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Author: Lullies H.
Tags: geschichte geschichte deutschlands geschichte preußens historische geographie
Year: 1912
Text
teutleben Oancleskuncken
«unäcklt 2UV Ergänzung 6ev l^ekrbückev von 6. von
Landeskunde von Ost-
und von Westpreußen
herausgegeben von
Dr. H . Lullies
Professor am Königl. Wilhelms»
Gymnasium zu Königsberg i. Pr.
Mit 43 Karten und Abbildungen
Siebente, neu bearbeitete Auflage
Ferdinand Hirt
Königliche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung
Vreslau 1912
Vorwort des Verfassers zur siebenten Auflage.
«Nachdem über zwanzig Jahre seit dem ersten Erscheinen dieser kleinen Landes-
oll Kunde vergangen waren, hielten Verfasser und Verleger eine umfassendere
Durcharbeitung und teilweise Neugestaltung für angezeigt. Die Abschnitte über die
Entstehungsgeschichte des Bodens, über die Ostsee und die Nehrungen, über die
Tier- und Pflanzenwelt (Moore) wurden erweitert, in dem zweiten Teile wurden
die einzelnen „Landschaften" ausführlicher charakterisiert, alles möglichst sorgfältig
auf den Ztandpunkt von 1912 gebracht. Von einer völligen Iusammenarbeitung
der Ortschaftskunde mit dem allgemeinen Teil wurde Abstand genommen, weil bei
der Kleinheit der einzelnen Landschaften vieles vom Klima, von den Flüssen, von
der Entstehung des Bodens usw. mehrfach hätte wiederholt werden müssen.
Die siebente Auflage bietet wie die früheren und im wesentlichen in der bis-
herigen Anordnung den Lernstoff für verschiedenartige Bedürfnisse- sie wird es
gleichwohl dem kundigen Lehrer leicht machen, das für seinen Unterricht Geeignete
herauszufinden und benutzen Zu lassen. Außer dem Lernstosse wollte der Verfasser
aber auch ein möglichst vollständiges Vild der beiden Provinzen geben und dadurch
Interesse für die Heimat erwecken- deshalb die Betonung des Landschaftlichen, die
Ausführlichkeit der geschichtlichen Abschnitte, die das Verständnis der vielfach eigen-
artigen Bevölkerungsverhältnisse erleichtern werden, und deshalb endlich die vielen
Zahlen. Diese sind natürlich nur in ganz beschränktem Maße zu erlernen, sie werden
aber für Vergleiche u. a. m. unentbehrlich sein. Die eingehenden historischen Angaben
bei Danzig und Königsberg werden bei den Zchülern dieser 5tädte sicherlich die
Kenntnis der Topographie beleben und fördern, allerdings für Zchuler anderer
Gegenden keinen besonderen Wert haben. Überhaupt stellt sich der Verfasser vor,
daß nicht in allen Zchulen alle Teile der Provinzen in derselben Ausführlichkeit
durchgenommen werden, wie die heimatliche Landschaft. Besonders werden auch
Ost» und Westpreußen sich leicht sondern lassen.
Zämtliche Iahlenangaben beruhen, soweit möglich, auf amtlichem Material. Die
Einwohnerzahlen sind nach dem endgültigen Ergebnis der Volkszählung vom
1. Dezember 1910 revidiert. 5ie sind abgerundet außer in den Übersichten über
die Kreise und in den Tabellen der Orte von mehr als 3000 Einwohnern am Ichlusse
jeder Provinz, um für alle Fälle auch amtliche genaue Zahlen zu geben. Auf mehr-
fachen Wunsch ist am 3chlusse eine Zeittafel zur Geschichte und eine Auswahl aus
der landeskundlichen Literatur beigegeben.
Für Berichtigungen und Verbesserungsvorschläge wird der Verfasser stets dank-
bar sein.
Königsberg, Ostern 1912.
H. ÜUllies.
Bemerkungen des Verlegers.
tTXie Band- und Heftausgaben der E. von Zeydlitzschen Geographie sind bis»
^
her in rund 3 Millionen Exemplaren verbreitet worden; verhältnismäßig sehr
stark sind diese in den verschiedenen Schulen Oft- und Westpreuhens eingeführt.
Im Anschluß an die verschiedenen Ausgaben, wie auch als selbständiges Büchlein
hat sich die vorliegende Landeskunde^ viele Freunde erworben.
Den Herren Direktoren und Fachlehrern sowie den Lchuloorsteherinnen und Fach-
lehrerinnen, die den Zendlitz behufs etwaiger Einführung zu prüfen wünschen, stelle
ich gern ein Exemplar der in Betracht kommenden Ausgabe nebst der Landes-
Kunde unberechnet zur Verfügung. Ich bitte aber dringend darum, bezügliche Wünsche
unter Angabe der 5chulgattung entsprechend zu begründen, damit Verzögerungen
durch Rückfragen vermieden werden. Für welche Anstalten die verschiedenen Aus.
gaben der Leydlitzschen Geographie bestimmt sind, wolle man aus der Übersicht auf
Leite 4 dieses Umschlages ersehen.
Breslau, Ostern 1912.
Ferdinand Hirt.
^-
Alle Rechte vorbehalten.
-^ -:
l Diese Landeskunde wird auf Verlangen mit den Ausgaben <^ und N des „Zeydlitz", in deren
Neubearbeitungen die Behandlung de» Stoffe« nach landschaftlichem Prinzip durchgefühlt wurde,
zusammengebunden geliefert. Die Preise stellen sich alsdann wie folgt:
Ausgabe ä (2eydlitz»Oehlmann, 24. Vearbeitung) 2.05 ^,
Ausgabe ^ (Zeydlitz-Tronnier, 25. Bearbeitung) 2.05 ^,
Ausgabe L (Seydlitz-Oehlmann. 22 . Vearbeitung) 3.8N ^,
Ausgabe 8 (Leydlitz'Nohrmann. 24. Vearbeitung) 3.8U ^.
Einzelpreis dieser Landeskunde kartoniert 8l> ^.
Landeskunde von Ost- und Westpreuhen
von Dr. H . Lullies.
Professor am Königl. Wilhelms-Vymnasium zu Königsberg i. Pr.
Siebente, neu bearbeitete Auflage.
Inhaltsübersicht.
Allgemeiner Teil.
seile
8 1. Lage und Grenzen
1
8 2. Größe und Einwohnerzahl... 2
8 3. Oberflächengestaltung
2
8 4. Entstehung des Vodens .... 3
8 5. Ostsee, Haffe, Nehrungen.... 7
8 6. Flüsse, Seen, Kanäle
11
8 7. Klima
19
8 8. Pflanzen- und Tierwelt. Moore.
Wälder
20
8 9. Nutzbare Mineralien
24
8 10. Geschichtliches. Abkunft, Be-
kenntnis, Verufstätigkeit der
Vewohner
25
8 11. Eisenbahnen
32
8 12. Verwaltung der Provinzen . . 33
Landschafts- und Ortschaftskunde.
H. Ostpreußen:
I. Das Gebiet der Memel und des
oberen Pregels (Litauen)
36
Leite
II. Das Gebiet des unteren Pregels
und der untern Alle (Samland,
Natangen, Varten)
38
III. Das Ermland
42
IV. Das Oberland
.43
V. Masuren
44
L. Westpreußen:
I. Das Niederungsgebiet des Neg.-
Vez. Danzig
46
II. Das Hochland des Reg. -Nez.
Danzig (die Kaschubei)
50
III. Das Gebiet des Reg. -Vez. Marien»
weider im Osten der Weichsel
(Pomesanien und Culmerland) . . 51
IV. Das Gebiet des Neg. -Vez. Marien-
werder im Westen der Weichsel
(Süd-Pommerellen, Tuchler Heide) 54
Zeittafel
56
Landeskundliche Literatur
58
Vilderanhang
61
Ost- und Westpreußen gehören ihrer geographischen Beschaffenheit und
teilweise auch ihrer geschichtlichen Entwicklung nach Zusammen. Vis 1878
bildeten sie die eine Provinz Preußen,- in diesem Jahre wurde das Land in
die beiden Provinzen Ost- und Westpreußen geteilt.
§ 1. Lage und Grenzen.
5ie liegen im äußersten 1^0 des Deutschen Reiches ungefähr zwischen
53° und 56° nördlicher Vreite (etwa wie Schleswig-Holstein) und zwischen
16° und 23" östlicher Länge von Ereenwich. Vom Äquator sind unsere
Provinzen rund 6000 km, vom Nordpol 4000 km entfernt.
Luftlinien: Danzig - Verlin 400 km, Königsberg - Verlin 525 km, Königsberg - Cöln
1000 km, Königsberg-Eydtkuhnen 144 km.- Ostpreußen mißt von 1^ nach 8 3N0 km
(Nimmersatt- Mlawka), von W nach 0 200 km (Frauenburg - Eydtkuhnen) ? Westpreußen
von tt nach 3 200 km (Rixhöft-Thorn), von W nach 0 im 3 etwas über 250 km
(Lautenburg —Schlappe), im » 120 km.
Die von der Ostsee gebildete Nordgrenze besteht aus zwei Vogen, welche
sich bei Vrüsterort treffen: der westliche, die Danziger Vucht, ist nach ll,
der östliche, die Cranzer Vucht, nach I^VV geöffnet. Die 2üd- und Ostgrenzen
bilden zusammen gleichfalls einen nach I^W offenen Vogen, der im >V von
der Küste etwa 200 km entfernt bleibt, im KI mit ihr zusammentrifft. Im
W grenzen unsere Provinzen an Pommern und auf einer kurzen Ztrecke auch
an Brandenburg, im 3 an Posen und Rußland, im 0 an Rußland (Polen,
Litauen). Ostpreußen hat nur Westpreußen und Rußland zu Nachbarn.
Größe und Einwohnerzahl. -
Oberflächengestaltung.
§2, 3.
§ 2. Eröhe und Einwohnerzahl.
Ostpreußen
37 000^ qkm, 2,06 Mill. Einwohner, auf 1 qkm 56
Westpreußen
25 500
„
1,70 „
„
„
„
67
(Deutsches Reich 540000
„64,9
„
„
„
„120)
(Königr. Preußen 350000
„40,2
„
„
„
„115)
Größte Provinz des preußischen Staates: Schlesien: 40300 c>km, kleinste Hessen-
Nassau: 15 700 qkm; die zahlreichste und auch dichteste Bevölkerung hat die Nhein-
provinz: 7,1 Mill., 264 auf 1 qkm, die geringste Schleswig-Holstein: 1,5 Mill. Ost-
preußen hat unter allen Provinzen die geringste Vevölkerungsdichtigkeit (genau 55,8
auf 1 qkm, Pommern 57).
8 3. Oberflächengestaltung.
Ost- und Westpreußen gehören dem großen Norddeutschen Flachland
an, welches allmählich in das noch größere Osteuropäische oder Russische
Tiefland übergeht. Es fehlt aber nicht an ganz beträchtlichen Höhenunter-
schieden. Wir haben westlich der Weichsel den pommerellischen, östlich der-
selben den ostpreuhischen oder masurischen Höhenzug; der erste geht in den
pommerschen Landrücken über, der letzte setzt sich weiter nach Rußland im
<) bis zum Njemen, im 3 bis zum Tal des Narew und des Vobr fort.
Früher nahm man eine langgedehnte Erhebung vom Ural bis nach Schleswig-
Holstein an und nannte sie uralisch-baltischen Höhenzug. Neuere Messungen haben er-
geben, daß in Nußland ein Zusammenhang der einzelnen Erhebungen nicht besteht, und
daß man in Norddeutschland nur von einem mehrfach gegliederten baltischen Höhen-
zug sprechen kann, zu dem auch die ost- und westpreußischen Erhebungen gehären.
Außer dem Weichseltal und dem Weichseldelta liegt der westliche Teil West-
preußens höher als 100 m, östlich der Weichsel verläuft die 100 Meter-Linie
etwa von Marienwerder nach Eyotkuhnen. Nördlich dieser Linie finden
sich nur östlich von Elbing, westlich von Pr. -Eylau, im Zamland und
bei Tilsit nennenswerte Erhebungen.
Das südliche Hochland wird durch drei bis auf etwa 100 m Meeres-
höhe herabsinkende, von 51 nach 3 verlaufende Furchen in vier Abschnitte
zerlegt. Die Furchen sind: 1. Weichseltal. 2 . oberes Drewenztal und Alletal
von Euttstadt abwärts. 3. 2pirding-5ee, Talter Gewässer, Löwentin-2ee,
Mauer-2ee, Angerapp. Verbindet man die zwischen diesen Furchen liegenden
höchsten Erhebungen, so erhält man als 2treichungsrichtung 3W—»!(). Man
darf aber an keinen größeren zusammenhängenden Höhenzug denken; es findet
sich vielmehr in den höheren Teilen des Landes ein Gewirr spitzer oder kuppen-
artiger Verge und langgezogener Rücken, dazwischen liegen mannigfaltig ge-
staltete Vertiefungen, mit 2een oder Torflagern erfüllt oder ganz trocken.
Nicht unpassend ist für diese Gegenden die Bezeichnung „buckelige Welt".
I. Westlich der Weichsel hat der vommerellische Landrücken seine
höchste Erhebung im Turmberg, welcher mit 331 m gleichzeitig die höchste
Erhebung des Norddeutschen Tieflandes ist.
Er liegt etwas östlich von dem Haupthöhenzug, fallt nach l^0 steil ab und be-
steht aus grobem Sand und Grand mit vielen Steinen. Auf seiner etwa 60 Schritt
im Durchmesser haltenden Platte ist die Temperatur bereits meßbar kühler als in dem
80 m niedriger liegenden Dorfe Schönberg.
l Ohne die Haffe.
Oberflachengestaltung.
Die höchsten Punkte der Wasserscheide zwischen den nach ll strömenden
hinterpommerschen Küstenflüssen und den nach 30 sich zur Weichsel und Netze
wendenden Gewässern liegen zwischen 220 und 270 m. Die Flüsse haben fast
sämtlich ein starkes Gefalle,- die Wasserkraft dieser Flüsse ist bedeutend und
wird bereits mehrfach ausgenutzt, so in den elektrischen Werken bei ätraschin
und Ruthken an der Radaune und bei Ztocksmühle an der Ferse.
Nach 30 dacht sich das vom 5 chwarzwasser und von der Vrahe durch-
strömte Gebiet der Tuchler H eide allmählich zur Weichsel ab. Westlich der Vrahe
wird das Land wieder höher, so daß man hier von einem südpommerellischen
Höhenzug sprechen kann. Die Vauch-Verge an der Küddow südlich von
Landeck erreichen 208 m.
II. Zwischen der Weichsel und der erwähnten Furche von der oberen Drewenz
über Osterode (100 m) Zur oberen Alle bei Guttstadt (90 m) liegt das Land
im Mittel 100-130 m hoch, steigt aber südöstlich von Pr. Holland bis 198 m.
III. Im 0 der oberen Drewenz, südlich von Osterode, liegt Ostpreußens
bedeutendste Erhebung, die Kernsdorfer Höhe 313 m; nicht weit davon,
in dem sogenannten Neidenburger Hochlande, finden sich noch mehrere
Erhebungen von mehr als 200 m Höhe (die Goldberge 235 m).
VI. Östlich der masurischen äeenfurche liegt das ausgedehnte Goldaper
Hochland, das sich bis nach Polen hineinzieht, besetzt mit einer großen Zahl
manchmal auffallend spitzer Verge? der höchste von ihnen ist der Seesker Verg
zwischen Goldap und Oletzko, 309 m; der Goldaper Verg erreicht 272 m.
Aus dem Tieflande, welches diesem höheren Teil unserer Provinzen vor-
gelagert ist, steigen noch folgende vereinzelte Erhebungen auf: dicht an der
pommerschen Grenze in der Zchwesliner Forst der Hohe Verg 183 m, am
Putziger Wiek einige plateauartige, von Vrüchen umgebene Kämpen (die
2chwarzauer und Oxhöfter 50 m), die landschaftlich sehr schönen Trunzer
Verge nordöstlich von Elbing bis 200 m, welche die Eisenbahn in einer weiten
Ausbiegung nach 0 umgeht, der ötablack, eine Höhengruppe westlich von
Pr.- Eylau, welche im Zchloßberge bei Wildenhof 216 m erreicht, das
äamland, von 0 und 30 allmählich ansteigend und nach KIW steil ab-
fallend mit dem Ealtgarben (111 m), bei Ragnit die Höhen von Ober-
eisseln (63 m) links und die von Schreitlaugken (80 m) rechts der Memel
und westlich davon der sagenberühmte Rombinus (75 m).
Die 5eehöhe der preußischen Erhebungen ist nicht bedeutend, wohl aber hier und
da (z. V. westlich von Danzig, nordöstlich von Elbing) ihre relative Erhebung; dadurch
erinnern solche Gegenden an die schönen Hügellandschaften des mittleren Deutschlands.
§ 4. Entstehungsgeschichte des Bodens.
Der Voden Ost- und Westpreußens verdankt ebenso wie das ganze nord-
deutsche Flachland und das benachbarte Rußland seine heutige Gestalt und
seine Zusammensetzung in der Hauptsache den Wirkungen und Folgen einer
gewaltigen, von äkandinavien und Finnland ausgehenden Eisbedeckung.
Diese trat ein in der sogenannten Diluvialzeit, der ersten Hälfte der jüngsten
Entwicklungsperiode der Erde, der Quartärzeit. Auf das Diluvium folgte
das Alluvium, zu welchem auch die Bildungen der Gegenwart gehören. Der
1*
4
Entstehungsgeschichte des Vodens.
§4.
Quartärzeit voran geht die Tertiärzeit, in der sich unter andern die Braun-
kohlen und Vernstein führenden Schichten bildeten. Noch älter sind die
Formationen der Kreide, des Jura, der Trias usw. Anstehend, d. h. an der
Oberstäche oder an den Abbrüchen der Steilküsten zutage tretend, finden
wir bei uns nur quartäre oder tertiäre Schichten, ältere sind nur durch
Bohrungen erreicht. In Westpreußen, wo die tiefsten Bohrungen auf etwa
300 m hinabgehen, hat man bis jetzt ältere Schichten als Kreide nicht fest-
gestellt. Im äußersten Norden Ostpreußens erreichte man in ähnlicher Tiefe
weit ältere Schichten (Devon), aber nach 8 zu sinken sie bald hinab. In der Rich-
tung von Heydekrug liegt unter dem Diluvium auch bereits Kreide. Das
tiefste Bohrloch Ostpreußens bei Heilsberg geht 900 m tief hinab- hier fand
man an der Oberstäche eine 18m mächtige, verschleppte Tertiärscholle, dann
bis 68 m Diluvium, bis 225 m Tertiär, bis 562 m Kreide- und darunter
Iuraschichten, die bei 900 m noch nicht durchsunken waren. Die Kreidc-
formation ist im Untergrunde unserer Provinzen weit verbreitet in Gestalt
einer stachgelagerten Platte. Das Tertiär fehlt vielfach unter dem Diluvium;
größere Ausdehnung besitzt es z. B. im Samlande, zwischen Heilsberg und
Allenstein, in der Umgebung von Danzig, Konitz und Thorn. Die vor-
diluvialen Schichten scheinen in Ostpreußen und in dem größten Teil West-
preußens wenig gestört zu sein; sie bilden den Westrand der großen „russischen
Tafel".
Die Westgrenze dieses Gebietes gegen das im Untergrunde viel
mannigfaltiger gestaltete Schollenland des übrigen Norddeutschlands verläuft
etwa von Schonen über Bornholm, Köslin, Pr. Friedland nach Bromberg,
Hohensalza und weiter nach 30. Obgleich die Schichten im Untergrunde unserer
Provinzen wenig gestört sind, gibt es hier doch zuweilen Erdbeben, z. B. ein
ausgedehnteres im Oktober 1904, das aber seinen Ausgangspunkt in der Gegend
um das Skagerrak hatte, und ein mehr lokales auf der Linie Gumbinnen —
Tilsit um die Jahreswende 1908/09.
In der ersten Hälfte der Tertiärzeit, als der Bernsteinfichtenwald wuchs,
herrschte hier ein nahezu tropisches Klima, und in der späteren Braunkohlen-
zeit eine Temperatur, die immer noch etwa 10° höher war als die jetzige,
ungefähr wie heute im südlichsten Europa; das ergibt sich aus der Pflanzen-
welt jener Zeiten. Am Ende der Tertiärzeit wurde es kühler, und die Eiszeit
rückte heran, eine Erscheinung, die auf der ganzen nördlichen Halbkugel,
eigentlich auf der ganzen Erde nachweisbar ist. Die Ursachen dieser Ab-
kühlung kennen wir nicht; sie war nicht gerade übergroß; eine nur um
5 — 6° niedrigere Temperatur als die heutige würde genügen, um die Er-
scheinungen der Eiszeit zu erklären. Damals trugen die höheren deutschen
Mittelgebirge: Riesengebirge, Böhmer Wald, Schwarzwald, Vogesen ewigen
Schnee, so daß hier Gletscher entstehen konnten. Besonders großartig war
die Entwicklung der Gletscher in Skandinavien und Finnland. Langsam
schoben sich die wachsenden Eismassen durch das Gebiet der heutigen Ostsee,
dessen Niveauverhältnisse damals wahrscheinlich anders waren als jetzt, nach 3
und verbreiteten sich bis an den Fuß, ja bis in die Täler der deutschen Mittel-
gebirge, alles mit einer zusammenhängenden Eisdecke verhüllend und Zustände
schaffend, wie sie heute in Grönland oder vielleicht noch ähnlicher im Südpolar-
Kontinent herrschen. Dabei füllte das Eis zuerst die tieferen Partien des.
Entstehungsgeschichte des Vodens.
5
Landes aus und überzog erst dann die höheren. Aus der Mächtigkeit der eis-
zeitlichen Ablagerungen ergibt sich, daß vor der Eiszeit das 5amland, der
l^O Ostpreußens, die Gegend um Heilsberg und die Gebiete rechts der
Weichsel ganz im 3 unserer Provinzen verhältnismäßig hoch lagen; so spricht
man von einem voreiszeitlichen litauischen, samländischen, ermländischen, pol-
nischen 5ockel. Dazwischen und im untern Weichselgebiet befanden sich 5enken. Im
westlichen Westpreußen sind diese Verhältnisse noch nicht klar festgestellt. Besonders
der samländische 5ockel scheint die Bewegung des Eises beeinflußt zu haben.
Das vorrückende Eis führte alle losen Gesteine der damaligen, von
ihm überfluteten Erdoberfläche mit sich fort, so daß nach unseren Gegenden
große Blöcke, Lteine und Gerölle transportiert wurden, die den geologisch
älteren Gebirgen Skandinaviens und Finnlands, oder dem Boden der damaligen
Ostsee und der Ostseeprovinzen entstammen. Die großen Blöcke bestehen fast
stets aus Granit oder Gneis und sind skandinavischen oder finnischen Ursprungs,
denn nur dort finden sich diese Gesteine in ähnlicher Zusammensetzung. Manche
dieser „erratischen" oder „Irrblöcke" sind sehr groß (20-25 m Umfang,
über 3 m Höhe), z. B . der Tatarenstein bei Neidenburg, der Teufelstein
im Kr. Ichwetz! sie sollen als Naturdenkmäler erhalten bleiben. Vielfach
wurden durch den gewaltigen Druck des Eises die Eesteinsblöcke aneinander
geschrammt (Gletscherschliffe), oder es wurden die ächutt- und Veröllmassen an-
einander oder am Untergrunde zerrieben und zermalmt und bilden nun die Grande
und die lehm- und sandartigen Massen des Diluviums, aus denen unser Boden
zum großen Teil besteht. Gelegentlich wurden auch größere, zusammengefrorene
schollen der Tertiär- und Kreideformation aus dem Untergrunde losgerissen
und mitgeschleppt und „schwimmen" dann in oder auf dem Diluvium. Wenn
sie an der Oberfläche liegen, können sie den Anschein erwecken, als ob hier
diese älteren Formationen anstanden. Bis jetzt hat man aber stets unter
oberflächlichen Tertiär- und Kreideschichten Diluvium gefunden.
Verharrte der Eisrand längere Ieit an derselben stelle, so häuften sich hier beim
Abschmelzen die mitgeführten groben und feinen Gesteinsmassen zu mächtigen, aus
großen und kleinen Blöcken und aus Grand, 3and und Lehm bestehenden Wällen
auf, zu denen das nachrückende Eis immer neues Material heranschaffte - es bildeten
sich die sogenannten Endmoränen (Bild 16). Je länger der Eisrand in seiner
Lage verharrte, um so mächtiger mußte die Endmoräne werden. Der baltische
Hauptmoränenzug erstreckt sich von Brandenburg und Pommern bis in das nord-
westliche Westpreußen und bildet nördlich von Berent ein großes Endmoränen-
gebiet mit dem Turmberg. Hier scheint ein zweiter großer Bogen anzusetzen,
der Nach 30, dann nach O verläuft und nach I^lO umbiegt. Er bildet die
Kernsdorfer Höhen, den masurischen Höhenzug, die Zeesker und Goldaper
Berge. In Westpreußen liegen aber südlich von der Hauptmorane noch ver-
schiedene, weniger mächtige Endmoränengebiete. Da der Eisrand wie bei den
heutigen Gletschern niemals genau an derselben stelle lag, sondern bald etwas
vorrückte, bald zurückwich, wurden auch die bereits bestehenden Endmoränen
zerstört oder vorgeschoben, oder es bildeten sich hinter den schon vorhandenen
Endmoränen neue. Öfter wurden auch die mit Wasser durchtränkten Boden-
massen durch die Last des sich vorschiebenden Eises hoch emporgepreßt, und
es entstanden so die „ötaumoränen", zu denen z. B. der Zug der Eoldaper
6
Entstehungsgeschichte des Bodens.
§4.
Verge gehört. Das Eis war wohl nur einige hundert Meter dick- höchstens
in den 5enken erreichte es eine Mächtigkeit von 1000 m. Ob das Eis sich
eine Zeitlang so weit zurückzog, so daß der Voden völlig eisfrei wurde und
sich mit Pflanzen bedeckte, und dann abermals vorrückte, erscheint für Ost-
preußen fraglich; in den westlicheren Gebieten scheint dieser Zustand mehrmals
eingetreten zu sein; so spricht man von Interglazialzeiten (Zwischeneiszeiten).
Am Ende der Eiszeit wurde es wärmer, das Eis schmolz ab und zog sich
zurück, jedoch nicht immer gleichmäßig und gelegentlich hie und da länger liegen
bleibend, neue Endmoränen und damit unruhige Vodenformen bildend. Da,
wo der Rückgang des Eises gleichmäßig erfolgte, entstanden auch ebenere
Gebiete, die „Grundmoränenlandschaften",
gebildet durch die Grundmoräne
und durch das gröbere und feinere Eesteinsmaterial, das in dem Eise selbst
eingefroren war und beim Abschmelzen sich absetzte. Gelegentlich trat noch
ein Ztillstand des zurückgehenden Eises ein, und dann bildeten sich hinter dem
Hauptmoränenzuge neue Endmoränen, so der Zchreitlaugkener Höhenzug östlich
von Tilsit und das Alk-Gebirge mit dem Galtgarben u. a . Höhenzüge im5amlande.
Die verbreitetste Ablagerung des abschmelzenden Inlandeises ist derGeschiebe -
mergel, eine ungeschichtete, recht feste, kalkhaltige, lehmartige Masse, in feuchtem
Zustande blaugrau oder graurötlich, von Geschieben, d. h . Lteinen, der ver-
schiedensten Größe durchsetzt. Dieser Geschiebemergel bildet z. V. die steilen
Küstenlandschaften des 5amlandes und bei Adlershorst. Hat das kohlen-
säurehaltige öickerwasser den Kalk ausgelaugt und in größere Tiefen geführt/,
dann wird der Geschiebemergel zu Lehm, dessen Farbe durch Veränderung
des Eisengehaltes graugelb bis rotgelb geworden ist. Daraus geformte Ziegel
werden beim Vrennen rot. Ist der Lehm mit 5and gemischt, so bildet er
recht fruchtbaren Voden? auch 3/4 5and- und ^4 Lehmgehalt ist dem Acker-
bau noch günstig. Die Dicke der diluvialen Zchichten ist verschieden: z. V .
im Norden Ostpreußens 15-70 m, bei Königsberg 45-80 m, bei Lätzen
mehr als 180 m, in Westpreußen bei Konitz über 130 m, bei Karthaus über
140 m, bei Danzig 20 - 80 m, bei Graudenz etwa 50 m, bei Ztrasburg 8 - 25 m,
bei Flatow 25 m.
Die Ichmelzwasser führten aus dem Gelände vor den Eismassen vielfach
die feineren, tonigen Vestandteile mit sich fort und ließen die gröberen, sandigen
Zurück. 3o entstanden südlich von den Moränenzügen flach geneigte, sandige
Ebenen, in Ostpreußen die sandigen Landschaften der Iohannisburger Heide,
die 2andflächen bei Willenberg, und in Westpreußen die Tuchler Heide.
Auch unter dem Eise entwickelten sich Zchmelzwasserströme, die in dem
Untergrunde langgestreckte, aber nicht gleichmäßig tiefe Rinnen ausspülten; nach
dem Rückgang des Eises blieben sie mit Wasser gefüllt zurück, und so entstanden
die schmalen, langgestreckten oder reihenartig angeordneten „Rinnenseen".
Als sich das Eis gleichmäßiger zurückzog, bildeten sich zwischen dem Hügel-
wall der Endmoränen und dem Eisrand große „Ztauseen"; ging das Eis noch
weiter zurück, so fanden sie ganz oder teilweise nach I>I Abfluß. In den
tiefsten Ztellen der Grund- oder Endmoränengebiete sammelte sich das Wasser
i Man kann die Grenze der Entkalkung leicht feststellen. Übergießt man eine Probe
mit äalzsäure oder Essig, und erfolgt Aufbrausen, so wird dadurch einKalkgehalt angezeigt,
indem die Kohlensäure des Kalkes durch diestärkere5äure ausgetrieben wird. Sonntag).
Ostsee, Haffe, Nehrungen.
in weiten, nicht sonderlich tiefen Necken, und diesen Typus von 3een bezeichnet
man als „Erundmoränenseen".
Ihre Tiefenverhältnisse lassen erkennen,
baß ihr Voden der Oberflächengestalt der umgebenden Landschaft entspricht.
Endlich strudelte das in Eisspalten herabstürzende Wasser Vertiefungen aus,
die nachher mit Wasser gefüllt blieben- auf diese Weise ist eine große Iahl
kleinerer, mehr oder weniger kreisrunder, oft recht tiefer 5een entstanden.
Man nennt sie mit einem aus Mecklenburg stammenden Worte „3ölle".
Nach dem völligen Rückgänge des Inlandeises begannen die wasserreichen
Urströme unserer jetzigen Flüsse das Gletscherland abzutragen und zu zerstören.
Das Delta der Memel lag viel weiter im W, das des Pregels gleichfalls,
mindestens im Gebiete des Frischen Haffes. Die Memel bildete östlich von
den Zchreitlaugkener Höhen einen großen 2ee, den Iurasee, aus dem ein
Arm nach W, ein anderer nach 3XV durch das Vett der heutigen Inster und
den Unterlauf des Pregels abfloß. Die Weichsel strömte von Fordon ab
nach W durch das sogenannte Thorn - Eberswalder Urstromtal, d. h. das Tal
der Netze und Warthe und weiter in dieser Richtung zur Nordsee. Wahr-
scheinlich durch eine recht junge öenkung im südlichen Ostseegebiete traten allmählich
die heutigen Verhältnisse ein. Die Vöden der heutigen Flüsse wurden tiefer ge-
legt, denn die oft aus Grand gebildeten Ablagerungen der Urströme erheben sich
bis 20 m über dem Lpiegel der jetzigen Flüsse. Dazu kommen andere Ver-
änderungen durch die Brandung der 5ee und die Wirkungen der 5ickerwasser
besonders an den steilküsten, durch die Kraft des Windes (Nehrungen und
Dünen) und durch die Tätigkeit der Pflanzen (Moore), der Tiere und Menschen.
§ 5. Ostsee. Haffe, Nehrungen.
5eit dem Zurückweichen des Inlandeises bis Skandinavien haben sich die
Verhältnisse im Gebiete der Ostsee mehrfach geändert. Als ungefähr die
heutigen Verbindungen der Oftsee mit der Nordsee ausgebildet waren, begann
in den skandinavischen Ländern eine Hebung, an unsern Küsten eine 5enkung.
Torf und Vaumstubben auf dem Meeresboden, z. V . bei Cranz, die doch auf
dem Lande gewachsen sein müssen, sprechen dafür. Die Geologen nennen diese
Ieit nach einer in der Nordsee und der westlichen Ostsee lebenden Zalzwasser-
schnecke die Litorina-Ieit. Damals brach wohl die Weichsel von Fordon nach
^
Zur Danziger Vucht durch ^, die Küste beim Pregeldelta lag am Ostrande
des Frischen, die beim Memeldelta am Ostrande des Kurischen Haffes. Die
Nehrungen und die Landzunge Hela waren noch nicht vorhanden. Die Lenkung
hörte dann wohl im ganzen auf, der Zalzgehalt der östlichen Oftsee wurde
geringer, die bekannte 3andklaffmuschel (iVl^a) verbreitete sich, und damit war
die Jetztzeit angebrochen.
Die heutige Ostsee oder das Baltische Meer ist ein flaches Vinnen-Rand-
meer. Auch noch in bedeutender Entfernung vom Lande würde ein mäßig
hoher Kirchturm, auf den Meeresgrund gestellt, über ihre Oberfläche empor-
ragen. Durchschnittstiefe 60-80 m, größte, nordwestlich der Insel Votland,
i Da die Weichselwerder sich auf einer älteren Grundlage aus den öinkstoffen
des Flusses gebildet haben, und man die Dicke der sich alljährlich absetzenden ächicht
annähernd schätzen kann, hat man berechnet, daß der Weichseldurchbruch nach >I vor
6000 bis WU0 Jahren erfolgt sei. Das wäre eine erstaunlich Kurze Vergangenheit.
Ostsee, Haffe, Nehrungen.
§5.
etwa 420 m, östlich derselben 250 m. Die Danziger Bucht ist auffallend tief,
Zwischen Hela und Brüsterort bis über 110 m. Größe der Ostsee 415 000 qkm.
Der Meeresboden besteht an unseren Küsten meist aus Sand, ist stellenweise
sehr steinig, besonders da, wo Steilküsten abgespült sind, und fällt sehr allmählich
ab. Der Salzgehalt beträgt bei uns 0.66°/« (im offenen Ozean 3,5°/°), im XV
ist er durch das in der Tiefe einströmende Nordseewasser größer, im 0, im
Finnischen und Bottnischen Meerbusen, wegen der hier mündenden wasser-
reichen Flüsse Schwedens, Finnlands und Rußlands geringer. Ebbe und
Flut sind auch durch genaue Messungen kaum nachweisbar, jedoch können
heftige Stürme das Wasser bedeutend aufstauen. Bei Ostwinden sind solche
Sturmfluten im westlichen Teil der Ostsee manchmal furchtbar. Unsere etwa
400 km lange Küste ist meist flach, nur ^/z ist hoch und steil. Die Ufer
sind besonders hoch bei Rixhöft (52 m), im W der Danziger Bucht bei Ox-
höft und Adlershorstunda.d. Nordwestecke des SamlandesbeiKraxtepellen,
Brüsterort und Warnicken. Zwischen beiden Orten ist der Wachtbudenberg
bei Kl. Kuhren mit 60 m der höchste Punkt ^. Der Nordwestwinkel der Danziger
Bucht, welchen die sandige Landzunge Heia (35 km lang, 300-2500 m
breit), im ll von dem offenen Meere trennt, heißt Putziger Wiek.
Die Küstenlinie scheint sich landeinwärts zu schieben, vor allem durch die abspü-
lende Tätigkeit des Meeres, welche noch durch die auflockernde Wirkung des Frostes
und des 5ickerwassers besonders an Zteilufern erleichtert wird. Ein wirkliches Zinken
des Landes2, welches z. V. aus dem Vorhandensein von Vaumftubben und Torflagern
auf dem Meeresgrunde gefolgert werden könnte, z.V . bei Cranz, ist gegenwärtig nicht
nachgewiesen^ denn von 1826-79 hat sich die Lage der preußischen Ostseeküste gegen
das Mittelwasser der Ostsee in Wirklichkeit nicht geändert.
Mit dem Meere stehen durch schmale Wasserstraßen, welche Tief oder
Vatt heißen, die Haffe in Verbindung? das sind Strandseen mit süßem
Wasser, welche durch wenig breite Landzungen, Nehrungen genannt, oder
durch Inseln vom Meere getrennt werden. Iu den größten derartigen Bil-
dungen in Europa gehören das Frische und das Kurische Haff.
Das Frische Haff ist ein von 3VV nach KIO verlaufendes, langgestrecktes
Viereck, dessen Nordostspitze weit nach 0 vorspringt, 65 km lang, 9 — 22 km
breit, 860 qkm groß (Bodensee 540 qkm), besonders im südlichen Teile stach,
auch sonst nur 3- 5m tief.
Für die Zchiffahrt war früher vonPillau nach der Pregelmündung eine reichlich 4 m
tiefe Fahrrinne ausgebaggert. Da diese aber für Fahrzeuge mit größerem Tiefgänge schon
lange nicht mehr genügte, ist 189N-19N1 mit einem Kostenaufwande von über 12 Mil-
lionen Mark der Königsberger seekanal^ gebaut worden. Er führt von der Pregelmün-
dung in der Nähe des nördlichen Ufers durchs Hass, ist 33 km lang, an der 5ohle im
allgemeinen 30 m, oben 80 m breit, 6,5 m tief und wird auf der 2üdseite durch einen
Damm, der mit mehreren Durchlässen für die Fischer versehen ist, gegen Verschlammen
geschützt. 5o können jetzt auch große schiffe unmittelbar bis Königsberg gelangen
(Ostsee - Pillauer Tief-Königsberg 46 km).
l Lolche Küsten, die zwar steil aufsteigen, aber an ihrem Fuße einen stachen, ganz
allmählich zu größeren Tiefen abfallenden Ztrand besitzen, heißen Kliffküsten, im
Gegensatz zu den echten Lteilküsten, deren steile Böschung oft bis tief unter die
Meeresoberfläche hinabreicht.
^ Da die Wirkung beim äteigen des Meeresspiegels ganz dieselbe wäre, und es
sich kaum entscheiden lassen wird, ob dieses oder ein Zinken des Landes vorliegt, so
hat man dafür den Ausdruck „positive Verschiebung der 5trandlinie" oder „Verkleinerung
des Landes" vorgeschlagen.
-
« 2. Vilderanhang 5. 66 .
§5.
Ostsee, Haffe, Nehrungen.
Das Kurische Haff hat die Gestalt eines Dreiecks, dessen Spitze im N
bei Memel liegt? die von W nach 0 verlaufende Grundlinie ist 45 km,
die westliche 2eite 100 km lang, die östliche etwas kürzer. Im südlichen
Teile ist es bis 5 m tief, im nördlichen viel flacher- Größe 1584 qkm.
Die Nehrungen sind ganz junge Bildungen, deren Entstehung man sich
folgendermaßen zu denken hat: bei uns herrschen Winde aus westlichen
Richtungen vor? sie stehen aber selten senkrecht zur Küstenlinie,- deshalb laufen
die Wellen meistens fchräge auf den 5trand auf und schieben den 3and, den
jede von ihnen mit sich führt, vor sich her. Dadurch entsteht langsam, aber
unwiderstehlich ein Zandstrom an der Küste entlang, ungefähr nach () gerichtet,
von ätralsund nach Memel. Hier, wo die Küste von ll nach 3 verläuft,
ebenso wie an der auch von l^ nach 8 gerichteten Westküste des äamlandes,
kann diese „Küstenversetzung" nicht stattfinden, da der 5and meistens annähernd
senkrecht zur Küste ausgeworfen wird und so auch wieder zurückrollt. Durch
diesen Zandstrom hat die pommersche Küste ihren geradlinigen Verlauf erhalten?
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1. Die Entstehung einer Nehrung (aus der E. von Seydlitzschen Geographie, Ausgabe I)).
Cinsprünge sind abgedämmt, so der Iarnowitzer 5ee an der westpreußisch-
pommerschen Grenze, der ursprünglich eine Förde war. Vei Rixhöft biegt
die Küstenlinie scharf nach 30 und bald darauf bei Großendorf direkt nach 3
um. Hier setzte sich die nach 30 gerichtete Ztrömung in ihrer ursprünglichen
Richtung weiter fort, und aus dem von ihr mitgeführten 5ande entstand eine
schmale, langgestreckte Aufschüttung, ein „Haken", die 35 km lange Landzunge
Hela, die bis zu bedeutender Tiefe nur aus Dünensand besteht und so weit
vorwärts wachsen konnte, bis der Meeresboden schnell auf 40, 60 und mehr Meter
Tiefe abfiel. Fand der von den Wellen bewegte öandstrom auf seinem Wege
diluviale Inseln oder ähnliche Ansatzpunkte, so verband er sie durch schmale
5treifen? es entstanden die Nehrungen. Die Frische Nehrung beginnt eigentlich
schon in der Gegend von Ioppot^ und schließt sich mit ihrem andern Ende bei
Pillau an diluviale Gebiete an. Die Kurische Nehrung bestand wohl ursprünglich
aus zwei Vogen: der südlichere reichte von Cranz bis Rossitten, wo Diluvial-
Voden zutage tritt, und führte vielleicht einst bis zur Windenburger Ecke, der
nördlichere, jetzt aber mit dem andern völlig verwachsene, von Rossitten nach Memel.
» Der streifen an der Küste, östlich von Danzig bis zur eigentlichen Frischen
Nehrung wird auch Nehrung genannt.
1l)
Ostsee, Haffe, Nehrungen.
Die beiden Nehrungen, besonders aber die Kurische, sind in vieler
Beziehung merkwürdig. Diese ist noch immer auf weiten Ztrecken völlig wald-
los und mit fliegendem 5ande bedeckt, der von den Winden leicht vorwärts
getrieben wird- kleine Hindernisse, Pflanzenbüschel, 3teine, auch bloße 2and-
wellen, halten ihn auf, es bilden sich kleine Erhebungen und werden, indem
der 5and dahinter (im Windschatten) vorübergehend zur Nuhe kommt, die Kerne
von größeren, den rundlichen Dünenhügeln. Die Winde treiben den 5and
aber doch unaufhaltsam vorwärts, und da sie bei uns vorherrschend aus W
wehen, wandern die Dünen nach O, unter ihren Landmassen Wälder und
Dorfstätten begrabende Nach einiger Zeit müssen die verwehten Gegenstände
wieder zum Vorschein kommen, die Dünen selbst stürzen schließlich ins Haff.
Ihr jährliches Vorrücken betrug, als sie noch gar nicht festgelegt waren, auf
der Kurischen Nehrung durchschnittlich 6 m, erfolgte aber nicht gleichmäßig.
Der Westabhang ist sanfter als der östliche (Grund?). Mehrere früher be-
wohnte Dörfer sind jetzt verschüttet, (die Bewohner konnten die Gebäude
meistens noch abbrechen), oder ihre Trümmer feiern eine seltsame Auferstehung.
Alleinigen 5chutz gegen die verheerenden Wanderdünen gewährt das Festlegen
des Zandes durch Bepflanzend
Das ist sehr mühsam, doch geht man seit einer Reihe von Jahren damit energisch
vor, besonders auf der Kurischen Nehrung. Mo die Dünen gefährlich werden konnten,
sind sie festgelegt. 5chon seit längerer Zeit ist dicht an dem 5eestrande die künstlich
hergestellte Vordüne durchweg fertig bepflanzt, so daß nun neuer 5and aus dem Meere
nicht mehr Zugeführt werden kann. Früher waren die Nehrungen viel mehr bewaldet
als heute und deshalb auch dichter bewohnt.
Man kann meistens mehrere Wälder übereinander unterscheiden i ihre Vöden sind
erkennbar an Schichten braunen 5andes, deren Farbe von den verwitterten Vlättern,
Nadeln und Holzteilen herrührt. Die ganz alten Wälder bestanden aus Laubbäumen,
während jetzt auf dem 5andboden nur Nadelbäume fortkommen. Nei den Väumen
der in neuerer Zeit verschütteten Wälder ist das Holz oft schneller verwittert als die
Rinde, so daß man in diese, mit lockerem 3and erfüllten Röhren hineinfallen und
gemissermaßen im 5anoe ertrinken kann. Nicht die Menschen allein sind schuld an dem
Verschwinden der Väume und dem dadurch herbeigeführten Vorrücken der Dünen, wie
vielfach behauptet wird. ächon im 16. Jahrhundert hatte man die Bedeutung des
Waldes gegen die Versandung erkannt und erließ Verordnungen für seine Erhaltung.
Wohl ist viel durch Menschenhand ausgerodet, aber viele Väume sind auch einfach
verschüttet oder durch den beständigen Anprall der windbewegten, scharfen Sandkörner
abgestorben. Diese Vorgänge mußten erleichtert werden, wenn das Land sich senkte.
In der Tat haben Hebungen und Senkungen in der Umgebung des Kurischen Haffes
abgewechselt. Daß Friedrich Wilhelm I. oder Friedrich d. Er. den Wald hätten ab-
schlagen lassen, ist eine Fabel.
Manche Gegenden der Nehrung am Fuße der Dünen sind gefährlich wegen
des Triebsandes, das ist 5and, dessen Körnchen durch schwach empor-
quellendes oder den 5and durchströmendes Wasser schwebend gehalten werden,
so daß hier Menschen und Tiere rettungslos versinken können. Im 2ommer
ist die Oberfläche solcher Ztellen manchmal ganz hart getrocknet und trägt
einen Menschen. Mit den Dünen ändern auch die Triebsandstellen ihre Lage
und verschwinden mit der Bepflanzung der Dünen.
' 5. Vilderanhang 5. 65.
2 3. Vilderanhang 3. 64.
Flüsse, 2een und Kanäle.
11
Die Dünen der Kurischen Nehrung gehören Zu den höchsten Europas, sie
erreichen bei Pillkoppen, wo sie jetzt festgelegt sind, 60 m Höhe'.
Die Dünenwelt der Nehrungen, besonders der Kurischen, mit ihrem weißen, vege-
tationslosen 5ande, auf der einen Leite von dem Haff, auf der anderen von dem end-
losen Meere begrenzt, macht in ihrer Öde einen großartigen Eindruck und rechtfertigt im
yechen äonnenschein des Hochsommers die Bezeichnung „5ahara des Nordens".
Aller-
dings werden die eigentlichen Wüstengebiete durch die fortschreitende Vepsianzung allmäh-
uch eingeschränkt; nuf der Frischen Nehrung gibt es eigentliche Wanderdünen kaum mehr.
Das Frische Haff steht durch das Pillauer Tief, das Kurische durch
das Memeler mit der Ostsee in Verbindung. Das erstere besteht seit etwa
4l)0 Jahren. Vorher gab es ein nördlicheres bei Lochstädt^, noch früher
ein südlicheres gegenüber Valga^,
und vor 900 Jahren bestanden wahr-
scheinlich Tiefe auch im 3 der Nehrung bei Vogelsang und Kahlberg.
Die alten Tiefe sind versandet, auch das jetzige bei Pillau muß stets aus-
gebaggert werden. Ähnlich gab es früher zwischen dem Kurischen Haffe und
der 5ee, z. V. bei 5arkau, mehrere Verbindungen, so daß die Nehrungen
ursprünglich aus einer Reihe von Inseln bestanden.
§ 6. Flüsse, 5een und Kanäle.
/^. Westpreußische Flüsse.
3ns Putziger Wiek mündet die Rheda.
Zur Netze (Warthe, Oder) gehen die Lobsonka und Küddow, von
2chneidemühl an 15 km schiffbar.
Die Weichsel
entsteht durch Vereinigung dreier Quellen, welche auf den Veskiden bei dem
Dorfe Wisla in Österreichisch-ächtesten, 659 m hoch entspringen. 5ie bildet
auf einer kurzen strecke die Grenze der preußischen Provinz Zchlesien gegen
Osterreich, strömt dann in einem großen, nach W geöffneten Bogen durch
Galizien und Russisch-Polen und erreicht die Grenze Westpreußens nach einem
Laufe von 900 km (Gesamtlänge etwa 1125 km).
Vis zur Vrahemündung oberhalb Fordon strömt die Weichsel nach >I^V, hier biegt
sie scharf nach IMO um. 3ie floß von hier in früheren Zeiten durch den Unterlauf der
Vrahe, in der Richtung des Vromberger Kanals und durch das Tal der Netze weiter
nach VV (s. 5 . 7). Ihr heutiger Unterlauf liegt zunächst in einer durch ihre aus-
spülende Tätigkeit vertieften, aber früher schon vorhandenen Mulde; ihr Wasserspiegel
liegt bei Thorn 34 m, in der Richtung von Marienwerder 11m hoch, im Delta wenig
höher als der Meeresspiegel. Die Talgehänge sind bei Kulm, Graudenz und weiterhin
bis Mewe vielfach steil und 60-?0m hoch (Vilderanhang 3. 72).
Die Weichselmündungen haben im Laufe der Ieit bedeutende Veränderungen
erfahren. Die Entwicklung in den letzten 100 Jahren war folgende: Bei der
1 5. Vilderanhang 5. 64. Ahnlich mächtige Dünen finden sich in Europa nur
noch an der Westküste Iütlands, in den l^2ncle8 in öüdmestfrankreich am Vusen von
Niscaya, im westl. Peloponnes.
^ Das Vorhandensein dieses Tiefes in geschichtlicher Ieit ist neuerdings wohl mit
Unrecht bestritten. Es soll 1311 versandet und 1395 ganz verschüttet worden sein.
2 Mit „Valge" wird noch jetzt an der Nordseeküste eine Vertiefung bezeichnet, die
auch zur geit der Ebbe voll Wasser bleibt.
12
Flüsse, Seen und Kanäle.
Montauer 3pitze teilte sich die Weichsel^ der östliche Arm, die Nogat, ging
und geht noch in nordöstlicher Richtung ins Frische Hass, während der andere
Arm, der den Namen Weichsel beibehält, nach di bis zum Danziger Haupt
weiterstießt, wo er sich abermals gabelt. Der östliche Arm, die Elbinger
Weichsel, geht in mehreren Armen ins Frische Haff- der andere, westliche,
die Danziger Weichsel, mündete bis 1840 unterhalb Danzig bei Neufahr-
wasser in die Danziger Vucht. Im Januar 1840 hatte sich in diesem Arm
bei Neufähr eine mächtige Eisstovfung gebildet, das Wasser staute sich da-
hinter mehr und mehr auf und durchbrach in der Nacht zum 1. Februar die
Düne zwischen Fluß und 5ee. 2o entstand eine neue Mündung. Das 2tück
der Weichsel unterhalb Neufähr wurde abgedämmt und wurde so ein toter,
aber durch eine Zchleuse bei Plehnendorf für Schiffe noch erreichbarer und
benutzbarer Arm. Die Mündung bei Neufähr änderte sich und gewährte bei
Eisgang und Hochwasser der Weichsel nicht immer genügend schnellen Abfluß.
5o blieben die Gegenden an den Weichselarmen alljährlich von schwerer Wassersnot
bedroht. Unter dem Eindruck der furchtbaren Überschwemmung der Nogat
im Frühjahr 1888 wurden 20 Millionen Mark bereitgestellt, um eine neue
Mündung zu schassen, welche den Eis- und Wassermassen einen möglichst direkten
Abfluß zum Meere ermöglichte. Die Nogat sollte völlig entlastet werden. Am
31. März 1895 wurde der 5trom in sein neues Mündungsbett geleitet. Er
verläßt die bisherige Danziger Weichsel 1,5 km unterhalb der Abzweigungs-
stelle der Elbinger Weichsel und führt in nördlicher Nichtung in die 5ee,
11 km östlich von Neufähr. Der neue Arm ist nur 7 km lang, und die
Entfernung zwischen den einschließenden Dämmen beträgt 900 m, während der
bisherige Mündungsarm von 5iedlersfähre bis Neufähr 17 km maß, und die ein-
schließenden Dämme viel näher aneinander lagen. Am 25. Mai wurde dann der
Zperrdamm durch das alte Weichselbett bei Vollenbude beendet, und damit schied
die Danziger Weichsel aus der Reihe der Weichselmündungsarme.
Etwa von der Mitte des neuen Armes sind nach dem Dorfe Einlage an der
bisherigen Weichsel ein Flöß- und ein Schiffahrtskanal mit Schleusen angelegt, so
daß die Wasserstraße nach Danzig nach wie vor besteht.
Nach dem Durchbruch bei Neufähr strömte infolge des großen Gefälles der größte Teil
des Weichselwassers durch die Danziger Weichsel, und die Elbinger Weichsel wurde für die
Schiffahrt viel zustach,im Sommer lag ihr Vettstellenweiseganz trocken- deshalb wurde,
um die Wasserverbindung zwischen Königsberg, Elbing und Danzig zu ermöglichen, 1845 — 5l)
der Weichsel —Haff-Kanal erbaut. Dieser verläßt oberhalb des Danziger Hauptes bei
Rothebude die Weichsel, führt nahe bei Tiegenhof vorüber und mit Benutzung de; Tiege-
stusses und anderer Gewässer bei Stobbendorf ins Frische Haff. Nach Eröffnung der neuen
Weichselmündung ist die Elbinger Weichsel kanalisiert und so wieder schiffbar geworden.
Um die Gefahren des Hochwassers für die Niederungen neben der Nogat zu ver-
ringern, wollte man den Fluß zwingen, mehr Wasser als früher durch die geteilte Weichsel
abzuführen. Deshalb wurde 1847—53 die Nogat an der Montauer Spitze zugedämmt
(kupiert) und 4 km unterhalb bei Pieckel fast rechtwinklig ein Kanal von der Weichsel
zur Nogat gebaut, die beabsichtigte Wirkung wurde auch teilweise erreicht. Nach Er-
öffnung der neuen Weichselmündung hoffte man, die Nogat beim Eisgang ganz zu
entlasten. Da sich diese Erwartung nicht erfüllte, soll die Nogat 1912-14 gänzlich ab-
gedämmt, aber als Wasserstraße erhalten und auf 1,5 m vertieft werden.
Das Tal der Weichsel läßt sich innerhalb Preußens in drei Abschnitte gliedern:
1. von der Grenze bis Fordon, 2,5 — 3 km breit, vonstachenHöhen begleitet, 2. von
Fordon bis Pieckel, 2,5-8, ja bis 12 km breit, mit oft steilen, von „Paromen" (Schluchten)
durchschnittenen Talrändern, 3. das Weichsel-Nogat-Delta, wo sich das Tal fächerförmig zu
Flüsse, Seen und Kanäle.
13
weiten Niederung verbreitert. Durch dieses Tal windet sich der Fluß in wechselnder
-Lreite und Tiefe, zahlreiche Inseln und Kämpen enthaltend. Vei Thorn beträgt der Unter-
Ichled zwischen Hoch- und Niedrigwasser 8 - 9 m, bei Marienburg 10 -11 m. Im Sommer 1832
e^i? ^ Weichsel infolge zahlreicher Stromspaltungen stellenweise nur 40 cm tief, also
selbst für Flößerei unbrauchbar? allmählich will man durch Regulierungen und besonders
üurch Einengen des Strombettes die Tiefe des Fahrwassers auf mindestens 1^ m
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ringen zur Ieit des Eisganges wird aber nach wie vor der ganze Raum zwischen den
"ämmen, diestellenweisefast 3 km voneinander entfernt sind, von Wasser völlig gefüllt sein.
Eine furchtbare Gefahr für die Bewohner der Niederungen bringen die
Hochwasser und Eisgänge.
Hochwasser treten ein zur Zeit der größten Niederschläge, Juni bis August, wenn die
von den Karpathen kommenden Nebenflüsse, besonders derSan, infolge von Regengüssen im
Gebirge der Weichsel große Wassermassen zuführen. Gefährlicher sind die bei Eisgängen
Nch bildenden Eisstopfungen, bedingt durch die ganz eigenartige Natur der Weichsel.
Der Fluß friert zu bei niedrigem oder mittlerem Wasserstande? die von oberhalb kommen-
den Grundeismassen schieben sich nach dem Unterlauf und frieren hier zuerst zusammen -
^schreitet die Eisbildung stromaufwärts fort, und das Eis des Unterlaufes wird
stärker als das des Oberlaufes? darum gerät bei Tauwetter das schwächere Eis des Ober-
laufes früher in Bewegung. Dazu kommt, daß das Quellgebiet der Weichsel 5" südlicher
"egt als die Mündung? so kann die Schneeschmelze in Polen manchmal schon eintreten,
wenn sich das Eis der preußischen Weichsel noch in der Winterlage befindet. Dann
schieben sich die herabschwimmenden Eismassen unter- und übereinander, oder sie kommen,
wenn auch der ganze Strom aufgegangen ist, an scharfen Biegungen oder an besonders
engen Stellen zum Stehen? sie füllen das ganze Flußbett aus, die Wassermassen stauen
Nck) dahinter auf und Überstuten oder durchbrechen die Dämme. Besonders gefährlich war
bis jetzt der Eisgang auf der Nogat, wo die Dämme manchmal nur 180 m, an anderen
Stellen allerdings 2670 m voneinander entfernt sind. Das Nogateis gelangt ins Haff?
dieses ist nur flach, seine Eisdecke liegt meistens länger fest als die der Nogat, und Zwischen
Eisdecke und Haffgrund bleibt nur wenig Raum für das aus dem Fluß herantreibende
Eis. Man hat deshalb die untere Nogat auf der linken Seite nur mit niedrigen Sommer-
reichen versehen, deren Überfälle im Herbst abgetragen werden, so daß Eis und Wasser
m einen Teil der Niederung bis zu höheren Dämmen und von da nach dem Haff ab-
fließen können. Dieser Teil der Niederung heißt die Einlage. Nach der Abdämmung
der Nogat werden diese Verhältnisse natürlich geändert sein.
Wenn man den flachen, schleichenden Weichselstrom nur im Sommer gesehen hat,
kann man sich nur schwer eine Vorstellung von dem großartigen Naturschauspiel machen,
welches er zur Zeit des Eisganges, vielmal breiter, mit seinen gewaltigen, trüben,
schäumenden, von krachenden Eisschollen erfüllten Wassermassen bietet.
Die hauptsächlichsten Niederungen sind: 1. die Thorner, 2. die Culmer, 3. die
Marienwerdersche, 4. die kleine Schmetzer, 5. die Schwetz-Neuenburger, 6. die Falkenauer,
schon sehr niedrig, 7. das große Marienburger Werder, fast 600 qkm, zwischen Nogat,
geteilter Weichsel und Elbinger Weichsel, entwässert durch die Tiege, einige andere
Flüßchen (Lachen) und gegen 100 Schöpfwerke, 8. die rechtsseitige Nogatniederung oder
das kleine Marienburgcr Werder? dazu kommt noch die Niederung am Drausen-See. Ein
großer Teil dieser Niederung liegt tiefer als der Spiegel des Meeres und des Haffes
und muß deshalb künstlich entwässert werden? Überschwemmungen sind hier wegen
mangelnden Abflusses doppelt verhängnisvoll? 9. das Danziger Werder links der ge-
teilten Weichsel, 10. die alte, 11. die neue Binnennehrung zwischen den Ostseedünen im I>I
und der Elbinger und Danziger Weichsel im 3, getrennt durch die Mündung bei Neufähr.
Zusammen bilden die Weichselniederungen ein Gebiet fruchtbarsten Landes
von rund 2000 qkm (^ 5achsen°Koburg und Gotha). Das Eesamtstromgebiet
der Weichsel beträgt gegen 200000 qkm und ist nächst dem des Nheines
(225 000 qkm) das größte der norddeutschen Flüsse.
Ihre bedeutenderen Nebenflüsse münden außerhalb Preußens: es sind
Dunajec, 2an, Vug mit Narew. 3n den Narew strömen mehrere Flüßchen
aus dem südlichen Ostpreußen (s. 5 .19).
14
Flüsse, Seen und Kanäle.
§6.
Nebenflüsse der Weichsel in Preuhen.
ä. rechts:
1. Die Drewenz entspringt bei Hohenstein, flieht im Vogen um die Kernsdorfer Höhe,
dann durch den Drewenz-2ee und mündet oberhalb Thorn fast genau unter 53°, 135 km
lang, im Unterlauf schiffbar. Aus dem Drewenz-2ee kann man mittels des Oberländischen
Kanals (s. unten) zu 2chiff nach Elbing gelangen.
2. Die Ossa entspringt westlich vom Eeserich-2ee und mündet nach einem Laufe von
50 km unterhalb Eraudenz. Aus ihr führt der 7,5 km lange, angeblich von Kopernikus
angelegte Trinke-Kanal Nasser nach Graudenz.
3. Die Liebe, 85 km,stießtin großem, nach KI offenem Nogen bei Marienwerder vor-
bei und mündet in den toten Arm der Nogat, der als Hafen benutzt wird.
L. links:
1. Die Vrahe entspringt an der pommerschen Grenze aus einem kleinen 2ee,
stießt durch den Iiethener, Müskendorfer und einige andere 2een nach 30 und 8
bis Vromberg und von da in östlicher Richtung in die Weichsel bei Deutsch-Fordon.
Gefalle stark. Länge 150 km. Von Vromberg führt der 1773-74 erbaute, etwa
30 km lange Vromberger Kanal in die Netze und verbindet somit Weichsel- und Odergebiet.
2. Das Lchwarzwasser entsteht aus mehreren Vächen, die aus der hohen Gegend
nordwestlich von Verent herkommen, stießt durch den Weit-3ee und durch die Tucheische
Heide und mündet nach einem Laufe von 120 km bei 2chwetz.
3. Die Montau, 90 km, ein äpiegelbild der Liebe, mündet bei Neuenburg.
4. Die Ferse (mit der Fietze), 100 km, aus der Gegend von Verent, stießt mit
starkem Gefalle bei Pr. ätargard vorüber und mündet bei Meme.
5. Die Mottlau, 45 km, entspringt westlich von Dirschau und mündet, tief aus-
gegraben und einen Teil des Hafens bildend, in Danzig. Ihr Nebenstuß, die Nadaune,
80 km, kommt aus dem Kranze der Nadaune-2een westlich von Karthaus, trägt den
Charakter eines Gebirgsflusses und mündet eigentlich oberhalb Danzig bei Krampitz.
Von ihr wurde schon bald nach 1310 bei Praust ein Kanal, die „neue Nadaune",
zum Treiben der Mühlen nach Danzig abgeleitet.
Zum Weichselgebiet gehört eigentlich auch der schiffbare Elbing - er kommt
aus dem Drausen-2ee und fließt langsam in einem 10 km langen Vette dem
Frischen Haff zu.
Die alte Nogat, in welche er früher mündete, ist verdämmt und dafür der 7 km
lange Kraffohl-Kanal zwischen den beiden Flüssen gebaut.
Der Elbing ist gewissermaßen das letzte 5tück des Elbing-Oberländischen
Kanals: dieser verbindet mehrere der oberländischen 2een unter sich und mit
dem Drausen-5ee und stellt eine Wasserstraße von 190 km Länge dar, darunter
sind 40 km eigentliche Kanäle. Um die Niveau-Unterschiede zu überwinden,
ist der Zpiegel einzelner 3een gesenkt, durch den tiefer liegenden Abisgar-5ee
ein breiter Damm geschüttet und in diesem der Kanal ausgegraben, so daß
der Spiegel des Kanals 2 m höher liegt als der 5ee, und schließlich sind
wegen des bedeutenden Höhenunterschiedes von 106 m Zwischen Pinnau- und
Drausen-5ee fünf geneigte Ebenen von 14-25 m Höhe angelegt^.
Mit Benutzung von Wasserkraft werden auf stachen Wagen 2chiffe und Flöße
über das Land bergauf und bergab befördert. Nur der Morris-Kanal in Nord-
amerika (Pennsylvanien) hat eine ähnliche Einrichtung.
Die bedeutendsten der verbundenen Leen sind: der Eeserich-,
Abisgar-,
Rötloff-,
Samrodt-,
Pinnau-5ee. Außerdem stehen der Schilling- und
Drewenz-5ee durch den kanalisierten Liebefluß (nicht den Weichsel-Nebenfluß)
mit dem Kanal in Verbindung.
2. Vilderanhang 2. 73. Die geneigte Ebene bei Canthen.
§6.
Flüsse, Seen und Kanäle.
15
L. Ostpreußische Flüsse.
I. Gebiet des Frischen Haffes.
1. Die Vaude entspringt bei Trunz und mündet 2 km nördlich von
Frauenburg.
Ein Teil des Flüßchens ist, angeblich von Kopermkus, nach Frauenburg abgeleitet
und bildet den kleinen Hafen dieser Stadt.
2. Die Passarge, 170 km, entspringt unweit Hohenstein zwischen den
Drewenz- und Allequellen und strömt Ziemlich geradlinig in steilrandigem Tal
mit bedeutendem Gefalle unterhalb Vraunsberg ins Haff.
An der Mündung ist ein kleiner Hafen angelegt, undsiachgehendeSchiffe können
meistens bis Nraunsberg gelangen. Die Passarge nimmt außer einigen kleinen Flüßchen
rechts die Walsch auf, deren Tal bei Mehlsack hohe landschaftliche Schönheiten besitzt.
3. Die Vahnau entspringt nördlich von Mehlsack.
4. Der Frischina ist der Abfluß des Iehlau-Vruches. eines großen Hoch-
moores (s. 5. 22)- an der Mündung bei Brandenburg kleiner Hafen.
Nebenfluß von links: der Pasmar (Kreuzburg) mit dem Stradick (Iinten),
dessen Tal unweit seiner Mündung überraschend schön ist (die sogenannten Silberberge).
5. Der Pregel entsteht aus den drei Flüssen: a) Pissa, b) Angerapp,
c) Inster.
3) Die Pissa, d.h. schwarzer Fluß, 120km lang, kommt aus dem Wystiter-
^ee, den sie bildet, die eigentliche Quelle liegt südlicher in Polen, und nimmt links,
etwas oberhalb Gumbinnen, die Nominte auf (80 km), welche aus mehreren Vächen
unweit Rominten (früher Theerbude) entsteht und in ihrem Oberlauf die ausgedehnten
"tälder der Nominier Heide durchströmt.
d) 7 km östlich von Insterburg vereinigt sich die Pissa mit der von 8 kommenden,
146 km langen Angerapp, d. h. Aalfluß; diese stießt aus dem Mauer-See mit großem
gefalle in vielen Windungen durch ein meistens tiefes Tal nach KI und empfängt rechts
die Eoldav. An der Angerapp liegen Angerburg und Darkehmen. Sie ist nicht
uer natürliche Abfluß der masurischen Seen, da diese erst künstlich miteinander ver-
bunden sind (s. S. 18).
c) Unterhalb Insterburg strömt von ^0 in die vereinigte Pissa und Angerapp
"le Inster l (95 km). Diese entspringt nicht weit von der russischen Grenze nordöstlich
von Pillkallen, stießt zuerst nach W durch Wiesen und sumpfige Waldgegenden, um
dann nach 3VV in ein bald sehr breit werdendes Wiesental einzubiegend
Von der Mündung der Inster, 1 km unterhalb Insterburg, heißt der
3luß endgültig Pregel, fließt in breitem, von verhältnismäßig beträchtlichen
Anhöhen begrenztem Wiesental nach W bei Wehlau und Tapiau vorüber und
teilt sich 15 km oberhalb Königsberg in den alten (südlichen) und den neuen
(nördlichen) Pregel, die durch flache Wieseninseln getrennt sind und sich in
Königsberg an der Grünen Brücke vereinigen. Andere frühere Arme sind
1 Der litauische Name „Isra" erinnert an Isar, Iser, Isere.
2 Über die früheren Verhältnisse s. S . 7; bei den jetzigen Verhältnissen kann
man schwanken, ob die Pissa oder die Angerapp der Hauptfluß des Pregels sei: der
Nichtung des ganzen Tales nach müßte man die Pissa als den Hauptsiuß ansehen-
sie wird auch in Gumbinnen schon vielfach Pregel genannt- aber die Angerapp ist
wasserreicher und zwingt an der Vereinigungsstelle die Pissa sichtlich, ihr zu folgen. Von
hier bis zur Instermündung (15 km) wird der Fluß fast ausschließlich Angerapp genannt.
16
Flüsse, 5een und Kanäle.
§6.
verschwunden. 7 km unterhalb Königsberg mündet der Pregel bei Holstein
ins Frische Haff. 5eine Länge von der Instermündung bis zum Frischen
Haff beträgt 125 km. (Über den Königsberger öeekanal s. 3. 8.)
Die rechten Nebenflüsse des Pregels sind klein.
Vei Tapiau Zweigt sich aus dem Pregel die Deime ab, die unterhalb Labiau ins
Kurische Haff mündet. 5ie ist ein natürlicher, mehrfach korrigierter Wasserlauf. 5o
rourde sie 1395 und 1415 erweitert und mit Lchleusen versehen. Diese sind jetzt schon
lange überflüssig geworden.
Von links mündet bei Wehlau in den Pregel die Alle, 260 km. Ihr Ursprung
liegt bei dem Dorfe Lahna, wo die acht oder neun Quellen sich in einem tiefen Kessel-
tale vereinigen- sie durchströmt einige Teiche und 3een, darunter den großen Lansker
5ee, und stießt nach KI oder 1^0 in vielfach gekrümmtem Lauf bei Allenstein, Eutt-
stadt, Heilsberg, Vartenstein, Lchippenbeil, Friedland und Allenburg vorüber. 5ie ist
schiffbar von der Mündung bis zur letztgenannten Ltadt, sonst wegen des starken
Eefälles nur flößbar.
Nebenflüsse rechts. ») Der Wadang aus dem gleichnamigen 5ee, in den die
Abflüsse mehrerer anderer 5een münden, d) Die 5imser stießt durch ein liebliches
Tal bei Heilsberg in die Alle. c) Die Euber entspringt nördlich von Rhein, stießt
bei Rastenburg vorüber und mündet nach 60 km langem Lauf bei Zchippenbeil.
cl) Die Omet, e) die 5wine münden bei Allenburg.
ll. Gebiet des Kurischen Haffes.
Die Memel
(russisch Njemen) entspringt in Rußland, südlich von Minsk, stießt zuerst von
0 nach W, dann zwischen Grodno und Kowno von 3 nach ^ und von hier
wieder nach XV. Vei Ichmalleningken erreicht sie preußisches Gebiet. Ober-
halb Nagnit durchbricht sie in einem nach l< geöffneten Vogen die 5chreit-
laugkener Höhen und teilt sich unterhalb Tilsit in die Ruh rechts und die
Oilge links.
Die Ruß teilt sich bei dem Flecken Ruß in Atmath rechts und 5kir-
with links, von der sich rechts abermals ein in zwei Mündungen geteilter
Arm abzweigt.
Die Gilge, die etwa ^5 des gesamten Memelwassers führt, besitzt zwei
Mündungen.
Zwischen Ruß und Gilge verlaufen noch zahlreiche alte Memelarme, von denen nicht
mehr alle mit den Hauptarmen in Verbindung stehen. Der Verkehr wird wie im 5pree°
wald vielfach auf Kähnen oder im Winter über das Eis vermittelt. Die schlimmste Ieit
für die Vewohner ift der ächacktarp, das ist der Zustand im Neginn und am Ende
des Winters, wenn das Eis noch nicht oder nicht mehr genügend hält, um Personen
zu tragen, und doch den Verkehr mit Vooten nicht zuläßt. Dann stockt oft wochen-
lang der Verkehr.
Die größeren Wasserläufe desstachenMemeldeltas sind eingedeicht, und 1896 ist
der 30 km lange „Haffstaudeich" fertig geworden. Er beginnt unweit der Ruß
nördlich von Akmenischken un5 verläuft 3 — 10 km vom Haffufer entfernt nach der
Eilge, gegenüber der ötelle. uio der öeckenburger Kanal abgeht. Die neun Kreuzungs-
stellen mit den alten Armen können beim Rückstau des Hasses geschlossen werden.
5echs große, elektrisch betriebene Lchöpfwerke helfen den künstlich abgeschlossenen Teil
der Niederung entwässern, — die erste Anlage dieser Art in Deutschland. Doch ist
die Vinnenentwässerung noch nicht völlig reguliert. Der Raum zwischen Ztaudeich
und Hass ist nicht selten Überschwemmungen ausgesetzt und wird größtenteils von
Wiesen, sumpfigen Wäldern und öden Mooren eingenommen. Hier haust noch, be-
sonders im Bezirke der Oberförsterei Ibenhorst, südwestlich von Ruß, der Elch.
Flüsse, 5een und Kanäle.
17
Die Länge der Memel beträgt 880 km, davon in Preußen 110 km
(Oder 940 km).
Unmittelbar nach der Eiszeit waren die Zustände im Memeldelta anders als
heute (s. 5 . 7). Allmählich erst haben sich die heutigen Verhältnisse gebildet.
Nebenflüsse rechts. 1. Die Wilia ist der größte der in Rußland mündenden,
^ me Jura, kommt aus Rußland und mündet oberhalb Nagnit, flößbar, 3. die Minge,
geht m die Atmathmündung.
Links die Szeszuppe, das ist Amselfiuß, kommt aus Rußland, mündet östlich
von Ragnit.
Wohl ein alter Mündungsarm der Memel ist der südlich der Gilge ins
Kurische Haff mündende, wasserreiche Nemonien, jetzt ein Lammelfluß der
Niederung.
Die Memel steht mit den russischen Flüssen des Dnjeprgebiets in Ver-
bindung, so daß man zu Schiff von Tilsit ins Schwarze Meer gelangen
könnte. Vis aus dem Gouvernement Orel kommt Holz auf dem Wasserwege
nach Memel und Königsberg (Desna, Dnjevr, Pripet . . . Oginskischer
Kanal, Memel).
Durch umfangreiche Regulierungsarbeiten suchte man die Schiffahrt auf
der Memel zu sichern und durch Kanalbauten den von Tilsit nach Memel
oder Königsberg gehenden Schiffen und Flößen die bei Stürmen gefährliche
3ahrt über das Haff zu ersparen.
Der Hauptschiffahrtsarm der Memel, die Atmath, steht zunächst durch
den Tackgraben mit der Minge in Verbindung, und dann ist seit 1873
von der unteren Minge ziemlich parallel dem Haffufer bis Schmelz (südlich von
Memel) der König-Wilhelms-Kanal erbaut, der besonders für die Flößerei
wertvoll ist.
1613 — 16 wurde links der vielfach gekrümmten Gilge ein 17 km langer
Kanal, die Neue Gilge. erbaut und die alte zugedämmt- 1688 wurde
Zwischen Gilge und Nemonien der 5 km lange Kleine Friedrichsgraben
angelegt und 1689-97 (durch die Gräfin Waldburg) zwischen dem Nemonien
und der Deime bei Labiau der Grohe Friedrichsgraben, den 1712 der
2taat übernahm? 1833 — 36 wurde ungefähr im Laufe der Gilge (zwischen
2eckenburg und Marienbruch) der Neue Seckenburger Kanal und von hier
zum Nemonien direkt gegenüber der Mündung des Großen Friedrichsgrabens
der eigentliche öeckenburger Kanal gebaut. Damit wurde der Kleine
3nedrichsgraben überflüssig und deshalb abgedämmt^.
Vei Memel geht ins Kurische Haff die Dange, die aus Rußland kommt,
und deren breite und tiefe Mündung einen Teil des Memeler Hafens bildet.
III. Die Flüsse im 8 Masurens s. bei den masurischen Seen.
cstraße Königsberg-Tilsit ist also: Pregel bis Tapiau, Deime bis Labiau,
quer über Nemonien zum Leckenburger Kanal, Neuer
Kanal, Neue Gilge, Memel.
^sll i O, Aandezkunoe von Ost- und Westpreußen. 7. Aufl.
2
18
Flüsse, Seen und Kanäle.
5een.
Ost- und Westpreußen sind sehr reich an 5een, und doch sind im Laufe
der Zeit viele abgelassen, andere vertorft oder verwachsen? auch die alten
Dorfteiche verschwinden mehr und mehr. Jetzt beträgt die Zahl der über
2 lia großen stehenden Gewässer in Westpreußen 1855, in Ostpreußen 1604,
die Iahl der noch kleineren gegen 6000 in jeder Provinz. Über 50 lia groß
sind in Westpreußen 291, in Ostpreußen 279 Zeen. In jener Provinz
nehmen die 5een 2,5"/», in dieser 3,9°/» der Oberfläche ein (in den Kreisen
Angerburg, Lötzen, äensburg 13-14°/«). Über die Entstehungsursachen der
Seen s. 3. 6f.
1. 5een in Pommerellen. 1. Der Zarnowitzer 5ee, fast 15 qkm, bis
16m tief, an der pommerschen Grenze, 3 km von der Ostsee? 2. der 15 km
lange, aber schmale Radaune-3ee, der mit mehreren anderen verbunden
ist, westlich von Karthaus (über 10 qkm, bis 40 m tief)? 3. der vielverzweigte
Weit-5ee ^ (über 14 qkm, bis 55 m tief, der tiefste mestpreußische 5ee)? 4. der
Iietner (über 6 qkm, bis 16 m tief) und 5. der Müskendorfer 5ee
(Vrahe), fast 14 km groß, über 30 m tief. 6 . Der Große Vöthin-3ee,
westlich der Küddow, über 8 qkm, bis 34 m tief.
ll. Nechts der Weichsel: 1. Die 5een des Culmerlandes und die ober-
ländischen 5een, deren größte beim Oberländischen Kanal erwähnt sind.
Der Draufen-5ee, südöstlich von Clbing, ist fast 18 qkm groß, sehr flach, nur
1,6 m über dem Meere, verwächst allmählich, reichte einst bis Pr. Holland. Der größie
ist der Geserich-5ee, fast 34 qkm groß, bis 12 m tief.
2. Von den 5een des oberen Allegebietes ist der größte der Lansker
5ee, bis 57 m tief, 11 qkm, Grundmoränensee.
3. Östlich davon liegen die masurischen 5een, welche ihr Wasser teils
nach KI zum Pregel, teils nach 3 in den Narem, also zum Weichselgebiet,
teils nach beiden 3eiten hin entsenden. Von Wäldern und Hügeln umgeben,
nicht selten von Inseln belebt, verleihen sie dem Masurenlande seine eigen-
artigen 5chönheiten.
Der größte ist der 5pirding-5ee, 117 m hoch, mit allen Verzweigungen
150 qkm groß, bis 25 m tief, der größte 5ee Norddeutschlands überhaupt^,
ein Grundmoränensee.
Im ^V des 5pirding und mit diesem verbunden zieht sich ein 40 km
langer, schmaler, bei Nikolaiken sogar überbrückter Rinnensee von 3 nach
51 hin? der nördliche Teil heißt Rheinisches oder Talter Gewässer (nach
der 5tadt Rhein oder dem Dorfe Talten), der südliche Veldahn-5ee (bis
51 m tief).
Aus dem Talter 5ee führen mehrere kurze, schleusenlose Kanäle durch
kleinere 5een in den 25 qkm großen, 12 km langen, 4 km breiten und bis
37 m tiefen Löwentin-5ee (an ihm Lötzen) und aus diesem der kurze Lötzener
i 5. Vilderanhang 5. 72. —
^ Ohne Rheinischen, Veldahn- und andere Nebenseen
120 qkm, auch so einer der größten Norddeutschlands. (Die Müritz in Mecklenburg
133 qkm, Vierwaldstätter 5ee 113 qkm.) Der tiefste 5ee der vommersch-preußischen
öeenplatte ist der Dratzig-5ee in Pommern mit 83 m.
Klima.
19
Kanal in den 100 qkm großen, über 38 m tiefen Mauer- oder Anger-
burger 5ee (beides Grundmoränenseen), den die zum Pregel strömende
Ängerapp verläßt. Besonders für den Transport des Holzreichtums von
Masuren sind diese Wasserstraßen von großer Wichtigkeit.
Da die Angerapp nicht mehr flößbar ist. oder doch zum Flößen nicht mehr be-
nutzt wird. so wird das Holz jetzt von Lötzen ab mit der Vahn verschickt. In nächster
oeit wird der „masurische Zchiffahrtskanal" gebaut werden, welcher von der Nord-
westecke des Mauer-5ees zur unteren Alle nach Allenburg führen soll. Nach seiner
Fallendung wird Ostpreußen einen Wasserweg von Königsberg bis zum äußersten 30
yaben.
Der tiefste See Ostpreußens ist die Tiefe Kutte, östlich vom Mauersee, mit 63 m.
2>n den Veldahn-3ee (also eigentlich 5pirding) mündet von W her das
"Wasser zahlreicher 5een, von O kommt in den 3pirding der Abfluß des
Arys-3ees. Aus dem 5pirding führt nach 3 der Iohannisburger
Kanal in den Nosch-5ee, aus welchem bei Johannisburg vorüber nach 3
der flößbare Pissek zum Narew strömt. So stehen Pregel- und Weichsel-
gebiet hier in einer leicht herzustellenden, fast natürlichen Verbindung. Aus
Rücksicht auf die Wasserführung des masurischen Kanals wird sie aber am
Nosch-5ee abgeschlossen werden.
Von anderen Flüssen, die zum Narew gehen, also zum Weichselgebiet
gehören, merken wir hier 1. den Lyck-Fluß. der westlich von Marggrabowa
aus einer Gruppe schöner 5een in der Nothebuder Forst entspringt und mehrere
3een bildet, darunter den 57 m tiefen Lycker 3ee bei LyäV. 2 . den Omuleff.
an ihm Willenberg, 3. die Neide, an ihr Neidenburg und 3oldau, wo sie
den Namen 5oldau-Fluß annimmt.
§7. Klima.
Unsere Provinzen gehören, abgesehen von den Gebirgslandschaften, zu
den kälteren Gegenden Deutschlands. Je weiter man in Norddeutschland
nach () geht. um so mehr nimmt der mildernde Einfluß des Meeres ab.
und die Einwirkung des großen Osteuropäischen Tieflandes tritt hervor, in
welchem die 5ommer viel heißer, die Winter viel kälter sind, als in den
Gegenden des westlichen Europa unter derselben geographischen Vreite. Die
Temperaturen folgender, zwischen 53" und 54" liegenden Orte werden das
klarmachen'.
Ort
lkmden
Stettin
Konitz
Klaußen bei Lyck
Veogr. Länge
7° 12'
14° 34'
17° 34'
22° 7'
Ecogr. Vreite
53« 22'
53° 25'
53" 43'
53"48'
Jahr
8.4
8,4
6,7
6,1
Januar
-^0.4
-52
—
5.1
Juli
^-16.9
^18,3
4-17 .3
3n unseren Provinzen schwankt die mittlere Jahrestemperatur zwischen
6" und 7°, die des Januar zwischen - 2° und - 5", die des Juli zwischen
1?" und 18°.
Besonders im Winter ist auch von Einfluß die Höhenlage.
Auf den Höhen des nördlichen Pommerellen und des südöstlichen Ostpreußen
' 5. Vilderanhang 5. 69 . — 2 Alle Angaben sind in Graden des hundertteiligen
Thermometers gemacht.
2*
20
Klima.
-
Die Pflanzen- und Tierwelt.
8 7.8.
gibt es oft noch Schlittenbahn, während in den tieferen Landschaften der
Schnee längst geschmolzen ist. Der Übergang vom Winter zum Sommer
erfolgt meistens sehr schnell, so daß der Frühling nur kurz ist. Dafür ist
der Herbst lang und schön.
Genauere Angaben für Orte im 1^, in der Mitte und im 3 unserer
Provinz enthält die folgende Tabelle:
Ort
Memel
Tilsit
Königsberg
Klaußen b. Lnck
Jahr
>6.6
6.4
6.8
6,3
Januar
—3.2
—4,3
— 3.2
-5,1
Juli
- I-17.2
17,7
17.4
17.7
Ort
Danzig
Konitz
Thorn
Jahr
^7,6
6.6
7,8
Januar
—
1.5
—3.2
-2,5
Juli
^17.9
17,3
18,1
Die Windrichtung ist vorherrschend westlich oder südlich. Die Nieder-
schläge kommen uns naturgemäß durch westliche Winde und sind derart auf
das Jahr verteilt, daß keine Jahreszeit trocken genannt werden kann; am
reichlichsten sind sie im Hochsommer; ihre Höhe beträgt im Jahr etwa 60 cm:
Ruß 75 cm, Tilsit 69, Königsberg 63, Klaußen 53. Konitz 54. Thorn 51. Die
an sich gar nicht so bedeutenden Erhebungen erhalten, ähnlich wie die Gebirge,
auffallend mehr Regen als die tiefer gelegenen Gegenden^.
In Westpreußen beträgt im Culmerland und im Kr. Strasburg die Regen-
höhe 45 cm, auf dem pommerellischen Landrücken 55 — 60, auf den Höhen
nordwestlich von Karthaus und nördlich von Elbing über 70 cm. In Ostpreußen
ist die Mitte, die Landschaft um Vartenstein, Rastenburg, Gerdauen, am
trockensten, 53-55 cm; der größte Teil der Provinz südlich von Pregel und
Inster hat 55-60 cm Regen; noch reichlicher fallen die Niederschläge in der
Nähe des Meeres (aber nicht auf den Nehrungen). 60 — 65 cm; am meisten
erhalten die höheren Gegenden: der 5tablack, die Höhen des 5amlandes.
die 5eesker Höhe und die Landschaften im Delta und nördlich der Memel,
65- 70cm und mehr.
In Danzig/ und Königsberg erfolgt das Aufblühen der Pflanzen durch-
schnittlich 20 — 25 Tage, im hochgelegenen 5chönberg am Turmberg und bei
Klaußen 25-30 Tage später als in der Oberrheinischen Tiefebene, der
wärmsten Gegend Deutschlands, 15-18 bzw. 20 -22 Tage später als in
Berlin.
Der längste Tag dauert in Memel 17 5t. 21 Min.,
in Königsberg
17 St. 14 Min., in Danzig 17 5t. 9 Min., in Thorn 16 St. 52 Min.
§ 8. Die Pflanzen- und Tierwelt.
Als das Eis unsere Gegenden verlassen hatte, trug die Tier- und Pflanzen-
welt zunächst einen nordischen Charakter. Man findet noch Reste von Renntier
und Mammut. Einige Pflanzen, die jetzt nach Skandinavien zurückgewandert
sind, haben sich auf kaltgründigem Voden, vor allem auf Mooren, noch ge-
halten, z. V. die Moltebeere im Iehlau-Vruch und am Kurischen Hass, ferner
die nordische Iwergbirke als kleiner Bestand auf dem Moor von Neulinum
(Kr. Culm); allmählich wanderten aber Tiere und Pflanzen eines gemäßigten
l 5. die interessanten Regenkarten der Provinzen von Hellmann.
68-
Die Pflanzen- und Tierwelt.
21
Klimas ein. Immerhin ist die Tier- und Pflanzenwelt unserer Provinzen
dadurch merkwürdig, daß eine Reihe von Organismen, die im wärmeren
Europa heimisch sind, hier ihre nordöstliche, und mehrere nordische Formen ihre
südwestliche Verbreitungsgrenze erreichen. 5o dringt die echte Nachtigall von
^
nur bis zur Weichsel vor, östlich davon findet sich ausschließlich der
2prosser, bei uns auch Nachtigall genannt- in den südlichsten 5een des Haupt-
moränenzuges gibt es noch die Sumpfschildkröte.
Die Pflanzen sind, abgesehen von der Feuchtigkeit, besonders von der
"uft- und Vodenwärme abhängig, und wieder mehr von der höchsten und
niedrigsten, als von der mittleren Temperatur. In Königsberg sind zuweilen
35 ° (^ Kälte beobachtet. Das genügt, um alle zarteren Gewächse zu ver-
nichten. Recht schädlich sind auch die häusigen Kälterückfälle vom 11. bis
^3. Mai (die gestrengen Herren).
c- Vergebens versuchte man auf Friedrichs d. Er. Vefehl, Maulbeerbäume zur
Äeldenraupenzucht anzupflanzen: als 1796 wieder gegen 70000 Väumchen durch Mai-
sroste vernichtet wurden, gab man es auf. In der Ordenszeit wurde viel Wein
gebaut und gekeltert, in Thorn noch 16841 jetzt erzieht man an Spalieren auch noch
luhe Trauben, aber der Wein, den man daraus gewinnen würde, märe nicht recht
trinkbar. Aus dieser Tatsache eine Verschlechterung des Klimas zu folgern, ist kaum
angängig, da in anderen Ländern unter unserer geographischen Nreite nirgend Wein- .
uau herrscht. Bezeichnend ist auch die Vuchengrenze, welche vom südlichen 5kan-
oinavien zwischen Königsberg und Heiligenbeil nach 80 mitten durch Ostpreußen zum
schwarzen Meere verläuft. Vei Elbing und Euttstadt bildet die Vuche noch herrliche
Wälder, nördlich der Grenzlinie kommt sie nur vereinzelt vor. Das nördlichste
^uchenwäldchen ist der Pilzenwald bei Neuhäuser; auch noch nördlicher finden
>lch in den Wäldern des Samlandes, z. V. westlich von Nledau, selbst bei Tilsit und
m der Rominter Heide, stattliche Rotbuchen, aber nur vereinzelt oder in kleinen Gruppen.
Moore.
Weit ausgedehnt sind, besonders in Ostpreußen, die Moore. Moore und
Torf bilden sich überall, wo reichlich Feuchtigkeit vorhanden ist, also in
stehenden oder sehr schwach fließenden Gewässern, oder da, wo der Voden
bei undurchlässigem Untergrund von viel Wasser durchsetzt ist. Je nachdem
das Wasser reich oder arm ist an mineralischen Nährstoffen, vor allem an
Kalk, entwickeln sich Pflanzen verschiedener Art, und erfolgt die Torfbildung
w anderer Weise; so entstehen entweder Flachmoore oder Hochmoore.
Die stehenden Gewässer enthalten meistens an Nährstoffen reiches Grundwasser,-
^
der stachen Uferzone entwickeln sich höhere Wasserpflanzen, Rohrgräser,
Vinsen u. dgl. Ihre abgestorbenen Reste sinken zu Voden und vertorfen,
d- h . sie verwesen nicht, da die Luft abgeschlossen ist, sondern sie verfallen
einer langsamen Zersetzung, bei der der Kohlenstoff des Pflanzenkörpers
immer vollständiger zurückbleibt. Durch diese Torfbildung wird das Wasser-
becken vom Rande aus immer mehr verkleinert, so daß allmählich nur noch in der
Mitte eine kleine Wasserfläche übrigbleibt, bis auch diese verschwindet und das
Gewässer in ein „Flachmoor" umgewandelt ist. Dieses kann bereits eine ziemlich
feste Decke besitzen, während sich darunter noch schlammige Massen befinden. Eine
Menge von kleinen 5een und Teichen ist auf diese Weise verschwunden oder ver-
wächst mehr und mehr. Vei der fortschreitenden Verlandung finden sich Erlen,
22
Die Pflanzen- und Tierwelt.
§8.
Pulverholz, Weiden, Brennesseln, Hopfen als charakteristische Pflanzen ein,
und wenn sich ein solches Erlenbruch noch mehr erhöht, so können auch
andere Waldbäume: Kiefern, Fichten, Moorbirken usw. auf ihm gedeihen.
Aus dem Flachmoor ist ein „Übergangs- oder Iwischenmoor" geworden.
Wenn sich dann der Torf mehr und mehr erhöht und verdichtet, und das
zur Ernährung der Bäume nötige Grundwasser nicht mehr bis zu ihren
Wurzeln emporsteigen kann, so beginnen sie zu kränkeln; denn das aus der
Atmosphäre stammende Wasser, welches die oberflächlichen Zchichten trankt,
enthält keine Nährstoffe, vor allem keinen Kalk. Es siedeln sich auf den
Lichtungen die anspruchsloseren Moose, besonders 3phagnum-Arten an. Diese
nehmen außerordentlich viel Wasser auf, nicht nur aus dem Boden, sondern
auch aus der Luft. Ihre Massen gleichen riesigen, voll Wasser gesogenen
Zchwämmen, überwuchern steine und die unteren Teile der Bäume und bringen
den Bruchwald zum Absterben. Aus dem Übergangsmoor ist ein „Hochmoor"
geworden. Der Name deutet an, daß sich ein solches Hochmoor in der
Mitte uhrglasartig über seine Umgebung emporwölbt. Aber nicht bloß aus
Flach- und Übergangs- oder Iwischenmooren entwickeln sich Hochmoore; Torf-
moose siedeln sich auch überall da an, wo sich das kalkarme, atmosphärische
Wasser auf undurchlässigem Boden nicht einziehen kann- sie wachsen nach oben
weiter fort, wenn ihre unteren Teile längst abgestorben sind, wuchern nicht
nur nach oben, sondern auch in die Breite, und überziehen 3teine, Bäume,
Ackerland, bis ihrer Ausdehnung durch die Kultur Halt geboten wird; so
kann ein solches Hochmoor nur klein bleiben, aber auch viele Quadrat-
kilometer groß werden. Manche Hochmoore, z.B. das 23 qkm große Iehlau-
Bruch, südwestlich von Tapiau, ist mit einem 6 —10 m hohen Wasserberg
vergleichbar, dessen Wasser von Moosen locker durchsetzt ist und dadurch
Zusammengehalten wird. Die Pflanzenwelt der Hochmoore ist sehr eigenartig.
Von Bäumen gibt es eigentlich nur Krüppelkiefern, die sich aus vom Winde
herangewehten Zamen entwickeln.
Die Flachmoore liefern Brenntorf, der lockere Moostorf der Hochmoore
wird zu Torfstreu, Torfmull u. dgl. verarbeitet. Durch Zusammenpressen
Briketts aus ihm herzustellen, ist noch nicht gelungen.
Man versucht auch, durch Entwässerung die Hochmoore urbar zu machen.
Ostpreußen hat in seinem nördlichen Teile, besonders im Memeldelta, sehr
ausgedehnte Hochmoore, das größte ist das Große Moosbruch östlich von
Labiau, 120 qkm. In Westpreußen gibt es nur ein einziges größeres Hoch-
moor, das mit den ostpreußischen verglichen werden könnte, das Bilawa«
Bruch im Kr. Putzig. (Mehr Einzelheiten siehe bei Litauen.)
Wälder.
Unsere Provinzen machen keinen waldarmen Eindruck, doch erreicht die
mit Wald bedeckte Fläche nicht den Durchschnitt Preußens (24°/») oder des
Deutschen Reichs (26°/«); Ostpreußen hat 18°/«, Westpreußen 21°/« Wälder.
Die Tuchler Heide, 100 km lang, stellenweise 40 km breit, in Westpreußen,
und die Iohannisburger Heide in Ostpreußen mit 964 qkm sind die größten
zusammenhangenden Waldgebiete der Monarchie, lichte, einsame Wälder, in
denen die Kiefer (?inu8 8i!ve8tsi8), hier Fichte genannt, weit überwiegt.
Die Pflanzen- und Tierwelt.
23
kerzengerade steigen die 5tämme empor und tragen nur ganz oben eine kleine
Krone, so daß der Vlick tief in den Wald eindringt. Wo der Voden feuchter
ist, in der Nähe der 3een und an den Flüssen, tritt auch Laubwald auf. Die
großen Wälder im 3 und 0 Oftpreußens sind die Überreste der sogenannten
Wildnis, eines breiten Waldstreifens, den der Deutsche Orden absichtlich ver-
wachsen und verwildern ließ, um eine undurchdringliche Grenze gegen Polen
und Litauen zu bilden. Auch heute noch müssen diese meilenweiten Wälder
vorrückenden Heeren Zchwierigkeiten bereiten.
Die Venutzung des Vodens
ergibt sich aus folgenden abgerundeten Zahlen:
Ostpreußen
Westpreußen
Gärten und
Äcker
Preußischer Staat
350 000
37 000
20 000
54°/«
25 500
14 000
55°/«
177 000
50°/«
Wiesen
4200
12°/,
1600
7°/«
33 000
9°/«
Weiden
3500
10°/»
2700
11°/°
Wald
qkm
6500
18°/«
5600
21°/o
3? 000
83 000
11°/« ! 24°/«
Wege und
Gewässer
2200
6°/«
1300
6°/«
16 000
6°/»
Für die Zugvögel führt eine wichtige Zugstraße über die Kurische Nehrung
hm. Mf dieser finden sich im Frühling und Herbst ausruhend und rastend
"ie seltensten Vögel als vorübergehende Gäste ein, deren eigentliche Heimat
weit im ll oder KIO Zu suchen ist. Zum Studium dieses Durchzuges ist die
Vogelwarte in Rossitten begründet.
Einzelne Tiere, welche jetzt im allgemeinen in Deutschland verschwunden
sind, hielten sich bei uns besonders lange oder kommen noch vor.
Der letzte Vär ist 1804 in der Puppenschen Forst erlegt, der letzte Auerochs (wohl
nchtiger Wisent) 1789 bei Labiau- 1901 wurde in der Oberförsterei Schorellen südöstlich
von Ragnit noch ein Luchs geschossen, 1885/86 in Westpreußen noch fünf Wildkatzen? der
Siber, der früher häufig war, scheint auch an der Weichsel verschwunden zu sein.
Der im westlichen Europa ausgestorbene Elch kommt jetzt, sorgfältig gehegt, in der
Abenhorster Forst im Memeldelta, südwestlich von Ruß, in einer Stärke von etwa
300 Stück noch vor und verirrt sich auch nach der Kurischen Nehrung, der Kauornischen
Heide, dem Iehlau-Vruch. Einzelne Wölfe finden sich fast jeden Winter in den Erenz-
landschaften als Überläufer aus Rußland ein.
Unsere Flüsse und 5een waren ehemals viel fischreicher als heute- die
Gesetzgebung und der Fischereiverein tun sehr viel zur Hebung der Fischzucht.
Verühmt sind die Neunaugen der zum Kurischen Haff gehenden Gewässer und
die Maränen der masurischen Seen. In diesen gibt es auch sehr viel Krebse, die
weithin ausgeführt werden. Der Lachsfang in den Memelaimen hat aufgehört.
Wichtig ist die Haff- und Seefischerei.
Unter den Insekten besitzen unsere Provinzen, besonders in sonnigen oder
einsamen Gegenden Ostpreußens, viele Seltenheiten.
Für den Menschen am wichtigsten sind die Haustiere und Kulturpflanzen.
Nutzbare Mineralien.
8,9.
Es gab am 1. Dezember 1909 in den Regierungsbezirken:
Königsberg
auf 100 Menschen kamen
Gumbinnen
auf 100 Menschen . . .
Allenstem
auf 100 Menschen . . .
Danzig
auf 100 Menschen. . .
Marienroerder
auf 100 Menschen. . .
Pferde
197 992
22
160 589
26
112 891
21
91882
12
164 215
17
Rinder
505 436
55
371 644
61
288 849
53
234 856
32
468 420
50
Schafe
Im preußischen 5taat
auf 100 Menschen .
3 077 946 11763 161
30
198 457
22
96 587
16
116 000
21
79 048
11
372 429
40
Schweine
4 975 632
12
442 970
48
394 826
65
245 913
45
261 269
35
596 370
62
14 162 367
35
Diese Zahlen ergeben, daß die Viehzucht in unseren Provinzen einen
größeren Umfang hat als sonst durchschnittlich im preußischen Staate. Und
das ist natürlich? denn die Witterungs- und meistens auch die Bodenverhält-
nisse sind derart, daß hier die Viehzucht lohnender ist als der Feldbau. Die
Ernteerträge sind in Ostpreußen niedriger als in den anderen Provinzen
Preußens außer Posen. Dafür gibt es in den Niederungen und in Litauen
treffliche Niesen. 2o hat sich die Milchwirtschaft (Vutter- und Käsebereitung)
in den letzten Jahren immer mehr entwickelt, und die Pferdezucht Ostpreußens,
insbesondere Litauens, erfreut sich seit langer Ieit eines großen Rufes.
5chon die Ordensritter taten viel für die Veredelung des hiesigen Pferde-
schlages,-
in ausgedehntestem Maße aber wurde dafür durch die Regierung
seit Friedrich Wilhelm I. gesorgt, welcher 1732 das weltberühmte Gestüt zu
Trakehnen gründete. Ostpreußen besitzt von allen Provinzen die meisten
Pferde und liefert den größten Teil der Remonten für das deutsche Heer.
Die Iahl der Rinder und Zchweine hat bei uns verhältnismäßig schneller
zugenommen als durchschnittlich im Ztaate, das ist für die Fleischversorgung
der Bevölkerung wichtig, während sich die Iahl der Zchafe in den letzten Jahren
außerordentlich verminderte, seit 1892 in Ostpreußen um etwa 520000, in
Westpreußen um 500000 5tück,- denn die Wollschafzucht lohnt bei der Einfuhr
australischer und argentinischer Wolle längst nicht mehr. Doch ist sie im Reg. -Bez.
Marienwerder noch immer verhältnismäßig größer als in jedem anderen.
Von der Gesamtackerfläche entfallen auf die einzelnen Getreidearten in:
Ostvreunen
Westpreußen
Weizen
5°/»
5°/°
Roggen
20«/,
25«/«
Gerste
4>/2°/«
4'/2°/«
Hafer
14'/,
10°/«
Kartoffeln
7'/ °^
12 °/«°
§ 9. An nutzbaren Mineralien
besitzen unsere Provinzen außer dem Bernstein nur Lehm, Ton, Mergel,
Grand, Block- und Pflastersteine, Wiesenkalk und Torf. Hier und da
tritt wohl Braunkohle auf, wurde aber nur in Westpreußen vorübergehend ab-
gebaut, z. B. am ötrande zwischen Rixhöft und Chlapau, bei Tuchel (die Olga-Erube
lieferte 1893 für noch nicht 5000 Mark Kohlen), an der Küddow bei Tarnowke.
8 9,10. Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Verufstätigkeit der Bewohner.
25
Der Vernftem ist bekanntlich das fossile Harz einer jetzt ausgestorbenen Nadelholz-
art, der Nernsteinsichte. Da er oft kleine Äste, Nadeln, Holzstückchen, die verschieden-
artigsten Insekten usw. einschließt, können wir uns eine recht sichere Vorstellung von
dem Aussehen des Nernsteinwaldes und seiner niederen Tierwelt machen. Vereinzelt
findet sich Bernstein in vielen Ländern der Erde (im übrigen Norddeutschland, in Ruhland,
ln Lizilien, Madagaskar, Nordamerika), massenhaft aber, allerdings ungleich verteilt, in
unseren Provinzen, und hier wieder am reichlichsten an der Nordwestküste des Zamlandes.
^eine ursprüngliche Lagerstätte ist die sogenannte blaue Erde, eine rauchgraue, ins Nläu-
Ä^ oder Gelbliche spielende, staub- oder sandartige ächicht, die man an der samländischen
Küste vielfach durch Graben erreicht hat. 5ie muß weiterhin im tieferen Meere auf
dem Grunde zutage treten. Heftige ätürme wühlen das Meer bis zum Grunde auf,
die Vernsteinstücke werden losgespült und, wenn die Winde aus W oder I^VV wehen,
ln Tang- oder öeegrasmassen besonders ans samländische Ufer getrieben. Man zieht
die schwimmenden Tanghaufen ans Land und sucht den Bernstein heraus^. Oder man
wartet stilles Wetter ab, fährt aufs Meer hinaus und holt vom Boote aus mit Haken
und Käschern das wertvolle Mineral empor. Viel lohnender ist die Gewinnung durch
graben auf dem Lande. 5chon 1782 wurde bei Er.- Hubnicken ein Bergwerk ange-
legt und lieferte reichen Ertrag, bis es nach einigen Jahren ausgebeutet war und
verfiel. Darauf begnügte man sich lange Ieit damit, durch Ztollen, die vom hohen
"fer aus landeinwärts getrieben wurden, oder durch tiefe Gruben Bernstein zu ge-
wmnen, bis in neuerer Ieit die Firma Ltantien K Becker bei Palmnicken ein großes
^ergwerk anlegte, dessen Ertrag im wesentlichen den Bedarf der ganzen Welt an
fernstem deckt. Dieselbe Firma gewann auch seit 1862 große Mengen Bernstein
durch Baggern im Kurischen Haff bei 5chwarzort- aber seit 1890 ist die Baggeret
eingestellt. 1898 wurden die Nernsteinwerke von Palmnicken^ vom 5taate für rund
U) Millionen Mark angekauft. Die Iahresausbeute hat einen Wert von etwa 2 Millionen
Mark. Jetzt wird das Bergwerk in einen Tagebau umgewandelt, d. h. man will die
oberflächlichen Erdmassen bis auf die Schicht der blauen Erde wegräumen und dann
aus dieser den Bernstein heraussuchen. Nicht mehr auf seiner ursprünglichen Lager-
stätte, sondern aus der blauen Erde durch Wasser zusammengespült, findet sich der
fernstem an verschiedenen ätellen, meist in Nestern, z. B. bei Danzig, wo 1875 das
gammeln und Graben am ätrande für 150000 Mark lieferte, im 8 Ostpreußens und
sonst gelegentlich im Binnenlande, hierhin durch das diluviale Eis verschleppt^. Das
größte 5tück wurde 1803 im Kreise Gumbinnen auf einer Wicse unter anderen steinen
gefunden: es hat die Gestalt eines Brotes, ist 37 cm lang, 21 cm breit, 14 cm dick,
wog fast 7 Kilogramm und wurde auf 120000 Mark an Wert geschätzt. Es befindet
l'ch im Berliner Naturalienkabinett^.
8 IN. Geschichtliches. Abkunft. Bekenntnis. Verufstätigkeit
der Bewohner.
Die frühere Annahme, daß schon die Phönizier bis in die Ostsee gekommen seien
und von unseren Küsten Bernstein geholt hätten, ist nicht richtig. Das Bernstein-
land der Alten war wohl bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Ehr. das Küsten-
gebiet der Nordsee. Erst als unter Kaiser Nero (54-68) ein römischer Ritter in das
heutige Preußen gekommen war, erhielten die Mittelmeervölker von unseren Ländern
genauere Kunde. Damals wohnten im unteren Weichsellande germanische 5tämme,
oie Eyjen, nordöstlich davon die miteinander stammverwandten Völker der alten Preußen,
Stauer, Kuren und Letten. Tacitus nennt sie Ästyer; jetzt faßt man sie unter dem
"amen „Lettische oder Baltische Völker" zusammen. Zahlreiche Funde römischer Kaiser-
münzen weisen auf einen ziemlich lebhaften Verkehr mit den Völkern des 3üdens hin.
Die Goten zogen am Ende des 2. Jahrhunderts nach 3, an ihre 5telle rückten links
oer Weichsel slawische Völker, während rechts der unteren Weichsel die alten Preußen,
Litauer und Letten ungestört in ihren 5itzen blieben, die sie wahrscheinlich so lange be-
wohnten, als es überhaupt hier Menschen gegeben hat, d. h. seit dem Ende der Eiszeit, fast
unbeeinflußt durch andere Völker. 5ie werden noch bis ins 9. Jahrhundert als Ästyer
bezeichnet, nur bei nordischen Chronisten erscheint der Name 5embi, d. i . 5amen (Zamland).
' 5. Bilderanhang S. 62.
-
^ 5. Bilderanhang 5. 63 .
-
« Gesamtwert des in
"st- und Westpreußen gefundenen Bernsteins jährlich etwa 2,5 Millionen Mark.
26
Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Verufstätigkeit der Bewohner.
§ 10.
Der Name, aus dem das heutige „Preußen" entstanden ist, kommt seit dem Ende
des 10. Jahrhunderts vor und lautet für das Volk: Pruzzi oder Prutheni, für das Land:
Prucia, Pruscia oder Prussia. Der seit der Königskrönung 1701 amtlich gewordene
Name Borussi ist zuerst im Anfang des 16. Jahrhunderts von einem Gelehrten ge-
braucht, dem die „Borusker" des Ptolemäus vorschwebten. Wahrscheinlich ist Prutheni
die einheimische, Pruzzi die polonisierte Form und mit dem litauischen protas, d. h .
Verstand, in Verbindung zu bringen, so daß sich die alten Preußen anderen Völkern
gegenüber als die „Wissenden", die „Verständigen" bezeichneten.
5ie gehören ihrer Zprache nach dem lettischen oder baltischen Zweige des indo-
germanischen Sprachstammes an, sind also weder Germanen noch 5lawen, sondern nahe
Verwandte der Litauer und Kuren. Die altpreußische Lprache ist zwar seit mehr als
200 Jahren ausgestorben, aber wir haben Wörterverzeichnisse und zwei Übersetzungen des
Lutherschen Katechismus aus den Jahren 1545 und 1561, deren Verfasser das Alt-
preußische allerdings auch nicht mehr recht gekannt zu haben scheint.
AIs nach dem Aufblühen des Kalifenreiches von Bagdad arabische Handels-
karawanen nach allen Richtungen auszogen, und für den Handel mit Nordeuropa Kiew
der Hauptstapelplatz wurde, müssen auch die alten Preußen an demselben teilgenommen
haben. Dafür sprechen die zahlreich gefundenen arabischen (kufischen) Lilbermünzen aus
der Ieit von 750-1012. Jüngere arabische Münzen sind an der Ostsee nicht gefunden.
Als die alten Preußen mit den westlichen Völkern in nähere Berührung
kamen, zerfiel das Land östlich der Weichsel in folgende Gaue: 1. Culmer-
land, zwischen Weichsel, Ossa, Drewenz, daneben die Landschaften Lübau und
5assen. 2 . Pomesanien, nördlich davon, zwischen der Weichsel und den ober-
ländischen 3een. 3 . Pogesanien, um Elbing, Liebstadt bis über die Passarge.
4. Ermland, am Frischen Haff und die Passarge aufwärts. 5. Natangen,
nördlich davon bis zum Pregel. 6 . 5amland, die Insel zwischen Ostsee,
Deime, Pregel und den Hassen. 7 . Varten, um die mittlere und obere Alle
bis gegen den Mauer-5ee im 0. 8 . ächalauen, zu beiden Zeiten der Memel.
9. Nadrauen, östlich von 2amland zu beiden Zeiten des oberen Pregel.
10. Galindien, südlich und südöstlich von Barten, die südöstlichste Land-
schaft. 11. Östlich der Angerapv und der großen masurischen 5een bis weit
nach dem heutigen Nußland hinein 3udauen.
Einige dieser Namen sind noch gebräuchlich, doch in anderem Umfang als früher.
Das heutige Ermland reicht weit nach 30 bis Heilsberg und Allenstein.
Der Nordosten Ostpreußens von Memel bis über Darkehmen nach 3 heißt jetzt
Litauen; südlich davon, aber im 3XV bis etwa an die Grenze Westpreußens sich er-
streckend, liegt Masuren. Der Goldap-Fluß trennt ungefähr die beiden Landschaften. (5.36.)
Von den alten Gauen waren keineswegs alle von Preußen bewohnt.
Die Bevölkerung des Culmerlandes war polnisch, die von Nadrauen und
Zchalauen litauisch, das Gebiet von Memel gehörte bis ins 14. Jahrhundert
Zu Kurland, und die Ludauer, auch Jazwinger genannt, nahmen unter den
lettischen Völkern eine besondere, noch nicht näher bestimmte Ztellung ein.
Die ersten vergeblichen Bekehrungsversuche bei den heidnischen Preußen
machten Adalbert von Prag, erschlagen 997 bei Tenkitten (?), und Bruno
von Merseburg, s 1008. Mehr Erfolg hatte 200 Jahre später der Mönch
Christian (meist fälschlich Chr. von Oliva genannt), welcher 1215 Bischof
des Culmerlandes wurde. Es folgten lange Kriege mit Polen, in denen
diese hart bedrängt wurden, so daß 1228 Herzog Konrad von Masovien'
' 5üdlich von Thorn und der Drewenz, nicht das heutige Masuren.
H W. Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Nerufstätigkeit der Bewohner.
27
den Deutschen Ritterorden zu Hilfe rief. Dieser kam, nachdem ihm das zu
unterwerfende Land von Papst und Kaiser als Eigentum Zugesichert worden
war. Mt Hilfe zahlloser Kreuzfahrerscharen, die aus allen Teilen Deutschlands
herbeiströmten, eroberte er in 53 jährigem Kampfe, 1230-83, das Preußen-
land und sicherte das Eroberte durch Anlegung zahlreicher Burgen an trefflich
ausgesuchten Orten und durch Ansiedlung vieler Deutschen. Die Preußen
mußten natürlich das Christentum annehmen. Von den Kreuzfahrern blieb
ein Teil im Lande zurück, andere Einwanderer kamen aus Deutschland, be-
sonders dem nordwestlichen, in großer Iahl herbei und ließen sich entweder
als Landbauer oder in den im Zchutze der Burgen entstehenden 5tädten als
Vürger nieder. 3o wurden in derselben Zeit, in welcher sich die Germani-
sierung Brandenburgs und Schlesiens vollzog, durch deutsches Blut und
deutsche Arbeit auch im äußersten diO Deutschlands germanisches Wesen und
deutsche Kultur zur Herrschaft gebracht.
1309 verlegte der Hochmeister 2iegfried von Feuchtwangen seinen
2itz nach der Marienburg. Er und seine Nachfolger setzten den Ordens-
vorschriften entsprechend den Glaubenskampf gegen die noch heidnischen Litauer
fort- unaufhörlich zogen neue Kreuzfahrerheere herbei und halfen dem Orden
seine Kriege führen und die deutsche Bevölkerung Preußens vermehren. 1310
kam Pommerellen, das Land links der Nogat und Weichsel, mit Danzig nach
dem Aussterben seines Herzogshauses nicht ohne Widerstand der Polen an
den Orden. Leine höchste Blüte erreichte der Orden unter Winrich von
Kniprode, 1352-81, und seinen nächsten Nachfolgern, aber schon 1386 traten
Zwei Ereignisse ein, welche seinen Untergang herbeiführten. Der Großfürst
Iagello von Litauen trat mit seinem Volke zum Christentum über und ver-
einigte durch seine Vermählung mit Hedwig, der Erbin Polens, Litauen und
Polen. 2o waren die beiden heftigsten Feinde des Ordens verbunden — die
Litauer erbittert durch die langen Kriege, die Polen durch die Besitznahme
Preußens und Pommerellens durch den Orden - und, was das Empfindlichste
war, nach dem Übertritt der Litauer zum Christentum blieben die Kreuzfahrer-
Heere aus,-
für zukünftige Kriege mußte der Orden Zöldner werben, und
das kostete viel Geld, oder seine Untertanen aufbieten, und dadurch schädigte
er den Wohlstand des Landes. Doch ließ der Krieg noch auf sich warten?
das Gebiet des Ordens wuchs noch und erreichte 1402 durch den Kauf der
Neumark seine größte Ausdehnung. Es umfaßte mit Livland 150 000 qkm
init I Million Einwohner? der Hochmeister war fast so mächtig wie die
Herrscher der kleineren Königreiche Europas.
Aber im Innern regten sich bereits Zersetzende Kräfte. Die Zucht im
en verfiel, die Untertanen mochten sich der Ordensherrschaft nicht mehr
fügen. Als nun endlich 1410 der lang erwartete Krieg mit Iagello aus-
brach, erfolgte am 15. Juli die furchtbare Niederlage von Tannenberg, von
der sich der Orden nie mehr erholt hat. Die meisten Burgen fielen in die
Hände der Polen, und der Orden mußte 1411 den 1. Thorner Frieden
schließen. Er gab Zwar nur das Land 5zamaiten an der Grenze zwischen Tilsit
und Memel auf? aber die Kriegsvorräte waren von den Polen fortgeführt,
die 5ö'Idner drangen auf Bezahlung, die gefangenen Ritter sollten mit
28
Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Nerufstittigkeit der Bewohner. § 10.
8 10. Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Verufstätigkeit der Bewohner.
29
schwerem Gelde ausgelöst werden, die Kassen waren leer. Da mußten die
Untertanen schwer belastet werden. Unzufriedenheit herrschte in den Reihen
der Ordensbrüder und im Lande? die Zucht des Ordens löste sich mehr und
mehr. Die 3tädte bildeten den preußischen Bund, der schließlich die
Polen ins Land rief. Damit brach der greuelvolle 13jährige Krieg aus,
1454-66, der mit dem 2. Thorner Frieden endete. Der Orden
verlor Westpreußen und das Crmland an Polen und behielt nur Ost-
preußen, und auch dieses nur als polnisches Lehen.
Die Residenz der Hochmeister wurde seit 1457 Königsberg. Auch nach
dem Frieden gelangte das schwer heimgesuchte Land nicht zur Ruhe, weil der
Orden sich seiner Lehnspflicht beharrlich zu entziehen suchte. Da wurde 1511
der junge Markgraf Albrecht aus dem Hohenzollernhause zum Hoch-
meister gewählt. Auch er verweigerte anfangs dem Polenkönige den Lehnseid,
sah aber allmählich das Vergebliche seines Widerstandes ein und erkannte, daß
der Orden längst keine zeitgemäße Einrichtung mehr sei. Er trat 1525 aus
dem Orden aus und erhielt Ostpreußen als Herzogtum von Polen zu Lehen.
Seinem Beispiel folgten die meisten Ordensbrüder^.
Gleichzeitig wurde
ln Ostpreußen die Reformation eingeführt. Das Land fing an, sich
langsam zu erholen. In den verödeten 3 Ostpreußens wanderten damals
Zahlreiche Polen ein, die sich zur protestantischen Lehre bekannten. Mit
Albrecht Friedrich, dem 5ohne Albrechts, erlosch die herzogliche Linie, und
Ostpreußen fiel 1618 an die brandenburgischen Hohenzollern.
AIs polnisches Lehnsland wurde Ostpreußen in den folgenden Kriegen
Mischen Schweden und Polen schwer heimgesucht, so besonders 1656. Im
3rieden zu Oliva 1660 erlangte der Große Kurfürst endgültig den souve-
ränen Vesitz Oftpreußens, und es begann nach der Unterdrückung des
Widerstandes der 5tänoe eine ruhigere Zeit. Als der Große Kurfürst 1685
seine Länder den vertriebenen französischen Reformierten (Hugenotten) öffnete,
siedelte sich ein Teil derselben in Königsberg an.
Am 18. Januar 1701 setzte sich Kurfürst Friedrich III. in Königsberg
die Königskrone aufs Haupt, -
nunmehr König Friedrich I.
-,
erhob das
Herzogtum Preuhen zum Königreich und gab diesen Namen seinem ganzen
2taat. Königsberg blieb Krönungsstadt der preußischen Könige und führt
den Titel Königliche Haupt- und Residenzstadt 2.
Vald wurde das Land wieder schwer heimgesucht. Die Pest raffte 1709
200000 Menschen (V? der Bevölkerung) dahin. In Litauen waren ganze
Landstriche verödet. Durch Heranziehen deutscher Kolonisten aus dem Halber-
städtischen, Nassauischen, aus Franken, Zchwaben, der ächweiz und Pfalz
suchten Friedrich I. und besonders Friedrich Wilhelm I. diesen Verlust zu er-
setzen. Letzterer, der auch sonst sehr viel für Litauen tat, siedelte außerdem
hier gegen 10 000 3alzburger an, die um ihres Glaubens willen vertrieben
waren (1732-34). 1758-62 hatten die Russen Ostpreußen besetzt? das
l Nur wenige zogen sich grollend auf die deutschen Besitzungen des Ordens zurück.
Hler, in Mergentheim an der Tauber, bestand der Orden weiter, bis er im Zeitalter
"apoleons I. aufgehoben wurde.
^ Feierlich gekrönt sind in Königsberg nur Friedrich I. und Wilhelm I.,' bei den
übrigen Königen bis auf Friedrich Wilhelm IV. fand die einfache Huldigung statt.
30
Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Verufstätigkeit der Bewohner.
810
Land war eine russische Provinz. Peter III. schloß sofort nach seiner Thron-
besteigung Frieden mit Friedrich II. und gab Ostpreußen zurück.
Vei der ersten Teilung Polens 1772 Kam Westpreuhen und das Erm-
land an Preuhen, jedoch noch ohne Danzig und Thorn- diese beiden ätädte
wurden erst bei der zweiten Teilung 1793 preußisch. Westpreußen hatte unter
polnischer Herrschaft seit 1466 eine sehr unglückliche Zeit gehabt. Zwar war
das Land nur in Personal-Union mit Polen getreten, und der König von
Polen mußte erst die Gerechtsame der Provinz beschwören, ehe ihm gehuldigt
wurde? auch sollten die Landesangelegenheiten nicht durch den polnischen Reichs-
tag, sondern durch die preußischen Landtage besorgt werden, zu denen der
König einen Gesandten schickte- doch wurden die dem Lande zugesicherten Rechte
nicht immer geachtet, polnische Edelleute, polnische Zprache und Wirtschaft kamen
ins Land- Vildung, Wohlstand und Deutschtum verfielen, und 1569 wurde
Westpreußen eigentlich Polen einverleibt. (Reichstag zu Lublin.) Nur Danzig
machte eine Ausnahme. Es nahm unter den polnischen Königen, welche den
Wert des reichen Handelsplatzes wohl zu schätzen verstanden, die 3tellung
einer freien 3tadt ein. 3eine Blütezeit fällt in das 16. und 17. Jahrhundert.
Friedrich d. Gr. ließ dem heruntergekommenen Westpreußen seine besondere Für-
sorge zuteil werden. Auch er rief Kolonisten, besonders Württemberger ins Land.
In den Jahren 1807 — 14 hatten unsere Provinzen furchtbar zu leiden.
1807 betrugen die direkten Verluste durch Lieferungen von Getreide, Vieh usw.
ohne die Eeldkontributionen fast 300 Millionen Mark, und die Folgen dieser Verluste
durch Verminderung des Wirtschaftskapitals, der Arbeitskräfte usw. bedeuteten einen
Ausfall von weiteren 160 Millionen? 1812-13 verlor das Land östlich der Weichsel
330 Millionen Mark. Noch nicht einbegriffen in diese riesigen Zahlen ist die Erhöhung
der Zteuern und die Entwertung der Grundstücke. Die Bevölkerung verminderte sich
1805-12 um fast 190000 Menschen, das sind 14«/«.
Und doch ging die Provinz Preußen bei der Erhebung gegen
Napoleon ganz Deutschland voran, und das wird ihr unvergessen bleiben.
Seit 1815 folgte eine stetige Entwicklung des Landes. Am 1. April 1878
trat die Teilung in Ost- und Westpreußen ein.
Die Bevölkerung ist also aus den alten Preußen, Litauern, Polen und den ver-
schiedensten ätämmen des deutschen Volkes hervorgegangen ^.
Die deutschen Ein-
wanderer sind aber trotz ihrer ursprünglichen Verschiedenheit in dem gleichen Ringen
um ihr Dasein, in dem gemeinsamen Ertragen schwerer Zeiten und in der alle Unter-
schiede in den Hintergrund drängenden Behauptung des Deutschtums gegen fremde
Nationalitäten zu einem neuen, einheitlichen deutschen 3tamm verwachsen. Er besitzt
manche Eigentümlichkeiten, die an die Eigenart der Bevölkerung europäischer Kolonien
in fremden Ländern erinnern: hohes Selbstgefühl, eine gewisse Abgeschlossenheit, starkes
Nationalbewußtsein.
Die Bevölkerung Oftpreuhens ist fast zu ^5 deutsch. Im ^0, in den
Kreisen Memel, Heydekrug, Tilsit, Ragnit, Niederung, Pillkallen, Labiau, gibt
es noch Zahlreiche Litauer. Ihre Iahl betrug am 1. Dezember 1905 im Reg. -Vez.
Königsberg fast 32000, im Reg. -Vez. Eumbinnen 65000. Im 3 Ostpreußens
bewohnen die polnisch redenden Masuren, mit Deutschen gemischt, einen un-
gefähr 40 km breiten Streifen, von der Grenze an gerechnet. 5ie sprechen einen
besonderen polnischen Dialekt und sind evangelisch. Außerdem gibt es eigentliche
Die eingewanderten Franzosen sind mit den Deutschen verschmolzen.
8 W. Geschichtliches. Abkunft, Bekenntnis, Verufstätigkeit der Bewohner.
31
Polen. Die Zahl der masurisch und polnisch Sprechenden war 1905 295000,
und zwar im Reg.-Vez. Königsberg etwa 2400, Eumbinnen 15100, Allen-
stein nicht ganz 277 000 (52"/«). Das Sprachgebiet der Polen und Litauer
wird von Jahr zu Jahr kleiner.
Anders ist es in Westpreußen. Hier wohnen im ll der Linie: obere
^rahe-Nekwarz Fluß bis nach Pommern hinein ziemlich geschlossen die Kaschuben
(1905 fast 100000), die einen eigenen slawisch-wendischen Stamm bilden. Dann
lst überwiegend polnisch der Süden der Provinz und der größte Teil des Kreises
Ttuhm. Im Reg. - Vez. Danzig wohnten 1905 etwa 93000, im Reg. -Vez.
Marienwerder über 375000 Polen; Kaschuben und Polen bilden ^ der Be-
völkerung. Die Deutschen sind also auch in dieser Provinz in der Mehrzahl.
Die westpreußischen Polen sind meistens katholisch.
Die Konfesstonellen Verhältnisse waren am 1. Dezember 1910 folgende:
Reg.- Vez.
Katholische
Baptisten,
Mennoniten und
andere Christen
Juden
Königsberg
Gumbmnen
Allenstein
Di zig
-"tarienwerder
773000, 84 °/n
585000, 9? «/«
382000, 70«/«
364000. 49°/.,
425000, 44°/«
125000, 14«/<,
12300, 2°/«
154000, 28 °/o
362000. 48 °/«
520000, 54°/«
8800, 0.9°/«
5800, 0,9°/«
4800, 0,9°/«
11600. 1,6°/«
6100. 0,6 °/g
7100. 0 .8°/«
3100. 0,5°/«
2700. 0.5"/«
4600, 0.6"/«
9300, 1,0°/«
3m Neg.- Vez. Eumbinnen wohnen gegen 450 Philipponen. Diese, eine 5ekte
ber griechisch-orthodoxen Kirche, wanderten, da sie in Rußland verfolgt wurden, seit
1824 in Preußen ein und gründeten in den Revieren Crutinnen und Nikolaiken der
Iohannisburger Heide 10 Ortschaften, sie haben russische Tracht und Litten noch
3<emlich unverändert beibehalten.
Die Verufstätigkeit der Bevölkerung ergibt folgende Tabelle:
Von 100 Erwerbsfähigen trieben 1907:
im Reg. -Nez.
Königsberg
Eumbinnen
Allenstein
Marienwerder
l" Preuß. Staate
Land-
wirtschaft
44
59
58
40
56
28
Industrie u.
Gewerbe
24
17
18
30
20
43
Handel
12
7
6
11
7
13
Hausdienst
2
2
2
2
2
2
Staatsdienst,
freien Beruf
6
5
7
6
6
5
keinen
bestimmten
Veruf
12
10
9
11
9
9
Die Regierungsbezirke Eumbinnen und Marienwerder besitzen den größten
Prozentsatz ackerbautreibender Bevölkerung des Preußischen Staates, auch
Königsberg wird nur von wenigen anderen übertroffen; dementsprechend wohnt
der größte Teil der Bevölkerung auf dem Lande oder in kleinen Orten unter
2000 Einw., nämlich im Neg. -Vez. Königsberg 65°/«. Eumbinnen 82°/«, Allen-
stein 81°/«, Danzig 59«/«. Marienwerder 74°/« (im Preuß. Staat 50°/«).
32
Eisenbahnen.
§ 11.
§ n. Eisenbahnen.
Das Eisenbahnnetz unserer Provinzen hat sich in den letzten Jahren außer-
ordentlich verdichtet.
Die älteste und für die Verbindung des Ostens mit Berlin wichtigste Eisen-
bahn ist die Ostbahn. 5ie führte jahrelang von Berlin über Zchneidemühl,
Bromberg, Dirschau, Elbing, Königsberg, Insterburg nach Eydtkuhnen, wo sich
die russische Bahn nach 2t. Petersburg usw. anschließt; um den Winkel (Thorn -)
Bromberg — Dirschau — Königsberg — Insterburg abzuschneiden, wurde die
Thorn - Insterburger Vahn erbaut, und zur Verkürzung des Umweges von
Dirschau über Bromberg nach Zchneidemühl die 5trecke Dirschau - Konitz -
öchneidemühl; über diese geht der kürzeste Weg vom nördlichen Ost- und
Westpreußen nach Berlin.
Ostpreußen besitzt außerdem 2) die wichtige, jetzt staatliche Ostpreuhische
öüdbahn, welche von Königsberg über Korschen (Kreuzung mit der Thorn —
Insterburger Bahn) und Lyck nach Prostken an die Grenze führt; hier schließt
sich die russische Bahn an, so daß die 2üdbahn die reichen Erzeugnisse des
südwestlichen Rußlands nach Königsberg schaffen hilft und ein 3tück des großen
öchienenweges zwischen dem Schwarzen Meere (Odessa) und der Ostsee (Königs-
berg) bildet. 5ie ist über Königsberg nach Pillau weitergeführt. Diese ätrecke
war vor Erbauung des äeekanals besonders im Winter für die Verbindung
Königsbergs mit seinem Vorhafen wichtig. Bei Fischhausen zweigt sich eine
Bahn nach dem Bernsteinbergwerk in Palmnicken ab. bj Eine Bahn von
Insterburg über Tilsit nach Memel, die bis zur russischen Grenze bei Bajohren
weitergeht, bringt den äußersten KIO mit den großen Verkehrsstraßen in Ver-
bindung, c) Eine große Grenzbahn zieht sich in der Nähe der Grenze von
Tilsit über Ragnit und Pillkallen nach ätallupönen und Goldav, dann (von
Insterburg) nach Lyck, von da nach Allenstein, und von dieser 5tadt über
Zoldau (Verbindungsbahn Neidenburg — Ortelsburg) nach Goßlershausen und
weiter nach Westpreußen hin. Von Königsberg gehen nach () und 3 weitere
Linien: ä) über Labiau nach Tilsit, ej über Löwenhagen, Gerdauen, Anger-
burg, Voldap nach 3tallupönen, lj über Kobbelbude und Mehlsack nach Allenstein.
Bei Iinten zweigt sich eine ötrecke über Heilsberg, Rothfließ, Bischofsburg,
äensburg nach Rudczanny, bei Mehlsack eine nach Braunsberg und bei Wormditt
eine nach Mohrungen und eine über Heilsberg, Rössel, Rastenburg nach Anger-
burg ab. 3) Von Allenstein geht eine Bahn über Mohrungen und Christ-
burg nach Marienburg mit einer Abzweigung von Maldeuten nach Gülden-
boden an der Ostbahn und N) eine von Elbing über Osterode nach Hohenstein
(an der Ztrecke Nllenstein - 5oldau). ij Von Königsberg an den samländischen
5trand führen die Cranzer- und die 5amland-Bahn, k) von Braunsberg über
Tolkemit nach Elbing die Haffufer-Bahn. Andere Bahnen sind: Ij Angerburg —
Lötzen — Arys — Iohannisburg; mj Lyck — Arys — Nikolaiken — Zensburg;
n) Kruglanken-Marggrabowa? 0) Ortelsburg - Bischofsburg? p) Wehlau-
Friedland — Bartenstein — Heilsberg? qj Angerburg — Darkehmen — Gumbinnen;
r) Mohrungen — Liebemühl,- 8) Bergfriede — Gr. Tauersee. Außerdem verschiedene
5tichbahnen nach Orten an der russischen Grenze: Tilsit — Laugszargen, Gum-
binnen — özittkehmen, Marggrabowa — Czymochen, Iohannisburg — Dlottowen.
§ 12.
Verwaltung.
33
Außer Königsberg sind also Insterburg und Allenstein die wichtigsten
Vahnknotenpunkte der Provinz.
^ Für Weftpreuhen sind außer den bereits erwähnten Lirecken der Ostbahn
wichtig: gj die Vahn von Dirschau über Danzig nach Neufahrwasser, an
welche sich bei Danzig die Hinterpommersche Vahn anschließt, und von der
sich zwei kleinere Vahnen nach dem westlichen Hochland abzweigen: 1. Praust -
Karthaus-Lauenburg, mit der Verbindung Karthaus - Verent, und 2. Hohen-
stein - Verent - Livvusch - Vütow ^ Zchlawe. k) Die Marienburg-Mlawkaer
Vahn, die sich nach Russisch-Polen fortsetzt und die kürzeste Ztrecke zwischen Danzig
und Warschau bildet, mit den Abzweigungen Riesenburg - Freystadt und Deutsch
Eylau - Ztrasburg. c) Die ostpreußische Grenzbahn ist von Eoßlershausen
(früher Iablonowo) über Graudenz, Laskowitz, Tuchel und Konitz nach Neu-
stettin weitergeführt, mit der Abzweigung Zchlochau — Rummelsburg. 6) Auf
dem rechten Weichselufer verläuft die Weichselstädte-Vahn von Marienburg
über Marienwerder und Graudenz nach Thorn mit den Abzweigungen: Marien-
werder - Freystadt - Goßlershausen - Ztrasburg, Garnsee - Lessen, Graudenz -
Goßlershausen.Kornatowo — Culm. e) Riesenburg — Marienwerder — 5targard —
2chöneck mit einer Abzweigung nach CzersK. ij Czersk — Laskowitz. ßj Zchwetz —
Teresvol - Vandsburg - Flatow. n) Eine Vahn von Vromberg über Culmsee
nach Zchönsee und Ztrasburg mit Abzweigungen nach Culm und Thorn über-
schreitet die Weichsel bei Fordon auf einer 1325 m langen Brücke, i) Die
2trecke Nakel — Konitz ist bis Lippusch weitergeführt, kj Das Weichselwerder
besitzt eine Vahn und I) der äußerste Westen Westpreußens die Ltrecken
5chneidemühl - Deutsch - Krone ^ Callies und Zchneidemühl — Neustettin. Für
andere Bahnen sind die Vorarbeiten angeordnet.
Die wichtigsten Vahnknotenpunkte für Westpreußen sind demnach: Dirschau,
Marienburg, Thorn (und Ichneidemühl, welches aber schon zur Provinz
Posen gehört).
Außerdem sind in beiden Provinzen zahlreiche Kleinbahnen schon fertig
oder im Vau.
§ 12. Einige Angaben über die Verwaltung.
An der spitze jeder Provinz steht ein Oberpräsident, an der spitze eines
Regierungsbezirkes ein Regierungspräsident. Der höchste Verroaltungsbeamte eines
Kreises ist der Landrat.
Zur Mitwirkung bei den Geschäften der allgemeinen Landesvermaltung besteht
für jede Provinz ein ProvinZialrat, für jeden Regierungsbezirk ein Bezirks-
ausschuß, für jeden Kreis ein Kreisausschuß (Kreistag).
Die allgemeine Landesverwaltung, die Unterhaltung der Chausseen, die sorge für
Geisteskranke und das Armenwesen u. dgl. ist der Selbstverwaltung der Provinzen
überlassen. An der spitze der selbstverrualtungsbehörden steht in jeder Provinz der
Landeshauptmann. (Provinzial-Landtag- Provinzial-Ausschuß.)
In den Reichstag entsendet Ostpreußen 17, Westpreußen 12, zum Hause der Ab-
geordneten Ostpreußen 32, Westpreußen 22 Vertreter.
Die Angelegenheiten der evangelischen Kirche vermalten die Konsistorien in
Königsberg für Ostpreußen und in Danzig für Westpreußen.
Lulliez, Landeskunde von Ost» und Westpreußen. 7 . Aufl.
3
34
Landschafts- und Ortschaftskunde.
'
§ 12.
Die römisch-katholischen Bewohner Ostpreußens, außer dem Dekanat Pomesanien,
sowie die der westpreußischen Kreise Elbing, Marienburg und Ztuhm gehören zum
Nistum Crmland, das übrige Westpreußen, jedoch ohne den Kreis Deutsch-Krone, und
die ostpreußischen Dekanate Gilgenburg, Mohrungen, Neidenburg, äoldau, Ofterode
(Pomesanien) zum Vistum Culm. Der Kreis Deutsch-Krone gehört zum Erzbistum Enesen.
Die Provinzial-Lchulkollegien in Königsberg und Danzig beaufsichtigen das höhere
Schulwesen: Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealschulen, Progymnasien, Realpro-
gymnasien, Realschulen, 5chullehrer-5eminare, Präparanden-Anstalten, die höheren
ächulen für die weibliche Jugend (Lyzeen, Oberlyzeen)- die Regierungen, und unter
ihnen die Kreis-Zchulinspektoren, die Mittel- und Volksschulen und die gehobenen
Mädchenschulen.
Die Rechtspflege wird ausgeübt in Ostpreußen von 71 Amts- und 8 Land-
gerichten (Allenstein, Vartenstein, Vraunsberg, Insterburg, Königsberg, Lyck, Memel,
Tilsit) und dem Oberlandesgericht in Königsberg; in Westpreußen von 4(1 Amts-
und 5 Landgerichten (Danzig, Elbing, Eraudenz, Konitz, Thorn) und dem Oberlandes-
gericht in Marienwerder.
Für die Verwaltung der indirekten Steuern bestehen in Königsberg und Danzig
Ober-Ioll-Direktionen; darunter stehen die Haupt-Zollämter, unter diesen die Zoll-
ämter I und II.
Die staatseisenbahnen Ost- und Westpreußens stehen unter den Eisenbahn»
Direktionen in Königsberg, Danzig und Vromberg.
Die Oberpostdirektionen in Königsberg und Eumbinnen umfassen das Gebiet
Ostpreußens. Westpreußen gehört zu den Vezirken der Oberpostdirektionen in Danzig,
Vromberg und Köslin.
Die Truppen Ostpreußens, mit Ausnahme der Kreise Osterode und Neidenburg,
gehören zum I. Armeekorps (Generalkommando in Königsberg), diese beiden Kreise
und der größte Teil Westpreußens zum XVII. Armeekorps (Generalkommando in
Danzig), die Kreise Flatow und Deutsch-Krone Zum II. Armeekorps (Generalkommando
in stettin). Ein neues Armeekorps mit einem Generalkommando in Allenstein soll
gebildet werden.
Landschafts- und Ortschaftskunde.
^. Ostpreußen
ist geteilt in die Reg.- Vez. Königsberg, 15 306 qkm, 914119 Einwohner
mit 15 Kreisen, Vumbinnen, 10950 c>km, 606 587 Einwohner mit 14 Kreisen,
und Allenstein. 1203? qkm, 543469 Einwohner mit 10 Kreisen.
Die Kreise des Reg. -VeZ. Königsberg sind: 1. Memel, 2. 3tadtkr. Königs-
berg, 3. Landkr. Königsberg, 4. Fischhausen, 5.Labiau, 6. Wehlau, 7. Gerdauen,
8. Rastenburg, 9. Friedland, 10. Pr.-Eylau, 11. Heiligenbeil, 12. Vraunsberg,
13. Heilsberg, 14. Mohrungen, 15. Pr. -Holland.
Die des Reg. -Vez. Eumbinnen: 1. Heydekrug, 2. Niederung, 3. 5tadtkr.
Tilsit, 4. Landkr. Tilsit, 5. Nagnit, 6. Pillkallen, 7. Stallupönen, 8. Eumbinnen.
9. Stadtkr. Insterburg, 10. Landkr. Insterburg, 11. Darkehmen, 12. Anger-
burg, 13. Goldap. 14. Oletzko.
Die des Reg. -Vez. Allenstein: 1. Lyck, 2. Lätzen, 3. Iohannisburg,
4. Sensburg, 5. Ortelsburg, 6. Rössel. 7. Stadtkr. Allenstein, 8. Landkr.
Allenstein, 9. Neidenburg, 10. Osterode i. Ostpr.
.
Ostpreußen.
35
36
Landschafts- und Ortschaftskunde.
5ie werden im folgenden nach natürlichen Gruppen behandelt.
I. Litauen (das Memelgebiet unddasGebietdes oberenPregels) umfaßt die Kreise:
1. Memel
2. tzeydekrug
3. Niederung
4. Tilsit, Stadtkr.
5. Tilsit, Landkr.
6. Ragnit
7. Pillkallen
8. Insterburg, 2t.
Größe
qkm
842
805
893
31
785
1219
1061
44
Vevül
61972
43309
54417
39013
46372
55338
45560
31624
auf
1 qkm
74
54
60
—
60
45
43
—
9. Insterburg, Ld.
10. Gumbinnen
11. Ztallupönen
12. Darkehmen
und zum Teil:
13. Labiau
14. Verdauen
15. Goldap
Größe
qkm
1159
729
703
759
1065
846
994
Bevölkerung
46110
51235
43453
31485
51057
33947
44186
1 qkm
40
70
62
42
48
40
45
Litauen entspricht etwa den beiden alten Landschaften Nadrauen und
ächalauen- es umfaßt den l^IO Ostpreußens und reicht im 3 bis an den
Goldap-Fluß, der die Grenze gegen Masuren bildet, und im W an die Linie
Goldap-Fluß — Labiau und ans Kurische Haff. Die Grenze zwischen den einst
von Litauern und den von alten Preußen bewohnten Gebieten läßt sich auch
ganz gut aus den Formen der Ortsnamen feststellen: im Litauischen sind die
Endungen -kehmen, -ischken, -kallen, -pönen sehr häufig, im Altpreußischen:
-keim, -icken, -garben. Vor 60 Jahren wurde auch südlich des Pregels und
der Pissa noch Litauisch gesprochen, jetzt hört man Litauisch südlich einer Linie
von der mittleren Deime nach Pillkallen nicht mehr. Auch nördlich davon wird
in den ötädten fast nur Deutsch gesprochen.
Nördlich der Memel ist der Voden nicht besonders fruchtbar; im unteren
Memelgebiet herrscht Wiesenwirtschaft, am Haff Fischerei vor,-
die Kreise
Pillkallen, Ztallupönen, Eumbinnen, Insterburg, Verdauen und Darkehmen,
eine Erundmoränenlandschaft, haben im ganzen recht ertragreichen Voden, hier
die bedeutendste Pferdezucht des Preußischen Staates. Im 30 unseres Gebietes,
nach Goldap zu, beginnt eine weniger fruchtbare, abwechslungsreiche End-
moränenlandschaft. Im Memeldelta und in seiner Umgebung liegen mächtige
Moore, fast alles Hochmoore, so z. B. das Große Moosbruch östlich von
Labiau, 120 qkm, das man seit längerer Zeit durch Entwässerung und künstliche
Düngung zu kultivieren sucht, das Ibenhorster oder Vredzuller Moor links
der unteren Ruß, in dessen bruchwaldiger Umgebung noch der Elch haust,
und das Augstumal-Moor, nördlich von Heydekrug, 30 qkm, auch unter Kultur
genommen. In den Kreisen Ragnit und Pillkallen liegen gleichfalls ansehnliche
Hochmoore, so die Lchoreller und die Große Plinis (Plinis ^ moorige Ebene),
13 und 10 qkm, die Kakschener Valis (Valis ^ 5umvf ^ lateinisch: palug),
20 qkm, und das Pakledimmer Hochmoor nördlich von Trakehnen, 15 qkm.
Im Osten Litauens dehnen sich große Wälder aus: nördlich der Izeszuppe
auf dem meist sandigen Voden des ehemaligen Iurasees die größtenteils
aus Kiefern bestehende, 130 qkm große Trappöhner Forst, nördlich davon,
durch die Memel getrennt, die sich weit nach Rußland hineinziehende Iura-
forst, südlich der Zzeszuppe die öchoreller (120 qkm) und die Weszkaller Forst,
in dem Winkel zwischen Inster und Pissa die über 100 qkm große Tzulkinner
^. Ostpreußen.
3?
3orst. Im 30 Litauens liegt, von der Rominte durchflossen, die 240 qkm
große, aus Nadel-, aber auch aus Laubholz bestehende Rominter Heide, reich
an schönen Landschaften, das Jagdrevier unseres Kaisers (Vild 23).
Litauen verdankt die Grundlagen seiner Kultur der Fürsorge Friedrich
Wilhelms I. Nur Memel, Tilsit, Insterburg, Gerdauen und Nordenburg sind ältere
Städte: alle anderen Städte erhielten ihre Stadtgerechtigkeit erst 1722-25.
1. Memel, nördlichste Stadt des Deutschen Reiches, 55° 22' 15" n. Vr..
21500 Einwohner, an der Mündung der Dange in das Memeler Tief: die
Memelburg 1225, die Stadt später erbaut: früher Festung.
Landgericht, Gymnasium, Lyzeum mit Oberlyzeum, Lehrerseminar, Präparanden-
anstalt, bedeutender Handelsplatz mit gutem Hafen. Ausgeführt: aus Rußland stammendes
Holz (s. 2.17), Getreide, Flachs: eingeführt besonders Kohlen. Viele Sägemühlen, Eisen-
gießerei, Ölmühlen, Schiffswerften. Handel und Reederei sind in den letzten Jahren
sehr zurückgegangen. Geburtsort Simon Dachs. 180? residierten hier Friedrich Nil-
Helm lll. und Luise. Nationaldenkmal zur Erinnerung an diese unglückliche Zeit.
Neben der Stadt Vommelsvitte, D.,
3000 Einwohner, dicht südlich
Schmelz, D.l, 6000 Einwohner, Schiffahrt, Sägemühlen, Fischerei. Im ^ an
der russischen Grenze Nimmersatt, gegenüber dem russischen Polangen, Deutsch-
lands nördlichstes Dorf. Auf der Kurischen Nehrung Schwarzort, Seebad.
Weiter südlich Nid den, D., Leuchtturm. 22 km südlich von Memel Prökuls,
Mfl., an der Minge.
2. Heydekrug, Mfl.. 2300 Einwohner: (das daranstoßende Szibben ist ein-
gemeindet): am Haff Windenburg, D., a. d . Windenburger Ecke,- links der
Ruß, die sich hier mehrfach teilt, Ruß, Mfl., 2000 Einwohner,- Neunaugen-
fang, große Holzniederlagen für Memel.
3. Heinrichswalde, Mst., Hauptort des Kreises Niederung, der keine Stadt
enthält, 2400Einwohner: Kaukehmen, Mfl., a.d.AltenEilge. 2200Einwohner.
4. Tilsit, alte. aufblühende Hauptstadt von Preußisch-Litauen. fast 40 000 Ein-
wohner, am Südufer der Memel, zweitgrößte Stadt der Provinz^.
Gymnasium, Realgymnasium, Königin Luise-Schule, Taubstummenanstalt, Land-
gericht, Pferdemärkte. Maschinen. lebhafter Holz- und Produktenhandel, sehr große
Iellulosefabrik. An Stelle der alten Schiffbrücke ermöglicht seit 190? die stattliche
Königin Lmsen-Vrücke (416 m lang) den Verkehr über die Memel zu jeder Jahres-
zeit. Schon seit längerer Zeit führen drei große Eisenbahnbrücken über die Memel
und ihre Arme, Zusammen über 1300 m lang. Geburtsort M. v . Schenkendorfs (Denk-
mal). Friedensschlüsse am 7. und 9. Juli 1807. Denkmal der Königin Luise.
5. Im W Splitter, D.. Gefecht 1679. Im tt0 von Tilsit liegt die russische
Stadt Tauroggen: zwischen dieser und der Grenze, aber noch auf russischer Seite,
Poscherun. D ., hier schloß Vorck am 30. Dez. 1812 die berühmte Konvention.
6. Ragnit, St.. 5550 Einwohner, auf dem südlichen Memelufer. Lehrer-
seminar: Holzhandel. Schiffahrt. 4 km stromauf Ober-Eyßeln in schönster
Gegend des Memeltales. Veim Eintritt der Memel in Preußen der Grenzort
Schmalleningken.
7. Pillkallen,St.,4350 Einwohner, Präparandenanstalt: östlicha. d . Szeszupve
schirwindt, östlichste Stadt Preußens, 1150 Einwohner, schöne gotische Kirche.
' St. bedeutet Stadt. Mfl. Marktflecken, D. Dorf.
-
-
2. Vilderanhang 2. 70.
38
Landschafts- und Ortschaftskunde.
8. 9 . Insterburg. 5t. am Beginn des Pregels (Vereinigung von Pissa,
Angerapp, Inster (s. S . 15), 32000 Einwohner (14400 1870).
Aufblühender Ort, wichtiger Vahnknotenpunkt, Landgericht; Gymnasium verbunden
mit Realgymnasium, Lyzeum mit Oberlyzeum, Volksschullehrerinnen°5eminar. Straf-
anstalt. Landgestüt. Maschinenfabrik, Aktien°5pinnerei. Geburtsort Wilhelm Jordans.
Im W Vubainen, D.,
Norkitten, D.,
Mittelpunkt der großen
Dessauischen Güter, Gr. -Iägersdorf, Schlacht 1757. Östlich an der Pissa
Karalene, Lehrerseminar.
10. Eumbinnen, Hauptstadt des Reg.-Vez.. a. d. Pissa, 14600 Ein-
wohner, nach einem von Friedrich Wilhelm I. entworfenen Plane sehr regelmäßig
erbaut. Gymnasium verbunden mit Realschule, Cecilienschule, Oberpostdirektion.
Stattliches Regierungsgebäude, Denkmal Friedrich Wilhelms I., ,,Wiederher»
steller Litauens, Gründer Eumbinnens". In der Umgebung große, wohlhabende
Dörfer lNorutschatschen 3700 Einwohner), 18 km östlich Trakehnen.
weltberühmtes Hauptgestüt, das größte des Staates, 1732 von Friedrich
Wilhelm I. angelegt (Bild 24).
In hochkultivierter Gegend liegen um das Hauptgestüt 11 Vorwerke. Für die
Veredelung der preußischen Pferde ist Trakehnen von höchster Vedeutung. Hier
stehen etwa 15 Hengste und 330 Mutterstuten edelster Rassen, und außerdem eine
viel größere Zahl von Fohlen und von weniger wertvollen Pferden, im ganzen etwa
1500 Pferde (s. Vilderanhang S. 71).
11. Stallupönen, St., 5650 Einwohner, Realschule; Eydtkuhnen, Mfl..
5550 Einwohner. Großer Grenzbahnhof.
12. Darkehmen, St. a . d . Angerapp, 3550 Einwohner. In diesem
Kreise liegen mehrere durch Pferdezucht hochberühmte Güter. Landgestüt
Eudwallen. Westlich von Darkehmen Veynuhnen, Schloß des f Herrn
v. Farenheid, mit großartigen Kunstsammlungen.
13. Labiau, St. a . d . Deime, aus der hier der Große Friedrichsgraben
abgeht, 6 km vom Kurischen Haff, 4600 Einwohner; Schiffahrt. Vertrag 1656.
Am Friedrichsgraben langgestreckte Dörfer, viel Iwiebelbau. Nemonien,
Mfl., an der Mündung des gleichnamigen Flusses, 3700 Einwohner. Eilge,
Mfl., an der Mündung der Gilge, 1700 Einwohner. Moorkolonien.
14. Verdauen, St. a . d . Omet, 3000 Einwohner. In der Nähe große
Güter. Östlich Nordenburg. St., 2150 Einwohner.
15. Goldap, St. am Eoldap-Fluß, 9500 Einwohner, Reform-Realgym-
nasium; im 0 die große Rominter Heide. Vei Rominten (früher Theer-
bude), das Kaiserliche Jagdhaus Rominten (s. Vilderanhang S. 71).
II. Samland, Natangen, Varten
das Gebiet des untern Pregels und der unteren und mittleren Alle) umfaßt die Kreise:
1. Königsberg,
5tadtkreis
2. Königsberg,
Landkreis
3. Fischhausen
4. Labiau, w.Teil
Größe
—
1230
1346
1N65
Vevölkerr
245994
45054
52462
51057
ng
auf
—
37
40
48
5. Wehlau
6. Heiligenbeil
7. Pr. -Eylau
8. Friedland
9.Eerdauen,w.TeiI
10. Rastenburg
Größe
qkm
1063
908
1231
881
846
875
Neoälkeru
47179
43282
48746
41556
33947
47197
ng
auf
44
49
40
48
40
54
^. Ostpreußen.
39
Das öamland, eigentlich die Insel zwischen Ostsee, den Haffen, Pregel
und Deime, war einst der mächtigste Gau der alten Preußen. Nirgends
finden sich so viele vorgeschichtliche Grabstätten in unseren Provinzen wie hier.
5eine westliche Hälfte, das „5amland" im engeren 5inne, ist reich an land-
schaftlichen Zchönheiten, besonders in der Gegend des „Alkgebirges" (Galt-
garben 110 m), eines Endmoränenzuges, und an den meist steilen Küsten.
Dieses sind typische Kliffküsten (s.5 .8, Anm. 1). Die Ortschaften machen einen wohl-
habenden Eindruck. Am Frischen Haff liegt der große Wald derKapornischen Heide,
im ll dehnt sich die Narnicker und bei Er. Raum die Fritzensche Forst aus. In
Natangen, südlich vom Pregel ist der Voden recht fruchtbar,- die Landschaft am
untern Frisching, der aus dem interessanten Zehlau-Vruch kommt (s. 2 . 22), heißt
die Huntau. Zwischen dem Iehlau-Vruch und dem Pregel liegt ein vielfach
bruchiges Waldrevier, der Frisching. Auch das alte Varten ist ein frucht-
bares Land,- berühmt ist der schwarze Voden der Gegend nach Rastenburg
3U? hier gibt es sogar viel Zuckerrübenbau.
1. Königsberg i. Pr., Hauptstadt der Provinz, Festung ersten Ranges
mit zahlreichen weit vorgeschobenen Forts, 3. Residenz des Staates, Anfang
1912 250000 Einwohners Sitz der höchsten Vehörden der Provinz.
Albertus-Universität, gegründet 1544 mit großen wissenschaftlichen Instituten:
Sternwarte, 54° 42' 50" n. Br., 20° 29' 47" ö. L . v . Gr., botanischer Garten, zoologisches
Museum, landwirtschaftliches Institut, große Kliniken, bedeutende Bibliothek mit etwa
270000 Bänden- Kunstakademie mitstädtischerGemäldesammlung,- geheimes Staats-
archiv, Taubstummen- und Blinden-Unterrichtsanstalt- großes Königl. Waisenhaus (früher
mit Progymn.) . 5 Gymnasien, 1 Realgymnasium, 2 Oberreal- und 2 Realschulen, zahl-
reiche höhere Mädchenschulen, teilweise mit Lehrerinnenseminaren verbunden, Nau-
gewerkschule, mehrere Mittel- und viele andere Zchulen.
Als der Deutsche Orden die Eroberung des Samlandes begann, schickte ihm König
Ottokai von Böhmen ein großes Kreuzfahrerheer Ende 1254 zu Hilfe. Auch er selbst
kam nach Preußen, kann aber Samland nur ganz flüchtig besucht haben, denn er
feierte das Neihnachtsfeft 1254 in Breslau und war am 6. Februar 1255 schon wieder
in Troppau in Zchlesien. Der Orden erbaute angeblich auf seinen Rat 1255 an dem
Vergwald Twangste, wahrscheinlich am heutigen Mühlenberg, eine hölzerne Burg und
nannte sie Ottokar zu Ehren „Königsberg" 2. Im W dieser Burg entstand 1256
nach dem heutigen äteindamm zu eine besonders von Lübeckern gegründete Ansiedlung
nebst Kirche, die dem heiligen Nikolaus geweiht war. Als Gründungsjahr der 5tadt
gilt aber 1255. Etwas westlich von der alten Burg wurde 1257 eine steinerne er-
baut- die alte ist längst verschwunden. Während eines großen Preußenaufstandes
wurde 1261 die Burg vergeblich belagert, die junge Stadt aber zerstört. Nach Nieder-
werfung des Aufstandes wurde die 5tadt wieder erbaut, aber jetzt zwischen Schloß
und Pregel. So entstand die Altstadt-«, welche 1286 ihr Stadtprivileg erhielt.
1300 erhob sich östlich davon, jenseits der heutigen Katzbach, damals Lobe genannt,
die Neustadt, die alsbald den Namen Üöbenicht erhielt, und 132? auf einer Insel
Zwischen den Pregelarmen der Kneiphof. Diese drei ätädte bestanden bis 1724
1 Unter den deutschen Ztädten nimmt nach der Volkszählung von 1910 Königs-
berg die 17. Stelle ein. Größer sind Berlin, Hamburg, München, Leipzig, Dresden,
llöln, Vreslau, Frankfurt a. M., Düsseldorf, Nürnberg, Hannover, Charlottenburg,
Essen, Chemnitz, 5tuttgart, Magdeburg. 1805 war Königsberg mit 65 000 Einwohnern
nach Berlin und Hamburg die drittgrößte Stadt im Gebiete des heutigen Deutschen Reichs.
^ 5o die landläufige Überlieferung. Der Orden hätte aber den König mehr geehrt
durch den Namen „Ottokarsberg". Vielleicht wählte er den Namen Königsberg nach
einer seiner Hauptburgen in Palästina „klont lio^al". Er liebte es, die Namen aus
dem Heiligen Lande nach Preußen zu übertragen. Jerusalem 3. B . kommt mehrfach vor.
2 5. Bilderanhang S. 67.
40
Landschafts- und Ortschaftskunde.
jede für sich, waren durch Mauern und Tore abgeschlossen, hatten ihre besonderen,
noch erhaltenen Rathäuser' und führten sogar zuweilen miteinander Krieg. 5ie er-
hielten im Laufe der Zeit große Vorstädte, sogenannte Freiheiten, zugewiesen, die
Altstadt den Iteindamm, die üaak, Lastadie, den neuen Roßgarten, Lomse, Weiden-
damm; der Löbenicht den Anger und einen Teil des Zackheims- der Kneiphof
die Vorstadt mit dem Haberberg. Außerdem gab es noch einen vierten, landesherrlichen
Teil der 3tadt mit dem 5chloß, der Vurgfreiheit, einem Teil des 5ackheims, der
Königsstrahe (früher neue äorge), dem Roßgarten und Tragheim. Aus diesen Teilen
und einigen neuerdings eingemeindeten Vororten ist die heutige ätadt erwachsen.
5ie liegt teils im 5amlande, teils in Natangen. Die sogenannten Verge sind
der einseitige Abfall des 2amlandes zum Pregel.
Durch Verbreiterung der 5traßen und moderne Neubauten hat sich das Äußere
Königsbergs in den letzten Jahren vorteilhaft geändert. Wichtige Bauwerke:
1. Das Lchloß. Der nördliche Teil ist der älteste- die Ostseite ist in ihrer heutigen
Gestalt 1532 erbaut, die Südseite 1551, die Westseite mit der Kirche und dem Mos-
kowitei-äaal, einem der größten in Deutschland, 1584 — 94 von Grund auf neu. Den
Anbau im 80, in welchem sich jetzt die königlichen Gemächer befinden, ließ Friedrich I.
1706-12 aufführen- die Russen haben 1758-62 nur umfangreiche Ausbesserungen
und Neueinrichtungen vorgenommen Die äsiitze des 80 m hohen öchloßturms ist
Anfang der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts neu aufgebaut. 2. Der
Dom, 1332 begonnen, jetzt von Grund auf wiederhergestellt i im Chor, den bedeutende
Denkmäler schmücken, ruhen die letzten Hochmeister, Herzog Albrecht, seine Gemahlin,
der Kurfürst Georg Wilhelm und andere fürstliche Persönlichkeiten, an der Nordseite
in einer neu gebauten Kapelle Kant. 3 . Die neue Universität, erbaut 1844-62 . 4. Die
neue Vörse. 5. Das Regierungsgebäude. 6. Die Post. Denkmäler: Friedrich
Wilhelm III., Wilhelm I., Friedrich I., Friedrich Wilhelm I., Kant, Herzog Albrecht,
Schiller, Vismarck, Obelisk für den ätaatsminister v. ächön, Kriegerdenkmal. Einen
eigenartigen öchmuck besitzt Königsberg in dem gartenumrahmten, mitten in der ätadt
gelegenen Ichloßteiche, einem durch einen Damm, auf dem die Französische ötraße
steht, aufgestauten Wasserbecken, 11 m über dem Pregel. Der Zchloßteich steht mit
dem 11 in höheren Oberteich in Verbindung, welcher durch den Landgraben gespeist
wird, einen künstlichen, von den Rittern angelegten Wasserlauf, der mehrere Gewässer
des 3amlandes sammelt.
Königsberg ist vor allem Handelsstadt. Ausgeführt werden: Getreide, Flachs,
Holz, die Erzeugnisse der Königsberger Industrie- eingeführt: Kolonialwaren, 5alz,
Heringe, Zteinkohlen, Eisen, Tee. — Getreide, Flachs, Holz kommen größtenteils aus
Rußland und werden nach andern, an Holz und Getreide armen Ländern (England) aus-
geführt, so daß der Königsberger Handel im wesentlichen ein Zwischenhandel ist.
Infolge der Zollpolitik der letzten Jahre und des Bestrebens der Russen ihren Überstuß
nach russischen Häfen zu lenken, hat der Königsberger Handel gelitten. Das Eroß-
gewerbe erzeugt: Maschinen, Lokomotiven, Waggons, Tabak, Leder, Zellstoff, Vier,
öpirituosen, Vernsteinwaren usw. Große Walzmühle, — Die meisten Fabriken arbeiten
nur für den Vedarf der 5taot und der Provinz.
Königsberg verdankt seine Größe einmal seiner günstigen Lage an dem bis
hierher für große ächisse ausreichenden Pregel, dann seiner Ltellung als Hauptstadt
und als Mittelpunkt der Bildung für den deutschen Nordosten. Eine große Zahl
bedeutender Männer hat hier gelebt und gewirkt- nur einige seien genannt: Kant,
Hamann, Herbart, Fichte, Vessel, Lobeck, Rosenkranz.
Vor dem Brandenburger Tor liegen der Nasse Garten, eine dorfähnliche Vor-
stadt, die früheren Landgemeinden Ponarth und 5chönbusch mit großen Eisenbahn-
werkstätten und Brauereien und der nur dem Güterverkehr dienende Kaibahnhof
(Königsberg hat fünf Personenbahnhöfe), vor dem Zteindammer Tor die Vororte
Hufen und Amalienau mit zahlreichen Villen und Vergnügungsgärten. In einem
' In dem mehrfach umgebauten Löbenichtschen Rathause befindet sich jetzt eine
Abteilung der Hartungschen Druckerei.
^. Ostpreußen.
41
öer älteren Hufenhäuser wohnte zuweilen die königliche Familie 1807—09, in oem
gegenüberliegenden schönen Park Luisenwahl hat die Königin Luise oft geweilt
(Denkmal). Durch die Eingemeindung dieser und einiger anderer Vororte (Kalthof
vor dem Königstore, Maraunenhof am Oberteich seien noch genannt) am 1. April
1905 hat Königsberg an Ausdehnung und Einwohnerzahl bedeutend gewonnen. Eine
andere wichtige Veränderung der 5tadt erfolgt jetzt durch die Niederlegung der inneren
Festungswerke.
2. Im Landkreise Königsberg, der vom Kurischen Haff bis zum Frisching
reicht, liegen keine Städte. Südlich vom Pregel Wickbold, mit großer
Vrauerei, im W Königsbergs Iuditten, Geburtsort Gottscheds, im 0 am
Pregel Wald au, Lehrerseminar.
3. Der Kreis Fischhausen umfaßt die ganze Westhälfte des Samlandes
und die südliche Hälfte der Kurischen Nehrung. Fischhausen. St., 2600 Ein-
wohner, am Frischen Haff- früher Residenz der Bischöfe von Samland (^
Vischofshausen?). Südlich Lochstädt, alte Ordensburg, 1264 am ehemaligen
Tief (s. Z. 11) erbaut, 1626 von den Schweden zerschossen. Heinrich Reuß
von Plauen f hier 1429. Weiterhin Neuhäuser, Badeort,-
schließlich
Pillau, St. ,7100 Einwohner, Vorhafen von Königsberg, der aber seit Eröffnung
des Königsberger 5eekanals an Bedeutung verloren hat und nur scheinbar
infolge der Eingemeindung Alt-Pillaus gewachsen ist. Festung. Navigations-
schule, Realschule, Präparandenanstalt. Im XV von Fischhausen Tenkitten,
D., in der Nähe I' angeblich Adalbert von Prag 997. Die ehemalige Kapelle
ist verschwunden. 3t. Adalbertskreuz. Nördlicher Palmnicken, großartiges
Königl. Bernsteinbergwerk. Auf der Nordwestspitze 3amlands Brüsterort
mit wichtigem Leuchtturm. Der entsprechende Leuchtturm auf der Westecke
der Danziger Bucht steht auf Rixhäft. Am Nordufer des 3amlandes liegen
die landschaftlich berühmtesten Punkte Ostpreußens, jetzt durch Bahnen leicht
erreichbar: Er.-Kuhren^, Warnicken, der Glanzpunkt, 5teilufer hier 60 m
hoch, das rasch aufblühende Rauschen, Neu-Kuhren,-
gleichzeitig Bade-
orte,- ganz im 0 der besuchteste Badeort Eranz^, 2600 Einwohner. Auf der
Kurischen Nehrung an der breitesten 5telle Rossitten, 300 Einwohner. Vogel-
warte (s. 3. 23). Dieses und das nördlichere Nid den entwickeln sich allmählich
ZU 5eebadeorten. Bei Cumehnen der Ealtgarben mit einem Bismarck-
turm. 20 km nördlich von Königsberg Rudau, D., 3chlacht gegen die Litauer
1370. Von dem an der Mündung unweit Cranz schiffbaren, sonst unbedeutenden
Veek-Fluß Dampfschiffsverbindung über das Kurische Haff nach Memel.
4. Kreis Labiau s. bei Litauen 3. 38 .
5. Tapiau, St. am Austritt der Deime aus dem Pregel, 6000 Ein-
wohner. In der ehemaligen Burg und mehreren später errichteten Gebäuden
eine Besserungs- und eine Landespflegeanstalt. Eärtnerlehranstalt. Wehlau,
St., am Einfluß der Alle in den Pregel, 5300 Einwohner, Realschule. Große
Pferdemärkte. Vertrag zu W. 1657. Nahebei die Pinnau, große Mühlen-
werke, welche durch die aufgestaute, aber mit einer 3chiffsschleuse versehene
Alle getrieben werden. 2 km südöstlich die Irrenanstalt Allenberg,-
15 km
südlich Allenburg. 5tadt a. d. Alle, 1700 Einwohner.
l 3. Vilderanhang 5. 61.
-
° 5. Vilderanhang 3. 62 .
42
2andschaft5- und Ortschaftskunde.
6. Heiligenbeil, St. a. d. Iarft, 4800 Einwohner. Mühlenwerke, Land-
wirtschaftsschule. Auf hohem Vorsprung am Haff Valga, Mfl., mit den
sehenswerten Überresten einer der ältesten Ordensburgen; ursprünglich stand
hier die 1239 eroberte Heidenfeste Honeda. Brandenburg i. Ostpr., Mfl.
a. d. Mündung des Frischina, 1600 Einwohner. Iinten, 5t. am 5tradick,
3400 Einwohner.
7. Preuhisch-Eylau, 5t. am Pasmar, 3270 Einwohner. Lehrerseminar.
5chlacht 7./8. Februar 1807. Denkmal. 5üdwestlich Landsberg i. Ostpr.,
5t., 2400 Einwohner. Von Pr.- Eylau nordwestlich Kreuzburg i. Ostpr., 5t.,
1730 Einwohner, östlich davon Tharau, D. („Ännchen v. Tharau".)
8. Friedland i. Ostpr.. 5t. a. d. Alle, 3030 Einwohner, unglückliche
5chlacht 14. Juni 1807. Vartenftein, 5t. a . d . Alle, 7350 Einwohner, 5itz
des Landratsamts, Landgericht, Gymnasium, Lyzeum, Unteroffizier-Vorschule.
Östlich Schippenbeil, 5t. am Einfluß der Guber in die Alle. 2400 Einwohner.
Domnau, 5t.,
1900 Einwohner.
9. Kr. Verdauen s. bei Litauen 5. 38 .
10. Im 3 nach Masuren hin Nastenburg, 5t. a . d . Euber, 11950 Ein-
wohner, Gymnasium, Lyzeum, Zuckerfabrik. In der Nähe Karls Hof, Arbeiter-
kolonie, Anstalt für Epileptische. Westlich Heiligelinde, Mfl., Wallfahrtsort,
prächtige katholische Kirche- nördlich von Rastenburg Varten, 5t.,
1220 Ein-
wohner; östlich davon Drengfurt a. d . Omet, 5t.,
1520 Einwohner.
umfaßt die Kreise
1.
2.
3.
4.
5.
III. DaZ
Vraunsberg
Heilsberg
Rössel
Allenstein, 5tadtkreis
Allenstein, Landkreis
Ermland
Große
qkm
946
1095
852
—
1356
Venölkerung
54613
51912
50472
33077
57919
auf
1 cMu
58
48
60
—
43
Das heutige Ermland entspricht nicht dem alten Preußengau dieses
Namens, der am Frischen Haff viel breiter war, sondern dem Gebiet des
Vistums Ermland. Die Bischöfe des Ermlandes standen dem Orden schon
früh selbständig gegenüber und hielten zu Polen; 1466-1772 war das
Land auch wirklich polnisch, darum ist es katholisch geblieben, während rings-
umher in Ostpreußen die Reformation Eingang fand. Es bewahrte aber
seinen deutschen Charakter; nur in den verödeten 5üden drangen Polen ein.
5o wird im Kreise Allenstein schon viel Polnisch gesprochen. Um Wormditt,
Heilsberg, Guttstadt, 5eeburg herrscht ein mitteldeutscher Dialekt und noch
manche Eigenart in 5itte und Tracht. Nur 9°/a der Einwohner sind evan-
gelisch. Die früher sehr bedeutende Garnspinnerei und Leinwandweberei ist
sehr zurückgegangen. Der Boden ist etwas weniger fruchtbar als in der
vorigen Landschaft und nimmt von ll nach 8 an Güte ab. In keinem Teil
Ostpreußens gibt es weniger große Güter. Die 5iedlungen sind meistens
Bauerndörfer.
^. Ostpreußen.
43
1. Vraunsberg a. d. Passarge, ehemals Hauptstadt des Ermlandes und
Hansestadt, 13 600 Einwohner. I^ceum I-1c>8ianum mit theologischer und
philosophischer Fakultät, Priesterseminar, Lehrerseminar, Gymnasium, Land-
gericht; nicht unerheblicher Handel; Mühlenwerke, Brauerei Bergschlößchen,
Landgestüt. Westlich am Frischen Haff Frauenburg, 2520 Einwohner.
Gegenwärtig Sitz des Bischofs von Ermland; an der Mündung des künst-
lichen Baudearms (s. S. 15) kleiner Hafen. Auf einem Berge neben der
2t. der große Dom^,
1342 gegründet, mit vielen Kostbarkeiten und dem
Grabmale des Kopermkus (1- 1543). Südöstlich von Braunsberg Mehlsack 2,
2t. an der Walsch, deren Tal hier besonders schön ist, 3900 Einwohner.
Noch weiter südöstlich Wormditt, 5600 Einwohner, Leinwandmärkte; in der
Gegend von Wormditt und Mehlsack nur noch wenig Flachsbau.
2. Heilsberg, St. am Einfluß der Simser in die Alle, 6100 Einwohner.
Großes Schloß, früher Sitz der Bischöfe von Ermland, der bedeutendste
Vurgenbau Ostpreußens aus der Ordenszeit. Liebliche Umgebung (der Kreuz-
berg mit weiter Aussicht). Gefecht 10. Juni 1807. An der Alle aufwärts
Vuttstaot, St., 5050 Einwohner.
3. Rössel, St.,
4500 Einwohner, Gymnasium, Präparandenkursus,
Taubstummenanstalt. Zwischen Rössel und Heilsberg Vischofstein, St., 3200 Ein-
wohner; südwestlich Seeburg, St. an der Simser, 3000 Einwohner; südöstlich
Vischofsburg, St., 5450 Einwohner, Sitz des Landratsamtes.
4., 5. Allenstein, aufblühende Hauptstadt des seit dem 1. November 1905
neugebildeten Regierungsbezirks; 1870 5500 Einwohner, 1885 11600 Ein-
wohner, 1910 33100 Einwohner, wichtiger Bahnknotenpunkt, große Garnison
(über 5100 Mann), Landgericht, Gymnasium, Oberrealschule, Lyzeum mit
Oberlyzeum, rege Tätigkeit auf allen gewerblichen Gebietend Schöne Umgebung,
^n der Nähe die Irrenanstalt Kortau; nordöstlich Wartenburg i. Ostpr.,
2t., 4400 Einwohner, Strafanstalt im ehemaligen Bernhardinerkloster.
IV. Das deutsche Oberland
umfaßt die Kreise:
Bevölkerung^
qkm
1. Pr. -Holland
860
2. Mohrungen
1265
f
37755 44
51396 l 41
3. Osterode
1553 ! 74666 ! 48
Ein schönes, wohlhabendes Land, reich an Seen, bewohnt von deutschen
Protestanten; der südliche Teil des Kreises Osterode jedoch greift schon weit
in das polnische Oberland (Masuren) hinüber.
1 5. Nilderanhang S. 68.
2 Ihren sonderbaren Namen führt die 5t. nach einem alten Dorfe Malcekuke.
« 2. Vilderanhang 5. 70. Auf der Vischofsburg Allenstein wohnte Kopernikus
1517-19 und 1521-24.
44
Landschafts- und Ortschaftskunde.
1. Preußisch-Holland, St., 1297 von Holländern gegründet, 4750 Ein-
wohner,-
Mühlhausen in Ostpr.,
5t. am Ostabhang der Elbinger Höhen,
2400 Einwohner, schöne Umgebung,-
östlich und südöstlich davon liegen die
großen Güter der ursprünglich aus Sachsen stammenden Grafen zu Dohna-
das Hauptgut ist Schlobitten: sein Besitzer ist in den Fürstenstand erhoben.
2. Mohrungen, 5t., 4150 Einwohner, Geburtsorts Herders (Denkmal)
und Willamows: nordöstlich Liebstadt i. Ostpr., 5t., 1950 Einwohner. Im W
der Kanalseen am Ewing-5ee Saalfeld i. Ostpr., St., 2600 Einwohner.
3. Osterode i. Ostpr., 5t. am Einfluß der Dremenz in den gleichnamigen
5ee, 14400 Einwohner (Osterode am Harz), Lehrerseminar, Gymnasium, Lyzeum.
Nordöstlich Liebemühl, 5t., am Oberländischen Kanal, 2400 Einwohner,
vorübergehend 5itz der Bischöfe von Pomesanien: südlich von Osterode Peters-
walde, D., dabei die Kernsdorfer Höhe. Weiter südlich Oilgenburg, 5t.
zwischen dem Großen und dem Kleinen Damerau-See, 1600 Einwohner- 10 km
nordöstlich Tannenberg, D.,
Schlacht 15. Juli 1410. In der Nähe der
Passargequellen Hohenstein i. Ostpr., St., 2800 Einwohner: Lehrerseminar.
umfaßt die Kreise:
V. Masuren
1. Neidenburg
2. Ortelsburg
3. äensburg
4. Lätzen
5. Angerburg
Größe
qkm
1633
1705
1234
894
925
auf
59416
69635
50097
41209
35635
1 qkm
36
40
41
46
38
6. Ioyannis-
burg
7. Lyck
8. Oletzko
Größe
qkm
1682
1128
841
Veuölker
51399
55579
38850
ung
1 qkm
31
50
46
Auch die südlichen Teile der Kreise Osterode, Allenstein und Goldap gehören zur
Landschaft Masuren.
Dieser hochgelegene südliche Teil unserer Provinz ist nicht sehr fruchtbar.
Der Ertrag des Landbaues in den Kreisen Neidenburg, Ortelsburg, Iohannis-
burg ist gering^ die anderen Kreise, besonders Sensburg, teilweise auch Lötzen,
Lyck und Angerburg, stehen besser. In manchen Gegenden ist wegen der
vielen übereinanderliegenden Steine eine Veackerung unmöglich, z. V. zwischen
Neidenburg und Soldau und auch sonst in den Endmoränenlandschaften: in
anderen, wo die Schmelzwasser die feineren Bestandteile des Bodens fort-
geführt haben, besteht der Boden meilenweit aus Heidesand, so in der Iohannis-
burger Heide und bei Willenberg. Hier hat der Staat weite Ödländereien
aufgekauft und läßt sie aufforsten. Viel Wald und Seen. Die Gewässer be-
tragen im Kreise Sensburg 13"/o, in Iohannisburg 11"/u, in Lyck 8°/« der
Gesamtstäche. Wald, Seen und Höhen verleihen manchen Landschaften
(besonders in den Kreisen 3 — 6) eine hohe Anmut. Die größten Wälder
sind die Rothebuder Forst östlich von Lötzen, die Iohannisburger Heide, mit
960 qkm eines der größten Waldgebiete des Staates, die sich westlich an-
schließende Erünfließer Forst, früher Naviwodensche Forst genannt, und die
Wälder im oberen Allegebiet. Das Klima ist rauh. Die Dichtigkeit der
Bevölkerung ist gering, besonders auch wegen der vielen Wasserstächen und
^. Ostpreußen.
45
der ausgedehnten Wälder. Die Kreise Neidenburg und besonders Iohannis«
bürg gehören zu den am wenigsten bevölkerten der Monarchie. Die Bewohner
sprechen überwiegend Polnisch, sind aber evangelisch. Das Masurische ist das
nicht weiterentwickelte Polnisch aus der Zeit der polnischen Einwanderung
im 16. Jahrhundert. Es geht mehr und mehr zurück.
1. Neidenburg, St. a. d. Neide, 5100 Einwohner, Geburtsort des
Historikers Gregorovius. Realprogymnasium. In der Nähe stattliches Schloß
und ein großer Stein, der an die Belagerung durch die Tataren 1656 erinnert?
südwestlich an der Soldau (Neide) Soldau i. Oftpr., St., 4750 Einwohner.
Nach dem Gefecht am 26. Dez. 1806 wurde Soldau als erste ostpreußische
Stadt von den Franzosen besetzt.
2. Ortelsburg, St.,
5500 Einwohner, Lehrerseminar? dicht daneben
Beutnerdorf, D., 3400 Einwohner. Passenheim, St., 2100 Einwohner,
Rübenbau. Südlich von Ortelsburg am Omuleff Willenberg, St., 2500 Ein-
wohner? südöstlich von Ortelsburg Friedrichshof, Mfl.,
1100 Einwohner.
3. Sensburg, St. zwischen mehreren Seen, 6500 Einwohner? Nikolaiken^,
St. an dem hier auch von der Eisenbahn überbrückten Talter See, 2300 Ein-
wohner, Fischfang, berühmt sind die Maränen? südwestlich von N. in der
Gegend von Alt-Ukta sind die Philipponen (s. S. 31) angesiedelt? ihr
Hauptort Eckersdorf. Bei Alt-Ukta der schöne Crutinna-Fluß und weiter
im 8^V des Kreises Sensburg bis nach dem Kr. Iohannisburg hinein die
Glanzpunkte Masurens: Rudczanny und der Nieder See.
4. Lötzen, St. am Löwentin-See, 7000 Einwohner, Gymnasium? großer
Holzhandel? Dampfschiffahrt. Im W die Festung Boyen, welche dic hier
zwischen Löwentin- und Mauer-See vom 80 nach dem übrigen Ostpreußen
hindurchführende Hauptstraße deckt. Die eigentümliche Anordnung der Seen
gestattet, wenn man von der neuen Eisenbahnbrücke bei Nikolaiken über den
Talter See absieht, erst viel weiter im 3 über Iohannisburg und Rudczanny ein
Umgehen dieses Wasserpasses? südöstlich von LötzenWidminnen, Mfi., 1100 Ein-
wohner. Rhein, St. am Nordende des Talter Sees, 1900 Einwohner? Straf-
anstalt für weibliche Verbrecher in dem hochgelegenen ehemaligen Ordensschloß.
5. Ungerburg, St. an der Angerapp unweit ihres Austritts aus dem Mauer-
See. 5800 Einwohner, Lehrerseminar, Taubstummen-Anstalt, Krüppelheim.
Nicht unwichtiger Bahnknotenpunkt. Schiffahrt bis zum Nieder und Rosch-See.
6. Iohannisburg, St. am Ausfluß des Pissek aus dem Rosch-See,
4300 Einwohner? das früher wichtige Schloß liegt nordöstlich der Stadt,
östlich von Iohannisburg Vialla i. Oftpr., St., 2150 Einwohner? nordöstlich
Arns, St. am Abfluß des Arys-Sees, 2200 Einwohner, großer Truppen-Übungs-
und Artillerie-Schießplatz. An der Nordostecke des Spirding-Sees Eckers-
berg, D.? hier 1361 Kynstut gefangen.
7. Lnck, St., schön gelegen am Lyck-See und -Fluß 2, 13500 Einwohner.
Wichtiger Mittelpunkt für den 30 Ostpreußens. Landgericht, Gymnasium, Lyzeum.
Westlich Klaußen. D., meteorologische Station. Prostken, Mfl., 2700 Ein»
wohner, Grenzbahnhof? 18. Oktober 1656 Sieg der Polen und Tataren, worauf
eine furchtbare Verwüstung des Landes bis Angerburg und Hohenstein folgte.
' S. Vilderanhang 3. 68 . -
-
5. Vilderanhang 5. 69 .
Landschafts- und Ortschaftskunde.
8. Oletzko^ oder Marggrabowa, 5t. am gleichn. See, 5400 Einwohner,
Landwirtschafts- und Realschule? merkwürdig der 6 lia große Marktplatz.
Nordöstlich Mierunsken, Mfl. am gleichn. See, 1350 Einwohner. In
diesem Kreise die Seesker Höhe.
Ostpreußische Orte mit mehr als 50N0 Einwohnern.
(Am 1. Dezember 1910).
Königsberg
Tilsit
NIlenstem
Insterburg
Memel
Gumbinnen
245994
39013
33077
31624
21470
14540
Osterodei.Ostpr. 14 364
Vraunsberg
Lyck
Rastenburg
13601
13428
11945
Goldap
Vartenstein
Mau
Lätzen
Sensburg
Heilsberg
Schmelz
Tapiau
Angerburg
Stallupönen
9496
7343
7079
6945
6492
6082
6016
5986
5754
5646
Z. Weftpreuken
Wormditt
Eydtkuhnen
Ragnit
Ortelsburg
Vischofsburg
Marggrabowa
Wehlau
Neidenburg
Euttstadt
5559
5540
5535
5478
5428
5391
5288
5060
5039
ist geteilt in die Reg. -Vez. Danzig. 7957 qkm, 742619 Einwohner, mit
12 Kreisen, und Marienwerder, 17583 qkm, 960855 Einwohner, mit
17 Kreisen.
Die Kreise des Reg. -Vez. Danzig sind (in der amtlichen Reihenfolge):
1. Stadtkr. Elbing, 2. Landkr. Elbing. 3. Marienburg. 4 . Stadtkr. Danzig,
5. DanzigerNiederung, 6. DanzigerHöhe, 7. Dirschau, 8. Pr.-Stargard, 9. Verent,
10. Karthaus, 11. Neustadt. 12. Putzig.
Die Kreise des Reg.- Vez. Marienwerder: 1. 5tuhm, 2. Marienwerder,
3. Rosenberg, 4. Löbau, 5.Strasburg, 6. Vriesen. 7. Stadtkr. Thorn. 8. Landkr.
Thorn, 9. Kulm, 10. Stadtkr. Graudenz, 11. Landkr. Graudenz. 12. Schwetz,
13. Tuchel, 14. Konitz, 15. Schlochau, 16. Flatow, 17. Deutsch-Krone.
l. Das Niederungsgebiet des Neg. -Vez. Danzig
umfaßt die Kreise:
l.
2.
3.
Danzig,
Ltadtkreis
Danziger Höhe
(zum Teil)
Danziger
Niederung
Große
qkm
32
422
476
Bevölkerung
170337
53506
36345
auf
1 qkm
—
127
78
4.
5.
6,
7.
Dirschau (Z.Teil)
Marienburg
Elbing,
Stadtkreis
Elbing, Land-
kreis (z. Teil)
Große
qkm
467
806
12
615
Bevölkerung
42723
62999
58636
38611 ,
auf
l qkm
91
78
—
62
i Den Namen Oletzko trug früher nur das 3chloh. Die Ztadt heißt amtlich
Marggrabowa, der Kreis Oletzko.
L. Westpreußen.
47
Die eigentlichen Niederungen des Weichseldeltas (s. 5 . 13) gehören zu den
fruchtbarsten Gegenden Deutschlands. Das Land ist meistens völlig eben, von
Zahllosen, mit gestutzten Weidenbäumen eingefaßten Gräben durchzogen. Da
es tief liegt, sorgen zahlreiche Windschöpfmühlen und mit Dampf betriebene
2chöpfwerke für die Fortschaffung des Wassers. Viel Weizen- und Zucker-
rübenbau. Ausgedehnte Viehzucht. Die erheblich dichte, wohlhabende Ve-
völkerung (Vergleich mit den anderen Kreisen!) ist meistens evangelisch und
deutsch. Einige Polen in den Kreisen Dirschau und Danziger Höhe. Die
Mennoniten haben hier ihren Hauptsitz im Deutschen Reiche.
1. Danzig, Hauptstadt der Provinz, Festung ersten Ranges, zu beiden
2eiten der vertieften und verbreiterten Mottlau, dicht vor ihrer Mündung in
die Danziger Weichsel. 1910: 170000 Einwohner, 55° 21' 18" n. Vr.,
18° 39' 54" östl. L. v. Gr. (kleine Sternwarte).
3itz der obersten Behörden der Provinz, Landgericht, Technische Hochschule in
Langfuhr, Navigations- und Kunstschule, 2 Gymnasien, Realgymnasium, Oberreal-
schule, Viktoriaschule, mehrere Mittel- und viele andere Zchulen, städtische Bibliothek,
im ehemaligen Franziskanerkloster städtische Gemäldegalerie und wissenschaftliche
sammlungen. Naturforschende Gesellschaft.
An der Weichselmündung mußte ein ätapelplatz für die Erzeugnisse des weiten
Flußgebietes und für die von der 5ee nach demselben einzuführenden Waren entstehen.
2o ist der Ursprung Danzigs sehr alt- 955 wurde es zur Hauptstadt Oberpommerns
oder Pommerellens erhoben. 997 landete Adalbert von Prag in „Gyddanizc" und fand
hier schon viele Christen. 1107 wurde Pommerellen ein selbständiges Herzogtum und
bas c»8trum Oclansk 5itz der Herzoge. Die älteste Danziger Urkunde enthält die 1178
hier vollzogene ätiftung des Klosters Oliva. Bald siedelten sich lübische Kaufleute in
größerer Zahl hier an, und es entstand neben dem meist von 5lawen bewohnten
„Hakelwerk" eine Gemeinde, die nach der Gründung der Rechtstadt die „alte 5tadt"
genannt wurde. 131l) kam mit Pommerellen auch Danzig an den Deutschen Orden,
und es begann für die Ztadt eine Ieit mächtigen Aufschwungs' die Ritter bauten das
Herzogliche ächloß zu einer festen Burg aus, gründeten eine neue deutsche Ansiedlung
auf dem südlichen Ufer der Mottlau, „die Rechtstadt", mit kulmischem Recht und
führten eine Reihe großartiger Bauwerke (Ableitung der Radaune, Weichseldämme usw.)
aus. Die reiche 5tadt wurde um 135l) Mitglied der Hansa. Nach der Zchlacht bei
Tannenberg kam es zu erbitterten Streitigkeiten Zwischen Ztadt und Orden (Ermordung
ber Bürgermeister Letzkau und Hecht durch den Komtur Heinrich Reuß von Plauen),
bie 1454 den Anschluß Danzigs an Polen herbeiführten. Das Ordensschloh und die
1380 zum Lchaden der 3tadt angelegte Iungstadt wurden gründlich zerstört. 1466 kam
Danzig mit Westpreußen unter die Herrschaft des Königs von Polen, war aber, da
lhm das Münzrecht, eigene Gerichtsbarkeit, Iollfreiheit und die Entscheidung über
Krieg und Frieden zustand, eigentlich eine freie 5tadt unter polnischem schütz. Es
blieb auch unter polnischer Herrschaft ein festes Bollwerk des Deutschtums. Die
Deformation fand früh Eingang. Die Glanzzeit Danzigs fällt ins 16. und 17. Jahr-
hundert' aus dieser Ieit stammen auch die zahlreichen stattlichen Privatbauten. In
uie Kriege Polens wurde die 5tadt oft genug verwickelt, aber es gelang, die dadurch
herbeigeführten öchädigungen durch den aus dem Handel fließenden Reichtum immer
wieder zu ersetzen. 5o belagerte 1577 Ztephan Bathory die ötadt' sie war am
Schwedisch-Polnischen Erbfolgekrieg, am Nordischen und am Polnischen Erbfolgekrieg, wo
sie für ätanislaus Lesczynski Partei nahm, beteiligt. 1734 hatte sie eine harte Be-
lagerung durch die Russen zu bestehen (Russisches Grab). Als 1772 Westpreußen, aber
noch ohne Danzig, preußisch wurde, verlor dieses durch seine isolierte Ltellung an
politischer Bedeutung und als Handelsstadt furchtbar. Die Einwohnerzahl ihres Gebietes
sank von etwa 60000 auf 36700 im Jahre 1793. Da wurde die Stadt preußisch und
erholte sich schnell, bis der Unglückliche Krieg begann' 1807 wurde Danzig nach tapferer
Verteidigung unter Kalckreuth am 27. Mai zur Ergebung gezwungen und hatte
20 Millionen Francs Kriegssteuer Zu zahlen? es wurde dann im Tilsiter Frieden zu
48
Landschafts- und Ortschaftskunde.
einer freien Stadt erklärt mit einem Gebiet von zwei Meilen im Umkreise, mußte
aber eine französische Besatzung unter Rapp aufnehmen und unterhalten. Die frei-
staatliche Herrlichkeit kostete der Stadt 49 Millionen Mark, und als sie 1814 ihr Ende
erreichte, waren noch fast 30 Millionen Mark Schulden zu tilgen. Die Leiden während
der Belagerung durch die Preußen und Russen bis zum 28. Dezember 1813 waren
entsetzlich gewesen. Ein Pfund Nutter kostete schließlich 18 Mark, ein Scheffel Getreide
120 Mark. Erst allmählich erholte sich die Stadt, 1860 hatte sie schon wieder ein
Kapitalvermögen von 2 Millionen Mark. Eine neue Periode der Entwicklung beginnt
1863, als Geh. -Rat von Winter an die Spitze der Verwaltung trat. Die Anlegung
der großartigen Wasserleitung und der damals in ihrer Art einzigen Kanalisation ist
sein Werk' die Schulen hatten sich seiner besonderen Fürsorge zu erfreuen, und die
Erhebung Westpreußens zu einer eigenen Provinz und Danzigs zu ihrer Hauptstadt
ist im wesentlichen sein Verdienst.
Durch seine Vauten ist Danzig eine der interessantesten Städte Deutschlands, es
hat trotz mancher in der Neuzeit erforderlichen Veränderungen das altertümliche Gewand
noch treulich bewahrt. Mit feinem Verständnis für die Schönheit der Bauformen
früherer Zeiten hat man die großen öffentlichen Gebäude der Neuzeit im Stile des
16. und 17. Jahrhunderts aufgeführt und dadurch die Schönheit der Stadt gehoben.
Wohl darf man sie mit Nürnberg und anderen Städten vergleichen, die berühmt sind,
weil sie noch ihr Aussehen aus früheren Zeiten erhalten haben. A . v . Humboldt be-
zeichnete Danzig als eine der schönsten Städte der Welt. Durch die Niederlegung der
alten Vefestigungswerke hat die Stadt wieder viel gewonnen. 1878 wurde Danzig
die Hauptstadt der neuen Provinz Westpreußen. Am Ende des 19. Jahrhunderts fielen
die alten inneren Wälle. Hier entstand ein neuer schöner Stadtteil und der große Haupt-
bahnhof. Der seit 1899 in Neufahrwasser fertiggestellte Freihafen und der 1904 er-
öffnete Kaiserhafen haben den Handel wesentlich gefördert.
Die Hauptteile Danzigs sind: die Recht-, Alt- und Niederstadt, ferner die Vorstadt
im W des Hauptgrabens, die Speicherinsel zwischen den Armen der Mottlau und der
üanggarten im 8. Der großartigste ist die vom Deutschen Orden begründete Rechtstadt.
Sie enthält die Langgasse mit dem Rathause (Turm 85 m), den Langen Markt mit
dem Artushofe (jetzt Börse) und dem Neptunsbrunnen ^, das Hohe Tor, das Zeughaus
(1605) und vor allem die evangelische Oberpfarr- oder Marienkirche, 1343-1503 erbaut,
wohl die größte protestantische Kirche Deutschlands, 112 m lang, 45 m breit, 31 m hoch,
mit vielen Schätzen, darunter „Das jüngste Gericht", ein Gemälde! sie soll 25000 Menschen
fassen. Grab des Martin Opitz. Eine der zu ihr führenden Straßen, die Frauengasse^,
ist ganz unverändert geblieben und besitzt auch noch die „Beischläge", Plattformen vor
den Häusern, zu denen Treppen von der Straße emporführen. Von neuen Gebäuden
sind die großartigsten: die Regierung, das Landeshaus, die Sparkasse, die Oberpost-
direktion, die Reichsbank. Iu ermähnen ist auch noch das den Langen Markt ab-
schließende Grüne Tor, in dessen Bau sich die wertvollen Sammlungen des Westpreußischen
Provinzial-Museums befinden, und die Katharinenkirche, die älteste der Stadt, 1185
gegründet, das Kaiser-Wilhelm- und das Krieger-Denkmal. Danzig ist der Geburts-
ort mehrerer berühmter Männer, darunter Clüver, Fahrenheit (Thermometer), Archenholz,
Chodowiecki, Schopenhauer, Rob. Reinick.
Das Eroßgewerbe erzeugt: Bernsteinwaren, Papier, Spirituosen, Tabak, Leder,
Maschinen.
—
Mühlenwerke, Brauereien; vor allem ist Danzig Handelsstadt; aus-
geführt werden: Getreide, Holz, Eisenwaren; eingeführt: Kolonialwaren, Heringe,
Kohlen, Petroleum.
An der Weichsel abwärts Schiffswerften, darunter die große Kaiserliche Werft und
die Schichausche, die zu den größten der Welt gehören.
Von den Zahlreichen Vorstädten sind die wichtigsten: Langfuhr, 4 km nordwestlich,
durch eine schöne Lindenallee mit Danzig verbunden; Realgymnasium, v. Conradisches
Erziehungs-Institut (Conradinum) mit Realschule und Progymnasium; Lehrerseminar
und Präparandenanstalt. Schidlitz im W, Neufahrwasser, 8 km nördlich, der Vor-
hafen, links der Weichselmündung; gegenüber Weichselmünde (Festung) und der Bade-
ort Westerplatte.
1 S. Vilderanhang 3. 77 .
2 2. Bilderanhang S. 77.
8. Westpreußen.
49
2. Die Umgegend Danzigs ist mit Recht wegen ihrer landschaftlichen Schönheit
berühmt: in Frage kommen dabei die Orte im KIW am Rande der Danziger Höhen,
die sich weiterhin nach dem Pommerellischen Höhenzug fortsetzen; Iäschkenthal bei
Langfuhr; Oliva, Mst., 7000 Einwohner, 9 km nordwestlich von Danzig. Hier wurde
1178 ein Iisterzienserkloster gestiftet, dessen Mönche bald eine segensreiche Tätigkeit
in den unteren Weichselgegenden begannen; die große Kirche desselben besitzt eine
prachtvolle Orgel. Friede 1660. Das Haus der Äbte jetzt Königliches 2chloß mit
herrlichen Gartenanlagen^; dicht dabei der Karlsberg mit weiter Aussicht. Am Meer
der Vadeort Brösen; weiterhin goppot^, 2t., 15000 Einwohner, 13 km von Danzig,
besuchtes 2eebad, viel großartiger als die samländischen Badeorte, Reform-Realgymnasium
mit Realschule. Lüdlich von Danzig Ohra, stadtähnliches Dorf, 110N0 Einwohner,
und weiterhin Praust, D., 2900 Einwohner, an der Radaune; große Baumschule.
3. In der Danziger Niederung links der Weichsel liegt eine Reihe wohl-
habender Ortschaften. Rechts der Weichsel, auf der sogenannten Danziger Nehrung,
Heubude, D.,
fast 3000 Einwohner, Rieselfelder, Flunderfang. Weichsel-
münde, D.,
neben der Festung, 1500 Einwohner. Neufähr, D. (über die
Weichselmündung s.S.ii f.). Stutthoff, D., 2500 Einwohner, an Mündungs-
armen der Elbinger Weichsel. Auf der Frischen Nehrung Kahlberg, ein
Vadeort; von der Höhe der Düne weite Aussicht über das Haff nach den
Elbinger Höhen und bis Zum Frauenburger Dom; Leuchtturm.
4. Dirschau, 3t. am linken Weichselufer, 17 000 Einwohner, Reform-Realgym-
nasium, Lyzeum; Zchiffahrt, Maschinen, Ziegeleien, Zuckerfabrik; großer Vahnhof.
Die alte, 837 m lange Eisenbahnbrücke über die Weichsel, 1850—57 erbaut, war
damals eine der größten Brücken der Welt. 3ie dient jetzt als Fahrbrücke. Eine
neue, zweigleisige Brücke, dicht unterhalb der alten (sechs Öffnungen mit 129 m 2tütz-
weite, im ganzen 785 m lang), ist 1891 vollendete
Südlich Dirschaus Pelplin, D.,
3500 Einwohner. 1274 gestiftetes gister-
zienserkloster; 5itz des Bischofs von Culm; die prächtige Klosterkirche ist jetzt
die Kathedralkirche. Priesterseminar.
5. Marienburg, 2t. am rechten Ufer der Nogat, 14000 Einwohner, war
1309-1457 Hauptstadt des Ordensstaates.
1457 mußte der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen 2chloß und 2tadt wegen rück-
ständiger Forderungen den böhmischen2öldnern unter Ulrich Czirwenkaüberlassen, diese lie-
ferten sie den Polen aus. Zwar gewann der Bürgermeister Bartholomäus Blume die 2tadt
noch einmal für den Orden, mußte sie aber 1460 wieder den Polen übergeben und wurde
hingerichtet (Denkmal).—
Lehrerseminar, Gymnasium, Landwirtschaftsschule, Lyzeum mit
Oberlyzeum, Taubstummenanstalt, neue Eisenbahnbrücke; die alte dient als Fahrbrücke.
Das berühmteste Bauwerk der 2tadt ist die Marienburg <; der erste Teil, das
Hochschloß, wurde 1274—76 vom Landmeister Konrao von Thierberg angelegt, der
Zweite, das Mittelschloß, entstand an der 5telle der ursprünglichen Vorburg nach 1309,
als der Hochmeister seine Residenz nach der Marienburg verlegte, und zugleich eine
neue, ausgedehnte, jetzt verschwundene Vorburg. 2ie sollte einmal das Haupthaus
des halbmönchischen Ordens, dann die Residenz des Hochmeisters, der allmählich ein
mächtiger Landesherr wurde, und schließlich eine feste Wehrburg sein. Um diesem
Iweck zu genügen, wurde sie stark befestigt und laßt deshalb von außen nicht ahnen,
welch herrliche Räume sie enthalt. Die Ritter wohnten im Hochschloß, der Hochmeister
im Mittelbau, der wohl unter Winrich von Kniprode seine Vollendung erhielt. Die
großen 2ale des Hochschlosses 5, die beiden Hochmeisterremter sind vollendete Meister-
merke der gotischen Baukunst und haben mit ihren wundervollen Spitzbogengewölben,
die auf schlanken Pfeilern ruhen, nur wenig Ebenbürtiges in der Welt. Unter der polnischen
und im Anfang der preußischen Herrschaft verfiel die herrliche Burg; man hatte kein
i 5. Bilderanhang S. 76. -
-
Schon im Kreis Neustadt. 5 . Bilderanhang 5. 74 .
» 2. Bilderanhang 2. 73.
-
^ 2. Bilderanhang 2. 78.
-
^ 2. Biloeranhang 2. 78.
Lullies, Landeskunde von Ost- und Westpreußen. 7 . Aufl.
4
50
Landschafts- und Ortschaftskunde.
Verständnis für ihre Zchönheit, schlug die Gewölbe ein, zog gerade Balkendecken
hindurch und benutzte die Räume teilweise als Getreidespeicher. Erst als man im An-
fange des 19. Jahrhunderts auf die Herrlichkeiten der Marienburg aufmerksam wurde,
und sich auch der spätere König Friedrich Wilhelm IV. dafür zu interessieren begann,
fing man die Wiederherstellung 1824 an. In den letzten Jahren ist rüstig gearbeitet
worden, und in einiger Ieit wird der stolze Vau in seiner früheren öchönheit wieder-
erstanden sein.
—
Denkmal Friedrichs d. Er.
In der fruchtbaren Umgebung und im Maiienburger Werder viele große,
reiche Ortschaften. Zuckerfabriken. Neuteich, 5t. in der Mitte des Werdes,
2650 Einwohner? Tiegenhof, 5t. am Eintritt des Weichsel-Haff-Kanals in
die Tiege, 2900 Einwohner, Realschule.
6. Elbing, 5t. am Elbingfluß: 1237 wurde die Vurg und zugleich von
Lübeckern in der Nähe des alten Handelsortes Truso (Drausen-5ee) die 5tadt
gegründet, 59 000 Einwohner.
Durch seine Beziehungen zu Lübeck wurde Elbing früh Mitglied der Hansa und
erlangte große Bedeutung. 1454 sagte es sich vom Orden los und nahm nach 1466
ähnlich wie Danzig die 5telle eines Freistaates unter polnischem Lchutze ein. Es trat
früh zur Reformation über und erfreute sich, trotz mancher ätreitigkeiten mit Danzig,
von einigen angesehenen Familien regiert, eines behaglichen Wohlstandes- es entstand
neben der Altstadt ^ die. 5peicherinsel und die Neustadt. 1626 wurde Elbing
von Gustav Adolf besetzt und befestigt (die Festungswerke sind später niedergelegt) i
damit begann für die 5tadt, die unaufhörlich bei den polnischen Kriegen in Mit-
leidenschaft gezogen wurde, eine harte Ieit. Erst 1772 wurde es anders, als Elbing
an Preußen kam und, da Danzig noch selbständig blieb, auf Kosten dieser 5tadt von
Preußen in jeder Beziehung gefördert wurde. Dieser Aufschwung dauerte aber nur
bis zur Erwerbung Danzigs durch Preußen 1793. Im Unglücklichen Krieg hat Elbing
schwer gelitten, hat sich dann aber wieder erholt und ist jetzt eine wichtige Industrie-
stadt geworden. Weltberühmt ist die Maschinenfabrik und ächiffswerft von ächichau-
seine Torpedoboote gelten als die besten der Welt. Ferner gibt es eine große Tabak-
fabrik, Mühlenwerke, Webereien, Brauereien,Likörfabriken. —
Landgericht, Gymnasium,
Oberrealschule mit Reform-Realgymnasium, Lyzeum mit Oberlyzeum.
—
Durch den
Oberländischen Kanal ist dem Elbinger Handel ein weites Hinterland erschlossen.
7. Östlich von Elbing die Kolonie Pangritz, 3000 Einwohner. Im llO
Elbings die Trunzer Höhen, mit reizenden Landschaften. Vielbesuchte Orte sind:
Vogelsang, Weingrundforst, Panklau (herrliche Vuchen) und weiterhin
am Haff Eadinen" mit den Ruinen eines Vernhardinerklosters, kaiserliches
Vesitztum? Majolikafabrik. 5chon jenseits der Höhen Tolkemit, 5t. am Haff,
3300 Einwohner, Fischerei, Töpferei. 5üdlich von Elbing die üppige, sehr tief
liegende Elbinger Niederung (s. 5. 13). Östlich von Elbing Eüldenboden, D.
II. Das Hochland des Neg. - Vez. Danzig, Nordpommerellen (die Kaschubei)
umfaßt die Kreise:
1. Preußisch-5targaro
2. Verent
3. Karthaus
4. Neustadt
5. Putzig
oße
qkm
1055
1239
1398
852
582
Vevülkerrmg
65426
55976
69891
61620
26548
auf
1 qkm
62
45
50
72
46
Dazu gehören auch Zum Teil die Kreise Danziger Höhe und Dirschau.
5. Bilderanhang 3. 79.
-
° 5. Bilderanhang 2. 76.
8. Westpreußen.
51
Diese Landschaft ist nicht sehr ergiebig. Katholiken überwiegen (gegen 70 °/o).
Die größere Westhälfte wird von den Kaschuben bewohnt, einem besondern
slawisch-wendischen Volksstamm. Die Kaschubei reicht nach 3 bis an die obere
Vrahe, den Müskendorfer 3ee und den Nekwarz-Fluß, also bis in die Kreise
Konitz und Schlochau hinein. Die Kaschuben sind noch in mancher Hinsicht
rückständig geblieben- deshalb machen Gehöfte, Felder, Äcker und Leute einen
ganz andern Eindruck als in den von Deutschen bewohnten Gegenden. -
Im
Gebiet der Radaune-Seen große Waldungen.
1. Preußisch - Stargard, St. an der Ferse, schon 1198 genannt, vom
Deutschen Orden an ihre heutige Stelle verlegt, 10 500 Einwohner, Gymnasium.
2. Verent. 3t. an der Ferse, 6500 Einwohner, Lehrerseminar, Pro-
gymnasium. Zwischen Verent und Dirschau Schöneck, St. an der Fietze,
3400 Einwohner.
3. Karthaus, Flecken in reizender, waldiger Gegend (Marienparadies)
Zwischen Zwei Seen, 3250 Einwohner, ehemaliges Kartäuserkloster- 15 km
lüdsüdwestlich von Karthaus liegt Schönberg i. Kr. Karthaus, Westpreußens
höchstes Dorf, 250 m, dabei der Turmberg (s. 3 . 2).
4. Neustadt i. Westpr.,
St. unweit der Nheda, 9900 Einwohner.
Gymnasium, Lehrerseminar, Irrenanstalt.
Im 8 und 30 Neustadts überraschend schöne Gegend. In den Vächen, welche
die waldigen Täler durchrauschen, Forellenfang: Eisen- und Kupferhämmer, südöstlich
Neustadts Gdingen, D., unweit der Küste, hier häufig größere Flottenmanöver.
5. Putzig, St. am Putziger Niek, 2200 Einwohner, im 3 Rheda in
Westpr., Dorf am gleichnamigen Fluß. Auf dem breiten Ende der Landzunge
Hela der Flecken Hela, 400 evangelische Einwohner, ein alter, ebenso wie
die vier anderen Dörfer der Halbinsel (diese mit polnischer, katholischer Ve-
völkerung) ziemlich weltverlassener Ort, neuerdings Badeort geworden. Auf
der Landspitze unweit der Wurzel der Landzunge der wichtige Leuchtturm
Rixhöft. Auf der Halbinsel selbst stehen Leuchttürme in Heisternest und Heia.
III. Das Gebiet des Reg.-Vez. Marienwerder im Osten der Weichsel
(Pomesanien und Culmerlandj
umfaßt die Kreise:
I, 5tuhm
Marienwerder
Nosenberg
üöbau
5trasburg
Vriesen
Eraudenz,
Ltadtkreis
qkm
641
958
1041
970
1061
706
19
Bevölkerung
36527
68462
54550
59037
62142
49506
40325
1 qkm
57
71
52
61
59
70
—
8.
9.
10.
11.
Eraudenz,
Landkreis
Culm
Thorn.
Ztadtkreis
Thorn,
Landkreis
qkm
779
724
—
903
Bevölkerung
48818
50069
46227
59317
1 qkm
63
69
—
66
Nach w und I>IW fallt es zu den Weichselniederungen ab, im 30 geht
es in Masuren über. Der Voden Pomesaniens ist im ganzen fruchtbar.
Größere Wälder im Kr. Nosenberg- das Culmerland, zwischen Ossa und Drewenz,
52
Landschllfts- und Ortschaftskunde.
hat ausgezeichneten Weizenboden. Viel Zuckerrübenbau. Größere Wälder
sind der Thorner 5tadtforst, der Drewenz- und der Iamminer Wald. Die
Bewohner sind im 3 bis zur Ossa und im Kreise 3tuhm polnische Katholiken,
in der Mitte und in der Weichselniederung evangelische Deutsche, im 30 wie
im ostpreußischen Masuren Polnisch sprechende Evangelische.
1. ötuhm, 5t. Zwischen zwei 5een, 3100 Einwohner. Die Burg war
früher sehr wichtig- große Torfstiche. 4 km südwestlich 5tuhmsdorf, dabei
an der 5telle, wo 1635 der Waffenstillstand zwischen Polen und Schweden
geschlossen wurde, der 5chwedenstein; östlich Christburg, 5t. a . d . 5orge,
3000 Einwohner. Die wichtige, 1248 unweit einer Heidenfestung angelegte
Burg war 5itz des Ordenstrappiers und 5chauplatz vieler Kämpfe. In der
Nähe sind bei Nachgrabungen in dem sumpfigen Tale der 5orge zwei große
Moorbrücken gefunden worden, aus Eichenbohlen hergestellte 3traßendämme,
die aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. stammen mögen. Die nördlichere ist
1231 m lang. 3ie dienten wohl der Zicherung des Verkehrs auf der großen
Bernsteinstraße nach dem 3amlande.
2. Marienwerder. Hauptstadt des Reg.- Bez., auf dem Abhang einer
Anhöhe an der Liebe, 13 000 Einwohner.
Negierung, Oberlandesgericht' Gymnasium- Lyzeum mitOberlyzeum; Unteroffizier-
schule; Landgestüt i große evangelische Domlnrche, in der drei Hochmeister und die
Bischöfe von Pomesanien, welche hier anfangs residierten, begraben sind. 1440 wurde
hier der Preußische Vund der ötädte und ätände gegen den Orden geschlossen. 1772 wurde
Marienwerder die Hauptstadt Nestvreußens ^. — Die Eisenbahnbrücke über die Weichsel
bei Marienwerder, die zugleich als Fahrbrücke dient, ist 1060 m lang.
3üdlich Garnsee, 5t., gegen 1000 Einwohner. Ein Teil des Kreises
Marienwerder liegt links der Weichsel, darin Mewe, 5t. an der Mündung der
Ferse in die Weichsel auf hohem Ufer, 3800 Einwohner, Realschule, 5trafanstalt.
3. Rosenberg i. Westpr., 5t. östlich von Marienwerder, 3200 Einwohner;
nördlich 5chloß Finckenstein, Napoleons I. Hauptquartier im Frühjahr 1807;
nordwestlich Riesenburg, 5t. auf einer Anhöhe an der Liebe, Realschule,
5050 Einwohner, 1276-1523 Residenz der Bischöfe von Pomesanien; südlich
von Rosenberg Freystadt i. Westpr., 5t., 2600 Einwohner. Im 0 des Kreises
Deutsch-Eylau, 5t. am Geserich-5ee, 10100 Einwohner, Kreuzungspunkt der
Thorn^Insterburger und Marienburg^MIawkaer Bahn; Gymnasium; 5chiffahrt,
Märkte, Getreidehandel,- südöstlich an der Ossa Vischofswerder, 5t., 2300 Einw.
4. Löbau i. Westpr., 5t., 5400 Einwohner, Lehrerseminar, Progymnasium;
im () die Kernsdorfer Höhe. 5üdwestlich Neumark i. Westpr., 5t. an der
Drewenz, 4150 Einwohner, 5itz des Landratsamts; Progymnasium; etwas
oberhalb Neumark Maria-Lonk, Wallfahrtsort; südlich Kauernik, seit
1905 Landgemeinde, an der Drewenz, 850 Einwohner, Lager des Ordens-
heeres vor der 5chlacht bei Tannenberg.
5. Strasburg i. Westpr., 5t. zu beiden 5eiten der Drewenz, 8000 Ein-
wohner, Gymnasium. 5üdöstlich an der Grenze Gorzno, 5t., 1650 Einwohner;
weiter nordöstlich Lautenburg, 5t., 4000 Einwohner.
6. Vriesen i. Westpr., 5t., 8200 Einwohner, Reform-Realprogymnasium;
in der Landgemeinde Wittenburg i. Westpr. ein evangelisches Predigerseminar;
l S. Vilderanhang 5. 79.
8. Westpreußen.
53
südlich davon Eollub, 2t. an der Drewenz, 3100 Einwohners südwestlich
3chönsee i.Westpr.(polnischKowalewo),FI.,3400 Einwohner, einst wichtige Vurg.
7. Graudenz> 5t. auf dem hohen rechten Ufer der Weichsel, schon zur
Heidenzeit vorhanden, 40 000 Einwohner, Landgericht, Strafanstalt- Lehrer-
seminar, Gymnasium, Oberrealschule, Lyzeum mit Oberlyzeum; lebhafte Gewerb-
tätigkeit, Schiffahrt und Handel; große Eisenbahnbrücke, 1092 m lang (Trinke-
Kanal s. 5. 14). Schöne Umgegend. 2 km nördlich die Feste Courbiere, hieß
früher Festung Graudenz, von Friedrich d. Er. angelegt, 1807 von Courbiere
tapfer verteidigt.
8. Südöstlich von Graudenz Rehden, St.,
aus dem heidnischen Radzin
entstanden, 2000 Einwohner,-
die Burgruine ist sehr sehenswert. Östlich von
Graudenz Lessen, St.,
2700 Einwohner.
9. Culm, St. auf dem hohen rechten Ufer der Weichsel, 2 km vom Strom,
11700 Einwohner.
Der Ort bestand schon vor Ankunft des Deutschen Ordens, erhielt 1222 das erste
preußische Vistum, das bis 1466 dem Erzbischof von Riga, dann dem Erzbistum
Enesen untergeordnet war, und 1233 zu Weihnachten als erster Ort in Preußen vom
Orden Ztadtrecht. Das Privilegium, welches die Rechte und Pflichten der Vürger
mit Zugrundelegung des Magdeburgischen Rechtes enthält, ist die sogenannte Culmische
Handfeste. Diese wurde später fast allen Ordensstädten verliehen, daher culmisches
Recht, culmisches Maß usw. Unter der Ordensherrschaft stand Culm in hoher Vlüte,
war Hansastadt, sank aber nach 1466 und hat seinen alten Rang nicht wiedererlangt.
Cs stand ursprünglich beim Dorfe Althausen und ist 1250 an seine heutige 5telle
verlegt worden. —
Gymnasium, Realschule, Lyzeum.
10. Thorn, Stadt und Festung ersten Ranges auf dem rechten Ufer der
bei Hochwasser fast 800 m breiten Weichsel, 46 300 Einwohner.
Von hier aus begann der Orden die Eroberung Preußens; gleichzeitig mit Culm
erhielt Thorn 5tadtrecht und wurde 1235 an seine heutige Ltelle verlegt. Es erhielt
ätapelrecht, wurde Mitglied der Hansa und erlangte bald große Bedeutung. Es fiel
1454 zuerst vom Orden ab und blieb bis 1793 polnisch. Glücklich war diese Zeit für
Thorn nicht. (1724 die Thorner Tragödie.) 5chon 1550 wurde die Reformation ein-
geführt; 1807—13 gehörte Thorn zum Großherzogtum Warschau. Friedensschlüsse
1411 und 1466. —
Landgericht, Gymnasium, verbunden mit Reform-Realgymnasium,
Lyzeum mit Oberlyzeum, zwei Lehrerseminare und Präparandenanstcilten. — Lebhafter
Handel mitHolz,Getreide,5leinkohlen, Kolonialwaren usw.; Zchiffahrt, Maschinen-, 5eife-,
Tabakfabriken. Berühmt sind die Thorner Pfefferkuchen. -
ätattliche Ztraßen, schönes
Rathaus«, davor das Ztandbild des Kopernikus, der in Thorn 1473 geboren wurde,
(leri-ao motor, 8nli8 cneliqu« 8tatol-. ) Große, fast 1 km lange Eisenbahnbrücke.
-
Nahebei nördlich der 1906 eingemeindete Vorort Mocker.
11. Südlich Podgorz, Fl., 3700 Einwohner, 8 km westlich von Thorn
Alt-Thorn a. d. Weichsel; hier stand die Heidenburg Turno, welche der
Orden verstärkte, und neben der Thorn ursprünglich lag. Nördlich Culmsee,
St. an einem See, 10 600 Einwohner, zeitweise Residenz der Bischöfe von
Culm; schöne Kirche mit der Grabstätte Siegfrieds von Feuchtwangen. Reform-
Nealprogymnasium. Größte Zuckerfabrik Deutschlands. Südlich von Thorn
Ottlotschin, links der Weichsel, Grenzbahnhof.
! Das gegenüberliegende polnische Dobrzyn war nicht der 5itz des Ritterordens
von Dobrin, der sich bald mit dem Deutschen Orden vereinigte. Das Dobrzin, nach
dem er sich nannte, liegt rechts der Weichsel, oberhalb der Drewenzmündung.
2 S. Vilderanhang 5. 80.
-
» 5. Vilderanhang S. 80 .
54
Landschafts- und Ortschaftskunde.
IV. Das Gebiet des Reg. -Vez. Mariemverder im Westen der Weichsel
(Südpommerellen; die Tuchler Heide)
umfaßt die großen Kreise:
1. 2chwetz
2. Tuchel
3. Konitz
4. Lchlochau
1670
857
1417
2138
89712 54
33951 40
63723 45
67157 31
5. Flatow
1528
69186 ^ 45
6. Deutsch-
Krone
2153
62182 29
Es ist eine wellige, nicht sehr fruchtbare, im V/ seenreiche Hochebene mit
ausgedehnten Waldungen. Am größten ist das Waldgebiet der Tuchler
Heide, an ihrem Nord- und Ostrande liegen etwa die Itädte Konitz, Pr.-
Itargard, Ichwetz, Neuenburg, nach 3 erstreckt sie sich bis in die Provinz
Posen. Ihre Länge beträgt bis 120 km, die Vreite 20^45 km. Einzelne
Gestelle sind 90 km lang, ohne Unterbrechung. Der Voden besteht weithin
aus Heidesand, indem die eiszeitlichen Ichmelzwasser die feineren, tonigen
Vestandteile des Erdreichs fortführten; aber es finden sich auch kleinere, lehm-
und geröllreiche Endmoränenzüge, auch Seen und Moore. Der Hauptbaum
ist wie in der Iohannisburger Heide die Kiefer. Der Holzreichtum wird
teils in zahlreichen Schneidemühlen verarbeitet (Ezersk), teils gelangt er auf
der Vrahe und dem Ichwarzwasser oder auf den verschiedenen Eisenbahnen,
die jetzt schon die Heide durchziehen, zum Versand. Durch Verieselungskanäle
sind an verschiedenen Stellen ertragreiche Wiesen geschaffen. Der Kulturzustand
der Heide steigt. Iwar erscheinen sehr weite Itrecken wenig reizvoll, aber
es gibt auch interessante und landschaftlich schöne Partien, besonders in den
Tälern des Ichwarzwassers und der Vrahe.
Die Vevölkerungsdichtigkeit ist gering; an der Weichsel herrscht ebenso
wie im XV von Ichiochau deutsche, am Ichwarzwasser und an der Vrahe polnische
Bevölkerung vor. Die Zahl der Protestanten und Katholiken ist Ziemlich gleich.
1. Schwetz, 5t. an der Mündung des Ichwarzwassers, 8050 Einwohner.
Wegen seiner tiefen Lage litt der Ort durch Überschwemmungen und ist seit 1885
Zum Teil auf eine Anhöhe verlegt. Gymnasium, Irrenanstalt. In der Umgebung
besitzen die hohen Weichselufer viel schöne Punkte.
Westlich von Ichwetz Terespol, nördlich Laskowitz, wichtiger Vahnhof;
östlich davon Gruppe, Mfl., großer Artillerieschießplatz, nördlich Warlubien.
D.,
2100 Einwohner, östlich Osche, D.,
2700 Einwohner. Neuenburg
i. Westpr., 3t. an der Mündung der Montau, in hoher Lage, letzte Besitzung
des Ordens an der Weichsel, 5150 Einwohner.
2. Tuchel, 5t. unweit der Vrahe, im >V der Tuchler Heide, 4250 Ein-
wohner, Lehrerseminar.
3. Konitz, St., zur Ordenszeit ein wichtiger Wassenplatz, 12 000 Einwohner,
Landgericht, Gymnasium, Vahnknotenpunkt. Ostnordöstlich davon Czersk, D.,
6100 Einwohner, bedeutende Holzindustrie.
L. Westpreußen,
55
4. öchlochau, 5t. zwischen zwei 5een, stand unter der Herrschaft des Ordens
in hoher Vlüte, die es aber unter der polnischen Herrschaft gänzlich eingebüßt
hat, 3600 Einwohner, Taubstummenanstalt; südwestlich davon Landeck i.Westpr.,
5t. a . d. Küddow und der pommerschen Grenze, fast 800 Einwohner. Preuhisch-
Friedland, 5t., 3900 Einwohner, Lehrerseminar, Progymnasium. Hammerstein,
5t., 3000 Einwohner, Artillerieschießplatz. Valdenburg, 5t. am gleichnamigen
5ee, 2500 Einwohner. In den zuletzt genannten 5tädten war früher die
Tuchweberei sehr bedeutend, hat aber jetzt ganz aufgehört.
5. Flatow, 5t. zwischen mehreren 5een, 4300 Einwohner. Krojanke,
5t., 3500 Einwohner. Vei diesen beiden 5tädten liegen die großen Güter
des Prinzen Friedrich Leopold. Zempelburg, 5t. an der Zempolna, 3800 Ein-
wohner. Nördlich von Iempelburg Kamin i. Westpr., 5t., 1650 Einwohner.
Nandsburg, 5t., 3200 Einwohner.
6. Deutsch-Krone, 5t. in der südwestlichen Ecke der Provinz, zwischen
Amts- und Radun-5ee, 7700 Einwohner. Gymnasium, Lehrerseminar, Vau-
gemerkschule. Nördlich gippnow, D.,
2050 Einwohner. In 7-12 km
Entfernung liegen um Deutsch-Krone mehrere große Dörfer. Iastrow, 5t.,
unweit der Küddow, 5500 Einwohner, große Pferdemärkte, öchloppe, 5t.,
2000 Einwohner. Ganz im W der Provinz Märkisch-Frieoland, 5t.,
2100 Einwohner; südlicher Tütz, 5t. zwischen drei 5een, 2100 Einwohner.
Westpreuhische Orte mit mehr als 5000 Einwohnern.
(Am 1. Dezember 1910.)
Danzig
Elbing
Thorn
Graudenz
Dirschau
Ioppot
Marienburg
Marienwerder
Konitz
170337
58636
46 227
40325
16849
15015
14019
12983
12005
Culm
Ohra
Culmsee
Pr.- 5targard
Dt.- Eylau
Neustadt
Vriesen
5chwetz
5trasburg
11718
11029
10612
10419
10087
9 840
8174
8 042
7951
Dt.- Krone
OIiva(i905)
Verent
Czersk (1905)
Iastrow
Löbau
Neuenburg
Riesenburg
7673
6896
6474
6087
5514
5365
5152
5 032
56
Zeittafel.
Zeittafel zur Geschichte von Ost- und Westpreuhen.
Etwa 6N —250 n. Chr. Römische Kaufleute kommen in das Vernsteinland Preußen.
98. Tacitus erwähnt in seiner Germania an der unteren Weichsel Voten,
östlich davon die Ästyer.
Um 15N. Der Geograph Ptolemäus nennt Sudauer und Ealmdier in den Gegenden,
wo sie noch 1100 Jahre später sitzen.
Um 4NN. Während der Völkerwanderung rücken in die Landschaften links der Weichsel
slawische Völker- rechts der Weichsel bleiben die alten Preußen und
Litauer ungestört.
Um 88N. Der Angelsachse Wulfstan in Danzig und Truso am Ilfing (Elbing), gibt
die ersten Nachrichten über das „Estenland".
997. Adalbert von Prag bei Tenkitten erschlagen.
1N08. Vruno von Merseburg -s- .
1107. Pommerellen selbständiges Herzogtum mit der Hauptstadt Danzig.
1178. Gründung des Klosters Oliva.
1215. Christian, Vischof des Culmerlandes.
119N. Stiftung eines deutschen Krankenpflegerordens von Akkon,
1198 entsteht aus diesem der Deutsche Ritterorden.
1226. Herzog Konrad von Masovien bittet den Deutschen Ritterorden um Hilfe
gegen die Preußen.
1228. Stiftung des Ritterordens von Dobrin.
123N—83. Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden. Hermann Nalk erster
Landmeister.
1233. Culm und Thorn erhalten 2tadtrecht.
1237. Vereinigung des Deutschen und des Schwertbrüder-Ordens - Gründung
Elbings.
1242—48. Erster Aufstand der Preußen, unterstützt durch Smantepolk von Pommerellen
(regierte 1220—66).
1255. Gründung von Königsberg.
126N—74. Zweiter großer Aufstand.
13N9. Siegfried von Feuchtwangen verlegt den Hochmeistersitz nach der Marienburg.
131N. Erwerbung Pommerellens durch den Orden mit Danzig, Dirschau u. a .
1351—82. Winrich von Kniprode. (Goldenes Zeitalter des Ordens bis gegen 1410).
137V. Schlacht bei Nudau. — Danzig, Culm, Thorn, Elbing, Vraunsberg, Königs-
berg werden als Mitglieder des Hansabundes genannt.
1386. Iagello von Litauen tritt mit seinem Volke zum Christentum über und
vereinigt durch seine Heirat mit Hedwig Polen und Litauen.
1410. Ichlacht bei Tannenberg (15. Juli).
—
Verteidigung der Marienburg durch
Heinrich Reuß von Plauen.
1411. Erster Thorner Friede.
1422. Friede am Lee Melno. Festsetzung der Grenzen Preußens gegen Polen
und Litauen, wie sie bis jetzt bestehen.
144N. Preußischer Vund.
1454—66 . 13jähriger Krieg (1454 Schlacht bei Konitz).
1466. Zweiter Thorner Friede. Pommerellen, Culmerland, Teile von Pogesanien
und Pomesanien und das Ermland kommen unter polnische Herrschaft,
behalten aber noch eine gewisse Selbständigkeit' Ostpreußen wird pol-
nisches Lehen.
1511—25. Albrecht von Brandenburg letzter Hochmeister und
Zeittafel.
57
1525—68 erster Herzog von Preußen. Ostpreußen seit 1525 weltliches Herzogtum.
(Der Deutsche Orden besteht in Deutschland Mergentheim) weiter bis 1809.)
1473—1553. Nikolaus Kopernikus.
1544. Gründung der Universität Königsberg, Albertina.
1568—1618. Albrecht Friedrich.
1569. Reichstag zu Lublin. Westpreußen Polen einverleibt.
1618. Ostpreußen kommt an Brandenburg unter Johann Sigismund.
1619-4N . Georg Wilhelm, seit 1627 meistens in Ostpreußen.
1621—29. Gustav Adolf im Kriege mit Polen.
1605—35. Schwedisch-polnischer Erbfolgekrieg. Waffenstillstand zu Stuhmsdorf.
164N—88. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst.
1655—6ll. 2 . schwedisch-polnischer Erbfolgekrieg.
1656. Vertrag zu Labiau? Tatareneinfall.
1657. Vertrag zu Wehlau.
1660. Friede zu Oliva. Der Gr. Kurfürst souveräner Herzog von Preußen.
1678—79. Winterfeldzug des Gr. Kurfürsten in Oftpreußen. Gefecht bei Splitter.
1688—1701. Friedrich III,, Kurfürst.
1701. 18. Jan. Preußen wird Königreich. Krönung Friedrichs in Königsberg.
1701—13. König Friedrich I.
1713—40. Friedrich Wilhelm I.
1723. Thorner Vlutgericht.
1732. Aufnahme der Salzburger. Friedrich Wilhelms I. Sorge für Litauen.
1733—38 . Polnischer Erbfolgekrieg. Stanislaus Lesczynski von Russen und Sachsen
in Danzig belagert.
1740—86. Friedrich II., der Große.
1757. Schlacht bei Gr. -Iägersdorf.
1758—62 . Ostpreußen von den Russen besetzt.
1772. Erste Teilung Polens: Ermland, Westpreußen ohne Thorn und Danzig
werden preußisch. Friedrichs d. Gr. Sorge für Westpreußen, v. Domhardt
und v. Vrenckenhoff.
1786—97. Friedrich Wilhelm II.
1793. Zweite Teilung Polens. Danzig und Thorn werden preußisch.
1797—1840. Friedrich Wilhelm III.
1806—07. Unglücklicher Krieg.
1807. 7 . u . 8 . Febr. Schlacht bei Pr.- Eylau. 27. Mai Danzig ergibt sich. Tapfere
Verteidigung von Graudenz. 10. Juni Treffen bei Heilsberg, 14. Juni
Schlacht bei Friedland. 9 . Juli Friede zu Tilsit.
1807—14 . Danzig ist ein Freistaat unter französischem Schutz. Thorn und Culm ge-
hören zum Großherzogtum Warschau.
Durchzug der Franzosen. 30. Dez. Konvention zu Tauroggen.
Befreiungskriege. 3 . -5. Februar 1813 Oftpr. Landtag in Königsberg.
Ostpreußen geht bei der Erhebung Preußens voran. 28 . Dez. 1813
Danzig ergibt sich den Preußen und Russen.
Friedrich Wilhelm IV.
Wilhelm I.
Teilung Preußens in die Provinzen Ost- und Westpreußen.
9. März bis 15. Juni Friedrich III.
Wilhelm II.
1813
1840
1861
Seit
1812.
-15.
-61.
— 88.
1878.
1888.
1888.
58
Anhang.
Anhang.
Einige wichtige literarische Hilfsmittel für die Landeskunde von
Ost- und Westpreuhen.
Allg. Landesbeschreibungen, kunsthistor. Topographien, Schilderungen usw.
A. E. Preuh. Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen.
633 5. Königsberg 1835. (Vielfach veraltet, enthält aber noch immer viel
Brauchbares.)
E. Neumann. Das Deutsche Neich. 2 Vde. Nerlin 1874. (Noch immer sehr wich-
tiges, vielseitiges und ausführliches Werk.)
Ambrassat. Die Provinz Ostpreußen. 2. Aufl. Königsberg 1912, Geh. 7,50 Mk., gebd.
8,50 Mk.
—
Westpreußen. Danzig 1906. 3,50 Mk.
A. gweck. Litauen, Stuttgart 1898. 8 Mk.
-
Masuren 1901, 7 Mk.
-
5amland und
das Pregeltal 1902. 4 Mk.
A. Nludau. Oberland, Ermeland, Natangen und Varten. 8 Mk.
Ostpreußen, herausgegeben vom Verein Zur Hebung des Fremdenverkehrs. 2 Aufl.
Königsberg 1910. 1,50 Mk.
Vehrke, Hecker und Preuh. Die Provinz Westpreußen in Wort und Vild. I. Teil:
Heimatkunde, Danzig 1911. 3 Mk. ll. Teil! Heimatkundliches Lesebuch.
Tetzner. Die Slawen in Deutschland. Veiträge Zur Volkskunde der Preußen, Litauer,
Masuren und Philipponen .... der Kaschuben und Polen. Vraunschweig 1902.
15 Mk. Mit Karten und Literaturangaben.
Die Vau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen.
—
Die Vau- und
Kunstdenkmaler der Provinz Oftpreußen. (Enthalten viele Abbildungen, topo-
graphische Einzelheiten und wichtige Literaturnachweise.)
H. VonK. Die Vurgen und Städte in Altpreußen (Ordensgründungen) in ihrer Be-
ziehung zur Vodengestaltung. Königsberg 1895.
Passarge^ Aus Baltischen Landen. Vlogau 1878. 551 5 . 2 Mk. (vergriffen).
Hecht. Aus der deutschen Ostmark. Eumbinnen 1897.
Üohmeyer. Geschichte von Ost- und Westpreußen. Vand I (bisher einziger). 3 . Aufl.
Votha 1908.
Physische Geographie und Geologie.
Vludau. Die Oro- und Hydrographie der preußischen und pommerschen Seenplatte.
Ergänzungsheft 110 zu Petermanns Mitteilungen. Eotha 1894. Ganz besonders
wichtig, mit Höhenschichtenkarte in 1:500000.
Die ötromgeoiete des Deutschen Reiches. Teil I, Gebiet der Ostsee. (Statistik des
Deutschen Neiches. Neue Folge, Heft 39,)
Wahnschaffe. Die Ursachen der Oberflächengestaltung des norddeutschen Flachlandes.
(Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. VI, Heft 1.) 3. Aufl.
Stuttgart 1909.
A. Tornquist. Geologie von Ostpreußen. Verlin 1910. 11,50 Mk.
5onntag. Geologischer Führer durch die Danziger Gegend. Danzig 1910.
Anhang.
59
Statistik. Karten.
Statistisches Jahrbuch für den Preußischen Staat und statistisches Jahrbuch für
das Deutsche Neich; erscheinen jährlich.
Generalstabskarte des Deutschen Reiches 1:100 VON. Hieraus sind zusammengestellt
die Karten der einzelnen Kreise.
Vogel. Karte des Deutschen Reiches 1:500000. Gotha 1891 ff. Vlatt 4, 5, 9, 10, 11.
Habenicht. Atlas Zur Heimatkunde des Deutschen Reiches. Vlatt 20, 21, 22, 23,
24, 25 in 1:5000ll0 a 20-40 Pf., sehr zu empfehlen.
Liebenow. SpezialKarte von Ost- und Westpreußen. 1:300000.
Sicker. Karte von Ostpreußen (unter Mitwirkung von Iühlke, Vludau und Zweck).
Stuttgart 1902. 1:300000. 10 Mk. Sehr gut!
Einzelnes.
Nordoftdeutsche Städte und Landschaften. Danzig, seit 1888. Erschienen: Ioppot,
Danzig, Elbing, Königsberg, Samland, Kurisches Haff, Marienburg, Hela, Thorn,
Oliva, Iäschkenthal, Cadinen, Karthaus a 1—1,50 Mk.
Armstedt und Fischer. Heimatkunde von Königsberg. Königsberg 1895 (vergriffen).
Schließlich sei hingewiesen auf das Verzeichnis der landeskundlichen Literatur der
Provinzen Oft- und Westpreuhen. Herausgegeben von der Känigsberger Geo-
graphischen Gesellschaft. Heft I. Königsberg, Hübner K Matz, 1892, auf die Be-
richte über die neuere Literatur zur deutschen Landeskunde von A. Kirchhofs
und Hassert. l . Vand (1896—99). Verlin 1901. II. (1900/01). Vreslau 1904.
III. (1902/03). Vreslau 1906, und auf die Altpreußische Bibliographie, jährlich
zusammengestellt im Auftrage des Vereins f. d. Gesch. von Ost- und Nestpr., in
der Altpreußischen Monatsschrift.
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und Oberstufe.
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durchgesehener Neudruck. 1912.
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Wendler, Leipzig.