafe in furger Seit eine
Befferung eintreten werbe, gefdjab nicht, unb man fchob jetjt bie
Sdjnlb ben SDläniiern gu, bie fich »ergebens SRüfee gaben, ben
SlugiaSftall gu reinigen Deshalb würben Borwürfe unb Silagen
gegen fie laut, unb fdjon im Sluguft 1614 befdjwerten fid) g. B bie
Slrämer beim fjergoge, bafe bie 60 SRanner ihnen ben fjanbel mn
allerlei SlaufmannSwaren am Bollwert oerboten.
Stoch immer fehlte ein SRittel, bie ffinangen tatfädjlid) gu beffern,
Der Slat tarn unaufhörlich auf bie Weträntfteuer unb Bitlage gurücf,
unb nach anfäuglidjer Steigerung ftimniten bie 60 SRänner gu. Stad)
uncnbiidjen Berfeanbl ungen würbe am 20. SRärg 1615 eine Daje auf
Sl'aufniannSwareii fertiggeftellt. Slatürlidj regten fich fofort bie Sonber»
intereffen ber Brauer, ber ^jolgljdnbler unb ber Slaufleute. Der Slat
aber reichte bie reuibierte Daje bem fjergoge gur Betätigung em unb
bat um Sntfdjeibung über bie widjtigfte {frage, nämlich über bie {feft
fetjung beS BierpreifeS. SRan ntufe baran beulen, waS für eine
Bebeutung baS Bier bamals im burgerlidjen .fjaushalte hatte, um gu
Unruhen.
253
uerftetjen, wie gerabe ber SßreiS uon Ijödjfter SBidjtigfeit für olle Se»
woljner ber Stabt war. Da§ Sier war in armen nnb reichen
gamilien faft baS emsige gebräuchliche ©etränt; wie am -fpofe Runter
unb Damen morgens ihre Sierfuppe, abeuÖS iljren Krug Sier 3U fiel)
nahmen, fo war e§ in bürgerlichen Streifen faft nodj mehr ein
SiahruugSmittel, baS burch nidjtS anbereS gu erfetjen war. ©ine ®r
ijöljung beS 5ßreife§ traf baljer alle Streife uub erregte jebeSmal, wenn
fie oorgenommen würbe, große Wißftimmuiig, bie fidj natürlich gegen
bte Srauer ridjtete, oon benen eS fogleidj hieß, baß fie fich Qllf Stuften
beS nieberen SoIteS bereidjern wollten. Deshalb wagte ber Stat nidjt,
bie oon iljnen geforberte Steigerung beS JßreifeS aus eigenem ®nt
fdjluffe 311 genehmigen, aber auch nidjt al^uleljnen, ba er bie Srauer
nicht erzürnen wollte. Der ^er^og weigerte fich anfangs gleidjfalls,
in biefer Sache <ju entfdjeiben, bewilligte aber fdjließlidj bie Sier
af^ife, ohne über ben SerfaufSpreiS in ber Stabt eine ©ntfdjeibung
311 treffen. Da einigte fich bann ber Stut mit ben Srauern über bett
SierpreiS, unb am IG Quli 1616 würbe uon ben Stapeln ein Defret
beS States verlefen, in bem betannt gemadjt würbe, baß infolge ber
hohen greife unb beS geringen Sorrats an ©erfte unb Wal3 ber SreiS
für baS Quartier Sitterbier auf 16 unb Krugbier auf 13 fßfennige
erhöht werben müffe.
Sofort regte fich Unjufriebeiiheit beim Solte. in ber Stitolairirdje
erhob fidj ba§ Wurren: „Sßij fdjäle nu twe KiderhngS Seer brinten1"
Statürlidj fcfjalt man auf bie Srauer, bie reidj werben wollten, unb
auf bie 60 SJläitner, bie eine foldje Selaftung beS SolfeS nidjt
gehinbert hätten. Überall rotteten fidj bie Heute jufanimen, nament«
lieh am Sollwert, wo bie Dräger fid) einfanben, auf beu ßaftabien
unb in ben SSieten. SJtan fcfjlug Drommein, einzelne Raufen jogen
auf ben ^eumartt, wilbeS ©efdjrei würbe laut: „Sdjlagt ben Sdjelm
3U Dobel" Der Siirgermeifter Sllejanber von Stanimiu (1602—22),
ein alter SJtanu, war aufs höctjfte erfdjrectt, berief auf ben Wittag beu
Stat unb ließ, fo weit eS noch uiöglidj war, bie Stabt« unb SSaffcr
tore fdjließen. Vlber bereits erfdjiecteit bewaffnete Sdjaren oor bem
fRatljaufe, unb vergebens uerfudjte ber SpnbituS Dr Qatob Dreber
fie 3U beruhigen. „Die göftiger (b. lj bie 60 Wanner) finb ehrlos,
Schelme unb Diebe unb haben bie Stabt beftoljlen. SSo bleibt baS
große (Selb, baS bie ?lrmut alle ^aßi geben muß? SBir hoben einem
ehrbaren State gefdjworeu, ber ift nufere Cbrigteit, bem Ijaben wir
unfern ®ib getan uub nicht ben ^öftigern, ben Schelmen unb Dieben. “
So ertlangen immer lauter bie Sdjeltworte, unb bie aufgeregte Wenge
brängte in baS StatljauS, in bem einige Statöherren uoll Slngft bem
254
»uf ftanb.
Dreiben gu)d)Ql1ten. Slnbere eilten aufs Scßloß, um bort ^ilfe gu fucßen,
über ber $>ergog war abwefenb. Die fi'nftlidjcn SRäte erließen fofort einen
Vefeßl, bie SJlenge folle rußig auSeinanbergeßen unb ißre SJefcßwerben,
wie eS fid) gegieme, oorbringen. Dodß fdjon ßatte baS 2iolf Shit
oergoffen, ben oberften Stabtbiener ßoreng Drewelow im Statßaufe
fdnedlid) umgebradjt unb feine Veicfje aus bem genfter geworfen.
SllSbalb begann man bie fteller etlicher Vrauer, oor allem ben beS
oerßaßten Daniel Scßreiber am Sloßmartte 311 pliinbern, unb ber
'.ßobel „foff eine gange Stufe ooll frifcß Vier auS". ?lm SlbenO bes
16. 3uli gogen bie SSieffcßen unb ßaftabiefcßen ab, bod) bie ?Iuf
ftänbiftßen übernaßmen bie SBadje, bie Stabt war in ber ®ewalt beS
„gemeinen fßöbels". Stläglid) war bie Stolle, bie ber Stat fpielte;
ängftlid) futßte er alle Sdjulb onn fid) abguwenben, ber Viirgermeifter
Jagte, wie in einem gleidjgeitig gebrudten glugblatte ergäßlt wirb,
mit Rittern unb Veben: „ßiebe Sürger, gebet end) gufrieben, eS foll
alles wieber abgefcßaffet unb bei eurer oorigen alten ®ered)tigteit
erßalten werben." s<Mud) bie Vürgerfdjaft tat nidjtS, faum einer folgte
bem @ebote beS StabtßauptmannS Qoßann Steumann, ber bie Sürger
aufbot, bie ^jerrfcßaft ber großen SJtaffe gu brecßen. SUm 17. Quli
früß begannen bie llnrußen in ber Stabt oon neuem, bie Stenge
tuniultuierte wieber oor bem Statßaufe unb fucßte bie 60 SJtänner auf,
um fie gefangen bortßin gu bringen. Die Statsßerren eilten abermals
aufs Schloß unb erfuhren bort, baß ein fürftlicßeS griebegebot oom
£>ergoge 'ßßilipp auS Stolbaß eingetroffen fei. Dies würbe oon bem
ßergoglidjen Stat Dr. Jürgen Valentin SSintßer ber aufrüßrerifcßen
SJlenge oorgelefen. madjte baS feinen ©inbriuf, ber ßärm
beS oon Stunbe gu Stunbe anwacßfenben VolfeS, baS bereits baS
ftäbtifcße SeugßauS, ben fßuluertiirm 11. a. m. erbrocßen unb fid) nut
Kaffen oerfeßen ßatte, würbe immer größer. Da oertiinbete SSintßer
oon ber ßaube be§ StatßaufeS auS, man ßabe befcßloffen, ben alten
Vierpreis wieber ßerguftellen. $ubel unb TJreubenfctiiiffe ertönten; bie
gtißrer ber Slafriißrer, unter benen £>an§ SSinicfe oon ber ßaftabie,
SJtartu1 Briefe aus ber Stabt, fßmd ftametfe oon ber Stieberwief unb
gtfdjer ^armann oon ber Cberwief befonbers genannt werben, brangen
inS StatßauS unb ftellten ißre weiteren ftorberungen, oor allem bie
Slbfcßaffung ber 60 SJMtiner. Vergebens verfucßte ber StjnbifuS fie
gu beruhigen; bie SDtenge braußen tobte unb oerlaugte, baß bie neun
^auptgewerfe geßolt würben. Seßr langfam unb allmäßlid) erfdjienen
uon biefen etwa 50 fßerfonen. SSintßer oerßanbelte mit ißnen unb
teilte bie ^erabfetjung beS VierpreifeS mit. Sßäßrenb bie 'Vertreter
b»S StateS unb beS dürften gum Scßloffe eilten, blieben bie Sewerfe
©cfcf dfcll 4t$ 2lta ©tdfitl Mitt 2-A fylij-
ANNO idi«.
’Sont SfMffru^r ber 05 ürgcrfc^fft j
)fjr< £>f>rigf«t vnt> Bic tfo 55Q<mi<r Bafclbß.
•’? Ömnaefr bcrSJwdjfcudjtigc/W’gcbomc Jiliß
$<rr J>rr PHILIPPUS j: erflog;« Cut*
ponnncrn/bcr (Safftiben vnb OVcnberv^ ür*
;uOvngcn,©raffen ;« ©üflforc, vnbXJcern
z^^P^'oer lanbe lawcnbifrg vnb SJutbow. o?acfj lob?
äXA5W*>(afl auff bie ^agtgelegen / jpat ein Crbar Siatfc
vno Dtedb. IBürge»/ rnfa beffen ein $&mb4t Den ie». war
ber Ciingffag /;u Tllten Chitin ?cn prebigern in 6er hinten
abjiilcfen vberamworten laffen/ “ißeil ffc aber biefe» in bebenden
genommen. Ijat ein ©Oiatl? einen Qstubenten ermahnen laffen/
eine prebigt reffelbuftn Qlormiftageo in C-5?«olai ttircbm ;u
fallen' onb nad; getaner Prebigt/ folc^ ÜHanbat ab|utcfen be?
foHen/ wclcijco/ ate to gefdjefccn/in ber jRirdjen (alß man beten
follen) ein groffen Xtiniult vnb gtudjen erreget. £)enn aU ba«
gemeine ©efinblpn / fonßerlicb bic alten vnnb jungen^Bnbfrz
au|j ber förc^en gangen/ haben fie »fcn vnterhO einanbcr |uge?
fcJjrpcn mb gefaget: QBp fehlen nu twe Äirfcrüngß ®ecr Drin?
rfen Qßat/ wat/ fd^ölc wp nu twt äitfcrlingß Q5ecr brmdtn $
vnb berglcw^en 2iU nun foldjee bic Präger an bet ©rabe ne#
ben anbern crfiörtten / fcaben fidj anfangs nur ffner io. an bic
<>ö. Männer gemac^t/unb gefraget/ -Cb es ein ©. IXatfi m it ff}«
nen alfo bewilliget vnb beföloffen/ bag fie (ölten2. Äirferlmgö
tSiertriiiefen < £>arauff ftcmitgroffer jenifctytfbigung geanfc
»ortet/ 0i< Wilflen nichts baruon/wefdjes aber biefe 10 tSiirgc»
fein genügen gehabt t »ierauff £aben fief? ber laffabifäcn in bic
300. jufamm acronet/pnb mit einer grummel in einer Kriegs;
3 ff crbnung
wbmmg na f? bem DCat^ufe »nb de Wt
ßer >>rr<Xammin neben Dem oberen ©ientr loren^ gmanbt/
eben Conult im X-ttfiattfe gefeanben t <?«« *ntcr ten J>uf*
fen Den S8urgerm:«P« angcrebet vnb gefeagett QBie rin (SrbM
OUftvnb bie Jo.römwr barju fernen/bafe f? folc^onerot
£?icfe vn1) QMetfMerunv; auffbnntjcn »reiten < ^ejfenbtrt®urtf
gtrwifeer feljr «rf broefrn/ mif gittern «wt beben geantwortet Vrl
gebetten/ man wol«feine X5anbe anfegen z vnü Wßdt lieben
(©Ärger/gebet eudhu (heben / eafolidfte witerabgcfeWw
vnb bep ctvrcr vorigen alten Sfertdjagfat erhalten tverr.n-
3« bemt fanget lortm? ter oberfe« Wiener mvbieQJik*
gttmit Scfcdtroortm aniiigreiffrn/fagente: 36r Cklfetnicrt
vnb tofe kidjtferbig ©effabkin/wao börffet |br euch vnterff cQcn/
mit fe’c^cr ©etvalt vnb amgcflümigfeit m bie fJrepVeit »ejjOiao
^aufco |u fallen? 9L<b<r folgen <Bcrtct, $ er vom tyrrn EBwr«
ßcrmci|Ier gefhaff i werten/ lagen?«: (Sp/ e p lorenij / ba« ifl
viel / 3« tarne hucen ffe rrn ^urgerrrseifkr gefragte? ei' w jhu
Wftc von fcft geben obtir «ort^»fe»gcn< ^arauffergeantwor»
ect/©!tof3nn?ernie^i(&«n/ rnbiftafeMo mit ctfe^rodxnem
®cmftt.5e burdje nadj Dank gangen / atebaW fdjfcgt cü
ner auff biefen (UDiencr mit einem Äohr / ba§ er $ur irrten fdlec/
®a nehmen ^nebicQJo^fnechtcvnbfeMeppen ibne gwo ^Xrep#
pen Ijinauff auff ben ©an& ©abl/fagcnbe: l£r fep mdjt werth/
bm man j§ne $ur Xbilr hinauf; werffen follcz nehmen ffmt
terwegtn mit fernem JXapir vnb iöoldj [o er iWj an ber ^dtei*
gehabt / vno werffen traoben gum $<nßcr fcimmber auff ben
ßftarcFt vor bao *Xathau|j /b)fen ihneaüba gum <5p«tafc! Ift
gen ecnfelben 'lag vnb formte 37a$t/ bi jj er barnadj von etlft
c$en anbfrti vom piaß gtfdjaff« worben, 2lle ce nun gegen
ten2lbenbt fommcn/ijtciB feberwiber nac^ feinem lofametu
gegangen.
^olgenbci
gaben pdj bic Cber vnb odibee <03idwnz $u ben loflöbifcgcw
gefehlten zrnb in3 Fartgepenztinfehmit förtr £)tonw.J>
ftadj Dem Oiatgaufe gejogenzvnter befftn aber / ale her erßc gauf?
fen vorbe v f fcinb c>. ftürßlidje .öffkirer in btc anbtre Orbnung
tiarjwifchen getretetnz mit anffetr«ftm$Ar|lli$cnPat(m(ti
jum Sncbcn vtrmagnct zQ33oron ffcabcr fein genügen gaben
wällen/ fonbern forrgejegen z vnü ben .Offiarern jur antwort
geben: fetten ffc Sürfdi^c ®efegl ober SÖlanMaz fo feiten ft«
auffe SXatfjaufi gehen zunc baffelbe offene’xg vor febermennijp
tidj gerunber vnb aUefenz trefcfja.aiicg gefegefim.
Qüeii fic aber im abwtfen 3. g. fön. f i in genügen Man
gaben weiten zgaben fiefdmptlicg ober laut gefärpen: 5?em/
jncinzwir fönnen ober wollen folcgeo ogne 3.g.fö. föegtn wart
niefy cingegen ober glauben / .barauff ein ßewaltigw Riffen w
folget i)L
QJnb aie bicgürßlicfetCflfitira’ttiber vom 3atF;fiaufc
itadj ftoffc gangen z fcinb fte mit bcllem ^anffen b^auff auff
M Öfathanfj gefallen z taffcliige eingenommen z ficb vnttreiita
enber ‘ fu wollen ben !Xa fampe bm cro.
nern auff bäoCKatfiau^ ßokn z fte feiten brr s&ürgcrfcfjafft rtefc*
rißt IXecbnwng tbun.
auff («inb ber halbe thcil aüffm IKatfanfe geblieben /
bie anbern in ber ^twe omb^r gegangen > btc 9? atheperfobnen
fainpf Ctn (?cd$wn gefuebet/ welch* 0$ «wo tbcile oorßcöttz
iiembtid? ein Werfer in ten ftitpenfaflcnz ein Ccbnewcr in bei»
^itw/vnbtcrgleic&enzauchtinenQ3ütgtr/wcldhcr vmb frw
flung fnneo leben# vmb föottco willen gebettenz vnb vergeben?
k* nette nur 500. föüibtn von tiefem föcibe bcFommcn/bit woU
te er gerne wiber fcerfür geben. Stefe onb anßere me$r z terem
an ?er jahl 27. von btn gcrotfcn f® befrmmenz
fcabe» pc mit ^nifchm vnb btfen fpdnifchcn Worten: ^«e viel
3 u/ W»
tytfu geFriegte q&it t»ic( frrf tu
Ädlbcr/tgchaffc Wommen bcp bem icibc frinuuff aufr basXat*
h<auß gefAfcr« / vnb bafclbß ben SOJuwochtnCfUiche / vnb folgen*
Den £)onncrßagbiß fölocFi. ftachmittag/ jämmerlich ohne ei*
tilge <?peiß vnb Xrarcffiflcn (aßen / bic ringen auf: ben 60«
fein a»ß Cer €5rabt enttrunnen« ^ntcr hfta iß tue gemeine
£\finblcin in bic ©rawcr ÄeUer grfatlen/gc fraget vnb gefaxt:
JJajtaatidj jtvcp fticferiing»©tcrgebrawene »ne Cie kennen
•wf;CenÄ<U«ngcn(wni(ii/«ijft cic frept (Straffe gcfctjtt/ he
©öhn mit ©roten vmib ijrcnai>ßgtfch!agen/ba» ©icr mi<
JJfltften Prüfen vnb Pötten außgefoffen / barnach bie gönnen
tnijtvcp gepaivcn vnb alkrlep muthtriü vnb Icichtfcrngfcn bar*
be p getrieben/ baß eg $u erbarmen gewefen/ taf; fich auefj bie ivot
»ermägenben reifen beute teforget/ (g möchte über unb ober ge*
henvnb bic ganpt (Stabt gepiünbcrt werben / bahero fie verur*
fachet / ihre Qjai?rföptft vnb €Mlbcrwcrrf in anbei leine J04u*
fer p tragen/ auch c'n® t^8 flU£ c<** <S?<abt gemacher.
SÜnbrocif ein@efchrcp cntßanbcn / baß he €?tubcnteil
»nb ÄauffgtleUcn bae «uf> ö<m ^cugfjaufe nt hmenz
unb unter bic Kebeßen richten rootten/haben fie foU ty« erfahren/
bcrfcalben ba*3eug$<»ue mit 300. flRann bcfc^ct.
JTae^bicßm fein etliche mit ber ©rurnmet jiach beß &m#*
tert Jfcaufc gangen/ a!» ihme folche» funb worben / iß er von fei*
wem ^aufe auff einem Q5ange nach £offc gcepfer.
Tilgte nun gegen bcnTlbenb fom men / haben eine thtiff
CaeOtathauß in Verrohrung bellten/ heanbern fei nb mit beb
JDrummcl/ großen fchicffcn / freße! vnb muthviücn/ bie Tracht
turch' in aßen (Mafien ge$ogtn/biß auflf ben OJtorgen frü.
£>tn folgtncen ^Öonnerßag war ber is. (üben fich
300. flftann auftben OSareft vcrfam’tt/ einte ifrbarn IXathei»
grummel vomXhurn genommen/in aücn^ßcnlchlaaen
wnHußrMfffflfaflm; fich ein ftb«©ärger/hp vcrimt
JJabvnh in einer MbttifrStunfce mit feiner fcßcri&Ber
rnD unter <2£tf)r o uff Dem (Storche feite ffntw faßen / wcfc^o
auefe ßcfdjc£en. 2t le aber ein SDtann / fo in einem ÄeHer roof>
tut/ DomaUm^t em^cmifc^gewefen/ g«t feine gron» ffefcan
Jfjreo QJtonnee ffatt/ mit einem ongegörttn £>cgen wo sSpieffe
«uff frep'n ÖJfcnrfte nebenff andern eingepeHet« Snmittelff
|>at fie!} etlidj rucfjiofj QHfmbtein voll gefoffen / vnb fidj vertief)*
tnen I affen/ tvie fie Den teufen tprtn Spcct '^Bürff/jkifc^/äU^
ten QBi^men nehmen vnD fu^fufftg Darbep macker tvoltcr.
QL'te nun Ue Statt m fcldjer greifen Ovfafcr geflanten / vnö
jetf rman vermevnet/ es tvürbc nun aUeg ju ftütfen gehen vnt vertvü*
ff et werten/ ifl burcij fd)icti!ng teü 2lfiined)tigen ©ottetf/ \ft.®n.et>
lentg von ter ^agt «nfcinmen/vno weil fie eben in teilet QBefcr tn ter
Srraifen ge|l mDcn'haben j.$.© Wttcn bin cb |te nad) £offc reuten
nitiifen/ ta t>cnn‘^-S (35n.<Uvt>^lt> b fohlen/ etliche greife (5efd)iip vnt>
eine 'Jonne l'ulff^r 4ufft>uS Scl)lo|i jii führen / nn SlotbfaU ful) &ar*
nut ju bcfdjüijcn.
97adjtntrrag (Bloct a. t>aben ^-3 ® n. 4.<Ji-('mtneter fainyf
tetn (?irtferOTarf-l?a(ct vom -^ojfe äuff ten Wiarcf/ vnb u all« C^a||cn
gneben tublafenhetunbet gefeijutet/ viwpatter gutterOTarfdfaLf
bas ^iirflädK QSantat ipnen vorgetefeii / ta vnter antern tu fee t i«
t>rep vorneinbiten «Puncren gewefen;
I- ^)afj 3-^ fle 6ey $ren alten privik&ien
Weite fdjüt^nvnt $atw: abm
II* (5cIle Die ^«fe wü 25fcrfldgcrutiq a6gcf.*ßaffet-
ZZA ©ollen ye©ec%i0 ^Jecnner ar^efetset wertet-
2lls nun foldjetf vcrlefen, ift letcrtnanßiilvnt frtctlid) ivfberumf
|Wd) ^>a«f« gangen/ vnt ferner fein Jumult gefpicet Worten.
RVas b’vrauff «etter erfolgen tvut / gibt bte gelt
Photo!Mih*'Su&fnbffh,
gjerftellung ber fRulje.
255
auf bem Danafaale bes fRatfeaufed, roo mit wilbem, luüftem Sefdjrei
unb nidjt ofene Dällidjteiten verfeanbelt würbe. Die Sitterleute unb
bie von ben 60 Slännern, bereu inan batte feabfeaft werben tonnen,
würben bort fcftgefealten, ber Slotar Slnbread flagge, ber von ben
Slufftänbifdjen feerbeigefeolt worben war, fudjte vergebend SRutje gii
ftiften, er geriet babei felbft in ßebendgefaljr. „Die gan,je Vladjt über
ljaben fie bie Drommel in allen ©affen mit Scfeiefeen unb Sännen
gefdjlagen. “
Sim 18. Quli früfe traf £>er<jog ißljilipp mit feinem ©efolge in
ber Stabt ein unb ergriff fofort Slaferegeln, bie fRufee wieber Ijerju
[teilen. Der IRat, Kaufleute, ©ewerte würben auf bad Sdjlofe ent-
boten. Dort erflärten bie Sürger, fie wollten auf ber Seite bed
£>et,jogd unb bed IRated ftefeen, weigerten fidj aber mit Söaffengewalt
gegen bie Slufrüferer vorjugeljen. Sobann bradjten fie iEjre gorbe=
rungen inbejug auf bie Sefferung ber ftäbtifdjen Serwaltung, bie
©rfealtung ber alten greifeeiten, bie SIbfdjaffung ber Siertaje unb ber
Sierjife u. a. in., vor. Der IRat felbft, an beffen Spitje jetjt ber
Sürgermeifter ©lernend Slidjaelid erfdjien, ftellte fidj unter ben Sdjutj
bed $erjogd, bei bem er mit ®ut unb Slut bleiben wollte. Darauf
liefe biefer burd) einen £erolb in ber Stabt SRufee unb grieben ge=
bieten unb betannt niacfeen, bafe ber alte Srci-' für bad Sier gelten,
bie 60 SRänner abbanten unb alle Sefdjwerben unterfudjt werben
füllten.
Darauf legte fid) ber Slnfftanb, ber, wie einige halb gebrudte
„Seriefete" ober „waferfeaftig neue Leitungen" beweifen, über Stettin
ljinaud Sluffefeen erregte. Den fdjwerften Sdjaben ljatte bie Slutorität
bed SRated erlitten, gegen ben bie fifeärfften Slnfcfeulbigungen laut
geworben waren. Stan nafein feier nur „Doctored, Dellerleder unb
Scfewägerten" in beu 'Jiat auf, fo featte ein Sürger beu Herren felbft
äugerufeii. IRatlod unb ofeumädjtig ljatten fie fidj unter ben Sdjutj
bed ßanbedfeerrn geflüdjtet unb bamit bie Selbftänbigfeit ber Ser^
waltung preisgegeben, '-ßfeilipp II. liefe aldbalb bie ftfewere Slrbeit ber
Steuorbnung unb ^Regelung burdj einen grofeen Slusfdjufe in Singriff
nefemeit. Diefer war aud fiirftlidjen 'Jiäten, Statdfeerren, Sertreteru
ber Kaufleute unb ber ©eiverfe jiifanimengefetjt, audj ber g-üferer
ber 60 Stänuer, Daniel Sdjreiber, würbe jjuin grofeen Sirger bed
Stated feinjttgejogen. Unenblidj war bie Stüfee ber llnterfudjung,
uitauffeörlüfe bie Klagen uub Sefdjwerben, ^afellofe Seridjte über bie
©reigniffe vom 16.—18. Quli würben eingereiefet, Qnquifitionen uub
Serfeöte fanben ftatt, IReifetfertiguiigdfdjriften ber 60 Stürmer, ber
ßaftabifrfeen unb Söietiftfeen liefen ein. Stodj feeute fann man fidj
256
Unterfudjunfltn unb '-öerntmtßtn.
in ben Slftenftöhen foitin gurecht finben. DaS erfte, waS erfolgte,
war ber fürftlirfje Slbfdjieb oom 14. Sluguft 1616, ber bie Enllaffung
ber 60 SRänner oerfügte unb bie Serwaltung unb Slnffidjt über bie
Stabtgiiter unb Einnahmen bent Slate übertrug.
Die UnterfncfjungSfoinmiffion, bie baS gange gatjr hinburdj tätig
war, bectte bei ber Prüfung ber alten ^Rechnungen viele lltiorbnungeu,
'JRätigel unb Sdjäben auf, bie teilweife an llnterfdjlagung uub
Setrug nahe Ijerniireicfjten. Sluf einen Seridjt an ben .^ergog gab
biefer feine ßntfdjeibung über bie SluSftellungen funb, bie teils nieber
gefdjlagen, teils aber aud) weiter unterfudjt werben füllten. Daraufhin
würben Klagen gegen frühere Kämmerer ober beren Erben erhoben
unb oerljanbelt, ohne baf; im einzelnen viel babei herauStam. ^ur
Sefferung ber ßage gefdjalj etwas burd) baS SRanbat beS $ergogS
vom 24. SJlai 1617. Die Verwaltung ber (stabtgiiter würbe bem
State beiaffen, bod) mit manchen Sefdjränlungen, inbem nicht nur
17 Sürger ben einzelnen VatSljerren bei ber Slbminiftration gur Seite
ftetjen füllten, fonbern and) ein SluSfchufj von 18—20 SJlännern gu
ben ®efd)äften ber Kämmerei uub gu ber Prüfung ber SHedjmntgen
unb Slegifter Ijingugegogen werben füllte. Diefe hoppelte Sürger-
oertretung oon 17 SJlännern, bie eingelnen VerwaltungSgweigen gu=
geteilt würben, unb von 18 'JJlännern (8 Kaufleute, 6 Sauern,
4 $anbwertern) würbe fogleid) eingefetjt unb ljat längere Seit be=
[tauben. Die größte ®?ülje madjte bie grage ber sd)iilbentilgung
unb ber ginangreform. Sin Vorfdjlägen, Verljanblungen, Seratungen
ufw. fehlte eS nidjt, ber IRat tarn aber immer wieber auf bie .Bulage
gurüd, unb fie wäre aud) bewilligt worben, wenn ber $ergog nidjt
proteftiert Ijätte. Er fd)lug eine gerechtere birefte Sefteuerung unb
eine freiwillige Slbgabe oor, ftieß jebod) auf SBiberftanb. So ging
bie Seratung hm unb Ijer unb würbe burd) baS Eingreifen ber ßanb»
ftänbe nod) erfdjwert. Sdjliefjlid) würbe bann eine breijährige Steuer
auf ben ®runbbefig (vom $aitfe 12—4, oon ber Sube 6—2, von
bem Keller 3—1 Sulbeu ufw.) neben bem gcwöljnlidjcn Stabtfdjoffe
bewilligt, als ber Slat fid) entfdjloffen hatte, für biefelbe Seit auf feine
Deputate gu ocrgichten. gn ber Serorbnung beS -frergogS grätig f.
oom 2. Vovember 1619 würben biefe Seftimmungeu mit ber Seftätigung
einer breijäljrigen ßulage auf Kaufniannswaren unb auf tWetränfe
gufammengcfafjt. ßugleüh würbe ein SürgerauSfdjufe oon 22 SJlitgliebeni
eingefetjt, ber biefe Slbgaben erheben unb baS Selb verwalten füllte.
Damit war bie '.Reform beenbet, bie fo fiimmerlidj fie auch mar, bod)
immerhin für bie Entwidelung ber ftäbtifdjen Verwaltung eine große
Sebentung hatte. Die abfolute ®ewalt beS IHateS war gebrochen, bie
£)a$ fleiftiße Sehen in bet Stabt. 257
Sürgerfd)aft batte jeijt eine regelredjte Vertretung, man machte ben
Slnfang, bie birefteu unb inbireften Steuern gerechter 311 «erteilen.
Vbilipp II- fjntte bei biefen langwierigen Verl)anblungen nidjt
gerinqe’^atfraft unb Vefonncnbeit betoiefen. Gr war babei oon einer
Batjf tüchtiger Slate unterftügt, unter benen fein flankier Wlartin
yjtarftirller ober bie State Vogiflaw ißljilipp (££)enini|j unb Jürgen
Valentin VJiiitljer benwrragten, Sie biatten «eben anberen iljre
Vtol)iiitngen in Stettin unb hoben and) ba§ geiftige ßcben in ber
Stabt. ®ieS gewann in beit Qaljren Philipps eine felteue Vlüte
befonberS infolge be§ lebhaften QfntereffeS, bad ber -Öer^og allen Ve:
ftrebuugen auf bett Gebieten ber Vöiffenfdjaft unb Stuuft entgegen*
bradjte. '«Huf feine Slnregung fertigte ber Hloftorfer Gilljarb ßubitt
nad) genauen Slufnaljmeii eine gtofje ft'arte beS ßanbeS an, bie 1618
oeröffentlidjt mürbe. Sie ift mit ornamentalem Seiwert, VJappeit,
Stammbäumen, tßorträts, befonberS aber mit Silbern pomiuer
fd)er Stäbte geftbmürtt. Sictet bie ßlnftcfjt uon Stettin auch teilte
genaue SSiebergabe ber Stabt, fo ift fie bod) für nufere Kenntnis
fet)r roertooll. Slnbere SBerte, namentlidj gefdjidjtlidien 3fnljalt§, regte
ber £>er-jog au ober unterftütjte fie. Von ihnen ift tjter an erfter
Stelle bie „l)iftorifd)e Verreibung ber Stabt Sllten* Stettin" 311
nennen, bie Saul griebeborn (geb. 1572) 1613 IjerauSgab. Gr
war feit 1597 Setretar ber Stabt, würbe 1616 in ben Stal gewäljlt
unb uerwaltete oon 1630 bis 311 feinem üobe (1637) baS Vint beS
VürgermeifterS. Sein Viert bat bis auf bie ©egenwart feinen Viert
bel)alten, ba ber Verfaffer mit Sorgfalt unb bie 9lad)rid)teit
über feine Vaterftabt fanimelte, Urfunbeu unb Sitten im ganzen oer
ftänbig beiiutjte. Später (1623) gab er nod) eine titriere lateinifdje
Vefdjreibnttg ber Stabt heraus. 3« ben literarifd) tätigen Wläitnern, bie
mit bem ^erjage SbtHpp in Verbinbung ftanben, gehörten namentlich
and) bie ffleiftlidjeu unb ßebrer ber Stabt. Von jenen finb 311
nennen ber Wfarrer an St. Wlarien Dr. Daniel Gramer, beffen grojjeS
„VommrifdjeSitirdjen Gl)roiiiton" 1628 erfdjien, berSlrd)ibiatou^oad)iiu
Srätoriuö, ber al§ fiirdjenlieber Tidjter befaunt geworben ift, ber
®iaton an St. 'Jlifolai gauftinuö Slenno, ber S°ftur 011 ®t- Seter
Soul Shilippttö GrabeliuS u a. m. Sie alle oeröffentlid)ten (Megen-
beitSreben, 61cbid)te in lateimfd)cr unb beutfdjer Spradje, SrebiflteH
ittib gelehrte 9lbl)anblungen in großer 3al)l, nicht gerabe literarifdje
ßunftwerte, aber 3eitgitiffe eines wiffenfd)aftlid)en Strebens. $11
Vlüte ftanb baS fürftlidje Säbagogium, bem Cicrjog Sbilipp befouberS
jugeneigt war. Wimmer wie ber Siettor Gbriftopf) ^unidjiuS, ber
Slonrettor £>eiiirid) ftielniann, ber 1617 3U111 IReformationSjubiläum
(Heermann, oon Stettin.
17
258
fiunfipfltße Bbil’WB II.
ein ßut^erfeftfpiel nerfafete unb doii [einen Spülern auffii^ren liefe,
wirften anregenb auf weitere fireife. Sind) Bürger ber Stabt folgten
ifjrem Borbilbe unb fdjloffen fid) gu einem fireife gufammen, ber fid?
bie fßflege ber SBiffenfdjaft angelegen fein liefe. SBenu wir aud) über
ifere poetifdjen ober profaifdjen ©rgeugniffe lädjeln unb ifjre 1)rud«
fdjrifteii mannigfadjer 9Irt mit 9ied)t oergeffen finb, fo ljaben bodj
ber ©ifer biefer SJlänner unb itjre greube an bem, was fie fdjreiben,
etwas SlüljrenbeS. Bei allem inneren £>aber, bei ben iinglürflidjften
^uftänben in ber Stabt finben fie iljre Befriebigung am Berfemadjen,
am gemeinfamen Berfefjr, wobei eS feiner unterläßt, bie unfterblidjen
Berbienfte beS anberen tjeruorguljeben unb in fjotjen ^önen fein ßob
gu Derfünben.
SSie feierten fie alle itjren dürften, iljren SJlacen! SSenu er
feinen SeburtStag beging, am 3af)r^atifang unb gu Söeiljnadjten,
bei Jeftlidjfeiten unb fürftlidjen Befudjen, immer [teilten fie fid) ein
mit ®liidwunfd)gebid)ten, ßobreben unb ®rutf werten, freilidj nidjt
allein oon Begeiferung getrieben, fonbern oft in ber Hoffnung auf
eine redjt reidje Seloljnung. fßljilipp naljm biefe ^ulbigungen in
feiner ruhigen SBeife an, wie etwas, baS gu einem fürftlidjen ßeben
gehörte, unb featte feine Jreube baran, wenn fein £>of in Stettin als
ein Sife ber Sllufen, als eine Stätte, wo SBiffenfdjaft unb fiunft
gepflegt würben, gepriefen unb befangen warb. Silit grofeem ©ifer
betrieb ber [Jürft bas Sammeln doii allerlei fiuriofitäten unb SJlert=
würbigfeiten unb gewann bafür einen ber bebeutenbfteii Agenten, ben
belannten 2lugSburger_J3l)ilipp £jginljofer, mit bem er eifrigen Brief=
roedjfel unferljielt. ©r mufete für ben 'fjommerntjergog allerlei gum
Seil £)öd)ft mertwürbige Arbeiten beS fiitnftgewerbeS anfertigen
laffen, wie g. B. bie fonberbare Spielerei beS SRaierljofeS ober ben
wunberbar tunft= unb gcfdjniarfDollen Sdjranf, ber mit feinem mannig
faltigen Qntjalt uub in [einer bis inS Gingelne fein burdjgefüljrten
Bearbeitung nod) fjeute als ein ©unberwert bes bamaligen fübbeutfdjeu
©ewerbeS gilt. $ür feine fiunfttammer, in ber neben Spielereien
unb [Raritäten audj mandje fiunftgegenftänbe, Silber, Beidjnungeii
aufbewaljrt rourben, begann '^Ijilipp ein eigenes ©ebäube an baS
Stettiner Sd)Iofe angubauen als ein oonditorium Musanun et artium,
bas 1619 fertig gestellt würbe. Sind) bei biefem Bau nnterftüfete
iljn ißljilipp $ainljofer, ber im ^aljre 161 £ felbft nadj Stettin tarn
nnb einige SSodjen beS £jergogS ©oft roar. VluS bem bamals uon
iljm aufgegeidjneten Sagebudje erfahren wir doii bem ßeben am
Stettiner $ofe, oon Dielen ißerfoneit, bie bort nerteljrten, uon ben
fiunftfdjäfeen, bie ber 3?ürft mit Stolg ben ^reunben geigte. Blau
ßeben in ber Stabt.
259
ljatte bamals in Stettin feine fjreube an gutem (äffen, einem träftigeu
Srunte, am SBaibmert, aber ancf) an Südjern unb Silbern, an
HJlün^en unb tDtebaillen, an flunftroerfeit unb H'uriofitäteii, bie int
Sdjloffe überall oortjatiben maren.
(5§ ift ungmeifelljaft, meint and) im einzelnen nicht narij^umeifen,
bafj burd) bie§ ßeben am ^ermöglichen £>ofe ben ^aiibmertern Stettins
manche Arbeit unb mancher Berbienft gefdjaffen mürben. Sind) gogen
auS ber Jrembe Sufdjler nnb ©olbfdjmiebe, SOlaler unb Silbfd)iiifeer,
Dredjfler unb ©taSmadjer, Sudjbritrfer unb Sudjljänbler in bie Stabt,
feitbem ber Stuf mm beö ^ergogS ^ntereffe an tunftgemerblidjen
?lbb. 13. üllter SlatSfetler.
Cüegeuftäubeii in meitere ßanbe gebrungeii mar. Sie ljatten, mie eS
fdjeint, an ber Stabt iljr (Sefallen, beim eS „florierte Stettin an
©eleljrten, au $of« unb Kaufleuten, fo bafe einer Slnfpradj unb Kon
oerfation finbet, mojtt er ßnft fjat“. 2>er fürftlidje SSeinberg unb ber
ßuftgarten oor bent UJtüfjlentore boten einen angenehmen Slufeutljalt
unb maren oft Sdjauplätje froljer J^efte, unter benen befonbers
bie freier, bie 1612 ju (Sljren bes neu gewählten KaiferS ÜDlattljiad
oeranftaltet mürbe, int ffiebädjtttiS blieb. 3» ber Stabt felbft mürben
mandje Sauten aitsgefüljrt, um iljr ein ftattlidjereö Slusfeljen ju geben;
fo fanb int ©ttober 1608 bie feierlidje (Sinmeifjung bes Neubaues
ftatt, ber in ber grofjen 'SJomftrafje (Ijeute 9lr. 22) für bie fürftlidje
Kanjlei errietet unb nad) ber Sitte ber $eit mit Qnfdjriften, Söappen
17
260
Tüflert «Stimmungen.
unb ©mblemen ausgefdjmüdt roorben roar. Sei ben ytircfjeii oon
St. Bieter unb St. Bfatob rourben 1602 unb 1603 Türme erridjtet
unb einzelne Sürgerljäufer in biefer Beit neu Ijergeftellt ober au§=
gebaut. So machte Stettin bamals auf frembe einen ganj „luftigen"
©inbrud, wenn and) rootjt faum alte ba§ au§ oerfdjiebeHfarbigen
Biegetftcinen erbaute fßatt;au§ fo berounberten, roie Sljilipp .^ainljofer,
ben eS mit feiner bunten ^affabe art ben Tom in Siena ober ben
(Sampaiiile in Stören^ erinnerte. Son ber JfJradjt ift [jeutc nidjtS
norbanben; nur bie ©eroölbe beS Stellers mögen nod) uon bem alten
Sau Beu!lni§ oblegen. Ten fRutjm, beit ßotalpoeten bamalS non
Stettin vertünbeten, roerben roir nid)t roörtlid) neljmen, jiimal ba roir in
beu nüdjtenten Sdjriftftütfen uiel meljr Klagen über teuere Beit, ißeft
unb Jtranffjeit (1613), Überfdjroemmungen, UnglütfSfälle u. a. m. lefen.
ÜRit trüber Slljnung uub einer faft frantljafteu SRelandjolie fafjten
bie Beitgenoffen foldje Vorgänge auf. SJlan fatj überall unb immer
Slnjeidjen be§ brofjenben BomeS Glottes, modjte ein geroaltiger 8ßal=
fifdj an bie lüften beS ßanbe§ getrieben roerben, uon bem man
finodjen gur SBarnung für fpätere ©efdjledjter am Sdjloffe auft)ing,
ober irgenb ein fßoltergeift fid) unliebfam bemertbar madjen. Sin
Bauberei unb bas oerberblidje Treiben ber gieren glaubten audj bie
©cbilbetften unb tonnten bie [?nrdjt bauor nidjt bannen. Selbft in
ben politifdjen Serljanbliingen tritt bisweilen foldje trübe Stimmung
beutlidj gu Tage; es roar, al§ ob mau bas fommenbe ©lenb atjnte.
Sicher würben baburdj audj bie Tattraft unb llnternefjmungSlufi ber
Sürger geläljmt, im .ftanbel madjte fidj allmäljlidj ein Stillftanb
bemertbar, ben mandjerlei Serfudje gur Sefferung ber Serljältniffe,
roie bie Gcinridjtung uon ^roei jiitjrlidjen fßferbemärften (1613), neue
Crbnungen für ben ^jaiibel mit grcinben, Serbote ber llonfurreng
feitens auswärtiger Xtleinijänbler auS .fjollanb ober Sdjottlaiib (1610),
Serljanblungen über ben .ftanbel mit ber SJlarf unb bie SSartlje
fdjiffaljrt u. a. m., nid)t 311 befeitigen imftanbe waren.
Sim 3. Februar 1618 fdjieb ber .fjer^og fßljilipp, erft 45 Btüjre
alt, auS bem ßeben. Siu ber Seite feines ein Baljr normet ucr
ftorbeiieu jüngeren SruberS ©eorg fanb „ber Sater beS Saterlands"
in ber fjiirftengruft ber Sdjlofjtirdje bie letjte Sluljeftätte. Siu beibe
erinnern jioei bort befinblidje ©emälbe, auf benen bie gürfteu
auf bem Totenbette liegenb bargeftellt finb. Ter 'Jladjfolger '.ßljilippd,
fein Stuber grana II., war infolge bes rafefjen $jinfterben£ ber
©lieber bes pommerfd)en $ürftengefd)Ied)te§ uon trüben Slljnungeii
erfüllt. 9lid)t oljne ©nergie, aber oljne redjteS Selbftoertraueii unb
tJreiibigfeit waltete er feines SlmteS. 3n Stettin ljatte er fdjroierige
Streit mit Starßatb nnb ©ollnoro.
261
Slnfgaben; bie ginanjreforni war nod) nirfjt erlebigt, i» bie fragen,
bie iljm feine Bäte verlegten, mußte fid) ber (jerjog, ber biötjer als
Bifdjof von Sammln in Heineren Berf)ältniffen gelebt tjatte, ninfjfam
einjuarbeitcn verfudjen. So Diel BeucS, Stabtaulage, Slccife, llnter=
fudjung beS Säminerciwefens, brängte auf ißn ein, baß er balb
unmutig bie ©efdjäfte meßr unb meßt feinen 'Beamten überließ unb
nur feiten perfönltdj eingriff. Sind, Gratia oerjidjtete gegen 3al)Iung
von 15000 ®ulben auf bie .fjjulbigung unb beftätigte am 21. Sep=
tember 1618, als bie Stettiner ben Sreueib geleiftet batten, iEjre
Privilegien.
Die Stabt tjatte bantalS neben bem nod) lange nidjt beteiligten
ginanaelenbe nod) mit vielen Streitigfeiten unb $änbeln gu tun.
Sunädjft fant e§ ju neuem Streite mit Stargarb unb Sollnow roegen
beS ftornßmibelS, beit bie Bewohner biefer Stabte auf ber $I)na
trieben. 3war ging man jeßt nicht meljr mit Sßaffengewalt gegen
fie vor, aber ber 9iat erneuerte eine Berorbnung, burch bie cS
allen Sdjiffern verboten würbe, vor ber Sßnanuinbitiig Som aus ben
.ttäljnen unb Sdjuten in bie Seefdjiffe ju laben, hiergegen erljob
fid) Söiberftanb feitenS ber Sdjiffer nnb ber ^änbler au§ Oiollnow
unb Stargarb, bodj ber Sliat fdjritt mit Strafen gegen bie llngcbor
famen ein. 'Ulan begann alSbalb mit Schriften unb Segetifdjrifteit
ju ftreiten, berief fid) auf '“JlriDilegien unb SRedjte, 30g tjanfifdje grei=
beiten heran, fowentge aud) von biefen nod) beftanben. Die Stargarber
unb (Mollnower riefen Stralfunb ju £>ilfe, unb ber Bat biefer Stabt
brachte wirflid) bie Sadje vor bie $anfatage. Sind) Stettin befeßirtte
wicberßolt biefe Scrfammlungen, auf betten man ängftlid) über eine
Betätigung ber bättifdjeti Privilegien burd) ben Sättig Sbriftian IV.
beriet, ber 1593 felbftänbig bie ^Regierung angetreten batte. Der
SijnbifuS Dr. Samuel Sdjwald) nnb ber BatSberr Qafob Srebbin
waren feit 1598 wieberbolt in Hübert bie Bertreter ber Stabt, ver-
mochten aber, ba Stettin eigentlich feine befonberen llrfunben über
feine Bedjte in Dänentarf befaß unb feine Privilegien ^ttr Betätigung
vorlegen tonnte, nidjtS red)t auSauridjten. Cbrooljl bie Soften für
folcßc ®efanbtfdjaftcn hort) mären, fotuite man fid) bod) nidjt ent=
fdjließen, bavon abaufcljen. Qn Hübert fanb 1618 aud) bie Berbanblung
wegen bes Streites mit Stargarb unbGJolInoio ftatt, natürlich obneförfolg,
fo fetjr fidj gnebeborn, ber bie Stabt vertrat, auf baS alte BieberlagS»
red)t berief. (Sr behauptete, Stettin fei allein auf ben £>anbel angewiefen,
wäljrcub bie beibcu Stäbte reiefje Hanbgiiter befaßen unb fein
9lcd)t auf Sechanbel unb Schiffahrt hätten. Diefe Berhanblungen
verliefen cbenfo fläglidj, wie bie anberen Beratungen ber fpanfatage.
262
®tr ©rojeg mit granffurt.
©tettin ljatte faum nocfj einen ©utjen non bem alten ©itnbe, beffen
©lacht unb ©ebeutung läiigft baljin luaren. ©bcnfoiueuig uermodjte
bie 4panfa in ben letalen ©treitigteiten eine entfdjeibenbe ©olle 511
fpielen. Sieben biefem gante mit ©targarb unb ©ollnom ging bet
stampf mit granffurt a. D. bet’- ®eit gahrfteOnten fdjmebte ber ^ßrogefj
uor bem ©eicbSfammergeridjte, bie Elften fdjmollen immer meljr an, bie
fioften mürben immer größer. Unter ben meljr als 24000 Giulben,
bie ©tettin non 1560—1609 fiir ©edjts» unb giuftizfadjen auSgegebeit
ljat, mirb mobl ber ©often für ben grattffnrter ©rogeß ber betracht
licf)fte fein. Sin ©erfudjen jur ©eilegung bes ©treiteö unb an ffier
mittelnng fehlte cS nidjt, felbft (SF>riftian IV. mm ®änemarf uerfudjte
1600 eine gütliche ©erbanblung berbeiznfübren, erfuhr aber uon feiten
Stettins eine febnöbe Slbleßnung. ©niftlidjer gingen ©ranbenburg
unb ©ölen mit Drohungen, SSarnungen unb ©erboten, ja mit We
roaltmaßregeln, roie ©efdjlagnahme oon öütern, uor. Slber alle foldje
©litte! fdjafften ben ^Srogefj nidjt auS bem SBege, er ging meiter mit
©eplifen, Tuplifen, Üripliten, ©edjtSgutadjten, ©erhören ohne ®nbe.
©nblid) am 13. guni 1623 erfolgte baS Urteil bcS ©eidjSfammer
gericf)t§; eS uerfünbete, ©tettin habe nidjt baS ©edjt, ben granffurtern
ben ©aum 311 fperren, fonbern miiffe ihnen, roenu fie bie ©ieberlage
uon brei Tagen gehalten unb bie üblichen gölte bejaljlt bitten, bie
galjrt in ©ec geftatten. ©tettin unterlag in bem langen ©treite,
fügte fidj aber bem Urteile niefjt, fonbern fuhr fort, bie ©iualen ju
beläftigen, fo tueit biefe überhaupt nod) imftanbe maren, iljren ©ieg
auSjitnußen. Tenn granffurt ljatte fidj faft oerblutet in bem U'ampfe,
ben eS über feine JTräfte hinaus burdjfodjt.
Sind) in ©tettin batte man zuleßt beu ©rozeß nur nod) beS
©rinjipeS ruegen geführt Tenn bie UnterneljmungSluft mar fo meit
gtirürfgegangen, bafe ber ©at fidj nicht fdjeute, 1619 ausjjufprechen,
„baS Slbenteucrn gur ©ec fei gefährlich unb beffer anberen ©ationen
311 überlaffen". Taljer mar audj ber Slnteil, ben ©tettiner ©djiffe
an bem ©erfeljr burch i>en ®«nb nahmen, in biefen gabren feljr
gering, ©on 1588—1619 haben ibn nie mehr als 39 gabrgeuge
paffiert, 1613 finb in ben gollbüdjern nur 7, 1617 nur 12 ©djiffe
auS ©tettin uer^eidjuet. Tie gatjrjjettge, bie nach Cften fuhren, famen
faft auSftbließlid) auS ben ©ieberlauben, ganz uerein^elt auS ©ortugal
ober grattfreid), ber ©erfebr mit ©oriuegen ljatte fo gut mie ganz
aufgcljört. (Sine Urfadje bicfeS ©üdgangeS liegt gerniß in bem ©lange!
an UnternehmungSlnft ber ©tettiner unb in bem finanziellen ©anfrott
ber ©tabt. ©Ian fudjte ben ©innenbanbel noch einigermaßen aufredjt
31t erhalten, ftieß aber auch hier überall auf ©djmierigfeiten bet
©anbei.
£63
Sranbenburg unb 5ßolen, auf ber ÜKtartljc unb ber Cber, auf ber
Uder uub fßeeue. Sind) bte aut 3. Slouember 1619 oom ^eraoge grana
auf brei gjaljre bereinigte Stabtaulage fdjäbigte uielleidjt beu
.£janbelsoerfef)r nidjt roenig, unb biefe Slbgabe oon beu SBaren rourbe
bann 1622, 1629 unb 1634 immer wieber auSgefdjrieben. Tie neuen
Crbnungen für baS ®ettegerid)t ober baS Sollwert (1618), bie erfte
Einrichtung eines georbneten SoteubienfteS (1622) für bie Seforgung
oon Sriefen oermod)ten jur Selebung beS ^anbelsoerteljrS nur wenig
beantragen. ES roar eine traurige Seit für bie Stabt, aber man
ertaiutte bort nod) nidjt einmal recht bie ßage, fonbern meinte, eS
ftcfje gaua gut mit ifjr, wenn nur bie augeublidlidjen ginananöte
einigermaßen gehoben würben. Silit einem geroiffen Stolae faß man
auf baS ftäbtifdjc Eigentum unb oeraeidjnete 1616 mit Sefriebigung
eine gunatjme ber Saljl ber Seuölferung in ißölitj, ben Törfern unb
SHüßlen. Tic Verwaltung würbe orbentlidj unb forgfältig geführt,
bie SRatSßerren ljielten regelmäßig baS Vogtbiug, unterfudjten alle
SHängel, ftellten fie nadj SJlbglidjteit ab, aber bie gauae ©efdjäftS
füßrung unb ber SSirtfdjaftSbetrieb blieben unoeränbert in ben alten
gönnen erhalten, Es trat ein Stillftanb ein, bet ben Slnfang aum
Slüdfdjritt bebeutete. TaSfelbe ift auf allen (Gebieten au beobachten;
eS fehlte an Eeift unb Geben, an gortfdjritt unb Entroideluug.
©ine Unterbrechung biefer Stuße erfolgte t)öd)ften§ einmal burdj
eine Erenaftreitigleit, wie fie 1619/20 awifdjen GJollnoio unb Stettin
um ben Scfitj bes JHeßnbrucßeS im Jlamelwerber entftanb. Silit ber
ganaen llmftänblidjleit jener ßeit würbe wieber oerßanbelt, ®rena
befidjtigungen mit bem unausbleiblichen „Effen unb Sier" fanben
ftatt, führten aber bieSmal a» einer Einigung in bem Vertrage uom
19. SJlai 1620, burdj ben bie Erenae feftgefetjt rourbe. 9lud) uertrug
man fidj balb barauf gütlich über ben ^aubelSuerteßr ber Sürger
Stettins unb EollnoroS. Sold) ein Erfolg galt ben Stettinern
als ein großer Sieg, fo fefjr ging ihr gntereffe in JHrdjturmspoIitit
auf. Unb bodj begannen fdjon bamals bie Unruhen in Sößmen, bie
ein Stjmptou beS aufs §öcf)fte gekannten (MegenfatjeS ber Parteien
roaren, ihre Söirfung auch Quf Sommern auSaubeßnen. Silan fing
an einaufeljen, baß bie ßriegSoerfaffung beS ßanbeS gana elenb roar,
baß eS faft roeßrloS jebem geinbe offen lag. Tod) bie Serfudje, bie
^eraog grana uub feine Slate a» einer Sefferung biefer ßuftäiibe unter»
naljmen, fdjeiterten an bem Sßiberftanbe ber Stänbe, ja bie ?luSfüßrung
etroaiger Sefdjlüffe würbe oom Sibel unb oon ben Stäbten gerabeau
hintertrieben. 3war mufterte ber £>eraog 1619 bie bewaffnete SHannfdjaft
Stettins unb anberer Stäbte, aber biefe weigerten fidj, ßlefdjütje aur
264
Sibonia oon Sorcfe.
IBerteibigung be§ ßanbeS bereit 311 [teilen. So blieb alle« beim Sllten,
obwohl bereit« 1618 ein ftomet „wie eine Stute broljenb am .£>immel§
fenfter" auSgeftedt war unb abergläubige Wemüter erfrfjrerfte.
SBon foldjem Slberglaubcn war and) $erjog graua beljerrfdjt, unb
ber Qlebanfe an Btmberei unb .fjereuwcfen peinigte ibn wie alle feine
Beitgenoffeii. Eine „newe Bettung" non 1580 erzählt non „graufamen
®ingen“, burd) bie eine Bauberin in Stettin offenbar geworben, unb
•fjerjog goljann griebrid) glaubte an bie teuflifchen ftünfte ber
(Slifabetb oon ®obfd)üg, bie befdjulbigt würbe, ben ßanbeSfürften
„Söit) unb Sinne“ benommen 311 haben. Sie würbe 1592 auf bem
$eumarft enthauptet unb ißt ßeidjnam oor ben £oren Derbrannt,
©benfo würben in ben folgenben gahren mehrere Ißerfonen hingerichtet,
weil fie „Drohungen wiber ber £>errn fßerfon hotten nernehnien laffen“.
3m ftlofter 'JJlarieiifließ lebte Sibonia oon ®orcfe, bie burd)
ihr jjäxitifdje« unb unoerträglidje« SBefett fortwährenben Streit hatte
mit ihren Sliwerwaubten, ihren St'loftergenoffinnen unb allen, mit
benen fie in ^Berührung tarn. So fcßuf fie fid) überall geinbe, bie
balb behaupteten, bie hochmütige grau habe fid) ber Bauberei ergeben.
'Bei bet Unterfudjung, bie gegen fie angeftellt würbe, laut man ju
ber Überzeugung, Sibonia habe tatfädjlid) burd) Bauberfünfte ihren
perfönlicßen geinben allerlei Schaben ^(gefügt. So würbe bie lln
glüctlidie am 21. 9looember 1619 in bie Cberburg abgeführt unb
bort gefangen gefegt. las £wfgerid)t leitete eine eingchenbe Unter
fudjung ein unb fanbte bas ißrotofoll über bie Slusfagen ber S8e=
fcßulbigtcii, bie alle Sefchulbiguugen ruhig ^uriidwieS, fowie ber
Beugen, bie gar oerwunberlidjc Slnflagen oorbradjten, an ben
Slagbeburger Sdjöffenftuhl. ®iefer crfanntc, baß man Sibonia
peinlid) befragen follc. Tarauf wurbe bie über 70 gaßre alte grau
am 28. guli 1620 in bet Cberburg gefoltert, bi« fie enblid) jebeS
non ihr geforberte ®eftänbni§ ablcgte. hierauf wurbe fie oom $of
gericßte am 1. September verurteilt; fie folltc mit bem Sdjwerte
hingerichtet unb bann ihr ftörper auf bem Scheiterhaufen oerbrannt
werben. ®ie§ Urteil wurbe oor bem 28. September auf ber fürft
lidjen ®erid)töftättc oor bem 'JJlüßlentore ausgeführt, Bange nodj
lebte biefer graufige fßroseß in bem Slnbenfen beS SBolfcS, man feßob
ihr balb bie Sdjulb 311, baß fie bas alte ^jeraogshaus 31t Stöbe gebetet
habe. Wenige 'JJlonate nad) Sibonia fdjieb Herzog grunz am 27. 'Jlo
oember au§ bem Beben, naeßbem ihm in feinem legten ßebcnSjahre
wieber bie brohenbe 'J?eft Sorgen gemadjt h°tte, fo baß feine State
mit ber Stabtnerwattung in ^Beratung über '.BorfidjtSniaßregeln eintraten.
?lud) granz hinterließ feine fRadjfommeu, fein Sruber 1Bogiflaw XIV.
Unßünflißf Befaß'-
265
übernahm bie Siegierung im Stettiner ßanbe. ®r roar, al§ 1622
fein Stuber Ulrid) ftarb, als leijter ber ferfjS Söhne Sogiflawd XIII
am ßeben.
Slbermalö mufeten bie pommerfdjen (stabte fid) mit bem neuen
£jergoge einigen, burd) eine ßatjlung oon 12(juO ®ulben bie foftfpielige
9litSridjtuiig ber ©rbhulbigung abgulöfen; ba§ Slufbringen be? 65elbe§
madjte um jo metjr Sorge, al§ eine frijioer brüdenbe Weiterung in
biefen ^aljren fjerrfdjte. ®ie ßletreibepreife waren fo ljod) geftiegen,
roie Taum je guoor, ein roirtfdjaftlidjer Sicbergang trat ein, ber bad
Sdjlimmfte befürd)ten liefe. ®ie feergoglidje Regierung fudjte auf oer=
fdjiebene Sßeife gu feelfen, erliefe föiüngebitte, befdjräntte 1622 auf
Sitten ber Stäbte ben ^janbel frember Raufleute, ber freilich aud) nad;
ihrer SJteinung nidjt mehr gang gu oerbieten fei, „ ba and) mit frembe"
ßeiiten am Orte gii banöeln fidjerer fei al§ feeinärtd gu abenteuern".
®d gelang bem State oon Stettin eine 2ar= unb Sietual*Crbnnng
guftanbe gu bringen, bie am 22. SJtärg 1623 erlaffen unb wenige
Sage barauf oom £)ergoge beftätigt würbe, audj erfdjien im Januar 1624
eine gleidje Crbnnng für ba? gange Stettinifdje $ergogtum. ®od)
biefe SJtaferegeln nütjten wenig, ba bie fid) fortgefefet oeränbernben
Serfeältniffe notwenbigerroeife bie greife wieber oerfdjoben. ®ie
ftaufmannfdjaft nnb ber QJewanbfdjnitt erljielten am 12. SJtärg 1624
eine neue Stolle, in ber man auf bie ungünftige ßagc bed $anbel§
Studfidjt gu nehmen fudjte, ohne inbeffen einfdjneibenbe fJtnbeniiigen
namentlich audj in ber prioilegierten Stellung biefer Korporation oor»
guneljmen ober bie Sefdjwerben, bie bariiber laut würben, gu beriirf*
fidjtigen. ®cr Stat ljatte mit ber ginangDerwaltung immer nodj genug
gu tun, liefe fidj babei aber bie SJlitroirfiing ber 17 unb ber 18 SJtänner
nur Ijödjft ungern gefallen. ($r oerfjielt fidj Sefdjwerben unb SSünfdjeii
gegenüber meift ableljnenb, ba bie SJtänner, bie bamals im State fufeen,
nidjt gerne etroad an ben befteljenoen ßuftänben änbern wollten. Sie
roaren frolj, bafe bie Serwaltung ber Stabt nod) fo fortgeführt werben
tonnte, unb meinten, ©rljeblidie? erreidjt gu hn|ben, als Sogiflaw
nadj ber $ulbigung ber Sürgerfdjaft am 24. September 1621 bie Stirn*
legien ber Stabt feierlich beftätigte. war bad letjte fötal, bafe cd
burdj einen pommerfdjen .fptrgog gefdjalj. Vln alte längft nergangene
Beiten, in benen Stettin eine fclbftänbige Stellung eingenommen ljatte,
erinnerte ed, ald 1625 bie Sebriiber oon Söuffow, bereu Sorfaljren
einftmald bie (Abrichter in Stettin geroefen waren, ben lefetcn Steft
itjrer $errlid)teit in ber Stabt aufgaben, inbem fie bad £aud in ber
Sdjulgenftrafee, bad Sdjulgengeridjt, rerlauften. Cft genug hatten bie
Sürger mit ben Shifforo unb bem oon iljnen beftellten fRirtjter im
266
flrießörüflunßen
Streite gelegen, jetjt übte ber Fjer^ogHcfje Schultheiß (1620 Dr Theobor
VIönnieS, 1628 Dr. ^onc^iin VrätoriuS) ritljiq unb ungeftört bie Q'uriS-
biction im Stabtgerichte aus, unb neben iljni roar ber alljährlich au§
ber Vinte beS Vates geroählte VichtSuogt tätig. ?lud) bas Verhältnis
ber VatSIjerren, namentlich bet Viirgermeifter, zur herzoglichen Vegierung
roar ein anbereS geroorben. Ruinier mehr rourbe eS Sitte, bafj SVänner
mit gelehrter Vilbung in ben SRat eintraten, roie Dr. ©lernens SDlidjael,
ber uon 1616—1630 Viirgermeifter roar, ober Vlagifter Valthafar
Setser ober SDlagifter 'ilbam Vlöfeler (beibe 1614 in ben SRat getoren),
Vaul ^riebeborn (1616) u. a. m Sie ftanben ben herzoglichen SRätcn
in ihrer ganzen Slufchauung näher als ben Siirgern unb erfannten
bie Slutorität bes Staates roillig an. Tie ftäbtifdje Selbftänbigteit
machten.fie nur geltenb, fobalb eS fich um Steuern unb Stiftungen
fiir baS ßanb hanbelte. TaS gefchah, als man infolge ber triegerifchen
ßuftänbe im Veidje bas „TefenfionSroert" oon neuem in Slugriff nahm.
Tie Stäube erhoben gegen SInroerbung oon Truppen unb anber«
roeitige gorberungen ©öifpruch. unb befonbers bie Vertreter ber Stäbte
Stettin unb Stargarb lehnten 1623 foldje Vlafsregeln als unnötig, ja als
gefährlicf» ab. ©rft als ber oberfäcfjfifefje Kreistag, ber im Ulprfl 1623
Zu Jüterbog tagte, bringenb bie Slufftellung eines feeres forberte,
bereinigte ber ßanbtag zu Stettin im 3Rai bie Slnroerbung oon Truppen
unb bie 'Jlusfchreibung einer TefenfionSfteuer. 3n Stettin rourben
oier SRänner (Johann Treier, GJeorg Veoeüng, Heinrich Vraunfchroeig,
griebrich GJerfdjoro) mit bem ©beziehen ber Steuer beauftragt, bie
für baS £aitS 1, fiir bie Vube ys unb fiir ben Steller Vi Ghilbcn
betrug. Vach hem Vegifter tarnen in ber Stabt 676, in ben Vor
ftäbten 226 unb un Sigentum ber Stabt 25 Glulben ein. ßauter
als über biefe Zahlung flagte man über bie ©inquartierung ber Solbaten,
obroohl auf Stettin nur 90 Vlann fielen. Tie fortgefetjten Vcfchroerben
ber Stäote, unter benen Stettin bic leitenbe Volle fpielte, hotten roirflich
Zur golge, bafe ber Herzog im £>erbft bie Solbaten roieber entlief).
@s ift ein Mögliches Schaufpiel, bafe bie Stabt, bie bamals allein
innerhalb ihrer Vlauern ohne bie Vorftabte 325 Käufer, 630 Vubeii
unb 494 Steller zählte. nict)t imftanbe zu fein behauptete, eine ©in«
quartierung zu trugen. Tiefer fur^fidjtige Sßiberftaub füllte iibie
folgen bringen, beim bie Striegsiinruhen näherten fich ihr bolb immer
mehr. ®leichfain als Vorbote erfchien 1624 oon neuem eine hifeigr
Seuche, bie allerlei Vlaßregeln z»r Slbroetjr, roie bie Slnftellung eines
VeftarzteS unb eines „ValbiererS", auch ben ®rlaß eineS feljr auS«
führlidjen „politifchen VeftregimentS“ uom 30. 3uni 1625 ueranlaßte
Tie Boljl ber TobeSfälle roar aber roieber erfdjrecflid) hu<h; finb bod)
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C. PfkAabnnk»
Zeidjnung non hrinnd) Kote 1625.
SlufjtreS 2luS[ef)tn ber (Stabt.
267
1624 meßr als 1O(tO unb 1625 faft 2000 'ßerfonen geftorben. Tie Weift
ließen waren ntcfjt imftanbe, alle Säten in ben Ririßenbiidjeni 311 »er
jeidpten, bie fie nad) einer Verfügung SßilippS II. feit 1617 31t füfjren
batten, ^n biefer unglürflidjen Seit fcßieb am 6. gebmar 1625 ^er^og
fßßilipp Julius »an SBolgaft aus bem ßeben unb ßinterließ, ba aud)
er ohne fJJadjtommen baljiit ging, feine $errfd)aft bem letzten Sproffe
beS alten Wrcifenßaufes, Sogiflaw XIV. Sorgen unb bange Slßnimgen
beftßwcrtcii bie ©emüter, unb oiele fUlenfdjen ließen fid) burd) allerlei
fogenannte '-IBunberjeidjen erfdjrecfen, bie ^oßannes SJUtraelius in
feinet (Sßronit forgfam »erjeid)nete.
Slnfpredjenber als baS Silb, baS wir unS nad) ben jeitgenöffifdjen
Slufjeidjnungen »on ben inneren .ßuftänben ber Stabt madjen, ift eine
Tarftelluug »on bem äußeren '2luSfeßen Stettins. Söir »erbauten
fie bem SJlaler ^einridj fiote, ber, au§ ©eile gebürtig, fid) 1590 in
Stettin niebergelaffen ljatte. TaS ®ilb, baS 1625 im Verlage ber
Suißßanblung bes @eorg Sdjultje erfdjien, ftellt un§ bie Stabt im
Scßmucte ber mittelalterlidjen Sefeftigung bar, bie in biefer SÖeife
nicßt meßr lange beftanb. Stettin madjt nadj biefer topograpßifdj
gewiß genauen Slnfidjt einen ftattlicßen ©inbrucf mit ben Titanen
ber SHrdjen, beS ScßloffeS, ber Sefeftigung, ben 311m Seil ßocßragenben
Raufern, ben weiten flößen unb Straßen. Tiefe faßen freilidj in
SBirflidjfeit gang anberS aus, ba aud) in biefer Seit bie Unfauberteit
trotj aller HJlaßnungen nnb (Gebote feßr groß war. Qmmer wieber,
wie 3. S. in ber Sürgerfpradje »on 1624, würbe ben Siirgern geboten,
„Straßen uub Können rein 3U ßalten" uub allen Unrat auf beu
„ßeptenberg", einen ^laß ßintcr ber großen ßaftabie, 311 füßren-
„Söer baS nidjt tut, foll »on Stunb an gepfänbct werben ober einen
£>alsbrud) 3» geben fdjulbig fein", b. ß. am fiaat, bem Sdjanbpfaßl,
ber fid) auf bem ßrautniarft befanb, öffentlich auSfteßen.
ßebßafte (Erregung riefen in ber Stabt allerlei GJerücßtc im
Qnßre 1626 ßeroor. @S tarnen aus Sacßfen fRacßricßten über bas
^jerannaßen ber »DlanSfelbfdjen Sruppen nadj Stettin. ®S erfcßien
bort ber faiferlidje Cberft Daniel Hebron unb bot im Kamen bes
WeneralS SBallenftein Seiftanb an, e§ ßieß aucß, ßönig Wufta» Slbolf
oon Scßweben 3ießc mit einem großen $eere ßeran unb ßabe bie
Slbfidjt, Stettin 3» befeßen. Tiefe unb äßnlicße Sotfcßaften »er
anlaßten bie ße^ogluße ^Regierung, abermals bie StriegSrüftuug inS
Sluge 3U faffen, aber man fam über bie ©inridjtung eines ftriegS*
rateS nidjt ßinauS, weitere Sorteßrungen fdjeiterten an bem SBiber*
ftaube ber Stänbe. Welang eS aucß noiß im grüßling 1627, ben Turcß
marfcß fcßwebifcßer Sruppen »out pommerfcßen Webiete ab3Ulenten,
268
©ie fjraujburßer Kapitulation.
fo 30g int Cftober eine auS ißolen gurüdieljrenbe Ijolfteinfdje Vlnnee
burd) (Stettin. Sa fnnnte ber Bat fetjen, wie naße bereits bie
Kriegsunruhen waren, obwoljl gerabe er bei ben Beratungen über
baS SefenfionSwert fid) fo abletjnenb nerljalten hatte, bafe er feine
(Stabt oon ber Vanbfolge auSfd)loß, als anbere CTcmeinben fid) bagu
bereit erflart hatten. Er wies barauf fjin, bafe ^aitbel unb Berteljr
fid) gerabe oantalS hoben, baß (Stettiner (Sdjiffe mehr als friiljer
befdjäftigt waren, ^nljreii bod) 1626 nidjt weniger als 98 nnb 1627
fogar 140 ljier beheimatete gahrgeuge burd) ben ©unb. 9Jlan meinte,
baß bie Bcutralität beS ßanbeS aud) fiir bie ©tabt am norteilhafteften
fei, erful;r aber halb, wie eS für einen oljnnuidjtigen wehrlofen ©taat
unmöglich ift, neutral gu bleiben.
'2lm 10. Bonember 1627 mürbe £>erjog Bogiflaw gum Slbfdjluffe
ber grangburger Kapitulation gezwungen, bie baS Canb ben
ßöallcnfteinfdjen ©djaren öffnete, ©tettin als fürftlidje SRefibexigftaht
war non einer Einquartierung ausgenommen, füllte and) non Surd)
märfdjen r>erfd)ont bleiben, bodj bereits im 5e&ni°r 1628 gog ber
Dberft ^auSmann mit feinen Kompagnien burd) bie ©tabt. ©ie hatte
natürlich bie Kontribution, bie auf ben Sanbtagen gu SBolgaft unb
©tettin befdjloffen würbe, mitgutragen. SSaS half eS oiel, wenn fie
fid) weigerte 311 gahlen unb *ßroteft erljob? Sim 23. $uni 1628 ftellte
ber Bat einen ©djulbbrief aus über bie einzelnen freiwilligen Beiträge,
bie gur Secfung ber Kontribution oon 60000 Salem für Slbwenbung
ber taiferlidjen Earmfou aufgebracht worben waren. SBieberholt mußte
man burd) Oiefdjente an fberfte ber SSallenfteinfdjen Wrniee ein ge
toaltfameS Einbringen oon Jruppen abwenben, Kötteriß beanfprudjtc
1500, Slrnim 3000 Saler, nnb bamit erreidjte ber Bat nodj faum
eine Berfdjonung ber EigentumSbörfer. ES fcfjien woßl eine $eit
lang, als ob ©tettin burd) bie ©perrung ©tralfunbS einen Borteil
fiir feinen ©d)iffSnerfehr haben folle, übertraf boch bie gaßl feiner
ben ©unb paffierenoen Schiffe bamals bie ©tralfunbS, aber SBallenftein
warnte im Segeniber 1627 bie ©tabt, ©djiffe, bie ben gemben beS
KaiferS nitßlidj fein fönuten, auSgeben gu laffen. Btenig Borteil
hatte fie auch, als er am 19. 3itli 1628 ber ©tabt ©tettin einen
©djußbrief auSftcllte unb iljr ungehinberte Schiffahrt gufidjerte. Sie
Sänen feßten fich auf bem Buben feft unb erhoben bort einen goll,
fchwebifdje ©duffe oerhinberten ben Berteljr nad) beu £>äfen, bie non
ben Kaiferlichen befetjt worben maren. Uni wenigftenS non ben Säuen
einige Erleichterung gu erhalten, würben im Sluguft 1629 Baul
fjriebeborn unb Ehriftian ^ippmann nadj Kopenhagen gefanbt. ©ie
erreichten, baß ber Soll auf bem Buben balb befcitigt würbe. Sie
Sie -Staiferlidjen in ber 3?ät>e ber Stabt.
269
Sperre ber ft'ornauSfuljr, bie non ben ff'aiferlidjeu verfügt wnrbe, um
bie Slnlegung non Vorrats bäufern gu erjiuingen, mar ein neuer Sdjlag
für bie Stabt, fie unterliefe eS nidjt, bitterlidj barüber 31t Hagen.
T^reilid) finb folcfje Klagen, bie baS ßlenb in ben fdjmär^eften ^arbeit
barftellten, nidjt mörtlidj 311 nehmen, galt eS bod), bie Sage möglidjft
bemitleibenSroert bar3iiftellen, fdjon um bie Steuerlaft 31t erleichtern.
“DaS oerftanb ber 'Jlat oon Stettin meiftertjaft, als bie verfdjicbeneit
Slrten ber Seftciientng von ben Vanbtageii beraten unb befd)(offen
mürben, gemeiner Pfennig, St'opffteuer (1628), 9lf^ife. Stettin fdjob
immer feine Stabtfdjulben oor, bie eS iljm itnmöglidj madjten, etwas
fiir baS 2anb 3U tun. ES erflärte fiel) nur bereit, oon ber Sranf
fteuer, bie ber .fjersog 3ur Stignng ber Sdjulben non neuem bewilligt
ljatte, einen beftimmten Seil an ben fjiirften 31t entrichten. ßu ber
felben Seit aber mufeten ©ürgenneifter unb 9?at eine Sdjulb non
18000 Salem bem ^>er3oge uon grieblanb gegenüber anerfemien;
audj fie mar maljrfdjeinltdj baburd) entftanben, bafe bie Stabt eine
Einquartierung ab3iituenben nerftanb.
Ser £>er3og SBogiflain, ber bamals fdjon traut roar, tonnte feine
Stabt tauni nodj fdjiißeu. Ebenforoenig uermodjten bie neu einge»
ridjteten ©eljörben, ber Seljeime SHat unb ber Staatsrat, in bem
Stettin burd) feinen Sürqermeifter ElemenS SJlidjael uertreten roar,
au§3urid)ten ober iljre tBefdjliiffe burd)3iifetjen. Sie geringe pommerfdje
SlriegSmadjt, bereit Einquartierung bie Stäbte fo unwillig trugen,
tonnte bie roeit ftärtere taiferlidje Ulrutee, bie fid) immer ungefdjeuter
in Sommern feftfefete unb bort arg häufte, nidjt in Sdjranten halten.
SereitS im VJtär3 1630 forberte ber taiferlidje geibmarfdjall Sorquato
(Eonti bie Übergabe uon Sarlj unb ©reifenfeagen. Sa baburd)
Stettin felbft bebroljt würbe, verweigerten ber fjei^og mtb bie
Stäube bie (Erlaubnis 311t töefefeung. 911S bie ^Bommern bei ben
(Berljanblungen ftanbljaft blieben, ba liefe (Eonti am 24. unb 28. EOtai
bie beiben Stäbte mit (Seroalt bcfefeen unb nerlangte balb audj bie
Übergabe Stettins vom £>er3oge. Sogiflaw letjnte natiirlid) ab, aber
er wäre ui^roeifelljaft ber ©eivalt gewichen, wenn Konti foldje 011311
roenben gewagt Ijätte. Er tat eS vielleidjt nidjt, weil er beforgt wat,
Stettin mödjte ein 3iueiteS Stralfnub werben, unb baS Eingreifen
bes SdjivebenlönigS fürdjtete, beffen füafeeii bereits befamit roar.
.Honig Euftav 91 bolf ljatte, feitbem er mit Stralfunb ein SBüitbiiiS
gefdjloffeu ljatte, ben ©ebanfeii nidjt aufgegeben, bie feinem Sleidje
uub feiner baltifdjen £>errfdjaft broljeitben Sefaljreu burd) eine ®e
fefettng jammerns unb namentlidj Stettins ab3iiroeljren unb einem
Singriffe 3unor3utommen. 3u bem 3’üe,:fe trQt er £>er309e
270
2luhmft Suftaö SlbolfS.
unb ber (Stabt in geheime Slerbinbung. Ein fd)webifd)er Slgent fudjte
in (Stettin bei ben Bürgern unb bei £wfe (Stimmung für (Sdjmeben
gu madjen. Wan war bort anfangs zweifelhaft, ob eine fdjwebifdje
'Befetjung roitnfdjenSwert fei. SUS aber bie Sefahr nonfeiten ber
Kaiferlidjen immer näher tjeranriidte, ba wanbte, wie eS fdjeint, ein
großer Seil ber töeoölferung feine Steigung ben ©djweben 311. Qm
geheimen würben bie SBiinfdje bem Könige überbracht. Segen Enbe
bes Quni 1630 erfdjien Emanuel Wippe mit beftimmten Aufträgen
Suftao SlboIfS in ber ©tabt, um namentlich aud) ben Slot 31t oer
anlaffen, ber Shifnaljme einer taiferlidjen Sarnifou gu wiberfteljen,
ba ber König in wenigen Sagen eintreffen tönne. Er nerfidjerte bie
©tabt ber £>ulb beS Königs, ber fie oor einer Störung ber ©djiffaljrt
unb beö £>anbeis gu fdjiitjen entfdjloffen fei, erhielt aber vom Slate
feine beftimmte Qnfage. fjergog Sogiflaw verfudjte audj jeßt nodj
bte Sleutralität feines WanbeS aufrecht 311 erhalten, nadjbem er fid)
bereits vorher burdj eine Sefanbtfchaft, bei ber fidj and) ber StatSljerr
ifJaul Qriebeborn befanb, vergeblich bemüht hatte, ben König von
einer Wanbung in ißonimern abßubringen.
31m 24. Quni 1630 langte Suftao Slbolf bei ber ißeenemiinbung
an, ging fogleidj an bie ©wine vor uub fanbte von bort am 4. Quli
ben ©tettiner fjeinrid) ©djwalenberg an ben fjergog unb ben Stat ber
©tabt. Slbermals betonte Sogiilaw feine Sleutralität, bod) am 10. Quli
erfd)ienen bte fdjtuebifdjeii ©d)iffe vor ©tettin, unb ber König bcgog
nut feinen Sruppen (etwa 8000 SJtann) bei ber Cberburg ein Wager,
©ofort rüdten bie Stegimenter bis bid)t vor bie ©tabtmauer, ol)ue
baß man oon ©tettin aus ben 'Berfud) 311 einer 9lbwel)r gemacht 311
haben fdjeint. ®erl)anblungeu begannen von neuem, .fpergog 39ogiflaw
erfchien fd)Iießlidj felbft unb brad)te feine großen Sebenfen oor, bie
er gegen bie Qorberung einer Slufitaljme ber fdjxvebifdjen Sruppen
hatte. Suftao Slbolf ertlärte, fo wirb berichtet, er tomme nicht alB
geinb bes Kaifers unb bes 8teid)eS, fonbern als SBefreier ißomnternS
non folgen, bie baS Wanb unrechtmäßig bebrücften. ®urd) fanfte
Sroljung wußte er enblidj beu £>ergog 311 beftimmen, baß er bie ®iu=
williguug gab. Cßne Baubern zogen fdjwebifche Sruppen über einen
fdjmalen ©teg gwifdjen zwei unfertigen Sräben ben SBall hinauf in
©tettin ein „zum Beidjen ber Eroberung". Sie SJlauern .würben
befeßt, bie große Wenge ber Sruppen brachte man in einem befeftigten
Wager unter, baS bei Srabow gwifdjen ber ©tabt unb ber Cberburg
angelegt würbe. S>ie SBürger verfd)oiite matt mit Einquartierung,
unb ein töniglidjer Erlaß vom 12. Quli verbot ftrengftenS, fie irgenb
wie gu beläftigen ober bei ihnen Cuartier gu nehmen. Suftav 31bolf
IBtfeftigunß ber (stabt burd) bie Schweben.
271
nahm Söotjnung in ber ©berburg, fam aber wieberholt in bie Stabt,
al§ bie fofort eingeleiteten Berßanblungen über ein BünbniS mit
ißommern nicfjt recfjt vorwärts gingen. (Srft burd) eine Siebe, bie er
am 1. September im Sdjloffe hielt gelang es ihm, bie Sebenten
wegen beS ÜBerßältniffeS gu 'Branbenburg einigermaßen gu beseitigen,
unb am 4. September wurbe bie ©efenfioalliang gwifd)en bem £>ergoge
unb bem Könige abgefd)loffen. 'JJitt gäßer Brette batten bie pontmer=
fcßen Bevollmächtigten an ben alten branbenbnrgifcßen (Erbverträgen
feftgeßalten unb wenigstens bie Befeitigung ber bebenflidjften 'Be
Stimmungen beS Vertrages erreicht. (Iber bie Stimmung in ber
Bürgerfdjaft fehlt e§ aus biefer ßeit an biretten 3eugniffeit, aber balb
keßen auch Stettiner 'Boeten ihre ßeier gu ßßreu Könige „Suftav
Ulbolf, be§ 'BerteibigerS 'BommernS" ertönen. Dr. Qoßanues Sieder
wibmete ihm ein „(.hebet unb Dantpfalm auS bem Propheten gefaia".
Bon ben Kungeln herab rerfünbeten gatob gabriciuS, ber bem Könige
balb als gelbprebiger folgte, ®aniel (Sramer, Joachim ißrätoriuS,
(Eßriftopß Scßulße, ®aniel BJafferfiißrer, Samuel gucßS u. a. m. baS
ßob be§ „fiegreidjen ßöwen aus bem Sterben".
(huftav SIbolf aber mußte bie Stettiner gang energifd) gu Slrbeiten
unb ßeiftungen ßerangießen. (Er erließ eine „^efenfionSverfaffung“
unb eine „ünartierorbnung", in betten bie gegenseitigen ißfhdjteti
genauer bestimmt würben. 3mei '.Regimenter Schweben erhielten
Ouartiere in Stettin. Klagen über eingelne Sewalttaten unb ®ieb=
ftäßle ber Solbaten fanben fdmelle (Erlebigung. (huftav Ülbolf war
eiitfdjloffen, Stettin als feften 'Jhinft für feine friegerifcfjen Operationen
in iDeutfthlanb gu behaupten unb gu biefem 3wede möglichft ftart
gu befestigen. Sunädjft fidjerte matt bie ©berburg, bie fdjon bamals
viel Schaben erlitt, burd) Starte '.Wälle, bann ging matt Sofort mit
ben Slrbeiten gum 'Kau non neuen Berfdjangungen vor. ®ie ®in=
wohnet felbft mußten bett Solbaten helfen, bereits im Vluguft arbeiteten
nidjt weniger als 2259 ißerfonen aus ber Stabt unb ben Borftäbten
mit Schippen unb Karren. Der ißlan, ben ber König felbft ent
worfen unb ber Ingenieur 'BortiuS weiter auSgefiißrt hatte, faß vor
allein eine Befeftigung nach Sübwefteu vor, fo baß bie ©berwiet mit
hineingegogeu werben füllte. Bor ber Stabt wurbe bie Slnleguug ber
Sternfcßange geplant, bie ßaftabie, ber Bleidjßolm unb bie Silber
wiefe würben ftart befeftigt. 2)ie Schweben betrieben bie Arbeit
befonberS nach bem gälte SJtagbeburgS mit größtem (Sifer, fie nahm
aber mehrere gaßre in Slnfprud) unb verurfadjte ber Stabt viele
Koften unb ben Bürgern unfägliche SDliilje. SJtan feufgte oft über
bie ßaften, aber ber König ober feine ©ffigiere nahmen irt biefer
272
Scßroebifcße ßinquartierung.
Begießung feine Slüctfidjt. So rourbe 1032 ber Sürgerfchaft eine
neue (Steuer auferlegt, bie fogenannte SSallguIage, bie bagu beftimmt
roar, bie SJlittel gur ©rßaltung unb ©rbauung bet Söulle, fowie gut
Reparatur ber Brüden, Dore ufro. aufgubringen. Bon jebem (Scfjeffel
sJJlalg, ber in ber Stabt uerbraudjt rourbe, mußten 3 Schillinge
gegatjlt werben. SJlau ßat über biefe Slbgabe, bie nur uorübergeljenb
beftetjen füllte, aber lange beibeßalteii rourbe, gang befonbers viel
geflagt. Stettin rourbe burd) biefe fdjroebifdje Befeftigung ein feßr
ftarter, ja für faft uneinnehmbar geltenber SBaffenplaß. Bor bem
mittelalterlichen SBall unb ber Blauer erljoben fich allmäljlidj fieben
Baftionen ober Sollwerte mit Stavelins. Die 3teftungdanlage im
Süben rourbe nicht fo auSgeführt, roie man geplant ljatte, unb blieb
giemhch fchwadj Qm Sommer 1032 fctjeiuen bie Slrbeiten um bie
eigentliche Stabt im gangen beenbet geroefen gu fein, aber braußen
rourbe immer weiter gebaut.
Schon in ben faßten 1030—1032 ljatte baS VJlilitär in Stettin
am meiften gu fagen. Die Saften ber Berteibigung rourben bem
ßanbe aufgelegt burdj Einführung einer Abgabe uon ben Kaufmanns»
roaren, bie auf ben Strömen unb in ben .fjäfen erhoben würben.
Diefe Seegölle ober ßigenten, bie Schweben überall an ben Jtüften
ber Cftfee erljob, belüfteten ben SdjiffSverfeljr gar feljr; 4% Sßrogent
oom 22erte aller ein unb auSgefüljrten Witter füllte gegafjlt werben,
roie bie feßr horte ßigentorbnung uon 1032 forberte. Dafür genoffeu
bie Stettiner beu Schuß ber Sdjroeben. ®uftau Slbolf, ber bis in
beu Vlnfang bes September fein Stanbquartier oor Stettin tjatte,
fiiuberte bie Umgegenb uon ben Kaifedidjen. Sei biefen Kämpfen
wnrbe audj baS ßager bei Stettin, in bem Selbmarfdjall $orn mit
1000U ÜJlann eingetroffen roar, gegen einen Eingriff ber f^einbe
fiegreid) oerteibigt. Dabei gingen bie Dörfer in ber 9lälje ber Stabt,
Sdjroargow, Scheune, ^JommerenSborf, Blöljringen, Blanbeltoro, in
flammen auf. Droß aller ßaften erroectten boch bie Erfolge ber
fdjwebifchen SBaffen in Stettin immer meljr Begeiferung für ben
fiegreicßen König. Bereits am 27. Januar 1031 ließ ber Siettor ber
SiatSfdjule ^oljanneS SJlifraeliuS eine uon iljm gebicßtete Tragico-
Comoedia burdj feine Schüler auffiißreu, in ber er barftellte, wie bie
von geinben arg gequälte '.ßomeriS burch Slgatßanber (ben guten
Blann) befreit rourbe. Die ßaljl berer, bie über bie grembljerrfchaft
unb bie Ohnmacht beS angeftammten $>errn entrüftet roaren, tuirb
nidjt groß gewefen fein; ob bie mannigfadjen Serüchte, bie über
Konfpirationen Stettiner gegen ben König umliefen, auf BJaljrtjeit
berußten, läßt fich nicfjt meljr eiitfdjeiben. Ein Stettiner Baltßafar
®uftau 21)olfS 'Job
273
Rentei »erfaßte bamals eine Verteibigungsfdjrift für ßhiftau 2lbolf
unb pries iljn als ben SRetter m ber Slot. 9ladj ben fiegretdjen
Kämpfen bei ^ranffnrt a. 0. feljrte ber König int ©oniiner 1 (531 nod)
einmal nadj ©tettin guriid nnb ernannte halb barattf nad) Sluberufung
Karl VanerS ©ten V feite ^nni ßegaten in ber pommerfdjen .£>aupt-
ftabt. ®ort entfaltete fid) jetjt ein reidj bewegtes ßeben, ©nrdjgüge
mancher ?lrt, Qtefanbtfdjaften ans SJlosfau, (Snglanb, granf reidj,
ßanbtageuerfammlnngen, bie wegen ber fortgefefeten ©elbforbernngeu
Ijäufig waren, wed)felten mit einanber ab, nnb ©tettin war eine
Beitlang ein SRittelpnntt ber europäifdjen Volitit. Sieben bem fdjroebi
fdjen ßegatcn fpielte ber £>ergog, mit beffen Sefunbljeit eS immer
fdjledjter würbe, eine giemlid) tläglidje Stolle (£r war faum meljr
alS ein ®aft in bem alten ©djloffe feiner Slljnen nnb ljatte wenig
gu fügen. SSäljrenb er Verorbuuugen über bie Steinigung ber ©trafjen
in ©tettin erliefe, eine neue Kleiber, £wdjgeitS=, Kinbtauf= uub Ve
gräbniS Crbnung ber ©tabt „gur Slbwenbung tünftiger göttlicher
Strafen" beftätigte (1631) ober bie Sa£= unb üßiftual Crbnung 1632
erneuerte ober mit ber Gcntfdjeibung oon allerlei £>anbwertSftreitigteiten
gu tun ßatte, führte 29jelte bie Verljanbluiigen mit ben ©tänben unb
übermittelte bie immer roadjfenben Selbforberungen beS Königs, ©o
begeiftert man aud) feinen ©iegeSlauf oerfolgte, man feufgte bod)
über bie Saften, bie gu tragen maren. ®er Stat leßnte eS runb
weg ab, ben Slnteil ber ©tabt an ben 1632 bewilligten Abgaben
gu gatjlen, ba fie bereits anberweitig ftart belaftet fei; er ljatte and)
für einige Beit ßrfolg bannt. ®er ©ouuerneur Sjelfe tarn ber ©tabt
unb nanientlid) itjrem Viirgermeifter Vanl griebeborn mit einem
gewiffen SSoßlwollen entgegen, foweit er founte, unb fetjte eS halb
audj burd), bafe bie Sarnifon auf 20UU SRanii ermäfeigt würbe.
SSaljrenb man wieber auf einem ßanbtage gu ©tettin über bie
Vewilligung uon gorbernugen ftritt, tarn im Stooember 1632 bie
Sladjridjt an, ber König fei am 6. bei ßiitjen gefallen, ©ein Vereljrer
SJlitraeliuS uerfafete alSöalb, nadibem er fdjon am 1. Slouember 1631
ein gweiteS „Komöbienfpipl" Parthenia ljatte aiiffüljren laffen, ein
brittes @uftau = Slbolffpiel, baS mit ber Klage bes Volles über ben
'Job beS StetterS fd)liefjt. gur bas ©djieffal ©tettiaS ift ber ©djweben
fönig uon tief einfdjneibenber Vebeutung gewefen Gfr leate ben fflrunb
gu ber langen grembßerrfdjaft, bie fiir bie (Sntwicfelung ber ©tabt
ßöißft uerljänginSDoll werben füllte, ©o ift bas ßJefüfel, bas ber ©tettiner
(SJefdjidjtSfdjreiber uom rüdblictenben ©tanbpuntte aus für ®uftau
fllbolf ljat, gwiefpältig. (£r tjat bie ©tabt oor ber ßfewaltßerrfdjaft
ber Kaiferlid)en gerettet, aber loSgeriffen oon bem ©taate, bem fie
Weir mann <je(4tätt »on ®tettlr
274
Sie ©eitjältniffe in ber Stabt nad; 1632.
redjtmäfjig gufallen mufete, unb baburdj eine im gangen recht traurige
©eriobe ber Stabtgefcbidjte eingeleitet.
®a§ ©erbältniS Stettins gu Sdjroeben mürbe burcb ben Job ®uftao
SlboIfS nidjt geänbert. Sjette tjielt bie ^jerrfcfjaft in feften £>änben, unb ber
Stabtfefretär Qoljann gabriciuS, ber 1633 nad) grantfnrt a. SR. gefdjidt
mürbe, um eine .fperabfetjung ber ßigenten gu erroirfen, erhielt eine
ableljnenbe Slntroort. gaft nod) niefjr mürben bie Stettiner bebrüctt
burd) bie immer flarer fjeroortretenbe 21 bfidjt ber fdjroebifdjen ^Regierung,
©ommern auf jeben 3^11 feftguljalten unb ben rooljlbegrünbeten SRedjtS»
anfprudj beS branbenburgifdjen Jturfürften beifeite gu fdjieben. Sie
gerieten in einen fdjlimmen ®eroiffenSgroiefpalt, als im SRai 1633 ber
yturf iirft ®eorg SBittjelm gunt Sefudje bei bem .^ergoge ©ogiflaro erfdjien.
Sollten fie ibn als ihren tünftigen £>errn begrüben unb ihm binbenbe
.Qufidjerungen machen, miifjrenb bie fdjwebifcbe ^Regierung fdjon offen
ertlärte, ohne SatiSfattion teinenfallS bie Stabt IjerauSgeben gu roollen?
Sie ftreng lutljerifdje Seiftlidjfeit fdjeint fdjon bamals gegen ben
laloiniftifdjen Sranbenburger geroirtt unb Stimmung für Sdjroeben
gemacht gu haben. Sludj ber Aufenthalt beS jungen ft'urpringen griebridj
©Jilhelm, ber oom Dttober 1633 bis gum Januar 1634 bei bem^ergoge
weilte, um ßanb unb ßeute tennen gu lernen, über bie bereinft gu
Ijerrfdjen er berufen fdjien, hot woljl taum fiel ©ufjen in biefer
JRidjtung gehabt.
Sie änderen guftänbe ber Stabt roaren in biefen fahren nidjt
befonberS fdjledjt. Sie ßriegpunruljen berührten fie birett taum, bie
Srnten fielen befriebigenb aus, ber SdjtTföoerfeljr mar oerljältiiiSmäfsig
reye, etroa 106 Stettiner Sdjiffe paffierten 1628—35 ben Sunb. 3a,
ein £>ollänber Kornelius ©laufen ©ethal bat 1633 ben 5Rat um eine
®elbunterftiitjung für ben ©lan, eine Surdjfaljrt oon Slpenrabe an
ber ßftfee gum ßifter Sief bei Stjlt fjerguftelleii. SRan beriet in Stettin
lange barüber, leljnte aber eine ©riljülfe ab, bis ber Unternehmer fein
©rojett „gur SßJirflidjteit beförbert Ijabe"- ®etfelbe 'JRann füll fid)
aud) erboten E»aben, bie ©eene auf minbeftenS 9 gufj gu oertiefen,
fo bafj mau teuie ßeidjterfdjiffe mehr nötig habe- Aud) biefer ©Ian
tum nidjt gur Slusführung. SSirflidj praftifdjen .ßroecten biente bie
1635 erlaffene Crbnung unb ©etiebung für bie Uder» unb 3hna=Süf)rt.
2luf nidjt gerabe ungiinftige ffierhältniffe roeift bie Stiftung beS
fiämmererS ^ermann ©ercth°f (1607 in ben 9iat getoren,
1627 U'ämmerer, geftorben 1633). (£t beftimmte fein $au§ am
'Jtöbenberg gur Slufnahme armer SBitroen. 'IRit einem ©ermögen oon
190000 SR art roirtt bieS Stift heute nod) fegenSreid). Sie Verlegung
ber gefamten pontmerfchen ^Regierung nad) Stettin (1633) nnb Der
jßie SReflinitittgverfafjunß uon 1634. 275
rege Serfeljr, ber mit Sdjweben beftanb, brachten fidjerlid; ben $anbel
unb ©ewervetreibeuben mamfjen Serbienft unb oeranlafeten niifjt wenige
frembe ^anbwerter, namentlidj aud) ©olbfdjntiebe, fid) in Stettin
niebergulaffen unb bas Sürgerredjt 311 gewinnen, Ebenfo 30g baö
fiirftlidje ^ßäbagogiuni unter bem SRettorate bes SJiartiit ßeuftfjner
(1623—41) unb oe§ ^JoljanneS SiifraeliuS (1642— 58) 3aljlreid)e frembe
Scfjiiler Ijerbei, fo bafe es gerabe in biefer ßeit 3U grofeer Slüte gebielj.
So finb woljl bie Klagen be§ 9tate§, bie er fortgefetjt bei ben ßanb»
tagen über bie uiierfdjwinglitfjen gorbetungen unb bie fdjweren ßaften
oorbractjte, nidjt gar 31t wörtlicf) 3U nehmen. Er beregnete 1634 bie
Stoffen, bie ber Stabt feit ber Slnfunft be§ SifjwebentönigS burd)
Einquartierung, Sauten unb Steuern erroadjfen feien, auf meljr als
4U0UUU Eulben. SSenn fie wirflitfj in ben oier Qaljren fo viel ljat
aufbringen fönnen, inufj eö mit bem Söofjlftanbe ber Sürger nidjt fo
übel geftanben ljaben, wie immer behauptet wirb.
Schwerere Seiten famen aber halb über bie Stabt, al§ bie
fdjwebifcfje SJimfjt in ®eutfdjlanb burdj bie Sheberlage oon Slörblingen
(16. Sluguft 1635) einen oertjängniSoollen Sd)lag erfjielt. Sdjon
oorljer ljatten in fßommern ber ^ersog unb bie Stänbe oerfmfjt,
wieber ^Neutralität 3U gewinnen. Um eine belfere Serwaltung be§
ßanbes, autfj für ben galt, bafe ber tranfe Sogiflaw mit bem Sobe
abginge, 3U fdjaffen unb 3U fidjern, war nn Slnoember 1634 eine
fogenannte „StegimentSoerfaffung" befdjloffen, b. 1). eine oberfte ßanbes
beljörbe gebilbet, ber bie gefamte Serwaltung unterteilt würbe. Stettin
erfjielt jefet Sil) uub Stimme in bem Stollegium ber ßanbräte, bas
bistjer im Stettiner ^erjogtum allein au§ ber fRitterfdjaft berufen
worben war. Ter Sürgermeifter gnebeborn war ber erfte Vertreter
ber Stabt in biefem ftänbifdjeu SluSfdjuffe unb wirfte bort mit ben
anberen für ben Slnftfjlufe ißommernS an ben fraget ^rieben
(3U. SJlai 1635), aber vergebens, beim baS ßanb befanb fidj in voltr
ftänbiger Sewalt ber Sdjweben. SereitS im September, als Sranbe 1
bürg bringenb bie Slnnafjme beS griebenS forberte, brang ein faiferlidjed
<jeer in baS ßanb ein unb gelaugte bis in bie sJlälje oon Stettin.
'Da forberte ber ©eljeime SRat oon bem Steidisfai^ler Cjenftjerna bie
Stäumung Stettins von jeher Sefaijung, ba bie Stabt bann vor ben
Sfatferlicfjen fidjer fein werbe. ?ll§ biefe ^orberung natürlüfj abgelefjnt
würbe, fdjlug bie Stimmung in Stettin um. ffllan flagte, bie Sdjweijen
trügen allein bie Sdjulb, bafe baS ßanb oom kriege Ijeimgefucfjt
werbe, unb eS lam faft 3U einem Slufruljr gegen bie Sarnifon. Erft
bie Siege SanerS unb SBrangelS unb bie Sertreibung ber faiferlidjen
Selatjungen au§ Stargarb, s|3aiewalt unb ®arfe befferten wieber
18«
276
SBofliflaro XIV. Tob.
ba§ SßerßältniS jjwifcßen ben ißommern unb ben Scßweöen. Slucß
oerftanb e§ Sjelte, bie Stettiner gu berußigen, inbent er ißnen allerlei
ßuficßerungen machte, fie in ißrem $anbel unb Sewerbe ju fdjüßen.
Ta ftarb am 10. SRarj 1637 <jergog Vogiflaw XIV ber leiste
be§ alten ©reifengefcßlecßtet,. Scßon lange batte man ba§ ^jinfdieioen
bei. tränten dürften ermattet, aber al8 e§ eintrat, war man bod) oon
bem traurigen ©reigniffe überra|cßt unb tiefe Trauer äußerte ficß
überall. SBa§ füllte nun werben? Ter recßtmäßige Vlacßfolger war
ber iturfürft von Sranbenburg, bie SJladjt ßatte Sdjweben im ßanbe.
Vange Sefiircßtungen unb Slßnungen quälten alle Patrioten, unb bie
ßanbftänoe tarnen in einen @ewiffen§tampf, ob fie bem Vranbenburger,
bem fie burd) einen Treueib verpflichtet waren, ober bem Scßweben,
ju bem fie in einem VertragSverßältniffe ftanben, geßorfam fein füllten.
Ten Verfließen be§ fiurfürften Seorg SBilßehn, Jftegierungbiecßte in
ißi mmern ausjuüben, trat Vielte energifcß entgegen. ®r geftattere
aber, baß bie StegimentSverfaffung fortgefiißrt würbe unb bie „filrftlicß
pommerfeßen ßinterlaffenen Stäte" bie ©efcßäfte beforgten. Tie§ 91 nß
geben ßatte feinen Srunb barin, baß bie ftaiferlicßen, benen ficß
branbenburgifcße Truppen anfcßloffen, wieber in Ißommern einbrangen,
fo baß Vaner unb Sßrangel ficß nur mit Wlüße im ßanbe ßielten
Tie firiegSlaften für Stettin würben erßeblicß größer. Tie Stabt
mußte ©etreibe liefern, Selb (30000 Taler) aufbringen unb aud) nod;
Solbaten aufneßmen. Söenig fftüdficßten naßinen jetjt nocß ber
Souoerneur Vjelte, ber feit bem 9lovember 1637 auf bem Scßloffe
woßnte, ober bie in unb bei Stettin tommanbierenben ©eneräle, bereu
Aufgabe eS war, bie feßwebifcße <jerrfcßaft auf jeben fjall aufrecßt ju
erßalten. Vaner forberte 1638 immer neue ßieferungen, oermeßrte
bie ©arnifon, fo baß bie Suttner ficß ivieber mit unaufßörlidjen
Klagen an Vjelte wanbteii. Tiefer im ganzen ißnen woßlgefinnte
Wlann ftarb jebocß am 6. Slpril, al£ turj guvor bie SRäte ber Stettiner
^Regierung, bes ^ofgericßts unb be§ ßonfiftoriumS infolge be§ branben*
burgifcßen (EinfprucßeS ißre Slmter niebergelegt ßatten.
faß erbärmlicß au§ in ißammern.“ Tie Cffijjiere unb
Solbaten Vanerb, ber nacß Vjelte§ Tobe ba§ fürftlicße $auS in
Stettin befefjte, geboten nacß eigenem Sefallen, bie georbnetc Ver=
waltung unb Ittecßtfpreißung ftanben ftiU. Tajtt wütete wieber bie
ißeft unb raffte 1637 unb 1638 gaßlreicße Vlenfcßen in Stettin
baßin; im 9lugu|t 1638 ftarben bort 635 '.ßerfonen. Tie Teuerung
war feßr groß, unb troßbem verlangte Vaner von ber Stabt für bie
Verpflegung ber Truppen monatlicß 25000 Taler. Ter neue ©ouverneur
für ^jinterponimern, Seneralmajor Qoßann ßiUjeßööt, tonnte bem
'J)te fdjrotbifdje SRtßierung.
277
SHate nicht helfen, ba er mit geringeren 3?ollma^ten al§ fein Vlmtö
Vorgänger auSgeftattet unb SBaner al§ ©eneralgouverneuer unter»
georbnet roar. Um bie ^orberungen ju oerminbern unb jugleid)
IBefcfjuIbigungen, bie gegen bie (Stettiner vorgebrucht worben waren,
jit entlräftigen, fanbte ber JRat im SRärj 1638 ben SRat§f)errn
Johann <ßafd)oro, ben Stabtfelretär Johann gfabricinS unb ben Jlauf«
mann ?lnton ^annotoro an ben SRarfcfjall nad) SBolhn. (Sie festen
burtf), baß bie (Stabt in vier SRonaten nur 5OOOO Saler gu jjüt)lcn
hatte. 3uglei<f) aber wurbe ber 93efef)I gegeben, bie ’BefeftigungS»
arbeiten roieber aufjuneljmen. infolge biefer ©elbauflagen mufjte
bie Iranlfteuer auf alle SBeroohner, auch bie bisher ejimierten, auS
gebetjnt roerben, eine SRaßregel, bie natürlich viel böfeS ©tut matzte.
1)ie Schließung be§ fürftlidjen £ofgericf)t§ hatte gur golge, baß
ber lanbeSljerrlidje Stabtrichter Dr. Joachim §abriciu§ auch bas
(Stabtgeridjt fd)loß ®od) auf ein SRecf)t§gutad)ten ber SRoftocfer
Quriftenfalultät tjut mürbe e§ nach einiger ^eit roieber eröffnet, bamtt
bie JRedjtSpflege nidjt volllommen ftill ftelje. Sanft übernahm natürlich
allmählich bie fcfjwebifcfje ^Regierung bie SBerroaltung be§ ßanbeS unb
richtete fid) bart fjäußticf) ein. 21l§ 1640 bie Stänbe bie neue 9te»
gierungSform ablehnten, liimmerte man fid) in Scfjroeben roenig um
biefen SÖiberftanb. ®ie SBeljörben rourben beftellt, ba§ Jlonfiftorium
unb ba§ £ofgerid)t neu befetjt. 2?erfudje, burd) Sefanbtfdjaften nach
Stodholm, roohin ber 'Jtat auch feinen Selretär $otjann gabriciuS
fdjictte, (Erleichterungen unb bie ^Beibehaltung ber alten SRegierungSfcrm
burd)jufetjen, hatten leinen (Erfolg. Jroßbem ging 1639 noch einmal
ber (Sefretär fVriebrich ^afdjoro nach Sdjroeben, erhielt aber auf feine
Sitten unb Sßorftellungen leinen befferen Sefcheib.
Qnjroifcben roar ber fineg abermals bis in bie niäbe oon Stettin
irorgebrungen. Um @arß, Damm unb ttdermünbe rourbe gelämpft,
unb in Stettin berrfd)te großer Sdjreden. $n ©ranbenburg faßte
man fogar ben ißlan fid) ber Stabt, bie, roie man erfuhr, nur oon
1750 SRann befeßt gehalten rourbe, ju bemächtigen, ber ®ebanle
rourbe jeboch balb roieber aufgegeben, ba eS unmöglich n>ar, „bie
roohlgebaute fjeftung mit vielen Saufenb roohlaffeltionierten ^Bürgern
unb .^anbroertern" einaunehmen. 9Ran glaubte alfo auf branben
burgifcher Seite nicht auf bie Sympathie ber Stettiner rechnen ju
lönnen, unb mußte roobl, roie 3. ®. ber ißaftor an St. SRarien
Dr. 3alob gabriciuS bie pommerfchen Stänbe in fchroebifchem Qntereffe
gu beeinfluffen bemüijt roar. 2Hß im fRooember 1640 griebrich
Wilhelm Slurfürft von IBianbenburg wurbe, fucf)te er alsbalb 2ln»
näherung an Sdjroeben unb ließ im SRärj 1641 Sßerhanblungen mit
278
ßiefanblicbatttn nad; Stocff;olm.
bem fflouoerneur ßiHjefjööf roegen eines SßaffenfhUftanbS antnüpfen.
Tiefer rourbe halb barauf in Stocfholm bereinigt, rooijin [im 311
fammen mit ben branbenburgiftfjen ffiefanbten abermals gfriebricf)
haftbare begab. ®r erhielt oon ber {Regierung einen etroaS freunb=
lieferen S9efd)eib auf feine Bitten unb Befchroerben. Du Königin
©briftine oerfprach in bem ©rlaffe uom 25. Cftober 1641 bie Stabt
bei ben 3friebenSunterf)anbIungen gu fdjiitjen, iljr bie JtriegSIaft nach
9Röglid)teit gu erleichtern unb gab bem {Rate bie ©rlaubniS bie bürger*
liebe unb SBiillguIage auf brei Qafjre roeiter gu ergeben. 'Dagegen
rourbe eS abgelebt bie fligenten herabgufetjen, obwohl gerabe über
biefe Slbgabe gang befonbers getlagt rourbe. ©§ gingen, fo biefe eS,
gablreiche feefahrenbe ßeute oon Stettin fort, ber SBarenljanbel mit
BreSlau giefje fich mefer unb mefer nach BreSlau, ber Salgbanbel
nach ®angig unb in anbere Stäbte. Cbwohl (eine ^Inberung gefcbaffen
rourbe, traten bod) batb beffere Berhältniffe für bie Stabt ein, als
roenigftenS ber ßrieg groifchen Branbenburg unb Scferoeben aufhörte.
Ter neue (Seneralgouoerneur Torftenfon unb ber ©ouoerneur oon
^jinterpommern Sljel ßillje, bie 1641 ifer 2lmt antraten, erroiefen fid)
ber Stabt im gangen rooljlgeneigt unb fuefeten ifer roieber aufguhelfen.
Qm September 1642 ging gfriebrid) Bafdjoro gum britten SRale nach
Stodbolm, um roieber allerlei Befchroerben unb Bitten oorgutrageu.
Ter {Rat, an beffen Spitje bamals bie Bürgermeifter 3Rid)ael {Reumann,
Johann TtUieS uub ^einrtdi Braunfchroeig ftanben, befdjlofe aber
gu gleidjer Seit bie günftige Stimmung, bie in Studf)nlm Bommern
gegenüber gu herrf<hen fdjiert, gu benutzen, um ©iroeiterungen ber
ftäbtifefeen SRedjte gu erlangen. SRan gab bem Setretär ben Sluftrag,
fich Dort barnm gu bemühen, bafe bie fdjroebifdje {Regierung auf ben
Anteil am Stabtgerid)te, ben ber ßanbeSherr befafe, oergicf)te unb
bie brei Bachmühlen bei SRemitj, bie einft ber Stabt gehörten, bann
aber an baS <jergogShauS gelommen waren, ihr roieber überlaffe.
®s bauerte lange, bis {ßauhoro einen BefcEjetb auf feine Einträge
erhielt, er fiel günftig auS. $n einer Urtunbe oom 27 September
1643 rourbe ber Stabt Stettin gur Belohnung für treue <jülfe bie
ben ^jergogen oon Bommern guftehenbe ^jälfte beS Stabtgeriajts mit
allen {Rechten unb ©infiinften übertragen, fo bufe ber Stabtrichter
mit ben elf Sdiöffen bie WeriditSbarteit auSguiiben bube- ®em $of=
gerichte oerblieben bie 5Dbergericf)tSbarteit unb bie Berufung. 3uQbeidt)
rourbe in einer groeiten Urtunbe bem {Rate bie ©rlaubniS erteilt, bie
brei roüft liegenben Bachmühlen bei {Remitj für bie Stabt in Befitj
gu nehmen unb aufguhauen; eine enbgültige Übertragung folle ge
färben, wenn eine nähere llnterfuchung über bie {Rechtöanfprücfje
Die griebenSoerbanblunßtn.
279
oorgenommen roorben fei. Sie erfolgte burdj eine Urfunbe ber
Königin (£ljri)tine oom 24. gfuli 1649. So erlangte bie Stabt mitten
in biefer böfen Seit eine recht bebeutfanie ©rroeiterung iljrer SRedjte-
gnbegug auf bie fonftigen Sßünfdje erhielt ^afdjoro aud) gumeift
günftigen Sefdjeib, bie gulage rourbe auf 5 galjre ohne Sat»Il,n9
einer StefognitionSgebühr bewilligt, bie Slüdgahlung eines Sorfdjuffeö
oerfprodjen. 91m 10. Slooember 1643 rourbe baS ©eridjt ber Stabt
überroiefen, ber Borfdjufj groar nidjt gurüdgegahlt, aber bie Stabt
erhielt burd) Johann Cjenftjerna ein fogenannteS indultuni Moratorium
auf groei, fpäter nod) auf fünf galjre, burd) baS bie Sefriebigung
ber ©laubiger ber Stabt hinauSgefdjoben rourbe.
91 od) einmal brachte ber ®infall beS taiferlidjen ©eneral SÖadjt
meifterS goadjim Gruft oon Slrocforo im Sommer 1643 ben Strieg in
bie 9läl)e Stettins, ba feine Scharen bis Stargarb oorbrangen, roirtlidjen
Schaben erlitt aber bie Stabt babei taum. Der Krieg näherte fid)
feinem Gnbe, bie griebenSoerhanblungen batte'1 bereits in CSnabriicf
begonnen. Dorthin entfanbten im guui 1643 bie pommerfcfjen Stänbe
groei Slbgeorbnete, Blarj oon Gicfftebt unb Dr. griebrich SJtunge, ben
SpnbituS ber Stabt Stettin, ber bagu oom SRate beurlaubt rourbe.
Seibe roaren mit Unterbrechungen gahre lang bei ben Beratungen
tätig unb oertraten mit treuem Gifer bie gutereffen ihrer £jeimat.
Die pommerfd)e grage rourbe betanntlid) allmählich bie roichtigfte oon
allen, bie man bamals beriet, unb recht eigentlich ber SJlittelpunlt,
um ben fich bie gange griebenShanblung brehte. Dabei trat SRitnge
auch roader für Stettin ein, unb tämpfte bafür, bafj bie Stabt mit bem
gangen pommerfd)en ßanbe oereint blieb. SDlan fehnte fich bod burch
auS nicht nach ber branbenburgifchen .gjerrfdjaft, bie Jhirfürft griebrich
SBilhelm mit allen SJlitteln burdjgufetjen bemüht roar, eS E)errfd)te
aber ber SSunfd), eine Teilung beS ßanbeS gu oereiteln. Tiit 9luf»
merffamfeit oerfolgte man in Stettin bie Berhanblungen, bie für baS
©efdjid ber Stabt fo ungemein wichtig roaren, oerfäumtc aber auch
nicht, ui Schweben für fie eingutreten. Sei ben griebenSoerhanblungen,
bie groifchen Schweben unb Dänemarf gepflogen rourben, fud)te man
oor allem bie SunbgoHfreiljeit, bie einft ben Stettiner Schiffen oer
bürgt, aber feit 1638 nicht mehr anertannt roorben roar, roieber gu
erlangen, unb in bem grieben oon Srömfebro (15. Sluguft 1645)
rourbe tatfächlid) gugeftanben, bafj auch für bie Stettiner ber £benfeefd)e
Sertrag ©ültigteit behalten folle. fJladjher hat freilich Dänemarl bie
gufage nicht gehalten, gn Schweben felbft oertrat im ^erbft 1644
abermals griebrich ^ßafchoro bie gntereffen feiner Stabt unb bemühte
fich Dor allem um bie golloerhältniffe unb bie ^anbelsfreiheit Gr
280
©tnflufj DeS ÄrießeS auf bir ftäbtifißeii Serfältniffe.
Tonnte inbeffen nidjt oiel meljr als allerlei Scrfprecßungen, aber feine
beftinnnten 3uft<ßerungen erreidjeu. ßange 3eit blieb baS Sdjicffal
SßommernS unentfcßieben. 5Bie ein ßöiue tainpfte fhirfürft griebricß
SBilßelm um bie roidjtige Cberftabt, mußte aber fcßheßlidj bod) nadj=
geben, fßonimern mürbe geteilt, unb in bem griebeiisinftrumente
noin 14. Cftober 1648 erßielt Sdjroeben mit bent oorpommerfcßen
ßanbe aucß Stettin unb einen ßanbftricß am redjteii Cberufer.
So würbe bie Stabt enbgültig fcßweoifdj, was fic tatfädjlidj fdjon
feit 18 gaßren roar. SereitS oor bem griebenSfdjluffe ljatte bie
KönignvSBitwe SRaria SIconore eine Beitlang in Stettin refibiert, jetjt
rourbe ber fßfalggraf Karl Suftao Wouocriieur 'ßommernS als 97adj
folger DorftenfonS, ber fidj bie Sijinpatljie ber Stettiner erroorben ljatte
Slicten roir gurüd, roeldjen ©inflnß ber breißigjäßrige Krieg auf
bie ßiitmidelung Stettins geßabt ljat, fo muß oor allem ßeroorgeßoben
werben, baß nidjt alle Klagen unb Sefcßroerben oljne weiteres ais
roaljre unb objeftioe Darftellungen ber .Quftänbe angufeßen finb. SRit
ben frdbtifdien gmangeu ftanb eS, roie roir gefeljen ijaüen, bereits
oor bem Kriege fo fdjlimm, baß ein SufammeHbnufj erfolgte. SRan
war bei einer befferung begriffen unb fdjeint audj fdjon einigen
Gsrfolg bamit ergielt 311 ßaben, als bie fdjrocbifdje Cffitpation eintrat.
Sou ber Beit an mußte bie Stabtgemeinbe freiließ oiel leiften, obroobl
nidjt immer gang flar ift, waS oon iljr ober oon ben Bürgern geforbert
rourbe. Srotjbem gewinnt man ben ©inbrncf, als fei fie notfj nidjt
am (Silbe ißrer ßeiftungsfäßigteit angelangt. GS feßlen leiber be-
ftiinnite Baßleiiangabeu iiber bie (Smnaljmen unb Slusgaben ober über
bie Sdjulben, inbeffen geigt bie gange Berroaltung, baß man nidjt
fcßlimmer, ja oielleidjt nodj beffer ftanb als um 1610 Die Kämmerer,
unter benen 'ßßilipp iSnfelin, fßaul Siefe, .fjjermann Serctßof, (Sßriftian
fpipmann, goßann DillieS, fßeter SRiUieS, föeinricß Braunfdjroeig,
?lnton ffleifdjoio, Valentin Durow gu nennen finb, muffen im gangen
oerftänbig giroirtfdjaftet ßaben unb, wenn audj bie (Siiinaßnien auS
bem ftäbtifcßen (Eigentum ficßer gurürfgingen, bocß nodj immer leiblicß
auSgelomniPii fein. Dabei füll ber Beftanb ber ginangen burcßauS
nicßt als glängenb, ja nidjt einmal als befnebigenb bargeftellt, fonbern
nur ßeroorgeljoben werben, baß man oon einem iRuin ber Stabt, ber
burd) ben Krieg ßerbeigefiibrt fein foll, nicßt fpreeßen fann. Stettin
ift in ber gangen *^eit, wenn roir onu bei Befetjung ber Scßroeben,
bie mißt als geinbe famen, abfeßen, niemals oon feinblidjen Scßaren
ßeimgefueßt ober gar geplünbert roorben. (Sine anbere grage ift eS,
roaS bie eingelnen Sürger unb (Siniooßner in biefer B^it gu tragen
unb gu leiben ßatten, roelcßen (Sinfluß ber Krieg auf bie (SrroerbS=
5tetinum.
VI. (Stettin um 1650 (ÜJlerian).
©er ^cnbel unb Sßerftljr.
281
verfeältniffe ljatte. ©afe bte Bafel ber Heroofener jurüdgegangeu ift,
nnife al§ firfjer gelten. Qni Safere 1627 zäfelte man in ber Stabt 809,
1659 bagegen nur 609 fünfer. ©rofebrni finb in allen biefen Bfaferen
neue SBnrger unb jroat nirfjt nur Hürgerföfeue, fonbern and; grembe
aitfgenommen roorben, unb biefe zogen bod) roofel feierljer, roeil fie
Slrbeit unb Herbienft zu gewinnen feofften. Sind) bie bereits erwähnte
©atfadje, bafj gerabe in ben ^afeten oon etwa 164u an ber Hefucfe
beS <ßdbagogiuniS ungemein zabireiefe roar, weift barauf fein, bafe bie
Herfeältniffe in ber Stabt nidjt fo fcfeliinm roaren roie an anberen
Orten. ©er $anbel erlitt fidjer fdjroere Scfeläge, aber er ging nie
ganz jjti Eriinbe. $n ben J^atjrerr um 1625 roar er reifet rege, fpäter
litt er unter ben allgemeinen Buftänben, bod) and) nidjt berartig roie
auherSwo. ©er Herfefer mit Sdjrocben blieb immer ertjalten unb
loudjS noife in biefer Seit. SJlifecrnteit unb ?luSfuferverbote fcfeäbigten
freilief) ben (Setreibefeanbel, ber fidj nad) ©anzig unb Hamburg 30g.
©er Hertefer mit ben IRieberlänbern feörte feit 1640 faft ganz auf,
wie überhaupt bamals Stettiiter Scfjiffe nur vereinzelt ben Sunb
paffierten; 1644 unb ,1645 ift fein einziges in ben fRegiftern ein-
getragen. Hon Stettin foninienb fuferen in ben Bahren 1627 burd)
ben Sunb 189 Scfjiffe, oon 1630—35 roaren eS jährlich ungefähr 70,
bann fanf bie Bafel auf 30 unb weiter immer tiefer, bis ebenfalls
1645 fein Scfeiff auS Stettin in ben fRegiftern verzeichnet ift. ?ln
äfeiilidj genauen Bafel611 für bie Scfeiffafert auf ber Cftfee fehlt es
leiber; bafe inbeffen auch fie burefe ben bänifdjen Boll, ber feit 1628
auf bem fRuben rtfeoben würbe, arg gefdjäbigt worben ift, barf als
fidjer gelten. SRoife mefer litt bie ftatjrt auf ben ftlitffen befonbers
burdj bie geiHbfcfjaft SifeivebenS mit Sranbenburg unb Holen, ©er
.franbel zu ßanbe ging bagegen nid)t ganz 61I1> baS Z61Üen allein
fifeon bie Rlerfeanblungen, bie 1625, 1630 nnb 1645 über bie reitenbe
fflotenpoft non ©anzig unb Hamburg geführt rourben. ©er ärgfte
Sdjlag, ber ben Stettiner £anbel traf, roar ent)ct)ieben bie Einführung
ber ßizenten, ber ?lbgabe von aller Ein unb SluSfufer. Qn einer
©entfdjrift von 1651 wirb ausführlich bargeftelft, roie venudjtenb
biefe Steuer geroirft feat. 'Uber bodj roar eS nidjt ber breifeigjäferige
Krieg, ber „an Stelle bes alten füfenen K'aufmannSgeifteS ein ängftltcfe
furzfidjtigefi Spiefebürgertum erzeugte", baS roar, roie roir gefefeen
feaben, fdjon vorfeer gefcfeeljen. Helfer als mit ben Kaufleuten vom
Seglerfeaufe ftanb eS mit oen Kramern, BemPl6rn unb Kleinfeänblern,
bie burefe ben fßerfefer in ber Stabt unb bie Einquartierung manefeen
SBerbienft hatten. Sind) bie Bafel unb Slrt ber $aiibroerfSgilben iiufem
ju. Um 1619 erfeielten bie meiften eine Seftätigung iferer fRollen.
282
Die Slitsfüljrunß ber grtebenSbefiimmunßtn
Der ffufammenfchluß würbe immer enger, ber Kampf gegen Von»
hafen unb £5ufcf)cr, gegen bie ^janbroerter auf bem ßanbe unb
prioilegierte greimeifter bauerte fort. Dorf) aud) tjierin trat, foroeit
bie erhaltenen Sitten uns ein Urteil erlauben, um 1630 eine gewiffe
Stagnation ein Wachten fid) and; Ijter b’e ^{eitDer^ältiiiffe geltenb
ober oerfnocherte ber (Gewerbebetrieb fo, baß man für bie eigenen
gntereffen taum noch etwas übrig hatte?
Das SBilb, baS oom Geben unb Dreibeit in Stettin am Schluffe
be§ großen Krieges gu entwerfen ift, bietet wenig ErfreulidjeS. 916er
fd)Iimmer als bie augenblidlidjen guftänbe erfd)eint bie 9liiSfid)t auf
bie gufunft. SßaS wirb aus ber Stabt werben, bie jefjt einem fremben
Staate angehört?
13. Kapitel.
Stettin unter Icfiwcbtlrfjcr «äerrfffiaft.
er griebe war gefdjloffen, aber bie Schwierigfeiten ber 21uS=
führung aller in bem instrumentum pacis Dorgefetjenen
SBeftimmnngen erwiefen fid) balb als faft unüberwinblid).
Die fdjroebifche ^Regierung geigte hierbei bie gange 5Rüc!fid)tSlofigteit,
bie fie fdjon oorher Schwächeren gegenüber bewiefen hatte, grn
10. Slrtifel beS griebenSoertrageS war beftimmt worben, baß gang
Vorpommern mit ber gnfel Vügen unb bagu auS ^interpommern
Stettin, (Gartj, Damm, Eollnow, bie gnfel SöoHin mit ber Cber,
bem $aff, ben brei SluSflüffen Veene, Swine, Dieoenow unb bem an
beiben Seiten anliegenben ßanbe an Schweben fallen füllten, über
bie 9lbgrengung bes im Cften ber Eewäffer gelegenen (Gebietes füllte
eine freunbfdjaftliche Einigung groifchen Schweben unb Vranbenburg
erfolgen. Diefe unbeftimmte SInorbnung gab alsbalb ben fchwebifdjen
Staatsmännern bie £>aitbhabe, Vranbenburg auf alle Sßeife gu quälen.
Die Stettiner waren, wie eS fdjeint, mit bem Sdjidfal, baS ihre Stabt
an Sdjroeben gebracht hatte, gang gufrieben, an feine ^jerrfdjaft hatten
fie fid) bereits gewöhnt unb erhofften gugleidj oon bem SReidje, baS fo
großen SBert auf bie Erwerbung beS CbergebieteS gelegt hatte, eine
görberung ihrer gntereffen unb eine fdjonenbe Erhaltung ihrer Vedjte.
Eine branbenburgifdj gefilmte Partei fdjeint es in ber Stabt nicht
gegeben gu haben.
9ln ben Verhanblungen, bie über bie (Grengregulieruug gaßre
lang geführt würben, hatte bie Stabt Stettin feinen biretten Ginteil.
Doch würben bie oielen Sdjroierigfeiten, bie Schweben babei machte,
Der ©tettiner SRejefj Bon 1663.
283
bie unenblicben (Streitigfeiten, bie erroudjfen, mit QMereffe oerfolgt.
Die Stage über bie oon Sdjroeben and) in ben ljinterpommerfdjen
£jäfen beanfprudjten ßigenten roar fiir (Stettin nid)t oljne SBidjtigteit.
©S fonnte fürchten, an feinem .fjanbel (Schaben gu erleiben, falls jene
an fidj roenig tonturrenjfäljigen Heinen Seeplätje banon befreit würben,
©benfo roar für bie (Stabt nidjt oljne Sebeutung bie ©ntfdjeibung
bariiber, ob baS ?lmt (Stettin gum fdjroebifdjeu ober branbenburgifdjen
SInteile gehören fülle. Sagen bod) aud) Sefiftungen ber (Stabt, '.Siefen,
SBtiidje unb Dörfer, wie fflerglanb unb ßübgin ober ißobejitd), bas
bem QoljanniStlofter gehörte, auf bem rechten Cberufer, unb eS roar
burdjauS erroünfdjt, baft biefe ©ebiete nidjt einer anberen ßanbeS»
Ijerrfcfjaft gugeroiefen rourben, roie bie (Stabt felbft. 9ladj langen
^Beratungen rourbe enblidj in bem Stettiner fRegeffe oom 4. 9Jfai 1653
bie ©renge feftgelegt unb groar in einer für Sdjroeben feljr günftigen
SEßeife, fo baft ein Streifen ßanbes auf bem redjten Ufer ber Cber
oon Sibbid)oro bis nad) ©ammin biefem ßanbe jufiel. Damit roar
bie Trennung ber beiben pommerfdjen ßanbeSteile oollgogen. Utodj
einmal taten bie beiben ^Regierungen, bie baS ©rbe SogiflaroS XIV.
übernommen ljatten, fidj gu einem gemeinfdjaftlidjen '-Serie jufammen,
nämlitfj feine ßeidje, bie feit 17 Qafjren im Stettiner Sdjloffe ber
enbgültigen Seifeftung ljarrte, jur lefjten SRiifje in ber ^iirftengruft
ber Sdjloftfirdje ju bringen. 9lm 25. SERai 1654 fanb bie traurige
§eier unter großem ißrunte ftatt; ber JRat ber Stabt ging mit im
Srauerfolge, bie ®ürgerfd)aft Ejielt bie Straften befeftt, burd) bie ber
Bug ging-
Son bem Sadjlaffe bes alten ^erjogSljaufeS roar nur roenig nod)
im Sdjloffe oorljaiiben, baS meifte roar an SogiflaroS SReffen, ben
^erjog ©ruft Sogiflaro oon ©rot), gefommen, anbereS roäftrenb ber
unruhigen Beiten oerfommett unb oerloren. Der gürftenfitj beS ©reifem
ljaufeS rourbe öbe unb leer unb nie roieber bie bauernbe SBoIjnftätte
eines ^jerrfdjergefdjledjteS.
jßäljrenb ber Serftanblungen über bie SUuSeinanberfetjung ber
beiben Staaten fanben jugletd) bie ^Beratungen über bie ©inridjtung
ber fdjroebifdjen Serroaltung SommernS ftatt. SereitS am 10. Januar
1649 erging eine Verfügung über bie oorläufige ©eftaltung ber
pommerfdjen ^Regierung. fRefibenj blieb Stettin, roo bie meiften ®e
fjörben iljren Sift ertjielten. Salb barauf traten bie pommerfdjen
ßanbftänbe jufammen, um iljre Sßiinfdje über bie enbgültige ^Regelung
ber ßanbeSoerroaltung ju äuftern. Sie roätjlten eine Deputation, um
biefe natfj Stodfjolm jju überbringen, Dr. ^riebridj IRunge übernaljm
e§, bie ßfntereffen ber Stabt Stettin babei 31t oertreten. fRamentlidj
284
Die fdjroebifdjt Untcrfudjunß.
bat er uni Konfirmation iljrer 5ßritiilegien unb Sefreiung non ßigenten
unb uon Einquartierung. Qu bent Sefdjeibe, ber am 24. $uli 1649 im
Flamen ber Königin Efyriftine auSgeftellt rourbe, nerfpradj man ber
Stabt bie Seftätigung iljrer alten iRedjte, wenn eine Ißriifung ber
llrfunben erfolgt fei. Das Stabtgeridjt folle fie behalten, bie 33er«
minberung ber ©arnifon unb ^erabfefjung ber ßigenten rourben ba
gegen abgefdjlagen. Die ^Regierung gab aber bie 3«fage, alles
möglidje gu tun, um ben $anbel Stettins gu heben unb bie Se
fdjroerben abguftetlen. gür eingelneS rourbe eine llnterfudjung burdj
eine Kommiffion in SluSfidjt geftellt; mehrere ißläfje unb Käufer, bie
oon ber Stabt ber fdjroebifdjen fRegierung überlaffen roorben roaren,
rourben iljr guriidgegeben. So febrte bie ©efanbtfdjaft mit einer
wenig befriebigenben Slntroort gurüd, bie alles einer fpäteren Ent«
fdjeibung oorbeljielt. Ürofcbem roar bie Stimmung in Stettin IjoffnungS«
ooll, unb man feierte audj tjier gu SReujaljr 1650 bas griebenSfeft
mit Danf fiir bie eiiblidje ^Beilegung beS langen Krieges. Der fReftor
beS ipdbagogiumS Johannes SRifraeliuÖ unb ber Konreftor £>einridj
Sdjäoe oeranftalteten bramatifdje Sluffüfjrungeu „gur Segeigung eines
bantbaren ©emüteS gegen ©ott roegen ber guten Hoffnung gu oöHiger
Sefriebung be§ beutfdjen ßanbeS".
gngroifdjen traf bie fdjroebiftfje Kommiffion, bie auS Johann
Cjenftjerna, bem ©eneralgouoerneur Karl ©uftao SBraugel unb bem
SBigepräfibenten SRifobeniuS ßilljeftröm beftanb, in Stettin ein unb
trat in berhanblungen mit bem ßanbtage, ber gufammengerufen
rourbe unb feine SBünfdjc äußerte. Sie unterfudjte audj bie Sßritro
legien unb 0-reiljeiten, roeldje bie Stettiner Sürger unb Einroofjner
bisher in ^interpoinmern befeffen hatten; es tjanbette fidj babei um
allerlei $>anbelSDorred)te, g. S. auf galjrinärtten, JßerfeljrSfreiEjeiteii
u. a. nt. namentlich in ©ollnoro. gnt Sommer 1650 fanbten bie
Stänbe eine neue Deputation nadj Storfljolm, angeblich um ber
Königin Efjriftine bei iljrer Krönung bie ©lüdroünfdje ipommernS gu
überbringen, tatfädjlidj aber, um abermals allerlei Sitten gu äufjern.
Die Stabt Stettin orbnete bagu ben SijnbifuS Dr. ^oadjim Sdjnobel
unb ben SRatSfjerrn ißeter Krüger (feit 1645 im SRate) ab, bie ben
Sluftrag erhielten, Sefrijroerben über Einquartierung unb Ejgeffe oon
Solbaten ufro. oorgubringen unb bie alten SSiinfcfje unb Sitten
gu erneuern. SBäljrenb fie nodj in Schweben roaren, erhoben bte
Sllterleute beS Kaufmanns unb ber neun ^auptßeroerfe lebhafte Klage
beim State barüber, bafj fie bei ben Sefdjlüffen über biefe unb bie
oorige Senbung gar nicht gefragt roorben feien; oljne ihre Suftint’
mung habe man g. SB. audj bie Überfenbung eines ©efchenfeS oon
SRifjftimmunß ßtßen ben Bat.
285
1000 ©ulben nach Schweben befchloffen. ®er JRat, ber bereits feit
längerer 3«t fich um bie Vertreter ber Bürgerfchaft wenig getünunert
batte, uerfucfjte biefen Borrourf 311 entfräftigen, obwohl er offenbar
felbft empfanb, bafj er in biefer Schiebung fein gutes ßJewiffen habe.
®er toniglidie Befcfteib oom 23. ^e^ember 1650, ben bie ®tputierten
erft im nächften (Sommer beimbrarsten, mar nidjt geeignet, bie Stini
mutig bet 'Bürger gegen ben SRat 311 beffern. (Denn rodljrenb alle
anberen Söiinfc^e unb Befdjroerben, namentlich auch roegen ber ßijenten,
abgelehnt roaren ober ihre ©ntfcheibung auf fpätere 3e*t uerfcfjoben
roorben roar, rourbe uon ber fdjwebifchen ^Regierung ein Slntrag beS
States angenommen. gäljrlid) füllten 2000 Saler aus ben ©iufünften
ber Stabt genommen werben, bamit bie StatSljerren „ifjren Stanb
unb ifjr Slmt mit befferem Befpeft unb Slußfommen führen formten".
©S roar niefjt 3U oerrounbern, bafj bie Bürger barüber murrten, aber
eine teilroeife ©rmäfjigung ber ßi3enten unb bie Buflöfung beS
„blauen ^Regiments" in Stettin (im ganuar 1652) fdjafften auch
ihnen einige (Erleichterung. ®er Slot fudjte 1653 roieberum burd)
eine ©efanbtfdjaft, bie gohann gafob Sreber übernahm, eine 916=
ftellung oon Befdjroerben befonberS ber $anbroerfer über bie uielen
greimeifter, bie ber gunft nidjt angehörten unb uon ber ^Regierung
bie ©rlaubniß jum Betriebe iljreS ^onbroerfeS erhalten hatten. 3«
errotrfen, foroie bie ßollfreiljeit für Stettin 3U erhalten. Buch biefe
Senbung tjatte feinen ©rfolg. Besprechungen aller Slrt mürben
gemacht, bie gorberung ber Bollfreujeit unb anberer Botred)te aber
einfad) abgelehnt. Tugegeu beftätigte bie Königin am 24. September
1653 feierlid) bie 'tßritjilegien unb SRecfjtc ber Stabt, wie fie in ben
her3ogtiihen llrfunben aufgeführt roorben roaren, unb nahm bie Bürger
unb ©inroohner, bie ber neuen ßanbeSherrfdjaft gehulbigt hatten, in
ihren Schuft unb Schirm. Btaren auch bie Beftimmungen über bie
^Regierung beß ßanbeß noch nidjt eiibgüitig getroffen, fo hatte mau
boch mit ber Sinrichtung einen SInfang gemacht, unb in ber Stabt
felbft roaren troft ber Unftcherheit ber politifcheu ßage allerlei neue
©rbnungen erlaffen roorben. So regelte ber Bat burch einen Bet
gleich DOnt 21. gebruar 1650 baS Berljältniß beS Kaufmanns uom
Seglerhaufe 311 ber Kramer Kompagnie. SBer 3m See ^anolung
treiben wollte, muftte baß Kaufmanns „Berbabung“ für 50 ©ulben
gewinnen, bagegen follte ber Kaufmann, ber mit Kramwaren hanbelte,
ber Krame- Kompagnie beitreten. ®er <Jwecf biefeS Bergleidjeß war,
ben feit lange beftehenben ©egenfaft 3wifchen ben beiben faufmänn
feften Korporationen nach SRöglidjfeit auß3ugleichen ®aS erfchien
um fo notwenbiger, als ber Unterfchieb 3101!djen ©rofjhanbel, fo weit
286
ÄBniß Kurl X. ßfotftu».
oon einem foldjen bie (Rebe fein tann, unb ber Kramerei ficfj mehr
unb meljr oenvifdjte. Die Seefdjiffaljrt naljm groar in biefem guijre
einen tlenien Sluffdjroung — 1650 paffierten 84 'Stettiner Sdjiffe ben
Sunb unb 1649 fuhren 79 nieberlanbiftfje Sdjiffe oon Stettin au§
burdj ihn, — aber er bauerte nidjt lange. Die Einnahmen aus bem
VollroertSgelbe, bie im Qaljre 1638 fidj nur auf 103 Eulben belief,
naljm in ben folgenben galjren gu unb erreichte 1657 bie für Stettin
nidjt unbebeutenbe •öötje oon 750 Eulben, bod) halb folgte eine
'Jlbnaljme. ?luf galfterbo befafe Stettin 1650 nod) feine gitte, aber
biefer Vefitj roar tauni meljr als eine Erinnerung an alte <^eit. Die
Einfuhr oon gering ging ungemein guriid, fie begann natfj 1648
fidj nur langfam gu Ijeben.
Der erhoffte Vlnfang ber befferen feiten für £anbef unb Verlebt
rourbe halb roieber unterbrodjen, ai§ imganuar 1654 Karl X. Euftao
an Stelle EbriftinaS, bie iljre '.Regierung nieberlegte, König oon
Sdjroeben rourbe. Seine (Regierung brachte oon neuem fdjroere Seiten
fiir Stettin, unb man mertte bort halb, bafe ber König oon feinen
beutfdjen Vefifeungen redjt grofee ßeiftungen forberte. 'Die grage ber
Einquartierung unb ber Unterhaltung pommerfdjer (Regimenter be«
fdjafiigte oon 1654 an bie Stänbe fortgefefct bei ihren gufammenfünften;
Stettin füllte 1200 SRann aufnehmen. Der (Rat orbnete im September
ben ©ber=SefretariuS gobocuS SlubreaS ^iltebranbt, einen geborenen
Stettiner (geb. 1617, geft. 1679), nacfj Sdjroeben ab unb gab ihm
neben feiner gnftruttion eine Vittfdjrift an ben König mit. gn iljr
bat ber (Rat um Verlegung be§ pommerfdjen £>ofgeridjt3 nad) Stettin,
roeitere Vereinigung ber 1650 auf 5 galjre gugeftanbenen Sulage,
Veftätigung ber Sadjmüljleii unb bet. StabtgeridjteS. £>iltebranbt (tiefe,
roie er in galjlreidjen Schreiben berichtete, in Stodljolm auf Schmierig«
feiten. Die triegerifefjen Vorbereitungen ftörten bie ruhigen Verhanb«
hingen, unb erft am 16, 'JRärg (teilte ber König eine Urtunbe au§,
in ber bie Veniitjer äRiihlen ausbrüctlidj ber Stabt oon neuem al§
Eigentum überroiefen rourben. genier rourben bie gulage auf bie
SBareii unb bie gortififationSfteuer (Sßallgulage) auf 8 gahre oe
langert, boefj fo, bafe jene ben ßigenten in einer feftgufetjenben (Seife
entfpräcfje unb biefe für ben V.iu ber geftungSroerte oerroanbt roerbe.
gür anbere Vefdjroerben uerfprach bie (Regierung Unterfucfjung unb,
roenn es möglich fei, Slbfeilfe. Eine Veftätigung be§ StabtgericfjtS
rourbe abgelehnt.
VUS ^iltebranbt mit biefem roenig befnebigenben Vefdjeibe im
'lloril 1655 gur..dtebrte, roar Schroebifcp Vommern unb namentlich
bie Eegenb um Stettin bereits oon KriegSlärm erfüllt, gür ben
Der fd)i«fbifd)>polnifdt Krieg.
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^elbgug, gu bem fidj Sari X. Suftao gegen 'ßolen rüftete, fammelte
fid) bort ein meift auS Teutfdjen beftefeenbeS .fjeer in ber (Störte oon
etwa 17000 SRann. Der gelbncarfcfjalt Slroib SSittenberg roar mit
ber ßeitung ber Stüftung beauftragt unb gum Statthalter oon Sommern
ernannt roorben; feinen SBoIjnfit; nahm er im (Stettiner (Schlöffe. 9lm
4. Quli mufterte er bie Gruppen bei Tainin unb trat am folgenben
Tage ben SRarfcf) nad) ißolen an. SBcnige Doge fpäter gog fich roieber
bei Tamm ein fchroebifcfeeS £>eer gufainmen, etwa 15000 SUlann ftarf,
mit bem ber König am 15. 3itli bei SSolgaft gelanbet toar. Sr
erfchien fclbft in Stettin, ooin fRat unb ber Siirgerfchaft feierlich
empfangen, unb nahm am 29. 3uli eine SRufterung ber ^Regimenter
oor, um alsbalb ebenfalls nach fßolen oorgurücten. 3°honn Cjenftjerna
rourbe gum Statthalter oon Sommern ernannt unb erhielt ben Sluftrag,
oon ben beiben Stäbten Stettin unb Stralfunb eine Anleihe oon
100000 Talern eingutreiben. Doch biefe gorbentng rourbe abgelehnt,
ba man nicht imftanbe roar, eine folche Summe aufgubringen; man
tlagte vielmehr über bie fchweren ßaften, bie ben Stäbten bereits
aufgelegt roorben feien, unb über ben SRücfgang oon .franbel unb
Seroerbe infolge ber Kriegsunruhen uub ber brohenben Soft- SereitS
am 22. Sluguft 1G55 gebot ber Souoerneur Sigel ßillje ben Bürgern
[ehr energifch, bie bisher gafelreich gehaltenen Schroeine abgufchaffen,
ba fie bei ber fich auSbreitenben Krantheit gefährlich fein fönnten.
3m Bahre 1656 rourbe fie fchlimmer, fo bafe man auch im Wate
ernftlidje SorfidjtSmaferegeln traf. Sin ißeftreglement rourbe erlaffen,
eine eigene Kommiffion unter ßeitung beS ^Ratsherrn Wubolf £>elbt
(1652 in beu Stat gewählt) eingefefet unb eine Umlage für bie 9Je
ftreitung ber Koften auSgefcfirieben. Sin Serfucfe, bie roüft liegenbe
St. Qürgentapelle oor bem ißafforoer Tore als ißeftljauS eingurid)ten,
fdjeiterte an bem Söiberfprudje beS SeneralmajorS oon SSirfe, beS
Kommanbanten ber Stabt, ber baS Sebäube für militärifche Broecte
in Slufpruch nahm. SllS bann ber Stat baS Sertrubhofpital bafür
beftimmte, erhoben bie ißrooiforen bagegen 5ßroteft, fo bafe auch
hieraus nichts rourbe.
3n berfelbeu Beit erfocht Karl Suftao mit -£>ilfe ber brauben«-
burgtfchen Truppen feinen grofeen Sieg bei Söarfchau (18. bis
20. Quli 1656) über bie ißolen. Doch halb wanbte fich &aS Slücf,
ber König gab ben Kampf mit biefen geinben auf unb wanbte fich
gegen Tänemarf. Sofort brangen polnifcfjc Schuren in £>interpommern
ein, tarnen fogar bis in bie fRäfee oon Stettin unb uerroüfteten bie
Umgegenb fdjredlid), roobei auch bie ftäbtifchen Sigentumsbörfer grofeen
Schaben erlitten. Diefe Kriegsgefahr rourbe bie iBeranlaffung, bafe
288
®rr Krieg.
bie jdjwebifdje Regierung nidjt nur bie Sefeftigungsarbeiten in Singriff
nahm, fonDcrn Dafür aud) einen ©elbbeitrag uon ber Stabt verlangte.
Ser fRat bewilligte 3000 Sgler, forberte aber, bafj bie töniglidjen Seamten
unb bie 'Bewohner ber greihäufer mit gu ben Haften fjetangegogen
würben (Sine Slufnafjine, bie gu biefem gwede erfolgte, ergab, bafj in ber
Stabt mit Den Sorftäbteu 345 Säufer, 907 Silben unb 231 Steiler
vorljanben waren. Son biefen waren JVreiljäufer ober von föniglidjeit
Sebienten Deroohnt 83 fünfer, 12G Buben unb 31 Keller. Sie
gorberung be§ States war bei ber nidjt geringen ;)ahl ber befreiten
Käufer von großer Sebeutung, unb e§ ift erflärlicf), baß er, al§ bi*
'.Regierung ihre Suftiniiniing jur Sefteuerung ableljnte, an baS Tribunal
in SSiSmar appellierte, bem vom Könige bie ©ntfdjeibung über biefe
Streitfälle überlaffen wurbe. Sonft verhieß Karl ©uftav einige ©r«
leidjterung, e§ tonnte aber gerabe jeßt wenig erfolgen, ba ber Krieg
immer neue Slnfprüdje notwenbig madjte, gunial al§ and) Sranbenbutg
eine feinblidje Stellung gegen Schweben einnahm.
Ser Kurfürft griebrid) SBilßelnt ßatte feit bem Slbfcfjluffe be§
Stettiner SraftatS von 1653 bie Hoffnung nie gang aufgegeben, bodf)
nocß Stettin gu gewinnen. Siefer ©ebante beßerrfdjte fe ne Bvlitif,
er gebaute aber mit Borficßt meßr gu erreidjen al§ mit ®ewalt.
Sesljalb ließ er ficf> nur wiberwillig auf bie SBerhanblungen ein, bie
groifdieu »nb Cfterreid) wegen eines SunbeS gegen Karl ®uftav
geführt würben. war iljm unangenehm, al§ er bie Stadjridjt erhielt,
baß ber Kaifer ben Befehl gegeben habe, ein £jeer fülle nad) Bommern
aufbredjen, unb ließ ungern einen Seil feiner Sruppeu bortljiu an
marfcfjieren.
Ser taiferiidje gelbgeugmeifter 3-reiljerr be Soudjes tarn mit
14000 'JJtanii im üluguft in Sommern an, eroberte ©reifenljageii, ließ
Sanim einftfjließeit unb verfucfjte burd) bie Sefeßung ber Unfein
Ufebom unb SBollin, fowie burd) bie ©innaljme ber Stäbte SBolliu unb
Sanimin ben S3eg in bie ©ftfee für Stettin abguf^neiben. ®S gelang
inbeffen ben Kaiferlüfien nicht. bie $eene unb Swine gu fperren. Dlm
7. September fiel ©amm m ihre £>iinbc, obwohl aud) bie Stettiner
©arnifon verfudjt hatte, bie widjtige Seftung gu unterfingen. Salb
barauf erfdjieiien bie feinblidjen Sruppeu, gu beiten aud) Sraubenburger
unter bem Srafen Soßna gefloßen waren, vor Stettin. ®S waren
im gangen wenig über 6000 MRanu. Sine 9lufforberuiig gur Über«
gäbe, bie an ben Kommanbanten, ©eneral Saul SJirß, $ceiherrn
von Ji>rel)ulin, erging, wurbe abgeleßnt, unb autf) Der IRat ertlärte auf
ein SdjreiDen be§ branbenburgifd)en ©eneralö, baß bie Sitrger ihrem
Könige treu bleiben wollten. Sie Sarnifon beftanb au§ etwa 2000 SRann,
Plan der Belagerung von Stettin im Jahre 1659 von Scharvtus.
VH.
Sie Selaflerunfl oon ©59.
2 HO
oon benen bie uieiften treffliche unb guuerläffige ßeute, ginnen uub
©übernianlänber, roaren. Sie UluSriiftung ber geftung mit Kriegs»
material mar nidjt gut, man tlagte über Stängel an ^uluer. Sie
Särgerfdjaft mar gut Serteibigung ber Stauer unb beS SßalleS uerpflidjlet
unb gu biefem ßmecfe in 11 Kompagnien, 8 in ber eigentlichen ©tabt,
3 in ber ßaftabie unb ben SBieten, organifiert. ©ie wählten iljre
Unteroffiziere, gciljnridje, ßeutiiantS felbft, mäfjrenb bie jüngften SatS»
Ijerren Kapitäne roaren. Tiefe bilbeten mit einer Deputation beS
SateS baS Kollegium ber Kriegstommiffare, bie neben bem Kotnmau
bauten baS SerteibigungSroefen gu leiten Ratten. Ser ©egenfafe, ber
gwifdjen ber Sürgerfdjaft unb ber ©arnifon, bem State uub ben
fdpuebifdjen SefetjlShabern oft Ejeroortrat, hemmte bie Slrbeiten feljr.
Sie ©tabt roar burdj bie mittelalterliche Stauer unb ben ©raben, fowie
burd) bie oon ©uftao Slbolf angelegten unb roeiter ausgebauten Söerte
mit 7 Saftionen ober Sollroerten gefdjütjt. Sie Slufjenroerfe, roie bie
©ternfdjange unb bie alten Sefeftigungen am Störfange im ©üben,
rourben uon ben Serteibigern aufgegeben, als bie Selagerer, uon benen
bie Kaiferlidjen in ber £>auptfadje im ©üben, bie Sranbenburger im
Sorben ber ©tabt lagen, bie geftung ^u befdjiefjen begannen. ©S
gelang ihnen nicfjt, fie nollftänbig eiugufdjliefjen, ba es an ©djiffen
fehlte unb man bie äufaljrt roeber fperren, noch uom rechten Ufer auS
au bie ©tabt herantommen tonnte. Slit allen möglichen ©efdjoffen, wie
fie bie bamalige artilleriftifche Kunft tannte, ^anbgranaten, Settel
faden, Staultörben u. a. m, rourbe bie ©tabt im September unb
befonbers im Cttober beroorfen Tie SBirtung roar aber im allgemeinen
gering; eS entftanb feine eigentliche geuerSbrunft. Um fo gröfjer jeboctj
roar bie Seunruljigung, bie burdj bie Sefdjiehung bei ber Sürgerroeljr
heruorgerufen rourbe, unb ber Kommanbant unb Wat muhten fidj alle
Stühe geben, fie gur Erfüllung ihrer «Pflichten anguljalten Tie Kriegs»
fonuniffare liehen im ©eptember bie eingeluen Kompagnien uor fidj
tommen, um fie gu ermahnen, muhten aber uon Offizieren unb Staun
fcfjaften uieleßinroenbuugen, Sefdjroerben unb®ntfdjulbigungeu entgegen»
neljmen. ©ie tlagten über ©eroalttaten ber ©olbatesta, fie befchulbigten
ihre eigenen ©ffigiere, roie g. S ben Kapitän ber 5. Kompagnie
Dr. Konrab Solte (feit 1059 im State), ber geigljeit unb bes gort»
bleibens vom Stalle. Täglich tarnen Klagen oor baS KriegStollegium:
ba uerroeigerte ein Sürger feinem Kapitän, bet nidjtS uerftänbe, ben
©eljorfam, ba ging einer mit ber Staffe auf feinen Cffigier loS, ein
anberer fam betrunfen gur Stadje unb fing eine Sauferei an, mandje
muhten mit ©eroalt gum Tienfte herbeigeholt roerben, turg bie ?lntlagen
Ijörten nicht auf. Trofcbem roagte bas Kriegstollegium nicht mit
6)<|rtnm, Vcf^t^tc oon viettin
290
‘tluftjelncnß ber Selaßerunß.
ftrengen Strafen oor^ugeben, ba bie ißiirgerwefjr immerhin einiger»
maßen bie ©arnifon entlüftete. Siefe madjte oerfdjteoene ^Inöfdlle,
non benen einer am IDlartinStage befonbers erfolgreich war. Sie
fdjroebifdjen Sruppen leifteten bei ber ißerteibigung auSgegeidjueteS;
©eneral ©irß bewies ficfj als gefdjidter unb eifriger ^elbljerr. Sie
SFeiagerungstruppen madjten baljer nur geringe gortfdjritte. Sa fie
bie Stabt nicfjt oollftänbig einfdjließen tonnten, fo ßerrfdjte bort fein
eigentlicher ÜRangel; oon Stralfunb unb ßübect tarnen ßebenSmittel
em befonbers reicfjer gifcfjfang gab ber SBeuöltening faft einen Übei
fluß an Slaljrung. Ser Honig Hari ©uftau maljnte bie Stabt ^itr
Sefenfion unb oerfpracfj $iilfe burcfj ben ©rafen ©rangel, ber oon
Stralfunb auS ©riefe an ben SRat fanbte unb Peiftanb gufagte.
©iitlidj erfdjienen audj, ba ber ©afferweg immer offen blieb, wieoer-
tjolt ißerftärfungen, unb am 11. Slouember (n St.) tarn ©rangel felbft
in bie Stabt. Gr ertannte halb, baß Stettin fidj halten tönne, unb
fufjr am 15. wieber ab, nadjbem er bie ÜBiirgerfdjaft wegen iljrer Haltung
belobt ljatte.
Sie ©ebulb ber ^Belagerer mar halb erfdjöpft. Gütige Scfjlappen,
bie fie am 12. unb 14 Slooember erlitten, unb oor allem baS falte
unb feuchte ©etter, baS oiele Hrantljeiten in ben ßageru erzeugte,
ueranlaßten be Soudjes am 10 SHooember bie Selageruug aiifju»
tjeben unb ben Slbmarfdj angutreten. Stettin war gerettet; ootl
fjreube melbete ber Stat bem ©rafen ©rangel bie „ßiberation"
Sarauf fpradj ber Honig in einem Sdjreiben oom 0 Se^ember bem
State unb ber Siirgerfdjaft feine Slnerfennimg fiir „bie tapfere Siefohi
tion, Stanbbaftigteit unb Unuerbroffenljeit“ auS unb uerljieß, bie Stabt
„beS bei biefer Cccafion erlittenen SdjabenS unb UngemacfjS Ijalber
gu foulagieren unb etwa fjabenben desicleriis ®efriebigung gu fdjaffen".
3n ber Stabt beging mutt am 23. Slovember baS SiegeSfeft, unb
eS würbe Sraudj, ben 10. Slooember audj in ben nädjften $aljren
regelmäßig burdj ©ottesbienfte unb geftlidjteiten ^u feiern Sim
14. September (n. St.) 1000, als Höiiig Hari X. ©uftau bereits
geftorben war, uerltelj feine ©itwe £>ebroig Gleonore in einer feier»
lidjen llrfunbe ber Stabt ein neues ©appen, in bem neben baS
Sdjilb mit bem Stettiner ©reifen ^wei ßöwen geftellt finb, bie eine
Höncgsfrone barüber Ijalten; bas ganje ift oon einem ßorbeertranje
umgeben, ^ugleidj würbe bett bamaligen Siirgerlneiftern heiiiridj
uon Srannfdjweig (1041 — 71), 'ßeter ©erife (105H- 06) nnb ©Ijriftoplj
Stidjter (1059—09), fowie allen iljren VlmtSnadjfolgern ber Sibel uerlieben.
Jn ber Stabt war man ftolj auf bie ruljntuolle ißerteibigung, oon
ber in ber ©eit oiel bie Siebe war. ®alb erfdjienen Skridjte mandjerlei
Quftanb ber Stabt nad? ber ©elaßerunß. 291
Slrt, eine „furje, bennod) ausfüljrlidje ©efdjreibuug" unb „'.Boies unb
®ute§, welches bie Stabt eilten Stettin anno 1659 . . auSgeftanben
unb erfahren". Sie würben mit eben foldjem ^Jntereffe gelefen, wie
bie 'Jladjrichten über ben fdjwebifdj-polnifdjen $?rieg in ber „(Suropäi
fdjen Leitung“, bie fidjer 1656, vielleicht fdjon feit längerer Seit bie
©hetefdje Druderei IjerauSgegeben ljat.
Der Sdjaben, ben bie Stabt bei ber ^Belagerung erlitten batte,
war nidjt fo grofj, wie er oon ben Seitgenoffeii bargeftellt wurbe,
wenigftenS ber ©erlitft au SRenfdjen war gering, von ©ärgern
Ubb. 14. Da8 Stettiner (Sljmiwappen von 1660.
foll nur ein einziger erfdjoffeu worben fein, ©or ben ©lauern war
allerbingS viel oerwiiftet, bie fdjon faft jerftörte unb verfallene
Cberburg, St. Jürgen vor bem ißalfower Sore mit bem bortigen
Sdjütjeuljaufe unb bie ©lüljlen waren ebeitfo wie bie beibeu ©fielen
uiebergebraimt worben. £>anbel unb ©erteljr ljatten natürlidj burdj
bie Sinfdjliefjung erljeblidj gelitten, aber bereits vorljer war namentlidj
bie Seefaljrt infolge bes Krieges mit ben Dänen fetjr gefdjäbigt
worben, ja bie galjrt burdj ben Sunb ljatte 1657 faft gan^ auf=
gehört. [taub überhaupt in biefer 3eit mit bem Stettiner Raubet
traurig, unb ber ©Joljlftanb naljm, wie es fdjeint, immer mehr ab.
W
292
(Manbtfdjaften nad) Schweben.
Darauf beuten bie 1654 erlaffenen Qrbnungen für^ochgeiten, Saufen unb
Segräbniffe unb bie Kleibcrorbnung nidjt minber hin, als bie ftänbigen
Semühungeii, baS 'Armen«' unb Settelroefen in ber Stabt gu beffern.
3m Januar 1660 beriet man im Slate mit ^ugiefjiing ber
Sllterleute über galjlreicfje Sefdjroerbeu unb trat alSbalb nut ber 9ie=
gierung in Serfjanblung wegen einer an ben König gu fenbenben
Deputation. Doch etje ein Sefcfjlufj gefaßt rourbe, langte bie 9latfjridjt
an, Karl X. Suftau fei am 13. gebruar 1660 gu Sotenburg ge=
ftorben. Da entfdiloß man fid) im SJlärg, ben Sürgermeifter ßfjriftoplj
'Jiidjter unb ben fftatSljerrn ^eiuridj Starte (feit 1655 im Slate) nebft
groei Vertretern ber Sürgerfdjaft an ben PleidjSabmiral (Grafen Karl
Qhiftau Äörangel nad) Stralfunb gu fdjicfen. SDlan bat unter anberm
um Slbroenbung einer neuen 'Belagerung, bie im ^riiöjaljr, al'S bie
'tjembe oon Damm unb Sreifenl)agen auS Streifgüge unternahmen,
gu brühen fdjien, um Sludgabe beS non ber (Äarnifon in 'Befitj ge
nommenen SBant- ober ßeugtjaufeS am Kohlmarh, um Sntjdiaoigung
ber erlittenen Serlufte. Der Vefdjeib fcfjeint roieber nur Verfpredjungen
enthalten gu haben, boch balb machte ber Triebe oon Clioa (3. 'JJlai
1660) ben fchlimmften SBefürdjtungeu ein Snbe.
Sfcir ben vierjährigen König Karl XI rourbe eine uormunb
fdjaftlicfje Ptegierung eingefeljt, bie aus ber Königin-SJitwe ^jebiuig
(Eleonore unb fünf SJlitgbebern beS PleidjSrateS beftanb. Sine uon
ben vielen Aufgaben, bie fie gu löfen hatte, roar bie eublidjc Sin«
ruhtung ber pommerfcheii Verwaltung. 3™ Quni 1660 fanb in
GJreifSwalb eine Jßerfaunnlimg oon Übertretern pommer|d)er Stabte
ftatt, um über gemeinfame $ntereffen, namentlich oucfj über bie Ute
gierungSform gu beraten, •fjiergu erfchienen oon Stettin aus ber
Sürgermeifter Shriftoph SHidjter unb bie Platzherren SaSpar 'JJleijer
(1645 in ben 9tat gewählt) unb ^jeinrid) Starte. Sie hatten ben
Sluftrag, fid; nad) bem Stäbtetage fogleictj nad) Stoctljolm gu begeben,
um bort Sitten wegen ^Befreiung uon ßaften, wegen ber Slieberlag?
gerechtigfeit, ber bürgerlichen Bl*tage, ber SSiebererftattuug oorgefd^offener
Summen, ber Pliictgabe beS SeughaufeS u. a. m. oorgubringen. Von
ben Deputierten rourbe SJleijer unterwegs in Stralfunb „wegen beS
bofen S-erez" tränt, bie beiben anberu langten ini J^uli in Stodljolm
an. Sie fanbeii im allgemeinen freunblidje ?lufiiat)me unb erhielten
nad) längerer Beit aud) Sefdjeib auf iljre SBünfdje. 3in September
ergingen Srlaffe au bie pommerfche ^Regierung, in beueu llnterfudjungen
wegen bei 'JlieberlagSgerechtigteit Stettins, wegen ber greiljäufer unb
ber bürgerlid)en gulage angeorbnet würben. Die Plüdgabe beS Beug
haufeS am Koljlmartt mürbe befohlen, eine Srhöljung beS DammgolleS
Armenpflege.
293
feftgefefct, anbereS fpäterer Entfdjeibung porbeljalten Die ©efanbten
nahmen ein Schreiben bes 9leid)SrateS, in bem ber Stabt „fonber
bare gnäbige Affection ihres in bisherigen ftfjroeren 3eiteu rühmlich
crroiefenen ©Joblverhaltens halber" aitSgebriirft rourbe, mit in bie
Heimat.
Die griebensgeit, bie fiir ©ommcru freilich nur auf turge Seit
folgte, benuhte ber Pat für ein bebeutfameS SBert ber SSohlfahrt, inbent
er 1660 eine Anbetung in ber Armenpflege vornahm. 3fn ber
PeformatiouSgeit h°tte man auS bem Vermögen ber ucrfdjiebenen
$ofpitäler unb Stiftungen einen gemeinfamen Armentaften gebilbet,
ber von Proviforen unter Aufficht bcS Pates nerroaltet wnrbe. 3»
ihm gehörte auch baS gu einer ©erforgungSftätte armer Sürger um
gcftaltete St. QohanniStlofter. Dies befafj in ben Dörfern 33ölfcf)enborf
uub pobejuch, bem (Mute prilip unb einem ißjalbe in Armenheibe
einen nicht unbeträchtlichen Pefitj. ®s fcheint, als ob bie Eintünfte
auS bem Eigentum unb bem recht bebeutenben Kapitalvermögen
nicht mehr in erfter ßinie bem KI öfter, fonbern bem gefaulten
Annenroefen in (Stettin gu gute tarnen. Deshalb tonnte eS
nicht mehr, roie ehemals miubeftenS 150, fonbern nur etwa
100 Pfleglinge aufnehmen, gumal ba infolge ber höheren ©reife bie
übliche Paturalverpfleguug gang erheblich größere Soften uerurfadjte.
Daher befdjlofj ber Stat bas Stlofter oon bem Armentaften gu trennen
uub für fich oerroalten gu laffen. gugleich fdjaffte er bie Speifitng
ab unb gab ben Qjnfaffen neben ber Söohnung „Pröven“ (b. h- ptäbenben)
oon ßebenSmitteln ober auch eine ©elbunterftüfeung. Die Proviforen
behielten bie Serroaltung unb bie Aufficht über baS filofter, rourben
aber oom Pate tontrolliert. Dem Armentaften bagegen überroieS man
bamals anbere Stiftungen mit ihren Eintünften, roie baS ßJertrub
hofpital auf ber ßaftabie, baS als Siedjen ober KrautenhauS
biente, bie beiben fogenannten Armenteller am heiligen Seift
tore, bie wahrfcheinlich gu bem in ber Släfje liegenben, verfallenen
$ofpital gum Fjeiligen Seift gehörten, foroie bie brei „Kling
häufer" am ©fühlen« unb grauentore unb auf ber ßaftabie.
$n ihnen wohnten SBärter, bie nach bem Schluffe ber Stabttore biefe
öffneten unb bafür eine Abgabe erhoben, bie bem Armentaften guflofj.
Aufjerbent würben ihm noch einige Kapitalien, Kolletten unb ©eiträge
uon Privaten ober uon ber Stabt gur Untcrftütjung ber Armen über
luiefen. Auch bie Einrichtung eines SPaifenhaufeS, baS nach ben uorher«
gehenben ©eftgeiten recht uotwenbig gewefen fein mag, rourbe roenigftens
norbereitet; eS ift erft 1684 guftanbe getonimen. Die ©litte! bagu
gemährten einige Permädjtniffe.
294
Tie ©ulbigung von 1663.
Wan unternahm eS auch fonft, bie burd) ben Sfrieg entftanbenen
Sdjciben 311 tjeilen. Tie Sürger fteüten bie befdjäbigten .fjciufer,
foroeit eS iljre 'JRittel erlaubten, nricber Ijer, bie R'irchen rourben auS=
gebeffert, oor allem baute mau an bem Steinbanun, beffen Erhaltung
gu allen feiten ber Stabt feljr uiele fioften madjte. Weiter galt eS,
bie geftungSroerfe neu ijeram'idjten unb 31t nerftärten. Sin biefer
SIrbeit roirfte rooljl Sßenbeliu Sdjilbtnedjt, ber Ingenieur unb .ßeug
meifterber Stabt Sitten Stettin, mit, ber infolge feines 1652 erfdjienenen
Wertes „Harmonia in fortalitiis construendis, defendendis et oppu-
guandis“ als eine Slutorität im geftungSbau galt. Sei bem Sau
rourbe baS alte 'ßaffoioer Tor, baS bei ber Selageanig oon 1659
eütgefdjoffen roorben roar, befeitigt unb bafür baS „9leue Tor" ge-
fdjaffen, ba§ am Enbe ber breiten Strafe lag. Ebenfo liefe bie
fdjrocbifdje ^Regierung an anberen Teilen ber Wauer unb ber Werfe
fortgefegt arbeiten unb uerroanbte bagu bie uon ben Sürgcrn erhobene
„Wallgulage". Tod) alle biefe Serbefferungen erfuhren eine nidjt
geringe Hemmung burd) bie Teuerung, bie namentlich im Qagre 1661
im gangen Canbe ljerrfd)te. Ter Wifpel Weigen toftete bamalS etwa
35—39 Taler unb ftieg im folgenben $af)re fogar auf 39—48 Taler
(nad) heutigem ffielbroert ungefähr 525—720 Wart). So milbe unb
fdjoneiib im allgemeinen bie fdjiuebifdje fRegierung baS beutfdje ßanb
unb feine Seroobner behanbeltc, allerlei Jl'onflitte blieben bod) nicht
aus. Sie forberte 3. S. 1662 non ber Stabt Stettin bie Stellung
eines JRüftroageiiS mit 6 Sferben gur Sefdjidung beS ^Reichstages 311
IRegeitSburg. Unter lebhaftem Ißroteft lehnte ber fllat biefe gorberung
ab; bie Stabt gagle eine Ijolje Drböre uon 311 Talern 20 Sd)ill-
unb fei gu teiner anberen Ceiftung verpflichtet. Tod) roidjtigere fragen
befdjäftigtett bie eingefegte $auptfommiffion, bereu Sräfibent ber
Oleneralftatthalter ffarl (Suftao Wrangel roar. 9lur mit qrofeer SRüge
brachte fie bie IRcgierungSform uom 17. ^uli 1663 guftanbe. Turdj
fie rourbe ein IRegierungSfollegium in Stettin eingeridjtet, nadjbcm
bte norgefdjlagene Verlegung nach Wolgaft oon ben Stäuben ab=
gelehnt roorben roar. 51m 3. Stuguft 1663 leifteten IRat unb Sürger»
fdjaft oon Stettin nor ben töniglicgen SeuoIImäcgtigten im fRatfjaufe
unb auf bem .fjjeumarft ben üblichen Grib ber Treue Tarauf rourbe
bte non ber uormunbfdjaftlidjen ^Regierung im 'Hamen beS Sl'önigS
Slarl XI. am 31. Januar 1663 auSgeftellte llrfunbe ausgeliefert, in
ber bie ^Privilegien ber Stabt beftätigt rourben. Ter IRat aber roar
mit bem Sdjriftftücfe nicht einnerftanben, ba bie bort uorfommenbe
Einfdjränfuiig inbetreff ber Seftätigung ber Privilegien, „fo roie fie
ein febeS im guten (Seroäljr unb Sefig gaben", bebenflid) erfdjieu.
Sitten unh Scdjroerben ber ©tabt.
295
Tie Stommiffare, bie innn um ffirflärung biefer fonft nidjt üblidjen
SBorte bat, leljnten eine Slnberung ab, gaben aber bie gufidjerung,
bafe bie gönnet ber Stabt unb iljreu SRedjten in 3ut1|Ilft feinem
Sladjteite gereidjen fotte.
Slud) mit einer llnterfudjung ber ftäbtifdjen Serroaltung Stettins
befdjäftigte fid) bie stommiffion in biefen gabren (1(5*53—66). Tabei
rourben gafjltofe Sefdjroerben oorgcoradjt. Unter anberen erljoben bie
Sltterleute eines etjrbaren .Kaufmanns, ffleroanbfdjiiittS unb Segler*
IjaufeS allerlei Silagen gegen Sürgermcifter unb Slat, norneljmlidj audj
roegen beS Slnteils ber Sürgerfrtjaft an ber Stabtoermaltung, ber
immer roieber ein (Megenftanb bcS Streites rourbe. Ter Stat befdjlofe
im ©ftrber 16ß3, ben SijnoifuS Dr. ©djnobel nadi Stodliolm ßu
fenben unb gab iljm eine ausführliche gnftruftion mit, in ber bie
befonberen ÜBünfdje Stettins auSgefprodjen roaren. Ta ber 3uftaut>
ber Stabt fdjledjt fei unb über „faft tägliches Utbnefeinen" geflagt
roerbe, füll er eine groeiiütjage Gjemption oon ber Slccife, 3urüd=
erftattung oorgefdjoffener (Selber forbern, foroie um (Erleichterung ber
(Einquartierung unb ber ©rböre bitten unb anbere „Tefiberieu" ooi
bringen. Srtinobel featte in Storftjotm ^aljlreidje Jlonfereitjen mit
ÄJlitgfiebern ber ^Regierung unb übergab eine Sleilje oon Tenffdjriften,
unter anbern einen „unoorgreiflidjen Sluffafe, roeldjermafeen bie Eom»
niercien bei biefer Stabt gu rebreffieren unb in Sajmang roieber ^u
bringen fein möchten“. Qn iljm wirb über ben ^janbel ber gremben,
namentlidj ber ^ollänber, über 3oü>teuerungen, bie ßigenten, föon
furreng ber Stargarber unb Slltbammer, bie bürgerliche .ßulage u. a. m.
geflugt. SiS 311m Sluguft 16ß4 blieb Sdjnobel in Studfeolm; als
er roieber nadj Stettin jurüdfeljrte, braajte er nidjts mit als leere
ffierfpredjungen. Tie föniglidje IRefoIution oom 20. guli lß64 lehnte
faft alle Sßünfdje ab.
ljatte man beim eigenen ßanbeSherrn nidjts erreicht, fo madjte
man ben Serfuch, oom fiurfürften oon Sranbenburg roenigftenS einige
Grleidjterung für ben ^anbelSoerfeljr in beffen ßanbe ju erzielen,
gfn bem eben angeführten Sluffatje rourbe auSgefüljrt, bafe „nach
gefdjeljener 3er’ unb Abteilung beS ljiNterpommerfdjen ßanbes gffjro
flurfürftl. Turdjlaudjt jju Sranbenburg Ijüljer unb mebriger Schienten,
roie audj fämttidjer ßanbfaffen gntention unb 3roed bafjin gerichtet
fei, roie .ftanbel unb Sfambel oon biefer Stabt ab* unb nach t>en
tjinterpommerfdjen Stabten gezogen roerben möge, roie beim unleugbar,
bafe flolberg unb Stargarb bei nerroidjenen gaferen in uterflicheS
Slufnebmen, biefe Stabt Stettin aber in grofeen Serberb geraten".
Sor allem roirb bort geiuiinfdjt, „bafe ber ©her unb Söartljeftrom
296
ftanbetöbejitljunßtn.
geöffnet unb forootjl piefigen Sfauf« unb £>anbelSIeuten, als ben
mrirfifcfjeii bartntf Raubet unb Sßanbel 311 treiben, auf- unb ab
unreifen unb alfo in beiben gürftentümern unb ßanben freie coininercia
ßit ejercieren geftattet werben möge". Solche unb ähnliche Silagen
über 3oIIbefd)werben, Straßengirechngfeit, ben grauffurter .fjanbel ufn».
brachte bie R'aufmannfdjafi fdjon 1662 bei bem R'urfürften oor. Sie
faiib aber aud) fjier wenig ®chör; in einem langen Schreiben oom
1. SRärj 1664 wurbe ihr erflärt, bafj bie weiften Sefdjwerben,
foweit fie überhaupt berechtigt feien, nidjt befeitigt werben tonnten.
C3>er ft'urfürft machte bie ®runbfätje beS bamals Ijerrfdjenben ötouo=
mifdjen SgftemS, bes SRertantiliSmuS, fdjroff geltenb. Er legte eS
barauf ab, ben Jpanbel £intervommernS, ber S?ur= unb Sleumarf, ja
audj beS fdjlefifdj=polnifdjen £>interlanbeS non Stettin abjujieljen unb
feinem Territorium guguroenbeu. TeShalb Hefe er 1662 unb 1663
ben „neuen ®raben“ gwifdjen Ober unb Spree Ijerftellen, burdj ben
eine biretre Söafferoerbinbung beS oberen CbergebieteS unb ^ßolenS
mit ber SLQarf gefdjaffen wurbe. Tiefer „SRülrofer Stanal" war für
ben Stettiner £anbel ebenfo fdjäblidj, wie bie fommerziellen 3Raß=
nahmen SranbenburgS in £>interpommern. Ter fiurfürft fpradj e§
audj in bem Schreiben oon 1664 inbirett aus, bafj er gar nidjt baran
bente, ben Stettinern mehr Erleichterungen zu oerfdjaffen, als es ihm
für fein eigenes ßanb gut bünfe; waS er ihnen gugeftanb, waren
Stlcinigfeiten. SSieberljoIt oerfjanbelten Stettiner in ben nädjften ^atjren
mit ben ^rantfurtem unb SreSlauern, ohne inbeffen etwas ßu
erreichen. So waren im Quli 1671 einige Slbgeorbnete Stettins in
SreSlau, um bie bortigen Kaufleute oom ®ebra"d)e beS neuen ©rabenS
abzubringen, ber ©egenfatj jwifdjen Sommern unb ber SRart wurbe
tubeffen eljer oerfdjärft als gemilbert. Eine neue Scrolle für ben
SBertebr auf bem Tamm wurbe 1665 erlaffen, über bie SReoifion ber
SollwertSorbnung beraten, ein Tarif für bie ßeidjterfaljrjeuge auf=
geftellt, oon benen eS 1663 nur 44 mit einer Tragfähigkeit oon 34
bis (> ßaften gab.
Tie ^Regierung befahl 1667 bem Slate, Sefdpoerben, bie ?Ilter-
leute unb ©ewerte nad) reiflicher Überlegung gegen SImtSperfonen
oorbrädjten, „mit Sanftmut" aiyu^öreu unb nad) ©ebütjr 311 beadjteii.
SRon einer regelrechten Teilnahme ber Sürgeroertreter an ber Stabt
Verwaltung war nicht bie Webe, ja bie 'JJlitglieber beS SRateS nahmen
eS fefjr übel, wenn ^Bürger irgenb eine Sefdjwerbe laut werben ließen.
So tjerrfrtjten in ber Stabt neben ber SRißftimmung über bie unglütf
lidjen wirtfchafthchen ßuftänbe Unfriebe unb Eiferfudjt jwifchen ben
einzelnen Stäuben, ©lau war oon einer überreizten Empfinblidjteit
©djulwtfrn.
297
beherrfdjt, bie fid) bei oerfdjiebenen (Gelegenheiten äußerte unb aud)
auf baS SBerhältniS 311 ber «Regierung roirfte. ßu (Streitigfeiten
lam es bei ben Arbeiten gur ^erftellung einer richtigen .^ufenmatrifel,
nad) ber eine {Regelung ber Slbgabeiwerhältniffe erfolgen füllte. Tabei
rourbe 16(54 ber gefamte Sefitj ber ©tabt ©tettin auf 1161 ßanb
hufeit unb 5 SRorgen feftgeftellt. JJiir bie SBefteuerung aber rourbe
nad) langen {Berhanblungen baS gange ©tabtgebiet auf 800 unb fpäter
(1681) auf 521 £ufen berechnet. Sind) hierbei madjte fid) ber Gigen
nutj ber beteiligten Sßerfonen geltenb, jeber fudjte bet ber ©teuer
anlage möglidjft gut abgiitommen GtroaS mehr ©emeinfinn geigte
fid), al§ ber {Rat 1666 bie Anlegung eines {ßeftljaufeS in Grroägung
gog unb bafür freiwillige ©oben oon ben {Bürgern erbat. GS tonnte
roirflid) ein $auS in ber «Rieberroief getauft unb im folgenben ^atjre
eröffnet roerben. 9lud) bie Snnftgenoffen, bie bei ber «Betrifirdje am
STIofterhofe, einem nicht ber ftäbtifdjen (Gcridjtsbarteit unterftehenben
©tabtteile, roohnten, erneuerten bamals ihre ^Srüberfcfjaft; fie biente
gur Unterftütjuiig in STrantfjeitS* unb (Sterbefällen.
Übel ftanb es mit bem ©chulroefen ©tettinS. Qn ben groangiger
fahren roar allerlei gur Crbnung ber ©djulen gefdjeljen; eS roar fiir
bie oom {Rate bestätigten beutfd)en ©djulljalter eine ^nftruttion auf=
gefetjt unb 1623 oom £>ergoge beftätigt roorben. Tie ©djulmeifter
taten fich halb barauf gn einer gunftartigen ©enoffenfehaft gufammen,
rooburdj and) baS SÖinfelfchuIroefen befeitigt roerben füllte. TieS
gelang tret) aller {Bemühungen nidjt, ja bie Saljl ber nidjt ton=
geffionierten ©djulmeifter roar g. SB. 1641 fjöljet als bie bet
betätigten. Tie SRatSfdjnle erhielt 1627, als 9RitraeliuS bie ßeitnng
übernahm, einen oon ihm ausgearbeiteten, feljr auSfüljrlidjen ßehr
plan, foroie neue (Gefeße für ßehrer unb ©djüler. ©0 fümmerlidj
auch bie äußeren {Berljältniffe biefer ©djule roaren, fo nahm fie boch
unter bem SRettorat beS tüchtigen SRanneS einen nicht geringen 9luf=
fchmung, unb auch fein SRadjfolger Grich Sßelshofer (1642—63) fudjte
nach HRöglidjfeit bem eintretenben SBerfall entgegenguarbeiten. «Richt
anberS erging eS bem Sßäbagogium. GS erlebte eine 3eit hoher SBlüte,
aber nach t>eni ^obe beS SRitraeliuS (3. Tegember 1658), ber 1642
bie ßeitung biefer Slnftalt übernommen hatte, trat ein ftarfer SRürf-
gang, ja faft oollftänbiger Untergang ein, obwohl bie fdjroebifdje
{Regierung alles moglidje tat, bie ©djule roieber gu heben Gine
große SBifitatioit oon 1663 berfte bie «JRifjftätibe auf, bie fioinmiffion,
bie halb barauf bie ©chule unterfuchte, fchlug gunächft bie {Bereinigung
beS SBäbagoginmS mit ber (GreifSroalber llnioerfität unb beren Verlegung
nach Stettin, bann aber eine irollftänbige {Reorgaui|ation oor. Sils
298
JtrießSrüftunßtn.
regium Gymnasium Carolinum wurbe 1667 bie ulte ^ürftenfdjule
gu einem atnbemifdjen Gfaninafium untgeroanbelt
Die geftunten Verljultniffe (Stettins gerieten in biefen Qaßren in
einen unoerfennbaren Stillftanb, wenn and) bie ^Regierung fid) gier
unb bu bemüljte, eine ^ortentwicfelnng ßerbeigufüßren. ES tjtfrrfdjte
eine peffintiftifdje Slnfdjauung, bie gu bem Elauben fiitjrte, ber Weber
gang ber Stabt fei niefjt aufgu|alten. Vielleidjt war bie gange
politifdje flage baran fdntlb. Die unftdjern ^iiftänbe in Sdjroeben,
ber offentunbige Wirfgang feiner 9Jlacf)t ließen fein redjtcS Vertrauen
in ber Vürgerfdjaft auffoninien, befonberS ba man immer roieber
neue friegerifdje Verroidelungen fürdjtete. Diefe Slßnung erroicS fid)
balb als ridjtig, als im Dezember 1674 gelbmarfdjall SBrangel mit
160o0 SRann ben Slanipf gegen Vranbenburg eröffnete unb Gienero1
major uon RBuIffen mit fieben ^Regimentern, bie er bei Stettin ge
fummelt ßatte, in ^interpommern einbrad). So erfüllte roieber SlriegS»
lärm Stabt unb ßanb. VereitS eße bie Runbe oon ber Weberlage,
bie baS fdjroebifdje £>eer am 18. Quni 1675 bei ^eßrbellin erlitten
batte, begann man in Stettin bie Vorbereitungen für einen beoor=
fteljenben jfampf. Sim 22. Quni fegte ber JRat ein ftriegsfollegium
ein, baS aus bem Vürgermeifter ®ottfrieb SdpoeHengrebel (1674—78),
bem Stummerer Valentin griberici (feit 1657 im fRate) unb ben
iRatSfjerren Eßriftian Strauß (1660), Qfoljantt Gfauferoinbt (1665),
WfoIauS Stüter (1665), Daniel DillieS (1667 in ben SRat geroäßlt)
beftanb. Es ßielt in ben SRonaten oon $uni bis Dezember Sigungett
ab, in beiten allerlei SRaßregeln, SBünfcße unb JJorberungen beS
GfauoerneurS erörtert würben. Der fiegreidjc fiiirfürft griebrieß
SBilßelm ßatte faßen im £erbft 1675 bie Slbfidjt, auf Stettin felbft
lo&gugeßen, unb fprad) bie Hoffnung aus, „mit ißm balb fertig gu
roerben, roeil uon allem SRangel brin fein foHe". Er mußte fieß
aber gunäcßft bamit begnügen, SBolgaft einguneßmen unb fuß auf
ben Oberinfein feftgufegeii Sicherung ber Eber naßm bie 5Re=
gierung im Cftober ein Stettiner Sdjiff „Engel ®abriel“ als SBacbt
fajiff an, bas eine fRefognoSgierungSfaßrt ins .ffaff unternahm.
Ebrooßl in biefem $aßre fein birefter Singriff gegen Stettin
erfolgte, bereitete man fid) bort bod) auf einen foltßen uor. Stöiug
Slarl maßnte gweimal SRat nnb Vürgerfdjaft gur Dreue unb Staub
ßaftigfeit unb fprad) fein Vertrauen aus, baß bie Verooljner fid) als
treue unb ßergßafte ßeute erroeifen würben. Der gelbmarfcßall
ÜBrangel oerßanbelte mit bem SRate wegen ber VefeftiginigSbauten,
für bie in ben legten 4 fahren aus ben SBallgelbern nnb ber
flämmerei meljr als 24100 Daler eingetomnien roaren. ES wurbe
Strießgrüftungcn.
299
aud) an ben Böällen, Schanaen unb SBerlen gearbeitet, währenb
bereits brciitbenburgifdje Truppen ®arlj, Stargarb, ©ollnow, Sßollin,
Baferoalf befetjten nnb Stettin beobachteten.
Qm folgenben 3fahre gebaute ber Jlurfürft abermals fogleid) auf
Stettin loSjugehen. Tod) oon affen Seiten wnrbe ifjni abgeraten,
Stettin ohne weiteres anaugreifen, ba eS nicht fo leicht einaunehmen
fei, wie ber Sriirft glaube. Solche Bebenten, au benen auch bie ganje
politifdje £age Slnlaß bot, bewogen ihn fdjfiefelidj bie Belagerung
gum ^weiten Blale hiuauSgufchiebeti. SSaljrenb er im ben
Jlantpf in Borpommern eröffnete, organifiertc @raf Ctto Söilhelnt
Slönigsmard, bent anstelle' SBrattgelS ber Oberbefehl in ^onttnern
übertragen worben war, bie fdjroebifchen Streitfräfte unb erfdjtett
aud) in Stettin. Gr hatte an bent ^uftanbe ber ^eftungSwerte
allerlei auSaiifetjen. ©er .ftomniaubant, Oieneraltnajor von SBulffen,
war wegen ber Slrbeiteu, bie von ber Bürgerfdjaft au leiften waren,
mit biefer in Bunft geraten unb badjte f<hon baran fein ft'otntnanbo
aufaugeben. fiönigSmard bewog aber ben oerbienftvollen Cffiaier gum
Bleiben ttnb ernannte beu Cberften greiherrtt Suftao SIbolf Horn
gum Bigefommaiibantcn, was ben Beifall bcS Ulates fanb. SJlan
forgte für bie Berprooiantierung, fonute aber fonft bei ber nüber'
fpenftigen Haltung ber Bürger nicht oiel burdjfetjeu. Tas ftriegS»
tollegium hielt nur nod) wenige Sitzungen ab unb befdjäftigte fich
fjauptfäd)lid) mit allerlei Slleinigteiten. Tie Garnifon beftanb wohl
tauni au§ mehr als 1100 Btann, obwohl iljre Stärfe offiziell weit
höher angegeben wirb. Sie hatte fdjon int gtuhialjr Streifgüge
fleineter feinblidjer Scharen abguweljren. Gs würben attef) wieber
Sdjiffe auSgerüftet, bie ben SSafferweg fdjütjen follteu, bodj brattben
bttrgifdje gahrgeuge beherrfdjten balb baS .fjaff unb brangett bis in
ben Tamntfchen See oor. ®ine ernftfjafte Oiegenwehr auf bem SBaffer
würbe burdj ben 'JJlangel an ®elb gehemmt, ba bie Befitjer ber in
ber Stabt vorhanbenen 43, meift feßr Heinen Sdjiffe biefe nur gegen
Beachtung aut Berfügung ftellen wollten. Tatjer tonnte ber überft
Beter Sreinter bie geftung Samnt nicht halten, als feittblidje Truppen
fich gu Sßaffer unb gtt Canbe bem Sßlatje näherten. Gr aog fidj mit
ber Befafjung nach Stettin auriid unb überlief) Tamm ben Branbeu
bürgern. So würbe Stettin oon ^interpommern abgefdjnitten, unb
balb fdjlofj fidj ber SRing um bie Stabt, griebridj SSilhelm, ber feft
glaubte, bie Bürgerfdjaft fei aum größten Teile gegen einen ernft
haften SBiberftanb, beaog am 15. September 1676 baS Hauptquartier
bei Itretow. Sogleich forberte er bie Stabt gilt Übergabe auf, bod) bie
Biahnungen beS JtonigS Slarl XI unb beS ©rafen ftönigSmard
300
Die (£infdjliefjun(j ber ©tabt 1676.
bewirften, baß bie Bürgerfdjaft ertlärte, fie wolle bem Ronige iljrer
Bflicht iiacf» treu verbleiben. Die (Stettiner waren gwar nidjt feljr
friegerifdj gefilmt unb l).atten mit ber ©arnifon unb bem Romman-
banten non üöulffen, ber wenig beliebt war, mancherlei Ronflifte,
aber fie waren entfdjloffen iljrer Bürgerpflidjt nadjgntommen. DaS
Rriegstolleginm trat feit bent ^uli wieber 311 häufigeren Beratungen
gufammen. $n ben Sßadjtartifeln unb in ber Defenfimtsorbnung
hielt man bie alte Berpflidjtung aufrecht, baß bie 11 Bürgerfontpagnien
ben Dienft auf ber inneren Blauer gu verfcljen hatten, bagegen iu
ben äußeren SBerten nidjt nerwenbet werben fällten. SBaS bie Stabt
an Bnlfsr unb Blei, an (Siefdjüijen unb Gewehren befaß, war nicht
fehr galjlreicfj, aber hoch immerhin geniigenb, um bie Bürgerfdjaft
für einige Seit *n &en Staub gu fetjen ber ©arnifon Beiftanb gu
leiften
Die vollftänbige (Smfdjließung nergögerte fidj etwas, weil ber
Rurfürft erft nadj bem galle DemminS (10. Cftober) feine Stre»
fräfte um Stettin gufammengiehen tonnte. Qm Borben ber Stabt
würben Sdjangen angelegt, unb bort begannen auch bie Rämpfe um
bie Sternfchange. Sim 28. Cttober eröffnete man bie Befdjießung
unb fegte fie in ben nädjften Dagen fort, bie Rugeln richteten aber
nur geringen Schaben an. Drotjbem war im Bäte bie Beigung fiir
einen langen üßiberftanb fehr gering; man erwog, ob man nidjt an
ben Rönig ober an RnnigSmard fenben unb „ber Stabt fctjlechten
Suftanb" oerntelben füllte. Die Bürgerfchaft, bie meljr auf Schwebens
Seite ftanb, wiberfprach einer foldjen ®efanbtfdjaft. Doch als baS
Bombarbement am 1. Bovember größeren Schaben anrichtete, fanben
doii neuem Beratungen ftatt, in benen bie fUlängel ber Stabt gur
Sprache tarnen. Sßieber war eS bie Bürgerfchaft, bie oon einer Ber»
hanblung mit bem Rnrfiirften abriet; man traute bem talviniftifdjen
föerrfcher nicht, in bem baS Bolt einen bitteren geinb beS Cutljer»
tumS erblidte.
Balb geigte es fich, baß bie Branbenburger felbft nicht mehr an
einen Srfolg badjten. Der Rurfürft ertannte, baß feine Druppen nnb
bereu SluSrüftung nicht genügten, baß baS fchledjte SBetter ein längeres
Berweilen nidjt mehr guließ. Sim 16 Bovember brach er besgalb
mit feinem .fjeere auf, nadjbem bie Schiffe bereits vorher iljre B^ften
auf bent Dammfchen See nnb ber Cber verlaffen hatten. Der größte
Steil ber Druppen ging in bie Biinterquartiere, mit einer SIngahl von
Infanterie» unb Ravallerietompagnien würben alle wichtigeren Crte
um Stettin befetjt. Denn anftelle ber Belagerung trat bie Blocfabe,
unb berRurfürft verbot feinen Untertanen jeglichen Berteljr mit ber Stabt.
Sh'flunßfn gut Abroeljr.
301
gn Stettin war man redjt frolj, als bie feindlichen Sruppen
abjogen. Boll ©tol^ erinnerte man fidj, bafe gerabe nor 17 galjren
ber geinb bie Belagerung ljatte aufgeben müffen. So feierte man
ein boppelteS Sanffeft, bei bem eS an ©pottuerfen über bie Branben*
burger, bie fo eilig baoon gogen, nidjt fetjlte. ßrnftere Burger unb
bie meiften Offiziere erfannten aber, bafe biefe Belagerung nur baS
Borfpiel einer ^weiten, längeren unb Ijärteren fein werbe. gn ben
jtirdjen fdjalten unb wetterten bie ©eiftlidjen gegen bie gottlofen
Kaluimften. König Karl belobte in einem ©djreiben oom 19. ße
oruar 1677 bie ©tabt unb uerfpradj alles Blöglidje, aber oon einer
patriotifdjen Stimmung, uon Begeiferung für ben König, baS Bater-
lanb ober bie ^einiatsftabt war nidjtS 311 fpüren. Dian rüffele fid)
wenigftenS in ben nädjften Blonaten für ben Kampf. ©raf Königs*
ward forgte für ©elbmittel, bie er im gebruar nad) ©tettin iiberfanbte,
tonnte aber bie ©arnifoii, bie jetjt im ganzen aus 4125 Blanu
(3300 Infanterie, 700 Kauallcrie, 125 Artillerie) beftanb, nidjt uer
ftärfen. Sie Berprooiantierung ftiefe auf ©djwierigfeit, ba bie Blorfabe
ber geftung non ben Branbenburgern jiemlidj ftreng burdjgefuljrt
würbe unb namentlidj bie Berbiiibung mit Hinterpommern abgefcfjuitten
worben war. Einige meljr ober niiuber glüdlidje ©treif unb Beute«
ijüge in ben erften SJloiiaten beS gaqres 1677 brachten Borräte m
bie ©tabt, aber mau mufete fdjon bamals burd) Erlafe einer Sar*
orbnuiig fiir ßebensmittel eine brofjenbe Seueriing ab^uweljren fudjeu.
Diedjt unbequem waren für bie Beuölterung bie branbenbiirgifdjen
©djiffe, bie anfingen, fid) auf bem £aff ober auf bem Sammfdjen
©ee feftgulegen. SieS ©efdjwaber, baS auS etwa 15—20 galjrgeugen
beftanb, feinberte nidjt nur bie gatjrt in ©ee, fonbern ftörte audfe ben
Betrieb ber gifdjerei.
©efjr umfangreidj waren bie Borbereitungen, bie ber Kurfürft
für eine träftige Bcfdjiefeung ber ©tabt treffen liefe. SöaS er an
©efdjütjrn, Btörfern, Haubifeen Ijeranfdjaffen, an ©tiiatugeln, ©ranaten,
Braubfugehi, £>anbgranaten, an Buloer, Blei unb ßunte Ijerftellen
unb bann 311 SSaifer in bie Balje ber geftung bringen liefe, wirb
unS genau überliefert. ®S war eine foldfee Btenge, bafe eS ben
Stettinern angft unb bange werben tonnte, gm guni riidten bie
Sruppen allniäljhdj üur bie ©tabt, befonbers oou ©üben feer, wätjreub
im Cfteu bie Befafeung uon Altbamm bereits Borftöfee madjte, bodj
burdj bie im Blodljaufe unb in ber gollfdjaii^e liegenbeu ©djweben
unb burdj einige Söadjtfdjiffe auf bem Sunjig ober ber Beglitj ab
geweljrt würbe, griebridj BMUjelm bejog mit feiner ©emaljlin uub
grofeem .ftofftaate am 7. guli bas Hauptquartier bei Süftow. Bon
302
Tie Belagerung Don 1G77.
bort erliefe er ein (Schreiben nn bie Stettiner Bürgerfdjaft nnb forberte
fie auf, bie Stabt, bie it)m oon ben Sdjioeben iiiiredjtinäßig uorent-
ljalteu werbe, ju überliefern. (Sin SBiberftanb fei fein Seiten bet
Treue, fonbern ber Beradjtung oon Kaifer unb fReicf)- ©ine Slntroort
gaben bie Stettiner mit fianoiieiifdjüffen. Balb famen Heine @e=
fedjte bei ber Sternfdjanje oor, bod) ein ernftlidjer Slngriff erfolgte
nidjt, ba ber Kurfürft erft feine übrigen Truppen erwartete.
SLRctit begann i^roifdjen mit Sdjai^anlagen bei Güftoro uub
an ber Heinen iRegliß, um bie Cber ju befeerrfdjen, unb liefe bort
eine Brürfe über ben glufj bauen, ßrft bann ^ogen fid) bie Branbeu
bürget näßer an bie geftung Ijeran, baS Hauptquartier lourbc am
14. 3uh uad) BonunerenSborf verlegt. Tie Stettiner Ganiifon be-
gnügte fid) in biefen Tagen bamit, einige Kugeln ßinaiiSjiifenben
unb auf Booten bie Strbeiten ber Belagerer 31t ertauben. Tiefe
rourben burd) baS fumpfige Terrain erfdjwert, in bem es oft faft
unmöglid) mar fort^ufommen. Ten „fdjledjteften SBeg, ben er jemals
paffiert ljatte", fanb bort ber branbenburgifdje Kammerjunfer Tietridj
SigiSmunb oon Bud), beffcn Tagebud) eine roid)tige Cuelle für bie
Gefdjidjte ber Belagerung Stettins ift. ßr ljat im Gefolge feines
furfürftlidjen Herrn ben größten Teil ber triegerifdjen Borgänge bei
ber Stabt erlebt. Sim 10. Quli mürbe er 311m Generalmajor uon Sdjwerin
gefanbt, nm 311 fefjen, maS biefer am redjten Cberufer anSgeridjtet
habe. ßS mar iljm nämlidj ber Befeßl gegeben worben, fid) oon ber
bei Güftow übet bie Cber gefcßlagenen Brürfe au§ einen SBeg burdj
bie Brüdje 311 baßnen, um fo an ben grofeen Steinbamm 311 gelangen,
ber beu eitrigen Zugang nad) Stettin oon Cften aus bot. Blau
war im Hauptquartier 3U ber ßrlenntnis gefommen, bafe bie Belage-
rung ohne ßrfolg bleiben werbe, wenn nidjt audj oon bort Ijer ein
Singriff erfolge ober wenigftenS jene Straffe befetjt werbe. Gefdjüßt
war fie burd) ein BlorfßauS an ber Heinen uub burd) bie .ßollfdjai^e
au ber großen 'Jtegliß. Blit unfäglidjer Blüße gelang es ben Blann«
fünften SdpoeriuS einen 'BJcg burd) bie fumpfigen SBiefen, ba§ bidjte
Geftrüpp unb über bie Bfafferläufe ße^uftellen. ßine Unmenge oon
Bainnftämmeii, Brettern, gafdjiuen ufw. würben ba3u uerroanbt.
Qn ber Vladjt 311m Hi. Quli erreidjte man ben Tamm unb fetjte fidj
3roifdjeu ber Heinen unb großen fRegliß feft. 400 Sdjweben, bie oon
ber Stabt and auf bem Blafferwege in bie 3ollfcßan3e gefanbt worben
waren, madjten einen Singriff auf bie Branbenburger, würben aber
3urüdgeworfen. Tas BlodßauS würbe befdjoffeu unb bann im
Sturm genommen. Tarauf gaben bie fdjroebifdjen Truppen bie
3ollfd)an3e auf, ftedten fie mit ber Brüde, bie über bie große JHeglife
Tie Belagerung von 1677.
303
führte, in Branb unb gegen fid) gu Schiff in bie Stabt gurüct. Tautet
ivar ber SSeg von Cften l)er auf bie Stabt gewonnen, unb Sdjweriit
fämnte nidjt auf bem Tantme gegen bie ßaftabie vorguriieten. Sin ber
'.ßarnitj fetjten fid) bie Branbenburger feft, um von ljier and ben vor
ihnen liegenben Stabtteil gu befdjiefjen. SJlertwürbiger Sßeife ift
man h^r nidjt weiter mit berfelben Energie vorgegangen, mit ber
man angefangen l)atte. Ter verljäftnidmäfjig fdjmale Tamm, ber
fich burdi bas fumpfige Gielänbe I)ingie[)t, erfdjwerte wobt bie Opera-
tionen fo, bafj bie Hoffnung aufgegeben wurbe, von biefer Seite ben
entfdjeibenben Sdjlag gu führen. Sim 3. Sluguft wurbe Schwerin
abberufen unb an feine Stelle ber Cberft von Sdjöning mit bem
stommanbo betraut.
TamalS begann man aud) auf bem linten Ufer mit bem Eingriffe.
Qm Süben ber Slltftabt befanb fid) bas furfürftlidje ßager, von bem
and ber Borftofj gegen bad ^eilige Oteift-Tor erfolgen füllte. Qm
Sborbeu gegenüber bem ftranentore lagen vorläufig, big bie vom Stur«
fürften erwarteten liineburgifdjen Truppen anfamen, 4000 SJlann
unter bem Befehle bed £>ergogd von $olftein. ®ine ®infd)hefjungs-
linie mit mehreren Siebouten oor bem Blühten- unb bem Sleuen Tore
gog fid) in weitem Bogen um bie Stabt im SBeften, Sim 23. Quli
famett bie ßüneburger unter bem ©eneralmajor von Snbe an, unb
bie @infdjliefjung mit etwa 22000 SJlann war beenbet.
3n ber Stabt Ijatte ingwij’djeu ber Siat alles gur Berteibigung
eingeridjtet, eine Tefenfions=Berfaffiing erlaffen unb bad fltiegd
tollegium von neuem beftelh @d beftanb aud bem Bürgermeifter
Schwellengrebel, bem Slatiberrn Boljanii ffianfeiwini, bem Spnbitud
(Soröwanb, bem Hämmeret Qatob ^Vrel)berg (feit H>5(> im Slate) unb
vier Sllterleuten. Ten .Kompagnien ber „el)rliebenben Biirgerfdjaft“
würben bie Sßi.djtartitel von neuem vorgebalten, nad) benen fie ver
pflidjtet waren, bie innere Blauer gu befetjen. SUS Stabttapitän
wurbe 3ol)ann Staute aud Stellingen in öft (S’utlanb beftellt. Schon
in ben erften SSodjen ber Belagerung tarnen mancherlei Klagen vor,
unb Beidien von Äleinnurt ober SJtangel an Berti auen taten fich tinib.
(Siiiige Briefe bed Srafen Stönigdmard, bie Gmtfatj anfünbigten,
belebten inbeffen wieber ben Blut ber Bürger, unb Qleneral von Söitlffen
war entfcfjloffen, bie il)m anvertraute geftung auf jeben T?all gu
halten Obwohl auch jetjt bad Berljältnis gwifdjen iljm unb bem
State ober gwifd)eu ber («aniifon unb ber Bürgerfdjaft nidjt befonberd
freunblid) war, fo hielt ber Jlommanbant bod) feine Slutorität aufredjt
unb verftanb ed gumeift, bebentlidje H’onflitte gu vermeiben. Bei
etngelnen Bürgern fanb er $ülfe unb Beiftanb; unter iljnen fpielten
304
(Die Selaßerunß von 1677.
ber ©cfjiffer 'fjaul üßuft, ber roieberholt abenteuerliche Streitige gu
SBaffer unternahm unb balb aud) bei ben Sranbeiiburgern als gefäljr»
lidjer „Schnaplian" befannt roar, unb ber Kaufmann 3faaf SJidjeiiljagen
eine befonbere Stolle. (Diefe uub anbere Sürger, bie eifrig für bie
Serteibiguug ber fdpuebifdjen ^errfdjaft tätig roaren, rourben barin
von ben (Stettiner ©eiftlidjen unterftütjt. Sie faljen, roie einer uon
ihnen, griebrich gabriciuS, (DiafonuS an St. Slitolai, fdjrieb, in bent
Kampfe einen foldjen „für uufereS ©otteS ßegre". (Denn ben ftrengen
ßutheraneru galt ber taluiniftifdje Kurfiirft als ein geiub, auf °ße
Söeife betämpft roerben mufete. Srofebem gab es, roie auS mancherlei
'llnjeidjen hervorgeljt, auch eine Partei in Stettin, bie für Sranbenburg
eintrat, geroife nidjt aus nationalbeutfdjer Sefinuung, roie eS £>ans
Sjoffmantt in feinem fdjönen SRoman „Söiber ben Kurfürften" barftellt,
aber bodj oielleidjt in bet (ErfenntniS, bag ba§ magre Qfntereffe Stettin
auf biefe Seite IjinroieS. Sou foldjen (Erwägungen erfahren roir freilich
nidjtS auS ben oerfdjiebeiten Stettiner gleidjgeitigen Sdjilberungen bet
'Belagerung, bem .,diarium obsidionis Stetinensis“ ober ber „furjen,
bodj wahrhaften Sefdjreibung“ ober auS ben ganbfdjriftlidjen Sotijen
beS griebrich gabricius.
(Ein erfter (Erfolg ber Sranbenburger roar bie (Einnahme ber
Stcrufdjaiiäe am 4 üluguft. (Es gelang iljuen audj, fidj am (Dünnig
in einer Seboute feft^ufefeen, obwohl bie Kämpfe mit ben Sdjiffen
nicht gerabe fehr erfolgreidj waren. gn nüihfeliger Arbeit würben
bie feinblichen Satterien im Sorben unb Sübeu ber Stabt Ijergeftellt
unb bie ©efdjütje in bie ßaufgräben gebracht. (Es roar bie Mlbfidjt
beS Kurfürften, fo balb roie möglich, mit einer feljr nadjbrüctlidjen
Sefdjiefeung ber Stabt 31t beginnen, unb tatfädjlidj rourbe am 14 Sluguft
bas geuer aus 5 Satterien, von benen je 2 im Sorben unb Süben
unb 1 im Cften lagen, eröffnet uub meljrere Sage fortgefeijt. „(Daburdj
entftanb em fo graufameS (Donnern unb Krachen, als ob Trimmel
uub (Erbe entfallen wollten.“ (Der Ober ft oon ber Sotlj rourbe
fdjroer verrounbet unb ftarb balb barauf; audj fonft roar ber Serluft
an SRenfdjcnlebeii nidjt unbeträdjtlidj. ©röfeer faft noch war ber
Sdjabcn, ben baS feinblidje geuer an ben ©ebäuben ber Stabt
anridjtete. 2lm Iß. Vluguft rourbe ber (Durni ber fUlarienlirdje in
Staub gefdjoffen, er ftürjte auf baS (Dach nnb uernidjtete faft bie
gaiijje Kird)e. Sind) bie (ßetersfirdje rourbe jum grofeen Seil jjerftört,
unb in ber folgenben Sacht rourbe bie gatobihrche ei’1 Saub ber
glommen, bie, roie es feeifet, bis in bie ©räber brangen. (Es roar
gar fdjauerlidj anjufefeeu, als in ber buntlen 9ladjt bas ftattlidje
SotteSljauS „gleicgfani in einem Vlugenblid in Vlfdje gelegt unb 311m
Bt’djiefhnifl ber «Staut.
305
Steinhaufen gemacht würbe". ®as Sdjlofe, St. Witolai unb St. goljannid
blieben gleichfalls nidjt uuDefrfjäbigt, unb jjaljlieidje Briuatbdufer
würben in Sriimmer gesoffen. Srotjbem lefente ber Rommanbant
eine Slufforberung jjur Übergabe, bie griebridj SBilljelm an ibn
richten liefe, entfdjieben ab, ebenfo erflcirte bie Bürgerfehaft, fie wolle
ihrem Könige SSälle unb Wlauern befenbieren, audj wenn fie ifent
bie Käufer unb Kirdjen nidjt erhalten tönne. So falj fidj ber
Kurfürft, ber eine fdjnelle (Ergebung erhofft hatte, ”t biefer Hoffnung
getäufdjt. Er mufete nodj weitere fcfewere Eefdjütje Ijeranbringen unb
bie Batterien näljer an bie Stabt führen.
®amit begann ein langwieriger Kampf mit immer neuen Bt
fdjiefeungen oon ber einen unb mit SluSfällen oon ber anberen Seite.
SBuIffen hatte anfänglich feine rleme Schar oon SSerteibigern febr
gefdjont, ba er auf Entfatj unb £>ülfe burd) KönigSmard fjoffte. SIl§
aber ber Sag, an bem biefer eui^utreffen verfprodjen hatte, vorbei
war, ba tonnte ber (General nidjt länger untätig jufehen, wie bie
geinbe mit ihren Arbeiten täglidj näher an bie geftung Ijeranrüdten.
®e§haib machte er im Sluguft unb September immer wieber balb
nach Worben, balb nach ©üben Slusfälle um bie Schanzarbeiten ber
Wegner gu vernichten ober wenigftens aufjuhalten. Stofe maiidjer
Berhtfte würbe Ijierburdj bod) einige^ erreidjt, fo bafe ber 'JJJut ber
Berteibiger wudj§. Sludj tarn bamal§ ein Sdireiben beS ©reffen
KÖnigämarcf au ben Wat, in bem er wieber Hoffnung auf .fjiilfe
machte. SBulffen felbft fcheint eine Beitlang nod) einmal auf Ent
falj gehofft zu haben, bod) balb mufete er einfehen, bafe e§ bamit
faum etwas fein werbe. 2lm 7. September liefe ber Kurfürft mit
130 Stiiden eine neue, überaus heftige Ranonabe auf bie geftung
eröffnen, „gft oon allen Batterien, fowoljl uon ber ßanb- als sföaffer=
feite noch viel erfchrctflidjer beim oorljin zu fdjiefeen unb mit (Granaten
hereinzuwerfcn abermal angefangen unb continnieret worben, aud) fo
gefehwinbe, al§ wenn eine Wlnöfetcnfalve gefdjehen, bie Stüde gelöft
worben, wobei audj häufig Wrauaten, Stintputte, SBettelfäde unb
Bomben herein geworfen." ®er Schaben in ber Stabt war fehr
grofe, tein -fjau§ blieb unbefdjäbigt. Srofebem hatten bie Branbeit»
burger wenig Hoffnung auf einen balbigen Erfolg. ®enn obgleich
bie Belagerer ber Stabt immer näher rüdten, zeigten boch neue ?Iu§
fälle, bafe ber SJlut ber Belagerten nicht gebrochen war. greilid)
wirb fpäter behauptet, ber Eeneral Söulffeu unb bie fdjwebddjen
Solbaten hätten gerabe bamald nur auf Slntreiben ber Bürger, ja
nur gezwungen bie geftung verteibigt, aber biefe Slngabe berufjt fidjer
auf unbegrünbetem Stabttlatfdj, ber fich in biefen Sagen fefer breit
XBe^rtnann, Oef$t$te Don Stettin.
20
Ter Blinenangriff.
SO»
machte. Ter ßommanbant verbanbeite am 22. September mit bem
SlriegSfolIegiiim, ba§ allerlei Klagen unb Befdjwerbeu vorbradjte.
Er oerteibigte fid) gegen bie Befdjulbigung, bafj bem Qeinbe nidjt
geniigenb Slbbrud) burd) ?lu§fälle gefdjebe, mit ber roohl berechtigten
Bemerfung, er muffe feine ßeute fdjoiieit. Tagegen machte er ben
Bürgern ben Borrourf, bafj fie iljre ißflidjt nidjt mehr erfüllten unb
nidjt auf ben Sßall tarnen. Blau mar in ber Stabt roirtlidj über
bie Berlufte an ®ut unb Blut empört unb fdjalt auf bie Solbaten,
bie ihre Srfjulbigteit nidjt täten. Tabei madjten biefe faft täglidj
SluSfällc unb gewannen mandjen Erfolg baburdj, baß fie bie Be-
lagerer gurüdbrängteii ober itjre müljfam angelegten 'XSerfc jerftörten.
Tagegen naljm am 23. September ber Cberft oon Sdjöning bie
oor ber ißarnitjbrüde liegenbe Schaume, rourbe aber oerljinbert in bie
ßaftabie einjubringen, ba bie Briide fdjleunigft in Branb geftedt
roorben roar.
Qn ben ßagern ber Branbenburger unb ßüneburger falj e§ in
biefen ^erbfttagen nidjt feljr erfreulidj aus. Tie fortroäljreuben Kämpfe
unb Arbeiten, bie nidjt unbebeutenben Berlufte unb nidjt am roenigften
bas naffe, falte Sßetter, bas oiele Jlrantbeiten Ijeruorrief, oerfdjlinnnerten
bie Stimmung. Blau ftanb gwar bidjt au ber ßtufjeiifeite ber geftuug§=
wälle, aber einen Sturm tonnte man nur wagen, wenn oorljer Brefdje
in fie gelegt roorben roar. TeSljalb rourbe jetjt ber Slnfang gemadjt,
mit Blineii gegen bie Söälle ver^ugeben, ohne babei mit ber Stanonabe
auf^ubören. Tiefer Eingriff nahm einen feljr langfameu Qortgang,
benn oiele ber oon ben branbenburgifdjen Qugenieuren angelegten
Bluten batten feinen Erfolg ober fügten fogar beim Ejrplobieren ben
Belagerern meljr Sdjaben ju al§ ben Belagerten. Tiefen gelang e§
aud) nidjt feiten burd) Gegenminen bie Arbeiten ber Qeinbe unroirtfam
ju madjeit. ES rourbe oon ben Belagerern audj rooljl einmal ein
Sturm oerfudjt, aber aitrüdgefd)lagen. So bauerten bie Stümpfe ben
September unb Cftober b'»^11^ fort, unb eö ift taum nötig, bie
Einzelheiten, bie oon ben Ebroniften genau oergeidinet roorben finb,
Ijier 511 berichten. Qm Silben errangen bie Branbenburger Erfolge,
naljmen mehrere SSerte ein unb brungeu bi§ an bie tßallifaben unb
ben SBall vor Tie ßüneburger würben im Borbeil roieberljolt jurüd
getrieben, ja erlitten nidjt unerhebliche Berlufte, unb Sdjöning gelang
e§ nidjt über bas Eis in bie ßaftabie einzurüden. Ta§ Eube beS
StampfeS, ber nun fdjon vier Bloiiate bauerte, roar taum abjufeljen,
aber ber Sturfiirft Qriebrid) BJinjeliu roar feft entfdjloffen, nicht roieber
unverrichteter SBeife oon ber Stabt ab^ugiebjeii; er batte feine Eljre
baraii gefetjt, fie ju gewinnen.
SJlifiljellißttitcn in ber Stabt.
3U7
Söie falj eS in ber Stabt auS? Dort war bie Stanbljaftigteit
bei einem Seile ber Bürgerfdjaft fefjr erfdjüttert. DaS furchtbare,
fortbauernbe Bombarbement, non beffen SBirfung bie Sagebücher nidjt
genug gu ergäben wiffen, ber Sob rrieler Bewohner, bie fortgefetjten
SBadjen ufw. fjatten ben SJhit gebrochen. Sim 24. Ottober fjielt ber
®eneral oon 'Kniffen eine Beratung mit bem State unb ber Bürger
fdjaft ab unb ermähnte gu weiterem 'Kiberftanbe. Tod) ber ®egenfatj
ber beiben Parteien tarn gu beutiidjem SluSbrucf. Der Siat unb bie
Btehrgaljl ber ft'aufinaunfdjaft füllen, wie beridjtet wirb, für (Ergebung
gewefen fein, „baS gemeine Bolt aber wollte nidjt". Sludj baS ift
wohl nidjt fo ohne weiteres glaubhaft unb entfpringt bem ®erebe,
baS infolge ber ftrengen Blaferegeln beS SeneralS gegenüber ben
Bürgerlompagnien entftanb. SBuIffen liefe nämlidj burch baS SrwgS»
tollegium, baS fonft taum nodj irgenb etwas tat, eine Unterfudjung
über bie Bürgerweljr anftellen. Dabei ergaben fidj feljr üble
.Suftänbe, bie auf bie Str legstätigfeit ber Jtompagnjen ein böfeS
ßidjt warfen. Slatürlidj fdjalten auch fie auf bie SJlilig unb fdjoben
iljr alle Blifeftänbe gu, aber eS ift tlar, bafe bie meiften Bürger fdjon
längft iljre Bflicht nicht mehr erfüllten. Den Sabel, ber darüber laut
wurbe, nahm man bem Stommanbanten feljr übel, eS tarn gu ßanf,
Streit, ja gu Sätlichteiten, ber ®egenfatj gwifdjen ber Bürgerfdjaft
unb ber SoIbateSta würbe immer fchärfer. Der Bat war in fdjlimmer
Vage; er burfte eS mit ben Bürgern nidjt oerberben, aber mufete fidj
auch nwglidjft gut mit bem ®eneral gu ftellen fliehen. 2BaS füllte
gefdjeljen, wenn, wie man bamals erwartete, ein Sturm erfolgte?
Dauer hatte man befonbere Slngft, man fürdjtete Blünberung, Ber
wüftung unb Branb. Da liefe ber Bat gegen ®nbe Cftober bie
eingelnen ftompaguien oorforbern unb Blann für Blann befragen, ob
man einen Sturm abwarten unb mit ®ut unb Blut abwehren wolle.
Die meiften ertlärten fich entfehieben bagegen. ^tifolgebeffen nafem
ber Slot am 1. Booember einftimmig bie Srtlärung an, eS fei not
wenbig, einen Slttorb gu fchliefeen.
Der Sturm, oor bem man fich fo fehr fürdjtete, ging am 3. Bo
uember oor fich, mifeglüefte aber. ®s folgten neue Stampfe, bie für bie
feljr gufammengefdjmolgene ®arnifon immer fdjwieriger würben, gumal
ba bie llnterftiigung burdj bie Bürger nur noch gering niar. Daher
mußten im ßaufe beS BonemberS mandje bisljer behaupteten SBerte
an ber grünen Schange unb an anberen Orten aufgegeben werben.
Der fturfürft erhielt bagegen eine Berftärfung burdj ein bänifdjeS
Begiment. D.e SluSfälle ober Streifgüge, bie man gu BBaffer ober
gu ßanbe machte, tonnten nidjt melji oiel nütjeii, bie geftung war
20*
308
®ie Kapitulation.
nidjt meljr gu tjalten. Ein Berfudj be§ fiommanbanten, Berooljner
ber Gtabt gum Golbatenbienfte anguroerben, fdjeint nidjt oiel Erfolg
gefjabt gu ljaben. E§ ift berounbernSroert, roie bie Heine Gdjar uon
Gdjiueben fidj unermüblidj mit SJlinenfprengen, SluSfällen unb 2Ib=
meljr ber (Sturmangriffe betätigte unb bis gum letjten Slugenblid
tapfer ausbarrte. ®iefer fdjieit am 20. ©egember gefominen gu fein,
als burdj eine grofee ®line im Gilben eine Srefdje in ben Söall
gefprengt rourbe unb nur nodj bie (Stabtniauer bie Eegner trennte. ®a
entfdjlofe fid) SBulffen, nadjbem er eine Beratung mit ben uorneljmften
Bürgern gehalten ^jatte, roegen ber Einleitung ber ft'apitulation§=
bebingungen mit feinem alten Sßaffengefäljrten, bem lüneburgifdjen
(Generalmajor uon Enbe, in Berbmbuiig gu treten. Sim 22. ®egember
fdjrieb er an iljn unb bat itjn, beim ßurfürften eine Berljanblung
gu uermitteln. Sim folgenben Sage erfolgte bie Slntroort; griebridj
Sßiltjelm naljm ba§ Stnerbieten an, unb am 25. fam ein uorläufiger
SUaffenftillftaiib gum SIbfdjIuffe. Eeifeln rourben auSgeroedjfelt, Slom
miffare ernannt. ®er Stat beftimmte ben Bürgermeifter Gdjroellen»
grebel, ben GijnbifuS EorSroanbt unb ben Kämmerer Balentin griberici
gut Seilnatjme an ben Berfjanblungen; fie mufeten bem Ü'urfürften
eine Bittfdjrift überreidjen, in ber man um Gdjutj unb Enabe bat.
Ser Slapitulationsuertrag rourbe am 26. unb 27. Segember uon
griebridj Sßiltjelm unb uon bem Eeneral uon Söulffen untergeidjnet.
gn iljm geftanb man ben fdjwebifdjen Golbaten Slbgug „mit fliegenben
galjnen unb Gtanbarten, flingeiibem Spiel, uollem Eeroeljr, Gad unb
sfßud" gu. Ser Kurfürft uerfprad), „in SieligionSfadjen feine Bir
änberung gu madjen, fonbern e§ in bem Gtanbe gu laffen, roie es
jetjo roar, bie Kirnen, (Sdjulen, £>ofpitäler bei iljren greiljeiten, Eutern
unb Hebungen gu beljalten, bem SRate unb ber Bürgerfdjaft bie
Ißriuilegien gu erhalten unb feine ^ßlünherung unb Branbfdjutjung
gu geftatten". (Sogleid) nadj Slbfdjlufj be§ SltforbS befefeten branben-
burgifdje Gruppen ba§ Sleue Sor mit bem KönigSbollroerf, foroie bie
Befeftigung am ißarnitjtore. Sim 1. ganuar 1678 gog bie tapfere
Sefafeung, foroeit fie au§ Gcfjiueben beftanb, ab; e§ roaren nur nodj
270 SRann gu gufj unb 9 Steifer mit 21 galjiien unb 1 (Stanbarte.
Sin bemfelben Sage ridjtete ber Stat an ben fturfiirfteri bie Sitte
um Betätigung ber $riuilegien unb liefe iljm ein Eefdjenf uon
1000 Salem, bem Jturpringen ein foldje§ uon 500 Salem überreidjen.
gm gangen gab bie Gtabt al§ Eefdjenfe an bie uerjdjiebenen branben
burgifdjen Herren unb Beamte 3150 Saler auß.
„E§ befanb fidj bie Gtabt in jämmerlidjem ßuftanbe, benn feine
Eaffe roar, ba man unbeljinbert gefjen tonnte, roeil ljalbe unb gange
Der (Einguß beS Äurfürflen.
309
(liebel burd) ba§ abfdjeulidjc Sdjiejjeii in biefelbe geftürgt lagen.
@o roar aud) faft nidjt ein 4?ait§ in ber gangen Stabt, bas nidjt gu
Srunbe verborben roar; faum 10 ober 20 Stuben roaren in allen
Raufern braudjbar, alles hatten bie Scannten gerfdjmettert, oorauS
roar fo uieler fiirdjen nnb @otte§l)äufer tläglidjer Stuin tläglid) angu«
feljen." Diefe allgemeine Sdjilbcrung roirb burd) eine oon ber branben»
burgifdjeu ^Regierung oeranftaltete Slufnaljme im eingelneu beftätigt.
Son 1297 S8of)nftätten roaren nid)t roeniger als 410 ruiniert ober
gang roiift; am meiften Ijätten baS £ieiIige=Seift= unb baS ^ßaffauer»
Siertel gelitten, b. b- bie füblidjen Stabteile, bie oon ben Sranben
burger Satterien befcfjoffen roorben roaren. Sei ber Selagerung oon 1077
ift bie nrittelalterlidje
Stabt in Drummer ge=
fünfen, bie alten Siebei,
bie (Erter unb Seifdjlägc
finb veruid)tet.
@rft am 6. ganuar
roaren bic Strafen von
Sdjutt unb Drummern
foroeit gefäubert, bafj
ber Sl'urfürft griebrid)
SBilbclm mit einem
grojjen (befolge feinen
feierlichen Singug in
bie Stabt halten tonnte.
Der fRat empfing ben
Sieger am fReuen Dore
unb überreichte ihm bie
?Ibb. 15. Denfmünge.
Sdjlüffel ber Stabt, auf bem Sdjlofjljofe leiftete bie Sürgerfd)aft ben
.fjntlbiguiigSeib. Der fturfürft roar auf ben Sieg fehr ftolg, beim bie
(Eroberung einer [tarfen geftung galt in jener Beit faft mehr als eine
geroonnene gelbfd)lad)t. gu Sdjrift unb Silb, in Sieb uub SBort
rourbe beS fturfürften ^elbentat gepriefen, er felbft liefe 'JRiingen
barauf prägen unb einen Sobelin anfertigen, auf bent bie Übergabe
ber geftung bargeftellt ift. (Ebenfo fanben bie SingugSfeierlidjteiten
auSführlidje Sefdjreibungen; man tonnte fid) faum genug tun gu
frt)tlbern, roie bie „lange beroaljrte gungfer uunmehro in bie 2lrme
eines burd)l. 2lnroerberS geliefert roarb", ober oon bem „pommerifdjen
SBaffentlang unb Stettinifdjem SelägerungSgroang " gu ergätjlen.
fRatiirlid) rourbe aud) bie Dapferteit ber Stettiner Sürger gerühmt,
aber biefen !Rut)m hot fpätere gorfd)itng nid)t ungefdjmälert gelaffen.
310
Besprechungen be§ Hurfürften.
fltirfjt Stettins Bürger, fonbern bie Solbaten ber (fiarnifon leifteten
bem ffurfürften fo lange SBiberftanb.
Bereits am 26. ©egember Ijatte griebrid) Sßiltjelm bem {Rate
oerfprodjen, „für Stettins Slufneljmen nnb bafj fie roo möglidj feiner
Stabt in Deutfrijlanb nachgugeben habe, forgcn gu roollen". Qm
einzelnen fpradj er fein Schauern über bie Ginäfdjerung ber ffirdjeit
au§ nnb oerfjiefs, bie Biarientirdje auf eigene Höften ivieber gu erbauen,
für St. 3fatobi Blaterialien gu liefern unb eine ffollelte gu bewilligen.
Sind) bie Bürger feilten mit £>olg unb anberen SRaterialien eine Bei-
hilfe gum SReubau ihrer Käufer erhalten unb für etliche Sfaljre non
Kontributionen frei fein Kbenfo erwies er fidj anberen SSünfchen
ber Bürgerfdjaft gegenüber, bie fidj auf $omm=, Brüden» unb geftungs
bauten, auf Sdjulben ber Krone Schweben, ben Salghanbel, fjanbwertS-
fachen begogen, gnäbig unb h'übooll. Sum aber erflärte ber
Shirfürft, „er fei bereits non felber bebadjt gewefen, nidjt allein, fo
balb nur bie Seiten etwas ruljiger unb beffer werben, bie Ijoljen
collegia provincialia nad) ber Stabt gu oerlegen, fonbern audj gu
geroiffen Seiten unb gwar öfters perfönlidj gu refibieren". gn einer
SRefoIution wurbe gugleidj ben Stettinern ber Befitj unb Cüenufj ihrer
Befitjungen im gangen Bommern gewäljrleiftet, ber flhifentljalt oon
Stuben in Stettin unb ben uatjeliegenben Stabten fflartj, öireifenfjagen,
Wollnow, Damm ftreng unterlagt.
Ihn ber fdjwer barnieberliegenben Stabt wieber aufgubelfen, lub
ber ffurfürft fofort Stettiner 9lbgeorbnete nad) Berlin, bie wegen ber
^Privilegien unb ber ftäbtifdjen Berhältniffe SluStunft unb IRat erteilen
füllten. Bereits im ganuar 1678 oollgog ber ffurfürft bie llrtunbe,
burd) bie alle vprioilegien, fRedjte unb greiljeiten ber Stabt beftätigt
würben. Buch bie fonft vorgebrachten Sßünfdje ber Stettiner fanben
burd) ben neuen CanbeStjerrn hu^u°He Grlebigung. @r beftätigte
ihnen ben Befitj ber Sachmühlen, baS fRedjt, bie Schöffen gu beftätigen,
baS halbe Stabtgeridjt, wieberholte feine Sufage betreffenb eine ffollelte
gum SBieberaufbau ber gafobifirdje unb gab allerlei Krleidjterungen
fiir bie Berpflegung ber (Marnifon, Satzung ber Crböre unb ber
UanbeSfteuern. Dagegen würben bie ftäbtifdjen ©efdjütje nidjt gurüd
gegeben unb bie Sdjliiffel ber Stabt bem ffommanbanten gur 9luf
bewahrung anvertraut. Sehr willfommen waren ben Bürgern fidjerlidj
bie Berfpredjungen, bie oon ber furfürftlidjen ^Regierung für ben .fjanbel
unb Berfehr gemacht würben. getjt mufften bie befchwerlichen fflreng»
behinberungen unb Solle fortfallen, fegt war eS möglidj, mit grantfurt
unb Stargarb fidj gu einigen. So mag in weiten ffreifen bet Stabt
hoffnnngsoollc greube geherrfcf)t ljaben, als fich allmählich bas
Oihfotfle beS SJurfitrften für bie Stobt.
311
roirtfchaftlidje ßeben roieber zu regen Begonie, als bie Sürger liai baran
madjten, ißte Käufer aufjitbauen, roogn ihnen gollfreiljeit für ®au=
Materialien zugcftanben roorben roar. Toch nur feEjr langfant roudjS
neues ßeben auS beu Sluinen, unb matidje (Snttäufchung blieb nidjt
au§. Sieben benjenigen, bie fid) mir ber neuen Siegierung anSgeföfjnt
Batten, gab eS eine nidjt geringe Slngabl oon foldjen, bie fiir Sdjroeben
eintraten, Tagu gehörten bie ©eifthdjen, unb unter ihnen fdjeint
griebridj gabriciuS befonbers gegen bie neue taluiiiiftifdje fRegterung
geiuettert ju haben. ®r rourbe beStjalb int Slpril als (Befangener auf
baS Sdjloß geführt, bort ein halbes galjr bemalt unb bann mit £auS=
arreft beftraft. 51 iS bie furfiirftlidje Siegierung bie Sdjloßfirdje fiir
Den ©otteSbienft ber Sleformierten einridjten rootlte, ba ertjob fidj ein
geivaltigeS Sdjelten oon ben Mängeln, fo bafe fdjliefjlidj ber ßurfürft
eingufchreiten brobte. Trotj biefeS StüberfprudjeS gerabe feitenS ber
®eiftlidjen entzog er ben firdjlidjen Serljältuiffen ber Stabt nidjt fein
roofjlrooIlenbeS gntereffe. gür bte Söieberljerftellung ber gafobifirdje,
in ber nur eine .ffapelle notbürftig gur Slbljaltung beS ClotteSbienfteS
fjergeridjtet roorben roar, rourben ^roei Toiletten bewilligt, unb oier
Sürger madjteii fich auf bie Steife, um für ifjr eiugefdjoffetieS ®otteS=
IjattS 31t fammeln. Ter Ertrag roar aber nidjt fo groß, baß man
fogleidj au ben Slufbau gehen tonnte. Ebenfo forgte bie Siegierung
bafür, baß baS ®tjmnafiimt roieber eröffnet rourbe, obrooljl bie ®ebäube
no<h 311m großen Seile in Trümmern lagen. Ter Sdjiißenfonipagnie
ber Sürger überroteS ber fiurfürft bauernbe Reblingen ober Unter
ftütjungen jum Sleubau ihres SctjießhaufeS. Ter Suchbrurfer Taniel
Starrte erhielt ein ^Srioileg als furfiirftlidjer .£jof= unb ißäbagogi
Sudjbrurter unb bie Stonjeffioii, allein bie „wöchentlichen Crbinar
Jeitungen" 311 briicfen SJlan badjte noch an anbere Serbefferungen,
aber bie fortbauernben triegerifchen Ercigniffe ließen eS nidjt zu, baß
alle biefe ißliiue fofort in Singriff genommen würben. Ter im Slo«
oember 1678 ernannte ®ouueriieur ®ottlieb uon Sörftel mußte fein
Slugenmert audj auf bie SSieberijerftellung ber geftungSroerte richten
uub im griihjahr beS nädjften galjreS eine Heine branbenburgifdje
Sefatjung in ber Stabt initerbi Ingen. Tiefe follte auch uerljinbern,
baß uon ben bort roeilenben Slnhäugern SdjroebenS Unitriebe uorge
nommen würben. Ta ber Slat hierin ein $eidjen beS 'JOlißtrauenS erblictte,
fdjirtte er Slbgeorbnete nach 'Potsdam, gfjnen ertlärte ber fturfürft am
13. guni, baß er bie Treue ber Stettiner nidjt bezweifele unb iljren er-
neuten SluSbrurt berSlnhänglidjteil mit befoubereinSöoblroollenaufneljme.
üöenige SÖodjen fpäter aber mußte griebridj SMIhelm ben grieben
uon St. ®erniain (29. guni 1679) unterzeichnen laffen, burdj ben
312
JHitdfeljr Stettins unter fdjroebtldje Herrfdjaft.
(Stettin roieber an Sdjroeben abgetreten rourbe. SRit tiefem Sdfjmerge
naljm ber Sranbenburger ben Vertrag an, ber allen feinen ftolgen
Hoffnungen ein ®nbe madjte. SaS eben erft gwifdjen Stettin unb
SJranbenburg getnüpfte SJanb warb über Srwarten fdjnell gelöft.
Sladjbcm bie SSerljanblungen mit Sdjroeben über bie SluSfiiljruug ber
{?riebenSbeftnnmungen gum Slbfdjluffe getommen waren, würbe bie
Stabt Stettin am 3. Segember 1679 uon ben Sranbenburgeni geräumt.
Set neubeftellte fdjroebifdje ®eneral=@ouverneur von fßommern, ®raf
jTrnigSmarcf, naljm feinen Sitj im Sdjloffe, unb eine neue Be*l ber
grcmbljerrfdjaft begann.
Ser Buftaub ber Stabt war bamals, wie eine genaue Mufnaljme
geigt, nodj Ijödjft traurig. Sie Baljl ber „totaliter ruinierten, gang
eingefdjoffenen, meift ruinierten, eingefdilagenen ober gang roüften"
Häufet roar erftaunlidj grofe, nur von feljr wenigen tjeifjt eS, bafj fie
nidjt von ®ranaten getroffen roorben feien, Satfädjlidj lag bie Stabt
nod) in Sriimmern, unb wenige Sürger wagten bereits roieber gu
bauen. Selbft 1081 roar ber Sdjaben erft gum fleinften Seile auS=
gebeffert. „Sic Stabtinauern, fo Ijeifet eS, oom Ijeiligen ®eifttore bis
anS alte ^ßafforoer Sor unb vom Sdjloffe bis auS flrauentor finb teils
feljr gerfdjoffen, teils gar eingefallen. Sie Siirine finb ruiniert, vorn
neuen Sore bis anS SRüljlentor fteljen 3 *Bulvertiirme, fo in fertigem
Staube, unb 9 Sßiefljäufer, bavon 5 total ruiniert." 'Jlodj 1684/85
ift in ben Elften feljr viel von ruinierten Häufel'«, roüften Stellen,
von SReitbait ufro. bie fRebe, nnb erft 1688 fann vergeidjnet roerben,
bafe bie ftäbtifdjen ®ebäube, Sruden, Siirme nnb Stabtinauern meiften
teils repariert roaren. SBor ben Soren |ab eS faft nodj fdjlimmer
aus. Sie ®igentumSbörfer lagen in Sniininerii, baS Stabtfelb roar
verroüftet, bie Wlüljlen unb Sdieunen waren verbrannt. SaS wirt»
fdjafthdje ßeben lag guiig barnieber, Hanbcl unb SJerteljr, Bjnbuftrie
unb (Bewerbe Ijätten einen Sdjlag erhalten, von bem fie fidj fdjwer
erholen tonnten, unb bie Hoffnung vieler *Öerooljner burdj Slnfdjlufe
an SSraribeiiburg ein neues Slbfafegebiet für iljre SSaren gu erlangen,
roar roieber bafjin. llnfäglidje SRitfje ljat eS gefoftet, bie fdjwer bar
nieberliegenbe Stabt roieber gu heben, baS verlorene Selbftvertrauen
ber & irger gu ftärfen unb gu beleben. (Eine nidjt geringe Batjl foll
eS vorgegogen ljaben, iljren Slufentljalt aufgugeben unb anberSwo
Arbeit imb SJerbienft gu fuetjen. So ift ber gange ßeitabfdjnitt, in bem
bie Stabt nodj einmal unter fdjroebifdjer 4perrfcfjaft ftanb, getenngeidjnet
burdj unaufljörlidje Serfudje unb Semüfjungen gur SBefferuug ber
traurigen Buftänbe. 9Jlan tann ber Regierung hie Vlnerfennung nidjt
verfugen, bafe fie alles SRöglidje in biefer iöegtefjnng verfudite, aber
Sdjroeben8 gürfoiße für bie Stabt.
313
fie tonnte ober wollte nidjt energifch eingreifen, nm es nidjt mit bem
9?ate ober ber Sürgerfchaft 311 oerberben. Won Ijntte wohl in Sdjweben
eine Jlhnung, biefer SSefitj werbe tauni auf bie Taner 311 halten fein,
aber man gab fidj SDlülje, iljti fo lange wie möglich 311 behaupten,
unb trat besljalb ben Sewoljnern mit einer nidjt gut angebrachten
SHlbe unb Sdjonuiig gegenüber. 3fn ber Stabt felbft madjte fidj
gerabe jetjt ber alte ©egenfatj gwifchen SRat unb Sürgern wieber feljr
gum llnfegen ber ©emeinbe geltenb. Statt einmütig für bad SBoljI
ber Stabt 311 arbeiten unb 311 forgen, verbrauchte man Kraft unb
Stühe für K'leinigteiten, unb ber Gigennutj ber verfchiebenen Klaffen
hemmte eine gebeiljlidje Entwirfelung auf .gahrgeljnte.
Sdjon beoor Stettin ben Sdjwcben wieber übergeben worben war,
ridjteten bie Vertreter ber pommerfdjen Stäube an beu König Karl XI.
bie Sitte, ber guten Stabt 31t oerljelfcu, „bah fie bie iljr guftehenbe
SieberlagSgeredjtigteit genießen fönne, unb bei bem Kurfürften oon
Sranbenburg 311 beförbern, baß ben Stettinern bie freie {janblung
auf ber £bet unb SSarltje ohne Sdjwierigfeit geftattet werbe". Qm
Sovember 1679 ging audj eine ®efanbfdjaft ber Stabt, bie aus
bem SpnbituS Soljann ©anfewinb (feit 1665 im fRate), bem Sats-
herrn Qatob Sdjabelod (feit 1667 im SHat) unb ben SUterlenten Erb
mann Sinbemaiin unb Sertljolb ^riefeltet beftanb, nach Sdjweben uub
fanb mit ihren Sorftellungen beim Könige gnäbigeS ®eljör. greilidj
oiel mehr als Serfprechungen tonnte er nidjt geben. „Söeil er große
llrfadje (jabe wegen ber befouberen Treue unb Stanbljaftigteit, welche
bie Stettiner bei ber aiiSgeftanbenen harten Selagerung ber Krone
Sdjweben bewiefen, benfelben alle gnäbige Erlaubnis wiberfahren gu
laffen, fo wolle er VllleS, waS gu bem vorigen SJotjlftanbe unb ber
Slufnaljme Stettins gereidjen tonne, foweit es nur irgenb tunlich fei,
gur Segeugung feiner toniglidjen £mlb ben Stettinern bewilligen."
SHrtlidj geftanb er ihnen greiljeit von ber Einquartierung unb ben
Kontributionen auf fünf Qaljre, von ber ?lfgife für ihre eigenen ßebenS=
bebürfniffe unb von ben ßigenten für Saumaterial gu Slußerbem
verfpradj ber König unentgeltliche Cieferung von $olg für bie Sürger,
fdjenfte für ben Sau ber ^atobifirdje 60 SdjiffSpfunb Kupfer unb
bewilligte bafür eine Kollette in Sdjweben. TaS gefdjentte Kupfer
gelangte aber nidjt nach Stettin, ba baS Schiff, ba§ es überbringen
follte, ftranbete. Qfnbeffeii machte eS ba§ gefummelte ®elb (von 1678
bis 1682 tarnen 14530 Salben ein) ben Stettinern möglich, allmählich
ihre Kirche wieber aufgubauen. Sdjon 1680 unb 81 warben gwei
©loden neu qegoffen, aber erft 13 Saljre fpäter war ber große Sau,
für beffen innere Slusftattuug galjlreidje Korporationen ober private
314
Unttrfutfcunß bei ftäbtifdjen Serfjältniffe.
Schentungen machten, im roefentlid)en fertig, greiltd) um ben Surnt
roieber gang aufaubauen, reichte ba§ Weib nidjt au§, man begnügte
ficf), auf ben notbiirftig gebecfteu Stumpf niet Scftiirindjeu ju fetjen.
®ie CpferroiHigfeit unb ber Stagenuit, mit benen bie Sürger ben Sau
angriffen unb ju Gnbe führten, finb aller Serounberung wert unb
werben mit Stecht burd) eine ®ebärf)tni§tafel in ber Kirdje and) ber
Stadjroelt als nadjaljnntngSroürbig norgeljalten.
Slbb. 16. ®ie ^atobifirdjc.
Um bie ponnnerfdjen
Serhältniffe, bie burd)
ben Krieg in Serroirrung
geraten roaren, non
neuem ju orbnen, er
nannte im $uli 1680
ber König Karl eine
Kominiffion, bie au§ bem
Sleidjsrat Glas Stolamb,
bem Weneralgoiroerneur
Sclbmarfd)aU @rafen
KönigSmarcf, General
leutnaiitSperling, ßanb
bÖfbaig f&. galfenberg
beftanb. 91 udj ber Stat
non Stettin erljielt ben
Sluftrag, (Erhebungen
über ben 31Iftnn^
Stabt unb ihrer Se
roohner an^uftellen unb
bie SB ü nfd) c unb 91 n träge
ber Sürger einjuforbern.
“Da liefen uon faft allen
(bewerten bie „desideria“
ein.Sdjriftftücfe, in benen
bie ßage ber^anbroerter
als überaus traurig gefd)ilbert unb StaatSIjilfe bringenb geforbert rourbe;
in galjllafen SJtemorialen, Sefdjrocrben ober fßrojeften nerlangte man
vor allem eine Steorganifation bes States, Sefdjräntung ber ®eljälter
ber Stabtbebienten, Unterfliegung ber SImtSfüljrung, SRedjeiifdjaftS
legitng ufro. roar leine Heine 9lrbeit, roeld)e bie Kommiffare ju
leiften hatten, aber fie gingen gegen Slifjftänbe entfdjieben nor. Gs
würben bie Slatsljerren $oljann Sdjmibt (feit 1658 im State), SUbinuS
Sel)r (feit 1674) unb Sertljoib Sdjmibt (feit 1677) ihrer 9imter
RRnfireßtln brr fdjWtbifdjen Rommiffton.
315
entfefct unb gu 3000 Dalern (Strafe verurteilt. (Dann rourbe ber Riat,
ber non nun an nur auß 17 Verfonen befteben fällte, neu fonftituiert,
roaß um fa nötiger roar, als feit Sdjwellengrebelß Dobe (1678) nur
nod) ein Viirgermeifter Valentin griberici (gewählt 1679) im Slmte
roar. ?luf ben Vorfdjlag ber Kommiffion roäljlte ber Riat am
2. RRai 1681 vier neue Viirgermeifter, Qoljann Sanferoinb (feit 1665
im Rlate), $afob Schabelocf (feit 1667), ber aber balb roieber von
biefem Slnite entfernt rourbe, Grißpin Gerftmann (feit 1671) unb
Grbman einbemann (feit 1680); Kämmerer rourbe neben Gbriftian
Straufe (feit 1660 im Riat unb feit 1679 Kämmerer) nod) ^otjann
Ütfer (feit 168U). Daß Rtatßfollegium erhielt ben Vefeljl, oon nun
alle Ginnaliinen unb Slußgaben nicht nur burd) bie Camerarii allein
berechnen gu laffen, fonbern bagu je einen Vertreter ber Kaufmannfchaft
unb ber ©eroerte htagugugiehen. 9US aber ber Riat oon ben Sliter
leuten bie Venennung oon jroei fßerfonen forberte, proteftierten biefe
mit ben 19 unb 17 Vlännern. Gin langer Sdjriftenroechfel begann,
unb von neuem heronite ber Streit groifchen Riat unb Vürgerfdjaft
bie Dätigfeit fiir bas allgemeine Vöohl.
Qngroifchen aber liefe bie Kommiffion ben Vürgern, bie ihre fünfer
aufgubauen begannen, bie vom Könige verheifeenen llnterftüfeungen
gu teil roerben, unb biefer felbft gab unter bem 31. RRärg 1681 ber
Stabt mannigfache Grleidjterungcn von ben ßigenten, ‘Privilegien für
einroanbernbe ^anbroerfer, Freiheit beß RJlaterialß fiir RRanufatturen
ufro. Slnbere erbetene Vefreiungen von ber ßablung ber Drböre unb
ber RtetoguitionSgelber ober Vereidigung von ©nabengelbern tonnten
nur in Slußficht gepeilt roerben.
Rlod) manche anbere Slnorbnungen, Gntfdjeibungen, Ginridjtungen
warben von ben Kommiffaren getroffen, eß fehlte aber leiber an
SRitteln, fie jur Durchführung gu bringen. SBaß niitjte eß g. V-, wenn
ber eroige Streit ber Kramertoinpagnie mit bem Kaufmann vom Segler«
häufe roegen Vräfeutation gut SllterniannSroahl ober RlatSfäljigfeit gu
©unften ber Kramer entfliehen rourbe? Der Streit bauerte bod) noch
Qahre hiaburd) fort, Vefchwerben unb ^{nnfereien hörten nicht auf.
Vebeutfamer roaren bie Verfuche gur Hebung von £>anbel unb Scf)iff=
fahrt. Gine Unterfuchung ber Stettiner Rleeberei im Satire 1680 hatte
feftgeftellt, bafe in Stettin nur 33 Meine Schiffe heiinatßberedjtigt waren.
Die Slnteile ber Rleeber waren fehr gering, an ben brei gröfeten waren
15 biß 17 beteiligt. Die 'JRängel beß $anbelß ftellten brei Kaufleute,
3atob Schabelocf, 3faat SBidjenhagen unb Gbriftian ßinbe, in einem
ausführlichen RReniorial bar. Vor allem proteftieren fie gegen bie
geplante neue ßigenttaje, ben hoben ßoll auf VJolle, gegen ben bei
316
Äonflifte beS {Rats unb btt Söüißtrftfjaft.
®arg non allerlei SSaren erhobenen goll, ben ^anbel ber gremben
u. a. m. Sie Hauten, bafj Jamburg, ßübed, Tangig, Kolberg unb
{Roftod ben $anbel mit Sdjlefien unb ber SRarf an fid) gögen. Tie
Antwort, bie oom Könige barauf erteilt wurbe, tonnte wenig beliebigen.
Sie enthielt wieber nidjt Diel meljr als fdjone SBorte unb Berfpredjitiigen.
Tesfjalb ivanbte fidj Sdjabelod nod) mit weiteren Tenffd)riften an
baS Stodljolmer (Sommergtollegium, erreid)te aber and) hier nidjt niel.
Allein bie Such unb {Rafd)«ÜRaiiufaftur erljielt eine ertjeblidje gorberung
burd) bie Seftimmung, bafj bie Söolle frei nad) Stettin unb bie gabrifate
ebenfalls otjne Boll nad) Schweben eingeführt werben burften. ßangc
wurbe biefe Sergünftiguug aber nidjt geftattet, fonbern bereits 1686
aufgehoben. Tafür wurbe freilich beftinnnt, bafj bie „in ben beutfdjen
fProoingen befinblichen ®arnifonen Ijinfitro allegeit oon bem in Stettin
gemachten Suche betreibet werben feilten".
Trog aller Senciiljungen ber fdjwebifdjen {Regierung, bie barauf
geridjtet waren, bie mifjlidjen Serhältniffe gu beffern, blieb ber ßiiftanb
im allgemeinen t)öd)ft traurig. Ta§ geigen nicht etwa nur bie fort
gefegten Klagen über Armut unb über Sebrudung — wann wären
bie jemals oerftummt? —, fonbern oielmehr bie unaufhörlichen Kon
flifte unb Streitigteiten gwifcheu {Rat unb 58ürgerfd)aft. ©erabegu
feiublid) ftanben fie fid) oftmals gegenüber, fo bafj eS einmal hiefj:
„Tie in Stettin f reffen fid) untereinanber felbft auf." Ter {Rat fprach
wieberholt oon „unruhigen Köpfen", bie ihn als bie oon ©ott gefegte
Dbrigfeit nid)t refpeftieren wollten. Sefdjwerben über Sefdpoerben
liefen bei ber {Regierung ein, biefe aber wußte meiftenS feinen
©ntfeheib 511 treffen. Ter {Rat fanbte 1685 ben SijnbituS
Dr. ^ermann Siebranb nach Stodholm, „ber Stabt großen Sebruct,
nieberliegenbe ^anblung unb {Rührung unb übrigen miferablen
Buftanb bürguftellen". ®r blieb anberthalb Bahre in Sd)n>eben unb
erreichte auch einige ©rleidjterung ober Unterftütjung, g. ®. auf fünf
gahre je 4000 Taler gur Austeilung an Sürger, bie ihre Käufer
reparierten. Aber bie Siirgerfd)aft befd)werte fich über bie @efanbtfd)aft
unb bann über bie Serwenbung ber Summe Ta redjtfertigte fich
ber SRat bei ber {Regierung unb überreichte 1688 ein SBergeidjniS ber
neuaufgebauten Käufer; eS waren 95 in ber eigentlichen Stabt unb
61 auf ber ßaftabie unb in ben SBieten. geber einzelne Sürger
fühlte fich über bie {Blaßen bebrüdt unb ungerecht behanbelt; gerabe
ihm ging es befonberS fdjledjt, unb hoch füllte er immer wieber gahlen.
Tie gal)Ilofen Sdjriftftüde bilben eine hödjft unerquidlidje Ceftüre unb
geigen bie Selbftfudjt unb ben ©igennug in abfehredenber Töeife.
Taneben ging baS ©egänf ber Oiewerte unb Bünfte; bie Klagen ber
Die SürgerBertretun0.
317
Kirchen- unb ^ofpitaloerroaltungen; bie Slangftreitigfeiten ber StalS
Herren untereinanbei ober ber Sllterleute eines ehrbaren Kaufmann?,
®eroanbfdjiintes unb SeglerljaufeS tjörten nidjt auf
?lllniäf)lid) bilbete fidj in biefer Seit infolge be? ®egenfafeeS, ber
groifchen Stat unb Sürgerfchaft fjerrfdjte, eine förmliche regelmäfeige
Slrt ber Sürgeroertretung aus. Seit 1690 etwa fanben Serfatnmluugen
ber „etjrliebenbcn Sürgerfchaft" int Seglerhaufe ftatt. Dort rourben
Söiinfche, Sefdjiuerben, Defiberien uorgetragen unb oon ben Sllterleuteu
beS Kaufmanns, bie als „ein ülusfdjuß ber Sürgerfdjaft“ tätig roaren,
bem State fcfjriftlich eingereicht. Diefer gog auch 'fieber Vertreter 31t
einzelnen ftäbtifdjen ©efdjäften hi"ölI> berief bie 18=9Jlänuer, ja bilbete
btSroeilen gemifdjte Kommiffionen 3. S. fiir bie Stabtgulage, beu Sinnen«
taften, ben Stabtbau, bie Sütefen u. a. m. 5Bar ljierburdj auch eine
Teilnahme ber Sürger an ber Stabtoerroaltung gefchaffen, fo roar eS
bodj feljr übel, bafe für fie eine rechtliche ®runblage fehlte. ®S ftanb
gang im Seheben be? States, bie desideria civiurn, bie allein in ben
Qaljren oon 1694—1726 fo gatjlreidj roaren, bafj bie Sdjriftftüde
fiebeu ftarte Slttenbaiibe füllen, 31t beachten, eine Ulniroort gu erteilen
ober ad acta gu legen unb unberücfficfjtigt gu laffen. Qmmer roieber
beflagte fich bie Sürgerfchaft, bafe fie auf ihre Slnträge feine Stefolution
beS States erhalte. 6? fjerrfdite aber bei ihr felbft teilte ©inigfeit.
Die 15 SUterleute ber ©eroerfe befdjmerten fich über bie bes Kaufmann?.
Sollten fie für fidj allein ober gufammen über bie „gemeinen Stabt«
fachen" beraten? Das roar eine grage, bie mit gröfetcm (Eifer beljanbelt
rourbe; enblicfj (1701) rourbe entfdjieben, ber Kaufmann falle erft
„a parte befchliefeen", bann ben Sefchlufe ben ©eroerfen mitteilen unb
ihr „®utbefinben ad protocollum nehmen“. Sind) biefe Seftimmung
rourbe natürlich angefochten, unb fo blieben gum Serberb ber Stabt
überall bie unfidjeren ßuftänbe beftehen.
Der Stat follte nadj einer Seftimmung tron 1681 Ijalb auS Kauf«
feilten, halb au? ßiteraten, b. h- ftnbierten Slännern, beftehen, unb
eS rourbe oerboten, bafj mehrere SJtitglieber einer Familie iljm an«
gehörten. Stan tiimmerte fidj um beibe? nicht, ber Stat ergänzte fich
gang nach Seiieben, bis 1706 bie Sürgerfchaft leljafi bagegen proteftierte
unb fich über ben „erjeffio angeroadjleueu Sdjroäger«Siat" bitter be
tlagte. SJieber fanben auSgebeljnte Serhanblungen mit ber Siegierung
ftatt, aber eine Slbljilfe erfolgte nidjt. Sind) bei ber jährlidjcn „Ilm
fetjung" be? State?, bie am 3. SJlai oor [ich ging, famen Unregel«
mäfjigfeiten oor, fo bafj bie Siegierung einfchreiten mufete. Der Stat
hatte feine fefte ©efdjäftSorbnung, er führte bie Serroaltung nach feinem
©efallen. SBieberfeoIt forberte bie Sürgerfchaft eine llnterfudjung ber
318
Tie SuriSbiction in ber Stabt.
„Slbminiftratiou", namentlich and) ber Stabtgüter; eS würbe auch
einmal 1702 ein Slnfang gemacßt, aber balb fcßlief bag SBert wieber
ein. Sdjroere fliegen erljoben ficß gegen bie fiämmerei, bie nament'
licf) in ber Verteilung ber Abgaben nnb ber Veßaublung ber Sieftanten
ber fcßlimmften llngerecfjtigteit befcßulbigt würbe. Sind) hierfür würbe
eine Unterfucßung angeorbnet, bie Hommiffion arbeitete faft 6 Qaßre
ebne (Erfolg nnb löfte fid) bann auf. Tie Verteilung beS SeroiSgelbeS
blieb eine ftänbige Cnelle non Streitigfeiten nnb Vefcßwerben, 3lb=
ßilfe würbe nidjt gefdjaffen. SJlan wirtfd)aftete ohne feften ©tat; wie
es mit ber SiecßniingSlegung ftanb, ift nidjt gang flar.
Tie Tätigfeit beS States war babnrd) ungemein erfdjwert, baß
feine VJirtfaniteit unb feine Siedjte fief) nicht auf bie gange Stabt
ober alle Vewoßnet erftredten. Ter Vegirt beS ScßloffeS unb beS
fogenannten flonigl. SUofterßofeS, ebenfo wie bie fiireßenfreißeit um
St. SJlarien bilbeten eigene ©eineinben in ber Stabtgemeinbe, bie
föniglicfjen Veamten unb anbere ejiinierte fßerfonen unterftanben eben*-
falls bem Slate nicht. Sie alle batten, foweit fie nidjt etwa bürger«
liehe Slaljrung trieben, feine ißflicßten ber Stabt gegenüber unb wachten
ängftlicß über ihren Sonberredjten. ift flar, baß ßierbureß unenb>
ließe Streitigfeiten ßetDorgerufen werben mußten. Söie oft hat ber
Stat iierfucßt, bie fogenannten £5reit)äufer gu ben ftäbtifdjen Abgaben
Ijerangugießen, wie oiele Unterfudjnngen, Suftrationen, Slufnaßmen
haben ftattgefunben! fjaft beftänbig lagen bie fturatoren unb Slbmi»
niftratoren ber SJlarienfirdje im Streite mit bem Slate. ®ang befonbere
Sdjwierigfeiten machte biefe Jlbfoitberung einzelner Stabtteile ober
beftimmter fßerfonen inbegug auf bie 3furi§bittion. Ter Slot befaß
bie ©ericßtSbarteit über bie Stabt, iljre Vewoßner unb baS ftäbtifeße
Eigentum nur, foweit biefe nidjt bem fiireßen- ober bent fgl. Vurggericßte
unterftanben. Sr beftellte einen Slatsßerrn als Stabtricßter, ber jebeS«
mal brei 3aßre ben Vorfitj im Sdjöffengeridjte führte. ^aubelSfacßen
gehörten oor baS SBette= unb baS Seegericht, für bie 1671 unb 1683
neue Crbnungen eingefüßrt würben. SUS ßödjfte Qnftang galt baS
Obertribunal in SSiSmar, für beffen Unterhalt bie Stabt einen feften
Veitrag gu galjlen ljatte. TaS Vlarientircßengericßt gog bie Vewoßner
ber Hirdjenfreißeit uub bie Untertanen in ben ber flireße gehörigen
Törfern oor fein ftorum, baS Vurggericßt ljatte bie (SericßtSbarfeit über
bie im Scßloffe unb auf ber Slgl. Sreiljeit woljnenben fßerfonen.
Slatürlid) war ber bürgerlichen ©eridjtSbarteit ebenfalls nidjt unter-
worfen bie ©arnifon, für bereit Unterhalt bie Stabt ©elbgaßlungeri
unb Slaturalien liefern mußte. Tie ©inquartieriing ber Solbaten,
bereu ^aßl ficß 1696 auf meßr als 16U0 belief, war eine ber feßWerften
Die Dätigteit bes fRateS.
319
Saften, bie oon ben Bürgern 311 tragen waren, unb bie 'Biditär-
oerwaltung griff oft rurffid)t§lo§ in bie Steckte ber Stabt ein. 21IS
fie 1(597 ein großes 'JRagazin oor bem ^eiligen ®eifttor erbaute,
wurbe ein Sßroteft be& fRateS wegen loiberrcdjtlidjer Befißnaljme eines
ftäbtifdjen ©runbftiuTeS einfad) unbeaditet gelaffen.
SBenn wir bie SRißftänbe unb bie Sdjwierigteiten beriicffidjtigen,
fo miiffen wir bod) anertennen, baß ber 'Jiat eS iiidjt an (äifer in
feiner 'Mrbeit für bie Stabt tjat feflen taffen. Daß er wenig erreidjte,
ift nidjt allein feine Sdnilb. 'Bon ben 'JRitglieberu treten oor anberen
Ijenwr bie Bürgermeifter Gljriftian Strauß (1985—1703), ^ermann
Siebranb (1702—1712), Dbeobor Scheren berg (feit 1087 im '.Rate,
1702 Kämmerer, 1703—1706 Bürgermeifter), Daniel Dillies (1704
bi§ 1712), Qoljann 'Jlubolf Qatjn (1712—1727) unb (Sfjriftian griebrid)
Jrerjberg (1712—1726), fowie bie DiatSßerren (Sljriftian Braunfdjweig
(feit 1683), SRidjciel 'JJlattljiaS (feit 1692), SRattßäuS ^einridj ßiebeljerr
(feit 1703), Qatob Sllbretfjt 3nltrülü (feit 1714), Qfatob Baiifeloro
(feit 1714). $n ben einzelnen 'Mintern ljaben fie, foweit eS ihnen
möglid) war, meift fleißig gearbeitet. Die Berwaltung ber Stabtgiiter
madjte in biefer Seit oielleidjt bie größte 'JRüße, ba eS galt, bie
fdjweren Sdjäben, bie burd) bie Belagerung uon 1677 oerurfacßt
worben waren, einigermaßen 311 heben. Die Badjmiifjlen waren »oll
ftänbig niebergobrannt, erft feljr allmählich tonnten fie wieber aufgebaut
unb oerpad)tet werben. Scheune, Scßwarjow, Kretow, Bblfdjenborf,
SSuffow, fRemit}, Sdjmellentin, fßomerensborf, 'ßobejud), ^Jrinp,
'Jlrmen^eibe, bie Schäferei (Scferberg trugen nod) 1693 oiele Spuren
ber Berwüftung. Die große Slufnaßme unb Katafteroermeffung, welcße
bamalS bie fdjwebifdje ^Regierung oorneljmeit ließ, gibt uns eine genaue
Befdjreibung mit ausgezeichneten fjlurtarten. Die 3al)l ber Sauern,
Koifäten, ©inlieger, Wirten, Dagelöljner war red)t gering 'JJlandje
'Mderftreifen ober Warten lagen roüft, bie Webäube waren juin Deil
nod) nidjt wieber t)ergeftellt unb bie Erträge biirftig. ®S fehlte überall
an VlrbeitSträften unb an rechtem 'Blut ober Selbftuertrauen. 'Dlit
ber Stabt 'Böliß ßerrfdjten fortwaljrenbe Streitigteiten über bie
Seiftungen ißrer Bewoljner, bie 1697 behaupteten, Stettin wolle fie
511 „Sflaoen" machen. Über bie Stabtwiefe, bie „Silberbütte", geriet
ber tflat in einen Prozeß mit ber SRilitäroerwaltung, ber erft nad)
Saljren entfliehen wurbe. Sdjwere Atoften oerurfadjte bie notwenbige
SBiebertjerftellung beS großen SteinbammeS, unb obwohl bie ^Regierung
eine Beihilfe zufagte, mußte fdjließlidj bie Stabt fid) bod) felbft helfen.
Der feßr auSgebeßnte 'IBatbbefiß (7884 DJtorgen) war taum nod) bie
große ®innat)mequel(e, bie er gewefen war; eS feljlte eine rechte
320
3uftünbe in bei Stabt.
gorftfultur, unb bas .^olzholen unb iHoljrfcfjiieibeii, baS ben Sürgern ber
Stabt umfonft, beu Senwljnern bet adjt SSafferbörfcr (Sraboro, Srebow,
3ülldjow, Sollinten, grauenborf, Sotjlow, (Sanelwifd) unb (Klienten)
gegen eine geringe Slbgabe guftanb, war ber Siitwicfelung ber SJälber
unb Sriiche nidjt bieulidj, ba oiel SJlifebraudj baniit getrieben würbe.
Tie SaijI ber SBiefen, bie 31t beu einzelnen Käufern ber Stabt gehörten,
war nidjt feljr grafe (500 SJlorgen), unb ifjre Sluijung würbe burd)
bie 'föafferoerhältniffe erfdjwert.
(Ss Ijerrfdjte in ber Stabt uub ihrer Umgebung grofee Slrmitt.
Segen baS Setteln auf ben Soffen würben wieberholt 'Verbote erlaffen,
um eine Siegelung beS 'JlrmenwefenS müljte man fidj in biefer Seit
unaufhörlich- Tie ^ofpitäler, baS Mlofter, ba§ SBaifenljauS reichten
nicht au§, bie Slrmen unb Mranten aufgunehmen unb zu oerforgen.
Tenn immer wieber brachen epibemifdje Mranfheiten aus, gegen bie
man fich uergeblid) burch allerlei Sorficfets» uub ?lbfpetrungSmaferegeln
Zu fdjütjen fudjte. SefonberS in ben gahren 1700 unb 1710 würben
Seranftaltungen gegen baS (Einbringen ber '-lieft au§ $olen unb Talgig
getroffen, ein „poIitifdjeS Seftreglement" uub ein „mebi^inifcheS 'ßeft=
(Soufilium“ publiziert, ein Sefunbljeitstollegium non acht 'JJlitgliebern
gebilbet. TieS orbnete baS SluSlegen oon Söadjtbooten auf bem
Tammfdjen See, Kontrolle ber gremben an ben Toren au, forberte
SefunbheitSpäffe unb legte ein Tagebudj über bie Mranteu unb Ser=
ftorbenen an. ?llle§ baS half aber wenig, beim faft 2000 'ßerfonen
ftarben bainalS. SJlan fing audj an, ben Vlpotfeeten ber Stabt eine
gröfeere Slufmertfamteit zujuweiiben, oifitierte fie wieberholt unb erliefe
SJlebizinal=Taj=Crbnungen.
5Bie bie fßeft, fo fiicfete man auch bie geuerSgefahr burch allerlei
Serorbnungen gu betämpfen; eine neue geuerorbnung würbe 1712
oom Slate erlaffen Sor allem war bie regelrechte Unterhaltung ber
'.Brunnen notwenbig; ba^u waren bie anwoljnenben Siirger oerpflidjtet.
Sie bübeten Seuoffenfchaften mit Slbminiftratoren, bie bafür zu forgen
batten, bafe bie Sriinueu regelnuifeig in Stanb gehalten nnb, wenn
nötig, repariert würben. Tie M'often würben auf bie fünfer oerteilt.
Turd) mannigfadje anbere Crbnungen traf ber Slat gürforge für bie
Sürgerfdjaft. (Sine Crbnnng für ßoljnfuljren würbe 1081 nach langer
Seratung erlaffen unb wieberholt erneuert, babei oerbot man oor allem
auch bas fdjnelle galjren in ben Strafeen. (Sine ftrenge SJlaljnimg erliefe
ber Slat gegen baS übermafeige Srauntweintrinfen. 9U§ aber ber ®ou=
uerneur Sielte 1697 befahl, e§ Jolle fidj niemanb nach bem „gapfen
fdjlage“ (Sommers um 9, ÜSinterS um 8 Ufer) auf ber Strafee feljen laffen,
ba befdjroerte fich bie Sürgerfchaft bei ber Siegierung über biefe Serorbnung.
Die Sdjüfeentompagnie.
321
Seitbem bie fdjruebifdje ©arnifon verftiirtt roorben roar, verloren
bie Süigerfompaguieii nietjr unb meljr an Sebeutung. Die Verpflichtung
ber ®ürger gum SSadjtbienfte blieb allerbingS befielen, fie rourben
and; immer, roieber bagu herangegogen, aber meljr gur Slufredjterljaltung
ber Crbnung in ber Radjt ober gur Kontrolle an ben Soren. ©S
roaren adjt Kompagnien in ber Stabt uorljanben, gu benen 1705 nodj
eine fiir bie Herren- unb Kirdjenfreitjeit tarn. SUIS 1700 ein Sataillon
ber ©arnifon gum SRarfcbe beorbert tourbe, erljielt ber Rat ben Sefetjl,
täglicfj etroa 100 SJlann für bie SBadjen gu ftellen. Darauf ridjtete
er bie Sürgerwadjen ein, bie ben Sleidjljolm, baS ßangebrüdtor, bie
Scfjnede, bie grüne Sdjange, bas Seite Dor inroenbig unb baS SRüljleit
tor mit 06 fOlann, ferner baS graueutor unb bie Saumbrüde mit 10,
foroie bie Sdjiffbauer ßaftabie unb ben Sßlabbrüi mit 13 SJlann gu
befeften Ijätten. Satürlicf) tarnen roieber ungiitjlige Klagen über biefe
SBadjtpflicljt, Serfudje, fid) iljr gu eutgiefjeu unb Strafen nor, bie roir
auS ben gum Seil erhaltenen Söadjbüdjern teunen lernen tonnen.
DaS SBaffenljanbroerr übten bie Sürger in iljrer Schüfeen*
tompagnie, bie nad) ber Selagerung neu organifiert rourbe. Sie erljielt
allerlei Rechte unb ^Privilegien für itjren König, auch bie ©rlaubniS, am
^eiligen ©eifttore ein neues SdjiefjfjauS gu erbauen. ©3 entftanben
jebodj Streitigfeiten unb Reibereien gwifdjen ben Kaufleuten unb ben
^anbroerfern, bie 1700 gu einer Seilung in eine Kompagnie ber
Kaufmannfdjaft unb eine ber Künftler unb ©eroerte füljrte. Sei bem
jätjrlidjeii JBogelfdjiefjen tarn eS immer roieber gu manchem ärgerlidjem
Bwifte, ber meift feine Urfadje in 3itutg= uub StanbeSfrageu §atte.
Sludj bie Kaufgefellen hotte» fidj f<h°» früher gu eigenen Sdjiefjübungeii
unb feften gufanimengetan unb erhielten, nacfjbem manche von ihnen
fich bei ber Verteibigung ber Stabt anSgegeidjnet hatten, 1687 ihre
erften Safeungen. SluS biefer Sdjüfeenfompagiüe ber ^aiiblungSbieiier
ljat fich ’m ßaufe ber Beit ber „Verein junger Kaufleute" gebilbet,
ber im ^aljre 1887 bie freier feines gweiljunbertjährigen SeftehenS
beging.
©rofte Setjwierigfeiten machte bem Rate bie Crbnung ber Straften *
reinigung. Die Buftänbe roaren immer nod) berartig, baft eS taum
gu vergehen ift, roie bie Seivoljner biefe Unfauberteit ertrugen. Sim
31. Cttober 1683 rourbe eine eigene „fUliftorbnung" erlaffen, in ber
beftimmt rourbe, baft ber von ben Seroofenern gufammengefeljrte
Straftenunrat burd) Karren roeggefdjafft roerben füllte. Dafür rourbe
von ben Raufern, Suben unb Kellern eine Slbgabe erhoben. iDlan
lieft aber biefe Einrichtung roieber eingehen, unb bie Unfauberteit
nahm in fo erfchredenbem SDlafte gu, baft bisweilen eine militärifdje
tUt^tmann, 0Je|<6l<4te von Stettin. 91
.322
Ter fReubau ber Käufer.
Ejetution oorgenommen werben mußte, uni bie ^Bürger jur Erfüllung
tßrer Sßflicfjt gu groingen. TteS UJtittel wurbe feit 1708 regelmäßig
angeroanbt. TamalS ließ'bie ^Regierung betannt matßen, baß jeben
Sotmabenb ein Unteroffizier mit etlichen ©emeinen in ber Stabt ßerum»
geßen unb nacßfeßen werbe, ob bie ©affen gereinigt feien. SBenn oor
einem .fjaufe Unrat gefunben würbe, füllten bie Solbaten ißn ben
53erooßnern ins $auS werfen unb biefe in ©elbftrafe neßmen. Dbiooßl
ber fRat gegen eine folcße „militärifdje Slnftalt" proteftierte, wanbte
man bod) oßne weiteres bieö braftifdje W.ttel an. Troßbeni blieb
fcßließlicß aud) ßier alles beim Sllten, b. ß. bie Straßen, ©affen unb
fßliiße würben nidjt gereinigt, unb bie fi'lagen über bie „Scßweineiei"
ßörten nidjt auf.
2Rit bem fReu= unbSluSbau ber Raufer ging es feßr langfam
oor fid). fRad) 1091 madjte ber fRat ben SBerfud), burtß Erteilung
oon greijaßren gu regerer Tätigfeit angutreiben. ®S waren immer
nod) feßr oiele Käufer feit ber SJelagerung ruiniert unb oerfallen, ja
oiele Stellen, namentlicß auf ber ßaftabie, lagen gang roüft Ta§ ift
eigentlicß oerrounberlicß, ba naCßguroeifen ift, baß bie Seoölterung ficß
in biefer 3e*l nitßt unbeträcßtlicß oermeßrt ßat. Db ba§ fßlatat oom
7. SRarg 1081, burd) baS „gremben, bie fid) in Stettin gu fegen ßuft
ßaben", greißeit oerfprodjen rourbe, oiel bagu beigetragen ßat, fann
groeifelßaft erfcßeinen, aber Tatfadje ift e§, baß 1087 im IBürgerbudjc
316 fReuoürger eingetragen roorben finb. greiluß ift barunter eine
oerßältniöntäßig große Baßl oon Sürgerfößnen (88) unb foltßen,
bie ats „auS Stettin geoürtig" (53) begeicßnet finb, aber trotjbem
bleibt bie gunaßme nocß recßt bebeutenb. ?lu<ß 1088 unb 1089 rourben
meßt als 109 SPürger aufgenommen, fünft belief ficß bie Slufnaßme
auf etroa 50—60 jäßrlicß, bedte alfo oielleicßt ben Slbgang. 5Rad)
ben Tabellen ber in Stettin „oertrauten, getauften unb begrabenen
SRenfdjen", bie für bie gaßre 1656—1763 faft oollftänbig im Trude
oorliegen, finb g. 33. 1682—83 im gangen 190, 1690—97 aber nur
139 ißerfonen begraben roorben;in anberen gaßren (g. 53.1712—13:315)
ift bie 3aßl freilief) erßeblicß ßößer. Um 1659 rourben in ber Stabt
etroa 1279 Raufer, '.Buben unb Steller gegäßlt, ein SBergeidjnis ber
Sebäube oom gaßre 1706 entßält bagegen 1385 fRummern. Eine
fßerfoneiiaufnaßme oom Dttober 1709 ergab eine Seoölferung oon
10900 'ßerfonen in ber Stabt unb in ben '-Borftäbten, im Sluguft 1711
roerben 11 307 Serooßner ermittelt. Unter biefen befanben ficß nur
1155 ^Bürger, roäßrenb gur ©arnifon 3408 äRänner geßörten.
Tie SBoßnungSoerßältniffe roaren fcßlecßt, feßr oiele Serooßner
ßauften in steilem, ein Übelftanb, ben bie ^Regierung 1708 gu befeitigpn
3uben in «Stettin.
323
fid) bemühte. 3u&en ljatte, roie ergäblt ift, Shirfürft ^riebrid) 5öill)elm
ben Slufentfjalt in (Stettin oerboten, fpäter aber rourbe einzelnen burd)
befonbere Weleitsbriefe geftattet, bort oorübergehenb gu roeilen, anberen,
ben fogenannten Sd)ufejuben, erlaubte man aud) bauernb in ber Stabt
gu rooljnen, e§ rourbe ihnen aber £>anbel mit SQetall, Silber, Wölb ufro.
auSbrücflid) unterfagt. SSiebertjolt fam e§ in biefer 3ett gu geroalt=
2lbb. 17. Tie ‘JkterSfirtfce
tätigen Eingriffen unb Befdjimpfungen gegen fie, aber and) gu Silagen
über unberechtigten $anbel. Ter SRat fprad) mefjrere SQale ben SBunfdj
au§, man folle bie Quben roieber „gang abfdjaffen, ba fie in ber Stabt
grofeen Sd)aben angeridjtet".
Qn einer SReifebefdhreibung oon 1694 helfet e§ oon Stettin: „Tie
JFfirdjen finb anjefeo in fdjle<htem Splenbeur, roeil bie Spitjen in ber
Belagerung heraatergefdjoffen. Tod) ift bie Qafobifirche faft roieber
repariert unb fehlt blofe bie Spifee“. Einige Safere fpäter roar bie
21
324
DoS Äirdjen= unb Sdjulrocftn.
fitrcfje auch im gnnern roieber auSgefdjmücft. Dort rourben neben
ber Orgel £>elm, Degen unb ^anbfdjuh be§ tapferen (BerteibigerS ber
Stabt, be§ GJeneralS oon' SSulffeu, aufgehängt, ber im Quni 1678
in Sdjroeben ftarb unb in ber gatobifirdje beigefetjt rourbe. gn ben
fahren 1709 bi§ 1711 rourbe ber ftattlidje (Barocfaltar non bem jungen
4j>olgbilbfjauer (Ertjarb ßöffler aufgebaut. „Die gange Jtirdje ift, fa
Ijeifjt e§ in ben Sitten, bittet) bie ©nabe (SotteS unb mit Dieter guten
feigen beigetragenen milbcn (Seifteuern üöllig roieberum erbauet unb
mit Dietern @uten auSgegieret roorben “ Dagegen blieb bie SRarien»
tircfje im SSerfalt, obwohl auch für itjren Slufbau eine Jtoltette erbeten
rourbe. ßbenfo rourbe St. (ßeter 1683 nur notbiirftig auSgebeffert,
unb mit bem Sdjloffe ftanb e§ nicht Diel beffer. Die fdjroebifcfje
(Regierung tat faft nichts für bie (Erhaltung, obwohl ber Senerat»
gounerneur, non 1687 bi-S 1607 fRiI§ (öielfe, bort feine SSotjnung
batte. (Einige Deile benufcte man gu militärifchen Bmecten al§ SRagagin
unb 3eugljau§, unb einem iSefucher erfchien al§ ba§ SehenSroertefte
„ein fdhöner fßferbeftall, fo unter ber (Erbe gang geroölbt ift".
Unter ben Seiftlidjen, bie in biefer -Seit an ben Stettiner flirdjeii
tätig finb, befanbeu fich taum heroorragenbe SRänner. Qm ftrengfteu,
einfeitigften ßuttjertum befangen, eiferten fie gegen jebe anbere fir<fj=
liehe (Richtung, üertrugeu fich aber unter eiuanber ebenforoenig, fonbern
lebten in faft beftänbigem Streite. Der eifrigften einer roar ber fchon
genannte D. griebrich 8abriciu§ oon St. (Ritolai (geft. 1703), ber
audj mit bem (Rate in erheblidjen Jlonflitt geriet. Durch CTefebi
famteit geidjiieten fich ber ©eneralfuperintenbent D. Jlonrab DiDurtiug
(Rango (geft. 17U0) unb bie beiben (Eranier, griebrich ber (Kater
(geft. 1691) unb gohann (Eljriftoph ber Soljn (geft. 1714), au§.
Bfn biefer Beit trat bie Stabtgeiftlidjfeit iuSgefamt für baS Sdjul-
roefen ein uub roanbte uueh beu beutfehen Schulen einiges Qntereffe
gu, bod) gebeffert rourbe an ben (Berhältniffen wenig. (E§ blieb bei
ben eingeluen meljr ober roeniger fougeffionierteu (Redjen-- unb Schreib»
meiftern, ben Ätuftern unb SMinfelfdjulmeifteru, eine allgemeine Orb»
nung erfolgte nicht. Die Stabtoerroaltung tiimmerte fidj wenig
um bie Sdjuleu unb beließ auch bie (RatSfdjule in ihrem fünimer»
lidjen guftanbe. Der Siettor Weorg UÖeljIing (1682—1719) gab fich
alle mögliche (Blühe, bie Slnftalt gu heben, aber bie Bucht ber Schüler,
bereu Baßl fid) in biefer 3eit auf etwa 150 belief, blieb fefjr locfer.
(Bor allem tarnen beftänbige Streitigfeiten mit ben fflijmnafiaften oor,
bie jenen ba§ (Recht be§ DeqentragenS üerroeljrten. Sludj baS (fhjni
nafium (Earolinuni hatte mit ben SRißftänben ber Beit gu tämpfen
unb an ben geljlern, bie biefer Slnftalt anhafteten, fthmer gu leiben.
Der ©anbei
325
Der atabemifd)c Gfjarafter rourbe oon ßetjrern unb (Schülern ängftlidj
gewaljrt; mit Sorlefungen, IRebeaften, Difputationen pruntte man,
oljne nnrflid) ernftlidjeS gu leiften. 9locf) mehrere SRale taudjte ber
Sßlan auf, bie llnioerfität ®reif§walb mit ber Sdjule gu Bereinigen
unb nad, Stettin gu oerlegen. Da man fdjließlidj baoon abfalj,
rourbe 1703 eine große Sifitution oeranftaltet, bod) aud) biefe nütjte
nidjt viel, ben Serfall vermodjten bie gelehrten IRettoren unb ^ßro-
fefforen nidjt uiifguljalten.
„Die Seit von 1648—1713 ift ungweifelljaft bie traurigfte (Spodje
für Stettins ©anbei." Die§ Urteil, ba§ Suftao Sdjmoller fdjon oor
Saljren fällte, roirb burdj alles beftätigt, wa§ wir im einzelnen über
ben ©anbei biefer Qatjre erfahren, unb gilt gang befonbers für ben
legten Slbfdjnitt biefer ^ßeriobe, ber mit bem Sfaftre 1679 beginnt.
Sfa, bie Sage würbe immer trauriger unb fiimmerlidjer, obwohl bie
fdjwebifdje ^Regierung ben Serfudj madjte, energifdje Schritte gur
©ebung be§ ©anbels gu tun. Sim meiften batte er gu leiben blirdh
ben ®egenfaß, in bem Sranbenburg gu Sdjweben ftanb. Kurfürft
griebridh III. war ebenfo wie fein Sätet bemüht, auf jebe SBeife
ben branbenburgifdjen ©anbei oon Stettin abgugieljcn unb bireften
Serteljr angutnüpfen. 'JLRan begann um 1680 tyoUänbifdjeS Saig fiir
bie SCRart unb ©interpommern gu begieljen, baburd) erlitt ber Stettiner
Salgljanbel fdjweren Schaben unb ging gu ®runbe. Die fRioalität
StargarbS unb ©ollnowS gegen Stettin würbe oon ber ^Regierung
begünftigt, Sdjweoen aber erljob ben tjeftigften SSiberfprud) unb
fudjte bie Sdjiffaljrt auf ber 3hna gang gu ljinbern. 9Ran oerfudjte
e§ bann mit einer Seratung, gu ber Kommiffare in Damm unb
K'olbaß 1684 gufammentraten. SRit großer ®rünblidjteit ging man
gu SBerte, wie bie gebrurfte „aufrichtige unb wahre ^Relation" beweift,
aber wa§ war ba§ JRefultat? ®§ blieb beim Sitten, man tonnte fid©
nidjt einigen, ßbenfo erging e§ mit ben SBerljanblungen über ben
alten Streit gwifdjen Stettin unb grantfurt. T>er Cberfjanbel würbe
burd) Sötte unb Abgaben nodj meljr al§ frütjer belaftet. DeSljalb
wanbtcn fid) bie SCRärter oon ber Cber ber ®lbe gu. Da forberte
bie fdjwebifdje Siegierung felbft im Slpril 1697 ben Stettiner SRat
auf, gwei Deputierte gur Serfjanblung wegen ber 3-rantfurter unb
Stargarber Sdjiffaljrt nnb wegen ber Slieberlage nad) Stodbolm gu
fenben. Der StjnbiniS Siebraub unb ber Kaufmann ßange trafen
bort ein, fie tarnen aber gu ungünftiger Seit an, ba König Karl XT
turg oorljer geftorben unb für bie Sertjanblungen tein red)te§ Qntereffe
oorljanben war. Die Deputierten ljatten gwar Stubieng beim jungen
Könige Karl XII. unb trugen iljm unb ber ^Regierung iljre Slnliegen
326
©anbei unb Schiffahrt.
oor, ober bie Slelation über itjre Steife beridjtet inefjr oon bem, waS
bie Slbgeorbneten wollten, als waS fie erreidjt tjatten, eS blieb aud)
hier alles beim 9llten. llneinigfeit tjerrfdjtc in ber fiaufmannfdjaft
felbft. Db jeber, ber „fid) ber Raufhanblung bebiene", bem Segler*
häufe angehören müffe, wer bie SHterleute gu wählen ljabe, bariiber
entftanb oon neuem Streit, unb über bad Sisertjältnis ber Rramer gu
„einem ehrbaren Raufmann" §errfd)te faft ununterbrochen gant.
Qmmer wieber fam bie $rage ber freien SetreibeauSfuhr gur ®r=
örterung. SJlan Ijielt an bem alten ©runbfaße feft, bafj man in
erfter ßinie für ben 29ebarf ber Sewoljner forgen müffe. 2IIS gegen
Cnibe beS QaljrtjunbertS ber SetreibepreiS fef)r ftieg, würben wieber
bie 23öben, Speiser unb SJlagagine auf ben Sorrat hin reoibiert unb
bie ?lu§fd)iffung von Rom verboten. SJlit wahrer Slngft verljtnberte
man, wenn eS möglich war, einen ©anbei grember; gwei „SJlofto*
witifcfje Raufgefellen" mußten e§ 1697 erfahren, waS eS hiefj, freie
©anblung in Stettin gu treiben. 2luf alle SSeife wurbe ber 23erfu<h
gemacht, ben ©anbei nicht gang gu GJrunbe gehen gu laffen, aber bie
2lrt, wie man bieS verfudjte, war berart, bafj man ängftlich an ben
Siechten ber Stettiner feftljielt unb jebe Steuerung auSfchloß.
23on bem unheilvollften (Sinfluffe auf ©anbei unb SSanbel war
bie Stettiner SQüngverwaltung, bie in biefer ißeriobe „an einem Csnbe
übergroße (Sewiffenhaftigfeit, gepaart mit geringer ßeiftungSfähigfeit,
am anberen eine 3?alfchmüngcrei geigt, bie an Schamlofigleit in ®eutfdj=
lanb nidjt ihresgleichen hot“- 23iS etwa 1688 war baS SJlüngwefen
in guter SJerfaffung, aber burd) bie Schulb beS (JöeneralgouverneurS
Stils 29iel!e riß bann eine gang unglaubliche SJlißwirtfchaft ein, bie
bei bem fßrogeffe, ber feit 1698 gegen ben hohen ^Beamten angeftrengt
wurbe, anS ßicfjt tarn. ®ie folgen biefer fchmadjvollen betrügerifdjen
ffierwaltung machten fich auf lange <fal)re hin geltenb.
Sticht viel beffer als mit bem ©anbei ftanb eS mit ber Schiffahrt.
Bur Stettiner Sieberei gehörten 1685 nur 35 Schiffe, bie ftieg
bis 1708 auf .56. ®aS größte gahrgeitg war baS „gleutfchiff SBappen
von Stettin" mit einer Sragfähigfeit von 170 ßaft unb 18 SJlann
Sefaßung. ßum ßetdjtern bienten 16—32 gaßrgeitge. über baS
gal)rwaffer wurbe fortwährenb gelingt, bie ©olgfdjiffer ruinierten eS
gang befonberS. l)aS 2lbmiralitätS=Rollegium in Stockholm tat nichts.
23on bein Umfange ber gaßrten in See erfahren wir einiges burch
bie Eingaben, wie viele Seepäffe vom Slate auSgeftellt würben. 23ir
finben g. 23. für 1705 61, für 1706 63, für 1707 53 folcfje fßäffe
ausgefertigt, wätjrenb es fonft lairm 20—40 waren. ®er ©aupt=
vertehr fcfjeint nach ^(mftcrbam gegangen gn fein, obgleich über
Daß ©anbroert.
327
bie SBeguahme oon Schiffen auf ber (Jaljrt nad) £>ollanb, Snglanb,
Jranfreid) roiebetholt Klage erhoben luurbe.
Qfni £janbroerfßroefen lagen bie 93erf)ciltniffe faft nod) fdfjlimmer.
fünfte unb (Milben hielten ängftlid) an il)ren alten fßrinilegien feft,
roadjten auf baß eifrigfte über iljren Vorrechten unb galjlten gu iljrer
?lnerfennung jährlich ein beftimmteß Utetogiiitionßgelb an bie ftäbtifdje
Kämmerei. (So uiel Bant unb (Streit unter ben Silben t)errfdjte, m
einem waren fie einig, in bem $affe gegen bie greimeifter, bie mit
Srlaubniß ber Ulegierung iljr £>anbroert betrieben, oljne ber Bunft
an^ugeljören. SRan gab folgen bie Kon^effion unzweifelhaft gerabe
beßljalb, weil man ben zünftigen ^anbroerten Konfurrenz fdjaffen
unb fie baburdj zu regerer Dätigteit antreiben wollte. Slber welch
eine glut non Vefdjroerben über biefe greimeifter erhob fidj! Die
Ulegierung fani bem Slnfturm 1686 infofern entgegen, alß fie be-
ftimmte, eß füllte in jebem Slmt uorläufig nur ein fjreimeifter ange=
Jetjt roerben. Verftänbig war ein Verbot beß Ulateß über Sonntagß»
ruhe, erregte aber natürlich i>en Unwillen ber ßoß' unb Kudjenbäder,
bie am (Sonntage ihre (Scharren nicht öffnen füllten. Von einer
Vlüte beß £>anbroerTß tann in biefer Beit nidjt meljr bie Uiebe fein,
unb über bie flauem ber Stabt roerben (Erzeugniffe taum noch
hinaußgegangen fein.
So roar ber Buftonb bet Stabt Stettin um 1710 tjüdjft fläßlief),
bie Verwaltung ber Stabt leiftete roenig, unb ihre Seftrebungen
idjeiterten meift an ber Untätigteit ober Sleidjgültigfeit ber ^Regierung.
Den Vürgern feljlte eß an Selbftoertrauen unb SSagemut. ^anbel,
Verlebt, Seroerbe, geiftigeß unb fircfjlidjeS ßeben roaren in eine ?lrt
oon Stagnation geraten, bie für bie Sntroidelung ber Stabt gefährlich
ju werben brohte.
14. Kapitel.
ferroerbung Stettins burcfl 15*rfufieii.
©«RK^pr roidjtigfte Vorgang in ber neueren Sefdjidjte Stettinß, ber
Slnfall ber Stabt an baß Königreich fßreufjen, ift aufß
eugfte mit ben Daten unb Sdjictfalen beß Königß Karl XI f
non Schweben nerbunben. Ulidjt ohne feine Sdjulb ging ber größte
Deil ber beutfehen Sefiijungen nerloren; ob fie aüerbingß noch auf
lange 3e*i äu h°lten roaren, ift eine anbere grage. SBie in Stettin
im 'Anfänge beß 18. Baljrtjunberts bie Stimmung Sdjroeben gegen*
über roar, Ififet fich fefjroer Jagen. (Eß finb aber Slnzeichen uorljanben,
328
Äßnifl Karl XII. uon <S5d?n>eben
bafe für mandje Kreife als Weitung aus betn offenfunbigen Werfalle
nur ber Slnfdjluß an Seeußen galt, roäljrcnb anbererfeitS oiele oor
ber energifdjen WegierungSroeife beS WadjbarftaateS Slngft ober Sdjeu
batten Bunädjft rourbe bie Slljronbef'teignng beS Königs Karl XII.,
ber nad) fur^er oormunbfdjaftlidjer Wegierung feljr balb felbft bie
£>errfdjaft übernaljm, mit ben üblichen, offiziellen geiern unb geft
lidjteiten begrüßt. ?lm 15. gebruar 1700 fanb bie £>ulbiguug ftatt,
roeldje bie föniglidjen Kommiffare, ber Seneralgouuerneur OJraf SDIellin,
Kanzler Scfjroalg unb WegierungSrat Cagerftröm, entgegennaljnien.
gn unb oor bent Watfjaufe leiftetcn Wat, Sdjöffen unb bie gefronte
Siirgerfdjaft ben (gib, nadjbem oorljer in ber gatobitirdje ein geft
gotteSbienft gehalten roorben roar. @anz roie fonft rourbe ein ®aft=
nialjl im Watfjaufe oeranftaltet. ®S fetjlte audj nidjt an ben üblidjen
Sebidjten, geftfdjriften, mit benen namentlidj Dr. griebridj gabriciuS
aufroartete. Tie Seftätigung ber Snoilegien, bie oon bem Könige
felbft oolljogen roerben follte, ift nidjt erfolgt, ba bie KriegSereigniffe
eintraten unb in itjreni fidj faft überftürgenben Serlaufe alle anberen
®efcfjäfte zurüdbrängten. Unjroeifelßaft erroedten bie großen Erfolge,
bie Karl XII. fofort gegen Tänemart unb Wußlanb erzielte, audj in
(Stettin großes gntereffe unb gewannen bem jungen gelben Serounberung.
©ein glänzenber Sieg bei Warroa (am 20. Wooember 1700) rourbe am
15. gebruar 1701 oon Wat unb Siirgerfdjaft gefeiert; „ein jeglicEjer
Würger ljat fid; fo fröljlidj erzeiget, baß fie beS ÜlbenbS fdjöne emble-
mata unb Illumination aller fünfer präfentiert ljaben". SWan feierte
mit um fo froljeren Kerzen, als bie Stabt nodj oon allen Sefdjroerben
beS Krieges oerfdjont roar.
TaS rourbe aber in ben nädjften gaßren anberS. Ter .fjaubel
Zur See erlitt mandjen Scfjaben, Turdjmärfdje beS SDlilitärs, Ein-
quartierungen, audj Sauten an ben geftungSroerten ließen feit 1705
etwa bie Sürger füllen, baß fie zu einem Staate gehörten, ber einen
großen, immer mefjr fidj auSbeljnenben Krieg fiitjrte. 2lbergläubifdje
gurdjt fafj in tjeftigen Stürmen, ungeroöljnlidjer Kälte, rounberbaren
^immelSerfdjeinungeu Sorzeidjen tommenber böfer Beiten. §Iuf ber
gludjt traf bie Königin Katharina oon Solen, beS Königs StaniflauS
®ema(jlin, mit großem Oiefolge ein; iljr ljatte König Karl Stettin
als BufludjtSort angeroiefen. Ter Wat ljatte oorljer baS Sdjloß mit
allein Wötigen auSftatten müffen unb empfing auf Sefeljl beS Königs
mit ber Sürgerfchaft am 28. Wooember 1705 bie Säfte. Sradjten
fie audj mandjen Serbienft nadj Stettin, fo empfaub man bodj balb
ben Slufentljalt recht läftig unb unbequem, ba bie Solen unb grau
Zofen anfprudjSooll auftraten unb fidj in itjren Quartieren wenig
Nöte in ber «Stabt.
329
riitfficßtSDolI benaßmen. Ulagen unb Scfcßroerben rourben laut, bie
Vlnroefenßeit eines tatßolifcßen Qjeiftlicßen erregte befonberS ben 11 n=
willen ber Softoren. Ter $of Derrocilte in Stettin bis gum ^Va^re
1709, baS non nerfcßieDenen CSljrortifteH als ein befonberS ungliicf»
lidjes begeidjnet roirb. „®S roar ber SBinter non ©eißnad)ten bis
Cftern, fo ift im ftirdjenbudje non St. Sder rergeidjnet, ungemein
ßart, bergleidjen aud) alte unb üielerfaßrene ßeute taum gebenfen
tonnten, Tarauf ßat fid) nidjt allein gu grofjer Seftürgung aller
fcßroebifdjen Untertanen bie ungliidlicße Scßtacßt bei ißultaiua im
(jutio erfahren laffen, fonbern aud) NlißroadßS an ßanb- unb Saunt'
friidjten unb ein, roie anberen CrteS fo aud; ßier, erft in Tamm,
Ijernadj auf ben Törfern unb in Stettin fid) äußernbeS Sterben
oiel Scßaben unb Seftürgung gemacht." Sie fcßrerflidß ßaufenbe
Seft, oon ber fdjon beucßtet rourbe, madjte einen tiefen Ginbrucf auf
bie Semiiter ber Stettiner unb erroedte bei allen bange Vlßnungen.
Tagu tarnen in biefen faßten bie gaßlreidßen Turdjmärfdje, bie @in=
quartierungen unb anbere ßaften. Qm 5Närg 1711 erfcßten ftönig
StaniflauS non Solen mit feinem £jofftaate unb großem (Befolge in
Stettin. Scßroer roar eS, bie ^rentben untergubringen, aber glüd»
lirijer Steife oerließen fie bereits im Sluguft roieber Stettin
©aS bebeuteten aber alle biefe ßaften unb Slogen gegenüber
ber einen Sorge, roaS aus bem fdjroebifcßen Sommern werben füllte?
Ter ßönig ftarl faß in ber Türfei unb flimmerte ficß wenig um fein
Neid). ©aS roar oon ißm nod) gu erhoffen? ®S ift rooßl taum
gu begroeifeln, bafj fein Starrfinn ibm bei einem großen Seile
namentlich feiner beutfcßen Untertanen bie Spmpatßie oerfißergte.
Tie fcßroebifcße Negierung ßatte genug bamit gu tun, baS eigentliche
Sdjroeben gu fdjütjen, fie forberte beSßalb am 3. Quli 171U, als bie
Nuffen, Solen unb Tönen ficß fcßon gum Singriff gegen Sommern
rüfteteu, alle Serooßner auf, gur Serteibigung bes ßanbeS bie ©affen
gu ergreifen unb ficß in bie Stäbte gu flücßten.
Sroar bemüßten fidj bie großen SNäcßte burd) ben .fpaager Ser»
trag (4 üluguft 1710) bie Neutralität aud) SommernS gu retten,
bod) (Seneral Rrafforo fammelte bei Stettin Sruppen, unb .ftart XII.
erßob Sroteft gegen jene Wbmadjung, bie „unter bem Scßein ber
Neutralität eine Slrntee gu Sunften feiner ^einbe aufguftellen beftimmt
fei". SercitS im grüßjußr 1711 begann man in Stettin mit Sor»
bereitungen gu einer Serteibigung ber Stabt, (ßne Slufnaßme beS
SeftanbeS ber Sürgedompagnien — 8 in ber eigentlichen Stabt unb
4 in ben Sorftäbten — ergab, baß 1779 Sorfonen gu ißnen gehörten,
gur fie roaren abei nodj nießt 800 (Beroeßre üorßanben, unb aus
330
ffrteflfiertiflntffe.
bpm StaatSgeugbaufe tonnten IjödjftenS 300 geliefert roerben. Ter
Stommanbant, (Generalleutnant oon SReijerfelbt, forberte Stat unb
Siirgcrfd)aft auf, bei ben Qortifitationsarbeiten mitgutjelfen, fie
weigerten fich unb baten bringenb bie (SigentumSbörfer unb Sor=
ftäbte gu fdjoncn. Slangel an allein (teilte fief) balb IjerauS, nor
allem audj an (Gelb. Ta oerfudjte eö bie (Regierung mit enter frei*
willigen Snleilje unb wanbte fid) an bie (Gewerfe unb 21 Sürger
nm ber ilitfforberung, (Beiträge 311 geicfjnen, bie gu 8% oerginft unb
fidjer geftellt werben follten. Tiefer (ßlan fanb wenig (Gegenliebe,
fieben Sürger geidjneten 14000 Taler, bie (Gewerfe nur 2000, fo bafe
bie Slnleifje nidjt guftanbe tarn.
Qm Sluguft marfd)ierten (Ruffen, Solen, Sadjfen, Tönen non
oerfdjiebenen Seiten in Sommern ein. '21 ber infolge SRangelS an
ßebenSmitteln unb ber oorgerüdten QaqreSgeit fam e§ nodj nidjt .ju
friegerifdjen Cperationen, ba§ feinblidje £>eer begog balb bie Söinter*
quartiere. Tie (Ruffen Ejielten aber (Gartj befett unb beobachteten
oon bort au§ Stettin. Qm flRai be§ folgenben Qaljre£> rüdten bie
Truppen gegen bie Stabt oor, brannten unb plünberten in $ofjen»
jobben unb ftedten bie Hupfer* unb (ßäbagogienmüljle, bie nid)t weit
oor ben QeftungSwerfen lagen, in Sranb. Ter £>berbefel)lSljabei'
Qürft SRcngitoff erfdjien felbft, liefe aber gunädift Stettin nur in
weiterem llmlreife einfdjliefeen, wäljrenb ber JTampf um Stralfunb
unb (Rügen entbrannte. Vlls bte Serbünbeten bort Unglüd batten,
würben bie oor Stettin liegenben fäcfjfifcfjen unb ruffifdjen Truppen
abgerufen.
Son Serlin auS oerfolgte man bie Sorgänge mit grofeer 2Iuf=
merffumfeit, unb bie preufeifebe (Regierung madjte ben Serfudj, gioifdjen
ben friegfüljrenben SRädjten gu oermitteln. Sie oerljanbelte mit
SRengifoff unb bem fdjwebifdjen Seoollmädjtigten (Grafen Stelling,
bod) ber Sorfdjlag, Stettin an Sreufeen gur Serwaljrung gu über«
geben, fanb bei beiben feinen Seifall. Tie (Ruffen gogen fid) oiel*
meljr enger um bie Stabt gufammen. So würbe bie SeforgniS be§
Königs Qriebridj I. oon (ffreufeen, Stettin werbe in bie (Gewalt ber
(Ruffen fallen nnb Qar (fteter „ben Qufe auf Stoafteas ftefjle fetjen",
immer gröfeer. TeSfealb oerfudjte er nodj Karl XII burdj ben nadj
Senber gefanbten Cberft (Sofanber gur Übergabe ber ßberfeftung gu
bewegen, e§ war aber oergebenS.
Qn Stettin fdjeinen bamals Stimmen laut geworben gu fein,
man bürfe nidjt an ber fdpruebifcfjen Sadje feftljalten, fonbern muffe
ben Scfjnt} Sreufeens audj oljne unb gegen ben Stellen beö Königs
annet)men, unb eS ift erflärlidj, bafe (Rat unb Sürgerfdjaft wenig
Stimmunßen in ber (Stabt.
331
Steigung ljatten, abermals eine ^Belagerung gu ertragen unb gar in
bie ©ewalt ber gefürchteten SRuftowiter gu fallen. Daher traute bie
fcfjroebifdje [Regierung beu Stettinern nidjt meljr gang; fie warnte
nidjt nur öffentlich nor Spionierung, 5?unbfdjaft ufro., fonbern roarf
auf ffirunb eines ©erebeS ben Jöürgern fogar offen oor, fie wollten
ilyre Stabt gcwaltfam oon Sdjweben trennen, Dagegen erflärte ber
ftommanbant öffentlich, er fei oon ber Sreue ber tBewotjner ooll»
fommen übergeugt, unb ber [Rat erliefe gngleid) eine Sefanntmadjung,
„es mödjte ihnen auch guftofjen, was ba wolle, [o wären fie fantt
unb fonberS feft gefinnt, in ihrer Brette gegen ihren £)errn, ben
Stönig, beftänbig gu oerbleiben unb biefelbe mit ihrem SBlute unb
lieben gu befiegeln". SDlan braucht an ber Slufrichtigfeit biefer ®r
llärung nidjt gu gweifeln. Drotjbem ift eS fidjer, bafe neben ber
fchwebifdjen Partei, fiir bie bamals ber auS OlreifSwalb nach Stettin
geflüchtete Seneralfuperintenbcnt Johann griebrich SRaijer, ber h^fetge
uub hartnärfige geinb ber ißietifteii (er ftarb ain 12. SRärg 1712
in Stettin), gang befonbers tätig war, auch eine anbere beftanb, bie
bas, $eil ber Stabt im Slnfchluffe an Ißreufeen [ah. ®ie greunbe
eines frieblicfeen Ausgleiches waren eS wohl auch, bie im gebruar 1713
eine [Beratung oon [RatSmitgliebern [ffliirgermeifter greijberg (1712
bis 1726), ftämmerer griebridj von Vangen (feit 1694 im Slat),
[Ratsherr SR. Viebeherr (feit 1703) unb gohann gäbide (feit 1711)|
unb Alterleuten (SBanfelow, Vübide, firüger unb SBartholbt) über bie
Aufnahme ber Jtommergien u. a. m. guftanbe brachten. Dabei würbe
befonbers über baS tBerljältniS gu granffurt unb Stargarb unb bie
SöartefcfjiffaEjrt oerljanbelt; fptadj man auch ben SBunfdj nach einem
Slnfchluffe an ißreufjen nicht aus, fo Hingt er boch hier unb ba leife
burch- Zugleich [teilten Kaufleute unb Schiffer Seredjnungen über
ben Schaben auf, ben fie wäljrenb biefeS Krieges bereits erlitten
ljatten. Die höchften Summen (16—10000 Daler) melbeten Viebeherr,
Sanftleben b. ä. unb Samuel trüget an.
Die Hoffnung auf eine frieblicfee Übergabe Stettins wuchs, als
infolge ber oergroeifelten Vage Schwebens im SOiai 1713 bie SDiinifter
unb ber ®raf Söclling, ber nadj bem Dobe beS ©rafen SRellin
(12. ganuar 1713) gum ©eneralgouoerneur oon Ißommern ernannt
worben war, in Serljanblungen mit bem jungen preufjifdjen .Wönig
griebridj SBilhelm I. traten, gn biefe griff befonbers ber holfteinifdje
SRinifter greiljerr oon ®örtj ein, ba er baS SBeftreben hatte, für feinen
£>errn, ben £jergog Karl griebrich »an (Sottorp, ben oermutlidjen
(Srben ber Sdjwebentrone, noch 3U retten, was möglich war. ®r
fdjlug oor, ißreufjen [olle gemeinfam mit ^olftein Stettin unb SBiSmar
332
T)te ßtnftfjfitfninß Stettins.
unter bem fRamen eines Sequesters (b. I). uorläufiger Berwaltung)
befeßen unb fo biefe Jürte unb bas übrige fd>webifd)e fßomtnern
fdjiitjen. Tiefer Borfd)Iag wurbe angenommen, unb ber Giraf Jffielling
erflärte fid) bamit einnerftauben. Qfni geljeimcn war abgemadit
worben, bafj, wenn ber $ergog oon ^olfteiu in Sdjwebeu fuccebiereu
würbe, „Stettin famt bem ^eeueftrom unb allem, waS gwifdjen biefem
unb ber See belegen fei", für immer au fßreußen fallen folle. SUS
and) Blengifoff fidj bereit erflärte, bie Slusfüljrung beS Vertrages
nidjt gu f)inbern, eilte ber fjolfteinifdje 'JRinifter oou Baffewitj nad)
Stettin, um uon bem Stommanbanten, bem General Qoßann Slnguft
oon SReperfelbt, bie Übergabe ber ^eftung an fßreußen unb £>olftein
gu Bedangen. Tiefer weigerte fid; aber feljr beftimmt, ben ißlatj oljne
auSbrücflidjeii Befefjl feines Königs, an irgeub jemanb gu übergeben,
eße feinblidje Übermacht ilm gwänge; er Ijabe bie eigenljänbige Crbre
.ftarls, ben Crt gu mainteuiereu uub feine freniben Truppen ein»
guneßmett. Tem preußifdjen (General ®rafen Sdjlippenbad), ber im
Qfuli narb Stettin gefanbt wurbe, erflärte er, er glaube nidjt an bie
Slbfidjt ber fRuffen, bie fjeftung förmlidj gu belagern.
$n Berlin bebauerte man baS Sdjettern beS Blones unb erflärte,
ber SS'ommanbant möge, ba er fid) wiberfeßt habe, alles Unljeil oer-
antworten, baS barauS folgen werbe. SReugifoff gog gegen Stettin
heran, wäljrenb Jfönig ^riebrict) SBilßelm Truppen an ber Wrenge bei
Tamm Stellung nehmen uub jebe Qufuljr nach Stettin fperren ließ;
er lehnte eS aber gang entfdjieben ab, bie fRuffen bei einer Be
lageruug gu unterftiißen. Sim 1H. Quli trafen ruffifdje Truppen not
Stettin ein. Balb famen bagu fädjfifdje, unb mit etwa 24000 SRanu
begann Btengifoff bie Stabt gu belagern Qn ber Jeftung, bie non
ben einen als fo woljl prooiantiert begeidjnet wurbe, „baß fie wenigftenS
brei 3afjre laug eine Belagerung auSftefjen fönne", non auberu als
in fcfjlecfjtem Quftaiibe befhiblict) gefdjilbert wurbe, foll eine Bejahung
oon <>000 Blann geftanben haben. Tiefe Slngabe barf wol)l als
übertrieben gelten; eS ift fpäter immer nur uon 3200 SRann in ben
'.Regimentern bie JRebe. ©bwoljl bie ^eftungSwerfe in fcfjledjtem Qu
ftanbe waren, fo war Bleijerfclbt bod) entfdjloffen, bie Stabt gu galten,
and) als fäd)fifd)e Slrtillerie mit 70 ft'anonen, 30 'IRörfern, 2 ^aubißen
uub reichlicher SRunition anlangte. Tie beiben SSiefen unb Tarnet)
würben non ben Schweben niebergebrauut. Sim 2. Sluguft warfen
bie fRuffen bei Brebow unb QabclSborf eine Sdjange auf, bei ber eS
alSbalb gu allerlei Sdjarmütjeln fam. Tie erften Sfugeln fielen am
23. in bie Stabt Sin SluSfall am 30. nüßgliicfte nollftänbig, bagegen
gelang eS ben Jcinbeu am 13. September, bie Stentfdjange eiuguuetjineu,
Tie Sefdjieliunfl ber ©tabt.
333
wobei 60 SRann gefangen ober getötet würben. darauf gaben bie
Saiweben dämm auf, baS bie ’Jiuffen befetjten. (Sine (Sefanbtfd)aft
ber dämmer Siirgerfchaft erfdjien in Soöejudj bei bem (Srafen Sdjlippen
bacf), ber bie preußifdjen Truppen befehligte, unb bat um Sdjutj
gegen bie unbarmherzigen Shiftowiter. Tiefer melbete nad) Serlin,
es feien ebenfalls deputierte auS Stettin bei ihm eingetroffen, uni
fid) bem preußifdjen .Könige 311 unterwerfen; viele vornehme grauen
leien auS ber Stabt nach ißobejudj cjeflitcfjtet. ,'{n>ei Effiliere, bie er
in bie geftung gefanbt hätte, hätten ben Suftanb in ihr als entfetjlidj
gefdjilbert; allgemein fei mau bort gegen bie fdjwebifdjc '.Regierung
erbittert unb erwarte mit Rittern unb Sagen jeben Tag ben Sturm
unb bie fßliinberung burd) bie fRuffen.
So fdjlimm ftanb es wohl in SJatjrljeit nod) nidjt. die Sarnifon
wenigftenS tat ihre Sdjulbigfeit unb unternahm am 20. September
einen erfolgreichen SluSfall nadj dämm. ffwei Tage barauf begann
allerbingS von 'Jlomerensborf, Scheune unb Kretow auS baS Som»
barbement, baS bie Selagerer heftig erwiberten. gnfolgebeffen wuchs
bie Slufregung in Stettin; iRat unb Sürgerfdjaft verlangten von bem
Stommanbanten bringenb, er folle bie Stabt nidjt gänzlichem SRuin
preiSgeben, fonbern auf Sllittel ber ^Rettung benfen. SRegerfelbt bat
um aSaffenftillftanb, erhielt aber eine abfdjlägige Antwort. Sieimeljr
würbe am 28. ein fetjr heftiges geuer von ^ruei Satterien auS eröffnet,
bie oor ber Stabt vom SOtüljlen bis zmu Weiten Tore angelegt
worben waren. „@S war", fo fdjreibt ber fdjwebifdje gelbprebiger
Bicfermann, „als ob $mintel unb Grbe oergeljen wollten, unb viele,
bie auswärts gebient uub bie größten Selagerungen unb Sombarbe»
mentS mitgemadjt hatten, verfidjerten, fo etwas nie gehört ju haben".
'<?ld)t Stunben bauerte bie Sefdjießung, burd) bie befonbers bie .öäufer
in ber großen unb Heinen SUollwebcr-, in ber SRiihlenftraße unb am
SRoßmartt, im ganzen etwa 60—70, in Trümmer gelegt würben.
'Jim 'Jlbcnb erfdjienen ®raf Sdjlippenbact) unb oon Saffewiß in ber
Staot unb veiinittelten einen Stillftanb von fünf Tagen. die Sürger»
fompagnien übergaben bent Jlommanüanten bie (Srtldrung, „fie feien
vor (Sott, ihrem Jlönige, iljren SSeibern unb ßinbern oerantwortlid),
bie äußerfte (Jrtremität von ber Stabt abzuwehren", unb entfdjloffen,
bie SSaffen meberzulegen. Saffewitj bot einen Sertrag an, bureb ben
’lReijerfelbt bie Stabt bein Herzoge von (Sottorp übergeben follte,
wäljrenb Sdjlippenbadj verfud)te, Preußens gutereffe zu vertreten,
der ft'ommaiibant zögerte eine turze SJeile; als aber aud) bie Stettiner
(Seiftlidjfeit in iljn brängte, ben Slttorb anjuneljnieii, ertlärte er am
29. September fern PinoerftänbniS mit bem von Saffewiß vorgelegten
334
Ter Bertraß Don <Sd)iuebt.
Vertrage. „3d) überlaffe bie fernere gürforge bem £>ergoge non
Gottorp, um fid) mit einet neutralen fßuiffance nunmehr in Stettin
feftgufetjen." Bafferoife beeilte Fid), fofort in ber Stabt feften gufe gu
faffen, übernahm baS Rommanbo, liefe gwei fdjwebifdje Bataillone in
bolfteinifdjen Tienft treten unb bie anberen Truppen am 2. Cttober
auS ber geftung rüden, gür fßreufeen galt eS, fcfenell gu feanbeln,
um fid) nidjt, wie eS Bafferoitj wiinfdjte, bei ber Ginnafenie Stettins
gang auSfdjalten gu laffen Sdjlippenbad) oerfeanbelte mit Blengitoff,
Äönig griebrid) SBtlijelm eilte felbft herbei unb brachte bann am
6. Cttober in Schwebt ben fogenannten ^auptregefe guftanbe. 3n
iljm würbe Stettin oon ben norbifdjen üllliierten an fßreufeen „gur
tpoffeffion unb Sequeftration" biß gum grieben mit Sdjroeben über-
geben. Ter fiönig uerfpradj, weiter in bem St'riege neutral gu bleiben,
erhielt aber bie .gufage, bafe bie Berbünbeten iljm, wenn Schweben
wegen biefes BertrageS fßreufeeu feinblidj angreifen würbe, mit ihrer
gangen yj?adjt beiftefeen wollten. Sofort am 6. Cttober riidten
1GOO fßreufeen unter bein Cberbefefel beS Generals oon Borde in
Stettin ein. Ter Jlöiüg erfd)ien felbft in ber Stabt, währenb bie
fRuffen unb Saufen abmarfdjierten.
Tie Belagerung Stettins 1713 tjat nichts grofeartigeS an fid);
Belagerer unb Belagerte finb nur mit halbem bergen bei bem BJerte,
ba fie wiffen, bafe bie Tiplomaten an ber Virbeit finb, bie Streitfrage
auf anbere BJeife gu löfen Tie Bürger ber Stabt wünfdjen vor
allem inöglidjft balb 9Iufhören ber geinbfeligfeiten, oon ^elbenmut
ober 'Aufopferung für ihren fdjroebifdjen ßanbeSherrn ift feine Spur
oorhanben, nichts als Jtlagen über fdjwere „Seroitia", Kontributionen,
ßaften ufw. werben laut Berftänblidj mag baS Berljalten ber Bürger«
fchaft fein, aber jammerooll bleibt eS hoch immer. 'Auen auf ben
König griebrich BUilfeelin fdjeint es einen folgen Ginbrud gemacht
gu haben; er fpridjt gelegentlich mit wenig £>odjadjtung oon ben
Stettinern. Sonft roar er über baS, roaS er erreicht hatte, feljr erfreut.
Gr hatte feften gufe gefaßt in bem Crte, um ben fein Grofeoater fo heftig
getämpft hatte, unb roar entfdjloffen, nicht wieber oon bort gu weichen.
Borläufig war er freilich nod} nicht alleiniger .fperr in Stettin; neben
feinen Truppen lagen bort bie bolfteinifdjen. Balb Ijerrfdjte gwifefjen
beiben eine gewiffe Giferfudjt unb feiublictje Stimmung, bod) ber General
oon Borde fdjeint eS oerftanben gu haben, bie Stettiner für fich Ju
gewinnen. Gs helfet wenigftenS, „bafe bie Bürgerfdjaft fich über bie
Sequeftration feljr satisfait begeuget". Später wirb freilidj berichtet, bafe
fie „ber preufeifdjen Blilig roenig Gütlidjes tut unb ihnen fein Stüdchen Brot
gibt. ?ludj betlagen fich bie Stettiner feljr wegen ftarfer Ginquartierung".
’Jlot in ber Stabt.
335
"Die Stellung beS IRateS roar recht fdjroierig. 20 le fällte er [ich
ber fdjiuebifdjen ^Regierung unb jiigleid) ben beiben Slommanbanten,
bem preufjifdieu Generalleutnant uon Borde unb bent holfteinifdjen
Generalmajor ^jorn, gegenüber oerljalten? SLQufjte er ba nidjt in einen
ftonflitt ber ißflidjten geraten? So madjte ifjm beim audj bie Sie
gierung miiiiblidj unb fdjriftlidj ben Borrourf ber Slbiuenbung uon
Sdjroeben. „Der ftönigl. Sdjroebifdje Giuilftaat ift in statu quo
geblieben, unb trotjbeni ljabt Qtjr Und) an ben General non 'Borde
unb bie preufjifdje ^Regierung geroanbt." Sehr energifdj verteibigte
fid) ber Bat gegen bie Slntlage, erfuljr aber audj, als er fidj an bie
Siönigin Ulrite (Eleonore nut ber Bitte um Grlafj uon Abgaben jur
Bettung aus groffer fRot roanbte, eine Ablehnung unb mufjte fidj mit
allgemeinen Berfpredjungen jufrieben geben.
Die Bot roar tatfädjlidj in ber Stabt grofj; bie lefjten Spuren
eines muffigen SöoljIftanbeS roaren baljin. (Sine nidjt geringe Sahl
oon Beroohnern roar aus ber Stabt gefloßen, etroa 60 fünfer roaren
ruiniert, £>anbel unb Berfeljr ftodten oollftänbig. '21 uf flehentliche
Gefudje bereinigte bie fcfjiuebifdje ^Regierung eine ßotterie 311111 Beften
ber Stabt; fie fam aber nicht juftanbe. Die Caft ber (Süiquartierung
nahm im Qahre 1714 ftänbig ju, ba man uon preufjifdjer Seite
planmäfjig barauf auSging, bie Gatnifon immer meljt ju uerftärfett.
Der Bat roar, als roieberfjolt bie 'Rufforberitng an iljn erging, für
Ouartiere ju forgen, in peinlicher 'Verlegenheit; ängftlich fragte er bie
^Regierung um '.Rat, wie er fidj verhalten folle, erhielt aber bie
Slntroort, er folle bie Einquartierung nur uollgicheii. gut Cftober
tarn griebridj SSiltjelni 311 einer Beoue nach Stettin unb ftellte bei
biefer Gelegenheit bereits bie gorberung, ber Bat folle bie Sdjlüffel
ber geftung ausliefern. „Der Blagiftrat madjte ^war Diffifultäten,
allein man glaubt, baff man leicht 'IRittel finben werbe, fich berfelben
311 bemächtigen.“
'2lm 22. Booember 1714 langte Steinig Slarl XII nad) abenteuer»
lidjem Bitte in Stralfunb an; in Stettin fallen bie Sdjroeben auf
bie Baajridjt hierfo« ei» Dantfeft gefeiert haben Balb nad) feiner
Slntunft fdjrieb ber Stönig an griebridj SSilhelm unb forberte bie
Bünmitiig Stettins unb beS übrigen befetten Gebietes. BIS Graf
Sdjlippenbad) nach Stralfunb tarn, um im Barnen beS preufjifdjen
SlbnigS bie Beroeggriinbe ber Sequeftration tlargulegen, blieb Starl
bei feiner gorberung unb wollte audj auf eine Büdjahlung ber Stoften
nur teiliueife eingeljen. Da erlannte man in fßreuffen, bafj ein Strieg
unuermeiblid) fein werbe, uiw bie Garnifon ber Stabt rourbe in ben
erften SRonateu 1715 erheblich uerftärlt, fo bafj bort 4560 preufjifdje
3.10
(Stettin in preufjifdjem Scquefter.
Solbaten neben 1122 ^jolfteinern lagen. Die weiteren Veeßanblungen,
in benen ftarl wenigftenS etwas entgegenfam, oerliefen trotjbem erfolg=
loS, ba bie Verbunbeten offen ertlärten, Stettin unb baß ßanb biß
jur *ßeene fönne man oor bem griebeu nidjt räumen.
Die ißreußen madjten fidj injwifdjen immer meljr ju Herren in
Stettin; Seneral oon Vorcie naljm bie Sdjliiffel jum ^tugljaufe unb
ju ben Vuloertürmen in Verwahrung unb erljielt bann ben Vluftrag,
bie ljolfteinifdjen Sruppen auß ber Stabt ju entfernen, jebodj oljne
GJewalt. Verhältnismäßig leictjt gelang eß ifjm am 27. ’Jlpril, baß
ljolftewtifdje {Regiment beß ©eneralmajorß .fjorn jur fRiebecleguiig ber
Süaffen ju bringen unb oor bie Sore ju fütjren. Die .yolftein ober
Schweben freunblidj gefilmten Sürger batte er burdj Slnbrofjung
ftrenger Strafen abgefdjredi, fidj irgenbwie ju riiljren unb gejwungen,
alle SJaffen außjuliefern. ßugleidj würbe bie fdjwebifdje {Regierung
aufgeljoben unb fämtlidjen Seamten befohlen, binnen 48 Stunben
bie Stabt ju oerlaffen. Die Verwaltung beß fequeftrierten ©ebieteß
übernahm bie preußifdje {Regierung in Stargarb. 2llß ben ©eiftlidjen
verboten würbe, ferner im öffentlichen ©otteßbienft für ben Schweben*
fönig ju beten, erljoben fie SBiberfprudj, aber einer oon ihnen, ber
bem Verbote juwiber hnnbelte, würbe einfach auf bie geftung {ßeitj
abgeführt. {lllß fie nodj weiter in törichter SJeife ber neuen {Regierung
ben ©eborfam oerroeigerten, fperrte man ihnen ju ^3fingfteii ohne
weitereß bie SHrdjen unb jwang fie jur fJlnerfennung beß ihnen out
gefegten ßonfiftoriumS in Stargarb.
Der ßrieg VreußenS gegen Schweben begann, unb um Stettin
fammelte fich balb eine ftarte ’Jlrmee, bie auß preußifdjen unb fach«
fifdjen Sruppen beftanb. Sei Völfdjenborf unb Ba&^borf waren
bie ßager, auß benen im guli bie {Regimenter nad) Vorpommern
abgefütjrt würben. Von ben ßriegßereigniffen würbe Stettin nur
inbireft berührt, ljatte aber natürlich burd) bie Jiämpfe, bie fid) auf
ben Oberinfein abfpielten, beträdjtlidjen Sdjaben. Sehr läftig waren oor
allem auch bie unaufhörlichen Durdjmärfche, unb ©eneral oon Sorde
füljne ein ftrenges {Regiment. Daher „wirb bafelbft fehr gefeufjt,
maßen bie $anblung feit oier gaßren ganj nieberliegt, babet bie
©inwoßner {ßeft, Strieg unb ein Sombarbement haben außftehen
müffen".
Durch baß Stoniglidje Sntrnt oom 24. 3Rai 1715 würbe bie
gnterimß Vlbminiftration ber fequeftrierten oorpommerfdjeit ßanbe an*
georbnei. Vergebens weigerten f’ch wieber bie Stettiner ©eiftlidjen,
oiefe Sc tanntmadjiing oon ben Jtanjeln ju Detlefen, ba würben
brei preußifcße gelbprebiger baju fommanbiert, bie ißublifation ju
DreugtlöbinS (Stettins.
337
oollgieljen. Die verftänbigen ©ärger fügten fid) nnb merften balb, bafj
innn oon preufjifdjer Seite fdjon bamals Erwägungen anftellte, bie
ßuftänbe ber Stabt gu beffern, namentlidj ben 4>anbel 311 beben,
beim Stönig griebridj ©Wilhelm geigte offen grofjes gntereffe für bie
Stabt, bte er wieberholt befudjte. gm U?ai 1716 ljatte er bafelbft
eine gufamnienfunft mit bem 3ordi ©eter. Damals mag auc^j eine
DlitSfpradje über baS Sdjidfal ©orponnnernS erfolgt fein, nnb griebridj
©Wilhelm entfdjlofj fidj, ba§ iljm jnnädjft nur vorläufig überlaffene
ßanb bnbnrdj feftcr nn fidj 51t feffeln, bafj er oon ben Eingefeffencit
ein Dreugelöbitis forberte. Sdjon am 29. September 1716 befahl
er bem ®enernl von ©orde nnb bem ©eljeimen 9iat von SRaffow,
ber tnr^ vorher jiiin ©räfibenten aller in .£>interpontniern nnb in bent
fcqiieftrierten Diftrilte ©orpommernS befinblitfjen ftollegien ernannt
worben war, von ben ©ewoljnern ber Stabt Stettin nnb bes um
liegenben ®ebiete§ bieS fflelöbnis entgegenjuncljinen. Durch ba§
©ateiit vont 14. ganttar 1717 würben bie Stäube unb Deputierten
jti biefem actus solemnis auf ben 25. gebruar nadj Stettin gelaben.
3war machten fie junädjft Sdjwierigfeiten, aber alle ©ebenten unb
©Weigerungen würben •jurüdgewiefen; audj ber Stettiner 9iat unb bie
SUterleute wollten fidj anfangs nidjt auf ben £)anbfdjlag einlaffen,
bodj am beftnnniten Termine erfdjienen audj iljre Vertreter. gu ber
Sdjlofjtirdje würbe ein @otte§bienft nut feierlichem Debetim abgeljalten,
barauf leifteten bie Deputierten ben ©evolhnndjtigteit be§ Königs,
Eeneral von ©orde unb ©räfibent von 'JJlaffow, bett $anbfdjlag unb
verfpradjen, bie ihnen oorgelefetteit ©erpflidjtungen treu ju ljalteu.
Der 9ltt verlief oljne Störung „in gehöriger 'JJlagnificenj", wie bie
Stettiuifche orbinäre ©oft^eitung oom 2. 'JJlärj berichtet. ,,'Jla<h bem
actus finb alle Deputierte an 10 Dafeln woljl tradieret unb herauf
unter corbinlcn unb reciproqiten gelicitationen ganj vergnügt auSein«
anber gefdjieben.“ Qu bem Eljreitgefdjente von 1000 Dalern unb
200 Dutaten, baS ben Itoinmiffaren übergeben würbe, trug Stettin
638 Daler bei. Der 'Jlat überreichte bie ftäbtifdjen 'Privilegien jur
©eftätigung, erljielt fie aber balb gurüd, ohne baß eine foldje
erfolgt war.
Seitbem Stönig griebridj ©Wilhelm feierlidj al§ bte „itjige ljöd>fte
Cbrigteit“ anertannt worben war, begann er in reger gürforge für
baö ßanb tätig ju fein. Durch einen Gcrlafj vom 17. 'JJtai würbe
vorläufig eine Crbnnng für bie fRatSwahlen erlaffen, nndjbem fdjon
vorher eine Wtoinmiffion, bie au§ bem ©encral von ©orcte, bent
©eheinten 9tat von ßaureuS unb bem StriegSrat SBirifelniaiin beftanb, jur
llnterfuchung ber ftäbtifdjen ©crwaltung eingefefjt worben war. Sie
XBe^rmann. oon Stettin. oo
838
?lbt«tuiiß Stettins an ^Jreugen.
hat tljre Dätigteit freilich erft fpäter aufgenommen. Dagegen über»
reidjte fdjon 1715 eine ftäbtifdje Kommiffion bem Könige eine
„^Relation loegeit be§ Stettinifdjen coinniercii", in ber ausführlich bie
Sd)äben beS $anbeIS gefdjilbert unb 'Borfdjläge gur Sefferung
gemacht rourben. Die SHeberlagSgeredjtigfeit njufj, fo Ijeifjt eS bort,
unueränbert beibehalten roerben. HRit biefer gorberung Ratten bie
Stettiner fein Sind; am 4. Sluguft 1718 erging eine Üabinetsorbre
an ben SRegieeungSrat oon flettoro, in der griebridj üöilljelm offen
auSfpraaj, er werbe ein Verbot ber SluSfuhr gegen bie nunmehrigen
concives ben Stettinern feincSiuegS gugeben, bie antommenben SSaren
hätten brei Dage gu lagern, tonnten bann aber weiter geführt roerben.
Darüber erljob fid) grofje ©mpörung in Stettin, ber 9?at erhielt aber
auf eine Eingabe bie turge Shitroort: „GS bleibt bei ber SRefoIution;
ber SRat foll fid) beruhigen."
Die vorläufige Sefitjnahme Stettins fanb halb ein (Silbe, alS
nad) bem Dobe Karls XII., ber bie Sequeftration nie anertannt
hatte, Sdjroeben fich bagu entfdjlofj, mit tßreufjen in SBerljanblinigen
gu treten. SereitS im Sluguft 1719 rourben bie jkäliininarien unter»
geidjnet, unb am 21. ganuar 1720 tarn ber griebe gu Stodljolm
guftanbe. Die Königin Ulrile (Eleonore trat an griebridj SSiIhehn
„in perpetunm bie Stabt Stettin mit bein bagu gelegten gangen
Diftritt ßanbes groifdjen ber ßber unb ißeenefirom nebft ben gnfcln
SBollin unb llfebom famt ben WuSflüffen ber Sroine unb Dioenoro,
bem £>aff unb ber Ober" ab. Der König gatjlte groei Millionen Üaler.
Durch ©rlafj oom 30. ganuar entliefe bie Königin bie SSerooIjner
biefeS GJebieteS ihrer ißflidjt gegen Schweben unb verroies fie an ben
König oon tßreujjen. Diefer ergriff burch baS fßatent oom 29. SRai
töefitj oon bem ßanbe unb erinnerte bie ©ingefeffeiien au ben bereits
1717 geleifteten panbfdjlag.
So rourbe Stettin preufeifcf) unb enblid) mit bem Staate verbunden,
bem es nad) Stecht unb Gicrecbtigfeit bereits mehr als 80 gavre
früher hätte gufallen müjfen. Die fdjwebifdje geit ift für bie Stabt
eine traurige fßeriobe geroefen; bie Slngliebetung an baS frembe ßanb,
bie Trennung oon bem (Gebiete, gu bem Stettin bie meiften natür
liehen Söegiehungen hatte, bie Kriege, in bie eS l)ineinge$ogen rourbe,
haben bie Gmtroidelung nicht nur aufgehalten, fonbern bie Stabt
fogar arg gurüdgebradjt. Die fchwebifdje ^Regierung hatte bei allem
SSoljlrooIIen, baS fie ihren beiitfdjen fßrooingen entgegenbrachte, nidjt
bie Kraft unb ben ÜSillen, bie gerrütteten guftänbe gu orbnen.
Die förmlidje $ulbigung ber neuen preufjifdjen Untertanen oer»
jögerte fidj, befonberS ba bie Stänbe abermals allerlei Sdjinierigteiten
$ulbiflunfl in Stettin.
339
madjten. Sie rourbe aber bann auf ben 10. 2luguft 1721 feft«
gefegt. 'Jladj beut Vefeljle be§ Königs füllte bie gefamte Vürgerfdjaft
ber Stabt Stettin tjulbigeii; beöhalb erfolgte eine 2luf nähme ber Ein=
ivobner nad; iljrer Einteilung in Klaffen unb Weroerfe. 3fn ber
Korporation ber Kaufmannfdjaft mürben 80 'JJlitglieber ge^ätjlt;
an (Milben unb 3ünften roaren nidjt roeniger als 57 oorbanben.
Die meiften SCQitglieber (67) batte bie ber Sdjiffer, bann folgten bie
hinter ber Sdjuljmadjer mit 46, ber Sdjneiber mit 42, ber Klein
bänbler mit 39, ber -ffifdjer mit 34, ber ßeinroeber mit 32 Wit
gliebern. 2lnbere (Gilben, roie bie ber Waler unb ber Verliefen»
madjer batten nur je 5, bie ber Söpfer, Runftpfeifer, 'Jlabeler, 3inn»
gießer, Kammadjer je 4, bie ber Kupferfchniiebe, Vudjbinber, Such«
fdjeerer je 3, enblidj bte ber Sdjönfärber, Rleinbinber, Klempner,
Vofamentierer nur je 2 'Weifter.
Ser König traf am Worgeti bes 7. 21uguft mit großem (Gefolge
oor Stettin ein, nahm eine Dieone über bie Truppen ab unb hielt
feinen Eingug in bie Stabt; beim (Gouverneur ftieg er ab. 21m Slbenb
unternahm er eine Spazierfahrt auf ber Ober. 'Sen nädjften Sag
benutze er bagu, um roieber eine Sruppenreoue, eine Vefidjtigung ber
Vürgerfompagnien, bie auf bem IHoßuiarft oerfammelt roaren, unb
abermals eine Cuftfahrt auf ber Ober oorgunehmen. 2lm 9. Sluguft
befudjte ber König baS Vogelfdjießen ber Sdjiitjenfompagnic ber Kauf
leute uub naljm felbft baran teil; babei fdjentte er ben Sdjüßen einen
großen filbernen '.ßofal mit ber ^fnfctjrift: „Vivat alles, SÖaS gut
'Vreußifdj ift; bie e§ nidjt feijn, baS (Mott ein ßeidjen an fie Shue".
2lm £>ulbigungstage, Sonntag, bem 10. Sluguft, oerfammelteu fid) bie
Teilnehmer auf bem Sdjloßljofe unb gegen an bem (Gouvernements*
häufe, oon roo ber König bem gufah, vorbei gur Warientirdje.
2115 ber Wonardj mit (Gefolge bort erfdjienen roar, Ijtelt ber Vige
(GeneraVSupcrintenbent Dr. CaurentiuS Savib Vollhagen bie fßrebigt
über ben Sejt auS bem 1. Vdrusbriefe: „fyürdjtet (Gott, eljret ben
König.“ 'Jladj einem feierlidjen Sebeum nahm ber König von einem
erhöhten fßlatje aus, ber oor bem 21ltarc erridjtet roorben roar, nad)
einer 2lnfprad)e beS Cberpräfibenten von Wafforo bie £jitlbiguiig ber
Vitterfdjaft, ber 'Vertreter ber Stäbte unb ber (Geiftlidjfeit entgegen.
Sarauf begab fidj bie gange Verfammlung auf ben Sdjloßljof, roo
bie Stettiner Vürgerfdjaft unb bie bäuerlichen Vertreter ben Eib leifteten
unb mit bem [Rufe: „Vivat $riebridj VJilhelm!" bie geier befdjloffen.
ES folgten noch bie üblidjeii ^eftlidjteiten, Verteilung einer $ulbigimg£«
münge, Sefteffeu, Illumination ufro. 2lm nädjften Sage erhielten bie
Vürger bie ihnen abgenommcneii VJaffen gurücf. Sie Regierung ließ
22*
340
Hoffnungen uub (Jr Wartungen.
eine Heine Scferift erfdjeinen, in ber baS alte Slnredit beS preufeifdjen
RönigS an (Stettin unb Vorpommern nadjgewiefett würbe. gn flafel»
reictjen gebrucften Veridjten, Sieben unb Sebidjten gab man ber greube
über bie Hulbigutig SluSbrucf, pries ben ftönig unb fpradj bie ßu*
verfielt ans, bafe Stabt unb Sanb einer traurigen Vergangenheit, einer
unbefeaglidjcn Segenivart unb einer wenig SuteS verfeeifeenben ßutunft
entflogen roorben leien. Überall tat fid) bie Slfenung timb, bafe mit
bem 10. Sluguft 1721 eine neue (ßeriobe für Stettins Gntwicfelung
beginnen roerbe, unb bie Herren ber meifteu Stettiner waren oon
©efüljleH hoffnungsvoller greube bewegt, fliimal ba griebridj VBilljelm
gauj offenfunbig beu Vürgeru fein SBoljIroollen fleigte. greubiger
Stolfl erfüllte and) fein .£>erfl barüber, bafe er bie Cberftabt, mit ber
er „einen gufe am SJleere batte, um am cominercio ber weiten SBelt
teilnefemen gu tonnen", fein eigen nennen tonnte. (Diefem Stolfle
gab er fpäter SluSbrucf in ber ßnfdjrift, bie er an ba§ Verliner Sor
fetjte: Fridericus Wilhclmus, Rex Borussiae, ducatum Stetinensem,
cessuin Brandenburgicis electoribus, sub clientelae fiele Pomeraniae
ducibus redditum, post fato ad Suecos delatum, iustis pactis iustoque
pretio ad Panim usqueeinit, paravit sibique restituit anno MDCCXIX
ac portam Brandenb. fieri iussit.
15. ft'apitel.
Stettin unter beut Röntge ^rtebritß ?5irßefm f.
bem ®eÜ*lin ber preufeifdjen -Sperrfdjaft tjcbt eine neue
^Per*°be in ber Gntwidelung Stettins an. (Die alten, feit
ßahrhunberten befteljenben ßuftänbe erfahren eine burdj-
greifenbe Slnbenmg, ba fie nidjt meljr in bie ßeit paffen. ÜBaS ift auS
bem alten, auf feine Uiiabljängigfeit ftolflen Oiemeiuroefen geworben?
Seine Selbftänbigfeit gegenüber ber Staatsgewalt ljat eS längft ver»
loren, wenn eS audj fid) bemüfet ben Sdjein aufredjt flu erljalten, als
befitje es nodj feine einftmalige greifeeit. (Die ßeitung bat eine tleine
Bafel oon Vürgeru, bie eine Slrt oon Vatrifliat bilben. Sie feaben fidj
von yforruption iiidjt frei gefealten uub bie Sefdjäfte bisweilen nur
in fdjänblidiem Gigennutj geführt. (Der reidje Vefifj ber Stabt ift
flum Deil verloren gegangen, fluni Seil burdj fdjwere Kriege ver»
roüftet. (Die Verwaltung wirb in ber feergebradjten SBeife fortgefüfert,
neue gönnen finben feinen (Eingang, Verfudje flu ^Reformen fcfeeitern
an bem Jföiberftanbe namentlich ber bevorrechtigten ftlaffen. Slber
audj bie gcfamte Vürgerfdjaft, bie in iferen Silben unb ßünften an
&viebrtcf» SBiftjelm I. unb bie Stäbte.
341
ben alten Privilegien ängftlict) feftfjait, geigt fid) immer imeber
unfähig 31t irgenbwie einfdjneibenben 9inberungen. Selbftfudjt nnb
(Eigenliebe beljerrfdjen alle Stänbe, ©emeinfinn nnb llnteriiebmuiigß=
geift finb erlofdjen. SRan wünfdjt rnoljl allgemein eine Sefferiing ber
Bnftänöe, aber feiner mögt eß, bie ’JJlißftänbe and) nur offen aufgubedeu,
oiel meniger £>anb an itjre Sefeitigung gu legen.
Ta greift ber neue ^err, König griebridj SSilljelni, mit fefter
£janb ein. Ter energifdje Platin, ber feine abfolute .£>errfd)aft mit
Sladjbrntf betont unb lonfequent bur^fiiljrt, erfennt, bafj faft alle
Stabte feiner ßanbe, infonberljeit and) baß neugewonnene Stettin,
in itjrer ftänbigen ^nfolveng unb ifjrer oerworrenen Kämmerei 93er«
loaltinig fiir ben Staat nidjt baß leiften, maß er oon iljnen oerlangen
faitn unb will. Tiefe (Erfenntniß veranlaßt in erfter ßinie ben König
511 ben Reformen im Stäbtewefen. Ter Staat foll fidj jetjt in alleß
eiiiniifdjcii; „an bie Stelle vereingelter wiberfpredienber Privilegien
treten meljr unb mehr gleidnnäßige ©ruubfätje, an bie Stelle oli-
gardjifdjer Korruption eine integre georbnete Verwaltung".
Söaß fo griebridj SSilljelm im allgemeinen fiir bie preufjifdjen
Stäbte gefdiaffen ljat, baß verbantt iljm im befonberen Stettin; eß
ift burdj iljn eine neue Stabt, ein neiteß ©emeinrvefen geworben.
Qljrer weiteren (Entwitfelnng ift burd) il)n ber SSeg gewiefen, auf
lange $eit ljat er ber Stabt baß djaralteriftifdje GJepräge gegeben.
Tie widjtigfte 9!Jlaßregel war bie llnterftellung ber Stabt unter
bie 93e'waltimgßbcljörben beß Staateß. Taburd) wurbe bet CHemeinbe
jebe Selbftänbigfeit genommen. Tie ftaatlidjen Organe griffen in
alle 8i»eige ber ftäbtifdjen Verwaltung ein unb tjatten nidjt nur bie
Cbeiauffidjt, fonbern and) baß Sewtiligung^redjt fiir alle Ausgaben
unb fiir alle fDlafjregeln, bie ber 9lat etwa rorgitncljmen gebadjte.
'Jladjbein fdjon oor bem befinitiven Übergänge Stettmß in prenßifdjen
SeHtj bas Stargarbcr Kriegßfommiffariat bie Sliigelegeuljeiten ber
Stabt bearbeitet hatte, wurbe 1723 bie pommerfdje Kriegß unb
Tomänenfammer in Stargarb begriinbet, aber nod) im ßaufe beß
felben ^fafereß nad) Stettin verlegt, wo fie am 15. Tejember itjre
erftc Sitjung im Sdjloffe abhielt. Tie Kammer ljatte bie Sluffidjt
über alle Kämmereien, beren ttliiter uno (Einnahmen, fie beforgte „bie
9lbncl)iiuing aller Kämmerei- unb ftäbtiidjen Kaffen" unb ljatte Sorge
gu tragen fiir fJleubelebung ber Stabtwiutfdjaft, „aller einheimifdjeii
unb außlänbifdjeu ^Qnblungßgweige, 'Ulanufalturen, gabrilen unb
£)anbwerferaiigelegeiitjeiten, £>afen=, 93au« unb Sdjiffaljrtßjadjen" ufw.
Tie eigentlichen Tegernenten für bie Stäbte waren bie coniinisurii
loeorum, bie Steueriäte, benen bie gefamte Kontrolle anvertrant war.
342
5)1« ßöniglidjen Btbörben in Stettin.
giir ©tettin tjatte ein Blitglieb ber STammer felbft baS ^egernat,
anfangs ber Gleljeimrat n, ßettoro, bem in Slommergienfadjen ber
Atrien§= unb Tomänenrat Utjl beigegeben mar. 1728 trat an beS
erften ©teile ber GJeßeimrat n. ©djroeber, bod) 1734 erljielt Uljl bie
Bearbeitung beS gangen ©tettiner ©tabtroefenS, aber fdjon 1735
rourbe oerorbnet, bafj er baoon bispenfiert roerben unb ber Blagiftrat
in ratljäuSlidjen unb ©tabtfadjen ßinfort immediate an bie Slammer
beridjten folle. Blit bem ißräfibium rourbe Philipp JOtto n. GJruinbtoro
(geb. 1 984, geft. 1752) betraut, ber bereits feit 1720 an bie ©piße
ber aud) 1723 nad) ©tettin oerlegten ^Regierung geftellt roorben roar.
©r rourbe allmätjlid) £>berpräfibent fänitlidjer Beworben in ber Btouittg,
audj beS .fjjofgeridjtS, baS erft 1739 nad) ©tettin uberfiebelte. (St
erljielt 1723 einige roüfte ^auSftellen am Boßtnarft unb erbaute fid)
bort mit ftaatlidjer Unterftiißung ein anfeljnlidjeS 5Bol)nf)au§. ®aS
Stonfiftorium fam 1738 nadj ©tettin, ein Blebiginaltollegium rourbe
1725 eingeridjtet. ®urd) bie Berlegung unb Ginridjtung aller biefer
Bewürben tarn eine große 3at)l uon Beamten in bie ©tabt, bereu
Benölterung baburdj einen nidjt unbeträdjtlidjen ßuroadjS gewann.
Um eine beffere Berbinbung mit ber >£jauptftabt Ijerguftellen, begann
man 1724 bie -SaEjl ber regelmäßigen ißoftfaljrten gu oermel)ren.
Bacf) einem Bergeidjniffe oon 1718 Tarnen unb gingen roödjentlidj
groei Boften non unb nad) Berlin, ebenfo tjäufig oerleljrten 'JSagen
nadj unb oon £jinterpommern unb Jamburg. Blandjerlei ©djroierig-^
feiten oerljinberten bamalS eine Berbefferung. Bon Bebeutung für
bie Beworben roar audj bie ©djaffung eines Bul'litationsorgans, ber 1727
oerorbneten „^ntelligengen", in benen roödjentlidj eine „©efignation
über ©ubljaftationen unb eine BreiSlifte" gu erfdjeinen hatten. Bereits
feit bem Anfänge beS QaljrbunbertS erfd)ien im Berlage oon Giabriel
©aßle bie „©tettinifdje orbinäre Boft Bettung" groeimal roödjentlidj,
beren ältefte erhaltene Bummer aus bem Qaßre 1710 ftammt.
Gine befonbers roidjtige Aufgabe ber ftaatlidjen Berroaltung roar
eS, bie ©tabt, in ber bie bei ben beiben Befd)ießnngeii non 1G77
unb 1713 erlittenen ©djäben nod) feineSroegS auSgebeffert roorben
roaren, roieber aufgubaueti. Damit begann eine große baulidje Um«
geftaltung. Bereits am 20. Booember 1721 erging ein föniglidjes
Batent roegen Bcförberiing beS 9lnbaueS ber in ben pommerfdjen
©täbten befinblidjett roüften ©teilen, beren tn ©tettin 92 gegäljlt rourben,
unb roegen Slnfeßung ber in jeber ©tabt nodj fetjlenben £janb
roerter, unb 1723 rourbe in allen Sheifen unb ©täbten eine töniglid)e
Bclanntmadjiing uerbreitet, burd» bie allen benen, bie in ©tettin
roüfte Bläße bebauten, greifjeiten unb Benefigien gitgefagt rourben
ßf'uck HSusanbalh SntHm.
Sßlan unb SJatafler oon (Stettin.
343
Biuiädjft verfertigte ein bagu beftellter Sauinfpettor unb ßanb«
meffer nad) ber gitftruftioti vom 26. September 1720 einen 'Blau ber
Stabt, in bem „bie ^auSftellen unb waS bagu gehörte nad) ßänge unb
Söreite nad) ben Stabt vierteln mit ben Ola [[en" bargefteüt maren.
Tad Siefultat biefer Slrbeit, bie xnelleidjt non bem bamals in ®or«
pomntern be[d)äftigten ßanbmeffer (Ernft Sluguft 5J?orbt gergeftellt
worben ift, liegt in bem großen 'Blatte vor, ber als Plan de la viIle
de Stettin Anno 1721 begeidjnet unb im Criginal erhalten ift. gn
fauberfter ?lit§fügruug finb fämtlid)e Raufer ober Srnnbftiicte mit
Salden begeidjnet, bie fid; auf bie auf bem ißlane felbft angebradjteu
33er^eicf)niffc begiegen. (ES gab banadj in ber Stabt 904, auf bem
SMoftergofe 47, auf ber ßaftabie 177, im gangen alfo 1128 SBogit«
fjäufer; gierbei finb bie roüften Stellen unb bie Speidjer an beiben
Seiten ber Ober nidjt mitgeredjnet. gür nufere RenntniS beS ba«
maligen Stettin ift biefer auSgegeidjnete ißlan befonberS widjtig.
(Etwas fpäter, mie eS fdjeint, begann man auf 99efegl beS STöniglitgeii
Si'otnmiffariatS mit ber Slufnaljmc eines grofjen fiatafterS. 2)er 8?at
beauftragte am 22. September 1722 mit biefer langwierigen unb
ftgwierigen 9lrbeit feine 'JJlitglieber «Daniel ®opfe (feit 1712 im SRate),
Sdjulg (feit 1715) unb griebricg Sleumann (feit 1718). Sufammen
mit bem Stabtgimmermeifter gogaim £>ögn unb bem Stabtmaurer
Samuel Sricbel madjteii fie fidj am 1. Dttober ans 'liiert. Sim
18. guni 1723 war bie Slrbeit für bie SJlügleu , ^eilige Seift«,
'ßaffauer» unb Steffin Viertel beenbet; für bie ßaftabie unb Sorftabte
wurbe fie nidjt fortgefegt. (Genaue ißrototolle, in benen jebeS
Srunbftiirf nad) feinen OJrengen befdjriebett ift, liegen vor unb geben
uns ein 33ilb von ben banlidjen ßuftänben unb ben Srunbftüden
ber Stabt. Silan lieft baritt viel von verfallenen Sebäuben ober
wüften flögen, von Streitfragen um bie (Srengen, unb ber ßinbrud,
ben man gewinnt, ift nidjt gerabe feljr erfreulidj. Slber um bie
Sdiäben auSgubeffern, bagu wurbe ja biefe Slufnagme gemadjt.
9luf birefte Wranlaffung unb gum Seil mit llnterftiigung bes
StönigS begann alsbalb eine rege öautätigteit, burd) bie Stettin nad)
unb nadj ein gang anbereS SluSfetjeii ergielt. S9ereitS 1724 fdjrieb
griebridj Sßilgelm an feinen grettnb, ben gürften fleopolb von ©effatt.
„gn ber Stabt wirb Ä tout force gebattet, unb wirb in Seit von
anbertgalb gagr feine wüfte Stelle fein oon ber legten SSombarbierung,
audj von meines (SrofjvaterS ^Belagerung." gaft alles, waS von ben
mittelalterlidjen (Siebeigäufern nod) ftanb unb meift baufällig war,
rifj man nnbarmgergig unb ogne SRiictficfjt auf etwaigen SentmalS«
wert nieber unb erricgtete bafür bie eittfadjcn, itüdjternen fünfer, bie
344
Reubau oon Stettin.
oljne weiteren Sdjmurf, aber fauber unb orbentlid), meift mit nur
groei Stodroerten uub allenfalls mit einer ober meßrereu Slanfarben in
bem Ijotjen Biegelbadje fid) gleidjmäßig nebeneiuanber erhoben. feilte
finb biefe Sauten au§ griebridj Willjelms 1 Seit aud) fdjon roieber
Derfdjrounben, aber ein Silb bauou geben etwa bie SRarieuftiftsljäufer
am ßönigSpIaß groifdjen ber Heinen unb großen Tomftraße, bie
freilid) erft unter griebridjs H ^Regierung 1741—43 fertig geftellt
roorben finb. '^ßnlidje Raufer ftanben am Sarabeplatje, ber bamals,
burdj Sufdjütten öe§ alten Wallgrabens gefdjaffen rourbe, ober fjier
unb bort in ber Stabt. (Sang befonbers gafjlreidj befanben fie fid)
auf ber ßaftabie. Tiefer Stabtteil ljatte nämlidj bei beu Sefdjießnngen
feljr gelitten, besljalb gab ber König 1727 bem ftriegSrat Uljl uub
bem SJlajor be ißrero ben Sefeljl, einen ißlan gum Sleubau au ber
großen Straße gu entwerfen unb nerfpradj, 20000 Taler bagit gu
geben. ©S melbeten fidj anfangs mir wenige Sefißer, bie gum Sauen
bereit waren; fie würben burdj bie ßieferung non .£>olg uuterftütjt.
Später waren audj anbere ßigentümer nidjt abgeneigt, mit ftaatlidjer
Seiljufe Neubauten gu erridjten. ?luf ber Silberroiefe burfte ber
.Qommergienrat Sanfelow 1731 einen ©arten, ben em Tidjter fitlju
„ein ftolgeS ßuftreoier" nennt, unb fpäter einen £>olgljof anlegen
griebridj Willjelnt I. intereffierte fidj auf baS lebljaftefte für alle biefe
Sauten unb Slnlageu unb brängte immer roieber feine Seanitcn, in
ber ßlrbcit fortgufabren. „Mr müßt ben Sau mit größtem ©ruft
pouffieren“, fdjrieb er 1729 an ben Sdifibenten non ©rumbtoiu.
Slber trotjbem ging bas Wert mdjt fo fdjnell weiter, roie eS begonnen
roar, obrooljl roieberßolt ©elb (faft 30000 Taler) gu Uiiterftütjungen
bewilligt unb eingelnc Serootmer bireft gum Sleubau gebrängt würben.
Slllmäljlidj aber entftanb ljier ein neuer Stabtteil, uon bem ber treff-
Iidje ßotalbidjter Saltßafar Taniel Sartcls fdjon 1734 fang:
Wer fonft nor Qaljr unb Tag an bie|en Ort gegangen,
ber fieljt benfelbigen nidjt oljn Seromtbern an,
weil bie ßaftabie barf mit fdjöneu Käufern prangen,
bergleidjen niandje Stabt fidj feiten rüljmen tann.
Tie Käufer fteljen gleidj unb finb oon gleidjer $ölje,
bie gerne gibt ben Sdjein, als ob man eines felje.
gn äljnlirtjer Weife rourbe auf ber Cberroiet unb in bem neuen
gort fßreußen gebaut. Tanebcn begannen audj eingelne Sürger in
ber eigentlichen Stabt ftattlidjere ©ebäube gu erridjten. Tei Wem»
Ijänbler Samuel Sartj ließ 1721—22 an ber ©de ber Slüljlen- unb
Heinen Wollrocber Straße baS fdjöne, große .£>auS auffübren, bas
mit reidjem Sarodfdjmud ausgeftattet nodj ßeute eine S>eröe ber
Sauten.
345
(Stobt ift. Slnfrelle eines ölten (SiebelljoufeS in ber flcineu 'Boni
[trage, in bem ba§ gageteuffelfdje Kolleg untergebradjt war, plante
man 1732 nnb 1734 einen Sleubau 311 erridjten, ber allerbingS erft
fpäter auSgefiifjrt wurbe. (Bie Seljorbeu mußten ebenfalls auf Sefeljl
bes Königs bauen; fo wurbe am rechten Cbenifer 1723—26 berlßacfljof
erbaut, bie nor« nnb tjinterpommerfdieii Stäube entfdjloffeu ndj 1725
auf birefte Sliiregung griebridj SlMltjclms gum Sau eines d’anbfdjaftS«
9lbb. 18. ilßolfenljiuteildjeS £>au8 (erbaut 1721 22).
ljaufes. “Ben 9itfj unb Slnfdjlag beS CberftlcutnautS oon Köalrawe
30g ber König bem ttjni eingelieferten, uon sJJlajor be fßrew unb bem
SRaurernieifter £>ans giirgen JReinete (aus DJlagbeburg) entworfenen
uor unb bewilligte jur 'JluSfitbritiig wieberljolt Weib, gu beu
gabren 1726—29 ift baS fdjöne ©ebäube, baS Ijeute große Um«
änberungen erfahren bat, fertig geftellt. gum Sdmiucfe ber Stabt
eutfdjlofj fidj ber König 1729, eine SSaffertimft, „ein lebcnbeS Spring«
waffer", auf bem Slofjniarft 311 erridjten. SIbraljam (Bubenborf
21 bb. 19. Der SRofjmattt mit ber äßufferfunft non 1732.
Sdjlof; unb Atirdjenbrnitcn.
347
übernahm bie .fjerftellung ber SSafferleitung oon ber „Jl'idermiihle" bis
in bie (Stabt, unb und) langen ©erhanblungen unb Slrbeiten lief} ber
©runnen, ber banialS nahe bei bem Gfcffjanfe beS JRoßniarttS (©r. 18/10)
ftanb, am 15. Vluguft 1732 fein SSaffer fliim erften Wale fpringen.
©in ülbler fpielet ()ier mit taufenb SBafferbaHeii,
wonecßft ein raufdjcnb ft'laug ba§ bünne Cljr erfüllt,
unb wenn er foldje läfet 311 feinen ßlreifeii fallen,
fieljt man, ivie Silberfdjaum au§ allen Wufdjeln quillt.
So fingt ©artelS roieber ebenfo finn wie gefdjmactooll! ©id)t nur
ein ©runtftüd war biefer Sruiinen, fonbern burd) iljn wurbe (Stettin
311m erften Wale mit duellwaffer verforgt, unb einzelnen ©efißern
wurbe bamals unb fpäter birefter Slufdjluß an biefe Sßafferleitung
geftattet. Tie Stabt mußte bie ©aumbriide 1731 umbauen, fo baß
man bariiber fahren tonnte, unb fpäter beibe ©rüden fo entrichten,
baß bie töniglid)en ©alleren burdjlegen tonnten. 9Iud) ber Stein»
banini wurbe wieberljergeftellt. Ter Jtönig griebrich SBilljelm
wurbe felbft ©außen beim Sdjloffe, baS in ben einfachen, fdjlirfjten
gönnen, bie eS helIte 0nt> ßergeridjtet, mit einem Wanfarbenbad) oer»
feljen unb außen glatt iiberpußt wurbe. Taiieben erhielten bie Türme
ben Sdjnuid ber ©arodhauben, auf benen golbene .RönigSfroiten unb
baS föniglicße Wonogramm angebradjt würben. Tie alte llßr ftellte
mau wieber t)cr; bie barauf angebrad)te gaßreSgahl 173(> begeidjnet
baS ©nbe biefer ©autritigteit. 9lnS biefer 3^ ftaninit auch ber
Trophäenfdjmud, ber fid) auf ben Torpfeilern an ber ©elgerftraße
befiubet. ©in Teil beS ScßloffeS wurbe als Slrfeual bemißt, in
anberen befanben fid) bie SlmtSräume ber -jafjlreidjen ©eßörben.
Sils ein befonberS fdjöner ©au erfdjien ben Stettinern bie
Warientirdje. gßre ©Bieberherftellung, bie ©olleiibung beS TurnieS,
auf bem im $uli 1732 äljnlidje -Sierate wie auf ben Sdjloßtürmen
angebradjt würben, hat man in ©Jort unb Sieb feßr gefeiert. Tic
©rofefforen bes ßhjmnafiumS, Dr. Cuabe unb gfoßann Samuel gering,
tonnten bie ©nabe beS Wonardjeu unb bie Sluuft beS Slrdjitefteu
oon Sßalrawe nicht genug rühmen, ©benfo wurbe an ben anberen
fiirdjen gebeffert, in St. Qatobi ber große Slltar eublidj fertiggeftellt,
in ber goßannisfirdje bas ßieftiißl repariert
©ine große Serbefferung war eS, baß man jeßt mehr als
bisljer fiir eine orbentlirije ©flafterung ber Straßenbämme 311 forgen
anfing, ©nergifdje StabinetSorbres ergingen an ben Wagiftrat, fofort
ohne „itnnnße Sßeitläufigteiten bie Straße auf ber Vaftabie 311
pflaftern“. ©ine neue Straße würbe 1738 an ben ©rebiger» unb
©rofefforen Käufern bei ber Waricntirdje angelegt, nadjbem bie
348
Straßtnpflafler unb StroßenbelenditunB.
Stabtmauer bort abqeriffen roorben roar. Da? ©oltroerl mußte in btefer
Seit ebenfalls mit ©flafter oeifeben roerben. Staunen erregte e§ aber
bei ben ©ärgern, baß 1733 auf Eintrag SrinnbforoS „juni großen
Stbb. 20. ®ie SWarienfirdje.
Ciiftre ber fdinnen Stabt" 150 ßaternen an ben nötigften Orten
angebracht rourben. gu iljrer Unterhaltung rourbe ba§ Selb oer=
roanbt, ba? in beu Sorbucbfeit einfatn. ©on Sonnenuntergang
nämlich bis 10 lltjr abeubS tjatte jebe 'ßerfon, bie ein 2"or paffierte,
Ter geftuußäbau.
349
3 'Pfennige nnb fiir jebe« fßferb 1 ©rofdjen 311 galjleti „Ter ijellen
Campen Sßradjt", bte am bentroürbigen 1. (September 1733 gum
erften SRale erftrahlte, erroieS fich aber balb nidjt al§ geiiügenb, fo
baft mieber oerorbnet mürbe, bafj jeber beS SlbenbS nut einer
brenneflbeit Caterne gu geljen habe. Cluct) bie alten SSrunneii mürben
oon 1728 au gum gioßen Teile oon Serlmer „'Plumpeiimachern"
in 'jumpen umqeänbert. llßas eS aber fiir Sdjroierigfeiten madjte,
beim (Stettiner fDlagiftrat foldje unb anbere 'Jtnberungeii burdjgufüljren,
bas Tann ber redjt erteiinen, ber fidj bie 'Dhilje madjt, bie 10 er=
haltenen Slftenbänbe ber Kriegs» unb Tomänentammer betreffenb
(Stettiner 'Pumpen unb Brunnen gu lefen. GS ift gerabegu unglaublich,
mit was fiir turgfidjtigen Ginroänben, Sebenfen unb (Srrougitngen
ber Slontg unb bie Seljörben gu tim ljatten. VJlan tann es iljm in
ber Tat nidjt verbeulen, meint er mitunter grob bagmifdjen fuljr unb
auf bie „renitenten unb miberfpenfttqen" (Stettiner gehörig fdiimpfte.
Tie größte 'Jlnberinig erfttfjr Stettin in biefer geit burdj ben
Großen geftungSbau. Tabnrdj mürbe bie äufjere Cfntroideluiig ber
Stabt auf anbertljalb Qaljrljuuberte beeinflußt. Tie 9lnSfiiljrung beS
gemaltigen SaueS tann ljier nur furg beljanbelt merbett griebuch
'JBiltjelm I., ber 1719 wegen ber ausgemachten ©etbgaljlung mit bem
grieben nidjt fonberltdj gufrieben toar, roar fofort entfdjloffen, bie
Stabt gu einer ftarten geftung iimgugeftalten. Tie oon ben Sdjroeben
hergeftellte SSefeftigung, gu ber 9 Saftionen vor bent mittelalterlichen
Stabtgraben uub ber 'JJiauer gehörten, genügte nicht mehr ben gorbe»
rungen ber moberneu gortifilationSliinft, roar audj gum großen Teil
verfallen. 9ladj langen SJorarbeiten, bei benen ber au§ ljollänbifdjeii
Tienften in bie preußifdjp Slrtnee übergetretene ©berftleutnant ßlerljarb
ßorneltu§ von SBallraroe befonbers tätig war, begann 1724 ber Sau.
(Sitte gnfdjrift auf bem um 8. ®lai biefeS galjres in ber Slorbfdjange
(beim granentor) gelegten ©runbftein, vermeloete, baß ber Slonig gur
(Srhaltung eitteS fo toftbaren JlleinobS bie Stabt beffer gu befeftigen
roillenS fei. 211S griebrich SötHjelm im Sluguft felbft in Stettin
erfdjien, ba roar er über baS, roaS bereits gefdjehen roar, feljr gu»
frieben. „QsS ift gewiß, fo fdjrieb er an ben giirften Ceopolb von Teffatt,
baß in Die turge Seit unb mit wenigem ®elbe eine große Jlrbeit
gefdjeljen. 'löallraroe beroeift, baß er ljabil ift uub nit feines gleichen
hat; idj bin feljr mit iljm gufrieben." Ta§ „hertulifche SSert fiir
beiber fßommern Slugapfel, be§ gangen SlorbenS Surg Stettin", rourbe
energifdj fortgefüljrt. 9Jlan roarf im galjre 1725 ben Stabtgraben
auf ber 9lorb unb ÜÖeftfeite gu unb fdjuf bort allmäljlidj bie geräumigen
ipiäße, bie ber roeiße (jeßt jtönigsplaß) unb ber grüne 'Parabeplat;
350
Die tJeftunßStore.
genannt rourben. Die Stabtmauer mit ben alten Dünnen, 2Sief*
häuferit, Daren imirbc 311111 größten Deil niebergeriffen. Durdj ben
£>auptiuall, aor bem ein tiefer Söallgraben angelegt rourbe, führten
vier Dore. gm Silben unb Sterben würben bie alten grauen* unb
.ßeilige Seifttore für bie neuen Anlagen umgebaut, an ber Stelle beS
9Jliif)Ien= unb beS Sielten DoreS bagegen gan,} neue Sauten errichtet.
1725 begann SBallraroe auf Sefeljl beS Königs in ber gortfeßung
ber Sreiten Straße ben Sau eines Dores, baS im folgenben gafjre
fertiggeftellt rourbe. Die Silbljauerarbeiten an ber äußeren gront
[teilte ber Silbljauer DamaS fiir 15U0 Daler fier, ber Sdjmud an
Slbb. 21. Da8 JlönißStor.
ber ^nnenfaffabe rourbe erft 1740 gefertigt. DaS ftattliche Sarodtor,
baS ber König felbft in feiner baran angebrachten Qnfdjrift baS
„Sranbenburger" nannte, aber balb nach bem bereits 1724 al»
Serliner Dor benannten Sleuen Dore allgemein biefe Se^eidjiiung
erßielt, ift in feinem reichen Sdjmucf uon Drophäen, ©mblemen,
bilblidjen Darftellungen ein tüchtiges SSert QEjnt trat roürbig jur
Seite baS jtueite fßrunftor, bas ebenfalls in ben fahren 1725—1727
nach Sefeitigmig beS SJliihlentoreS in ber gortfeßung ber Heinen
Domftraße errichtet rourbe. DaS SInflamer Dor, roie es bamals hieß,
hat noch tlaffifdjeren (£hotatter als baS anbere; mgthologifche giguren,
SJlarS unb ^»ertuleS, ber preußifche Slbler, bie golbene KönigSfrone,
beS Königs Slanienjug, allerhanb Embleme unb Drophäen fdjmiicten
IX. Stettin 1735 (gjinttlj. Seutter).
I
Ser (MtunpSbait.
351
biefen San. 9IIS Sentmäler JJriebrid) SBilhelmS T. finb fie erhalten
nnb geigen bem heutigen ®efd)lechte jiigleid), ino bie bamalige Stabt
burd) beu ®ürtel ber geftungSwerle eütgefdjloffen war. 9lud) bie
einfadjer gebauten iparni^ unb Siegentore ftellte man bamals tjer
'Sie nad) unb nad) mit grofeen .Qoften erridjteten Sefeftigungen be*
ftanben au§ 9 Saftionen, bie im Sorben burdj baS an bie eigentlichen
Söerte fidj auleljnenbe gort Slnljalt, baS bann gegen ben Söillen
bes Seffauer gürften beu Samen gort ßeopolb erhielt, feljr oerftärft
waren, gn äljnlidjer SJetfc fdjlofe fid) an bie Sorbioeftede baS gort
SBilfeelm an, währenb feit 1729 bie alte Sternfdjange 31t bem gort
'ßreitfeeu umgebaut würbe. Slitf Eintrag beS (BoiioerneurS, beS gürften
©feriftian Sluguft oon 9lnl)alt>3erbft, würben bort [eit 1734 Slohn»
ljiüifer erbaut. Ser Stbmg felbft unb fein greuub ßeopolb oon
Seffau intereffierten fid) währenb beö gangen SaueS, für beu in ben
galjren 1724—1740 etwa eine Slillion Saler ausgegeben unb meljr
al§ 43 Slillionen Steine verwenbet worben finb, auf bas lebfeaftefte
fiir alles. Cbwofel bie Stabt ober bie Sewoljner nidjtS gu ben
fioften beigutragen Ijätten, bemühte fidj griebrid) Söilfeelm auf eine
oon ßeopolb gegebene Vlnregitng fein, bod) inbirett bie (Silben gu einer
Seiljülfe Ijerangugiehen. Ser Vberpräfibcnt oon (Gritmbfow mufete
1739 bei ben uornehmften giniungen anfragen, ob fie nidjt bereit
feien, ben Sau uon Souterrains an bem Söalle beim Serliner Sore
gu übernehmen, „bamit bie giillnng be§ ßodjcS bort befto eher
erreicht, auch ber Stabt ein mehreres flüftre gegeben werbe". Sie
weiften (Bewerte lehnten eS ab, nur bie Schiffer, Söder unb Stauf*
leute erbauten gum Seil mit llnterftütjiing foldje Stafematten am
Sarabeplaij, bie fie für ifere Bmede benutjen burften. gfm gafere
1740 war bie gange Einlage im wefentlicheu fertig, Stettin war ba
burd) oielleidjt eine ber ftärffteu gelungen ber ^eit geworben. Cberft
Söallrawe, ber eigentliche Sanmeifter, würbe doii griebrid) II gum
(Generalmajor unb (Sfjef beS gngenieurtorpS ernannt; fpäter würbe
er wegen Unregelmäfeigteiten, ja wegen $od)DerratS taffiert unb ftarb
1773 als (Gefangener in Slagbeburg.
3u ber geftung gehörte natürlich aud) eine ftarte (SJarnifon,
bie feit 1716 immer meljr oergröfeert würbe. Son ben bamals bort-
fein verlegten ^Regimentern fei nur erwähnt baS beS gürften oon
Slnljalt Bcrbft; au§ ihm ift int ßaufe ber 3eit baS ®renabier=Segiment
Stönig griebrich Söilljelm IV. (®rftcS pommerfcheS) Sir. 2 entftanben,
ba§ nun balb gwei .galjrhitiiberte feinen Stanbort in Stettin hat-
Ser gürft (Sljriftian Sluguft oon WnhalOBerbft würbe im ganuar 1729
gum ßommaitbanteu ernannt. SSährenb man noch *’ber bie für ihn
352
Die ©arttifon.
int Sdjloffe einguridjtenbe VJofjnung beriet, rourbe ifjm in bent $aufe
an ber (Sete ber großen Doiuftrafee unb bes VlarienplageS, roo er
bantalS rooljnte, am 2. Vlai 1729 eine Dodjter Sophie Slugufte
IVrieberife geboren, bie fpatere rttffifdje Kaiferin Katharina 11
Die Solbaten rourben anfangs attSfdjliefelidj in Viirgerquartieren
uittergebradjt. Dafür mufete baS SeruiSroefen georbnet werben. (Erft 1725
gelang e§, ein ^Reglement fertiggiiftellen, burdj baS eine eigene SeruiS«
fontmiffion auS 2 Offizieren, 3 Kriegsräten unb 4 Vertretern ber
Vürgerfdjcift eingefegt rourbe. Vatürlid) erljoben fidj fortgefegte
Streitigfeiten über bie SeruiSabgaben, bie non ben Vürgeru gu leiften
roaren, unb über bie (Einquartierung; befonbers lange rourbe über
bie grage geftritten, ob bie emittierten Verooljtter gu ben Cafteu ljeran=
gitgiefeen feien; fdjliefelidj blieben and) fie bauon nidjt oerfdjont.
Später galjlte ber König gur (Erleidjterung ber Stabt monatlidj
300 Saler unb liefe bann Kafernen, g. V. an ber (Ecfe ber beibeu
Varabepläge, erbauen. Dort unb in einigen Varatfen würben jebodj
nur bie oerljeirateten Solbaten nntergebradjt, roäljrenb bie lebigen in
bett Viirgerquartieren uerblieben. Deshalb batte bie Seruidfommiffioti
weiter fdjroere Slrbeit, ba ben Vürgeru feine Cafteu unbequemer unb
oerljafeter roaren als bie (Einquartierung ober bie Slbgaben für bereit
Slblöfung. fRadj einem Vergeidjniffe oon 1725 tjatten bie (Eigen«
tiimer (int gangen 1378) fiir bie (Garnifon monatlich 123G Daler
attfgubringen. gür bie Vefagttng würben balb attdj Vlagagine,
g. V. baS 172t» an ber heutigen 'JRagaginftrafee erridjtete, ein Cagarett
bei ber ißetrifirdje, Vuluerfthuppcn ufw erbaut. Cgrte auf Vefdjroerben
ber Stabt irgenbroie IRücffidjt gu nehmen, befahl ber König 1738,
auf bem £>eumarfte bie ^auptiuadje angulegen.
Dafe bei ber Vebeutung, bie bas SRilitär in ber geftung ljatte,
audj mandjerlei Küiiflifte mit ber ßivilbevölferung uorfameu, ift feljr
erflärlidj. SRan fudjte foldje burd) ein ^Reglement oon 1737 gu
befeitigett, in bem feftgefegt rourbe, roeldje Sadjett uor baS Sotroer«
nement unb roeldje uor bie ^Regierung ober bie Kriegs« unb Domänen
fanttner gehörten. Der Vfagiftrat uerfndjte auch wieberholt feine SRecfjte
gegenüber bett Vhlitärbeljörben gu uerteibigen, mufete aber gewöhnlich
auf Vefeljl ber ftaatlidjeit Vcgorben ttadjgebeit. Obwohl fo Klagen
über bad militärifcfje {Regiment nidjt auSblieben, uerfannte man bod)
in Stettin burdjaus nidjt bie grofeen Verbienfte, bie König griebridj
SBilfeelm fid) um bie Stabt erwarb. SRan prieS itjn bei feinen roieber-
gölten Vefudjen ober an feinem (Geburtstage in überfdjroänglidjer
SBeife. Um ein Veifpiel uon ber meljr als bqgaiitinifdjen SIrt unb
VJeife gu geben, roie ntan bamalS bett Vlonardjen gu feiern beliebte,
^Reformen im Innern.
353
fei eine ©teile mitgeteilt auS einer Siebe, bie ber ©tubiofuS SJlattl).
Otto llbed)el am 15. Sluguft 1727, bem GteburtStage beS StunigS, im
(Spmnafium ljielt nnb ber Siettor Di Cuabe brncfen liefe. 311 ihr
wirb griebridj ilöilbefm mit bem Staifer SluguftuS uerglidjen; eS tann,
wie biefer eiixft uon Stoin, fo and) jener oon (Stettin fagen:
®ie ©tabt, barin mein Slug nur Riegel erft gefdjaitet,
fjat nadjmalS meine £>ano uon HÖlarmor aufgebauet.
„(Stettin ift nun eine Königin pommerfdier (Stäbte geworben, lueldjeS
bie Slrone feines Sores rebet. (Stettin ift baS Vergnügen nnfereS
SJlonardjen, unb ber SSiberfdjein, fo ©einer SDlajeftät uon ben Sonnen
ftraljleit ihrer eigenen GJnabe unb QJeiuogenfeeit in bie Singen leudjtet,
hat eS gu einem 'flarabieS berfelben gemadjt. CsS fafe biefe ©tabt in
^infterniS, ^reufeenS ©onue ertjellete biefelbe, fie luar ein ©tein
unb Slfdjenljaufeit, griebridj Söilljelm fjat ben (SJrauS ber 3ie9el
weggefdjafft; ifere Käufer waren umgeriffen, unb S. SJlajeftät fjat tuie
SluguftuS 'fJaläfte bafür erbauen (affen." ®er fd)on nneberljolt an
geführte Eaftabifcfjc ß5erid)tS-©efretariuS SSaltljafur Daniel SBartelS
entwarf 1734 bas „jeljt blüfeenbe (Stettin mit poetifdjer fieber“ unb
gab 4 Safere fpäter nod) eine goitfetjimg. ©ort tjeifet eS:
®ein ^-riebrtcf) SBilljelm t)at fo reirfjlirf) bid) erquitft,
er fdjauet ftetS auf bid) mit ljoljen Wnabenbliden
unb wirb bid) wie bisher aud) fernerhin begiurfeii.
©o gut eS ber braue SSartels gemeint ljat, fo fd)led)t, ja ungenießbar
finb feine (Berfe.
Sticht nur bem Slufeeren nad) hQt Atiebrid) Sßilhelm ©tettin um»
geftaltet, fonbern aucf), waS uielleid)t nod) widriger ift, bie inneren
ßuftänbe einer grünblidjen iöefferung unterzogen. §ür bie Unter»
fudjung beS „rathäuSlidjen SBefenS“ wurbe burd) bie SiabinetSorbre
uom 2. Slpril 1721 eine Stomnnffion eingefetjt, bie aus bem (.General
leutnant u. Sorcfe, bem ffiet)*meIt Äi'iegSrat uub Hfyebirettor u. ßettow
unb bem Slegierungs , £>ofgerid)ts unb StommiffariatSrat u. CaureuS
beftanb. ©ie erhielten ben Sluftrag, unter Zuziehung beS $ofratS
SSintelmann, bie Stämmeni Siedpmngen uon 171« an gu prüfen, bie
SRedhiiuiigSbefette abguftellen, bie (Sinnahme möglid)ft gu uerbeffern,
bie SluSgabe gu uerminbern, für bie Siatsmitglieber eine fefte 59e-
folbung anguorhnen, baS Slrebitwefen gu unterfud)en unb ein aus
fül)rlid)es fHeglemenr gu entwerfen. ®iefe fdpuiertge unb langwierige
Slufgabe naljm bie St'ommiffion, aus ber u. ßettow balb auSfdjieb,
mit (Sifcr in Eingriff, ^fn ber erften Sifeung, bie am 16. ©egember 1721
gufanimen mit bem Slate ftattfanb, wurbe biefer fofort aufgeforbert,
eine grofee Sohl uon Sliifftellungen, SRedpiungen unb ’Öerid)ten
IStirmann, (PeM)t4te uon Stettin. n >
354
®a8 ratfjäitßlicfje Vießltment oon 1723.
vorgulegen. 9Jlit itjrer '-Prüfung befdjäftigte fidj bie Sommiffion, in ber
Söinfefmann bie meifte Wrbeit gu leiften ljatte, längere $eit, bann
rourben bie Sauten unterfudjt unb bie Stabtbörfer bereift. So griff man
baß Sßerf fogleidj in praftifdjer 23eife an unb fdjeute fid) nidjt, rüd
fidjtßloß bie fdjroeren Sdjäben aufjubetfen. Sereitß am 15. ?luguft 1722
ljatte fie „bte Unterfudjung inforoeit t>onbrad)t, baß bie nerübten Acta
commissionis gefrfjloffen unb felbige uermittelft iljrem uon ber ©ad)eu
.•fuftanbe abguftattenben Seridjte nad) £>ofe eingefaubt werben tonnten“,
.ßngleid) itbetgab fie bem SDlagiftrat eine „gnteriniß’gnftruftioii uub
'ßrovifioitabSerorbnimg", nad) ber er fidj fofort gu ririjten ljatte.
Sian begnügte fid) ljier gunädjft baniit, Sorfdjriften für bie Ser-
mögenßverroaltung gu geben, bie ber 'Berbeffenmg aut weiften beburfte.
Vlttf Srunb beß ®erid)tes rourbe bann baß „Stettinifdje 'Jtat
ßäußlidje {Reglement" außgearbeitet unb am 18. SRärg 1723 uom
Jlönige vollgogen. Tamit roar bie gefeglidje (Urunblage für bie
ftäbtifdje Verwaltung gefdjaffen, bie 88 galjre ©eltung gehabt ljat.
Qn feinem erften SJzitel fjanbelt bieß feljr umfangreidje Schrift
ftiid „von bem ratl)äitßlid)eii Söefen in genere, imgleidjeu beß SRagi»
ftratß, beffett Cffigianten unb Tiener 9lmt unb Verridjtuugen". ?l(ß
eine iljrer roid)tigften Aufgaben faß eß bie ft’ommiffion an, bie 3nljl ber
ftäbtifdjen {Beamten möglidjft gu verminbern. ginmerijin blieben
anftelle ber bisherigen 18 Slitglieber beß Dlagiftratß nodj 16, nämlid)
3 '.Bürger meift er, 1 Sijnbituß, 2 frömmerer unb 10 Senatoren; von
ben fonftigen 59 '-Beamten beließ man 45. Taß alte SBaljlredjt ver
blieb bem IHatßfollegium, bod) follten „alle eigennügigen Wbfidjten
wegen gteunb= uub Sdjroägerfdjaften bet gu eligierenbeu SRitglieber
gänglid) auf bie Seite gefegt, audj feine anbere alß bem fßublifo
tiidjtige unb nüglidje 'JRänner geroäljlt unb bie Konfirmation ber
felben bei S. Sgl. ©lajeftät gefud)t werben". Tie SBaljl erfolgte
auf ßebenßgeit unb für beftimmte Winter; bie jäljrlidje llmfegung beß
IRateß mit ben nod) gebräudjlidjeu „gar feltfamen ßeremoniett uub
nidjt wenigen Soften" rourbe abgefdjafft. gür etwa eintretenbe
'-Befangen ober Emeritierungen tonnten groei übergäljlige Senatoren
geroäljlt roerben. Ter erfte Siirgernieifter, gugleid) alß ßanbrat ber
Sorfigenbe ber ftäbtifdjen ftörperfdjaft in ben pommerfdjen Stäuben,
rourbe auf 93orfcf)Iag beß 'JRagiftratß unter groei Sanbibaten von ber
Ijödjften ßanbeßobrigfeit berufen unb unterftanb ber ftriegß unb
Tomäneutainmer. Er ljatte bie oberfte Wuffidjt unb 'Berantivortung
in allen Stabtfad)en, baß „baß $uftig=, Ctonomie=, {ßoligeb, Sirebit
unb ftommergien Söefen in guter Crbnnng verwaltet, niemanbem baß
'Jiedjt gebeugt, fonbern überall unparteiifdj abminiftrieret werbe";
Ser Vtaßiftrat.
355
inSbefonbere mürbe iljin bie Slufficht über „Die Kirdjen, Klofter,
Sdjulen, £>ofpitale, Kurrenbe, VormunbfchaftSfadjen, irujleidjen ßegata,
Stipenbia" ufw. anvertraut. Ser jroeite Viirgermeifter ift ber Stell
Vertreter be§ erften, ljat aber iuSbefonbere bie Verwaltung beb Voli^ei
wefenS, bie Spejialauffidit über bie pia corpora unb bas Sßaifenamt.
Ser britte Viirgermeifter vermaltet bafe guftijwefen unb ift Vorfitjenber
be§ Stabt«, ßaftabifdjer unb SSettgeridjtS. Sie brei Wmter würben
ben beiben fdjon feit 1712 tätigen Viirgermeiftern (Sljriftiair griebrid)
greuberg unb goljann fRubolf gal)n, fowie bem bisherigen Kämmerer
Valtljafar Sdjad (feit 170(5 im SRate) übertragen. Ser Sijnbitud bot
alö advocatus curiae bie Vrojeffe ju führen unb bie Weredjtfanie ber
Stabt gu vertreten. Ser erfte Kämmerer (camerarius perpetuus), woju
SRatthäuS $emrid) ßiebetjerr, ber feit 1703 im State faß, ernannt
ivurbe, ift ber veranfnwrtlidje JRenbant ber Stabtfaffe unb bot als
foldjer eine Kaution von 4000 Salem <ju ftellen gljm »oirb bie
Wiiffidjt über alle ötonoinifdjcn Angelegenheiten, ba§ Stabteigeutum,
bie Sörfer, gorften unb Vauten übertragen, gur Seite fteben ihm
ein Kämmerei Kontrolleur (Rändel, Der Stabtbofmeifter (gohann
yUterjer) unb ber Vaufdjreiber. Sie {Rechnungen muffen alljährlich
ber Kriegs« unb Somänentanuner eingereidjt unb von ihr geprüft
roerben. Ser gweite Kämmerer (Karl (Sljriftian Straufe) hQt bie
Verwaltung ber gulagstaffe, baneben bQt er bem erften Kammerer
ju affiftieren; ein gulagSfdjreibcr ift iljm untergeorbnet. gür bie
jebn Senatoren, von benen je 5 bem Seleljrten unb bem Kaufmanns«
ftanbe angeboren follen, werben bie Aufgaben unb Pflichten gan^
im einzelnen beftimmt; fie finb Veifitjer in ben Derftfjiebeneii 93er
waltungSjiveigen, hoben bie Vertretung be§ SJlagiftratS bei ben
©twerten, bei ber Verwaltung ber Kirdjen unb milben Stiftungen;
jwei füljren als ßaftabifdie ©eridjtSvögte bie '-Polizei in ben Vor
ftdbten unb beauffidjtigen bie ftäbtifdjen gorften, Söiefen unb Vrüdje.
ßtud) bat> Vaubirettorium Ijot einer von ihnen 311 verwalten.
Ser gortfdjritt biefer Veftimmuiigen beftetjt in ber genauen
gejtfetjung ber beu einzelnen SRatSinitgliebern übertragenen gunttionen,
wobei ba§ follegiale Vö'igip burdjattS feftgeljalten ift. (SS follen
gaiij regelmäßig Sißungen ftattfinben, ju beren Vefuch bie 'Jiateljerren
verpflidjtet finb Sajii tommt bie ftrenge unb ftänbige Sluffidjt, bie
von ber StaatSbeljörbe geführt wirb. (Sine weitere feljr wefentlidje
Verbefferung ift e§ auch, bafe für bte Vlitglieber beö SDlagiftratS ftatt
ber biShense» unregelmäfeigen Slccibentien unb Hebungen ein beftimmteS
(Sinfommen au§ ber Kämmereitaffe fejtgefetjt wirb, neben bem man
freilich ein Seputat an ©etreibe unb $olj noch beibeljält. £>ter bleibt
23*
356
SInteil ber Siirßerfdjnft an ber Stabtoerwaltunß.
inan alfo auf ljalbem SBege fteljen, aber man ljatte fidj bamals bei
ben Sefolbungen aller Seamteu nodj nidjt gur uollen Olelbwirtfdjaft
aufgefdjwuugen. Sin barem Weibe ertjalten 1723 bie brei Sürger*
meifter je 200 Soler, ber Sijnbitus 406 Safer 16 Wrofdjen, jeber
ftämmerer 104 Saler unb jeber uon ben Senatoren 49 Saler unb
8 (Srofdjcit.
Sas fonftige Seanitenperfonal ift im Serbältnts gu ber Wröfje
ber Stabt nodj immer redjt galjlreidj. Ws finb uorljanben an Ol’ti-
cinlibus: 1 Cberfetretär, 1 Stabtanwalt, 2 WeridjtSfetretorien, 1 Stabt
Ijofmeiftcr unb ötonoinieiufpettor, 1 3ulofl§fdjreiber, 1 DiatSgöHner
unb SSäger, 1 Sammgölluer, 1 ft'anglift. Siu Sienern werben beftellt.
2 Sürgermeifterbiener, 1 ftämmereibiener, 1 SluntiuS beS Stabt« unb
yaftabifdjen WeridjtS, 1 Sollwerts* uub 3ulagSbiener, 1 befangen*
Wärter unb WeridjtSbiener, 1 Srüdenticper (b. h- ©rüdenWärter),
2 SKagenfnedjte. Sils ^jeibebebiente finb uorgefefjen: 6 $olgwärter
unb Sdjütjen (b. fj- fförfter) gu Serglanb, 'JJleffenttjin, im Slotfljaufe
an ber ©arnitj, auf bet Cberwiet, in Söbenberg unb bei ftragwief
Slufjetbem erhalten nodj Sefolbung auS bet ftämmereitaffe ber Stabt*
pljijfituS, ber StabtdjirnrguS, 3 Guattiet|djreibet, ber ft imftpf eifer,
ber Stabtgimmermanu, ber Surmbläfer, ber Stabtuljrmadjer, 1 Sdjom
fteiufeger unb 4 SBagentnedjte.
Überaus befdjräutt ift ber Slnteil, ben bie Siirgerfchaft an ber
Stabtuerwaltung erhält. GS ift nidjt nadj bem Sinne beS autofrati
fdjen Sflonardjen, bie Sürger gut Slitarbeit ober gar gur Kontrolle
ber Verwaltung tjerangugiehen, beim einerfeits ift „foldje fjunttion
mit Serabfäumung ber eigenen Slrbeit oertnüpft", anbererfeits liegt
eS bem Staate allein ob, foldje Sluffidjt gu führen. Sie Unterfudjung
ljatte feftgeftellt, bafe bie Seiorbnung ber fogenannten 17 SRänner
gut SJlitwirtung bei ber Kaffeiwerwaltung nidjtS genügt ljatte. Srotj-
bem wirb biefe alte Sürgeroertretung nidjt gang abgefdjafft. Sen
8 Sllterleuten ber ftaufmannfdjaft unb ben 9 ber ^auptgewerfe (ftnodjeit*
bauer, Sätfer, Sdjmiebe, SJollroeber, Sdjuljmadjer, Sdjneiber, Sud)
madjer, Söttdjer, Siieiner) foll alljäljrlidj ber SJledjnungSabfdjlufj mit
ben Selegeu gur ©rüfung gugefanbt werben; fie haben aber nur baS
Stedjt, einige SJlonita bem State mitguteilen, bie enbgültige Steoifion
unb Gmtlaftung ftehen ber Kammer gu. gur Slitarbeit tonnte ber
Stat Sürger tjeraii^ietjen bei ber Slbmiuiftratiou ber geiftlidjen Wütet,
inbem er fie gu ©roniforen ernannte.
Sim widjtigften war bem Könige bie Crbnung beS ftäbtifdjen
ftaffenwcfenS, benn auf biefem (Gebiete waren bie Vligbräudje am
fdjlimmften. Gute uuglaublidje lluorbuung, eine furdjtbare Stadjläffigteit,
Cvbnunß beS HaffemuefenS uub bei' ginanjen. 357
in miet) eine böfe llnreblidjteit Ijntten bort Eßlatj gegriffen. Sladjbem
int gafjre 1722 fdjon 15493 Wulben an Dliidftänben t>on'.ßacht ober
nnberen Abgaben eingctriebeii roorben mären, blieben noch 34 862G)ulben
foldjer Stoffe übrig. Sie Summe ber Sd)ulben betrug 251 678 (Bulben,
fo baß bie Sinfen ben größten poften in ber VluSgcibe barftetlteii.
(Sine Slbljülfe mar bringenb notig, unb fie rourbe gefdjaffen burd) bie
Sorfdjrifteii, bie in bem ratljäuSlicfjen ^Reglement gegeben rourben.
(SS ift nidjt nötig ober auch taum angebradjt, hier alle biefe Scftiinmungen
für baS Haffenroefen mitguteilen, eS genügt, beroorguheben, baß über»
all fdjarfe Hontrolle eingefnljrt mirb; bie Prüfung ber Hämmerei»
(Rechnung erfolgt burd) ben SJlagiftrat, bie 'Vertreter ber ®ürgerfd)aft, ben
Steuerrat, bie Hammer unb fdjliefelicfj bittet) bie DberredjnungStammer
in Berlin. getjt mirb regelmäßig ein (Stat aufgeftellt unb oon ber
Hammer anfänglich für 1, fpäter für 5 galjre genehmigt. 'Halb nad)
1723 tritt infolge ber'Jleugeftaltung eine auffällige Sefferung in (Sin
nähme unb SluSgabe ein, fo bafj faft regelmäßig ein Übcrfdjuß bie
Slerminberung ber Sdjulben ermöglicht. Sparfamfeit mürbe babei anfs
äußerfte geübt unb rüdfidjtSloS bie 53eanffid)tigung bitte!) bie Staate»
beworben gewahrt. Ser SJlagiftrat mußte über bie größten Hleinigfeiten
an bie Hammer beridjten, jebe außerorbeutlidje SluSgabe genehmigen
(offen unb auch, meint nad) feiner ^Meinung ber Stabt Unrecht gefdjalj,
artig ben SRunb halten. (Sr rourbe 1725 fdjarf gefabelt, roeil er
„bei ben alten fdjmebifcheii fonueränen gnß maintenieren nnb fich her
fdjulbigen Suborbination 311 entziehen fudjet". SJlan mertt oft bett
Hrüdftod griebridj SSiltjelniS I., ber oljne Slürffidjt auf bie Siechte ber
Stabt, wenn es baS allgemeine Staatsrool)! erforberte, ißr gehöriges
ßanb gum geftungSbau in Sefitj nehmen, ®ruubftiicfe ober £>äufer,
bie ber Stabt gehörten, als Staatseigentum oHupieren ließ.
giir bie ginaiigeu ber Stabt roaren am roidjtigften ißr ®ritnb =
befitj. Sesljalb enthält baS ratl)äuSlid)e Siegleinent bie eiugehenbften
®orfd)riften iiüer feine Serroaltung unb Skrbefferung. gunädjft roirb
in ausführlichen ®er()eid)niffen ber Sefitj in unb außerhalb ber Stabt
feftgeftcllt unb ber ÖJrunbfat) betont, alles möglichft nitßbringenb gu
uerroenbeu. SBas nichts abroirft, füll ueräußert werben; fo wirb 1726
ber obere Stabtroeinfeller am fioljlmarlt au goljann Sauiel Slonneman
uerfauft, bagegen ber Heller unter bem Siatljaufe gu einem offenen
'ffiein» unb Sierfdjant eingerid)tet unb oerpadjtet. Sie eigene Slder
roirtfdjaft ber Stabt roirb abgefdjafft unb aus bem bisher oon ber
Hämmerci felbft bcroirtfdjafteten ßanbe ein neues Slderroert auf bem
Soriteij gefdjaffen unb in ^ßadjt aitSgcgeben. 9US ber Honig 1726
beftimmtc, baß jebe .fperrfdjnft fid) aufs äußerfte befleißigen folle, bie
358
SOMiorationen im fläbtifdjeti ©ninnbbtftfc.
SBriidje urbar gu machen unb gu befiebeln, mußte aud) (Stettin auf
feinen ®efetjl mit foldjen Arbeiten im Rrampegebiete beginnen, baS
bi§ bafjin faum irgenbiuie anSgenutjt mürbe. Ter fogenannte Stabunfdje
®erg rourbe gur Einlage einer .^ollänberei bemißt, 1727 eine foldje
bei 'IBoIfsIjorft unb auf bem langen ®erge angelegt. (Sehr eingeljcnbe
Unterfudjungen rourben über bie ftäbtifdjen SRüijlen angeftellt; eS
beftanben 1722 adjt Sßaffer- unb groei SHnbniiiljIen. gum ftäbtifdjen
©tgentum gehörten 1724 'Rrmenljeibe, Rreforo, ber tjolje unb ber enge
Cbertrug, Sffleffentljin, fflemiß, ®öliß, ißrilip, '.ßoinnterensborf, (Scheune,
(Sdjroargoro, Gdjmellentljin, Sölfdjenborf, SBufforo, mit im gangen
1549 Untertanen. 3eljn Qfafjre fpäter rourbe eine genaue Sermeffung
unb Rataftrierung beS CanbeS oorgenommen, babei ergab fich folgenbeS:
2435 SJlorgen 97 Stuten £anb 1. Rlaffe,
144 164 <> » 2. „
28 — „ beroad))eneS Canb,
844 7!t „ Uyiefen,
81 7 „ Roppel,
228 3 „ ^ütimg,
345 9 „ beroadjfener ©ruch-
Cbrooljl bie Rammerei bamals oon ben Slderroerfen, Rriigen unb
SBiefen 1104 Taler an Sßadjt mefjr einnahm als im $aljre 1722,
roar bie oorgefeßte ®eljörbe bamit nodj nidjt gufrieben, fnnbern orbnete
auf Sefetjl beS Rbnigs an, baß baS (Stettinifdje Eigentum nicht mehr
in eingelnen (Stücfen oerpadjtet, fonbern, fo roie eS bereits in Dftpreußen
gefdjab, in ©eneralpadjt aitSgegeben roerben folle. Ter SJlagiftrat
wollte baS erft nicht, rourbe aber, roie gewöhnlich, bagu gegroungen
unb fdjloß 1735 mit bem Slmtmaiin ^ofj. ©Ejriftoplj (Spaarmann einen
ffleneralpadjttontraft auf neun $atjre. ®ei ber ®achtfunnne oon
5916 Teilern fdjeint biefer fein Sefchäft gemacht gu haben, benn er gab
fdjon 1737 ben Routraft auf, unb für ttjn trat R. Rolbe 1738 ein.
'Ruch bei biefer neuen ®erpadjtnng würben genaue Slufnaljmen unb
®ermeffungen oorgenommen, bie uns geigen, baß man eS nirgenbS
an ®erbefferungen fehlen ließ. Sfftan (teilte bamals ein Tienft=
reglement für bie Untertanen in |ebem Torfe feft, in bem beftimmt
würbe, roaS bie Sauern an Tienften bem Sßädjter gu leiften hatten.
®efonbere (Sdjwierigfeitcn madjte immer noch baS Serhältnis ber
(Stabt ®öliß gu (Stettin, trotj aller Serorbnungen unb ®eftimmungen
hörten bie (Streitigfeiten nicht auf. (Seljr eingeljeiibe Sorfcßriften
enthält baS ratljäuSltctje Stegfement über bie (Stabtforften; eS mußte ber
irrationellen Söirtfchaft unb ber ^olgoergeubung burcfjauS ein ®nbe
gemacht roerben. Tie fdjarffte Rontrolle über baS Slbholgen unb über bie
®a£ ©teuer-, baS Sau- unb baS Suflijroefen.
359
ßieferung beS TeputatfeoIgeS rourbe angeorbnet unb gugleidj S‘*rforge
getroffen, bafe bie oom Könige erlaffenen ©bitte betreffenb Slnforftung
unb ©ifjonung aud) roirllidj befolgt rourben. Ter ©rfolg ift nidjt
auSgeblieben, ber Ertrag auS ben ©tabtgütern begann fidj gu feeben.
SJlit grofeer 'Dlüfee rourbe baS Slbgabe unb ©teuerroefen ber
©tabt georbnet; ben Sürgerfdjofe feob man auf. Tie roidjtigfie ©in«
nafemequelle rourbe bie fogenannte Zulage, b. fe- eine Slbgabe oon SRalg,
unb oon eintonnneiiben unb auSgefeenben SBaren. ©ine neue Crbnung
rourbe 1722 eingefiifert, bie im allgemeinen 1 ißrügent oom SBerte
ber SSJaren als Slbgabe feftfetjte; einzelne fiir bie Tnrdjfufer nadj
Serini ober grantfurt einfommenbe Suter rourben oon ber 3l,l°9e
befreit. Tie fonftigen ©innafemen auS bem Sürgergelbe, baS bei ber
©rroeroung beS SürgerredjtS gu gafelen roar, auS bem ©tättegelb, auS
ben SRetognitionSgebüferen, bie oon ben Seroerten für geroiffe Sefug«
niffe ober ütedjte entrichtet rourben, roaren giemlid) gering, ©troaS
meljr brachten baS SolIroerlSgelb, ber SrücfengoU, bie ©tabtroage u. a. m.
ein. Tie Erhebung beS ßolleS auf bem langen ©teinbamm, fiir btffen
©rljaltung 1723 ein ^Reglement erlaffen roarb, verpachtete man für
500 Taler; fie rourben für bie Unterhaltung beS TammeS verbraudjt
Tem Sauroefen rourbe ebenfo grofee ©orgfalt geroibmet, ftrenge
Sluffidjt über bie ber ©tabt gehörigen Sebaube angeorbnet, bie fidj
aber audj auf bie ^ßrivatbauten erftredte. 5®aS auf biefem Sebiete
geleiftet roorben ift, feQl fd)on oben eine Tarftellung gefunben; hier
mag bie Slngabe genügen, bafe in ©tettin 1721 noch 92 roüfte ©teilen,
1743 bagegen nur 6 oorhatiben roaren unb bafe in letjterem Safere
bort 1491 Käufer mit ßiegelbäcfeern, 31 mit ©trofebädjern unb
20 ©djeitnen gegäljlt rourben. Ter ©tabtbauetat, ber feit 1732 regel«
mafetg an bie ßriegS« unb Tomänentammer eingereidit rourbe, featte
bamals eine £>öfee von 2361, im närfeften Safere von nur 1101 Talern.
Ter groeite Titel beS ratfeäuSlidjeit ^Reglements nut 44 ißara
grapfeen befeanbelt baS Suftijmefen; micfe I)iCr finb mandjerlei Ser
befferungen eingefiifert. Snbeffen bie gröfete ©cferoierigteit rourbe niefet
befeitigt, ba eine einfeeitlicfee SendjtSverfaffung noife niefet gefefeaffen
roerben tonnte. «Reben bem alten ©tabtgericfete, fiir baS ber ©tabt«
ridjter unb 11 Vlffefforen ober ©cfeöffen vom äRagiftratStollegium
geroäfelt rourben, beftanben baS laftabifdje Sericfet, baS Slurienlirdjeit
geridjt unb bis 1725 baS Sitrggendn, unter beffen SüriSbittion bie
Serooljner ber ^errenfreifeeit, befonbers beS ülofterfeofeS, ftanben; fie
rourben fpäter in SnfNjfadjen an bie «Regierung, in «ßoligeifatben an
bie Kammer verroiefen. Tie ©imnofener beS neuen gort «ßreufeen
würben 1738 unter bie SeridjiSbarfeit beS 'JRagiftratS geftellt. TaS
öifolge ber SReform.
3(iO
Serfafjren in StonturS= unb 'IScdjfclfadjen erfuljr gwar eine Sercin
fadjung, war aber immer nod) uerwirtelt unb umftänblidj genug; es
erübrigt fid), e§ an biefer (stelle genauer 311 befdjreiben. 3Ran fudjte
and) auf biefem (Gebiete Crbnnng unb Unpartcilicfjteit 31t fdjaffen, bie
Stliqnenwirtfdjaft 311 befeitigen unb ft'onflitte gwifdjeii ben einzelnen
©eridjtsljöfen unmöglidj gu ntadjen.
'JRit ber norfteljenben Sarftellung ift ber gnljalt beS ratßäiiSlidjen
^Reglements nidit erfdjöpft, aber fie tann Dielleüfjt genügen, um einen
©inbruef bauen 31t gewinnen, wie fiir alle 3>ueige ber ftäbtifdjen Ser»
waltung eine gang neue ©ruiiblagc gefdjaffen würbe. Crbnung unb
Sparfamteit, SReblidjteit unb Oicredjtigteit füllten in ben Stabten wieber
Ijerrfdjen unb biefe 31t niißlidjen nnb wertuollen Seilen beS Staates
madjen. Rönig griebridj '-löiltjelm 1. war ein 9Raun, ber wußte, waS
er wollte, unb burdjfüljrte, was er als gut unb ßeilfant ertannte.
SRit fonberlidjem gntereffe ljat er fid) um bie ©ntwictelung Stettins
gefümmert unb, wie aus ben gaßllofen ©rlaffen unb ©bitten IjeiDor«
gellt, and) bie fleinften Slngelegenljeiten nidjt unbeadjtet gelaffen. So
ift itjm gu Derbanten, baß bie feljr gurüdgegangene Stabt entlief)
wieber einen Sluffdjwung naljm.
'Rnßerlidj tut fid) ein foldjer fdjon in ber ßunaljme ber Seuölternng
funb, bie fidj im galjre 1720 auf 6081 Sßerfonen belief unb 1740
auf 12 360 geftiegen war. Ser Sajwert ber Käufer betrug im
galjre 1737 meljr als eine SRillion Saler. Sie ftäbtifdjen Sdjulben
waren 1739 auf 85 884 Saler gnrüdgegangen. Ser SJoIjlftanb ber
Sürger war freilid) nidjt beträdjtlidj. Qn ben galjren 1720 unb 21
würben bie Sürger in 4 ßlaffen, ©roß-, SRittel», föleim unb nod)
geringere Sürger geteilt, ßu ber erften gehörten nur 27 ober 24,
311t gweiten 152 ober 144, gur britten 680 ober 353, gur uierten 234
ober 446 Sürger. SSeitere berartige Slufftcllungen, bie einen Ser»
gteicfj erniöglidjen, finb bisher nidjt betannt geworben Sie Sürger-
tompagnien blieben befteljen, aber oerloren innner meljr iljre Scbeutimg.
Sagegen fpielten bie beiben Sdjüßentompagnien eine bebeutenbe Stolle
im Stettiner Siigerleben. Jlbnig griebrid) SBilfjelm ließ iljnen mandjen
©nabenerweis gitteil werben. SaS jäljrlidje Sogelfrfjießen auf bem
ber Stabt gehörigen Sogelftaiigenplatje, ber 1735 wegen ber 'Einlage
beS gorts Heopolb ein wenig nadj Sorben in bie ©egenb beS heutigen
CogengartenS nerlegt würbe, war ein allgemeines SolfSfeft, an bem
fidj 911t unb ^ung, Seid) unb 9(rm beluftigten. SaS SdjütjenljauS,
baS am Ijeiligen ©eifttore lag, war ein 9Rittelpmift beS gefelligen
SerteljrS. Senft begann baS Heben ber Sürger bereits allmäljlidj
anbere gönnen anguneljmen; eS madjten fidj infolge ber ^unaßme beS
Tie friuuöftfdje Kolonie.
361
SRilitürS unb ber Beamten neue Einflüffe geltenb. Ter ocrßültiiiS=
müßig geringen gaßl non Bewoßnern, bie wirflid) Bürger waren,
b. ß. baS Bürgerredjt erwarben, trat bie größere SRenge berer gegen
über, bie entweber ejimiert waren ober feinen Söert auf bie Erlangung
bes BitrgcrredpS legten. (So bilbete bie Beoblferung ber (Stabt feine
in fid) gefdjloffene Eemeinbe mehr, fonbern eine SRaffe oon Bewoßnern,
bie nur burd) ben genieinfanten SBoßuort ßufannnengeßalten würben.
TaS wurbe nod) oermeßrt burd) bie Einricßtung ber fran^öfi«
fdjen Kolonie, bie trotj energifdjen SBiberfprudjeS bes SRateS burd)
5?öiiiglicfjeS patent oom 6. Quni 1721 erfolgte. Tie oollftünbig
erinnerte Stellung, bie ^reißeit oon Bürgergelb uub Einquartierung
ber Koloniften erregten in ber Stabt oiel Slnftoß. Ter 311111 Tireftor
ber franjöfifd)eii Kolonie ernannte Cbergerid)tSrat oon QJauoain ßatte
gar mandjen Kampf mit ben Bürgern auSjufedjten; er fanb aber
immer wieber Scßutj beim Könige, ber burcß jaßlreicße KabinetS=
orbreS alle Belüftigungen ber neuen Bewoßuer ftreugftenS oerbot.
'Jlotß bei ber Erbßulbigung oerfudjte ber 'Jtat auf briugenbeS Bitten
ber Bürgerfcßaft, biefer bie gleiten Borred)te, wie fie ben Koloniften
3ugefagt würben, 31t gewinnen, ßatte aber feinen Erfolg bamit. Tie
neue Eemeinbe in ber Stabt, bie eigene EeridjtSbarfeit unb eigene
Verwaltung ißrer Slngelegenßeiten befaß, naßni 3iemlid) fcßnell 31t,
1722 beftanb fie bereits auS 70 Familien. Ter König intereffierte
ficß perfönltd) lebßaft fiir biefe Erünbung, ba er ßoffte, baburcß bie
ÜRanufafturen in ber Stabt 31t ßebeu. TeSßalb forberte er baS
fraii3Öfifd)c Tireftorium auf, für Slnfeßiing non gefdjidtcn unb be
mittelten ßoßgerbern ober SBollfabrifanten 3U forgen. $n ber Tat
gogeri folcße fpanbroerfer nad) Stettin, wie au§ ber ßifte ber
IRitglieber ber franjöfifdßen Kolonie von 1740 3U erfeßen ift; fie
entßält 41 .Hauseigentümer unb 47 Qnquilinen (b. ß. URieter) uub
barunter nicßt wenige ßoßgerber, 3. V. Slbraßam Salingre, unb Tucß
niacßer, 3. B. Samuel Tubenborf. Es fam burd) biefe Slufieblung
ein 00113 neues Element in bie Stettiner Bevölferuug, baS mancherlei
3ur Eutwidelung ber Stabt unb ißrer gewerblidjen Berßültniffe bei
getragen ßat. Ter preußifcße Eeograpß Vlbel ßat beSßalb rooßl nid)t
llnrcd)t, wenn er 1735 fdjreibt, baß Stettin fiiß burd) bie baßin
gelegte frati3Öfifd)e Kolonie unb bie Einlage oon SRauufaftureii fd)uell
geßobeu ßabe.
grcilid) bie einftmalige Einheit ber Beoöltenuig wurbe burd)
biefe Einlage und) meßr 3erriffen. Tie eigeiitlid)eu Bürger, bie Be-
woßner ber Kird)eii= unb bie ber .£)errenfreißeit, bie Koloniften, bie
Beamten, bie '2lngeßorigen ber Earnifon, jebe Klaffe ßatte ißrc
362
geuerotbnung unb ©trafjtnrtuugung.
befonberen Stecßte unb ißflidßten. Tiefe roaren bei ben tnirflidjen
Bürgern aut brüdenbften. Tiefer llmftanb roar oielleidjt ein Sntnb
bafür, baff man ißre Verpflidjtung gum Sladjtroadjtbicnft aufßob
unb 1729 elf Slacßtroädjter unter groei SBadjtnieiftern anftellte, bte
ben regelmäßigen Tienft gu leiften ßatteu. SJleßr ©cßroierigteit madjte
bie Crbnung beS geiierlöfdjroefenS. Sinen großen gortfdjritt bebeutete
bie 1722 erfolgte Srünbung ber geuerfogietät, für bie eine genaue
Slufnaßme ber fünfer erfolgte, gn ber reoibierten geuerorbnitng
oon 1728 rourben befonbers and) bafür Seftimmungen getroffen, baß
bie nötigen ßöfdjgerate nidjt nur oorßanben, fonbern and) in gutem
guftanbe feien. Ter Stönig felbft fdjentte ber Stabt groei in Serlin
oerfertigte geuerfpritjen, bie bei ißrer Slntunft feßr beiounbert rourben.
gür bie ^errenfreißeit mußte baS ßöfdjroefen befonbers georbitet
werben; eS madjte ßier giemlid) oiel SJlütje, bie SDlannfdjaften unb
Geräte gu befcßaffen.
Sin übler $untt in ber ©tabtoerroaltung roar immer roieber bie
©traßenreiniguug. Cb bie ©tabt ober bie Slnrooßner beu Slraut
martt, auf bem ber Haut ftanb, gu reinigen batten, batüber rourbe
gaßre lang geftritten. Tie SJlißftänbe fdjeinen bamals fdjlimmer
geroefen gu fein als in ber fdjroebifdjen geit, bie Silagen unb Se=
ftßroerben ßörten nitßt auf. Verorbnungen rourben immer roieber
erlaffen, aber ebenfo wenig beadjtet, roie bie alten SBeftimmitngen ber
Sitrgerfpradje, bie 1724 gum letjten SRale oerlefen roorben gu fein
fdjeint. Tiefe alte Sinridjtung paßte in bie neue geit nidjt meßr
ßinein, burd) baS gntelligengblatt ober burd) fonftigen Trud tonnten
bie Crbnungen leidjter unb fcßneller betannt gemad)t roerben. SS
blieb aber nod) üblitß, amtlicße Setanntmadßungen oon bett Sl'angeln
gu oerlefen.
gm gangen war baS Verhältnis ber Vürgerfdjaft gu bem State in
biefer Seit weit frieblidjer als früßer, ungroeifelßaft infolge ber neuen
Sinricßtung ber ©tabtoerroaltung. Tie SlHeinßerrftßaft bes SJlagiftratS
roar gebrocßen, er ftanb unter ber ftrengften Kontrolle beS ©taateS,
er wagte eS faum, fid) felbftänbig gu rüßren. Ta bie bürget faßen,
roie bie töniglicßen beßörben jetjt eigentlid) alles beforgten, rourbe ißr
gntereffe an ben Vorgängen in ber Verwaltung geringer, ber Sentein»
finn fdjroanb immer meßt. Tie berooßner ber ßaftabie, bie fid) guriict
gefeßt fühlten, brachten roieberßolt Silagen über guftänbe in ißrem
©tabtteile oor, aber nicßt meßr beim Slate, fonbern bei ber firieg§=
unb Tomänentammer. SllS 1737 ein großes $odjroaffer, ba§ übrigens
ber ßofalbidjter VartelS gu befingen nidjt unterlaffen ßat, großen
©djaben am rechten Cberitfer anricßtete, ba erßob fidj oon bort ber
•Der £>anbd.
363
fRuf nad) Staat?fjilfe, unb biefe rourbe aud; nad) SJlögIid)feit geleiftet.
Sie eigene Straft itnb (Selbftänbigfeit gu erroeden, roar bie JReform
griebrid) SBilfjelniS I. nidjt geeignet, fie fdjuf nidjt freie Sürger, fonbern
Untertanen.
Söie feljr e? bamal? an Selbftgefüf)! feljlte, ertennen roir redjt,
wenn roir auf bte Semiiljungen be§ König? um bie Hebung be?
Stettiner .£> anbei? einen Slid roerfen. 2öie ljat er gearbeitet,
um einen neuen Eeift in ben Stettiner Kaufleuten gu erroeden, roie bat
er geroettert: „$hr Krämer!", roie ljat er alle? mögliche angefangen!
Söenn e? ifjin gelungen ift, beu ^anbel tatfäd)Iid) au? tiefem Verfall
etroa? gu Ijeben, fo haben bie Stettiner felbft roenig bagu getan.
Klagen unb Sefchroerben liefeen fie genug laut roerben, aud) Släne
entroarfeu fie unb Sßrojefte, aber entfdjloffene Sattraft beroiefen fie nidjt.
Sie Kaufmannfchaft beEjielt iljre altljertömmlidje Serfaffung
unb ihren SRittelpunlt int Seglerhanfe. SDbgleidj bie mittelalterliche
.£>anbel?!ompagnieit ber Srater*, galfter unb Ellbogenfahrer längft jebe
praftif<f)e Sebeutung oerloren Ratten, liefe man fie gu gefelligen $roeden
unb gur Erhaltung unb SSerroaltung be? Vermögen? roeiter befteljen.
Sn ber Korporation gehörten 1739 nur 85 Kaufleute; teine eingige
ber bamal? uorhanbenen girmen hot fid) bi? heute erhalten. Sicht?
geigt oielleicht bie hin’ unb herfdjroantenbe (gntwidelung be? Stettiner
.fjanbel? mehr, al? bie Satfadje, bafe faum ein Kaufmann?hau?, fo
weit roir e? feftftellen tonnen, oiel mehr al? ein Qahrhunbert über
bauert hot. Sie Kramer bilbeten roie früher eine eigene Kompagnie.
Sa? Söert ber 24 £>aten erhielt 1722 einen föniglidjen Sdjnfebrief,
bie eingelneu Oieroerbebetriebe beburften einer befonberen Kongeffion.
Sie fRegieruijg erteilte aud) eitigelnen ißerfonen, bie nicht ber Kauf«
niannfchaft angehörten, namentlich Schiffern, eine Erlauben? gum
.fjanbel. Siefe fogenannten Kongeffionarien roaren natürlich ben Kauf«
leuten feöchft unbequem unb oerljafet, aber bie ^Regierung hielt, fo
fdjeint e?, ähnlich roie bei ben 4?onbroerf?meiftern, eine foldje Kon
turreng für gang groedbienlidj; mandje biefer Kongeffionarien hoben
e? gu niefjt geringem Vermögen unb Slnfeljen gebracht.
Ser fjanbel Stettin? bot in ben fahren 1715—20 einen troft»
lofen Slnblid. Sie Cigentabgaben beliefen fidj 1719/20 auf 10248 Saler,
nur ein Viertel non bem, roa? fie unmittelbar nach ihrer Einführung
1634 eingebradjt hatten. „?llte, roohletablierte Kontor?, bie bei ben
felben ganiilien saecnla burdj beftanben unb ben fjanbel tontinuierten,
finb oerarmt unb haben ihr Kapital in ßanbgüter angeroanbt“, fo
flagte man bamal?. 9Jlit Energie griff bie preufeifefee Regierung ein,
liefe Konferengen abhalten, (Gutachten augarbeiten, oerljanbelte mit ben
Tie WieberlaßSßeitrfjtiflfeit.
:m>4
'2llterleuteii bet Kauftiiannfdjaft uub befpradj bie SBiinfdje ber ©iirger.
Kriegsrat llljl hatte bie fdjtuere Aufgabe, bie Gomiiierjienüliigelegeiihciteii
311 bearbeiten, aber ber König felbft befdjäftigte fidj ^eitwcife uuauSgcfeßt
mit ihnen; ben Söeinljanbel mit ©erlitt, ben Saljhanbel, ben ffletreibe«
ljanbel nadj Oacfjfen, ben Raubet mit (Meivürj» unb SIpotheterroaren
gu Ijeben, alles baS lag ihm perfönlirfj am ^er^eit, unb er hatte lange
bie Hoffnung, bafj fidj feine hanbelSpolitifdjen ©läne erfüllen mürben.
28aö für .fcjinberuiffe aber iljm uon allen Seiten, nidjt 311m minbeftcn
von Stettin auS erroudjfen, tann man nur auS ben unenblidjen ©er-
Ijanblungen unb ben galjllofen Sdjriftftücfeti ertennen, bie in umfang»
reidjeu ©fteiiftüdeu erhalten finb. ©leljr Ginfidjt al§ bie meiften
Stettiner Kaufleute beroieS ber Kaufmann ©eumaitn, ber im SQlärg 1724
ein ausfüljrlidjeS ffiutadjteu einreidjte unb barin bie ©ilbttng eitteS
Sommerj Kollegiums unb bie Grridjtuitg uon $anbelSfompaguieit
uorfdjlug. Tie ÜHterlente oom Seglerhaufe hoben bemgegenüber nidjt
nur bie Sdjroierigteiten, bie foldjer ©rüitbung entgegenftanben, hervor,
fonbern zeigten and) fo roeuig UuterneljmungBgeift, bafj bie Kriegs« unb
Tomäncntammer ein feljr abfpredjenbes Urteil über bie Stettiner abgab.
So fdjeiterten alle bie fdjonen Gntroiirfe unb ©rojefte, aud) ber 1725 uom
K'ammerbirettor £jille ausgearbeitete ©Ian betreffenb bie Grridjtung
einer großen £janbelsfompagnie, au bem SSibcrftanbe ber Stettiner.
9lm 3äljeften hielten fie an ihrem ©rioileg ber ©ieberlage feft,
aber ber König tümmerte fich nidjt um ben SSiberfprudj ber ©iirger«
fdjaft ober bie Ginroenbuttgeit, bie ihre Slbgeorbneten bei einer Kon=
ferenj in ©erlitt marijteii. ?lm 8. Januar 1723 erfdjien ber ©C3eß,
ber guuädjft uerfudjSroetfe bie freie Turdjfaljrt ber Söaren anorbnete;
nur für ßeittfamen, Sifen unb Tran blieb ben Stettinern unb graut
furtern baS ©ieberlagSredjt erhalten. Ter uom Könige ben Stabten
aitfgcjioungeue ©ertrag mürbe nadj unenblidjen ©erljanblungen, bei
betten bie Sonberiutereffen immer tuieber burdjbradjen, 1728 auf fedjS
galjre verlängert, ja im folgenben gaßre probemeife ein gang freier
fjanbel ^mifdjen Stettin unb granffurt eingefüljrt. Gin bebeutfamer
Jlttffdjroung beS £>anbelS veranlaßte bie Stettiner Kaufmantifdjaft, bie
jetjt ben ©urteil beS freien ©ertehrS erfannt 311 haben fdjeint, fich 1731
fiir bie gortfeßung biefer ©robejeit attSaufpredjen. Ta man aber
gttrdjt vor bem Gittbringeu frember ^aitbelsljäufer hatte, rourbe ber
burdj ben Stegeß von 1723 gefdjaffene Suftaub roieber hcr9eftcWi-
TaS bamals herrfdjenbe Sijfteni beS ©lerfautiliStiniS ließ eine $anbelS»
freibeit im eigeutlidjeu Sinne nod) nidjt 31t
Tie ©emiiljutigett ber preußifdjeu ©egierung blieben nidjt ohne
Grfolg; ba3ii trug ber allgemeine volfSroirtfdjaftlidje ?luffdjrouttg, ber
Vnnbel unb Seefahrt.
365
in ben fahren 1728—32 feinen .fjotjepuntt erreichte, erljeblid) bei.
Die (Siir unb SluSfiiljrliften geigen eine Steigerung, bie allerbingS
geitweife ivieber abnimmt. Der ^olgejport unb ber SBeinimport, bie
bebeutenbften .^anbelsgweige ber Stabt, wnchfen beträdjtlid). Qn ben
Seridjten, bie ber Vlagiftrat feit 1733 jäfirlid) nom (Soniniercio erftattete,
treten allerbings bie Klagen immer nod) feljr tjeruor. ßieiuötjnlid)
Ijeifjt es: Stein fonberlid) commercium! Qa 1739 behaupteten Stat
uub Kaufmannfdjaft jogar, ber £janbel ljabe in ben letzten 10 ^nljren
eher ab= als giigenommen. (Obwohl bainals tatfädjlidj eine geiviffe
Flauheit int ®efd)äfte berrfdjte, geigen bodj bie 3al)len im allgemeinen
eine Steigerung.
'Kiel Sorge madjte bem Könige ber WetreibeIjanbel, ben gu
förbern ihm befonbers am bergen lag. Diefer £>anbel, ber nadj einer
’Mufjeruiig bes 'JiateS „oon jeher ber principalfte in Stettin" gewefen
war, hatte Sdjweben als ?Ibfatjgebiet verloren. Die ^Regierung Derfurfjte
einen Verlebt nad) fRufjlanb gu fdjaffen, fanb aber bei ben Stettinern
fehr wenig (Gegenliebe, fo bafe ber KornUjport unb Qmport
gering blieb. ?ll§ and) ber Verfudj eines Vertel)rS mit ^ßolen mißlang,
ertlärte griebrid) SSiltjelm ärgerlich: „Die Stettiner Kaufleute finb
fdjläfrig unb iiadjläffig." 'JJlaii tann ihm baS Urteil nidjt oerbeiifen,
ba alle feine guten 'llbfidjten auf Vöiberftanb ober fülle 'Ablehnung
ftiefjen. Die 1725 in Verlin gegrnnbete ntffifdjc ^anbelstoinpagnie,
beren Vertreter in Stettin baS Siirgcrredjt gewannen, füllte ben penibel
mit ntffifdjeii Düdjern beleben; fie fanb aber bei ben Stettinern ooll«
foninienen SRangel au llnterneljmungSgeift. Vluf eine Slnfrage ber
'.Regierung wegen ^janbcIS mit Däuemart, gaben bie Kaufleute bie
©rtläruug ab, eS finbe fidj nieniaub, ber fid) mit bem $anbel baljin
abgugeben ßuft hätte
SJlit ber Seefthiffahrt ftanb eS ebenfalls feljr fdjledjt. Die Ve=
miiljungeii bes Königs, ber Stabt Stettin Sunbgollfreil)eit gu verfchaffen,
mißlangen, bagegen vertrat er wieberholt recht energifch Sorberungen ber
Kaufleute an bie Krone Sdjweben. Der Verlebt nut Sd)weben aber
ging immer mehr guriict, 1729 fuhren nod) 10 Stettiner Sd)iffe nadj
Stocfljolni. Die Seegölle uub ßigenten, ber 'JRangel an .f)aubelS=
oerträgen, bie Konturreng ber £>ollänber, aber auch bie 'Jlad)läffigleit
unb geringe ßeiftungsfäljigteit ber Stettiner Schiffer unb beS Sdjiff
ooltes hemmten bie Seefahrt in biefer Seit mehr als bie fdjledjten
SSafferoerhäUniffe in ber 'Seene, bie bamals nur an einigen Stellen
6—6% $ufj Diefe hatte. Die {Regierung begann 1731 mit Vorarbeiten
für bie Vertiefung ber Swine, auSgefiihrt würbe ber Sau erft fpäter.
Die Sahl ber Stettiner Schiffe belief fid) 1720 nur noch auf 38 große
366
©ewtrbe unb IJnbufhie.
unb Heine; fie flieg gwar im ßaufe ber Qaljre etwas, blieb aber immer
feljr gering. Tie Sinnenfdjiffaljrt mar nidjt oiel umfangreidjer, alle
Tarifreformen tonnten fie nur wenig ßeben. ©er SJartljeljanbel würbe
müljfam neu belebt, unb ber Serteljr auf ber Eber naljni audj nur
feljr langfam gu. Söir ertennen audj ljier überall ben Einfang gu
einer Sefferung, bie Heime einer neuen (gntwidelung, aber nur feljr
allmäljlidj Ijob fidj bie Stabt, bie nodj nidjt bie Straft ljatte, auf eigenen
fjüfeen gu ftefjen.
übidjt anberS ftanb eS mit ben gewerblidjen Buftänben.
Sind) in ber ^anbwerfspolitit befolgte tJrtebrici, XöilIjelni T. bie
merfantiliftifdjen ©runbfätje: Seförberimg ber £>erftellung möglidjft
vieler Söareit im Qnlanbe, fowie Sdjaffen unb Sdjutj einer einfjeimifdjen
3nbuftrie unter fteter ßlnffidjt be§ Staates. ©ie Bünfte erhielten gum
grofeen Seile 1739 neue Privilegien unb ®riefe, nadjbeni infolge beS
fReidjSgefetjeS von 1731 bie alten görmlidjteiten unb Sebräudje ab»
geftellt worben waren. @S würbe bann audj verorbnet, bafe bie
(bewerte, bie ißren Slbfafe in ber Stabt allein ljatten, wie Söder,
Srauer, Sdjlädjter, Sarbierer, Saber, fflpotßeter, SRaterialiften unb
$öfer, gefdjloffen bleiben, b. ß. nur eine beftimmte Slngaljl von Sleiftern
ljaben füllten. SInbere bagegen mufeten als nidjt gefdjloffene hinter
nadj Slnorbnung ber Hammer unb beS States neue Sleifter aufneljmen.
©aneben betjielt fidj bie Siegierung vor, patente für greimeifter gu
erteilen. Qm eingelnen würben mandjerlei Slifebräudje, unnötige
geftlidjfeiteu, bie Anfertigung foftbarer SJleifterftüde it. a. tu. verboten.
3m allgemeinen aber befanb fidj ba§ £>anbwerf bamals in redjt tiefem
Serfall, bie Sunftfertigfeit alter Beiten war gugrunbe gegangen, befonbers
audj weil infolge ber allgemeinen bürftigen Serßältniffe ficfj ben
$anbwerfSmeiftern feine ©elegenljeit bot, beffere ©egenftänbe gu ver-
fertigen. SBenig nur ift erhalten, was ein größeres Serftäiibnis unb
beffereS ©efdjid beweift, nnb mandjeS bavon mag von ben frangöfifdjen
SJlanufafturifteji angefertigt fein, bie in eingelnen B^eigen weit gefdjidter
waren als bie einljeimifdjett. ©er Sl’önig aber fudjte auf alle SSeife bie
Oaniifatturen gu förbern unb gu ßeben. ©agu erteilte er Privilegien
unb Porredjte, g. S. 1721 für bie Anlage einer Seifenfieberei in Stettin.
Bur Rebling ber SSollinbuftrie liefe er 1723 eine Spiimfdjulc begrünben,
in ber IjerrenlofeS ©efinbe unb ^öferweiber wödjentlidj ein Pfunb
SBolle fpinnen mufeten. ©urdj ißn erßielt ber Staufmann 3faat
fllaubij auS Amfterbam 1720 eine St'ongeffion gur Anlegung einer
Buderfieberei in ber ©rapengiefeerftrafee (Sdjulgenftrafee), unb eS gelang
aud) eine Aftiengefellfcßaft ober, wie man bamalS fagte, eine privilegierte
^anblungSfompagnie gum Setriebe unb gum $anbel mit Buder gu
Snbuftrie.
367
begrünben. Obwohl 9laubp 1721 eine gweite ^Raffinerie entrichtete unb
mancherlei Staatsljülfe erhielt, machte baS Unternehmen bod) balb
banfrott, unb 'Jlaubt; flüchtete unter VJlitnahme einer nicht unbeträchtlichen
Selbfumme. Tiefer SBorgang erregte großen Unwillen unb ftärlte ben
Sßiberftanb, ben ein Teil ber (Stettiner Uaufmannfchaft ber ©rünbimg
von Wnfang an entgegcngefeht Ijatte. Beffer gelang bie Hebung beS
Schiffbaues, bie burdj ein patent uom 23. Cttober 1719 eingeleitet
wurbe; auch h'er trat Staatshülfe burd) ©rlafe uon ßigenten auf
einige Qahre, (Selbunterftütjung u. a. m. ein. Tie erften auf ®runb
folger SSergüiiftißinig gebauten (Stettiner (Schiffe trugen bie begeichnenben
'Jlameii „Hoffnung befferer Beiten" unb „Hoffnung von Stettin".
URartin Stiisfe baute 1724 einen Tudertahn, 3oad)im Sprenger fpäter
mehrere gröfeere Schiffe. Qn ben Bahren uon 1726—1736 würben
in Stettin 43 neue Schiffe gebaut, uon benen bie größten eine Trag-
fähigfeit uon 80 Saften hatten unb etwa 6600 Taler lüfteten. 2lud)
im Schiffbau waren grangofen, 5. B. ein Kapitän ©uillarb, tätig.
„Tie Stabt Stettin, fo fcfjreibt Batob fßaul o. ©unbling in feinem
pommerfdjen SltlaS (1724), befteht aus bem ftattlichen $anbel,
Schiffahrt, 3ucfer=Sieberei, ÜRanufalturen, gifdjereien unb anberen
ftattlichen bewerben, fo biefe Stabt in 3?Ior uub Aufnahme gebracht
haben." Sinnig griebrich Söilhelm freute fich, tuenn er nach Stettin
tarn, über ben allmählichen fjortfdjritt uub fprad), fo fehr er fich aud)
immer wieber über bie Stettiner ärgern muhte, wieberljolt feine SSe^
friebigung auS über baS, waS er bort fah, t>ielt aber auch mit Tabel
uub Strafen nicht gurüd. (Sin befonbereS 'Ärgernis bereiteten il)m gu
allen Beiten unb an allen Orten Untätigleit unb Trägheit. Um ihr
eiitgegeuguarbeiten, liefe er mit $ülfe ber ffapitatien, bie ben beiben
alten verfallenen Stiftungen, bem ißinfen= unb bem Beginenhaufe,
gehörten, nal)e beim heiligen ©eifttor an ber ©de beS fftöbenbergS
('Äofengarten) baS Bucht» unb WrbeitShauS errichten; gu bem 'Bau,
ber 1726 fertiggcftellt wurbe, verwanbte man bie Steine oon einem
alten auf bem B3ege groifd)en Tamm unb Stettin ftehenben Turme.
(SS füllte gut Unterbringung uon „unverfdjämten, gefunben unb ftarten
Bettlern, ungehorfamen, boshaften unb wiberfpenftigen ©efinbe, lafter»
haften unb Iieberlid)en Berfonen" bienen, bann aber, wie bereits
erwähnt, aud) bie Söollmanufattnr heben.
3-ür il)n war bie fittlidje görberung feiner Untertanen nid)t miiiber
wichtig als bie materielle. Teshalb waiibte er auch fiirdjen»
ivefen ber Stabt feine Wufmerlfamfeit gu. TaS SSiberftreben ber
lutl)erifd)en ©eiftlidjen gegen ben reformierten £>errfd)er unb ihren
anfänglichen Jtampf gegen baS ihnen vorgefetjte Wonfiftorium überwanb
368
Tas SKtdjeniuefen.
er jiuor balb; er begann aber oon neuem, als er 1721 ©otteSbienft
für eine beutfdpreformierte ßlemeiitbe anfangs in ber Sdjlofe=, fpäter
in ber JoljauniStirdje,. bie aud) als ©arnifontirdje biente, einzuridjteu
befahl. Ter erfte ©eiftlidje btefer ©emeinbe, griebrid) ßanbau, ljatte
ebenfo, roie ber erfte frangöHfcfje Ißrebiger Mauclerc mandjerlei 9ln=
feinbungeit zu erleiben. Jn roeitgehenber Toleranz überwies ber Völlig
1722 zur 'llbfjaitung beS tatholifdjen SottesbienfteS, für ben biSljer ein
.JjauS auf ber ßaftabie gebient hatte, eine „oerbecfte Kammer" auf
bem Sdjloffe. Obwohl er nur für bie ©arnifon ftattfinben unb alle
Jahre einmal ein fatljolifdjer Skater baju nadj Stettin tommen füllte, fo
beobadjtete man bod) biefe ällaferegel mit grofjem SRifetrauen unb flagte
roieberljolt, bafe Ijeimlidj polnifdje Jefuiten in bie Stabt tarnen, gür
bie 'Beamten ber ^Regierung, ber StriegS- unb Tomänentammer, foroie
anbere ©rinderte begrünbete ber fiönig 1726 bie Sdjlofegemeinbe unb
liefe fid) burd; bie feeftigcii Stümpfe ber Stettiner ©eiftlidjen gegen bie
Vlusfouberung biefeS Teiles ber Beoöltcruug auS ben übrigen $arod)ien
nidjt im minbefteii beirren, fonbern wies fpäter aud) bie anberen
Stöiiiglidjen Bebienten oom Stonfiftorium unb .fj>ofgerid)t an biefe
fßerfonalgemeinbe. Sbenfoldjen SBiberftanb fanben feine Berorbnungen,
burd) bie er 1736 uub 1737 ben ©ebraudj ber alten ©Ijorröcfe, Stafeln
unb SRefegeroänber, foroie einige au§ fattjofifdjer Beit nod) befteljenbe
'.Riten, mie ba§ Slufftellen jaljlreidjer breiinenber ßidjte auf bem Slltar,
oerbot. hierin faljen bie lutljerifdjeii <55eiftlidjeti ein unbered)tigte§
Borgeljen beS reformierten £>ettfdjerS, aber alle Borftellungen, Silagen
uub Befdjroerben rourben ftreug jurüdgeroiefeu. Tie BeforgniS ber
lutberifdjen ©eiftlidjen roar unbegrünbet, griebridj Xöilfeelm Ijielt fid)
ftreug an baS, roaS er im Stodljolmer grieben gelobt ljatte, bie
Untertanen „bei bem freien fReligionS-Erercitio zufolge ber unoeränberteii
'SlugSbitrgifdjen Shinfeffion nad) 'JRafegebung Tit. 1 ber pommerfdjen
jtirdjenorbnung als bes ßanbes gunbamentalfatjung jeber Beit uu
betümmert unb ungeträntt gu laffen". TaS faljen bie 'ßrebiger bann
allmählich aud) ein unb feierten 1730 bie Jubelfeier ber Übergabe
ber SlugSburger Stoufeffion in Stirdje unb Sdjule mit oielen %Jrebigten,
'.Reben, SJlufifauffüljrungen unb ©ebidjtcii.
ßllS wenige Jaljre fpäter bie STriegS= unb Tomänentammer bei
ber Stabt anfragte, ob fie Salzburger Emigranten im Stabteigentum
unterbringen roollte, leljnte bie Bürgerfdjaft ba§ infolge eines gegriffen
SRifetrauenS ab. iVtan empfing aber trotjbem im SRai 1732 bie burd)=
Ziehenben Salzburger, bie zumeift oon Stettin zu Sdjiff nadh ^Jreufeen
gebradjt rourben, freunblidj unb faminelte für fie eine Follette,
bie meljr als 1000 Taler einbracfjte. Tie Bürger aber roaren ganz
Sdjulroefen.
369
frot), als bie ©äfte auS ber Stabt fortgefafereii roaren. Wait ljatte,
roie aus mandjen ^tufeerungen tjertroraugeljen fdjeint, an ben frangöfifcfeen
Slnfiebleru genug.
*3)06 nie ganß erlofdjene Wifetrauen ber Stettiner ©eiftlidjeu gegen
ben sl'önig rourbe roieber rege, als er fidj bem uon ifetien betämpften
IßietiSmuS guroanbte. ©aS mufete befonberd ber 1730 an bie gofeanniS»
tirdje berufene ißaftor gofeann Gferiftopfe Sdjinmeijer (geb. 1696,
geft 1767) erfahren, ber nadj ?l. $. grancteS Sßorgang fidj ber t>er=
(offenen unb Dertommenen gttgenb anjitneljmen begann. ©öS geiftlidje
Winifterium falj in ber Grridjtung einer Slrtnettfcfeule unb eines SBaifeti-
IjaufeS auf ber ßaftabie (1730), foroie in beu fonftigen Sdjulgriinbititgeti,
roie bem ßefererfeminar, nur pietiftifdje Seftrebungen unb betämpfte
al(e§ auf baS tjeftigfte. ©agegcn nahm fidj ber Sinnig beS roadereti
WattneS an, uerlielj iljm ißriuilegieit, Unterftütjungen u. a. m., ba
er feine Sattraft unb feinen ©laubenSmut Ijodjfdjätjte. Gigette Un
uorfidjtigfeit unb beftäubige Wrlenmbung feiner ©egtter liefern Sdjinnt etjer
bie ®unft griebridj SBilljelmS oerlieren, fo bafe er fdjliefelidj Stettin
nerliefe unb nadj Slattjenoro 30g. @S gingen aber bodj nidjt alte feine
©rünbungen ein, nnb fein ffiJirteit roar nidjt gang uergeblidj. Wan
begann allmäljlidj bte beftcljenbeii Sdjulen, modjten fie uon bett Lüftern
in ben einzelnen ©emeiitben ober uon foiijcffioiiierten ober SSinfel*
Sdjulmeiftern gehalten roerben, unter geregelte Slufficfet 511 nehmen.
Vludj bie beiben reformierten ©emeinben legten 1721 Sdjulen an.
Um bie Siatsfcfeule lümmerten fidj bie Gpljoren mehr al§ früher,
reoibierten fie bisweilen, ftcllten Sefferungen in SluSfidjt, ja erfeöljten
fogar einmal baS ©efealt ber Sdjultollegen. ©er Singechor ber Sdjule
roar bei beu Segräbniffeit, £>odj(jeiten, Stiubtaufen unb anberen geften
tätig unb 30g als „Gurrenbe" in ber Stabt umher. ©öS Stöniglidje
©tjinuofiiim rourbe bereits 1716 nadj griinblidjer llnterfudjung neu
eingerichtet; eS gelang aber trotj ber nerfdjiebenften ^Reformen unb
ÜBemüfeungen, bie fidj audj ber fRettor Dr Widjael griebridj Cttabe
(1716—1751) angelegen fein liefe, nidjt, bie Slnftalt ju redjter SBIiite
jti bringen. ©er atabemifdje Unterridjtsbetrieb, bie greifeeit ber
Stubiofen, bie mannigfach anberSroohin gerichteten gntereffen ber Beferer,
unter betten namentlidj goljaitn Sonntel gering feeroorragte, feinberten
eine gebeifelidje Gntwidelung. Srotj ber StaatSauffidjt gingen audj
bie IBermögenSoerljältniffe ber Warientirdje fo ^uriid, bafe 1739 ber
ßönig eine ftonimiffion ^ttr llnterfudjung ber pioruni corporum in
ißommern einfetjte. Gitter ber ißrofefforen beS ©ijmnafiuniS, Dr. ©aniel
be Superoille, ber fidj fpäter um bie ©rünbting ber Uniuerfität (Srlaugett
fefer oerbient gemadjt ljat, gab 1733 als StabtpfeijfituS bie ülnregung
tBtirmann, ®ef<5t<$u Mit Ctettln
24
370
Der fDterfantiliSniuS SriebritßS be8 ©roßen.
jum San eines StabtlajnrettS auf ber ßaftabie. G§ bauerte ^war
nod) einige .ftfaßre, bis ber SBait guftanbe Fant, ba ber SRagiftrat
natürlid; feine Sättel bewilligen wollte ober tonnte, aber ißm ift bod)
bie erfte Segrüiibung eines ftäbtifdjen JtranfenßaitfeS ju banfen.
Die oier in ber Stabt befteßenben ?lpotßeten würben regelmäßig
infpijiert.
?luS ber Sdjilberung von beni Söirten beS JtunigS griebridj
'JBilßelni I. fiir Stettin geßt woßl üeutlid) ßeroor, baß er in alle
ßweige bes öffentlichen ßebenS eingegriffen unb ©uteS gefdjaffen ßat.
Gr ßat bie Stabt and tiefem 'ßerfali einer neuen Sliite entgegengefußrt,
unb bie beiben von ißnt erbauten g-ertungStore werben bie Stettiner
fiir atle Seit an biefen Slonardjen, ber ficß uni ißre Stabt bie größten
Serbienfte erworben ßat, erinnern unb fein Slnbenfen erßalten muffen.
16. Kapitel.
Stettin nnfer ber 'jKefliertntg ^riebritfis bes großen.
S^ji^ie Arbeit, bie flönig <^riebricß SBilßelin I. in unb mit Stettin
tuVl begonnen ßatte, fiißrte griebricßH. fort, gewiß im ('Seifte
feines SßaterS, aber bod) and) mit weiteren fielen unb anberen
Sätteln. Vluf bem ©ebiete ber inneren Stabtverwaltung änberte er
wenig an ben Gtnridjtungen, ja vielleicht 3» wenig, fo baß ßier ein
Stillftanb eintrat, weil ben neuen Slnfdjauungen unb üluffaffungen
feine Stecßnung getragen wurbe Dagegen entwidelte er fiir $anbel
unb 3fnbuftrie Die Grfolg verßeißenben Slnfäitge, bie fjriebricß äßilßelni
gemadjt ßatte, weiter unb füßrte Stettin ^u einer verhältnismäßig
großen SSIüte empor. Gs ift entfdjieben ein ßoßeS Serbienft griebrießs
beS Großen, wenn er baS mirtfd)aftlicße ßeben ißreußenS nad) ben
©ruiibfäßen beS SlerfantilismitS regelte unb bis ins eingelne auS
bilbete. 2öaS in anberen europäifd)en Staaten längft gefdjeßen war,
baS feßte er in feinem ßanbe burdj: Scßuß be§ ßeimifdjen ©ewcrbeS
gegen ba§ VluSlanb, Hemmung ober Serbot ber Ginfubr frember
(Vnbuftneerjeugniffe, (Jörberuug ber §luSfußr inlänbtfdjer gabrifate,
llnterfagimg bes GjporteS ber ßeimifeßen JRoßftoffe. Die Sdjärfen unb
übertriebenen Sfoiifequenjen biefeS SijftemS tarnen erft fpäter jum
ülitSbrude, junäajft wirfte bie gefamte 4Öirtfd)aftSpolitit beS Königs
fegenSreid) unb trug aud) ba^u bei, baß Stettin gaitj eine preußifdjv
Stabt wurbe. Die anfänglid) nod) in einigen Greifen ßerrfdjenbe
Hinneigung 3)1 Sdjweben fdpoanb, unb bei ben fpäteren friegerifdjen
Wrwirfelungen mit Sdjweben geigte fidj feine Spur meßt bavou.
X. (Stettin um 1740 (3?. S. SSerner).
Bürftlidje Sefudjt in Stettin. 371
„Sim 2. $uni 1740 um 3 Uljr nachmittags ift an baS ©ouuer*
nement bie betrübte Sladjridjt mit einer Stafette eingelaufen, roeldjet
©eftalt beS Königs in Preußen, unferS allergttäbigften Königs unb
£errn SRa jeftät ben 31. SRai in ißotsbam beS TobeS verblichen", fo
ift in einem Tagebudje verzeichnet; „beu 29. Boni ift allfjie in allen
Kirdjen eine ßeidjenprebigt gehalten roorben, bie ^Regierung ift in bie
Sdjlofjfirdje, bie Sürgerfchaft in bie Batobitirdje mit ißrogeffiou ge
gangen." Sie £mlbigung für ben König griebridj II fanb in Stettin
am 2 Sluguft ftatt; ber SDberpräfibent oon ©rumbforo nahm ben ©ib
ber fRitterfdjaft, berC^Jeiftlidjfeit unb ber SRagiftratStollegien SorpommernS
in ber SRarientirdje, ben ber Siirgerfdjaft unb ber Sauern auf bem
Sdjloßbofe entgegen, ©ine förmlidje Seftätigung bet ftäbtifdjen ißrtoi
legien erfolgte nidjt meljr, burdj ein allgemeines Satent ertannte ber
König bie bisherigen Siechte uub ^reiljciten aller feiner Stäbte an unb
Jagte iljnen feinen laubeSIjerrlidjen Sdjutj 31t.
Bum erften Tlale fam ber König im Quli 1743 nach Stettin,
um eine ffteoue über bie pommerfchen ^Regimenter abjuljalten. Bit
bemfelben ßroecfe erfcfjien er in ben Bohren 1747 bis 1753 faft alb
jährlich bort, fpäter aber berührte er bie Stabt nur nodj feljr feiten
unb ließ feit 1764 bie regelmäßigen Sefidjtigungen bes SJiilitärS faft
ftets (mit SluSnahme oon 1769) bei Stargarb ftattfinben. Bm griebenS
fahre 1763 fam bie 9lad)rid)t nadj Stettin, ber König roerbe bort
eintreffen. ©S entftanb große Slufregung, unb man beriet Ijin unb
her, roie man ihn empfangen follte. Ter ©ouverneur, ^jerjog Sluguft
Söilhelm uon Srauufchmeig=Seuern, riet eiitfdjieben oon bem geplanten
Slufjuge ber Sürgerfompagiiien ab, ba „biefer boch nur in llnorbnung
uor fich geht'« mödjte". ©he man fich »odj geeinigt Ijotte, traf bie
Slachridjl ein, ber König roerbe nicht über Stettin reifen. Slljnlich war
eS ben Sürgern fchon im B11'1 1762 ergangen, als baS ©eriidjt fidj
verbreitete, ber ruffifefje Kaifer Seter III., ber foeben mit ißreußen
Brieben gefchloffen tjatte, roerbe Stettin befudjen. Sian riiftete bereits
gum feftlidjen ©mpfange, richtete baS ßaubljauS fiir ben hohen ©aft her,
ba traf bie SHachrirfjt nou feiner ©rmorbung ein. Tie in Stettin
geborene Kaiferin Katharina beftieg ben Thron beS mächtigen Sachbar
reiches. Slud) fonft Ijotte bie Stabt in biefer Beit nur feiten fiirftlidjen
Sefuch- 91m 28. Bnli 1744 erfdjien bie Sdjroefter beS Königs, ßiiife
lllrife, bie Sraut beS fdjroebifdjen Thronfolgers, in ber Stabt unb
rourbe feftlidj empfangen, ©ine ißarabe auf ber neuen Straße am
Serliner Tor, ein BeftniaIjl im ©arten beS Dberpräfibenten von ©rumbforo,
ben bie jetjt in ben Slnlagen aufgeftellte Statue ber Blora gierte, unb
eine BHi»nination würben oeranftaltet. Tie fpottlnftige 'Jkingeffin
24*
372
tJtfhtng unb ©arnifon.
aniüfierte fid) feljr über bie fßerücten ber Herren uom SJlagiftrat unb
uon ber GJeiftlicfjfeit, fanb aber bie Stabt djarmant.
gür Stettin ift fiönig griebridj nidjt in erfter ßinie als ber grofje
JtriegeSljelb unb fiegreidje gelbtjerr uon ©ebeutung, fonbern als ber
geniale, weitblidenbe griebenSfürft, als ber görberer nationaler SBoljl
fahrt. Sie .ftriegSereigniffe haben bie Stabt nur wenig bireft berührt,
geinbe ljat fie vor iljren 'JJlauerii nicfjt gefeljert. Ser Jtönig unter»
fcfjätjte bie Sebeutung ber uon feinem ©ater gefdjaffenen geftung nidjt,
fie galt itjm vielmehr als bie letjte SufludjtSftätte für ba§ föniglidje
•£>auS, bie Sehörben unb ben Staatöfdjatj. SeSljalb wurbe auch an
ben SÖerfeu fortgebaut, unbrauchbare Siefte ber mittelalterlichen ®e=
feftigung, 3. © einen „fieben SDläntel" genannten Surm am grauentore,
befeitigte man uub naljm gortififatiouSarbeiten befonberS 1759 energifdj
in 'Jingriff, über bie Sienfte uub ßieferungen, bie man ljierfür von
ben Stettinern forberte, tarn eS wieberljolt 31t heftigen Streitigfeiten.
Sie Sürgerfchaft, bie biircfj eine ßabinetSorbre vom 20. November 1758
von foldjen ßaften befreit worben war, ertjob ©efdjrverbe, ber Sou»
verneur aber verlangte „ohne weiteres ©ontrabicieren unb Stafonieren"
bie Stellung ber geforberteu Arbeiter, fo bafj fdjliefjlid) ber 'JJlagiftrat
nachgeben muhte.
SaS Verhältnis ginifdjeu ©ürgerfdjaft unb fülilitär war in biefer
Seit überhaupt feljr gefpannt. Ser ^ergog Sluguft SBilhelm von
®raunfdjweig»®evern, ber von 1747 bis 1781 ©ouverueur ber geftung
war, lag in beftänbigem Kampfe mit bem SJlagiftrate, um bie ifjm
guftehenbe ßieferung uon <jolj auS ben Stabtforften gu erreidjeu.
Siefer proteftierte immer wieber gegen bie ßeiftung, wurbe aber mit
feinen Sefdjwcrben regelmäfjig abgewiefen. Sind) atibere Jt'onflifte
tarnen vor, fo bah bei ©ouverneur 1754 fdjrieb: ,,©S ift in allen
föniglidjen Stabten, ja wohl gar überall fein gröberer -f>afe unb
infamere ©raftifen wiber ba§ föniglidje 'JJlilitär gu finben als hier-“
Srotjbem war bie fflevölferuiig gut preufjifdj gefirmt. Sie Siegel
taten beS JTönigS, von benen bie Stettinifdje Seitung regefntäfjig
ausführlich berichtete, verfolgte mau auch h*er mit Qröfjtem gutereffe,
jubelte über feine ©rfolge, feierte bie griebenSfdjlüffe. Sie ©rofefforeii
uub ©ijmnafiaften verherrlichten in ©ebidjten unb Sieben bie Säten
beS Sl'önigS, bte ©ärger fdjmüdten fidj, wenn eine SiegeSnadjricht
eintraf, mit ben ©ivatbänbern, bie auS Slnlafj foldjer freubigen ffireig
iiiffe Ijergeftellt würben. SBie uiele Stettiner in ben Kriegen mit
getämpft unb für ben Slönig uub baS ©aterlanb gefallen finb, ift
nicht angugeben. ©ewifj aber haben auch fie mit beigetragen gu ber
fjoljen Sldjtung, bie griebridj von ben ©ommern gewann. „Sie hoben
Ärießcrifät (Jreiflniffe.
373
mir jeberzeit", ertlärte er 1780, „in Bertetbiguug beS BaterlanbeS
forooßl im gelbe als 311 £>aufe mit (Gut unb V3lut beigeftatiben".
Die erfte birette Berüßrutig mit triegcrifcßcn (Sreiguiffen erßielt
bie Bevölfernng, als 1744 etroa 1000 öfterreidjifcße (Befangene in
Stettin eintrafen nnb eine 3eitfang *m gort Preußen untergebracßt
rourben. ©riiftlid) näßerte ficß ber Krieg inbeffen ber Stabt erft 1757,
al§ and) bie Sdjroeben ben Kampf gegen ißrenfjen begannen, gür
bie Koften ber Berteibigung ißotninernS naßm bie IRegiernng bei ben
Stäbten eine zinsbare ^Inleitje auf; fjiergit zeicßneten 17 e£imierte
Kaufleute Stettins eine Summe von 0700 Malern. Sin ißr roaren
ber Kommerzienrat Bartßolb mit 1000, ber ^jofrat Klippel, ber
KriegSrat Banfeloro mit je 800, ber (Bel). Kommerzienrat Otto,
Kaufmann Olfen nnb Kommerzienrat Simon mit je 500 Salem be=
tciligt. Die Sdjroeben befeßten bamals Ufebom unb SBollin, fperrten
bie 'geeite, Swine unb Divenoiv unb ftreiften von ßöcfnitj auS bis
bidjt an Stettin. (General von SQanteuffel, ber bie geringen preußifdjen
Streitmäcßte tommanbierte, forgte bafür, baß bie geftungSroerte in
Stanb gefeßt rourben. gut Slovember unb Dezember traf (General
von ßeßroalbt mit einem größeren £)eere bei Stettin ein unb z^ang
bie Sdjroeben zum Stüdzuge. Sine Slnregung beS Königs, Stettiner
unb Stolberger Kaufleute füllten Kaper gegen bie Sdjroeben auSlegen,
fiel auf ungünftigen Bobett, niemanb wollte ficß barauf einlaffen.
Sind) im nädjften galjre traf man allerlei Borbereitungen für ben
galt eines Eingriffes unb rießtete fid) auf eine Belagerung ein, boeß
eS gelang, bie feßroebifeßen Sruppen fern zu ßalten. Sa näßten bie
Buffen. EllS fie vor Scßroebt lagen, entftanb in Stettin große Be=
forgniS, fie z°0pn at)Cr ‘*bpr Vßrife unb Stargarb nacß ^interpommern.
Stößer tarn ber KriegSldrm im gaßre 1759; nießt nur rourbe bie 8aßl
ber (Gefangenen unb Berrounbeten immer größer, fo baß faft alle
Kircßen zu ißrer Unterbringung benußt rourben, aueß zaßlreicße glüeßt*
linge auS Küftriu fanben ficß in ber Stabt ein. Dabei maeßten bie
Scßroeben roieber ßier unb ba Streifzüge bis vor bie Sore ber geftung,
unb bie (Garnifon mußte mancßerlei (Gefecßte liefern. (Groß rourbe im
Sluguft bie BeforgniS vor einer (Sinfcßließung bureß bie Buffen; ber
(Gouverneur ließ ben Beftanb an CebenSmitteln aufneßmen, forberte
bie taglidje Stellung von 100 Sllann zur SBacße unb bereitete alles
Zit einer Berteibigtmg vor. Dodj roieber blieben bie geinbe aus.
Sluf bent £)aff fam bie Heine preußifdje glotte, bie in Stettin auS»
gerüftet roorben roar, am 10. September mit bem feßroebifdjen (Gefcßroaber
in ein (Gefecßt, baS für jene unglüdlicß ausfiel; aeßt preitßifcße Scßiffe
gingen verloren, unter ben gefangenen Seeleuten befanben ficß aueß
374
Staatfibeb&rben in Stettin.
manche Stettiner. 'Sie Schweben fuhren bis in ben Damtnfdjen See
unb fperrten burch ©erfentung non Steinfäften ben Dungig. Dagegen
fidjerte man ben Stettiner §afen baburd), bafe man bei ber llnterroief
einen zweiten Saum über bie Cber legte unb pfätjle einrammte.
Der SchiffSoertcfer erlitt natiirlid) arge Störung, aud) mürbe, roie bie
Kaufleute roieberfeolt tlagten, bie Korrefponbeng gefeinbert, ©riefe non
Jamburg ober ßübed rourben oon ben Sdjroeben aufgefangen. 3m
3afjre 1760 fanben oiele Kämpfe bei Paferoalt unb 'Prenzlau ftatt,
bod) ©ellingS unb SPernerS tapfere Druppen roarfen bie Sdjroeben
gurüd. Dafür riidten im Cttober Kofafen oon Warfe auS bis oor
Stettin unb überfielen bei Kolbifeoro einen preufeifdjen ©orpoften
Die pommerfdje Flottille lag in biefem unb bem folgenben Qafere
bei Biegenort, oljne fich in einen Kampf eingulaffen. Qm Cttober 1761
rourben aber 30 mit 'Waren belabene, nad) Stettin beftimmte Schiffe
oon ben Sdjroeben fortgenommen. Das 3ahr 1762 brachte ben grieben
mit Sdjroeben, ber am 22. Wai abgefd)Ioffen rourbe.
Der Krieg rief naturgemäfe oiel Unruhe in ber Stabt feeroor. Die
Slusljebung unb bie Unterhaltung ber ßanbmilig, um bereit Crganb
fation fid) ber ^ergog oon ©eoern befonbere ©erbienfte erroarb, legten
audj bet ftäbtifdjen ©eoölferung fdjroere flaften auf. ®S oerbient 9ln
erteunung, bafe fie meift gebulbig getragen rourben, obrooljl $anbel
unb ©erteljr gum gröfeteu Seil ftodten unb eS überall an Welcgenfeeit
gum ©erbienft fehlte.
griebridj liefe bie Crganifation ber StaatSoerroaltung im gangen
fo beftehen, roie fein ©ater fie gefdjaffen ljatte, unb fjielt fehr ftreng
auf treue Pflichterfüllung. ?ln ber Spifee ber Stettiner KriegS= unb
Domänen=Kammer ftanb oon 1742 bis 1763 ber Präfibent o. Slfdjer«
leben, ber fich ber ^ttfriebenljeit feines ftrengen WebieterS erfreute;
and) bie Dezernenten für Stettin, bie commissarii loci, mie ®d,
Dfdjirner, Sdjäring, Papprife, Bimmermann, roaren o ortrefflidje ©eamte.
Wit Stettiner 'Jlngelegenheiten ljatten oiel gu tun befonbers bie
KriegSräte K. g. $ille, D. g. HEjI unb 3. 3. ©aufeloro. Die fRe-
gierung in Stettin, bie oornel)mlid) eine guftigbeljörbe roar, erhielt
1747 eine neue Weftalt infolge ber grofeen llnterfuchung bcS pommer
fchcn WeridjtSroefens, baS in biefem $ahre Samuel o. Socceji oor
nahm. Damals rourbe ber unglaubliche Sdjlenbrian in ber güljrung
ber Progeffe mit einem Sd)lage befeitigt; oon 2500 ©edjtSfadjen, bie
am Wnbe 1746 in Stettin unb KöSlin fdjroebten, waren im Sluguft
beS folgenben QaljreS in Stettin nur noch 40 im Wange.
©on ©ebeutung für bie Stabt roar bie (Siiiridjtung eines Ko mmerg«
Kollegiums in Stettin, bie 1747 oon ber Kammer angeregt unb
®aS Äommrej-Äoneßtum in Stettin.
375
bann in Berlin beiuillipt rourbe. ®S feilte anftelle ber auf bem
Seglerljaufe ftpttfinbenben Kaufmannfdjafts-SBerfammlung, bie nidjtS
recfjt leiftete, „bie in commercio oortommenben Sadjen" traftieren.
SaS neue Kollegium rourbe gufammengefefet aus ben Kriegs* unb
Somänenräten Ufjl, Sanfeloro, SJranbeS, Üfdjirner, ben Kaufleuten
Sdjerenberg, Krefefdpnei unb Simon, unb auS ie groei Übertretern beS
SülagiftratS ((Sljrift. ®ottl. Sülafdje unb Gljriftoplj <£>einridj Köhler),
ber Kaufmannfdjaft unb ber Sdjifferfompagnie. Unter beni iBorfifee
bcS KammerbirettorS o. Sdjlabrenhorf fanb am 28. Sluguft 1748
bie erfte Sitjung ftatt, bie förmlidje Giufüljrung beS neuen Kollegiums
oergögerte fid) inbeffen unb erfolgte erft am 10. ©egember 1750.
©iefe S3el)örbe tjat, roie bie üßrototolle geigen, 1751 fleifeig gearbeitet,
bann aber feörte iljre Sätigfeit meljr unb meljr auf. gm Segeniber
1754 regten bie Kaufleute Sdjerenberg, gfaal Salingrc unb
SS. Sdiröber beim üßräfibenten o. SIfdjerleben eine 9leubelebung beS
Kollegiums an. Slufänglid) leljnte baS ©eneralbireltorium biefen
Antrag, ben ber üßräfibent feljr befürwortete, ab, ba „baS Cber*
Commercium gu Stettin nod) tiicfjt genug arrangiert, nod) auf folgern
gufee fei, bafe eS beStjalb allba bereits eines Kommergtollegii bebürfe“.
?lfdjerleben trug inbeffen ben üßlau bem Könige perfönlid) oor unb
erreidjte, oafe biefer bie Ginridjtung befaljl. Sofort rourbe eine gn=
ftruttion fiir baS Komnierg=Kollegium in Stettin auSgearbeitet unb am
29. ganuar 1755 oom Könige unterfdjrieben. Seine Hauptaufgabe
roar „üßerbefferuug unb gacilitierung beS DberljanbelS, ber gabriten
unb SRanufatturen unb Seförberung beS auswärtigen SebitS gebauter
SRanufafturen“. ®aS Kollegium, fiir baS bie Stettiner Kaufleute
jäbrlidj 200 Saler aus ben Hafengelbern galjlten, rourbe am 6. üDiärg
1755 eingefiiljrt. ®S beftanb auS bem üßräfibenten o. Slfdjerleben,
ben Kriegs* unb Somänenräten SBanfeloro, Sfdjirner, H^le unb ben
Kommergienräten SSartljolb, Sdjröber, Salingre, Slrfeberger unb
Sdjäring. gljm audj bie SRedjtfpredjung in HanbelSfadjen gu ge
roinnen, gelang nidjt, aber eS roar in tjeroorragenber Jffletfe für bie
Gntroideiung beS HanbelS tätig unb erwarb fid) grofee üßerbienfte.
Sie görberung bes H a n b e l S fafe König griebrid) oom
SJegimt feiner ^Regierung an als eine feiner roidjtigften Aufgaben an,
bestjalb glieberte er bem ©eneralbirettorium alSbalb bas felbftänbige
fünfte Sepurteiuent für gabrifen, Kommergien unb flRanufafturen an.
SBie rotdjtig iljni infonberl)eit bie Hebung bes Stettiner HanbelS
war, geigt feine befonbere HerDütfeebung in ber neuen Sienftorbnung,
bie bas Ofeneralbirettoriinn 1748 erhielt; eS Ijeifet bort: „QnSbefoiibere
foll baS ©cneralbireftorium barauf arbeiten, bafe ber HaHbel, fooiel
376
Ter Qanbel.
eS immer möglid) gu mnctjen, über Stettin gezogen werben möge;
baneben füllen iitfonberljeit biejenigcn Staufleute, roeldje bereits en gros
ljanbeln ober foldjen .fpaubel anfangen, auf alle nur erfintilid)e SßJeife
protegiert unb iljiien alle £jülfe geleiftet roerben." Qn feinem politi«
fdjon Teftamente uon 1752 befdjäftigt er fidj wieberljolt mit ber
Aufgabe de favoriser ou faciliter le connnerce de Stettin.
Sin ißlänen unb fßrojetten fehlte eS nidjt. 3Jlan falj in Stettin
felbft ein, roie bie Stabt fid) in ben Qaljren iljrer Bugeljörigfeit junt
preufjifdjen Staate bereits gcljoben [jatte, aber man oerljeljlte fidj
audj nidjt, roaS nod) fetjlte. Bfu einer Tenffdjrift oom 5. Sluguft 1740
fegte bie Stettiner Staufmannfdjaft gati3 oerftänbig auSeinauber, wo
burdj bie Stabt gegiubert werbe, bie SJorteile, bie aus iljrer Sage
erwiid)fen, ooll auSjjunitgeii; al§ foldje ^inberuiffe bezeichnete man
bie fd)Iedjte Serbinbnng burd) bie ^ßeene, ben Suiib^oli, bie Slbfper^
rung oon fßolen, bie Stapelredjte an ber Cber, bie Stabt3iilage, bie
ljoljen Bolle in Sdjroebt u. a. m. Sßon ben SQitteln, burd) bie man
foldje $inberniffe befeitigeu 311 fönnen meinte, mögen gier nur ber
SluSbau ber Swine uub bie Slerbefferung beS SdjiffbaueS erwähnt
roerben. ffliigrenb bie Serfaffer bet Tenffdjrift offen erflärteu, bafj
ber £>anbel in turjer Beit „floriffant ju madjen fei, roenn ber Stabt
grmitfurt foroogl als Stettin freiftege, iljre SÖaren auS ber See 31t
fommanbieren unb ben Cberftrom hinauf 3U transportieren", ljob
ber 9tat uadjbrüdlidjft gervor, „bie fftieberlagSgerecgtigfeit fei baS
befte Slleinob biefer Stabt“. Tiefer (gegenfag ber Slnftgauungen über
baS, waS ber Stabt Ijeilfam unb nüglid) fei, 30g fidj burd) alle ®et
ganblungett, ja eS fam, als oon ber SlriegS' unb Tontaitenfammer
fragen über bie SJlöglidjteit, bie frühere Sllüte beS Stettiner ^janbelS
roieberljer^uftellen, aufgeroorfeu rourben, ju einem ernftlidjen Streite
3roifdjen ben Parteien. Tie Stammet felbft jäljlte bie Stapelgerecgtig*
feit 311 ben öauptfcgäben beS Stettiner ^jjanbelS. Tiefer ^Infidjt roar
and) ber .Qöuig felbft, roie 1751 ber ®eg. ginanjrat gaefdj offen
mitteilte, als er mit Sertreteru beS IRateS unb ber Staufmannfrfjaft
eine ßonferenj „über einige bie Slufrecgtergaltuug unb Serbeffetung
beS commercii betreffenbe fünfte" abgielt „S. 9Jiaj. ift willens baS
commercium in Stettin in beffereit §lor unb Slufnagme 31t fegen,
fo felbiges uou ber Glbe über Jamburg ab unb über Stettin 31t
3icljcn." Ta3it roar bie Sluftjebung beS StapelredjtS notroenbig, unb
trog beS ^ßrotefteS ber Stettiner rourbe burdj SBerorbnung oom
22. Januar 1752 ber freie £janbel auf ber £ber Ijergeftellt, ber
ytegef? oon 1733 aufgeljoben uub allen preufiifdjen ^airbelSftäbten
bie ungefjinberte 3öaren=2IuS unb ßinfutjr unb ißorbeifaljrt
$>anbel8freit>tit.
377
Zugeftanben. Slllein für Üeinfamen blieb ber .ßroang ber Slieberlage
beftehen. Klagten unb jammerten aud) manche Kaufleute, befonbers bie
int State fafeen, iljre Stabt fei um iljre „roagre Slüdfeligteit" gebracht,
fo gemanu bod) ber Oiebanfe oon ber greiljeit beS ^janbclS allmät)lid)
immer meljr Sluljänger. Bereits 1764 bei ber grofeen Konferenz, bie
in Berlin mit Vertretern bet Kaufmannfdjaft auS ^»irfdjberg, BreSlau,
Kolberg, Stettin, SJlagbeburg, ^jalberftabt unb Berlin gehalten rourbe,
roar oon ber alten Slieberlage tauni nodj bie Siebe. die Stettiner
deputierten (Senator lllrid), Kommerzienrat Slrtjberger, dielebein,
Sanne, griefener, Selnoro) ljobeu Dielnietjr ben Singen beS biretten
^anbelS uub ben Schaben jeber Befdjroerung nadjbriicflidj Ijeroor.
damit entfprachen fie allerbüigS nidjt meljr ben Ißlänen be§ Königs,
bet bamals in SJlonopoleit uub ber ©rünbung prioilegierter §anbelS=
gefellfd)aften ein wichtiges SJlittel gur Hebung beS ^anbelS falj. Sei
ber Slitbienz, roeldje bie Vertreter am 22. dezember beim Könige
hatten, fpradj fid) biefer beSljalb fehr ungnäbig über ben Söiberftanb
auS, beu man feinen Intentionen entgegenbringe uub nannte bie
Kaufleute „einfältig unb fdjläfrig". ES ift merfroürbig, bafe gerabe
bie Stettiner, bie fo bartnäefig auf Erhaltung ihres SlieberlageprioilegS
brangen, jetjt bie eifrigften Berteibiger bcS greiljanbelS roaren. Qhnett
erfdjienen alle SJlonopole, bie übrigens aud) griebridj ber (SSrofee nur
als notroenbige Übel, als Übergangsformen beS ooltsroirtfdjaftlidjen
Betriebes anfah, gerubelt als ^inberuiffe beS £>anbeIS. „die greifeeit,
fo ertlärte bie Kaufmannfdjaft 1770, ift bie Seele beS £anbelS, baS
(Gegenteil aber, bie Einfdjräntung biefer ober jener bereits ejeolierten
Braudjc oon $anblnng auf geroiffe gubioibua ober bie Kompagnie*
hanbhnigeu finb fo überhaupt bem fßiiblitum als befonbers bem
Kommerzroefen im ganzen betrachtet tjödjft nadjteilig." deshalb
roiberftrebten bie Stettiner fortgefegt ber ©rüubung oon prioilegierten
^anbelSgefellfdjafteit. Sie erllärten fich 9c0en bie 1765 geplante
^rolzhanblungSfompngnie, unb bei ber 1770 errichteten ffielrcibeljanb*
lungSfompagnie auf bet £ber rourbe auSbrüdlid) Ijeroorgehoben, bafe
gier nidjt ein monopoliurn, fonbern ganz frei« $anbel beabfidjtigt
fei. drogbem fanb bie Wrünbung roenig Entlang in Stettin, unb
bie Unterbringung ber 'Jlftieu madjte oiele SJlüge. Einige gaferc
fpäter lehnten bie Stettiner eine Beteiligung au einer äfjnlidjen in
Sd)lefieu errichteten ISefellfcgaft bireft ab. Sonft fafeen fie ben Singen
gemeinfamer Slrbeit ober Sufammenfaffung ber einzelnen sträfte roofel
ganz 9ut e*u, wenn aud) ber Eemeinfinn noch wenig entroidelt roar.
der Errichtung einer Börfe, roie fie 1754 angeregt rourbe, ftanb man
uidjt abgeneigt gegenüber; bie SluSfüferung unterblieb aber oorläufig,
378
Ser ©anbei.
ba e§ an einem Rlafee mangelte. Gin Ranftomptoir rourbe unter ber
Sireftion be§ Kriegs» unb SomänenratS lUridj nadj langen Rerljanb»
hingen enblidj 1708 erridjtet. ^Seifiger gliidte eS, bie Kaufleute 311
ber 1768 in Rerlin gegrünbeten Slffehtranggefellfdjaft Ijerangugiefjen,
nadjbem man bereits 1753 ben SHerfudj gemadjt ljatte, eine foldje in
(Stettin gu bilben. (£§ ift nidit gu leugnen, bafe bie Stettiner fid)
in uielen Regierungen eigenroillig unb furgfidjtig geigten; bie guten
9lbfidjten ber Regierung uerfannten fie oft. Ter König uerlangte
burdjauS bie Unterorbnung bet perfonlidjen Qntereffen unter bie bet
Slllgemeinljeit, unb gu einer foldjen Sluffaffung uermodjte fid) bie
Kaufmannfdjaft, ebenfo roenig roie bie fonftige Revölferung aufgu
fdjroingen. Grft allnuifjlidj mufeten fie baS lernen
Gin nidjt gu unterfdjätjenbeS SRittel, ßeljren auS bet fort»
fdjreitenben Gutroidelung gu gieljen unb gu uerbreiten, roar bem
Könige bie Statiftil. ®r füljrte gang regelmäfeige Reridjte unb
Tabellen über alle möglichen Vorgänge auf bem Gebiete be§ ©anbelS
ein. (Seit 1750 liegen uor jäfjrlidje „Spegifitationen, roie uiel an
allertjanb SSaren unb Gütern über Stettin gu Söaffer nerfdjidt roorben",
bie uon 1754 an gebrudt fidj gu oollftänbigen Ginfuljr» unb 9htS=
fuljrliften entroidelten. Saneben gab man Rergeidjniffe über beu
SdjiffSoerfeljr unb bie Getreibepreife feerauS, forberte vorn Rat jäljrlidje
SSeridjte über ben ©anbelSoerteljr ufro. Saljet liegt für ba§ 18. ^al)r=
ljunbert ein feljr umfmigreidjeS XRaterial für eine Gefdjidjte beS
Stettiner ©anbelS uor, baS erft gum lleinften Seile auSgenufet roorben
ift. Sie galjlen beroeifen, roie ber SBert ber feeroartS ein» uub airS»
geführten Söaren giemlid) regehnäfeig roudjS, bie Ginfuljr aber bie
VluSfuljr ftetS um ein beträcfjtlicfjeS überftieg.
Sßeniger ftatiftifdje Eingaben liegen uor für ben £5lufjl)anbel.
Gr mufete eigentlidj neu begrünbet unb ber Cber erft roieber Reben
tung für ben Rerteljr gewonnen roerben. Sdjon 1742 rourbe bent
Generalbireftnrium bie grage uorgelegt, ob nidjt „eine iittereffante
©anblung uub Kommunifation groifdjen Stettin uub ben htrmärti»
frfjen unb magbeburgifdjen Stäbten gu etablieren fei". Siefein groede
bienten bie Einlage beS Rlauefdjen Kanals groifdjen Glbe unb £)aoel
nnb befonbetS bie Söieberljerftellung beS oerfallenen ginorotanalS,
ber 174(> fertig rourbe. Rlit grenbe fdjrieb ber König am 12. Sep»
tember 1749 an ben fßräfibenten oon 9lfdjerleben: „Safe bie Sdjiff»
faljrt oon ben SRagbeburgern, Sdjlefiern unb Rerliiiern fidj meljr als
uorljin über Stettin gieljt, tjabe idj mit Rergnügen vernommen unb
groeifle nidjt, bafe ber gute Grfolg baoon fidj nodj weit ftärfer feljen
laffen roerbe, wenn nur ben Kommergianten barunter, fo oiel roie
Ser $anbel.
379
möglid), bie $anb geboten roirb, um ihnen ben ^anbel in Stettin
mehr unb mehr angenehm gu machen." Ein SRittel bagu roar bie
auf Seranlaffung beS Steuerrats Banfeloro 1752 erfolgte ^erabfeijung
ber ©bergölle unb ihre ©leichfteCung mit ben Elbgölleii. Sehr balb
nahm bie SRenge ber nach Berlin, SRagbeburg, Sd)lefien oon Stettin
veqanbten SSaren nicht unbeträd)tlid) gu. Sic Slnlage beS SP’-om
berger Hanois (1773—74) gab Stettin einen Seil beS Sangiger
^anbelS.
SSereitS burd) bie geteilte oom 22. September 1744, oom
3. Januar unb 20. fLRärg 1750 roar ber 'Berfud) gemacht roorben,
ben SBertehr mit ißolen gu beleben; er fam aber trotj aller Erleidite
rungen nidjt recht in ®ang, befonberS baS polnifdje ©etreibe, baS
gur Ausfuhr gugelaffen rourbe, blieb auS. Sonft befolgte Honig
griebrid) in feiner SetreibehanbelSpolitif biefelben Srunbfäfje roie
fein Bater, ja bas agrarifdje Schuijgollftjftem rourbe oon ihm nod)
weiter ausgebaut unb bie 'JRagaginieritng von ©etreibe, bie JJriebrid)
SBilhelin begonnen, in ber großartigften Steife ausgeftaltet. ^n ben
SRagaginen füllte „fiir bie Sinnen unb baS 2anb foviel 'Borrat jeber=
geit vorhaiiben fein, baß biefelben iys ^aljre bamit verfinget roerben
rönnen", ©ernt biefe SRagagine füllten nidjt nur für ben Unterhalt
ber Solbaten bienen, fonbern eine ungerechte ©etreibefpeliilation ver=
hinbern unb im Qntereffe ber ©efamtbeit bie 'greife regeln. Ser
Stettiner $anbel hatte faft nur mit pommerfd)em Rnrn gu tun, ba
bie Einfuhr auS ißolen unb ’IRectlenburg gum inlänbifchen Honfum
faft regelmäßig verboten unb nur in einigen SiuerungSjahren erlaubt
roar. Ser Surd)gangSverteIjr roar nie bebeutenb.
Einen ^auptgroeig beS Stettiner ©efdjäfteS bilbete feit langer
Seit ber^olghanbel; auch h*Et traten manche £jinberniffe ein, befonberS
im Berfebr mit Englanb, unb bie ^Regierung roar nicht imftanbe,
biefe gu befeitigeu. Sagu famen allerlei Streitigteiten mit bem
JRagiftrate wegen beS fRatSholghofeS auf bem SRöllen unb beS SBracf»
unb Stättegelbes. Sie größte Beunruhigung aber trat ein, als ber
Honig 1765 bie Errichtung einer .^olghanblttngSfompagnie in 9luSfid)t
nahm unb fofort betrieb. SRan fanbte Sevutierte (Sanne unb Selnoro)
nach ®«lin, bie aud) DaS Berfpredjen erhielten, „bie Stettiner füllten
in bem ^olgh«nbel, welchen fie bisher gehabt, ferner ungeftört beiaffen
roerben". So tonnte fich biefer Sweig beS Stettiner $anbeIS ruhig
entroideln, unb baSfelbe gilt auch für anbere bebeutfame ©egenftänbe,
roie SBein, geringe u. a. m. Ser SranSport von frangöfifdjem Söein
nach ^Berlin ober nach ©«h^Hfn It)Or in manchen Sfaljren fehr
bebeutenb; um nur einige Süßten anguqeben, es famen 1765
380
Der Seeljanbel.
nad, Stettin «jur See meljr als 31000 Cjfjoft grangwein, nad)
Berlin würben bauen . über 10000 Qrljoft gefüljrt. 9lm 2Sein=
fjanbel waren feljr niete Kaufleute beteiligt; eine fliftc uon 1794
gäßlt 34 ginnen auf, uon benen genannt fein mögen: 3t. ©. ©ribel,
SBitwe Sonnemann, Satingre, Dilebein unb ©omp., Sanfelow unb
©omp., ®. G. Seltfjufen, S. ®. Sßädjter, g. g. SJießlow jun. Der
.fjanbel mit grantreidj war infolgebeffen nidjt unbebeiitenb; uon
Stettin ging bortfjin ^olg in ben uerfdjiebenften gönnen. ©ering
war ber birefte Serteljr mit Spanien, ißortugal unb Italien, ba,
wie 1764 nadjbrürflidj tjeruorgeljoben wirb, ben preußifdjen Schiffen
auf bem mittellänbifdjen VJiccre bie nötige Sidjerljeit uor ben „Sltgierern"
feljlte. *3)er auS Sorwcgeu ftammeube Kaufmann Elfen in Stettin
erhielt 1756 ba§ Serfpredjen, baß, wenn eins feiner Sdjiffe genommen
unb bie 9J?annfrf)aft in bie ©ewalt ber Seeräuber getommen wäre,
für iljre SluSlöfung an ben fiirdjentüreit gefamnielt werben follte.
Der engtifdje Serteljr war and) nidjt bebeutenb, bie ©infuljr uon
Stcintoljten giemlidj gering. Dagegen würbe uon bort her in groben
Staffen Dalg (g. S 1776 über 28000 Rentner) unb Dabat (1788 mehr
al§ 17000 Rentner) eingeführt. Der Raubet mit Dänemarf unb
Sdjweben war wenig lebhaft; ber ^eringSimport erreidjte 1784 mit
33 000 Donnen feine größte $ölje, eS ift aber nidjt erfidjtlidj, woljer
bie SBare tjcntptfädjlicf) tarn. Slaterial unb ©ewürgwaren würben
nornehmlid) aus ^ollanb eingeführt; bie Bahlen beS Kaffee-gmportS
ftiegen faft regelmäßig bis gu ber enormen ^öße uon 29 194 Beutnern
im gaßre 1785. Der Serteljr mit Sußlanb würbe 1764 als tjödjft
bebeutenb bargeftellt, £>anf, Dalg, ßeber würben in Stenge importiert,
©in Setfudj, birefte Schiebungen gurßeuante angutnüpfen, erfolgte 1765,
nadjbcm ein Qaljr uorher ein Sdjiff aus Snnjrna in Stettin eingetroffen
war. 2Jlan begrünbete bie ßeuantifdje .fjanbhmgstompagnie als eine
Slttiengefellfdjaft, bie baS 3Jtonopol für Saumwolle, Sübfrüdjte uub
anbere ßeuanteprobutte erhielt. ®s tarnen jebodj nur 4 Schiffe auS
Smijrna ober Saloniti uadj Stettin, bann brach bie Kompagnie gu=
fammen, itjre Söarenuorräte würben uon ber Saut übernommen, ©in
gweiter Serfudj, ben 1787 bie SeehanblungSgefellfdjaft mit biretter
©infußr oon Saumwolle nadj Stettin madjte, hatte leinen befferen
©rfolg; je ein Sdjiff traf in ben beiben nädjften galjren ein, bann
hörte man nichts mehr baoon.
SllleS bieS geigt beutlidj, baß ber gefamte Raubet Stettins troß
ber mancherlei Schläge, bie er namentlidj in ben Kriegsgeiten erlitt,
auffteigenbe Denbeng ljatte, allerbingS langfam, ba uiele Sdjwierig=
leiten gu überwinben waren. Der Sßert ber feewärtS ausgegangenen
SBaff erbauten.
381
Wüter belief fid) 1768 auf 922 419 Daler, 1790 auf 190612t» Saler
unb ber SBert ber eingegangenen Sßaren 1768 auf 1 7156395s Daler,
1790 auf 3 983 130 Daler. Diefe Zunahme rourbe bauptfächlid)
ermöglicEjt burdj bie großen SBafferbauten, bie ftonig griebridj an
ber Swine vorncbwett liefe. Sdjon lauge roar eS ber Sßunfdj ber
Stettiner, einen befferen unb tüxgeren 'I?eq in bie Cftfee gu erhalten;
bie galjrt burd) bie 'ßectte, fo roirb 1740 genagt, tann bei tonträrem
Xßinbe 14 Stunben bauern unb erforbert in bem fdjroebifdjen SSoIgaft
erljeblidjeit Slufenthalt unb Soften. Sdjon griebrich SBilljelm I batte
ba§ Slert ber Swine^fRegnlienmg beabfidjtigt, aber erft fein fRadj
folger liefe cs fofort nad) bem ^Regierungsantritt in Singriff nehmen,
gm griüjjaljr 1747 roar bie Swine foroeit fdjiffbar, baß ber See=
oertebr Stettins fid) gum größten Unwillen SdjroebenS oon ber 'ßeene
abroanbte. Der Sau rourbe nad) bem fiebenjährigen Sriege roieber
aufgenonimcit unb um 1790 fertiggeftellt. 2ln ber SRünbung entftanb
balb eine Shifieblung, bie fdjon 1764 oon 155 gamilien bewohnt
rourbe unb im folgenben gatjre Stabtredjt erhielt. Sroinemünbe
rourbe ber Sortjafen Stettins unb h°& (ich langfam bei roadjfenbem
SdjiffSoertcbr. Die ScfjiffSberoegung in beiben Reifen nahm in ben
erften fahren gu, ging aber, alS ber eiiglifdj fran^öfifdje Seetrieg
begann uub fpäter and) Siuffen unb Sdjroeben ben $afen geitweife
blodierten, roieber gurüd, um bann oon neuem gu fteigen. greilid)
blieben bie Sdjroantungen immer nod) reefet groß.
gür bie glußfdjiffahrt rourbe 1760 ein neues ^Reglement erlaffen.
Die grasten aber ließen fid) nidjt feftlegen, fie fd)wanften ungemein
hin unb her trotj beS 1766 aufgeftellten DarifeS. Die Sd)iffer=
tompagnie erljielt 1756 eine neue ©rbnung, in ber aud) fiir bie Sius»
bilbung ber Seeleute Sorge getragen rourbe. Sin 23orfd)Iägen unb
Seratungen über bie Hebung ber Sdjiffaljrt fehlte eS nidjt, befonberS
im galjre 1769; eS gelang aber nicht fogleich Slbljülfc ber Schoben
unb .^inberniffe gu fct)affen, immerhin rourben niandje SInregungen
gu fpäterer Gntioideiung gegeben. Siu gortfdjntt ift trotj vieler
Sd)wierigteiteit gu erlernten. Die iReeberei Stettins gät)lte
1751: 79 Seefdjiffe mit 4675 ßaften,
1762; 35 „ „ 1901 „ ,
1786: 147 „ „ 17919 „ .
Dem SdjiffSverteljr bienten auch mancherlei Üinbernngen unb
Sauten int £afen. Da man über SRangel an ßöfdjplätjen tiagte,
regte baS JJommerg-S?oIlegium 1755 bie Sefeitigung ber am Sollroert
fteljenben Sieben an; baS machte aber unenblid)e Sdjroierigteiten,
unb bie Serljanblungen gogen fich gahrgehnte lang ljin. 9lodj
382
Sie Slaufmannf^aft.
1820 hatten 76 £janbelSleitte ©lanbuben, Sifdjc, Sdjragen unmittelbar
an ber ©ber. Um einem ©ebürfniffe nad) .£>eringSremifeit abjuhelfen,
begann man nadj abermaligen langen ©eratungen 1797 mit bem
©au eines neuen SellljaufeS fjinter bem Sdjladjtßaufe auf bem rechten
©berufer. ©lafferbäume, bie gur Sperrung beS .fjafenS bienten unb
für bie Sicherheit ber geftung notwenbig ivaren, würben ftatt früher
10 nur nod) 4, im Sunjig, am ©leidjholm, am Schnedentor unb
in ber ©aruitj, unterhalten Sie beiben ©ber , bie ©arnif)«, bie Boll
brürfe mußten immer wieber repariert werben; jum Seil hatte» fie
ftattlidje ©ortale unb ©orbauten. Seljr große Hüften verurfad)ten
ber Stabt bie ftänbigen ^Reparaturen unb ©auteu beS großen Stein
bammeS, für beffen Unterhalt eine Beitlang eine Abgabe von ben
©ranntweinbrennern erhoben würbe; eS mußte aber wieberljolt für
bie Uliisbefferungen, bie faft in jebem Qfafjre nötig waren, eine ftäbtifdje
Uinleiße aufgenommen werben. Senn bet Sannnjoll reichte baju
bei weitem nidjt auS, obwohl ber ©adjtertrag von 1747—1802 auf
baS Doppelte von 500 auf 1051 Saler ftieg. SRit ben fonftigen
bem £>anbel bienenben Einrichtungen, ber Stabtivage, Strähnen unb
Speichern, faß eS immer nodj feljr fümnierlid) auS, aud) bie ©erun
reinigung unb ©erfdjlammung ber ©ber erregte viel Ärgernis.
Die Staufmannfdjaft behielt iljre alte ffierfaffung jjttm Segler«
häufe mit adjt Untermännern. ©Jer wirflid) Sroßßanbel treiben
wollte, mußte fidj burd) Saßlung einer Eebüßr in bie Storporation
eintaufen. Daneben hatten bie Ston^effionarien von ber ^Regierung
eine SpejialerlaubniS junt .^anbelSgewerbe, ohne baß fie baS ©ärger«
recßt unb bie SlaufmannSverbabung gewinnen mußten. Sie hatten
aber nidjt, wie bie jur ©iirgerrecßt gefeffenen .Raufleute, Statoil
freiljeit für bic SÖaren, bie fie fiir iljre {Rechnung nadj auswärts
fanbten. Sie Staufmannfdjaft jjäßlte 1740 nur 90, 1782 bagegen
150 SRitglieber. URafler gab e§ anfangs 4, fpäter 5, für bie 1782 eine
neue ©rbnttng erlaffen würbe. 3m Qaßre 1763 erfolgte eine Uluf
ftellung ber in Stettin befinblicßen Staufleute unb gabritanteii unb
eine Einteilung in brei Stlaffen. 3» ber erften gehören bie Staufleute,
„roeldje über See unb en gros Ijanbeln, auch ein tonfiberableS ©er«
mögen befitjen", eS finb 33, von benen genannt werben mögen
Silebein, ÜRoniiemann, Salingre, Scßröber, ©lafdje, ©litte, Sanne,
©anfelow. $n bie jwcite werben bie Slaufleute unb ffabritanten,
gefeßt, „fo im SRitf eines guten ©erntögenS fteljen unb fid) in ihrem
negoce für anbern hervortun“. 81 werben aufgeführt, unter ihnen
Dellwig, Cubenborf, Erifdjow, fRaljm, ©tto, Stolle, Biteimann,
©Jiefelow, Sreift, Sdjerenberg, ©eterfen. 19 gehören 311 benen, „weldje
Tie S?aufmannfd)<ift.
383
nur mittelnicifeige unb Heine .ßanbfung treiben ober fonft in iijrett
Klanufatturen fd)led)t finb". ßeiber fefjien äljnlidje Ciften au§ fyäterer
i'lbb. 22. 3foaf iSfllinflie.
Beit; fie würben geigelt, bafe fidj bie ®erntögen§oerf)iiltniffe bei gar
wandten oon ben genannten ertjeblid) oeränbert unb gau<j neue GJe=
fdjäfte fid) tjeraufgearbeitct haben. SBon ben ©tettiner Maufleuten
384
«Stettiner Kaufleute.
biefer geit toten fid) bei ben ©erbanblitngen über bie -fjanbelSoer«
ßältniffe mehrere rüßmlidj tjeroor. g. 3- ©anfelow, ber baS Scfdjäft
feine§ SaterS gafob ©anfelow (f 1731) übernaljm, würbe Slat
ber Kriegs» unb Toutäneitfauimer unb fpäter beS Kommerg»
Kollegiums, ofjne feine Glefdjäft aufgugeben CsS ging nadj bem Uobe
feines SohiieS in ben ©efitj beS gfaat Salingre über, ber ben
Kaufmann (£. ß. Söißmann als Kompagnon aufitaßni. Salingre,
ein 9lngeljöriger ber frangöfifdjen Kolonie, würbe einer ber aiigefeßcufteii
Kaufleute Stettins, ber oom Könige Ijod) geadjtet würbe unb ein
großes Sermögen erwarb. ?lm Soßmarft unb in ber Königftraße
befaß er Käufer, in benen er aud) inbitftrielle llnterneljninngen an
legte. GJottfrieb griebridj Tilebein erßielt 1750 bie Kongcffion gur
kaltblütig, fein Soßn Karl G)ottljilf würbe 1784 Sürger. Stubolf
Eßriftian Giribel auS kamburg würbe 1773 in bie Kaufmannfdjaft
aufgenommen. 9lus bent Sürgerbttdje mögen als neue ©ärger erwäljnt
werben Simon ®ottßilf unb Taniel griebridj Sßeinreidj aus Stargarb
(1766 unb 1772), @eorg griebridj kelltoig aus Sawitfdj (1784),
Karl griebridj Sdjleidj auS ?lngermünbe (1785), Taoib Gloltbammer
(1785), goßanti (Sljriftian SSilljelm ßoberf auS Temmiit (1790),
goljann griebridj grauenfnedjt auS ©afewalf (1791), @eorg Ernft
SDleifter aus ©ledlenburg Schwerin (1791), ®uftao SBilßelm ÜRofenow
aus ffiölfdjenborf (1792), goljann ßubwig Kirftein aus Stargarb
(1793), goljann Tljeobor Sdjerenberg auS Swinemünbe (1796),
Gleorg griebridj £>empteinnadjer aus Stenbal (1798), goljann griebrid)
SlnbreaS ®ottlob ©itjfdjti) aus SBarin in ©iedlenburg (1802), Karl
Sljeobor Tiedljoff aus Stargarb (1804), goßann SRidjael ©ruß aus
$agen (1804), goljann ßßriftian Söadjentjufen auS fRibnitj (1804),
gean ©ierre Tegner aus ©erlitt (1806). Siele ginnen, bie eiuftmalS
Sebeutung fiir bie Stabt hatten, finb oerfdjwunben. Tenn eS ift
baS Eigenartige in ber Stettiner Kaufmannfdjaft, baß feljr oiele ®e=
fdjäfte entweber nidjt lange in ber Stabt beftanbeii ober nadj einiger
Beit in anbere $änbe übergingen unb einen anberen Samen erhielten.
Tie llrfadje für biefe Tatfadje liegt nidjt immer flar gu Sage unb
tann audj in oerfißiebeiteii llniftänben gefudjt werben. Tie wieber»
ßolteii Sdjläge, oon betten baS llßirtfdjaftSleben Stettins getroffen
worben ift, ljaben gewiß feljr oiel gu ber llnbeftänbigfeit beigetrageii.
Tie geit gegen Enbe bcS 18. galjrljunberts war eine Epodje
ber ©lüte beS Stettiner £>attbe!S. ®a-5 begeugeti neben ben trodenen
galjleit and; tnandje Sdjilberungett, bie aus jenen galjrcn giemlidj
galjlreidj oorliegen. 2Rag man and) einzelne oon iljneti, wie g. ©.
g. g. Sells Ijödjft intcreffante unb (eßrreidje ©riefe über Stettin
Ser $<inbel.
385
au§ bem galjre 1797 (erf^ienen 1800) ober bie Sarftellungen
in £. 3B. ®rüggemann§ auSfüfjrlidjer ®efdjreibung fßontmernS
(1779 — 1806) unb ©. g. SSutftracfS titrier Sefdjreibung IßommernS
(1793) al» gum Seil uon ßofalintere|fe befangen unb nidjt als un
parteiifdj anfeljen, fo mögen bie Hingaben in firugS topograpljifd)
ftatiftifdj ’ geogtapljifdjem SBörterbudje meljr (Glauben finben, baljer
äufamntenfaffenb ben hanbel (Stettins fdjilbern unb jeigen, wie iljn
bie 3P<tQenoffen beurteilten; wir lefen bort folgenbeS:
„Set widjtigfte sJlatjrung§gweig für Stettin ift ber Raubet, 31t
weldjem bie Stabt bequem liegt. Surdj ba§ £>aff unb bie fleine
HJleerenge, ben Swineftrom, ift bie Eber mit ber Eftfee uerbunben,
nur ift ber Swineftrom fiir belabene Seefdjiffe -ju feidjt, unb bie
Waren muffen in ber Swinemünbe auSgelaben unb auf fogenannten
ßeidjterfdjiffen nad; Stettin gebradjt werben. Sie an ber Ober unb
Wartlje liegenben Stäbte, uorjüglidj granffurt, Breslau unb fßofen,
jieljen ifjre meljrften ^anbelSbebürfniffe über Stettin unb oerfenben
über biefen Ert itjre entbetjrlidjen fßrobulte unb gabrifate, jebodj
geljen aud) mehrere Waren, weldje im eigentlichen (Gebiet ber Eber
gewonnen werben, auf Jamburg, inbem bie Sdjiffaljrt in bie Hlorbfee
früher aufäiigt unb länger bauert als in bie Eftfee, bie Hlffefurajyen
bort woblferler finb al§ Ijier unb ber Sunbßoll bie Waren verteuert
Sind; fefjlt eS in Stettin meljrenteilS an Hliidfradjt, weldjeS ber galt
in Jamburg nidjt ift. Stettin verforgt aud) einen grofjen Seil ber
iturmarl unb bie Stabt ^Berlin mit Slaterialwaren, fonberlid) mit
Wein. Sie Stabt Ijat ben Stapel auf ßeinfaat, unb ein feljr ergiebiger
9latjrung§ijweig ift ber ^olgljanbel, inbcffen ljat bie 9liitjfjoljabmiiii=
ftration, weldje Ijier einen Eberbudjljalter befolbet, in Hlnfeljung be§
inlänbifdjen ^olje§ baS IBortaufSredjt unb in Slnfefjnng be§ füb
preufeiföljen einen llorfptung uon 6 <ßroj)ent. Ser gndjten unb
Salgljanbel ift widjtig unb hat in neueren Beiten feljr angenommen,
ift aber meljr Spebition3= al§ fßropreljanbel. Sa§ ljaitptfädjiidjfte
^inberniS, weldjeS bem Stettiner £anbel entgegenfteljt, ift, bafj c§
an IRürffraöfjt feljlt. Sie SlnSfnljrprobutte finb fdjwer unb füllen bie
Sdjiffe, aber bie ßinfnljrprobiifte finb meljrenteilS oon ber 9lrt, bafj
mit einer Sdjiffölabung bem Werte nadj geljn unb metjr Stettiner
SdjiffSlabungen befahlt werben töinien." fHljnlid) lauten gleichzeitige
Urteile, wie fie 3. S. o. Segueliu in feiner Sarftelluug ber Slccife
unb Bolloerfaffttng (©erlitt 1797) ober g. g. göllner in feiner betaunteu
fReifebefdjreibung (erfdjienen 1797) fällen.
Hieben ber Haufmannfdjaft beftanben bie Sframertompagnie, bie
im galjre 1763 nur 26'Dlitglieber aäljlte, bie gunft ber .£>öter, beren
SJefiTmann, »on Ctetttn.
25
386
Der Stleinbanbel.
Brirwieg uon 1746 bie Überfchreitung ber früher feftgefetjten 3al)l
uon 24 bei ber Slufnafjme geftattete, unb bie ber ftleintjänbler Die
Söareu, mit benen fie ljanbeln burften, roaren im eingeluen feftgefetjt;
bafe eS babei gu manchen Streitigfeiten fani, ift erflärlid), befonbers
ba fid) aud) Solbaten unb Solbatenroeiber mit bem Bertauf oon
Biftualien befdjäftigten. ßs rourben [eit 1790 eigene ßrlaubniS
fdjeine für 25 bis 30 Sempler auSgeftellt, bie mit einigen ßebenSmittelu
tjanbelten. Befonbere gürforge oerroanbte man auf bie ißreiä
regulierung, feit 1768 fetjtcn Vertreter beS ©oiroernemeiitS, ber
©arnifon, ber STriegs- unb Domänen • Sfammer, ber ßlccife = Direftion
unb beS SRagiftratS fäljrhd) ben !ßreiS für Bier unb Branntwein feft.
DieDJlilitäroerroalturigoeranlafeteeSebenfalls, bafewieberljolt Biftualien»
taren erlaffen rourben. Sind) um bie nötige Sufuljr oon gleifd) unb
glichen fümmerten fid) bie Befjörben, bie ©arntfon fetjte 177u gum
grofeen Slrger ber Qunft einige greifdjludjter an. SBenn Silagen über
bofee Brotpreife, üoer SJlangel an ©etreibe, über fd)Ied)te§ ober teures
Bier laut rourben, fo pflegten 'JJlagiftrat unb (Gouvernement fid) gege t
feitig bie Sdjulb gugufdjieben, unb bie SlriegS« unb Domänentammer
featte genug gu tun, bie Swiftigfeiten beigulegen.
(Jaljrnnirfte fanben im gangen 5 ftatt, 2 Sl'ramr, 1 Biet) t
2 Söollinärfte. Der Sommerframmarft am 'Jjloutag nad) SUlariä
Himmelfahrt (15. Sluguft) rourbe urfpriinglidj auf bem Stofemarfr,
fpäter auf bem ^eumartt unb in ber Hagenftrafee abgehalten, bort
featte immer ber äßintermarft am fljlontag na<b ßaibarina (25. SRo
oember) feine Stätte. gin (Jahre 1788 verlegte man beibe auf ben
Slofemarft. Bferbemärtte rourben im gort Bceufeen abgebalten. Die
beiben SBollmärfte fdjeinen 1743 eingerichtet roorben gu fein, fie
roaren am 8. (Juni unb 20 ©ftober; alfmählidj verloren fie gang
an Bcoeutung unb horten 1794/95 auf. (fine eigene ffllarttpoligei,
beren Beamte uniformiert rourben, ridjtete man 1790 ein unb beftellte
bamals and) 2 SluSrufer für bie gum Berfaufe foninienben Biftualien.
Blit ben BJirtShäufern, oon benen ber Saftljof gu ben brei
Jlronen in ber breiten Strafee vielleidjt brr altefte roar, ftanb eS nad)
einer Silage, bie 1761 laut würbe, in ber Stabt redjt fdjledjt. Der
Blagiftrat rourbe bringenb ermahnt, fiir beffere gu forgen. ßr madjte
audj allerlei Berfudje, erliefe 1766 eine BJirtSbauStare, in ber 17 ®aft
Ijofe erwähnt werben, g. B. ber golbene £>irfd) unb brei Slronen in
ber breiten, Sßrina von Bceufeen in ber Bluljlcnftrafee, ©eibener Sinter,
Sdjroarger Slbler, Braunes SRofe, Sinnig von *ßreufeeti unb Drei Bolen
auf ber ßaftabie. 1802 war baS gröfete baS 1797 eingerichtete Hotel
be Boiffe in ber äJlütjlenftrafee, eS hatte aber nur 16 ßinimer für
j£>ie Snbuflrie.
387
grentbe, bagegen für 40 Sferbe Stallung. Die ßifte ber grembeit
wnrbe regelmäßig in ber Leitung ober in bem gntelligengblatte oer=
öffentlidjt. Qljneii [tauben feit 1741 and) 2 Sänften ober Sortedjaifen
gur Serfiigutig, ein Serfud) SlietSwagen nadj Serliuer Sorbilb gu
galten, fdjlug 1756 fläglidj feljl. Der grembenuerfeljr in Stettin war
gar nidjt gering, in größerer Baljl erfdjienen befonbers JRuffen, bie
ben Seeweg benutjten. Salb tauten audj Wäfte, uni bie Stabt fennen
gu lernen, unb bie ßaljl ber IHcifebcfdjreibiingen, in benen Stettin
gefdjilbert wirb, ift gar nidjt fo gering. Siner ber beriiljmteftcn
SReifenben, bie ber Stabt einen Sefitdj abgeftattet ljaben, Wilhelm
uon ^umbolbt, fdjreibt in feinem Dagebudje oon 1796: „Der $anbel
nimmt täglidj gu, bie gnbuftrie fdjeint feljr groß, wenigftenS ift
befonbers auf ber ßaftabie unb an ber Wafferfeite überhaupt un«
aufljörlidj oiel ßeben unb Dätigteit.“
Diefer Qnbuftrie, gu ber audj griebridj Wilhelm I. ben Writnb
gelegt hatte, ließ griebridj ber Wroße faft nodj meljr görbenntg guteil
werben als bem £>anbel. Sie auf jebe SBeife gu Ijeben, iljr Staatsfdjuß
gu gewähren, Unternehmungen gu unterftüßen, Anregung gu neuen ?ln
lagen gu geben, war ihm eine ber roidjtigften Slufgaben feines tönig
lidjen Slmtes. ßtin 25. 'JJlai 1749 erging an bie pommerfdje Kammer
bie Crbre, „baS pommerfdje S)lanufaftur= unb gabrifenwefeii auf
einen beffereu guß 311 feßeu". Dem Kriegsrate Uljl würbe baS
Direftorium im Kontmergieii- unb Slanufafturwefen übertragen unb
bie Slnorbnung getroffen, e§ folle in jeber Stabt auS ber .301)1 ber
Htatmänuer ein eigener gabrifeit Qiifpettor ernannt werben. gu Stettin
madjte ber Ulagiftrat erft wieber oiele Sdjwierigteiten, feiner oon ben
Slitgliebern wollte bie§ filmt übernehmen. Da würbe einfadj ber
bisherige gabrifeit KommiffariuS giliuS gum gnfpeftor in Stettin
bestellt, unb ber SUagiftrat mußte, fo feljr er fidj audj gegen bie Ser
letjung feines freien Waljlrcrfjtä [träubte, iljm Siß unb Stimme im
Ulate geben. Uladj bem Dobe beS giliuS (1767) würbe griebr St'arl
Dljit0 g»>» Senator unb gabrifeiognfpeftor gewählt. Son feiner
£>aitb liegen galjllofe SluSarbeituiigcn, Seridjte unb Dabellen oor, bie
ein großes UJlaterial gur Wefdjidjtc ber Stettiner gnbuftrie im 18. galjr
Ijunbert enthalten. Seit 1768 fanb auf ber Kammer jebe SJodje eine
Konfereng über baS gabrifwefen ftatt, gu ber als Kommiffare beS
StagiftratS ber leitenbe Sürgermcifter unb ber gabrifeit gnfpeftor
erfdjcinen mußten.
Um bie Hebung ber Wolhnanufaftur hatte fidj bereits griebridj
Wilhelm I eifrigft bemüljt; 1740 würbe ein Wollmagagin angelegt,
feit 1749 mußten jährliche Seridjte über bie Serarbeitung ber Wolle
388
Tie Subuftrie.
unb bie eitigeluen in biefem ^nbuftriegweige tätigen SRanufatturierS
eingeliefert werben. Unter ben Tud) , Seng- unb Rafdj , .fjut-SJladjern
unb Gtrumpfwirfern befanbeu fid) niete frangöfifdje fioloniften. gür
bie Geibeninbuftrie unb bie Einlage non ÜRaulbeerplantagen im Gtabt«
gebiete mußte ber fDlagiftrat ftänbig Gorge tragen unb jäfjrlid) barüber
beridjten. Wlan nerarbeitete bie Geibe befonberS gu Säubern, ljierfiir
waren 1789 bereits 5 Gtütjle in Tätigfeit. Eine Gegeltudjfabrit
wurbe 1777 angelegt, unb ber Senator Thilo begrünbete 1782 eine
„Tafelbamaft-, ßeinew unb Gegeltudjfabrit", bagu tarn feljr balb noch
eine neue berartige Einlage, bie and) glaggentudje fabrizierte. Thilo
ridjtete 1788 and) eine 3-abrif für hänfene ^euer Gdjläudje nnb «Eimer
ein. "Ser Verarbeitung von ßeber bienten mehrere Einlagen, g. V. bie
1758 gegrünbete Qudjtenfabrit ber ®ebrüber Raljm. Tie Voccarbfdjc
ßeberfabrit, bie oon ber Regierung 1788 mit einem Sorfdjuffe non
2504 Talern unterftiißt wurbe, befdjäftigte 1796 16 Arbeiter. Sine
gabrif gur ^erfteHung von tiirfifdjeni Suntpapier entftanb 1760. Sim
bebeutenbften war lange Seit in Gtettin bie TabatSinbuftrie; 3faat
Galingre erhielt fdjon 1746 ein tönigl. Privileg für eine Tabaffabrit,
bie fidj allmäfjlid) gu ber größten inbuftriellen Unternehmung entwidette.
Turdj bie Einführung bes TabatmonopolS (1765) unb bie ®eneraltabaf-
abminiftration (1767) wurbe ihre Tätigteit gehemmt, aber als baS
Dlouopol 1786 aufgetjoben wurbe, tonnten fofort 12 ^abritanten
wieber frei itjr Scwerbe auSiiben. Unter ihnen befdjäftigte Galingre
1788 etwa 180 Arbeiter unb [teilte gabrifate im Hßerte von mehr
als 70000 Talern tjer; fonft war bie [}abrif von Reithufen mit
73 Arbeitern von Sebeutung. Qm gangen befdjäftigte biefe $nbuftrie
316 Arbeiter. 1797 wurbe bie ©eneraltabatSabnuniftration wieber
eiitgefüljrt, worüber man in Gtettin fetjr wenig erfreut war. Veltljufen
legte 1790 eine Buderfieberei in ber äJlüljlenftraße an, in ber balb
für 140000 Taler Buder unb Gijrup Ijergeftellt würben; fpäter tarn
bie Raffinerie ber ®ebrüber Gdjidler hing«. Ter fjofapotljeter 9J?ctjer
erljielt 1782 unb 1788 je 5000 Taler von ber Regierung gur Ein«
ricfjtiuig unb Unterhaltung einer fjrangbranntweinbrennerei unb ßitör«
fabrit, bie 1796 15 Slrbeiter befdjäftigte. Bwei Älaufleute betauten
1765 bie Erlaubnis gur Einlage einer Geifcnfieberei auf ber ßaftabie
trotj eines fehr lebhaften SBiberfpritdjeS beS Rlagiftrats. Bfn ®rabow
entftanb eine Ülmüljle, bie allerbingS nadj einigen Baljren nieberbrannte.
Eine Slnterfdjmiebe wurbe 1782 auf bem Sleidjholm von 3. ®. Geijbel
begriinbet unb von ber Regierung imterftütjt; gwei Bahre fpäter wanbeite
man biefe Einlage in eine Slttiengefellfdjaft um, bie baS Privileg ber
£>erftellung von Sintern für Rommerii, ©ft unb Sßeftpreußen erljielt.
Ter ©djiffbnit.
389
Tantals würbe (Stettin ber Wittelpuntt be§ (5dj tf f ba ites, für bie
preußifdjen (ßroninjen, unb bie ^Regierung gewährte fiir ben San oon
Schiffen Unterftütjungen. 2lu§wärtige ©aunieifter begannen Ijier nadj
ben Siegeln ber Jjollänbifdjen fiunft größere galjrjeuge, j. S. 1754
ein§ oon 130 ßaften, ju bauen. Seit 1760 tuar im Sluftrage ber
SRegierung ber Sdjiffbaubireftor Cuantin in Stettin tätig unb ftellte
auf feiner Söerft befonbers feit 1776 fiir bie SeehanblungSgefellfdjaft
gatjlreidje (Scfjiffe fertig. Ta§ ©ewert ber Sdjiffdjimmerleute madjte
ißm tiiele Sdjmierigteiten, inbeni e§ iljm bie ?lrbeiter wegnaljm. Des-
halb erging 1782 an ba§ ©entert mieberljolt ba§ ©ebot, ben betrieb
ber Söerfteu, bie gerabe jetjt fefjr ftart befdjäftigt feien, nidjt ju ftören.
Damals nämlich, jur Beit bes großen SeetriegeS, ftanb biefe Snbuftrie
in Ijodjfter ®lüte, es Ijerrfdjte eine rege Tätigteit; uon 1781 bis 1795
ntnrbcn in (Stettin 144 (Scfjiffe gebaut, bie 1388660 Taler wert waren,
ßieß bie Tätigteit and) fpäter nadj, fo baute man 1805 bei Stettin
nod; 20 Seefdjiffe, unb bie gewerblidje Tätigteit auf bett Werften war
lange 3eit ein .fjaiiptgegenftanb be§ SntereffeS fiir bie gremben, bie
Stettin befudjten.
Wit biefer turjen Slufjätjlung ift teincSwegS erfdjöpfeiib bar=
geftellt, was, in biefer Seit an inbuftrieHen Unternehmungen in Stettin
entftanb. Die Staatsbeljörben jeigten oft einen gerabeju fieberhaften
©ifer, bem Wunfdje be§ Wonarchen nadjjutonunen. Wöglidjft alle
Waren füllten im gnlanbe Ijergeftellt werben, beStjalb würben immer
neue fionjeffionen unb ^rioilegien auSgefertigt Tann galt eS, bie
neuen Unternehmungen nadj Wöglidjfeit ju unterftütjen, unb baju
gab man ihnen ©elbljilfen, fdjrieb ißreiSaufgaben au§, fetjte fßrämien
feft. Su ben jährlichen SDeridjten burfte nur fein fRücffdjritt oer«
jeidjnet werben, fonft tarn fofort oon SSerlin eine Sladjfrage ober harter
Dabei wegen Sladjläffigleit. SS ift nicht ju oerwunbertt, baß manche
21 ttlagen fich burchauS nidjt glütflidj entwidelten unb balb wieber
cingingen.
Sm Saßre 1753 würben in Stettin 56 Se werte aufgejählt, ih«
Saljl oerminberte fidj bi§ 1805 auf 48. Tie oon griebrich Wilhelm T.
burdjgcfiihrte Staatsauffidjt über bie Snnfte unb bie Sefeitigung älterer,
nicht mehr jeitgemäß erßheinenber ®räudje wurben fortgefetjt. gn
ben uon ber ßricg§= unb Tomänenfainmer auSgeftellten Seftätigungen
bet Snuunggprioilegien würben bie meiften 'Jlmter al§ nttgefdjloffene,
b. h- cd§ foldje erHärt, in benen bie Bohl bei Wcifter unb Sefellen nicht
befchränft war. fReben ben Wanufafturen hotte ba§ künftige -ßanb
wert einen ferneren Stanb, e§ befanb fidj in einem itbergangSjuftanbe,
in feljr nielen ©ewerten naljm bie Bohl ber Weifter rafd) ab. 2lm
390
dir Stabtoerroaltunfl.
gröfjten roaren in Stettin 1805 bie ©ewerfe ber Sdjneiber nnb Sdiulj
mattier mit 151 ober 149 Vleiftern, bagegen gab eS in brei Ämtern
nur inSgefaint 4ü Satter, fowie 30 Knodjenljaiter. demgegenüber
erfdjeint nnS bie oon 2Q 'ßeriitfenmattiern recht bod). Sliihenb
roaren nodj bie hinter ber Söttdjer (50), ber difchler (40), ber
Vautoffelmadjei (28), ber Sattler (22) unb Scfjlofter (22). der Slnteil,
ben bie frangöfifche Kolonie am ^anbroertbetriebe nimmt, roai nidjt
bebeutenb; eS roerben 1805 in ben ©eroerlen nur 81 frangöfildjc
Weiftet gewählt. gebem ?lmte roar oom Vlagiftrat ein Senator alS
Vnfiljer beigegeben, ber bie Verwaltung gu beauffidjtigen ljatte.
die Stabtoerroaltung rourbe nach bem rathäuSIidjen Slegeffe oon
1723 unter ftrengfter 'Äuffidjt ber ftaatlictjen Vehörben geführt, der
'Dlagiftrat nutzte für jebe SluSgabe bie Sewiliigung ber Kammer
erbitten. '-Keim er irgenb etwas oljne iljre ©rlaubniS unternahm,
erhielt er einen herben Verweis, unb oon einem freien VerfügungS«
redjt ober einer felbftänbigen Verwaltung roar tauni noch bie Vebe.
daneben fprach in ber geftung baS ©oiroernenient in vielen gragen
ein eiitftheibenbeS Söort mit. ©ine 9tnbennig in biefer Stellung ber
Stabt im Staate rourbe aud) burd; baS allgemeine preufjifdje ßanb«
redjt non 1794 nidjt fjerbeigefn^rt. Sieben bem fDlagiftrat ftanbeii
nadj biefem ©efefee „Siepräfentanten", biefe nertraten aber nur ein
gelne Korporationen, in Stettin bie Kaufmannfihaft unb bie ©croerte,
nidjt bie gefamte Viirgerfdjaft. Wufjer ben eigentlichen Siirgern, bereit
,3aljl immer geringer rourbe, ba oiele eS nidjt für nötig hielten. baS
Sürgerreiht gu erroerben, gab eS bie ©.rinderten unb bie S<hutj»
uerroanbten. ©S fehlte ein gemeinlameS Vanb, baS bie ©inroohner
oerfnüpfte, unb oon einer deilnahmc an ber Stabtoerroaltung roar
fo gut roie nicht bie Siebe.
daS freie SBahlrecht beS SJlagiftratS rourbe immer roieber mit
Sladjbrurf geltenb gemacht unb auch oon ben Vehörben faft regel
mäfjig beachtet, ©r beftanb auS 17 fDlitgliebern, bie, auf ßebenSgeit
gewählt, ein beftimmteS ©ehalt unb Wccibentien, b. h- Abgaben erhielten,
bie ihnen auS befonberen gunftionen gufielen. dem birigierenben
Sürgermeifter ftanben g. V. bie ©ebiihren gu, bie herumgiehenbe Seil
tanger, „Komöbianten uno Citadfalber'1 gu gahlen hatten, die Slatural
lieferiingen rourben abgefchafft. der erfte Siirgermeifter, ber immer
nod) ben ditel ßanbrat führte, betam im ganöen Gl9 daler 4 ©rofdjen,
ber groeite 465 daler 6 ©rofdjen 2 Vfe,,nige, ber britte 466 daler
12 ©rofdjen 2 Vfennigc.
daS Siecht ber Vefeljung ber „ftäbtifchen ißnligei« unb guftig«
bebienungen" würbe bem SJlagiftrat 1789 ausbriicfhch beftätigt. die
Ter SJlaoiftrot.
391
3nl)l ber Seamten hatte im Caufe ber 3eit nur rocnig ziigcnonnncn,
eS roerben 1804 nur 53, baruntcr 9 ^Joh^eibicner aufgefuhrt. (Se
ift foft unbegreiflich, roie bie wenigen Hanzleibeamten bie ungeheuere
SJlaffe oon Sdjriftftürfen fertigzuftclleii vermochten, bie fid) in bem
ftäbtifdjen 91rd)ivc fo auhäiiften, bafj roieberholt eine neue Prbnung
erfolgen niugte; fdjon ber Sleft, ber heute nodj vorliegt, flögt
Slefpeh vor bem {Jleifje ber Seamten in biefer Schiebung ein. 9lud)
bas 9Imt ber SlatSherteii ober Senatoren roar in biefer 3cit nidjt
leicht. Unter ber ftreugcn guajtei ber Staatsregierung nnigten fie
tiidjtig arbeiten, Scridjte fdjreiben, Säbelten unb ftatiftifdjc Seredj
iiungen aufftetlen unb rechtzeitig einliefern. ®ie faufmännifchen
Senatoren flagten roieberfjolt, bafj fie taum Seit für ihre ißtioat
geidjäfte begleiten, unb nicht feiten lehnten neugeroahlte Senatoren
eS ab, baS 9lmt anzunehnien. gleig, Sorgfalt, Sparfamleit rourben
ihnen unerzogen, Allagen über llnorbnuiigen tarnen taum nod) vor.
Unter ben Shumern, bie bamalS 311m Sßoljle ber Stabt arbeiteten,
mögen als trefflidje Seanite Ijier ermähnt roerben bie Sürgermeifter
Johann ßubroig $?iftniarfjer auS Sßijritj (1739—68), 9Ibam Qoadjini
Sanber aus Stettin (1751 —1769), ®avib griebrich SlatthiaS
(1749—1770), StaniSlauS goadjim Srenbelenburg auS 9lutlam
(1768—1781), goljanii ®aoib Slinboro (1769—1772), (Sottljilf
Söbmer (1772 -1796), gog. SSJiltjelm Siebtel (1791—99), Johann
®avib Sracgi (1796—1809), Johann Samuel SHüIler (1799— 1803)
unb Hari griebrich Söulfien (1803—1807). Sei ber SOagl ber redjts
gelcljrten Senatoren befchränfte man fich nicht mehr auf geborene
Stettiner, fonbern fuchte erprobte SJlänner auch anbersivoher 311
gewinnen; man wählte 3. S. 17fi3 ben Jlriminalrat 6). ©ottfrieb
SJleinljoIb, 1772 ben SubfetretariuS Sog, 1796 ben Sleferenbar
Daniel grieb. Sourroieg, 1799 ben SlegierungSreferenbar S. ©. Sethe
m ben fDlagiftrat. Unter ben faufmännifdjpn SJlitgliebern ver
bienen neben bem fchon roieberholt genannten Senator Sljüo
noch ©rivähnung Hari ©ottl). SlattljiaS (1761), (Sljriftian grieb.
Sanne aus Serini (1772), Salthafar Daniel Slofoct auS 9lntlam
(1772) u. a. m.
(Sine fchwere 2aft roar für bie SRitglieber beS SJlagiftratS bie
iljnen obliegenbe Teilnahme an ben Stettiner Untergerichten, bem
Stabt , Vaftabifchen , SBetO ober Seegerichte; faft jeber oon ihnen
roar bei einem beteiligt. ®ie 3erf?liUerung ber ®eridjt§barteit
erfchroerte bie Sieditfprechung ungemein, eS tarn fortbauernb 31t Hon
fliften. ®e§halb machte man roieberholt ben Serfudj, bie vier <*5c-
ridjtshöfe zu vereinigen, eS gelang aber 1752 nur bie Atombination
392
©ie ®eridit8. unb ffänuiiereUSBerwaltune.
beS StabtgeridjtS mit bem ßaftabifchcn 51t erreichen. Tiefer
Gerichtshof, ber nun bie guriSbittion über bie ©inroofjner ber Stabt,
ber ßaftabie unb ber SBiefen ljatte, rourbe burd) einen Direttor unb
oier Slffcffoten befcfjt. Siel rourbe burd) biefe ^Bereinigung nidjt erreicht,
ba bie gerfplitterung b« ftäbtifdjen (SeridjtSbarteit nodj äiniatjm.
Gs bilbeten fid) nämlich als Deputationen beS SlagiftratS baS SBaifen»
amt, baS bie SRedjtfpredjung in Snrmunbfdjaftfadjen übernahm, unb
baS Sauamt fiir Sauprojeffe tyerauS. Dazu tarnen baS SBett»
geridjt für .fpanblungSfadjen, baS Seegeridjt fiir Streitigfeiten groifdjen
Schiffer unb SdjiffSooIt, baS gohanniSfloftergeridjt mit guriSbittion
in bem Kloftereigentum unb baS Kämmereigeridjt in ben Sachen, bie
fidj auf bie ftäbtifdje .Stoffe bezogen. SergebenS regte bie {Regierung
nad) einer eingeljenben Sifitation 1782 oon neuem bie Kombination
ber einzelnen ftäbtifdjen Gerichte an, ftieß aber auf ben SBiberfprudj
beS 'JRagiftratS, ber and) beftetjen blieb, als ein feljr oerftänbigeS,
oon bem ißräfibenteii o. fIRafforo auSgearbeiteteS ißrojett oorgelegt
rourbe. Die Sertjanblungen jogen firf) galjre lang ljin, man erreidjte
aber nichts als bie Knftellung eines offiziellen {RatSanroalteS als
SRanbatarS ber Stabtgemeinbe, fonft blieb alles beim alten. gu ben
Streitigfeiten ber einzelnen ftäbtifchen ©eridjtStjnfe untereinanber
tarnen natürlich fortroäljrenb foldje mit bem 'JRarienftiftSgeridjte ober
ber {Regierung.
SRehr Crbnung tarn in bie Kämmereioerroaltung, befonbers ba
bie Kammer ftänbig fdjarfe ßlitffidjt übte. Sßeil ber ginanzzuftanb
zunächft bauernb feljr tläglich war, begnügte fie fich nicht nur mit
regelmäßigen SReoifionen, fonbern orbnete 1752 eine grünbliche Unter»
fudjuug burdj ben Kriegs» unb Domänenrat Ulrenbt an. GS roar
nämlich bie Klage erhoben roorben, bie Kämmerei bleibe ginSgelber
in ber $öhe oon faft 4500 Talern fchulbig unb fei nicht imftanbe
biefe zu zahlen. SIrenbt mußte roirtlid) berichten, baß bie Stabt bem
Santrott nahe fei. Um iljr zu helfen, bereinigte bie {Regierung bie
SBiebereinfüljrung ber 1748 aufgehobenen Walzzulage, b. h- einer ’JIb»
gäbe oom Walz, bie faft 3000 Taler eingebracht hatte, unb rerfuchte
bie alte gorberung oon 7? 872 Talern, bie feit alter Seit bie
Stabt an bie Krone Schweben ljatte, einzutreiben. Weiter rourben
überflüffige Käufer unb Sauten, bie ber Stabt gehörten, oertauft,
barunter auch »ber runbe Turm" un bem SDlöndjenbrücttor, unb fo
rourbe allmäljlidj einige Crbnung in bie ginanzoerhältniffe gebracht.
Später forberte bie Kammer noch einmal einen ausführlichen Seridjt
über Slbftellung ber Wißftänbe im ginanz» unb Kameralroefen ein,
unb ber Wagiftrat erftattete iljn in recht gefehlter SBeife. {Ratiirlich
Tie ftäbtifdjen ffinanjen.
393
roaren an ben Ubelftänben nidjt er felbft ober bie Sürger fdjulbig,
fonbern bie ganzen 3eitDert>öltniffe, bie ©arnifon it. a. m. Son
feiten ber Sertreter ber Siirgerfdjaft rourben roiebertjolt Klagen laut,
baß ißnen bie ^Rechnungen nidjt oorgelegt roiirben, roie es baS rat=
tjäuSlidje ^Reglement rorfdjreibe, eS erging beStjalb 1795 bie Ser=
fiigung an bie Kämmerei, bie bort beftimmte Vorlegung unweigerlich
au§3ufiiljren unb etwaige IRonita forgfältig ju beadjten. Um einen
Gsinblirf in bie Kämmereioerroaltung .ju geben, feien ljier einige 2ln
gaben über bie Einnahmen unb SluSgaben nadj ben Etats gemacht
bie feit 1743 oon Trinitatis, fpäter oom 1. $uni an auf ein ^aljr
aufgeftefit rourben:
Einnahme: SluSgabe:
1743/44: 21543 Tlr. 9 ®r. 3 fßf. 18191 Tlr. 20 ®r. 1 Sf-
1754/55: 22429 „ 11 w 8 „ 22349 „ 6 „ 5 „
1764/65: 34904 „ 10 H 2 „ 33 472 „ 17 „ 5 „
1774/75: 31706 „ 17 4 „ 28890 „ 22 „ 6 „
1784/85: 45 285 „ 18 5 „ 42494 „ 15 „U „
1794/95: 35 642 „ 11 10 „ 33 298 „ 11
1804/05: 63 138 „ 4 rt 7 „ 40 722 „ 1 „ 1 „
Tiefe wenigen Sohlen feigen ein außjrorbenrfidjeS Sdjwanten
in ben Einnahmen unb ?luSgaben, trotjbem ift eine Steigerung un»
oerfennbar. ßu ben Einnahmen trugen erheblich bei bie Stabtgulage,
bie Slbgabe oon Sßaren, fiir bie 1765 unb 1802 neue Tarife auf
gcfteßt rourben, unb bie 3ülf9eföUe; D0U geringer Sebeutung roaren
ber Sdjofj, b. fj. baS ©runbgelb, bafe Siirgergelb fiir Erroerbung beS
SiirgerrechtS ober bie WeridjtSgefälle. §ur baS ^inan^roefen ber
Stabt roai roeitauS am roidjtigften bie auf perfönlidjes Setteiben beS
Königs oorgenommene unb ber Stabt aufge^roungene Serbefferung
itjreS WrunbeigentumS. SöaS griebridj in biefer Segietjung
fiir feinen Staat unb inSbefonbere für Sommern geleiftet ljat, roie
er burdj Meliorationen, Hebung ber ßanbroirtfdjaft, SIbljiilfe bei
SRotftänben, Urbarmachung oon Sümpfen unb Srüdjen u. a. m. bie
Kultur beS ßanbeS gehoben unb burdj innere Kolonifation bie Seuölfe»
rnng oermefjrt hot bebarf ljier feiner Tarfteßung; eS ift roiebertjolt
gefdjilbert, aber bodj nodj nidjt oollftänbig geroürbigt roorben. Sind)
bie Stäbte rourben ju foldjen Unternehmungen reranlafjt, unb fo erging
bie KabinetSorbre oom 31. Te^ember 1746 roegen Urbarmachung ber
Cberbrüdje awtfdjen Schwebt unb Stettin an ben tIRagiftrat biefer
Stabt, geljlte eS biefem an SerftänbniS für bie roeitblicfenben Stäne
unb guten Slbfidjten beS SRonardjen ober regte fich &ei ihnl t>er
Sßiberfpruch gegen bie Seoormunbimg in ber Serroaltung beS
394 fflobunßfii unb Slnfitbelungen.
©tabteigeiituniS, er ging jebenfa'lS mir feljr 3ögernb auf foldje Unter
nefjininigen ein. Ta erfolgte am 17. Quli 1750 eine feljr energifdje
SabinetSorbre an ben SDlagiftrat 3U (Stettin, in ber ifjm ber fdjärffte
Tabel ausgefprodjeu würbe über ben SBiberftanb gegen „bie 311m
Soften ber @tabt unb beS ganzen VanbeS georbneten SRobuitgcn unb
Urbarmachung ber ®rüdje'' unb barte (Strafen allen benen, weldje
fich uiiterfteljen, „ber bortigen ©ürgerfdjaft eine ganj conträre, üble
unb unoerantioortlidje Qbee uon bem ganzen SSerle 311 machen", an
gebroljt würben. TaS half; bereits am 25. Quli fam ein Soutraft
3wifdjen bem Dlagiftrat unb bem fRcgierungö unb ^ofgeridjtSejetutor
^otjann (Stjriftian (Sdjwant über bie Urbarmachung beS SrampebrudjS
juftanbe. Tie Siirgerfdjaft, bie fidj auch jetjt nod) bem Vlbfdjhtffe
beS Vertrages wiberfetjte, würbe auf Sefetjl be§ Königs nidjt weiter
befragt. Gdjwanf nahm bie Virbeit fdjnell in Vingriff; Gdjwantenfjeim,
fjorfabenberg, fpäter ßangenberg würben oon ihm angelegt. 3»
gleicher 3c’t begannen auf Soften be5 Königs bie IRobung unb Vln
bauung am IRabunfdjen Serg, W0311 oon ihm 10—12000 Taler
bewilligt würben; auf ftäbtifdjem (hebiete, baS ber Kriegs- unb
Toniänentammer gegen einen Kanon oerfdjrieben wurbe, entftanb
bie <jollänberei Gdjwabacf) Vliid) fing man mit SSerhanblungen wegen
ber „©utreprife" — biefer VluSbrud war bamals gang gebräudjlidj —
am Kamelftrom an. 1754 wurbe ein Kontratt mit bem Hauptmann
o. SBIanfenburg abgefdjloffcn, bie Unternehmung aber, bie 3m Einlage
oon flamelshorft (fpäter KamelSberg) führte, wurbe burd) oiele
(Streitigfeiten mit ©ollnow aufgehalten, fobafj fie erft 1777 311m
Slbfdjluffe gelangte, 'Ähnliche (Sdjwierigteiten erweichten ben fRobungen
bei ^Pobejrtdh) auS ben ©efitjoerljältniffen 3'i’ifdjen bem Johannis
tlofter, bem bie VBiefen unb Srüdje bort gehörten, unb ben fflebriibent
VRattljiaS in Stettin unb Tamm wurbe 1750 ein ©rb3inSloutraft
gefdjloffen; fie übernahmen auch 3um Teil bie Urbarmachung beS (Me
laubeS am (Steinbamm. ginfenwalbe, (StjbowSaue, f^riebritfjsbiirg
(fpäter griebenSburg) finb bort entftanben. Ter Kolbatjer VlmtSrat
Gtjbow übernahm bie SRobungeii bei fflerglanb, wo greberSborf (fpäter
griebridjSborf) unb SBilhelmsfelbe angelegt unb mit Solonifteii befetjt
würben. Serhanblungeu würben geführt über Unternehmungen
an bem ®obenberg ober bem 3llngfernberg; bei Slrmenheibe mußte
ba§ ^oljanniSflofter Virbeiten vornehmen, unb auch an anberen ©teilen
blieben SReliorationen nicht au§. $Rod) 178(5 erhielt bie ftäbtifcfje
Sämmerei ein Sapital oon 20 000 Talern oom Könige gefdjenft, ba§
für bie SRobinig beö QtjnabrudjS oerwenbet unb erft nadj fedj§ ^aljren
mit 1 ®ro3ent oe^inft werben füllte. Vlud; h*er tönnen nidjt alle
Arbeiten im ftäbtifdjen ®nutbbffifte.
395
(Eingelljeiteii aufgcfüljrt ober bie befonbere Tätigfeit eiitgelner ©Jänner,
roie 3. S bes ©ringen SRoritj non Vlnljalt ober be§ IjocfjDerbieHteit
graiig Saltljafar n. Srenfenljoff, gcroiirbigt merben, bie in bie Stettiner
Virbeiten tätig eingriffen nnb energifd) halfen, wenn ber fRat gögerte
nnb unentfdjieben war. Tiefer Unternehmung war fjinbertid), baß
ba§ ftäbtifeße (Eigentum feit 1735 in OJeneralpadjt ausgegeben worben
war. Ta bie erhoffte Steigerung ber (Erträge nidjt erfolgt war unb
itnenblidje Streitigfeiten fich erhoben hatten, war ber VJJagiftrat fehr
bamit einoerftanben, baß 1753 bie 65eneralparfjt aufgehoben unb bie
Verpachtung ber eingeluen Vlrferroerfe roieber eingeführt rourbe.
Später gab man auf höhe« Slnorbnung hin Kämmerei ffiiiter unb
Verwerfe auf (ErbginS auS, fo g S 1767 Sdjroargoro an ben Kriegs
unb Tomänenrat Ulrich unb 1787 ©einig an ben Kaufmann
65. (Ehr- Velthufen.
l’fberall rourben Koloniftcn angefegt unb Verwerfe angelegt; man
brachte ben Sauern, wenn and) mit VJliilje, ben Vlnbait ber Kartoffel
bei ober veranlaßte fie gu oeränbertem SBirtfdjaftSbetriebe. fflegen ber
Tienfte ber Untertanen begann ber VJiagiftrat Vertjanbliingen, aueß als
bie Vlufljebitng ber (Erbuntertänigfcit, bie ber König roiinfehte, oon
ben pommerfdjen Stäuben abgelehnt worben roar. Ter Stabtfefretär
(Eggeling bat 1785 in allen ftäbtifdjen Törfcrn feftgeftellt, was bie
Sauern unb Koffäten an ßaljliingen ober Tienften gu leiften hatten;
eS ift baraitS gu erfeljen, baß bie £>anb unb Spannbienfte gum
großen Teile abgelöft roorben roaren VUfe foldje unb anbere Seiferungen
trugen natürlich 3»r Hebung ber Sefißnngen ber Stabt bei. .gut gangen
Stabtecgentum roohnten 1798 3324 SJlenfdjen.
„Sehr important" roaren für bie Stabt bie SBiefen; iljr (Ertrag
ftieg uon 1169 Taler (i. g. 1772) auf 2214 (i g. 1802). gur 6>e
meinljütung biente ber ©JöIIenbruch; ißn benutzten alle Sürger, bie
Vieh fjielten ,in& Öen Stabtljirten befolbeten. Vlicf bie fonftigen Ser
hältniffe in ben (EigeiitumSbörfern ober in ©ölig, auf bie VluSübung
ber £>errfdjaftSredjte ufro. fann fjier nicht eingegangen roerben; in ben
©rotofollen unb fogenannten „©räftatiouStabellen" oon 1746 unb
1754 liegt allerbingS ©Jaterial genug gu einer eingehenben Sdjilberung
oor. Vludj bie Verwaltung ber 10 ftäbtifdjen Staffermüljlen unb ber
auSgebehnten gorften erfuhr eine Scfferung. Ter $olgoerroüftung
rourbe (Einhalt geboten, für regelmäßiges Scßlagen unb Vlnfdjonen
Sorge getragen. So lange bie ftaatlicfjen Sehörben mit (Energie unb
Strenge bie ftäbtifcfje Verwaltung gur Tätigfeit antrieben, ging bie
fortfeßreitenbe (Entroicfelung weiter; fobalb aber ber gwang auffjörte,
trat JRulje ein.
396
Bautötigtcit.
Tie Kriegs- unb Tomänentammer brachte bereits 1754 ben
91uSbau ber Stabt in Anregung unb trieb gu größerer Bautätigteit
an, ba „ein ©langet an CogementS" fei. Sie feftte 1766 burd), bafe
aus bem gonbS ber 9lccifegetber Brünnen unb llnterftütjungen fiir
Bauten bewilligt würben. Tagu mufeten bie Bauunternehmer bie
Spiäne unb .ßei<f)Hiingcii einrcidjen, bie non bem Baubireftor ober
ßanbbaumeifter — biefe Steife ljate 1779 bis 1788 ber bcfannte
9Ird)iteft Tavib Giilh) (geb. 1748, geft. 1800) — begutachtet würben.
Tie Bautätigfeit hob fich fofort, 1766 würben bereits 5, 1767 6 fünfer
neu erbaut ober unigebaut. 9tuS ben eingereidjten Zeichnungen ift
gu erfeunen, wie man befonbercn SBert auf ftatttiche fjaffaben legte
9lbb. 23. Bilb ber breiten Straße 1790.
unb ber ®efd>mad fich immer mehr bem Barod guwanbte. Ta
würben red)t anfehnlidje Käufer mit ©aterien, 9lttifen unb reicher Tefo-
ration errichtet am SRofemarft, in ber Cberftrafee (uon ®lafd)e, Schutte
unb BlatttjiaS), am ^arabeptag, in ber Schufeftrafee (vom Konbitor
Gouriot) ober in ber breiten Strafte (vom Seiler Brehmer). $n biefer
Seit würbe and) wahrfdjeintid) vom Kommergienrat Salingre bas
vornehme £auS am ©ofjniartt erridjtet, baS vor 1786 in ben Befife
beS 9tItermannS Sßiefetow überging. Tie Stabt betam burch fotdje
Bauten ein gang anbereS Slnfeljen, fo bafe Söithetm von ^umbolbt
1796 bie fefer guten unb grofeen Käufer in ber breiten unb Blühten
ftrafee unb am IRofemartte rühmenb erwähnte. Tie flatafteraufnahnien
für bie geuerfogietät geigen, bafe ber ©Jert ber Käufer erhebtidj ftieg.
©trafjtnrtintflunfl.
397
Sludj Straften würben reguliert ober neu angelegt, $. © 1793 am
Klofterljofe; ber alte Turdjgaiig burd) ben Sdjroei^erljof rourbe als
öffentliche Strafte anertannt. Sie Stabt nahm 1773/74 eine grofte
^Reparatur am SRattjaufe vor. Sllte, nidjt mehr brauchbare Sauten,
Sünne, ©lauern, audj ber auf bem Krautmarlt fteljenbe Kaat rourben
befeitigt Qm Qaljre 1801 ftellte ber SRagiftrat einen eigenen Stabt
bauinfpettor au, ber ftatt be§ biöljer im Sieufte ber Stabt tätigen
Cffigiers bie ^Iixffidjt über bie 45 in ber Stabt, 29 im Stabteigentum
vorljanbenen ftäbtifdjen ©ebäube, 22 'Brüden unb 45 Sdjlammfäften
übernahm.
„Sic Stabt fieljt völlig roie eine ©rovinaialftabt unb im ganzen
unangeneljm au§. ®nge bergige unb rointelige Straften, fcfjfedjteS
fßflafter", fo ftat SJilftelm von fjjumbolbt in Stettin in feinem Sage
budje notiert. 'Jlod) fdjlimmer roäre fein Urteil geroefen, roenn er
einige Qahre früher bort geroefen roäre. Senn feit 1751 hatte mau
roenigfteuS einiges für bie ©flafterung getan, fobalb bie Slnfunft bes
Königs bevorftanb. Sonft entfdjulbigte fidj ber 'JJlagiftrat, roenn
Klagen namentlich feitenS bes ®ouvernement§ laut rourben, entroeber
bannt, baft fein ©elb vortjauben fei unb er ohne ©eneftmigung ber
Kammer nidjts tun tönne, ober baft bie betreffenbe Stelle nicht gu
feiner „fßertinenj“ gehöre. ©in 2od) im ^ßflafter ber fRitterftrafte
auSjubeffern, bauerte ber Berljanblungen roegen neun SRonate. ©troaö
mehr gefdjatj feit 1782, aber e§ blieb immer nod) genug ©runb ju
Klagen. 'Jiljiilid) ftanb e§ mit ber Straftenreinigung. Sas ®ouver=
nemeut tlagte über bie Uiifauberteit, bie Kammer erlieft 1703 ein
fdjarfeS 'JRanbat. Sian broftte ben ©eroohnern mit harten Strafen,
'JRilitärejetution, erlieft von neuem 'JRanbate unb fßublitanba, beforgte
aud) „Slufttarren“ jum ©Jegfdjaffen bes „llnfianbes", troftbem blieb e§
beim Sllten, unb bie Quftänbe roerben nodj 1794 al§ unerträglich ge
fdjilbert. Sin bie SBafferleitung, burd) bie ber Qontaine auf bem
SHoftmartt Sfflaffer jugefiiljrt rourbe, erhielten audj einzelne Bürger
Slnfcftluft; bod) ^Reparaturen an ben '.Röhren unb bem ©affin erroiefeu
fid) unaufhörlich alS nötig.
Qn biefer Beit rourbe bie Stabt von redjt vielen Schabenfeuern
Ijeimgefudjt. ®e brannten 1782 in ber ©aumftrafte fieben Käufer völlig
nieber, 1785 rourbe ein Speidjer SilebeinS vom (feuer jerftört,
1795 legte ein großer ©raub mehrere Speidjer in ber Cberftrafte in
Slfdje. Sie gröftte Qeitersbrunft aber entftanb am 9. Quli 1789, al§
eilt ©lit) in ben Surm ber Btarienfirdje einfdjlug unb in turjer
bas ftolje ©ebäube in eine fRuine verroanbelte. 'Ißenig fonnten bei
biefen ©ränbeti bie ^ur Slbroehr von ffeuer orgaiiifierte ©ürgerfd)aft
398
StueifjfjuV unb ^ßolijei.
ober bag Blilitär auSridjten. GS würbe jwar uiel über eine neue
geuerorbnung beraten, bie erft 1796 ueröffeiitlidjt innrbe; man erbaute
für bie uortjanbenen 11 geuerfpritjen 1790 ein ueueg £>auS am Slot) 1=
marft (Ijeitte BmbadjfdjeS £>aug), erließ and) Qiiftruttionen für bie
BiertelSmeifter, für bie bei geuerSgefaljr burd; Suten unb STnarrcn
gufaniuiengerufene Biirgerfd)aft ober für bie Biirgerfompagnien, aber
elje fie jufammenfamen, mar ber Sdjaben meift fdjon gefdjeljen. ßbenfo
wirb wieberholt über bie Unjidjerljeit in ber 9iacf)t gelingt. Acht
Badjtwädjter würben 1748 alg nidjt augreidjenb ertlärt, man uer«
mehrte iljre -Saljl fpäter auf 13. AIS bie Stummer für jebe Badjt
bie Stellung oon 50 „fßatroullierern" aug ber Bürgerfdjaft forberte,
war bag Souuernement gang empört barüber, bafj Bürger mit Gewehr
fidj auf ber (Straße fetjen laffen füllten, unb broljte, foldje fofort 31t
arreftieren unb unter bie ißritfcfjc ju ftecfen.
„Dag iPoli^eiroefen in (Stettin ift erbärmlidj in allen Stürfen",
heißt eg 1740 in einem Berichte, ber Blagiftrat aber behauptete, „baß
in biefer guten Stabt folcfje gute Berfaffung unb Berechnung oor»
banben, bergleidjen in fremben Stäbten wenig anjutreffen." ®ewiß,
Berorbnungen gab eg genug, aber baß fie auch befolgt würben, ift
nidjt wahrfdjeinlid) nadj allen ben Silagen, bie immer wieber laut
würben über bie <Sicfjerfjeit6= unb Blarttpolijei. Da befdpuerte fidj
einer über Diebereien unb Überfälle, ein anberer über bie Un=
crbnung ber Solbaten, ein britter über llberfdjreitung ber Biftualien
taten ober über fdjledjte Semmeln. Die Stammet beantragte 1760
bie Grrichtung eines eigenen '.ßoliaeibirettoriumg, wie eg in Berlin
beftelje, erljielt aber eine Ablehnung. Da forberte fie uon ben
Senatoren felbft eine perfönlidje Bifitation beg Blarftes, unb bie
armen geplagten Herren mußten audj bieg ®efd)äft übernehmen.
SBeldje Sdjwierigfeiten hatte her jweite Bürgermeifter bei ber Ber
waltung ber Sßoli£ei, b’f *h111 oblag! GS fehlte an Beamten, feine
Befugniffe hatten Grenzen an ber Herren- unb Slirdjenfreiheit. So
fal) eg am Gnbe beg 18. ^ahrljunbertS auch *n biefer Beziehung übel
mig; man waljrte woljl beu äußeren Sdjein burd) Grlaß uon Orb
nungen über Blarftucrfehr, ®cfinbe u a. m , fegte Dajeu unb Coljne
feft, ljatte aber tatfädjlidj feine redjte Biacht, foldje Borfd)riftcn wirtlidj
ijur Ausführung 311 bringen.
3Jm Armenwcfen würben einzelne Berbefferungen uorgenommen,
befonbers ba nad) allgemeiner Silage bie Bettelei wudjg. Gin eigenes
Slollegium uerwaltete ben Armenfaften, beffen Ginfünfte aber gering
war. Blau fummelte in ben Sl'irdjeit unb Käufern Beiträge, bie
Stämmerei johlte jäfjrlidj 200 Daler, aber bodj reidjte baS uorljanbene
Slrmen« unb (Sitfunbbeitärotfen.
399
Eelb nidjt aus, um ben jafjlreidjen Slrmen — eS roaren 1800 meljr
al§ 500 ©erfonen ober gainilien mit roödjentlid) 91 Malern 17 ®rofdjen
gu unterftiitjen — in ber bittersten Rot ju helfen. Silan madjte be§=
halb roieberljolt ©erfudje, bie Einfiinfte beS VlrmentaftenS gu erhöben.
TaS ©JaifenhauS rourbe von ihm getrennt unb eine eigene 53er
waltung bafür eingerichtet. Einige Stiftungen, 3. ®. bes ®efe.
TommerjienrateS Hermann £tto (1759), gaben ihm bie SJlöglidjleit,
24 5Baifen aufgitneljmen unb gu erjiefeen. DaS gotjaiinisHofter
rourbe 1753 in feinen Einrichtungen fo umgeftaltet, bafe 104 gainilien
ober ©erfonen llntertunft unb eine ®elbunterftütjung erhielten. Tas
©etriftift am ftlofterhofe, in bem „alte redjtfdjaffeiie Tiener unb bereu
SBitroen“ JMnfnafeme fanben, befam 1785 ben fdjon lange befdjloffenen,
aber immer roieber vergebenen Reubau, ebenfo rourbe ba§ ©erdljof
Stift in feiner äufeeren unb inneren Einrichtung umgeftaltet. Um
bie Strafeenbettelei 31t befeitigen, ridjtete man neben bem 5lrbeitS=
ober Sudjtljaufe am Röbenberge audj nodj auf ber ßaftabie eine
Spinnfdjule ein, in ber meljr als 100 ©erfonen mit Spinnen be-
fdjäftigt roerben tonnten. Eine ßeifebant griinbete ber ©lagiftrat 1740
jur Unterftiifeung für £>anbroerter.
Epibemifdje Trautheiten fecrrfdjten wieberholt in Stettin, wie
bie Rufer ober bie ©lottern, an benen 1766 bis 1767 143 ©erfonen
ftarben. Ter 9Jlagiftrat bcftellte einen StabtphijfituS; als foldje
verbienen Dr. goljann goadjint JRhjabes (geft. 1772) unb ©rofeffor
Slölpin (geft. 1801) befonbere Erwähnung. Es gab 1770 in
Stettin 6 Tottoren, 4 91potljeter unb 8 Efeirurgeii, bie nadj £anb
roerferart ein eigenes 9lmt bilbeten, 1796 roaren fdjon 9 approbierte
9irjte vorfeaiibeii. Tas Stabtlajarett auf ber ßaftabie roar faft immer
in fdjledjtcm guftanbe, unb wieberholt oorgenommene Reparaturen
halfen nidjt viel. 1803 rourbe ein £>ebamnieiiinftitut tu einem £>aufe
auf bem ©labbrin eröffnet. Seit 1780 etwa entftanben Sterbetaffen,
unter benen bie von goFj. ßubro. geige begrünbete fdjon balb
160 ©litglieber hQUe. filtere ©ereinigungen, bie äfenlidje ßroede
verfolgten, würben umgeftaltet, 1790 beftanben in Stettin 10 Sterbe-
gefellfdjaften 9Jlan hörte in biefer ßeit auf, bie Toten in beu Tirdjeit
unb auf ben fie umgebenben ©lätjen 311 begraben unb eröffnete im
geifere 1802 ben gemeinfdjaftlidjen Alirdjfeof vor bem Vlntlamcr Sore.
Tie SluSeinanberfetjung mit ben einzelnen ®emeinbeu toftetete nn»
enblidje ©lülje. Ter SijnbituS ©öttdjer femte fich 11111 gemein
nütjige 5Bert feljr verbient gemadjt; „fein ßofen roar eS, roie bie
originelle ®rabfrfjrift melbete, alS erfter auf bem neuen Tirdjbofe
begraben 311 roerben"
400
Tie Seoölfetunfl.
Tie gamilien» namentlich bie TobeSan3eigen, beten Seröffent»
lichung in bet flgl. prioilegierten Stettiner 3eitnug in biefer Seit
Sitte rourbe, feigen unS, bafj Stettin in mimet größerem Umfange
eine Dlilitär= unb Seamtenftabt geworben war; baS tjatte auch in
befonberem Dlaße gum Shuoachfen ber SJeoölterung beigetragen.
Tie genauen ftatiftifdjen Erhebungen ermöglichen eS unS, Qahr fiir
Seiht bie SeDölfetungfe^abl feftjuftellen. Tie nur feiten oortommenbe
Vlbnahme ift meift aus ben ftriegSereigniffen 31t ertlären, bte fid)
Stettin näherten nnb roohl manche gamilie 311m Fortgänge oeranlaßten.
1740: 12360 Einrooljner 1775: 14280 Einwohner
1745: 12031 w 1780: 14984 ff
1750: 12966 ff 1785: 15584 ff
1755: 13357 ff 1790: 16249 ff
1760: 11088 ff 1795: 16703 ff
1765: 12915 ff 1800: 18430 n
1770: 13990 ff 1805: 18973 rf
Stettin rechnete 3U ben bamaligen preufjifdjen ©roßftäbten, roar wohl
ber äußeren SluSbeljnung nach eine ber tleinften, ftaub aber an Ein
roohner3ahl unb Sebeutung anberen ißroniii3ialhauptftäbten taum nadj
unb roar fdjon bamals ber erfte SeehanbelSptöß ißreußenS unb 3itgleidj
eine ber ftärfften geftungen beS Staates. Siel genannt rourbe bie
Stabt, als 1769 bie gefctjiebeiie @emat)liii beS Dringen oon Steußen,
bie 'JJrin3effin Elifabeth oon Sraunfchroeig, nach Stettin oerbannt
rourbe. Sie lerne bort im Schlöffe anfänglich wie eine (befangene;
1774 ftellte man iljr baS alte SlmtShauS 3« Qafeniß als Sommer-
aufenthalt 31er Verfügung. Sroar gab ihr Stönig griebrich Söilhelm IT.
bei feiner Thronbefteigung bie Freiheit, fie oerblieb aber in Stettin.
1810 burfte fie fich bi« fogenannte SÖbagogienmühle taufen unb als
befdjeibeneS Sommerpalais einrichten. Ter Same ^riebridiSgnabe,
ben fie ihm gab, ift balb oerfchollen, aber als „ißrii^eß Schloß" lebt
eS heute noch weiter. Cft in bürftigen Sertjältniffen, aber nidjt oljne
baS Veben 30 genießen, oerbradjte bie 'fSrii^effiii ihre Tage, bis fie
am 18. gebruar 1840 im Filter oon 95 Qaljren ftarb unb in ber
alten Jiirftengruft ber Sdjloßtirdje beigefeßt rourbe. Tie 3fiirftiit,
bie nicht ohne Sdjulb einem fo traurigen Sdjicffal oerfiel, erregte
anfänglich bei bem fentimentalen ®efd)ledjt jener Tage ein taum
oerbienteS Slitleib.
Solche oon einem geroiffen Diangel an fittlidjem Empfinben
3eugenbe Sluffaffung roar bamals 3eitgemäß. Tie „Sluftlärung" madjte
fich auch *n Stettin geltenb. Dian (lichte auch h*et „bie gefunbe
Vernunft immer meljr auf ben Tljron aller inenfchlicheii Vlugelegentjeiten
®a8 ßtiftißt ßeben.
401
gu erljeben". Sfernunftgemäß glaubte nmii gu ljanbeln, als man fid)
entfdjlofj, bie 1789 abgebrannte SRartetifirdje, beren 40üjäljrigeS töe
fteljen nod) 1743 mit großem Ißomp gefeiert worben war, nidjt
wieber aufgubauen. Söar es nidjt viel vernünftiger, an ber (Stelle
eines ©otteSljaufeS, beren eS, wie man meinte, in ber (Stabt genug
gab, eine (Sternwarte, eine (Sdjule ober ein (Stallgebäube gu erridjten?
(So blieben bie SRuinen Faljrgetjnte lang fteljen, bie SRariengemeinbe
würbe gunädjft vorläufig, bann bauernb mit ber (Sdjlofjgemeinbe ver-
einigt. TaS Vermögen beS SRarienftiftS aber verwanbelte eine ft'abinets«
orbre vom 30. Tegentber 1 804 in einen „£ülfsfonbs für bie ©eleljrten
unb öemnädjft allenfalls SRittet uub fRealfdjulcn Der ^ßroving tytammern".
SJernünftig erfdjien eS and), bas Vegat beS (Senators 3nftronj> ba§ f>*r
ben ilusbau beS ruinierten Turmes ber Fatobitirdje beftimmt ivar,
nidjt für biefen S^etf, fonbern für allerlei ^Reparaturen uub prattifdje
Stauten gu verwenbeu. Tas gange tirdjlidje ßeben in 'fßrebigt unb
(Seelforge ivurbe von biefem ßJebanfen „vernunftgemäßer ^Religion“
befjerrfdjt. TaS geigen bie Trurffdjriften, fjteebigten, ©ratiilationS-
ober StaileibSfdjriften, bie immer nodj gaßlreidj erfdjienen. Tie ©eift-
lidjen betrieben jetjt mit Starliebe (Stubien, bie itjrem Slmte ferne lagen,
unb waren gum Teil in leitenber (Stellung SRitglieber ber aletljopljilifdjen
©efcllfdjaft (1742) ober ber Freimaurerloge (17G2). Ter frangöfifdjc
£jofprebiger von fjtararb, ein SRanit von vielfeitiger ®ilbung uub leb»
ljafteni Fittereffe für bie Sßiffeufdjaften, fpielte bort eine große fRoIle
unb ftcllte allerlei pljljfifalifrfje Starfurfje an. Ter Sl'onfiftorialrat
Futob (Sdjimmelmanii, ber in (Stettin ein (SonberlingSleben fiiljrte, gab
eine Überlegung bet (fbba tjerauS. ßubwig Söilljelm ©rüggenianit,
$of unb (Sdjloßprebiger, veröffentlidjte in ben ,valjren 1779 bis 1606
feine „ausfüljrlidje ®efdjreibung beS gegenwärtigen ^juftanbes bes
Rtanigl. Sßreufjifrfjen ^jergogStumS Star- unb £jinterpommern", ein
Ijeute nod) feljr wertvolles Söerf; bie befonbers IjerauSgcgebeite Sta=
fdjreibung ber (Stabt (Stettin wibmete er ber in (Stettin geborenen
Jlaiferitt llatljarina von fRußlanb ßiterartfdj waren tätig ber Sion
fiftorialrat F- Sl. F- S3ieltc (geft- 1802), ber S-taftor an (St. Qtafobi
91. SSüftenberg (geft. 1787), ber Staftor an (St. Slitolai F- Eli Pfennig
(geft. 18U4) unb vor allen bet ?pnftor an (St ißetri F00cb>IU Starnljiirb
(Steiubriid (geft. 1789), ber eine große ßaljl von Heineren unb
größeren (Sdjriften gur poinmerfdieii ober (Stettiner ©efdjidjte IjeraitS
gab. Sein (Soljn unb fpaterer VlmtSnadjfolger Folj- F00^)- Steinbrüd
(geft. 1841) fetjte biefe Tätigleit fort. Um bie Förberung beS mufifa
lifdjeu L'ebeuS in (Stettin war eifrig benuiljt ber Staftor au (St ©ertrub
Folj. il. Fr- Trieft (geft. 1810), ber nidjt nur bie Stegenfionen für
(Heermann, ttcfdglc^te ton Stettin.
26
402
Daß Gdjulwefen.
bie ßeitungen faft ausfdjließlidj uerfaßte, fonbern and) Sluffüljrungen
oeranftaitete.
'Bietiftifdje Sleiguugcn fanben nidjt bie Sillignng ber ©eiftlidjen.
(Sine Heine £)errenljuter=®cmembe, bie 1744 auf ber ßaftabie ein
'BetljauS erwarb, wnrbe oon ihnen arg befämpft unb iofte fid) balb
wieber auf. Tod) bie aufflärenbe Tenbeng brang tiidjt in alle Streife;
bie beutfdje (Eljriftcntnmßgefellidjaft, bie eifrig fiir ben alten ©laubcn
ftritt, ljatte and) einen ßwcigvcrein in Gtettin, ber ben ineiften
rational iftifdjen ©eiftlidjen ein Tom int Sluge war. Seffer, wie eß
fdjeint, vertrug man fidj mit ben beiben reformierten ©emeinben, ob-
wohl es audj ljier nidjt an '.Reibereien feljlte. Tie tatljolifdje ©enteinbe,
gu ber fidj in Gtettin unb ben benadjbarten Törfern 1774 etwa
1140 '^erfonen aus bem'JJli(itär= unb ^ivilftaube redjneten, ljatte feit
1740 einen ftänbigen Pfarrer, bent 1774 ein grociter gur Geite geftellt
würbe.
Tafj man in biefer ßeit audj bem Gdjulioefen, beffen bebeutung
fiir bie 9lufflärnng immer wieber mit ljoljen SBorten gepriefen wnrbe,
größere Slufmciffantfeit guwanbte, ift erflärlidj. 'JJlit bem afabemifdjeit
©ijiniiafium freilidj ftanb eß fünnnerlidj genug, gwar feierte man
1744 mit galjllofen Sieben unb großem 'fJtunfe baß 200jäfjrige
Jubiläum ber alten giiftcnfchule, aber bie unglücflidjen gerfaljrenen
ßuftäiibe traten immer wieber beutlidj Ijeroor. Gin wcd)felnbes Sleftorat,
baß nadj bem Sorbilbe ber Uniuerfiiäten 1757 eingeridjtet würbe,
neue ©efetje unb fortgefeßte Bifitationen, bie befonberß feit 1771 auf
Seranlaffung bes SJlinifterß Jreiljerrn oon Qeblig burch tüdjtige
Gdjulmäitner oorgenommen würben, trugen nur gu ooriibergeljenber
'Befferung bei. Befoubercß Qntereffe roanbte ber Gdjule ber Gtaatß=
miiiifter ©raf .fjertjberg gu, ber felbft einft Gdjiiler bort gewefen war.
Sind) bas preußifdje Dberfdjultollegium, baß 1788 bie (Einführung bes
SlbiturieiitenejamenS anorbnete unb ben treftlidjen Qolj. ^fafob Gell
gum ftänbigen Sieftor bcftellte, mußte bod) fdjließlirij einfeljen, baß
baß Ijöljere Gdjulwefen Gtettins eine cinfdjncibenbe 'Jinbcning »erlangte.
Go entfdjloß man fidj gur 'Bcrbinbung bes ©ijmnafiumß mit ben
oberen Stlaffen beß Biatstijccumß, bie burdj Jlabinctßorbre oom 25. 3a=
nuar 1805 aiigeorbnct würbe, ©rößerer Srequcng als bas ©tjmnafium
erfreute fidj bie große Slatßfdjule, bie 1793 gum Siatshiceiint erljoben
würbe. Ter Gdjulbetrieb war bort im allgemeinen beffer, aber audj
ljier blieb feljr oiel gu wiinfdjen übrig, befonbers mbegug auf bie
äußeren 'Berljältniffe, baß Gdjullotal in ber 'JJiöndjenftraße, bie
Sefolbung ber ßcljrcr unb bie Gdjulgudjt. ©roße 'JRüljc um bie
Jpebung ber Vluftalt gab fidj ber 1792 gum Sieftor bcftellte
Taö ©djulhiefen.
403
Dr. griebridj Stad), bem bei ber 'Bereinigung ber bciben höheren
Sdjulen gufammen mit Sell bie ßeitung be§ königlichen unb
StabtgijmnafiumS übertragen würbe. Tie (Stiftung bes Otto
vfageteufel erhielt 1774 einen Neubau auftelle bes alten, ihr uon
TinnieS oon Cften oermadjten Kaufes in ber tieineu Tomftrajje;
baS jurüdgegangene Vermögen erlaubte meift nur bie Aufnahme
non 16—17 Alumnen.
Sin Berfudjen, Schulanftaltcu ^ur üßorbereititng für ba§ prattifdje
Sieben gu begriinben, fehlte es nidjt. Ter JRcltor ber Statöfdjule tJJtag.
(Sljr. Anbr. 'Büttner legte 1750 ben SJAIan gu einer „aufaurichtenben
matbematifrf) praftifdjen 'Jiealfchule" uor. Ähnliche Webanten entwidelte
1787 in einer Tcnffdjrift ber 'Brofeffor 3- (£. 3hn, eine eigene Reichem
fdjule wollte gr. Stodj begriinben. Tod) alle biefe 'Bläue tarnen nidjt
,;ur Ausführung, bagegen wurbe tatfcidjlid) 1789 auf ber ßaftabie eine
Steuermaniifdjule eingerichtet, bie mit ber ßaftabifchen Schule ver=
bunben wurbe. Tiefe unterhielt bie '.Regierung vornehmlich für bie
Seminariften, bie fonft auch nn ber gröfjten ßlementarfdjule ber Stabt,
ber fogenannten SRinifterialfdjuIe, befdjciftigt würben. Ter Affeffor
SRich- Wottfr. Sternberg fjinterliefj 1752 fein £>auS am Spiabritt
flur Anlegung einer Armenfdjule, bie 1803 mit ber ßaftabifchen
uereinigt wurbe. Aufjer mehreren 65arnifonfd)ulen gab eS nur nodj
Heinere Schulen, bie oon ben Lüftern ober ton^effionierten Sdjulmeiftern
gehalten würben. Wegen bie SSintelfdjuleii war man mit (Erfolg oor
gegangen, 1788 beftanben aufjer ben genannten Schulen nodj 11 Heinere
Anftalten, 1793 im ganzen 19. Turdj mancherlei Bifitationen unb
'Jievifionen wurbe tatfächlidj baS Sdjulwcfen nicht unerheblich gehoben,
fo bafe, wenn auch 00,1 einer allgemeinen Sdjulbilbung noch nidjt
bie '.Rebe fein tanii, boch bie grofje SRehrjahl ber Siinber regelredjten
Unterricht erhielt. Am fchledjteften war e§ mit ber höheren Silbung
be§ weiblichen WefdjlechtS beftellt; eS gab nur einige Heinere ^ßrioat
fchulen, wie bie 1806 oon ber oerwitwcten ftriegSrätin Ulühlbadj
errichtete, balb barauf oon (Sljarlotte ßiebert übernommene Anftalt in
ber (Vraitenftrafje ober bie 1807 oom Tirettor Slod) gegriinbete Tödjter
fdjule für bie gebilbeteit Stänbe.
TaS geiftige unb gefellige ßeben ber Stettiner ausführlich ju
fchilbern, ift hier nidit möglid), fo oerlodenb audj bie Aufgabe ift.
DJlaterial für eine foldje Tarftellung liegt oor, namentlich in beit
uerfdjiebcnen Schilbeningen, bie oon ber Stabt unb ihren 'Bewoljnern
in SReifebefdjrcibungen, wie oon Qolj. ®ernoulli(1778j, oon 3. ßöllner
(1795), oon Sö. v. £>nmbolbt (1796), oon fRellftab (1797), von
ß. &. Slüttner (1798) u. a. entworfen worben finb. IBefonbere ®eadjtung
20*
404
Ta8 Sehen in ber Stobt.
uerbienen bie wieberfjolt erwähnten, uom ißrofeffor Q. Sell «erfaßten
©riefe über Stettin; burcfj fie erhalten wir ein, wie es fdjeint, natur»
getreues Stlb uon ber Stabt unb bem roirtfdjaftlicfjeit unb gefelligen
ßeben in ifjr. ‘Der Serfaffer tjält mit feiner Stritif nidjt guriüf, ja er
fabelt mahl mitunter gu ftreug unb tritt als fdjarfer Sittenrichter gegen
ben flujuS, bie llnmoralität, bie Cergniigunggfudjt, ben Kaftengeift
auf. wäre intereffant gu erfahren, wie fich Sells SQitbürger über
biefe Sriefe, in benen iljuen grünblidj bie SBaljrljeit gefagt wirb, ge
äußert ^abeii, wenn fie fie überhaupt gelefen haben. Taß Sell mit
feiner Kritif nicht gang Unrecht hatte, geigen gur ©enüge auch anbere
ftußeruugeti. 33. u. {junibolbt g. S. beridjtet gang gutreffenb: „Tie
«Sefellfchaft foll hier feljr nach ben Stäuben abgefonbert fein, unb ber
3lbel unb bie Kaufmaiinfdjaft fehl wenig gufammen tommen." ©s
ift hi>treid)enb betannt, baß bamals bie Sdjcibung ber Stunbe über»
auS ftreug war, baß ein fdjarfer ©egenfatj gwifdjen Bioil uub UJlilitär,
groifdjen Beamten unb Bürgern beftanb. „Ter ßujuS, fo notiert
£>umbolbt, foll unter ben Kaufleuten fehr groß fein, er fdjeint iubeS
bodj fleinftäbtifdj. SSenigftenS trägt nichts baS 'llttfeljen einer großen
unb lupiriöfen Stabt an fich- finb fcljr uiel (Equipagen, ba jeber
nur irgenb bemittelte Kaufmann eine hält. Ter größte Slufwanb foll
im CSffen unb Trinlen gemacht werben." Tiefe Seobadjtungcn beS
feinfinnigen Steifenben roerben burdj anbere Seridjte beftatigt. Ter
ßujuS mit Suljrroerten unb ©aftereien wirb immer roieber erroäljnt,
felbft ber fehr uorfidjtige Söllner tann bie Semertung nicht unter
brürfen, baß man in Stettin „mächtig trintt". £anS uon £>elb, ein
betannter Serlitter ißubligift, tarn 1803 bortljin, nadjbent er eben eine
längere geftungSljaft in Kolberg abgefeffett hatte. Ur fanb in ber
Stettiner ©efellfchaft feljr freunblicße Slufnaljme; uon bem gefelligen
Serteßr bei bem <präfibenten u. ^ngerSleben, bem Kaufmann SBießlow,
bem Kammeraffeffor SBotjba ergäljlt er mit Segeifterung. Jrau Kaufmann
Tilebein, „uor beren Talent unb Scharffinn mandjer 'ßbilofoplj unb
Sdjöngeift Sdjamabe fdjlagen muß", uergleidjt er mit grau u. Stael.
SJlan fpeifte auf bem „uon oben bis unten beroalbeten grauenborfer
Serge", uub bie Tafel roar jebeS 95lal „ein SJlagagin ber belicateften
Speifen". Slnbere fdjilberit unS baS ßeben in ben ucrfdjiebeueit
„Steffourcen", bie nrfprüiiglidj redjt einfach ausgeftattet, allmäljlidj
pruntuoll unb glängeub rourben, ober ben Serteljr bei „görfter",
„Siaiuone“ unb roie bie SSirte fjeißen mögen, bie ihre Staunte ber
„eleganten" SBelt öffneten. Taß fidj im Slnfange beS 1!) galjrhunberts
überall ©efdjmact unb Ißruntfucht, leidjtlebiger Sinn unb Senußfudjt
breit machten, geht aus allen Sdjilberungen Ijeruor.
Bedungen unb Seitfcljnften.
405
Siefe werben ergänzt burd) bie Beitmig. Bwar bringt bie
roöcfjentlitf) gweimal erfdjeinenbe „ft gl. prioilegierte Stettinifdje Qeitung"
feljr wenige Söericfjte ober Slotigen ans Stettin felbft, aber bie ?lngeigen
mannigfadjer Slrt laffen ertennen, bafe man in Stettin gu leben oerftanb
nnb baS Ceben genofe. Slllerlei SBergnügungen, Sdjauftellungen,
Siebenten, Söälle, JVenerroerte, werben bort angctünbigt, ©etränfe,
ßebenSmittel unb Selitateffen reidjlidj angeboten. Slodj reidjer an
foldjen Annoncen als bie Bettung »R ber „Stettinifdje 3ntelligeng=
Bettel“ ober, wie er fpäter ljiefe, baS „Bfntelligengblatt“, in bem and)
bie amtlidjen Sctanntrnadjungen, bie 'jßreid», SchiffafertS» unb fjremben«
liften erfdjienen. SBaS bie Beit'lll9 011 politifdjen Sladjridjten bringt,
ift in biefen bewegten ßeiten natiirlid) »on gröfetem ^ntereffe; ob eS
aber ein foldje« aud) immer bei ben bamaligen ßefern fanb, ift
zweifelhaft, ba bie Sefd)äftigung mit 'fßolitif in jenen Sagen wenig
beliebt war. Sa§ war Sadje ber Siegierung, was ging eS ben Sürger
ober Untertan an? Slegere Seilrtaljme wanbte man ber Citeratur gu,
unb baS war audj in Stettin ber ^all, wie eS bie Singeigen in ber
Bettung beroeifen, in benen nad) bem ©efdjmarf ber $eit »iele Steife»
befdjreibungen angefiinbigt werben. Slodj meljr beweifen baS aber
bie mannigfachen Beitfdjriften, bie in biefer Beit in Stettin erfdjienen.
Sie ljaben gwar meift nur ein furgeS Safein gefriftet, aber bafe immer
neue feerauSgegeben werben, geigt bodj, bafe ein nidjt geringes literarifd)eS
^ntereffe »orfeanben war. Senn mit Citeratur befdjäftigten fte fidj
meiftenS, wenn fie auch baneben beleferenbe unb aufflärenbe Senbengen
»erfolgten. Ser „Stettiner Sdjauplafe ber Sßernunft unb beS CöcfdjmadS“
(1777—78), baS „pommerfdje Slrdjio ber SBiffenfdjaftcn unb bes
(MefdjmactS" (1783), bie „unbetannten, wie aud) gu wenig befannten
Söaljrbeiten ber SJlatljematif, Sßljtjfif unb Sßhilofopbie" »on IJJrofeffor
3»b- Bat. SJleijen (1787—88) laffen fdjon burd) iljre Xitel ertennen,
waS fie bringen, Seleljrung unb Unterhaltung unb gwar gum Seil
in gar nicht übler f^orm. Slnbere UnterhaltungSblätter finb ber
„Solbatenfreunb“ (1789), „Sie SBaljrljeit“ (1791), „wöchentliche
Unterhaltungen fiir fjreunbe ber ©efunbheit" (1799), bie „pommerfche
Callas" (1799—1800). Siefe nimmt bereits auf politifdje Vorgänge
Segug, was noch mefer ber galt ift bei ber »ornehmften ber Stettiner
3eitfcfjriften, ber 1800 »ou Sireftor ftodj begrünbeten „Gurijnome“.
So turge Beit fie auch nur beftetjt, fie bringt oortrefflicfje Sluffätje
»ont fßrebiger Srieft, ftonrettor Ceoegow, ftriegSrat ß. fDliidjler, Schul
rat ©artholbrj u. a. m. Sem grofeen ßefebebürfniffe tarn entgegen eine
»on ß. ß. OelridjS 1752 gegriinbete BeitungSgefellfdjaft, bereu ßeitung
feit 1782 Sell übernahm.
406
Da« Xbeater.
SHidjt minber rege ift bie Deilnaljine fiir baS Dljeater. SDJnn
arrangierte ßiebhaberoorftellungen, in benen 1749 unb 1750 „oornetjme
Damen" ben ßib non ßorueille unb anbere fraugofifd)e Stüde auf
führten. Die SBanbertruppe bes grang Sduidj erljielt 1754 bie Cer«
laubniS, in bem fleineu fionwbientjaufe, einer ehemaligen Slemife auf
bem 4>ofe bes (Seglerfjaufcs, Vorftellungen gu geben, unb erfdjien bort
oon nun an mehrere 3nhrc nacheinanber. Sie brachte Stüde oon
SHacine, ^jolberg, «Jottfrficb, SHoliere, Voltaire jur Aufführung, liefe
baneben aber aud) noch ben £>anSiuurft auftreten ober bot Pantomimen
bar. 1770 erfdjien gum erften SDlale bie Döbbelinfdje Sheaterbüljne in
Stettin, unb im 'JJlai 1775 erljielt fjrau Sßaefer ein ^lioileg gur
Veranftaltung oon Aufführungen. 3&re Diuppe bradjte am 29. ^uin
1784 gum erften 9JlaIe in Stettin Schillers Stäuber auf bie Sühne.
'.Bon feinen Dramen mürbe in biefer Seit nur nodj SDlaria Stuart 1804
aufgeführt. Sonft bradjten bie beiben Sdjaufpielertruppen, namentlidj
bie St’arl DöbbelinS, in ben ueungiger fahren Starte längft oergeffener
'Berfaffer, Slitterfchaufpiele, fomifche Opern, Sallette, Dramen non
Jtoijebue ober 3flanb gur Darftellung. Das j?omöbientjauS mürbe
1791 unb 1792 megen ber Jeuergefährlidjfeit umgebaut, uadjbem ein
Vorfdjlag (Milhjs, über bem Spritjenhaufe am jtoljlmartt einen gang
neuen Jbeaterfaal fiir 2Ö7 fßerfonen gu erbauen, oon bem QJeneral«
bireftorium eine fefjarfe Ablehnung erfahren hQ,te; „baS Stettiner
Sublitum, h«6 eS bamalS, oerliert tuctjts, roenn auch f)ier teme
Romainen gegeben roerben". Dagegen beljanbelte man 1805 ein ißrojett
gur (Errichtung eines fteljenben Dhraters auf Attien freunblidjer unb gab
audj bie (Erlaubnis gum San; bie balb eintretenben friegerifdjeu ßr
eignnfe Derljinberteu bie Aufführung. Die oft febr ausführlichen Se-
fpredjuiigen ber Sorftellungeu, bie in ber Behling erfdjienen, geigen, mit
roeldjem Qntereffe man alle 2lj«iterüoigäiige oerfolgte. ßs erfdjien and)
als Sdjaufpieler ber 1735 in Stettin geborene Johann ßtjriftian Staubes,
oon beffen gahlreidjen Stüdett einige aufgefiibrt rourben. AIS er oer
einfamt unb oeranut eine 3«! lang 1789 in feiner $eimatsftabt lebte,
fanb er (Munner an manchen ftrennben bes Dheoters, roie beut Sijnbitus
Söttcher, bem Sraueigen Sergeinann, Raufmann Otto, Dr. Rölpin.
Das miififali|dje $ntereffe roar in biefer Seit nidjt genug. 31U
Sdjiitjenhaufe (am ^eiligen ßei|ttor), bem oberftäbtifefjen ftafino
cgi Domftr. 22), ber unterftäbtiidjen 'Jieffource (am Sollwert) uub an
anberen Orten rourben oft 'Ulufitaiiffiiljningen oeranftaitet, in benen
bie oerfdjiebeufien Ijerumreifenben Shinftler auftraten. Sefonbere
'Beibienfte um roirtlich tünftlerifdje Vorführungen erroarb fidj ber
SJlufifbireftor $aat.
Snmmlunßen.
407
®et)r beliebt war eS in biefer Beit, (Sammlungen aller Vlrt, non
fUlÜHjen, ©emälben, SQaturalien ober aHerljanb fhiriofitäten, fowie
?lbb. 24. Dtntmal 8riebricf)3 beS (Mropcn.
Söibliotljeten angulegen ober gu oertnebren Die gelehrten ’Reifenben
pflegten foldje aufgufudjen unb in if>reu Uieifebefdjreibungen gu
108
*3^aS ®enfmal griebritljS btS (Wrofeen.
uergeicijnen. So befidjtigte Sernoiilli in Stettin bie Ulaturalienjammiung
beS $ofapotljeter§ SJtcijer, bie .Vtuiiftfniiiinlung beS bort in ©arnifoit
fteljenben dürften oon ®e[fau, bie Kuriofitäteiifammlung ber flöge,
bie ©ibliotljefen beS (ftmnnafinmS, beS K'oufiftorialrat törüggeniann
u. a. in. Alliier befdjreibt auSfüljrlidj bie Sammlung ruffifäer
Tentmünjeii, bie infolge einer Seftinimung ber Kaiferin .Katharina
(1763) nn ben fDlagiftrat gefanbt rourben nnb 1X02 nut 27 Stiicf
bereits einen nidjt geringen Söert ljatten. (Er rüljmt aufeerorbentlidj
bas ÜJliin^tabinet beS Kaufmanns glecf unb befndjt bie pommerfdje
Sibliotljef im flanbfdjaftSbaufe, für bie ber fleifeige Kantor an ber
StatSfdjule ßtjriftopfe Kiel (Eljroniten unb llrtunben in grofeer 3aljl
abgetrieben ljatte. ’ülndj ^juinbolbt beridjtet oon foldjen Sefudjen
unb läfet ertennen, bafe baS geiftige ßeben in ber Stabt iljm einiges
gntereffe abnötigt.
So bietet Stettin um bie ilöenbe bes galjrljunbertS ein gur
anbereS Silb als etroa 50 galjre friifjer. (Es ljat in biefem ßeitraum
in jeber ©egieljung, mag man eS auf bie roirtfdjaftlidje ober bie
geiftige QEntroidelung Ijin betrachten, einen aufeerorbentlidjen gortfdjritt
gemacht. SSeni aber oerbantt bie Stabt baS in erfter ßinie? lln«
^roeifelfeaft ljat ber grofee König griebridj nidjt nur ben Slnftofe bagu
gegeben, fonbern and) uiiermublidj alles, maS ber Stabt gum SKotjle
bienen tonnte, geforbert. Tesljaib roar eS eine fßflidjt ber ©nut=
barteit, wenn Stettin ju ber (Erridjtung eines StanbbilbeS griebndjs
beS QJrofeen, roo^u Oiraf ^erfeberg bie pommerfdjen Stänbe unfforberte,
audj einen Beitrag gab. Sim 10. ©ttober 1793 rourbe bie oon Sdiaboro
Ijergeftellte SDlarmorftatne auf bem fßarabeplafee um Vlntlamer £or
entfjiillt. ©S roar ein gefttag für Stettin, als ^erfeberg in feiner
Hiebe bie fjolje EDleiniing beS SJloiiiirdjen non fßommern begrünbete,
unb Ijelle ßidjter erftraljlteii am Slbenb 511 CEljren bes Königs, beffen
$triegS= unb griebenStaten audj Stettin jju einem grofeen Sluffdjrounge
oertjolfen ljatten.
17. Kapitel.
Stettins Jran^olcnjeit.
rofe aller Sereferung fiir griebridj beu Srofeen jubelten bie
®tett“,er fe*neni SHadjfolger griebridj Sßilljclm IE, für ben
ffliaf $erfeberg am 25. September 1786 bie <£>ulbigmig
entgegennaljm, laut gu, ba fie uon djm (Erleidjterungen mandjer Slrt,
©efeitigung ber uerljafeten SHegieueiroaltiinq unb anberer (Einridjtuugen
(Einfluß ber fnirtjöfifrfjen Neootution. 409
erhofften (53 erfüllten fid) and) ißre Hoffnungen in biefer Vejicßung,
bie neue Negierung lieft mandje 'hnberung eintreten, uerminbeite bie
fdjweren ßaften unb Slbgabeu, bie griebrid) II feinem Volle auf-
erlegt tjatte, lieft aud) in oer (Strenge ber Veaufficßtigung nadj. ?lls
auS granfreid) bie Nudjndjten oon ber großen Sleoolntion ßerüber-
fameii unb bic neuen (SJebaiifeu oon Wreifteit uub ©leidjßeit fid? aud)
in ben beutfdjen ßanben oerbreiteten unb gar niandjen begeifterten
Vlnßänger fanben, ba oerftanb eS bie preuftifcfje SRegierung nidjt, fid)
mit biefer neuen Gieifte^ridjtung abjufinbeu. 'Ulan meinte, im (Staate
griebridjS beS Wroßcn fteße alles fo mufterßaft, baß irgenb eine
tiefergeßenbe 'Jlnbernng nur oerberblid) fein tönne. ©ie Stettiner
lernten bie Vorgänge jcnfeits bes NßemS auS ißrer Leitung leimen,
bie ftetS auSfüßrlidie Vendjte über fie bradjte. ?ln bem Kriege
VreußeiiB gegen grantreicß naßmen fie geringen Slnteil. gn birefte
Verüßntng mit granjofen ber Neuolutionä^eit tarnen bie Vewoßner
ber Stabt, als oom Herbft 1794 bis 311m grüßjaßr 1795 einige
ßunbert fran^öfifdje Kriegsgefangene im gort Preußen untergeDracßt
waren 9Jlau naßm bie gramben über QJebüßr gaftfreunblid) auf,
verteßrte mit ißiicn unb war ootl Vewunberinig bes SluSlänbifdjen.
Tie ßofungSioorte greißeit unb (Mleidjßeit oerrütften, wie Sell beridjtet,
bie Kopfe mancßer Toren, man affektierte ben SanSluIottiSniuS uub
äffte aueß ßier ben granaofen nacß. ©ie Vegießungen ju granlreiiß,
bem niet bewunberten ßanbe moberner (Sntroirfelung, rourben uoeß
erweitert, als feit 179G ein fran^öfiftßer Konful Villiot ber erfte Ver-
treter eines auswärtigen Staates in Stettin würbe, ©er allgemeine
SBettbiirgerfiiin griff um fid), uub ber Patriotismus ober bie Vater
lanbsliebe traten bagegen jjuriid, wie eS in mamßen Sluffätjen ber
Stettiner ^fitfdjriften 311m SluSbrude tarn. SRan intereffierte fid) für
bie Vorgänge im Sluslanbe weit meßr, als für bie 3uftänbe unb
(Ereigniffc im Vaterlanbe. ©tefe roaeßfenbe leilnaßmlofigteit für alle
öffentlidjeii fragen, bie ben Staat ober bie Stabt betrafen, war ein
SRefnItat ber Veoormunbung ber Untertanen, bie burd) griebrieß
Sßißjelm T. eingefüßrt worben roar. SJlan war jufrieben, wenn
griebeu ßerrfeßte unb Hanbel nnb Vertetjr nidjt geftört würben, ja
man prieS bie preußifeße politil, bie feit bem griebeu oon Vafel (1795)
bie Neutralität forgfältig roaßrtc.
©eSßalb begrüßten aud) bie Stettiner griebrid) Sßitßelm III.,
Dem Vertreter Des sJJlagi|tratS jiifainmen mit ftänbifdjen ülbgeorbneten
am 7. guli 1798 in Vertin ben Hutbigungäeib leifteten, als ben
griebensfurften mit großer greube. ?lls er mit ber Königin ßuife 1804
auf enter Seife jur Neune naeß Staigarb bie Stabt paffierte, rourbe
410 Anfang ber ffritßSnot.
iljni ein feierlicher Empfang bereitet. SRitglicbcr ber flaufmannfd)aft
nnb beS SdjIädjtergeroerleS, foroie eine ftattlidje non .ßanblungs
buttern ritten bem KonigSpaare entgegen nnb geleiteten es 311m ^Berliner
Sore, roo ber SRagiftrat i^ni feierlichen ®ruß entbot, Qu ®ebid)ten
nnb fReben tonnte man ben Canbesoatcr nidjt genug rühmen ttnb
ben Segen preifen, ber non feinem frieblidjen 9®irten auSgittg.
(Erfreute fid) bod) bamals ber $anbel Stettins infolge ber burd) bie
Jraitgofen vorgenommeneii Sperrung ber (Elbe einer feljr großen
Slüte. „Tie Ober roar", fo fjeißt eS in einer bamaligcn Sdnlberung,
„mit Sdj.ffen unb Höljnen, uni Söaren eitijuneljmen ober $u löfcfjen,
mehrmals fo bebeett, baß oft fiir Heine Soote, um burdj^utommen,
leine Öffnung ju finben roar, ja 30 bis 40 belabcne Sdjiffe biSroeilcu
außerhalb bcS Saumes liegen bleiben mußten, bis bie innerhalb ber
©rüden befinblidjen Srfjiffe gelöfdit rourben."
TaS rourbe balb anberS, unb bie Stettiner Kaufleute feilten
oor anberen erlernten, roeldjen Unfegen bie übertriebene preußifdje
JfriebenSliebe über baS Vaub brachte $atte man fich ijunädjft noch
gefreut, baß bie Kriegsgefahr int .fperbft burd) £>augroiß befeitigt
roorben roar unb freunblidje Se^ieljungeu 31t granlrcidj gefiebert jtt
fein fdjienen, fo brachte boch int 'Anfänge beS Jahres 1806 bie 9h
fcßting .fjannonerS bie geinbfdjaft EnglanbS mit fid). ES jögerte
nidjt, als bie Sdjiffahrt eröffnet rourbe, gufamnten mit Sdjroeben bie
forgloS auSfahrenbeu preußtfdjm Sdjiffe aufgreifen unb roegnehmett
flu loffen. (Sitte ungeheure Seftürgung erregte bie SRadjridjt in Stettin, baß
33 Stettiner Sdjiffe in bie ^aiibe ber geinbe gefallen feien, rooburd)
ben JReebern unb Kaufleuten ein Sojaben von roeit über eine 'JRillion
3dient entftanbeii fein foll. 9IIS bann auch Sdjivebett bie prcußifd)en
£>äfen fperrte, ba trat, roie eS beißt, „ein gcinjlidjer Stillftcmb aller
£janblungSgefd)äfte ein gahllofeSIrbeiter, HRatrofen, Bimmerleute rourben
arbeitslos, unbvergeblidjverfudjte bie JRegierungbiefemElenbc, baS infolge
ber ftart gediegenen ®etreibepreife balb nod) großer rourbe, abjttljelfen.
Ta hatte man bie KriegSnot in ber Stabt, bie roenige ©Jochen «
vorher, als man bie brohenbe ®efaljr nicht erlannt hatte, in eitel
greube unb ^ubcl fdpoelgte. JRuffifdje Truppen, bie im September 1805
in Sdpoebifdj-Sommern gelanbet unb bann jutn Kampfe gegen bie
(5-caiijofen nach Hannover vorgerüdt roaren, traten auf Sefcßl beS
Siatfers Sllejanber I., ber nach ber Schlacht bei 2lufterlitj bett Krieg
aufgab, im Slnfattge beS QahreS 1806 ben fRürfiiiarfcf) nach Dfteit
an. Einige ^Regimenter paffierten babei Stettin; fie ju begrüßen,
erfd)ienen am 8. 'JRärj ft'önig S-öebrid) '-löilheltn TU. unb Königin
Cuife bort. ©lättjenb roar ber Empfang, ben bie Stettiner ihrem
® Jurf) bes KönißSpuareS 180«.
411
$errfchcrpaarc beredeten. '-Wieber geleiteten $anblimg§biener nnb
Sdjlüdjter tjoct; jn Stoß in prnd)tiger ?liiSrüftung bie hohen ©elfte irt
bie Stabt zum ßanbljaufe, wo für ba§ Koingspaat Cnartier bereitet
nwrben war. Tort wnrbe es oon ben ©encrälcn unb (Stabsoffizieren,
ben Vertretern ber ßanbeSfollegien, ber ßanbftänbe, bes SRagiftratS
unb ber Kaufmannfdjaft begrüßt; und) bie ißrinzeffin ©lifabeth war
311111 Empfang erfcfjieneir. Tas ©cfolge war namentlich in ben ftatt
lidjen Käufern in ber SOliiljienftraße unb am fRoßmartt bei ben Kauf=
teilten SBießlow unb Taniel (Scfjultj u. a. untergebradjt. Ta aud)
für oiele ruffifcfte Offiziere Quartier befdjafft werben mußte, fo ljatte
bie Scroisfommiffion oiel 'JRülje unb '?!rbcit geljabt, alle Slnforberungcn
Zu beliebigen. Si§ zuni 12. 'JJlärz blieben König unb Königin in
Stettin, febril Tag bcfiditigten fie ruffifdje Truppen unb wohnten
ihrem 'JJlarfdje burdj bie Stabt bei. Taneben fanben aber nodj zoh^
reidje geftlidjteitcn ftatt, an benen bie Königin Cuife mit liebens
mürbiger ftreunblidjfeit gerne teilnahm. Ta würben gefttafeln im
ßanbljaufe unb ®aüc beim ruffifdjen Konful £übner, ber an ber ©cfc
ber Heinen Söollweber Straße unb bes SRoßmartteS wohnte, ober im
Sörfenfaale (am Volliperf) oeranftaltet. Tabci entfalteten bie reichen
Stettiner Tarnen bie ganze ißradjt ihrer Toiletten, fo baß fogar bie
Königin bewunbernb baoon z» ihrem ©emable fpradj. „3fa, mein
Kmb", erwiberte biefer, „ba§ finb auef) bie Stettiner Kaufmanns-
frauen, bu bift aber nur eine einfadje Solbatenfrau". Ten £>öljepurift
erreiditen bie geftlidjteiten am 10. SRärz, als bie Königin ihren
©eburtstag feierte. SJlit gut gemeinten, aber redjt fdjledjt gelungenen
©cbidjten begrüßten fie 12 Tödjtcr oon Kaufleuten (SSißmann,
'Weinreich, SQcicfjter, ©ober, ^cllwig, ©oltbammer, Sebert, ißeterfen,
Tiebridj, £>ecfer, Sraun), bie Sdjiißengilbe, bie Kaufmannfchaft,
Solbaten flauen unb Kinber. Sie nahm alle biefe Verfe unb 2ln
fpradjen, fo weit fie nidjt burch „Viöbigfeit" vereitelt würben, Ijulbvoll
entgegen Vlm 'Jlbcnb war große Illumination, bei ber audj bie
SSaugefangenen bie oergitterten genfter ber Kafematten erleiidjtcten
Sil} ich glcidj im finftern ßorf),
eßr idj meinen König bodj.
'JRit allegorifdjcn Tarftellungen, Transparenten unb 31If{hriften
feierte man baS Königspoar:
®crfchmähc nidjt, ßiiifc. '-öürgerpflidjt,
wir fegnen biefj, oergiß uns nicht!
ober pries ben ^rieben:
'Wenn feinen Souoerain grranfreidj mit ßorbeern fdjmüdt,
fühlt ißreußenS Untertan, wie Jjrieb unb Shilj beglürft.
412
Ter SluSbrudj beß Äricßtß.
Ter Soll, ber in bem obcrftäbtifCßcn Stafino (große Tmn (Strafte 22)
ftattfanb, war befonbers glängenb, unb bie Königin beteiligte fidj mit
greube nm Tange. bie beiben leßten Tage ronren mit allerlei
geftlidjteitcn außgcfüllt; bei einer großen Eour unb einem Salle, ben
ber König im Panoßaufe gab, geigten fid) beibe roieber ßödjft gnäbig
unb ßuIbDolI. Stadjbem griebrid) Sßilßclm mamßerlci Sbißgeidjnungen
verlieben, g. SH. Tilebei» gum Gcß. Kommcrgienrat, Tnniel Sdjultj,
Cegler unb Tilfdjmann gu Koinmergicnriiten ernannt tjatte, verlieft
er mit feiner QJcmaßlin bie Stabt. Tie Erinnerung an biefen Sefud)
bat fid) lange erßalten, ber 'JRagiftrat beftimmte, baß bie Slüßlen
ftraße ßinfort Vuifenftraßc, ber grüne Sarabcplaß sionigSplatj beißen
unb baß Slnflamer Tor ben {Ramen KönigStor führen füllte.
Ter Gruft ber Seit matzte fid) inbeffen balb feßr füßlbar. Sereits
Enbe Sluguft rourbe ben Kaufleuten mitgeteilt, baß fie, ba ein völliger
Srudj groifdjen grantreid) uub Sßreußen in Slußfidjt fteße, für bie Sidjer»
ftcllung ißreS Eigentums in frangöfifdjen £)äfen forgen füllten; aud)
fei auf bie Vlufßebung ber Slodabe ber Cftfecßafen nidjt gu redjnen.
SllßDalb madjte fi<±> eine friegerifdje Stimmung in mandjen 95er»
offentlidjungen ber 3e>tfd)Hften bemertbar, ja fie tarn offen gum
Slußbnid in einer Temonftration, bie einige jüngere Kaufleute oor
bem Cjaufe beß Konfulß Silltot in ber breiten Straße oeranftalteten.
Sie bradjten ißm eine Katjenmufit, warfen iljm bie genftcr ein unb
oerßößnten ißn fogar, alß er am folgenben Jage unter miliiärifdjem
Sdjuße bie Stabt vertieft. Ter Krieg roar erflärt roorben. Söie roenig
inbeffen baß JDlilitär Dorbereitet roar, geigt bic Tatfadje, baß ber
Stettiner Wagiftrat auf eine Anregung oon Serlin ljin am 7. Cttober eine
Sammlung gur Sefcßaffung oon SBintertleibung für bic pummerfdjen
{Regimenter eröffnete unb 4000 Taler bafür bewilligte. Tic beiben
in Stettin garnifonierenben {Regimenter Crofticn (SRr. 7) unb Sorrfe
(SRr. 30) roaren feit ber SRobilmadjung oon 1805 oon ber Stabt
fern geblieben; eß ftanben jetjt bort nur 7 fogenanntc britte 'JRusfetier»
bataillone, bie gumeift auß roenig braudjbaren unb unguueiläffigcn
SRaimfdiaften beftanben. ©ouoerneut ber geftung roar feit 1799 ber
Generalleutnant Gisbert SBilßclm greißerr Don {Romberg, ber 77 gaßre
alt roar, Kommanbant ber Generalmajor Kurt Gottfrieb doii Knobels
borf, bem im Sommer 1806 als Kommairbant beß gortS Sß^ißcit
ber Generalmajor SonaDentura oon {Rand) gur Seite gefetjt roorben
roar. fßloßmajor roar ber IRajor griebrid) Söilßelm Don Cindcrsborf,
unb gngenieur oom *)BIafte ber SRajor Georg gofepß oon Harenberg.
SBcit früßer als auß ißrer erfaßten bie Stettiner burd)
SRacßrußten auß Serlin, baß bte preußifdjen Truppen in Thüringen
®it gludjt nach Stettin.
413
eine vernidjtenbe Slieberlage erlitten ßatten. SBereitS mit 18. Oftober
trafen ©riefe Dom Kgl. ^>ofe, non 'JJliniftern, ßoßen U1,b 2J?ititär=
beamten in Stettin ein, in benen biefe itjre Slnfnnft amnelbeten unb
um Cnarticre baten. Sie Servistommiffion ßatte plöljlicf) alle $änbe
voll au tun, um nur einigermaßen bie 5®ünfd)e gu erfüllen. SBaß
mar geftßeßen? ®ie Sdjladjten bei fena unb Slnerftebt am 14. Cftober
rnaren gefdjlagen, baS prctißifdje £>eer roar aufgelöft, ja faft vernidjtet,
uub auf bie 9lacßrid)t ßiervon ßatte man in ©erlin fogleid) ben Kopf
verloren. 9luße roar als bie erfte Sürgerpflidjt protlamiert roorben, aber
fhidjt roar baS ßofungSroort aller berer, bie im Staate etwas be=
beuteten. „UllleS rourbe in ©erlitt", fo fdjreibt ein 'Augenzeuge, „oon
furcßt unb Slngft eingenommen, alles rannte mit bett Köpfen gegen
einanber, alles wollte fließen; ©erlitt faß einem ©iettenforb äßnlid),
ber im Sdjwärnien begriffen ift. IHIleS, waS reidj unb oorneßm war,
bie ßoßen Cffijjianten, Kapitaliften, ber Sibel eilten mit ißren Scßäßen
über £>al§ unb Kopf nad) Stettin, Küftrin ober Sd)lefien." Stettin
roar oor allem ber 3uflud)tsort für bie ßoßen ©eßörbett unb fämtlidje
Königl. Seneralfaffen. Sie Kriegs» unb ®omänenfanuner in Stettin
veranlaßte fofort ben ©lagiftrat, bie notroenbigen ©orbereitungen z«
treffen; in großer (Sile unb mit nberfturzenber Haft macßte man ficß
baran, fiir bie angemelbeten Säfte, bereit ßifte meßrerc 100 ©erfonen
umfaßte, Söoßttung unb SluSfpaiinung ßtt bcforgen.
SBäßretib man nocß bei ber 'Arbeit roar, trafen am 19. Cttober
bie oier Kinber bes KonigßpaareS mit ißrer ^Begleitung in Stettin
ein. 'JJlan mußte fie in ©rivatcjuartieren, beim Kommerzienrat Tau.
Sdjulß am Sioßmartt, beim Herrn v. £ften in ber breiten Straße
ober im ßaubßaufe unterbringen. ®ort ftieg aucß bie Königin ßuife
ab, bie am Sladjmittage beSfelben ‘Jageß attfam, nadjbem fie erft
wenige Sage oorßer ben KriegSfdjauplatj ocrlaffen ßatte. fRocß roaren
für ißre ?Infunft wenige ©orbereitungen getroffen, bie «><ßt
recßt außgeftattet; eS ßerrfcßte bort, roie ber junge Kronprinz in feinen
'Aufzeicßiiungen über bie fludjt fcßreibt, folcße Kälte, baß mau es
taum ausßalten tonnte. Srotj ber traurigen ßage roar bie Königin
nicßt verzweifelt, fie feßrieb am 20. Cttober an ißren Semaßl jenen
ßerrlidjen ©rief, in bem fie ißn maßiite: „9htr um Sottesroillen feinen
fcßänblidjeit f rieben!" Sind) fanb fie bie Stimmung ber Stettiner
©ürger redjt fampfesfreubig unb patriotifdj, ein Urteil, baß beftätigt
roirb burd) eine Wufzeidjnuitg, bie Sarlieb SJlertel, ber Herausgeber
beS ^Berliner „freimütigen", gemadjt ßat: „ßinen ernftcren unb ebleren
Slnblid als bie ^Berliner flüdjtlinge geroäßrten bie Stettiner felbft.
So brüdenb ihnen aucß bie Überfüllung ber Stabt mit flücßtlingeii
414
Tie Stimmung in Stettin.
roar, gu benen fid) balb and) bie Berliner Warnifon gefeilte, nahmen
fie fie bod) gaftfrei auf. Ser öffentliche Son roar babei fo patriotifd),
bafe ich überzeugt bin, eS fjätte nur einer ^ßroflamation beburft unb
eines tätigen Alommanbnnten, uni bie Stettiner fo gut, als fpäter
hin bie Stolberger taten, bie Berteibigung ihrer geftung felbft über
nehmen gu ntad)cn." Siefelbc Stimmung bcS Stolfeö geigte fid) aud),
al§ mit ben anberen hohen Beamten aus Berlin ber ftabinetSrat
ßombarb in Stettin erfd)ien. ihm faf) man allgemein beit böfcit
Weift beS S?önigS, ja matt betrachtete ihn, mit Unrecht, als einen im
frangöfifetjen Solbe ftehenben Berräter. Sd)on al§ er am 19. Cttober
im Gnglifdjen $ofe in ber ßuifenftrafee abftteg, geigte fich, n>ie eS
beifit, fDlifeftiinmung gegen iljn. Am näd)ften Sage madjte er ber
Königin im ßanbhaufe feine Aufwartung; ba liefe fie ihn auf Be^
treiben ber Grbpringeffin Blaria Baulorona non Söeiniar unb ber
Bringeffin SBilljelmine oon Cranien, bie fich in ihrer Begleitung
befanben, verhaften, unter bem Borgeben, ihn oor ber Bütt bes
BöbelS gu fchitfeen. Sein Wepäct rourbe in Befdjlag genommen, er
felbft auf bte Söache geführt. Tiefe Berhaftung ßombarbS, gu ber
fidj bie Königin übereilt, aber in einem Wefiihle für nationale Gljre
oerleiten liefe, machte grofecS Auffehcn. Sie ftonigin nerliefe am
'JJlittage beSfelbeit Tages Stettin unb fuhr über Bobejud), Sl'leboro,
Söilbenbrud) nad) Jtüftrin. Ser patriotifdje Kaufmann von Gffen
übernahm eS, iljr als SBcgroeifer 311 bienen unb begleitete bie Blagen.
$n Aliiftrin traf fie ben Stönig, ber auf ben Bcridit feiner Wemafelin
fofort bie greilaffung ßombarbS verfügte. Sie föniglidjen Jlinbcr
fuhren erft am 'JJlorgeii beS 21. CftoberS oon Stettin ab, um fid)
burch ^interpommern na<h 'Sangig 311 begeben. Gütige Sage verblieb
bie Briitgeffin Bülljelm noch in ber Stabt in banger Stimmung, ba,
roie fie fdjreibt, jeben Angenblict anbere 'Jladjridjtcn antamen, bie fid)
ftets balb als falfd) ergaben. Tic 'JJlinifter, Släte, Wencräle roaren
in ooller Bergwciflung; aud) ber VJliniftcr oon Stein, ber im Accife
birettioiiShnufe abgeftiegen roar, tonnte nichts auSrid)tcn. Gr wollte
gwar gunädjft bem Befehle beS ftönigS, bafe alle Bcl)örben, .Waffen ufw.
fofort nad) Sangig tarnen, für feine Ißerfon nicht golge leiften unb
folgte, bafe bie Staatsgelber gu Sdjiff fortgebradit würben. AIS er
aber fal), bafe fein Aufenthalt in Stettin ohne Bitfeen fei, reifte
audj er ab.
Blas taten bie SJlilitärbeljörben fiir bie Sidjerung ber geftung?
Gs ift faft unglaublich, bafe bei ber Blobilmadjung nidjts für bie
Armierung gefd)ebeii roar. Grft am 17. Cttober traf ber erfte Befehl
ooni CberfrtegSfollcgiiim ein, bie geftung gegen einen feinblichen
Serbereitungen jur Scrttibißung.
415
Slngiiff in Screitfigaft gu fetjen. Todj nidjt oor bem 20. mürben
Slrbeiteu begonnen ober wenigftenS bie (Stellung oon Slrbeitern verlangt.
2Ran fing audj wirtlidj an, ^Reparaturen am $auptwaUe vorgunegmen,
lief? bie Kafematten räumen, bie fdjönen ßinbenbäume auf bem Möall
uub bei V?ort 'freugen niebergauen unb traf audj SRagregeln für eine
'-Berproviantierung. Slber bei allem biefem vergaff ber Gouverneur
oon fRomberg, ber auf ben jungen Kronpringen roie auf anbere ben
Gmibrucf eines alten abgelebten, faft finbifdj geworbenen ©reifes madjte,
nidjt bie üblidje ©parfamteit unb ßangfamteit. Sind) in biefen foft=
baren Slugenblideu unterliegen er unb fein fßlatjingenieur e§ nidjt,
ängftiidj ben Snftangenroeg eingugalten. mit ber Kriegs- unb Domänen
tammer gu verljaiibeln, roegen Quittungen unb ?lnroeifungeu in langen
©djnftroedjfel gu treten, Garlieb SRcrtel, ber baran gebadjt ljatte,
burdj eine ißroflaniation bie (Stettiner gum SBiberftanbe aufgurufen,
erfannte gang ridjtig, bafj mit biefen SRännern, bie an ber ©ptge ber
©tabt ftanben, nidjtS ausguridjten fei.
Die vorganbeuen SerteibigungSmittel an Geftgiiijen, SRunition,
©tganggeug u. a. m. befanben fidj gwar nidjt in befonbers gutem
Suftanbe, aber roaren jebenfallS ginreidjeub, um eine ffierteibigung
gu roagen. Sin SRilitär roar geitroeife übergenug in ber ©tabt; bie
^Berliner Garnifon (6000 'JJlann) traf in ber ©tabt ein, täglidj lauten
verfprengte S:ruppentörper ober einzelne Slücgtlinge on» aber e§ niar,
alS wenn man Slngft ljatte, gu oiele ©olbaten in ber geftung 311
fammelit, Starnberg brängte gerabegu barauf, bag biefe fidj möglidjft
fdjnell entfernten, um fidj bem Könige gu ertjalten. Sille, bie fieg
etwa anboten, bei ber fBcrteibigung ber ©tabt gu gelfen, rourben
ftreug abgeroiefen, ja roegen Qnfuborbination mit ©trafen bebrogt.
Kein Söunber roar eS bager, bag fdjheglitg roirfltdj alle, bie nitgt
gur (Jtanrifon gegarten, fidj in roilber Qludjt über bie ßaftabie nadj
$jinterpommern fortbrängten.
93u§ fällten unter biefen Umftänben ber SRagiftrat unb bie
®iirgerfdjaft tun? gebe ©inmifdjung in bie militärifdjen Slngelegcii
Ijeiten roäre ignen teuer gu fteljm getommen, fo ermagnte man beim
audj gier gur SRitge unb Crbnung. Sin IBerfudj, bie alten Sürger»
fonipagnien gut 'Berteibigung mitgerangugieljen, fdjeiterte roieber an
bem SBiberftanbe be§ Gouverneurs, ber von foldjen immilitärifdien
JBerteibigern nidjtS wiffeu wollte.
Da tarn bie Sladjricgt von ber Kataftroplje von ißrenglau, roo
am 28 Cttober bie Slrmee be? dürften $ogenloge auf freiem Selbe
fapitulierte. ©ie ivirtte roagrgaft vernidjtenb auf ben Gouverneur
unb feine Cffigiere, bie jetjt alles für uiufonft gielten unb feft banon
416
Sie gtüngofen vor (Stettin.
iibergeugt waren, SBiberftanb [ei nur fdjäblidi Dian liefe bie ver-
fprengten Stefte ber Slrmee gar nidjt metjr in bie Stabt fjinein,
man falj fdjon jetjt eine Kapitulation al§ unatisbleiblidj an. Sind)
ber 'JJiagiftrat teilte biefe Übergeuginig, wufjte aber nicfjt redjt, waS
er fiir biefen galt tun follte. Ter Präfibent ber Kriegs» unb Tomänen
tammer, beffen SBefeljle unb Slnorbnungeii einguljolen unb gu befolgen
er feit langem burdjaitS gewohnt war, befanb fidj nidjt in ber Stabt,
auS eigener Initiative irgenb etwas gu unternehmen wagte er nidjt
Ta roanbte er fid) au ben Staatsnunifter K ß. v. gngerSleben,
ber infolge eines Zufalls in Stettin gnrüdgeblieben war, mit ber
®itte, „in biefer fritifdjcn Periobe bie fo feljr uotwenbige ßeitung
ber 3it»ilangelegeitlieitcii gu übernehmen". ^ngerSleben erfreute fidj
feit feiner früheren Tatigteit in ber pommerfdjeu Kammer, bie erft
im ülnfange beS galjteS lbü6 ein Silbe gefinibeit ljatte, grofjer 59e»
liebtljeit in ber Stabt. Sr letjnte eS anfangs ab, otjne foitiglidjen
Pefcljl fidj in 'jlngelegenljeiten gu mifdjeu, bie iljn oon 'Jlnits wegen
nidjtS angingen, erflärte fidj aber bann bodj bereit, fiir bie Stabt
eingutreten, erfdjien auf Dem fRatljaufe unb traf einige Slnorbnungen,
unter benen bie lüidjtigfte war, bafj er bie föniglidje Kaffe fofort
nad) Swinemünbe fcrjctffen liefe.
Ta erfdjien am SOlittag bes 29. Cftober frangöfifdje Kavallerie
vor ber geftung, uub ein ©ffigter verlangte unb erljielt (Eintritt
in bie geftung. (£t [teilte im 'Auftrage WluratS, beS SrofjljergogS
von Perg, an ben ©ouvcrneur gang unverblümt bie Slufforberuiig,
bie geftung gu übergeben, ba fie von 100000 grangofen umgeben
fei. Stomberg war ratlos; batte er bodj fdjon am vorigen Tage
feinen Sotjn, bett fleutuant von Starnberg, au ben König gefanbt
mit ber Slnfrage, wie er fidj im gälte einer foldjen Slufforbeniitg
verljalten folle. gefjt fragte er gngersleben, ber gu itjm eilte: „93aS
ift nun gu tun?** Tiefer gab eine feljr vorfidjtigc 'Antwort, bie unS
Ijeute unleiblidj forreft erfdjeiiit; er müffe bie Qrntfdjeibung ben
SJlilitärbefjörben überlaffen, halte aber eine StetognoSgierung für nötig,
wie öS mit ben feinblidjeu Truppen ftänbe. Ter (Gouverneur lehnte
bie Übergabe ab, öodj faiim war ber Parlamentär cntlaffcn, ba
biftierte er bem 'Aubiieur Traganb einen Kapitulationsciitwiirf, ben
er audj ben Generälen v. KnobelSborff unb von Stand) oorlegte.
Um 4 Uhr uadjmittagS erfdjien ein gweiter Parlamentär unb vet
langte eine fategorifdje 'Antwort. 'Jloniberg war wieber faffungslos,
hielt aber bann einen Kriegsrat ab, waijrenb gngerSlebcn ben fran
göfifdjeit ©ffigicr, Kapitän be pire, mit fidj in fein Cuartier nahm
unb fidj bort mit ihm über eine eventuelle Kapitulation unterhielt.
© t c 11 i n e r 3citun&
No. 92-
ftrtVtaßr btn u Slovtmber 1806,
"G*uMJJKeii:iit d.c Beut’!*;«.
Notificat'oe*.
L’Etnpcreur de» Eignens et Ro< d'talie < »endu
lc j. du present uuüs de Ncvotubre un decret con-
cernant les pays occuoe« pui l'aunce tran^use,. 11
rtnfcnne les dispositions ainvintcs qu’il Importe de
faire connoitre au pubiic.«
Snvoir:
Les Etats de Sa Majejze lc Rot dc Pnuac, ^nqnjr
par l'armic tian^aise -sont divisc» en quarre deputtje-
ments;
i) V dep-uteinem de Bcriiu.est Jivwc hü mSinc
en 4 provinccs.
Sevuit r
La Mai die d’Ukrtinc, ommandec patJkls. Ha-
ri et, Chef de Bataillon.
La Prignitz, coinmandee par Mr. .Ncrin.Cpc-
lonj.
La vielte M t rch e, -cutn mandee par Mr 'B-ous-
sm, Colonel.
La rrioycnnc Marche, cwheardee psr Mr. le
General de division Clarke.
s)Celui de Custrin, xcmprcn-LU la nouvc’.le
Marr he, co.trmand4e per Mr le Gbncrai Je Bii
J«dc Menard.
3) Cclui de Stettin, coinp'-cndm la Pomfiapic,
coininandc per k GciKr.il de Brigade Thorirmot.
4) Cclui de Magdeburg unnprcndia,
Savcii;
LeOuchi dcMagdeboui^ ? “wnlXlÄ
U Comtfdc Mansfe.d >M<. Champ.ca.ua
Le Ccidc de la uiab J (5|,j rc|lli^.B A ßurg.
Ft la yille de Halle, cu.timtuitKcpai. M. 1. nu-
te ur, Ad;iiJanr-cotninand<w»r
Les provinccs centinueront d’vtre divtrfes en «y-_
des coinmc eile* le sont prcsentenient, les msgifhets
des viiles, les baillifs, les conscdlers des radies, les
tonte1 Ilers prbviiKiaux des «rdes et les mr rbres
des chanibres dc euerre et des doiraincs sont unain-
tenus dans leurs ft tcrions, ils prfteront lc scunenr
suivsnt entre les tnains de Mes&cuis les Cominan
dans jnilitaire« et des Intendant» noimncs Convnis-
’aires A cct effet, lesqucU dreasaont n pnxis vn
©nuveritttiitnt »on Berlin.
® e t a n n t m a <t> u n g.
•St. 9Xaicftötber Saifer ber franpQn unb Sbutg not
'ttnhni bul’tn. iiitter bem 3. biefe» flJUnaW in ®rtref
b.»c m Or- franiJtothe« -XBittre bnrtjten f'anbe etne ©er«
»rbnutifl 0-eren Subnlr bnrj) ^esenwärtigH )nr
Jüc-umji'fj M '/iithiam« paHadu wirb.
®<e een bet fraiijMltoftt tirni« etoberten fanbe ®r.
»SJeidHt -M #ö»i«*t>Mt •’JJtmfien ünt) ttt »ter
r,tntf eiiiscibrt'b «4itt'id>:
1) 5C0« 5>epntt'wit ts?n ijietlitt, rsddjtt btnmitberWi
oua ui« ttowtye. beliebt. Xieft finb:
bie 11M r '1»<*t r teetebe unter.bem ’lMfebl brt Wäfte
IcaeVH Rottet M’t
'tite*'9rirciiiji, -urttl bem öberft Stert».
S)k 3H»sn«tf. i'uter bem Obrtfi ’fco.etfftn.
SMf ‘.^itteitnorJ, tutter bem 2>t»ifienA«QfMttAl
Clcile.
al Xif X)e;..uniiMt »c« Tilff 11 tt, begreiftbtetu
mar fr tiub unter bem Vtrt^abe/^einrat Alt»
1 arb.
j‘. Slu’A ,-’>:ti'.utev:.’xt 00# (Stettin« beßtetft <JJont'
nur. u».ct ••»•» i®cfrbl Art ISriflnbe > ©ecerd
b «ti»»« M
4» X«* ©tparen'-itt »on -HÄngbrbvTt«
b»3icf’'
ins Mh 4 jfb eb ur^
i>ie feran'l)on Äau«tel»
ttit ^a«ift»<it
I biefe flehen unter bem
f yunnant Coffinnbaut
C(ft>an»or«ur» ber
J tu <B u r a teftCirr.
unb b»e <Ät«bf fr a !t»;.biefe leatere fleht unter bem
$lbiuta<it>€intrtairba«t «lautour.
3n ollen »orqeuanutrn ’UJraeiitien verMeibt ti, natfl mit
Mr, bei ber b'ei'rtiiptrJiBnrhenuiifl in freite, fo wieaucl
ui ben SfMbten t ,i ®?asift' ato ’Perfbnen, auf bem Kanbe
sie Wmtieure, tu ©liuerrhhe, bie yanbrätbe unb bie
ArtefiH1 unb Xnmemen Graniten, beibebalteit iverbetu
N’^rftfilt bef non btfi'rti allen lebet fetac biAfyertaen CImtte
nerndnunaen.uiuinterbtodi.n ♦».tjufeFen bot. jeber»»»
b..frn in --.fijcbfu Wmttti 10U nad-flebenben Äb m bit
Cianre bet SSrl fi'r ffeinmanbanteu, unb ber fu ffomntifl
Civh »d b.tK jtcorbnetefi Sntrhbaitttn« tbiejeju bte b«
bat gut retntcra les uonts de töusks memhrvs coir.
puK.nt les ajrontes cv-destus.
Formale du sermenr.
„Je jure d cxerccr loyakwcnt 1 gutoi itö qui m’cst
„conti'-c. par Sa MajeltC; fEmpercttr des Fran^ais.ct
„ilot.d’lralic, de ne in’en servir que pour le intiiii-
„ucn de 1’ordre et de la tranquillitl publipuc, de
„concourir de tout mon. pouvoir A l’execunon des
„mesures qui seront ordonu&s pour le Service de
„l’annee fran^aisectde n’eutictenir «neune contspon-
„dance nvec ses ennemis. “
L'administration generale des quaue dfpaitcinents
cst eonriee sous 1 autorite de Mr. I liAcndimt-gcneral
dc l’annee (Mr. Peru}.
A uivAd-nrfnisn-ateur-g&ifnil des financet et des
domaincs {Mr. Estcve}.
Et A un Rcccvcur-geueral de*- contribusious {Mr.
liabouiileriel
Chaque departcincit scra dirigC par un Coininis-
saire imperial-pui asststera toujours aux assemblces
de ia chmnbfc des nüerrcs et des doimiincs, fern tc-
Hir r-ögisrrc des dvlrbcrations er-veil lern au bien de
autre serricc.
Chaque province anra son Intendant, qui rcmpli-
ra les fimetions de Prebet, d'lntcndant des finaiices
qor prendr« possesdon dc rous les magnzius, caiascs
er domnines appartenent au Roi, rl dirigera en out re
la perccptiQH des- imppfitions, l’adtninistration des
Joiuaincs, inines, salines, et la rennte des coutiibu-
t.uns extraordinoira*.
11 scra ftabli dan« chaque province ui» Receveur,
daius In cai»*e dnquel routes les-ivcctes quelconqucs
serpnt versees et les veiscments qui y seront fpits,
seront eonsrstfs par des pieces’veroanx.
Les magistrats des villes,. les baillifs 'conseillcrs des
,ailles et pnxriHciaux, coirrinucront de conespondre,
euere eux et la chauebre de guerre et des domnines,
suivanr t'ordre prccideininent ötabli.
La-inagjstraruix dc la ville dc Berlin seracomp»-
>ie dun Conseil de soixanre. arembres et d’un (c-
aüti de sept membres.
Les Electivn-s ftrtes par lesserublcc des. deux nlil-
k. piincipuhk bourgeois de cette ville, tenu Le 30.
du mors dernier et constaröe par le procis-vcrbal de
nette assenrblöe sont appiouvccs par Sa Majeste l»n<-
pönale er Royale, ainsi que. le choix que les soixantg
rnembres flds paur formet le conscil, ont faitdeso.pt
njeinbrcs'pour coinposer le coinitd adininittratif.
Meflteurs* les Coimnandans de province, organise-
ront dans leurs- Arrondissements- dc» Lrigades.de gen-
d innerie uhoifit pann t les propiütaixcs du nays tibfit
l* nombre et rempkuxment dc ces. briuades seront
•retcnnmfs par le Goiiverneur-g-cnctal. Ces brigades
seront deftinces A maintenir la panquillite du Fays
»1 A y* fflire respccter les pcrson.ies et les- piopriercs,
il y aura auprösdc chaque Commandant de pro» nicc
nu detochement de troupe fran^iis». x
II' scra Organist dans la ville de Berlin une garde
/juvgcoxse, c; d fiua cröc dans qluique deptutemenr
siegen bie «flame« alle* betsf, welche Liefe« €ib ju infa»
Vnbcit; in ri" 'llrctefon eilttMgcrrunlffejj.
(Fi be « - £ o r nt rl.
fz3d> fdjivire, fie (Wmalt, bie mir üsh ®r. WajeftÄt
/,bem Ämter brr 3ratlp.'fc.ii uub Ateiifctc von 3talieu «imct/
„trauet ift, mit ber grvjteii Cmjalitat auiginibru uub fit
„nicht «nberi al« |u &baltung ber örbnting unb ber of«
„fentltrljcn SRube «njiirrrnbetiz aitd> au« atlen mciucn
„Ärdfteii betiutragrn, um bic ©flafingrln rnb «ftwrbnun»
„«eu, melde mir für ben ©ienft bjq franjWffrn Slrmee
•„vorgeirltrieben imben, atti>;ufünrtj»« unb treber TJricf«
„trechfel ncib iraeitb eine cuibfeSltt von SRerbiiibuug-mit
„be« Sciubvn berfelbeli ju unterhalten. <5o iral>t mir
„Wett helfe."
®ie (’knerabSibmfiiiflratioH fjmmtfiiljer vier twrge«
nannter ©epartcmenW, iib unter bem Obetbefcbl be« ®e»
nerahSntenbahteu ber Sfrmee, Jbi-rru © arü, beutlet
neral-Sbrniitiftrator ber -Sinauien uub ber ©»maiiteii/
>?errn €freue, imb, bem CicrSteuer-QÜunebiiler, Jfcernt
£ a b ou i H e r t e, ilbcrtrageu.
9ln ber <®5pine ieber cmjelnen ©epartement« tßerwal'
tuiifl, wirb eil» fiaiferftdMr .llcniimiffatiirt (leben,, ber bet
ben ffeffwnen ber ffrioied» unb ©ejiiaüitnfnmnieru juge»
den feyn, übet bte U?erl)aitbluiige>t berß-lben etn TrctcfbB
führen, uub bab ISefie beb ©ienflcö int S7ameit bei Jtau
fer< irabrnebnierf wirb.
Ätir jebe «Provinj wirb ein Sntenbatlt -FeflenL ber al«
«prafeft unb al« 'jntenbanf ber St:ian;eii, hü JVöifial. ©Ja/
aaiiue, JiatTen unb ©anwiuen an fich nehmen, bie ?rfec<
bung ber Auflagen, bte ?3ern'<iftini« ber ©oqiair.cu, ber
Vicrgtretfe, ber ffialjwerfe, unb brr Qjettrcitung ber aufcer»
erbentliehen ©tenern, ane.biieu wirb.
£<n i»ber «ürohiiu wirb ferner ein (Einnehmer angeftcFt
werten, pt bejen Saffe alle eingcaang/uc ©eiter abgeliw
fett, nnb tiber «Seien €inua|>me Sprctefsir gehalten wer*
ben feil.
©ie 9JUgifltijb*perfwten in ben ©täbt-tn, brtgkidwn
bie SlmUeuH, bte ©teuertdtöe ftnb bie S'anbrctbe, bleibe«
in ißren biihertgcn Öerbaltiiifffti nnb SJerbiiibungcn, fe«
wrbl unter fid?, a|« mit ben Urte fit«- unb ©rwaine«/
Sammern.
©a« b£agt(lraf« ÄaKegium ber Stabt 9'i-rfin, nürb
van )e(t an au« einem SRutb van fedijia Sitjilicbcrn, unb
rfuj einem 2luäfd;uj twn ficben Mitgliedern befrebrtt,
©ie v»n ber «Bcrfamnllung ber jweitatiihib auae'i-hew
ften ©Ärger biefer ©tabt, am 30. bi« veigatigencn Mo/
natK laut bem bariiber abgebaiteuen Wrotofdl, artroffir/
tun ®ableu, |u b<tu 9fatb ber Cecbjiger, fo wie bie von
biefem SXatb erfolgte (Ernennung oon fiebert Mifflieberrt,
tvelcln b.u5 5?fnvaltuiia« ©oti'it’r auAmacben feil, beben
©e-.. Äaifeilieb«jiw’ialicfa Si-'icfiät ;u bedingen ßerujet.
©ie Herren JtomnMnbaiiten ber (Jrovirjett follen in ib/
reu rrfpcftiven ©ejirfen ©cuba;ipitte ©riaaben erridten,
Me tu Sfitfrechrtaltiing bfr bmfntlirfien fXube, fo wie |U
©ulieruii« bet Slcrfoinn unb betf ©inentbuni«, gebrainjit
nwrbeu feilen. bufem ©ienfl (innen nur wirffidie
Wrimb-Cigeiirbtipter jiigelatfen werten, ©ir 'Xnjabl ben
fetben inib ihr Stanbgiinrtier, wirb t|Mi bnu ©encrah
wjptnvrnatr befljmint werten.
uno jou plusieurt comnuflions nüliraues pour jugei
Jt fiirc*punir 4 es mnroÜeure; foat itonnnces Com-
mifiaües infpdriaux dans' les chcfs-licps de döpaice-
mcnu; ftvoir:
Mr Big non, poür le Dfpaitement de Berlin, il
rciici.;. ä Berlin..
L ili .ticr, pot'r ie Departement de Cuitrin,
il iviidera A.Cuftrin.
Mr. Laigb: > pocr le Departement de Stettin, il
icl-derä « Stettin.
Mr. Cha? Lons, pour le Departement de Magde-
( bouig, il rclidera 'Burg.
Sont nomnies Intcndmirs dts provinccs de la Mar-
ch. Ukraine, Mr. Pietchmn beilc.-.-il refidera i
Prc.irr.low, De la Prigniu, Mr. Gaspard, il icfi-
dera A Pcicberg. De la vkille-Marcne, Mr. Chi-
Kai Ile, ii rclidcra A Srciiithal fSteiidai). De la rille
dc Halle, Mr.'Clnrac, ii rclidera A Halle.
Les .autorircs civrlcs et militoires ront renus do sc
conforiner chacun en ce qui le conccme aus dispo-
lirioHS du deeret de Sa Majefle l'Empereur et Koi
du 3. du present infliS de Novembre, rappcllc dsui»
1» präsente.
La Susdite notification scra-lue, publiEc et nfHchce
partout oil befoin sera.
Berlin, ie 8. Novembre 1806.
Le General de Division, giand-officier dc In k'gion
d’hdnneius Gouverneur general dc la rille de
Berlin ct des provinces prussiennes, de Magdc-
houiig, dc la vielte Marche, de la inoyonneMar-
chcptle Prignirz, de la Marche-Ukraine, dc la
nouvclle Marche dc la Pomcranie, et Conitnon-
dant dc la inoycmie Marche.
Ci a k k e.
SJerlhbenOer ©efaniitmacbimg-'acniiii war Her bef vte
c-tfee «Dtouat« iti ’Mdrifninq bei vetgefebttrbenen eiblpen
®t(üf>be« atigefeM. jlu tiefem Gnbirotcf rourben bie rf<
fentlid'eu Beamten ber veifcbiebtuen 3ft>eiqe ber nllgemeü
neu EaubeCverivultana, bie 8?orgeftfteu brr Stabt nnb
bie ©epntirtrn btr ^uraerfcbift .auf bad Äittigl. ©rbloft
iiifnmnien berufen. ©,r fu. tiefer Danblmtg ßeivdblte
©aal trat auf fefgrnbe $rt Vi.iigeiid>tet. 3'1’ Dintcr,
flrnnbe beifelbei: brf.'-:b ftefe eiif» mit fcbarfadjrotbeiH £ud;
befddagene £ri;vbuita von vier ©Ulfen, auf treldjer ein
rotbfamtner, mit «olbncn Jrefftu verjieitcr Eebnftfld
ftaob, unb über biefen htltore eine farmofinrotbe atlavne
mit greifen be-'-ijte xyrppperie, bie iisifcbw beu »ter am
Gute bei ©aale« im Daitqirfel befiiiblicfieu ©dulen «uSge»
ftatmt mar, eine ?(rt vwi Dbronbimmef. Sltir ber unter«
flen fefir breiten ©tufe ftanbrn, für bte tXbefd ber franjb
Öfchen *3erm.tltnng, ftd)v Gefiel, uub vor ber Crbibnng
ein mit grni>cm £ud) bcbaiigeuei* £u'cb für ben fatferli-
eben (foniinitfatiu-J. ben Stäuben be« ©aale« ro«
reu mehrere Weiten .©tuble unb Igaufeu für bie ffbef«
nab •Diitßltebcr b c v. rftljiebeuen taiibefbebötben, fo roie
für bie ^taflijtraiOporfonen unb für bie ©epiitirteu nubW«-
prqjentanfen ber Qsiirgerfcbaft, biugeflefit. ©ie feier an-
rorfegbeu ftörtgl. ©taaNntinifler, bie btrmalißtn SBorge»
taten w -D-taliebe; ber »berfttu ftuibetbefcörbeti befwx
®ei iebem SfffltWAtrbattteK einer tfrovln» fol ft4 nv
©etaiUtiütnt franjefniter (nippen befmbcii.
5» ber ©tabt -fecrliu feil eine ©ürgcf ®8rbe erriefetet,
uub in irbem Departement eine ober mehrere Wditalr»
Commifftonen Mellt werben, trekfer bie SXaiebeun! pr
Verantwortung ueb ©träfe lieben jofl.
£u ÄatferE gonuiiiflaiien in bin ^miMorttu tegl.-.fiew
'Departement! finb ernannt: Jf’trr tBigno 11 fiir ba?A?r«
yartemait.ron © e 11 i n, refibirt in Vertin.
n^>r. ©a b a t f e r,z für bat Departement.v.’n (EiJft r i tr,
tefibict tu (Eiiilriu.
fatale, für ba« ©eparteraiJit vv» Gtettin.- rrjfe
bitt <n Gtettin,
baa 10n«,.für bae Departement von Wlaßbe«
bürg, rciDir; ,n Viirg?'
3» Sntenoauten iu ben $ro»injett finb ernannt:
§ür bieUfermarfe JC>ert $ietcfrawbtHe, refibirt
tu Drenilbt».
Sür bte <PrieaniD, Jt>err GerApavb, refibirt fit
tyerleber.0.
Sür bi« Sfltmarf, tyxt GfeiWtUe/ rtfibirt m
® tenb-a l.
Jür oie ©tabt £>en irtarae, refibirt a
£«Ue.
©dmmtlidie Givil« uub 8Ri(it<fir<2(utoritdteH finb, ieber
an feinem Sbttle verpflichtet, fich nad; bem Sulhifo be»
von ©r. Saiferl. .ffimgl. sDinjrilai uuterm ?. biefe» Sflo«
im*« erlaffcneu ©cfr- t«. ju riclitcn, auf tvclcbe« bumit
fytnaeroieten roirb.
Vorirebenbe 5Sef<mntmart>unü feil übetall, wo tt ttflt-
L’tlieb •eia m.iq, vwaefefen, cefannt geniad-t iniMurtb
Affer.tiitben lütifeblag ju icbermanii* ^eimn'.if ^ftudtt
rotrben. ®eqln, am 8. November 1806.
©er ©ivtfivtttf General, Greaoffiiier berGbrenfrgtcy,
General ®ouve<ueur ber ©tabt Berlin, fo rote
ber preitflifcbi'U $r»vinten: oXaflbebitrp, Slttmcife
«Ötiftclmarf, $rieggtr, Ufrrntarf, «cctimarf tu b
flJommcniJ beOfllnc&eu Äommanbant ter Beittrt-
HiarL klärte.
ben ficfe jnr Wccprett, bie venebirbenen Colleaia ter ©fable
Verwaltung ugb Oie SXevriientanten ber ^ürierfdmft'ii«
Stufen ber vorgebadjten GrVibuna. Um 12 Ufer Wittagfl
erfebienen bie (fi;efo ber frantiftidjen atbminflration be<
Eanbei, unb nnbmeii auf ber Biiterflen ©taffil ber <Fr«
bffetiuci bie wir fie beflimmteu Tläbe ein; in brr cJiitce
nenilicfi Ge. Greegienj bet ©ivificnO-General (fdarte,
General ®Mi*’erueur von Berlin uub von beit erob.-rten
Ttvvnipit te, C'ommaubant btr SNittelmarf; tbm ;ur
Wtdjwu Ge. GrceBeiij ber General .feülin, (fommai;
baut von Berlin «., uub ber (fbef feine« ©eneral-Cta*«
be«, Dberfl Eauberbiere; jur Einten;- ber Ober -
tenbant btt 91rmtt, Derr ©atu, ber Ober ft-nanl» tu.»
©omainer Stbinnüllrator Derr € ft e v e unb ber Ober
©teuer,€iunebmtr Derr Eaboutfltrie. ©phalb au-fc
U'fa? aenommen batten, taten fiel) auch «He Shiivefi-, be;
barauf trlrob ficfe ber General CAouvernttir, nnb H-1 *t
bie ©ifiung mit einer furjen Slnrebe. Gr ftcKte ber i •«
fnmmlnng vor, baft Ge. fWaieftät ber Äeifer beti €ntwr <
Bern von ®ertin baburch einen grvfien ^tnyK feine« 3-‘
trauen« rrtbeift, bafi ei bte EanbeObcUtben bei bret
amttffübrunj gefaffen, unb btr ‘feürgerfitMrft ei«« au« ib<
rtr SKitte gewäblteti SlenvattungOMiV oen-clitgt !;abe.
©urdf> bte Gefinnungen nnb biifcb ba« ®etragen btt
©ür2ergt?«ft fei ba« Zutrauen b«4 »ollfomincti e•>
fttfitfertigt. ft feoffe, bafe bie« auch in bet fkt«
feit. Juli >epn werte, unb bafe fit? um bie« »iblidi ;u »tt
forecun, ietjt feier jufamraen berufen worbta wären. Sie
fcofncfetbaltiing bet Orbmtng unb her feifrntitcben iXutie
wären fo wef-ntlicfee Siebten be« fBürgtr«, bub fcfion »fer
eigner SSortferd Ulfe Uw ©(iid.h>rtr.üiiii-.b«l).'.:ra ti ;:fa>
Mrt, baß fie fttfe''b«{n anfertfdiig maafteu, baßbie«. mttci
b*n vorfeanbenett Umfidnben {Wfefiich n«tfe:gj»i, unb hab,
beutreultcfeer (Befolgung biefer 'Borfcferiff, (£r, a(« ©tu-
eenteur, gewiß alle« rott« von ihm abfeinge gern bttrragen
Würbe, um bie ?afi be« gegeiiwärfaeti ft'igenWicf« fo er'
traulich tu machen, al« mr immer in Hirt.
Ser ffaiferiic&e Coramiffwiu«, J?irr OMgitov; la«
(Eapauileuio.n ber ©tabt ©tettin.
tRacfebem ba« (fbrt: (Preußen-untf bie ßclhing ©tettin
»on bem ©eueral feafalft im Flamen ®r. Aatferltdi Staig,
lieben Kofent, be« ©rofeberjog« von «Berg aufgrtortm,
unb' biefe Söfforberuna nach ber erhaltenen abKNäglicbea
antwort bringeub wirberbvlt worben iß, fo iß oon-bem
©MfKiUeutenant mit ©cuvermur, «Farrn von iXonibcrg,
utib bem ©tneralmajor ven- Suolu-loborftmt ?uiirfeuim
fee« ©enernl« tffli ©cuieeorp« «. fXanbum,, unb be«-«>??a
jor« vom ©eniecoip« (Barceu befcfeloflen wortbn, bie eltibt
©tettin unb ba« Rott (Preußen unter folgenben ©ebüiaum
<tn< an ben £errn ©eueral fafafie, Commanbeur bit
Awmtgartr 0r. £aiferlicbei»J&oferitbc« ©n^feeriogiLVvii
SSerg, ju übergeben.
Srage.
Sie gante-gegenwärtige ®efonung mit: Cinfcfeluß'be«
flejnen ©tabrt nnb aller SRilitairrerfviu-n, treidle feinen
SCfeeil ber (Brtafeuna atrtmacfeen, erhält freien ?(b»u,f mit
©affen unb 'Bagage, entrveber. nach. £& luWOimtpreux
foeu, ober nad) etfeleffrii.
antwort.
Sie ©arnifon tiefet mit alftn mifttatriWen Cfetemeicfeta
•tt», legt bie ®4ffen auf bem ffilaei« nteber unb wirb pe,
fangen nach Rranfreitf» gefefeieft. Sie Offifiere finb auf
ihr «fferenwort Srregäaefangene, unb erbauen 'Paffe, wohin,
fie verlangen;
Rraae.
©efrachtt ©ärnifon behält ihr ©fgenffium, unb fergirttfirfe
Mf tferCbrenWort, an bewert; wdefeen fit wäfeku wirb
antwort.
Sie Offijiere behalten Segen, tgagAge, SPferbe, nnb
•1H, wat ihnen gebärt
Senge.
Sa« Jbontgficbe Cigentfevm wirt Mir grantäfifrten
tnipiwu übergtbam
antwort.
Wt« in ber Jtfhiug brifitbiirhe Siaentbimi ©r. «Rat»<
Wt bt« Staig« ooir*ttuf<>)‘tttrb ben Srantäfiföeir.i£nipi
M* «Wgeiiefert.
Senge
JDieCaniifcr erfeilt feeinr 9u«tnar|aj’ atli nöthijr £ülft,
antwort.
fiMgrfanben.
Segne.-
JCeu- ArttttficfeeirSTtupptn wirb weniafien« 24 ©tunbet!
8»tb #e(a(feu nm ihre Anaelrarnfecittn tu beforgen
Antwort'
W« «Rifat wirb fern Ttcußvcfien gtvppen tut SJefor
atrny ifertr Angelegenheiten tugeßaiibtn
S r a «1 e.
fPdferenb biefe» »4 Ctnnben foll ben (truppen ft
nttnmrtr# ba« ^rrtofoF über Mt biäberfge fierfeaubhm«
unb itiglu* bie (in trtPcbcn^Fe«e*,’f’*’»’'»rf'tt!ifl roärtli®
votgefcferieotne) Jormelbe« eibltaien SJerforecfeen« in fram
rtfi'cber ftvracfce von biefe wart, feit tauf von ben auwe»
fenben Roiiial «Rimßeru, von fben ehr,ein, in fetutfeferr
ClHikbe roiebrrboft, unb Sie ließen tieie'be aigbann auch
ihr in rrfoeftturn Untergebener, uacb allen eintelnrn 3mei>
gen ber Abmrnißiation; leiften. ifhen bteRn €it (egten
fobann auch bie neu erriefet te 5B e r ro a 1111 ji e « <E 0 m >
mitte, ber Slatb ber Crdniaer, nrbfl brr •X'iir»
«er<®nrhe imb bie «Xepräfeutäutt 11 ber ünrigen
®lirgerfefeafi ab.
«Diawihät; be« .ttaifer« ber Rrantofen, bn« SBrrfimfcfre 2f>or
übtrgrben werben.
® ntw ort.
Sa« ®er(itiifd;e 3feor füll ben Rrnmlfifdien SVitpoeu
eingeräumt werter, weiche einen 'l'ofkii auf ber Ober»
briefc' erhalten. Siefe beiben «poften (ollen um 6 Ufer
Morgen« von beu Sraniififchen Sruppen befeit werten.
S«a«e.
Sie SaiferPrfi'Rrtniöfrfcfieii Sruppen refrettiren unt
j^üfeen- bgo Ciqei.tk.m- >er Cinwolmrr ber Rtfiun«
eiettin, bW. Rcrt ^reirfien-unb ber fBotfiäbtr.
antwort.
gugefümbtn.
ftraar
Sie Säffiffim atfer Stilitärmfonen frSen auffehtßcfeui
ber Aaikrlicb'SrantMt^tn £rurpen rechnen fänurn.
Autwo-tr.
Sugcfiairten-
Sragt.
®bnr f?agi t.t Ratifftntion biefer CapitnlJtfon an,
feäcen alle ifembfeligrtitim gegen bie ©tobt ©tiitiu auf.
Antwort.
gucjeflanbeu.
Staat.
Sit'Aranten imb Stern :.nbetc 11 von brr ®reufiifcfien
Armee, weid;» firfe in ber Leitung befinben, werte« ber
(jroBmütfeigen ‘Befenirtlung ber SraniöüRtait Struppen
ubertalten
©tettin, bin ap. Oftofeer rpr1«. rt.« 6 Ufer AbtnH.
Antwort.
3ugefianbln.
Ser 6d»a., weither liefe in ber Reifung befinbet, wirb
be« Sraiijöfifcfn n i.-nppen nherarten
(£« fol'en von beiben Centn Offiziere' von- ber ArtitTerie
unfvom ©eiiieeorp* ernannt werota, um alte SXngatiu»,
Munition, .fattc::? Tlaiie v. f. ro.z bie in brr Jefiuug
finb, tu überliefern uub in ©mpfang {tt nehmen.
3m ^tmitgnartitr {u Mihn:tgen, ben-29. Oftcber 150«.
Ser 'BrigabegenrraJ imb t'-mmanbe'ir ber Avantaarbe
be« SXefervccrip« ßavüllcrie unter bem .ftoniniaubo ®r.
Aaiferltd)1 Söntqlichen J^obrit, be« ©Ml'rrjog« von ®trg,
tiflitenant be« Aaiftrt.
Viteneid>n»t: fa falle
5<h habe bi>fe Cap.tulativn jefefien. unb billige ifert
Aufführung
Str fBnrcn vot: Slontberg, ©ouverneur.
Siefe Capittilätion habe ich gefefecu unb billige ifert
Kuifüfentnq.
Ser Cfeef be« ©tneralftabeo.
Unnrieicfmtt. Sn« WeHiarb
•Riferingcn, ben ij. Oftobtr um ui Uhr Sbrr.N.
8) e n t ft -t #8 c t f A I t e.
©ie {ftarnirvn von Kaabebtir t ift ant t1 ten biefe* nm
» Uhr iWi-raen* vor bem <**nrfi1>«U 7&v voibti befihrt
SmantM Treitotfcht ©cnerak, achtftujiit»t O’fi,’-.t, »met
•*«b i»an(ia tninenb hlehu«tn., unter' melcbcu itch treu
tauienO JCtiiler^en b-’ftv'-' ~;«-»n.
Ii'"5 «c<‘;::!,,rt.',r. iieMhnn-et* frariwr, eine’Kilian «Pf.
^’fter, eine ame Sjinthm-Kiuiinaae, , n? 'luermefiliebe
vXeuqi veu Srtilinie 'iriuirh finb in Jini'if ifcheif-rniibe;'.
©er fiberft (''"rar1' unb brr Xbiutqnt.Si'itintaubant 9Ci-
»otb baren voryfri-ru fciib bem Käfer im SRn.nen be# et<
mn i».h Ki'frten Qoipö, i’jJritii «öeruabotte imb toaritfan
’pmk) ferfjiiq Jjtjnen nhwicbr, weid'« ,u '."itbccf von bem
’eorv* be* ^Jriieral ‘Zki er erobert roorben finb.
©tatb tut neneften unb'tefiiminteften rjicrfjricbten nrnretl
21 •'??>•'• Herunter fiei; ;ooo Wnn» gut beritrne
•nevakrLie lieft aeu, bie wu bem SMüthcrl’dicu dorr* ju
’Bcfan.’enen <jen:H>t worben» to bat iitreb baß Siciultot
metr buben ^afkuhnoiicii hunbert unb iivmijia Jahnen
W..Utanban.'iv unb brei nnb virrjm taufciib (Sefangene
•n bi» Jbjnbc pf* .riesei# gefallen finb.
h.lI,‘’-,rbimpt bctr'.at b't ii.nabl bet Wffaiitjfiien» bie in
Oh’ic'ji Jü'jugc g.'mnd'i wort-n ftnbA meb al* bmibert
«nb vierjit) tuifuib Kann bte ber jrobertui ftabnen,
’W a»j -r.j; bie ber »v.o.entch vor brnt Jeinbe unb
btui tSrfjIadnfrCf genommen, mehr al* xoo; unb
ber Ä'anone.i iu fSe.üu unb iu ben ftl'irgebenon 3»'
•Witgen, 'niebr al* 4000,
Sprint, vom 4 fllovetnbtr.
..vier ift gegenwärtig «lleö ruhig. ü9ir bahnt eine Jr.tu/
RliCff (SJuniifoiu vt»B wngoübr 30,000 Wann, roorunttr
lf ®nrbe bei Äßifer* ift. ®ie ift bei bin Storgern em»
'»artiret.
^©«rMaifer wohnt auf bem ®tb!offc unb ber «Prinj von
•bfnkbatel t.rbrm «pallaft be* Honig*. £*r 5t tifer rtitet
uiih !^a',e a"4' ’;,,f 9<’®t'*'€«brte um fid) ;n haben,
r.“» wo fr ß’ße wirb pt fjemöl’nlicb »en eitlem $au-
Kn Sceugiertger ti’tmnqt.
*. r 1 ’r“f '’r Xmrrblfirfit ber Jftrft von S'enevent,
rltcb'ÄramölHcfer Kcnifter ber gußnmrtiqeu 21ngrfe
»»Ibeiten, in Sherlin em. ©er Wencral’Sgeauniour ift am
1; biefe* mir feiner ©ragouen©ivifion ht« eingeräcft
©ivifion führt to neue Sahnen ober ©tanbarten, bie
‘p Jranjofrn aniommen haben uub bie am iten be* Kor
J "» um to Uhr bem Ämter nut vieler JeirrHchfett fiter.
Jjeen mürben Kan bemetft, baft be» Kintfter, ®taat*.
'“’cretatr, fleipin mit bem .ftatfer arbeiten.
©er .ft’aifcr bat ba* P'rab bei «reim Snebrich* befehen
f.i. c « Keifen von Berlin qcf».tene, biirtfi ihre (afte
J* ftarfe fteftnna ®panbäu, weid'» raoo Kamt ©ariib
j hatte nnb überflüftig nut Mrira* 9fntnmnition Unb
s ®'n«m.neiu verleben mar ift tn ber ?7acht vom agffrn
"'Imgeft, unb bat fich am ar. vermöge Cnritulnticn er»
t«r ÄneaeaefciMen, mit äußnabnie
tr. Cffteierf, wiche mit einem Itaffe gerieften, ftmjebeu
’ ti wohin Ae rool'm.
_ Tu iii' v»n; ii ^.i'oemoer.
s.^-:r, (’,raj,u1'no., von S'»rg i'Jrmj KüraO ift vorge»
r" aUbitr emWrefteii
- ©r.-fbeii, vem 3g. Oftcber.
, ©tn 34. b.ei’rt ift ter Cb.-rftl euttuaui S’hiarb, Sani»
roerben er. WnjeMt, be* Jtaifert ber Jranioftn, ht bf»
ftger ftifibttit anuetommen, um ba* @ouveriienwnt int
Stanien t5r. Kaieftit beß .Harfffß, feine* ßetrn. tu übet»
uebmen. (?r bat fub fogletrfj tu unferm Äurfurften w
»ugr» trefeber ui btefer'SKabf eine* Kanne*, ber brm ®i<f
qer btt ?f«>ft»rltK fo nabe ftefjt, einen neuen bewerf «on
b.tm UVoblroolien germiv« yüi» taü
Kbenteu. £«ui iyt .ft bte erfte 2f6tbeilnttg ber SJaierfebew
©rnppen, oviwW tooco Kann ftarf, iu bie (Stabt ein»
seruefr. ©tefe t|t bei etuer fo groften ©rttvreniabl bodi
liimltch rub:?i, nx'kbeß wir wrinaltcb ber ^acbfanibeit
imb bem« tbatigen t'ifer unfer* (lomntaubauten tu veu
bauten1 habt*.
ffitrbfen, »om n. O’tober»
3u tetrim finb 600 ©Jaurej unb Stmmerfeutt requirirt
worben, um an ben JeftUMaßmerfeu bei Qßtttenberg tu
arbeiten.
faliciibura. vom'r. ’Rovtmbet
©irSöntgl. (rcbwfbtfrften Xrupprn im ¥auen6urgi'W)en
unter bem öberften ffliortan, welche au* a Bataillon*
tetbarenabierß, iebei von f00 K*nn, unb au* 4 tfßtabron*
Ämolanbfcber ©raaoner, »ebeß von 60 Kamt, beheben,
habe« nnnmebn tn vertriebener 'üftaebt ürbre tum ^bjuge
tibarttn, unb bürftru fid) nad) ber Cftfee begeben, um iu
©tbiffe arjugeben.
iaitenbura, vom 2. »Ritember.'
.£etttc brechen bie ft6t;«)l. ®c&tvebifdxn ©rttmtr an*
bem tauer^mafdjen auf unb marfebtreu über Slagebnri
nach tStralftinb ab.
Etifttcf, vom 8- »Rovember.
©ie ©cblacbt »on XübeJ, m weichet bte Jraniofen fo
viel iapferfeit-enUfictot bähen, ift eine ber blutigllen bie«
f** Aricge*.gewtfen. fcß ift ]u bettierfen, baft fich bafelbft
? (iorpß brr groften «Ärmer tn einem ^wifchenraum von
2 ®ti xben vereinigt l>aben. ©aßijerp* be* gtirßen von
hJonte-lforvo ift bafelbft jiterft ettigerucft/ inbem e* über
baß rechte Ufer ber ©rave aefegt ift. ©iefe* Gor»* bat
uutenveg* em groftc« ©etafchcntent, welche* bte idmmtc
licht ’ftogage ber 'Preuftiftfiett Slrniee, au* 300 ®ageu be»
ftebntb, eßcortirte, gefcblmwn. ©tefr« an* tcoo Kann
beftehenbe ©etawetitem wueo* nut' allen ben-Wägen ge<
nomnten. Um Kfttag würben troo ®chwebqn, worunter
2 eocabroneu ©ragoner, .u befangenen gemacht. 3«
Bleicher Seit rourbe big Stabt angegriffen, bie ibore. fot«
ctrt, bie Stofitonen unb »lalle erftiegm, 31 .Kanonen, <coo
(Mefanatne, worunter iro Offerier* unb- ir Jabiten finb,
in bie ©eroafi beo fprimen gefallen, ©ie «breiigen ftnb bi«
Cchroarrau. unb Wabfow verfolgt roorben. 2<in anbero
ffllcrgen »trlagte ßftnera! £>lüchrr tu capitultrrn.
Jf)ter folgt bie Kapitulation, ber ]iifo(ge 33 ShatuOou*
uub r+ €*cabr»<1* tbr. Waffen unb Jahnen abaeben
Kapitulation.
©er ®r Kreetlenj ber General Blücher fleh bnrifl feine
fa§e getihtb.gt ffnOet |u capit’iliren, fo nimmt et bte ttn
fRam«ti ber 3 lictpJ ber grofen ftranöfifcben Slrmee in
tpolition biefer Oerter, gemachten «fitbinanngen an, nänv
heb irr. »hmiF
®r. Ka/erliu en Jf'obtil, be* Nrof her.crß von ffierq.
ör. ©ntrfiiand.1 ge ©oteit, he* KatfcboU« «pttnitw
tim 1' rteitjorvo.
unb ®i ffrcelieni b»* 'Kar<cfia((« Couit.
welche Kr.pttulatton, »umen* ber 4 Sfr ran ftc roß, tratet
Jj>em» ©wiffotröXÜentrflle ftiffp unb Rimnib, mtfdje
lobet eine ©tvifign bed elften arme« Gorpd tatet bru “St«
len bed ©larfcßall gtlrfteu inm 9>'mte,gorvo,,eoinmltn,
en, uutrricicßnet- ift, ba ficß felbiged bei ber Ärtutt,
wefcße cnpituiirt, am närßften fceftubet.
Btt. r, ©ie gruppen unter bcniJ5cftßl ®r. (frrHUmf
Je* ®entH*i vor. 7>iil$<r, röwjpl G-ivirtleru-, jmante^e
«k »Artillerie uni alle ©etawementer, tvddje uuttr fnupm
ffiefcßl geftanbvtt, fohfn Ätiegcdgefiiugcu fepn.
Strt. s. ©te ftßaffcn, Uferte, Sanoiten unb ffiiunrtiott
Jeher ®rt, feilen auf bet GttUe btr Sranibfifcben Slrmee
«udgeliefert werben.
Ätt. ?.. ©ie Jperren Cfffc.erö v»U allen Stabe« bie ®a<
beW mir einbegriffen, feilen tßwjßaffen, ® ft ib« 7111b üiv
gcae, unb bte Unteroffuitrd uub eolbaCen iofe Äornifler
Wib fflbaiitelfdcfe behalten.
Art. 4. ©ie J&trreu Offeriere gebe« ftch auf ^atele
gefangen, unb verpflichten ficß, fid; tiacß benen ihnen an«
gewiejenen W&en bin tu. fttgebeti.
tfrt. $. ©ie SXilitai« Gaffe «nb alle ®r. ¥reuftifcbeti
®a)eftilt jugebirenbeu Scnbd, welch • ;nr ©ieppfitto« bed
brrtti ©ettetaW von SMtkßer ftnb, foUeu.fcer Sramöitfcben
arntee eingebänbigt werben. 3U biefer J^infhür verläßt
mau ftef) auf bie Qlarole btf .{icrrn ©eunal« v. <5lud;ef.
Sfrt. 4. Jjerr Seneta! ven Qölikffer wirb btirch feinen
©eneral Qirartiermeffler ben 55«ftitnb‘ aller Gorirö unb ©e
taicßemmter, weldje unter feinem Sorpd geflauten haben
«nb bavoti getrennt ftnb, aufgeben.
Sfrt. 7. ©ad VrettftiRh« Slrniee.ferpd, unter Gommnnb»
€>r. Grcclleni M Jj>eirn SciteraiO von QMüdxr, wirb
eite KRirtag mit ben Äriegt Ebtvn, oor ber Rraujöfifchen
tnee mit teilten ® affen, fPnlwertbogxUz fliegntbrn S«ß'
«en nnb ßtanbatten vorbef btfiliten, unb uaeßbem 13 berf
Cnfen glänel her Sraiiibftfcßen arm« »affnt ift, bi« e<Bafr
Jen itieberlcgen.
©oppelt nuegeferrrget )U Pfatfnn, ben 7. November,
ynterieidjint: ©er ©enerirl von 5? 1 ü cb e r.
©ie ©iviftoirö'Seneräle gillv unb öiivaub.
güb'tl, vont 9. November:
©er 4. bicfeO ift btr fchrecHiißlfr gag in ber SenJiicpft
♦•'ibettt geworben, ©a (ich ber ^reugifcßt Sineräl 9lal}<
er mit 4000 «Kann m imfrer (Stabt tefanb, fo fiengrn
btt granfpftü unter bem 9)t«r|diaU Qöernabot« k. bed
borgen« um 9 Uhr ben angriff argen bie Vreuffcn ander»
kolb ber ©tabt au. SUon betben ©eitel» warb mit bet
größten gnvferfeit unb Erbitterung gefoeßren. Segen
Mittag krängen bie graniofeit nut llcberlegenbeit gegen
>te ©tabt vor. tfer ben fitfnren würben fle nut Äartdt»
fcveiifener empfangen.’ ©trd hielt fie aber nicht ab; fie
krängen ine töurgthor oor; an ben anbei« ghvrcn waren
fit jnrilcfgebrängt worben. «Run begann ber fftrcßterlicßfte
Jttfmpf in ben Gtrafteu. ©i« fffreuflen batten mrbtere'SIr»
rifferie in benfelben, bie vielen ßcfcaSeu ««richtete. Silier
©Biberftanb hielt aber bie firatiibfifife gapferfeit unb
Ueberlegenbeit nicht wrtuf, inbem uad> uub nach bie gcnie
JpinsbffRbc Jtifanterie jti bir ©tabt.brang. ©ie $ran»
jofen verfolgten bie fpreugen bitt tu bie Käufer, Suchen
nnb ankere htfeirtlRbe ©fbänbe, in benen cd m einen’,
ffirchterlidj'r wcntrftcl laut ©te S^rfflacre batierle ilöer
3 ßtnnbe«, roäljreub tvelcßrr fuh bie .»Raufen ber feirfj«
n«me unb ber 5Berwutibet*n in bui ©traben uub ben
^ämerii, vorjiiglich- bei beftt SSnrgtljore, «titicrorbentlich
Vi'ftcn JiBrf) mehrere Ciiuvohntr von ?i:becf renrben
rin Opfer t*r tfciWelighitetf» «Mitt «nbern ber SVrebtgW
©teltcrvcot.
Uneibnungrti unb irprcffe’ iwen von ber fcbrecflicpr'1
QVgcbenlhit fyft i.'i».7trenm'icb. fjn«bcn meiften Käufer«
warb geplünbivt, bto sie ©entruß tnblitb bemftlhtn Eim
halt tligt«.
©je ivreufjifete Sarnifon imter bem ©euer«! SRantnr*
narb enbltcj Ariegdgefanflen afmccbt. fienttai
hatte fich aud ber.Grabt iitrucf gejogen.- •
Man rfdjnrt bie SfnjaW ber gobten nnb fCcrwunbete''
an bem fibiiiHichcu Sagt in i.üb‘c? von briben Griten
gm i’ooo üfiflan. flXan ift bröhrt befeßöftigf gervefin, bi*
©trafieii uub panier von ben gobteu ;u redugen.
iübccf, vorn 10 üRotrniber,
Sfiuju« atrö bem ©agd Oiefcbl vnm 9. 5?ooeiube»
jttr arttfef.
©i« (ütnwohticr btr Ctabt Sübecf tutb brffen ®cbi<{'
ftnb unter ben berönbrin iSch'>ht"r. SaiRri. -Jigiiitl
h'ftät gefebt. 3cöa <5c4öat 0-t ihre öiutfe (lört, ift
brerßer.
©er OftnrRi'aU OJrtnj von ^ioiwc tfv'reo erinnert
gruppen be* erften (»orp«, baß bie ®taM hibref, obglti“
mit if türm eittgenomtnen, titcfct ald eine feinblicßj GtakJ
betrachtet roerbch baif, nnb baft ber ^ratiiofifrce <5olNl
wett entfernt, ficß arö ei« wilber Stieger ju beuelmrö11'
gefühlvoll uub ntettfdilicß nach bem ßiege feon htuB-
@ e hlautenb mit bem Origenal. f
©er ©itieraMJonimunbaiit bed iplaft’
3- fßiaifon.
-Oanrtitrg, ben f giovbr. ittn 1 lißr »Radjnnttagtf.
9n biefrnt »ttgenblic! ftmtnt hier brr Cßttrfiirft’ «JJ
•Oefleit,Raffel iießft bem Eburprinn’ti an. Gaffel ift o^
beu Sraniöiifcßen gruppen unter Gonimanbo JteÄ Seneral’
QRortiet in ber vergangenen (f unabenb ^aeßt beicii"
unb ber ffßnrfürft wirb, ficß muß ecßleowig begebet».
Hannover, vom 7. fftoMthl'tr. .
©ft Herren Eaitbrätbe von SXunchßanien unb wi’ffirf’'
fmb biefen ißiorgen atto bem JbaiiptqiifiTtiec ®r Er. r.ru>
bed J^errn 9ieicßdmnrfd,nlrö f&ortier, von Gaffel hier tri'
ber ttngttroffen Sßie utan vernimmt, haben btefelo'J
von Gr. <£r«eflrn; eine äufierft gute 3ftifuaßme .erfabrf’
unb für inner fjanb bie beften 3ufid)eruiigeti erhalten.
Ed beftätigt fich, bafj am 4. biefe» 2000 gtymn Jrattr
Piche gruppen von Gaffel in ©hinten eingenicft fiub.
Äucß iH •llvfinont niib fXintelii foKen bereite grani’l1
feße gruppen eingenkft Ron. .
®te « ßetftt, irii» unfer £a«b iu ber golge ttur
tilient fleineu Gorpd Sratijhfffcßer gruppen befeßt werb»’-
?(|rö bem iKraunftfmeijfcßen, vom 30. öftohti. w
©gd-©Mlogtßtim iRriwiutchwefg ift von ben SraölJL
ald ein erobertet raub in SSeüb genommen worben.
tterai 9N«lratfon, weichet bi« bedfallftge fffrotlgicatioti
laffen, ift Qonnnattbant tu SBrauufjßWtig. Sliuß-ßueb'^
bürg ift von beu $raii|ofeti befehl
OJnabritcf, vom ay. dftohef. ..t-
Zm Sranioien balvi bie bmaeßbarten TreufiF.,
©örfer b.-fent, aWetn bie Srmnett br# giirftrntbunrö
bnief uußt betreten, ©bau fcßnieicßtlt (ich, baft bie
uJverfdjen £aube vetichont bleiben werben, ©ie W
haben fämmtfieß bad dcmitlinietf'he verlaffen.
©fimbcucf, c: it a< Ofhbtr.
Siefen ERo.rge-t PW ’ö UM fam ©eueral Oroitbjeiiti
Cbvr nnr 3cit ber Oftuwilon be« -©autiSrerftben ift -W
। 5_’rln ftanb) mit cttv« 60 Watai-ifdjnt ©r.wneru 'jisr au.
£r fcbtcftr ßfctrf? barnuf nn unfre gaubfo «Xejierumi eine
*fyf(<intiin, be« fjnbalt«: bas <•» im o 0r sjttcjf/
!« be« .Itöiiig« »»n tfoff.-ub ba« flarfttr.r'tni. Cftta'iütf
•Ur £nc&(tbicfdbcii in'Wenn ui'brn<’, i>it fqmii:fi''l)en Stu--
"ritaten befräw er im Slamcn bco Jftoiiig« tc. ©ie
yurscn, reelfbe hier rinriick-n ivurbeii. folltrn bie llreimle
unb c« falle funcr awberu Siegut-
"ion, al« bitm vom ©eueral fr'.bft, 3»bß? itleiftet
Serben ic.
SHtouii, vom 6. 5fto»cm(ier
®cftern-trafen ?r. £ilrd)l<iud)t, brr jturftirft »en ^ef-
If*» nebft brtn .ftitrpiiiijtii, »en (Eaftel hier ciu unb feilten
bi’iitt sorgen ihre Äafe veil Mer nach (Prt-Ieoreig fort.
oOrejg Jnigl. J^obeit, bie .Wurfürftin, i|t »u fiaftel geblieben.
SMvbalen, oom 37. Ortober.
.©eueral Daenbrli, ir-elcber in öftfrrtflaiib ringeiürft
batte am 26. fein Jbauptqiie.rtier ju grer.
vSte Ävantgjrbe ber sjlorbSttmee unter bent ©eneral
®taiibj*an ift» rw SXnnn ftaif, am 27. in SXiMer em.-
Mt, wo «tu fclbigen Uage aud; ©eueral sffiiqjauö aufam.
»SBeftebaten, »ein 39 ©Hoben
, bie ©raffrbuft gingen ul für <Ee. P^aieftät, beu
Wnio »on .ro[laut', nidjt burdj SXilttair, faubern bitreb
Slnfdjretbe« be« 9ibmi-ii(lratioii«'@ol(egii |n SKfu et,
" wm ßtnoiunicn ciir.-fi finb auf ‘-Befehl heg ÖeneraM
Aicfcab «Itr TicUBiftbeSib'er unb ahbre Trenftifdie Mao«
rAabgenommen iroroen nnb feine ^feufit-dje Untfornwu
'mfeti «eiter getrautujw-rben.
. .«ncij tfmben uub ®flmbrn fallen fdjon von ben grätig
’Ic9‘J>oSäub»fttien Etappen befeöt fein.
Sfmfterbam, »tun 2«. ©Hoben
tyeflae Tortugiefiftfc« Conful Sinfonie br O'üijtpo«
v'lva bät auf pofeeit (Befehl jur (Beruhigung bei fetmmier«-
"HfaJ änieigcn (affrtt, baft bie ©tigt. gtatfe'unter gerb
P Seinem bereit« »01 b.itr n tiefe« vou giffaboi; nie»
‘yt -abnefegelt fei nnb baft bit volifvrumene ÖUuMitÄt
Tortugall fortbflur».
WaliH, wm ai. Öftober.
(^ute ffolae btrecblarbt am 14. re*r bit ürtergabe ber
i'tabeße »on (Erfurt, weid« ben iß. erfolgte. #000
ytriiiunbete unb tooc ffiiann geftinb# ijtuppcn ftelen als
r^egificfangue in bie JfAnbe ber Rr«»|oün. Unter biefeu
Jfinben fidj brr SclOniarfcball Viö neu borff, ber 5?ri«i »en
ypnicn unb bie PlrnrraliieiMtnanrt £<irii4 unb fer^ert.
ötJ’ttenborif t»«t (ebr fianf, '©et @refif)«;og von Ketg,
«dcfier (Erfurt eingeftfiloifrii unb ;itr €äpjtufation gejniun/
batte, gab ihm rinnt von feinen Stellten
1 SSorn ®iair, »ent af. OTtobet
I i.'ptr SStiig »oh SPüttetnterg bat geruhet, oon bem
hpjJ’h'ten 5)r. ®.ill jriwn^oriefitiiaru ttVer ferne CdjJ<
'iiik amiibiren, uub i|>u bafür fair einer prdebtigen
v Jbenrn Dofe^joeldie 100 £>ut«ten enthielt, |u Felobiwn.
»ifien biefr« bat er feine bafigen. Affentlicbeii Söoilr«
'jjen bffeblnfRii
^h^JDafiiißäbtic&w iwb bi« -ftuibliäubt mifeetofc*
«fiati«, »MU tfi. fftobH, *
5?a< edjiff le iiffitf-t, Wrlrpea am 14, ©fteber |u tFreji
eingelaufrn 1,", liat mehrt e feinhliehe Äabrieag« tt IWn
(L:i bet Unter anbetn tilrftt iwlt »cm fJufeii euwn 10 tbrs
auf ffnaliKio auegitanfenrH ^auffabnr/ ber na^ ©ueuoo*
We« beiiinimt war, m 0ruu? geboUrf, na töten» e» jf
bo.I) »tritt' bie etwa auf 3 SKiUicneH gei'c(iii*,te t'abuna
tefnlten a 1 b’io b ?*iuinmfm (Es tmt am 1;. io'tf'nflL
(ÖeJtnjene aMflcfqjifft.
»tni 34. ©höbet.
J©af ©eaidjt, al« trenn Äpitm'en au Sft’inaaH ben Ärieg
erflärt habe, ift gaii; ungegjdnbet. Die ’Qfutrthtät W
l'ortugail-ift von alietr hiegfuljteubeii ®^bteu ancrf«nut
gonbon, vom 4. 9?o»ember.
T>ic hier allgemein tjerrfebenbe ©Jeiniing tft, b ifr fett'
balo ber Jfaiifvf in ©ciirfdjlanb aufbömr lub.eli' aitt<
maliget ftrieteitv-SliJcag ljier erfolgen rte.be, Beleber &
niiiin güufitieH iXefultst führen burfte.
Slenpri, vom 7. öfteber.
<£t vergebt fein 'Jag, roo hier nidjt u*l*
SJaiibttcii bixserichtet werHn.
?ini jo, «September batte SÄari'dbafl SSafteHa p Talmi
in Calabria Ultra fein £aut>tquartfer. F-’gen bie von b?ir
(Ena’Jnhfrn bifeht1’« Sott« ifou $X«gio unb öeiglio i»Ar
nodj tiiefrN unternommen irorbeu. S)«*-9Kmfcb«ll u»K»e
erft beibe (Ealabtien oon ben ^njurgentrn fäubern unb
hatte tu bem Cnbe feine Jrurpeif in < (Solennen vert&tilt,
Mr alle ©fgenben burt&ftjeiften.
Wenehig/VMU 11. Oftobcr.
®a tHrfdjii’beut ©euetia'uifdic Seeleute fch *nf ben
(fiigii.cbr’i imb Kirftifdicn UY;rgoiebilfen, tveldie b‘e biefiar
0t?.ot uub (Ebioiia blocfirt Ijaftrn, aff Tiloten Braut-fee»
hffe«. io bat uufee «DtArine Tnifeft, J£>err Wertm, iffd >
lieb erflärt, baft fie im fBetteuiimffatl mir bem jobe
ftnift'iverbfu foüi-n.
2?'oitt, vom ao. CepfeiiM.
SEfarige fipodje ipiirte nian in bei: öfi'tpoftra u » •«
Mtffeieb.ne, mc[,t unbeträchtliche tfrbftbfte,
CBieit, »out' aj; ©höbet.
3ii (Foiiftantin»i'e( finb am 14, (Pevteinbrr Mr bi^ertgl
PYofrtijier unb SÄuftr, nebft anbeni Terfoiten, abgelebt
uub elfterer axretirt worben. T.rfnmn ©giu «ft mit «atm
JtotpC tu bte Heine SßJaKacOti eingefallen.
©ciniig, wm 6. «ftovenrter.
4'eiite geftfta| bir 6+rfte Ziehung ber fiJrrutt.
SPefirriiiftii’iheu 8a eit goireiie, |um ÜBeftyi bc't Snoai»
hthir utib IBHtwrti ‘’Scii'mutigfc auc6 edjub unb 5fc»
men Sluftalteti. £>ir bctauogeugnifrt ^vmmetii Bann;
7t. 74. 8. aj. 3J
V)»rnri fehr r 9? a c&rttfTtetr
Such b'M Siilb;iifd> ift »on ben Sranjvien brfrte WM»."
©ein ITobe t rf bertilmitNi SeueuMn in Stfnfa, Jjierrr
fflhuiao Tarf, wirb iebt burd) ©cftottlilutücftt
mib-rfarorfjen, uirt twan »erficbert, baft yj «in ^ojiroM
baf tt »on 0anfcoau«. nach ^urooa aefaieft- 1 Ltnrn«
burfo errndit hab« unb auf friaefcÄinrfft ujt Mgritjtw
fak
ST n i e i tf t‘
!&er Ht einiger -Jett u itertroften» ^Shrnffongorct#
bienR fütihig euien Sonntag um ben atibetn
1Bormitt«c« in ber 3aMif jrfte gelten unb am näft»
Ren Sonntage bamit bet Anfang gimadji roerben.
®tet#m ben 19. fQovanbr 1806. GUfj.
tEntbinbungen.
©i; atu toten b. ®t. tu ^eubcktfbenlmrg erfolgte
glutHifte Bittribun: meinet Rra-. t»»« einem Cobne,
leige ift, untre SJerbtttunj be« ®i»tftvurfte«, metntm
SBerwanbrtn unb Seegaben getariamd an. ÄMtia ben
iftM Tlooeniber ue*5.
©er Regioamgdijiath von >fc c*1tebt.
SKttne flrau -würbe am irten -b. s®. «JKitrar< um 1 Ubr
*01 emem jeßinb?« e5«t>n oluttuft entbuubru> weift« 1
ift meinen greunben. uub a?ertvaiibten blrtnrft «rgebeuft
Wieige Skttir ben arten Sftooember i«c6.
3«bann Saraf ftraife.
TcbeefrtU.
J>eute ft b um r Iftr entrft mir brr JTo# meinen mit
tnivergtguftta ^begatten, ben Kaufmann <K>v Carl Pe«
einen, in einem Sitter von 11 Soor, » OTviiath. ©tefcn
für tnift nnb b“en unmünbiaen fttiibrr uuerfliftfteti 53’t«
lüft «nafte ift bieh,irrf> afien m-iiien Svunceit, unter □er«
bittung ber ©enlesbok jnirnirgti, ergeb«; ft begannt. ®tet/
na ben aogen November i8«<.
Sermjtn'kte Semwma iTIarta petjrfcn,
arbobrije ÖrtiiUijtg
VI. ®- Stilen meinen' Jrrunb 'n teige uf) lugleift- *rge»
benjl en, baf <ch tje (beüMte meine« fertigen jJfrHue«
ununterbroftcu fortfetjen tvpjbe, unb emrrbte jtiift |um
|eu«ibten W?';(n>otl«.
AVERTISSEMENTS.
(*tn feber bteftger ^Bürger unb ©nrootjner wrb tye«
nut «ufgeforbert, bis jum taten jBe.ember b. 3- bei
SSeriuft feiner florberunq, ju 5Haftbau|e »or ber -er
nant’t'n 3iguibauone«£i mmiffton alle« baqeiuge (u
tlqujüiren, roat, er nn fcebenein.ttem, Sachrn, SPnar n,
3t-beitenz ober fon'ten auf Steftnung ber ®rabt an
bie StaiwrWft« ftranjofiffti Atrniee ober beren 71xnle,
ober aud) auf* Statvbaiit, abadiefert i)at. ßugleicb
twrb betamit geraaftt, bag »Sm iftett SRovbr b.
an,. feuie Üiquibntion auf 9?ed,:tunq ber Stabt Jw
gültig angenommen roerben roirb, wenn lolfte n.ftt
junor vor» einem ber beiben {Bürgerin« .|ter IBraftt
wk SSnlften «fiignlrt roorben. Stettin ben rten
«ftonetnber 1806
IburgermtifUre nnb Statb.
?« »<rb Cieburft ein jebmr beg gefteOfh-ife getixan*'
lj unb Sorf au« beu '-'xabtbnVftem ju enävenbe*1
Stettin bin lyteti Sk’.'eniber 1806.
SBütqcriiicifcre unb %.t$
J U V t r ! « m I M
Jboluin Milbe r ;ft leb i» t« i-'ntt«’
oon pollaiw trbalttr, finb <m "‘«brNflen Vc.ife in ba* *
bto_____________________________Jeb. Cbrift. (Braff.
fteier boSdabift^r ßeriM vor 00 lüaltdur J'üte,
ftibiebntel erb aibtel binnen, tn ircldiu r<t
felbe idboit vm 9ti:’fl*v^bant attbeio .etomruev tR bitlW
iM btbeo, beo 3 ®erdm.ifler Sr.,
______________________ _____ Ja ?»i tiiettimirafe^^
date Xoct.(£rbien, beo «4 £ 16 mfiiler
______________________ ____________am Jh 1 roaift.
Xasfif. Roggen, Sy.up. veiCdii^ik-ne dorren <.offee, R*1*
Thran -4c bey Ph:l, I. gtn,
___ ffohr ><kal labe No. io
CibtOWt «UnioOi'rwr Äopg»'’. heb
^••dlebem, O'efre Qb-tPreft Vie. oox
3<b b«be eine ildoe -S>ntb<o oute« v rPeuealn (5fi^
«iir ji,ni £ai>r* «ojuiati n Stetru bet> aifl-.j Uiovv
Ito* g Werrtiweurer Sr ,!»l'r >.r-»i'imri>fe
» ..... n |
®ute eiuvetnaCie ^eaii. igtn.'ba« ÄCFed «iKtiUt. s®.
unf •tniu> bat 6tüd für i 0r. uuo • 6 aif. fi*1
(U^babea beo______________________________» o i rf
flt> ffuibtbat von peMt n Sab'to, ’olio n iviff • d’0ft;
Ud)t.j, uni iDiufif.' wtn fli-n, tarn fil< ^ond'brer iofc
in Hut anüdnbige Ron.it.on IrKimef hütete SM
üd)t ao? unb tvu tritb be: S'aufroomi $ortif tu ®l,f
titt am of-. teben.___________________________________
€io,g 4 tft.r 'Bebiruft, ber g usntp f.»np| rbiUd'*
ttßoblvtrba’ten* aufjiinerifeo tat, *n n lo'ert <«
iomrara, beo mir, re mag a -er frtu J^aabiverter frr1'
Sluroie bin a«geit Oetob'r >8.6
& or cf t, ?anM Xlrertor.
®kt een j m^abein bnojti’fpe* feitfttoft voa a«u>f|
blaue rott fllö^tuni bnfd)bro.-br<'.effi Wttff aehuft tat, *1.
bi'fen etri'i ®elte ein eirfatt 0 B., auf brr aufern **!
23asp nfrttlb «’ tinetn örbfnOire tje ruljerb u.ib *•'
tat briiteu balf lbe ifavo ii obn<- <h-e>u beünMiii, iv
erfc-tbt' fotdW mit ob r ebne ® J au bi» j>riren Ttf
b r unb ch d« In ®rftt<n, aeoea ein Jtoucerr ut-b
ÄuttunH bet Ttabiaa,«, abjoaebeei freu bH atir
4 fribetne'i 35-t.iÜ n, a- iwtcbri ba« Skufl-Hib M t J!
oerfl-”-. ibn ©«„tube^nten v. ®ruae( itebfi jwbu1'
ten^bifinbuaj
ORit j®ci)iF-r 2irB n 4wgbi r# finb von Trato*'
<4 ®t‘ ' ? Wb. tjivarboli rbw miraett irerbd]
bi. ea.p ias'r beffdoen tvt-b ertutSt, fid> auf« bc.
nr* mir iu melben. Gtettin b'n i jt?n 9*i>embrr iv^*'
________________________________St. X. W? a ’’ ®
0Rlt Ftbiffir Otanntna« iinb 40 iiher ii, an
CRimtaflk ai b«ro j bracht irorben . leb rivdie beu ?l
ofünget ber.t.b.v, fo'di« auf* k:sefl-e in pfarp w n<b
Mti Ctittin bt« Jji<8 W.'ven>ber iloC
> 3. muffte.
Tie Kapitulation Stettin^.
417
(Er legte iljm au<f) bereits ben (Entwurf ber Veftinnnungeii oor, wie
bie Sürgerfdjaft bei einer Übergabe 31t beßanbeln fei, nnb Jagte ihm
ein don gratuit 31t. gn bent Xtriegsrate waren ber ©ouoerneur, bie
Kommanbanteu unb ber gngenieiirmajor fiir bie Übergnbe; oon ben
übrigen anwefenben Qffijieren erflärte fid) feiner ciitfdncben bagegen.
Vlan übergab bem fruiijöfifdjen Offizier ben (Entwurf ber Vebingungeit,
unb biefer feljrte um (> lltjr 311111 Weneral Cafalle, ber bie fraitjöfi=
fdjen Gruppen fommanbierte, giiriirf. gngerSleben wagte nidjts
gegen ben SSefdjfufj 311 tun, obwohl er empfanb, baß er auch für iljn
unglüdlidje golgen ßaben fönne SSäljrenb beffen waren oon ber
Sarnifon auf bie fran^öfifdje Kauallerte, bie fid) ber geftung 311 feljr
genäljert ljatte, einige Sdjiiffe abgegeben worben, bodj ba§ Sdjießen
wurbe alsbalb unterfagt. \>ll§ Cafalle ben Kapitiilationöoertrag, in
bem ber freie Vlb^ng ber preufjifdjen ®arnifon geftridjen worben war,
Suriirffanbte, verfudjte Slomberg nod) einmal eine Steigerung, bod)
Cafalle erfdjien in ber Sladjt felbft bei iljm, unb fRomberg unter»
fdjrieb. Tarauf wurbe ber fdjmaljlidje Vertrag nad)t§ um 11% llljr
in SRößringen audj oom (Ehef be§ fraiißöfifdjen ®eneralftabe§ Veliarb
angenommen; ebfiifo wurbe bie ßioiltapitulation gebilligt, bie bciben
©eneräle Cafalle iinü Veharo erhielten oon ber Stabt ein Qfefdjent
oon je 5000 Couisbor sugefidjert nnb ber fransöfifdje ^Parlamentär
ein iReitpferb. Sim früljen SRorgen be§ 30. ©ftober war alles
abgemadjt, bie ftarfe geftung Stettin übergeben unb 3war, wie fidj
jetjt Ijerausftellte, an ein Häuflein oon 800 feinblidjen fReitern. „Les
hussards de Votre Majeste prendront possessiou des portes de la
ville, fo nielbete SDlurot um 5 llljr bem Kaifer.
9Rit SRedjt tonnte Slapoleon in feinem 24. Bulletin oertiinben,
baß bie Kapitulation oon Stettin nur burdj bie äußerfte (Entmutigung
3U ertlaren fei, bie an ber Cuer burdj bie Vernichtung ber preußifdjcn
Slrmee ßeroorgerufen worben fei. Ter arme HJrcis, bem man baS Won»
oernemciit übertragen ljatte, „ba eö iljm bei ber Slbnalmie feiner Kräfte
unftreitig angenehm fein werbe, in ein rußiges Verhältnis 311 fommeii",
bie anberen ebenfo fdjwadjen (Scneräie, ber gugenieiirmajor, ber fpäter
in ber Leitung fein Verhalten beim Slbfdjluffe ber Kapitulation redjt
fertigen wollte, obwohl er nur hin unb her gelaufen unb in Tränen
ansgebrodjen war, erhielten fpäter burdj trieglgeridjtlidje Urteile ihre
Strafen, bie 3war nidjt oollftredt würben, aber iljre Sdjanbe offen
barlegtcn. Sludj gngerSleben wurbe wegen jctneS Verhaltens jur Ver-
antwortung gesogen unb oorläufig au§ bem StaatSbienfte entlaffen.
Tie Sütger, oon benen oielleidjt oiele oon ben Vorgängen in
ber Vadjt oom 29. 311m 30. ©ttober nicfjts wußten, mußten feljen,
KBc^rmann. ttcfdilrtjte »on Stettin.
27
418
Srcntjöfifdje Sinquiirtierung.
ivie am fUlorgen frcui^öfifcfje .fpufaren in bie Stobt einritten unb
Soften am Berliner Sore, auf ber langen Brüde unb an anberen
Buuften aufftellten, wie bie ©arnifon auf bem grünen ^?arabcplufe
bie Steine non ben G3ew»hren abfdjraubte unb bann uor bem Sore
bie ©affen ftrcdte, um in bie Sefangenfdjaft geführt 31t werben.
91ur wenige oon ihnen empfanben bie tiefe Sdjmad) unb roanbren
ihre ©ut gegen ben (General uon KnobelSborff, ben fie uom ißferbc
riffcn unb mifjtjanbelten Gnigelne enttarnen nod), wie eS Ijeifjt,
über bie ßaftabie nad) ^interpontmern. $?ür Stettin begann bie
ftraiiflüfenfleit.
Sie flunächft in bie geftung einrüdenben JJratiflofen, etwa 2700 SJlaiui,
mit bem Sroß^er^nge uon Berg, bem Cfecneral Seliarb, bem ©arfdjall
ßanneS unb bem QJeneral Suchet blieben nidjt lange bort, fonbern
flogen bereits am nädjften Sage nad) Samm unb übernahmen bie
Verfolgung ber Breufjen nadj $interpommern, bodj fdjon einen Sag
fpäter flogen in eingelnen Abteilungen 10000 SDlann Infanterie ein,
unb bie SeruiSfommiffion, bie am 1. 9louember burd) bie Slöte
3itelmann unb SSetEje, ben SpitbtfuS Kirftein unb ben Kaufmann
Kugler uerftörtt würbe, hatte ungeheuere Arbeit gu leiften. Stan
muß anerfennen, bafj man fid) auf preufjifdjer unb frangöfifdjer Seite
'JJliibc gab, bie fdjweren ßaften nach ©öglid)feit gleichmäßig gu uer=
teilen Sie gange Stabt wurbe in 29 Cluartiere eingeteilt; in jebem
füllte ein möglidjft ber franflöfifdjen Sprache funbiger Bürger für
Crbnung forgen unb alle Sefdjwerben entgegennehmen. Sie füllten
auch barauf adjten, bafj bie Snlboten Brot unb ^leifch aus ben
Sftagoflinen, roogu man auch bie Bifolai-, Johannis», $etri= unb
(Mertrub=Kird)en einridjtete, erhielten unb bie Bürger ihnen nur ©Öffnung,
Betten, Neigung, aber audj ©ein, Sier unb Branntwein lieferten.
Stofe biefer Anorbnungen famen iiatiirlid) mancherlei QErprcffunge«
nnb AuSfd)reitungen uor. Ser ©ouuerneiir Shouuenot bemühte fid)
ernftlidj, fie gu nerbinbern. ^in allgemeinen benahmen fid) bie
frangöfifdjen Sülbatcn aud) gang uerftänbig, unb bie 6inwol)iier
fügten fid) mit SJiulje unb Befonuenheit in bie Berhaltniffc. Srüdenber
waren bie CffiflierSquartiere, ba hier bie Verpflegung geleiftet werben
mußte. Sagu famen bann bereits im Vouember allerlei ßeiftungen
fiir ben Ausbau ber geftungSwerfe, ben bie frangöfifefje ÜDlilitär
Verwaltung alsbalb 111 Eingriff nafem. £>iergu mußten bie Bürger
sJ®aterialien, ^anbwertgeug, ©agen u. a. m, liefern unb bie Sauern
ber Umgegenb 9lrbeiten leiften. Sie Kriegs unb Somänenfammer,
bie bie ®efd)äfte wieber aufgenommen hotte, fonnte fid) ber Aufgabe
nicht entfliegen, bie Befehle bagu auSgiifchreiben.
ö-caujBfifrfje Sinquartierung.
419
fRachbem einige S^itlang bie Safjl ber frangöfifdjen Sruppen,
nun benen bie weiften nur burd) bie Stabt Ijinburdjgogeit, geringer
geiuefen roar, roudjS fie balb auf meljr al§ 5000 an, unb bie (Sui
quartierung madjte roieber uiel Sdjroierigteiten, befonbers, ba eS
einzelne Sinroohner lernten, fidj ber iljnen obliegenben ißflidjt gu
entgieljen ober bie ßaft gu verringern. Segen Silbe beS VovemberS
riirften Vabenfche ^Regimenter in bie Stabt ein. Sei ihrer Siir
quartierung fam eS gu mandjerlei Streitigfeitcn, ba biefe SRljeiiu
buiibStruppeii oon ?Infang an roeit riirffidjtslofer auftraten ald bie
fjraugofen. SRan ftellte nun eine ßifte ber Raufer auf, iu ber für
jebeS eutgelne feftgcftellt rourbe, wie viele fRäume mit Solbaten belegt
roerben fonuten. Sabei ergab eS fid), bafj im gangen 22 Sinrooljner
in ber ßage roaren, (Quartiere für Senenile gu ftellen; eS roaren
Silebein, Sanne, Bergmann, Silfdjmann, SBitte, Cegler, Scfjitlfe,
Söietjloro, $übner, Veltjjufen, Vlbehing, Saloro it. a. geglichen Söiber«
fprud) gegen bie gugeroiefene Sinquartierung lehnte ber Stabt 5tom«
niaubant v. Vincenti fcfjroff ab. Sa ber £>anbel natürlid) vollfommen
ftodte, fudjten bie SUterleute ber kaufmannfdjaft unb ber SRagiftrat
um einen ^iibult für bie SBedjfelfdjulben nad), ber ihnen aud) guge«
ftanben rourbe. Sie pommerfchen ßanbftäube fegten eine kommtffion
ein, bie mit bem fraiigöfildjen ^ntenbanten be§ SeparteinentS Stettin
unb ber ißroving Vonimern ß’Vligle bie SfriegSfteuern unb tRequi-
fitiouen regeln follte.
Sui Januar 18U7 verlangte Sljouvenot von bem 9Ragiftrat unb
ber Servisfonuuiffion ein VergcidjniS aller Sinrooljner mit Slngabe
iljrer Vermögendverljältniffe, ba er eine gerechte Verteilung ber {Quartiere
herbeiführen wolle. Sie ßifte rourbe geliefert; bauach teilte man bie
Vewoljner in gehn klaffen. Sie erfle, gu ber nur bie kaufteute
SBitte, Steinefe, VMegloro unb Salingre gehörten, follte 100 SRatin,
bie groeite, gu ber neben anberen Sauger, Siifdjmann, Sribel, San.
Sdjulg, Silebein, Velthufen, Vanfeloro gerechnet rourben, 60, bie
britte 45 Vlann Sinquartierung als Ijodjfte QaEjI aufnehmen. SieS
mit vieler sIRühe ausgearbeitete fReglement half aber nidjt allen ?Rif;
ftänben ab, Vefchwerben über ungerechte Verteilungen hörten nidjt
auf, gange ?ltteiibiinbe finb bam.t ungefüllt ^fn ber Sat, bie Siu
rooljner hatten roährenb beS anbauernben kriegeS fdjroere ßaften gu
tragen, unb bie Stabt als foldje muhte immer roieber burch „Vräfeiite"
an Selb, Vfrrben, ßebenSmitteln u. a. ni. bie Sunft ber frangöfi
f<hen Seneräle unb SDffigiere gu gewinnen fuchen. Sie Sinquarrie-
rungen hörten nidjt auf, im $uli lagen roieber meljr als 8000 DJlann
iu ber Stabt
27
420
(Stettins Saften unb 9?i5te.
Ta rourbe ertblid) nm 9. Quli 1807 ber imglüdlidje griebe gu
Tilfit abgefdjloffen, aber ba§ Sdjicffal ber Stabt Stettin rourbe erft
redjt uufidjer. gn fioiroention oom 12. ^uli, über bie fdjon
Damals ein preufjifdjer 5ßatriot bad Urteil fällte, bafj ber llnterljänbler,
ber fie gefdjloffen, entrocber in§ grrenljauS ober an ben CTalgen
geljöre, roar bie Seftimmuiig enthalten, bafj Stettin, ber Scfjlüffel
ber Eber, oon 6000 SDlaitn befolgt bleiben folle; bid wann, rourbe
nidjt feftgefetjt, fonbern nur gefagt, bafj bie SSeooIliiiädjrigteii beit
Termin bed JlbgugeS beftininicii füllten. Tie frangöfifdjen Truppen
füllten auf Staatdtoften nerpflegt roerbeit. Tie Släumuug ber fonft
non ben grangofen befetjten CTebiete iyreufjend füllte uont 20. guli
bid ginn 1 fJlooember erfolgen, bodj erft, roenn bie bem ßanbe auf=
erlegte Kontribution abgetragen roorben fei, über bereu £rolje fein Sßort
gefagt roar. Taljer roar bie gange Slbniadjung illuforifdj, unb eS ift
geuiigcnb befannt, roie Slapoleon unb feine tSeoo 11 ntädjtigten e§ oerftauben,
ifjre gerbenden immer meljr gu fteigeni.
gür Stettin begann jetjt eine redjte ßeibendgeit, als frangöfifdje
Truppen oom Eften gurüdteljrten unb bie ßaften ber Einquartierung
immer fdjroerer madjten. „Tie Slot ber Eiuroobner ift entfetjlidj,
unb inan iniife non einem Tage gum anbern immer metjr befürdjten,
bafj SBergroeiflung fidj iljrer bemädjtige", Ijeifjt ed tu einem ©eridjtc.
Ter CTouoeriteitr ßiebert leljnte es groar ab, ^Regimenter in anbereu
benadjbarten Stäb'en untergubringen, erroied fidj aber infofern ent
gegenfonimeub, alö er bte SJtljeiiUmnbs* unb italienifdjen Solbaten,
bie immer bie fdjlimmften CTrifte roaren, möglidjft fdjncll roeiter
beförberte. Trotjbem forberte er felbft für fein Eluartier bie ßtefe-
rung ber gefamten Einrichtung, unb ber 'JJiagiftrat mufjte auf Sefetjl
ber Kammer ßiebertd Xöoljnung im Sffiietjlorofdjen £>aufe üollftänbig
mit $aus= unb Küdjengcrät audftatten. ßluct) bie Tlarfdjälle unb
Eeneräle, bie nur üorübergetjeiib in Stettin weilten, oerlangten nidjt
nur CTefdjcnte, fonbern audj ftattlidje ^Bewirtung; bie bes? Dlarfdjall
SJrüne foftete bem Kommergienrat Sdniltj täglidj 100 Taler. 2lin
meiften Slnfprüdje madjtegrau'JJiarfdjall Soult, .fjergogiit oon Talmaticn,
bie im $erbft 1807 ui Stettin enitraf. gfür fie rourben bie beiben
nebeneinauber liegenben .fjäufer oon Sdjtilij unb SBietjloro eingerichtet,
ihr unb iljren Kinbcrn gu ÜSeiljnadjteii gar ftattlidje CTefdjentc, g
eine medjanifdjc ßanbfdjaft mit beweglichen Figuren, bie 70 Taler
foftete, bargebradjt ÜlIS bann Soult felbft im Tegeuiber enitraf,
galt e§ bie Koften für bie täglidje Tafel, für bie £>erridjtung einer
ßoge im Ttjeater u. a. m. aufgubringen. 3ufjlten bie Eluarticrgeber
audj einen Teil, fo mufjte ber SRagiftrat fie bodj unterftütjen; bie
ftontributiouen unb $anbelsfpcrre.
421
prcnfeifdje [Regierung tat nidjtS anbere?, als bafe [ie bie Stabtocr-
roaltung auf fpätere fRitcfgaljIiing oertröftete.
SercitS am 4. SRouember 1806 mar uon ber jtanfmannfrfjaft
eine Kontribution oon 10 Millionen JJranf oerlangt morbeit, bie
man eine Belang auf 4 'JJlilltonen ermäfeigte, bann aber mieber in
alter -fpoFje feftfetjte. ©iefe Summe mürbe allerbingS nidjt in oollem
Umfange gegahlt, ba eS gelang, burd)gu[etjen, bafe bie gelieferten
5Saren unb mandjerlei erlittene Serlufte mit angeredjnet mürben.
Slber immerhin leifteten einzelne fDlitglicber ber Kaufmannfdjaft oor
fdjuferoeifc gang beträdjtlidje 8«IjUtngen, fo bafe bis 1808 im gangen an
SQaren unb OJelb etma 2ya Slillionen graut abgefiifert roorben roaren.
Jur Slufigleidjung unb regelrechten Verteilung ber ßaften rourbe burdj
KabinetSorbre oom 29 l’luguft 1808 eine eigene Kontribution?* unb
SdjäljungJ Kommiffion beftellt; bie meiften, bie gur Batjlung angebalten
rourben, befealfen fidj mit Sola-SBecfefeln mit 6 fßrogent auf? gafer.
©ie ßage ber Kaufleute roar an fid) fdjon fdjledjt genug. ©enn
bie am 21. fRoucmber 1806 non [Rapoleon angeorbnete ^anbelS*
fperre traf bie [Reeberei ber Cftfeefeäfen befonbers fdjroer. SBar ber
Stettiner Sdjiffsoertefer bereit? nor bem SluSbrudje beS Kriege? fo
gut nne aufgeljoben, fo rourbe in ben KriegSgeiten unb bei ber Sperre
and) nod) ber leigte 3te[t neruidjtet. ©'e Bafel ber Stettiner Seefdjiffe,
bie fid) 1805 auf 174 belief, ging auf 109 gurücf, unb biefe lagen
entroeber untätig im $afen ober rourben im 2luSIaube befdjäftigt.
3fn ber erften Hälfte beS Saferes 1808 rourben bie unauffeonicfeen
©urdjgüge frangöfifdjer ©nippen, bie nou Cften tainen, roieber fendjft
t>e)ct)roeriid), immer neue fRegimenter riieften auS .^interpommern
feeraii, um fid) bei Stettin unter bem Kominanbo Soult? gu fammeln.
©in grofee? Saracfen« unb BplUager rourbe bei Kretow erriefetet,
roogu man non roeitfeer Arbeiter requirierte, ©er 1803 non ber
preiifcifdicn Wilitärnerroaltuug angetaufte Ccjergierplat) reirtjte nidjt
auS, non ben anftofeenben gorften mufete ein ©eil niebergefeauen
roerben 30000 SRann follen bort untergebradjt roorben fein, unb
ein lebhaftes Siroaf unb ßaaerleben entroicfelte fid), baS feinen £>öfee-
puntt am 15. Sluguft erreidjte, als bie grangofen ben ©eburtStag
ifereS itaiferS feierten, gtjm gu ©feren fdjiitteten fie an bem feödjften
fpuntte ber Glegeub einen .(higel auf, ben fRapoleonSberg, ber 1813 nadj
ber ßcipgigcr Sdjladjt ben Flamen „©eutfdjei 9krg" erfeielt. Soult
liefe beu ©ag in ber Stabt burefe S9all uub Illumination feiern.
Salb barauf gogen biefe ©nippen roieber ab, unb bie Saracfeu,
Kiidjen, fRemifcn, Sdjläcfetercianftalten bei Kretow, Söuffow, ®cfcr=
berg, ber Steiiifnrter URufele ufro. [tauben leer.
422 tJi-nnaöfifcfje SBefatJunß in Stettin.
TaS fernere ©efefjicf Stettins eutfdjieb fid), als eS enblidj am
8. September 1808 gelang, ben ®arifer Vertrag guftanbegubringen,
in bem bie Summe ber nodj non 'ßreufeen gu galjlenben Kontribution
auf 140 SRillionen feftgefetjt rourbe. 3»(jlei(h rourbe beftimmt, bafe
Stettin mit 3600 SRaitn befetjt bleiben follte. Tarauf räumten bie
grangofen im Tegember baS rechte Cberufer, bie ber eroigen
Turdjmärfchc björte auf. ®as ljatten aber bisbjer bie Stabt unb bie
eingelnen ®eroohner fdjon leiften muffen! Tie Stabt berechnete bie
Höften, bie fie oom 29. Cttober 1806 bis gum 1. Tegember 1808
gehabt hatte, auf 270660 Slater, unb bie Kaufmannfdjaft baS, roaS
fie an barem Selbe ober an Söaren geliefert hatte, gar auf 573 314 Taler.
Tagu tarnen noch bie SluSgaben, bie ben Ouartiergebern erroadjfcn
roaren, g. 53. hatte Ehr. Sribel an EinquartierungStoften inner»
halb eines galjreS 5726 Taler begafelt.
5llS Stettin enblid) wieber eine preufeifdje Stabt, aber mit
frangofifdjer ©efatjuug rourbe, geftalteten fich Serhältniffe gwar
etwas beffer, aber bie Verlegung ber fRegierungSbehörben nad) Stargarb,
bie Vlbreife mancher wofelhabenber gamilien bradjten neue ®erlufte,
bie burd) bie franjöfifcfje Sarnifon nicht erfetjt werben tonnten. Tagu
mufete jetjt bie Stabt einen Slnteil an ben preufeifdjen ftriegsfontributionen
in ber fpöfee oon 22 420 Taler aufbringen, unb oiele ginnen ljatten
burdj bie h°he Abgabe, bie fiir bie tonfiSgierten englifchen Sparen gu
gafelen war, feljr erhebliche 5luSgaben, bie fie taum leiften tonnten,
berechneten fie bod) fpäter ben ölefamtoerluft, ber ihnen hieraus
erroachfen roar, auf mehr als 2% SRillionen Taler. Eingelne Raufer
fallierten, anbere löften ihre Olefdjäfte auf.
Ta bie frangöfifche ^Regierung fich an bie feftgefetjte 3ahl ber
Stettiner bcfafeung nicht hielt, fo roud)S bie ßaft ber Einquartierung
balb roieber ins unerträgliche, ßroar follten bie Einwohner fiir bie
fRatitraloerpflegung auS ber .Hoffe ber Königlichen Kommiffion ent»
fchäbigt roerben, aber biefe hatte entroeber felbft fein Selb ober gafelte
fo fäumig, bafe bie SBorfdjüffe erft nach langer Beit guriidgegahlt
rourben unb oiele 53erootjner oerarmten. Erft burch baS entfdjiebenc
Eintreten beS SebeimratS Sad erhielt bie Stabt 1810 unb 1811
einige beträdjtlidje Summen oom Staate. Tie Kämmerei roar, roie
ber Kämmerer 53ourroieg 1810 fcferieb, in ftets roachfenber Selbnot
unb tonnte nicht einmal bie Sehälter gatjlen. gm Cttober 1811
rourbe ber fRcgierungSrat gritfdje mit einer llnterfudjung ber ftäbtifchen
ißerhältniffe beauftragt. SRit großer Sorgfalt untergog er fich biefer
fdjroeren Slufgabe. Ter bericht, ben er erftattete, beginnt mit ben
^Sorten: „Tic ßage Stettins ift über alle befcfereibung unglürflich
Suftänbe in ber Stabt.
423
nnb erlaubt nitfjt, uon ben (Jinwoßnern alles bas gu forbern, iua§
geleiftet roerben fall." ®r rechnet für 1812 ein Tefigit nun
77 000 Salem ßerau§ unb mufe gugeben, bafj bie Sinnaßmen fid)
roaßrfdjeinlidj nod) Dertingern roerben, ba „mit ber Hemmung be§
£>anbel§ ber SSoßlftanb gerftört ift" unb immer meljr fjanblungsßäufcr
(Stettin oerlaffen ober fallen, wie e§ fdßon mit Tilebein, Steinefe,
Salingre, Seltßufen, Seger unb Cobeban u. a. gefdjeßeit ift. Ter
flontniiffat fprirfjt e§ alä unbebingt notroenbig au§, bafj ber (Stabt
(Srleidjteruugen gugeftanbeu werben nnb Staatsßilfe guteil roirb. Dian
meinte woßl nid)t feiten, bie große ©arnifon oon 6—7000 SQann
bringe ber (Stabt grofje Sorteile. Tod) ber Stabtrat SJlafdje wies in
einer SluSeiiiaiiberfetjung nad), baß biefe Sliificfjt taum ridjtig fei, ba
bie Cieferanten faft nidjtS au§ ber (Stabt bezögen, bie (Solbaten aber
feinen ßoßu betauten, alfo aud) nirfjtS auSgeben tonnten; bie Der»
gütungSfäße, bie nocß bagu feßr unregelmäßig unb fpät ge^afjlt würben,
feien barauf berechnet, baß bie Giuquartierteii nur Quartier betauten,
e§ fei inbeffen allgemein Üblid), fdjon nm Stuße gu erljalten, ben
(Solbaten mandjcrlei an ßebenSmitteln gu reichen. „Tie Ginrooßner",
fo frßloß er, „fdjreien unb ßaben ©rutib gum Sdjreien, weil fie nidjt
begreifen tonnen, roarum gerabe (Stettin bie ßaft be§ gangen ßanbeS
tragen folle“ ©eroiß ift biefer letjte Slugruf übertrieben, aber er ift
ein 3eicfjert ber Sergroeiflung, bie weite Greife beßerrftßte. Taneben
ift inbeffen aud) uidßt gu leugnen, baß ntancfje fireife ber Stabt fid)
gang gut mit ben ßerrfdjenben Serßältniffen abfanben. Söar e§ gu
oerrounberu, baß oiele (Sinrooßner jetjt, roo offigiell griebe groifdjen
grantreid; unb fßrciißen ßerrfcßte, ficß auf einen möglidjft guten guß
mit ißren ©äften gu ftellen furßten, baß fie mit trielen oon ißnen,
bie burd) ßiebenSroürbigteit unb ©alanterie fid; auSgeidjneten, fretmb-
fdjaftlid) oerteßrten? SRan barf nidjt gu ßart über fold) Serßalten
urteilen. Sei aller Slot ber geit madjte fid) bod) aud) in Stettin
ba§ Sebürfnig nad) allerlei Scrgnüguiigen geltenb. wirb fpäter
roieberßolt beßauptet, baß namentlich bas weiblicße ®efd)led)t ben
grangofen feßr entgegengetommen fei unb mit ißnen auf Siebouten
unb DlaStenbällen fid) meßr al§ billig oergnügt ßabe. 9Sir roiffen
baneben aber aud), baß fid) ernfter '.Patriotismus unb treue Slnßäng
litßfeit an ba§ Saterlanb tunbtaten. TaS ertennen roir fogar au§ ber
Reifung, bie einige .geitlang als „pommerfdße geitung" in Stargarb,
bann aber wieber als „f?gl. prioilegierte Leitung" in Stettin erfdjien.
Qn ben SJlifgelleu, in Heinen ©ebidjten, ßßaraben, ^abetri, Seit»
gefprädjeu uub Slnelboten finben fid) oft uerftedte Slnbeutungen unb
Slnfpielungen auf bie unglüdlidjen Suftänbe. Tenn offen gu fdjreibcn.
424
Branb ber fRifolaifirdjt.
ba§ war bei ber ftreiuicii frangiififdjen ßcnfur unb ben roieberßolten
Tarnungen beö GJouoerneurS ßiebert nidjt niöglidj. Übte biefer bodj
fo fdjarfe Sluffidjt, bafj er am 10. 'JLRai 1811 bic Slblieferung aller
SBaffen oerorbnete unb eine ftrcnge grembenpoligci einridjtete. Sdjärfer
nod) ging er auf ßößeren Befeßl gegen alle cnglifdjen Sßaren uor
unb liefe roieberßolt linterfudjungen anftellcn ober audj gange ßager
fonfiSgieren. Srotjbem fudjten ber SRagiftrat unb bie ^Regierung immer
nröglirfjft gut mit ben frangöfifdjen BeßÖrben auSgiifommen unb Sfon
fliftc gu uermeiben. 1811 fam e§ bei bem Sommerjaßrmarfte gu
(Streitigfeiten groifdjen Bürgern unb (Solbaten, e§ gelang aber trotj
ber giemlid) erregten fiorrefponbeng ben grieben roicberßerguftelleu.
(Jin längerer SiSput erßob fid), al§ in ber 'Jlndit oom 9. gum 10. Se=
gember 1811 bie bid)t beim 'Jiatßaufe fteßenbc fRikolaifirdje, bie bamals
als £»eitmagagin benutzt rourbe, in flammen aufging unb gang nieber-
brannte. Sie frangöfifdjen unb preußifdjen Beßörben ftellten fofort
eine Unterfucßitng über bie llrfacfje be§ geiicrS an; man oerniutete
rooßl Branbftiftung unb bcfdjitlbigte im geßeiuiett ben frangöfifdjen
^eulieferanten, er ßabe fid) Unregelmäßigkeiten unb llnterfdjlngungen
gu (Sdjulben tommen laffen unb burd) ben Sörnitb eine lluterfudjung
unniöglidj madjen roollen, aber man roagte bod) nidjt, foldje 53er=
mutungen offen gu äußern. Ser fPoligeibircftor Stolle, ber einen
Slonflift mit ben SRilitärbeßörbcn oernteiben wollte, ging bei ber Ber
neßmnng ber Beugen nidjt mit ber fonft oon iljm beroiefeiten llmfidjt
unb Energie oor unb erljielt beößalb uon ber Stargarber ^Regierung
einen ernften Berroeid. 91 ber ber Sadje weiter auf ben @runb gu
goßen unterließ man bodj, unb bie Urfadje bes Branbes, ber bie
Stabt roieber eines ißrer ältefteii Baubenkmäler beraubte, blieb un*
aufgeklärt. Saß es in biefer traurigen Beit audj roirflidje treue
'•Patrioten in Stettin gab, bie an ber Sufunft ißre§ BaterlanbcS nidjt
ucrgroeifcltcn, geigt oor allem bie „Stettiner SonntagSgeitung", bic
1808 mit 26 fRummern erfdjien. $11 ißr tritt edjt beutfdjer Sinn
ßeroor, man feiert Hermann ben Befreier, ßutßcr, griebrid) ben (Großen,
bie Königin ßuifc unb ßanbelt oon beutfdjer Spracße unb ßitcratur,
bte ba§ Banb fein follen, bas alle Sentfdjc oerbinbet. Sin ißr ßaben
neben Stargarbern, roie bem Sdjulrat f^albe, audj Stettiner, roie Sireftor
Stodj u. a., niitgearbeitet nnb beroiefen, baß audj iu ben Brüt'11 ber
ftnedjtfdjaft freier beutfdjer SRnt unb neu erroadjenbeS .^eimatsgefiißl
in Stettin eine Stätte gefunben ßaben.
!Reu geroetft rourbe foldje GJcfinnung, roie ßinreidjenb bekannt ift,
gerabe in jener Beit, in ber Stettin befonbers unter bem Qodje ber
^rembßerrfdjaft feufgte, burefj bie inneren ^Reformen, bie greißerr fiarl
®it Stäbteorbnung toon 1808.
425
oom Stein in bett wenigen ©tonnten einfiilirte ober uorbereitetc, in
benen er bie ßeitung bed gefamten preußifdjeii Staatdwefeud in ben
$änben ljatte. „Semeingeift unb ©ürgerfinn", Tugenben, bie im
18. Qaljrljunbert in ber ftäbtifdjen ©eoölferung faft gang gefdjwunben
waren, wieber 311 erwerfeit, bie ©ärger an Sclbfttätigfeit, ja an SelbfU
Verwaltung ber eigenen Slngelegenljeiten zu gewönnen, bie Stäbte int
Sinne fdbftcinbiger ©emeinwefen 31t organificren, bad waren bie
©ninbgebanfeii, bie Stein unb feine SRitarbeitcr bei ber Sludarbeitung
ber preußifdjeii Stäbteorbiuing vom 19. SRooember 1808 beljerrfdjten.
Ter Turdjfüljmng ber ©eftimmungen, bie fie entlädt, traten überall
Sdjwierigteiteu entgegen, tauni irgenbwo aber größere ald in Stettin,
wo bie fianjöfifdie URilitärocrroaltung natiirlid) ben neuen „Sbeeu",
bie Napoleon unljeimlidj uub gefaljrlidj erfdjienen, mit VJtifetrniien
gegenüber ftanb. Stber bie ©ärger ber Stabt erzeigten fid) bed ©er
trauend, bad bie preußifdje {Regierung ihnen erwied, burdjaud würbig.
unb e§ ift eine greube, 31t beobadjten, wie bie Stabtuerwaltung oljne
Säubern and SSerf ber SReform ging unb bie einzelnen ©ärger fid)
ben geteilten Stufgaben nidjt entzogen.
So naljm man in Stettin bie neue Stäbteorbiuing, bie am
19. Tegember in ber Seitung publiziert würbe unb balb barauf bem
©iagiftrate amtlich guging, wenn and) nidjt mit Begeiferung, fo bodj
mit oerftanbiger SRntje auf unb lehnte einen SSiberfprudj, ber oon
einer Seite angeregt wnrbe, entfdjieben ab. SIRan begann fofort ge«
meinfam mit ben bisherigen ©ürgerfdjaftsocrtrctern bie Slrbciten imb
ftellte gunädjft eine Seelentabelle, b. Ij. eine ßifte aller ©ewoljner, auf.
Tiefe ergab int Januar 1809 eine Bcuölterimg uon 18375 ©erfonen
oljne bad SRilitär. Cbgleid; fctjoii oorljer eine offcntlidjc Slufforberung
gur (Gewinnung beS ©ürgerredjtd erlaffen worben war, ftellte ed fid)
bodj im Jebruar heraus, baß nur 1295 ©ärger, bie nad) bem § 76
ber Stäbteorbiuing ftimmfätjig waren, in ber Stabt oorljanbeu waren.
Tarauf wnrbe beftimmt, baß Stettin 63 Stabtuerorbnete uub 21 Stell«
Vertreter zu wäljlen ljabe unb bagu 17 Bewirte 31t fdjaffen feien.
SRit Sorgfalt würben alle ©orbereitungen für biefe ©3aljl getroffen,
unb mit einem tiefen fittlidjen Grüfte festen bie ©eiftlidjen in ©rebigten
beu ©ärgern bie Bebeutung biefed Sltted auseinauber. Sim 6., 7.
unb 8. SRärg würben bie Stabtoerorbneten gewäfjlt, bie als Sertreter
ber ganzen ©iirgerfifjaft alle ftäbtifdjen Slngelegeuljeiten 311 crlebigen
beredjtigt waren. „TaS Sefctj unb iljre SBaljl, fo fagt ber § 110
ber Stäbteorbnung fdjon, finb iljre Bollmadjt, iljre Überzeugung unb
iljre Slnfidjt oom gemeinen ©cften ber Stabt iljre Qnftriittiou, ißr
©cwiffen aber bie ©eljörbe, ber fie besljalb SRedjenfdjaft gu geben
426
Stabtierorhnete unb Tlogiftrat.
ßnben." SRacf) ber fßrüfitng unb ^Bestätigung ber SBaßl fanb am
18. Tlärg 1809 oormittagS 8 Ußr in ber großen TatSftube beS Tat«
ßaufeS bie erfte Terfammlung ftatt, bei ber 62 Tlitglieber anwefenb
waren Der StprbifuS Tebepenning übergab im Sluftrage beS Tlagiftrats
bie auSgefertigten Teftätigungen. Sobann roäßlte bie Terfammlung beu
Sdjulrat 3 3. (Sell gum SJorfteljer, ben EonceffiouariuS TI. Tergemann,
baS ältefte Tlitglieb, gum Stelloertreter, ben TatSaiiwalt ß. E. Diecfßoff
unb ben ftleiberljänbler g. S. Eierte gu fprotofollfüljrern. Tiit ernftein
gleiße unb rußiger ©ewiffenßaftigteit griffen bie neuen Vertreter ber
Türgerfdjaft bie notweiibigeu Slrbeiten an; bie oerftänbige ßeitung
Sells half über manche Sdjiinerigteiten, bie ficß auS bem Terßältniffe
gum Tlagiftrate ober gu
2Ibb. 25. 3. 3. Seil.
bem frangöfifcßen ©ouoernement ergaben,
meift glncflrd) ßinwcg. 3n ben regel«
mäßigen Terfainmlungen, bie balb in
ben Saal im Spriijenßaufe am ftoßl«
marft oerlegt würben, beriet man ein
Eintommenftcuer-Teglement, ben Ent
wurf eines EefdjäftSreglementS für ben
Ttagiftrat, eine „freiwillige" Slnleiße
oon 20000 Daler, aus ber fpäter eine
„notwenbige" oon 30000 wurbe, bie
Saßlung ber ftriegSfnften, wobei bie
jammeroolle ginanglage ber Stabt gur
Erörterung tarn, u. a. in. (Sann mußten
bie SBaßlen für bie oerfdjiebenen
Deputationen — eS waren anfangs 13,
balb 14 —, für bie Stellen ber SegirfS-
oorfteßer unb oor allem für ben neu
gubilbenben Tlagiftrat oorgenornmen
werben. §ür bie Stelle beS CberbürgermeifterS präfentierte man nad)
ber Teftimmung ber Stäbteorbnung brei fßerfonen, ben Türgermeifter
3oßann ßubroig ft i r ft e i n (feit 1807 gweiter Türgermeifter), ben Kaufmann
ftarlßubwigSBißmaiin unb ben SpnbifuS Tlidjael griebricß Tebcpcnning
(feit 1807 SijnbifuS). Der erftere wurbe bann gum Cberbürgermeifter
ernannt. 31U 3*»” fanb bie Sßaßl ber Stabträte ftatt, bereit 3aßl
auf fünf befolbete (außer bem Cberbürgermeifter) unb 15 unbefolbete
feftgeftellt wurbe. Es würben gewählt gum Türgermeifter ber bis«
ßerige SijnbifuS Tebepenning, gum SijnbituS ber Senator Scßmiebede,
gum ftämmerer ber Senator Sourwieg, gu Stabträten bie Senatoren
Tlafdje unb grieberici. Unbefolbete Tlitglieber beS TlagiftrateS würben
bie Kaufleute Sßißmann, TJadjenßufeit, fKietjlow, ßubenborff sen.,
(Einführung btB neuen TlogiftratS.
427
oon Gffen, Sohrn, bie bisherigen Senatoren fRaßm unb ©raff, ber
Kommergienrat ©ilfdjmann, ber Softbirettor Hauptmann o. fRappin,
ber ßotfentommanbeur fRüsfe, ber Sraueigen ßebouj sen., ber fjof«
apotgeter !Jfnwnann- &cr Seifenfabrifant ßebme unb ber Seifenfabrifant
fRoiroel. ©ie Vefolbungen für ben ©berbürgernieifter unb bie Stabt«
rate mürben feftgefetjt, fie betrugen für ben erfteren 3000, für bie
anberen 1500—1000 Saler. Sann beftclltemanbieSnbalternoffigianten,
im ganzen 13 ^ßerfonen, unb fonftige Slngeftellte ber Stabt, wie ben
VhijfituS, (Et)irurgns, Saumeifter unb JRatSanwalt. Sajwierigfeit
madjte bie geftfegung ber ^fenfionen für bie nietjt wieber gewählten
üRitglieber beS alten SRateS; hierbei fant eS gu langen, oft recht un«
liebfamen (Erörterungen. ©en fJlbfdjluß ber Einführung Der Stäbte«
orbnung bilbete bie feierhdie (Einführung beS neuen SRagiftrateS unb
bie Vereidigung feiner SRitglceber. Sie fanb am Geburtstage be§
Königs, bem 3. Sluguft 1809, in ber gatobifirdje ftatt, wo nach einem
©otteSbienfte ein fRegierungStommiffar, ber IRcgierungSrat Sielte, eine
feierliche Slnfpradje hielt unb ben neuen Scaniten ben Eib abnahm,
gür bie Voligeioerwaltung würbe eine tönigtiefje Sehörbe eingefegt,
bie int Slpril 1810 unter ßeitnng beS ^poIi^cibireftorS Stolle in Sutigteit
trat. $u igr gehörten 6 Sureau- unb 23 Ejefutiobeamte in 5 '.Reineren.
Somit war bie neue ftäbtifdje Verwaltung begrünbet. ES
beginnt ein neuer SlDfdjnitt in ihrer ©efdjidjte, bie geit berSelbft«
Verwaltung, bie auf eine gang anbere ©runblage geftellt worben war
als einftmalS. Gin felbftänDiges ©emeinwefen füllte bie Stabt wieber
fein, aber im Staate unb mit ihm aufs engfte oerbunhen. Siefer
übernahm jetjt bie ©eriditsbarfeit in Der Stabt; alle bie Derfdjiebenen
©ercdjtShöfe, Stabt unb ßaftabifdjeS, VJett« unb Kolonie ©eridjt, baS
SBaifen- unb Vauamt, würben gum 1. guni 1811 aufgehoben unb
an ihrer Stelle baS föniglidje Stabtgeriiht eingefegt, ©ie gurisbittion
beS VlagiftratS hatte ein Gilbe, ©urd) baS ©efeg oom 2. fRo«
nember 1810 würbe bie ©eroerbefreiheit eingeführt unb baS alte
gunftwefen gu ©rabe getragen. SDtit biefer greiljeit für .£>anbel unb
©ewerbe paßte nicht gufammen ber legte SReft ber alten Stettiner fRieber-
lagSgeredjtigfeit, baljer hol& man &cn ßeinfaatftapel am 28. guni 1810
auf. Ebenfo ging man mit iünberungen im Slbgabenwefen oor, ber
Stabtfdjoß, bie Stabtgulage hörten auf, ©runbbefig unb ©ewerbe«
betrieb ftellten bie ©runblage für bie K'onimunalabgaben bar. Sind)
bie Einführung ber anberen ^Reformen, bie fid) an ^jarbenbergS fRamen
anfnnpfen, würben wenigftenS oorbereitet. ©aß manche oon ihnen
auch in Stettin erheblidjen Söiberftanb fanben, ift ertlärlicß; wie hätte
man fid) ohne weiteres in biefe gang neuen Vetfjältniffe finden follen?
428
9?eue Xurdjjüße unb ©inquurtierunßen.
3ii brr fßnwingiahierfiimmlung, bie auf CBritiib be§ ginanggefctjcs
vom 7. September 1811 im Würg be§ nädjften Jahres in Stargarb
gufaninicntrat, um nier Vertreter fßommernS für eine ©eneraltonimiffion
gur ßiquibation unb {Regulierung be§ ißrovingialfrfjulbeiiroefenS gu
wählen, rourbe ber Siabtoerorbiicteu-Borftcher ?lnbrcä bcputiert. Tie
ftäbtifdjen Vertreter crwäljlten bort in jene ftommiffion, bie and)
äiigleicf) eine 9lationalrepräfentation barftellen füllte, ben £jofrnt
Brummer gu Sreptoro a. }R Slber clje biefe Bcrfammlung in
Berlin eröffnet roorben roar, erhielt bie Stabt Stettin burdj bie $fönigl.
sfabinctSorbre uom 26. ?lpril 1812 bas {Redjt, einen eigenen {Reprä*
fentanten fiir fie gu erwählen. Tic Stabtoerorbneten beftimmten bagu
ben Cberbnrgcrmeifter Jlirftein, ber vom 23. Quli big gum 3. Sluguft
an ben Beratungen in Berlin teilnaljm. ©r ertannte babei, roie
tpreufjen, oon fdjroeren ßafteit bebrürft, nidjt iniftanbe roar, bie ßeiben
ber eingelnen ßanbesteile fofort gu milbern. Stettin muffte neben
bem eigenen llngliirfe and) bag be§ gangen BaterlanbeS tragen, ob=
wohl c§ gerabe bamals burdj bie fortbauernbe Bfilitärfjerrfdjaft faft
oon iljm loggelöft roar. £>at biefe audj ben neuen ©iuridjtungen
feine eigentlidjen .^inberniffe in ben Söeg gelegt, fo tonnten fie bodj
nidjt iu ber ®eife feften guf; faffen unb fidj entroitfeln, roie es woljl
anberswo gefdjalj. SRürffidjten muffte man immer wieber neljmen auf
bie SRadjtljaber in ber Stabt, 'Jhirffidjten auf baS Bcrljältnis, in bem
man gu ber frangöfifdjen Berroaltimg ftanb. BJeldj ein £>inbernis
für bie Arbeiten be§ SRagiftratS unb bet Stabtoerorbneten bilbete
immer bie traurige ginanglage, bie es tauni erlaubte, ben notroenbigften
Bebürfniffen geredjt gu werben!
Seitbem fidj fRapoleon gum Kriege mit fRufjlanb entfdjlofien
unb bie gewaltigen Lüftungen angeorbnet ljatte, begann für Stettin
abermals eine fdjroere ßeit be§ ßeibenS. SSieber gogen ungätjligc
Sdjaren auS aller .fjerren ßänber burdj bie Stabt unb nahmen bort
auf tiirgere ober längere Beit üuartier. Sic rourbe in 51'riegsgnftanb
oerfetjt, bie Bier nnb Branntroeinfdjänfen rourben früh abenbg
gefdjloffen, bas $ort {ßreufjen oon feinen Bewohnern geräumt, ber
Berteljr am Sollroert groifdjen ber langen Briide unb ber Baum
brürfe gefperrt, bie ©arnifon oerftärtt. fRidjts „als $imme( unb
grangofen" erblictte man, roie ein Slugengeuge fdjreibt, an mandjen
Sagen uor bem Berliner Sore; fie untergubringen unb gu verpflegen
madjte ber Serois= ober BerpflegungMt'ommiffion tincnblidje Btülje.
Bei ben Berljanbliingcii mit ben frangöfifdjen eoinniissitin-s de guerre
roar befonbers ber fRegierungsbircttor o. SRohr, ein patriotifdj gefilmter
unb fehl' tüdjtiger Beamter, eifrig unb erfolgreidj tätig freilich roar
®ie Erhebung BreufjenS.
429
oft genug bie j?affe leer, nnb bie BerpflegungSgelber fiir bie Dffigiere
tonnten taum aufgebracht luerben, obwohl bie ©rouing einen erhebe
lidjen Beitrag leiftete. Ed fjalf fcfjliefjlicf) nichts, man niufjtc gelt»
weife wieber ben ©ärgern bie Berpflegung auferlegen. 9lllmählid)
hörten bann bie ®urd)güge auf, unb e§ trat wieber metjr Slidje in
ber (Stabt ein.
ÜJlit lebhaftem fntereffe üerfolgte man bie weiteren Borgänge
im Cften. <Geroifj war in bem preufjifdjen .£>ülfdforp§ and) manch
Stettiner, unb trotj ber heiniifdjen 9lot ueranftaltete man int Dftober 1812
eine ftollctte fiir oerwunbcte ftrieger. 9lud) wurbe infolge be§ fJieffriptes
oom 10. SJtai 1812 mit ber Crganifation einer Bürgerwehr begonnen.
'Sa brach in ©reichen bie ^eit ber Erhebung an. (Ser 9lufruf
oom 3. gebruar wurbe in (Stettin betaimt, als ber SJlarfchall Sauouft
bort weilte. Seine 9lnorbnungeii, in ber riidfichtslofeften SSeife oor«
gugeljen unb bie Umgegenb ber geftung 511 Derwüften, würben auf
bie Sitte bes SRagiftratö oom 9Jlarfd)all Slugerau in ©erlitt wieber
aufgehoben. Srotj ber frangöfifdjeu (Gewalthaber oerlaS ber treffliche,
fromme ©rebiger ber frangöfifd)en (Gemeinte grang 9luguftin 9iiquet,
ber 1811 nadj Gtettin getommeu war, ben Slufruf oon ber [tauget
ber Sdjlofjfirdje unb oeranlafjte ba§ Stirdjenfonfiftorium feiner (Ge*
meinbe, fofort bie 9lusrüftung non fieben greiwilligen gu übernehmen.
9lnbere blieben nicht gurüd; ba fanbten ber SiegierungSbireftor ©ohteil»
borf 200 SJaler, ber 9tegierung§rat ßitelniann 150 Saler unb ner
pflichteten fich, freiwillige wäl)renb ber ®auer be§ fl'riegeS 31t unter-
halten. fn ben (Gabenliften ber geitung, bie in Stargarb erfchien,
finben fich offen unb oerfterft gahlreidje Stettiner, bie int einzelnen
hier namhaft gu madjen unmöglich ift E§ gingen and) ©Jänner
unb Jünglinge, .fpaubwerter, Kaufleute, (Gijmnafiaften, gumeift Ijeimlid)
au§ ber Stabt, um fich Stargarb gum Tienft fiir ba§ Baterlanb
gu [teilen, wie ber bamalige Sdjnler ©urgolb ergählt, oft nicht ohne
ßebensgefahr. Bon ben (Gijmnafiaften melbeteu fid) faft 100 gum
freiwilligen Eintritt, unb eine gange SHeilje uon gamilienuätern ftellte
fid) „ mit 9lnfopferung uorteilhafter bürgerlicher Berhältniffe" frei-
willig gum (Sienfte, wie g. B. ber Subreftor bes (GijmnafiumS
g. (G. (Grafjnianii. ?lbcr roäl)renb nodj bie freiwilligen ©renfjeiiet
fid) gufaniineiifanben, wäljrenb überall im ßanbe bie Hoffnung auf
Errettung unb Befreiung wud)§, ba begann für Stettin ber leijte ?lft
ber frangofengeit, nnb nielleidjt ber, weldjer bie fdjwerften ßeiben
über bie Stabt bradjte.
9lni 15. februar erflärte ber Eouoetneur ber geftung, ®iDifionä=
general Baron Eraubeau bem fülagiftrat unb beni ©oligeibireftor, bafj
430
BtlaßerunßSjuftanb.
auf Befehl be§ BigcfönigS Ghtgen bie Stabt Stettin in Belagerung?»
guftanb erflärt [ei. .Qugleidj forberte er fofort bie Cieferung oon
6000 Stürf Ccfjfen unb bem nötigen gutter jur Berpflegung ber
frangöfifdjen Garnifon. ®a inan iljm vorftellte, baß es gang unmöglidj
fei, biefe ungeheure gorbcritng gu erfüllen, ermäßigte er fie auf
1500 Cdjfen, verlangte bafür aber anbere Lieferungen. Bodj war
fein geinb vor ber Stabt erfdjienen, aber fdjon begannen für fie bie
Leiben unb Laften einer Belagerung. Granbeau, ber erfranfte, mußte
bie Leitung auf Blonate Ijin bem Kommanbanten, Beigabe General
SJufreffe, übertragen, neben bem al§ Befehlshaber ber 9lrtitlerie=Dberft
Bertfjier unb ber gngenieurmajor ©fjulliot tätig roaren. Sie Befatjung
beftanb gufammeu mit ber oon Samin au§ etwa 8000 SRann, gum
Seil grangofen, gum Seil ^rollänbern. Wehr als 320 Gcfdnitje unb
167 Bferbe roaren in ber geftung.
Sie preufeifdje Siuiluerroaltung in ber Stabt Ijörte auf, ber
Blagifttat befolgte ben Grunbfatj, gegen jebe Gewalt gu proteftieren,
bie Bequifitionen ber frangöfifdjen Wilitärbeljörben nie gu uiiterftüfeen,
fctjliefelicfj aber fie gu erbulben. Bei foldjem paffiveit SBiberftanbe
tonnte ba§ Gouvernement nidjt viel auöridjten, roenn e§ nidjt mit
Gewalt unb militärifdjer Gjefution vorgehen wollte. Sa§ gefdjatj
bereits im gebruar, al§ bie Lieferung von £olg audgefdjrieben rourbe
Sa liefe Sufreffe mehreren ^jolgljänblern, foroie bem Pberbürgermeifter
unb 2 Witgliebern be§ BlagiftratS je geljn Solbaten in§ £>au§ legen.
Lebljafter Broteft gegen bie Berletjung ber Konvention, bie mit graut
reidj gefdjloffen roorben roar, niitjte nidjt viel, ja am 23. gebruar
ertlärte ber Gouverneur, bie Stabt ljabe nur feinem SLillen gu
getjordjen, er allein befitje über Leben unb BermÖgen ber Bürger
Gewalt. Gr einigte fidj aber mit bem Wagiftrat unb beit Stabt»
verorbneten batjin, bafe bie Berpfleguiig ber Gatnifou von ber fran
göfifdien Berroaltung, bie be§ LagarettS unb bie Giiiridjtuug ber
Kafernen von ber Stabt übernommen würbe. Sarauf lüfte fidj bie
föniglidje BerpflegungSfommiffion auf.
Wegen Gnbe be? gebruarS ließen fidj bie erften Kofafen oor ber
Stabt feljen, unb al§ bann bie offigielle Kriegserfläntng am 16. Wärg
erfolgte, erfdjienen audj balb preufeifdje Sruppen Buerft ljatte man
woljl bie Hoffnung, bie grangofen würben feine weiteren Berfudje
madjen, bie Stabt gu fjalten, aber gerabe in ben Sagen, in benen
König griebridj BJilljelm 111. ben „Vlitfruf an mein Bolt" vom
17. Wärg erliefe, letjnte bet Gouverneur oon Stettin bie Übergabe
ber Stabt entfdjieben ab, unb bie Blodabe begann Ihn ben Sdjreden
unb Gefahren einer Belagerung gu entgehen, »erließen fdjon bamals
ffiinfdjlitfjunfl ber ©tobt.
431
manche Söerooljner bie ©tabt, anbere fcfeidten wenigfteuS iljre Slngcljörigen
feinauS, wäljrenb viele burd) iljr SInit ober burd) SRücfftcf)t auf iljr
(Gefdjäft unb iljr £>auS unb £>abe oeranlafet würben, bort gu bleiben,
©ie mufeten gunäd)ft mitanfeljen, wie ber (Gouverneur, otjne bie Sitten
beS SJlagiftratS gu beachten, bie fünfer ber Unter» unb Cberwiet
ebenfo wie alle fonftigen (Gebäube auf 450 ©djritte (Entfernung von
ber geftung abbredjen liefe. Sind) begannen um ben 20. SJlarg
allerlei ©djarmüfeel unb tieine (Gefedjte mit ben Kofaten unb ^ßreufeen.
Ser (General o. Sauenfeien ljatte baS Koniniuitbo über bie preufei»
fcfjen Sruppen übernommen, bie gur (Einfdjliefeung Stettins beftimmt
worben waren. (Er erliefe am 23. SJtärg einen SageSbefeljl, in bem
jeber Serteljr mit ber ©tabt verboten würbe. Sie eingelnen 53or=
bereitungen unb Operationen, bie bei ber Slodabe ©tettinS unb
®ammS oorgenommen würben, gu fdjilbern, ljat im allgemeinen
geringes gntereffe. (ES ift ertlärlidj, bafe bie preufeifdieii Sruppen
fid) auf bie (Einfdjliefjung uub bie Slbwefer von SluSfällen befdjräiiften,
iljre eigene ©tabt inbeffen unb bereu Scwoljner möglidjft gu fdjonen
fudjten. Gladjbem bann im $erbfte 1813 baS (Gefdjid Slapoleons
burd) bie ©iege ber SJerbüiibeten entfdjieben worben war, tonnte eS
ja nur nodj eine grage ber .Seit fein, wie lange ber SBiberftanb ber
grangofen bauern werbe.
Slber biefe lange Seit bradjte ben ©tettinern oiele Sefdjwerben,
Sebrürfungen, Slot unb (Elenb, wie wir eS am beften aus ben Sage«
büdjern SillaretS unb (GroenlunbS leimen lernen, bie getreulidj auf«
geidjneten, wie eS in ©tettin guging. ©ie ergäljlen von gafellofen
Stequifitionen beS frangöfifdjen (Gouvernements. Dies fdjrieb bereits
am 29. SUärg eine Kontribution oon 30000 Salem aus. 211S ber
SJlagiftrat nidjt fogleidj barauf einging, würben ber Sürgermeifter
Siebepenning, ber Kammerer Sourwieg, ber ©tabtrat 'JSifefdjhj unb
neun augefeljene Kaufleute, Srebe, Souffaint, CGribel, ßöwer, Soccarb
u. a., in £)aft genommen unb nadj gort ißreufeen gebradjt. Sarauf
bewilligten am 1. Slpril bie ©tabtverorbneten bie Slusfdjreibung ber
Kontribution, unb als fie aufgebradjt worben war, erljielten bie ®e=
fangenen am 3. Slpril iljre greiljeit wieber. (Eine gweite Slusfdjreibung
oon 40000 Salem erfolgte am 1. ®lai. Sie Slepartition aud) biefer
©limine mufete genehmigt werben, nadjbem alle (Gefucfee um (Erlafe
ober SJlinberung rergeblidj gewefen waren. „Siefe SluSfdjreibung
mufete fdjon von vielen wegen (Gelbmangel burdj (Ejelution beigi
trieben werben." Sim 3. guni verlangte ber (Gouverneur (Granbeau,
ber bie (Gefdjäfte wieber übernaljm, abermals bie ßablung von
40000 Salem. „Siefe neue gorberung oerfefete bie (Eüiwoljner in
432
GMbfoiberuiißen unb Slequifitionen.
bie größte tBeftürjüng, ba man bie llinuögliißfeit <jur Aufbringung
biefer (Summe unb, baß biefe ^orberung inonatlidj erfolgen werbe,
iioraiisfeßeii tonnte." Ser ülagifttat unb bie (Stabtuerorbiieteu rer«
fiußten alles, ben Souueriieur um^uftimmen, erhielten aber 311111
größten Seil militärifdje Einquartierung, um fie 311111 'Jladjqeben 31t
bewegen. Sroßbem mar eS unmöglidj, bie ^orberung 311 erfüllen, unb
bie ftäbtifdjen Seßörben blieben trot> aller Sroßungcn, Serljaftuiigcu
unb Efefutionen ftanbßaft. Sa ließ ber Soiinerneur am 17. Qnli
bie ftäbtifdjen (Steuerliften funfiS^iewti imb bie Kontribution, bie
fogar auf 5OOOO Saler crljöljt worben war, felbft auSkßrciben. 'Dlau
trieb etwa 14 500 Saler ein, bie auf bie wieber auf 40 000 Saler
ermäßigte gorberitug oitgeredjnet würben. Sodj bie (Stabtuerorbncten
mußten jeßt bie iRepartition bewilligen, llnenblidje Serßanbluiigeii,
Sroßungeit, militärifdje uub .ßiüil Efetntioncn waren nötig. Qm
(September forberte baS Souoernemeiit wieber 40000 Saler, erließ
bann aber baoon 10000, ber JReft mußte aber oon neuem auf bie
ßhiiwoßner oerteilt werben. Sann würben im Cftober für bie brei
'Dlonate Cttober, 9looember unb S^ember je 25000 Saler oerlangt,
aber bie gra^ofen mußten jetjt felbft ertennen, baß foldje (Summen
nidjt mehr eiii3utreiben waren, uub begnügten fidj fdilteßlidj mit
geringeren. 'Dian fieljt auS biefen Dlaßregeln, über bie ber 'Dlagiftrat
fpäter einen auSfüßrlidjen ffleridjt erftattet ßat, weldje ungemein großen
üeiftungen allein an Selb3al)lungen an bie arme Seuölterung, bereu
ßatji unb Seroienft oon Sag 31t Sag abnaßm, geftellt würben Sie
(Summe aller geleifteteten Kontributionen wirb auf 155G51 Saler
bereißnet.
Sa3u famen nodj bie fortwäßreiiben Slequifitioneu oon allerlei
PebenSmitteln, Setreibe, 'Dießl, Srot, Söein, Sier ufw. ober oon
ßieferungen an $013, ßeber u. a. m. SSurbe niißt fofort geftellt, waS
man verlangte, fo erfolgte oßne weiteres fflefdjlagiiaßme ber Sornite.
ßu gortififationSarbeiteu mußten ßeute geftellt, Dlaterialien geliefert
werben, fur3 eS beftanb bie fdjwerfte Sewaltßerrfdjaft in ber (Stabt,
(Sie äußerte fidj audj bisweilen in Dlaßregeln gegen einzelne
Serfoneu, bie in ben Serbadjt gerieten, baß fie gegen bie grai^ofen
311 intriguieren unb bie Ipreußen im geßeimen 31t nnterftiißeii wagten.
SaS wirb oon meßrereit Sewoßnerii er3äßlt. Ser (Stabt3immermeifter
Krauß ging mit feinen Sefellen unb 'öurfdjcn 31t ben Selagerern über,
ber (Sdjiffer 'Düsfe fall von einem auf ber (Sdjiffbaulaftabie belegeuen
£>aufe aus ben ißreußen burd) .ßeidjen 9ladjridjt oon ben beuorfteßeiiben
AuSFdllen gegeben ßaben. Anbere, wie bie Kaufleute Söadjentjnfen,
Souriol, Soltbammer, Romann, bie (Stabträte 'Dlafdje unb Kugler, bie
©efaiißenftVunß uon «Stettiner Bürgern.
433
Branntweinbrenner ftüctfortlj unb Stoltenbuxg, ber Schiffer (Schreiber,
unterhielten Veroinbuiigen mit ben Belagerern unb oerleugneten auch
in biefer fdjroeren Seit nicht ben patriotifcheii (Sinn, ber fie befeelte.
©teljrere Sürger rourben als uerbädjtig non ben grangofen verhaftet
unb nach gort Preufeen gebracht, fo ©öhreiuueifter ©lüller, Ceberhänbler
©alliarb, Kaufmann Heupel, Pofthalter Siaucone, ©laurermeifter
Burcharb, Kaufmann (Souriol u. a., bie im (Sinverftänbniffe mit ben
'Belagerern fteljen füllten. ®er Budjbrucfer Strucf rourbe borthin
gebracht, ba man iljm oorroarf, „9lufruhrgettel" gebrucfi unb oerbreitet
gu E^abeti. Söeu fidj am 28. guni einige Slrbeiter gufammengerottet
hatten, um ihren Coljn gu forbern, liefe ber ©oiroertieur fofort ben
Dberbürgermeifter Kirftein, ben Viirgermeifter ©ebepenning unb ben
Sanfbireftor (Sebert arretieren unb auih nad) bem gort Preufeen führen.
Sie mufeten bort mehrere Sage recht ungemütlich gubriugen, ba man
fie gur Bewilligung einer Kontribution groingen wollte, gm preufeifdjeu
Hauptquartier liefe man, als biefe Gewalttat befannt rourbe, fofort
einige gefangene Cffigiere bei USaffer unb Brot feftfetjen unb bem
©ouverneur nütteilen, bieS ©efängniS roerbe ebeufo lauge bauern roie
ber Slrreft ber Viirgermeifter. Jer Poligeibirettor (Stolle mufete felbft
nach gort Preufeen gehen, als bie Stettiner beu ©eburtStag ihres
Königs am 3. Sluguft gu feiern wagten, grangöfifche Patrouillen
fdjlugen bie erleuchteten genfter ein, ©ffigiere, ja ber ©ouoerneur
felbft follen fich baran beteiligt haben. Solche Vorgänge trugen
natürlid) bagu bei, baS Verhältnis groifdjen ben grangofen unb ©in
roohnent immer übler gu geftalten. ßeuten, bie auS ber Stabt flüditen
wollten, madjten fie Sdjroierigteiten, liefeen fie aber bann boch hinaus,
als infolge ber gehemmten gufuhr bie Slot in ber Stabt oon Jag
gu Jag ftieg. gm guni fanb eine Slufnaljme ber anroefenben Be
völferung ftatt, bei ber man aud) feftftellen roollte, welche Berooljner
mit 'Brot gu unterftütjen feien. Vöie bie greife für ßebenSmittel
fliegen, auf roeldjc SSeife bie Stettiner fdjliefelidj ihr Ceben frifteten,
roie bie Pferbe fämtlich gefdjladjtet rourben unb man fich au bie
nierfroiirbigfte, ja an faft roiberliihe Koft gewöhnte, baonn ergäben
bie Jagebüdjer gar uiel. 97atiirlicf) erging eS ber frangöfifdjen Befatjung
nicht beffer. ®ie Solbaten Juchten mit (Sifer nadj oerfteefteu PahrungS
mittelu unb fdjeuten nicht oor ©iebftahl unb ©croalttat gurücf. ©adj
nüinblidjer Überlieferung foll eine ehtgige Kulj beim Sdjmiebemeifter
Jreijer am ©ofemartt bie Belagerung überlebt ljaben; ein Sefelle
mufete fie beroadjen unb ftreidjetn, bamit fie nicht ihr Vorhanbenfein
verriete ©lau tann fich benteu, bafe bie Stimmung ber Burger unb
ber Solbaten immer fdjliiumer rourbe, je länger bie Belagerung
RUeicmann, Uefölcfete von Stettin. oo
434
Die Befreiung Der Stabt.
bauerte. ®a würben bie 'Jladjridjten uon beu Ijtrrlidjen Siegen
betannt, man tjörte non ber fJlieberlage fJlapoleonS bei Ceip^ig, von
feinem fRüd^uge über ben fRtjein, aber bie geiubfeligTeiten bei Stettin,
bie ©infdjließung bauerten fort.
CsriiftlidjeS oermodjte ber ©eueral uon $löß, ber an bie Stelle
SauenßienS getreten war, mit feinen wenigen, fdjledjt ausgerüfteten
Sruppen unb feiner geringen Slrtillerie nidjt ju unteriieljnien. ÜRan
tämpfte bet ginfenwalbe am Kefperftege, bei Girabow, '.ßommerenöburf,
gubelsborf unb warf einige Kugeln in bie Stabt. Sind) wäljrenb
be§ 'JBaffenftillftanbeS oom 4. (Juni bi§ 311111 16. Sluguft würben
biefe Sdjarmüßel bem Vertrage entgegen nidjt gang eingeftetlr. Später
erfdjienen Kanonenböte auf bem ®unjig unb bem Tammfdjen See,
unb bie Befdjießung würbe heftiger, ohne inbeffen größeren Sdjaben
aiijiiridjten. Sie Ungeoulb ber Bewoljner wudjS ftänbig; was
ljatte biefe fortwuljrenbe Sdjießerei nod) fiir einen gweef? Ser ©on
uerueur aber wollte immer nodj nidjt auf bie wieberljolt angebotenen
SSerljanblungen eingeljen, obwoljl audj er einfefjen mußte, bafe ber
weitere SBiberftanb nutjloS, ja töridjt war. Sranüeau, ein tüdniger,
energifdjer Offizier, ljielt eS mit feiner Sbre nidjt fiir oereinbar, bie
Kapitulationsoorfdjläge aitjiincfjmen. ©r war ein Bewunoerer
gnebridjS bes ©roßen, beffen SRarmorftanbbilb in Stettin er burd)
eine ^ol.joertleibung gegen etwaige Befdjäbigung fdjugen ließ, wie er
bem SJlagiftrate in einem liebenöwiirbigen Schreiben nütteilte.
ßnblidj, im fJlouember, ließ er fidj auf Sferfjanblungen ein. Sie
ijogen fidj aber 311t Ijödjften Blißftimmung ber Stettiner meljrere
SBodjen lang tjirr. '-Und) al§ am 21. 'Jlooember bie Kapitulation
abgefdjloffen worben war, bauerte e§ nodj längere Seit, bis am 5. ®e
ijember bie Übergabe erfolgte. „C weldj tjaße greube bie eingeleiteten
Berbanblungen, ber enblidje Slbfdjluß uiio bie erfolgte fRatififation
ber Kapitulation ljier erregt ljaben, läßt fidj nidjt befdjreiben unb
tann felbft bei ber nidjt ju be^weifelnoen Seilnaljme jebe§ Patrioten
nur oon allen benjenigen redjt innig empfunben werben, bie fo, wie
id), fieben gaßre in ber engften Stlauerei nuferer bisherigen Be=
Ijerrfdjer unb Sijrannen gelebt unb alles Ungemadj-ber über neun
monatlidjen Belagerung erbulbet ljaben", fo beridjtete ^olijeibireltor
Stolle bereits am 2. ^e^ember an bie Ütegierung in Stargarb ®iefe
greube äußerte fidj auf baS lebljaftefte am 5. tegember, als nadj
bem Slbmarfdje ber grangofen, bie entwaffnet abgefütjrt wurben, ber
©eueral oon iptötj mit feinen preußifdjeii Sruppen in bie befreite
Stabt unter ©lodengeläut eingog. 'JVagiftrat unb Bürgerfdjaft
empfingen iljn feierlidj, unb man beging biefen Sag mit einem Sebeum,
XII <ß(an ber Stabt Stettin 1828.
©injuflÄfeiei am 5. Sejember 1813. 435
baS auf bem KönigSpIatje augeftimmt würbe, einem SotteSbieufte in
St. Jacobi, einem gefteffen im K'afino unb ^lliiininatwn. „Vlir
betrachten", fo Reifet eS in bem SeitungSberidjte, „biefen unnergefjlidjen
Sag al§ ben glüdlidjen 'Jlnfaug nuferer SBerfÖfjnung mit bem tjärteften
Sdjidfale, unb ewig bentwürbig wirb er unS unb unfern 'Jladjtommen
fein", Granbeau oerabfdjiebete fid) mit einem fefjr Ijöflicfjen Sdjreiben
oon bem ©berbiirgermeifter unb erfannte barin an, bafe er „baS feljr
feltene Salent befeffen ljabe, ohne Unterlafj bie gänglidje Gegebenheit
au fein Vaterlaub unb feinen Souoetain gu beweifen uub gugleidj
bie burd) bie fJlotwenbigteit gebotenen Opfer 311 bringen", ©ber-
bürgermeifter, Viirgermeifter unb {Rat bradjten am 5. Tegember iljre
patriotifdjen ©efinnungen in Sdjreiben an ben König griebrid) SSilbjelni
unb an ben Staatstangier greiljerrn oon ^arbenberg gum ?luSbrude.
„Qe weniger wir imftanbe waren, bie 9lnftrenguiigen uuferer Vrüber
311 bem gered)teften Kriege beS VatcrlanbeS ju teilen, um fo brüdenber
füljlten wir bie geffeln einer frcmben entarteten ^errfdjermacht, unb
um fo freubiger fdjliejjen wir uns nadj fiebenjäljrigen Ceiben an
nufere Vrüber wieber an.“
Stettins grangofcngeit war gu Gnbe, eine Veriobe in feiner
©efdjidjte, bie oon gang eigenartigem Qntereffe ift, ba fie bie Ve=
wot)uer ber Stabt auf eine fdjwere ißrobe ftellte unb oft in einen
argen Konflift ber ^Pflidjten bradjte. Sod) biefe traurige Seit ftellt
immerhin eine ruhmvolle Gpodje in ber Stabtgefdjidjte bar unb hat
läuternb auf bie Scfininuig ber Stettiner gewirft unb fie 31t neuer
Sattraft unb neuem Selbftgefüljl gewedt.
18. Kapitel.
Stettin im 19. Saßrßunbert Bis gut Aiifßi’ßung ber Jeflnng.
’ie fdjwere Seit bet grembljerrfdjaft uub Velagerung hatte ben
fej» Zj VSoljlftaub Stettins oofiftänbig vernidjtet. Sie ginangeii
ber Kommune waren gemittet, bie Umgegenb ljatte unter
ben triegerifdjen Greigniffen feljr grojjen Sdjaben erlitten, bie Vorftiibte
waren niebergebrannt, bie Sörfer unb eingeluen Slnfiebelungen gerftört,
bie tiefer uub Gärten oerwüftet. Sraurig, überaus traurig faß eS in
unb um Stettin auS. 3U ben fdjweren ßeiben, oon benen öS bireft
betroffen worben war, tarnen nodj bie Saften, bie infolge ber politifdjen
Greigniffe auf bent gangen Canbe rußten unb au benen es feinen
Slnteil gu tragen hatte. GS galt tatfädjlid) fiir Stettin wieber oou
oorne angnfangen unb eine neue ©runblage git weiterer Gntwideluug
28*
436
VBtßinit einer neuen Entwidelunß
gu legen. So beginnt mit bem galjre 1814 eine neue ifieriobe in
feiner ©efdjidjte, in ber auf faft allen ©ebieten DeueS gefdjaffen rourbe
unb ein erft langfam, bann fdjnetler einfetjenber Vluffdjroung erfolgte.
SSoljl famen nod) mandje fdjwere Beiten, aber ein günftigeS ©efdjid
bewahrte Stettin oor foldjen Schlägen, wie eS fie in ben vergangenen
galjrljunberten immer roieber erlitten ljatte. Bahre, bie im allgemeinen
ruhig verliefen, machten eine anljaltenbe Virbeit gut Vlbftellung ber
iütifeftänbe unb gur Teilung ber SBunben möglich- DaS allmählich ent»
ftefjenbe moberne SöirtfdjaftSleben in feinen vollftänbig veränberten
formen roirfte günftig unb beförberte bie Entroidelung iu einer Sßeife,
bie man im Vlnfange biefer ißeriobe nidjt ahnen tonnte. (Sin ^jinberniS
hierbei rourbe meljr unb meljr ber geftungSgürtel, ber bie duffere
VluSbeljnung lange Beit befdjrcintte. Die enbgültige Söefeitigung biefer
feljr fdjroer empfunbenen Einfdjnürung ift baS widjtigfte Ereignis in
ber neuen Stabtgefdjidjte. DeStjalb wirb biefer VIbfdjnitt bis gum
Qfaljre 1873, in bem bie geftung aufgehoben roorben ift, geredjnet,
obwohl nicht verfaulet wirb, bafj biefe 60 Bahre teineSroegS im gangen
eine einljeitlidje 'ßeriobe barftellen, fonbern in fidj felbft gar nianuig»
faltige Sferfdjiebenljeiten inbegug auf bie Gntwidelung ber Stabt uub
beS ftäbtifdjen CebenS enthalten.
SBeit mannigfaltiger als früher roirb baS moberne ßeben unb
Dreiben in einer Stabt. SBie entfaltet fidj bie ftäbtifdjc Vkrroaltung,
bie iljre Dätigteit auf gang anbere ©ebtete erftredt, wie verroidett
gugleich unb verfdjiebenartig roirb baS VBirtfdjaftSleben, roie oielfeitig
bie Virbeit ber öerooljner, roie verfdjiebenartig bie ft'ultur unb töilbungl
Es ift unmöglich, alle biefe unb anbere Segieljungen im eingelnen
barguftellen. DaS ift auch faum nötig, ba in biefer Beit ficfj bie
Eigenart ber ftäbtifdjen ©emeinben mehr unb mehr verroifdjt unb balb
eine ber anbern in ben meifteu Dichtungen ähnlich, ja faft gleich roirb.
So gilt eS non nun an, ben Sßerfudj gu wagen, nur baSjenige in
Jlürge hervorguheben, baS Stettin gu bem gemacht hat, roaS eS geworben
ift, unb baS Eigenartige in feiner neueften Gntwidelung gu fdjilbern.
Dabei muffen mandje Eingelljeiten, bie an fidj roidjtig unb intereffant
finb, gurüdtreten, weil fie in eine allgemeine ©efchidjte beS 19. galjr
hunbertS gehören, ljier wollen wir nur Ijörcn von Stettins ©efdjiden
unb bem SBirfen uub Sßalten ber SHänner, bie fidj um fein VBoljl
verbient gemadjt ljaben.
DaS erfte USerf, baS man nadj bem Gnbe ber giangofeugeit in
Vingriff nahm, war baS „Detabliffement", bie '-lyieberljerftellung.
gunächft half man ber äufjerften Dot unb Virmut, in bie mandje
^erfonen befonbers burch i>aS Vlbreifjen ber fünfer in ben Sorfiäbtcit
2ßofcltätißfeit ber Stettiner.
437
geraten mären, burd) milbc (Baben ab. SieS rourbe namentlich er
möglidjt burd) bie Summe non 1000 ©fuiib Sterling, bie ein Vollbauer
$ülfsfomitee int SQärj 1814 an ben IRagiftrat überfanbte. Ser Stabt-
rat Sdjmieberfe übesnaljm bie Verteilung, bei ber auch ©ewohner oon
Tamm unb f intenwalbe berücffidjtigt würben. Sleidjem ßroede bienten
1000 Saler, bie am 0. Segember 1815 ber Sraf oon ©idftäbt in
Stoblentj überwies, um fie „an arme burd) bie Belagerung ungiurflid)
geworbene Stettiner (Einwohner bort, wo bie 9lot am grb|jeften ift,
511 geben". Sind) in Stettin felbft regte fid) bie SRilbtätigleit; ein
fronen unb ein SDläbdjen herein jur lliiterftütjinig oon Citroen uub
Söaifen gebliebener ©ommern bilbeten fidj 1814 unb wirften fahre
lang fegenSreidj. für oerwunbete ftrieger fammelte man wieberljolt,
grünbete 1815 einen Verein fiir eine ^iiunlibenanftalt am Seitlichen
©erge, ber brei fahre fpäter bort ^roei Käufer von f nvaliben beziehen
laffen tonnte, ©alb barauf fdjuf man baS ©iirgerSRcttungS-f nftitut
gur Unterftütjung hülföbebiirftiger ©ürger; eS begann feine Sätigteit
1819 unb ermöglichte burd) SluSIeitjung jinSIofer Sarlehen mandjem
verarmten ^anbwerter eine SBiebereinridjtung feines Seroerbes. Sa=
neben taten bie Stettiner audj mandjerlei für ba§ preufjifdje Vaterlanb;
ber Stabtrat 'JJIafdje fammelte gut (Srridjtung eines poinmerfdjen
Kavallerieregiments 1025 Saler, unb eine im Slpril 1815 veranftaltete
Sammlung eigab für bie 9luSriiftung von freiwilligen 718 Saler.
Sin ben ©reigniffen ber fahre 1814 unb 1815 nahm man tätigen
Slnteil. Sie im Söinter in bie Heimat 3iirürfmarfd)ierenben niffifdjen
Sruppen fanben m Stettin freunbliche Aufnahme. Ser Sieg bei
©elle-SlUiance, ber Sinnig in ©ari§ würben mit SanfgotteSbienfteu
unb feftvorftelliingen int Sheater gefeiert. 23ie begrüfjte man am
25. Sejember 1815 baS aus feinbeSIanb jjurüdfeljreiibe 1. pommerfche
f nfanterie ^Regiment, beffen <5Ijef ber junge Kronprinz friebrich SSiltjetni
geworben war! 3Rit roeldjer freube feierte man am 18. funi 1810
ein allgemeines friebenSfeft in ber Slirche, bem Sheater unb in ber
Safinogefellfchaft. Sie Slufhängung ber SebächtniStafeln, auf benen
bie ©amen ber m ben Kriegen ©efallenen verßeidjiiet worben waren,
befdjlofj biefe ©rinnerungSfeiern an bie vergangene fchwere, aber auch
grofje Seit.
für bie Uöieberherftelhnigsarbeiten ber Stabt Stettin rourbe von
befonberer SBichtigteit bie neue Crganifation ber preufjifdjen ©roviiißial-
behörben, bereu 9Iuffid)t bie Stabt unterftellt roar. Sie mit ben ©er»
roaltungSgefdiäften betraute, 1808 in Stargarb eingerichtete ^Regierung
rourbe 1814 nach Stettin verlegt, ©lar bie Stabt bereits vorher (1812)
als „eine in ihrem bisherigen Verhältnis befonbere, ben fireifen
438
©berpräfibent 3. 21. ©art.
gleidjgeftellte Jtorporation" anerfannt worben, fo bilbete fie and) (efet
einen SlreiS unter ber Sluffidjt ber erften 2lbteilung ber {Regierung.
(Sine befonbere {Bebeutung aud) für bie ©tabtoerwaltung bctam baS
Stint beS ©berpräfibeuten ber {prooiu3 SPommern. GS würbe gunädjft
bem bereits erwähnten ©taatsminifter ß. ß. oon gngerSleben über«
tragen, ber 1812 wieber in ben StaatSbieuft aufgenninmen unb auf
{Bitten ber pommerfdjen Stäube 311m SPräfibenten ber ©targarber
{Regierung ernannt worben war. Tod) bereits am 10. gfanuar 1810
würbe er 311111 ©berpräfibeuten am {Rhein beftellt, unb fein 5lmt in
Stettin erhielt ber bisherige Oleiieralgouoerneiir ber 5Rf)eiiilaiibe 3 ohaiin
51 u g 11 ft
tarn ber
2Ibb. 26.
©ad (geboren am 7. ©ttober 1764 in ßleoe). 9Rit ihm
SDiaint nach ißoinniern, ber in 15 fahren unermüblidjer
Tätigteit bie ihm anoertraute SProoiii3
311 neuem ßeben unb neuer {Blüte
führte, ©ein SBirfen ift für ba§ gange
ßanb unb infonbertjeit für ©tettin uon
größtem ©egen gewefen. Gr oerftanb
es, fid) in bie pommerfdjen ißerhält«
niffe oollRänbig ein.yileben unb erfüllte
fein • {ßerfpredjen, „in 'Pommern nod)
ein 3weite§ unb britteS 'Pommern in
üultur unb {Bevölterung 311 erfdjaffen“
ober bahnte wenigftenS bie Erfüllung an.
3n ber äußeren Stellung trat für bie
©tabt bereits 1826 infofern eine
Sinberung ein, al§ fie wieber mit bem
{Ranbower greife vereinigt wurbe.
3oha.ni 2lu0uft ©ad ®ie§ für ^re Wä*c ©ntwidelung
nidjt giinftige {BerljältniS bauerte bi§
311111 16. 9Rär3 1857; bamals wurbe oon neuem em eigener Stabt«
freiö geöilbet.
Ter planmäßige Slufbau ber 3erftörten '.Porftäbte begann fdjon
1816. ^uerft wurbe bie ©berwiet wieberhergeftellt, uub balb fanben
inbuftrielle Einlagen oerfdjiebener 2lrt bort eine ©teile. Tagegen
ließ eS bie SRilitäroerwaltung 3itnädjft auS iRiirffidjt auf bie geftung
nidjt 31t, baß bie SBaulidjteiten ber Unterwiet wieber aufgebaut würben,
ßange Beit häuften hier eit^elne {Bewohner in ben Stellern ihrer nicoer
gebrannten Käufer ober in elenben Quitten, bis bann erft nadj gabren
gadjwert« unb $o(3ijäufer crridjtet werben burften. Solchen, bie fid)
aiiberSwo anbauen wollten, überwteS ber SUlagiftrat spiäße in ber
{RatSplantage, wo allmählid) „eine neue {Met" an ber {Berliner
Tie Slnlagen Bor bem Sönißßtore.
439
ßanbftrafee entftanb. Gbcnfo erhob fid) auf ber £öl)e bei bem alten
Tomei) eine Sorftabt, bie 1817 ben fllamen „9lcu-Tornei)" erljielr
Sur Stillegung unb Unterhaltung öffentlicher Einlagen bilbete fid) 1810
eine ©efellfdjaft, bie fpdter auf Slnregung beß Cbeipräfibenten Gad tu
einen „Einlagen» unb Serfdjönerungß Herein“ umgeroanbelt mürbe.
Cer lief} eß fid) angelegen fein, nor bem @Iaciß ber geftungßroerte
groifchen bem £tbnigß= uub fyrauentore Slnpflangungen DerjufteHen, bie
im 3lufd)liiffe an beit neuen Scgräbmßplatj auf $al)rgel)nte h'11“11®
einen befonbereti Gdjmud ber Gtabt bilbeten. Gin Sdnuanenteid), ein
®otfenl)äuld)*n, ein fiaffeehtmß, in bem im grü^Iing and) Srunnen
fiir Siurgäfte gereidit rourben, madjten biefe fid) balb erroeiternben Sln-
Slbb. 27. Stettin Bom Vogengarten auß.
lagen gu einem freunblidjen Suftgarteu unb boten ben SBeroofjnent
angenehme Gpagiergäuge. Sereitß 1825 befaug ber ^aftor Q. G. Seng
an ff£eter='.ßaul in ber BeitUpg biefen „rounberbaren $ain, ber int
^BÜhlxtgsglange prangt mit ber Qugenbfdjönbeit reigenber ftiille".
„Tauf, lauter Taut beu 9Jlanen ber ^jeintj’ unb Soltbammer
unb allen SBacteren, bie bidj pflegten unb warteten’"
'Jladj ber einen Geite behüten fie fid) biß gum .Uirdihofe ber beiben
reformierten ©emeinben ober bem fogenannten frangöfifd)en Serge,
ber eine Wußfidjt auf bie Cber uub beit Tammfdicu Gce bot, ja faft
biß gum Cogengarten, betn alten Sogelftangenberge au ber Unterwirf,
auß, bett bie ßoge gu bett brei Sitfeln 1828 paditete unb 1 «67 täuflid)
440
9Infiebeluneen oor ber ©tabt.
erwarb. Sad) ber anberen ©eite beS SlönigStoreS erfolgten fpäter
Slnpflangungen, bie fid) längs ber geftungSroerfe bis gum ^Berliner
Sor Ijinjogen unb immer ftattlidjer fjeraiuuudifeit. Slußerhalb be§
erften geftungSraijonS, in bent überhaupt feine Saulidjfeiten crridjtet
rourben, entftanben nad) unb nad) gadfroerfbauten, £anbt)äufer unb
Sillen. Die Sorftäbte ©rüntjof mit bet ©artenftraßc ober Atupfermühle
mit bem „Sangen (Marten" roiefen balb einzelne freunblidje fünfer
auf. TaS BanbtjauS ber ®ringeffin fölifabetl) rourbe roieber inftanb»
gefeßt, unb fie uerbradjte bort mit ihrem Heinen £>offtaatc iljre galjrc
oft in Weiterer ©cfelligfeit. 2IIS fie am 18. gebruar 1840 ftarb, fiel
ba§ Srunbftürf „fßrinacfjfdjlofj" roenigftenS gum größeren Seile an bic
gürftin uon Siegniß, bie balb gu fünften beS Stettiner SlrmcnrocfcnS
barauf uergid)tete. Ss ift fpäter uerfauft roorben unb in ben Sefiß
ber neuen Siebertafel ober anberer fiäufer übergegangen. Sind) in
biefer ©egenb nad) Sraboro gu erhoben fid) Sanbfjäufer, unter benen
baS ber uerroitroeten ©eljeimrätin Silebein in gülldjoro balb ba§ be«
tanntefte rourbe. (55 bilbete gerabegu eine ©ehenSiuürbigfcit unb
rourbe uon ben Slitgliebern beS foniglidjen Kaufes bei Sefud)en ©tcttinS
roieberßolt befidjtigt 9lad) ber anberen ©eite ber ©tabt roar ber
uiel gerühmte Seltljufenfdje ©arten, ben 1823 ber Eberpräfibent ©acf
erwarb, um bort ßaniudjen gu güdjten unb ben Dbftbau gu pflegen, ein
©d)mud ber GJegenb; er ift fpäter bem Sau beS SaljnljofeS gum Opfer
gefallen. Säeiter hinaus roaren baS ©runbftürt Cap clieri unb ber
fiofafenberg, ber feinen Samen feit berSelagerung uon 1813 führte, beliebte
?luSfid)tSpunfte. ©o crroudjfcn uor ber geftung neue ©tabtteile unb S8ol)n»
ftätten, bic fid) immer meljr an bie 1855 mit ©tabtred)t uerfeljcnc Crtfdjaft
©rabow ober ba§ Torf Sreboro anfd)loffeit. Sian uereinigte 1850 nadj
langen SerfjanblungenSliipfennüljle unb ©rüntljal ober©riinl)of unb 1804
bie neu entftanbene „ißommerenSborfer Einlage" mit bent ©tabtbegirfe.
Saß foldje 91nfiebelungen außerhalb ber ©tabt entftanben, war
gang natürlich. Senn in bem uon beu geftungSroerfen umgebenen
Saume herrf<f)te, al§ bie Seuölferung langfam, aber ftetig gitnahm,
balb ein Stängel an Saupläßen unb an Söohnungen, ber überaus
briirfenb unb unbequem rourbe. Sian fanb faum 93latj für bie not»
roenbigften Sauten; ba§ neue ffrantenljauS mußte 1832 auf bem
redjten Cbcrufer am Sßlnbrin an einer roenig geeigneten ©teile crridjtet
werben, gür ba§ ebenfalls 1832 fertiggeftellte ©qmnafialgcbäube
hatte nur burd) bie Sefeitigung ber {Ruinen ber Slarienfirche ein
®latj gewonnen roerben tonnen. SaS Sörfengebäube rourbe in ben
Qaljren 1833—1836 am $eumartte bidjt bei ber ©teile, wo baS alte
©cglerljauS ftanb, ftattlid; anfgebaut, mußte aber bie unbequeme
abb. 28. Stettin uon ber ©benvief nn3.
9lbb. 29. (Stettin uont regten Cberufer auä (1837).
Gnneitcrunfl bet fteftung 184.5.
443
Seihe ber [eit 1738 bort befinblidjen $nuptwad)e lange 3afjre ertragen;
erft 1865 wurbe fie non bort oerlegt. Tie Sefte ber abgebrannten
Sifolaifirdje beseitigte man in ben ^aljren 1812—1816 unb gewann
in bem „neuen SRarfte" einen Ijöcfjft notwenbigen '431atj fiir ben
Starttoerfehr. Tie 1824 gegrunbete Cttofdjnle tonnte nirgenb anberg
als auf bem Schweigert)ofe, bie griebridj S®i(t)eInt5^Jieaifd)uIe 1840
nur bort, wo baS alte StatSlijceum an ber Stelle beS ehemaligen
weiften yjlöndjsflofterS ftanb, einen ißlatj fiuben.
Son bem baulichen 3uftanbe ber Stabt, namentlich and) oon
ber 2lrt ber Srivatljäufer entwirft eine Sfigge beS K'reiSpIjijftfuS
Dr E. yjlullcr, bie 1843 im Trude erfdjien, ein anfdjaulicfjeS
Silb. Gr unterfdjeibet brei Klaffen non fünfem, bie alten Giebel
häufet, bie fleinbürgcrlidjen Sauten, bie urfpriinglich nur gwei Stod»
werfe ljatten unb oljne jeben Komfort eng, würfelig unb bunfel
waren, unb bie mobernett größeren Slietshäufer. ?luch in Kellern
wohnten nod; red)t oiele Genie, unb bereit Eingänge verengten bie
Straften in Ijödjft unbequemer SSeife. Tiefe waren gumeift an fidj
fdjon eng unb infolge ber ljoljen Käufer finfter unb unfreunblich-
Überall madjte fidj ber Slangel an Sl°B geltenb, unb eS wurbe
immer tlarer, baft für eine weitere Gntwidehing ber Stabt roenigftenS
eine Erweiterung ber geftungSwerfe burdjauS notwenbig war. .ßwar
gelang e§, ben Sian ber Sebauung ber Silbcrwiefe, ben ber Kafjn»
bauer Slartin DJlafdje bereits 1832 entworfen batte, gur Ausführung
gu bringen. Tie Grbmaffen, bie bei bem Sau beS SatjnfjofeS fort»
gefdjafft werben muftten, benutjte man gur Slufljöljimg biefeS fumpftgen
GelänbeS uno fdjuf feit 1842 einen neuen Stabtteil an ber Sarnitj.
Aber man gögerte guiiädjft, bort SJoljnljäufer gu erridjten, teils weil
von feiten ber SOüIitärbeljörbe bagegen Ginwenbungcn erhoben würben,
teils weil man fanitäre Sebenfen h‘dte. GS bauerte beShalb mehrere
gafjre, bis Ijier eine regere Sautätigtcit einfeftte unb Straften angelegt
würben. So Ijalf audj biefe Seuanlage faitm über bie SSoljnuiigSnot
fort, bie immer gröfter wurbe, ba bie Seoölferutig fich oon etwas mehr
als 25000 im gatjre 1816 auf 41573 im galjre 1843 gehoben hatte-
Taher wurbe bie KabinetSorbre beS Königs griebridj Söilljelm IV.
oom 24. April 1845 mit grofter greube begriiftt, bie eine Erweiterung
ber Stabt auf ber Sübfeite beS liirfen CberuferS burdj .fjinauSfdjieben
ber geftungSanlageii nadj bem gort fßreuften gu genehmigte Tiefer
groftartige Sau bauerte bis 1848, es wurbe baburdj ein nicht unbe»
beutenbeS Gebiet gum Anbau, bie fogenannte „Slenftabt", gewonnen.
Sie wurbe mit ber breiten unb fdjönen Ginbenftraftc unb ben fie
redjtwinfelig fchneibenben Seitenftraften unb gwei freien Stiften feljr
444
Die ftäbtifdje Serroaltunß.
ötcicfjninfjig angelegt. Ter Anbau gefdjat) anfänglich nur tangfam,
bann aber fdjneller, bod) erft in ben fechgiger galjreu roar biefer Teil
im roefentliäjen bebaut. Tort errichtete bie Stabt an ber (Elifabeth*
ftraße ben großen SReuban für baS goljanniSflofter, beffen redjt oer
fallencS bisheriges $eim an ber Qoljannisfirdje abgebrochen roerben
tonnte. Qn ber fRäße erljielt 1856 auch bie grtebridj'SöilljelinS Sdjule
einen fReubau giir beu ftommanbanteu ber geftung, bem bisher
ein .fpaitS in ber großen SSollwebcrftraßc (9lr. 26) gur Verfügung
ftanb, rourbe am Siftoriaplatj ein ßfebäube errichtet, baS 1868 fertig
rourbe, gu gleicher 3eit baute mau baß Artilleriebepot unb balb barauf
baS Wilitär Üafino (1872 eingerocifjt). So erftanben iu ber fReuftabt
einige ftattlidje Sauten, roäljrenb bie meiften Srioatljäufcr in ober
9lücfjtern(jeit unb laugroeiliger Olleidjförmigfeit aufgefiitjrt rourben.
Wan fudjte beu Uilatj möglidjft auSgunußen unb errichtete beSfjalb ßolje,
oierftödige Sebäube SJroßbem war balb roieber ber SJoßnungS'
mangel feljr groß, ba bie Sevölferung bis gum gaßre 1855 auf
55076 ftieg. Stettin ift „bie Stabt beS feßlenben JRaumcS", fo ßieß
eS bamals. TeSßalb ging Honig griebridj Söilßelm IV. auf bie
Sßünfdje itadj Slbtjülfe ein uub fegte burd; ft'abinetSorbre nom
3. Oftober 1856 eine Slommiffion ein, bie in (Erwägung gießen follte,
roie „burdj Stettins (Erweiterung baS größte ^inberniS gu befeitigen
fei, welches ber oollen (Entfaltung feiner ^anbelstätigteit im Söege
fteße". (Es fanben lange ffierljanblungen ber fiommiffion ftatt, gu
ber ßioilbeamte, roie ber Cberpräfibent Senfft o. ^ßilfach unb ber
Cberbiirgermeifter gering, uub Dffigierc, roie bie fommanbierenben
©eueräle n. (Mraboro unb n. SBufforo, gehörten. Slü»e unb (Ent=
würfe gu einer (Erweiterung ber Stabt, befonbers nadj fRorben ßin
würben auch uon einer ftäbtifdjen Spegialfommiffion ausgearbeitet
unb beraten, boefj bie Angelegenheit geriet 1860 inS Stocfeu unb
würbe bann gang bei Seite gelegt. Tie 3e't. entfdjeibenbe uub
burdjgreifeube Sefdjlüffe in biefer Segieljung gu faffecr, roar nodj
nicht getomnien. Tie Sevölferung, bie fich 1871 auf 76 280 oermeßrt
hatte, mußte ben Broang ber geftung nodj weiter ertragen.
Unter biefen llmftänben ljatte eS bie ftäbtifcije Serroaltung
nicht leidjt, bie Sefcßäfte gu führen. '-Rad) bem (Enbe ber grangofen
geit mußte fie fidj erft nadj ben Seftimmungen ber Stäbteorbiuing
oom 19. fRovember 1808 regelrecht organifiereit unb iljre ßiefdjäftS
Führung gufammen nut ben Stabtoerorbneten auSgeftalten. TieS
®efetj blieb lange bie OJntnblage unb bie 5Rorm ber Slerroaltung,
benu bie reoibierte Drbnung oom 17. SRärg 1831 fanb in Stettin
feine (Einführung, ©efährbet rourbe fie burch bie am 11. Würg 185U
Die ftäbtifdjen ginanjen.
445
erlaffene GJemeinbeorbnutig, burd) bie ber redjtlidje llnterfdjieb gwifdjen
(Stabt unb Dorf befeitigt werben füllte. <£tje aber bie ©erarbeiten
für bie gebotenen neuen Gnnridjtungen in (Stettin beenbet worben
waren, erfolgte 1852 bie ©iftierung biefer Arbeiten uub am
30. ©lai 1853 ber Erlaß ber ©täbteorbnung fiir bie feefjö öftlidjen
©rovingen; bieS im wefentlidjen nod) beute gültige Sefetj wurbe 1854
iu ber ©tabt burdjgefüljrt. Qn bemfelbcn Qabre erhielten burd) aller»
bödjften Erlaß Cbcrbürgeruieifter, ©iirgermeifter unb ©tabtuerorbneten»
©orfteber bie ©eredjtigung, als SlnitSabgcidjen golbene .Stetten gu tragen.
Ebenfo wurbe bamals ©tettin bas 9ieci)t gur ©räfeiitation eines ©er«
treterS gum ^errenbanfe nerliel)en
SÖie fid) in ben fedjgiger fahren bie ©erwaltung ber ©tabt
entwidelte, wie ber Kreis ber Eefdjäfte immer größer wurbe, wie bie
3abl ber ©eamten fortwäljrenb wnd)§, baS läßt fjd) bier nirt)t bar«
ftellen, obwoljl eS für bie @efd)id)te ber ©taöt nid)t oßne Sßidjtigfeit
unb Sntereffe ift. Es ßanbelt fid) babei aber nm fo Diele ©pegial-
fragen, innere Slnorbnungen unb ®iurid)tungen, baß eine ©ebanblung
ben ©ahmen biefer Darftellung uolltomnieii fprengen würbe. Es fei
nur betforgeboben, baß aud) hier bie ©elbftnerwaltung immer meßr
auSgebilbet warb, baß neben ber Slrbeit beS ©lagiftratS unb ber
Singefteliten bie freiwillige Dätigfeit ber ©ärger in ber ©tabtner
orbneten-©erfammlung ober in Deputationen unb Hontmiffionen im
Caufe ber ßeit reger unb fegensreidjer wurbe.
Die fdjwerfte Slrbeit war auf lange Qabre bin bie Crbnung ber
ftabtifd)en giiiaugen, bie infolge ber triegerifdjen Beiten in Ijeillofe
Serwirrung geraten waren, Ein ©erid)t auS bem ^aßre 1814 ftellt
baS auSfül)rlid) bar. ©Jas für eine ©lifere war eS, wenn bamals
bie Einuabme nur 37 7U1 Daler, bie Slusgabe bagegen 130933 Daler
betrug, bie ©Bulben fich auf mel)r als 500000 Daler beliefen unb
jäl)rlid) faft 10000 Daler Bilifeii gu gaßlen waren! „Die Kämmerei«
taffe, beißt eS, ift nicht imftanbe, bie nötigen ÜluSgaben, nidjt einmal
für bie ©efolbung, gu leiften." ©eratungen beS ©lagiftratS unb ber
©tabtDerorbneten führten gu feinem befriebigenben ©efnltate, unb
man half fid) guuädjft mit bet SluSfcßreibung von ©reitragSquoten
als ©orfd)iiffen ©alb aber griff bie ©egierung ein unb orbnete
1816 eine tommiffarifdje llnterfudpmg ber gefaulten ftäbtifdjen ©er
waltung an. Die beiben ©egierungsräte Hamann unb 9loe reichten
einen ausfiibrlidjen ©eridjt ein, in bem fie gatjlreidje ©orfd)lage gur
©erminberung ber 'JluSgaben unb gur befferen ©erwaltung madjten.
?US ber ©lagiftrat biefe nidjt ohne weiteres aimebmeii wollte, erhielt
er von ber ©egiernng einen fdjarfen ©erweis unb mußte fid) auch
446
Unterfudjung ber ftäbtifdjen Verljältnifje.
vom SRinifterium bett Vorwurf gefallen laffen, bafj „er offenbar nidjt
ba§ Vefte beS f^eni^inruefeits ber Stabt, fonbern bloß fRcdjtljaberei
unb Auflehnung wiber bie 'JJlaferegcln ber oorgefetjten Vcljörben
bezwede". Tafj in ber Verwaltung ber Stabt oiele Vlängcl
vorljanben waren, mufe als unzweifelhaft gelten. ®er Vlagiftrat
fdjeint fid) nod) nidjt fo in bie neuen Verfjältniffe Ijineingefunben ju
l)aben, bafj er alles überfcljen tonnte, bie Stabtoerorbnetcn liefern eS
an ber iljnen obliegenben Auffidjt fehlen, wie überhaupt ber erfte
(Sifer, ber fid) bei bent Srlafe ber Stäbteorbnung gezeigt ljatte, crljeblid)
gefüllten war. (SS gelang zwar, bie ftäbtifdjen Sdjulben in ben galjren
oon 1816—1822 oon etwa 500000 Salem auf 23000Ü ßu oer-
nünbern, aber fpäter machten fidj allerlei Verfäuinniffe beniertbar; e§
unterblieb bie fRedjnungSlegung für einzelne VerwaltungSzmeige, es
erfolgte feine Überfidjt be§ StabtljausljalteS, eS tarnen Uuregelmäfeig’
feiten rerfdjiebener Art oor. 'JRan tlagte in ber Stabt, bafj bie
Abgaben trotj be§ offenbaren SöadjStitmS ber Veoölferung unb ber
Bunatjme be§ SBoljIftanbeS nidjt ermäfeigt würben, man warf ben
SRitgliebern bes ÜRagiftratS allerlei ®igenniädjtigfeiten oor, furz, bie
IRifeftimmung naljin 311 unb wanbte fid; bereits gegen beftimmte
tßerfonen. inwieweit biefe an ben unzweifelhaft vorljanbenen 9Jlife»
ftänben, über bie wieberljolt Allagen an bie Stabtverorbneten Ver=
fanimlung geridjtet würben, wirtlidj Sdjulb trugen, ba§ foll Ijier nidjt
erörtert werben. ®nblid) reidjten ini September 1829 einige Vürger
eine ausfüljrlidje Vefdjwerbe au bie '.Regierung unb baS URinifterium
ein. Darauf erljielt ber VegiernngSrat v. gtjenplilj ben Auftrag, eine
griinblidje Unterfudjung uorzuneljmen. Diefe bauerte meljrerc Jgaljre
unb ergab tatfndjlidj eine nidjt uiibebeutenbe llnorbuung in ber ftäbti=
fdjen Verwaltung; man liefe aber, ba turj vorher (1828) ber Eber
bürgermeifter Scirftein geftorbeu war, einige Sßitiifte nnerlebigt uub
hoffte, bafe burd) bie VJaljl bes neuen Oberbürgermeisters .fjjeinrid)
gerbinanb Steinitfe ein energifdjerer Bug in bie Verwaltung fominen
werbe. Diefer ljatte aber in ber furzen $eit feiner AmtStätigfeit
(bis 1832) einen fdjweren Staub gegenüber ber Oppofition, bie fidj
in ber Vürgerfdjaft lebljaft funbtat. Die Sefferung ber Verwaltung
wurbe baburdj erfdjwert, zumal ba, wie e§ fdjeint, ber 'JRagiftrat
immer nodj nidjt (jugeftel)en wollte, bafe überhaupt llnrcgelnüifeigfciten
oorgefominen feien. Offener ging ber im Sluguft 1832 zum Ober=
bürgermeifter gewählte bisherige (feit 1824) zweite Vürgermeifter
ÜlnbreaS griebridj 'JJlafdje vor. gljm, bem alten Jl'eiiner ber Stettiner
ftäbtifdjen Buftänbe, gelang e§, bie meiften Vlifebräudje unb Übel=
ftänbe al’zuftellen unb baburd) bie (Segnerfdjaft allmäljlid) zu befeitigeu.
Tie ginanjDedjältniffe.
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®o war bie int ^fuli 1834 ergebende Entfdjeibung ber '.Regierung für
ben 'JJlagiftrat nn allgemeinen günftig, wenn er and) wegen mannig-
facher Ülcrabfäuniung ber Sßflidjten unb Serftöfee gegen bie Stäbte»
orbnung in eine (Melbftrafe genommen wnrbe. 911S enblidj 1836 gum
erften 'IRale bie in ber Stäbtcorbnung oorgefdiriebene öffentliche 'M
nähme ber fiämmerei»9ledjnungen erfolgte, ba würbe ber uneri|iiicflidje
Streit beenbigt, ber ben JJortfdjritt in ber Stabtoerwaitung ungemein
gehemmt hatte Unzweifelhaft ift es ein bcfonbereS ißerbienft 'JJlafcheS,
ein foldjeS für baS SBoljl ber Stabt notwenbigcS (Shwemeljnien feer
geftcllt unb eine geregelte unb orbenthche Rührung ber ©efdjäfte
angebahnt gu hoben. Eingeleitet würbe biefe ghicflirfiere 'ßeriobe ber
ftäbtifdjen Serwaltung burch bie $eier, bie gur Erinnerung an bie oor
25 fahren erfolgte Einführung ber Stäbteorbiuing am 18. 2Rärg 1834
begangen würbe.
Tiefe SBerljältnlffe tun fidj auch *n ben ßaljlen be§ jäljrlidjen
ftäbtifdjen Etats funb, bie bis etwa 1832 in Einnahme unb 'MS»
gäbe feljr fdjiuanten Erft allmätjlidj treten eine gröfjere Gleich’
niäfeigteit unb eine gletctjbleibenbc ^unaljme ein. SRan hot ben Ein»
brucf, bafe anfangs bie Sliifftellungen feljr tüuftlidj gurechtgemudjt
finb, um auf jeben galt einen Überfcfjufe Ijeraitsgurechnen, wäijrenb
notwenbige ®ebicrfniffe unberiidfidjtigt blieben. Tann aber begann
man bei aller Sparfamfeit, wie fie banialS in ^reufeeit überall im
Sraudje war, ridjtigere 'Mfatje gu machen unb im gangen mit mehr
iBerftäiioniS gu wirtfdjaften. Einige wenige fahlen (unter gortlaffung
ber OJrofdjen unb '-Pfennige) mögen bie Entwidelinig beS Stettiner
Etats in biefer Seit geigen:
Einnahme: Slusgabe:
1820: 197 734 Tuler 174 208 Taler
1830: 200 970 „ 171863 „
1842: 374261 „ 339 313 „
1852: 397048 „ 352009 „
1855: 477786 „ 410812 „
186(): 502 392 „ 450439 „
Soldj Sluffchwung ber fjinangoirljältiiiffc würbe ermöglicht gu»
näcfjft burd) ftaatlidje ^Beihilfen. So würbe ein SBorfchufe oon
1O4OU Talern bewilligt unb bann bie fRücfgahlung mit Den ginfeii
gum grofeen Teile erlaffen 'JRcljrere Reifere hinburch erljielt bie Stabt
einen regelmäfeigen ßufdjufe oom Staate. Leiter tjalf bie neue
Steuerorbnung. SRadj bem Eefetje über bie 9Jlcitjl= unb Schladjt-
fteuer, bie 1820 in Stettin eiiigefüljrt wnrbe, gingen 33*4 °/0 oom
URaljlwerf unb 169/s oom Sdjladjtoielj an bie Kämmerei ab. TeSljalb
448
Str ftäbtifdje ©runbbefit}.
fanb bie Agitation, bie 1849/50 befonbers oom Stabtrat SERoritj
in Stettin gegen biefe Steuer betrieben wnrbe, wenig Entlang bei
ber ftäbtifdjen Verwaltung. (Ebenfo bradjten and) bie biretten @e
meinbcfteuern, bie fid) auS fßerfonal* nnb fRealabgaben gufammen«
fetjten, balb ftänbig wadjfenbe Veträge. Über baS Slbgabenwefen,
baS in biefer 3l’it uielfadjcr ifinberung unterlag, ljier anSfüfjrlid) gu
Ijanbeln, ift nidjt möglidj, bodj mag bem SBnnfdje, bafj baS 0|itang
wcfen Stettins im 19. Qaljrljuiibert eine fachgemäße Unterfudjung
uno Darftellung finöen möge, ?lusbrnct gegeben werben. Sin biefer
Stelle mitffen bie Eingaben genügen, bafj uon 1806 bis 1843
im ganzen 802 660 Saler Sdjulbcn übernommen ober neu gemacht,
aber 53G018 Saler jurüdgeaaljlt worben finb, fo bafe ein SReft oon
266 642 Salem blieb. Die gröfeeren Stabtanleiljen würben freilidj,
bei ben immer wadjfenben Vebürfniffen unb Unternehmungen, erft
fpäter aiifgenommen 6Jute, gum Seil aud) gefdjidjtlidje öemertungen
über bie ginangoerwaltung enthalten bie Erläuterungen, bie bem
gebrudten ?luSguge auS ber IHedjnung ber Slammereitaffe für 1843
beigegeben finb. Sine furge Überfidjt gibt ber Vortrag, ben Ober»
bürgermeifter SRafdje am Sage feineS 50 jährigen DienftjubiläumS
(1. September 1857) hielt unb im Datei erfdjeinen liefe, ^m all«
gemeinen erlennt man beutlidj, weid) eine STQiihe bie Crbnung ber
oerworrenen guftänbe erforbertc, wie Dorfidjtige Sparfamteit um fo
notwenbiger war, je mel)r fidj bie Slnforberuugeii an bie Mommuneii
fteigerten, wie aber trotjbem auf allen ©ebieten ein gortfdjritt un«
nerfennbar ift. So regelte man aud) bie ötonomifdje Verwaltung
neu unb war bemüht, bie Erträge ber gorften unb Vrüdjc gu heben,
für bie muii einige Seit einen eigenen Cberförfter anftellte.
irtedjt grofee Slrbeit mad)te bie {Regulierung ber gutSherriidjen
unb bäuerlichen Vertjiiltniffe im Stabt« unb ftloftereigentum, bie in«
folge be? Ebift? oom 14. September 1811 notwenbig wurbe. D.e
Verhaitblungeti unb filrbeiten begannen 1816, tarnen aber erft redjt
m glufe, als 1817 bie ©eneraltuminiffion in Stargarb crridjtet unb
halb barauf eine eigene ftäbtifdje STommiffion eingefetjt worben war.
Durd) einzelne {Regeffe würben in ben ftäbtifdjen Dörfern Strelow,
Sdjeune, Vemitj, VJuffow, tßonunerenSborf, in ben Vorwerten
Sdjwargow, Ederberg ttfw. bie Separation unb GJemcinheitsteilung,
bie Ülblöfung ber Abgaben u. a. m feftgefetjt. Daburdi erfuhr ber
ftäbtifdje Srunbbefife eine feljr tief eingrcifeiibe lÜnberuiig, unb eS
blieben im biretten Sefitje Stettins, nadjbem bie Sutsberrfdjaft auf«
geljoben worben war, im wefentlidjen nur bie gorften bei XSuffow,
UReffentljm, Söolfsgorft unb Vobenberg, fowie bie Vrüdje an ber
XIII. Dßerbürgerineifter uon (Stettin.
XITIa. Cberbürgermeirtcr uon (Stettin
Sie Stabtuerroaltune-
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Cber, in benen baS giofje Glsbrudj eine gorfterei bei bem neu
angelegten giiugfernbcrg erljielt, bie SStefen unb SSerber gwifdjen ber
Cber unb bem Sammfdjen See am Samnianfdj, an ber Krampe unb
bem Tungig. (Eigentum bed KlofterS blieb bie gorft oon Slrnten
tjeibe. Tanadj betrug ber ©runbbefig ber Stabt aufjerljalb beS
©emeinbebegirfS 2138,50 ha, ber bed Klafters 977,57 Im. Sei biefer
'.Regulierung ging mandjeS Stürf beS alten StabtbefitgeS uerloren, uub cd
ift faum gweifelljaft, bafj bamals nidjt immer mit ber wünfdjenSwerteii
llmfidjt uerfaljren nmrbe. Ster tonnte aber afjiten, bafe bie Sind’
beljniing ber Stabt fpäter ben iHiicffauf einzelner ehemaliger Sefitj1
ftücte notroenbig madjen werbe?
(Einen notgebruugenen (Erwerb madjte bie Stabt 1831, ald fie
bei einer Subfjaftation bie Wüter Srutjen unb ©roh ißopplow im
Streife Selgarb erwarb, um ein Kapital uon 10000 Salem gu retten.
Wlit einem Heinen Serlufte tonnte fie aber bie ©üter bereitd im
nädjften galjre wieber uerfaufen
Sie gröfjte Sdjwierigteit bereitete bie Siegelung bes Iterljältniffed
Stettins gtt feiner 'JRebiatftabt ^3ölitg, bte galjrgeljnte Ijinburdj au
bauerte. Sic Sliifljebnng ber Untertänigkeit bradjte fofort oiele
Konflitte mit fidj; über bie Ijertömmlidjen Slbgaben, Sienfte unb
'Jledjte ber Sßolitjer fam ed gu uiierquirflidjen Streitigfeiten, bis in
einer Sleilje uon ^teogeffett bad SlblöfiingSucrfaljren eingeleitet würbe.
(Enblidj wnrbe burdj 'Jlbfinbitug ber gegenteiligen gorberungen baS
alte UterfjältniS aufgeljoben, nur bad ifSatronatdredjl bed Stettiner
'JRagiftratS über bie Sßölitjer Kirdje geugt nodj uon bem meitwürbigen
töanbe, bas galjrljunberte lang bie Heine Stabt an bie größere unb
mädjtigere SRadjbarin gefeffelt batte.
Sdjon biefe wenigen 'Jliibeutiingcn geigen, weid) eine gülle von
neuen Aufgaben in biefer ßeit ber Stabtuerwaltimg erwudjfen. Sie
aud ben gönnen beS 18. galjrljnnberts, in bem bie Selbfttätigfeit
ber Kommunen faft gang befdjräntt worben war, in bie beS 19. tjin
itbergufüljren, bad eine große Baljl uon neuen gorberungen ftellte,
madjte ungemeine Sdjwierigfeiten unb itnenblidje SRülje. Tabei be
fanben fidj bie ^uftänbe iu einer fortlaufenbeii ©ntwideluitg unb
bradjten Qaljr für galjr anbere gbecn, Slrbeiten unb ©efdjäfte, fo bafj
eine gcwiffe llnriilje nnb ein (Erproben unausbleiblich waren. SaS
geigen namentlidj bie Iterljanblungcn verfdjiebener Koinniiffioiien, bie
uom SJlagiftrate unb ben Stabtuerorbneten g. S8. 1841 uub 1844
„gur Prüfung neuer ober uerbeffcrter (Einridjtungen im Komniuual
wefen" eingefetjt würben. 'JJtan ftaunt, lueiut man bie itjnen
uorgelegten Sßrojefte unb Üorfdjläge lieft; fie finb uon ber
tBetcmann, von Ctetttn 9,.
450
Sie ©olijeiuernraltutifl.
mannigfacßften Slrt unb bejieljen fid) auf $aiibelSbebürfniffe, Sd)ul=
roefen, ©aSbeleudjtung, SBafferleituug, Keubauteu, ©rroeiterung ber
Stabt u. a. m. 3ft and) burdj bie Beratungen vielleidjt junädjft
und) nidjtS ©ofitiveS erreicht roorben, fo finb bod) bereits bamalS
©cbanten befprodjen roorben, bie jum Seil erft weit fpäter jur 3lu§-
fiiljrung gebradjt roerben fonnten. Serabe biefe Erörterungen jeugen
mitunter uon einem fouft nidjt immer bemertbaren weiten ©Ilde ber
ftäbtifdjen Sejörben ober ber leiteuben ©länner. ©8ie feljr bie ganzen
Einndjtiingen nod) im gluffe roaren, geigt aud) baS BcrIjältniS
jroifdjen Staat unb Stabt; and; f)ier mußten fitfj erft allmäljlid) fefte
(SJrunbfätje jeraiiSbilben, 3. B. für bie Ißolijeioerroaltuug Stettins,
bie in biefer Beit meljrfad) SBanblungen ju erfahren jatte. Buerft
einer töniglidjen Befjörbe, beren Ceituug ber ©olijeibireftor Stolle
ljatte, übertragen, ging fie 182ß auf ben ©lagiftrat über, ber eine
„Jinniglidje ©olijei-Sireftion" auS feiner ©litte bilbete. Siefe ljatte
bie ©erroaltung ber ©otijei in ber Stabt Stettin, fämtlidjen ©or
ftäbten unb in Bollinten, $rauenborf, Bülldjoro, Breboro, ©raboiv unb
ben ©ommerenSborfer Einlagen; bie Ceituug übernahm ber Stabtrat
Sdjalleßn. Qm Qatjre 1851 rourbe bie Beljörbe roieber als eine rein
föniglidje anertannt unb oon nun an burd) einen ©olijeibireftor, ber
meift ben Sitel eines ©räfibenten erljielt, geleitet. Sabei erfuhren
bie Crganifation, bte UnterljaltiuigSfrage, bie Stompetenjen oerfdjiebene
Anbetungen. Sic roadjfenbe SlitSbeljnung ber Stabt, bie 1852 in
17 Bcjirfe eingeteilt rourbe, baS ©erljältniS ber ©olijei ju anberen
©efjörben, bie Stellung Stettins ju unb in bem ©anboroer Greife u. a. m.
bereiteten nidjt geringe Sdjroierigteiten unb führten wieberljolt STouflitte
fjerbei. Sabei fam audj bie ßanbftanbfdjaft ber Stabt jur Erörterung.
Sie roar fdjon auf bem erften Canbtage non ©ommern, ber uom
3. Cttober bis jum 18. Sejember 1824 in Stettin tagte, vertreten,
erljielt aber erft burdj bie tgl. Serorbiiuug wegen jufünftiger ©er
faffung ber „ftominunallanbtage in ©ommern“ vom 17. Sluguft 1825
baS gefeßlidje IRedjt ber Bertretung burdj einen Abgeorbneten.
©ine befonberS roidjtige Neuerung wurbe für beu ilaufmannS-
ftanb gefdjaffen. Sie nur uodj bem ©anieii nadj befteljenben brei
alten ^anbelSfoiupagnieii unb bie ©ereinigung beS SlaufmanuS jjum
Seglerljaufe tonnten unter ben umgeftalteten ©erljältniffen nidjt meljr
als eine redjte ©epräfentation ber llaufmannfdjaft augefeljen werben.
Sie Illage, baß viele angefetjene Slaufleute fid) von ben ©erfamui-
lungen im Seglerljaufe fern hielten, rourbe oft erhoben, aber ber
©orftanb, ber auS 8 'Jllterntännern beftanb, ljatte feine SJladjt, eine
'Jinberung ßerbeijufüfjren. Sesljalb griff bie Staatsregieruiig ein unb
©ie Korporation ber Kaufiuannfdjaft-
451
erridjtete burd) Serorbnung ootn 15. fRooeniber 1821 anstelle ber biö=
Ijerigen faufmännifdjen ßünfte, Silben unb Jnnungen bie „Korpo
ration ber Kaiiftnanafdjaf t", in ber Hoffnung, bafe baburdj ber
Semeinfinn ber Kaufleute getjobeii werben würbe. ©iefer Sereinigung
fällte eS obliegen, „ba§ allgemeine Jntereffe ber Sdjiffaljrt unb beö
£>anbelö ober eines JweigeS beSfelben“ ju heben, alle „öffentlichen
Einrichtungen unb SInftalten, welche 311111 Setriebe beS ^anbelS bienen,
311 unterhalten, fowie ba§ eigene Sermögen ju oerwalten". ©ie
Sertretung unb ßeitung ber Korporation erhielt ein SluSfdjufe oon
9 Sorfteljern, bie oon ben Slitgliebern auf 6 Jahre gewählt würben.
Jiir bie, roeldje baS taufinännifdje Seroerbe mit ben im allgemeinen
flanbredjte näljer beftimmten ^Rechten in (Stettin anSiiben wollten, roar
bie Aufnahme in bie Korporation ßroang, unb fo ftanb fie eigentlidj,
roie mit SRedjt gefagt ift, mit ber Jbee ber in preufeen geltenben
Seroerbefreiheit in SBiberfprud). Erft 40 Jaljre fpäter finb bie
prioatredjtlidjen Sorfdjriften be§ Korporatioiisftatutö burdj baö Ein»
führuiigSgefefe 311m allgemeinen beutfdjen .fjjanbelögefetjbudje uom
24. Juni 1801 aufeer Kraft gefetjt roorben; bie faufmännifdjen 9iedjte
roaren nicht mehr »0» ber Jugehörigleit gur Korporation abhängig,
unb fie rourbe eine JntereffeiiDertretung auf ber Srunblage bes frei’
roilligen Beitritts. Sin reoibierteS Statut erhielt fie am 14. SJlärj 1870.
©iefe Korporation, bie am 24. Januar 1822 feierlidj eröffnet ronrbe
unb beren erfter Cbearorfteljer Komnierjienrat SRahm war, gäfjlte
bamals 226, 1872 bagegen 728 SRitglieber. Sie roar oon nun für
bie Entroidelung be§ £>anbel§ unb ber Sdjiffaljrt oon ber gröfeteit
Sebeutung unb trug an ihrem ©eile feljr uiel 31t bem Sluffdjwunge
bei, beu bie Stabt naljm. Jfere Sorfteljer finb ftetig bemüht geroefen,
neben bem SBoljle ber Korporation audj baS Sebeiljen ber gefaulten
Semeinbe im Singe 31t beljalten. Sin ihrer Spitje ftanben als 9ladj
folger 9laljm§ oon 1828 bi§ 1849 ©aniel SQilljelm Sdjult; (geft. 1852),
nadj iljm Jriebridj Sdjilloro (geft. 1864) unb oon 1864 an Joljann
Heinrich Emil fRahm. Unter benen, bie neben iljuen im Sorftehcr=
amte tätig roaren, finben fich Slamen, roie Sribel, 'JJleifter, ©heuue,
SSädjter, URetjentljin, Jrefeborff, Silling, Sdjlutoro, SSeinreid), Sadj
hufen, be la Sarre, Schröber, Guiftorp, Srumin, fjaler, Sraroiij u. a. m.
Son ber ©ätigteit ber Korporation legen JeugniS ab bie Jahresberichte
ber SBorftefjer, bie feit 1845 in ununterbrodjencr fReihe oorliegen.
Si§ 1836 hielt bie Kaufmannfchaft ifere Jufammenfiinfte, bte anfangs
nur breimal in ber SBodje, fpäter täglidj ftattfanben, in bem alten
Seglerfeaufe in ber Sdjuhftrafee; am 19. September biefeS Jahres
be3og fie baö ftattlidje Sörfengebäube am £>eumartt, ba§ nach ben
29*
452
Sßaffer» unb Hüfenbauten.
Binnen beS (Meß. CberbauratS Dr. SJlatßiaß in Berlin von bem Stabt»
baiuneifter itremfer erbaut roorben roar. Tort fanb and) bie am
17. September 1836 gegrünbete Eefetlfcßaft „Slbenbßalle", bie vor»
neßmlidj aus Kaufleuten beftanb, ein Heim.
fRocß eße biefe neue Drganifation ber Kaufmainifcßaft erfolgt
roar, batte bie Staatsregicnnig ein Sßert in Singriff genommen, ba§
für ben Stettiner $anbet unb Sdjiffaßrt von ber grüßten Sebeutuug
fein mußte. Seit ber ^Regierung griebridjS beS (Großen roar fiir ben
Hafen in Sroinemiinbe wenig gefdjeßen; mau ßatte gwar 1804 unb
1805 'JJläne unb Entwürfe für eine Bcrbefferung ber Einfaßrt unb
beS gaßrwafferS ßergeftellt, bodj bie friegerifdjen Ereigniffe batten bie
Slrbeiten geßenimt. Erft 1816 würben fie roieber aufgenommen, unb
bereits im folgenben Qaßre begann man mit ber Stillegung groeier
'JJlolen, einet Slrbeit, bie 1829 oollenbet rourbe. Ter Erfolg ber
Sauten, benen ber Cberpräfibent Satt fein befonbereS Qntereffe gu=
roanbte, roar überrafcßenb; baS gaßrroaffer in ber Swine vertiefte ficß
auf 6 m. Tagegen betrug bie Tiefe ber Cber trotj mandjer Baggerungen
im ^aßre 1840 burdjfdjnittlidj nur 4 in. Um für bie größeren Sdjiffe
eine beffere Jaßrt 311 fcßaffen, ftellte man 1841 ben Turdjftidj, ber
bie Cber mit bem Tainmanfdj verbinbet, bie KönigSfaßrt, bet, fo baß
bie „enge Cber" nidjt meßt paffiert gu roerben braudjte. Tann ver
tiefte man allmäljlidj bas ftaßrroaffer bes gluffeS bis auf 5 in unb
beteiligte bie fdjarfen Krümmungen, fo baß von 1862 an Sdjiffe bis
gu 4,8 in Tiefgang oßiie Ceidjtening nadj Stettin ßinauffommcii
tonnten. .Qugleidj würben bie Hafeiianlagen in Sroinemiinbe ftäubig
ausgebaut, ber Ceudjtturm 1857 volleiibct. sl’lit weldjem 3ntcrcffe
man biefe Slrbeiten in Stettin verfolgte, geigen oor allem bie uon 1839
bis 1859 regelmäßig erftatteten Scridjte ber Kommiffnre beS BlagiftratS;
in ißnen wirb bie Söaffer|’traßeii = 3rage immer roieber erörtert, man
fpridjt SBiinjdje unb Hoffnungen aus unb bittet uni Sefdjlcunigung
ber Slrbeiten. BefonberS würbe bann and) bie ^Regulierung beS
CberbetteS oberßalb Stettins bringenb gcforbert, ba bie 3llftä»be
bort troftloS waren unb bie ßage ber Kaßnfdjiffer fidj immer meljr
uerfdjledjterte. Sludj bier würben Slrbeiten vorgenoniineii unb viele
Sefferungen burdjgefiiljrt, bod) eine Slbßilfe erft fpäter erreidjt.
Ter Stettiner Hafen felbft mit feinen Sollwerten unb Slnlagcn
erßielt in biefer 3c’t eine grüiiblidje llingeftaltung. Bor allem be=
feitigte man, allerbingS erft nadj laugen Berßanblungen unb feßr
atlmäßlicß, bie Buben, Speidjer unb GJebäitbe am Sollwerte, bradj
1827 bie SBaffertore ab, riß bas alte SellßauS nieber, um an beffen
Stelle baS fogenaiinte ftäbtifdje Subenßaus gu erridjten. Sim BI“brin
4>ciffrt- unb Sri1rftn=Sautfn
453
uub auf ber Sdjiffbaulaftabie würben gur Cagenuig ber .geringe neue
Sellfeäufer aiifgefüfert. Die Ufer beS würben mit feolgernen
Sollwerten befeftigt, in beu gaferen 1843 bis 1850 baS Dampffdjiff
bollroert erbaut imb balb bis gur grauentor Maferne verlängert. Dabei
mufete ber SSafferlauf eingeengt roerben, um ben Sdjtffen baS Sin
legen gu erleidjtern unb baS ßabeufer gu Derbreitern. Sin ber redjten
glnfefeite erbaute man 1838 ben S«dfeof mit einem grofeen Speidjer.
3m gafere 1 sl:i erljielt bie Uferftrecfe gegenüber bem Satmfeofe
Gnfenbafenanfdjlufe, ber 1^71 wieber befeitigt rourbe, als baS maffioe
Sollwert bort eingeftürgt roar. Dagegen rourbe 18G4—68, als ber
gentralgiiterbafenfeof angelegt rourbe, an ber Sariiit) eine gröfeere Um
fifelagftelle groifdjen Sdjiff unb Gifenbafen feergcfteUt. Der ftänbige
SRangel an Cöfdjpläfeen veranlaßte ben figl. fRegierungS-jlonbutteur
SBalter 1853, einen SI°n gur Anlage eines ^afetibaffinS auf ber
grofeen Sdjläcfeterroiefe uub gur Sefeitigung ber Heinen Sdjlädjterroiefe
311 entwerfen. Die Sorftefeer ber ftaufmanufdjaft reidjten baS fßrojett
an ben Slinifter für £janbel, Gieroerbe unb öffentliche Slrbeiten ein,
gur SluSfüferung tarn eS nidjt. Dagegen rourbe 1858 ber „grüne
Giraben" groifdjen Slabrin uub Silberwiefe vertieft unb eine Ser«
binbung groifdjen Dber unb Sarnitj für Seefdjiffe fjergeftellt. Die
Cänge ber ftäbtifdjen Sollwerte betrug im gafere 18G7 etwa
10700 gufe.
gür bie lange Sriitfe erfolgte 1820 ein Seitbait; man fdjhtg
bamalS nor, iljr ben Flamen Kronpringbrüde gu geben, ljatte aber
bodj meljr Wljrfurdjt nor ber alten Senennung als 80 gafere fpäter.
fReu erridjtet rourbe in ben gaferen 1853 bis 54 bie neue Sriitfe,
bie gegenüber bem Satjnfeofe an ber unteren Spifee ber bort liegenben
gnfel uorbei nad; ber Silberwiefe füljrte. Ungefäfer 140 m unterfealb
erbaute man 18G8 eine ßifenbafen Dreljbrütfe.
Diefe unb anbere Sauten am £>afen füllten guuädjft unb vor
allem ber Hebung beS SdjtffSverteferS bienen, ber roaljrenb ber
grangofengeit gang inS Stotfen geraten roar unb allmäfelidj gu fteigen
begann. DaS mag bie turge fDlitteiluug beroeifen, bafe bie Summe
ber in Stettin feeroärtS ein unb ausgegangenen Sdjiffe fidj belief:
1814 auf 1524 unb 1128,
1835 G89 «r 555,
1850 11 1160 ir 1072,
1860 W 1479 11 1674,
1870 tl 1924 ff 1951 Sdjiffe.
Die Bafel mufete 1835 fo feljr feerabgefeen, weil bie ßeidjterfdjiffafe rt
infolge ber Sertiefuug atiffeörle. 1848 unb 18G4 würbe ber Seeoertefer
454
Die Dampffcfjiffaljrt.
burd) bie bcinifdje Slorfabe be? Sroinemünber $afen? geljinbert,
währenb e? 1870 nur bei einer Slntunbigiing einer foldjen burdj
frangöfifdje SlriegSfdjiffe verblieb, bie am 18. Sluguft vor ber Sroine
erfdjienen, um alsbalb roieber gu verfdjroinben. (Sinen befferen ®in=
blid in ba? SBadjfen be? Seenerfeljr? roiirbe un? eine gufammcn’
fteliung ber ein» unb au?gefüljrten ßaften geben, bod; fjierfür liegen
bie ßaljlen nid)* fo bequem vor. $ier mufj bie Eingabe genügen, bafe
1838: 14 773,
1872: 198325 ßafteu
gur See angefommen unb
1838- 31 225,
1872: 342 216 Caften
ausgegangen finb. Qm einzelnen ben 5?erfehr gu fdjilbern, roeldje
Siidjtungen er einfdjlug, roie er fidj entroidelte, ift an biefer Stelle
nidjt möglidj. ^ervorge^oben muß aber roerben bie ffiebeutung, roeldje
bie 1857 erfolgenbe Slblöfung be? Sunbgoll? natürlich audj für Stettin
ljatte ferner ift ber SBerfudj, eine birefte SJerbmbung Stettin? mit
Slmerita Ijerguftellen, bemerfenSroert; ber 1869 gu biefem groede be»
grünbete „Saltifdje ßloub" fonnte fidj aber infolge vieler Havarien,
bie feine Schiffe erlitten, Süden? ber gradjten unb ^atjrpreife u. a. m.
nidjt Ijalten; bie ©efellfdjaft mußte fdjon 1876 liquibieren.
Die SReeberei Stettins beftanb 1836 au? 168 Sdjiffen mit
18 384 ßaften, 1872 au? 219 Sdjiffen mit 32 642 ßaften. Die gu
nähme ift nidjt fo außerorbentlidj, roie man gu erroarten geneigt ift,
aber bie gange beutfdje Sdjiffaljrt befanb fid; gerabe bamal? in einem
guftanbe ber (Sntroidelung unb Umgeftaltung, ber manche Sdjroan»
fungeii mit fid) bradjtc. Sim bebeutungSvolIften ift natürlich ba?
Gmtfteljen ber Dampffdiiffahrt Da? erfte Dberbainpffdjijf, ba? int
Slpril 1826 uuf ber Cberroiet vom Stapel lief unb ben Flamen „Atron«
pringeffin (Slifabeth" erhielt, begann am 8. Tlai feine galjrten nodj
Sroinemiinbe. Söa? roar eine foldje JJaljrt, bie 6 Stauben bauerte
unb auf bem erften ißlatje 2 Daler 15 Silbergrofdjen lüftete, bamal?
für ein (Sreigni?! gfmmer roieber verfilterten bie 23efitjer bes Schiffe?,
flommergieurat SRaljni unb ©eneralfonful ßemoniu?, baß ber ^Betrieb
gang fidjer nnb gefahrlos fei. flangfam mehrte fich bie galjl ber
Dampffdjiffe, beren es 1850 9 mit 303 ßaften, 1872 bagegen fdjon
59 nut 5307 ßaften gab. Dem gegenüber ging bie gafjl ber Segel
fdjiffe in biefen fahren non 173 auf 156 herab. Sie naljm aber
mit 27 «17 ßaften immer nodj bie tjerrfcfienbe Stellung ein. Die
meiften Stettiner ßlroßfaufleute trieben in biefer geit audj Uteeöerei,
unb gu bem üblichen Sdjmud ber Kontore gehörten bie SRobelle ber
Die Giftnbabn.
455
Ttattlicfjen Sorten, Sdjoner ober SriggS. Gine See Slffefuran3 Gefell
fcßaft auf Slftien würbe uon ben ft'aufleuten SBißmann, Steinide,
29eiß, Söießlow unb Gribel 1821 gegriinbet unb erljielt burdj bie
töniglidje STabinetS Crbre oom 5. ^“»imr ©eredjtfame zunädjft auf
15 Sabre. 24 Qaßre fpäter folgten bie Stettiner Strom-Serfidjerung§=
gefeHfctjaft, 1855 bie See unb Jluß-SerficherungSgefenfcbaft ißomerania
unb 1857 bie Union, SIttiengefellfdjaft für See= unb glußuerfidjerungen.
Sur ^eranbilbung eines tüchtigen SdjifferftanbeS würbe auf Slnregung
beS Cberpräfibenten Sarf 1823 eine SdjiffaljrtSfdjule auf ber ßaftabie
in Stettin eröffnet; fie entwicfelte fich, wie berichtet wirb, unter ber
ßeitung oon zwei flefjrern feljr gut.
Sieben bem SSafferwege wanbte bie Siegierung jetjt and; ben
ßaubftraßeii erhöhte Slufmertfamfcit gu. Sn ben fahren 1822—1827
wnrbe bie CStjauffee non Stettin nad) Gartj a. O. erbaut, bie ju ber
grofjen ßinie Serlin—Danzig gehörte. Salb folgte bie Einlage fofcfjer
fhinftftrafjen nach ffiorpomnierit (1829) unb nach Stargarb; ljierbei
mußte ber alte Damm, ber ftets ein SdjmerzenStinb Stettins gewefen
war, auSgebaut werben. GS war eine große ^Erleichterung, baß 1838
ber bisher oon iljr erhobene Dammzoll an ben Staat abgetreten würbe
unb biefer bannt bie Pflicht ber Unterhaltung beS DamnicS unb ber
zahlreichen Srüden, auch ber langen Srücfe, übernahm. Die Gljauffee
nach Söliß würbe erft 1855 angelegt.
Damit war ein Straßennetj, ba§ einigermaßen bem roadjfenben
Serteljr genügen tonnte, hergeftellt worben, aber fdjon würbe ber
Gebaute beS SaueS einer Gifenbahn eifrig erörtert. Sereits 1835 be=
tjanbelte ber JRebatteur Slb. Slltuatcr in ber erften Stummer ber neu
gegriinbeten „SörfeinSadjritfjten ber Oft-See" (nom 14. Sluguft 1835)
biefe ^rage, -junächft im allgemeinen. Salb aber trug er ben Sor»
ftetjern ber STaufniannfdjaft ben Sian nor, eine Gifenbahn oon Serlin
nadj Stettin 311 bauen. Gr fanb gute Slufnaljme unb eifrige 3-örbe»
rung namentlich audj bei bem Cberbiirgermeiftcr Slafdje. Unter beffen
ßeitung bilbete fidj am 1. SUliirj 183G baS „Serlin=Stettiner Gifen
baljn=$lomitee", uon bem baS SJert uorbereitet würbe. Die Sor
arbeiten unb bie Slitfbringung beS SlnlagctapitalS uon meljr als
2% Slillioncn Dalern nergögerte bie Grlangung ber lanbesherrlichen
GrlaubniS. Sils aber im 3uni 1840 bie Schwierigfeiten befeitigt
worben waren unb bereits am 3. Sluguft ber erfte Spatenftich 311m
Sau bei GberSwalbe gemadjt war, ba erfolgte audj am 12. Cttober 1840
bie föniglidjc Seftätigung, bie uierte, bie in Preußen für einen Sahn»
bau erteilt würbe. Der Sau würbe 3Uerft uon GberSwalbe nach
Serlin, bann oon GberSwalbe bis Slugermiinbe fertiggeftellt unb
456 Eifenbnßn-Bauttn.
enblicf) bie Streife von Stettin bi§ Slngcrmünbe in Eingriff genommen.
3fn unb bei ber Stab: war babei bie gortfdjaffung großer Erbmaffen
am Sdjnedentor nötig, unb bie Stabt erljielt bort burdj bie Einlage
bes BaßnßofeS ein gang anbereS Jlusfeßen; iljm mußte g. B. ber
ehemalige Beltßufenfdje ©arten weidjen, ber 9laum an ber Cber
würbe erweitert unb gepflastert. Es war ein großer gefttag für
Stettin, al§ am 15. Sluguft 1843 bie gange Streife bem Berfeßr
übergeben wurbe unb Hönig griebridj SSilßelm IV. mit bem ißrinjen
oon fßreußen unb anberen gürften ßier mit ber Eifenbaßn eintraf.
Wit bem Tonncr ber ©efdjüße unb bem Sauten ber 6'lodeu würben bie
ßoßen ©äfte begrüßt, unb bei bem ^eftmaßle begliidroüiifdjte ber
ftönig bie Stabt Stettin, baß fie jetjt burdj bie Eifenbaßn mit bem
Binnenlanbe eng oerbunben werbe Biele Hoffnungen, Söünfdje unb
Erwartungen fnüpften fidj an biefe Baßn, bie, wie eS ßieß, „ein
neuer Bing jener Jlette ift, weldje balb bie Bölferfdjaften Europas
gum fteten grieben unb wadjfeuber Xöoßlfaßrt mit einanber verbinben
fall". Bad) bem erften gaßrplan fußren täglidj je 2 güge gwifdjen
Stettin unb Berlin, bie in 4% Stauben bie Strede mit (5 Stationen
gurüdlegten. Ter Berfeßr wurbe balb redjt bebeutenb, wenn audj
gunädjft immer wieber oerfidjert werben mußte, bie galjrt ljabe leine
©efaßr. Eine ftiißnßeit erfdjien eS anfänglidj vielen, baß man
1851 fogar einen Badjtgug gwifdjen beiben Stabten verfeijren ließ.
Ter weiteren Entwidelung be§ EifenbaßnwcfenS war ber 5®eg
eröffnet. Wan ßatte fdjon vorßcr nadj langer öffentlidjer TiStuffion
bie Sßeiterfüßrung bi§ Stargarb befdjloffen, unb am 1. Wai 1846
wurbe biefe Strede in Betrieb genommen. Sie gweigte fidj vor bem
Baßnßofe ab, ging über bie Cberwief’Straße unb auf einer $olg«
briide, bie 550 in oberljalb ber fpäteren Eifenbaljubriide mit ^>ilfe
oon BaßmS Qfnfel über bie Cber gebaut wurbe, gur Silberroiefe
ßinüber. Erft in ben faßten 1866 bis 1869 wurbe bie bisherige
Stopfftation in eine TurcßgangSftation umgewanbelt, ein befouberer
©üterbaßnßof vor bem ^ßarnitjtore angelegt unb bie neue Eifenbaßn*
breßbrüde mit bem Biabuft über bie Silberwiefe erbaut. Tie Stargarber
Sinie wurbe bann allmiiljlicß nacß Bojen unb fpäter nad) RöSlin
fortgefetjt. Erft 1863 erfolgte bie Eröffnung ber vorpommetfdjen
Baßn, bie nadj einigen Sfaßren audj nadj Wedlenburg Slnfißluß erhielt.
So gewann Stettin in biefen Qaßren Baßiwcrbiiibuug nad) ben
wießtigften Bicßtungen. Tie Verwaltung biefer Cinien ßatte bie
Berlin=Stettiner Eifeitbaßn-®efellfcßaft, bereu Tireftoren lange ßeit
ber ©eß. föommergienrat JJreßborff, ber ©eß. BegierungSrat Benfe
unb ber ©eß. Baurat Stein waren TaS VerwaltungSgebäube, vorneßm
®aß fßoflroefen.
457
unb ftattliiß oberßalb beß Saßnßofeß an Der AtarUStraße erbaut,
rourbe nm 1. Raimar 1858 in Senußung genommen.
SßHe im eingeluen bie Gifenbaßn auf bie Giitroideliiug ber (Stobt
uub ißreß Serfeßrß roirfte, läßt fid) allenfalLß burd) faßten nad)=
roeifen. ®abitrdj roirb aber ber Ginfluß beß neuen Serteßrßmittelß
bod) nur nad) einer Slidjtung ßin bargeftellt. Gß ift ficfjer, wenn
and) niajt burdj ftatiftifdie Eingaben gu beroeifen, baß ber Gefidjtsfreiß
ber Serooßner burd) biefen engeren ?lnfd)hiß an anbere Crte erweitert
rourbe, ja, baß fid) ein neuer frifdjerer Geift in ber (Stabt geltenb
madjte. ®ie fdjnetlerc Übermittelung oon Sladjridjtcu, bie ßaufiger
roerbenben Steifen, ber road)fenbe Scfud) brad)ten eß mit ficß, baß
allerlei Steuerungen unb Sefferungen ißlaß griffen. S3or allem roar
baß mitürlid) ber ^all auf bem Gebiete beß Softroefenß. Gß uer«
feßrten 1815 roöd)entlid) 12 §aßr , (> Sleit- unb 4 Sotenpoften, bie
fidj biß 1840/41 im gangen auf 99 nerineßrten. Taß Ißofifußrroefen,
baß in biefer .Seit ein Hauptmann firiele beforgte, ßatte alfo einen
feßr anfeßiilicßsn Umfang, uub ber ^erfouenoerteßr roar iiberauß rege.
“Daß ißoftamt rourbe 1328 oon ber großen ®oni=Straße (Sir. 22)
nad) bem Jl'önigplaße (Str. 2) uerlegt; ber erfte Srieftaften, in ben
aber nur unfraufierte Sriefe gelegt werben Durften, rourbe 1825 int
Aßoftljaufe angebraeßt, balb folgten groei anbere im Statßaufe unb im
Stadßofe. Spätere Gefdjäftßräuine fiir bie Ißoft rourben 1854 in bem
^interßaufe ber ft'gl. Sauf in ber großen SBollweber 'Straße gefdjaffen.
5Dtit ber Ginfiißntng ber ®anipff(ßiffe unb Gifenbaßnen erinelt natürlid)
ber ißerfonen uub Sriefuerfeßr eine gang anbere Geftaltung, fo wurbe
g. S fdjon 1835 burd) beu fcäuifdjen Tampfer ,,‘Dronning SDtaria"
eine Serbinbung gwifdjen (Stettin unb Slopenßagen gefeßaffen, bie
jeboeß balb roieber einging; 1843 begann ein anbereß Unternehmen.
Sind) nad) Sdjweben oerteßrte eine Beit lang von (Stettin baß preußifiße
Sdjtff „Stagler" roödjentlidj einmal, biß eß 1859 auf einer §aßrt
ftranbete. Slodj widjtiger faft wurbe bie 1843 ßergcftellte ißott
bumpffdjiffßverbinbnng groifdjen (Stettin unb Stronftabt, bie fo ftarf
bemißt rourbe, baß fie einen erßeblicßen Steinertrag abroarf. 'I'er
.Sauptoerfeßr uon Stußlanb nad) bem SÜeften ging banialß über
(Stettin, uub eß roirb roieberßolt bendjtei, baß gaßlreicße Stuffeu gerabe
biefe Stabt alß Geburtsort groeier rnffifcßpr ftaiferinnen gern befudjten.
Gß roar ein Serluft, alß mit ber Gröffnuiig ber Cftbalm (1853) bie
Dampfer „SSIabimir" unb „SPrenfjifajer Slbler" allmäßlicß aufßörten
im Stettiner Jpafen gu erfdjeiiieu gür bie gefamte '^oftuerroaltung
ridjtete mau am 1 Januar 1^50 bie Cberpoftbirettion Stettin
ein, mit ber 18G8 bie Stralfunber vereinigt rourbe. ®ie erfte
458
SDJobernt Ginricbtiuißen in bet ©tabt.
eleftrifche (Lelegrapljenliiiie würbe 1849 nach Serlin Ijergeftellt,
nad) Stralfnub eine foldje 1851, nad) Swinemiinbe 1854 an
gelegt. ®ie Station war anfänglich auf bem Saljnljofe, bann in
einem £>aufe ber ^eiligen ©eift Strafte nnb feit 18(>4 im Sörfen-
gebäube untergebradjt.
(Liefe Serbinbung burd) ©ifenbaljn, ®anipffdjiff unb Selegraplj
riidte Stettin befonbers ber ßanbeSljmtptftabt nalje. 3° man tann
inerten, baft fid) non jetjt an ber ©influft (Berlins meljr unb met)r
geltenb madjte. ®ie Stettiner wollten balb nidjt hinter ber ©roftftabt
guriidftehen. ®S würben 1843 (Lrofdjfen eingeftellt, obwoljl fie, wie
geflößt wirb, meift nodj wenig gu tun ljatten; baran aber feilten
natiirlid) nidjt bie redjt Heinen Gmtfernungen in ber Stabt, fonbern
bie oon ber Sßoliget gu Ijodj angefeftten greife Sdjulb fein. ®S ift
wobt nidjt gang gufällig, baft man in bemfelben Qaljre, in bem bie
©ifenbaljn eröffnet würbe, bie erfte „Sranitbaljn" für guftgänger in
ber eigentlichen Stabt legte, nadjbem Dorfjer mit ber Sltdage eines
foldjen „SrottoirS" ein Heiner SInfang auf ber ßaftabie gemadjt
worben war. SRit Stolg fpagierten bie Stettiner in ber 9ieiffd)läger=
Strafte nor bem Sannefdjen £>aufe auf biefer Safin, unb ber 'JRagiftrat
oerfprad) ben 'Bürgern, bie eine foldje „oerbefferte (ßflafterung für bie
ffuftgänger" anlegen wollten, einen Bufdjuft auS ber ftänemereifaffe-
fDlan begann aud) bamals einen Stampf gegen bie Vorbauten, Steller
hälfe, (treppen ufw., bie fich roe’t in bie Strafte erftrerften unb
ben Serteftr hemmten, eS bauerte aber noch feftr lange, bis fie be
feitigt würben. Sind) bie tiefen, ja gefährlichen fRinnfteine, in benen
bei fRegenwetter baS SSaffer wilb baljinftrömte, nerfudjte man
wenigftenS mit feften (Brüden unb (Bohlen gu verbeden. So ift un
nerfennbar, baft man beftrebt war, bie Stabt im ^nnern gu
mobernifieren unb iftr ein beffereS Slnfeften gn geben.
(Lagu biente audj bie Einlage ber ©aöanftalt. SBeldj ein
SdjmergenStinb ber ftäbtifdjen (Berwaltung war ftets bie Straften
beleiuhtung gewefen! UBohl ljatte fi<h <m<h h’®r manches gebeffert,
aber am fidjerften ging ber braoe (Bürger immer noch, wenn er feine
eigene ßaterne mit fich führte; bie an Stetten über ben Straften
hängenben ßaternen oerbreiteten nur ein feljr mäftigeS flidjt. 9la<h
bem (Berlin bereits 1825 ben Ülnfang mit Einführung ber ©a§*
beleiuhtung gemadjt ljatte, würbe eS aud) für Stettin allmählich Bett,
fich biefe Erfinbiing ber 9leugeit gu eigen gu machen. Sind) ljier gab
woljl ber ßifenbaljnbau ben letjten SUnftoft; 1848 würbe bie ©aS»
anftalt m ber ©berwiet oollenbet. 21m 23. SIpril biefeS ^aljreS
erftraljlte bie Stabt gum erften ffRale im ©lange oon 593 öffentlidjen
ffiafferkitunß unb Feuerwehr.
459
®aSlaternen, wäljrenb 2100 fßrivatffaininen Cidjt in ben ^läufent
verbretteten. SDcifo biefe Erleudjtung im 3fat)re 1848 erfolgte, fafjte
man gerabegu ftjmbolifd) auf, unb man fann eS bem braven Stettiner
Gljroniften Fr- Sljiebe nidjt verbellten, wenn er feine in biefer Seit
vollenbete Eljronit mit ben SBorten fcfeliefet: „Stettin erfdjeint gegen-
wärtig in einer fo fdjönen ©eftaltnng, wie eS nod) fein frühere?
Zeitalter fatj."
Tie ^erftelhtng einer üBafferleitung erfolgte beträchtlich fpäter.
Tie Ceituug, bie König griebridj Söilfjelm I. jur Speifung beS
SJrunnenS auf bem fRofemarfte ljatte herftellen laffen, war längft ver
fallen, ja man hatte ifen, ba feine Unterhaltung feljr Ijolje Stoffen
verurfadjte, fdjliefelid) abgebrodjen unb auf bem ftäbtifdjen Sauljofc
bei Seite geftellt. Ter Tätigfeit bes StabtbauratS .fjobredjt war eS
ju bauten, bafj baS SBafferwerf am 1. üftobev 1865 in Setrieb gefetjt
wurbe. ES wurbe in ber ©berwief erbaut unb bas ^jodjrefervoir jur
Filtrierung beS Ober» unb EntnbwafferS auf bem Stofafenberge an»
gelegt. Für bie Caftabie tonnte bie Ceituug erft im folgenben Fahre
fertig geftellt werben. Slnfang 1806 waren 144, Enbe 1867 bereits
586 Käufer aitgefdjloffen. Tie F0IItane auf bem fRofemarfte wurbe
in bie Witte beS ^3latjeS verlegt, reftauriert uub mit ber Ceituug
vcrbunben. Sind) ein KanalifatiouSprojeft arbeitete $obred)t bereits
bamals aus, eS tarn aber erft fpäter flut Ausführung.
©ättjtfid) umgeftaltet wurbe in biefer Seit baS ftäbtifdje
Feuerlöfdjwefen, nadjbem eS fidj immer mehr IjerauSgeftellt hotte,
bafe bie bisherigen Anftalten vollfommeti uuaureidjenb waren. Tie
alte ©rbiiung von 1796 hotte bie allgemeine Cöfd)bienftpflid)t in
grofeem Umfange eingeführt, fo bafe bei jebem Slranbe eine Unmenge
von ißerfonen erfdjieuen, von benen aber bie wenigften ernftlid) mit
halfen. Wit grofeem Cärm riidten, fobalb bas Fener oom Safobi»
firdjturm fignalificrt worben war nnb bte £)ranbfignale ertönten, bie
Spritjen heran, bie 'JBafferfufen würben unter fdjrettlichem ®etöfe
herbeigefrfjleift, bie 'Bürger, bie an ber fReilje waren, eilten mit ihren
(Geräten jjufammeit, aber, wenn alles 511m Eingreifen bereit war, gab
eS gewöhnlich nicht mehr viel ^u retten ober 311 fcfeütjcn. ^Regierung
unb Stabtverwaltung mühten fid) jahrelang ab, eine Sefferttng ,ju
fdjaffem Wan bradjte 1847 eine neue Feiierlöfd)=©rbnnng juftanbe,
burdj bie bezahlte fRettungsmannfdjaften eingeführt würben. Tod)
aud) hier entfdjlofe man fid) nod) nidjt 311 bem Srudje mit ber all»
gemeinen Cöfdjverpflidjtung, unb bie 1856 erlaffene Anorbnung [teilte
biefe wieber in ben SSorbergrttnb. So blieb fdjliefelith alles beim
alten, unb nur bie ®eräte würben verbeffert. Einige gröfeere Stänbe
Snbuflrit.
460
wiefen auf bic Sieformbebürftigfeit bin, unb eine große 3°ßl 1,0,1
^auSbefißeru forberte bie Grridjtung eines organifierten geuerroep^
forpS, roie eS Serlin feit 1851 befaß. Ta aber bie Sloften gu ßodj
erfdjienen, begnügte mau fidj 1857 mit ber Slnftellung oon gwci
£>berfeucrmännern, bie ben USadjbienft 511 leiten Ijätten. Gin erßeb
lieber gortfdjritt mar eS, baß bie fi'aiifmannfdjaft 1858 eine eigene
'pacfßofsfeueriveßr einndjtete, bie nneberßolt mit Grfolg tätig war.
ÜDlan entfdjloß fid; 1851 eine grünblidje llmgeftaltung vorgitneßmen;
ba entftanb aber von neuem bie Srage, ob bie Stabtuerwaltung ober
bie ißoli^ei bei Siettungsai beiten bie ßeitung ßaben muffe. 'Jladjbem
bieS gu ßhmften ber (Stabt entfdneben worben war, ging fie audj
energifdjer vor, ftellte 1864 ben fRegierungSbaumeifter Soft als Sranb-
bireftor an, ber alSbalb bie Ginridjtung einer Serufsfeuerweßr in
bie .ßanb naßm. (Sie trat am 1. 3on,,or 1865 ,n Jätigteit, unb
bie alte Kalamität beS ßöfeßwefens ßöne nacß unb nacß auf. Gene
feßwere '.probe ßatte bie ftäbtifdje geuerweßr, f,ir i>ie in ber 9J?öncßcii=
ftraße auf bem alten £?Ioftergrunbftüct ein Tienftgebänbe erridjtet
wurbe, gu befteßen, als am 14. unb 15. 9Rai 1868 ber gewaltige
Sranb in ber (Staßlbergfdjen unb fRüdfortßfdjett Spritfabrif auf ber
Cberwiet au ibraeß. GS war bieS bie größte gcuerSbrunft, in
ber (Stabt in biefer 3°it vorgefommen ift.
Tie Tanipftraft unb bie ficß ftetig entwufelnbe Tecßntf gaben
bem Gewerbe aueß in Stettin eine gang anbere ©eftalt. Tie
Sfnbnftrie war bis baßin im Grunbe boen nur ßjanbwert erft bie
Vlnwenbttng ber naturwiffenfcßaftlicßeii ßenntniffe auf bie Tedjntf unb
bie Ginfüßrung ber Tampfmafcßine ergeugten eine wirflidje Groß»
utbuftrie. Tie erfte Grünbung einer moberiien inbuftriellen Einlage
ift bie int SRärg 1817 burdj ßeinruß Toßrn unb ^foßaiui griebrid)
Veltßufen inS ßeben gerufene ißommerfdje ^rovingial .ßuderSieberei.
Sie ßatte ißre fRäume anfangs in bent Sfeltßufenfdjen ßattfe in ber
ßuifenftraße, fiebelte aber bereits 1823 in baS neuerbaute gabrif=
gebäube auf ber ßaftabie über, in bem in redjt einfadjer SBeife
ftolonialgucfcr raffiniert wurbe; fpäter ging man aueß gur Verarbeitung
beS VübemVoßgucferS über. Tie Sieberei ift auf lange 3°it rP<ßt
eigentluß bie Stettiner gabrif gewefen, an ber ficß gu beteiligen
gewiffermaßen eine Gßrenpflidjt ber Kaufleute war. gür viele
Stettiner gantilie ßat i>en Grunb gu Veidjtum gelegt. Tie
1835 erridjtete Vene Stettiner ^3ticferfieberei ßat 1862 ißren eigent»
ließen betrieb eingeftellt, wäßrenb bie 1849 gegrünbete ft’ommanbit*
(Mefellfdjaft Söitte, Scalla, ßubenborff gu ber ?Iftiengefellfdjaft 9Refdje=
ritter .ßueferfabrit umgebilbet worben ift. Tie weitere Vegrünbung
©>d)iff3bauaiiftalten.
461
oon gobrifcn ging in biefem 3eitrnum Inngfoni unb rußig nor ficf),
auS {(einen Slnfängen, bie uon einzelnen Unterneßmern gelegt waren,
entwidelte fiel) allmäßlitß ein größeres 'JSerl, baS bann bie strafte
be§ einzelnen iiberftieg unb bie ®ilbung einer Slttiengefellfcfjaft uer
anlaßte. ©o ift auS ber 1837 uon S. ®. VJteifterS (Sößnen ange
(egten (Stettiner ßifengießerei, bie balb barauf mit ber SRafdjinen
fabrit, in ber ©eijbell unb uou SBürbeti bie erften ®ampfmaf(ßinen
in Sommern bauten, uereinigt würbe, nad) mandjen ftnbeningen ber
girnta 1872 bie SlftieiuSefellfdjaft norm. SRöder unb $odberg, bie
ßeutigen ©berwerle, entftanben. Eine Heinere Eifengießerei uon
3(bb. 30. Sultan.
Söroumid) beftanb eine S^itlang auf bem „SlrtßurSberg", ber früher
ein beliebtes ®erginiguiigS(ota( ber ©tettiner gewefen war. 311 ®rebow
begriinbeten 1851 nnb ®rod eine 'IRafcßinenbauanftalt
bie nad) guten Erfolgen 1857 in eine ?lftieugefellfd)aft mit einem
Srunbtapital uon einer 'JJhdion Sater uerwanbelt würbe. ®ieö ift
ber Slnfang bes ,,'lhtllanS", ber 1859 bie erfte Cofomotiue unb 1866
bie erften Heinen Sl'riegSfdjiffe für bie preußifd)e SRarine ablieferte.
(Die Entwitfelung ging gunädjft (angfam uor fid), bod) umfaßte bie
(Srnnbflädje ber Einlage im 3al)re 1870 bereits etwa 8 ha. unb
ungefäljr 1800 Slrbetter würben bamals bort befd)äftigt. •Rennen
462
Sabriten.
roir nod) bie britte größere Sd)iff§roerft, bie fjeitte in (Stettin beftetjt,
fo Ijaben roir einen alten Stettiner Namen gu crtoäljnen. (Die gamilie
NüSle fonunt fdjon frülj unter ben Slaljnfcfeiffern ober (Sdjiffbauerit
oor; 1815 ift gunädjft für ben Sau tjöt^erner Seefdjiffe bie SSerft
'Jlüöfe angelegt roorben, auf ber bann bie erften preufjifdjen (Dampf-
tanonenboote gebaut rourben.
©5 ift nidjt möglid) alle inbuftriellen Unternehmungen, bte in
ber 'JJlitte be§ 19. ^atjrljunbertS entftanben, Ijier aufgufübren ober
gar ausführlicher gu betjanbeln. SBir feljen aber, roie neben ben
ßuderfabrifen unb Anlagen ber ßifeninbuftrie namentlidj ba§ 'JJlüfjlen*
geroerbe in ber 1837 troin Jlonful (ßaul ©utide erridjteten 9®alg
müljle, ber Sülldjoroer (Dampfmüljle (1857) ober ber Nlatjlmüfjle oon
91. £. ganber (1858) feften gufe bei Stettin fafete, roie bie ^erftelluug
djentifdjer <ßrobutten in (ßommerettSborf (1857) unb in Slienten (1872)
einen bebeutfamen 9lnfang naljm, roie bie feit alter Bcit betriebene
Seifenfabrifation altmäEjlicf) einen grofeen Sluffdjroung in oerfdjiebenen
Einlagen oon Srijinbler unb SRiitjell, oon grang ©djttlg ober (Dittmann
u. a. m, geroann. Namentlid) rourbe bann bie ^erftellung oon
©Ijamottefteinen in ber oon 5?. (Dibier 1852 begriinbeten gabrit unb
bie .gententfabritation in ber 1853/55 erridjteten erften beutfdjen
^ortlanb-ßenientfabrit oon großer Bebeutung. 3b* folgten bie 1862
oon ©uftao 9lbolf Soepffer unb ^>eiirri<±j ©raroitj angelegten gititen»
roalber unb bie 1871 gegrünbete Brebower gabrit. Sind) bie 1855
oon gof). üuiftorp in ßebbin erbaute Einlage, an bie fid) bann anbere
Unternehmungen anfdjloffen, rourbe für Stettin roidjtig. (Daneben
fanben bie feit alter Beit an ber unteren Cber beftefjenben Biegeleieu
bei ber roadjfenben Bautätigleit, roie e§ fdjeint, genügenbe 93ef<±)äfti=
gung. ©§ mögen nod) bie Brennereien unb Brauereien, 3>d)orien
fabrif (oon $. @. Sßeife 1866 angelegt), (Dampffdjneibcmüljlen erroäljnt
roerben, um ein Bilb oon ber allmäljlidj roadjfenben gnbuftrie Stettins
gu geben. gerucr entftanben in ber ONitte ber fedjgiger gatjre
©efdjäfte gur 9Infertigung oon .fjerreirfleibern im ©rofeen, unb mehrere
tjeute blüljenbe inbuftrielle Unternehmungen (g. B. oon 91. it'reij,
©. SBolfentjauer, ß. ßinbenberg, Störoer n. a. m.) gefjen in itjrem llr=
fprunge in biefe Seit guriid. 9llle§ bie§ geigt, bafe ber llnterneljmungg»
mut ber Stettiner, ber feljr lange 3*6 barniebergelegen ljatte, fidj
oon neuem gu regen begann, bafe ein frifdjer ©eift in bie ©efd)äft§
weit eingog, bafe fidj ein Vlitffdjroung anbaljnte, ber feöcfeft oerljeifeungS-
ooll roar. (Da§ Hingt audj burd) bie Berichte ber 9Jlagiftrat§=
fommiffare ober ber Sorftefeer ber Sfaufmannfdjaft bei allen 'lÖünfdjeu
unb Klagen feinburdj. 3ft im 9lnfange biefeS BeitabfdjuitteS oon
(bewerbe unb fcanbel.
463
größeren inbuftriellen ^Betrieben nod) nid)t bie ’Jlebe, fo gä^jlt ber
galjreSberidjt doii 1872 nidjt weniger als 41 inbuftrielle Slttien
®efellfdjafteu mit einem bar eiugegaljlten Slapitale von meljr als
26 aJlillionen Salem auf. Sie bet größeren gewerblichen
Einlagen aber mit Dampfbetrieb betrug 1870 überhaupt 75. '-fflerfeu
wir nod) einen SBIirf in bie alten Slbreß unb Sefdjäft§büdjer (Stettins,
bie feit 1829 im Srud erfdjienen finb, fo tonnen wir ebenfalls
ertennen, wie ^»anbwerf unb (bewerbe fidj entwidelteti, feitbem bie
1810 gefdjaffene Sewerbefreiljeit bie bibber in Sdjranteu gehaltenen
Strafte entfeffelt hotte. Clingen bei bem Söettbewerbe audj einzelne
alte (bewerbe ein, naljm aud) bie Sluflöfung ber fünfte ober ihre geit
gemäße llmgeftaltung vielen SJleiftern ben gewohnten .£jalt unb
Sdjutj, fo wurbe bodj ein neuer ®eift erwerft, ber fidj frei uub felbft»
ftänbig betätigte. SaS beweifen nidjt nur bie faft alljährlidjen
SßeiljnachtSauSftellungen, bie meift im „baijerifchen £jofe" ftattfanben,
jonberu namentlidj bie 1852 imb 1857 mit großem Erfolge veran»
ftalteten pommerfdjen Qnbuftrie=91usftellungen, für bie baS Ejergier»
hauS am ^Berliner Sore nidjt ausreidjte. 'Jlodj großartiger war bie
(bewerbe-- unb gnbuftrie»$>lu§ftelliing im galjre 1865; fiir fie würben
in ber ©euftabt unifaiigreidje Sauten erridjtet, unb in ber ©rinne»
rung ber Stettiner fpielte fie lange ^eit eine große Stolle. Illuch hier
geigte fid) ber Sluffdjwung be§ (Gewerbes, wenn auch ber Glefdjmad
unb bas tiinftlerifdje ®efüljl gumeift nodj fehr wenig auSgebilbet waren.
SaS trat audj in ben offenen ©efdjäften uub liäben gu Sage, bie
alle einfad) eingeridjtet unb feine große SluSwaljI boten. Sie gangen
©erljältniffe waren eben redjt befdjeibeu, fReidjtum, laSSoljlljabenbeit war
im allgemeinen feiten uub bementfprechenb bie ©adjfragc nadj CujuS
gegenftäiiben, baS Stangen nadj Steilheiten gering. Ulllniäljlidj rief
aber ber wadjfenbe ©erteljr audj fjier einige Stnberung IjetDor, ber
Einfluß ^Berlins madjte fidj geltenb. Son bort tarnen verfdjiebene
biSljer taum gum ©erlaufe geftcllte SBareu nach Stettin, bie Eefdjäfte
vergrößerten fidj, ja begannen audj bereits einigen SBert auf UluS»
ftattung unb Einridjtung gu legen. So eutwictelte fidj g. SB. bie 1831
eröffnete SJlanufafturen unb 'JJlobewaren $anblung (SJuftav Slbolf
Soepffer uub (£o. redjt bebeutenb, fo baß ber Qnljaber vor ber Stabt
eine eigen« Seibengudjt aulegte. ?lubererfeitS wurbe aber fdjon bamals
bie Silage laut, baß bie Slälje ©erlinS, obwohl man bamals noch
nidjt gar gu häufig eine Steife baljin unternahm, fauffräftige Sl'itnben
abgielje. Siefe Slonfurreng trieb aber bie ®e[djäftSIeute unb £>anb=
werter bagu, größere ülnftrengungen gu madjen, um fie au§ bem gelbe
gu fdjlagen. Sagu bilbeten fidj ^Bereinigungen uub ©efellfdjafteu, bie
464
®eifid)erunfl$»®efeOf<Mten unb Säulen.
eS g. 8. Stettiner Gewerbetreibenben ermöglidjten, 1851 bie ßonboncr
ober 1855 bie ißnrifer ÜBeltausftellung 31t befudjen. ©aburdj würbe
gewiß ber ©efidjtSfreiS erweitert, ber llnterneljnutngSgeift gewedt.
Tiefer ift and) beutlidj erfennbar in anberen Srünbititgen, unter
benen bie Berfidjeiung§=®cfelIfdjafteH unb Sauten eine befonbere
Bebeutung ljatten. Sie preußifdje BatioiialSerfidjerungs=®efellfdjaft,
bie gunädjft nur bie geuer» unb Transport Berfidjerung pflegte, würbe
1845 erridjtet. 1856 folgte bie ßebenS = BerfidjerttngS - Gefellfdjaft
„Germania"; mit ißrem großen Kapitale bebentete fie, al§ fie unter
ber ßeitung bes SireftorS Dr. Wmehtng einen großen üluffdjwung
naljm, eine fo bebeutenbe Gelbmadjt in Stettin, wie fie bie ftäbtifcfje
Spartaffe in älterer $eit »nrf)t barftellte. Siefe würbe 1823 eröffnet
unb fanb balb giemlid; großen ßufprudj. Vluf Slnregung beS SHittcr=
gutSbefitjerS oon Bülow Gttmmerow würbe 1824 oon einer Ber-
einigung angefeljener ®roßgrunbbefitjer Boi»»t<?ni§ uub Kaufleute bie
„Bitterfdjaftlidje ^Srioatbanr oon Sommern" begriinbet, al§ bie erfte
beutfdje Bnoatbant, ber bie Befugnis gur 'lluSgabe oon Sanfnoten
erteilt würbe, ßu bem Kuratorium gehörten Stettiner Kaufleute, bie
fiir bie ©ewäljrutig oon Blitteln gur £jebung beS BerfeljrS unb ^anbels
unb gur ^erftellimg oon ^eringSlagerljäufern auf ber ßaftabie eifrig
eintraten. Siefe Saut ljat, obwoljl fie, oielleidjt nicßt immer oljne
Grunb, uielfadjen Angriffen auSgefeßt war, ben größten Giufluß auf
ben ®elbuerfefjr in Stettin ausgeübt, bis 1846 bie preußifdje Saut
burdj eine neue Berfaffung meljr Bebeutung gewann. ®a§ etwa
1820 eingeridjtete Bantfontor befanb fidj am Betritirdjplaß im
(Salowfdjen £>aufe, würbe aber 1841 an ben fRoßmarft in baS eigene
©ebäube oerlegt, baS fjeirte ber 9teidjSbanf getjört; Sireftoreu waren
in biefer Seit Bauer, Beterfen unb Barfefow. Kleinere Banffjäiifer
gab eS 1858 in Stettin nur 6 mit 17 angeftellten Beamten; e§ mag
bas 1822 erridjtete BantljauS S. Sibel erwäljnt werben
3fn biefer ^Jcit trat natiirlid) aud) ber £>anbel in ein neues Stabium
ber Gntwidelung, freilidj nur feljr laitgfam uub allntäljlidj. 'Ser Sief=
ftanb war fo groß, baß eS bebeutenber Slnftrengungen beburfte, empor
gutommen. BJie ber Cberpräfibent Sad fidj um bie Hebung bemüßte,
ift fdjon wieberfjolt angebeutet worben, aber aud) iljm gelang eS
nidjt oljne weiteres, auf biefem Gebiete Grfolge gu ergielett. Gitte
Sdjöpfung, auf bie er felbft redjt ftolg war, war ber Stettiner SBoll
marft, ber gum erften Btale im ^uni 1825 auf ber ßaftabie ab^
geljalten würbe unb feßr erfolgreidj uerlief. Gr entwidelte fidj bann
immer weiter uub bradjte in ber BHtte 3uni jebeS Qaljr einen regen
Berteljr nadj Stettin. Befonbers als ber 'JJlarft auf ben Ba^^epläßen
S>er £>iutbe(.
465
ftattfanb, erwudjS in ber Stabt ein foldjer OlefchäftSuerfehr, bafj
aud) Rotels nnb fReftaurantS in biefen Sagen überfüllt waren
unb größeren Unifalj batten als oft fünft im ganzen übrigen gahre.
SaS waren glanjenbe Sage für bas $otcl be ^ruffe in ber ßttifcn»
ftraße, wo namentlid) ber poinmerfdje Mbel fein Slbfteigequartier hatte,
für bie SBcinteller ober ben „ßuftbidjten" in ber Srcitenftrafje. Mud)
bie bciben Sfaljniiärtte tjattcii bamals eine große Vebeutung. Sic
Leitungen füllten fid) mit Mutigen freniber unb einljeiniifdjer £>aiibel§
laute, Vergnügungen würben uerauftaltet, SehenSwürbigfeiten ftellten
fid) ein, bie ben Veifall ber fdjauluftigen 'JJieuge fanben.
$ier bewahrte ber £>anbel nod) feine alten einfadjen gönnen,
fdjwierig aber war es für ben Qlroßhanbel, fid) nid)t nur nad) bem
tiefen Verfall 511 heben, fonbern fid) and) ben Mnforberungen ber
mobernen Seit aiijiipaffen. (ES tarn eine Veriobe beS StillftanbeS,
bie 31t iiberwinben fid) bie tftaufmannfdjaft wol)l bemühte, aber taum
fertig brad)te. Sie Seitverljältniffe in ben erften gahracljnten waren
fo ungünftig, baß ber ©etreibeljanbel ganj banieberlag unb ber £>olj=
unb SBeinhanbel ber Slonturrena Jamburgs, ßübedS unb VremenS
unterlag. (Eine ausfithrlidje Sentfdjrift, bie oon ben Vorfteljern ber
Üaufmaiinfdjaft über bie llrfadjen bes Verfalls oon Raubet unb
Sdjiffaßrt Stettins 1828 veröffentlicht wurbe, fießt bie llrfadjen in
bem Vlangel an ftaatlidjem Sdjutj gegen ben fremben $anbel unb
gegen (Mefaljrett auf vielen $anbelSwegeu. Vlan verlangte beshalb
eine Sdjutjpolitif im weiteften Sinne; bie (Einfuhr fämtlidjer über
feeifdjer (Eraeuguiffe füllte nur burd) preußifdje Seehäfen erfolgen,
auf bem 'JJlittelmeere beu preußifdjen Sdjiffen Sicherheit verfdjafft,
£>anbel§verträge füllten mit ben fiibanicritanifdjen Staaten abgefdjlofjen
werben. SJlandje von biefen unb anberen Uöünfdjen würben erfüllt,
aber von größerem (Einflüße auf bie Hebung bes ^anbelS waren bie
Verbefferung be§ Sdjiffaßrtsiucges, bte fortfdjreitenbe Regulierung ber
©ber uub bie (Eifenbaljitverbiiibung. ^Sollten wir wieber Saßlen fpredjen
taffen, fo würben gerabe fie am bentlidjften geigen, wie Gin nnb MitSfuljr
bis etwa 1839 nur langfant ftiegen, bann aber rafd)er gunaßmeii,
wenn and) einjclne Sd)lägc nid)t ausblieben. gm gangen wudjs bie
SSareneinfuljr von 76000 Sonnen im Mnfange biefeS ßcitabfdpiittes
bis auf 496 000 Sonnen im galjre 1872. Sie MuSfußr, für bie
genaue Saßlen nidjt vorliegen, blieb junädjft weit hinter ber
(Einfuhr jitriicf, aber in ben galjren 1860 bis 1869 Ijob and) fie fidj
bebeutenb, nadjbein enblidj 1857 bet Sunbaoll aufgehoben würben
war. Sugleid) ließ bie neue Vahiwerbinbung mit Vofen Vreslau
baS Sefdjäft nad) öfterreid) trotj ber SitrrfjgatigSaöllc gana erljeblid)
ESe^rmann, SeWAtc »on Stettin. qn
466
ffihftliche 53efudje.
warfen. TaS ^anbelsgebiet erweiterte fid) bebeutenb, freilief) galt
eS in fdjarfen fiampf mit anberen flößen einguircten. Jür einige
Jahre tarn, wie fpäter bie flaufmannfdjaft in fchmerglicher Erinnerung
geftebt, „bie 3eit ber größten fßrofperität beS Stettiner EigcnhanbelS
unb ber Sieeberei". Tie jährlichen .fpanbelSberidjte ber Sl'aufmannfdjaft
enthalten ein reidjeS SJlaterial gur Eefchidjte beS Stettu.er £>aubelS
unb werben im flaufe ber Jeit immer reidjhaltiger. Trotjbeni
ift ihre Tarftellung bisweilen einseitig, allein vom Jiitereffe für
Stettin beeinflußt unb reich an Silagen unb Üöiinfchen. Seit ben
fünfziger Jahren etwa wirb eine größere Entwirfelitng angegeben,
unb 1853 [jeißt eS, baß bem Stettiner $anbel günftige Siefultate
möglid) gewefen feien trat} aller ihm entgegenftehenben ^inberiiiffe.
3u biefen gehören, wie befonbers 1865 unb 1866 hervorgehoben
wirb, fchon bamals bie ^öße ber ^afenabgaben — „fie finb ein
ftchenbeS Thema> baS immer unb immer wieber berührt werben
muß" — unb bie Stontiirreng Jamburgs, fowie bie JeftungSwertc
ber Stabt. 'Bon Eingelljeiten, für bie in biefen Jahresberichten ober
in ben ver|d)iebenen Leitungen uiel Stoff oorliegt, foll hier nicht bie
Siebe fein; eS genüge, bie gange Entwidelung be§ $anbeIS baljui gu
charatterifieren, baß er nach langfamem Slufftieg fich unter glüdlidjen
politifdjen fflerhältuiffen fchnell entfaltete unb in erfter flinie Eigen»
hanbel war, hinter bem bie Spcbition gitriiaftanb.
So bebeutungSvoIl biefe gange geitepoche fiir bie äußere unb
innere Entwidelung Stettins gewefen ift, fo wichtig finb fiir bie
Stabt natürlich auch bie großen Vorgänge in bem gefamten Slater»
lanbe geworben. Es war, als habe bie Jett ber Slot unb beS Un
glürfS bie Stettiner enger an baS preußifche ß’önigSljauS gefeffelt. 'JJiit
großem Jubel empfingen fie im Juni 1820 ben STönig Jriebndj
Sßilhelm III., ber bie JcftungSwerte unb bie ftirchen befidjtigte, eine
Sßafferfahrt auf ber Ober unternahm unb Swineniiinbe befudjte, um
bie angefangeiien Stauten in Slugenfdjein gu nehmen. Slocb größer
war faft ber Jubel, als bie gange föniglidje Jamilie im folgenben
Jahre in ber Stabt erfdjien. SJlan Ejatte bort wenige Sßochen vorher
eine Jeier gum EebädjtniS ber oor 100 Jahren erfolgten '.Bereinigung
Stettins mit Sfreitßeii begangen, wobei ber Cberpräfibent Sad ui ber
Jatobitirche in einer Siebe einen Siüdblid auf baS uctfloffene Jahr»
hunbert warf. Sinn begrüßte man ben JToitig unb feine Sohne unb
Tödjter, bie in Jiillchow baS flanbhauS ber J-rau Tilebeitt unb ben
SSeinberg bei Jrauenborf befudjten. Ein engeres IßerhältniS bilbete
fich balb gwifchen bem fironpringen unb ber Stabt. JebeS Jahr laut
er als Statthalter von fßummern, als Ehef beS gweiten Erenabicr»
23efud,e unb Seiet«.
4(i7
^Regiments ober als tommanbiereiiber Wciteral beS pommerfdjen Slrmee«
torpS nacf) Stettin unb geigte nicßt nut für ba§ Plilitär, fonbern für
bie gange Entwidelung ber Stabt ein regcS Qiitereffe. Turcß fein
lebhaftes, liebenSwürbigeS '.Kefen gewarnt er eine große Popularität;
man freute fid), baß er an ben Porgängen ber Stabt Slnteil iiaßiu,
baß er mit einigen Einrooßnern faft freunbfcßaftlid) oerteßrte, man
feierte jaßrlid) feinen WeburtStag nicßt weniger als beu beS Königs,
man begrüßte mit bcfonberen geftlicßfeiten aud) feine ©emaßlin, als
fie 1825 gum erften SJlale nad) Stettin tarn. Ter ftäbtifeße SBeinberg
bei grauenborf würbe bamals ber Kronpringeffin Elifabetß gu Gßreit
„ElifenßÖße" genannt unb bilbete fid) balb gu einem beliebten
Somnierlofale ber Stettiner ßerauS. Sind) baS erfte Stettiner Tanipf
fdjiff erßielt ißren Slawen. Tie ßoßen Wäfte ftiegen bamals ftets im
ßanbßaufe in ber ßuifenftraße ab, ba im Sdjloffe immer nod) bie
alte Pringeffin Elifabetß woßnte. Tie patriotifdjen Wefinnungcn
taten fid) in gaßlreidicn Webidjten tunb, bie bei foldjen Wclegenßeiten
oon bem Stralfunber PegierungSpräfibenten oon Dioßr, uon ßubwig
Wiefebrecßt, ß. uon SBallenrobt u. a. ueröffentlicßt würben. ?In ßoßen
Pefutßen feljlte eS and) fonft in ber Stabt nidjt; namentlidj aus Puß=
lanb trafen oft ^ürftlidjteiten in Stettin ein.
Paterlänbifdje feiern gur Erinnerung an bie großen Ereigniffe
ber ^reißeitStriege würben anfangs regelmäßig oeranftaltet. Pllnuißlicß
aber ließen bie neueren politifdjen Vorgänge im ^n- unb Sluslaitbe
folcße gefttage, wie ben 18. ©ttober ober ben 5. Tegember, an Pc«
beutung gurüdtreten. gaßrgeßnte lang uereinigten fidj aber nodj
alljäljrlid) am 3. 5e^ruar ^1C eßemaligen greiwilligen oon 1813
bis 1815. Sei biefer Welegenßeit war bis 1842 ein beliebter f}eft=
rebner ber Profeffor Dr. SB. Pößmer (f 1842), ber mit niedreren
feiner Kollegen am Wrjmnafium, wie befonbers bem Profeffor QuftuS
Wiinter Wraßinann (f 1852), in ben gwangiger Qaßren in Stettin ber
Pertreter beS in Teutfdjlanb ßerrfdjenben pijilßellenismuS war. Plan
fdjroärmte and) ljier für bie greißeitstämpfer, bilbete einen Perein ber
Wriedjenfreunbe unb ueranftaltete Sammlungen ober Kongerte guin
Peften ber Hellenen. Tie an anberen ©rteu ßerrfdjenbe Pegeifterung
für bie Polen tarn bagegen ljier nidjt redjt gum SluSbrud, ba gerabe
1831 Stettin oon ber ßljolera arg Ijeimgefndjt würbe. Trotj aller
SlbfperningSmaßregeln, bie uon einer eigenen bereits im ftuni ein
gefelgten ©rtstommiffion (SJlafcße, Scßalleßn, Dr. Pillrot) unb ben
4 Segirfstonimiffionen uorgenommen würben, troß aller SBarnungen
unb guten Patfdjläge, bie oiele Siegte, g. S9. ber Weneralargt
Dr. SBafferfuljr, in ber Seitung ueröffentlidjten, tarnen am 25. Sluguft
30»
4G8
(X^oterivlXnruben 1831.
bte erften STraiilljeitSfallc not. Tie ftrengen ißoligeiüorfdjriften über
Quarantäne, .Tesinfigierung, ^Begräbnis u. a. in. erregten bei ber un=
uerftänbigen SOlengc, bie barin eine Sefdjränfung iljrer greiljeit nnb
Sdjmälerung beS Serbienftes erbliche, nidjt geringen Unwillen. Tie
Vlufregung, bie infolge ber fdjrecflidjen $Tranff>eit bereits in ber (Stabt
Ijerrfcfjte, wudjS um fo meljr, je unfinnigere unb töridjtere Oeriidjte
uerbreitet würben. 91m 1. (September wanbte fid) bie SBut ber auf»
gebradjten SRaffe gegen einen Slrgt, fo bafe biefer burd) 2JliIitär
gefdjiifet werben mufete. Sim SIbenb tarn eS namentlich auf ber
ßaftabie 311 grofecn Unruljen; ber ißöbel [türmte bie bortige Slpotljete,
fowie baS .fjauS eines Stabtrates. Tie Sage wurbe redjt fritifdj, ba
ber gröfete Teil ber GJarnifon gur Sperre ber poliiifdjen Srenje aus»
geriidt war. Tod) ber gweite Kommanbanl Cberft uon Srijen liefe
bie guriidgebliebenen Solbaten alarmieren unb auf ber ßaftabie bie
tRnlje wieber Ijcrftellen, wobei eS iiidjt an ffierwunbeten feljlte. Ihn
foldje bebauerlidjen Vorgänge gu uerljinbern, bilbete fidj ein Sidjer
IjeitSuerein unter bem Sorfitjc bcS STonfulS Sind). Tie alten Sürger»
fompagnien würben aufgeboteit unb bewaffnet, bie {janblungSbiener,
bie Wpmnafiafteu unter bem Sloinmanbo bes IßrofefforS Soljmer, eine
berittene ©ürgergarbe übernahmen ben 'JBadj- unb ©rbnungsbienft.
Stuf bie Dlad)rid)t uon ben Unruljen eilte ber fl'ronpring fofort nad)
Stettin, tonnte aber lobenb anerfcunen, bafe burd) bie uerftänbigen
SJlaferegcln ber „guten ^Bürger Stettins" bie IRulje wieber l)ergeftellt
fei unb „bie irregeleiteten" beftraft ober jur ßrbnung gebradjt feien.
Tie Straufljeit hielt fid) bis in ben Tegember uub forberte im
gangen 252 Tote. Sm nädjfteu Saljre tarnen wieber uereiugelte gälte
uor, bie VJlaferegelu gegen bie Gljolera tonnten aber balb aufgehoben
werben.
TaSfelbe UnglüdSjaljr 1831 brad)te ber Stabt unb ber gangen
ißrouiitj einen fdjwercn Serluft burd) beu Tob beS hochuerbieiitcii
Cberpräfibenten Sad, ber am 28. guni 1831 ftarb. Unter allgemeiner
Teilnahme wurbe er in feinem (Starten au bet Stelle beS Ijcntigeii
SaljnljofeS bcigefeijt. Sei beffen Slnlagc bradjte man bie ßeidje in
em ®rab auf bem allgemeinen SegräbniSplatje, wo e§ nod) Ijctde
erhalten unb gepflegt wirb. Xöie allgemein bie Sereljrung war, bie
er genofe, geigte nidjt nur eine in ber gafobitirdje abgehaltene Se=
bndjtnisfeicr, bei ber SJhifitbirettor Oelfdjläger bas 9tequiem uon
DJlogart auffüljrte, fonbern and) bas Tcufmal, baS iljm bie Sl'auf»
mannfdjaft in ber tpiantagc oor bem Slönigstor erridjtete unb am
1. Slpril 1833 enthüllte. Seine 'Jladjfolger im Slmte, uon Schönberg
(1832—1835), uon Sonin (1835—1852), uon Seufft^ilfach (1852
Senfntrt! bc-3 ®rof;tn Jtmfihftcn.
4<>9
bi§ 18(56), uon fDHindjIjaufen (1866—1882), bemühten fid), in feinen
SScficn weiter 31t roaubelii nnb on iljreni Seile Stettins Untroidelung
gu förbcrn.
Sine Grinncrungsfeier wcir ntidj bic Gntljiilluiig ber oon 2. ®iü)
mann mobegiertcn Srgbüfte beS Kurfürften griebrich SBilljelm, bie
1834 auf bem ®d)lof;l)afe al? ein ©cfdient Des Königs aufgeftellt
rourbe. ®in Senrmal bem £>errfdjer gu erridjten, ber bie Stabt faft
470
griebridj SBilbtlm TV.
in (Mrunb unb Soben gefdjoffcn hatte, war eigentlich) mertwürbig,
aber bie SBunben waren längft gebellt, unb bte Seit batte allch Stettin
gelehrt, weldje Serbienfte fiel) ber große Kurfürft um fßommern
erworben ljatte.
Silit weid) freubiger Erwartung unb Hoffnung man in Preußen
ben ^Regierungsantritt beS Königs griebriefj SSilljelin IV. im fraljre
1840 begrüßte, ift geniigenb betannt. SRit ehrerbietiger Siebe ljatten
bie 'tßreußen an bem alten König gehangen, unb aud) „bas banfbare
Stettin“ bezeugte biefe bitrcfj Errichtung eines DentmalS, baS oon
fr Drafe aus weißem fararifefjem SRarmor gefertigt unb 1848 auf bem
KönigSplaije erridjtet würbe. Siele SSiinfdje waren aber unter feiner
^Regierung nidjt erfüllt worben; fo ljatten bie Stettiner nergebenS um
eine Erweiterung ber geftungSroerfe gebeten. Son bem neuen Könige,
ber Stettin fo oft befudjte, ljoffte mau befonbere gÖrberung ber
Ijeimifdjen fritereffen. Die freubige Erwartung ftieg, als er am
17. 3imi &er ftäbtifdjen Deputation, bie nadj Serlin gefanbt worben
war, offen ertlärte: „Unter nnS bleibt eS gang beim Eliten." Deshalb
empfing man ben König mit lautem frubel, als er am 19. September
bie Stabt befudjte, unb bereitete iljm einen feftlidjen Empfang. 3«
ber .^ulbigung in Serlin würben als Sertreter ber Stabt ber Ober»
bürgermcifter SRafdje unb ber Stabtoerorbneten Sorfteljer Eörlitj
gefanbt.
Salb traten audj widjtige tüuberungen unb Seffcrungeu ein, ber
Eifenbaljnbau unb bie Serlegnng ber ^eftnngcsiuerfe, unb trotj oieler
Euttäufdjungen, bie befanntlidj nidjt aitSblieben, witdjS bie Sympathie
für ben König, wie ein Sefudj im fruni 1843 bewies, hierbei
unternahm er eine gahrt bet Cber unb beflieg ben frilo, ber
turg oorljer gugänglidj gemadjt unb, wie es heißt. einem wilb»
beroadjfenen, ungitgänglidjen unb fterilen SBalbwipfel gu einem qe=
fälligen, wirtlidjen SRuljepuntte umgeftaltet worben war. 9luf ber
Heimfahrt beeljrte ber König baS Sdjütjenfeft in Sollinfen mit feinem
Sefudje. 'Die Stabt felbft gab iljin eine ’geftlirtjteit an ber Sri»jen=
Eidje bei frntenwalbe, bie er mit feinem Sntber SBilljelm 1821
gepflangt Ejatte.
Salb famen unruhige Seiten. Die innere Sßotitif trat in ben
Sorbergruub, bas Serlangeu nadj ber einft oerfprodjenen Serfaffuug
würbe immer lebhafter, audj in Stettin regte fidj baS frntereffe an
biefen unb anberen fragen, frn ben uereinigten ?(uSfdjüffen, bie am
18. Ottober 1842 in Serlin gufammentraten, waren bie pommerfdjen
Stäbte burdj oier Sbgeorbnete oertreten, unter benen fid) aus Stettin
ber Kommerzienrat SJißmann befanb. ES ift betannt, wie bie
Tie SortoffelreBolutioii 1847.
471
Beratungen wenig frncßtbar oerliefen unb „in biefer gäßrenben Seit
allerßaub unbeftimmte Hoffnungen erwecften, feine aber befricbigten".
Tie erregten Seuiüter würben in (Stettin oor allem audj uon wirt
fdjaftlidjeu fragen bewegt. Tie Slngelegenßeiteti beS SoIluereinS, bie
Ginfüßriing ber Gifenbaßtten unb bie baburdj ßeruorgerufenc llnt=
geftaltung beS HanbelS unb BerfeßrS, ber (Streit uni SdjttßgoII
ober greißanbel befdjäftigten bie Kaufleute aufs lebßaftefte. G§
bilbete fid) bereits banialS eine Gruppe rabifaler greißänblcr, bie
mit bem güßrer ber greißanbelSpartei goßit $rince=(Smitf) in Ber*
binbuiig traten. Sind) ben raftlofen englifcßen Agitator Gobben feierte
inan im Sluguft 1847 bei feiner Sluwefenbeit burd) ein geftntaßl.
Gin greißanbelSoerein wurbe im gebruar 1848 unter bem Borfitje beS
KonfulS (Muticfe gegriinbet; bod) fdjon bamals fam eS gu oiel=
fadjen Streitigfeiteu, wie bereits länger ein Sroiefpalt in ber Kauf
matinfdjaft ßerrfdjte über ben Ginfluß, Gingen unb 23ert ber Tiffe-
rettgialgölle. Gbenfo widjtig unb bebeutungsuoll war bie BleinungS-
oerfdjiebculjeit übet bie Gutwidelung be§ Gewerbes unb bie inbuftrielle
Tätigfeit. ?IIS im gaßre 1846 infolge ungewößnlicßer Trodenßeit
bie Grnte feßr fcßledjt ausfiel uub im folgenben gaßre bie fßreife für
ßebenSmittel, nameutlidj für Brot unb Kartoffeln, feßr fliegen, ba
brad) in Stettin, nadjbem eS in Berlin gu Gewalttätigfeiteu getommen
war, ein üliifrußr au§. Tie nieberen Bolfsntaffen, in benen fdjon
länger Ungufricbenljeit über ÜlrbeitSlofigfeit unb Teuerung ßerrfeßte,
glaubten, bic Regierung für alle Bot ber Seit uerantwortlid) madjen
gu muffen. 21m Sonnabenb, bem 24. Slptil 1847, fam eS bereits
am Blorgeti am Bollwert beim Berfaufe ber Kartoffeln gu erregten
Sluftritten, unb eS folgte ein Sturm auf einen ©berfaßn. SOlan
pliinberte iljii unb wanbte fidj) gegen bie Bäderläben; balb ßerrfdjte rwlb
ftänbiger Slufrußr in ber Stabt, gegen ben bie oöllig überraftßte
Boligei mad)tloS war. SSiie einft 1616 bei bem Biertuinulte gogen
pliiubernbe Sdjaren biirdj bie Stabt, fo baß bie gum grüßlingSmarfte
nacß Stettin gefommenen Häubler fdjuell ißre SBareu gu retten fudjteti.
Gnblidj am Blittag wurbe Generahuarfdj gefdilagen, Infanterie* unb
9lrtillerie-3lbteilungen befetjten bie Straßen unb nameutlidj bieBädereien.
VllS bie aufgeregte Blenge in bet Uiiterftabt nidjt weidjen wollte, ja
baS Blilitär mit Steinen bewarf, ba wurbe feßarf gefeuert; eS floß
Blut, aber bie Blaffen ftoben auSeiuatiber. gür bie ffladjt über»
naljmen bie alten Bürgerfompagnien ben Sßadjbienft. 2lm nädjften
Tage würben neue Berfmße gu B^inberungeu gemadjt, boeß fofort
mit ßfewalt giirürtgewiefeti. Tiefe „Jtartoffelreoolution" beuurußigte
baS gefcßäftlidje ßeben in Stettin auf längere S^J IIlaH mußte bie
472
©olitifdieS febtn in ber Stabt.
Berfäufer in poligeilidjcn ober militärifdjeii Sdjuß ncljmen, einen
feiten ©reis für bie Stiirtoffeln beftiminen, ein SluSfuljrucrbot erlaffen
unb bie VJlaljlfteuer auf einige ßeit teilroeifc aufljeben. SDie 9lnftifter
unb Seilneljmcr erhielten ljarte geridjtlidje Strafen. Bei ber Erörte»
rung ber Sdjulbfragen ftießcn bie Parteien arg gufamuien. DaS
politifdje ßeben rourbe reger, unb in GJefelffc^aften unb AllubS, unter
benen ber im £>otel bu 9lorb tagenbe Slorbflub befonberS beliebt
roar, befpradi mau bie Sagesfragen mit ßeibenfdiaft, begeifterte fid)
in feurigen greißeitSreben unb meinte oft bamit baS Baterlanb gu
retten. 9ludj in ber Sßreffe fanben, forocit öS bie ,$»nfiir erlaubte,
foldje politifdicn Erörterungen eine Stelle. Eine eigene ©lonatsfdjrift
fiir baS öffentlidje fleben begrünbete 1847 2B. flüberS unter bem
fJlamen „Der SBäcßter an ber Cftfee", ber „bie greiljcit wollte, bie
Blutter ber giuilifation, bie greißeit für 9lUe“, aber, roie refigniert
bemerft roirb, „oft fdjroeigen muß, wo eS ©flidjt roäre 311 reben“.
Die $eitfcßrift übte fdjarfe flntif and) an allerlei Stettiner guftänben,
roie j. 99. bem SefängniSroefen, unb beridjtete regelmäßig über bte
Berßanblungen beS BiirgeruereinS. Diefer ßatte fid) im Slnfange beS
gaßreS 1847 gebilbet unb befdjäftigte fid) nanientlicß nut toninui-
nalen Slngelegcnßeiten. Der Cberbürgermeifter'JBartenberg (feit 1845
im Slmte), ber Bürgermeifter Sdjallcßn (feit 1836 im Slmte),
anbere Blitglieber beS Blagiftrats, fionful Entidc, guftigtonuniffariuS
Sricft u. a. beteiligten fid) an ben 'Berßanblungen, eS gelang aber
nod) nidjt, baS gntereffe ber ©ärger an ben ftäbtifdjen Berßältniffen
in größerem Blaßftabe gu beleben. SBar bod) baS fogar bei ben
Stabtoerorbneten Berfammlungen nidjt Diel anberS; immer roieber
flagte man über ben mangelhaften Bcfud), unb bodj füljrte gerabe
bamals bie fiabinetsorbre uom 23. guli 1847 bie Cffcntlidjteit
iljrer Berßanblungen ein.
Die großen politifdjen gragen bewegten bamals bie ©emiiter
meljr alS bie fieiiten lotalen. BefonbereS gntereffe erregten natiirlid)
bie Berljanblungen beS uereinigten ßanbtageS, ber am 11 Slpril in
Berlin gufammentrat. Die pommerfdjen Stäbte roaren burd) 16 Slb«
georbnete uertreten, Stettin burdj ben Blebi.ginalaffeffor Slpotljefer
Bitter. Er trat bei ben Beratungen über bie Eintommenfteuer unb
baS gubengefeß ßeruor unb bcfürroortete bie uolle Emangipation ber
gilben So roar baS politifdje ßeben in Stettin gcroedt, ba bradj
baS gatjr 1848 an. Die erften Badiridjten uon ber ©arifer
fReuoIution tarnen am 28. gebruar an unb rourben auf ber Börfe
uom Kaufmann SBeibner uerlefen. fllatürlid) entftanb große Sluf
regung, bie uon Sag gu Sag iund)6 unb immer neue gorberungen
TaS 3oßr 1848.
473
and) fiir Preußens innere 3>iftänbe tjervorrief. Salb lief eine Petition
in ber Stabt um, in ber ein beut'djcS Parlament, Sßrefefreitjeit,
Sdjrourgeridjte u. a. m. geforbert rourben, unb am 12. fDtärj fanb
im Saale beS SdjüßenßaiifeS bie erfte politifdje Serfainmlung Stettins
unter bem Sorfitje bes SitftizfommiffariuS Trieft ftatt, in ber biefe
'Petition jaßlreidje llnterfdjriftcn fanb. gür bie Polizei unb bie
Siirgerfdjaft mar foldj eine Serfammlung gang etwas neues; man
mußte auf beiben Seiten nidjt redjt, mie man fidj oerljalten follte.
TeSßalb fanb fie, roie es fdjeint, nidjt bie Scteiligitng, bie man rooßl
erwartet ßatte. Jludj begannen fitfj jetjt bie 'Parteien 311 fdjeiben,
beu 'Jtabifaleii traten bie Glemäßigten gegenüber. Ta naljm fidj bie
Stabtuerorbnetem'Serfanimlnng, als baS offizielle Organ ber ©ärger
fdjaft, ber Sadje an. Sian berief bie erfte öffentliche Siljuitg zum
14 lülärz in bie Aula beS ©iimnafiitmS. Tort ftellte bet Sorfteßer,
Sueßbrurfereibefitjer $effenlanb, ben Antrag, eine Sitte um fofortige
Serufuug beS vereinigten ßanbtages an ben König zu ridjten. Tiefer
Antrag rourbe angenommen, bodj eße bie 'Petition abgefanbt roorben
roar, traf bie Sladjridjt ein, baß griebridj SPilßclm ben Söunfdj
bereits erfüllt fjabe; man begrüßte bieS mit gubel nnb oeranftaltete
eine glhnniuation.
Tie Sladjridjteit von ben .ffämpfen in Serlin erregten in Stettin
große Aufregung unb feßr verfrfjicbcne Seurteilung; eS fam bei ben
aufgeregten GJemütern rooljl z11 lebhaften Streitigfeiten, aber lluritßen
entftanben nidjt. Trabbi in übernahmen bie bewaffneten zeßn Sürger*
roinpaqnicu ben SPadjbienft unb füßlteit fidj hierbei ungemein roidjtig,
fo baß man fogar vorfdjlug, and) bie Sdjüijen z« 'Patrouillen zu
verroenben .£)ier unb ba fanben ©ufammenläiife, Katjenmufiten ober
fonftiger Unfug ftatt, im ganzen aber blieb alles ßarmloS. Tem feßr
beliebten (Sencral v. Sellin, ber feit 1825 Äommanbant ber ge|tung
roar unb 1837 fein fünfzigjähriges giibiläuin unter großer Seil*
naßme ber Sürger gefeiert ljatte, wollte eines Sadjts eine Sdjgr
ßerumfdjroärinenber Beute ein £>ocß barbringen Ter Vllte fußr feine
Stettiner nidjt fdjled't an, baß fie ißrem Könige nidjt bte Treue
ßalten wollten, trotjbcm jubelte man ißm zu. Ter fommanbierenbe
©eueral v. SSrangel ging bei folcßen Auftritten feßr »orfidjtig vor,
ganz i'ii ©egenfatje z11 feinem fpäteren Serßalten uub ßafdjte nadj
einer geroiffen Popularität bei ber Siirgerfdjaft. TaS 'JLRilitär mußte
weiße Siitbeu anneßmeii unb überall bas befte Ginverneßmeit mit ber
Bivilbevolferung an ben Tag legen. SBoßl räfonierten unb fdjimpften
einzelne rabifale Temofraten barüber, baß baS ftonigSrcgiment am
Kampfe in Serlin teilnaßm, uub erzäljltcn allerlei Sdjauergefdjidjten
474
Seitunßen.
uon feinem Verhalten babei, boct) biefe Wifjftimmung wurbe faum
allgemein, ba bie Solbaten bod) nur ifjre Sflid)t getan batten.
Ter Cberft bieft eS inbeS fiir nötig, fein ^Regiment zu verteibigen.
3u bem Segräbniffe ber in Serlin Sefalleiien, für beren £jintcr=
bliebene and) in Stettin eine bcträdjtlidje ®elbfumnte gefummelt
mürbe, begaben fid) Diele Stettiner in bie .fjjauptftabt. Wan feierte
burd) eine QUriiiiination baS, waS fiir baS Soll errcidjt 311 fein
fdjicn; babei wehten in ber Stabt and) fdjwarz-robgolbene ^aljneii,
bie al§ Seichen ber alten beutfdjen Slaiferßeit galten. Wit ßttbwig
Eiefebredjt begrüßten Diele ibeal gerid)tete Wanner bie neue beutfdje
Einheit unb erhofften non iljrem Könige bie entfdjeibenbcn Sdjritte
311m Sdjaffcn eines einigen TeutfdjlanbS. SSaren bod) bie meifteu
angefeljeneu Sürger bei aller bemofratifdjen Überzeugung non ftreug
monardjifdjer Eefinnung, unb biefer gaben Wagiftrat unb Stabt»
uerorbnetc in einer Vlbreffe, bie ber Sijnbifus Sierfe entworfen ljatte,
unziueibeutigen VluSbrucf. Vludj fonft zeigte es fidj, bafj oiele unflare
unb nermorreue Vlnfichten über bie Seitfragen ljerrfd)teii unb fid) oft
in fonberbarer Söeife funb taten. Ter Kaufmann 31. Woritj fetjtc
bamals einen non 100 griebridjSbor auS für eine Virbeit über
ben „SSert ober Unwert bes mobcrucn fiouftitutioualiSmuS" unb
beftellte alS ißreisridjter o. Setljmann ^jollweg, o. Stleift Wetjow unb
QulittS Stahl.
Tagegen ljielt Enbe Würz Stöbert Ißntfj, ber bamals in feiner
Saterftabt woljnte, brei Sorlefungeu, in benen er ben gefd)idjtlidjen
ßufamnienljang ber jüiigften Ereigniffe in granfreid) unb Tentfdjlaitb
nnb iljre Erfolge erörterte. Wit feinem glänzenben SHebnertalente
begeifterte er bie Suljörer, wie er and; fonft wieberljolt für bie
bcmofratifdje Partei ooll Eifer auftrat. So erfdjienen in ben Seitiingen
oon iljm verfaßte Slrtifcl, beren Sebeutung nidjt 311 verfemten ift.
Wit einem Wale gewann bie SJSrcffe eine Wadjt, bie fie bisljcr nidjt
gehabt ljatte. Unter ber ftrengften .ßenfur ljatte bie i?gl. privilegierte
Stettiner .Seitung ifjren ßeferu nur einige Widjridjten auS bem $n
unb VluSlanbe unb Vlnzeigen gebracht. Vludj für bie anberen ljier
erfdjeinenben Slätter war öS nidjt möglidj, eine offene Spradje 31t fiiljren.
TaS wurbe mit bem Erlaffe beS ^rcfjgefetjeS oom 17. Wärz 1848
aubers, unb alsbalb entftanben neue Leitungen ober bie bisherigen
würben umgeftaltet. Tie Cftfeezeitung fam oom 3. Vlpril an täglidj
IjerauS, felbft bie privilegierte -3eitiuig folgte vom 1. Qfuli an biefem
Seifpiele. SereitS am 1. Wai begann bie „Slene Stettiner Leitung"
Zu erfdjeineu. Ebcnfo verwaubelte fidj ber bcmofratifdje „SBädjter an
ber Cftfee" in ein roödjentlidj, bann täglidj crfdjeinenbeS Slatt Tic
®a8 politifdje feben.
475
Britber unb B. (Srafsmann gaben non SRitte 9Jiat bie „T'eittfcfje
üöorfjenfcfjrift fiir Staat, iTircfje uub BolfSIeben" IjerauS, au bie fid)
uom 1. Quli an bie uon benfelbeu SRannern rebigierte „Borbbeutfdje
Beitnng für ^oiitit, .fpanbel unb bewerbe" anfdjiof?. Sie uertrat
eine lonftitutionell-monarchifdje Bidjtiing unb Tiiinpfte mader bafür.
SUS SEöodjenfdjrift erfdjienen uom 1. ^fuli ab bie „'sJJatriotifcfjen Blätter",
bereu SRitarbciter befonberS aus afabemifd)en Streifen ftammten; roir
ftnben barunter befannte fRainen, roie SRegiernngSrat Biteimann, Staats
minifter fflierfe, Dr. Sdjarlait, Brofeffor gering, Slffeffor trieft,
Brofeffor Dr. SBonit;, Oberlehrer Dr. Sribel u. a. m. B» biefen
SBIättern tarn nod) ber „Stettiner Beobachter". Seiber fennen roir
uon ben meiften biefer Bedungen nur wenige Bummern, unb baS ift
um fo ineljr gu betlagen, als fid) gerabe aus ihnen bie Beitftininumgen
unb bie örtlichen Berl)ä(tniffe am heften erfennen laffen. Söir miiffen
beShalb oergidjten, weitere Gingelljeiten über bie Borgänge in biefer
Beit mitguteilen. B11 bebauern ift eS and), bafi private Slufgeidjnuitgen
über biefe Be<t nidjt belannt geworben finb, auS benen roir fidjer
mandjeS erfahren würben. Uöie mag bie beutfdje Srage in ben geiftig
angeregten Streifen Stettins erörtert roorben fein, roie ift tatfadjlid)
in ben verriebenen politifdjen Bereinigungen, befonberS in bem
fo!iftitutionelbmonard)ifd)en, bem pntriotifdjen St'Iub ober im BolfS=
uereine, bebattiert roorben! Bfm Cogengarten ober bei grauentnedjt
rourbe ntandj heftiger SBortftreit auSgcfodjten unb mit mehr ober
weniger BcrftänbniS politifiert. Bei entfdjieben bemofratifdjer ®e=
finnung, bie in weiten Streifen Ijerrfrfjte, bewahrten boefj bie meiften
Bürger ihre treue 9InE)ängIidjfcit an baS StöuigShauS. Unb wenn
man aud) auf Stönig unb Bringen gelegentlich tüchtig fdjimpfte, eS
rourbe bod) bem oiel verfannten unb oerleumbeten Bungen uon
Breufjen, als er am 2. Vluguft 1848 mit feiner ©emaljlin unb feinem
Sohne nach Stettin fam, ein feierlicher Empfang bereitet. 21uS ber
gangen Br°mttg waren Seute borthin gufaminengeftrömt, um ihrem
Statthalter Beidjeit ber Sreue unb Eingebung gu geben, unb bie
Demonftration einiger Stettiner Demofraten trübte bie greube wenig.
Bum Bertreter Stettins in ber grantfurter Bationaloerfammlung
rourbe Brüfeffar ßubroig Wiefebredjt geroiifjlt, ber fich *» ihr bein
rechten Bentrum, ber fogenannten Stafinopartei, anfdjlof). £?tjne in
ber Berfammlung befonberS heruorgutreten, hat er iljr bis gum IRat
1849 angehört; bamalS fdjieb er auS, weil in ihr nach feiner Slnfidjt
„gum 5Bol)Ie beS BaterlanbeS nichts mehr gu fdjaffen war“.
ßebljafter unb erregter rourbe baS politifdje Veben in Stettin
roieber im ^erbfte beS Jahres 1848, als fid) bie Unruhen in Berlin
476 Vertreter Stettins im Sanbtafle.
erneuerten unb bie preußifdje Slatioiialoerfammliing aufgelöft würbe.
ES ift betannt, baß fid) ber ßorn vieler Stettiner gegen beu ©eueral
o. SBrangel richtete, ber babei bie militärifdje ßeitung ßatte. Silan
braßte bie ©emaßlin bes fonft beliebten ©eneralS, ber am 13. Slpril 1784
in Gtettin geboren war, 31t bringen, ließ eS aber 311111 ©lüd uub 3ur
Qrettbe bes unerfeßrodenen Sitten bei leerer Troßung bewenben. ®ie
Jätigteit beS bcmofratiftßen SereinS war feßr rege, in ben Seituitgeti
unb ben Serfammlungen begann ein ßeftiger Kampf. Srotjbeiti ßat
man ben Einbrud, baß and) bamals biefe gan^e Seweguttg nid)t feßr
tief ging; fie befdjäftigte oorneßmlicß bie gebilbeten fireife, Kaufleute,
Slfabemifer, Seamtc, wäßrenb bie große SRaffe ber Scoöltcrung fid)
jiemlidi gleidjgiiltig ober ableßnenb oerßielt. Erging eS bod) bamals
maudjeni .£>eißfporn, ber auf bte Dörfer bei Gtettin ßinauSjog, feine
poltttfdje SMcisßeit 31t oerfüiibeit, übel genug.
Qn ber gur Sereinbarung ber preußifdjeii GtaatSoerfaffung be«
rufeiteu Serfammlitng war ber GtjnbifuS Eierte ber Vertreter beS
ft'reifeS Stanbow; er würbe im Quni 311m ßanbioirtfdjaftSniinifter
berufen, betleibete biefeS Stint inbeffen nur wenige SRonate. Qn ber
auf Sruub ber Serfaffttng oom 5. ’S'eßentber 1848 3iifamtnenbcnifenen
3ioeiten Kammer vertraten 31001 tonferoatioe Stbgeorbncte, ^iiftig=
tommiffariuS firaufe unb ber SlmtSrat Kögel in ©arbeit, ben SBaßl»
trei§ Gtcttm«@reifettßagen, wäßrenb in ber erften Kammer Stbgeorbncte
für Gtettin = SreifenIjagen = Gaaßig=,'f3t)riß ber llnterftaatSfetretär Eraf
0011 Siilow unb Seneralntajor oon ©raubt iu Serlin waren. Sind)
311m Erfurter Parlament wählten Gtettin unb Ereifenßagett ben
tonferoatiD=tonftitutionell gefilmten CDireftor ber g-riebridj-SWilßelntSfdjitle
Dr. Karl ©ottfrieb Gtßeibert, einen SJlaiut reattionärer, aber gut
beutfeßer ©efinnung. ®ie Jntigfeit biefer SRänuer in ben ©arla=
menten 311 fdjilbern, geßt über ben Slaßnien ber Gtabtgefdjidjte
hinaus, bagegen geßört in eine foldje bie folgeube Bufanimen
fte11ung ber 83ertreter Gte11in§ in bem preitßiftßeuflanb
tage: 1850—51: Erfte Kammer: SßaßlfreiS Stettin-Sianbow«
@reifeiißagen-5ßi)ritj: Cberpräfibeiit oon Sonin unb Cbergertdjtsaffeffor
Kolbe in Gtettin. ßweite Kammer: SBaßlfreiS Gtettin=@reifenßagen:
EiitSbeftijer Kögel in ©arbeit unb Kaufmann SScgener in Gtettin.
1852—54: Erfte Kammer: SSaßltreiS Gtettin: Kaufmann 'ISegener.
3>veite Kammer: SSaßlfreis Gtettin ©reifenßagen: ©utSbefitjer Sende
in .fjjctitridiSborf unb Kommei^ienrat SBitte in Gtettin. Qm Qaßrc 1854
erljielt Stettin ba§ Hledjt 311t ^ßräfentatiou eines SertreterS in bem
burdj Serorbnung oom 12. Cftober 1854 gebilbeten .^crrcitßaitfe.
Erft 1859 fdjeint eine foldje von feiten ber Gtabt erfolgt 311 fein; fie
Tie äußere fßolittl.
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ift feitbeni vertreten geroefen non 1859—1897 burd) ben Cberbiirger=
meifter gering, uon 1809—1895 burdj ben Stabtrat Tljeunc, uon
1895—1907 burd) ben Cberbürgermeifter Dr ^afen unb uon ba an
burd) ben Dbcrbürgeruieifter Dr. Vlcferinann. VIbgeorbnete ber jiveiten
Stammet waren für Stettin unb Sanbow 1856—1858 Seueral-
StonfuI ßemoniuS uub Slebijinalrat Dr. fftt)abe§ in Stettin, 1859
bi§ 18(51 gabritbircftor Toßru in Stettin unb fßrofeffor Sneift in
Serlin. Seit 1861 bilbete bie Stabt einen eigenen SBaljltreiS unb
iuar vertreten uon 1862—1866 burd) ßfoljn ^rince-Sntitl) in Serlin,
1866—1867 burd) beu Slebafteur 3Jlid)aeliS in Serlin, 1867—18K7
burd) ben überlebter Tbeobor Sd)iuibt (geftorben am 21. ßjanuar 1887),
1888—1908 burd) Seneralfcfretär 9JI. Srömcl in Serlin unb uon
ba an burd) ben ßfuftijrat ßippmann in Stettin, ßft and) in ber
erften ßeit bie ißarteifteHung ber Slbgeorbneten nidjt immer ganj tlar
unb beutlid) angegeben, bie meiften tjaben ben entfdjieben liberalen
Parteien angcljört.
SUS bie lebhafte Sewegung allmäljlid) abflaute, gingen aud)
mand)e oon beu ßeitungen, wie bie ißatriotifdjen Slätter, ber SJädjter
an ber Cftfee, bic Vleue Stettiner unb bie Slorbbeiitfdje .ßeitung wieber
ein. ?lllerbing$ entftanben and) neue, wie ber ©eneraDSlnjeiger (1849),
bie Sommerfdje ßeitung (1849—1865) unb 1859 ooit neuem bie
'Jleue Stettiner ßeitung, ber balb bie über ßeitung (1863—1875),
bie Stettiner (1865—1910) unb bie fpoinnterfdje ßeitung (1867
bis 1910) folgten.
Tic Sorgänge ber äußeren '^olitit fanben in ber Stabt nid)t
geringeres ßntereffe als bie ber inneren. ßs war uatürlidj, baß mau
l)ier ben Stampf iu Sd)leSwig-£>olfteiu mit befonberer Teilnahme ver-
folgte, bie freilid) erßeblirf) geringer wurbe, als bie banifdje Fregatte
„£jaufruen" ben fjafen von Swinemiiiibe eine ßeitlaug fperrtc unb
baburd) bem .£>anbel Stettins nid)t geringen Sd)abeu ^ufiigte. Uni
fo größer war aber bann bie Sefriebigung, als eS enblid) 1857 gelang,
bie Slufßebung beS Sunb^olleS gu erreichen. Sfie tjatte man gerabe
in Stettin über biefe Sefdjwernng beS CftfeeßanbelS gelingt unb
immerfort bie Sefeitigung geforbert! Troß ber banialS Ijerrfdjenben
^jnnbelStrifiS atmete man auf unb erhoffte von ber ßutunft eine
Sefferung ber Serhältiiiffe. Gbcufo eröffnete bie neue 'Sira, bie mit
ber Übernahme ber Slegcutfdjaft burd) ben fßrtiijcil SBilljelm begann,
frohe 31usfid)ten auf bic ßöfuiig ber beutfdjen fjrage, mit ber bie politifd)en
'-Parteien aud) in Stettin fid) lebhaft befdjäftigten Tavon jeugt bie
yibreffe, bie im fUnguft 1859 bie Sürgerfdjnft an ben 'Prinjregenteii
rid)tete. ülugeregt burd) ben Tircltor Dr. 'Jliuclniig fpradj fie barin
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Äronptirtj griebricf) SBilhelm in Stettin.
gang int Sinne ber Gifenadjer Grflarung, bie Stubolf uon Seiuiigfen
mit 34 Genoffe« um 19. JQfitli ueröffentlidjt ljatte, bie Sitte um
Sdjaffung einer neuen beutfdjeii 3clltralgewalt auS. ®iefe Stettiner
Slbreffe erregte großes Sluffeljen, ba fie bett ^Regenten jur Äußerung
über feine ißlöne unb Gebauten inbetreff ber beutfdjen ginge oer«
anlaffeit füllte. ®ie Slntwnrt, in ber mit aller Sorfidjt ber SBunfdj
nad) einer Umgeftaltung ber SunbeSoerfaffung unter „gewiffenljafter
Sldjtung nor frembem 'Jledjte unb fRüdfidjlnaljme auf baS gurgeit
ÜJtbglicfje" als berechtigt aiiertaniit mürbe, übte feljr oeifdjiebene
SBirfung auS. Siele Stettiner, unter ihnen audj Simeiung, wanbten
fich nom fRationaloerein ab unb fdjloffen fidj ber beutfdjen gortfdjritt§=
Partei an, bie auf lange in weiten Streifen ber woljlljabeiiben
Sürgerfchaft bie tjerrfchenbe blieb.
SRit SRitgliebern beS KönigSljaufeS trat Stettin in nähere Ser«
binbung, als 1859—1860 fßring griebridj Kurl bort als fßioifionS
fommanbeur ftanb unb mit bem tommanbierenben General u. SBttffow,
bem Dberpräfibenten o. Senfft ^ßilfadj u. a. Sertetjr unterhielt. Stach
ber iljronbefteigung König SBi IhelmS I bei beffen Krönung in
Königsberg ber Stabtoerorbueten=®orfteher3Begener(t 20. Sluguft 1862)
al§ einer ber nom pommerfcheu ^ßroniiiaiallaiibtage gewählten Sengen
gugegen war, wurbe ber Kronpring griebridj 'Willjelm gum Statthalter
oon fßommerii ernannt. Gr hielt im guli 1802 Sruppenbefichtignngen
in Stettin ab unb wurbe auf einer ©ampferfaljrt nadj graueuborf
nom ©berbiirgermeifter gering im Slaiuen ber Stabt begrüßt. ®er
Kronpring fpractj bamalS miinblich unb fdjriftlidj Stettin feine Srjmpatljie
au§ unb oerhieß, bafe er fich baS SBotjI ber Stabt befonberS angelegen
fein laffen wollte. Sei mehrfachen Sefudjen, mit benen er Stettin,
befonberS feitbem er im SJlai 1864 gum tommanbierenben General
beS 2. SlrmeetorpS ernannt worben war, beehrte, wieberljolte er biefe
SufidjentHg unb bewies fein gntereffe audj, als er im 'JJlärg 1865
brei SBodjeu mit feiner Gemahlin im Gebäube beS GeneraltommanboS
$of hielt- ®r nahm an einer Konfereng teil, in ber bie Sebürfniffe
beS Stettiner ^janbelS beraten würben, unb legte babei eine redjt
gute Kenntnis ber einfdjlägigen Serljältniffe an ben Sag.
JRitten in ber KonflittSgeit, bie natürlich audj *» Stettin bie
Gemüter erregte, oergaß man hoch nicht im gahre 1863 bie großen
Üaten uno Greigniffe gu feiern, bie oor einem halben galjrlj'tnbert
oor fidj gegangen waren. Sin bem großen beutfdjen Suriifefte, baS
im Sommer in Beipgig abgeljalten wurbe, nuljnten galjlreidje Stettiner
teil, bie am 5. Sluguft ben einbrudSoollen SBorten £jeinridj o. SreitfdjfeS
laufdjten. SBaS machte eS ihnen aus, baß fRobert Snit} in einem
Tie Strieße toon 1864 unb 1866.
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©ebicfjte über bie troftlofe ßage beS SaterlanbeS ben gcftjubel miß*
billigte unb SBaffer in ben SBein ber 53egeifterung fdjüttete! Sö. Glaus
(geftorben als penfionicrter Sßrofeffor ber griebrich -- SBillielniefdjiile)
antwortete iljm mit träftigen Sßerfen. gn (Stettin felbft mürbe am
18 Cttober em großes Eriniierinigsfeft gefeiert, baS auf bem Ejergier
platje uor bem berliner Tore ftattfanb. SJlagiftrat, Stabtuerorbnete,
Kaiifmanrrfdjaft, (he werfe unb Vertreter ber SBeljorben begaben fidj
in feierlidjem 3lI0e bortljin, SPruß ljielt bie JRebe, in ber er bie
yjhfjftimmung über bie politifdjen ^uftänBe hinter ber Erinnerung
an jene große Seit gurüeftreten liefe. Sind) am 5. Tegember gebaute
man in einer geier, bie ebenfalls galjlreiche Teilneljmer fanb, beS
Tages, an bem uor 50 fahren Stettin non ber Sloctabe befreit worben
war. ®eim Subelfeft ber Sdjladjt bei SHelli Sllliance (18. guni 1805),
gu bem ©iefebredjt eine Kantate bidjtete, bie Dr. Vereng tamponierte,
war bie Stimmung bereits guuerfidjtlidjer unb IjoffniingSfroljer. Tenn
ber bänifdte Krieg ljatte bie politifdje Sage geticirt, unb ber Erfolg war
audj in Stettin, obwohl eS burch bie Storfabe beS Swinenuinber ^afenS
abermals Schoben erlitt, nut großer ©efriebignng begrüßt worben.
TaS galjr 186f> brachte bann ben Slufang einer neuen ©eftal«
tung TeutfdjianbS, unb baS pommerfdje ÜIrmeeforpS, bas am 9. SJlai
mobil gemadjt würbe, naljm an ben Kämpfen ruljmreidjen Slnteil.
freilich wat eS eine fchwere Seit für bie Stabt; in iljr Ijerrfcfjte uom
guni bis gum Cttober bie Eholera unb raffte meljr als 2000 tßerfonen
baljin, bie Soljne Stettins ftanbeu auf SööljinenS Sdjlachtfeibern, unb
uicle uon iljnen gaben bort iljr ßeben für Das ißaterlanb hin. Silber
wie begrüßte man bie Erfolge! Sah inan bodj fdjon am 25. guni
ben gefangenen Kurfürften uon fieffen in Stettin eintreffen, wo er
anfangs im Schloße, bann im $otel be SfJruffe Sßohnung naljm, unb
balb aurtj gablreidje ofterreidjudje Kriegsgefangene, bie in gort Sßreußen
ober in ber Kaferne am Sdjnedentore untergebradjt warben. 3öie
jubelte ßubwig Siefebredtt bei ber SJladjridjt uon Königgrätj:
llnfre forgenuollen gragen
ßöften fich in wenig Tagen,
SSiS ber lefete Sweifel fchwieg.
Unb wir fdjaiien nun, wir aljnen,
^joljengollern, beinen gähnen
Schließt fidj au bie neue Beit.
Tie SHürfteljr ber fiegrcidicii Truppen, ber SBefudj beS Kronpringeu,
ber am 10. SDlärg 1867 bie iljnen uerlieheneu galjnenbänber über
brachte, waren patriotifdje gefttage, burch bie manche bisher Ijerrfchenbe
Spannung geloft warb.
480
Ter Ktieß von 1870/71.
5Bie lebte ber patriotifdjc Sinn ber Stettiner auf, al§ int
Sommer 1870 ber große Krieg begann! TaS ziveite SlrmeelorpS,
beffen Kommanbo an ber Stelle bes> Kronprinzen ber Seiteral
v. granfecfij iibernaljm, riirfte erft am 5. Sluguft au§, uatjni aber
bann au ben Kämpfen um IDletj, ^ßaris unb im Jura ruljnmolleu
?lnteil. Jn ber Stabt regte fiel) bie eifrigfte Tätigfeit fiir bie pflege
ber Krauten unb Serivunbeten unb für bic Serforgung ber gurücf«
gebliebenen Solbatenfamilien. 3m flanbljaitfe unb im Kafino arbeiteten
unb müljten fid) unermiiblidj Stettiner grauen uub Jungfrauen, au
ber Sörfe, in ben JeitungSejpcbitionen, m ben verfdjiebenen ÜlmtS
[teilen fammelte man Saben für bie Krieger. @ar maudjer Sürger
madjte fid) auf, um biefe beit im gelbe liegeiiben Solbaten 311 über«
bringen. SSie jubelte Mit unb Jung, wenn bie SiegcSiiadjridjtcn
eintrafen unb bie erften Tepefdjen bei Salomon am £>eumarfte an«
gefdjlagen mürben! Ta weiten bie Jahnen, ba feierte man überall
bie glänjenben Taten, illuminierte bie £>äufer, fang bie Kriegslieber,
von benen zaljlreidje Dr, ßorenz in fDhtfif fetjte. Stöbert Srutj ftellte
in geiftreidjen Sorträgen vielen guljörern bie beutfdje ßlefdjidjte
bar, bie jetjt 311 einem Ijerrlidjeii Jiele gelaugt 311 fein fdjieu. Ju
großer 3al)l mürben in unb bei Stettin fran^öfifdje (befangene unter«
gebradjt. Tie Offiziere erregten zmar burdj iljr Sluftreteit im £mtel
be ißruffe ober in ber Jennijfdjen Konbitorei f)in unb mieber unlieb«
famen Slnftoß, aber mitten im Krieg fdjloß fidj ntaiuf) Saub ber
greunbfdjaft mit ben befiegten geinben. Tie SUannfdjaften, bie un
gort Sßretißen unb in großen ßagern auf bem Sjerzicrplaß, bei sJleu«
Tontet) ober in Krcforn untergebradjt mürben, bilbeten einen befonbereii
Vlnjieljungspuntt fiir bie Jugenb. Sie fal) mit Staunen bie Beute
in ben üöallgräbeu nad) gröfdjen unb allerlei Kräutern fudjen unb
trieb einen lebhaften £>anbel um Uniformtnöpfc mit iljuen. Sine
nidjt geringe Jaljl von iljuen fanb ljier iljre letjte Siuljeftätte, unb
nod) Ijcutc zeigen Srdbcr bei Kretow unb grauenborf, fomie ein
fpäter erridjteter fflebenlftein auf bem ehemaligen 'JJlilitärfricbljofe vor
bem ^Berliner Tor, baß [jimberte von franzöfifdjen Kriegern fern
von ber $eimat beftattet worben finb. Tie Opfer, bie ber Krieg
and) oon ben Stettiner gantilien forberte, maren fdjwer, gar
uiandjcS blüfjcnbc ßeben fanb auf bem Sdjladjtfelbe ober in ßazaretten
ein Silbe, aber iljr Tob mar nidjt vergcblidj, ißre Slameii finb auf
Sljrentafeln in Kirdjen uub Sdjulen aufgezeidjnet. Sie ljaben mit«
geholfen, ba§ neue beutfdje Kaifertum z11 fdjaffen. Soll Jubel be«
grüßte man bie Erfüllung be§ alten SBunfdjeS nadj beutfdjer Sinljeit;
Kaifer Sßilljelm mar e§, 31t beffen Sljren bie Stabt im Januar 1871
SWdjStaßSubeeortniete (Stettins. 481
fid) gu feftlidjer geier meinte. ^tjnt unb feinem fiegrcidjen £>eere
gölten bie bantbaren Xßünfdje bei bem grofjeu griebenöfefte am
26. Februar, unb biefem ®anfe rourbe nad) Saljren Qn beuorgngter
Stelle ein beutlidjer Slusbrud gegeben, als um 1. Vlooember 1894
in ®egeniuart feines ©ntelS, bes JtaiferS Sßiltjeim II., baS .ffaifer»
unb $?rieger=®entmal, baS Start ^jilgerS auSgefüljrt ljatte, enthüllt
murbe. ®enfmäler fiir anbere gelben jener 3eit, ben Hronpringen
Sriebridj SBilljelm uub öiSmarrf, finb lange geplant, entworfen unb
befprodjen; wann fie erridjtet fein roerben, ift immer nod) groeifelljaft.
Stettin erhielt burd) bie SSerfaffung beS norbbeiitfdjen SinibeS
baS Uiedjt, einen eigenen Slbgeorbneten in ben neuen 'JieidjStag 311
entfenben. Sn ben fonftituierenben Dteidjstag rourbe 1867, nadjbent
ber guerft geroäljlte Dr. sJJlid)aeIiS=Ücferinun£)e abgeleljnt ljatte, ber
flonful (Suftao SDlitller (geft. 1889) gefanbt, ber bie ©tabt and) in
ber erften CegiSlaturperiobe (1867—71) oertrat. SBon 1871—78 roar
Sf). Sdjinibt Vertreter ber ©tabt, bann trat nadj einer feljr müljfamen
Söaljlfampagne SUbert ©djlutoro bis 1884 an feine Stelle. 9?on ba
an roar bis 1893 3Raj fBrbmel 'Jlbgeorbneter Stettins; er oerlor für
bie ^fatjre 1893—1898 bas 'JJlanbat an S^B Herbert, erlangte eS
1898 nod; einmal, um eS 1903 abermals an jenen abgugeben.
1907 rourbe Dr. ®oljrn gum SleidjstagSabgeorbneten geroäljlt.
'.Bielleidjt eine $olge ber neugewonnenen ©rofjniadjtsftellung beS
beutfdjen SieidjeS roar eS, bafj eS gelang, eine alte Sortierung Stettins
an bie strone Sdjroeben enblidj gn erlebigen. SluS bem 3faljre 1655
ftammte ber 'Jlnfprudj ber Stabt auf bie Stüctgahhing einer ber fdjroebi«
fdjen ^Regierung geleifteten galjlnng, bereit (Srftartung in ber £>o(je
oon 41000 Malern 1660 jugefagt roorben war. Sielfache Serfndje,
bie Sadje im SBege ber Serljaitbluitg auSgugleidjen, roaren immer
roieber vergeblich geblieben. ®eSljalb rourbe 1870 ber JRedjtS»
weg befdjritten, gleidjgeitig aber ein ®ergleicf) angeboten. ®iefer tarn
burdj bte Oemiiljuttg bes St niferlidjen Ofefanbten tn Stodljolm, Sreiljerrn
d. Siirfjttjofen, guftanbe, unb im Slpril 1872 erfolgte bie 3aEjlung
oon 36 862 Malern 4 Silbergrojdjen 6 ^Pfennigen an bie Stiinuiierei=
taffe 'Ulit Sefriebigung erfüllte biefe ©rlebigung einer langwierigen,
unangenehmen 9lngelegeiitjeit bie Stabtoäter. Csbenfo betaut bie Stabt
im Suli 34000 Jaler gurücferftattet für bie Untcrftütjungen, bie fie
an Stauen ber gum Kriege cinbernfenen ßanbroeljrleute gegaljlt hotte.
Üöeldj eine Jeit oon 1814—1871 ift oor unS ooriibergegogen!
iÖeldjen SBecfjfel nnb was für SJeränberungen hot fie audj ber Stabt
Stettin gebradjt oon ber S^’^tK^föloft ber Srall8°fen bis gum
Siege über fie, oon ben Schreit, ttt benen fie ftolg als getreu
a.‘et)rtnann, QtefrfMte Bon Stettin. o«
482
®a3 .(iirdjemvefen.
in ber (Stobt geboten, bis gu bem Sfaßte, in bem fie als ©efangene
bort weilten! Unb bodi tritt ber llinfcßwung nidjt am tlarften in
ben äußeren ftaatlidjen über ftäbtifdjen ißerßältniffeii gu Sage, fonbern
er macßt fid) vielleicht nod) meljr geltenb in ben inneren, namentlidj
ben geiftigen guftänben. ©iefe (Entwirfelung im eingelnen gu fdjilberu
ift ßödjft angießenb, aber auch fdmnerig; man müßte, um fie beutlidj
oor Singen gu ftellen, bie gefamten geiftigen unb fogialen Strömungen
beS 19. 3fahrhlin^ert§ wenigstens bis etwa 1870 in ÜSetraißt gießen
unb geigen, wie fie in Stettin gum SluSbruct gefommen finb. ®a
oaS über ben Slaßnten biefer Stabtgefdjidjte ßinauSgeßt, fo mögen
einige Slnbeutungen unb lofale (Erinnerungen genügen.
(Eine Sleftauration bcS ftirdjenwefenS nad) ber fVrangofengeit
erwie§ fid) balb alS burißauS notwenbig. 3ur|öct)ft galt eS, äußerlidj
bie ßirdjengebäube wieber ßerguftellen, bie gumeift gu profanen
3wecten benutjt worben roaren. ©ie Slitolaitircße rourbe, wie bereits
berichtet roorben ift, gang abgetragen, bie ©emeinbe nadj St. QoßanniS
oerlegt. ©iefe fiirdje erfußr einen umfangreichen SluSbau, ber aller=
bingS bie üblen folgen beS fdjlecßten SangrunbeS nicßt gang befeitigeu
tonnte. Sleu geroeibi rourbe im Sluguft 1818 bie ißeter=ißauIStirdje,
bie man aud) SBalltirdje nannte. Qfßre Umgebung rourbe freunblidj
geftaltet, als 1844 ber Kaufmann $. ©. SLloigt ben ißlatj mit Slnlagen
oerfeßen ließ, unb 1858 erßielt bie ffirdje burch föniglicße ©nabe
einige gemalte ©laSfenfter. ©ie Scßloßhrdje, in ber bie Warien
gemeinbe ißr tirdjIidjeS $eim erßielt, rourbe 1819 unb 1893 im
Innern ausgebaut, St. J^atobi befam 1827 eine neue fdjöne Crgel, um
beren Slnlage fich ftarl Soewe befonbers bewußte. ®aS eingige neue
SotteSßauS, baS in biefer $eit errichtet rourbe, war bie 1861 geweißte
tleine ßutaStirdje in Hupfcrntiißle; fie blieb aber im eng|ten ßufammen»
ßange mit 93eter=93aul, unb ein Verfließ, bort, foroie in ©raboio,
SSreboro, giilldjoro neue ißaroeßien gu begrünben, gelang nidjt; bie
Staöt ©raboro mußte fidj mit einem tlencen Setfaal begnügen. Sludj
bie tatßolifdje ©eniemoe in Stettin roar nidit imftanbe, fidj ein eigenes
©otteSßauS gu errießten, fie benußte einen Saal im Sdjloffe weiter,
obrooßl er oiel gu tlein roar. ©ie jübifdje Senieinbe bagegen, bie
fidj erft 1816 bilbete, naeßbew bureß baS ©bitt oom II. Vlärg 1812
bie biSßerige SBoßtumgSbefdjräiitung aufgeßoben roorben roar, unb
balb roudjS, erridjtete fid) um 1836 ein eigenes ©otteSßauS auf einem
Srunbftiide am SRofengarten. ©ort würbe bann 1873 —1875 nadj
ben Sßlänen beS Stabtbaurat Struljl eine ftattlidje Synagoge erbaut.
Dbrooßl fo troß ber gunaßnie ber ©eoölterung nur eine neue
unb bagu feßr tleine Slirdje erftanb, bagegen groei große in ben legten
Saä firrfjlirfjr ßeben.
483
3aljrge(jnten uerfdjwunben waren, tann man boaj eigentlich nidjt fageii,
baß tirrfjlidjeS ßeben unb religißfer Sinn in (Stettin mangelten. frt
eingeluen ©cmemben, 3. 8. ber frangöfifdj-rcformierten, in ber ernfte
Stauner, wie fr 91 Sliquet (1811—39) unb 9t. s^ßalmi<* (1840—58),
tätig waren, ober in ber Sdjlofetirdjc, iu ber neben 93. @. JRidjter
(1818—1862) unb G5. (JaruS (1864—79) bie ©eneralfiiperintenbenten
Sifdjof Shtfdjl (1828—1854) unb D 91. ®. Jaspis (1855—1885)
©otteS Söort nertünbeten, war bei aüeii Sdjwantungen unb 98ano
hingen, ber bie djriftlidje ßefere in biefer $eit unterworfen war, ba§
religwfe ßeben rege uub guni Seit oon tiefem ©rnfte erfüllt. 9iuci,
anbere ©eiftlidje, wie ß. ßijbell (1817—1826), 3H. fr @. Sdjünemann
(1820—1851), 91. $1). Sonfen (1852—1885), fr £1). frfcfeer (1827
bi§ 1853), ©. 91. Scfeiffmann (1843—1883), C. fßauli (1861—1900),
fr fr 91. Steinmefe (1862—1906) an St fritobi, fr 65. 91. Sefdienborf
(1827—1875), & 98. friebridjS (1856—1892) an St. 3ofeanni§-
Slifolai, ß. 91. 9®. frniat, (1828—1'854) an St. Giertrub u. a. m.,
waren in weiten Greifen beliebt unb angefeljen unb wirften gum Seil
über iljr geiftlidjeS 9lmt feinauS in fegenSreidjer Sätigteit auf uer«
fdjiebenen ©ebieten. ßbenfo erfreuten fid) bie ißrebiger an St. fßetc r
<PauI, wie fr ®. fleng (1789 — 1826), fr fr Steinbrürf (1788—1841),
.£>. @. £jafper (1851 —1880), @5. $>. 91 Hoffmann (1838—1883), in
iljrer ©emeinbe grofeen 9lnfefeenS uub wufeten djriftlidjen Sinn gu
werfen unb gu pflegen. 9UIe hielten treu gu ber 1817 gefcfeloffenen
Union unb waren in ber bamals gefdjaffenen Bereinigten Sijnobe m
bunben. Saneben entftanben fpäter feparierte ©emeinben uub Heinere
Setten, bie fidj ©otteSljäufer nnb Selfäle in ber 9leuftabt erridjteten
uub ebenfalls ein reidjeS ßeben uub 98irteu entfalteten. Sie beutfdj
tatfeolifdje Sewegung, bie 1844 burd) Htouge uub ßgerSti eingeleitet
wurbe, fanb audj in Stettin 'ffiibcrljall. .fpier bilbete fid) im
frili 1845 eine tleine ©emeinbe, bie iljre GJotteSbienfte in ber 9lula
be§ G5ijmnafium§ abfiielt. ßbenfo entftanb in berfelben $eit, an
geregt burd) bie fogenannten ßicfetfreunbe, eine freie ©emeinbe, bie
inbeffen feine gröfeere Sebeutitiig gewinnen tonnte.
Ser ©berpräfibent Sarf batte aitdj fiir tircfelidje unb religiöfe
9lngelegenljeiten ein rege§ fritereffe. So war bie erfte feiner uielen
©rünbitngen uon Vereinen unb ©efellfdjaften 1816 bie ber Sibel
qefellfdiaft; er qab 1821 bie 9lnregiing gu ber ßrinneriingdfeier an
bie uor 700 fahren erfolgte 9lntunft be5 SifdjofS SDtto uon Samberg
ui fßn,n|ncrn unb nafem lebhaften 9hiteil an ber ©ebädjtnisfeier be§
9lug§burgcr SctenntiüffeS (1830). frir bie Hebung fittlidjer 9lotjtänbe
bilbeten fidj pim Seil auf feine Seranlaffung Serenie, g. S. gur
81*
484
ShimLn unb Slinicnpfleße.
Sefferung entlaffener ©efangenen unb gur pflege uerwaljrlofter Winber.
1831 wurbe in Sülldjow baS SlettungSbauS eröffnet, baS fid) fpäter
unter ©uftau QaljnS uerftänbnisuoller Ceituug gu großem Umfange
enrwirfelte. Qn ber Stabt felbft fragte eine am 18. SLRai 1837 auf
ber Caftabte eröffnete Winberbewaßranftalt für bie unbeauffidjtigten
Kleinen. Der Krauten unb Ungliidlidjen tiafjin fid) bie djriftlidje
Ciebestätigfeit an in ber uon '21. SR. 65röpler (geft. 14. Januar 1875)
1850 begriinbeten ©linbenanftalt, bie Fpäter ein fdjönes $eim in
SReu=Dornei) erljielt, in ber ©löbfinnigen=9lnftalt Kiirfenmiitjle (1862),
in bem Kutber= unb Diafoitiffenljaufe Salem (1868), für baS fid) ber
Kronpring griebridj SBilljelm nnb bie Wronpringeffin ißiftoria fonberlicE)
intereffierten, in bem uom fiommergieiirat duiftorp geftifteten
Kranfenbaufe SJetljanien (1869) unb in anberen Slnftaltcn. Söie ein
Wrang legten fie fid; um bie alte Stabt, fie gu fdjütjen uor geiftigem
ober förperlidjem Grleitbe. 5Radj einer Seit, in Der baS ßtjriftentum
foldje SBerte ber Ciebe über Oiebüljr uernad)läffigt ljatte, erroad)te
befonberS in ben fed)giger Qaljreii wieber ber Sinn für pratnfdjcS
SBirten, wie e§ ßljriftuS feine Sfünger geleljrt ljatte. Das geigt fief)
aud) in ber guneljmenbeii 5Bol)lrätigfeit, bie fid) freilid) aud) uorfjer
bei allen möglichen UngliidSfällen betätigt ljatte. Qn ^eH Äfcitimgen
finben fid) immerfort Sitten unb Slufrufe, in benen gur Sammlung
uon (Selb für arme SlbgcDrannte aufgeforbert wurbe, unb oft erwieS fidj
bie SRilbtätigfeit ber Stettiner feljr freigebig, wie g. S. bei bem grofjeu
©raube uon Jamburg (1842). Snfolge foldjer ©efinnung erfuhr audj
baS trmenwefen in biefen Sfaljren erljeblidje Serbefferuiigen in
feiner Verwaltung. DaS frütjere fogenannte gudjtljauS wurbe gu
einem Slrbeitsfjaufe umgebilbet, baS s2lrmenßauS erljielt als Siedjen*
anftalt neue Släume in einem Sliigel beS KranfenljaufeS, baS SertrubS-
ftift wurbe inngebaut uub für baS Klofter, wie bereits erwähnt, ein
großer '.Reitbau erridjtet. Die Ceituug beS gefamtcu SlrinenwefenS
ljatte bie 'Jlrinenbirettion, ber eiugelue Deputationen gur Seite ftauben.
Durdj baS Vegulatiu uom 26. 1866 wurbe biefe Verwaltung
uiugeftaltet; bamals ridjtetc man 24 Slrmentommiffiouen ein. 3U ben
alten ^jofpitälern, uon benen baS Vercfljoff Stift 1 «33 fein 20üjäl)iigeS
^Jubiläum feiern tonnte, laut bas grofje SaIingre=Stift. VereitS 1841
war ber Stabt ein VermädjtniS beS ©eß. WommergienratS S-riebridj
Söilljelm Salingre gugefallen. Über bas Kapital fam eS aber gu
langwierigen Streitigfeiten mit ben ®rben, unb erft am 13. Sep
teniber 1855 tonnte bas ©euaitbe in ber fReuftabt mit 34 SBoljnungeu
für IjilfSbeburftige Stauen eingeweiljt werben. 3»f(iin'iten mit bem
großen Qoljaiinistlofter umfaffen biefe SBoljItätigteitsanftalten einen
SanitätSroeffn.
485
Komplej uon mefjr al§ 70000 IQuabratfuff. ?ludi baS ftäbtifdje
SBaifeiifjauS, beffcn Uiiterljaltung oiel Sorge unb SJlülje gemadjt ljatte,
erfjielt 1856 in ber (flifabetljStraffe ein neues Sebäube, baS Baum
für 140 K'inber bot. gn Sülldjow beftimmte grau Silebein (geft.
am 21. Sluguft 1854) iljr oiel gerüfjmteS ßanbtjaud gu einem Ber»
forgungdljeini für unuerljeiratete Södjter non Beamten, Kaufleuten
unb .(janbroerfern aus Stettin. Bon anberen SSoljltätigfeitseinridjtuiigen,
roie bem Bürger-Bettinigs-giiftitut, ift fdjon beridjtet roorben, e§ ent»
ftanben nodj nteljrere foldje Stiftungen unb Sriinbiiugen, roie g. B. baS
£janbhmgS»2Irnien»gnftitut, ber ifraelitifdje SÖoljltätigfeitsuerein, Slftjle
unb Cbbadje u. a. in.
Sas SanitätSwefen gu orbncn unb gu oetbeffern roar in biefer
Seit befonbere Beranlaffung, ba roiebertjolt bie Uboiera in Stettin
auSbradj. Shiffer in ben galjren 1831 unb 18i>6 trat fie gum Seil
nidjt niinber fdjretflidj 1848 unb 1849 auf. Sie gangen gefunbljeit»
lidjen Berljältniffe ber Stabt roaren, roie bie mebiginifdj-topograpbiidje
Sfigge uon Dr. ß. ,£>. Blütler (1843) geigt, roenig günliig. Sad lag
nidjt allein an allgemeinen, oom Klima uub oon ber Sage abhängigen
Berljältniffen, fonbern ljatte feine llrfadjcn audj in ber engen Bauart
ber Stabt. Sie Kinberfterblidjfeit roar redjt groff, man muffte aber
faum etwas bagegen gu madjen. gnöeffen begann man bodj bie
Kraulenauftalten gu uerbeffern; bas alte „Stabtlagarett“ rourbe 1838
abgebrodjen. BBäljrenb beS BeubaueS benutjte man eine Bararfe au
ber grünen Sdjange, bie fpäter nodj bis 1859 als ißoctenlagarett
biente. 1840 formte ber Bau am Blabrin, ber für 162 Kraute
Baum enthielt, in Benutjung genommen werben. (Sin Kinberfranfen»
ljauS rourbe 1851 in ber Kinberljeilaiiftalt, bie anfänglidj and) in ber
ißlabrinftraffe, bann aber im eigenen £>anfe in ber Bcuftabt unter»
gcbradjt roar, Sauf ber Beniiiljiiiigen bed Sei). BlebiginalratS
Dr. Steffen eröffnet; balb trat iljm fein Soljn Dr. 91. Steffen (ge=
ftorben 1910), ber eine Slutorität auf bem Sebiete ber Kinberfjeilfunbe
rourbe, gur Seite. SaS alte ^cbammeninftitnt erfjielt 1868 ein neueS
$eim in ber ©lifabetlj»Straffe; Blebiginalrat Dr. Beljm (geft. 1880),
ein audj auf anberen (Gebieten ber 5öiffenf<fjaft tätiger Wann, ljatte
lange galjre bie ßeitung biefer Slnftalt. Ser fßflege oon Kranfen
and) au§ ber Stabt bienten bad 1862 erridjtete goljanniterfranfentjauS
in Siilldjoro unb USafferfjeilanftalten in ßcferberg unb grauenborf.
Braftifdjc Slrgte waren in Stettin 1821 nur 11 vorljanben, gu benen
nodj 8 Sljirurgen famen, Slpotfjefen gab ed 5. Sic Qaljl ber Birgte
belief fidj bagegen 1857 bereits auf 44 promoüierte unb 11 Sßunb»
ärgte. SamalS taten ficff bie tJirgte gu einem wiffenfdjaftlidjen Berein
Safi ©cljulwefen.
486
gufanunen, ber feitbem fiir bas SanitätSwefen ber ©tabt non nidjt
geringer SBebeutung gewefen ift. $n iljm waren audj bie weiften ber
alten Slrgte tätig, beren Slawen nodj Ijeute in bantbarer Erinnerung
fortteben E§ mögen nur einige genannt werben, au§ älterer Beit
SJlcbiginalrat Dr. ßcßniann (geft. 1827), Dr. fRljabeS, Dr. Sefjm
(geft 1880), Dr. Steffen, ft'reiSpljijfifuS Dr. Eeletnetp unb GJeiierab
argt Dr. SBafferfußr, au§ fpäterer Dr. 91. Steffen (geft. 1910),
Dr. fRunge (geft. 1876), Dr. SBißuiaitn (geft. 1881), Dr. E. SBraub
(geft. 1897), Dr. ftugler, Dr. ©djfeid) (geft. 1907), Dr. 23oijfen
(geft. 1901), um lebenbe nidjt gu erwähnen. gnfolge ber ftetig
wadjfenben Sevölterung war es nötig, 1868 einen neuen SegräbniS-
plats bei Sleniiß einguridjteii unb in (Gebraudj gu neljmen. 2luf bent
alten griebfjofe bei ben Einlagen unb bort braunen ljabeti bie SJlänner
unb grauen, bie in biefer Beit in Stettin wirftcn unb arbeiteten,
gumeift iljre legte ffiußeftätte gefunben. fflland) Erabbenfntal, einfad)
unb fdjlidjt, geugt oon iljuen unb ruft fie bem nactjlebenben (Gefdjledjte
in§ (GebädjtniS, bafe nad) OJiefebrecfjtS SSorteu
fie niebeu aud) mögen leben
int .fjergen, ba§ oon ißnen fpridjt.
Ear oiele, bie e§ woljl oerbient Ijätten, finb in biefer ©arftelluitg
nidjt genannt worben, aber fie follen barunt borg nidjt oergeffen fein
Hielte (Generationen wudjfen Ijeron. gür fie gu forgen, fie gu
tiidjtigen Bürgern Ijerangugiefjen, war bie 9lufgabe ber Sdjulen, bie
im ßeben ber Stabt naturgemäß eine große SJebeutuug ljaben unb
eine widjtige Hlolle fpieleii SBa§ ljatte g. SB. in ber Heineren Stabt
baS Eijnmafium für eine Stellung! E§ war, befonbers nadjbcm e§
iu bent Hleubau auf bem SJlarienplatj ein für jene Beit großartiges
$eim erljalten ljatte, ber Stolg ber gebilbeten ftreife. Eine Baljl
tjenwrragenber ßeljrer, bie auf baSCSeiftesIeben ber Stabt großen Einfluß
(jatten, war an iljm tätig, ber Sdjulrat Dr. gr. ftodj (geft. 1849),
bie SJirettoren £>affelbad) (geft. 1864) unb .ßjeijbeiitann (geft. 1877), bie
ißrofefforen g. (G. (Großmann (geft. 1852) unb fein Soljn fp. (Großmann
(geft. 1877), ber bebeutenbe HJlattjeniatiter unb Spradjgeleßrte, ber
oft genannte Siditer ßubwig (Giefebredjt (geft. 1873), bie (Gefdjidjts
forfdjer SS. Söljmer (geft. 1842) unb .£>. gering (geft. 1886), ber fein*
gebilbete ?l. SSellntann (geft. 1851), ber Spradjforfdjer ft. E. 21. Sdjmibt
(geft. 1869), ft. Stal)r (geft. 1863), $. Boniß (geft. 1888), (G. ’Spitfdj
(geft. 1903), ber geniale g. g. Ealo (geft. 1872) uub oiele anbere
Sdjon biefe Hlamen, bie gum Seil weil über bie Stabt IjinauS belannt
waren, rufen in alten Sdjülern eine gitlle oon Erinnerungen Ijeroor
unb werben nod) ßeutc iu bantbarem (Gebädjtuis bewahrt. Slntjänglidjfeit
©aS Gdjuliveftit.
487
an bie alte Wnftalt roar ftets em befonbcicr Sorgug beS (Stettiner
©ijiMiiafiumS, fie geigte fid) bei ben non 1823 bis 1840 regel»
mäßig gehaltenen atabemifdjen ßrinneriingSfeften, bei ber Jubelfeier
im Qaljre 1845 unb fanb SluSbritcf in gasreichen (Stiftungen.
Sßlar bod) bamals, als bie Seamten noch nidjt fo roie Ijeute ein
'lÖanberleben führten, ein großer ©eil ber atabemifdj ©ebilbeten
GtettinS auS biefer Gdjule fjeroorgegangen, bie ficfj ftetS rühmen
tonnte, eine nicht geringe ffafcl oon Slännern Ijerangebilbet gu haben,
bie fpäter im ßeben ©üdjtigeS, ja .fjervorragenbeS leifteten. ©ie
Überfüllung ber Slnftalt veranlaßte bui Wlagiftrat, bie Errichtung
eine§ neuen ftäbtifdjen Ghjmnafiums in Erwägung gu gieljen. Wach
langen Serljanblungeit taiu ein Sertrag guftanbe, bem gufolge ber
iDlagiftrat am 1. Ctlober 1869 auS beni Satronat beS ©tjmnafiumS
ausfdjieb unb bie fdjon vorfjer erridjtete provifonfdje Ijötjere ßefjr«
auftalt allniäljlidj gum GtabbQkjmnafium auSgeftaltete. ©iefe neue
Gdjule erhielt nadj einiger Beit ein eigenes ßtebäube an ber grünen
Gdjange unb entividelte fich unter ber ßeitung beS ©ireftorS ffrang
Siern balb feljr günftig. Sugleid) begann man bie eingerichteten
Wealflaffen gu einer fJiealfdjule unb bann gu einem Wealgijmnafium
auSgugeftalten, beffen ßeitung ber ©ircttor ®. (Sievert tjatte. ©ie
ältere Wealanftalt, bie in ihren Anfängen bis auf ben Cberpräfibenren
Gart gurüdgeljt, rourbe nach beu ausführlichen fßlänen beS Sl'onfiftorial»
ratS fi'od) unb ber (Sdjulräte ©reift (geft. 1836), Sraßmann (geft. 1866)
unb Ulrich int 3faljre 1840 als ^debridj SJilljelmSfchule unter bem
©trettor Gdjeibert (geft. 1898) eröffnet unb erhielt bann, als bereits
Sö. Slleinforge (geft. 1883) bas ©ircftornt übernommen ljatte, ein
neues ®»bäube in ber Weuftabt. Go rourbe baS Ijötjere Gdjulroefen
ber Gtabt, um beffen Entroidelung fich neben bem WJagiftrat befonberS
ber Sßroringial=Gch»lrat Dr. ©h- SBeijrmann (geft. 1892) verbietet machte,
ben Scbürfniffcn entfpredjcnb auSgebaut. Bur •ßebung beS ©enterbe»
ftanbeS biente bie 1834 gegrünbete ®eroerbefd)ule.
©ie neue ftäbtifdje Einrichtung, bie mit ber Gtabteorbnung eintrat,
bradjte auch eine vollftänbig neue ©eftaltung beS SoItSfchuImefenS
mit fidj. ©ie 1811 eingefeßte Gcfjulbeputation forgte bafür, baß
bie deinen privat unb Sßintel faulen allmählich befeitigt unb bafür
©eincinbefdjulen gefdjaffen rourben, fo baß eS möglich ntar, ben
allgemeinen Gdjulgroang roirtlidj burdjguführen. 1872 beftanben
in ber Gtabt 16 berartige Knaben» unb Wtäbdjenfdjulen außer ben
höheren, ber 1843 eröffneten ftäutifefjen hüljeren unb einer gehobenen
Söctjterfdjule, foroie ber 1819 eingerichteten Unterftäbtifcfjen Sürger»
fcfjtile, bie bei ber Jubelfeier von 1824 ben Warnen Cttofdmle erhielt.
Tag Sdjulrotfen.
4RR
Tas ftänbige Sßadjfen ber SIrbeiten, bie ber ftäbtifdjen Schuloerroaltung
oblagen, erforderte bie Slnftellung eines Stabtfdjiilrate (1854—1866
Silberti, 1866—1881 ISalfam). SJlan begann bereits in biefer Seit
einfache, aber burdjauS angemeffene unb yraltifdje ®ebäube ljergu=
ftellen nnb legte im SJlagiftrat nnb bei ben Stabtoerorbneten SBert
barauf, in biefer Segieljung nidjt tjinter anberen Stabten gurüd*
gufteben. Sieben ben bffentlidjen Sdjulen maren bie fßrioat*
Slnftalten, namentlich für bie 53ilbung bes weiblidjen ®efdjledjte§, oon
nidjt geringer ©ebeutung; bie Glifabethfdjule, bie Sdjulen bes
Dr. @efeniu§ unb bes Dr. SBegener u. a. m. haben einem nicht
geringen Teile ber weiblichen ©coblterung al§ Stätten ber ßrgiehung
unb bes llnterrid)t§ gebient.
Jnft al§ ein Unredjt will e§ erfdjeinen, wenn oon ben SRännern,
bie in ber Stabtfdjulbeputation für biefen wichtigen Sroeig ber
S?ommunal=S3erwaltung gearbeitet ljaben, ober oon ben Celjrern, bie
mit Segen unb Srfolg in ben Sdjulen tätig gewefen finb, ljier Slawen
nicht genannt werben. Sßer will fie aber alle ober auch nur in will*
türlidjer SluSwaljl etliche anfüljren? Tafj bie ßeljrer tjäujig unter fetjr
fchweren äußeren SJerljältniffen treu unb forgfam ihre 'ßflidjt erfüllt
haben, baoon legen oiele 53eridjte ßeugniS ab. Sie hoben audj
gufammengeljalteii, um einanber beigufteljen, ba§ beweift bie bereits
1830 begrünbete fßrioabSöitwen* unb Söaifen ft'affe ber Stettiner
©lementarleljrer, fie hoben fidj gu bilbenben unb gefelligen $weden
Gereinigt, fie ljaben audj über ihre nädjften Slufgaben hinaus fich um
baS @eifte§Ieben ber Stabt oerbient gemadjt. (Sine (Erwähnung oer-
bient ba§ Stettiner ßehrerfeminar, ba§ in feinen Slnfängen auf
Sdhinnierjer gurüdgeht. Slu§ ben beiben ßehterbilbungSanftalten, bie
an ber ßaftabifdjen unb ber SJlinifterialfdjule beftanben, würbe e§
1811 burdj ben Sdjulrat SBartljolbrj (geftorben 1815), ben greunb
Sdjleiermadjerg, eingerichtet, bann burch bie Schulräte Sernljarbt
(geft 1831), ®rafjmann unb Tireftor ©oltjfdj geleitet. $n ber Heinen
Tomftrafje erhielt biefe 83ilbuug§anftalt ihr $eiin; 1861 würbe fie
nach ißölitj oerlegt.
Sieben ber Silbung be§ (MeifteS begann man in biefer Seit
ber be§ ßörperS Slufmertfamteit gu fdjenten. Sßie ba§ Turnen nach
bett greiljeitsfriegen burdj ben Sdjulrat JRocfj unb ben Stabtrat Hugler
(geft. 1843) in Stettin (Eingang fanb, wie e§ bann bereits gu nidjt
geringer SSlüte gebieljen al§ ftaatSgefährlidj eingefdjräntt unb oerboten
wnrbe unb wie e§ fid) feit 1840 unaufljaltfani in Schulen unb ffler*
einen entwidelte, ba§ hQt £>ugo fRüljl in feiner ©efdjidjte ber ßeibe§=
Übungen in Stettin ausführlich ergäljlt Ta erfahren wir, bafj bie
3)aB Reuter.
489
grage über bie pflege ber förperltdjen Übungen einen breiten JRaitm
in ben ftäbtifdjen Berljanbhingen cinnaljm, bafj SJlänner, roie ber
Bürgermeifter Gdjalleljit, Direftor Gdjeibert, fßrofeffor ßangbein u. a. ni.,
fid) lebljaft bafür intereffierten. £fii bem 1847 gegrünbeten (Stettiner
Surnverein unb in anberen äljnltdjen Bereinigungen waren gaßlreidje
angefeljeue Biiiger eifrig tätig, fudjten felbft ©rljolung unb ©efunbljeit,
unb förberten froljeii (Sinn unb gefunben Seift. Go trug and) biefe
Sätigfeit mit bagu bei, eine frifrtje Vuft in bie alten Blauem ber
Gtabt gu bringen.
Sind) fonft erroadjte neues Veben in ber Gtabt; man begann
meßr unb mehr ba§ gntereffe angemeinen ?lngclegenljeiten roiffen«
fdjaftlidjer unb geiftiger 'itrt guguroenben. ftunft unb SSBiffenfdjaft
haben in (Stettin gwar nie eine große SRolle gefpielt, aber gerabe in
ber erften Hälfte beS 19. QaljrljunbertS ift baS meßr al§ fonft ber
galt geroefen. Taß bie Gtettiner fdjon früljer eine geroiffe Borliebe
fiir baS St [je ater ljattett, ift bereits beroorgeljoben roorben. ®ie
traurigen roirtfdjafthdjen Berljältniffe, bie nad) ben greiljeitsfriegen
fjerrfdjten, brachten aber fiir ba§ Jljeater fdjroere Beiten; befonbers
um 1818 roar bie ^rngc beS gortbeftcheiiS feljr grocifelljaft. Baib
aber wurbe bie Jeilnaljnie roieber lebljafter, uub auS ber Gtettiner
Leitung geljt tjervor, baß bie ©ireftoren Gouriol unb Serladj es oer=
ftanben, nut ben bamalS beliebten Biiljrftiiden ober romantifdjeu
Üragöbien ben Scfdjmad ber Bürgerfdjaft gu treffen. Slllmäljlidj
würbe eS aber briugenb notwenbig, ftatt beS alten fteinen ßomöbien
ßaufeS, baS auf bem $ufe beS GeglerfjaufeS ftanb, ein neues
Sebättbe gu erriditen. Sladj langen Berljanblttngen übernahm e§
bie Jf'aufmannfdjaft, ein GdjaufpielljiiuS auf bem SlönigSplatje
groifdjen ben beiben Tomftraßen gu erbauen. ®aS große, von bem
Cberbaurat VangljanS in Berlin Ijergeftellte Sebäube rourbe am
21. Cftober 1849 mit einer Sluffüljrung von SoetljeS Crgnioiit eröffnet
unb ift in ber alten vorneljnien ßkftalt JJaljrgeljnte lang ber Sl'unft
eine BfIcgcÜuite geroefen. SSoljl finb audj fdjon bamals fdjroere
firifen nicht ausgeblieben, unb ber SSedjfel ber Tireftoren (Geringer,
£jein, Gaffe, Starlfdjulg, Slctermann) roar gientlidj groß, aber ber Gin«
fluß, ben bas Sweater auf bie Bevölferung auSgeübt fjat, barf nidjt
unterfdjaßt roerben Eine Bevölferung, bie in ber £jauptfadje praftifdjc
Berufe betreibt unb int ljarten Stampfe umS ‘S'afein ftetjt, gu böljercn
gbealen fjinaufgufütjren, ift nidjt immer leidjt geroefen, aud) tvoljl
oft nicht gelungen, gnbeffen gerabe ,n biefer Jett fanb fief) ftetS ein
SlreiS von SJlänneni unb grauen gufauimen, bie eS fief) angelegen
fein ließen, bie Shnift gu pflegen.
490
Die SRiifif.
2lbb- 32. Jlail ßoewe.
53ie bliißte bamals in Stettin bie 5ßftecje ber SJ1 u f if ’ Überaus
reid) an ftongertangeigen finb bie Leitungen. Das größte Sßerbienft
hatten in biefer ^Begießung bie SRitfifbireftoreit .fjaacf (geft. 1825),
Siebert, Oelfd)lägcr, (S ftoßmali) unb vor altem ftarl ßoeme, ber
1820 nad) Stettin fam 6s ßieße eine nette Siograpßie bicfes ßervor
ragenben 'DlnfifcrS unb ftomponiften fcßreiben, wenn ba§ Dhifitlebcn
Stettins in feiner Beit gefdjilbert werben füllte, 6r eröffnete 1824
eine 'JJlufiffdjule unb veranftaltete balb regelmäßig 2IboimementS=
fongerte, in benen er bie 'JJleiftcrwerte großer ftomponiften, g. S. 1827
bie Ouvertüre gu SßatefpeareS SommernaditStraum, bie gelij
51?enbelfol)ii-5Hanl)olbi) felbft birigierte, ober 1835 '-Badjs JRattßäus
'Paffion u. a. m , fowte feine eigenen (Oratorien auffüßrte. Sefpern
in ber Qfafobifirdje, 2luffiißntngen im
Sdjütjcnfaale, 'JJlufitfefte fanben auf
feine Cerantaffung ftatt, frembe ftiinft
(er flog er nad) Stettin, unb nidu
nur ein großer Deil ber Seoölferung
geigte gntereffe bafür, and) ^riebnd)
®ilßctm IV. naßrti als ftronpring bis
weilen an foldjen ftongerten teil.
®iefebred)t, ßociveS 3retmb, ^er ißm
für feine ftompofitioneii fo manchen
Sejt lieferte, bat in einer fdjöiien Siebe
beS ftomponiften Sebeutung fiir Stettin
bargcftellt. Daß ißm bie Stettiner banN
bar finb unb fein Slnbenfen feftbalten,
ßaben fie burd) bie ßrridjtung bes
DentmalS gegeigt; e§ fteßt vor ber gatobi-
tird)e, in ber ber'Uteifter bie Orgel fpielte
unb fo oft burcf) feine ftongerte bie 3ttl)öier gu ßößercn Sphären
emporfiißrte Dort rußt fein $erg, baS nad) feinem Dobe in ftiel
(1869) an biefe Stätte gebrad)t ift. Sind) gu mitfifalifdjcn '-Ker=
einigungen taten fid) tiinftliebeiibe Stettiner gufammen; wir hören
gelegentlid) von einem ^nftrumental-, einem £luartett= unb einem
Opern SBerein; fpäter fpielt u. a. ein ßefangverein ßoncorbta eine
Stolle, 1866 aber wurbe ber Stettiner SRufitvcrein gegrünbet, ben
BoeiveS 'Jlad)folgcr Dr ft. 21. floreng lange $aljre leitete unb bamit
bas mu’italifdic ßeben ber Stabt ungemein förberte.
Die bilbenbe ftnuft ßat in Stettin in älterer Beit feine pflege,
ja woßl aud) wenig S3erftänbni§ gefunben. 2ßa§ an Sammlungen
l)ier ober bort vorfjanben war, enthielt fautn cigentlidje ftiniftwerfe.
•Qunftpfltßc.
491
Grft um 1830 crwadjte einiges $ntereffe, als ber ©tettiner ®. $>. ßengeridj
in Sioin als SRaler arbeitete unb ein treffliches Slltarbilb für bie
Qatobitirdje tjerftcltte. (f’troaS ganj 9leueS mar bie SlnSftellung,
bie 1834 ßubroig 'JJloft (geft. 1883) mit feinen Silbern uer
anftaltete; er roirfte als ©eure- nnb Porträtmaler lange Seit, unb
noch beute jettgen oiele Silber uon feiner Üätigteit. Sielleidjt hier
burd) ueranlaßt, bilbete fidj im Pouember 1834 ber .Runftuerein fiir
Pommern, fiir ben bie ©tabträte Diedljoff unb ßemoniuS, Direftor
Dr. $affelbadj, Srauereibefißer ©djeefer, ß. 9Jloft befonbers tätig
waren. Gs gelang iljnen im ffrüljjaljr bes folgenben ^aßreS bie
erfte ft'unftauSftellung im ©djüßen häufe ^uftanbe ju bringen. Sie
ift bann regelmäßig roieberßolt worben, intb ber berühmte .Qunft
ljiftorifer ffranj fingier (geboren in Stettin 1808, geft. 1858) urteilt
in feiner 1840 erfdjienenen pommerfdjen fiunftgefdjidjte, baß „feine
glänjenben Grfolge bewiefen ßaben, baß and) baS Soll fid) riiftig
ftrebenben Talenten gegenüber nidjt gleidjgültig verhält". ßu biefen
redjnet er t>or allen ben ©tettiner Sßeobor fjilbebranbt (geb. 1804
geft. 1874), einen ber erften fDleifter ber Tüffelborfer Sdjule. SSir
tonnten baneben nennen @mil Jefdjenborff (geb. 1823) unb beu
Ulquarelliften ®buarb fjjitbebranb (geft. 1868), ber jroar fein ©tettiner
war, aber in ber ©tabt feljr betannt unb beliebt war unb bort feine
letjte Sluljeftätte fanb. ®ine anfeljnlidje ®enui(befamni(ung fdjuf fidj
ber Seneralfonful 9Jlanrer, ber fpäter nadj Serlin überfiebelte. Gr
hinterließ biefe 1876 ber 1857 gcgriittbeteii ftäbtifdjen Silbergalerie.
Satiirwiffeufdjaftliche Sammlungen entftanben im (Jh)innafiitm, fiir
baS ber Cberpräfibeiit ©ad bte 9luSgeftaltung bes WufenmS in bie
Söege leitete, unb in ber ©djöpfnng bes unter bem Samen „Pom-
merfdjeS SJlufeum" 1864 gegrünbeteii SereinS. Gr bat meljrerc ^fabr=
äeßnte eifrig gefammelt uub baS jßntereffe für Saturwiffenfdjaft in
weiteren fireifen geweift, ©ogar eine Sternwarte beftanb einige ßeit
auf bem alten (bijinnafialgebäubc in ber fUlöudjenftraße.
ftür bie geiftigen Sebiirfniffe ber ©tettiner forgte eine i’lii^aßl
non Sudjhanblitngen, unu benen bie Slitolaifdje unb bie SJloriitfche
bie älteften waren bie leßtere trat 1836 ßeon ©amtier ein,
ber fich fpäter als ©tabtuerorbiicten = Porfteljer (1863—1877) große
Serbienfte um bie ©tabtvcrroaltung erwarb, ba er eS uerftanb, in
bewegter ßeit bie Serljanblungcn mit uerftänbnisuoller llmfidjt 311
leiten unb befteljcnbe ©egenfätje nadj 'JJlöglichfeit auS^ugleidten 9Jlit=
unter erfdjienen roieber in ©tettiu ßeitfdjriften angemeinen QfnljaltS;
bodj fcheinen folcße Slätter, roie ber „pommerfche PolfSfrcttnb" (1829),
ber „Sielroiffer ober ber Seobadjter au ber Cber" (1829), ber „^jerolb
492
SBiffcnfdjaftlidje Streine.
in 9Jorbbeutfd)laiib" (1832) ober ba§ „fßontmerfdje $irdjenblatt‘‘ (1835)
nidjt langen ffieftanb gehabt 31t haben. (Später ift, abgefetjen oon
einigen ^adjblättern, mir nod) groeimal ber Serfndj gemacht ivorben,
foldje ^eitfdjriften in Stettin herauSgugeben. Siob. Stuf) liefe 1860
bie „Stettiner SRontagSgeitung“ als 2Bodjcnfd)rift für fßolitif, fiiteratur,
ffiinft nnb offcntlidjeS ßeben erfdjeinen, nnb ßnbivig ©iefebredjt
begriinbete in bcmfelben Qaljre feine .Qeitfdjrift „DamariS", für bie
er faft allein bie Beiträge fcfjrieb. Qcincs etwas längeren Bebens
erfreuten fid) bie „fßommerfchcii fßrouingialblättcr", bie auf ©ade
Seranlaffung ber ©uperintenbeut £aten in Treptow a. 9t. 1820
berauSgugeben anfing. (Sie würben 1832 burd) bie „Saltifdjen ©tubien"
erfetjt, bie ßeitfdjrift, bie uon ber ©efellfdjaft fiir pontmerfdje ©cfdjidite
unb 9lltertum§funbe feeraiisgegebeu
nnirbe. 'Biefe würbe 1824 bei @e=
legentjeit be§ CttofefteS uom £ber-
präfibenten ©ad in§ ßeben gerufen
unb wirfte in feinem ©inne für bie
©rwedung unb ^Belebung be§ ^nter»
effeS an ber $eimat SRänncr, wie
©iefebredjt, Söljmer, u. fDteöem, gering,
.fjaffelbadj, 9t. Sllempiu, ^itjfdjhj,
SJf)- ©djmibt, ®. firatj u. a. — um
nur ©tettiner git nennen — finb fdjrift»
ftellerifdj für fie tätig gewefen, an»
bere, wie it'utfdjer, Srieft, Sägmühl,
3). 'JJlueller u. a., haben fid) um bie
©ammlungen bemüht, bie allmählich
2lbb. 33. Beim (Saunier. gu einer ftattlidjen Sibliotljef unb
einem fehenswcrten 9lItertumSmufeum heranwndjfen. SDie 3nh( ber
Sereine, bie fid) bie SJ3fIecje ber 9Biffenfd)aft angelegen fein liefeeu,
war, uerglidjen mit heute, nur gering, aber bod) immerhin nidjt un-
beträchtlich; öS mögen hier nur einige genannt werben, ber entomologifdje
'-Herein (1837), ben 'JJtäuner, wie (5. 91. ®ohni, £j. gering, St. ß. ©djleidj,
gu großer Sebeutung brachten, ber pohjtcd)nifd)e '-Herein (1843), in bem
fich ba§ erwadjenbc ^ntcreffe für bie Sedjnit lebhaft betätigte, ber
'.Herein fiir pommerfdje ©tatiftif (1846), ber einige wertoolle Ser»
öffentlidjungeii ueranftaltete, bie pljufitalifche ©efellfdjaft (1835), in
ber ©rafjniann, Sater unb ©ohn, ®in§mann, uon SoguSlaiuSfi,
Salfant u. a. m. befonbers tätig waren, ber ©tettiner ©artenbau«
uerein, bet wiffenfdjaftlidje Sßerein (1856), ber unter 91. ^etjbemannS
ßeitung $ahre lang bie wiffenfd)aftlid) intereffierten ©tettiner uereinte.
©eiftißfS ?eben.
493
fPrattifdjeren Silierten bienten bie Slautifcße ©efellfcßaft, ber Seibenbau«
SBerein, ber 'Herein gur görbetuncj überfeeifdjer ^anbelSbegießungen
(1872) ii. a. m. ©efediger 9lrt waren befonberS einige Sieffourceit,
bie Slbenbßaße, bie $tafino=®efellfdjaft, bie ßiebertafeln, ber 'Herein
junger Kaufleute, ber ficß auS ber Scßüßentontpagnie ber ^ianblungS
biener entwictelte unb balb eine große Sebeutung im ßeben Stettins
gewann. 'Jtocß immer erfreuten ficß bie Scßütjenfefte ber beiben ®e=
fellfcßafteii einer großen SHeliebtßeit, unb bie Säße im Scßüßenßaufe
waren ^jößepunfte ber ©efeßigfeit, bie nad) alten Sdjilberungen feljr
in Suite ftanb. Tie ßogengefeßfdjaften, gu benen ein großer ^eil
ber gebilbeten Kreife Stettins gehörte, taten neben ißren nädjften
ßwecfen and) bas ißre, fie 311 förbern unb gu beleben. 2ßie füllen
wir bies ßeben jajilbern? ßeiber ßaben wir nur wenige ©rgäßlungen
unb Sericßte aus jener SOtemoiren unb ßebenSerinnerungen
ßaben Stettiner nidjt gefdirieben ober wenigftenS nidjt veröffentlidjt.
Unb bodj erführen wir gerne von jener „guten alten Seit", in ber
neben niandjen alten, einfadjen Sitten ficß audj fcßon baS nioberne
ßeben geltenb madjte. ?luf bie gaßre armlidjer (Smfadjßeit folgte bei
wacßfenbem Söoßlftanbe balb eine -Seit, in ber bie Stettiner eS nidjt
oerfdjinäßten, wie ißre SUtvorberen,- Sefallen an gutem Geffert unb
Trinten, an fröhlichen geften unb Sergnügungen 311 finben. Jüan
merft allein fcßon auS ben Leitungen, wie bie ßebenSverßältniffe
aßmcißlicß im allgemeinen beffer unb üppiger würben Sind) ßier
maeßte fidj ber Ginfluß ber £>auptftabt mäeßtig geltenb, bie Stettiner
lernten in biefer Se^ießnug fdjnell oon ben Serlinern, fie würben
leicßtlebiger unb lebenbiger.
Sei aller ©efelligteit ßerrfeßte in biefen gaßren in eingelnen
greifen ein regeS geiftigeS ßeben. 2ßir ßören, wie bie Käufer beS
SifdjofS Slitfdjl, mit bem Scßleiermacßer befreunbet war, beä geift=
vollen OberleßrerS 'JScßmann unb befonberS ber grau ©eßeimrut
Tilebein SJlittelpunfte foldjeS ßebenS waren. Tort wudjs in reießer
'Anregung bie Generation ßeran, bort verfeßrten ©tefebredjt, ßoewe,
©raßmann u. a. Sorträge unb Sorlefungen fanben regelmäßig beS
SSinterS ftatt; ß. v. Sßaßenrobt las über neuere ©efeßießte, guftus
©iintßer ©raßmann ßieli Sorlefungen über Gjcpernnental-Sßijfit, »or
aßein fauben bann bie Sorrrcige von Stöbert Sntß galjlreidjen Sefudi
unb großen Seifaß. Slndj in biefer Segießung bringt biefe Seriobe ber
Stabtgefdjidjte eine bcbeutfameGiitin delung mit ficß; äußerlicß unb inner«
ließ geftaltete fidj Stettin gu einer mobernen Stabt um, bie gjpar immer
noeß maneße ©'igenarten oewaßrte, aber bodj eine llinbilbitng erfuhr,
burdj bie fie anberen Stabten äßnlidjer wurbe. Tic leigten gaßrgeßnte
494
Sie neuefte Beit feit 1R73.
ßat $auS $joffmann (geb. 1848, geft. 1909) in (Stettin erlebt, ber
in uerfd)iebeitcn feiner Slouellen (Stoffe aus feiner ^ugeubgeit ner
wertete. Kamentlid) bat er aber in gelegentlich ueroffentlidjten
Klaubereien über feine Qngenb imS ein treffliches Bilb uom alten
(Stettin ber fedjgiger 3fabre entworfen. Kon bem K°eten ,,,n9
fid) ergäl)len laffen, wo bie ft'raft beS ^iftoriferS verfagt. Siefebredjt
befang in feinem ßumoriftifdjeii ßiebe bie llmwanbhtng Stettins auS
ber alten nad) Seer bnftenben Stabt in eine moberne:
geiner wirft bn alle Sage,
Sd)öne fünfer roadjfeii auf,
Bäume braiifjeii wie 311m £>age
Um beS Stromes alten ßauf;
Unb SBerftanb in beinen SJlauern,
grifefjer Sinn unb frifefjer Seer.
Wögt ißr fdjaffen, mögt iljr bauern
greigeinut auf freiem Weer!
19. Kapitel.
Die ncuefic Seit feit 1873.
aÖ^aö 3abr 1873 ift burd) bie wäßrenb beSfelben ergangene
M Gntfdjeibung über bie (Sntfeftigung Stettins gu einem bod)
wirijtigen unb für bie fpätefte ßuftuift folgenreidjen ßeit«
abfdjnitte in ber ($cfd)id)te nuferer Stabt geworben." So beginnt ber
Berid)t beS WagiftratS über bie Verwaltung unb ben Staub ber
(JJemeinbeangelegenßeiten Stettins für bas $aßr 1873. Sie bamaligen
Stabtoäter Ijätten oielleidjt bie Bebeutung biefeS Vorganges nod)
bö^er eiiigefcßätjt unb bie Erfüllung eines alten SßunfcßeS nod) mehr
gepriefen, wenn fie batten uorauSfeßen tönncii, wie bie Stabt, uon
ben Seffeln befreit, fid) entwirfeln unb umgeftalten werbe, (fa in
einem Beitraume uon etwa 40 fahren ift baS alte Stettin, baS bis
baßin trotj aller Umänbeningeii buch im fiaufe ber Bfaßrßunberte nur
wenig an äußerem Umfange gugenommen ljatte, nicßt nur weit über
feine bisherigen OJrciigen ljiitau§ gewadjfen, fonbern aud) in feinem
gangen Slusfcljen anberg geworben. 'Jllle Belagerungen nnb Bei'
ftörintgen ßaben baS Stabtbilb nidjt fo umgeänbert, wie eS bie
Veugeit fertig gebradjt ljat. Söenn audj biefe Gntwicteluiig in ber
£>auptfadje abgefdjloffen gu [ein fdjeint, fo goßen bodj nodj fortgefetjt
Keränberungen unb Umgcftaltinigen uor fidj, bie barauf hinweifen,
baß audj bie B'dunft eingreifenbe Umgeftaltungen mit fid) bringen
Cerhanbluiiflcn über bic 2liif&ebiinfl ber geftung.
495
wirb. So Ijobcn wir eS bei biefem neueften Jlbfdjnitte ber Stobt»
gefdjidjte nidjt mit einer abgefdjloffenen (Epodje 311 tun unb müffen
bestjolb mit ber Sdjilberung unb bem Urteile vorficfetig unb guriicf-
boltenb verfahren. (Ebenfo gwingt bie gülle einzelner on fief) nicht
unwidjtiger Porgänge 311 ticrger uub giifammenfaffenber ©orfteflung,
in ber bie für bie 'Jleugeit fonberlidj intereffierten ßefer viel vermiffen
werben; ein fpäterer ©cfdjidjtsfdjreiber, ber biefer Periobe in ber ;feit
ferner fteljt, mag eS verfudjen, ihre Pebeutuiig im eingeluen gu
fctjtlbern unb bie iKirffamfeit ber Männer, bie in biefem Seitabfdjnitte
tätig waren ober finb, gerecht gu beurteilen. £jier fall ber Slbfdjnitt
unter ben ©efidjtspunften beS sJleu= unb beS Umbaues gufammeii»
gefaßt werben.
Ser Slnfang 311m Neubau wurbe gemadjt, al§ bie Aufhebung
ber geftung erfolgte. Über bie SBcrljarrblungen nnb Arbeiten, bie gur
ßöfung bie|er ßebenSfrage Stettins führten, ließe fich ein buch fdjreiben,
unb $. berghauS hot in feiner Sefdjidjte ber Stobt Stettin, bie
einen Seil feines VanbbucheS PommernS bilbet, in breiter Vlusfüljr
lidjfeit bariiber Mitteilungen gemacht. SSir wiffeu, bafe man bereits
1856 verhanbelte, bafe bann aber bie beratungen inS Stoden gerieten,
gr. Stettin erörterte man bie grage weiter, ridjtete Petitionen an
ben ftönig Sßilhelm ober an ben Provingiallanbtag, ber bie görberung
ber Vlngelegenljeit warm befürwortete, unb wußte ben Jfronpringen
als Statthalter PommernS unb als tommanbierenbeii ®eneral bafür
311 intereffieren. gnbeffeu bie triegerifdjen Vorgänge ber fedjgiger
galjre waren nidjt geeignet, eine (Entfdjeibuiig 311 erleichtern Srotj-
bem verEjielt fich bie Staatsregierung teineSwegS burchauS ablehnenb;
für fie trat neben ber grage, ob bie Sidjerljeit beS ßanbeS eine ooll
ftänbige Aufhebung ber geftung erlaube, aud) bie anbere in ben
'ßorbergrunb, waS mit bem frei werbenben Gielänbe gefcheljeit füllte,
ob etwa bie Stabt geneigt fei, biefeS im gangen gu verlaufen. Sine
ausführliche 'Xenffcfjrift beS (Seljeimrats £>. 'ffiehrmann bilbete bie
(«runblage für bie berhanblungen, bie mit ben ftäbtifdjen Pehörben
eingeleitet würben. Sa ftellte eS fidj IjetauS, bafe e£ in ber Stabt
eine Partei gab, bie überhaupt gegen bie (Entfeftigung war; fie beftanb
gum gröfeten Seil auS ^jauSbefitjeru, bie eine (Entwertung ihrer Srunb
ftüde burdj (Erweiterung beS für Pebauung erfdjloffenen (Gebietes
fiirdjteten. Sie liefern fidj audj nidjt burdj fanitare («rimbe belehren,
bie gerabe 1866, als bie (lljolera in Stettin Ijerrfdjtc, redjt öeutlid)
würben. Sie größte Schwierigfeit aber machte bie Preisfrage; barüber,
waS bie Stabt für bic Übernahme beS gejtungSgeiänbeS gatjlen tönne,
war eene (Einigung iu beu Al'oinmiffionsfiljiingeii unb Stabtverorbiicten
496 Stöße beS SlntaufS ber {JeftuiißSroerfe.
Perljaiiblungeii nidjt gu erzielen, ©o fdjleppte fid) bie ©adje l)in,
bi§ 1870 ber Krieg nuSbrad) unb gunädjft weitere (Erörterungen
giirürftreten liefe. (ES roar inbeffen wenigftenS fo uiel flar geworben,
bafe ein £>inauSfdjiebeii ber geftuiigSanlagen taum genügen, fonbern
eine uollftänbige Slufhebung nötig fein werbe. Sind) roaijrenb beS
Krieges würbe bie gange ©adje in ber bürgerfdjaft lebljaft befprodjen,
man fiiljrte eifrigft ©riinbe für unb gegen an, Priuatintereffe fämpftc
mit bem (Bebauten an ben allgemeinen JJlutjen. Unentwegt beljiclt
biefen ber SJlagiftrat im Singe, in bem ber Cberbürgermeifter
3.1). (Eb. burfdjer (1868—1877 im Slmte), bürgermeifter (Sternberg
(1867—1883 im SImte), ©tjnbifnS g. ©iefebredjt, Kämmerer
^offmann u. a. in biefer Slngelegenfeeit befonberS tätig waren
Cfene SRüdfidjt auf bie mancherlei Parteiungen unb Spaltungen, bie
unter ben bürgern feerrfdjten, fudjten fie balb nad) bem gricbenSfdjluffe
bie immer bruigeuber werbenbe grage 3lir entfdjeibenben Cöfung 311
bringen. (Eine grofee borlage für bie ©tabtoerorbneten-berfammlung
rourbe ausgearbeitet, in ber man ben Slnfauf beS ^eftungSgelaiibeS
für 3ys SJlilltonen Saler, gahlbar in 12 fahren, uorfdjlug. KSäferenb
fid) feierübcr eine feljr lebhafte ®iSfuffion in ber bürgerfdjaft erljob
unb namentlidj uon einer ©eite feljr heftig bagegen agitiert würbe,
fam baS fReidjSgefelj uom 30. sJJlai 1873 guftanbe, burd) baS beftimmt
rourbe, bafe neben anberen geftungeu and) ©tettm alS foidje anfljöreu
falle. Sim (». Quni rourbe baS ©efefe publiziert; mau feierte in
©tettm bie enblicfj befmitio geworbene (Entfeftigung ber ©tabt mit
grofecr JJreube, befonberS ba bie Sluffeebung ber Paijonbefdjräntungeit
fofort uerfügt rourbe. 31m 1. Quli fiel ber entfdjeibeube SBefdjlufe ber
©tabtuerorbneten: ber Slntauf bcS JeftungSgelänbeS rourbe abgelebt,
ba bie SHefjrljeit fidj nicht bagu entfahliefeeu tonnte, bie ©tabt in em
fo roeit auSfchaueitbeS ©pefulation»gefdjäft gu oerroideln Plan tann
bebauern, bafe bie Vertreter ber ©tabt fidj bamalS fo gaghaft uer»
hielten, aber euer will iljnen einen biretten Porrourf barauS madjen?
Piemanb ahnte, in roie fdjneller Seit ficf) ©tetttin entroideln unb
roie roeit eS fidj auSbehnen würbe, niemanb glaubte, bafe in wenigen
öfahrgeljuten baS gange grofee ©elänbe bebaut fein, ja nidjt meljr
auSreidjen werbe, giir ben weiteren UluSbau rourbe ber befdjlufe
uom 1. Sfuli 1873 auf lange Seit oerljängniSuoll, beim bie ©tabt
uerroaltimg begab fidj ber Plöglidjfeit, iljn planmäfeig in bie Sßege
311 leiten unb fijftematifcf) bie ©tabt 31t erweitern. 3luf bie ableljnenbe
Haltung ber ftäbtifdjen beljörben Ijäi oerljielt fidj audj baS 'Jleidj,
in beffen SBefitj bie geftnngSroerte übergingen, oft roenig entgegen*
fomnienb, unb bie für ihre ffieriualtimg 1876 eiugefefete Komuuffion
Sauiätißteit.
197
madjte mm itjrent fRedite, Sauftcllen ljier unb bort, wo es iljr be=
liebte, 311 oerfaufen, nidjt fetten rüdfidjtSloS Sebraudj. ®S gelang
erft nad) vieler Slulje unb Slrbeit, einen feften Sauplan aufguftellen,
ber bann für bie Einlegung von Strafeen unb ^läfeen eine beftimmte
©runblage bot.
®ie SRieberlegung ber geftungSwerte ging natiirlid) nidjt fdjnell
oor fidj unb man begnügte fidj anfangs beim Serliner unb SlonigS»
tore bie Sßaffage 3« erweitern. ®atjer fefete bie Sautätigteit weiter
braufeen ein, gumal ba bort im SBeften ber (Stabt ber Sauoereiii
auf Stttien Sßeftenb Stettin bereits 1871 auf ber Stelle beS alten
Sutes fJriebridjSljof nm ber Slnlage einer SilIen=Sorftabt begonnen
ljatte. So entftanben gunädjft in weiterem Slbftanbe oon ber alten
Stabt neue Raufer uub Strafeen, uub bie Entfernung, fowie mangel»
ljafte Serbinbung — weldjer alte Stettiner bädjte nidjt an ben foge»
nannten „Sdjiptapafe?" — erfdjwerten ben Serteljr. ßange $aljre
bot Stettin ben 2lnblid einer gang unfertigen Stabt; ljier unb bort
erljoben fid) einzelne £>auferblodS, bagwifdjen lag unbebautes, wüfteS
Sebiet, ftauben Stüde ber alten Sßaile, befauben fidj Sräoen unb
Slauerrefte, turg baS gange war wenig erfreulidj unb feoffnungSooIl
angufeljcn. Slber balb nadj 1890 etwa begann allmäljlidj fdjon mehr
Crbnnng in biefe Serljältniffe gu tommen; bie äufeeren Seile fdjlo||eu
fidj an bie alte Stabt au, regelredjte Strafeen würben angelegt, baS
planlofe Sauen [jörte auf. $pgleidj gab bann ber Cberbiirgcr
meifter £>aten (1878—1907 im Slmte) bie Slnregung, nidjt nur bie
notwenbigften Sebürfuiffe burd) beu Sau oon neuen Raufern unb bie
Einlage von Strafeen gu befriebigen, fonbern audj auf Sdjniud
unb Sdjönljeit in ber weiteren ©eftaltung bes StabtbilbeS gu adjten.
^reilidj waS im Sau ber 'Privtrtljäufer gefünbigt worben war, liefe
fidj nidjt meljr befeitigen; bie langweilige SIcidjförniigteit ber geraben
Strafeen, in benen ein £jauS wie bas anbere geftaltet, oft mit leerem,
falfdjem fßrunt auSgeftattet fid) erfeob, tonnte man nur ljier unb ba
ein wenig burdj Saumpflangungen unb Einlagen oon Sdjmudpläfeen
mübern. *?lber in ben neuen Stabtteilen war man eifrig auf eine
SluSfdjmiidung mit Säumen, S hintenan lagen, Ulafenftreifen bebadjt,
wie man fie biSljer in Stettin nur gang oereingclt tannte. Slitdj
oiele anbere Stäbte fjaben ätjnlidjeS gefdjaffen, aber im allgemeinen
finbet man feiten eine fo auSgebcfjnte planmäßige Einlage oon
Sdjmndplätjeii unb ißromenaben wie im neuen Stettin. 'Jlts Seid
mdler unb EnnnerungSgeidjen an bie geftungsgeit liefe man bie
beiben Snmttore griebridj SßilfeelmS I. ftefjen, unb bie ftäbtifrfje
Serwaltung entgog fidj 1877 nidjt ber Sflid)t, fie in baS Eigentum
XBeirmann, (Befötitte Stettin.
498
(Singeiiieinbungen.
ber ©tabt gu übernehmen, gu reftauriereu unb 311 unterhalten, ©ie
finb ein ©djmud ber ©tabt, bie an h'ftmifchen Sentmälern fo arm
ift, unb mögen fpätere Sefdjledjter an jene Seit be§ „mangelnbeii
SlaumeS" erinnern, in ber burdj biefe Sore, nidjt neben iljuen her
ber Berteljr ging. Safj man in eine« oon ihnen einen Brunnen,
ben gelberljoff oerfertigt hat, Ijtneingefetjt hat, Icifjt fidj roeber hiftorifdj
noch äftljetifdj redjtfertigen.
(Sin neuer ©tabtteil entftanb bei unb in bem alten gort ißreufjen
burdj ben Sau gahlreidjer ßafer»eti, ®rergier= unb SBagenfthuppeii,
militärifcher ßtonomiegebäube ufw. fiir bie Sarnifon, bie in ihrem
Seftanbe mandje Anbetungen erfuhr, gmnier ber ©tabt treu geblieben
ift baS 2. Srenabierregiment, ba§ bei ben ©tcttinern noch ben Bameu
bes JlöiiigSreginientS führt. Sem engen Berljältniffe, in bem Slaifer
Söilljeim II. gu ihm fteljt, ift e§ mit gu verbanfen, bah $err|djer
©tettin oft mit Befudjen beehrt uub mieberholt fein ^ntereffe an
feiner Entwidelung tunbgctau hat. SaS 34. Infanterieregiment ober
baS 2. Sßioiiierbataillon, bie mit einiger llnterbredjuug ebenfalls
lange Qaljre hier <hv ©tanbquartier haben, finb nidjt minber als bie
Artillerie mit ber ©tabt unb ihren Bewohnern oerbunben. Sie
SRilitärfapellen mit iljren Heitern, unter benen fidj Bater Crlin unb
Barlow befonberer Beliebtheit erfreuten, habe11 ben ©tettiiieru gar
mandje genußreiche ©tunbe bereitet.
ge meljr fidj bie ©tabt erweiterte, befto enger rouch« fte mit ben
Borftäbten gufammeu; eS würbe beSljalb immer notwenbiger, biefe
mit ©tettin gu vereinigen. Sahrgeljnte gegen fidj bie Berhanblungen
hin, enblich mit bem 1. April 1900 würben bie ©tabt Srabow,
fowie bie Canbgemeinbeu Breboiv unb Bemitj ber ©tabt einverleibt,
unb am 1 April 1911 folgte bie Eingemeinbung ber neu entftanbenen
Anfiebluugen BrauuSfelbe unb Beuweftenb uub ber SutSbegirte ßcfcr=
berg, ©djwargow unb SabelSborf. Sie Ausbeutung ber ©tabt ift
von 6026 h;i im galjre 1872 auf 7775,68 ha im galjre 1911
geftiegen. Sie ßinwoljnergaljl wudjS von 76 280 im gatjre 1871 auf
236 145 im gahre 1910; nadj bem Beridjte ber ftatiftifdjen ©teile
ber ©tabt ift fie bis Gmbc April 1911 infolge von Abroanberitng auf
233 484 gurüdgegangen.
SSie auf bem bebauten ©ebiete eine voliftäubige llmgeftaltung
eingetreten ift, fo baß man fid) bie alte ©tabt, wie fie 1873 beftanb,
taum vorftellen tann, fo finb audj bie Sßafferflädjen, bie fiir ©tettin
ben £>afen bilben, teilmeife in großartiger Sßeife umgeäiibert, oer=
gröfjert ober eingeengt worben. Sei ber 3unahme beS ©djiffSverteljrS
madjte fich fortgefetjt ein SOlangel an ßöfdj unb Cabeplatjen bemertbar,
Sßaffet- uiiD ©afenbauten.
499
fo baß bie Vollwerfsanlagen nad) allen (Seiten erweitert, verlängert
nnb and) erneuert würben; fo beseitigte man g. ®. 1880 ba§ alte
Sd)lad)tßau§ an ber Vaumbrürfe, um bie Sdjiffbamßaftabie mit
in ben .£jafen ßineingugießen. Gr erljielt bann eine beträchtliche Gr-
weiterung burd) bie 1878 fertiggeftellten Einlagen am Sungig, burd)
bie ein auSgebeßiiter Umfdjlagplat) gwifdjen SBaffer unb Gifenbaßn
gewonnen wurbe. Damit in Verbinbung wurbe bi§ 1881 ber
Cbcr=Ditngig=$lanal gebaut, ber ben Sieg oon ber See ber gu ben
ßöfcßplätgen am Dungig vereiiifadjte. 3» gleicher Seit wurbe im
unteren iReoier bie gaßrftruße nadj Sroinemiinbe burd; ^erftellung
ber „Staifcrfaßrt'' (1875—1880) oerfürgt unb bann feit 1891 ba§
gaßrroaffer gwifdjen Stettin unb ber See reguliert, vertieft unb
mit neuer Veleud)tung verfeben. 9Jiit einem Sl'oftenanfwanbe von
11 Vlillioneii Vlark, gu bem audj bie Stabt einen Veitrag für bie
Verbreiterung unb Vertiefung ber Cber innerhalb ißre§ SSeicfjbilbeö
leiftetc, ift ba§ große Viert in jahrelanger Slrbeit Ijergeftellt, erforbert
aber fortbauernb nid)t geringe VJiiljen unb jToften ber Unterhaltung.
Ser größte Steil unterfteßt ber Jlöiüglidjcn SBafferbauiiifpektion Stettin,
bie feit 1851 in Vreboro einen fpäter beträdjtlid) vergrößerten Vaußof
unterhält. Ginen großen gortfdjritt für ben gangen Schiffsverkehr
bebeutete bie Vefdjaffung oon Giebrecßern gur Cffenßaltung bes gabt'
roafferS iväßrenb ber GiSgeit. Sdjon früher war e§ angeregt worben,
auf biefe SSeife ben Verlebt im SSinter gu unterhalten, aber erft
1888 würben von ber ßaufmaiiiifdjaft bie beiben erften Gi§brecßer
befdjafft unb in Vetrieb genommen. Seitbem ßat man ißre gaßl
vermeßet unb bie Vüafferftraße felbft bei fcßivercm grofte regelmäßig
offen gehalten, gaft nod) größere XOlüße madjte bie Verbefferung unb
Vervollkommnung ber SBafferoerbinbungcn nad) bem Vinnenlanbe.
Von befonberer VBicßtigkeit war hierbei bie £jerftellung einer beffereii
Söafferftraße nad) Verlin, bie gerabegu eine ßebengfrage für Stettin in
bem ^onkurrengkampfe mit Jamburg unb Ciibcd wurbe. Siefer wurbe
immer heftiger, a(S 1895 ber ftaifer SÖilßelm-ßanal eröffnet worben
war. £>atte man oon Slnfang an in Stettin wenig Vertrauen, baß
biefer neue Sieg groifeßen ber Cft- unb ber Vorbfee günftig auf
ben Verteßr ber Stabt wirken werbe, fo Stellte e§ ficß allmäßlidj
ßerauö, baß bie Vadjteile weit größer waren als bie Vorteile;
Hamburg gewann immer meßt Ginfluß unb Vegießnngen gu ben
gefamten Cftfeeliiften unb gog einen guten Seil be§ Verkehrs an fidj.
Sagu lam bann, baß ber Cbcr=Spree=fianal e£ biefer Stabt ermög
lidjte, aud) in bem fdjlefifcßen ^interlanbe Stettin fdjarfe Sfonkurreng
gu madjen, unb enblid) gog ber Glbe=Sraoe4i'anal noeß einen Seil
82*
500
£)« 53a u bc§ greiljafenö.
be§ SerteljrS ber preufeifdjen unb ruffifdjen Cftfeeljäfen mit Slittel«
beutfdjlnnb uon ©tettin nodj ßübect. Sa galt e§ für bie ©tabt, mit allen
Slitteln fiir eine bcffere Serbinbung mit Serlin gu fingen, bamit nidjt
aud) bie 3lcidj§ljauptftabt, bie feit alter§ Ijer gu ihrem ^interlanbe gu
gäfelen mar, iljr entgegen werbe. E§ loftete fjarte Kämpfe, bi§ enblidj
burd) ba§ Sefetj oom 1. Slpril 1905 ber fogenannte Srofefdjiffaljrtsroeg,
b. h- eine fiir ©djiffe mit 600 t Sragfäljigteit faljrbare SBafferftrafee nad)
Serlin, gefiebert worben ift. Sa§ grofeartige Sßert ift im Sau, unb ooll
Erwartung fiefet man in ©tettin ber Eröffnung biefer 5Bafferftrafee ent»
gegen, bie fiir feinen $anbel oon ber gröfeten Sebeutung fein wirb.
5lbb. 34. Ser Sreibafeii.
Sßa§ ©tettin felbft gur Erhaltung unb $ebuug feines fdjwer
gefäljrbeten ©eeljanbelS tun tonnte, ljat eä nidjt oerfäumt. Sie Ser*
Ijältniffe brängten gu ber .ftcrftellung einer neuen grofeen .ftafenanlage,
bie mit moberuen Einrichtungen verfeljeu allen Slnfprudjen be£
bamaligen unb be§ für fpäter gu erljoffenben größeren SeitetjrS eirt
fpredjen follte Sian naljm fofort Sebadjt auf bie Einrichtung euie§
greibegirtS, bamit ©tettin auch tu biefer Segiefeung nidjt hinter
Hamburg, Siemen ober Kopenhagen gurüdftelje. Saö vom ©tabt»
baurat Kraule ausgearbeitete Ißrojett, beffen Koften im gangen auf
mehr al§ 30ya Slillionen Start veranfchlagt worben war, würbe 1894
genehmigt unb bie 5lu§fiihrung in Eingriff genommen. Sie Eröffnung
XIV. ®ie 0*te ®mnnbrücte.
apiuquiiio^ 31nlI ap& AX
Srüdenbauftn.
501
unb (iinroeiljung bes £?reibegirf§ erfolgte am 23. (September 1398
in ©egenroart bed KaiferS SBiltjelm II., ber babei bad aud) fiir Stettin
bebeutungdoolle SBort fpradj: „11 ufere $11 tun ft liegt auf bem
SB aff er." ©eroifferniaßen als Spmbol ber aufftrebenben Stabt, bie
in ftolgem firaftgefüljl ein foldjes SBert unternimmt unb fürforglidj
auf bad SBaffer ljinauSfdjaut, mürbe bamals auf bent 'JtatljauSplaße
ber ftattlidje Srunnen, bad tüljne SBert ßubroig SlangelS, entljüllt.
3ft audj fiir bied Denfmal ber Slafe ni(f)t in jeber Scgieljung günftig,
fo bleibt es bod) ein Jtunftroert, toürbig ber Stabt unb feined Sleifterd.
SE>ie Slrbeiten an bem großen Sau, ber eine ootlftänbige Umgeftaltung
ber alten Slöllenroiefen auf bem rerfjten Cberufer mit fidj bradjte,
maren bamit nidjt abgefdjloffen; ununterbrochen rourbe roeitergebaut
unb bas Sßrojeft bed Saurats Senbuljn (geft. 1910) audgefüljrt; am
15. Sluguft 1910 naljm man bad groeite ^afenbaffin bed JJreibegirfd
in ©ebraudj. So ljat fidj Stettin geriiftet fiir bie .ßunaljnie bed
Serfeljrs, bie fdjon balb einfetjte, in größerem Umfange aber oon bem
©roßfdjiffaljrtdroege ertjofft roirb.
Sind) mit ber Serbefferung ber übrigen $afenanlagen, ber Sind»
beljnung ber ftäbtifdjen Sollroerte, ber (Srridjtung oon Speichern unb
Kräljnen, ber Sinridjtung ber oerfdjiebenften Slnftalten für ben Umfdjlag-
oerfeljr fuljr man fort. So ift gerabe in ben legten Faljrgeßnten ber
gefamte £>afen Stettins umgeftaltet roorben, unb mit Staig blidt ber
Stettiner oon ber Valenter raffe, bie itjren Samen nadj bem um biefe
gange Gntroidelung ber Stabt fonberlidj oerbienten Cberbürgermeifter
$afen fütjrt unb 1907 im roefentlidjen fertig geftellt ift, auf ben Strom
unb ben £>afen. Da grüßen bie Sauten bed Freihafens, bie Sdjuppen
unb Jlrätjne Ijerübcr, ba hegen bie Saljnanlagen am Dungigtat, ba
ragen bie SJlaften unb Sdjornfteine empor unb geugeii oon bem
bliiljenben unb loadjfenben £>anbel unb Serteljr, ber gum guten Seile
bie ©runblage für bad ®ebeiljcn ber gangen Semeinbe ift. Da§ Silb
bed pofend ift aber aud) ein gang anbered geroorben burdj ben Sau
bet ftattlidjen fteinernen Srüden. Sin bie Stelle ber alten $olgbrüden
mit ben fdjroerfälligeu Klappen finb großartige Sauten mit mächtigen
Sürnten unb elettrifdjem SlufgugSbetriebe getreten. Die SaljntjofS’
brütfe rourbe in ben Qfatjren 1898— 1900, bte £anfabriide, bie mit
leiber oeränbertent Samen bie alte lange Sriide erfetjte, oon 1900
bid 1903, bie Saumbriidc, bie etroad ftromabroärtd oerlegt rourbe,
1910 fertiggeftellt; and) bie ^arnißbrüde rourbe ueugebaut. Sille biefe
großen Seitanlageii erforbern für iljre Grljaltung unb Serroaltung ein
galjlreidjeS Ißerfonal, bad ber ftäbtifdjen £afeu Deputation unterfteljt.
Der Sauljof, ber groifdjen ber Cber unb ber ^arnig gelegen ift,
8lbh. 35. ®et 'IHanjelbrunnen.
©ifcnbaljnbintien.
503
mnfafjt ein bebeutenbes Slreal unb ift mit allem auSgerüftet, tuns fiir
ben .fjjafen notroenbig ift.
Sieben bein Sieubau ber ifflafferftrafien ging bie Einlage neuer
Sifenbaljnlinien Ijer. Sion befonbcrer Sebeutung roar bie ^erftellung
einer Saljnoerbinbung mit Sroinemiinbe, bie 1876 über Tudjeroro
guftanbe fam. Tortlun rourbe bann audj ein Ghfenbaljnrocg ber-.
geftellt, als bie 1882 erbaute ßinie Slltbamm Olollnoro 1892 bis
Sdollin, 1899 big SJlisbrotj unb Sroinemünbe fortgefefct rourbe.
SSidjtig roar bie 1877 eröffnete Sifenbalju nach ilönigsberg i. 91.,
burdj bie Stettin eine neue Serbinbung nut SreSlait erljielt. giir
biefe Sa§u rourbe an ber ißarnitj ein eigener Saljnljof erridjtet, bodj
oerlegte man ben ißerfoiieiioerfeljr 1886 auf ben Serliner Saljnljof
unb leitete ben Süteroertefjr nadj bem grofjen ^entrabSüterbaljnljof,
ber in biefer Beit unb fpäter roieberljolt erroeitert rourbe. Sine SIrt
oon Singbaljn um Stettin, bie am linfen Oberufer gunädjft bis
gafeniij, bann bis 3iegenort gebaut rourbe, ftellte bie 1898 in Setrieb
genommene ßinie über SonunereiiSborf, Sorueij, Sßeftenb, gabelsborf,
Sreboro bar. Tie gefamte Serroaltung ber Saljnen ging feit 1879
allmäljlidj an ben Staat über, unb 1895 rourbe Stettin ber Sitj einer
fi’gl. ßifenbaljnbirettinn. Sei ber grofjen Bunaljme beS SerlcbrS
roaren oerfdjiebene Umbauten beS SerfonenbabnljofeS nötig, bodj gelang
e§ bistjer nodj nidjt, einen feljr erroünfdjten Sleubau fjerguftellen.
Tie oeränberten Serteljrsoerbaitniffe ocranlafjten audj eine fdjnelle
lÜuSgeftaltung beS Soft= unb TelegrapljeiiroefenS. Slodj oor ber
ßlnffjebung ber geftung begann man mit bem Sau beS SoftamteS
an ber grünen Sdjange, baS am 1. Tegember 1874 eröffnet rourbe.
©8 erfdjien ben Stettinern bamals als ein Sradjtbau unb rourbe
genügenb berounbert. Salb mufjte eS erroeitert unb burdj Slnlage
oon Softämtern in oerfdjiebenen Stabtteilen eine Srleidjterung beS
SerteljrS gefdjaffen roerben. Tie Cberpoftbireltion erljielt ein eigenes
Sebäube in bem 1905 fertiggeftellten fdjönen Sau am Sarabeplatje;
bort ift audj baS gernfpredjamt untergebradjt. Ter Selepljoiroerreljr
ift in Stettin 1881 eröffnet roorben.
gu ber Stabt rourbe 1879 uneStrafjenbaljn eingericntet, bie anfangs
mit Sforben betrieben, fpäter eleftrifdjen Setrieb erljielt. Sie ift allmäljlidj
immer rociter auSgebaut roorben, fo bafj bie Gicfamtlänge jetjt meljr
al§ 33 km beträgt. Sind) Tampffdjiffe unb 9Jlotorboote vermitteln
ben Sertcfjr mit ben Sor= unb Sladjbarorten. Um ben gremben-
oerfeljr gu Ijeben unb allerlei Srleidjterungen unb Serbefferungen in
biefer Sejgeljuiig 31t fdjaffen, rourbe 1907 ein SertefjrSoereiii auf
9lnrcgung beS CberbiirgermeifterS Dr. Sldermanu (feit 1907 im Slmte)
504
© art en unb 'farfanlaßen.
gegrünbet. Vludj baburdj will er bie ©tobt, bie in mandjen Se
gießungen etwas gunidgeblieben war, niobernen fllnfprüdjen entfpredjenb
auSgeftalten. SeSßalb finb in ber Serwaltung viele Neuerungen ein
gefüßrt unb vor allem Arbeiten iu Sliigriff genommen worben,
burd) bie ©tettin immer meßr eine fdjöne, gefunbe ©tabt werben
füll. Sagu war eS aud) nötig, größere Sarlanlagen unb ©ärten
gu fdjaffen, in benen bie Sevölferung leidjt, oßue erft weitere gaßrten
gu unternehmen, ©rßolung finben tann. SaS gelang nidjt nur burcf)
bie Uniwanblung be» alten gnebßofeS vor bem JTönigStor, ber mit
bem Nefte ber einft gefdjaffenen Einlagen verbunben unb nad) ber
Ober gu erweitert wurbe, fonbern aud) burd) bie Übernahme ber von
3oß. Chiiftorp angelegten großen Cbftplantage unb ißarfanlage bei
SSeftenb. Saburd) ift in Serbinbung mit bem weiten ©elänbe bei
Nemiß, ©aerberg unb ber Shtfforoer fjorft ein großes ©ebiet gu
bauernber ©rßaltung gefießert unb burd) Suß=, gaßr», Seit unb
Nabfaßrwege erfdjloffen worben. Ser üuiftorpturm, ein mächtiger,
ßod) aufragenber Sau f?. ©djwedjtenS, ermöglicht einen fdjönen Slitf
über baS weite Sßalb unb Sarfgebiet. ©benfo ftellt ber neue, groß
artig angelegte ßentralfriebhof ein lanbfdjaftlidj ßervorragenbeS @e=
länbe bar, fo baß ©tettin im Unitreife mancherlei Sorgüge unb
©djöußeiten erworben hat, beren eS fid) früher nidjt gu erfreuen hatte.
Unb bie Senölterung ßat ißre fjreube baran, wie eS ber große Serfeßr
täglidj beweift, wie eS bie neu eingerichteten Caubentolonien unb bie
lange vermißte ^erftellung von Heinen 6infamilien=^äufern ober ber
Sau von Sillen beutlidj funbtun. Um baS Terrain für eine weitere
SluSbeßnung ber ©tabt gu fidjern unb nicht einer wilben ©petulation
gu überlaffen, hat bie ©tabt 1909 ein auSgebeßnteS ©ebiet im Sßeften
unb Norben nut ©djwargow, ©derberg unb Seilen von Semit}
erworben. Saburdj foll eine verftänbige Sebauuiig, für bie ein fefter
Stan entworfen ift, ermöglicht werben. Qm ©üben ift bie Slnlage
eines neuen 3'nintftriei’eäidS befcßloffen worben. SllleS bieS geigt,
baß bie Seriobe beS Neubaues nodj nidjt beenbet ift, baß troß eingelner
Störungen unb Hemmungen, bie mitunter eingetreten finb, nodj weiter
frifdjeS Ccben in ber ©tabt ßerrfeßt, unb eS ift gu hoffen, baß ißre
äußere ©ntwidelung auch iu ber Sutunft 3-ortfdjritte madjen wirb.
Slber nicht nur um baS alte ©tettin wurbe in weitem Umfange
neu gebaut, audj bie Vlltftabt felbft erfaßt burd) Umbauten eine
Seränberung, wie fie vielleicht nur nach ber großen Selagerung von
1077 vor fidj gegangen war. Sie vom ©tabtbaurat ß. ^obredjt
fdjon 1868 projettierte STanalifation wurbe nadj 1870 auSgefüßrt unb
immer weiter ausgebeßnt, fo baß baS ilanalneß im Qfaljre 1909 eine
(gtrafjtnbauten.
505
Oiefamtlänge non etwa 190 km ljatte. Über ber @rbe ertjielten bie
ntten Straften neite§, gutes ^ftofter, 511)11 Jett mit ^Ifpljalt; S0iirger=
[teige mürben überall angelegt, nnb bie berüchtigten SRinnfteiue, bie ben
Verfeftr [torenben ftcHerfjälfe, Steppen nnb Vorbauten oerfcfjroanben.
Ceiber gingen bei fotcfjer niuclliercnben unb gleidjmochenben Hinge
ftattung niete Stüde olter anfieintclnber Vauart 511 @runbe, unb ber
notmenbigen Verbreiterung ober Verlegung von (Straften fiel ftier unb
bort ein Van juin Opfer, beffen ©rljottung man au§ I)iftorifö)eni ober
506
UntflffMtunfl bei' Slltflnbt.
fünftlerifchem gntereffe geroiinfdjt Ijätte. Slber bie moberne Beit ver-
langte audj in ber VHtftalt unb auf ber ßaftabie ßuft uub ßid)t, unb
betbeS nad) fDlöglidjfcit gu fdjaffen, bagu roaren folcfje Cpfer nötig.
SJlan forgte auf ben Straßen fiir Sauberfeit, bie gabrbimberte lang
fo uiel gu roünfdjen übrig gelaffcn ljatte. Tie Stabt felbft übernaljm
bie Straßenreinigung, freilich ohne baniit bie alte Streitfrage über
bie Verpflichtung ber Siirger gur ffteinljaltung au§ ber Sßelt git
fdjaffen. Tie Straßenbeleudjtung madjte gortfdjritte, uom Cl gum
6ia§, oom @a§ gum eleftrifcfjen ßidjte ging bie Sntroidelitng. SJfan
möd)te woßl einmal einen 93ärger, ber oor 100 galjren mit feiner
Slbb. 37. Ta8 VattjnuS.
ßaterne bes SlbenbS auSging, heute burdj bie im hellen Klange
ftrahlenben Straßen ber Sroßftabt führen. £b er rooljl fein alte§
Stettin roieber erlernten würbe?
Vene GJebäube entftanben überall auch in ber alten Stabt. 33er
will nur alle bie öffentlichen Sauten, bie feit 1873 auSgefüfjrt roorben
finb, attfgählen? Sim Sdjloffe, an bem fdjon Sinnig griebridj SStlljelm IV.
eiugelne Sinterungen hntte uorneljinen laffen, rourbe ber Siibflügel
1872—1874 für Sureauräume umgebaut, nicht gerabe gur Bierbe be§
alten SaueS. Sö gelang wenigftenS bie pradjtoolle Salfenbecfe gu
retten, bie ein Sdjnnid be§ VaumeS rourbe, in bem man ba§
Sauttn.
507
SlltertumSniufeuni unterbracfjte. (Bodj fdjon fteljen neue llmänberungen
in VluSficßt, nadjbem bie Regierung in ben großartigen Sau auf
ber ^jatentcrraffe iibcrgefiebelt ift. SBie eine ftol.je Surg erbebt er
fid) in reidjent beutfdjem Slenaiffanceftile mit mannigfachen Slntlängen
an betannte Sauten. (Streng in gotifcfjett formen füßrte Stabtbaurat
ifrußl in ben fahren 1875—1879 baS SiatljaiiS am Sittoriaplatj au§.
'Biefer Sau roar feit langen $aßren als ßödjft bringenb erörtert
roorben, ba baS alte Webäitbe am £>eumartt ben neuen Serßältniffen
burcßauS nicht meßr entfpracß. Sei bem llmgugc ging man, roie eS
fdjeint, nidjt mit ber rounfcßcnsroerten Sldjtuug unb Sorgfalt uor;
nidjt nur ein Steil beS ftäbtifdjen SlrdjiveS, baS man fdjon früßer
ro»nig pietätSnoll beljanbelt ljatte, ging verloren, fonbern eS fdjeineit
bamals auch anbere Erinnerungen an bie alte Seit oerroorfen ober
abßanben getommen ju fein. $eute vermißt man in bem neuen
fftatßaufe unqern Silber ober Sßrunfftiicfe, bie oon früheren Saljr*
ßunberten unb ©efdjledjtern ergäßlen tonnten. SllS baS £aus infolge
ber geroaltig geroadjfenen Stabtverroaltung nicht meße auSreidjte,
rourbe 1900—1902 an ber Stelle beS alten, oon ben Sdjroeben
erbauten SRagaginS ein eigenes ftäbtifdjeS SerroaltungSgebäube nom
Stabtbaurat Steuer aufgefütjrt. SBie gang anberS roirtt biefeS SBert
auf unS, roeldj eine Ölnberung beS CTcfdjmadcS unb Stilgefühles
fpridjt fidj in biefem Sau aus! Sl’rußl unb Steuer ßaben, jeber gu
feiner Seit, bem ftäbtifdjen Sauroefen eine gang eigene SRidjtung ge
roiefen, einen eigenen Gßarafter gegeben. Gin befonbereS Ätunftroert
SteuerS ift baS neue Stabtmufeunt auf ber ^atenterraffe (vollenbet
1912), baS im eingeluen große 3feinheite« geigt. Sim beutlicßften aber
ertennt man rooßl bie Gntroirfelung beS GefdjmadeS an ben gaßl-
reidjen Sdjulbauten, bie in allen teilen ber Stabt errichtet roorben
finb. Stan vergleiche g. S. baS alte Stabtgijnuiafium an ber grünen
Sdiange, in bem jetjt bie 1902 begriinbcte Stabtbibliotßet unter*
gebracht ift, mit bem imponiercitben neuen Gebäube in ber Samirn»
ftraße ober eins ber älteren fdjltdjten Sdjulßäufer mit ben oft etroaS
unrußig imrtenben, aber bocß ftetS fein ansgefüßrten Sauten neuerer
Seit ober baS in ben fiebriger faßten erbaute einfadje Sl'uljbergftift
mit bem in lotettem Sdjmude prangenben CSfarftift! Überall tut
ficß bie Sfnbivibualität beS SteifterS funb, überall geigen ficß Eigen*
art unb ßeben. “Basfelbe gilt audj non ben gaßlreidjen ftaatlidjen
Neubauten, g. S. ber Cberpoftbireftion (1905), bem fßoligeiprcifibium
(1905), bem $auptgollamt, bie meift ber Stabt gu befonberer Siert)e
bienen unb baS Silb reidjer geftalteu. f’llle biefe Gebäube neben*
unb beieinanber wirten freilich in ißrer bunten Serfdjiebcnßeit oft
508
Äirdjenbouttn.
Slbb. 38. ftübtifdje StrroaltunßSöebäube.
etwas unruhig unb bringen e§ bem Sefdjauer gum Seroufetfein, bafe
Stettin fid) nidjt wie anbere norbbeutfdje Stäbte eine eigenartige,
bobenftänbige Sauart erljalten ober auSgebilbet ljat. Tangig, Stroh
funb, SßiSiuar ober ßübcd wirten gang anberS burdj bie ßiutjeitlidj
feit be§ StabtbilbeS. @s ift Har, bafe bie fdjweren Sdjidfalfdjläge,
oon benen bie Stabt getroffen würbe, in erfter ßinie baran Sdjulb ljaben.
(Sljaratteriftifdj war friiljer fiir bie Stabt ber Slangei an Jürnteii,
bod) bem ljat man gur ©einige abgetjolfen. SSäfjrenb inbeffen bie
Sudjt, auf jebeni (Erfljaufe eine Huppel ober ein
Jürmdjen 511 feigen, gerabegu als franfljaft gu be=
geidjnen ift, ljaben bie Stürme beS SerwaItungS=
unb bes neuen fRegierungSgebäubeS ober bie kuppel
beS SRnfeumS baS Silb oorteilljaft oeränbert. ®ie
alte Qafobifirdje ift namentlidj baut ber greigebig=
feit beS Slommergienrat fiarl ©erber in ben ^otjren
1893 bi§ 1902
ausgebaut
worben unb ljat
ftatt beS alten
JurniftumpfeS,
ber trofe feiner
©ürftigteit
oielen alten
Stettinern lieb
unb oertraut
war, einen
fdjlanten.tjoljen
Sturm ertjalten.
Slufeeu unb
innen ift ber
Sau neu ge=
ftaltet unb reidj
auSgcftattet,ein
®enfmal
Seugebaut finb
icril Uli
beutfdjen SiirgerfinneS unb beutfdjer fjrönunigfeit.
bie alte ©ertrubfirdjc auf ber ßaftabie (1897), bie fleine ßutljertirdje
(1893), bie fatljolifdje Kirdje (1895), bie griebenStirtfie iu ffirabow
(1890), bie 'JJlattljäustirdje in Örebon) (1892), bie Sugenljageittirdje
(1908), bie lutljerifdje Slirdje (1911) u. a. m. ®urdj alle biefe Sauten,
bie bent Slangel an üirdjen bodj nur gum Steil abfjelfexi tömien,
ift baS SluSfetjen ber Stabt ein icefentlidj anbereS geworben. Söoljin
Umbauten in ber Jlltftabt.
509
man jeßt and) tonimt, fießt man neben ben fßrivatßäitferu, von benen
fid) bie meiften gerabe nidjt burdj arcßitettonifdje Sdjönßeit auSgeidjnen,
überall ftattlidje, um nidjt 31t fagen, monumentale öffentlidje ©ebiiube.
Von nidjt geringem (Einfluß auf bie ©titwidelimg beS (Stettiner Sau
roefenS ift gewiß bie Ütöniglirije VaugeroerbSdjule, bie in bem von
ber Stabt ßergefiellteii imponierenbett ©ebäube Unterfunft gefuitben fjat.
Sieben ißr bienen bie SJlafdjinenbau» unb bie Seemafd)iniften=Sdjule
ber Verbreitung tedjnifdjer Slenntniffe.
Ilmgebaut ßat man aucß fotift in bet
Stabt unb baut nod) fortroäßrenb um.
SSaS ift i- V. auS ber Vreiten Straße, bem
'Parabeplatje geworben! SSenige ältere
•Käufer ftnb bort nod) ftetjeu geblieben,
ein§ nadj bem anbern roirb niebergeriffeit,
um einem mobernen ©efdjäftsßaufe, einem
Vßarenljaufe ^Icrlj 31t madjen. Daß bamit
jebeSmal eine
Verfdjönerung
ber Straße ver»
bunbeii ift, foll
nidjt behauptet
roerben; oiele
alte Stettiner
'Patrizier» ober
Jl'aufljäufer
waren tut
futtern uttb
'jiußertt nidjt
nur aiißeimelu»
bertuib vorneß-
niet, fonbern
aud) ardjitefto
Jtbb. 39. Die Suß«i(jaßeiitird)r.
nifcß fdjöner.
sJJlan ßat oft
jju wenig ültßtutig vor bett Sanlidjfeiteii be§ 18. ^aljrßunbertS gehabt,
bie ber Stabt friißer ißr eigenartiges Sepräge gaben, rüctfidjtSloS, ja in
Verachtung beS VarodS ßat matt fie befeitigt. Daburdj ift bem
größten Üeile ber Slltftabt ber Sleij beS Slltertümlidjeii genommen, nur
müßfam muß man tu einzelnen Straßen nad) Slefteu fitdjen unb fdjon
äitfrieben fein, weint man ßicr unb ba eine alte fcßöne .^auStiir, eilten
geräumigen fjlur, ein gejdjmüdteS 'Portal ober eine breit auSlabenbe
510
Strafjennanien.
Treppe entberft. Tod) and) bie Neubauten geigen mandje Reinheiten unh
finb oor allen für bie Sluforberungeu ber niobernen Beit paffenber. 5Öie
man namentlich in ben SBoljnl)|ufern fid) einftmalS einfdjräntte unb fidj
mit einfadjen, ja ärmlidjen ^Berljältniffe« begnügte, geigen immer nod)
galjlreidje fünfer in ben engen Straßen ber Unterftabt. fabelt fidj burd)
ben 9leu= unb Umbau Stettins bie 8Bol)ninigSoerl)ältniffe aud) erljebtid)
gebeffert, fo finb bod) nod) Übelftänbe oorljanben, unb gar mandje
SSoljniwig ruft in feuerpoligeilidjer ober l)i)gieuifd)er iJcgieljintg fdjwere
Sebenten tjeroor. ?lber bafe man auf fold)e nid)t leidjt gu beleitigenbe
Buftänbc mit Slufmerffamteit adjtet, bafe SBaupoligei unb O5efuiib(jeit6=
amt fie gu Leffern beftrebt' finb, ift ein grofeer VJortfdjritt. Tie gange
Cage beS ®runbbefitjeS in ber Slltftabt ift gurgeit nidjt berartig, bafe
fofort eine 'hnberung ergielt werben fann.
Turdjben umfangreichen Neubau, burd)
teiiweife Verlegung bcS SdjiffSoerteferS,
bunt) iBerfdjiebimg beS SJlittelpuntteS
ber Stabt ift für eingelne Teile ber
alten Stabt eine beträchtliche Entwertung
ber fünfer eingetreten. Stettin ljat
wie anbere ÖJrofeftäbte ben Jöorgang
enebt, bafe baS SefdjnftSgentrum fid)
meljr unb meljr oon bem 5Bol)iuiiig§=
gcntrum trennt. SRadj ber SInfidjt ber
Stgl. ißoligeibireftion fdjieii eine gröfeere
Slngaljl oon Straßennamen nidjt mel)t
gu paffen, besljalb wollte fie ältere
Wanten befeitigen. (Siegen bieS pietätS»
lofe ®erfal)teit, burd) bas oon neuem
alte Beugen ber SBergangenljeit oljne
weiteres uernidjtet werben follten, erljob fid) eine Slgitanon, unb eS
gelang befonbers ben 53emiil)uiigen be§ ißrofefforS ßemde, ber
1880 Sluffätje über bie älteren Stettiner Strafeennanien ueröffentlidjte,
wenigftenS einige gu retten unb gu erhalten. 53ei ber Weubencnnung
begann man erft fpäter, nidjt nur allgemein gebräud)lid)e, überall
wieberfel)ienbe Warnen gu benutzen, fonbern aud) bie Erinnerung an
SDlänner, bie fid) Werbieiiftc um bie Stabt erworben hoben, feftgiihaiten
ober gu erneuern. Tabei ^at man g. 83. beS Cberpräjibenten Erafen
23el)r=Wegenbaitf (1883—1801), bes (Sei). Slummergienrats Sllbert
Sdjlutow (geft. 1910), ber fid) um ^anbel unb ^iibuftrie Stettins
befonbers oerbient gemadjt ljat, beS StabtratS Dr. ^jeinrid) Tol)rn,
bes SegrunberS unb 5ori>erer§ &er eigenartigen ftäbtifdien 83ronge
Qnbnftrie.
511
fammlung, bes langjüljrigen Stabtoerorbneteu=S3orfteßerS Dr. Sdjarlau
u. a. m. gebadjt. füidjt miuber ljaben foidje Efjrung oerbient Ijodj
ßergige SSoßltäter, wie kartutfdj ober Stoltmg, (Sanne ober
Sdjwenn, bereit Slawen in iljren Stiftungen fortleben.
Sin ber Entwidelung ber Stabt ljaben förbernb unb tjelferib bie
Staatsbeßörben teilgenoninten, nanieirtltä) bie iljreit Sitj in Stettin
ljaben unb in birefter IBegießung gu ber Stabtoenualtung ftefjen;
infonberljeit baben bie ©berpräfibenten ber ißrooing, außer ben fdjon
genannten StaatSminifter Dr. oon fßutttamer (1891—1899) unb
Dr greiljerr uon 9Jlalßalju--@iilß (1900—1911), ftets bas ^ntereffe
ber Stabt int Sluge geljabt. ®urdj bie Vergrößerung ber Verwaltungs*
unb WeridjtSbeljörben, ber Eifenbaljn», $oll=, ißoft= unb Vrooingial
Keriwaltung ift bie -Saljl ber Seaniten ungemein geiuadjfen unb ein
neues Element in bie Seoölferung getommen, ba§ fidj neben ben
im Erwerbs* unb ©efdjäftSleben fteßenben Sewoßiiern redjt bewert
lief) maeßt.
Eine große llmroiilgung ljat in ben letjten ^aljrgetjnten bie
Stettiner ^nbuftrie erfaßten; fie ljat fidj in glangenber Söeife ent
wicfelt, unb bie gewerblidjen Anlagen finb nad) ber Slufljebung ber
Siatjoiibefdjräiifuiigen immer naßer an bie eigentlidje Stabt ßerau
gerüdt. Slidjt nur ba§ linfe Cberufer unterhalb unb oberhalb ber
Stabt ift reidj mit Qtabriten befiebelt worben, beiten neben bem
ißafferwege bann gum Seil audj ein Eifeiibaßnanfdjluß in ber ^fafe=
nißer fflaßn erwudjs, fonbern aud) auf bem redjten Ufer finb foldje
'Anlagen entftanben, unb ebeiiforoenig feßlen fie lanbeinwärts auf ber
$öße. ®ie ungeahnte Entroidelung ertennt man am leidjteften, wenn
man ein VergeidjitiS ber Stettiner oon 1873 mit einem
foldjen oon 1911 vergleicht- SDlandje ber bamaligen finb gu
Erunbe gegangen, gunial ba nadj 187U ein gerabegu ungefunbeS
®rängeit unb $aften nadj Eriinbungen ßerrfeßte, ba§ ja befanntlidj
1873 gu bem großen kraeße fiißrte, mandje finb mit anberen uereiingt
worben, aber woljl alle, bie bamals beftanben unb fjeute nodj im
Setriebe finb, ljaben fid) gewaltig uergrößert, unb galjlreidjc neue finb
ßingugetommeii. ®er Qaljrejoberidjt ber kaufmannfdjaft fiir 1873
gäljlt in unb um Stettin im gangen 143 inbuftrielle Etabliffements
auf mit 9433 Arbeitern, Ijeute wirb in ben ^Jabriten, bereu 3aßl
nidjt oßne weiteres angegeben werben tann, eine Sdjar oon nunbefteiis
22000 'Arbeitern beschäftigt. Es tann ljier nicßt eine Aufgäßluug
aller ber befteßenben 9nbuftrie=Unterneßmungen erfolgen, nodj weniger
eine Eefdjidjte ber eingelnen gegeben werben, aber es fei barauf ßin*
gewiefen, baß fie, foweit fie für Stettin djaratteriftifdj finb, eS mit
512
Hantel.
bem Scßiffbou, ber Herstellung von djemifdjen fßrobutten unb von
gement, fowie mit ber Kleiberfonfettion gu tun ßaben. Sten ßingii«
getommen ift als ein eigenartiges Unternehmen bad 1897 in Betrieb
genommene Eifenwerf Kraft in Kraßwiect, bie großartige Srünbung
beS dürften von Sonnersniarcf. Söelcße Bcbeutinig alle biefe gabriten
für bie gefamte Bevölterung ßaben, ßat ficß imeberßolt bei Streifs
ober in 3c‘ten ber Stagnation beutlid) gegeigt. ®a fonnte mau
erfennen, mie bie wirtfdjaftlidje Erifteng von Saufenben von ber
Blüte unb bem GJebeißen ber ^nbuftrie abßäugig ift. SeSßalb regte
aucß ber Befcßluß beS „BultanS", eine gtveignieberlaffung in £>am=
bürg gu begriinben, bie gefamte Bevölterung Stettins auf, ba man
fiircßtete, burcß Einfdjräntung beS Betriebes auf biefer größten aller
Stettiner Qnbuftrieanlagen iverbe ber gangen Stabt ein fdjiverer
Scßabeit erivachfen. Über bie finaugiellen Ergebniffe enthalten bie
Berußte ber Borfteßer ber Kaufniaimfdjaft regelmäßig Eingaben; feit
bem bie ^nbuftrie in Stettin fo ungemein an Bebeutung gewonnen
ßat, finb ißre Vertreter aucß ber Korporation ber Kaufmannfdjaft
beigetreten. Sooft ßaben fie ißre Bereinigung in bem 1879 ge
griinbeten pommerfdjeii Berein gur Überwachung von Tampfteffeln
unb in bem Berein ber Qiibuftriellen fßommernS.
Ebenfo wenig wie eine ©efdjicßte ber Stettiner ^nbuftrie tann
ßier, wie bereits früßer wieberljolt ßervotgeßoben worben ift, eine
folcße beS .gjaitbelS gegeben werben. Seine Entwicfelung, fein ?lnf
unb Slbfteigeir ßängt von Borgängen unb Ereigniffen ab, bie im
fRaßmcn einer Stabtgefdjidjte uicßt erörtert werben töniieu. ®odj ber
fdjwerftc Sdjlag, ber nicßt allein bie Hanbel treibenbe, fonbern faft
bie gefamte Bcvölferitng traf, war fogufagen lofaler Slrt, ber 1877
erfolgenbe 3l*fmnmcnbrucß ber „Siitterfdjaftlidjen ^rivatbanfSöaren
früßer fcßon bisweilen Stiinnien gegen bies erfte Stettiner ©elbinftitut
unb feine EejdjäftSIeitung laut geworben, fo war baS Blißtrauen
bod) gerabe guleßt verftummt, unb bad Bertrauen, baS man ber Bant
entgegenbracßte, fdjien woßl begriinbet gu fein. SSelcß eine Aufregung
entftanb, als nacß bem giemlid) plößlidjen Sobe gweier ®irefloreit
am 10. Cftober ber KonturS erflärt wurbe. ES trat in ber feßr
(ebßaft geführten Tisfuffion über bie ®rünbe beS Sturges gu Sage,
baß bie ®efcßäftsfüßrung uncrßört leidjtfinnig, ja auf birefte Säufcßung
berechnet gewefen war. *2lber waS ßalfen alle Erörterungen unb Sin
griffe, von benen bie .gehungert voll waren? Eine große von
Konturfen in Stettin war bie fjolge, nnb auf lange Qaßre war bas
gefcßäftlidje ßeben gerftört, unenblicße Blüße toftete eS wieber, Ber«
trauen gu gewinnen.
Hnnbtl.
513
Sind) fonft ljat ber Haubel Stettins fernere Beiten burdjgemadjt;
es ift fdjon barauf (jingewtefen worben, meld) Ljorter Stampf mit
Hamburg 311 befteljeu mar. (Sinen guten Seil beS Söcirenljanbels
ljat es an ben mächtigeren Stonturienten oerloren, unb biefer ljat einen
erfolgreichen SBnrftofj in bas ©ebiet Stettins gemadjt, fo bag eS
in manchen ^Beziehungen befdjränfter geroorben ift, als eS früher mar.
Bmnier ift bie Stabt aber ber Ginfidjrfjafeii einer mbiiftriereidjen unb
Wohlhabenheit ©egenb geblieben, fiir bie fie ©etreibe, Steintoblen,
geringe, Söein unb bie JRotjftoffe ber Bnbuftrie Ijerbeifdjafft. Tiefe
©iufuljr (feewärtS linO im gangen 3 365 504 t) übertrifft bic SlnS»
fuhr (1910: 1 438410 tj gang erheblich: biefe erftretft fidj oorneljmlidj
auf ©etreibe, 3»der, SDMjI, rfement, djenüfdje (ßiobutte 11. a. m.
(IBer eingelne Batjlen unb ftatiftifdje (Radjridjten über ben HanbelS»
oerteljr gu haben wiinfdjt, ber fei wieber auf bie Jahresberichte ber
ßaufmaunfdjaft nerimefeii, bie fdjon feit längerer Beit als feljr ge
biegen unb non (jernorragenber SadjfenntniS geugenb anerfanut
worben finb. Obwohl ftih Haubel iu feinen formen gum Seil
geänbert ljat, bie Spebition g. O gang befonbers in ben (Borber
gtunb getreten ift, fo wirb man bie auffteigenbe Senbeng nidjt oer»
tennen ©8 gilt non Stettin noch heute, ja Ijeute noch meljr als
früher, waS nor meljr als 20 Bahre» ei» Sadjuerftänbiger über feinen
Seeljanbel fdjrieh. „Stettin ift unter ben beutfdjen Dftfeeljafen ber
heroorragenbfte unb derjenige, bem am etjeften baS (ßräbifat eines
Xöeltljanbelöplatjes gebührt, audj infofern, als er, was bie tedjnifdjen
unb wirtfchaftlidjeu Hilfsmittel feines Handels betrifft, fidj ftetS auf
ber Höljc ber mobernen ©ntwicfelung gegeigt hat, nie hinter feiner
ßeit guriicfgeblieben ift." Weben bem SBaren=®in unb VluSgang gur
See ift natürlich audj ber auf bem Jluffe unb mit bet ®aljn erheblich
geftiegen uub hat immer größere 'ifebeutung gewonnen. Ja bie glufj«
fdjiffabrt fdjeint einer befonbers großen Bufunft entgegen gu gehen,
je mehr ber (Berteljr nach (Berlin gnneljmen wirb, ©rofje SBidjtigfeit
für bie Sinnenfdjiffahrt hat nodj ber (Berteljr nadj ber ©Ibe unb nadj
Sdjlefien. 3» Ziemlich bebeutenber Steigerung, freilich nicht ohne
SdjwuMifuiigen, begriffen ift ber Gifenbaljnuertehr im ©in» unb SluS»
gang; er ljat fich innerhalb 15 Bahren ungefähr oerboppelt. Sille
biefe unb anbere ßcÄhm geigen einen Sluffdjwiing, ber uielleicht nidjt
immer mit bem allgemeinen ßuwadjs bes beutfdjen HanbelSDcrtehrS
gleidjen Schritt gehalten hat, aber bod) nicht allgu feljr guriicfgeblieben
ift. Sie alten Stettiner HanbelSartitel, SBein unb Heringe, ßein
famen unb Holg, fpielen noch immer eine bebeutenbe Wolle, anbere,
wie ©etreibe, Sämereien u. a., finb in iljrer SBidjtigteit oielleidjt
SUetjrmaiin. #efd)lc$tr von Stettin.
33
514
Jpanbet.
aurürfgegangen, bafiir finb aber neue, wie Stollen, Surfer, Startoffeln,
hinjugetommen. Vergleicht man ben mittelalterlichen .fjanbel Stettins
mit bem mobernen, fo ertennt man fofort, wie bie ^anbelSartitel nnb
baS ^anbelSgebiet fich oeränbert unb auSgebeljnt haben. (Sine fofcfje
®lüte, wie er heute erreicht hat, ift in früheren Sfahrhunberten nidjt
oorljanbcn gewefen, auch wenn man nerfudjt, bei einem foldjen Der*
gleidje bie gaiij »eränberten äufeeren llmftänbe au berüctfidjtigen
gur Stettin unb ferne taufmännifdje Veoölterung legt biefe Sliite
ein ehrenooIIeS ßeugniS ab, wenn wir uns erinnern, wie tief ber
gattje $anbel gefüllten war, nachbem ifjn fdjwere Schläge getroffen
hatten.
Dafe aaljlreidje SBiinfcfee für bie Hebung uub fSefferang oor=
Ijauben finb, wer wollte fidj barüber wunbern? Sonberlidj flogt man
feit fahren über bie fjoljeii ftaatlidjen Sdjiffahrtsabgaben auf ber
nertieften gahrftrafee Stettin—Sroinemünbe, unter benen namentlich
audj bie JReeberei 311 leiben hat nnb bie ben SBettbewerb mit anbereu
beutfdjen .fpäfen erfdjioeren. Sdjwantungen im SSertefer unb .fjanbel
hängen Ijeute nidjt in erfter ßinie oon totalen '-Berljältniffen ab, bie
gefanite wirtfdjaftlidje ßage bes SBeltmarfteS macht ficf) überall gelteub.
fDtit ihr fteljt auch flitnt in fBerbinbung ber tleine Slürfgang beS
SdjiffSoerteljrS, ber in ben legten fahren erfolgt ift; er ift allerbingS
um fo bebaueniSioerter, als in anberen £)äfen ein foldjeS Stagnieren
nicht au bewerten ift. DaS gibt aber auch bie Hoffnung, eS werbe
biefer Stillftanb überwunben werben. Die Stettiner Dieeberei, um
noch einige Safelen 41t geben, wählte am Snbe beS SaljteS 1910
240 Schiffe mit 82935 Steg.»Donnen gegen 218 Schiffe mit
34 796 ßaften im ^afere 1873. Der ilnterfdjieb fpringt in§ Singe,
wenn wir erfahren, bafe bamals 65 See», Sugfier* unb fjlnfebampfer,
1910 bagegen 220 foldje galjrgeuge uortjanben waren, ber Seftanb
an Segelfdjiffeii alfo oon 155 auf 20 gurüctgegangen ift. 1873 oer=
teljrten im $afen 2748 Sdjiffe mit 374 395, 1909 bagegen 4719
mit 1 571 283 3?egifter=3:onneii, bauon tarn bamals etwa 34% auf
Segelfctjiffe, 1909 nodj nicht 8%.
Dafe bie Stab tue rwaltung bie Sebeutung, bie ^anbel unb
Sfnbuftrie fiir bie ©emeinbe befifeen, nidjt unterfdjäfet, h°t fie gur
©einige burd) bie grofeen {Bauten unb Einlagen, bie bafür fjergeftellt
worben finb, bewiefen. Qn ifer fpielt bie Slürffidjt auf biefe ®rwerbS=
gweige eine gan^ anbere Stolle als nodj oor 40 fahren. Dian feEje
nur, weldjeS ©ewicht auf bie {jafeiwerwaltung, bie ©ewerbe- unb
Kaufmanns ©eridjte, bie fo^ialpolitifdje Slbteilung in ben SßerwaltutigS=
berichten ber Stabt Stettin gelegt wirb, *3jueige ber ftäbtifdjen
Firmen« unb fitonfcnpflegt.
515
Berroaltnng, bie oor einigen gafergefenten taum uertreten roaren. Sang
gewaltig erroeitert feaben fidj bie Aufgaben, bie einer mobernen Stabt
geftellt finb, unb e§ ift unmöglidj, fie im einzelnen gu befeanbeln.
'4Sie großartig Ijat fid) bad Scfeulroefen ber Stabt entroüfelt!
44 Senieinbe», 2 $ilf§=, 6 9Jlittel=, 6 Ijöljere Sdjulen verfdjiebener
9lrt unterftefeen Ijeute bem ftäbtifdjen '^atronat. Dagit tonunt nod)
bad gortbilbungdfdjulroefen, beffen Anfänge in bad ^fafjr 1873 aiiriicf’-
gefeeu, bad aber 1910 gang neu geftaltet ift unb nodj weiterer <Snt=
roirteluug bebarf. WRit ben nidjt ftäbtifdjen feöljeren Sdjulen, unter
benen bad fiönig SBitfeelmS-Sijmnafiuni 1880 gegrünbet roorben ift,
ben gewerblichen Sdjulen, ben gatjlreidjen Brioatfdjulen roirb bie
3aljl ber ßeferanftalten nod) ertjeblidj gröfeer, fo bafe Stettin mit
'Jtedjt wegen feined Sdjulroefend in ljoljeni Aiifefeen ftefet. Die Armen»
unb Slranfenpflege ber Stabt, ber audj gefeit befonbere, gum 5eil
reidj botierte Stiftungen bieitett, ift ein Broeig ber ftäbtifdjen Ber»
lualtnug geworben, ber bie gröfete Audbefenung befifet unb bie fdjroerfte
Arbeit uerlangt. gminer mefer ift ed gelungen, gerabe hierfür auefe
bie freiwillige Wirtarbeit ber Bürger unb Bürgerinnen gu gewinnen.
Bon ihnen feat fidj eine grofee Bafel in ben Dienft ber ftäbtifdjen
Armenpflege ober prinater SBofeltätigfeit geftellt. Wlan fudjt nidjt
nur ber 'Armut unb bem Slenbe gu helfen, fonbern and) uor allem
bie bagu füferenben Wlifeftänbe gu befeitigen. Söie fefer oerbienten e§
gafelreidje Wlänner unb grauen, bie fidj unermüblidj ben BJerten ber
Barmfeergigfeit gewibmet feaben, in einer Stabtgefdjidjte erwähnt gu
werben, aber ed ift nidjt möglid), unb iferen ßofen feaben fie roofel
faft alle in bem Bewnfetfeüi gefunben, burd) ifjre ftille Arbeit mandje
£räiie getrodnet, mandjem lluglüd abgefeolfen gu feaben. iffier aber
ertennen will, road fiir eine Arbeit auf bem Sebiete fogialer gürforge
oon feiten ber Stabt, ber gafelreidjen Bereine, ber fiirdje unb Banater
in Stettin geleiftet wirb, ber werfe einen Blirf in bad 1910 uon ber
Armenbireftion feetaudgegebeite Bud) „SSofeltätigteit unb Sßofelfafertd»
pflege in ber Stabt Stettin". Der Sßunfdj, ber biefe Bufammen»
ftellung guftanbe gebradjt feat, bafe ed ferner ein gebeifelidjed 3ufam=
wirten ber ftäbtifdjen Armenpflege mit ben gafelreidjen gaftoren
prroater Aßofeltätigfeit förbern feelfe, roirb geroife in (Erfüllung gefeen.
BJofeltätigteitdfinn ift, roie roir gefefeen feaben, feit langem eine fdjöne
Sigenfdjaft ber Stettiner, bie fid) audj heute nod) reidjlidj betätigt,
ttöeldj ein fi'rang uon Anftalten gur Bflege unb Aufnahme uon
firanten, ßlenben, Berlaffenen umgibt bie Stabt in roeitem fireife,
weid) eine Wlenge uon Bereinen ift beftrebt, ber Wot unb bem (Slenbe
abgufeelfen, roie ift man g. B bemüht, bie gugenbfürforge audgiibauen!
33-
51 (i
©täbtijcbe Verwaltung.
Die anberen 'Aufgaben ber ftäbtifdjen Verwaltung, Sau unb
Steinigung ber Strafen, Söafferleitung, (Sasanftalt, geuerroeljr, £fo=
nomic, Slntageai unb griebhöfe, (SefunbheitSamt u. a. in., hoben nicht
minber an Umfang unb Sebeutung angenommen, ©ine moberne
(Srohftabt in allen Segiehungen auf ber £>öhe 31t erhalten, erforbert
eine Unmenge oon SJliihe, Arbeit unb Selb. Dajj bieS fdjruer ift,
gumal wenn eine ©tabt fahr rafch niädjft, bebarf feiner üluSführung;
bafe bisweilen auf eingelnen (Schieten einiges uerfciumt roirb ober
'Ißunfdje gurüdtreten muffen, ift leidjt erflärlidj. SSenn nur im all
gemeinen fein ©tillftanb eintritt, wirb eS and) ftets gelingen, anberes
nadjguholen. Daß ©tettin in ben legten gahrgetjnten fortgefdjritten
ift, wenn auch üielleidjt nicht innner auf bem gerabeften unb ein
fachften SSege, wirb fein billig urteilenber leugnen. 3inn«ft ift
gelungen, tüchtige Vlännei fiir bie ftäbtifdje Verwaltung gu gewinnen,
uon benen jeber an feinem 'Blalje nach Kräften unb befteni Üouneu bie
iljni gugewiefenen Stufgaben im großen unb fleinen erfüllte. Ebenfo
haben fidj gahlreidje Sürger in ben Dienft ber ©elbftuerwaltung
geftellt unb bereitwillig mitgearbeitet fiir baS USotjl ber ©emeinbe.
Die VerroaltnngSberid)te ber ©tabt, bie ein reid)e§ SJlaterial fiir ihre
®cfcf)ichte enthalten, legen uon biefer uneigennütjigen Slrbeit otfen
SeugniS ab.
Dafj bei foldjer Entwicteiung an bie Sürger insgefaint nicht
unerhebliche gorberungen an Steuern geftellt roerben muhten, ift
feibftoerftänblich- Vlan ljat über fie fdjroer geftöhnt unb feufgt innner
nod) über bie fteigenben Slufprüdje. Um ben ©djmerg nidjt gu uer-
mehren, füllen Vergleiche mit früheren Seiten nicht angeftellt roerben.
Der ©tettiner mag fich tröften, bah eS in allen anberen ©täbten woljl
nicht oiel beffer fteht, bah tljre ginanglage gunieift nidjt günftiger ift,
als bie Stettins. SSenn er and), roie eS fein gutes FRedjt ift, Statt!
an mandjen ftäbtifdjen SJlahregeln übt, über fie fdjimpft unb
räfoniert, fo freut er fich bodj anbererfeits über bas, roaS aus beni
alten engen unb finfteren ©tettm geworben ift. ©ein ^eimatsftolg,
ber übrigens bei ber geringen ©ehfjaftigfeit ber Sevoltenmg — nur
etroa 40% ber Einwohner finb geborene ©tettiner — nidjt gerabe
allgu groß ift, regt fidj, wenn er auf ber ^jatenterraffe luftroanbelt,
bie ftattlidjen Neubauten beiidjiigt ober an ben Slunien unb Var!
anlagen feine greube ljat.
Dann tut fich ber Sürgerfiun in ©djentungen unb ©tiftungen
tunb, unb in ben mannigfachen Vereinen, bie fich mit tommuitalen
Sltigelegenljeiten befdjäftigen, tonunt baS Sßohlgefallen an bem rüftigen
©djaffen unb Dreiben, an gortfchritt unb Entroidelung gum Slusbrude.
(MeiftifleS Veben.
517
Bei oller iiatnuuücbligeii ©erbljeit gilt von ben Stettinern beute nod)
bas Urteil beS ölten pommerfcheii (£l)roniftcn. „®a§ Bolt ift etroaS
höflicher nnb ljolbfeliger auS töglidjer Kontierung, fo fie meljr mit
ben Ko<Wutfdjen buben, als bie onbern pommerfdjen ©tobte."
©enteil roir bei ben Kocbbeutfdjen beute befonbers an bie Berliner,
fo roerben roir bie Bewertung nidjt unterbrüden tonnen, bof; Berlin
auf bie Bilbung beS Stettiner ©IjarafterS, fo roeit oon einem folcfjen
bie Siebe fein tann, oon mafjgebenbem (Sinflnffe geroefen ift. ®ie
IHeidjsljmiptftabt übt ibn in ollen Beziehungen, materiellen unb
ibeellen, auS; ob immer z*im Borteil, ift minbeftens groeifelljoft.
Qnbeffen in einer Bidjtung wenigftenS ift biefe (Smiwirhing günftig
geroefen ®aS gciftige Ceben, ba§ in früheren .Seiten recht bürftig
roar, bat uon bort reidje Slnregung betommen. Qntereffe für SSiffen»
fdjaft unb ftnnft, Seilnaljme un bent beutfdjen ©eifteSIeben buben
entfdjieben angenommen, ®auon legen ^feugniS ab bie gabllofen
Bereine imb ®efellfdjaften, bie es fid) angelegen fein laffen, fiir wiffeu»
fdjaftlidje unb tünftlerifdje fragen oller 91 rt gu intereffieren, bie große
’JJlenge uon Bortrögen, bie olle Sabre iu ber Stabt ßum ©eil in
förmlichen $od)fdjul» ober QortbilbungSturfen gehalten roerben, bie
Benutjung ber neitgtfdjaffenen Stobtbibliotbet n. a. m. Qm Jtiinft»
leben bat bas Stabttbvater eine fiiljrenbe SRolle geroonnen, befonbers
fcitbem eS nach uielen fdjiueren Stufen 1892 uon ber Stabt über«
nomnien unb burd) einen Umbau neugeftaltet rourbe. ©et Befudj
ber Sluffubruitgen ljat fich infolge ber inneren Bnsgeftaltimg unb
Berbefferung gehoben, beim ber Stettiner b«t eigentlich eine gewiffe
Borliebe für bas ©bcoter, wie es bos ®cbeiljen Heiner Biiljnen beroeift
©o§ SJlufifleben ift im Vaufe ber Qeit immer reicher unb uiel«
geftoltiger geworben. Cb es feljr in bie ©iefe gebt, nmfj man uor
läufig bezweifeln, fo lange gerabe bie beften Sluffübningen, bie
,V B. uon bem Stettiner Btufituerein geboten werben, nur eine auf
engere .Greife befctjränfte ©eilnabme finben. ©och and) in biefer
Beziehung muh ber Stettiner noch berongebilbet roerben, unb ein
Qortfdjritt ift woljl fdjon ju erteniien. So roirb e§ and) gelingen,
bas biSljer noch geringe Qntereffe für bilbnerifche Jhnift gu eriuecfen,
wenn bie einzelnen Sammlungen in bem neuen Stabtmufeuni auf
ber Koleuterraffe uereinigt uub planmäßig uermeljrt finb. Bisher haben
weber bie .ftuiiftauSfteliungeii, nodj bie ganz eigenartige Sammlung
uon Badjbilbitngen antifer Bilbroerfe, bie eine Schöpfung Keiuridj
©oijrnö ift, in ber Stobt bic uerbiente Beaditimg gefunben.
©ie gefronten 3nfü'iibe Stettins finb immer nodj in einer ®nt
roicfeliiiig begriffen; es ift eine ®rofjftabt geworben, bie weber äntjerlidi
518
SMdblid
nocfe unterlief) fertig ift. Silber in ber oor 40 Qaferen begonnenen
Sßeriobe ber mobernen SluSgeftaltung ift feljr oiel erreicht roorben,
unb biefe GrfenntniS läßt feoffen, bafe audj in ^Jufunft bie ©tabt
niefet ftillftefeen, fonbern fid) roeiter entroideln roirb. Gute fjjanbelftabt
ift (Stettin ftetS geroefen, unb ben ÜppuS einer folcfeen wirb unb foü
eS immer befealten. SJlatufee Sdjroierigteiten, bie iljm für $aubel unb
SBerfefer auS feiner Vage, feinem Klima unb anberen SBerfeältniffen
erroad)fen finb, ljat eS fiegreidj überrounben, oiele feferoere ScfeidfalS=
fdjläge ertragen ober roieber gut gemadjt, roie bie ®cfd)idjte unS faft
in jebem ber oergangenen Qaferfeunberte gegeigt bat. Söarum füllten
roir triefet bie fefte Buoerfidjt feaben, bafe bie Stabt audj ferner 'JJlängel
unb SFlifeftänbe, UnglüdSfälle unb Ungunft ber ßeitoerfealtniffe glüdliefe
gu befeitigen ober gu ertragen bie Xtraft feaben roirb? ?luf unb
nieber finb bie ©efdjide Stettins gegangen, mefer als einmal feat eS
faft gerfdjniettert am Stoben gelegen, aber immer roieber ift ein 2luf=
feferoung erfolgt baut ber gäben Energie, mit ber feine Sewofener ifere
Biele gu oerfolgen pflegen. ®lit SRedjt feat ber Cberbürgermeifter
Dr. SIrfermann, als er am 28. Sluguft 1911 bas Kaiferpaar in Stettin
begrüfete, biefe Kraft unb Säfeigfeit ber Stettiner feeroorgefeoben, mit
ber fie roirtfdjaftlidje K'rifen unb Sdjwierigteiten gu überroinben bemüfet
finb. Sein feoffnungSuoller SSunfcfe, bafe unter ben blitfeenben Stabten
©eutfdjlaubs Stettin immer eine ber tatfräftigften unb treueften fei,
mag am Sdjluffe biefer ©arftellung ber Stabtgefdjiajte aufgenommen
roerben!
£orfa Stettin!
2lbb. 41. Siegel ber Sllterleute beS SeßlerfeaufeS.
Jlnmetftungen*).
SJlittelalterlidje Gtjronifen Stettins gibt eS nidjt. Sen erften
Serfudj, eine ®cfdjid)te ber Stobt gu fdjreiben, ljat ffJaul ^riebeborn
in feiner 1613 erfdjienenen „£jiftorifdjen ISefdjreibung ber Stabt fiten
Stettin in ’ßommern“ gemadjt. SieS Jföerf, baS immer nod) feinen
eigenen SSert ljat, ift in ben folgenben feiten oon galjlreicfjen ®efdjidjtS*
forfdjern benntjt nnb auSgefdjrieben worben. SefonberS im 18. 3faljr-
Ijunbert ßaben oiele Stettiner fidj mit Slrbeiten gur Stabtgefdjidjte
befefjäftigt, eifrig geforfefjt unb fleißig gefammelt, aber bod) ljat feiner
bamals ober fpäter eine oollftänbige ober an§füf)rlid>ere CTefcfjidjte
Stettins gnftanbe gebradjt; fürgere Tarftellungen finb ßier unb bort
yegeben worben. Saljer verbient bie Slrbeit be§ werteren gt- SUjiebe,
ber 1849 eine „©ßronit ber Stabt Stettin“ in einem ftarfen ®aiibe
veröffentlidjte, alle Slnerfcnuung, gumal ba er Urfunben unb Slften fleißig
benntjt ljat. ®ieS 93udj, baS gum Seil eijer eine SDlaterialfammlung
als eine anfdjaulidie Sarftcllung bietet, ift fiir Qalirgeßnte baS Sßerl
gewefen, aus bem ber Stettiner fid) über bie ®efd)irf)te feiner Stabt
beleljrte. SBaS £>. Sergßaus in feinem ßanbbudje von Sommern
(Seil II, 23anb 8 u. 9. 1875, 1876) als Sefdjidjte Stettins bietet,
ift faum mel)r als eine BufoMinienftellung von eingelnen Wacßriditen
uub SltlenauSgiigen, bie an fid) feljr wertvoll finb, aber oljne
ljang feine fortlaitfenbe Srjäßlitng barftellen. Sind) SB. £>. SPeuerS
Stettin in alter unb neuer Seit (Stettin 1887) enthält nur eiitgelne
lofe gufammengefiigte Slbfdjnitte, in benen bie Gntwidelung ber
Stabt nad) verfcßiebeiten JRidjtungen gefcßilbert wirb. .ftlirgere
gufammenfaffenbe Tarftellnngen finb wieberljolt gegeoen worben; eS
mag ljier nur auf bie von ®. ßratj verfaßte (®ie Stäbte ber ^ßroving
fßommeru. Berlin 1865. S. 376—412) vermieten werben. 'Sie
Gingelforfdntug ift, wie bie folgenben Slnmcrfungen geigen werben,
befonbers in ber gweiten £>älfte be§ 19. QabrfjunbertS fleißig an ber
Slrbeit gewefen unb ljat gaßlreidje fragen gelöft ober ber ßöfung
iiaßegebradjt.
*) GS ifl nidjt beabficbtinl, ljier eint vollftäiibiße ®iblioßrap()ie jur ®t:fd)itf)tc
Stettins ju ßeben, fonbern nur bie roidjtißften Slrbeiten ju nennen, auS benen
weitere Söelebrunß ju ßewinnen ift.
520
'2(iiitievfiuißeit
1. Kapitel.
Über bie geologifd^c Sefdjaffenbeit ber Gtettiner ©egeiib gibt
533. Deede in feiner Ökologie non Sommern (Serlin 1907) nnb in
feinem geologifdjen Rührer burd) fßomntern (Serlin 1899) reiche
Seleljning. •£>. Gdjuniann behanbelt in feiner gntnblegenben Virbeit
bie Kultur fßominernS in Dorgefdjidjtlidjer .ßeit (Sait. Stub. XLV1
G. 103 ff.) audj bie ältefte Seit. Die 'Jladjridjteii ber Vllten über
bie ßänber an ber Gübfeite ber Cftfee ftellt gering (Srogr. bes
(MijnuiafiumS in Stettin 1833) ^ufantmen, bad) finb feine Eingaben
bttrch neue ftorfchungeu 5. S. non K. Slü l len hoff überholt. (Einiges
über bie gitnbe auf bem (Mebiete ber Gtabt Gtettin gibt (E. 5öalter
(Sait. Stilb. 91. 3. XI, S. 217 f).
2. Kapitel.
Sieben bem älteren, immer nod) wichtigen Snd)e mm ß. (Miefe
bred)t (SBenbifdje (Mefdjidjten au§ ben Qfaljren 780—1182. 3 Sbe.
Serlin 1843) mag auf 91. 5Bagner§ Stenbenseit ('JJlecflenburgifrfje
(Mefdjidjte in ©in^elbarftelluiigen II. Serlin 1899) bingewiefen merbeit.
$ür bie Kultur ber Glaroen gibt $. Schumann fnr^e unb gute
SluShinft (Sait. Gtub. XLVI.) Da§ wenbifdje Stettin ift in
mehreren Vluffatjeii oon ß. (Miefebrecht, $. gering (Sait. Gtub.
X, 1. G. 1— 8<»), ß. Cuaiibt (Sait. Stub. XXIII, S. 116 ff.) u. a.
behanbelt morben. .£). ßemrfe befdjreibt ben Surgiuall uon Stettin
(Serbanblungen ber Serlmer (Mefellfdjaft für Slntljropol. ufto. 1889,
S. 110—120). feljlt aber noch immer eine griinblidje Unter
fud)ung ber flaioifdjen Junbe, mie ber djroiiifalifdjen 9lachricf)ten, bie
fich bei ben Siograpljen beS heiligen Ctto, bei bänifdjen ober poluifdjen
©hroniften finben.
3. Kapitel.
Die luidjtigften, ja faft einzigen 9lachridjteii über bie (Stjrifiiani
fierung Stettins bringen bie Siograpljen be§ SifdjofS Ctto (Über
fetjung in ben (Mefd)id)tSfchreibcrii ber beutfdjen Soweit Sb. 55).
VlnS ber umfangreidjen ßiteratur über feine Jätigfeit fei hier nur
auf bie Sterte oon Sk SSiefener ((Mefchidjte ber cfjriftlidjen K'irdje
in Sommern jur Stenbeiißeit. Serlin 1889) unb non ?lb. $aud
(Kirdjengefdjidjte Dcutfd)lanb§, IV, G 565 ff.) oerwtefen. Über ben
Sßenbentreu^ug oon 1147 finb bie Wadjridjtcn im Somm. llrfunben
Sudje I, 6. 14—18 gufammeiigeftellt.
'21 nm crfuiigcn.
521
4. Jlapitel.
Über bie Einlage ber oftbeutfdjen Stäbte gibt eS eine reidje
Literatur (»gl. Tal)Imann = SBaiß, Cuellenfunbe 7. Slufl. S. 311. —
Teutfdje ©efdjidjtöblätter XI (1910), S. 27!)—300). güt Sommern
fei auf 53. o. Sommerfeib§ Sud) (Sefd)id)te ber Sermanifierung
bes .ftergogtumS Ißonmieni bi§ auiit Abläufe be§ 13. galjrtjunbertS.
ßeipgig 1896) nerroiefeu. Stuf bie Serwertung bet Stabtpläne fiir
bie ®efd)idjte ljat guerft g. griß (Srogranim beS CtjceuniS gu Straf}
bürg i. ®. 1894) aufinerffam geniadjt, in neuefter Seit ift biefe
grage ivieberljolt beßanbelt roorben (ogl. g. S. tftorrefpoiibengblatt
bes SefaintocreinS ber beutfdjen @efd)i<±)t§= unb SlltertumSoereine 1909,
105—123). 'Die für Stettin in Setradjt fommenben Urlauben finb
int Smnmerfcfjen Urfunbenbiidje gu finben. VI n Spegiahinterfudjiuigen
fehlt e§ faft gang.
5. Stapitel.
Tie urfunblidjeii Quellen für bie @efd)id)te ber Stabt Stettin
liegen erft bi§ 1325 int ißomnierfd)en llrfiinbenbitdje (bis 1907
finb 6 Sänbe erfdjienen) oor. Tas ältefte Stabtbiid) ift barin nur gang
ausgugsweife beiiutjt roorben; eine oollftänbige SluSgabe ift bringeub
gu ivünfdjeii (SinigeS SJlaterial gur älteften Oiefdjicßte ber beutfdjen
Stabt gibt £>. gering (Sait. Stub X, 1 S 1—86 unb in Sergßaiiö’
ßanbbud) oon Sommern II, 8 S. 127 ff). Sefonbere Seadjtung
oerbienen £?. SlüntdeS aitsgegeidjnete Slrbeiten über Stettins
Ijanfifdje Stellung (Sait. Stub XXXVII), über bte .ßanbroerfSgüiifte
iin mittelalterlichen Stettin (Sait. Stub. XXXIV) unb über eine
Stettiner BoHroIle be§ 13. gahrßimberts (Sl’og. bes Stabtgijiniiafiums
tu Stettin 1879). Tie älteren Straßennamen ßat ßemde be
fjanbelt (Stettin 1881). (Sine turge Überfidjt über bie ßiegenfdjaftcii
ber Stabt Stettin gibt (£. g. Slcijer (gafjresberidjt bes Sereins für
(Srbfunbe gu Stettin 1892). Tas Stoppen ber Stabt befpridjt
Stfifdjrtj (Sait. Stub XIV, 1 S. 26—41). ßur älteften ßirdjen
gefcßidjte liegen Slrbeiten von SJl. SBeljrniann über bas Toinftift
gu St. ffllarieu (Sait. Stub. XXXVI, g. 125 —157) uub über bie
gatobifirdje (Sait. Stub. XXXVII.) oor. Saul v Siemens treff
lidjeS Sud) über bie ®efd)id)tc ber 9lcuniart im ßeitalter iljrer (Snt-
Gmtfteljiiug unb Sefiebluug (Canbsberg a. 53. 1905) bietet and) für
Stettin maiidjerlei 'JJlaterial, wenn and) fein Serfud), bie großen
Stabtprivilcgicn oom Tegcmber 1283 als gälfdjungeii barguftellen,
nid)t als gelungen angefeßen roerben tann. gür bie Stettiner SJliiug
gefdjidjte fonimeu bie Slrbeiten von Tannenberg (9Jlüiiggefd)id)te
522
Slnmcvfuiißcit.
PommernS im SJlittelalter Serlin. 1893, 1896) unb ®. Sahrfelbt
(Bur mittelalterlichen SJlünglunbe SßommernS. Serlin 1893) in Setractjt-
®ie BaWn, bie im Sejte hinter eingeluen 9lamen in Klammern
gugefügt finb, geben an, wann bie betreffenben 9lamen gum erften
9Jlale urfunblid) erwähnt werben.
6 Kapitel.
®ie Urlauben unb Stabtbiidjer (ngl. Sait. Stub. XLV1, (5.75—81),
bie für bie B^it oon 1350— 1450 oorliegen, werben im Kgl. Staats»
ardjive gu Stettin aufbewaljrt. gür bic Ijanfifdjen Serljältniffe bieten
reidjen Stoff bie großen Seröffentlidjungen be§ hanfifdjen ®efdjidjt§=
nereinS (Urtunbenbud), £>anfc Siegeffe). O. Slümde ljat in ben fdjon
erwähnten Arbeiten über Stettins fjunfifdje Stellung unb bie mittel»
alterlidjen .^anbwerfSgünfte, fowie in bem Sluffaße über bie Stettiner
Sitte (£>anf. Sefdjidjtsblätter 34, S. 439—455) reidje Vluftlärung
über ben £anbel unb baS (bewerbe im mittelalterlichen Stenin ge=
geben. ®aS ©ralerbudj oon 1461 befinbet |idj in ber Sibliotljel ber
©efellfdjaft für pommerfdje ©efdjidjte unb tlltertumSlunbe. gür ben
^anbelSfrieg gwifdjen Stettin unb Stargarb fei auf g. SoetjmerS
SefdjidUe ber Stabt Stargarb 1 (Stargarb i. fßonim. 1903), S. 188 ff,
S. 258 ff) nerwiefen. £ie ®efdjid)te beS Bfageteitfelfdjen Kollegiums
ljat 9JL SSefjrmann beljanbelt (Sait. Stub. 91. fr III).
7. Kapitel.
Sür ben Stettiner ®rbfolgclrieg ift grunblegeub baS Sudj mm
t? 91 adjfahl (®er Stettiner Srbfolgcftreit 1464 — 1472. Sreslau 1890).
®ic Anteilnahme ber Stabt unb iljrer Sürger ftellt C. Slümde
(Sait. Stub. XXXI, (5. 95—153) bar, ber guerft bas Sagenhafte
in ber Überlieferung nadjgewiefen ljat. ®ie 9tegieriing§anfänge
SogiflamS X befjanbelt 9)1. Sßeljrniann (Sait. Stub. 9t. fr V.
S. 131 — 176J. güt beu Krieg, ben biefer frirft gegen bie 9Jlarl
führte, fommt bie oon fr 5ßriebatfdj derauSgegebene politifdje
Korrefponbeng beS Kurfürften Albrecht Achilles (Veipgig 1893—1898)
in Setradjt.
8. Kapitel.
SJlit ber Beit SogiflawS X. beginnt audj für Stettin baS Alten
material, bas im Kgl. Staatsardnoe gu Stettin aufbewaljrt wirb.
9leben ben nod) bürftigen ftäbtifdjen Ardjivalien finb non Söidjtigteit
bie erhaltenen SRefte ber Ijerjoglidjen Kanglei; veröffentlicht ift baraitS
oerhältniSmäßig noch wenig. Über ba§®erid)tswefen madjt ®.r. Sülo w
l&enierfitnofii.
523
einige SRitteilungen (93alt. (Stilb. XXXIX). Tie 93aitgefdjid)te beS
SdjloffeS gibt turg $. 2eniete (Tie 93au= unb ft'unftbenfmäler beS
IRegientngSbegirfs Stettin. £>eft XTV, 1. Stettin 190!)). Tie 9lad)
richten ber (S^roniften, JtantjoroS, JJriebebornS u. a. bebürfen für biefe
ßeit einer griinblidjen Sladjprüfnng auf ®runb ber oorljanbenen gleid)=
zeitigen Sdjriftftücte. gür bie allgemeinen 93erl)ältniffe fei ljier meljr
al§ fonft auf 907. SBetjrniannS ©efdjidjte non Sommern (SSanb I.
Sottja 1904) oenuiefen.
9. Jfapitel.
Tie thiellen gu ber Tarftellung uon ben ftäbtifdjen nnb nameiitlicf)
uon ben firdjlidjen Bufranbeii 111,1 ^5^0 liegen uornebmlidj in ben
©cridjtsbüdjcrn, eingelnen Urfunben unb gang gerftrenten furgen '.Kotigen
uor. Ten Sßerfudj, baS bamalige Stettin gu fdjilbern, ljat bereits
91. .ßilbebraiibt gemadjt (SSilber auS Stettin uom Slnfange bes
16. 3atjrl)iinbert3. Stettin 1857).
10. Stapttel.
(Sine ©efdjidjte ber ^Reformation in Sommern ober in Stettin
feljlt leiber immer nod). Vorarbeiten, in beiten and) bie Stettiner
Verljältniffe berührt roerben, begeidjncn bie 9lrbeiten uon ß. 83. u. 'Diebe m
(öefdjidjte ber (Sinfiiljrung ber euangelifdjen ßeljre im £>ergogtum
Vommern. WreifSroalb 1837), St. Sraebert (Ter ßanbtag
gu Treptoro a. SR. ^Berliner Tiffertation 1900 — ©raSnutS uon
SRanteuffel, ber leigte fattjolifdje Sifdjof uon Stammln. 83erliu 1903),
(S. ® eint ter (Beiträge gur Wefdjidjte ber ^Reformation in 'Bommern.
Valt. Stub. 91. g. V. VI), 'Dl. SBetjrniann (Tie ©egrünbitng bcS
euaitgelifdjen SdjitlroefenS in 'Bommern bis 1563. Verliu 1905),
(5. Set)ling (Tie euangelifdjen ft'irdjeiiorbiumgen beS 16. <fabr-
IjunbertS. 93b. IV, S. 303 ff.). Über 'Banl uom SRobe Ijanbelii
grantf (Valt. Stub. XX. XXI) unb g. SatjloiD ('Dlonatsblätter
1905). Tiefer ljat and) bie f?rage aufgeworfen: 9Ser ift 9licolauS
Tecuts? (9lrd)tu für 9leformationsgefd)id)te SRr 16 1907). Tie ältere
(Mefdjidjte beS (JlementarfdjitlroefenS in Stettin ftellt £j. SBaterftraat
bar (93alt. Stub. XLIV). Tie ®efdjid)te beS VäbagogiumS ift uon
9R. SBeljrmann (JMtfdjrift bes Stönigl. 'DlarienftiftSgijmnafiumS 1904)
beljanbelt roorben.
gut bieS ßeitalter finb neben ben Vifitationsaften (im Jlgl. Staats
ardjiu Stettin) norneljiiilidj aud) bie umfangreidjen Vtü<3«Bütteii beS alten
fReidjstammergeridjtS (im Slgl. StaatSardjiu SSetjlar) benugt roorben.
524
VI nnier hingen.
11. Kapitel.
ftu immer größerem Umfange fcßt baS Vlftenmaterial ein, bas
im ftäbtifdjen ober ßerzoglidjett Vlrdjioe leiber nur liicfenfjaft erhalten
ift. Sehr biirftig finb bie Sefte ans anberen Vlrcßioen ber Kirdjen,
(Stiftungen, Korporationen n. a. m. Savon finb meift nur einzelne
Gtiide gerettet worben. Gie ßat mit oerftäubnisooller Gorgfalt
C. Sliimrfc fiir feine oerfißiebeneit Slrbeiten (fßommern wäßrenb beS
norbifdjen fiebenfäßrigen Krieges Sait. Gtnb. XL. XL1. — GtettinS
^eringSßanbel in Gdjonen. Sait. Gtnb. XXXVIL — (Die .^anbroerfd»
Zünfte. Sait. Gtnb. XXXIV. — (Der finanzielle ßufammenbrnd)
GtettinS jtt Vlnfang beS 17. QaßrßitnbertS. Sait. Gtnb. 91. ft. XII)
bemißt; auf ißnen berußt ein guter Seil ber Sarftellung. Gbenfo
ift gntnblegenb bie ausgezeichnete Vlbßanblung oon S- oon Vließen
über ben VluSgang ber ftaatsredjtlicßeii Kämpfe jiüifdjen *ßommern
nnb Sranbenburg nnb bie wirtfdjaftlicßen Konflifte ber ftaßre 1560
bis 1576 (Sait. Gtnb. 91. ft. XII). ftür bie ältere .fjjanbelSgefdjidjte
GtettinS bieten Sß. GdjmibtS Seiträge (Sait. Gtnb. XIX, 2) wenig.
Um fo bebentfnmer finb 65. GdjmolIerS Vluffaß über bie £>anbelsfperre
Zmifdjen Sranbenburg nnb fßommern (^eitfdjr. fiir preußifcße ®efdrid)te
unb ßanbeStuube XIX (1882) unb in ben Umriffen unb Unter«
fudningen zur Serfaffnng , Serwaltnng» unb SBirtfdjaftgefdjicßte.
Veipzig 1892) unb S- von 91 ießenS Sarftellung beS großen ^jaubels
friegeS z'vifdjen ftrantfurt unb Gtettin (ftranffurter Cberzeitung 1899
9lr. 225—255). Sind) 92. 9laub<{S VIrbcit über bie beutfdje ftäbtifdje
©etreibeßanbelSpolitif oom 15.—17. ftaßrßunbert mit befonberer Se=
riirfficßti gütig Gtettins unb Hamburgs (GdjmolIerS ftaats- unb fo^ial
iviffcnfdjaftlidje ftorfdjungen VIII, 8) verbient narfjbrücflidje .fieroor
ßebung. Sie Heine Virbeit oon gering über bie ßoißen (Sait-
Gtnb. XI, 1) entßält nur biirftigeS 9Jlaterial. Uber bas ®crid)tS=
wefen bringt einiges @5. o Sulow in feiner Gißilberung bes
KleinobienbiebftaßlS, ber 1574 auf bem Gdjloffe uorfiel (Sait.
Gtnb. XXIX). Sen ividjtigen Gtreit um baS (ßotronat ber ftatobi
unb ber Vlifolaifirdje beßanbelt ft. Saßlow (Sait. Gtnb. 91. ft. VII).
ftür bas Gdjulivefen fei auf SöaterftraatS bereits erwähnte Virbeit
vermieten. ftür bie ftnnungen liegen bisher nur ®efcßid)ten
oon Kottwiß (65efd)id)te ber Gtettiner Säderiunnng. Gtettin 1899)
unb von £). VQaterftraat (ßßrouif ber Qnnttng ber Saitgcwerfe zu
Gtettin. Gtettin 1903) vor. Sie ®efdjidjte ber Gdjüßentompagnie ßat
(£. g. Wteijer (Gtettin 1887) beßanbelt. (fine ®efd)icßte ber Sud)=
btuderei von ft. .fpeffenlattb, bie aus ber Stßetefdjen entftanben ift,
ßat 52. Sieger 1877 ßerausgegeben.
Vliiiiterfiuißeii.
525
Eine Sefdjreibimg (Stettins und) bem Slotefdjen Silbe von 1625
gibt ß. $. Sleijer in einer (Srläutening biefer Vlnfidjt; leiber ift bie Heine
Sdjrift nur als 'JJlanuftript ueruielfältigt mürben uub batjcr feiten.
12. Stapitel.
3?ür bie inneren ßuftänbe (Stettins im Segiuii beS 17. 3faljr=
ljuubertS finb non grunblegenber Sebeutung miebcr C. SlümcfeS
Virbeiten (Tie (5t. ßaurentiuS Srüberfdjaft ber Träger. Sait. Stub.
XXXV. — Ter finanzielle Sufammenbrud) Stettins 311 Vlnfang bes
17. Qaljrljuiibertd. Sait. Stub. Ul. §. XI1); bie feljr umfangreichen
Vlrdjiualieit finb uon iljm meift uollfommen auSgenutjt. giir ben
“Prozeß ber Siboine uon Sorcfe fjat ®. Scllo faft bas gefaulte
SJlaterial burdjgearbeitet unb jum Teil ueröffenthdjt (SefdjidjiSquellen
bes (MefcfjIedjtS uon Sorde III, 2. 1910» Son großer Sebeutung
and) fiir bie fjianbelsgefdjidjte Stettins finb bie Sunbzollregifter, bie
uon Ulina (Silin ger Saug bearbeitet unb ueröffentlidjt rnorben finb
(Tabeller over skibsfart og varetransport genein Öresund 1497— 1GOO.
Forste del. Kobenhavn 1906t. VluSgiebigeS SJlaterial fiir bie ®e
fdjidjte be§ breißigjäljrigen AtncgeS bringt UPI. Sarg Such über bie
Sßnlitif ‘PommernS luäljrenb biefeS ItriegeS (ßeipzig 1890). Tie So
ridjte ber pommerfdjen Wcfanbien über bie griebeiisuerlianbliingen
liegen fdjon feit lange gebrucft uor (Sait. Stub. IV- XIV).
0. UJIalmftrömS Virbeit (Bidrag till Svenska Pommerns bistoria
1630—53. Lund 1892) ift audj fiir Stettins Sefdiidjtc uon Sebeutung.
13. ft'apitel.
TaS Sud) uon (£ Steuer (Stettin zur Sdjiuebenzeit.
Stettin 1886) bringt reidjeS UJlaterial zur Hiefdjidjte biefet ‘Periobe,
aber feine zilfaniiiieiifaffenoc Tarftellung. Vlusfüljrlidj ljanbelt über
bie $aljre 1653—1660 C. UJlalmftröm (Bidrag till Svenska Pom-
merns bistoria. Helsingborg 1894), ber in einer anberen Sdjrift
»Nils Bielke säsom Generajguvernör i Pommern 1687—97. Stock-
holm 1896) and) bie fpatere Seil eingeljenb barftellt. 5Ö. SöljmerS
Ullerl (Tie Selagerinigeii Stettins. Stettin 1832) ift zumeift ueraltet,
audj bie Eingaben uon fg>. SergljauS (ßaubbud) bes ^jerzoatumS
‘Pommern II, 9) bebiirFcn Der Uladjpriifung. f}iir bie Belagerung uon
1659 ift .£>. SilajeS Slrbeit (Ter ^elb.mg ber ftaiferlid)en unter
SoudieS nadj So’n'nern i. 3. 1659. (Mottja 1906) mafjgebenb. Set)r
umfangreich ift bie ßiteratur für bie Selaaerungen uon 1676 unb 1677;
es muß ljier genügen, auf (£. Slüfebeds Vlbljaublung über bie
526
SInmerfungtn.
gelbgüge ber grofeen Kurfürfteti in Sommern 1675—1677 (Sait. (Stub.
91. g. I) unb auf baS große SBerf uon 9lilS SJimarfon (Sveriges
krik i Tyskland 1675—1679. Lund) ljinguiueifeii; in biefem ivirb
bie Selagerung oon 1676 int 2. Sanbe, bie uon 1677 iu bem bem»
nädjft erfdjeinenben 3. beßanbelt; Quellen unb Literatur finb ljier
in großem Umfange angegeben. Tas Tagebudj Tietridj SigiSmunb
uon SudjS (1674—1683) ljat g. .fjnrfdj ßerauSgegeben (Ceipgig 1904.
1905). gn einer geftfdjrift ((Stettin 1887) ljat 6. g. Meijer bie
Plefdjidjte bed SereitiS junger Kaufleute (früljcr Sdjiißenfompagnie
ber £janblungdbiener) bargeftellt. Über beu SluSbmt ber gatobitirdjc
ljabeii ßemde uub K. (Scipio einzelne 'Mitteilungen oeröffentlidjt
(g. S. 91. (Stettiner Leitung 1891 9lr. 207. — Monatsblätter 1902).
Tie ältefteu (Stettiner Leitungen unb bie turfürftlidj branbenburgifdje
^jofbudjbrurferei in (Stettin (1678) ljat £>. Heinemann (Sait. (Stub.
91. g. V) beljanbelt. (Eie Miingftätte gu (Stettin unter beu Königen
Karl XL unb Karl XIL uon Sdjroeben 1660 bis 1710 ftellt
Dr. g-r. greif), uon Sdjrötter barCßeitfdjriftfiir9himiSmatif XXVIII).
TaS Sittenmaterial fiir biefen Slbfdjnitt liegt uorneljmlidj in brei
Slbteilungen beS Kgl. StaatsardjineS gu Stettin oor (Tepon. Stabt»
ardjiu, SdjiuebifdjeS Slrdjiu, Staatsfanglei).
14. Kapitel.
Über bie Sriuerbuiig Stettins burdj König griebrid, Slilljelm I
bringt beachtenswerte 9ladjrid)ten g. 61. Troijfen in feinem großen
SSJerte über bie ©efdjidjte ber Sreußifdjen tßolitit (Teil IV, 2). Ten
gelbgug uon 1715 beljanbelt $. Soges (Sait Stub. 91 g. VH,
VIII, IX). g. u. Sol)len ftellt bie Vorgänge in feinem Sudje
„Tie ßriuerbuug SommernS burdj bie ^oßeugollern" (Serlin 1865)
furg bar. Tie Selagermig uon 1713 ruirb iu ben fdjon erwähnten
Siidjern uon Sk Söljmer unb £>. SergljaitS gefdjilbert, Heinere
Seiträge bagu gibt ®. o. Süloiu (Sait. Stub. XXXV).
Sö. griebeuSburg madjt intereffante Mitteilungen über ben Shrfall
Sorpommerns an Sreußen unb bie ^ulbigung in Stettin (Sonntags»
beilage gur Soffifdjen ßeitung 1904 9lr. 17 unb 18).
15. Kapitel.
TaS Sittenmaterial für bie ©efdjidjte Stettins unter ber Siegierung
griebridj SBilljelms I. ift feßr umfaugreidj; namentlidj bieten bie Sitten
ber Stettiner Kriegs» unb Tomänentammer (Ijeute im Kgl. Staats»
ardjiu gu Stettin) reidjljaltigen, nodj nidjt auSgenußten Stoff. Slber
Wnmertungen.
527
aud) anbere im (StaatSardjw aiifbcwaljrte Sitten, g. ®. ber Bor»
pomnierfdjen SRegiftratiir unb beS StabtardjioeS, enthalten eine Jfülle
oon ividjtigen 9ladjrid)ten, bie nur gum SZeil verwertet werben tonnten.
Sa§ gtunblegenbe SBerf fiir bie innere Sßolitif ©reiifjcnS in biefer
Beit liegt in ben ffiänbeii ber Acta Borussica oor, in benen
bie Beljörbenorganifation nnb bie allgemeine Staatsverwaltung im
18. 3<tf)rijunbert beljanbelt finb. Sind) bie von £>. firauste beforgte
Ausgabe ber ©riefe bes fiönigs an ben dürften ßeopolb von Slnljalt
Seffau (Berlin 1905) ift für bie ©efdjidjte Stettins beachtenswert.
®. Sdjmoller beljanbelt in feinen Stubien übet bie wirtfdjaftlidje
©olitit 3-riebridjs beS ®rofjen aud) beu Cberljanbel, bie Erwerbung
©omnietnS unb ben $anbel auf ber Cber unb in Stettin (Bafjrb. für
®efetjgcbung ufw. VIII S. 360—421). 'Jlidjt minber bebeutfom ift
SdjmollerS Slbtjanblung über bas Stäbtewefen unter griebridj
Söilljclm I. (Beitfdjrift für preuß. Wefdjidjte unb ßanbeStunbe VIII,
X, XI), bie teil weife burdj C. Banfeloros Slrbeit (©alt. Stub.
91. g. VII) ergänzt wirb. St). SdjmibtS Beiträge ber ®cfdjidjte
beS Stettiner £>anbelS (Sait. Stub. XIX, XX, XXI, XXV) ent»
Ijalten viel wertvolles 9Jlaterial, finb aber nidjt erfdjöpfenb. giir
ben geftnngsbau ift auf BergljauS’ ßanbbudj (II, 9), für ben
Umbau beS SdjloffeS auf £). ßentdes Sarftellung (Sie Bau» unb
fiunftbentmäler beS StegierungSbegirtS Stettin. 14, 1) gu ver»
weifen, baneben verhielten auch nod) bte älteren Sdjriften von
•Sljr. 3IrferlU0tin. 3- ®- gering. S. Bartljels u. a. Beadjtung. ®om
firdjlidjen ßeben biefer Beit beridjtet Sßaterftraat in feiner Bio»
graptjie Bf- ®hr- SdjinmeijerS (Sottja 1897) unb in bem Buffatje über
bas Berljalten ber Stettiner Weiftlidjfeit gegen griebridj ißiltjelm I.
wäljrenb be§ Sequefters (gorfdjungen gur Braubeub. unb ©reufj.
65efd)idjte X).
16. fiapitel.
Über bie vielfeitige Jätigfeit griebridjS be§ Gko^en liegen grofje
©taffen von mitten in ben Vlrdjiven oor, bie nodj nidjt vollftänbig
auSgciintjt finb. ©amentlidj bebarf Die ©efdjidjte be§ ^anbelS unb
ber Bfnbuftrie Stettins, für bie SIj. Sdjmibt unb ®. Schmollet
in iljren fdjon erwähnten Arbeiten fetjr anregenbe unb beleljreube
Seinerfuugeii gemadjt haben, einer erneuten Bearbeitung. Sie größeren
SSerte von ß. 5®. Sriiggemann OlluSfüfjrlidje Sefdjteibung be§
gegenwärtigen ßuftanbeS be§ fiönigl. ©reußifdjeit .ftergogtumS Bor
unb $interpomniern. Stettin 1779—1806) unb (S. g SSuttftracf
(fiurge Ijiftorifd)-geograpljifd)=ftatiftifd)e ©efdjreibung von bem fiönigl.
528
Stnmerfitneen.
fßrenfnfdjen Bor unb .ftinterpoinmeni. (Stettin 1793. 1795)
enthalten viel Stoff. Bon ben großen ^Berten über griebrid) II. fei
hier nur 'Jt. K'oferS Bnd) erwähnt, in bem nud) mandjerlei für
Stettin widjtige 9ladjrid)ten mitgeteilt werben. Die KolonifationS-
nnb BleliorationStätigfeit in Bommern beljanbeln 'ß. üöebrniann
(2 '(Programme von Sßgritj 1897. 1898) unb £>. £> e f fe (Balt. Stubien
91. g. XIV, XVI); beibe geben aud) weitere Quellen unb Arbeiten
an, bie gum Seil fiir Stettin in Betradjt tommen. Sine Sdjilbetiuig
von Stettin im gaf)re 1789 entwirft 9)1. 9Bel)rinann (Sins BommentS
Bergangenljeit. Stettin 1891) vornehmlid) nad) ber geitung. Sine
giemlid) vollftänbige 9teit)e ber Bänbe ber Königl. prioilegirten
Stettinifd)en Qeitung auS ben lebten galjrgebnten bes 18. gabrljititbertS
befinbet fid) in bet Bibliotbet ber ®efellfd)aft fiir pommerfdje fflefd)id)te
unb SlltertumStunbe ober in ber Stabtbibliotbef gu Stettin Sluf bie
'Jleifebefdjreibiingen, namentlich auf bie Briefe g. g. Sells fei ljier
noch befonbers aufmerffam gemadjt
17. Kapitel.
Sine gufammcnljängenbe Darftellung, ber bie erhaltenen Sitten
ftiiefe gu (SJrttnbc liegen, ljat bie grangofengeit noch uidjt gefunben.
9Sa§ 'lö. Soel)iner (Die 'Belagerungen Stettins) ober £>. Bergbaus
(Vanbbttd) von Ißontmern II, 9) beriditeu, ift uiivollftänbig. Der Befndj
beS KönigSpaarS in Stettin im 9Jlärg 1806 ift von 9)1. SB eßt mann
(Cftfeegeitung 1906, 91r. 115—121) gefdjilbert worben; berfelbe ljat
bie Cftobertage beS galjreS 1806 bcfdjrieben (Cftfeegeitung 1906,
9tr. 470 bis 494) unb bie Kapitulation ('JJlonatsblätter, 1906,
9lr. 9/10) beljanbelt. gngerSlebenS Slufgeid)nungen bat £). ©raitier
veröffentlicht (Balt. Stub. 91. g. IV). Über bie eigentlidje grangofengeit
bringt S. g. 9)lerjer intereffante 'Jladjndjteu (9leue Stettiner geitung
1890 Degember). 3<vei Sagcbüdjer, bie währenb ber Blocfabe geführt
worben finb, liegen im Drud oor, von Billaret (Stettin 1883)
unb (Mroenlunb ('Balt. Stub. 91. g. XIII).
18. Kapitel.
gür bie Darftellung ber 'Jleitgeit finb bie Sitten in geringerem
Umfange beiiutjt worben. Die geitungen, bie Beridjte beS 9JlagiftratS
unb berfl'aufmannfdjaft unb anbere Beröffentlidjungen bieten binreidjenbeit
Stoff. Dagu tommen galjlreidje 'Biographien, g. B. ß5iefebred)t§ von
gr. Kern (Stettin 1875), VoeweS von Sl. SBe 11 mer (Ceipgig 1886),
^litnierfunoeii.
529
9JI. 9t it 113 e (Serlin 1888j u. a., ©rinncrungeu uon Sl.C.SJl. S r tt n n e in n n n
(Serlin 1874), 21. (Büridj 1888), ßenj (Serlin 1910),
®ierfljoff ('JJlonatSb lütter 1895, <5. R5 ff.) u. a. in., Sorträge uon
Veinrte. Siel Slaterial enthalten and) &. 9t ii l) l § @efdjid)tc ber
ßeibesübungen in Stettin (Stettin 1887), [otuie anbete ©efdjidjteu
uon Stettiner Sereinen, Glcfellfdjaften, bie gelegentlich erfdjienen finb.
3111 einzelnen bietet bie ßeit noch rcidje ©elegenljeit 311 Spezialitäten
fitdjiingen, 3. S. über bas politifdje ßeben.
19. Üapitel.
2litdj für bie neuefte Seit liegen bie widjtigfteit dnellen in ben
minier beffer auSgeftatteten nnb forgfältiger oerfafeten SerwaltungS
beridjten be§ 9Jlagi[trat§ nnb ber ft'anfniannfdjaft, fowie in ben
ßeitnngen uor. Sen finb bie Seridjte ber Statiftifdjen Stelle ber
Stabt Stettin, uon benen ber l.^atjrgang (1910) nnb jwei SierteljabreS-
beridjte für 1911 uorliegeit. f^iir bie firdjlidjen unb fittlidjen ßuftänbe
fei auf bie aUjätjrlicf) uom Stabtfupcrintenbenten bet slreisfijuobe
erftatteten Seridjte, für bie Sdjuluerl)ältniffe auf bie Srogrannne ber
einzelnen Slnftalten uerwiefen. Sehr tuertuolle Sadjridjten für bie
neuere 4jeit enthält ba§ uom Slagiftrate IjeranSgegebene Sudj „Stettin
al§ <£janbel§ unb ^nbuftrieplat}" (Stettin 190(>). ©inen intereffanten
Sergleidj mit anberen ^anbelsftäbteu bietet 9t. 9ieinljarbS Sudj
über bie widjtigfteit beutfdjen Seeljanbelöftäbte (Stuttgart 1901). ßu
nmtifdjen ift, bafe meljr wie früljer auf bte ©rljaltung uon Sagebiidjern,
ÜJletHoiren unb ähnlichen ^luf^eidjnungen geadjtet wirb, fie tonnen fiir
einen fpäteren ©efdjidjtöfdjreiber ber Stabt uon Ijoljem 'Ißerte fein.
KkCirntann. von Stettin
84
0rtö- unb ^et(onrn-^U(ji|ter*\
Sladjen 60.
Sibel, (Meograpfj 361
91 b e l 464.
91 tf e r in a n n, Dljeatevoir. 489.
91 cf e r m a n tt, überbürßerm 477.503.518
Vlbalbert, iöifcbof 13.
91 b e l u n g 419
0. 91 ff en 75 -78. 90. 99. 119.
S’Vligle 419.
Alberti 488
Vlleyanber b. (Mr. 4
Vllfeu 51.
911 f m ü n b e 31.
Vllßier 380.
Slttnunf 51.
9U t ü a t e r 455.
Vlmalie, ®em. (MeorßS 1. 136.
VlinanbaS 166. 167.
91 m b a d) 398.
VI in eilt 110 464. 477. 478.
Vlmerifa 454. 465
Vlmfterbam 326. 566.
Sluaftafia, £>erjogin 23.
91 n b r e ä 428.
?(
91 n b r e a 8 23.
Slngermitnbe, ©tabt 384. 455. 156.
91 n 0 e r in ü it b e 29. 31.
Slnljalt 204. 351 - Slbolf 84 —
^bttftian Vluguft 351. 352. feopolb
343. 349. 351 — SWori^ 395.
Vlnflam 62. 73 79. 80. 84 140 391
9lnua, (Ment ®ogiflani8 X. 124 125.
130.131. — ^odjter SöogiflaipS X. 186
Slptitrabe 274.
Vlrabiett 10.
VI r e n b t 392.
tflrfona 18.
Slrmeitbeibe 293. 319. 358. 449.
Vlrnäwalbe 95.
9lrtbur8berß 461.
91 r V b e r o e v 375. 377.
P. Slfdje rieben 374. 375. 378.
Vluerftebt 413.
Vlugerait 429
Vlltßöburß 104. 143. 177. 258. 368. 483.
2luguftu8 353.
Vlufterliü 410.
VI p e 445.
♦) „Deutfdjlanb". „über", „Sommern" unb „Stettin" finb nidjt aut
genommen. Die Alßnige, dürften, föifdjßfe ufw. finb unter bem betreffenben Vaube ober
ürte, bie '•JJiipfte unter „Wom" ju fudjen; nur bit Vliigebßrigen be8 pomnierfdjen tperjogS»
ljaufe8 finb unter ifjren 'Jiameit aufgefübrt.
Die tf.nnilien unb 'JJerfoiteit, bie iljrer ®eburt ober iljrer Dätigfeit nadj ju
Stettin geböten, finb burdj Sperr bittet bejeidjnet. Die Skrfdjiebenljeit in ber
Schreibung maudjer Warnen bat djve Urfadje barin, bafj fie in ben Ijanbfdjriftlidjtu
'Borlaßen febr uerfdjießen ßefdjrieben finb Um ba« SRegifter nidjt yu feljr ütiivadjfen
ju laffen, war tuöglid?fte Sfurje geboten; eS finb baber bie uetfdjiebeiten Dräger eines
tjamilieniiameng nidjt einjelu aufgefitbrt. Die Wanten iu ben Vlnmerfungeii finb
n i dj t aufgenontmen.
£)rtä= unb Uerfonen=9leßifter.
531
2M, 3. e. 490.
'-öacf)()itfen 431.
93at>en 419.
93 a fl111 ü b l (93aßniibl) 31. 49. 492.
93 a l f a 111 488. 492.
93aiilbetß 12. 14. 15. 18. 20. 23 24. 26.
60. 149. 150. 172. 179. 186. — Dtto,
93ifd). 12 20. 26. 40. 483.
'93 n 11 b 0 n> 84.
93aner 273. 275 277.
93aptifta 204.
93arniiit 1, $jj. 9.93om. 23 26 32 34.
39. 40. 44. 45 47. 57. - 93. III. 37 40.
43. 58. 63 65. 123. 189. 190.
93. IV. 38. — 93. XI. 134. 140. 158.
161. 163 169. 171. 173-188. UH)
bl« 194. 196. 2<M) 204. 211. 215.
226. - 93. XII. 202. 245.
be la 93iirre 451.
93arfefoiv 464.
93avtb 238. 246.
93 a r1 e l 0 344. 347. 353. 362.
93 a r t b 0 I b 373. 375.
93 a v 11) o ( b i 148.
93 a r t b o l b t 331.
93 a r t b o l b l) 405. 488.
93artbolo«iäHä 21.
93 ar u 344.
93arvot (93arfoot) 24. 26. 27. 31. 35.
49. 58.
93afel 78. 409.
i). 93 a f f e w 11} 332—334.
93 a u e r 464.
9Aaijoniie 99.
93 en er 187. 191. 241.
V. 93eflitelni 385.
93 c b in 485. 486.
93 e b r 314.
ü. 93 e b r»91 e ß e u b a u f, W r a f 510.
93elflarb 449.
93e(iarb 417 418.
93 e l i b 209.
i). 93 e 11 e 193.
93elle 9Uliance 437. 479.
v. 93elliufl 374.
93eurfe 476.
93enber 330.
93 e n b u b H 501.
ü. 93eiutiflfen 478.
93 e r rf b o f (93errfboff) 274. 280. 484.
91er fl 241.
93eiße 51.
93 e r fl e in a n n (93erßinanu) 406. 419.
426.
93 e r ß b a u S 495.
93etfllanb 48. 85. 122. 205. 222. 224.
283. 356. 394.
93erßniiible 223.
93eriiißer 20. 21. 90. 149. 152.
Serlin 108. 133. 214. 310. 330. 333.
342. 349 -351 357. 359. 362. 364.
377 380. 384. 385. 387. 389. 391.
398. 409. 412 - 415. 428. 429. 452.
455. 456. 458 460. 463. 470 477.
489. 491. 493. 499. 500. 503. 513.
517.
93 e r n b a r b t 488.
9'enioulli 403. 408.
93er t b o l b 170.
93ertbier 430.
93etbe 391. 418.
d. 9,etbuuiiui £>olliveß 474.
93cvern 51.
9'ei)er 423.
93 i a n c o n e 404. 433.
93ielte 401. 427.
93ielte 273. 274. 276 320. 324 326.
93 i 11 i Ot 409. 412.
93111 r o t 467.
9'iötaija 99.
d. 93iöinarrf 481.
d. 93lanfeitburß 394.
93leid)l)ollll 382. 388.
93 l e it 11 0 241 257.
93 1 i ll b 0 Iu 391.
93 o c c a r b 388. 431.
93od)iun 51.
93 o rf 46o.
93 o b e f e r 99. 185.
93obenberß 356. 394. 448.
93oßiflan> I., v. 93om. 18 —20. 36.
S. 11. 20. 23. - 93. IV. 33 35. 43.
44. 123. — 93. \ . 38. 39. - 93. VI
66. 69. — 93. VII. 64. 65. 69. 121.
93. X. 117-138. 140. 146. 147. 155.
158. 160. 161. 171. 188. 93. XIII.
34'
532
£rtß* unb ^Serfonen SReßiftet.
245- 247.265. - SB. XIV. 264 -271.
273- 276. 283. 297.
u. SB o fl u S l a w ß f i 492.
Sbljmeit 112. 238. 263. 479.
S ß b m e t 391. 467. 468. 486. 492.
S o l b e m i n 60.
u. Sßblenborf 429.
S o 11 b a 0 e n 339.
Sollinten 320. 450. 470.
Soloßna 106.
SB o 11 e 155. 289.
S ß n e t e 150.
u. Sani n 468. 476.
S 0 ll 1 b 475. 486.
Sonumura 117.
uon S otrfe 75. 78. 79. 90. 99.
U. Sarde 264. 334-337. 353.
Sornbolni 43. 98. 115.
u. Sßrftel 311.
SB ö 11 d) e r 399. 406.
Souiluieß 391. 422. 426. 431.
SB 01) f e ii 483. 486.
SB r ö <b t 391.
SBtafel 29. 31. 35. 49.
St am er 171.
Staub 148. 486.
Sranbenburg, 'JJiart 22. 23. 31. 34.
36- 39. 65. 66. 69. 71 73. 80. 81.
98. 107—114. 117- 121. 127. 129.
137. 140. 143. 164. 173. 178. 202.
204. 210-214. 238. 262. 263. 271.
274-283. 287—289. 295 312. 316.
325. 340. 350. — "’llbredit I. 17 —
SHlbrecbt II. 22. — Sobatui V. 45 —
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37 39. 71. — Sißttnntb 71. 3oft
71. — griebrid) I. 72. 79.
griebrid) II. 81. 84. 107-113. 119 -
'2l(bved>t 108. 113. 114. 117-120.
127. - Sobann 117-119. 127. -
3ond)int 1. 132. 133. 137. 138. 164.
173. 178. - SUbrecbt SHlfibiabeß 215. -
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Slßilbelnt 274. 276. — griebrid)
Slßilbelm 274. 277. 279. 280. 288.
295. 296. 298 311. 323. 325. 334.
343. 469. 470. — Öriebricf) III. 325.
Sranbenbuto, ©tabt 30. 87.
S r a n b e n b u r 0 27. 31. 42.
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Staut 147.
Staun 411.
Sraunßfelbe 498.
S r ä u n l i d) 461.
SraunItbiuei0 51. — (Srid, 197. 198. —
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400. 411. 440. 467.
S t a u n I cb W e i 0 139. 193. 266. 278.
280. 290. 319.
Siebe 431.
Sreboiu 26. 320. 332. 440. 450. 461.
462. 482. 498. 499. 503. 508.
S r e b o iu 153.
S t e b nt e t 396.
Siemen 51. 465. 500.
S r e m e n 42.
Sr einer 164.
u. Srenfenboff 395.
Sreßlau 45.98.278.296.377.385.465. .rÄ >3.
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Stiebte 186. 221.
Srinrf (Stillt) 139- 162. 221.
U. Sriyen 468
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Srontberß 379.
Srßntel 477. 481.
S iß inf e 161. 165.
Srßmfebro 279.
Sind) mann 198.
S r ü 0 o e m a n n 385. 401. 408.
Sritiii 142. 218. 219.
Stu in m 451.
Stummer 428.
Srünn 420.
S r u n ß b e 10 87. 96.
Stuben 449.
u. Such 302.
S u cb n e r 161.
Sit0enba0en 182-184. 186.
Sutoiu 126.
U. Süloiu 476.
U. Siiloiu<(£ummerow 464.
Siinbe 51.
S u t cb a t b 433.
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S u r f d) e r 496.
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533
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Corneille 406.
(S o r 6 ro a n b 303. 308.
(S o u r i 0 l 396. 432 433. 489.
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72. 82. 122. 123. 126. 150. 178. 180.
197. 223. 247. 277. 282. 287. 288.
292. 295 299 301 310. 320. 325.
329. 332. 333 367 374. 394. 418.
430. 431 434. 437. 439. 449. 503.
Damnianfd) 47. 449. 452.
Däne 52.
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62—65 67. 98. 114. 115. 133 138. 139.
144 163. 164. 192. 194. 198 200.
229. 261. 262 268. 279. 287. 291. 307.
328 -330. 365. 380. 454. 477. 479. -
Üßalbemar I. 18. Shutt 21. —
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36. 42. - Ißalbemar IV. 62—65. —
Dtargrete 66. 67. 99. — Stieb von
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griebridj L 164. — griebridj IL 198.
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Dannenberg 51.
Danper 419.
Dattjifl 70. 95. 98. 99. 107. 139. 143.
212. 215. 237. 238 278. 281. 316
320. 379. 414. 455. 508-
Dapouft 429.
Debet em 104. 149. 151.
Degner 384.
Demmin 15. 19. 79. 80. 84. 300. 384.
D e n e f e 63. 67.
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D i l f d> m a tt tt 412. 419. 427.
D i 11 m a u u 462.
Divenotn 28. 282. 338. 373.
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B. Dobfebüfe 264.
B. Dobua, (Stuf 288.
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D o l g e m a n n 180. 18.>.
534
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Xraßiuib 416.
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200. 240. 363.
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478. 480. 185.
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B r e lj b e r ß 303. 319. 331. 355.
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169. 208. 209. 216. 222. 242. 243.
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275.
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310. 325. 394. 503.
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167. 171. 178. 235. 269. 275 277.
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v. £>elb 404.
Ipelbt 287.
lp e 11 e w i dj 96
Ipell Wi ß 382. 384. 411.
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Jpelfinßborß 62.
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djronit" $>elmolbß eine „Sflavendjronif" gemacht.
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537
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Jp e n f e l 273.
Herbert 481.
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Jperforb 51.
gering 347. 368. 444 . 475. 477. 478.
486. 492.
Jperrenbuter 402.
£>trtofleubofcf) 51.
b. JpeHjberg 402. 408
v. £>erbotbe 77.
peffen 479.
Jp e u p e l 433.
Jp e f f e n l ü n b 473.
Jp e b b e tu a n u 486. 492.
Jpilbebtatib 491.
$ilbebranbt 491
£>ilbeßbeint 51. 155.
Jptlßerß 481.
Jp i 11 e 364. 374. 375.
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ip i 11 e b r a tt b t 286.
(pttfcbberp 377.
Jp o b r e d; t 459. 504.
boiu Jp 0 f e 191.
Jp 0 f f tu ü n n 304 483 494. 496.
Jpoßeitberß 142. 218. 219.
Jpobenbouß 29. 31. 54. 77.
tpobenbolj 76. 129. 130. 133. 134.
139. 140. 149. 159. 193.
Jpoben Vanbitt 34.
Jpohenlobc, giirft 415.
Jpobenfeldjotu 148.
». Jpobeuftein 132. 148.
। Jpobenjabben 330.
। Jpobenjolletn 72. 109. 117.
Jp Ö b n 343.
Jpotbcrg 406.
JßoQanb (Wieberlanbe) 51 63. 99. 138.
194. 230. 238. 260. 262. 274. 281. 286.
295. 325. 327. 365. 389. 430.
Jp o 11 bet 0 461.
Jp o l ft e 52.
Jpolftein 268. 331. 332. 334—886. 477.
Jpomann 432.
Jponeßben 49. .54. 55.
b. Jporn 272. 299. 335. 336.
Jp o b e n e r 49.
Jp obef d) (£>iroifd)i 96. 149. 161. 185.
191.
Jpöyter 51.
Jpitbuer 411. 419.
Jpubefoper 52.
Jpuiftntiger 41.
b. ©Ulllbolbt 387. 396. 397. 403. 404.
408.
Jp u n i d) i u ß 257.
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3 äbt de 331.
3ogeteufel 66. 96 106. 178. 188.
345. 403.
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Süfenitj 181. 400 503. 511.
3 n ß p i ß 483.
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3 e n n i) 480.
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3bnn27. 47. 82. 83. 85. 205. 239. 261.
274. 325. 394.
b 3nßfißltbeu 404. 416. 417. 438.
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3nnßbrurf 128.
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3oadnnt, Jpj. b ‘Baut. so. 81. 121.
3 obouneß, tkior 160. 161.
3ob<mn griebrid), £>j. b. Boni. 195 197.
199. 202. 204 210. 213. 219. 223.
226 228. 235. 243. 245. 264.
3omßbnrg 9.
3 0 n n ß 483.
3ßlattb 230.
Stnlieu 106. 127. 128. 146. 147. 380.
b. 3VtnpliV 446.
3ulin 4. 10
3ulo 470.
3utl0 31.
3uttgferiibet0 394. 449.
3utagebit0e 480
3 ü r n e n 87.
3ütetbo0 160. 266.
538
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M.
St’aiferfabrt 499
St'aifei üßiKjelm Staual 499.
Si'alinar 42.
^ameteber^ (JtamclSborft) .394.
Stanielftroni .394
Slamelioerbet 263.
St a nt e t f e 254
St a n V o iu 96.
St'nufWW, XI). 5. 76. 108. 142 144. 167.
168. 169 193. 517.
Star lut fd) 511.
$arl b. ®r. 9.
St u r l f d) n l j 189
Stafimir I., £>8- v. '4<oiii- 19. 36. —
St. II. 20. St. IV. 64. 65. —
St. VI. 72. 74. 7b. 79. 80. 122 —
St. VIII. 136.
St a it f nt a n n 52.
Steller 31.
Stellner 244
Stern 487.
Stiebnbrud) 263.
Stiel, Stobt 151. 490
St' i e l 408.
St i e l in a n n 257.
Stinßfton uv tnitl 99.
St' i r $ 1) o f f 76.
St ir ft (in .>84. 418 426. 428 430.
433. 435. 446
St i ft nt a d) e r 391.
v. Stitfdjer 117.
St'itjeiow 198.
Si'lcboiu 414
Sl'leiberfeller 52.
St 1 e i n 31.
St I e i n f o r ß e 487.
v. Si'leift 4{ct't>iu 474
St l e m v i n 492.
V. Stleniptjen 196.
Stiebe 438.
St l i p p e l 373.
St l i n t e b i e l 222.
Shupftro 161.
b. St nobelSborf 412. 416 418.
Stoblent) Cßoni.) 437.
Stoib 403 405. 424 468. 486- 488.
Stößel 476.
St ö b l e r 375.
St’ o f ft e b e 79.
Stoßeler ((Soßler) 187 241.
St'olba*) 20. 59. 84. 88. 105. 155. 254.
325 394.
Si'olbe 358. 476.
Stolberß 28. 62. 64. 78. 80. 98. 238.
295. 373. 377. 404.
Stotbitjoiu 374
Stöln a. Jll). 51 63. 64.
Stöln a. b. Spree 108. 214.
St'öln 31. 35.
St Ö l p i n 399. 406.
Siöiiißßrät) 479.
SlönißSberß i. b. 9tm. 143. 502.
Stönißssherfl i. sßr. 98. 100. 238. 478.
Stönißöfnbrt 452.
b. StöniflSniarcf, (Mraf 299—301. 303.
304 312. 314.
St'onftiinj 72.
Stopenbaflen67.68.164.199 268.457.500.
St orb 136.
Si'ofafen 374 430. 431.
Jiofafenberß 140. 459.
St o f e l i 1? 77.
StöSlin 115. 371. 456.
o fj in a 11) 490
St ot e 267.
Stötten!) 268.
St'obebiie 406
Straft 87
Stratau 69
St rä in er 27. 31. 52.
Strampe 47. 205 223 358. 394 149.
p. St'raffow 329.
St t a b 492.
Strapibief 356. 512.
Str auf e 476. 500.
Strauß 432.
Strefoib 47. 124. 222. 224 299 31*1.
333 358. 421 448 480
Strellner 179.
Strenunen 72.
St r e m f e r 4.>2.
St r c b f d) in e r 375.
Streb 462.
St'riele 457.
b. Strorfow 279.
firoßer 152. 167.
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53!)
Ätronflabt 457.
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Jftroffcn 210. 237. 246.
Atruß 385.
Ä'riißer 284. 331.
Äriibl 482. 507.
Äfttife 167.
Äiirfeinuüble 484.
föiditcfäinüble 223.
Ätußler 418. 432. 486. 488. 491.
, il u b b e r e 507.
| Ä ii b l e 159. 193.
Änitbofer 172.
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Änrmart 296. 378. 385.
Äüftrin 210. 212. 373. 413. 414.
Sobunn 210 -213.
tt ii t e r 298.
tt u t f cb e r 492.
tt'iittuei 403.
Vußeiftiöni 328.
V a u b tl U 368.
VaubSbeiß a. äß. 45.
1! o n a b e i u 489.
i* a n a e 325.
u ?außen 331.
Vanßcnbetß 358. 394.
Vunabnnß 489.
Vauneä 418.
Vafallc 417.
v. üa it t en ? 337. 353.
Vailfib 31. 230. 238.
Vebbiu 462.
V e b o uy 427.
V c b in a n n 486.
ü Vebiualßt 373.
SttpAtß 106. 158. 191. 230. 421. 434.
478.
V e in cf t 510.
? e ui o n t it § 454. 477. 491.
Venßerid) 491.
V e n J 439. 483.
V. V111 o W 338. 342. 353.
V e it f cb n e r 275.
i’euante 380.
V e u e j o w 405.
Vibau 100.
Viebeberr 331. 355.
V i e b e r t 403. 490.
fiebert 420. 422.
SießiüV/ Weotß, ipj. 136. Siirftin
U. ?. 440.
Villje 278. 287.
Villjeböof 276. 278.
ViHjefhöm 284.
v. VincferSborf 412.
V i n b e 315.
uon bei Vinbe 51.
Viube mau n 313. 315.
V i n b e n b e r ß 462.
Vinbbolj 211.
V i n ro a n b f n i b e r 63.
l'iyye, Stuf; 31.
uon ber ¥ i y y e 49. 52. 63. 270.
¥ t y y in a n n 477.
¥ifter Sief 274.
Viutijen 5. 15. 17.
V o b e d 384.
¥ o b e b a n 423.
Vödniy 69 113. 373.
Voeiue 482 190. 493.
V B f f l e r 324.
V 0 i V (Voiß) 90. 96. 139. 149. 152. 159.
161 - 163. 168 169- 174 179. 182.
197. 211. 215-217.
Vontbarb 414.
¥onbon 437. 464.
V o i e n j 479. 480 490.
S o V e 96.
Vßiuer 431.
¥ ii b f e 180.
S'iiberf 34. 41. 42. 51. 61 63. 67. 70.
73. 74. 77. 80. 82. 84. 85. 98. 99.
106. 107. 112. 138 140. 143. 164.
194. 198. 199. 238. 261. 290. 316.
374. 465. 499. 500. 508.
Viibed 185.
Vubin 14.
¥ubiu, ©tlb. 257.
Viibjill 46. 48. 135. 223. 283.
540
©rt8- unb f'crfonen 'Hcßtfter.
V u b e n b o r f (Vubtitbotff) 382.426.460. Virneburg äl. 190.204. 215. HO«. 306.
Vit ber 8 472. 108.
Viibtrte 331 Vutber 158 161. 165. 190. 241 244.
Vunb 98. 115. 139. Villen 273.
’JW.
SMagbeburg 16. 17. 27. 28. 30. 35. 50.
51. 86 94. 95. 228 264. 271 345.
351. 377 -379.
von 3M n g b e b u r g 27. 31.
SMdbren. Jpeinrid), Sifdj. 17.
2MalmiJ 98. 115.
v. SMalfcabn Stilvoll.
SManbelfolv 23. 272.
9Mnit8felb, ©ruft, Srilf 267.
v. SMnnteiiffel 373.
SWanjel 502. 503.
SMarburg 249.
SMürgarete, Sem. ^ogif latus X. 119.
SMarianne, Sem. iöauiimS I. 25. 58.
SMmienffjib 264.
SW ar ft all er 257.
SM u f d) e 375. 382. 396. 422. 426. 432.
437. 443. 446. 448. 455. 467. 470.
SMafftlia 4.
V. SWaffow 184 331 339. 392.
'JWdttbiaS 319 391. 394. 396.
IDhlttbinfj 452.
3M a u c 1 e r c 368.
3M aur er 491.
SMaijer 331.
SWedjtilbe, Sem. ^arniinS I 34.
SMrdlenburg 3. 51. 66. 67. 69. 83. 85
112. 155. 379 384. 456. - illbred)t, ,
Sft. 67 - Ulvid), .£>j. 83.
v. SM e b e iu 492.
SM e i n b o l b 191
3M e i ft e r 384 451. 461.
SMetfjen 31. 112. 230. 238.
3M e 11 e n t i n .109
V. SMellin, (Mraf 328. 331
lMeiibelfof>ii"33artbolbi) 490.
SMeujifoff, (Wirft 330. 332. 334
SMerian 203.
SMerfel 413. 415.
SMefdjerin 460.
SMeffentbilt 37. 48 80. 193. 223. 356.
358. 148.
3M e V t ii t b i u 451.
IM e l) e n 405
SMeijer 77. 292. 355. 388. 408. .>07.
v. SMeijerfelbt 330 332. 333.
3Mid,aeli8 477. 481
3M i dj a e 11 8 255. 266. 269.
SMifraeliuS 267 272. 273. 275.
284. 297.
3M ilben i V 164
3M i11 i e 8 280.
SM i 11 to o d) 55
SMiSbrob 503.
lMittelläubifd;e8 '.(Meer .180.
SMittelmart 69
SMöbringen 171. 272 417.
SMoliere 406.
SMöDen 379 3<».>.
SMiJller 461. 501
3M oll er 96. 186.
3M o l n e r 96
3M o i i n 491.
3M o r i V 447. 474.
SMoSfau 273. 326. 331. 333.
9.M öfter (.SMöfeler) 243. 266.
SM oft 491.
SMeV 480.
SMojart 168.
SLMüdjler 40f>.
SM u e 11 e r 492
3M ü b l b a d) 403.
3M u le 31.
3M till er 31. 391. 433. 443. 48f>.
SMitlrofe 296
3M um Ul 198. 222 244.
v. 3M ü n d) b n u f e u 469.
SMünfter, Stabt 51. 230.
SMünftcr, Seb. 142.
3M it n j e r 31.
SMurat 416 418.
3M ü Veil 462.
£>rtß= unb ’JJeiiouen Steßifter.
541
Sianuu 328.
St n V nt e r ß b o r f 75. 78.
St □ u b v 30«. 377.
Stebeluiiß (Sieuelinß) 122. 171. 183.
20«.
Sie cf er 271.
Siemip 48 12‘J. 191. 201. 222. 224.
278. 28«. 319. 358. 395. 448. 498.
504.
St e u m a n n 254. 278. 343 304
St e u in a v f 243.
Weumart 210. 290.
Sieuniarft ((Schief.) 28.
Stcuftettin 5.
Sieinuarp 95
9ieu ilßeftenb 3 498.
Sieufi 51.
Stitlauß 87.
St i f ol a u ß 172.
91
Stiem nun 151.
Stieberfadjfen 31. 40 51
St if1> l a i 491.
Stof orf 391.
St o n n e m a n n 357 380. 382
Siörbliitßen 230. 875.
St o r b in a n n 52.
Stoibfee 385. 491.
St Ol bt 343.
Störenbcrß 95.
I storweßen 42. 02. «4. 07. 97- 144 164.
238. 202. 380. (Stieb, &'ß 42. —
Jpafon, 5lß. 04
u. b. St 01 & 304.
St o u u e l 427.
Stiinibetß 104 109. 115. 143. 147. 181.
230. - griebrid), iBurflßr. 72
| St ii ß f e 307. 427. 432. 402.
©
Öfterreid) 288. 373. 405. 479.
©ftenuiet 51
©ftfalen 31
©ftpienfjen 388.
Oftfee 1—4. 18 41. 42. 45. 05. 07. «9.
80.85 99. 100. 112. 114 128. 139. 194
198 199 238. 262. 272. 274. 281
288. 301. 332 381 385. 412. 421
455. 472. 474. 477. 499. 500.
©fianber 241
©ßnabriirf 51. 230. 279.
Otto I.. £>j. u. 1)0111. 34—38. 43-47
50. 59. — Ctto 11. 72. 74. —
Ctto IIl 81 84. 86. 107 108. 121.
Otto 159. 177. 373. 382 399 400
©yenftjeriia 275. 279. 284. 287.
©berfadjfen 200.
Cbotriten 17.
ÜOeufee 279.
Oberbeiß 210
©Oerbltlfl 190. 202. 204. 270. 271 291.
C berfruß 358.
©eß ter 412. 419
Dtbna 100
© e l r i d) 405.
© e l f di l ii ß e t 408 190.
©Itua 292.
Olfen 373. 380.
Ctanien, SBilbelniine, 'Jlvingeffiii 414.
Otli n 498
V. Offen 403. 413.
Üfterbuiß 51.
©fterobe 31.
Ißabua 129.
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Hf a p e 02. 03.
IJiipeinuaffer 2 47 179.
1? appri 374
15 ar iß 197
HJariß 100. 422 437. 41.4 472 480
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1( a r l o tu 498.
i Sfarnip 303. 300. 308. 351. 35«. 38-j
443. 453. 450. 501. 503.
U a f dj o lü 277 -279.
Ifafeiualt 22. 24. 68. 95. 160. 155. 235.
275. 299. 374. 384.
1'aul 90. 109. 110. 114. 139.
542
C'rtS’ unb PerfoneivfReßifter.
p o 11 i u ß 271.
portitßal 238. 262. 380.
pofen 385. 456. 465.
potsbum 311. 371.
praß 106. 206. 213. 275.
Prätoriuß 257. 266. 271.
prenjlau 24. 27. 45. 95. 114. 117. 120.
215. 374. 415.
Preuße 32.
Preußen 63. 69. 99. 144. 327. 328. 330
biß 341. 353. 361. 363. 364. 368.
370. 372. 373. 376. 389. 390. 400.
409 -412. 418. 421 425. 428 434.
437. 447. 451. 455. 457. 461. 462.
464 466. 473. 476. 500 - ijriebtid) 1.,
Jtß. 330 (Vriebridi '-lllilbelm I. 331
biß 345. 347. 349 371. 379. 381.
387. 389. 409. 459. 497 (VnebridjU
344. 351. 370-381 384. 387. 389.
393- 397. 407-409. 424. 434. 452
— griebricb Sßilbclm 11. 400. 408.
— §riebrid) SVilbelm III. 409 416.
427. 430. 433. 435. 466. 469. 470.
- Vnife, $?ßill. 409 414. 424. —
(Jriebriri) Sßilbelnt IV. 413. 415. 437.
443. 444. 456. 466 468. 470. 473
biß 475. 490. 506. ©lifabetb, Äßin.
467 — Üßilbelni I. 456. 470. 475.
477. 478. 480. 481. 495 tfriebricb Ul.
475. 478 481. 484. 495 Piftoria,
.ttßtn. 478. 484. ißilbelni 11 481.
498. 501. 518. — Plilljelnt, Prinjeffin
414 — Sriebrid) ftiirl, Ptj. 478.
be prell» 344.
Prilip (ptilupj 293. 319. 358.
priiice-Smitb 471. 477.
Pritter 38. 84.
Pr i (je 171.
priifeniiißer 'Wöitdj 12.
P r u ß 384. 474. 478 480. 492. 493.
ptoleinutoß 4.
P u 11 ü in a 329.
P u r ß o l b 429.
P u ft 304.
ü. puttfantet 511.
pijl 96.
pljiiV 12. 57. 127. 143. 148. 155. 179.
373. 391- 476.
pDtbenß 4.
P n u l i 483.
pouliciuß 12.
Pnuluß 23.
Peene 43. 44. 83. 263. 270. 274. 282.
288. 332. 336. 338. 340. 365. 373.
376. 381.
peifj 336.
*5>etSbofer 297.
p e n f u n 31.
V. pernrb 401.
per le betß 31.
U et er f en 382. 411. 464
'MM 274.
petrifau 113.
Pfeiffer 191.
Pfennig 401.
Pljilipp I., u. 'pom. 176—188. 191.
193. 194. 202. 215 — pl). H- 247
big 260. 267 — Pb- 3uliug 267.
p i n f e 134. 367.
p i t cb e ni 152.
be pire 416. 417.
P i t f d) 486.
plt}fd)tß 384. 431. 492.
plage 126.
Plate 185. 198.
plane 378.
P1 ö n n i e ß 266.
ü. ptötj 434.
pobeiud) 47. 48. 283. 293. 319. 333. ।
394. 414.
pole 52.
Polen 66. 69. 97. 98. 111 — 113. 124.
125. 131. 137. 197. 199. 210. 217.
238. 262. 263. 268. 281. 287. 288.
291. 296. 320. 328—330. 365. 368.
37«. 379. 467. 468. — Poleflaw, $J.
10. 11. 13. 15. — SBlabiflaw,
lo. — ißlabiflniv, St'fl. 69 — Kafintir,
.H’ß. 124 — otiuiiflanß, fffl. 328. 829 —
jCatbarina, Äi'ßin. 328.
Pötil} 31. 47. 48. 122. 124. 129. 224.
226. 263. 319. 358. 395. 449. 455.
488.
P ß 1 i e 49. 63.
poninierenßbotf 47. 223. 272. 302. 319.
333. 358. 434. 440. 448. 450. 462.
503.
popplion 'JJtilble 223.
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ÜDrtS» unb ’ßerfonen Siegifter.
543
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ü u a n t i n 380.
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Siacine 406.
Si a b b a n t e 162.
Siabun 47. 358. 394.
31 ab 11t 382. 388. 427. 451. 454. 456.
St am et 130 132. 136.
V. St a III i n 130. 132. 153. 185. 247.
253. 254.
Stanbow 5. 69. 438. 450. 476. 477.
9t ü 11 ß 0 324.
Stauen 18.
9i ante 303.
v. 9t a p p i n 427
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u. Stand) 412. 416. 417.
Siauenna, l!|Jetni5 uon 129. 147.
Slawitfcb 384.
v. St eberg 103 104.
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Siebepen uing 426. 433.
Siebtel 391.
St eg et ft ort> 185.
Siegenäburg 294.
Steflliß 37. 43. 47. 48. 85. 126. 127
301. 302.
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Siellftab 403.
Sic ft in 76. 77.
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Sieiual 98. 99.
9t b a b e i 399. 477. 486.
Stbegiug 180.
91 b e i n 52.
Stbeinbunb 419.
uom Stbeiuc 31.
stbeinflufi 31. 237. 409. 434. 438.
Stbeiupfalj, Sßilbelm, 1'faljgr. 78.
9i b e t e 241. 244. 291.
Slibnib 384.
Si i d) t e r 290. 292. 483.
v. Siicbtbofen 481.
Stiet (Stife) 29. 31.
Si i ß a Stabt 52.
Sitßci, St. 98. 100.
91 i p e n 99
Stiquet 429. 483.
Si i f e n o iu 99.
Si 11 f d, l 483. 493.
Si i t f o iu 77.
Siitter 136. 472.
St o b e 74. 76.
uom Stöbe 160. 161. 165- 168. 172.
174. 176. 177. 179 184. 187. 190
191.
SioeSfilbe, Slbfalon, töifcb. 18.
Si bb 1 e 186. 191.
U. Siobr 428. 467.
Stolamb 314.
Siont 4. 16. 127. 128. 491. - %1iu8 II.,
'llapft 86. — IBonifatiuS IX. 106.
Sllejaubet VI. 128.
U. St ontberg 412. 415 417.
Sionge 483.
Si 0 f e n 0 iu 96. 384.
Sioftorf 34. 41. 52. 61 64. 98. 106.
155. 238. 277. 316.
Si 0 § m a n n 55.
9{ 0 j iu a r 21.
St ü d f 0 r t b 433. 460.
Stuben 268 281.
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Stügeil 4. 10. 21. 282. 330. - ißijlülu II ,
&ft. 43.
Siiigenivalbe 81. 179.
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Siubr, ghtfi 31.
Stunge 241 279. 283. 486.
Stuppin 111.
Siuftlanb 10. 328 330. 332 334, 365.
371. 373. 380. 381. 387. 410. 411.
428. 437. 457. 467. 500 - 'l>etei I.,
544
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All. 330. 337. - $eter IU. 371. 9? 11Ü c 167.
Katharina II. 352. 371. 401 408 — Hont 211) ne 47.
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gaapiß 476.
gart 422. 438 - 440. 452. 455. 464.
466. 468. 483. 487. 491. 492.
gadjfeu 15. 18. 112. 137. 146. 188.
199. 228. 267. 330. 332. 334. 364.
g ad) Heben 139. 221. 247.
g a 1111 ß r e 361. 375. 380. 382 — 384.
388. 396. 419. 423. 484.
g a l o 111 o 11 480.
galoniti 380.
galjburß 368.
gatjwebet, gtabt 30. 51.
galg webet (goltwebel) 29. 31.
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g a n b e r 391.
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galt ft le ben 331.
g a n n e 29. 35. 377. 379. 382. 391
419 438. 511
gaffe (gacbfe) 139. 193. 489.
gamtier 491 492.
gajo (Jöranimatifuß 18. 19.
g c a 11 a 460.
gdjarf 355.
gdjii betört 313. 315. 316.
g d) a 11 e b n 450. 467. 472. 489.
gebäre 153.
g d) ä r t n ß 374. 375.
g cb a r t a it 475. 511.
g d) a u in 221
g d> ä u e 284.
g d) e e f e r 491.
g d) e i b e r t 476. 487. 489.
geb eie 31. 35. 49. 50. 149.
uon g dj e n i n ß e n 85.
geberenbetß 319. 375. 382. 384.
gdieune 47. 272. 319. 333. 358. 448
g cb i rt l e r 388.
g dj t f f nt a n n 483.
gebilbtneebt 294.
gdjiUer 406.
gcbiUerßborf 113.
g d) i 11 i n ß 152. 186.
g cb i 11 o tu 451.
g d) i in in e l m an n 401.
g cb i n b l e r 462.
gcbineßßbe 10.
g cb i it nt e tj e v 369. 488.
u. g d) 1 a b r e n b o r f 375.
geb tert er 199. 222. 240.
g d) l C i d) 384. 486. 492
gcbleierntadjer 488. 493.
gcblcfieit 31. 211. 230. 238. 296. 316.
377—379. 413. 499. 513.
gd)le»wiß 477. — Srtebricb I., £>»• 136.
gdilenfinflcn 230.
,u. gcbtivpeiibnd), (SSraf 332 335.
g cb l it t o iu 451. 481. 510.
gdimatfalben 197. 230.
gcbnieUentin 124. 125. 319. 358.
g d; nt t b t 162. 171. 314 - gcbni. Xb-
477. 481. 492. — gebm. Jt. ®. VI. 486.
g d) ui i e b e rf e 426. 437
gd)inoller 325.
g dj n o b e t 284. 295.
u. g cb ö n b e r ß 468.
gebonen 41 — 43. 62. 64. 65. 80. 93.
97. 98. 114. 115. 139. 176. 194. 240.
u. gcböniiiß 303. 306.
gcbbninßen 14.
gdiottlanb 230. 237. 260.
g d) r e i b e r 31. 35. 252 204 255 433.
g gröber 160. 169. 375. 382 451.
gdjueb 406.
g cb it l b e t 167.
u. b. gcbulenbnrß 121. 125.
gcbulv 343. - geb. Ean. 411 413.
419. 420. 451.
geb ul (je 367. 271.
g d) u t J 562.
gebünentann 483.
g d; Ü11 e 27.
gdjtuabacb 394.
g d) W a l d) 247. 261
gcbtualß 328.
g d) W a l e n b e r ß 270.
£rtS= unb ‘Verfonen-TRefliftcr.
545
©dnvaiil 394.
©djivantenbeini 394.
©djwartelant 48.
e^WillAOlV 10. 47. 48. 272. 319. 358
395. 448. 498 504.
Sd)wed)ten 504.
©daneben 62. 07. 97 144. 163. 164.
198 200. 229. 237 245. 267. 268.
270 313. 316. 321. 324. 325. 327
biS 338. 340. 349. 357. 365. 370
371. 373. 374. 380. 381. 392. 410.
457. 481. 507. — (KllftiW Üßafa, Sß.
163. - (Srid) XIV. 198. 199.
Wiiffnv Slbolf 267 269 275. 289. -
Üiarte (Eleonore, ßgin. 280.
Glniftine 278. 279. 284 -286. —
Äarl X. (ShtftiW 280. 286 - 288. 290.
292. — Jpebnrig (Eleonore 290. 292. —
Stal XI. 292. 294. 298-301. 304.
313 315. 325. — Stal XII. 325.
327 332. 335. 336. 338. — Ulrite
(Eleonore 335. 338. — Suife Ulrite 371
u. S d) iv e b c r 342.
©djWCbt 45. 132. 138. 212. 214. 235.
334 373. 376. 393.
© d) iv e 11 c n ß v e b c l 221. 298. 303.
308. 315.
<2 d) w e n it 511.
v. ©dnverin 302. 303.
© d) n> e r t f e g c r (©wert?eßet) 77.
©d)Wid)tenberg 168. 181.
Sebert 411. 433.
©ebini 4.
©eelanb 41.
© c g e l e r 29. 31.
©eil 384. 402 405. 426.
© e 111t o ll> 377. 379.
©enmonen 4.
£ e n f f t V. 'J? i I f il cb 444. 468. 478.
© e 0 e r 266.
©et» bei 388. 461.
©bafefpeare 490.
©iebranb 316. 319. 325.
©iena 260.
© i e v e r t 487.
© i 11 i u ß 451.
© i nt o it 247. 373. 375.
©feningen 303.
©laiven 4 26. 30 32 33. 47. 53.
© m t b t 77.
©nnjrna 380.
©oeft 46. 51.
©olbill 109 111. 113.
Sonnenberg (©uinieitberg) 139. 152.
Sophie, ©ein. Gritbö II. 117. ©.,
Sod)t. 53oflif(nw8 X. 136.
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Soult 420. 421.
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Spanien 197. 380.
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1)du S p n r r e n f e l b e 27.
Speier 171. 180. 205. 215.
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Sprenger 153. 367.
Springer 489.
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© t a b e 63. 64.
v. ©tuet 404.
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© t a e r ß 460.
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Stargarb 64. 67. 71. 8 t 85. 95. 118.
119. 122. 143. 155. 179. 261. 262.
266. 275. 279. 295. 299. 310 325.
331. 336 341. 371. 373. 384. 409.
422-424. 428. 429 434. 437. 438
448. 455. 456.
Start 31.
Starte 292. 311.
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179. 180. 192. 193.
©tenbal, Stabt 51.
Sternberg 403. 496.
Steuen 113. 114.
©forfbolnt 67. 163. 199. 277. 278. 283.
284. 286. 292. 295 316. 325. 326.
338. 365. 368. 481
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35
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S t Hfl e 241.
S11) in in e l 241.
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Siiberinattlanb 289.
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Sltllb 128. 139. 238. 262. 268. 274.
279 281. 286. 291. 365. 376. 385.
454. 477.
be Supetüille 369
Sivante 47.
S iv a n t e ö 167.
Sivantibor III, .£>j. v. S'oni. 64 66.
69. 70. 72. 121.
Sroave (Sitatve) 96. 184. 190.
Sroinc 43. 44 83. 84. 117. 270. 282.
288. 338. 365. 373. 376. 380. 385.
452. 453.
Swiiteiilünbe 381. 384. 385. 416. 452 big
454 458. 466. 477 479. 199. 503. 514
S tv i n c n f e 48. 49.
Sljboiu 394.
SbboivSaue 394.
Sljlt 274.
X
Sotßau 23o.
Sotltel) 357. 439. 480. 484. 503.
Sorftenfon 280.
S o uf f a i n t 431.
S r a nt p e 185.
Stave 499.
S t a v e n o l 66. 67.
S r e b b i n 261.
Sreber 253. 285.
v. Sreitjrijfe 478.
Srenbelenbiitß 391.
Sreptoiv a. iR. 95. 123. 182 184. 187.
428. 492.
S r i e b e l 343.
S rieft 401. 405. 472. 473. 475. 492.
Srißlaiv 8. 11. 13. 15.
S f rf) i r n e r 374. 375.
Sürfei 329.
S u r o iv 280.
II.
llcfernunt 68. 72. so.
Ürterntihibe 44. 45. 122. 131. 277.
U b l 342. 344. 364 374- 375. 387.
Stolbeiß, Stabt 51.
Stolle 382. 424. 427. 42!). 433. 434.
450.
Stülp a. b. 17.
Stolp i. Jpiiiterponi. 71. 166.
S t o 11 e n l) u r fl 433.
S t o 11 i n ß 511.
Stoppelbetfl 13!). 15!>. 162. 163.
168 171. 174. 176. 178 180. 182.
192. 193.
Stößer 198.
S t ö io e r 462.
Stralfnub 36. 41. 61 64 67. 68. 70
73. 74. 79. 80 84. 98 106. 107. 122.
128. 140. 142. 143. 163. 164. 166.
169. 194. 199. 238. 261. 268. 269.
287. 290. 292. 330. 335. 457. 458.
467. 508.
Stralfunb 63.
S 11 a n p i C 199.
Strauß 298. 315. 319. 355.
St r o l) f u i b c r 181.
S1r u rt 433.
Santoiv 45.
V. Saueiitjien 431. 433.
S e f d) c u b o r f 483. 491.
S eßmann 162.
S e u b e r 222
Sbeobcricuö 106.
S beulte 451. 477.
Sb lebe 459.
Sbilü 387. 388. 391.
S b * e m a it u 427.
S b o r n 52.
Sborn, Stabt 98.
Sbonveitot 418. 419.
Sburiußcu 412.
Silebein 377. 380. 382. 384. 397. 404.
412. 419. 423. 440. 466. 485. 493.
Silfit 420
Sirol 230
S o e p f f e r 462. 463.
Söiioberß 42.
U b e cb e l 353.
Uder 239. 263. 274.
Ü cf e t 315.
£rtß- unb fßetfonen llleßifter.
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379. 380 382. 384
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440. 45« 460.
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b. ÜBncenti 419.
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Ult rill) 76. 77.
Ufebont 15. 17. 126. 288. 338 373.
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ÜB a d) e n b «f e n 384. 126. 432
ÜB ä di ter ‘iso. 411. 451
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V. ÜB a 11 e u r o b t 467 . 493.
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B. ÜBalraBe 345. 347. <49. 351.
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ÜB a r b e n b u r ß 76.
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Karin (Wccfl) 384.
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ÜB a r t e n b e r ß 472.
Ü&ntbe 15. 69. 137. 210. 240. 263.
295. 313. 331 366. 185.
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16. - ÜB. IU 23. 34 — ÜB. IV 36.
37. ÜB V 38. — ÜB. VI. 6(5.
69. — ÜB. 1X 81. 83. — ÜB. X. 83.
108 109. 111 113. 117—120. —
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ÜB a f f e r f u b r 467. 48(5
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b. ÜBebel 99. 196.
ÜB C ß e n e r 96. 476. 478. 488
ÜB e h (i n ß 324.
ÜBebrniann, £() 487. — ÜB., £>.
495.
ÜB t i b n e r 472.
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ÜBctnrciri) 384. 411. 451.
ÜB e i f; 455. 462.
B. ÜBeKiitß, ©ruf 330 332.
ÜB c 11 in a n n 486. 493.
ÜB e n b e 52.
SBcuben 6. io 17. 53. 116.
ÜBcrbeu 51.
ÜB e r b c r nt a n n 139. 221. 247.
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ÜB e f e r 62.
ÜBefer, Jlnfi 51
ÜBeftenb Stettin 200. 197. 503. 504
ÜB e ft f a l 31 52 63. 64. 84. 149.
üßeftfaleii 31 4(> 51.
ÜBcitpreufieii 388.
Üßefclar 205.
ÜB idj en baßen 301. 31.5.
ÜBtdjnianu 469.
Bon ber ÜBibe 113. 122
Üßien 14(5.
üb i e V l o iu (üßiblo)B) 380. 382. 396.
404. 411. 419. 420- 42(5 45.>.
ÜB i ß ß e r 76. 90.
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SBilgen 5.
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SB i n in a u n 77.
SB i n ß 242
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SBintbet 254 257
SB i r in i n ß b a it f e n 31
v. SBirb 287. 288 290.
SBißbl) 62. 228
SBife 29. 31.
SBißnuit 41. 52. 61 63. 74 288. 318.
331 508
ffiiflinann 384, 411. 426. 455. 470.
486.
SB i t f a c 15.
SBitte29. 31. 49. 382 419. 46(1 476
SBittelßbadjer 37. 38.
SBittenbetß 146. 157 1 60. 165. 168
183. 191. 206 230.
SBittenbetß, Sl. 287
SBittenborcb 96.
SB i tten b orn 122.
SB o b b e t in i n 62. 63. 81.
B. SEBobefev 184 193.
SBolfstjorft 358 448
SB ol)l gein u11) 191
SBolßa|t 36 38. 66. 69. 71. 79. 81. 83.
Babelßbotf 205. 332
503
Badjan 85.
Baben 21.
B a n b c r 462.
Bantod; 98.
Bafttoiv 319. 401.
n. Bebliti 402.
Bef) ine 127
Beiß 23o.
Beute 456.
. 336.
434. 498.
107 110 117. 128. 181. 188 196.
216. 267 287. 294. 298. 380.
SB o l f e n b a u e r 345. 462
SB o11i n 31.
Sßollin, 3nfe( u. Gtabt 12 277 282 288.
299. 338. 37 3. .>03.
"SBorbiiißboiß 7D.
SBormß 158.
SB o l) b a 404.
d. SBcanßel, Wraf 284. 290. 292. 294
298. 299
V. SBvaußcl 27->. 276 473 476
SB t eße 91.
SB u b e n i B 47
SB u l f 152.
V. SBlllffeil 298 300. 303. 304. 30b
biß 308. 324
SBudenniebcc 194.
SB u l ft e n 3!>1
D o n SB ii eben 461.
SBuffoiU, Dorf 47. 319. 358. 421.448.504.
SB uff Oll) 31. 35. 50 65 92 94 124
biß 126 134. 135. 149. 223. 226.
227 265.
0. SBuffoiU 44 1 478.
SBüftebof 139. 221
SBüften betß 401.
SButftvarf 385.
t). Bepelin 473
Bicfermann 333.
Bießenort 374 503.
Binuiteinmnii 374.
3 i t e l in a ii n 382. 418. 429. 475
t). BibeivitJ 217. 226.
Böllliet 385 403 408
BiilldjuU) 17. 320. 440. 4.>0. 462. 4b(>.
482 484. 485.
Bwicfau 230
B b b e 11 483.
SJerBefferunflen.
G. 91, Beile 4 o. o. ift gn leien Über.
G. 137, Beile 11 t). u. ftatt „gwifdien Skanbeiibntß unb bet SRarf" ift ju lefen
„gwifdjen Sliaubeiibuiß unb Sommern".
G. 138, Beile 9 o. u. ftatt „galfterbobe" ift gu lefen „JMftcrbo".
(Mebtuefi bei fettete <K- Vebeliitß, Gtettin.
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(51,
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ksia^nica pomorska
Dual Regionalny