Text
                    KARL MARX FRIEDRICH ENGELS GESAMTAUSGABE (MEGA)
ERSTE ABTEILUNG WERKE - ARTIKEL - ENTWÜRFE BAND 26
Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
FRIEDRICH ENGELS DIALEKTIK DER NATUR (1873-1882)
TEXT
DIETZ VERLAG BERLIN
1985
Redaktionskommission der Gesamtausgabe: Günter Heyden und Anatoli Jegorow (Leiter), Erich Kundel und Alexander Malysch (Sekretäre), Georgi Bagaturija, Rolf Dlubek, Heinrich Gemkow, Lew Golman, Michail Mtschedlow, Richard Sperl
Redaktionskommission der Ersten Abteilung:
Rolf Dlubek (Leiter), Erich Kundel, Alexander Malysch, Richard Sperl, Inge Taubert
Bearbeitung des Bandes:
Anneliese Griese (Leiter),
Friederun Fessen, Hella Hahn, Karl Heinig, Martin Koch und Gerd Pawelzig
Gutachter: Georgi Bagaturija, Renate Merkel und Richard Sperl
Marx, Karl : Gesamtausgabe : (MEGA) / Karl Marx ; Friedrich Engels. Hrsg, vom Inst, für Marxismus-Leninismus beim ZK d. KPdSU u. vom Inst, für Marxismus-Leninismus beim ZK d. SED. — Berlin : Dietz Verl. [Sammlung].
Abt. 1. Werke, Artikel, Entwürfe : Bd.26 : Dialektik der Natur (1873—1882) / Friedrich Engels Text. - 1985. - 72, 558 S. : 35 Abb. Apparat. - 1985. - S. 559^1111.
Text und Apparat Mit 35 Abbildungen © Dietz Verlag Berlin 1985 Lizenznummer 1 LSV 0046 Technische Redaktion: Friedrich Hackenberger, Heinz Ruschinski und Waltraud Schulze
Korrektur: Renate Kröhnert, Lilo Langstein und Annelies Schwabe Einband: Albert Kapr
Typografie: Albert Kapr/Horst Kinkel Schrift: Times-Antiqua und Maxima Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: INTERDRUCK Graphischer Großbetrieb Leipzig, Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit PapierherStellung: VEB Druck- und Spezialpapiere Golzern Best.-Nr.: 7448160
13500
Inhalt
Einleitung	17*
Editorische Hinweise	59*
DIALEKTIK DER NATUR (Chronologische Anordnung der
Manuskripte)
Büchner	5
Dialektik der Naturwissenschaft	9
Teilbarkeit — ein Säugetier	10
Kohäsion	10
Aggregatzustände	10
Secchi	10
Newtonsche Attraktion und Zentrifugalkraft	10
Laplaces Theorie	10
Bei der Prätention des Büchner	11
Reibung und Stoß	11
Causa finalis	11
Die Entwicklungsform der Naturwissenschaft	12
Umschlag der Attraktion	13
Die Gegensätzlichkeit der verständigen Denkbestimmungen	13
Wer Kausalität leugnet	13
Ding an sich	13
Die wahre Natur der ,,Wesens"bestimmungen	14
Die mathematischen sog. Axiome	14
Teil und Ganzes	14
Identität — abstrakte	14
Positiv und negativ	15
Leben und Tod	16
Schlechte Unendlichkeit	16
5’
Inhalt
Identität. Zusatz	17
Einfach und zusammengesetzt	17
Urmaterie	17
Die falsche Porositätstheorie	17
Kraft. Wenn irgendwelche Bewegung	18
Die Unzerstörbarkeit der Bewegung	19
Ihr (der Bewegung) Wesen	20
Kraft (s. oben)	20
Bewegung und Gleichgewicht	21
Kausalität	21
Newtonsche Gravitation	23
Kraft. — Auch die negative Seite	23
Wechselwirkung	23
Unzerstörbarkeit der Bewegung	24
Mechanische Bewegung	24
Teilbarkeit der Materie	25
Naturforscherliches Denken	25
Induktion und Deduktion	25
Bei Oken	25
Causae finales und efficientes	26
Gott wird nirgends schlechter behandelt	26
Anläufe in der Natur	27
Einheit von Natur und Geist	27
Klassifizierung der Wissenschaften	28
Ende des vorigen Jahrhunderts	28
Protisten	28
Individuum	30
Wiederholung der morphologischen Formen	30
Auf die ganze Entwicklung der Organismen	30
Die ganze organische Natur	31
Kinetische Gastheorie	31
Der Satz der Identität	31
Die Naturforscher glauben	32
Historisches	32
Gegensätzlichkeit der theoretischen Entwicklung	34
Generatio aequivoca	34
Kraft. Hegel	35
Haeckel Antrop. 707	36
Mayer Meeh. Th. d. W. 328	36
Beispiel der Notwendigkeit des dialektischen Denkens	36
Moritz Wagner, Naturwissensch. Streitfragen	36
Reaktion	41
Identität und Unterschied — das dialektische Verhältnis	41
Mathematisches	41
Asymptoten	42
6’
Inhalt
Potenzen hoch Null	43
Grad und krumm	43
Äther	44
Vertebrata	44
Wärmestrahlung in den Weltraum	44
Newtons Parallelogramm der Kräfte	45
Bathybius	45
Verstand und Vernunft	45
Den All-Induktionisten	46
Kinetische Theorie	47
Clausius — if correct	47
Die Vorstellung	47
Hard and fast lines	47
Die Dialektik, die sogenannte objektive	48
Struggle for life	49
Licht und Finsternis	50
Arbeit	51
Induktion und Analyse	52
Die sukzessive Entwicklung	53
Clausius II. Satz	54
Unterschied der Lage bei Ende der Alten Welt	54
Historisches — Erfindungen	56
Mädler, Fixsterne	57
Nebelflecke	58
Secchi: Sirius	59
Nature Ns 294ff.	59
Hegel Gesch. d. Phil.	60
Leucippus und Democrit	62
Die Naturforscher mögen	65
Einleitung	67
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen	88
Die ewigen Naturgesetze	100
Sklaverei	101
Hegel, Logik. Bd. I	102
Fourier (Nouveau Monde ind. et soc.)	103
Unsinn von Haeckel	104
Durch Induktion gefunden	104
Polarisation	106
Polarität	106
Andres Exempel der Polarität	106
Kostbare Selbstkritik	107
Wenn Hegel vom Leben zum Erkennen	107
1) Der unendliche Progreß	108
Quantität und Qualität	108
T
Inhalt
Zahl	109
Mathematik	109
Erhaltung der Energie	109
Null	110
Eins	112
114
Anwendung der Mathematik	115
Die Differentialrechnung	115
Daß positiv und negativ	115
Die Verachtung der Empiriker	116
Attraktion und Gravitation	116
Die erste, naive Anschauung	116
Der geozentrische Standpunkt	117
Wie wenig Comte	117
Physiographie	117
Neue Epoche beginnt	117
Hegel konstruiert	118
Wenn Coulomb	119
Elektrizität. Zu den Räubergeschichten	121
Hegels Einteilung	121
Elektrochemie	121
Wie alte, bequeme, auf die bisher übliche Praxis	122
Statische und dynamische Elektrizität	123
Kampf ums Dasein	124
Molekül und Differential	126
Kraft und Erhaltung der Kraft	126
Trigonometrie	126
Verbrauch kinetischer Energie	127
In der Bewegung der Gase	127
Kugel	128
F(x+h, y+k)	130
Über Nägelis Unfähigkeit, das Unendliche zu erkennen	133
Zufälligkeit und Notwendigkeit	137
Darwinsche Theorie	141
Was Hegel die Wechselwirkung nennt	141
Umschlag von Quantität in Qualität: einfachstes Exempel	141
Wenn Hegel die Natur	141
Die Empirie der Beobachtung	142
Ad vocem Nägeli	142
Hegel Enc. I, 205/6	142
Die Schwere	142
Stoß und Reibung	143
Descartes entdeckte	143
Theorie und Empirie	143
Aristarch von Samos	143
8*
Inhalt
Hübsches Stück Naturdialektik	143
Noten	144
Über die Urbilder des mathematischen Unendlichen in der wirklichen
Welt	146
Über die „mechanische" Naturauffassung	151
Die Naturforschung in der Geisterwelt	155
Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik	165
Plan 1878	173
Dialektik	175
Plan 1880	183
Schluß für Thomson, Clausius, Loschmidt	183
Cu — CuSO4	184
1) Bewegung der Weltkörper	184
Grundformen der Bewegung	187
Maß der Bewegung — Arbeit	202
10 kg gehoben	215
Masse 4	216
1)v=ct	218
W —./Bei absolut 0°	219
H mv2 auch bewiesen	219
Flutreibung. Kant und Thomson-Tait	220
Umschlag von Quantität in Qualität = „mechanische" Weltanschauung	225
Identität und Unterschied	225
Wie Fourier	225
Wenn Hegel Kraft und Äußerung	225
Die Entwicklung eines Begriffs	225
Abstrakt und konkret	226
Bedeutung der Namen	226
Den Wert einer Sache	227
Erkennen	228
Die dialektische Logik	229
Einzelheit, Besonderheit, Allgemeinheit	231
Oben aber auch nachgewiesen	231
Hofmann	231
Wärme	232
Elektrizität	236
Ausgelassenes aus „Feuerbach"	284
Dialektik und Naturwissenschaft	288
Naturforschung und Dialektik	288
Dialektik der Natur	288
Mathematik und Naturwissenschaft. Diversa	288
9!
Inhalt
DIALEKTIK DER NATUR (Systematische Anordnung der Manuskripte)
Plan 1878	293
Historische Einleitung	295
Historisches	295
Einleitung	298
Notizen und Fragmente	317
Die sukzessive Entwicklung	317
Hegel Gesch. d. Phil.	318
Leucippus und Democrit	321
Aristarch von Samos	322
Unterschied der Lage bei Ende der Alten Welt	322
Historisches — Erfindungen	323
Gang der theoretischen Entwicklung seit Hegel. Philosophie und Naturwissenschaft	325
Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik	325
Die Naturforschung in der Geisterwelt	335
Notizen und Fragmente	345
Büchner	345
Bei der Prätention des Büchner	347
Ausgelassenes aus „Feuerbach"	347
Die Naturforscher glauben	351
Die Naturforscher mögen	351
Wie Fourier	351
Die falsche Porositätstheorie	351
Hegel Enc. I, 205/6	352
Wenn Hegel die Natur	352
Hofmann	352
Theorie und Empirie	352
Hegel konstruiert	352
Die Verachtung der Empiriker	352
Bei Oken	353
Naturforscherliches Denken	353
Gott wird nirgends schlechter behandelt	353
Secchi	354
Den Wert einer Sache	354
Dialektik als Wissenschaft	355
Dialektik	355
Notizen und Fragmente	361
Gesetze und Kategorien	361
10’
Inhalt
Die Dialektik, die sogenannte objektive	361
Hard and fast lines	362
Fourier (Nouveau Monde ind. et soc.)	362
Die Gegensätzlichkeit der verständigen Denkbestimmungen	363
Polarität	363
Andres Exempel der Polarität	363
Polarisation	364
Die wahre Natur der ,,Wesens"bestimmungen	365
Daß positiv und negativ	365
Positiv und negativ	365
Teil und Ganzes	365
Einfach und zusammengesetzt	365
Identität und Unterschied	365
Der Satz der Identität	366
Identität — abstrakte	366
Identität. Zusatz	367
Zufälligkeit und Notwendigkeit	368
Wechselwirkung	371
Kausalität	372
Die Empirie der Beobachtung	373
Wer Kausalität leugnet	373
Causae finales und efficientes	373
Hegel, Logik. Bd. I	373
Erkennen	375
Einheit von Natur und Geist	375
Verstand und Vernunft	375
Die Entwicklung eines Begriffs	376
Abstrakt und konkret	376
Erkennen	376
Die dialektische Logik	377
Oben aber auch nachgewiesen	379
Einzelheit, Besonderheit, Allgemeinheit	379
Unsinn von Haeckel	379
Durch Induktion gefunden	379
Induktion und Deduktion	380
Den All-Induktionisten	380
Induktion und Analyse	381
Die Entwicklungsform der Naturwissenschaft	382
Ding an sich	382
Kostbare Selbstkritik	383
Die ewigen Naturgesetze	383
Der geozentrische Standpunkt	384
Über Nägelis Unfähigkeit, das Unendliche zu erkennen	384
Ad vocem Nägeli	387
Schlechte Unendlichkeit	388
1) Der unendliche Progreß	388
11
Inhalt
Bewegungsformen der Materie und Zusammenhang der Wissenschaften	389
Dialektik der Naturwissenschaft	389
Klassifizierung der Wissenschaften	390
Ende des vorigen Jahrhunderts	390
Wie wenig Comte	390
Hegels Einteilung	395
Noten	395
Über die „mechanische" Naturauffassung	396
Umschlag von Quantität in Qualität = „mechanische" Weltanschauung 399
Dialektischer Inhalt der Wissenschaften	400
Plan 1880	400
Grundformen der Bewegung	401
Notizen und Fragmente	416
Causa finalis	416
Urmaterie	416
Die Schwere	416
Attraktion und Gravitation	417
Umschlag der Attraktion	417
Teilbarkeit der Materie	417
Teilbarkeit — ein Säugetier	418
Ihr (der Bewegung) Wesen	418
Kraft. Hegel	418
Haeckel Antrop. 707	418
Mechanische Bewegung	418
Bewegung und Gleichgewicht	419
1) Bewegung der Weltkörper	420
Die Unzerstörbarkeit der Bewegung	420
Erhaltung der Energie	420
Unzerstörbarkeit der Bewegung	421
Kraft und Erhaltung der Kraft	421
Kraft. Wenn irgendwelche Bewegung	421
Kraft (s. oben)	423
Wenn Hegel Kraft und Äußerung	423
Kraft. — Auch die negative Seite	423
Maß der Bewegung — Arbeit	424
Notizen und Fragmente	437
mv2 auch bewiesen	437
10 kg gehoben	437
Masse 4	438
1) v= ct	440
Zur Mathematik	443
Über die Urbilder des mathematischen Unendlichen in der wirklichen Welt	443
12’
Inhalt
Die mathematischen sog. Axiome	448
Identität und Unterschied — das	dialektische Verhältnis	448
Mathematisches	448
Die Differentialrechnung	449
Molekül und Differential	449
Quantität und Qualität	449
Zahl	450
Null	450
Eins	452
Potenzen hoch Null	453
aFI	453
Mathematik	454
Asymptoten	454
Grad und krumm	454
Trigonometrie	455
Anwendung der Mathematik	455
Kugel	455
?(x+h,y+k)	457
Zu Mechanik und Astronomie	458
Beispiel der Notwendigkeit des	dialektischen Denkens	458
Newtonsche Attraktion und Zentrifugalkraft	458
Newtonsche Gravitation	458
Newtons Parallelogramm der Kräfte	459
Laplaces Theorie	459
Mädler, Fixsterne	459
Nebelflecke	460
Secchi: Sirius	461
Flutreibung. Kant und Thomson-Tait	462
Descartes entdeckte	466
Mayer Meeh. Th. d. W. 328	466
Verbrauch kinetischer Energie	467
Stoß und Reibung	467
Reibung und Stoß	467
Zur Physik	468
Wärme	468
Elektrizität	471
Notizen und Fragmente	516
Die erste, naive Anschauung	516
Wärmestrahlung in den Weltraum	517
Clausius — if correct	517
Clausius II. Satz	517
Schluß für Thomson, Clausius, Loschmidt	518
Aggregatzustände	518
Kohäsion	518
In der Bewegung der Gase	518
13’
Inhalt
W
—;./Bei absolut 0° H
518
Kinetische Theorie	519
Kinetische Gastheorie	519
Gegensätzlichkeit der theoretischen Entwicklung	519
Äther	519
Licht und Finsternis	519
Wenn Coulomb	520
Elektrizität. Zu den Räubergeschichten	522
Statische und dynamische Elektrizität	522
Hübsches Stück Naturdialektik	523
Elektrochemie	523
Cu — CuSO4	523
Zur Chemie	524
Die Vorstellung	524
Neue Epoche beginnt	524
Umschlag von Quantität in Qualität: einfachstes Exempel	524
Wie alte, bequeme, auf die bisher übliche Praxis	524
Bedeutung der Namen	525
Zur Biologie	526
Physiographie	526
Reaktion	526
Leben und Tod	526
Generatio aequivoca	527
Moritz Wagner, Naturwissensch. Streitfragen	528
Protisten	532
Bathybius	534
Nature Ns 294ff.	534
Individuum	535
Die ganze organische Natur	535
Wiederholung der morphologischen Formen	535
Auf die ganze Entwicklung der Organismen	535
Vertebrata	535
Wenn Hegel vom Leben zum Erkennen	535
Was Hegel die Wechselwirkung nennt	536
Anläufe in der Natur	536
Darwinsche Theorie	536
Kampf ums Dasein	536
Struggle for life	537
Arbeit	538
Natur und Gesellschaft	540
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
540
14*
Inhalt
Titel der Umschläge, Inhaltsverzeichnisse	554
Dialektik und Naturwissenschaft	554
Naturforschung und Dialektik	554
Dialektik der Natur	554
Mathematik und Naturwissenschaft. Diversa	554
Apparat	559
Register	1039
Verzeichnis der Abbildungen
Naturdialektik 1. Seite [1]	7
Naturdialektik 1. Seite [2]	8
Leucippus und Democrit. Seite [1] in der Handschrift von Marx	63
Einleitung. Seite [1]	69
Zeichnung auf der Rückseite eines Blattes mit dem Text [174]	131
Dialektik. Seite [1]	177
Seite mit dem „Plan 1880"	185
Elektrizität. Seite [1]	237
Plan 1878	291
Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik. Seite 1	327
Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [1] mit Randbemerkungen	von Carl Schorlemmer	391
Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [2]	392
Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [3]	393
Berechnungen zum Kapitel „Maß der Bewegung —	Arbeit".	Seite	[2]. Text [173]	441
Berechnungen zum Kapitel „Maß der Bewegung —	Arbeit".	Seite	[3]. Text [173]	442
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. Seite 1	541
Text [194] auf Umschlag Nr. 31	555
Text [195] auf Umschlag Nr. 30	556
Text [196] auf Umschlag Nr. 32	557
Text [197] auf Umschlag Nr. 28	558
Engels an Marx, 14. Juli 1858. Seite [1]	573
Engels an Marx, 14. Juli 1858. Seite [2]	574
Engels an Marx, 14. Juli 1858. Seite [3]	575
15’
Inhalt
Engels an Marx, 14. Juli 1858. Seite [4]	576
Exzerptheft XVI. Inhaltsverzeichnis	591
Exzerptheft XVIII. Seite [1]	592
Elektrizität. Seite [34]	789
Elektrizität. Seite 35 mit überklebter Stelle in der Mitte der linken Spalte	790
Ludwig Büchner: Der Mensch und seine Stellung in der Natur ... Seite 170 mit einer Anstreichung von Engels	831
Ludwig Büchner: Der Mensch und seine Stellung in der Natur ... Seite 171 mit einer Anmerkung von Engels	832
[rieTp JlaBpoBWM ZlaBpoB:] OnbiTb nCTopim Mbicnn. T. 1. Seite 102	885
[rieTp /laBpoBWM flaBpoB:] OnbiTb wcTOpin Mbicnw. T. 1. Seite 103	886
Hermann Helmholtz: Populäre wissenschaftliche Vorträge. Heft 2. Seite 103 mit einer Anmerkung von Engels	989
Hermann Helmholtz: Populäre wissenschaftliche Vorträge. Heft 2. Seite 166 mit einer Anmerkung von Engels	990
Hermann Helmholtz: Populäre wissenschaftliche Vorträge. Heft 2. Seite 53 mit einer Anmerkung von Engels	1011
16*
Einleitung
Der vorliegende Band enthält die „Dialektik der Natur", die von Friedrich Engels zwischen 1873 und 1882 niedergeschrieben wurde. Zur „Dialektik der Natur" gehören eine Fülle einzelner Notizen, Studien zu Detailproblemen, konzeptionelle Entwürfe und Texte mit Exzerptcharakter, aber auch größere, relativ geschlossene Ausarbeitungen, die vom Autor gelegentlich als Kapitel bezeichnet wurden. Es handelt sich um fast 200 einzelne Textstücke. Das Werk blieb unvollendet und wurde daher zu Engels' Lebzeiten nicht publiziert.
Im Prozeß der Arbeit an der „Dialektik der Natur" lassen sich zwei große Arbeitsperioden unterscheiden, die ihrerseits jeweils vier einzelne Arbeitsphasen umfassen (siehe S. 570—594). Während in der ersten Arbeitsperiode (Anfang 1873 bis Mitte 1878) vor allem Notizen und kleinere Studien entstanden, ist für die zweite Arbeitsperiode (Sommer 1878 bis Sommer 1882) die Orientierung auf größere Manuskripte charakteristisch.
Zum unmittelbaren Ausgangspunkt für Engels' Arbeit an der „Dialektik der Natur" wurde der Text „Büchner" (S. 5—9), der vermutlich Anfang 1873 als vorläufige Konzeption zu einer größeren, später nicht ausgeführten Streitschrift gegen Ludwig Büchner entstand (siehe S. 571/572) und in dem Engels bereits die Erkenntnis formulierte, daß die des Mystizismus entkleidete Dialektik „eine absolute Nothwendigkeit für die Naturwissenschaft" wird, wenn diese das Gebiet verlassen hat, wo die festen Kategorien ausreichen (S. 6). Damit knüpfte Engels an frühere Überlegungen an, wie er sie bereits in seinem Brief an Karl Marx vom 14. Juli 1858 formuliert hatte (siehe Erl. 6.24—29).
Ausgehend von „Büchner" reiften bei Engels die konzeptionellen Vorstellungen, die der „Dialektik der Natur" zugrunde liegen. Dies wird vor allem in seinem Brief an Marx vom 30. Mai 1873 deutlich, der offenbar auf
17’
Einleitung
der Grundlage des Textes „Dialektik der Naturwissenschaft" (S.9/10) niedergeschrieben wurde und in dem Engels erstmals seine Absicht erkennen läßt, eine selbständige theoretische Arbeit über den Zusammenhang von Dialektik und Naturwissenschaft zu schreiben (siehe Erl. 9.11—10.10). Eine konkretere inhaltliche Orientierung für die Texte der zweiten Arbeitsperiode geben der „Plan 1878" (S. 173/174) sowie der „Plan 1880" (S. 183).
Engels arbeitete in der Zeit von 1873 bis 1882 nicht nur an seinem „naturphilosophischen Werk", wie Karl Marx die „Dialektik der Natur" einmal bezeichnete (Marx an Wilhelm Alexander Freund, 21. Januar 1877), sondern war auch mit vielfältigen anderen wissenschaftlichen und politischen Aufgaben beschäftigt, die ihren Niederschlag in verschiedenen Schriften finden (siehe MEGA® I/24 und MEGA® I/25). Enge inhaltliche Zusammenhänge gibt es zwischen der „Dialektik der Natur" und der von 1876 bis 1878 entstandenen polemischen Schrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft", besonders dem Abschnitt „Philosophie" (siehe MEGA® I/27). Beide Werke sind auch hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte miteinander verflochten (siehe S. 582—584). In der Auseinandersetzung mit Eugen Dühring konnte sich Engels auf bereits vorliegende Texte der „Dialektik der Natur" stützen. Aus der Polemik mit Dühring ergaben sich Anregungen für die weitere Arbeit an der „Dialektik der Natur" (siehe die Texte [104]—[158], darunter besonders [112]—[120]). Einige der zu ihr gehörenden Texte entstanden im Zusammenhang mit der Schrift gegen Dühring und wurden der „Dialektik der Natur" erst später zugeordnet (siehe [159]—[161] und [163]).
Die „Dialektik der Natur" ist ein grundlegendes philosophisches Werk des Marxismus. Durch die Verarbeitung vor allem neuerer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gelangte Engels darin zu einer wesentlichen Bereicherung und Vertiefung der materialistischen Dialektik. Zusammen mit „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" repräsentiert dieses Werk eine neue Entwicklungsetappe der marxistischen Philosophie, die unlösbar mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungen besonders im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verbunden ist. Mit der „Dialektik der Natur" trug Engels objektiven Erfordernissen sowohl der Arbeiterbewegung als auch der Wissenschaftsentwicklung Rechnung.
Mit Beginn der siebziger Jahre trat die Arbeiterbewegung in den fortgeschrittenen Ländern Europas in eine neue Periode ein. Es begann „die Phase der friedlichen' Vorbereitung auf die Epoche künftiger Umgestaltungen" (W. I. Lenin: Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx. In: Werke. Bd.18. Berlin 1984. S.577). Diese Phase wird nach Lenin durch folgende Prozesse bestimmt: „Überall entstehen sozialistische, ihrer Grundlage nach proletarische Parteien... Die Marxsche Lehre trägt den
18*
Einleitung
vollen Sieg davon und — wächst in die Breite. Langsam, aber beharrlich geht der Prozeß der Sammlung und Zusammenfassung der Kräfte des Proletariats, seiner Vorbereitung auf die künftigen Schlachten vor sich/7 (Ebenda. S. 577/578.) Mit dem Eintritt in diese neue Periode ergaben sich auch höhere Anforderungen an die Theorie des Marxismus, an ihre Propagierung in der Arbeiterbewegung. Es wurde notwendig, sie allseitig und systematisch auszuarbeiten und gegen die intensiver werdenden Angriffe und Verleumdungen zu verteidigen.
Die neue Periode der Arbeiterbewegung setzte die volle Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise und deren allmählichen Übergang in das imperialistische Stadium voraus. Dieser Prozeß war von einer stürmischen Entwicklung der Produktivkräfte geprägt, die sich im Ergebnis der industriellen Revolution vollzog und ihren sichtbaren Ausdruck in der Maschinenindustrie, im Hüttenwesen, in der Nachrichtentechnik sowie in der chemischen Industrie fand. So wie die Dampfmaschine — zusammen mit den Werkzeugmaschinen — im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution eingeleitet und den Übergang von der Manufaktur zur mechanischmaschinellen Großproduktion ermöglicht hatte, so führten Eisenbahnlokomotive und Dampfschiffkessel im 19. Jahrhundert zu einer Revolution im Verkehrswesen. War 1850 für das Eisenbahnwesen in Europa mit ca. 15000 Streckenkilometern das Versuchsstadium beendet, so existierten 1900 mit über 280000 Streckenkilometern bereits mehr als 80 Prozent des gegenwärtigen Streckennetzes Europas.
Die industrielle Revolution bedingte eine großartige Entwicklung der Naturwissenschaften vor allem seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, in deren Verlauf bedeutende Entdeckungen, insbesondere in Physik, Chemie und Biologie, gemacht wurden. Dazu gehören auch die von Engels mehrfach hervorgehobenen drei großen Entdeckungen: Energiesatz, Zellentheorie und Darwinsche Entwicklungstheorie (siehe S. 284-287). Es entstanden neue Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft, Produktion und Technik. In Industrie, Verkehrswesen, Landwirtschaft und anderen Bereichen wurden zunehmend natur- und ingenieurwissenschaftliches Denken gefordert und eine immer größere Zahl technisch gebildeter Fachkräfte verlangt. Erstmalig führten naturwissenschaftliche Entdeckungen — wenn auch mit zeitlicher Verzögerung — direkt zum Entstehen neuer Industriezweige (Elektroindustrie).
Im Ergebnis der industriellen Revolution vollzogen sich weitreichende Veränderungen im Bildungswesen. Die Erfordernisse von Bergbau, Industrie und modernem Verkehrswesen bedingten das Interesse der Bourgeoisie an einem umfangreicheren naturwissenschaftlichen Unterricht in den allgemeinbildenden Schulen und führten zur Errichtung spezieller natur
19*
Einleitung
wissenschaftlich-technischer Bildungseinrichtungen. An den Universitäten nahm die Zahl der naturwissenschaftlichen Lehrstühle und die Differenzierung der Lehrfächer zu. Lehrstühle für Physik und Chemie wurden mit Laboratorien ausgerüstet. Es stieg die Anzahl der naturwissenschaftlichen Zeitschriften. Bürgerlich-demokratisch eingestellte hervorragende Gelehrte wurden mit Wort und Schrift für ein größeres Publikum wirksam — es entstand die populärwissenschaftliche Bildungsbewegung, die besonders auf dem Gebiet der Naturwissenschaften stärkeren Einfluß auch auf die sich formierende selbständige Arbeiterbildungsbewegung gewann. Das wachsende öffentliche Interesse für naturwissenschaftliche Erkenntnisse und ihre weltanschaulichen Konsequenzen widerspiegelte sich in den siebziger Jahren auch in der sozialdemokratischen Presse.
Der für das 19. Jahrhundert charakteristische naturwissenschaftliche Erkenntnisfortschritt war mit neuen Formen des Zusammenwirkens der Wissenschaftler verbunden. Die wissenschaftlichen Reiseexpeditionen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trugen ausgesprochen multidisziplinären Charakter. Eine herausragende Bedeutung für Wissenschaftsentwicklung und Bildungspolitik erlangten nationale Wissenschaftlerforen, wie z. B. die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, die erstmals 1822 von Lorenz Oken in Leipzig organisiert und in der Regel jährlich durchgeführt wurde, oder die wenige Jahre später in England ins Leben gerufene British Association for the Advancement of Science. Diese Foren hatten eine ausgesprochen integrative Funktion. In ihnen wurden viele der bedeutendsten Gelehrten der einzelnen Länder wirksam. So nahmen an den Versammlungen deutscher Naturforscher und Aerzte Alexander von Humboldt, Hermann von Helmholtz, Emil Du Bois-Reymond, Ernst Haeckel, Rudolf Virchow und Carl Wilhelm von Nägeli teil. Daraus wird verständlich, warum Engels den Materialien dieser Foren große Aufmerksamkeit schenkte.
Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungen vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts machten es möglich und notwendig, die marxistische Philosophie als theoretisches Fundament des wissenschaftlichen Sozialismus weiterzuentwickeln. Unter dem Eindruck der gewaltigen Fortschritte in Wissenschaft, Technik und materieller Produktion begann Engels mit einem umfassenden und systematischen Studium der Naturwissenschaften und der Mathematik und gewann so einen spezifischen Zugang zur Philosophie. Einen höheren Stellenwert erlangte für ihn die Frage, was eine materialistische und dialektische Auffassung von der Natur eigentlich beinhaltet, welchen Platz sie in der einheitlichen wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse einnimmt und inwiefern sie als eine Konsequenz aus den Naturwissenschaften abgeleitet werden kann. In der Lösung
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dieser Frage sah Engels den Ausgangspunkt weiterführender Überlegungen. Nach seinem Verständnis kann man die marxistische Philosophie umfassend und in sich konsistent nur dann entwickeln, wenn auch die Naturwissenschaften und die Mathematik zum Gegenstand philosophischer Behandlung werden.
Grundlegende theoretische Positionen einer weltanschaulich-philosophischen Auffassung über die Natur und die Naturwissenschaft entwickelten Marx und Engels bereits im Prozeß der Herausbildung ihrer einheitlichen, Natur, Gesellschaft und Denken umfassenden dialektisch-materialistischen Weltanschauung. Ein wesentlicher Ausgangspunkt für sie war in diesem Zusammenhang Ludwig Feuerbach, der mit seiner Schrift „Das Wesen des Christenthums" (1841) — wie Engels später rückblickend einschätzte — „den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob" (Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. Stuttgart 1888. S.12). Damit wurde auch die Rückkehr zu einer materialistischen Naturauffassung vollzogen: „Die Natur existirt unabhängig von aller Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst Naturprodukte, erwachsen sind; äusser der Natur und den Menschen existirt nichts" (ebenda).
Diesen philosophischen Materialismus führten Marx und Engels in neuer Qualität weiter. Bereits in den vierziger Jahren erkannten sie, daß eine wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung und Entwicklung der menschlichen Gesellschaft die Untersuchung des Verhältnisses des Menschen zur Natur unter verschiedenen Gesichtspunkten einschließt. Mehr noch: Der Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, die materielle Produktion, ist vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung die Grundlage aller gesellschaftl ichen Entwicklung. Unter diesem Gesichtspunkt interessierten sich Marx und Engels von Anfang an auch für die Naturwissenschaften.
So kritisierte Marx bereits in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten" von 1844 die bisherige Geschichtsschreibung, die „auf die Naturwissenschaft nur beiläufig Rücksicht" genommen habe, und stellte ihr die eigene Position entgegen, wonach die Industrie als das „wirkliche geschichtliche Verhältniß der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen" betrachtet werden muß (MEGA® I/2. S. 271/272).
Zur gleichen Zeit entwickelte Engels in seiner ersten ökonomischen Arbeit „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" (1844) in Auseinandersetzung mit Thomas Robert Malthus seine Auffassung von der dem Gesellschaftsfortschritt dienenden Kraft der Wissenschaft und charakterisierte die Widersprüchlichkeit dieses Fortschritts unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise (siehe MEGA® I/3). In seinem Aufsatz
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„Die Lage Englands. II. Das achtzehnte Jahrhundert" (1844) gelangte Engels zu der Erkenntnis, daß mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Maschinen zur Verarbeitung der Baumwolle der Anstoß zu einer industriellen Revolution gegeben worden sei, die die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte (MEGA® I/3. S.548-557).
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ebenfalls „Die deutsche Ideologie" (1845/1846), in der Marx und Engels die ganze bisherige Geschichtsauffassung der Kritik unterwarfen, auch insofern diese das Verhältnis des Menschen zur Natur von der Geschichte ausgeschlossen und somit den Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt habe. Demgegenüber betonten sie, „daß die vielgerühmte ,Einheit des Menschen mit der Natur' in der Industrie von jeher bestanden und in jeder Epoche je nach der geringeren oder größeren Entwicklung der Industrie anders bestanden hat ebenso wie der ,Kampf' des Menschen mit der Natur, bis zur Entwicklung seiner Productivkräfte auf einer entsprechenden Basis" (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. S.9).
Ihre Entwicklung und Präzisierung fanden die ersten Überlegungen über das Verhältnis des Menschen zur Natur und über den Zusammenhang von Naturwissenschaft und materieller Produktion in den ökonomischen Arbeiten von Marx, beginnend mit den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie" (1857/1858) (siehe MEGA® 11/1) über „Zur Kritik der politischen Ökonomie (Manuskript 1861—1863)" (siehe MEGA® 11/3.1-6) bis zum „Kapital", dessen erster Band 1867 erschien (siehe MEGA® II/5). Dort begründete er, daß die Produktivkraft menschlicher Arbeit unter anderem durch die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und deren technologische Anwendbarkeit bestimmt wird, daß sich mit der Entwicklung der Maschinerie und großen Industrie die Wissenschaft in eine selbständige Produktionspotenz verwandelt und daß die Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution ein neues Verhältnis zu den Naturwissenschaften realisiert.
Marx und Engels verbanden ihre Untersuchungen über den Zusammenhang von Naturwissenschaft und materieller Produktion stets mit dem Bemühen, den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß sowie seine philosophischen Voraussetzungen und Konsequenzen tiefer zu verstehen. Weitsicht und Gründlichkeit waren von Anfang an Merkmale ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Zeugnis hierfür sind unter anderem Engels' Aufsatz über „Die Lage Englands. II. Das achtzehnte Jahrhundert" (MEGA® I/3), die erste von Marx und Engels gemeinsam verfaßte Arbeit „Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten" von 1845 und nicht zuletzt die zwischen ihnen oder mit dritten Personen gewechselten Briefe. Sie lassen erkennen, daß die naturwissenschaftlichen Studien von Marx und Engels am Ende der fünfziger Jahre in eine neue Phase ein
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traten. Es begann — wie vor allem Engels' Brief an Marx vom 14. Juli 1858 dokumentiert — die eigentliche Vorgeschichte der „Dialektik der Natur".
In der „Dialektik der Natur" wurden die frühen Auffassungen von Marx und Engels über Natur und Naturwissenschaft unter allgemeinen welt-anschaulich-philosophischen Gesichtspunkten weitergeführt und in Verbindung mit den nun systematisch betriebenen naturwissenschaftlichmathematischen Studien von Engels konkretisiert. Auf diese Weise vollzog Engels entscheidende Schritte zur Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie.
Mit der „Dialektik der Natur" wird im Detail nachgewiesen, daß der dialektische Materialismus eine einheitliche wissenschaftliche Weltanschauung darstellt, die es gestattet, Natur und Gesellschaft von den gleichen Prinzipien ausgehend als ein Ganzes zu erfassen. Diesen Nachweis zu führen war, wie Engels später rückblickend erklärte, das Anliegen seiner Beschäftigung mit den Naturwissenschaften und der Mathematik. „Es handelte sich bei dieser meiner Rekapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften selbstredend darum, mich auch im Einzelnen zu überzeugen — woran im Allgemeinen kein Zweifel für mich war — daß in der Natur dieselben dialektischen Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen, die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen; dieselben Gesetze, die, ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmälig den denkenden Menschen zum Bewußtsein kommen; die zuerst von Hegel in umfassender Weise, aber in mystifizirter Form entwickelt worden, und die aus dieser mystischen Form herauszuschälen und in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit klar zur Bewußtheit zu bringen, eine unserer Bestrebungen war." (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. 2.AufL Hottingen-Zürich 1886. S.XII/XIII.)
Indem Engels dieses Anliegen realisierte, begründete er die Allgemeingültigkeit der zuvor gemeinsam mit Marx erarbeiteten philosophischen Positionen und entwickelte eine materialistische und dialektische Auffassung von der Natur, ohne die die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse unvollständig bliebe. Dabei ging es ihm primär um die Aufdeckung der objektiven Dialektik der Natur, d. h. „der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen in einander resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen" (S. 48). Eine philosophische Naturauffassung in diesem Sinne beinhaltet die Idee von der Selbstbewegung und Entwicklung der Natur. Insofern die Entstehung des
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Menschen die Naturgeschichte zur Voraussetzung hat und die Gesellschaft in ihrer Entwicklung unlösbar mit der Natur verbunden bleibt, ist diese Idee Grundlage auch für das Verständnis der Geschichte der Gesellschaft (siehe S. 67—87).
Bei der Ausarbeitung der philosophischen Naturauffassung als Lehre von der Selbstbewegung und Entwicklung der Natur gelangte Engels zur Bereicherung und Vertiefung grundlegender Aussagen des philosophischen Materialismus. Sie betreffen vor allem die Einheit von Materie, Bewegung, Raum und Zeit, für deren Begründung Engels schon 1873 neue Ansatzpunkte formulierte. Es ist dies insbesondere seine Idee, daß es qualitativ verschiedene Bewegungsformen der Materie gibt und diese unter bestimmten Bedingungen ineinander übergehen (siehe S.9/10 und Engels an Marx, 30. Mai 1873). Die später gegebenen Bestimmungen von Bewegung als „Daseinsweise, als inhärentes Attribut der Materie" (S.187) und von Raum und Zeit als „Existenzformen der Materie" (S. 135) lassen sich nur unter Voraussetzung dieser Idee und ihrer Präzisierung im Prozeß der Arbeit an der „Dialektik der Natur" richtig verstehen und werten. Engels wandte sich auch gegen die vereinfachende Annahme, man könne Materie, Bewegung, Raum und Zeit als solche sinnlich erkennen. Es handelt sich — wie er ausdrücklich betonte — um Abstraktionen, um „Abkürzungen, in die wir viele verschiedne sinnlich wahrnehmbare Dinge zusammenfassen nach ihren gemeinsamen Eigenschaften" (S.136).
Mit der „Dialektik der Natur" leistete Engels einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der materialistischen Dialektik. Bei der philosophischen Behandlung der Naturwissenschaften wurde die Dialektik als allgemeine philosophische Theorie und Methode weiter ausgearbeitet. Auch dies entspricht der erklärten Zielstellung von Engels, wie der „Plan 1878" (S. 173/174) deutlich erkennen läßt.
Dialektik als Wissenschaft war für Engels nur auf materialistischer Basis möglich. Diesen fundamentalen Gesichtspunkt entwickelte er unter Bezug auf Feuerbach vor allem in der Auseinandersetzung mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der die Gesetze der Dialektik als bloße Denkgesetze auffaßte, während Engels sie aus der Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft und des Denkens ableitete und als wirkliche Entwicklungsgesetze begriff (siehe S. 170/171 und S. 175/176). Durchführung dieser materialistischen Ausgangsposition heißt in seinem Verständnis, die Philosophie mit den empirischen Wissenschaften zu verbinden. Die objektive Dialektik der Natur läßt sich nur vermittelt über die Erkenntnisse der Naturwissenschaften begreifen. Er stimmte in dieser Frage voll mit Marx überein, der dialektische Beziehungen in der Gesellschaft auf dem Wege einer historisch konkreten Analyse der Geschichte, vor allem ökonomischer Prozesse, aufdeckte.
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Ausarbeitung der Dialektik als Wissenschaft heißt nach Engels, den ganzen Reichtum ihrer Gesetze und Kategorien zu entfalten. Von diesem Gesichtspunkt ließ er sich bereits in den ersten Arbeitsphasen leiten, in denen er sich intensiv mit dem Studium der Hegelschen Dialektik beschäftigte. In den vorliegenden Texten sind daher Betrachtungen über eine große Vielfalt von philosophischen Begriffen und Kategorien und über ihre Beziehungen untereinander enthalten. Hierzu gehören Identität — Unterschied — Gegensatz —Widerspruch, Quantität — Qualität, Notwendigkeit — Zufälligkeit, Kausalität — Wechselwirkung, Teil und Ganzes, Endlichkeit — Unendlichkeit und viele andere. Engels zeigte, inwiefern mit diesen Begriffen und Kategorien gesetzmäßige Zusammenhänge der Naturwirklichkeit widergespiegelt werden.
Sein besonderes Interesse galt jenen Gesetzen, die schon Hegel als grundlegend für die Dialektik betrachtet hatte. Im „Plan 1878" notierte Engels: „Hauptgesetze: Umschlag von Quantität und Qualität — Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen wenn auf die Spitze getrieben — Entwicklung durch den Widerspruch oder Negation der Negation — spirale Form der Entwicklung" (S. 173). Im Kapitel „Dialektik" stellte er fest, daß sich die Gesetze der Dialektik der Hauptsache nach auf drei reduzieren: „das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt; das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze, das Gesetz von der Negation der Negation" (S. 175). Den Inhalt dieser Gesetze hatte er schon zuvor in „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" dargelegt und verteidigt. Dort findet man auch die Bestimmung der Dialektik als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewe-gungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens, die sich als gleichbedeutend mit entsprechenden Formulierungen im vorliegenden Band erweist (S. 173 und 175), insofern Engels den Zusammenhang als Aufeinandereinwirken, d. h. als Bewegung begriff (S.188).
Engels wies nach, daß für die Dialektik als Theorie und Methode die Widerspruchsauffassung zentrale Bedeutung hat. Im Anschluß an Hegel begründete er, inwiefern das Wesen die Einheit von Identität und Unterschied verkörpert und somit der Widerspruch vor allem als Widerspruch im Wesen zu fassen ist (siehe die Texte [17], [20], [24], [55] und [179]). Die Widerspruchsauffassung bildete für Engels den theoretischen Ausgangspunkt für die Analyse der Bewegung in „Grundformen der Bewegung" und den folgenden Kapiteln (siehe S.187ff.). Auch in „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" wird sie zu Beginn des Kapitels „Dialektik. Quantität und Qualität" als grundlegend für die Dialektik behandelt. Auf der Basis der Widerspruchsauffassung unterschied Engels metaphysisches
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und dialektisches Denken. Diese Unterscheidung gehört zu den grundlegenden Ideen des vorliegenden Werkes, erste Überlegungen dazu sind bereits im Text „Büchner" enthalten. Metaphysisches Denken arbeitet nach Engels mit fixen Kategorien, dialektisches Denken hingegen mit flüssigen, d. h., hier werden die gegensätzlichen Bestimmungen des Denkens — Engels verwies auf Grund und Folge, Ursache und Wirkung, Identität und Unterschied, Schein und Wesen — miteinander vermittelt (siehe S. 5—9 und 47—49).
Mit der „Dialektik der Natur" gab Engels Antwort auf weltanschauliche, erkenntnistheoretische und methodologische Fragen der Naturwissenschaften seiner Zeit. Dabei wird deutlich, auf welche Weise materialistische Dialektik und Naturwissenschaft Zusammenhängen.
Die Natur ist ihrem Wesen nach dialektisch. Wenn die Naturwissenschaften wahre Aussagen über die Natur machen, so widerspiegeln sie die objektive Dialektik der Natur, d. h. sie haben einen dialektischen Inhalt und ermöglichen so den Zugang zum Verständnis der dialektischen Beschaffenheit der Naturwirklichkeit (siehe S. 173). Von diesen Grundideen ließ sich Engels bei der philosophischen Behandlung der Naturwissenschaften leiten. Sein Anliegen bestand darin, die Widerspiegelung der objektiven Dialektik der Natur in den Naturwissenschaften genauer zu untersuchen. Er kam zu dem Resultat, daß sich diese Widerspiegelung in einer komplizierten, widerspruchsvollen Bewegung vollzieht, die die Vereinfachung und Vereinseitigung der Wirklichkeit, die „Ertötung des Lebendigen" als wesentliches Moment einschließt, aber der dialektischen Beschaffenheit der Naturwirklichkeit insofern Rechnung trägt, als dieses Moment wieder aufgehoben wird. Die Einheit der beiden gegensätzlichen Prozesse bestimmt den historischen Gang der menschlichen Erkenntnis und ist immer gegenwärtig. Ein wesentlicher Ausdruck der Vereinfachung und Vereinseitigung sind einzelne Begriffe, Gesetze und Theorien (alle sogenannten festen Bestimmungen der Wissenschaft). Aufhebung dieses Moments bedeutet, die einzelnen Erkenntnisresultate als historisch Gewordene zu betrachten, ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu analysieren, sie mit ihrem Gegensatz zu vermitteln, d.h. mit „flüssigen Kategorien" zu arbeiten (S.5—9, 45/46, 47—49 und 67—80).
Diese Art und Weise des Denkens wird praktiziert, solange Naturwissenschaft existiert. Das theoretische Denken und methodische Vorgehen der Naturwissenschaftler werden durch die objektive Dialektik der Natur bestimmt, bringen diese — vorwiegend spontan — zum Ausdruck. Die innere Widersprüchlichkeit des Erkenntnisprozesses wird dabei aber nicht immer richtig verarbeitet. Die bewußte Anwendung der Dialektik kann helfen, der
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immer vorhandenen Gefahr metaphysischen Denkens zu begegnen, das entsteht, wenn der Forscher einzelne Erkenntnisresultate verabsolutiert, sie aus ihren Zusammenhängen löst und sie mit der Wirklichkeit gleichsetzt, wenn er bestimmte Erkenntnismethoden verabsolutiert, sie mit wissenschaftlichem Vorgehen überhaupt identifiziert. Engels anerkannte die Berechtigung und Notwendigkeit, einzelne Seiten, Beziehungen und Prozesse isoliert vom Gesamtzusammenhang zu betrachten. Die im 19. Jahrhundert vor den Naturwissenschaften stehenden Aufgaben in der theoretischen Zusammenfassung ihrer Resultate machen es nach seiner Ansicht notwendig, das dialektische Denken bewußt anzuwenden (siehe S. 5—9). Hier ordnen sich auch seine Gedanken über den Zusammenhang der Wissenschaften (siehe S.9/10 und 151/152) und über die immer stärkere Tendenz zur Integration verschiedener Gebiete (siehe S. 121/122) ein.
Engels konstatierte eine Wandlung im theoretischen Denken der Naturwissenschaftler, eine „Rückkehr zur Dialektik" (S. 173), jedoch vollzog sich diese widerspruchsvoll und langsam. Er hob verschiedene Tendenzen hervor: naturwissenschaftlichen oder naturhistorischen Materialismus bei der Mehrzahl der Naturforscher, der sich im Bemühen um die Durchsetzung der Atomistik als Basis einer einheitlichen wissenschaftlichen Naturerklärung in Physik und Chemie sowie um die Anerkennung der Darwinschen Theorie als Ausdruck für das Entwicklungsdenken in den Naturwissenschaften äußert; Verbindung von naturwissenschaftlichem Materialismus und Atheismus vor allem bei der Propagierung neuer Erkenntnisse; Schwierigkeiten in bezug auf die Lösung komplizierter erkenntnistheoretischer Fragen mit der möglichen Tendenz zum Agnostizismus, den Engels später als verschämten Materialismus charakterisierte (siehe Frederick Engels: Socialism utopianand scientific. London 1892. S. XIV); Ablehnung der spekulativen Naturphilosophie im Sinne von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Lorenz Oken und Unverständnis für den rationellen Kern der Hegel-schen Dialektik, verbunden mit der Gefahr, das theoretische Denken zu unterschätzen und in Empirismus, in Spekulation, ja sogar in Spiritismus abzugleiten; Grenzen im Verständnis der gesellschaftlichen Prozesse und Versuche zur Übertragung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Gesellschaft. In der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten im naturwissenschaftlichen Erkennen formulierte Engels grundlegende Positionen der dialektisch-materialistischen Erkenntnistheorie (siehe vor allem S. 104/105, 133-136 und 228-231).
Mit der „Dialektik der Natur" wandte sich Engels auch an die Adresse der Naturwissenschaftler. Er wollte Einfluß auf deren philosophische Anschauungen nehmen und ihnen helfen, ein richtiges Verständnis für das eigene methodische Vorgehen und für die weltanschaulichen Konsequen
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zen ihrer Erkenntnisse zu gewinnen. Auf diese Weise demonstrierte er, welche Aufgabe die marxistische Philosophie im Verhältnis zu den Naturwissenschaften zu lösen vermag und inwiefern marxistische Philosophen mit Naturwissenschaftlern Zusammenarbeiten können und müssen.
Um den realen naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß zu begreifen, reicht es allerdings nicht aus, Natur und Naturwissenschaft (gefaßt im Sinne der fertigen Erkenntnisresultate) einander gegenüberzustellen. Engels kritisierte, daß Naturwissenschaft wie Philosophie den Einfluß der Tätigkeit des Menschen auf sein Denken bisher ganz vernachlässigt haben, nur Natur einerseits und Gedanken andererseits kennen. Demgegenüber betonte er, gerade „die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein", sei die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens (S.22). Daraus leitet sich das Theorie-Praxis-Verständnis der marxistischen Philosophie und somit die Begründung für die reale Möglichkeit der Erkenntnis und praktischen Veränderung der Natur durch den Menschen ab. Die bewußte Anwendung der materialistischen Dialektik betrachtete Engels als Voraussetzung für den weiteren Erkenntnisfortschritt und für die umfassende praktische Nutzung der neuen Erkenntnisse. Die philosophische Behandlung der Natur und der Naturwissenschaft wurde für ihn zu einer fundamentalen Aufgabe, die es vom Standpunkt der Arbeiterklasse in Vorbereitung auf die sozialistische Revolution und die klassenlose Gesellschaft zu lösen gilt. Nach seiner Ansicht kommt es darauf an, daß die Arbeiterklasse, die in der materiellen Produktion die Einheit des Menschen mit der Natur praktisch realisiert, auch ein richtiges Bewußtsein über die Natur sowie über die Naturwissenschaft und ihre Bedeutung für die materielle und geistige Kultur der Gesellschaft erlangt. Die Entwicklung der Naturwissenschaft hat entscheidend zu jener Wandlung der Produktivkräfte beigetragen, die eine „bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion" verlangt. Von dieser „wird eine neue Geschichtsepoche datiren in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Thätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden der alles Bisherige in tiefen Schatten stellt" (S.83).
Mit der „Dialektik der Natur" nahm Engels zu den geistigen Kämpfen seiner Zeit Stellung. Unter den neuen historischen Bedingungen der siebziger Jahre verschärften sich die Angriffe auf den wissenschaftlichen Sozialismus. Dabei wurden in wachsendem Maße naturwissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen und zur Entstellung oder scheinbaren Widerlegung der Marxschen Lehre mißbraucht. Es liegt auf der Hand, daß sich Engels in der „Dialektik der Natur" dieser Tendenz nachdrücklich entgegenstellte.
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Mehr noch: Seine Einsicht in die Notwendigkeit der weiteren Ausarbeitung der marxistischen Philosophie unter Berücksichtigung der Erkenntnisfortschritte in den Naturwissenschaften erwuchs aus seiner Teilnahme am politischen und ideologischen Kampf um die Ziele der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung.
Dieser Zusammenhang wird bereits am Beginn der Arbeit an den Manuskripten deutlich. Im Text „Büchner" (S.5—9) wandte sich Engels gegen Ludwig Büchner, vor allem gegen dessen Versuch, die Darwinsche Evolutionstheorie auf die Gesellschaft zu übertragen (siehe auch S. 571/572). In Auseinandersetzung mit Büchner entwickelte er erste konzeptionelle Überlegungen zur „Dialektik der Natur". Wie eng in diesem Werk positive Darstellung und Kritik miteinander verbunden sind, zeigt sich auch in jenen Texten, die in Beziehung zur Auseinandersetzung mit Dühring stehen. Polemische Aspekte findet man in allen Arbeitsphasen. Von besonderer Bedeutung im Hinblick auf die Verteidigung der Marxschen Lehre ist die an „Büchner" anknüpfende prinzipielle Kritik früher Ansatzpunkte des Sozialdarwinismus (siehe S. 49/50), aber auch die Würdigung der Rolle der Theorie und die Ablehnung aller Formen des Empirismus und der Metaphysik. Engels verteidigte dabei die klassischen deutschen Philosophen, besonders Hegel, die „trotz alledem den Ruhm Deutschlands bilden" (S. 5).
Eine wesentliche Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Dialektik in der vorliegenden Arbeit besteht darin, daß sich Engels im Zusammenhang mit seinen naturwissenschaftlichen und mathematischen Studien erneut der klassischen deutschen Philosophie und vor allem Hegel zuwandte und dabei ein neues Verständnis für diese theoretische Quelle des Marxismus gewann. Ein großer Teil der Manuskripte ist der Auseinandersetzung mit Hegel gewidmet, bei der es Engels vor allem darum ging, den rationellen Kern der Hegelschen Naturphilosophie aus seiner idealistischen Umhüllung zu befreien. Engels betrachtete die Philosophie dieses großen Denkers als ein einheitliches Ganzes und bestimmte von daher Inhalt und Bedeutung seiner Naturphilosophie. Erstens beschränkt sich die Naturphilosophie Hegels nicht auf den Teil seines Systems, der mit diesem Wort bezeichnet wird, sondern die wahre Naturphilosophie ist in der Logik enthalten, insbesondere in der Lehre vom Wesen, die nach Engels' Einschätzung den Kern der Hegelschen Philosophie bildet (siehe Engels an Friedrich Albert Lange, 29. März 1865). Zweitens ist auch die Naturphilosophie im engeren Sinne ungeachtet aller Schwächen im Detail ebenso wie die anderen Teile des Systems Ausdruck der großartigen philosophischen Erkenntnisse von Hegel. Die dialektische Denkweise wird auch hier entwickelt. Diese Einstellung Engels' zur Hegelschen Naturphilosophie bildete sich in einem
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langen Prozeß, der in den vierziger Jahren begann und wesentlich durch die gemeinsame Arbeit mit Marx bestimmt wurde.
Schon 1842 interessierte sich Engels für die Hegelsche Naturphilosophie. Die seit 1831 um die Hegelsche Philosophie geführte Auseinandersetzung erlebte einen Höhepunkt, als zu Beginn dieses Jahres der Hegel-Schüler Carl Ludwig Michelet die „Vorlesungen über die Naturphilosophie" als Band 7.1 der vollständigen Werkausgabe herausgab. Dieser Teil der Hegel-schen Philosophie rückte in das Zentrum einer philosophischen Auseinandersetzung, die nicht zuletzt auch durch die von Michelet verfaßte Vorrede provoziert wurde, einer Auseinandersetzung, die der junge Engels zur Kenntnis nahm und an der er sich in gewisser Hinsicht beteiligte.
In seiner „Polemik gegen Leo" in der „Rheinischen Zeitung" vom 10. Juni 1842 wandte sich Engels mit einer kurzen ironischen Bemerkung gegen eine unter dem Stichwort „Naturphilosophie" anonym in der Berliner „Literarischen Zeitung", Nr. 9 vom 2. März 1842, erschienenen Rezension der Hegel-schen „Vorlesungen über die Naturphilosophie" und die darin getroffene abwertende Einschätzung derselben (MEGA® I/3. S. 358). Mit dem von Leo entwickelten Programm einer totalen Revolution der Medizin wurde nach seiner Ansicht ein ähnlich gelagerter Angriff auf die Hegelsche Schule geführt, denn der Inhalt der von Leo geforderten Revolution sollte darin bestehen, die pantheistische und heidnische Richtung der Naturforschung zugunsten der Einführung christlicher Prinzipien zu überwinden. (Siehe Heinrich Leo: [Rezension zu:] Geschichte der Gesundheit und der Krankheit von Dr. Joh. Mich. Leupoldt. Erlangen 1842. In: Evangelische Kirchenzeitung. Berlin. Nr. 36, 4. Mai 1842.) Engels betrachtete die pantheistischheidnische Richtung der Naturforschung als eine entscheidende Konsequenz der Hegelschen Philosophie, die es zu verteidigen galt.
Bemerkenswert erscheint die Tatsache, daß Marx in seiner ersten größeren wissenschaftlichen Arbeit, der Doktordissertation, die bekanntlich einem naturphilosophischen Thema gewidmet war, nicht nur Hegels „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" auswertete (siehe MEGA® IV/1. S.99, 101—103 und 108), sondern sich in Vorbereitung auf die Dissertation auch mit dessen Naturphilosophie beschäftigte (siehe MEGA® IV/1. S. 111-117).
Die Auseinandersetzung um die Hegelsche Naturphilosophie fiel zeitlich mit dem öffentlichen Auftreten Schellings gegen Hegel in Berlin zusammen. Ein Bekenntnis zu Hegel war in dieser Zeit daher zwangsläufig mit der Kritik an Schelling verbunden. Engels hatte schon im Dezember 1841 Schelling als bedeutenden Vorgänger Hegels gewürdigt, zugleich aber erklärt, daß der erstere als Nachfolger des letzteren nur auf einige Pietät Anspruch erheben könne und daß er — Engels — für Hegel eintreten wolle
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(siehe Friedrich Engels: Schelling über Hegel. In: MEGA® 1/3. S.259—263). In der 1842 in Leipzig erschienenen Schrift „Schelling und die Offenbarung" verteidigte Engels die „freie Wissenschaft des Denkens" gegen Schellings Philosophie der Offenbarung, die auf eine Versöhnung von Glauben und Wissen ziele. Er warf dem Vorläufer Hegels vor, er könne das Verhältnis der Idee zu Natur und Geist nicht fassen, stelle sich die Idee zu Unrecht als ein extramundanes Wesen vor, was Hegel gar nicht eingefallen sei. „Die Realität der Idee ist bei Hegel nichts Anderes als — Natur und Geist... Das ideal-reale, in sich vollendete Absolute ist eben nur die Einheit von Natur und Geist in der Idee." (MEGA® I/3.S.291.) Mit dieser Argumentation stand Engels auf dem Boden der Hegelschen Naturphilosophie. Er hob jene Gesichtspunkte hervor, die für die Verteidigung Hegels im Jahre 1842 wesentlich waren und auf deren Basis es später möglich wurde, über Hegel hinauszugehen.
Engels erkannte zu dieser Zeit noch nicht die aus dem Idealismus erwachsenden grundsätzlichen Mängel der Hegelschen Naturphilosophie. Dennoch deutete sich in seinen Überlegungen keimhaft ein neues Verständnis von Natur und Naturwissenschaft an. Dies zeigt sich vor allem in seinem leidenschaftlichen Bekenntnis zur Einheit des Menschen mit der Natur im letzten Teil von „Schelling und die Offenbarung". Damit erhält die Natur in seiner philosophischen Betrachtung einen neuen, höheren Stellenwert. Offenbar zeigt sich hier der Einfluß von Feuerbach, dessen Kritik des Christentums Engels in dieser Schrift als notwendige Ergänzung zu Hegel würdigte. An seiner Meinung über Schelling hielt Engels auch später fest. In der „Dialektik der Natur" findet dieser keine Erwähnung. Auch in Briefen und anderen Quellen gibt es keine Hinweise darauf, daß sich Engels irgendwann erneut mit Schelling beschäftigt hätte. Vergleicht man Schellings Naturphilosophie mit den in der „Dialektik der Natur" entwickelten konzeptionellen Ideen, so zeigen sich einige gravierende Unterschiede. Sie betreffen die Erkenntnisauffassung, insbesondere die Auffassung von der Erkenntnismethode in der Philosophie. Für Schelling beruhte philosophisches Denken auf der sogenannten intellektuellen Anschauung. Er stellte diese dem begrifflichen Denken entgegen; sie führe zu einem absolutfreien Wissen, d.h. zu einem Wissen, „wozu nicht Beweise, Schlüsse, überhaupt Vermittlung von Begriffen" nötig seien. (Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling: Sämmtliche Werke. Abth. 1. Bd. 3. Stuttgart 1858. S. 369.) Sie sei daher auch nichts, was gelehrt werden könne. Diese Erkenntnisauffassung finden wir —wenigstens im Ansatz—bereits in den frühen Arbeiten von Schelling. In dieser Hinsicht erreichte er in seiner Naturphilosophie ungeachtet aller wertvollen Ideen nicht das Niveau wie später Hegel. Es ist namentlich diese Erkenntnisauffassung, die für Engels unannehmbar
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war. Philosophisches bzw. dialektisches Denken war für Engels — und hier stimmte er mit Hegel und nicht mit Schelling überein — ein Denken, das auf Begriffen, Schlüssen und Beweisen beruht. Es ist in diesem Sinne wissenschaftliches Denken. Nur unter dieser Voraussetzung vermag das philosophische Denken den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß zu fördern.
1858 wandte sich Engels erneut der Hegelschen Naturphilosophie zu, nun allerdings unter neuen theoretischen Voraussetzungen, die ein Ergebnis der Auseinandersetzung mit Hegel und Feuerbach waren und durch konsequenten Materialismus geprägt wurden. Marx hatte in einem Brief an Engels darüber berichtet, daß er Hegels „Logik" wieder durchgeblättert habe und ihm dies für die Methode der Kritik der bisherigen Lehre vom Profit von großem Nutzen gewesen sei. Wenn es zeitlich möglich werde, habe er große Lust, „in 2 oder 3 Druckbogen das Rationelle an der Methode, die H[egel] entdeckt, aber zugleich mystificirt hat, dem gemeinen Menschenverstand zugänglich zu machen" (Marx an Engels, 16. Januar 1858). Im Juli 1858 bat Engels Marx um die Übersendung der versprochenen Hegelschen „Naturphilosophie". Er schilderte ausführlich seine naturwissenschaftlichen Studien, hob die Entwicklung der organischen Chemie, die Begründung der Zellentheorie als Grundlage der vergleichenden Physiologie und schließlich den physikalischen Satz von der Erhaltung und Umwandlung der Energie hervor und formulierte erstmalig die Einschätzung, daß Grundgedanken der Hegelschen Philosophie durch neuere naturwissenschaftliche Erkenntnisse ihre Bestätigung erfahren (siehe Engels an Marx, 14. Juli 1858. Siehe auch Erl. 6.24-29). In dem bereits erwähnten Brief an Lange vom 29. März 1865 wurde diese Einschätzung weitergeführt und präzisiert. Engels kennzeichnete darin Hegels Lehre vom Wesen als besonders bedeutsam für die Naturwissenschaften.
Die Arbeit an der „Dialektik der Natur" schloß von Anfang an ein intensives Hegel-Studium ein. Deutlich wird dies im Text „Büchner" (S.5—9), aber auch in der Notiz „Dialektik der Naturwissenschaft" (S.9/10) und in dem mit ihr weitgehend übereinstimmenden Brief an Marx vom 30. Mai 1873 (siehe Erl. 9.11—10.10). Engels orientierte sich in der „Dialektik der Natur" vorrangig auf die Logik, vor allem auf die Lehre vom Wesen. Dies betonte er in einem Brief an Marx vom 21. September 1874, als er sich nach mehr als einjähriger Pause erneut dem „dialektischen Thema" zuwandte (siehe Erl. 12.1—37). Seinen Niederschlag fand das so orientierte Hegel-Studium in den von ihm hinterlassenen Manuskripten. Insbesondere die Ausarbeitungen der ersten großen Arbeitsperiode (1873—1878) enthalten vielfältige direkte und indirekte Bezüge auf die Lehre vom Wesen, wie sie in der „Wissenschaft der Logik" und in der „Encyclopädie der philosophischen
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Wissenschaften im Grundrisse. Theil 1. Die Logik" dargelegt ist. Allerdings beschränkte sich Engels keinesfalls hierauf. Auch Hegels „Vorlesungen über die Naturphilosophie" wurden immer wieder im Hinblick auf ihren rationellen Kern in die Untersuchung einbezogen. Darüber hinaus studierte Engels auch die der antiken Naturphilosophie gewidmeten Abschnitte aus Hegels „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie".
Engels ließ keinen Zweifel daran, daß es notwendig ist, Hegel materialistisch zu verstehen. In diesem Zusammenhang berief er sich in der „Dialektik der Natur" erneut auf Feuerbach und dessen Kritik am Hegel-schen Idealismus (S.171 und 284—287). Allerdings akzeptierte er nicht, daß Feuerbach Hegel einfach verwarf, ohne dessen Erkenntnisse aus ihrer idealistischen Form herauszuschälen (S.286), und vermerkte einschränkend, daß die epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaft an Feuerbach vorübergegangen seien, ohne ihn wesentlich zu berühren (S.287).
Warum betrachtete Engels die Lehre vom Wesen als den Kern der Hegelschen Philosophie? Welche Aspekte dieser Lehre sind für seine philosophische Auffassung von der Natur und der Naturwissenschaft bedeutsam? In der Lehre vom Wesen begründete Hegel, daß der Widerspruch das Prinzip aller Selbstbewegung darstellt. Das Wesen ist das Sein in seiner inneren Vermittlung, Beziehung auf sich selbst (Reflexion in sich). Es stellt keine reine Identität dar, sondern enthält zugleich die Bestimmung des Unterschiedes. Den Unterschied im Wesen faßte Hegel als Entgegensetzung, nach welcher das Unterschiedene nicht ein Anderes überhaupt, sondern sein Anderes sich gegenüber hat. Die entgegengesetzten Bestimmungen des Wesens sind in ihrer inneren Einheit zu betrachten, haben nur Gültigkeit in ihrer Beziehung aufeinander. Insofern das Wesen sowohl mit sich identisch als auch in sich unterschieden ist, trägt es den Widerspruch in sich. Dieser aber „ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Thätigkeit" (Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik. Th. 1. Die objective Logik. Abth.2. Die Lehre vom Wesen. 2., unver-änd. AufL Berlin 1841. S.66). Engels knüpfte an diese Gedanken an. In verschiedenen Notizen stellte er die inneren Beziehungen von Identität und Unterschied dar (S. 14/15, 17, 31/32 und 41) und wies nach, daß sowohl in der organischen als auch in der anorganischen Natur die Kategorie der abstrakten Identität nicht angewendet werden kann, daß der „alte abstrakte formelle Identitätsstandpunkt" mit dem naturwissenschaftlichen Entwicklungsdenken — er verweist dabei vor allem auf Sachverhalte in der Biologie und Geologie — unvereinbar ist (S. 14/15). Die Naturforschung habe neuerdings im Detail nachgewiesen, daß die wahre konkrete Identität den Unterschied, die Veränderung in sich einschließt.
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Vor dem Hintergrund der Lehre vom Wesen entwickelte Engels, was dialektisches Denken eigentlich beinhaltet. Ein Grundgedanke der Hegelschen Philosophie ist die Unterscheidung von Verstand und Vernunft. „Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest; die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstands in Nichts auflöst; sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt, und das Besondere darin begreift/7 (Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik. Th.1. Die objective Logik. Abth.1. Die Lehre vom Seyn. 2., unveränd. AufL Berlin 1841. S. 7.) Diese Unterscheidung findet in der Lehre vom Wesen ihre Begründung : Verständiges Denken orientiert sich nach Hegel an der Identität, die nur eine Seite des Wesens ausmacht. Vernünftiges Denken zielt auf die Einheit von Identität und Unterschied, d. h. auf den Widerspruch im Wesen der Erscheinungen. Vernünftiges Denken arbeitet mit flüssigen Kategorien, vermittelt die Gegensätze miteinander, macht den Widerspruch zu seinem eigenen Prinzip. Engels' grundsätzliche Ausführungen zur Dialektik zeugen von der Verarbeitung dieser Hegelschen Ideen (S. 5—9,13/14 und 45—49). Unter bewußtem dialektischem Denken in der Naturwissenschaft verstand Engels vernünftiges Denken im Hegelschen Sinne.
In der Hegelschen Lehre vom Wesen wird die Idee der Einheit von Wesen und Existenz entwickelt. Das Wesen geht nach Hegel in die Existenz über. Diese ist die unmittelbare Einheit der Reflexion-in-sich und der Reflexion-in-anderes. Das Existierende ist relativ, es bildet eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit, aber es enthält die Relativität und den mannigfachen Zusammenhang mit anderen Existierenden an sich selbst. In diesem Zusammenhang setzt sich Hegel mit dem Kantschen Ding-an-sich auseinander, das auf der Trennung von Wesen und Existenz beruhte. Dieser Begriff hatte für Hegel nur insofern eine Berechtigung, als damit die wesentliche Identität des Existierenden zu fassen ist. Man darf aber nicht zulassen, daß die Mannigfaltigkeit der Eigenschaften vom Ding-an-sich getrennt wird. Diese Argumentation griff Engels in mehreren Notizen auf (S. 12—14 und 107). In der Kritik an Tendenzen zum Agnostizismus bei zeitgenössischen Naturwissenschaftlern hob er hervor, Hegel sei in der Frage nach der Erkennbarkeit ein „entschiednerer Materialist als die modernen Naturforscher" (S.14), Mit anderen Worten: Die Einheit von Wesen und Existenz betrachtete Engels als Argument zugunsten des philosophischen Materialismus, vor allem zugunsten der These von der Erkennbarkeit der Welt, deren Anerkennung Voraussetzung jeder sinnvollen Tätigkeit auf naturwissenschaftlichem Gebiet ist.
Neben der Lehre vom Wesen wurden von Engels auch Hegels „Vorlesungen über die Naturphilosophie" in vielfältiger Hinsicht kritisch verarbeitet. Prinzipielle Kritik erfuhr die idealistische Ausgangsposition, wie sie in den
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allgemeineren Ausführungen Hegels über den Begriff der Natur zum Ausdruck kommt. „Die Natur hat sich als die Idee in der Form des Andersseyns ergeben. ... die Aeußerlichkeit macht die Bestimmung aus, in welcher sie als Natur ist." (Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Naturphilosophie als der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse zweiter Theil. Berlin 1842. S. 23.) Hegel folgerte daraus, daß die Natur „ein System von Stufen1' sei, „deren eine aus der andern noth-wendig hervorgeht, und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher sie resultirt: aber nicht so daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde, sondern in der innern, den Grund der Natur ausmachenden Idee" (ebenda. S. 32). Im Vorwort zur zweiten Auflage von „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" hob Engels als entscheidenden Mangel der Hegelschen Naturphilosophie die Tatsache hervor, daß darin der Natur keine Entwicklung in der Zeit, kein Nacheinander, sondern nur ein Nebeneinander zugestanden wird. Gegenüber Kant sei dies ein wesentlicher Rückschritt. Die Leugnung der realen Entwicklung in der Natur folgt nach Engels' Einschätzung vor allem aus dem Hegelschen Idealismus, wonach nur der Geist eine geschichtliche Fortentwicklung erfahren kann. Allerdings gilt es zu beachten, daß entscheidende Erkenntnisse über die reale Entwicklung in der Natur erst nach Hegels Tod gewonnen wurden.
Wenn auch der philosophische Idealismus Hegel daran hinderte, die Dialektik konsequent zu entwickeln, und sich dies besonders in seiner Naturphilosophie zeigt, so bedeutet dies nicht, daß in ihr keine Dialektik enthalten ist. Im Gegenteil, sie bricht sich auch hier Bahn. Die von Hegel einleitend entwickelte Naturauffassung wurde von ihm nicht konsequent durchgeführt.
Engels hat in der „Dialektik der Natur" mehrfach die Bedeutung Hegels für die enzyklopädische Zusammenfassung der Naturwissenschaften gewürdigt (S.9, 28, 75 und 121). Kritisch vermerkte er, daß die dialektischen Übergänge von einer Wissenschaft zur anderen bei Hegel „kunststücklich" gemacht würden, es aber darauf ankomme, die natürlichen Übergänge zu erfassen (S.28). Hegel unterschied drei Stufen bzw. drei eigenständige Naturreiche: 1. die Natur in der Bestimmung des Außereinander, der unendlichen Vereinzelung, die Materie und ihr ideelles System — die Mechanik; 2. die Natur in der Bestimmung der Besonderheit, die natürliche Individualität — die Physik; 3. die Natur in der Bestimmung der Subjektivität, in welcher die realen Unterschiede der Form zur ideellen Einheit zurückgebracht sind — die Organik. Beim Übergang von einer Stufe zur anderen wird die ursprüngliche Bestimmung, die Natur sei durch die Äußerlichkeit, durch das Auseinanderfallen der Gegensätze gekennzeichnet, schrittweise aufgehoben. Beim Aufbau seiner Naturphilosophie wandte Hegel die in
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der „Wissenschaft der Logik" entwickelte dialektische Methode an. Der Zusammenhang der drei Naturreiche ergibt sich bei Hegel als Resultat der Entwicklung des Begriffs. Werden seine diesbezüglichen Ideen materialistisch interpretiert, so kann man sagen, Hegel habe damit die Existenz der Bewegungsformen der Materie und das Vorhandensein dialektischer Beziehungen zwischen ihnen und zwischen den sie abbildenden Wissenschaften genial erraten. In diesem Sinne kann man die von Engels in seinem Brief an Marx vom 30. Mai 1873 entwickelten Ideen als materialistische Weiterführung von Hegel verstehen (siehe auch S.9/10).
Hegel stellte in seiner Naturphilosophie vielfältige Bezüge zu den Naturwissenschaften her. Er kritisierte Einseitigkeiten und Begrenztheiten des naturwissenschaftlichen Denkens seiner Zeit und forderte dialektisches Denken in der Naturwissenschaft. Für ihn war dialektisches Denken die höchste Form des theoretischen Denkens. Hier lassen sich seine kritischen Bemerkungen zu den sogenannten Imponderabilien, seine Überlegungen über das Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen sowie über die Beziehung von Kraft und Äußerung einordnen. Ein Schwerpunkt seiner Überlegungen ist die Kritik an der metaphysischen bzw. mechanistischen Behandlung der Mechanik (siehe Erl. 10.28—31). Hegels Kritik an Einseitigkeiten und Begrenztheiten des naturwissenschaftlichen Denkens wurde von Engels sehr sorgfältig geprüft und mit neueren naturwissenschaftlichen Quellen konfrontiert. Viele der Hegelschen Ideen wurden von Engels materialistisch aufgehoben (siehe unter anderem S. 17—19, 20 und 23).
Die Lehre vom Wesen blieb für Engels auch nach Beendigung der Arbeit an der „Dialektik der Natur" von grundlegender Bedeutung. Noch 1891 charakterisierte er sie als den Hauptteil der Logik und faßte ihren Grundgedanken in folgender Weise zusammen: „die Auflösung der abstrakten Gegensätze in ihre Haltlosigkeit wo, sobald man die eine Seite allein festhalten will, sie sich unvermerkt in die andre verwandelt" (Engels an Conrad Schmidt, 1. November 1891).
Neben Feuerbach und Hegel war Immanuel Kant philosophische Quelle für Engels. Die philosophische Revolution in Deutschland, die die politische Revolution in Frankreich begleitete und in Hegel ihre Vollendung fand, begann mit Kant. Dies haben Marx und Engels seit den vierziger Jahren immer wieder hervorgehoben. Für die „Dialektik der Natur" bedeutsame Ideen Hegels wurden bei Kant vorbereitet oder durch Kants Thesen bzw. Problemstellungen provoziert.
Engels hat vor allem frühe Arbeiten von Kant unmittelbar ausgewertet. Es waren dies die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" aus dem Jahre 1755, aber auch die früheren Schriften „Untersuchung der Frage, ob die Erde in ihrer Umdrehung um die Achse, wodurch sie die
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Abwechselung des Tages und der Nacht hervorbringt, einige Veränderung seit den ersten Zeiten ihres Ursprunges erlitten habe" (1754) und „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte" (1746).
Engels' intensive Beschäftigung mit der Kantschen Naturphilosophie begann 1873 bzw. 1874, also während der Arbeit an der „Dialektik der Natur". Bis dahin hatte er sich in seinen philosophiegeschichtlichen Studien auf Hegel konzentriert. Zur intensiveren Beschäftigung mit Kant kam Engels unter dem Einfluß seiner naturwissenschaftlichen Studien, vor allem auf dem Gebiet der Astronomie.
Am 19. August 1865 sprach Marx in einem Brief an seinen Freund über eine neue Entdeckung auf diesem Gebiet und betonte, daß Engels Pierre-Simon de Laplaces Theorie über die Bildung des Sonnensystems ja kenne. Möglicherweise las Engels damals bereits das Buch Johann Heinrich Mäd-lers „Der Wunderbau des Weltalls, oder Populäre Astronomie". Aus dieser Zeit gibt es aber keine Hinweise auf ein besonderes Interesse von Engels an den Arbeiten des jungen Kant. Eine Anregung für das intensivere Studium dieser Arbeiten ergab sich aus dem Werk des italienischen Astronomen Angelo Secchi „Die Sonne" (Braunschweig 1872) und aus der Schrift von William Thomson und Peter Guthrie Tait „Treatise on natural philo-sophy" (Oxford 1867). Diese beiden Quellen repräsentieren jene neuartige Einschätzung Kants aus naturwissenschaftlicher Sicht, auf die sich Engels in der „Alten Vorrede zu Dühring. Über Dialektik" stützte (siehe S.170). Sie war das Ergebnis einer langwierigen Entwicklung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, zu der durch seine empirischen Untersuchungen wohl William Herschel als erster Astronom beigetragen hat.
In dem bereits erwähnten Buch von Secchi wird die kosmogonische Theorie von Kant-Laplace als eine wenigstens partiell bestätigte Theorie charakterisiert und in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung der Spektralanalyse (Robert Bunsen und Gustav Kirchhoff, 1860) hervorgehoben. Ähnliche Einschätzungen finden sich auch in der Schrift „OnbiTb MCTopiu Mbicnu" von Pjotr Lawrowitsch Lawrow, die in Petersburg 1875 anonym erschien (siehe S. 580).
Übrigens hatte 1855 schon Helmholtz in seiner Königsberger Rede „Über das Sehen des Menschen" anläßlich der Enthüllung eines Kant-Denkmals — genau 100 Jahre nach Erscheinen der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" — die Kantsche Kosmogonie gewürdigt. Die große Wirksamkeit der Ideen von Kant um die Mitte des 19. Jahrhunderts zeigte sich auch in den Arbeiten von Carl Friedrich Zöllner, der in seinen astrophysikalischen Untersuchungen direkt an Kant anschloß, und in der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte" von Haeckel. Von dieser neuen Situation ging auch Engels aus, als er sich zu Beginn seiner Arbeit an der
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„Dialektik der Natur" dem Studium Kantscher Originalarbeiten zuwandte und dabei die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit rückte. Er gelangte schon 1874 zu einer Einschätzung dieser Schrift, die für die damalige Zeit wohl einmalig war und von ihm in der Folgezeit mehrfach wiederholt wurde. Es ist dies der Gedanke, daß Kant die erste Bresche in die versteinerte, metaphysische Naturanschauung geschossen habe. Er findet sich im Entwurf der „Einleitung" zur „Dialektik der Natur" (S. 32—34), in der „Einleitung" (S. 75/76) sowie in „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft".
Die Einschätzung gilt insofern, als von Kant zum ersten Male „an der Vorstellung gerüttelt" wurde, „als habe die Natur keine Geschichte in der Zeit" (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. Leipzig 1878. S. 37). Damit wurde der Entwicklungsgedanke in der Astronomie und in der Naturwissenschaft überhaupt unausweichlich (S. 76).
Engels charakterisierte die „Kantische Theorie von der Entstehung aller jetzigen Weltkörper aus rotirenden Nebelmassen" als den größten Fortschritt, den „die Astronomie seit Kopernikus gemacht" hat. (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. S.37.) In der Tat hat Kant in seiner „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" den copernicanischen Gedanken der naturgesetzlichen Einheit von Erde und Kosmos (siehe Erl. 33.10—12) weitergeführt und vertieft. Die Weiterführung des copernicanischen Gedankens liegt vor allem in Kants Auffassung, alle Bereiche des Kosmos befänden sich in einer systematischen Verfassung, d. h. in gesetzmäßiger Ordnung, und auch die Fixsterne, ja selbst die Galaxien seien davon nicht ausgenommen.
Der wesentliche neue Gesichtspunkt, mit dem Kant den copernicanischen Gedanken vertieft hat, ist, daß auch Entstehung und Entwicklung der Himmelskörper uneingeschränkt auf der Grundlage von Naturgesetzen erklärbar sind. Nach seiner Vorstellung sollten dies die Newtonschen Gesetze sein, die er nicht nur als einheitliche Bewegungsgesetze für Planeten und irdische Massen, sondern als einheitliche Entwicklungsgesetze des gesamten Kosmos interpretierte. Das Systematische, das die großen Glieder der Schöpfung miteinander verbindet, und das Historische, die Bildung der Weltkörper und der Ursprung ihrer Bewegungen, lassen sich nach Kant aus denselben Gesetzen erklären.
Das Studium der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" war somit eine der Voraussetzungen für die von Engels in kritischer Auseinandersetzung mit Hegel begründete dialektisch-materialistische Naturauffassung, die der Natur eine reale Entwicklung, eine Geschichte zuschreibt. Auch eine zweite naturwissenschaftliche Hypothese Kants (Flutreibung) wurde von Engels anhand neuerer naturwissenschaft
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licher Konzeptionen und empirischer Befunde diskutiert (siehe S.220 bis 224).
Wenn auch die klassische deutsche Philosophie den unmittelbaren Ausgangspunkt für Engels bildete, so waren doch seine philosophiegeschichtlichen Studien nicht auf diese Periode beschränkt. Sein Interesse galt darüber hinaus der antiken griechischen Philosophie, vor allem den ältesten griechischen Philosophen, die gleichzeitig Naturforscher waren: Thales, Anaximandros, Anaximenes und Pythagoras. Den Zugang zu ihren Anschauungen gewann er über Hegels „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie", in denen Schriften von Aristoteles, Cicero, Pseudo-Plutarchos und Diogenes Laertios verwendet werden. Ein zweiter Schwerpunkt in diesem Zusammenhang war die griechische Atomistik mit Leukip-pos, Demokritos und Epikuros.
Eine zusammenfassende Einschätzung der griechischen Philosophie gab Engels in dem Manuskript „Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik" (S. 169/170). Ihre Bedeutung liegt für ihn erstens darin, daß hier das dialektische Denken geformt wurde, wenngleich noch in naturwüchsiger Einfachheit. Zweitens finden sich in der griechischen Philosophie „fast alle späteren Anschauungsweisen bereits im Keim, im Entstehen" (S. 170). Daher muß auch die theoretische Naturwissenschaft, will sie die Entwicklungsgeschichte ihrer neueren Erkenntnisse verfolgen, auf die Griechen zurückgehen.
In der „Dialektik der Natur" finden wir eine ganze Reihe weiterer philosophiegeschichtlicher Bezüge, ohne daß sich dafür immer das Studium der jeweiligen Originalquellen nachweisen läßt. Viele dieser Bezüge ergaben sich für Engels vermutlich über Hegel.
Eine gründliche Kenntnis der Naturwissenschaften und der Mathematik war für Engels nach seinen eigenen Worten unerläßliche Voraussetzung für die Lösung jener Aufgabe, die er sich in der „Dialektik der Natur" gestellt hatte: „Aber zu einer dialektischen und zugleich materialistischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft mit der Mathematik und der Naturwissenschaft." (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. 2.AufL Hottingen-Zürich 1886. S.XII.) In den siebziger Jahren begann Engels mit den hierzu erforderlichen intensiven Studien und orientierte sich dabei vor allem auf jene Entwicklungsrichtungen, die das naturwissenschaftliche Denken im 19. Jahrhundert revolutionierten und so den weiteren Erkenntnisfortschritt ermöglichten. Seine grundlegenden Ideen über die objektive Dialektik der Natur und ihre Widerspiegelung in den Naturwissenschaften formulierte er im Zusammenhang mit diesen Entwicklungsrichtungen.
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In einem Brief an Nikolai Franzewitsch Danielson vom 15.Oktober 1888 charakterisierte Engels das 19. Jahrhundert als „Century of Darwin, of Mayer, Joule and Clausius, of evolution and the transformation of energy". Ganz ähnlich schätzten auch führende Naturwissenschaftler die damalige Zeit ein. So betonte Helmholtz 1892 in einer in Weimar gehaltenen Rede über „Goethe's Vorahnungen kommender naturwissenschaftlicher Ideen", daß sich die in den zurückliegenden vierzig Jahren vollzogenen Veränderungen im Gesamtbild der Natur erkennen lassen, wenn man an „Darwins Ursprung der Arten und an das Gesetz von der Konstanz der Energie" denke. Ludwig Boltzmann, der ähnlich wie Helmholtz Wesentliches zur Weiterentwicklung jener Engels besonders interessierenden physikalischen Theorie leistete, kam 1886 in seinem Wiener Akademie-Vortrag „Der zweite Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie" zu folgender Feststellung: „Wenn Sie nach meiner innersten Überzeugung fragen, ob man es [das 19. Jahrhundert] einmal das eiserne Jahrhundert oder das Jahrhundert des Dampfes oder der Elektrizität nennen wird, so antworte ich ohne Bedenken, das Jahrhundert der mechanischen Naturauffassung, das Jahrhundert Darwins wird es heißen." Auch Haeckel gelangte 1898/1899 zu analogen Wertungen.
Vor allem auf diese beiden Linien sind die naturwissenschaftlichen Studien von Engels in der Zeit der Arbeit an der „Dialektik der Natur" gerichtet; ihnen hatte schon in den fünfziger und sechziger Jahren sein Interesse gegolten. Auf der Verarbeitung dieser beiden Entwicklungslinien beruhen die in den Manuskripten enthaltenen philosophischen Ideen.
Die Lehre von der Konstanz bzw. Umwandlung der Energie wird in der sogenannten mechanischen Wärmetheorie begründet. Sie geht davon aus, daß Wärme nichts anderes als eine ungeordnete Bewegung von Molekülen darstellt. Damit ist die noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vorherrschende Meinung, es handle sich bei der Wärme wie auch bei den elektrischen und magnetischen Erscheinungen um die Wirkungen eines besonderen unwägbaren Stoffes, überwunden. In der mechanischen Wärmetheorie führt man die Wärme, eine nichtmechanische makroskopische Erscheinung, auf Elementarprozesse mechanischer Art und deren Gesetze zurück. Auf dieser Voraussetzung beruhen die beiden Hauptsätze der Thermodynamik. Der 1. Hauptsatz ist der (auf die Wärmelehre angewandte) Satz von der Erhaltung der Energie: In einem abgeschlossenen System ist die Summe aller Energien (kinetische und potentielle Energie, Wärmeenergie, elektrische Energie usw.) konstant. Die verschiedenen Energieformen können sich in bestimmten Verhältnissen ineinander umwandeln, ohne daß sich die Quantität der Gesamtenergie verändert. Der 2. Hauptsatz besagt, daß alle nach dem 1. Hauptsatz möglichen Prozesse so ablaufen, daß die Entropie stets zunimmt (siehe Erl. 44.25—45.14).
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Die Herausbildung der mechanischen Wärmetheorie erfolgte in mehreren Schritten, die von Engels nachvollzogen wurden. Von grundlegender Bedeutung ist die Arbeit „Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur" von Julius Robert Mayer aus dem Jahre 1842. Darin wurde erstmalig der zunächst nur für die Mechanik geltende Energiesatz in seiner allgemeinen physikalischen Bedeutung gefaßt. Ausgangspunkt waren für Mayer allgemeine Betrachtungen über die Eigenschaften von Ursachen, die er als quantitativ unzerstörbar und als qualitativ wandelbar charakterisierte. Insofern Kräfte nach seinem Verständnis Ursachen sind, läßt sich das „Gesetz der Erhaltung lebendiger Kräfte" aus dem Gesetz der Unzerstörbarkeit der Ursachen begründen. Mayer stellte in dieser Arbeit die qualitativ verschiedenen Formen mechanischer, physikalischer und chemischer Kräfte dar, die ineinander umwandelbar sind unter der Voraussetzung, daß die Quantität der gegebenen Kraft erhalten bleibt.
Nur ein Jahr später veröffentlichte James Prescott Joule eine Arbeit, die eine genaue Bestimmung des mechanischen Wärmeäquivalents bzw. Daten zur experimentellen Bestätigung des Energiesatzes (in seiner verallgemeinerten Form) enthält. Helmholtz gab 1847 in seinem Vortrag „Über die Erhaltung der Kraft" eine präzise mathematische Formulierung des Energiesatzes für mechanische Systeme. Sie beruht auf einem klaren Verständnis des Begriffs der mechanischen Energie, obwohl Helmholtz dieses Wort noch nicht verwandte, sondern im Sinne der älteren Terminologie stets von Kraft sprach. Helmholtz unterschied zwei Formen von mechanischer Kraft bzw. Energie — die sogenannte lebendige Kraft: -y v2, später als kinetische Energie bezeichnet, und die sogenannte Spannkraft: n?gx, später als potentielle Energie bezeichnet. Das Anliegen von Helmholtz bestand darin, durch eine Präzisierung der begrifflichen Grundlagen der Mechanik auch der Thermodynamik ein festes Fundament zu geben.
Die Formulierung des 2. Hauptsatzes in seiner ursprünglichen Fassung erfolgte 1850 durch Rudolf Clausius in seiner Arbeit „Ueber die bewegende Kraft der Wärme und die Gesetze, welche sich daraus für die Wärmelehre selbst ableiten lassen", in der erstmalig das Prinzip der Äquivalenz von Wärme und Arbeit mit dem Carnotschen Prinzip des Wärmeübergangs von höherer zu tieferer Temperatur in Zusammenhang gebracht worden ist.
Thermodynamik und Elektrodynamik bildeten die Schwerpunkte der theoretischen Entwicklung in der Physik des 19. Jahrhunderts. In der mechanischen Wärmetheorie wird das auf der klassischen Mechanik beruhende Programm einer Mechanisierung der Physik realisiert und damit in seiner heuristischen Funktion bestätigt. Dies ist gleichbedeutend mit der Übertragung der Atomistik aus der Mechanik auf einen neuen Anwendungs
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bereich. Dabei gilt es zu beachten, daß die von der Mechanik ausgehende und sich auf ihrem Boden vollziehende Entwicklung über diesen Rahmen hinausführte und Voraussetzungen für künftige revolutionäre Wandlungen schuf. Bedeutung in diesem Zusammenhang erlangte vor allem die seit den siebziger Jahren entwickelte statistische Interpretation der Thermodynamik von James Clerk Maxwell und Ludwig Boltzmann, die von Engels allerdings nicht reflektiert wurde. In ihren Arbeiten wird deutlich, daß die mit der mechanischen Wärmetheorie verbundene Verallgemeinerung der Atomistik zu neuen Einsichten in das dialektische Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität in der Struktur der Materie führte. Der Übergang von einer endlichen Anzahl diskreter Teilchen zu den kontinuierlichen Größen auf phänomenologischer Ebene erfolgt mit Hilfe wahrscheinlichkeitstheoretischer Methoden. Die meßbaren Größen der makroskopischen Theorie haben keine direkte Entsprechung im mikroskopischen Bereich. Das Kontinuum ist keine einfache Summation diskreter Elemente, sondern stellt eine neue Qualität dar, d. h., es ist durch spezifische Wechselwirkungen zwischen den Elementen bzw. durch Gesetzmäßigkeiten charakterisiert, die nur für das Kontinuum typisch sind und sich nicht auf Elementargesetze reduzieren lassen.
Vor dem Hintergrund der Thermodynamik gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielfältige Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen der Mechanisierung der Physik, über Inhalt und Bedeutung der physikalischen Atomistik. Von Boltzmann, aber auch von anderen Physikern wurde das atomistische Konzept gegenüber allen Angriffen verteidigt und der Nachweis geführt, daß eine Weiterentwicklung der Physik ein Festhalten an diesem Konzept erforderte. In seiner verallgemeinerten Fassung erlaubt es, den Zusammenhang zwischen verschiedenen physikalischen Strukturebenen bzw. zwischen den verschiedenen Arten physikalischer Bewegung (Energieformen) und darüber hinaus den Übergang von der Physik zur Chemie zu erfassen.
Die zweite herausragende Entwicklungslinie des naturwissenschaftlichen Denkens im 19. Jahrhundert ist vor allem mit Charles Darwin verbunden. 1859 legte er in der Schrift „On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life" seine Theorie über die Entwicklung der organischen Formen mittels natürlicher Ursachen dar, deren Grundzüge er bereits in den vierziger Jahren ausgearbeitet hatte. Darwin setzte die Variabilität der Organismen als gegeben voraus und wies nach, daß diejenigen Veränderungen, die einzelnen Individuen einen Vorteil hinsichtlich ihrer Erhaltung in den vielfältigen Wechselwirkungen mit der Umwelt verschaffen, dazu führen, daß diese Individuen sich eher und stärker vermehren als andere. Die besser an
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gepaßten Individuen setzen die Art fort, und so verändere sich im Laufe der Zeit deren Charakter. Die offensichtliche Zweckmäßigkeit der Organismen, ihre Angepaßtheit an ihre Lebensbedingungen erweise sich als das Ergebnis natürlicher Auslesevorgänge, der „natural selection" im „Kampf ums Dasein" (struggle for life). Damit war es Darwin gelungen, die offensichtliche Tatsache der Entwicklung, über deren Ursachen und deren Verlauf vor ihm nicht wenige Vermutungen und Hypothesen aufgestellt worden waren — Darwin selbst nannte eine Vielzahl von Vorläufern —, als einen naturgesetzlichen Prozeß nachzuweisen, der zu seiner Erklärung keines immateriellen Wesens oder teleologischen Prinzips bedarf. Mit der Einführung der historischen Methode in die Wissenschaften vom Leben erhielten diese ihre theoretische Grundlage, wurde es möglich, von der Beschreibung der einzelnen Lebensformen und Lebensvorgänge zu ihrer wissenschaftlich begründeten Erklärung überzugehen.
Die in der Evolutionstheorie liegenden weltanschaulichen Konsequenzen, die Darwin allerdings selbst nicht aussprach, waren sicher der Grund für die relativ späte Veröffentlichung, die erst erfolgte, als der britische Zoologe Alfred Rüssel Wallace unabhängig von Darwin das Selektionsprinzip gefunden hatte. 1859 hielt letzterer aber noch seine Erkenntnisse darüber zurück, daß auch der Mensch ein Produkt des natürlichen Entwicklungsprozesses sei. Erst nachdem Anhänger und Fortsetzer seiner Theorie, vor allem Thomas Henry Huxley und Ernst Haeckel, diese Konsequenz begründet und in die öffentliche Diskussion gebracht hatten, legte Darwin 1871 die Schrift „The descent of man, and selection in relation to sex" der Öffentlichkeit vor.
Es lag in der Natur der Darwinschen Theorie, daß sich im Kampf um ihre Anerkennung die Fachvertreter in zwei Lager spalteten und in die weltanschaulichen Auseinandersetzungen besonders seit den siebziger Jahren breite Kreise der Öffentlichkeit einbezogen wurden. Darwin und seine Anhänger konnten sich auf die neuesten Ergebnisse der Wissenschaftsentwicklung stützen. Obwohl Caspar Friedrich Wolff bereits 1759 in seiner „Theoria generationis" die theoretischen und experimentellmethodischen Grundlagen für die Embryologie gelegt hatte, kann man erst seit den fundamentalen Untersuchungen von Christian Pander und Karl Ernst von Baer in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von einer wissenschaftlichen Embryologie sprechen. 1838/1839 wurde durch Matthias Jakob Schleiden und Theodor Schwann die Zellentheorie begründet, wonach alle vielzelligen Organismen durch Vervielfältigung und Differenzierung von Zellen entstehen. Im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts bildete sich die Paläontologie als Wissenschaft heraus. Entscheidenden Anteil daran hatte Georges de Cuvier durch die Entwicklung der ver
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gleichend-anatomischen Methode. Allerdings wirkte sich seine theoretische Deutung, die Kataklysmentheorie, durch ihren antievolutionistischen Charakter für Geologie und Biologie hemmend aus. Sie wurde durch Charles Lyell (Principles of geology. VoL1—3. London 1830—1833) überwunden. Er führte die Entwicklungsidee in die Geologie ein und vertrat in diesem Zusammenhang das Prinzip des Aktualismus, wonach in der Erdgeschichte keine anderen als die auch heute feststellbaren Ursachen wirksam gewesen sind, deren kleine Wirkungen durch ihre Summierung über viele Jahrmillionen zu den gewaltigen geologischen Veränderungen geführt haben. Obwohl mit diesem Prinzip die Naturgesetze noch als ahistorisch angesehen wurden, war es der entscheidende Beitrag zur Begründung des naturhistorischen Materialismus in den geologischen Wissenschaften.
Schließlich war durch William Herschel und Pierre-Simon de Laplace der Entwicklungsgedanke in der Kosmologie zum Durchbruch gelangt und die kühne Hypothese von Kant aus dem Jahre 1755 zu Ansehen und Ehren gekommen.
Für den durchgängigen Entwicklungszusammenhang in der Natur war eine der grundlegenden Fragen noch offen: Der Übergang von der Chemie zum Leben oder die Entstehung des Lebens auf der Erde. Mit der ersten Synthese eines organischen Stoffs, des Harnstoffs, aus anorganischem Ausgangsmaterial (der Zyansäure) war es aber Friedrich Wöhler 1828 gelungen, die vordem für prinzipiell unüberbrückbar gehaltene Kluft zwischen organischen und anorganischen Stoffen zu überwinden. Die organische Chemie entwickelte sich danach außerordentlich schnell.
Die inhaltliche Analyse der Manuskripte zeigt, daß Engels' Auffassungen über die objektive Dialektik der Natur und ihre Widerspiegelung in den Naturwissenschaften aus der philosophischen Verarbeitung der beiden dargestellten Entwicklungslinien des naturwissenschaftlichen Denkens im 19. Jahrhundert erwachsen sind. Die Charakterisierung der Natur unter dem Gesichtspunkt ihrer objektiven Dialektik ist immanenter Bestandteil vieler Manuskripte, insbesondere der relativ geschlossenen Ausarbeitungen, der „Einleitung" und der Kapitel. Zwei Grundgedanken sind bestimmend:
Erstens. Die Natur ist ein System, ein Gesamtzusammenhang von Körpern. Dieser Gedanke wurde insbesondere in „Grundformen der Bewegung" entwickelt. Unter Körpern versteht Engels „alle materiellen Existenzen, vom Gestirn bis zum Atom, ja bis zum Aethertheilchen, soweit dessen Existenz zugegeben. Darin, daß diese Körper in einem Zusammenhang stehn, liegt schon einbegriffen, daß sie auf einander einwirken, und diese ihre gegenseitige Einwirkung ist eben die Bewegung" (S.188). Bewegung
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wurde von Engels differenzierter betrachtet. Er unterschied qualitativ verschiedene Bewegungsformen: mechanische Bewegung, physikalische Bewegung (dies sind Erscheinungen wie Schall, Wärme, Licht, Elektrizität und Magnetismus), chemische Veränderungen und organisches Leben. Diese Bewegungsformen sind für Engels an bestimmte materielle Strukturen oder Strukturebenen der Materie gebunden. Mechanische Bewegung ist die Bewegung von irdischen und himmlischen Massen, physikalische Bewegung die von Molekülen, chemische Veränderungen sind eine Bewegung der Atome, und Leben schließlich ist die Daseinsweise der Eiweißkörper oder des Protoplasmas. Die verschiedenen Bewegungsformen gehen ineinander über. Dies ist ein Fortschreiten vom Einfachsten zum Verwik-kelten, vom Niedrigsten zum Höheren. Dabei bleibt das Einfachere als Moment im Verwickelten enthalten. Diese Überlegungen entwickelte Engels — Hegels Auffassung über die Natur als ein System von Stufen aufhebend — vor dem Hintergrund der mechanischen Wärmetheorie und der mit ihr verbundenen neueren Atomistik. Der Ausdruck „Art der Bewegung", „mode of motion" bzw. „Bewegungsform" war in der damaligen physikalischen Literatur schon vorhanden (siehe Erl. 9.11—10.10). Er wurde von Engels in verallgemeinerter Form in die Philosophie eingeführt. Die naturwissenschaftliche Basis bleibt dabei aber stets sichtbar. Dies wird besonders deutlich auch dort, wo Engels die spezifische Natur einzelner Bewegungsformen untersuchte (siehe S. 232—283). Engels faßte Bewegung als Einheit zweier Grundformen, Attraktion und Repulsion (Annäherung und Entfernung bzw. Zusammenziehung und Ausdehnung). Er leitete dies aus der Feststellung ab, daß jede Bewegung mit irgendwelcher Ortsveränderung verbunden sei, diese aber nur darin bestehen könne, daß sich die Körper einander nähern oder voneinander entfernen, und zwar in der Richtung der ihre Mittelpunkte verbindenden Linie. Interessanterweise berief sich Engels in diesem Zusammenhang auf Helmholtz und den von ihm erbrachten mathematischen Beweis, daß „centrale Wirkung und Unveränderlichkeit der Bewegungsmenge sich gegenseitig bedingen" (S. 189). Wenn alle Bewegung im Wechselspiel von Attraktion und Repulsion besteht, so müssen sich — wie Engels betonte — alle Attraktionen und alle Repulsionen im Universum gegenseitig aufwiegen. Erhaltung der Energie bedeutet, daß die Summe aller Attraktionen im Weltall gleich istderSumme aller Repulsionen.
Bei der genaueren Bestimmung des Verhältnisses von Attraktion und Repulsion knüpfte Engels an Kant, vor allem aber an Hegel an. Er faßte wie diese Attraktion und Repulsion als polaren Gegensatz. Ihre Trennung und Entgegensetzung besteht nur „innerhalb ihrer Zusammengehörigkeit und Vereinigung und umgekehrt ihre Vereinigung nur in ihrer Tren
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nung, ihre Zusammengehörigkeit nur in ihrer Entgegensetzung" (S. 190). Daraus folgerte er, daß es keinen endgültigen Ausgleich von Repulsion und Attraktion, keine endgültige Verteilung beider auf je eine Hälfte der Materie geben könne.
Zweitens. Die Natur hat eine Geschichte. Im zweiten Teil der „Einleitung" entwarf Engels ein eindrucksvolles Bild der Naturgeschichte von der Entstehung der zahllosen Sonnen und Sonnensysteme aus wirbelnden glühenden Dunstmassen über die Entstehung des Lebens auf der Erde bis zu jenem Differenzierungsprozeß, aus dem der Mensch und seine soziale Geschichte hervorgegangen sind. Engels bezog den Gedanken der Geschichte auf die uns umgebende Natur, auf einen endlichen Ausschnitt aus der unendlichen, unerschöpflichen materiellen Welt. Die so verstandene Naturgeschichte hat Anfang und Ende. Sie ist eingebettet in den ewigen Kreislauf, in dem sich die Bewegung der Materie vollzieht. In diesem Kreislauf ist jede endliche Daseinsweise der Materie in gleicherweise vergänglich; ewig sind nur die „ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie und die Gesetze nach denen sie sich bewegt und verändert" (S. 86). Für Engels ist das Vorhandensein eines ewigen Kreislaufs Bedingung für die Entwicklung endlicher Systeme. Ewiger Kreislauf der Materie heißt, „daß die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, daß keins ihrer Attribute je verloren gehn kann" (S. 87). Sie hat die Fähigkeit, die Bedingungen für die ihr eigenen Bewegungsformen immer wieder aus sich selbst zu erzeugen.
Beide Gedanken erarbeitete Engels in einem langen Prozeß, der bereits in den fünfziger Jahren begann und wesentlich durch die Diskussion mit Marx gefördert wurde. Von großer Bedeutung für Engels war in diesem Zusammenhang auch die langjährige Freundschaft mit dem Chemiker Carl Schorlemmer, der ihn wie auch Marx über neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse informierte und beiden als Autorität ersten Ranges galt (siehe auch S. 577). Auf den Satz von der Erhaltung und Umwandlung der Energie nahm Engels schon in seinem Brief an Marx vom 14. Juli 1858 Bezug und würdigte ihn dort als eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen nach Hegels Tod (siehe Erl. 6.24—29). Gegenüber Lange erwähnte er 1865 erstmalig das Buch „The correlation of physical forces" von William Robert Grove (Engels an Friedrich Albert Lange, 29. März 1865, siehe Erl. 171.11—19). In einem Brief an Marx vom 4. Januar 1866 empfahl er die Lektüre einer entsprechenden Arbeit von John Tyndall (siehe Erl. 9.11—10.10). Mit der Lehre von der Verwandlung der Energie beschäftigte sich in den sechziger Jahren auch Marx. Offenbar war er es, der Engels zum Studium von Grove anregte. Schon in einem Brief an seinen Freund vom 31. August 1864 heißt es: „Es ist mir durch die Hände gegangen Grove's
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Korrelation of Physical Forces'. Er ist unbedingt der philosophischste unter den englischen (und auch deutschen!) Naturforschern." Am 17. August desselben Jahres sprach er in einem Brief an Lion Philips über das gleiche Buch: „Ein sehr bedeutendes naturwissenschaftliches Buch, Grove's Korrelation of physical forces' ist mir kürzlich durch die Hände gegangen. Er zeigt nach, wie mechanische Bewegungskraft, Wärme, Licht, Electricität, Magnetismus und Chemical affinity, eigentlich alle nur Modi-ficationen derselben Kraft sind, sich wechselseitig erzeugen, ersetzen, in einander übergehn usw. Die widerlich metaphysisch-physikalischen Hirngespinste, wie Jatente Wärme' (so gut wie ,unsichtbar Licht'), elektrisches ,Fluid' u. dgL pis aller, um zur rechten Zeit Worte einzustellen, wo Gedanken fehlen, beseitigt er sehr geschickt."
Marx' Äußerungen zu Grove sind ein Beleg dafür, daß er sich im Prinzip für die gleichen naturwissenschaftlichen Entdeckungen bzw. Entwicklungslinien wie Engels interessierte, daß sie einander wechselseitig auf neue Publikationen aufmerksam machten und ihre Meinungen darüber austauschten. Beide orientierten sich an naturwissenschaftlichen Originalarbeiten bzw. an Schriften, die für die Propagierung neuer Ideen besondere Bedeutung hatten.
Eine erste intensivere Beschäftigung von Engels mit dem Energiesatz läßt sich für September/Oktober 1874 nachweisen. Die mit ihm verbundenen Probleme beschäftigten Engels bis in die achtziger Jahre. Sie wurden systematisch in den ab 1880 entstandenen Kapiteln der „Dialektik der Natur" behandelt. Ausgangspunkt waren in diesem Zusammenhang für Engels die inzwischen klassisch gewordenen Arbeiten von Julius Robert Mayer, James Clerk Maxwell, Rudolf Clausius und Hermann von Helmholtz. Von einer Reihe Arbeiten fertigte sich Engels Exzerpte an (Auszüge aus Büchern von William Thomson und Peter Guthrie Tait, Hermann von Helmholtz sowie Jean Le Rond d'Alembert. Siehe S. 589). Diese Studien ermöglichten Engels ein tiefes Verständnis der mechanischen Wärmetheorie, der für sie grundlegenden physikalischen Begriffe und Größen (siehe S. 202—214) und der ihr zugrunde liegenden physikalischen Konzeption, die er als „neuere Atomistik" charakterisierte (S. 117) und ohne die — wie er in Übereinstimmung mit vielen führenden Gelehrten des 19. Jahrhunderts feststellte — modernes wissenschaftliches Denken in Physik und Chemie unmöglich ist (S. 151—154).
In seinem Brief an Marx vom 14.Juli 1858 hob Engels auch die Fortschritte in der organischen Chemie, die systematische Nutzung des Mikroskops und die dadurch ermöglichte Begründung der Zellentheorie hervor. Namentlich diese Erkenntnisse würden nach seiner Ansicht den alten Hegel gefreut haben. Engels' Beschäftigung mit Darwin begann unmittelbar nach
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dem Erscheinen dessen berühmter Schrift am 24. November 1859, und bereits am 11. oder 12. Dezember desselben Jahres gab er in einem Brief an Marx eine erste Einschätzung: „Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt grade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaput gemacht, das ist jetzt geschehn. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen, und am wenigsten mit solchem Glück. Die plumpe englische Methode muß man natürlich in den Kauf nehmen." Ein Jahr später formulierte Marx eine analoge Wertung. Er schrieb an Ferdinand Lassalle: „Sehr bedeutend ist Darwin's Schrift und paßt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes. Die grob englische Manier der Entwicklung muß man natürlich mit in den Kauf nehmen. Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der ,Teleologie' in der Naturwissenschaft nicht nur der Todesstoß gegeben, sondern der rationelle Sinn derselben empirisch aus einander gelegt." (Marx an Ferdinand Lassalle, 16. Januar 1861.) In kurzer Form hatte er diese Meinung gegenüber Engels schon im Dezember 1860 formuliert (siehe Marx an Engels, 19. Dezember 1860). Bei seinen ökonomischen Arbeiten von 1861 bis 1863 entdeckte Marx, daß Darwin die Malthussche Bevölkerungstheorie — obwohl er sich auf diese stützte — faktisch widerlegte (siehe MEGA® 11/3.1 bis 6. S. 772/773).
Während der Arbeit an der „Dialektik der Natur" wertete Engels die „Natürliche Schöpfungsgeschichte" von Ernst Haeckel (4. Aufl. Berlin 1873) aus, in der Vorgeschichte, Inhalt und Konsequenzen der Darwinschen Theorie dargelegt und weltanschaulich interpretiert werden. Erste Bezüge auf Haeckel finden sich in den im Oktober 1874 entstandenen Notizen (S.25/26 und 28—31). Die „Natürliche Schöpfungsgeschichte" bildete in der gesamten ersten Arbeitsperiode eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Quellen für Engels. Von seiner Sachkenntnis in biologischen Fragen zeugt auch die Verteidigung der Darwinschen Theorie in der Polemik gegen Dühring, die ein tiefes Verständnis für deren historische Bedeutung, aber auch für deren nur relative Gültigkeit erkennen läßt (siehe Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. Leipzig 1878. S.46—55). Engels betrachtete die Darwinsche Theorie als deutlichsten Ausdruck einer neuen naturwissenschaftlichen Denkweise, die sich im gleichen historischen Zeitraum auf verschiedenen Gebieten Bahn brach. Nach seiner Einschätzung erlangte das Entwicklungsdenken vor allem in der Kosmologie, in den geologischen und biologischen Disziplinen wachsende Bedeutung. In diesen größeren wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang ordnete er seine Studien zu Darwin ein (S.75—79).
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Engels' Orientierung auf diese beiden Entwicklungslinien im naturwissenschaftlichen Denken des 19. Jahrhunderts kommt auch in der Ende 1885/ Anfang 1886 gegebenen Einschätzung zum Ausdruck, der Aufschwung der Naturwissenschaft werde vor allem durch drei große Entdeckungen gekennzeichnet, durch den sich von der Berechnung des mechanischen Wärmeäquivalents herleitenden Nachweis der Umwandlung der Energie, durch die Entdeckung der organischen Zelle als Einheit, aus der alle Organismen entstehen und herauswachsen, und schließlich durch die Darwinsche Entwicklungstheorie (siehe S. 284-287).
Ein großer Teil der vorliegenden Manuskripte ist der Frage gewidmet, inwiefern die objektive Dialektik der Natur in den Naturwissenschaften widergespiegelt wird, inwiefern diese einen dialektischen Inhalt haben. Entsprechende Ausarbeitungen entstanden in allen Arbeitsphasen. Für Engels erlangte dieser Gesichtspunkt wachsende Bedeutung. 1880 ging er zur systematischen Darstellung des dialektischen Inhalts der Wissenschaften über. Dies war sein Hauptanliegen in den nun entstehenden Kapiteln. Noch im „Plan 1878" waren nur „Aperqus über die einzelnen Wissenschaften und deren dialektischen Inhalt" (S.173) vorgesehen.
Grundlage für die Realisierung dieser Aufgabe war für Engels die Analyse der Theorienentwicklung in verschiedenen Wissenschaften. Viele Gebiete wurden einbezogen; das Spektrum reicht von der Mathematik über die Mechanik und Astronomie, Physik und Chemie bis zur Biologie. Allerdings gibt es hier auch gewisse Unterschiede. Die 1880 beginnende systematische Darstellung des dialektischen Inhalts der Wissenschaften bezieht sich nur auf die Wissenschaften der anorganischen Natur. Ein Kapitel zur Biologie existiert nicht. Es wäre aber falsch, diesen Sachverhalt so zu interpretieren, als habe Engels die Frage nach dem dialektischen Inhalt der Biologie überhaupt ausgeschlossen oder erst relativ spät in seine Untersuchungen einbezogen. Die noch im Brief an Marx vom 30. Mai 1873 geäußerte Zurückhaltung in bezug auf die Dialektik im Bereich des Organischen wurde relativ schnell aufgegeben. Ab 1874 entstanden viele Texte gerade zur Biologie. Sie betreffen die Darwinsche Theorie, aber auch die weiterführenden Annahmen Haeckels bezüglich der einfachsten Lebensformen, der sogenannten Protisten, den Entwicklungsverlauf von Lebensformen, die Frage nach der Entstehung des Lebens bzw. nach dem Übergang von der Chemie zum Leben. In seiner Schrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" wurden die darin enhaltenen Erkenntnisse benutzt und weitergeführt. Wenn Engels in „Grundformen der Bewegung" erneut die Biologie ausdrücklich aus seinen Betrachtungen ausklammerte, so hatte dies einen spezifischen Grund. Systematische
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Darstellung des dialektischen Inhalts der Wissenschaften bedeutete für Engels insbesondere, den Übergang von einer Wissenschaft zur anderen zu vollziehen. In diese Betrachtung konnte Engels die Biologie nicht einbeziehen, weil hier die theoretische Entwicklung noch nicht weit genug war (siehe S. 187).
Unterschiedlich ist in den einzelnen Wissenschaften auch die Auswahl des Materials, bei der sich Engels stets von der ihn interessierenden philosophischen Fragestellung leiten ließ. Seine Betrachtungen zur Mathematik zielen letztlich auf die Beantwortung der Frage, inwiefern diese in den Naturwissenschaften verwendet wird, um die Gesetze der realen Bewegung und Entwicklung zu erfassen. Die in der Physik des 19. Jahrhunderts vornehmlich verwendete Mathematik wurde im 17. und 18. Jahrhundert begründet. Auf diesen Erkenntnisstand richtete Engels daher seine Aufmerksamkeit. Hervorragende Bedeutung maß er der Differential- und Integralrechnung bei, durch sie wurde es — wie er betonte — möglich, Prozesse darzustellen (S.41742). Voraussetzung für die Klärung obiger Frage war für Engels die Untersuchung des Verhältnisses der Mathematik zur Wirklichkeit und der Nachweis der Dialektik auch in der Mathematik. Diese Probleme lassen sich nach seiner Ansicht schon an elementaren Sachverhalten dieser Wissenschaft erörtern. (Siehe auch Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft, Leipzig 1878. S.96 bis 105.) Engels betonte mit allem Nachdruck, daß auch die Mathematik, insofern sie die objektive Realität widerspiegelt, einen dialektischen Inhalt hat, d. h., auch in ihr werden die Gegensätze vermittelt. Bei der philosophischen Behandlung der Mathematik schloß Engels ähnlich wie bei der Mechanik an diesbezügliche Ausführungen von Hegel an (siehe auch Erl. 41.22—44.5 und 43.9).
Indem Engels die theoretische Entwicklung auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten analysierte und dabei herausarbeitete, was es bedeutet, auf diesen Gebieten dialektisch zu denken, entwickelte er Ideen, die über den naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand seiner Zeit hinausreichen. Dies zeigt sich vor allem in seiner Polemik gegen die Hypothese vom Wärmetod des Weltalls, in seinen Überlegungen zur Darwinschen Theorie, zum Übergang von der Natur zur Gesellschaft, zur Entstehung und zum Wesen des Lebens und schließlich zur Herausbildung von Wissenschaften, die verschiedene Gebiete miteinander verbinden.
Zur Hypothese vom Wärmetod des Weltalls war Clausius gelangt, als er den 2. Hauptsatz der Thermodynamik, ein für endliche abgeschlossene Systeme gültiges Naturgesetz, auf das ganze Universum übertrug (siehe Erl. 44.25—45.14). Engels erkannte als einer der ersten, daß ein solches Vorgehen zum Widerspruch mit dem 1. Hauptsatz führt, wenn man diesen als
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Einheit quantitativer und qualitativer Bestimmungen versteht. Diesen Gesichtspunkt betont er im Anschluß an Mayer in der Auseinandersetzung mit Clausius (S.54). Den gleichen Gedanken finden wir schon in einer zuvor entstandenen Notiz (S.47). Er kehrt auch in der „Einleitung" wieder: „Die Unzerstörbarkeit der Bewegung kann nicht bloß quantitativ, sie muß auch qualitativ gefaßt werden" (S. 85). Unter Voraussetzung der Gültigkeit des 1. Hauptsatzes und bei strenger Bewahrung seiner atomistischen Grundlage kann es nach seiner Ansicht im Universum nur zyklische Prozesse geben (siehe S. 47, 54 und 83—87).
Engels hielt an der Anerkennung der Atomistik als Voraussetzung der mechanischen Wärmetheorie und ihres 1. Hauptsatzes fest und interpretierte den 2. Hauptsatz in dem Sinne, daß die Prozesse im Universum zu einem umfassenden ewigen Kreislauf zusammengeschlossen sind. Damit kam er zu ähnlichen Überlegungen wie Boltzmann, der 1877 die statistische Interpretation des 2. Hauptsatzes begründete (siehe Erl. 44.25 bis 45.14). Engels stellte der physikalischen Forschung der Zukunft die Aufgabe, die Wiederverwertbarkeit der in den Weltraum ausgestrahlten Wärmeenergie zu zeigen: „Der Kreislauf ist nicht hergestellt und wird es nicht bis die Wiederverwerthbarkeit der ausgestrahlten Wärme entdeckt werden wird." (S.45.)
Engels war sich dessen bewußt, daß es zwischen dem 2. Hauptsatz und dem Tatbestand der biologischen Evolution nur zeitweilig einen unüberbrückbaren Gegensatz geben kann. Die nach seiner Ansicht das 19. Jahrhundert bestimmenden naturwissenschaftlichen Entwicklungsrichtungen wurden von ihm in ihrem inneren Zusammenhang betrachtet. Im Unterschied dazu konstatierten viele Denker seiner Zeit einen vermeintlich unlösbaren Gegensatz zwischen der Darwinschen Theorie der progressiven Evolution der Organismen und der mechanischen Wärmetheorie, die mit ihrem 2. Hauptsatz den Übergang zu immer größerer Unordnung, d.h. den Abbau von Strukturen, auf den theoretischen Begriff bringt. Indem sich Engels gegen eine metaphysische Deutung dieses Satzes wandte und den Blick auf offene naturwissenschaftliche Fragen richtete, leistete er einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung beider Entwicklungsrichtungen, die im Detail erst in der Folgezeit —vor allem mit der Thermodynamik irreversibler Prozesse seit Mitte unseres Jahrhunderts — realisiert zu werden begann. In der dialektisch-materialistischen Naturauffassung von Engels sind die Geschichtlichkeit der Natur und ihr Systemcharakter bzw. ihre Strukturiert-heit unlösbar miteinander verbunden, sie bedingen einander wechselseitig. Entwicklung wird zur Bedingung für die Erhaltung der qualitativen Mannigfaltigkeit und diese Erhaltung zur Bedingung für Entwicklung.
Von weitreichender Bedeutung sind auch Engels' Ausführungen zur
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Darwinschen Theorie. Er erfaßte ihre weltanschauliche Bedeutsamkeit und ihren umwälzenden Charakter für die biologischen Wissenschaften — er wies mehrfach ausdrücklich darauf hin, daß die Darwinsche Theorie alle bisherigen Klassifikationen und den bisherigen Artbegriff überden Haufen geworfen hätte — und deckte in ihr tiefer liegende dialektische Beziehungen auf.
Die Texte „Hard and fastlines", „Die Dialektik, die sogenannte objektive" und „Struggle for Life" sind Ausdruck für Engels' Bemühen, anhand von wesentlichen naturwissenschaftlichen Sachverhalten die Notwendigkeit des dialektischen Denkens für die Naturwissenschaften herauszuarbeiten. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Anerkennung der objektiven Dialektik der Natur (siehe S.48). Dabei beruft sich Engels insbesondere auf die Darwinsche Theorie, welche jeden Fortschritt aus dem fortwährenden Widerstreit von Anpassung und Vererbung erklärt und für deren Verständnis solche Kategorien wie „positiv" und „negativ" unzureichend sind. „Hard and fast lines" sind „mit der Entwicklungstheorie unverträglich", da durch sie immer mehr „alle Gegensätze durch Zwischenglieder in einander übergeführt werden" (S. 47/48). Nur die Dialektik, die die fixen metaphysischen Unterschiede ineinander überführt, die Gegensätze vermittelt, ist die dieser Theorie in höchster Instanz angemessene Denkmethode (S-48).
Anwendung der dialektischen Methode auf die Biologie heißt, die Darwinsche Evolutionstheorie als eine sich entwickelnde Theorie zu betrachten. Von Anfang an hatten Marx und Engels bei aller Wertschätzung ein kritisches Verhältnis zu Darwin. Das zeigt sich auch in den Notizen aus dem Jahre 1875, zu deren Verständnis Engels' Brief an Pjotr Lawrowitsch Lawrow vom 12.—17. November desselben Jahres beiträgt. Engels wandte sich gegen einseitige Interpretationen der Darwinschen Lehre, in denen der „Kampf ums Dasein" verabsolutiert und dem „Zusammen-Wirken der organischen Natur" entgegengesetzt wurde (S. 49/50. Siehe auch Erl. 49.15 bis 50.26).
Weiterführende Überlegungen zu Darwin entwickelte Engels im Herbst 1876 bzw. Anfang 1877 im Abschnitt „Philosophie" seiner Schrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft". Hier wird sein Verständnis für die historische Leistung des großen Naturforschers, aber auch für deren nur relative Gültigkeit besonders deutlich. Engels verteidigte Darwin gegen Dührings Angriffe und Entstellungen. Mit erstaunlicher Klarsicht erfaßte er in diesem Zusammenhang das Anliegen von Darwin, die Voraussetzungen und Grenzen seiner Theorie. Darwin — so betonte Engels — sehe ab von den Ursachen, die die Veränderungen in den einzelnen Individuen hervorgerufen haben, und handle zunächst von der Art und Weise, „in der solche
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individuelle Abweichungen nach und nach zu Kennzeichen einer Race, Spielart oder Art werden. Für Darwin handelte es sich zunächst weniger darum, diese Ursachen zu finden — die bis jetzt theilweise ganz unbekannt, theilweise nur ganz allgemein angebbar sind — als vielmehr eine rationelle Form, in der sich ihre Wirkungen festsetzen, dauernde Bedeutung erhalten/7 (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. Leipzig 1878. S. 50).
Im Text „Kampf ums Dasein" (S. 124/125) erweiterte und vertiefte Engels die differenzierte Betrachtung der tatsächlichen Rolle des inzwischen zum allgemeinen Slogan gewordenen „Kampfes ums Dasein", wies den nur partiellen Charakter des Einflusses der seit Malthus strapazierten Übervölkerung auf die Artenentwicklung nach und verwies auf Unzulänglichkeiten in der Darwinschen Auffassung zu dieser Frage. Hierbei entwickelte er die Dialektik von Fortschritt und Rückschritt und folgerte, „daß jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung zugleich ein Rückschritt, indem er einseitige Entwicklung fixirt die Möglichkeit der Entwicklung in vielen andern Richtungen ausschließt. Dies aber Grundgesetz." (S.125.)
In dem umfangreicheren Fragment „Zufälligkeit und Nothwendigkeit" wird nachgewiesen, daß die unendlichen zufälligen Verschiedenheiten der Individuen innerhalb der einzelnen Arten Darwin zwingen, „die bisherige Grundlage aller Gesetzmäßigkeit in der Biologie, den Artbegriff in seiner bisherigen metaphysischen Starrheit und Unveränderlichkeit in Frage zu stellen" (S.140). Die Notwendigkeit der Anpassung und Entwicklung setze sich durch die Zufälligkeit durch. Damit habe Darwin die aus dem französischen Materialismus herrührende Denkweise der metaphysischen Trennung und Gegenüberstellung von Notwendigkeit und Zufall unter dem Druck der Tatsachen überwunden, d.h. praktisch dasjenige gemacht, was Hegel als philosophische These aufgestellt habe.
Darwin selbst war sich der Tatsache, daß er mit seiner Theorie den alten Artbegriff umgestoßen hatte, bewußt. Er betonte dabei, daß die Bezeichnung „Art" in gewisser Hinsicht willkürlich sei und daß diejenigen Formen, die man als Arten bezeichne, die aber mit anderen Arten durch Zwischenglieder verbunden sind, das größte wissenschaftliche Interesse beanspruchen dürften. Auch Engels widmete den Zwischengliedern, den Übergangsformen, besonders zwischen den Klassen und Ordnungen der Tiere, immer wieder seine Aufmerksamkeit und benutzte nachgewiesene Übergangsformen als Argument gegen verschiedene Momente metaphysischen Denkens.
Darwin wurde für Engels zu einem hervorragenden Beispiel dafür, wie ein Naturforscher der objektiven Dialektik der Wirklichkeit Rechnung trägt, wie sich im naturwissenschaftlichen Erkennen aber auch die Grenzen einer spontan dialektischen Denkweise zeigen.
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Aufmerksam verfolgte Engels aktuelle Diskussionen um die Entstehung des Lebens. Sein Interesse galt sowohl den Berichten über neue Funde einfachster Lebensformen als auch verschiedenen Hypothesen, die von naturwissenschaftlicher Seite zu dieser Problematik hervorgebracht wurden. In der Polemik mit einseitigen Konzeptionen entwickelte er seine Auffassung über die wesentlichen Lebensfunktionen der Eiweißkörper (des Protoplasmas), was ihn zu folgender Bestimmung des Lebens führte: „Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, deren wesentliches Moment im fortwährenden Stoffwechsel mit der äußeren sie umgebenden Natur besteht und die mit dem Aufhören dieses Stoffwechsels auch aufhört und die Zersetzung des Eiweißes herbeiführt/7 (S.40.) Beim Vergleich organischer und unorganischer Körper stellte Engels fest, daß der Stoffwechsel bei ersteren „nothwendige Existenzbedingung ist" (S.40, Fußnote). Diese Gedanken führte Engels in seiner Polemik mit Dühring weiter. (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. S. 55—62.)
Ein Schwerpunkt der theoretischen Überlegungen von Engels ist die Bedeutung der Arbeit für die Herausbildung des Menschen und die in diesem Zusammenhang geführte Auseinandersetzung mit „Darwinistische^] Politik und Gesellschaftslehre" (S. 174). Dieser Thematik sind das Manuskript „Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" (S. 88 bis 99) sowie einige kleinere Texte (S. 49/50, 51/52 und 124/125) gewidmet. Engels überwand die einseitig biologische Erklärung der Menschwerdung, indem er die Untersuchung der Arbeit zum entscheidenden Ansatzpunkt seiner Überlegungen machte. Der grundlegende Unterschied zwischen Mensch und Tier, durch den sich eine mechanische Übertragung biologischer Gesetzmäßigkeiten auf den Menschen und die menschliche Gesellschaft verbietet, ist nach Engels die Arbeit, vermittels deren der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur aktiv und bewußt gestaltet. Engels begründete die entscheidende Rolle der Arbeitstätigkeit bei der Menschwerdung des Affen und analysierte das Wechselspiel von Arbeit, Denken und Sprache unter Berücksichtigung des aufrechten Ganges und der Entwicklung der Hand und des Gehirns (S. 82/83 und 88—99). Er enthüllte die dialektische Natur der Arbeitstätigkeit als Einheit von Umweltveränderung und Selbstveränderung des Menschen und entwickelte, ausgehend von einer kritischen Wertung der in der Geschichte erreichten Umweltveränderungen, grundlegende Ideen für die rationelle Gestaltung der Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft in der sozialistischen Gesellschaft. Mit seiner kritischen Analyse der Phrase vom „Kampf ums Dasein", besonders ihrer malthusianistischen Interpretation, nahm Engels eine grundlegende Kritik des sich erst später entfaltenden Sozialdarwinismus vorweg.
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Wenn es — wie Engels überzeugend nachwies — eine objektive Dialektik der Natur gibt und diese in den Naturwissenschaften widergespiegelt wird, so erwachsen daraus Konsequenzen für den Zusammenhang der Wissenschaften. Ganz am Anfang der Arbeit an der „Dialektik der Natur" formulierte Engels die für dieses Werk grundlegende Idee, daß sich dieser Zusammenhang aus dem Zusammenhang der Bewegungsformen der Materie ergibt (siehe S.9/10). In seinem Brief an Marx vom 30. Mai 1873 wurde sie erstmalig zur Diskussion gestellt (siehe Erl. 9.11—10.10). Ihr sind eine Reihe weiterer Texte gewidmet, die alle in der ersten großen Periode der Arbeit entstanden (S. 28,117,121,144/145 und 151—154) und die bereits im Abschnitt „Philosophie" von „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" genutzt oder als Ergänzung dazu entworfen wurden. Die darin entwickelte Position wurde zur Voraussetzung der weiteren Arbeit von August 1878 bis Mitte 1882. Als Engels am Beginn der zweiten großen Arbeitsperiode mit dem „Plan 1878" zunächst eine ausführliche Gliederung des gesamten Werkes niederschrieb, notierte er als vierten Schwerpunkt: „Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie, Biologie. S. Simon (Comte) und Hegel" (S. 173). Seine Gedanken über die Beziehung zwischen den Bewegungsformen der Materie und den Zusammenhang der Wissenschaften gingen als ein wesentliches Moment in jene Kapitel ein, in denen er — ausgehend vom „Plan 1880" — die Theorienentwicklung in Physik und Chemie analysierte und zu einer systematischen Darstellung des dialektischen Inhalts der Wissenschaften überging (S. 187—283). Engels berief sich in seinen Betrachtungen über den Zusammenhang der Wissenschaften auf Claude-Henri de Saint-Simon und Georg Wilhelm Friedrich Hegel als seine historischen Quellen (S.28, 75 und 173). Er verglich beide mit den französischen Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts und wertete ihre Ideen als einen bedeutenden Erkenntnisfortschritt (siehe Erl. 28.12—13 und 117.13—20). Die neuen Ideen von Saint-Simon wurden bei Engels ebenso verarbeitet wie die in der Hegelschen Naturphilosophie entwickelte Konzeption zur Einteilung der Wissenschaften.
Engels unterschied die Wissenschaften nach dem Grad der Einfachheit bzw. Kompliziertheit der in ihnen untersuchten Bewegungsformen und verband dies mit der Feststellung, daß die Untersuchung der Bewegung von deren einfachsten, niedrigsten Formen ausgehen mußte, ehe sie zu den verwickelten, höheren Formen gelangen konnte. Engels stützte sich dabei auch auf seine wissenschaftsgeschichtlichen Studien, die ein wesentliches Moment seiner Arbeit an der „Dialektik der Natur" waren (S.32 bis 34, 53—56, 60-65 und 67—80). Schon Denis Diderot und Claude-Henri de Saint-Simon hatten die Bedeutung der Geschichte der Wissenschaf
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ten als Ausgangspunkt für deren enzyklopädische Zusammenfassung betont.
Die von Engels gewonnene Erkenntnis, daß der Zusammenhang zwischen den Bewegungsformen der Materie die Grundlage für den Zusammenhang zwischen den Wissenschaften bildet, stellt etwas qualitativ Neuartiges dar. Der Erkenntnisfortschritt gegenüber Saint-Simon und Hegel wurde möglich, weil Engels die neuen Entdeckungen in Physik, Chemie und Biologie zum Ausgangspunkt seiner philosophischen Überlegungen machte. Von entscheidender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang vor allem seine Studien zur mechanischen Wärmetheorie. Die für sie charakteristische Bestimmung der Wärme als Molekularbewegung und das sich darauf gründende Gesetz von der Erhaltung und Umwandlung der Energie gehören zu den entscheidenden naturwissenschaftlichen Voraussetzungen seiner Gedanken über die Bewegungsformen der Materie und den Zusammenhang der Wissenschaften. In der „neueren Atomistik" (S.117), wie sie der Thermodynamik zugrunde liegt, erkannte Engels die Basis für modernes wissenschaftliches Denken in Physik und Chemie. Von hier aus entwickelte er seine Vorstellungen darüber, was es bedeutet, den Übergang von einer Bewegungsform zur anderen, von einer Wissenschaft zur anderen dialektisch zu fassen. In seiner Polemik mit Dühring schrieb er: „Bei aller All-mähligkeit bleibt der Uebergang von einer Bewegungsform zur andern immer ein Sprung, eine entscheidende Wendung. So der Uebergang von der Mechanik der Weltkörper zu der der kleineren Massen auf einem einzelnen Weltkörper; ebenso der von der Mechanik der Massen zu der Mechanik der Moleküle — die Bewegungen umfassend, die wir in der eigentlich sogenannten Physik untersuchen: Wärme, Licht, Elektricität, Magnetismus; ebenso vollzieht sich der Uebergang von der Physik der Moleküle zu der Physik der Atome — der Chemie — wieder durch einen entschiednen Sprung, und noch mehr ist dies der Fall beim Uebergang von gewöhnlicher chemischer Aktion zum Chemismus des Eiweißes, den wir Leben nennen." (Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. S.46.)
Später wiederholte Engels mehrfach den Gedanken, daß die Physik die Bewegung der Moleküle, die Chemie die Bewegung der Atome untersucht. Mit Befriedigung stellte er fest, daß auch der berühmte Chemiker August Kekulä in seiner Rede über „Die wissenschaftlichen Ziele und Leistungen der Chemie" vom Oktober 1877 den Gegenstand beider Wissenschaften in ganz ähnlicher Weise beschrieb. Kekulä war zu dieser Beschreibung nach einer ausführlichen Darstellung der atomistischen Grundlagen von Physik und Chemie gelangt. Mit der Atomistik akzeptierte Engels zugleich die relative Berechtigung der Zurückführung
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physikalischer Erscheinungen auf die Mechanik und deren Gesetze. Er sah darin die Basis für ein einheitliches wissenschaftliches Verständnis von Naturerscheinungen, die man in der Vergangenheit isoliert voneinander betrachtet hatte. Zugleich warnte Engels vor einer reduktionistischen Deutung des für das 19. Jahrhundert charakteristischen Forschungsprogramms. In diesem Zusammenhang übte er Kritik an einer in der „Nature" gegebenen Interpretation der Kekulö-Rede, wonach in dieser die unbedingte Reduktion sogar der chemischen Vorgänge auf bloß mechanische gefordert werde. Von einer solchen Interpretation grenzte sich Engels ab, wenn er sowohl den Zusammenhang, die Kontinuität als auch den Unterschied, die Diskretion im Verhältnis der Wissenschaften betonte (S.151 und 152).
Diese Überlegungen sind von allgemeinerer Bedeutung für das Verständnis der Wissenschaftsentwicklung in Vergangenheit und Gegenwart. Ausgehend von der objektiven Tendenz zur Integration der Wissenschaften, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in besonderer Weise entfaltete, interessierte sich Engels vor allem für den Übergang von einer Wissenschaft zur anderen, nahm er Stellung zu den philosophischen Fragen, die über den Rahmen einer Disziplin hinausführten. Nach seiner Einschätzung sind künftig gerade dort die größten Entdeckungen zu erwarten, wo verschiedene Gebiete einander berühren (S. 121/122). Unter diesem Gesichtspunkt analysierte er unter anderem den Zustand der Elektrizitätslehre und kam dabei zu dem Schluß, daß die Wiederaufnahme der elektrochemischen Theorie zur tieferen Einsicht in die chemischen und elektrischen Vorgänge führen wird (S. 283). Engels forderte von den Naturwissenschaftlern, daß sie in ihrer Tätigkeit negative Auswirkungen der Arbeitsteilung überwinden und der Integration der Wissenschaften bewußt Rechnung tragen (S. 77).
Die mit der „Dialektik der Natur" vollzogene Weiterentwicklung der materialistischen Dialektik zeigt sich auch in anderen theoretischen Schriften von Engels. Vor allem über „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" und „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie" (erstmalig veröffentlicht in der Zeitschrift „Die Neue Zeit", Stuttgart, Jg.4, 1886, S. 145—157 und 193—209) gelangten viele der in den vorliegenden Manuskripten enthaltenen Ideen schon zu Engels' Lebzeiten an die Öffentlichkeit.
Auf diese zwei Schriften stützte sich auch Wladimir lljitsch Lenin zu Beginn unseres Jahrhunderts in seiner Polemik gegen Anhänger des Empiriokritizismus und entwickelte dabei philosophische Auffassungen, die denen von Engels entsprechen. Die Philosophie des Marxismus — so
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betonte er — ist der dialektische Materialismus, und dieser stimmt mit den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaften überein. Wie Engels kam auch Lenin zu dem Schluß, daß die Naturwissenschaftler zur bewußten Anwendung der Dialektik übergehen müssen (siehe W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. In: Werke. Bd.14. Berlin 1983. S.249—316).
In seinen intensiven philosophischen Studien von 1914 bis 1916 widmete Lenin der Hegelschen Philosophie besondere Aufmerksamkeit. Er charakterisierte sie — unter ausdrücklichem Bezug auf Marx und Engels — als auf den Kopf gestellten Materialismus und betonte, er bemühe sich im allgemeinen, „Hegel materialistisch zu lesen" (W.l. Lenin: Philosophische Hefte. In: Werke. Bd.38. Berlin 1981. S.94). Dabei gelangte er zu einem Verständnis von Dialektik, das mit dem von Engels voll und ganz übereinstimmt. Die Notwendigkeit dialektischen Denkens ergibt sich für Lenin aus der Tatsache, daß die Abbildung der Bewegung im Denken immer „eine Vergröberung, ein Abtöten" (ebenda. S.246) darstellt. Dieser Tendenz könne man nur vermittels der Dialektik entgegenwirken: „Im eigentlichen Sinne ist die Dialektik die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst“ (ebenda. S. 240).
In seinem Aufsatz „Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus" formulierte Lenin 1922 eine Aufgabe von weitreichender Bedeutung. Die marxistischen Philosophen sollen ein Bündnis mit jenen Vertretern der modernen Naturwissenschaft herstellen, „die dem Materialismus zuneigen und sich nicht scheuen, ihn entgegen den in der sogenannten gebildeten Gesellschaft7 herrschenden philosophischen Modeschwankungen zum Idealismus und Skeptizismus zu verfechten und zu propagieren" (W. I. Lenin: Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus. In: Werke. Bd.33. Berlin 1982. S. 218/219). In einem solchen Bündnis sah Lenin eine entscheidende Bedingung für die Durchsetzung der marxistischen Weltanschauung, für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt. Um es zu verwirklichen, ist es nach seiner Ansicht notwendig, die Dialektik nach allen Seiten hin auszuarbeiten, „das systematische Studium der Dialektik Hegels vom materialistischen Standpunkt aus" zu organisieren. (Ebenda. S. 219.)
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Editorische Hinweise
Im vorliegenden Band werden die von Friedrich Engels zwischen Anfang 1873 und Mitte 1882 verfaßten Manuskripte „Dialektik der Natur", insgesamt 197 einzelne Textstücke, publiziert. Er enthält alle vom Autor in vier Umschlägen hinterlassenen Manuskripte, unabhängig davon, ob sie ursprünglich für die „Dialektik der Natur" verfaßt wurden und ob sie in einer direkten inhaltlichen Beziehung zu diesem Werk stehen. Neu gegenüber allen bisherigen Editionen ist die Einbeziehung von einigen Blättern mit physikalischen und mathematischen Formeln ([142], [143], [168], [172], [173], [174]) und der Formelteil von [175]. Wieder aufgenommen werden eine kurze Notiz über Philipp Viktor Pauli ([185]) sowie die im Band 20 der Marx-Engels-Werke unter den „Materialien zum ,Anti-Dühring7 “ veröffentlichten Texte „Sklaverei" ([101]) und „Fourier (Nouveau Monde ind. et soc.)" ([103]). Nicht aufgenommen ist lediglich der Beginn des ursprünglichen Entwurfs der Einleitung zu „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft", der sich auf demselben Blatt wie die Texte „Die ewigen Naturgesetze" ([100]) und „Sklaverei" ([101]) befindet und von Engels mit dem für ihn typischen Erledigungsvermerk versehen wurde. Die Publikation des Entwurfs dieser Einleitung, die mit den Worten „Der moderne Sozialismus" beginnt, erfolgt vollständig in MEGA® I/27.
In den überlieferten Manuskripten gibt es keinen einheitlichen Titel für das gesamte Werk. Die von Engels zuerst niedergeschriebenen Texte [1]—[94] haben jeweils als Bogentitel „Naturdialektik". So bezeichnete Engels in einem Brief an Marx vom 23. November 1882 auch das gesamte Werk. Die vier Umschläge, in denen die Manuskripte überliefert sind, tragen die Bezeichnungen „Dialektik und Naturwissenschaft", „Naturforschung und Dialektik", „Dialektik der Natur" und „Mathematik und Naturwissenschaft. Diversa". Die Termini „Naturdialektik" und „Dialektik der
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Editorische Hinweise
Natur" verwendet Engels im wesentlichen gleichbedeutend im Sinne von objektiver Dialektik in den Naturerscheinungen und -prozessen, die in einem dialektischen Erkenntnisprozeß in den Naturwissenschaften widergespiegelt wird. Mit dem redaktionellen Titel „Dialektik der Natur" setzt der vorliegende Band die bestehende Tradition fort (siehe auch S. 597).
Neu gegenüber allen bisherigen Editionen ist vor allem die Anordnung der Manuskripte. Die komplizierte Überlieferungslage, die fragmentarische Form des Werkes und fehlende Hinweise von Engels über eine weitergehende Bearbeitung und endgültige Zuordnung führten zu dem Entschluß, den gesamten Text zweimal wiederzugeben, erstens in einer chronologischen und zweitens in einer systematischen Anordnung. Ausgenommen davon ist der Text „Sklaverei" ([101]), der nur in der chronologischen Anordnung erscheint. Diese zwei Anordnungen, mit denen die Forderung nach originalgetreuer Bewahrung des literarischen Nachlasses von Marx und Engels weitgehend realisiert werden soll, stützen sich auf Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte des Werkes, zu den philosophiegeschichtlichen Quellen und naturwissenschaftlichen Voraussetzungen sowie zu den inhaltlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Texten. Neben den Ergebnissen neuerer Untersuchungen trägt die Anordnung auch den in Verbindung mit früheren Editionen gewonnenen Erkenntnissen und Positionen Rechnung.
Bei der chronologischen Anordnung folgen die Texte so aufeinander, wie sie von Engels mit Sicherheit oder hoher Wahrscheinlichkeit niedergeschrieben wurden. Diese Anordnung widerspiegelt den Prozeß der Entstehung der „Dialektik der Natur", die Entwicklung der darin enthaltenen grundlegenden philosophischen Ideen, die Präzisierung der inhaltlichen Zielstellung von Engels und die Beziehungen zu den historischen Voraussetzungen und Bedingungen dieses Werkes, zu den dann verarbeiteten Quellen. Sie läßt große Arbeitsperioden und darin enthaltene Phasen erkennen und lenkt den Blick auf inhaltliche Beziehungen zwischen den Texten, die in einem bestimmten zeitlichen Zusammenhang stehen.
Grundlage für die chronologische Anordnung ist die Datierung aller zur „Dialektik der Natur" gehörenden Texte. Sie konnte mit mehr oder weniger großer Sicherheit vorgenommen werden. Der Entstehungszeitraum der einzelnen Texte bzw. Textgruppen, die entsprechenden Argumente für die jeweilige Datierung und der erreichte Grad der Sicherheit (Wahrscheinlichkeit) werden im Teil Entstehung und Überlieferung im Detail mitgeteilt.
Aus der Manuskriptbeschaffenheit sich ergebende Anhaltspunkte für die Datierung werden in der Zeugenbeschreibung dargestellt. Man kann davon ausgehen, daß einzelne Texte dann zeitlich aufeinanderfolgen, wenn sie
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Editorische Hinweise
sich auf einem Blatt oder auf einem Bogen befinden bzw. zu einer ganzen Bogenfolge gehören. Bei einigen auf beiden Seiten beschriebenen Blättern ist es schwierig, Vorder- und Rückseite zu bestimmen. Übereinstimmung in bezug auf das verwendete Papier und gemeinsame Abrißkanten können ein Indiz für die Entstehung im gleichen Zeitraum sein. In einigen Fällen weisen Jahreszahlen in den Wasserzeichen des Papiers auf frühestmögliche Entstehungszeiten hin.
Wichtigste Anhaltspunkte für die Datierung waren: wörtliche oder inhaltliche Übereinstimmung von Textstellen mit Formulierungen in zuverlässig datierten Briefen von Engels, erwähnte Literaturquellen, deren Erscheinungszeiten bekannt sind oder bei denen der Lesezeitraum eingegrenzt werden kann, zeitlich datierbare wissenschaftliche Ereignisse, die für Engels Anlaß waren, sich bestimmten Problemen zuzuwenden, Äußerungen zu Personen und Sachbeständen analogen Inhalts in anderen Arbeiten (besonders in „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft").
Die Datierung einzelner Textstücke bildete die Grundlage für die Datierung ganzer Blätter oder Bogen der Manuskripte. Die im Ergebnis der Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte festgestellten Arbeitsperioden und -phasen erlaubten die zeitliche Einordnung von solchen Texten, die für sich genommen kaum zu datieren waren.
Die chronologische Anordnung gibt die Textstücke der einzelnen Bogen und Blätter auch dann in der Reihenfolge des Originals wieder, wenn einzelne Notizen oder Ergänzungen nachweislich später hinzugefügt wurden. Innerhalb desselben Zeitraumes entstandene Texte, die nacheinander wiedergegeben werden, können auch parallel zueinander oder in anderer Reihenfolge entstanden sein.
Nicht immer war mit Sicherheit zu entscheiden, ob es sich um einen zusammenhängenden Text oder um mehrere Textstücke handelt. In solchen Zweifelsfällen wurde die Interpretation bisheriger Editionen bevorzugt.
Um in der chronologischen Anordnung die fragmentarische Form des Werkes so getreu wie möglich zum Ausdruck zu bringen, beginnt die Wiedergabe des Textes eines jeden Textzeugen jeweils mit einer neuen Seite.
Die systematische Anordnung der „Dialektik der Natur" hat die Aufgabe, die einzelnen Texte in einen größeren inhaltlichen Zusammenhang zu stellen und so die theoretische Geschlossenheit zu verdeutlichen, die das Werk ungeachtet seiner fragmentarischen Form auszeichnet.
Ausgangspunkt der systematischen Anordnung sind die von Engels in verschiedenen Texten (siehe vor allem [1], [2], [164] und [166]) entwickelten Ideen über die konzeptionellen Grundlagen der „Dialektik der Natur", insbesondere seine allgemeinen Vorstellungen über die Struktur bzw.
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Editorische Hinweise
Gliederung des Werkes, die in dem im August oder Anfang September 1878 niedergeschriebenen „Plan 1878" ([164]) enthalten sind. Vor allem dieser Text läßt erkennen, wie sich Engels den gedanklichen Ablauf vorstellte und welche philosophischen Zielstellungen er mit den einzelnen Abschnitten verband. Deutlicher wird auch der Bezug zu schon vorhandenen Ausarbeitungen. Mit dem „Plan 1878" begann die zweite große Periode der Arbeit an der „Dialektik der Natur". Zu diesem Zeitpunkt lagen fast alle Fragmente und Notizen vor; von den relativ geschlossenen Ausarbeitungen, soweit sie ursprünglich für dieses Werk bestimmt waren, nur die „Einleitung". In der Folgezeit entstanden vor allem die von Engels als Kapitel bezeichneten Texte.
Hauptpunkte des Planes sind eine Wissenschafts- und philosophiegeschichtliche Einführung — einen besonderen Abschnitt will Engels der theoretischen Entwicklung seit Hegel widmen —, allgemeine theoretische Fragen der Dialektik, der Zusammenhang der Wissenschaften, Betrachtungen über den dialektischen Inhalt der Wissenschaften und schließlich eine Reihe von Problemen, die sich aus der aktuellen Auseinandersetzung ergeben und besonders speziellere Aspekte des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses betreffen. Abschließend wirft Engels Fragen des Übergangs von der Natur zur Gesellschaft auf. Die Textanalyse führt zu dem Resultat, daß Engels den „Plan 1878" in seinen Grundlinien tatsächlich realisiert hat. Für alle Hauptpunkte mit Ausnahme von 8 bis 10 liegen entsprechende Ausarbeitungen vor. Neben Notizen und Fragmenten sind dies für einige, wenn auch nicht für alle Hauptpunkte relativ geschlossene Ausarbeitungen (Kapitel).
Die systematische Anordnung folgt dem „Plan 1878", der daher allen übrigen Texten vorangestellt ist. Entsprechend den Hauptpunkten 1, 2, 3, 4, 5 und 11 wurden große Abschnitte gebildet, die alle dazugehörigen Manuskripte enthalten, unabhängig davon, wie weit sie ausgearbeitet sind. Bei der Wahl entsprechender redaktioneller Überschriften konnten Formulierungen des „Planes 1878" wortgetreu oder angenähert übernommen werden. Verzichtet wird auf die Bildung besonderer polemischer Abschnitte, obwohl auch dazu bestimmte Materialien vorliegen. Sie entsprechen den Hauptpunkten 6 und 7 des „Planes 1878" und entstanden in der unmittelbaren Auseinandersetzung vor allem mit Carl Wilhelm von Nägeli und Ernst Haeckel. Einen ausgesprochen polemischen Zweck verfolgte Engels auch mit dem Aufsatz „Die Naturforschung in der Geisterwelt", der ursprünglich für einen anderen Zweck geschrieben wurde und im „Plan 1878" keine direkte Erwähnung findet. Ein wesentlicher Beweggrund für den Verzicht auf die Bildung besonderer polemischer Abschnitte war deren unvollständige Ausführung. Offenbar verloren einige der 1878
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aktuellen Fragen für Engels später an Bedeutung. Darüber hinaus ließen sich die Herausgeber von der Tatsache leiten, daß die in den einschlägigen Texten enthaltenen positiven Darstellungen eine wertvolle Bereicherung der anderen Abschnitte sind. Auf diesen systematischen Zusammenhang sollte bei der Anordnung nicht verzichtet werden. Die zeithistorische Aktualität mußte dahinter zurücktreten.
Die Reihenfolge der Texte innerhalb der einzelnen Abschnitte ergibt sich aus folgenden Überlegungen: In der Regel beginnt ein Abschnitt mit dem dazugehörigen Kapitel bzw. einer ausführlicheren Ausarbeitung. Es folgen die damit in Beziehung stehenden Notizen und Fragmente. Entwürfe für größere Texte werden diesen vorangestellt (so [57] vor [98], [159] vor [161]). An die Spitze der zu einem Abschnitt gehörenden Notizen und Fragmente treten diejenigen Texte, die von allgemeinerer theoretischer Bedeutung sind und denen sich daher andere Ausarbeitungen in gewisser Hinsicht zuordnen lassen. Eine solche Schlüsselfunktion haben z. B. [87] im ersten und [82] im dritten Abschnitt. Nach Möglichkeit werden kleinere Textgruppen gebildet, die sich auf verschiedene Aspekte eines Problems beziehen (siehe [14]—[106] oder [17]—[21]). In einzelnen Fällen entspricht die Reihenfolge der Texte in der systematischen Anordnung ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge. Dies gilt insbesondere für den vierten Abschnitt.
Diese Anordnung zeigt den gedanklichen Reichtum und die theoretische Konsequenz, die Engels bei der Realisierung seines Planes entwickelte. Interpretationen lassen sich bei aller Zurückhaltung dabei nicht völlig ausschließen. Für die Zuordnung einer nicht geringen Zahl vorwiegend kleinerer Texte sowie für ihre Reihenfolge innerhalb der Abschnitte gibt es mehrere Möglichkeiten. Bei der Fixierung einer Möglichkeit ließen sich die Editoren von dem Grundsatz leiten, die seit 1941 gewohnte Anordnung so wenig wie möglich zu verändern. Die jeweils getroffene Entscheidung hebt bestimmte inhaltliche Beziehungen auf Kosten anderer hervor.
Die systematische Anordnung der Texte, ausgehend vom „Plan 1878", beginnt mit dem Abschnitt „Historische Einleitung". Darin werden der Entwurf der Einleitung („Historisches" [57]), die „Einleitung" [98] sowie eine Gruppe von Notizen und Fragmenten wiedergegeben, die als Vorarbeiten bzw. Ergänzungen zum ersten, dem wissenschaftshistorischen Teil der Einleitung angesehen werden können. Auf entsprechende Texte im Zusammenhang mit dem zweiten Teil der Einleitung — er betrifft die Geschichte der Natur — wird bewußt verzichtet. Der erste Abschnitt bekommt damit ein hauptsächlich wissenschaftsgeschichtliches Profil. Bei der Ordnung der Notizen und Fragmente wird [87] als der Text vorangestellt, der den größten zeitlichen Rahmen umfaßt und darüber hinaus eine grundsätzliche Orientierung für wissenschaftsgeschichtliche Untersuchungen ent
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Editorische Hinweise
hält. Es folgen die anderen Texte entsprechend den in ihnen behandelten Perioden.
Der zweite Abschnitt „Gang der theoretischen Entwicklung seit Hegel. Philosophie und Naturwissenschaft" setzt die historische Betrachtung fort, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Wechselbeziehung von Philosophie und Naturwissenschaft in neuerer Zeit. Von grundsätzlicher Bedeutung für diesen Abschnitt ist die „Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik", in der Engels die Dialektik als die für die neuere Naturwissenschaft wichtigste Denkform charakterisiert und sich mit jenen Philosophen und Naturwissenschaftlern auseinandersetzt, die den rationellen Kern der Hegelschen Dialektik mißachten. Es schließen sich verschiedene Texte bzw. Textgruppen an, in denen Schwierigkeiten aufgedeckt werden, welche Naturwissenschaftler haben, wenn sie das philosophische und theoretische Denken mißachten, vor allem, wenn sie die Dialektik ignorieren ([162]—[97], [40]—[185]). Eine allgemeine inhaltliche Orientierung für alle Notizen und Fragmente enthalten „Büchner" ([1]) und die dazu gehörige Ergänzung [9] sowie „Ausgelassenes aus ,Feuerbach'" ([193]), die daher allen übrigen Texten vorangestellt werden. In einigen Notizen unterstreicht Engels erneut die Bedeutung der Hegelschen Dialektik und verteidigt sie gegen verschiedene Angriffe ([180]—[190]). Engels' Kritik gilt sowohl dem spekulativen Denken, das die Resultate der empirischen Forschung nicht in gebührender Weise verarbeitet, als auch dem bloß empirischen Vorgehen, das mit der Unterschätzung von Theorie und Philosophie verbunden ist. Er zeigt, daß beide Extreme unter bestimmten Bedingungen ineinander übergehen ([162], [156]—[42]). Einige der in den zweiten Abschnitt eingeordneten Notizen betreffen den Gang der theoretischen Entwicklung vor Hegel.
Der dritte Abschnitt „Dialektik als Wissenschaft" bietet eine Zusammenstellung jener Texte, die Engels' grundsätzliche Ausführungen zur Dialektik als Theorie und Methode enthalten. Auf „Dialektik" ([165]) folgen zunächst [82] und [81], in denen Engels noch einmal seine materialistische Ausgangsposition darstellt—das dialektische Denken ist für ihn nur „Reflexder in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen" (S. 361) — und Dialektik als jene Denkmethode charakterisiert, die „die Gegensätze vermittelt" (S. 362). Der letzte Absatz von [103] ergänzt [81] durch Belege für dialektisches Denken bei Charles Fourier. Es schließen sich einzelne Texte oder Textgruppen an, die in kritischer Verarbeitung der Hegelschen Lehre vom Wesen entstehen und in denen Engels zeigt, was es heißt, mit philosophischen Begriffen und Kategorien dialektisch zu arbeiten. Es sind dies die Textgruppen [14]—[106], [17]—[21], die in [82] inhaltlich schon vorbereitet werden, sowie [19] und [25]. [179] leitet zu drei weiteren Text
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Editorische Hinweise
gruppen über: [55]—[24], [145], [36]—[43]. [102] schließlich knüpft an das Kapitel „Dialektik" ([165]) an, in dem Engels drei Gesetze der Dialektik formuliert. Im weiteren werden die Texte [46]—[111] wiedergegeben, in denen er die Bedeutung der Dialektik vor allem für das naturwissenschaftliche Erkennen herausarbeitet. Auch hier stehen am Anfang diejenigen Notizen, die das Problem im allgemeinen behandeln. In [46] betont Engels die Einheit von Natur und Geist, in [76] entwickelt er den Hegelschen Gedanken, daß dialektisches Denken vernünftiges Denken und nur dem Menschen möglich ist, „weil es die Untersuchung der Natur der Begriffe selbst zur Voraussetzung hat" (S. 375/376). N icht wenige dieser Texte haben ausgesprochen polemischen Charakter. Dies gilt vor allem für [104]—[86], [12]—[109] und [144]—[111]. In Auseinandersetzung mit verschiedenen Erscheinungsformen metaphysischen Denkens entwickelt Engels grundlegende Ideen über dialektische Beziehungen der Wirklichkeit und ihre Widerspiegelung im Erkennen.
Der vierte Abschnitt „Bewegungsformen der Materie und Zusammenhang der Wissenschaften" enthält jene Materialien, in denen Engels die für die „Dialektik der Natur" grundlegende Idee, der Übergang von einer Wissenschaft zur anderen ergebe sich aus dem Zusammenhang der Bewegungsformen der Materie, begründet und weiterentwickelt. Die Ordnung der Texte innerhalb dieses Abschnittes demonstriert den Übergang von einer allgemeinen philosophischen Idee (vor allem in [2] sowie in [47]) zu ihrer konkreteren Fassung, die auf der philosophischen Verarbeitung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse beruht (vor allem in [159] und [161]). Diese Ordnung entspricht auch der zeitlichen Aufeinanderfolge der Texte.
Der fünfte Abschnitt „Dialektischer Inhalt der Wissenschaften" bezieht sich auf den fünften Hauptpunkt des „Planes 1878" und berücksichtigt dessen Weiterentwicklung im Prozeß der Arbeit von Engels. Diese Weiterentwicklung widerspiegelt sich im „Plan 1880", der nach „Dialektik" und vor allen weiteren Kapiteln entstand, sieht man von der bereits 1875/1876 verfaßten „Einleitung" ab. Dieser Plan ist eine Art Konzept für das im Anschluß an ihn entstandene Kapitel „Grundformen der Bewegung". Darüber hinaus zeichnet er — so wie das ganze Kapitel — die Aufeinanderfolge der weiteren Ausarbeitungen (einschließlich der von 1882) vor. Die auf seiner Grundlage entstandenen Manuskripte sind der systematischen Analyse der Theorienentwicklung in den Naturwissenschaften mit dem Ziel gewidmet, deren dialektischen Inhalt aufzudecken. Dies ist sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her mehr, als Punkt 5 des „Planes 1878" vorsah, der nur auf Aperqus über die einzelnen Wissenschaften und deren dialektischen Inhalt orientierte. Im „Plan 1880" und vor allem in den folgenden Kapiteln stellt Engels konsequenter als zuvor das Problem der gedanklichen
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Editorische Hinweise
Abbildung der realen Bewegung in den naturwissenschaftlichen Theorien in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Hier vor allem müsse sich der dialektische Inhalt der Wissenschaften zeigen.
Der Abschnitt „Dialektischer Inhalt der Wissenschaften" beginnt mit dem „Plan 1880". Bestimmend für seine Gliederung sind vor allem die Kapitel. Entsprechend dem „Plan 1880" schließt sich zunächst „Grundformen der Bewegung" an, in dem Engels Bewegung als Widerspruch, als Einheit zweier Grundformen (Attraktion und Repulsion), faßt und seine Existenz in qualitativ verschiedenen Bewegungsformen der anorganischen Natur nachweist. „Grundformen der Bewegung" und „Maß der Bewegung — Arbeit" folgen aufeinander, so wie es von Engels vorgesehen war (S. 415) und wie sie auch niedergeschrieben wurden. Ihr Zusammenhang wird nur durch eine Gruppe von Notizen und Fragmenten unterbrochen, die Vorarbeiten bzw. Ergänzungen zu „Grundformen der Bewegung" darstellen und in denen verschiedene Aspekte der Einheit von Materie und Bewegung, der inneren Dialektik der Bewegung, des Zusammenhangs der Bewegungsformen behandelt werden. Auch den anderen Kapiteln werden entsprechende Notizen und Fragmente zugeordnet. Bei „Maß der Bewegung — Arbeit" sind dies vor allem dazugehörige Berechnungen. Die Aufeinanderfolge der Notizen und Fragmente ergibt sich aus dem Inhalt der Kapitel.
Die Einführung der redaktionellen Zwischenüberschriften „Zur Mathematik", „Zu Mechanik und Astronomie", „Zur Physik", „Zur Chemie" und „Zur Biologie" erfolgte ausgehend von der Tatsache, daß sich Engels in beiden Plänen auf einzelne Wissenschaften orientierte. Bei der Realisierung dieser Pläne ging er allerdings über den Rahmen einzelner Wissenschaften hinaus. Große Bedeutung erlangte für ihn der Übergang von einer Bewegungsform zur anderen, der Zusammenhang der Wissenschaften. Die Materialien des fünften Abschnittes lassen sich daher nur bedingt einzelnen Wissenschaften zuordnen. Die Hinzufügung der Worte „Zu" oder „Zur" in den Zwischenüberschriften ist notwendig, da erstens auch in den vorangehenden Texten Probleme von Mechanik, Astronomie, Physik und Chemie behandelt werden und zweitens nicht der Eindruck entstehen soll, Engels habe eine enzyklopädische Darstellung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisstandes seiner Zeit geben wollen.
Der Teilabschnitt „Zur Mathematik" wird dort eingeordnet, wo sich Engels nach dem „Plan 1880" zu dieser Wissenschaft äußern wollte. In Übereinstimmung mit diesem Plan werden „Wärme" und „Elektricität" im Teilabschnitt „Zur Physik" zusammengefaßt, obwohl das letztere Kapitel weitgehend Fragen der Elektrochemie behandelt. Der Teilabschnitt „Zur Biologie" endet mit Texten, die auch am Beginn des folgenden Abschnittes stehen könnten; es werden darin Fragen der Beziehung von Natur und
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Editorische Hinweise
Gesellschaft, von Natur- und Gesellschaftswissenschaft behandelt. Um diesen Zusammenhang geht es im letzten Abschnitt „Natur und Gesellschaft". Den Abschluß bilden die Titel der Umschläge und deren Inhaltsverzeichnisse.
Entsprechend dem Platz in der chronologischen Anordnung wurden alle Textstücke redaktionell fortlaufend mit Nummern in eckigen Klammern versehen. Eine Konkordanzliste ermöglicht den Übergang von der chronologischen zur systematischen Anordnung. Für jeden Text fixiert sie die entsprechenden Seiten zunächst in der chronologischen, dann in der systematischen Anordnung, seine Zugehörigkeit zu einer Arbeitsperiode und -phase sowie seinen Platz in einem der vier Umschläge (siehe S. 599—607). Da die Aufbewahrung in den vier Umschlägen nicht erhalten geblieben ist, stützen sich die Editoren auf entsprechende Angaben von David Borissowitsch Rjasanow in AM3 2.
Grundlage für den Edierten Text ist die von Engels hinterlassene Handschrift;’ der Edierte Text folgt getreu der Textgrundlage. Die Entzifferung wurde anhand des Originals vorgenommen und gegenüber früheren Ausgaben präzisiert. Neu entziffert wurden die bisher nicht wiedergegebenen Texte und die Mehrzahl der Varianten. Eine Vereinheitlichung oder Modernisierung der Orthographie und Interpunktion wird nicht durchgeführt — lediglich bei den griechischen Wörtern im Text [96] wurde ctt an Stelle des entsprechenden älteren Buchstaben gesetzt —, jedoch erfolgt eine Textrevision im Sinne der Beseitigung eindeutiger Versehen, die in den meisten Fällen bei Textveränderungen und -Umstellungen unterlaufen sind. Sie werden, sofern sie von Belang sind, im Korrekturenverzeichnis nachgewiesen. Dies gilt insbesondere für die Korrektur einzelner Versehen bei Faktenangaben, soweit diese eindeutig als solche bestimmbar sind. Stillschweigend korrigiert werden am Ende einiger kurzer Notizen oder nach gebräuchlichen Abkürzungen fehlende Punkte; bei Textergänzungen fehlende Kommata; Groß- bzw. Kleinschreibung bei verändertem Satzanfang; Bindestriche bei Komposita, wenn Engels das Grundwort groß schrieb; ss beim Plural von Wörtern, die auf ß enden; fehlende Apostrophe. An- und Abführungszeichen werden vereinheitlicht.
Abkürzungen und für Engels' Schreibweise charakteristische Wortverkürzungen und Kurzzeichen werden ohne Kennzeichnung ausgeschrieben, mit Ausnahme solcher, deren Ausschreibung ungebräuchlich ist (usw., d.h., s.g., etc., Jh.). Ein häufig angewandtes Mittel der Wortverkürzung ist eine bogenförmige Verschleifung der letzten Buchstaben, die meist für die Endung -en gebraucht wird, gelegentlich aber auch für eine andere Wortendung; manchmal ist sie nicht vom Endschnörkel eines „t" zu unterscheiden. Buchstaben verschmelzen insbesondere bei der Endung -ung.
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Editorische Hinweise
Der Genitiv-Apostroph verschmilzt oft mit den Buchstaben, zwischen denen er steht. Engels verwandte außer dem allgemein üblichen & noch weitere Abkürzungszeichen (siehe S. 609). Bei Personennamen sowie in allen Fällen, in denen Abkürzungen oderWortverkürzungen in verschiedener Weise aufgelöst werden können, ist die Ausschreibung in redaktionelle eckige Klammern gesetzt worden. Beibehalten werden Abkürzungen von Personennamen bei wiederholtem Auftauchen sowie Abkürzungen in bibliographischen Angaben (Zitat- und Literaturnachweis von Engels).
Entsprechend den verschiedenen Hervorhebungsstufen in der Textgrundlage kommen im Edierten Text folgende zur Anwendung: erste Hervorhebungsstufe — kursiv; zweite Hervorhebungsstufe — gesperrt. Das Schriftbild der zugrunde gelegten Zeugen (Schriftart, Schriftgröße usw.) bleibt unberücksichtigt. Alle hierzu erforderlichen Angaben bietet die Zeugenbeschreibung.
Bei der Wiedergabe in chronologischer Anordnung werden Beginn und Ende einer Seite im Edierten Text kenntlich gemacht, und die Paginierung wird — wenn vorhanden — mitgeteilt (siehe Verzeichnis der Abkürzungen, Siglen und Zeichen). Bei fehlender Paginierung wird diese redaktionell eingeführt, wenn die Manuskripte mindestens zwei Seiten umfassen. Unvollständige Paginierungen werden redaktionell ergänzt. In beiden Fällen wird die Seitenzahl in eckige Klammern gesetzt. Die von Engels für die ersten Textgruppen ([1]—[94]) verwendeten Kennzeichnungen „Naturdialektik 1", „Naturdialektik 2" usw. bis „Naturdialektik— references" erscheinen in der chronologischen Anordnung als Kolumnentitel innerhalb des Textes.
Leerräume auf Seiten (oder am Ende von Blättern und Bogen) werden unabhängig von der Größe im Original durch zwei Leerzeilen wiedergegeben. Schlußstriche werden stets in einheitlicher Länge auf Mitte gesetzt. Randbemerkungen und Ergänzungen werden in den Text an der Stelle eingeordnet, wo sie nach der Kennzeichnung durch Engels vorgenommen werden sollten. Sie werden im Variantenverzeichnis ausgewiesen. In einigen Fällen, wo eine eindeutige Einordnung von Randbemerkungen und -ergänzungen nicht erfolgen konnte oder wo es sich nur um Notizen für eine spätere Einarbeitung handelt — mag diese Einarbeitung auch teilweise schon erfolgt sein wie in der „Einleitung" —, wird der Edierte Text zweispaltig wiedergegeben.
Zum Edierten Text wird ein wissenschaftlicher Apparat geboten. Er besteht aus dem Teil Entstehung und Überlieferung (einschließlich Konkordanzliste und Zeugenbeschreibung), dem Varianten- und Korrekturenverzeichnis sowie den Erläuterungen (siehe dazu auch die Abschnitte VIII und IX des Vorworts zur Marx-Engels-Gesamtausgabe im Band 1 der Ersten Abteilung).
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Editorische Hinweise
Die Seiten- und Zeilenangaben im wissenschaftlichen Apparat beziehen sich auf die chronologische Anordnung. Für die systematische Anordnung lassen sich die zugehörigen Stellen im Apparat mit Hilfe der Konkordanzliste ermitteln.
Das Variantenverzeichnis enthält alle von Engels vorgenommenen Textänderungen, die den Text inhaltlich oder stilistisch weiterentwickeln. Diese Varianten treten auf als Textreduzierungen (Tilgung nicht korrupter Textstellen), Textergänzungen (Einfügungen und Zusätze), Textersetzungen und Textumstellungen. Demzufolge werden folgende Textänderungen nicht verzeichnet: von Engels korrigierte Schreibfehler; von Engels vorgenommene Veränderungen der Orthographie oder Interpunktion, die keinen Einfluß auf die Sinngebung haben; Schreibansätze, die keinen erkennbaren Sinn ergeben oder bei denen der Sinn der ursprünglich vom Autor beabsichtigten Aussage nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden kann; solche innerhandschriftlichen Sofortkorrekturen, die formale Berichtigungen grammatischer oder stilistischer Versehen darstellen, jedoch weder die inhaltliche Aussage des Textes verändern noch den Stil der gesamten Darstellung wesentlich modifizieren.
Das Variantenverzeichnis ist ein mit notwendigen Stützworten (aus dem Edierten Text) versehener Werkstellenapparat, d.h., es verzeichnet von Werkstelle zu Werkstelle fortschreitend alle Varianten Fassungen einer Textstelle. Die innerhandschriftlichen Varianten zu einer Werkstelle werden entweder mit Hilfe diakritischer Zeichen hintereinander oder mit der Methode der Zeilenparallelisierung bzw. der Zeilengruppenparallelisierung untereinander dargeboten. Das Variantenverzeichnis benutzt eine im wesentlichen diskursive (schlußfolgernde) Verzeichnisform, d. h., es wird der Inhalt der Textänderungen festgehalten, jedoch nicht die Form, in der diese Änderungen durchgeführt wurden. Sind die Art bzw. die Reihenfolge der Textänderungen nicht eindeutig zu bestimmen, wird der handschriftliche Befund beschrieben.
Textreduzierungen, Textergänzungen, Textersetzungen und Textumstellungen werden mit Hilfe verschiedener diakritischer Zeichen dargestellt (siehe Verzeichnis der Abkürzungen, Siglen und Zeichen). Sofortvarianten treten häufig auch in Form von „Abbrechungen" auf. Als Abbrechungen werden solche Textänderungen bezeichnet, bei denen der Autor die Gedankenführung unterbricht und ihr (meist durch Tilgung, aber auch durch Ersetzung von Wörtern oder Wortteilen, Änderung von Flexionsendungen und Einfügungen) einen neuen Verlauf gibt. Abbrechungen, die in der Handschrift getilgt wurden, werden folgendermaßen dargestellt: Nach dem Stützwort aus dem Edierten Text folgt in Winkelklammern der getilgte Passus und danach das Abbrechungszeichen. Die neue Version der Fortset
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Editorische Hinweise
zung dieses Satzes ist im Edierten Text nachzulesen. Abbrechungen, bei denen Teile des Wortbestandes in die nächste Schicht übernommen wurden, werden im Prinzip genauso dargestellt. Da in diesen Fällen oft nicht sicher zu erkennen ist, an welcher Stelle des Satzes der Autor abbrach und änderte, wird das Abbrechungszeichen in der Regel an die Stelle gesetzt, an der spätestens die Textumformung erfolgt sein muß; der in Winkelklammern stehende Text des ursprünglichen, abgebrochenen Satzverlaufs umfaßt in diesen Fällen also auch Wörter oder Wortteile, die in der Handschrift nicht getilgt, sondern in die neue Textfassung einbezogen wurden. Die Winkelklammern kennzeichnen hier ein im Ganzen verworfenes Textstück.
Einige Textumformungen, vor allem größere Textersetzungen, werden mit Hilfe der Zeilenparallelisierung dargestellt. Dabei werden Varianten einer Werkstelle in chronologischer Folge partiturähnlich untereinander-gestellt, wobei jede Schicht, die links einen Zähler erhält, durch die nächstfolgende ersetzt wird. Die jeweils letzte Schicht ist identisch mit dem Edierten Text. Unverändert bleibende Wörter werden nicht wiederholt, sondern durch Unterführungszeichen gekennzeichnet. Der durchgehende Strich bezeichnet entweder eine Textreduzierung gegenüberdervorhergehenden Schicht oder ist nur ein Dehnungsstrich, um den Raum für eine Texterweiterung in der folgenden Schicht offenzuhalten. Man kann sowohl jede Schicht für sich im Zusammenhang (horizontal) lesen als auch die Entwicklung einzelner Werkstellen von Schicht zu Schicht (vertikal) überblicken. Partielle Textänderungen innerhalb einer Schicht werden durch Gabelungen dargestellt, die mit a, b, c usw. bezeichnet sind. Durch Parallelisierung werden auch kleinere Textänderungen innerhalb größerer Textreduzierungen, -ersetzungen oder -erweiterungen dargestellt, da somit der Bereich der „inneren" Variante ohne zusätzliche Zeichen erkennbar ist.
Bei einigen umfangreichen Textänderungen macht es sich erforderlich, die Zeilengruppenparallelisierung anzuwenden. Die Varianten einer Werkstelle werden in römisch bezifferten Zeilengruppen in chronologischer Folge untereinandergestellt; jede Gruppe wird durch die jeweils folgende aufgehoben, ersetzt. Die letzte Zeilengruppe (bzw. deren letzte Schicht) ist identisch mit dem Edierten Text.
Die Erläuterungen geben alle für das Verständnis des Textes (einschließlich der Varianten) erforderlichen Erklärungen und Hinweise, soweit dies nicht schon im Apparatteil Entstehung und Überlieferung geschehen ist.
Wichtiger Bestandteil der Erläuterungen ist der Nachweis der von Engels benutzten Literatur. Wenn nicht ermittelt werden konnte, welche Ausgabe Engels benutzt hat, erfolgt in der Erläuterung ein entsprechender Verweis. Abweichungen zwischen der Engelsschen Zitierweise und der benutzten
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Editorische Hinweise
Quelle werden verzeichnet wenn diese inhaltlich belangvoll oder für eine vorgenommene oder mögliche Textrevision von Bedeutung sind. Außerdem werden alle von Engels gegenüber der zitierten Quelle vorgenommenen Hervorhebungen mitgeteilt. Bei indirekt erwähnter oder zitierter Literatur erfolgt — so weit nachweisbar—ein Hinweis auf die entsprechende Erstausgabe. Bei Zitaten aus der Weltliteratur wird in der Regel auf die Angabe einer konkreten Ausgabe verzichtet.
Von besonderer Bedeutung ist im vorliegenden Band die Erläuterung jener naturwissenschaftlichen (und mathematischen) Erkenntnisse, auf die sich die philosophischen Darlegungen von Engels beziehen. Zur Erläuterung dieser Erkenntnisse gehört ihre Einordnung in die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens im 19. Jahrhundert.
In den Erläuterungen wird auch eine deutsche Übersetzung der griechischen und lateinischen Texte bzw. Textteile gegeben.
Verweisungen auf die bisher erschienenen Bände aller Abteilungen der MEGA erfolgen unter Verwendung der im Verzeichnis der Abkürzungen entschlüsselten Siglen. In allen anderen Fällen wird bei Zitaten aus Arbeiten von Marx und Engels direkt auf den Erstdruck oder das handschriftliche Manuskript verwiesen.
Die Register erfassen den Edierten Text und die Varianten. Inden Registern werden zunächst die Seitenzahlen der chronologischen und dann die der systematischen Anordnung angegeben. Es folgen die Seitenzahlen des Variantenverzeichnisses aus dem Apparatband. Die Seitenzahlen der systematischen Anordnung sind kursiv gesetzt.
Das Literaturregister umfaßt alle Literatur (Bücher, Broschüren, Zeitschriftenaufsätze, Zeitungsartikel usw.), die direkt oder indirekt zitiert bzw. direkt oder indirekt erwähnt wird. Nicht aufgenommen werden naturwissenschaftliche Arbeiten, wenn die darin mitgeteilten Erkenntnisse zur Zeit von Engels bereits zum allgemeineren Bildungsgut gehörten und das Studium der Originalquellen für Engels nicht nachweisbar ist. Erforderliche Hinweise auf derartige Arbeiten geben die Erläuterungen.
Das Namenregister stellt alle direkt oder indirekt genannten Personennamen zusammen, wobei literarische und mythologische Namen einbezogen werden. Nicht aufgenommen werden Namen von Sternen, Sternbildern und Schiffen, auch wenn sich diese von historischen oder mythologischen Personen herleiten. Aufgenommen werden auch die Verfasser von Veröffentlichungen, die im Text selbst nicht genannt, deren Arbeiten aber direkt oder indirekt genannt oder zitiert werden. Die alphabetische Einordnung der Personennamen erfolgt nach ihrer authentischen Schreibweise, bei griechisch oder kyrillisch geschriebenen Namen nach der ent
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sprechenden transkribierten Form. Alle von der authentischen Form abweichenden Schreibweisen des Edierten Textes werden der authentischen Schreibweise in runden Klammern zugefügt und, wenn notwendig, gesondert als Verweisung angeführt.
Das Sachregister umfaßt die Begriffe, die den wesentlichen Inhalt der „Dialektik der Natur" widerspiegeln. Die Schlagworte sind in der Regel dem Edierten Text entnommen. Auf synonyme oder analoge Schlagwörter wird nach der Seitenangabe zum betreffenden Begriff verwiesen. Hat Engels einen uns geläufigen Terminus nicht verwendet, so wird ohne Seitenangabe auf den von ihm gebrauchten Begriff verwiesen. Ist ein Schlagwort untergliedert, werden zu ihm nur dann Seiten angegeben, wenn sich auf ihnen Aussagen befinden, die nicht in einem Unterschlagwort erfaßt sind. Unterschlagwörter allgemeineren Charakters (z. B. Geschichte der Chemie) enthalten hingegen auch die Seitenangaben dazugehöriger Unterschlagwörter detaillierteren Charakters (z. B. Bedeutung der Entdeckung des Sauerstoffs für die Chemie). Das Sachregister ist in moderner Orthographie abgefaßt.
Der vorliegende Band wurde von einem Kollektiv von Mitarbeitern der Humboldt-Universität zu Berlin bearbeitet. Dazu gehörten: Anneliese Griese (Leitung), Friederun Fessen, Hella Hahn, Karl Heinig, Martin Koch und Gerd Pawelzig. Die technischen Arbeiten wurden von Eva Oehlsen ausgeführt. Die Hauptarbeit an der Zeugenbeschreibung leistete Richard Sperl (IML beim ZK der SED, Berlin). An der Vorbereitung der mathematischen Texte wirkte Hannelore Bernhardt (Humboldt-Universität zu Berlin) mit. Die Übersetzung des griechischen Textes besorgte Hansulrich Labuske (Akademie der Wissenschaften der DDR). Hinweise zu einzelnen Texten gab Siegfried Kirschke (Martin-Luther-Universität Halle—Wittenberg).
Im IML beim ZK der SED wurde der Band von Richard Sperl und Renate Merkel betreut und begutachtet. Gutachter des IML beim ZK der KPdSU war Georgi Bagaturija.
Die Herausgeber danken allen wissenschaftlichen Einrichtungen und allen Persönlichkeiten, die bei der Vorbereitung des Bandes Unterstützung gewährten. Besonderer Dank gilt Wladimir Bruschlinski, dessen Arbeit an der seit 1941 existierenden Ausgabe der „Dialektik der Natur" eine Voraussetzung dieser neuen Edition bildet und der die Bearbeiter mit seinen Erfahrungen unterstützte. Die Einsichtnahme in das Original von Engels ermöglichte das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Zu danken ist Mitarbeitern der Humboldt-Universität zu Berlin und der Akademie der Wissenschaften der DDR, die auf unterschiedliche Art und Weise die Arbeit am Band förderten.
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FRIEDRICH ENGELS DIALEKTIK DER NATUR (1873-1882)
Dialektik der Natur
(Chronologische Anordnung der Manuskripte)
|[1]| Naturdialektik 1.
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[1] Büchner.
Aufkommen der Richtung. Auflösung der deutschen Philosophie in Materialismus — die Controle über die Wissenschlaft] beseitigt — Losplatzen der platten materialistischen Popularis[atoren] deren Materialismus den Mangel an Wissenschaft ersetzen sollte. Flor zur Zeit der tiefsten Erniedrigung des bürgerlichen Deutschlands und der offiziellen deutschen Wissenschaft — 1850-60. Vogt, Molesch[ott], Büchner — Gegenseitige Assekuranz. — Neubelebung durch Modewerden des Darwinismus, den diese Herren gleich pachteten.
Man könnte sie laufen lassen und ihrem nicht unlöblichen wenn auch engen Beruf überlassen, dem deutschen Philister Atheismus etc. beizubringen aber 1) das Schimpfen auf die Philos[ophen] (Stellen anzuführen)x) die trotz alledem den Ruhm Deutschlands bilden, und 2) die Anmaßung ihre Na-turtheorieen auf die Gesellschaft anzuwenden und den Sozialismus zu reff ormiren. So zwingen sie uns zur Notiznahme.
Zuerst was leisten sie auf ihrem eignen Felde? Citate.
2) Umschlag p. 170/71. Woher plötzlich dies Hegelsche? Übergang zur Dialektik. — 2 philosophische Richtungen, die metaphysische mit fixen Kategorieen, die dialektische (Arist[oteles] und Hegel besonders) mit flüssigen, die nachweist daß diese fixen Gegensätze von Grund und Folge Ursache und Wirkung Identität und Unterschied Schein und Wesen unhaltbar sind, daß die Analyse einen Pol schon als in nuce vorhanden im andern
x) Büchner kennt die Philosophen] nur als Dogmatiker wie er selbst Dogmatiker des plattesten Abspülicht des deutschen Aufkläricht, dem der Geist und die Bewegung der großen französischen Materialisten abhanden gekommen (Hegel über diese)—wie dem Nikolai der des Voltaire. Lessings todter Hund Spinoza, Enc. Vorr. 19. —
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nachweist, daß an einem bestimmten Punkt der eine Pol in den andern umschlägt und daß die ganze Logik sich erst auf diesen fortschreitenden Gegensätzen entwickelt. — Dies bei Hegel selbst mystisch weil die Katego-rieen als präexistirend, und die Dialektik der realen Welt als ihr bloßer Abglanz erscheint. In Wirklichkeit umgekehrt: die Dialektik des Kopfes nur 5 Wiederschein der Bewegungsformen der realen Welt, der Natur wie der Geschichte. Die Naturforscher bis Ende vorigen Jahrhunderts, ja bis 1830 wurden mit der alten Metaphysik ziemlich fertig, weil die wirkliche Wissenschaft nicht über Mechanik — irdische und kosmische — hinausging. Trotzdem brachte schon die höhere Mathematik, die die ewigen Wahrheiten 10 der niedern Mathematik als einen überwundnen Standpunkt betrachtet, oft das Gegentheil behauptet und Sätze auf stellt die dem niedern Mathematiker als baarer Unsinn erscheinen, Konfusion hinein. Die festen Kategorieen lösten sich hier auf, die Mathematik war auf ein Terrain gekommen wo selbst so einfache V erhältnisse wie die der bloß abstrakten Quantität, das schlechte 15 Unendliche, eine vollkommen dialektische Gestalt annahmen und die Mathematiker zwangen, wider Willen und ohne es zu wissen, dialektisch zu werden. Nichts komischer als die Windungen, faulen Schliche, und Nothbehelfe der Mathematiker, diesen Widerspruch zu lösen, die höhere und niedere Mathematik zu versöhnen, ihrem Verstand klarzumachen daß das 20 was sich ihnen als unläugbares Resultat ergab, nicht reiner Blödsinn sei, und überhaupt Ausgangspunkt, Methoden, und Resultate der Mathematik des Unendlichen rationell zu erklären.
Jetzt aber ist das Alles anders. Die Chemie — Atomistik. Abstrakte Theil-barkeit der Physik — schlechte Unendlichkeit. Die Physiologie — Zelle. (Der 25 organische Entwicklungsprozeß sowohl des Individuums wie der Arten durch Differenzirung die schlagendste Probe auf die rationelle Dialektik.) Und endlich die Identität der Naturkräf te und ihre gegenseitige Verwandlung die aller Fixität der Kategorieen ein Ende machte. Trotzdem die Masse der Naturforscher noch immer fest in den alten metaphysischen Kategorieen 30 und hülflos wenn diese modernen Thatsachen, die die Dialektik sozusagen in der Natur nachweisen, rationell erklärt und in Zusammenhang unter sich gebracht werden sollen. Und hier mußte gedacht werden: Atom und Molekül etc. kann man nicht mit dem Mikroskop beobachten sondern nur mit Denken. Vgl. die Chemiker (ausgenommen Schorl[emmer] der Hegel kennt) und 35 Virchow’s Cellularpathologie, wo schließlich allgemeine Phrasen die Hülf-losigkeit verdecken müssen. Die — des Mysticismus entkleidete — Dialektik wird eine absolute Nothwendigkeit für die Naturwissenschaft, die das Gebiet verlassen hat wo die festen Kategorieen, gleichsam die niedre Mathematik der Logik, ihr Hausgebrauch, ausreichten. Die Philosophie rächt sich post- 40 hum an der Naturwissenschaft dafür, daß diese sie verlassen hat — und doch
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hätten die Naturforscher ||[2]| schon an den naturwissenschaftlichen Erfolgen der Philos[ophen] sehn können daß in all dieser Philosophie etwas stak, das auch auf ihrem eignen Gebiet ihnen überlegen war (Leibnitz Gründer der Mathematik des Unendlichen gegen den der Induktionsesel Newton als Plagiator und Verderber tritt — Kant — Kosmische Entstehungstheorie vor Laplace — Oken der erste in Deutschland der die Entwicklungstheorie annahm — Hegel dessen encyclopädische Zusammenfassung und rationelle Gruppirung der Naturwissenschaften eine größere That ist als all der materialistische Blödsinn zusammen).
[2]
Dialektik der Naturwissenschaft]: Gegenstand der sich bewegende Stoff. Die verschiednen Formen und Arten des Stoffs selbst wieder nur durch die Bewegung zu erkennen, nur in ihr zeigen sich die Eigenschaften der Körper, von einem Körper der sich nicht bewegt ist nichts zu sagen. Aus den Formen der Bewegung also ergibt sich die Beschaffenheit der sich Bewegenden Körper.
1)	Die erste, einfachste Bewegungsform ist die mechanische, rein ortsverändernde —
a)	Bewegung eines einzelnen Körpers — existirt nicht, nur relativ — Fall.
b)	Bewegung getrennter Körper: Flugbahn, Astronomie — scheinbares Gleichgewicht — Ende immer Kontakt.
c)	Bewegung sich berührender Körper in Beziehung auf einander—Druck. Statik. Hydrostatik und Gase. Hebel und andre Formen der eigentlichen Mechanik — die alle in ihrer einfachsten Form des Contakts auf die nur graduell verschiedne: Reibung und Stoß heraus kommen. Aber Reibung und Stoß, in f act Contakt hat auch andre hier von d[en] Naturf [orschem] nie angeführte Folgen: sie produziren, unter Umständen, Schall, Wärme, Licht, Elektricität, Magnetismus.
2)	Diese verschiednen Kräfte gehen (mit Ausnahme des Schalls) — Physik der Himmelskörper
a)	in einander über und ersetzen sich gegenseitig und
b)	bei gewisser quantitativer Kraftentwicklung einer jeden, für jeden Körper verschiednen, angewandt auf die Körper, seien es chemisch zusammengesetzte, seien es mehrere chemisch einfache — treten chemische Veränderungen ein, und wir in die Chemie.
3)	Die Physik mußte oder konnte die lebendigen organischen Körper unberücksichtigt lassen, die Chemie findet erst in der Untersuchung der organischen Zu- Chemie der sammensetzungen den eigentlichen Aufschluß über die Himmelskörper.
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wahre Natur der wichtigsten Körper, und setzt andrerseits Körper zusammen die nur in der organischen Natur vorkommen. Hier führt die Chemie auf das organische Leben und sie ist weit genug um uns zu versichern daß sie allein uns den dialektischen Übergang in den Orga
Krystallogra-phie Theil der Chemie.
nismus erklären wird.
4)	Der wirkliche Übergang aber in der Geschichte — des Sonnensystems, der Erde, reale Voraussetzung der Organik.
5)	Organik.
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[3]
Theilbarkeit — ein Säugethier untheilbar, dem Reptil wächst noch ein Fuß nach — die Aetherwellen theilbar und meßbar ins unendlich Kleine — jeder Körper theilbar, praktisch, innerhalb gewisser Gränzen, bei der Chemie z.B.	15
[4]
Cohäsion — schon bei Gasen negativ—Umschlag der Attraction in Repulsion, diese nur im Gas und Aether? reell.
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[5]
Aggregatzustände — Knotenpunkte wo Quantitative Veränderung in qualitative um schlägt. 
[6]	25
Secchi und der Papst.
[7]
Newtonsche Attraction und Centrifugalkraft — Beispiel metaphysischen Denkens: das Problem nicht gelöst sondern erst gestellt, und dies als Lösung 30 docirt. — Ditto Clausius Wärmeabnahme.
[8]
Laplace’s Theorie setzt nur sich bewegende Materie voraus — Rotation nothwendig bei allen im Weltraum schwebenden Körpern.
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Bei der Prätention des B[üchner] über Sozialismus] und Oek[onomie] aus Kampf ums Dasein abzuurtheilen: Hegel Enc. I p.9 über das Schuhmachen.
Bei d[er] Politik] und Soc[ialismus]: Der Verstand auf den die Welt gewartet hat p. 11.
Außer- Neben- und Nach-einander H. Enc. p. 35! als Bestimmung der Sinnlichkeit, der Vorstellung.
Hegel Encycl. p. 40. Naturerscheinungen — aber bei B. wird nicht gedacht, bloß abgeschrieben, daher das nicht nöthig.
p.42. Solon hat seine Gesetze „aus seinem Kopf hervorgebracht“ — B. kann dasselbe für die moderne Gesellschaft.
p.45. Metaphysik — Wissenschaft der Dinge — nicht der Bewegungen.
p.53. Bei der Erfahrung — ankommt.
p. 56. Parallelismus zwischen menschlichem Individuum und Geschichte = Parallelismus zwischen Embryologie und Paläontologie. |
|[3]| Naturdialektik. 2.
[10]
Reibung und Stoß erzeugen eine innere Bewegung der betr. Körper, Mo-lecularbewegung, je nachdem als Wärme, Elektricitätetc. differenzirt. Diese Bewegung indeß nur temporär, cessante causa cessat eff ectus. Auf bestimmter Stufe schlagen sie Alle um in eine permanente Molekularveränderung die chemische.
[11]
Causa finalis — die Materie und ihre inhärente Bewegung. Diese Materie keine Abstraction. Schon in der Sonne die einzelnen Stoffe dissociirt und in ihren Wirkungen unterschiedslos. Aber im Gasball des Nebelflecks alle Stoffe obwohl separat vorhanden, in reine Materie als solche ver-schwimmend, nur als Materie, nicht mit ihren specifischen Eigenschaften wirkend.
(Sonst schon bei Hegel der Gegensatz von causa efficiens und causa finalis in der Wechselwirkung aufgehoben)
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[12]
Die Entwicklungsform der Naturwissenschaft, soweit sie denkt, ist die Hypothese. Eine neue Thatsache wird beobachtet die die bisherige Erklärungsweise der zu derselben Gruppe gehörenden Thatsachen unmöglich macht. Von diesem Augenblick an werden neue Erklärungsweisen Bedürf niß 5 — zunächst gegründet auf nur beschränkte Anzahl von Thatsachen und Beobachtungen. Ferneres Beobachtungsmaterial epurirt diese Hypothesen, beseitigt die einen, corrigirt die andre, bis endlich das Gesetz rein hergestellt. Wollte man warten bis das Material für’s Gesetz rein, so hieße das die denkende Forschung bis dahin suspendiren und das Gesetz käme schon 10 deßwegen nie zu Stande.
Die Anzahl und der Wechsel der sich verdrängenden Hypothesen — bei mangelnder logischer und dialektischer Vorbüdung der Naturforscher — bringt dann leicht die Vorstellung hervor daß wir das Wesen der Dinge nicht erkennen können. (Haller und Goethe) Dies ist der Naturwissenschaft nicht 15 eigenthümlich, da alle menschliche Erkenntniß in einer vielfach verschlungenen Curve sich entwickelt, und die Theorieen auch in den geschichtlichen Disziplinen inclusive Phüosophie sich ebenso verdrängen, woraus aber z. B. niemand schließt daß die formelle Logik Unsinn ist. — Letzte Form dieser Anschauung das „Ding an sich“. Der Ausspruch daß wir das Ding an sich 20 nicht erkennen können (Hegel Encyc. § 44) tritt 1) aus der Wissenschaft hinaus in die Phantasie. Er fügt 2) unsrer wissenschaftlichen Kenntniß kein Wort hinzu, denn wenn wir uns nicht mit den Dingen beschäftigen können so existiren sie für uns nicht. Und 3) ist er reine Phrase und wird nie angewandt. Abstrakt genommen klingt er ganz verständig. Aber man wende 25 ihn an. Was denken von dem Zoologen der sagte: ein Hund scheint 4 Beine zu haben, wir wissen aber nicht ob er in Wirklichkeit 4 Mülionen Beine hat oder gar keine? Vom Mathematiker der erst ein Dreieck als 3 Seiten habend definirt und dann erklärt er wisse nicht ob es nicht 25 habe? 2x2 scheine 4 zu sein? Aber die Natur||[4]|forscher hüten sich wohl die Phrase vom Ding 30 an sich in der Naturwissenschaft anzuwenden, bloß im Hinausgehn in die Philosophie erlauben sie sich das. Dies bester Beweis wie wenig sie ihnen Ernst, und wie wenig sie selbst werth ist. — Wäre sie ihnen Ernst, ä quoi bon überhaupt etwas untersuchen?
Historisch gefaßt hätte die Sache einen gewissen Sinn: wir können nur 35 unter den Bedingungen unsrer Epoche erkennen und soweit diese reichen.
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Umschlag der Attraction in Repulsion und umgekehrt bei Hegel mystisch, aber der Sache nach hat er darin die späteren naturwissenschaftlichen Entdeckungen anticipirt. Schon im Gas Repulsion der Moleküle, noch mehr in feiner zertheilter Materie z. B. Kometenschweif wo sie sogar mit ungeheurer Kraft wirkt. Selbst darin Hegel genial daß er die Attraction als Zweites aus der Repulsion als Vorhergehendem ableitet: ein Sonnensystem wird nur gebildet durch allmähliges Vorwiegen der Attraction über ursprünglich vorherrschende Repulsion. — Ausdehnung durch Wärme = Repulsion. Kinetische Gastheorie.
[14]
Die Gegensätzlichkeit der verständigen Denkbestimmungen: die Polarisation. Wie Elektricität Magnetismus etc. sich polarisiren, im Gegensatz bewegen so die Gedanken. Wie dort keine Einseitigkeit festzuhalten — woran kein Naturforscher denkt, so auch hier nicht.
[15]
Wer Causalität läugnet, dem ist jedes Naturgesetz eine Hypothese, und unter Anderm die chemische Analyse der Weltkörper durch das prismatische Spectrum ebenfalls. Welche Seichtigkeit des Denkens dabei stehn zu bleiben.
[16]
Ding an sich: Hegel, Logik II p. 10 auch später ein ganzer Abschnitt darüber: „Es ist, erlaubte sich der Skepticis-mus nicht zu sagen; der neuere Idealismus (i. e. Kant und Fichte) erlaubte sich nicht, die Erkenntnisse als ein Wissen vom Ding an sich anzusehn. ... Zugleich ließ aber der Skepticismus mannichfaltige Bestimmungen seines Scheins zu, oder vielmehr sein Schein hatte den ganzen mannichf altigen Reichthum der Welt zum Inhalt. Ebenso begreift die Erscheinung des Idealismus (i. e. what Idealism calls Erscheinung) den ganzen Umfang dieser mannichfaltigen Bestimmtheiten in sich. ... Diesem Inhalt mag also wohl kein Sein, kein Ding oder Ding an sich zu Grunde liegen; er für sich bleibt wie er
Vgl. Enc. I p.252.-
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ist, er ist nur aus dem Sein in den Schein übersetzt worden“ Hegel ist also hier ein viel entschiednerer Materialist als die modernen Naturforscher.
[17]	5
Die wahre Natur der „Wesens“bestimmungen von Hegel selbst ausgesprochen. Encycl. I § 111, Zusatz: „im Wesen ist Alles relativ“, (z. B. Positiv und negativ, die nur in ihrer Beziehung, nicht jedes für sich, Sinn haben)
[18]	10
Die mathematischen s.g. Axiome sind die wenigen Denkbestimmungen deren die Mathematik zu ihrem Ausgang bedarf. Die Mathematik ist die Wissenschaft der Größen; sie geht vom Begriff der Größe aus. Sie definirt diese in lahmer Weise und fügt dann die andern Elementar-Bestimmtheiten der Größe, die in der Definition nicht enthalten, äußerlich als Axiome hinzu, 15 wo sie dann als unbewiesen, und natürlich auch mathematisch unbeweisbar erscheinen. Die Analyse der Größe würde alle diese Axiomsbestimmungen als nothwendige Bestimmungen der Größe ergeben. Spencer hat in sofern Recht als die uns so vorkommende Selbstverständlichkeit dieser Axiome angeerbt ist. Beweisbar sind sie dialektisch soweit sie nicht reine Tautolo- 20 gieen. |
|[5]| Naturdialektik — 3.
[19]
Theil und Ganzes z. B. sind schon Kategorieen die in der organischen Natur unzureichend werden — Abstoßen des Samens — der Embryo und das 25 geborne Thier sind nicht als „Theil“ aufzufassen, der vom „Ganzen“ getrennt wird, das gäbe schiefe Behandlung. Erst Theil im Cadaver. Enc. I. 268.
[20]	30
Identität — abstrakte, a = a, und negativ: a nicht = und ungleich a gleichzeitig — ebenfalls in der organischen Natur unanwendbar. Die Pflanze, das Thier, jede Zelle, in jedem Augenblick seines Lebens identisch mit sich und doch sich von sich selbst unterscheidend, durch	35
Aufnahme und Ausscheidung von Stoffen, Athmung,
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durch Zellenbildung und Zellenabsterben, durch den vorgehenden Circulations-Proceß, kurz durch eine Summe unaufhörlicher molekularer Veränderungen die das Leben ausmachen und deren summirte Resultate in den Lebensphasen — Embryonalleben, Jugend, Geschlechtsreife, Gattungsprozeß, Alter, Tod augenscheinlich hervortreten. Je weiter die Physiologie sich entwickelt desto wichtiger werden für sie diese unaufhörlichen unendlich kleinen Veränderungen, desto wichtiger für sie also ebenso die Betrachtung des Unterschieds innerhalb der Identität, und der alte abstrakte formelle Identitätsstandpunkt, daß ein organisches Wesen als ein mit sich einfach Identisches, Konstantes, zu behandeln, veraltet. Trotzdem dauert die auf ihn gegründete Denkweise mit ihren Kategorieen fort. Aber schon in der unorganischen Natur die Identität als solche in Wirklichkeit nicht existirend. Jeder Körper ist fortwährend mechanischen physikalischen chemischen Einwirkungen ausgesetzt die stets an ihm ändern, seine Identität modifiziren. Nur in der Mathematik — einer abstrakten Wissenschaft die sich mit Gedankendingen beschäftigt — gleichviel ob Abklatschen der Realität — ist die abstrakte Identität und ihr Gegensatz gegen den Unterschied am Platz und wird auch da fortwährend aufgehoben. Hegel Encyc. 1235. Die Thatsache daß die Identität den Unterschied in sich enthält, ausgesprochen in jedem Satz, wo das Prädikat vom Subjekt nothwen-dig verschieden: die Lilie ist eine Pflanze, die Rose ist roth, wo entweder im Subjekt oder im Prädikat etwas das vom Prädikat oder Subjekt nicht gedeckt wird. Hegel 1231. — Daß die Identität mit sich von vorn herein den Unterschied von allem Andern zur Ergänzung nöthig hat, ist selbstredend, (s. folgende Seite)
Abgesehn obendrein von der Arten-Ent-wicklung
[21]
Positiv und Negativ— kann auch umgekehrt benannt werden, in Elektricität etc. Nord und Süd ditto, man kehre dies um, ändre die übrige Terminologie entsprechend, und Alles bleibt richtig. Wir nennen dann West, Ost und Ost, West. Die Sonne geht im Westen auf, die Planeten revolviren von Ost nach West usw., die Namen allein sind geändert. Ja in der Physik nennen wir den
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eigentlichen Südpol des Magneten, den vom Nordpol des Erdmagneten angezognen, den Nordpol und es macht gar nichts aus.
[22]
Leben und Tod. Schon jetzt gilt keine Physiologie für wissenschaftlich die 5 nicht den Tod als wesentliches Moment des Lebens auffaßt. (Nota, Hegel Enc. I, 152,53.), die Negation des Lebens als wesentlich im Leben selbst enthalten, sodaß Leben stets gedacht wird mit Beziehung auf sein nothwen-diges Resultat, das stets im Keim in ihm liegt, den Tod. Weiter ist die dialektische Auffassung des Lebens nichts. Aber wer dies einmal verstanden 10 für den ist alles Gerede von Unsterblichkeit der Seele beseitigt. Der Tod ist entweder Auflösung des organischen Körpers der nichts zurückläßt als die chemischen Bestandteile die seine Substanz büdeten oder er hinterläßt ein Lebensprinzip, mehr oder weniger Seele, das alle lebenden Organismen überdauert, nicht bloß den Menschen. Hier also einfaches Sichklarwerden 15 vermittelst der Dialektik, über die Natur von Leben und Tod hinreichend einen uralten Aberglauben zu beseitigen. Leben heißt Sterben.
[23]
|[6]| Schlechte Unendlichkeit — die wahre schon von Hegel richtig in den 20 erfüllten Raum und Zeit gelegt, in den Naturproceß und die Geschichte. Jetzt auch die ganze Natur in Geschichte aufgelöst, und die Geschichte nur als Entwicklungsproceß selbstbewußter Organismen von der Geschichte der Natur verschieden. Diese unendliche Mannichfaltigkeit von Natur und Geschichte hat die Unendlichkeit des Raums und der Zeit — die schlechte 25 — nur als aufgehobnes, zwar wesentliches aber nicht vorwiegendes Moment in sich. Die äußerste Gränze unsrer Naturwissenschaft ist bis jetzt unser Universum, und die unendlich vielen Universen da draußen brauchen wir nicht um die Natur zu erkennen. Ja selbst nur Eine Sonne unter Millionen Sonnen und ihr System büdet den wesentlichen Boden unsrer astrono- 30 mischen Forschung. Für irdische Mechanik, Physik, Chemie sind wir mehr oder weniger, für organische Wissenschaften] ganz auf die kleine Erde beschränkt. Und doch thut dies der praktisch unendlichen Mannichfaltigkeit der Phänomene und der Naturerkenntniß keinen wesentlichen Eintrag, ebensowenig wie bei der Geschichte die gleiche, noch größere Beschränkung 35 auf eine verhältnißmäßig kurze Zeit und kleinen Theü der Erde.
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Identität. Zusatz. Die fortwährende Veränderung d.h. Aufhebung der abstrakten Identität mit sich, auch im s. g. Unorganischen. Die Geologie ist ihre Geschichte. Auf der Oberfläche mechanische Veränderung (Auswaschung, Frost), chemische (Verwitterung), im Innern mechanische (Druck) Wärme (vulkanische) chemische (Wasser, Säuren, Bindemittel), in großen Hebungen, Erdbeben etc. Der Schiefer von heute grundverschieden von dem Schlick aus dem er gebildet, die Kreide von den losen mikroskopischen Schalen die sie zusammensetzen, noch mehr der Kalkstein der ja nach Einigen ganz organischen Ursprungs sein soll, der Sandstein vom losen Meersand der wieder aus zerriebnem Granit etc. herrührt —von Kohle nicht zu sprechen.
[25]
Einfach und zusammengesetzt: Kategorieen die ebenfalls schon in der organischen Natur ihren Sinn verlieren, unanwendbar sind. Weder die mechanische Zusammensetzung aus Knochen, Blut, Muskel, Geweb[e] etc. noch die chemische aus den Elementen drücken ein Thier aus. H. Enc. 1.256. — der Organismus ist weder Einfach noch zusammengesetzt, er mag noch so complicirt sein.
[26]
Urmaterie: „Die Auffassung der Materie als ursprünglich vorhanden und an sich formlos ist sehr alt und begegnet uns schon bei den Griechen, zunächst in der mythischen Gestalt des Chaos welches als die formlose Grundlage der existirenden Welt vorgestellt wird.“ Enc. I, 258. Dies Chaos finden wir wieder bei Laplace, und annähernd im Nebelfleck der auch nur noch einen Anfang von Form hat. Nachher kommt die Differenzirung.
[27]
Die falsche Porositätstheorie (worin die verschiednen falschen Materien, Wärmestoff etc. in ihren gegenseitigen Poren sitzen und sich doch nicht durchdringen) von Hegel Enc. I. 259 als reine Erdichtung des Verstands dargestellt s. auch Logik.
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Kraft. Wenn irgendwelche Bewegung sich von einem Körper auf einen andern überträgt, so kann man die Bewegung soweit sie sich überträgt activ ist, als Ursache der Bewegung, soweit sie übertragen wird, passiv ist, fassen, und es erscheint dann diese Ursache, die active Bewegung, als Kraft, die 5 passive als Äußerung. Nach dem Gesetz der Unzerstörbarkeit der Bewegung folgt daraus von selbst daß die Kraft genau ebenso groß ist wie ihre Äußerung, da es ja in der Einen wie in der Andern dieselbe Bewegung ist. Sich übertragende Bewegung ist aber mehr oder weniger quantitativ bestimmbar weil sie in zwei Körpern erscheint von denen der Eine ||[7]| als Maßeinheit 10 dienen Kann um am andern die Bewegung zu messen. Die Meßbarkeit der Bewegung gibt der Kategorie Kraft ihren Werth, sonst hat sie keinen. Je mehr dies also der Fall, desto verwendbarer für die Betrachtung sind die Ka-tegorieen von Kraft und Äußerung. Daher namentlich in der Mechanik, wo man die Kräfte noch weiter zerlegt, sie als zusammengesetzt ansieht, und da- 15 mit manchmal neue Resultate erreicht, wobei man aber nicht vergessen darf, daß dies bloß eine Operation des Kopfes ist; indem man die Analogie wirklich zusammengesetzter Kräfte wie im Parallelogramm der Kräfte ausgedrückt, auf wirklich einfache Kräfte anwendet, so werden sie dadurch noch nicht wirklich zusammengesetzt. — Ebenso in der Statik. Dann im Umschlag 20 andrer Bewegungsformen in mechanische (Wärme, Elektricität, Magnetismus im Eisenanziehen) wo die ursprüngliche Bewegung an der hervorgebrachten mechanischen Wirkung gemessen werden kann. Aber schon hier, wo verschiedne Bewegungsformen gleichzeitig betrachtet werden, zeigt sich die Beschränkung der Kategorie oder Abkürzung Kraft. Kein ordentlicher 25 Physiker wird Elektricität Magnetismus Wärme als bloße Kräfte mehr bezeichnen ebensowenig wie als Materien oder Imponderabüien. Wenn wir wissen in wie viel mechanische Bewegung sich ein bestimmtes Quantum Wärmebewegung umsetzt so wissen wir von der Natur der Wärme noch gar nichts, sosehr auch die Untersuchung dieser Umsätze nothwendig sein mag 30 zur Erforschung dieser Natur der Wärme. Sie als eine Bewegungsform zu fassen ist der letzte Fortschritt der Physik und damit ist die Kategorie Kraft in ihr aufgehoben: in gewissen Beziehungen — denen des Übergangs — können sie als Kräfte erscheinen und so gemessen werden. So die Wärme durch die Ausdehnung eines erwärmten Körpers. Ginge hier die Wärme nicht 35 von einem Körper zum andern — dem Maßstab — über d. h. veränderte sich die Wärme des Maßstabkörpers nicht, so wäre eben von Messen, von Größenveränderung keine Rede. Man sagt einfach: Wärme dehnt die Körper aus, wohingegen zu sagen: Wärme hat die Kraft die Körper auszudehnen, eine bloße Tautologie wäre, und zu sagen: Wärme ist die Kraft die die Körper 40
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ausdehnt — nicht zuträfe da 1) Ausdehnung z. B. bei Gasen auch sonst noch herbeigeführt wird, und 2) die Wärme damit nicht erschöpfend ausgedrückt wird. — Einige Chemiker sprechen auch von chemischer Kraft als die die Verbindungen macht und zusammenhält. Hier aber ist kein eigentliches Übergehn, sondern ein Zusammengehn der Bewegung verschiedner Körper in Eins, und die „Kraft“ kommt hier damit an ihrer Gränze an. Ist aber noch meßbar durch die Wärmeerzeugung, bis jetzt aber ohne viel Resultat. [Sie] wird hier reine Phrase wie überall wo man statt nicht untersuchte Bewegungsformen zu untersuchen, zu ihrer Erklärung eine s. g. Kraft erfindet (etwa das Schwimmen des Holzes auf dem Wasser aus einer Schwimmkraft erklärt, — Refractionskraft beim Licht usw.) wo man dann soviel Kräfte erhält wie unerklärte Erscheinungen und wo man eben nur die äußerliche Erscheinung in eine innerliche Phrase übersetzt hat. (Attraction und Repulsion schon eher zu entschuldigen hier werden eine Menge dem Physiker unerklärliche Phänomene unter efinem] gemeinsamen Namen zusammengefaßt der die Ahnung eines inneren Zusammenhangs andeutet.) — Endlich in der organischen Natur die Kategorie Kraft vollständig unzureichend, und doch stets angewandt. Man kann zwar die Aktion der Muskel nach ihren mechanischen Wirkungen, ||[8]| als Muskelkraft bezeichnen und auch messen, man kann sogar andre meßbare Funktionen als Kräfte auf fassen z. B. die Verdauungscapacität verschiedner Mägen, kommt aber bald ad absurdum (z.B. Nervenkraft) und jedenfalls kann hier von Kräften nur in sehr beschränktem und figürlichem Sinn die Rede sein (die gewöhnliche Redensart zu Kräften kommen). Dies Unwesen hat aber dahin geführt von einer Lebenskraft zu sprechen. Soll damit gesagt sein daß die Bewegungsform im organischen Körper verschieden ist von der mechanischen physikalischen chemischen, sie alle aufgehoben in sich enthält, so ist die Ausdrucksweise faul, und besonders auch deßwegen weil die Kraft — Übertragung der Bewegung voraussetzend — hier als etwas dem Organismus von Außen Eingeblasenes, nicht ihm Inhärentes, von ihm Untrennbares erscheint, und daher die Lebenskraft letztes Refugium aller Supranaturalisten war.
(Defect: 1) Die Kraft gewöhnlich als selbstständige Existenz behandelt, H. Nat. Phü. 79.
2) Die latente, ruhende Kraft — dies zu erklären aus dem Verhältniß von Bewegung und Ruhe (inertia, Gleichgewicht) wo auch die Sollicitation zu erledigen.
[29]
Die Unzerstörbarkeit der Bewegung im Satz des Descartes, daß sich im Universum stets dasselbe Quantum Bewegung erhalte. Die Naturforscher
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drücken dies als „Unzerstörbarkeit der Kraft“ unvollkommen aus. Der bloß quantitative Ausdruck des Desc. ebenfalls unzureichend: Die Bewegung als solche, als wesentliche] Bethätigung, Existenzform der Materie, unzerstörbar wie diese selbst, darin ist das Quantitative eingeschlossen. Auch hier also der Philosoph nach 200 Jahren vom Naturforscher bestätigt.	5
[30]
„Ihr (der Bewegung) Wesen ist die unmittelbare Einheit des Raums und der Zeit zu sein ... zur Bewegung gehört Raum und Zeit; die Geschwindigkeit, das Quantum von Bewegung ist Raum im Verhältniß zu bestimmter Zeit die 10 verflossen ist.“ Nat. Ph. 65. „... Raum und Zeit sind mit Materie erfüllt... wie es keine Bewegung ohne Materie gibt, so auch keine Materie ohne Bewegung.“ 67.
[31]	15
Kraft (s. oben) Die Übertragung der Bewegung vollzieht sich natürlich nur wenn alle verschiednen Bedingungen — die oft sehr vielfach und complicirt, besonders in Maschinen (Dampfmaschine Flinte mit Schloß, Drücker, Zünder und Pulver) dazu vorhanden. Fehlt Eine, so findet der Übertrag nicht statt bis diese Bedingung hergestellt. Man kann dann sich dies so vorstellen 20 als müsse die Kraft durch die Herbeinahme dieser letzten Bedingung erst sollicitirt werden, als liege sie latent in einem Körper, s. g. Kraftträger (Pulver, Kohle) wo doch in Wirklichkeit nicht nur dieser Körper, sondern alle andern Bedingungen vorhanden sein müssen um grade diese specielle Übertragung hervorzurufen. —	25
Die Vorstellung von Kraft kommt uns ganz von selbst dadurch daß wir am eignen Körper Mittel besitzen, Bewegung zu übertragen, die innerhalb gewisser Gränzen durch unsern Willen in Thätigkeit gesetzt werden können, besonders die Muskel der Arme mit denen wir mechanische Bewegung, Ortsveränderung andrer Körper hervorbringen, heben, tragen, werfen, 30 schlagen etc. und damit bestimmte Nutzeffekte; die Bewegung hier scheinbar erzeugt, nicht übertragen, und dies veranlaßt die Vorstellung als ob Kraft überhaupt Bewegung erzeuge. Daß Muskelkraft auch nur Übertragung, jetzt erst physiologisch bewiesen. |
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Bewegung und Gleichgewicht. Das Gleichgewicht untrennbar von der Bewegung. In der Bewegung der Weltkörper ist Bewegung im Gleichgewicht und Gleichgewicht in der Bewegung (relativ). Aber alle speciell relative Bewegung, d. h. hier alle Einzel-Bewegung einzelner Körper auf einem sich bewegenden Weltkörper, ist Streben nach Herstellung der relativen Ruhe, des Gleichgewichts. Die Möglichkeit der relativen Ruhe der Körper, die Möglichkeit temporärer Gleichgewichtszustände, ist wesentliche Bedingung der Dif-ferenzirung der Materie und damit des Lebens. Auf der Sonne kein Gleichgewicht der einzelnen Stoffe nur der ganzen Masse, oder doch nur ein sehr geringes, durch bedeutende Dichtigkeitsunterschiede bedingtes, auf der Oberfläche ewige Bewegung und Unruhe, Dissociation. Auf dem Mond scheint ausschließlich] Gleichgewicht zu herrschen, ohne alle relative Bewegung—Tod (Mond = Negativität). Auf der Erde hat sich die Bewegung differenzirt in Wechsel von Bewegung und Gleichgewicht: die einzelne Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Masse der Bewegung hebt das einzelne Gleichgewicht wieder auf. Der Fels ist zur Ruhe gekommen, die Verwitterung, die Action der Seebrandung, der Flüsse, des Gletschereises hebt das Gleichgewicht fortwährend auf. Verdunstung und Regen, Wind, Wärme, elektrische und magnetische Erscheinungen bieten dasselbe Schauspiel dar. Im lebenden Organismus endlich sehn wir die fortwährende Bewegung aller kleinsten Theilchen wie größerer Organe die während der normalen Lebensperiode das fortwährende Gleichgewicht des Gesammtorganismus zum Resultat hat und doch stets in Bewegung bleibt, die lebendige Einheit von Bewegung und Gleichgewicht. — Alles Gleichgewicht nur relativ und temporär.
Gleichgewicht = Vorherrschen der Attraction über die Repulsion.
[33]
Causalität. Das erste was uns bei der Betrachtung der sich bewegenden Materie auffällt, ist der Zusammenhang der Einzelbewegungen einzelner
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Körper unter sich; ihr Bedingtsein durch einander. Wir finden aber nicht nur daß auf eine gewisse Bewegung eine andre folgt, sondern wir finden auch daß wir eine bestimmte Bewegung hervorbringen können indem wir die Bedingungen her stellen unter denen sie in der Natur vorgeht, ja daß wir Bewegungen hervorbringen können die in der Natur gar nicht vorkommen 5 (Industrie) wenigstens nicht in dieser Weise, und daß wir diesen Bewegungen eine vorherbestimmte Richtung und Ausdehnung geben können. Hierdurch, durch die Thätigkeit des Menschen, begründet sich die Vorstellung von Causalität, die Vorstellung daß eine Bewegung die Ursache einer andern ist.
Die regelmäßige Aufeinanderfolge gewisser Naturphänomene allein kann 10 zwar die Vorstellung der Causalität erzeugen: die Wärme und das Licht die mit der Sonne kommen; aber hierin liegt kein Beweis und sofern hätte der Humesche Skepticismus Recht zu sagen daß das regelmäßige post hoc nie ein propter hoc begründen könne. Aber die Thätigkeit des Menschen macht die Probe auf die Causalität. Wenn wir mit Brennspiegel die Sonnenstrahlen 15 ebenso in einen Focus conzentriren und wirksam machen wie die eines gewöhnlichen Feuers, so beweisen wir dadurch daß die Wärme von der Sonne kommt. Wenn wir in eine Flinte Zündung, Sprengladung und Geschoß einbringen und dann abfeuern, und auf den erfahrungsmäßig im Voraus bekannten Effect rechnen, weil wir den ganzen Prozeß der Entzündung, 20 Verbrennung, Explosion durch die plötzliche Verwandlung in Gas, Druck des Gases auf das Geschoß, in allen seinen Einzelheiten verfolgen können. Und hier kann der Skeptiker nicht einmal sagen daß aus der bisherigen Erfahrung nicht folge es werde das nächste Mal ebenso sein. Denn es ||[10]| kommt in der That vor daß es zuweilen nicht ebenso ist, daß die 25 Zündung oder das Pulver versagt, daß der Flintenlauf springt etc. Aber grade dies beweist die Causalität statt sie umzustoßen weil wir für jede solche Abweichung von der Regel bei gehörigem Nachforschen die Ursache auffinden können: chemische Zersetzung der Zündung, Nässe etc. des Pulvers, Schadhaftigkeit des Laufs etc., sodaß hier die Probe auf die Causalität 30 sozusagen doppelt gemacht ist. — Naturwissenschaftler] wie Philos[ophen] haben den Einfluß der Thätigkeit des Menschen auf sein Denken bisher ganz vernachlässigt, kennen nur Natur einerseits, Gedanken andrerseits. Aber grade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen 35 Denkens, und im Verhältniß wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältniß wuchs seine Intelligenz. Die naturalistische Auffassung der Geschichte wie z. B. mehr oder weniger bei Draper und andern Naturforschern, als ob die Natur ausschließlich auf den Menschen wirke, die Naturbedingung überall seine Geschichtliche Entwicklung ausschließlich bedingt, 40 ist daher einseitig und vergißt daß der Mensch auch auf die Natur zurück-
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wirkt, sie verändert, sich neue Existenzbedingungen schafft. Von der „Natur“ Deutschlands zur Zeit als die Germanen einwanderten ist verdammt wenig übrig. Erdoberfläche, Klima, Vegetation, Fauna, die Menschen selbst haben sich unendlich verändert und alles durch menschliche Thätigkeit, während die Veränderungen die ohne menschliches Zuthun in der Zeit in der Natur Deutschlands, unberechenbar Klein sind.
[34]
Newtonsche Gravitation. Das beste was man von ihr sagen kann ist daß sie den gegenwärtigen Zustand der Planeten-Bewegung nicht erklärt, sondern veranschaulicht. Die Bewegung ist gegeben. Ditto die Anziehungskraft der Sonne. Wie ist die Bewegung unter diesen Daten zu erklären? Durch das Parallelogramm der Kräfte, durch eine Tangential-Kraft die jetzt ein nothwendiges Postulat wird, die wir annehmen müssen. D. h. Die Ewigkeit des bestehenden Zustands vorausgesetzt, brauchen wir einen ersten Anstoß, Gott. Nun ist aber weder der Bestehende Planetarzustand ewig, noch die Bewegung ursprünglich zusammengesetzt, sondern einfache Rotation, und das Parallelogramm der Kräfte hier angewandt, falsch, insofern es nicht bloß die noch zu findende unbekannte Größe, das X klarlegte, d. h. insofern Newton beanspruchte die Frage nicht erst zu stellen sondern zu lösen.
[35]
Kraft. — Auch die negative Seite zu analysiren: der Widerstand der dem Übertragen der Bewegung entgegengesetzt wird.
[36]
Wechselwirkung ist das Erste was uns entgegentritt wenn wir die sich bewegende Materie im Ganzen und Großen, vom Standpunkt der heutigen Naturwissenschaft betrachten. Wir sehn eine Reihe von Bewegungsformen, mechanische Bewegung, Wärme, Licht, Elektricität, Magnetismus, chemische Zusammensetzung und Zersetzung, Übergänge der Aggregatzustände, organisches Leben, die Alle, wenn wir jetzt noch das organische Leben ausnehmen, in einander übergehn, einander gegenseitig bedingen, hier Ursache, dort Wirkung sind, und wobei die Gesammtsumme der Bewegung in allen wechselnden Formen dieselbe |
(Spinoza: die Substanz ist causa sui drückt die Wechselwirkung schlagend aus)
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|[11J1 bleibt. Mechanische Bewegung schlägt um in
Wärme, Elektricität, Magnetismus, Licht etc. etc. und vice versa. So wird von der Naturwissenschaft bestätigt was Hegel sagt (wo?) daß die Wechselwirkung die wahre causa finalis der Dinge ist. Weiter zurück als zur Er-	5
kenntniß dieser Wechselwirkung können wir nicht, weil eben dahinter nichts zu Erkennendes liegt. Haben wir die Bewegungsformen der Materie erkannt (woran allerdings noch immer sehr viel fehlt, vu die kurze Zeit seit welcher Naturwissenschaft existirt) so haben wir die	10
Materie selbst erkannt und damit ist die Erkenntniß fertig. (Groves ganzes Mißverständniß über Causalität beruht darauf daß er die Kategorie der Wechselwirkung nicht fertig bringt, er hat die Sache, aber nicht den abstrakten Gedanken und daher die Confusion	15
p. 10—14.) Erst von dieser universellen Wechselwirkung kommen wir zum wirklichen Causalitätsverhältniß. Um die einzelnen Erscheinungen zu verstehn, müssen wir sie aus dem allgemeinen Zusammenhang reißen, sie isolirt betrachten, und da erscheinen die wechselnden	20
Bewegungen, die Eine als Ursache, die Andre als Wirkung.
[37]
Unzerstörbarkeit der Bewegung, hübsche Stelle bei Grove p.20ff.	25
[38]
Mechanische Bewegung. Bei den Naturforschern ist Bewegung stets selbstredend als = mechanische Bewegung, Ortsveränderung, genommen. Dies aus dem vorchemischen 18. Jhdt. überkommen, und erschwert sehr die klare 30 Auffassung der Vorgänge. Bewegung, auf die Materie anwendbar, ist Veränderung überhaupt. Aus dem gleichen Mißverständniß auch die Wuth, Alles auf mechanische Bewegung zu reduziren — schon Grove is strongly inclined to believe that the other affections of matter are, and will ultimately be resol-ved into, modes of motion p. 16 — wodurch der spezifische Charakter der an- 35 dern Bewegungsformen verwischt wird. Womit nicht gesagt sein soll daß nicht jede der höheren Bewegungsformen stets nothwendig mit einer wirklich mechanischen (äußerlichen oder molekulären) Bewegung verknüpft sein mag; grade wie die höheren Bewegungsformen gleichzeitig auch andre pro-
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duziren, chemische Aktion nicht ohne Temperatur- und Elektricitäts-Änderung, organisches Leben nicht ohne mechanische molekuläre chemische thermische elektrische etc. Änderung möglich. Aber die Anwesenheit dieser Nebenformen erschöpft nicht das Wesen der jedesmaligen Hauptform. Wir werden sicher das Denken einmal experimentell auf molekuläre und chemische Bewegungen im Gehirn „reduciren“; ist aber damit das Wesen des Denkens erschöpft?
[39]
Theilbarkeit der Materie. Die Frage für die Wissenschaft praktisch gleichgültig. Wir wissen daß in der Chemie eine bestimmte Gränze der Theilbarkeit besteht jenseits deren die Körper nicht mehr chemisch wirken können — Atom und daß mehrere Atome stets in Verbindung sind — Molekül. Ditto in der Physik werden wir zur Annahme gewisser — für die physikalische Betrachtung — kleinster Theilchen genöthigt deren Lagerung Form und Cohä-sion der Körper bedingt, deren Schwingungen sich in der Wärme etc. kundgeben. Ob aber das physikalische und das chemische Molekül identisch oder verschieden davon wissen wir bis jetzt nichts. — Hegel hilft sich sehr leicht über diese Frage der Theilbarkeit indem er sagt die Materie ist beides, theilbar und kontinuirlich, und zugleich keins von beiden, was keine Antwort ist aber jetzt fast erwiesen. (S. Bogen 5,3 unten: Clausius.) |
[40]
|[12]| Naturforscherliches Denken: Agassiz Schöpfungsplan wonach Gott vom Allgemeinen zum Besondern und Einzelnen fortschafft (zuerst das Wirbelthier als solches, dann das Säugethier als solches, das Raubthier als solches, die Katze als solche und endlich erst den Löwen etc. schafft) also erst abstrakte Begriffe in Gestalt von konkreten Dingen und dann konkrete Dinge! S. Häckel p. 59.
[41]
Induction und Deduktion. Häckel p.75ff. wo Göthe den Inductions-Schluß macht daß der den Zwischen-Kiefer normal nicht habende Mensch ihn haben muß also durch falsche Induktion auf etwas Richtiges kommt!
[42]
Bei Oken Häckel p.85ff. tritt der Unsinn hervor der entstanden aus dem Dualismus zwischen Naturwiss[enschaft] und Philos[ophie]. Oken entdeckt
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auf dem Gedankenweg das Protoplasma und die Zelle, aber es fällt Niemand ein die Sache naturwissenschaftlich zu verfolgen—das Denken soll’s leisten! Und als Protoplasma und Zelle entdeckt werden ist Oken in allgemeinem Verschiß!
[43]
Causae finales und effidentes von Häckel 89, 90 in zweckmäßig wirkende und mechanisch wirkende Ursachen verwandelt weil ihm causa finalis = Gott! Ebenso ist ihm mechanisch ohne weiteres nach Kant = monistisch, nicht = mechanisch im Sinn der Mechanik. Bei solcher Sprachkonfusion 10 Unsinn unvermeidlich. Was Häckel hier von Kants Kr. der Urtheilskraft sagt, stimmt nicht mit Hegel G. d. Ph. 603.
[44]
Gott wird nirgends schlechter behandelt als bei den Naturforschern die an 15 ihn glauben. Die Materialisten expliciren einfach die Sache ohne auf solche Phrasen einzugehn, sie thun dies erst wenn zudringliche Gläubige ihnen den Gott aufdrängen wollen und da antworten sie kurz, sei es wie Laplace: Sire, je n’avais etc., sei es derber in der Art der holländischen Kaufleute die deutsche Handelsreisende, bei Aufdringung ihrer Schundfabrikate mit den 20 Worten abzuweisen pflegen: ik kan die zaken niet gebruiken, und damit ist’s abgethan. Aber was hat Gott von seinen Vertheidigern erdulden müssen! In der Geschichte der modernen Naturwissenschaften wird Gott von seinen Vertheidigern behandelt wie Friedrich] W[ilhelm] III in der Kampagne von Jena von seinen Generalen und Beamten. Ein Armeetheil nach dem andern 25 streckt das Gewehr, eine Festung nach der andern kapitulirt vor dem Anmarsch der Wissenschaft, bis zuletzt das ganze unendliche Gebiet der Natur von ihr erobert und keine Stätte mehr in ihr ist für den Schöpfer. Newton ließ ihm noch den „ersten Anstoß“, verbat sich aber jede fernere Einmischung in sein Sonnensystem. Pater Secchi komplimentirt ihn zwar mit 30 allen kanonischen Honneurs, aber darum nicht weniger kategorisch, aus dem Sonnensystem ganz heraus und erlaubt ihm nur noch in Beziehung auf den Urnebel einen „Schöpfungsakt“. Und so auf allen Gebieten. In der Biologie muthet ihm sein letzter großer Don Quijote, Agassiz, sogar positiven Unsinn zu: er soll nicht nur |	35
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die wirklichen Thiere, sondern auch abstrakte Thiere, den Fisch als solchen schaffen! Und zuletzt verbietet ihm Tyndall gar den Zutritt zur Natur total und verweist ihn in die Welt der Gefühlsbewegungen und läßt ihn nur zu weil es doch Jemand geben muß der von allen diesen Dingen (der Natur) mehr weiß als J. Tyndall! Welch ein Abstand vom alten Gott Schöpfer Himmels und der Erden, Erhalter aller Dinge ohne den kein Haar vom Haupt fallen kann!
Das Emotionale Bedürfniß Tyndalls beweist nichts. Der Chevalier des Grieux hatte auch das emotionale Bedürfniß die Manon Lescaut zu lieben und zu besitzen, die sich und ihn einmal über das andre Mal verkaufte, er wurde ihr zu Liebe falscher Spieler und Maquereau, und wenn T. ihm dann Vorwürfe machen will so antwortet er mit seinem „emotionalen Bedürfniß“!
Gott = nescio; aber ignorantia non est argumentum. (Spin.)
[45]
Anläufe in der Natur: Insektenstaaten (die gewöhnlichen gehn nicht über reine Naturverhältnisse hinaus) hier sogar soziale, Anlauf. Ditto produktive Thiere mit Handwerkszeug (Bienen etc. Biber) aber doch nur Nebendinge und ohne Gesammtwirkung. — Vorher schon: die Kolonieen der Korallen und Hydrozoa, wo das Individuum höchstens Durchgangs stufe und die fleischliche community meist Stufe der Vollentwicklung s. Nicholson. — Ebenso die Infusorien die höchste und theilweise sehr differenzirte Form zu der es Eine Zelle bringen kann.
[46]
Einheit von Natur und Geist — den Griechen von selbst einleuchtend daß die Natur nicht unvernünftig sein konnte, aber selbst heute noch die dümmsten Empiriker beweisen durch ihr Raisonnement (so falsch es auch sein mag) daß sie von vorn herein überzeugt sind die Natur könne nicht unvernünftig und die Vernunft nicht widernatürlich sein.
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[47]
Klassificirung der Wissenschaften, von denen jede eine einzelne Bewegungsform oder eine Reihe zusammengehöriger und in einander übergehender Bewegungsformen analysirt, ist damit Klassification Anordnung nach ihrer inhärenten Reihenfolge, dieser Bewegungsformen selbst, und 5 darin liegt ihre Wichtigkeit.
[48]
Ende des vorigen Jahrhunderts, nach den französischen Materialisten die vorwiegend mechanisch sind, trat das Bedürfniß hervor die ganze Natur- 10 Wissenschaft der alten Newton-Linneschen Schule encyclopädisch Zusammenzufassen und zwei der genialsten Leute gaben sich dran, S. Simon (unvollendet) und Hegel. Jetzt, wo die neue Naturanschauung in ihren Grundzügen fertig, dasselbe Bedürfniß sich fühlbar machend, und Versuche in dieser Richtung. Aber wo der allgemeine Entwicklungszusammenhang in 15 der Natur jetzt nachgewiesen, reicht äußerliches Aneinanderreihen ebensowenig ||[14]| aus wie Hegels kunststücklich gemachte dialektische Übergänge. Die Übergänge müssen sich selbst machen, müssen natürlich sein. Wie eine Bewegungsform sich aus der andern entwickelt so auch ihre Spiegelbilder, die verschiednen Wissenschaften, müssen eine aus der andern 20 mit Nothwendigkeit hervorgehn.
[49]
Protisten. 1) Zellenlose, fangen an mit dem einfachen Eiweißklümpchen, das Pseudopodien ausstreckt und einzieht in dieser oder jener Form, mit dem Moner. Die heutigen Moneren sicher sehr verschieden von den ursprünglichen da sie großentheils von organischer Materie leben, Diatomaceen und Infusorien verschlucken, also Körper die höher als sie selbst und erst später entstanden und wie Taf. I bei Häckel eine Entwicklungsgeschichte haben und durch die Form zellenloser Geißelschwärmer hindurch gehn. — Schon hier der Formtrieb der allen Eiweißkörpern eigen. Dieser Formtrieb tritt weiter hervor bei den zellenlosen Foraminiferen die höchst künstlerische Schalen aus schwitzen, und die höheren Mollusken in der Form anticipiren (Colonieen anticipiren die Corallen etc.) wie die
Individualität gering, sie theilen sich und ebenso verschmelzen sie.
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Schlauchalgen (Siphoneen) die den Stamm, Stengel, Wurzel und Blattform der höheren Pflanzen vorbilden und doch bloßes strukturloses Eiweiß sind. Protamoeba daher von den Amoeben zu trennen.
2)	Einerseits bildet sich der Unterschied von Haut Ectosarc und Markschicht (endosarc) bei den Sonnen-thierchen actinophrys sol, Nich[olson] p.49. Die Hautschicht gibt Pseudopodien ab. (Bei Protomyxa auran-tiaca ist diese Stufe schon als Durchgangsstufe s. Häckel Taf. I.) Auf diesem Wege der Entwicklung scheint das Eiweiß nicht weit gekommen zu sein.
3)	Andrerseits differenzirt sich im Eiweiß der Kern und Nucleolus, — nackte Amöben. Von jetzt an geht’s rasch mit der Formbildung. Ähnlich die Entwicklung der jungen Zelle im Organismus, vgl. Wundt hierüber (im Anfang). Bei Amoeba sphaerococcus ist wie Protomyxa die Bildung der Zellhaut nur Durchgangsphase aber selbst hier schon Anfang der Circulation: die con-tractile Blase. Bald finden wir entweder eine zusammengeklebte Sandschale (difflugia N. p.47) wie bei Würmern und Insektenlarven, bald eine wirklich ausgeschwitzte Schale, endlich
4)	Die Zelle mit permanenter Zellhaut. Je nach der Härte der Zellhaut soll nach Häckel p.382 daraus entweder Pflanze oder bei weicher Haut Thier hervorgegangen sein (? so allgemein sicher nicht zu fassen). Mit der Zellhaut tritt die bestimmte und zugleich plastische Form ein. Hier wieder Unterschied zwischen einfacher Zellhaut und ausgeschwitzter Schale. Aber (im Unterschied von Nb 3) hört mit dieser Zellhaut und dieser Schale die Aussendung von Pseudopodien auf. Wiederholung früherer Formen (Geißelschwärmer) und Form-Mannichfaltigkeit. Den Übergang bilden die Labyrin-thuleen Häckel p. 385 die ihre Pseudopodien außen de-poniren und in diesem Netz unter in gewissen Schranken gehaltner Veränderung der normalen Spindelgestalt herumkriechen. — Gregarinen anticipiren die Lebensweise höherer Parasiten — einige schon nicht mehr einzelne Zellen sondern Zellenketten H.451, aber nur 2—3 Zellen enthaltend — ein ||[15]| lahmer Anlauf. Höchste Entwicklung der einzelligen Organismen in
Anlauf zu höherer Dif-ferenzirung
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den Infusorien soweit diese wirklich einzellig. Hier eine bedeutende Differenzirung (s. Nich.). Wieder Colonieen und Pflanzenthiere (Epistylis). Ebenso bei den einzelligen Pflanzen hohe Formentwicklung (Desmidiaceen H. p.410).	5
5)	Der weitere Fortschritt ist die Verbindung mehrerer Zellen zu Einem Körper, nicht mehr einer Kolonie. Zunächst die Katallakten H. Magosphaera planula H. p. 384 wo die Zellenverbindung nur Entwicklungsphase. Aber auch hier schon keine Pseudopodien mehr (ob	10
nicht als Durchgangsstufe sagt H. nicht genau). Andrerseits die Radiolarien, auch undifferenzirte Zellenhaufen, haben dagegen die Pseudopodien beibehalten und die geometrische Regelmäßigkeit der Schale die schon
bei den ächt zellenlosen Rhizopoden eine Rolle spielt,	15
aufs Höchste entwickelt — das Eiweiß umgibt sich sozusagen mit seiner krystallinischen Form.
6)	Die Magosphaera planula bildet den Übergang zur richtigen planula und gastraea und Weiteres bei Häckel 452 ff.	20
[50]
Individuum — auch dieser Begriff hat sich in lauter Relatives aufgelöst. Cormus, Colonie, Bandwurm — andrerseits Zelle und Metamer als Individuen in gewissem Sinn (Anthrop. und Morphol.).	25
[51]
Wiederholung der morphologischen Formen auf allen Entwicklungsstufen: Zellenformen (die beiden wesentlichen schon in der Gastrula) — Meta-merenbildung bei gewisser Stufe: Annulosa, Arthropoda, Vertebrata. — In 30 den Kaulquappen der Amphibien die Urform der Ascidienlarve wiederholt. — Verschiedne Formen von Marsupialia die bei Placentalia wiederkehren (selbst nur die noch lebenden Marsupialia gezählt).
[52]	35
Auf die ganze Entwicklung der Organismen das Gesetz der Beschleunigung nach dem Quadrat der zeitlichen Entfernung vom Ausgangspunkt an
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zunehmen. Vgl. Häckel Schöpfungsg. und Anthr. die den verschiednen geologischen Zeiträumen entsprechenden organischen Formen. Je höher desto rascher geht’s.
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Die ganze organische Natur ein ununterbrochner Beweis der Identität oder Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Morphologische] und Physiologische] Erscheinung, Form und Function bedingen einander wechselseitig. Differenzirung der Form (Zelle) bedingt Differenzirung des Stoffs in Knochen, Muskel, Epithel etc. und Differenzirung des Stoffs bedingt wieder differente Form.
[54]
Kinetische Gastheorie: „Bei einem vollkommenen Gase ... sind die Moleküle bereits so weit von einander entfernt daß ihre gegenseitige Einwirkung vernachlässigt werden kann“ (Clausius p.6). Was füllt die Zwischenräume aus? Ditto Aether. Hier also Postulat einer Materie die nicht in Molekularoder Atomzellen gegliedert ist. |
[55]
|[16]| Der Satz der Identität im altmetaphysischen Sinn der Fundamentalsatz der alten Anschauung: a = a, Jedes Ding ist sich selbst Gleich. Alles war permanent, Sonnensystem, Sterne, Organismen. Dieser Satz ist von der Naturforschung in jedem einzelnen Fall Stück für Stück widerlegt, theoretisch hält er aber noch vor, und wird von den Anhängern des Alten immer noch dem Neuen entgegen gehalten: Ein Ding kann nicht gleichzeitig es selbst und ein Anderes sein. Und doch ist die Thatsache, daß die wahre konkrete Identität den Unterschied, die Veränderung, in sich schließt, von der Naturforschung neuerdings im Detail nachgewiesen (s. oben). — Die abstrakte Identität, wie alle metaphysischen Kategorieen reicht aus für den Hausgebrauch, wo kleine Verhältnisse, oder kurze Zeiträume in Betracht kommen; die Gränzen innerhalb deren sie brauchbar, sind fast für jeden Fall verschieden und durch die Natur des Gegenstands bedingt — in einem Planetensystem, wobei für die ordinäre astronomische Rechnung die Ellipse als Grundform angenommen werden kann, ohne praktisch Fehler zu machen, viel weiter als bei einem Insekt das seine Metamorphose in einigen Wochen vollendet, (andre Beispiele zu geben z. B. Artenveränderung die nach einer Reihe von Jahrtausenden zählen.) Aber für die zusammenfassende Naturwissenschaft selbst in jeder einzelnen Branche, ist die abstrakte Identität total unzureichend und obwohl im Ganzen und Großen jetzt praktisch be
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seitigt, beherrscht sie theoretisch noch immer die Köpfe und die meisten Naturforscher stellen sich vor Identität und Unterschied seien unversöhnliche Gegensätze, statt einseitige Pole die nur in ihrer Wechselwirkung, in der Einfassung des Unterschieds in die Identität Wahrheit haben.
[56]
Die Naturforscher glauben sich von d[er] Phil[osophie] zu befreien indem sie sie ignoriren oder über sie schimpfen. Da sie aber ohne Denken nicht voran kommen, und zum Denken Denkbestimmungen nöthig haben, diese Kategorieen aber unbesehn aus dem von den Resten längst vergangner 10 Philosophieen beherrschten gemeinen Bewußtsein der s.g. Gebildeten oder aus dem Bischen auf der Universität zwangsmäßig gehörter Philosophie (was nicht nur fragmentarisch sondern auch ein Wirrwarr der Ansichten von Leuten der verschiedensten und meist schlechtesten Schulen ist) oder aus unkritischer und unsystematischer Lektüre philosophischer Schriften aller 15 Art nehmen, so stehn sie nicht minder in der Knechtschaft der Philosophie, meist aber leider der schlechtesten, und die die am meisten auf die Phil[osophen] schimpfen, sind Sklaven grade der schlechtesten vulgarisirten Reste der schlechtesten Philosophen.
|[17]| Naturdialektik. — (Historisches.) — 6
[57]
[Historisches]
Die moderne Naturwissenschaft — die einzige von der qua Wissenschaft die Rede sein kann gegenüber den genialen Intuitionen der Griechen und den 25 sporadischen zusammenhangslosen Untersuchungen der Araber — beginnt mit jener gewaltigen Epoche die den Feudalismus durch das Bürgerthum brach, im Hintergrund des Kampfs zwischen Städtebürgern und Feudaladel den rebellischen Bauern und hinter dem Bauern die revolutionären Anfänge des modernen Proletariats, schon die rothe Fahne in der Hand und 30 den Kommunismus auf den Lippen, zeigte — die großen Monarchieen in Europa schuf, die geistige Diktatur des Papstes brach, das Griechische Alterthum wieder heraufbeschwor und mit ihm die höchste Kunstentwicklung der neuen Zeit, die Gränzen des alten Orbis durchbrach und die Erde erst eigentlich entdeckte. Es war die größte Revolution die die Erde bis dahin 35 erlebt hatte. Auch die Naturwissenschaft lebte und webte in dieser Revolution war revolutionär durch und durch, ging Hand in Hand mit der erwachenden modernen Philosophie der großen Italiäner, und lieferte ihre
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Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse. Es ist bezeichnend daß Protestanten wie Katholiken in ihrer Verfolgung wetteiferten—die Einen verbrannten Servet, die Andern Giordano Bruno. Es war eine Zeit die Riesen brauchte und Riesen hervorbrachte, Riesen an Gelehrsamkeit, Geist und Charakter, die Zeit die die Franzosen richtig die Renaissance, das protestantische Europa einseitig bornirt die der Reformation benannten.
Auch die Naturwissenschaft hatte damals ihre Unabhängigkeitserklärung, die freilich nicht gleich im Anfang kam, ebensowenig wie Luther der erste Protestant gewesen. Was auf religiösem Gebiet die Bullenverbrennung Luthers, war auf naturwissenschaftlichem des Kopernikus großes Werk worin er, schüchtern zwar, nach 36jährigem Zögern, und sozusagen auf dem Todtenbett, dem kirchlichen Aberglauben den Fehdehandschuh hinwarf. Von da an war die Naturforschung von der Religion wesentlich emancipirt, obwohl die vollständige Auseinandersetzung aller Details sich noch bis heute hingezogen und in manchen Köpfen noch lange nicht fertig ist. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaft mit Riesenschritten, sie nahm zu sozusagen im quadratischen Verhältniß der zeitlichen Entfernung von ihrem Ausgangspunkt, gleichsam als ob sie der Welt zeigen wollte daß für die Bewegung der höchsten Blüthe der organischen Materie den Menschengeist das umgekehrte Gesetz gelte wie für die Bewegung unorganischer Materie. |
|[18]| Die erste Periode der neueren Naturwissenschaft schließt — auf dem Gebiet des Unorganischen — mit Newton ab. Es ist die Periode der Bewältigung des gegebnen Stoffs, sie hatte im Bereich des Mathematischen, der Mechanik und Astronomie, der Statik und Dynamik, Großes geleistet, besonders durch Kepler und Galilei, aus denen Newton die Schlußfolgerungen zog. Auf dem Gebiet des Organischen aber war man nicht über die ersten Anfänge hinaus. Die Untersuchung der historisch aufeinander folgenden und sich verdrängenden Lebensformen sowie die der ihnen entsprechenden wechselnden Lebensbedingungen — Paläontologie und Geologie — existirten noch nicht. Die Natur galt überhaupt nicht für etwas das sich historisch entwickelt, das seine Geschichte in der Zeit hat; bloß die Ausdehnung im Raum kam in Betracht; nicht nach einander, nur nebeneinander waren die verschiednen Formen gruppirt worden; die Naturgeschichte galt für alle Zeiten wie die Ellipsenbahnen der Planeten. Es fehlten für alle nähere Untersuchung der organischen Gebilde die beiden ersten Grundlagen: die Chemie und die Kenntniß der wesentlichen organischen Struktur, der Zelle. Die Anfangs revolutionäre Naturwissenschaft stand vor einer durch und durch konservativen Natur, in der Alles noch heute so war wie von Anfang der Welt an und in der bis zum Ende der Welt Alles so bleiben werde wie es von Anfang an gewesen.
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Es ist bezeichnend daß diese konservative Naturanschauung sowohl im Anorganischen wie im Organischen.
Astronomie	Physik	Geologie	Pflanzenphysiologie	Therapeutik
Mechanik	Chemie	Paläontologie	Thierphysiologie	Diagnostik
Mathematik	Mineralogie	Anatomie	5
Erste Bresche: Kant und Laplface]. 2te: Geologie und Paläontologie, Lyell, langsame Entwicklung. 3te: Organische Chemie die organische Körper herstellt und die Gültigkeit der chemischen Gesetze für d[ie] lebendfen] Körper darstellt. 4te: 1842, Mechanische Wärme, Grove. 5te: Lamarck. Zelle etc., Darwin. (Kampf, Cüvier und Agassiz) 6te: das Vergleichende Element 10 (Wissenschaftliche Reiseexpeditionen seit Mitte 18.Jhdt) in Anatomie Klimatologie (Isothermen), Thier- und Pflanzengeographie, überhaupt physikalischer Geographie (Humboldt) das Zusammenbringen des Materials in Zusammenhang. Morphologie (Embryologie — Bär.)
Die alte Teleologie ist zum Teufel aber fest steht jetzt die Gewißheit daß 15 die Materie in ihrem ewigen Kreislauf nach Gesetzen sich bewegt die auf bestimmter Stufe — bald hier bald da — in organischen Wesen den denkenden Geist mit NothWendigkeit produzirt. |
|[19]| Die normale Existenz der Thiere gegeben in den gleichzeitigen Verhältnissen, worin sie leben und denen sie sich adaptiren — die des 20 Menschen, sobald er sich vom Thier im engeren Sinn differenzirt sind noch nie dagewesen, erst durch künftige historische Entwicklung herauszuarbeiten. Der Mensch ist das einzige Thier das sich aus dem bloß thierischen Zustand herausarbeiten kann — sein Normalzustand ein seinem Bewußtsein angemessener, von ihm selbst zu schaffender.	25
[58]
Gegensätzlichkeit der theoretischen Entwicklung: vom horror vacui wird sofort übergegangen zum absolut leeren Weltraum, erst nachher der Aether.
[59]
Generatio aequivoca. Alle bisherigen Untersuchungen diese: In Flüssigkeiten, die organische Stoffe in Zersetzung enthalten und der Luft zugänglich sind, entstehn Organismen niederer Gattung, Protisten, Pilze, Infusorien. Woher kommen sie? Sind sie durch generatio aequivoca entstanden oder aus 35 Keimen die die Atmosphäre herbeigetragen? Die Untersuchung also auf ein ganz enges Gebiet beschränkt, auf die Frage von der Plasmogonie.
Die Annahme daß neue lebendige Organismen aus der Zersetzung andrer entstehn können, gehört wesentlich der Epoche der unveränderlichen Arten
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an. Damals sah man sich in der Nothwendigkeit die Entstehung aller, auch der komplicirtesten Organismen, durch Urzeugung aus nicht lebendigem Stoff anzunehmen, und wenn man sich nicht mit einem Schöpfungsakt helfen wollte, kam man leicht auf die Ansicht daß dieser Vorgang leichter erklärlich sei bei einem bereits aus der organischen Welt herrührenden BildungsStoff; ein Säugethier direkt aus anorganischer Materie auf chemischem Wege hervorzubringen, daran dachte man schon nicht mehr.
Aber eine solche Annahme schlägt dem heutigen Stand der Wissenschaft gradezu ins Gesicht. Die Chemie liefert durch die Analyse des Zersetzungs-processes todter organischer Körper den Beweis daß dieser Prozeß nothwendig bei jedem weiteren Schritt todtere, der anorganischen Welt näher stehende Produkte liefert, Produkte die zur Verwerthung in der organischen Welt immer untauglicher werden, und daß diesem Prozeß eine andre Richtung gegeben werden, eine solche Verwerthung stattfinden kann nur dann wenn diese Zersetzungsprodukte rechtzeitig in einen dazu geeigneten bereits existirenden Organismus aufgenommen werden. Grade das wesentlichste ||[20]| Vehikel der Zellenbildung, das Eiweiß, zersetzt sich zu allererst und ist bis jetzt nicht wieder zusammengebracht worden.
Noch mehr. Die Organismen um deren Urzeugung aus organischen Flüssigkeiten es sich bei diesen Untersuchungen handelt, sind zwar verhält-nißmäßig niedrige, aber doch schon wesentlich differenzirte, Bacterien, Hefepilze etc., mit einem aus verschiednen Phasen zusammengesetzten Lebensproceß, und theilweise wie die Infusorien, mit ziemlich ausgebildeten Organen versehen. Sie sind alle mindestens einzellig. Seitdem wir aber die strukturlosen Moneren kennen, wird es Thorheit die Entstehung auch nur einer einzigen Zelle direkt aus todter Materie, statt aus dem strukturlosen lebenden Eiweiß erklären zu wollen, zu glauben vermittelst etwas stinkendem Wasser die Natur zwingen zu können das in 24 Stunden zu thun was ihr Tausende von Jahren gekostet hat.
Pasteurs Versuche in dieser Richtung nutzlos: denen die an diese Möglichkeit glauben, wird er die Unmöglichkeit durch diese Versuche allein nie beweisen, aber wichtig weil viel Aufklärung über diese Organismen ihr Leben ihre Keime etc.
[60]
Kraft. Hegel G. d. Ph. 1,208 sagt: „es ist besser der Magnet habe eine Seele“ (wie Thales sich ausdrückt) „als er habe die Kraft anzuziehen; Kraft ist eine Art von Eigenschaft, die von der Materie trennbar, als ein Prädikat vorgestellt wird, — Seele hingegen dies Bewegen seiner, mit der Natur der Materie Dasselbe“
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[61]
Häckel Anthrop. 707: „Nach der materialistischen Weltanschauung ist die Materie oder der Stoff f r ü he r da als die Bewegung oder die lebendige Kraft, der Stoff hat die Kraft geschaffen!“ Dies sei eben so falsch wie daß die Kraft den Stoff geschaffen da Kraft und Stoff untrennbar. Wo holt der sich seinen 5 Materialismus?
[62]
Mayer Meeh. Th. d. W. 328: hat Kant schon ausgesprochen daß durch die
Ebbe und Fluth ein verzögernder Druck auf die rotirende Erde ausgeübt 10 wird. (Adams’ Rechnung daß die Dauer des Sterntages jetzt in 1000 Jahren Vioo Sek. zunimmt)
[63]
Beispiel der Nothwendigkeit des dialektischen Denkens und der nichtfixen 15 Kategorieen und Verhältnisse in der Natur: das Fallgesetz, das schon bei mehreren Minuten Fallzeit unrichtig wird, weil der Erdhalbmesser dann nicht mehr ohne Fehler = <» gesetzt werden kann, und die Attraction der Erde zunimmt statt sich gleich zu bleiben wie Galilei’s Fallgesetz voraussetzt.
Trotzdem wird dies Gesetz noch fortwährend gelehrt, die Reserve aber 20 weggelassen! |
|[21 ]| Zur Naturdialektik. — 7.
[64]
Moritz Wagner, Naturwissensch. Streitfragen, I. (A. A. Z. Beilage, 6. 7.
8. Oct. 1874)	25
Äußerung Liebig’s an Wagner, in seinen letzten Jahren 1868: „Wir dürfen nur annehmen daß das Leben ebenso alt, ebenso ewig sei wie die Materie selber, und der ganze Streitpunkt des Lebensursprungs scheint mir mit dieser einfachen Annahme erledigt. In derThat, warum sollte das organische Leben nicht ebenso gut als uranfänglich zu denken sein wie der Kohlenstoff und 30 seine Verbindungen (!), oder wie überhaupt die ganze unerschaffbare und unzerstörbare Materie und wie die Kräfte die mit der Bewegung des Stoffes im Weltraum ewig verbunden sind?“
Ferner sagte L. (W. glaubt Nov. 68): auch er halte die Hypothese daß das organische Leben auf uns[erem] Planeten aus dem Weltraum „importirt“ 35 werden könne, für „annehmbar“.
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Helmholtz (Vorrede zu: Handbuch der theor. Physik v. Thomson, deutsche Ausg. II Theil): „Es scheint mir ein vollkommen richtiges Verfahren zu sein, wenn alle unsre Bemühungen scheitern, Organismen aus lebloser Substanz sich erzeugen zu lassen, daß wir fragen: ob überhaupt das Leben je entstanden, ob es nicht ebenso alt wie die Materie sei, und ob nicht seine Keime, von einem Weltkörper zum andern herübergetragen, sich überall entwickelt hätten wo sie günstigen Boden gefunden?“
Wagner: „Die Thatsache daß die Materie unzerstörbar und unvergänglich ist, daß sie ... durch keine Kraft in ein Nichts aufgelöst werden kann, genügt dem Chemiker sie auch für unerschaffbar zu halten. ... Das Leben aber wird, nach der jetzt vorherrschenden Anschauung (?) nur als eine gewissen einfachen Elementen, aus denen die niedrigsten Organismen bestehen, innewohnende Eigenschaft betrachtet, welche selbstverständlich ebenso alt d. h. ebenso uranfänglich sein muß wie diese Grundstoffe und ihre Verbindungen (!!) selber.“ In diesem Sinn könne man auch von Lebenskraft sprechen, wie Liebig Chem. Br. 4. Aufl. „nämlich ,als ein formbildendes Prinzip in und mit den physischen Kräften4 also nicht außerhalb der Materie wirkend. Diese Lebenskraft, als eine Eigenschaft der Materie, manifestirt sich jedoch ... nur unter entsprechenden Bedingungen welche seit Ewigkeit im unendlichen Weltraum an zahllosen Punkten existirten, aber im Laufe der verschiednen Zeitperioden räumlich oft genug gewechselt haben müssen.“ Also auf der flüssigen alten Erde oder der jetzigen Sonne kein Leben möglich, aber die glühenden Körper haben enorm ausgedehnte Atmosphären, nach der neueren Ansicht aus denselben Stoffen bestehend die in äußerster Verdünnung den Weltraum erfüllen und von den Körpern attrahirt werden. Die röhrende Nebelmasse aus der das Sonnensystem sich entwickelt, über die Neptunsbahn hinausreichend, enthielt „auch alles Wasser (!) dampfartig in einer mit Kohlensäure (!) reich geschwängerten Atmosphäre bis zu unermeßlichen Höhen aufgelöst, und damit auch die Grundstoffe zur Existenz (?) der niedersten organischen Keime“, es herrschten in ihr „in den verschiedensten Regionen die verschiedensten Temperaturgrade, und es ist daher die Annahme wohl berechtigt daß sich auch immer irgendwo die für das organische Leben nothwendigen Bedingungen gefunden haben. Die Atmosphären der Weltkörper wie der rohrenden kosmischen Nebelmassen würden demnach als die dauernden Bewahrungskammern der belebten Form, als die ewigen Pflanzstätten organischer Keime zu betrachten sein.“ — Die kleinsten lebenden Protisten mit ihren unsichtbaren Keimen erfüllen die Atmosphäre, unter dem Aequator in den Cordilleren bis zu 16000 Fuß noch massenhaft, Perty sagt sie seien „fast allgegenwärtig“. Sie fehlen nur da wo die Glühhitze sie tödtet. Für sie (Vibrioniden etc.) „ist daher auch im Dunstkreis aller Weltkörper“ ihre Existenz denkbar, „wo immer die entsprechenden Bedingungen sich finden“.
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„Nach Cohn sind die Bakterien ... so winzig klein daß auf einem Kubikmillimeter ||[22]| 633 Millionen Platz finden und 636 Milliarden nur 1 Gramm wiegen. Die Mikrokokken sind sogar noch kleiner“ und vielleicht noch nicht die kleinsten. Aber schon sehr verschieden geformt, „die Vibrioniden... bald kugelig bald eiförmig, bald Stäbchen- oder schraubenförmig“ (haben also 5 schon einen bedeutenden Formwerth). „Es ist bis jetzt kein gültiger Einwurf erhoben worden gegen die wohlberechtigte Hypothese, daß aus solchen oder ähnlichen einfachsten (!!) neutralen Urwesen, zwischen Thier und Pflanze schwankend, ... auf Grund der individuellen Variabilität und der Fähigkeit der Vererbung neuerworbener Merkmale auf die Nachkommen, bei ver- 10 änderten physischen Bedingungen der Weltkörper und bei räumlicher Sonderung der entstehenden individuellen Varietäten, alle die mannichfal-tigen höher organisirten Lebewesen der beiden Naturreiche im Laufe sehr langer Zeiträume sich entwickeln konnten und sich entwickeln mußten“
Bemerkenswerth der Nachweis wie sehr Liebig in der doch an die Chemie 15 angränzenden Wissenschaft der Biologie Dilettant war. Darwin las er erst 1861, viel später erst die auf Darwin folgenden wichtigen biologischen und paläontologisch-geologischen Schriften. Lamarck hatte er „nie gelesen“. „Ebenso waren ihm die schon vor 1859 erschienenen wichtigen paläontologischen Specialuntersuchungen von L. v. Buch, d’Orbigny, Münster, 20 Klipstein, Hauer, Quenstedt über die fossilen Cephalopoden welche ein so merkwürdiges Licht auf den genetischen Zusammenhang der verschiednen Schöpfungen werfen, gänzlich unbekannt geblieben. All die genannten Forscher waren... durch die Macht der Thatsachen, fast wider ihren Willen, zur Lamarckschen Abstammungshypothese hingedrängt worden“ — und 25 zwar vor Darwin’s Buch. „Die Descendenztheorie hatte demnach in den Ansichten derjenigen Forscher welche sich eingehender mit einer vergleichenden Untersuchung der fossilen Organismen beschäftigten, bereits in aller Stille Wurzeln geschlagen. L. v. Buch hatte schon 1832 in ,Über die Ammoniten und ihre Sonderung in Familien4 und 1848 in einer vor der 30 Berliner Akademie gelesenen Abhandlung die Lamarcksche Idee von der typischen Verwandtschaft der organischen Formen als Zeichen ihrer gemeinsamen Abstammung mit aller Bestimmtheit in die Petrefactenkunde (!) eingeführt“, und auf seine Ammonitenuntersuchungen stützte er 1848 den Ausspruch: „daß das Verschwinden alter und das Erscheinen neuer Formen 35 keine Folge einer gänzlichen Vernichtung der organischen Schöpfungen, sondern daß die Bildung neuer Arten aus älteren Formen höchst wahrscheinlich nur durch veränderte Lebensbedingungen erfolgt sei“.
Glossen. Die obige Hypothese des „ewigen Lebens“ und des Imports setzt 40 voraus
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1) die Ewigkeit des Eiweißes
2) die Ewigkeit der Urformen, aus denen sich Alles Organische entwickeln kann. Beides unzulässig.
Ad 1) Liebig’s Behauptung die Kohlenstoff Verbindungen seien eben so ewig wie der Kohlenstoff selbst, ist schief wo nicht falsch, a) ? ist der Kohlenstoff einfach? wo nicht, ist er als solcher nicht ewig. — b) Die Verbindungen des Kohlenstoffs sind ewig in dem Sinn daß unter gleichen Verhältnissen von Mischung, Temperatur, Druck, Elektrischer Spannung etc. sie sich stets reproduciren. Daß aber z. B. nur die einfachsten Kohlenstoffverbindungen, CO2 oder CH4, der Art ewig sein sollen daß sie zu allen Zeiten und mehr oder weniger allerorts bestehn, sich nicht vielmehr fortwährend neu erzeugen und wieder vergehn — und zwar aus den Elementen und in die Elemente — ist bisher noch nicht behauptet worden. Wenn das lebendige Eiweiß in dem Sinn ewig ist wie die übrigen Kohlenstoffverbindungen, so muß es nicht nur fortwährend sich in seine Elemente auflösen wie dies notorisch geschieht, sondern auch sich fortwährend aus den Elementen neu und ohne Mitwirkung vorher fertigen Eiweißes erzeugen — und das ist das grade Gegentheil des Resultats bei dem Liebig ankommt. — c) Das Eiweiß ist die unbeständigste Kohlenstoffverbindung die wir kennen. Es zerfällt sobald es die Fähigkeit verliert die ihm eigenthümlichen Funktionen, die wir Leben nennen, zu vollziehn und es liegt in seiner Natur daß diese Unfähigkeit früher oder später ein tritt. Und grade diese Verbindung soll ewig sein, soll alle Veränderungen der Temperatur, des Drucks, des Nahrungsund Luftmangels etc. im Weltraum ||[23]| überdauern können, wo doch schon seine obere Temperatur-Gränze so niedrig — unter 100 °C ist? Die Daseinsbedingungen des Eiweißes sind unendlich viel komplicirter als die jeder andern bekannten Kohlenstoff Verbindung—weil nicht nur physikalische und chemische sondern auch Ernährungs- und Athmungsfunctionen hinzutreten die ein physikalisch und chemisch eng begränztes Medium erfordern — und das soll sich von Ewigkeit unter allen möglichen Wechseln erhalten haben? Liebig zieht von 2 Hypothesen, ceteris paribus, die einfachste vor, aber etwas kann sehr einfach aussehn und doch sehr verwickelt sein. — Die Annahme zahlloser kontinuirlicher Reihen von Ewigkeit von einander abstammender lebendiger Eiweißkörper die unter allen Umständen immer so viel übrig lassen daß der Stock gut assortirt bleibt, ist das Komplicirteste was es gibt. — Die Weltkörper-Atmosphären und besonders Nebel-Atmosphären waren ursprünglich auch glühend heiß, also kein Platz für Eiweißkörper — der Weltraum muß also doch schließlich das große Reservoir sein—ein Reservoir wo weder Luft noch Nahrung, und eine Temperatur ist bei der sicher kein Eiweiß fungiren oder sich halten kann!
Ad 2). — Die Vibrionen Mikrokokken etc. von denen hier die Rede, sind
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schon ziemlich differenzirte Wesen — Eiweißklümpchen die eine Haut ausgeschwitzt, aber ohne Kern. Die entwicklungsfähige Reihe der Eiweißkörper bildet aber zuerst den Kern und wird Zelle — die Zellhaut ist dann ein weiterer Fortschritt (Amoeba sphaerococcus). Die hier in Betracht kommenden Organismen gehören also einer Reihe an, die nach aller bishe- 5 rigen Analogie sich in eine Sackgasse unfruchtbar verläuft und nicht zu den Stammvätern der höheren Organismen gehören kann.
Was Helmh. von der Unfruchtbarkeit der Versuche, Leben künstlich zu erzeugen sagt, ist rein kindisch. Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, deren wesentliches Moment im fortwährenden Stoffwechsel mit der 10 äußeren sie umgebenden Natur besteht und die mit dem Auf hören dieses Stoffwechsels auch aufhört und die Zersetzung des Eiweißes herbeiführt.x) Wenn es je gelingt Eiweißkörper chemisch darzustellen so werden sie unbedingt Lebenserscheinungen zeigen, Stoffwechsel vollziehn, wenn auch noch so schwach und kurzlebig. Aber sicher können solche Körper hoch- 15 stens die Form der rohesten Moneren, wahrscheinlich noch weit tiefere Formen haben, keineswegs aber die Form von Organismen die sich schon durch jahrtausendlange Entwicklung differenzirt haben, Haut von Inhalt geschieden und bestimmte erbliche Formgestalt angenommen. Solange wir aber von der chemischen Zusammensetzung des Eiweißes nicht mehr wissen 20 als jetzt, also an künstliche Darstellung wahrscheinlich auf 100 Jahre noch nicht denken können, ist es lächerlich zu klagen daß alle unsre Bemühungen etc. gescheitert sind!
Gegen die obige Behauptung daß der Stoffwechsel charakteristische Thätigkeit der Eiweißkörper, einzuwenden das Wachsthum der Traubeschen 25 „künstlichen Zellen“. Aber hier blos unveränderte Aufnahme einer Flüssigkeit durch Endosmose, während der Stoffwechsel in der Aufnahme von Stoffen besteht, deren chemische Zusammensetzung verändert, die dem Organismus assimilirt werden, und deren Residua, zugleich mit den durch den Lebensprozeß erzeugten Zersetzungsprodukten des Organismus selbst, 30 ausgeschieden werden. (NB. Wie wir von wirbellosen Wirbelthieren sprechen müssen, so auch hier das unorganisirte, formlose undifferenzirte Eiweißklümpchen als Organismus bezeichnet—und dialektisch geht das an weil wie im Rückenstrang die Wirbelsäule, so liegt im erstentstandnen Eiweißklümpchen die ganze unendliche Reihe höherer Orga||[24]|nismen wie im 35 Keim eingeschlossen „an sich“.} Die Bedeutung der Traubeschen „Zellen“ darin daß sie Endosmose und Wachsthum als 2 Dinge nachweisen die
x) Auch bei unorganischen Körpern kann ein solcher Stoffwechsel stattfinden und findet auf die Dauer überall statt, da überall chemische Wirkungen wenn auch noch so langsam stattfinden. Der Unterschied aber der, daß bei unorganischen Körpern der Stoffwechsel sie zerstört, bei 40 organischen aber nothwendige Existenzbedingung ist.
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auch in der unorganischen Natur und ohne allen Kohlenstoff darzustellen sind.
Die erstentstandnen Eiweißklümpchen müssen die Fähigkeit gehabt haben sich von Sauerstoff Kohlensäure Ammoniak und einigen der im sie umgebenden Wasser gelösten Salze zu ernähren. Organische Nahrungsmittel waren nicht da, da sie sich doch nicht untereinander auffressen konnten. Dies beweist wie hoch schon die heutigen Moneren, selbst kernlose, über ihnen stehn die von Diatomeen etc. leben, also eine ganze Reihe von differenzirten Organismen voraussetzen. |
|[25]| Naturdialektik. 8.
[65]
Reaktion, Die mechanische physikalische (alias Wärme etc.) erschöpft sich mit jedem Reactionsakt. Die chemische verändert die Zusammensetzung des reagirenden Körpers und erneuert sich nur wenn neues Quantum desselben zugesetzt wird. Nur der organische Körper reagirt selbstständig—natürlich innerhalb seiner Kraftsphäre (Schlaf) und unter Voraussetzung des Nahrungszusatzes — aber dieser Nahrungszusatz wirkt erst nachdem er assimilirt ist, nicht wie auf niedrigen Stufen, unmittelbar, sodaß hier der organische Körper eine selbstständige Reaktionskraft hat, die neue Reaktion durch ihn vermittelt werden muß.
[66]
Identität und Unterschied — das dialektische Verhältniß schon in der Differentialrechnung wo dx unendlich klein aber doch wirksam und Alles macht.
[67]
Mathematisches. Nichts scheint auf unerschütterlicher Basis zu ruhn als der Unterschied der 4 Species, der Elemente aller Mathematik. Und doch zeigt sich schon von vorn herein die Multiplication als eine abgekürzte Addition, die Division als abgekürzte Subtraction einer bestimmten Anzahl gleicher Zahlengrößen; und die Division wird schon in einem Fall — wenn der Divisor ein Bruch — durch Multiplikation mit dem umgekehrten Bruch vollzogen. Beim algebraischen Rechnen aber wird viel weiter gegangen. Jede Subtraction (a - b)
Der Wendepunkt in der Mathematik war Descartes variable Größe. Damit die Bewegung, und damit die Dialektik in d[er] Mathematik, und damit auch
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kann als Addition (- b + a), jede Division — als Multi-b
plikation a • dargestellt werden. Bei der Rechnung b
mit potenzirten Größen wird noch viel weiter gegangen. Alle festen Unterschiede der Rechnungsarten verschwinden, Alles läßt sich in entgegengesetzter Form darstellen. Eine Potenz als Wurzel (x2 = 7?) eine
Wurzel als Potenz	Eins dividirt durch eine
Potenz oder Wurzel als Potenz des Nenners / i	4i	3\
I —=• = x , —= x ]. Die Multiplikation oder Di-\ V x	x	]
vision der Potenzen einer Größe verwandelt sich in die Addition oder Subtraktion ihrer Exponenten. Jede Zahl kann als Potenz jeder andern Zahl aufgefaßt und dargestellt werden (Logarithmen, y = ax). Und diese Verwandlung aus einer Form in die gegentheilige ist keine müßige Spielerei, sie ist einer der mächtigsten Hebel der mathematischen Wissenschaft, ohne den kaum eine schwierigere Rechnung heute mehr ausgeführt wird. Man streiche aus der Mathematik nur die negativen und Bruch-Potenzen und wie weit wird man kommen. ( - • - = +,------- = +, 7-1 etc. früher zu ent
wickeln)
sofort mit Nothwendigkeit die Differential-
und Integral-
Rechnung die 5 auch sofort anfängt und durch Newton und Leibnitz im
Ganzen und 10 Großen vollendet, nicht erfunden.
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[68]
Asymptoten. Die Geometrie fängt an mit der Entdeckung daß Grad und Krumm absolute Gegensätze sind, daß Grades in Krummem, Krummes in Gradem ||[26]| total unausdrückbar inkommensurabel. Und doch geht schon 30 die Berechnung des Kreises nicht an als dadurch daß man seine Peripherie in graden Linien ausdrückt. Bei den Curven mit Asymptoten aber verschwimmt Grades in Krummes und Krummes in Grades vollständig, ebensosehr wie die Vorstellung des Parallelismus: die Linien sind nicht parallel, nähern sich einander stets, und fallen doch nie zusammen; der Curvenarm 35 wird immer grader ohne es je ganz zu werden — wie in der analytischen Geometrie die grade Linie als die Curve I. Grades, mit unendlich geringer Krümmung angesehn wird. Das - x der logarithmischen Curve mag noch so groß werden, y kann nie = 0 werden.
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[69]
Potenzen hoch Null: Von Wichtigkeit in der Logarithmtischen] Reihe:
0.	1. 2. 3. log
10°. 101. 102. 103.
Alle Variablen gehen irgendwo durch Eins durch; also auch die Constanten in variabler Potenz, ax = 1, wenn x = 0. aQ = 1 heißt weiter Nichts als das Eins in seinem Zusammenhang mit den andern Gliedern der Potenzenreihe von a auffassen, nur da hat es Sinn und kann zu Resultaten führen (£ x° = — | ; sonst aber nicht. Hieraus folgt daß auch die Einheit — sosehr \ *>/
sie mit sich identisch scheint, eine unendliche Mannichfaltigkeit in sich schließt, indem sie die 0te Potenz jeder andern möglichen Zahl sein kann, und daß diese Mannichfaltigkeit keine bloß imaginäre ist, beweist sich jedesmal wo das Eins als bestimmtes Eins, als eins der variablen Resultate eines Prozesses (als momentane Größe oder Form einer Variablen) im Zusammenhang mit diesem Prozesse gefaßt wird.
[70]
Grad und Krumm in der Differenzialrechnung in letzter Instanz gleich gesetzt: In dem differenzialen Dreieck dessen Hypotenuse die Differenzielle des Bogens bildet (bei der Tangentenmethode) kann diese Hypotenuse angesehn werden comme une petite ligne droite qui est tout ä la fois l’element de l’arc et celui de la tangente — sehe man nun die Curve als aus unendlich vielen graden Linien zusammengesetzt oder aber auch lorsqu’on la considere comme rigoureuse; puisque le detour ä cha-que point M etant infiniment petit, la raison derniere de l’element de la courbe ä celui de la tangente est evi-demment une raison d’egalite. Hier also obwohl sich das Verhältniß stets dem der Gleichheit nähert, der Natur der Curve nach aber asymptotisch, da die Berührung sich auf einen Punkt beschränkt der keine Länge hat, wird doch schließlich angenommen daß die Gleichheit des Graden und Krummen erreicht sei — Bossut, Calcul diff. et integr. Paris An VI, I p. 149. Bei polaren Curven wird die differenziale imaginäre Abscisse sogar der wirklichen als parallel angenommen und darauf hin operirt, obwohl sich Beide im Pol treffen; ja
Als die Mathematik des Graden und des Krummen so ziemlich erschöpft, wird eine neue fast endlose Bahn eröffnet durch die Mathematik die das Krumme als Grades auffaßt (differenziales Dreieck) und das Grade als Krummes (Curve des 1. Grades, mit unendlich
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man schließt daraus auf die Ähnlichkeit zweier Dreiecke, von denen Eins einen Winkel grade am Schneidungspunkt der beiden Linien hat, auf deren Parallelismus die ganze Ähnlichkeit begründet ist! Fig. 17.
kleiner Krümmung). O Metaphysik!
5
[71]
Aether. Wenn der Aether überhaupt Widerstand leistet, so muß er auch dem Licht Widerstand leisten und damit auf eine gewisse Entfernung dem Licht undurchdringlich sein. Daß aber der Äther das Licht fortpflanzt, sein Me- 10 dium ist, schließt nothwendig ein, daß er auch dem ||[27]| Licht Widerstand leistet, sonst könnte das Licht ihn nicht in Schwingungen versetzen. Dies Lösung der bei Mädler angeregten und bei JIaBp[oß] erwähnten Streitfragen.
[72]
Verte brata — ihr wesentlicher Charakter: die Gruppirung des ganzen Körpers um das Nervensystem. Damit die Möglichkeit der Entwicklung zum Selbstbewußtsein usw. gegeben. Bei allen andern Thieren das Nervensystem Nebensache, hier Grundlage der ganzen Organisation; das Nervensystem, 20 bis zu einem gewissen Grad entwickelt — durch Verlängerung des Kopf-knotens der Würmer nach hinten — bemächtigt sich des ganzen Körpers und richtet ihn nach seinen Bedürfnissen ein.
[73]	25
Wärmestrahlung in den Weltraum. Alle bei Lawroff angeführten Hypothesen der Erneuerung abgestorbner Welt-Körper (p. 109) schließen Bewegungsverlust ein. Die einmal ausgestrahlte Wärme, d.h. der unendlich größere Theil der ursprünglichen Bewegung, ist und bleibt verloren. Helmholtz bis jetzt 453/454. Man kommt also doch schließlich bei der Erschöpfung 30 und dem Auf hören der Bewegung an. Die Frage ist nur dann endgültig gelöst, wenn nachgewiesen wie die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme wieder verwerthbar wird. Die Lehre von der Verwandlung der Bewegung stellt diese Frage absolut und daran ist nicht vorbeizukommen durch faule Wechselprolongation und Sichvorbeidrücken. Daß aber damit auch gleichzeitig schon 35 die Bedingungen ihrer Lösung gegeben sind — c’est autre chose. Die Verwandlung der Bewegung und ihre Unzerstörbarkeit sind erst vor kaum 30 Jahren entdeckt; erst ganz neuerdings weiter in ihre Consequenzen ent-
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wickelt und ausgeführt. Die Frage was aus der scheinbar verlornen Wärme wird, ist sozusagen erst seit 1867 (Clausius) nettement posee. Kein Wunder daß sie noch nicht gelöst; das mag noch lange dauern bis wir dahin kommen mit unsern kleinen Mitteln. Aber gelöst wird sie werden, ebenso gewiß wie es feststeht daß in der Natur keine Wunder vorgehn und daß die ursprüngliche Wärme des Nebelballs nicht durch ein Wunder ihm von außerhalb der Welt mitgetheilt ist. Ebensowenig hilft die allgemeine Behauptung daß die Masse der Bewegung unendlich also unerschöpflich sei, über die Schwierigkeiten jedes einzelnen Falls; auch sie bringt es nicht zur Wiederbelebung erstorbner Welten außer in den in obigen Hypothesen vorgesehnen, stets mit Kraftverlust verknüpften also nur temporären Fällen. Der Kreislauf ist nicht hergestellt und wird es nicht bis die Wiederverwerthbarkeit der ausgestrahlten Wärme entdeckt werden wird.
[74]
Newton’s Parallelogramm der Kräfte im Sonnensystem ist wahr allenfalls in dem Moment wo die Ringkörper sich trennen, weil da die Rotationsbewegung mit sich in Widerspruch geräth als Attraktion einerseits, als Tangentialkraft andrerseits erscheint. Sowie die Trennung vollendet, ist die Bewegung aber wieder Eine. Beweis für den dialektischen Prozeß, daß diese Scheidung eintreten muß.
[75]
Bathybius — die Steine in seinem Fleisch Beweis daß schon die Urform des Eiweißes, noch ohne alle Form-Differenzirung, den Keim und die Fähigkeit der Skelettbildung in sich trägt.
-------------1
[76]
|[28]| Verstand und Vernunft. Diese Hegelsche Unterscheidung, in der nur das Dialektische Denken vernünftig, hat einen gewissen Sinn. Alle Verstandesthätig-keiten: Induciren, Deduciren also auch Abstrahiren (Dido’s Gattungsbegriffe Vierfüßer und Zweifüßer) Analysiren unbekannter Gegenstände (schon das Zerbrechen einer Nuß ist Anfang der Analyse) Synthe-siren (bei thierischen Schlauheitsstückchen) und als Vereinigung Beider Experimentiren (bei neuen Hindernissen und in fremden Lagen) haben wir mit dem Thier
Die Chemie, in der die Analyse die vorherrschende Untersuchungsform
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gemein. Der Art nach sind diese sämmtlichen Verfah-rungsweisen — also alle Mittel der wissenschaftlichen Forschung die die ordinäre Logik anerkennt — vollkommen gleich beim Menschen und den höheren Thie-ren. Nur dem Grade (der Entwicklung der jedesmaligen Methode) nach sind sie verschieden. Die Grundzüge der Methode sind gleich und führen zu gleichen Resultaten bei Mensch und Thier, solange Beide bloß mit diesen elementaren Methoden arbeiten oder auskommen. — Dagegen das dialektische Denken — eben weil es die Untersuchung der Natur der Begriffe selbst zur Voraussetzung hat, ist nur dem Menschen möglich und auch diesem erst auf einer verhältnißmäßig hohen Entwicklungsstufe (Buddhisten und Griechen) und erreicht seine volle Entwicklung noch viel später — durch die moderne Philosophie — und trotzdem schon die kolossalen Resultate bei den Griechen! die die Untersuchung weit anticipiren.
ist, ist nichts ohne deren Gegenpol die Synthese.
10
[77]	20
Den All-Induktionisten: Mit aller Induktion in der Welt wären wir nie dahin gekommen uns über den Induktionsprozeßklar zu werden. Das konnte nur die Analyse dieses Prozesses fertig bringen. — Induktion und Deduktion gehören so nothwendig zusammen wie Synthese und Analyse. Statt die eine auf Kosten der andern einseitig in den Himmel zu erheben soll man suchen 25 sie Jede an ihrem Platz anzuwenden und das kann man nur dann wenn man ihre Zusammengehörigkeit, ihr wechselseitiges Sich-Ergänzen im Auge behält. — Nach den Induktionisten wäre die Induktion eine unfehlbare Methode. Sie ist es sowenig daß ihre scheinbar sichersten Resultate jeden Tag durch neue Entdeckungen umgeworfen. Die Lichtkörperchen, der 30 Wärmestoff waren Resultate der Induktion. Wo sind sie? Die Induktion lehrte uns daß alle Wirbelthiere ein in Hirn und Rückenmark differenzirtes Centralnervensystem haben und daß das Rückenmark in knorplige oder knochige Wirbel — woher sogar der Name genommen — eingeschlossen. Da entpuppt sich der Amphioxus als ein Wirbelthier mit undifferenzirtem 35 Centralnervenstrang und ohne Wirbel. Die Induktion stellte fest daß Fische diejenigen Wirbelthiere sind welche lebenslang ausschließlich durch Kiemen athmen. Da tauchen Thiere auf deren Fischcharakter fast allgemein anerkannt, die aber neben den Kiemen gut entwickelte Lungen haben und es stellt sich heraus daß jeder Fisch in der Luftblase eine potentielle Lunge 40
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führt. Erst durch kühne Anwendung der Entwicklungslehre half Häckel den in diesen Widersprüchen sich ganz behaglich fühlenden Induktionisten heraus — Wäre die Induktion wirklich so unfehlbar, woher dann die sich überstürzenden Klassifikationsumwälzungen in der organischen Welt? Sie sind doch das eigenste Produkt der Induktion und schlagen doch einander todt. |
|[29]| Naturdialektik 9.
[78]
Kinetische Theorie — hat zu erweisen wie Moleküle die nach oben streben, gleichzeitig einen Druck nach unten ausüben können und — die Atmosphäre als dem Weltraum gegenüber mehr oder weniger permanent angenommen — trotz der Schwerkraft sich vom Centrum der Erde entfernen können, dennoch aber, auf einer gewissen Entfernung, nachdem die Schwerkraft nach dem Quadrat der Entfernungen abgenommen, von dieser zum Stillstand oder zur Umkehr gezwungen werden.
[79]
Clausius — if correct — beweist daß die Welt erschaffen, ergo daß die Materie erschaffbar, ergo daß sie zerstörbar, ergo daß auch die Kraft resp. Bewegung erschaffbar und zerstörbar, ergo daß die ganze Lehre von der „Erhaltung der Kraft“ Unsinn, ergo daß alle seine Folgerungen daraus auch Unsinn sind.
(80]
Die Vorstellung von der faktischen chemisch einheitlichen Materie — uralt wie sie ist — entspricht ganz der noch bis Lavoisier stark verbreiteten kindlichen Ansicht die chemische Verwandtschaft zweier Körper beruhe darauf daß sie jeder einen gemeinsamen dritten Körper enthielten (Kopp, Entwickl. p. 105).
[81]
Hard and fast lines mit der Entwicklungstheorie unverträglich — sogar die Gränzlinie zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen schon nicht mehr fest, ebensowenig die zwischen Fischen und Amphibien. Und die zwischen Vögeln und Reptilien verschwindet täglich mehr und mehr. Zwischen Comp-sognathus und Archäopteryx fehlen nur noch wenige Mittelglieder, und
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gezahnte Vogelschnäbel tauchen in beiden Hemisphären auf. Das Entweder dies — Oder das! wird mehr und mehr ungenügend. Bei den niedern Thieren der Begriff des Individuums gar nicht scharf festzustellen. Nicht nur ob dies Thier ein Individuum oder eine Colonie ist, sondern auch wo in der Entwicklung Ein Individuum aufhört und das andre anfängt (Ammen). — Für 5 eine solche Stufe der Naturanschauung, wo alle Unterschiede in Mittelstufen zusammenfließen, alle Gegensätze durch Zwischenglieder in einander übergeführt werden, reicht die alte metaphysische Denkmethode nicht mehr aus. Die dialektische, die ebenso keine hard and fast lines, kein unbedingtes allgültiges: Entweder — Oder! kennt, die die fixen metaphysischen Unter- 10 schiede in einander überführt und neben dem Entweder — Oder! ebenfalls das: sowohl dies wie jenes! an richtiger Stelle kennt und die Gegensätze vermittelt, ist die einzige ihr in höchster Instanz angemessne Denkmethode. Für den Alltagsgebrauch, den wissenschaftlichen Kleinhandel, behalten die metaphysischen Kategorieen ja ihre Gültigkeit. |	15
[82]
|[30]| Die Dialektik, die sogenannte objektive, herrscht in der ganzen Natur und die s. g. subjective Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen in 20 einander resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen. Attraktion und Repulsion. Beim Magnetismus fängt die Polarität an, sie zeigt sich an ein und demselben Körper, bei der Elektricität vertheilt sie sich auf 2 oder mehr die in gegenseitige Spannung gerathen. Alle chemischen Pro-cesse reduciren sich auf Vorgänge der chemischen Attraktion und Repulsion. 25 Endlich im organischen Leben ist die Bildung des Zellenkerns ebenfalls als eine Polarisirung des lebendigen Eiweißstoffs zu betrachten, und von der einfachen Zelle an weist die Entwicklungstheorie nach wie jeder Fortschritt bis zur komplicirtesten Pflanze einerseits, bis zum Menschen andrerseits, durch den fortwährenden Widerstreit von Vererbung und Anpassung be- 30 wirkt wird. Es zeigt sich dabei wie wenig Kategorieen wie „positiv“ und „negativ“ auf solche Entwicklungsformen anwendbar sind. Man kann die Vererbung als die positive, erhaltende Seite, die Anpassung als die negative, das Ererbte fortwährend zerstörende Seite; aber ebenso gut die Anpassung
als die schöpferische, active, positive, die Vererbung als die widerstrebende, 35 passive, negative Thätigkeit auffassen. Wie aber in der Geschichte der Fortschritt als Negation des Bestehenden auftritt, so wird auch hier — aus rein praktischen Gründen, die Anpassung besser als negative Thätigkeit gefaßt. In der Geschichte tritt die Bewegung in Gegensätzen erst recht hervor in allen kritischen Epochen der leitenden Völker. In solchen Momenten hat 40
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ein Volk nur die Wahl zwischen zwei Hörnern eines Dilemma: entweder — oder! und zwar ist die Frage immer ganz anders gestellt als das politisirende Philistertum aller Zeiten sie gestellt wünscht. Selbst der liberale deutsche Philister von 1848 fand sich 1849 plötzlich, unerwartet und wider Willen vor die Frage gestellt: Rückkehr zur alten Reaktion in verschärfter Form, oder Fortgang der Revolution bis zur Republik, vielleicht gar der einen und untheilbaren mit sozialistischem Hintergrund. Er besann sich nicht lange und half die Manteuffelsche Reaktion als Blüthe des deutschen Liberalismus schaffen. Ebenso 1851 der französische Bourgeois vor dem, von ihm sicher nicht erwarteten Dilemma: Karrikatur des Kaiserthums, Prätorianerthum und Ausbeutung Frankreichs durch eine Lumpenbande, oder sozialistische demokratische Republik — und er duckte sich vor der Lumpenbande, um unter ihrem Schutz die Arbeiter fortausbeuten zu können.
[83]
Struggle for Life. Bis auf Darwin von seinen jetzigen Anhängern grade das harmonische Zusammen-Wirken der organischen Natur hervorgehoben, wie das Pflanzenreich den Thieren Nahrung und Sauerstoff liefert und diese den Pflanzen Dünger und ||[31 ]| Ammoniak und Kohlensäure. Kaum war Darwin anerkannt, so sahen dieselben Leute überall nur Kampf. Beide Auffassungen innerhalb enger Gränzen berechtigt, aber beide gleich einseitig und bornirt. Die Wechselwirkung todter Naturkörper schließt Harmonie und Kollision, die Lebender bewußtes und unbewußtes Zusammenwirken, wie bewußten und unbewußten Kampf ein. Es ist also schon in der Natur nicht erlaubt den einseitigen „Kampf“ allein auf die Fahne zu schreiben. Aber ganz kindisch ist es, den ganzen mannichfaltigen Reichthum der geschichtlichen Ent- und Verwicklung unter die magre und einseitige Phrase „Kampf ums Dasein“ subsumiren zu wollen. Man sagt damit weniger als Nichts.
Die ganze Darwinsche Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes und der bürgerlichen ökonomischen von der Konkurrenz, sowie der malthus-schen Bevölkerungs-Theorie aus der Gesellschaft in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertig gebracht (dessen unbedingte Berechtigung, besonders was die Malthuslehre angeht, noch sehr fraglich) ist es sehr leicht diese Lehren aus der Naturgeschichte wieder in die Geschichte der Gesellschaft zurückzuübertragen, und eine gar zu starke Naivetät zu behaupten, man habe damit diese Behauptungen als ewige Naturgesetze der Gesellschaft nachgewiesen.
Acceptiren wir die Phrase: Kampf ums Dasein, für einen Moment, for argument’s sake. Das Thier bringt’s höchstens zum Sammeln, der Mensch
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produzirt, er stellt Lebensmittel im weitesten Sinn des Worts dar die die Natur ohne ihn nicht produzirt hätte. Damit jede Übertragung von Lebensgesetzen der thierischen Gesellschaften so ohne weiteres auf menschliche unmöglich gemacht. Die Produktion bringt es bald dahin daß der s. g. struggle for existence sich nicht mehr um reine Existenzmittel, sondern um Genuß- 5 und Entwicklungsmittel dreht. Hier schon — bei gesellschaftlich produzirten Entwicklungsmitteln, die Kategorieen aus dem Thierreich total unanwendbar. Endlich erreicht, unter der kapitalistischen Produktionsweise, die Produktion eine solche Höhe daß die Gesellschaft die produzirten Lebens-, Genuß- und Entwicklungs mittel nicht mehr verzehren kann, weil der großen 10 Masse der Produzenten der Zugang zu diesen Mitteln künstlich und gewaltsam versperrt wird; daß also alle 10 Jahre eine Krisis das Gleichgewicht wieder herstellt durch Vernichtung nicht allein der producirten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel, 11[32]| sondern auch eines großen Theils der Produktivkräfte selbst — daß der s.g. Kampf ums Dasein also die Form 15 annimmt: die von der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft produzirten Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtenden, zerstörenden Wirkungen dieser kapitalistischen Gesellschafts-Ordnung selbst zu schützen, indem die Leitung der Gesellschaftlichen Produktion und Vertheilung der dazu unfähig gewordenen herrschenden Kapitalisten-Klasse abgenommen 20 und der produzirenden Masse übertragen wird — und das ist die sozialistische Revolution.
Schon die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassenkämpfen viel inhaltvoller und tiefer als die bloße Reduction auf schwach verschiedne Phasen des Kampfs ums Dasein.	25
[84]
Licht und Finsterniß sicher der schreiendste, entschiedenste Gegensatz in der Natur, der vom 4. Evangelium bis auf die lumieres des lß.Jhdts der Religion und Philosophie stets als rhetorische Phrase gedient hat. Fick p. 9: 30 der schon längst in der Physik streng erwiesene Satz ... daß die, strahlende Wärme genannte, Bewegungsform in allen wesentlichen Stücken identisch ist mit derjenigen Bewegungsform welche wir Licht nennen. CI. Maxwell p. 14: These rays (of radiant heat) have all the physical properties of rays of light, and are capable of reflection etc. ... some of the heat-rays are 35 identical with the rays of light while other kind of heat-rays make no Impression upon our eyes. — Also es gibt dunkle Lichtstrahlen, und der berühmte Gegensatz von Licht und Finsterniß verschwindet als absoluter Gegensatz aus der Naturwissenschaft. Beiläufig bringen dunkelste Finsterniß wie hellstes grellstes Licht, auf unsr[e] Augen dieselbe Wirkung 40
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der Blendung hervor, und sind auch so für uns identisch. — Die Sache die: Je nach Länge der Schwingung haben die Sonnenstrahlen verschiedne Wirkung; die mit größter Wellenlänge übertragen Wärme, die mit mittlerer Licht, die mit geringster chemische Action (Secchi p.632ff.) wobei die Maxima der drei Actionen nahe zusammengerückt, die inneren Minima der äußeren Strahlengruppen ihrer Action nach in der Lichtgruppe sich decken. Was Licht und nicht Licht ist, hängt von der Augenstructur ab, Nachtthiere mögen selbst noch einen Theil nicht der Wärme, aber doch der chemischen Strahlen sehn können, da ihre Augen für geringere Wellenlänge adaptirt sind als unsre. Die Schwierigkeit fällt, wenn man statt 3 Arten Strahlen nur Eine annimmt (und wissenschaftlich kennen wir nur Eine, alles andre ist voreiliger Schluß) die je nach der Wellenlänge verschiedne aber innerhalb enger Gränzen compatible Wirkung haben. |
|[33]| Naturdialektik, 10.
[85]
Arbeit. — Diese Kategorie wird bei der mechanischen Wärmetheorie aus der Oekonomie in die Physik übertragen (denn physiologisch ist sie noch lange nicht wissenschaftlich determinirt) aber dabei ganz anders bestimmt, was schon daraus hervorgeht daß nur ein ganz geringer untergeordneter Theil der ökonomischen Arbeit (Lastheben etc.) sich in Kilogramm-Meter ausdrücken läßt. Trotzdem Neigung die thermodynamische Bestimmung von Arbeit auf die Wissenschaften denen sie die Kategorie, unter andrer De-terminirung, entlehnt, rückzuübertragen. Z. B. sie ohne Weiteres brutto mit der physiologischen Arbeit zu identificiren, wie in Fick und Wislicenus Faulhorn-Experiment, worin die Hebung eines menschlichen Körpers, di-sons 60 Kilogramm auf die Höhe von disons 2000 Meter, also 120000 Küo-gramm-Meter, die gethane physiologische Arbeit ausdrücken soll. Es macht aber in der gethanen physiologischen Arbeit einen enormen Unterschied wie diese Hebung erfolgt: ob durch positives Heben der Last, durch Erklimmung senkrechter Leitern, oder auf einem Weg resp. Treppe mit 45° Steigerung (= müitärisch impraktikables Terrain) oder auf einem Weg mit Steigerung 718, also Länge ca. 36 Kilo-Meter. (Dies jedoch fraglich wenn für alle Fälle dieselbe Zeit bewilligt) Jedenfalls aber ist in allen praktikablen Fällen auch Vorwärtsbewegung damit verknüpft und zwar bei Gradstreckung des Wegs eine ziemlich bedeutende, und diese ist als physiologische Arbeit nicht = 0 zu setzen. Man scheint stellenweise sogar nicht übel Lust zu haben die thermodynamische Kategorie Arbeit wie bei den Darwinisten den Kampf ums Dasein auch in die Oekonomie rück zu importiren wobei nichts als Unsinn herauskommen würde. Man verwandle doch irgend welche skilled
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labour in Kilogramm-Meter und versuche danach den Arbeitslohn zu bestimmen! Physiologisch betrachtet enthält der menschliche Körper Organe die in ihrer Gesammtheit, nach einer Seite hin, als thermodynamische Maschine betrachtet werden können, wo Wärme zugesetzt und in Bewegung umgesetzt wird. Aber selbst wenn für die übrigen Körperorgane gleich- 5 bleibende Umstände vorausgesetzt werden, fragt sich ob gethane physiologische Arbeit, selbst Hebung, sich ohne Weiteres in Kilogramm-Metern erschöpfend ausdrücken läßt, da gleichzeitig im Körper inneres Werk vorgeht das im Resultat nicht erscheint. Der Körper ist eben keine Dampfmaschine die nur Reibung und Verschleiß erleidet. Physiologische Arbeit 10 ist nur möglich unter fortwährenden chemischen U msätzen im Körper selbst, auch abhängig von dem Athmungsprozeß und der Arbeit des Herzens. Bei jeder Muskelkontraktion und Relaxation finden in Nerven und Muskeln chemische Umsätze statt, die mit denen der Kohle der Dampfmaschine nicht parallel zu behandeln sind. Man kann wohl 2 physiologische Arbeiten die 15 unter sonst gleichen Umständen stattgefunden vergleichen aber nicht die physiologische Arbeit des Menschen nach der einer Dampfmaschine etc. messen: ihre äußerlichen Resultate wohl, aber nicht die Prozesse selbst ohne bedeutenden Vorbehalt. (Alles dies stark zu revidiren.)|
[86]	20
|[34]| Induktion und Analyse: Ein schlagendes Exempel wie wenig die Induktion den Anspruch hat, einzige oder doch vorherrschende Form der wissenschaftlichen Entdeckung zu sein, bei der Thermodynamik: Die Dampfmaschine gab den schlagendsten Beweis daß man Wärme einsetzen und mechanische Bewegung erzielen kann. 100000 Dampfmaschinen be- 25 wiesen das nicht mehr als Eine, drängten nur mehr und mehr die Physiker zur Nothwendigkeit dies zu erklären. Sadi Carnot war der erste der sich ernstlich dran machte. Aber nicht per Induktion. Er studirte die Dampfmaschine, analysirte sie, fand daß bei ihr der Prozeß auf den es ankam, nicht rein erscheint, von allerhand Nebenprocessen verdeckt wird, beseitigte diese 30 für den wesentlichen Prozeß gleichgültigen Nebenumstände, und konstruirte eine ideale Dampfmaschine (oder Gasmaschine) die zwar eben so wenig herstellbar ist wie z. B. eine geometrische Linie oder Fläche, aber in ihrer Weise denselben Dienst thut wie diese mathematischen Abstraktionen: sie stellt den Prozeß rein, unabhängig, unverfälscht dar. Und er stieß mit der 35 Nase auf das mechanische Aequivalent der Wärme (s. die Bedeutung seiner Funktion Q das er nur nicht entdecken und sehn konnte weil er an den Wärmestoff glaubte. Hier auch der Beweis vom Schaden falscher Theo-rieen.
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Die successive Entwicklung der einzelnen Zweige der Naturwissenschaft zu studiren. — Zuerst Astronomie — schon der Jahreszeiten halber, für Hirten wie Ackerbauvölker absolut nöthig. Astronomie kann sich nur entwickeln mit Hülfe der Mathematik. Diese also ebenfalls in Angriff genommen. — Ferner auf einer gewissen Stufe des Ackerbaus und in gewissen Gegenden (Wasserhebung zur Bewässerung in Aegypten) und namentlich mit dem Entstehn der Städte, der großen Bauwerke und der Entwicklung der Gewerbe die Mechanik. Bedürfniß—bald auch für Schiffahrtund Krieg. — Auch sie braucht die Hülfe der Mathematik und treibt so zu deren Entwicklung. So schon von Anfang an die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften durch die Produktion bedingt.
Eigentliche] wissenschaftliche Untersuchung bleibt während des ganzen Alterthums auf diese 3 Fächer beschränkt, und zwar als exacte und systematische Forschung auch erst in der nachklassischen Periode (die Alexandriner, Archimedes etc.). In Physik und Chemie, die in den Köpfen noch kaum getrennt (Elementartheorie, Abwesenheit der Vorstellung eines chemischen Elements) in Botanik, Zoologie, Anatomie des Menschen und der Thiere konnte man bis dahin nur Thatsachen sammeln und sie möglichst systematisch ordnen. Die Physiologie war ein bloßes Rathen, sowie man sich von den handgreiflichsten Dingen — Verdauung und Excretion z. B. — entfernte, wie das nicht anders ||[35]| sein konnte, solange selbst die Cirkulation nicht erkannt. — Am Ende der Periode erscheint die Chemie in der Urform
der Alchemie.
Wenn nach der finstern Nacht des Mittelalters auf einmal die Wissenschaften neu und in ungeahnter Kraft erstehn, und mit der Schnelle des Mirakels emporwachsen, so verdankten wir dies Wunder wieder — der Produktion. Erstens war seit den Kreuzzügen die Industrie enorm entwickelt und hatte eine Menge neuer mechanischer (Weberei, Uhrmacherei, Mühlen) chemischer (Färberei, Metallurgie, Alkohol) und physikalischer Thatsachen (Brillen) ans Licht gebracht und diese gaben nicht nur ungeheures Material zur Beobachtung sondern lieferten auch durch sich selbst schon ganz andre Mittel zum Experimentiren als bisher und erlaubten die Konstruktion neuer Instrumente; man kann sagen daß eigentliche] systematische Experimental-wissensch[aft] jetzt erst möglich geworden. Zweitens entwickelte sich jetzt ganz West- und Mitteleuropa
Bisher nur geprahlt was die Produktion der Wissenschaft verdankt, aber die Wissenschaft verdankt der Produktion unendlich mehr.
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incl. Polen im Zusammenhang, wenn auch Italien noch kraft seiner altüberkommenen Civilisation noch an der Spitze stand. Drittens eröffneten die geographischen Entdeckungen — rein im Dienst des Erwerbs, also in letzter Instanz der Produktion gemacht — ein endloses	5
bis dahin unzugängliches Material in meteorologischer zoologischer botanischer und physiologischer (des Menschen) Beziehung. Viertens war die Presse da.
Jetzt — von Mathematik Astronomie und Mechanik abgesehn die schon bestanden — scheidet sich die Physik definitiv von der Chemie (Torricelli, 10 Galilei — ersterer in Abhängigkeit von industriellen Wasserbauten studirt zuerst die Bewegung der Flüssigkeiten, s. Clerk Maxwell). Boyle stabilirt die Chemie als Wissenschaft Harvey durch die Entdeckung der Circulation die Physiologie (des Menschen, resp. der Thiere). Zoologie und Botanik bleiben zunächst Sammelwissenschaften bis die Paläontologie hinzutritt — Cüvier 15 — und bald darauf die Entdeckung der Zelle und die Entwicklung der organischen Chemie. Damit vergleichende Morphologie und Physiologie möglich und von da an Beide wahre Wissenschaften. Ende vorigen Jahrhunderts die Geologie gegründet, neuerdings die schlecht so genannte Anthropologie — Vermittlung des Übergangs von Morphologie und Physiologie des Menschen 20 und seiner Racen zur Geschichte. Weiter zu studiren im Detail und zu entwickeln.
[88]
Clausius II. Satz etc. mag sich stellen wie er will. Es geht ihm Energie ver- 25 loren, qualitativ wenn nicht quantitativ. Entropie kann nicht auf natürlichem Wege zerstört, aber wohl gemacht werden. Die Weltuhr muß aufgezogen werden, dann läuft sie ab bis sie ins Gleichgewicht geräth, aus dem nur ein Wunder sie wieder in Gang bringen kann. Die zum Aufziehn verwendete Energie ist verschwunden, wenigstens qualitativ, und kann nur durch einen 30 Anstoß von Außen hergestellt werden. Also war der Anstoß von Außen auch im Anfang nöthig, also ist das Quantum der im Universum befindlichen Bewegung resp. Energie nicht immer ||[36]| gleich, also muß Energie erschaffen worden, also erschaffbar also zerstörbar sein. Ad absurdum!
[89]
Unterschied der Lage bei Ende der alten Welt — ca. 300 — und Ende des Mittelalters — 1453:
1)	Anstatt eines dünnen Kulturstreifens entlang den Küsten des Mittel
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meers der seine Arme sporadisch ins Innere und bis an die Atlantischen Küsten von Spanien Frankreich und England ausstreckte, und so leicht von den Deutschen und Slaven von Norden und Arabern von Südosten durchbrochen und auf gerollt werden konnte—jetzt ein geschlossenes Kulturgebiet — ganz Westeuropa mit Skandinavien Polen und Ungarn als Vorposten.
2)	Anstatt des Gegensatzes von Griechen resp. Römern und Barbaren, jetzt 6 Kulturvölker mit Kultursprachen — d[as] Skandinavische] etc. nicht gezählt — die alle soweit entwickelt waren daß sie den gewaltigen Literaturaufschwung des XIV. Jhdt mitmachen konnten, und eine weit größere Vielseitigkeit der Bildung garantirten als die, Ende des Alterthums, bereits verfallene und absterbende griechische und lateinische Sprache.
3)	Eine unendlich höhere Entwicklung der industriellen Produktion und des Handels geschaffen durch das mittelalterliche Bürgerthum; einerseits die Produktion vervollkommneter, mannichfacher und massenhafter, andrerseits der Handelsverkehr weit stärker, die Schiffahrt seit d. Sachsen, Friesen und Normannenzeit unendlich kühner, und andrerseits die Menge Erfindungen und Import von orientalischen Erfindungen die den Import und Verbreitung der griechischen Literatur, die See-Entdeckungen und die bürgerliche religiöse Revolution nicht nur erst möglich machten, sondern ihnen auch ganz andre und raschere Tragweite gaben; und obendrein eine Masse wissenschaftlicher Thatsachen, wenn auch noch ungeordnet, lieferten, wie sie dem Alterthum nie vorgelegen. Magnetnadel, Druck-Lettern, Leinenpapier (von Arabern und spanischen Juden seit dem 12. Jhdt Gebraucht, Baumwollpapier seit 10. Jhdt allmählig aufkommend, im 13. und 14. schon verbreiteter, Papyrus seit d[en] Arab[ern] in Aegypten ganz eingegangen) Schießpulver, Brillen, mechanische Uhren, größter] Fortschritt] sowohl der Zeitrechnung wie auch der Mechanik.
(Erfindungen siehe Ns 11.) Dazu der Reisestoff (M[arco] Polo ca.
1272 etc.) Viel verbreitetere allgemeine Bildung wenn auch noch schlecht, durch die Universität].
Mit der Erhebung von Konstantinopel und dem Fall Roms schließt die alte Zeit, mit dem Fall von Konstantinopel ist das Ende des Mittelalters unlöslich verknüpft. Die neue Zeit fängt an mit Rückkehr zu den Griechen — Negation der Negation! |
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|[37]| Naturdialektik — 11. [a] [90] Historisches — Erfindungen.
v.Chr. Feuerspritze, Wasseruhr ca. 200 vor Chr. Straßenpflaster (Rom)
Pergament — ca. 160.	5
n. Chr. Wassermühlen an der Mosel ca. 340, in Deutschland zu Karl’s des Großen Zeit.
Erste Spuren von Glasfenstem. Straßenbeleuchtung in Antiochia ca. 370.
Seidenwürmer aus China ca. 550 in Griechenland	10
Schreibfedern im 6. Jahrhundert Baumwollpapier aus China zu den Arabern im 7. Jhdt, im 9. in Italien Wasserorgeln in Frankreich im 8. Jhdt Silbergruben am Harz bearbeitet seit 10. Jhdt Windmühlen gegen 1000.	15
Noten, Tonleiter des G. v. Arezzo gegen 1000.
Seidenzucht nach Italien gegen 1100. Uhren mit Rädern — dto Magnetnadel von den Arabern zu den Europäern ca. 1180. Straßenpflaster in Paris 1184.	20
Brillen in Florenz. Glasspiegel.
Häringseinsalzen. Schleusen	2te Hälfte des
Schlaguhren. Baumwoll-Papier in Frankreich	13. Jhdts
Lumpenpapier Anfang 14. Jhdt
Wechsel — Mitte dto	25
Erste Papiermühle in Deutschland (Nürnberg) 1390.
Straßenbeleuchtung in London Anfang 15. Jh.
Post in Venedig — dto
Holzschnitt und -Druck — dto Kupferstecherkunst Mitte dto	30
Reitende Posten in Frankreich — 1464.
Erzgebirgisch-sächsische Silbergruben 1471
Pedalklavier erfunden 1472
Taschenuhren. Windbüchsen. Flintenschloß Ende 15. Jhdt Spinnrad — 1530.	35
Taucherglocke 1538. |
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|[38]| Naturdialektik, 11. [b]
[91]
Mädler, Fixsterne
Hailey Anfang 18. Jhdt aus Differenz zwischen den Angaben Hipparchs und Flamsteeds über 3 Sterne zuerst die Idee der Eigenbewegung p.410. — Flamsteeds British Catalogue der erste einigermaßen genaue und umfassende p. 420, dann ca. 1750 Bradley Maskel[yne] und Lalande.
Tolle Theorie von der Schußweite der Lichtstrahlen bei enormen Körpern und darauf basirte Berechnungen von Mädler — so toll wie irgend etwas in Hegel’s Nat. Phil. p. 424-25.
Stärkste Eigenbewegung (scheinbare) eines Sterns 701" im Jahrhundert = 11'41"= 73 Sonnendurchmesser geringste durchschnittliche von 921 teleskopischen Sternen 8" 65., einzelne 4". —
Milchstraße eine Reihe von Ringen die alle einen gemeinsamen Schwerpunkt haben p. 434.
Die Plejaden-Gruppe und in ihrAlcyone, Tauri, Centrum der Bewegung für unsre Weltinsel „bis zu den entferntesten Regionen der Milchstraße hin“. p.448. Umlaufszeiten innerhalb der Plejadengruppe durchschnittlich ca. 2 Millionen Jahre p.449. Um die Plejaden abwechselnd ringförmige stern-arme und sternreiche Gruppen — Secchi bestreitet die Möglichkeit jetzt schon ein Centrum zu fixiren.
Sirius und Procyon beschreiben nach Bessel eine Bahn um einen dunklen Körper, neben der allgemeinen Bewegung, p. 450. Algolverfinsterung alle 3 Tage, 8 Stunden Dauer, bestätigt durch Spektral-Analyse Secchi p.786.
In der Gegend der Milchstraße, aber weit innerhalb ihrer, ein dichter Ring von Sternen 7—11.Größe; weit außerhalb dieses Rings die konzentrischen Milchstraßenringe, von denen wir 2 sehn. In der Milchstraße nach Herschel ca. 18 Millionen für sein Teleskop sichtbare Sterne, die innerhalb des Rings liegenden ca. 2 Millionen oder mehr, also über 20 Millionen in Allem. Dazu immer noch ein unauflöslicher Schimmer in der Milchstraße selbst hinter den aufgelösten Sternen, also vielleicht noch weitere, perspektivisch verdeckte Ringe? p. 451.52.
Alcyone von der Sonne entfernt 573 Jahre Lichtzeit. Durchmesser des Milchstraßen-Rings einzeln sichtbarer Sterne wenigstens 8000 Jahre Lichtzeit p. 462.63.
Masse der innerhalb des Sonnen-Alcyone Radius von 573 Jahren Lichtzeit sich bewegenden Körper berechnet auf 118 Millionen Sonnenmassen p. 462, stimmt gar nicht zu den höchstens 2 Millionen darin sich bewegenden Sternen. Dunkle Körper? Jedenfalls something wrong, Beweis wie unvollkommen noch unsre Beobachtungsprämissen.
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Für den äußersten Milchstraßen-Ring nimmt M. eine Entfernung von Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden Lichtjahren an p.464.
Schöne Motivirung gegen die s. g. Lichtverschluckung: „Allerdings gibt es eine solche Entfernung (aus der gar kein Licht mehr zu uns gelangt), aber der Grund ist ein ganz andrer. Die Geschwindigkeit des Lichts ist eine 5 endliche; vom Beginn der Schöpfung bis zu unseren Tagen ist eine endliche Zeit verflossen, und wir können also die Himmelskörper nur wahrnehmen bis zu der Entfernung welche das Licht in jener endlichen Zeit durchläuft!“ p.466. Daß das Licht, im Quadrat der Entfernung sich schwächend, einen Punkt erreichen muß wo es unsern, selbst noch so verschärften und be- 10 waffneten Augen nicht mehr sichtbar, ist doch selbstredend, reicht zur Widerlegung der Olbersschen Ansicht hin daß nur Lichtverschluckung die Dunkelheit des doch nach allen Seiten, in unendliche Entfernung, mit leuchtenden Sternen erfüllten Himmelsraums zu erklären im Stande sei. Wobei nicht gesagt werden soll daß es nicht eine Entfernung gibt wo der 15 Aether kein Licht mehr durchläßt.
[92]
Nebelflecke. Alle Formen, scharf, kreisförmig, elliptisch, oder unregelmäßig und gezackt. Alle Grade der Auflösbarkeit, verschwimmend in totale Un- 20 auflösbarkeit, wo nur Verdichtung nach dem Centrum zu unterscheiden. In einigen der auflösbaren bis zu 10000 Sterne wahrnehmbar, die Mitte meist dichter, sehr selten ein Centralstern von hellerem Glanz. Rosse’s Riesenteleskop hat wieder viele aufgelöst, Herschel I zählt 197 Sternhaufen und 2300 Nebelflecke — wozu noch die am südlichen Himmel durch Her- 25 schel II katalogisirten kommen. Die unregelmäßigen müssen ferne Welt-inseln sein da Dunstmassen nur in Kugel oder Ellipsoidform bestehn können im Gleichgewicht. Die meisten auch bloß in den stärksten Fernrohren noch eben sichtbar. Die rundlichen können allenfalls Dunstmassen sein, ihrer sind 78 unter den obigen 2500. Herschel nimmt 2 Millionen, Mädler — bei An- 30 nähme eines wirklichen Durchmesser = 8000 Lichtjahre — 30 Millionen Lichtjahre Entfernung von uns an. Da die Entfernung eines jeden astronomischen Körpersystems vom nächsten mindestens um das lOOfache ihres Systemdurchmessers beträgt, so würde die Entfernung unsrer Weltinsel von der nächsten mindestens das 50fache von 8000 Lichtjahren = 400000 Licht- 35 jähre betragen, wobei wir bei den mehreren 1000 Nebelflecken schon weit über Herschel’s 1 — 2 Millionen hinauskommen p.492. Secchi: Die auflös-lichen Nebelflecke geben ein kontinuirliches und ein gewöhnliches Sternspektrum. Die eigentlichen Nebelflecke aber ||[39]| „geben theils ein kontinuirliches Spektrum wie der Nebel in der Andromeda, meist aber ein aus 40
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einer oder nur sehr wenigen hellen Linien bestehendes Spektrum wie die Nebelflecke im Orion, im Schützen, in der Leier und die große Zahl derer die unter dem Namen der planetarischen (rundlichen) Nebel bekannt sind“. p.787. (Andromeda-Nebel nach M. p.495 nicht auflöslich — Orion-Nebel unregelmäßig, flockig und wie Arme ausstreckend! p.795 — Leier ein Ring, nur wenig elliptisch p. 498) — Huggins fand im Spectrum des Nebels Herschel X® 4374 drei helle Linien „es folgte hieraus sofort daß dieser Nebelfleck nicht aus einem Haufen einzelner Sterne besteht sondern ein wirklicher Nebel, eine glühende Substanz im gasförmigen Zustand ist“. Die Linien gehören dem Stickstoff (1) dem Wasserstoff (1) an, die dritte unbekannt. Ebenso bei Orionnebel. Selbst Nebel die leuchtende Punkte enthalten (Wasserschlange, Schütze) haben diese hellen Linien sodaß also die sich sammelnden Sternmassen noch nicht fest oder flüssig sind p. 789. Leiernebel bloß eine Stickstofflinie p. 789. — Orionnebel 1° dichteste Stelle, ganze Ausdehnung 4°.
[93]
Secchi: Sirius: „11 Jahre später (nach Bessels Berechnung Mädl. p.450) wurde nicht bloß der Satellit des Sirius als ein selbstleuchtender Stern 6. Größe aufgefunden, sondern auch nachgewiesen daß seine Bahn mit der von Bessel berechneten übereinstimmt. Auch für Procyon und seinen Begleiter ist nunmehr durch Auwers die Bahn bestimmt, der Satellit selbst jedoch noch nicht gesehen worden.“ p.793.
Secchi Fixsterne: „Da die Fixsterne mit Ausnahme von 2 oder 3 keine wahrnehmbare Parallaxe haben so sind sie wenigstens“ einige 30 Lichtjahre von uns entfernt p. 799. — Nach S. die Sterne 16. Größe (noch in Herschel’s großem Teleskop unterscheidbar) 7560 Lichtjahre, die in Rosse’s Teleskop unterscheidbaren mindestens 20900 Lichtjahre entfernt, p.802.
Secchi p. 810 fragt selbst: wenn die Sonne und das ganze System erstorben, „sind Kräfte in der Natur vorhanden welche das todte System in den anfänglichen Zustand des glühenden Nebels zurückversetzen und es zu neuem Leben wieder aufwecken können? Wir wissen es nicht.“ |
|[40]| Naturdialektik — references
[94]
Nature N®294ff. Allman on Infusoria, Einzelligkeit, wichtig. Croll on Ice Period and geological Time.
Nature N®326. Tyndall über Generatio, Specifische Fäulniß und Gährung Experimente. |
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[95]
|[1]| Hegel Gesch. d. Phil. — Griech. Phil. — (Naturanschauung der Alten) BdL
Von den ersten Philosophen sagt Aristoteles (Metaph. 1,3) sie behaupten, „woraus alles Seiende ist, und woraus es als aus dem Ersten entsteht und 5 worein es als in das Letzte zu Grunde geht, das als die Substanz (ovcrca) immer dasselbe bleibt und nur in seinen Bestimmungen (atd^ecri) sich ändert, dies sei das Element (o-tolxciov) und dies das Prinzip (dpx'n) alles Seienden. Deßhalb halten sie dafür daß kein Ding werde (ow 'ylyveo-^ai ovbev) noch vergehe, weil dieselbe Natur sich immer erhält.“ p. 198. Hier also schon ganz 10 der ursprüngliche naturwüchsige Materialismus, der ganz natürlich in seinem Anfang die Einheit in der unendlichen Mannichfaltigkeit der Naturerscheinungen als selbstverständlich ansieht und in etwas bestimmt-Körperlichem, einem Besondern sucht, wie Thales im Wasser.
Cicero sagt: Thales Milesius ... aquam dixit esse initium rerum, Deum 15 autem eam mentem quae ex aqua cuncta fingeret. De Nat. Deor. 1,10. H. erklärt dies ganz richtig für einen Zusatz des Cic. und fügt hinzu: „allein diese Frage ob Thales noch außerdem an Gott geglaubt, geht uns hier nichts an, es ist nicht von Annehmen, Glauben, Volksreligion die Rede ... Und ob er von Gott als dem Bildner aller Dinge aus jenem Wasser gesprochen, so 20 wüßten wir damit nichts mehr von diesem Wesen... es ist leeres Wort ohne seinen Begriff.“ 209. (ca. 600)
Die ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher: Thales Geometer, bestimmte das Jahr auf 365 Tage, soll eine Sonnenfinsterniß vorhergesagt haben. — Anaximander machte eine Sonnenuhr, eine Art Karte 25 GtepCixexpov) des Landes und Meeres, und verschiedne astronomische Instrumente — Pythagoras Mathematiker.
Anaximander aus Milet läßt nach Plutarch Quaest. convival. VIII,8 „den Menschen aus einem Fisch werden, hervorgehn aus dem Wasser auf das Land“. 213. Für ihn die ötpx'n xa^ cftoixcIov to dTretpov, ohne es als Luft oder 30
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Wasser oder etwas Andres zu bestimmen (öiopC^cov) D[iogenes] Laert[ius] II § 1. Dies Unendliche von H. p.215 als „die unbestimmte Materie“ richtig wiedergegeben, (ca. 580)
Anaximenes aus Milet setzt die Luft als Princip und Grund-Element, die unendlich sei (Cic. N. Deor. 1,10) und „aus ihr trete alles hervor und in sie löse Alles sich wieder auf“ (Plut. de placitis philos. 1,3). Dabei die Luft dTjp = TtveüpLa: „Wie unsre Seele, die Luft ist, uns zusammenhält, so hält auch die ganze Welt ein Geist (arveü|xa) und Luft zusammen; Geist und Luft ist gleichbedeutend.“ (Plut.) Seele und Luft als allgemeines Medium gefaßt. (ca.555.)|
|[2]| Aristot. schon sagt daß diese ältesten Philosophen das Urwesen in eine Weise der Materie setzen: Luft und Wasser (und vielleicht Anaximander in ein Mittelding zwischen Beiden) später Heraklit ins Feuer, aber Keiner in die Erde wegen ihrer vielfachen Zusammensetzung (Sux rqv pieyaXo-ixepeuxv) Metaph. 1.8. 217.
Von ihnen Allen sagt Aristot. richtig daß sie den Ursprung der Bewegung unerklärt lassen. 218 ff.
Pythagoras aus Samos (ca. 540): Die Zahl ist das Grundprincip: „daß die Zahl das Wesen aller Dinge, und die Organisation des Universums überhaupt in seinen Bestimmungen, ein harmonisches System von Zahlen und deren Verhältnissen ist“. (Arist. Metaph. 1,5, passim) Hegel macht mit Recht aufmerksam auf „die Kühnheit einer solchen Rede die Alles, was der Vorstellung als seiend und wesenhaft (für wahr) gilt, auf einmal so niederschlägt und das sinnliche Wesen vertilgt“, und das Wesen in eine, wenn auch noch sehr beschränkende und einseitige Gedankenbestimmung setzt. Wie die Zahl bestimmten Gesetzen unterworfen, so auch das Universum; seine Gesetzmäßigkeit hiermit zuerst ausgesprochen. Pyth. wird die Reducirung der musikalischen Harmonieen auf mathematische Verhältnisse zugeschrieben. Ebenso: „In die Mitte haben die Pythagoräer das Feuer gesetzt, die Erde aber als einen Stern der sich um diesen Centralkörper im Kreise herumbewege.“ Arist. Metaph. 1,5. Dieses Feuer aber nicht die Sonne; immer die erste Ahnung daß die Erde sich bewegt.
Hegel über das Planetensystem: „das Harmonische, wodurch sich die Abstände bestimmen — dafür hat alle Mathematik noch keinen Grund anzugeben vermocht. Die empirischen Zahlen kennt man genau; aber Alles hat den Schein der Zufälligkeit, nicht der Nothwendigkeit. Man kennt eine ungefähre Regelmäßigkeit der Abstände, und hat so zwischen Mars und Jupiter mit Glück noch Planeten da geahnt wo man später die Ceres, Vesta, Pallas usw. entdeckt hat; aber eine konsequente Reihe, worin Vernunft, Verstand ist, hat die Astronomie noch nicht darin gefunden. Sie sieht vielmehr mit Verachtung auf die regelmäßige Darstellung dieser Reihe;
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
für sich ist es aber ein höchst wichtiger Punkt der nicht aufzugeben ist.“ 267.
Bei aller Naivmaterialistischen Gesammtauffassung der Kern der spätem Spaltung bereits bei den ältesten Griechen: Die Seele ist schon bei Thales etwas Besondres, vom Körper verschiednes (wie er auch dem Magnet eine 5 Seele zuschreibt) bei Anaximenes ist sie Luft (wie in der Genesis) bei den Pythagoräern ist sie bereits unsterblich und wandernd, der Körper für sie rein zufällig. Auch bei den Pythagoräern ist die Seele „ein Splitter des Aethers“ (attocnraaixa av&epog) Diog. Laert. VIII, 26—28, wo der Aether — der kalte die Luft, der dicke das Meer und die Feuchtigkeit ist. —	10
Arist. wirft auch den Pythagoräern richtig vor: mit ihrer Zahl „sagen sie nicht, wie die Bewegung wird und wie, ohne Bewegung und Veränderung, Entstehen und Vergehen ist, oder die Zustände und Thätigkeiten der himmlischen Dinge“. Metaph. 1.8.
Pythagoras soll erkannt haben die Identität des Morgen- und Abendsterns, 15 daß der Mond sein Licht von der Sonne bekommt. Endlich den pythagoräischen Lehrsatz. „Pythagoras soll eine Hekatombe geschlachtet haben bei Findung dieses Satzes ... ||[3]| Und merkwürdig mag es wohl sein, daß seine Freude so weit gegangen deßhalb ein großes Fest anzuordnen, wo die Reichen und das ganze Volk eingeladen waren; der Mühe werth war es. 20 Es ist Fröhlichkeit, Freude des Geistes (Erkenntniß) — auf Kosten der Ochsen.“ 279.
Eleaten. |
[96]	25
|[1]| Leucippus und Democrit.
AeuxiTtTtog 8e, xai 6 eratpog aÖTOv A^pzOxpirog, aroix^u* pxv tö nZrjpeg xai to xevöv elvat (paar Xeyovreg olov, tö p,ev öv, tö 8e p,rj öv tovtcov 8e tö xai arepedv (nämlich Ta aTop,a), tö öv tö 8e xevöv ye xai pctvov, tö p/q öv. A10 xat ov&ev jxäkkov tö öv tov p/q övrog elvai cpaaiv .... AiTia 30 8e tüjv övrcov Tavta, (bg vk'qv. Kai xaffärcep 01 ev Ttocowreg rqv Ö7toxeipevT|v ovaiav, Ta akka Toig Ttdr&eaiv avvqg yewdiai, .... tov avtov Tpojtov xai ovToi rag Scacpopag (nämlich der Atome), aiTiag tü>v aXÄxov elvai cpaai. Tavtag p,evroi rpeig elvat keyovat, a%7jpä Te, xai xai ffeaiv .... Aiacpepei yäp tö p,ev A tov N ayripaTf tö 8e AN tov NA tö Z tov 35 N Oeaeu Arist. Metaph. 1.1 c. 4
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Leucippus und Democrit. Seite [1] in der Handschrift von Marx
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Leucippus
üpcoTog (Leucippus) ax6|xovg apxag iHtecrrricraTO .... Kat crTOixEia cpT|crt, xoopiovg xe ex xovxaiv aatelpovg elvai, xat ÖiaXveaftai elg xavxa. Ftveo^ai 8e xovg x6o|xovg ovxar cpepecr^ai xar’ äiroTopriv ex rrjg aneipov xtolla cra)|xaxa, Ttavroia xotg axT)|xaaiv, elg pxya xevov dxtep d{fpour&evxa div^v dmepyägeor&ai, piav, xafi’ x^v xtpoaxpovovxa xat atavxodaatwg xvxXovp,eva, diaxptvecrö'ai X(JL)()^ Ta öp,oia arpog xd öjxoia. ’laoppdmov 8e öia xd arXxiD'og |X7]xexi 8vva|xevü)v atwg arepicpepecr^ai, ra pev Xeirrd xwpELveig rö egw xevov, (Berate p 8iaxxa)|jLEva- xd 8e Xoiatd ov|x|xeveiv, xat arepiatXexopieva crvyxa-xaxpexeiv dXXijXa, xataroieivxe arptoxovavoxxipiaacpaipoeideg. (Diog. Laert. 1. IX c. 6)
Folgendes über Epikur.
Kwovvrai re oxjvex^g al dxojxoi. <I>T]crt 8e evSoxepw, xat iaoTaxajg avxag Miveuröai, rov xevov xaqv l£iv öjxolav xtapexojxevov xat rp xovfpordvp xat vfj ßapvrdrp elg xdv ala>va......|xx]8e atoiox^xa xiva arept xag dx6|xovg
elvai, 'JtX'qv cr/ij/iaTog, xat pEyedovg, xat ßäpovg ... Iläv re peyedog prj elvac TtEpi avräg- ovSettote yovv äropog üKp&r] ala^aec. (Diog. Laert. l.X c.I. § 43,44)1
|[2]| Kai, |xt]v xat ixroTa%eig ava^xaiov xag axoixoug elvai, öxav öiä roü xevov EUJcpEpcovrai, pnqöevög dvxixÖTtxovxog. Ovxe -yap xd ßapea 'öaxxov olcrö,T)crexai xa>v fJLixpcov xat xovcpcov, öxav ye önq |i7)5ev datairrd avxotg- ovxe xd |xixpa xa)v |xeyal(DV, Ttavra nöpov avpperpov exovTa, |xi]ftev |xx]5e exelvoig avxixoarrn. (1. c. § 61) |
|[3]| *'Oxi |xev ow to ev Ttavrt yevei Ecrxt xcg cpucrig, xat ovÖevdg xovxo 7’ avxd x) (pvoxg xd ev, cpavepov. Arist. Metaph. 1. IX, c. II.
[97]
Die Naturforscher mögen sich stellen wie sie wollen sie werden von d[er] Philosophie] beherrscht. Es fragt sich nur ob sie von efiner] schlechten Mode-Philos[ophie] beherrscht werden wollen oder von einer Form des theoretischen Denkens die auf der Bekanntschaft mit der Geschichte des Denkens, und mit deren Errungenschaften beruht.
Physik, hüte dich vor Metaphysik, ist ganz richtig aber in einem andern Sinn.
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Die Naturforscher fristen der Philosophie noch ein Scheinleben indem sie sich mit den Abfällen der alten Metaphysik behelfen. Erst wenn Natur- und Geschichtswissensch[aft] die Dialektik in sich aufgenommen, wird all der philosophische Kram — außer der reinen Lehre vom Denken, überflüssig, verschwindet in der positiven Wissenschaft. |	5
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|[1]| Die moderne Naturforschung, die einzige die es zu einer wissenschaftlichen, systematischen, allseitigen Entwicklung gebracht hat im Gegensatz zu den genialen naturphilosophischen Intuitionen der Alten und zu den höchst bedeutenden, aber sporadischen und größ-tentheils resultatlos dahingegangenen Entdeckungen der Araber — die moderne Naturforschung datirt, wie die ganze neuere Geschichte, von jener gewaltigen Epoche die wir Deutsche, nach dem uns damals zugestoßenen Nationalunglück, die Reformation, die Franzosen die Renaissance und die Italiäner das Cinquecento nennen, und die keiner dieser Namen erschöpfend ausdrückt. Es ist die Epoche die mit der letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts anhebt. Das Königthum, sich stützend auf die Städtebürger, brach die Macht des Feudaladels und begründete die großen, wesentlich auf Nationalität basirten Monar-chieen, in denen die modernen europäischen Nationen und die moderne bürgerliche Gesellschaft zur Entwicklung kamen; und während noch Bürger und Adel sich in den Haaren lagen, wies der deutsche Bauernkrieg prophetisch hin auf zukünftige Klassenkämpfe, indem er nicht nur die empörten Bauern auf die Bühne führte —das war nichts Neues mehr — sondern hinter ihnen die Anfänge des jetzigen Proletariats, die rothe Fahne in der Hand und die Forderung der Gütergemeinschaft auf den Lippen. In den aus dem Fall von Byzanz geretteten
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
Manuskripten, in den aus den Ruinen Roms ausgegrab-nen antiken Statuen ging dem erstaunten Westen eine neue Welt auf, das griechische Alterthum; vor seinen lichten Gestalten verschwanden die Gespenster des Mittelalters; Italien erhob sich zu einer ungeahnten Blüte der Kunst, die wie ein Widerschein des klassischen Alterthums erschien, und die nie wieder erreicht worden. In Italien, Frankreich, Deutschland entstand eine neue, die erste moderne, Literatur; England und Spanien erlebten bald darauf ihre klassische Literaturepoche. Die Schranken des alten Orbis terrarum wurden durchbrochen, die Erde wurde eigentlich jetzt erst entdeckt, und der Grund gelegt zum späteren Welthandel und zum Übergang des Handwerks in die Manufaktur, die wieder den Ausgangspunkt bildete für die moderne große Industrie. Die geistige Diktatur der Kirche wurde gebrochen, die germanischen Völker warfen sie der Mehrzahl nach direkt ab und nahmen den Protestantismus an, während bei den Romanen eine, von den Arabern übernommene und von der neuentdeckten griechischen Philosophie genährte, heitre Freigeisterei mehr und mehr Wurzel faßte und den Materialismus des 18. Jahrhunderts vorbereitete.
Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren Alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im Gegentheil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte. Leonardo ||[2]| da Vinci war nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Mathematiker, Mechaniker, und Ingenieur, dem die verschiedensten Zweige der Physik wichtige Entdeckungen verdanken; Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Architekt und erfand außerdem ein System der Fortifikation das schon manche der weit später durch Montalembert und
und den aus-gegrabnen antiken Statuen
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Literatur Italien Frankreich Deutschland Musik
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aus der grie- 20 chischen Philosophie
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Abenteuerlicher unbürgerlicher Charakter der Zeit, die	30
Bourg[eois]herr-schaft begründet, Reisen, Sprachkennt-
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die neuere deutsche Befestigung wieder aufgenommenen Ideen enthält. Macchiavelli war Staatsmann, Geschichtschreiber, Dichter, und zugleich der erste nennenswerthe Militärschriftsteller der neueren Zeit. Luther fegte nicht nur den Augiasstall der Kirche, sondern auch den der deutschen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals der die Marseillaise des 16ten Jahrhunderts wurde. Die Heroen jener Zeit waren eben noch nicht unter die Theilung der Arbeit geknechtet deren beschränkende, einseitig machende Wirkungen wir so oft an ihren Nachfolgern verspüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist daß sie fast Alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitkämpfen, der mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, Manche mit Bei-dem. Daher jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern macht. Stubengelehrte sind die Ausnahme, entweder Leute zweiten und dritten Rangs, oder vorsichtige Philister die sich die Finger nicht verbrennen wollen.
Auch die Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allgemeinen Revolution und war selbst durch und durch revolutionär; hatte sie sich doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in Hand mit den großen Italiänern von denen die neuere Philosophie datirt, lieferte sie ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse der Inquisition. Und bezeichnend ist daß Protestanten den Katholiken vorauseilten in der Verfolgung der freien Naturforschung. Calvin verbrannte Servet als dieser auf dem Sprunge stand den Lauf der Blutcirkulation zu entdecken; und zwar ließ er ihn zwei Stunden lebendig braten; die Inquisition begnügte sich wenigstens damit, Giordano Bruno einfach zu verbrennen.
Der revolutionäre Akt wodurch die Naturforschung ihre Unabhängigkeit erklärte, und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wiederholte, war die Herausgabe des unsterblichen Werks womit Kopernikus, schüchtern zwar und sozusagen erst auf dem Todten-bett, der kirchlichen Autorität in natürlichen Dingen den
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Fehdehandschuh hinwarf. Von da an datirt die Eman-cipation der Naturforschung von der Theologie; wenn auch die Auseinandersetzung der einzelnen gegenseitigen Ansprüche sich bis in unsre Tage hingeschleppt und sich in manchen Köpfen noch lange nicht vollzogen hat.	5
Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaften mit Riesenschritten vor sich und gewann an Kraft, man kann wohl sagen im quadratischen Verhältniß der (zeitlichen) Entfernung von ihrem Aus-
gangspunkt. Es war als sollte der Welt bewiesen werden,	10
daß von jetzt an für das höchste Produkt der organischen Materie, den menschlichen Geist, das umgekehrte Bewegungsgesetz gelte wie für den anorganischen Stoff. |
|[3]| Die Hauptarbeit, in der nun angebrochnen ersten	15
Periode der Naturwissenschaft, war die Bewältigung des nächstliegenden Stoffs. Auf den meisten Gebieten mußte ganz aus dem Rohen angefangen werden. Das Alterthum hatte den Euklid und das ptolemäische
Sonnensystem, die Araber die Decimalnotation, die	20
Anfänge der Algebra, die modernen Zahlen, und die Alchymie hinterlassen; das christliche Mittelalter, gar nichts. Nothwendig nahm in dieser Lage die elementarste Naturwissenschaft, die Mechanik der irdischen und himmlischen Körper, den ersten Rang ein, und neben	25
ihr, in ihrem Dienst, die Entdeckung und Vervollkommnung der mathematischen Methoden. Hier wurde Großes geleistet. Am Ende der Periode, das durch Newton und Linne bezeichnet wird, finden wir diese
Zweige der Wissenschaft zu einem gewissen Abschluß	30
gebracht. Die wesentlichsten mathematischen Methoden sind in den Grundzügen festgestellt; die analytische Geometrie vorzüglich durch Descartes, die Logarithmen durch Neper, die Differential- und Integral-
rechnung durch Leibnitz und vielleicht Newton. Das-	35
selbe gilt von der Mechanik fester Körper, deren Hauptgesetze ein für alle Mal klargestellt waren. Endlich in der Astronomie des Sonnensystems hatte Kepler die Gesetze der Planetenbewegung entdeckt und Newton
sie unter dem Gesichtspunkt allgemeiner Bewegungs-	40
gesetze der Materie gefaßt. Die andern Zweige der
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Naturwissenschaft waren weit entfernt selbst von diesem vorläufigen Abschluß. Die Mechanik der flüssigen und gasförmigen Körper wurde erst gegen Ende der Periode mehr bearbeitet; die eigentliche Physik war noch nicht über die ersten Anfänge hinaus wenn wir die Optik ausnehmen, deren ausnahmsweise Fortschritte durch das praktische Bedürfniß der Astronomie hervorgerufen wurden. Die Chemie emancipirte sich eben erst durch die phlogistische Theorie von der Alchymie. Die Geologie war noch nicht über die embryonische Stufe der Mineralogie hinaus; die Paläontologie konnte also noch gar nicht existiren. Endlich im Gebiet der Biologie war man noch wesentlich beschäftigt mit der Sammlung und ersten Sichtung des ungeheuren Stoffs, sowohl des botanischen und zoologischen, wie des anatomischen und eigentlich physiologischen. Von Vergleichung der Lebensformen unter einander, von Untersuchung ihrer geographischen Verbreitung, ihrer klimatologischen etc. Lebensbedingungen, konnte noch kaum die Rede sein. Hier erreichte nur Botanik und Zoologie einen annähernden Abschluß durch Linne.
Was diese Periode aber besonders charakterisirt, ist die Herausarbeitung einer eigenthümlichen Ge-sammtanschauung, deren Mittelpunkt die Ansicht von der absoluten Un veränderlichkeit der Natur bildet. Wie auch immer die Natur selbst zu Stande gekommen sein mochte: einmal vorhanden, blieb sie wie sie war, solange sie bestand. Die Planeten und ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem geheimnißvollen „ersten Anstoß“, kreisten fort und fort in ihren vorgeschriebnen Ellipsen, in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf ihren Plätzen, einander darin haltend durch die „allgemeine Gravitation“. Die Erde war von je her, oder auch von ihrem Schöpfungstage an (je nachdem) unverändert dieselbe geblieben. Die ||[4]| jetzigen „fünf Welttheile“ hatten immer bestanden, immer dieselben Berge, Thäler und Flüsse, dasselbe Klima, dieselbe Flora und Fauna gehabt, es sei denn daß durch Menschenhand Veränderung oder Verpflanzung stattgefunden. Die Arten der Pflanzen und Thiere waren bei ihrer
Torricelli bei Gelegenheit der Alpenstrom-regulirung
von Vergleichender Anatomie, klimat[ologi-scher] Verthei-lung, Thier- und Pflanzengeographie noch keine Rede
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Entstehung ein für allemal festgestellt, Gleiches zeugte fortwährend Gleiches, und es war schon viel wenn Linne zugab daß hier und dadurch Kreuzung möglicher Weise neue Arten entstehn könnten. Im Gegensatz zur Geschichte der Menschheit, die in der Zeit sich entwickelt, wurde der Naturgeschichte nur eine Entfaltung im Raum zugeschrieben. Alle Veränderung, alle Entwicklung in der Natur wurde verneint. Die Anfangs so revolutionäre Naturwissenschaft stand plötzlich vor einer durch und durch konservativen Natur, in der Alles noch heute so war wie es von Anfang an gewesen und in der — bis zum Ende der Welt oder in Ewigkeit — Alles so bleiben sollte wie es von Anfang an gewesen.
So hoch die Naturwissenschaft der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts über dem griechischen Alterthum stand an Kenntniß und selbst an Sichtung des Stoffs, so tief stand sie unter ihm in der ideellen Bewältigung desselben, in der allgemeinen Naturanschauung. Den griechischen Philosophen war die Welt wesentlich etwas aus dem Chaos Hervorgegangnes, etwas Entwickeltes, etwas Gewordenes. Den Naturforschern der Periode die wir behandeln, war sie etwas Verknöchertes, etwas Unwandelbares, den Meisten etwas mit Einem Schlage Gemachtes. Die Wissenschaft stak noch tief in der Theologie. Überall sucht sie und findet sie als Letztes einen Anstoß von Außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären. Wird auch die Anziehung, von Newton pompöser Weise allgemeine Gravitation getauft, als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefaßt, woher kommt die unerklärte Tangentialkraft, die erst die Planetenbahnen zu Stande bringt? Wie sind die zahllosen Arten der Pflanzen und Thiere entstanden? Und wie nun gar erst der Mensch, von dem doch feststand daß er nicht von Ewigkeit her dawar? Auf solche Fragen antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft indem sie den Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Kopernikus, im Anfang der Periode, schreibt der Theologie den Absagebrief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten Anstoßes. Der höchste allgemeine Gedanke zu dem diese Naturwissenschaft sich aufschwang, war der der
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Schwierigkeit mit dem Men- 30 sehen der doch nicht von Ewigkeit her existirt.
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Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen, die flache Wolfsche Teleologie wonach die Katzen geschaffen wurden um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers darzuthun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur höchsten Ehre daß sie sich durch den beschränkten Stand der gleichzeitigen Naturkenntnisse nicht beirren ließ, daß sie — von Spinoza bis zu den großen französischen Materialisten — darauf beharrte die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwissenschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ.
Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch mit zu dieser Periode, weil ihnen kein andres naturwissenschaftliches Material zu Gebote stand als das oben geschilderte. Kant’s epochemachende Schrift blieb ihnen ein Geheimniß, und Laplace kam lange nach ihnen. Vergessen wir nicht daß diese veraltete Naturanschauung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fortschritt der Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten ||5| Jahrhunderts beherrscht hat und noch jetzt, der Hauptsache nach, auf allen Schulen gelehrt wird.x)
Die erste Bresche in diese versteinerte Naturanschauung wurde geschossen nicht durch einen Naturforscher, sondern durch einen Philosophen. 1755 erschien Kant’s Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. Die Frage nach dem ersten Anstoß war beseitigt; die Erde und das ganze Sonnensystem erschienen als etwas im Verlauf der Zeit Gewordenes. Hätte die große Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik, hüte dich vor der Metaphysik! — sie hätten aus dieser einen genialen Entdeckung Kant’s Folgerungen ziehn müssen, die ihnen endlose Abwege, unermeßliche Mengen in falschen Richtungen vergeu
x) (Anmerkung) Wie unerschütterlich, noch 1861, ein Mann an diese Ansicht glauben kann, dessen wissenschaftliche Leistungen höchst bedeutendes Material zu ihrer Beseitigung geliefert haben, zeigen folgende klassischen Worte: „Alle ... in sich.“ (Mädler, Pop. Astr., Berlin 1861, 5.Aufl. p.316.)
endigt mit dem Postulat des göttlichen Anstoßes
Teleologie
Die Fertigkeit der alten Naturanschauung lieferte den Boden zur allgemeinen Zusammenfassung der ge-sammten Naturwissenschaft als ein Ganzes: die franz[ösische] Encycl[opädie], noch rein mechanisch nebeneinander, dann gleichzeitig S. Simon und die deutsche Naturphilosophie, vollendet durch Hegel.
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deter Zeit und Arbeit ersparte. Denn in Kant’s Entdeckung lag der Springpunkt alles ferneren Fortschritts. War die Erde etwas Gewordenes, so mußte ihr gegenwärtiger geologischer, geographischer, klimatischer Zustand, mußten ihre Pflanzen und Thiere ebenfalls etwas Gewordenes sein, mußten sie eine Geschichte haben, nicht nur im Raum nebeneinander, sondern auch in der Zeit nacheinander. Wäre sofort in dieser Richtung entschlossen fortuntersucht worden, die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter als sie ist. Aber was konnte von der Philosophie Gutes kommen? Kant’s Schrift blieb ohne unmittelbares Resultat, bis lange Jahre später Laplace und Herschel ihren Inhalt ausführten und näher begründeten, und damit die „Nebularhypothese“ allmählig zu Ehren brachten. Fernere Entdeckungen verschafften ihr endlich den Sieg; die wichtigsten darunter waren: die Eigenbewegung der Fixsterne, der Nachweis eines widerstehenden Mittels im Weltraum, der durch die Spektralanalyse geführte Beweis der chemischen Identität der Weltmaterie und des Bestehens solcher glühenden Nebelmassen wie Kant sie vorausgesetzt.
Es ist aber erlaubt zu zweifeln, ob der Mehrzahl der Naturforscher der Wider Spruch einer sich verändernden Erde, die unveränderliche Organismen tragen soll, sobald zum Bewußtsein gekommen wäre, hätte die auf dämmernde Anschauung daß die Natur nicht ist sondern wird und vergeht, nicht von andrer Seite Suk-kurs bekommen. Die Geologie entstand, und wies nicht nur nach einander gebildete und über einander gelagerte Erdschichten auf, sondern auch in diesen Schichten die erhaltenen Schalen und Skelette ausgestorbner Thiere, die Stämme, Blätter und Früchte nicht mehr vorkommender Pflanzen. Man mußte sich entschließen anzuerkennen daß nicht nur die Erde im Ganzen und Großen, daß auch ihre jetzige Oberfläche und die darauf lebenden Pflanzen und Thiere eine zeitliche Geschichte hatten. Die Anerkennung geschah Anfangs widerwillig genug. Cuvier’s Theorie von den Revolutionen der Erde war revolutionär in der Phrase und reaktionär in der Sache. An die Stelle der Einen göttlichen Schöpfung
Flutwellenrotationshemmung auch von Kant erst jetzt verstanden.	5
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Fixsternbewegung—	15
Spektral-Analyse Nebelflecke Widerstehendes Medium des Weltraums 20
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und vergeht
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setzte sie eine ganze Reihe wiederholter Schöpfungsakte, machte das Mirakel zu einem wesentlichen Hebel der Natur. Erst Lyell brachte Verstand in die Geologie, indem er die plötzlichen, durch die Launen des Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die allmähligen Wirkungen einer langsamen Umgestaltung der Erde.x)|
|[6]| Die Lyellsche Theorie war noch unverträglicher mit der Annahme beständiger organischer Arten als alle ihre Vorgängerinnen. Allmählige Umgestaltung der Erdoberfläche und aller Lebensbedingungen führte direkt auf allmählige Umgestaltung der Organismen und ihre Anpassung an die sich ändernde Umgebung, auf die Wandelbarkeit der Arten. Aber die Tradition ist eine Macht nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der Naturwissenschaft. Lyell selbst sah jahrelang den Widerspruch nicht, seine Schüler noch weniger. Es ist dies nur zu erklären durch die inzwischen in der Naturwissenschaft herrschend gewordene Thei-lung der Arbeit, die Jeden auf sein specielles Fach mehr oder weniger beschränkte und nur Wenige nicht des allgemeinen Überblicks beraubte.
Inzwischen hatte die Physik gewaltige Fortschritte gemacht, deren Resultate in dem, für diesen Zweig der Naturforschung epochemachenden Jahr 1842 von drei verschiedenen Männern fast gleichzeitig zusammen gefaßt wurden. Mayer in Heilbronn und Joule in Manchester wiesen den Umschlag von Wärme in mechanische Kraft und von mechanischer Kraft in Wärme nach. Die Feststellung des mechanischen Aequivalents der Wärme stellte dies Resultat außer Frage. Gleichzeitig bewies Grove — kein Naturforscher von Profession sondern ein englischer Advokat — durch einfache Verarbeitung der bereits erreichten, einzelnen physikalischen Resultate die Thatsache daß alle s.g. physikalischen Kräfte, mechanische Kraft, Wärme, Licht, x) Der Mangel der Lyellschen Anschauung—wenigstens in ihrer ersten Form — lag darin daß sie die auf der Erde wirkenden Kräfte als konstant auffaßte, konstant nach Qualität und Quantität. Die Abkühlung der Erde besteht nicht für ihn; die Erde entwickelt sich nicht in bestimmter Richtung, sie verändert sich bloß in zusammenhangsloser, zufälliger Weise.
zu erklären durch Theilung der Arbeit.
Helmholtz
gar kein Zusammenhang als Zufälligkeit
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Elektricität, Magnetismus, ja selbst die s. g. chemische Kraft unter bestimmten Bedingungen die eine in die andre um schlagen, ohne daß irgend welcher Kraftverlust stattfindet, und bewies so nachträglich auf physikalischem Wege den Satz des Descartes daß die Quantität der in der Welt vorhandenen Bewegung unveränderlich ist. Hiermit waren die besondren physikalischen Kräfte, sozusagen die unveränderlichen „Arten“ der Physik in verschieden differenzirte und nach bestimmten Gesetzen in einander übergehende Bewegungsformen der Materie aufgelöst. Die Zufälligkeit des Bestehens von so und so viel physikalischen Kräften war aus der Wissenschaft beseitigt, indem ihre Zusammenhänge und Übergänge nachgewiesen. Die Physik war, wie schon die Astronomie, bei einem Resultat angekommen das mit Nothwendigkeit auf den ewigen Kreislauf der sich bewegenden Materie als Letztes hinwies.
Die wunderbar rasche Entwicklung der Chemie seit Lavoisier und besonders seit Dalton griff die alten Vorstellungen von der Natur von einer andern Seite an. Durch Herstellung von bisher nur im lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege wies sie nach daß die Gesetze der Chemie für organische Körper dieselbe Gültigkeit haben wie für unorganische, und füllte sie einen großen Theil der, noch nach Kant, auf ewig unüberschreitbaren Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.
Endlich hatten auch auf dem Gebiet der biologischen Forschung namentlich die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts systematisch betriebnen wissenschaftlichen Reisen und Expeditionen, die ||[7]| genauere Durchforschung der europäischen Kolonieen in allen Welttheilen durch dort lebende Fachleute,ferner die Fortschritte der Paläontologie, der Anatomie und Physiologie überhaupt (besonders seit systematischer Anwendung des Mikroskops und Entdeckung der Zelle) soviel Material gesammelt daß die Anwendung der vergleichenden Methode möglich und zugleich nothwendig wurde. Einerseits wurden durch die vergleichende physische Geographie die Lebensbedingungen der verschiednen Floren und Faunen festgestellt, andrerseits die ver-
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die Kräfte finden ihre Einheit in der Bewegung der 10 Materie, die Zufälligkeit daß so und so viel Kräfte bestehn, abgeschafft, 15 Einheit in die physikalische Weltanschauung gebracht, und
Einklang mit 20 den allgemeinen Resultaten der Forschung: ewiger Kreislauf 25
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schiednen Organismen nach ihren homologen Organen unter einander verglichen, und zwar nicht nur im Zustand der Reife, sondern auf allen ihren Entwicklungsstufen. Je tiefer und genauer diese Untersuchung geführt wurde, desto mehr zerfloß ihr unter den Händen jenes starre System einer unveränderlich fixirten organischen Natur. Nicht nur daß immer mehr einzelne Arten von Pflanzen und Thieren rettungslos in einander verschwammen, es tauchten Thiere auf wie Amphioxus und Lepidosiren die aller bisherigen Klassification spotteten und endlich stieß man auf Organismen von denen nicht einmal zu sagen war ob sie zum Pflanzenreich oder zum Thierreich gehörten. Die Lücken im paläontologischen Archiv füllten sich mehr und mehr, und zwangen auch dem Widerstrebendsten den schlagenden Parallelismus auf, der zwischen der Entwicklungsgeschichte der organischen Welt im Ganzen und Großen und der des einzelnen Organismus besteht, den Ariadnefaden der aus dem Labyrinth führen sollte, worin Botanik und Zoologie sich tiefer und tiefer zu verirren schienen. Es war bezeichnend daß fast gleichzeitig mit Kant’s Angriff auf die Ewigkeit des Sonnensystems, C. F. Wolff 1759 den ersten Angriff auf die Beständigkeit der Arten erließ und die Abstammungslehre proklamirte. Aber was bei ihm nur noch geniale Anticipation, das nahm bei Oken, Lamarck, Bär feste Gestalt an und wurde genau 100 Jahre später, 1859, von Darwin sieghaft durchgeführt. Fast gleichzeitig wurde konstatirt daß Protoplasma und Zelle, die schon früher als letzte Formbestandtheile aller Organismen nachgewiesen, als niedrigste organische Formen selbstständiglebend vorkommen. Damit war sowohl die Kluft zwischen anorganischer und organischer Natur auf ein Minimum reduzirt, wie auch eine der wesentlichsten Schwierigkeiten beseitigt, die der Abstammungstheorie der Organismen bisher entgegenstand. Die neue Naturanschauung war in ihren Grundzügen fertig: alles Starre war aufgelöst, alles Fixirte verflüchtigt, alles für ewig gehaltene Besondere vergänglich geworden, die ganze Natur als in ewigem Fluß und Kreislauf sich bewegend nachgewiesen.
Ceratodus
dito Archaeop-teryx etc.
Protoplasma und Zelle. Das Problem der Entstehung des Organischen] XXX einfach XX
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Und so sind wir denn wieder zurückgekehrt zu der Anschauungsweise der großen Gründer der griechischen Philosophie, daß die gesammte Natur, vom Kleinsten bis zum Größten, von den Sandkörnern bis zu den Sonnen, von den Protisten bis zum Menschen, in ewigem Entstehen und Vergehen, in unaufhörlichem Fluß, in rastloser Bewegung und Veränderung ihr Dasein 5 hat. Nur mit dem wesentlichen Unterschied daß, was bei den Griechen geniale Intuition war, bei uns Resultat streng wissenschaftlicher erfahrungsmäßiger Forschung ist, und daher auch in viel bestimmterer und klarerer Form auftritt. Allerdings ist der empirische Nachweis ||[8]| dieses Kreislaufs nicht ganz und gar frei von Lücken, aber diese sind unbedeutend im Ver- 10 gleich zu dem was bereits sicher gestellt ist, und füllen sich mit jedem Jahr mehr und mehr aus. Und wie könnte der Nachweis im Detail anders als lückenhaft sein wenn man bedenkt daß die wesentlichsten Zweige der Wissenschaft — die transplanetarische Astronomie, die Chemie, die Geologie kaum ein Jahrhundert, die vergleichende Methode in der Physiologie kaum 15 fünfzig Jahre wissenschaftlicher Existenz zählen, daß die Grundform fast aller Lebensentwicklung, die Zelle, noch nicht vierzig Jahre entdeckt ist!
Aus wirbelnden, glühenden Dunstmassen, deren Bewegungsgesetze vielleicht erschlossen werden nachdem die Beobachtungen einiger Jahrhunderte 20 uns über die Eigenbewegung der Sterne Klarheit verschafft, entwickelten sich durch Zusammenziehung und Abkühlung die zahllosen Sonnen und Sonnensysteme unsrer, von den äußersten Sternringen der Milchstraße begränzten Weltinsel. Diese Entwicklung ging offenbar nicht überall gleich schnell vorsich. Die Existenz dunkler, nicht bloß planetarischer Körper, also 25 ausgeglühter Sonnen, in unserm Sternsystem drängt sich der Astronomie mehr und mehr auf (Mädler); andrerseits gehört (nach Secchi) ein Theil der dunstförmigen Nebelflecke als noch nicht fertige Sonnen zu unserm Sternsystem; wodurch nicht ausgeschlossen ist daß andre Nebel, wie Mädler behauptet, ferne selbstständige Weltinseln sind, deren relative Entwick- 30 lungsstufe das Spektroskop festzustellen hat.
Wie aus einer einzelnen Dunstmasse ein Sonnensystem sich entwickelt, hat Laplace im Detail, in bis jetzt unübertroffener Weise nachgewiesen; die spätere Wissenschaft hat ihn mehr und mehr bestätigt.
Auf den so gebildeten einzelnen Körpern — Sonnen wie Planeten und 35 Satelliten — herrscht Anfangs diejenige Bewegungsform der Materie vor die wir Wärme nennen. Von chemischen Verbindungen der Elemente kann selbst bei einer Temperatur wie sie heute noch die Sonne hat, keine Rede sein; in wie weit die Wärme sich dabei in Elektricität oder Magnetismus umsetzt, werden fortgesetzte Sonnenbeobachtungen zeigen; daß die auf der 40 Sonne vorgehenden mechanischen Bewegungen lediglich aus dem Konflikt
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der Wärme mit der Schwere hervorgehn, ist schon jetzt so gut wie ausgemacht.
Die einzelnen Körper kühlen sich um so rascher ab, je kleiner sie sind. Satelliten, Asteroiden, Meteore zuerst, wie denn ja unser Mond längst verstorben ist. Langsamer die Planeten, am langsamsten der Centralkörper.
Mit der fortschreitenden Abkühlung tritt das Wechselspiel der in einander umschlagenden physikalischen Bewegungsformen mehr und mehr in den Vordergrund, bis endlich ein Punkt erreicht wird von wo an die chemische Verwandtschaft anfängt sich geltend zu machen, wo die bisher chemisch indifferenten Elemente sich nach einander chemisch differenziren, chemische Eigenschaften erlangen, Verbindungen mit einander eingehn. Diese Verbindungen wechseln fortwährend mit der abnehmenden Temperatur, die nicht nur jedes Element, sondern auch jede einzelne Verbindung von Elementen verschieden beeinflußt, mit dem davon abhängenden Übergang ||9| eines Theils der gasförmigen Materie zuerst in den flüssigen dann in den festen Zustand, und mit den dadurch geschaffenen neuen Bedingungen.
Die Zeit wo der Planet eine feste Rinde und Wasseransammlungen auf ihrer Oberfläche hat, fällt zusammen mit der, von wo an seine Eigenwärme mehr und mehr zurück tritt gegen die ihm zugesandte Wärme des Centralkörpers. Seine Atmosphäre wird der Schauplatz meteorologischer Erscheinungen in dem Sinne wie wir das Wort jetzt verstehn, seine Oberfläche der Schauplatz geologischer Veränderungen, bei denen die durch atmosphärische Nieder Schläge herbeigeführten Ablagerungen immer mehr Übergewicht erlangen über die sich langsam abschwächenden Wirkungen nach Außen des heißflüssigen Innern.
Gleicht sich endlich die Temperatur soweit aus, daß sie wenigstens an einer beträchtlichen Stelle der Oberfläche die Gränzen nicht mehr überschreitet in denen das Eiweiß lebensfähig ist, so bildet sich, unter sonst günstigen chemischen Vorbedingungen, lebendiges Protoplasma. Welches diese Vorbedingungen sind, wissen wir heute noch nicht, was nicht zu verwundern; da nicht einmal die chemische Formel des Eiweißes bis jetzt feststeht, wir noch nicht einmal wissen wie viel chemisch verschiedene Eiweißkörper es gibt, und da erst seit ungefähr zehn Jahren die Thatsache bekannt ist daß vollkommen strukturloses Eiweiß alle wesentlichen Funktionendes Lebens, Verdauung, Ausscheidung, Bewegung, Contraktion, Reaktion gegen Reize, Fortpflanzung, vollzieht.
Es mag Jahrtausende gedauert haben, bis die Bedingungen eintraten unter denen der nächste Fortschritt geschehn, und dies formlose Eiweiß, durch Bildung von Kern und Haut die erste Zelle herstellen konnte. Aber mit dieser ersten Zelle war auch die Grundlage der Formbildung der ganzen orga-
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nischen Welt gegeben; zuerst entwickelten sich, wie wir nach der ganzen Analogie des paläontologischen Archivs annehmen dürfen, zahllose Arten zellenloser und zelliger Protisten, wovon das einzige Eozoon Canadense uns überliefert, und wovon Einige allmählig zu den ersten Pflanzen, Andre zu den ersten Thieren sich differenzirten. Und von den ersten Thieren aus 5 entwickelten sich, wesentlich durch weitere Differenzirung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten der Thiere, zuletzt die Form in der das Nervensystem zu seiner vollsten Entwicklung kommt, die der Wirbelthiere, und wieder zuletzt unter diesen das Wirbelthier, in dem die Natur das Bewußtsein ihrer selbst erlangt — der Mensch.	w
Auch der Mensch entsteht durch Differenzirung. Nicht nur individuell, aus einer einzigen Eizelle bis zum komplicirtesten Organismus differenzirt den die Natur hervorbringt — nein, auch historisch. Als nach jahrtausendlangem Ringen die Differenzirung der Hand vom Fuß, der aufrechte Gang, endlich festgestellt, da war der Mensch vom Affen geschieden, da war der Grund 15 gelegt zur Entwicklung der artikulirten Sprache und zu ||[10]| der gewaltigen Ausbildung des Gehirns, die seitdem die Kluft zwischen Menschen und Affen unübersteiglich gemacht hat. Die Specialisirung der Hand — das bedeutet das Werkzeug, und das Werkzeug bedeutet die specifisch menschliche Thätigkeit, die umgestaltende Rückwirkung des Menschen auf die 20 Natur, die Produktion. Auch Thiere im engern Sinn haben Werkzeuge, aber nur als Glieder ihres Leibes — die Ameise, die Biene, der Biber; — auchThiere produziren, aber ihre produktive Einwirkung auf die umgebende Natur ist dieser gegenüber gleich Null. Nur der Mensch hat es fertig gebracht der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Thiere 25 versetzte sondern auch den Aspekt, das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Thiere selbst so veränderte, daß die Folgen seiner Thätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können. Und das hat er fertig gebracht zunächst und wesentlich vermittelst der Hand. Selbst die Dampfmaschine, bis jetzt sein mächtigstes Werkzeug zur Um- 30 gestaltung der Natur, beruht, weil Werkzeug, in letzter Instanz auf der Hand. Aber mit der Hand entwickelte sich Schritt für Schritt der Kopf, kam das Bewußtsein zuerst der Bedingungen einzelner praktischer Nutzeffekte, und später, bei den begünstigteren Völkern, daraus hervorgehend, die Einsicht in die sie bedingenden Naturgesetze. Und mit der rasch wachsenden Kennt- 35 niß der Naturgesetze wuchsen die Mittel der Rückwirkung auf die Natur; die Hand allein hätte die Dampfmaschine nie fertig gebracht, hätte das Gehirn des Menschen sich nicht mit und neben ihr und theilweise durch sie correlativ entwickelt.
Mit dem Menschen treten wir ein in die Geschichte. Auch die Thiere haben 40 eine Geschichte, die ihrer Abstammung und allmähligen Entwicklung bis auf
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ihren heutigen Stand. Aber diese Geschichte wird für sie gemacht, und soweit sie selbst daran Theil nehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen dagegen, jemehr sie sich vom Thier im engeren Sinn entfernen, desto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrollirter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der geschichtliche Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir daß hier noch immer ein kolossales Mißverhältniß besteht zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, daß die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollirten Kräfte weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Thätigkeit der Menschen, diejenige die sie aus der Thierheit zur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage aller ihrer übrigen Thätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Lebensbedürfnisse, das heißt heutzutage die gesellschaftliche Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollirten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegentheil realisirt. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt; wir haben damit die Produktion ins Unendliche vervielfacht, sodaß ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene. Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend der Massen und alle zehn Jahre ||[11]| ein großer Krach. Darwin wußte nicht welche bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb als er nachwies daß die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Oekonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Thierreichs ist. Erst eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produzirt und vertheilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Beziehung aus der übrigen Thierwelt herausheben wie dies die Produktion überhaupt für die Menschen in specifischer Beziehung gethan hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation täglich unumgänglicher aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datiren in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Thätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden der alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.
Indeß, Alles was entsteht ist werth daß es zu Grunde geht. Millionen Jahre mögen darüber vergehn, Hunderttausende von Geschlechtern geboren werden und sterben; aber unerbittlich rückt die Zeit heran wo die sich erschöpfende Sonnenwärme nicht mehr ausreicht das von den Polen her
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andrängende Eis zu schmelzen, wo die sich mehr und mehr um den Aequator zusammendrängenden Menschen endlich auch dort nicht mehr Wärme genug zum Leben finden, wo nach und nach auch die letzte Spur organischen Lebens verschwindet und die Erde, ein erstorbner, erfrorner Ball wie der Mond, in tiefer Finsterniß und in immer engeren Bahnen um die ebenfalls 5 erstorbne Sonne kreist und endlich hineinfällt. Andre Planeten werden ihr vorangegangen sein, andre folgen ihr; anstatt des harmonisch gegliederten, hellen, warmen Sonnensystems verfolgt nur noch eine kalte todte Kugel ihren einsamen Weg durch den Weltraum. Und so wie unsrem Sonnensystem, ergeht es früher oder später allen andern Systemen unsrer Weltinsel, 10 ergeht es denen aller übrigen zahllosen Weltinseln, selbst denen deren Licht nie die Erde erreicht solange ein Menschliches Aug auf ihr lebt es zu empfangen.
Und wenn nun ein solches Sonnensystem seinen Lebenslauf vollbracht und dem Schicksal alles Endlichen, dem Tode verfallen ist, wie dann? Wird 15 die Sonnenleiche in Ewigkeit als Leiche durch den unendlichen Raum fortrollen und alle die ehemals unendlich mannichfaltig differenzirten Naturkräfte für immer in die eine Bewegungsform der Attraktion aufgehn? „Oder“, wie Secchi fragt, (p. 810) „sind Kräfte in der Natur vorhanden welche das todte System in den anfänglichen Zustand des glühenden Nebels 20 zurückversetzen und es zu neuem Leben wieder aufwecken können? Wir wissen es nicht.“
Allerdings wissen wir das nicht in dem Sinn wie wir wissen daß 2x2 = 4 ||[12]| ist oder daß die Attraktion der Materie zu- und abnimmt nach dem Quadrat der Entfernung. Aber in der theoretischen Naturwissenschaft, 25 die ihre Naturanschauung möglichst zu einem harmonischen Ganzen verarbeitet, und ohne die heutzutage selbst der gedankenloseste Empiriker nicht vom Fleck kommt, haben wir sehr oft mit unvollkommen bekannten Größen zu rechnen, und hat die Konsequenz des Gedankens zu allen Zeiten der mangelhaften Kenntniß forthelfen müssen. Nun hat die moderne Natur- 30 Wissenschaft den Satz von der Unzerstörbarkeit der Bewegung von der Philosophie adoptiren müssen; ohne ihn kann sie nicht mehr bestehn. Die Bewegung der Materie aber, das ist nicht bloß die grobe mechanische Bewegung, die bloße Ortsveränderung, das ist Wärme und Licht, elektrische und magnetische Spannung, chemisches Zusammengehn und Auseinan- 35 dergehn, Leben und schließlich Bewußtsein. Sagen, daß die Materie während ihrer ganzen zeitlos unbegränzten Existenz nur ein einziges Mal, und für eine, ihrer Ewigkeit gegenüber verschwindend kurze Zeit, in der Möglichkeit sich befindet ihre Bewegung zu differenziren und dadurch deren ganzen Reich-thum zu entfalten, und daß sie vor und nachher in Ewigkeit auf bloße Orts- 40 Veränderung beschränkt bleibt — das heißt behaupten daß die Materie
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sterblich und die Bewegung vergänglich ist. Die Unzerstörbarkeit der Bewegung kann nicht bloß quantitativ, sie muß auch qualitativ gefaßt werden; eine Materie, deren rein mechanische Ortsveränderung zwar die Möglichkeit in sich trägt, unter günstigen Bedingungen in Wärme, Elektricität, chemische Aktion, Leben umzuschlagen, die aber außer Stande ist diese Bedingungen aus sich selbst zu erzeugen, eine solche Materie hat Bewegung eingebüßt; eine Bewegung die die Fähigkeit verloren hat, sich in die ihr zukommenden verschiednen Formen umzusetzen, hat zwar noch Dynamis, aber keine Energeia mehr, und ist damit theilweise zerstört worden. Beides aber ist undenkbar.
Soviel ist sicher: es gab eine Zeit wo die Materie unsrer Weltinsel eine solche Menge Bewegung—welcher Art, wissen wir bis jetzt nicht—in Wärme umgesetzt hatte daß daraus die zu (nach Mädler) mindestens 20 Millionen Sternen gehörigen Sonnensysteme sich entwickeln konnten, deren all-mähliges Absterben ebenfalls gewiß ist. Wie ging dieser Umsatz vor sich? Wir wissen es ebenso wenig wie Pater Secchi weiß ob das künftige caput mortuum unsres Sonnensystems je wieder in Rohstoff zu neuen Sonnensystemen verwandelt wird. Aber entweder müssen wir hier auf den Schöpfer rekurriren, oder wir sind zu der Schlußfolgerung gezwungen daß der glühende Rohstoff zu den Sonnensystemen unsrer Weltinsel auf natürlichem Wege erzeugt wurde, durch Bewegungsverwandlungen die der sich bewegenden Materie von Natur zustehn und deren Bedingungen also auch von der Materie wenn auch erst nach Millionen und aber Millionen Jahren, mehr oder weniger zufällig, aber mit der auch dem Zufall inhärenten Nothwendig-keit, sich reproduziren müssen.
Die Möglichkeit einer solchen Umwandlung wird mehr und mehr zugegeben. Man kommt zu der Ansicht daß die Weltkörper die schließliche Bestimmung haben in einander zu fallen, und man berechnet sogar die Wärmemenge die sich bei solchen Zusammenstößen entwickeln muß. Das plötzliche Aufblitzen ||[13]| neuer Sterne, das ebenso plötzliche hellere Aufleuchten altbekannter, von dem die Astronomie uns berichtet, erklärt sich am leichtesten aus solchen Zusammenstößen. Dabei bewegt sich nicht nur unsre Planetengruppe um die Sonne, und unsre Sonne innerhalb unsrer Weltinsel, sondern auch unsre ganze Weltinsel bewegt sich fort im Weltraum in temporärem, relativem Gleichgewicht mit den übrigen Weltinseln; denn selbst relatives Gleichgewicht freischwebender Körper kann nur bestehn bei gegenseitig bedingter Bewegung; und Manche nehmen an daß die Temperatur im Weltraum nicht überall dieselbe ist. Endlich: wir wissen daß mit Ausnahme eines verschwindend kleinen Theils die Wärme der zahllosen Sonnen unsrer Weltinsel im Raum verschwindet und sich vergeblich abmüht die Temperatur des Weltraums auch nur um ein Milliontel Grad Celsius zu
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erhöhen. Was wird aus all dieser enormen Wärmequantität? Ist sie für alle Zeiten auf gegangen in dem Versuch den Weltraum zu heizen, hat sie praktisch aufgehört zu existiren, und besteht sie nur noch theoretisch weiter in der Thatsache daß der Weltraum wärmer geworden ist um einen Grad-decimalbruchtheil der mit zehn oder mehr Nullen anfängt? Diese Annahme 5 läugnet die Unzerstörbarkeit der Bewegung; sie läßt die Möglichkeit zu, daß durch successives Ineinanderfallen der Weltkörper alle vorhandene mechanische Bewegung in Wärme verwandelt, und diese in den Weltraum ausgestrahlt werde, womit trotz aller „Unzerstörbarkeit der Kraft“ alle Bewegung überhaupt auf gehört hätte. (Es zeigt sich hier beiläufig wie schief 10 die Bezeichnung: Unzerstörbarkeit der Kraft, statt Unzerstörbarkeit der Bewegung ist.) Wir kommen also zu dem Schluß, daß auf einem Wege, den es später einmal die Aufgabe der Naturforschung sein wird aufzuzeigen, die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme die Möglichkeit haben muß in eine andre Bewegungsform sich umzusetzen, in der sie wieder zur Sammlung 15 und Bethätigung kommen kann. Und damit fällt die Hauptschwierigkeit die der Rückverwandlung abgelebter Sonnen in glühenden Dunst entgegenstand.
Übrigens ist die sich ewig wiederholende Aufeinanderfolge der Welten in der endlosen Zeit nur die logische Ergänzung des Nebeneinander-Bestehens 20 zahlloser Welten im endlosen Raum — ein Satz dessen Nothwendigkeit sich sogar dem antitheoretischen Yankee-Gehirn Drapers auf zwingt.x)
Es ist ein ewiger Kreislauf in dem die Materie sich bewegt, ein Kreislauf der seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet für die unser Erdenjahr kein ausreichender Maßstab mehr ist, ein Kreislauf, in dem die Zeit der 25 höchsten Entwicklung, die Zeit des organischen Lebens und noch mehr die des Lebens selbst- und naturbewußter Wesen ebenso knapp bemessen ist wie der Raum in dem Leben und Selbstbewußtsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in dem jede endliche ||[14]| Daseinsweise der Materie, sei sie Sonne oder Dunstnebel, einzelnes Thier oder Thiergattung, chemische 30 Verbindung oder Trennung, gleicherweise vergänglich, und worin nichts ewig ist als die ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie und die Gesetze nach denen sie sich bewegt und verändert. Aber wie oft und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreislauf sich vollzieht, wie viel Millionen Sonnen und Erden auch entstehn und vergehn mögen; wie lange 35 es auch dauern mag bis in einem Sonnensystem nur auf Einem Planeten die Bedingungen des organischen Lebens sich herstellen; wie zahllose organische Wesen auch vorhergehn und vorher untergehn müssen ehe aus ihrer Mitte sich Thiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze
x) The multiplicity of worlds in infinite space leads to the conception of a succession of worlds 40 in infinite time. Draper Hist. Int. Devel. II p.
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Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden um dann auch ohne Gnade ausgerottet zu werden — wir haben die Gewißheit daß die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, daß keins ihrer Attribute je verloren gehn kann, und daß sie daher auch mit derselben eisernen Nothwendigkeit, 5 womit sie auf der Erde ihre höchste Blüthe, den denkenden Geist wieder ausrotten wird, ihn anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muß. |
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[Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen]
|1| Die Knechtung des Arbeiters.
Von Friedrich Engels.
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Die Arbeit ist die Quelle alles Reichthums, sagen die politischen Oekonomen. Sie ist dies — neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichthum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: sie hat den Menschen selbst 10 geschaffen.
Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, die die Geologen die tertiäre nennen, vermuthlich gegen deren Ende, lebte irgendwo in der heißen Erdzone — wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf den Grund des indischen 15 Oceans versunkenen Festlande — ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung. Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unsrer Vorfahren gegeben. Sie waren über und über behaart, hatten Bärte und spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen.
Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den 20 Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt gethan für den Übergang vom Affen zum Menschen.
Alle noch jetzt lebenden menschenähnlichen Affen können aufrecht stehn 25
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und sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur zur Noth und höchst unbehülflich. Ihr natürlicher Gang geschieht in halbaufgerichteter Stellung und schließt den Gebrauch der Hände ein. Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Boden und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den langen Armen durch, wie ein Lahmer der auf Krük-ken geht. Überhaupt können wir bei den Affen alle Übergangs stufen vom Gehn auf allen Vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr als ein Nothbehelf geworden.
Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Nothwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Thätigkeiten zufielen. Auch bei den Affen herrscht schon eine gewisse Theilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie schon erwähnt, beim Klettern in andrer Weise gebraucht als der Fuß. Sie dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der ||2| Nahrung, wie dies schon bei niederen Säugethieren mit den Vorderpfoten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäumen oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum Schutz gegen die Witterung. Mit ihr ergreifen sie Knüttel zur Vertheidigung gegen Feinde oder bombardiren diese mit Früchten und Steinen. Mit ihr vollziehen sie in der Gefangenschaft eine Anzahl einfacher, den Menschen abgesehener Verrichtungen. Aber grade hier zeigt sich wie groß der Abstand ist zwischen der unentwickelten Hand selbst der menschenähnlichsten Affen und der durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Menschenhand. Die Zahl und allgemeine Anordnung der Knochen und Muskel stimmen bei Beiden; aber die Hand des niedrigsten Wilden kann Hunderte von Verrichtungen ausführen die keine Affenhand ihr nachmacht. Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser verfertigt.
Die Verrichtungen, denen unsre Vorfahren im Übergang vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählig ihre Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen sein. Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein Rückfall in einen mehr thierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehn immer noch weit höher als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war gethan: die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.
So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch
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Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets ver-wickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Rafaelsche Gemälde, Thorwaldsen- 5 sehe Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.
Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied eines ganzen, höchst zusammengesetzten Organismus. Und was der Hand zu Gute kam, kam auch dem ganzen Körper zu Gute, in dessen Dienst sie arbeitete — und zwar in doppelter Weise.	10
Zuerst in Folge des Gesetzes der Correlation des Wachsthums, ||3| wie Darwin es genannt hat. Nach diesem Gesetz sind bestimmte Formen einzelner Theile eines organischen Wesens stets an gewisse Formen anderer Theile geknüpft, die scheinbar gar keinen Zusammenhang mit jenen haben. So haben alle Thiere welche rothe Blutzellen ohne Zellenkern besitzen und 15 deren Hinterkopf mit dem ersten Rückgratswirbel durch zwei Gelenkstellen (Condylen) verbunden ist, ohne Ausnahme auch Milchdrüsen zum Säugen der Jungen. So sind bei Säugethieren gespaltene Klauen regelmäßig mit dem mehrfachen Magen zum Wiederkäuen verbunden. Änderungen bestimmter Formen ziehn Änderungen der Form andrer Körpertheile nach sich, ohne 20 daß wir den Zusammenhang erklären können. Ganz weiße Katzen mit blauen Augen sind immer, oder beinahe immer, taub. Die allmählige Verfeinerung der Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Ausbildung des Fußes für den aufrechten Gang, hat unzweifelhaft auch durch solche Correlation auf andre Theile des Organismus rückgewirkt. Doch ist diese Einwirkung 25 noch viel zu wenig untersucht als daß wir hier mehr thun könnten als sie allgemein konstatiren.
Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwicklung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Men- 30 sehen, das geselligste aller Thiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die 35 Ausbildung der Arbeit nothwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher an einander zu schließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden Einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. 40 Das Bedürfniß schuf sich sein Organ: der unentwickelte Kehlkopf des Affen
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bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählig einen artikulirten Buchstaben nach dem andern aussprechen.
Daß diese Erklärung der Entstehung der Sprache aus und mit der Arbeit die einzig richtige ist, beweist der Vergleich mit den Thieren. Das Wenige was diese, selbst die höchstentwickelten, einander mitzutheilen haben, können sie einander auch ohne artikulirte Sprache mittheilen. Im Naturzustand fühlt kein Thier es als einen Mangel, nicht ||4| sprechen oder menschliche Sprache nicht verstehn zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist. Der Hund und das Pferd haben im Umgang mit Menschen ein so gutes Ohr für artikulirte Sprache erhalten, daß sie jede Sprache leicht soweit verstehn lernen wie ihr Vorstellungskreis reicht. Sie haben sich ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhänglichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher fremd waren; und wer viel mit solchen Thieren umgegangen ist, wird sich kaum der Überzeugung verschließen können, daß es Fälle genug gibt, wo sie jetzt die Unfähigkeit zu sprechen als einen Mangel empfinden, dem allerdings bei ihren allzusehr in bestimmter Richtung specialisirten Stimmorganen leider nicht mehr abzuhelfen ist. Wo aber das Organ vorhanden ist, da fällt auch diese Unfähigkeit innerhalb gewisser Gränzen weg. Die Mundorgane der Vögel sind sicher so verschieden wie nur möglich von denen des Menschen, und doch sind Vögel die einzigen Thiere die sprechen lernen; und der Vogel mit der abscheulichsten Stimme, der Papagei, spricht am besten. Man sage nicht, er verstehe nicht, was er spricht. Allerdings wird er aus reinem Vergnügen am Sprechen und an der Gesellschaft von Menschen stundenlang seinen ganzen Wortreichthum plappernd wiederholen. Aber soweit sein Vorstellungskreis reicht, soweit kann er auch verstehen lernen was er sagt. Man lehre einem Papagei Schimpfwörter, so daß er eine Vorstellung von ihrer Bedeutung bekommt (ein Hauptvergnügen aus heißen Ländern zurück segelnder Matrosen); man reize ihn, und man wird bald finden, daß er seine Schimpfwörter ebenso richtig zu verwerthen weiß, wie eine Berliner Gemüsehökerin. Ebenso beim Betteln um Leckereien.
Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache — das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählig übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmähligen Ausbildung nothwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung des Gehirns überhaupt von der der sämmtlichen Sinne. Der Adler sieht viel weiter als der Mensch, aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den
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Dingen als das des Adlers. Der Hund hat eine weit feinere Spürnase als der Mensch, aber er unterscheidet nicht den hundertsten Theil der Gerüche, die für diesen bestimmte Merkmale verschiedner Dinge sind. Und der Tastsinn, der beim Affen kaum in seinen rohsten Anfängen existirt, ist erst mit der Menschenhand selbst, durch die Arbeit, herausgebildet worden. — Die 5 Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab Beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem 10 bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im Ganzen und Großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des ||5| fertigen Menschen neu hin- 15 zutretendes Element — die Gesellschaft.
Hunderttausende von Jahren — in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben*0 — sind sicher vergangen ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den be- 20 zeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. Das Affenrudel begnügte sich damit, seinen Futterbezirk abzuweiden, der ihm durch die geographische Lage oder durch den Widerstand benachbarter Rudel zugetheilt war; es unternahm Wanderungen und Kämpfe, um neues Futtergebiet zu gewinnen, aber es war unfähig, aus dem 25 Futterbezirk mehr herauszuschlagen als er von Natur bot, außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle möglichen Futterbezirke besetzt waren, konnte keine Vermehrung der Affenbevölkerung mehr stattfinden; die Zahl der Thiere konnte sich höchstens gleichbleiben. Aber bei allen Thieren findet NahrungsVerschwendung in hohem Grade statt, und 30 daneben Ertödtung des Nahrungs-Nachwuchses im Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeis, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll; die Ziegen in Griechenland, die das junge Gestrüpp abweiden eh’ es heranwächst, haben alle Berge des Landes kahl gefressen. Dieser „Raubbau“ der Thiere spielt bei der allmähligen Umwandlung der Arten eine 35 wichtige Rolle, indem er sie zwingt, andrer als der gewohnten Nahrung sich anzubequemen, wodurch ihr Blut andre chemische Zusammensetzung bekommt, und die ganze Körperkonstitution allmählig eine andre wird, wäh-
x) (Anmerkung) Eine Autorität ersten Rangs in dieser Beziehung, Sir W. Thomson, hat berechnet daß nicht viel mehr als hundert Millionen Jahre verflossen sein können seit der Zeit, wo die 40 Erde soweit abgekühlt war, daß Pflanzen und Thiere auf ihr leben konnten.
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rend die einmal fixirten Arten absterben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Raubbau mächtig zur Menschwerdung unsrer Vorfahren beigetragen hat. Bei einer Affenrace, die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus war, mußte er dahin führen, daß die Zahl der Nahrungspflanzen sich mehr und mehr ausdehnte, daß von den Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Theile zur Verzehrung kamen, kurz daß die Nahrung immer mannichfacher wurde und mit ihr die in den Körper eingehenden Stoffe, die chemischen Bedingungen der Menschwerdung. Das alles war aber noch keine eigentliche Arbeit. Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. ||6| Und was sind die ältesten Werkzeuge die wir vorfinden? Die ältesten nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der rohesten jetzigen Wilden zu urtheilen? Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber setzen den Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des Fleisches voraus, und hier haben wir wieder einen wesentlichen Schritt zur Menschwerdung. Die Fleischkostenthielt in fast fertigem Zustand die wesentlichsten Stoffe, deren der Körper zu seinem Stoffwechsel bedarf ; sie kürzte mit der Verdauung die Zeitdauer der übrigen vegetativen, dem Pflanzenleben entsprechenden Vorgänge im Körper ab und gewann damit mehr Zeit, mehr Stoff und mehr Lust für die Bethätigung des eigentlich thierischen (animalischen) Lebens. Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Thier. Wie die Gewöhnung an Pflanzennahrung neben dem Fleisch die wilden Katzen und Hunde zu Dienern des Menschen gemacht, so hat die Angewöhnung an die Fleischnahrung neben der Pflanzenkost wesentlich dazu beigetragen, dem werdenden Menschen Körperkraft und Selbstständigkeit zu geben. Am wesentlichsten aber war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu seiner Ernährung und Entwicklung nöthigen Stoffe weit reichlicher zuflos-sen als vorher, und das sich daher von Geschlecht zu Geschlecht rascher und vollkommener ausbilden konnte. Mit Verlaub der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zu Stande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns bekannten Völkern zu irgend einer Zeit einmal zur Menschenfresserei geführt hat (die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert), so kann uns das heute nichts mehr ausmachen. —
Die Fleischkost führte zu zwei neuen Fortschritten von entscheidender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung von Thie-ren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab, indem sie die Kost schon sozusagen halbverdaut an den Mund brachte; die zweite machte die Fleischkost reichlicher indem sie neben der Jagd eine neue, regelmäßigere
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Bezugsquelle dafür eröffnete, und lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein neues, dem Fleisch an Stoffmischung mindestens gleich-werthiges Nahrungsmittel. So wurden Beide schon direkt neue Emancipa-tionsmittel für den Menschen; auf ihre indirekten Wirkungen im Einzelnen einzugehn, würde uns hier zu weit führen, von so hoher Wichtigkeit sie auch 5 für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gewesen sind.
Wie der Mensch alles Eßbare essen lernte, so lernte er auch in jedem Klima leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare Erde, er, das einzige Thier, das in sich selbst die Machtvollkommenheit dazu besaß. Die andren Thiere, die sich an alle Klimate gewöhnt haben, haben dies nicht aus sich 10 selbst, nur im Gefolge des Menschen, gelernt: Hausthiere und Ungeziefer. Und der Übergang aus dem gleichmäßig heißen Klima der Urheimath in kältere Gegenden, wo das Jahr sich in Winter und Sommer theilte, schuf neue Bedürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe, neue Arbeitsgebiete und damit neue Bethätigungen, die den Menschen immer 15 weiter vom Thier entfernten. |
|7| Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen Sinnesund Gehirn nicht allein bei jedem Einzelnen, sondern auch in Organe der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer ver-wickeltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele	20
sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommnere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und W eben, V erarbeitung der Metalle, T öpf erei, Schifffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und	25
Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten.
Recht und Politik entwickelten sich, und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten, und die die	30
menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar umsomehr als der die Arbeit planende
Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z. B. schon in der einfachen Familie) die geplante	35
Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Thätigkeit des Gehirns wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden Civilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten sich
daran, ihr Thun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren	40
Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopfe sich wiederspie-
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geln, zum Bewußtsein kommen) — und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe beherrscht hat. Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischen Naturforscher der darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können weil sie unter jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat.
Die Thiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Thätigkeit die äußere Natur ebensogut wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs Andre und umgekehrt, und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und Wechselwirkung, das unsre Naturforscher verhindert in den einfachsten Dingen klar zu sehn. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten Anseglern ans Land gesetzten Ziegen und Schweine es fertig gebracht die alte Vegetation der Insel fast ganz auszurotten und so den Boden bereitet, auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen sich ausbreiten konnten. Aber wenn die Thiere eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies unabsichtlich, ||7a| und ist, für diese Thiere selbst, etwas Zufälliges. Je mehr die Menschen sich aber vom Thier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an. Das Thier vernichtet die Vegetation eines Landstrichs ohne zu wissen was es thut. Der Mensch vernichtet sie, um in den f reigewordnen Boden Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er versetzt Nutzpflanzen und Hausthiere von einem Land ins andre, und ändert so die Vegetation und das Thierleben ganzer Welttheile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie Thiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert, daß sie nicht wieder zu erkennen sind. Die wilden Pflanzen, von denen unsre Getreidearten abstammen, werden noch vergebens gesucht. Von welchem wilden Thier unsre Hunde, die selbst unter sich so verschieden sind, oder unsre eben so zahlreichen Pferderacen abstammen, ist noch immer streitig.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Thieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegentheil. Planmäßige Handlungsweise existirt im Keim schon überall, wo Protoplasma, lebendiges Eiweiß existirt und reagirt, d. h. bestimmte, wenn
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auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter Reize von Außen vollzieht. Solche Reaktion findet Statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Thieren entwickelt sich die Fähigkeit 5 bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältniß zur Entwicklung des Nervensystems, und erreicht bei den Säugethieren eine schon hohe Stufe. Auf der englischen Fuchsparforcejagd kann man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine große Ortskenntniß zu verwenden weiß um seinen Verfolgern zu entgehn, und wie gut er alle Bodenvortheile kennt und benutzt die die 10 Fährte unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher entwik-kelten Hausthieren kann man tagtäglich Streiche der Schlauheit beobachten die mit denen menschlicher Kinder ganz auf derselben Stufe stehn. Denn wie die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Keims im Mutterleibe nur eine abgekürzte Wiederholung der millionenjährigen körperlichen 15 Entwicklungsgeschichte unsrer thierischen Vorfahren, vom Wurm angefangen, darstellt, so die geistige Entwicklung des menschlichen Kindes eine, nur noch mehr abgekürzte, Wiederholung der intellektuellen Entwicklung derselben Vorfahren, wenigstens der späteren. Aber alle planmäßige Aktion aller Thiere hat es nicht fertig gebracht, der Erde den Stempel ihres 20 Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch. |
|81 Kurz, das Thier benutzt die äußere Natur bloß, und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zu Stande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken Vered-dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche lung 25 Unterschied des Menschen von den übrigen Thieren, und es ist wieder die Arbeit die diesen Unterschied bewirkt.
Schmeicheln wir uns indeß nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter 30 Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungs- 35 centren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiäner der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Theil des Jahrs das Wasser entzogen, 40 damit diese zur Regenzeit um so wüthendere Flutströme über die Ebene
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ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrophelkrankheit verbreiteten. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie Jemand, der außer der Natur steht — sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.
Und in der That lernen wir mit jedem Tage ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in 119| den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Alterthums in Europa aufgekommen und im Christenthum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.
Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten die entfernteren natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in Bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen. Wir erwähnten die Kartoffel und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skropheln. Aber was sind die Skropheln gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnoth, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit Irland betraf, eine Million kartoffel-und fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf? Als die Araber den Alkohol destilliren lernten, ließen sie sich nicht im Traume einfallen, daß sie damit eins der Hauptwerkzeuge geschaffen, womit die Ureinwohner des damals noch gar nicht entdeckten Amerikas aus der Welt geschafft werden sollten. Und als dann Columbus dies Amerika entdeckte, wußte er nicht, daß er damit die in Europa längst überwundne Sklaverei zu neuem Leben erweckte und die Grundlage zum Negerhandel legte. Die Männer, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten das mehr als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolutioniren und namentlich in Europa durch
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Konzentrirung des Reichthums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze 5 endigen kann. — Aber auch auf diesem Gebiet lernen || 10| wir allmählig, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Thätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen 1 o zu beherrschen und zu regeln.
Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntniß. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesammten gesellschaftlichen Ordnung.	15
Alle bisherigen Produktionsweisen sind nur auf Erzielung des nächsten, unmittelbarsten Nutzeffekts der Arbeit ausgegangen. Die weiteren erst in späterer Zeit eintretenden, durch allmählige Wiederholung und Anhäufung wirksam werdenden Folgen blieben gänzlich vernachlässigt. Das ursprüngliche gemeinsame Eigenthum am Boden entsprach einerseits einem Ent- 20 wicklungszustand der Menschen, der ihren Gesichtskreis überhaupt auf das Allernächste beschränkte, und setzte andrerseits einen gewissen Überfluß an verfügbarem Boden voraus, der gegenüber den etwaigen schlimmen Folgen dieser waldursprünglichen Wirtschaft einen gewissen Spielraum ließ. Wurde dieser Überschuß von Land erschöpft, so verfiel auch das Ge- 25 meineigenthum. Alle höheren Formen der Produktion aber sind zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum Gegensatz von herrschenden und unterdrückten Klassen vorangegangen; damit aber wurde das Interesse der herrschenden Klasse das treibende Element der Produktion, soweit diese sich nicht auf den nothdürf tigsten Lebensunterhalt der 30 Unterdrückten beschränkte. Am vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt — soweit es sich um den Nutzen des 35 erzeugten oder Ausgetauschten Artikels handelt — tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder. |
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|11| Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Oekonomie, beschäftigte sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produziren und austauschen, können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizirte oder eingekaufte Waare nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Waare und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Cuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffebäume vorfanden — was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur, wie der Gesellschaft, kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Harmonie von Nachfrage und Angebot in deren polaren Gegensatz umschlägt, wie der Verlauf jedes zehnjährigen industriellen Cyklus ihn vorführt und wie auch Deutschland im „Krach“ ein kleines Vorspiel davon erlebt hat; daß das auf eigne Arbeit gegründete Privateigenthum sich mit Nothwendigkeit fortentwickelt zur Eigenthumslosigkeit der Arbeiter, während aller Besitz sich mehr und mehr in den Händen von Nichtarbeitern konzentrirt; daß|
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\Die ewigen Naturgesetze verwandeln sich auch immer mehr in historische. Daß Wasser von 0—100 °C flüssig ist, ist ein ewiges Naturgesetz aber damit es Geltung haben kann muß 1) Wasser und 2) die gegebne Temperatur 3) Normaldruck dasein. Auf dem Mond ist kein Wasser, auf der Sonne nur 5 seine Elemente, und für diese Weltkörper existirt das Gesetz nicht. — Die Gesetze der Meteorologie sind auch ewig, aber nur für die Erde oder für einen Körper von der Größe, Dichtigkeit, Achsenneigung und Temperatur der Erde und vorausgesetzt daß er eine Atmosphäre von gleicher Mischung Sauerstoff und Stickstoff und gleich[en] Mengen auf steigenden und sich niederschla- 10 genden Wasserdampfs hat. Der Mond hat keine Atmosphäre, die Sonne eine von glühenden Metalldämpfen; der erstere hat keine Meteorologie, die zweite eine ganz andre als die unsre. — Unsre ganze offizielle Physik, Chemie und Biologie ist exclusiv geocentrisch, nur für die Erde berechnet. Die Verhältnisse elektrischer und magnetischer Spannung auf der Sonne, den 15 Fixsternen und Nebelflecken ja auf Planeten von andrer Dichtigkeit kennen wir noch gar nicht. Die Gesetze der chemischen Verbindung der Elemente sind auf der Sonne durch die hohe Temperatur suspendirt resp. nur momentan an den Gränzen der Sonnen-Atmosphäre wirksam und die Verbindungen lösen sich bei Annäherung an die Sonne wieder. Die Chemie der Sonne ist 20 eben im Werden begriffen und nothwendig eine ganz andre als die der Erde, sie stößt diese nicht um, aber sie steht außer ihr. Auf den Nebelflecken exi-stiren vielleicht nicht einmal diejenigen der 65 Elemente die möglicherweise selbst zusammengesetzt sind. Wenn wir also von allgemeinen Naturgesetzen sprechen wollen die auf alle Körper vom Nebelfleck bis zum Menschen 25 gleichmäßig passen, so bleibt uns nur die Schwere und etwa die allgemeinste Fassung der Theorie von der Umwandlung der Energie vulgo mechanische Wärmetheorie. Aber diese Theorie selbst verwandelt sich mit ihrer allgemeinen konsequenten Durchführung auf alle Naturerscheinungen in eine geschichtliche Darstellung der in einem Weltsystem von seiner Entstehung 30
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bis zu seinem Untergang nacheinander vorgehenden Veränderungen, also in eine Geschichte, in der auf jeder Stufe andre Gesetze, d. h. andre Erscheinungsformen derselben Universalen Bewegung herrschen und somit als durchgehend Allgemein-Gültiges nichts bleibt als — die Bewegung.
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Sklaverei wo sie Hauptform der Produktion, macht die Arbeit zu sklavischer Thätigkeit, also entehrend für Freie. Damit der Ausweg aus einer solchen Produktionsweise verschlossen, während andrerseits die entwickeltere Produktion an der Sklaverei ihre Schranke findet und zu deren Beseitigung gedrängt wird. An diesem Widerspruch geht jede auf Sklaverei gegründete Produktion und die auf ihr gegründeten Gemeinwesen zu Grunde. Lösung in den meisten Fällen durch gewaltsame Knechtung der vorkommenden Gemeinwesen durch andre, stärkere (Griechenland durch Macedonien und später Rom) solange diese selbst auf Sklaverei beruhn, wird das Centrum nur verlegt und der Prozeß auf höherer Stufe wiederholt bis (Rom) endlich ein Volk erobert das eine andre Produktionsform an die Stelle der Sklaverei setzt. Oder aber die Sklaverei wird durch Zwang oder freiwillig abgeschafft und dann geht die bisherige Produktionsweise zu Grunde; an Stelle der großen Kultur tritt Squatterparzellenbau wie in Amerika. Insofern ging auch Griechenland an d[er] Sklav[erei] zu Grunde, wobei noch Aristoteles]: daß der Umgang mit Sklaven d[ie] Bürger demoralisirt — abgesehn davon daß sie den Bürgern das Arbeiten unmöglich macht. (HausSklaverei wie im Orient eine andre Sache: hier bildet sie nicht direkt die Grundlage der Produktion, sondern indirekt als Bestandtheil der Familie, und sie gehtunmerklich in die Familie über (Haremssklavinnen).)
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| Hegel, Logik. Bd I.
Das dem Etwas entgegengesetzte Nichts, das Nichts von irgend Etwas, ist ein bestimmtes Nichts. 74.
In Rücksicht des wechselbestimmenden Zusammenhangs des (Welt-) 5 Ganzen konnte die Metaphysik die — im Grunde tautologische— Behauptung machen, daß wenn ein Stäubchen zerstört würde, das ganze Universum Zusammenstürze. 78.
Negation Hauptstelle Einl. p. 38: daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, das abstrakte Nichts, auflöst, sondern in die Negation seines be- 10 stimmten Inhalts etc.
Negation der Negation Phänom. Vorrede p.4. Knospe, Blüthe, Frucht etc. |
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|Fourier (Nouveau Monde ind. et soc.)
Element der Ungleichheit: l’homme etant par instinct ennemi de l’egalite 59.
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Ce mecanisme de fourberies qu’on nomme civilisation 81.
On devra eviter de les releguer (les femmes) comme parmi nous, aux fonctions ingrates, aux röles serviles que leur assigne la Philosophie qui pretend qu’une femme n’est faite que pour ecumer le pot et ressarcir les vieilles culottes 141.
Dieu n’a distribue pour le travail manufacturier qu’une dose d’attraction Correspondante au quart du temps que l’homme societaire peut donner au travail. Der Rest soll daher dem Ackerbau, der Viehzucht, der Küche, den industriellen Armeen gehören. 152.
«La tendre morale, douce et pure amie du commerce». 161 — Kritik der Moral 162ff.
In der heutigen Gesellschaft dans le mecanisme civilise herrscht duplicite d’action, contrariete de l’interet individuel avec le collectif; es ist une guerre universelle des individus contre les masses. Et nos Sciences politiques osent parier d’unite d’action! 172.
C’est pour avoir ignore la theorie des exceptions ou transitions, theorie de Vambigu, que les modernes ont echoue partout dans l’etude de la nature (Beispiele des ambigu: le coing, le brugnon, l’anguille, la chauve-souris etc.) 191. |
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| Unsinn von Häckel: Induktion gegen Deduktion als ob nicht Deduktion = Schließen, also auch die Induktion eine Deduktion. Das kommt vom Po-larisiren.
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Durch Induktion gefunden vor 100 Jahren daß Krebse und Spinnen Insekten und alle niederen Thiere Würmer waren. Durch Induktion jetzt gefunden daß dies Unsinn und x Klassen bestehn. Worin also der Vorzug des s. g. Induktionsschlusses der ebenso falsch sein kann als der s. g. Deduktions- 10 Schluß? dessen Grund doch die Klassification.
Induktion kann nie beweisen daß es nicht einmal ein Säugethier geben wird ohne Milchdrüsen. Früher die Zitzen Zeichen des Säugethiers. Aber das Schnabelthier hat keine.
Der ganze Induktionsschwindel von d[en] Engländern]. Whewell ind. sc. die bloß mathematischen umfassend. Und so der Gegensatz gegen Deduktion erfunden. Davon weiß die Logik, alte und neue, Nichts. Experimentell und auf Erfahrung beruhend sind alle Schlußformen die vom Einzelnen anfangen, ja der induktive Schluß fängt sogar vom A—E—B (allgemein) an.
Auch bezeichnend für die Denkkraft unsrer Naturforscher, daß Häckel fanatisch für die Induktion auftritt grade im Moment wo die Resultate der Induktion — die Klassifikationen — überall in Frage gestellt (Limulus eine Spinne, Ascidia ein Wirbelthier oder Chordatum, die Dipnoi entgegen aller ursprünglichen Definition der Amphibien dennoch Fische) und täglich neue Thatsa-chen entdeckt die die ganze bisherige Induktionsklassifikation umwerfen. Wie schöne Bestätigung von Hegel’s Satz daß der Induktions-Schluß wesentlich ein pro-
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Induktion und Deduktion. Häck. Sch. Gesch.
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blematischer! Ja sogar die ganze Klassifikation der Organismen ist durch die Entwicklungstheorie der Induktion abgenommen und auf die „Deduktion“ die Abstammung zurückgeführt — eine Art wörtlich von
5 einer andern durch Abstammung deducirt — und die Entwicklungstheorie durch bloße Induktion nachzuweisen unmöglich, da sie ganz anti-induktiv. Die Begriffe womit die Induktion hantiert: Art, Gattung, Klasse, durch die Entwicklungstheorie flüssig gemacht
10 und damit relativgeworden: mit relativen Begriffen aber nicht zu induciren. |
S. 76^-77. Der Schluß polari-sirt in Induktion und Deduktion!
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|[1]| Polarisation. Noch für J. Grimm stand der Satz fest, daß ein deutscher Dialekt entweder hochdeutsch oder niederdeutsch sein müsse. Dabei ging ihm der fränkische Dialekt total verloren. Weil das Schriftfränkische der späteren Karolinger-Zeit hochdeutsch war (indem die hochdeutsche Laut- 5 Verschiebung den fränkischen Südosten ergriffen) ging das Fränkische, nach seiner Vorstellung, hier im Althochdeutschen dort im Französischen unter. Dabei blieb absolut unerklärlich woher denn das Niederländische in die altsalischen Gebiete kam. Erst seit Grimm’s Tod ist das Fränkische wieder
auf gefunden worden: das Salische in seiner Verjüngung als Niederländisch 10 das Ripuarische in den mittel- und niederrheinischen Dialekten, die theil-weise in verschiednen Stufen hochdeutsch verschoben sind, theilweise niederdeutsch geblieben. Sodaß das Fränkische ein Dialekt ist der sowohl hochdeutsch wie niederdeutsch ist.
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Polarität. Magnet, durchschnitten, polarisirt die neutrale Mitte, doch so daß die alten Pole bleiben. Dagegen ein Wurm durchschnitten, behält am positiven Pol den auf nehmenden Mund und bildet am andern Ende einen neuen negativen Pol mit ausscheidendem After; aber der alte negative Pol (After) 20 wird jetzt positiv, wird Mund, und ein neuer After oder negativer Pol am Wundende gebildet. Voilä Umschlagen des Positiven ins Negative.
[108]
Andres Exempel der Polarität bei Häckel: Mechanismus = Monismus und 25
Vitalismus oder Teleologie = Dualismus. Schon bei Kant und Hegel der innere Zweck, und Protest gegen Dualismus. Mechanismus aufs Leben angewandt eine hülflose Kategorie, wir können höchstens von Chemismus
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sprechen wenn wir nicht allen Verstand der Namen auf geben wollen. Zweck: Hegel V.205: „Der Mechanismus zeigt sich selbst dadurch als ein Streben der Totalität, daß er die Natur für sich als ein Ganzes zu fassen sucht, das zu seinem Begriff keines Andern bedarf, — eine Totalität, die sich in dem Zweck und dem damit zusammenhängenden außerweltlichen Verstände nicht findet.“ Der Witz aber ||[2]| der, daß der Mechanismus (auch der Materialismus des 18. Jahrhunderts) nicht aus der abstrakten Nothwendig-keit und daher auch nicht aus der Zufälligkeit herauskommt. Daß die Materie das denkende Menschenhirn aus sich entwickelt ist ihm ein purer Zufall obwohl, wo es geschieht, von Schritt zu Schritt nothwendig bedingt. In Wahrheit aber ist es die Natur der Materie zur Entwicklung denkender Wesen fortzuschreiten und dies geschieht daher auch nothwendig immer wo die Bedingungen (nicht nothwendig überall und immer dieselben) dazu vorhanden.
Weiter Hegel V.206: „Dies Prinzip (des Mechanismus) gibt daher in seinem Zusammenhang von äußerer Nothwendigkeit das Bewußtsein unendlicher Freiheit gegen die Teleologie, welche die Geringfügigkeiten und selbst Verächtlichkeiten ihres Inhalts als etwas Absolutes auf stellt, in dem sich der allgemeinere Gedanke nur unendlich beengt und selbst ekelhaft afficirt finden kann.“
Dabei wieder die kolossale Stoff- und Bewegungsvergeudung der Natur. Im Sonnensystem vielleicht nur 3 Planeten höchstens auf denen Leben und denkende Wesen existiren können — unter jetzigen Bedingungen. Und um ihretwillen der ganze ungeheure Apparat!
Der innere Zweck im Organismus setzt sich dann nach Hegel V. 244 durch den Trieb durch. Pas trop fort. Der Trieb soll das einzelne Lebendige mit seinem Begriff mehr oder weniger in Harmonie bringen. Hieraus geht hervor wiesehr der ganze innere Zweck selbst eine ideologische Bestimmung ist. Und doch liegt hierin Lamarck.
[109]
Kostbare Selbstkritik des Kantschen Dings an sich, daß K. auch am denkenden Ich scheitert und darin ebenfalls ein unerkennbares Ding an sich ausfindet. H. V. 256ff.
[110]
Wenn H[egel] vom Leben zum Erkennen übergeht vermittelst der Begattung (Fortpflanzung) so liegt darin im Keim die Entwicklungslehre, daß, das organische Leben einmal gegeben, es sich durch die Entwicklung der Generationen zu einer Gattung denkender Wesen entwickeln muß. |
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[111]
|[3]| 1) Der unendliche Progreß ist bei Hegel die leere Oede, weil er nur als ewige Wiederholung desselben erscheint: 1 + 1 + 1 etc.
2)	Aber in Wirklichkeit ist er keine Wiederholung sondern Entwicklung, Fortschritt oder Rückschritt, und damit wird er nothwendige Bewegungs- 5 form. Abgesehn davon daß er nicht unendlich ist: das Ende der Lebensperiode der Erde ist schon jetzt abzusehn. Dafür ist denn auch die Erde nicht die ganze Welt. Im Hegelschen System war für die zeitliche Geschichte der Natur jede Entwicklung ausgeschlossen, sonst war die Natur nicht das Außersichsein des Geistes. Aber in der Menschengeschichte ist der un- 10 endliche Progreß von H. als die einzig wahre Daseinsform des „Geistes“ anerkannt, nur daß phantastischer Weise ein Ende dieser Entwicklung angenommen wird — in der Herstellung der H.schen Philosophie.
3)	Es gibt auch unendliches Erkennen: questa infinita ehe le cose non hanno in progresso, la hanno in giro (Quantität, S. 259, Astronomie). So ist 15 das Gesetz von dem Formwechsel der Bewegung ein unendliches, sich in sich zusammenschließendes. Aber solche Unendlichkeiten sind wieder mit
der Endlichkeit behaftet, kommen nur stückweise vor. So auch -y.
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[112]	20
Quantität und Qualität. Die Zahl ist die reinste quantitative Bestimmung die wir kennen. Aber sie steckt voll qualitativer Unterschiede. 1) Hegel, Anzahl und Einheit, Multipliciren, Dividiren, Potenziren Wurzelausziehn. Dadurch werden bereits, was bei H. nicht hervorgehoben qualitative Unterschiede: Primzahlen und Produkte, einfache Wurzeln und Potenzen hervorgebracht. 25 16 ist nicht bloß die Summirung von 16 Eins, es ist auch Quadrat von 4, Biquadrat von 2. Noch mehr. Die Primzahlen theilen den von ihnen durch Multipl[iciren] mit andern Zahlen abgeleiteten Zahlen neue, festbestimmte Qualitäten mit: nur grade Zahlen durch 2 theilbar, ähnliche Be||[4]|stim-mungen für 4 und 8. Bei 3 tritt die Quersumme ein, ebenso bei 9 und bei 6, 30 wo sie mit der graden Zahl verquickt. Bei 7 ein besondres Gesetz. Darauf dann basirt Zahlenkunststücke, die den Ungelernten unbegreiflich erscheinen. Was H. also Quantität S. 237 über die Gedankenlosigkeit der Arithmetik sagt, unrichtig. Vgl. jedoch: „Maß“.
Sowie die Mathematik von unendlich Großem und unendlich Kleinem 35 spricht, führt sie einen qualitativen Unterschied ein, der sogar sich als unüberbrückbarer qualitativer Gegensatz darstellt: Quantitäten die so enorm weit von einander verschieden sind daß jedes rationelle Verhältniß, jede
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Vergleichung zwischen ihnen auf hört, daß sie quantitativ inkommensurabel werden. Die gewöhnliche Inkommensurabilität z. B. von Kreis und grader Linie ist nun auch ein dialektischer qualitativer Unterschied; aber hier ist es die Quantitäts-Differenz gleichartiger Größen die den Qualitätsunterschied bis zu Inkommensurabilität steigert.
[113]
Zahl. Die einzelne Zahl bekommt eine Qualität schon im Zahlensystem, und je nachdem dies. 9 ist nicht nur 1, neunmal addirt, sondern Basis für 90. 99. 900000 etc. Alle Zahlengesetze hängen ab und sind bestimmt durch das angenommene System. Im dyadischen und triadischen System 2x2 nicht = 4 sondern = 100 oder = 11. In jedem System mit ungrader Grundzahl hört der Unterschied von graden und ungraden Zahlen auf, z. B. in der Pentas ist 5 = 10 und 10 = 20, 15 = 30. Ebenso im selben System die Querzahl 3 n von den Produkten von 3 resp. 9 (6 = 11, 9 = 14). Die Grundzahl bestimmt also die Qualität nicht allein ihrer selbst sondern auch aller andern Zahlen.
Mit dem Potenzenverhältniß die Sache noch weiter: jede Zahl ist als Potenz jeder andern Zahl aufzufassen — soviel Logarithmensysteme als es ganze und gebrochene Zahlen gibt. |
[114]
|[5]| Mathem[atik]. Dem gewöhnlichen Menschenverstand erscheint es als Blödsinn eine bestimmte Größe, ein Binom z. B. in eine unendliche Reihe, also in etwas Unbestimmtes aufzulösen. Aber wo wären wir ohne die unendlichen Reihen und den binomischen Lehrsatz?
[115]
Erhaltung der Energie. Die quantitative Constanz der Bewegung bereits von Descartes ausgesprochen und zwar fast in denselben Worten wie jetzt von? (Cl[ausius] R.M[ayer] Maxw[ell]?) Dagegen die Formverwandlung der Bewegung erst seit 1842 entdeckt, und dies, nicht das Gesetz der quantitativen Konstanz, das Neue. |
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[116]
|[1]| Null ist darum nicht inhaltslos weil es die Negation jedes bestimmten Quantums ist. Im Gegentheil hat Null einen sehr bestimmten Inhalt. Als Gränze zwischen allen positiven und negativen Größen, als einzige wirklich neutrale Zahl, die weder + noch - sein kann, ist sie nicht nur eine sehr 5 bestimmte Zahl, sondern auch an sich wichtiger als alle andern von ihr begrenzten Zahlen. Null ist in der That inhaltvoller als jede andre Zahl. Rechts von jeder andern gesetzt, gibt sie ihr, in unserm Zahlensystem, den zehnfachen Werth. Man könnte statt Null jedes andre Zeichen hierzu verwenden, aber doch nur unter der Bedingung daß dies Zeichen, allein ge- 10 nommen, Null bedeutet, = 0 ist. Es liegt also in der Natur der Null selbst, daß sie diese V erwendung findet und daß sie allein so verwandt werden kann. Null vernichtet jede andre Zahl mit der sie multiplicirt wird; als Divisor oder Dividend mit jeder andern Zahl vereinigt, macht sie diese, im ersten Fall unendlich groß, im andern unendlich klein; sie ist die einzige Zahl die zu jeder 15
andern in einem unendlichen Verhältniß steht. kann jede Zahl zwischen
- oo und +oo ausdrücken, und repräsentirt in jedem Fall eine wirkliche Größe. — Der wirkliche Inhalt einer Gleichung tritt erst dann klar hervor wenn alle Glieder derselben auf Eine Seite gebracht, und die Gleichung damit auf den Werth von Null reduzirt wird, wie dies bereits bei quadratischen Gleichungen 20 geschieht und in der höheren Algebra fast allgemein Regel ist. Eine Funktion F (x, y) = 0 kann dann ebenfalls gleich z gesetzt und dieses z, obgleich es =0 ist, wie eine gewöhnliche abhängige Variable differenzirt, sein partieller Differentialquotient bestimmt werden.
Das Nichts eines jeden Quantums ist aber selbst noch quantitativ be- 25 stimmt, und nur deßhalb ist es möglich mit Null zu rechnen. Dieselben Mathematiker, die in obiger Weise ganz ungenirt mit Null rechnen, d. h. mit ihr als einer bestimmten quantitativen Vorstellung operiren, sie in quantitative Verhältnisse zu andern quantitativen Vorstellungen bringen, schlagen
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die Hände über dem Kopf zu||[2]|sammen wenn sie bei Hegel dies verallgemeinert so lesen: das Nichts eines Etwas ist ein bestimmtes Nichts.
Nun aber in der (analytischen) Geometrie. Hier ist Null ein bestimmter Punkt, von dem ab auf einer Linie nach einer Richtung positiv, nach der andern negativ abgemessen wird. Hier hat der Nullpunkt also nicht nur eine ebenso große Bedeutung wie jeder mit einer 4- oder - Größenangabe bezeichnete Punkt, sondern eine weit größere als sie alle: er ist der Punkt von dem sie alle abhängen, auf den sie sich alle beziehn, durch den sie alle bestimmt werden. Er kann sogar in vielen Fällen ganz willkührlich angenommen werden. Aber einmal angenommen, bleibt er der Mittelpunkt der ganzen Operation, bestimmt sogar oft die Richtung der Linie auf der die Andern Punkte — die Endpunkte der Abscissen — einzutragen sind. Wenn wir z. B. um zur Gleichung des Kreises zu kommen, einen beliebigen Punkt der Peripherie zum Nullpunkt wählen, so muß die Linie der Abscissen durch den Mittelpunkt des Kreises gehn. Alles dies findet ebensosehr seine Anwendung auf die Mechanik, wo ebenfalls bei Berechnung von Bewegungen der jedesmal angenommene Nullpunkt den Angelpunkt der gesammten Operation bildet. Der Nullpunkt des Thermometers ist die sehr bestimmte untere Gränze des Temperaturabschnitts, der in eine beliebige Zahl von Graden abgetheilt wird und damit zum Maß dient sowohl der Temperaturabstufungen innerhalb seiner selbst wie höherer oder niedrer Temperaturen. Er ist also auch hier ein sehr wesentlicher Punkt. Und selbst der absolute Nullpunkt des Thermometers repräsentirt keineswegs eine pure, abstrakte Negation sondern einen sehr bestimmten Zustand der Materie: die Gränze an der die letzte Spur selbstständiger Bewegung der Moleküle verschwindet und die Materie nur noch als Masse agirt. Wo auch immer wir auf die Null stoßen, da repräsentirt sie etwas sehr Bestimmtes, und ihre praktische Anwendung in Geometrie, Mechanik etc. beweist daß sie—als Gränze — wichtiger ist als alle wirklichen von ihr begränzten Größen. |
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[117]
|[1]| Eins. Nichts sieht einfacher aus als die quantitative Einheit, und nichts ist mannichfaltiger, als diese, sobald wir sie im Zusammenhang mit der entsprechenden Vielheit und nach ihren verschiednen Entstehungsweisen aus dieser untersuchen. Eins ist zuerst die Grundzahl des ganzen positiven 5 und negativen Zahlensystems, durch deren successive Hinzufügung zu sich selbst alle andern Zahlen entstehn. — Eins ist der Ausdruck aller positiven, negativen und gebrochnen Potenzen von Eins: l2, /T, l"2 sind alle gleich Eins. — Es ist der Gehalt aller Brüche, deren Zähler und Nenner sich als gleich erweisen. — Es ist der Ausdruck jeder Zahl, die auf die Potenz Null erhoben 10 wird, und damit die einzige Zahl, deren Logarithmus in allen Systemen derselbe, nämlich = 0 ist. Eins ist damit die Gränze, die alle möglichen Logarithmensysteme in zwei Theile scheidet: ist die Basis größer als Eins, so sind die Logarithmen aller Zahlen über Eins positiv, aller Zahlen unter Eins negativ; ist sie kleiner als Eins, findet das Umgekehrte statt. Wenn also 15 jede Zahl die Einheit in sich enthält, insofern sie sich alis lauter addirten Eins zusammensetzt, so enthält das Eins ebenfalls alle andern Zahlen in sich. Nicht nur der Möglichkeit nach, insofern wir jede Zahl aus lauter Eins konstruiren können, sondern der Wirklichkeit nach, insofern Eins eine bestimmte Potenz jeder andern Zahl ist. Dieselben Mathematiker aber, die 20 ohne eine Miene zu verziehn, x° = 1 oder einen Bruch, dessen Nenner und Zähler gleich sind und der also ebenfalls Eins repräsentirt in ihre Rechnung interpoliren wo es ihnen paßt, die also die in der Einheit enthaltene Vielheit mathematisch verwenden, sie rümpfen die Nase und verzerren das Gesicht wenn man ihnen, in allgemeinem Ausdruck sagt, daß Einheit und Vielheit 25 untrennbare, einander durchdringende Begriffe sind, und daß die Vielheit nicht minder in der Einheit enthalten ist als die Einheit in der Vielheit. Wie sehr dies aber der Fall, sehn wir sobald wir das Gebiet der reinen Zahlen verlassen. Schon in der Messung von Linien, Flächen und Körperinhalten zeigt sich daß wir jede beliebige Größe der entsprechenden Ordnung als 30
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Einheit annehmen können, und ||[2]| ebenso bei Messung von Zeit, von Gewicht, von Bewegung, etc. Für die Messung von Zellen sind noch Millimeter und Milligramm zu groß, für die Messung von Sternabständen oder Lichtgeschwindigkeit wird das Kilometer schon unbequem klein, wie das 5 Kilogramm für die von planetarischen oder gar Sonnenmassen. Hier zeigt sich augenscheinlich welche Mannichfaltigkeit und Vielheit in dem auf den ersten Blick so simpeln Begriff der Einheit enthalten ist. |
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[118]
|	1 • — Die negativen Größen der Algebra sind reell nur insoweit sie sich
auf positive beziehen, nur innerhalb des Verhältnisses zu diesen; außer diesem Verhältniß, für sich genommen, sind sie rein imaginär. In der Trigonometrie und analytischen Geometrie nebst den darauf gebauten Zweigen 5 der höheren Mathematik drücken sie eine bestimmte Bewegungsrichtung aus, die der positiven entgegengesetzt ist; aber man kann die Sinus und Tangenten des Kreises vom rechten unteren sogut wie rechten oberen Quadranten an zählen, und also + und minus direkt umkehren. Ebenso in der analytischen Geometrie, die Abscissen können in den Kreis hinein, von 10 der Peripherie oder vom Centrum, ja bei allen Curven aus der Curve heraus, in der gewöhnlich als Minus bezeichneten, in jeder beliebigen Richtung gerechnet werden und geben doch eine richtige rationelle Gleichung der Curve. Hier besteht + nur als Complement von - und umgekehrt. Die Abstraktion der Algebra behandelt sie aber als wirkliche, selbstständige, 15 auch außerhalb des Verhältnisses zu einer größeren, positive Größe. |
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| Anwendung der Mathematik: in der Mechanik der festen Körper absolut, der Gase annähernd, der Flüssigkeiten schon schwieriger — in der Physik mehr tentativ und relativ — in der Chemie einfache Gleichungen ersten
5 Grades simpelster Natur — in der Biologie = 0.
[120]
Die Differenzialrechnung macht es der Naturwissenschaft erst möglich Prozesse, nicht nur Zustände, mathematisch darzustellen: Bewegungen.
10	-------------
[121]
Daß Positiv und Negativ gleichgesetzt werden, einerlei welche Seite positiv und welche negativ nicht nur in der analytischen Geometrie — noch mehr in der Physik — s. Clausius p. 87 und p. |
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[122]
|[1]| Die Verachtung der Empiriker für die Griechen erhält eine eigenthüm-liche Illustr[ation] wenn man z. B. Th. Thomson On Electr. liest wo Leute wie Davy und selbst noch Faraday im Dunkeln herumtappen (Elektrischer Funken etc.) und Experimente anstellen die ganz an die Erzählungen von 5 Arist[oteles] und Plinius über physikalisch-chemische Verhältnisse erinnern. Grade in dieser neuen Wissenschaft reproduziren die Empiriker ganz das blinde Tasten der Alten. Und wo der geniale Faraday eine richtige Fährte hat, muß der Philister Thomson dagegen protestiren (397).
[123]
Attraktion und Gravitation. Die ganze Gravitations-Lehre beruht darauf zu sagen die Attraktion ist das Wesen der Materie. Dies nothwendig falsch. Wo Attraktion, muß sie durch Repulsion ergänzt werden. Ganz richtig daher schon Hegel, das Wesen der Materie sei Attraktion und Repulsion. Und in 15 der That drängt sich die Nothwendigkeit mehr und mehr auf daß die Zerstreuung der Materie eine Gränze hat wo Attraktion in Repulsion umschlägt und umgekehrt die Verdichtung der repulsirenden Materie eine Gränze wo sie Attraktion wird.
[124]
Die erste, naive Anschauung in der Regel richtiger als das spätere, Metaphysische. So schon Bacon (nach ihm Boyle, Newton und fast alle Engländer) die Wärme sei Bewegung (Boyle schon Molekular-Bewegung). Erst im 18. Jhdt in Frankreich das Calorique aufgekommen und auf dem Konti- 25 nent mehr oder weniger acceptirt.
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Der geocentrische Standpunkt in der Astronomie bornirt und mit Recht beseitigt. Aber sowie wir weiter gehn in der Forschung, tritt er mehr und mehr in sein Recht. Sonne etc. dienen der Erde. Hegel N. Ph. 157. (Die ganze dicke Sonne bloß der kleinen Planeten wegen da.) Eine andre als geocentrische Physik Chemie Biologie Meteorologie etc. für uns unmöglich und sie verliert nichts durch die Phrase daß dies nur für die Erde gelte—und daher nur relativ sei. Nimmt man das ernsthaft und verlangt eine centrumslose Wissenschaft so stoppt man alle Wissenschaft. Es genügt uns zu wissen daß unter gleichen Umständen überall das Gleiche erfolgen muß, 1000 Billionen Sonnenweiten rechts oder links von uns.	.
[126]
|[2]| Wie wenig Comte der Verfasser seiner von S. Simon abgeschriebnen encyklopädischen Anordnung der Naturwissenschaften] sein kann, schon daraus zu sehn daß sie ihm nur den Zweck der Anordnung der Lehrmittel und des Lehrgangs hat, und damit zur verrückten enseignement integral führt, wo je eine Wissenschaft erschöpft wird ehe die andre nur angebrochen wo ein im Grund richtiger Gedanke ins Absurde mathematisch outrirt.
[127]
Physiographie — nachdem der Übergang von Chemie zum Leben gemacht, sind nun zuerst die Bedingungen zu entwickeln innerhalb deren das Leben sich erzeugt hat und besteht, also zuerst Geologie, Meteorologie und der Rest. Dann die verschiednen Lebensformen selbst die ja auch ohne dies unverständlich.
[128]
Neue Epoche beginnt in der Chemie mit der Atomistik (Dalton, nicht La-vois[ier], also der Vater der neueren Chemie) und entsprechend in der Physik mit der Molekulartheorie. (In andrer Form, aber wesentlich nur die andre Seite dieses Prozesses darstellend, mit der Entdeckung der Umwandlung der Bewegungsformen). Die neuere Atomistik unterscheidet sich von aller früheren dadurch daß sie nicht behauptet (abgesehn von Eseln) daß die Materie bloß diskret, sondern daß die diskreten Theile verschiedner Stufen (Aetheratome, chemische Atome, Massen, Weltkörper) verschiedne Knotenpunkte sind, die verschiedne qualitative Daseinsweisen der allgemeinen Materie bedingen — bis herab zum Nichtschwersein und der Repulsion.
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[129]
Hegel konstruirt die Licht- und Farbentheorie aus dem reinen Gedanken und fällt dabei in die plumpste Empirie der hausbackenen Philistererfahrung (wenn auch mit einem gewissen Recht, da dieser Punkt damals nicht aufgeklärt) z. B. wenn er gegen Newton die Farbenmischung der Maler auf führt	5
p.314 unten. |
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|[1]| Wenn Coulomb von particles of electricity spricht which repel each other inversely as the square of their distance, so nimmt Th[omson] das ruhig hin als bewiesen 358. Ditto 366 die Hypothese daß Electricität aus 2 fluids positive and negative bestehe deren particles repel each other. Daß die Elektricität in einem geladnen Körper zurückgehalten werde bloß durch den Druck der Atmosphäre 360.
Faraday legte die Elektricität in die entgegengesetzten Pole der Atome (oder Moleküle was noch sehr durcheinander) und drückte so zum ersten Mal aus daß die Elektricität kein Fluidum sondern eine Bewegungsform, „Kraft“ sei 378. Was dem alten Th. gar nicht in den Kopf will, grade der Funke sei ja was Materielles!
Faraday hatte schon 1822 entdeckt daß der momentane inducirte Strom — erster wie zweiter, rückläufiger — participates more of the current produced by the discharge of the Leyden jar than that produced by the Voltaic battery, worin das ganze Geheimniß lag 385.
Über den Funken allerhand Räubergeschichten die jetzt als Specialfälle oder Täuschung bekannt sind: der Funke aus einem positiven Körper sei ein pencil of rays, brush or cone dessen Spitze ein Entladungspunkt, dagegen der negative Funke sei ein Star. 396. (Schöner Blödsinn von Faraday über den Funken 400) Ein kurzer Funke sei immer weiß, ein langer meist röthlich oder violettlich. Der mit einer Metallkugel aus dem prime conductor entlockte Funke sei weiß, mit der Hand purple, mit Wasserf euchtigkeit roth 405. Der Funke d. h. das Licht sei not inherent in electricity but merely the result of the compression of the air. That air is violently and suddenly com-pressed when an electric spark passes through it beweist das Experiment von Kinnersley in Philadelphia, wonach der Funke a suddenraretaction of the air in the tube erzeugt und das Wasser in die Röhre treibt. 407. In Deutschland vor 30 Jahren Winterl und Andere geglaubt der Funke oder das elektrische Licht sei of the same nature with fire und entstehe durch die
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Vereinigung der 2 Elektricitäten. Wogegen Th. ernsthaft beweist die Stelle wo die beiden Elektricitäten Zusammentreffen sei grade die lichtärmste, und das sei 2/3 vom + und xl3 vom - Ende! (409—10) Daß hier Feuer noch ganz etwas Mythisches ist augenscheinlich. |
|[2]| Mit demselben Ernst die Experimente von Dessaignes wonach bei 5 steigendem Barometer und fallender Temperatur Glas, Harz Seide etc. durch Eintauchen in Quecksilber negativ elektrisch werden, bei fallendem Barometer und steigender Temperatur aber positiv und im Sommer in unreinem Quecksilber stets positiv in reinem stets negativ werden daß Gold und diverse andre Metalle im Sommer durch Erwärmen positiv und beim Abkühlen 10 negativ werden, im Winter umgekehrt, daß sie bei hohem Barometer und nördlichem Wind highly electric sind, positiv bei steigender, negativ bei fallender Temperatur usw. 416.
Wie es mit der Wärme aussah: In Order to produce thermo-electric effects, it is not necessary to apply heat. Anything which alters the temperaturein 15 one part of the chain,... occasions a variate in the declination of the magnet.
So Abkühlung eines Metalls durch Eis oder Aetherverdunstung! 419.
Die Elektrochemische Theorie 438 als at least very ingenious and plausible acceptirt.	20
Fabroni und Wollaston hatten schon lange, und neuerdings Faraday, die Voltasche Elektricität als einfache Folge der chemischen Prozesse behauptet, und Faraday sogar schon die richtige Erklärung der in der Flüssigkeit vorgehenden Atomverschiebung gegeben, und aufgestellt daß das 25 Quantum der Elektricität gemessen werde durch das Quantum des elektrolytischen Produkts.
Mit Hülfe von Faraday bringt er das Gesetz fertig: that every atom must be naturally surrounded by the same quantities of electricities, so that in this 30 respect heat and electricity resemble each other!
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| Elektricität. Zu den Räubergeschichten von Thomson vgl. Hegel 346—7 wo ganz dasselbe. — Dagegen faßt Hegel die Reibungselektricität schon ganz klar als Spannung gegenüber der Fluidums- und elektrischen Materie-Lehre 347.
[132]
Hegel’s Eintheilung (die Ursprüngliche) Mechanismus Chemismus Org[anismus] für die Zeit vollständig. Mechan[ik] die Massenbewegung, Chem[ie] die Molekular- (denn auch die Physik darunter begriffen und beide gehören ja zur selben Ordnung) und Atombewegung. Org[anik] die Bewegung der Körper an denen Beides untrennbar. Denn der Organismus ist allerdings die höhere Einheit die Mechan[ik] Phys[ik] und Chem[ie] zu einem Ganzen in sich begreift, wo die 3 Seiten nicht mehr zu trennen. Im Org[anismus] die mechanische Bewegung direkt durch physikalische und chemische Veränderung bewirkt und zwar Ernährung, Athmung, Sekretion, usw. ebensogut wie die reine Muskelbewegung.
Jede Gruppe wieder doppelt: Mech[anik]: 1) himmlische 2) irdische; Molekularbewegung: 1) Physik 2) Chemie; Organ[ik]: 1) Pflanze 2) Thier.
[133]
Elektrochemie. Bei Darstellung der Wirkungen des elektrischen Funkens auf chemische Zersetzung und Neubildung erklärt Wiedem[ann] das gehe mehr die Chemie an. So erklären im selben Fall die Chemiker, das gehe schon mehr die Physik an. So erklären sich an den Berührungspunkten der Molekular-
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und der Atomwissenschaft Beide inkompetent während grade da die größten Resultate zu erwarten sind.
[134]
Wie alte, bequeme, auf die bisher übliche Praxis angepaßte Methoden sich 5 auf andre Zweige übertragen und da hemmen: in der Chemie die Prozentberechnung der Zusammensetzungen, die von Allen die geeignetste Methode war die konstanten Proportionen der Verbindungen und multiple Proportionen unfindbar zu machen und sie auch lange genug unfindbar gemacht hat.	10
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|[1]| Statische und dynamische Elektricität.
Die statische oder Reibungselektricität ist die Versetzung der in der Natur, in Form von Elektricität, aber im gleichgewichtlichen, neutralen Zustand befindlichen, fertigen Elektricität in Spannung. Die Aufhebung dieser Spannung geschieht daher auch — wenn und so weit die Elektricität sich fortpflanzen, geleitet werden kann — mit Einem Schlag, dem Funken, der den neutralen Zustand wiederherstellt.
Die dynamische oder Voltasche Elektricität ist dagegen die aus Verwandlung chemischer Bewegung in Elektricität hervorgehende Elektricität. Lösung von Zink, Kupfer etc. erzeugt sie unter gewissen bestimmten Umständen. Hier ist die Spannung nicht akut, sondern chronisch. In jedem Moment wird neue 4- und - Elektricität aus einer andern Bewegungsform erzeugt, nicht vorhandne ± in + und - getrennt. Der Vorgang ist ein fließender und so auch sein Resultat, die Elektricität, nicht eine momentane Spannung und Entladung, sondern ein fortwährender Strom, der sich an den Polen wieder in die chemische Bewegung verwandeln kann aus der er hervorging, was man Elektrolyse nennt. Bei diesem Vorgang sowie bei der Erzeugung der Elektricität aus chemischer Zusammensetzung (wobei Elektricität statt Wärme und zwar soviel Elektricität wie unter andern Umständen Wärme frei wird (G[uthrie] p.210)) kann man den Strom in der Flüssigkeit verfolgen (Atomwechsel in den benachbarten Molekülen — das ist der Strom).
Diese Elektricität, die ihrer Natur nach Strom ist, kann eben deßwegen nicht direkt in Spannungs-Elektricität verwandelt werden. Aber vermittelst der Induktion kann bereits als solche vorhandne ||[2]| neutrale Elektricität deneutralisirt werden. Der Natur der Sache nach wird die Inducirte der Inducirenden zu folgen haben, also auch strömend sein. Dagegen liegt hier offenbar die Möglichkeit vor, den Strom zu condensiren und in Spannungs-elektricität oder vielmehr in eine höhere Form zu verwandeln die die Eigenschaft des Stroms mit der der Spannung vereinigt. Dies ist in Ruhm-korff’s Maschine gelöst. Sie liefert eine Induktions-Elektricität die das leistet. |
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| Kampf ums Dasein. Vor allen Dingen streng zu beschränken auf die durch pflanzliche und thierische Übervölkerung hervorgerufnen Kämpfe, die auf gewissen pflanzlichen und niedrigen thierischen Stufen in der That vorkommen. Aber davon scharf zu trennen die Verhältnisse wo Arten sich 5 ändern, alte aussterben und neue, entwickelte, an ihre Stelle treten ohne diese Übervölkerung. Z. B. bei Wanderungen von Thieren und Pflanzen in neue Gegenden, wo neue klimatische Boden- etc. Bedingungen die Abänderung besorgen. Wenn da die sich Anpassenden Individuen überleben und sich durch stets wachsende Anpassung zu einer neuen Art fortbilden während 10 die andern stabilen Individuen absterben und schließlich aussterben, und mit ihnen die unvollkommnen Mittelstufen, so kann dies vor sich gehn und geht vor sich ohne allen Malthusianismus, und sollte dieser je dabei vorkommen so ändert er nichts am Prozeß, kann ihn höchstens beschleunigen. — Ebenso bei der allmähligen Veränderung der geographischen klimatischen etc. 15 Verhältnisse in einem gegebnen Gebiet (Entwässerung von Centralasien z. B.). Ob da die thierische oder pflanzliche Bevölkerung auf einander drückt oder nicht, ist gleichgültig, der durch sie bedingte Entwicklungsprozeß der Organismen geht doch vor sich. — Ebenso bei der sexuellen Zuchtwahl, wo der Malthusianismus auch ganz bei Seite bleibt. —	20
Daher auch die Häckelsche „Anpassung und Vererbung“ den ganzen Entwicklungsprozeß besorgen kann ohne die Zuchtwahl und den Malthusianismus nöthig zu haben.
Es ist eben der Fehler von Darwin daß er in natural selection or the survival of the fittest 2 wildfremde Sachen durcheinander wirft:	25
1) selection durch den Druck der Übervölkerung, wo die Stärksten vielleicht am ersten überleben aber auch die Schwächsten in mancher Beziehung sein können.
2) selection durch größere Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände wo die Überlebenden für diese Umstände besser geeignet, aber wo diese 30
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Anpassung ebensowohl Fortschritt wie Rückschritt im Ganzen bedeuten kann (z. B. Anpassung an Parasitenleben immer Rückschritt).
Hauptsache: daß jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung zugleich ein Rückschritt, indem er einseitige Entwicklung fixirt die Möglich-5 keit der Entwicklung in vielen andern Richtungen aus schließt.
Dies aber Grundgesetz. |
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[137]
| Molekül und Differential. Wiedem[ann] III636 setzt endliche Entfernungen und molekulare direkt einander entgegen.
[138]	5
Kraft und Erhaltung der Kraft— die Stellen von J. R. Mayer in seinen ersten beiden Abhandlungen gegenüber Helmholtz anzuführen.
[139]
Trigonometrie. Nachdem die synthetische Geometrie die Eigenschaften 10 eines Dreiecks, an sich betrachtet, erschöpft hat, und nichts Neues mehr zu sagen hat, eröffnet sich ein erweiterter Horizont durch ein sehr einfaches, durchaus dialektisches Verfahren. Das Dreieck wird nicht mehr an sich und für sich betrachtet, sondern im Zusammenhang mit einer andern Figur, dem Kreis. Jedes rechtwinklige Dreieck kann als Zubehör eines Kreises be- 15 trachtet werden: ist die Hypotenuse = r, dann die Katheten Sin. und Cos., ist eine Kathete = r, dann die andre = tg, die Hypotenuse = sec. Hierdurch bekommen Seiten und Winkel ganz andre, bestimmte Verhältnisse zueinander, die ohne diese Beziehung des Dreiecks auf den Kreis unmöglich zu entdecken und zu benutzen, und eine ganz neue, die alte weit über- 20 reichende Dreieckstheorie entwickelt sich, die überall anwendbar, weil jedes Dreieck in 2 rechtwinklige aufgelöst werden kann. Diese Entwicklung der Trigonometrie aus der synthetischen Geometrie ist ein gutes Exempel für die Dialektik wie sie die Dinge in ihrem Zusammenhang faßt statt in ihrer Isolirung.	25
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Manuskripte 1876—1877
[140]
Verbrauch kinetischer Energie als solcher innerhalb der Dynamik ist stets doppelter Art und hat doppeltes Resultat: 1) die gethane kinetische Arbeit, Erzeugung einer entsprechenden Menge potentieller Energie, die aber stets 5 kleiner als die auf gewandte kinetische Energie. — 2) Überwindung — außer der Schwere — von Reibungs- etc. Widerständen, die den Rest der verbrauchten kinetischen Energie in Wärme verwandeln. — Ebenso bei Rückverwandlung: je nach der Art und Weise, ein Theil Verlust durch Reibung etc. wird als Wärme dissipirt — und das ist alles uralt!
10	-------------
[141]
In der Bewegung der Gase —im Verdunstungsproceß, geht Massenbewegung direkt über in Molekularbewegung. Hier also der Übergang zu machen.
-------------1
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[142]
| = Cylindermantel
Kugel. Oberfläche = 4 nR2 = 4 große Kreisflächen
4
Inhalt = — itR3 = 2/3 des umschriebnen Cylinders
Pyramide	„	= '/3 Basis x Höhe = ‘/3 Prisma.	5
Kegel	»	= do,	= 7j Cylinder.
sin2 a + cos2 a = R2 = 1 sec2 a = tg2 a + R2 = tg2 a + 1 (wegen CBD ~ CTA:)
R sin a sin a tg a =-------=------
cos a cos a
R2 1 sec a =-----=------
cos a cos a
CME:)
R cos a cos a cot a = —;---= —-----
sm a sm a
(wegen CBD ~ CBG ~
R2 1 cosec a = —:---= —----
sm a sm a wegen (CTA ~ CME) und aus (3) und (5) multiplicirt
tg a x cot a = R2 = 1 (CME) - cosec2 a = R2 + cot2 a = 1 + cot2 a
R2	1
Aus (4) und (2): cos a =	— -	 —
>lR2 + tg2 a Vl+tg2 a
(1)
(2)
10
(3)
(4)
(5)
(6)	15
(7)
(8)
(9) 20
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Manuskripte 1876—1877
aus (3)
Rtga tga sm a =	— =
V-R2 + tg2a V1 + tg2 a
(10)
x . ,	, srnA	smB	smC
In jedem Dreieck -----= —— =---------
a b c
(abc die gegenüberstehenden Seiten)
sin (a ± b) = sin a cos b ± sin b cos a
5 cos (a ± b) = cos a cos b + sin a sin b
also sin (2a) = 2 sin a cos a cos (2a) = cos2 a - sin2 a = 2 cos2 a - 1 = 1 - 2 sin2 a
(r x r2= 1)
tß a ± tß b	2 tß a
tg(a±&) = /I.	,, tg(2a) = -—
6	1+tgatgfc 6 l-tg2a
x 1 - cos a
10 tg( /2a) =------:—
sina
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[143]
|[1]| F(x + h, y + k)=z + ^-^-h + ^-^-h.
11	dy dx dz dx
F(x + h, y + fc) - F (x, y) _ dz dy dz h	dy dx dx
Dz dz , , dz --=---y ।--- dx dy dx
|[2] | z = F (xy); x wird zu x + h als indirekte Voraussetzung, dann d z
F (x + h, y) = (Taylor) z + h ..dann y wird y + k, also
F (x + h, y + k) = z + k + 4^ h... dy dx
d y Nun h = dx, k = dy also k = -— h. dx
Also F (x + h, y + k) = z + (4^ • 4^ + 4^)	•
\dy dx dx/
F (x + h, y + k)- z (oder F x, y) = wie oben ohne z.
Dividirt durch h, oder d x, haben wir
5
Dz dz dy । dz dx dy dx dx’
ir_,i ,	d z d z ,
3 z' =^-+^-y dx dy
_ D / d z\ , D /dz „\
Z dx \dx/ dy \dy y /
_ d2z , d2z , d2z dy , d2z ,, dz dx2 y dxdy dy2 dx y dxdy y dy
10
15
_ d2z
dx2
, d2z , ,2 d2z , „ dz । dxdy y dy2 y dx '
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Zeichnung auf der Rückseite eines Blattes mit dem Text [174]
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[144]
[Über Nägeli’s Unfähigkeit das Unendliche zu erkennen] |[1]| Nägeli p. 12, 13.
N. sagt zuerst daß wir wirklich qualitative Unterschiede nicht erkennen können und sagt gleich darauf daß solche „absolute Unterschiede“ in der Natur nicht vorkommen! 12.
Erstens hat jede Qualität unendlich viele quantitative Gradationen, z.B. Farbennüancen, Härte und Weiche, Langlebigkeit etc. und diese sind, obwohl qualitativ unterschieden, meßbar und erkennbar.
Zweitens existiren keine Qualitäten, sondern nur Dinge m/YQualitäten, und zwar unendlich vielen Qualitäten. Bei 2 verschiednen Dingen sind stets gewisse Qualitäten (die Eigenschaften der Körperlichkeit zum Mindesten) gemeinsam, andre graduell verschieden, noch andre können dem Einen ganz fehlen. Halten wir diese beiden extrem verschiednen Dinge — z.B. einen Meteoriten und einen Menschen—separat zusammen, so kommt dabei wenig heraus, höchstens daß Beiden Schwere, und andre allgemeine Körpereigenschaften gemeinsam. Aber zwischen Beiden fügen sich eine unendliche Reihe andrer Naturdinge und Naturvorgänge ein die uns erlauben, die Reihe vom Meteoriten bis zum Menschen zu vervollständigen und Jedem seine Stelle im Naturzusammenhang anzuweisen, sie damit zu erkennen. Dies gibt N. selbst zu.
Drittens könnten uns unsre verschiednen Sinne absolut qualitativ ver-schiedne Eindrücke geben. Die Eigenschaften die wir vermittelst Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn erfahren, wären hiernach absolut verschieden. Aber auch hier fallen die Unterschiede mit dem Fortschritt der Untersuchung. Geruch und Geschmack sind längst als verwandte, zusammengehörige Sinne erkannt, die zusammengehörige wo nicht identische Eigenschaften wahrnehmen. Gesicht und Gehör nehmen beide Wellenschwingungen wahr. Tastsinn und Gesicht ergänzen sich wechselseitig so sehr daß wir vom Ansehn eines Dings oft genug seine Tasteigenschaften
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
Vorhersagen können. Und endlich ist es immer dasselbe Ich das alle diese verschiednen Sinneseindrücke in sich auf nimmt und verarbeitet, also in Eins zusammenfaßt und ebenso sind diese verschiednen Eindrücke geliefert durch dasselbe Ding als dessen gemeinsame Eigenschaften sie erscheinen, das sie also erkennen helfen. Diese verschiednen, nur verschiednen Sinnen 5 zugänglichen Eigenschaften zu erklären, in innern Zusammenhang unter sich zu bringen, ist eben Aufgabe der Wissenschaft, die sich bis jetzt nicht darüber beklagt hat daß wir statt der 5 Specialsinne nicht einen Generalsinn haben oder daß wir die Geschmäcke und Gerüche nicht sehn oder hören können.	10
Wohin wir sehn, nirgendwo in der Natur gibt’s solche „qualitativ oder absolut verschiednen Gebiete“ die als unbegreiflich angegeben werden. Die ||[2]| ganze Konfusion entspringt aus der Konfusion über Qualität und Quantität. Nach der herrschenden mechanischen Ansicht gelten N. alle qualitativen Unterschiede nur soweit für erklärt als sie auf quantitative 15 reduzirt werden können (worüber anderswo das Nöthige) resp. daraus daß ihm Qualität und Quantität als absolut verschiedne Kategorieen gelten. Metaphysik.
„Wir können nur das Endliche erkennen etc.“ Dies ist soweit ganz richtig als nur endliche Gegenstände in den Bereich unsres Erkennens fallen. Aber 20 der Satz hat auch die Ergänzung nöthig: wir können im Grunde nur das Unendliche erkennen. In der That besteht alles wirkliche, erschöpfende Erkennen nur darin daß wir das Einzelne im Gedanken aus der Einzelheit in die Besonderheit und aus dieser in die Allgemeinheit erheben daß wir das Unendliche im Endlichen, das Ewige im Vergänglichen auffinden und fest- 25 stellen. Die Form der Allgemeinheit ist aber Form der Insichabgeschlos-senheit, damit Unendlichkeit, sie ist die Zusammenfassung der vielen Endlichen zum Unendlichen. Wir wissen daß Chlor und Wasserstoff innerhalb gewisser Druck- und Temperaturgränzen und unter Einwirkung des Lichts sich unter Explosion zu Chlorwasserstoff gas verbinden, und sobald wir dies 30 wissen, wissen wir auch daß dies überall und immer geschieht wo obige Bedingungen vorhanden. Und es kann gleichgültig sein ob sich dies einmal oder millionenmal wiederhole, und auf wieviel Weltkörpern. Die Form der Allgemeinheit in der Natur ist Gesetz, und Niemand mehr als die Naturforscher führen die Ewigkeit der Naturgesetze im Mund. Wenn also N. sagt man 35 mache das Endliche unergründlich, wenn man nicht blos dies Endliche erforschen wolle sondern ihm Ewiges beimische, so läugnet er entweder die Erkennbarkeit der Naturgesetze oder ihre Ewigkeit. Alle wahre Na-turerkenntniß ist Erkenntniß von Ewigem, Unendlichem und daher wesentlich absolut.	40
Aber diese absolute Erkenntniß hat einen bedeutenden Haken. Wie die
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Unendlichkeit des erkennbaren Stoffs aus lauter Endlichkeiten sich zusammensetzt, so setzt sich auch die Unendlichkeit des absolut erkennenden Denkens zusammen aus einer unendlichen Anzahl endlicher Menschenköpfe die neben und nach einander an dieser unendlichen Erkenntniß arbeiten, praktische und theoretische Böcke schießen, von schiefen, einseitigen, falschen Voraussetzungen ausgehn, falsche, krumme, unsichre Bahnen verfolgen und oft nicht einmal das Richtige treffen, wenn sie mit der Nase drauf stoßen (Priestley). Das Erkennen des Unendlichen ist daher mit doppelten Schwierigkeiten umschanzt, und kann sich, seiner Natur nach, nur vollziehn in einem unendlichen asymptotischen Progreß. Und das genügt uns voll||3|ständig, um sagen zu können: das Unendliche ist ebenso erkennbar wie unerkennbar, und das ist alles was wir brauchen.
Komischer Weise sagt Nägeli dasselbe: Wir können nur das Endliche aber wir können auch alles Endliche erkennen das in den Bereich unsrer sinnlichen Wahrnehmung fällt. Das Endliche das in den Bereich usw. fällt macht eben in Summa das Unendliche aus, denn diese ist es grade woraus N. sich seine Vorstellung vom Unendlichen geholt! Ohne dies Endliche usw. hätte er ja gar keine Vorstellung vom Unendlichen!
(Über das schlechte Unendliche als solches anderswo zu reden)
(vor dieser Unendlichkeitsuntersuchung das Folgende:)
l)	das „winzige Gebiet“ nach Raum und Zeit.
2)	Die „wahrscheinlich mangelnde Ausbildung von Sinnesorganen“.
3)	Daß wir nur das Endliche Vergängliche Wechselnde, nur das gradweise Verschiedne und Relative erkennen können (usw. bis) „wir wissen nicht was Zeit, Raum, Kraft und Stoff, Bewegung und Ruhe, Ursache und Wirkung ist“.
Es ist die alte Geschichte. Erst macht man Abstraktionen von den sinnlichen Dingen und dann will man sie sinnlich erkennen, die Zeit sehn und den Raum riechen. Der Empiriker vertieft sich sosehr in die Gewohnheit des empirischen Erfahrens daß er sich noch auf dem Gebiet des sinnlichen Erfahrens glaubt wenn er mit Abstraktionen hantiert. Wir wissen was eine Stunde, ein Meter ist, aber nicht was Zeit und Raum! Als ob die Zeit etwas Andres als lauter Stunden, und der Raum etwas Andres als lauter Kubikmeter! Die beiden Existenzformen der Materie sind natürlich ohne die Materie nichts, leere Vorstellungen, Abstraktionen die nur in unserm Kopf existiren. Aber wir sollen ja auch nicht wissen was Materie und Bewegung sind! Natürlich nicht, denn die Materie als solche und die Bewegung als solche hat noch Niemand gesehn oder sonst erfahren, sondern nur die verschiednen wirklich existirenden Stoffe und Bewegungsformen. Der Stoff, die Materie ist nichts andres als die Gesammtheit der Stoffe aus der dieser
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
Begriff abstrahirt, ||[4]| die Bewegung als solche nichts als die Gesammtheit aller sinnlich wahrnehmbaren Bewegungsformen; Worte wie Materie und Bewegung sind nichts als Abkürzungen, in die wir viele verschiedne sinnlich wahrnehmbare Dinge zusammenfassen nach ihren gemeinsamen Eigenschaften. Die Materie und Bewegung kann also gar nicht anders erkannt 5 werden als durch Untersuchung der einzelnen Stoffe und Bewegungsformen, und indem wir diese erkennen, erkennen wir pro tanto auch die Materie und Bewegung als solche. Indem N. also sagt daß wir nicht wissen was Zeit, Raum, Materie, Bewegung, Ursache und Wirkung ist, sagt er bloß daß wir uns erst mit unserm Kopf Abstraktionen von der wirklichen Welt machen 10 und dann diese selbstgemachten Abstraktionen nicht erkennen können, weil sie Gedankendinge und keine sinnlichen Dinge sind, alles Erkennen aber sinnliches Messen ist! Grade wie die Schwierigkeit bei Hegel, wir können wohl Kirschen und Pflaumen essen aber kein Obst, weil noch Niemand Obst als solches gegessen hat.	15
Wenn N. behauptet es gebe wahrscheinlich eine ganze Menge von Bewegungsformen in der Natur, die wir mit unsern Sinnen nicht wahrnehmen können, so ist das eine pauvre Entschuldigung gleichbedeutend mit Aufhebung, wenigstens für unsre Erkenntniß, des Gesetzes von der Unerschaff- 20 barkeit der Bewegung. Denn sie können sich ja in für uns wahrnehmbare Bewegung verwandeln! Da wäre z. B. die Kontaktselektricität leicht erklärt! |
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[145]
|[1]| Zufälligkeit und Nothwendigkeit.
Ein andrer Gegensatz, in dem die Metaphysik befangen ist, ist der von Zufälligkeit und Nothwendigkeit. Was kann sich schärfer widersprechen, als diese beiden Denkbestimmungen? Wie ist es möglich daß Beide identisch seien, daß das Zufällige nothwendig, und das Nothwendige ebenfalls zufällig sei? Der gemeine Menschenverstand und mit ihm die große Menge der Naturforscher, behandelt Nothwendigkeit und Zufälligkeit als Bestimmungen die einander ein für alle Mal ausschließen. Ein Ding, ein Verhältniß, ein Vorgang ist entweder zufällig oder nothwendig, aber nicht Beides. Beide bestehn also neben einander in der Natur; diese enthält allerlei Gegenstände und Vorgänge, von denen die Einen zufällig, die Andern nothwendig sind und wobei es nur darauf ankommt die beiden Sorten nicht mit einander zu verwechseln. Man nimmt so z.B. die entscheidenden Artmerkmale als nothwendig an, und bezeichnet sonstige Verschiedenheiten der Individuen derselben Art als zufällig, und dies gilt von Krystallen wie von Pflanzen und Thieren. Dabei wird dann wieder die niedere Gruppe zufällig gegen die höhere, sodaß man es für zufällig erklärt wie viel verschiedne Species des Genus felis oder equus oder wie viel genera und Ordnungen in einer Klasse, und wie viel Individuen von jeder dieser Species existiren, oder wie viel verschiedne Arten von Thieren in einem bestimmten Gebiet vorkommen, oder wie überhaupt Fauna, Flora. Und dann erklärt man das Nothwendige für das einzig wissenschaftlich Interessirende und das Zufällige für das der Wissenschaft Gleichgültige. Das heißt: was man unter Gesetze bringen kann, was man also kennt, ist interessant, das was man nicht unter Gesetze bringen kann, was man also nicht kennt, ist gleichgültig, kann vernachlässigt werden. Damit hört alle Wissenschaft auf, denn sie soll grade das erforschen was wir nicht kennen. Das heißt: was man unter allgemeine Gesetze bringen kann, gilt für nothwendig, und was nicht, für zufällig. Jedermann sieht, daß
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dies dieselbe Art Wissenschaft ist die das, was sie erklären kann, für natürlich ausgibt, und das ihr Unerklärliche auf übernatürliche Ursachen schiebt. Ob ich die Ursache des Unerklärlichen Zufall nenne, oder Gott, bleibt für die Sache selbst vollständig gleichgültig. Beide sind nur ein andrer Ausdruck für: ich 112| weiß es nicht, und gehören daher nicht in die Wissenschaft. Diese hört	5
auf wo der nothwendige Zusammenhang versagt.
Dem gegenüber tritt der Determinismus, der aus dem französischen Materialismus in die Naturwissenschaft übergegangen, und der mit der Zufälligkeit fertig zu werden sucht indem er sie überhaupt abläugnet. Nach dieser Auffassung herrscht in der Natur nur die einfache, direkte 10 Nothwendigkeit. Daß diese Erbsenschote fünf Erbsen enthält und nicht 4 oder 6, daß der Schwanz dieses Hundes fünf Zoll lang ist und nicht eine Linie länger oder kürzer, daß diese Kleeblüthe dies Jahr durch eine Biene befruchtet worden und jene nicht und zwar durch diese bestimmte Biene und zu dieser bestimmten Zeit, daß dieser bestimmte verwehte Löwenzahnsamen 15 aufgegangen ist und jener nicht, daß mich vorige Nacht ein Floh um vier Uhr Morgens gebissen hat und nicht um drei oder fünf, und zwar auf die rechte Schulter, nicht aber auf die linke Wade, alles das sind Thatsachen die durch eine unverrückbare Verkettung von Ursache und Wirkung, durch eine unerschütterliche Nothwendigkeit hervorgebracht sind, so zwar, daß bereits 20 der Gasball aus dem das Sonnensystem hervorging, der Art angelegt war daß diese Ereignisse sich so und nicht anders zutragen mußten. Mit dieser Art Nothwendigkeit kommen wir auch nicht aus der theologischen Naturauffassung heraus. Ob wir das den ewigen Rathschluß Gottes, mit Augustin und Calvin, oder mit den Türken das Kismet, oder aber die Nothwendigkeit 25 nennen, bleibt sich ziemlich gleich für die Wissenschaft. Von einer Verfolgung der Ursachenkette ist in keinem dieser Fälle die Rede, wir sind also so klug im einen Falle wie im andern, die s. g. Nothwendigkeit bleibt eine leere Redensart und damit — bleibt auch der Zufall was er war. Solange wir nicht nachweisen können, worauf die Zahl der Erbsen in der Schote beruht, 30 bleibt sie eben zufällig, und mit der Behauptung daß der Fall bereits in der ursprünglichen Konstitution des Sonnensystems vorgesehn sei, sind wir keinen Schritt weiter. Noch mehr. Die Wissenschaft, welche sich daran setzen sollte, den Casus dieser einzelnen Erbsenschote in seiner Causal-verkettung rückwärts zu verfolgen, wäre keine Wissenschaft mehr, sondern 35 pure Spielerei; denn dieselbe Erbsenschote allein hat noch unzählige andre individuelle, als zufällig erscheinende Eigenschaften, Nüance der Farbe, Dicke und Härte der Schale, Größe der Erbsen, von den durch das Mikroskop zu enthüllenden Individuellen Besonderheiten gar nicht zu reden. Die Eine Erbsenschote gäbe also schon mehr Causalzusammenhänge zu verfolgen als 40 alle Botaniker der Welt lösen könnten. Die Zufälligkeit ist also hier nicht aus
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der NothWendigkeit erklärt, die Nothwendigkeit ist vielmehr herunter gebracht auf die Erzeugung von bloß Zufälligem. Wenn das Faktum daß eine bestimmte Erbsenschote sechs Erbsen enthält und nicht fünf oder sieben, auf derselben Ordnung steht wie das Bewegungsgesetz des Sonnensystems oder das Gesetz der Verwandlung der Energie, dann ist in der That nicht die Zufälligkeit in die Nothwendigkeit erhoben, sondern die Nothwendigkeit degradirt zur Zufälligkeit. Noch mehr. Die Mannichfaltigkeit der auf einem bestimmten Terrain neben einander bestehenden ||[3]| organischen und unorganischen Arten und Individuen mag noch so sehr als auf unverbrüchlicher Nothwendigkeit begründet behauptet werden, für die einzelnen Arten und Individuen bleibt sie was sie war, zufällig. Es ist für das einzelne Thier zufällig, wo es geboren ist, welches Medium es zum Leben vorfindet, welche und wie viel Feinde es bedrohen. Es ist für die Mutterpflanze zufällig wohin der Wind ihren Samen verweht, für die Tochterpflanze, wo das Samenkorn Keimboden findet, dem sie entstammt, und die Versicherung daß auch hier Alles auf unverbrüchlicher Nothwendigkeit beruhe, ist ein pauvrer Trost. Die Zusammenwürfelung der Naturgegenstände auf einem bestimmten Gebiet, noch mehr auf der ganzen Erde bleibt bei aller Urdetermination von Ewigkeit her doch was sie war — zufällig.
Gegenüber beiden Auffassungen tritt Hegel mit den bisher ganz unerhörten Sätzen, daß das Zufällige einen Grund hat weil es zufällig ist und ebensosehr auch keinen Grund hat, weil es zufällig ist; daß das Zufällige nothwendig ist; daß die Nothwendigkeit sich selbst als Zufälligkeit bestimmt, und daß andrerseits diese Zufälligkeit vielmehr die absolute Nothwendigkeit ist. (Logik, II. Buch, III, 2: die Wirklichkeit). Die Naturwissenschaft hat diese Sätze einfach als paradoxe Spielereien, als sich selbst widersprechenden Unsinn links liegen lassen und ist theoretisch verharrt einerseits in der Gedankenlosigkeit der Wolfschen Metaphysik nach der etwas entweder zufällig ist oder nothwendig, aber nicht Beides zugleich; oder andrerseits im kaum weniger gedankenlosen mechanischen Determinismus, der den Zufall im Allgemeinen in der Phrase wegläugnet um ihn in der Praxis in jedem besondern Fall anzuerkennen.
Während die Naturforschung fortfuhr, so zu denken, was that sie, in der Person Darwins?
Darwin, in seinem epochemachenden Werk, geht aus von der breitesten vorgefundnen Grundlage der Zufälligkeit. Es sind grade die unendlichen zufälligen Verschiedenheiten der Individuen innerhalb der einzelnen Arten — Verschiedenheiten die sich bis zur Durchbrechung des Artcharakters steigern und deren selbst nächste Ursachen nur in den wenigsten Fällen nachweisbar sind (das inzwischen angehäufte Material von Zufälligkeiten hat die alte Vorstellung der Nothwendigkeit erdrückt und durchbrochen) — die
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ihn zwingen, die bisherige Grundlage aller Gesetzmäßigkeit in der Biologie, den Artbegriff in seiner bisherigen metaphysischen Starrheit und Unveränderlichkeit in Frage zu stellen. Aber ohne den Artbegriff war die ganze Wissenschaft nichts. Alle ihre Zweige hatten den Artbegriff als Grundlage nöthig: die Anatomie — des Menschen und die vergleichende — die Em- 5 bryologie, die Zoologie, Paläontologie, Botanik etc. was waren sie ohne den Artbegriff? alle ihre Resultate waren nicht nur in Frage gestellt, sondern direkt aufgehoben. Die Zufälligkeit wirft die Nothwendigkeit, wie sie bisher aufgefaßt über den Haufen. Die bisherige Vorstellung von der Nothwendigkeit versagt. Sie beizubehalten, heißt die sich selbst und der Wirklichkeit 10 widersprechende Willkührbestimmung des Menschen der Natur als Gesetz aufzudiktiren, heißt damit alle innere Nothwendigkeit in der lebenden Natur läugnen, heißt das chaotische Reich des Zufalls allgemein als einziges Gesetz der lebenden Natur proklamiren. Gilt nicht mehr der Tausves Jontof! schrien die Biologen alter Schule ganz konsequent.	15
Darwin |
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|[1]| Darwinsche Theorie nachzuweisen als die praktische Beweisführung der Hegelschen Darstellung des innern Zusammenhangs von Nothwendigkeit und Zufälligkeit.
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[147]
Was Hegel die Wechselwirkung nennt, ist der organische Körper, der daher auch den Übergang zum Bewußtsein, d.h. von der Nothwendigkeit zur Freiheit, zum Begriff bildet. Siehe Logik II, Schluß.
[148]
Umschlag von Quantität in Qualität: einfachstes Exempel Sauerstoff und Ozon, wo 2:3 ganz andre Eigenschaften bis auf den Geruch hervorbringt. Die andren allotropen Körper ebenfalls von der Chemie nur durch dies erklärt, daß verschiedne Anzahl Atome in den Molekülen.
[149]
Wenn Hegel die Natur als eine Manifestation der ewigen „Idee“ in der Entäußerung ansieht, und dies ein so schweres Verbrechen ist, was sollen wir sagen zum Morphologen Richard Owen: The archetypal idea was mani-fested in the flesh under diverse such modifications, upon this planet, long prior to the existence of those animal species that actually exemplify it. (Nature of limbs 1849) Wenn das ein mystischer Naturforscher sagt der sich nichts dabei denkt, so geht’s ruhig hin; wenn aber ein Philosoph dasselbe sagt der sich etwas und zwar au f ond das Richtige wenn auch in verkehrter Form dabei denkt, so ist’s Mystik und ein unerhörtes Verbrechen.
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[150]
Die Empirie der Beobachtung allein kann nie die Nothwendigkeit genügend beweisen. Post hoc aber nicht propter hoc (Enc. 1,84) Dies ist so sehr richtig daß aus dem steten Aufgehn der Sonne des Morgens nicht folgt sie werde morgen wieder aufgehn, und in der That wissen wir jetzt daß ein Moment 5 kommen wird wo die Sonne eines Morgens nicht aufgeht. Aber der Beweis der Nothwendigkeit liegt in der menschlichen Thätigkeit, im Experiment, in der Arbeit: Wenn ich das post hoc machen kann, wird es identisch mit dem propter hoc.
[151]
Ad vocem Nägeli. Unfaßbarkeit daß Unendliches]. Sobald wir sagen Materie und Bewegung sind unerschaffbar und unzerstörbar sagen wir, daß die Welt als unendlicher Progreß, d. h. in der Form der schlechten Unendlichkeit existirt, und haben damit an diesem Prozeß Alles begriffen was zu begreifen 15 ist. Höchstens fragt sich noch ob dieser Prozeß eine — in großen Kreisläufen — ewige Wiederholung Desselben ist, oder ob die Kreisläufe ab- und aufsteigende Äste haben.	.
[152]	20
|[2]| Hegel Enc. I, 205/6 prophetische Stelle über die Atomgewichte gegenüber den damaligen physikalischen Auffassungen und über Atom, Molekül als Gedankenbestimmungen worüber das Denken zu entscheiden hat.
[153]	25
Die Schwere als allgemeinste Bestimmung der Materialität landläufig angenommen. D.h. die Attraktion ist nothwendige Eigenschaft der Materie aber nicht die Repulsion. Aber Attraktion und Repulsion so untrennbar wie positiv und negativ—und daher aus der Dialektik selbst schon vorherzusagen daß die wahre Theorie der Materie der Repulsion eine ebenso wichtige 30 Stellung anweisen muß wie der Attraktion, daß eine auf bloße Attraktion gegründete Theorie der Materie falsch, ungenügend, halb ist. In der That treten Erscheinungen genug auf die dies vorausanzeigen. Der Aether ist schon des Lichts wegen nicht zu entbehren. Ist der Aether Materiell? Wenn er überhaupt ist, muß er materiell sein, unter den Begriff der Materie fallen. 35 Aber er hat keine Schwere. Die Kometenschweife sind zugegeben als materiell. Sie zeigen eine gewaltige Repulsion. Die Wärme im Gas erzeugt Repulsion usw.
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Stoß und Reibung. Die Mechanik betrachtet die Wirkung des Stoßes als rein vorgehend. Aber in der Wirklichkeit geht’s anders zu. Bei jedem Stoß wird ein Theil der mechanischen Bewegung in Wärme umgesetzt, und Reibung ist gar weiter nichts als eine Form des Stoßes die fortdauernd mechanische Bewegung in Wärme umsetzt (Reibfeuer urbekannt).
[155]
Descartes entdeckte daß Ebbe und Fluth durch Aktion des Mondes verursacht. Dito gleichzeitig mit Snellius das Grundgesetz der Lichtbrechung (bestritten Wolf 325) und zwar in einer ihm eigenthümlichen von der Sn.sehen verschiednen Form.
[156]
Theorie und Empirie: die Abplattung theoretisch durch Newton festgestellt, die Cassinis und andre Franzosen behaupteten noch lange nachher, auf ihre empirischen Messungen gestützt daß die Erde ellipsoidisch und die Polaraxe die längste sei.
[157]
Aristarch von Samos 270 v. Chr. hatte schon die kopernikanische Theorie von Erde und Sonne. Mädler 44, Wolf 35—37.
Demokrit hatte schon vermuthet, die Milchstraße werfe uns das vereinigte Licht zahlloser kleiner Sterne zu. Wolf 313.
[158]
Hübsches Stück Naturdialektik wie nach der jetzigen Theorie die Abstoßung gleicher magnetischer Pole erklärt wird aus der Anziehung gleicher elektrischer Ströme. Guthrie p.264. |
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[159]
| Noten
1)	Kekule. Dann: Die Systematisirung der Naturwissenschaften] die jetzt mehr und mehr nöthig wird, kann nicht anders gefunden werden als in den Zusammenhängen der Erscheinungen selbst. So die mechanische Bewegung 5 von kleinen Massen auf einem Weltkörper endigt im Kontakt zweier Körper, der die beiden nur graduell unterschiednen Formen von Reibung und Stoß hat. Wir untersuchen also zuerst die mechanische Wirkung von Reibung und Stoß. Aber wir finden daß sie damit nicht erschöpft: Reibung produzirt Wärme Licht und Elektricität; Stoß Wärme und Licht wo nicht auch Elek- 10 tricität — also Verwandlung von Massenbewegung in Molekular-Bewegung. Wir treten ein ins Gebiet der Molekularbewegung, d[ie] Physik, und untersuchen weiter. Aber auch hier finden wir daß die Molekular-Bewegung nicht den Abschluß der Untersuchung bildet. Elektricität geht über in, und geht hervor aus, chemischem Umsatz. Wärme und Licht ditto. Molekular- 15 Bewegung schlägt über in Atombewegung. — Chemie. Die Untersuchung der chemischen Vorgänge findet die organische Welt als Untersuchungsgebiet vor, also eine Welt in der die chemischen Vorgänge nach denselben Gesetzen aber unter andern Bedingungen vorgehn als in der unorganischen Welt, für deren Erklärung die Chemie ausreicht. Alle chemischen Untersuchungen der 20 organischen Welt führen dagegen zurück in letzter Instanz auf einen Körper, der, Resultat gewöhnlicher chemischer Vorgänge, sich von allen andern dadurch unterscheidet daß er sich selbst vollziehender, permanenter chemischer Prozeß ist — das Eiweiß. Gelingt es der Chemie, dies Eiweiß in der Bestimmtheit darzustellen, in der es offenbar entstanden, ein s.g. Proto- 25 plasma, der Bestimmtheit oder vielmehr Unbestimmtheit worin es alle andern Formen des Eiweißes potentiell in sich enthält (wobei nicht nöthig anzunehmen daß es nur Einerlei Protoplasma gibt) so ist der dialektische Übergang auch real dargethan, also vollständig. Bis dahin bleibt’s beim
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Manuskripte 1876—1877
Denken alias der Hypothese. Indem die Chemie das Eiweiß erzeugt, greift der chemische Prozeß über sich selbst hinaus wie oben der mechanische, d. h. er gelangt in ein umfassenderes Gebiet, das des Organismus. Die Physiologie ist allerdings die Physik und besonders die Chemie des lebenden Körpers, 5 aber damit hört sie auch auf speciell Chemie zu sein, beschränkt einerseits
ihren Umkreis aber erhebt sich auch darin zu einer höheren Potenz. |
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[160]
[Über die Urbilder des Mathematischen Unendlichen in der wirklichen Welt]
Inn I
Zu S. 17—18: Einstimmung von Denken und Sein. —	5
Das Unendliche der Mathematik.
Die Thatsache daß unser subjektives Denken und die objektive Welt denselben Gesetzen unterworfen sind und daher auch beide in ihren Resultaten sich schließlich nicht widersprechen können, sondern übereinstimmen müssen, beherrscht absolut unser gesammtes theoretisches Denken. Sie ist 10 seine unbewußte und unbedingte Voraussetzung. Der Materialismus des 18. Jahrhunderts in Folge seines wesentlich metaphysischen Charakters, hat diese Voraussetzung nur ihrem Inhalt nach untersucht. Er beschränkte sich auf den Nachweis daß der Inhalt alles Denkens und Wissens aus der sinnlichen Erfahrung stammen müsse, und stellte den Satz wieder her: nihil est 15 in intellectu quod non fuerit in sensu. Erst die moderne idealistische, aber gleichzeitig dialektische Philosophie und namentlich Hegel untersuchte sie auch der Form nach. Trotz der zahllosen willkührlichen Konstruktionen und Phantastereien die uns hier entgegentreten, trotz der idealistisch auf den Kopf gestellten Form ihres Resultats, der Einheit von Denken und Sein, ist 20 unläugbar daß diese Philosophie die Analogie der Denkprozesse mit den Natur- und Geschichtsprozessen und umgekehrt und die Gültigkeit gleicher Gesetze für alle diese Prozesse an einer Menge von Fällen und auf den verschiedensten Gebieten nachgewiesen hat. Andrerseits hat die moderne Naturwissenschaft den Satz vom erfahrungsmäßigen Ursprung alles Denk- 25 inhalts in einer Weise erweitert die seine alte metaphysische Begränzung und Formulirung über den Haufen wirft. Indem sie die Vererbung erworbener Eigenschaften anerkennt, erweitert sie das Subjekt der Erfahrung vom
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Über die Urbilder des mathematischen Unendlichen in der wirklichen Welt
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Individuum auf die Gattung; es ist nicht mehr nothwendig das einzelne Individuum, das erfahren haben muß, seine Einzelerfahrung kann bis auf einen gewissen Grad ersetzt werden durch die Resultate der Erfahrungen einer Reihe seiner Vorfahren. Wenn bei uns z. B. die mathematischen Axiome jedem Kinde von acht Jahren als selbstverständlich, keines Erfahrungsbeweises bedürftig erscheinen, so ist das lediglich Resultat „gehäufter Vererbung“. Einem Buschmann oder Australneger würden sie schwerlich durch Beweis beizubringen sein.
In der vorstehenden Schrift ist die Dialektik als die Wissenschaft ||[2]| von den allgemeinsten Gesetzen aller Bewegung gefaßt worden. Es ist hierin eingeschlossen daß ihre Gesetze Gültigkeit haben müssen für die Bewegung ebensosehr in der Natur und der Menschengeschichte, wie für die Bewegung des Denkens. Ein solches Gesetz kann erkannt werden in zweien dieser drei Sphären, ja selbst in allen dreien, ohne daß der metaphysische Schlendrian sich darüber klar wird, daß es ein und dasselbe Gesetz ist das er erkannt hat. (Nehmen wir ein Beispiel. Von allen theoretischen Fortschritten gilt wohl keiner als ein so hoher Triumph des menschlichen Geistes wie die Erfindung der Infinitesimalrechnung in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wenn irgendwo, so haben wir hier eine reine und ausschließliche That des menschlichen Geistes. Das Mysterium, das die bei der Infinitesimalrechnung angewandten Größen, die Differentiale und Unendlichen verschiedener Grade noch heute umgibt, ist der beste Beweis dafür, daß man sich noch immer einbildet, man habe es hier mit reinen „freien Schöpfungen und Imaginationen“ des Menschengeistes zu thun, wofür die objektive Welt kein Entsprechendes biete. Und doch ist das Gegentheil der Fall. Für alle diese imaginären Größen bietet die Natur die Vorbilder.
Unsre Geometrie geht aus von Raumverhältnissen, unsre Arithmetik und Algebra von Zahlengrößen die unsren irdischen Verhältnissen entsprechen, die also den Körpergrößen entsprechen, die die Mechanik Massen nennt — Massen wie sie auf der Erde vorkommen, und von Menschen bewegt werden. Gegenüber diesen Massen erscheint die Masse der Erde unendlich groß und wird von der irdischen Mechanik auch als unendlich groß behandelt. Erdradius = ec, Grundsatz aller Mechanik im Fallgesetz. Aber nicht nur die Erde, sondern das ganze Sonnensystem und die in ihm vorkommenden Entfernungen erscheinen ihrerseits wieder als unendlich klein, sobald wir uns mit den nach Lichtjahren zu schätzenden Entfernungen in dem für uns teleskopisch sichtbaren Sternensystem beschäftigen. Wir haben hier also schon ein Unendliches nicht nur des ersten, sondern auch des zweiten Grades, und können es der Phantasie unsrer Leser überlassen, sich noch weitere Unendliche höherer Grade im unendlichen Raum zurecht zu konstruiren ||3| falls sie dazu Lust verspüren.
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Die irdischen Massen, die Körper mit denen die Mechanik operirt, bestehn aber nach der heute in der Physik und Chemie herrschenden Ansicht aus Molekülen, kleinsten Theilchen, die nicht weiter getheilt werden können ohne die physikalische und chemische Identität des betreffenden Körpers aufzuheben. Nach W.Thomson’s Berechnungen kann der Durchmesser des 5 kleinsten dieser Moleküle nicht kleiner sein als ein Fünfzigmilliontel eines Millimeters. Nehmen wir aber auch an, daß das größte Molekül selbst einen Durchmesser von einem Fünfundzwanzig-Milliontel Millimeter erreiche; so bleibt es immer noch eine verschwindend kleine Größe gegen die kleinste Masse mit der die Mechanik, die Physik und selbst die Chemie operiren. 10 Trotzdem ist es mit allen der betreffenden Masse eigenthümlichen Eigenschaften begabt, es kann die Masse physikalisch und chemisch vertreten und vertritt sie wirklich in allen Chemischen Gleichungen. Kurzum, es hat ganz dieselben Eigenschaften gegenüber der entsprechenden Masse wie das mathematische Differential gegenüber seiner Veränderlichen. Nur daß, was 15 uns beim Differential, in der mathematischen Abstraktion, geheimnißvoll und unerklärlich erscheint, hier selbstverständlich und sozusagen augenscheinlich wird.
Mit diesen Differentialen, den Molekülen, operirt nun die Natur ganz in derselben Weise und ganz nach denselben Gesetzen wie die Mathematik mit 20 ihren abstrakten Differentialen. So ist z. B. das Differential von x3 = 3x2dx wobei 3xdx2 und dx3 vernachlässigt werden. Konstruiren wir uns dies geometrisch, so haben wir einen Kubus mit der Seitenlänge x, welche Seitenlänge um die unendlich kleine Größe dx vergrößert wird. Nehmen wir an dieser Kubus bestehe aus einem sublimirteren Element, sage Schwefel; die, 25 eine Ecke umgebenden drei Seitenflächen seien geschützt, die andern drei seien frei. Setzen wir nun diesen Schwefelkubus einer Atmosphäre von Schwefelgas aus und erniedrigen deren Temperatur hinreichend, so schlägt sich das Schwefelgas auf den drei freien Seiten des Würfels nieder. Wir bleiben ganz innerhalb der, der Physik und Chemie geläufigen Verfahrungs- 30 weise, wenn wir annehmen, um uns den Vorgang in seiner Reinheit vorzustellen, daß auf jeder dieser drei Seiten sich zunächst eine Schicht von der Dicke eines Moleküls niederschlägt. Die Seitenlänge x des Kubus hat sich um den Durchmesser eines Moleküls, dx, vergrößert. Der Inhalt des Kubus x3 ist gewachsen um die Differenz von x3 und x3 + 3x2dx + 3xdx2 + dx3, 35 wobei wir dx3, ein Molekül, und 3xdx2, drei Reihen einfach linear aneinander gelagerter Moleküle von der Länge x + dx, mit demselben Recht vernachlässigen können wie die Mathematik. Das Resultat ist dasselbe: der Massenzuwachs des Kubus ist 3x2dx. |
|[4]| Genau genommen, kommen bei dem Schwefelkubus dx3 und 3xdx2 40 nicht vor, weil nicht zwei oder drei Moleküle in demselben Raum sein
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können, und seine Massenzunahme ist daher genau 3x2dx + 3xdx 4- dx. Dies erklärt sich daher daß in der Mathematik dx eine lineare Größe ist, dergleichen Linien ohne Dicke und Breite aber in der Natur bekanntlich nicht selbstständig vorkommen, die mathematischen Abstraktionen also auch nur in der reinen Mathematik unbedingte Gültigkeit haben. Und da auch diese 3xdx2 + dx3 vernachlässigt, so macht’s keinen Unterschied.
Ebenso bei der Verdunstung. Wenn in einem Glase Wasser die oberste Molekularschicht verdunstet, so ist die Höhe der Wasserschicht x um dx vermindert worden, und die fortdauernde Verflüchtigung einer Molekularschicht nach der andern ist thatsächlich eine fortgesetzte Differentiation. Und wenn der heiße Dampf durch Druck und Abkühlung in einem Gefäß wieder zu Wasser verdichtet wird, und eine Molekularschicht sich auf die andre lagert (wobei wir von den den Vorgang unrein machenden Nebenumständen absehn dürfen), bis das Gefäß voll ist, so hat hier buchstäblich eine Integration stattgefunden, die sich von der mathematischen nur dadurch unterscheidet, daß die eine vom menschlichen Kopf bewußt vollzogen wird und die andre unbewußt von der Natur. Aber nicht nur beim Übergang aus dem flüssigen in den Gaszustand und umgekehrt finden Vorgänge statt die denen der Infinitesimal-Rechnung vollkommen analog sind. Wenn Massenbewegung — durch Stoß — als solche aufgehoben und in Wärme, Molekularbewegung umgewandelt worden, was ist andres geschehn als daß die Massenbewegung differenzirt worden? Und wenn die Molekularbewegungen des Dampfs im Cylinder der Dampfmaschine sich dahin summiren daß sie den Kolben um ein Bestimmtes heben, daß sie in Massenbewegung umschlagen, sind sie nicht integrirt worden? Die Chemie löst die Moleküle auf in Atome, Größen von geringerer Masse und Raumausdehnung, aber Größen derselben Ordnung, sodaß Beide in bestimmten, endlichen Verhältnissen zu einander stehn. Die sämmtlichen Chemischen Gleichungen, die die Molekularzusammensetzung der Körper ausdrücken, sind also der Form nach Differentialgleichungen. Aber sie sind in Wirklichkeit bereits integrirt durch die Atomgewichte die in ihnen f iguriren. Die Chemie rechnet eben mit Differentialen, deren gegenseitiges Größenverhältniß bekannt ist.
Nun aber gelten die Atome keines wegs für einfach oder überhaupt für die kleinsten bekannten Stofftheilchen. Abgesehn von der Chemie selbst, die mehr und mehr sich der Ansicht zuneigt, daß die Atome zusammengesetzt sind, behauptet die Mehrzahl der Physiker daß der Weltäther der Licht- und Wärmestrahlung vermittelt, ebenfalls aus diskreten Theilchen bestehe, die aber so klein sind, daß sie sich zu den chemischen ||5| Atomen und physikalischen Molekülen verhalten wie diese zu den mechanischen Massen, also wie d2x zu dx. Hier haben wir also in der jetzt landläufigen Vorstellung von der Konstitution der Materie ebenfalls das Differential des zweiten Grades,
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und es liegt durchaus kein Grund vor, warum nicht Jeder, dem dies Vergnügen macht, sich vorstellen sollte daß auch noch Analoga von d3x, d4xusw. in der Natur vorhanden sein sollten.
Welcher Ansicht man also auch über die Konstitution der Materie sein möge, soviel ist sicher, daß sie in eine Reihe von großen, gut abgegränzten 5 Gruppen relativer Massenhaftigkeit gegliedert ist, sodaß die Glieder jeder einzelnen Gruppe zu einander in bestimmten, endlichen Massenverhältnissen stehn, gegenüber denen der nächsten Gruppen aber im Verhältniß der unendlichen Größe oder Kleinheit im Sinne der Mathematik stehn. Das sichtbare Sternensystem, das Sonnensystem, die irdischen Massen, die 10 Moleküle und Atome, endlich die Aethertheilchen bilden Jedes eine solche Gruppe. Es ändert Nichts daran, daß wir zwischen einzelnen Gruppen Mittelglieder finden. So zwischen den Massen des Sonnensystems und den irdischen die Asteroiden von denen einige keinen größeren Durchmesser haben als etwa das Fürstenthum Reuß jüngere Linie, die Meteore usw. So 15 zwischen irdischen Massen und Molekülen in der organischen Welt die Zelle. Diese Mittelglieder beweisen nur daß es in der Natur keinen Sprung gibt, eben weil die Natur sich aus lauter Sprüngen zusammensetzt.
Sowie die Mathematik mit wirklichen Größen rechnet, wendet sie diese Anschauungsweise auch ohne Weiteres an. Der irdischen Mechanik gilt 20 bereits die Erdmasse als unendlich groß, wie in der Astronomie die irdischen Massen und die ihnen entsprechenden Meteore als unendlich klein, ebenso verschwinden ihr die Entfernungen und Massen der Planeten des Sonnensystems sobald sie über die nächsten Fixsterne hinaus die Konstitution unsres Sternensystems untersucht. Sobald aber die Mathematiker sich in ihre 25 uneinnehmbare Festung der Abstraktion, die s. g. reine Mathematik zurückziehen, werden alle jene Analogieen vergessen, das Unendliche wird etwas total Mysteriöses, und die Art und Weise wie damit in der Analysis operirt wird, erscheint als etwas rein Unbegreifliches, aller Erfahrung und allem Verstand Widersprechendes. Die Thorheiten und Absurditäten mit denen die 30 Mathematiker diese ihre Verfahrungsweise, die sonderbarer Weise immer zu richtigen Resultaten führt, mehr entschuldigt als erklärt haben, übertreffen die ärgsten scheinbaren und wirklichen Phantastereien z. B. der Hegelschen Naturphilosophie, vor denen Mathematiker und Naturforscher nicht Horror genug aussprechen können. Was sie Hegel vorwerfen, daß er 35 Abstraktionen auf die Spitze treibe, thun sie selbst in weit größerem Maßstab. Sie vergessen daß die ganze s. g. reine Mathematik sich mit Abstraktionen beschäftigt, daß alle ihre Größen, streng genommen, imaginäre Größen sind, und daß alle Abstraktionen, ||[6]| auf die Spitze getrieben, umschlagen in Widersinn oder in ihr Gegentheil. Das mathematische Un- 40 endliche ist aus der Wirklichkeit entlehnt, wenn auch unbewußt, und kann
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daher auch nur aus der Wirklichkeit und nicht aus sich selbst, aus der mathematischen Abstraktion erklärt werden. Und wenn wir die Wirklichkeit darauf untersuchen, so finden wir, wie wir sehen, auch die Wirklichen Verhältnisse vor, von denen das mathematische Unendlichkeitsverhältniß entlehnt ist, und sogar die natürlichen Analoga der mathematischen Art dies Verhältniß wirken zu lassen. Und damit ist die Sache erklärt. (Schlechte Reproduktion bei Häckel von Denken und Sein Identität. Aber auch der Widerspruch von kontinuirlicher und diskreter Materie s. Hegel.)
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[Über die „mechanische“ Naturauffassung]
Note 2.
Zu S. 46: die verschiedenen Formen der Bewegung und die sie behandelnden Wissenschaften.
Seit obiger Artikel erschien (Vorwärts, 9.Febr. 1877) hat Kekule (die wis-sensch. Ziele und Leistungen der Chemie) Mechanik, Physik und Chemie ganz ähnlich bestimmt: „Wenn diese Vorstellung über das Wesen der Materie zu Grund gelegt wird, so wird man die Chemie als die Wissenschaft der Atome und die Physik als die Wissenschaft der Molekeln definiren dürfen, und es liegt dann nahe, denjenigen Theil der heutigen Physik, der von den Massen handelt, als besondre Disziplin loszulösen und für ihn den Namen Mechanik zu reserviren. Die Mechanik erscheint so als Grundwissenschaft der Physik und Chemie, insofern beide ihre Molekeln und resp. Atome bei gewissen Betrachtungen und namentlich Rechnungen als Massen zu behandeln haben.“ Diese Fassung unterscheidet sich, wie man sieht, von der im Text und der vorigen Note gegebnen nur durch etwas geringere Bestimmtheit. Wenn aber eine englische Zeitschrift (Nature), Kekule’s obigen Satz dahin übertrug, daß die Mechanik die Statik und Dynamik der Massen, die Physik die Statik und Dynamik der Moleküle, die Chemie die Statik und Dynamik der Atome sei, so scheint mir diese unbedingte Reduktion sogar der chemischen Vorgänge auf bloß mechanische das Feld wenigstens der Chemie ungebührlich zu verengern. Und doch ist sie so sehr Mode, daß z. B. bei Häckel „mechanisch“ und „monistisch“ fortwährend als gleichbedeutend gebraucht werden und nach ihm „die heutige Physiologie... auf ihrem Gebiet nur physikalisch-chemische — oder im weiteren Sinn mechanische — Kräfte wirken läßt“. (Perigenesis)
Wenn ich zunächst die Physik die Mechanik der Moleküle, die Chemie die Physik der Atome und dann weiterhin die Biologie die Chemie des Eiweißes
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nenne, so will ich damit den Übergang der Einen dieser Wissenschaften in die andre, also sowohl den Zusammenhang, die Continuität wie den Unterschied, die Diskretion Beider ausdrücken. Weiter zu gehn, die Chemie als ebenfalls eine Art Mechanik auszudrücken erscheint mir unstatthaft. Die Mechanik — weitere oder engere — kennt nur Quantitäten, sie rechnet mit 5 Geschwindigkeiten, Massen, und höchstens Volumen. Wo ihr die Qualität der Körper in den Weg kommt, wie in der Hydrostatik und Aerostatik, kann sie ohne Eingehn auf Molekularzustände und Molekularbewegungen nicht fertig werden, ist sie selbst nur noch Hülfswissenschaft, Voraussetzung der Physik. In der Physik aber und noch mehr in der Chemie findet aber nicht 10 nur fortwährende qualitative Änderung statt in Folge quantitativer Änderungen, Umschlag von Quantität in Qualität, sondern auch sind eine Menge qualitativer Änderungen zu betrachten, deren Bedingtheit ||7| durch quantitative Veränderung keineswegs erwiesen ist. Daß die gegenwärtige Strömung der Wissenschaf t in dieser Richtung sich bewegt, kann gern zugegeben 15 werden, beweist aber nicht daß sie die ausschließlich richtige ist; daß die Verfolgung dieser Strömung die Physik und Chemie erschöpfen wird. Alle Bewegung schließt mechanische Bewegung, Ortsveränderung größter oder kleinster Theile der Materie in sich und erste Aufgabe, aber auch nur erste der Wissenschaft, ist diese zu erkennen. Aber diese Mechanische Bewegung 20 erschöpft nicht die Bewegung überhaupt. Bewegung ist nicht bloß Ortsveränderung, sie ist auf den übermechanischen Gebieten auch Qualitätsänderung. Die Entdeckung daß Wärme eine Molekularbewegung, war epochemachend. Aber wenn ich von der Wärme weiter nichts zu sagen weiß als daß sie eine gewisse Ortsveränderung der Moleküle ist, so schweige ich 25 am besten still. Die Chemie scheint auf dem besten Wege, aus dem Verhältniß der Atomvolume zu den Atomgewichten eine ganze Reihe der chemischen und physikalischen Eigenschaften der Elemente zu erklären. Kein Chemiker aber wird behaupten, daß die sämmtlichen Eigenschaften eines Elements durch seine Stellung in der Kurve Lothar Meyers erschöpfend ausgedrückt, 30 daß allein damit z. B. die eigenthümliche Beschaffenheit des Kohlenstoffs, die ihn zum wesentlichen Träger des organischen Lebens macht, oder die Nothwendigkeit des Phosphors im Gehirn je zu erklären sein werde. Und doch läuft die „mechanische“ Auffassung auf nichts andres hinaus. Sie erklärt alle Veränderung aus Orts Veränderung, alle qualitativen Unter- 35 schiede aus quantitativen, und über sieht daß das Verhältniß von Qualität und Quantität reciprok ist, daß Qualität ebensogut in Quantität umschlägt, wie Quantität in Qualität, daß eben Wechselwirkung stattfindet. Wenn alle Unterschiede und Änderungen der Qualität auf quantitative Unterschiede und Änderungen, auf mechanische Ortsveränderung zu reduziren sind, dann 40 kommen wir mit Nothwendigkeit zu dem Satz daß alle Materie aus iden-
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tischen kleinsten Theilchen besteht, und alle qualitativen Unterschiede der chemischen Elemente der Materie verursacht sind durch quantitative Unterschiede in der Zahl und örtlichen Gruppirung dieser kleinsten Theilchen zu Atomen. Soweit sind wir aber noch nicht.
Es ist die Unbekanntschaft unsrer heutigen Naturforscher mit andrer Philosophie als der ordinärsten Vulgärphilosophie, wie sie heute an den deutschen Universitäten grassirt, die es ihnen erlaubt in dieser Weise mit Ausdrücken wie „mechanisch“ zu hantieren ohne daß sie sich Rechenschaft geben oder nur ahnen welche Schlußfolgerungen sie sich damit nothwendig aufladen. Die Theorie von der absoluten qualitativen Identität der Materie hat ja ihre Anhänger — sie ist empirisch ebensowenig widerlegbar wie beweisbar. Wenn man aber die Leute fragt die alles „mechanisch“ erklären wollen, ob sie sich dieser Schlußfolgerung bewußt sind und die Identität der Materie acceptiren, wie viel verschiedne Antwort wird man hören!
Das Komischste ist daß die Gleichsetzung von „materialistisch“ und „mechanisch“ von Hege/herrührt, der den Materialismus durch den Zusatz „mechanisch“ verächtlich machen will. Nun war der von Hegel kritisirte Materialismus — der französische des 18. Jhdts — in der That ausschließlich mechanisch — und zwar aus dem sehr natürlichen Grund weil damals Physik, Chemie und Biologie noch in den Windeln lagen, und weit entfernt davon waren, die Basis einer allgemeinen Naturanschauung ||[8]| bieten zu können. Ebenfalls entlehnt Häckel die Übersetzung causae efficientes = mechanisch wirkende Ursachen und causae finales = zweckmäßig wirkende Ursachen, von Hegel, wo Hegel also mechanisch = blindwirkend, unbewußt wirkend, setzt, nicht = mechanisch im Häckelschen Sinn. Dabei ist dieser ganze Gegensatz für Hegel selbst sosehr überwundner Standpunkt daß er ihn in keiner seiner beiden Darstellungen der Kausalität in der Logik auch nur erwähnt — sondern nur in der Gesch. d. Phil, da wo er historisch vorkommt (Also reines Mißverständniß Häckel’s aus Oberflächlichkeit!) und ganz gelegentlich bei der Teleologie (Logik, III, II, 3) als Form erwähnt in der die alte Metaphysik den Gegensatz von Mechanismus und Teleologie gefaßt, sonst aber als längst überwundner Standpunkt behandelt. Häckel hat also falsch abgeschrieben in seiner Freude, eine Bestätigung seiner „mechanischen“ Auffassung zu finden und kommt damit zu dem schönen Resultat, daß, wenn an einem Thier oder einer Pflanze durch Naturzüchtung eine bestimmte Veränderung hervorgerufen, dies durch causa efficiens, wenn dieselbe Veränderung durch künstliche Züchtung, dies durch causa finalis bewirkt! Der Züchter causa finalis! Ein Dialektiker vom Kaliber Hegel’s konnte sich freilich nicht in dem engen Gegensatz von causa efficiens und causa finalis im Kreise herumtreiben. Und für den heutigen Standpunkt ist dem ganzen ausweglosen Gekohl über diesen Gegensatz damit ein Ende
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gemacht, daß wir aus Erfahrung und Theorie wissen daß die Materie wie ihre Daseinsweise die Bewegung unerschaffbar und also ihre eigne Endursache sind; während den in der Wechselwirkung der Bewegung des Universums sich momentan und lokal isolirenden oder von unsrer Reflexion isolirten Einzelursachen durchaus keine neue Bestimmung sondern nur ein verwir- 5 rendes Element hinzugefügt wird wenn wir sie wirkende Ursachen nennen.
Eine Ursache die nicht wirkt ist keine.
NB. Die Materie als solche ist eine reine Gedankenschöpfung und Abstraktion. Wir sehen von den qualitativen Verschiedenheiten der Dinge ab indem wir sie als körperlich existirende unter d[en] Begriff Materie zusam- 10 menfassen. Materie als solche, im Unterschied von den Bestimmten, exi-stirenden Materien, ist also nichts Sinnlich-Existirendes. Wenn die Naturwissenschaft darauf ausgeht, die einheitliche Materie, als solche aufzusuchen, die qualitativen Unterschiede auf bloß quantitative Verschiedenheit der Zusammensetzung identischer kleinster Theilchen zu reduziren, so thut 15 sie dasselbe wie wenn sie statt Kirschen, Birnen, Äpfel das Obst als solches, statt Katzen, Hunde, Schafe etc. das Säugethier als solches zu sehen verlangt, das Gas als solches, das Metall als solches, den Stein als solchen, die chemische Zusammensetzung als solche, die Bewegung als solche. Die D[arwin]sche Theorie fordert ein solches Ursäugethier, Promammale 20 Häckel, muß aber gleichzeitig zugeben daß wenn es im Keim alle künftigen und jetzigen Säugethiere in sich enthielt, es in Wirklichkeit allen jetzigen Säugethieren untergeordnet und urroh war, und daher vergänglicher als sie alle. Wie schon Hegel Enc. 1,199 nachgewiesen ist diese Anschauung, dieser „einseitig ||[9]| mathematische Standpunkt“, auf der die Materie als nur 25 quantitativ bestimmbar aber qualitativ ursprünglich gleich angesehn wird, „kein andrer Standpunkt als der des“ französischen Materialismus des 18. Jhdts. Es ist sogar Rückschritt zu Pythagoras der schon die Zahl, die quantitative Bestimmtheit, als das Wesen der Dinge auffaßte. |
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Es ist ein alter Satz der in das Volksbewußtsein übergegangenen Dialektik, daß die Extreme sich berühren. Wir werden uns demnach schwerlich irren, wenn wir die äußersten Grade von Phantasterei, Leichtgläubigkeit und Aberglauben suchen, nicht etwa bei derjenigen naturwissenschaftlichen Richtung, die, wie die deutsche Naturphilosophie, die objektive Welt in den Rahmen ihres subjektiven Denkens einzuzwängen suchte, sondern vielmehr bei der entgegengesetzten Richtung, die, auf die bloße Erfahrung pochend, das Denken mit souverainer Verachtung behandelt und es wirklich in der Gedankenlosigkeit auch am weitesten gebracht hat. Diese Schule herrscht in England. Bereits ihr Vater, der vielgepriesene Franz Bacon, verlangt daß seine neue empirische, induktive Methode betrieben werde, um vor Allem dadurch zu erreichen: Verlängerung des Lebens, Verjüngung in einem gewissen Grade, Veränderung der Statur und der Züge, Verwandlung der Körper in andre, Erzeugung neuer Arten, Gewalt über die Luft und Erregung von Ungewittern; er beschwert sich, daß solche Untersuchungen verlassen worden seien, und gibt in seiner Naturhistorie förmliche Rezepte, Gold zu machen und mancherlei Wunder zu verrichten. Ebenso beschäftigte sich Isaak Newton auf seine alten Tage viel mit der Auslegung der Offenbarung Johannis. Was Wunder also, wenn in den letzten Jahren der englische Empirismus in einigen seiner Vertreter — und es sind nicht die schlechtesten — der von Amerika importirten Geisterklopferei und Geisterseherei anscheinend rettungslos verfallen ist.
Der erste hiehergehörige Naturforscher ist der hochverdiente Zoologe und Botaniker Alfred Rüssel Wallace, derselbe, der gleichzeitig mit Darwin die Theorie von der Artveränderung durch natürliche Zuchtwahl aufstellte. In seinem Schriftchen: On Miracles and modern Spiritualism, London, Burns, 1875, erzählt er, daß seine ersten Erfahrungen ||2| in diesem Zweig der
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Naturkunde von 1844 datiren, wo er den Vorlesungen des Herrn Spencer Hall über Mesmerismus beiwohnte, und in Folge dessen an seinen Schülern ähnliche Experimente machte. „Ich war aufs Äußerste von dem Gegenstand interessirt und verfolgte ihn mit Leidenschaft (ardour).“ Er erzeugte nicht nur den magnetischen Schlaf nebst den Erscheinungen der Gliederstarre und	5
lokalen Empfindungslosigkeit, sondern er bestätigte auch die Richtigkeit der Gälischen Schädelkarte, indem auf Berührung je eines beliebigen Gälischen Organs die betreffende Thätigkeit beim magnetisirten Patienten erregt und durch lebhafte Gesten vorschriftsmäßig bethätigt wurde. Er stellte ferner fest daß sein Patient, wenn er ihn nur dabei berührte, an allen Sinnes- 10 empfindungen des Operators theilnahm; er machte ihn betrunken mit einem Glase Wasser, sobald er ihm nur sagte es sei Cognac. Einen der Jungen konnte er selbst im wachenden Zustand so dumm machen daß er seinen eignen Namen nicht mehr wußte, was andre Schulmeister indeß auch ohne Mesmerismus fertig bringen. Und so weiter.	15
Nun trifft es sich daß ich diesen Herrn Spencer Hall ebenfalls im Winter 1843/44 in Manchester sah. Er war ein ganz ordinärer Charlatan, der unter der Protektion einiger Pfaffen im Lande herumzog und an einem jungen Mädchen magnetisch-phrenologische Schaustellungen vornahm, um dadurch die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und die Nichtigkeit 20 des damals von den Owenisten in allen großen Städten gepredigten Materialismus zu beweisen. Die Dame wurde in magnetischen Schlaf versetzt und gab, sobald der Operator ein beliebiges Gälisches Organ ihres Schädels berührte, theatralische demonstrative Gesten und Posen zum Besten, die die Bethätigung des betreffenden Organs darstellten; beim Organ der Kin- 25 derliebe (philoprogenitiveness) z. B. hätschelte und küßte sie ein Phantasiebaby usw. Der brave Hall hatte dabei die Gälische Schädelgeographie um eine neue Insel Barataria bereichert: ganz zu oberst auf ||3| dem Scheitel hatte er nämlich ein Organ der Anbetung entdeckt, bei dessen Berührung sein hypnotisches Fräulein in die Knie sank, die Hände 30 faltete, und dem erstaunten versammelten Philisterium den in Anbetung verzückten Engel vorführte. Das war der Schluß und Glanzpunkt der Vorstellung. Die Existenz Gottes war bewiesen.
Es ging mir und einem Bekannten ähnlich wie Herrn Wallace: die Phänomene interessirten uns und wir versuchten wie weit wir sie re- 35 produziren konnten. Ein aufgeweckter Junge von zwölf Jahren bot sich als Subjekt. Gelindes Anstieren oder Bestreichen versetzte ihn ohne Schwierigkeit in den hypnotischen Zustand. Da wir aber etwas weniger gläubig und etwas weniger hitzig zu Werk gingen als Herr Wallace, so kamen wir auch zu ganz andern Resultaten. Abgesehn von der leicht zu erzeugenden 40 Muskelstarre und Empfindungslosigkeit, fanden wir einen Zustand voll
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ständiger Passivität des Willens, verbunden mit eigenthümlich überspannter Erregbarkeit der Empfindung. Der Patient, durch irgend eine Anregung von Außen aus seiner Lethargie gerissen, bezeugte noch weit mehr Lebhaftigkeit als im wachenden Zustande. Von geheimnißvollem Rapport zum Operator keine Spur; jeder Andre konnte den Schlummernden eben so leicht in Thätigkeit versetzen. Die Gälischen Schädelorgane wirken zu lassen, war für uns das Wenigste; wir gingen noch viel weiter: wir konnten sie nicht nur vertauschen und über den ganzen Körper verlegen, sondern wir fabrizirten noch eine beliebige Menge andrer Organe, des Singens, Pfeifens, Tutens, Tanzens, Boxens, Nähens, Schusterns, Tabakrauchens usw., und verlegten sie wohin wir wollten. Wenn Wallace seinenPatientenmit Wasser betrunken machte, so entdeckten wir in der großen Zehe ein Organ der Betrunkenheit, das wir nur zu berühren brauchten, um die schönste betrunkene Komödie in Gang zu bringen. Aber wohlverstanden: kein Organ zeigte einen Schatten von Wirkung, bis dem Patienten zu verstehn ||4| gegeben, was von ihm erwartet wurde; der Junge vervollkommnete sich bald durch die Praxis so, daß die geringste Andeutung hinreichte. Diese so erzeugten Organe blieben dann auch für spätere Einschläferungen ein für alle Mal in Geltung, solange sie nicht auf dem selben Wege abgeändert wurden. Der Patient hatte eben ein doppeltes Gedächtniß, eins für den wachenden, ein zweites, ganz gesondertes, für den hypnotischen Zustand. Was die Passivität des Willens, seine absolute Unterwerfung unter den Willen eines Dritten angeht, so verliert sie allen Wunder schein, sobald wir nicht vergessen, daß der ganze Zustand mit der Unterwerfung des Willens des Patienten unter den des Operators begann, und ohne sie nicht hergestellt werden kann. Der zaubermächtigste Magnetiseur der Erde ist mit seinem Latein zu Ende, sobald sein Patient ihm ins Gesicht lacht.
Während wir so, mit unsrer frivolen Skepsis, als Grundlage der magnetisch-phrenologischen Charlatanerie eine Reihe von Erscheinungen fanden, die von denen des wachenden Zustandes meist nur dem Grade nach verschieden sind und keiner mystischen Interpretation bedürfen, führte die Leidenschaft (ardour) des Herrn Wallace ihn zu einer Reihe von Selbsttäuschungen, kraft deren er die Gälische Schädelkarte in allen ihren Details bestätigte und einen geheimnißvollen Rapport zwischen Operator und Patienten feststellte.x) Überall in der, bis zur Naivetät aufrichtigen Erzählung des Hrn Wallace blickt durch, daß es ihm viel weniger darum zu thun war, den thatsächlichen Hintergrund der Charlatanerie zu untersuchen, als die
x) Wie schon gesagt, die Patienten vervollkommnen sich durch die Uebung. Es ist also wohl möglich, daß wenn die Willensunterwerfung erst gewohnheitsmäßig geworden, das Verhältniß der Betheiligten intimer wird, einzelne Erscheinungen sich steigern und selbst im wachenden Zustande schwach reflektirt werden.
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sämmtlichen Erscheinungen um jeden Preis wieder hervorzubringen. Es braucht nur diese Gemüthsstimmung, ||5| um in kurzer Frist den anfänglichen Forscher, vermittelst einfacher und leichter Selbsttäuschung, in den Adepten zu verwandeln. Herr Wallace endigte mit dem Glauben an die magnetisch-phrenologischen Wunder, und stand nun schon mit einem Fuß in der Gei- 5 sterwelt.
Den andern Fuß zog er nach im Jahr 1865. Zurückgekehrt von seinen zwölfjährigen Reisen in der heißen Zone, führten ihn Tischrück-Experi-mente in die Gesellschaft verschiedner „Medien“. Wie rasch seine Fortschritte waren, wie vollständig seine Beherrschung des Gegenstands ist, 10 davon legt das obige Schriftchen Zeugniß ab. Es muthet uns nicht nur zu, alle angeblichen Wunder der Home, Gebrüder Davenport, und andrer sich mehr oder weniger für Geld sehen lassenden und großentheils des öfteren als Betrüger entlarvten „Medien“ für baare Münze zu nehmen, sondern auch eine ganze Reihe angeblich beglaubigter Geistergeschichten aus frühe- 15 rer Zeit. Die Pythonissen des griechischen Orakels, die Hexen des Mittelalters waren „Medien“, und Jamblichus de divinatione beschreibt schon ganz genau „die erstaunlichsten Erscheinungen des modernen Spiritualismus“.
Wie leicht Herr Wallace es mit der wissenschaftlichen Feststellung und 20 Beglaubigung dieser Wunder nimmt, davon nur ein Beispiel. Es ist gewiß eine starke Zumuthung, daß wir glauben sollen, die p.p. Geister ließen sich photographiren, und wir haben doch sicher das Recht zu verlangen, daß solche Geisterphotographien, ehe wir sie für echt annehmen auf die unzweifelhafteste Weise beglaubigt seien. Nun erzählt Herr Wallace S. 187 daß 25 im März 1872 Frau Guppy geb. Nicholls, ein Hauptmedium, mit ihrem Mann und ihrem kleinen Jungen sich bei Hrn Hudson in Notting Hill photographiren ließ, und bei zwei verschiednen Aufnahmen eine hohe weibliche Gestalt, in weißer Gaze künstlerisch (finely) ||6| drapirt, mit etwas orientalischen Zügen, in segnender Stellung hinter ihr erschien. „Hier nun, von zwei 30 Dingen sind eins absolut gewiß.x) Entweder war ein lebendes, intelligentes, aber unsichtbares Wesen gegenwärtig, oder Hr und Frau Guppy, der Photograph, und irgend eine vierte Person, haben einen schändlichen (wicked) Betrug geplant und ihn stets seitdem aufrecht erhalten. Ich kenne aber Hrn und Frau Guppy sehr gut und habe die absolute Überzeugung, daß sie eines 35 Betrugs dieser Art ebenso unfähig sind wie irgend ein ernster Wahrheitsforscher auf dem Gebiet der Naturwissenschaft.“
x) Here, then, one of two things are absolutely certain. Die Geisterwelt steht über der Grammatik. Ein Spaßvogel ließ einst den Geist des Grammatikers Lindley Murray citiren. Auf die Frage ob er da sei, antwortete er: I are (amerikanisch statt I am). Das Medium war aus 40 Amerika.
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Also entweder Betrug oder Geisterphotographie. Einverstanden. Und bei dem Betrug war entweder der Geist schon vorher auf den Platten, oder es müssen vier Personen betheiligt gewesen sein respektive drei, wenn wir den alten Herrn Guppy, der im Januar 1875 im Alter von 84 Jahren starb, als unzurechnungsfähig oder düpirt bei Seite lassen (er brauchte nur hinter die spanische Wand des Hintergrunds geschickt zu werden). Daß ein Photograph sich ohne Schwierigkeit ein „Modell“ für den Geist verschaffen konnte, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren. Der Photograph Hudson aber ist bald darauf der gewohnheitsmäßigen Fälschung von Geisterphotographien öffentlich bezüchtigt worden, so zwar, daß Hr. Wallace begütigend sagt: „Eins ist klar; daß, falls Betrug stattgefunden hat, er sofort von Spiritualisten selbst entdeckt wurde.“ Auf den Photographen ist also auch nicht viel Verlaß. Bleibt Frau Guppy, und für sie spricht „die absolute Überzeugung“ von Freund Wallace und sonst weiter nichts. — Weiter nichts? Keineswegs. Für die absolute Zuverlässigkeit der Frau Guppy spricht ihre Behauptung, ||7| eines Abends, gegen Anfang Juni 1871, aus ihrem Hause in Highbury Hill Park, nach 69 Lambs Conduit Street — drei englische Meilen in grader Linie — bewußtlosen Zustandes durch die Luft getragen, und in besagtem Hause Nr. 69 inmitten einer Geisterseher-Sitzung auf dem Tisch deponirt worden zu sein. Die Thüren des Zimmers waren verschlossen und obwohl Frau Guppy eine der beleibtesten Damen von London war, was gewiß etwas sagen will, so hat ihr plötzlicher Einbruch doch weder in den Thüren noch in der Decke das geringste Loch hinterlassen (Erzählt im Londoner Echo, 8 Juni 1871). Und wer jetzt nicht an die Echtheit der Geisterphotographie glaubt, dem ist nicht zu helfen.
Der zweite namhafte Adept unter den englischen Naturforschern ist Hr William Crookes, der Entdecker des chemischen Elements Thallium, und des Radiometers (in Deutschland auch Lichtmühle genannt). Herr Crookes fing gegen 1871 an, die spiritistischen Manifestationen zu untersuchen und wandte dabei eine ganze Reihe physikalischer und mechanischer Apparate an, Federwagen, elektrische Batterien etc. Ob er den Hauptapparat — einen skeptisch-kritischen Kopf mitbrachte oder bis zu Ende in arbeitsfähigem Zustand erhielt, werden wir sehn. Jedenfalls war Herr Crookes in nicht gar langer Zeit ebenso vollständig eingefangen wie Herr Wallace. Seit einigen Jahren, erzählt dieser, hat eine junge Dame, „Fräulein Florence Cook, bemerkenswerthe Mediumeigenschaft gezeigt; in der letzten Zeit erreichte diese ihren Höhepunkt in der Produktion einer vollständigen weiblichen Gestalt die geisterhaften Ursprungs zu sein behauptet und die barfuß und in weißer fließender Gewandung erschien, während das Medium, in dunkler Kleidung, gebunden und in tiefem Schlaf in einem verhängten Raum (ca-binet) oder Nebenzimmer lag.“ Dieser Geist, der sich den ||8| Namen Katey
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beilegte, und der Fräulein Cook merkwürdig ähnlich sah, wurde eines Abends plötzlich von Herrn Volckman — dem jetzigen Gemahl der Frau Guppy — um die Taille gefaßt und festgehalten, um zu sehn ob er nicht eben Fräulein Cook in andrer Ausgabe sei. Der Geist bewährte sich als ein durchaus handfestes Frauenzimmer, wehrte sich herzhaft, die Zuschauer mischten 5 sich ein, das Gas wurde abgedreht, und als nach einigem Hin- und Herkämpfen die Ruhe wiederhergestellt, und das Zimmer erleuchtet, war der Geist verschwunden und Fräulein Cook lag gebunden und bewußtlos in ihrer Ecke. Herr Volckman soll aber bis heute behaupten er habe Fräulein Cook gefaßt und niemand anders. Um dies wissenschaftlich festzustellen, führte 10 ein berühmter Elektriker, Hr Varley, bei einem neuen Versuch, den Strom einer Batterie so durch das Medium, Frl. Cook, daß diese den Geist nicht hätte vorstellen können ohne den Strom zu unterbrechen. Dennoch erschien der Geist. Er war also in der That ein von der Frl. Cook verschiednes Wesen.
Dies ferner zu konstatiren, war die Aufgabe des Hrn Crookes. Sein erster 15 Schritt war, sich das Vertrauen der geisterhaften Dame zu erwerben. Dies Vertrauen — so sagt er selbst im Spiritualist, 5 Juni 1874 — „wuchs allmählig so, daß sie sich weigerte eine Sitzung zu geben, es sei denn daß ich die Arrangements leitete. Sie sagte, sie wünschte mich stets in ihrer Nähe und in der Nähe des Cabinets; ich fand, daß nachdem dies Vertrauen hergestellt, 20 und sie sicher war, daß ich kein ihr gemachtes Versprechen brechen würde, die Erscheinungen bedeutend an Stärke zunahmen, und Beweismittel freiwillig gestattet wurden, die auf anderm Wege unerreichbar gewesen wären. Sie konsultirte mich häufig in Bezug auf bei den Sitzungen anwesende Personen und über die ihnen anzuweisenden Plätze, denn sie war neuerdings 25 sehr ängstlich (nervous) geworden, in Folge gewisser übelberathener Andeutungen, man solle neben andern, mehr wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden doch auch die Gewalt anwenden.“
Das Geisterfräulein belohnte dies ||9| ebenso liebenswürdige wie wissenschaftliche Vertrauen in vollstem Maß. Sie erschien — was uns jetzt nicht 30 mehr wundern kann — sogar im Hause des Hrn Crookes, spielte mit seinen Kindern und erzählte ihnen „Anekdoten aus ihren Abenteuern in Indien“, gab Hrn Crookes auch „einige der bittern Erfahrungen ihres vergangnen Lebens“ zum Besten, ließ sich von ihm in den Arm nehmen, damit er sich von ihrer handfesten Materialität überzeuge, ließ ihn die Zahl ihrer Puls- 35 Schläge und Athemzüge in der Minute feststellen und ließ sich zuletzt auch neben Hrn Crookes photographiren. „Diese Gestalt, sagt Herr Wallace, nachdem man sie gesehn, betastet, photographirt und sich mit ihr unterhalten hatte, verschwand absolut aus einem kleinen Zimmer, aus dem kein andrer Ausgang war als durch ein anstoßendes, mit Zuschauern gefülltes Zimmer“ 40 — was keine so große Kunst ist, vorausgesetzt, die Zuschauer waren höflich
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genug, dem Hrn Crookes, in dessen Hause dies geschah, nicht weniger Vertrauen zu beweisen als dieser dem Geist bewies.
Leider sind diese „vollständig beglaubigten Erscheinungen“ selbst für Spiritualisten nicht ohne Weiteres glaublich. Wir sahen oben, wie der sehr spiritualistische Hr Volckman sich einen sehr materiellen Zugriff gestattete. Und nun hat ein Geistlicher und Comitemitglied der „Britischen National-Association der Spiritualisten“ ebenfalls einer Sitzung der Fräulein Cook beigewohnt, und ohne Schwierigkeit festgestellt, daß das Zimmer, durch dessen Thür der Geist kam und verschwand, durch eine zweite Thür mit der Außenwelt kommunicirte. Das Benehmen des ebenfalls gegenwärtigen Hrn Crookes gab „meinem Glauben, daß etwas an diesen Manifestationen sein könne, den schließlichen Todesstoß“. (Mystic London, by the Revd C. Maurice Davies, London, Tinsley Brothers). Und zum Überfluß kam es in Amerika an den || 10| Tag, wie man „Katey’s“ „materialisirt“. Ein Ehepaar Holmes gab in Philadelphia Vorstellungen, bei denen ebenfalls eine „Katey“ erschien, und von den Gläubigen reichlich beschenkt wurde. Ein Skeptiker jedoch ruhte nicht, bis er besagter Katey, die übrigens schon einmal wegen Mangel Zahlung Strike gemacht hatte, auf die Spur kam: er entdeckte sie in einem boarding-house (Privathotel) als eine junge Dame von unbestrittenem Fleisch und Bein, und im Besitz aller der dem Geist gemachten Geschenke.
Indeß auch der Kontinent sollte seine wissenschaftlichen Geisterseher erleben. Eine Petersburger wissenschaftliche Körperschaft — ich weiß nicht genau ob die Universität oder gar die Akademie — delegirte die Herren Staatsrath Aksakoff und den Chemiker Butleroff, die spiritistischen Phänomene zu ergründen, wobei indeß nicht viel herausgekommen zu sein scheint. Dagegen — wenn anders den lauten Verkündigungen der Spiritisten zu trauen ist — hat jetzt auch Deutschland seinen Moren gestellt in der Person des Herrn Professor Zöllner in Leipzig.
Bekanntlich hat Hr Zöllner seit Jahren stark in der „vierten Dimension“ des Raumes gearbeitet, und entdeckt, daß viele Dinge, die in einem Raum von drei Dimensionen unmöglich sind, sich in einem Raum von vier Dimensionen ganz von selbst verstehn. So kann man in diesem letzteren Raum eine geschlossene Metallkugel umkehren wie einen Handschuh ohne ein Loch darin zu machen, deßgleichen einen Knoten schlingen in einen beiderseits endlosen oder an beiden Enden befestigten Faden, auch zwei getrennte, geschlossene Ringe in einander verschlingen ohne einen von ihnen zu öffnen, und was dergleichen Kunststücke mehr sind. Nach neuerentriumphi||Irrenden Berichten aus der Geisterwelt hätte sich nun Hr Professor Zöllner an ein oder mehrere Medien gewandt um mit ihrer Hülfe über die Lokalität der vierten Dimension das Nähere festzustellen. Der Erfolg sei überraschend
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gewesen. Die Stuhllehne, auf die er den Arm gestützt, während die Hand den Tisch nie verließ, sei nach der Sitzung mit dem Arm verschlungen gewesen; ein an beiden Enden auf den Tisch angesiegelter Faden habe vier Knoten bekommen usw. Kurz, alle Wunder der vierten Dimension seien von den Geistern spielend geleistet worden. Wohlgemerkt: relata refero, ich stehe 5 nicht ein für die Richtigkeit der Geisterbülletins, und sollten sie Unrichtiges enthalten so dürfte Hr Zöllner mir Dank wissen daß ich ihm Gelegenheit gebe sie zu berichtigen. Sollten sie aber die Erfahrungen des Hrn Zöllner unverfälscht wiedergeben, so bezeichnen sie offenbar eine neue Aera in der Geisterwissenschaft wie in der Mathematik. Die Geister beweisen das Dasein 10 der vierten Dimension, wie die vierte Dimension einsteht für das Dasein der Geister. Und wenn das einmal feststeht, so eröffnet sich der Wissenschaft ein ganz neues, unermeßliches Feld. Alle bisherige Mathematik und Naturwissenschaft wird nur eine Vorschule für die Mathematik der vierten und noch höheren Dimensionen, und für die Mechanik, Physik, Chemie und 15 Physiologie der sich in diesen höheren Dimensionen aufhaltenden Geister. Hat doch Hr Crookes wissenschaftlich festgestellt, wie viel Gewichtsverlust Tische und andre Möbel bei ihrem Übergang — wir dürfen jetzt wohl sagen in die vierte Dimension erleiden, und erklärt Hr Wallace es für ausgemacht daß dort das Feuer den menschlichen Körper nicht verletzt. Und nun gar 20 die Physiologie dieser Geisterkörper! Sie athmen, sie haben einen Puls, also Lungen, Herz und Cirkulationsapparat, und sind demzufolge auch in Betreff der übrigen Leibesorgane sicher mindestens ||12| ebenso vortrefflich beschlagen wie Unsereins. Denn zum Athmen gehören Kohlenwasserstoffe, die in der Lunge verbrannt werden, und diese können nur von Außen 25 zugeführt werden: Also Magen, Darm und Zubehör — und haben wir erst soviel konstatirt, so folgt das Übrige ohne Schwierigkeit. Die Existenz solcher Organe aber schließt die Möglichkeit ihrer Erkrankung ein, und somit kann es Herrn Virchow noch passiren daß er eine Cellularpathologie der Geisterwelt verfassen muß. Und da die meisten dieser Geister wunderschöne 30 junge Damen sind, die sich durch nichts, aber auch gar nichts von irdischen Frauenzimmern unterscheiden, als durch ihre überirdische Schönheit — wie könnte es da lange dauern, bis sie einmal ankommen „bei Männern, welche Liebe fühlen“; und wenn da das von Hrn Crookes am Pulsschlag konstatirte „weiblich Herze nicht fehlt“, so eröffnet sich der natürlichen Zuchtwahl 35 ebenfalls eine vierte Dimension, in der sie nicht mehr zu befürchten braucht mit der bösen Sozialdemokratie verwechselt zu werden.
Genug. Es zeigt sich hier handgreiflich, welches der sicherste Weg von der Naturwissenschaft zum Mysticismus ist. Nicht die überwuchernde Theorie der Naturphilosophie, sondern die allerplattste, alle Theorie ver- 40 achtende, gegen alles Denken mißtrauische Empirie. Es ist nicht die
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aprioristische Nothwendigkeit, die die Existenz der Geister beweist, sondern die erfahrungsmäßige Beobachtung der Herren Wallace, Crookes und Co. Wenn wir den spektralanalytischen Beobachtungen von Crookes glauben, die zur Entdeckung des Metalls Thallium führten, oder den reichen zoologischen Entdeckungen von Wallace im malayischen Archipel, so verlangt man von uns denselben Glauben für die spiritistischen Erfahrungen und Entdeckungen dieser beiden Forscher. Und wenn wir meinen, daß hier doch ein kleiner Unterschied stattfinde, nämlich der, daß wir die einen verificiren können und die andern nicht, so entgegnen uns die Geisterseher, daß dies nicht der Fall und || 13| daß sie bereit sind, uns Gelegenheit zu geben, auch die Geistererscheinungen zu verificiren.
Man verachtet in der That die Dialektik nicht ungestraft. Man mag noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei Naturthatsachen in Zusammenhang bringen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehn ohne theoretisches Denken. Es fragt sich dabei nur, ob man dabei richtig denkt oder nicht, und die Geringschätzung der Theorie ist selbstredend der sicherste Weg, naturalistisch und damit falsch zu denken. Falsches Denken, zur vollen Konsequenz durchgeführt, kommt aber nach einem altbekannten dialektischen Gesetz regelmäßig an beim Gegentheil seines Ausgangspunkts. Und so straft sich die empirische Verachtung der Dialektik dadurch, daß sie einzelne der nüchternsten Empiriker in den ödesten aller Aberglauben, in den modernen Spiritismus führt.
Ebenso geht es mit der Mathematik. Die gewöhnlichen metaphysischen Mathematiker pochen mit gewaltigem Stolz auf die absolute Unumstößlich-keit der Resultate ihrer Wissenschaft. Zu diesen Resultaten gehören aber auch die imaginären Größen, denen damit auch eine gewisse Realität zukommt. Hat man sich aber erst daran gewöhnt, der 7-1 oder der vierten Dimension irgend welche Realität außerhalb unsres Kopfes zuzuschreiben, so kommt es nicht darauf an, ob man noch einen Schritt weiter geht und auch die Geisterwelt der Medien acceptirt. Es ist, wie Ketteier von Döllinger sagte: Der Mann hat in seinem Leben soviel Unsinn vertheidigt, da konnte er wahrhaftig auch noch die Unfehlbarkeit in den Kauf nehmen! |
114| In der That ist die bloße Empirie unfähig mit den Spiritisten fertig zu werden. Erstens werden die „höheren“ Phänomene immer erst dann gezeigt, wenn der betreffende „Forscher“ schon soweit eingefangen ist, daß er nur noch sieht, was er sehen soll oder will — wie Crookes das mit so unnachahmlicher Naivetät selbst beschreibt. Zweitens aber macht es den Spiritisten Nichts aus, wenn hunderte angeblicher Thatsachen als Prellerei und Dutzende angeblicher Medien als ordinäre Taschenspieler enthüllt werden. Solange nicht jedes einzelne angebliche Wunder wegerklärt ist,
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bleibt ihnen Terrain genug übrig — wie dies ja auch Wallace bei Gelegenheit der gefälschten Geister Photographien deutlich sagt. Die Existenz der Fälschungen beweist die Echtheit der echten.
Und so sieht sich denn die Empirie gezwungen, die Zudringlichkeit der Geisterseher nicht mit empirischen Experimenten, sondern mit theo- 5 retischen Erwägungen abzufertigen, und mit Huxley zu sagen: „Das einzige Gute, das meiner Ansicht nach bei dem Nachweis der Wahrheit des Spiritualismus herauskommen könnte, wäre dies, ein neues Argument gegen den Selbstmord zu liefern. Lieber als Straßenkehrer leben, denn als Verstorbner Blech schwätzen durch den Mund eines Mediums, das sich für eine Guinee 10 per Sitzung vermiethet.“ |
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|1| (Dühring, Umwälzung der Wissenschaft)
Vorwort,
Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs aus „innerem Antrieb“ entstanden. Im Gegentheil wird mir mein Freund Liebknecht bezeugen wie viel Mühe es ihm gekostet hat bis er mich bewog die neueste sozialistische Theorie des Herrn Dühring kritisch zu beleuchten. Einmal dazu entschlossen, hatte ich keine andre Wahl als diese Theorie, die sich selbst als letzte praktische Frucht eines neuen philosophischen Systems vorführt, im Zusammenhang dieses Systems, und damit das System selbst zu untersuchen. Ich war also ge-nöthigt, Herrn Dühring auf jenes umfassende Gebiet zu folgen, wo er von allen möglichen Dingen spricht und noch von einigen andern. So entstand eine Reihe von Artikeln, die seit Anfang 1877 im Leipziger „Vorwärts“ erschien und hier im Zusammenhang vorliegt.
Wenn die Kritik eines trotz aller Selbstanpreisung so höchst unbedeutenden Systems in dieser, durch die Sache gebotenen Ausführlichkeit auftritt, so mögen zwei Umstände dies entschuldigen. Einerseits gab mir diese Kritik Gelegenheit, auf verschiedenen Gebieten meine Auffassung von Streitpunkten positiv zu entwickeln, die heute von allgemeinerem wissenschaftlichen oder praktischen Interesse sind. Und sowenig es mir einfallen kann, dem System des Herrn Dühring ein andres System entgegenzusetzen, so wird der Leser hoffentlich auch in den von mir aufgestellten Ansichten, bei aller Verschiedenheit des behandelten Stoffs, den inneren Zusammenhang nicht vermissen. —
Andrerseits aber ist der „systemschaffende“ Herr Dühring keine ver
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einzelte Erscheinung in der deutschen Gegenwart. Seit einiger Zeit schießen in Deutschland die philosophischen, namentlich die naturphilosophischen Sy steme über Nacht zu Dutzenden auf wie die Pilze, von den zahllosen neuen Systemen der Politik, der Oekonomie usw. gar nicht zu sprechen. Wie im modernen Staat vorausgesetzt wird, daß jeder Staatsbürger über alle die 5 Fragen urtheilsreif ist, über die abzustimmen er berufen; wie in der Oekonomie angenommen wird daß jeder Käufer auch ein Kenner aller derjenigen Waaren ist, die er zu seinem Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt — so soll es jetzt auch in der Wissenschaft gehalten werden. Jeder kann über Alles schreiben, und darin besteht grade die „Freiheit der Wis- 10 senschaft“, daß ||2| man erst recht über das schreibt, was man nicht gelernt hat und daß man dies für die einzige streng wissenschaftliche Methode ausgibt. Herr Dühring aber ist einer der bezeichnendsten Typen dieser vorlauten Pseudo-Wissenschaft, die sich heutzutage in Deutschland überall in den Vordergrund drängt und Alles übertönt mit ihrem dröhnenden — 15 höheren Blech. Höheres Blech in der Poesie, in der Philosophie, in der Oekonomie, in der Geschichtschreibung, höheres Blech auf Katheder und Tribüne, höheres Blech überall, höheres Blech mit dem Anspruch auf Überlegenheit und Gedankentiefe im Unterschied von dem simplen plattvulgären Blech andrer Nationen, höheres Blech das charakteristischste und 20 massenhafteste Produkt der deutschen intellektuellen Industrie, billig aber schlecht, ganz wie andre deutsche Fabrikate, neben denen es leider in Philadelphia nicht vertreten war. Sogar der deutsche Sozialismus macht neuerdings, namentlich seit dem guten Beispiel des Herrn Dühring, recht erklecklich in höherem Blech; daß die praktische sozialdemokratische 25 Bewegung sich durch dies höhere Blech so wenig irre machen läßt, ist wieder ein Beweis für die merkwürdig gesunde Natur unsrer Arbeiter-Klasse in einem Lande wo doch sonst, mit Ausnahme der Naturwissenschaft, augenblicklich so ziemlich Alles krankt.
Wenn Nägeli in seiner Rede auf der Münchener Naturforscherversamm- 30 lung sich dahin aussprach, daß das menschliche Erkennen nie den Charakter der Allwissenheit annehmen werde, so sind ihm die Leistungen des Herrn Dühring offenbar unbekannt geblieben. Diese Leistungen haben mich ge-nöthigt, ihnen auch auf eine Reihe von Gebieten zu folgen, auf denen ich höchstens in der Eigenschaft eines Dilettanten mich bewegen kann. Es gilt 35 dies namentlich von den verschiednen Zweigen der Naturwissenschaft, wo es bisher häufig für mehr als unbescheiden galt wenn ein „Laie“ ein Wort darein reden wollte. Indeß ermuthigt mich einiger Maßen der ebenfalls in München gefallene, an einer andern Stelle näher erörterte Ausspruch Herrn Virchows, daß jeder Naturforscher außerhalb seiner eignen Spezialität 40 ebenfalls nur ein Halbwisser, vulgo Laie ist. Wie ein solcher Spezialist sich
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erlauben darf und erlauben muß, von Zeit zu Zeit auf benachbarte Gebiete überzugreifen, und wie ihm da von ||3| den betreffenden Spezialisten Un-behülflichkeit des Ausdrucks und kleine Ungenauigkeiten nachgesehn werden, so habe auch ich mir die Freiheit genommen, Naturvorgänge und Naturgesetze als beweisende Exempel meiner allgemein theoretischen Auffassungen anzuführen und darf wohl auf dieselbe Nachsicht rechnen. Die Resultate der modernen Naturwissenschaft drängen sich eben einem Jeden, der sich mit theoretischen Dingen beschäftigt, mit derselben Unwiderstehlichkeit auf, mit der die heutigen Naturforscher, wollen sie’s oder nicht, zu theoretisch-allgemeinen Folgerungen sich getrieben sehn. Und hier tritt eine gewisse Kompensation ein. Sind die Theoretiker Halbwisser auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, so sind es die heutigen Naturforscher thatsächlich ebensosehr auf dem Gebiet der Theorie, auf dem Gebiet dessen, was bisher als Philosophie bezeichnet wurde.
Die empirische Naturforschung hat eine so ungeheure Masse von positivem Erkenntnißstoff angehäuft daß die Nothwendigkeit ihn auf jedem einzelnen Untersuchungsgebiet systematisch und nach seinem innern Zusammenhang zu ordnen, schlechthin unabweisbar geworden ist. Eben so unabweisbar wird es, die einzelnen Erkenntnißgebiete unter sich in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Damit aber begibt sich die Naturwissenschaft auf das theoretische Gebiet, und hier versagen die Methoden der Empirie, hier kann nur das theoretische Denken helfen. Das theoretische Denken ist aber nur der Anlage nach eine angeborne Eigenschaft. Diese Anlage muß entwickelt, ausgebildet werden, und für diese Ausbildung gibt es bis jetzt kein andres Mittel als das Studium der bisherigen Philosophie.
Das theoretische Denken einer jeden Epoche, also auch das der unsrigen, ist ein historisches Produkt, das zu verschiednen Zeiten sehr verschiedne Form und damit sehr verschiednen Inhalt annimmt. Die Wissenschaft vom Denken ist also, wie jede andre, eine historische Wissenschaft, die Wissenschaft von der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Denkens. Und dies ist auch für die praktische Anwendung des Denkens auf empirische Gebiete von Wichtigkeit. Denn erstens ist die Theorie der Denkgesetze keineswegs eine ein für alle mal ausgemachte „ewige Wahrheit“ wie der Philisterverstand sich dies bei dem Wort Logik vorstellt. Die formelle Logik selbst ist seit Aristoteles bis heute das Gebiet heftiger Debatte geblieben. Und die Dialektik gar ist bis jetzt erst von zwei Denkern genauer untersucht worden, ||4| von Aristoteles und Hegel. Grade die Dialektik ist aber für die heutige Naturwissenschaft die wichtigste Denkform, weil sie allein das Analogon und damit die Erklärungsmethode bietet für die in der Natur vorkommenden Entwicklungsprozesse, für die Zusammenhänge im Ganzen und Großen, für die Übergänge von einem Untersuchungsgebiet zum andern.
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Zweitens aber ist die Bekanntschaft mit dem geschichtlichen Entwicklungsgang des menschlichen Denkens, mit den zu verschiednen Zeiten hervorgetretenen Auffassungen der allgemeinen Zusammenhänge der äußeren Welt auch darum für die theoretische Naturwissenschaft ein Bedürf -niß, weil sie einen Maßstab abgibt für die von dieser selbst aufzustellenden 5 Theorien. Der Mangel an Bekanntschaft mit der Geschichte der Philosophie tritt hier aber oft und grell genug hervor. Sätze, die in der Philosophie seit Jahrhunderten auf gestellt, die oft genug längst philosophisch abgethan sind, treten oft genug bei theoretisirenden Naturforschern als funkelneue Weisheit auf und werden sogar eine Zeitlang Mode. Es ist sicher ein großer Erfolg der 10 mechanischen Wärmetheorie, daß sie den Satz von der Erhaltung der Energie mit neuen Belegen gestützt und wieder in den Vordergrund gestellt hat; aber hätte dieser Satz als etwas so absolut Neues auf treten können, wenn die Herren Physiker sich erinnert hätten daß er schon von Descartes aufgestellt war? Seitdem Physik und Chemie wieder fast ausschließlich mit Molekülen 15 und Atomen hantieren, ist die altgriechische atomistische Philosophie mit Nothwendigkeit wieder in den Vordergrund getreten. Aber wie oberflächlich wird sie selbst von den besten unter ihnen behandelt! So erzählt Kekule (Ziele und Leistungen der Chemie) sie rühre von Demokrit her, statt von Leukipp, und behauptet Dalton habe zuerst die Existenz qualitativ ver- 20 schiedner Elementaratome angenommen und ihnen zuerst verschiedne, für die verschiednen Elemente charakteristische Gewichte zugeschrieben, während doch bei Diog[enes] Laert[ius] (X, 1, §43—44 und 61) zu lesen ist daß schon Epikur den Atomen Verschiedenheit nicht nur der Größe und Gestalt, sondern auch des Gewichts zuschreibt, also schon Atomgewicht und 25 Atomvolumen in seiner Art kennt.
Das Jahr 1848, das in Deutschland sonst mit Nichts fertig wurde, hat dort nur auf dem Gebiet der Philosophie eine totale Umkehr zu Stande gebracht. Indem die Nation sich auf das Praktische warf, hier die Anfänge der großen Industrie und des Schwindels gründete, dort den gewaltigen Aufschwung, 30 den die Naturwissenschaft in Deutschland seitdem genommen eingeleitet durch die Reiseprediger und Karikaturen Vogt, Büchner etc., sagte sie der im Sande der berliner Althegelei verlaufenen klassischen deutschen Philosophie entschieden ab. Die berliner Althegelei hatte das redlich verdient. Aber eine Nation die auf der Höhe der Wissenschaft stehn will, kann nun 35 einmal ohne theoretisches Denken nicht auskommen. Mit der Hegelei ||5| warf man auch die Dialektik über Bord — grade im Augenblick wo der dialektische Charakter der Naturvorgänge sich unwiderstehlich aufzwang wo also nur die Dialektik der Naturwissenschaft über den theoretischen Berg helfen konnte — und verfiel damit wieder hülflos der alten 40 Metaphysik. Im Publikum grassirten seitdem einerseits die auf den Philister
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zugeschnittenen flachen Reflexionen Schopenhauer’s und später sogar Hartmann’s, andrerseits der vulgäre Reiseprediger-Materialismus eines Vogt und Büchner. Auf den Universitäten machten sich die verschiedensten Sorten von Eklekticismus Konkurrenz, die nur darin übereinstimmten, daß sie aus lauter Abfällen vergangner Philosophien zusammengestutzt und alle gleich metaphysisch waren. Von den Resten der klassischen Philosophie rettete sich nur ein gewisser Neukantianismus, dessen letztes Wort das ewig unerkennbare Ding an sich war, also das Stück Kant das am wenigsten verdiente aufbewahrt zu werden. Das Endresultat war die jetzt herrschende Zerfahrenheit und Verworrenheit des theoretischen Denkens.
Man kann kaum ein theoretisch-naturwissenschaftliches Buch zur Hand nehmen ohne den Eindruck zu bekommen daß die Naturforscher es selbst fühlen, wie sehr sie von dieser Zerfahrenheit und Verworrenheit beherrscht werden und wie ihnen die jetzt landläufige s. g. Philosophie absolut keinen Ausweg bietet. Und hier gibt es nun einmal keinen andern Ausweg, keine Möglichkeit zur Klarheit zu gelangen, als die Umkehr, in einer oder der andern Form, vom metaphysischen zum dialektischen Denken.
Diese Rückkehr kann auf verschiednen Wegen vor sich gehn. Sie kann sich naturwüchsig durchsetzen, durch die bloße Gewalt der naturwissenschaftlichen Entdeckungen selbst, die sich nicht länger in das alte metaphysische Prokrustesbett wollen zwängen lassen. Das ist aber ein langwieriger, schwerfälliger Prozeß, bei dem eine Unmasse überflüssiger Reibung zu überwinden ist. Er ist großentheils schon im Gang, namentlich in der Biologie. Er kann sehr abgekürzt werden, wenn die theoretischen Naturforscher sich mit der dialektischen Philosophie in ihren geschichtlich vorliegenden Gestalten näher beschäftigen wollen. Unter diesen Gestalten sind es namentlich zwei, die für die moderne Naturwissenschaft besonders fruchtbar werden können.
Die erste ist die griechische Philosophie. Hier tritt das dialektische Denken noch in naturwüchsiger Einfachheit auf, noch ungestört von den holden Hindernissen, die die Metaphysik des 17. und 18. Jahrhunderts — Bacon und Locke in England, Wolf in Deutschland — sich selbst aufwarf, und womit sie sich den Weg versperrte, vom Verständniß des Einzelnen zum Verständ-niß des Ganzen, zur Einsicht in den allgemeinen Zusammenhang zu kommen. Bei den Griechen ||6| — eben weil sie noch nicht zur Zergliederung, zur Analyse der Natur fortgeschritten waren — wird die Natur noch als Ganzes, im Ganzen und Großen angeschaut. Der Gesammtzusammenhang der Naturerscheinungen wird nicht im Einzelnen nachgewiesen, er ist den Griechen Resultat der unmittelbaren Anschauung. Darin liegt die Unzulänglichkeit der griechischen Philosophie, derentwegen sie später andren Anschauungsweisen hat weichen müssen. Darin liegt aber auch ihre Überlegenheit gegen
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über allen ihren späteren metaphysischen Gegnern. Wenn die Metaphysik den Griechen gegenüber im Einzelnen Recht behielt, so behielten die Griechen gegenüber der Metaphysik Recht im Ganzen und Großen. Dies ist der eine Grund, weßhalb wir genöthigt werden, in der Philosophie wie auf so vielen andern Gebieten, immer wieder zurückzukehren zu den Leistungen 5 jenes kleinen Volks, dessen universelle Begabung und Bethätigung ihm einen Platz in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit gesichert hat wie kein andres Volk ihn je beanspruchen kann. Der andre Grund aber ist der, daß in den mannichfachen Formen der griechischen Philosophie sich fast alle späteren Anschauungsweisen bereits im Keim, im Entstehen vorfinden. Die 10 theoretische Naturwissenschaft ist daher ebenfalls gezwungen, will sie die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ihrer heutigen allgemeinen Sätze verfolgen, zurückzugehn auf die Griechen. Und diese Einsicht bricht sich mehr und mehr Bahn. Immer seltner werden die Naturforscher die, während sie selbst mit Abfällen griechischer Philosophie, z. B. der Atomistik, wie mit 15 ewigen Wahrheiten hantieren, baconistisch-vornehm auf die Griechen herabsehn, weil diese keine empirische Naturwissenschaft hatten. Zu wünschen wäre nur, daß diese Einsicht fortschritte zu einer wirklichen Kenntnißnahme der griechischen Philosophie.
Die zweite Gestalt der Dialektik, die grade den deutschen Naturforschern 20 am nächsten liegt, ist die klassische deutsche Philosophie von Kant bis Hegel. Hier ist bereits ein Anfang gemacht, indem auch außerhalb des schon erwähnten Neukantianismus es wieder Mode wird, auf Kant zu rekurriren. Seitdem man entdeckt hat, daß Kant der Urheber zweier genialer Hypothesen ist, ohne die die heutige theoretische Naturwissenschaft nun einmal 25 nicht vorankommen kann — der früher Laplace zugeschriebnen Theorie von der Entstehung des Sonnensystems und der Theorie von der Hemmung der ||7| Erdrotation durch die Flutwelle — ist Kant bei den Naturforschern wieder zu verdienten Ehren gekommen. Aber bei Kant Dialektik studiren zu wollen, wäre eine nutzlos mühsame und wenig lohnende Arbeit, seitdem 30 ein umfassendes, wenn auch von ganz falschem Ausgangspunkt her entwickeltes Kompendium der Dialektik vorliegt in den Werken Hegels.
Nachdem einerseits die, durch diesen falschen Ausgangspunkt und durch das hülflose Versumpfen der Berliner Hegelei großentheils gerechtfertigte Reaktion gegen die „Naturphilosophie“ ihren freien Lauf gehabt und in 35 bloßes Geschimpfe ausgeartet ist, nachdem andrerseits die Naturwissenschaft in ihren theoretischen Bedürfnissen von der landläufigen eklektischen Metaphysik so glänzend im Stich gelassen worden, wird es wohl möglich sein, vor Naturforschern auch wieder einmal den Namen Hegel auszusprechen, ohne dadurch jenen Veitstanz hervorzurufen in dem Hr Dühring 40 so Ergötzliches leistet.
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Vor Allem ist festzustellen, daß es sich hier keineswegs handelt um eine Vertheidigung des Hegelschen Ausgangspunkts: daß der Geist, der Gedanke, die Idee das Ursprüngliche, und die wirkliche Welt nur der Abklatsch der Idee sei. Dies war schon von Feuerbach aufgegeben. Darüber sind wir Alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Thatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Thatsachen hineinzukonstruiren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.
Ebensowenig kann davon die Rede sein, den dogmatischen Inhalt des Hegelschen Systems aufrecht zu halten, wie er von der Berliner Hegelei älterer und jüngerer Linie gepredigt worden. Mit dem idealistischen Ausgangspunkt fällt auch das darauf konstruirte System, also namentlich auch die Hegelsche Naturphilosophie. Es ist aber daran zu erinnern, daß die naturwissenschaftliche Polemik gegen Hegel, soweit sie ihn überhaupt richtig verstanden, sich nur gegen diese beiden Punkte gerichtet hat: den idealistischen Ausgangspunkt und die den Thatsachen gegenüber willkühr-liche Konstruktion des Systems.
Nach Abzug von allem Diesem bleibt noch die Hegelsche Dialektik. Es ist ||8| das Verdienst von Marx, gegenüber dem „verdrießlichen, anmaßenden und mittelmäßigen Epigonenthum welches jetzt in Deutschland das große Wort führt“, zuerst wieder die vergessene dialektische Methode, ihren Zusammenhang mit der Hegelschen Dialektik wie ihren Unterschied von dieser hervorgehoben, und gleichzeitig im „Kapital“ diese Methode auf die Thatsachen einer empirischen Wissenschaft, der politischen Oekonomie, angewandt zu haben. Und mit dem Erfolg daß selbst in Deutschland die neuere ökonomische Schule sich nur dadurch über die vulgäre Freihändlerei erhebt, daß sie Marx abschreibt (oft genug falsch) unter dem Vorwand ihn zu kritisiren.
Bei Hegel herrscht in der Dialektik dieselbe Umkehrung alles wirklichen Zusammenhangs wie in allen andern Verzweigungen seines Systems. Aber, wie Marx sagt: „die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen untergeht, verhindert in keiner Weise daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“
In der Naturwissenschaft selbst aber begegnen uns oft genug Theorien, in denen das wirkliche Verhältniß auf den Kopf gestellt, das Spiegelbild für die Urform genommen ist und die daher einer
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Carnot’s Function C. buchstäblich umge-
stülpt: — = die ab-c
solute Temperatur. Ohne diese Umstülpung nichts zu machen mit ihr.
solchen Umstülpung bedürfen. Solche Theorien herrschen oft genug für längere Zeit. Wenn die Wärme während fast zwei Jahrhunderten als eine besondere geheimnißvolle Materie galt, statt als eine Bewegungsform der gewöhnlichen Materie, so war das ganz derselbe Fall, und die mechanische Wärmetheorie vollzog die Umstülpung. Nichts destoweniger hat die von der Wärmestofftheorie beherrschte Physik eine Reihe höchst wichtiger Gesetze der Wärme entdeckt und besonders durch Fourier und Sadi Carnot die Bahn frei gemacht für die richtige Auffassung, die nun ihrerseits die von ihrer Vorgängerin entdeckten Gesetze umzustülpen, in ihre eigne Sprache zu übersetzen hatte. Ebenso hat in der Chemie die phlogistische Theorie durch hundertjährige experimentelle Arbeit erst das Material geliefert, mit Hülfe dessen Lavoisier in dem von Priestley dargestellten Sauerstoff den reellen Gegenpol des phantastischen Phlogiston entdecken und damit die ganze phlo||9|gistische Theorie über den Haufen werfen konnte. Damit aber waren die Versuchsresultate der Phlogistik durchaus nicht beseitigt. Im Gegentheil. Sie blieben bestehn, nur ihre Formulirung wurde umgestülpt, aus der phlogistischen Sprache in die nunmehr gültige chemische Sprache übersetzt, und behielten soweit ihre Gültigkeit.
Wie die Wärmestofftheorie zur mechanischen Wärmelehre, wie die phlogistische Theorie zu der Lavoisier’s, so verhält sich die Hegelsche Dialektik zur rationellen Dialektik. |
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[Plan 1878]
| 1) Historische Einleitung: in d[er] Naturwissenschaft] durch ihre eigene Entwicklung die metaphysische Auffassung unmöglich geworden.
2)	Gang der theoretischen Entwicklung in Deutschland seit Hegel (alte Vorrede) Rückkehr zur Dialektik vollzieht sich unbewußt, daher widerspruchsvoll und langsam.
3)	Dialektik als Wissenschaft des Gesammt-Zusammenhangs. Hauptgesetze: Umschlag von Quantität und Qualität — Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen wenn auf die Spitze getrieben — Entwicklung durch den Widerspruch oder Negation der Negation — spirale Form der Entwicklung.
4)	Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie, Biologie. S. Simon (Comte) und Hegel.
5)	Apercus über die einzelnen Wissenschaften und deren dialektischen Inhalt:
1)	Mathematik: dialektische Hülfsmittel und Wendungen — das math[ematische] Unendliche wirklich vorkommend.
2)	Mechanik des Himmels — jetzt aufgelöst in einen Prozeß. — Mechanik: Ausgang von der inertia die nur der negative Aus-
< druck der Unzerstörbarkeit der Bewegung ist.
3)	Physik — Übergänge der molekularen Bewegungen in einander. Claus[ius] und Loschmidt.
4)	Chemie: Theorien, Energie.
5)	Biologie. Darwinismus. Nothwendigkeit und Zufälligkeit.
6)	Die Gränzen des Erkennens. Düb[ois]-Reymond und Nägeli — Helmholtz, Kant, Hume.
7)	Die mechanische Theorie. Häckel.
8)	Die Plastidülseele — Häckel und Nägeli
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
9)	Wissenschaft und Lehre — Virchow
10)	Zellenstaat — Virchow
11)	Darwinistische Politik und Gesellschaftslehre — Häckel und Schmidt. Differentiation des Menschen durch Arbeit. — Anwendung der Oekono-
mie auf die Naturwissensch[aft] Helmholtz „Arbeit“ (Pop. V. II) |	5
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(allgemeine Natur der Dialektik als Wissenschaft von den Zusammenhängen im Gegensatz zur Metaphysik zu entwickeln)
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Es ist also die Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialektik abstrahirt werden. Sie sind eben nichts andres als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung; sowie des Denkens selbst. Und zwar reduziren sie sich der Hauptsache nach auf drei:
das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;
das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze, das Gesetz von der Negation der Negation.
Alle drei sind von Hegel in seiner idealistischen Weise als bloße Denkgesetze entwickelt: das erste im ersten Theil der Logik, in der Lehre vom Sein; das zweite füllt den ganzen zweiten und weitaus bedeutendsten Theil seiner Logik aus, die Lehre vom Wesen; das dritte endlich figurirt als Grundgesetz für den Aufbau des ganzen Systems. Der Fehler liegt darin, daß diese Gesetze als Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyirt, nicht aus ihnen abgeleitet werden. Daraus entsteht dann die ganze gezwungene und oft haarsträubende Konstruktion: die Welt, sie mag wollen oder nicht, soll sich nach einem Gedankensystem einrichten das selbst wieder nur das Produkt einer bestimmten Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens ist. Kehren wir die Sache um, so wird alles einfach und die in der idealistischen Philosophie äußerst geheimnißvoll aussehenden dialektischen Gesetze werden sofort einfach und sonnenklar.
Wer übrigens seinen Hegel nur einigermaßen kennt, der wird auch wissen daß Hegel an hunderten von Stellen aus Natur und Geschichte die schlagendsten Einzelbelege für die dialektischen Gesetze zu geben versteht.
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
Wir haben hier kein Handbuch der Dialektik ||[2]| zu verfassen, sondern nur nachzuweisen, daß die dialektischen Gesetze wirkliche Entwicklungsgesetze der Natur, also auch für die theoretische Naturforschung gültig sind. Wir können daher auf den innern Zusammenhang jener Gesetze unter sich nicht eingehn.	5
I.	Gesetz vom Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt. Dies können wir für unsern Zweck dahin ausdrücken, daß in der Natur, in einer für jeden Einzelfall genau feststehenden Weise, qualitative Änderungen nur stattfinden können durch quantitativen Zusatz oder quantitative Entziehung von Materie oder Bewegung (s.g. Energie).	10
Alle qualitativen Unterschiede in der Natur beruhen entweder auf ver-schiedner chemischer Zusammensetzung oder auf verschiednen Mengen resp. Formen von Bewegung (Energie) oder, was fast immer der Fall, auf Beiden. Es ist also unmöglich, ohne Zufuhr resp. Hinwegnahme von Materie oder von Bewegung, d.h. ohne quantitative Änderung des betreffenden 15 Körpers, seine Qualität zu ändern. In dieser Form erscheint also der mysteriöse Hegelsche Satz nicht nur ganz rationell, sondern selbst ziemlich einleuchtend.
Es ist wohl kaum nöthig darauf hinzuweisen daß auch die verschiednen allotropischen und Aggregatzustände der Körper, weil auf verschiedner 20 Molekulargruppirung, auf größeren oder geringeren dem Körper mitgetheil-ten Mengen von Bewegung beruhen.
Aber der Formwechsel der Bewegung oder s. g. Energie? Wenn wir Wärme in mechanische Bewegung verändern oder umgekehrt, da wird doch die Qualität verändert und die Quantität bleibt dieselbe? Ganz richtig. Aber 25 Formwechsel der Bewegung ist wie Heine’s Laster: Tugendhaft kann Jeder für sich sein, zum Laster gehören immer Zwei. Formwechsel der Bewegung ist immer ein Vorgang der zwischen mindestens zwei Körpern erfolgt, von denen der eine ein bestimmtes Quantum Bewegung dieser Qualität (z. B. Wärme) verliert, der andre ein entsprechendes Quantum Bewegung jener 30 Qualität (mechanische Bewegung, Elektricität, chemische Zersetzung) empfängt. Quantität und Qualität entsprechen sich hier also beiderseits und gegenseitig. Bisher ist es noch nicht ||[3]| gelungen innerhalb eines einzelnen isolirten Körpers Bewegung aus einer Form in eine andre zu verwandeln.
Es ist hier zunächst nur die Rede von leblosen Körpern; für lebende gilt 35 dasselbe Gesetz, geht aber unter sehr verwickelten Bedingungen vor sich, und die quantitative Messung ist uns heute oft noch unmöglich.
Wenn wir uns einen beliebigen leblosen Körper in immer kleinere Theile zertheilt vorstellen, so tritt zunächst keine qualitative Änderung ein. Aber das hat seine Gränze: gelingt es uns, wie bei der Verdunstung, die einzelnen 40 Moleküle frei darzustellen, so können wir zwar diese meist auch noch weiter
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zertheilen, jedoch nur unter vollständiger Änderung der Qualität. Das Molekül zerfällt in seine einzelnen Atome und diese haben ganz andre Eigenschaften als jene. Bei Molekülen die aus verschiednen chemischen Elementen zusammengesetzt waren, treten an die Stelle des zusammengesetzten Moleküls, Atome oder Moleküle dieser Elemente selbst; bei Elementarmolekülen erscheinen die freien Atome, die ganz verschiedne qualitative Wirkungen ausüben: die freien Atome des nascenten Sauerstoffs erwirken spielend, was die im Molekül gebundnen des atmosphärischen nie fertigbringen.
Aber auch schon das Molekül ist von der Körpermasse der es angehört, qualitativ verschieden. Es kann Bewegungen vollführen unabhängig von ihr, und während sie scheinbar in Ruhe bleibt, z. B. Wärmeschwingungen; es kann vermittelst Änderung der Lage und des Zusammenhangs mit den Nachbarmolekülen den Körper in einen andern allo tropischen oder Aggregatzustand versetzen usw.
Wir sehn also, daß die rein quantitative Operation der Theilung eine Gränze hat, an der sie in einen qualitativen Unterschied umschlägt: die Masse besteht aus lauter Molekülen, ist aber etwas wesentlich vom Molekül ver-schiednes, wie dieses wieder vom Atom. Es ist dieser Unterschied, auf dem ||[4]| die Trennung der Mechanik, als Wissenschaft von den himmlischen und irdischen Massen, von der Physik, als der Mechanik der Moleküle, und der Chemie, als der Physik der Atome beruht.
In der Mechanik kommen keine Qualitäten vor, höchstens Zustände wie Gleichgewicht, Bewegung, potentielle Energie, die alle auf meßbarer Übertragung von Bewegung beruhen und selbst quantitativ ausdrückbar sind. Soweit also hier qualitative Änderung stattfindet, soweit ist sie bedingt durch quantitative entsprechende Änderung.
In der Physik werden die Körper als chemisch unveränderlich oder indifferent behandelt; wir haben es mit den Veränderungen ihrer Molekularzustände zu thun und mit dem Formwechsel der Bewegung, der in allen Fällen, wenigstens auf Einer der beiden Seiten, die Moleküle ins Spiel bringt. Hier ist jede Veränderung ein Umschlagen von Quantität in Qualität, eine Folge quantitativer Veränderung der dem Körper innewohnenden oder mitgetheilten Bewegungsmenge irgend welcher Form. „So ist z.B. der Temperaturgrad des Wassers zunächst gleichgültig in Beziehung auf dessen tropfbare Flüssigkeit; es tritt dann aber beim Vermehren oder Vermindern der Temperatur des flüssigen Wassers ein Punkt ein, wo dieser Cohäsions-zustand sich ändert und das Wasser einerseits in Dampf und andrerseits in Eis verwandelt wird.“ (Hegel, Encykl., Gesammtausg. Bd.VI. S.217.) So gehört eine bestimmte Minimalstromstärke dazu, den Platindraht des elektrischen Glühlichts zum Glühen zu bringen; so hat jedes Metall seine Glüh-
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und Schmelzwärme, so jede Flüssigkeit ihren bei bekanntem Druck feststehenden Gefrier- und Siedepunkt — soweit ||5| unsre Mittel uns erlauben die betreffende Temperatur hervorzubringen; so endlich auch jedes Gas seinen kritischen Punkt, wo Druck und Abkühlung es tropfbar flüssig machen. Mit einem Wort: die sogenannten Konstanten der Physik sind gro- 5 ßentheils nichts andres als Bezeichnungen von Knotenpunkten, wo quantitative Zufuhr oder Entziehung von Bewegung qualitative Änderung im Zustand des betreffenden Körpers hervorruft, wo also Quantität in Qualität umschlägt.
Das Gebiet jedoch, auf dem das von Hegel entdeckte Naturgesetz seine 10 gewaltigsten Triumphe feiert, ist das der Chemie. Man kann die Chemie bezeichnen als die Wissenschaft von den qualitativen Veränderungen der Körper in Folge veränderter quantitativer Zusammensetzung. Das wußte schon Hegel selbst (Logik. Ges. Ausg. III S.433). Gleich der Sauerstoff: vereinigen sich drei Atome zu einem Molekül, statt der gewöhnlichen zwei, 15 so haben wir Ozon, einen Körper der durch Geruch und Wirkung von gewöhnlichem Sauerstoff sehr bestimmt verschieden. Und gar die verschiednen Verhältnisse, mit denen Sauerstoff sich mit Stickstoff oder Schwefel verbindet, und deren Jedes einen von allen andern qualitativ verschiednen Körper bildet! Wie verschieden ist Lachgas (Stickstoffmonoxid N2O) von 20 Salpetersäureanhydrid (Stickstoffpentoxid N2O5)! Das erste ein Gas, das zweite bei gewöhnlicher Temperatur ein fester krystallinischer Körper. Und doch ist der ganze Unterschied der Zusammensetzung der, daß das zweite fünf mal soviel Sauerstoff enthält als das erste, und zwischen Beiden liegen noch drei andre Oxide des Stickstoffs (NO, N2O3, NO2) die alle von jenen 25 beiden und unter sich qualitativ verschieden sind. |
|[6]| Noch schlagender tritt dies hervor an den homologen Reihen der Kohlenstoffverbindungen namentlich der einfacheren Kohlenwasserstoffe. Von den normalen Paraffinen ist das niedrigste Methan, CH4; hier sind die vier Verbindungseinheiten des Kohlenstoff-Atoms mit vier Atomen Was- 30 serstoff gesättigt. Das zweite, Aethan, C2H6 hat 2 Atome Kohlenstoff unter sich verbunden, und die freien 6 Verbindungseinheiten mit 6 Atomen Wasserstoff gesättigt. So geht es fort, C3H8, C4Hi0 und so nach der algebraischen Formel C„H2n + 2 sodaß durch Zusatz von je CH2 jedesmal ein von dem früheren qualitativ verschiedener Körper gebildet wird. Die drei niedrigsten 35 Glieder der Reihe sind Gase, das höchste bekannte, das Hekdekan, Ci6H34 ist ein fester Körper mit dem Siedepunkt 270 °C. Ganz ebenso verhält sich die Reihe der von den Paraffinen (theoretisch) abgeleiteten primären Alkohole von der Formel CnH2n+2O und der einbasischen fetten Säuren (Formel C„H2nO2). Welchen qualitativen Unterschied der quantitative Zusatz 40 von C3H6 hervorbringen kann, lehrt die Erfahrung, wenn wir Aethylalkohol
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C2H6O in irgend einer genießbaren Form ohne Beimischung andrer Alkohole verzehren, und wenn wir ein anderesmal denselben Aethylalkohol zu uns nehmen, aber mit einem geringen Zusatz von Amylalkohol C5Hi2O, der den Hauptbestandtheil des infamen Fuselöls bildet. Unser Kopf wird des am nächsten Morgen sicher gewahr, und zu seinem Schaden; sodaß man sogar sagen könnte, der Rausch und nachher der Katzenjammer sei ebenfalls in Qualität umgeschlagne Quantität, einerseits von Aethylalkohol, andrerseits von diesem zugesetztem C3H6. |
|[7]| Bei diesen Reihen tritt uns das Hegelsche Gesetz indeß noch in einer andern Form entgegen. Die unteren Glieder lassen nur eine einzige gegenseitige Lagerung der Atome zu. Erreicht aber die Anzahl der zu einem Molekül verbundenen Atome eine für jede Reihe bestimmte Größe, so kann die Gruppirung der Atome im Molekül in mehrfacher Weise stattfinden; es können also zwei oder mehrere isomere Körper auftreten, die gleichviel Atome C, H, O im Molekül haben, aber dennoch qualitativ verschieden sind. Wir können sogar berechnen wie viel solcher Isomerien für jedes Glied der Reihe möglich sind. So in der Paraffinreihe für C4Hi0 zwei, für C5Hi2 drei; bei den höheren Gliedern steigt die Zahl der möglichen Isomerien sehr rasch. Es ist also wieder die quantitative Anzahl der Atome im Molekül, die die Möglichkeit und soweit sie nachgewiesen, auch die wirkliche Existenz solcher qualitativ verschiednen isomeren Körper bedingt.
Noch mehr. Aus der Analogie der uns in jeder dieser Reihen bekannten Körper können wir auf die physikalischen Eigenschaften der noch unbekannten Glieder der Reihe Schlüsse ziehn und wenigstens für die den bekannten zunächst folgenden Glieder diese Eigenschaften, Siedepunkt usw. mit ziemlicher Sicherheit Vorhersagen.
Endlich aber gilt das Hegelsche Gesetz nicht nur für die zusammengesetzten Körper, sondern auch für die chemischen Elemente selbst. Wir wissen jetzt „daß die chemischen Eigenschaften der Elemente eine periodische Funktion der Atomgewichte sind“ (Roscoe-Schorlemmer, ausführliches Lehrbuch der Chemie, II. Bd, S. 823) daß also ihre ||[8]| Qualität bedingt ist durch die Quantität ihres Atomgewichts. Und die Probe hierauf ist glänzend gemacht worden. Mendelejeff wies nach, daß in den nach den Atomgewichten angeordneten Reihen verwandter Elemente verschiedene Lücken sich vorfinden, die darauf hindeuten, daß hier noch neue Elemente zu entdecken sind. Eins dieser unbekannten Elemente, das er Ekaaluminium nannte, weil es in der mit Aluminium anfangenden Reihe auf dieses folgt, beschrieb er nach seinen allgemeinen chemischen Eigenschaften im Voraus, und sagte sein specifisches und Atomgewicht wie sein Atomvolum annähernd vorher. Wenige Jahre später entdeckte Lecoq de Boisbaudran dies Element wirklich, und die Vorausbestimmungen Mendelejeffs trafen bis
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auf ganz geringe Abweichungen zu. Das Ekaaluminium war realisirt im Gallium. (Ebendaselbst S. 828.) Vermittelst der—unbewußten—Anwendung des Hegelschen Gesetzes vom Umschlagen der Quantität in Qualität war Mendelejeff eine wissenschaftliche That gelungen, die sich der Leverrier’s in der Berechnung der Bahn des noch unbekannten Planeten Neptun kühn 5 an die Seite stellen darf.
In der Biologie wie in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft bewährt sich dasselbe Gesetz auf jedem Schritt, doch wollen wir hier bei Beispielen aus den exakten Wissenschaften bleiben, da hier die Quantitäten genau meßbar und verfolgbar sind.	10
Wahrscheinlich werden dieselben Herren, die bisher das Umschlagen von Quantität in Qualität als Mysticismus und unverständlichen Transcen-dentalismus verschrien haben, jetzt erklären, es sei ja etwas ganz Selbstverständliches, Triviales und Plattes, das sie seit langer Zeit angewandt hätten, und somit werde ihnen gar nichts Neues gelehrt. Ein allgemeines 15 Gesetz der Natur-, Gesellschafts- und Denkent||9|wicklung zum ersten Mal in seiner allgemein geltenden Form ausgesprochen zu haben, das bleibt aber immer eine weltgeschichtliche That. Und wenn die Herren seit Jahren Quantität und Qualität haben in einander umschlagen lassen ohne zu wissen was sie thaten, so werden sie sich trösten müssen mit Molieres Monsieur 20 Jourdain, der auch sein Lebenlang Prosa gesprochen hatte ohne das Geringste davon zu ahnen. |
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Manuskripte 1880
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[Plan 1880]
|[1]| 1. Bewegung im Allgemeinen.
2.	Attraktion und Repulsion Übertragung von Bewegung.
3.	Erhaltung der Energie hierauf angew[andt] Repulsion + Attraktion — Zutritt von Repulsion = Energie,
4.	Schwere — Himmelskörper — irdische Mechanik.
5.	Physik. Wärme. Elektricität.—
6.	Chemie
7.	Resüme
a) Vor 4: Mathematik] unendliche Linie + und - gleich b) bei Astronomie: Arbeitsleistung durch Fluthwelle. Doppelrechnung bei H[elmholtz] 2, 120.
Kräfte	___H.	2, 190.
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Schluß für Thomson, Claus[ius], Loschmidt: Die Umkehr besteht darin daß die Repulsion sich selbst repellirt und damit in die todten Weltkörper aus der Mechanik zurückkehrt. Darin aber auch der Beweis daß die Repulsion die eigentlich aktive Seite der Bewegung, die Attraktion die passive ist.
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Cu	Pt
| CuSO4 - HNO, |
Cu
CuSO4
NO,
SO4
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|[2]| 1) Bewegung der Weltkörper. Annäherndes Gleichgewicht von Attraktion und Repulsion in der Bewegung.
2)	Bewegung auf einem Weltkörper. Masse. Soweit diese aus rein mechanischen Ursachen, auch Gleichgewicht. Die Massen ruhn auf ihrer 10 Grundlage. Das auf dem Mond anscheinend komplet. Die mechanische Attraktion hat die mechanische Repulsion überwunden. Vom Standpunkt der reinen Mechanik wissen wir nicht was aus der Repulsion geworden, und die reine Mechanik erklärt ebensowenig woher die „Kräfte“ kommen mit denen dennoch z. B. auf der Erde Massen gegen die Schwere bewegt werden. Sie 15 nimmt das Faktum als gegeben. Hier also einfach Mittheilung repulsiver, entfernender Ortsbewegung von Masse zu Masse, wobei Attraktion und Repulsion gleich sind.
3)	Die enorme Masse aller Bewegungen auf der Erde aber Verwandlung einer Bewegungsform in die Andre, mechanischer in Wärme, Elektricität, 20 chemische Bewegung und einer in die Andre, also entweder Umschlag von Attraktion in Repulsion (Mechanischer Bewegung in Wärme, Elektricität, chemische Zersetzung (der Umschlag ist die Verwandlung der ursprünglich hebenden mechanischen Bewegung in Wärme, nicht der fallenden, dies nur Schein)).	25
4)	Alle Energie die jetzt auf der Erde thätig, verwandelte Sonnenwärme. |
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Seite mit dem „Plan 1880"
Grundformen der Bewegung
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[Grundformen der Bewegung]
|1| Bewegung, in dem allgemeinsten Sinn, in dem sie als Daseinsweise, als inhärentes Attribut der Materie gefaßt wird, begreift alle im Universum vorgehenden Veränderungen und Prozesse in sich, von der bloßen Ortsveränderung bis zum Denken. Die Untersuchung über die Natur der Bewegung mußte selbstredend von den niedrigsten, einfachsten Formen dieser Bewegung ausgehn und diese begreifen lernen, ehe sie in der Erklärung der höheren und verwickelten Formen etwas leisten konnte. So sehen wir wie in der geschichtlichen Entwicklung der Naturwissenschaften die Theorie der einfachen Ortsveränderung, die Mechanik der Weltkörper wie der irdischen Massen zuerst ausgebildet wird; ihr folgt die Theorie der Molekularbewegung, die Physik, und gleich hinter, fast neben ihr und stellenweise ihr voraus, die Wissenschaft von der Bewegung der Atome, die Chemie. Erst nachdem diese verschiednen Zweige der Erkenntniß der die leblose Natur beherrschenden Bewegungsformen einen hohen Grad der Ausbildung erreicht, konnte die Erklärung der den Lebensprozeß darstellenden Bewegungsvorgänge mit Erfolg angefaßt werden. Sie schritt fort im Verhältniß wie Mechanik, Physik, Chemie fortschritten. Während also die Mechanik schon seit längerer Zeit im Stande war, im thierischen Körper die Wirkungen der durch Muskelzusammenziehung in Bewegung gesetzten Knochenhebel genügend auf ihre auch in der unbelebten Natur geltenden Gesetze zurückzuführen, steht die physikalisch-chemische Begründung der übrigen Lebenserscheinungen noch so ziemlich am Anfang ihrer Laufbahn. Wenn wir hier also die Natur der Bewegung untersuchen, so sind wir gezwungen, die organischen Bewegungsformen aus dem Spiel zu lassen. Wir beschränken uns daher nothgedrungen — dem Stand der Wissenschaft gemäß — auf die Bewegungsformen der unbelebten Natur.
Alle Bewegung ist mit irgend welcher Ortsveränderung verbunden, sei es
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nun Ortsveränderung von Weltkörpern, von irdischen Massen, von Molekülen, ||[2]| Atomen oder Aethertheilchen. Je höher die Bewegungsform, desto geringer wird diese Ortsveränderung. Sie erschöpft die Natur der betreffenden Bewegung in keiner Weise, aber sie ist untrennbar von ihr. Sie ist also vor allen Dingen zu untersuchen.	5
Die ganze uns zugängliche Natur bildet ein System, einen Gesammt-zusammenhang von Körpern, und zwar verstehn wir hier unter Körpern alle materiellen Existenzen, vom Gestirn bis zum Atom, ja bis zum Aethertheilchen, soweit dessen Existenz zugegeben. Darin, daß diese Körper in einem Zusammenhang stehn, liegt schon einbegriffen daß sie auf einander ein- 10 wirken, und diese ihre gegenseitige Einwirkung ist eben die Bewegung. Es zeigt sich hier schon, daß Materie undenkbar ist ohne Bewegung. Und wenn uns weiter die Materie gegenüber steht als etwas Gegebnes, ebenso sehr Unerschaffbares wie Unzerstörbares, so folgt daraus, daß auch die Bewegung so unerschaffbar wie unzerstörbar ist. Diese Folgerung wurde 15 unabweisbar, sobald einmal das Universum als ein System, als ein Zusammenhang von Körpern erkannt war. Und da diese Erkenntniß von der Philosophie gewonnen wurde, lange bevor sie in der Naturwissenschaft wirksame Geltung gewann, so ist es erklärlich, warum die Philosophie volle 200 Jahre vor der Naturwissenschaft den Schluß auf die Unerschaffbarkeit 20 und Unzerstörbarkeit der Bewegung zog. Selbst die Form, in der sie es that, ist der heutigen naturwissenschaftlichen Formulirung noch immer überlegen. Der Descartessche Satz daß die Menge der im Universum vorhandnen Bewegung stets dieselbe sei, fehlt nur formell, in der Anwendung eines endlichen Ausdrucks auf eine unendliche Größe. Dagegen gelten in der Natur- 25 Wissenschaft jetzt zwei Ausdrücke desselben Gesetzes: der Helmholtzsche von der Erhaltung der Kraft, und der neuere, präcisere ||3| von der Erhaltung der Energie, wovon der Eine, wie wir sehen werden, das grade Gegentheil vom andern besagt und wovon zudem Jeder nur die eine Seite des Verhältnisses ausspricht.	30
Wenn zwei Körper auf einander wirken, sodaß eine Ortsveränderung eines derselben oder Beider die Folge ist, so kann diese Ortsveränderung nur bestehn in einer Annäherung oder einer Entfernung. Entweder ziehen sie einander an, oder sie	35
stoßen einander ab. Oder, wie sich die Mechanik ausdrückt, die zwischen ihnen wirksamen Kräfte sind central, wirken in der Richtung der Verbindungslinie ihrer Mittelpunkte. Daß dies geschieht, stets und ausnahmslos im Universum geschieht,	40
so komplicirt auch manche Bewegungen er-
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scheinen, gilt uns heutzutage als selbstverständlich. Es würde uns widersinnig vorkommen, anzunehmen daß zwei auf einander wirkende Körper, deren gegenseitiger Einwirkung kein Hinderniß oder keine Einwirkung dritter Körper entgegensteht, diese Einwirkung anders ausüben sollten als auf dem kürzesten und direktesten Wege, in der Richtung der ihre Mittelpunkte verbindenden Geraden. Bekanntlich hat aber Helmholtz (Erhaltung der Kraft, Berlin 1847, Abschn. I und H) auch den mathematischen Beweis geliefert, daß centrale Wirkung und Unveränderlichkeit der Bewegungsmenge sich gegenseitig bedingen, und daß die Annahme andrer als centraler Wirkungen zu Resultaten führt, bei denen Bewegung entweder erschaffen oder vernichtet werden könnte. Die Grundform aller Bewegung ist hiernach Annäherung und Entfernung, Zusammenziehung und Ausdehnung — kurz, der alte polare Gegensatz von Attraktion und Repulsion.
Kant p. 22 daß die 3 Raumdimensionen bedingen daß diese Attraktion oder Repulsion nach dem umgekehrten Quadrat der Entfernung geschieht.
Ausdrücklich zu merken: Attraktion und Repulsion werden hier nicht gefaßt als sogenannte „Kräfte“, sondern als einfache Formen der Bewegung. Wie denn schon Kant die Materie aufgefaßt hat als die Einheit von Attraktion und Repulsion. Was es mit den „Kräften“ auf sich hat, wird sich seiner Zeit zeigen.
In dem Wechselspiel von Attraktion und Repulsion besteht alle Bewegung. Sie ist aber nur möglich, wenn jede einzelne Attraktion kompensirt wird durch eine entsprechende Repulsion an andrer Stelle. Sonst müßte die eine Seite mit der Zeit das Übergewicht erhalten über die andre, und damit hörte die Bewegung schließlich auf. Also müssen sich alle Attraktionen und alle Repulsionen im ||[4]| Universum gegenseitig aufwiegen. Das Gesetz von der Unzerstörbarkeit und Uner schaff bar keit der Bewegung erhält hiermit den Ausdruck, daß jede Attraktionsbewegung im Universum durch eine gleich-werthige Repulsionsbewegung ergänzt werden muß und umgekehrt; oder, wie die ältere Philosophie — lange vor der naturwissenschaftlichen Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft resp. Energie — dies aussprach: daß die Summe aller Attraktionen im Weltall gleich ist der Summe aller Repulsionen.
Hier scheinen indeß zwei Möglichkeiten noch immer offen, daß alle Bewegung einmal aufhöre, nämlich entweder dadurch, daß Repulsion und
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Attraktion sich endlich einmal thatsächlich ausgleichen, oder dadurch daß die gesammte Repulsion sich eines Theils der Materie endgültig bemächtigt und die gesammte Attraktion des übrigen Theils. Für die dialektische Auffassung können diese Möglichkeiten von vorn herein nicht existiren. Sobald die Dialektik einmal aus den Resultaten unsrer bisherigen Naturerfahrung 5 nachgewiesen hat daß alle polaren Gegensätze überhaupt bedingt sind durch das wechselnde Spiel der Beiden entgegengesetzten Pole auf einander, daß die Trennung und Entgegensetzung dieser Pole nur besteht innerhalb ihrer Zusammengehörigkeit und Vereinigung und umgekehrt ihre Vereinigung nur in ihrer Trennung, ihre Zusammengehörigkeit nur in ihrer Entgegensetzung, 10 kann weder von einer endgültigen Ausgleichung von Repulsion und Attraktion, noch von einer endgültigen Vertheilung der einen Bewegungsform auf die eine, der andern auf die andre Hälfte der Materie, also weder von der gegenseitigen Durchdringung noch von der absoluten Scheidung beider Pole die Rede sein. Es wäre ganz dasselbe als wollte man im ersten Fall verlangen, 15 der Nordpol und der Südpol eines Magnets sollten sich gegen und durch einander ausgleichen, und im zweiten Fall, die Durchfeilung eines Magnets in der Mitte zwischen beiden Polen solle hier eine Nordhälfte ohne Südpol, dort eine Südhälfte ohne Nordpol herstellen. Wenn aber auch die Unzulässigkeit solcher Annahmen schon aus der dialektischen Natur des po- 20 laren Gegensatzes folgt, so spielt doch, Dank der herrschenden metaphysischen Denkweise der Naturforscher, wenigstens die zweite Annahme in der physikalischen Theorie eine gewisse Rolle. Hiervon wird an seinem Ort die Rede sein.
Wie stellt sich nun die Bewegung dar in der Wechselwirkung von Attrak- 25 tion und Repulsion? Dies unter||5|suchen wir am besten an den einzelnen Formen der Bewegung selbst. Das Facit wird sich dann am Schluß ergeben.
Nehmen wir die Bewegung eines Planeten um seinen Centralkörper. Die gewöhnliche Schulastronomie erklärt die beschriebne Ellipse mit Newton aus der Zusammenwirkung zweier Kräfte, der Attraktion des Centralkörpers 30 und einer den Planeten normal zur Richtung dieser Attraktion forttreibenden Tangentialkraft. Sie nimmt also außer der central vor sich gehenden Bewegungsform noch eine andre, senkrecht zur Verbindungslinie der Mittelpunkte erfolgende Bewegungsrichtung oder sogenannte „Kraft“ an. Sie setzt sich damit in Widerspruch mit dem oben erwähnten Grundgesetz, wonach 35 in unserm Universum alle Bewegung nur in der Richtung der Mittelpunkte der auf einander einwirkenden Körper stattfinden kann oder wie man sich ausdrückt, nur durch central wirkende Kräfte verursacht wird. Sie bringt ebendamit ein Bewegungselement in die Theorie, das wie wir ebenfalls sahen, nothwendig auf die Erschaffung und Vernichtung von Bewegung 40 hinausläuft und daher auch einen Schöpfer voraussetzt. Es kam also darauf
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an, diese geheimnißvolle Tangentialkraft auf eine central vor sich gehende Bewegungsform zu reduziren, und dies that die Kant-Laplacesche kos-mogonische Theorie. Bekanntlich läßt diese Auffassung das ganze Sonnensystem aus einer rohrenden, äußerst verdünnten Gasmasse durch all-mählige Zusammenziehung entstehn, wobei am Aequator dieses Gasballs die Rotationsbewegung selbstredend am stärksten ist und einzelne Gasringe von der Masse losreißt, die sich dann zu Planeten, Planetoiden etc. zusammenballen, und den Centralkörper in der Richtung der ursprünglichen Rotation umkreisen. Diese Rotation selbst wird gewöhnlich erklärt aus der Eigenbewegung der einzelnen Gastheilchen, die in den verschiedensten Richtungen erfolgt, wobei aber schließlich ein Überschuß in einer bestimmten Richtung sich durchsetzt und so die drehende Bewegung verursacht, die mit dem Fortschritt der Zusammenziehung des Gasballs immer stärker werden muß. Welche Hypothese man aber auch über den Ursprung der Rotation annimmt, mit einer jeden ist die Tangentialkraft beseitigt, aufgelöst in eine besondre Erscheinungsform einer in centraler ||[6]| Richtung erfolgenden Bewegung. Wenn das eine, direkt centrale Element der Planetenbewegung durch die Schwere, die Attraktion zwischen ihm und dem Centralkörper dargestellt wird, so erscheint nun das andre, tangentielle Element als ein Rest, in übertragner oder verwandelter Form, der ursprünglichen Repulsion der einzelnen Theilchen des Gasballs. Der Daseinsprozeß eines Sonnensystems stellt sich nun dar als ein Wechselspiel von Attraktion und Repulsion, in welchem die Attraktion allmählig mehr und mehr die Oberhand dadurch bekommt, daß die Repulsion in der Form von Wärme in den Weltraum ausgestrahlt wird, dem System also mehr und mehr verloren geht.
Man sieht auf den ersten Blick daß die Bewegungsform die hier als Repulsion gefaßt ist, dieselbe ist die von der modernen Physik als „Energie“ bezeichnet wird. Durch die Zusammenziehung des Systems und die daraus folgende Sonderung der einzelnen Körper aus denen es heute besteht, hat das System „Energie“ verloren, und zwar beträgt dieser Verlust nach der bekannten Rechnung von Helmholtz jetzt schon 453/454 der ganzen, ursprünglich darin in der Form von Repulsion vorhandenen Bewegungsmenge.
Nehmen wir ferner eine körperliche Masse auf unsrer Erde selbst. Sie ist mit der Erde verbunden durch die Schwere, wie die Erde ihrerseits mit der Sonne; aber ungleich der Erde, ist sie einer freien planetarischen Bewegung unfähig. Sie kann nur bewegt werden durch Anstoß von Außen, und auch dann, sobald der Anstoß aufhört, kommt ihre Bewegung bald zum Stillstand, sei es durch die Wirkung der Schwere allein, sei es durch sie in Verbindung mit dem Widerstand des Mittels in dem sie sich bewegt. Auch dieser Widerstand ist in letzter Instanz eine Wirkung der Schwere, ohne die die Erde kein
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widerstehendes Mittel, keine Atmosphäre an ihrer Oberfläche haben würde. Wir haben also in der rein mechanischen Bewegung auf der Erdoberfläche zu thun mit einer Lage, in der die Schwere, die Attraktion entschieden ||7| vorherrscht, wo also die Herstellung von Bewegung die beiden Phasen zeigt: zuerst der Schwere entgegen zu wirken, und dann die Schwere 5 wirken zu lassen — in einem Wort: Heben und fallen lassen.
Wir haben also wieder die Wechselwirkung zwischen der Anziehung auf der einen, und einer in entgegengesetzter Richtung zur ihrigen erfolgenden, also repellirenden Bewegungsform auf der andern Seite. Nun kommt aber innerhalb des Gebiets der irdischen reinen Mechanik (die mit Massen von 10 gegebnen, für sie unveränderlichen Aggregat- und Cohäsionszuständen rechnet) diese repellirende Bewegungsform nicht in der Natur vor. Die physikalischen und chemischen Bedingungen unter denen ein Felsblock sich von der Bergkuppe losreißt oder unter denen ein Wassergefälle möglich wird, liegen außerhalb ihres Bereichs. Die repellirende, hebende Bewegung muß 15 also in der irdischen reinen Mechanik künstlich erzeugt werden: durch Menschenkraft, Thierkraft, Wasserkraft, Dampfkraft usw. Und dieser Umstand, diese Nothwendigkeit die natürliche Anziehung künstlich zu bekämpfen, ruft bei den Mechanikern die Anschauung hervor, daß die Anziehung, die Schwere, oder wie sie sagen die Schwerkraft, die wesent- 20 lichste, ja die Grundbewegungsform in der Natur ist.
Wenn z. B. ein Gewicht gehoben wird und durch seinen direkten oder indirekten Fall andren Körpern Bewegung mittheilt, so ist es nach der üblichen mechanischen Auffassung nicht die Hebungdes Gewichts, die diese Bewegung mittheilt, sondern die Schwerkraft. So läßt z. B. Helmholtz „die 25 uns am besten bekannte und einfachste Kraft, die Schwere, als Triebkraft wirken ... z. B. in denjenigen Wanduhren welche durch ein Gewicht getrieben werden. Das Gewicht ... kann dem Zuge der Schwere nicht folgen ohne das ganze Uhrwerk in Bewegung zu setzen“. Aber es kann das Uhrwerk nicht in Bewegung setzen ohne selbst zu sinken, und sinkt endlich so weit 30 bis die Schnur an der es hängt, ganz abgewickelt ist. „Dann bleibt die Uhr stehn, dann ist die Leistungsfähigkeit ihres Gewichts vorläufig erschöpft. Seine Schwere ist nicht verloren oder ||[8]| vermindert, es wird nach wie vor in gleichem Maß von der Erde angezogen, aber die Fähigkeit dieser Schwere, Bewegung hervorzubringen, ist verloren gegangen ... Wir können die Uhr 35 aber aufziehn durch die Kraft unsers Arms, wobei das Gewicht wieder emporgehoben wird. Sowie das geschehn ist, hat es seine frühere Leistungsfähigkeit wieder erlangt und kann die Uhr wieder in Bewegung erhalten.“ (Helmholtz, Popul. Vorträge, II, 144.)
Nach Helmholtz ist es also nicht die aktive Bewegungsmittheilung, das 40 Heben des Gewichts, die die Uhr in Bewegung setzt, sondern die passive
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Schwere des Gewichts, obwohl diese selbe Schwere erst durch das Heben aus ihrer Passivität herausgerissen wird und auch nach Ablauf der Gewichtsschnur wieder in ihre Passivität zurücktritt. War also nach der neueren Auffassung, wie wir so eben sahen, Energie nur ein andrer Ausdruck für Repulsion, so erscheint hier in der älteren, Helmholtzschen, Kraft als ein andrer Ausdruck für das Gegentheil der Repulsion, für Attraktion. Wir konstatiren dies einstweilen.
Wenn nun der Prozeß der irdischen Mechanik sein Ende erreicht hat, wenn die schwere Masse zuerst gehoben und dann wieder um dieselbe Höhe gefallen ist, was wird aus der Bewegung, die diesen Prozeß ausmachte? Sie ist für die reine Mechanik verschwunden. Aber wir wissen jetzt daß sie keineswegs vernichtet ist. Sie ist zum kleineren Theil in Schallwellenschwingung der Luft, zum weit größeren in Wärme umgesetzt worden — Wärme die theils der widerstehenden Atmosphäre, theils dem fallenden Körper selbst, theils endlich dem Aufschlagsboden mitgetheilt wurde.Auch das Uhrgewicht hat seine Bewegung in der Form von Reibungswärme an die einzelnen Triebräder des Uhrwerks nach und nach abgegeben. Es ist aber nicht, wie man sich wohl ausdrückt, die FaZ/bewegung, d.h. die Attraktion, die in Wärme, also in eine Form der Repulsion übergegangen ist. Im Gegentheil, die Attraktion, die Schwere, bleibt, wie Helmholtz richtig bemerkt, was sie vorher war, und wird genau gesprochen sogar größer. Es ist vielmehr die dem gehobenen Körper durch die Hebung mitgetheilte Repulsion, die durch den Fall mechanisch vernichtet wird und als Wärme wieder ersteht. Massenrepulsion ist verwandelt in Molekularrepulsion.
Die Wärme ist wie schon gesagt eine Form der Repulsion. Sie versetzt die Moleküle fester Körper in Schwingungen und lockert dadurch den Zusammenhang der einzelnen Moleküle, bis endlich der Übergang ||9| in den flüssigen Zustand eintritt; sie steigert auch in diesem, bei fortdauernder Wärmezufuhr, die Bewegung der Moleküle bis zu einem Grad, wo diese sich von der Masse vollständig losreißen und mit einer für jedes Molekül durch seine chemische Konstitution bedingten, bestimmten Geschwindigkeit einzeln frei fortbewegen; bei weiter fortgesetzter Wärmezufuhr steigert sie auch diese Geschwindigkeit noch weiter und repellirt damit die Moleküle immer mehr von einander.
Wärme ist aber eine Form der sogenannten „Energie“; diese erweist sich auch hier wieder als identisch mit der Repulsion.
Bei den Erscheinungen der statischen Elektricität und des Magnetismus haben wir Attraktion und Repulsion polarisch vertheilt. Welche Hypothesen man auch gelten lassen möge in Beziehung auf den modus operandi dieser Beiden Bewegungsformen, so zweifelt doch Angesichts der Thatsachen kein Mensch daran, daß Attraktion und Repulsion, soweit sie durch statische
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Elektricität oder Magnetismus hervorgerufen sind und sich ungehindert entfalten können, einander vollständig kompensiren. Wie dies in der That auch schon aus der Natur der polaren Vertheilung mit Nothwendigkeit folgt. Zwei Pole deren Bethätigung sich nicht vollständig kompensirt, wären eben keine Pole, und sind bisher in der Natur auch nicht aufzufinden gewesen. 5 Den Galvanismus lassen wir hier einstweilen aus dem Spiel, weil bei ihm der Prozeß durch chemische Vorgänge bedingt und dadurch verwickelt gemacht wird. Untersuchen wir daher lieber die chemischen BewegungsVorgänge selbst.
Wenn zwei Gewichtstheile Wasserstoff sich mit 15,96 Gewichtstheilen 10 Sauerstoff zu Wasserdampf verbinden, so entwickelt sich während dieses Vorgangs eine Wärmemenge von 68 924 Wärmeeinheiten. Umgekehrt, wenn 17,96 Gewichtstheile Wasserdampf in 2 Gewichtstheile Wasserstoff und 15,96 Gewichtstheile Sauerstoff zerlegt werden sollen, so ist dies nur möglich unter der Bedingung daß dem Wasserdampf ||[10]| eine Bewegungs- 15 menge zugeführt wird, die mit 68 924 Wärmeeinheiten gleichwerthig ist — sei es in der Form von Wärme selbst oder von elektrischer Bewegung. Dasselbe gilt von allen andern chemischen Prozessen. In der sehr großen Mehrzahl der Fälle wird bei der Zusammensetzung Bewegung abgegeben, bei der Zerlegung muß Bewegung zugeführt werden. Auch hier ist die Repulsion in der 20 Regel die aktive, mit Bewegung begabtere oder Bewegungszufuhr heischende, die Attraktion die passive, Bewegung überflüssig machende und abgebende Seite des Prozesses. Daher auch die moderne Theorie wieder erklärt, im Ganzen und Großen werde bei der Vereinigung von Elementen Energie frei, bei der Zerlegung werde sie gebunden. Energie steht hier also 25 wieder für Repulsion. Und wieder erklärt Helmholtz: „Diese Kraft (die chemische Verwandtschaftskraft) können wir uns als eine Anziehungskraft vorstellen... Diese Anziehungskraft nun zwischen den Atomen des Kohlenstoffs und des Sauerstoffs leistet grade so gut Arbeit wie die, welche die Erde in der Form der Schwere auf ein gehobenes Gewicht ausübt. ... 30 Wenn Kohlenstoff- und Sauerstoffatome auf einander losgestürzt sind und sich zu Kohlensäure vereinigt haben, so müssen die neugebildeten Theilchen der Kohlensäure in heftigster Molekularbewegung sein, das heißt in Wärmebewegung. ... Wenn sie später ihre Wärme an die Umgebung abgegeben hat, so haben wir in der Kohlensäure noch den ganzen Kohlenstoff, noch 35 den ganzen Sauerstoff und auch noch die Verwandtschaftskraft Beider ebenso kräftig wie vorher bestehn. Aber letztere äußert sich jetzt nur noch darin daß sie die Kohlenstoff- und Sauerstoffatome fest an einander heftet ohne eine Trennung derselben zu gestatten.“ (1. c. 169.) Es ist ganz wie vorhin: Helmholtz besteht darauf daß in der Chemie wie in der Mechanik die 40 Kraft nur in der Attraktion bestehe und also das grade Gegentheil von dem
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sei, was bei andern Physikern Energie heißt und identisch ist mit der Repulsion. |
|111 Wir haben jetzt also nicht mehr die beiden einfachen Grundformen der Attraktion und Repulsion, sondern eine ganze Reihe von Unterformen, in denen der im Gegensatz jener beiden sich ab- und aufwickelnde Prozeß der universellen Bewegung vor sich geht. Es ist aber keineswegs bloß unser Verstand, der diese mannichfachen Erscheinungsformen unter dem Einen Ausdruck der Bewegung zusammenfaßt. Im Gegentheil, sie selbst beweisen sich durch die That als Formen einer und derselben Bewegung, indem sie unter Umständen die eine in die andre übergehn. Mechanische Massenbewegung geht über in Wärme, in Elektricität, in Magnetismus; Wärme und Elektricität gehen über in chemische Zersetzung; chemische Vereinigung ihrerseits entwickelt wieder Wärme und Elektricität, und vermittelst dieser letzteren Magnetismus; und endlich produciren Wärme und Elektricität wiederum mechanische Massenbewegung. Und zwar der Art, daß einer Bestimmten Bewegungsmenge der einen Form stets eine genau bestimmte Bewegungsmenge der andern Form entspricht; wobei es wieder gleichgültig ist welcher Bewegungsform die Maßeinheit entlehnt ist, an der diese Bewegungsmenge gemessen wird; ob sie zur Messung von Massenbewegung, von Wärme, von s. g. elektromotorischer Kraft, oder von der bei chemischen Vorgängen um gesetzten Bewegung dient.
Wir stehn hiermit auf dem Boden der von J. R. Mayer 1842 begründeten*0 und seitdem mit so glänzendem Erfolg international ausgearbeiteten Theorie von der „Erhaltung der Energie“ und haben nun die Grundvorstellungen zu untersuchen, mit denen diese Theorie heutzutage operirt. Dies sind die Vorstellungen von „Kraft“ oder „Energie“ und von „Arbeit“.
Es hat sich schon oben gezeigt daß die neuere ||[12]| jetzt wohl ziemlich
x) In den Pop. Vorles. II. S. 113 scheint Helmholtz, außer Mayer, Joule und Colding, auch sich selbst einen gewissen Antheil an der naturwissenschaftlichen Beweisführung für den Des-cartesschen Satz von der quantitativen Unveränderlichkeit der Bewegung zuzuschreiben. „Ich selbst hatte, ohne von Mayer und Colding etwas zu wissen, und mit Joule’s Versuchen erst am Ende meiner Arbeit bekannt geworden, denselben Weg betreten; ich bemühte mich namentlich, alle Beziehungen zwischen den verschiednen Naturprocessen aufzusuchen, welche aus der angegebnen Betrachtungsweise zu folgern waren, und veröffentlichte meine Untersuchungen 1847 in einer kleinen Schrift unter dem Titel: »Über die Erhaltung der Kraft*.“ — Aber in dieser Schrift findet sich durchaus Nichts, für den Stand von 1847, Neues, außer der oben erwähnten mathematischen, übrigens sehr werthvollen, Entwicklung daß „Erhaltung der Kraft“ und centrale Wirkung der zwischen den verschiednen Körpern eines Systems thätigen Kräfte nur zwei verschiedne Ausdrücke für dieselbe Sache sind und ferner eine genauere Formulirung des Gesetzes, daß die Summe der lebendigen und Spannkräfte in einem gegebnen mechanischen System konstant sei. In allem Andern war sie seit Mayers Zweiter Abhandlung von 1845 bereits überholt. Mayer behauptet schon 1842 die „Unzerstörbarkeit der Kraft“, und weiß über die „Beziehungen zwischen den verschiednen Naturprozessen“ von seinem neuen Standpunkt aus 1845 weit genialere Dinge zu sagen als Helmholtz 1847.
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allgemein angenommene Anschauung unter Energie die Repulsion versteht, während Helmholtz mit dem Wort Kraft vorzugsweise die Attraktion ausdrückt. Man könnte hierin einen gleichgültigen Formunterschied sehn, da ja Attraktion und Repulsion im Universum sich kompensiren, und da es demnach gleichgültig erscheint welche Seite des Verhältnisses man positiv oder 5 negativ setzt; wie es ja auch an sich gleichgültig ist, ob man, von einem Punkt in einer beliebigen Linie aus, die positiven Abscissen nach rechts oder nach links zählt. Dies ist indeß nicht absolut der Fall.
Es handelt sich hier nämlich zunächst nicht um das Universum, sondern um Erscheinungen die auf der Erde vorgehn und bedingt sind durch die genau 1 o bestimmte Stellung der Erde im Sonnensystem, und des Sonnensystems im Weltall. Unser Sonnensystem gibt aber in jedem Augenblick enorme Mengen von Bewegung an den Weltraum ab, und zwar Bewegung von ganz bestimmter Qualität: Sonnenwärme, d. h. Repulsion. Unsre Erde selbst aber ist belebt nur durch die Sonnenwärme und strahlt ihrerseits die empfangne Sonnen- 15 wärme, nachdem sie diese zum Theil in andre Bewegungsformen umgesetzt, schließlich ebenfalls in den Weltraum aus. Im Sonnensystem und ganz besonders auf der Erde hat also die Attraktion schon ein bedeutendes Übergewicht über die Repulsion erhalten. Ohne die uns von der Sonne zugestrahlte Repulsionsbewegung müßte alle Bewegung auf der Erde auf- 20 hören. Wäre morgen die Sonne erkaltet, so bliebe die Attraktion auf der Erde bei sonst gleichbleibenden Umständen was sie heute ist. Ein Stein von 100 Kilogramm würde nach wie vor da, wo er einmal liegt, 100 Kilogramm wiegen. Aber die Bewegung, sowohl der Massen wie der Moleküle und Atome, käme zu einem nach unsern Vorstellungen absoluten Stillstand. Es 25 ist also klar: Für Prozesse, die auf der heutigen Erde vorgehn, ist es durchaus nicht gleichgültig, ob man die Attraktion oder die Repulsion als die aktive Seite der Bewegung, also als „Kraft“ oder „Energie“ auffaßt. Auf der heutigen Erde ||13| ist die Attraktion im Gegentheil bereits durch ihr ent-schiednes Übergewicht über die Repulsion durchaus passiv geworden; alle 30 aktive Bewegung verdanken wir der Zufuhr von Repulsion durch die Sonne. Und daher hat die neuere Schule — wenn sie auch über die Natur des Bewegungsverhältnisses im Unklaren bleibt — dennoch der Sache nach und für irdische Vorgänge, ja für das ganze Sonnensystem vollständig Recht wenn sie Energie als Repulsion faßt.	35
Der Ausdruck „Energie“ spricht zwar keineswegs das ganze Bewegungs-verhältniß richtig aus, indem er nur die eine Seite umfaßt, die Aktion, aber nicht die Reaktion. Er läßt auch noch den Schein zu, als sei „Energie“ etwas der Materie Äußerliches, ihr Eingepflanztes. Aber er ist dem Ausdruck „Kraft“ unter allen Umständen vorzuziehn.	40
Die Vorstellung von Kraft ist wie allerseits zugegeben (von Hegel bis
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Helmholtz), der Bethätigung des menschlichen Organismus innerhalb seiner Umgebung entlehnt. Wir sprechen von der Muskelkraft, von der Hebungskraft der Arme, von der Sprungkraft der Beine, von der Verdauungskraft des Magens und Darmkanals, von der Empfindungskraft der Nerven, der Ausscheidungskraft der Drüsen usw. Mit andern Worten, um uns die Angabe der wirklichen Ursache einer durch eine Funktion unsres Organismus herbeigeführten Veränderung zu ersparen, schieben wir eine fiktive Ursache unter, eine der Veränderung entsprechende s.g. Kraft. Diese bequeme Methode übertragen wir dann auch auf die Außenwelt, und erfinden damit ebenso viel Kräfte wie es verschiedne Erscheinungen gibt.
In diesem naiven Stadium befand sich die Naturwissenschaft (mit Ausnahme etwa der himmlischen und irdischen Mechanik) noch zur Zeit Hegel ’s, der mit vollem Recht gegen die damalige Manier der Kräfte-Ernennung losfährt. (Stelle zu citiren). Ebenso an einer andern Stelle: „Es ist besser (zu sagen) der Magnet habe eine Seele (wie Thales sich ausdrückt), als er habe die Kraft, anzuziehen; Kraft ist eine Art von Eigenschaft, die von der Materie trennbar, als ein Prädikat vorgestellt wird — Seele ||[14]| hingegen dies Bewegen seiner, mit der Natur der Materie dasselbe“ (Gesch. d. Ph. 1,208.)
So ganz leicht, wie damals, machen wir es uns nun heute mit den Kräften nicht mehr. Hören wir Helmholtz: „Wenn wir ein Naturgesetz vollständig kennen, müssen wir auch Ausnahmslosigkeit seiner Geltung fordern ... So tritt uns das Gesetz als eine objektive Macht entgegen, und demgemäß nennen wir es Kraft. Wir objektiviren z.B. das Gesetz der Lichtbrechung als eine Lichtbrechungskraft der durchsichtigen Substanzen, das Gesetz der chemischen Wahlverwandtschaften als eine Verwandtschaftskraft der verschiednen Stoffe zu einander. So sprechen wir von einer elektrischen Kontaktkraft der Metalle, von einer Adhäsionskraft, Capillarkraft und andern mehr. In diesen Namen sind Gesetze objektivirt, welche zunächst erst kleinere Reihen von Naturvorgängen umfassen, deren Bedingungen noch ziemlich verwickelt sind ... die Kraft ist nur das objektivirte Gesetz der Wirkung ... der abstrakte Begriff der Kraft, den wir einschieben, fügt nur das noch hinzu, daß wir dieses Gesetz nicht willkührlich erfunden, daß es ein zwingendes Gesetz der Erscheinungen sei. Unsre Forderung, die Naturerscheinungen zu begreifen, d.h. ihre Gesetze zu finden, nimmt so eine andre Form an, die nämlich daß wir die Kräfte aufzusuchen haben, welche die Ursachen der Erscheinungen sind.“ (l.c. S. 190, Inspruker Vortrag von 1869.)
Erstens ist es jedenfalls eine eigenthümliche Art zu „objektiviren“, wenn man in ein bereits als unabhängig von unsrer Subjektivität festgestelltes, also schon vollkommen objektives Naturgesetz die rein subjektive Vorstellung von Kraft hineinträgt. Dergleichen dürfte sich höchstens ein Althegelianer
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von der striktesten Observanz gestatten, nicht aber ein Neukantianer wie Helmholtz. Weder dem einmal festgestellten Gesetz noch seiner Objektivität oder derjenigen seiner Wirkung tritt die geringste neue Objektivität hinzu wenn wir ihm eine Kraft unterschieben; was hinzutritt, ist unsre sut>|| 15|jek-tive Behauptung, daß es vermöge einer einstweilen gänzlich unbekannten 5 Kraft wirke. Aber der geheime Sinn dieser Unterschiebung zeigt sich, sobald Helmholtz uns Beispiele gibt: Lichtbrechung, chemische Verwandtschaft, Kontaktselektricität, Adhäsion, Kapillarität, und die diese Erscheinungen regelnden Gesetze in den „objektiven“ Adelstand von Kräften erhebt. „In diesen Namen sind Gesetze objektivirt, welche zunächst erst kleinere Reihen 10 von Natur Vorgängen umfassen, deren Bedingungen noch ziemlich verwik-kelt sind“ Und eben hier erhält die „Objektivirung“, die vielmehr Sub-jektivirung ist, einen Sinn: nicht weil wir das Gesetz vollständig erkannt haben, sondern eben weil dies nicht der Fall, weil wir über die „ziemlich verwickelten Bedingungen“ dieser Erscheinungen noch nichtim Klaren sind, 15 ebendeßhalb nehmen wir hier manchmal Zuflucht zum Worte Kraft. Wir drücken also damit nicht unsre Wissenschaft, sondern unsern Mangel an Wissenschaft von der Natur des Gesetzes und seiner Wirkungsweise aus. In diesem Sinn, als kurzer Ausdruck eines noch nicht ergründeten Kausalzusammenhangs, als Nothbehelf der Sprache, mag es im Hand- 20 gebrauch passiren. Was darüber ist, das ist vom Übel. Mit demselben Recht wie Helmholtz physikalische Erscheinungen aus einer s. g. Lichtbrechungskraft, elektrischen Kontaktkraft usw. erklärt, mit demselben Recht erklärten die Scholastiker des Mittelalters die Temperaturänderungen aus einer vis calorifica und einer vis frigifaciens und ersparten sich damit alle weitere 25 Untersuchung der Wärmeerscheinungen.
Und auch in diesem Sinn hat es seine Schiefheit. Es drückt nämlich Alles einseitig aus. Alle Naturvorgänge sind doppelseitig, beruhen auf dem Verhältniß von mindestens zwei wirkenden Theilen, auf Aktion und Reaktion. Die Vorstellung von Kraft, in Folge ihres Ursprungs aus der Aktion des 30 menschlichen Organismus auf die Außenwelt und weiterhin aus der irdischen Mechanik, schließt aber ein, daß nur der eine Theil aktiv, wirkend, der andre Theil aber passiv, empfangend sei, statuirt also eine bisher nicht nachweisbare Ausdehnung der Geschlechtsdifferenz auf leblose Existenzen. Die Reaktion des zweiten Theils, auf den die Kraft wirkt, erscheint höchstens 35 als eine passive, als ein Widerstand. Nun ist ||[16]| diese Auffassungsweise auf einer Reihe von Gebieten auch außerhalb der reinen Mechanik zulässig, nämlich da wo es sich um einfache Übertragung von Bewegung und deren quantitative Berechnung handelt. Aber schon in den verwickelteren Vorgängen der Physik reicht sie nicht mehr aus, wie grade Helmholtz’s eigne 40 Beispiele beweisen. Die Lichtbrechungskraft liegt ebensosehr im Licht
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selbst wie in den durchsichtigen Körpern. Bei der Adhäsion und Kapillarität liegt die „Kraft“ doch sicher ebensosehr in der festen Oberfläche wie in der Flüssigkeit. Bei der Kontaktselektricität ist jedenfalls soviel sicher daß beide Metalle dazu das Ihrige beitragen, und die „chemische Verwandtschaftskraft“ liegt, wenn irgendwo, jedenfalls in beiden sich verbindenden Theilen. Eine Kraft aber, die aus zwei getrennten Kräften besteht, eine Wirkung, die ihre Gegenwirkung nicht hervorruft, sondern in sich selbst faßt und trägt, ist keine Kraft im Sinn der irdischen Mechanik, der einzigen Wissenschaft in der man wirklich weiß was eine Kraft bedeutet. Denn die Grundbedingungen der irdischen Mechanik sind erstens die Weigerung, die Ursachen des Anstoßes, d. h. die Natur der jedesmaligen Kraft zu untersuchen und zweitens die Anschauung von der Einseitigkeit der Kraft, der eine an jedem Ort stets sich selbst gleiche Schwere entgegengesetzt wird, dergestalt, daß gegenüber jedem irdischen Fallraum der Erdhalbmesser = oo gilt.
Sehen wir aber weiter, wie Helmholtz seine „Kräfte“ in die Naturgesetze hinein „objektivirt“.
In einer Vorlesung von 1854 (1. c. S. 119) untersucht er den „Vorrath von Arbeitskraft“, den der Nebelball aus dem unser Sonnensystem gebildet, ursprünglich enthielt. „In der That war ihm eine ungeheuer große Mitgift in dieser Beziehung schon allein in Form der allgemeinen Anziehungskraft aller seiner Theile zu einander mitgetheilt.“ Dies ist unzweifelhaft. Ebenso unzweifelhaft aber ist, daß diese ganze Mitgift von Schwere oder Gravitation im heutigen Sonnensystem noch unverkümmert vorhanden ist; abgerechnet etwa das geringe Quantum, das || 17| mit Materie verloren ging, die möglicher Weise unwiederbringlich in den Weltraum hinaus geschleudert wurde. Weiter: „Auch die chemischen Kräfte mußten schon vorhanden sein, bereit zu wirken; aber da diese Kräfte erst bei der innigsten Berührung der verschiedenartigen Massen in Wirksamkeit treten können, mußte erst Verdichtung eingetreten sein, ehe ihr Spiel begann.“ Wenn wir wie Helmholtz oben, diese chemischen Kräfte als Verwandtschaftskräfte, also als Anziehung, fassen, so müssen wir auch hier sagen, daß die Gesammtsumme dieser chemischen Anziehungskräfte noch unvermindert innerhalb des Sonnensystems fortbesteht.
Nun aber gibt Helmholtz auf derselben Seite als das Resultat seiner Berechnung an, „daß nur noch etwa der 454ste Theil der ursprünglichen mechanischen Kraft als solche besteht“ — nämlich im Sonnensystem. Wie ist dies zu reimen? Die Anziehungskraft, allgemeine wie chemische, ist noch unversehrt im Sonnensystem vorhanden. Eine andre sichere Kraftquelle gibt Helmholtz nicht an. Allerdings haben, nach Helmholtz, jene Kräfte eine ungeheure Arbeit geleistet. Aber sie haben sich dadurch weder vermehrt noch vermindert. Wie oben dem Uhrgewicht, geht es jedem Molekül im
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Sonnensystem und dem ganzen Sonnensystem selbst. „Seine Schwere ist nicht verloren oder vermindert.“ Wie vorhin dem Kohlenstoff und dem Sauerstoff geht es allen chemischen Elementen: wir haben die sämmtliche gegebne Menge eines jeden noch immer, auch noch die gesammte „Verwandtschaftskraft eben so kräftig wie vorher bestehend“. Was haben wir 5 denn verloren? Und welche „Kraft“ hat denn die enorme Arbeit geleistet, die 453 mal so groß ist als diejenige die das Sonnensystem nach seiner Berechnung noch leisten kann? Soweit gibt uns Helmholtz keine Antwort. Aber weiter sagt er:
„Ob noch ein weiterer Kraftvorrath in Gestaltvon Wärme vorhanden war, 10 wissen wir nicht.“ — Mit Verlaub. Die Wärme ist eine repulsive „Kraft“, wirkt also der Richtung der Schwere wie der chemischen Anziehung entgegen, ist minus, wenn diese plus gesetzt werden. Wenn Helmholtz also seinen ursprünglichen Kraftvorrath aus allgemeiner und chemischer Anziehung zusammensetzt, ||[18]| so müßte ein Vorrath von Wärme, der 15 außerdem noch vorhanden, nicht zu jenem Kraftvorrath hinzugezählt, sondern von ihm abgezogen werden. Sonst müßte die Sonnenwärme die Anziehungskraft der Erde verstärken, wenn sie — ihr grade entgegen — Wasser verdunstet und den Dunst in die Höhe hebt; oder die Wärme eines glühenden Eisenrohrs durch das man Wasserdampf leitet, müßte die ehe- 20 mische Anziehung von Sauerstoff und Wasserstoff verstärken, während sie sie grade außer Thätigkeit setzt. Indem Helmholtz die Möglichkeit eines zu attraktiven Bewegungsformen hinzutretenden und ihre Summe vermehrenden Quantums von repulsiver Bewegung in der Form von Wärme voraussetzt, begeht er also einen entschiednen Rechnungsfehler.	25
Oder, um dieselbe Sache in andrer Form zu verdeutlichen. Wir nehmen an, der Nebelball von r Radius also vom Volumen 4/3 irr3 habe die Temperatur t. Wir nehmen ferner an, ein zweiter Nebelball von gleicher Masse habe bei der höheren Temperatur T den größeren Radius R und das Volumen 4/3 ttR3. Nun ist es einleuchtend, daß in dem zweiten Nebelball die Attraktion, 30 mechanische wie physikalische und chemische, erst dann mit gleicher Kraft wirken kann wie im ersten, wenn er von Radius R auf Radius r zusammengeschrumpft ist, d. h. die der Temperaturdifferenz T-t entsprechende Wärme in den Weltraum ausgestrahlt hat. Der wärmere Nebelball wird also später zur Verdichtung kommen als der kältere, folglich ist die Wärme, als 35 Hinderniß der Verdichtung, vom Heimholtzschen Standpunkt betrachtet, kein Plus, sondern ein Minus des „Kraftvorraths“.
Bringen wir nun diesen sämmtlichen „Kräftevorrath“, möglichen wie nachweisbaren, auf dasselbe Vorzeichen, damit eine Addition möglich wird. Da wir vorläufig die Wärme noch nicht umkehren, statt ihrer Repulsion die 40 äquivalente Attraktion setzen können, so werden wir diese Umkehrung bei
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den beiden Anziehungsformen vornehmen müssen. Dann haben wir statt der allgemeinen Anziehungskraft, statt der chemischen Verwandtschaftskraft und statt der außerdem möglicher Weise als solche bereits im Anfang existirenden Wärme einfach zu setzen — die Summe der im Gasball, im Moment seiner Verselbstständigung, vorhandenen Repulsionsbewegung oder sogenannten Energie. Und damit stimmt denn auch die Rechnung von Helmholtz, bei der er „die Erwärmung“ berechnen will, „welche durch die angenommene anfängliche Verdichtung der Himmelskörper unsers Systems aus nebelartigem zerstreutem Stoffe entstehen mußte“. Indem er so den ganzen „Kraftvorrath“ auf Wärme, Repulsion, reduzirt, macht er es auch möglich, den vermuthlichen „Kraftvorrath von Wärme“ hinzu zu addiren. Dann drückt die Rechnung aus, daß 453/454 aller ursprünglich im Gasball vorhandenen Energie d. h. Repulsion in Gestalt von Wärme in den Weltraum ausgestrahlt ist, oder genau gesprochen, daß die Summe aller Attraktion im heutigen Sonnensystem zur Summe aller darin noch vorhandnen Repulsion sich verhält wie 454:1. Dann widerspricht sie aber gradezu dem Text des Vortrags, dem sie als Belegstück beigefügt ist.
Wenn nun aber die Vorstellung der Kraft selbst bei einem Physiker wie Helmholtz zu solcher Begriffsverwirrung Anlaß gibt, so ist dies der beste Beweis, daß sie überhaupt wissenschaftlich unbrauchbar ist in allen Forschungszweigen die über die rechnende Mechanik hinaus gehn. In der Mechanik nimmt man die Bewegungsursachen als gegeben an und kümmert sich nicht um ihren Ursprung, sondern nur um ihre Wirkungen. Bezeichnet man also eine Bewegungsursache als eine Kraft, so thut das der Mechanik als solcher keinen Abbruch; aber man gewöhnt sich daran, diese Bezeichnung auch in die Physik, Chemie und Biologie zu übertragen, und dann ist die Konfusion unvermeidlich. Das haben wir gesehn und werden es noch öfter sehn.
Über den Begriff der Arbeit im nächsten Kapitel.
(Arbeit — Übertragung von Bewegung und ihre Formen-Zusammenfassung sind zu entwickeln) |
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|[1]| Maß der Bewegung — Arbeit.
„Dagegen habe ich bisher immer noch gefunden, daß die Grundbegriffe dieses Gebiets“ (d. h. „die physikalischen Grundbegriffe der Arbeit und ihrer Unveränderlichkeit“) „denjenigen Personen, welche nicht durch die Schule 5 der mathematischen Mechanik gegangen sind, bei allem Eifer, aller Intelligenz, und selbst bei einem ziemlich hohen Maße naturwissenschaftlicher Kenntnisse sehr schwer faßlich sind. Auch ist nicht zu verkennen, daß es Abstrakta von ganz eigenthümlicher Art sind. Ist ihr Verständniß doch einem Geiste wie I. Kant, nicht ohne Schwierigkeit auf gegangen, wie seine darüber 10 gegen Leibnitz geführte Polemik zeigt.“ So Helmholtz (Pop. wiss. Vortr. II, Vorrede).
Hiernach wagen wir uns jetzt auf ein sehr gefährliches Gebiet, um somehr als wir uns nicht gut erlauben können, den Leser „durch die Schule der mathematischen Mechanik“ zu führen. Vielleicht aber stellt sich heraus, daß 15 da, wo es sich um Begriffe handelt, dialektisches Denken mindestens ebenso weit führt wie mathematisches Rechnen.
Galilei entdeckte einerseits das Fallgesetz, wonach die durchlaufenen Räume fallender Körper sich verhalten wie die Quadrate der Fallzeiten. Daneben stellte er den, wie wir sehn werden, diesem nicht ganz ent- 20 sprechenden Satz auf, daß die Bewegungsgröße eines Körpers (sein impeto oder momento) bestimmt wird durch Masse und Geschwindigkeit, derart daß sie bei konstanter Masse der Geschwindigkeit proportional ist. Descartes nahm diesen letzteren Satz auf und machte das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit eines sich bewegenden Körpers ganz allgemein zum Maß 25 seiner Bewegung. /
l[2]l Huyghens fand bereits, daß beim elastischen Stoß die Summe der Produkte aus den Massen in die Quadrate der Geschwindigkeit vor und nach dem Stoß die selbe sei, und daß ein analoges Gesetz gelte für verschiedne andere Fälle von Bewegung zu einem System verbundner Körper.	30
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Leibnitz war der erste, der einsah, daß das Descartessche Maß der Bewegung mit dem Fallgesetz im Widerspruch stehe. Andrerseits ließ sich nicht läugnen, daß das Descartessche Maß in vielen Fällen richtig sei. Leibnitz theilte also die bewegenden Kräfte in todte und lebendige. Die todten waren die „Drucke“ oder Züge ruhender Körper, ihr Maß das Produkt der Masse in die Geschwindigkeit mit der der Körper sich bewegen würde wenn er aus dem Ruhezustand in die Bewegung überginge; als Maß der lebendigen Kraft, der wirklichen Bewegung eines Körpers dagegen stellte er das Produkt der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit auf. Und zwar direkt aus dem Fallgesetz leitete er dieses neue Bewegungsmaß her. „Es ist, so schloß Leibnitz, die nämliche Kraft erforderlich, einen Körper von vier Pfund Gewicht einen Fuß, wie einen Körper von einem Pfund Gewicht um vier Fuß zu heben; nun sind aber die Wege dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional, denn wenn ein Körper um vier Fuß gefallen ist, so hat er die doppelte Geschwindigkeit erlangt wie wenn er nur um einen Fuß gefallen ist. Beim Fallen erlangen aber die Körper die Kraft, wieder auf dieselbe Höhe zu steigen von der sie gefallen sind; also sind die Kräfte dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional.“ (Suter Gesch. der Math. II S. 367.) Weiter aber wies er nach daß das Bewegungsmaß m v im Widerspruch stehe mit dem Cartesischen Satz von der Konstanz der Bewegungsquantität, indem, wenn es wirklich gelte, sich die Kraft (d.h. Bewegungsmenge) in der Natur fortwährend vermehre oder vermindere. Er entwarf sogar einen Apparat (1690, Acta Erud.) der, wenn das Maß mv richtig sei, ein Perpetuum mobile mit steter Kraftgewinnung darstellen müsse, was doch absurd sei. Helmholtz hat neuerdings diese Art der Argumentation wieder häufig angewandt.
Die Cartesianer protestirten aus Leibeskräften, und es entspann sich ein langjähriger und berühmter Streit, an dem auch Kant in seiner ersten Schrift (Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, 1746) sich betheiligte ohne indeß in der Sache klar zu sehn. Die heutigen Mathematiker schauen mit ziemlicher Verachtung ||[3]| herab auf diesen „unfruchtbaren“ Streit, der „über 40 Jahre lang hinaus gezogen wurde und die Mathematiker Europas in zwei feindliche Lager theilte, bis endlich d’Alembert durch seinen Traite de dynamique (1743) gleichsam wie durch einen Machtspruch dem unnützen Wortstreite, denn etwas Andres war es nicht, ein Ende machte“. (Suter, a. a. O. S. 366).
Nun sollte es doch scheinen als ob eine Streitfrage nicht so ganz auf einem unnützen Wortstreit beruhen kann, wenn sie von einem Leibnitz gegenüber einem Descartes aufgeworfen wurde und einen Mann wie Kant derart beschäftigte, daß er ihr seine Erstlingsschrift, einen ziemlich starken Band, widmete. Und in der That, wie ist es zu reimen, daß die Bewegung zwei einander widersprechende Maße hat, das einemal der Geschwindigkeit, das
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andremal dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional ist? Suter macht sich die Sache sehr leicht; er sagt, beide Theile hatten recht und beide hatten unrecht; „der Ausdruck lebendige Kraft hat sich dennoch bis heute erhalten;
allein er gilt nicht mehr als Maß der Kraft, sondern ist eine bloße einmal angenommene Bezeichnung für das in der Mechanik so bedeutungsvolle 5 Produkt der Masse in das halbe Quadrat der Geschwindigkeit“. Also mv bleibt Maß der Bewegung, und lebendige Kraft ist nur ein andrer Ausdruck
m v2
für » von welcher Formel wir zwar erfahren daß sie in der Mechanik
sehr bedeutungsvoll ist, jetzt aber erst recht nicht mehr wissen was sie denn bedeutet.	10
Nehmen wir indeß den rettenden Traite de dynamique zur Hand und sehen wir uns D’Alembert’s „Machtspruch“ näher an. Derselbe steht in der Vorrede, Im Text, heißt es, komme die ganze Frage gar nicht vor, wegen l’inutilite parfaite dont eile est pour la mecanique. Dies ist für die rein rechnende Mechanik ganz richtig, bei der, wie oben bei Suter, Wortbezeichnungen nur 15 andre Ausdrücke, Namen für algebraische Formeln sind, ||[4]| Namen bei denen man sich am besten gar nichts denkt. — Indeß, da so bedeutende Leute sich mit der Sache beschäftigt, wolle er sie doch in der Vorrede kurz untersuchen. Unter der Kraft sich bewegender Körper könne man, klar gedacht, nur ihre Eigenschaft verstehn, Hindernisse zu überwinden oder ihnen zu 20 widerstehn. Also weder durch m v noch durch m v2 sei die Kraft zu messen, sondern einzig durch die Hindernisse und deren Widerstand.
Nun gebe es drei Arten Hindernisse: 1) unüberwindliche, die die Bewegung total vernichten, und diese können schon deßwegen hier nicht in Betracht kommen; 2) Hindernisse deren Widerstand grade hin reicht, die Bewegung 25 aufzuheben und dies augenblicklich thun: Fall des Gleichgewichts.
3) Hindernisse die die Bewegung nur allmählig aufheben: Fall der verzögerten Bewegung. Or, tout le monde convient qu’il y a equilibre entre deux corps quand les produits de leurs masses par leurs vitesses virtuelles, c’est ä dire par les vitesses avec lesquelles ils tendent ä se mouvoir, sont egaux 30 de part et d’autre. Donc, dans l’equilibre, le produit de la mässe par la vitesse, ou ce qui est la meine chose, la quantite du mouvement, peut representer la force. Tout le monde convient aussi que dans le mouvement retarde, le nombre des obstacles vaincus est comme le carre de la vitesse, en sorte qu’un corps qui a ferme un ressort, par exemple, avec une certaine vitesse, pourra, 35 avec une vitesse double, fermer ou tout ä la fois, ou successivement non pas deux, mais quatre ressorts semblables au premier, neuf avec une vitesse triple et ainsi du reste. D’oü les partisans des forces vives (die Leibnitzianer) concluent que la force des corps qui se meuvent actuellement, est en general comme le produit de la mässe par le carre de la vitesse. Au fond, quel in- 40
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convenient ||5| pourrait-il y avoir ä ce que la mesure des forces füt differente dans l’equilibre et dans le mouvement retarde, puisque, si on veut ne raison-ner que d’apres des idees claires, on doit n’entendre par le mot force que l’effet produit en surmontant l’obstacle ou en lui resistant? (Vorrede, S. 19, 20 der Originalausgabe.)
Nun aber ist d’Alembert noch viel zu sehr Philosoph um nicht einzusehn, daß er so leichten Kaufs doch nicht über den Widerspruch eines doppelten Maßes einer und derselben Kraft hinweg kommt. Nachdem er also im Grunde nur dasselbe wiederholt was Leibnitz schon gesagt — denn sein equilibre ist ganz dasselbe was bei Leibnitz die „todten Drucke“ — schlägt er plötzlich um auf die Seite der Cartesianer und findet folgenden Ausweg: Das Produkt mv kann auch bei verzögerter Bewegung als Kräftemaß gelten, si dans ce dernier cas on mesure la force, non par la quantite absolue des obstacles, mais par la somme des resistances de ces meines obstacles. Car onne saurait douter que cette somme des resistances ne soit proportionnelle ä la quantite du mouvement (mv) puisque, de l’aveu de tout le monde, la quantite de mouvement que le corps perd ä chaque instant, est proportionnelle au produit de la resistance par la duree infiniment petite de l’instant, et que la somme de ces produits est evidemment la resistance totale. Diese letztere Berechnungsweise scheint ihm die natürlichere, car un obstacle n’est tel qu’en tant qu’il resiste, et c’est, ä proprement parier, la somme des resistances qui est l’obstacle vaincu; d’ailleurs, en estimant ainsi la force, on a l’avantage d’avoir pour l’equijibre et pour le mouvement retarde une mesure commune. Doch könne das Jeder halten wie er wolle. Und nachdem er so, wie selbst Suter zugibt, mit einem mathematischen Bock die Frage ||[6]| gelöst glaubt, schließt er mit unliebsamen Bemerkungen über die Konfusion die bei seinen Vorgängern geherrscht und behauptet, nach obigen Bemerkungen sei nur noch eine sehr futile metaphysische Diskussion oder gar ein noch unwürdigerer bloßer Wort streit möglich.
D’Alembert’s Versöhnungs vor schlag läuft auf folgende Rechnung hinaus:
Masse 1 mit Geschwindigkeit 1 schließt 1 Springfeder in der Zeiteinheit.
Masse 1 mit Geschwindigkeit 2 schließt 4 Federn, braucht dazu aber 2 Zeiteinheiten, also in der Zeiteinheit nur 2 Federn.
Masse 1 mit Geschwindigkeit 3 schließt 9 Federn in drei Zeiteinheiten, also in der Zeiteinheit nur 3 Federn. Dividiren wir also die Wirkung durch die dazu erforderte Zeit, so kommen wir von mv2 wieder auf mv.
Es ist dasselbe Argument das namentlich Catelan schon früher gegen Leibnitz angewandt hatte: ein Körper mit Geschwindigkeit 2 steigt allerdings gegen die Schwere viermal so hoch als einer mit Geschwindigkeit 1; aber er
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
braucht auch die doppelte Zeit dazu; folglich ist die Bewegungsmenge durch die Zeit zu dividiren und = 2, nicht = 4. Und dies ist sonderbarer Weise auch die Ansicht Suters der ja dem Ausdruck „lebendige Kraft“ allen logischen Sinn genommen und ihm nur einen mathematischen gelassen. Dies ist indeß natürlich. Für Suter handelt es sich darum, die Formel mv in ihrer Bedeu- 5 tung als einziges Maß der Bewegungsmenge zu retten, und deßhalb wird m v2 logisch geopfert, um im Himmel der Mathematik verklärt wieder aufzuerstehn. |
|[7]| Soviel ist indeß richtig: die Catelan’sche Argumentation bildet eine der Brücken, die mv2 mit mv vermittelt, und ist damit von Bedeutung. 10 Die Mechaniker, nach D’Alembert, nahmen keineswegs seinen Machtspruch an, denn sein schließliches Urtheil war ja zu Gunsten von m v als Maß der Bewegung. Sie hielten sich aber an dem Ausdruck, den er der schon von Leibnitz gemachten Unterscheidung von todten und lebendigen Kräften gegeben hatte: für das Gleichgewicht, also für die Statik, gilt mv; für die 15 gehemmte Bewegung, also für die Dynamik, gilt mv2. Obwohl im Ganzen und Großen richtig, hat diese Unterscheidung, in dieser Form, doch nicht mehr logischen Sinn als die bekannte Unteroffiziersentscheidung: Im Dienst immer Mir, außerm Dienst immer Mich. Man nimmt sie schweigend an, es ist nun einmal so, wir können es nicht ändern, und wenn in diesem doppelten 20 Maß ein Widerspruch steckt, was können wir dafür?
So z. B. Thomson und Tait, aTreatise on Natural Philosophy, Oxford 1867, p.162:
The quantity of Motion or the Momentum of a rigid body moving without rotation is proportional to its mass and velocity conjointly. Double mass or 25 double velocity would correspond to double quantity of motion.
Und gleich dahinter:
The Vis Viva or Kinetic energy of a moving body is proportional to the mass and the square of the velocity conjointly.
In dieser ganz krassen Form werden die beiden widersprechenden Be- 30 wegungsmaße neben einander gestellt. Auch nicht der geringste Versuch wird gemacht den Widerspruch zu erklären, oder auch nur zu vertuschen. Das Denken ist im Buch dieser beiden Schotten verboten, es darf nur gerechnet werden. Kein Wunder daß wenigstens ||[8]| einer von ihnen, Tait, zu den gläubigsten Christen des gläubigen Schottlands zählt.	35
In Kirchhoff’s Vorlesungen über mathematische Mechanik kommen die Formeln mv und mv2 in dieser Form gar nicht vor.
Vielleicht hilft uns Helmholtz. In der Erhaltung der Kraft schlägt er vor m v2
die lebendige Kraft durch -y— auszudrücken, ein Punkt auf den wir noch zurückkommen. Dann zählt er S.20ff. „die Fälle kurz auf, in denen das 40
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Prinzip von der Erhaltung der lebendigen Kraft ^also von —— j bisher schon benutzt und anerkannt ist“. Dazu gehört dann unter N®2): „die Übertragung der Bewegung durch die inkompressiblen festen und flüssigen Körper, sobald nicht Reibung oder Stoß unelastischer Stoffe stattfindet. Unser allgemeines Prinzip wird für diese Fälle gewöhnlich als die Regel ausgesprochen, daß eine durch mechanische Potenzen fortgepflanzte und abgeänderte Bewegung stets in demselben Verhältniß an Kraftintensität abnimmt als sie an Geschwindigkeit zunimmt. Denken wir uns also durch eine Maschine, in welcher durch irgend einen Vorgang gleichmäßig Arbeitskraft erzeugt wird, das Gewicht m mit der Geschwindigkeit c gehoben, so wird durch eine andre mechanische Einrichtung das Gewicht nm gehoben werden können, aber c
nur mit der Geschwindigkeit —, sodaß in beiden Fällen die Quantität der von n
der Maschine in der Zeiteinheit erzeugten Spannkraft durch mgc darzustellen ist, wo g die Intensität der Schwerkraft darstellt.“
Also auch hier der Widerspruch, daß eine „Kraftintensität“ die im einfachen Verhältniß der Geschwindigkeit ab- und zunimmt, zum Beweise dienen soll für die Erhaltung einer Kraftintensität, die nach dem Quadrat der Geschwindigkeit ab- und zunimmt.
m v2
Allerdings zeigt sich hier daß m v und zur Bestimmung zweier ganz verschiednen ||9| Vorgänge dienen, aber das hatten wir ja längst gewußt, mv2 kann ja nicht = mv sein, es sei denn v = 1. Es handelt sich darum, uns verständlich zu machen, warum die Bewegung zweierlei Maß hat, eine Sache die doch auch in der Wissenschaft sonst ebenso unzulässig ist wie im Handel. Versuchen wir es also anders.
Nach mv wird also gemessen „eine durch mechanische Potenzen fortgepflanzte und abgeänderte Bewegung“; dies Maß gilt also für den Hebel und alle seine abgeleiteten Formen, Räder, Schrauben etc., kurz für alle Übertragungsmaschinerie. Nun stellt sich aber durch eine sehr einfache und keineswegs neue Betrachtung heraus, daß hier, soweit mv gilt, auch mv2 seine Geltung hat. Wir nehmen irgend eine mechanische Vorrichtung an der die Summen der Hebelarme der beiden Seiten sich verhalten wie 4:1, an der also ein Gewicht von 1 Kilogr. einem von 4 Kilogr. das Gleichgewicht hält. Durch einen ganz geringen Kraftzusatz an dem einen Hebelarm heben wir also 1 Kg. um 20 Meter; derselbe Kraftzusatz alsdann am andern Hebelarm angebracht, hebt nun 4 Kg. um 5 Meter ; und zwar sinkt das überwiegende Gewicht in derselben Zeit die das andre zum Steigen braucht. Massen und Geschwindigkeiten verhalten sich umgekehrt, mv, lx20=m'v', 4x5. Lassen wir dagegen jedes der Gewichte, nachdem es gehoben, frei her-
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
abfallen auf das ursprüngliche Niveau, so erlangt das eine, 1 Kg., nach durchlaufenem Fallraum von 20 Meter (die Beschleunigung der Schwere hier rund = 10m. statt 9,8 Im gesetzt) eine Geschwindigkeit von 20 m; das andre, 4 Kg. dagegen nach einem Fallraum von 5 m. eine Geschwindigkeit von 10m.	5
mv2 = 1 x 20x20 = 400= m' v'2 = 4x 10 x 10 = 400. |
|[10]| Dagegen sind die Fallzeiten verschieden: die 4 Kg. durchlaufen ihre 5 Meter in 1 Sekunde, das 1 Kg. seine 20 m. in 2 Sekunden. Reibung und Luftwiderstand sind hier selbstredend vernachlässigt.
Nachdem aber jeder der beiden Körper von seiner Höhe herabgefallen, 10 hat seine Bewegung aufgehört. Hier zeigt sich also mv als Maß einfach übertragner, also fortdauernder, mv2 als Maß verschwundener mechanischer Bewegung.
Weiter. Beim Stoß vollkommen elastischer Körper gilt dasselbe: die Summe der mv, wie die Summe der mv2 sind vor wie nach dem Stoße 15 unverändert. Beide Maße haben gleiche Geltung.
Nicht so beim Stoß unelastischer Körper. Hier lehren die landläufigen elementaren Lehrbücher (die höhere Mechanik beschäftigt sich fast gar nicht mehr mit solchen Kleinigkeiten) daß ebenfalls nach wie vor dem Stoße die Summe der m v dieselbe sei. Dagegen finde ein Verlust an lebendiger Kraft 20 statt, denn wenn man die Summe der m v2 nach dem Stoße von der vor dem Stoß abziehe, so bleibe ein unter allen Umständen positiver Rest; um diesen Betrag (oder dessen Hälfte, je nach der Auffassungsweise) sei die lebendige Kraft durch das gegenseitige Eindringen sowie durch die Formveränderung der stoßenden Körper verringert worden. — Dies Letztere ist nun klar und 25 augenscheinlich. Nicht so die erste Behauptung, daß die Summe der mv dieselbe bleibe nach wie vor dem Stoß. Lebendige Kraft ist trotz Suter Bewegung, und wenn ein Theil von ihr verloren geht so geht Bewegung verloren. Entweder also drückt m v die Bewegungsmenge hier unrichtig aus, oder die obige Behauptung ist falsch. Überhaupt ist der ganze Lehrsatz aus 30 einer Zeit über kommen in der man von der Verwandlung der Bewegung ||[11]| noch keine Ahnung hatte, wo also ein Verschwinden von mechanischer Bewegung nur da zugegeben wurde wo es nicht anders ging. So wird hier die Gleichheit der Summe der m v vor und nach dem Stoß daraus bewiesen, daß ein Verlust oder Gewinn derselben nirgends zugeführt 35 wird. Geben die Körper aber in der ihrer Unelasticität entsprechenden inneren Reibung lebendige Kraft ab, so geben sie auch Geschwindigkeit ab, und die Summe der mv muß nach dem Stoß geringer sein als vorher. Denn es geht doch nicht an, die innere Reibung bei Berechnung der m v zu vernachlässigen, wenn sie bei Berechnung der m v2 so deutlich sich geltend macht.	40
Indeß verschlägt dies nichts. Selbst wenn wir den Lehrsatz zugeben und
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die Geschwindigkeit nach dem Stoß unter der Annahme berechnen, daß die Summe der m v dieselbe geblieben, selbst dann finden wir jene Abnahme der Summe der m v2. Hier also kommen mv und mv2 in Konflikt, und zwar um die Differenz wirklich verschwundener mechanischer Bewegung. Und die Rechnung selbst beweist, daß die Summe der mv2 die Bewegungsmenge richtig, die Summe der m v sie unrichtig ausdrückt.
Dies sind so ziemlich alle Fälle, in denen m v in der Mechanik angewandt wird. Sehen wir uns nun einige Fälle an bei denen mv2 verwandt wird.
Wenn eine Kanonenkugel abgefeuert wird, so erschöpft sie auf ihrer Flugbahn eine Bewegungsgröße die m v2 proportional ist, gleichviel ob sie gegen ein festes Ziel einschlägt oder durch Luftwiderstand und Schwere zum Stillstand kommt. Wenn ein Eisenbahnzug in einen zweiten, stehenden hinein fährt, so ist die Gewalt mit der dies geschieht und die entsprechende Zerstörung, seinem m v2 proportional. Ebenso gilt m v2 bei der Berechnung jeder zur Überwindung eines ||[12]| Widerstandes erforderlichen mechanischen Kraft.
Was heißt aber diese bequeme, den Mechanikern so geläufige Redensart: Überwindung eines Widerstandes?
Wenn wir durch Hebung eines Gewichts den Widerstand der Schwere überwinden, so verschwindet dabei eine Bewegungsmenge, eine Menge mechanischer Kraft, welche gleich ist derjenigen, die wieder erzeugt werden kann durch den direkten oder indirekten Fall des gehobenen Gewichts aus der erlangten Höhe bis herab auf sein ursprüngliches Niveau. Sie wird gemessen durch das halbe Produkt seiner Masse in das Quadrat der im Fall
m v2
erlangten Endgeschwindigkeit, -y—. Was ist bei der Hebung also geschehn? Mechanische Bewegung oder Kraft ist als solche verschwunden. Aber sie ist nicht zu Nichts geworden: sie ist verwandelt worden in mechanische Spannkraft, um Helmholtz’s Ausdruck zu gebrauchen, in potentielle Energie, wie die Neueren sagen, in Ergal, wie Clausius es nennt; und diese kann jeden Augenblick, und in jeder beliebigen, mechanisch zulässigen Weise wieder zurückverwandelt werden in dasselbe Quantum mechanischer Bewegung das zu ihrer Erzeugung nothwendig war. Die potentielle Energie ist nur der negative Ausdruck der lebendigen Kraft und umgekehrt.
Eine 24pfündige Kanonenkugel schlägt mit einer Geschwindigkeit von 400 Meter in der Sekunde gegen die einen Meter dicke Eisenwand eines Panzerschiffs und hat unter diesen Umständen keine sichtbare Wirkung auf den Panzer. Es ist also eine mechanische Bewegung verschwunden, die
2
= also, da die 24 Zollpfund = 12 Kilogr. sind = 12 x 400 x 400 x */2
= 960000 Meterkilogramm war. Was ist aus ihr geworden? Ein kleiner
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
Theil von ihr ist verwendet worden zur Erschütterung und molekularen Umsetzung des Eisenpanzers. Ein zweiter zur Zersprengung der Kugel in zahllose Stücke. Aber der größte Theil hat sich in Wärme verwandelt und die Kugel zur Glühhitze erwärmt. Als die Preußen beim ||13| Übergang nach Alsen 1864 ihre schweren Batterien gegen die Panzerwände des Rolf 5 Krake spielen ließen, sahn sie in der Dunkelheit bei jedem Treffer das Aufblitzen der plötzlich erglühenden Kugel, und Whitworth hatte schon früher durch Versuche bewiesen, daß Sprenggeschosse gegen Panzerschiffe keines Zünders bedürfen; das glühende Metall selbst entzündet die Sprengladung. Das mechanische Aequivalent der Wärmeeinheit zu 10 424 Meterkilogr. angenommen, entspricht obiger Menge mechanischer Bewegung eine Wärmemenge von 2264 Einheiten. Die specifische Wärme des Eisens ist =0,1140, d.h. dieselbe Wärmemenge, die IKg. Wasser um 1 °C. erwärmt (die als Wärmeeinheit gilt), reicht hin um die Temperatur von 70,i 140 = 8,772 Kg. Eisen um 1 °C. zu erhöhen. Obige 2264 Wärmeeinheiten 15 erhöhen also die Temperatur von 1 Kg. Eisen um 8,772 x 2264 = 19860°C. oder 19 860 Kg. Eisen um 1°C. Da sich diese Wärmemenge auf Panzer und 19 860°
Geschoß gleichmäßig vertheilt, würde dieses um	= 828° erhitzt
werden, was schon eine ganz hübsche Glühhitze ergibt. Da aber die vordere, auf schlagende Seite jedenfalls den weitaus größten Theil der Erhitzung 20 erhält, wohl doppelt soviel als die hintere Hälfte, so würde jene auf 1104°, diese auf 552 Grad C erhitzt, was zur Erklärung des Glüheffekts vollständig hinreicht selbst wenn wir noch für beim Aufschlag wirklich geleistetes mechanisches Werk einen starken Abzug machen.
Bei der Reibung verschwindet ebenfalls mechanische Bewegung um als 25 Wärme wieder zu erscheinen; durch möglichst genaue Messung der beiden sich entsprechenden Vorgänge gelang es bekanntlich Joule in Manchester und Colding in Kopenhagen, zuerst das mechanische Aequivalent der Wärme experimentell annähernd festzustellen.
Ebenso bei der Erzeugung eines elektrischen Stroms in einer magneto- 30 elektrischen Maschine vermittelst mechanischer Kraft, z. B. einer Dampfmaschine. Die in einer bestimmten Zeit erzeugte Menge s. g. elektromotorischer Kraft ist proportional, und, wenn in demselben Maß ausgedrückt, gleich der in derselben Zeit verbrauchten Menge mechanischer Bewegung. Diese können wir uns erzeugt denken, statt durch die Dampfmaschine, durch 35 ein sinkendes Gewicht das dem Druck der Schwere folgt. Die mechanische Kraft, die dies abzugeben im Stande ist, wird gemessen durch die lebendige Kraft die es erhalten würde, wenn es durch die gleiche Höhe frei fiele, oder durch die Kraft die erforderlich um es auf die ursprüngliche Höhe wieder zu m v2
heben: beide Male .	40
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Wir finden also, daß die mechanische Bewegung allerdings ein doppeltes Maß hat, aber ||[14]| auch, daß jedes dieser Maße für eine sehr bestimmt abgegränzte Reihe von Erscheinungen gilt. Wenn schon vorhandene mechanische Bewegung derart übertragen wird, daß sie als mechanische Bewegung erhalten bleibt, so überträgt sie sich nach dem Verhältniß des Produkts der Masse in die Geschwindigkeit. Wird sie aber derart übertragen, daß sie als mechanische Bewegung verschwindet, um in der Form von potentieller Energie, von Wärme, von Elektricität u. s. w. neu zu erstehn, wird sie mit einem Wort in eine andre Form der Bewegung verwandelt, so ist die Menge dieser neuen Bewegungsform proportional dem Produkt der ursprünglich bewegten Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit. Mit einem Wort: mv ist mechanische Bewegung gemessen in mechanischer
Ml V2
Bewegung; ist mechanische Bewegung, gemessen an ihrer Fähigkeit sich in ein bestimmtes Quantum einer andern Bewegungsform zu verwandeln. Und daß diese beiden Maße, weil verschieden, sich dennoch nicht widersprechen, haben wir gesehn.
Es stellt sich somit heraus daß der Streit Leibnitz’s mit den Cartesianern keineswegs ein bloßer Wortstreit war, und daß d’Alembert’s Machtspruch in der That gar nichts erledigte. D’Alembert hätte sich seine Tiraden über die Unklarheit seiner Vorgänger ersparen können, denn er war eben so unklar wie sie. Und in der That, solange man nicht wußte, was aus der scheinbar vernichteten mechanischen Bewegung wird, mußte man im Unklaren bleiben. Und solange mathematische Mechaniker wie Suter hartnäckig in den vier Wänden ihrer Specialwissenschaft befangen bleiben, solange bleiben sie auch ebenso unklar wie d’Alembert und müssen uns mit leeren und widerspruchsvollen Redensarten abspeisen.
Wie aber drückt die moderne Mechanik diese Verwandlung von mechanischer Bewegung in eine andre, ihr der Menge nach proportionelle Form der Bewegung aus? — Sie hat Arbeit geleistet, und zwar so und soviel Arbeit.
Aber der Begriff Arbeit, im physikalischen Sinn, ist hiermit nicht erschöpft. Wenn, wie in der Dampf-1|[15]| oder kalorischen Maschine Wärme in mechanische Bewegung also Molekularbewegung in Massenbewegung umgesetzt wird, wenn Wärme eine chemische Verbindung löst, wenn sie in der Thermosäule sich in Elektricität verwandelt, wenn ein elektrischer Strom die Elemente des Wassers aus verdünnter Schwefelsäure abscheidet, oder umgekehrt die bei dem chemischen Prozeß einer Erregerzelle freigesetzte Bewegung (alias Energie) die Form von Elektricität annimmt und diese wiederum im Schließungskreis sich in Wärme umsetzt — bei allen diesen Vorgängen verrichtet die Bewegungsform, die den Prozeß einleitet, und
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
durch ihn in eine andre verwandelt wird, Arbeit, und zwar ein ihrer eignen Menge entsprechendes Quantum.
Arbeit ist also Formwechsel der Bewegung, betrachtet nach seiner quantitativen Seite hin.
Aber wie? Wenn ein gehobnes Gewicht oben ruhig hängen bleibt, ist seine 5 potentielle Energie, während der Ruhe, auch eine Form der Bewegung? Allerdings. Sogar Tait ist bei der Überzeugung angekommen, daß potentielle Energie demnächst sich in eine Form aktueller Bewegung auflösen werde (Nature ). Und abgesehen davon geht Kirchhoff noch viel weiter, wenn er sagt (Math. Meeh. S. 32): „die Ruhe ist ein specieller Fall der 10 Bewegung“ und damit beweist daß er nicht nur rechnen sondern auch dialektisch denken kann.
Der Begriff der Arbeit, der uns ohne mathematische Mechanik als so schwer faßbar geschildert wurde, hat sich uns also ganz nebenbei, spielend und fast von selbst aus der Betrachtung der beiden Maße der mechanischen 15 Bewegung ergeben. Und jedenfalls wissen wir jetzt mehr davon als wir aus dem Vortrag Helmholtz’s „über die Erhaltung der Kraft“ von 1862 erfahren, und worin er grade „die physikalischen Grundbegriffe der Arbeit und ihrer Unveränderlichkeit möglichst klar zu machen“ bezweckt. Alles was wir von der Arbeit da erfahren, ist daß sie etwas ist was in Fußpfunden oder auch 20 Wärmeeinheiten ausgedrückt wird ||[16]| und daß die Zahl dieser Fußpfunde oder Wärmeeinheiten für ein bestimmtes Quantum Arbeit unveränderlich ist. Ferner, daß außer mechanischen Kräften und Wärme, auch chemische und elektrische Kräfte Arbeit leisten können, daß aber alle diese Kräfte ihre Arbeitsfähigkeit erschöpfen in dem Maß als sie Arbeit wirklich hervorbrin- 25 gen. Und daß daraus folgt: daß die Summe der wirkungsfähigen Kraftmengen im Naturganzen bei allen Veränderungen in der Natur ewig und unverändert dieselbe bleibt. Der Begriff der Arbeit wird weder entwickelt noch auch nur definirt.x) Und es ist grade die quantitative Unveränderlichkeit der Arbeitsgröße, die ihm die Einsicht verbirgt daß die qualitative Veränderung, der 30 Formwechsel, Grundbedingung aller physikalischen Arbeit ist. Und so kann sich denn Helmholtz zu der Behauptung versteigen: „Reibung und unelastischer Stoß sind Vorgänge bei denen mechanische Arbeit vernichtet und dafür Wärme erzeugt wird.“ (Pop. Vortr. II, S. 166.) Ganz im Gegentheil. Hier wird nicht mechanische Arbeit vernichtet, hier wird mechanische Arbeit 35 gethan. Mechanische Bewegung ist es, die scheinbar vernichtet wird. Aber mechanische Bewegung kann nie und nimmer für ein Milliontel Meterkilo-
x) Anmerkung. Nicht weiter kommen wir, wenn wir Clerk Maxwell konsultiren. Dieser sagt (Theory of Heat, 4,h ed. London 1875) S. 87: Work is done when resistance is overcome, und S. 184: the energy of a body is its capacity for doing work. Das ist Alles was wir darüber 40 erfahren.
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gramm Arbeit thun, ohne als solche scheinbar vernichtet zu werden, ohne sich in eine andre Form der Bewegung zu verwandeln.
Das Arbeitsvermögen nun, das in einer bestimmten Menge mechanischer Bewegung steckt, heißt, wie wir gesehn haben, ihre lebendige Kraft und wurde bis vor Kurzem gemessen durch mv2. Hier aber entstand ein neuer Widerspruch. Hören wir Helmholtz (Erh. d. Kft S.9). Hier heißt es, die Arbeitsgröße sei ausdrückbar durch ein in die Höhe h gehobnes Gewicht m, wo dann, die Schwerkraft durch g ausgedrückt, die Arbeitsgröße = mgh ist. Um senkrecht frei in die Höhe h zu steigen, braucht m die Geschwindigkeit
v = 72g/i, und erlangt dieselbe wieder beim Herabfallen. Also ist
mv2
mgh = —j—, und Helmholtz schlägt vor, „gleich die Größe 'l2mv2 als Quantität der lebendigen Kraft zu bezeichnen, wodurch sie identisch wird mit dem Maß der Arbeitsgröße. Für die bisherige Anwendung des Begriffs der lebendigen Kraft... ist diese Abänderung ohne Bedeutung, während sie uns im Folgenden wesentliche Vortheile gewähren wird.“
Es ist kaum zu glauben. So wenig klar war sich Helmholtz 1847 über die gegenseitige || 17| Beziehung von lebendiger Kraft und Arbeit, daß er gar nicht einmal merkt, wie er das frühere proportionelle Maß der lebendigen Kraft in ihr absolutes verwandelt; daß ihm ganz unbewußt bleibt welche bedeutende Entdeckung er mit seinem kühnen Griff gemacht, und er sein '/2 m v2 nur aus Bequemlichkeitsrücksichten empfiehlt gegenüber dem m v2! Und aus Bequemlichkeit haben die Mechaniker das ll2 mv2 sich einbürgern lassen. Erst allmählig hat man das ll2 mv2 auch mathematisch bewiesen; eine algebraische Entwicklung findet sich bei Naumann, Allg. Chemie S.7, eine analytische bei Clausius, Meeh. Wärmetheorie 2. Aufl. I S. 18, die dann bei Kirchhoff a. a. O. S. 27 anders abgeleitet und ausgeführt wird. Eine hübsche mv2
algebraische Ableitung von aus mv gibt Clerk Maxwell a. a. O. S.88.
Was unsre beiden Schotten Thomson und Tait nicht verhindert zu sagen (a. a. O. S. 163): The Vis Viva, or Kinetic energy of a moving body is proportional to the mass and the square of the velocity conjointly. If we adopt the same units of mass as above (nämlich unit of mass moving with unit velocity) there is a particular advantage in defining kinetic energy as half the product of the mass and the square of the velocity. Hier ist also bei den beiden ersten Mechanikern Schottlands nicht nur das Denken, sondern auch das Rechnen zum Stillstand gekommen. Der particular advantage, die Handlichkeit der Formel, erledigt Alles aufs Schönste.
Für uns, die wir gesehn haben, daß lebendige Kraft nichts andres ist als das Vermögen einer gegebnen mechanischen Bewegungsmenge, Arbeit zu
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
leisten, für uns ist es selbstverständlich daß der mechanische Maßausdruck dieses Arbeitsvermögens und der der von ihm wirklich geleisteten Arbeit
einander gleich sein müssen; daß also, wenn —— die Arbeit mißt, die le-
AH V2
bendige Kraft ebenfalls —— zum Maß haben muß. Aber so geht’s in der
Wissenschaft. Die theoretische Mechanik kommt auf den Begriff der le- 5 bendigen Kraft, die praktische der Ingenieurs ||[18]| auf den der Arbeit, und zwingt ihn den Theoretikern auf. Und so sehr hat man sich über dem Rechnen des Denkens entwöhnt, daß man Jahre lang den Zusammenhang Beider nicht
AH V2
erkennt, die eine nach m v2, die andre nach —— mißt, und endlich für Beide
AH V2
—— acceptirt nicht aus Einsicht sondern der Einfachheit der Rechnung 10 halber! x)|
x) Das Wort Arbeit wie die Vorstellung kommen von den englischen Ingenieuren her. Aber im Englischen heißt die praktische Arbeit work, die Arbeit im ökonomischen Sinn labour. Die physikalische Arbeit wird daher auch mit work bezeichnet, und alle Vermischung mit der Arbeit im ökonomischen Sinn ist ausgeschlossen. Dies ist im Deutschen nicht der Fall, und daher sind 15 in der neueren pseudo-wissenschaftlichen Literatur verschiedne sonderbare Anwendungen der Arbeit im physikalischen Sinn auf ökonomische Arbeitsverhältnisse und umgekehrt möglich geworden. Wir haben aber auch das Wort Werk, das sich wie das englische work ganz vortrefflich zur Bezeichnung der physikalischen Arbeit eignet. Da aber die Oekonomie unsern Naturforschern viel zu weit ab liegt, werden sie sich schwerlich entschließen es statt des einmal 20 eingebürgerten Worts Arbeit einzuführen — es sei denn, wenn es schon zu spät ist. Nur bei Clausius wird der Versuch gemacht, wenigstens neben dem Ausdruck Arbeit den Ausdruck Werk beizubehalten.
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Manuskripte 1880
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[172]
|[1]| 10 Kg gehoben 80 Meter: erhalten End-Fallgeschwindigkeit von v = gt = 10 x 4 = 40m. Fallkraft = 72mv2 = 72 x 10 x 402 = 8000Kgmt Arbeitsleistung im Heben: 10 X 80 = 800 Km.
x
„	-------„ „ A = pt = —— v2 xs = 800 Kgm.
2g
wenn gehoben in 40 Sekunden: dann v = 2, v2 = 4
10 Kg x 80 meter = 800 Kgm
5+15 + 25 + 35
10 Kg fallen 80 meter: in 1) 5 + 15 + 25 + 35 - 4 Sekunden Geschwindigkeit am Ende der 4. Sekunde = 40 m.
Fallkraft = ll2 mv2 = 72 x 10 x 4O2 = 8000 Kgm	8000
v2 402	_ 160^_	_ vt _ 40 x 4
2g 2 x10m 20.	2	2
mv2	10 x 402
$ = -— = -^—— = 800.	80 + 45 + 55
2 p 2 x 10.
10 Kg in Masse = — = 1. Auf die Masse 1 ein Druck von 10 Kg für 80 m = 800 Kgm.
Masse 1 fällt 80 m in 4 Sekunden, Endgeschwindigkeit = 40 m, Fallkraft
-	- 1 x 1600. - 800 Kgm.	7	8
2	2	180 + 65 + 75
140
320
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
50 Kg gehoben 180 m. Fallzeit 6 Sek. Endgeschwindigkeit 60m.
50 Kg = Masse 5, Druck = 10 Kg, Weg 180 M Arbeit 5 x 10 x 180 = 9000 Kgm
50 Kg = Masse 5 fällt mit Endgeschwindigkeit 60 m
5 x 60* 1 2
Arbeitsleistung----— = 9000 Kgm
40 Kg gehoben 320M. Fallzeit 8 Sek. Endgeschwindigkeit 80m.
Masse 4 x Druck 10 x Weg 320	= 12800Kgmt
Masse 4 x Endgeschwindigkeit 802
2
= 12800Kgmt
40 Kg an Axe 1 heben 10 Kg an Axe 4 statt 320 — 4 x 320 = 1280 M.
Fall von 10Kg - 1280M. in 16 Sek.
Endgeschwindigkeit 160 m.
1 x 1602	25600Kgm
Fallkraft Masse-------=------------= 12800.
2	2	1
10
1 x5 = 5x1
[173]
15
Masse 4 mit Geschwindigkeit 4 stößt auf Masse 4. Masse 4 + 4 bewegt sich
mit Geschwindigkeit 2.
Masse 4 hatte kinetische Energie
Masse 4 + 4 hat kinetische Energie
4 X42
2
32
4 x x2 = 32
8
4 x 22	4 x 22
2	+	2
MC+ mc v =----
M + m
\ M + m /
(MC + mc)2 M+ m
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Manuskripte 1880
MC M+m
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MCt + mci = M(2v - C) + 2mv = 2v(M + m)~ MC = 2MC-MC = MC
MC - MCi = mc C+ Ci = c
MC2 - MC2 = mc2
MC2 = MC2+mc2
4 x 42 = 4 x 22 + 4 x 22
64	=16+16
4 x 42 = 4 x x2 + 4 x x2
= x2(4 + 4)
4-42	4x4x4	64X4	.
1	-4+4-^+4~S— 32l
|[3]| MCm ruhend	MC2 vorher
Ci = 2 v - C
Ci = 2 v
MC = (M+m)v 4-2 + 4-2 = 4-4
MC2 = (M+m)x2
2 MC2
X ~ M + m
I MC2
X v M + m
MC=(M + m)v
(M + m) v2 nachher
MmC2 M+m
MC v =--
M+m
MmC2 MC2(M+m) + MmC2 M+m
(M + m) v2
MC2
(M + m)
MC2 (M + m)-MC2
M+m
M+m
M2C2 + MmC2 - MC2 M+m
M+m
D = mr2 v MR2 V = mr2v
MC2- „ , M + m
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
MC = (M+m)v
MC v =-----
M + m
MC2 ~(M+m)v2 = MC2 -(M+m)
= MC2—
M2C2
M+m
1) V = ct	[174]	5
2) m = — ; g 3)c = *-m 4) s = '/2vt; v2	g m v t aber = — (1) c P	mv2	
’> »	c =— (3);	s=—~ m	2p	10
218
Manuskripte 1880
[175]
5	- 273 = —
c
- 273 c = 1
1
C	~ 273.
1 C	~ -273
Bei absolut 0° kein Gas möglich, alle Bewegung der Moleküle gestoppt, der 10 geringste Druck also ihre eigne Attraktion drängt sie zusammen. Daherein permanentes Gas ein Unding.
[176]
mv1 auch bewiesen für Gasmoleküle durch die kinetische Gastheorie also das gleiche Gesetz für Molekularbewegung wie für Massenbewegung; der 15 Unterschied Beider hier auf gehoben. |
219
Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[177]
|Fluthreibung. Kant und Thomson-Tait|
|[1]| Erdrotation und Mondanziehung.
Thomson and Tait Nat1 Philos. I, S. 191 (§276):
There are also indirect resistances, owing to friction impeding the tidal 5 motions, on all bodies which, like the earth, have portions of their free surfaces covered by liquid, which, as long as these bodies move relatively to neighbouring bodies, must keep drawing off energy from their relative motions. Thus, if we consider, in the first place, the action of the moon alone, on the earth with its oceans lakes and rivers, we perceive that it must tend 10 to equalize the periods of the earth’s rotation about its axis, and of the revolution of the two bodies about their centre of inertia; because as long as these periods differ, the tidal action of the earth’s surface must keep subtracting energy from their motions. To view the subject more in detail and at the same time to avoid unnecessary complications, let us suppose the 15 moon to be a uniform spherical body. The mutual action and reaction of gravitation between her mass and the earth’s will be equivalent to a single force in some line through her centre; and must be such as to impede the earth ’s rotation as long as this is performed in a shorter period than the moon’s motion round the earth. It must therefore lie in some such direction 20 as the line MQ in the diagram, which represents, necessarily with enormous exaggeration, its deviation, OQ from the earth’s centre. Now the actual force on the moon in the line MQ, may be regarded as consisting of a force in the line MO towards the earth’s centre, sensibly equal in amount to the whole force, and a comparatively very small force in the line MTperpendicular to 25 MO. This latter is very nearly tangential to the moon’s path, and is in the
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direction with her motion. Such a force, if suddenly commencing to act, would, in the first place, increase the moon’s velocity; but after a certain time, she would have moved so much farther from the earth, in virtue of this acceleration, as to have lost, by moving against the earth’s attraction, as much velocity as she had gained by the tangential accelerating force. The effect of a continued tangential force, acting with the motion, but so small in amount as to make only a small deviation at any moment from the circular form of the orbit, is to gradually increase the distance from the central body and to cause as much again as its own amount of work to be done against the attraction of the central mass, by the kinetic energy of motion lost. The circumstances will be readily understood, by considering this motion round the central body in a very gradual spiral path tending outwards. Provided the law of force is the inverse square of the distance, the tangential com-ponent of gravity against the motion will be twice as great as the disturbing tangential force in the direction with the motion; and therefore one half of the amount of work done against the former, is done by the latter, and the other half by kinetic energy taken from the motion. The integral effect, on the moon’s motion, of the particular disturbing cause now under con-sideration, is most easily found by using the principle of moments of momenta. Thus we see that as much moment of momentum is gained in any time by the motions of the centres of inertia of the moon and earth relatively to their common centre of inertia, as is lost by the earth’s rotation about its axis. The sum of the moments of momentum of the centres of inertia of the moon and earth as moving at present, is about 4.45 times the present moment of momentum of the earth’s rotation. ||[2]| The average plane of the former is the ecliptic; and therefore the axes of the two momenta are inclined to one another at the average angle of 23° 271//, which, as we are neglecting the sun’s influence on the plane of the moon’s motion, may be taken as the
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
actual inclination of the two axes at present. The resultant, or whole moment of momentum, is therefore 5.38 times that of the earth’s present rotation and its axis is inclined 19° 13' to the axis of the earth. Hence the ultimate tendency of the tides is to reduce the earth and moon to a simple uniform rotation with his resultant moment round this resultant axis, as if they were 5 two parts of one rigid body: in which condition the moon’s distance would be increased (approximately) in the ratio of 1:1.46, being the ratio of the square of the present moment of momentum of the centres of inertia to the square of the whole moment of momentum; and the period of revolution in the ratio of 1:1.77, being that of the cubes of the same quantities. The distance 10 would therefore be increased to—347 100 miles, and the period lengthened to 48.36 days. Were there no other bodies in the universe but the earth and the moon, these two bodies might go on moving thus for ever, in circular orbits round their common centre of inertia, and the earth rotating in the same period, so as always to turn the same face to the moon, and therefore to have 15 all the liquids at its surface at rest relatively to the solid. But the existence of the sun would prevent any such state of things from being permanent. There would be solar tides—twice high water and twice low water—in the period of the earth’s revolution relatively to the sun (that is to say, twice in the solar day or, which would be the same thing, in the month). This could 20 not go on without 11[3]| loss of energy by fluid friction. It is not easy to trace the whole course of the disturbance in the earth’s and moon’s motion which this cause would produce, but its ultimate effect must be to bring the earth, moon and sun to rotate round their common centre of inertia like parts of one rigid body.	25
Kant stellte 1754 zuerst die Ansicht auf, daß die Rotation der Erde durch die Fluthreibung verzögert, und diese Wirkung erst vollendet sein werde „wenn ihre (der Erde) Oberfläche in Ansehung des Mondes in respektiver Ruhe sein wird, d. i. wenn sie sich in derselben Zeit um die Achse drehen wird, darin der Mond um sie läuft, folglich ihm immer dieselbe Seite zukehren 30 wird.“ Er war dabei der Ansicht, daß diese Verzögerung nur der Fluthreibung, also dem Vorhandensein flüssiger Massen auf der Erde ihren Ursprung verdanke. „Wenn die Erde eine ganz feste Masse ohne alle Flüssigkeiten wäre, so würde die Anziehung weder der Sonne noch des Mondes etwas thun, ihre freie Achsendrehung zu verändern; denn sie zieht die östlichen sowohl 35 als die westlichen Theile der Erdkugel mit gleicher Kraft, und verursacht dadurch keinen Hang, weder nach der einen noch der andern Seite; folglich läßt sie die Erde in völliger Freiheit, diese Umdrehung, so wie ohne allen äußerlichen Einfluß, ungehindert fortzusetzen.“ Mit diesem Resultat durfte Kant sich begnügen. Tiefer in die Einwirkung des Mondes auf die Erdrota- 40 tion einzudringen, dazu fehlten damals alle wissenschaftlichen Vorbedin-
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gungen. Hat es doch fast hundert Jahre bedurft bis Kant’s Theorie zur allgemeinen Anerkennung kam, und noch länger, bis man entdeckte, daß Ebbe und Fluth nur die sichtbare Seite einer die Erdrotation beeinflussenden Wirkung der Attraktion von Sonne und Mond sind.
Diese allgemeinere Auffassung der Sache ist oben von Thomson und Tait entwickelt. Nicht 11[4]| allein auf die Flüssigkeiten des Erdkörpers oder seiner Oberfläche, auf die ganze Erdmasse überhaupt wirkt die Anziehung von Mond und Sonne in einer die Erdrotation hemmenden Weise. Solange die Periode der Erdrotation nicht zusammenfällt mit der Periode des Mondumlaufs um die Erde, solange hat die Anziehung des Mondes — um zunächst bei dieser allein zu bleiben — die Wirkung, beide Perioden einander immer mehr anzunähern. Wäre die Rotationsperiode des (relativen) Centralkörpers länger als die Umlaufszeit des Satelliten, so würde die erstere allmählig verkürzt; ist sie kürzer, wie bei der Erde der Fall, so wird sie verlangsamt. Aber weder wird, im einen Fall, kinetische Energie aus Nichts erschaffen, noch wird sie im andern vernichtet. Im ersten Fall würde der Satellit näher an den Centralkörper heranrücken und seine Umlaufszeit verkürzen, im zweiten würde er sich weiter von ihm entfernen und eine längere Umlaufszeit erhalten. Im ersten Fall verliert der Satellit durch Annäherung an den Centralkörper ebensoviel potentielle Energie, als der Centralkörper bei beschleunigter Rotation an kinetischer Energie gewinnt, im zweiten gewinnt der Satellit durch Vergrößerung seines Abstandes genau dasselbe an potentieller Energie, was der Centralkörper an kinetischer Energie der Rotation einbüßt. Die Gesammtsumme der im System Erde-Mond vorhandnen dynamischen Energie, potentieller und kinetischer, bleibt dieselbe; das System ist durchaus konservativ.
Man sieht, diese Theorie ist vollständig unabhängig von der physikalischchemischen Beschaffenheit der betreffenden Körper. Sie leitet sich ab aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen freier Weltkörper, deren Zusammenhang hergestellt wird durch ||[5]| Attraktion im Verhältniß der Massen und im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Abstände. Sie ist augenscheinlich entstanden als eine Verallgemeinerung der Kant sehen Theorie von der Fluthreibung, und wird uns hier von Thomson und Tait dargestellt sogar als deren Begründung auf mathematischem Weg. Aber in Wirklichkeit — und davon haben die Verfasser merkwürdiger Weise schlechterdings keine Ahnung — in Wirklichkeit schließt sie den Specialfall der Fluthreibung aus.
Reibung ist Hemmung von Massenbewegung, und galt Jahrhunderte lang als Vernichtung von Massenbewegung, also von kinetischer Energie. Wir wissen jetzt, daß Reibung und Stoß die beiden Formen sind in denen kinetische Energie sich in Molekularenergie, in Wärme umsetzt. Bei jeder Reibung geht also kinetische Energie, als solche, verloren, um wieder zu
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
erscheinen, nicht als potentielle Energie im Sinne der Dynamik, sondern als Molekularbewegung in der bestimmten Form der Wärme. Die durch Reibung verloren gegangne kinetische Energie ist also zunächst für die dynamischen Beziehungen des betreffenden Systems wirklich verloren. Sie könnte nur dann wieder dynamisch wirksam werden, wenn sie aus der Form der Wärme 5 rückverwandelt würde in kinetische Energie.
Wie stellt sich nun der Fall der Fluthreibung? Es ist augenscheinlich daß auch hier die ganze, den Wassermassen an der Erdoberfläche durch die Mondanziehung mitgetheilte kinetische Energie in Wärme verwandelt wird, sei es durch Reibung der Wassertheilchen an einander vermöge der Vis- 10 cosität des Wassers, sei es durch Reibung an der festen Erdoberfläche und Zerkleinerung der, der Fluthbewegung sich entgegenstemmenden Gesteine. Von dieser Wärme wird nur der verschwindend kleine Theil wieder in kinetische Energie rückverwandelt, der zur Verdunstung der Wasseroberflächen beiträgt. Aber auch diese verschwindend kleine Menge der ||[6]| vom 15 Gesammtsystem Erde-Mond an einen Theil der Erdoberfläche abgetretenen kinetischen Energie bleibt zunächst an der Erdoberfläche, unterworfen den dort geltenden Bedingungen, und diese bereiten aller dort thätigen Energie ein und dasselbe Endschicksal: schließliche Verwandlung in Wärme und Ausstrahlung in den Weltraum.	20
Insofern also die Fluthreibung unbestreitbar auf die Erdrotation hemmend wirkt, insofern geht die hierzu verwendete kinetische Energie dem dynamischen System Erde-Mond absolut verloren. Sie kann also nicht innerhalb dieses Systems als dynamische potentielle Energie wieder erscheinen. Mit andern Worten: Von der, vermittelst der Mondanziehung, auf die Hemmung 25 der Erdrotation verwendeten kinetischen Energie kann als dynamische potentielle Energie ganz wiedererscheinen, also durch entsprechende Vergrößerung des Mondabstands kompensirt werden nur derjenige Theil, der auf die feste Masse des Erdkörpers wirkt. Der Theil dagegen, der auf flüssige Massen der Erde wirkt kann dies nur, in sofern er nicht diese Massen selbst 30 in eine der Erdrotation entgegengerichtete Bewegung versetzt, denn diese Bewegung verwandelt sich ganz in Wärme und geht schließlich durch Ausstrahlung dem System verloren.
Was von Fluthreibung an der Oberfläche der Erde, gilt ebensosehr von der manchmal hypothetisch angenommenen Fluthreibung eines supponirten 35 flüssigen Erdkerns.
Das Eigenthümliche an der Sache ist, daß Thomson und Tait nicht merken, wie sie zur Begründung der Theorie von der Fluthreibung eine Theorie aufstellen, die von der stillschweigenden Voraussetzung ausgeht, daß die Erde ein durchweg starrer Körper ist, und damit jede Möglichkeit einer Fluth 40 und also auch einer Fluthreibung ausschließt. |
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Manuskripte 1882
[178]
|[1]| Umschlag von Quantität in Qualität = „mechanische“ Weltanschauung, quantitative Veränderung ändert Qualität. Das haben die Herren nie gerochen!
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Identität und Unterschied — Nothwendigkeit und Zufälligkeit—Ursache und Wirkung — die beiden Hauptgegensätze die, getrennt behandelt, in einander umschlagen. Und dann müssen die „Gründe“ helfen.
[180]
Wie Fourier a mathematical poem und doch noch gebraucht so Hegel a dialectical poem. |
[181]
|[2]| Wenn Hegel Kraft und Äußerung, Ursache und Wirkung als identisch auffaßt so ist dies bewiesen im Formwechsel der Materie wo die Gleich-werthigkeit mathematisch bewiesen. Im Maß vorher schon anerkannt: Kraft gemessen an Äußerung, Ursache an Wirkung.
[182]
Die Entwicklung eines Begriffs oder Begriffsverhältnisses (Pos[itiv] und Neg[ativ], Ursache und Wirkung, Substanz und Accidenz) in der Geschichte des Denkens verhält sich zu seiner Entwicklung im Kopf des einzelnen Dialektikers wie die Entwicklung eines Organismus in der Paläontologie zu seiner Entwicklung in der Embryologie (oder vielmehr in der Geschichte und im einzelnen Keim). Daß dies so ist zuerst von Hegel für die Begriffe ent
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
deckt. In der geschichtlichen Entwicklung spielt die Zufälligkeit ihre Rolle die im dialektischen Denken wie in der Entwicklung des Embryo sich in Nothwendigkeit zusammenfaßt.
[183]
Abstrakt und Konkret. Das allgemeine Gesetz des Formwechsels der Be- 5 wegung ist viel konkreter als jedes einzelne „konkrete“ Beispiel davon.
[184]
Bedeutung der Namen. In der organischen Chemie die Bedeutung eines Körpers und also auch sein Name nicht mehr bedingt durch seine bloße 10 Zusammensetzung, sondern vielmehr durch seine Stellung in der Reihe der er angehört. Finden wir also daß ein Körper einer solchen Reihe angehört so wird sein alter Name ein Hinderniß des Verständnisses und muß durch einen Reihennamen ersetzt werden (Paraffine etc.). |
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Manuskripte 1882
[185]
|Den Werth einer Sache nur nach der darauf geleisteten Arbeitszeit zu berechnen, ist meiner Ansicht nach Blödsinn.
So gesagt Philipp Pauli.
5 17 Mai 1882. |
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[186]
|[1]| Erkennen. Die Ameisen haben andre Augen als wir, sie sehen die chemischen (?) Lichtstrahlen (Nature 8 Juni 82 Lubbock) aber wir haben es in der Erkenntniß derselben für uns unsichtbaren Strahlen bedeutend weiter gebracht als die Ameisen, und schon daß wir nachweisen können, daß 5 die Ameisen Dinge sehn die für uns unsichtbar sind, und daß dieser Beweis auf lauter Wahrnehmungen beruht die mit unsern Augen gemacht sind, zeigt daß die specielle Konstruktion des menschlichen Auges keine absolute Schranke des menschlichen Erkennens ist.
Zu unserm Auge kommen nicht nur noch die andern Sinne hinzu, sondern w unsre Denkfähigkeit. Mit dieser verhält sich’s wieder grade wie mit dem Auge. Um zu wissen was unser Denken ergründen kann, nützt es nichts 100 Jahre nach Kant die Tragweite des Denkens aus der Kritik der Vernunft, der Untersuchung des Erkenntniß-Instrumentes entdecken zu wollen; ebensowenig wie wenn Helmholtz die Mangelhaftigkeit unsers Sehens (die ja 15 nothwendig ist, ein Auge das alle Strahlen sähe, sähe ebendeßhalb gar nichts) und die auf Bestimmte Gränzen das Sehen beschränkende, auch dies nicht ganz richtig reproduzirende Konstruktion unsres Auges als einen Beweis dafür behandelt daß wir durch das Auge von der Beschaffenheit des Gesehenen falsch oder unsicher unterrichtet werden. Was unser Denken er- 20 gründen kann, sehen wir vielmehr aus dem was es bereits ergründet hat und noch täglich ergründet. Und das ist schon genug nach Quantität und Qualität. Dagegen ist die Untersuchung der Denkformen, Denkbestimmungen sehr lohnend und nothwendig und diese hat, nach Aristoteles, nur Hegel systematisch unternommen.	25
Allerdings werden wir nie dahinter kommen, wie den Ameisen die chemischen Strahlen erscheinen. Wen das grämt, dem ist nun einmal nicht zu helfen. |
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[187]
|[2]| Die dialektische Logik, im Gegensatz zur alten, bloß formellen, begnügt sich nicht, wie diese, die Formen der Bewegung des Denkens, d.h. die verschiednen Urtheils- und Schlußformen, aufzuzählen und zusammenhangslos neben einander zu stellen. Sie leitet im Gegentheil diese Formen die eine aus der andern ab, sie subordinirt sie einander statt sie zu ko-ordiniren, sie entwickelt die höheren Formen aus den niederen. Getreu seiner Eintheilung der ganzen Logik, gruppirt Hegel die Urtheile als
1)	Urtheile des Daseins, die einfachste Form des Urtheils, worin von einem einzelnen Ding eine allgemeine Eigenschaft bejahend oder verneinend ausgesagt wird (positives Urtheil: die Rose ist roth; negatives: die Rose ist nicht blau; unendliches: die Rose ist kein Kameel).
2)	Urtheil der Reflexion, worin vom Subjekt eine Verhältnißbestimmung, eine Relation ausgesagt wird; singuläres Urtheil: dieser Mensch ist sterblich; particuläres: einige, viele Menschen sind sterblich; universelles: alle Menschen sind, oder der Mensch ist sterblich.
3)	Urtheil der Nothwendigkeit, worin vom Subjekt seine substantielle Bestimmtheit ausgesagt wird; kategorisches Urtheil: die Rose ist eine Pflanze; hypothetisches Urtheil: wenn die Sonne aufgeht, so ist es Tag; disjunktives: der Lepidosiren ist entweder ein Fisch oder ein Amphibium.
4)	Urtheil des Begriffs, worin vom Subjekt ausgesagt wird in wieweit es seiner allgemeinen Natur oder wie H. sagt seinem Begriff entspricht; assertorisches Urtheil: dies Haus ist schlecht; problematisches: wenn ein Haus so und so beschaffen ist, so ist es gut; apodiktisches: das Haus, so und so beschaffen, ist gut.
1) Einzelnes Urtheil, 2) und 3) besondres, 4) allgemeines.
So trocken sich dies hier auch liest und so willkührlich auch auf den ersten Blick diese Klassifikation der Urtheile hie und da erscheinen mag, so wird doch die innere Wahrheit und Nothwendigkeit dieser Gruppirung Jedem einleuchtend werden, der die geniale Entwicklung in Hegel’s Großer Logik (Werke V, 63—115) durchstudirt. Wiesehr aber diese Gruppirung in den Denkgesetzen nicht nur, sondern auch in den Naturgesetzen begründet ist, dafür wollen wir hier ein außer diesem Zusammenhang sehr bekanntes Beispiel anführen.
Daß Reibung Wärme erzeugt wußten schon die vorgeschichtlichen Menschen praktisch, als sie das Reibfeuer vielleicht schon vor 100000 Jahren ||[3]| erfanden und noch früher kalte Körpertheile durch Reibung erwärmten. Aber von da bis zur Entdeckung daß Reibung überhaupt eine Wärmequelle ist, sind wer weiß wie viel Jahrtausende vergangen. Genug, die Zeit kam, wo das menschliche Gehirn sich hinreichend entwickelt hatte
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
um das Urtheil fällen zu können: die Reibung ist eine Quelle von Wärme. Ein Urtheil des Daseins und zwar ein positives.
Wieder vergingen Jahrtausende, bis 1842 Mayer, Joule und Colding diesen Specialvorgang nach seinen Beziehungen zu inzwischen entdeckten andern Vorgängen ähnlicher Art, d. h. nach seinen nächsten allgemeinen Bedin- 5 gungen untersuchten und das Urtheil dahin formulirten: Alle mechanische Bewegung ist fähig, sich vermittelst der Reibung in Wärme umzusetzen. Soviel Zeit und eine enorme Menge empirischer Kenntnisse war erforderlich, bis wir in der Erkenntniß des Gegenstands von obigem positiven Urtheil des Daseins zu diesem universellen Urtheil der Reflexion fortrücken konnten. 10
Jetzt aber ging’s rasch. Schon drei Jahre später konnte Mayer, wenigstens der Sache nach, das Urtheil der Reflexion auf die Stufe erheben, in der es jetzt Geltung hat:
Jede Form der Bewegung ist ebenso befähigt wie genöthigt, unter den für jeden Fall bestimmten Bedingungen, direkt oder indirekten jede andre Form 15 der Bewegung umzuschlagen: Urtheil des Begriffs, und zwar apodiktisches, höchste Form des Urtheils überhaupt.
Was also bei Hegel als eine Entwicklung der Denkform des Urtheils als solchen erscheint, tritt uns hier entgegen als Entwicklung unsrer auf empirischer Grundlage beruhenden theoretischen Kenntnisse von der Natur der 20 Bewegung überhaupt. Das zeigt denn doch daß Denkgesetze und Naturgesetze nothwendig mit einander stimmen, sobald sie nur richtig erkannt sind.
Wir können das erste Urtheil fassen als das der Einzelnheit: das vereinzelte Faktum, daß Reibung Wärme erzeugt, wird registrirt. Das zweite Urteil als 25 das der Besonderheit: eine besondre Form der Bewegung, die mechanische, hat die Eigenschaft gezeigt, unter besondern Umständen (durch Reibung) in eine andre besondre Bewegungsform, die Wärme, überzugehn. Das dritte Urtheil ist das der Allgemein||[4]|heit: Jede Form der Bewegung hat sich erwiesen als befähigt und genöthigt, in jede andre Form der Bewegung 30 umzuschlagen. Mit dieser Form hat das Gesetz seinen letzten Ausdruck erlangt. Wir können durch neue Entdeckungen ihm neue Belege, neuen reicheren Inhalt geben. Aber dem Gesetz selbst, Wie es da ausgesprochen, können wir nichts mehr hinzufügen. In seiner Allgemeinheit, in der Form und Inhalt beide gleich allgemein, ist es keiner Erweiterung fähig: es ist 35 absolutes Naturgesetz.
Leider hapert’s bei der Bewegungsform des Eiweißes, alias Leben, solange wir kein Eiweiß machen können.
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Einzelnheit, Besonderheit, Allgemeinheit, das sind die drei Bestimmungen in denen sich die ganze „Lehre vom Begriff“ bewegt. Darunter wird dann nicht in einer sondern vielen Modalitäten vom Einzelnen zum Besonderen und von diesem zum Allgemeinen fortgeschritten und dies oft genug von Hegel als Fortschritt: Individuum, Art, Gattung exemplificirt. Und nun kommen die Inductionshäckel und posaunen es als eine große That aus — gegen Hegel — daß vom Einzelnen zum Besonderen und dann zum Allgemeinen fortgeschritten werden solle! vom Individuum zur Art und dann zur Gattung — und erlauben dann DeduktionsSchlüsse die weiter führen sollen. Die Leute haben sich so in den Gegensatz von Induktion und Deduktion festgeritten daß sie alle logischen Schlußformen auf diese 2 re-duziren und dabei gar nicht merken daß sie 1) unter jenen Namen ganz andre Schlußformen unbewußt anwenden, 2) den ganzen Reichthum der Schlußformen entbehren, soweit er sich nicht unter jene 2 zwängen läßt und 3) damit die beiden Formen: Induktion und Deduktion selbst in reinen Blödsinn verwandeln.
[189]
Oben aber auch nachgewiesen daß zum Urtheilen nicht nur Kantsche „Urtheilskraft“ gehört, sondern eine
[190]
Hofmann (1 Jahrh. Chemie unter den Hohenzollern) citirt Naturphil. Cit[irt] aus Rosenkranz dem Belletristen den kein richtiger Hegelianer anerkennt. Die Naturphil. für Rosenkr. verantwortlich zu machen ist ebenso albern wie wenn Hofm. die Hohenzollern für die Marggrafsche Entdeckung des Rübenzuckers verantwortlich macht. |
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[191] |1| Wärme.
Wie wir sahen, gibt es zweierlei Formen in denen mechanische Bewegung, lebendige Kraft verschwindet. Die erste ist ihre Verwandlung in mechanische potentielle Energie, durch Hebung eines Gewichts z. B. Diese Form hat 5 das Eigenthümliche daß sie nicht nur sich in mechanische Bewegung rückverwandeln kann, und zwar in mechanische Bewegung von derselben lebendigen Kraft wie die ursprüngliche, sondern auch daß sie nur dieses einen Formwechsels fähig ist. Mechanische potentielle Energie kann nie Wärme oder Elektricität erzeugen, es sei denn sie gehe vorher in wirkliche mecha- 10 nische Bewegung über. Es ist, um einen Clausiusschen Ausdruck zu gebrauchen, ein „umkehrbarer Prozeß“.
Die zweite Form des Verschwindens mechanischer Bewegung findet statt bei Reibung und Stoß — die beide nur dem Grade nach unterschieden sind. Reibung kann gefaßt werden als eine Reihe nach- und nebeneinander vor- 15 gehender kleiner Stöße, Stoß als in einen Zeitmoment und auf einen Ort konzentrirte Reibung. Reibung ist chronischer Stoß, Stoß akute Reibung. Die mechanische Bewegung, die hier verschwindet, verschwindet als solche. Sie ist aus sich selbst zunächst nicht wieder herstellbar. Der Prozeß ist nicht unmittelbar umkehrbar. Sie hat sich verwandelt in qualitativ verschiedne 20 Bewegungsformen, in Wärme, in Elektricität — in Formen der Molekularbewegung.
Reibung und Stoß führen also hinüber von der Massenbewegung, dem Gegenstand der Mechanik, zur Molekularbewegung, dem Gegenstand der Physik.	25
Wenn wir die Physik als Mechanik der Molekularbewegung bezeichnet haben, so wurde dabei nicht übersehn, daß dieser Ausdruck keineswegs das Gebiet der heutigen Physik ganz umfaßt. Im Gegentheil. Die Aetherschwin-gungen, die die Erscheinungen des Lichts und der strahlenden Wärme ver
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mitteln, sind sicher keine Molekularbewegungen im heutigen Sinn des Worts. Aber ihre irdischen Wirkungen treffen zunächst die Moleküle: Lichtbrechung, Lichtpolarisation usw. sind bedingt durch die Molekularkonstitution der betreffenden Körper. Ebenso wird jetzt von den ||[2]| bedeutendsten Forschern fast allgemein die Elektricität als eine Bewegung von Aethertheil-chen angesehn, und von der Wärme sogar sagt Clausius daß an der „Bewegung der ponderablen Atome (wofür wohl besser Moleküle zu setzen wäre)... auch der im Körper befindliche Aether theilnehmen kann“. (Meeh. Wth. I, S. 22.) Aber bei den elektrischen und Wärme-Erscheinungen kommen doch wieder in erster Linie Molekularbewegungen in Betracht, wie dies nicht anders sein kann, solange wir über den Aether so wenig wissen. Sind wir aber erst so weit, die Mechanik des Aethers darstellen zu können, so wird sie auch wohl Manches umfassen was heute nothgedrungen zur Physik geschlagen wird.
Von den physikalischen Vorgängen, bei denen die Struktur der Moleküle verändert oder gar aufgehoben wird, soll später die Rede sein. Sie bilden den Übergang von der Physik zur Chemie.
Mit der Molekularbewegung erst erhält der Formwechsel der Bewegung seine volle Freiheit. Während, an der Grenze der Mechanik, die Massenbewegung nur einzelne andre Formen annehmen kann: Wärme oder Elektricität, sehen wir hier eine ganz andre Lebendigkeit des Formwechsels: Wärme geht über in Elektricität in der Thermosäule, wird identisch mit dem Licht auf gewisser Stufe der Strahlung, erzeugt ihrerseits wieder mechanische Bewegung; Elektricität und Magnetismus, ein ähnliches Geschwister-paar bildend wie Wärme und Licht, schlagen um nicht nur in einander sondern auch in Wärme und Licht und ebenfalls in mechanische Bewegung. Und das nach so bestimmten Maßverhältnissen, daß wir eine gegebne Menge einer jeden in jeder andern, in Meterkilogrammen, in Wärmeeinheiten, in Volts ausdrücken können, und ebenso jedes Maß in jedes andre übersetzen.
Die praktische Entdeckung der Verwandlung mechanischer Bewegung in Wärme ist so ||[3]| uralt daß man von ihr den Anfang der Menschheitsgeschichte datiren könnte. Welche Erfindungen von Werkzeugen und Thierzähmung auch vorhergegangen sein mögen, es war das Reibfeuer, wodurch die Menschen zum ersten Mal eine leblose Naturkraft in ihren Dienst preßten. Und wie sehr sich die fast unermeßliche Tragweite dieses Riesenfortschritts ihrem Gefühl einprägte, das zeigt noch der heutige Volksaberglaube. Die Erfindung des Steinmessers, des ersten Werkzeugs, wurde lange Zeit nach Einführung der Bronze und des Eisens noch gefeiert, indem alle religiösen Opferhandlungen mit Steinmessern vollzogen wurden. Nach
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der jüdischen Sage ließ Josua die in der Wüste gebornen Männer mit Steinmessern beschneiden; Kelten und Germanen gebrauchten nur Steinmesser bei ihren Menschenopfern. Das alles ist längst verschollen. Anders mit dem Reibfeuer. Lange nachdem man andre Arten der Feuererzeugung kannte, mußte alles heilige Feuer bei den meisten Völkern durch Reibung erzeugt 5 sein. Aber bis auf den heutigen Tag besteht der Volksaberglaube in den meisten europäischen Ländern darauf, daß wunderkräftiges Feuer (z.B. unser deutsches Notfeuer) nur durch Reibung entzündet sein darf. Sodaß bis auf unsre Zeit das dankbare Gedächtniß des ersten großen Siegs des Menschen über die Natur im Volksaberglauben, in den Resten heidnisch- 10 mythologischer Erinnerung der gebildetsten Völker der Welt noch — halb unbewußt — fortlebt.
Indeß ist der Prozeß beim Reibfeuer noch einseitig. Es wird mechanische Bewegung in Wärme verwandelt. Um den Vorgang zu vervollständigen, muß er umgekehrt, muß Wärme in mechanische Bewegung verwandelt werden. 15 Dann erst ist der Dialektik des Prozesses Genüge geleistet, der Prozeß im Kreislauf erschöpft — wenigstens zunächst. Aber die Geschichte hat ihren eignen Gang, und so dialektisch dieser schließlich ||[4]| auch verlaufen mag, so muß die Dialektik doch oft lange genug auf die Geschichte warten. Der Zeitraum muß nach Jahrzehntausenden zu messen sein, der seit der Ent- 20 deckung des Reibfeuers verfloß, bis Hero von Alexandrien (gegen —120) eine Maschine erfand die durch den von ihr ausströmenden Wasserdampf in rotirende Bewegung versetzt wurde. Und wieder verflossen fast 2000 Jahre bis die erste Dampfmaschine, die erste Vorrichtung zur Verwandlung von Wärme in wirklich nutzbare mechanische Bewegung hergestellt 25 wurde.
Die Dampfmaschine war die erste wirklich internationale Erfindung, und diese Thatsache bekundet wieder einen gewaltigen Geschichtlichen Fortschritt. Der Franzose Papin erfand sie, und zwar in Deutschland. Der Deutsche Leibnitz, wie immer geniale Ideen um sich streuend ohne Rück- 30 sicht darauf ob ihm oder Andern das Verdienst daran zugerechnet würde — Leibnitz, wie wir jetzt aus Papins Briefwechsel (herausgegeben von Ger-landt, ) wissen, gab ihm die Hauptidee dabei an: die Anwendung von Cylinder und Kolben. Die Engländer Savery und Newcomen erfanden bald darauf ähnliche Maschinen; ihr Landsmann Watt endlich brachte sie, durch 35 Einführung des getrennten Condensators, im Prinzip auf den heutigen Standpunkt. Der Kreislauf der Erfindungen war auf diesem Gebiet vollendet: die Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung war durchgeführt. Was nachher kam, waren Einzelverbesserungen.
Die Praxis hatte also in ihrer Weise die Frage von den Beziehungen 40 zwischen mechanischer Bewegung und Wärme gelöst. Sie hatte zuvörderst
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die erste in die zweite, und dann die zweite in die erste verwandelt. Wie aber sah es mit der Theorie aus?|
|5| Kläglich genug. Obwohl grade im 17. und 18. Jahrhundert die zahllosen Reisebeschreibungen wimmelten von Schilderungen wilder Völker die keine andre Art der Feuererzeugung kannten als das Reibfeuer, so blieben die Physiker doch davon fast unberührt; ebenso gleichgültig blieb ihnen im ganzen 18. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 19. die Dampfmaschine. Sie begnügten sich meistens damit die Thatsachen einfach zu registriren.
Endlich, in den zwanziger Jahren, nahm Sadi Carnot die Sache auf, und zwar in sehr geschickter Weise, sodaß seine besten nachher von Clapeyron geometrisch dargestellten Rechnungen bis auf den heutigen Tag bei Clausius und Clerk Maxwell ihre Geltung haben, und er der Sache fast auf den Grund kam. Was ihn verhinderte, sie vollständig zu ergründen, war nicht der Mangel an thatsächlichem Material, es war einzig — eine vorgefaßte falsche Theorie. Und zwar eine falsche Theorie die den Physikern nicht durch irgend eine bösartige Philosophie aufgenöthigt war, sondern eine, die sie mit ihrer eignen, der metaphysisch-philosophirenden so sehr überlegnen, naturalistischen Denkweise herausgeklügelt hatten.
Im 17. Jahrhundert galt, wenigstens in England, die Wärme als eine Eigenschaft der Körper als „eine Bewegung besondrer Art“ (a motion of a particular kind the nature of which has never been explained in a satisf actory männer). So bezeichnet sie Th. Thomson zwei Jahre vor der Entdeckung der mechanischen Wärmetheorie. (Outline of the Sciences of Heat and Electricity, 2nd ed. London 1840). Aber im 18. Jahrhundert trat mehr und mehr die Auffassung in den Vordergrund, die Wärme sei, wie auch das Licht, die Elektricität, der Magnetismus, ein besondrer Stoff, und alle diese eigenthüm-lichen Stoffe unterschieden sich von der alltäglichen Materie dadurch, daß sie kein Gewicht hätten, Imponderabilien seien. |
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Wie die Wärme, nur in andrer Art, besitzt auch die Elektricität eine gewisse Allgegenwart. Fast keine Veränderung kann auf der Erde vorgehn, ohne daß elektrische Erscheinungen sich dabei nachweisen lassen. Verdunstet Was- 5 ser, brennt eine Flamme, berühren sich zwei verschiedne oder verschieden erwärmte Metalle, oder Eisen und Kupfervitriollösung usw., so gehn dabei, neben den augenfälligeren physikalischen oder chemischen Erscheinungen, gleichzeitig elektrische Prozesse vor sich. Je genauer wir die verschiedensten Naturvorgänge untersuchen, desto mehr stoßen wir dabei auf Spuren von 10 Elektricität. Trotz dieser ihrer Allgegenwart, trotz der Thatsache daß die Elektricität seit einem halben Jahrhundert immer mehr in den industriellen Dienst des Menschen gepreßt wird, ist sie grade diejenige Bewegungsform über deren Beschaffenheit noch das größte Dunkel schwebt. Die Entdeckung des galvanischen Stroms ist ungefähr 25 Jahre jünger als die des Sauerstoffs, 15 und bedeutet für die Lehre von der Elektricität mindestens ebensoviel wie jene für die Chemie. Und doch, welcher Unterschied noch heute auf beiden Gebieten! In der Chemie, Dank namentlich der Daltonschen Entdeckung der Atomgewichte, Ordnung, relative Sicherheit des einmal Errungenen, systematischer fast planmäßiger Angriff auf das noch uneroberte Gebiet, der 20 regelmäßigen Belagerung einer Festung vergleichbar. In der Elektricitäts-lehre ein wüster Ballast von alten, unsichern, weder endgültig bestätigten noch endgültig umgestoßnen Experimenten; ein ||[2]| ungewisses Herumtappen im Dunkeln, ein zusammenhangsloses Untersuchen und Ex-
x) Für das Thatsächliche verlassen wir uns in diesem Kapitel vorwiegend auf Wiedemanns Lehre 25 vom Galvanismus und Elektromagnetismus, 2Bde in 3 Abthl., 2. Auflage, Braunschweig 1874. In Nature 1882 June 15, wird auf diesen admirable treatise hingewiesen which in its forthcoming shape, with electrostatics added, will be the greatest experimental treatise on electricity in existence.
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perimentiren vieler Einzelner, die dies unbekannte Gebiet zersplittert angreifen wie ein nomadischer Reiterschwarm angreift. Aber freilich, eine Entdeckung wie die Daltonsche, die der gesammten Wissenschaft einen Mittelpunkt und der Untersuchung eine feste Basis verschafft, ist auf dem Gebiet der Elektricität noch zu machen. Es ist wesentlich dieser, die Feststellung einer umfassenden Theorie einstweilen unmöglich machende, zerfahrene Stand der Elektricitätslehre, der es bedingt daß auf diesem Gebiet die einseitige Empirie vorherrscht, jene Empirie, die sich das Denken möglichst selbst verbietet, und die ebendeßhalb nicht nur falsch denkt, sondern auch nicht im Stande ist den Thatsachen treu zu folgen oder nur sie treu zu berichten; die also in das Gegentheil von wirklicher Empirie umschlägt.
Wenn überhaupt denjenigen Herren Naturforschern, die den tollen aprioristischen Spekulationen der deutschen Naturphilosophie nicht Übles genug nachsagen können, die Lektüre zu empfehlen ist nicht nur gleichzeitiger, sondern selbst noch späterer theoretisch-physikalischer Schriften der empirischen Schule, so gilt dies ganz besonders von der Elektricitätslehre. Nehmen wir eine Schrift aus dem Jahre 1840: An Outline of the Sciences of Heat and Electricity, by Thomas Thomson. Der alte Thomson war ja seiner Zeit eine Autorität; er hatte zudem schon einen sehr bedeutenden Theil der Arbeiten des bisher größten Elektrikers, Faraday, zur Verfügung. Und doch enthält sein Buch mindestens ebenso tolle Sachen wie der betreffende Abschnitt der viel älteren Hegelschen Naturphilosophie. Die Beschreibung des elektrischen Funkens z. B. könnte direkt aus der entsprechenden Stelle bei Hegel übersetzt sein. Beide zählen alle die Wunderlichkeiten auf die man, vor der Erkenntniß der wirklichen Beschaffenheit und vielfachen Verschiedenheit des Funkens, in diesem entdecken wollte, und die jetzt meist als Specialfälle oder Irrthümer nachgewiesen sind. Noch besser. Thomson erzählt S.416 ganz ernsthaft die Räubergeschichten von Dessaignes, nach denen bei steigendem Barometer und fallendem Thermometer, Glas, Harz, Seide etc. durch Eintauchen in Quecksilber negativ elektrisch werden, bei fallendem Barometer und steigender Temperatur dagegen positiv; daß Gold und mehrere andre Metalle im Sommer durch Erwärmen positiv, durch Abkühlen negativ werden, im Winter umgekehrt; daß sie bei hohem Barometer und nördlichem Wind stark elektrisch sind, positiv bei ||[3]| steigender, negativ bei fallender Temperatur usw. Soviel für die Behandlung des Thatsächlichen. Was aber die aphoristische Spekulation angeht, so gibt Thomson uns folgende Konstruktion des elektrischen Funkens zum Besten, die von keinem Geringeren herrührt als von Faraday selbst: „Der Funke ist eine Entladung oder Abschwächung des polarisirten Induktionszustandes vieler dielektrischen Theächen, vermittelst
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einer eigentümlichen Aktion einiger wenigen dieser Theilchen, die einen sehr kleinen und begränzten Raum einnehmen. Faraday nimmt an, daß die wenigen Theilchen, an denen die Entladung stattfindet, nicht nur auseinander geschoben werden, sondern einen eigentümlichen, höchst aktiven (highly exalted) Zustand temporär annehmen; das heißt, daß alle sie umgebenden 5 Kräfte nach einander auf sie geworfen werden, und sie dadurch in eine entsprechende Intensität des Zustandes versetzt werden, die vielleicht derjenigen sich chemisch verbindender Atome gleichkommt; daß sie dann jene Kräfte entladen, ähnlich wie jene Atome die ihrigen, auf eine uns bis jetzt unbekannte Weise; und so das Ende des Ganzen (and so the end of the 10 whole). Die schließliche Wirkung ist genau als ob ein metallisches Theilchen an die Stelle des entladenden Theilchens getreten wäre, und es scheint nicht unmöglich daß die Aktionsprincipien in beiden Fällen sich einst als identisch erweisen.“ Ich habe, setzt Thomson hinzu, diese Erklärung Faradays in seinen eignen Worten gegeben weil ich sie nicht klar verstehe. Dies wird nun 15 auch wohl andern Leuten ebenso gegangen sein, geradeso gut wie wenn sie bei Hegel lesen, im elektrischen Funken gehe „die besondre Materiatur des gespannten Körpers noch nicht in den Prozeß ein, sondern ist darin nur elementarisch und seelenhaft bestimmt“, und die Elektricität sei „der eigene Zorn, das eigne Aufbrausen des Körpers“, sein „zorniges Selbst“ das „an 20 jedem Körper hervortritt wenn er gereizt wird“ (Naturphil. § 324, Zusatz). Und doch ist der Grundgedanke bei Hegel und Faraday derselbe. ||[4]| Beide sträuben sich gegen die Vorstellung, als sei die Elektricität nicht ein Zustand der Materie, sondern eine eigne, aparte Materie. Und da im Funken anscheinend die Elektricität selbstständig, frei, von allem fremden materiellen 25 Substrat abgesondert und dennoch sinnlich wahrnehmbar auftritt, kommen sie, beim damaligen Stand der Wissenschaft, in die Nothwendigkeit den Funken als die verschwindende Erscheinungsform einer von aller Materie momentan befreiten „Kraft“ auffassen zu müssen. Für uns ist das Räthsel freilich gelöst, seitdem wir wissen daß zwischen Metallelektroden bei der 30 Funkenentladung wirklich „metallische Theilchen“ überspringen und also „die besondre Materiatur des gespannten Körpers“ in der That „in den Prozeß eingeht“.
Wie Wärme und Licht, so wurden bekanntlich auch Elektricität und Magnetismus anfangs als besondre, imponderable Materien aufgefaßt. Bei 35 der Elektricität kam man bekanntlich bald dahin, sich zwei entgegengesetzte Materien, zwei „Fluida“, vorzustellen, ein positives und ein negatives, die sich in normalem Zustand gegenseitig neutralisirten bis sie durch eine sogenannte „elektrische Scheidungskraft“ von einander getrennt würden. Man könne dann zwei Körper, den einen mit positiver, den andern mit negativer 40 Elektricität laden; bei Verbindung Beider durch einen dritten, leitenden
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Körper finde dann die Ausgleichung statt, je nach Umständen entweder plötzlich, oder vermittelst eines dauernden Stroms. Die plötzliche Ausgleichung erschien sehr einfach und einleuchtend, aber der Strom bot Schwierigkeiten. Der einfachsten Hypothese, als bewege sich im Strom jedesmal entweder bloß positive oder bloß negative Elektricität, stellten Fechner und in ausführlicherer Entwicklung Weber die Ansicht gegenüber, daß im Schließungskreis jedesmal zwei gleiche, in entgegen gesetzter Richtung fließende Ströme von positiver und negativer Elektricität neben einander in Kanälen strömen, die zwischen den ponderablen Molekülen der Körper liegen. Bei der weitläuftigen mathematischen Ausarbeitung ||5| dieser Theorie kommt Weber endlich auch dahin, eine hier gleichgültige Funktion mit einer Größe -y zu multipliciren, welches y- „das Verhältniß der Elek-tricitätseinheit zum Milligramm“ bedeutet (Wiedemann, Lehre vom Galvanismus etc., 2. Aufl. III p.569). Das Verhältniß zu einem Gewichtsmaß kann natürlich nur ein Gewichtsverhältniß sein. So sehr hatte die einseitige Empirie also schon über dem Rechnen das Denken verlernt, daß sie die imponderable Elektricität hier bereits ponderabel werden läßt, und ihr Gewicht in die mathematische Rechnung einführt.
Die von Weber abgeleiteten Formeln genügten nur innerhalb gewisser Grenzen, und namentlich hat Helmholtz noch vor wenig Jahren Resultate herausgerechnet die mit dem Satz von der Erhaltung der Energie in Konflikt kommen. Der Weberschen Hypothese vom entgegen gerichteten Doppelstrom stellte C. Neumann 1871 die andre gegenüber, daß nur die eine der beiden Elektricitäten, beispielsweise die positive, sich im Strom bewege, die andre, negative, aber mit der Masse des Körpers fest verbunden sei. Hieran schließt sich bei Wiedemann die Bemerkung: „Diese Hypothese könnte man mit der Weberschen vereinen, wenn man zu dem von Weber supponirten Doppelstrom der entgegengesetzten fließenden Massen ±ll2e noch einen nach Außen unwirksamen Strom neutraler Elektricität hinzufügte, der in der Richtung des positiven Stroms die Elektricitätsmenge ±72e mit sich führte.“ (III, S. 577).
Dieser Satz ist wieder bezeichnend für die einseitige Empirie. Um die Elektricität überhaupt zum Strömen zu bringen, wird sie in positive und negative zerlegt. Aber alle-Versuche, mit diesen beiden Materien den Strom zu erklären, stoßen auf Schwierigkeiten; sowohl die Annahme daß jedesmal nur die eine im Strom vorhanden sei, wie die, daß beide gleichzeitig gegeneinander strömen, und endlich auch die ll[6\l dritte, daß die eine ströme und die andre ruhe. Wenn wir bei dieser letzten Annahme stehn bleiben — Wie erklären wir uns die unerklärliche Vorstellung, daß die negative Elektricität, die in der Elektrisirmaschine und der Leidner Flasche doch beweglich genug
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ist, im Strom fest mit der Masse des Körpers verbunden sei? Ganz einfach. Wir lassen neben dem positiven Strom +72e, der nach rechts, und dem negativen Strom - 72e, der nach links den Draht durchfließt, noch einen dritten Strom neutraler Elektricität ±72e nach rechts fließen. Erst nehmen wir an daß die beiden Elektricitäten, um überhaupt fließen zu können, von einander 5 getrennt sein müssen; und um die beim Fluß der getrennten Elektricitäten auftretenden Erscheinungen zu erklären, nehmen wir an daß sie auch ungetrennt fließen können. Erst machen wir eine Voraussetzung um eine gewisse Erscheinung zu erklären, und bei der ersten Schwierigkeit auf die wir stoßen, machen wir eine zweite Voraussetzung, die die erste direkt 10 aufhebt. Wie muß die Philosophie beschaffen sein über die diese Herren ein Recht haben sich zu beklagen?
Neben diese Ansicht von der Materialität der Elektricität trat indeß bald eine zweite, wonach sie als ein bloßer Zustand der Körper, eine „Kraft“, oder wie wir heute sagen würden, als eine besondre Form der Bewegung gefaßt 15 wurde. Wir sahen oben daß Hegel und später Faraday diese Auffassung theilten. Seitdem die Entdeckung des mechanischen Aequivalents der Wärme die Vorstellung eines besondern „Wärmestoffs“ endgültig beseitigt und die Wärme als eine Molekularbewegung nachgewiesen hatte, war der nächste Schritt, die Elektricität ebenfalls nach der neuen Methode zu be- 20 handeln, und die Bestimmung ihres mecha||7|nischen Aequivalents zu versuchen. Dies gelang vollkommen. Namentlich durch die Versuche von Joule, Favre und Raoult wurde nicht nur das mechanische und thermische Aequivalent der s. g. „elektromotorischen Kraft“ des galvanischen Stroms festgestellt, sondern auch ihre vollständige Aequivalenz mit der durch 25 chemische Prozesse in der Erregerzelle freigesetzten oder in der Zersetzungszelle verbrauchten Energie. Die Annahme, die Elektricität sei ein besondres materielles Fluidum, wurde hierdurch immer unhaltbarer.
Indeß war die Analogie zwischen Wärme und Elektricität doch nicht vollkommen. Der galvanische Strom unterschied sich immer noch in sehr 30 wesentlichen Stücken von der Wärmeleitung. Es war noch immer nicht zu sagen, was sich denn in den elektrisch afficirten Körpern bewege. Die Annahme einer bloßen Molekularschwingung, wie bei der Wärme, erschien ungenügend. Es blieb schwer, bei der ungeheuren diejenige des Lichts noch übertreffenden Bewegungsgeschwindigkeit der Elektricität über die Vor- 35 Stellung hinweg zu kommen, daß zwischen den Körpermolekülen sich hier irgend etwas Stoffliches bewege. Hier treten nun die neuesten Theorien von Clerk Maxwell (1864) Hankel (1865), Reynard (1870) und Edlund (1872) einstimmig mit der, schon 1846 zuerst von Faraday vermuthungsweise ausgesprochnen Annahme auf, daß die Elektricität eine Bewegung eines den 40 ganzen Raum und somit auch alle Körper durchdringenden elastischen
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Mediums sei, dessen diskrete Theilchen sich nach dem Gesetz des umgekehrten Quadrats der Entfernung abstoßen, also mit andren Worten eine Bewegung der Aethertheilchen, und daß die Körpermoleküle an dieser Bewegung Theil nehmen. Über die Art dieser Bewegung weichen die verschiednen Theorien von einander ab; diejenigen von Maxwell, Hankel und Reynard, sich an die neueren Untersuchungen über Wirbelbewegungen anlehnend, erklären sie, in verschiedner Weise, ebenfalls aus Wirbeln; sodaß auch die Wirbel des alten Descartes auf stets neuen Gebieten wieder zu Ehren kommen. Wir enthalten uns auf die Einzelheiten dieser Theorien näher einzugehn. Sie weichen stark unter einander ab, ||[8]| und werden sicher noch viele Umwälzungen erfahren. Aber ein entschiedner Fortschritt scheint in ihrer gemeinsamen Grundanschauung zu liegen: daß die Elektricität eine auf die Körpermoleküle rückwirkende Bewegung der Theilchen des alle pon-derable Materie durchdringenden Lichtäthers ist. Diese Auffassung versöhnt die beiden früheren. Nach ihr bewegt sich allerdings bei den elektrischen Erscheinungen etwas Stoffliches, von der ponderablen Materie Verschiedenes. Aber dies Stoffliche ist nicht die Elektricität selbst, die vielmehr in der That sich als eine Form der Bewegung erweist, wenn auch nicht als eine Form der unmittelbaren, direkten Bewegung der ponderablen Materie. Während die Aethertheorie einerseits einen Weg zeigt, über die primitiv plumpe Vorstellung von zwei entgegengesetzten elektrischen Fluiden hinauszukommen, gibt sie andrerseits Aussicht aufzuklären was das eigentliche stoffliche Substrat der elektrischen Bewegung ist, was das für ein Ding ist dessen Bewegung die elektrischen Erscheinungen hervorruft.
Einen entschiednen Erfolg hat die Aethertheorie bereits gehabt. Bekanntlich besteht wenigstens ein Punkt, wo die Elektricität direkt die Bewegung des Lichtes ändert: sie dreht seine Polarisationsebene. Clerk Maxwell, gestützt auf seine obige Theorie, berechnet daß das elektrische specifische Vertheilungsvermögen eines Körpers gleich ist dem Quadrat seines Lichtbrechungsindex. Boltzmann hat nun verschiedne Nichtleiter auf ihren Dielektricitätskoefficienten untersucht und gefunden daß bei Schwefel, Kolophonium und Paraffin die Quadratwurzel aus diesem Koefficienten gleich war ihrem Lichtbrechungsindex. Die höchste Abweichung — bei Schwefel — betrug nur 4%. Soweit ist speciell die Maxwellsche Aethertheorie also experimentell bestätigt worden. |
|9| Es wird indeß noch eine geraume Zeit dauern und viel Arbeit kosten, bis neue Versuchsreihen aus diesen, ohnehin einander widersprechenden Hypothesen, einen festen Kern herausgeschält haben. Bis dahin, oder bis auch die Aethertheorie etwa durch eine ganz neue verdrängt wird, befindet sich die Lehre von der Elektricität in der unangenehmen Lage, sich einer Ausdrucksweise bedienen zu müssen, von der sie selbst zugibt, daß sie falsch
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ist. Ihre ganze Terminologie beruht noch auf der Vorstellung der beiden elektrischen Fluida. Sie spricht noch ganz ungenirt von „in den Körpern fließenden elektrischen Massen“, von „einer Scheidung der Elektricitäten in jedem Molekül“ usw. Es ist dies ein Übelstand, der großentheils, wie gesagt, unvermeidlich aus dem gegenwärtigen Übergangszustand der Wis- 5 senschaft folgt, der aber auch, bei der grade in diesem Zweige der Forschung vorherrschenden einseitigen Empirie, nicht wenig zur Erhaltung der bisherigen Gedankenverwirrung beiträgt.
Der Gegensatz von s. g. statischer oder Reibungselektricität und dynamischer Elektricität oder Galvanismus darf nun wohl als vermittelt an- 10 gesehn werden, seitdem man gelernt hat mit der Elektrisirmaschine dauernde Ströme zu erzeugen und umgekehrt durch den galvanischen Strom s. g. statische Elektricität zu produziren, Leidner Flaschen zu laden usw. Wir lassen hier die Unterform der statischen Elektricität unberührt und ebenso den jetzt ebenfalls als eine Unterform der Elektricität erkannten Magnetis- 15 mus. Die theoretische Erklärung der hieher gehörigen Erscheinungen wird unter allen Umständen in der Theorie des galvanischen Stroms zu suchen sein, und deßhalb halten wir uns vorwiegend an diese.
Ein dauernder Strom kann auf mehrfachem Wege erzeugt werden. Mechanische Massenbewegung erzeugt direkt, durch Reibung zunächst nur 20 statische Elek||[10]|tricität, einen dauernden Strom nur unter großer Energievergeudung; um wenigstens größtentheils in elektrische Bewegung umgesetzt zu werden, bedarf sie der Vermittlung des Magnetismus, wie in den bekannten magneto-elektrischen Maschinen von Gramme, Siemens u. A. Wärme kann sich direkt in strömende Elektricität umsetzen, wie namentlich 25 an der Löthstelle zweier verschiednen Metalle. Durch chemische Aktion freigesetzte Energie, die unter gewöhnlichen Umständen in der Form von Wärme zu Tage tritt, verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in elektrische Bewegung. Umgekehrt geht diese letztere, sobald die Bedingungen dafür gegeben, in jede andre Form der Bewegung über: in Mas- 30 senbewegung, in geringem Maß direkt in den elektrodynamischen Anziehungen und Abstoßungen; im Großen wiederum durch Vermittlung des Magnetismus in den elektromagnetischen Bewegungsmaschinen; in Wärme — überall im Schließungskreis des Stroms, falls nicht andre Verwandlungen eingeleitet sind; in chemische Energie — in den in den Schließungskreis 35 eingeschalteten Zersetzungszellen und Voltametern wo der Strom Verbindungen trennt, die auf anderm Wege vergeblich angegriffen werden.
In allen diesen Umsätzen gilt das Grundgesetz von der quantitativen Aequivalenz der Bewegung in allen ihren Wandlungen. Oder wie Wiedemann sich ausdrückt: „nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß die auf irgend 40 eine Art zur Erzeugung des Stroms verwendete Arbeit äquivalent sein der
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zur Erzeugung aller Stromeswirkungen verwendeten Arbeit.“ Bei der Umsetzung von Massenbewegung oder von Wärme in Elektricitätx) bieten sich hier keine Schwierigkeiten; es ist erwiesener Maßen die s. g. „elektromotorische Kraft“ im ersten Falle gleich der zu jener Bewegung verwendeten Arbeit, im zweiten Fall, „an jeder Löthstelle der Thermokette direkt proportional ihrer absoluten Temperatur“, (Wiedern. III p.482) d.h. wieder der an jeder Löthstelle vorhandenen absolut gemessenen Wärmemenge. Auch für die aus chemischer Energie entwickelte Elektricität ist dasselbe Gesetz thatsächlich als gültig erwiesen. ||[11]| Aber hier stellt sich, für die jetzt gangbare Theorie wenigstens, die Sache nicht so einfach. Gehn wir also etwas näher darauf ein.
Eine der schönsten Versuchsreihen über die durch eine galvanische Säule zu bewirkenden Formverwandlungen der Bewegung ist die von Favre (1857—58). In ein Calorimeter setzte er eine Smeesche Säule von 5 Elementen; in ein zweites eine kleine elektromagnetische Bewegungsmaschine, deren Hauptachse und Riemenscheibe zu beliebiger Verbindung frei herausstand. Bei jedesmaliger Entwicklung von 1 Gramm Wasserstoff resp. Lösung von 32,6 gr. Zink (dem alten chemischen Aequivalent des Zinks, gleich dem halben jetzt angenommenen Atomgewicht 65,2 und in Grammen ausgedrückt) in der Säule ergaben sich folgende Resultate:
A.	Säule im Calorimeter in sich geschlossen, mit Ausschluß der Bewegungsmaschine: Wärmeentwicklung 18682 resp. 18674 Wärmeeinheiten.
B.	Säule und Maschine im Schließungskreis verbunden, die Maschine aber an der Bewegung gehindert: Wärme in der Säule 16 448, in der Maschine 2219, zusammen 18667 Wärmeeinheiten.
C.	Wie B, aber die Maschine bewegt sich ohne jedoch ein Gewicht zu heben: Wärme in der Säule 13 888, in der Maschine 4769, zusammen 18657 Wärmeeinheiten.
D.	Wie C, aber die Maschine hebt ein Gewicht und thut dabei eine mechanische Arbeit = 131,24 Kilogrammeter: Wärme in der Säule 15 427, in der Maschine 2947, zusammen 18374 Wärmeeinheiten; Verlust, gegen obige 18682, =308 Wärmeeinheiten. Aber die gethane mechanische Arbeit von 131,24 Meterkilogramm, multiplicirt durch 1000 (um die Gramm des chemischen Resultats auf Kilogramm zu bringen) und dividirt durch das mechanische Aequivalent der Wärme = 423,5 Kilogramm-Meter, ergibt
x) (Anmerkung.) Ich gebrauche die Bezeichnung: Elektricität im Sinn von elektrischer Bewegung, mit demselben Recht wie auch die allgemeine Bezeichnung: Wärme gebraucht wird um diejenige Bewegungsform auszudrücken die sich unsern Sinnen als Wärme kund gibt. Dies kann um so weniger Anstoß finden, als jede etwaige Verwechslung mit dem Spannungszustand der Elektricität hier im Voraus ausdrücklich ausgeschlossen ist.
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309 Wärmeeinheiten, also genau obigen Verlust, als Wärmeäquivalent der gethanen mechanischen Arbeit.
Die Äquivalenz der Bewegung in allen ihren Wandlungen ist also auch für die elektrische Bewegung innerhalb der Gränze der unvermeidlichen Fehlerquellen schlagend erwiesen. ||[12]| Und ebenso erwiesen ist, daß die „elek- 5 tromotorische Kraft“ der galvanischen Kette nichts andres ist als in Elektricität umgesetzte chemische Energie, und die Kette selbst nichts andres als eine Vorrichtung, ein Apparat, der freiwerdende chemische Energie in Elektricität verwandelt, wie eine Dampfmaschine ihr zugeführte Wärme in mechanische Bewegung, ohne daß in beiden Fällen der verwandelnde Ap- 10 parat aus sich selbst noch weitere Energie zuführt.
Hier entsteht aber, gegenüber der hergebrachten Vorstellungsweise, eine Schwierigkeit. Diese Vorstellungsweise schreibt der Kette, vermöge der in ihr statthabenden Kontaktsverhältnisse zwischen den Flüssigkeiten und den Metallen, eine „elektrische Scheidungskraft“ zu, die der elektromotorischen 15 Kraft proportional ist, also für eine gegebne Kette eine bestimmte Menge Energie repräsentirt. Wie verhält sich nun diese, nach der hergebrachten Vorstellungsweise der Kette als solcher, auch ohne chemische Aktion inhärente Energiequelle, die elektrische Scheidungskraft, zu der durch die chemische Aktion freigesetzten Energie? Und, wenn sie eine von der letz- 20 teren unabhängige Energiequelle ist, woher stammt die von ihr gelieferte Energie?
Diese Frage, in mehr oder weniger unklarer Form, bildet den Streitpunkt zwischen der von Volta begründeten Kontaktstheorie und der gleich darauf entstandenen chemischen Theorie des galvanischen Stroms.	25
Die Kontaktstheorie erklärte den Strom aus den in der Kette, beim Kontakt der Metalle mit einer oder mehreren Flüssigkeiten, oder auch nur der Flüssigkeiten unter sich entstehenden elektrischen Spannungen, und aus ihrer Ausgleichung, resp. derjenigen der so geschiedenen entgegengesetzten Elektricitäten im Schließungskreis. Die dabei etwa auftretenden chemischen 30 Veränderungen galten der reinen Kontaktstheorie für durchaus sekundär. Dagegen behauptete Ritter schon 1805, ein Strom könne sich nur dann bilden, wenn die Erreger auch schon vor der Schließung chemisch auf einander wirkten. Im Allgemeinen wird diese ältere chemische Theorie von Wiedemann (I, S.784) dahin zusammengefaßt, daß nach ihr die s.g. Kontakts- 35 elektricität „nur dann auftreten soll, wenn zugleich eine wirkliche chemische Einwirkung der einander berührenden Körper, oder doch eine, wenn auch nicht direkt mit chemischen Prozessen verbundne, Störung des chemischen Gleichgewichts, eine ,Tendenz zur chemischen Wirkung4 zwischen denselben in Thätigkeit kommt“. /	40
/13/ Man sieht, die Frage nach der Energiequelle des Stroms wird von
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beiden Theilen nur ganz indirekt gestellt, wie das damals auch kaum anders sein konnte. Volta und seine Nachfolger fanden es ganz in der Ordnung, daß bloße Berührung heterogener Körper einen dauernden Strom erzeugen, also eine bestimmte Arbeit ohne Gegenleistung ausführen könne. Ritter und seine Anhänger sind ebensowenig im Klaren darüber, wie denn die chemische Aktion die Kette in den Stand setzt, den Strom und seine Arbeitsleistungen zu erzeugen. Wenn aber für die chemische Theorie durch Joule, Favre, Raoult u. A. dieser Punkt längst aufgeklärt ist, so findet das Gegentheil statt für die Kontaktstheorie. Sie steht, soweit sie sich erhalten hat, noch immer wesentlich auf dem Punkt von dem sie ausging. Vorstellungen, die einer längst überwundnen Zeit angehören, einer Zeit, wo man zufrieden sein mußte, für eine beliebige Wirkung die nächstbeste, auf der Oberfläche hervortretende scheinbare Ursache anzugeben, gleichviel ob man dabei Bewegung aus Nichts entstehen ließ — Vorstellungen, die dem Satz von der Erhaltung der Energie direkt widersprechen, leben so in der heutigen Elek-tricitätslehre immer noch fort. Und wenn dann diese Vorstellungen ihrer anstößigsten Seiten beraubt, abgeschwächt, verwässert, kastrirt, beschönigt werden, so bessert das Nichts an der Sache: Die Verwirrung muß nur umso schlimmer werden.
Wie wir sehen, erklärt selbst die ältere chemische Stromtheorie die Kontaktsverhältnisse der Kette für durchaus nothwendig zur Strombildung; sie behauptet nur daß diese Kontakte nie einen dauernden Strom fertig bringen ohne gleichzeitige chemische Aktion. Und es ist auch heute noch selbstredend, daß die Kontaktseinrichtungen der Kette grade den Apparat herstellen, vermittelst dessen freigesetzte chemische Energie in Elektricität übergeführt wird und daß es von diesen Kontaktseinrichtungen wesentlich abhängt ob und wie viel chemische Energie wirklich in elektrische Bewegung übergeht.
Wiedemann, als einseitiger Empiriker, sucht von der alten Kontaktstheorie zu retten was zu retten ist. Folgen wir ihm hierbei.
„Wenn auch die Wirkung des Kontakts chemisch indifferenter Körper (sagt Wiedemann I, S. 799) z. B. der Metalle, wie man wohl früher glaubte, weder zur Theorie der Säule erforderlich, noch auch dadurch bewiesen ist, daß Ohm sein Gesetz daraus ableitete, welches auch ohne diese Annahme abzuleiten ist, und Fechner, welcher dieses Gesetz experimentell bestätigte, gleichfalls die Kontakttheorie vertheidigte, so dürfte doch die Elektricitäts-erregung durch Meta/fkontakt, wenigstens nach den jetzt vorliegenden Versuchen, nicht zu leugnen sein, selbst wenn die in quantitativer Beziehung zu erzielenden Resultate in dieser Beziehung wegen der Unmöglichkeit, die Oberflächen der einander berührenden Körper absolut rein zu erhalten, immer mit einer unvermeidlichen Unsicherheit behaftet sein möchten.“
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Man sieht, die Kontaktstheorie ist sehr bescheiden geworden. Sie gibt zu, daß sie zur Erklärung des Stroms durchaus nicht erforderlich, auch weder von Ohm theoretisch noch von Fechner experimentell bewiesen ist. Sie gibt sogar zu, daß die s. g. Fundamentalversuche, auf die sie sich dann allein noch stützen kann, in quantitativer Beziehung immer nur unsichre Resultate 5 liefern können, und verlangt schließlich von uns nur noch die Anerkennung, daß überhaupt durch Kontakt — wenn auch nur von Metallenl — eine Elektricitätserregung stattfinde. /
/[14]/ Bliebe die Kontaktstheorie hierbei stehn, so wäre kein Wort dagegen einzuwenden. Daß bei dem Kontakt zweier Metalle elektrische Erschei- 10 nungen auftreten, vermöge deren man einen präparirten Froschschenkel zucken machen, ein Elektroskop laden und andre Bewegungen hervorrufen kann, das wird wohl unbedingt zugegeben werden. Es fragt sich zunächst nur: woher stammt die dazu erforderliche Energie?
Um diese Frage zu beantworten, werden wir, nach Wiedemann I, S. 14, 15 „etwa folgende Betrachtungen anstellen: Werden die heterogenen Metallplatten A und B bis auf eine geringe Entfernung einander genähert, so ziehen sie sich in Folge der Adhäsionskräfte an. Bei ihrer gegenseitigen Berührung verlieren sie die ihnen durch diese Anziehung ertheilte lebendige Kraft der Bewegung. (Nehmen wir an, daß die Moleküle der Metalle in permanenten 20 Schwingungen sich befinden, so könnte auch, wenn bei dem Kontakt der heterogenen Metalle die ungleichzeitig schwingenden Moleküle einander berühren, hierbei eine Abänderung ihrer Schwingungen unter Verlust von lebendiger Kraft eintreten.) Die verlorne lebendige Kraft setzt sich zum großen Theil in Wärme um. Ein kleiner Theil derselben wird aber dazu 25 verwendet, die vorher nicht getrennten Elektricitäten anders zu vertheilen. Wie wir schon oben erwähnt, laden sich, etwa in Folge einer ungleichen Anziehung für die beiden Elektricitäten, die aneinander gebrachten Körper mit gleichen Mengen positiver und negativer Elektricität.“
Die Bescheidenheit der Kontaktstheorie wird immer größer. Zuerst wird 30 anerkannt daß die gewaltige elektrische Scheidungskraft, die später solche Riesenarbeit zu leisten hat, in sich selbst keine eigne Energie besitzt, sondern daß sie nicht fungiren kann solange ihr nicht Energie von Außen zugeführt wird. Und dann wird ihr eine mehr als zwerghafte Energiequelle angewiesen, die lebendige Kraft der Adhäsion, die erst auf kaum meßbaren Entfernungen 35 in Wirksamkeit tritt und die Körper einen kaum meßbaren Weg zurücklegen läßt. Doch einerlei: sie besteht unläug||[15]|bar und verschwindet beim Kontakt ebenso unläugbar. Aber auch diese Minimalquelle liefert noch zu viel Energie für unsern Zweck: ein großerTheil setzt sich in Wärme um, und nur ein kleiner Theil dient dazu, die elektrische Scheidungskraft ins Leben 40 zu rufen. Obwohl nun bekanntlich Fälle genug in der Natur vorkommen, wo
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äußerst geringe Anstöße äußerst gewaltige Wirkungen herbeiführen, so scheint doch Wiedemann selbst zu fühlen daß hier seine kaum noch tropfende Energiequelle schwerlich ausreicht und er sucht eine mögliche zweite Quelle in der Annahme einer Interferenz der Molekularschwingungen der beiden Metalle an den Berührungsflächen. Abgesehn von andern Schwierigkeiten, die uns hier entgegen treten, haben Grove und Gassiott nachgewiesen daß zur Elektricitätserregung wirklicher Kontakt gar nicht einmal erforderlich ist, wie uns Wiedemann eine Seite vorher selbst erzählt. Kurz, die Energiequelle für die elektrische Scheidungskraft versiegt mehr und mehr, je länger wir sie betrachten.
Und dennoch kennen wir bis jetzt für die Elektricitätserregung beim Metallkontakt kaum eine andre. Nach Naumann (allg. und phys. Chemie, Heidelberg 1877, S.675) „verwandeln die kontakt-elektromotorischen Kräfte Wärme in Elektricität“; er findet „die Annahme natürlich, daß das Vermögen dieser Kräfte, elektrische Bewegung hervorzubringen, auf der vorhandnen Wärmemenge beruht oder mit andern Worten eine Funktion der Temperatur ist“, was auch durch Le Roux experimentell bewiesen sei. Auch hier bewegen wir ||[16]| uns ganz im Unbestimmten. Auf die chemischen Vorgänge zurückzugreifen, die an den, stets mit einer dünnen, für uns so gut wie untrennbaren Schicht von Luft und unreinem Wasser beschlagnen Kontaktflächen in geringem Maß unaufhörlich vorgehn, also die Elektricitätserregung aus der Anwesenheit eines unsichtbaren aktiven Elektrolyten zwischen den Kontaktflächen zu erklären, verbietet uns das Gesetz der Spannungsreihe der Metalle. Ein Elektrolyt müßte im Schließungskreis einen dauernden Strom erzeugen; die Elektricität des bloßen Metallkontakts verschwindet im Gegentheil, sobald der Kreis geschlossen wird. Und hier kommen wir auf den eigentlichen Punkt: ob, und in welcher Weise diese von Wiedemann selbst zuerst auf die Metalle beschränkte, ohne fremde Energiezufuhr für arbeitsunfähig erklärte, und dann auf eine wahrhaft mikroskopische Energiequelle ausschließlich angewiesene „elektrische Scheidungskraft“ durch Kontakt chemisch indifferenter Körper die Bildung des dauernden Stroms möglich macht.
Die Spannungsreihe ordnet die Metalle der Art, daß jedes gegen das vorhergehende elektronegativ und gegen das folgende elektropositiv sich verhält. Legen wir also in dieser Ordnung eine Reihe von Metallstäben, etwa Zink, Zinn, Eisen, Kupfer, Platin aneinander, so werden wir an den beiden Enden elektrische Spannungen erhalten können. Ordnen wir aber die Metallreihe zu einem Schließungs||17|kreis, sodaß auch das Zink und das Platin sich berühren, so gleicht sich die Spannung sofort aus und verschwindet. „In einem geschlossenen Kreise von Körpern, welche der Spannungsreihe angehören, ist also die Bildung einer dauernden Elektricitätsströmung nicht
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möglich.“ Diesen Satz unterstützt Wiedemann noch durch folgende theoretische Erwägung: „In der That würde, wenn ein dauernder Elektricitäts-strom in dem Kreise aufträte, durch denselben in den metallischen Leitern selbst Wärme erzeugt, die höchstens durch eine Erkältung an den Kontaktstellen der Metalle aufgehoben würde. Es würde jedenfalls eine ungleiche 5 Wärmevertheilung hervorgerufen; auch könnte durch den Strom ohne Zufuhr von Außen dauernd eine elektromagnetische Bewegungsmaschine getrieben und so eine Arbeit geleistet werden, was unmöglich ist, da bei fester Verbindung der Metalle, etwa durch Löthung, auch an den Kontaktstellen keine Veränderungen mehr statthaben können, die diese Arbeit kom- 10 pensiren.“
Und nicht genug mit dem theoretischen und experimentellen Beweis, daß die Kontaktselektricität der Metalle allein Keinen Strom erzeugen kann: wir werden auch sehn daß Wiedemann eine besondre Hypothese aufzustellen sich genöthigt sieht um ihre Wirksamkeit auch da zu beseitigen wo sie sich 15 im Strom etwa geltend machen könnte.
Versuchen wir also einen andern Weg, um von der Kontaktselektricität zum Strom zu kommen. Denken wir uns mit Wiedemann „zwei Metalle, wie einen Zink- und einen Kupferstab, mit ihren einen Enden verlöthet, ihre freien Enden aber durch einen dritten Körper verbunden, der gegen beide 20 Metalle nicht elektromotorisch wirkt, sondern nur die auf ihren Oberflächen angesammelten entgegengesetzten Elektricitäten leitete, so daß sie sich in ihm ausglichen, so würde die elektrische Scheidungskraft dann stets die frühere Spannungsdifferenz wieder herstellen, und so ein dauernder Elek-tricitätsström in dem Kreise entstehn, der ohne jeden Ersatz eine Arbeit 25 leisten könnte, was wiederum unmöglich ist. Demnach kann es ||[18]| keinen Körper geben der ohne elektromotorische Thätigkeit gegen die andern Körper nur die Elektricität leitet.“ Wir sind nicht weiter als vorher: die Unmöglichkeit, Bewegung zu erschaffen, versperrt uns abermals den Weg.
Mit dem Kontakt chemisch indifferenter Körper, also mit der eigentlichen 30 Kontaktselektricität, bringen wir nie und nimmer einen Strom zu Stande. Kehren wir also nochmals um, und versuchen wir einen dritten Weg, den Wiedemann uns zeigt:
„Senken wir endlich eine Zink- und eine Kupferplatte in eine Flüssigkeit ein, welche eine s.g. binäre Verbindung enthält, welche also in zwei chemisch 35 verschiedne Bestandtheile zerfallen kann, die sich völlig sättigen, z. B. verdünnte Chlorwasserstoff säure (H + CI) usf., so ladet sich nach §27 das Zink negativ, das Kupfer positiv. Bei Verbindung der Metalle gleichen sich diese Elektricitäten durch die Kontaktstelle hindurch aus, durch welche also ein Strom positiver Elektricität vom Kupfer zum Zink fließt. Da auch die 40 beim Kontakt letzterer Metalle auftretende elektrische Scheidungskraft die
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positive Elektricität in gleichem Sinne fortführt, so heben sich die Wirkungen der elektrischen Scheidungskräfte nicht auf, wie in einem geschlossenen Metallkreise. Es entsteht also ein dauernder Strom von positiver Elektricität, der in dem geschlossenen Kreise vom Kupfer durch seine Kontaktstelle mit dem Zink zu letzterem, und vom Zink durch die Flüssigkeit zum Kupfer fließt. Wir werden alsbald § 34 darauf zurückkommen, in wie fern wirklich die einzelnen, in der Schließung vorhandenen, elektrischen Scheidungskräfte an der Bildung dieses Stroms mitwirken. — Eine Kombination von Leitern, welche einen solchen galvanischen Strom liefert, nennen wir ein galvanisches Element, wohl auch eine galvanische Kette“ (I, S. 45).
Das Wunder wäre also fertig gebracht. Durch die bloße elektrische Scheidungskraft des Kontakts, die nach Wiedemann selbst ohne Energiezufuhr von Außen nicht wirken kann, ist hier ein dauernder Strom erzeugt. Und wenn uns zu seiner Erklärung weiter nichts geboten würde als obige Stelle aus Wiedemann, so bliebe dies in der That ein vollständiges Wunder. Was lernen wir hier über den Vorgang?
1)	Wenn Zink und Kupfer in eine Flüssigkeit ge|( [19] (taucht werden, welche eine s. g. binäre Verbindung enthält, so ladet sich nach § 27 das Zink negativ, das Kupfer positiv. — Nun steht im ganzen § 27 kein Wort von einer binären Verbindung. Er beschreibt nur ein einfaches Voltasches Element aus einer Zink- und einer Kupferplatte, zwischen denen eine, mit einer sauren Flüssigkeit befeuchtete Tuchscheibe liegt, und untersucht dann, ohne Erwähnung irgend welcher chemischen Vorgänge, die dabei erfolgenden statisch-elektrischen Ladungen der beiden Metalle. Die s.g. binäre Verbindung wird hier also durchs Hinterthürchen hineingeschmuggelt.
2)	Was diese binäre Verbindung hier soll, bleibt vollständig geheimnißvoll. Der Umstand, daß sie „in zwei chemische Bestandtheile zerfallen kann, die sich völlig sättigen“ (sich völlig sättigen, nachdem sie zerfallen sind?!) könnte uns doch höchstens etwas Neues lehren, wenn sie wirklich zerfiele. Davon wird uns aber kein Wort gesagt; wir müssen also einstweilen annehmen, daß sie nicht zerfällt. Z. B. ein Paraffin.
3)	Nachdem also das Zink in der Flüssigkeit negativ und das Kupfer positiv geladen, bringen wir sie (außerhalb der Flüssigkeit) in Berührung. Alsbald „gleichen sich diese Elektricitäten durch die Kontaktstellen hindurch aus, durch welche also ein Strom positiver Elektricität vom Kupfer zum Zink hinfließt“. Wir erfahren wieder nicht, warum nur ein Strom „positiver“ Elektricität in der einen Richtung, und nicht auch ein Strom „negativer“ Elektricität in der entgegen gesetzten Richtung fließt. Wir erfahren überhaupt nicht was aus der negativen Elektricität wird, die doch bisher ebenso nothwendig war wie die positive; die Wirkung der elektrischen Scheidungskraftbestand ja grade darin, sie beide einander frei gegenüber zu stellen. Jetzt
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wird sie plötzlich unterdrückt, gewissermaßen unterschlagen, und der Schein wird angenommen, als existire bloß positive Elektricität. Dann aber wird auf S. 51 wieder das gerade Gegentheil gesagt, denn hier vereinen sich die Elektricitäten in einem Strom, es fließt darin also sowohl negative wie positive! Wer hilft uns aus dieser Verwirrung? |	5
|[20]| 4) „Da auch die beim Kontakt letzterer Metalle auftretende elektrische Scheidungskraft die positive Elektricität in gleichem Sinne fortführt, so heben sich die Wirkungen der elektrischen Scheidungskräfte nicht auf, wie in einem geschlossenen Metallkreise. Es entsteht also ein dauernder Strom“ usw. — Dies ist etwas stark. Denn wie wir sehen werden, weist uns 10 wenige Seiten später (S. 52) Wiedemann nach daß bei der „Bildung des dauernden Stroms ... die elektrische Scheidungskraft an der Kontaktstelle der Metalle ... unthätig sein muß“', daß nicht nur ein Strom stattfindet, auch wenn sie, statt die positive Elektricität in gleichem Sinn fortzuführen, der Stromesrichtung entgegen wirkt, sondern daß sie auch in diesem Fall nicht 15 durch einen bestimmten Antheil der Scheidungskraft der Kette kompensirt wird, also wiederum unthätig ist. Wie kann also Wiedemann auf S. 45 eine elektrische Scheidungskraft als nothwendigen Faktor an der Strombildung mitwirken lassen, die er S. 52 für die Dauer des Stroms außer Thätigkeit setzt, und noch dazu durch eine, eigens zu diesem Zweck aufgestellte Hypo- 20 these?
5) „Es entsteht also ein dauernder Strom von positiver Elektricität, der in dem geschlossenen Kreise vom Kupfer durch seine Kontaktstelle mit dem Zink zu letzterem, und vom Zink durch die Flüssigkeit zum Kupfer fließt.“ — Aber es würde bei einem solchen dauernden Elektricitätsstrom „durch 25 denselben in den Leitern selbst Wärme erzeugt“, auch könnte durch ihn „eine elektromagnetische Bewegungsmaschine getrieben und so eine Arbeit geleistet werden“ was aber ohne Zufuhr von Energie unmöglich ist. Da uns Wiedemann bisher nicht mit einer Silbe verrathen hat, ob und woher eine solche Zufuhr von Energie stattfindet, so bleibt der dauernde Strom bis jetzt 30 ebensosehr ein Ding der Unmöglichkeit wie in den vorher untersuchten beiden Fällen.
Niemand fühlt dies mehr als Wiedemann. Er findet es also angemessen, so rasch wie möglich über die vielen kitzlichen Punkte dieser ||21| verwunderlichen Erklärung der Strombildung hinwegzueilen und den Leser 35 dafür ein paar Seiten lang mit allerlei elementaren Histörchen über die thermischen, chemischen, magnetischen und physiologischen Wirkungen dieses noch immer geheimnißvollen Stroms zu unterhalten, wobei er ausnahmsweise sogar in ganz populären Ton fällt. Dann fährt er auf einmal fort (S.49):	40
„Wir haben jetzt zu untersuchen, in welcher Weise die elektrischen
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Scheidungskräfte in einem geschlossenen Kreise von zwei Metallen und einer Flüssigkeit, z. B. Zink, Kupfer, Chlorwasserstoffsäure, thätig sind.“
„Wir wissen, daß die Bestandtheile der in der Flüssigkeit enthaltenen binären Verbindung (HCl) bei dem Hindurchfließen des Stroms sich in der Weise trennen, daß der eine (H) am Kupfer und eine äquivalente Menge des andern (CI) am Zink frei wird, wobei der letztere sich mit einer äquivalenten Menge Zink zu ZnCl verbindet.“
Wir wissen! Wenn wir dies wissen, so wissen wir es sicher nicht von Wiedemann, der uns von diesem Vorgang, wie wir sahen, bisher auch nicht eine Silbe verrathen hatte. Und ferner, wenn wir etwas über diesen Vorgang wissen, so ist es dies, daß er nicht in der von Wiedemann geschilderten Weise vor sich gehn kann.
Bei der Bildung eines Moleküls HCl aus Wasserstoff gas und Chlorgas wird eine Energiemenge = 22000 Wärmeeinheiten freigesetzt (Julius Thomsen). Um das Chlor aus seiner Verbindung mit dem Wasserstoff wieder loszureißen, muß also für jedes Molekül HCl die gleiche Energiemenge von Außen zugeführt werden. Woher bezieht die Kette diese Energie? Die Wiedemannsche Darstellung sagt es uns nicht; sehen wir uns also selbst um.
Wenn sich Chlor mit Zink zu Zinkchlorid verbindet, so wird dabei eine bedeutend größere Energiemenge freigesetzt als nöthig ist, das Chlor vom Wasserstoff zu trennen. (Zn, Cl2) entwickelt 97210, 2 (H, CI) 44000 Wärmeeinheiten (Jul. Thomsen). Und hiermit wird der Vorgang in der Kette erklärlich. Es wird also nicht, wie Wiedemann erzählt, der Wasserstoff ohne Weiteres am Kupfer und das Chlor am Zink frei, „wobei“ dann nachträglicher und zufälliger Weise Zink und Chlor sich verbinden. Im Gegentheil: die Verbindung des Zinks mit dem Chlor ist die wesentlichste Grundbedingung des ganzen Prozesses, und solange sich diese nicht vollzieht, wird man am Kupfer vergebens auf Wasserstoff warten.
Der Überschuß der Energie, welche bei der Bildung eines Moleküls ZnCl2 frei wird, über die, welche zur Freisetzung zweier Atome H aus zwei Molekülen HCl verwendet wird, verwandelt sich in der Kette in elektrische Bewegung und liefert die gesammte „elektromotorische Kraft“, die im Stromkreis zu Tage tritt. Es ist also nicht eine mysteriöse „elektrische Scheidungskraft“ die ohne bisher nachgewiesene Energiequelle Wasserstoff und Chlor auseinanderreißt, es ist der in der Kette sich vollziehende chemische Gesammtprozeß, der die sämmtlichen „elektrischen Scheidungskräfte“ und „elektromotorischen Kräfte“ des Schließungskreises mit der zu ihrer Existenz nöthigen Energie versieht.
Konstatiren wir also einstweilen daß Wiedemanns zweite Stromerklärung ebensowenig vom Fleck hilft wie seine erste, und gehn wir weiter im Text:
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„Dieser Vorgang beweist, daß das Verhalten des binären Körpers zwischen den Metallen nicht mehr allein in einer einfachen überwiegenden Anziehung seiner ganzen Masse gegen die eine oder andre Elektricität, wie bei den Metallen, besteht, sondern hierbei noch eine besondre Wirkung seiner Bestandtheile hinzutritt. Da der Bestandtheil CI sich da abscheidet, 5 wo der Strom der positiven Elektricität in die Flüssigkeit ||[22]| eintritt, der Bestandtheil H da, wo die negative Elektricität eintritt, nehmen wir an, daß je ein Aequivalent des Chlors in der Verbindung HCl mit einer bestimmten Menge negativer Elektricität geladen sei, die seine Anziehung durch die eintretende positive Elektricität bedingt. Es ist der elektronegative Bestand- 10 theil der Verbindung. Ebenso muß das Aequivalent H mit positiver Elektricität geladen sein und so den elektropositiven Bestandtheil der Verbindung dar stellen. Diese Ladungen könnten sich bei der Verbindung von H und CI ganz ähnlich darstellen wie beim Kontakt von Zink und Kupfer. Da die Verbindung HCl für sich unelektrisch ist, müssen wir dem entsprechend 15 annehmen, daß in derselben die Atome des positiven und negativen Bestand-theils gleiche Mengen positiver und negativer Elektricität enthalten.
Wird nun in verdünnte Chlorwasserstoffsäure eine Zinkplatte und eine Kupferplatte eingesenkt, so können wir vermuthen, daß das Zink eine stärkere Anziehung gegen den elektronegativen Bestandtheil (CI) derselben 20 habe als gegen den elektropositiven (H). In Folge dessen würden sich die das Zink berührenden Moleküle der Chlorwasserstoffsäure so lagern, daß sie ihre elektronegativen Bestandtheile dem Zink, ihre elektropositiven dem Kupfer zukehrten. Indem die so geordneten Bestandtheile durch ihre elektrische Anziehung auf die folgenden Moleküle HCl einwirken, ordnet sich 25 die ganze Reihe der Moleküle zwischen der Zink- und Kupferplatte wie in
Zink	Kupfer +
- + - + - + - + - + CI H CI H CI H CI H CI H -	30
Wirkte das zweite Metall auf den positiven ||[23]| Wasserstoff wie das Zink auf das negative Chlor, so würde hierdurch die Einstellung befördert. Wirkte es entgegengesetzt, nur schwächer, so bleibt wenigstens die Richtung ungeändert.
Durch die influenzirende Wirkung der negativen Elektricität des dem Zink 35 anliegenden elektronegativen Bestandtheils Chlor würde im Zink die Elektricität so vertheilt, daß diejenigen Stellen desselben, welche dem Chlor des zunächst liegenden Säureatoms nahe liegen, sich positiv, die ferner liegenden negativ lüden. Ebenso würden im Kupfer zunächst dem elektropositiven Bestandtheil (H) des anliegenden Chlorwasserstoffatoms die negative 40 Elektricität angehäuft, die positive zu den ferneren Theilen hingetrieben.
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Darauf würde sich die positive Elektricität im Zink mit der negativen des nächstliegenden Atoms CI und letzteres selbst mit dem Zink verbinden. Das elektropositive Atom H, welches vorher mit jenem Atom verbunden war, würde sich mit dem ihm zugekehrten Atom CI des zweiten Atoms HCl unter gleichzeitiger Verbindung der in diesen Atomen enthaltenen Elektricitäten vereinen; ebenso verbände sich das H des zweiten Atoms HCl mit dem CI des dritten Atoms usfbis endlich am Kupfer ein Atom frei würde, dessen positive Elektricität sich mit der vertheilten negativen des Kupfers vereinte, sodaß es im unelektrischen Zustand entwiche.“ Dieser Prozeß würde „solange sich wiederholen, bis die Abstoßung der in den Metallplatten angehäuften Elektricitäten auf die Elektricitäten der ihnen zugewandten Be-standtheile des Chlorwasserstoffs grade die chemische Anziehung der letzteren durch die Metalle äquilibrirte. Werden aber die Metallplatten mit einander leitend verbunden, ||[24]| so vereinen sich die freien Elektricitäten der Metallplatten mit einander, und es können von Neuem die früher erwähnten Prozesse eintreten. Auf diese Weise entstände eine dauernde Strömung von Elektricität. — Es ist ersichtlich, daß hierbei ein beständiger Verlust an lebendiger Kraft stattfindet, indem die zu den Metallen hin-wandernden Bestandtheile der binären Verbindung sich mit einer gewissen Geschwindigkeit zu den Metallen hinbewegen und dann, entweder unter Bildung einer Verbindung (ZnCl), oder indem sie frei entweichen (H), zur Ruhe gelangen. (Anmerkung: Da sich der Gewinn an lebendiger Kraft bei der Trennung der Bestandtheile CI und H durch die bei der Vereinigung derselben mit den Bestandtheilen der nächstliegenden Atome verlorne lebendige Kraft wieder ausgleicht, so ist der Einfluß dieses Prozesses zu vernachlässigen.) Dieser Verlust ist der Wärmemenge äquivalent, welche bei dem sichtbar hervortretenden chemischen Prozeß, also im Wesentlichen bei der Auflösung eines Aequivalents Zink in der Verdünnten Säure frei wird. Diesem Werth muß die auf die Vertheilung der Elektricitäten verwendete Arbeit gleichwerthig sein. Vereinen sich daher die Elektricitäten in einem Strom, so muß, während der Auflösung eines Aequivalents Zink und Abscheidung eines Aequivalents Wasserstoff aus der Flüssigkeit, im ganzen Schließungskreise eine Arbeit, sei es in Form von Wärme, sei es in Form von äußerer Arbeitsleistung hervortreten, die ebenfalls der jenem chemischen Prozeß entsprechenden Wärmeentwicklung äquivalent ist.“
„Nehmen wir an — könnten — müssen wir annehmen — können wir ver-muthen — würde vertheilt — lüden sich“ usw. usw. Lauter Muthmaßlichkeit und Konjunktivus, aus dem nur drei thatsächliche Indikative sich mit Bestimmtheit herausfischen lassen: erstens, daß die Verbindung des Zinks mit dem Chlor jetzt als Bedingung der Freisetzung des Wasserstoffs ausgesprochen wird; zweitens, wie wir jetzt ganz am Schluß und sozusagen
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nebenbei erfahren, daß die hierbei freigesetzte Energie die Quelle, und | |251 zwar die ausschließliche Quelle, aller zur Strombildung erforderten Energie ist, und drittens, daß diese Erklärung der Strombildung den beiden vorhergegebnen ebenso direkt ins Gesicht schlägt wie diese beiden sich gegenseitig.	5
Weiter heißt es: „Es kann also zur Bildung des dauernden Stroms einzig und allein die elektrische Scheidungskraft thätig sein, welche von der ungleichen Anziehung und Polarisirung der Atome der binären Verbindung in der Erregerflüssigkeit der Kette durch die Metallelektroden herrührt; die elektrische Scheidungskraft an der Kontaktstelle der Metalle, an welcher 10 keine mechanischen Veränderungen stattfinden können, muß dagegen un-thätig sein. Daß dieselbe, wenn sie etwa der elektromotorischen Erregung der Metalle durch die Flüssigkeit entgegen wirkt (wie bei Einsenken von Zinn und Blei in Cyankaliumlösung), nicht durch einen bestimmten Antheil der Scheidungskraft an letzteren kompensirt wird, beweist die erwähnte 15 völlige Proportionalität der gesammten elektrischen Scheidungskraft (und elektro||[26]|motorischen Kraft) im Schließungskreis mit dem erwähnten Wärmeäquivalent der chemischen Prozesse. Sie muß also auf eine andre Art neutralisirt werden. Dies würde am einfachsten unter der Annahme ge-schehn, daß beim Kontakt der Erregerflüssigkeit mit den Metallen die 20 elektromotorische Kraft in einer doppelten Weise erzeugt wird: einmal durch eine ungleich starke Anziehung der Massen der Flüssigkeit und Metalle als Ganzes gegen die eine oder die andre Elektricität; sodann durch die ungleiche Anziehung der Metalle gegen die mit entgegengesetzten Elektricitäten geladenen Bestandtheile der Flüssigkeit. ... In Folge der ersteren, 25 ungleichen Massenanziehung würden sich die Flüssigkeiten ganz nach dem Gesetz der Spannungsreihe der Metalle verhalten, und in einem geschlossenen Kreise eine völlige Neutralisation der elektrischen Scheidungskräfte (und elektromotorischen Kräfte) zu Null eintreten; die zweite, chemische Einwirkung würde dagegen allein die zur Strome sbildung erforderliche 30 elektrische Scheidungskraft und die derselben entsprechende elektromotorische Kraft liefern.“ (I, S. 52, 53.)
Hiermit wäre nun der letzte Rest der Kontakttheorie glücklich aus der Strombildung entfernt, und gleichzeitig auch der letzte Rest der ersten, S. 45 gegebnen, Wiedemannschen Erklärung der Strombildung. Es wird endlich 35 ohne Vorbehalt zugegeben, daß die galvanische Kette ein simpler Apparat ist zur Umsetzung von freiwerdender chemischer Energie in elektrische Bewegung, in s. g. elektrische Scheidungskraft und elektromotorische Kraft, ganz wie die Dampfmaschine ein Apparat ist zur Umsetzung von Wärme-Energie in mechanische Bewegung. Im einen wie im andern Falle liefert der 40 Apparat nur die Bedingungen zur Freisetzung und Formverwandlung der
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Energie, liefert aus sich selbst aber ||[27]| keine Energie. Dies einmal festgestellt, bleibt uns jetzt noch die nähere Untersuchung der dritten Version der Wiedemannschen Stromeserklärung. Wie werden hier die Energie-Umsätze im Schließungskreis der Kette dargestellt? /
/28/ Es sei ersichtlich, sagt er, daß in der Kette „ein beständiger Verlust an lebendiger Kraft stattfindet, indem die zu den Metallen hinwandernden Bestandtheile der binären Verbindung sich mit einer gewissen Geschwindigkeit zu den Metallen hinbewegen und dann, entweder unter Bildung einer Verbindung (ZnCl) oder indem sie frei entweichen (H) zur Ruhe gelangen. Dieser Verlust ist der Wärmemenge äquivalent welche bei dem sichtbar hervortretenden chemischen Prozeß, also im Wesentlichen bei der Auflösung eines Aequivalents Zink in der verdünnten Säure frei wird.“
Erstens wird, wenn der Prozeß rein vor sich geht, in der Kette bei Auflösung des Zinks gar keine Wärme frei; die freiwerdende Energie wird ja grade in Elektricität verwandelt, und erst aus dieser wieder durch den Widerstand des ganzen Schließungskreises in Wärme umgesetzt.
Zweitens ist lebendige Kraft das halbe Produkt der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit. Der obige Satz würde also lauten: die bei der Auflösung eines Aequivalents Zink in verdünnter Salzsäure freiwerdende Energie = so und so viel Calorien ist ebenfalls gleichwerthig dem halben Produkt der Masse der Ionen in das Quadrat der Geschwindigkeit, mit der sie zu den Metallen hinwandern. So ausgesprochen, ist der Satz augenscheinlich falsch; die in der Wanderung der Ionen erscheinende lebendige Kraft ist weit entfernt davon der durch den chemischen Prozeß freigesetzten Energie gleichwerthig zu sein0. Wäre sie es aber, so wäre kein Strom möglich, da keine Energie übrig bliebe für den Strom im Rest des Schließungskreises. Daher wird noch die Bemerkung untergebracht, daß die Ionen zur Ruhe gelangen „entweder unter Bildung einer Verbindung oder indem sie frei entweichen“. Wenn aber der Verlust an lebendiger Kraft auch die bei diesen beiden Vorgängen sich vollziehenden Energie-Umsätze einschließen soll, so sind
0 (Anmerkung) Neuerdings hat F. Kohlrausch (Wied. Ann. VI, 206) berechnet daß „immense Kräfte“ dazu gehören, die Ionen durch das lösende Wasser zu schieben. Um 1 mg den Weg von 1 mm zurücklegen zu lassen, sei eine Zugkraft erforderlich, für H = 32 500 Kg, für CI = 5200 Kg, also für HCl = 37 700 Kg. — Auch wenn diese Zahlen unbedingt richtig, berühren sie das oben Gesagte nicht. Die Rechnung enthält aber die auf dem Elektricitätsgebiet bisher unvermeidlichen hypothetischen Faktoren und bedarf also der Kontrole durch das Experiment. Diese scheint möglich. Erstens müssen diese „immensen Kräfte“, da wo sie verbraucht werden, also in obigem Fall in der Kette, wiedererscheinen als bestimmte Wärmemenge. Zweitens muß die von ihnen verbrauchte Energie geringer sein als die von den chemischen Prozessen der Kette gelieferte, und zwar um eine bestimmte Differenz. Drittens muß diese Differenz im übrigen Schließungskreis verbraucht werden und dort ebenfalls quantitativ nachweisbar sein. Erst nach Bestätigung durch diese Kontrole können obige Zahlenbestimmungen definitiv gelten. Die Nachweisung in der Zersetzungszelle erscheint noch ausführbarer.
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wir erst recht festgefahren. Denn diese beiden Vorgänge zusammengenommen sind es ja grade, denen wir die ganze freiwerdende Energie verdanken, sodaß hier von einem Verlust an lebendiger Kraft absolut nicht die Rede sein kann, sondern höchstens von einem Gewinn. ||29| Es ist also augenscheinlich daß sich Wiedemann bei diesem Satze selbst nichts Bestimmtes gedacht hat, 5 vielmehr der „Verlust an lebendiger Kraft“ nur den deus ex machina vorstellt, der ihm den fatalen Sprung aus der alten Kontaktstheorie in die chemische Stromerklärung möglich machen soll. In der That hat der Verlust an lebendiger Kraft jetzt seine Schuldigkeit gethan und wird verabschiedet;
von nun an gilt der chemische Vorgang in der Kette unbestritten als einzige 10 Energiequelle der Strombildung, und die einzige noch übrige Sorge unsres Verfassers ist die, wie er den letzten Rest der Elektricitätserregung beim Kontakt chemisch indifferenter Körper, nämlich die an der Kontaktstelle der beiden Metalle thätige Scheidungskraft, auch noch mit guter Manier aus dem Strom los wird. /	15
/[30]/ Wenn man die obige Wiedemannsche Erklärung der Strombildung
liest, so glaubt man ein Stück jener Apologetik vor sich zu haben, mit der die ganz und halb gläubigen Theologen vor beinahe vierzig Jahren der philologisch-historischen Bibelkritik von Strauß, Wilke, Bruno Bauer u. A. entgegentraten. Die Methode ist ganz dieselbe. Sie muß es sein. Denn in 20 beiden Fällen handelt es sich um die Rettung der überlieferten Tradition vor der denkenden Wissenschaft. Die exklusive Empirie, die sich das Denken höchstens in der Form des mathematischen Rechnens erlaubt, bildet sich ein nur mit unläugbaren Thatsachen zu hantieren. In Wirklichkeit aber hantiert sie vorzugsweise mit überkommenen Vorstellungen, mit großentheils ver- 25 alteten Produkten des Denkens ihrer Vorgänger, als da sind positive und negative Elektricität, elektrische Scheidungskraft, Kontaktstheorie. Diese dienen ihr zur Grundlage endloser mathematischer Rechnungen, in denen sich die hypothetische Natur der Voraussetzungen über der Strenge der mathematischen Formulirung angenehm vergessen läßt. So skeptisch diese 30 Art Empirie sich verhält gegen die Resultate des gleichzeitigen Denkens, so gläubig steht sie da vor jenen des Denkens ihrer Vorgänger. Sogar die experimentell festgestellten Thatsachen sind ihr allgemach untrennbar geworden von den zugehörigen überlieferten Deutungen; die einfachste elektrische Erscheinung wird in der Darstellung verfälscht z.B. durch Ein- 35 schmuggelung der beiden Elektricitäten; diese Empirie kann die Thatsachen nicht mehr richtig schildern, weil die überkommene Deutung mit in die Schilderung unterläuft. Mit einem Wort, wir haben hier auf dem Gebiet der Elektricitätslehre eine ebenso entwickelte Tradition wie auf dem der Theologie. Und da auf beiden Gebieten die Resultate der neueren Forschung, die 40 Feststellung ||[31 ]| bisher unbekannter oder bestrittener Thatsachen, und die
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daraus nothwendig sich ergebenden theoretischen Folgerungen der alten Überlieferung unbarmherzig ins Gesicht schlagen, so gerathen die Ver-theidiger dieser Überlieferung in die ärgste Klemme. Sie müssen ihre Zuflucht nehmen zu allerhand Winkelzügen, unhaltbaren Ausreden, zu Vertuschungen unversöhnbarer Widersprüche, und gerathen damit schließlich selbst in ein Gewirr von Widersprüchen aus dem für sie kein Ausweg ist. Es ist dieser Glaube an die ganze alte Elektricitätstheorie, der Wiedemann hier in den rettungslosesten Widerspruch mit sich selbst verwickelt, einfach durch den hoffnungslosen Versuch, die alte Stromerklärung durch „Kontaktkraft“ mit der neueren durch Freisetzung chemischer Energie rationalistisch zu vermitteln.
/[32]/ Man wird vielleicht einwenden, die obige Kritik der Wiedemann-schen Stromerklärung beruhe auf Wortklauberei; wenn Wiedemann sich im Anfang auch etwas nachlässig und ungenau ausdrücke, so gebe er doch schließlich die richtige, mit dem Satz von der Erhaltung der Energie stimmende Darstellung und mache damit Alles gut. Dem gegenüber lassen wir hier ein andres Beispiel folgen, seine Schilderung des Hergangs in der Kette: Zink, verdünnte Schwefelsäure, Kupfer.
„Verbindet man die beiden Platten durch einen Draht, so entsteht ein galvanischer Strom ... Es scheidet sich durch den elektrolytischen Prozeß aus dem Wasser der verdünnten Schwefelsäure am Kupfer lAeq. Wasserstoff aus, welcher in Blasen entweicht. Am Zink bildet sich 1 Aeq. Sauerstoff, der das Zink zu Zinkoxyd oxydirt, welches sich in der umgebenden Säure zu schwefelsaurem Zinkoxyd löst.“ (I, S. 593).
Um Wasser Stoff gas und Sauerstoffgas aus Wasser abzuscheiden, dazu ist für jedes Wassermolekül eine Energie =68924 Wärmeeinheiten erforderlich. Woher kommt nun in obiger Kette die Energie? „Durch den elektrolytischen Prozeß.“ Und woher nimmt sie der elektrolytische Prozeß? Keine Antwort.
Nun aber erzählt uns ferner Wiedemann nicht einmal, sondern mindestens zweimal (I, S.472 und 614) daß überhaupt „nach neueren Erfahrungen das Wasser selbst nicht zersetzt wird“, sondern in unserm Fall die Schwefelsäure, H2SO4, die einerseits zu H2, andrerseits zu SO3 + O zerfällt, wobei H2 und O unter Umständen gasförmig entweichen 1133| können. Dadurch aber ändert sich die ganze Natur des Prozesses. Das H2 von H2SO4 wird direkt ersetzt durch das zweiwerthige Zink und bildet Zinksulfat, ZnSO4. Bleibt übrig, auf der einen Seite H2, auf der andern SO3 + O. Die beiden Gase entweichen in den Verhältnissen in denen sie Wasser bilden, das SO3 verbindet sich mit Lösungswasser H2O wieder zu H2SO4, d. h. Schwefelsäure. Bei der Bildung von ZnSO4 wird aber eine Energiemenge entwickelt, die nicht nur zur Verdrängung und Freisetzung des Wasserstoffs der Schwefelsäure
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hinreicht, sondern noch einen bedeutenden Überschuß läßt, der in unserm Fall zur Strombildung verwendet wird. Das Zink wartet also nicht, bis der elektrolytische Prozeß ihm den freien Sauerstoff zur Verfügung stellt, um sich damit erst zu oxydiren und dann in der Säure zu lösen. Im Gegentheil. Es tritt direkt in den Prozeß ein, der erst durch diesen Eintritt des Zinks 5 überhaupt zu Stande kommt.
Wir sehen hier, wie den veralteten Kontakts vor Stellungen veraltete chemische Vorstellungen zu Hülfe kommen. Nach der neueren Anschauung ist ein Salz eine Säure, worin der Wasserstoff durch ein Metall ersetzt ist. Der hier zu untersuchende Vorgang bestätigt diese Anschauung: die direkte 10 Verdrängung des Wasserstoffs der Säure durch das Zink erklärt den Energie-Umsatz vollkommen. Die ältere Anschauung, der Wiedemann folgt, hält ein Salz für eine Verbindung eines Metalloxyds mit einer Säure, und spricht daher, statt von Zinksulfat, von schwefelsaurem Zinkoxyd. Um aber in unsrer Kette vom Zink und Schwefelsäure zu schwefelsaurem Zinkoxyd zu 15 kommen, muß das Zink erst oxydirt werden. Um das Zink schnell genug zu oxydiren, müssen wir freien Sauerstoff haben. Um zu freiem Sauerstoff zu kommen, müssen wir — da am Kupfer Wasserstoff erscheint — annehmen daß das Wasser zersetzt wird. Um das Wasser zu zersetzen, brauchen wir eine gewaltige Energie, wie zu dieser kommen? Einfach „durch den elek- 20 trolytischen Prozeß“, der selbst wieder nicht in Gang kommen kann, solange nicht sein chemisches Schlußprodukt, das „schwefelsaure Zinkoxyd“ angefangen, sich zu bilden. Das Kind gebiert die Mutter. |
|[34]| Auch hier also wird bei Wiedemann der ganze Verlauf total umgekehrt und auf den Kopf gestellt. Und zwar deßwegen, weil Wiedemann 25 aktive und passive Elektrolyse, zwei direkt entgegen gesetzte Prozesse, ohne Weiteres zusammen wirft als Elektrolyse schlechthin.
/[31]/ Bisher haben wir nur die Vorgänge in der Kette untersucht, d.h. denjenigen Prozeß, bei dem ein Überschuß von Energie durch chemische 30 Aktion frei und durch die Einrichtungen der Kette in Elektricität umgesetzt wird. Dieser Prozeß kann aber bekanntlich auch umgekehrt werden: die in der Kette aus chemischer Energie dargestellte Elektricität des dauernden Stroms kann ihrerseits wieder in chemische Energie rückverwandelt werden in der in den Schließungskreis eingesetzten Zersetzungszelle. Beide Prozesse 35 sind augenscheinlich einander entgegengesetzt; und fassen wir den ersten als chemisch-elektrisch, so ist der zweite elektrochemisch. Beide können in demselben Schließungskreise von den gleichen Stoffen vorgehn. So kann die Säule aus Gaselementen, deren Strom durch Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser erzeugt wird, in einer eingeschalteten Zerset- 40 zungszelle Wasser Stoff gas und Sauerstoffgas in den Verhältnissen liefern,
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in denen sie Wasser bilden. Die übliche Betrachtungsweise faßt diese beiden entgegengesetzten Prozesse zusammen unter den Einen Ausdruck: Elektrolyse, und unterscheidet nicht einmal zwischen einer aktiven und | |[32]| einer passiven Elektrolyse, einer Erregerflüssigkeit und einem passiven Elektrolyten. So behandelt Wiedemann die Elektrolyse im Allgemeinen auf 143 Seiten, und fügt dann am Schluß einige Bemerkungen über „Elektrolyse in der Kette“ hinzu, von denen die Vorgänge in wirklichen Ketten noch dazu nur den kleinsten Theil der 17 Seiten dieses Abschnitts einnehmen. Auch in der folgenden „Theorie der Elektrolyse“ wird dieser Gegensatz von Kette und Zersetzungszelle nicht einmal erwähnt, und wer in dem sich anschließenden Kapitel: „Einfluß der Elektrolyse auf Leitungswiderstand und elektromotorische Kraft im Schließungskreise“ irgend welche Berücksichtigung der Energie-Umsätze im Schließungskreise suchte, der würde bitter enttäuscht werden.
/[34]/ Betrachten wir nun den unwiderstehlichen „elektrolytischen Prozeß“, der ohne sichtbare Energiezufuhr H2 von O trennen kann, und der in den vorliegenden Abschnitten des Buchs dieselbe Rolle spielt wie vorhin die geheimnißvolle „elektrische Scheidungskraft“.
„Neben dem primären, rein elektrolytischen Prozeß der Trennung der Ionen treten nun noch eine Menge sekundärer, von demselben ganz unabhängiger, rein chemischer Prozesse durch Einwirkung der durch den Strom abgeschiednen Ionen auf. Diese Einwirkung kann auf den Stoff der Elektroden und auf den zersetzten Körper, in Lösungen auch auf das Lösungsmittel stattfinden.“ (I, S. 481.) — Gehn wir zurück auf obige Kette: Zink und Kupfer in verdünnter Schwefelsäure. Hier sind nach Wiedemanns eigner Aussage die getrennten Ionen das H2 und O des Wassers. Folglich ist ihm die Oxydation des Zinks, und die Bildung von ZnSO4 ein sekundärer, vom elektrolytischen Prozeß unabhängiger, rein chemischer Vorgang, trotzdem durch ihn der primäre erst möglich wird. Betrachten wir nun etwas im Einzelnen die Verwirrung, die aus dieser Verkehrung des wirklichen Verlaufs nothwendig entstehn muß. /
/35/ Halten wir uns zunächst an die s.g. sekundären Prozesse in der Zersetzungszelle, wovon uns Wiedemann einige Beispiele*0 vorführt. (S. 481.82.)
I. Elektrolyse von Na2SO4 in Wasser gelöst. Dies „zerfällt ... in 1 Aeq. SO3 -I- O ... und 1 Aeq. Na ... letzteres reagirt aber auf das Lösungswasser, und scheidet aus demselben 1 Aeq. H ab, während sich 1 Aeq. Natron bildet und in dem umgebenden Wasser löst“. Die Gleichung ist:
x) (Anmerkung) Ein für alle Mal sei bemerkt, daß W. überall die alten chemischen Aequivalent-werthe anwendet, HO, ZnCl usw. schreibt. In meinen Gleichungen sind überall die modernen Atomgewichte angewandt, es heißt also H2O, ZnCl2 usw.
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Na2SO4 + 2 H2O = O + SOj + 2 NaOH + 2 H.
In diesem Beispiel könnte in der That die Zersetzung:
Na2SO4 = Na2+SO3 + O
als primärer, elektrochemischer, und die weitere Umsetzung:
Na2 + 2 H2O = 2 NaHO + 2 H	5
als sekundärer, rein chemischer Vorgang gefaßt werden. Aber dieser sekundäre Vorgang wird unmittelbar an der Elektrode bewirkt, wo der Wasserstoff erscheint, die dabei freigesetzte, sehr bedeutende Energiemenge (111810 Wärmeeinheiten für Na, O, H, Aq. nach Jul. Thomsen) wird daher, wenigstens größtentheils, in Elektricität umgesetzt, und nur ein Theil in der 10 Zelle unmittelbar in Wärme verwandelt. Letzteres kann aber auch der in der Kette direkt oder primär freigesetzten chemischen Energie passiren. Die so verfügbar gewordene und in Elektricität verwandelte Energiemenge sub-trahirt sich aber von derjenigen, die der Strom zur fortdauernden Zersetzung des Na2SO4 liefern muß. Erschien die Verwandlung des Natriums in Oxyd- 15 hydrat im ersten Moment des Gesammtvorgangs als sekundärer Prozeß, so wird sie, vom zweiten Moment an, wesentlicher Faktor des Gesammtvorgangs und hört damit auf, sekundär zu sein.
Nun findet aber noch ein dritter Prozeß in dieser Zersetzungszelle statt: SO3 verbindet sich, falls es nicht mit dem Metall der positiven Elektrode eine 20 Verbindung eingeht, wobei wieder Energie frei würde, mit H2O zu H2SO4, Schwefelsäure. Diese Umsetzung geht aber nicht nothwendig unmittelbar an der Elektrode vor sich, und die dabei frei werdende Energiemenge (21320 W. E., J. Thomsen) verwandelt sich daher ganz oder zum allergrößten Theil in der Zelle selbst in Wärme, und gibt höchstens einen sehr kleinen 25 Theil als Elektricität an den Strom ab. Der einzige wirklich sekundäre Prozeß der in dieser Zelle vorgeht, wird also von Wiedemann gar nicht erwähnt.
II. „Elektrolysirt man eine Lösung von Kupfervitriol zwischen einer positiven Elektrode von Kupfer und einer negativen von Platin, so scheidet sich, bei gleichzeitiger Zersetzung von schwefelsaurem Wasser in demselben 30 Stromkreis, an der negativen Platinelektrode auf 1 Aeq. zersetzten Wassers 1 Aeq. Kupfer aus; an der positiven Elektrode sollte 1 Aeq. SO4 erscheinen; letzteres verbindet sich aber mit dem Kupfer der Elektrode zu 1 Aeq. CuSO4, welches sich in dem Wasser der elektrolysirten Lösung auf löst.“
Wir haben uns den Prozeß in der modernen chemischen Ausdrucksweise 35 also so vorzu||[36]|stellen: Am Platin schlägt sich Cu nieder; das freiwerdende SO4 das als solches für sich nicht bestehn kann, zerfällt in SO3 + O welches letztere frei entweicht; SO3 nimmt aus dem Lösungswasser H2O auf und bildet H2SO4, welches sich wieder unter Freisetzung von H2 mit dem Kupfer der Elektrode zu CuSO4 verbindet. Wir haben hier genau gesprochen, drei Vor- 40 gänge: 1) Trennung von Cu und SO4; 2) SO3 + O + H2O = H2SO4+O;
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3) H2SO4 + Cu = H2 + CuSO4. Es liegt nahe, den ersten als primär, die beiden andern als sekundär aufzufassen. Fragen wir aber nach den Energie-Umsätzen, so finden wir daß der erste durch einen Theil des dritten Vorgangs vollständig kompensirt wird: die Trennung des Kupfers von SO4 durch die Wiedervereinigung Beider an der andern Elektrode. Wenn wir von der zur Fortschiebung des Kupfers von einer Elektrode zur andern erforderlichen Energie absehn — und ebenso von unvermeidlichem Energieverlust in der Kette durch Umsetzung in Wärme, so haben wir hier den Fall daß der s. g. primäre Vorgang dem Strom keine Energie entzieht. Der Strom liefert Energie ausschließlich zur Ermöglichung der, noch dazu indirekten, Trennung von H2 und O, die als wirkliches chemisches Resultat des ganzen Prozesses sich erweist — also zur Durchführung eines sekundären oder gar tertiären Prozesses.
In Beiden obigen Beispielen, wie auch in andern Fällen, hat die Unterscheidung von primären und sekundären Prozessen indeß eine unläugbare relative Berechtigung. So wird beide Male unter Anderm anscheinend auch Wasser zersetzt, und die Elemente des Wassers an den entgegen gesetzten Elektroden abgeschieden. Da nach den neuesten Erfahrungen absolut reines Wasser dem Ideal eines Nichtleiters also auch eines Nicht-Elektrolyts so nahe wie möglich kommt, ist es wichtig nachzuweisen, daß in diesen und ähnlichen Fällen nicht das Wasser direkt elektrochemisch zersetzt wird, sondern daß die Elemente des Wassers aus der Säure — zu deren Bildung hier das Lösungswasser allerdings mitwirken muß — abgeschieden werden. |
|37| III. „Elektrolysirt man gleichzeitig in zwei U-förmigen Röhren ... Chlorwasserstoff säure ... und bedient sich in dem einen Rohr einer positiven Elektrode von Zink, in der andern einer solchen von Kupfer, so löst sich in dem ersten Rohre die Zinkmenge 32,53, in dem zweiten die Kupfermenge 2x31,7.“
Lassen wir das Kupfer einstweilen bei Seite und halten wir uns ans Zink. Als primärer Prozeß gilt hier die Zersetzung von HCl, als sekundärer die Lösung von Zn. Nach dieser Auffassung also führt der Strom von Außen der Zersetzungszelle die zur Trennung von H und CI nöthige Energie zu, und nachdem diese Trennung vollzogen, vereinigt sich das CI mit dem Zn, wobei eine Energiemenge frei wird, die sich von der zur Trennung von H und CI erforderlichen subtrahirt; der Strom braucht also nur die Differenz zuzuführen. Soweit stimmt Alles aufs schönste; betrachten wir uns aber die beiden Energiemengen näher, so finden wir daß die bei Bildung von ZnCl2 freigesetzte größer ist als die bei Trennung von 2 HCl verbrauchte; daß also der Strom nicht nur keine Energie zuzuführen braucht, sondern im Gegentheil Energie empfängt. Wir haben gar kein passives Elektrolyt mehr vor uns,
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sondern eine Erregerflüssigkeit; keine Zersetzungszelle, sondern eine Kette, die die strombildende Säule um ein neues Element verstärkt; der Prozeß, den wir als sekundär auffassen sollen, wird absolut primär, wird die Energiequelle des ganzen Vorgangs, und macht ihn unabhängig von dem zugeführten Strom der Säule.	5
Hier sehn wir deutlich, was die Quelle der ganzen, in Wiedemann’s theoretischer Darstellung herrschenden Verwirrung ist. Wiedemann geht aus von der Elektrolyse — ob diese aktiv oder passiv, Kette oder Zersetzungszelle, ist einerlei: Pflasterkasten ist Pflasterkasten, wie der alte Major zum „Einjährigen“ Doktor der Philosophie sagte. Und da die Elektrolyse in der 10 Zersetzungszelle viel einfacher ||[38]| zu studiren ist als in der Kette, so geht er thatsächlich aus von der Zersetzungszelle, macht die in ihr sich vollziehenden Vorgänge, ihre theilweise berechtigte Eintheilung in primäre und sekundäre, zum Maßstab der gradezu umgekehrten Vorgänge in der Kette, und merkt dabei nicht einmal, wenn ihm unter der Hand die Zersetzungszelle 15 sich in eine Kette verwandelt. Daher kann er den Satz aufstellen: „die chemische Affinität der ausgeschiedenen Stoffe gegen die Elektroden ist ohne Einfluß auf den eigentlich elektrolytischen Prozeß“ (I, 471) ein Satz, der in dieser absoluten Form, wie wir sahen, total falsch ist. Daher denn die dreifache Theorie der Strombildung bei ihm: zuerst die alt-überkommene 20 vermittelst des reinen Kontakts; zweitens die vermittelst der schon abstrakter gefaßten elektrischen Scheidungskraft, die auf unerklärliche Weise sich oder dem „elektrolytischen Prozeß“ die Energie verschafft, das H und CI in der Kette auseinander zu reißen und außerdem noch einen Strom zu bilden; endlich die moderne chemisch-elektrische, die in der algebraischen 25 Summe aller chemischen Aktionen in der Kette die Quelle dieser Energie nachweist. Wie er nicht merkt daß die zweite Erklärung die erste umstößt, ebensowenig ahnt er daß die dritte ihrerseits die zweite über den Haufen wirft. Im Gegentheil, der Satz von der Erhaltung der Energie wird ganz äußerlich an die alte, von der Routine überkommene Theorie angefügt, wie 30 man einen neuen geometrischen Lehrsatz an die früheren anhängt. Keine Ahnung davon, daß dieser Satz eine Revision der ganzen traditionellen Anschauungsweise auf diesem wie auf allen andern Gebieten der Naturwissenschaft nöthig macht. Daher beschränkt sich Wiedemann darauf, ihn bei der Stromerklärung einfach zu konstatiren und legt ihn dann ruhig bei 35 Seite um ihn erst ganz am Schluß des Buchs, im Kapitel über die Arbeitsleistungen des Stroms, wieder hervorzusuchen. Selbst in der Theorie der Elektricitätserregung durch Kontakt (I, 781 ff) spielt die Erhaltung der Energie in Beziehung auf die Hauptsache gar keine Rolle, und wird nur gelegentlich zur Aufhellung von Nebenpunkten herbeigezogen; sie ist und 40 bleibt ein „sekundärer Vorgang“. |
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|[39]| Kehren wir zurück zu obigem Exempel III. Dort wurde durch denselben Strom in zwei U-förmigen Röhren Chlorwasserstoffsäure elektro-lysirt, aber in der einen Zink, in der andern Kupfer als positive Elektrode verwandt. Nach dem Faradayschen elektrolytischen Grundgesetz zersetzt derselbe galvanische Strom in jeder Zelle äquivalente Mengen der Elektro-lyte, und die Quantitäten der an beiden Elektroden abgeschiednen Stoffe stehn gleichfalls im Verhältniß ihrer Äquivalente (I, S.470). Nun fand sich, daß in obigem Fall im ersten Rohr die Zinkmenge 32,53, im andern die Kupfermenge 2 x 31,7 gelöst wurde. „Es ist dies indeß, fährt Wiedemann fort, kein Beweis für die Aequivalenz dieser Werthe. Dieselben werden nur bei sehr wenig dichten Strömen unter Bildung von Zinkchlorid ... einerseits und von Kupferchlorür ... andrerseits beobachtet. Bei dichteren Strömen würde für dieselbe gelöste Zinkmenge die Menge des gelösten Kupfers unter Bildung steigender Mengen von Chlorid ... bis zu 31,7 sinken.“
Zink bildet bekanntlich nur eine Chlorverbindung, Zinkchlorid ZnCl2; Kupfer dagegen zwei, Cuprichlorid CuCl2 und Cuprochlorid, Cu2Cl2. Der Hergang ist also, daß der schwache Strom auf je zwei Chloratome von der Elektrode zwei Kupferatome losreißt, die mit einer ihrer beiden Verbindungseinheiten unter sich verbunden bleiben, während ihre beiden freien
Cu — CI Verbindungseinheiten sich mit den zwei Chloratomen vereinigen: |
Cu—CI Wird der Strom dagegen stärker, so reißt er die Kupferatome ganz von
—CI einander, und Jedes für sich vereinigt sich mit zwei Chloratomen: Cu
—CI Bei Strömen mittlerer Stärke bilden sich beide Verbindungen neben einander. Es ist also lediglich die Stromstärke, die die Bildung der einen oder der andern Verbindung bedingt, und der Vorgang ist daher wesentlich elektrochemisch, wenn anders dies Wort einen Sinn hat. Trotzdem erklärt ihn Wiedemann ausdrücklich für sekundär, also für nicht elektrochemisch, sondern rein chemisch.
Der obige Versuch ist von Renault (1867) und gehört zu einer ganzen Reihe ähnlicher Versuche, bei denen derselbe Strom in einer U-Röhre durch Kochsalzlösung (positive Elektrode ||[40]| Zink) in einer andern Zelle durch wechselnde Elektrolyte mit verschiednen Metallen als positiven Elektroden geleitet wurde. Hierbei wichen die auf ein Aequivalent Zink gelösten Mengen der andern Metalle sehr ab, und Wiedemann gibt die Resultate der ganzen Versuchsreihe, die aber in der That meist chemisch sich von selbst verstehn und gar nicht anders sein können. So wurde auf 1 Aeq. Zink nur 2/3 Aeq. Gold in Salzsäure gelöst. Dies kann nur dann verwunderlich erscheinen, wenn man sich wie Wiedemann, an die alten Aequivalentgewichte hält und für Zink
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Chlorid ZnCl schreibt, wonach das Chlor sowohl wie das Zink nur mit einer Verbindungseinheit in dem Chlorid erscheint. In Wirklichkeit stecken darin auf ein Zinkatom zwei Chloratome, ZnCl2, und sowie wir diese Formel kennen, sehn wir sofort daß in obiger Bestimmung der Aequivalenzen das Chloratom als Einheit anzunehmen ist und nicht das Zinkatom. Die Formel 5 für Goldchlorid ist aber AuC13, wonach es auf der Hand liegt daß 3 ZnCl2 genau soviel Chlor enthalten wie 2 AuC13 und somit alle primären, sekundären und tertiären Prozesse in der Kette oder Zelle genöthigt sein werden auf einen in Zinkchlorid verwandelten Gewichtstheil Zink nicht mehr und nicht weniger als 2/3 Gewichtstheile Gold in Goldchlorid zu verwandeln. Dies 10 gilt absolut, es sei denn daß auch die Verbindung AuCl auf galvanischem Wege herstellbar wäre, in welchem Falle auf 1 Aeq. Zink sogar 2 Aeq. Gold gelöst werden müßten, und wo dann auch ähnliche Variationen je nach der Stromstärke eintreten könnten wie oben beim Kupfer und Chlor. Der Werth der Versuche von Renault besteht darin, daß sie auf zeigen wie das Fa- 15 radaysche Gesetz bestätigt wird durch Thatsachen die ihm zu widersprechen scheinen. Was sie aber zur Beleuchtung von sekundären Vorgängen bei der Elektrolyse beitragen sollen, ist nicht abzusehn. |
|411 Das dritte Beispiel aus Wiedemann führte uns bereits wieder von der Zersetzungszelle zur Kette. Und in der That bietet die Kette bei weitem das 20 größte Interesse dar, sobald man die elektrolytischen Vorgänge in Beziehung auf die dabei stattfindenden Umsetzungen von Energie untersucht. So stoßen wir nicht selten auf Ketten in denen die chemisch-elektrischen Prozesse direkt im Widerspruch mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie zu stehn und sich entgegen der chemischen Verwandtschaft zu vollziehen 25 scheinen.
Nach Poggendorff’s Messungen liefert die Kette: Zink, konzentrirte Kochsalzlösung, Platin, einen Strom von der Stärke 134,6. Wir haben hier also eine ganz respektable Elektricitätsmenge, {/3 mehr als im Daniellschen Element. Woher stammt die hier als Elektricität erscheinende Energie? Der 30 „primäre“ Vorgang ist die Verdrängung des Natriums aus der Chlorverbindung durch das Zink. Aber in der gewöhnlichen Chemie verdrängt nicht das Zink das Natrium, sondern umgekehrt das Natrium verdrängt das Zink aus Chlor- und andern Verbindungen. Der „primäre“ Vorgang, weit entfernt davon dem Strom obige Energiemenge abgeben zu können, bedarf im Gegen- 35 theil, um zu Stande zu kommen, selbst einer Energiezufuhr von Außen. Mit dem bloßen „primären“ Vorgang sitzen wir also wieder fest. Sehen wir uns also den wirklichen Vorgang an. Da finden wir daß die Umsetzung ist, nicht
Zn + 2 NaCl = ZnCl2 + 2 Na, sondern	40
Zn + 2 NaCl + 2 H2O = ZnCl2 + 2 NaOH + H2.
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Mit andern Worten, das Natrium wird nicht an der negativen Elektrode frei abgeschieden sondern oxydratisirt, wie oben im Beispiel I. (S.	) Um
die hierbei stattfindenden Energie-Umsätze zu berechnen, geben uns Julius Thomsen’s Bestimmungen wenigstens Anhaltspunkte. Danach haben wir, freigesetzte Energie bei den Ver||[42]|bindungen:
(Zn, Cl2) = 97210, (ZnCl2, aqua)= 15630, zusammen für gelöstes Zinkchlorid	= W.E. 112840.
2 (Na, O, H, aqua) =W.E. 223620	W. E. 336460
Davon ab Energieverbrauch bei den Trennungen:
2 (Na, CI, aqua)	= W. E. 193020.
2 (H2,0)	= „	136720	„	329740
Überschuß freigesetzter Energie	= Wärme Einh. 6720
Diese Summe ist offenbar gering für die erlangte Stromstärke, aber sie reicht hin, um einerseits die Trennung des Natriums vom Chlor und anderseits die Strombildung überhaupt zu erklären.
Hier haben wir ein schlagendes Beispiel dafür, daß die Unterscheidung von primären und sekundären Vorgängen durchaus relativ ist und uns ad absurdum führt sobald wir sie absolut nehmen. Der primäre, elektrolytische Prozeß kann, allein genommen, nicht nur keinen Strom erzeugen sondern nicht einmal sich selbst vollziehn. Der sekundäre, angeblich rein chemische Prozeß ist es, der den primären erst möglich macht und obendrein den ganzen Energie-Überschuß für die Strombildung liefert. Er hat sich also in Wirklichkeit als der primäre, und dieser sich als sekundär erwiesen. Wenn Hegel den Metaphysikern und metaphysicirenden Naturforschern ihre eingebildeten festen Unterschiede und Gegensätze dialektisch in ihr Gegentheil verkehrte, so hieß es, er habe ihnen die Worte im Munde verdreht. Wenn aber die Natur damit ebenso verfährt wie der alte Hegel, so wird es doch wohl Zeit die Sache etwas näher zu untersuchen. |
|431 Mit größerem Recht kann man Vorgänge als sekundär betrachten, die sich zwar in Folge des chemisch-elektrischen Prozesses der Kette, oder des elektrochemischen der Zersetzungszelle vollziehn, aber unabhängig und getrennt davon, die also in einiger Entfernung von den Elektroden stattfinden. Die bei solchen sekundären Prozessen vor sich gehenden Energie-Umsätze treten daher auch nicht in den elektrischen Prozeß ein; weder entziehen sie, noch liefern sie ihm direkt Energie. Solche Vorgänge kommen in der Zersetzungszelle sehr häufig vor; wir hatten oben unter Ex. I ein Beispiel an der Bildung von Schwefelsäure bei der Elektrolyse von Natriumsulfat. Sie haben hier jedoch weniger Interesse. Dagegen ist ihr Auftreten in der Kette von größerer praktischer Wichtigkeit. Denn wenn sie auch dem chemisch-elektrischen Prozeß nicht direkt Energie zufügen oder ent-ziehn, so verändern sie doch die Summe der in der Kette überhaupt vorhandenen verfügbaren Energie, und afficiren ihn dadurch indirekt.
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Dahin gehören, außer nachträglichen chemischen Umsetzungen gewöhnlicher Art, die Erscheinungen welche auftreten, wenn die Ionen an den Elektroden in einem andern Zustand abgeschieden werden als der, worin sie gewöhnlich frei auftreten, und wenn sie dann in diesen letzteren übergehn, erst nachdem sie sich von den Elektroden entfernt haben. Die Ionen können 5 dabei eine andre Dichtigkeit oder einen andern Aggregatzustand annehmen. Sie können aber auch in Beziehung auf ihre Molekularkonstitution bedeutende Veränderungen erleiden, und dieser Fall ist der interessanteste. In allen diesen Fällen entspricht der sekundären, in einer gewissen Entfernung von den Elektroden vor sich gehenden chemischen oder physikalischen Ver- 10 änderung der Ionen eine analoge Wärme Veränderung; meist wird Wärme freigesetzt, in einzelnen Fällen wird sie verbraucht. Diese Wärmeänderung beschränkt sich selbstredend zunächst auf den Ort wo sie eintritt: die Flüssigkeit in der Kette oder Zersetzungszelle erwärmt sich oder kühlt sich ab, der übrige Schließungskreis bleibt davon unberührt. Daher heißt diese 15 Wärme die lokale Wärme. Um das Aequivalent dieser in der Kette erzeugten, positiven oder negativen, lokalen Wärme wird also die für ||[44]| die Umwandlung in Elektricität disponible, freigesetzte chemische Energie vermindert resp. vermehrt. In einer Kette mit Wasserstoffsuperoxyd und Salzsäure wurde nach Favre 2/3 der ganzen freigesetzten Energie als lokale 20 Wärme verbraucht; das Grovesche Element dagegen kühlte sich nach der Schließung bedeutend ab, und führte also dem Stromkreis durch Wärmeabsorption noch Energie von Außen zu. Wir sehen also, daß auch diese sekundären Prozesse auf den primären zurückwirken. Wir mögen uns anstellen wie wir wollen, die Unterscheidung zwischen primären und sekun- 25 dären Vorgängen bleibt eine bloß relative und hebt sich in der Wechselwirkung beider auf einander regelmäßig wieder auf. Wenn man dies vergißt, wenn man solche relativen Gegensätze als absolute behandelt, so fährt man schließlich rettungslos in Widersprüchen fest, wie wir oben gesehn.
Bei der elektrolytischen Abscheidung von Gasen beschlagen sich be- 30 kanntlich die Metallelektroden mit einer dünnen Gasschicht; die Stromstärke nimmt in Folge dessen ab, bis die Elektroden mit Gas gesättigt sind, worauf der geschwächte Strom wieder konstant wird. Favre und Silbermann haben nachgewiesen, daß in einer solchen Zersetzungszelle ebenfalls lokale Wärme entsteht, die nur daher rühren kann, daß die Gase an den Elektroden nicht 35 in dem Zustand freigesetzt werden in dem sie gewöhnlich auf treten, sondern daß sie, nach ihrer Trennung von den Elektroden, erst in diesen gewöhnlichen Zustand versetzt werden durch einen weiteren mit Wärmeentwicklung verbundenen Prozeß. Aber in welchem Zustand werden die Gase an den Elektroden abgeschieden? Man kann sich hierüber nicht vorsichtiger aus- 40 sprechen als Wiedemann dies thut. Er nennt ihn „einen gewissen“, einen
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„allotropen“, einen „aktiven“ bei Sauerstoff endlich manchmal einen „ozonisirten“ Zustand. Beim Wasserstoff wird noch viel geheimnißvoller gesprochen. Gelegentlich ||[45]| bricht die Ansicht durch, daß Ozon und Wasserstoffsuperoxyd die Formen sind in denen dieser „aktive“ Zustand sich realisirt. Dabei verfolgt das Ozon unsern Verfasser derart, daß er sogar die extrem elektronegativen Eigenschaften gewisser Superoxyde daraus erklärt, daß sie „einen Theil des Sauerstoffs möglicherweise im ozonisirten Zustand enthalten“! (I, S. 57.) Sicher bildet sich bei der s.g. Wasserzersetzung sowohl Ozon wie Wasserstoffsuperoxyd, aber nur in kleinen Mengen. Es fehlt aller Grund, anzunehmen, daß die lokale Wärme im vorliegenden Fall durch, erst Entstehung und dann Zersetzung größerer Mengen obiger beiden Verbindungen vermittelt werde. Die Bildungswärme von Ozon, O3, aus drei freien Sauerstoffatomen kennen wir nicht; diejenige des Wasserstoffsuperoxyds aus H2O (flüssig) 4- O ist nach Berthelot = - 21480; die Entstehung dieser Verbindung in größeren Mengen würde also einen starken Energiezuschuß (etwa 30 Prozent der zur Trennung von H2 und O erforderlichen Energie) bedingen, der doch auffällig und nachweisbar sein müßte. Endlich aber würden Ozon und Wasserstoffsuperoxyd nur vom Sauerstoff Rechenschaft geben (wenn wir von Stromumkehrungen absehn, wobei beide Gase an derselben Elektrode zusammenkämen), nicht aber vom Wasserstoff. Und doch entweicht auch dieser in einem „aktiven“ Zustand, so zwar daß er sich in der Kombination: Kaliumnitratlösung zwischen Platinelektroden, mit dem aus der Säure abgeschiednen Stickstoff direkt zu Ammoniak verbindet.
Alle diese Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten existiren in der That nicht. Körper „in einem aktiven Zustand“ abzuscheiden, ist kein Monopol des elektrolytischen Prozesses. Jede chemische Zersetzung thut dasselbe. Sie scheidet das freigesetzte chemische Element aus zunächst in der Form von freien Atomen, O, H, N etc. die sich erst nach ihrer Freisetzung zu Molekülen O2, H2, N2 etc. verbinden können und bei dieser Verbindung eine bestimmte, bisher indeß noch nicht feststellbare Menge Energie abgeben, die als Wärme erscheint. Während des verschwindenden Augenblicks aber, wo die Atome frei sind, sind sie Träger der gesammten Energiemenge, die sie überhaupt auf sich nehmen können; im Besitz ihres Energie-Maximums sind sie frei jede sich ihnen darbietende Verbindung einzugehn. Sie sind also „in einem aktiven Zustand“ gegenüber ||[46]| den Molekülen O2, H2, N2, die bereits einen Theil jener Energie abgegeben haben und in eine Verbindung mit andern Elementen nicht eintreten können, ohne daß diese abgegebne Energiemenge von Außen wieder zugeführt werde. Wir haben also gar nicht nöthig, erst zu Ozon und Wasserstoffsuperoxyd, die selbst erst Produkte jenes aktiven Zustands sind, unsre Zuflucht zu nehmen. Wir können z. B.
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die eben erwähnte Ammoniakbildung bei Elektrolyse von Kaliumnitrat auch ohne Kette einfach chemisch vornehmen, indem wir Salpetersäure oder eine Nitratlösung einer Flüssigkeit zusetzen, in der Wasserstoff durch chemische Prozesse frei wird. Der aktive Zustand des Wasserstoffs ist in beiden Fällen derselbe. Das Interessante am elektrolytischen Prozeß ist aber dies, daß hier 5 das verschwindende Dasein freier Atome sozusagen faßbar wird. Der Vorgang theilt sich hier in zwei Phasen: Die Elektrolyse liefert die freien Atome an den Elektroden ab, aber ihre Verbindung zu Molekülen findet statt in einiger Entfernung von den Elektroden. So verschwindend klein diese Entfernung auch für Massenverhältnisse sein mag, sie reicht hin, um die 10 Verwendung der bei der Molekülbildung freigesetzten Energie für den elektrischen Prozeß wenigstens großentheils zu verhindern und damit ihre Verwandlung in Wärme — die lokale Wärme in der Kette — zu bedingen. Hierdurch aber ist konstatirt, daß die Elemente als freie Atome abgeschieden worden sind und einen Moment als freie Atome in der Kette bestanden 15 haben. Diese Thatsache, die wir in der reinen Chemie nur durch theoretische Schlußfolgerungen feststellen können, wird uns hier experimentell bewiesen, soweit dies möglich ist ohne sinnliche Wahrnehmung der Atome und Moleküle selbst. Und darin liegt die hohe wissenschaftliche Bedeutung der s. g.
lokalen Wärme der Kette.	20
|47| Die Verwandlung der chemischen Energie in Elektricität vermittelst der Kette ist ein Vorgang über dessen Verlauf wir so gut wie nichts wissen und auch wohl erst dann etwas Näheres erfahren werden, wenn der modus operandi der elektrischen Bewegung selbst besser bekannt sein wird. 25
Der Kette wird eine „elektrische Scheidungskraft“ zugeschrieben, die für jede bestimmte Kette bestimmt ist. Wie wir gleich am Anfang sahen, ist von Wiedemann zugegeben daß diese elektrische Scheidungskraft nicht eine bestimmte Form der Energie ist. Sie ist im Gegentheil zunächst nichts als das Vermögen, die Eigenschaft einer Kette, in der Zeiteinheit eine bestimmte 30 Menge freigesetzter chemischer Energie in Elektricität umzuwandeln. Diese chemische Energie selbst nimmt in dem ganzen Verlauf nie die Form der „elektrischen Scheidungskraft“ an, sondern im Gegentheil sogleich und unmittelbar die der s.g. „elektromotorischen Kraft“, d.h. der elektrischen Bewegung. Wenn man im gewöhnlichen Leben von der Kraft einer Dampf- 35 maschine spricht in dem Sinn, daß sie im Stande ist, in der Zeiteinheit eine bestimmte Menge Wärme in Massenbewegung umzusetzen, so liegt darin kein Grund diese Begriffsverwirrung auch in die Wissenschaft einzuführen. Ebensogut könnten wir von der verschiedenen Kraft einer Pistole, eines Karabiners, eines glattläufigen Gewehrs und einer Langgeschoßbüchse 40 sprechen, weil sie bei gleicher Pulverladung und gleichem Geschoßgewicht
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verschieden weit schießen. Hier tritt aber die Verkehrtheit des Ausdrucks deutlich vor Augen. Jedermann weiß daß es die Entzündung der Pulverladung ist, die die Kugel forttreibt, und daß die verschiedne Tragweite der Waffe nur bedingt ist durch die größere oder geringere Energie Verschwendung je nach der Rohrlänge, nach dem Spielraum des Geschosses und nach seiner Form. Der Fall ist aber derselbe bei der Dampfkraft und bei der elektrischen Scheidungskraft. Zwei Dampfmaschinen — bei sonst gleichbleibenden Umständen, d. h. die in gleichen Zeiträumen in beiden frei werdende Energiemenge gleich gesetzt — oder zwei galvanische Ketten, von denen dasselbe gilt, unterscheiden sich in ihren Arbeitsleistungen nur durch die in ihnen stattfindende größere oder geringere Energieverschwendung. Und wenn die Feuerwaffentechnik 11[48]| aller Armeen bisher fertig geworden ist ohne die Annahme einer besondern Schießkraft der Gewehre, so hat die Wissenschaft von der Elektricität gar keine Entschuldigung für die Annahme einer, dieser Schießkraft analogen „elektrischen Scheidungskraft“, einer Kraft, in der absolut keine Energie steckt und die also auch aus sich selbst kein Milliontel Milligramm-Millimeter Arbeit leisten kann.
Dasselbe güt von der zweiten Form dieser „Scheidungskraft“, der von Helmholtz erwähnten „elektrischen Kontaktkraft der Metalle“. Sie ist nichts andres als die Eigenschaft der Metalle, bei ihrem Kontakt vorhandene Energie anderer Form in Elektricität umzusetzen. Sie ist also ebenfalls eine Kraft die kein Fünkchen Energie enthält. Nehmen wir mit Wiedemann an, die Energiequelle der Kontaktselektricität liege in der lebendigen Kraft der Adhäsionsbewegung; so existirt diese Energie zuerst in der Form dieser Massenbewegung, und setzt sich bei deren Verschwinden sofort um in elektrische Bewegung, ohne auch nur für einen Moment die Form der „elektrischen Kontaktkraft“ anzunehmen.
Und nun wird uns noch dazu versichert dieser „elektrischen Scheidungskraft“, die nicht nur keine Energie in sich enthält, sondern nach ihrem Begriff gar keine enthalten kann, sei proportional die elektromotorische Kraft, d. h. die als Elektricitätsbewegung wieder erscheinende chemische Energie! Diese Proportionalität zwischen Nicht-Energie und Energie gehört offenbar in dieselbe Mathematik, in der das „Verhältniß der Elektricitätseinheit zum Müligramm“ figurirt. Hinter der absurden Form aber, die nur der Auffassung einer simplen Eigenschaft als einer mystischen Kraft ihr Dasein verdankt, steckt eine ganz einfache Tautologie: die Fähigkeit einer bestimmten Kette, freiwerdende chemische Energie in Elektricität zu verwandeln wird gemessen — durch was? Nun, durch die Menge der als Elektricität im Schließungskreis wieder erscheinenden Energie im Verhältniß zu der in der Kette verbrauchten chemischen. Das ist Alles.
Um zu einer elektrischen Scheidungskraft zu kommen, muß man den
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Nothbehelf der beiden elektrischen Fluida ernsthaft nehmen. Um diese aus ihrer Neutralität heraus in ihre Polarität zu versetzen, um sie also aus einander zu reißen, dazu gehört ein gewisser Aufwand von Energie — die elektrische Scheidungskraft. Einmal von einander getrennt, können die beiden Elektricitäten bei ihrer Wiedervereinigung dieselbe Energiemenge 5 wieder abgeben — elektromotorische Kraft. Da aber heutzutage kein Mensch mehr, nicht einmal Wiedemann, die beiden Elektricitäten als wirkliche Wesenheiten betrachtet, so hieße es für ein verstorbenes Publikum schreiben, wollte man auf solche Vorstellungsweise des Breiteren eingehn. |
|[49]| Der Grundirrthum der Kontaktstheorie besteht darin, daß sie sich 10 nicht von der Vorstellung trennen kann, die Kontaktkraft oder elektrische Scheidungskraft sei eine Energiequelle \ was allerdings schwer war, nachdem man die bloße Eigenschaft eines Apparats, Energieverwandlung zu vermitteln, in eine Kraft verwandelt hatte; denn eine Kraft soll ja eben eine bestimmte Form der Energie sein. Weil Wiedemann diese unklare Kraft- 15 Vorstellung nicht los werden kann, obwohl sich ihm, daneben, die modernen Vorstellungen von unzerstörbarer und unerschaffbarer Energie auf gezwungen haben, deßhalb verfällt er in jene sinnlose Stromerklärung Ns 1 und in alle die später nachgewiesenen Widersprüche.
Wenn der Ausdruck: elektrische Scheidungskraft direkt widersinnig, so 20 ist der andere: elektromotorische Kraft mindestens überflüssig. Wir hatten Thermomotoren lange ehe wir Elektromotoren hatten, und dennoch wird die Wärmetheorie ganz gut fertig ohne eine besondre thermomotorische Kraft. Wie der einfache Ausdruck Wärme alle Bewegungserscheinungen in sich faßt die dieser Form der Energie angehören, so kann es auch der Ausdruck: 25 Elektricität auf seinem Gebiet. Dazu sind sehr viele Wirkungsformen der Elektricität gar nicht direkt „motorisch“, das Magnetisiren von Eisen, die chemische Zersetzung, die Umwandlung in Wärme. Und endlich ist es in jeder Naturwissenschaft, selbst in der Mechanik jedesmal ein Fortschritt, wenn man das Wort Kraft irgendwo los wird.	30
Wir sahen daß Wiedemann die chemische Erklärung der Vorgänge in der Kette nicht ohne ein gewisses Widerstreben annahm. Dies Widerstreben verfolgt ihn fortwährend; wo er der s. g. chemischen Theorie etwas anhängen kann, geschieht’s gewiß. So „ist es durchaus nicht begründet, daß die elektromotorische Kraft proportional der Intensität der chemischen Aktion ist“ 35 (I, 791). Ganz gewiß nicht in jedem Fall, wo aber diese Proportionalität nicht Statt findet, ist dies nur ein Beweis dafür daß die Kette schlecht konstruirt ist, daß in ihr Energievergeudung stattfindet. Und deßwegen hat derselbe Wiedemann ganz Recht, wenn er in seinen theoretischen Ableitungen auf dergleichen Nebenumstände, die die Reinheit des Prozesses fälschen, durch- 40 aus keine Rücksicht nimmt, sondern schlankweg versichert, die elektro
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motorische Kraft eines Elements sei gleich dem mechanischen Aequivalent der in der Zeiteinheit in demselben, bei der Einheit der Stromintensität, stattfindenden chemischen Aktion.
An einer andern Stelle heißt es: „Daß ferner in der Säure-Alkalikette die Verbindung der Säure und des Alkalis nicht die Ursache der Strombildung ist, folgt aus den Versuchen § 61 (Becquerel und Fechner) ||[50]| 260 (Dübois-Reymond) und 261 (Worm-Müller), nach denen in gewissen Fällen, wenn sich dieselben in äquivalenten Mengen finden, kein Strom auf tritt und ebenso aus dem § 62 angeführten Versuche (Henrici) daß die elektromotorische Kraft bei Zwischenschaltung von Salpeterlösung zwischen die Kalilauge und Salpetersäure in gleicher Weise auftritt, wie ohne dieselbe.“ (I, 791).
Die Frage ob die Verbindung von Säure und Alkali eine Ursache der Strombildung sei, beschäftigt unsern Verfasser sehr ernstlich. Sie ist in dieser Form sehr einfach zu beantworten. Die Verbindung von Säure und Alkali ist zunächst die Ursache der Bildung von Sa/zunter Entbindung von Energie. Ob diese Energie ganz oder zum Theil die Form von Elektricität annehmen soll, hängt von den Umständen ab, unter denen sie freigesetzt wird. In der Kette Salpetersäure und Kalilösung zwischen Platinelektroden z. B. wird dies wenigstens theilweise der Fall sein, wobei es für die Strombildung gleichgültig ist, ob man eine Salpeterlösung zwischen Säure und Alkali schiebt oder nicht, da dies die Salzbildung höchstens verlangsamen aber nicht verhindern kann. Macht man aber eine Kette wie die eine von Worm-Müller, auf die Wiedemann sich fortwährend beruft, wo Säure und Alkalilösung in der Mitte, an beiden Enden aber eine Lösung ihres Salzes sich befindet und zwar in derselben Koncentration wie die sich in der Kette bildende Lösung, so kann selbstredend kein Strom entstehn weil wegen der Endglieder — da sich überall identische Körper bilden—keine Ionen entstehn können. Man hat also die Umsetzung der freiwerdenden Energie in Elektricität ebenso direkt verhindert als hätte man den Kreis gar nicht geschlossen; man darf sich also nicht wundern, wenn man keinen Strom erhält. Daß aber Säure und Alkali überhaupt einen Strom erzeugen können beweist die Kette: Kohle, Schwefelsäure (1 in 10 Wasser) Kali (1 in 10 Wasser), Kohle, die nach Raoult eine Stromstärke von 73x) hat; und daß sie bei zweckmäßiger Einrichtung der Kette eine der bei ihrer Verbindung freigesetzten großen Energiemenge entsprechende Stromstärke liefern können, geht daraus hervor daß die stärksten bekannten Ketten fast ausschließlich auf Bildung von Alkalisalzen beruhen. Z. B. Wheatstone: Platin, Platinchlorid, Kaliumamalgam, Stromstärke 230; Bleisuperoxyd, verdünnte Schwefelsäure, Kaliumamalgam = 326; Mangansuperoxyd statt des Bleisuperoxyds, = 280;
x) (Anmerkung) In allen folgenden Angaben über Stromstärke wird das Daniellsche Element = 100 gesetzt.
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wobei jedesmal, wenn statt Kalium||51|amalgam Zinkamalgam angewandt wurde, die Stromstärke fast genau um 100 abnahm. Ebenso erhielt Beetz in der Kette: fester Braunstein, Kaliumpermanganatlösung, Kalilauge, Kalium die Stromstärke 302; ferner: Platin, verdünnte Schwefelsäure, Kalium = 293,8; Joule: Platin, Salpetersäure, Kalilauge, Kaliumamalgam = 302. Die 5 „Ursache“ dieser ausnahmsweise starken Strombildungen ist allerdings die Verbindung von Säure und Alkali, resp. Alkalimetall und die dabei freigesetzte große Energiemenge.
Ein paar Seiten weiter heißt es abermals: „Es ist indeß wohl zu beachten, daß nicht direkt das Arbeitsäquivalent der ganzen, an der Kontaktstelle der 10 heterogenen Körper auftretenden chemischen Aktion als Maß für die elektromotorische Kraft im geschlossenen Kreis anzusehn ist. Wenn z. B. in der Säure-Alkalikette (iterum Crispinus!) von Becquerel diese beiden Stoffe sich verbinden, wenn in der Kette: Platin, geschmolzener Salpeter, Kohle, die Kohle verbrennt, wenn in einem gewöhnlichen Element: Kupfer, unreines 15 Zink, verdünnte Schwefelsäure, sich das Zink unter Bildung von Lokalströmen schnell auflöst, so wird ein großer Theil der bei den chemischen Prozessen erzeugten Arbeit (soll heißen: freigesetzten Energie) in Wärme verwandelt und geht so für den gesammten Stromkreis verloren.“ (I, S. 798) Alle diese Vorgänge führen sich zurück auf Energie vertust in der Kette; sie 20 berühren nicht die Thatsache daß die elektrische Bewegung aus umgewandelter chemischer Energie entsteht, sondern nur die Menge der umgewandelten Energie.
Die Elektriker haben eine unendliche Zeit und Mühe darauf verwandt, die verschiedensten Ketten zu komponiren und ihre „elektromotorische Kraft“ 25 zu messen. Das hierdurch angehäufte experimentelle Material enthält sehr viel Werthvolles, aber sicher noch viel mehr Werthloses. Welchen wissenschaftlichen Werth haben z.B. Versuche in denen „Wasser“ ||[52]| als Elektrolyt angewandt wird, das wie jetzt durch F. Kohlrausch erwiesen, der schlechteste Leiter also auch das schlechteste Elektrolyt ist,x) wo also nicht 30 das Wasser sondern seine unbekannten Unreinigkeiten den Prozeß vermitteln? Und doch beruht z. B. fast die Hälfte aller Versuche Fechners auf solcher Anwendung von Wasser, sogar sein „experimentum crucis“, wodurch er die Kontaktstheorie unerschütterlich auf den Trümmern der chemischen Theorie etabliren wollte. Wie schon hieraus hervorgeht, sind 35 überhaupt in fast allen Versuchen, einige wenige ausgenommen, die chemischen Vorgänge in der Kette, in denen doch die Quelle der s.g. elektromotorischen Kraft liegt, so gut wie unberücksichtigt geblieben. Es gibt aber
x) Eine Säule des reinsten von K. dargestellten Wassers von 1 mm Länge offerirte denselben Widerstand wie eine Kupferleitung vom gleichen Durchmesser und von der Länge etwa der 40 Mondbahn. Naumann, Allg. Chem. S.729.
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eine ganze Reihe Ketten, aus deren chemischer Formulirung durchaus kein sicherer Schluß auf die nach der Stromschließung in ihnen vor sich gehenden chemischen Umsätze zu ziehn ist. Im Gegentheil ist, wie Wiedemann 1,796 sagt, „nicht zu läugnen daß wir die chemischen Anziehungen in der Kette durchaus noch nicht in allen Fällen über sehn können“. Alle solche Experimente sind also nach der immer wichtiger werdenden chemischen Seite hin solange werthlos bis sie unter Kontrolirung jener Prozesse wiederholt werden.
Von einer Berücksichtigung der in der Kette sich vollziehenden Energie-Umsetzungen ist nun erst ganz ausnahmsweise bei diesen Versuchen die Rede. Viele sind gemacht, ehe das Gesetz von der Aequivalenz der Bewegung naturwissenschaftlich anerkannt war, schleppen sich aber gewohnheitsmäßig ||53| unkontrolirt und unabgeschlossen, aus einem Handbuch ins andre fort. Wenn man gesagt hat: die Elektricität hat keine Trägheit (was ungefähr so viel Sinn hat wie: die Geschwindigkeit hat kein specifisches Gewicht) so kann man dies von der Elektricitäts/ehre keineswegs behaupten.
Wir haben bisher das galvanische Element als eine Vorrichtung betrachtet, worin, in Folge der hergestellten Kontaktsverhältnisse, auf eine einstweilen unbekannte Weise, chemische Energie freigesetzt und in Elektricität verwandelt wird. Wir haben ebenso die Zersetzungszelle als einen Apparat dargestellt, in dem der umgekehrte Prozeß eingeleitet, elektrische Bewegung in chemische Energie umgesetzt und als solche verbraucht wird. Wir mußten dabei die von den Elektrikern sosehr vernachlässigte chemische Seite des Vorgangs in den Vordergrund stellen, weil dies der einzige Weg war den Wust der aus der alten Kontaktslehre und der Theorie von den beiden elektrischen Fluiden überkommenen Vorstellungen loszuwerden. Dies einmal erledigt, handelt es sich darum, ob der chemische Prozeß in der Kette unter denselben Bedingungen vor sich geht wie außerhalb derselben, oder ob dabei besondre, von der elektrischen Erregung abhängige Erscheinungen auftreten.
Unrichtige Vorstellungen, in jeder Wissenschaft, sind schließlich, wenn wir von Beobachtungsfehlern absehn, unrichtige Vorstellungen von richtigen Thatsachen. Die letzteren bleiben, wenn wir auch die ersteren als falsch nachgewiesen. Haben wir die alte Kontaktstheorie abgeschüttelt, so bestehn noch die festgestellten Thatsachen denen sie zur Erklärung dienen sollte. Betrachten wir diese, und damit die eigentlich elektrische Seite des Vorgangs in der Kette.
Daß beim Kontakt heterogener Körper mit oder ohne chemische Veränderungen, Elektricitätserregung stattfindet, die vermittelst des Elektro-skops resp. des Galvanometers nachzuweisen ist, darüber wird nicht gestritten. Die Energiequelle dieser an sich äußerst minimalen Bewegungs
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erscheinungen ist im einzelnen Fall, wie wir schon Anfangs sahen, schwer festzustellen, genug, die Existenz einer solchen, äußeren Quelle ist allgemein zugegeben.
Kohlrausch hat 1850—53 eine Reihe von Versuchen veröffentlicht, worin
er die einzelnen Bestandstücke einer Kette paarweise zusammenstellt und 5 auf die jedesmal nachweisbaren statisch-elektrischen Spannungen prüft; aus der algebraischen Summe dieser Spannungen soll sich dann die elektromotorische Kraft des Elements zusammensetzen. So berechnet er, die Spannung Zn/Cu = 100 genommen, die relative Stärke des Daniellschen und Groveschen Elements wie folgt:	10
Daniell:
Zn/Cu + amalg. Zn/H2SO4 + Cu/SO4Cu = 100 + 149 - 21 = 228. |
|[54]| Grove:
Zn/Pt + amalg. Zn/H2SO4 + Pt/HNO3 = 107 + 149 + 149 = 405
was mit der direkten Messung der Stromstärke dieser Elemente nahezu 15 stimmt. Diese Ergebnisse sind aber keineswegs sicher. Erstens macht Wiedemann selbst darauf aufmerksam daß Kohlrausch nur das Schlußresultat, aber „leider keine Zahlenangaben für die Ergebnisse der einzelnen Versuche angibt“. Und zweitens erkennt Wiedemann selbst wiederholt an, daß alle Versuche, die elektrischen Erregungen beim Kontakt von Metallen, 20 und mehr noch von Metall und Flüssigkeit, quantitativ zu bestimmen, wegen der zahlreichen unvermeidlichen Fehlerquellen mindestens sehr unsicher sind. Wenn er trotzdem mehrfach mit Kohlrausch’s Zahlen rechnet, so thun wir besser ihm hierin nicht zu folgen, um so mehr als ein andres Bestimmungsmittel vorliegt, gegen das sich diese Einwände nicht machen lassen.	25
Senkt man die beiden Erregerplatten einer Kette in die Flüssigkeit und verbindet sie dann mit den Enden eines Galvanometers zum Schließungskreis, so ist nach Wiedemann „der anfängliche Ausschlag seiner Magnetnadel, ehe chemische Veränderungen die Stärke der elektrischen Erregung geändert haben, ein Maß für die Summe der elektromotorischen Kräfte im 30 Schließungskreise“. Verschieden starke Ketten geben also verschieden starke Anfangsausschläge, und die Größe dieser Anfangsausschläge ist proportional der Stromstärke der entsprechenden Ketten.
Dies sieht aus, als hätten wir hier die „elektrische Scheidungskraft“, die „Kontaktkraft“, die unabhängig von jeder chemischen Aktion eine Be- 35 wegung verursacht, handgreiflich vor Augen. So, in der That, meint die gesammte Kontaktstheorie. Und wirklich liegt hier eine Beziehung zwischen elektrischer Erregung und chemischer Aktion, die wir im Vorstehenden noch nicht untersucht haben. Um hierauf überzugehn, wollen wir zunächst das s.g. elektromotorische Gesetz etwas näher betrachten; wir werden dabei 40 finden, daß auch hier die überkommenen Kontaktsvorstellungen nicht nur
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keine Erklärung bieten, sondern den Weg zur Erklärung wieder direkt versperren. |
|55| Wenn man in einem beliebigen Element aus zwei Metallen und einer Flüssigkeit z. B. Zink, verdünnte Salzsäure, Kupfer, ein drittes Metall, z. B. eine Platinplatte stellt, ohne sie mit dem äußeren Schließungskreis durch einen Leitungsdrath zu verbinden, so ist der anfängliche Ausschlag des Galvanometers genau derselbe wie ohne die Platinplatte. Sie wirkt also nicht ein auf die Elektricitätserregung. So einfach darf das aber in elektromotorischer Sprache nicht ausgedrückt werden. Es heißt da:
„An die Stelle der elektromotorischen Kraft von Zink und Kupfer in der Flüssigkeit ist nun aber die Summe der elektromotorischen Kräfte von Zink und Platin, und Platin und Kupfer getreten. Da der Weg der Elektricitäten durch die Einschiebung der Platinplatte nicht merklich geändert ist, so können wir aus der Gleichheit der Angaben des Galvanometers in beiden Fällen schließen, daß die elektromotorische Kraft von Zink und Kupfer in der Flüssigkeit gleich ist der von Zink und Platin plus der von Platin und Kupfer in derselben. Es entspräche dies der von Volta auf gestellten Theorie der Elektricitätserregung zwischen den Metallen für sich. Man spricht das Resultat, welches für alle beliebigen Flüssigkeiten und Metalle gilt, aus, indem man sagt:
Die Metalle folgen bei ihrer elektromotorischen Erregung mit Flüssigkeiten dem Gesetz der Spannungsreihe. Man bezeichnet dies Gesetz auch mit dem Namen des elektromotorischen Gesetzes.“ (Wiedemann 1,62.)
Wenn man sagt das Platin wirkt in dieser Kombination überhaupt nicht elektricitätserregend, so spricht man die einfache Thatsache aus. Wenn man sagt, es wirkt doch elektricitätserregend, aber in zwei entgegengesetzten Richtungen mit gleicher Stärke sodaß die Wirkung sich aufhebt, so verwandelt man die Thatsache in eine Hypothese, bloß um der „elektromotorischen Kraft“ die Honneurs zu machen. In beiden Fällen spielt das | |[56]| Platin die Rolle des Strohmanns.
Während des ersten Ausschlags existirt noch kein Schließungskreis. Die Säure, unzersetzt, leitet nicht; sie kann nur leiten vermittelst der Ionen. Wirkt das dritte Metall nicht auf den ersten Ausschlag, so kommt dies einfach daher daß es noch isolirt ist.
Wie verhält sich nun das dritte Metall nach Herstellung des dauernden Stroms und während seiner Dauer?
Die Spannungsreihe der Metalle in den meisten Flüssigkeiten hat das Zink nach den Alkalimetallen so ziemlich am positiven und das Platin am negativen Ende, und Kupfer steht zwischen Beiden. Wird also wie oben Platin zwischen Kupfer und Zink gestellt, so ist es gegen Beide negativ, der Strom in der Flüssigkeit, wenn das Platin überhaupt wirkte, müßte vom Zink und
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vom Kupfer zum Platin fließen, also von beiden Elektroden weg zum unverbundenen Platin; was eine Contradictio in adjecto ist. Die Grundbedingung der Wirksamkeit mehrerer Metalle in der Kette besteht grade darin daß sie nach Außen zum Schließungskreis unter sich verbunden sind. Ein unverbundnes, überzähliges Metall in der Kette figurirt als Nichtleiter; es kann 5 Ionen weder bilden noch durchlassen, und ohne Ionen kennen wir in Elektrolyten keine Leitung. Es ist also nicht bloß Strohmann, es ist sogar im Wege, indem es die Ionen zwingt sich seitwärts an ihm vorbei zu drücken.
Ebenso wenn wir Zink und Platin verbinden und das Kupfer unverbunden in die Mitte stellen: hier würde dieses, wenn es überhaupt wirkte, einen Strom 10 vom Zink zum Kupfer und einen zweiten vom Kupfer zum Platin erzeugen, es müßte also als eine Art Zwischenelektrode dienen und an der dem Zink zugekehrten Seite Wasserstoffgas abscheiden, was wiederum unmöglich ist.
Schütteln wir die überkommene elektromotorische Redeweise ab, so stellt 15 sich der Fall äußerst einfach. Die galvanische Kette, sahen wir, ist eine Vorrichtung in der chemische Energie freigesetzt und in Elektricität übergeführt wird. Sie besteht in der Regel aus einer oder mehreren Flüssigkeiten und zwei Metallen als Elektroden, die unter sich außerhalb der Flüssigkeiten leitend 11[57]| verbunden sein müssen. Damit ist der Apparat hergestellt. Was 20 wir noch sonst in die Erregerflüssigkeit unverbunden eintunken, sei es Metall, Glas, Harz oder was sonst, kann an dem in der Kette vorgehenden chemisch-elektrischen Prozeß, an der Strombildung nicht theilnehmen, solange es die Flüssigkeit nicht chemisch ändert, es kann den Prozeß höchstens stören. Was auch immer die elektrische Erregungsfähigkeit eines dritten, 25 eingetauchten Metalls in Beziehung auf die Flüssigkeit und eine oder beide Elektroden der Kette sein möge, sie kann nicht wirken, solange dies Metall nicht außerhalb der Flüssigkeit mit dem Schließungskreis verbunden ist.
Hiernach ist also nicht nur die obige Ableitungdes s. g. elektromotorischen Gesetzes durch Wiedemann falsch; auch der Sinn, den er diesem Gesetz 30 gibt, ist falsch. Weder kann gesprochen werden von einer sich kompensiren-den elektromotorischen Thätigkeit des unverbundnen Metalls, da dieser Thätigkeit von vorn herein die einzige Bedingung abgeschnitten ist unter der sie in Wirksamkeit treten kann; noch kann das s. g. elektromotorische Gesetz abgeleitet werden aus einer Thatsache die außer seinen Bereich fällt. |	35
|[58]| Poggendorff veröffentlichte 1845 eine Reihe von Experimenten in denen er die elektromotorische Kraft der verschiedensten Ketten, d. h. die von jeder in der Zeiteinheit gelieferte Elektricitätsmenge maß. Darunter sind von besonderm Werth die ersten 27, in deren jedem drei bestimmte Metalle in derselben Erregerflüssigkeit nach einander zu drei verschiednen Ketten 40 verbunden und diese auf die gelieferte Elektricitätsmenge untersucht und
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verglichen werden. Als guter Kontaktselektriker stellte Poggendorff jedesmal auch das dritte Metall unverbunden mit in die Kette, und hatte so die Genugthuung sich zu überzeugen daß in allen 81 Ketten dieser Dritte im Bunde ein reiner Strohmann blieb. Die Bedeutung dieser Versuche besteht aber keineswegs hierin, sondern vielmehr in der Bestätigung und in der Feststellung des richtigen Sinns des s. g. elektromotorischen Gesetzes.
Bleiben wir bei der obigen Reihe von Ketten, wo in verdünnter Salzsäure Zink, Kupfer und Platin je zu Zweien unter sich verbunden werden. Hier fand Poggendorff die gelieferten Elektricitätsmengen, wenn die eines Da-niellschen Elements = 100 gesetzt wird, wie folgt:
Zink	—	Kupfer	=	78,8
Kupfer	—	Platin	=	74,3
Summe 153,1
Zink	-	Platin	=	153,7
Zink, in direkter Verbindung mit Platin, liefert also fast genau dieselbe Elektricitätsmenge wie Zink—Kupfer + Kupfer—Platin. Dasselbe fand Statt in allen andern Ketten, welche Flüssigkeiten und Metalle auch angewandt wurden. Wenn aus einer ||59| Reihe Metalle in derselben Erregerflüssigkeit Ketten gebildet werden, derart, daß je nach der für diese Flüssigkeit geltenden Spannungsreihe das zweite, dritte, vierte usw. nacheinander als negative Elektrode für das vorhergehende, und als positive für das nächstfolgende dient, so ist die Summe der durch alle diese Ketten gelieferten Elektricitätsmengen gleich der Elektricitätsmenge, geliefert durch eine direkte Kette zwischen den beiden Endgliedern der ganzen Metallreihe. Es würden demnach z. B. in verdünnter Salzsäure die von den Ketten: Zink—Zinn, Zinn—Eisen, Eisen—Kupfer, Kupfer—Silber, Silber—Platin, insgesammt gelieferten Elektricitätsmengen gleich sein der von der Kette: Zink—Platin gelieferten; eine Säule, gebildet aus allen Elementen der obigen Reihe, würde, unter sonst gleichen Verhältnissen, durch ein mit entgegengesetzter Stromesrichtung eingeschaltetes Zink—Platin-Element gerade neutralisirt.
In dieser Fassung erhält das s. g. elektromotorische Gesetz eine wirkliche und große Bedeutung. Es enthüllt eine neue Seite des Zusammenhangs zwischen chemischer und elektrischer Aktion. Bisher, bei vorwiegender Untersuchung der Energiequelle des galvanischen Stroms, erschien diese Quelle, die chemische Umsetzung, als die aktive Seite des Prozesses; die Elektricität wurde aus ihr erzeugt, erschien also zunächst als passiv. Jetzt kehrt sich dies um. Die, durch die Beschaffenheit der in der Kette in Berührung gesetzten heterogenen Körper bedingte, elektrische Erregung kann der chemischen Aktion Energie weder zusetzen noch entziehn (anders als durch Umsetzung freiwerdender Energie in Elektricität). Aber sie kann, je nach der Einrichtung der Kette, diese Aktion beschleunigen oder verlang
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samen. Wenn die Kette: Zink — verdünnte Salzsäure — Kupfer, in der Zeiteinheit nur halb so viel Elektricität für den Strom liefert wie die Kette: Zink — verdünnte Salzsäure — Platin, so heißt dies, chemisch ausgedrückt, daß die erste Kette in der Zeiteinheit nur halb soviel Zinkchlorid und Wasserstoff liefert wie die zweite. Die chemische Aktion ist also verdoppelt 5 worden, ||[60]| obwohl die rein chemischen Bedingungen dieselben geblieben sind. Die elektrische Erregung ist zum Regulator der chemischen Aktion geworden; sie erscheint jetzt als die aktive Seite, die chemische Aktion als die passive.
So wird es denn verständlich, wenn eine ganze Reihe von früher als rein 10 chemisch betrachteten Prozessen sich jetzt als elektro-chemische darstellen. Chemisch reines Zink wird von verdünnter Säure, wenn überhaupt, nur sehr schwach angegriffen; gewöhnliches käufliches Zink dagegen löst sich rasch unter Salzbildung und Wasserstoffentwicklung; es enthält Beimischung von andern Metallen und Kohle, die an verschiednen Stellen der Oberfläche 15 ungleich stark vertreten sind. Zwischen ihnen und dem Zink selbst bilden sich in der Säure Lokalströme, wobei die Zinkstellen die positiven, die andern Metalle die negativen Elektroden bilden, an denen die Wasserstoff-bläschen sich ausscheiden. Ebenso wird die Erscheinung, daß in Kupfervitriollösung eingetauchtes Eisen sich mit einer Kupferschicht bedeckt, jetzt 20 als eine elektrochemische angesehn: als bedingt durch Ströme die zwischen den heterogenen Stellen der Eisen-Oberfläche entstehn.
Dem gemäß finden wir auch, daß die Spannungsreihen der Metalle in Flüssigkeiten im Ganzen und Großen den Reihen entsprechen, in denen die Metalle einander aus ihren Verbindungen mit den Halogenen und Säureradi- 25 kalen verdrängen. Am äußersten negativen Ende der Spannungsreihen finden wir regelmäßig die Metalle der Goldgruppe: Gold, Platin, Palladium, Rhodium, die schwer oxydirbar sind, von Säuren kaum oder gar nicht angegriffen und aus ihren Salzen durch andre Metalle leicht gefällt werden. Am äußersten positiven Ende stehn die Alkalimetalle, die das grade ent- 30 gegengesetzte Verhalten zeigen: sie sind aus ihren Oxyden Unter dem größten Energieaufwand kaum abzuscheiden, kommen in der Natur fast nur in Form von Salzen vor, und haben von allen Metallen bei Weitem die größte Verwandtschaft zu Halogenen und Säureradikalen. Zwischen beiden stehn die übrigen Metalle in etwas wechselnden Reihenfolgen, doch so daß im Ganzen 35 elektrisches und chemisches Verhalten mit einander stimmen. Die Rei-hen| |[61 ]|f olge der einzelnen darunter wechselt je nach den Flüssigkeiten und ist auch wohl kaum für eine einzige Flüssigkeit endgültig festgestellt. Es ist sogar erlaubt zu zweifeln ob es für eine einzelne Flüssigkeit eine solche absolute Spannungsreihe der Metalle gibt. Zwei Stücke desselben Metalls 40 können in geeigneten Ketten und Zersetzungszellen je als positive und
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negative Elektrode dienen, dasselbe Metall also kann gegen sich selbst sowohl positiv wie negativ sein. In den Thermoelementen, die Wärme in Elektricität umsetzen, schlägt bei starken Temperaturdifferenzen an den beiden Löthstellen die Stromesrichtung um: das früher positive Metall wird negativ und umgekehrt. Ebenso gibt es keine absolute Reihe nach der die Metalle einander aus ihren chemischen Verbindungen mit einem bestimmten Halogen oder Säureradikal verdrängen; durch Energiezufuhr in Form von Wärme können wir die, für die gewöhnliche Temperatur geltende Reihe in vielen Fällen fast nach Belieben abändern und umkehren.
Wir finden hier also eine eigenthümliche Wechselwirkung zwischen Chemismus und Elektricität. Die chemische Aktion in der Kette, die der Elektricität die gesammte Energie für die Strombildung liefert, wird ihrerseits in vielen Fällen erst in Gang gebracht, und in allen Fällen quantitativ regulirt durch die in der Kette eingeleiteten elektrischen Spannungen. Wenn uns früher die Vorgänge in der Kette als chemisch-elektrische erschienen, so sehn wir hier, daß sie ebensosehr elektrochemische sind. Vom Standpunkt der Bildung des dauernden Stroms erschien die chemische Aktion als das Primäre; vom Standpunkt der Stromeserregungerscheint sie als sekundär, accessorisch. Die Wechselwirkung schließt jedes absolut Primäre und absolut Sekundäre aus; aber ebensosehr ist sie ein doppelseitiger Prozeß, der seiner Natur nach von zwei verschiednen Standpunkten betrachtet werden kann; um als Gesammtheit verstanden zu werden, muß sie sogar nach einander von beiden Standpunkten aus untersucht werden, ehe das Gesammtresultat zusammengefaßt werden kann. Halten wir aber den einen Standpunkt einseitig als den absoluten ||[62]| fest gegenüber dem andern, oder springen wir willkührlich, je nach dem momentanen Bedürfniß des Raisonnements, über von dem einen auf den andern, so bleiben wir befangen in der Einseitigkeit des metaphysischen Denkens; der Zusammenhang entgeht uns, und wir verwickeln uns in einen Widerspruch über den andern.
Wir sahen oben daß nach Wiedemann der anfängliche Ausschlag des Galvanometers, unmittelbar nach der Eintauchung der Erregerplatten in die Flüssigkeit der Kette, und ehe noch chemische Veränderungen die Stärke der elektrischen Erregung geändert haben, „ein Maß ist für die Summe der elektromotorischen Kräfte im Schließungskreise“.
Bisher lernten wir die s. g. elektromotorische Kraft kennen als eine Form der Energie, die in unserm Fall aus chemischer Energie in äquivalenter Menge erzeugt war und sich im weitern Verlauf wieder in äquivalente Mengen von Wärme, Massenbewegung etc. umsetzte. Hier auf ein Mal erfahren wir, daß die „Summe der elektromotorischen Kräfte im Schließungskreise“ bereits existirt ehe chemische Veränderungen jene Energie
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freigesetzt haben; mit andern Worten, daß die elektromotorische Kraft nichts andres ist als die Kapacität einer bestimmten Kette, in der Zeiteinheit eine bestimmte Quantität chemischer Energie freizusetzen und in elektrische Bewegung zu verwandeln. Wie früher die elektrische Scheidungskraft, erscheint hier auch die elektromotorische Kraft als eine Kraft die kein Fünk- 5 chen Energie enthält. Wiedemann versteht also unter „elektromotorischer Kraft“ zwei total verschiedne Dinge: einerseits die Kapacität einer Kette, eine bestimmte Menge gegebner chemischer Energie freizusetzen und in elektrische Bewegung zu verwandeln, andrerseits die entwickelte Menge elektrischer Bewegung selbst. Daß beide einander proportional sind, daß die 10 eine ein Maß für die andre ist, hebt ihre Verschiedenheit nicht auf. Die chemische Aktion in der Kette, die entwickelte Elektricitätsmenge, und die im Schließungskreis, wenn sonst keine Arbeit geleistet wird, aus ihr entstandene Wärme sind noch mehr als proportional, sie sind sogar äquivalent;
das thut aber ihrer Verschiedenheit keinen Abbruch. Die Kapacität einer 15 Dampfmaschine von bestimmtem Cylinderdurchmesser und Kolbenhub, eine bestimmte ||63| Menge mechanischer Bewegung aus zugeführter Wärme zu erzeugen, ist sehr verschieden von dieser mechanischen Bewegung selbst, so proportional sie ihr auch ist. Und wenn solche Redeweise zu einer Zeit erträglich war, wo von Erhaltung der Energie in der Naturwissenschaft noch 20 nicht gesprochen wurde, so liegt doch auf der Hand, daß seit Anerkennung dieses Grundgesetzes die wirkliche lebendige Energie unter irgend einer Form nicht mehr verwechselt werden darf mit der Kapacität eines beliebigen Apparats, freiwerdender Energie diese Form zu ertheilen. Es ist diese Verwechslung ein Korollar der Verwechslung von Kraft und Energie bei 25 Gelegenheit der elektrischen Scheidungskraft; sie beide sind es, in denen die drei einander total widersprechenden Stromeserklärungen Wiedemanns sich harmonisch lösen und die überhaupt allen seinen Irrungen und Wirrungen über die s. g. „elektromotorische Kraft“ schließlich zu Grunde liegen.
Außer der bereits betrachteten eigenthümlichen Wechselwirkung zwi- 30 sehen Chemismus und Elektricität findet sich noch eine zweite Gemeinsamkeit, die ebenfalls eine engere Verwandtschaft dieser beiden Bewegungsformen andeutet. Beide können nur verschwindend bestehn. Der chemische Prozeß vollzieht sich, für jede in ihn eintretende Gruppe von Atomen, plötzlich. Nur durch die Gegenwart von neuem Material, das stets von 35 Neuem in ihn eintritt, kann er verlängert werden. Ebenso mit der elektrischen Bewegung. Kaum ist sie aus einer andren Bewegungsform erzeugt, so schlägt sie auch schon wieder um in eine dritte Bewegungsform; nur fortwährende Bereitschaft verfügbarer Energie kann den dauernden Strom herstellen, in dem in jedem Augenblick neue Bewegungsmengen die Form der Elektricität 40 annehmen und wieder verlieren.
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Elektrizität
Die Einsicht in diesen engen Zusammenhang der chemischen mit der elektrischen Aktion und umgekehrt wird auf beiden Untersuchungsgebieten zu großen Resultaten führen. Sie wird bereits immer allgemeiner. Unter den Chemikern hat Lothar Meyer und nach ihm Kekule gradezu ausgesprochen 5 daß eine Wiederaufnahme der elektrochemischen Theorie in verjüngter Form bevorstehe. Auch unter den Elektrikern scheint, wie namentlich die jüngsten Arbeiten von F. Kohlrausch andeuten, die Überzeugung ||[64]| endlich durchdringen zu wollen, daß nur eine genaue Beachtung der chemischen Vorgänge in Kette und Zersetzungszelle ihrer Wissenschaft aus der Sack-10 gasse der alten Tradition heraus helfen kann.
Und in der That ist nicht abzusehn, wodurch anders der Lehre vom Galvanismus, und damit in zweiter Linie derjenigen vom Magnetismus und von der Spannungselektricität eine feste Grundlage gegeben werden kann, als durch eine chemisch exakte Generalrevision aller überkommenen un-15 kontrollirten, auf einem überwundnen wissenschaftlichen Standpunkt angestellten Versuche, unter genauer Beachtung und Feststellung der Energie-Umsätze, und unter vorläufiger Beiseitsetzung aller traditionellen theoretischen Vorstellungen über die Elektricität.
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[Ausgelassenes aus „Feuerbach“]
[Die vulgarisirenden Hausirer, die in den fünfziger Jahren in Deutschland in Materialismus machten, kamen in keiner Weise über diese Schranke ihrer Lehrer hinaus. Alle seitdem gemachten Fortschritte der Naturwissenschaft 5 dienten ihnen nur] |16| als neue Argumente gegen den Glauben an den Weltschöpfer; und in der That lag es ganz außerhalb ihres Geschäfts, die Theorie weiter zu entwickeln. Der Idealismus war durch 1848 schwer getroffen; aber der Materialismus, in dieser seiner erneuten Gestalt, war noch tiefer heruntergekommen. Daß Feuerbach die Verantwortlichkeit für diesen 10 Materialismus ablehnte, darin hatte er entschieden recht; nur durfte er die Lehre der Reiseprediger nicht mit dem Materialismus überhaupt zusammenwerfen.
Um dieselbe Zeit aber nahm die empirische Naturwissenschaft einen solchen Aufschwung und erreichte so glänzende Resultate, daß dadurch 15 nicht nur eine vollständige Überwindung der mechanischen Einseitigkeit des 18. Jahrhunderts möglich wurde,-sondern auch die Naturwissenschaft selbst durch den Nachweis der in der Natur selbst vorhandenen Zusammenhänge der verschiednen Untersuchungsgebiete (der Mechanik, Physik, Chemie, Biologie etc.) aus einer empirischen in eine theoretische Wissenschaft, und 20 bei der Zusammenfassung des Gewonnenen, in ein System der materialistischen Naturerkenntniß sich verwandelte. Die Mechanik der Gase; die neugeschaffne organische Chemie, die einer sogenannten Organischen Verbindung nach der andern den letzten Rest der Unbegreiflichkeit abstreifte, indem sie sie aus anorganischen Stoffen herstellte; die von 1818 25 datirende wissenschaftliche Embryologie, die Geologie und Paläontologie; die vergleichende Anatomie der Pflanzen und Thiere — sie alle lieferten neuen Stoff in bisher unerhörtem Maß. Von entscheidender Wichtigkeit aber waren drei große Entdeckungen.
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Die erste war der, von der Entdeckung des mechanischen Äquivalents der Wärme (durch Robert Mayer, Joule und Colding) sich herleitende Nachweis der Verwandlung der Energie. Alle die zahllosen wirkenden Ursachen in der Natur, die bisher als sogenannte Kräfte ein geheimnißvolles, unerklärtes Dasein führten, — mechanische Kraft, Wärme, Strahlung (Licht und strahlende Wärme), Elektricität, Magnetismus, chemische Kraft der Verbindung und Trennung, sind jetzt nachgewiesen als besondre Formen, Daseinsweisen einer und derselben Energie, d. h. Bewegung; wir können nicht nur ihre in der Natur stets vorgehende Verwandlung aus einer Form in die andre nachweisen, sondern sie selbst im Laboratorium und in der Industrie vollführen, und zwar so, daß einer gegebnen Menge von Energie || 17| in der einen Form stets eine bestimmte Menge von Energie in dieser oder jener andern Form entspricht. Wir können so die Wärmeeinheit in Kilogramm-Metern, und die Einheiten oder beliebige Mengen von elektrischer oder chemischer Energie wieder in Wärmeeinheiten ausdrücken und umgekehrt; wir können ebenso den Energieverbrauch und die Energiezufuhr eines lebendigen Organismus messen und in einer beliebigen Einheit, z. B. in Wärmeeinheiten ausdrücken. Die Einheit aller Bewegung in der Natur ist nicht mehr eine philosophische Behauptung, sondern eine naturwissenschaftliche Thatsache.
Die zweite — der Zeit nach frühere — ist die Entdeckung der organischen Zelle durch Schwann und Schleiden, der Zelle als der Einheit aus deren Vervielfältigung und Differenzirung alle Organismen, mit Ausnahme der niedrigsten, entstehn und herauswachsen. Erst mit dieser Entdeckung erhielt die Untersuchung der organischen, lebendigen Naturprodukte — sowohl die vergleichende Anatomie und Physiologie wie die Embryologie — einen festen Boden. Der Entstehung, dem Wachsthum und der Struktur der Organismen war das Geheimniß abgestreift; das bisher unbegreifliche Wunder hatte sich aufgelöst in einen, nach einem für alle vielzelligen Organismen wesentlich identischen Gesetz sich vollziehenden Prozeß.
Aber noch blieb eine wesentliche Lücke. Wenn alle vielzelligen Organismen — Pflanzen wie Thiere mit Einschluß des Menschen — aus je Einer Zelle nach dem Gesetz der Zellenspaltung herauswachsen, woher dann die unendliche Verschiedenheit dieser Organismen? Diese Frage wurde beantwortet durch die dritte große Entdeckung, die Entwicklungstheorie, die zuerst von Darwin im Zusammenhang dargestellt und begründet wurde. So manche Umwandlungen diese Theorie auch noch im Einzelnen durchmachen wird, so löst sie im Ganzen und Großen schon jetzt das Problem in mehr als genügender Weise. Die Entwicklungsreihe der Organismen von wenigen einfachen zu stets mannichfacheren und komplicirteren, wie wir sie heute vor uns sehn, und bis zum Menschen herauf, ist in den großen Grundzügen nachgewiesen; es ist damit nicht nur die Erklärung ermöglicht für den vor-
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gefundnen Bestand an organischen Naturprodukten, sondern auch die Grundlage gegeben für die Vorgeschichte des Menschengeistes, für die Verfolgung seiner verschiednen Entwicklungsstufen vom einfachen strukturlosen, aber Reize empfindenden Protoplasma der niedrigsten Organismen bis zum denkenden Menschenhirn. Ohne diese Vorgeschichte aber	5
bleibt das Dasein des denkenden Menschenhirns || 18| ein Wunder.
Mit diesen drei großen Entdeckungen sind die Hauptvorgänge der Natur erklärt, auf natürliche Ursachen zurückgeführt. Nur eins bleibt hier noch zu thun: die Entstehung des Lebens aus der unorganischen Natur zu erklären. Das heißt auf der heutigen Stufe der Wissenschaft nichts andres als: Ei- 10 weißkörper aus unorganischen Stoffen herzustellen. Dieser Aufgabe rückt die Chemie immer näher. Sie ist noch weit von ihr entfernt. Wenn wir aber bedenken, daß erst 1828 der erste organische Körper, der Harnstoff, von Wöhler aus unorganischem Material dargestellt wurde, und wie unzählige s.g. organische Zusammensetzungen jetzt künstlich, ohne irgend welche 15 organischen Stoffe dargestellt werden, werden wir der Chemie kein Halt! vor dem Eiweiß gebieten wollen. Bis jetzt kann sie jeden organischen Stoff darstellen, dessen Zusammensetzung sie genau kennt. Sobald die Zusammensetzung der Eiweißkörper einmal bekannt ist, wird sie an die Herstellung von lebendigem Eiweiß gehn können. Daß sie aber von heute auf morgen 20 das leisten soll, was der Natur selbst nur unter sehr günstigen Umständen auf einzelnen Weltkörpern nach Millionen Jahren gelingt — das hieße ein Wunder verlangen.
Somit steht die materialistische Naturanschauung heute auf ganz anders festen Füßen als im vorigen Jahrhundert. Damals war nur die Bewegung der 25 Himmelskörper und die von irdischen festen Körpern unter dem Einfluß der Schwere einigermaßen erschöpfend verstanden; fast das ganze Gebiet der Chemie und die ganze organische Natur blieben unverstandne Geheimnisse. Heute liegt die ganze Natur als ein, wenigstens in den großen Grundzügen, erklärtes und begriffenes System von Zusammenhängen und Vorgängen vor 30 uns ausgebreitet. Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zuthat, und daher verstand sie sich bei den griechischen Philosophen ursprünglich von selbst. Aber zwischen jenen alten Griechen und uns liegen mehr als zwei Jahrtausende wesentlich idealistischer Weltanschauung, und 35 da ist die Rückkehr auch zum Selbstverständlichen schwerer als es auf den ersten Blick scheint. Denn es handelt sich keineswegs um einfache Verwerfung des ganzen Gedankeninhalts jener zwei Jahrtausende, sondern um seine Kritik, || 19| um die Losschälung der, innerhalb der falschen, aber für ihre Zeit und den Entwicklungsgang selbst unvermeidlichen idealistischen 40 Form gewonnenen Resultate aus dieser vergänglichen Form. Und wie
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schwer das ist, beweisen uns jene zahlreichen Naturforscher, die innerhalb ihrer Wissenschaft unerbittliche Materialisten sind, außerhalb derselben aber nicht nur Idealisten, sondern selbst fromme, ja orthodoxe Christen.
Alle diese epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaft gingen an Feuerbach vorüber ohne ihn wesentlich zu berühren. Es war dies nicht sosehr seine Schuld, als die der elenden deutschen Verhältnisse, Kraft deren die Lehrstühle der Universitäten von hohlköpfigen, eklektischen Flohknackern in Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der sie thurmhoch überragte, in einsamer Dorfabgeschiedenheit fast verbauern mußte. Daher kommt es, daß er über die Natur — bei einzelnen genialen Zusammenfassungen, so viel belletristisches Stroh dreschen muß. So sagt er: „Das Leben ist allerdings nicht Produkt eines chemischen Prozesses, nicht Produkt überhaupt einer vereinzelten Naturkraft oder Erscheinung, worauf der metaphysische Materialist das Leben reducirt; es ist ein Resultat der ganzen Natur.“ — Daß das Leben ein Resultat der ganzen Natur ist, widerspricht keineswegs dem Umstand, daß das Eiweiß, welches der ausschließliche selbständige Träger des Lebens ist, unter bestimmten durch den ganzen Naturzusammenhang gegebnen Bedingungen entsteht, aber eben als Produkt eines chemischen Prozesses entsteht. Derselben Vereinsamung ist es zuzuschreiben, wenn Feuerbach sich in eine Reihe unfruchtbarer und sich im Kreise drehender Spekulationen über das Verhältniß des Denkens zum denkenden Organ, dem Gehirn, verliert — ein Gebiet worauf ihm Starcke mit Vorliebe folgt.
Genug, Feuerbach sträubt sich gegen den Namen Materialismus. Und nicht ganz mit Unrecht; denn er wird den Idealisten nie ganz los. Auf dem Gebiet der Natur ist er Materialist; aber auf dem Gebiet der menschlichen |
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Dialektik der Natur (Chronologische Anordnung)
[1941
\Dialektik und Naturwissenschaft]
[195]
\Naturforschung und Dialektik
1)	Noten, a. Über die Urbilder des Mathematischen] Unendlichen in der 5 wirklichen Welt.
b.	Über die „mechanische“ Naturauffassung.
c.	Über Nägeli’s Unfähigkeit das Unendliche zu erkennen.
2)	Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik.
4)	Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.	10
5)	Ausgelassenes aus „Feuerbach“. |
[196] \Dialektik der Natur.
1)	Grundformen der Bewegung
2)	die beiden Maße der Bewegung	15
3)	Elektricität und Magnetismus
4)	Naturforschung und Geisterwelt
5)	Alte Einleitung
6)	Fluthreibung |
[197]	20
\Math[ematik] und Naturwissenschaft] Diversa]
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(Systematische Anordnung der Manuskripte)
Plan 1878
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[Plan 1878]
1)	Historische Einleitung: in d[er] Naturwissenschaft] durch ihre eigene Entwicklung die metaphysische Auffassung unmöglich geworden.
2)	Gang der theoretischen Entwicklung in Deutschland seit Hegel (alte Vorrede) Rückkehr zur Dialektik vollzieht sich unbewußt, daher widerspruchsvoll und langsam.
3)	Dialektik als Wissenschaft des Gesammt-Zusammenhangs. Hauptgesetze: Umschlag von Quantität und Qualität — Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Um schlagen wenn auf die Spitze getrieben — Entwicklung durch den Widerspruch oder Negation der Negation — spirale Form der Entwicklung.
4)	Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie, Biologie. S. Simon (Comte) und Hegel.
5)	Apercus über die einzelnen Wissenschaften und deren dialektischen Inhalt:
1)	Mathematik: dialektische Hülfsmittel und Wendungen — das mathematische] Unendliche wirklich vorkommend.
2)	Mechanik des Himmels — jetzt aufgelöst in einen Prozeß. — Mechanik: Ausgang von der inertia die nur der negative Aus-
\ druck der Unzerstörbarkeit der Bewegung ist.
3)	Physik — Übergänge der molekularen Bewegungen in einander. Claus[ius] und Loschmidt.
4)	Chemie: Theorien, Energie.
k 5) Biologie. Darwinismus. Nothwendigkeit und Zufälligkeit.
6)	Die Gränzen des Erkennens. Düb[ois]-Reymond und Nägeli — Helmholtz, Kant, Hume.
7)	Die mechanische Theorie. Häckel.
8)	Die Plastidülseele — Häckel und Nägeli
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9)	Wissenschaft und Lehre — Virchow
10)	Zellenstaat — Virchow
11)	Darwinistische Politik und Gesellschaftslehre — Häckel und Schmidt. Differentiation des Menschen durch Arbeit. — Anwendung der Oekono-mie auf die Naturwissenschaft] Helmholtz „Arbeit“ (Pop. V.II) 5
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[Historisches]
Die moderne Naturwissenschaft — die einzige von der qua Wissenschaft die Rede sein kann gegenüber den genialen Intuitionen der Griechen und den sporadischen zusammenhangslosen Untersuchungen der Araber — beginnt mit jener gewaltigen Epoche die den Feudalismus durch das Bürgerthum brach, im Hintergrund des Kampfs zwischen Städtebürgern und Feudaladel den rebellischen Bauern und hinter dem Bauern die revolutionären Anfänge des modernen Proletariats, schon die rothe Fahne in der Hand und den Kommunismus auf den Lippen, zeigte — die großen Monarchieen in Europa schuf, die geistige Diktatur des Papstes brach, das Griechische Alterthum wieder heraufbeschwor und mit ihm die höchste Kunstentwicklung der neuen Zeit, die Gränzen des alten Orbis durchbrach und die Erde erst eigentlich entdeckte. Es war die größte Revolution die die Erde bis dahin erlebt hatte. Auch die Naturwissenschaft lebte und webte in dieser Revolution war revolutionär durch und durch, ging Hand in Hand mit der erwachenden modernen Philosophie der großen Italiäner, und lieferte ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse. Es ist bezeichnend daß Protestanten wie Katholiken in ihrer Verfolgung wetteiferten—die Einen verbrannten Servet, die Andern Giordano Bruno. Es war eine Zeit die Riesen brauchte und Riesen hervorbrachte, Riesen an Gelehrsamkeit, Geist und Charakter, die Zeit die die Franzosen richtig die Renaissance, das protestantische Europa einseitig bornirt die der Reformation benannten.
Auch die Naturwissenschaft hatte damals ihre Unabhängigkeitserklärung, die freilich nicht gleich im Anfang kam, ebensowenig wie Luther der erste
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Protestant gewesen. Was auf religiösem Gebiet die Bullenverbrennung Luthers, war auf naturwissenschaftlichem des Kopernikus großes Werk worin er, schüchtern zwar, nach 36jährigem Zögern, und sozusagen auf dem Todtenbett, dem kirchlichen Aberglauben den Fehdehandschuh hinwarf. Von da an war die Naturforschung von der Religion wesentlich emancipirt, 5 obwohl die vollständige Auseinandersetzung aller Details sich noch bis heute hingezogen und in manchen Köpfen noch lange nicht fertig ist. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaft mit Riesenschritten, sie nahm zu sozusagen im quadratischen Verhältniß der zeitlichen Entfernung von ihrem Ausgangspunkt, gleichsam als ob sie der Welt zeigen wollte daß für 10 die Bewegung der höchsten Blüthe der organischen Materie den Menschengeist das umgekehrte Gesetz gelte wie für die Bewegung unorganischer Materie.
Die erste Periode der neueren Naturwissenschaft schließt — auf dem Gebiet des Unorganischen — mit Newton ab. Es ist die Periode der Be- 15 wältigung des gegebnen Stoffs, sie hatte im Bereich des Mathematischen, der Mechanik und Astronomie, der Statik und Dynamik, Großes geleistet, besonders durch Kepler und Galilei, aus denen Newton die Schlußfolgerungen zog. Auf dem Gebiet des Organischen aber war man nicht über die ersten Anfänge hinaus. Die Untersuchung der historisch aufeinander fol- 20 genden und sich verdrängenden Lebensformen sowie die der ihnen entsprechenden wechselnden Lebensbedingungen — Paläontologie und Geologie — existirten noch nicht. Die Natur galt überhaupt nicht für etwas das sich historisch entwickelt, das seine Geschichte in der Zeit hat; bloß die Ausdehnung im Raum kam in Betracht; nicht nach einander, nur nebeneinander 25 waren die verschiednen Formen gruppirt worden; die Naturgeschichte galt für alle Zeiten wie die Ellipsenbahnen der Planeten. Es fehlten für alle nähere Untersuchung der organischen Gebilde die beiden ersten Grundlagen: die Chemie und die Kenntniß der wesentlichen organischen Struktur, der Zelle.
Die Anfangs revolutionäre Naturwissenschaft stand vor einer durch und 30 durch konservativen Natur, in der Alles noch heute so war wie von Anfang der Welt an und in der bis zum Ende der Welt Alles so bleiben werde wie es von Anfang an gewesen.
Es ist bezeichnend daß diese konservative Naturanschauung sowohl im Anorganischen wie im Organischen.	35
Astronomie	Physik	Geologie	Pflanzenphysiologie	Therapeutik
Mechanik	Chemie	Paläontologie	Thierphysiologie	Diagnostik
Mathematik	Mineralogie	Anatomie
Erste Bresche: Kant und Lapl[ace]. 2te: Geologie und Paläontologie, Lyell, langsame Entwicklung. 3te: Organische Chemie die organische Körper her- 40
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Historische Einleitung
stellt und die Gültigkeit der chemischen Gesetze für d[ie] lebend[en] Körper darstellt. 4te: 1842, Mechanische Wärme, Grove. 5te: Lamarck. Zelle etc., Darwin. (Kampf, Cüvier und Agassiz) 6te: das Vergleichende Element (Wissenschaftliche Reiseexpeditionen seit Mitte 18. Jhdt) in Anatomie 5 Klimatologie (Isothermen), Thier- und Pflanzengeographie, überhaupt physikalischer Geographie (Humboldt) das Zusammenbringen des Materials in Zusammenhang. Morphologie (Embryologie — Bär.)
Die alte Teleologie ist zum Teufel aber fest steht jetzt die Gewißheit daß die Materie in ihrem ewigen Kreislauf nach Gesetzen sich bewegt die auf 10 bestimmter Stufe — bald hier bald da — in organischen Wesen den denkenden Geist mit Nothwendigkeit produzirt.
Die normale Existenz der Thiere gegeben in den gleichzeitigen Verhältnissen, worin sie leben und denen sie sich adaptiren — die des Menschen, sobald er sich vom Thier im engeren Sinn differenzirt sind noch nie dage-15 wesen, erst durch künftige historische Entwicklung herauszuarbeiten. Der Mensch ist das einzige Thier das sich aus dem bloß thierischen Zustand herausarbeiten kann — sein Normalzustand ein seinem Bewußtsein angemessener, von ihm selbst zu schaffender.
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[Einleitung]
Die moderne Naturforschung, die einzige die es zu einer wissenschaftlichen, systematischen, allseitigen Entwicklung gebracht hat im Gegensatz zu den genialen	5
naturphilosophischen Intuitionen der Alten und zu den höchst bedeutenden, aber sporadischen und größ-tentheils resultatlos dahingegangenen Entdeckungen der Araber — die moderne Naturforschung datirt, wie
die ganze neuere Geschichte, von jener gewaltigen	10
Epoche die wir Deutsche, nach dem uns damals zugestoßenen Nationalunglück, die Reformation, die Franzosen die Renaissance und die Italiäner das Cinquecento nennen, und die keiner dieser Namen er-
schöpfend ausdrückt. Es ist die Epoche die mit der	15
letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts anhebt.
Das Königthum, sich stützend auf die Städtebürger, brach die Macht des Feudaladels und begründete die großen, wesentlich auf Nationalität basirten Monar-chieen, in denen die modernen europäischen Nationen	20
und die moderne bürgerliche Gesellschaft zur Entwicklung kamen; und während noch Bürger und Adel sich in den Haaren lagen, wies der deutsche Bauernkrieg prophetisch hin auf zukünftige Klassenkämpfe, indem
er nicht nur die empörten Bauern auf die Bühne führte	25
— das war nichts Neues mehr — sondern hinter ihnen die Anfänge des jetzigen Proletariats, die rothe Fahne in der Hand und die Forderung der Gütergemeinschaft auf den Lippen. In den aus dem Fall von Byzanz geretteten
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Manuskripten, in den aus den Ruinen Roms ausgegrab-nen antiken Statuen ging dem erstaunten Westen eine neue Welt auf, das griechische Alterthum; vor seinen lichten Gestalten verschwanden die Gespenster des Mittelalters; Italien erhob sich zu einer ungeahnten Blüte der Kunst, die wie ein Widerschein des klassischen Alterthums erschien, und die nie wieder erreicht worden. In Italien, Frankreich, Deutschland entstand eine neue, die erste moderne, Literatur; England und Spanien erlebten bald darauf ihre klassische Literaturepoche. Die Schranken des alten Orbis terrarum wurden durchbrochen, die Erde wurde eigentlich jetzt erst entdeckt, und der Grund gelegt zum späteren Welthandel und zum Übergang des Handwerks in die Manufaktur, die wieder den Ausgangspunkt bildete für die moderne große Industrie. Die geistige Diktatur der Kirche wurde gebrochen, die germanischen Völker warfen sie der Mehrzahl nach direkt ab und nahmen den Protestantismus an, während bei den Romanen eine, von den Arabern übernommene und von der neuentdeckten griechischen Philosophie genährte, heitre Freigeisterei mehr und mehr Wurzel faßte und den Materialismus des 18. Jahrhunderts vorbereitete.
Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren Alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im Gegentheil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte. Leonardo da Vinci war nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Mathematiker, Mechaniker, und Ingenieur, dem die verschiedensten Zweige der Physik wichtige Entdeckungen verdanken; Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Architekt und erfand außerdem ein System der Fortifikation das schon manche der weit später durch Montalembert und
und den aus-gegrabnen antiken Statuen
Literatur Italien Frankreich Deutschland Musik
Resultat Bourgeoisherrschaft
aus der griechischen Philosophie
Abenteuerlicher unbürgerlicher Charakter der Zeit, die Bourg[eois]herr-schaft begründet, Reisen, Sprachkenntnisse
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die neuere deutsche Befestigung wieder aufgenommenen Ideen enthält. Macchiavelli war Staatsmann, Geschichtschreiber, Dichter, und zugleich der erste nennenswerthe Militärschriftsteller der neueren Zeit. Luther fegte nicht nur den Augiasstall der Kirche,	5
sondern auch den der deutschen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals der die Marseillaise des 16ten Jahrhunderts wurde. Die Heroen jener Zeit waren
eben noch nicht unter die Theilung der Arbeit geknech-	10
tet deren beschränkende, einseitig machende Wirkun-
gen wir so oft an ihren Nachfolgern verspüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist daß sie fast Alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitkämpfen, der	15
mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, Manche mit Beidem. Daher jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern macht. Stubengelehrte sind die Ausnahme, entweder Leute zweiten und dritten
Rangs, oder vorsichtige Philister die sich die Finger	20
nicht verbrennen wollen.
Auch die Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allgemeinen Revolution und war selbst durch und durch revolutionär; hatte sie sich doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in Hand mit den großen	25
Italiänern von denen die neuere Philosophie datirt, lieferte sie ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse der Inquisition. Und bezeichnend ist daß Protestanten den Katholiken vorauseilten in der
Verfolgung der freien Naturforschung. Calvin ver-	30
brannte Servet als dieser auf dem Sprunge stand den Lauf der Blutcirkulation zu entdecken; und zwar ließ er ihn zwei Stunden lebendig braten; die Inquisition begnügte sich wenigstens damit, Giordano Bruno einfach zu verbrennen.	35
Der revolutionäre Akt wodurch die Naturforschung
ihre Unabhängigkeit erklärte, und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wiederholte, war die Herausgabe des unsterblichen Werks womit Kopernikus, schüchtern zwar und sozusagen erst auf dem Todten-	40
bett, der kirchlichen Autorität in natürlichen Dingen den
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Fehdehandschuh hinwarf. Von da an datirt die Eman-cipation der Naturforschung von der Theologie; wenn auch die Auseinandersetzung der einzelnen gegenseitigen Ansprüche sich bis in unsre Tage hingeschleppt und sich in manchen Köpfen noch lange nicht vollzogen hat. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaften mit Riesenschritten vor sich und gewann an Kraft, man kann wohl sagen im quadratischen Verhältniß der (zeitlichen) Entfernung von ihrem Ausgangspunkt. Es war als sollte der Welt bewiesen werden, daß von jetzt an für das höchste Produkt der organischen Materie, den menschlichen Geist, das umgekehrte Bewegungsgesetz gelte wie für den anorganischen Stoff.
Die Hauptarbeit, in der nun angebrochnen ersten Periode der Naturwissenschaft, war die Bewältigung des nächstliegenden Stoffs. Auf den meisten Gebieten mußte ganz aus dem Rohen angefangen werden. Das Alterthum hatte den Euklid und das ptolemäische Sonnensystem, die Araber die Decimalnotation, die Anfänge der Algebra, die modernen Zahlen, und die Alchymie hinterlassen; das christliche Mittelalter, gar nichts. Nothwendig nahm in dieser Lage die elementarste Naturwissenschaft, die Mechanik der irdischen und himmlischen Körper, den ersten Rang ein, und neben ihr, in ihrem Dienst, die Entdeckung und Vervollkommnung der mathematischen Methoden. Hier wurde Großes geleistet. Am Ende der Periode, das durch Newton und Linne bezeichnet wird, finden wir diese Zweige der Wissenschaft zu einem gewissen Abschluß gebracht. Die wesentlichsten mathematischen Methoden sind in den Grundzügen festgestellt; die analytische Geometrie vorzüglich durch Descartes, die Logarithmen durch Neper, die Differential- und Integralrechnung durch Leibnitz und vielleicht Newton. Dasselbe gilt von der Mechanik fester Körper, deren Hauptgesetze ein für alle Mal klargestellt waren. Endlich in der Astronomie des Sonnensystems hatte Kepler die Gesetze der Planetenbewegung entdeckt und Newton sie unter dem Gesichtspunkt allgemeiner Bewegungsgesetze der Materie gefaßt. Die andern Zweige der
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Naturwissenschaft waren weit entfernt selbst von diesem vorläufigen Abschluß. Die Mechanik der flüssigen und gasförmigen Körper wurde erst gegen Ende der Periode mehr bearbeitet; die eigentliche Physik war noch nicht über die ersten Anfänge hinaus wenn wir die Optik ausnehmen, deren ausnahmsweise Fortschritte durch das praktische Bedürfniß der Astronomie hervorgerufen wurden. Die Chemie emancipirte sich eben erst durch die phlogistische Theorie von der Alchymie. Die Geologie war noch nicht über die embryonische Stufe der Mineralogie hinaus; die Paläontologie konnte also noch gar nicht existiren. Endlich im Gebiet der Biologie war man noch wesentlich beschäftigt mit der Sammlung und ersten Sichtung des ungeheuren Stoffs, sowohl des botanischen und zoologischen, wie des anatomischen und eigentlich physiologischen. Von Vergleichung der Lebensformen unter einander, von Untersuchung ihrer geographischen Verbreitung, ihrer klimatologischen etc. Lebensbedingungen, konnte noch kaum die Rede sein. Hier erreichte nur Botanik und Zoologie einen annähernden Abschluß durch Linne.
Was diese Periode aber besonders charakterisirt, ist die Herausarbeitung einer eigenthümlichen Ge-sammtanschauung, deren Mittelpunkt die Ansicht von der absoluten Un veränderlichkeit der Natur bildet. Wie auch immer die Natur selbst zu Stande gekommen sein mochte: einmal vorhanden, blieb sie wie sie war, solange sie bestand. Die Planeten und ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem geheimnißvollen „ersten Anstoß“, kreisten fort und fort in ihren vorgeschriebnen Ellipsen, in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf ihren Plätzen, einander darin haltend durch die „allgemeine Gravitation“. Die Erde war von je her, oder auch von ihrem Schöpfungstage an (je nachdem) unverändert dieselbe geblieben. Die jetzigen „fünf Welt-theile“ hatten immer bestanden, immer dieselben Berge, Thäler und Flüsse, dasselbe Klima, dieselbe Flora und Fauna gehabt, es sei denn daß durch Menschenhand Veränderung oder Verpflanzung stattgefunden. Die Arten der Pflanzen und Thiere waren bei ihrer Ent-
Torricelli bei
Gelegenheit der Alpenstrom-regulirung	5
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stehung ein für allemal festgestellt, Gleiches zeugte fortwährend Gleiches, und es war schon viel wenn Linne zugab daß hier und da durch Kreuzung möglicher Weise neue Arten entstehn könnten. Im Gegensatz zur Geschichte der Menschheit, die in der Zeit sich entwickelt, wurde der Naturgeschichte nur eine Entfaltung im Raum zugeschrieben. Alle Veränderung, alle Entwicklung in der Natur wurde verneint. Die Anfangs so revolutionäre Naturwissenschaft stand plötzlich vor einer durch und durch konservativen Natur, in der Alles noch heute so war wie es von Anfang an gewesen und in der — bis zum Ende der Welt oder in Ewigkeit — Alles so bleiben sollte wie es von Anfang an gewesen.
So hoch die Naturwissenschaft der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts über dem griechischen Alterthum stand an Kenntniß und selbst an Sichtung des Stoffs, so tief stand sie unter ihm in der ideellen Bewältigung desselben, in der allgemeinen Naturanschauung. Den griechischen Philosophen war die Welt wesentlich etwas aus dem Chaos Hervorgegangnes, etwas Entwickeltes, etwas Gewordenes. Den Naturforschern der Periode die wir behandeln, war sie etwas Verknöchertes, etwas Unwandelbares, den Meisten etwas mit Einem Schlage Gemachtes. Die Wissenschaft stak noch tief in der Theologie. Überall sucht sie und findet sie als Letztes einen Anstoß von Außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären. Wird auch die Anziehung, von Newton pompöser Weise allgemeine Gravitation getauft, als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefaßt, woher kommt die unerklärte Tangentialkraft, die erst die Planetenbahnen zu Stande bringt? Wie sind die zahllosen Arten der Pflanzen und Thiere entstanden? Und wie nun gar erst der Mensch, von dem doch feststand daß er nicht von Ewigkeit her dawar? Auf solche Fragen antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft indem sie den Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Kopernikus, im Anfang der Periode, schreibt der Theologie den Absagebrief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten Anstoßes. Der höchste allgemeine Gedanke zu dem diese Naturwissenschaft sich aufschwang, war der der
Schwierigkeit mit dem Menschen der doch nicht von Ewigkeit her existirt.
Kopernik[us] schreibt d[er] Theolfogie] den Absagebrief und Newton endigt mit dem Postulat des
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Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen, die flache Wolfsche Teleologie wonach die Katzen geschaffen wurden um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers darzuthun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur höchsten Ehre daß sie sich durch den beschränkten Stand der gleichzeitigen Naturkenntnisse nicht beirren ließ, daß sie — von Spinoza bis zu den großen französischen Materialisten— darauf beharrte die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwissenschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ.
Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch mit zu dieser Periode, weil ihnen kein andres naturwissenschaftliches Material zu Gebote stand als das oben geschilderte. Kant’s epochemachende Schrift blieb ihnen ein Geheimniß, und Laplace kam lange nach ihnen. Vergessen wir nicht daß diese veraltete Naturanschauung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fortschritt der Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht hat und noch jetzt, der Hauptsache nach, auf allen Schulen gelehrt wird.x)
Die erste Bresche in diese versteinerte Naturanschauung wurde geschossen nicht durch einen Naturforscher, sondern durch einen Philosophen. 1755 erschien Kant’s Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. Die Frage nach dem ersten Anstoß war beseitigt; die Erde und das ganze Sonnensystem erschienen als etwas im Verlauf der Zeit Gewordenes. Hätte die große Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik, hüte dich vor der Metaphysik! — sie hätten aus dieser einen genialen Entdeckung Kant’s Folgerungen ziehn müssen, die ihnen endlose Abwege, unermeßliche Mengen in falschen Richtungen vergeu
göttlichen Anstoßes
Teleologie
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Die Fertigkeit der alten Naturanschauung 15 lieferte den Boden zur allgemeinen Zusammenfassung der ge- 20 sammten Naturwissenschaft als ein Ganzes: die franz[ösische] Encyclfopädie],	25
noch rein mechanisch nebeneinander, dann gleichzeitig
S. Simon und 30 die deutsche Naturphilosophie, vollendet durch Hegel.
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x) (Anmerkung) Wie unerschütterlich, noch 1861, ein Mann an diese
Ansicht glauben kann, dessen wissenschaftliche Leistungen höchst
bedeutendes Material zu ihrer Beseitigung geliefert haben, zeigen
folgende klassischen Worte: „Alle ... in sich.“ (Mädler, Pop. Astr.,	40
Berlin 1861, 5. Aufl. p. 316.)
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deter Zeit und Arbeit ersparte. Denn in Kant’s Entdeckung lag der Springpunkt alles ferneren Fortschritts. War die Erde etwas Gewordenes, so mußte ihr gegenwärtiger geologischer, geographischer, klimatischer Zustand, mußten ihre Pflanzen und Thiere ebenfalls etwas Gewordenes sein, mußten sie eine Geschichte haben, nicht nur im Raum nebeneinander, sondern auch in der Zeit nacheinander. Wäre sofort in dieser Richtung entschlossen fortuntersucht worden, die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter als sie ist. Aber was konnte von der Philosophie Gutes kommen? Kant’s Schrift blieb ohne unmittelbares Resultat, bis lange Jahre später Laplace und Herschel ihren Inhalt ausführten und näher begründeten, und damit die „Nebularhypothese“ allmählig zu Ehren brachten. Fernere Entdeckungen verschafften ihr endlich den Sieg; die wichtigsten darunter waren: die Eigenbewegung der Fixsterne, der Nachweis eines widerstehenden Mittels im Weltraum, der durch die Spektralanalyse geführte Beweis der chemischen Identität der Weltmaterie und des Bestehens solcher glühenden Nebelmassen wie Kant sie vorausgesetzt.
Es ist aber erlaubt zu zweifeln, ob der Mehrzahl der Naturforscher der Widerspruch einer sich verändernden Erde, die unveränderliche Organismen tragen soll, sobald zum Bewußtsein gekommen wäre, hätte die auf dämmernde Anschauung daß die Natur nicht ist sondern wird und vergeht, nicht von andrer Seite Suk-kurs bekommen. Die Geologie entstand, und wies nicht nur nach einander gebildete und über einander gelagerte Erdschichten auf, sondern auch in diesen Schichten die erhaltenen Schalen und Skelette ausgestorbner Thiere, die Stämme, Blätter und Früchte nicht mehr vor kommender Pflanzen. Man mußte sich entschließen anzuerkennen daß nicht nur die Erde im Ganzen und Großen, daß auch ihre jetzige Oberfläche und die darauf lebenden Pflanzen und Thiere eine zeitliche Geschichte hatten. Die Anerkennung geschah Anfangs widerwillig genug. Cuvier’s Theorie von den Revolutionen der Erde war revolutionär in der Phrase und reaktionär in der Sache. An die Stelle der Einen göttlichen Schöpfung
Flutwellenrotationshemmung auch von Kant erst jetzt verstanden.
Fixsternbewegung -Spektral-Analyse Nebelflecke Widerstehendes Medium des Weltraums
und vergeht
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setzte sie eine ganze Reihe wiederholter Schöpfungsakte, machte das Mirakel zu einem wesentlichen Hebel der Natur. Erst Lyell brachte Verstand in die Geologie, indem er die plötzlichen, durch die Launen des Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die allmähligen Wirkungen einer langsamen Umgestaltung der Erde.x)
Die Lyellsche Theorie war noch unverträglicher mit der Annahme beständiger organischer Arten als alle ihre Vorgängerinnen. Allmählige Umgestaltung der Erdoberfläche und aller Lebensbedingungen führte direkt auf allmählige Umgestaltung der Organismen und ihre Anpassung an die sich ändernde Umgebung, auf die Wandelbarkeit der Arten. Aber die Tradition ist eine Macht nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der Naturwissenschaft. Lyell selbst sah jahrelang den Widerspruch nicht, seine Schüler noch weniger. Es ist dies nur zu erklären durch die inzwischen in der Naturwissenschaft herrschend gewordene Thei-lung der Arbeit, die Jeden auf sein specielles Fach mehr oder weniger beschränkte und nur Wenige nicht des allgemeinen Überblicks beraubte.
Inzwischen hatte die Physik gewaltige Fortschritte gemacht, deren Resultate in dem, für diesen Zweig der Naturforschung epochemachenden Jahr 1842 von drei verschiedenen Männern fast gleichzeitig zusammen gefaßt wurden. Mayer in Heilbronn und Joule in Manchester wiesen den Umschlag von Wärme in mechanische Kraft und von mechanischer Kraft in Wärme nach. Die Feststellung des mechanischen Aequivalents der Wärme stellte dies Resultat außer Frage. Gleichzeitig bewies Grove — kein Naturforscher von Profession sondern ein englischer Advokat — durch einfache Verarbeitung der bereits erreichten, einzelnen physikalischen Resultate die Thatsache daß alle s. g. physikalischen Kräfte, mechanische Kraft, Wärme, Licht,
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zu erklären durch Theilung der Arbeit. 20
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x) Der Mangel der Lyellschen Anschauung—wenigstens in ihrer ersten Form — lag darin daß sie die auf der Erde wirkenden Kräfte als konstant auffaßte, konstant nach Qualität und Quantität. Die Abkühlung der Erde besteht nicht für ihn; die Erde entwickelt sich nicht in bestimmter Richtung, sie verändert sich bloß in zusammenhangsloser, zufälliger Weise.
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gar kein Zusammenhang als Zufälligkeit
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Elektricität, Magnetismus, ja selbst die s.g. chemische Kraft unter bestimmten Bedingungen die eine in die andre umschlagen, ohne daß irgend welcher Kraftverlust stattfindet, und bewies so nachträglich auf physikalischem Wege den Satz des Descartes daß die Quantität der in der Welt vorhandenen Bewegung unveränderlich ist. Hiermit waren die besondren physikalischen Kräfte, sozusagen die unveränderlichen „Arten“ der Physik in verschieden differenzirte und nach bestimmten Gesetzen in einander übergehende Bewegungsformen der Materie aufgelöst. Die Zufälligkeit des Bestehens von so und so viel physikalischen Kräften war aus der Wissenschaft beseitigt, indem ihre Zusammenhänge und Übergänge nachgewiesen. Die Physik war, wie schon die Astronomie, bei einem Resultat angekommen das mit Nothwendigkeit auf den ewigen Kreislauf der sich bewegenden Materie als Letztes hinwies.
Die wunderbar rasche Entwicklung der Chemie seit Lavoisier und besonders seit Dalton griff die alten Vorstellungen von der Natur von einer andern Seite an. Durch Herstellung von bisher nur im lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege wies sie nach daß die Gesetze der Chemie für organische Körper dieselbe Gültigkeit haben wie für unorganische, und füllte sie einen großen Theil der, noch nach Kant, auf ewig unüberschreitbaren Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.
Endlich hatten auch auf dem Gebiet der biologischen Forschung namentlich die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts systematisch betriebnen wissenschaftlichen Reisen und Expeditionen, die genauere Durchforschung der europäischen Kolonieen in allen Welttheilen durch dort lebende Fachleute, ferner die Fortschritte der Paläontologie, der Anatomie und Physiologie überhaupt (besonders seit systematischer Anwendung des Mikroskops und Entdeckung der Zelle) soviel Material gesammelt daß die Anwendung der vergleichenden Methode möglich und zugleich nothwendig wurde. Einerseits wurden durch die vergleichende physische Geographie die Lebensbedingungen der verschiednen Floren und Faunen festgestellt, andrerseits die ver-
die Kräfte finden ihre Einheit in der Bewegung der Materie, die Zufälligkeit daß so und so viel Kräfte bestehn, abgeschafft, Einheit in die physikalische Weltanschauung gebracht, und Einklang mit den allgemeinen Resultaten der Forschung: ewiger Kreislauf
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schiednen Organismen nach ihren homologen Organen unter einander verglichen, und zwar nicht nur im Zustand der Reife, sondern auf allen ihren Entwicklungsstufen. Je tiefer und genauer diese Untersuchung geführt wurde, desto mehr zerfloß ihr unter den Händen jenes starre System einer unveränderlich fixirten organischen Natur. Nicht nur daß immer mehr einzelne Arten von Pflanzen und Thieren rettungslos in einander verschwammen, es tauchten Thiere auf wie Amphioxus und Lepidosiren die aller bisherigen Klassification spotteten und endlich stieß man auf Organismen von denen nicht einmal zu sagen war ob sie zum Pflanzenreich oder zum Thierreich gehörten. Die Lücken im paläontologischen Archiv füllten sich mehr und mehr, und zwangen auch dem Widerstrebendsten den schlagenden Parallelismus auf, der zwischen der Entwicklungsgeschichte der organischen Welt im Ganzen und Großen und der des einzelnen Organismus besteht, den Ariadnefaden der aus dem Labyrinth führen sollte, worin Botanik und Zoologie sich tiefer und tiefer zu verirren schienen. Es war bezeichnend daß fast gleichzeitig mit Kant’s Angriff auf die Ewigkeit des Sonnensystems, C. F. Wolff 1759 den ersten Angriff auf die Beständigkeit der Arten erließ und die Abstammungslehre proklamirte. Aber was bei ihm nur noch geniale Anticipation, das nahm bei Oken, Lamarck, Bär feste Gestalt an und wurde genau 100 Jahre später, 1859, von Darwin sieghaft durchgeführt. Fast gleichzeitig wurde konstatirt daß Protoplasma und Zelle, die schon früher als letzte Formbestandtheile aller Organismen nachgewiesen, als niedrigste organische Formen selbstständig lebend vorkommen. Damit war sowohl die Kluft zwischen anorganischer und organischer Natur auf ein Minimum reduzirt, wie auch eine der wesentlichsten Schwierigkeiten beseitigt, die der Abstammungstheorie der Organismen bisher entgegenstand. Die neue Naturanschauung war in ihren Grundzügen fertig: alles Starre war aufgelöst, alles Fixirte verflüchtigt, alles für ewig gehaltene Besondere vergänglich geworden, die ganze Natur als in ewigem Fluß und Kreislauf sich bewegend nachgewiesen.
Ceratodus	10
dito Archaeop-teryx etc.	15
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Protoplasma und Zelle. Das Problem der 30 Entstehung des Organischen] XXXeinfach XX
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Und so sind wir denn wieder zurückgekehrt zu der Anschauungsweise der großen Gründer der griechischen Philosophie, daß die gesammte Natur, vom Kleinsten bis zum Größten, von den Sandkörnern bis zu den Sonnen, von den Protisten bis zum Menschen, in ewigem Entstehen und Vergehen, in unaufhörlichem Fluß, in rastloser Bewegung und Veränderung ihr Dasein hat. Nur mit dem wesentlichen Unterschied daß, was bei den Griechen geniale Intuition war, bei uns Resultat streng wissenschaftlicher erfahrungsmäßiger Forschung ist, und daher auch in viel bestimmterer und klarerer Form auf tritt. Allerdings ist der empirische Nachweis dieses Kreislaufs nicht ganz und gar frei von Lücken, aber diese sind unbedeutend im Vergleich zu dem was bereits sicher gestellt ist, und füllen sich mit jedem Jahr mehr und mehr aus. Und wie könnte der Nachweis im Detail anders als lückenhaft sein wenn man bedenkt daß die wesentlichsten Zweige der Wissenschaft — die transplanetarische Astronomie, die Chemie, die Geologie kaum ein Jahrhundert, die vergleichende Methode in der Physiologie kaum fünfzig Jahre wissenschaftlicher Existenz zählen, daß die Grundform fast aller Lebensentwicklung, die Zelle, noch nicht vierzig Jahre entdeckt ist!
Aus wirbelnden, glühenden Dunstmassen, deren Bewegungsgesetze vielleicht erschlossen werden nachdem die Beobachtungen einiger Jahrhunderte uns über die Eigenbewegung der Sterne Klarheit verschafft, entwickelten sich durch Zusammenziehung und Abkühlung die zahllosen Sonnen und Sonnensysteme unsrer, von den äußersten Sternringen der Milchstraße begränzten Weltinsel. Diese Entwicklung ging offenbar nicht überall gleich schnell vorsich. Die Existenz dunkler, nicht bloß planetarischer Körper, also ausgeglühter Sonnen, in unserm Sternsystem drängt sich der Astronomie mehr und mehr auf (Mädler); andrerseits gehört (nach Secchi) ein Theil der dunstförmigen Nebelflecke als noch nicht fertige Sonnen zu unserm Sternsystem; wodurch nicht ausgeschlossen ist daß andre Nebel, wie Mädler behauptet, ferne selbstständige Weltinseln sind, deren relative Entwicklungsstufe das Spektroskop festzustellen hat.
Wie aus einer einzelnen Dunstmasse ein Sonnensystem sich entwickelt, hat Laplace im Detail, in bis jetzt unübertroffener Weise nachgewiesen; die spätere Wissenschaft hat ihn mehr und mehr bestätigt.
Auf den so gebildeten einzelnen Körpern — Sonnen wie Planeten und Satelliten — herrscht Anfangs diejenige Bewegungsform der Materie vor die wir Wärme nennen. Von chemischen Verbindungen der Elemente kann selbst bei einer Temperatur wie sie heute noch die Sonne hat, keine Rede sein; in wie weit die Wärme sich dabei in Elektricität oder Magnetismus umsetzt, werden fortgesetzte Sonnenbeobachtungen zeigen; daß die auf der Sonne vorgehenden mechanischen Bewegungen lediglich aus dem Konflikt
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der Wärme mit der Schwere hervorgehn, ist schon jetzt so gut wie ausgemacht.
Die einzelnen Körper kühlen sich um so rascher ab, je kleiner sie sind. Satelliten, Asteroiden, Meteore zuerst, wie denn ja unser Mond längst verstorben ist. Langsamer die Planeten, am langsamsten der Centralkörper. 5
Mit der fortschreitenden Abkühlung tritt das Wechselspiel der in einander umschlagenden physikalischen Bewegungsformen mehr und mehr in den Vordergrund, bis endlich ein Punkt erreicht wird von wo an die chemische Verwandtschaft anfängt sich geltend zu machen, wo die bisher chemisch indifferenten Elemente sich nach einander chemisch differenziren, chemi- 10 sehe Eigenschaften erlangen, Verbindungen mit einander eingehn. Diese Verbindungen wechseln fortwährend mit der abnehmenden Temperatur, die nicht nur jedes Element, sondern auch jede einzelne Verbindung von Elementen verschieden beeinflußt, mit dem davon abhängenden Übergang eines Theils der gasförmigen Materie zuerst in den flüssigen dann in den 15 festen Zustand, und mit den dadurch geschaffenen neuen Bedingungen.
Die Zeit wo der Planet eine feste Rinde und Wasseransammlungen auf ihrer Oberfläche hat, fällt zusammen mit der, von wo an seine Eigenwärme mehr und mehr zurück tritt gegen die ihm zugesandte Wärme des Centralkörpers. Seine Atmosphäre wird der Schauplatz meteorologischer Erscheinun- 20 gen in dem Sinne wie wir das Wort jetzt verstehn, seine Oberfläche der Schauplatz geologischer Veränderungen, bei denen die durch atmosphärische Nieder Schläge herbeigeführten Ablagerungen immer mehr Übergewicht erlangen über die sich langsam abschwächenden Wirkungen nach Außen des heißflüssigen Innern.	25
Gleicht sich endlich die Temperatur soweit aus, daß sie wenigstens an einer beträchtlichen Stelle der Oberfläche die Gränzen nicht mehr überschreitet in denen das Eiweiß lebensfähig ist, so bildet sich, unter sonst günstigen chemischen Vorbedingungen, lebendiges Protoplasma. Welches diese Vorbedingungen sind, wissen wir heute noch nicht, was nicht zu verwundern, 30 da nicht einmal die chemische Formel des Eiweißes bis jetzt feststeht, wir noch nicht einmal wissen wie viel chemisch verschiedene Eiweißkörper es gibt, und da erst seit ungefähr zehn Jahren die ThatSache bekannt ist daß vollkommen strukturloses Eiweiß alle wesentlichen Funktionendes Lebens, Verdauung, Ausscheidung, Bewegung, Contraktion, Reaktion gegen Reize, 35 Fortpflanzung, vollzieht.
Es mag Jahrtausende gedauert haben, bis die Bedingungen eintraten unter denen der nächste Fortschritt geschehn, und dies formlose Eiweiß, durch Bildung von Kern und Haut die erste Zelle herstellen konnte. Aber mit dieser ersten Zelle war auch die Grundlage der Formbildung der ganzen orga- 40 nischen Welt gegeben; zuerst entwickelten sich, wie wir nach der ganzen
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Analogie des paläontologischen Archivs annehmen dürfen, zahllose Arten zellenloser und zelliger Protisten, wovon das einzige Eozoon Canadense uns überliefert, und wovon Einige allmählig zu den ersten Pflanzen, Andre zu den ersten Thieren sich differenzirten. Und von den ersten Thieren aus entwickelten sich, wesentlich durch weitere Differenzirung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten der Thiere, zuletzt die Form in der das Nervensystem zu seiner vollsten Entwicklung kommt, die der Wirbelthiere, und wieder zuletzt unter diesen das Wirbelthier, in dem die Natur das Bewußtsein ihrer selbst erlangt — der Mensch.
Auch der Mensch entsteht durch Differenzirung. Nicht nur individuell, aus einer einzigen Eizelle bis zum komplicirtesten Organismus differenzirt den die Natur hervorbringt — nein, auch historisch. Als nach jahrtausendlangem Ringen die Differenzirung der Hand vom Fuß, der aufrechte Gang, endlich festgestellt, da war der Mensch vom Affen geschieden, da war der Grund gelegt zur Entwicklung der artikulirten Sprache und zu der gewaltigen Ausbildung des Gehirns, die seitdem die Kluft zwischen Menschen und Affen unübersteiglich gemacht hat. Die Specialisirung der Hand — das bedeutet das Werkzeug, und das Werkzeug bedeutet die specif isch menschliche Thätigkeit, die umgestaltende Rückwirkung des Menschen auf die Natur, die Produktion. Auch Thiere im engern Sinn haben Werkzeuge, aber nur als Glieder ihres Leibes—die Ameise, die Biene, der Biber; — auchThiere produziren, aber ihre produktive Einwirkung auf die umgebende Natur ist dieser gegenüber gleich Null. Nur der Mensch hat es fertig gebracht der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Thiere versetzte sondern auch den Aspekt, das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Thiere selbst so veränderte, daß die Folgen seiner Thätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können. Und das hat er fertig gebracht zunächst und wesentlich vermittelst der Hand. Selbst die Dampfmaschine, bis jetzt sein mächtigstes Werkzeug zur Umgestaltung der Natur, beruht, weil Werkzeug, in letzter Instanz auf der Hand. Aber mit der Hand entwickelte sich Schritt für Schritt der Kopf, kam das Bewußtsein zuerst der Bedingungen einzelner praktischer Nutzeffekte, und später, bei den begünstigteren Völkern, daraus hervorgehend, die Einsicht in die sie bedingenden Naturgesetze. Und mit der rasch wachsenden Kennt-niß der Naturgesetze wuchsen die Mittel der Rückwirkung auf die Natur; die Hand allein hätte die Dampfmaschine nie fertig gebracht, hätte das Gehirn des Menschen sich nicht mit und neben ihr und theilweise durch sie correlativ entwickelt.
Mit dem Menschen treten wir ein in die Geschichte. Auch die Thiere haben eine Geschichte, die ihrer Abstammung und allmähligen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese Geschichte wird für sie gemacht, und soweit
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sie selbst daran Theil nehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen dagegen, jemehr sie sich vom Thier im engeren Sinn entfernen, desto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrollirter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der geschichtliche 5 Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir daß hier noch immer ein kolossales Mißverhältniß besteht zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, daß die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollirten Kräfte 1 o weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Thätigkeit der Menschen, diejenige die sie aus derThierheitzur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage aller ihrer übrigen Thätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Lebensbedürfnisse, das heißt heutzutage die gesellschaft- 15 liehe Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollirten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegentheil realisirt. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt; wir haben damit die Produktion 20 ins Unendliche vervielfacht, sodaß ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene. Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend der Massen und alle zehn Jahre ein großer Krach. Darwin wußte nicht welche bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb als er nachwies daß die freie Konkurrenz, der Kampf ums 25 Dasein, den die Oekonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Thierreichs ist. Erst eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produzirt und vertheilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Beziehung aus der übrigen Thierwelt herausheben wie dies die Produktion überhaupt 30 für die Menschen in specifischer Beziehung gethan hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation täglich unumgänglicher aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datiren in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Thätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden der 35 alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.
Indeß, Alles was entsteht ist werth daß es zu Grunde geht. Millionen Jahre mögen darüber vergehn, Hunderttausende von Geschlechtern geboren werden und sterben; aber unerbittlich rückt die Zeit heran wo die sich erschöpfende Sonnenwärme nicht mehr ausreicht das von den Polen her- 40 andrängende Eis zu schmelzen, wo die sich mehr und mehr um den Aequator
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zusammendrängenden Menschen endlich auch dort nicht mehr Wärme genug zum Leben finden, wo nach und nach auch die letzte Spur organischen Lebens verschwindet und die Erde, ein erstorbner, erfrorner Ball wie der Mond, in tiefer Finsterniß und in immer engeren Bahnen um die ebenfalls erstorbne Sonne kreist und endlich hineinfällt. Andre Planeten werden ihr vorangegangen sein, andre folgen ihr; anstatt des harmonisch gegliederten, hellen, warmen Sonnensystems verfolgt nur noch eine kalte todte Kugel ihren einsamen Weg durch den Weltraum. Und so wie unsrem Sonnensystem, ergeht es früher oder später allen andern Systemen unsrer Weltinsel, ergeht es denen aller übrigen zahllosen Weltinseln, selbst denen deren Licht nie die Erde erreicht solange ein Menschliches Aug auf ihr lebt es zu empfangen.
Und wenn nun ein solches Sonnensystem seinen Lebenslauf vollbracht und dem Schicksal alles Endlichen, dem Tode verfallen ist, wie dann? Wird die Sonnenleiche in Ewigkeit als Leiche durch den unendlichen Raum fortrollen und alle die ehemals unendlich mannichfaltig differenzirten Naturkräfte für immer in die eine Bewegungsform der Attraktion aufgehn? „Oder“, wie Secchi fragt, (p. 810) „sind Kräfte in der Natur vorhanden welche das todte System in den anfänglichen Zustand des glühenden Nebels zurückversetzen und es zu neuem Leben wieder aufwecken können? Wir wissen es nicht.“
Allerdings wissen wir das nicht in dem Sinn wie wir wissen daß 2x2 = 4 ist oder daß die Attraktion der Materie zu- und abnimmt nach dem Quadrat der Entfernung. Aber in der theoretischen Naturwissenschaft, die ihre Naturanschauung möglichst zu einem harmonischen Ganzen verarbeitet, und ohne die heutzutage selbst der gedankenloseste Empiriker nicht vom Fleck kommt, haben wir sehr oft mit unvollkommen bekannten Größen zu rechnen, und hat die Konsequenz des Gedankens zu allen Zeiten der mangelhaften Kenntniß forthelfen müssen. Nun hat die moderne Naturwissenschaft den Satz von der Unzerstörbarkeit der Bewegung von der Philosophie adoptiren müssen; ohne ihn kann sie nicht mehr bestehn. Die Bewegung der Materie aber, das ist nicht bloß die grobe mechanische Bewegung, die bloße Ortsveränderung, das ist Wärme und Licht, elektrische und magnetische Spannung, chemisches Zusammengehn und Auseinandergehn, Leben und schließlich Bewußtsein. Sagen, daß die Materie während ihrer ganzen zeitlos unbegränzten Existenz nur ein einziges Mal, und für eine, ihrer Ewigkeit gegenüber verschwindend kurze Zeit, in der Möglichkeit sich befindet ihre Bewegung zu differenziren und dadurch deren ganzen Reich-thum zu entfalten, und daß sie vor und nachher in Ewigkeit auf bloße Ortsveränderung beschränkt bleibt — das heißt behaupten daß die Materie sterblich und die Bewegung vergänglich ist. Die Unzerstörbarkeit der Be
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wegung kann nicht bloß quantitativ, sie muß auch qualitativ gefaßt werden; eine Materie, deren rein mechanische Ortsveränderung zwar die Möglichkeit in sich trägt, unter günstigen Bedingungen in Wärme, Elektricität, chemische Aktion, Leben umzuschlagen, die aber außer Stande ist diese Bedingungen aus sich selbst zu erzeugen, eine solche Materie hat Bewegung eingebüßt; 5 eine Bewegung die die Fähigkeit verloren hat, sich in die ihr zukommenden verschiednen Formen umzusetzen, hat zwar noch Dynamis, aber keine Energeia mehr, und ist damit theilweise zerstört worden. Beides aber ist undenkbar.
Soviel ist sicher: es gab eine Zeit wo die Materie unsrer Weltinsel eine 10 solche Menge Bewegung—welcher Art, wissen wir bis jetzt nicht—in Wärme umgesetzt hatte daß daraus die zu (nach Mädler) mindestens 20 Millionen Sternen gehörigen Sonnensysteme sich entwickeln konnten, deren all-mähliges Absterben ebenfalls gewiß ist. Wie ging dieser Umsatz vor sich? Wir wissen es ebenso wenig wie Pater Secchi weiß ob das künftige caput 15 mortuum unsres Sonnensystems je wieder in Rohstoff zu neuen Sonnensystemen verwandelt wird. Aber entweder müssen wir hier auf den Schöpfer rekurriren, oder wir sind zu der Schlußfolgerung gezwungen daß der glühende Rohstoff zu den Sonnensystemen unsrer Weltinsel auf natürlichem Wege erzeugt wurde, durch Bewegungsverwandlungen die der sich be- 20 wegenden Materie von Natur zustehn und deren Bedingungen also auch von der Materie wenn auch erst nach Millionen und aber Millionen Jahren, mehr oder weniger zufällig, aber mit der auch dem Zufall inhärenten Nothwendigkeit, sich reproduziren müssen.
Die Möglichkeit einer solchen Umwandlung wird mehr und mehr 25 zugegeben. Man kommt zu der Ansicht daß die Weltkörper die schließliche Bestimmung haben in einander zu fallen, und man berechnet sogar die Wärmemenge die sich bei solchen Zusammenstößen entwickeln muß. Das plötzliche Aufblitzen neuer Sterne, das ebenso plötzliche hellere Aufleuchten altbekannter, von dem die Astronomie uns berichtet, erklärt sich am 30 leichtesten aus solchen Zusammenstößen. Dabei bewegt sich nicht nur unsre Planetengruppe um die Sonne, und unsre Sonne innerhalb unsrer Weltinsel, sondern auch unsre ganze Weltinsel bewegt sich fort im Weltraum in temporärem, relativem Gleichgewicht mit den übrigen Weltinseln; denn selbst relatives Gleichgewicht freischwebender Körper kann nur bestehn bei 35 gegenseitig bedingter Bewegung; und Manche nehmen an daß die Temperatur im Weltraum nicht überall dieselbe ist. Endlich: wir wissen daß mit Ausnahme eines verschwindend kleinen Theils die Wärme der zahllosen Sonnen unsrer Weltinsel im Raum verschwindet und sich vergeblich abmüht die Temperatur des Weltraums auch nur um ein Milliontel Grad Celsius zu 40 erhöhen. Was wird aus all dieser enormen Wärmequantität? Ist sie für alle
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Zeiten aufgegangen in dem Versuch den Weltraum zu heizen, hat sie praktisch aufgehört zu existiren, und besteht sie nur noch theoretisch weiter in der Thatsache daß der Weltraum wärmer geworden ist um einen Grad-decimalbruchtheil der mit zehn oder mehr Nullen anfängt? Diese Annahme läugnet die Unzerstörbarkeit der Bewegung; sie läßt die Möglichkeit zu, daß durch successives Ineinanderfallen der Weltkörper alle vorhandene mechanische Bewegung in Wärme verwandelt, und diese in den Weltraum ausgestrahlt werde, womit trotz aller „Unzerstörbarkeit der Kraft“ alle Bewegung überhaupt aufgehört hätte. (Es zeigt sich hier beiläufig wie schief die Bezeichnung: Unzerstörbarkeit der Kraft, statt Unzerstörbarkeit der Bewegung ist.) Wir kommen also zu dem Schluß, daß auf einem Wege, den es später einmal die Aufgabe der Naturforschung sein wird aufzuzeigen, die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme die Möglichkeit haben muß in eine andre Bewegungsform sich umzusetzen, in der sie wieder zur Sammlung und Bethätigung kommen kann. Und damit fällt die Haupt Schwierigkeit die der Rückverwandlung abgelebter Sonnen in glühenden Dunst entgegenstand.
Übrigens ist die sich ewig wiederholende Aufeinanderfolge der Welten in der endlosen Zeit nur die logische Ergänzung des Nebeneinander-Bestehens zahlloser Welten im endlosen Raum — ein Satz dessen Nothwendigkeit sich sogar dem antitheoretischen Yankee-Gehirn Drapers auf zwingt.x)
Es ist ein ewiger Kreislauf in dem die Materie sich bewegt, ein Kreislauf der seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet für die unser Erdenjahr kein ausreichender Maßstab mehr ist, ein Kreislauf, in dem die Zeit der höchsten Entwicklung, die Zeit des organischen Lebens und noch mehr die des Lebens selbst- und naturbewußter Wesen ebenso knapp bemessen ist wie der Raum in dem Leben und Selbstbewußtsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in dem jede endliche Daseinsweise der Materie, sei sie Sonne oder Dunstnebel, einzelnes Thier oder Thiergattung, chemische Verbindung oder Trennung, gleicherweise vergänglich, und worin nichts ewig ist als die ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie und die Gesetze nach denen sie sich bewegt und verändert. Aber wie oft und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreislauf sich vollzieht, wie viel Millionen Sonnen und Erden auch entstehn und vergehn mögen; wie lange es auch dauern mag bis in einem Sonnensystem nur auf Einem Planeten die Bedingungen des organischen Lebens sich herstellen; wie zahllose organische Wesen auch vorhergehn und vorher untergehn müssen ehe aus ihrer Mitte sich Thiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden um dann auch ohne Gnade aus-x) The multiplicity of worlds in infinite space leads to the conceptionof a successionof worlds in infinite time. Draper Hist. Int. DeveL II p.
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gerottet zu werden — wir haben die Gewißheit daß die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, daß keins ihrer Attribute je verloren gehn kann, und daß sie daher auch mit derselben eisernen Nothwendigkeit, womit sie auf der Erde ihre höchste Blüthe, den denkenden Geist wieder ausrotten wird, ihn anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muß.	5
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Die successive Entwicklung der einzelnen Zweige der Naturwissenschaft zu studiren. — Zuerst Astronomie—schon der Jahreszeiten halber, für Hirten wie Ackerbauvölker absolut nöthig. Astronomie kann sich nur entwickeln mit Hülfe der Mathematik. Diese also ebenfalls in Angriff genommen. — Ferner auf einer gewissen Stufe des Ackerbaus und in gewissen Gegenden (Wasserhebung zur Bewässerung in Aegypten) und namentlich mit dem Entstehn der Städte, der großen Bauwerke und der Entwicklung der Gewerbe die Mechanik. Bedürfniß—bald auch für Schiffahrtund Krieg. — Auch sie braucht die Hülfe der Mathematik und treibt so zu deren Entwicklung. So schon von Anfang an die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften durch die Produktion bedingt.
Eigentliche] wissenschaftliche Untersuchung bleibt während des ganzen Alterthums auf diese 3 Fächer beschränkt, und zwar als exacte und systematische Forschung auch erst in der nachklassischen Periode (die Alexandriner, Archimedes etc.). In Physik und Chemie, die in den Köpfen noch kaum getrennt (Elementartheorie, Abwesenheit der Vorstellung eines chemischen Elements) in Botanik, Zoologie, Anatomie des Menschen und der Thiere konnte man bis dahin nur Thatsachen sammeln und sie möglichst systematisch ordnen. Die Physiologie war ein bloßes Rathen, sowie man sich von den handgreiflichsten Dingen — Verdauung und Excretion z.B. — entfernte, wie das nicht anders sein konnte, solange selbst die Cirkulation nicht erkannt. — Am Ende der Periode erscheint die Chemie in der Urform der
Alchemie.
Wenn nach der finstern Nacht des Mittelalters auf einmal die Wissenschaften neu und in ungeahnter Kraft erstehn, und mit der Schnelle des Mirakels emporwachsen, so verdankten wir dies Wunder wieder — der Produktion. Erstens war seit den Kreuzzügen die Indu-
Bisher nur geprahlt was die Produktion der Wissenschaft verdankt, aber
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
strie enorm entwickelt und hatte eine Menge neuer mechanischer (Weberei, Uhrmacherei, Mühlen) chemischer (Färberei, Metallurgie, Alkohol) und physikalischer Thatsachen (Brillen) ans Licht gebracht und diese gaben nicht nur ungeheures Material zur Beobachtung sondern lieferten auch durch sich selbst schon ganz andre Mittel zum Experimentiren als bisher und erlaubten die Konstruktion neuer Instrumente; man kann sagen daß eigentliche] systematische Experimentalwissenschlaft] jetzt erst möglich geworden. Zweitens entwickelte sich jetzt ganz West- und Mitteleuropa incl. Polen im Zusammenhang, wenn auch Italien noch kraft seiner altüberkommenen Civilisation noch an der Spitze stand. Drittens eröffneten die geographischen Entdek-kungen — rein im Dienst des Erwerbs, also in letzter Instanz der Produktion gemacht—ein endloses bis dahin unzugängliches Material in meteorologischer zoologischer botanischer und physiologischer (des Menschen)
die Wissenschaft verdankt der Produktion unendlich mehr.
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Beziehung. Viertens war die Presse da.
Jetzt — von Mathematik Astronomie und Mechanik abgesehn die schon
bestanden — scheidet sich die Physik definitiv von der Chemie (Torricelli, Galilei — ersterer in Abhängigkeit von industriellen Wasserbauten studirt zuerst die Bewegung der Flüssigkeiten, s. Clerk Maxwell). Boyle stabilirt die Chemie als Wissenschaft Harvey durch die Entdeckung der Circulation die Physiologie (des Menschen, resp. der Thiere). Zoologie und Botanik bleiben zunächst Sammelwissenschaften bis die Paläontologie hinzutritt — Cüvier
— und bald darauf die Entdeckung der Zelle und die Entwicklung der organischen Chemie. Damit vergleichende Morphologie und Physiologie möglich und von da an Beide wahre Wissenschaften. Ende vorigen Jahrhunderts die Geologie gegründet, neuerdings die schlecht so genannte Anthropologie — Vermittlung des Übergangs von Morphologie und Physiologie des Menschen und seiner Racen zur Geschichte. Weiter zu studiren im Detail und zu
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entwickeln.
[95]
Hegel Gesch. d. Phil. — Griech. Phil. — (Naturanschauung der Alten) Bd. I. 35
Von den ersten Philosophen sagt Aristoteles (Metaph. 1,3) sie behaupten, „woraus alles Seiende ist, und woraus es als aus dem Ersten entsteht und worein es als in das Letzte zu Grunde geht, das als die Substanz (ovcrta) immer dasselbe bleibt und nur in seinen Bestimmungen (ardftecri) sich ändert, dies sei das Element (cttoixciov) und dies das Prinzip (dpx^) alles Seienden. 40
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Deßhalb halten sie dafür daß kein Ding werde (ovre ytyvecr&ai orBev) noch vergehe, weil dieselbe Natur sich immer erhält.“ p. 198. Hier also schon ganz der ursprüngliche naturwüchsige Materialismus, der ganz natürlich in seinem Anfang die Einheit in der unendlichen Mannichfaltigkeit der Naturerscheinungen als selbstverständlich ansieht und in etwas bestimmt-Körperlichem, einem Besondern sucht, wie Thales im Wasser.
Cicero sagt: Thales Milesius ... aquam dixit esse initium rerum, Deum autem eam mentem quae ex aqua cuncta fingeret. De Nat. Deor. 1,10. H. erklärt dies ganz richtig für einen Zusatz des Cic. und fügt hinzu: „allein diese Frage ob Thales noch außerdem an Gott geglaubt, geht uns hier nichts an, es ist nicht von Annehmen, Glauben, Volksreligion die Rede ... Und ob er von Gott als dem Bildner aller Dinge aus jenem Wasser gesprochen, so wüßten wir damit nichts mehr von diesem Wesen... es ist leeres Wort ohne seinen Begriff.“ 209. (ca.600)
Die ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher: Thales Geometer, bestimmte das Jahr auf 365 Tage, soll eine Sonnenfinsterniß vorhergesagt haben. — Anaximander machte eine Sonnenuhr, eine Art Karte (orepl|xeTpov) des Landes und Meeres, und verschiedne astronomische Instrumente — Pythagoras Mathematiker.
Anaximander aus Milet läßt nach Plutarch Quaest. convival. VIII, 8 „den Menschen aus einem Fisch werden, hervorgehn aus dem Wasser auf das Land'". 213. Für ihn die ap%-q xat crToi%eiov rö aiteipov, ohne es als Luft oder Wasser oder etwas Andres zu bestimmen (8ioplZ>v) D[iogenes] Laert[ius] II § 1. Dies Unendliche von H. p.215 als „die unbestimmte Materie“ richtig wiedergegeben, (ca. 580)
Anaximenes aus Milet setzt die Luft als Princip und Grund-Element, die unendlich sei (Cic. N. Deor. 1,10) und „aus ihr trete alles hervor und in sie löse Alles sich wieder auf“ (Plut. de placitis philos. 1,3). Dabei die Luftarip = 7tvef)|xa: „Wie unsre Seele, die Luft ist, uns zusammenhält, so hält auch die ganze Welt ein Geist (-nveüpia) und Luft zusammen; Geist und Luft ist gleichbedeutend.“ (Plut.) Seele und Luft als allgemeines Medium gefaßt. (ca.555.)
Aristot. schon sagt daß diese ältesten Philosophen das Urwesen in eine Weise der Materie setzen: Luft und Wasser (und vielleicht Anaximander in ein Mittelding zwischen Beiden) später Heraklit ins Feuer, aber Keiner in die Erde wegen ihrer vielfachen Zusammensetzung (8ux Tnqv pueyaXo-ixepeiav) Metaph. 1.8. 217.
Von ihnen Allen sagt Aristot. richtig daß sie den Ursprung der Bewegung unerklärt lassen. 218ff.
Pythagoras aus Samos (ca.540): Die Zahl ist das Grundprincip: „daß die Zahl das Wesen aller Dinge, und die Organisation des Universums überhaupt
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
in seinen Bestimmungen, ein harmonisches System von Zahlen und deren Verhältnissen ist“. (Arist. Metaph. 1,5, passim) Hegel macht mit Recht aufmerksam auf „die Kühnheit einer solchen Rede die Alles, was der Vorstellung als seiend und wesenhaft (für wahr) gilt, auf einmal so niederschlägt und das sinnliche Wesen vertilgt“, und das Wesen in eine, wenn auch noch 5 sehr beschränkende und einseitige Gedankenbestimmung setzt. Wie die Zahl bestimmten Gesetzen unterworfen, so auch das Universum; seine Gesetzmäßigkeit hiermit zuerst ausgesprochen. Pyth. wird die Reducirung der musikalischen Harmonieen auf mathematische Verhältnisse zugeschrieben.
Ebenso: „In die Mitte haben die Pythagoräer das Feuer gesetzt, die Erde aber 10 als einen Stern der sich um diesen Centralkörper im Kreise herumbewege.“ Arist. Metaph. 1,5. Dieses Feuer aber nicht die Sonne; immer die erste Ahnung daß die Erde sich bewegt.
Hegel über das Planetensystem: „das Harmonische, wodurch sich die Abstände bestimmen — dafür hat alle Mathematik noch keinen Grund an- 15 zugeben vermocht. Die empirischen Zahlen kennt man genau; aber Alles hat den Schein der Zufälligkeit, nicht der Nothwendigkeit. Man kennt eine ungefähre Regelmäßigkeit der Abstände, und hat so zwischen Mars und Jupiter mit Glück noch Planeten da geahnt wo man später die Ceres, Vesta, Pallas usw. entdeckt hat; aber eine konsequente Reihe, worin Vernunft, 20 Verstand ist, hat die Astronomie noch nicht darin gefunden. Sie sieht vielmehr mit Verachtung auf die regelmäßige Darstellung dieser Reihe; für sich ist es aber ein höchst wichtiger Punkt der nicht aufzugeben ist.“ 267.
Bei aller Naivmaterialistischen Gesammtauffassung der Kern der spätem Spaltung bereits bei den ältesten Griechen: Die Seele ist schon bei Thales 25 etwas Besondres, vom Körper verschiednes (wie er auch dem Magnet eine Seele zuschreibt) bei Anaximenes ist sie Luft (wie in der Genesis) bei den Pythagoräern ist sie bereits unsterblich und wandernd, der Körper für sie rein zufällig. Auch bei den Pythagoräern ist die Seele „ein Splitter des Aethers“ (äTtooTtao-^a ai^epog) Diog. Laert. VIII, 26—28, wo der Aether — 30 der kalte die Luft, der dicke das Meer und die Feuchtigkeit ist. —
Arist. wirft auch den Pythagoräern richtig vor: mit ihrer Zahl „sagen sie nicht, wie die Bewegung wird und wie, ohne Bewegung und Veränderung, Entstehen und Vergehen ist, oder die Zustände und Thätigkeiten der himmlischen Dinge“. Metaph. 1.8.	35
Pythagoras soll erkannt haben die Identität des Morgen- und Abendsterns, daß der Mond sein Licht von der Sonne bekommt. Endlich den pythagoräischen Lehrsatz. „Pythagoras soll eine Hekatombe geschlachtet haben bei Findung dieses Satzes ... Und merkwürdig mag es wohl sein, daß seine Freude so weit gegangen deßhalb ein großes Fest anzuordnen, wo 40 die Reichen und das ganze Volk eingeladen waren; der Mühe werth war es.
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Es ist Fröhlichkeit, Freude des Geistes (Erkenntniß) — auf Kosten der Ochsen.“ 279.
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Eleaten.
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Leucippus und Democrit.
Aevxwtarog öe, xai ö exaipog avrov AnqpöxpiTog, crTOixeia |xev to nArjpeg xai xö xevöv elvai cpacri’ Xe^ovreg olov, tö |±ev öv, tö öe jjlt| öv* xovxcov öe to nArjpeg xai crrepeov (nämlich xa axo|ia), tö öv tö öe xevöv ^e xai pavöv, xö öv. Aiö xai ovftev |xalXov tö öv tov övxog elvai cpacriv .... Aixia öe xwv övtcov xavxa, d>g vlnqv. Kai xa^aarep oi ev aroiovvxeg tt)v v7toxei|±EVT|v ovcriav, xa alla xoig ard'öecriv avrqg "yewwcri, .... xöv avxöv xpÖTtov xa'i ovxoi rag dcacpopäg (nämlich der Atome), aixtag xwv allaiv elvat cpacri. Taöxag jxevxoi xpetg elvai, ÄeyovaL, a%rjpd xe, xai rd£iv, xai ftecnv .... Aiacpepei ^ap xö pev A xov N axilPai:L' xö öe AN xov NA Ta^eL' tö öe Z xov N ftecrei. Arist. Metaph. 1.1 c.4
Leucippus
riptoxog (Leucippus) xe axöixovg apxag ÖTtecrTqcraTO .... Kai cttoixcIcx cpacri, xöcr|iovg xe ex xovxtov aareipovg elvai, xai öialuecr^ai eig xavxa. rtvecrfrai öe xovg xöcr|xovg oÖTar cpepecrftai xar’ ä^OTopT]v ex nqg äiteipov Ttolla GTü>|xaxa, Ttavxoia xoig crx'niJLacriv> ixe^ya xevöv aarep d'&poicr^evxa ötvrjv änepyä^ea'&ai piav, xa^’ i]v Ttpocrxpovovxa xai TtavxoöaTtujg xvxlovjieva, öiaxptvecrfrai xwPlS T<* 6|ioia Ttpög xct öjxoia. lao^^OTrtov öe öia tö TtlxjDog p/iqxeTi övva|xev(ov arcog Ttepupepecrö'ai, Ta pev Ae^rxd%(opeLveig to ega) xevöv, axrarep öiaxxcüixeva* xd öe loiTta cru|X|ieveiv, xai arepi7tlexö|ieva crv'yxa-xaxpexeiv älXr|la, xai Ttoieiv xe Ttpwxov cröoTq^a oxpaipoeiöeg. (Diog. Laert.
l.IXc.6)
Folgendes über Epikur.
Ktvovvrai te crwexcog oti axojioi. <I>T)cri öe £vöoxep(o, xai urorax^g avrdg xiveicT^ai, tov xevöv xx)v l£iv öjxotav arapexo|xevov xai rfj xoixpoxdxT] xai x^j ßapvTavp eig xöv auova........|xx)öe 7toiÖTT|Ta xivd Ttepi xag dxöpovg
elvai, Ttlxyv axvpotrog, xai peye&ovg, xai ßäpovg ... Iläv tc peye^og prj elvac Ttepi avräg- ovSettote yovv äropog ükpdr) aur&Tio-eL. (Diog. Laert. l.Xc.I. §43,44)
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Kal pL'qv xai Icroraxeig dva'yxaiov Tag aTÖpLOug elvac, öxav 8ia toü xevoü eicrcpepüJVTai, p/qöevdg avrixoTtTOvrog. Oute ^äp xa ßapea ^ölttov oicr{>T|(yeTai to>v pxxpa>v xai xouqxDV, öxav 8t) p,T)öev ajrairr^ avroig- oute Ta pxxpa to)v ixE^dloov, irävra mpov avpperpov exovra, öxav |itq{)ev p/qöe EMeiVOig dVTlMOTtTp. (1. c. § 61)	5
"Otl jjlev ovv tö ev aravrl 'yevei ^ctti Tig cpijorig, xai ouösvog tovtö y avro t) q/ucrLg to sv, cpavepov. Arist, Metaph, 1. IX, c. II.
[157]
Aristarch von Samos 270 v. Chr. hatte schon die kopernikanische Theorie von Erde und Sonne, Mädler 44, Wolf 35—37.	10
Demokrit hatte schon vermuthet, die Milchstraße werfe uns das vereinigte Licht zahlloser kleiner Sterne zu. Wolf 313.
[89]
Unterschied der Lage bei Ende der alten Welt — ca. 300 — und Ende des Mittelalters — 1453:	15
1)	Anstatt eines dünnen Kulturstreifens entlang den Küsten des Mittelmeers der seine Arme sporadisch ins Innere und bis an die Atlantischen Küsten von Spanien Frankreich und England ausstreckte, und so leicht von den Deutschen und Slaven von Norden und Arabern von Südosten durchbrochen und auf gerollt werden konnte — jetzt ein geschlossenes Kulturgebiet 20 — ganz Westeuropa mit Skandinavien Polen und Ungarn als Vorposten.
2)	Anstatt des Gegensatzes von Griechen resp. Römern und Barbaren, jetzt 6 Kulturvölker mit Kultursprachen — d[as] Skandinavische] etc. nicht gezählt — die alle soweit entwickelt waren daß sie den gewaltigen Literaturaufschwung des XIV. Jhdt mitmachen konnten, und eine weit größere 25 Vielseitigkeit der Bildung garantirten als die, Ende des Alterthums, bereits verfallene und absterbende griechische und lateinische Sprache.
3)	Eine unendlich höhere Entwicklung der industriellen Produktion und des Handels geschaffen durch das mittelalterliche Bürgerthum; einerseits die Produktion vervollkommneter, mannichfacher und massenhafter, andrer- 30 seits der Handelsverkehr weit stärker, die Schiffahrt seit d. Sachsen, Friesen und Normannenzeit unendlich kühner, und andrerseits die Menge Erfindungen und Import von orientalischen Erfindungen die den Import und Verbreitung der griechischen Literatur, die See-Entdeckungen und die bürgerliche religiöse Revolution nicht nur erst möglich machten, sondern 35 ihnen auch ganz andre und raschere Tragweite gaben; und obendrein eine Masse wissenschaftlicher Thatsachen, wenn auch noch ungeordnet, lieferten, wie sie dem Alterthum nie vorgelegen. Magnetnadel, Druck-Lettern,
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Leinenpapier (von Arabern und spanischen Juden seit dem 12. Jhdt Gebraucht, Baumwollpapier seit 10. Jhdt allmählig aufkommend, im 13. und 14. schon verbreiteter, Papyrus seit d[en] Arab[ern] in Aegypten ganz eingegangen) Schießpulver, Brillen, mechanische Uhren, größter] Fortschritt] sowohl der Zeitrechnung wie auch der Mechanik.
(Erfindungen siehe Ns 11.) Dazu der Reisestoff (M[arco] Polo ca. 1272 etc.) Viel verbreitetere allgemeine Bildung wenn auch noch schlecht, durch die Universität].
Mit der Erhebung von Konstantinopel und dem Fall Roms schließt die alte Zeit, mit dem Fall von Konstantinopel ist das Ende des Mittelalters unlöslich verknüpft. Die neue Zeit fängt an mit Rückkehr zu den Griechen — Negation der Negation!
[90] Historisches — Erfindungen.
v. Chr. Feuerspritze, Wasseruhr ca. 200 vor Chr. Straßenpflaster (Rom) Pergament — ca. 160.
n. Chr. Wassermühlen an der Mosel ca. 340, in Deutschland zu Karl’s des Großen Zeit.
Erste Spuren von Glasfenstern. Straßenbeleuchtung in Antiochia ca. 370.
Seidenwürmer aus China ca. 550 in Griechenland
Schreibfedern im 6. Jahrhundert
Baumwollpapier aus China zu den Arabern im 7. Jhdt, im 9. in Italien
Wasserorgeln in Frankreich im 8. Jhdt
Silbergruben am Harz bearbeitet seit 10. Jhdt
Windmühlen gegen 1000.
Noten, Tonleiter des G.v. Arezzo gegen 1000.
Seidenzucht nach Italien gegen 1100.
Uhren mit Rädern — dto
Magnetnadel von den Arabern zu den Europäern ca. 1180.
Straßenpflaster in Paris 1184.
Brillen in Florenz. Glasspiegel.
Häringseinsalzen. Schleusen	2te Hälfte des
Schlaguhren. Baumwoll-Papier in Frankreich 13.Jhdts Lumpenpapier Anfang 14. Jhdt Wechsel — Mitte dto
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Erste Papiermühle in Deutschland (Nürnberg) 1390.
Straßenbeleuchtung in London Anfang 15. Jh.
Post in Venedig — dto
Holzschnitt und -Druck — dto
Kupferstecherkunst Mitte dto	5
Reitende Posten in Frankreich — 1464.
Erzgebirgisch-sächsische Silbergruben 1471
Pedalklavier erfunden 1472
Taschenuhren. Windbüchsen. Flintenschloß Ende 15. Jhdt
Spinnrad — 1530.	10
Taucherglocke 1538.
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Gang der theoretischen Entwicklung seit Hegel • Philosophie und Naturwissenschaft
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[Gang der theoretischen Entwicklung seit Hegel
Philosophie und Naturwissenschaft]
[163]
[Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik]
(Dühring, Umwälzung der Wissenschaft)
Vorwort.
Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs aus „innerem Antrieb“ entstanden. Im Gegentheil wird mir mein Freund Liebknecht bezeugen wie viel Mühe es ihm gekostet hat bis er mich bewog die neueste sozialistische Theorie des Herrn Dühring kritisch zu beleuchten. Einmal dazu entschlossen, hatte ich keine andre Wahl als diese Theorie, die sich selbst als letzte praktische Frucht eines neuen philosophischen Systems vorführt, im Zusammenhang dieses Systems, und damit das System selbst zu untersuchen. Ich war also genöthigt, Herrn Dühring auf jenes umfassende Gebiet zu folgen, wo er von allen möglichen Dingen spricht und noch von einigen andern. So entstand eine Reihe von Artikeln, die seit Anfang 1877 im Leipziger „Vorwärts6" erschien und hier im Zusammenhang vorliegt.
Wenn die Kritik eines trotz aller Selbstanpreisung so höchst unbedeutenden Systems in dieser, durch die Sache gebotenen Ausführlichkeit auftritt, so mögen zwei Umstände dies entschuldigen. Einerseits gab mir diese Kritik Gelegenheit, auf verschiedenen Gebieten meine Auffassung von Streitpunkten positiv zu entwickeln, die heute von allgemeinerem wis-
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
senschaftlichen oder praktischen Interesse sind. Und sowenig es mir einfallen kann, dem System des Herrn Dühring ein andres System entgegenzusetzen, so wird der Leser hoffentlich auch in den von mir aufgestellten Ansichten, bei aller Verschiedenheit des behandelten Stoffs, den inneren Zusammenhang nicht vermissen. —	5
Andrerseits aber ist der „systemschaffende“ Herr Dühring keine vereinzelte Erscheinung in der deutschen Gegenwart. Seit einiger Zeit schießen in Deutschland die philosophischen, namentlich die naturphilosophischen Systeme über Nacht zu Dutzenden auf wie die Pilze, von den zahllosen neuen Systemen der Politik, der Oekonomie usw. gar nicht zu sprechen. Wie im 10 modernen Staat vorausgesetzt wird, daß jeder Staatsbürger über alle die Fragen urtheilsreif ist, über die abzustimmen er berufen; wie in der Oekonomie angenommen wird daß jeder Käufer auch ein Kenner aller derjenigen Waaren ist, die er zu seinem Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt — so soll es jetzt auch in der Wissenschaft gehalten werden. Jeder 15 kann über Alles schreiben, und darin besteht grade die „Freiheit der Wissenschaft“, daß man erst recht über das schreibt, was man nicht gelernt hat und daß man dies für die einzige streng wissenschaftliche Methode ausgibt. Herr Dühring aber ist einer der bezeichnendsten Typen dieser vorlauten Pseudo-Wissenschaft, die sich heutzutage in Deutschland überall in den 20 Vordergrund drängt und Alles übertönt mit ihrem dröhnenden — höheren Blech. Höheres Blech in der Poesie, in der Philosophie, in der Oekonomie, in der Geschichtschreibung, höheres Blech auf Katheder und Tribüne, höheres Blech überall, höheres Blech mit dem Anspruch auf Überlegenheit und Gedankentiefe im Unterschied von dem simplen platt-vulgären Blech 25 andrer Nationen, höheres Blech das charakteristischste und massenhafteste Produkt der deutschen intellektuellen Industrie, billig aber schlecht, ganz wie andre deutsche Fabrikate, neben denen es leider in Philadelphia nicht vertreten war. Sogar der deutsche Sozialismus macht neuerdings, namentlich seit dem guten Beispiel des Herrn Dühring, recht erklecklich in höherem 30 Blech; daß die praktische sozialdemokratische Bewegung sich durch dies höhere Blech so wenig irre machen läßt, ist wieder ein Beweis für die merkwürdig gesunde Natur unsrer Arbeiter-Klasse in einem Lande wo doch sonst, mit Ausnahme der Naturwissenschaft, augenblicklich so ziemlich Alles krankt.	35
Wenn Nägeli in seiner Rede auf der Münchener Naturforscherversammlung sich dahin aussprach, daß das menschliche Erkennen nie den Charakter der Allwissenheit annehmen werde, so sind ihm die Leistungen des Herrn Dühring offenbar unbekannt geblieben. Diese Leistungen haben mich genöthigt, ihnen auch auf eine Reihe von Gebieten zu folgen, auf denen ich 40 höchstens in der Eigenschaft eines Dilettanten mich bewegen kann. Es gilt
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Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik. Seite 1
Gang der theoretischen Entwicklung seit Hegel • Philosophie und Naturwissenschaft
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dies namentlich von den verschiednen Zweigen der Naturwissenschaft, wo es bisher häufig für mehr als unbescheiden galt wenn ein „Laie“ ein Wort darein reden wollte. Indeß ermuthigt mich einiger Maßen der ebenfalls in München gefallene, an einer andern Stelle näher erörterte Ausspruch Herrn Virchows, daß jeder Naturforscher außerhalb seiner eignen Spezialität ebenfalls nur ein Halbwisser, vulgo Laie ist. Wie ein solcher Spezialist sich erlauben darf und erlauben muß, von Zeit zu Zeit auf benachbarte Gebiete überzugreifen, und wie ihm da von den betreffenden Spezialisten Un-behülflichkeit des Ausdrucks und kleine Ungenauigkeiten nachgesehn werden, so habe auch ich mir die Freiheit genommen, Naturvorgänge und Naturgesetze als beweisende Exempel meiner allgemein theoretischen Auffassungen anzuführen und darf wohl auf dieselbe Nachsicht rechnen. Die Resultate der modernen Naturwissenschaft drängen sich eben einem Jeden, der sich mit theoretischen Dingen beschäftigt, mit derselben Unwiderstehlichkeit auf, mit der die heutigen Naturforscher, wollen sie’s oder nicht, zu theoretisch-allgemeinen Folgerungen sich getrieben sehn. Und hier tritt eine gewisse Kompensation ein. Sind die Theoretiker Halbwisser auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, so sind es die heutigen Naturforscher thatsächlich ebensosehr auf dem Gebiet der Theorie, auf dem Gebiet dessen, was bisher als Philosophie bezeichnet wurde.
Die empirische Naturforschung hat eine so ungeheure Masse von positivem Erkenntnißstoff angehäuft daß die Nothwendigkeit ihn auf jedem einzelnen Untersuchungsgebiet systematisch und nach seinem innern Zusammenhang zu ordnen, schlechthin unabweisbar geworden ist. Eben so unabweisbar wird es, die einzelnen Erkenntnißgebiete unter sich in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Damit aber begibt sich die Naturwissenschaft auf das theoretische Gebiet, und hier versagen die Methoden der Empirie, hier kann nur das theoretische Denken helfen. Das theoretische Denken ist aber nur der Anlage nach eine angeborne Eigenschaft. Diese Anlage muß entwickelt, ausgebildet werden, und für diese Ausbildung gibt es bis jetzt kein andres Mittel als das Studium der bisherigen Philosophie.
Das theoretische Denken einer jeden Epoche, also auch das der unsrigen, ist ein historisches Produkt, das zu verschiednen Zeiten sehr verschiedne Form und damit sehr verschiednen Inhalt annimmt. Die Wissenschaft vom Denken ist also, wie jede andre, eine historische Wissenschaft, die Wissenschaft von der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Denkens. Und dies ist auch für die praktische Anwendung des Denkens auf empirische Gebiete von Wichtigkeit. Denn erstens ist die Theorie der Denkgesetze keineswegs eine ein für alle mal ausgemachte „ewige Wahrheit“ wie der Philisterverstand sich dies bei dem Wort Logik vorstellt. Die formelle Logik selbst ist seit Aristoteles bis heute das Gebiet heftiger Debatte geblieben.
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Und die Dialektik gar ist bis jetzt erst von zwei Denkern genauer untersucht worden, von Aristoteles und Hegel. Grade die Dialektik ist aber für die heutige Naturwissenschaft die wichtigste Denkform, weil sie allein das Analogon und damit die Erklärungsmethode bietet für die in der Natur vor kommenden Entwicklungsprozesse, für die Zusammenhänge im Ganzen	5
und Großen, für die Übergänge von einem Untersuchungsgebiet zum andern.
Zweitens aber ist die Bekanntschaft mit dem geschichtlichen Entwicklungsgang des menschlichen Denkens, mit den zu verschiednen Zeiten hervorgetretenen Auffassungen der allgemeinen Zusammenhänge der äu- 10 ßeren Welt auch darum für die theoretische Naturwissenschaft ein Bedürf -niß, weil sie einen Maßstab abgibt für die von dieser selbst aufzustellenden Theorien. Der Mangel an Bekanntschaft mit der Geschichte der Philosophie tritt hier aber oft und grell genug hervor. Sätze, die in der Philosophie seit Jahrhunderten aufgestellt, die oft genug längst philosophisch abgethan sind, 15 treten oft genug bei theoretisirenden Naturforschern als funkelneue Weisheit auf und werden sogar eine Zeitlang Mode. Es ist sicher ein großer Erfolg der mechanischen Wärmetheorie, daß sie den Satz von der Erhaltung der Energie mit neuen Belegen gestützt und wieder in den Vordergrund gestellt hat; aber hätte dieser Satz als etwas so absolut Neues auftreten können, wenn die 20 Herren Physiker sich erinnert hätten daß er schon von Descartes aufgestellt war? Seitdem Physik und Chemie wieder fast ausschließlich mit Molekülen und Atomen hantieren, ist die altgriechische atomistische Philosophie mit Nothwendigkeit wieder in den Vordergrund getreten. Aber wie oberflächlich wird sie selbst von den besten unter ihnen behandelt! So erzählt Kekule 25 (Ziele und Leistungen der Chemie) sie rühre von Demokrit her, statt von Leukipp, und behauptet Dalton habe zuerst die Existenz qualitativ ver-schiedner Elementaratome angenommen und ihnen zuerst verschiedne, für die verschiednen Elemente charakteristische Gewichte zugeschrieben, während doch bei Diog[enes] Laert[ius] (X, 1, §43—44 und 61) zu lesen ist 30 daß schon Epikur den Atomen Verschiedenheit nicht nur der Größe und Gestalt, sondern auch des Gewichts zuschreibt, also schon Atomgewicht und Atomvolumen in seiner Art kennt.
Das Jahr 1848, das in Deutschland sonst mit Nichts fertig wurde, hat dort nur auf dem Gebiet der Philosophie eine totale Umkehr zu Stande gebracht. 35 Indem die Nation sich auf das Praktische warf, hier die Anfänge der großen Industrie und des Schwindels gründete, dort den gewaltigen Aufschwung, den die Naturwissenschaft in Deutschland seitdem genommen eingeleitet durch die Reiseprediger und Karikaturen Vogt, Büchner etc., sagte sie der im Sande der berliner Althegelei verlaufenen klassischen deutschen Phi- 40 losophie entschieden ab. Die berliner Althegelei hatte das redlich verdient.
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Aber eine Nation die auf der Höhe der Wissenschaft stehn will, kann nun einmal ohne theoretisches Denken nicht auskommen. Mit der Hegelei warf man auch die Dialektik über Bord — grade im Augenblick wo der dialektische Charakter der Naturvorgänge sich unwiderstehlich aufzwang wo also nur die Dialektik der Naturwissenschaft über den theoretischen Berg helfen konnte — und verfiel damit wieder hülflos der alten Metaphysik. Im Publikum gras-sirten seitdem einerseits die auf den Philister zugeschnittenen flachen Reflexionen Schopenhauer’s und später sogar Hartmann’s, andrerseits der vulgäre Reiseprediger-Materialismus eines Vogt und Büchner. Auf den Universitäten machten sich die verschiedensten Sorten von Eklekticismus Konkurrenz, die nur darin übereinstimmten, daß sie aus lauter Abfällen vergangner Philosophien zusammengestutzt und alle gleich metaphysisch waren. Von den Resten der klassischen Philosophie rettete sich nur ein gewisser Neukantianismus, dessen letztes Wort das ewig unerkennbare Ding an sich war, also das Stück Kant das am wenigsten verdiente aufbewahrt zu werden. Das Endresultat war die jetzt herrschende Zerfahrenheit und Verworrenheit des theoretischen Denkens.
Man kann kaum ein theoretisch-naturwissenschaftliches Buch zur Hand nehmen ohne den Eindruck zu bekommen daß die Naturforscher es selbst fühlen, wie sehr sie von dieser Zerfahrenheit und Verworrenheit beherrscht werden und wie ihnen die jetzt landläufige s. g. Philosophie absolut keinen Ausweg bietet. Und hier gibt es nun einmal keinen andern Ausweg, keine Möglichkeit zur Klarheit zu gelangen, als die Umkehr, in einer oder der andern Form, vom metaphysischen zum dialektischen Denken.
Diese Rückkehr kann auf verschiednen Wegen vor sich gehn. Sie kann sich naturwüchsig durchsetzen, durch die bloße Gewalt der naturwissenschaftlichen Entdeckungen selbst, die sich nicht länger in das alte metaphysische Prokrustesbett wollen zwängen lassen. Das ist aber ein langwieriger, schwerfälliger Prozeß, bei dem eine Unmasse überflüssiger Reibung zu überwinden ist. Er ist großentheils schon im Gang, namentlich in der Biologie. Er kann sehr abgekürzt werden, wenn die theoretischen Naturforscher sich mit der dialektischen Philosophie in ihren geschichtlich vorliegenden Gestalten näher beschäftigen wollen. Unter diesen Gestalten sind es namentlich zwei, die für die moderne Naturwissenschaft besonders fruchtbar werden können.
Die erste ist die griechische Philosophie. Hier tritt das dialektische Denken noch in naturwüchsiger Einfachheit auf, noch ungestört von den holden Hindernissen, die die Metaphysik des 17. und 18. Jahrhunderts — Bacon und Locke in England, Wolf in Deutschland — sich selbst aufwarf, und womit sie sich den Weg versperrte, vom Verständniß des Einzelnen zum Verständ-niß des Ganzen, zur Einsicht in den allgemeinen Zusammenhang zu kommen.
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Bei den Griechen — eben weil sie noch nicht zur Zergliederung, zur Analyse der Natur fortgeschritten waren — wird die Natur noch als Ganzes, im Ganzen und Großen angeschaut. Der Gesammtzusammenhang der Naturerscheinungen wird nicht im Einzelnen nachgewiesen, er ist den Griechen Resultat der unmittelbaren Anschauung. Darin liegt die Unzulänglichkeit der	5
griechischen Philosophie, derentwegen sie später andren Anschauungsweisen hat weichen müssen. Darin liegt aber auch ihre Überlegenheit gegenüber allen ihren späteren metaphysischen Gegnern. Wenn die Metaphysik den Griechen gegenüber im Einzelnen Recht behielt, so behielten die Griechen gegenüber der Metaphysik Recht im Ganzen und Großen. Dies ist der 10 eine Grund, weßhalb wir genöthigt werden, in der Philosophie wie auf so vielen andern Gebieten, immer wieder zurückzukehren zu den Leistungen jenes kleinen Volks, dessen universelle Begabung und Bethätigung ihm einen Platz in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit gesichert hat wie kein andres Volk ihn je beanspruchen kann. Der andre Grund aber ist der, daß 15 in den mannichfachen Formen der griechischen Philosophie sich fast alle späteren Anschauungsweisen bereits im Keim, im Entstehen vorfinden. Die theoretische Naturwissenschaft ist daher ebenfalls gezwungen, will sie die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ihrer heutigen allgemeinen Sätze verfolgen, zurückzugehn auf die Griechen. Und diese Einsicht bricht sich 20 mehr und mehr Bahn. Immer seltner werden die Naturforscher die, während sie selbst mit Abfällen griechischer Philosophie, z. B. der Atomistik, wie mit ewigen Wahrheiten hantieren, baconistisch-vornehm auf die Griechen herabsehn, weil diese keine empirische Naturwissenschaft hatten. Zu wünschen wäre nur, daß diese Einsicht fortschritte zu einer wirklichen Kenntnißnahme 25 der griechischen Philosophie.
Die zweite Gestalt der Dialektik, die grade den deutschen Naturforschern am nächsten liegt, ist die klassische deutsche Philosophie von Kant bis Hegel. Hier ist bereits ein Anfang gemacht, indem auch außerhalb des schon erwähnten Neukantianismus es wieder Mode wird, auf Kant zu rekurriren. 30 Seitdem man entdeckt hat, daß Kant der Urheber zweier genialer Hypothesen ist, ohne die die heutige theoretische Naturwissenschaft nun einmal nicht vorankommen kann — der früher Laplace zugeschriebnen Theorie von der Entstehung des Sonnensystems und der Theorie von der Hemmung der Erdrotation durch die Flutwelle — ist Kant bei den Naturforschern wieder 35 zu verdienten Ehren gekommen. Aber bei Kant Dialektik studiren zu wollen, wäre eine nutzlos mühsame und wenig lohnende Arbeit, seitdem ein umfassendes, wenn auch von ganz falschem Ausgangspunkt her entwickeltes Kompendium der Dialektik vorliegt in den Werken Hegels.
Nachdem einerseits die, durch diesen falschen Ausgangspunkt und durch 40 das hülflose Versumpfen der Berliner Hegelei großentheils gerechtfertigte
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Reaktion gegen die „Naturphilosophie“ ihren freien Lauf gehabt und in bloßes Geschimpfe ausgeartet ist, nachdem andrerseits die Naturwissenschaft in ihren theoretischen Bedürfnissen von der landläufigen eklektischen Metaphysik so glänzend im Stich gelassen worden, wird es wohl möglich sein, vor Naturforschern auch wieder einmal den Namen Hegel auszusprechen, ohne dadurch jenen Veitstanz hervorzurufen in dem Hr Dühring so Ergötzliches leistet.
Vor Allem ist festzustellen, daß es sich hier keineswegs handelt um eine Vertheidigung des Hegelschen Ausgangspunkts: daß der Geist, der Gedanke, die Idee das Ursprüngliche, und die wirkliche Welt nur der Abklatsch der Idee sei. Dies war schon von Feuerbach aufgegeben. Darüber sind wir Alle einig, daß auf jedem wissenschaftlichen Gebiet in Natur wie Geschichte von den gegebenen Thatsachen auszugehn ist, in der Naturwissenschaft also von den verschiednen sachlichen und Bewegungsformen der Materie; daß also auch in der theoretischen Naturwissenschaft die Zusammenhänge nicht in die Thatsachen hineinzukonstruiren, sondern aus ihnen zu entdecken und, wenn entdeckt, erfahrungsmäßig soweit dies möglich nachzuweisen sind.
Ebensowenig kann davon die Rede sein, den dogmatischen Inhalt des Hegelschen Systems aufrecht zu halten, wie er von der Berliner Hegelei älterer und jüngerer Linie gepredigt worden. Mit dem idealistischen Ausgangspunkt fällt auch das darauf konstruirte System, also namentlich auch die Hegelsche Naturphilosophie. Es ist aber daran zu erinnern, daß die naturwissenschaftliche Polemik gegen Hegel, soweit sie ihn überhaupt richtig verstanden, sich nur gegen diese beiden Punkte gerichtet hat: den idealistischen Ausgangspunkt und die den Thatsachen gegenüber willkürliche Konstruktion des Systems.
Nach Abzug von allem Diesem bleibt noch die Hegelsche Dialektik. Es ist das Verdienst von Marx, gegenüber dem „verdrießlichen, anmaßenden und mittelmäßigen Epigonenthum welches jetzt in Deutschland das große Wort führt“, zuerst wieder die vergessene dialektische Methode, ihren Zusammenhang mit der Hegelschen Dialektik wie ihren Unterschied von dieser hervorgehoben, und gleichzeitig im „Kapital“ diese Methode auf die Thatsachen einer empirischen Wissenschaft, der politischen Oekonomie, angewandt zu haben. Und mit dem Erfolg daß selbst in Deutschland die neuere ökonomische Schule sich nur dadurch über die vulgäre Freihändlerei erhebt, daß sie Marx abschreibt (oft genug falsch) unter dem Vorwand ihn zu kritisiren.
Bei Hegel herrscht in der Dialektik dieselbe Umkehrung alles wirklichen Zusammenhangs wie in allen andern Verzweigungen seines Systems. Aber, wie Marx sagt: „die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen untergeht, verhindert in keiner Weise daß er ihre allgemeinen Bewegungs-
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formen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht
bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“
In der Naturwissenschaft selbst aber begegnen uns oft genug Theorien, in denen das wirkliche Verhältniß auf den Kopf gestellt, das Spiegelbild für die Urform genommen ist und die daher einer solchen Umstülpung bedürfen. Solche Theorien herrschen oft genug für längere Zeit. Wenn die Wärme während fast zwei Jahrhunderten als eine besondere geheimnißvolle Materie galt, statt als eine Bewegungsform der gewöhnlichen Materie, so war das ganz derselbe Fall, und die mechanische Wärmetheorie vollzog die Umstülpung. Nichts destoweniger hat die von der Wärmestofftheorie beherrschte Physik eine Reihe höchst wichtiger Gesetze der Wärme entdeckt und besonders durch Fourier und Sadi Carnot die Bahn frei gemacht für die richtige Auffassung, die nun ihrerseits die von ihrer Vorgängerin entdeckten Gesetze umzustülpen, in ihre eigne Sprache zu übersetzen hatte. Ebenso hat in der Chemie die phlogistische Theorie durch hundertjährige experimentelle Arbeit erst das Material geliefert, mit Hülfe dessen Lavoisier in dem von Priestley dargestellten Sauerstoff den reellen Gegenpol des phantastischen Phlogiston entdecken und damit die ganze phlogistische Theorie über den Haufen werfen konnte. Damit aber waren die Versuchsresultate der Phlogistik durchaus nicht beseitigt. Im Gegentheil. Sie blieben bestehn, nur ihre Formulirung wurde umgestülpt, aus der phlogistischen Sprache in die nunmehr gültige chemische Sprache übersetzt, und behielten so-
Carnofs Function C. buchstäblich umgestülpt: -y = die absolute Temperatur. Ohne diese Umstülpung nichts zu machen mit ihr.
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Wie die Wärmestofftheorie zur mechanischen Wärmelehre, wie die
phlogistische Theorie zu der Lavoisier’s, so verhält sich die Hegelsche Dialektik zur rationellen Dialektik.
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Die Naturforschung in der Geisterwelt.
Es ist ein alter Satz der in das Volksbewußtsein übergegangenen Dialektik, daß die Extreme sich berühren. Wir werden uns demnach schwerlich irren, wenn wir die äußersten Grade von Phantasterei, Leichtgläubigkeit und Aberglauben suchen, nicht etwa bei derjenigen naturwissenschaftlichen Richtung, die, wie die deutsche Naturphilosophie, die objektive Welt in den Rahmen ihres subjektiven Denkens einzuzwängen suchte, sondern vielmehr bei der entgegengesetzten Richtung, die, auf die bloße Erfahrung pochend, das Denken mit souverainer Verachtung behandelt und es wirklich in der Gedankenlosigkeit auch am weitesten gebracht hat. Diese Schule herrscht in England. Bereits ihr Vater, der vielgepriesene Franz Bacon, verlangt daß seine neue empirische, induktive Methode betrieben werde, um vor Allem dadurch zu erreichen: Verlängerung des Lebens, Verjüngung in einem gewissen Grade, Veränderung der Statur und der Züge, Verwandlung der Körper in andre, Erzeugung neuer Arten, Gewalt über die Luft und Erregung von Ungewittern; er beschwert sich, daß solche Untersuchungen verlassen worden seien, und gibt in seiner Naturhistorie förmliche Rezepte, Gold zu machen und mancherlei Wunder zu verrichten. Ebenso beschäftigte sich Isaak Newton auf seine alten Tage viel mit der Auslegung der Offenbarung Johannis. Was Wunder also, wenn in den letzten Jahren der englische Empirismus in einigen seiner Vertreter —und es sind nicht die schlechtesten — der von Amerika importirten Geisterklopferei und Geisterseherei anscheinend rettungslos verfallen ist.
Der erste hiehergehörige Naturfor scher ist der hochverdiente Zoologe und Botaniker Alfred Rüssel Wallace, derselbe, der gleichzeitig mit Darwin die Theorie von der Artveränderung durch natürliche Zuchtwahl auf stellte. In seinem Schriftchen: On Miracles and modern Spiritualism, London, Burns, 1875, erzählt er, daß seine ersten Erfahrungen in diesem Zweig der Na-
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turkunde von 1844 datiren, wo er den Vorlesungen des Herrn Spencer Hall über Mesmerismus beiwohnte, und in Folge dessen an seinen Schülern ähnliche Experimente machte. „Ich war aufs Äußerste von dem Gegenstand interessirt und verfolgte ihn mit Leidenschaft (ardour).“ Er erzeugte nicht nur den magnetischen Schlaf nebst den Erscheinungen der Gliederstarre und	5
lokalen Empfindungslosigkeit, sondern er bestätigte auch die Richtigkeit der Gälischen Schädelkarte, indem auf Berührung je eines beliebigen Gälischen Organs die betreffende Thätigkeit beim magnetisirten Patienten erregt und durch lebhafte Gesten vorschriftsmäßig bethätigt wurde. Er stellte ferner fest daß sein Patient, wenn er ihn nur dabei berührte, an allen Sinnes- 10 empfindungen des Operators theilnahm; er machte ihn betrunken mit einem Glase Wasser, sobald er ihm nur sagte es sei Cognac. Einen der Jungen konnte er selbst im wachenden Zustand so dumm machen daß er seinen eignen Namen nicht mehr wußte, was andre Schulmeister indeß auch ohne Mesmerismus fertig bringen. Und so weiter.	15
Nun trifft es sich daß ich diesen Herrn Spencer Hall ebenfalls im Winter 1843/44 in Manchester sah. Er war ein ganz ordinärer Charlatan, der unter der Protektion einiger Pfaffen im Lande herumzog und an einem jungen Mädchen magnetisch-phrenologische Schaustellungen vornahm, um dadurch die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und die Nichtigkeit 20 des damals von den Owenisten in allen großen Städten gepredigten Materialismus zu beweisen. Die Dame wurde in magnetischen Schlaf versetzt und gab, sobald der Operator ein beliebiges Gälisches Organ ihres Schädels berührte, theatralische demonstrative Gesten und Posen zum Besten, die die Bethätigung des betreffenden Organs darstellten; beim Organ der Kin- 25 derliebe (philoprogenitiveness) z. B. hätschelte und küßte sie ein Phantasiebaby usw. Der brave Hall hatte dabei die Gälische Schädelgeographie um eine neue Insel Barataria bereichert: ganz zu oberst auf dem Scheitel hatte er nämlich ein Organ der Anbetung entdeckt, bei dessen Berührung sein hypnotisches Fräulein in die Knie sank, die Hände faltete, 30 und dem erstaunten versammelten Philistertum den in Anbetung verzückten Engel vorführte. Das war der Schluß und Glanzpunkt der Vorstellung. Die Existenz Gottes war bewiesen.
Es ging mir und einem Bekannten ähnlich wie Herrn Wallace: die Phänomene interessirten uns und wir versuchten wie weit wir sie re- 35 produziren konnten. Ein aufgeweckter Junge von zwölf Jahren bot sich als Subjekt. Gelindes Anstieren oder Bestreichen versetzte ihn ohne Schwierigkeit in den hypnotischen Zustand. Da wir aber etwas weniger gläubig und etwas weniger hitzig zu Werk gingen als Herr Wallace, so kamen wir auch zu ganz andern Resultaten. Abgesehn von der leicht zu erzeugenden 40 Muskelstarre und Empfindungslosigkeit, fanden wir einen Zustand voll
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ständiger Passivität des Willens, verbunden mit eigenthümlich überspannter Erregbarkeit der Empfindung. Der Patient, durch irgend eine Anregung von Außen aus seiner Lethargie gerissen, bezeugte noch weit mehr Lebhaftigkeit als im wachenden Zustande. Von geheimnißvollem Rapport zum Operator keine Spur; jeder Andre konnte den Schlummernden eben so leicht in Thätigkeit versetzen. Die Gälischen Schädelorgane wirken zu lassen, war für uns das Wenigste; wir gingen noch viel weiter: wir konnten sie nicht nur vertauschen und über den ganzen Körper verlegen, sondern wir fabrizirten noch eine beliebige Menge andrer Organe, des Singens, Pfeifens, Tutens, Tanzens, Boxens, Nähens, Schusterns, Tabakrauchens usw., und verlegten sie wohin wir wollten. Wenn Wallace seinen Patienten mit Wasser betrunken machte, so entdeckten wir in der großen Zehe ein Organ der Betrunkenheit, das wir nur zu berühren brauchten, um die schönste betrunkene Komödie in Gang zu bringen. Aber wohlverstanden: kein Organ zeigte einen Schatten von Wirkung, bis dem Patienten zu verstehn gegeben, was von ihm erwartet wurde; der Junge vervollkommnete sich bald durch die Praxis so, daß die geringste Andeutung hinreichte. Diese so erzeugten Organe blieben dann auch für spätere Einschläferungen ein für alle Mal in Geltung, solange sie nicht auf dem selben Wege abgeändert wurden. Der Patient hatte eben ein doppeltes Gedächtniß, eins für den wachenden, ein zweites, ganz gesondertes, für den hypnotischen Zustand. Was die Passivität des Willens, seine absolute Unterwerfung unter den Willen eines Dritten angeht, so verliert sie allen Wunderschein, sobald wir nicht vergessen, daß der ganze Zustand mit der Unterwerfung des Willens des Patienten unter den des Operators begann, und ohne sie nicht hergestellt werden kann. Der zaubermächtigste Magnetiseur der Erde ist mit seinem Latein zu Ende, sobald sein Patient ihm ins Gesicht lacht.
Während wir so, mit unsrer frivolen Skepsis, als Grundlage der magnetisch-phrenologischen Charlatanerie eine Reihe von Erscheinungen fanden, die von denen des wachenden Zustandes meist nur dem Grade nach verschieden sind und keiner mystischen Interpretation bedürfen, führte die Leidenschaft (ardour) des Herrn Wallace ihn zu einer Reihe von Selbsttäuschungen, kraft deren er die Gälische Schädelkarte in allen ihren Details bestätigte und einen geheimnißvollen Rapport zwischen Operator und Patienten feststellte.x) Überall in der, bis zur Naivetät aufrichtigen Erzählung des Hrn Wallace blickt durch, daß es ihm viel weniger darum zu thun war, den thatsächlichen Hintergrund der Charlatanerie zu untersuchen, als die
x) Wie schon gesagt, die Patienten vervollkommnen sich durch die Uebung. Es ist also wohl möglich, daß wenn die Willensunterwerfung erst gewohnheitsmäßig geworden, das Verhältniß der Betheiligten intimer wird, einzelne Erscheinungen sich steigern und selbst im wachenden Zustande schwach reflektirt werden.
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sämmtlichen Erscheinungen um jeden Preis wieder hervorzubringen. Es braucht nur diese Gemüthsstimmung, um in kurzer Frist den anfänglichen Forscher, vermittelst einfacher und leichter Selbsttäuschung, in den Adepten zu verwandeln. Herr Wallace endigte mit dem Glauben an die magnetischphrenologischen Wunder, und stand nun schon mit einem Fuß in der Gei- 5 sterwelt.
Den andern Fuß zog er nach im Jahr 1865. Zurückgekehrt von seinen zwölfjährigen Reisen in der heißen Zone, führten ihn Tischrück-Experimente in die Gesellschaft verschiedner „Medien“. Wie rasch seine Fortschritte waren, wie vollständig seine Beherrschung des Gegenstands ist, 10 davon legt das obige Schriftchen Zeugniß ab. Es muthet uns nicht nur zu, alle angeblichen Wunder der Home, Gebrüder Davenport, und andrer sich mehr oder weniger für Geld sehen lassenden und großenteils des öfteren als Betrüger entlarvten „Medien“ für baare Münze zu nehmen, sondern auch eine ganze Reihe angeblich beglaubigter Geistergeschichten aus früherer 15 Zeit. Die Pythonissen des griechischen Orakels, die Hexen des Mittelalters waren „Medien“, und Jamblichus de divinatione beschreibt schon ganz genau „die erstaunlichsten Erscheinungen des modernen Spiritualismus“.
Wie leicht Herr Wallace es mit der wissenschaftlichen Feststellung und 20 Beglaubigung dieser Wunder nimmt, davon nur ein Beispiel. Es ist gewiß eine starke Zumuthung, daß wir glauben sollen, die p.p. Geister ließen sich photographiren, und wir haben doch sicher das Recht zu verlangen, daß solche Geisterphotographien, ehe wir sie für echt annehmen auf die unzweifelhafteste Weise beglaubigt seien. Nun erzählt Herr Wallace S. 187 daß 25 im März 1872 Frau Guppy geb. Nicholls, ein Hauptmedium, mit ihrem Mann und ihrem kleinen Jungen sich bei Hrn Hudson in Notting Hill photographiren ließ, und bei zwei verschiednen Aufnahmen eine hohe weibliche Gestalt, in weißer Gaze künstlerisch (finely) drapirt, mit etwas orientalischen Zügen, in segnender Stellung hinter ihr erschien. „Hier nun, von zwei Dingen 30 sind eins absolut gewiß.x) Entweder war ein lebendes, intelligentes, aber unsichtbares Wesen gegenwärtig, oder Hr und Frau Guppy, der Photograph, und irgend eine vierte Person, haben einen schändlichen (wicked) Betrug geplant und ihn stets seitdem aufrecht erhalten. Ich kenne aber Hrn und Frau Guppy sehr gut und habe die absolute Überzeugung, daß sie eines Betrugs 35 dieser Art ebenso unfähig sind wie irgend ein ernster Wahrheitsforscher auf dem Gebiet der Naturwissenschaft.“
x) Here, then, one of two things are absolutely certain. Die Geisterwelt steht über der Grammatik. Ein Spaßvogel ließ einst den Geist des Grammatikers Lindley Murray citiren. Auf die Frage ob er da sei, antwortete er: I are (amerikanisch statt I am). Das Medium war aus 40 Amerika.
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Also entweder Betrug oder Geisterphotographie. Einverstanden. Und bei dem Betrug war entweder der Geist schon vorher auf den Platten, oder es müssen vier Personen betheiligt gewesen sein respektive drei, wenn wir den alten Herrn Guppy, der im Januar 1875 im Alter von 84 Jahren starb, als unzurechnungsfähig oder düpirt bei Seite lassen (er brauchte nur hinter die spanische Wand des Hintergrunds geschickt zu werden). Daß ein Photograph sich ohne Schwierigkeit ein „Modell“ für den Geist verschaffen konnte, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren. Der Photograph Hudson aber ist bald darauf der gewohnheitsmäßigen Fälschung von Geisterphotographien öffentlich bezüchtigt worden, so zwar, daß Hr. Wallace begütigend sagt: „Eins ist klar; daß, falls Betrug stattgefunden hat, er sofort von Spiritualisten selbst entdeckt wurde.“ Auf den Photographen ist also auch nicht viel Verlaß. Bleibt Frau Guppy, und für sie spricht „die absolute Überzeugung“ von Freund Wallace und sonst weiter nichts. — Weiter nichts? Keineswegs. Für die absolute Zuverlässigkeit der Frau Guppy spricht ihre Behauptung, eines Abends gegen Anfang Juni 1871, aus ihrem Hause in Highbury Hill Park, nach 69 Lambs Conduit Street — drei englische Meilen in grader Linie — bewußtlosen Zustandes durch die Luft getragen, und in besagtem Hause Nr. 69 inmitten einer Geisterseher-Sitzung auf dem Tisch deponirt worden zu sein. Die Thüren des Zimmers waren verschlossen und obwohl Frau Guppy eine der beleibtesten Damen von London war, was gewiß etwas sagen will, so hat ihr plötzlicher Einbruch doch weder in den Thüren noch in der Decke das geringste Loch hinterlassen (Erzählt im Londoner Echo, 8 Juni 1871). Und wer jetzt nicht an die Echtheit der Geisterphotographie glaubt, dem ist nicht zu helfen.
Der zweite namhafte Adept unter den englischen Naturforschern ist Hr William Crookes, der Entdecker des chemischen Elements Thallium, und des Radiometers (in Deutschland auch Lichtmühle genannt). Herr Crookes fing gegen 1871 an, die spiritistischen Manifestationen zu untersuchen und wandte dabei eine ganze Reihe physikalischer und mechanischer Apparate an, Federwagen, elektrische Batterien etc. Ob er den Hauptapparat — einen skeptisch-kritischen Kopf mitbrachte oder bis zu Ende in arbeitsfähigem Zustand erhielt, werden wir sehn. Jedenfalls war Herr Crookes in nicht gar langer Zeit ebenso vollständig eingefangen wie Herr Wallace. Seit einigen Jahren, erzählt dieser, hat eine junge Dame, „Fräulein Florence Cook, bemerkenswerthe Mediumeigenschaft gezeigt; in der letzten Zeit erreichte diese ihren Höhepunkt in der Produktion einer vollständigen weiblichen Gestalt die geisterhaften Ursprungs zu sein behauptet und die barfuß und in weißer fließender Gewandung erschien, während das Medium, in dunkler Kleidung, gebunden und in tiefem Schlaf in einem verhängten Raum (ca-binet) oder Nebenzimmer lag.“ Dieser Geist, der sich den Namen Katey
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beilegte, und der Fräulein Cook merkwürdig ähnlich sah, wurde eines Abends plötzlich von Herrn Volckman — dem jetzigen Gemahl der Frau Guppy — um die Taille gefaßt und festgehalten, um zu sehn ob er nicht eben Fräulein Cook in andrer Ausgabe sei. Der Geist bewährte sich als ein durchaus handfestes Frauenzimmer, wehrte sich herzhaft, die Zuschauer mischten 5 sich ein, das Gas wurde abgedreht, und als nach einigem Hin- und Herkämpfen die Ruhe wiederhergestellt, und das Zimmer erleuchtet, war der Geist verschwunden und Fräulein Cook lag gebunden und bewußtlos in ihrer Ecke. Herr Volckman soll aber bis heute behaupten er habe Fräulein Cook gefaßt und niemand anders. Um dies wissenschaftlich festzustellen, führte 10 ein berühmter Elektriker, Hr Varley, bei einem neuen Versuch, den Strom einer Batterie so durch das Medium, Frl. Cook, daß diese den Geist nicht hätte vorstellen können ohne den Strom zu unterbrechen. Dennoch erschien der Geist. Er war also in der That ein von der Frl. Cook verschiednes Wesen.
Dies ferner zu konstatiren, war die Aufgabe des Hrn Crookes. Sein erster 15 Schritt war, sich das Vertrauen der geisterhaften Dame zu erwerben. Dies Vertrauen — so sagt er selbst im Spiritualist, 5 Juni 1874 — „wuchs allmählig so, daß sie sich weigerte eine Sitzung zu geben, es sei denn daß ich die Arrangements leitete. Sie sagte, sie wünschte mich stets in ihrer Nähe und in der Nähe des Cabinets; ich fand, daß nachdem dies Vertrauen hergestellt, 20 und sie sicher war, daß ich kein ihr gemachtes Versprechen brechen würde, die Erscheinungen bedeutend an Stärke zunahmen, und Beweismittel freiwillig gestattet wurden, die auf anderm Wege unerreichbar gewesen wären. Sie konsultirte mich häufig in Bezug auf bei den Sitzungen anwesende Personen und über die ihnen anzuweisenden Plätze, denn sie war neuerdings 25 sehr ängstlich (nervous) geworden, in Folge gewisser übelberathener Andeutungen, man solle neben andern, mehr wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden doch auch die Gewalt anwenden.“
Das Geisterfräulein belohnte dies ebenso liebenswürdige wie wissenschaftliche Vertrauen in vollstem Maß. Sie erschien — was uns jetzt nicht 30 mehr wundern kann — sogar im Hause des Hrn Crookes, spielte mit seinen Kindern und erzählte ihnen „Anekdoten aus ihren Abenteuern in Indien“, gab Hrn Crookes auch „einige der bittern Erfahrungen ihres vergangnen Lebens“ zum Besten, ließ sich von ihm in den Arm nehmen, damit er sich von ihrer handfesten Materialität überzeuge, ließ ihn die Zahl ihrer Puls- 35 Schläge und Athemzüge in der Minute feststellen und ließ sich zuletzt auch neben Hrn Crookes photographiren. „Diese Gestalt, sagt Herr Wallace, nachdem man sie gesehn, betastet, photographirt und sich mit ihr unterhalten hatte, verschwand absolut aus einem kleinen Zimmer, aus dem kein andrer Ausgang war als durch ein anstoßendes, mit Zuschauern gefülltes Zimmer“ 40 — was keine so große Kunst ist, vorausgesetzt, die Zuschauer waren höflich
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genug, dem Hm Crookes, in dessen Hause dies geschah, nicht weniger Vertrauen zu beweisen als dieser dem Geist bewies.
Leider sind diese „vollständig beglaubigten Erscheinungen“ selbst für Spiritualisten nicht ohne Weiteres glaublich. Wir sahen oben, wie der sehr spiritualistische Hr Volckman sich einen sehr materiellen Zugriff gestattete. Und nun hat ein Geistlicher und Comitemitglied der „Britischen National-Association der Spiritualisten“ ebenfalls einer Sitzung der Fräulein Cook beigewohnt, und ohne Schwierigkeit festgestellt, daß das Zimmer, durch dessen Thür der Geist kam und verschwand, durch eine zweite Thür mit der Außenwelt kommunicirte. Das Benehmen des ebenfalls gegenwärtigen Hrn Crookes gab „meinem Glauben, daß etwas an diesen Manifestationen sein könne, den schließlichen Todesstoß“. (Mystic London, by the Revd C. Maurice Davies, London, Tinsley Brothers). Und zum Überfluß kam es in Amerika an den Tag, wie man „Katey’s“ „materialisirt“. Ein Ehepaar Holmes gab in Philadelphia Vorstellungen, bei denen ebenfalls eine „Katey“ erschien, und von den Gläubigen reichlich beschenkt wurde. Ein Skeptiker jedoch ruhte nicht, bis er besagter Katey, die übrigens schon einmal wegen Mangel Zahlung Strike gemacht hatte, auf die Spur kam: er entdeckte sie in einem boarding-house (Privathotel) als eine junge Dame von unbestrittenem Fleisch und Bein, und im Besitz aller der dem Geist gemachten Geschenke.
Indeß auch der Kontinent sollte seine wissenschaftlichen Geisterseher erleben. Eine Petersburger wissenschaftliche Körperschaft — ich weiß nicht genau ob die Universität oder gar die Akademie — delegirte die Herren Staatsrath Aksakoff und den Chemiker Butleroff, die spiritistischen Phänomene zu ergründen, wobei indeß nicht viel herausgekommen zu sein scheint. Dagegen — wenn anders den lauten Verkündigungen der Spiritisten zu trauen ist — hat jetzt auch Deutschland seinen Moren gestellt in der Person des Herrn Professor Zöllner in Leipzig.
Bekanntlich hat Hr Zöllner seit Jahren stark in der „vierten Dimension“ des Raumes gearbeitet, und entdeckt, daß viele Dinge, die in einem Raum von drei Dimensionen unmöglich sind, sich in einem Raum von vier Dimensionen ganz von selbst verstehn. So kann man in diesem letzteren Raum eine geschlossene Metallkugel umkehren wie einen Handschuh ohne ein Loch darin zu machen, deßgleichen einen Knoten schlingen in einen beiderseits endlosen oder an beiden Enden befestigten Faden, auch zwei getrennte, geschlossene Ringe in einander verschlingen ohne einen von ihnen zu öffnen, und was dergleichen Kunststücke mehr sind. Nach neueren triumphirenden Berichten aus der Geisterwelt hätte sich nun Hr Professor Zöllner an ein oder mehrere Medien gewandt um mit ihrer Hülfe über die Lokalität der vierten Dimension das Nähere festzustellen. Der Erfolg sei überraschend gewesen.
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Die Stuhllehne, auf die er den Arm gestützt, während die Hand den Tisch nie verließ, sei nach der Sitzung mit dem Arm verschlungen gewesen; ein an beiden Enden auf den Tisch angesiegelter Faden habe vier Knoten bekommen usw. Kurz, alle Wunder der vierten Dimension seien von den Geistern spielend geleistet worden. Wohlgemerkt: relata refero, ich stehe 5 nicht ein für die Richtigkeit der Geisterbülletins, und sollten sie Unrichtiges enthalten so dürfte Hr Zöllner mir Dank wissen daß ich ihm Gelegenheit gebe sie zu berichtigen. Sollten sie aber die Erfahrungen des Hrn Zöllner unverfälscht wiedergeben, so bezeichnen sie offenbar eine neue Aera in der Geisterwissenschaft wie in der Mathematik. Die Geister beweisen das Dasein 10 der vierten Dimension, wie die vierte Dimension einsteht für das Dasein der Geister. Und wenn das einmal feststeht, so eröffnet sich der Wissenschaft ein ganz neues, unermeßliches Feld. Alle bisherige Mathematik und Naturwissenschaft wird nur eine Vorschule für die Mathematik der vierten und noch höheren Dimensionen, und für die Mechanik, Physik, Chemie und 15 Physiologie der sich in diesen höheren Dimensionen aufhaltenden Geister. Hat doch Hr Crookes wissenschaftlich festgestellt, wie viel Gewichtsverlust Tische und andre Möbel bei ihrem Übergang — wir dürfen jetzt wohl sagen in die vierte Dimension erleiden, und erklärt Hr Wallace es für ausgemacht daß dort das Feuer den menschlichen Körper nicht verletzt. Und nun gar 20 die Physiologie dieser Geisterkörper! Sie athmen, sie haben einen Puls, also Lungen, Herz und Cirkulationsapparat, und sind demzufolge auch in Betreff der übrigen Leibesorgane sicher mindestens ebenso vortrefflich beschlagen wie Unsereins. Denn zum Athmen gehören Kohlenwasserstoffe, die in der Lunge verbrannt werden, und diese können nur von Außen zugeführt 25 werden: Also Magen, Darm und Zubehör — und haben wir erst soviel konstatirt, so folgt das Übrige ohne Schwierigkeit. Die Existenz solcher Organe aber schließt die Möglichkeit ihrer Erkrankung ein, und somit kann es Herrn Virchow noch passiren daß er eine Cellularpathologie der Geisterwelt verfassen muß. Und da die meisten dieser Geister wunderschöne junge 30 Damen sind, die sich durch nichts, aber auch gar nichts von irdischen Frauenzimmern unterscheiden, als durch ihre überirdische Schönheit — wie könnte es da lange dauern, bis sie einmal ankommen „bei Männern, welche Liebe fühlen“; und wenn da das von Hrn Crookes am Pulsschlag konstatirte „weiblich Herze nicht fehlt“, so eröffnet sich der natürlichen Zuchtwahl 35 ebenfalls eine vierte Dimension, in der sie nicht mehr zu befürchten braucht mit der bösen Sozialdemokratie verwechselt zu werden.
Genug. Es zeigt sich hier handgreiflich, welches der sicherste Weg von der Naturwissenschaft zum Mysticismus ist. Nicht die überwuchernde Theorie der Naturphilosophie, sondern die allerplattste, alle Theorie ver- 40 achtende, gegen alles Denken mißtrauische Empirie. Es ist nicht die
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aphoristische Nothwendigkeit, die die Existenz der Geister beweist, sondern die erfahrungsmäßige Beobachtung der Herren Wallace, Crookes und Co. Wenn wir den spektralanalytischen Beobachtungen von Crookes glauben, die zur Entdeckung des Metalls Thallium führten, oder den reichen zoologischen Entdeckungen von Wallace im malayischen Archipel, so verlangt man von uns denselben Glauben für die spiritistischen Erfahrungen und Entdeckungen dieser beiden Forscher. Und wenn wir meinen, daß hier doch ein kleiner Unterschied stattfinde, nämlich der, daß wir die einen verificiren können und die andern nicht, so entgegnen uns die Geisterseher, daß dies nicht der Fall und daß sie bereit sind, uns Gelegenheit zu geben, auch die Geistererscheinungen zu verificiren.
Man verachtet in der That die Dialektik nicht ungestraft. Man mag noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei Naturthatsachen in Zusammenhang bringen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehn ohne theoretisches Denken. Es fragt sich dabei nur, ob man dabei richtig denkt oder nicht, und die Geringschätzung der Theorie ist selbstredend der sicherste Weg, naturalistisch und damit falsch zu denken. Falsches Denken, zur vollen Konsequenz durchgeführt, kommt aber nach einem altbekannten dialektischen Gesetz regelmäßig an beim Gegentheil seines Ausgangspunkts. Und so straft sich die empirische Verachtung der Dialektik dadurch, daß sie einzelne der nüchternsten Empiriker in den ödesten aller Aberglauben, in den modernen Spiritismus führt.
Ebenso geht es mit der Mathematik. Die gewöhnlichen metaphysischen Mathematiker pochen mit gewaltigem Stolz auf die absolute Unumstößlich-keit der Resultate ihrer Wissenschaft. Zu diesen Resultaten gehören aber auch die imaginären Größen, denen damit auch eine gewisse Realität zukommt. Hat man sich aber erst daran gewöhnt, der /-T oder der vierten Dimension irgend welche Realität außerhalb unsres Kopfes zuzuschreiben, so kommt es nicht darauf an, ob man noch einen Schritt weiter geht und auch die Geisterwelt der Medien acceptirt. Es ist, wie Ketteier von Döllinger sagte: Der Mann hat in seinem Leben soviel Unsinn vertheidigt, da konnte er wahrhaftig auch noch die Unfehlbarkeit in den Kauf nehmen!
In der That ist die bloße Empirie unfähig mit den Spiritisten fertig zu werden. Erstens werden die „höheren“ Phänomene immer erst dann gezeigt, wenn der betreffende „Forscher“ schon soweit eingefangen ist, daß er nur noch sieht, was er sehen soll oder will — wie Crookes das mit so unnachahmlicher Naivetät selbst beschreibt. Zweitens aber macht es den Spiritisten Nichts aus, wenn hunderte angeblicher Thatsachen als Prellerei und Dutzende angeblicher Medien als ordinäre Taschenspieler enthüllt werden. Solange nicht jedes einzelne angebliche Wunder wegerklärt ist,
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bleibt ihnen Terrain genug übrig — wie dies ja auch Wallace bei Gelegenheit der gefälschten Geisterphotographien deutlich sagt. Die Existenz der Fälschungen beweist die Echtheit der echten.
Und so sieht sich denn die Empirie gezwungen, die Zudringlichkeit der Geisterseher nicht mit empirischen Experimenten, sondern mit theo- 5 retischen Erwägungen abzufertigen, und mit Huxley zu sagen: „Das einzige Gute, das meiner Ansicht nach bei dem Nachweis der Wahrheit des Spiritualismus herauskommen könnte, wäre dies, ein neues Argument gegen den Selbstmord zu liefern. Lieber als Straßenkehrer leben, denn als Verstorbner Blech schwätzen durch den Mund eines Mediums, das sich für eine Guinee 10 per Sitzung vermiethet.“
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[Notizen und Fragmente]
[1]
Büchner.
Aufkommen der Richtung. Auflösung der deutschen Philosophie in Materialismus — die Controle über die Wissenschaft] beseitigt—Losplatzen der platten materialistischen Popularis[atoren] deren Materialismus den Mangel an Wissenschaft ersetzen sollte. Flor zur Zeit der tiefsten Erniedrigung des bürgerlichen Deutschlands und der offiziellen deutschen Wissenschaft — 1850—60. Vogt, Molesch[ott], Büchner — Gegenseitige Assekuranz. — Neubelebung durch Modewerden des Darwinismus, den diese Herren gleich pachteten.
Man könnte sie laufen lassen und ihrem nicht unlöblichen wenn auch engen Beruf überlassen, dem deutschen Philister Atheismus etc. beizubringen aber 1) das Schimpfen auf die Philos[ophen] (Stellen anzuführen)x) die trotz alledem den Ruhm Deutschlands bilden, und 2) die Anmaßung ihre Na-turtheorieen auf die Gesellschaft anzuwenden und den Sozialismus zu re-formiren. So zwingen sie uns zur Notiznahme.
Zuerst was leisten sie auf ihrem eignen Felde? Citate.
2) Umschlag p. 170/71. Woher plötzlich dies Hegelsche? Übergang zur Dialektik. — 2 philosophische Richtungen, die metaphysische mit fixen Kategorieen, die dialektische (Arist[oteles] und Hegel besonders) mit flüssigen, die nachweist daß diese fixen Gegensätze von Grund und Folge Ursache und Wirkung Identität und Unterschied Schein und Wesen unhaltbar sind, daß die Analyse einen Pol schon als in nuce vorhanden im andern
x) Büchner kennt die Philosophen] nur als Dogmatiker wie er selbst Dogmatiker des plattesten Abspülicht des deutschen Aufkläricht, dem der Geist und die Bewegung der großen französischen Materialisten abhanden gekommen (Hegel über diese)—wie dem Nikolai der des Voltaire. Lessings todter Hund Spinoza, Enc. Vorr. 19. —
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nachweist, daß an einem bestimmten Punkt der eine Pol in den andern umschlägt und daß die ganze Logik sich erst auf diesen fortschreitenden Gegensätzen entwickelt. — Dies bei Hegel selbst mystisch weil die Katego-rieen als präexistirend, und die Dialektik der realen Welt als ihr bloßer Abglanz erscheint. In Wirklichkeit umgekehrt: die Dialektik des Kopfes nur 5 Wiederschein der Bewegungsformen der realen Welt, der Natur wie der Geschichte. Die Naturforscher bis Ende vorigen Jahrhunderts, ja bis 1830 wurden mit der alten Metaphysik ziemlich fertig, weil die wirkliche Wissenschaft nicht über Mechanik — irdische und kosmische — hinausging.
Trotzdem brachte schon die höhere Mathematik, die die ewigen Wahrheiten 10 der niedern Mathematik als einen überwundnen Standpunkt betrachtet, oft das Gegentheil behauptet und Sätze auf stellt die dem niedern Mathematiker als baarer Unsinn erscheinen, Konfusion hinein. Die festen Kategorieen lösten sich hier auf, die Mathematik war auf ein Terrain gekommen wo selbst so einfache Verhältnisse wie die der bloß abstrakten Quantität, das schlechte 15 Unendliche, eine vollkommen dialektische Gestalt annahmen und die Mathematiker zwangen, wider Willen und ohne es zu wissen, dialektisch zu werden. Nichts komischer als die Windungen, faulen Schliche, und Nothbehelfe der Mathematiker, diesen Widerspruch zu lösen, die höhere und niedere Mathematik zu versöhnen, ihrem Verstand klarzumachen daß das 20 was sich ihnen als unläugbares Resultat ergab, nicht reiner Blödsinn sei, und überhaupt Ausgangspunkt, Methoden, und Resultate der Mathematik des Unendlichen rationell zu erklären.
Jetzt aber ist das Alles anders. Die Chemie — Atomistik. Abstrakte Theil-barkeit der Physik — schlechte Unendlichkeit. Die Physiologie — Zelle. (Der 25 organische Entwicklungsprozeß sowohl des Individuums wie der Arten durch Differenzirung die schlagendste Probe auf die rationelle Dialektik.) Und endlich die Identität der Naturkräf te und ihre gegenseitige Verwandlung die aller Fixität der Kategorieen ein Ende machte. Trotzdem die Masse der Naturforscher noch immer fest in den alten metaphysischen Kategorieen und 30 hülflos wenn diese modernen Thatsachen, die die Dialektik sozusagen in der Natur nachweisen, rationell erklärt und in Zusammenhang unter sich gebracht werden sollen. Und hier mußte gedacht werden: Atom und Molekül etc. kann man nicht mit dem Mikroskop beobachten sondern nur mit Denken.
VgL die Chemiker (ausgenommen Schorl[emmer] der Hegel kennt) und 35 Virchow’s Cellularpathologie, wo schließlich allgemeine Phrasen die Hülf-losigkeit verdecken müssen. Die — des Mysticismus entkleidete — Dialektik wird eine absolute Nothwendigkeit für die Naturwissenschaft, die das Gebiet verlassen hat wo die festen Kategorieen, gleichsam die niedre Mathematik der Logik, ihr Hausgebrauch, ausreichten. Die Philosophie rächt sich post- 40 hum an der Naturwissenschaft dafür, daß diese sie verlassen hat — und doch
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hätten die Naturforscher schon an den naturwissenschaftlichen Erfolgen der Philos[ophen] sehn können daß in all dieser Philosophie etwas stak, das auch auf ihrem eignen Gebiet ihnen überlegen war (Leibnitz Gründer der Mathematik des Unendlichen gegen den der Induktionsesel Newton als Plagiator und Verderber tritt — Kant — Kosmische Entstehungstheorie vor Laplace — Oken der erste in Deutschland der die Entwicklungstheorie annahm — Hegel dessen encyclopädische Zusammenfassung und rationelle Gruppirung der Naturwissenschaften eine größere That ist als all der materialistische Blödsinn zusammen).
[9]
Bei der Prätention des B[üchner] über Sozialismus] und Oek[onomie] aus Kampf ums Dasein abzuurtheilen: Hegel Enc. I p.9 über das Schuhmachen.
Bei d[er] Politik] und Soc[ialismus]: Der Verstand auf den die Welt gewartet hat p. 11.
Außer- Neben- und Nach-einander H. Enc. p. 35! als Bestimmung der Sinnlichkeit, der Vorstellung.
Hegel Encycl. p. 40. Naturerscheinungen — aber bei B. wird nicht gedacht, bloß abgeschrieben, daher das nicht nöthig.
p.42. Solon hat seine Gesetze „aus seinem Kopf hervorgebracht“ — B. kann dasselbe für die moderne Gesellschaft.
p.45. Metaphysik — Wissenschaft der Dinge — nicht der Bewegungen.
p. 53. Bei der Erfahrung — ankommt.
p.56. Parallelismus zwischen menschlichem Individuum und Geschichte = Parallelismus zwischen Embryologie und Paläontologie.
[193]
[Ausgelassenes aus „Feuerbach“]
[Die vulgarisirenden Hausirer, die in den fünfziger Jahren in Deutschland in Materialismus machten, kamen in keiner Weise über diese Schranke ihrer Lehrer hinaus. Alle seitdem gemachten Fortschritte der Naturwissenschaft dienten ihnen nur] als neue Argumente gegen den Glauben an den Weltschöpfer; und in der That lag es ganz außerhalb ihres Geschäfts, die Theorie weiter zu entwickeln. Der Idealismus war durch 1848 schwer getroffen; aber der Materialismus, in dieser seiner erneuten Gestalt, war noch tiefer heruntergekommen. Daß Feuerbach die Verantwortlichkeit für diesen Materialismus ablehnte, darin hatte er entschieden recht; nur durfte er die Lehre der Reiseprediger nicht mit dem Materialismus überhaupt zusammenwerfen.
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Um dieselbe Zeit aber nahm die empirische Naturwissenschaft einen solchen Aufschwung und erreichte so glänzende Resultate, daß dadurch nicht nur eine vollständige Überwindung der mechanischen Einseitigkeit des 18. Jahrhunderts möglich wurde, sondern auch die Naturwissenschaft selbst durch den Nachweis der in der Natur selbst vorhandenen Zusammenhänge 5 der verschiednen Untersuchungsgebiete (der Mechanik, Physik, Chemie, Biologie etc.) aus einer empirischen in eine theoretische Wissenschaft, und bei der Zusammenfassung des Gewonnenen, in ein System der materialistischen Naturerkenntniß sich verwandelte. Die Mechanik der Gase; die neugeschaffne organische Chemie, die einer sogenannten Organischen 10 Verbindung nach der andern den letzten Rest der Unbegreiflichkeit abstreifte, indem sie sie aus anorganischen Stoffen herstellte; die von 1818 datirende wissenschaftliche Embryologie, die Geologie und Paläontologie; die vergleichende Anatomie der Pflanzen und Thiere — sie alle lieferten neuen Stoff in bisher unerhörtem Maß. Von entscheidender Wichtigkeit aber 15 waren drei große Entdeckungen.
Die erste war der, von der Entdeckung des mechanischen Äquivalents der Wärme (durch Robert Mayer, Joule und Colding) sich herleitende Nachweis der Verwandlung der Energie. Alle die zahllosen wirkenden Ursachen in der Natur, die bisher als sogenannte Kräfte ein geheimnißvolles, unerklärtes 20 Dasein führten, — mechanische Kraft, Wärme, Strahlung (Licht und strahlende Wärme), Elektricität, Magnetismus, chemische Kraft der Verbindung und Trennung, sind jetzt nachgewiesen als besondre Formen, Daseinsweisen einer und derselben Energie, d.h. Bewegung; wir können nicht nur ihre in der Natur stets vorgehende Verwandlung aus einer Form in die andre nach- 25 weisen, sondern sie selbst im Laboratorium und in der Industrie vollführen, und zwar so, daß einer gegebnen Menge von Energie in der einen Form stets eine bestimmte Menge von Energie in dieser oder jener andern Form entspricht. Wir können so die Wärmeeinheit in Kilogramm-Metern, und die Einheiten oder beliebige Mengen von elektrischer oder chemischer Energie 30 wieder in Wärmeeinheiten ausdrücken und umgekehrt; wir können ebenso den Energieverbrauch und die Energiezufuhr eines lebendigen Organismus messen und in einer beliebigen Einheit, z. B. in Wärmeeinheiten ausdrücken. Die Einheit aller Bewegung in der Natur ist nicht mehr eine philosophische Behauptung, sondern eine naturwissenschaftliche Thatsache.	35
Die zweite — der Zeit nach frühere — ist die Entdeckung der organischen Zelle durch Schwann und Schleiden, der Zelle als der Einheit aus deren Vervielfältigung und Differenzirung alle Organismen, mit Ausnahme der niedrigsten, entstehn und heraus wachsen. Erst mit dieser Entdeckung erhielt die Untersuchung der organischen, lebendigen Naturprodukte — 40 sowohl die vergleichende Anatomie und Physiologie wie die Embryologie
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— einen festen Boden. Der Entstehung, dem Wachsthum und der Struktur der Organismen war das Geheimniß abgestreift; das bisher unbegreifliche Wunder hatte sich aufgelöst in einen, nach einem für alle vielzelligen Organismen wesentlich identischen Gesetz sich vollziehenden Prozeß.
Aber noch blieb eine wesentliche Lücke. Wenn alle vielzelligen Organismen — Pflanzen wie Thiere mit Einschluß des Menschen — aus je Einer Zelle nach dem Gesetz der Zellenspaltung herauswachsen, woher dann die unendliche Verschiedenheit dieser Organismen? Diese Frage wurde beantwortet durch die dritte große Entdeckung, die Entwicklungstheorie, die zuerst von Darwin im Zusammenhang dargestellt und begründet wurde. So manche Umwandlungen diese Theorie auch noch im Einzelnen durchmachen wird, so löst sie im Ganzen und Großen schon jetzt das Problem in mehr als genügender Weise. Die Entwicklungsreihe der Organismen von wenigen einfachen zu stets mannichfacheren und komplicirteren, wie wir sie heute vor uns sehn, und bis zum Menschen herauf, ist in den großen Grundzügen nachgewiesen; es ist damit nicht nur die Erklärung ermöglicht für den vor-gefundnen Bestand an organischen Naturprodukten, sondern auch die Grundlage gegeben für die Vorgeschichte des Menschengeistes, für die Verfolgung seiner verschiednen Entwicklungsstufen vom einfachen strukturlosen, aber Reize empfindenden Protoplasma der niedrigsten Organismen bis zum denkenden Menschenhirn. Ohne diese Vorgeschichte aber bleibt das Dasein des denkenden Menschenhirns ein Wunder.
Mit diesen drei großen Entdeckungen sind die Hauptvorgänge der Natur erklärt, auf natürliche Ursachen zurückgeführt. Nur eins bleibt hier noch zu thun: die Entstehung des Lebens aus der unorganischen Natur zu erklären. Das heißt auf der heutigen Stufe der Wissenschaft nichts andres als: Eiweißkörper aus unorganischen Stoffen herzustellen. Dieser Aufgabe rückt die Chemie immer näher. Sie ist noch weit von ihr entfernt. Wenn wir aber bedenken, daß erst 1828 der erste organische Körper, der Harnstoff, von Wöhler aus unorganischem Material dargestellt wurde, und wie unzählige s.g. organische Zusammensetzungen jetzt künstlich, ohne irgend welche organischen Stoffe dargestellt werden, werden wir der Chemie kein Halt! vor dem Eiweiß gebieten wollen. Bis jetzt kann sie jeden organischen Stoff darstellen, dessen Zusammensetzung sie genau kennt. Sobald die Zusammensetzung der Eiweißkörper einmal bekannt ist, wird sie an die Herstellung von lebendigem Eiweiß gehn können. Daß sie aber von heute auf morgen das leisten soll, was der Natur selbst nur unter sehr günstigen Umständen auf einzelnen Weltkörpern nach Millionen Jahren gelingt — das hieße ein Wunder verlangen.
Somit steht die materialistische Naturanschauung heute auf ganz anders festen Füßen als im vorigen Jahrhundert. Damals war nur die Bewegung der
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Himmelskörper und die von irdischen festen Körpern unter dem Einfluß der Schwere einigermaßen erschöpfend verstanden; fast das ganze Gebiet der Chemie und die ganze organische Natur blieben unverstandne Geheimnisse. Heute liegt die ganze Natur als ein, wenigstens in den großen Grundzügen, erklärtes und begriffenes System von Zusammenhängen und Vorgängen vor	5
uns ausgebreitet. Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zuthat, und daher verstand sie sich bei den griechischen Philosophen ursprünglich von selbst. Aber zwischen jenen alten Griechen und uns liegen mehr als zwei Jahrtausende wesentlich idealistischer Weltanschauung, und 10 da ist die Rückkehr auch zum Selbstverständlichen schwerer als es auf den ersten Blick scheint. Denn es handelt sich keineswegs um einfache Verwerfung des ganzen Gedankeninhalts jener zwei Jahrtausende, sondern um seine Kritik, um die Losschälung der, innerhalb der falschen, aber für ihre Zeit und den Entwicklungsgang selbst unvermeidlichen idealistischen Form 15 gewonnenen Resultate aus dieser vergänglichen Form. Und wie schwer das ist, beweisen uns jene zahlreichen Naturforscher, die innerhalb ihrer Wissenschaft unerbittliche Materialisten sind, außerhalb derselben aber nicht nur Idealisten, sondern selbst fromme, ja orthodoxe Christen.
Alle diese epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaft gingen 20 an Feuerbach vorüber ohne ihn wesentlich zu berühren. Es war dies nicht sosehr seine Schuld, als die der elenden deutschen Verhältnisse, Kraft deren die Lehrstühle der Universitäten von hohlköpfigen, eklektischen Flohknackern in Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der sie thurmhoch überragte, in einsamer Dorfabgeschiedenheit fast verbauern 25 mußte. Daher kommt es, daß er über die Natur — bei einzelnen genialen Zusammenfassungen, so viel belletristisches Stroh dreschen muß. So sagt er: „Das Leben ist allerdings nicht Produkt eines chemischen Prozesses, nicht Produkt überhaupt einer vereinzelten Naturkraft oder Erscheinung, worauf der metaphysische Materialist das Leben reducirt; er ist ein Resultat 30 der ganzen Natur.“ — Daß das Leben ein Resultat der ganzen Natur ist, widerspricht keineswegs dem Umstand, daß das Eiweiß, welches der ausschließliche selbständige Träger des Lebens ist, unter bestimmten durch den ganzen Naturzusammenhang gegebnen Bedingungen entsteht, aber eben als Produkt eines chemischen Prozesses entsteht. Derselben Vereinsamung 35 ist es zuzuschreiben, wenn Feuerbach sich in eine Reihe unfruchtbarer und sich im Kreise drehender Spekulationen über das Verhältniß des Denkens zum denkenden Organ, dem Gehirn, verliert — ein Gebiet worauf ihm Starcke mit Vorliebe folgt.
Genug, Feuerbach sträubt sich gegen den Namen Materialismus. Und 40 nicht ganz mit Unrecht; denn er wird den Idealisten nie ganz los. Auf
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dem Gebiet der Natur ist er Materialist; aber auf dem Gebiet der menschlichen
[56]
Die Naturforscher glauben sich von d[er] Phil[osophie] zu befreien indem sie sie ignoriren oder über sie schimpfen. Da sie aber ohne Denken nicht voran kommen, und zum Denken Denkbestimmungen nöthig haben, diese Kategorieen aber unbesehn aus dem von den Resten längst vergangner Philosophieen beherrschten gemeinen Bewußtsein der s. g. Gebildeten oder aus dem Bischen auf der Universität zwangsmäßig gehörter Philosophie (was nicht nur fragmentarisch sondern auch ein Wirrwarr der Ansichten von Leuten der verschiedensten und meist schlechtesten Schulen ist) oder aus unkritischer und unsystematischer Lektüre philosophischer Schriften aller Art nehmen, so stehn sie nicht minder in der Knechtschaft der Philosophie, meist aber leider der schlechtesten, und die die am meisten auf die Phil[osophen] schimpfen, sind Sklaven grade der schlechtesten vulgarisirten Reste der schlechtesten Philosophen.
[97]
Die Naturforscher mögen sich stellen wie sie wollen sie werden von d[er] Philos[ophie] beherrscht. Es fragt sich nur ob sie von e[iner] schlechten Mode-Philos[ophie] beherrscht werden wollen oder von einer Form des theoretischen Denkens die auf der Bekanntschaft mit der Geschichte des Denkens, und mit deren Errungenschaften beruht.
Physik, hüte dich vor Metaphysik, ist ganz richtig aber in einem andern Sinn.
Die Naturforscher fristen der Philosophie noch ein Scheinleben indem sie sich mit den Abfällen der alten Metaphysik behelfen. Erst wenn Natur- und Geschichts wissensch[aft] die Dialektik in sich auf genommen, wird all der philosophische Kram — außer der reinen Lehre vom Denken, überflüssig, verschwindet in der positiven Wissenschaft.
[180]
Wie Fourier a mathematical poem und doch noch gebraucht so Hegel a dialectical poem.
[27]
Die falsche Porositätstheorie (worin die verschiednen falschen Materien, Wärmestoff etc. in ihren gegenseitigen Poren sitzen und sich doch nicht durchdringen) von Hegel Enc. 1.259 als reine Erdichtung des Verstands dargestellt s. auch Logik.
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[152]
Hegel Enc. 1,205/6 prophetische Stelle über die Atomgewichte gegenüber den damaligen physikalischen Auffassungen und über Atom, Molekül als Gedankenbestimmungen worüber das Denken zu entscheiden hat.
[149]	5
Wenn Hegel die Natur als eine Manifestation der ewigen „Idee“ in der Entäußerung ansieht, und dies ein so schweres Verbrechen ist, was sollen wir sagen zum Morphologen Richard Owen: The archetypal idea was mani-fested in the flesh under diverse such modifications, upon this planet, long prior to the existence of those animal species that actually exemplify it. 10 (Nature of limbs 1849) Wenn das ein mystischer Naturforscher sagt der sich nichts dabei denkt, so geht’s ruhig hin; wenn aber ein Philosoph dasselbe sagt der sich etwas und zwar au fond das Richtige wenn auch in verkehrter Form dabei denkt, so ist’s Mystik und ein unerhörtes Verbrechen.
[190]	15
Hofmann (1 Jahrh. Chemie unter den Hohenzollern) citirt Naturphil. Citfirt] aus Rosenkranz dem Belletristen den kein richtiger Hegelianer anerkennt. Die Naturphil. für Rosenkr. verantwortlich zu machen ist ebenso albern wie wenn Hofm. die Hohenzollern für die Marggrafsche Entdeckung des Rübenzuckers verantwortlich macht.	20
[156]
Theorie und Empirie: die Abplattung theoretisch durch Newton festgestellt, die Cassinis und andre Franzosen behaupteten noch lange nachher, auf ihre empirischen Messungen gestützt daß die Erde ellipsoidisch und die Polaraxe die längste sei.	25
[129]
Hegel konstruirt die Licht- und Farbentheorie aus dem reinen Gedanken und fällt dabei in die plumpste Empirie der hausbackenen Philistererfahrung (wenn auch mit einem gewissen Recht, da dieser Punkt damals nicht aufgeklärt) z. B. wenn er gegen Newton die Farbenmischung der Maler auf führt 30 p.314 unten.
[122]
Die Verachtung der Empiriker für die Griechen erhält eine eigenthümliche Illustr[ation] wenn man z. B. Th. Thomson On Electr. liest wo Leute wie Davy und selbst noch Faraday im Dunkeln herumtappen (Elektrischer 35 Funken etc.) und Experimente anstellen die ganz an die Erzählungen von
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Aristoteles] und Plinius über physikalisch-chemische Verhältnisse erinnern. Grade in dieser neuen Wissenschaft reproduziren die Empiriker ganz das blinde Tasten der Alten. Und wo der geniale Faraday eine richtige Fährte hat, muß der Philister Thomson dagegen protestiren (397).
[42]
Bei Oken Häckel p.85ff. tritt der Unsinn hervor der entstanden aus dem Dualismus zwischen Naturwissenschaft] und Philosophie]. Oken entdeckt auf dem Gedankenweg das Protoplasma und die Zelle, aber es fällt Niemand ein die Sache naturwissenschaftlich zu verfolgen—das Denken soll’s leisten! Und als Protoplasma und Zelle entdeckt werden ist Oken in allgemeinem Verschiß!
[40]
Naturforscherliches Denken: Agassiz Schöpfungsplan wonach Gott vom Allgemeinen zum Besondern und Einzelnen fortschafft (zuerst das Wirbelthier als solches, dann das Säugethier als solches, das Raubthier als solches, die Katze als solche und endlich erst den Löwen etc. schafft) also erst abstrakte Begriffe in Gestalt von konkreten Dingen und dann konkrete Dinge! S. Häckel p.59.
[44]
Gott wird nirgends schlechter behandelt als bei den Naturforschern die an ihn glauben. Die Materialisten expliciren einfach die Sache ohne auf solche Phrasen einzugehn, sie thun dies erst wenn zudringliche Gläubige ihnen den Gott aufdrängen wollen und da antworten sie kurz, sei es wie Laplace: Sire, je n’avais etc., sei es derber in der Art der holländischen Kaufleute die deutsche Handelsreisende, bei Aufdringung ihrer Schundfabrikate mit den Worten abzuweisen pflegen: ik kan die zaken niet gebruiken, und damit ist’s ab-gethan. Aber was hat Gott von seinen Vertheidigern erdulden müssen! In der Geschichte der modernen Naturwissenschaften wird Gott von seinen Vertheidigern behandelt wie Friedrich] W[ilhelm] III in der Kampagne von Jena von seinen Generalen und Beamten. Ein Armeetheil nach dem andern streckt das Gewehr, eine Festung nach der andern kapitulirt vor dem Anmarsch der Wissenschaft, bis zuletzt das ganze unendliche Gebiet der Natur von ihr erobert und keine Stätte
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mehr in ihr ist für den Schöpfer. Newton ließ ihm noch den „ersten Anstoß“, verbat sich aber jede fernere Einmischung in sein Sonnensystem. Pater Secchi kom-plimentirt ihn zwar mit allen kanonischen Honneurs,
aber darum nicht weniger kategorisch, aus dem Son-	5
nensystem ganz heraus und erlaubt ihm nur noch in
Beziehung auf den Urnebel einen „Schöpfungsakt“.
Und so auf allen Gebieten. In der Biologie muthet ihm
sein letzter großer Don Quijote, Agassiz, sogar positiven
Unsinn zu: er soll nicht nur die wirklichen Thiere,	10
sondern auch abstrakte Thiere, den Fisch als solchen
schaffen! Und zuletzt verbietet ihm Tyndall gar den Gott = nescio;
Zutritt zur Natur total und verweist ihn in die Welt der aber ignorantia
Gefühlsbewegungen und läßt ihn nur zu weil es doch non est argu-
Jemand geben muß der von allen diesen Dingen (der mentum. (Spin.) 15
Natur) mehr weiß als J. Tyndall! Welch ein Abstand vom alten Gott Schöpfer Himmels und der Erden, Erhalter aller Dinge ohne den kein Haar vom Haupt fallen kann!
Das Emotionale Bedürfniß Tyndalls beweist nichts. Der Chevalier des 20 Grieux hatte auch das emotionale Bedürfniß die Manon Lescaut zu lieben
und zu besitzen, die sich und ihn einmal über das andre Mal verkaufte, er wurde ihr zu Liebe falscher Spieler und Maquereau, und wenn T. ihm dann Vorwürfe machen will so antwortet er mit seinem „emotionalen Bedürfniß“!	25
[6]
Secchi und der Papst.
[185]
Den Werth einer Sache nur nach der darauf geleisteten Arbeitszeit zu berechnen, ist meiner Ansicht nach Blödsinn.	30
So gesagt Philipp Pauli.
17 Mai 1882.
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[165]
Dialektik.
(allgemeine Natur der Dialektik als Wissenschaft von den Zusammenhängen im Gegensatz zur Metaphysik zu entwickeln)
Es ist also die Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze der Dialektik abstrahirt werden. Sie sind eben nichts andres als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung; sowie des Denkens selbst. Und zwar reduziren sie sich der Hauptsache nach auf drei:
das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;
das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze, das Gesetz von der Negation der Negation.
Alle drei sind von Hegel in seiner idealistischen Weise als bloße Denkgesetze entwickelt: das erste im ersten Theil der Logik, in der Lehre vom Sein; das zweite füllt den ganzen zweiten und weitaus bedeutendsten Theil seiner Logik aus, die Lehre vom Wesen; das dritte endlich figurirt als Grundgesetz für den Aufbau des ganzen Systems. Der Fehler liegt darin, daß diese Gesetze als Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyirt, nicht aus ihnen abgeleitet werden. Daraus entsteht dann die ganze gezwungene und oft haarsträubende Konstruktion: die Welt, sie mag wollen oder nicht, soll sich nach einem Gedankensystem einrichten das selbst wieder nur das Produkt einer bestimmten Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens ist. Kehren wir die Sache um, so wird alles einfach und die in der idealistischen Philosophie äußerst geheimnißvoll aussehenden dialektischen Gesetze werden sofort einfach und sonnenklar.
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Wer übrigens seinen Hegel nur einigermaßen kennt, der wird auch wissen daß Hegel an hunderten von Stellen aus Natur und Geschichte die schlagendsten Einzelbelege für die dialektischen Gesetze zu geben versteht.
Wir haben hier kein Handbuch der Dialektik zu verfassen, sondern nur nachzuweisen, daß die dialektischen Gesetze wirkliche Entwicklungsgesetze 5 der Natur, also auch für die theoretische Naturforschung gültig sind. Wir können daher auf den innern Zusammenhang jener Gesetze unter sich nicht eingehn.
I. Gesetz vom Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt. Dies können wir für unsern Zweck dahin ausdrücken, daß in der Natur, in einer 10 für jeden Einzelfall genau feststehenden Weise, qualitative Änderungen nur stattfinden können durch quantitativen Zusatz oder quantitative Entziehung von Materie oder Bewegung (s. g. Energie).
Alle qualitativen Unterschiede in der Natur beruhen entweder auf ver-schiedner chemischer Zusammensetzung oder auf verschiednen Mengen 15 resp. Formen der Bewegung (Energie) oder, was fast immer der Fall, auf Beiden. Es ist also unmöglich, ohne Zufuhr resp. Hinwegnahme von Materie oder von Bewegung, d. h. ohne quantitative Änderung des betreffenden Körpers, seine Qualität zu ändern. In dieser Form erscheint also der mysteriöse Hegelsche Satz nicht nur ganz rationell, sondern selbst ziemlich 20 einleuchtend.
Es ist wohl kaum nöthig darauf hinzuweisen daß auch die verschiednen allotropischen und Aggregatzustände der Körper, weil auf verschiedner Molekulargruppirung, auf größeren oder geringeren dem Körper mit-getheilten Mengen von Bewegung beruhen.	25
Aber der Formwechsel der Bewegung oder s. g. Energie? Wenn wir Wärme in mechanische Bewegung verändern oder umgekehrt, da wird doch die Qualität verändert und die Quantität bleibt dieselbe? Ganz richtig. Aber Formwechsel der Bewegung ist wie Heine’s Laster: Tugendhaft kann Jeder für sich sein, zum Laster gehören immer Zwei. Form wechsel der Bewegung 30 ist immer ein Vorgang der zwischen mindestens zwei Körpern erfolgt, von denen der eine ein bestimmtes Quantum Bewegung dieser Qualität (z.B. Wärme) verliert, der andre ein entsprechendes Quantum Bewegung jener Qualität (mechanische Bewegung, Elektricität, chemische Zersetzung) empfängt. Quantität und Qualität entsprechen sich hier also beiderseits und 35 gegenseitig. Bisher ist es noch nicht gelungen innerhalb eines einzelnen isolirten Körpers Bewegung aus einer Form in eine andre zu verwandeln.
Es ist hier zunächst nur die Rede von leblosen Körpern; für lebende gilt dasselbe Gesetz, geht aber unter sehr verwickelten Bedingungen vor sich, und die quantitative Messung ist uns heute oft noch unmöglich.	40
Wenn wir uns einen beliebigen leblosen Körper in immer kleinere Theile
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zertheilt vorstellen, so tritt zunächst keine qualitative Änderung ein. Aber das hat seine Gränze: gelingt es uns, wie bei der Verdunstung, die einzelnen Moleküle frei darzustellen, so können wir zwar diese meist auch noch weiter zertheilen, jedoch nur unter vollständiger Änderung der Qualität. Das Molekül zerfällt in seine einzelnen Atome und diese haben ganz andre Eigenschaften als jene. Bei Molekülen die aus verschiednen chemischen Elementen zusammengesetzt waren, treten an die Stelle des zusammengesetzten Moleküls, Atome oder Moleküle dieser Elemente selbst; bei Elementarmolekülen erscheinen die freien Atome, die ganz verschiedne qualitative Wirkungen ausüben: die freien Atome des nascenten Sauerstoffs erwirken spielend, was die im Molekül gebundnen des atmosphärischen nie fertigbringen.
Aber auch schon das Molekül ist von der Körpermasse der es angehört, qualitativ verschieden. Es kann Bewegungen vollführen unabhängig von ihr, und während sie scheinbar in Ruhe bleibt, z. B. Wärmeschwingungen; es kann vermittelst Änderung der Lage und des Zusammenhangs mit den Nachbarmolekülen den Körper in einen andern allo tropischen oder Aggregatzustand versetzen usw.
Wir sehn also, daß die rein quantitative Operation der Theilung eine Gränze hat, an der sie in einen qualitativen Unterschied umschlägt: die Masse besteht aus lauter Molekülen, ist aber etwas wesentlich vom Molekül ver-schiednes, wie dieses wieder vom Atom. Es ist dieser Unterschied, auf dem die Trennung der Mechanik, als Wissenschaft von den himmlischen und irdischen Massen, von der Physik, als der Mechanik der Moleküle, und der Chemie, als der Physik der Atome beruht.
In der Mechanik kommen keine Qualitäten vor, höchstens Zustände wie Gleichgewicht, Bewegung, potentielle Energie, die alle auf meßbarer Übertragung von Bewegung beruhen und selbst quantitativ ausdrückbar sind. Soweit also hier qualitative Änderung stattfindet, soweit ist sie bedingt durch quantitative entsprechende Änderung.
In der Physik werden die Körper als chemisch unveränderlich oder indifferent behandelt; wir haben es mit den Veränderungen ihrer Molekularzustände zu thun und mit dem Formwechsel der Bewegung, der in allen Fällen, wenigstens auf Einer der beiden Seiten, die Moleküle ins Spiel bringt. Hier ist jede Veränderung ein Umschlagen von Quantität in Qualität, eine Folge quantitativer Veränderung der dem Körper innewohnenden oder mitgetheilten Bewegungsmenge irgend welcher Form. „So ist z.B. der Temperaturgrad des Wassers zunächst gleichgültig in Beziehung auf dessen tropfbare Flüssigkeit; es tritt dann aber beim Vermehren oder Vermindern der Temperatur des flüssigen Wassers ein Punkt ein, wo dieser Cohäsions-zustand sich ändert und das Wasser einerseits in Dampf und andrerseits in
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Eis verwandelt wird.“ (Hegel, Encykl., Gesammtausg. Bd. VI. S. 217.) So gehört eine bestimmte Minimalstromstärke dazu, den Platindraht des elektrischen Glühlichts zum Glühen zu bringen; so hat jedes Metall seine Glüh-und Schmelzwärme, so jede Flüssigkeit ihren bei bekanntem Druck feststehenden Gefrier- und Siedepunkt — soweit unsre Mittel uns erlauben die 5 betreffende Temperatur hervorzubringen; so endlich auch jedes Gas seinen kritischen Punkt, wo Druck und Abkühlung es tropfbar flüssig machen. Mit einem Wort: die sogenannten Konstanten der Physik sind großentheils nichts andres als Bezeichnungen von Knotenpunkten, wo quantitative Zufuhr oder Entziehung von Bewegung qualitative Änderung im Zustand des betreffen- 10 den Körpers hervorruft, wo also Quantität in Qualität umschlägt.
Das Gebiet jedoch, auf dem das von Hegel entdeckte Naturgesetz seine gewaltigsten Triumphe feiert, ist das der Chemie. Man kann die Chemie bezeichnen als die Wissenschaft von den qualitativen Veränderungen der Körper in Folge veränderter quantitativer Zusammensetzung. Das wußte 15 schon Hegel selbst (Logik. Ges. Ausg. III S.433). Gleich der Sauerstoff: vereinigen sich drei Atome zu einem Molekül, statt der gewöhnlichen zwei, so haben wir Ozon, einen Körper der durch Geruch und Wirkung von gewöhnlichem Sauerstoff sehr bestimmt verschieden. Und gar die verschiednen Verhältnisse, mit denen Sauerstoff sich mit Stickstoff oder Schwefel 20 verbindet, und deren Jedes einen von allen andern qualitativ verschiednen Körper bildet! Wie verschieden ist Lachgas (Stickstoffmonoxid N2O) von Salpetersäureanhydrid (Stickstoffpentoxid N2O5)! Das erste ein Gas, das zweite bei gewöhnlicher Temperatur ein fester krystallinischer Körper. Und doch ist der ganze Unterschied der Zusammensetzung der, daß das zweite 25 fünf mal soviel Sauerstoff enthält als das erste, und zwischen Beiden liegen noch drei andre Oxide des Stickstoffs (NO, N2O3, NO2) die alle von jenen beiden und unter sich qualitativ verschieden sind.
Noch schlagender tritt dies hervor an den homologen Reihen der Kohlenstoff Verbindungen namentlich der einfacheren Kohlenwasserstoffe. Von 30 den normalen Paraffinen ist das niedrigste Methan, CH4; hier sind die vier Verbindungseinheiten des Kohlenstoff-Atoms mit vier Atomen Wasserstoff gesättigt. Das zweite, Aethan, C2H6 hat 2 Atome Kohlenstoff unter sich verbunden, und die freien 6 Verbindungseinheiten mit 6 Atomen Wasserstoff gesättigt. So geht es fort, C3H8, C4Hi0 und so nach der algebraischen Formel 35 CnH2n+2 sodaß durch Zusatz von je CH2 jedesmal ein von dem früheren qualitativ verschiedener Körper gebildet wird. Die drei niedrigsten Glieder der Reihe sind Gase, das höchste bekannte, das Hekdekan, Ci6H34 ist ein fester Körper mit dem Siedepunkt 270 °C. Ganz ebenso verhält sich die Reihe der von den Paraffinen (theoretisch) abgeleiteten primären Alkohole von der 40 Formel CnH2n+2O und einer einbasischen fetten Säuren (Formel C„H2„O2).
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Welchen qualitativen Unterschied der quantitative Zusatz von C3H6 hervorbringen kann, lehrt die Erfahrung, wenn wir Aethylalkohol C2H6O in irgend einer genießbaren Form ohne Beimischung andrer Alkohole verzehren, und wenn wir ein anderesmal denselben Aethylalkohol zu uns nehmen, aber mit einem geringen Zusatz von Amylalkohol C5Hi2O, der den Hauptbestandtheil des infamen Fuselöls bildet. Unser Kopf wird des am nächsten Morgen sicher gewahr, und zu seinem Schaden; sodaß man sogar sagen könnte, der Rausch und nachher der Katzenjammer sei ebenfalls in Qualität umgeschlagne Quantität, einerseits von Aethylalkohol, andrerseits von diesem zugesetztem C3H6.
Bei diesen Reihen tritt uns das Hegelsche Gesetz indeß noch in einer andern Form entgegen. Die unteren Glieder lassen nur eine einzige gegenseitige Lagerung der Atome zu. Erreicht aber die Anzahl der zu einem Molekül verbundenen Atome eine für jede Reihe bestimmte Größe, so kann die Gruppirung der Atome im Molekül in mehrfacher Weise stattfinden; es können also zwei oder mehrere isomere Körper auftreten, die gleichviel Atome C, H, O im Molekül haben, aber dennoch qualitativ verschieden sind. Wir können sogar berechnen wie viel solcher Isomerien für jedes Glied der Reihe möglich sind. So in der Paraffinreihe für C4Hi0 zwei, für C5Hi2 drei; bei den höheren Gliedern steigt die Zahl der möglichen Isomerien sehr rasch. Es ist also wieder die quantitative Anzahl der Atome im Molekül, die die Möglichkeit und soweit sie nachgewiesen, auch die wirkliche Existenz solcher qualitativ verschiednen isomeren Körper bedingt.
Noch mehr. Aus der Analogie der uns in jeder dieser Reihen bekannten Körper können wir auf die physikalischen Eigenschaften der noch unbekannten Glieder der Reihe Schlüsse ziehn und wenigstens für die den bekannten zunächst folgenden Glieder diese Eigenschaften, Siedepunkt usw. mit ziemlicher Sicherheit Vorhersagen.
Endlich aber gilt das Hegelsche Gesetz nicht nur für die zusammengesetzten Körper, sondern auch für die chemischen Elemente selbst. Wir wissen jetzt „daß die chemischen Eigenschaften der Elemente eine periodische Funktion der Atomgewichte sind“ (Roscoe-Schorlemmer, ausführliches Lehrbuch der Chemie, II. Bd, S. 823) daß also ihre Qualität bedingt ist durch die Quantität ihres Atomgewichts. Und die Probe hierauf ist glänzend gemacht worden. Mendelejeff wies nach, daß in den nach den Atomgewichten angeordneten Reihen verwandter Elemente verschiedene Lücken sich vorfinden, die darauf hindeuten, daß hier noch neue Elemente zu entdecken sind. Eins dieser unbekannten Elemente, das er Ekaaluminium nannte, weil es in der mit Aluminium anfangenden Reihe auf dieses folgt, beschrieb er nach seinen allgemeinen chemischen Eigenschaften im Voraus, und sagte sein specifisches und Atomgewicht wie sein Atomvolum
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annähernd vorher. Wenige Jahre später entdeckte Lecoq de Boisbaudran dies Element wirklich, und die Vorausbestimmungen Mendelejeff s trafen bis auf ganz geringe Abweichungen zu. Das Ekaaluminium war realisirt im Gallium. (Ebendaselbst S. 828.) Vermittelst der—unbewußten—Anwendung des Hegelschen Gesetzes vom Umschlagen der Quantität in Qualität war 5 Mendelejeff eine wissenschaftliche That gelungen, die sich der Leverrier’s in der Berechnung der Bahn des noch unbekannten Planeten Neptun kühn an die Seite stellen darf.
In der Biologie wie in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft bewährt sich dasselbe Gesetz auf jedem Schritt, doch wollen wir hier bei 10 Beispielen aus den exakten Wissenschaften bleiben, da hier die Quantitäten genau meßbar und verfolgbar sind.
Wahrscheinlich werden dieselben Herren, die bisher das Umschlagen von Quantität in Qualität als Mysticismus und unverständlichen Transcen-dentalismus verschrien haben, jetzt erklären, es sei ja etwas ganz Selbst- 15 verständliches, Triviales und Plattes, das sie seit langer Zeit angewandt hätten, und somit werde ihnen gar nichts Neues gelehrt. Ein allgemeines Gesetz der Natur-, Gesellschafts- und Denkentwicklung zum ersten Mal in seiner allgemein geltenden Form ausgesprochen zu haben, das bleibt aber immer eine weltgeschichtliche That. Und wenn die Herren seit Jahren 20 Quantität und Qualität haben in einander umschlagen lassen ohne zu wissen was sie thaten, so werden sie sich trösten müssen mit Molieres Monsieur Jourdain, der auch sein Lebenlang Prosa gesprochen hatte ohne das Geringste davon zu ahnen.
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[Notizen und Fragmente]
[Gesetze und Kategorien]
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Die Dialektik, die sogenannte objektive, herrscht in der ganzen Natur und die s. g. subjective Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen in einander resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen. Attraktion und Repulsion. Beim Magnetismus fängt die Polarität an, sie zeigt sich an ein und demselben Körper, bei der Elektricität vertheilt sie sich auf 2 oder mehr die in gegenseitige Spannung gerathen. Alle chemischen Pro-cesse reduciren sich auf Vorgänge der chemischen Attraktion und Repulsion. Endlich im organischen Leben ist die Bildung des Zellenkerns ebenfalls als eine Polarisirung des lebendigen Eiweißstoffs zu betrachten, und von der einfachen Zelle an weist die Entwicklungstheorie nach wie jeder Fortschritt bis zur komplicirtesten Pflanze einerseits, bis zum Menschen andrerseits, durch den fortwährenden Widerstreit von Vererbung und Anpassung bewirkt wird. Es zeigt sich dabei wie wenig Kategorieen wie „positiv“ und „negativ“ auf solche Entwicklungsformen anwendbar sind. Man kann die Vererbung als die positive, erhaltende Seite, die Anpassung als die negative, das Ererbte fortwährend zerstörende Seite; aber ebenso gut die Anpassung als die schöpferische, active, positive, die Vererbung als die widerstrebende, passive, negative Thätigkeit auffassen. Wie aber in der Geschichte der Fortschritt als Negation des Bestehenden auftritt, so wird auch hier — aus rein praktischen Gründen, die Anpassung besser als negative Thätigkeit gefaßt. In der Geschichte tritt die Bewegung in Gegensätzen erst recht hervor in allen kritischen Epochen der leitenden Völker. In solchen Momenten hat ein Volk nur die Wahl zwischen zwei Hörnern eines Dilemma: entweder — oder! und zwar ist die Frage immer ganz anders gestellt als das politisirende Philisterium aller Zeiten sie gestellt wünscht. Selbst der liberale deutsche Philister von 1848 fand sich 1849 plötzlich, unerwartet und wider Willen vor
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die Frage gestellt: Rückkehr zur alten Reaktion in verschärfter Form, oder Fortgang der Revolution bis zur Republik, vielleicht gar der einen und untheilbaren mit sozialistischem Hintergrund. Er besann sich nicht lange und half die Manteuffelsche Reaktion als Blüthe des deutschen Liberalismus schaffen. Ebenso 1851 der französische Bourgeois vor dem, von ihm sicher 5 nicht erwarteten Dilemma: Karrikatur des Kaiserthums, Prätorianerthum und Ausbeutung Frankreichs durch eine Lumpenbande, oder sozialistische demokratische Republik — und er duckte sich vor der Lumpenbande, um unter ihrem Schutz die Arbeiter fortausbeuten zu können.
[81]	10
Hard and fast lines mit der Entwicklungstheorie unverträglich — sogar die Gränzlinie zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen schon nicht mehr fest, ebensowenig die zwischen Fischen und Amphibien. Und die zwischen Vögeln und Reptilien verschwindet täglich mehr und mehr. Zwischen Comp-sognathus und Archäopteryx fehlen nur noch wenige Mittelglieder, und 15 gezahnte Vogelschnäbel tauchen in beiden Hemisphären auf. Das Entweder dies — Oder das! wird mehr und mehr ungenügend. Bei den niedern Thieren der Begriff des Individuums gar nicht scharf festzustellen. Nicht nur ob dies Thier ein Individuum oder eine Colonie ist, sondern auch wo in der Entwicklung Ein Individuum aufhört und das andre anfängt (Ammen). — Für 20 eine solche Stufe der Naturanschauung, wo alle Unterschiede in Mittelstufen zusammenfließen, alle Gegensätze durch Zwischenglieder in einander übergeführt werden, reicht die alte metaphysische Denkmethode nicht mehr aus. Die dialektische, die ebenso keine hard and fast lines, kein unbedingtes allgültiges: Entweder — Oder! kennt, die die fixen metaphysischen Unter- 25 schiede in einander überführt und neben dem Entweder — Oder! ebenfalls das: sowohl dies wie jenes! an richtiger Stelle kennt und die Gegensätze vermittelt, ist die einzige ihr in höchster Instanz angemessne Denkmethode. Für den Alltagsgebrauch, den wissenschaftlichen Kleinhandel, behalten die metaphysischen Kategorieen ja ihre Gültigkeit.	30
[103]
Fourier (Nouveau Monde ind. et soc.)
Element der Ungleichheit: l’homme etant par instinct ennemi de l’egalite 59.
Ce mecanisme de fourberies qu’on nomme civilisation 81.
On devra eviter de les releguer (les femmes) comme parmi nous, aux fonctions ingrates, aux röles serviles que leur assigne la Philosophie qui
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pretend qu’une femme n’est faite que pour ecumer le pot et ressarcir les vieilles culottes 141.
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Dieu n’a distribue pour le travail manufacturier qu’une dose d’attraction Correspondante au quart du temps que l’homme societaire peut donner au travail. Der Rest soll daher dem Ackerbau, der Viehzucht, der Küche, den industriellen Armeen gehören. 152.
«La tendre morale, douce et pure amie du commerce». 161 — Kritik der Moral 162ff.
In der heutigen Gesellschaft dans le mecanisme civilise herrscht duplicite d’action, contrariete de l’interet individuel avec le collectif; es ist une guerre universelle des individus contre les masses. Et nos Sciences politiques osent parier d’unite d’action! 172.
C’est pour avoir ignore la theorie des exceptions ou transitions, theorie de Vambigu, que les modernes ont echoue partout dans l’etude de la nature (Beispiele des ambigu: le coing, le brugnon, l’anguille, la chauve-souris etc.) 191.
[14]
Die Gegensätzlichkeit der verständigen Denkbestimmungen: die Polarisation. Wie Elektricität Magnetismus etc. sich polarisiren, im Gegensatz bewegen so die Gedanken. Wie dort keine Einseitigkeit festzuhalten — woran kein Naturforscher denkt, so auch hier nicht.
[107]
Polarität. Magnet, durchschnitten, polarisirt die neutrale Mitte, doch so daß die alten Pole bleiben. Dagegen ein Wurm durchschnitten, behält am positiven Pol den aufnehmenden Mund und bildet am andern Ende einen neuen negativen Pol mit ausscheidendem After; aber der alte negative Pol (After) wird jetzt positiv, wird Mund, und ein neuer After oder negativer Pol am Wundende gebildet. Voilä Umschlagen des Positiven ins Negative.
[108]
Andres Exempel der Polarität bei Häckel: Mechanismus = Monismus und Vitalismus oder Teleologie = Dualismus. Schon bei Kant und Hegel der innere Zweck, und Protest gegen Dualismus. Mechanismus aufs Leben angewandt eine hülflose Kategorie, wir können höchstens von Chemismus sprechen wenn wir nicht allen V erstand der Namen auf geben wollen. Zweck:
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Hegel V.205: „Der Mechanismus zeigt sich selbst dadurch als ein Streben der Totalität, daß er die Natur für sich als ein Ganzes zu fassen sucht, das zu seinem Begriff keines Andern bedarf, — eine Totalität, die sich in dem Zweck und dem damit zusammenhängenden außerweltlichen Verstände nicht findet“ Der Witz aber der, daß der Mechanismus (auch der Materialis- 5 mus des 18. Jahrhunderts) nicht aus der abstrakten Nothwendigkeit und daher auch nicht aus der Zufälligkeit herauskommt. Daß die Materie das denkende Menschenhirn aus sich entwickelt ist ihm ein purer Zufall obwohl, wo es geschieht, von Schritt zu Schritt nothwendig bedingt. In Wahrheit aber ist es die Natur der Materie zur Entwicklung denkender Wesen fort- 10 zuschreiten und dies geschieht daher auch nothwendig immer wo die Bedingungen (nicht nothwendig überall und immer dieselben) dazu vorhanden.
Weiter Hegel V.206: „Dies Prinzip (des Mechanismus) gibt daher in seinem Zusammenhang von äußerer Nothwendigkeit das Bewußtsein un- 15 endlicher Freiheit gegen die Teleologie, welche die Geringfügigkeiten und selbst Verächtlichkeiten ihres Inhalts als etwas Absolutes auf stellt, in dem sich der allgemeinere Gedanke nur unendlich beengt und selbst ekelhaft afficirt finden kann.“
Dabei wieder die kolossale Stoff- und Bewegungsvergeudung der Natur. 20 Im Sonnensystem vielleicht nur 3 Planeten höchstens auf denen Leben und denkende Wesen existiren können — unter jetzigen Bedingungen. Und um ihretwillen der ganze ungeheure Apparat!
Der innere Zweck im Organismus setzt sich dann nach Hegel V. 244 durch den Trieb durch. Pas trop fort. Der Trieb soll das einzelne Lebendige mit 25 seinem Begriff mehr oder weniger in Harmonie bringen. Hieraus geht hervor wiesehr der ganze innere Zweck selbst eine ideologische Bestimmung ist. Und doch liegt hierin Lamarck.
[106]
Polarisation. Noch für J. Grimm stand der Satz fest, daß ein deutscher 30 Dialekt entweder hochdeutsch oder niederdeutsch sein müsse. Dabei ging ihm der fränkische Dialekt total verloren. Weil das Schriftfränkische der späteren Karolinger-Zeit hochdeutsch war (indem die hochdeutsche Lautverschiebung den fränkischen Südosten ergriffen) ging das Fränkische, nach seiner Vorstellung, hier im Althochdeutschen dort im Französischen unter. 35 Dabei blieb absolut unerklärlich woher denn das Niederländische in die altsalischen Gebiete kam. Erst seit Grimm’s Tod ist das Fränkische wieder aufgefunden worden: das Salische in seiner Verjüngung als Niederländisch das Ripuarische in den mittel- und niederrheinischen Dialekten, die theil-weise in verschiednen Stufen hochdeutsch verschoben sind, theilweise 40
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niederdeutsch geblieben. Sodaß das Fränkische ein Dialekt ist der sowohl hochdeutsch wie niederdeutsch ist.
[17]
Die wahre Natur der „Wesens“bestimmungen von Hegel selbst ausgesprochen. Encycl. I § 111, Zusatz: „im Wesen ist Alles relativ“, (z. B. Positiv und negativ, die nur in ihrer Beziehung, nicht jedes für sich, Sinn haben)
[121]
Daß Positiv und Negativ gleichgesetzt werden, einerlei welche Seite positiv und welche negativ nicht nur in der analytischen Geometrie — noch mehr in der Physik — s. Clausius p. 87 und p.
[21]
Positiv und Negativ— kann auch umgekehrt benannt werden, in Elektricität etc. Nord und Süd ditto, man kehre dies um, ändre die übrige Terminologie entsprechend, und Alles bleibt richtig. Wir nennen dann West, Ost und Ost, West. Die Sonne geht im Westen auf, die Planeten revolviren von Ost nach West usw., die Namen allein sind geändert. Ja in der Physik nennen wir den eigentlichen Südpol des Magneten, den vom Nordpol des Erdmagneten angezognen, den Nordpol und es macht gar nichts aus.
[19]
Theil und Ganzes z. B. sind schon Kategorieen die in der organischen Natur unzureichend werden — Abstoßen des Samens — der Embryo und das ge-borne Thier sind nicht als „Theil“ aufzufassen, der vom „Ganzen“ getrennt wird, das gäbe schiefe Behandlung. Erst Theil im Cadaver. Enc. 1.268.
[25]
Einfach und zusammengesetzt: Kategorieen die ebenfalls schon in der organischen Natur ihren Sinn verlieren, unanwendbar sind. Weder die mechanische Zusammensetzung aus Knochen, Blut, Muskel, Gewebte] etc. noch die chemische aus den Elementen drücken ein Thier aus. H. Enc. 1.256. — der Organismus ist weder Einfach noch zusammengesetzt, er mag noch so complicirt sein.
[179]
Identität und Unterschied — Nothwendigkeit und Zufälligkeit—Ursache und Wirkung — die beiden Hauptgegensätze die, getrennt behandelt, in einander umschlagen. Und dann müssen die „Gründe“ helfen.
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[55]
Der Satz der Identität im altmetaphysischen Sinn der Fundamentalsatz der alten Anschauung: a = a, Jedes Ding ist sich selbst Gleich. Alles war permanent, Sonnensystem, Sterne, Organismen. Dieser Satz ist von der Naturforschung in jedem einzelnen Fall Stück für Stück widerlegt, theoretisch 5 hält er aber noch vor, und wird von den Anhängern des Alten immer noch dem Neuen entgegen gehalten: Ein Ding kann nicht gleichzeitig es selbst und ein Anderes sein. Und doch ist die Thatsache, daß die wahre konkrete Identität den Unterschied, die Veränderung, in sich schließt, von der Naturforschung neuerdings im Detail nachgewiesen (s. oben). — Die abstrakte Identi- 10 tät, wie alle metaphysischen Kategorieen reicht aus für den Hausgebrauch, wo kleine Verhältnisse, oder kurze Zeiträume in Betracht kommen; die Gränzen innerhalb deren sie brauchbar, sind fast für jeden Fall verschieden und durch die Natur des Gegenstands bedingt — in einem Planetensystem, wobei für die ordinäre astronomische Rechnung die Ellipse als Grundform ange- 15 nommen werden kann, ohne praktisch Fehler zu machen, viel weiter als bei einem Insekt das seine Metamorphose in einigen Wochen vollendet, (andre Beispiele zu geben z. B. Artenveränderung die nach einer Reihe von Jahrtausenden zählen.) Aber für die zusammenfassende Naturwissenschaft selbst in jeder einzelnen Branche, ist die abstrakte Identität total unzureichend und 20 obwohl im Ganzen und Großen jetzt praktisch beseitigt, beherrscht sie theoretisch noch immer die Köpfe und die meisten Naturforscher stellen sich vor Identität und Unterschied seien unversöhnliche Gegensätze, statt einseitige Pole die nur in ihrer Wechselwirkung, in der Einfassung des Unterschieds in die Identität Wahrheit haben.	25
[20]
Identität — abstrakte, a = a, und negativ: a nicht = und ungleich a gleichzeitig — ebenfalls in der organischen Natur unanwendbar. Die Pflanze, das Thier, jede Zelle, in jedem Augenblick seines Lebens identisch mit sich	30
und doch sich von sich selbst unterscheidend, durch Aufnahme und Ausscheidung von Stoffen, Athmung, durch Zellenbildung und Zellenabsterben, durch den vorgehenden Circulations-Proceß, kurz durch eine
Summe unaufhörlicher molekulärer Veränderungen die	35
das Leben ausmachen und deren summirte Resultate in den Lebensphasen — Embryonalleben, Jugend, Geschlechtsreife, Gattungsprozeß, Alter, Tod augenscheinlich hervortreten. Je weiter die Physiologie sich
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entwickelt desto wichtiger werden für sie diese unaufhörlichen unendlich kleinen Veränderungen, desto wichtiger für sie also ebenso die Betrachtung des Unterschieds innerhalb der Identität, und der alte abstrakte formelle Identitätsstandpunkt, daß ein organisches Wesen als ein mit sich einfach Identisches, Konstantes, zu behandeln, veraltet. Trotzdem dauert die auf ihn gegründete Denkweise mit ihren Kategorieen fort. Aber schon in der unorganischen Natur die Identität als solche in Wirklichkeit nicht existirend. Jeder Körper ist fortwährend mechanischen physikalischen chemischen Einwirkungen ausgesetzt die stets an ihm ändern, seine Identität modifiziren. Nur in der Mathematik — einer abstrakten Wissenschaft die sich mit Gedankendingen beschäftigt — gleichviel ob Abklatschen der Realität — ist die abstrakte Identität und ihr Gegensatz gegen den Unterschied am Platz und wird auch da fortwährend auf gehoben. Hegel Encyc. I 235. Die Thatsache daß die Identität den Unterschied in sich enthält, ausgesprochen in jedem Satz, wo das Prädikat vom Subjekt nothwen-dig verschieden: die Lilie ist eine Pflanze, die Rose ist roth, wo entweder im Subjekt oder im Prädikat etwas das vom Prädikat oder Subjekt nicht gedeckt wird. Hegel I 231. — Daß die Identität mit sich von vorn herein den Unterschied von allem Andern zur Ergänzung nöthig hat, ist selbstredend, (s. folgende Seite)
Abgesehn obendrein von der Arten-Ent-wicklung
[24]
Identität. Zusatz. Die fortwährende Veränderung d.h. Aufhebung der abstrakten Identität mit sich, auch im s. g. Unorganischen. Die Geologie ist ihre Geschichte. Auf der Oberfläche mechanische Veränderung (Auswaschung, Frost), chemische (Verwitterung), im Innern mechanische (Druck) Wärme (vulkanische) chemische (Wasser, Säuren, Bindemittel), in großen Hebungen, Erdbeben etc. Der Schiefer von heute grundverschieden von dem Schlick aus dem er gebildet, die Kreide von den losen mikroskopischen Schalen die sie zusammensetzen, noch mehr der Kalkstein der ja nach Einigen ganz organischen Ursprungs sein soll, der Sandstein vom losen Meersand der wieder aus zerriebnem Granit etc. herrührt — von Kohle nicht zu sprechen.
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[145]
Zufälligkeit und Nothwendigkeit.
Ein andrer Gegensatz, in dem die Metaphysik befangen ist, ist der von Zufälligkeit und Nothwendigkeit. Was kann sich schärfer widersprechen, als diese beiden Denkbestimmungen? Wie ist es möglich daß Beide identisch 5 seien, daß das Zufällige nothwendig, und das Nothwendige ebenfalls zufällig sei? Der gemeine Menschenverstand und mit ihm die große Menge der Naturforscher, behandelt Nothwendigkeit und Zufälligkeit als Bestimmungen die einander ein für alle Mal ausschließen. Ein Ding, ein Verhältniß, ein Vorgang ist entweder zufällig oder nothwendig, aber nicht Beides. Beide 10 bestehn also neben einander in der Natur; diese enthält allerlei Gegenstände und Vorgänge, von denen die Einen zufällig, die Andern nothwendig sind und wobei es nur darauf ankommt die beiden Sorten nicht mit einander zu verwechseln. Man nimmt so z. B. die entscheidenden Artmerkmale als nothwendig an, und bezeichnet sonstige Verschiedenheiten der Individuen 15 derselben Art als zufällig, und dies gilt von Krystallen wie von Pflanzen und Thieren. Dabei wird dann wieder die niedere Gruppe zufällig gegen die höhere, sodaß man es für zufällig erklärt wie viel verschiedne Species des Genus felis oder equus oder wie viel generaund Ordnungen in einer Klasse, und wie viel Individuen von jeder dieser Species existiren, oder wie viel ver- 20 schiedne Arten von Thieren in einem bestimmten Gebiet vorkommen, oder wie überhaupt Fauna, Flora. Und dann erklärt man das Nothwendige für das einzig wissenschaftlich Interessirende und das Zufällige für das der Wissenschaft Gleichgültige. Das heißt: was man unter Gesetze bringen kann, was man also kennt, ist interessant, das was man nicht unter Gesetze bringen 25 kann, was man also nicht kennt, ist gleichgültig, kann vernachlässigt werden. Damit hört alle Wissenschaft auf, denn sie soll grade das erforschen was wir nicht kennen. Das heißt: was man unter allgemeine Gesetze bringen kann, gilt für nothwendig, und was nicht, für zufällig. Jedermann sieht, daß dies dieselbe Art Wissenschaft ist die das, was sie erklären kann, für natürlich 30 ausgibt, und das ihr Unerklärliche auf übernatürliche Ursachen schiebt. Ob ich die Ursache des Unerklärlichen Zufall nenne, oder Gott, bleibt für die Sache selbst vollständig gleichgültig. Beide sind nur ein andrer Ausdruck für: ich weiß es nicht, und gehören daher nicht in die Wissenschaft. Diese hört auf wo der nothwendige Zusammenhang versagt.	35
Dem gegenüber tritt der Determinismus, der aus dem französischen Materialismus in die Naturwissenschaft übergegangen, und der mit der Zufälligkeit fertig zu werden sucht indem er sie überhaupt abläugnet. Nach dieser Auffassung herrscht in der Natur nur die einfache, direkte
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Nothwendigkeit. Daß diese Erbsenschote fünf Erbsen enthält und nicht 4 oder 6, daß der Schwanz dieses Hundes fünf Zoll lang ist und nicht eine Linie länger oder kürzer, daß diese Kleeblüthe dies Jahr durch eine Biene befruchtet worden und jene nicht und zwar durch diese bestimmte Biene und zu dieser bestimmten Zeit, daß dieser bestimmte verwehte Löwenzahnsamen aufgegangen ist und jener nicht, daß mich vorige Nacht ein Floh um vier Uhr Morgens gebissen hat und nicht um drei oder fünf, und zwar auf die rechte Schulter, nicht aber auf die linke Wade, alles das sind Thatsachen die durch eine unverrückbare Verkettung von Ursache und Wirkung, durch eine unerschütterliche Nothwendigkeit hervorgebracht sind, so zwar, daß bereits der Gasball aus dem das Sonnensystem hervorging, der Art angelegt war daß diese Ereignisse sich so und nicht anders zutragen mußten. Mit dieser Art Nothwendigkeit kommen wir auch nicht aus der theologischen Naturauffassung heraus. Ob wir das den ewigen Rathschluß Gottes, mit Augustin und Calvin, oder mit den Türken das Kismet, oder aber die Nothwendigkeit nennen, bleibt sich ziemlich gleich für die Wissenschaft. Von einer Verfolgung der Ursachenkette ist in keinem dieser Fälle die Rede, wir sind also so klug im einen Falle wie im andern, die s. g. Nothwendigkeit bleibt eine leere Redensart und damit — bleibt auch der Zufall was er war. Solange wir nicht nachweisen können, worauf die Zahl der Erbsen in der Schote beruht, bleibt sie eben zufällig, und mit der Behauptung daß der Fall bereits in der ursprünglichen Konstitution des Sonnensystems vorgesehn sei, sind wir keinen Schritt weiter. Noch mehr. Die Wissenschaft, welche sich daran setzen sollte, den Casus dieser einzelnen Erbsenschote in seiner Causal-verkettung rückwärts zu verfolgen, wäre keine Wissenschaft mehr, sondern pure Spielerei; denn dieselbe Erbsenschote allein hat noch unzählige andre individuelle, als zufällig erscheinende Eigenschaften, Nüance der Farbe, Dicke und Härte der Schale, Größe der Erbsen, von den durch das Mikroskop zu enthüllenden Individuellen Besonderheiten gar nicht zu reden. Die Eine Erbsenschote gäbe also schon mehr Causalzusammenhänge zu verfolgen als alle Botaniker der Welt lösen könnten. Die Zufälligkeit ist also hier nicht aus der Nothwendigkeit erklärt, die Nothwendigkeit ist vielmehr herunter gebracht auf die Erzeugung von bloß Zufälligem. Wenn das Faktum daß eine bestimmte Erbsenschote sechs Erbsen enthält und nicht fünf oder sieben, auf derselben Ordnung steht wie das Bewegungsgesetz des Sonnensystems oder das Gesetz der Verwandlung der Energie, dann ist in der That nicht die Zufälligkeit in die Nothwendigkeit erhoben, sondern die Nothwendigkeit degradirt zur Zufälligkeit. Noch mehr. Die Mannichfaltigkeit der auf einem bestimmten Terrain neben einander bestehenden organischen und unorganischen Arten und Individuen mag noch so sehr als auf unverbrüchlicher Nothwendigkeit begründet behauptet werden, für die einzelnen Arten und
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Individuen bleibt sie was sie war, zufällig. Es ist für das einzelne Thier zufällig, wo es geboren ist, welches Medium es zum Leben vorfindet, welche und wie viel Feinde es bedrohen. Es ist für die Mutterpflanze zufällig wohin der Wind ihren Samen verweht, für die Tochterpflanze, wo das Samenkorn Keimboden findet, dem sie entstammt, und die Versicherung daß auch hier 5 Alles auf unverbrüchlicher Nothwendigkeit beruhe, ist ein pauvrer Trost. Die Zusammenwürfelung der Naturgegenstände auf einem bestimmten Gebiet, noch mehr auf der ganzen Erde bleibt bei aller Urdetermination von Ewigkeit her doch was sie war — zufällig.
Gegenüber beiden Auffassungen tritt Hegel mit den bisher ganz un- 10 erhörten Sätzen, daß das Zufällige einen Grund hat weil es zufällig ist und ebensosehr auch keinen Grund hat, weil es zufällig ist; daß das Zufällige nothwendig ist; daß die Nothwendigkeit sich selbst als Zufälligkeit bestimmt, und daß andrerseits diese Zufälligkeit vielmehr die absolute Nothwendigkeit ist. (Logik, II. Buch, III, 2: die Wirklichkeit). Die Naturwissenschaft hat 15 diese Sätze einfach als paradoxe Spielereien, als sich selbst widersprechenden Unsinn links liegen lassen und ist theoretisch verharrt einerseits in der Gedankenlosigkeit der Wolfschen Metaphysik nach der etwas entweder zufällig ist oder nothwendig, aber nicht Beides zugleich; oder andrerseits im kaum weniger gedankenlosen mechanischen Determinismus, der den Zufall 20 im Allgemeinen in der Phrase wegläugnet um ihn in der Praxis in jedem besondern Fall anzuerkennen.
Während die Naturforschung fortfuhr, so zu denken, was that sie, in der Person Darwins?
Darwin, in seinem epochemachenden Werk, geht aus von der breitesten 25 vorgefundnen Grundlage der Zufälligkeit. Es sind grade die unendlichen zufälligen Verschiedenheiten der Individuen innerhalb der einzelnen Arten — Verschiedenheiten die sich bis zur Durchbrechung des Artcharakters steigern und deren selbst nächste Ursachen nur in den wenigsten Fällen nachweisbar sind (das inzwischen angehäufte Material von Zufälligkeiten hat 30 die alte Vorstellung der Nothwendigkeit erdrückt und durchbrochen) — die ihn zwingen, die bisherige Grundlage aller Gesetzmäßigkeit in der Biologie, den Artbegriff in seiner bisherigen metaphysischen Starrheit und Unveränderlichkeit in Frage zu stellen. Aber ohne den Artbegriff war die ganze Wissenschaft nichts. Alle ihre Zweige hatten den Artbegriff als Grundlage 35 nöthig: die Anatomie — des Menschen und die vergleichende — die Embryologie, die Zoologie, Paläontologie, Botanik etc. was waren sie ohne den Artbegriff? alle ihre Resultate waren nicht nur in Frage gestellt, sondern direkt aufgehoben. Die Zufälligkeit wirft die Nothwendigkeit, wie sie bisher auf gefaßt über den Haufen. Die bisherige Vorstellung von der Nothwendig- 40 keit versagt. Sie beizubehalten, heißt die sich selbst und der Wirklichkeit
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widersprechende Willkührbestimmung des Menschen der Natur als Gesetz aufzudiktiren, heißt damit alle innere Nothwendigkeit in der lebenden Natur läugnen, heißt das chaotische Reich des Zufalls allgemein als einziges Gesetz der lebenden Natur proklamiren. Gilt nicht mehr der Tausves Jontof! schrien die Biologen alter Schule ganz konsequent.
Darwin
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Wechselwirkung ist das Erste was uns entgegentritt wenn wir die sich bewegende Materie im Ganzen und Großen, vom Standpunkt der heutigen Naturwissenschaft betrachten. Wir sehn eine Reihe von Bewegungsformen, mechanische Bewegung, Wärme, Licht, Elektricität, Magnetismus, chemische Zusammensetzung und Zersetzung, Übergänge der Aggregatzustände, organisches Leben, die Alle, wenn wir jetzt noch das organische Leben ausnehmen, in einander übergehn, einander gegenseitig bedingen, hier Ursache, dort Wirkung sind, und wobei die Gesammtsumme der Bewegung in allen wechselnden Formen dieselbe bleibt. Mechanische Bewegung schlägt um in Wärme, Elektricität, Magnetismus, Licht etc. etc. und vice versa. So wird von der Naturwissenschaft bestätigt was Hegel sagt (wo?) daß die Wechselwirkung die wahre causa finalis der Dinge ist. Weiter zurück als zur Erkenntniß dieser Wechselwirkung können wir nicht, weil eben dahinter nichts zu Erkennendes liegt. Haben wir die Bewegungsformen der Materie erkannt (woran allerdings noch immer sehr viel fehlt, vu die kurze Zeit seit welcher Naturwissenschaft existirt) so haben wir die Materie selbst erkannt und damit ist die Erkenntniß fertig. (Groves ganzes Mißverständniß über Causalität beruht darauf daß er die Kategorie der Wechselwirkung nicht fertig bringt, er hat die Sache, aber nicht den abstrakten Gedanken und daher die Confusion p. 10—14.) Erst von dieser universellen Wechselwirkung kommen wir zum wirklichen Causalitätsverhältniß. Um die einzelnen Erscheinungen zu verstehn, müssen wir sie aus dem allgemeinen Zusammenhang reißen, sie isolirt betrachten, und da erscheinen die wechselnden Bewegungen, die Eine als Ursache, die Andre als Wirkung.
(Spinoza: die Substanz ist causa sui drückt die Wechselwirkung schlagend aus)
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Causalität. Das erste was uns bei der Betrachtung der sich bewegenden Materie auffällt, ist der Zusammenhang der Einzelbewegungen einzelner Körper unter sich; ihr Bedingtsein durch einander. Wir finden aber nicht nur daß auf eine gewisse Bewegung eine andre folgt, sondern wir finden auch 5 daß wir eine bestimmte Bewegung hervorbringen können indem wir die Bedingungen herstellen unter denen sie in der Natur vorgeht, ja daß wir Bewegungen hervorbringen können die in der Natur gar nicht vorkommen (Industrie) wenigstens nicht in dieser Weise, und daß wir diesen Bewegungen eine vorherbestimmte Richtung und Ausdehnung geben können. Hierdurch, 10 durch die Thätigkeit des Menschen, begründet sich die Vorstellung von Causalität, die Vorstellung daß eine Bewegung die Ursache einer andern ist. Die regelmäßige Aufeinanderfolge gewisser Naturphänomene allein kann zwar die Vorstellung der Causalität erzeugen: die Wärme und das Licht die mit der Sonne kommen; aber hierin liegt kein Beweis und sofern hätte der 15 Humesche Skepticismus Recht zu sagen daß das regelmäßige post hoc nie ein propter hoc begründen könne. Aber die Thätigkeit des Menschen macht die Probe auf die Causalität. Wenn wir mit Brennspiegel die Sonnenstrahlen ebenso in einen Focus conzentriren und wirksam machen wie die eines gewöhnlichen Feuers, so beweisen wir dadurch daß die Wärme von der 20 Sonne kommt. Wenn wir in eine Flinte Zündung, Sprengladung und Geschoß einbringen und dann abfeuern, und auf den erfahrungsmäßig im Voraus bekannten Effect rechnen, weil wir den ganzen Prozeß der Entzündung, Verbrennung, Explosion durch die plötzliche Verwandlung in Gas, Druck des Gases auf das Geschoß, in allen seinen Einzelheiten verfolgen können. 25 Und hier kann der Skeptiker nicht einmal sagen daß aus der bisherigen Erfahrung nicht folge es werde das nächste Mal ebenso sein. Denn es kommt in der That vor daß es zuweilen nicht ebenso ist, daß die Zündung oder das Pulver versagt, daß der Flintenlauf springt etc. Aber grade dies beweist die Causalität statt sie umzustoßen weil wir für jede solche Abweichung von der 30 Regel bei gehörigem Nachforschen die Ursache auffinden können: chemische Zersetzung der Zündung, Nässe etc. des Pulvers, Schadhaftigkeit des Laufs etc., sodaß hier die Probe auf die Causalität sozusagen doppelt gemacht ist. — Naturwissenschaftler] wie Philos[ophen] haben den Einfluß der Thätigkeit des Menschen auf sein Denken bisher ganz vernachlässigt, kennen 35 nur Natur einerseits, Gedanken andrerseits. Aber grade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens, und im Verhältniß wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältniß wuchs seine Intelligenz. Die naturalistische Auffassung der Geschichte wie z.B. 40
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mehr oder weniger bei Draper und andern Naturforschern, als ob die Natur ausschließlich auf den Menschen wirke, die Naturbedingung überall seine Geschichtliche Entwicklung ausschließlich bedingt, ist daher einseitig und vergißt daß der Mensch auch auf die Natur zurückwirkt, sie verändert, sich neue Existenzbedingungen schafft. Von der „Natur“ Deutschlands zur Zeit als die Germanen einwanderten ist verdammt wenig übrig. Erdoberfläche, Klima, Vegetation, Fauna, die Menschen selbst haben sich unendlich verändert und alles durch menschliche Thätigkeit, während die Veränderungen die ohne menschliches Zuthun in der Zeit in der Natur Deutschlands, unberechenbar Klein sind.
[150]
Die Empirie der Beobachtung allein kann nie die Nothwendigkeit genügend beweisen. Post hoc aber nicht propter hoc (Enc. 1,84) Dies ist so sehr richtig daß aus dem steten Aufgehn der Sonne des Morgens nicht folgt sie werde morgen wieder aufgehn, und in der That wissen wir jetzt daß ein Moment kommen wird wo die Sonne eines Morgens nicht aufgeht. Aber der Beweis der Nothwendigkeit liegt in der menschlichen Thätigkeit, im Experiment, in der Arbeit: Wenn ich das post hoc machen kann, wird es identisch mit dem propter hoc.
[15]
Wer Causalität läugnet, dem ist jedes Naturgesetz eine Hypothese, und unter Anderm die chemische Analyse der Weltkörper durch das prismatische Spectrum ebenfalls. Welche Seichtigkeit des Denkens dabei stehn zu bleiben.
[43]
Causae finales und effidentes von Häckel 89, 90 in zweckmäßig wirkende und mechanisch wirkende Ursachen verwandelt weil ihm causa finalis = Gott! Ebenso ist ihm mechanisch ohne weiteres nach Kant = monistisch, nicht = mechanisch im Sinn der Mechanik. Bei solcher Sprachkonfusion Unsinn unvermeidlich. Was Häckel hier von Kants Kr. der Urtheilskraft sagt, stimmt nicht mit Hegel G. d. Ph. 603.
[102]
Hegel, Logik. Bd I.
Das dem Etwas entgegengesetzte Nichts, das Nichts von irgend Etwas, ist ein bestimmtes Nichts. 14.
In Rücksicht des wechselbestimmenden Zusammenhangs des (Welt-)Gan-zen konnte die Metaphysik die — im Grunde tautologische — Behauptung
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machen, daß wenn ein Stäubchen zerstört würde, das ganze Universum Zusammenstürze. 78.
Negation Hauptstelle Einl. p. 38: daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, das abstrakte Nichts, auflöst, sondern in die Negation seines bestimmten Inhalts etc.	5
Negation der Negation Phänom. Vorrede p.4. Knospe, Blüthe, Frucht etc.
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Einheit von Natur und Geist — den Griechen von selbst einleuchtend daß die Natur nicht unvernünftig sein konnte, aber selbst heute noch die dümmsten Empiriker beweisen durch ihr Raisonnement (so falsch es auch sein mag) daß sie von vorn herein überzeugt sind die Natur könne nicht unvernünftig und die Vernunft nicht widernatürlich sein.
[76]
Verstand und Vernunft. Diese Hegelsche Unterscheidung, in der nur das Dialektische Denken vernünftig, hat einen gewissen Sinn. Alle Verstandesthätigkeiten: In-duciren, Deduciren also auch Abstrahiren (Dido’s Gattungsbegriffe Vierfüßer und Zweifüßer) Analysiren unbekannter Gegenstände (schon das Zerbrechen einer Nuß ist Anfang der Analyse) Synthesiren (bei thie-rischen Schlauheitsstückchen) und als Vereinigung Beider Experimentiren (bei neuen Hindernissen und in fremden Lagen) haben wir mit dem Thier gemein. Der Art nach sind diese sämmtlichen Verfahrungsweisen — also alle Mittel der wissenschaftlichen Forschung die die ordinäre Logik anerkennt—vollkommen gleich beim Menschen und den höheren Thieren. Nur dem Grade (der Entwicklung der jedesmaligen Methode) nach sind sie verschieden. Die Grundzüge der Methode sind gleich und führen zu gleichen Resultaten bei Mensch und Thier, solange Beide bloß mit diesen elementaren Methoden arbeiten oder auskommen. — Dagegen das dialektische Denken — eben weil es die Untersuchung der
Die Chemie, in der die Analyse die vorherrschende Untersuchungsform ist, ist nichts ohne deren Gegenpol die Synthese.
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Natur der Begriffe selbst zur Voraussetzung hat, ist nur dem Menschen möglich und auch diesem erst auf einer verhältnißmäßig hohen Entwicklungsstufe (Buddhisten und Griechen) und erreicht seine volle Entwicklung noch viel später — durch die moderne Philosophie—und	5
trotzdem schon die kolossalen Resultate bei den Griechen! die die Untersuchung weit anticipiren.
[182]
Die Entwicklung eines Begriffs oder Begriffsverhältnisses (Pos[itiv] und Neg[ativ], Ursache und Wirkung, Substanz und Accidenz) in der Geschichte 10 des Denkens verhält sich zu seiner Entwicklung im Kopf des einzelnen Dialektikers wie die Entwicklung eines Organismus in der Paläontologie zu seiner Entwicklung in der Embryologie (oder vielmehr in der Geschichte und im einzelnen Keim). Daß dies so ist zuerst von Hegel für die Begriffe entdeckt. In der geschichtlichen Entwicklung spielt die Zufälligkeit ihre Rolle 15 die im dialektischen Denken wie in der Entwicklung des Embryo sich in Nothwendigkeit zusammenfaßt.
[183]
Abstrakt und Konkret. Das allgemeine Gesetz des Formwechsels der Bewegung ist viel konkreter als jedes einzelne „konkrete“ Beispiel davon. 20
[186]
Erkennen. Die Ameisen haben andre Augen als wir, sie sehen die chemischen (?) Lichtstrahlen (Nature 8 Juni 82 Lubbock) aber wir haben es in der Erkenntniß derselben für uns unsichtbaren Strahlen bedeutend weiter gebracht als die Ameisen, und schon daß wir nachweisen können, daß die 25 Ameisen Dinge sehn die für uns unsichtbar sind, und daß dieser Beweis auf lauter Wahrnehmungen beruht die mit unsern Augen gemacht sind, zeigt daß die specielle Konstruktion des menschlichen Auges keine absolute Schranke des menschlichen Erkennens ist.
Zu unserm Auge kommen nicht nur noch die andern Sinne hinzu, sondern 30 unsre Denkfähigkeit. Mit dieser verhält sich’s wieder grade wie mit dem Auge. Um zu wissen was unser Denken ergründen kann, nützt es nichts 100 Jahre nach Kant die Tragweite des Denkens aus der Kritik der Vernunft, der Untersuchung des Erkenntniß-Instrumentes entdecken zu wollen; ebensowenig wie wenn Helmholtz die Mangelhaftigkeit unsers Sehens (die ja 35 nothwendig ist, ein Auge das alle Strahlen sähe, sähe ebendeßhalb gar nichts) und die auf Bestimmte Gränzen das Sehen beschränkende, auch dies nicht ganz richtig reproduzirende Konstruktion unsres Auges als einen Be
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weis dafür behandelt daß wir durch das Auge von der Beschaffenheit des Gesehenen falsch oder unsicher unterrichtet werden. Was unser Denken ergründen kann, sehen wir vielmehr aus dem was es bereits ergründet hat und noch täglich ergründet. Und das ist schon genug nach Quantität und Qualität. Dagegen ist die Untersuchung der Denk/ormen, Denkbestimmungen sehr lohnend und nothwendig und diese hat, nach Aristoteles, nur Hegel systematisch unternommen.
Allerdings werden wir nie dahinter kommen, wie den Ameisen die chemischen Strahlen erscheinen. Wen das grämt, dem ist nun einmal nicht zu helfen.
[187]
Die dialektische Logik, im Gegensatz zur alten, bloß formellen, begnügt sich nicht, wie diese, die Formen der Bewegung des Denkens, d. h. die verschiednen Urtheils- und Schlußformen, aufzuzählen und zusammenhangslos neben einander zu stellen. Sie leitet im Gegentheil diese Formen die eine aus der andern ab, sie subordinirt sie einander statt sie zu koordiniren, sie entwickelt die höheren Formen aus den niederen. Getreu seiner Eintheilung der ganzen Logik, gruppirt Hegel die Urtheile als
1)	Urtheile des Daseins, die einfachste Form des Urtheils, worin von einem einzelnen Ding eine allgemeine Eigenschaft bejahend oder verneinend ausgesagt wird (positives Urtheil: die Rose ist roth; negatives: die Rose ist nicht blau; unendliches: die Rose ist kein Kameel).
2)	Urtheil der Reflexion, worin vom Subjekt eine Verhältnißbestimmung, eine Relation ausgesagt wird; singuläres Urtheil; dieser Mensch ist sterblich; particuläres: einige, viele Menschen sind sterblich; universelles: alle Menschen sind, oder der Mensch ist sterblich.
3)	Urtheil der Nothwendigkeit, worin vom Subjekt seine substantielle Bestimmtheit ausgesagt wird; kategorisches Urtheil: die Rose ist eine Pflanze; hypothetisches Urtheil: wenn die Sonne aufgeht, so ist es Tag; disjunktives: der Lepidosiren ist entweder ein Fisch oder ein Amphibium.
4)	Urtheil des Begriffs, worin vom Subjekt ausgesagt wird in wieweit es seiner allgemeinen Natur oder wie H. sagt seinem Begriff entspricht; assertorisches Urtheil; dies Haus ist schlecht; problematisches: wenn ein Haus so und so beschaffen ist, so ist es gut; apodiktisches: das Haus, so und so beschaffen, ist gut.
1) Einzelnes Urtheil, 2) und 3) besondres, 4) allgemeines.
So trocken sich dies hier auch liest und so willkührlich auch auf den ersten Blick diese Klassifikation der Urtheile hie und da erscheinen mag, so wird doch die innere Wahrheit und Nothwendigkeit dieser Gruppirung Jedem einleuchtend werden, der die geniale Entwicklung in Hegel’s Großer Logik
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(Werke V, 63—115) durchstudirt. Wiesehr aber diese Gruppirung in den Denkgesetzen nicht nur, sondern auch in den Naturgesetzen begründet ist, dafür wollen wir hier ein außer diesem Zusammenhang sehr bekanntes Beispiel anführen.
Daß Reibung Wärme erzeugt wußten schon die vorgeschichtlichen 5 Menschen praktisch, als sie das Reibfeuer vielleicht schon vor 100000 Jahren erfanden und noch früher kalte Körpertheile durch Reibung erwärmten. Aber von da bis zur Entdeckung daß Reibung überhaupt eine Wärmequelle ist, sind wer weiß wie viel Jahrtausende vergangen. Genug, die Zeit kam, wo das menschliche Gehirn sich hinreichend entwickelt hatte um das Urtheil 10 fällen zu können: die Reibung ist eine Quelle von Wärme. Ein Urtheil des Daseins und zwar ein positives.
Wieder vergingen Jahrtausende, bis 1842 Mayer, Joule und Colding diesen Specialvorgang nach seinen Beziehungen zu inzwischen entdeckten andern Vorgängen ähnlicher Art, d.h. nach seinen nächsten allgemeinen Bedin- 15 gungen untersuchten und das Urtheil dahin formulirten: Alle mechanische Bewegung ist fähig, sich vermittelst der Reibung in Wärme umzusetzen. Soviel Zeit und eine enorme Menge empirischer Kenntnisse war erforderlich, bis wir in der Erkenntniß des Gegenstands von obigem positiven Urtheil des Daseins zu diesem universellen Urtheil der Reflexion fortrücken konnten. 20
Jetzt aber ging’s rasch. Schon drei Jahre später konnte Mayer, wenigstens der Sache nach, das Urtheil der Reflexion auf die Stufe erheben, in der es jetzt Geltung hat:
Jede Form der Bewegung ist ebenso befähigt wie genöthigt, unter den für jeden Fall bestimmten Bedingungen, direkt oder indirekt, in jede andre Form 25 der Bewegung umzuschlagen: Urtheil des Begriffs, und zwar apodiktisches, höchste Form des Urtheils überhaupt.
Was also bei Hegel als eine Entwicklung der Denkform des Urtheils als solchen erscheint, tritt uns hier entgegen als Entwicklung unsrer auf empirischer Grundlage beruhenden theoretischen Kenntnisse von der Natur der 30 Bewegung überhaupt. Das zeigt denn doch daß Denkgesetze und Naturgesetze nothwendig mit einander stimmen, sobald sie nur richtig erkannt sind.
Wir können das erste Urtheil fassen als das der Einzelnheit: das vereinzelte Faktum, daß Reibung Wärme erzeugt, wird registrirt. Das zweite 35 Urteil als das der Besonderheit: eine besondre Form der Bewegung, die mechanische, hat die Eigenschaft gezeigt, unter besondern Umständen (durch Reibung) in eine andre besondre Bewegungsform, die Wärme, überzugehn. Das dritte Urtheil ist das der Allgemeinheit: Jede Form der Bewegung hat sich erwiesen als befähigt und genöthigt, in jede andre Form der 40 Bewegung umzuschlagen. Mit dieser Form hat das Gesetz seinen letzten
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Ausdruck erlangt. Wir können durch neue Entdeckungen ihm neue Belege, neuen reicheren Inhalt geben. Aber dem Gesetz selbst, Wie es da ausgesprochen, können wir nichts mehr hinzufügen. In seiner Allgemeinheit, in der Form und Inhalt beide gleich allgemein, ist es keiner Erweiterung fähig: es ist absolutes Naturgesetz.
Leider hapert’s bei der Bewegungsform des Eiweißes, alias Leben, solange wir kein Eiweiß machen können.
[189]
Oben aber auch nachgewiesen daß zum Urtheilen nicht nur Kantsche „Urtheilskraft“ gehört, sondern eine
[188]
Einzelnheit, Besonderheit, Allgemeinheit, das sind die drei Bestimmungen in denen sich die ganze „Lehre vom Begriff“ bewegt. Darunter wird dann nicht in einer sondern vielen Modalitäten vom Einzelnen zum Besonderen und von diesem zum Allgemeinen fortgeschritten und dies oft genug von Hegel als Fortschritt: Individuum, Art, Gattung exemplificirt. Und nun kommen die Inductionshäckel und posaunen es als eine große That aus — gegen Hegel — daß vom Einzelnen zum Besonderen und dann zum Allgemeinen fortgeschritten werden solle! vom Individuum zur Art und dann zur Gattung — und erlauben dann Deduktionsschlösse die weiter führen sollen. Die Leute haben sich so in den Gegensatz von Induktion und Deduktion festgeritten daß sie alle logischen Schlußformen auf diese 2 re-duziren und dabei gar nicht merken daß sie 1) unter jenen Namen ganz andre Schlußformen unbewußt anwenden, 2) den ganzen Reichthum der Schlußformen entbehren, soweit er sich nicht unter jene 2 zwängen läßt und 3) damit die beiden Formen: Induktion und Deduktion selbst in reinen Blödsinn verwandeln.
[104]
Unsinn von Häckel: Induktion gegen Deduktion als ob nicht Deduktion = Schließen, also auch die Induktion eine Deduktion. Das kommt vom Polarisiren.
[105]
Durch Induktion gefunden vor 100 Jahren daß Krebse und Spinnen Insekten und alle niederen Thiere Würmer waren. Durch Induktion jetzt gefunden daß dies Unsinn und x Klassen bestehn. Worin also der Vorzug des s. g. Induktionsschlusses der ebenso falsch sein kann als der s. g. Deduktionsschluß? dessen Grund doch die Klassification.
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Induktion kann nie beweisen daß es nicht einmal ein Säugethier geben wird ohne Milchdrüsen. Früher die Zitzen Zeichen des Säugethiers. Aber das Schnabelthier hat keine.
Der ganze Induktionsschwindel von d[en] Engländern]. Whewellind. sc. die bloß mathematischen umfassend. Und so der Gegensatz gegen Deduktion erfunden. Davon weiß die Logik, alte und neue, Nichts. Experimentell und auf Erfahrung beruhend sind alle Schlußformen die vom Einzelnen anfangen, ja der induktive Schluß fängt sogar vom A—E—B (allgemein) an.
Auch bezeichnend für die Denkkraft unsrer Naturforscher, daß Häckel fanatisch für die Induktion auftritt grade im Moment wo die Resultate der Induktion — die Klassifikationen — überall in Frage gestellt (Limulus eine Spinne, Ascidia ein Wirbelthier oder Chordatum, die Dipnoi entgegen aller ursprünglichen Definition der Amphibien dennoch Fische) und täglich neue Thatsachen entdeckt die die ganze bisherige Induktionsklassifikation umwerfen. Wie schöne Bestätigung von Hegel’s Satz daß der Induktions-Schluß wesentlich ein problematischer! Ja sogar die ganze Klassifikation der Organismen ist durch die Entwicklungstheorie der Induktion abgenommen und auf die „Deduktion“ die Abstammung zurückgeführt — eine Art wörtlich von einer andern durch Abstammung deducirt — und die Entwicklungstheorie durch bloße Induktion nachzuweisen unmöglich, da sie ganz anti-induktiv. Die Begriffe womit die Induktion hantiert: Art, Gattung, Klasse, durch die Entwicklungstheorie flüssig gemacht und damit relativ geworden: mit relativen Begriffen aber nicht zu induciren.
Induktion und Deduktion. Hack. Sch. Gesch.
S. 76-77. Der Schluß polari-sirt in Induktion und Deduktion!
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Induction und Deduktion. Häckel p.75ff. wo Göthe den Inductions-Schluß macht daß der den Zwischen-Kiefer normal nicht habende Mensch ihn haben muß also durch falsche Induktion auf etwas Richtiges kommt!
[77]
Den All-Induktionisten: Mit aller Induktion in der Welt wären wir nie dahin 35 gekommen uns über den Induktionsprozeß klar zu werden. Das konnte nur die Analyse dieses Prozesses fertig bringen. — Induktion und Deduktion gehören so nothwendig zusammen wie Synthese und Analyse. Statt die eine auf Kosten der andern einseitig in den Himmel zu erheben soll man suchen
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sie Jede an ihrem Platz anzuwenden und das kann man nur dann wenn man ihre Zusammengehörigkeit, ihr wechselseitiges Sich-Ergänzen im Auge behält. — Nach den Induktionisten wäre die Induktion eine unfehlbare Methode. Sie ist es sowenig daß ihre scheinbar sichersten Resultate jeden Tag durch neue Entdeckungen umgeworfen. Die Lichtkörperchen, der Wärmestoff waren Resultate der Induktion. Wo sind sie? Die Induktion lehrte uns daß alle Wirbelthiere ein in Hirn und Rückenmark differenzirtes Centralnervensystem haben und daß das Rückenmark in knorplige oder knochige Wirbel — woher sogar der Name genommen — eingeschlossen. Da entpuppt sich der Amphioxus als ein Wirbelthier mit undifferenzirtem Centralnervenstrang und ohne Wirbel. Die Induktion stellte fest daß Fische diejenigen Wirbelthiere sind welche lebenslang ausschließlich durch Kiemen athmen. Da tauchen Thiere auf deren Fischcharakter fast allgemein anerkannt, die aber neben den Kiemen gut entwickelte Lungen haben und es stellt sich heraus daß jeder Fisch in der Luftblase eine potentielle Lunge führt. Erst durch kühne Anwendung der Entwicklungslehre half Häckel den in diesen Widersprüchen sich ganz behaglich fühlenden Induktionisten heraus — Wäre die Induktion wirklich so unfehlbar, woher dann die sich überstürzenden Klassifikationsumwälzungen in der organischen Welt? Sie sind doch das eigenste Produkt der Induktion und schlagen doch einander todt.
[86]
Induktion und Analyse: Ein schlagendes Exempel wie wenig die Induktion den Anspruch hat, einzige oder doch vorherrschende Form der wissenschaftlichen Entdeckung zu sein, bei der Thermodynamik: Die Dampfmaschine gab den schlagendsten Beweis daß man Wärme einsetzen und mechanische Bewegung erzielen kann. 100000 Dampfmaschinen bewiesen das nicht mehr als Eine, drängten nur mehr und mehr die Physiker zur Nothwendigkeit dies zu erklären. Sadi Carnot war der erste der sich ernstlich dran machte. Aber nicht per Induktion. Er studirte die Dampfmaschine, analysirte sie, fand daß bei ihr der Prozeß auf den es ankam, nicht rein erscheint, von allerhand Nebenprocessen verdeckt wird, beseitigte diese für den wesentlichen Prozeß gleichgültigen Nebenumstände, und konstruirte eine ideale Dampfmaschine (oder Gasmaschine) die zwar eben so wenig herstellbar ist wie z. B. eine geometrische Linie oder Fläche, aber in ihrer Weise denselben Dienst thut wie diese mathematischen Abstraktionen: sie stellt den Prozeß rein, unabhängig, unverfälscht dar. Und er stieß mit der Nase auf das mechanische Aequivalent der Wärme (s. die Bedeutung seiner Funktion C) das er nur nicht entdecken und sehn konnte weil er an den Wärmestoff glaubte. Hier auch der Beweis vom Schaden falscher Theorieen.
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[12]
Die Entwicklungsform der Naturwissenschaft, soweit sie denkt, ist die Hypothese. Eine neue Thatsache wird beobachtet die die bisherige Erklärungsweise der zu derselben Gruppe gehörenden Thatsachen unmöglich macht. Von diesem Augenblick an werden neue Erklärungsweisen Bedürfniß	5
— zunächst gegründet auf nur beschränkte Anzahl von Thatsachen und Beobachtungen. Ferneres Beobachtungsmaterial epurirt diese Hypothesen, beseitigt die einen, corrigirt die andre, bis endlich das Gesetz rein hergestellt. Wollte man warten bis das Material für’s Gesetz rein, so hieße das die denkende Forschung bis dahin suspendiren und das Gesetz käme schon 10 deßwegen nie zu Stande.
Die Anzahl und der Wechsel der sich verdrängenden Hypothesen — bei mangelnder logischer und dialektischer Vorbildung der Naturforscher — bringt dann leicht die Vorstellung hervor daß wir das Wesen der Dinge nicht erkennen können. (Haller und Goethe) Dies ist der Naturwissenschaft nicht 15 eigenthümlich, da alle menschliche Erkenntniß in einer vielfach verschlungenen Curve sich entwickelt, und die Theorieen auch in den geschichtlichen Disziplinen inclusive Philosophie sich ebenso verdrängen, woraus aber z. B. niemand schließt daß die formelle Logik Unsinn ist. — Letzte Form dieser Anschauung das „Ding an sich“. Der Ausspruch daß wir das Ding an sich 20 nicht erkennen können (Hegel Encyc. §44) tritt 1) aus der Wissenschaft hinaus in die Phantasie. Er fügt 2) unsrer wissenschaftlichen Kenntniß kein Wort hinzu, denn wenn wir uns nicht mit den Dingen beschäftigen können so existiren sie für uns nicht. Und 3) ist er reine Phrase und wird nie angewandt. Abstrakt genommen klingt er ganz verständig. Aber man wende 25 ihn an. Was denken von dem Zoologen der sagte: ein Hund scheint 4 Beine zu haben, wir wissen aber nicht ob er in Wirklichkeit 4 Millionen Beine hat oder gar keine? Vom Mathematiker der erst ein Dreieck als 3 Seiten habend definirt und dann erklärt er wisse nicht ob es nicht 25 habe? 2x2 scheine 4 zu sein? Aber die Naturforscher hüten sich wohl die Phrase vom Ding an 30 sich in der Naturwissenschaft anzuwenden, bloß im Hinausgehn in die Philosophie erlauben sie sich das. Dies bester Beweis wie wenig sie ihnen Ernst, und wie wenig sie selbst werth ist. — Wäre sie ihnen Ernst, ä quoi bon überhaupt etwas untersuchen?
Historisch gefaßt hätte die Sache einen gewissen Sinn: wir können nur 35 unter den Bedingungen unsrer Epoche erkennen und soweit diese reichen.
[16]
D/ngan sich: Hegel, Logik II p. 10 auch später ein ganzer Vgl. Enc. I Abschnitt darüber: „Es ist, erlaubte sich der Skepticis- p. 252.—
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mus nicht zu sagen; der neuere Idealismus (i.e. Kant und Fichte) erlaubte sich nicht, die Erkenntnisse als ein Wissen vom Ding an sich anzusehn. ... Zugleich ließ aber der Skepticismus mannichfaltige Bestimmungen seines Scheins zu, oder vielmehr sein Schein hatte den ganzen mannichfaltigen Reichthum der Welt zum Inhalt. Ebenso begreift die Erscheinung des Idealismus (i. e. what Idealism calls Erscheinung) den ganzen Umfang dieser mannichfaltigen Bestimmtheiten in sich. ... Diesem Inhalt mag also wohl kein Sein, kein Ding oder Ding an sich zu Grunde liegen; er für sich bleibt wie er ist, er ist nur aus dem Sein in den Schein übersetzt worden“ Hegel ist also hier ein viel entschiednerer Materialist als die modernen Naturforscher.
[109]
Kostbare Selbstkritik des Kantschen Dings an sich, daß K. auch am denkenden Ich scheitert und darin ebenfalls ein unerkennbares Ding an sich ausfindet. H. V. 256ff.
[100]
Die ewigen Naturgesetze verwandeln sich auch immer mehr in historische. Daß Wasser von 0-100 °C flüssig ist, ist ein ewiges Naturgesetz aber damit es Geltung haben kann muß 1) Wasser und 2) die gegebne Temperatur 3) Normaldruck dasein. Auf dem Mond ist kein Wasser, auf der Sonne nur seine Elemente, und für diese Weltkörper existirt das Gesetz nicht. — Die Gesetze der Meteorologie sind auch ewig, aber nur für die Erde oder für einen Körper von der Größe, Dichtigkeit, Achsenneigung und Temperatur der Erde und vorausgesetzt daß er eine Atmosphäre von gleicher Mischung Sauerstoff und Stickstoff und gleich[en] Mengen auf steigenden und sich nieder schlagenden Wasserdampfs hat. Der Mond hat keine Atmosphäre, die Sonne eine von glühenden Metalldämpfen; der erstere hat keine Meteorologie, die zweite eine ganz andre als die unsre. — Unsre ganze offizielle Physik, Chemie und Biologie ist exclusiv geocentrisch, nur für die Erde berechnet. Die Verhältnisse elektrischer und magnetischer Spannung auf der Sonne, den Fixsternen und Nebelflecken ja auf Planeten von andrer Dichtigkeit kennen wir noch gar nicht. Die Gesetze der chemischen Verbindung der Elemente sind auf der Sonne durch die hohe Temperatur suspendirt resp. nur momentan an den Gränzen der Sonnen-Atmosphäre wirksam und die Verbindungen lösen sich bei Annäherung an die Sonne wieder. Die Chemie der Sonne ist eben im Werden begriffen und nothwendig eine ganz andre als die der Erde, sie stößt
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diese nicht um, aber sie steht außer ihr. Auf den Nebelflecken existiren vielleicht nicht einmal diejenigen der 65 Elemente die möglicherweise selbst zusammengesetzt sind. Wenn wir also von allgemeinen Naturgesetzen sprechen wollen die auf alle Körper vom Nebelfleck bis zum Menschen gleichmäßig passen, so bleibt uns nur die Schwere und etwa die allgemeinste 5 Fassung der Theorie von der Umwandlung der Energie vulgo mechanische Wärmetheorie. Aber diese Theorie selbst verwandelt sich mit ihrer allgemeinen konsequenten Durchführung auf alle Naturerscheinungen in eine geschichtliche Darstellung der in einem Weltsystem von seiner Entstehung bis zu seinem Untergang nacheinander vorgehenden Veränderungen, also 10 in eine Geschichte, in der auf jeder Stufe andre Gesetze, d.h. andre Erscheinungsformen derselben Universalen Bewegung herrschen und somit als durchgehend Allgemein-Gültiges nichts bleibt als — die Bewegung.
[125]
Der geocentrische Standpunkt in der Astronomie bornirt und mit Recht 15 beseitigt. Aber sowie wir weiter gehn in der Forschung, tritt er mehr und mehr in sein Recht. Sonne etc. dienen der Erde. Hegel N.Ph. 157. (Die ganze dicke Sonne bloß der kleinen Planeten wegen da.) Eine andre als geocentrische Physik Chemie Biologie Meteorologie etc. für uns unmöglich und sie verliert nichts durch die Phrase daß dies nur für die Erde gelte — und daher nur relativ 20 sei. Nimmt man das ernsthaft und verlangt eine centrumslose Wissenschaft so stoppt man alle Wissenschaft. Es genügt uns zu wissen daß unter gleichen Umständen überall das Gleiche erfolgen muß, 1000 Billionen Sonnenweiten rechts oder links von uns.
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[Über Nägeli’s Unfähigkeit das Unendliche zu erkennen]
Nägeli p. 12, 13.
N. sagt zuerst daß wir wirklich qualitative Unterschiede nicht erkennen können und sagt gleich darauf daß solche „absolute Unterschiede“ in der Natur nicht vorkommen! 12.	30
Erstens hat jede Qualität unendlich viele quantitative Gradationen, z.B. Farbennüancen, Härte und Weiche, Langlebigkeit etc. und diese sind, obwohl qualitativ unterschieden, meßbar und erkennbar.
Zweitens existiren keine Qualitäten, sondern nur Dinge m/YQualitäten, und zwar unendlich vielen Qualitäten. Bei 2 verschiednen Dingen sind stets 35 gewisse Qualitäten (die Eigenschaften der Körperlichkeit zum Mindesten) gemeinsam, andre graduell verschieden, noch andre können dem Einen ganz fehlen. Halten wir diese beiden extrem verschiednen Dinge — z.B. einen
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Meteoriten und einen Menschen — separat zusammen, so kommt dabei wenig heraus, höchstens daß Beiden Schwere, und andre allgemeine Körpereigenschaften gemeinsam. Aber zwischen Beiden fügen sich eine unendliche Reihe andrer Naturdinge und Naturvorgänge ein die uns erlauben, die Reihe vom Meteoriten bis zum Menschen zu vervollständigen und Jedem seine Stelle im Naturzusammenhang anzuweisen, sie damit zu erkennen. Dies gibt N. selbst zu.
Drittens könnten uns unsre verschiednen Sinne absolut qualitativ verschiedne Eindrücke geben. Die Eigenschaften die wir vermittelst Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn erfahren, wären hiernach absolut verschieden. Aber auch hier fallen die Unterschiede mit dem Fortschritt der Untersuchung. Geruch und Geschmack sind längst als verwandte, zusammengehörige Sinne erkannt, die zusammengehörige wo nicht identische Eigenschaften wahrnehmen. Gesicht und Gehör nehmen beide Wellenschwingungen wahr. Tastsinn und Gesicht ergänzen sich wechselseitig so sehr daß wir vom Ansehn eines Dings oft genug seine Tasteigenschaften Vorhersagen können. Und endlich ist es immer dasselbe Ich das alle diese verschiednen Sinneseindrücke in sich auf nimmt und verarbeitet, also in Eins zusammenfaßt und ebenso sind diese verschiednen Eindrücke geliefert durch dasselbe Ding als dessen gemeinsame Eigenschaften sie erscheinen, das sie also erkennen helfen. Diese verschiednen, nur verschiednen Sinnen zugänglichen Eigenschaften zu erklären, in innern Zusammenhang unter sich zu bringen, ist eben Aufgabe der Wissenschaft, die sich bis jetzt nicht darüber beklagt hat daß wir statt der 5 Specialsinne nicht einen Generalsinn haben oder daß wir die Geschmäcke und Gerüche nicht sehn oder hören können.
Wohin wir sehn, nirgendwo in der Natur gibt’s solche „qualitativ oder absolut verschiednen Gebiete“ die als unbegreiflich angegeben werden. Die ganze Konfusion entspringt aus der Konfusion über Qualität und Quantität. Nach der herrschenden mechanischen Ansicht gelten N. alle qualitativen Unterschiede nur soweit für erklärt als sie auf quantitative reduzirt werden können (worüber anderswo das Nöthige) resp. daraus daß ihm Qualität und Quantität als absolut verschiedne Kategorieen gelten. Metaphysik.
„Wir können nur das Endliche erkennen etc.“ Dies ist soweit ganz richtig als nur endliche Gegenstände in den Bereich unsres Erkennens fallen. Aber der Satz hat auch die Ergänzung nöthig: wir können im Grund nur das Unendliche erkennen. In der That besteht alles wirkliche, erschöpfende Erkennen nur darin daß wir das Einzelne im Gedanken aus der Einzelheit in die Besonderheit und aus dieser in die Allgemeinheit erheben daß wir das Unendliche im Endlichen, das Ewige im Vergänglichen auf finden und feststellen. Die Form der Allgemeinheit ist aber Form der Insichabgeschlos-senheit, damit Unendlichkeit, sie ist die Zusammenfassung der vielen End-
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liehen zum Unendlichen. Wir wissen daß Chlor und Wasserstoff innerhalb gewisser Druck- und Temperaturgränzen und unter Einwirkung des Lichts sich unter Explosion zu Chlorwasserstoffgas verbinden, und sobald wir dies wissen, wissen wir auch daß dies überall und immer geschieht wo obige Bedingungen vorhanden. Und es kann gleichgültig sein ob sich dies einmal 5 oder millionenmal wiederhole, und auf wieviel Weltkörpern. Die Form der Allgemeinheit in der Natur ist Gesetz, und Niemand mehr als die Naturforscher führen die Ewigkeit der Naturgesetze im Mund. Wenn also N. sagt man mache das Endliche unergründlich, wenn man nicht blos dies Endliche erforschen wolle sondern ihm Ewiges beimische, so läugnet er entweder die 10 Erkennbarkeit der Naturgesetze oder ihre Ewigkeit. Alle wahre Na-turerkenntniß ist Erkenntniß von Ewigem, Unendlichem und daher wesentlich absolut.
Aber diese absolute Erkenntniß hat einen bedeutenden Haken. Wie die Unendlichkeit des erkennbaren Stoffs aus lauter Endlichkeiten sich zusam- 15 mensetzt, so setzt sich auch die Unendlichkeit des absolut erkennenden Denkens zusammen aus einer unendlichen Anzahl endlicher Menschenköpfe die neben und nach einander an dieser unendlichen Erkenntniß arbeiten, praktische und theoretische Böcke schießen, von schiefen, einseitigen, falschen Voraussetzungen ausgehn, falsche, krumme, unsichre Bahnen 20 verfolgen und oft nicht einmal das Richtige treffen, wenn sie mit der Nase drauf stoßen (Priestley). Das Erkennen des Unendlichen ist daher mit doppelten Schwierigkeiten umschanzt, und kann sich, seiner Natur nach, nur vollziehn in einem unendlichen asymptotischen Progreß. Und das genügt uns vollständig, um sagen zu können: das Unendliche ist ebenso erkennbar wie 25 unerkennbar, und das ist alles was wir brauchen.
Komischer Weise sagt Nägeli dasselbe: Wir können nur das Endliche aber wir können auch alles Endliche erkennen das in den Bereich unsrer sinnlichen Wahrnehmung fällt. Das Endliche das in den Bereich usw. fällt macht eben in Summa das Unendliche aus, denn diese ist es grade woraus N. sich 30 seine Vorstellung vom Unendlichen geholt! Ohne dies Endliche usw. hätte er ja gar keine Vorstellung vom Unendlichen!
(Über das schlechte Unendliche als solches anderswo zu reden)
(vor dieser Unendlichkeitsuntersuchung das Folgende:)	35
1)	das „winzige Gebiet“ nach Raum und Zeit.
2)	Die „wahrscheinlich mangelnde Ausbildung von Sinnesorganen“.
3)	Daß wir nur das Endliche Vergängliche Wechselnde, nur das gradweise Verschiedne und Relative erkennen können (usw. bis) „wir wissen nicht was Zeit, Raum, Kraft und Stoff, Bewegung und Ruhe, Ursache und Wirkung 40 ist“.
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Es ist die alte Geschichte. Erst macht man Abstraktionen von den sinnlichen Dingen und dann will man sie sinnlich erkennen, die Zeit sehn und den Raum riechen. Der Empiriker vertieft sich sosehr in die Gewohnheit des empirischen Erfahrens daß er sich noch auf dem Gebiet des sinnlichen Erfahrens glaubt wenn er mit Abstraktionen hantiert. Wir wissen was eine Stunde, ein Meter ist, aber nicht was Zeit und Raum! Als ob die Zeit etwas Andres als lauter Stunden, und der Raum etwas Andres als lauter Kubikmeter! Die beiden Existenzformen der Materie sind natürlich ohne die Materie nichts, leere Vorstellungen, Abstraktionen die nur in unserm Kopf existiren. Aber wir sollen ja auch nicht wissen was Materie und Bewegung sind! Natürlich nicht, denn die Materie als solche und die Bewegung als solche hat noch Niemand gesehn oder sonst erfahren, sondern nur die verschiednen wirklich existirenden Stoffe und Bewegungsformen. Der Stoff, die Materie ist nichts andres als die Gesammtheit der Stoffe aus der dieser Begriff abstrahirt, die Bewegung als solche nichts als die Gesammtheit aller sinnlich wahrnehmbaren Bewegungsformen; Worte wie Materie und Bewegung sind nichts als Abkürzungen, in die wir viele verschiedne sinnlich wahrnehmbare Dinge zusammenfassen nach ihren gemeinsamen Eigenschaften. Die Materie und Bewegung kann also gar nicht anders erkannt werden als durch Untersuchung der einzelnen Stoffe und Bewegungsformen, und indem wir diese erkennen, erkennen wir pro tanto auch die Materie und Bewegung als solche. Indem N. also sagt daß wir nicht wissen das Zeit, Raum, Materie, Bewegung, Ursache und Wirkung ist, sagt er bloß daß wir uns erst mit unserm Kopf Abstraktionen von der wirklichen Welt machen und dann diese selbstgemachten Abstraktionen nicht erkennen können, weil sie Gedankendinge und keine sinnlichen Dinge sind, alles Erkennen aber sinnliches Messen ist! Grade wie die Schwierigkeit bei Hegel, wir können wohl Kirschen und Pflaumen essen aber kein Obst, weil noch Niemand Obst als solches gegessen hat.
Wenn N. behauptet es gebe wahrscheinlich eine ganze Menge von Bewegungsformen in der Natur, die wir mit unsern Sinnen nicht wahrnehmen können, so ist das eine pauvre Entschuldigung gleichbedeutend mit Aufhebung, wenigstens für unsre Erkenntniß, des Gesetzes von der Unerschaff-barkeit der Bewegung. Denn sie können sich ja in für uns wahrnehmbare Bewegung verwandeln! Da wäre z.B. die Kontaktselektricität leicht erklärt!
[151]
Ad vocem Nägeli. Unfaßbarkeit daß Unendliches]. Sobald wir sagen Materie und Bewegung sind unerschaffbar und unzerstörbar sagen wir, daß die Welt als unendlicher Progreß, d. h. in der Form der schlechten Unendlichkeit
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existirt, und haben damit an diesem Prozeß Alles begriffen was zu begreifen ist. Höchstens fragt sich noch ob dieser Prozeß eine — in großen Kreisläufen — ewige Wiederholung Desselben ist, oder ob die Kreisläufe ab- und aufsteigende Äste haben.
[23]	5
Schlechte Unendlichkeit— die wahre schon von Hegel richtig in den erfüllten Raum und Zeit gelegt, in den Naturproceß und die Geschichte. Jetzt auch die ganze Natur in Geschichte aufgelöst, und die Geschichte nur als Ent-wicklungsproceß selbstbewußter Organismen von der Geschichte der Natur verschieden. Diese unendliche Mannichfaltigkeit von Natur und Geschichte 10 hat die Unendlichkeit des Raums und der Zeit — die schlechte — nur als aufgehobnes, zwar wesentliches aber nicht vorwiegendes Moment in sich. Die äußerste Gränze unsrer Naturwissenschaft ist bis jetzt unser Universum, und die unendlich vielen Universen da draußen brauchen wir nicht um die Natur zu erkennen. Ja selbst nur Eine Sonne unter Millionen Sonnen und 15 ihr System bildet den wesentlichen Boden unsrer astronomischen Forschung. Für irdische Mechanik, Physik, Chemie sind wir mehr oder weniger, für organische Wissenschaften] ganz auf die kleine Erde beschränkt. Und doch thut dies der praktisch unendlichen Mannichfaltigkeit der Phänomene und der Naturerkenntniß keinen wesentlichen Eintrag, ebensowenig wie bei 20 der Geschichte die gleiche, noch größere Beschränkung auf eine verhältnismäßig kurze Zeit und kleinen Theil der Erde.
[111]
1)	Der unendliche Progreß ist bei Hegel die leere Oede, weil er nur als ewige Wiederholung desselben erscheint: 1 -I-1 -I-1 etc.	25
2)	Aber in Wirklichkeit ist er keine Wiederholung sondern Entwicklung, Fortschritt oder Rückschritt, und damit wird er nothwendige Bewegungsform. Abgesehn davon daß er nicht unendlich ist: das Ende der Lebensperiode der Erde ist schon jetzt abzusehn. Dafür ist denn auch die Erde nicht die ganze Welt. Im Hegelschen System war für die zeitliche Geschichte 30 der Natur jede Entwicklung ausgeschlossen, sonst war die Natur nicht das Außersichsein des Geistes. Aber in der Menschengeschichte ist der unendliche Progreß von H. als die einzig wahre Daseinsform des „Geistes“ anerkannt, nur daß phantastischer Weise ein Ende dieser Entwicklung angenommen wird — in der Herstellung der H.schen Philosophie.	35
3)	Es gibt auch unendliches Erkennen: questa infinitä ehe le cose non hanno in progresso, la hanno in giro (Quantität, S. 259, Astronomie). So ist das Gesetz von dem Formwechsel der Bewegung ein unendliches, sich in sich zusammenschließendes. Aber solche Unendlichkeiten sind wieder mit
der Endlichkeit behaftet, kommen nur stückweise vor. So auch -7.	40
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[Bewegungsformen der Materie und Zusammenhang der Wissenschaften]
[2]
Dialektik der Naturwissenschaft]: Gegenstand der sich bewegende Stoff. Die verschiednen Formen und Arten des Stoffs selbst wieder nur durch die Bewegung zu erkennen, nur in ihr zeigen sich die Eigenschaften der Körper, von einem Körper der sich nicht bewegt ist nichts zu sagen. Aus den Formen der Bewegung also ergibt sich die Beschaffenheit der sich Bewegenden Körper.
1)	Die erste, einfachste Bewegungsform ist die mechanische, rein ortsverändernde —
a)	Bewegung eines einzelnen Körpers — existirt nicht, nur relativ — Fall.
b)	Bewegung getrennter Körper: Flugbahn, Astronomie — scheinbares Gleichgewicht — Ende immer Kontakt.
c)	Bewegung sich berührender Körper in Beziehung auf einander — Druck. Statik. Hydrostatik und Gase. Hebel und andre Formen der eigentlichen Mechanik — die alle in ihrer einfachsten Form des Contakts auf die nur graduell verschiedne: Reibung und Stoß heraus kommen. Aber Reibung und Stoß, in fact Contakt hat auch andre hier von d[en] Naturf[or-schern] nie angeführte Folgen: sie produziren, unter Umständen, Schall, Wärme, Licht, Elektricität, Magnetismus.
2)	Diese verschiednen Kräfte gehen (mit Ausnahme des Schalls) — Physik der Himmelskörper
a)	in einander über und ersetzen sich gegenseitig und
b)	bei gewisser quantitativer Kraftentwicklung einer jeden, für jeden Körper verschiednen, angewandt auf die Körper, seien es chemisch zusammengesetzte, seien es mehrere chemisch einfache — treten chemische Veränderungen ein, und wir in die Chemie.
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
3) Die Physik mußte oder konnte die lebendigen organischen Körper unberücksichtigt lassen, die Chemie findet erst in der Untersuchung der organischen Zusammensetzungen den eigentlichen Aufschluß über die wahre Natur der wichtigsten Körper, und setzt andrerseits Körper zusammen die nur in der organischen Natur vorkommen. Hier führt die Chemie auf das organische Leben und sie ist weit genug um uns zu versichern daß sie allein uns den dialektischen Übergang	Chemie der Himmelskörper. Krystallogra-phie Theil der	5 Chemie.
in den Organismus erklären wird.	10
4) Der wirkliche Übergang aber in der Geschichte — des Sonnensystems, der Erde, reale Voraussetzung der Organik.
5) Organik.
[47]
Klassificirung der Wissenschaften, von denen jede eine einzelne Be- 15 wegungsform oder eine Reihe zusammengehöriger und in einander übergehender Bewegungsformen analysirt, ist damit Klassification Anordnung nach ihrer inhärenten Reihenfolge, dieser Bewegungsformen selbst, und darin liegt ihre Wichtigkeit.
[48]	20
Ende des vorigen Jahrhunderts, nach den französischen Materialisten die vorwiegend mechanisch sind, trat das Bedürfniß hervor die ganze Naturwissenschaft der alten Newton-Linneschen Schule encyclopädisch Zusammenzufassen und zwei der genialsten Leute gaben sich dran, S. Simon (unvollendet) und Hegel. Jetzt, wo die neue Naturanschauung in ihren Grund- 25 zügen fertig, dasselbe Bedürfniß sich fühlbar machend, und Versuche in dieser Richtung. Aber wo der allgemeine Entwicklungszusammenhang in der Natur jetzt nachgewiesen, reicht äußerliches Aneinanderreihen ebensowenig aus wie Hegels kunststücklich gemachte dialektische Übergänge. Die Übergänge müssen sich selbst machen, müssen natürlich sein. Wie eine Be- 30 wegungsform sich aus der andern entwickelt so auch ihre Spiegelbilder, die verschiednen Wissenschaften, müssen eine aus der andern mit Nothwendigkeit hervorgehn.
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Wie wenig Comte der Verfasser seiner von S. Simon abgeschriebnen en- 35 cyklopädischen Anordnung der Naturwissenschaften] sein kann, schon daraus zu sehn daß sie ihm nur den Zweck der Anordnung der Lehrmittel und des Lehrgangs hat, und damit zur verrückten enseignement integral
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Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [1] mit Randbemerkungen von Carl Schorlemmer
Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [2]
Engels an Marx, 30. Mai 1873. Seite [3]
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führt, wo je eine Wissenschaft erschöpft wird ehe die andre nur angebrochen wo ein im Grund richtiger Gedanke ins Absurde mathematisch outrirt.
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[132]
Hegel’s Eintheilung (die Ursprüngliche) Mechanismus Chemismus Org[anismus] für die Zeit vollständig. Mechan[ik] die Massenbewegung, Chemie] die Molekular- (denn auch die Physik darunter begriffen und beide gehören ja zur selben Ordnung) und Atombewegung. Org[anik] die Bewegung der Körper an denen Beides untrennbar. Denn der Organismus ist allerdings die höhere Einheit die Mechan[ik] Phys[ik] und Chem[ie] zu einem Ganzen in sich begreift, wo die 3 Seiten nicht mehr zu trennen. Im Organismus] die mechanische Bewegung direkt durch physikalische und chemische Veränderung bewirkt und zwar Ernährung, Athmung, Sekretion, usw. ebensogut wie die reine Muskelbewegung.
Jede Gruppe wieder doppelt: Mech[anik]: 1) himmlische 2) irdische; Molekularbewegung: 1) Physik 2) Chemie; Organ[ik]: 1) Pflanze 2) Thier.
[159]
Noten
1) Kekule. Dann: Die Systematisirung der Naturwissenschaften] die jetzt mehr und mehr nöthig wird, kann nicht anders gefunden werden als in den Zusammenhängen der Erscheinungen selbst. So die mechanische Bewegung von kleinen Massen auf einem Weltkörper endigt im Kontakt zweier Körper, der die beiden nur graduell unterschiednen Formen von Reibung und Stoß hat. Wir untersuchen also zuerst die mechanische Wirkung von Reibung und Stoß. Aber wir finden daß sie damit nicht erschöpft: Reibung produzirt Wärme Licht und Elektricität; Stoß Wärme und Licht wo nicht auch Elektricität — also Verwandlung von Massenbewegung in Molekular-Bewegung. Wir treten ein ins Gebiet der Molekularbewegung, d[ie] Physik, und untersuchen weiter. Aber auch hier finden wir daß die Molekular-Bewegung nicht den Abschluß der Untersuchung bildet. Elektricität geht über in, und geht hervor aus, chemischem Umsatz. Wärme und Licht ditto. Molekular-Bewegung schlägt über in Atombewegung. — Chemie. Die Untersuchung der chemischen Vorgänge findet die organische Welt als Untersuchungsgebiet vor, also eine Welt in der die chemischen Vorgänge nach denselben Gesetzen aber unter andern Bedingungen vorgehn als in der unorganischen Welt, für deren Erklärung die Chemie ausreicht. Alle chemischen Untersuchungen der
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organischen Welt führen dagegen zurück in letzter Instanz auf einen Körper, der, Resultat gewöhnlicher chemischer Vorgänge, sich von allen andern dadurch unterscheidet daß er sich selbst vollziehender, permanenter chemischer Prozeß ist — das Eiweiß. Gelingt es der Chemie, dies Eiweiß in der Bestimmtheit darzustellen, in der es offenbar entstanden, ein s.g. Proto- 5 plasma, der Bestimmtheit oder vielmehr Unbestimmtheit worin es alle andern Formen des Eiweißes potentiell in sich enthält (wobei nicht nöthig anzunehmen daß es nur Einerlei Protoplasma gibt) so ist der dialektische Übergang auch real dargethan, also vollständig. Bis dahin bleibt’s beim Denken alias der Hypothese. Indem die Chemie das Eiweiß erzeugt, greift 10 der chemische Prozeß über sich selbst hinaus wie oben der mechanische, d. h. er gelangt in ein umfassenderes Gebiet, das des Organismus. Die Physiologie ist allerdings die Physik und besonders die Chemie des lebenden Körpers, aber damit hört sie auch auf speciell Chemie zu sein, beschränkt einerseits ihren Umkreis aber erhebt sich auch darin zu einer höheren Potenz. 15
[161]
[Über die „mechanische“ Naturauffassung]
Note 2.
Zu S. 46: die verschiedenen Formen der Bewegung und die sie behandelnden Wissenschaften.	20
Seit obiger Artikel erschien (Vorwärts, 9.Febr. 1877) hat Kekule (die wis-sensch. Ziele und Leistungen der Chemie) Mechanik, Physik und Chemie ganz ähnlich bestimmt: „Wenn diese Vorstellung über das Wesen der Materie zu Grund gelegt wird, so wird man die Chemie als die Wissenschaft der Atome und die Physik als die Wissenschaft der Molekeln definiren dürfen, 25 und es liegt dann nahe, denjenigen Theil der heutigen Physik, der von den Massen handelt, als besondre Disziplin loszulösen und für ihn den Namen Mechanik zu reserviren. Die Mechanik erscheint so als Grundwissenschaft der Physik und Chemie, insofern beide ihre Molekeln und resp. Atome bei gewissen Betrachtungen und namentlich Rechnungen als Massen zu be- 30 handeln haben.“ Diese Fassung unterscheidet sich, wie man sieht, von der im Text und der vorigen Note gegebnen nur durch etwas geringere Bestimmtheit. Wenn aber eine englische Zeitschrift (Nature), Kekule’s obigen Satz dahin übertrug, daß die Mechanik die Statik und Dynamik der Massen, die Physik die Statik und Dynamik der Moleküle, die Chemie die Statik und 35 Dynamik der Atome sei, so scheint mir diese unbedingte Reduktion sogar der chemischen Vorgänge auf bloß mechanische das Feld wenigstens der Chemie ungebührlich zu verengern. Und doch ist sie so sehr Mode, daß z. B.
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bei Häckel „mechanisch“ und „monistisch“ fortwährend als gleichbedeutend gebraucht werden und nach ihm „die heutige Physiologie ... auf ihrem Gebiet nur physikalisch-chemische — oder im weiteren Sinn mechanische — Kräfte wirken läßt“. (Perigenesis)
Wenn ich zunächst die Physik die Mechanik der Moleküle, die Chemie die Physik der Atome und dann weiterhin die Biologie die Chemie des Eiweißes nenne, so will ich damit den Übergang der Einen dieser Wissenschaften in die andre, also sowohl den Zusammenhang, die Continuität wie den Unterschied, die Diskretion Beider ausdrücken. Weiter zu gehn, die Chemie als ebenfalls eine Art Mechanik auszudrücken erscheint mir unstatthaft. Die Mechanik — weitere oder engere — kennt nur Quantitäten, sie rechnet mit Geschwindigkeiten, Massen, und höchstens Volumen. Wo ihr die Qualität der Körper in den Weg kommt, wie in der Hydrostatik und Aerostatik, kann sie ohne Eingehn auf Molekularzustände und Molekularbewegungen nicht fertig werden, ist sie selbst nur noch Hülf swissenschaft, Voraussetzung der Physik. In der Physik aber und noch mehr in der Chemie findet aber nicht nur fortwährende qualitative Änderung statt in Folge quantitativer Änderungen, Umschlag von Quantität in Qualität, sondern auch sind eine Menge qualitativer Änderungen zu betrachten, deren Bedingtheit durch quantitative Veränderung keineswegs erwiesen ist. Daß die gegenwärtige Strömung der Wissenschaft in dieser Richtung sich bewegt, kann gern zugegeben werden, beweist aber nicht daß sie die ausschließlich richtige ist; daß die Verfolgung dieser Strömung die Physik und Chemie erschöpfen wird. Alle Bewegung schließt mechanische Bewegung, Ortsveränderung größter oder kleinster Theile der Materie in sich und erste Aufgabe, aber auch nur erste der Wissenschaft, ist diese zu erkennen. Aber diese Mechanische Bewegung erschöpft nicht die Bewegung überhaupt. Bewegung ist nicht bloß Ortsveränderung, sie ist auf den übermechanischen Gebieten auch Qualitätsänderung. Die Entdeckung daß Wärme eine Molekularbewegung, war epochemachend. Aber wenn ich von der Wärme weiter nichts zu sagen weiß als daß sie eine gewisse Ortsveränderung der Moleküle ist, so schweige ich am besten still. Die Chemie scheint auf dem besten Wege, aus dem Verhältniß der Atomvolume zu den Atomgewichten eine ganze Reihe der chemischen und physikalischen Eigenschaften der Elemente zu erklären. Kein Chemiker aber wird behaupten, daß die sämmtlichen Eigenschaften eines Elements durch seine Stellung in der Kurve Lothar Meyers erschöpfend ausgedrückt, daß allein damit z. B. die eigenthümliche Beschaffenheit des Kohlenstoffs, die ihn zum wesentlichen Träger des organischen Lebens macht, oder die Nothwendigkeit des Phosphors im Gehirn je zu erklären sein werde. Und doch läuft die „mechanische“ Auffassung auf nichts andres hinaus. Sie erklärt alle Veränderung aus Orts Veränderung, alle qualitativen Unter-
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schiede aus quantitativen, und übersieht daß das Verhältniß von Qualität und Quantität reciprok ist, daß Qualität ebensogut in Quantität umschlägt, wie Quantität in Qualität, daß eben Wechselwirkung stattfindet. Wenn alle Unterschiede und Änderungen der Qualität auf quantitative Unterschiede und Änderungen, auf mechanische Ortsveränderung zu reduziren sind, dann 5 kommen wir mit Nothwendigkeit zu dem Satz daß alle Materie aus identischen kleinsten Theilchen besteht, und alle qualitativen Unterschiede der chemischen Elemente der Materie verursacht sind durch quantitative Unterschiede in der Zahl und örtlichen Gruppirung dieser kleinsten Theilchen zu Atomen. Soweit sind wir aber noch nicht.	10
Es ist die Unbekanntschaft unsrer heutigen Naturforscher mit andrer Philosophie als der ordinärsten Vulgärphilosophie, wie sie heute an den deutschen Universitäten grassirt, die es ihnen erlaubt in dieser Weise mit Ausdrücken wie „mechanisch“ zu hantieren ohne daß sie sich Rechenschaft geben oder nur ahnen welche Schlußfolgerungen sie sich damit nothwendig 15 aufladen. Die Theorie von der absoluten qualitativen Identität der Materie hat ja ihre Anhänger — sie ist empirisch ebensowenig widerlegbar wie beweisbar. Wenn man aber die Leute fragt die alles „mechanisch“ erklären wollen, ob sie sich dieser Schlußfolgerung bewußt sind und die Identität der Materie acceptiren, wie viel verschiedne Antwort wird man hören!	20
Das Komischste ist daß die Gleichsetzung von „materialistisch“ und „mechanisch“ von Hegel herrührt, der den Materialismus durch den Zusatz „mechanisch“ verächtlich machen will. Nun war der von Hegel kritisirte Materialismus — der französische des 18. Jhdts — in der That ausschließlich mechanisch — und zwar aus dem sehr natürlichen Grund weil damals Physik, 25 Chemie und Biologie noch in den Windeln lagen, und weit entfernt davon waren, die Basis einer allgemeinen Naturanschauung bieten zu können. Ebenfalls entlehnt Häckel die Übersetzung causae efficientes = mechanisch wirkende Ursachen und causae finales = zweckmäßig wirkende Ursachen, von Hegel, wo Hegel also mechanisch = blindwirkend, unbewußt wirkend, 30 setzt, nicht = mechanisch im Häckelschen Sinn. Dabei ist dieser ganze Gegensatz für Hegel selbst sosehr überwundner Standpunkt daß er ihn in keiner seiner beiden Darstellungen der Kausalität in der Logik auch nur erwähnt— sondern nur in der Gesch. d. Phil, da wo er historisch vorkommt (Also reines Mißverständniß Häckel’s aus Oberflächlichkeit!) und ganz ge- 35 legentlich bei der Teleologie (Logik, III, 11,3) als Form erwähnt in der die alte Metaphysik den Gegensatz von Mechanismus und Teleologie gefaßt, sonst aber als längst überwundner Standpunkt behandelt. Häckel hat also falsch abgeschrieben in seiner Freude, eine Bestätigung seiner „mechanischen“ Auffassung zu finden und kommt damit zu dem schönen Resultat, 40 daß, wenn an einem Thier oder einer Pflanze durch Naturzüchtung eine
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bestimmte Veränderung hervorgerufen, dies durch causa efficiens, wenn dieselbe Veränderung durch künstliche Züchtung, dies durch causa finalis bewirkt! Der Züchter causa finalis! Ein Dialektiker vom Kaliber Hegel’s konnte sich freüich nicht in dem engen Gegensatz von causa efficiens und causa finalis im Kreise herumtreiben. Und für den heutigen Standpunkt ist dem ganzen ausweglosen Gekohl über diesen Gegensatz damit ein Ende gemacht, daß wir aus Erfahrung und Theorie wissen daß die Materie wie ihre Daseinsweise die Bewegung unerschaffbar und also ihre eigne Endursache sind; während den in der Wechselwirkung der Bewegung des Universums sich momentan und lokal isolirenden oder von unsrer Reflexion isolirten Einzelursachen durchaus keine neue Bestimmung sondern nur ein verwirrendes Element hinzugefügt wird wenn wir sie wirkende Ursachen nennen. Eine Ursache die nicht wirkt ist keine.
NB. Die Materie als solche ist eine reine Gedankenschöpfung und Abstraktion. Wir sehen von den qualitativen Verschiedenheiten der Dinge ab indem wir sie als körperlich existirende unter d[en] Begriff Materie zusammenfassen. Materie als solche, im Unterschied von den Bestimmten, exi-stirenden Materien, ist also nichts Sinnlich-Existirendes. Wenn die Naturwissenschaft darauf ausgeht, die einheitliche Materie, als solche aufzusuchen, die qualitativen Unterschiede auf bloß quantitative Verschiedenheit der Zusammensetzung identischer kleinster Theilchen zu reduziren, so thut sie dasselbe wie wenn sie statt Kirschen, Birnen, Äpfel das Obst als solches, statt Katzen, Hunde, Schafe etc. das Säugethier als solches zu sehen verlangt, das Gas als solches, das Metall als solches, den Stein als solchen, die chemische Zusammensetzung als solche, die Bewegung als solche. Die D[arwin]sche Theorie fordert ein solches Ursäugethier, Promammale Häckel, muß aber gleichzeitig zugeben daß wenn es im Keim alle künftigen und jetzigen Säugethiere in sich enthielt, es in Wirklichkeit allen jetzigen Säugethieren untergeordnet und urroh war, und daher vergänglicher als sie alle. Wie schon Hegel Enc. 1,199 nachgewiesen ist diese Anschauung, dieser „einseitig mathematische Standpunkt“, auf der die Materie als nur quantitativ bestimmbar aber qualitativ ursprünglich gleich angesehn wird, „kein andrer Standpunkt als der des“ französischen Materialismus des 18. Jhdts. Es ist sogar Rückschritt zu Pythagoras der schon die Zahl, die quantitative Bestimmtheit, als das Wesen der Dinge auffaßte.
[178]
Umschlag von Quantität in Qualität = „mechanische“ Weltanschauung, quantitative Veränderung ändert Qualität. Das haben die Herren nie gerochen!
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[Plan 1880]
1.	Bewegung im Allgemeinen.
2.	Attraktion und Repulsion Übertragung von Bewegung.	5
3.	Erhaltung der Energie hierauf angew[andt] Repulsion + Attraktion
- Zutritt von Repulsion = Energie,
4.	Schwere — Himmelskörper — irdische Mechanik.
5.	Physik. Wärme. Elektricität. —
6.	Chemie	10
7.	Resüme
a)	Vor 4: Mathematik] unendliche Linie + und - gleich
b)	bei Astronomie: Arbeitsleistung durch Fluthwelle.
Doppelrechnung bei H[elmholtz] 2, 120.	15
Kräfte	- H.	2, 190.
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[Grundformen der Bewegung]
Bewegung, in dem allgemeinsten Sinn, in dem sie als Daseinsweise, als inhärentes Attribut der Materie gefaßt wird, begreift alle im Universum vorgehenden Veränderungen und Prozesse in sich, von der bloßen Ortsveränderung bis zum Denken. Die Untersuchung über die Natur der Bewegung mußte selbstredend von den niedrigsten, einfachsten Formen dieser Bewegung ausgehn und diese begreifen lernen, ehe sie in der Erklärung der höheren und verwickelten Formen etwas leisten konnte. So sehen wir wie in der geschichtlichen Entwicklung der Naturwissenschaften die Theorie der einfachen Ortsveränderung, die Mechanik der Weltkörper wie der irdischen Massen zuerst ausgebildet wird; ihr folgt die Theorie der Molekularbewegung, die Physik, und gleich hinter, fast neben ihr und stellenweise ihr voraus, die Wissenschaft von der Bewegung der Atome, die Chemie. Erst nachdem diese verschiednen Zweige der Erkenntniß der die leblose Natur beherrschenden Bewegungsformen einen hohen Grad der Ausbildung erreicht, konnte die Erklärung der den Lebensprozeß darstellenden Bewegungsvorgänge mit Erfolg angefaßt werden. Sie schritt fort im Verhältniß wie Mechanik, Physik, Chemie fortschritten. Während also die Mechanik schon seit längerer Zeit im Stande war, im thierischen Körper die Wirkungen der durch Muskelzusammenziehung in Bewegung gesetzten Knochenhebel genügend auf ihre auch in der unbelebten Natur geltenden Gesetze zurückzuführen, steht die physikalisch-chemische Begründung der übrigen Lebenserscheinungen noch so ziemlich am Anfang ihrer Laufbahn. Wenn wir hier also die Natur der Bewegung untersuchen, so sind wir gezwungen, die organischen Bewegungsformen aus dem Spiel zu lassen. Wir beschränken uns daher nothgedrungen — dem Stand der Wissenschaft gemäß — auf die Bewegungsformen der unbelebten Natur.
Alle Bewegung ist mit irgend welcher Ortsveränderung verbunden, sei es
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nun Ortsveränderung von Weltkörpern, von irdischen Massen, von Molekülen, Atomen oder Aethertheilchen. Je höher die Bewegungsform, desto geringer wird diese Orts Veränderung. Sie erschöpft die Natur der betreffenden Bewegung in keiner Weise, aber sie ist untrennbar von ihr. Sie ist also vor allen Dingen zu untersuchen.	5
Die ganze uns zugängliche Natur bildet ein System, einen Gesammt-zusammenhang von Körpern, und zwar verstehn wir hier unter Körpern alle materiellen Existenzen, vom Gestirn bis zum Atom, ja bis zum Aethertheilchen, soweit dessen Existenz zugegeben. Darin, daß diese Körper in einem Zusammenhang stehn, liegt schon einbegriffen daß sie auf einander ein- 10 wirken, und diese ihre gegenseitige Einwirkung ist eben die Bewegung. Es zeigt sich hier schon, daß Materie undenkbar ist ohne Bewegung. Und wenn uns weiter die Materie gegenüber steht als etwas Gegebnes, ebenso sehr Unerschaffbares wie Unzerstörbares, so folgt daraus, daß auch die Bewegung so unerschaffbar wie unzerstörbar ist. Diese Folgerung wurde 15 unabweisbar, sobald einmal das Universum als ein System, als ein Zusammenhang von Körpern erkannt war. Und da diese Erkenntniß von der Philosophie gewonnen wurde, lange bevor sie in der Naturwissenschaft wirksame Geltung gewann, so ist es erklärlich, warum die Philosophie volle 200 Jahre vor der Naturwissenschaft den Schluß auf die Unerschaffbarkeit 20 und Unzerstörbarkeit der Bewegung zog. Selbst die Form, in der sie es that, ist der heutigen naturwissenschaftlichen Formulirung noch immer überlegen. Der Descartessche Satz daß die Menge der im Universum vorhandnen Bewegung stets dieselbe sei, fehlt nur formell, in der Anwendung eines endlichen Ausdrucks auf eine unendliche Größe. Dagegen gelten in der Natur- 25 Wissenschaft jetzt zwei Ausdrücke desselben Gesetzes: der Helmholtzsche von der Erhaltung der Kraft, und der neuere, präcisere von der Erhaltung der Energie, wovon der Eine, wie wir sehen werden, das grade Gegentheil vom andern besagt und wovon zudem Jeder nur die eine Seite des Verhältnisses ausspricht.	30
Wenn zwei Körper auf einander wirken, sodaß eine Ortsveränderung eines derselben oder Beider die Folge ist, so kann diese Ortsveränderung nur bestehn in einer Annäherung oder einer Entfernung. Entweder ziehen sie einander an, oder sie	35
stoßen einander ab. Oder, wie sich die Mechanik ausdrückt, die zwischen ihnen wirksamen Kräfte sind central, wirken in der Richtung der Verbindungslinie ihrer Mittelpunkte. Daß dies geschieht, stets und ausnahmslos im Universum geschieht,	40
so komplicirt auch manche Bewegungen erschei-
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nen, gilt uns heutzutage als selbstverständlich. Es würde uns widersinnig vorkommen, anzunehmen daß zwei auf einander wirkende Körper, deren gegenseitiger Einwirkung kein Hinderniß oder keine Einwirkung dritter Körper entgegensteht, diese Einwirkung anders ausüben sollten als auf dem kürzesten und direktesten Wege, in der Richtung der ihre Mittelpunkte verbindenden Geraden. Bekanntlich hat aber Helmholtz (Erhaltung der Kraft, Berlin 1847, Abschn. I und II) auch den mathematischen Beweis geliefert, daß centrale Wirkung und Unveränderlichkeit der Bewegungsmenge sich gegenseitig bedingen, und daß die Annahme andrer als centraler Wirkungen zu Resultaten führt, bei denen Bewegung entweder erschaffen oder vernichtet werden könnte. Die Grundform aller Bewegung ist hiernach Annäherung und Entfernung, Zusammenziehung und Ausdehnung—kurz, der alte polare Gegensatz von
Kant p. 22 daß die 3 Raumdimensionen bedingen daß diese Attraktion oder Repulsion nach dem umgekehrten Quadrat der Entfernung geschieht.
Attraktion und Repulsion.
Ausdrücklich zu merken: Attraktion und Repulsion werden hier nicht gefaßt als sogenannte „Kräfte“, sondern als einfache Formen der Bewegung. Wie denn schon Kant die Materie aufgefaßt hat als die Einheit von Attraktion und Repulsion. Was es mit den „Kräften“ auf sich hat, wird sich seiner Zeit zeigen.
In dem Wechselspiel von Attraktion und Repulsion besteht alle Bewegung. Sie ist aber nur möglich, wenn jede einzelne Attraktion kompensirt wird durch eine entsprechende Repulsion an andrer Stelle. Sonst müßte die eine Seite mit der Zeit das Übergewicht erhalten über die andre, und damit hörte die Bewegung schließlich auf. Also müssen sich alle Attraktionen und alle Repulsionen im Universum gegenseitig aufwiegen. Das Gesetz von der Unzerstörbarkeit und Uner schaff bar keit der Bewegung erhält hiermit den Ausdruck, daß jede Attraktionsbewegung im Universum durch eine gleich-werthige Repulsionsbewegung ergänzt werden muß und umgekehrt; oder, wie die ältere Philosophie — lange vor der naturwissenschaftlichen Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft resp. Energie — dies aussprach: daß die Summe aller Attraktionen im Weltall gleich ist der Summe aller Repulsionen.
Hier scheinen indeß zwei Möglichkeiten noch immer offen, daß alle Bewegung einmal aufhöre, nämlich entweder dadurch, daß Repulsion und Attraktion sich endlich einmal thatsächlich ausgleichen, oder dadurch daß
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die gesammte Repulsion sich eines Theils der Materie endgültig bemächtigt und die gesammte Attraktion des übrigen Theils. Für die dialektische Auffassung können diese Möglichkeiten von vorn herein nicht existiren. Sobald die Dialektik einmal aus den Resultaten unsrer bisherigen Naturerfahrung nachgewiesen hat daß alle polaren Gegensätze überhaupt bedingt sind durch 5 das wechselnde Spiel der Beiden entgegengesetzten Pole auf einander, daß die Trennung und Entgegensetzung dieser Pole nur besteht innerhalb ihrer Zusammengehörigkeit und Vereinigung und umgekehrt ihre Vereinigung nur in ihrer Trennung, ihre Zusammengehörigkeit nur in ihrer Entgegensetzung, kann weder von einer endgültigen Ausgleichung von Repulsion und Attrak- 10 tion, noch von einer endgültigen Vertheilung der einen Bewegungsform auf die eine, der andern auf die andre Hälfte der Materie, also weder von der gegenseitigen Durchdringung noch von der absoluten Scheidung beider Pole die Rede sein. Es wäre ganz dasselbe als wollte man im ersten Fall verlangen, der Nordpol und der Südpol eines Magnets sollten sich gegen und durch 15 einander ausgleichen, und im zweiten Fall, die Durchfeilung eines Magnets in der Mitte zwischen beiden Polen solle hier eine Nordhälfte ohne Südpol, dort eine Südhälfte ohne Nordpol her stellen. Wenn aber auch die Unzulässigkeit solcher Annahmen schon aus der dialektischen Natur des polaren Gegensatzes folgt, so spielt doch, Dank der herrschenden metaphy- 20 sischen Denkweise der Naturforscher, wenigstens die zweite Annahme in der physikalischen Theorie eine gewisse Rolle. Hiervon wird an seinem Ort die Rede sein.
Wie stellt sich nun die Bewegung dar in der Wechselwirkung von Attraktion und Repulsion? Dies untersuchen wir am besten an den einzelnen 25 Formen der Bewegung selbst. Das Facit wird sich dann am Schluß ergeben.
Nehmen wir die Bewegung eines Planeten um seinen Centralkörper. Die gewöhnliche Schulastronomie erklärt die beschriebne Ellipse mit Newton aus der Zusammenwirkung zweier Kräfte, der Attraktion des Centralkörpers und einer den Planeten normal zur Richtung dieser Attraktion forttreibenden 30 Tangentialkraft. Sie nimmt also außer der central vor sich gehenden Bewegungsform noch eine andre, senkrecht zur Verbindungslinie der Mittelpunkte erfolgende Bewegungsrichtung oder sogenannte „Kraft“ an. Sie setzt sich damit in Widerspruch mit dem oben erwähnten Grundgesetz, wonach in unserm Universum alle Bewegung nur in der Richtung der Mittelpunkte 35 der auf einander einwirkenden Körper stattfinden kann oder wie man sich ausdrückt, nur durch central wirkende Kräfte verursacht wird. Sie bringt ebendamit ein Bewegungselement in die Theorie, das wie wir ebenfalls sahen, nothwendig auf die Erschaffung und Vernichtung von Bewegung hinausläuft und daher auch einen Schöpfer voraussetzt. Es kam also darauf 40 an, diese geheimnißvolle Tangentialkraft auf eine central vor sich gehende
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Bewegungsform zu reduziren, und dies that die Kant-Laplacesche kos-mogonische Theorie. Bekanntlich läßt diese Auffassung das ganze Sonnensystem aus einer rohrenden, äußerst verdünnten Gasmasse durch all-mählige Zusammenziehung entstehn, wobei am Aequator dieses Gasballs die Rotationsbewegung selbstredend am stärksten ist und einzelne Gasringe von der Masse losreißt, die sich dann zu Planeten, Planetoiden etc. zusammenballen, und den Centralkörper in der Richtung der ursprünglichen Rotation umkreisen. Diese Rotation selbst wird gewöhnlich erklärt aus der Eigenbewegung der einzelnen Gastheilchen, die in den verschiedensten Richtungen erfolgt, wobei aber schließlich ein Überschuß in einer bestimmten Richtung sich durchsetzt und so die drehende Bewegung verursacht, die mit dem Fortschritt der Zusammenziehung des Gasballs immer stärker werden muß. Welche Hypothese man aber auch über den Ursprung der Rotation annimmt, mit einer jeden ist die Tangentialkraft beseitigt, aufgelöst in eine besondre Erscheinungsform einer in centraler Richtung erfolgenden Bewegung. Wenn das eine, direkt centrale Element der Planetenbewegung durch die Schwere, die Attraktion zwischen ihm und dem Centralkörper dargestellt wird, so erscheint nun das andre, tangentielle Element als ein Rest, in übertragner oder verwandelter Form, der ursprünglichen Repulsion der einzelnen Theilchen des Gasballs. Der Daseinsprozeß eines Sonnensystems stellt sich nun dar als ein Wechselspiel von Attraktion und Repulsion, in welchem die Attraktion allmählig mehr und mehr die Oberhand dadurch bekommt, daß die Repulsion in der Form von Wärme in den Weltraum ausgestrahlt wird, dem System also mehr und mehr verloren geht.
Man sieht auf den ersten Blick daß die Bewegungsform die hier als Repulsion gefaßt ist, dieselbe ist die von der modernen Physik als „Energie“ bezeichnet wird. Durch die Zusammenziehung des Systems und die daraus folgende Sonderung der einzelnen Körper aus denen es heute besteht, hat das System „Energie“ verloren, und zwar beträgt dieser Verlust nach der bekannten Rechnung von Helmholtz jetzt schon 453/454 der ganzen, ursprünglich darin in der Form von Repulsion vorhandenen Bewegungsmenge.
Nehmen wir ferner eine körperliche Masse auf unsrer Erde selbst. Sie ist mit der Erde verbunden durch die Schwere, wie die Erde ihrerseits mit der Sonne; aber ungleich der Erde, ist sie einer freien planetarischen Bewegung unfähig. Sie kann nur bewegt werden durch Anstoß von Außen, und auch dann, sobald der Anstoß aufhört, kommt ihre Bewegung bald zum Stillstand, sei es durch die Wirkung der Schwere allein, sei es durch sie in Verbindung mit dem Widerstand des Mittels in dem sie sich bewegt. Auch dieser Widerstand ist in letzter Instanz eine Wirkung der Schwere, ohne die die Erde kein widerstehendes Mittel, keine Atmosphäre an ihrer Oberfläche haben würde.
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Wir haben also in der rein mechanischen Bewegung auf der Erdoberfläche zu thun mit einer Lage, in der die Schwere, die Attraktion entschieden vorherrscht, wo also die Herstellung von Bewegung die beiden Phasen zeigt: zuerst der Schwere entgegen zu wirken, und dann die Schwere wirken zu lassen — in einem Wort: Heben und fallen lassen.	5
Wir haben also wieder die Wechselwirkung zwischen der Anziehung auf der einen, und einer in entgegengesetzter Richtung zur ihrigen erfolgenden, also repellirenden Bewegungsform auf der andern Seite. Nun kommt aber innerhalb des Gebiets der irdischen reinen Mechanik (die mit Massen von gegebnen, für sie unveränderlichen Aggregat- und Cohäsionszuständen 10 rechnet) diese repellirende Bewegungsform nicht in der Natur vor. Die physikalischen und chemischen Bedingungen unter denen ein Felsblock sich von der Bergkuppe losreißt oder unter denen ein Wassergefälle möglich wird, liegen außerhalb ihres Bereichs. Die repellirende, hebende Bewegung muß also in der irdischen reinen Mechanik künstlich erzeugt werden: durch 15 Menschenkraft, Thierkraft, Wasserkraft, Dampfkraft usw. Und dieser Umstand, diese Nothwendigkeit die natürliche Anziehung künstlich zu bekämpfen, ruft bei den Mechanikern die Anschauung hervor, daß die Anziehung, die Schwere, oder wie sie sagen die Schwerkraft, die wesentlichste, ja die Grundbewegungsform in der Natur ist.	20
Wenn z.B. ein Gewicht gehoben wird und durch seinen direkten oder indirekten Fall andren Körpern Bewegung mittheilt, so ist es nach der üblichen mechanischen Auffassung nicht die Hebungdes Gewichts, die diese Bewegung mittheilt, sondern die Schwerkraft. So läßt z. B. Helmholtz „die uns am besten bekannte und einfachste Kraft, die Schwere, als Triebkraft 25 wirken ... z.B. in denjenigen Wanduhren welche durch ein Gewicht getrieben werden. Das Gewicht... kann dem Zuge der Schwere nicht folgen ohne das ganze Uhrwerk in Bewegung zu setzen“. Aber es kann das Uhrwerk nicht in Bewegung setzen ohne selbst zu sinken, und sinkt endlich so weit bis die Schnur an der es hängt, ganz abgewickelt ist. „Dann bleibt die Uhr 30 stehn, dann ist die Leistungsfähigkeit ihres Gewichts vorläufig erschöpft. Seine Schwere ist nicht verloren oder vermindert, es wird nach wie vor in gleichem Maß von der Erde angezogen, aber die Fähigkeit dieser Schwere, Bewegung hervorzubringen, ist verloren gegangen ... Wir können die Uhr aber aufziehn durch die Kraft unsers Arms, wobei das Gewicht wieder 35 emporgehoben wird. Sowie das geschehn ist, hat es seine frühere Leistungsfähigkeit wieder erlangt und kann die Uhr wieder in Bewegung erhalten.“ (Helmholtz, Popul. Vorträge, II, 144.)
Nach Helmholtz ist es also nicht die aktive Bewegungsmittheilung, das Heben des Gewichts, die die Uhr in.Bewegung setzt, sondern die passive 40 Schwere des Gewichts, obwohl diese selbe Schwere erst durch das Heben
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aus ihrer Passivität herausgerissen wird und auch nach Ablauf der Gewichtsschnur wieder in ihre Passivität zurücktritt. War also nach der neueren Auffassung, wie wir so eben sahen, Energie nur ein andrer Ausdruck für Repulsion, so erscheint hier in der älteren, Helmholtzschen, Kraft als ein andrer Ausdruck für das Gegentheil der Repulsion, für Attraktion. Wir konstatiren dies einstweilen.
Wenn nun der Prozeß der irdischen Mechanik sein Ende erreicht hat, wenn die schwere Masse zuerst gehoben und dann wieder um dieselbe Höhe gefallen ist, was wird aus der Bewegung, die diesen Prozeß ausmachte? Sie ist für die reine Mechanik verschwunden. Aber wir wissen jetzt daß sie keineswegs vernichtet ist. Sie ist zum kleineren Theil in Schallwellenschwingung der Luft, zum weit größeren in Wärme umgesetzt worden — Wärme die theils der widerstehenden Atmosphäre, theils dem fallenden Körper selbst, theils endlich dem Aufschlagsboden mitgetheilt wurde. Auch das Uhrgewicht hat seine Bewegung in der Form von Reibungswärme an die einzelnen Triebräder des Uhrwerks nach und nach abgegeben. Es ist aber nicht, wie man sich wohl ausdrückt, die Fa//bewegung, d.h. die Attraktion, die in Wärme, also in eine Form der Repulsion übergegangen ist. Im Gegentheil, die Attraktion, die Schwere, bleibt, wie Helmholtz richtig bemerkt, was sie vorher war, und wird genau gesprochen sogar größer. Es ist vielmehr die dem gehobenen Körper durch die Hebung mitgetheilte Repulsion, die durch den Fall mechanisch vernichtet wird und als Wärme wieder ersteht. Massenrepulsion ist verwandelt in Molekularrepulsion.
Die Wärme ist wie schon gesagt eine Form der Repulsion. Sie versetzt die Moleküle fester Körper in Schwingungen und lockert dadurch den Zusammenhang der einzelnen Moleküle, bis endlich der Übergang in den flüssigen Zustand eintritt; sie steigert auch in diesem, bei fortdauernder Wärmezufuhr, die Bewegung der Moleküle bis zu einem Grad, wo diese sich von der Masse vollständig losreißen und mit einer für jedes Molekül durch seine chemische Konstitution bedingten, bestimmten Geschwindigkeit einzeln frei fortbewegen; bei weiter fortgesetzter Wärmezufuhr steigert sie auch diese Geschwindigkeit noch weiter und repellirt damit die Moleküle immer mehr von einander.
Wärme ist aber eine Form der sogenannten „Energie“; diese erweist sich auch hier wieder als identisch mit der Repulsion.
Bei den Erscheinungen der statischen Elektricität und des Magnetismus haben wir Attraktion und Repulsion polarisch vertheilt. Welche Hypothesen man auch gelten lassen möge in Beziehung auf den modus operandi dieser Beiden Bewegungsformen, so zweifelt doch Angesichts der Thatsachen kein Mensch daran, daß Attraktion und Repulsion, soweit sie durch statische Elektricität oder Magnetismus hervorgerufen sind und sich ungehindert
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entfalten können, einander vollständig kompensiren. Wie dies in der That auch schon aus der Natur der polaren Vertheilung mit Nothwendigkeit folgt. Zwei Pole deren Bethätigung sich nicht vollständig kompensirt, wären eben keine Pole, und sind bisher in der Natur auch nicht aufzufinden gewesen. Den Galvanismus lassen wir hier einstweilen aus dem Spiel, weil bei ihm der 5 Prozeß durch chemische Vorgänge bedingt und dadurch verwickelt gemacht wird. Untersuchen wir daher lieber die chemischen Bewegungsvorgänge selbst.
Wenn zwei Gewichtstheile Wasserstoff sich mit 15,96 Gewichtstheilen Sauerstoff zu Wasserdampf verbinden, so entwickelt sich während dieses 10 Vorgangs eine Wärmemenge von 68924 Wärmeeinheiten. Umgekehrt, wenn 17,96 Gewichtstheile Wasserdampf in 2 Gewichtstheile Wasserstoff und 15,96 Gewichtstheile Sauerstoff zerlegt werden sollen, so ist dies nur möglich unter der Bedingung daß dem Wasserdampf eine Bewegungsmenge zugeführt wird, die mit 68924 Wärmeeinheiten gleichwerthig ist — sei es in 15 der Form von Wärme selbst oder von elektrischer Bewegung. Dasselbe gilt von allen andern chemischen Prozessen. In der sehr großen Mehrzahl der Fälle wird bei der Zusammensetzung Bewegung abgegeben, bei der Zerlegung muß Bewegung zugeführt werden. Auch hier ist die Repulsion in der Regel die aktive, mit Bewegung begabtere oder Bewegungszufuhr hei- 20 sehende, die Attraktion die passive, Bewegung überflüssig machende und abgebende Seite des Prozesses. Daher auch die moderne Theorie wieder erklärt, im Ganzen und Großen werde bei der Vereinigung von Elementen Energie frei, bei der Zerlegung werde sie gebunden. Energie steht hier also wieder für Repulsion. Und wieder erklärt Helmholtz: „Diese Kraft (die 25 chemische Verwandtschaftskraft) können wir uns als eine Anziehungskraft vorstellen ... Diese Anziehungskraft nun zwischen den Atomen des Kohlenstoffs und des Sauerstoffs leistet grade so gut Arbeit wie die, welche die Erde in der Form der Schwere auf ein gehobenes Gewicht ausübt. ... Wenn Kohlenstoff- und Sauerstoffatome auf einander losgestürzt sind und 30 sich zu Kohlensäure vereinigt haben, so müssen die neugebildeten Theilchen der Kohlensäure in heftigster Molekularbewegung sein, das heißt in Wärmebewegung. ... Wenn sie später ihre Wärme an die Umgebung abgegeben hat, so haben wir in der Kohlensäure noch den ganzen Kohlenstoff, noch den ganzen Sauerstoff und auch noch die Verwandtschaftskraft Beider 35 ebenso kräftig wie vorher bestehn. Aber letztere äußert sich jetzt nur noch darin daß sie die Kohlenstoff- und Sauerstoffatome fest an einander heftet ohne eine Trennung derselben zu gestatten.“ (1. c. 169.) Es ist ganz wie vorhin: Helmholtz besteht darauf daß in der Chemie wie in der Mechanik die Kraft nur in der Attraktion bestehe und also das grade Gegentheil von dem 40 sei, was bei andern Physikern Energie heißt und identisch ist mit der Repulsion.
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Wir haben jetzt also nicht mehr die beiden einfachen Grundformen der Attraktion und Repulsion, sondern eine ganze Reihe von Unterformen, in denen der im Gegensatz jener beiden sich ab- und aufwickelnde Prozeß der universellen Bewegung vor sich geht. Es ist aber keineswegs bloß unser Verstand, der diese mannichfachen Erscheinungsformen unter dem Einen Ausdruck der Bewegung zusammenfaßt. Im Gegentheil, sie selbst beweisen sich durch die That als Formen einer und derselben Bewegung, indem sie unter Umständen die eine in die andre übergehn. Mechanische Massenbewegung geht über in Wärme, in Elektricität, in Magnetismus; Wärme und Elektricität gehen über in chemische Zersetzung; chemische Vereinigung ihrerseits entwickelt wieder Wärme und Elektricität, und vermittelst dieser letzteren Magnetismus; und endlich produciren Wärme und Elektricität wiederum mechanische Massenbewegung. Und zwar der Art, daß einer Bestimmten Bewegungsmenge der einen Form stets eine genau bestimmte Bewegungsmenge der andern Form entspricht; wobei es wieder gleichgültig ist welcher Bewegungsform die Maßeinheit entlehnt ist, an der diese Bewegungsmenge gemessen wird; ob sie zur Messung von Massenbewegung, von Wärme, von s. g. elektromotorischer Kraft, oder von der bei chemischen Vorgängen umgesetzten Bewegung dient.
Wir stehn hiermit auf dem Boden der von J. R. Mayer 1842 begründeten*0 und seitdem mit so glänzendem Erfolg international ausgearbeiteten Theorie von der „Erhaltung der Energie“ und haben nun die Grundvorstellungen zu untersuchen, mit denen diese Theorie heutzutage operirt. Dies sind die Vorstellungen von „Kraft“ oder „Energie“ und von „Arbeit“.
Es hat sich schon oben gezeigt daß die neuere jetzt wohl ziemlich allgemein angenommene Anschauung unter Energie die Repulsion versteht, während Helmholtz mit dem Wort Kraft vorzugsweise die Attraktion aus-
x) In den Pop. Vorles. II. S. 113 scheint Helmholtz, außer Mayer, Joule und Colding, auch sich selbst einen gewissen Antheil an der naturwissenschaftlichen Beweisführung für den Des-cartesschen Satz von der quantitativen Unveränderlichkeit der Bewegung zuzuschreiben. „Ich selbst hatte, ohne von Mayer und Colding etwas zu wissen, und mit Joule’s Versuchen erst am Ende meiner Arbeit bekannt geworden, denselben Weg betreten; ich bemühte mich namentlich, alle Beziehungen zwischen den verschiednen Naturprocessen aufzusuchen, welche aus der angegebnen Betrachtungsweise zu folgern waren, und veröffentlichte meine Untersuchungen 1847 in einer kleinen Schrift unter dem Titel: ,Über die Erhaltung der Kraft*.“ — Aber in dieser Schrift findet sich durchaus Nichts, für den Stand von 1847, Neues, außer der oben erwähnten mathematischen, übrigens sehr werthvollen, Entwicklung daß „Erhaltung der Kraft“ und centrale Wirkung der zwischen den verschiednen Körpern eines Systems thätigen Kräfte nur zwei verschiedne Ausdrücke für dieselbe Sache sind und ferner eine genauere Formulirung des Gesetzes, daß die Summe der lebendigen und Spannkräfte in einem gegebnen mechanischen System konstant sei. In allem Andern war sie seit Mayers Zweiter Abhandlung von 1845 bereits überholt. Mayer behauptet schon 1842 die „Unzerstörbarkeit der Kraft“, und weiß über die „Beziehungen zwischen den verschiednen Naturprozessen“ von seinem neuen Standpunkt aus 1845 weit genialere Dinge zu sagen als Helmholtz 1847.
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drückt. Man könnte hierin einen gleichgültigen Formunterschied sehn, da ja Attraktion und Repulsion im Universum sich kompensiren, und da es demnach gleichgültig erscheint welche Seite des Verhältnisses man positiv oder negativ setzt; wie es ja auch an sich gleichgültig ist, ob man, von einem Punkt in einer beliebigen Linie aus, die positiven Abscissen nach rechts oder nach 5 links zählt. Dies ist indeß nicht absolut der Fall.
Es handelt sich hier nämlich zunächst nicht um das Universum, sondern um Erscheinungen die auf der Erde vorgehn und bedingt sind durch die genau bestimmte Stellung der Erde im Sonnensystem, und des Sonnensystems im Weltall. Unser Sonnensystem gibt aber in jedem Augenblick enorme Mengen 10 von Bewegung an den Weltraum ab, und zwar Bewegung von ganz bestimmter Qualität: Sonnenwärme, d. h. Repulsion. Unsre Erde selbst aber ist belebt nur durch die Sonnenwärme und strahlt ihrerseits die empfangne Sonnenwärme, nachdem sie diese zum Theil in andre Bewegungsformen umgesetzt, schließlich ebenfalls in den Weltraum aus. Im Sonnensystem und ganz 15 besonders auf der Erde hat also die Attraktion schon ein bedeutendes Übergewicht über die Repulsion erhalten. Ohne die uns von der Sonne zugestrahlte Repulsionsbewegung müßte alle Bewegung auf der Erde aufhören. Wäre morgen die Sonne erkaltet, so bliebe die Attraktion auf der Erde bei sonst gleichbleibenden Umständen was sie heute ist. Ein Stein von 20 100 Kilogramm würde nach wie vor da, wo er einmal liegt, 100 Kilogramm wiegen. Aber die Bewegung, sowohl der Massen wie der Moleküle und Atome, käme zu einem nach unsern Vorstellungen absoluten Stillstand. Es ist also klar: Für Prozesse, die auf der heutigen Erde vorgehn, ist es durchaus nicht gleichgültig, ob man die Attraktion oder die Repulsion als die aktive 25 Seite der Bewegung, also als „Kraft“ oder „Energie“ auffaßt. Auf der heutigen Erde ist die Attraktion im Gegentheil bereits durch ihr entschiednes Übergewicht über die Repulsion durchaus passiv geworden; alle aktive Bewegung verdanken wir der Zufuhr von Repulsion durch die Sonne. Und daher hat die neuere Schule — wenn sie auch über die Natur des Bewegungs- 30 Verhältnisses im Unklaren bleibt — dennoch der Sache nach und für irdische Vorgänge, ja für das ganze Sonnensystem vollständig Recht wenn sie Energie als Repulsion faßt.
Der Ausdruck „Energie“ spricht zwar keineswegs das ganze Bewegungs-verhältniß richtig aus, indem er nur die eine Seite umfaßt, die Aktion, aber 35 nicht die Reaktion. Er läßt auch noch den Schein zu, als sei „Energie“ etwas der Materie Äußerliches, ihr Eingepflanztes. Aber er ist dem Ausdruck „Kraft“ unter allen Umständen vorzuziehn.
Die Vorstellung von Kraft ist wie allerseits zugegeben (von Hegel bis Helmholtz), der Bethätigung des menschlichen Organismus innerhalb seiner 40 Umgebung entlehnt. Wir sprechen von der Muskelkraft, von der Hebungs
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kraft der Arme, von der Sprungkraft der Beine, von der Verdauungskraft des Magens und Darmkanals, von der Empfindungskraft der Nerven, der Ausscheidungskraft der Drüsen usw. Mit andern Worten, um uns die Angabe der wirklichen Ursache einer durch eine Funktion unsres Organismus herbeigeführten Veränderung zu ersparen, schieben wir eine fiktive Ursache unter, eine der Veränderung entsprechende s.g. Kraft. Diese bequeme Methode übertragen wir dann auch auf die Außenwelt, und erfinden damit ebenso viel Kräfte wie es verschiedne Erscheinungen gibt.
In diesem naiven Stadium befand sich die Naturwissenschaft (mit Ausnahme etwa der himmlischen und irdischen Mechanik) noch zur Zeit HegeFs, der mit vollem Recht gegen die damalige Manier der Kräfte-Ernennung losfährt. (Stelle zu citiren). Ebenso an einer andern Stelle: „Es ist besser (zu sagen) der Magnet habe eine Seele (wie Thales sich ausdrückt), als er habe die Kraft, anzuziehen; Kraft ist eine Art von Eigenschaft, die von der Materie trennbar, als ein Prädikat vorgestellt wird — Seele hingegen dies Bewegen seiner, mit der Natur der Materie dasselbe.“ (Gesch. d. Ph. 1,208.)
So ganz leicht, wie damals, machen wir es uns nun heute mit den Kräften nicht mehr. Hören wir Helmholtz: „Wenn wir ein Naturgesetz vollständig kennen, müssen wir auch Ausnahmslosigkeit seiner Geltung fordern ... So tritt uns das Gesetz als eine objektive Macht entgegen, und demgemäß nennen wir es Kraft. Wir objektiviren z. B. das Gesetz der Lichtbrechung als eine Lichtbrechungskraft der durchsichtigen Substanzen, das Gesetz der chemischen Wahlverwandtschaften als eine Verwandtschaftskraft der verschiednen Stoffe zu einander. So sprechen wir von einer elektrischen Kontaktkraft der Metalle, von einer Adhäsionskraft, Capillarkraft und andern mehr. In diesen Namen sind Gesetze objektivirt, welche zunächst erst kleinere Reihen von Naturvorgängen umfassen, deren Bedingungen noch ziemlich verwickelt sind ... die Kraft ist nur das objektivirte Gesetz der Wirkung ... der abstrakte Begriff der Kraft, den wir einschieben, fügt nur das noch hinzu, daß wir dieses Gesetz nicht willkührlich erfunden, daß es ein zwingendes Gesetz der Erscheinungen sei. Unsre Forderung, die Naturerscheinungen zu begreifen, d. h. ihre Gesetze zu finden, nimmt so eine andre Form an, die nämlich daß wir die Kräfte aufzusuchen haben, welche die Ursachen der Erscheinungen sind.“ (1. c. S. 190, Insprucker Vortrag von 1869.)
Erstens ist es jedenfalls eine eigenthümliche Art zu „objektiviren“, wenn man in ein bereits als unabhängig von unsrer Subjektivität festgestelltes, also schon vollkommen objektives Naturgesetz die rein subjektive Vorstellung von Kraft hineinträgt. Dergleichen dürfte sich höchstens ein Althegelianer von der striktesten Observanz gestatten, nicht aber ein Neukantianer wie Helmholtz. Weder dem einmal festgestellten Gesetz noch seiner Objektivität
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oder derjenigen seiner Wirkung tritt die geringste neue Objektivität hinzu wenn wir ihm eine Kraft unterschieben; was hinzutritt, ist unsre subjektive Behauptung, daß es vermöge einer einstweilen gänzlich unbekannten Kraft wirke. Aber der geheime Sinn dieser Unterschiebung zeigt sich, sobald Helmholtz uns Beispiele gibt: Lichtbrechung, chemische Verwandtschaft, 5 Kontaktselektricität, Adhäsion, Kapillarität, und die diese Erscheinungen regelnden Gesetze in den „objektiven“ Adelstand von Kräften erhebt. „In diesen Namen sind Gesetze objektivirt, welche zunächst erst kleinere Reihen von Naturvorgängen umfassen, deren Bedingungen noch ziemlich verwik-kelt sind.“ Und eben hier erhält die „Objektivirung“, die vielmehr Sub- 10 jektivirung ist, einen Sinn: nicht weil wir das Gesetz vollständig erkannt haben, sondern eben weil dies nicht der Fall, weil wir über die „ziemlich verwickelten Bedingungen“ dieser Erscheinungen noch nichtim Klaren sind, ebendeßhalb nehmen wir hier manchmal Zuflucht zum Worte Kraft. Wir drücken also damit nicht unsre Wissenschaft, sondern unsern Mangel an 15 Wissenschaft von der Natur des Gesetzes und seiner Wirkungsweise aus. In diesem Sinn, als kurzer Ausdruck eines noch nicht ergründeten Kausalzusammenhangs, als Nothbehelf der Sprache, mag es im Handgebrauch passiren. Was darüber ist, das ist vom Übel. Mit demselben Recht wie Helmholtz physikalische Erscheinungen aus einer s. g. Lichtbrechungs- 20 kraft, elektrischen Kontaktkraft usw. erklärt, mit demselben Recht erklärten die Scholastiker des Mittelalters die Temperaturänderungen aus einer vis calorifica und einer vis frigifaciens und ersparten sich damit alle weitere Untersuchung der Wärmeerscheinungen.
Und auch in diesem Sinn hat es seine Schiefheit. Es drückt nämlich Alles 25 einseitig aus. Alle Naturvorgänge sind doppelseitig, beruhen auf dem Verhältniß von mindestens zwei wirkenden Theilen, auf Aktion und Reaktion. Die Vorstellung von Kraft, in Folge ihres Ursprungs aus der Aktion des menschlichen Organismus auf die Außenwelt und weiterhin aus der irdischen Mechanik, schließt aber ein, daß nur der eine Theil aktiv, wirkend, der andre 30 Theil aber passiv, empfangend sei, statuirt also eine bisher nicht nachweisbare Ausdehnung der Geschlechtsdifferenz auf leblose Existenzen. Die Reaktion des zweiten Theils, auf den die Kraft wirkt, erscheint höchstens als eine passive, als ein Widerstand. Nun ist diese Auffassungsweise auf einer Reihe von Gebieten auch außerhalb der reinen Mechanik zulässig, 35 nämlich da wo es sich um einfache Übertragung von Bewegung und deren quantitative Berechnung handelt. Aber schon in den verwickelteren Vorgängen der Physik reicht sie nicht mehr aus, wie grade Helmholtz’s eigne Beispiele beweisen. Die Lichtbrechungskraft liegt ebensosehr im Licht selbst wie in den durchsichtigen Körpern. Bei der Adhäsion und Kapillarität 40 liegt die „Kraft“ doch sicher ebensosehr in der festen Oberfläche wie in der
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Flüssigkeit. Bei der Kontaktselektricität ist jedenfalls soviel sicher daß beide Metalle dazu das Ihrige beitragen, und die „chemische Verwandtschaftskraft“ liegt, wenn irgendwo, jedenfalls in beiden sich verbindenden Theilen. Eine Kraft aber, die aus zwei getrennten Kräften besteht, eine Wirkung, die ihre Gegenwirkung nicht hervorruft, sondern in sich selbst faßt und trägt, ist keine Kraft im Sinn der irdischen Mechanik, der einzigen Wissenschaft in der man wirklich weiß was eine Kraft bedeutet. Denn die Grundbedingungen der irdischen Mechanik sind erstens die Weigerung, die Ursachen des Anstoßes, d. h. die Natur der jedesmaligen Kraft zu untersuchen und zweitens die Anschauung von der Einseitigkeit der Kraft, der eine an jedem Ort stets sich selbst gleiche Schwere entgegengesetzt wird, dergestalt, daß gegenüber jedem irdischen Fallraum der Erdhalbmesser = <» gilt.
Sehen wir aber weiter, wie Helmholtz seine „Kräfte“ in die Naturgesetze hinein „objektivirt“.
In einer Vorlesung von 1854 (l.c. S. 119) untersucht er den „Vorrath von Arbeitskraft“, den der Nebelball aus dem unser Sonnensystem gebildet, ursprünglich enthielt. „In der That war ihm eine ungeheuer große Mitgift in dieser Beziehung schon allein in Form der allgemeinen Anziehungskraft aller seiner Theile zu einander mitgetheilt.“ Dies ist unzweifelhaft. Ebenso unzweifelhaft aber ist, daß diese ganze Mitgift von Schwere oder Gravitation im heutigen Sonnensystem noch unverkümmert vorhanden ist; abgerechnet etwa das geringe Quantum, das mit Materie verloren ging, die möglicher Weise unwiederbringlich in den Weltraum hinaus geschleudert wurde. Weiter: „Auch die chemischen Kräfte mußten schon vorhanden sein, bereit zu wirken; aber da diese Kräfte erst bei der innigsten Berührung der verschiedenartigen Massen in Wirksamkeit treten können, mußte erst Verdichtung eingetreten sein, ehe ihr Spiel begann.“ Wenn wir wie Helmholtz oben, diese chemischen Kräfte als Verwandtschaftskräfte, also als Anziehung, fassen, so müssen wir auch hier sagen, daß die Gesammtsumme dieser chemischen Anziehungskräfte noch unvermindert innerhalb des Sonnensystems fortbesteht.
Nun aber gibt Helmholtz auf derselben Seite als das Resultat seiner Berechnung an, „daß nur noch etwa der 454ste Theil der ursprünglichen mechanischen Kraft als solche besteht“ — nämlich im Sonnensystem. Wie ist dies zu reimen? Die Anziehungskraft, allgemeine wie chemische, ist noch unversehrt im Sonnensystem vorhanden. Eine andre sichere Kraftquelle gibt Helmholtz nicht an. Allerdings haben, nach Helmholtz, jene Kräfte eine ungeheure Arbeit geleistet. Aber sie haben sich dadurch weder vermehrt noch vermindert. Wie oben dem Uhrgewicht, geht es jedem Molekül im Sonnensystem und dem ganzen Sonnensystem selbst. „Seine Schwere ist nicht verloren oder vermindert.“ Wie vorhin dem Kohlenstoff und dem
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Sauerstoff geht es allen chemischen Elementen: wir haben die sämmtliche gegebne Menge eines jeden noch immer, auch noch die gesammte „Verwandtschaftskraft eben so kräftig wie vorher bestehend“. Was haben wir denn verloren? Und welche „Kraft“ hat denn die enorme Arbeit geleistet, die 453mal so groß ist als diejenige die das Sonnensystem nach seiner 5 Berechnung noch leisten kann? Soweit gibt uns Helmholtz keine Antwort. Aber weiter sagt er:
„Ob noch ein weiterer Kraftvorrath in Gestalt von Wärme vorhanden war, wissen wir nicht.“ — Mit Verlaub. Die Wärme ist eine repulsive „Kraft“, wirkt also der Richtung der Schwere wie der chemischen Anziehung ent- 10 gegen, ist minus, wenn diese plus gesetzt werden. Wenn Helmholtz also seinen ursprünglichen Kraftvorrath aus allgemeiner und chemischer Anziehung zusammensetzt, so müßte ein Vorrath von Wärme, der außerdem noch vorhanden, nicht zu jenem Kraftvorrath hinzugezählt, sondern von ihm abgezogen werden. Sonst müßte die Sonnenwärme die Anziehungskraft der 15 Erde verstärken, wenn sie — ihr grade entgegen — Wasser verdunstet und den Dunst in die Höhe hebt; oder die Wärme eines glühenden Eisenrohrs durch das man Wasserdampf leitet, müßte die chemische Anziehung von Sauerstoff und Wasserstoff verstärken, während sie sie grade außer Thätigkeit setzt. Indem Helmholtz die Möglichkeit eines zu attraktiven Bewegungs- 20 formen hinzutretenden und ihre Summe vermehrenden Quantums von re-pulsiver Bewegung in der Form von Wärme voraussetzt, begeht er also einen entschiednen Rechnungsfehler.
Oder, um dieselbe Sache in andrer Form zu verdeutlichen. Wir nehmen an, der Nebelball von r Radius also vom Volumen 4/37tr3 habe die Tempe- 25 ratur t. Wir nehmen ferner an, ein zweiter Nebelball von gleicher Masse habe bei der höheren Temperatur T den größeren Radius R und das Volumen 4/3tcR3. Nun ist es einleuchtend, daß in dem zweiten Nebelball die Attraktion, mechanische wie physikalische und chemische, erst dann mit gleicher Kraft wirken kann wie im ersten, wenn er von Radius R auf Radius r zusammen- 30 geschrumpft ist, d.h. die der Temperaturdifferenz T— t entsprechende Wärme in den Weltraum ausgestrahlt hat. Der wärmere Nebelball wird also später zur Verdichtung kommen als der kältere, folglich ist die Wärme, als Hinderniß der Verdichtung, vom Helmholtzschen Standpunkt betrachtet, kein Plus, sondern ein Minus des „Kraftvorraths“.	35
Bringen wir nun diesen sämmtlichen „Kräftevorrath“, möglichen wie nachweisbaren, auf dasselbe Vorzeichen, damit eine Addition möglich wird. Da wir vorläufig die Wärme noch nicht umkehren, statt ihrer Repulsion die äquivalente Attraktion setzen können, so werden wir diese Umkehrung bei den beiden Anziehungsformen vornehmen müssen. Dann haben wir statt der 40 allgemeinen Anziehungskraft, statt der chemischen Verwandtschaftskraft
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und statt der außerdem möglicher Weise als solche bereits im Anfang existirenden Wärme einfach zu setzen — die Summe der im Gasball, im Moment seiner Verselbstständigung, vorhandenen Repulsionsbewegung oder sogenannten Energie. Und damit stimmt denn auch die Rechnung von Helmholtz, bei der er „die Erwärmung“ berechnen will, „welche durch die angenommene anfängliche Verdichtung der Himmelskörper unsers Systems aus nebelartigem zerstreutem Stoffe entstehen mußte“. Indem er so den ganzen „Kraftvorrath“ auf Wärme, Repulsion, reduzirt, macht er es auch möglich, den vermuthlichen „Kraftvorrath von Wärme“ hinzu zu addiren. Dann drückt die Rechnung aus, daß 453/454 aller ursprünglich im Gasball vorhandenen Energie d. h. Repulsion in Gestalt von Wärme in den Weltraum ausgestrahlt ist, oder genau gesprochen, daß die Summe aller Attraktion im heutigen Sonnensystem zur Summe aller darin noch vorhandnen Repulsion sich verhält wie 454:1. Dann widerspricht sie aber gradezu dem Text des Vortrags, dem sie als Belegstück beigefügt ist.
Wenn nun aber die Vorstellung der Kraft selbst bei einem Physiker wie Helmholtz zu solcher Begriffsverwirrung Anlaß gibt, so ist dies der beste Beweis, daß sie überhaupt wissenschaftlich unbrauchbar ist in allen Forschungszweigen die über die rechnende Mechanik hinaus gehn. In der Mechanik nimmt man die Bewegungsursachen als gegeben an und kümmert sich nicht um ihren Ursprung, sondern nur um ihre Wirkungen. Bezeichnet man also eine Bewegungsursache als eine Kraft, so thut das der Mechanik als solcher keinen Abbruch; aber man gewöhnt sich daran, diese Bezeichnung auch in die Physik, Chemie und Biologie zu übertragen, und dann ist die Konfusion unvermeidlich. Das haben wir gesehn und werden es noch öfter sehn.
Über den Begriff der Arbeit im nächsten Kapitel.
(Arbeit — Übertragung von Bewegung und ihre Formen-Zusammenfassung sind zu entwickeln)
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[Notizen und Fragmente]
[11]
Causa finalis — die Materie und ihre inhärente Bewegung. Diese Materie keine Abstraction. Schon in der Sonne die einzelnen Stoffe dissociirt und in ihren Wirkungen unterschiedslos. Aber im Gasball des Nebelflecks alle 5 Stoffe obwohl separat vorhanden, in reine Materie als solche ver-schwimmend, nur als Materie, nicht mit ihren specifischen Eigenschaften wirkend.
(Sonst schon bei Hegel der Gegensatz von causa efficiens und causa finalis 1 o in der Wechselwirkung aufgehoben)
[26]
Urmaterie: „Die Auffassung der Materie als ursprünglich vorhanden und an sich formlos ist sehr alt und begegnet uns schon bei den Griechen, zunächst in der mythischen Gestalt des Chaos welches als die formlose Grundlage der 15 existirenden Welt vorgestellt wird.“ Enc. 1,258. Dies Chaos finden wir wieder bei Laplace, und annähernd im Nebelfleck der auch nur noch einen Anfang von Form hat. Nachher kommt die Differenzirung.
[153]
Die Schwere als allgemeinste Bestimmung der Materialität landläufig an- 20 genommen. D. h. die Attraktion ist nothwendige Eigenschaft der Materie aber nicht die Repulsion. Aber Attraktion und Repulsion so untrennbar wie positiv und negativ—und daher aus der Dialektik selbst schon vorherzusagen daß die wahre Theorie der Materie der Repulsion eine ebenso wichtige Stellung anweisen muß wie der Attraktion, daß eine auf bloße Attraktion 25 gegründete Theorie der Materie falsch, ungenügend, halb ist. In der That treten Erscheinungen genug auf die dies vorausanzeigen. Der Aether ist
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schon des Lichts wegen nicht zu entbehren. Ist der Aether Materiell? Wenn er überhaupt ist, muß er materiell sein, unter den Begriff der Materie fallen. Aber er hat keine Schwere. Die Kometenschweife sind zugegeben als materiell. Sie zeigen eine gewaltige Repulsion. Die Wärme im Gas erzeugt Repulsion usw.
[123]
Attraktion und Gravitation. Die ganze Gravitations-Lehre beruht darauf zu sagen die Attraktion ist das Wesen der Materie. Dies nothwendig falsch. Wo Attraktion, muß sie durch Repulsion ergänzt werden. Ganz richtig daher schon Hegel, das Wesen der Materie sei Attraktion und Repulsion. Und in der That drängt sich die Nothwendigkeit mehr und mehr auf daß die Zerstreuung der Materie eine Gränze hat wo Attraktion in Repulsion umschlägt und umgekehrt die Verdichtung der repulsirenden Materie eine Gränze wo sie Attraktion wird.
[13]
Umschlag der Attraction in Repulsion und umgekehrt bei Hegel mystisch, aber der Sache nach hat er darin die späteren naturwissenschaftlichen Entdeckungen anticipirt. Schon im Gas Repulsion der Moleküle, noch mehr in feiner zertheilter Materie z. B. Kometenschweif wo sie sogar mit ungeheurer Kraft wirkt. Selbst darin Hegel genial daß er die Attraction als Zweites aus der Repulsion als Vorhergehendem ableitet: ein Sonnensystem wird nur gebildet durch allmähliges Vorwiegen der Attraction über ursprünglich vorherrschende Repulsion. — Ausdehnung durch Wärme = Repulsion. Kinetische Gastheorie.
[39]
Theilbarkeit der Materie. Die Frage für die Wissenschaft praktisch gleichgültig. Wir wissen daß in der Chemie eine bestimmte Gränze der Theilbarkeit besteht jenseits deren die Körper nicht mehr chemisch wirken können — Atom und daß mehrere Atome stets in Verbindung sind — Molekül. Ditto in der Physik werden wir zur Annahme gewisser — für die physikalische Betrachtung — kleinster Theilchen genöthigt deren Lagerung Form und Cohä-sion der Körper bedingt, deren Schwingungen sich in der Wärme etc. kundgeben. Ob aber das physikalische und das chemische Molekül identisch oder verschieden davon wissen wir bis jetzt nichts. — Hegel hilft sich sehr leicht über diese Frage der Theilbarkeit indem er sagt die Materie ist beides, theil-bar und kontinuirlich, und zugleich keins von beiden, was keine Antwort ist aber jetzt fast erwiesen. (S. Bogen 5,3 unten: Clausius.)
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[3]
Theilbarkeit — ein Säugethier untheilbar, dem Reptil wächst noch ein Fuß nach — die Aetherwellen theilbar und meßbar ins unendlich Kleine — jeder Körper theilbar, praktisch, innerhalb gewisser Gränzen, bei der Chemie z. B.	5
[30]
„Ihr (der Bewegung) Wesen ist die unmittelbare Einheit des Raums und der Zeit zu sein ... zur Bewegung gehört Raum und Zeit; die Geschwindigkeit, das Quantum von Bewegung ist Raum im Verhältniß zu bestimmter Zeit die verflossen ist.“ Nat. Ph. 65. „... Raum und Zeit sind mit Materie erfüllt... 10 wie es keine Bewegung ohne Materie gibt, so auch keine Materie ohne Bewegung.“ 67.
[60]
Kraft. Hegel G. d. Ph. 1,208 sagt: „es ist besser der Magnet habe eine Seele“ (wie Thales sich ausdrückt) „als er habe die Kraft anzuziehen; Kraft ist eine 15 Art von Eigenschaft, die von der Materie trennbar, als ein Prädikat vorgestellt wird, — Seele hingegen dies Bewegen seiner, mit der Natur der Materie Dasselbe“
[61]
Häckel Anthrop. 707: „Nach der materialistischen Weltanschauung ist die 20 Materie oder der Stoff f r ü h e r da als die Bewegung oder die lebendige Kraft, der Stoff hat die Kraft geschaffen!“ Dies sei eben so falsch wie daß die Kraft den Stoff geschaffen da Kraft und Stoff untrennbar. Wo holt der sich seinen Materialismus?
[38]	25
Mechanische Bewegung. Bei den Naturforschern ist Bewegung stets selbstredend als = mechanische Bewegung, Ortsveränderung, genommen. Dies aus dem vorchemischen 18. Jhdt. überkommen, und erschwert sehr die klare Auffassung der Vorgänge. Bewegung, auf die Materie anwendbar, ist Veränderung überhaupt. Aus dem gleichen Mißverständniß auch die Wuth, Alles 30 auf mechanische Bewegung zu reduziren — schon Grove is strongly inclined to believe that the other affections of matter are, and will ultimately be re-solved into, modes of motion p. 16 — wodurch der spezifische Charakter der andern Bewegungsformen verwischt wird. Womit nicht gesagt sein soll daß nicht jede der höheren Bewegungsformen stets nothwendig mit einer wirk- 35 lieh mechanischen (äußerlichen oder molekulären) Bewegung verknüpft sein
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mag; grade wie die höheren Bewegungsformen gleichzeitig auch andre pro-duziren, chemische Aktion nicht ohne Temperatur- und Elektricitäts-Änderung, organisches Leben nicht ohne mechanische molekulare chemische thermische elektrische etc. Änderung möglich. Aber die Anwesenheit dieser Nebenformen erschöpft nicht das Wesen der jedesmaligen Hauptform. Wir werden sicher das Denken einmal experimentell auf molekulare und chemische Bewegungen im Gehirn „reduciren“; ist aber damit das Wesen des Denkens erschöpft?
[32]
Bewegung und Gleichgewicht. Das Gleichgewicht untrennbar von der Bewegung. In der Bewegung der Weltkörper ist Bewegungun Gleichgewicht und Gleichgewicht in der Bewegung (relativ). Aber alle speciell relative Bewegung, d. h. hier alle Einzel-Bewegung einzelner Körper auf einem sich bewegenden Weltkörper, ist Streben nach Herstellung der relativen Ruhe, des Gleichgewichts. Die Möglichkeit der relativen Ruhe der Körper, die Möglichkeit temporärer Gleichgewichtszustände, ist wesentliche Bedingung der Differenzirung der Materie und damit des Lebens. Auf der Sonne kein Gleichgewicht der einzelnen Stoffe nur der ganzen Masse, oder doch nur ein sehr geringes, durch bedeutende Dichtigkeitsunterschiede bedingtes, auf der Oberfläche ewige Bewegung und Unruhe, Dissociation. Auf dem Mond scheint ausschließlich] Gleichgewicht zu herrschen, ohne alle relative Bewegung—Tod (Mond = Negativität). Auf der Erde hat sich die Bewegung differenzirt in Wechsel von Bewegung und Gleichgewicht: die einzelne Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Masse der Bewegung hebt das einzelne Gleichgewicht wieder auf. Der Fels ist zur Ruhe gekommen, die Verwitterung, die Action der Seebrandung, der Flüsse, des Gletschereises hebt das Gleichgewicht fortwährend auf. Verdunstung und Regen, Wind, Wärme, elektrische und magnetische Erscheinungen bieten dasselbe Schauspiel dar. Im lebenden Organismus endlich sehn wir die fortwährende Bewegung aller kleinsten Theilchen wie größerer Organe die während der normalen Lebensperiode das fortwährende Gleichgewicht des Gesammtorganismus zum
Gleichgewicht = Vorherrschen der Attraction über die Repulsion.
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Resultat hat und doch stets in Bewegung bleibt, die lebendige Einheit von Bewegung und Gleichgewicht. — Alles Gleichgewicht nur relativ und temporär.
[169]
1)	Bewegung der Weltkörper. Annäherndes Gleichgewicht von Attraktion 5 und Repulsion in der Bewegung.
2)	Bewegung auf einem Weltkörper. Masse. Soweit diese aus rein mechanischen Ursachen, auch Gleichgewicht. Die Massen ruhn auf ihrer Grundlage. Das auf dem Mond anscheinend komplet. Die mechanische Attraktion hat die mechanische Repulsion überwunden. Vom Standpunkt der 10 reinen Mechanik wissen wir nicht was aus der Repulsion geworden, und die reine Mechanik erklärt ebensowenig woher die „Kräfte“ kommen mit denen dennoch z. B. auf der Erde Massen gegen die Schwere bewegt werden. Sie nimmt das Faktum als gegeben. Hier also einfach Mittheilung repulsiver, entfernender Ortsbewegung von Masse zu Masse, wobei Attraktion und 15 Repulsion gleich sind.
3)	Die enorme Masse aller Bewegungen auf der Erde aber Verwandlung einer Bewegungsform in die Andre, mechanischer in Wärme, Elektricität, chemische Bewegung und einer in die Andre, also entweder Umschlag von Attraktion in Repulsion (Mechanischer Bewegung in Wärme, Elektricität, 20 chemische Zersetzung (der Umschlag ist die Verwandlung der ursprünglich hebenden mechanischen Bewegung in Wärme, nicht der fallenden, dies nur Schein)).
4)	Alle Energie die jetzt auf der Erde thätig, verwandelte Sonnenwärme.
[29]	25
Die Unzerstörbarkeit der Bewegung im Satz des Descartes, daß sich im Universum stets dasselbe Quantum Bewegung erhalte. Die Naturforscher drücken dies als „Unzerstörbarkeit der Kraft“ unvollkommen aus. Der bloß quantitative Ausdruck des Desc. ebenfalls unzureichend: Die Bewegung als solche, als wesentl[iche] Bethätigung, Existenzform der Materie, unzerstör- 30 bar wie diese selbst, darin ist das Quantitative eingeschlossen. Auch hier also der Philosoph nach 200 Jahren vom Naturforscher bestätigt.
[115]
Erhaltung der Energie. Die quantitative Constanz der Bewegung bereits von Descartes ausgesprochen und zwar fast in denselben Worten wie jetzt von? 35 (Cl[ausius] R.M[ayer] Maxw[ell]?) Dagegen die Form Verwandlung der Bewegung erst seit 1842 entdeckt, und dies, nicht das Gesetz der quantitativen Konstanz, das Neue.
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[37]
Unzerstörbarkeit der Bewegung, hübsche Stelle bei Grove p.20ff.
[138]
Kraft und Erhaltung der Kraft— die Stellen von J. R. Mayer in seinen ersten beiden Abhandlungen gegenüber Helmholtz anzuführen.
[28]
Kraft. Wenn irgendwelche Bewegung sich von einem Körper auf einen andern überträgt, so kann man die Bewegung soweit sie sich überträgt activ ist, als Ursache der Bewegung, soweit sie übertragen wird, passiv ist, fassen, und es erscheint dann diese Ursache, die active Bewegung, als Kraft, die passive als Äußerung. Nach dem Gesetz der Unzerstörbarkeit der Bewegung folgt daraus von selbst daß die Kraft genau ebenso groß ist wie ihre Äußerung, da es ja in der Einen wie in der Andern dieselbe Bewegung ist. Sich übertragende Bewegung ist aber mehr oder weniger quantitativ bestimmbar weil sie in zwei Körpern erscheint von denen der Eine als Maßeinheit dienen kann um am andern die Bewegung zu messen. Die Meßbarkeit der Bewegung gibt der Kategorie Kraft ihren Werth, sonst hat sie keinen. Je mehr dies also der Fall, desto verwendbarer für die Betrachtung sind die Kategorieen von Kraft und Äußerung. Daher namentlich in der Mechanik, wo man die Kräfte noch weiter zerlegt, sie als zusammengesetzt ansieht, und damit manchmal neue Resultate erreicht, wobei man aber nicht vergessen darf, daß dies bloß eine Operation des Kopfes ist; indem man die Analogie wirklich zusammengesetzter Kräfte wie im Parallelogramm der Kräfte ausgedrückt, auf wirklich einfache Kräfte anwendet, so werden sie dadurch noch nicht wirklich zusammengesetzt. — Ebenso in der Statik. Dann im Umschlag andrer Bewegungsformen in mechanische (Wärme, Elektricität, Magnetismus im Eisenanziehen) wo die ursprüngliche Bewegung an der hervorgebrachten mechanischen Wirkung gemessen werden kann. Aber schon hier, wo verschiedne Bewegungsformen gleichzeitig betrachtet werden, zeigt sich die Beschränkung der Kategorie oder Abkürzung Kraft. Kein ordentlicher Physiker wird Elektricität Magnetismus Wärme als bloße Kräfte mehr bezeichnen ebensowenig wie als Materien oder Imponderabilien. Wenn wir wissen in wie viel mechanische Bewegung sich ein bestimmtes Quantum Wärmebewegung umsetzt so wissen wir von der Natur der Wärme noch gar nichts, sosehr auch die Untersuchung dieser Umsätze nothwendig sein mag zur Erforschung dieser Natur der Wärme. Sie als eine Bewegungsform zu fassen ist der letzte Fortschritt der Physik und damit ist die Kategorie Kraft in ihr aufgehoben: in gewissen Beziehungen — denen des Übergangs — können sie als Kräfte erscheinen und so gemessen werden. So die Wärme
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durch die Ausdehnung eines erwärmten Körpers. Ginge hier die Wärme nicht von einem Körper zum andern — dem Maßstab — über d. h. veränderte sich die Wärme des Maßstabkörpers nicht, so wäre eben von Messen, von Größenveränderung keine Rede. Man sagt einfach: Wärme dehnt die Körper aus, wohingegen zu sagen: Wärme hat die Kraft die Körper auszudehnen, 5 eine bloße Tautologie wäre, und zu sagen: Wärme ist die Kraft die die Körper ausdehnt — nicht zuträfe da 1) Ausdehnung z. B. bei Gasen auch sonst noch herbeigeführt wird, und 2) die Wärme damit nicht erschöpfend ausgedrückt wird. — Einige Chemiker sprechen auch von chemischer Kraft als die die Verbindungen macht und zusammenhält. Hier aber ist kein eigentliches 10 Übergehn, sondern ein Zusammengehn der Bewegung verschiedner Körper in Eins, und die „Kraft“ kommt hier damit an ihrer Gränze an. Ist aber noch meßbar durch die Wärmeerzeugung, bis jetzt aber ohne viel Resultat. [Sie] wird hier reine Phrase wie überall wo man statt nicht untersuchte Bewegungsformen zu untersuchen, zu ihrer Erklärung eine s. g. Kraft erfindet 15 (etwa das Schwimmen des Holzes auf dem Wasser aus einer Schwimmkraft erklärt, — Refractionskraft beim Licht usw.) wo man dann soviel Kräfte erhält wie unerklärte Erscheinungen und wo man eben nur die äußerliche Erscheinung in eine innerliche Phrase übersetzt hat. (Attraction und Repulsion schon eher zu entschuldigen hier werden eine Menge dem Physiker 20 unerklärliche Phänomene unter e[inem] gemeinsamen Namen zusammengefaßt der die Ahnung eines inneren Zusammenhangs andeutet.) — Endlich in der organischen Natur die Kategorie Kraft vollständig unzureichend, und doch stets angewandt. Man kann zwar die Aktion der Muskel nach ihren mechanischen Wirkungen, als Muskelkraft bezeichnen und auch messen, man 25 kann sogar andre meßbare Funktionen als Kräfte auffassen z.B. die Ver-dauungscapacität verschiedner Mägen, kommt aber bald ad absurdum (z. B. Nervenkraft) und jedenfalls kann hier von Kräften nur in sehr beschränktem und figürlichem Sinn die Rede sein (die gewöhnliche Redensart zu Kräften kommen). Dies Unwesen hat aber dahin geführt von einer Lebenskraft zu 30 sprechen. Soll damit gesagt sein daß die Bewegungsform im organischen Körper verschieden ist von der mechanischen physikalischen chemischen, sie alle aufgehoben in sich enthält, so ist die Ausdrucksweise faul, und besonders auch deßwegen weil die Kraft — Übertragung der Bewegung voraussetzend — hier als etwas dem Organismus von Außen Eingeblasenes, 35 nicht ihm Inhärentes, von ihm Untrennbares erscheint, und daher die Lebenskraft letztes Refugium aller Supranaturalisten war.
(Defect: 1) Die Kraft gewöhnlich als selbstständige Existenz behandelt, H. Nat. Phil. 79.
2) Die latente, ruhende Kraft — dies zu erklären aus dem Verhältniß von 40 Bewegung und Ruhe (inertia, Gleichgewicht) wo auch die Sollicitation zu erledigen.
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Kraft (s. oben) Die Übertragung der Bewegung vollzieht sich natürlich nur wenn alle verschiednen Bedingungen — die oft sehr vielfach und complicirt, besonders in Maschinen (Dampfmaschine Flinte mit Schloß, Drücker, Zünder und Pulver) dazu vorhanden. Fehlt Eine, so findet der Übertrag nicht statt bis diese Bedingung hergestellt. Man kann dann sich dies so vorstellen als müsse die Kraft durch die Herbeinahme dieser letzten Bedingung erst sollicitirt werden, als liege sie latent in einem Körper, s.g. Kraftträger (Pulver, Kohle) wo doch in Wirklichkeit nicht nur dieser Körper, sondern alle andern Bedingungen vorhanden sein müssen um grade diese specielle Übertragung hervorzurufen. —
Die Vorstellung von Kraft kommt uns ganz von selbst dadurch daß wir am eignen Körper Mittel besitzen, Bewegung zu übertragen, die innerhalb gewisser Gränzen durch unsern Willen in Thätigkeit gesetzt werden können, besonders die Muskel der Arme mit denen wir mechanische Bewegung, Ortsveränderung andrer Körper hervorbringen, heben, tragen, werfen, schlagen etc. und damit bestimmte Nutzeffekte; die Bewegung hier scheinbar erzeugt, nicht übertragen, und dies veranlaßt die Vorstellung als ob Kraft überhaupt Bewegung erzeuge. Daß Muskelkraft auch nur Übertragung, jetzt erst physiologisch bewiesen.
[181]
Wenn Hegel Kraft undÄußerung, Ursache und Wirkung als identisch auffaßt so ist dies bewiesen im Formwechsel der Materie wo die Gleichwerthigkeit mathematisch bewiesen. Im Maß vorher schon anerkannt: Kraft gemessen an Äußerung, Ursache an Wirkung.
[35]
Kraft. — Auch die negative Seite zu analysiren: der Widerstand der dem Übertragen der Bewegung entgegengesetzt wird.
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[171]
Maß der Bewegung — Arbeit.
„Dagegen habe ich bisher immer noch gefunden, daß die Grundbegriffe dieses Gebiets“ (d. h. „die physikalischen Grundbegriffe der Arbeit und ihrer Unveränderlichkeit“) „denjenigen Personen, welche nicht durch die Schule 5 der mathematischen Mechanik gegangen sind, bei allem Eifer, aller Intelligenz, und selbst bei einem ziemlich hohen Maße naturwissenschaftlicher Kenntnisse sehr schwer faßlich sind. Auch ist nicht zu verkennen, daß es Abstrakta von ganz eigenthümlicher Art sind. Ist ihr Verständniß doch einem Geiste wie I. Kant, nicht ohne Schwierigkeit aufgegangen, wie seine darüber 10 gegen Leibnitz geführte Polemik zeigt.“ So Helmholtz (Pop. wiss. Vortr. II, Vorrede).
Hiernach wagen wir uns jetzt auf ein sehr gefährliches Gebiet, um somehr als wir uns nicht gut erlauben können, den Leser „durch die Schule der mathematischen Mechanik“ zu führen. Vielleicht aber stellt sich heraus, daß 15 da, wo es sich um Begriffe handelt, dialektisches Denken mindestens ebenso weit führt wie mathematisches Rechnen.
Galilei entdeckte einerseits das Fallgesetz, wonach die durchlaufenen Räume fallender Körper sich verhalten wie die Quadrate der Fallzeiten. Daneben stellte er den, wie wir sehn werden, diesem nicht ganz ent- 20 sprechenden Satz auf, daß die Bewegungsgröße eines Körpers (sein impeto oder momento) bestimmt wird durch Masse und Geschwindigkeit, derart daß sie bei konstanter Masse der Geschwindigkeit proportional ist. Descartes nahm diesen letzteren Satz auf und machte das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit eines sich bewegenden Körpers ganz allgemein zum Maß 25 seiner Bewegung.
Huyghens fand bereits, daß beim elastischen Stoß die Summe der Produkte aus den Massen in die Quadrate der Geschwindigkeit vor und nach dem Stoß die selbe sei, und daß ein analoges Gesetz gelte für verschiedne andere Fälle von Bewegung zu einem System verbundner Körper.	30
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Leibnitz war der erste, der einsah, daß das Descartessche Maß der Bewegung mit dem Fallgesetz im Widerspruch stehe. Andrerseits ließ sich nicht läugnen, daß das Descartessche Maß in vielen Fällen richtig sei. Leibnitz theilte also die bewegenden Kräfte in todte und lebendige. Die todten waren die „Drucke“ oder Züge ruhender Körper, ihr Maß das Produkt der Masse in die Geschwindigkeit mit der der Körper sich bewegen würde wenn er aus dem Ruhezustand in die Bewegung überginge; als Maß der lebendigen Kraft, der wirklichen Bewegung eines Körpers dagegen stellte er das Produkt der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit auf. Und zwar direkt aus dem Fallgesetz leitete er dieses neue Bewegungsmaß her. „Es ist, so schloß Leibnitz, die nämliche Kraft erforderlich, einen Körper von vier Pfund Gewicht einen Fuß, wie einen Körper von einem Pfund Gewicht um vier Fuß zu heben; nun sind aber die Wege dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional, denn wenn ein Körper um vier Fuß gefallen ist, so hat er die doppelte Geschwindigkeit erlangt wie wenn er nur um einen Fuß gefallen ist. Beim Fallen erlangen aber die Körper die Kraft, wieder auf dieselbe Höhe zu steigen von der sie gefallen sind; also sind die Kräfte dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional.“ (Suter Gesch. der Math. II S. 367.) Weiter aber wies er nach daß das Bewegungsmaß mv im Wider spruch stehe mit dem Cartesischen Satz von der Konstanz der Bewegungsquantität, indem, wenn es wirklich gelte, sich die Kraft (d.h. Bewegungsmenge) in der Natur fortwährend vermehre oder vermindere. Er entwarf sogar einen Apparat (1690, Acta Erud.) der, wenn das Maß mv richtig sei, ein Perpetuum mobile mit steter Kraftgewinnung darstellen müsse, was doch absurd sei. Helmholtz hat neuerdings diese Art der Argumentation wieder häufig angewandt.
Die Cartesianer protestirten aus Leibeskräften, und es entspann sich ein langjähriger und berühmter Streit, an dem auch Kant in seiner ersten Schrift (Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, 1746) sich betheiligte ohne indeß in der Sache klar zu sehn. Die heutigen Mathematiker schauen mit ziemlicher Verachtung herab auf diesen „unfruchtbaren“ Streit, der „über 40 Jahre lang hinaus gezogen wurde und die Mathematiker Europas in zwei feindliche Lager theilte, bis endlich d’Alembert durch seinen Traite de dynamique (1743) gleichsam wie durch einen Machtspruch dem unnützen Wortstreite, denn etwas Andres war es nicht, ein Ende machte“. (Suter, a.a.O. S. 366).
Nun sollte es doch scheinen als ob eine Streitfrage nicht so ganz auf einem unnützen Wortstreit beruhen kann, wenn sie von einem Leibnitz gegenüber einem Descartes aufgeworfen wurde und einen Mann wie Kant derart beschäftigte, daß er ihr seine Erstlings schrift, einen ziemlich starken Band, widmete. Und in der That, wie ist es zu reimen, daß die Bewegung zwei einander widersprechende Maße hat, das einemal der Geschwindigkeit, das
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andremal dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional ist? Suter macht sich die Sache sehr leicht; er sagt, beide Theile hatten recht und beide hatten unrecht; „der Ausdruck lebendige Kraft hat sich dennoch bis heute erhalten; allein er gilt nicht mehr als Maß der Kraft, sondern ist eine bloße einmal angenommene Bezeichnung für das in der Mechanik so bedeutungsvolle 5 Produkt der Masse in das halbe Quadrat der Geschwindigkeit“. Also mv bleibt Maß der Bewegung, und lebendige Kraft ist nur ein andrer Ausdruck
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für • , von welcher Formel wir zwar erfahren daß sie in der Mechanik sehr bedeutungsvoll ist, jetzt aber erst recht nicht mehr wissen was sie denn bedeutet.	10
Nehmen wir indeß den rettenden Traite de dynamique zur Hand und sehen wir uns D’Alembert’s „Machtspruch“ näher an. Derselbe steht in der Vorrede, Im Text, heißt es, komme die ganze Frage gar nicht vor, wegen l’inutilite parfaite dont eile est pour la mecanique. Dies ist für die rein rechnende Mechanik ganz richtig, bei der, wie oben bei Suter, Wortbezeichnungen nur 15 andre Ausdrücke, Namen für algebraische Formeln sind, Namen bei denen man sich am besten gar nichts denkt. — Indeß, da so bedeutende Leute sich mit der Sache beschäftigt, wolle er sie doch in der Vorrede kurz untersuchen. Unter der Kraft sich bewegender Körper könne man, klar gedacht, nur ihre Eigenschaft verstehn, Hindernisse zu überwinden oder ihnen zu widerstehn. 20 Also weder durch m v noch durch mv2 sei die Kraft zu messen, sondern einzig durch die Hindernisse und deren Widerstand.
Nun gebe es drei Arten Hindernisse: 1) unüberwindliche, die die Bewegung total vernichten, und diese können schon deßwegen hier nicht in Betracht kommen; 2) Hindernisse deren Widerstand grade hin reicht, die Bewegung 25 aufzuheben und dies augenblicklich thun: Fall des Gleichgewichts. 3) Hindernisse die die Bewegung nur allmählig aufheben: Fall der verzögerten Bewegung. Or, tout le monde convient qu’il y aequilibre entre deux corps quand les produits de leurs masses par leurs vitesses virtuelles, c’est ä dire par les vitesses avec lesquelles ils tendent ä se mouvoir, sont egaux 30 de part et d’autre. Donc, dans l’equilibre, le produit de la mässe par la vitesse, ou ce qui est la meine chose, la quantite du mouvement, peut representer la force. Tout le monde convient aussi que dans le mouvement retarde, le nombre des obstacles vaincus est comme le carre de la vitesse, en sorte qu’un corps qui a ferme un ressort, par exemple, avec une certaine vitesse, pourra, 35 avec une vitesse double, fermer ou tout ä lafois, ou successivement non pas deux, mais quatre ressorts semblables au premier, neuf avec une vitesse triple et ainsi du reste. D’oü les partisans des forces vives (die Leibnitzianer) concluent que la force des corps qui se meuvent actuellement, est en general comme le produit de la mässe par le carre de la vitesse. Au fond, quel in- 40
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convenient pourrait-il y avoir ä ce que la mesure des forces füt differente dans l’equilibre et dans le mouvement retarde, puisque, si on veut ne rai-sonner que d’apres des idees claires, on doit n’entendre par le mot force que l’effet produit en surmontant l’obstacle ou en lui resistant? (Vorrede, S. 19, 20 der Originalausgabe.)
Nun aber ist d’Alembert noch viel zu sehr Philosoph um nicht einzusehn, daß er so leichten Kaufs doch nicht über den Widerspruch eines doppelten Maßes einer und derselben Kraft hinweg kommt. Nachdem er also im Grunde nur dasselbe wiederholt was Leibnitz schon gesagt — denn sein equilibre ist ganz dasselbe was bei Leibnitz die „todten Drucke“ — schlägt er plötzlich um auf die Seite der Cartesianer und findet folgenden Ausweg: Das Produkt mv kann auch bei verzögerter Bewegung als Kräftemaß gelten, si dans ce dernier cas on mesure la force, non par la quantite absolue des obstacles, mais par la somme des resistances de ces memes obstacles. Caronne saurait douter que cette somme des resistances ne soit proportionnelle ä la quantite du mouvement (mv) puisque, de l’aveu de tout le monde, la quantite de mouvement que le corps perd ä chaque instant, est proportionnelle au produit de la resistance par la duree infiniment petite de l’instant, et que la somme de ces produits est evidemment la resistance totale. Diese letztere Berechnungsweise scheint ihm die natürlichere, car un obstacle n’est tel qu’en tant qu’il resiste, et c’est, ä proprement parier, la somme des resistances qui est l’obstacle vaincu; d’ailleurs, en estimant ainsi la force, on al’avantage d’avoir pour l’equilibre et pour le mouvement retarde une mesure commune. Doch könne das Jeder halten wie er wolle. Und nachdem er so, wie selbst Suter zugibt, mit einem mathematischen Bock die Frage gelöst glaubt, schließt er mit unliebsamen Bemerkungen über die Konfusion die bei seinen Vorgängern geherrscht und behauptet, nach obigen Bemerkungen sei nur noch eine sehr futile metaphysische Diskussion oder gar ein noch unwürdigerer bloßer Wortstreit möglich.
D’Alembert’s Versöhnungsvorschlag läuft auf folgende Rechnung hinaus:
Masse 1 mit Geschwindigkeit 1 schließt 1 Springfeder in der Zeiteinheit.
Masse 1 mit Geschwindigkeit 2 schließt 4 Federn, braucht dazu aber 2 Zeiteinheiten, also in der Zeiteinheit nur 2 Federn.
Masse 1 mit Geschwindigkeit 3 schließt 9 Federn in drei Zeiteinheiten, also in der Zeiteinheit nur 3 Federn. Dividiren wir also die Wirkung durch die dazu erforderte Zeit, so kommen wir von mv2 wieder auf mv.
Es ist dasselbe Argument das namentlich Catelan schon früher gegen Leibnitz angewandt hatte: ein Körper mit Geschwindigkeit 2 steigt allerdings gegen die Schwere viermal so hoch als einer mit Geschwindigkeit 1; aber er
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braucht auch die doppelte Zeit dazu; folglich ist die Bewegungsmenge durch die Zeit zu dividiren und = 2, nicht = 4. Und dies ist sonderbarer Weise auch die Ansicht Suters der ja dem Ausdruck „lebendige Kraft“ allen logischen Sinn genommen und ihm nur einen mathematischen gelassen. Dies ist indeß natürlich. Für Suter handelt es sich darum, die Formel m v in ihrer Bedeutung	5
als einziges Maß der Bewegungsmenge zu retten, und deßhalb wird mv2 logisch geopfert, um im Himmel der Mathematik verklärt wieder aufzuerstehn.
Soviel ist indeß richtig: die Catelan’sche Argumentation büdet eine der Brücken, die mv2 mit mv vermittelt, und ist damit von Bedeutung.	10
Die Mechaniker, nach D’Alembert, nahmen keineswegs seinen Machtspruch an, denn sein schließliches Urtheil war ja zu Gunsten von m v als Maß der Bewegung. Sie hielten sich aber an dem Ausdruck, den er der schon von Leibnitz gemachten Unterscheidung von todten und lebendigen Kräften gegeben hatte: für das Gleichgewicht, also für die Statik, gilt mv; für die 15 gehemmte Bewegung, also für die Dynamik, gilt mv2. Obwohl im Ganzen und Großen richtig, hat diese Unterscheidung, in dieser Form, doch nicht mehr logischen Sinn als die bekannte Unteroffiziersentscheidung: Im Dienst immer Mir, außerm Dienst immer Mich. Man nimmt sie schweigend an, es ist nun einmal so, wir können es nicht ändern, und wenn in diesem doppelten 20 Maß ein Widerspruch steckt, was können wir dafür?
So z. B. Thomson und Tait, aTreatise onNaturalPhüosophy, Oxford 1867, p. 162:
The quantity of Motion or the Momentum of a rigid body moving without rotation is proportional to its mass and velocity conjointly. Double mass or 25 double velocity would correspond to double quantity of motion.
Und gleich dahinter:
The Vis Viva or Kinetic energy of a moving body is proportional to the mass and the square of the velocity conjointly.
In dieser ganz krassen Form werden die beiden widersprechenden Be- 30 wegungsmaße neben einander gestellt. Auch nicht der geringste Versuch wird gemacht den Widerspruch zu erklären, oder auch nur zu vertuschen. Das Denken ist im Buch dieser beiden Schotten verboten, es darf nur gerechnet werden. Kein Wunder daß wenigstens einer von ihnen, Tait, zu den gläubigsten Christen des gläubigen Schottlands zählt.	35
In Kirchhoff’s Vorlesungen über mathematische Mechanik kommen die Formeln mv und mv2 in dieser Form gar nicht vor.
Vielleicht hilft uns Helmholtz. In der Erhaltung der Kraft schlägt er vor ftl v2
die lebendige Kraft durch auszudrücken, ein Punkt auf den wir noch
zurückkommen. Dann zählt er S.20ff. „die Fälle kurz auf, in denen das 40
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Prinzip von der Erhaltung der lebendigen Kraft^also von j bisher schon benutzt und anerkannt ist“. Dazu gehört dann unter N® 2): „die Übertragung
der Bewegung durch die inkompressiblen festen und flüssigen Körper, sobald nicht Reibung oder Stoß unelastischer Stoffe stattfindet. Unser all-
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gemeines Prinzip wird für diese Fälle gewöhnlich als die Regel ausgesprochen, daß eine durch mechanische Potenzenfortgepflanzte und abgeänderte Bewegung stets in demselben Verhältniß an Kraftintensität abnimmt als sie an Geschwindigkeit zunimmt. Denken wir uns also durch eine Maschine, in welcher durch irgend einen Vorgang gleichmäßig Arbeitskraft erzeugt wird, das Gewicht m mit der Geschwindigkeit c gehoben, so wird durch eine andre mechanische Einrichtung das Gewicht nm gehoben werden können, aber nur
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mit der Geschwindigkeit —, sodaß in beiden Fällen die Quantität der von der Maschine in der Zeiteinheit erzeugten Spannkraft durch mgc darzustellen ist, wo g die Intensität der Schwerkraft darstellt.“
Also auch hier der Widerspruch, daß eine „Kraftintensität“ die im einfachen Verhältniß der Geschwindigkeit ab- und zunimmt, zum Beweise dienen soll für die Erhaltung einer Kraftintensität, die nach dem Quadrat der Geschwindigkeit ab- und zunimmt.
Allerdings zeigt sich hier daß mv und —— zur Bestimmung zweier ganz verschiednen Vorgänge dienen, aber das hatten wir ja längst gewußt, mv2 kann ja nicht = mv sein, es sei denn v = 1. Es handelt sich darum, uns verständlich zu machen, warum die Bewegung zweierlei Maß hat, eine Sache die doch auch in der Wissenschaft sonst ebenso unzulässig ist wie im Handel. Versuchen wir es also anders.
Nach mv wird also gemessen „eine durch mechanische Potenzen fortgepflanzte und abgeänderte Bewegung“; dies Maß gilt also für den Hebel und alle seine abgeleiteten Formen, Räder, Schrauben etc., kurz für alle Übertragungsmaschinerie. Nun stellt sich aber durch eine sehr einfache und keineswegs neue Betrachtung heraus, daß hier, soweit mv gilt, auch mv2 seine Geltung hat. Wir nehmen irgend eine mechanische Vorrichtung an der die Summen der Hebelarme der beiden Seiten sich verhalten wie 4:1, an der also ein Gewicht von 1 Kilogr. einem von 4 Kilogr. das Gleichgewicht hält. Durch einen ganz geringen Kraftzusatz an dem einen Hebelarm heben wir also 1 Kg. um 20 Meter; derselbe Kraftzusatz alsdann am andern Hebelarm angebracht, hebt nun 4 Kg. um 5 Meter; und zwar sinkt das überwiegende Gewicht in derselben Zeit die das andre zum Steigen braucht. Massen und Geschwindigkeiten verhalten sich umgekehrt, mv, lx20=m'v', 4x5. Lassen wir dagegen jedes der Gewichte, nachdem es gehoben, frei her-
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abfallen auf das ursprüngliche Niveau, so erlangt das eine, IKg., nach durchlaufenem Fallraum von 20 Meter (die Beschleunigung der Schwere hier rund = 10 m. statt 9,8 Im gesetzt) eine Geschwindigkeit von 20 m; das andre, 4 Kg. dagegen nach einem Fallraum von 5 m. eine Geschwindigkeit von 10m’ mv2= 1 x 20 x 20 = 400= m'v'2 = 4x 10x 10 = 400.	5
Dagegen sind die Fallzeiten verschieden: die 4 Kg. durchlaufen ihre 5 Meter in 1 Sekunde, das 1 Kg. seine 20 m. in 2 Sekunden. Reibung und Luftwiderstand sind hier selbstredend vernachlässigt.
Nachdem aber jeder der beiden Körper von seiner Höhe herabgefallen, 10 hat seine Bewegung auf gehört. Hier zeigt sich also mv als Maß einfach übertragner, also fortdauernder, mv2 als Maß verschwundener mechanischer Bewegung.
Weiter. Beim Stoß vollkommen elastischer Körper gilt dasselbe: die Summe der mv, wie die Summe der mv2 sind vor wie nach dem Stoße 15 unverändert. Beide Maße haben gleiche Geltung.
Nicht so beim Stoß unelastischer Körper. Hier lehren die landläufigen elementaren Lehrbücher (die höhere Mechanik beschäftigt sich fast gar nicht mehr mit solchen Kleinigkeiten) daß ebenfalls nach wie vor dem Stoße die Summe der mv dieselbe sei. Dagegen finde ein Verlust an lebendiger Kraft 20 statt, denn wenn man die Summe der m v2 nach dem Stoße von der vor dem Stoß abziehe, so bleibe ein unter allen Umständen positiver Rest; um diesen Betrag (oder dessen Hälfte, je nach der Auffassungsweise) sei die lebendige Kraft durch das gegenseitige Eindringen sowie durch die Formveränderung der stoßenden Körper verringert worden. — Dies Letztere ist nun klar und 25 augenscheinlich. Nicht so die erste Behauptung, daß die Summe der mv dieselbe bleibe nach wie vor dem Stoß. Lebendige Kraft ist trotz Suter Bewegung, und wenn ein Theil von ihr verloren geht so geht Bewegung verloren. Entweder also drückt m v die Bewegungsmenge hier unrichtig aus, oder die obige Behauptung ist falsch. Überhaupt ist der ganze Lehrsatz aus 30 einer Zeit überkommen in der man von der Verwandlung der Bewegung noch keine Ahnung hatte, wo also ein Verschwinden von mechanischer Bewegung nur da zugegeben wurde wo es nicht anders ging. So wird hier die Gleichheit der Summe der m v vor und nach dem Stoß daraus bewiesen, daß ein Verlust oder Gewinn derselben nirgends zugeführt wird. Geben die Körper aber in 35 der ihrer Unelasticität entsprechenden inneren Reibung lebendige Kraft ab, so geben sie auch Geschwindigkeit ab, und die Summe der m v muß nach dem Stoß geringer sein als vorher. Denn es geht doch nicht an, die innere Reibung bei Berechnung der mv zu vernachlässigen, wenn sie bei Berechnung der mv2 so deutlich sich geltend macht.	40
Indeß verschlägt dies nichts. Selbst wenn wir den Lehrsatz zugeben und
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die Geschwindigkeit nach dem Stoß unter der Annahme berechnen, daß die Summe der mv dieselbe geblieben, selbst dann finden wir jene Abnahme der Summe der mv2. Hier also kommen mv und mv2 in Konflikt, und zwar um die Differenz wirklich verschwundener mechanischer Bewegung. Und die Rechnung selbst beweist, daß die Summe der mv2 die Bewegungsmenge richtig, die Summe der mv sie unrichtig ausdrückt.
Dies sind so ziemlich alle Fälle, in denen mv in der Mechanik angewandt wird. Sehen wir uns nun einige Fälle an bei denen mv2 verwandt wird.
Wenn eine Kanonenkugel abgefeuert wird, so erschöpft sie auf ihrer Flugbahn eine Bewegungsgröße die mv2 proportional ist, gleichviel ob sie gegen ein festes Ziel einschlägt oder durch Luftwiderstand und Schwere zum Stillstand kommt. Wenn ein Eisenbahnzug in einen zweiten, stehenden hinein fährt, so ist die Gewalt mit der dies geschieht und die entsprechende Zerstörung, seinem mv2 proportional. Ebenso gilt mv2 bei der Berechnung jeder zur Überwindung eines Widerstandes erforderlichen mechanischen Kraft.
Was heißt aber diese bequeme, den Mechanikern so geläufige Redensart: Überwindung eines Widerstandes?
Wenn wir durch Hebung eines Gewichts den Widerstand der Schwere überwinden, so verschwindet dabei eine Bewegungsmenge, eine Menge mechanischer Kraft, welche gleich ist derjenigen, die wieder erzeugt werden kann durch den direkten oder indirekten Fall des gehobenen Gewichts aus der erlangten Höhe bis herab auf sein ursprüngliches Niveau. Sie wird gemessen durch das halbe Produkt seiner Masse in das Quadrat der im Fall mv2
erlangten Endgeschwindigkeit, Was ist bei der Hebung also geschehn?
Mechanische Bewegung oder Kraft ist als solche verschwunden. Aber sie ist nicht zu Nichts geworden: sie ist verwandelt worden in mechanische Spannkraft, um Helmholtz’s Ausdruck zu gebrauchen, in potentielle Energie, wie die Neueren sagen, in Ergal, wie Clausius es nennt; und diese kann jeden Augenblick, und in jeder beliebigen, mechanisch zulässigen Weise wieder zurückverwandelt werden in dasselbe Quantum mechanischer Bewegung das zu ihrer Erzeugung nothwendig war. Die potentielle Energie ist nur der negative Ausdruck der lebendigen Kraft und umgekehrt.
Eine 24pfündige Kanonenkugel schlägt mit einer Geschwindigkeit von 400 Meter in der Sekunde gegen die einen Meter dicke Eisenwand eines Panzerschiffs und hat unter diesen Umständen keine sichtbare Wirkung auf den Panzer. Es ist also eine mechanische Bewegung verschwunden, die 2
= also, da die 24 Zollpfund = 12 Kilogr. sind = 12 x 400 x 400 x 72 =
960000 Meterkilogramm war. Was ist aus ihr geworden? Ein kleiner Theil
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
von ihr ist verwendet worden zur Erschütterung und molekularen Umsetzung des Eisenpanzers. Ein zweiter zur Zersprengung der Kugel in zahllose Stücke. Aber der größte Theil hat sich in Wärme verwandelt und die Kugel zur Glühhitze erwärmt. Als die Preußen beim Übergang nach Alsen 1864 ihre schweren Batterien gegen die Panzerwände des Rolf 5 Krake spielen ließen, sahn sie in der Dunkelheit bei jedem Treffer das Aufblitzen der plötzlich erglühenden Kugel, und Whitworth hatte schon früher durch Versuche bewiesen, daß Sprenggeschosse gegen Panzerschiffe keines Zünders bedürfen; das glühende Metall selbst entzündet die Sprengladung. Das mechanische Aequivalent der Wärmeeinheit zu 10 424 Meterkilogr. angenommen, entspricht obiger Menge mechanischer Bewegung eine Wärmemenge von 2264 Einheiten. Die specifische Wärme des Eisens ist =0,1140, d.h. dieselbe Wärmemenge, die 1 Kg. Wasser um 1 °C. erwärmt (die als Wärmeeinheit gilt), reicht hin um die Temperatur von 70,1140 = 8,772 Kg. Eisen um 1°C. zu erhöhen. Obige 2264 Wärmeeinheiten 15 erhöhen also die Temperatur von 1 Kg. Eisen um 8,772 x 2264 = 19860°C. oder 19 860 Kg. Eisen um 1 °C. Da sich diese Wärmemenge auf Panzer und
19 860°
Geschoß gleichmäßig vertheilt, würde dieses um ——— = 828° erhitzt 2 X 12
werden, was schon eine ganz hübsche Glühhitze ergibt. Da aber die vordere, aufschlagende Seite jedenfalls den weitaus größten Theil der Erhitzung 20 erhält, wohl doppelt soviel als die hintere Hälfte, so würde jene auf 1104°, diese auf 552 Grad C erhitzt, was zur Erklärung des Glüheffekts vollständig hinreicht selbst wenn wir noch für beim Aufschlag wirklich geleistetes mechanisches Werk einen starken Abzug machen.
Bei der Reibung verschwindet ebenfalls mechanische Bewegung um als 25 Wärme wieder zu erscheinen; durch möglichst genaue Messung der beiden sich entsprechenden Vorgänge gelang es bekanntlich Joule in Manchester und Colding in Kopenhagen, zuerst das mechanische Aequivalent der Wärme experimentell annähernd festzustellen.
Ebenso bei der Erzeugung eines elektrischen Stroms in einer magneto- 30 elektrischen Maschine vermittelst mechanischer Kraft, z. B. einer Dampfmaschine. Die in einer bestimmten Zeit erzeugte Menge s. g. elektromotorischer Kraft ist proportional, und, wenn in demselben Maß ausgedrückt, gleich der in derselben Zeit verbrauchten Menge mechanischer Bewegung. Diese können wir uns erzeugt denken, statt durch die Dampfmaschine, durch 35 ein sinkendes Gewicht das dem Druck der Schwere folgt. Die mechanische Kraft, die dies abzugeben im Stande ist, wird gemessen durch die lebendige Kraft die es erhalten würde, wenn es durch die gleiche Höhe frei fiele, oder durch die Kraft die erforderlich um es auf die ursprüngliche Höhe wieder zu
Ml V2
heben: beide Male ——.	40
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Wir finden also, daß die mechanische Bewegung allerdings ein doppeltes Maß hat, aber auch, daß jedes dieser Maße für eine sehr bestimmt ab-gegränzte Reihe von Erscheinungen gilt. Wenn schon vorhandene mechanische Bewegung derart übertragen wird, daß sie als mechanische Bewegung erhalten bleibt, so überträgt sie sich nach dem Verhältniß des Produkts der Masse in die Geschwindigkeit. Wird sie aber derart übertragen, daß sie als mechanische Bewegung verschwindet, um in der Form von potentieller Energie, von Wärme, von Elektricität u. s. w. neu zu erstehn, wird sie mit einem Wort in eine andre Form der Bewegung verwandelt, so ist die Menge dieser neuen Bewegungsform proportional dem Produkt der ursprünglich bewegten Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit. Mit einem Wort: mv .	.	mv2
ist mechanische Bewegung gemessen in mechanischer Bewegung; —— ist
mechanische Bewegung, gemessen an ihrer Fähigkeit sich in ein bestimmtes Quantum einer andern Bewegungsform zu verwandeln. Und daß diese beiden Maße, weil verschieden, sich dennoch nicht widersprechen, haben wir gesehn.
Es stellt sich somit heraus daß der Streit Leibnitz’s mit den Cartesianern keineswegs ein bloßer Wortstreit war, und daß d’Alembert’s Machtspruch in der That gar nichts erledigte. D’Alembert hätte sich seine Tiraden über die Unklarheit seiner Vorgänger ersparen können, denn er war eben so unklar wie sie. Und in der That, solange man nicht wußte, was aus der scheinbar vernichteten mechanischen Bewegung wird, mußte man im Unklaren bleiben. Und solange mathematische Mechaniker wie Suter hartnäckig in den vier Wänden ihrer Specialwissenschaft befangen bleiben, solange bleiben sie auch ebenso unklar wie d’Alembert und müssen uns mit leeren und widerspruchsvollen Redensarten abspeisen.
Wie aber drückt die moderne Mechanik diese Verwandlung von mechanischer Bewegung in eine andre, ihr der Menge nach proportionelle Form der Bewegung aus? — Sie hat Arbeit geleistet, und zwar so und soviel Arbeit.
Aber der Begriff Arbeit, im physikalischen Sinn, ist hiermit nicht erschöpft. Wenn, wie in der Dampf- oder kalorischen Maschine Wärme in mechanische Bewegung also Molekularbewegung in Massenbewegung umgesetzt wird, wenn Wärme eine chemische Verbindung löst, wenn sie in der Thermosäule sich in Elektricität verwandelt, wenn ein elektrischer Strom die Elemente des Wassers aus verdünnter Schwefelsäure abscheidet, oder umgekehrt die bei dem chemischen Prozeß einer Erregerzelle freigesetzte Bewegung (alias Energie) die Form von Elektricität annimmt und diese wiederum im Schließungskreis sich in Wärme umsetzt — bei allen diesen Vorgängen verrichtet die Bewegungsform, die den Prozeß einleitet, und
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
durch ihn in eine andre verwandelt wird, Arbeit, und zwar ein ihrer eignen Menge entsprechendes Quantum.
Arbeit ist also Form wechsel der Bewegung, betrachtet nach seiner quantitativen Seite hin.
Aber wie? Wenn ein gehobnes Gewicht oben ruhig hängen bleibt, ist seine	5
potentielle Energie, während der Ruhe, auch eine Form der Bewegung? Allerdings. Sogar Tait ist bei der Überzeugung angekommen, daß potentielle Energie demnächst sich in eine Form aktueller Bewegung auflösen werde (Nature ). Und abgesehen davon geht Kirchhoff noch viel weiter, wenn er sagt (Math. Meeh. S.32): „die Ruhe ist ein specieller Fall der 10 Bewegung“ und damit beweist daß er nicht nur rechnen sondern auch dialektisch denken kann.
Der Begriff der Arbeit, der uns ohne mathematische Mechanik als so schwer faßbar geschildert wurde, hat sich uns also ganz nebenbei, spielend und fast von selbst aus der Betrachtung der beiden Maße der mechanischen 15 Bewegung ergeben. Und jedenfalls wissen wir jetzt mehr davon als wir aus dem Vortrag Helmholtz’s „über die Erhaltung der Kraft“ von 1862 erfahren, und worin er grade „die physikalischen Grundbegriffe der Arbeit und ihrer Unveränderlichkeit möglichst klar zu machen“ bezweckt. Alles was wir von der Arbeit da erfahren, ist daß sie etwas ist was in Fußpfunden oder auch 20 Wärmeeinheiten ausgedrückt wird und daß die Zahl dieser Fußpfunde oder Wärmeeinheiten für ein bestimmtes Quantum Arbeit unveränderlich ist. Ferner, daß außer mechanischen Kräften und Wärme, auch chemische und elektrische Kräfte Arbeit leisten können, daß aber alle diese Kräfte ihre Arbeitsfähigkeit erschöpfen in dem Maß als sie Arbeit wirklich hervorbrin- 25 gen. Und daß daraus folgt: daß die Summe der wirkungsfähigen Kraftmengen im Naturganzen bei allen Veränderungen in der Natur ewig und unverändert dieselbe bleibt. Der Begriff der Arbeit wird weder entwickelt noch auch nur definirt.x) Und es ist grade die quantitative Unveränderlichkeit der Arbeitsgröße, die ihm die Einsicht verbirgt daß die qualitative Veränderung, der 30 Formwechsel, Grundbedingung aller physikalischen Arbeit ist. Und so kann sich denn Helmholtz zu der Behauptung versteigen: „Reibung und unelastischer Stoß sind Vorgänge bei denen mechanische Arbeit vernichtet und dafür Wärme erzeugt wird.“ (Pop. Vortr. II, S. 166.) Ganz im Gegentheil. Hier wird nicht mechanische Arbeit vernichtet, hier wird mechanische Arbeit 35 gethan. Mechanische Bewegung ist es, die scheinbar vernichtet wird. Aber mechanische Bewegung kann nie und nimmer für ein Milliontel Me
x) Anmerkung. Nicht weiter kommen wir, wenn wir Clerk Maxwell konsultiren. Dieser sagt (Theory of Heat, 401 ed. London 1875) S. 87: Work is done when resistance is overcome, und S. 184: the energy of a body is its capacity for doing work. Das ist Alles was wir darüber 40 erfahren.
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terkilogramm Arbeit thun, ohne als solche scheinbar vernichtet zu werden, ohne sich in eine andre Form der Bewegung zu verwandeln.
Das Arbeitsvermögen nun, das in einer bestimmten Menge mechanischer Bewegung steckt, heißt, wie wir gesehn haben, ihre lebendige Kraft und wurde bis vor Kurzem gemessen durch m v2. Hier aber entstand ein neuer Widerspruch. Hören wir Helmholtz (Erh. d. Kft S. 9). Hier heißt es, die Arbeitsgröße sei ausdrückbar durch ein in die Höhe h gehobnes Gewicht m, wo dann, die Schwerkraft durch g ausgedrückt, die Arbeitsgröße = mgh ist. Um senkrecht frei in die Höhe h zu steigen, braucht m die Geschwindigkeit v = ^2gh, und erlangt dieselbe wieder beim Herabfallen. Also ist in v2
mgh = —^~, und Helmholtz schlägt vor, „gleich die Größe ll2mv2 als Quantität der lebendigen Kraft zu bezeichnen, wodurch sie identisch wird mit dem Maß der Arbeitsgröße. Für die bisherige Anwendung des Begriffs der lebendigen Kraft... ist diese Abänderung ohne Bedeutung, während sie uns im Folgenden wesentliche Vortheile gewähren wird.“
Es ist kaum zu glauben. So wenig klar war sich Helmholtz 1847 über die gegenseitige Beziehung von lebendiger Kraft und Arbeit, daß er gar nicht einmal merkt, wie er das frühere proportionelle Maß der lebendigen Kraft in ihr absolutes verwandelt; daß ihm ganz unbewußt bleibt welche bedeutende Entdeckung er mit seinem kühnen Griff gemacht, und er sein 72 m v2 nur aus Bequemlichkeitsrücksichten empfiehlt gegenüber dem m v2! Und aus Bequemlichkeit haben die Mechaniker das 'kmv2 sich einbürgern lassen. Erst allmählig hat man das V2 mv2 auch mathematisch bewiesen; eine algebraische Entwicklung findet sich bei Naumann, Allg. Chemie S.7, eine analytische bei Clausius, Meeh. Wärmetheorie 2. Aufl. I S. 18, die dann bei Kirchhoff a. a. O. S. 27 anders abgeleitet und ausgeführt wird. Eine hübsche fn v2
algebraische Ableitung von —— aus mv gibt Clerk Maxwell a.a.O. S.88.
Was unsre beiden Schotten Thomson und Tait nicht verhindert zu sagen (a. a. O. S. 163): The Vis Viva, or Kinetic energy of a moving body is proportional to the mass and the square of the velocity conjointly. If we adopt the same units of mass as above (nämlich unit of mass moving with unit velocity) there is a particular advantage in defining kinetic energy as half the product of the mass and the square of the velocity. Hier ist also bei den beiden ersten Mechanikern Schottlands nicht nur das Denken, sondern auch das Rechnen zum Stillstand gekommen. Der particular advantage, die Handlichkeit der Formel, erledigt Alles aufs Schönste.
Für uns, die wir gesehn haben, daß lebendige Kraft nichts andres ist als das Vermögen einer gegebnen mechanischen Bewegungsmenge, Arbeit zu leisten, für uns ist es selbstverständlich daß der mechanische Maßausdruck
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
dieses Arbeitsvermögens und der der von ihm wirklich geleisteten Arbeit Ml V2
einander gleich sein müssen; daß also, wenn die Arbeit mißt, die le-
Ml V
bendige Kraft ebenfalls zum Maß haben muß. Aber so geht’s in der
Wissenschaft. Die theoretische Mechanik kommt auf den Begriff der lebendigen Kraft, die praktische der Ingenieurs auf den der Arbeit, und zwingt 5 ihn den Theoretikern auf. Und so sehr hat man sich über dem Rechnen des Denkens entwöhnt, daß man Jahre lang den Zusammenhang Beider nicht
Ml V2
erkennt, die eine nach mv2, die andre nach mißt, und endlich für Beide
2
Ml V
—— acceptirt nicht aus Einsicht sondern der Einfachheit der Rechnung
halber !x)	10
x) Das Wort Arbeit wie die Vorstellung kommen von den englischen Ingenieuren her. Aber im Englischen heißt die praktische Arbeit work, die Arbeit im ökonomischen Sinn labour. Die physikalische Arbeit wird daher auch mit work bezeichnet, und alle Vermischung mit der Arbeit im ökonomischen Sinn ist ausgeschlossen. Dies ist im Deutschen nicht der Fall, und daher sind in der neueren pseudo-wissenschaftlichen Literatur verschiedne sonderbare Anwendungen der 15 Arbeit im physikalischen Sinn auf ökonomische Arbeitsverhältnisse und umgekehrt möglich geworden. Wir haben aber auch das Wort Werk, das sich wie das englische work ganz vortrefflich zur Bezeichnung der physikalischen Arbeit eignet. Da aber die Oekonomie unsem Naturforschern viel zu weit ab liegt, werden sie sich schwerlich entschließen es statt des einmal eingebürgerten Worts Arbeit einzuführen — es sei denn, wenn es schon zu spät ist. Nur bei 20 Clausius wird der Versuch gemacht, wenigstens neben dem Ausdruck Arbeit den Ausdruck Werk beizubehalten.
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[Notizen und Fragmente]
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[176]
mv2 auch bewiesen für Gastnoleküle durch die kinetische Gastheorie also das gleiche Gesetz für Molekularbewegung wie für Massenbewegung; der Unterschied Beider hier auf gehoben.
[172]
10 Kg gehoben 80 Meter: erhalten End-Fallgeschwindigkeit von v = gt = 10 x 4 = 40m. Fallkraft = 72mv2 = 72 x 10 x 402 = 8000Kgmt Arbeitsleistung im Heben: 10 x 80 = 800 Km.
X
»	--------„ » A = pt = -t— v2 xs = 800 Kgm.
^8
wenn gehoben in 40 Sekunden: dann v = 2, v2 = 4
10 Kg x 80 meter = 800 Kgm
5 + 15 + 25 + 35
10Kg fallen 80 meter: in 1) 5 + 15 + 25 + 35 - 4 Sekunden Geschwindigkeit am Ende der 4. Sekunde = 40 m.
Fallkraft = 72 mv2 = '/2 x 10 x 402 = 8000 Kgm	8000
v2 4O2 _ 16Ö0_ftn_ vt _ 40x4 _ön
S = 2? - 2SÖÖ^ ” IT " 80 " ~2 ~	~ 80
1^-X^2 =800.	80 + 45 + 55
2 p	2 x 10
10 Kg in Masse =	= 1. Auf die Masse 1 ein Druck von 10 Kg für 80 m
= 800 Kgm.
Masse 1 fällt 80 m in 4 Sekunden, Endgeschwindigkeit = 40 m. mv' 1 X 1600
Fallkraft =	=---------= 800 Kgm.
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7	8
180 + 65 + 75
140
320
5
50 Kg gehoben 180m. Fallzeit 6 Sek. Endgeschwindigkeit 60 m.
50 Kg = Masse 5, Druck = 10 Kg, Weg 180 M
Arbeit 5 x 10 X 180 = 9000 Kgm
50 Kg = Masse 5 fällt mit Endgeschwindigkeit 60 m
5 x 602
Arbeitsleistung------= 9000 Kgm
40Kg gehoben 320M. Fallzeit 8 Sek. Endgeschwindigkeit 80m.
Masse 4 x Druck 10 x Weg 320	= 12 800 Kgmt
Masse 4 x Endgeschwindigkeit 802	.. on. _
-----------------------= 12 800 Kgmt
10
15
2
40 Kg an Axe 1 heben 10 Kg an Axe 4 statt 320 —
4 x 320 = 1280 M.
Fall von 10 Kg - 1280M. in 16 Sek.
Endgeschwindigkeit 160 m.
t, ... r ..	1 X 1602	25600Kgm
Fallkraft Masse-------=------------= 12 800.
2	2
[173]
1 x5 = 5x 1
20
Masse 4 mit Geschwindigkeit 4 stößt auf Masse 4. Masse 4 + 4 bewegt sich mit Geschwindigkeit 2.
Masse 4 hatte kinetische Energie
4 x 42
2
= 32
4 x x2 = 32
Masse 4 + 4 hat kinetische Energie
8X22
2
= 16.
x = V8
4 X22
2
4x22 2
25
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Dialektischer Inhalt der Wissenschaften
MC+ mc M+m
(M + m) v2 = (M + m)
MC+mc\2 < M + m /
5
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(MC+ mc)2 M+m MC v =----
M+m
MCi + mCi = M(2v - C) + 2mv = 2v(M+m)- MC = 2MC — MC = MC
MC - MCi = mc C+ Ci = c
MC2 - MC2 = mc2
MC2 =MC2 + mc2
4 x 42 = 4 x 22 4- 4 x 22
64	=16+16
4 x 42 = 4 x x2 + 4 x x2 = x2 (4 + 4)
4-42 4x4x4 64X4
4+4“ 4+4 “ 8
MCm ruhend
MC=(M+m)v
G = 2v-C
Ci = 2 v
MC = (M + m)v 4-2 + 4-2 = 4-4
MC2 = (M+m)x2 , MC2 X ~ M+m
MC2 M+m
= 32
MC2 vorher
(M + m) v2 nachher
MmC2 M+m
MC	MmC2 MC2 (M + m) + MmC2
v =---- MC - —---------------=------7^7-----
M + m	M+m	M+m
MC2
(M+m)v2	=
(M + m)
MC2 = MC2 {M+m)-MC2
C M+m	M+m
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
M2C2 + MmC2- MC2
M+m
M+m
= mr2 v
MÄ2V=mr2v
5
MC = (M+ m)v
v
MC M + m
! MC2
MC2 ~(M+m)v2 = MC2	—
\ M + m
1)
V
= ct
M + m
[174]
10
2)
m
= P_.
9 g
g = — m
3)
c
= P_ m
4)
5
= ’/i vt\
v
t aber = — (1)
5)
S
V2 _
2c ’
C =~ (3); m
7 mv s~^p
15
6)
mv2 ps= —
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Berechnungen zum Kapitel „Maß der Bewegung—Arbeit“. Seite [2]. Text [173]
Berechnungen zum Kapitel „Maß der Bewegung—Arbeit". Seite [3]. Text [173]
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[Zur Mathematik]
[160]
[Über die Urbilder des Mathematischen Unendlichen in der wirklichen Welt]
I.
Zu S. 17—18: Einstimmung von Denken und Sein. — Das Unendliche der Mathematik.
Die Thatsache daß unser subjektives Denken und die objektive Welt denselben Gesetzen unterworfen sind und daher auch beide in ihren Resultaten sich schließlich nicht widersprechen können, sondern übereinstimmen müssen, beherrscht absolut unser gesammtes theoretisches Denken. Sie ist seine unbewußte und unbedingte Voraussetzung. Der Materialismus des 18. Jahrhunderts in Folge seines wesentlich metaphysischen Charakters, hat diese Voraussetzung nur ihrem Inhalt nach untersucht. Er beschränkte sich auf den Nachweis daß der Inhalt alles Denkens und Wissens aus der sinnlichen Erfahrung stammen müsse, und stellte den Satz wieder her: nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu. Erst die moderne idealistische, aber gleichzeitig dialektische Philosophie und namentlich Hegel untersuchte sie auch der Form nach. Trotz der zahllosen willkührlichen Konstruktionen und Phantastereien die uns hier entgegentreten, trotz der idealistisch auf den Kopf gestellten Form ihres Resultats, der Einheit von Denken und Sein, ist unläugbar daß diese Philosophie die Analogie der Denkprozesse mit den Natur- und Geschichtsprozessen und umgekehrt und die Gültigkeit gleicher Gesetze für alle diese Prozesse an einer Menge von Fällen und auf den verschiedensten Gebieten nachgewiesen hat. Andrerseits hat die moderne Naturwissenschaft den Satz vom erfahrungsmäßigen Ursprung alles Denkinhalts in einer Weise erweitert die seine alte metaphysische Begränzung und
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Formulirung über den Haufen wirft. Indem sie die Vererbung erworbener Eigenschaften anerkennt, erweitert sie das Subjekt der Erfahrung vom Individuum auf die Gattung; es ist nicht mehr nothwendig das einzelne Individuum, das erfahren haben muß, seine Einzelerfahrung kann bis auf einen gewissen Grad ersetzt werden durch die Resultate der Erfahrungen 5 einer Reihe seiner Vorfahren. Wenn bei uns z.B. die mathematischen Axiome jedem Kinde von acht Jahren als selbstverständlich, keines Erfahrungsbeweises bedürftig erscheinen, so ist das lediglich Resultat „gehäufter Vererbung“. Einem Buschmann oder Australneger würden sie schwerlich durch Beweis beizubringen sein.	w
In der vorstehenden Schrift ist die Dialektik als die Wissenschaft von den allgemeinsten Gesetzen aller Bewegung gefaßt worden. Es ist hierin eingeschlossen daß ihre Gesetze Gültigkeit haben müssen für die Bewegung ebensosehr in der Natur und der Menschengeschichte, wie für die Bewegung des Denkens. Ein solches Gesetz kann erkannt werden in zweien dieser drei 15 Sphären, ja selbst in allen dreien, ohne daß der metaphysische Schlendrian sich darüber klar wird, daß es ein und dasselbe Gesetz ist das er erkannt hat. (Nehmen wir ein Beispiel. Von allen theoretischen Fortschritten gilt wohl keiner als ein so hoher Triumph des menschlichen Geistes wie die Erfindung der Infinitesimalrechnung in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wenn 20 irgendwo, so haben wir hier eine reine und ausschließliche That des menschlichen Geistes. Das Mysterium, das die bei der Infinitesimalrechnung angewandten Größen, die Differentiale und Unendlichen verschiedener Grade noch heute umgibt, ist der beste Beweis dafür, daß man sich noch immer einbildet, man habe es hier mit reinen „freien Schöpfungen und 25 Imaginationen“ des Menschengeistes zu thun, wofür die objektive Welt kein Entsprechendes biete. Und doch ist das Gegentheil der Fall. Für alle diese imaginären Größen bietet die Natur die Vorbilder.
Unsre Geometrie geht aus von Raum Verhältnissen, unsre Arithmetik und Algebra von Zahlengrößen, die unsren irdischen Verhältnissen entsprechen, 30 die also den Körpergrößen entsprechen, die die Mechanik Massen nennt — Massen wie sie auf der Erde vorkommen, und von Menschen bewegt werden. Gegenüber diesen Massen erscheint die Masse der Erde unendlich groß und wird von der irdischen Mechanik auch als unendlich groß behandelt. Erdradius = 00, Grundsatz aller Mechanik im Fallgesetz. Aber nicht nur die Erde, 35 sondern das ganze Sonnensystem und die in ihm vorkommenden Entfernungen erscheinen ihrerseits wieder als unendlich klein, sobald wir uns mit den nach Lichtjahren zu schätzenden Entfernungen in dem für uns teleskopisch sichtbaren Sternensystem beschäftigen. Wir haben hier also schon ein Unendliches nicht nur des ersten, sondern auch des zweiten Grades, und 40 können es der Phantasie unsrer Leser überlassen, sich noch weitere Un
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endliche höherer Grade im unendlichen Raum zurecht zu konstruiren falls sie dazu Lust verspüren.
Die irdischen Massen, die Körper mit denen die Mechanik operirt, bestehn aber nach der heute in der Physik und Chemie herrschenden Ansicht aus Molekülen, kleinsten Theilchen, die nicht weiter getheilt werden können ohne die physikalische und chemische Identität des betreffenden Körpers aufzuheben. Nach W. Thomson’s Berechnungen kann der Durchmesser des kleinsten dieser Moleküle nicht kleiner sein als ein Fünfzigmilliontel eines Millimeters. Nehmen wir aber auch an, daß das größte Molekül selbst einen Durchmesser von einem Fünfundzwanzig-Milliontel Millimeter erreiche; so bleibt es immer noch eine verschwindend kleine Größe gegen die kleinste Masse mit der die Mechanik, die Physik und selbst die Chemie operiren. Trotzdem ist es mit allen der betreffenden Masse eigenthümlichen Eigenschaften begabt, es kann die Masse physikalisch und chemisch vertreten und vertritt sie wirklich in allen Chemischen Gleichungen. Kurzum, es hat ganz dieselben Eigenschaften gegenüber der entsprechenden Masse wie das mathematische Differential gegenüber seiner Veränderlichen. Nur daß, was uns beim Differential, in der mathematischen Abstraktion, geheimnißvoll und unerklärlich erscheint, hier selbstverständlich und sozusagen augenscheinlich wird.
Mit diesen Differentialen, den Molekülen, operirt nun die Natur ganz in derselben Weise und ganz nach denselben Gesetzen wie die Mathematik mit ihren abstrakten Differentialen. So ist z. B. das Differential von x3 = 3x2dx wobei 3xdx2 und dx3 vernachlässigt werden. Konstruiren wir uns dies geometrisch, so haben wir einen Kubus mit der Seitenlänge x, welche Seitenlänge um die unendlich kleine Größe dx vergrößert wird. Nehmen wir an dieser Kubus bestehe aus einem sublimirteren Element, sage Schwefel; die, eine Ecke umgebenden drei Seitenflächen seien geschützt, die andern drei seien frei. Setzen wir nun diesen Schwefelkubus einer Atmosphäre von Schwefelgas aus und erniedrigen deren Temperatur hinreichend, so schlägt sich das Schwefelgas auf den drei freien Seiten des Würfels nieder. Wir bleiben ganz innerhalb der, der Physik und Chemie geläufigen Verfahrungs-weise, wenn wir annehmen, um uns den Vorgang in seiner Reinheit vorzustellen, daß auf jeder dieser drei Seiten sich zunächst eine Schicht von der Dicke eines Moleküls niederschlägt. Die Seitenlänge x des Kubus hat sich um den Durchmesser eines Moleküls, dx, vergrößert. Der Inhalt des Kubus x3 ist gewachsen um die Differenz von x3 und x3 + 3x2dx + 3xdx2 4- dx3, wobei wir dx3, ein Molekül, und 3xdx2, drei Reihen einfach linear aneinander gelagerter Moleküle von der Länge x 4- dx, mit demselben Recht vernachlässigen können wie die Mathematik. Das Resultat ist dasselbe: der Massenzuwachs des Kubus ist 3x2dx.
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Genau genommen, kommen bei dem Schwefelkubus dx3 und 3xdx2 nicht vor, weil nicht zwei oder drei Moleküle in demselben Raum sein können, und seine Massenzunahme ist daher genau 3x2dx + 3xdx -I- dx. Dies erklärt sich daher daß in der Mathematik dx eine lineare Größe ist, dergleichen Linien ohne Dicke und Breite aber in der Natur bekanntlich nicht selbstständig 5 vorkommen, die mathematischen Abstraktionen also auch nur in der reinen Mathematik unbedingte Gültigkeit haben. Und da auch diese 3xdx2 4- dx3 vernachlässigt, so macht’s keinen Unterschied.
Ebenso bei der Verdunstung. Wenn in einem Glase Wasser die oberste Molekularschicht verdunstet, so ist die Höhe der Wasserschicht x um dx 10 vermindert worden, und die fortdauernde Verflüchtigung einer Molekularschicht nach der andern ist thatsächlich eine fortgesetzte Differentiation. Und wenn der heiße Dampf durch Druck und Abkühlung in einem Gefäß wieder zu Wasser verdichtet wird, und eine Molekularschicht sich auf die andre lagert (wobei wir von den den Vorgang unrein machenden Neben- 15 umständen absehn dürfen), bis das Gefäß voll ist, so hat hier buchstäblich eine Integration stattgefunden, die sich von der mathematischen nur dadurch unterscheidet, daß die eine vom menschlichen Kopf bewußt vollzogen wird und die andre unbewußt von der Natur. Aber nicht nur beim Übergang aus dem flüssigen in den Gaszustand und umgekehrt finden Vorgänge statt die 20 denen der Infinitesimal-Rechnung vollkommen analog sind. Wenn Massenbewegung — durch Stoß — als solche aufgehoben und in Wärme, Molekularbewegung umgewandelt worden, was ist andres geschehn als daß die Massenbewegung differenzirt worden? Und wenn die Molekularbewegungen des Dampfs im Cylinder der Dampfmaschine sich dahin summiren daß 25 sie den Kolben um ein Bestimmtes heben, daß sie in Massenbewegung umschlagen, sind sie nicht integrirt worden? Die Chemie löst die Moleküle auf in Atome, Größen von geringerer Masse und Raumausdehnung, aber Größen derselben Ordnung, sodaß Beide in bestimmten, endlichen Verhältnissen zu einander stehn. Die sämmtlichen Chemischen Gleichungen, die die 30 Molekularzusammensetzung der Körper ausdrücken, sind also der Form nach Differentialgleichungen. Aber sie sind in Wirklichkeit bereits integrirt durch die Atomgewichte die in ihnen f iguriren. Die Chemie rechnet eben mit Differentialen, deren gegenseitiges Größenverhältniß bekannt ist.
Nun aber gelten die Atome keines wegs für einfach oder überhaupt für 35 die kleinsten bekannten Stofftheilchen. Abgesehn von der Chemie selbst, die mehr und mehr sich der Ansicht zuneigt, daß die Atome zusammengesetzt sind, behauptet die Mehrzahl der Physiker daß der Weltäther der Licht- und Wärmestrahlung vermittelt, ebenfalls aus diskreten Theilchen bestehe, die aber so klein sind, daß sie sich zu den chemischen Atomen und physika- 40 lischen Molekülen verhalten wie diese zu den mechanischen Massen, also
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wie d2x zu dx Hier haben wir also in der jetzt landläufigen Vorstellung von der Konstitution der Materie ebenfalls das Differential des zweiten Grades, und es liegt durchaus kein Grund vor, warum nicht Jeder, dem dies Vergnügen macht, sich vorstellen sollte daß auch noch Analoga von d3x, d4x usw. in der Natur vorhanden sein sollten.
Welcher Ansicht man also auch über die Konstitution der Materie sein möge, soviel ist sicher, daß sie in eine Reihe von großen, gut abgegränzten Gruppen relativer Massenhaftigkeit gegliedert ist, sodaß die Glieder jeder einzelnen Gruppe zu einander in bestimmten, endlichen Massenverhältnissen stehn, gegenüber denen der nächsten Gruppen aber im Verhältniß der unendlichen Größe oder Kleinheit im Sinne der Mathematik stehn. Das sichtbare Sternensystem, das Sonnensystem, die irdischen Massen, die Moleküle und Atome, endlich die Aethertheilchen bilden Jedes eine solche Gruppe. Es ändert Nichts daran, daß wir zwischen einzelnen Gruppen Mittelglieder finden. So zwischen den Massen des Sonnensystems und den irdischen die Asteroiden von denen einige keinen größeren Durchmesser haben als etwa das Fürstenthum Reuß jüngere Linie, die Meteore usw. So zwischen irdischen Massen und Molekülen in der organischen Welt die Zelle. Diese Mittelglieder beweisen nur daß es in der Natur keinen Sprung gibt, eben weil die Natur sich aus lauter Sprüngen zusammensetzt.
Sowie die Mathematik mit wirklichen Größen rechnet, wendet sie diese Anschauungsweise auch ohne Weiteres an. Der irdischen Mechanik gilt bereits die Erdmasse als unendlich groß, wie in der Astronomie die irdischen Massen und die ihnen entsprechenden Meteore als unendlich klein, ebenso verschwinden ihr die Entfernungen und Massen der Planeten des Sonnensystems sobald sie über die nächsten Fixsterne hinaus die Konstitution unsres Sternensystems untersucht. Sobald aber die Mathematiker sich in ihre uneinnehmbare Festung der Abstraktion, die s. g. reine Mathematik zurückziehen, werden alle jene Analogieen vergessen, das Unendliche wird etwas total Mysteriöses, und die Art und Weise wie damit in der Analysis operirt wird, erscheint als etwas rein Unbegreifliches, aller Erfahrung und allem Verstand Widersprechendes. Die Thorheiten und Absurditäten mit denen die Mathematiker diese ihre Verfahrungsweise, die sonderbarer Weise immer zu richtigen Resultaten führt, mehr entschuldigt als erklärt haben, übertreffen die ärgsten scheinbaren und wirklichen Phantastereien z. B. der Hegelschen Naturphilosophie, vor denen Mathematiker und Naturforscher nicht Horror genug aussprechen können. Was sie Hegel vorwerfen, daß er Abstraktionen auf die Spitze treibe, thun sie selbst in weit größerem Maßstab. Sie vergessen daß die ganze s. g. reine Mathematik sich mit Abstraktionen beschäftigt, daß alle ihre Größen, streng genommen, imaginäre Größen sind, und daß alle Abstraktionen , auf die Spitze getrieben, um-
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schlagen in Widersinn oder in ihr Gegentheil. Das mathematische Unendliche ist aus der Wirklichkeit entlehnt, wenn auch unbewußt, und kann daher auch nur aus der Wirklichkeit und nicht aus sich selbst, aus der mathematischen Abstraktion erklärt werden. Und wenn wir die Wirklichkeit darauf untersuchen, so finden wir, wie wir sehen, auch die Wirklichen Verhältnisse vor, 5 von denen das mathematische Unendlichkeitsverhältniß entlehnt ist, und sogar die natürlichen Analoga der mathematischen Art dies Verhältniß wirken zu lassen. Und damit ist die Sache erklärt. (Schlechte Reproduktion bei Häckel von Denken und Sein Identität. Aber auch der Widerspruch von kontinuirlicher und diskreter Materie s. Hegel).	10
[18]
Die mathematischen s.g. Axiome sind die wenigen Denkbestimmungen deren die Mathematik zu ihrem Ausgang bedarf. Die Mathematik ist die Wissenschaft der Größen; sie geht vom Begriff der Größe aus. Sie definirt diese in lahmer Weise und fügt dann die andern Elementar-Bestimmtheiten 15 der Größe, die in der Definition nicht enthalten, äußerlich als Axiome hinzu, wo sie dann als unbewiesen, und natürlich auch mathematisch unbeweisbar erscheinen. Die Analyse der Größe würde alle diese Axiomsbestimmungen als nothwendige Bestimmungen der Größe ergeben. Spencer hat in sofern Recht als die uns so vorkommende Selbstverständlichkeit dieser Axiome 20 angeerbt ist. Beweisbar sind sie dialektisch soweit sie nicht reine Tautolo-gieen.
[66]
Identität und Unterschied — das dialektische Verhältniß schon in der Differentialrechnung wo dx unendlich klein aber doch wirksam und Alles 25 macht.
[67]
Mathematisches. Nichts scheint auf unerschütterlicher Basis zu ruhn als der Unterschied der 4 Species, der Elemente aller Mathematik. Und doch zeigt sich schon von vorn herein die Multiplication als eine abgekürzte Addition, die Division als abgekürzte Subtraction einer bestimmten Anzahl gleicher Zahlengrößen; und die Division wird schon in einem Fall — wenn der Divisor ein Bruch — durch Multiplikation mit dem umgekehrten Bruch vollzogen. Beim algebraischen Rechnen aber wird viel weiter gegangen. Jede Subtraction (a - b)
Der Wendepunkt in der Mathematik war Descar- 30 tes variable Größe. Damit die Bewegung, und damit die Dialektik in d[er] 35 Mathematik, und damit auch
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kann als Addition (- b + a), jede Division -7- als Multi-b
plikation a • dargestellt werden. Bei der Rechnung b
mit potenzirten Größen wird noch viel weiter gegangen. Alle festen Unterschiede der Rechnungsarten verschwinden, Alles läßt sich in entgegengesetzter Form darstellen. Eine Potenz als Wurzel (x2 = /ÄF) eine
Wurzel als Potenz	Eins dividirt durch eine
Potenz oder Wurzel als Potenz des Nenners
/ 1	1	\
I —— = x 2, —7 = x~31. Die Multiplikation oder Di-\ V x	*	]
vision der Potenzen einer Größe verwandelt sich in die Addition oder Subtraktion ihrer Exponenten. Jede Zahl kann als Potenz jeder andern Zahl aufgefaßt und dargestellt werden (Logarithmen, y = ax). Und diese Verwandlung aus einer Form in die gegentheilige ist keine müßige Spielerei, sie ist einer der mächtigsten Hebel der mathematischen Wissenschaft, ohne den kaum eine schwierigere Rechnung heute mehr ausgeführt wird. Man streiche aus der Mathematik nur die negativen und Bruch-Potenzen und wie weit wird man kommen.
sofort mit Nothwendigkeit die Differential-
und Integral-Rechnung die auch sofort anfängt und durch Newton und Leibnitz im
Ganzen und Großen vollendet, nicht erfunden.
( - • - = +, — = -I-, 7-T etc. früher zu ent-
wickeln)
[120]
Die Differenzialrechnung macht es der Naturwissenschaft erst möglich Prozesse, nicht nur Zustände, mathematisch darzustellen: Bewegungen.
[137]
Molekül und Differential. Wiedem[ann] III636 setzt endliche Entfernungen und molekulare direkt einander entgegen.
[112]
Quantität und Qualität. Die Zahl ist die reinste quantitative Bestimmung die wir kennen. Aber sie steckt voll qualitativer Unterschiede. 1) Hegel, Anzahl und Einheit, Multipliciren, Dividiren, Potenziren, Wurzelausziehn. Dadurch
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werden bereits, was bei H. nicht hervorgehoben qualitative Unterschiede: Primzahlen und Produkte, einfache Wurzeln und Potenzen hervorgebracht. 16 ist nicht bloß die Summirung von 16 Eins, es ist auch Quadrat von 4, Biquadrat von 2. Noch mehr. Die Primzahlen theilen den von ihnen durch Multipl[iciren] mit andern Zahlen abgeleiteten Zahlen neue, festbestimmte 5 Qualitäten mit: nur grade Zahlen durch 2 theilbar, ähnliche Bestimmungen für 4 und 8. Bei 3 tritt die Quersumme ein, ebenso bei 9 und bei 6, wo sie mit der graden Zahl verquickt. Bei 7 ein besondres Gesetz. Darauf dann basirt Zahlenkunststücke, die den Ungelernten unbegreiflich erscheinen. Was H.
also Quantität S. 237 über die Gedankenlosigkeit der Arithmetik sagt, un- w richtig. Vgl. jedoch: „Maß“.
Sowie die Mathematik von unendlich Großem und unendlich Kleinem spricht, führt sie einen qualitativen Unterschied ein, der sogar sich als unüberbrückbarer qualitativer Gegensatz darstellt: Quantitäten die so enorm weit von einander verschieden sind daß jedes rationelle Verhältniß, jede 15 Vergleichung zwischen ihnen auf hört, daß sie quantitativ inkommensurabel werden. Die gewöhnliche Inkommensurabilität z. B. von Kreis und grader Linie ist nun auch ein dialektischer qualitativer Unterschied; aber hier ist es die Quantitäts-Differenz gleichartiger Größen die den Qualitätsunterschied bis zu Inkommensurabilität steigert.	20
[113]
Zahl. Die einzelne Zahl bekommt eine Qualität schon im Zahlensystem, und je nachdem dies. 9 ist nicht nur 1, neunmal addirt, sondern Basis für 90. 99. 900000 etc. Alle Zahlengesetze hängen ab und sind bestimmt durch das angenommene System. Im dyadischen und triadischen System 2x2 nicht 25 = 4 sondern = 100 oder = 11. In jedem System mit ungrader Grundzahl hört der Unterschied von graden und ungraden Zahlen auf, z. B. in der Pentas ist 5 = 10 und 10 = 20, 15 = 30. Ebenso im selben System die Querzahl 3n von den Produkten von 3 resp. 9 (6 = 11, 9 = 14). Die Grundzahl bestimmt also die Qualität nicht allein ihrer selbst sondern auch aller andern Zahlen. 30
Mit dem Potenzenverhältniß die Sache noch weiter: jede Zahl ist als Potenz jeder andern Zahl aufzufassen — soviel Logarithmensysteme als es ganze und gebrochene Zahlen gibt.
[116]
Null ist darum nicht inhaltslos weil es die Negation jedes bestimmten 35 Quantums ist. Im Gegentheil hat Null einen sehr bestimmten Inhalt. Als Gränze zwischen allen positiven und negativen Größen, als einzige wirklich neutrale Zahl, die weder + noch - sein kann, ist sie nicht nur eine sehr bestimmte Zahl, sondern auch an sich wichtiger als alle andern von ihr
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begrenzten Zahlen. Null ist in der That inhaltvoller als jede andre Zahl. Rechts von jeder andern gesetzt, gibt sie ihr, in unserm Zahlensystem, den zehnfachen Werth. Man könnte statt Null jedes andre Zeichen hierzu verwenden, aber doch nur unter der Bedingung daß dies Zeichen, allein genommen, Null bedeutet, = 0 ist. Es liegt also in der Natur der Null selbst, daß sie diese Verwendung findet und daß sie allein so verwandt werden kann. Null vernichtet jede andre Zahl mit der sie multiplicirt wird; als Divisor oder Dividend mit jeder andern Zahl vereinigt, macht sie diese, im ersten Fall unendlich groß, im andern unendlich klein; sie ist die einzige Zahl die zu jeder
andern in einem unendlichen Verhältniß steht. kann jede Zahl zwischen
-oo und +oo ausdrücken, und repräsentirt in jedem Fall eine wirkliche Größe. — Der wirkliche Inhalt einer Gleichung tritt erst dann klar hervor wenn alle Glieder derselben auf Eine Seite gebracht, und die Gleichung damit auf den Werth von Null reduzirt wird, wie dies bereits bei quadratischen Gleichungen geschieht und in der höheren Algebra fast allgemein Regel ist. Eine Funktion F (x, y) = 0 kann dann ebenfalls gleich z gesetzt und dieses z, obgleich es = 0 ist, wie eine gewöhnliche abhängige Variable differenzirt, sein partieller Differentialquotient bestimmt werden.
Das Nichts eines jeden Quantums ist aber selbst noch quantitativ bestimmt, und nur deßhalb ist es möglich mit Null zu rechnen. Dieselben Mathematiker, die in obiger Weise ganz ungenirt mit Null rechnen, d. h. mit ihr als einer bestimmten quantitativen Vorstellung operiren, sie in quantitative Verhältnisse zu andern quantitativen Vorstellungen bringen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen wenn sie bei Hegel dies verallgemeinert so lesen: das Nichts eines Etwas ist ein bestimmtes Nichts.
Nun aber in der (analytischen) Geometrie. Hier ist Null ein bestimmter Punkt, von dem ab auf einer Linie nach einer Richtung positiv, nach der andern negativ abgemessen wird. Hier hat der Nullpunkt also nicht nur eine ebenso große Bedeutung wie jeder mit einer 4- oder - Größenangabe bezeichnete Punkt, sondern eine weit größere als sie alle: er ist der Punkt von dem sie alle abhängen, auf den sie sich alle beziehn, durch den sie alle bestimmt werden. Er kann sogar in vielen Fällen ganz willkührlich angenommen werden. Aber einmal angenommen, bleibt er der Mittelpunkt der ganzen Operation, bestimmt sogar oft die Richtung der Linie auf der die Andern Punkte — die Endpunkte der Abscissen — einzutragen sind. Wenn wir z. B. um zur Gleichung des Kreises zu kommen, einen beliebigen Punkt der Peripherie zum Nullpunkt wählen, so muß die Linie der Abscissen durch den Mittelpunkt des Kreises gehn. Alles dies findet ebensosehr seine Anwendung auf die Mechanik, wo ebenfalls bei Berechnung von Bewegungen der jedesmal angenommene Nullpunkt den Angelpunkt der gesammten
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Operation bildet. Der Nullpunkt des Thermometers ist die sehr bestimmte untere Gränze des Temperaturabschnitts, der in eine beliebige Zahl von Graden abgetheilt wird und damit zum Maß dient sowohl der Temperaturabstufungen innerhalb seiner selbst wie höherer oder niedrer Temperaturen. Er ist also auch hier ein sehr wesentlicher Punkt. Und selbst der 5 absolute Nullpunkt des Thermometers repräsentirt keineswegs eine pure, abstrakte Negation sondern einen sehr bestimmten Zustand der Materie: die Gränze an der die letzte Spur selbstständiger Bewegung der Moleküle verschwindet und die Materie nur noch als Masse agirt. Wo auch immer wir auf die Null stoßen, da repräsentirt sie etwas sehr Bestimmtes, und ihre prak- 10 tische Anwendung in Geometrie, Mechanik etc. beweist daß sie—als Gränze — wichtiger ist als alle wirklichen von ihr begränzten Größen.
[117]
Eins. Nichts sieht einfacher aus als die quantitative Einheit, und nichts ist mannichfaltiger, als diese, sobald wir sie im Zusammenhang mit der ent- 15 sprechenden Vielheit und nach ihren verschiednen Entstehungsweisen aus dieser untersuchen. Eins ist zuerst die Grundzahl des ganzen positiven und negativen Zahlensystems, durch deren successive Hinzufügung zu sich selbst alle andern Zahlen entstehn. — Eins ist der Ausdruck aller positiven, negativen und gebrochnen Potenzen von Eins: l2, JT, l-2 sind alle gleich 20 Eins. — Es ist der Gehalt aller Brüche, deren Zähler und Nenner sich als gleich erweisen. — Es ist der Ausdruck jeder Zahl, die auf die Potenz Null erhoben wird, und damit die einzige Zahl, deren Logarithmus in allen Systemen derselbe, nämlich = 0 ist. Eins ist damit die Gränze, die alle möglichen Logarithmensysteme in zwei Theile scheidet: ist die Basis größer als Eins, 25 so sind die Logarithmen aller Zahlen über Eins positiv, aller Zahlen unter Eins negativ; ist sie kleiner als Eins, findet das Umgekehrte statt. Wenn also jede Zahl die Einheit in sich enthält, insofern sie sich aus lauter addirten Eins zusammensetzt, so enthält das Eins ebenfalls alle andern Zahlen in sich.
Nicht nur der Möglichkeit nach, insofern wir jede Zahl aus lauter Eins 30 konstruiren können, sondern der Wirklichkeit nach, insofern Eins eine bestimmte Potenz jeder andern Zahl ist. Dieselben Mathematiker aber, die ohne eine Miene zu verziehn, x° = 1 oder einen Bruch, dessen Nenner und Zähler gleich sind und der also ebenfalls Eins repräsentirt in ihre Rechnung interpoliren wo es ihnen paßt, die also die in der Einheit enthaltene Vielheit 35 mathematisch verwenden, sie rümpfen die Nase und verzerren das Gesicht wenn man ihnen, in allgemeinem Ausdruck sagt, daß Einheit und Vielheit untrennbare, einander durchdringende Begriffe sind, und daß die Vielheit nicht minder in der Einheit enthalten ist als die Einheit in der Vielheit. Wie sehr dies aber der Fall, sehn wir sobald wir das Gebiet der reinen Zahlen 40
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verlassen. Schon in der Messung von Linien, Flächen und Körperinhalten zeigt sich daß wir jede beliebige Größe der entsprechenden Ordnung als Einheit annehmen können, und ebenso bei Messung von Zeit, von Gewicht, von Bewegung, etc. Für die Messung von Zellen sind noch Millimeter und Milligramm zu groß, für die Messung von Stemabständen oder Lichtgeschwindigkeit wird das Kilometer schon unbequem klein, wie das Kilogramm für die von planetarischen oder gar Sonnenmassen. Hier zeigt sich augenscheinlich welche Mannichfaltigkeit und Vielheit in dem auf den ersten Blick so simpeln Begriff der Einheit enthalten ist.
[69]
Potenzen hoch Null: Von Wichtigkeit in der Logarithmtischen] Reihe:
0. 1. 2.	3. log
10°. 101. 102. 103.
Alle Variablen gehen irgendwo durch Eins durch; also auch die Constanten in variabler Potenz, ax = 1, wenn x = 0. aQ = 1 heißt weiter Nichts als das Eins in seinem Zusammenhang mit den andern Gliedern der Potenzenreihe von a auffassen, nur da hat es Sinn und kann zu Resultaten führen ( y x° = — |; sonst aber nicht. Hieraus folgt daß auch die Einheit — sosehr \ *>/
sie mit sich identisch scheint, eine unendliche Mannichfaltigkeit in sich schließt, indem sie die 0te Potenz jeder andern möglichen Zahl sein kann, und daß diese Mannichfaltigkeit keine bloß imaginäre ist, beweist sich jedesmal wo das Eins als bestimmtes Eins, als eins der variablen Resultate eines Prozesses (als momentane Größe oder Form einer Variablen) im Zusammenhang mit diesem Prozesse gefaßt wird.
[118]
V - 1 . — Die negativen Größen der Algebra sind reell nur insoweit sie sich auf positive beziehen, nur innerhalb des Verhältnisses zu diesen; außer diesem Verhältniß, für sich genommen, sind sie rein imaginär. In der Trigonometrie und analytischen Geometrie nebst den darauf gebauten Zweigen der höheren Mathematik drücken sie eine bestimmte Bewegungsrichtung aus, die der positiven entgegengesetzt ist; aber man kann die Sinus und Tangenten des Kreises vom rechten unteren sogut wie rechten oberen Quadranten an zählen, und also +• und minus direkt umkehren. Ebenso in der analytischen Geometrie, die Abscissen können in den Kreis hinein, von der Peripherie oder vom Centrum, ja bei allen Curven aus der Curve heraus, in der gewöhnlich als Minus bezeichneten, in jeder beliebigen Richtung gerechnet werden und geben doch eine richtige rationelle Gleichung der Curve. Hier besteht 4- nur als Complement von - und umgekehrt. Die
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Abstraktion der Algebra behandelt sie aber als wirkliche, selbstständige, auch außerhalb des Verhältnisses zu einer größeren, positive Größe.
[114]
Mathem[atik]. Dem gewöhnlichen Menschenverstand erscheint es als Blödsinn eine bestimmte Größe, ein Binom z. B. in eine unendliche Reihe, 5 also in etwas Unbestimmtes aufzulösen. Aber wo wären wir ohne die unendlichen Reihen und den binomischen Lehrsatz?
[68]
Asymptoten. Die Geometrie fängt an mit der Entdeckung daß Grad und Krumm absolute Gegensätze sind, daß Grades in Krummem, Krummes in 10 Gradem total unausdrückbar inkommensurabel. Und doch geht schon die Berechnung des Kreises nicht an als dadurch daß man seine Peripherie in graden Linien ausdrückt. Bei den Curven mit Asymptoten aber verschwimmt Grades in Krummes und Krummes in Grades vollständig, ebensosehr wie die Vorstellung des Parallelismus: die Linien sind nicht parallel, nähern sich 15 einander stets, und fallen doch nie zusammen; der Curvenarm wird immer grader ohne es je ganz zu werden — wie in der analytischen Geometrie die grade Linie als die Curve I. Grades, mit unendlich geringer Krümmung angesehn wird. Das - x der logarithmischen Curve mag noch so groß werden, y kann nie = 0 werden.	20
[70]
Grad und Krumm in der Differenzialrechnung in letzter Instanz gleich gesetzt: In dem differenzialen Dreieck dessen Hypotenuse die Differenzielle des Bogens bildet (bei der Tangentenmethode) kann diese Hypotenuse angesehn werden comme une petite ligne droite qui est tout ä la fois l’element de l’arc et celui de la tangente — sehe man nun die Curve als aus unendlich vielen graden Linien zusammengesetzt oder aber auch lorsqu’on la considere comme rigoureuse; puisque le detour ä chaque point M etant infiniment petit, la raison demiere de l’element de la courbe ä celui de la tangente est evidemment une raison d’egalite. Hier also obwohl sich das Verhältniß stets dem der Gleichheit nähert, der Natur der Curve nach aber asymptotisch, da die Berührung sich auf einen Punkt beschränkt der keine Länge hat, wird doch schließlich angenommen daß die Gleichheit des Graden und Krummen erreicht sei —
Als die Mathematik des Graden und des Krummen so ziemlich erschöpft, wird eine neue fast endlose Bahn eröffnet durch die Mathematik die das Krumme als Grades auffaßt (differenziales Dreieck) und das Grade als Krummes
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Bossut, Calcul diff. et integr. Paris An VI, I p. 149. Bei polaren Curven wird die differenziale imaginäre Abs-cisse sogar der wirklichen als parallel angenommen und darauf hin operirt, obwohl sich Beide im Pol treffen; ja man schließt daraus auf die Ähnlichkeit zweier Dreiecke, von denen Eins einen Winkel grade am Schneidungspunkt der beiden Linien hat, auf deren Parallelismus die ganze Ähnlichkeit begründet ist!
(Curve des
1. Grades, mit unendlich kleiner Krümmung). O Metaphysik!
Fig. 17.
[139]
Trigonometrie. Nachdem die synthetische Geometrie die Eigenschaften eines Dreiecks, an sich betrachtet, erschöpft hat, und nichts Neues mehr zu sagen hat, eröffnet sich ein erweiterter Horizont durch ein sehr einfaches, durchaus dialektisches Verfahren. Das Dreieck wird nicht mehr an sich und
für sich betrachtet, sondern im Zusammenhang mit einer andern Figur, dem Kreis. Jedes rechtwinklige Dreieck kann als Zubehör eines Kreises betrachtet werden: ist die Hypotenuse = r, dann die Katheten Sin. und Cos., ist eine Kathete = r, dann die andre = tg, die Hypotenuse = sec. Hierdurch bekommen Seiten und Winkel ganz andre, bestimmte Verhältnisse zueinander, die ohne diese Beziehung des Dreiecks auf den Kreis unmöglich zu entdecken und zu benutzen, und eine ganz neue, die alte weit überreichende Dreieckstheorie entwickelt sich, die überall anwendbar, weil jedes Dreieck in 2 rechtwinklige aufgelöst werden kann. Diese Entwicklung der Trigonometrie aus der synthetischen Geometrie ist ein gutes Exempel für die Dialektik wie sie die Dinge in ihrem Zusammenhang faßt statt in ihrer Iso-lirung.
[119]
Anwendung der Mathematik: in der Mechanik der festen Körper absolut, der Gase annähernd, der Flüssigkeiten schon schwieriger — in der Physik mehr tentativ und relativ — in der Chemie einfache Gleichungen ersten Grades simpelster Natur — in der Biologie = 0.
[142]
= Cylindermantel
Kugel. Oberfläche = 4 ar#2 = 4 große Kreisflächen
4
Inhalt = — orR3 = 2A des umschriebnen Cylinders
= ’/3 Basis x Höhe = xl3 Prisma.
= do,	= V3 Cylinder.
Pyramide Kegel
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sin2a + cos2a = R2 = 1 sec2a = tg^a + R2 = tg2a + 1 (wegen CBD ~ CTA:)
R sin a sin a tg a =-------=------
cos a	cos a
R2	1
sec a =-----=------
cos a cos a
(wegen CBD ~ CBG ~ CME:)
Rcos a cos a cot a = —;---= —:---
sin a sin a
R2 1 cosec a = —-----= —: 
sin a sin a wegen (CTA ~ CME) und aus (3) und (5) multiplicirt
tg a x cot a = R2 = 1 (CME) - cosec2 a = R2 + cot2 a = 1 + cot2 a
R2	1
Aus (4) und (2): cos a = .	.
vJ?2 + tg2a Vl + tg2a
(1)
(2)
(3)
(4)	5
(5)
(6)
10
(7)
(8)
(9)
aus (3)	Riga sin a = 	 7ä2 + tg2a	tga 71 + tg2a	(10)
T . ,	, sin A sin B In jedem Dreieck	= , = a	b		sinC c	15
(abc die gegenüberstehenden Seiten) sin (a ± b) = sin a cos b ± sin b cos a cos (a ± b) = cos a cos b + sin a sin b
also sin (2 a) = 2 sin a cos a
cos(2a) = cos2a - sin2a = 2cos2a -1 = 1 - 2sin2a
20
(r x r2 = 1)
tg(a ± b) =
tg a ± tg b
1 + tg a tg b ’
tg(2a) =
2tga
1 - tg2a
tg(72a) =
1 - cos a sina
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[143]
?(* + !.,y + k^ + ^h + ^h. dy dx dz dx
F (x + ft, y + k) - F (x, y) _ dz dy d_z^ ft	dy dx dx
Dz dz , , dz
-T- = -j— y + — dx dy dx
z = F (xy); x wird zu x + ft als indirekte Voraussetzung, dann
F (x + ft, y) = (Taylor) z + ft; dann y wird y + k, also
F(x + ft,y + k) = z + -^-k +^-h... dy dx dy
Nun ft = dx, k = dy also k = ——ft dx /dz dv dz\
Also F(x + ft, y + k) = z +	+ ft • • •
\dy dx dx/
F (x + ft, y + k) - z (oder F x, y) = wie oben ohne z. Dividirt durch ft, oder dx, haben wir
Dz dz dy t dz dx dy dx dx’
, dz , dz , z =3—+3—y
dx dy
z"
D / dz\ , D / dz ,\
=---1---1 H--1---y )
dx \dx/ dy \dy /
_ d2z , d2z , d2z dy , d2z ,, dz
dx2 J dxdy dy2 dx dxdy y dy
_ d2z , A , d2z , ,2 d2z , ,, dz dx2 y dxdy y dy2 y dx
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[Zu Mechanik und Astronomie]
[63]
Beispiel der Nothwendigkeit des dialektischen Denkens und der nichtfixen Kategorieen und Verhältnisse in der Natur: das Fallgesetz, das schon bei mehreren Minuten Fallzeit unrichtig wird, weil der Erdhalbmesser dann nicht	5
mehr ohne Fehler = <» gesetzt werden kann, und die Attraction der Erde zunimmt statt sich gleich zu bleiben wie Galilei’s Fallgesetz voraussetzt. Trotzdem wird dies Gesetz noch fortwährend gelehrt, die Reserve aber weggelassen!
[7]	10
Newtonsche Attraction und Centrifugalkraft — Beispiel metaphysischen Denkens: das Problem nicht gelöst sondern erst gestellt, und dies als Lösung docirt. — Ditto Clausius Wärmeabnahme.
[34]
Newtonsche Gravitation. Das beste was man von ihr sagen kann ist daß sie 15 den gegenwärtigen Zustand der Planeten-Bewegung nicht erklärt, sondern veranschaulicht. Die Bewegung ist gegeben. Ditto die Anziehungskraft der Sonne. Wie ist die Bewegung unter diesen Daten zu erklären? Durch das Parallelogramm der Kräfte, durch eine Tangential-Kraft die jetzt ein nothwendiges Postulat wird, die wir annehmen müssen. D. h. Die Ewigkeit 20 des bestehenden Zustands vorausgesetzt, brauchen wir einen ersten Anstoß, Gott. Nun ist aber weder der Bestehende Planetarzustand ewig, noch die Bewegung ursprünglich zusammengesetzt, sondern einfache Rotation, und das Parallelogramm der Kräfte hier angewandt, falsch, insofern es nicht bloß die noch zu findende unbekannte Größe, das X klarlegte, d. h. insofern 25 Newton beanspruchte die Frage nicht erst zu stellen sondern zu lösen.
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[74]
Newton ’s Parallelogramm der Kräfte im Sonnensystem ist wahr allenfalls in dem Moment wo die Ringkörper sich trennen, weil da die Rotationsbewegung mit sich in Widerspruch geräth als Attraktion einerseits, als Tangentialkraft andrerseits erscheint. Sowie die Trennung vollendet, ist die Bewegung aber wieder Eine. Beweis für den dialektischen Prozeß, daß diese Scheidung eintreten muß.
[8]
Laplace’s Theorie setzt nur sich bewegende Materie voraus — Rotation nothwendig bei allen im Weltraum schwebenden Körpern.
[91]
Mädler, Fixsterne
Hailey Anfang 18. Jhdt aus Differenz zwischen den Angaben Hipparchs und Flamsteeds über 3 Sterne zuerst die Idee der Eigenbewegung p.410. — Flamsteeds British Catalogue der erste einigermaßen genaue und umfassende p. 420, dann ca. 1750 Bradley Maskel[yne] und Lalande.
Tolle Theorie von der Schußweite der Lichtstrahlen bei enormen Körpern und darauf basirte Berechnungen von Mädler — so toll wie irgend etwas in Hegel’s Nat. Phil. p. 424-25.
Stärkste Eigenbewegung (scheinbare) eines Sterns 701" im Jahrhundert = 11'41" = 73 Sonnendurchmesser geringste durchschnittliche von 921 teleskopischen Sternen 8" 65., einzelne 4". —
Milchstraße eine Reihe von Ringen die alle einen gemeinsamen Schwerpunkt haben p.434.
Die Plejaden-Gruppe und in ihr Alcyone, nr] Tauri, Centrum der Bewegung für unsre Weltinsel „bis zu den entferntesten Regionen der Milchstraße hin“. p.448. Umlaufszeiten innerhalb der Plejadengruppe durchschnittlich ca. 2 Millionen Jahre p.449. Um die Plejaden abwechselnd ringförmige sternarme und sternreiche Gruppen — Secchi bestreitet die Möglichkeit jetzt schon ein Centrum zu fixiren.
Sirius und Procyon beschreiben nach Bessel eine Bahn um einen dunklen Körper, neben der allgemeinen Bewegung, p.450. Algolverfinsterung alle 3 Tage, 8 Stunden Dauer, bestätigt durch Spektral-Analyse Secchi p.786.
In der Gegend der Milchstraße, aber weit innerhalb ihrer, ein dichter Ring von Sternen 7.—11. Größe; weit außerhalb dieses Rings die konzentrischen Milchstraßenringe, von denen wir 2 sehn. In der Milchstraße nach Herschel ca. 18 Millionen für sein Teleskop sichtbare Sterne, die innerhalb des Rings liegenden ca. 2 Millionen oder mehr, also über 20 Millionen in Allem. Dazu
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immer noch ein unauflöslicher Schimmer in der Milchstraße selbst hinter den aufgelösten Sternen, also vielleicht noch weitere, perspektivisch verdeckte Ringe? p. 451.52.
Alcyone von der Sonne entfernt 573 Jahre Lichtzeit. Durchmesser des Milchstraßen-Rings einzeln sichtbarer Sterne wenigstens 8000 Jahre Licht- 5 zeit p. 462.63.
Masse der innerhalb des Sonnen-Alcyone Radius von 573 Jahren Lichtzeit sich bewegenden Körper berechnet auf 118 Millionen Sonnenmassen p. 462, stimmt gar nicht zu den höchstens 2 Millionen darin sich bewegenden Sternen. Dunkle Körper? Jedenfalls something wrong, Beweis wie unvoll- 10 kommen noch unsre Beobachtungsprämissen.
Für den äußersten Milchstraßen-Ring nimmt M. eine Entfernung von Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden Lichtjahren an p. 464.
Schöne Motivirung gegen die s. g. Lichtverschluckung: „Allerdings gibt es eine solche Entfernung (aus der gar kein Licht mehr zu uns gelangt), aber 15 der Grund ist ein ganz andrer. Die Geschwindigkeit des Lichts ist eine endliche, vom Beginn der Schöpfung bis zu unseren Tagen ist eine endliche Zeit verflossen, und wir können also die Himmelskörper nur wahrnehmen bis zu der Entfernung welche das Licht in jener endlichen Zeit durchläuft!“ p.466. Daß das Licht, im Quadrat der Entfernung sich schwächend, einen 20 Punkt erreichen muß wo es unsern, selbst noch so verschärften und bewaffneten Augen nicht mehr sichtbar, ist doch selbstredend, reicht zur Widerlegung der Olbersschen Ansicht hin daß nur Lichtverschluckung die Dunkelheit des doch nach allen Seiten, in unendliche Entfernung, mit leuchtenden Sternen erfüllten Himmelsraums zu erklären im Stande sei. 25 Wobei nicht gesagt werden soll daß es nicht eine Entfernung gibt wo der Aether kein Licht mehr durchläßt.
[92]
Nebelflecke. Alle Formen, scharf, kreisförmig, elliptisch, oder unregelmäßig und gezackt. Alle Grade der Auflösbarkeit, verschwimmend in totale Un- 30 auflösbarkeit, wo nur Verdichtung nach dem Centrum zu unterscheiden. In einigen der auflösbaren bis zu 10000 Sterne wahrnehmbar, die Mitte meist dichter, sehr selten ein Centralstern von hellerem Glanz. Rosse’s Riesenteleskop hat wieder viele aufgelöst, Herschel I zählt 197 Sternhaufen und 2300 Nebelflecke — wozu noch die am südlichen Himmel durch Her- 35 schel II katalogisirten kommen. Die unregelmäßigen müssen ferne Weltinseln sein da Dunstmassen nur in Kugel oder Ellipsoidform bestehn können im Gleichgewicht. Die meisten auch bloß in den stärksten Fernrohren noch eben sichtbar. Die rundlichen können allenfalls Dunstmassen sein, ihrer sind 78 unter den obigen 2500. Herschel nimmt 2 Millionen, Mädler — bei An- 40
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nähme eines wirklichen Durchmesser = 8000 Lichtjahre — 30 Millionen Lichtjahre Entfernung von uns an. Da die Entfernung eines jeden astronomischen Körpersystems vom nächsten mindestens um das lOOfache ihres Systemdurchmessers beträgt, so würde die Entfernung unsrer Weltinsel von der nächsten mindestens das 50fache von 8000 Lichtjahren = 400000 Lichtjahre betragen, wobei wir bei den mehreren 1000 Nebelflecken schon weit über Herschel’s 1 — 2 Millionen hinauskommen p.492. Secchi: die auflöslichen Nebelflecke geben ein kontinuirliches und ein gewöhnliches Sternspektrum. Die eigentlichen Nebelflecke aber „geben theils ein kontinuirliches Spektrum wie der Nebel in der Andromeda, meist aber ein aus einer oder nur sehr wenigen hellen Linien bestehendes Spektrum wie die Nebelflecke im Orion, im Schützen, in der Leier und die große Zahl derer die unter dem Namen der planetarischen (rundlichen) Nebel bekannt sind“. p.787. (Andromeda-Nebel nach M. p.495 nicht auflöslich — Orion-Nebel unregelmäßig, flockig und wie Arme ausstreckend! p.795 — Leier ein Ring, nur wenig elliptisch p. 498) — Huggins fand im Spectrum des Nebels Herschel Ns 4374 drei helle Linien „es folgte hieraus sofort daß dieser Nebelfleck nicht aus einem Haufen einzelner Sterne besteht sondern ein wirklicher Nebel, eine glühende Substanz im gasförmigen Zustand ist“. Die Linien gehören dem Stickstoff (1) dem Wasserstoff (1) an, die dritte unbekannt. Ebenso bei Orionnebel. Selbst Nebel die leuchtende Punkte enthalten (Wasserschlange, Schütze) haben diese hellen Linien sodaß also die sich sammelnden Sternmassen noch nicht fest oder flüssig sind p.789. Leiernebel bloß eine Stickstofflinie p. 789. — Orionnebel 1° dichteste Stelle, ganze Ausdehnung 4°.
[93]
Secchi: Sirius: „11 Jahre später (nach Bessels Berechnung Mädl. p.450) wurde nicht bloß der Satellit des Sirius als ein selbstleuchtender Stern 6. Größe aufgefunden, sondern auch nachgewiesen daß seine Bahn mit der von Bessel berechneten übereinstimmt. Auch für Procyon und seinen Begleiter ist nunmehr durch Auwers die Bahn bestimmt, der Satellit selbst jedoch noch nicht gesehen worden.“ p.793.
Secchi Fixsterne: „Da die Fixsterne mit Ausnahme von 2 oder 3 keine wahrnehmbare Parallaxe haben so sind sie wenigstens“ einige 30 Lichtjahre von uns entfernt p.799. — Nach S. die Sterne 16. Größe (noch in Herschel’s großem Teleskop unterscheidbar) 7560 Lichtjahre, die in Rosse’s Teleskop unterscheidbaren mindestens 20900 Lichtjahre entfernt, p.802.
Secchi p. 810 fragt selbst: wenn die Sonne und das ganze System erstorben, „sind Kräfte in der Natur vorhanden welche das todte System in den anfänglichen Zustand des glühenden Nebels zurückversetzen und es zu neuem Leben wieder aufwecken können? Wir wissen es nicht.“
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[177]
Fluthreibung. Kant und Thomson-Tait
Erdrotation und Mondanziehung.
Thomson and Tait Nat1 Philos. I, S. 191 (§276):
There are also indirect resistances, owing to friction impeding the tidal 5 motions, on all bodies which, like the earth, have portions of their free surfaces covered by liquid, which, as long as these bodies move relatively to neighbouring bodies, must keep drawing off energy from their relative motions. Thus, if we consider, in the first place, the action of the moon alone, on the earth with its oceans lakes and rivers, we perceive that it must tend 10 to equalize the periods of the earth’s rotation about its axis, and of the revolution of the two bodies about their centre of inertia; because as long as these periods differ, the tidal action of the earth’s surface must keep subtracting energy from their motions. To view the subject more in detail and at the same time to avoid unnecessary complications, let us suppose the 15 moon to be a uniform spherical body. The mutual action and reaction of gravitation between her mass and the earth’s will be equivalent to a single force in some line through her centre; and must be such as to impede the earth’s rotation as long as this is performed in a shorter period than the moon’s motion round the earth. It must therefore lie in some such direction 20 as the line MQ in the diagram, which represents, necessarily with enormous exaggeration, its deviation, OQ from the earth’s centre. Now the actual force
on the moon in the line MQ, may be regarded as consisting of a force in the line MO towards the earth’s centre, sensibly equal in amount to the whole
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force, and a comparatively very small force in the line MT perpendicular to MO. This latter is very nearly tangential to the moon’s path, and is in the direction with her motion. Such a force, if suddenly commencing to act, would, in the first place, increase the moon’s velocity; but after a certain time, she would have moved so much farther from the earth, in virtue of this acceleration, as to have lost, by moving against the earth’s attraction, as much velocity as she had gained by the tangential accelerating force. The effect of a continued tangential force, acting with the motion, but so small in amount as to make only a small deviation at any moment from the circular form of the orbit, is to gradually increase the distance from the central body and to cause as much again as its own amount of work to be done against the attraction of the central mass, by the kinetic energy of motion lost. The circumstances will be readily understood, by considering this motion round the central body in a very gradual spiral path tending outwards. Provided the law of force is the inverse square of the distance, the tangential com-ponent of gravity against the motion will be twice as great as the disturbing tangential force in the direction with the motion; and therefore one half of the amount of work done against the former, is done by the latter, and the other half by kinetic energy taken from the motion. The integral effect, on the moon’s motion, of the particular disturbing cause now under con-sideration, is most easily found by using the principle of moments of momenta. Thus we see that as much moment of momentum is gained in any time by the motions of the centres of inertia of the moon and earth relatively to their common centre of inertia, as is lost by the earth’s rotation about its axis. The sum of the moments of momentum of the centres of inertia of the moon and earth as moving at present, is about 4.45 times the present moment of momentum of the earth’s rotation. The average plane of the former is the ecliptic; and therefore the axes of the two momenta are inclined to one another at the average angle of 23° 27 V2', which, as we are neglecting the sun’s influence on the plane of the moon’s motion, may be taken as the actual inclination of the two axes at present. The resultant, or whole moment of momentum, is therefore 5.38 times that of the earth’s present rotation and its axis is inclined 19° 13' to the axis of the earth. Hence the ultimate tendency of the tides is to reduce the earth and moon to a simple uniform rotation with his resultant moment round this resultant axis, as if they were two parts of one rigid body: in which condition the moon’s distance would be increased (approximately) in the ratio of 1:1.46, being the ratio of the square of the present moment of momentum of the centres of inertia to the square of the whole moment of momentum; and the period of revolution in the ratio of 1:1.77, being that of the cubes of the same quantities. The distance would therefore be increased to—347 100 miles, and the period lengthened to
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48.36 days. Were there no other bodies in the universe but the earth and the moon, these two bodies might go on moving thus for ever, in circular orbits round their common centre of inertia, and the earth rotating in the same period, so as always to turn the same face to the moon, and therefore to have all the liquids at its surface at rest relatively to the solid. But the existence 5 of the sun would prevent any such state of things from being permanent. There would be solar tides—twice high water and twice low water—in the period of the earth’s revolution relatively to the sun (that is to say, twice in the solar day or, which would be the same thing, in the month). This could not go on without loss of energy by fluid friction. It is not easy to trace the 10 whole course of the disturbance in the earth’s and moon’s motion which this cause would produce, but its ultimate effect must be to bring the earth, moon and sun to rotate round their common centre of inertia like parts of one rigid body.
Kant stellte 1754 zuerst die Ansicht auf, daß die Rotation der Erde durch 15 die Fluthreibung verzögert, und diese Wirkung erst vollendet sein werde „wenn ihre (der Erde) Oberfläche in Ansehung des Mondes in respektiver Ruhe sein wird, d. i. wenn sie sich in derselben Zeit um die Achse drehen wird, darin der Mond um sie läuft, folglich ihm immer dieselbe Seite zukehren wird“. Er war dabei der Ansicht, daß diese Verzögerung nur der Fluthrei- 20 bung, also dem Vorhandensein flüssiger Massen auf der Erde ihren Ursprung verdanke. „Wenn die Erde eine ganz feste Masse ohne alle Flüssigkeiten wäre, so würde die Anziehung weder der Sonne noch des Mondes etwas thun, ihre freie Achsendrehung zu verändern; denn sie zieht die östlichen sowohl als die westlichen Theile der Erdkugel mit gleicher Kraft, und verursacht 25 dadurch keinen Hang, weder nach der einen noch der andern Seite; folglich läßt sie die Erde in völliger Freiheit, diese Umdrehung, so wie ohne allen äußerlichen Einfluß, ungehindert fortzusetzen.“ Mit diesem Resultat durfte Kant sich begnügen. Tiefer in die Einwirkung des Mondes auf die Erdrotation einzudringen, dazu fehlten damals alle wissenschaftlichen Vorbedin- 30 gungen. Hat es doch fast hundert Jahre bedurft bis Kant’s Theorie zur allgemeinen Anerkennung kam, und noch länger, bis man entdeckte, daß Ebbe und Fluth nur die sichtbare Seite einer die Erdrotation beeinflussenden Wirkung der Attraktion von Sonne und Mond sind.
Diese allgemeinere Auffassung der Sache ist oben von Thomson und Tait 35 entwickelt. Nicht allein auf die Flüssigkeiten des Erdkörpers oder seiner Oberfläche, auf die ganze Erdmasse überhaupt wirkt die Anziehung von Mond und Sonne in einer die Erdrotation hemmenden Weise. Solange die Periode der Erdrotation nicht zusammenfällt mit der Periode des Mondumlaufs um die Erde, solange hat die Anziehung des Mondes — um zunächst 40 bei dieser allein zu bleiben — die Wirkung, beide Perioden einander immer
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mehr anzunähern. Wäre die Rotationsperiode des (relativen) Centralkörpers länger als die Umlaufszeit des Satelliten, so würde die erstere allmählig verkürzt; ist sie kürzer, wie bei der Erde der Fall, so wird sie verlangsamt. Aber weder wird, im einen Fall, kinetische Energie aus Nichts erschaffen, noch wird sie im andern vernichtet. Im ersten Fall würde der Satellit näher an den Centralkörper heranrücken und seine Umlaufszeit verkürzen, im zweiten würde er sich weiter von ihm entfernen und eine längere Umlaufszeit erhalten. Im ersten Fall verliert der Satellit durch Annäherung an den Centralkörper ebensoviel potentielle Energie, als der Centralkörper bei beschleunigter Rotation an kinetischer Energie gewinnt, im zweiten gewinnt der Satellit durch Vergrößerung seines Abstandes genau dasselbe an potentieller Energie, was der Centralkörper an kinetischer Energie der Rotation einbüßt. Die Gesammtsumme der im System Erde-Mond vorhandnen dynamischen Energie, potentieller und kinetischer, bleibt dieselbe; das System ist durchaus konservativ.
Man sieht, diese Theorie ist vollständig unabhängig von der physikalischchemischen Beschaffenheit der betreffenden Körper. Sie leitet sich ab aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen freier Weltkörper, deren Zusammenhang hergestellt wird durch Attraktion im Verhältniß der Massen und im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Abstände. Sie ist augenscheinlich entstanden als eine Verallgemeinerung der Kantschen Theorie von der Fluthreibung, und wird uns hier von Thomson und Tait dargestellt sogar als deren Begründung auf mathematischem Weg. Aber in Wirklichkeit — und davon haben die Verfasser merkwürdiger Weise schlechterdings keine Ahnung — in Wirklichkeit schließt sie den Specialfall der Fluthreibung aus.
Reibung ist Hemmung von Massenbewegung, und galt Jahrhunderte lang als Vernichtung von Massenbewegung, also von kinetischer Energie. Wir wissen jetzt, daß Reibung und Stoß die beiden Formen sind in denen kinetische Energie sich in Molekularenergie, in Wärme umsetzt. Bei jeder Reibung geht also kinetische Energie, als solche, verloren, um wieder zu erscheinen, nicht als potentielle Energie im Sinne der Dynamik, sondern als Molekularbewegung in der bestimmten Form der Wärme. Die durch Reibung verloren gegangne kinetische Energie ist also zunächst für die dynamischen Beziehungen des betreffenden Systems wirklich verloren. Sie könnte nur dann wieder dynamisch wirksam werden, wenn sie aus der Form der Wärme rückverwandelt würde in kinetische Energie.
Wie stellt sich nun der Fall der Fluthreibung? Es ist augenscheinlich daß auch hier die ganze, den Wassermassen an der Erdoberfläche durch die Mondanziehung mitgetheilte kinetische Energie in Wärme verwandelt wird, sei es durch Reibung der Wassertheilchen an einander vermöge der Vis-cosität des Wassers, sei es durch Reibung an der festen Erdoberfläche und
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Zerkleinerung der, der Fluthbewegung sich entgegenstemmenden Gesteine. Von dieser Wärme wird nur der verschwindend kleine Theil wieder in kinetische Energie rückverwandelt, der zur Verdunstung der Wasseroberflächen beiträgt. Aber auch diese verschwindend kleine Menge der vom Gesammtsystem Erde-Mond an einen Theil der Erdoberfläche abgetretenen 5 kinetischen Energie bleibt zunächst an der Erdoberfläche, unterworfen den dort geltenden Bedingungen, und diese bereiten aller dort thätigen Energie ein und dasselbe Endschicksal: schließliche Verwandlung in Wärme und Ausstrahlung in den Weltraum.
Insofern also die Fluthreibung unbestreitbar auf die Erdrotation hemmend 10 wirkt, insofern geht die hierzu verwendete kinetische Energie dem dynamischen System Erde-Mond absolut verloren. Sie kann also nicht innerhalb dieses Systems als dynamische potentielle Energie wieder erscheinen. Mit andern Worten: Von der, vermittelst der Mondanziehung, auf die Hemmung der Erdrotation verwendeten kinetischen Energie kann als dynamische 15 potentielle Energie ganz wiedererscheinen, also durch entsprechende Vergrößerung des Mondabstands kompensirt werden nur derjenige Theil, der auf die feste Masse des Erdkörpers wirkt. Der Theil dagegen, der auf flüssige Massen der Erde wirkt kann dies nur, in sofern er nicht diese Massen selbst in eine der Erdrotation entgegengerichtete Bewegung versetzt, denn diese 20 Bewegung verwandelt sich ganz in Wärme und geht schließlich durch Ausstrahlung dem System verloren.
Was von Fluthreibung an der Oberfläche der Erde, gilt ebensosehr von der manchmal hypothetisch angenommenen Fluthreibung eines supponirten flüssigen Erdkerns.	25
Das Eigenthümliche an der Sache ist, daß Thomson und Tait nicht merken, wie sie zur Begründung der Theorie von der Fluthreibung eine Theorie aufstellen, die von der stillschweigenden Voraussetzung ausgeht, daß die Erde ein durchweg starrer Körper ist, und damit jede Möglichkeit einer Fluth und also auch einer Fluthreibung ausschließt.	30
[155]
Descartes entdeckte daß Ebbe und Fluth durch Aktion des Mondes verursacht. Dito gleichzeitig mit Snellius das Grundgesetz der Lichtbrechung (bestritten Wolf 325) und zwar in einer ihm eigenthümlichen von der Sn.sehen verschiednen Form.	35
[62]
Mayer Meeh. Th. d. W. 328: hat Kant schon ausgesprochen daß durch die Ebbe und Fluth ein verzögernder Druck auf die rotirende Erde ausgeübt wird. (Adams’ Rechnung daß die Dauer des Sterntages jetzt in 1000 Jahren Vioo Sek. zunimmt)	40
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Verbrauch kinetischer Energie als solcher innerhalb der Dynamik ist stets doppelter Art und hat doppeltes Resultat: 1) die gethane kinetische Arbeit, Erzeugung einer entsprechenden Menge potentieller Energie, die aber stets kleiner als die aufgewandte kinetische Energie. — 2) Überwindung — außer der Schwere — von Reibungs- etc. Widerständen, die den Rest der verbrauchten kinetischen Energie in Wärme verwandeln. — Ebenso bei Rückverwandlung: je nach der Art und Weise, ein Theil Verlust durch Reibung etc. wird als Wärme dissipirt — und das ist alles Uralt!
[154]
Stoß und Reibung. Die Mechanik betrachtet die Wirkung des Stoßes als rein vorgehend. Aber in der Wirklichkeit geht’s anders zu. Bei jedem Stoß wird ein Theil der mechanischen Bewegung in Wärme umgesetzt, und Reibung ist gar weiter nichts als eine Form des Stoßes die fortdauernd mechanische Bewegung in Wärme umsetzt (Reibfeuer urbekannt).
[10]
Reibung und Stoß erzeugen eine innere Bewegung der betr. Körper, Mo-lecularbewegung, je nachdem als Wärme, Elektricität etc. differenzirt. Diese Bewegungindeß nur temporär, cessante causa cessat eff ectus. Auf bestimmter Stufe schlagen sie Alle um in eine permanente Molekularveränderung die chemische.
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[Zur Physik]
[191]
Wärme.
Wie wir sahen, gibt es zweierlei Formen in denen mechanische Bewegung, lebendige Kraft verschwindet. Die erste ist ihre Verwandlung in mechani- 5 sehe potentielle Energie, durch Hebung eines Gewichts z. B. Diese Form hat das Eigenthümliche daß sie nicht nur sich in mechanische Bewegung rückverwandeln kann, und zwar in mechanische Bewegung von derselben lebendigen Kraft wie die ursprüngliche, sondern auch daß sie nur dieses einen Formwechsels fähig ist. Mechanische potentielle Energie kann nie Wärme 10 oder Elektricität erzeugen, es sei denn sie gehe vorher in wirkliche mechanische Bewegung über. Es ist, um einen Clausiusschen Ausdruck zu gebrauchen, ein „umkehrbarer Prozeß“.
Die zweite Form des Verschwindens mechanischer Bewegung findet statt bei Reibung und Stoß — die beide nur dem Grade nach unterschieden sind. 15 Reibung kann gefaßt werden als eine Reihe nach- und nebeneinander vorgehender kleiner Stöße, Stoß als in einen Zeitmoment und auf einen Ort konzentrirte Reibung. Reibung ist chronischer Stoß, Stoß akute Reibung. Die mechanische Bewegung, die hier verschwindet, verschwindet als solche. Sie ist aus sich selbst zunächst nicht wieder herstellbar. Der Prozeß ist nicht 20 unmittelbar umkehrbar. Sie hat sich verwandelt in qualitativ verschiedne Bewegungsformen, in Wärme, in Elektricität — in Formen der Molekularbewegung.
Reibung und Stoß führen also hinüber von der Massenbewegung, dem Gegenstand der Mechanik, zur Molekularbewegung, dem Gegenstand der 25 Physik.
Wenn wir die Physik als Mechanik der Molekularbewegung bezeichnet haben, so wurde dabei nicht übersehn, daß dieser Ausdruck keineswegs das
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Gebiet der heutigen Physik ganz umfaßt. Im Gegentheil. Die Aetherschwin-gungen, die die Erscheinungen des Lichts und der strahlenden Wärme vermitteln, sind sicher keine Molekularbewegungen im heutigen Sinn des Worts. Aber ihre irdischen Wirkungen treffen zunächst die Moleküle: Lichtbrechung, Lichtpolarisation usw. sind bedingt durch die Molekularkonstitution der betreffenden Körper. Ebenso wird jetzt von den bedeutendsten Forschern fast allgemein die Elektricität als eine Bewegung von Aethertheilchen angesehn, und von der Wärme sogar sagt Clausius daß an der „Bewegung der ponderablen Atome (wofür wohl besser Moleküle zu setzen wäre)... auch der im Körper befindliche Aether theilnehmen kann“. (Meeh. Wth. I, S. 22.) Aber bei den elektrischen und Wärme-Erscheinungen kommen doch wieder in erster Linie Molekularbewegungen in Betracht, wie dies nicht anders sein kann, solange wir über den Aether so wenig wissen. Sind wir aber erst so weit, die Mechanik des Aether s dar stellen zu können, so wird sie auch wohl Manches umfassen was heute nothgedrungen zur Physik geschlagen wird.
Von den physikalischen Vorgängen, bei denen die Struktur der Moleküle verändert oder gar auf gehoben wird, soll später die Rede sein. Sie bilden den Übergang von der Physik zur Chemie.
Mit der Molekularbewegung erst erhält der Formwechsel der Bewegung seine volle Freiheit. Während, an der Grenze der Mechanik, die Massenbewegung nur einzelne andre Formen annehmen kann: Wärme oder Elektricität, sehen wir hier eine ganz andre Lebendigkeit des Formwechsels: Wärme geht über in Elektricität in der Thermosäule, wird identisch mit dem Licht auf gewisser Stufe der Strahlung, erzeugt ihrerseits wieder mechanische Bewegung; Elektricität und Magnetismus, ein ähnliches Geschwister-paar bildend wie Wärme und Licht, schlagen um nicht nur in einander sondern auch in Wärme und Licht und ebenfalls in mechanische Bewegung. Und das nach so bestimmten Maßverhältnissen, daß wir eine gegebne Menge einer jeden in jeder andern, in Meterkilogrammen, in Wärmeeinheiten, in Volts ausdrücken können, und ebenso jedes Maß in jedes andre übersetzen.
Die praktische Entdeckung der Verwandlung mechanischer Bewegung in Wärme ist so uralt daß man von ihr den Anfang der Menschheitsgeschichte datiren könnte. Welche Erfindungen von Werkzeugen und Thierzähmung auch vorhergegangen sein mögen, es war das Reibfeuer, wodurch die Menschen zum ersten Mal eine leblose Naturkraft in ihren Dienst preßten. Und wie sehr sich die fast unermeßliche Tragweite dieses Riesenfortschritts ihrem Gefühl einprägte, das zeigt noch der heutige Volksaberglaube. Die Erfindung des Steinmessers, des ersten Werkzeugs, wurde lange Zeit nach
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Einführung der Bronze und des Eisens noch gefeiert, indem alle religiösen Opferhandlungen mit Steinmessern vollzogen wurden. Nach der jüdischen Sage ließ Josua die in der Wüste gebornen Männer mit Steinmessern beschneiden; Kelten und Germanen gebrauchten nur Steinmesser bei ihren Menschenopfern. Das alles ist längst verschollen. Anders mit dem Reibfeuer.	5
Lange nachdem man andre Arten der Feuererzeugung kannte, mußte alles heilige Feuer bei den meisten Völkern durch Reibung erzeugt sein. Aber bis auf den heutigen Tag besteht der Volksaberglaube in den meisten europäischen Ländern darauf, daß wunderkräftiges Feuer (z. B. unser deutsches Notfeuer) nur durch Reibung entzündet sein darf. Sodaß bis auf 10 unsre Zeit das dankbare Gedächtniß des ersten großen Siegs des Menschen über die Natur im Volksaberglauben, in den Resten heidnisch-mythologischer Erinnerung der gebildetsten Völker der Welt noch — halb unbewußt — fortlebt.
Indeß ist der Prozeß beim Reibfeuer noch einseitig. Es wird mechanische 15 Bewegung in Wärme verwandelt. Um den Vorgang zu vervollständigen, muß er umgekehrt, muß Wärme in mechanische Bewegung verwandelt werden. Dann erst ist der Dialektik des Prozesses Genüge geleistet, der Prozeß im Kreislauf erschöpft — wenigstens zunächst. Aber die Geschichte hat ihren eignen Gang, und so dialektisch dieser schließlich auch verlaufen mag, so 20 muß die Dialektik doch oft lange genug auf die Geschichte warten. Der Zeitraum muß nach Jahrzehntausenden zu messen sein, der seit der Entdeckung des Reibfeuers verfloß, bis Hero von Alexandrien (gegen — 120) eine Maschine erfand die durch den von ihr ausströmenden Wasserdampf in ro-tirende Bewegung versetzt wurde. Und wieder verflossen fast 2000 Jahre bis 25 die erste Dampfmaschine, die erste Vorrichtung zur Verwandlung von Wärme in wirklich nutzbare mechanische Bewegung hergestellt wurde.
Die Dampfmaschine war die erste wirklich internationale Erfindung, und diese Thatsache bekundet wieder einen gewaltigen Geschichtlichen Fortschritt. Der Franzose Papin erfand sie, und zwar in Deutschland. Der 30 Deutsche Leibnitz, wie immer geniale Ideen um sich streuend ohne Rücksicht darauf ob ihm oder Andern das Verdienst daran zugerechnet würde — Leibnitz, wie wir jetzt aus Papins Briefwechsel (herausgegeben von Ger-landt, ) wissen, gab ihm die Hauptidee dabei an: die Anwendung von Cylinder und Kolben. Die Engländer Savery und Newcomen erfanden bald 35 darauf ähnliche Maschinen; ihr Landsmann Watt endlich brachte sie, durch Einführung des getrennten Condensators, im Prinzip auf den heutigen Standpunkt. Der Kreislauf der Erfindungen war auf diesem Gebiet vollendet: die Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung war durchgeführt. Was nachher kam, waren Einzelverbesserungen.	40
Die Praxis hatte also in ihrer Weise die Frage von den Beziehungen
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zwischen mechanischer Bewegung und Wärme gelöst. Sie hatte zuvörderst die erste in die zweite, und dann die zweite in die erste verwandelt. Wie aber sah es mit der Theorie aus?
Kläglich genug. Obwohl grade im 17. und 18. Jahrhundert die zahllosen Reisebeschreibungen wimmelten von Schilderungen wilder Völker die keine andre Art der Feuererzeugung kannten als das Reibfeuer, so blieben die Physiker doch davon fast unberührt; ebenso gleichgültig blieb ihnen im ganzen 18. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 19. die Dampfmaschine. Sie begnügten sich meistens damit die Thatsachen einfach zu registriren.
Endlich, in den zwanziger Jahren, nahm Sadi Carnot die Sache auf, und zwar in sehr geschickter Weise, sodaß seine besten nachher von Clapeyron geometrisch dargestellten Rechnungen bis auf den heutigen Tag bei Clausius und Clerk Maxwell ihre Geltung haben, und er der Sache fast auf den Grund kam. Was ihn verhinderte, sie vollständig zu ergründen, war nicht der Mangel an thatsächlichem Material, es war einzig — eine vorgefaßte falsche Theorie. Und zwar eine falsche Theorie die den Physikern nicht durch irgend eine bösartige Philosophie aufgenöthigt war, sondern eine, die sie mit ihrer eignen, der metaphysisch-philosophirenden so sehr überlegnen, naturalistischen Denkweise herausgeklügelt hatten.
Im 17. Jahrhundert galt, wenigstens in England, die Wärme als eine Eigenschaft der Körper als „eine Bewegung besondrer Art“ (a motion of a particular kind the nature of which has never been explained in a satisfactory männer). So bezeichnet sie Th. Thomson zwei Jahre vor der Entdeckung der mechanischen Wärmetheorie. (Outline of the Sciences of Heat and Elec-tricity, 2nd ed. London 1840). Aber im 18. Jahrhundert trat mehr und mehr die Auffassung in den Vordergrund, die Wärme sei, wie auch das Licht, die Elektricität, der Magnetismus, ein besondrer Stoff, und alle diese eigenthüm-lichen Stoffe unterschieden sich von der alltäglichen Materie dadurch, daß sie kein Gewicht hätten, Imponderabilien seien.
[192] Elektricitätx).
Wie die Wärme, nur in andrer Art, besitzt auch die Elektricität eine gewisse Allgegenwart. Fast keine Veränderung kann auf der Erde vorgehn, ohne daß elektrische Erscheinungen sich dabei nachweisen lassen. Verdunstet Was-
x) Für das Thatsächliche verlassen wir uns in diesem Kapitel vorwiegend auf Wiedemanns Lehre vom Galvanismus und Elektromagnetismus, 2 Bde in 3 Abthl., 2. Auflage, Braunschweig 1874. In Nature 1882 June 15, wird auf diesen admirable treatise hingewiesen which in its forthcoming shape, with electrostatics added, will be the greatest experimental treatise on electricity in existence.
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ser, brennt eine Flamme, berühren sich zwei verschiedne oder verschieden erwärmte Metalle, oder Eisen und Kupfervitriollösung usw., so gehn dabei, neben den augenfälligeren physikalischen oder chemischen Erscheinungen, gleichzeitig elektrische Prozesse vor sich. Je genauer wir die verschiedensten Naturvorgänge untersuchen, desto mehr stoßen wir dabei auf Spuren von 5 Elektricität. Trotz dieser ihrer Allgegenwart, trotz der Thatsache daß die Elektricität seit einem halben Jahrhundert immer mehr in den industriellen Dienst des Menschen gepreßt wird, ist sie grade diejenige Bewegungsform über deren Beschaffenheit noch das größte Dunkel schwebt. Die Entdeckung des galvanischen Stroms ist ungefähr 25 Jahre jünger als die des Sauerstoffs, 10 und bedeutet für die Lehre von der Elektricität mindestens ebensoviel wie jene für die Chemie. Und doch, welcher Unterschied noch heute auf beiden Gebieten! In der Chemie, Dank namentlich der Daltonschen Entdeckung der Atomgewichte, Ordnung, relative Sicherheit des einmal Errungenen, systematischer fast planmäßiger Angriff auf das noch uneroberte Gebiet, der 15 regelmäßigen Belagerung einer Festung vergleichbar. In der Elektricitäts-lehre ein wüster Ballast von alten, unsichern, weder endgültig bestätigten noch endgültig umgestoßnen Experimenten; ein ungewisses Herumtappen im Dunkeln, ein zusammenhangsloses Untersuchen und Experimentiren vieler Einzelner, die dies unbekannte Gebiet zersplittert angreifen wie ein 20 nomadischer Reiterschwarm angreift. Aber freilich, eine Entdeckung wie die Daltonsche, die der gesammten Wissenschaft einen Mittelpunkt und der Untersuchung eine feste Basis verschafft, ist auf dem Gebiet der Elektricität noch zu machen. Es ist wesentlich dieser, die Feststellung einer umfassenden Theorie einstweilen unmöglich machende, zerfahrene Stand der Elektrici- 25 tätslehre, der es bedingt daß auf diesem Gebiet die einseitige Empirie vorherrscht, jene Empirie, die sich das Denken möglichst selbst verbietet, und die ebendeßhalb nicht nur falsch denkt, sondern auch nicht im Stande ist den Thatsachen treu zu folgen oder nur sie treu zu berichten; die also in das Gegentheil von wirklicher Empirie um schlägt.	30
Wenn überhaupt denjenigen Herren Naturforschern, die den tollen aprioristischen Spekulationen der deutschen Naturphilosophie nicht Übles genug nachsagen können, die Lektüre zu empfehlen ist nicht nur gleichzeitiger, sondern selbst noch späterer theoretisch-physikalischer Schriften der empirischen Schule, so gilt dies ganz besonders von der Elektricitäts- 35 lehre. Nehmen wir eine Schrift aus dem Jahre 1840: An Outline of the Sciences of Heat and Electricity, by Thomas Thomson. Der alte Thomson war ja seiner Zeit eine Autorität; er hatte zudem schon einen sehr bedeutenden Theil der Arbeiten des bisher größten Elektrikers, Faraday, zur Verfügung. Und doch enthält sein Buch mindestens ebenso tolle Sachen wie 40 der betreffende Abschnitt der viel älteren Hegelschen Naturphilosophie. Die
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Beschreibung des elektrischen Funkens z. B. könnte direkt aus der entsprechenden Stelle bei Hegel übersetzt sein. Beide zählen alle die Wunderlichkeiten auf die man, vor der Erkenntniß der wirklichen Beschaffenheit und vielfachen Verschiedenheit des Funkens, in diesem entdecken wollte, und die jetzt meist als Specialfälle oder Irrthümer nachgewiesen sind. Noch besser. Thomson erzählt S.416 ganz ernsthaft die Räubergeschichten von Dessaignes, nach denen bei steigendem Barometer und fallendem Thermometer, Glas, Harz, Seide etc. durch Eintauchen in Quecksilber negativ elektrisch werden, bei fallendem Barometer und steigender Temperatur dagegen positiv; daß Gold und mehrere andre Metalle im Sommer durch Erwärmen positiv, durch Abkühlen negativ werden, im Winter umgekehrt; daß sie bei hohem Barometer und nördlichem Wind stark elektrisch sind, positiv bei steigender, negativ bei fallender Temperatur usw. Soviel für die Behandlung des Thatsächlichen. Was aber die aprioristische Spekulation angeht, so gibt Thomson uns folgende Konstruktion des elektrischen Funkens zum Besten, die von keinem Geringeren herrührt als von Faraday selbst: „Der Funke ist eine Entladung oder Abschwächung des polarisirten Induktionszustandes vieler dielektrischen Theilchen, vermittelst einer eigenthümlichen Aktion einiger wenigen dieser Theilchen, die einen sehr kleinen und begränzten Raum einnehmen. Faraday nimmt an, daß die wenigen Theilchen, an denen die Entladung stattfindet, nicht nur auseinander geschoben werden, sondern einen eigenthümlichen, höchst aktiven (highly exalted) Zustand temporär annehmen; das heißt, daß alle sie umgebenden Kräfte nach einander auf sie geworfen werden, und sie dadurch in eine entsprechende Intensität des Zustandes versetzt werden, die vielleicht derjenigen sich chemisch verbindender Atome gleichkommt; daß sie dann jene Kräfte entladen, ähnlich wie jene Atome die ihrigen, auf eine uns bis jetzt unbekannte Weise; und so das Ende des Ganzen (and so the end of the whole). Die schließliche Wirkung ist genau als ob ein metallisches Theilchen an die Stelle des entladenden Theilchens getreten wäre, und es scheint nicht unmöglich daß die Aktionsprincipien in beiden Fällen sich einst als identisch erweisen.“ Ich habe, setzt Thomson hinzu, diese Erklärung Faradays in seinen eignen Worten gegeben weil ich sie nicht klar verstehe. Dies wird nun auch wohl andern Leuten ebenso gegangen sein, geradeso gut wie wenn sie bei Hegel lesen, im elektrischen Funken gehe „die besondre Materiatur des gespannten Körpers noch nicht in den Prozeß ein, sondern ist darin nur elementarisch und seelenhaft bestimmt“, und die Elektricität sei „der eigene Zorn, das eigne Aufbrausen des Körpers“, sein „zorniges Selbst“ das „an jedem Körper hervortritt wenn er gereizt wird“ (Naturphil. § 324, Zusatz). Und doch ist der Grundgedanke bei Hegel und Faraday derselbe. Beide sträuben sich gegen die Vorstellung, als sei die Elektricität nicht ein Zustand
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der Materie, sondern eine eigne, aparte Materie. Und da im Funken anscheinend die Elektricität selbstständig, frei, von allem fremden materiellen Substrat abgesondert und dennoch sinnlich wahrnehmbar auftritt, kommen sie, beim damaligen Stand der Wissenschaft, in die Nothwendigkeit den Funken als die verschwindende Erscheinungsform einer von aller Materie 5 momentan befreiten „Kraft“ auffassen zu müssen. Für uns ist das Räthsel freilich gelöst, seitdem wir wissen daß zwischen Metallelektroden bei der Funkenentladung wirklich „metallische Theilchen“ überspringen und also „die besondre Materiatur des gespannten Körpers“ in der That „in den Prozeß eingeht“.	10
Wie Wärme und Licht, so wurden bekanntlich auch Elektricität und Magnetismus anfangs als besondre, imponderable Materien aufgefaßt. Bei der Elektricität kam man bekanntlich bald dahin, sich zwei entgegengesetzte Materien, zwei „Fluida“, vorzustellen, ein positives und ein negatives, die sich in normalem Zustand gegenseitig neutralisirten bis sie durch eine so- 15 genannte „elektrische Scheidungskraft“ von einander getrennt würden. Man könne dann zwei Körper, den einen mit positiver, den andern mit negativer Elektricität laden; bei Verbindung Beider durch einen dritten, leitenden Körper finde dann die Ausgleichung statt, je nach Umständen entweder plötzlich, oder vermittelst eines dauernden Stroms. Die plötzliche Aus- 20 gleichung erschien sehr einfach und einleuchtend, aber der Strom bot Schwierigkeiten. Der einfachsten Hypothese, als bewege sich im Strom jedesmal entweder bloß positive oder bloß negative Elektricität, stellten Fechner und in ausführlicherer Entwicklung Weber die Ansicht gegenüber, daß im Schließungskreis jedesmal zwei gleiche, in entgegen gesetzter Rich- 25 tung fließende Ströme von positiver und negativer Elektricität neben einander in Kanälen strömen, die zwischen den ponderablen Molekülen der Körper liegen. Bei der weitläuftigen mathematischen Ausarbeitung dieser Theorie kommt Weber endlich auch dahin, eine hier gleichgültige Funktion
mit einer Größe -y zu multipliciren, welches -y „das Verhältniß der Elek- 30 tricitätseinheit zum Milligramm“ bedeutet (Wiedemann, Lehre vom Galvanismus etc., 2. Aufl. III p.569). Das Verhältniß zu einem Gewichtsmaß kann natürlich nur ein Gewichtsverhältniß sein. So sehr hatte die einseitige Empirie also schon über dem Rechnen das Denken verlernt, daß sie die imponderable Elektricität hier bereits ponderabel werden läßt, und ihr 35 Gewicht in die mathematische Rechnung einführt.
Die von Weber abgeleiteten Formeln genügten nur innerhalb gewisser Grenzen, und namentlich hat Helmholtz noch vor wenig Jahren Resultate herausgerechnet die mit dem Satz von der Erhaltung der Energie in Konflikt kommen. Der Weberschen Hypothese vom entgegen gerichteten Dop- 40
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pelstrom stellte C. Neumann 1871 die andre gegenüber, daß nur die eine der beiden Elektricitäten, beispielsweise die positive, sich im Strom bewege, die andre, negative, aber mit der Masse des Körpers fest verbunden sei. Hieran schließt sich bei Wiedemann die Bemerkung: „Diese Hypothese könnte man mit der Weberschen vereinen, wenn man zu dem von Weber supponirten Doppelstrom der entgegengesetzten fließenden Massen ±7?e noch einen nach Außen unwirksamen Strom neutraler Elektricität hinzufügte, der in der Richtung des positiven Stroms die Elektricitätsmenge ± 72 e mit sich führte.“ (III, S. 577).
Dieser Satz ist wieder bezeichnend für die einseitige Empirie. Um die Elektricität überhaupt zum Strömen zu bringen, wird sie in positive und negative zerlegt. Aber alle Versuche, mit diesen beiden Materien den Strom zu erklären, stoßen auf Schwierigkeiten; sowohl die Annahme daß jedesmal nur die eine im Strom vorhanden sei, wie die, daß beide gleichzeitig gegeneinander strömen, und endlich auch die dritte, daß die eine ströme und die andre ruhe. Wenn wir bei dieser letzten Annahme stehn bleiben — Wie erklären wir uns die unerklärliche Vorstellung, daß die negative Elektricität, die in der Elektrisirmaschine und der Leidner Flasche doch beweglich genug ist, im Strom fest mit der Masse des Körpers verbunden sei? Ganz einfach. Wir lassen neben dem positiven Strom + 72e, der nach rechts, und dem negativen Strom — ’/2 e, der nach links den Drath durchfließt, noch einen dritten Strom neutraler Elektricität ±7?e nach rechts fließen. Erst nehmen wir an daß die beiden Elektricitäten, um überhaupt fließen zu können, von einander getrennt sein müssen; und um die beim Fluß der getrennten Elektricitäten auftretenden Erscheinungen zu erklären, nehmen wir an daß sie auch ungetrennt fließen können. Erst machen wir eine Voraussetzung um eine gewisse Erscheinung zu erklären, und bei der ersten Schwierigkeit auf die wir stoßen, machen wir eine zweite Voraussetzung, die die erste direkt aufhebt. Wie muß die Philosophie beschaffen sein über die diese Herren ein Recht haben sich zu beklagen?
Neben diese Ansicht von der Materialität der Elektricität trat indeß bald eine zweite, wonach sie als ein bloßer Zustand der Körper, eine „Kraft“, oder wie wir heute sagen würden, als eine besondre Form der Bewegung gefaßt wurde. Wir sahen oben daß Hegel und später Faraday diese Auffassung theilten. Seitdem die Entdeckung des mechanischen Aequivalents der Wärme die Vorstellung eines besondern „Wärmestoffs“ endgültig beseitigt und die Wärme als eine Molekularbewegung nachgewiesen hatte, war der nächste Schritt, die Elektricität ebenfalls nach der neuen Methode zu behandeln, und die Bestimmung ihres mechanischen Aequivalents zu versuchen. Dies gelang vollkommen. Namentlich durch die Versuche von Joule, Favre und Raoult wurde nicht nur das mechanische und thermische
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Aequivalent der s.g. „elektromotorischen Kraft“ des galvanischen Stroms fest*gestellt, sondern auch ihre vollständige Aequivalenz mit der durch chemische Prozesse in der Erregerzelle freigesetzten oder in der Zersetzungszelle verbrauchten Energie. Die Annahme, die Elektricität sei ein besondres materielles Fluidum, wurde hierdurch immer unhaltbarer.	5
Indeß war die Analogie zwischen Wärme und Elektricität doch nicht vollkommen. Der galvanische Strom unterschied sich immer noch in sehr wesentlichen Stücken von der Wärmeleitung. Es war noch immer nicht zu sagen, was sich denn in den elektrisch afficirten Körpern bewege. Die Annahme einer bloßen Molekularschwingung, wie bei der Wärme, erschien 10 ungenügend. Es blieb schwer, bei der ungeheuren diejenige des Lichts noch übertreffenden Bewegungsgeschwindigkeit der Elektricität über die Vorstellung hinweg zu kommen, daß zwischen den Körpermolekülen sich hier irgend etwas Stoffliches bewege. Hier treten nun die neuesten Theorien von Clerk Maxwell (1864) Hankel (1865), Reynard (1870) und Edlund (1872) 15 einstimmig mit der, schon 1846 zuerst von Faraday vermuthungsweise ausgesprochnen Annahme auf, daß die Elektricität eine Bewegung eines den ganzen Raum und somit auch alle Körper durchdringenden elastischen Mediums sei, dessen diskrete Theilchen sich nach dem Gesetz des umgekehrten Quadrats der Entfernung abstoßen, also mit andren Worten eine 20 Bewegung der Aethertheilchen, und daß die Körpermoleküle an dieser Bewegung Theil nehmen. Über die Art dieser Bewegung weichen die verschiednen Theorien von einander ab; diejenigen von Maxwell, Hankel und Reynard, sich an die neueren Untersuchungen über Wirbelbewegungen anlehnend, erklären sie, in verschiedner Weise, ebenfalls aus Wirbeln; sodaß 25 auch die Wirbel des alten Descartes auf stets neuen Gebieten wieder zu Ehren kommen. Wir enthalten uns auf die Einzelheiten dieser Theorien näher einzugehn. Sie weichen stark unter einander ab, und werden sicher noch viele Umwälzungen erfahren. Aber ein entschiedner Fortschritt scheint in ihrer gemeinsamen Grundanschauung zu liegen: daß die Elektricität eine auf die 30 Körpermoleküle rückwirkende Bewegung der Theilchen des alle ponderable Materie durchdringenden Lichtäthers ist. Diese Auffassung versöhnt die beiden früheren. Nach ihr bewegt sich allerdings bei den elektrischen Erscheinungen etwas Stoffliches, von der ponderablen Materie Verschiedenes. Aber dies Stoffliche ist nicht die Elektricität selbst, die vielmehr in der That 35 sich als eine Form der Bewegung erweist, wenn auch nicht als eine Form der unmittelbaren, direkten Bewegung der ponderablen Materie. Während die Aethertheorie einerseits einen Weg zeigt, über die primitiv plumpe Vorstellung von zwei entgegengesetzten elektrischen Fluiden hinauszukommen, gibt sie andrerseits Aussicht aufzuklären was das eigentliche stoffliche 40 Substrat der elektrischen Bewegung ist, was das für ein Ding ist dessen Bewegung die elektrischen Erscheinungen hervorruft.
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Einen entschiednen Erfolg hat die Aethertheorie bereits gehabt. Bekanntlich besteht wenigstens ein Punkt, wo die Elektricität direkt die Bewegung des Lichtes ändert: sie dreht seine Polarisationsebene. Clerk Maxwell, gestützt auf seine obige Theorie, berechnet daß das elektrische specifische Vertheilungsvermögen eines Körpers gleich ist dem Quadrat seines Lichtbrechungsindex. Boltzmann hat nun verschiedne Nichtleiter auf ihren Dielektricitätskoefficienten untersucht und gefunden daß bei Schwefel, Kolophonium und Paraffin die Quadratwurzel aus diesem Koefficienten gleich war ihrem Lichtbrechungsindex. Die höchste Abweichung — bei Schwefel—betrug nur 4 %. Soweit ist speciell die Maxwellsche Aethertheorie also experimentell bestätigt worden.
Es wird indeß noch eine geraume Zeit dauern und viel Arbeit kosten, bis neue Versuchsreihen aus diesen, ohnehin einander widersprechenden Hypothesen, einen festen Kern herausgeschält haben. Bis dahin, oder bis auch die Aethertheorie etwa durch eine ganz neue verdrängt wird, befindet sich die Lehre von der Elektricität in der unangenehmen Lage, sich einer Ausdrucksweise bedienen zu müssen, von der sie selbst zugibt, daß sie falsch ist. Ihre ganze Terminologie beruht noch auf der Vorstellung der beiden elektrischen Fluida. Sie spricht noch ganz ungenirt von „in den Körpern fließenden elektrischen Massen“, von „einer Scheidung der Elektricitäten in jedem Molekül“ usw. Es ist dies ein Übelstand, der großentheils, wie gesagt, unvermeidlich aus dem gegenwärtigen Übergangszustand der Wissenschaft folgt, der aber auch, bei der grade in diesem Zweige der Forschung vorherrschenden einseitigen Empirie, nicht wenig zur Erhaltung der bisherigen Gedankenverwirrung beiträgt.
Der Gegensatz von s. g. statischer oder Reibungselektricität und dynamischer Elektricität oder Galvanismus darf nun wohl als vermittelt an-gesehn werden, seitdem man gelernt hat mit der Elektrisirmaschine dauernde Ströme zu erzeugen und umgekehrt durch den galvanischen Strom s. g. statische Elektricität zu produziren, Leidner Flaschen zu laden usw. Wir lassen hier die Unterform der statischen Elektricität unberührt und ebenso den jetzt ebenfalls als eine Unterform der Elektricität erkannten Magnetismus. Die theoretische Erklärung der hieher gehörigen Erscheinungen wird unter allen Umständen in der Theorie des galvanischen Stroms zu suchen sein, und deßhalb halten wir uns vorwiegend an diese.
Ein dauernder Strom kann auf mehrfachem Wege erzeugt werden. Mechanische Massenbewegung erzeugt direkt, durch Reibung zunächst nur statische Elektricität, einen dauernden Strom nur unter großer Energievergeudung; um wenigstens größtentheils in elektrische Bewegung umgesetzt zu werden, bedarf sie der Vermittlung des Magnetismus, wie in den bekannten magneto-elektrischen Maschinen von Gramme, Siemens u. A. Wärme
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kann sich direkt in strömende Elektricität umsetzen, wie namentlich an der Löthstelle zweier verschiednen Metalle. Durch chemische Aktion frei-gesetzte Energie, die unter gewöhnlichen Umständen in der Form von Wärme zu Tage tritt, verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in elektrische Bewegung. Umgekehrt geht diese letztere, sobald die Bedin- 5 gungen dafür gegeben, in jede andre Form der Bewegung über: in Massenbewegung, in geringem Maß direkt in den elektrodynamischen Anziehungen und Abstoßungen; im Großen wiederum durch Vermittlung des Magnetismus in den elektromagnetischen Bewegungsmaschinen; in Wärme — überall im Schließungskreis des Stroms, falls nicht andre Verwandlungen 10 eingeleitet sind; in chemische Energie — in den in den Schließungskreis eingeschalteten Zersetzungszellen und Voltametern wo der Strom Verbindungen trennt, die auf anderm Wege vergeblich angegriffen werden.
In allen diesen Umsätzen gilt das Grundgesetz von der quantitativen Aequivalenz der Bewegung in allen ihren Wandlungen. Oder wie Wiedemann 15 sich ausdrückt: „nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft muß die auf irgend eine Art zur Erzeugung des Stroms verwendete Arbeit äquivalent sein der zur Erzeugung aller Stromeswirkungen verwendeten Arbeit.“ Bei der Umsetzung von Massenbewegung oder von Wärme in Elektricitätx) bieten sich hier keine Schwierigkeiten; es ist erwiesener Maßen die s.g. „elektro- 20 motorische Kraft“ im ersten Falle gleich der zu jener Bewegung verwendeten Arbeit, im zweiten Fall, „an jeder Löthstelle der Thermokette direkt proportional ihrer absoluten Temperatur“ (Wiedern. III p.482) d.h. wieder der an jeder Löthstelle vorhandenen absolut gemessenen Wärmemenge. Auch für die aus chemischer Energie entwickelte Elektricität ist dasselbe 25 Gesetz thatsächlich als gültig erwiesen. Aber hier stellt sich, für die jetzt gangbare Theorie wenigstens, die Sache nicht so einfach. Gehn wir also etwas näher darauf ein.
Eine der schönsten Versuchsreihen über die durch eine galvanische Säule zu bewirkenden Formverwandlungen der Bewegung ist die von Favre 30 (1857—58). In ein Calorimeter setzte er eine Smeesche Säule von 5 Elementen; in ein zweites eine kleine elektromagnetische Bewegungsmaschine, deren Hauptachse und Riemenscheibe zu beliebiger Verbindung frei herausstand. Bei jedesmaliger Entwicklung von 1 Gramm Wasserstoff resp. Lösung von 32,6 gr. Zink (dem alten chemischen Aequivalent des Zinks, 35 gleich dem halben jetzt angenommenen Atomgewicht 65,2 und in Grammen ausgedrückt) in der Säule ergaben sich folgende Resultate:
x) (Anmerkung.) Ich gebrauche die Bezeichnung Elektricität im Sinn von elektrischer Bewegung, mit demselben Recht wie auch die allgemeine Bezeichnung: Wärme gebraucht wird um diejenige Bewegungsform auszudrücken die sich unsern Sinnen als Wärme kund gibt. Dies 40 kann um so weniger Anstoß finden, als jede etwaige Verwechslung mit dem Spannungszustand der Elektricität hier im Voraus ausdrücklich ausgeschlossen ist.
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A.	Säule im Calorimeter in sich geschlossen, mit Ausschluß der Bewegungsmaschine: Wärmeentwicklung 18682 resp. 18674 Wärmeeinheiten.
B.	Säule und Maschine im Schließungskreis verbunden, die Maschine aber ander Bewegung gehindert: Wärme in der Säule 16448, in der Maschine 2219, zusammen 18667 Wärmeeinheiten.
C.	Wie B, aber die Maschine bewegt sich ohne jedoch ein Gewicht zu heben: Wärme in der Säule 13888, in der Maschine 4769, zusammen 18657 Wärmeeinheiten.
D. Wie C, aber die Maschine hebt ein Gewicht und thut dabei eine mechanische Arbeit = 131,24 Kilogrammeter: Wärme in der Säule 15 427, in der Maschine 2947, zusammen 18374 Wärmeeinheiten; Verlust, gegen obige 18682, =308 Wärmeeinheiten. Aber die gethane mechanische Arbeit von 131,24 Meterkilogramm, multiplicirt durch 1000 (um die Gramm des chemischen Resultats auf Kilogramm zu bringen) und dividirt durch das mechanische Aequivalent der Wärme = 423,5 Kilogramm-Meter, ergibt 309 Wärmeeinheiten, also genau obigen Verlust, als Wärmeäquivalent der gethanen mechanischen Arbeit.
Die Äquivalenz der Bewegung in allen ihren Wandlungen ist also auch für die elektrische Bewegung innerhalb der Gränze der unvermeidlichen Fehlerquellen schlagend erwiesen. Und ebenso erwiesen ist, daß die „elektromotorische Kraft“ der galvanischen Kette nichts andres ist als in Elektricität umgesetzte chemische Energie, und die Kette selbst nichts andres als eine Vorrichtung, ein Apparat, der freiwerdende chemische Energie in Elektricität verwandelt, wie eine Dampfmaschine ihr zugeführte Wärme in mechanische Bewegung, ohne daß in beiden Fällen der verwandelnde Apparat aus sich selbst noch weitere Energie zuführt.
Hier entsteht aber, gegenüber der hergebrachten Vorstellungsweise, eine Schwierigkeit. Diese Vorstellungsweise schreibt der Kette, vermöge der in ihr statthabenden Kontaktsverhältnisse zwischen den Flüssigkeiten und den Metallen, eine „elektrische Scheidungskraft*6 zu, die der elektromotorischen Kraft proportional ist, also für eine gegebne Kette eine bestimmte Menge Energie repräsentirt. Wie verhält sich nun diese, nach der hergebrachten Vorstellungsweise der Kette als solcher, auch ohne chemische Aktion inhärente Energiequelle, die elektrische Scheidungskraft, zu der durch die chemische Aktion freigesetzten Energie? Und, wenn sie eine von der letzteren unabhängige Energiequelle ist, woher stammt die von ihr gelieferte Energie?
Diese Frage, in mehr oder weniger unklarer Form, bildet den Streitpunkt zwischen der von Volta begründeten Kontaktstheorie und der gleich darauf entstandenen chemischen Theorie des galvanischen Stroms.
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Die Kontaktstheorie erklärte den Strom aus den in der Kette, beim Kontakt der Metalle mit einer oder mehreren Flüssigkeiten, oder auch nur der Flüssigkeiten unter sich entstehenden elektrischen Spannungen, und aus ihrer Ausgleichung, resp. derjenigen der so geschiedenen entgegengesetzten Elektricitäten im Schließungskreis. Die dabei etwa auf tretenden chemischen	5
Veränderungen galten der reinen Kontaktstheorie für durchaus sekundär. Dagegen behauptete Ritter schon 1805, ein Strom könne sich nur dann bilden, wenn die Erreger auch schon vor der Schließung chemisch auf einander wirkten. Im Allgemeinen wird diese ältere chemische Theorie von Wiedemann (I, S.784) dahin zusammengefaßt, daß nach ihr die s.g. Kontakts- 10 elektricität „nur dann auftreten soll, wenn zugleich eine wirkliche chemische Einwirkung der einander berührenden Körper, oder doch eine, wenn auch nicht direkt mit chemischen Prozessen verbundne, Störung des chemischen Gleichgewichts, eine »Tendenz zur chemischen Wirkung4 zwischen denselben in Thätigkeit kommt“.	15
Man sieht, die Frage nach der Energiequelle des Stroms wird von beiden Theilen nur ganz indirekt gestellt, wie das damals auch kaum anders sein konnte. Volta und seine Nachfolger fanden es ganz in der Ordnung, daß bloße Berührung heterogener Körper einen dauernden Strom erzeugen, also eine bestimmte Arbeit ohne Gegenleistung ausführen könne. Ritter und seine 20 Anhänger sind ebensowenig im Klaren darüber, wie denn die chemische Aktion die Kette in den Stand setzt, den Strom und seine Arbeitsleistungen zu erzeugen. Wenn aber für die chemische Theorie durch Joule, Favre, Raoult u. A. dieser Punkt längst aufgeklärt ist, so findet das Gegentheil statt für die Kontaktstheorie. Sie steht, soweit sie sich erhalten hat, noch immer 25 wesentlich auf dem Punkt von dem sie ausging. Vorstellungen, die einer längst überwundnen Zeit angehören, einer Zeit, wo man zufrieden sein mußte, für eine beliebige Wirkung die nächstbeste, auf der Oberfläche hervortretende scheinbare Ursache anzugeben, gleichviel ob man dabei Bewegung aus Nichts entstehen ließ — Vorstellungen, die dem Satz von der 30 Erhaltung der Energie direkt widersprechen, leben so in der heutigen Elek-tricitätslehre immer noch fort. Und wenn dann diese Vorstellungen ihrer anstößigsten Seiten beraubt, abgeschwächt, verwässert, kastrirt, beschönigt werden, so bessert das Nichts an der Sache: Die Verwirrung muß nur umso schlimmer werden.	35
Wie wir sehen, erklärt selbst die ältere chemische Stromtheorie die Kontaktsverhältnisse der Kette für durchaus nothwendig zur Strombildung; sie behauptet nur daß diese Kontakte nie einen dauernden Strom fertig bringen ohne gleichzeitige chemische Aktion. Und es ist auch heute noch selbstredend, daß die Kontaktseinrichtungen der Kette grade den Apparat 40 herstellen, vermittelst dessen freigesetzte chemische Energie in Elektricität
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übergeführt wird und daß es von diesen Kontaktseinrichtungen wesentlich abhängt ob und wie viel chemische Energie wirklich in elektrische Bewegung übergeht.
Wiedemann, als einseitiger Empiriker, sucht von der alten Kontaktstheorie zu retten was zu retten ist. Folgen wir ihm hierbei.
„Wenn auch die Wirkung des Kontakts chemisch indifferenter Körper (sagt Wiedemann I, S. 799) z. B. der Metalle, wie man wohl früher glaubte, weder zur Theorie der Säule erforderlich, noch auch dadurch bewiesen ist, daß Ohm sein Gesetz daraus ableitete, welches auch ohne diese Annahme abzuleiten ist, und Fechner, welcher dieses Gesetz experimentell bestätigte, gleichfalls die Kontakttheorie vertheidigte, so dürfte doch die Elektricitäts-erregung durch AfetaZ/kontakt, wenigstens nach den jetzt vorliegenden Versuchen, nicht zu leugnen sein, selbst wenn die in quantitativer Beziehung zu erzielenden Resultate in dieser Beziehung wegen der Unmöglichkeit, die Oberflächen der einander berührenden Körper absolut rein zu erhalten, immer mit einer unvermeidlichen Unsicherheit behaftet sein möchten.“
Man sieht, die Kontaktstheorie ist sehr bescheiden geworden. Sie gibt zu, daß sie zur Erklärung des Stroms durchaus nicht erforderlich, auch weder von Ohm theoretisch noch von Fechner experimentell bewiesen ist. Sie gibt sogar zu, daß die s. g. Fundamentalversuche, auf die sie sich dann allein noch stützen kann, in quantitativer Beziehung immer nur unsichre Resultate liefern können, und verlangt schließlich von uns nur noch die Anerkennung, daß überhaupt durch Kontakt — wenn auch nur von Metallen! — eine Elektricitätserregung stattfinde.
Bliebe die Kontaktstheorie hierbei stehn, so wäre kein Wort dagegen einzuwenden. Daß bei dem Kontakt zweier Metalle elektrische Erscheinungen auftreten, vermöge deren man einen präparirten Froschschenkel zucken machen, ein Elektroskop laden und andre Bewegungen hervorrufen kann, das wird wohl unbedingt zugegeben werden. Es fragt sich zunächst nur: woher stammt die dazu erforderliche Energie?
Um diese Frage zu beantworten, werden wir, nach Wiedemann I, S. 14, „etwa folgende Betrachtungen anstellen: Werden die heterogenen Metallplatten A und B bis auf eine geringe Entfernung einander genähert, so ziehen sie sich in Folge der Adhäsionskräfte an. Bei ihrer gegenseitigen Berührung verlieren sie die ihnen durch diese Anziehung ertheilte lebendige Kraft der Bewegung. (Nehmen wir an, daß die Moleküle der Metalle in permanenten Schwingungen sich befinden, so könnte auch, wenn bei dem Kontakt der heterogenen Metalle die ungleichzeitig schwingenden Moleküle einander berühren, hierbei eine Abänderung ihrer Schwingungen unter Verlust von lebendiger Kraft eintreten.) Die verlorne lebendige Kraft setzt sich zum großen Theil in Wärme um. Ein kleiner Theil derselben wird aber dazu
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verwendet, die vorher nicht getrennten Elektricitäten anders zu vertheilen. Wie wir schon oben erwähnt, laden sich, etwa in Folge einer ungleichen Anziehung für die beiden Elektricitäten, die aneinander gebrachten Körper mit gleichen Mengen positiver und negativer Elektricität.“
Die Bescheidenheit der Kontaktstheorie wird immer größer. Zuerst wird 5 anerkannt daß die gewaltige elektrische Scheidungskraft, die später solche Riesenarbeit zu leisten hat, in sich selbst keine eigne Energie besitzt, sondern daß sie nicht fungiren kann solange ihr nicht Energie von Außen zugeführt wird. Und dann wird ihr eine mehr als zwerghafte Energiequelle angewiesen, die lebendige Kraft der Adhäsion, die erst auf kaum meßbaren Entfernungen 10 in Wirksamkeit tritt und die Körper einen kaum meßbaren Weg zurücklegen läßt. Doch einerlei: sie besteht unläugbar und verschwindet beim Kontakt ebenso unläugbar. Aber auch diese Minimalquelle liefert noch zu viel Energie für unsern Zweck: ein großer Theil setzt sich in Wärme um, und nur ein kleiner Theil dient dazu, die elektrische Scheidungskraft ins Leben zu rufen. 15 Obwohl nun bekanntlich Fälle genug in der Natur vorkommen, wo äußerst geringe Anstöße äußerst gewaltige Wirkungen herbeiführen, so scheint doch Wiedemann selbst zu fühlen daß hier seine kaum noch tropfende Energiequelle schwerlich ausreicht und er sucht eine mögliche zweite Quelle in der Annahme einer Interferenz der Molekularschwingungen der beiden Metalle 20 an den Berührungsflächen. Abgesehn von andern Schwierigkeiten, die uns hier entgegen treten, haben Grove und Gassiott nachgewiesen daß zur Elektricitätserregung wirklicher Kontakt gar nicht einmal erforderlich ist, wie uns Wiedemann eine Seite vorher selbst erzählt. Kurz, die Energiequelle für die elektrische Scheidungskraft versiegt mehr und mehr, je länger wir 25 sie betrachten.
Und dennoch kennen wir bis jetzt für die Elektricitätserregung beim Metallkontakt kaum eine andre. Nach Naumann (allg. und phys. Chemie, Heidelberg 1877, S.675) „verwandeln die kontakt-elektromotorischen Kräfte Wärme in Elektricität“; er findet „die Annahme natürlich, daß das 30 Vermögen dieser Kräfte, elektrische Bewegung hervorzubringen, auf der vorhandnen Wärmemenge beruht oder mit andern Worten eine Funktion der Temperatur ist“, was auch durch Le Roux experimentell bewiesen sei. Auch hier bewegen wir uns ganz im Unbestimmten. Auf die chemischen Vorgänge zurückzugreifen, die an den, stets mit einer dünnen, für uns so gut wie 35 untrennbaren Schicht von Luft und unreinem Wasser beschlagnen Kontaktflächen in geringem Maß unaufhörlich vorgehn, also die Elektricitätserregung aus der Anwesenheit eines unsichtbaren aktiven Elektrolyten zwischen den Kontaktflächen zu erklären, verbietet uns das Gesetz der Spannungsreihe der Metalle. Ein Elektrolyt müßte im Schließungskreis einen dauernden 40 Strom erzeugen; die Elektricität des bloßen Metallkontakts verschwindet im
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Gegentheil, sobald der Kreis geschlossen wird. Und hier kommen wir auf den eigentlichen Punkt: ob, und in welcher Weise diese von Wiedemann selbst zuerst auf die Metalle beschränkte, ohne fremde Energiezufuhr für arbeitsunfähig erklärte, und dann auf eine wahrhaft mikroskopische Energiequelle ausschließlich angewiesene „elektrische Scheidungskraft“ durch Kontakt chemisch indifferenter Körper die Bildung des dauernden Stroms möglich macht.
Die Spannungsreihe ordnet die Metalle der Art, daß jedes gegen das vorhergehende elektronegativ und gegen das folgende elektropositiv sich verhält. Legen wir also in dieser Ordnung eine Reihe von Metallstäben, etwa Zink, Zinn, Eisen, Kupfer, Platin aneinander, so werden wir an den beiden Enden elektrische Spannungen erhalten können. Ordnen wir aber die Metallreihe zu einem Schließungskreis, sodaß auch das Zink und das Platin sich berühren, so gleicht sich die Spannung sofort aus und verschwindet. „In einem geschlossenen Kreise von Körpern, welche der Spannungsreihe angehören, ist also die Bildung einer dauernden ElektricitätsStrömung nicht möglich.“ Diesen Satz unterstützt Wiedemann noch durch folgende theoretische Erwägung: „In der That würde, wenn ein dauernder Elektricitäts-strom in dem Kreise aufträte, durch denselben in den metallischen Leitern selbst Wärme erzeugt, die höchstens durch eine Erkältung an den Kontaktstellen der Metalle aufgehoben würde. Es würde jedenfalls eine ungleiche Wärmevertheilung hervorgerufen; auch könnte durch den Strom ohne Zufuhr von Außen dauernd eine elektromagnetische Bewegungsmaschine getrieben und so eine Arbeit geleistet werden, was unmöglich ist, da bei fester Verbindung der Metalle, etwa durch Löthung, auch an den Kontaktstellen keine Veränderungen mehr statthaben können, die diese Arbeit kom-pensiren.“
Und nicht genug mit dem theoretischen und experimentellen Beweis, daß die Kontaktselektricität der Metalle allein Keinen Strom erzeugen kann: wir werden auch sehn daß Wiedemann eine besondre Hypothese aufzustellen sich genöthigt sieht um ihre Wirksamkeit auch da zu beseitigen wo sie sich im Strom etwa geltend machen könnte.
Versuchen wir also einen andern Weg, um von der Kontaktselektricität zum Strom zu kommen. Denken wir uns mit Wiedemann „zwei Metalle, wie einen Zink- und einen Kupferstab, mit ihren einen Enden verlöthet, ihre freien Enden aber durch einen dritten Körper verbunden, der gegen beide Metalle nicht elektromotorisch wirkt, sondern nur die auf ihren Oberflächen angesammelten entgegengesetzten Elektricitäten leitete, so daß sie sich in ihm ausglichen, so würde die elektrische Scheidungskraft dann stets die frühere Spannungsdifferenz wieder herstellen, und so ein dauernder Elektricitäts ström in dem Kreise entstehn, der ohne jeden Ersatz eine Arbeit
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leisten könnte, was wiederum unmöglich ist. Demnach kann es keinen Körper geben der ohne elektromotorische Thätigkeit gegen die andern Körper nur die Elektricität leitet.“ Wir sind nicht weiter als vorher: die Unmöglichkeit, Bewegung zu erschaffen, versperrt uns abermals den Weg. Mit dem Kontakt chemisch indifferenter Körper, also mit der eigentlichen 5 Kontaktselektricität, bringen wir nie und nimmer einen Strom zu Stande. Kehren wir also nochmals um, und versuchen wir einen dritten Weg, den Wiedemann uns zeigt:
„Senken wir endlich eine Zink- und eine Kupferplatte in eine Flüssigkeit ein, welche eine s.g. binäre Verbindung enthält, welche also in zwei ehe- 10 misch verschiedne Bestandtheile zerfallen kann, die sich völlig sättigen, z. B. verdünnte Chlorwasserstoffsäure (H + Cl) usf., so ladet sich nach §27 das Zink negativ, das Kupfer positiv. Bei Verbindung der Metalle gleichen sich diese Elektricitäten durch die Kontaktstelle hindurch aus, durch welche also ein Strom positiver Elektricität vom Kupfer zum Zink fließt. Da auch die 15 beim Kontakt letzterer Metalle auftretende elektrische Scheidungskraft die positive Elektricität in gleichem Sinne fortführt, so heben sich die Wirkungen der elektrischen Scheidungskräfte nicht auf, wie in einem geschlossenen Metallkreise. Es entsteht also ein dauernder Strom von positiver Elektricität, der in dem geschlossenen Kreise vom Kupfer durch seine Kontaktstelle mit 20 dem Zink zu letzterem, und vom Zink durch die Flüssigkeit zum Kupfer fließt. Wir werden alsbald § 34 darauf zurückkommen, in wie fern wirklich die einzelnen, in der Schließung vorhandenen, elektrischen Scheidungskräfte an der Bildung dieses Stroms mitwirken. — Eine Kombination von Leitern, welche einen solchen galvanischen Strom liefert, nennen wir ein 25 galvanisches Element, wohl auch eine galvanische Kette“ (I, S. 45).
Das Wunder wäre also fertig gebracht. Durch die bloße elektrische Scheidungskraft des Kontakts, die nach Wiedemann selbst ohne Energiezufuhr von Außen nicht wirken kann, ist hier ein dauernder Strom erzeugt. Und wenn uns zu seiner Erklärung weiter nichts geboten würde als 30 obige Stelle aus Wiedemann, so bliebe dies in der That ein vollständiges Wunder. Was lernen wir hier über den Vorgang?
1)	Wenn Zink und Kupfer in eine Flüssigkeit getaucht werden, welche eine s. g. binäre Verbindung enthält, so ladet sich nach § 27 das Zink negativ, das Kupfer positiv. — Nun steht im ganzen § 27 kein Wort von einer binären 35 Verbindung. Er beschreibt nur ein einfaches Voltasches Element aus einer Zink- und einer Kupferplatte, zwischen denen eine, mit einer sauren Flüssigkeit befeuchtete Tuchscheibe liegt, und untersucht dann, ohne Erwähnung irgend welcher chemischen Vorgänge, die dabei erfolgenden statisch-elektrischen Ladungen der beiden Metalle. Die s. g. binäre Verbindung wird hier 40 also durchs Hinterthürchen hineingeschmuggelt.
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2)	Was diese binäre Verbindung hier soll, bleibt vollständig geheimnißvoll. Der Umstand, daß sie „in zwei chemische Bestandtheile zerfallen kann, die sich völlig sättigen“ (sich völlig sättigen, nachdem sie zerfallen sind?!) könnte uns doch höchstens etwas Neues lehren, wenn sie wirklich zerfiele. Davon wird uns aber kein Wort gesagt; wir müssen also einstweilen annehmen, daß sie nicht zerfällt. Z. B. ein Paraffin.
3)	Nachdem also das Zink in der Flüssigkeit negativ und das Kupfer positiv geladen, bringen wir sie (außerhalb der Flüssigkeit) in Berührung. Alsbald „gleichen sich diese Elektricitäten durch die Kontaktstellen hindurch aus, durch welche also ein Strom positiver Elektricität vom Kupfer zum Zink hinfließt“. Wir erfahren wieder nicht, warum nur ein Strom „positiver“ Elektricität in der einen Richtung, und nicht auch ein Strom „negativer“ Elektricität in der entgegen gesetzten Richtung fließt. Wir erfahren überhaupt nicht was aus der negativen Elektricität wird, die doch bisher ebenso nothwendig war wie die positive; die Wirkung der elektrischen Scheidungskraft bestand ja grade darin, sie beide einander frei gegenüber zu stellen. Jetzt wird sie plötzlich unterdrückt, gewissermaßen unterschlagen, und der Schein wird angenommen, als existire bloß positive Elektricität. Dann aber wird auf S. 51 wieder das gerade Gegentheil gesagt, denn hier vereinen sich die Elektricitäten in einem Strom, es fließt darin also sowohl negative wie positive! Wer hilft uns aus dieser Verwirrung?
4)	„Da auch die beim Kontakt letzterer Metalle auftretende elektrische Scheidungskraft die positive Elektricität in gleichem Sinne fortführt, so heben sich die Wirkungen der elektrischen Scheidungskräfte nicht auf, wie in einem geschlossenen Metallkreise. Es entsteht also ein dauernder Strom“ usw. — Dies ist etwas stark. Denn wie wir sehen werden, weist uns wenige Seiten später (S. 52) Wiedemann nach daß bei der „Bildung des dauernden Stroms ... die elektrische Scheidungskraft an der Kontaktstelle der Metalle ... unthätig sein muß“ -, daß nicht nur ein Strom stattfindet, auch wenn sie, statt die positive Elektricität in gleichem Sinnfortzuführen, der Stromes-richtung entgegen wirkt, sondern daß sie auch in diesem Fall nicht durch einen bestimmten Antheil der Scheidungskraft der Kette kompensirt wird, also wiederum unthätig ist. Wie kann also Wiedemann auf S. 45 eine elektrische Scheidungskraft als nothwendigen Faktor an der Strombildung mitwirken lassen, die er S. 52 für die Dauer des Stroms außer Thätigkeit setzt, und noch dazu durch eine, eigens zu diesem Zweck auf gestellte Hypothese?
5)	„Es entsteht also ein dauernder Strom von positiver Elektricität, der in dem geschlossenen Kreise vom Kupfer durch seine Kontaktstelle mit dem Zink zu letzterem, und vom Zink durch die Flüssigkeit zum Kupfer fließt.“ — Aber es würde bei einem solchen dauernden Elektricitätsström „durch
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denselben in den Leitern selbst Wärme erzeugt“, auch könnte durch ihn „eine elektromagnetische Bewegungsmaschine getrieben und so eine Arbeit geleistet werden“ was aber ohne Zufuhr von Energie unmöglich ist. Da uns Wiedemann bisher nicht mit einer Silbe verrathen hat, ob und woher eine solche Zufuhr von Energie stattfindet, so bleibt der dauernde Strom bis jetzt 5 ebensosehr ein Ding der Unmöglichkeit wie in den vorher untersuchten beiden Fällen.
Niemand fühlt dies mehr als Wiedemann. Er findet es also angemessen, so rasch wie möglich über die vielen kitzlichen Punkte dieser verwunderlichen Erklärung der Strombildung hinwegzueilen und den Leser dafür ein 10 paar Seiten lang mit allerlei elementaren Histörchen über die thermischen, chemischen, magnetischen und physiologischen Wirkungen dieses noch immer geheimnißvollen Stroms zu unterhalten, wobei er ausnahmsweise sogar in ganz populären Ton fällt. Dann fährt er auf einmal fort (S.49):
„Wir haben jetzt zu untersuchen, in welcher Weise die elektrischen 15 Scheidungskräfte in einem geschlossenen Kreise von zwei Metallen und einer Flüssigkeit, z. B. Zink, Kupfer, Chlorwasserstoffsäure, thätig sind.“
„Wir wissen, daß die Bestandtheile der in der Flüssigkeit enthaltenen binären Verbindung (HCl) bei dem Hindurchfließen des Stroms sich in der Weise trennen, daß der eine (H) am Kupfer und eine äquivalente Menge des 20 andern (CI) am Zink frei wird, wobei der letztere sich mit einer äquivalenten Menge Zink zu ZnCl verbindet.“
Wir wissen! Wenn wir dies wissen, so wissen wir es sicher nicht von Wiedemann, der uns von diesem Vorgang, wie wir sahen, bisher auch nicht eine Silbe verrathen hatte. Und ferner, wenn wir etwas über diesen Vorgang 25 wissen, so ist es dies, daß er nicht in der von Wiedemann geschilderten Weise vor sich gehn kann.
Bei der Bildung eines Moleküls HCl aus Wasserstoff gas und Chlorgas wird eine Energiemenge = 22000 Wärmeeinheiten freigesetzt (Julius Thomsen). Um das Chlor aus seiner Verbindung mit dem Wasserstoff wieder los- 30 zureißen, muß also für jedes Molekül HCl die gleiche Energiemenge von Außen zugeführt werden. Woher bezieht die Kette diese Energie? Die Wiedemannsche Darstellung sagt es uns nicht; sehen wir uns also selbst um.
Wenn sich Chlor mit Zink zu Zinkchlorid verbindet, so wird dabei eine 35 bedeutend größere Energiemenge freigesetzt als nöthig ist, das Chlor vom Wasserstoff zu trennen. (Zn, Cl2) entwickelt 97210, 2 (H, CI) 44000 Wärmeeinheiten (Jul. Thomsen). Und hiermit wird der Vorgang in der Kette erklärlich. Es wird also nicht, wie Wiedemann erzählt, der Wasserstoff ohne Weiteres am Kupfer und das Chlor am Zink frei, „wobei“ dann nachträg- 40 licher und zufälliger Weise Zink und Chlor sich verbinden. Im Gegentheil:
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die Verbindung des Zinks mit dem Chlor ist die wesentlichste Grundbedingung des ganzen Prozesses, und solange sich diese nicht vollzieht, wird man am Kupfer vergebens auf Wasserstoff warten.
Der Überschuß der Energie, welche bei der Bildung eines Moleküls ZnCl2 frei wird, über die, welche zur Freisetzung zweier Atome H aus zwei Molekülen HCl verwendet wird, verwandelt sich in der Kette in elektrische Bewegung und liefert die gesammte „elektromotorische Kraft“, die im Stromkreis zu Tage tritt. Es ist also nicht eine mysteriöse „elektrische Scheidungskraft“ die ohne bisher nachgewiesene Energiequelle Wasserstoff und Chlor auseinanderreißt, es ist der in der Kette sich vollziehende chemische Gesammtprozeß, der die sämmtlichen „elektrischen Scheidungskräfte“ und „elektromotorischen Kräfte“ des Schließungskreises mit der zu ihrer Existenz nöthigen Energie versieht.
Konstatiren wir also einstweilen daß Wiedemanns zweite Stromerklärung ebensowenig vom Fleck hilft wie seine erste, und gehn wir weiter im Text:
„Dieser Vorgang beweist, daß das Verhalten des binären Körpers zwischen den Metallen nicht mehr allein in einer einfachen überwiegenden Anziehung seiner ganzen Masse gegen die eine oder andre Elektricität, wie bei den Metallen, besteht, sondern hierbei noch eine besondre Wirkung seiner Bestandtheile hinzutritt. Da der Bestandtheil CI sich da abscheidet, wo der Strom der positiven Elektricität in die Flüssigkeit eintritt, der Bestandtheil H da, wo die negative Elektricität eintritt, nehmen wir an, daß je ein Aequivalent des Chlors in der Verbindung HCl mit einer bestimmten Menge negativer Elektricität geladen sei, die seine Anziehung durch die eintretende positive Elektricität bedingt. Es ist der elektronegative Bestandtheil der Verbindung. Ebenso muß das Aequivalent H mit positiver Elektricität geladen sein und so den elektropositiven Bestandtheil der Verbindung dar stellen. Diese Ladungen könnten sich bei der Verbindung von H und CI ganz ähnlich darstellen wie beim Kontakt von Zink und Kupfer. Da die Verbindung HCl für sich unelektrisch ist, müssen wir dem entsprechend annehmen, daß in derselben die Atome des positiven und negativen Bestand-theils gleiche Mengen positiver und negativer Elektricität enthalten.
Wird nun in verdünnte Chlorwasserstoff säure eine Zinkplatte und eine Kupferplatte eingesenkt, so können wir vermuthen, daß das Zink eine stärkere Anziehung gegen den elektronegativen Bestandtheil (CI) derselben habe als gegen den elektropositiven (H). In Folge dessen würden sich die das Zink berührenden Moleküle der Chlorwasserstoff säure so lagern, daß sie ihre elektronegativen Bestandtheile dem Zink, ihre elektropositiven dem Kupfer zukehrten. Indem die so geordneten Bestandtheile durch ihre elektrische Anziehung auf die folgenden Moleküle HCl einwirken, ordnet sich die ganze Reihe der Moleküle zwischen der Zink- und Kupferplatte wie in Fig. 10:
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Zink	Kupfer
- + - + - + - + - +
CI H CI H CI H CI H CI H
+
Wirkte das zweite Metall auf den positiven Wasserstoff wie das Zink auf das negative Chlor, so würde hierdurch die Einstellung befördert. Wirkte es 5 entgegengesetzt, nur schwächer, so bleibt wenigstens die Richtung ungeändert.
Durch die influenzirende Wirkung der negativen Elektricität des dem Zink anliegenden elektronegativen Bestandtheils Chlor würde im Zink die Elektricität so vertheilt, daß diejenigen Stellen desselben, welche dem Chlor des 10 zunächst liegenden Säureatoms nahe liegen, sich positiv, die ferner liegenden negativ lüden. Ebenso würden im Kupfer zunächst dem elektropositiven Bestandtheil (H) des anliegenden Chlorwasserstoffatoms die negative Elektricität angehäuft, die positive zu den ferneren Theilen hingetrieben.
Darauf würde sich die positive Elektricität im Zink mit der negativen des 15 nächstliegenden Atoms CI und letzteres selbst mit dem Zink verbinden. Das elektropositive Atom H, welches vorher mit jenem Atom verbunden war, würde sich mit dem ihm zugekehrten Atom CI des zweiten Atoms HCl unter gleichzeitiger Verbindung der in diesen Atomen enthaltenen Elektricitäten vereinen; ebenso verbände sich das H des zweiten Atoms HCl mit dem CI 20 des dritten Atoms usf., bis endlich am Kupfer ein Atom frei würde, dessen positive Elektricität sich mit der vertheilten negativen des Kupfers vereinte, sodaß es im unelektrischen Zustand entwiche.“ Dieser Prozeß würde „solange sich wiederholen, bis die Abstoßung der in den Metallplatten angehäuften Elektricitäten auf die Elektricitäten der ihnen zugewandten Be- 25 standtheile des Chlorwasserstoffs grade die chemische Anziehung der letzteren durch die Metalle äquilibrirte. Werden aber die Metallplatten mit einander leitend verbunden, so vereinen sich die freien Elektricitäten der Metallplatten mit einander, und es können von Neuem die früher erwähnten Prozesse eintreten. Auf diese Weise entstände eine dauernde Strömung von 30 Elektricität. — Es ist ersichtlich, daß hierbei ein beständiger Verlust an lebendiger Kraft stattfindet, indem die zu den Metallen hinwandernden Be-standtheile der binären Verbindung sich mit einer gewissen Geschwindigkeit zu den Metallen hinbewegen und dann, entweder unter Bildung einer Verbindung (ZnCl), oder indem sie frei entweichen (H), zur Ruhe gelangen. 35 (Anmerkung: Da sich der Gewinn an lebendiger Kraft bei der Trennung der Bestandtheile CI und H durch die bei der Vereinigung derselben mit den Bestandtheilen der nächstliegenden Atome verlorne lebendige Kraft wieder ausgleicht, so ist der Einfluß dieses Prozesses zu vernachlässigen.) Dieser Verlust ist der Wärmemenge äquivalent, welche bei dem sichtbar hervor- 40 tretenden chemischen Prozeß, also im Wesentlichen bei der Auflösung eines
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Aequivalents Zink in der Verdünnten Säure frei wird. Diesem Werth muß die auf die Vertheilung der Elektricitäten verwendete Arbeit gleichwerthig sein. Vereinen sich daher die Elektricitäten in einem Strom, so muß, während der Auflösung eines Aequivalents Zink und Abscheidung eines Aequivalents Wasserstoff aus der Flüssigkeit, im ganzen Schließungskreise eine Arbeit, sei es in Form von Wärme, sei es in Form von äußerer Arbeitsleistung hervortreten, die ebenfalls der jenem chemischen Prozeß entsprechenden Wärmeentwicklung äquivalent ist.“
„Nehmen wir an — könnten — müssen wir annehmen — können wir ver-muthen — würde vertheilt — lüden sich“ usw. usw. Lauter Muthmaßlichkeit und Konjunktivus, aus dem nur drei thatsächliche Indikative sich mit Bestimmtheit herausfischen lassen: erstens, daß die Verbindung des Zinks mit dem Chlor jetzt als Bedingung der Freisetzung des Wasserstoffs ausgesprochen wird; zweitens, wie wir jetzt ganz am Schluß und sozusagen nebenbei erfahren, daß die hierbei freigesetzte Energie die Quelle, und zwar die ausschließliche Quelle, aller zur Strombildung erforderten Energie ist, und drittens, daß diese Erklärung der Strombildung den beiden vorhergegebnen ebenso direkt ins Gesicht schlägt wie diese beiden sich gegenseitig.
Weiter heißt es: „Es kann also zur Bildung des dauernden Stroms einzig und allein die elektrische Scheidungskraft thätig sein, welche von der ungleichen Anziehung und Polarisirung der Atome der binären Verbindung in der Erregerflüssigkeit der Kette durch die Metallelektroden herrührt; die elektrische Scheidungskraft an der Kontaktstelle der Metalle, an welcher keine mechanischen Veränderungen stattfinden können, muß dagegen unthätig sein. Daß dieselbe, wenn sie etwa der elektromotorischen Erregung der Metalle durch die Flüssigkeit entgegen wirkt (wie bei Einsenken von Zinn und Blei in Cyankaliumlösung), nicht durch einen bestimmten Antheil der Scheidungskraft an letzteren kompensirt wird, beweist die erwähnte völlige Proportionalität der gesammten elektrischen Scheidungskraft (und elektromotorischen Kraft) im Schließungskreis mit dem erwähnten Wärmeäquivalent der chemischen Prozesse. Sie muß also auf eine andre Art neutra-lisirt werden. Dies würde am einfachsten unter der Annahme geschehn, daß beim Kontakt der Erregerflüssigkeit mit den Metallen die elektromotorische Kraft in einer doppelten Weise erzeugt wird: einmal durch eine ungleich starke Anziehung der Massen der Flüssigkeit und Metalle als Ganzes gegen die eine oder die andre Elektricität; sodann durch die ungleiche Anziehung der Metalle gegen die mit entgegengesetzten Elektricitäten geladenen Bestandtheile der Flüssigkeit. ... In Folge der ersteren, ungleichen Massenanziehung würden sich die Flüssigkeiten ganz nach dem Gesetz der Spannungsreihe der Metalle verhalten, und in einem geschlossenen Kreise eine völlige Neutralisation der elektrischen Scheidungskräfte (und elektromoto
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rischen Kräfte) zu Null eintreten; die zweite, chemische Einwirkung würde dagegen allein die zur Stromesbildung erforderliche elektrische Scheidungskraft und die derselben entsprechende elektromotorische Kraft liefern.“ (I, S. 52, 53.)
Hiermit wäre nun der letzte Rest der Kontakttheorie glücklich aus der 5 Strombildung entfernt, und gleichzeitig auch der letzte Rest der ersten, S. 45 gegebnen, Wiedemannschen Erklärung der Strombildung. Es wird endlich ohne Vorbehalt zugegeben, daß die galvanische Kette ein simpler Apparat ist zur Umsetzung von freiwerdender chemischer Energie in elektrische Bewegung, in s. g. elektrische Scheidungskraft und elektromotorische Kraft, 10 ganz wie die Dampfmaschine ein Apparat ist zur Umsetzung von Wärme-Energie in mechanische Bewegung. Im einen wie im andern Falle liefert der Apparat nur die Bedingungen zur Freisetzung und Formverwandlung der Energie, liefert aus sich selbst aber keine Energie. Dies einmal festgestellt, bleibt uns jetzt noch die nähere Untersuchung der dritten Version der 15 Wiedemannschen Stromeserklärung. Wie werden hier die Energie-Umsätze im Schließungskreis der Kette dargestellt?
Es sei ersichtlich, sagt er, daß in der Kette „ein beständiger Verlust an lebendiger Kraft stattfindet, indem die zu den Metallen hinwandernden Bestandtheile der binären Verbindung sich mit einer gewissen Geschwindig- 20 keit zu den Metallen hinbewegen und dann, entweder unter Bildung einer Verbindung (ZnCl) oder indem sie frei entweichen (H) zur Ruhe gelangen. Dieser Verlust ist der Wärmemenge äquivalent welche bei dem sichtbar hervortretenden chemischen Prozeß, also im Wesentlichen bei der Auflösung eines Aequivalents Zink in der verdünnten Säure frei wird.“ 25
Erstens wird, wenn der Prozeß rein vor sich geht, in der Kette bei Auflösung des Zinks gar keine Wärme frei; die frei werdende Energie wird ja grade in Elektricität verwandelt, und erst aus dieser wieder durch den Widerstand des ganzen Schließungskreises in Wärme umgesetzt.
Zweitens ist lebendige Kraft das halbe Produkt der Masse in das Quadrat 30 der Geschwindigkeit. Der obige Satz würde also lauten: die bei der Auflösung eines Aequivalents Zink in verdünnter Salzsäure freiwerdende Energie = so und so viel Calorien ist ebenfalls gleichwerthig dem halben Produkt der Masse der Ionen in das Quadrat der Geschwindigkeit, mit der sie zu den Metallen hinwandem. So ausgesprochen, ist der Satz augenscheinlich falsch; 35 die in der Wanderung der Ionen erscheinende lebendige Kraft ist weit entfernt davon der durch den chemischen Prozeß freigesetzten Energie gleichwerthig zu sein0. Wäre sie es aber, so wäre kein Strom möglich, da keine
0 (Anmerkung) Neuerdings hat F. Kohlrausch (Wied. Ann. VI,206) berechnet daß „immense Kräfte“ dazu gehören, die Ionen durch das lösende Wasser zu schieben. Um 1 mg den Weg von 40 1 mm zurücklegen zu lassen, sei eine Zugkraft erforderlich, für H = 32 500 Kg, für CI = 5200 Kg,
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Energie übrig bliebe für den Strom im Rest des Schließungskreises. Daher wird noch die Bemerkung untergebracht, daß die Ionen zur Ruhe gelangen „entweder unter Bildung einer Verbindung oder indem sie frei entweichen“. Wenn aber der Verlust an lebendiger Kraft auch die bei diesen beiden Vorgängen sich vollziehenden Energie-Umsätze einschließen soll, so sind wir erst recht festgefahren. Denn diese beiden Vorgänge zusammengenommen sind es ja grade, denen wir die ganze freiwerdende Energie verdanken, sodaß hier von einem Verlust an lebendiger Kraft absolut nicht die Rede sein kann, sondern höchstens von einem Gewinn. Es ist also augenscheinlich daß sich Wiedemann bei diesem Satze selbst nichts Bestimmtes gedacht hat, vielmehr der „Verlust an lebendiger Kraft“ nur den deus ex machina vorstellt, der ihm den fatalen Sprung aus der alten Kontaktstheorie in die chemische Stromerklärung möglich machen soll. In der That hat der Verlust an lebendiger Kraft jetzt seine Schuldigkeit gethan und wird verabschiedet; von nun an gilt der chemische Vorgang in der Kette unbestritten als einzige Energiequelle der Strombildung, und die einzige noch übrige Sorge unsres Verfassers ist die, wie er den letzten Rest der Elektricitätserregung beim Kontakt chemisch indifferenter Körper, nämlich die an der Kontaktstelle der beiden Metalle thätige Scheidungskraft, auch noch mit guter Manier aus dem Strom los wird.
Wenn man die obige Wiedemannsche Erklärung der Strombildung liest, so glaubt man ein Stück jener Apologetik vor sich zu haben, mit der die ganz und halb gläubigen Theologen vor beinahe vierzig Jahren der philologischhistorischen Bibelkritik von Strauß, Wilke, Bruno Bauer u. A. entgegentraten. Die Methode ist ganz dieselbe. Sie muß es sein. Denn in beiden Fällen handelt es sich um die Rettung der überlieferten Traditionvor der denkenden Wissenschaft. Die exklusive Empirie, die sich das Denken höchstens in der Form des mathematischen Rechnens erlaubt, bildet sich ein nur mit unläug-baren Thatsachen zu hantieren. In Wirklichkeit aber hantiert sie vorzugsweise mit überkommenen Vorstellungen, mit großentheils veralteten Produkten des Denkens ihrer Vorgänger, als da sind positive und negative Elektricität, elektrische Scheidungskraft, Kontaktstheorie. Diese dienen ihr zur Grundlage endloser mathematischer Rechnungen, in denen sich die also für HCl = 37 700 Kg. — Auch wenn diese Zahlen unbedingt richtig, berühren sie das oben Gesagte nicht. Die Rechnung enthält aber die auf dem Elektricitätsgebiet bisher unvermeidlichen hypothetischen Faktoren und bedarf also der Kontrole durch das Experiment. Diese scheint möglich. Erstens müssen diese „immensen Kräfte“, da wo sie verbraucht werden, also in obigem Fall in der Kette, wiedererscheinen als bestimmte Wärmemenge. Zweitens muß die von ihnen verbrauchte Energie geringer sein als die von den chemischen Prozessen der Kette gelieferte, und zwar um eine bestimmte Differenz. Drittens muß diese Differenz im übrigen Schließungskreis verbraucht werden und dort ebenfalls quantitativ nachweisbar sein. Erst nach Bestätigung durch diese Kontrole können obige Zahlenbestimmungen definitiv gelten. Die Nachweisung in der Zersetzungszelle erscheint noch ausführbarer.
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hypothetische Natur der Voraussetzungen über der Strenge der mathematischen Formulirung angenehm vergessen läßt. So skeptisch diese Art Empirie sich verhält gegen die Resultate des gleichzeitigen Denkens, so gläubig steht sie da vor jenen des Denkens ihrer Vorgänger. Sogar die experimentell festgestellten Thatsachen sind ihr allgemach untrennbar ge- 5 worden von den zugehörigen überlieferten Deutungen; die einfachste elektrische Erscheinung wird in der Darstellung verfälscht z.B. durch Ein-schmuggelung der beiden Elektricitäten; diese Empirie kann die Thatsachen nicht mehr richtig schildern, weil die überkommene Deutung mit in die Schilderung unterläuft. Mit einem Wort, wir haben hier auf dem Gebiet der 10 Elektricitätslehre eine ebenso entwickelte Tradition wie auf dem der Theologie. Und da auf beiden Gebieten die Resultate der neueren Forschung, die Feststellung bisher unbekannter oder bestrittener Thatsachen, und die daraus nothwendig sich ergebenden theoretischen Folgerungen der alten Überlieferung unbarmherzig ins Gesicht schlagen, so gerathen die Vertheidiger 15 dieser Überlieferung in die ärgste Klemme. Sie müssen ihre Zuflucht nehmen zu allerhand Winkelzügen, unhaltbaren Ausreden, zu Vertuschungen un-versöhnbarer Widersprüche, und gerathen damit schließlich selbst in ein Gewirr von Widersprüchen aus dem für sie kein Ausweg ist. Es ist dieser Glaube an die ganze alte Elektricitätstheorie, der Wiedemann hier in den 20 rettungslosesten Widerspruch mit sich selbst verwickelt, einfach durch den hoffnungslosen Versuch, die alte Stromerklärung durch „Kontaktkraft“ mit der neueren durch Freisetzung chemischer Energie rationalistisch zu vermitteln.
Man wird vielleicht einwenden, die obige Kritik der Wiedemannschen 25 Stromerklärung beruhe auf Wortklauberei; wenn Wiedemann sich im Anfang auch etwas nachlässig und ungenau ausdrücke, so gebe er doch schließlich die richtige, mit dem Satz von der Erhaltung der Energie stimmende Darstellung und mache damit Alles gut. Dem gegenüber lassen wir hier ein andres Beispiel folgen, seine Schilderung des Hergangs in der Kette: Zink, ver- 30 dünnte Schwefelsäure, Kupfer.
„Verbindet man die beiden Platten durch einen Draht, so entsteht ein galvanischer Strom ... Es scheidet sich durch den elektrolytischen Prozeß aus dem Wasser der verdünnten Schwefelsäure am Kupfer 1 Aeq. Wasserstoff aus, welcher in Blasen entweicht. Am Zink bildet sich 1 Aeq. Sauer- 35 Stoff, der das Zink zu Zinkoxyd oxydirt, welches sich in der umgebenden Säure zu schwefelsaurem Zinkoxyd löst.“ (I, S. 593).
Um Wasserstoffgas und Sauerstoffgas aus Wasser abzuscheiden, dazu ist für jedes Wassermolekül eine Energie = 68924 Wärmeeinheiten erforderlich. Woher kommt nun in obiger Kette die Energie? „Durch den elektro- 40 lytischen Prozeß.“ Und woher nimmt sie der elektrolytische Prozeß? Keine Antwort.
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Nun aber erzählt uns ferner Wiedemann nicht einmal, sondern mindestens zweimal (I, S.472 und 614) daß überhaupt „nach neueren Erfahrungen das Wasser selbst nicht zersetzt wird“, sondern in unserm Fall die Schwefelsäure, H2SO4, die einerseits zu H2, andrerseits zu SO3 + O zerfällt, wobei H2 und O unter Umständen gasförmig entweichen können. Dadurch aber ändert sich die ganze Natur des Prozesses. Das H2 von H2SO4 wird direkt ersetzt durch das zweiwerthige Zink und bildet Zinksulfat, ZnSO4. Bleibt übrig, auf der einen Seite H2, auf der andern SO3 + O. Die beiden Gase entweichen in den Verhältnissen in denen sie Wasser bilden, das SO3 verbindet sich mit Lösungswasser H2O wieder zu H2SO4, d. h. Schwefelsäure. Bei der Bildung von ZnSO4 wird aber eine Energiemenge entwickelt, die nicht nur zur Verdrängung und Freisetzung des Wasserstoffs der Schwefelsäure hinreicht, sondern noch einen bedeutenden Überschuß läßt, der in unserm Fall zur Strombildung verwendet wird. Das Zink wartet also nicht, bis der elektrolytische Prozeß ihm den freien Sauerstoff zur Verfügung stellt, um sich damit erst zu oxydiren und dann in der Säure zu lösen. Im Gegentheil. Es tritt direkt in den Prozeß ein, der erst durch diesen Eintritt des Zinks überhaupt zu Stande kommt.
Wir sehen hier, wie den veralteten Kontaktsvorstellungen veraltete chemische Vorstellungen zu Hülfe kommen. Nach der neueren Anschauung ist ein Salz eine Säure, worin der Wasserstoff durch ein Metall ersetzt ist. Der hier zu untersuchende Vorgang bestätigt diese Anschauung: die direkte Verdrängung des Wasserstoffs der Säure durch das Zink erklärt den Energie-Umsatz vollkommen. Die ältere Anschauung, der Wiedemann folgt, hält ein Salz für eine Verbindung eines Metalloxyds mit einer Säure, und spricht daher, statt von Zinksulfat, von schwefelsaurem Zinkoxyd. Um aber in unsrer Kette vom Zink und Schwefelsäure zu schwefelsaurem Zinkoxyd zu kommen, muß das Zink erst oxydirt werden. Um das Zink schnell genug zu oxydiren, müssen wir freien Sauerstoff haben. Um zu freiem Sauerstoff zu kommen, müssen wir — da am Kupfer Wasserstoff erscheint — annehmen daß das Wasser zersetzt wird. Um das Wasser zu zersetzen, brauchen wir eine gewaltige Energie, wie zu dieser kommen? Einfach „durch den elektrolytischen Prozeß“, der selbst wieder nicht in Gang kommen kann, solange nicht sein chemisches Schlußprodukt, das „schwefelsaure Zinkoxyd“ angefangen, sich zu bilden. Das Kind gebiert die Mutter.
Auch hier also wird bei Wiedemann der ganze Verlauf total umgekehrt und auf den Kopf gestellt. Und zwar deßwegen, weil Wiedemann aktive und passive Elektrolyse, zwei direkt entgegen gesetzte Prozesse, ohne Weiteres zusammen wirft als Elektrolyse schlechthin.
Bisher haben wir nur die Vorgänge in der Kette untersucht, d.h. denje
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nigen Prozeß, bei dem ein Überschuß von Energie durch chemische Aktion frei und durch die Einrichtungen der Kette in Elektricität umgesetzt wird. Dieser Prozeß kann aber bekanntlich auch umgekehrt werden: die in der Kette aus chemischer Energie dargestellte Elektricität des dauernden Stroms kann ihrerseits wieder in chemische Energie rückverwandelt werden in der 5 in den Schließungskreis eingesetzten Zersetzungszelle. Beide Prozesse sind augenscheinlich einander entgegengesetzt; und fassen wir den ersten als chemisch-elektrisch, so ist der zweite elektrochemisch. Beide können in demselben Schließungskreise von den gleichen Stoffen vorgehn. So kann die Säule aus Gaselementen, deren Strom durch Verbindung von Wasserstoff 10 und Sauerstoff zu Wasser erzeugt wird, in einer eingeschalteten Zersetzungszelle Wasserstoffgas und Sauerstoffgas in den Verhältnissen liefern, in denen sie Wasser bilden. Die übliche Betrachtungsweise faßt diese beiden entgegengesetzten Prozesse zusammen unter den Einen Ausdruck: Elektrolyse, und unterscheidet nicht einmal zwischen einer aktiven und einer 15 passiven Elektrolyse, einer Erregerflüssigkeit und einem passiven Elektrolyten. So behandelt Wiedemann die Elektrolyse im Allgemeinen auf 143 Seiten, und fügt dann am Schluß einige Bemerkungen über „Elektrolyse in der Kette“ hinzu, von denen die Vorgänge in wirklichen Ketten noch dazu nur den kleinsten Theil der 17 Seiten dieses Abschnitts einnehmen. Auch in 20 der folgenden „Theorie der Elektrolyse“ wird dieser Gegensatz von Kette und Zersetzungszelle nicht einmal erwähnt, und wer in dem sich anschließenden Kapitel: „Einfluß der Elektrolyse auf Leitungswiderstand und elektromotorische Kraft im Schließungskreise“ irgendwelche Berücksichtigung der Energie-Umsätze im Schließungskreise suchte, der würde bitter enttäuscht 25 werden.
Betrachten wir nun den unwiderstehlichen „elektrolytischen Prozeß“, der ohne sichtbare Energiezufuhr H2 von O trennen kann, und der in den vorliegenden Abschnitten des Buchs dieselbe Rolle spielt wie vorhin die ge-heimnißvolle „elektrische Scheidungskraft“.	30
„Neben dem primären, rein elektrolytischen Prozeß der Trennung der Ionen treten nun noch eine Menge sekundärer, von demselben ganz unabhängiger, rein chemischer Prozesse durch Einwirkung der durch den Strom abgeschiednen Ionen auf. Diese Einwirkung kann auf den Stoff der Elektroden und auf den zersetzten Körper, in Lösungen auch auf das Lö- 35 sungsmittel stattfinden.“ (I, S. 481.) — Gehn wir zurück auf obige Kette: Zink und Kupfer in verdünnter Schwefelsäure. Hier sind nach Wiedemanns eigner Aussage die getrennten Ionen das H2 und O des Wassers. Folglich ist ihm die Oxydation des Zinks, und die Bildung von ZnSO4 ein sekundärer, vom elektrolytischen Prozeß unabhängiger, rein chemischer Vorgang, trotzdem 40 durch ihn der primäre erst möglich wird. Betrachten wir nun etwas im
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Einzelnen die Verwirrung, die aus dieser Verkehrung des wirklichen Verlaufs nothwendig entstehn muß.
Halten wir uns zunächst an die s.g. sekundären Prozesse in der Zersetzungszelle, wovon uns Wiedemann einige Beispielex) vorführt. (S. 481.82.)
I. Elektrolyse von Na2SO4 in Wasser gelöst. Dies „zerfällt ... in 1 Aeq. SO3 4- O ... und 1 Aeq. Na ... letzteres reagirt aber auf das Lösungswasser, und scheidet aus demselben 1 Aeq. H ab, während sich 1 Aeq. Natron bildet und in dem umgebenden Wasser löst“. Die Gleichung ist:
Na2SO4 + 2 H2O = O + SO3 + 2 NaOH + 2 H.
In diesem Beispiel könnte in der That die Zersetzung:
Na2SO4 = Na2+SO3 + O
als primärer, elektrochemischer, und die weitere Umsetzung:
Na2 + 2 H2O = 2NaHO + 2 H
als sekundärer, rein chemischer Vorgang gefaßt werden. Aber dieser sekundäre Vorgang wird unmittelbar an der Elektrode bewirkt, wo der Wasserstoff erscheint, die dabei freigesetzte, sehr bedeutende Energiemenge (111810 Wärmeeinheiten für Na, O, H, Aq. nach Jul. Thomsen) wird daher, wenigstens größtentheils, in Elektricität umgesetzt, und nur ein Theil in der Zelle unmittelbar in Wärme verwandelt. Letzteres kann aber auch der in der Kette direkt oder primär freigesetzten chemischen Energie passiren. Die so verfügbar gewordene und in Elektricität verwandelte Energiemenge sub-trahirt sich aber von derjenigen, die der Strom zur fortdauernden Zersetzung des Na2SO4 liefern muß. Erschien die Verwandlung des Natriums in Oxydhydrat im ersten Moment des Gesammtvorgangs als sekundärer Prozeß, so wird sie, vom zweiten Moment an, wesentlicher Faktor des Gesammtvorgangs und hört damit auf, sekundär zu sein.
Nun findet aber noch ein dritter Prozeß in dieser Zersetzungszelle statt: SO3 verbindet sich, falls es nicht mit dem Metall der positiven Elektrode eine Verbindung eingeht, wobei wieder Energie frei würde, mit H2O zu H2SO4, Schwefelsäure. Diese Umsetzung geht aber nicht nothwendig unmittelbar an der Elektrode vor sich, und die dabei frei werdende Energiemenge (21320 W. E., J. Thomsen) verwandelt sich daher ganz oder zum allergrößten Theil in der Zelle selbst in Wärme, und gibt höchstens einen sehr kleinen Theil als Elektricität an den Strom ab. Der einzige wirklich sekundäre Prozeß der in dieser Zelle vorgeht, wird also von Wiedemann gar nicht erwähnt.
II. „Elektrolysirt man eine Lösung von Kupfervitriol zwischen einer positiven Elektrode von Kupfer und einer negativen von Platin, so scheidet
x) (Anmerkung) Ein für alle Mal sei bemerkt, daß W. überall die alten chemischen Aequivalent-werthe anwendet, HO, ZnCl usw. schreibt. In meinen Gleichungen sind überall die modernen Atomgewichte angewandt, es heißt also H2O, ZnCl2 usw.
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sich, bei gleichzeitiger Zersetzung von schwefelsaurem Wasser in demselben Stromkreis, an der negativen Platinelektrode auf 1 Aeq. zersetzten Wassers 1 Aeq. Kupfer aus; an der positiven Elektrode sollte 1 Aeq. SO4 erscheinen; letzteres verbindet sich aber mit dem Kupfer der Elektrode zu 1 Aeq. CuSO4, welches sich in dem Wasser der elektrolysirten Lösung auf löst.“	5
Wir haben uns den Prozeß in der modernen chemischen Ausdrucksweise also so vorzustellen: Am Platin schlägt sich Cu nieder; das freiwerdende SO4 das als solches für sich nicht bestehn kann, zerfällt in SO3 + O welches letztere frei entweicht; SO3 nimmt aus dem Lösungswasser H2O auf und bildet H2SO4, welches sich wieder unter Freisetzung von H2 mit dem Kupfer der 10 Elektrode zu CuSO4 verbindet. Wir haben hier genau gesprochen, drei Vorgänge: 1) Trennung von Cu und SO4; 2) SO3 + O + H2O = H2SO4 + O;
3) H2SO4 + Cu = H2 + CuSO4. Es liegt nahe, den ersten als primär, die beiden andern als sekundär aufzufassen. Fragen wir aber nach den Energie-Umsätzen, so finden wir daß der erste durch einen Theil des dritten Vorgangs 15 vollständig kompensirt wird: die Trennung des Kupfers von SO4 durch die Wiedervereinigung Beider an der andern Elektrode. Wenn wir von der zur Fortschiebung des Kupfers von einer Elektrode zur andern erforderlichen Energie absehn — und ebenso von unvermeidlichem Energieverlust in der Kette durch Umsetzung in Wärme, so haben wir hier den Fall daß der s. g. 20 primäre Vorgang dem Strom keine Energie entzieht. Der Strom liefert Energie ausschließlich zur Ermöglichung der, noch dazu indirekten, Trennung von H2 und O, die als wirkliches chemisches Resultat des ganzen Prozesses sich erweist — also zur Durchführung eines sekundären oder gar tertiären Prozesses.	25
In Beiden obigen Beispielen, wie auch in andern Fällen, hat die Unterscheidung von primären und sekundären Prozessen indeß eine unläugbare relative Berechtigung. So wird beide Male unter Anderm anscheinend auch Wasser zersetzt, und die Elemente des Wassers an den entgegen gesetzten Elektroden abgeschieden. Da nach den neuesten Erfahrungen absolut reines 30 Wasser dem Ideal eines Nichtleiters also auch eines Nicht-Elektrolyts so nahe wie möglich kommt, ist es wichtig nachzuweisen, daß in diesen und ähnlichen Fällen nicht das Wasser direkt elektrochemisch zersetzt wird, sondern daß die Elemente des Wassers aus der Säure — zu deren Bildung hier das Lösungswasser allerdings mitwirken muß—abgeschieden werden.	35
III. „Elektrolysirt man gleichzeitig in zwei U-förmigen Röhren ... Chlorwasserstoffsäure ... und bedient sich in dem einen Rohr einer positiven Elektrode von Zink, in der andern einer solchen von Kupfer, so löst sich in dem ersten Rohre die Zinkmenge 32,53, in dem zweiten die Kupfermenge 2x31,7.“	40
Lassen wir das Kupfer einstweilen bei Seite und halten wir uns ans Zink.
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Als primärer Prozeß gilt hier die Zersetzung von HCl, als sekundärer die Lösung von Zn. Nach dieser Auffassung also führt der Strom von Außen der Zersetzungszelle die zur Trennung von H und CI nöthige Energie zu, und nachdem diese Trennung vollzogen, vereinigt sich das CI mit dem Zn, wobei eine Energiemenge frei wird, die sich von der zur Trennung von H und CI erforderlichen subtrahirt; der Strom braucht also nur die Differenz zuzuführen. Soweit stimmt Alles aufs schönste; betrachten wir uns aber die beiden Energiemengen näher, so finden wir daß die bei Bildung von ZnCl2 freigesetzte größer ist als die bei Trennung von 2 HCl verbrauchte; daß also der Strom nicht nur keine Energie zuzuführen braucht, sondern im Gegentheil Energie empfängt. Wir haben gar kein passives Elektrolyt mehr vor uns, sondern eine Erregerflüssigkeit; keine Zersetzungszelle, sondern eine Kette, die die strombildende Säule um ein neues Element verstärkt; der Prozeß, den wir als sekundär auffassen sollen, wird absolut primär, wird die Energiequelle des ganzen Vorgangs, und macht ihn unabhängig von dem zugeführten Strom der Säule.
Hier sehn wir deutlich, was die Quelle der ganzen, in Wiedemann’s theoretischer Darstellung herrschenden Verwirrung ist. Wiedemann geht aus von der Elektrolyse — ob diese aktiv oder passiv, Kette oder Zersetzungszelle, ist einerlei: Pflasterkasten ist Pflasterkasten, wie der alte Major zum „Einjährigen“ Doktor der PhUosophie sagte. Und da die Elektrolyse in der Zersetzungszelle viel einfacher zu studiren ist als in der Kette, so geht er thatsächlich aus von der Zersetzungszelle, macht die in ihr sich vollziehenden Vorgänge, ihre theilweise berechtigte Eintheilung in primäre und sekundäre, zum Maßstab der gradezu umgekehrten Vorgänge in der Kette, und merkt dabei nicht einmal, wenn ihm unter der Hand die Zersetzungszelle sich in eine Kette verwandelt. Daher kann er den Satz aufstellen: „die chemische Affinität der ausgeschiedenen Stoffe gegen die Elektroden ist ohne Einfluß auf den eigentlich elektrolytischen Prozeß“ (I, 471) ein Satz, der in dieser absoluten Form, wie wir sahen, total falsch ist. Daher denn die dreifache Theorie der Strombildung bei ihm: zuerst die alt-überkommene vermittelst des reinen Kontakts; zweitens die vermittelst der schon abstrakter gefaßten elektrischen Scheidungskraft, die auf unerklärliche Weise sich oder dem „elektrolytischen Prozeß“ die Energie verschafft, das H und CI in der Kette auseinander zu reißen und außerdem noch einen Strom zu bilden; endlich die moderne chemisch-elektrische, die in der algebraischen Summe aller chemischen Aktionen in der Kette die Quelle dieser Energie nachweist. Wie er nicht merkt daß die zweite Erklärung die erste umstößt, ebensowenig ahnt er daß die dritte ihrerseits die zweite über den Haufen wirft. Im Gegentheil, der Satz von der Erhaltung der Energie wird ganz äußerlich an die alte, von der Routine überkommene Theorie angefügt, wie
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man einen neuen geometrischen Lehrsatz an die früheren anhängt. Keine Ahnung davon, daß dieser Satz eine Revision der ganzen traditionellen Anschauungsweise auf diesem wie auf allen andern Gebieten der Naturwissenschaft nöthig macht. Daher beschränkt sich Wiedemann darauf, ihn bei der Stromerklärung einfach zu konstatiren und legt ihn dann ruhig bei 5 Seite um ihn erst ganz am Schluß des Buchs, im Kapitel über die Arbeitsleistungen des Stroms, wieder hervorzusuchen. Selbst in der Theorie der Elektricitätserregung durch Kontakt (I, 781 ff) spielt die Erhaltung der Energie in Beziehung auf die Hauptsache gar keine Rolle, und wird nur gelegentlich zur Aufhellung von Nebenpunkten herbeigezogen; sie ist und 10 bleibt ein „sekundärer Vorgang“.
Kehren wir zurück zu obigem Exempel III. Dort wurde durch denselben Strom in zwei U-förmigen Röhren Chlorwasserstoff säure elektrolysirt, aber in der einen Zink, in der andern Kupfer als positive Elektrode verwandt. Nach dem Faradayschen elektrolytischen Grundgesetz zersetzt derselbe 15 galvanische Strom in jeder Zelle äquivalente Mengen der Elektrolyte, und die Quantitäten der an beiden Elektroden abgeschiednen Stoffe stehn gleichfalls im Verhältniß ihrer Äquivalente (I, S. 470). Nun fand sich, daß in obigem Fall im ersten Rohr die Zinkmenge 32,53, im andern die Kupfermenge 2 x 31,7 gelöst wurde. „Es ist dies indeß, fährt Wiedemann fort, kein Beweis 20 für die Aequivalenz dieser Werthe. Dieselben werden nur bei sehr wenig dichten Strömen unter Bildung von Zinkchlorid ... einerseits und von Kupferchlorür ... andrerseits beobachtet. Bei dichteren Strömen würde für dieselbe gelöste Zinkmenge die Menge des gelösten Kupfers unter Bildung steigender Mengen von Chlorid ... bis zu 31,7 sinken.“	25
Zink bildet bekanntlich nur eine Chlorverbindung, Zinkchlorid ZnCl2; Kupfer dagegen zwei, Cuprichlorid CuCl2 und Cuprochlorid, Cu2Cl2. Der Hergang ist also, daß der schwache Strom auf je zwei Chloratome von der Elektrode zwei Kupferatome losreißt, die mit einer ihrer beiden Verbindungseinheiten unter sich verbunden bleiben, während ihre beiden freien 30
Cu—CI Verbindungseinheiten sich mit den zwei Chloratomen vereinigen: |
Cu—CI
Wird der Strom dagegen stärker, so reißt er die Kupferatome ganz von
—CI einander, und Jedes für sich vereinigt sich mit zwei Chloratomen: Cu
—CI
Bei Strömen mittlerer Stärke bilden sich beide Verbindungen neben einander. Es ist also lediglich die Stromstärke, die die Bildung der einen oder der 35 andern Verbindung bedingt, und der Vorgang ist daher wesentlich elektrochemisch, wenn anders dies Wort einen Sinn hat. Trotzdem erklärt ihn
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Wiedemann ausdrücklich für sekundär, also für nicht elektrochemisch, sondern rein chemisch.
Der obige Versuch ist von Renault (1867) und gehört zu einer ganzen Reihe ähnlicher Versuche, bei denen derselbe Strom in einer U-Röhre durch Kochsalzlösung (positive Elektrode Zink) in einer andern Zelle durch wechselnde Elektrolyte mit verschiednen Metallen als positiven Elektroden geleitet wurde. Hierbei wichen die auf ein Aequivalent Zink gelösten Mengen der andern Metalle sehr ab, und Wiedemann gibt die Resultate der ganzen Versuchsreihe, die aber in der That meist chemisch sich von selbst verstehn und gar nicht anders sein können. So wurde auf 1 Aeq. Zink nur 2/3 Aeq. Gold in Salzsäure gelöst. Dies kann nur dann verwunderlich erscheinen, wenn man sich wie Wiedemann, an die alten Aequivalentgewichte hält und für Zinkchlorid ZnCl schreibt, wonach das Chlor sowohl wie das Zink nur mit einer Verbindungseinheit in dem Chlorid erscheint. In Wirklichkeit stecken darin auf ein Zinkatom zwei Chloratome, ZnCl2, und sowie wir diese Formel kennen, sehn wir sofort daß in obiger Bestimmung der Aequivalenzen das Chloratom als Einheit anzunehmen ist und nicht das Zinkatom. Die Formel für Goldchlorid ist aber AuC13, wonach es auf der Hand liegt daß 3 ZnCl2 genau soviel Chlor enthalten wie 2 AuC13 und somit alle primären, sekundären und tertiären Prozesse in der Kette oder Zelle genöthigt sein werden auf einen in Zinkchlorid verwandelten Gewichtstheil Zink nicht mehr und nicht weniger als 2/3 Gewichtstheile Gold in Goldchlorid zu verwandeln. Dies gilt absolut, es sei denn daß auch die Verbindung AuCl auf galvanischem Wege herstellbar wäre, in welchem Falle auf 1 Aeq. Zink sogar 2 Aeq. Gold gelöst werden müßten, und wo dann auch ähnliche Variationen je nach der Stromstärke eintreten könnten wie oben beim Kupfer und Chlor. Der Werth der Versuche von Renault besteht darin, daß sie auf zeigen wie das Fa-radaysche Gesetz bestätigt wird durch Thatsachen die ihm zu widersprechen scheinen. Was sie aber zur Beleuchtung von sekundären Vorgängen bei der Elektrolyse beitragen sollen, ist nicht abzusehn.
Das dritte Beispiel aus Wiedemann führte uns bereits wieder von der Zersetzungszelle zur Kette. Und in der That bietet die Kette bei weitem das größte Interesse dar, sobald man die elektrolytischen Vorgänge in Beziehung auf die dabei stattfindenden Umsetzungen von Energie untersucht. So stoßen wir nicht selten auf Ketten in denen die chemisch-elektrischen Prozesse direkt im Widerspruch mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie zu stehn und sich entgegen der chemischen Verwandtschaft zu vollziehen scheinen.
Nach Poggendorff’s Messungen liefert die Kette: Zink, konzentrirte Kochsalzlösung, Platin, einen Strom von der Stärke 134,6. Wir haben hier also eine ganz respektable Elektricitätsmenge, xl3 mehr als im Daniellschen
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Element. Woher stammt die hier als Elektricität erscheinende Energie? Der „primäre“ Vorgang ist die Verdrängung des Natriums aus der Chlorverbindung durch das Zink. Aber in der gewöhnlichen Chemie verdrängt nicht das Zink das Natrium, sondern umgekehrt das Natrium verdrängt das Zink aus Chlor- und andern Verbindungen. Der „primäre“ Vorgang, weit entfernt 5 davon dem Strom obige Energiemenge abgeben zu können, bedarf im Gegentheil, um zu Stande zu kommen, selbst einer Energiezufuhr von Außen. Mit dem bloßen „primären“ Vorgang sitzen wir also wieder fest. Sehen wir uns also den wirklichen Vorgang an. Da finden wir daß die Umsetzung ist, nicht
Zn + 2 NaCl = ZnCl2 + 2 Na,	w
sondern
Zn + 2 NaCl + 2 H2O = ZnCl2 + 2 NaOH + H2.
Mit andern Worten, das Natrium wird nicht an der negativen Elektrode frei abgeschieden sondern oxydratisirt, wie oben im Beispiel I. (S. ) Um die hierbei stattfindenden Energie-Umsätze zu berechnen, geben uns Julius 15 Thomsen’s Bestimmungen wenigstens Anhaltspunkte. Danach haben wir, freigesetzte Energie bei den Verbindungen:
(Zn, Cl2) = 97 210, (ZnCl2, aqua) = 15630, zusammen für gelöstes Zinkchlorid
= W.E. 112840.	20
2 (Na, O, H, aqua) = W.E. 223620	W.E. 336460
Davon ab Energieverbrauch bei den Trennungen:
2 (Na, CI, aqua) = W. E. 193 020.
2 (H2,0)	= »	136720	„	329740
Überschuß freigesetzter Energie	= Wärme Einh. 6720 25
Diese Summe ist offenbar gering für die erlangte Stromstärke, aber sie reicht hin, um einerseits die Trennung des Natriums vom Chlor und anderseits die Strombildung überhaupt zu erklären.
Hier haben wir ein schlagendes Beispiel dafür, daß die Unterscheidung von primären und sekundären Vorgängen durchaus relativ ist und uns ad 30 absurdum führt sobald wir sie absolut nehmen. Der primäre, elektrolytische Prozeß kann, allein genommen, nicht nur keinen Strom erzeugen sondern nicht einmal sich selbst vollziehn. Der sekundäre, angeblich rein chemische Prozeß ist es, der den primären erst möglich macht und obendrein den ganzen Energie-Überschuß für die Strombildung liefert. Er hat sich also in Wirk- 35 lichkeit als der primäre, und dieser sich als sekundär erwiesen. Wenn Hegel den Metaphysikern und metaphysicirenden Naturforschern ihre eingebildeten festen Unterschiede und Gegensätze dialektisch in ihr Gegentheil verkehrte, so hieß es, er habe ihnen die Worte im Munde verdreht. Wenn aber die Natur damit ebenso verfährt wie der alte Hegel, so wird es doch wohl 40 Zeit die Sache etwas näher zu untersuchen.
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Mit größerem Recht kann man Vorgänge als sekundär betrachten, die sich zwar in Folge des chemisch-elektrischen Prozesses der Kette, oder des elektrochemischen der Zersetzungszelle vollziehn, aber unabhängig und getrennt davon, die also in einiger Entfernung von den Elektroden stattfinden. Die bei solchen sekundären Prozessen vor sich gehenden Energie-Umsätze treten daher auch nicht in den elektrischen Prozeß ein; weder entziehen sie, noch liefern sie ihm direkt Energie. Solche Vorgänge kommen in der Zersetzungszelle sehr häufig vor; wir hatten oben unter Ex. I ein Beispiel an der Bildung von Schwefelsäure bei der Elektrolyse von Natriumsulfat. Sie haben hier jedoch weniger Interesse. Dagegen ist ihr Auftreten in der Kette von größerer praktischer Wichtigkeit. Denn wenn sie auch dem chemisch-elektrischen Prozeß nicht direkt Energie zufügen oder ent-ziehn, so verändern sie doch die Summe der in der Kette überhaupt vorhandenen verfügbaren Energie, und afficiren ihn dadurch indirekt.
Dahin gehören, außer nachträglichen chemischen Umsetzungen gewöhnlicher Art, die Erscheinungen welche auftreten, wenn die Ionen an den Elektroden in einem andern Zustand abgeschieden werden als der, worin sie gewöhnlich frei auftreten, und wenn sie dann in diesen letzteren übergehn, erst nachdem sie sich von den Elektroden entfernt haben. Die Ionen können dabei eine andre Dichtigkeit oder einen andern Aggregatzustand annehmen. Sie können aber auch in Beziehung auf ihre Molekularkonstitution bedeutende Veränderungen erleiden, und dieser Fall ist der interessanteste. In allen diesen Fällen entspricht der sekundären, in einer gewissen Entfernung von den Elektroden vor sich gehenden chemischen oder physikalischen Veränderung der Ionen eine analoge Wärmeveränderung; meist wird Wärme freigesetzt, in einzelnen Fällen wird sie verbraucht. Diese Wärmeänderung beschränkt sich selbstredend zunächst auf den Ort wo sie eintritt: die Flüssigkeit in der Kette oder Zersetzungszelle erwärmt sich oder kühlt sich ab, der übrige Schließungskreis bleibt davon unberührt. Daher heißt diese Wärme die lokale Wärme. Um das Aequivalent dieser in der Kette erzeugten, positiven oder negativen, lokalen Wärme wird also die für die Umwandlung in Elektricität disponible, freigesetzte chemische Energie vermindert resp. vermehrt. In einer Kette mit Wasserstoffsuperoxyd und Salzsäure wurde nach Favre 2/3 der ganzenfreigesetzten Energie als lokale Wärme verbraucht; das Grovesche Element dagegen kühlte sich nach der Schließung bedeutend ab, und führte also dem Stromkreis durch Wärmeabsorption noch Energie von Außen zu. Wir sehen also, daß auch diese sekundären Prozesse auf den primären zurückwirken. Wir mögen uns anstellen wie wir wollen, die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Vorgängen bleibt eine bloß relative und hebt sich in der Wechselwirkung beider auf einander regelmäßig wieder auf. Wenn man dies vergißt, wenn man solche relativen Gegensätze
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als absolute behandelt, so fährt man schließlich rettungslos in Wider Sprüchen fest, wie wir oben gesehn.
Bei der elektrolytischen Abscheidung von Gasen beschlagen sich bekanntlich die Metallelektroden mit einer dünnen Gasschicht; die Stromstärke nimmt in Folge dessen ab, bis die Elektroden mit Gas gesättigt sind, worauf 5 der geschwächte Strom wieder konstant wird. Favre und Silbermann haben nachgewiesen, daß in einer solchen Zersetzungszelle ebenfalls lokale Wärme entsteht, die nur daher rühren kann, daß die Gase an den Elektroden nicht in dem Zustand freigesetzt werden in dem sie gewöhnlich auftreten, sondern daß sie, nach ihrer Trennung von den Elektroden, erst in diesen gewöhn- 10 liehen Zustand versetzt werden durch einen weiteren mit Wärmeentwicklung verbundenen Prozeß. Aber in welchem Zustand werden die Gase an den Elektroden abgeschieden? Man kann sich hierüber nicht vorsichtiger aussprechen als Wiedemann dies thut. Er nennt ihn „einen gewissen“, einen „allotropen“, einen „aktiven“ bei Sauerstoff endlich manchmal einen 15 „ozonisirten“ Zustand. Beim Wasserstoff wird noch viel geheimnißvoller gesprochen. Gelegentlich bricht die Ansicht durch, daß Ozon und Wasserstoffsuperoxyd die Formen sind in denen dieser „aktive“ Zustand sich realisirt. Dabei verfolgt das Ozon unsern Verfasser derart, daß er sogar die extrem elektronegativen Eigenschaften gewisser Superoxyde daraus erklärt, 20 daß sie „einen Theil des Sauerstoffs möglicherweise im ozonisirten Zustand enthalten“! (I, S. 57.) Sicher bildet sich bei der s. g. Wasserzersetzung sowohl Ozon wie Wasserstoffsuperoxyd, aber nur in kleinen Mengen. Es fehlt aller Grund, anzunehmen, daß die lokale Wärme im vorliegenden Fall durch, erst Entstehung und dann Zersetzung größerer Mengen obiger beiden Verbin- 25 düngen vermittelt werde. Die Bildungswärme von Ozon, O3, aus drei freien Sauerstoffatomen kennen wir nicht; diejenige des Wasserstoffsuperoxyds aus H2O (flüssig) + O ist nach Berthelot = - 21480; die Entstehung dieser Verbindung in größeren Mengen würde also einen starken Energiezuschuß (etwa 30 Prozent der zur Trennung von H2 und O erforderlichen Energie) 30 bedingen, der doch auffällig und nachweisbar sein müßte. Endlich aber würden Ozon und Wasserstoffsuperoxyd nur vom Sauerstoff Rechenschaft geben (wenn wir von Stromumkehrungen absehn, wobei beide Gase an derselben Elektrode zusammenkämen), nicht aber vom Wasserstoff. Und doch entweicht auch dieser in einem „aktiven“ Zustand, so zwar daß er sich 35 in der Kombination: Kaliumnitratlösung zwischen Platinelektroden, mit dem aus der Säure abgeschiednen Stickstoff direkt zu Ammoniak verbindet.
Alle diese Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten existiren in der That nicht. Körper „in einem aktiven Zustand“ abzuscheiden, ist kein Monopol des elektrolytischen Prozesses. Jede chemische Zersetzung thut dasselbe. 40 Sie scheidet das freigesetzte chemische Element aus zunächst in der Form
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von freien Atomen, O, H, N etc. die sich erst nach ihrer Freisetzung zu Molekülen O2, H2, N2 etc. verbinden können und bei dieser Verbindung eine bestimmte, bisher indeß noch nicht feststellbare Menge Energie abgeben, die als Wärme erscheint. Während des verschwindenden Augenblicks aber, wo die Atome frei sind, sind sie Träger der gesammten Energiemenge, die sie überhaupt auf sich nehmen können; im Besitz ihres Energie-Maximums sind sie frei jede sich ihnen darbietende Verbindung einzugehn. Sie sind also „in einem aktiven Zustand“ gegenüber den Molekülen O2, H2, N2, die bereits einen Theil jener Energie abgegeben haben und in eine Verbindung mit andern Elementen nicht eintreten können, ohne daß diese abgegebne Energiemenge von Außen wieder zugeführt werde. Wir haben also gar nicht nöthig, erst zu Ozon und Wasserstoffsuperoxyd, die selbst erst Produkte jenes aktiven Zustands sind, unsre Zuflucht zu nehmen. Wir können z. B. die eben erwähnte Ammoniakbildung bei Elektrolyse von Kaliumnitrat auch ohne Kette einfach chemisch vornehmen, indem wir Salpetersäure oder eine Nitratlösung einer Flüssigkeit zusetzen, in der Wasserstoff durch chemische Prozesse frei wird. Der aktive Zustand des Wasserstoffs ist in beiden Fällen derselbe. Das Interessante am elektrolytischen Prozeß ist aber dies, daß hier das verschwindende Dasein freier Atome sozusagen faßbar wird. Der Vorgang theilt sich hier in zwei Phasen: Die Elektrolyse liefert die freien Atome an den Elektroden ab, aber ihre Verbindung zu Molekülen findet statt in einiger Entfernung von den Elektroden. So verschwindend klein diese Entfernung auch für Massenverhältnisse sein mag, sie reicht hin, um die Verwendung der bei der Molekülbildung freigesetzten Energie für den elektrischen Prozeß wenigstens großentheils zu verhindern und damit ihre Verwandlung in Wärme — die lokale Wärme in der Kette — zu bedingen. Hierdurch aber ist konstatirt, daß die Elemente als freie Atome abgeschieden worden sind und einen Moment als freie Atome in der Kette bestanden haben. Diese Thatsache, die wir in der reinen Chemie nur durch theoretische Schlußfolgerungen feststellen können, wird uns hier experimentell bewiesen, soweit dies möglich ist ohne sinnliche Wahrnehmung der Atome und Moleküle selbst. Und darin liegt die hohe wissenschaftliche Bedeutung der s. g. lokalen Wärme der Kette.
Die Verwandlung der chemischen Energie in Elektricität vermittelst der Kette ist ein Vorgang über dessen Verlauf wir so gut wie nichts wissen und auch wohl erst dann etwas Näheres erfahren werden, wenn der modus operandi der elektrischen Bewegung selbst besser bekannt sein wird.
Der Kette wird eine „elektrische Scheidungskraft“ zugeschrieben, die für jede bestimmte Kette bestimmt ist. Wie wir gleich am Anfang sahen, ist von Wiedemann zugegeben daß diese elektrische Scheidungskraft nicht eine
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bestimmte Form der Energie ist. Sie ist im Gegentheil zunächst nichts als das Vermögen, die Eigenschaft einer Kette, in der Zeiteinheit eine bestimmte Menge freigesetzter chemischer Energie in Elektricität umzuwandeln. Diese chemische Energie selbst nimmt in dem ganzen Verlauf nie die Form der „elektrischen Scheidungskraft“ an, sondern im Gegentheil sogleich und 5 unmittelbar die der s.g. „elektromotorischen Kraft“, d.h. der elektrischen Bewegung. Wenn man im gewöhnlichen Leben von der Kraft einer Dampfmaschine spricht in dem Sinn, daß sie im Stande ist, in der Zeiteinheit eine bestimmte Menge Wärme in Massenbewegung umzusetzen, so liegt darin kein Grund diese Begriffsverwirrung auch in die Wissenschaft einzuführen. 10 Ebensogut könnten wir von der verschiedenen Kraft einer Pistole, eines Karabiners, eines glattläufigen Gewehrs und einer Langgeschoßbüchse sprechen, weil sie bei gleicher Pulverladung und gleichem Geschoßgewicht verschieden weit schießen. Hier tritt aber die Verkehrtheit des Ausdrucks deutlich vor Augen. Jedermann weiß daß es die Entzündung der Pulver- 15 ladung ist, die die Kugel forttreibt, und daß die verschiedne Tragweite der Waffe nur bedingt ist durch die größere oder geringere Energieverschwendung je nach der Rohrlänge, nach dem Spielraum des Geschosses und nach seiner Form. Der Fall ist aber derselbe bei der Dampfkraft und bei der elektrischen Scheidungskraft. Zwei Dampfmaschinen — bei sonst gleich- 20 bleibenden Umständen, d.h. die in gleichen Zeiträumen in beiden frei werdende Energiemenge gleich gesetzt — oder zwei galvanische Ketten, von denen dasselbe gilt, unterscheiden sich in ihren Arbeitsleistungen nur durch die in ihnen stattfindende größere oder geringere Energieverschwendung.
Und wenn die Feuerwaffentechnik aller Armeen bisher fertig geworden ist 25 ohne die Annahme einer besondern Schießkraft der Gewehre, so hat die Wissenschaft von der Elektricität gar keine Entschuldigung für die Annahme einer, dieser Schießkraft analogen „elektrischen Scheidungskraft“, einer Kraft, in der absolut keine Energie steckt und die also auch aus sich selbst kein Milliontel Milligramm-Millimeter Arbeit leisten kann.	30
Dasselbe gilt von der zweiten Form dieser „Scheidungskraft“, der von Helmholtz erwähnten „elektrischen Kontaktkraft der Metalle“. Sie ist nichts andres als die Eigenschaft der Metalle, bei ihrem Kontakt vorhandene Energie anderer Form in Elektricität umzusetzen. Sie ist also ebenfalls eine Kraft die kein Fünkchen Energie enthält. Nehmen wir mit Wiedemann an, 35 die Energiequelle der Kontaktselektricität liege in der lebendigen Kraft der Adhäsionsbewegung; so existirt diese Energie zuerst in der Form dieser Massenbewegung, und setzt sich bei deren Verschwinden sofort um in elektrische Bewegung, ohne auch nur für einen Moment die Form der „elektrischen Kontaktkraft“ anzunehmen.	40
Und nun wird uns noch dazu versichert dieser „elektrischen Scheidungs
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kraft“, die nicht nur keine Energie in sich enthält, sondern nach ihrem Begriff gar keine enthalten kann, sei proportional die elektromotorische Kraft, d. h. die als Elektricitätsbewegung wieder erscheinende chemische Energie! Diese Proportionalität zwischen Nicht-Energie und Energie gehört offenbar in dieselbe Mathematik, in der das „Verhältniß der Elektricitätseinheit zum Milligramm“ figurirt. Hinter der absurden Form aber, die nur der Auffassung einer simplen Eigenschaft als einer mystischen Kraft ihr Dasein verdankt, steckt eine ganz einfache Tautologie: die Fähigkeit einer bestimmten Kette, freiwerdende chemische Energie in Elektricität zu verwandeln wird gemessen — durch was? Nun, durch die Menge der als Elektricität im Schließungskreis wieder erscheinenden Energie im Verhältniß zu der in der Kette verbrauchten chemischen. Das ist Alles.
Um zu einer elektrischen Scheidungskraft zu kommen, muß man den Nothbehelf der beiden elektrischen Fluida ernsthaft nehmen. Um diese aus ihrer Neutralität heraus in ihre Polarität zu versetzen, um sie also aus einander zu reißen, dazu gehört ein gewisser Aufwand von Energie — die elektrische Scheidungskraft. Einmal von einander getrennt, können die beiden Elektricitäten bei ihrer Wiedervereinigung dieselbe Energiemenge wieder abgeben — elektromotorische Kraft. Da aber heutzutage kein Mensch mehr, nicht einmal Wiedemann, die beiden Elektricitäten als wirkliche Wesenheiten betrachtet, so hieße es für ein verstorbenes Publikum schreiben, wollte man auf solche Vorstellungsweise des Breiteren eingehn.
Der Grundirrthum der Kontaktstheorie besteht darin, daß sie sich nicht von der Vorstellung trennen kann, die Kontaktkraft oder elektrische Scheidungskraft sei eine Energiequelle; was allerdings schwer war, nachdem man die bloße Eigenschaft eines Apparats, Energieverwandlung zu vermitteln, in eine Kraft verwandelt hatte; denn eine Kraft soll ja eben eine bestimmte Form der Energie sein. Weil Wiedemann diese unklare Kraftvorstellung nicht los werden kann, obwohl sich ihm, daneben, die modernen Vorstellungen von unzerstörbarer und unerschaffbarer Energie aufgezwungen haben, deßhalb verfällt er in jene sinnlose Stromerklärung N® 1 und in alle die später nachgewiesenen Widersprüche.
Wenn der Ausdruck: elektrische Scheidungskraft direkt widersinnig, so ist der andere: elektromotorische Kraft mindestens überflüssig. Wir hatten Thermomotoren lange ehe wir Elektromotoren hatten, und dennoch wird die Wärmetheorie ganz gut fertig ohne eine besondre thermomotorische Kraft. Wie der einfache Ausdruck Wärme alle Bewegungserscheinungen in sich faßt die dieser Form der Energie angehören, so kann es auch der Ausdruck: Elektricität auf seinem Gebiet. Dazu sind sehr viele Wirkungsformen der Elektricität gar nicht direkt „motorisch“, das Magnetisiren von Eisen, die chemische Zersetzung, die Umwandlung in Wärme. Und endlich ist es in
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jeder Naturwissenschaft, selbst in der Mechanik jedesmal ein Fortschritt, wenn man das Wort Kraft irgendwo los wird.
Wir sahen daß Wiedemann die chemische Erklärung der Vorgänge in der Kette nicht ohne ein gewisses Widerstreben annahm. Dies Widerstreben verfolgt ihn fortwährend; wo er der s. g. chemischen Theorie etwas anhängen	5
kann, geschieht’s gewiß. So „ist es durchaus nicht begründet, daß die elektromotorische Kraft proportional der Intensität der chemischen Aktion ist“ (I, 791). Ganz gewiß nicht in jedem Fall, wo aber diese Proportionalität nicht Statt findet, ist dies nur ein Beweis dafür daß die Kette schlecht konstruirt ist, daß in ihr Energievergeudung stattfindet. Und deßwegen hat derselbe 10 Wiedemann ganz Recht, wenn er in seinen theoretischen Ableitungen auf dergleichen Nebenumstände, die die Reinheit des Prozesses fälschen, durchaus keine Rücksicht nimmt, sondern schlankweg versichert, die elektromotorische Kraft eines Elements sei gleich dem mechanischen Aequivalent der in der Zeiteinheit in demselben, bei der Einheit der Stromintensität, 15 stattfindenden chemischen Aktion.
An einer andern Stelle heißt es: „Daß ferner in der Säure-Alkalikette die Verbindung der Säure und des Alkalis nicht die Ursache der Strombildung ist, folgt aus den Versuchen §61 (Becquerel und Fechner) 260 (Dübois-Reymond) und 261 (Worm-Müller), nach denen in gewissen Fällen, wenn sich 20 dieselben in äquivalenten Mengen finden, kein Strom auf tritt und ebenso aus dem § 62 angeführten Versuche (Henrici) daß die elektromotorische Kraft bei Zwischenschaltung von Salpeterlösung zwischen die Kalilauge und Salpetersäure in gleicher Weise auftritt, wie ohne dieselbe.“ (I, 791).
Die Frage ob die Verbindung von Säure und Alkali eine Ursache der 25 Strombildung sei, beschäftigt unsern Verfasser sehr ernstlich. Sie ist in dieser Form sehr einfach zu beantworten. Die Verbindung von Säure und Alkali ist zunächst die Ursache der Bildung von Sa/zunter Entbindung von Energie. Ob diese Energie ganz oder zum Theil die Form von Elektricität annehmen soll, hängt von den Umständen ab, unter denen sie freigesetzt wird. In der 30 Kette Salpetersäure und Kalilösung zwischen Platinelektroden z. B. wird dies wenigstens theilweise der Fall sein, wobei es für die Strombildung gleichgültig ist, ob man eine Salpeterlösung zwischen Säure und Alkali schiebt oder nicht, da dies die Salzbildung höchstens verlangsamen aber nicht verhindern kann. Macht man aber eine Kette wie die eine von Worm- 35 Müller, auf die Wiedemann sich fortwährend beruft, wo Säure und Alkalilösung in der Mitte, an beiden Enden aber eine Lösung ihres Salzes sich befindet und zwar in derselben Koncentration wie die sich in der Kette bildende Lösung, so kann selbstredend kein Strom entstehn weil wegen der Endglieder — da sich überall identische Körper bilden — keine Ionen entstehn 40 können. Man hat also die Umsetzung der freiwerdenden Energie in Elek-
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tricität ebenso direkt verhindert als hätte man den Kreis gar nicht geschlossen; man darf sich also nicht wundern, wenn man keinen Strom erhält. Daß aber Säure und Alkali überhaupt einen Strom erzeugen können beweist die Kette: Kohle, Schwefelsäure (1 in 10 Wasser) Kali (1 in 10 Wasser), Kohle, die nach Raoult eine Stromstärke von 73 x) hat; und daß sie bei zweckmäßiger Einrichtung der Kette eine der bei ihrer Verbindung freigesetzten großen Energiemenge entsprechende Stromstärke liefern können, geht daraus hervor daß die stärksten bekannten Ketten fast ausschließlich auf Bildung von Alkalisalzen beruhen. Z. B. Wheatstone: Platin, Platinchlorid, Kaliumamalgam, Stromstärke 230; Bleisuperoxyd, verdünnte Schwefelsäure, Kaliumamalgam = 326; Mangansuperoxyd statt des Bleisuperoxyds, =280; wobei jedesmal, wenn statt Kaliumamalgam Zinkamalgam angewandt wurde, die Stromstärke fast genau um 100 abnahm. Ebenso erhielt Beetz in der Kette: fester Braunstein, Kaliumpermanganatlösung, Kalilauge, Kalium die Stromstärke 302; ferner: Platin, verdünnte Schwefelsäure, Kalium = 293,8; Joule: Platin, Salpetersäure, Kalilauge, Kaliumamalgam = 302. Die „Ursache“ dieser ausnahmsweise starken Strombildungen ist allerdings die Verbindung von Säure und Alkali, resp. Alkalimetall und die dabei freigesetzte große Energiemenge.
Ein paar Seiten weiter heißt es abermals: „Es ist indeß wohl zu beachten, daß nicht direkt das Arbeitsäquivalent der ganzen, an der Kontaktstelle der heterogenen Körper auftretenden chemischen Aktion als Maß für die elektromotorische Kraft im geschlossenen Kreis anzusehn ist. Wenn z. B. in der Säure-Alkalikette (iterum Crispinus!) von Becquerel diese beiden Stoffe sich verbinden, wenn in der Kette: Platin, geschmolzener Salpeter, Kohle, die Kohle verbrennt, wenn in einem gewöhnlichen Element: Kupfer, unreines Zink, verdünnte Schwefelsäure, sich das Zink unter Bildung von Lokalströmen schnell auflöst, so wird ein großer Theil der bei den chemischen Prozessen erzeugten Arbeit (soll heißen: freigesetzten Energie) in Wärme verwandelt und geht so für den gesammten Stromkreis verloren.“ (I, S.798) Alle diese Vorgänge führen sich zurück auf Energieverlust in der Kette; sie berühren nicht die Thatsache daß die elektrische Bewegung aus umgewandelter chemischer Energie entsteht, sondern nur die Menge der umgewandelten Energie.
Die Elektriker haben eine unendliche Zeit und Mühe darauf verwandt, die verschiedensten Ketten zu komponiren und ihre „elektromotorische Kraft“ zu messen. Das hierdurch angehäufte experimentelle Material enthält sehr viel Werthvolles, aber sicher noch viel mehr Werthloses. Welchen wissenschaftlichen Werth haben z.B. Versuche in denen „Wasser“ als Elek-x) (Anmerkung) In allen folgenden Angaben über Stromstärke wird das Daniellsche Element = 100 gesetzt.
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trolyt angewandt wird, das wie jetzt durch F. Kohlrausch erwiesen, der schlechteste Leiter also auch das schlechteste Elektrolyt ist,x) wo also nicht das Wasser sondern seine unbekannten Unreinigkeiten den Prozeß vermitteln? Und doch beruht z. B. fast die Hälfte aller Versuche Fechners auf solcher Anwendung von Wasser, sogar sein „experimentum crucis“, wo- 5 durch er die Kontaktstheorie unerschütterlich auf den Trümmern der chemischen Theorie etabliren wollte. Wie schon hieraus hervorgeht, sind überhaupt in fast allen Versuchen, einige wenige ausgenommen, die chemischen Vorgänge in der Kette, in denen doch die Quelle der s.g. elektromotorischen Kraft liegt, so gut wie unberücksichtigt geblieben. Es gibt aber 10 eine ganze Reihe Ketten, aus deren chemischer Formulirung durchaus kein sicherer Schluß auf die nach der Stromschließung in ihnen vor sich gehenden chemischen Umsätze zu ziehn ist. Im Gegentheil ist, wie Wiedemann 1,796 sagt, „nicht zu läugnen daß wir die chemischen Anziehungen in der Kette durchaus noch nicht in allen Fällen über sehn können“. Alle solche Ex- 15 perimente sind also nach der immer wichtiger werdenden chemischen Seite hin solange werthlos bis sie unter Kontrolirung jener Prozesse wiederholt werden.
Von einer Berücksichtigung der in der Kette sich vollziehenden Energie-Umsetzungen ist nun erst ganz ausnahmsweise bei diesen Versuchen die 20 Rede. Viele sind gemacht, ehe das Gesetz von der Aequivalenz der Bewegung naturwissenschaftlich anerkannt war, schleppen sich aber gewohnheitsmäßig unkontrolirt und unabgeschlossen, aus einem Handbuch ins andre fort. Wenn man gesagt hat: die Elektricität hat keine Trägheit (was ungefähr so viel Sinn hat wie: die Geschwindigkeit hat kein specifisches 25 Gewicht) so kann man dies von der Elektricitäts/ehre keineswegs behaupten.
Wir haben bisher das galvanische Element als eine Vorrichtung betrachtet, worin, in Folge der hergestellten Kontaktsverhältnisse, auf eine einstweilen unbekannte Weise, chemische Energie freigesetzt und in Elektricität ver- 30 wandelt wird. Wir haben ebenso die Zersetzungszelle als einen Apparat dargestellt, in dem der umgekehrte Prozeß eingeleitet, elektrische Bewegung in chemische Energie umgesetzt und als solche verbraucht wird. Wir mußten dabei die von den Elektrikern sosehr vernachlässigte chemische Seite des Vorgangs in den Vordergrund stellen, weil dies der einzige Weg war den Wust 35 der aus der alten Kontaktslehre und der Theorie von den beiden elektrischen Fluiden überkommenen Vorstellungen loszuwerden. Dies einmal erledigt, handelt es sich darum, ob der chemische Prozeß in der Kette unter denselben
x) Eine Säule des reinsten von K. dargestellten Wassers von 1 mm Länge offerirte denselben Widerstand wie eine Kupferleitung vom gleichen Durchmesser und von der Länge etwa der 40 Mondbahn. Naumann, Allg. Chem. S. 729.
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Bedingungen vor sich geht wie außerhalb derselben, oder ob dabei besondre, von der elektrischen Erregung abhängige Erscheinungen auftreten.
Unrichtige Vorstellungen, in jeder Wissenschaft, sind schließlich, wenn wir von Beobachtungsfehlern absehn, unrichtige Vorstellungen von richtigen Thatsachen. Die letzteren bleiben, wenn wir auch die ersteren als falsch nachgewiesen. Haben wir die alte Kontaktstheorie abgeschüttelt, so bestehn noch die festgestellten Thatsachen denen sie zur Erklärung dienen sollte. Betrachten wir diese, und damit die eigentlich elektrische Seite des Vorgangs in der Kette.
Daß beim Kontakt heterogener Körper mit oder ohne chemische Veränderungen, Elektricitätserregung stattfindet, die vermittelst des Elektro-skops resp. des Galvanometers nachzuweisen ist, darüber wird nicht gestritten. Die Energiequelle dieser an sich äußerst minimalen Bewegungserscheinungen ist im einzelnen Fall, wie wir schon Anfangs sahen, schwer festzustellen, genug, die Existenz einer solchen, äußeren Quelle ist allgemein zugegeben.
Kohlrausch hat 1850—53 eine Reihe von Versuchen veröffentlicht, worin er die einzelnen Bestandstücke einer Kette paarweise zusammenstellt und auf die jedesmal nachweisbaren statisch-elektrischen Spannungen prüft; aus der algebraischen Summe dieser Spannungen soll sich dann die elektromotorische Kraft des Elements zusammensetzen. So berechnet er, die Spannung Zn/Cu = 100 genommen, die relative Stärke des Daniellschen und Groveschen Elements wie folgt:
Daniell:
Zn/Cu + amalg. Zn/H2SO4 + Cu/SO4Cu = 100 + 149 - 21 = 228.
Grove:
Zn/Pt + amalg. Zn/H2SO4 + Pt/HNO3 = 107 + 149 + 149 = 405
was mit der direkten Messung der Stromstärke dieser Elemente nahezu stimmt. Diese Ergebnisse sind aber keineswegs sicher. Erstens macht Wiedemann selbst darauf aufmerksam daß Kohlrausch nur das Schlußresultat, aber „leider keine Zahlenangaben für die Ergebnisse der einzelnen Versuche angibt“. Und zweitens erkennt Wiedemann selbst wiederholt an, daß alle Versuche, die elektrischen Erregungen beim Kontakt von Metallen, und mehr noch von Metall und Flüssigkeit, quantitativ zu bestimmen, wegen der zahlreichen unvermeidlichen Fehlerquellen mindestens sehr unsicher sind. Wenn er trotzdem mehrfach mit Kohlrausch’s Zahlen rechnet, so thun wir besser ihm hierin nicht zu folgen, um so mehr als ein andres Bestimmungsmittel vorliegt, gegen das sich diese Einwände nicht machen lassen.
Senkt man die beiden Erregerplatten einer Kette in die Flüssigkeit und verbindet sie dann mit den Enden eines Galvanometers zum Schließungskreis, so ist nach Wiedemann „der anfängliche Ausschlag seiner Magnetnadel, ehe chemische Veränderungen die Stärke der elektrischen Erregung
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geändert haben, ein Maß für die Summe der elektromotorischen Kräfte im Schließungskreise“. Verschieden starke Ketten geben also verschieden starke Anfangsausschläge, und die Größe dieser Anfangsausschläge ist proportional der Stromstärke der entsprechenden Ketten.
Dies sieht aus, als hätten wir hier die „elektrische Scheidungskraft“, die 5 „Kontaktkraft“, die unabhängig von jeder chemischen Aktion eine Bewegung verursacht, handgreiflich vor Augen. So, in der That, meint die gesammte Kontaktstheorie. Und wirklich liegt hier eine Beziehung zwischen elektrischer Erregung und chemischer Aktion, die wir im Vorstehenden noch nicht untersucht haben. Um hierauf überzugehn, wollen wir zunächst das 10 s.g. elektromotorische Gesetz etwas näher betrachten; wir werden dabei finden, daß auch hier die überkommenen Kontaktsvorstellungen nicht nur keine Erklärung bieten, sondern den Weg zur Erklärung wieder direkt versperren.
Wenn man in einem beliebigen Element aus zwei Metallen und einer Flüs- 15 sigkeit z. B. Zink, verdünnte Salzsäure, Kupfer, ein drittes Metall, z. B. eine Platinplatte stellt, ohne sie mit dem äußeren Schließungskreis durch einen Leitungsdrath zu verbinden, so ist der anfängliche Ausschlag des Galvanometers genau derselbe wie ohne die Platinplatte. Sie wirkt also nicht ein auf die Elektricitätserregung. So einfach darf das aber in elektromotorischer 20 Sprache nicht ausgedrückt werden. Es heißt da:
„An die Stelle der elektromotorischen Kraft von Zink und Kupfer in der Flüssigkeit ist nun aber die Summe der elektromotorischen Kräfte von Zink und Platin, und Platin und Kupfer getreten. Da der Weg der Elektricitäten durch die Einschiebung der Platinplatte nicht merklich geändert ist, so 25 können wir aus der Gleichheit der Angaben des Galvanometers in beiden Fällen schließen, daß die elektromotorische Kraft von Zink und Kupfer in der Flüssigkeit gleich ist der von Zink und Platin plus der von Platin und Kupfer in derselben. Es entspräche dies der von Volta aufgestellten Theorie der Elektricitätserregung zwischen den Metallen für sich. Man spricht das 30 Resultat, welches für alle beliebigen Flüssigkeiten und Metalle gilt, aus, indem man sagt:
Die Metalle folgen bei ihrer elektromotorischen Erregung mit Flüssigkeiten dem Gesetz der Spannungsreihe. Man bezeichnet dies Gesetz auch mit dem Namen des elektromotorischen Gesetzes“ (Wiedemann 1,62.)	35
Wenn man sagt das Platin wirkt in dieser Kombination überhaupt nicht elektricitätserregend, so spricht man die einfache Thatsache aus. Wenn man sagt, es wirkt doch elektricitätserregend, aber in zwei entgegengesetzten Richtungen mit gleicher Stärke sodaß die Wirkung sich aufhebt, so verwandelt man die Thatsache in eine Hypothese, bloß um der „elektromoto- 40 rischen Kraft“ die Honneurs zu machen. In beiden Fällen spielt das Platin die Rolle des Strohmanns.
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Während des ersten Ausschlags existirt noch kein Schließungskreis. Die Säure, unzersetzt, leitet nicht; sie kann nur leiten vermittelst der Ionen. Wirkt das dritte Metall nicht auf den ersten Ausschlag, so kommt dies einfach daher daß es noch isolirt ist.
Wie verhält sich nun das dritte Metall nach Herstellung des dauernden Stroms und während seiner Dauer?
Die Spannungsreihe der Metalle in den meisten Flüssigkeiten hat das Zink nach den Alkalimetallen so ziemlich am positiven und das Platin am negativen Ende, und Kupfer steht zwischen Beiden. Wird also wie oben Platin zwischen Kupfer und Zink gestellt, so ist es gegen Beide negativ, der Strom in der Flüssigkeit, wenn das Platin überhaupt wirkte, müßte vom Zink und vom Kupfer zum Platin fließen, also von beiden Elektroden weg zum unverbundenen Platin; was eine Contradictio in adjecto ist. Die Grundbedingung der Wirksamkeit mehrerer Metalle in der Kette besteht grade darin daß sie nach Außen zum Schließungskreis unter sich verbunden sind. Ein unverbundnes, überzähliges Metall in der Kette figurirt als Nichtleiter; es kann Ionen weder bilden noch durchlassen, und ohne Ionen kennen wir in Elektrolyten keine Leitung. Es ist also nicht bloß Strohmann, es ist sogar im Wege, indem es die Ionen zwingt sich seitwärts an ihm vorbei zu drücken.
Ebenso wenn wir Zink und Platin verbinden und das Kupfer unverbunden in die Mitte stellen: hier würde dieses, wenn es überhaupt wirkte, einen Strom vom Zink zum Kupfer und einen zweiten vom Kupfer zum Platin erzeugen, es müßte also als eine Art Zwischenelektrode dienen und an der dem Zink zugekehrten Seite Wasserstoffgas abscheiden, was wiederum unmöglich ist.
Schütteln wir die überkommene elektromotorische Redeweise ab, so stellt sich der Fall äußerst einfach. Die galvanische Kette, sahen wir, ist eine Vorrichtung in der chemische Energie freigesetzt und in Elektricität übergeführt wird. Sie besteht in der Regel aus einer oder mehreren Flüssigkeiten und zwei Metallen als Elektroden, die unter sich außerhalb der Flüssigkeiten leitend verbunden sein müssen. Damit ist der Apparat hergestellt. Was wir noch sonst in die Erregerflüssigkeit unverbunden eintunken, sei es Metall, Glas, Harz oder was sonst, kann an dem in der Kette vorgehenden chemischelektrischen Prozeß, an der Strombildung nicht theilnehmen, solange es die Flüssigkeit nicht chemisch ändert, es kann den Prozeß höchstens stören. Was auch immer die elektrische Erregungsfähigkeit eines dritten, eingetauchten Metalls in Beziehung auf die Flüssigkeit und eine oder beide Elektroden der Kette sein möge, sie kann nicht wirken, solange dies Metall nicht außerhalb der Flüssigkeit mit dem Schließungskreis verbunden ist.
Hiernach ist also nicht nur die obige Ableitungdes s. g. elektromotorischen Gesetzes durch Wiedemann falsch; auch der Sinn, den er diesem Gesetz gibt, ist falsch. Weder kann gesprochen werden von einer sich kompensiren-
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den elektromotorischen Thätigkeit des unverbundnen Metalls, da dieser Thätigkeit von vorn herein die einzige Bedingung abgeschnitten ist unter der sie in Wirksamkeit treten kann; noch kann das s. g. elektromotorische Gesetz abgeleitet werden aus einer Thatsache die außer seinen Bereich fällt.
Poggendorff veröffentlichte 1845 eine Reihe von Experimenten in denen 5 er die elektromotorische Kraft der verschiedensten Ketten, d.h. die von jeder in der Zeiteinheit gelieferte Elektricitätsmenge maß. Darunter sind von besonderm Werth die ersten 27, in deren jedem drei bestimmte Metalle in derselben Erregerflüssigkeit nach einander zu drei verschiednen Ketten verbunden und diese auf die gelieferte Elektricitätsmenge untersucht und 10 verglichen werden. Als guter Kontaktselektriker stellte Poggendorff jedesmal auch das dritte Metall unverbunden mit in die Kette, und hatte so die Genugthuung sich zu überzeugen daß in allen 81 Ketten dieser Dritte im Bunde ein reiner Strohmann blieb. Die Bedeutung dieser Versuche besteht aber keineswegs hierin, sondern vielmehr in der Bestätigung und in der 15 Feststellung des richtigen Sinns des s.g. elektromotorischen Gesetzes.
Bleiben wir bei der obigen Reihe von Ketten, wo in verdünnter Salzsäure Zink, Kupfer und Platin je zu Zweien unter sich verbunden werden. Hier fand Poggendorff die gelieferten Elektricitätsmengen, wenn die eines Da-niellschen Elements = 100 gesetzt wird, wie folgt:	20
Zink	—	Kupfer	= 78,8
Kupfer	—	Platin	= 74,3
Summe	153,1
Zink	-	Platin	=153,7
Zink, in direkter Verbindung mit Platin, lieferte also fast genau dieselbe 25 Elektricitätsmenge wie Zink—Kupfer 4- Kupfer—Platin. Dasselbe fand Statt in allen andern Ketten, welche Flüssigkeiten und Metalle auch angewandt wurden. Wenn aus einer Reihe Metalle in derselben Erregerflüssigkeit Ketten gebildet werden, derart, daß je nach der für diese Flüssigkeit geltenden Spannungsreihe das zweite, dritte vierte usw. nacheinander als ne- 30 gative Elektrode für das vorhergehende, und als positive für das nächstfolgende dient, so ist die Summe der durch alle diese Ketten gelieferten Elektricitätsmengen gleich der Elektricitätsmenge, geliefert durch eine direkte Kette zwischen den beiden Endgliedern der ganzen Metallreihe. Es würden demnach z. B. in verdünnter Salzsäure die von den Ketten: Zink— 35 Zinn, Zinn—Eisen, Eisen—Kupfer, Kupfer—Silber, Silber—Platin, insge-sammt gelieferten Elektricitätsmengen gleich sein der von der Kette: Zink—Platin gelieferten; eine Säule, gebildet aus allen Elementen der obigen Reihe, würde, unter sonst gleichen Verhältnissen, durch ein mit entgegengesetzter Stromesrichtung eingeschaltetes Zink—Platin-Element gerade 40 neutralisirt.
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In dieser Fassung erhält das s. g. elektromotorische Gesetz eine wirkliche und große Bedeutung. Es enthüllt eine neue Seite des Zusammenhangs zwischen chemischer und elektrischer Aktion. Bisher, bei vorwiegender Untersuchung der Energieque//e des galvanischen Stroms, erschien diese Quelle, die chemische Umsetzung, als die aktive Seite des Prozesses; die Elektricität wurde aus ihr erzeugt, erschien also zunächst als passiv. Jetzt kehrt sich dies um. Die, durch die Beschaffenheit der in der Kette in Berührung gesetzten heterogenen Körper bedingte, elektrische Erregung kann der chemischen Aktion Energie weder zusetzen noch entziehn (anders als durch Umsetzung freiwerdender Energie in Elektricität). Aber sie kann, je nach der Einrichtung der Kette, diese Aktion beschleunigen oder verlangsamen. Wenn die Kette: Zink — verdünnte Salzsäure — Kupfer, in der Zeiteinheit nur halb so viel Elektricität für den Strom liefert wie die Kette: Zink — verdünnte Salzsäure — Platin, so heißt dies, chemisch ausgedrückt, daß die erste Kette in der Zeiteinheit nur halb soviel Zinkchlorid und Wasserstoff liefert wie die zweite. Die chemische Aktion ist also verdoppelt worden, obwohl die rein chemischen Bedingungen dieselben geblieben sind. Die elektrische Erregung ist zum Regulator der chemischen Aktion geworden; sie erscheint jetzt als die aktive Seite, die chemische Aktion als die passive.
So wird es denn verständlich, wenn eine ganze Reihe von früher als rein chemisch betrachteten Prozessen sich jetzt als elektro-chemische darstellen. Chemisch reines Zink wird von verdünnter Säure, wenn überhaupt, nur sehr schwach angegriffen; gewöhnliches käufliches Zink dagegen löst sich rasch unter Salzbildung und Wasserstoffentwicklung; es enthält Beimischung von andern Metallen und Kohle, die an verschiednen Stellen der Oberfläche ungleich stark vertreten sind. Zwischen ihnen und dem Zink selbst bilden sich in der Säure Lokalströme, wobei die Zinkstellen die positiven, die andern Metalle die negativen Elektroden bilden, an denen die Wasserstoffbläschen sich ausscheiden. Ebenso wird die Erscheinung, daß in Kupfervitriollösung eingetauchtes Eisen sich mit einer Kupferschichtbedeckt, jetzt als eine elektrochemische angesehn: als bedingt durch Ströme die zwischen den heterogenen Stellen der Eisen-Oberfläche entstehn.
Dem gemäß finden wir auch, daß die Spannungsreihen der Metalle in Flüssigkeiten im Ganzen und Großen den Reihen entsprechen, in denen die Metalle einander aus ihren Verbindungen mit den Halogenen und Säureradikalen verdrängen. Am äußersten negativen Ende der Spannungsreihen finden wir regelmäßig die Metalle der Goldgruppe: Gold, Platin, Palladium, Rhodium, die schwer oxydirbar sind, von Säuren kaum oder gar nicht angegriffen und aus ihren Salzen durch andre Metalle leicht gefällt werden. Am äußersten positiven Ende stehn die Alkalimetalle, die das grade ent-
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gegengesetzte Verhalten zeigen: sie sind aus ihren Oxyden unter dem größten Energieaufwand kaum abzuscheiden, kommen in der Natur fast nur in Form von Salzen vor, und haben von allen Metallen bei Weitem die größte Verwandtschaft zu Halogenen und Säureradikalen. Zwischen beiden stehn die übrigen Metalle in etwas wechselnden Reihenfolgen, doch so daß im Ganzen 5 elektrisches und chemisches Verhalten mit einander stimmen. Die Reihenfolge der einzelnen darunter wechselt je nach den Flüssigkeiten und ist auch wohl kaum für eine einzige Flüssigkeit endgültig festgestellt. Es ist sogar erlaubt zu zweifeln ob es für eine einzelne Flüssigkeit eine solche absolute Spannungsreihe der Metalle gibt. Zwei Stücke desselben Metalls können in 10 geeigneten Ketten und Zersetzungszellen je als positive und negative Elektrode dienen, dasselbe Metall also kann gegen sich selbst sowohl positiv wie negativ sein. In den Thermoelementen, die Wärme in Elektricität umsetzen, schlägt bei starken Temperaturdifferenzen an den beiden Löthstellen die Stromesrichtung um: das früher positive Metall wird negativ und umgekehrt. 15 Ebenso gibt es keine absolute Reihe nach der die Metalle einander aus ihren chemischen Verbindungen mit einem bestimmten Halogen oder Säureradikal verdrängen; durch Energiezufuhr in Form von Wärme können wir die, für die gewöhnliche Temperatur geltende Reihe in vielen Fällen fast nach Belieben abändern und umkehren.	20
Wir finden hier also eine eigenthümliche Wechselwirkung zwischen Chemismus und Elektricität. Die chemische Aktion in der Kette, die der Elektricität die gesammte Energie für die Strombildung liefert, wird ihrerseits in vielen Fällen erst in Gang gebracht, und in allen Fällen quantitativ regulirt durch die in der Kette eingeleiteten elektrischen Spannungen. 25 Wenn uns früher die Vorgänge in der Kette als chemisch-elektrische erschienen, so sehn wir hier, daß sie ebensosehr elektrochemische sind. Vom Standpunkt der Bildung des dauernden Stroms erschien die chemische Aktion als das Primäre; vom Standpunkt der Stromeserregungerscheint sie als sekundär, accessorisch. Die Wechselwirkung schließt jedes absolut 30 Primäre und absolut Sekundäre aus ; aber ebensosehr ist sie ein doppelseitiger Prozeß, der seiner Natur nach von zwei verschiednen Standpunkten betrachtet werden kann; um als Gesammtheit verstanden zu werden, muß sie sogar nach einander von beiden Standpunkten aus untersucht werden, ehe das Gesammtresultat zusammengefaßt werden kann. Halten wir aber den 35 einen Standpunkt einseitig als den absoluten fest gegenüber dem andern, oder springen wir willkührlich, je nach dem momentanen Bedürfniß des Raisonnements, über von dem einen auf den andern, so bleiben wir befangen in der Einseitigkeit des metaphysischen Denkens; der Zusammenhang entgeht uns, und wir verwickeln uns in einen Widerspruch über den andern. 40
Wir sahen oben daß nach Wiedemann der anfängliche Ausschlag des
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Galvanometers, unmittelbar nach der Eintauchung der Erregerplatten in die Flüssigkeit der Kette, und ehe noch chemische Veränderungen die Stärke der elektrischen Erregung geändert haben, „ein Maß ist für die Summe der elektromotorischen Kräfte im Schließungskreise“.
Bisher lernten wir die s. g. elektromotorische Kraft kennen als eine Form der Energie, die in unserm Fall aus chemischer Energie in äquivalenter Menge erzeugt war und sich im weitern Verlauf wieder in äquivalente Mengen von Wärme, Massenbewegung etc. umsetzte. Hier auf ein Mal erfahren wir, daß die „Summe der elektromotorischen Kräfte im Schließungskreise“ bereits existirt ehe chemische Veränderungen jene Energie freigesetzt haben; mit andern Worten, daß die elektromotorische Kraft nichts andres ist als die Kapacität einer bestimmten Kette, in der Zeiteinheit eine bestimmte Quantität chemischer Energie freizusetzen und in elektrische Bewegung zu verwandeln. Wie früher die elektrische Scheidungskraft, erscheint hier auch die elektromotorische Kraft als eine Kraft die kein Fünkchen Energie enthält. Wiedemann versteht also unter „elektromotorischer Kraft“ zwei total verschiedne Dinge: einerseits die Kapacität einer Kette, eine bestimmte Menge gegebner chemischer Energie freizusetzen und in elektrische Bewegung zu verwandeln, andrerseits die entwickelte Menge elektrischer Bewegung selbst. Daß beide einander proportional sind, daß die eine ein Maß für die andre ist, hebt ihre Verschiedenheit nicht auf. Die chemische Aktion in der Kette, die entwickelte Elektricitätsmenge, und die im Schließungskreis, wenn sonst keine Arbeit geleistet wird, aus ihr entstandene Wärme sind noch mehr als proportional, sie sind sogar äquivalent; das thut aber ihrer Verschiedenheit keinen Abbruch. Die Kapacität einer Dampfmaschine von bestimmtem Cylinderdurchmesser und Kolbenhub, eine bestimmte Menge mechanischer Bewegung aus zugeführter Wärme zu erzeugen, ist sehr verschieden von dieser mechanischen Bewegung selbst, so proportional sie ihr auch ist. Und wenn solche Redeweise zu einer Zeit erträglich war, wo von Erhaltung der Energie in der Naturwissenschaft noch nicht gesprochen wurde, so liegt doch auf der Hand, daß seit Anerkennung dieses Grundgesetzes die wirkliche lebendige Energie unter irgend einer Form nicht mehr verwechselt werden darf mit der Kapacität eines beliebigen Apparats, freiwerdender Energie diese Form zu ertheilen. Es ist diese Verwechslung ein Korollar der Verwechslung von Kraft und Energie bei Gelegenheit der elektrischen Scheidungskraft; sie beide sind es, in denen die drei einander total widersprechenden Stromeserklärungen Wiedemanns sich harmonisch lösen und die überhaupt allen seinen Irrungen und Wirrungen über die s. g. „elektromotorische Kraft“ schließlich zu Grunde liegen.
Außer der bereits betrachteten eigenthümlichen Wechselwirkung zwischen Chemismus und Elektricität findet sich noch eine zweite Gemeinsam-
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keit, die ebenfalls eine engere Verwandtschaft dieser beiden Bewegungsformen andeutet. Beide können nur verschwindend bestehn. Der chemische Prozeß vollzieht sich, für jede in ihn eintretende Gruppe von Atomen, plötzlich. Nur durch die Gegenwart von neuem Material, das stets von Neuem in ihn eintritt, kann er verlängert werden. Ebenso mit der elektrischen 5 Bewegung. Kaum ist sie aus einer andren Bewegungsform erzeugt, so schlägt sie auch schon wieder um in eine dritte Bewegungsform; nur fortwährende Bereitschaft verfügbarer Energie kann den dauernden Strom herstellen, in dem in jed.m Augenblick neue Bewegungsmengen die Form der Elektricität annehmen und wieder verlieren.	10
Die Einsicht in diesen engen Zusammenhang der chemischen mit der elektrischen Aktion und umgekehrt wird auf beiden Untersuchungsgebieten zu großen Resultaten führen. Sie wird bereits immer allgemeiner. Unter den Chemikern hat Lothar Meyer und nach ihm Kekule gradezu ausgesprochen daß eine Wiederaufnahme der elektrochemischen Theorie in verjüngter 15 Form bevorstehe. Auch unter den Elektrikern scheint, wie namentlich die jüngsten Arbeiten von F. Kohlrausch andeuten, die Überzeugung endlich durchdringen zu wollen, daß nur eine genaue Beachtung der chemischen Vorgänge in Kette und Zersetzungszelle ihrer Wissenschaft aus der Sackgasse der alten Tradition heraus helfen kann.	20
Und in der That ist nicht abzusehn, wodurch anders der Lehre vom Galvanismus, und damit in zweiter Linie derjenigen vom Magnetismus und von der Spannungselektricität eine feste Grundlage gegeben werden kann, als durch eine chemisch exakte Generalrevision aller überkommenen un-kontrollirten, auf einem überwundnen wissenschaftlichen Standpunkt an- 25 gestellten Versuche, unter genauer Beachtung und Feststellung der Energie-Umsätze, und unter vorläufiger Beiseitsetzung aller traditionellen theoretischen Vorstellungen über die Elektricität.
[Notizen und Fragmente]
[124]	30
Die erste, naive Anschauung in der Regel richtiger als das spätere, Metaphysische. So schon Bacon (nach ihm Boyle, Newton und fast alle Engländer) die Wärme sei Bewegung (Boyle schon Molekular-Bewegung). Erst im 18. Jhdt in Frankreich das Calorique auf gekommen und auf dem Kontinent mehr oder weniger acceptirt.	35
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Wärmestrahlung in den Weltraum. Alle bei Lawroff angeführten Hypothesen der Erneuerung abgestorbner Welt-Körper (p. 109) schließen Bewegungsverlust ein. Die einmal ausgestrahlte Wärme, d.h. der unendlich größere Theil der ursprünglichen Bewegung, ist und bleibt verloren. Helmholtz bis jetzt 453/454. Man kommt also doch schließlich bei der Erschöpfung und dem Auf hören der Bewegung an. Die Frage ist nur dann endgültig gelöst, wenn nachgewiesen wie die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme wieder verwerthbar wird. Die Lehre von der Verwandlung der Bewegung stellt diese Frage absolut und daran ist nicht vorbeizukommen durch faule Wechselprolongation und Sichvorbeidrücken. Daß aber damit auch gleichzeitig schon die Bedingungen ihrer Lösung gegeben sind — c’est autre chose. Die Verwandlung der Bewegung und ihre Unzerstörbarkeit sind erst vor kaum 30 Jahren entdeckt; erst ganz neuerdings weiter in ihre Consequenzen entwickelt und ausgeführt. Die Frage was aus der scheinbar verlornen Wärme wird, ist sozusagen erst seit 1867 (Clausius) nettement posee. Kein Wunder daß sie noch nicht gelöst; das mag noch lange dauern bis wir dahin kommen mit unsern kleinen Mitteln. Aber gelöst wird sie werden, ebenso gewiß wie es feststeht daß in der Natur keine Wunder vorgehn und daß die ursprüngliche Wärme des Nebelballs nicht durch ein Wunder ihm von außerhalb der Welt mitgetheilt ist. Ebensowenig hilft die allgemeine Behauptung daß die Masse der Bewegung unendlich also unerschöpflich sei, über die Schwierigkeiten jedes einzelnen Falls; auch sie bringt es nicht zur Wiederbelebung erstorbner Welten außer in den in obigen Hypothesen vorgesehnen, stets mit Kraftverlust verknüpften also nur temporären Fällen. Der Kreislauf ist nicht hergestellt und wird es nicht bis die Wiederverwerthbarkeit der ausgestrahlten Wärme entdeckt werden wird.
[79]
Clausius — if correct — beweist daß die Welt erschaffen, ergo daß die Materie erschaffbar, ergo daß sie zerstörbar, ergo daß auch die Kraft resp. Bewegung erschaffbar und zerstörbar, ergo daß die ganze Lehre von der „Erhaltung der Kraft“ Unsinn, ergo daß alle seine Folgerungen daraus auch Unsinn sind.
[88]
Clausius II. Satz etc. mag sich stellen wie er will. Es geht ihm Energie verloren, qualitativ wenn nicht quantitativ. Entropie kann nicht auf natürlichem Wege zerstört, aber wohl gemacht werden. Die Weltuhr muß aufgezogen werden, dann läuft sie ab bis sie ins Gleichgewicht geräth, aus dem nur ein Wunder sie wieder in Gang bringen kann. Die zum Aufziehn verwendete
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Dialektik der Natur (Systematische Anordnung)
Energie ist verschwunden, wenigstens qualitativ, und kann nur durch einen Anstoß von Außen hergestellt werden. Also war der Anstoß von Außen auch im Anfang nöthig, also ist das Quantum der im Universum befindlichen Bewegung resp. Energie nicht immer gleich, also muß Energie erschaffen worden, also erschaffbar also zerstörbar sein. Ad absurdum!	5
[167]
Schluß für Thomson, Claus[ius], Loschmidt: Die Umkehr besteht darin daß die Repulsion sich selbst repellirt und damit in die todten Weltkörper aus der Mechanik zurückkehrt. Darin aber auch der Beweis daß die Repulsion die eigentlich aktive Seite der Bewegung, die Attraktion die passive ist. 10
[5]
Aggregatzustände — Knotenpunkte wo Quantitative Veränderung in qualitative umschlägt.
[4]
Cohäsion — schon bei Gasen negativ—Umschlag der Attraction in Repulsion, 15 diese nur im Gas und Aether? reell.
[141]
In der Bewegung der Gase—im Verdunstungsproceß, geht Massenbewegung direkt über in Molekularbewegung. Hier also der Übergang zu machen.
W
H'
[175]
rj-if _ rj-iff
-+T-T. c
W=H'
20
-^-+ fr- t= K-r
-273 c= 1
1 C " 273.
1 C ~ -273
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Bei absolut 0° kein Gas möglich, alle Bewegung der Moleküle gestoppt, der geringste Druck also ihre eigne Attraktion drängt sie zusammen. Daher ein permanentes Gas ein Unding.
[78]
Kinetische Theorie — hat zu erweisen wie Moleküle die nach oben streben, gleichzeitig einen Druck nach unten ausüben können und — die Atmosphäre als dem Weltraum gegenüber mehr oder weniger permanent angenommen — trotz der Schwerkraft sich vom Centrum der Erde entfernen können, dennoch aber, auf einer gewissen Entfernung, nachdem die Schwerkraft nach dem Quadrat der Entfernungen abgenommen, von dieser zum Stillstand oder zur Umkehr gezwungen werden.
[54]
Kinetische Gastheorie: „Bei einem vollkommenen Gase ... sind die Moleküle bereits so weit von einander entfernt daß ihre gegenseitige Einwirkung vernachlässigt werden kann“ (Clausius p.6). Was füllt die Zwischenräume aus? Ditto Aether. Hier also Postulat einer Materie die nicht in Molekularoder Atomzellen gegliedert ist.
[58]
Gegensätzlichkeit der theoretischen Entwicklung: vom horror vacui wird sofort übergegangen zum absolut leeren Weltraum, erst nachher der Aether.
[71]
Aether. Wenn der Aether überhaupt Widerstand leistet, so muß er auch dem Licht Widerstand leisten und damit auf eine gewisse Entfernung dem Licht undurchdringlich sein. Daß aber der Äther das Licht fortpflanzt, sein Medium ist, schließt nothwendig ein, daß er auch dem Licht Widerstand leistet, sonst könnte das Licht ihn nicht in Schwingungen versetzen. Dies Lösung der bei Mädler angeregten und bei JIaBp[oß] erwähnten Streitfragen.
[84]
Licht und Finsterniß sicher der schreiendste, entschiedenste Gegensatz in der Natur, der vom 4. Evangelium bis auf die lumieres des 18.Jhdts der Religion und Philosophie stets als rhetorische Phrase gedient hat. Fick p.9: der schon längst in der Physik streng erwiesene Satz ... daß die, strahlende Wärme genannte, Bewegungsform in allen wesentlichen Stücken identisch ist mit derjenigen Bewegungsform welche wir Licht nennen. CI. Maxwell p. 14: These rays (of radiant heat) have all the physical properties of rays
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of light, and are capable of reflection etc. ... some of the heat-rays are identical with the rays of light while other kind of heat-rays make no Impression upon our eyes. — Also es gibt dunkle Lichtstrahlen, und der berühmte Gegensatz von Licht und Finsterniß verschwindet als absoluter Gegensatz aus der Naturwissenschaft. Beiläufig bringen dunkelste Finster- 5 niß wie hellstes grellstes Licht, auf unsr[e] Augen dieselbe Wirkung der Blendung hervor, und sind auch so für uns identisch. — Die Sache die: Je nach Länge der Schwingung haben die Sonnenstrahlen verschiedne Wirkung; die mit größter Wellenlänge übertragen Wärme, die mit mittlerer Licht, die mit geringster chemische Action (Secchi p. 632ff.) wobei die Maxima der drei 10 Actionen nahe zusammengerückt, die inneren Minima der äußeren Strahlengruppen ihrer Action nach in der Lichtgruppe sich decken. Was Licht und nicht Licht ist, hängt von der Augenstructur ab, Nachtthiere mögen selbst noch einen Theil nicht der Wärme, aber doch der chemischen Strahlen sehn können, da ihre Augen für geringere Wellenlänge adaptirt sind als unsre. Die 15 Schwierigkeit fällt, wenn man statt 3 Arten Strahlen nur Eine annimmt (und wissenschaftlich kennen wir nur Eine, alles andre ist voreiliger Schluß) die je nach der Wellenlänge verschiedne aber innerhalb enger Gränzen com-patible Wirkung haben.
[130]	20
Wenn Coulomb von particles of electricity spricht which repel each other inversely as the square of their distance, so nimmt Th[omson] das ruhig hin als bewiesen 358. Ditto 366 die Hypothese daß Electricität aus 2 fluids positive and negative bestehe deren particles repel each other. Daß die Elektricität in einem geladnen Körper zurückgehalten werde bloß durch den 25 Druck der Atmosphäre 360.
Faraday legte die Elektricität in die entgegengesetzten Pole der Atome (oder Moleküle was noch sehr durcheinander) und drückte so zum ersten Mal aus daß die Elektricität kein Fluidum sondern eine Bewegungsform, „Kraft“ sei 378. Was dem alten Th. gar nicht in den Kopf will, grade der 30 Funke sei ja was Materieliesl
Faraday hatte schon 1822 entdeckt daß der momentane inducirte Strom — erster wie zweiter, rückläufiger — participates more of the current produced by the discharge of the Leyden jar than that produced by the Voltaic battery, worin das ganze Geheimniß lag 385.	35
Über den Funken allerhand Räubergeschichten die jetzt als Specialfälle oder Täuschung bekannt sind: der Funke aus einem positiven Körper sei ein pencil of rays, brush or cone dessen Spitze ein Entladungspunkt, dagegen der negative Funke sei ein star. 396. (Schöner Blödsinn von Faraday über den Funken 400) Ein kurzer Funke sei immer weiß, ein langer meist röthlich 40
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oder violettlich. Der mit einer Metallkugel aus dem prime conductor entlockte Funke sei weiß, mit Hand purple, mit Wasserfeuchtigkeit roth 405. Der Funke d. h. das Licht sei not inherent in electricity but merely the result of the compression of the air. That air is violently and suddenly com-pressed when an electric spark passes through it beweist das Experiment von Kinnersley in Philadelphia, wonach der Funke a sudden rarefaction of the air in the tube erzeugt und das Wasser in die Röhre treibt. 407. In Deutschland vor 30 Jahren Winterl und Andere geglaubt der Funke oder das elektrische Licht sei of the same nature with fire und entstehe durch die Vereinigung der 2 Elektricitäten. Wogegen Th. ernsthaft beweist die Stelle wo die beiden Elektricitäten Zusammentreffen sei grade die lichtärmste, und das sei 2/3 vom + und 73 vom - Ende! (409—10) Daß hier Feuer noch ganz etwas Mythisches ist augenscheinlich.
Mit demselben Ernst die Experimente von Dessaignes wonach bei steigendem Barometer und fallender Temperatur Glas, Harz Seide etc. durch Eintauchen in Quecksilber negativ elektrisch werden, bei fallendem Barometer und steigender Temperatur aber positiv und im Sommer in unreinem Quecksilber stets positiv in reinem stets negativ werden daß Gold und diverse andre Metalle im Sommer durch Erwärmen positiv und beim Abkühlen negativ werden, im Winter umgekehrt, daß sie bei hohem Barometer und nördlichem Wind highly electric sind, positiv bei steigender, negativ bei fallender Temperatur usw. 416.
Wie es mit der Wärme aussah: In order to produce thermo-electric effects, it is not necessary to apply heat. Anything which alters the temperature in one part of the chain,... occasions a variate in the declination of the magnet. So Abkühlung eines Metalls durch Eis oder Aetherverdunstung! 419.
Die Elektrochemische Theorie 438 als at least very ingenious and plausible acceptirt.
Fabroni und Wollaston hatten schon lange, und neuerdings Faraday, die Voltasche Elektricität als einfache Folge der chemischen Prozesse behauptet, und Faraday sogar schon die richtige Erklärung der in der Flüssigkeit vorgehenden Atomverschiebung gegeben, und aufgestellt daß das Quantum der Elektricität gemessen werde durch das Quantum des elektrolytischen Produkts.
Mit Hülfe von Faraday bringt er das Gesetz fertig: that every atom must be naturally surrounded by the same quantities of electricities, so that in this respect heat and electricity resemble each other!
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[131]
Elektricität. Zu den Räubergeschichten von Thomson vgl. Hegel 346—7 wo ganz dasselbe.—Dagegen faßt Hegel die Reibungselektricität schon ganz klar als Spannung gegenüber der Fluidums- und elektrischen Materie-Lehre 347.	5
[135]
Statische und dynamische Elektricität.
Die statische oder Reibungselektricität ist die Versetzung der in der Natur, in Form von Elektricität, aber im gleichgewichtlichen, neutralen Zustand befindlichen, fertigen Elektricität in Spannung. Die Aufhebung dieser 10 Spannung geschieht daher auch — wenn und so weit die Elektricität sich fortpflanzen, geleitet werden kann — mit Einem Schlag, dem Funken, der den neutralen Zustand wiederherstellt.
Die dynamische oder Voltasche Elektricität ist dagegen die aus Verwandlung chemischer Bewegung in Elektricität hervorgehende Elektricität. Lö- 15 sung von Zink, Kupfer etc. erzeugt sie unter gewissen bestimmten Umständen. Hier ist die Spannung nicht akut, sondern chronisch. In jedem Moment wird neue + und - Elektricität aus einer andern Bewegungsform erzeugt, nicht vorhandne ± in + und - getrennt. Der Vorgang ist ein fließender und so auch sein Resultat, die Elektricität, nicht eine momentane 20 Spannung und Entladung, sondern ein fortwährender Strom, der sich an den Polen wieder in die chemische Bewegung verwandeln kann aus der er hervorging, was man Elektrolyse nennt. Bei diesem Vorgang sowie bei der Erzeugung der Elektricität aus chemischer Zusammensetzung (wobei Elektricität statt Wärme und zwar soviel Elektricität wie unter andern Umständen 25 Wärme frei wird (G[uthrie] p. 210)) kann man den Strom in der Flüssigkeit verfolgen (Atomwechsel in den benachbarten Molekülen — das ist der Strom).
Diese Elektricität, die ihrer Natur nach Strom ist, kann eben deßwegen nicht direkt in Spannungs-Elektricität verwandelt werden. Aber vermittelst 30 der Induktion kann bereits als solche vorhandne neutrale Elektricität de-neutralisirt werden. Der Natur der Sache nach wird die Inducirte der In-ducirenden zu folgen haben, also auch strömend sein. Dagegen liegt hier offenbar die Möglichkeit vor, den Strom zu condensiren und in Spannungs-elektricität oder vielmehr in eine höhere Form zu verwandeln die die Ei- 35 genschaft des Stroms mit der der Spannung vereinigt. Dies ist in Ruhmkorff’s Maschine gelöst. Sie liefert eine Induktions-Elektricität die das leistet.
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Dialektischer Inhalt der Wissenschaften
[158]
Hübsches Stück Naturdialektik wie nach der jetzigen Theorie die Abstoßung gleicher magnetischer Pole erklärt wird aus der Anziehung gleicher elektrischer Ströme. Guthrie p. 264.
5	[133]
Elektrochemie. Bei Darstellung der Wirkungen des elektrischen Funkens auf chemische Zersetzung und Neubildung erklärt Wiedem[ann] das gehe mehr die Chemie an. So erklären im selben Fall die Chemiker, das gehe schon mehr die Physik an. So erklären sich an den Berührungspunkten der Molekular-10 und der Atomwissenschaft Beide inkompetent während grade da die größten
Resultate zu erwarten sind.
15
Cu
| CuSO4 “
Cu
CuSO4
[168] Pt
HNO, I
NO,
SO4
. E
1 ~ R + e
j- = R + e
i =~~e=R
E-p R + r
E-p
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[Zur Chemie]
[80]
Die Vorstellung von der faktischen chemisch einheitlichen Materie — uralt wie sie ist — entspricht ganz der noch bis Lavoisier stark verbreiteten kindlichen Ansicht die chemische Verwandtschaft zweier Körper beruhe darauf 5 daß sie jeder einen gemeinsamen dritten Körper enthielten (Kopp, Entwickl. p. 105).
[128]
Neue Epoche beginnt in der Chemie mit der Atomistik (Dalton, nicht La-vois[ier], also der Vater der neueren Chemie) und entsprechend in der Physik 1 o mit der Molekulartheorie. (In andrer Form, aber wesentlich nur die andre Seite dieses Prozesses darstellend, mit der Entdeckung der Umwandlung der Bewegungsformen). Die neuere Atomistik unterscheidet sich von aller früheren dadurch daß sie nicht behauptet (abgesehn von Eseln) daß die Materie bloß diskret, sondern daß die diskreten Theile verschiedner Stufen 15 (Aetheratome, chemische Atome, Massen, Weltkörper) verschiedne Knotenpunkte sind, die verschiedne qualitative Daseinsweisen der allgemeinen Materie bedingen — bis herab zum Nichtschwersein und der Repulsion.
[148]
Umschlag von Quantität in Qualität: einfachstes Exempel Sauerstoff und 20 Ozon, wo 2:3 ganz andre Eigenschaften bis auf den Geruch hervorbringt. Die andren allotropen Körper ebenfalls von der Chemie nur durch dies erklärt, daß verschiedne Anzahl Atome in den Molekülen.
[134]
Wie alte, bequeme, auf die bisher übliche Praxis angepaßte Methoden sich 25 auf andre Zweige übertragen und da hemmen: in der Chemie die Prozentberechnung der Zusammensetzungen, die von Allen die geeignetste Methode
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war die konstanten Proportionen der Verbindungen und multiple Proportionen unfindbar zu machen und sie auch lange genug unfindbar gemacht hat.
[184]
5 Bedeutung der Namen. In der organischen Chemie die Bedeutung eines Körpers und also auch sein Name nicht mehr bedingt durch seine bloße Zusammensetzung, sondern vielmehr durch seine Stellung in der Reihe der er angehört. Finden wir also daß ein Körper einer solchen Reihe angehört so wird sein alter Name ein Hinderniß des Verständnisses und muß durch
10 einen Reihennamen ersetzt werden (Paraffine etc.).
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[Zur Biologie]
[127]
Physiographie — nachdem der Übergang von Chemie zum Leben gemacht, sind nun zuerst die Bedingungen zu entwickeln innerhalb deren das Leben sich erzeugt hat und besteht, also zuerst Geologie, Meteorologie und der 5 Rest. Dann die verschiednen Lebensformen selbst die ja auch ohne dies unverständlich.
[65]
Reaktion. Die mechanische physikalische (alias Wärme etc.) erschöpft sich mit jedem Reactionsakt. Die chemische verändert die Zusammensetzung des 1 o reagirenden Körpers und erneuert sich nur wenn neues Quantum desselben zugesetzt wird. Nur der organische Körper reagirt selbstständig — natürlich innerhalb seiner Kraftsphäre (Schlaf) und unter Voraussetzung des Nahrungszusatzes — aber dieser Nahrungszusatz wirkt erst nachdem er assimilirt ist, nicht wie auf niedrigen Stufen, unmittelbar, sodaß hier der organische 15 Körper eine selbstständige Reaktionskraft hat, die neue Reaktion durch ihn vermittelt werden muß.
[22]
Leben und Tod. Schon jetzt gilt keine Physiologie für wissenschaftlich die nicht den Tod als wesentliches Moment des Lebens auffaßt. (Nota, Hegel 20 Enc. 1,152,53.), die Negation des Lebens als wesentlich im Leben selbst enthalten, sodaß Leben stets gedacht wird mit Beziehung auf sein nothwendiges Resultat, das stets im Keim in ihm liegt, den Tod. Weiter ist die dialektische Auffassung des Lebens nichts. Aber wer dies einmal verstanden für den ist alles Gerede von Unsterblichkeit der Seele beseitigt. Der Tod ist 25 entweder Auflösung des organischen Körpers der nichts zurückläßt als die chemischen Bestandtheile die seine Substanz bildeten oder er hinterläßt ein
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Lebensprinzip, mehr oder weniger Seele, das alle lebenden Organismen überdauert, nicht bloß den Menschen. Hier also einfaches Sichklarwerden vermittelst der Dialektik, über die Natur von Leben und Tod hinreichend einen uralten Aberglauben zu beseitigen. Leben heißt Sterben.
[59]
Generatio aequivoca. Alle bisherigen Untersuchungen diese: In Flüssigkeiten, die organische Stoffe in Zersetzung enthalten und der Luft zugänglich sind, entstehn Organismen niederer Gattung, Protisten, Pilze, Infusorien. Woher kommen sie? Sind sie durch generatio aequivoca entstanden oder aus Keimen die die Atmosphäre herbeigetragen? Die Untersuchung also auf ein ganz enges Gebiet beschränkt, auf die Frage von der Plasmogonie.
Die Annahme daß neue lebendige Organismen aus der Zersetzung andrer entstehn können, gehört wesentlich der Epoche der unveränderlichen Arten an. Damals sah man sich in der Nothwendigkeit die Entstehung aller, auch der komplicirtesten Organismen, durch Urzeugung aus nicht lebendigem Stoff anzunehmen, und wenn man sich nicht mit einem Schöpfungsakt helfen wollte, kam man leicht auf die Ansicht daß dieser Vorgang leichter erklärlich sei bei einem bereits aus der organischen Welt herrührenden Bildungsstoff ; ein Säugethier direkt aus anorganischer Materie auf chemischem Wege hervorzubringen, daran dachte man schon nicht mehr.
Aber eine solche Annahme schlägt dem heutigen Stand der Wissenschaft gradezu ins Gesicht. Die Chemie liefert durch die Analyse des Zersetzungs-processes todter organischer Körper den Beweis daß dieser Prozeß nothwendig bei jedem weiteren Schritt todtere, der anorganischen Welt näher stehende Produkte liefert, Produkte die zur Verwerthung in der organischen Welt immer untauglicher werden, und daß diesem Prozeß eine andre Richtung gegeben werden, eine solche Verwerthung stattfinden kann nur dann wenn diese Zersetzungsprodukte rechtzeitig in einen dazu geeigneten bereits existirenden Organismus aufgenommen werden. Grade das wesentlichste Vehikel der Zellenbildung, das Eiweiß, zersetzt sich zu allererst und ist bis jetzt nicht wieder zusammengebracht worden.
Noch mehr. Die Organismen um deren Urzeugung aus organischen Flüssigkeiten es sich bei diesen Untersuchungen handelt, sind zwar verhält-nißmäßig niedrige, aber doch schon wesentlich differenzirte, Bacterien, Hefepilze etc., mit einem aus verschiednen Phasen zusammengesetzten Lebensproceß, und theilweise wie die Infusorien, mit ziemlich ausgebildeten Organen versehen. Sie sind alle mindestens einzellig. Seitdem wir aber die strukturlosen Moneren kennen, wird es Thorheit die Entstehung auch nur einer einzigen Zelle direkt aus todter Materie, statt aus dem strukturlosen lebenden Eiweiß erklären zu wollen, zu glauben vermittelst etwas stinken
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dem Wasser die Natur zwingen zu können das in 24 Stunden zu thun was ihr Tausende von Jahren gekostet hat.
Pasteurs Versuche in dieser Richtung nutzlos: denen die an diese Möglichkeit glauben, wird er die Unmöglichkeit durch diese Versuche allein nie beweisen, aber wichtig weil viel Aufklärung über diese Organismen ihr 5 Leben ihre Keime etc.
[64]
Moritz Wagner, Naturwissensch. Streitfragen, I. (A. A. Z. Beilage, 6. 7.
8. Oct. 1874)
Äußerung Liebig’s an Wagner, in seinen letzten Jahren 1868: „Wir dürfen 10 nur annehmen daß das Leben ebenso alt, ebenso ewig sei wie die Materie selber, und der ganze Streitpunkt des Lebensursprungs scheint mir mit dieser einfachen Annahme erledigt. In der That, warum sollte das organische Leben nicht ebenso gut als uranfänglich zu denken sein wie der Kohlenstoff und seine Verbindungen (!), oder wie überhaupt die ganze unerschaffbare und 15 unzerstörbare Materie und wie die Kräfte die mit der Bewegung des Stoffes im Weltraum ewig verbunden sind?“
Ferner sagte L. (W. glaubt Nov. 68): auch er halte die Hypothese daß das organische Leben auf uns[erem] Planeten aus dem Weltraum „importirt“ werden könne, für „annehmbar“.	20
Helmholtz (Vorrede zu: Handbuch der theor. Physik v. Thomson, deutsche Ausg. II Theil): „Es scheint mir ein vollkommen richtiges Verfahren zu sein, wenn alle unsre Bemühungen scheitern, Organismen aus lebloser Substanz sich erzeugen zu lassen, daß wir fragen: ob überhaupt das Leben je entstanden, ob es nicht ebenso alt wie die Materie sei, und ob nicht seine 25 Keime, von einem Weltkörper zum andern herübergetragen, sich überall entwickelt hätten wo sie günstigen Boden gefunden?“
Wagner: „Die Thatsache daß die Materie unzerstörbar und unvergänglich ist, daß sie... durch keine Kraft in ein Nichts aufgelöst werden kann, genügt dem Chemiker sie auch für unerschaffbar zu halten. ... Das Leben aber 30 wird, nach der jetzt vorherrschenden Anschauung (?) nur als eine gewissen einfachen Elementen, aus denen die niedrigsten Organismen bestehen, innewohnende Eigenschaft betrachtet, welche selbstverständlich ebenso alt d. h. ebenso uranfänglich sein muß wie diese Grundstoffe und ihre Verbindungen (!!) selber.“ In diesem Sinn könne man auch von Lebenskraft sprechen, 35 wie Liebig Chem. Br. 4. Aufl. „nämlich ,als ein formbildendes Prinzip in und mit den physischen Kräften4 also nicht außerhalb der Materie wirkend. Diese Lebenskraft, als eine Eigenschaft der Materie, manifestirt sich jedoch ... nur unter entsprechenden Bedingungen welche seit Ewigkeit im unendlichen Weltraum an zahllosen Punkten existirten, aber im Laufe der 40
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verschiedenen Zeitperioden räumlich oft genug gewechselt haben müssen.“ Also auf der flüssigen alten Erde oder der jetzigen Sonne kein Leben möglich, aber die glühenden Körper haben enorm ausgedehnte Atmosphären, nach der neueren Ansicht aus denselben Stoffen bestehend die in äußerster Verdünnung den Weltraum erfüllen und von den Körpern attrahirt werden. Die rotirende Nebelmasse aus der das Sonnensystem sich entwickelt, über die Neptunsbahn hinausreichend, enthielt „auch alles Wasser (!) dampfartig in einer mit Kohlensäure (!) reich geschwängerten Atmosphäre bis zu unermeßlichen Höhen aufgelöst, und damit auch die Grundstoffe zur Existenz (?) der niedersten organischen Keime“, es herrschten in ihr „in den verschiedensten Regionen die verschiedensten Temperaturgrade, und es ist daher die Annahme wohl berechtigt daß sich auch immer irgendwo die für das organische Leben nothwendigen Bedingungen gefunden haben. Die Atmosphären der Weltkörper wie der rohrenden kosmischen Nebelmassen würden demnach als die dauernden Bewahrungskammern der belebten Form, als die ewigen Pflanzstätten organischer Keime zu betrachten sein.“ — Die kleinsten lebenden Protisten mit ihren unsichtbaren Keimen erfüllen die Atmosphäre, unter dem Aequator in den Cordilleren bis zu 16000 Fuß noch massenhaft, Perty sagt sie seien „fast allgegenwärtig“. Sie fehlen nur da wo die Glühhitze sie tödtet. Für sie (Vibrioniden etc.) „ist daher auch im Dunstkreis aller Weltkörper“ ihre Existenz denkbar, „wo immer die entsprechenden Bedingungen sich finden“.
„Nach Cohn sind die Bakterien ... so winzig klein daß auf einem Kubikmillimeter 633 Millionen Platz finden und 636 Milliarden nur 1 Gramm wiegen. Die Mikrokokken sind sogar noch kleiner“ und vielleicht noch nicht die kleinsten. Aber schon sehr verschieden geformt, „die Vibrioniden... bald kugelig bald eiförmig, bald Stäbchen- oder schraubenförmig“ (haben also schon einen bedeutenden Formwerth). „Es ist bis jetzt kein gültiger Einwurf erhoben worden gegen die wohlberechtigte Hypothese, daß aus solchen oder ähnlichen einfachsten (!!) neutralen Urwesen, zwischen Thier und Pflanze schwankend,... auf Grund der individuellen Variabilität und der Fähigkeit der Vererbung neuerworbener Merkmale auf die Nachkommen, bei veränderten physischen Bedingungen der Weltkörper und bei räumlicher Sonderung der entstehenden individuellen Varietäten, alle die mannichfal-tigen höher organisirten Lebewesen der beiden Naturreiche im Laufe sehr langer Zeiträume sich entwickeln konnten und sich entwickeln mußten.“
Bemerkenswerth der Nachweis wie sehr Liebig in der doch an die Chemie angränzenden Wissenschaft der Biologie Dilettant war. Darwin las er erst 1861, viel später erst die auf Darwin folgenden wichtigen biologischen und paläontologisch-geologischen Schriften. Lamarck hatte er „nie gelesen“. „Ebenso waren ihm die schon vor 1859 erschienenen wichtigen paläontolo
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gischen Specialuntersuchungen von L. v. Buch, d’Orbigny, Münster, Klipstein, Hauer, Quenstedt über die fossilen Cephalopoden welche ein so merkwürdiges Licht auf den genetischen Zusammenhang der verschiednen Schöpfungen werfen, gänzlich unbekannt geblieben. All die genannten Forscher waren ... durch die Macht der Thatsachen, fast wider ihren Willen, 5 zur Lamarckschen Abstammungshypothese hingedrängt worden“ — und zwar vor Darwin’s Buch. „Die Descendenztheorie hatte demnach in den Ansichten derjenigen Forscher welche sich eingehender mit einer vergleichenden Untersuchung der fossilen Organismen beschäftigten, bereits in aller Stille Wurzeln geschlagen. L. v. Buch hatte schon 1832 in ,Über die 10 Ammoniten und ihre Sonderung in Familien4 und 1848 in einer vor der Berliner Akademie gelesenen Abhandlung die Lamarcksche Idee von der typischen Verwandtschaft der organischen Formen als Zeichen ihrer gemeinsamen Abstammung mit aller Bestimmtheit in die Petrefactenkunde (!) eingeführt“, und auf seine Ammonitenuntersuchungen stützte er 1848 den 15 Ausspruch: „daß das Verschwinden alter und das Erscheinen neuer Formen keine Folge einer gänzlichen Vernichtung der organischen Schöpfungen, sondern daß die Bildung neuer Arten aus älteren Formen höchst wahrscheinlich nur durch veränderte Lebensbedingungen erfolgt sei“.
Glossen. Die obige Hypothese des „ewigen Lebens“ und des Imports setzt voraus
1) die Ewigkeit des Eiweißes
2) die Ewigkeit der Urformen, aus denen sich Alles Organische entwickeln kann. Beides unzulässig.	25
Ad 1) Liebig’s Behauptung die Kohlenstoff Verbindungen seien eben so ewig wie der Kohlenstoff selbst, ist schief wo nicht falsch, a) ? ist der Kohlenstoff einfach? wo nicht, ist er als solcher nicht ewig. — b) Die Verbindungen des Kohlenstoffs sind ewig in dem Sinn daß unter gleichen Verhältnissen von Mischung, Temperatur, Druck, Elektrischer Spannung 30 etc. sie sich stets reproduciren. Daß aber z. B. nur die einfachsten Kohlenstoff Verbindungen, CO2 oder CH4, der Art ewig sein sollen daß sie zu allen Zeiten und mehr oder weniger allerorts bestehn, sich nicht vielmehr fortwährend neu erzeugen und wieder vergehn — und zwar aus den Elementen und in die Elemente — ist bisher noch nicht behauptet worden. Wenn das 35 lebendige Eiweiß in dem Sinn ewig ist wie die übrigen Kohlenstoffverbindungen, so muß es nicht nur fortwährend sich in seine Elemente auflösen wie dies notorisch geschieht, sondern auch sich fortwährend aus den Elementen neu und ohne Mitwirkung vorher fertigen Eiweißes erzeugen — und das ist das grade Gegentheil des Resultats bei dem Liebig ankommt.—c) Das 40 Eiweiß ist die unbeständigste Kohlenstoffverbindung die wir kennen. Es
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zerfällt sobald es die Fähigkeit verliert die ihm eigenthümlichen Funktionen, die wir Leben nennen, zu vollziehn und es liegt in seiner Natur daß diese Unfähigkeit früher oder später eintritt. Und grade diese Verbindung soll ewig sein, soll alle Veränderungen der Temperatur, des Drucks, des Nahrungsund Luftmangels etc. im Weltraum überdauern können, wo doch schon seine obere Temperatur-Gränze so niedrig — unter 100 °C ist? Die Daseinsbedingungen des Eiweißes sind unendlich viel komplicirter als die jeder andern bekannten Kohlenstoffverbindung — weil nicht nur physikalische und chemische sondern auch Ernährungs- und Athmungsfunctionen hinzutreten die ein physikalisch und chemisch eng begränztes Medium erfordern — und das soll sich von Ewigkeit unter allen möglichen Wechseln erhalten haben? Liebig zieht von 2 Hypothesen, ceteris paribus, die einfachste vor, aber etwas kann sehr einfach aussehn und doch sehr verwickelt sein. — Die Annahme zahlloser kontinuirlicher Reihen von Ewigkeit von einander abstammender lebendiger Eiweißkörper die unter allen Umständen immer so viel übrig lassen daß der Stock gut assortirt bleibt, ist das Komplicirteste was es gibt. — Die Weltkörper-Atmosphären und besonders Nebel-Atmosphären waren ursprünglich auch glühend heiß, also kein Platz für Eiweißkörper — der Weltraum muß also doch schließlich das große Reservoir sein—ein Reservoir wo weder Luft noch Nahrung, und eine Temperatur ist bei der sicher kein Eiweiß fungiren oder sich halten kann!
Ad 2). — Die Vibrionen Mikrokokken etc. von denen hier die Rede, sind schon ziemlich differenzirte Wesen — Eiweißklümpchen die eine Haut ausgeschwitzt, aber ohne Kern. Die entwicklungsfähige Reihe der Eiweißkörper bildet aber zuerst den Kern und wird Zelle — die Zellhaut ist dann ein weiterer Fortschritt (Amoeba sphaerococcus). Die hier in Betracht kommenden Organismen gehören also einer Reihe an, die nach aller bisherigen Analogie sich in eine Sackgasse unfruchtbar verläuft und nicht zu den Stammvätern der höheren Organismen gehören kann.
Was Helmh. von der Unfruchtbarkeit der Versuche, Leben künstlich zu erzeugen sagt, ist rein kindisch. Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, deren wesentliches Moment im fortwährenden Stoff wechsel mit der äußeren sie umgebenden Natur besteht und die mit dem Aufhören dieses Stoffwechsels auch auf hört und die Zersetzung des Eiweißes herbeiführt.x) Wenn es je gelingt Eiweißkörper chemisch darzustellen so werden sie unbedingt Lebenserscheinungen zeigen, Stoffwechsel vollziehn, wenn auch noch so schwach und kurzlebig. Aber sicher können solche Körper höch
x) Auch bei unorganischen Körpern kann ein solcher Stoffwechsel stattfinden und findet auf die Dauer überall statt, da überall chemische Wirkungen wenn auch noch so langsam stattfinden. Der Unterschied aber der, daß bei unorganischen Körpern der Stoffwechsel sie zerstört, bei organischen aber nothwendige Existenzbedingung ist.
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stens die Form der rohesten Moneren, wahrscheinlich noch weit tiefere Formen haben, keineswegs aber die Form von Organismen die sich schon durch jahrtausendlange Entwicklung differenzirt haben, Haut von Inhalt geschieden und bestimmte erbliche Formgestalt angenommen. Solange wir aber von der chemischen Zusammensetzung des Eiweißes nicht mehr wissen als jetzt, 5 also an künstliche Darstellung wahrscheinlich auf 100 Jahre noch nicht denken können, ist es lächerlich zu klagen daß alle unsre Bemühungen etc. gescheitert sind!
Gegen die obige Behauptung daß der Stoffwechsel charakteristische Thätigkeit der Eiweißkörper, einzuwenden das Wachsthum der Traubeschen 10 „künstlichen Zellen“. Aber hier blos unveränderte Aufnahme einer Flüssigkeit durch Endosmose, während der Stoffwechsel in der Aufnahme von Stoffen besteht, deren chemische Zusammensetzung verändert, die dem Organismus assimilirt werden, und deren Residua, zugleich mit den durch den Lebensprozeß erzeugten Zersetzungsprodukten des Organismus selbst, 15 ausgeschieden werden. (NB. Wie wir von wirbellosen Wirbelthieren sprechen müssen, so auch hier das unorganisirte, formlose undifferenzirte Eiweißklümpchen als Organismus bezeichnet—und dialektisch geht das an weil wie im Rückenstrang die Wirbelsäule, so liegt im erstentstandnen Eiweißklümpchen die ganze unendliche Reihe höherer Organismen wie im Keim 20 eingeschlossen „an sich“.} Die Bedeutung der Traubeschen „Zellen“ darin daß sie Endosmose und Wachsthum als 2 Dinge nach weisen die auch in der unorganischen Natur und ohne allen Kohlenstoff darzustellen sind.
Die erstentstandnen Eiweißklümpchen müssen die Fähigkeit gehabt haben sich von Sauerstoff Kohlensäure Ammoniak und einigen der im sie um- 25 gebenden Wasser gelösten Salze zu ernähren. Organische Nahrungsmittel waren nicht da, da sie sich doch nicht untereinander auffressen konnten. Dies beweist wie hoch schon die heutigen Moneren, selbst kernlose, über ihnen stehn die von Diatomeen etc. leben, also eine ganze Reihe von differenzirten Organismen voraussetzen.	30
[49]
Protisten. 1) Zellenlose, fangen an mit dem einfachen Eiweißklümpchen, das Pseudopodien aus streckt und einzieht in dieser oder jener Form, mit dem Moner. Die heutigen Moneren sicher sehr verschieden von den ursprünglichen da sie großentheils von organischer Materie leben, Diatomaceen und Infusorien verschluk-ken, also Körper die höher als sie selbst und erst später entstanden und wie Taf.I bei Häckel eine Entwicklungsgeschichte haben und durch die Form zellenloser
Individualität gering, sie theilen sich und ebenso verschmelzen sie.
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Geißelschwärmer hindurch gehn. — Schon hier der Formtrieb der allen Eiweißkörpern eigen. Dieser Formtrieb tritt weiter hervor bei den zellenlosen Foraminiferen die höchst künstlerische Schalen aus schwitzen, und die höheren Mollusken in der Form anticipiren (Colonieen anticipiren die Corallen etc.) wie die Schlauchalgen (Siphoneen) die den Stamm, Stengel, Wurzel und Blattform der höheren Pflanzen vorbilden und doch bloßes strukturloses Eiweiß sind. Protamoeba daher von den Amoeben zu trennen.
2)	Einerseits bildet sich der Unterschied von Haut Ectosarc und Markschicht (endosarc) bei den Sonnen-thierchen actinophrys sol, Nich[olson] p. 49. Die Hautschicht gibt Pseudopodien ab. (Bei Protomyxa auran-tiaca ist diese Stufe schon als Durchgangsstufe s. Häckel Taf.I.) Auf diesem Wege der Entwicklung scheint das Eiweiß nicht weit gekommen zu sein.
3)	Andrerseits differenzirt sich im Eiweiß der Kern und Nucleolus, — nackte Amöben. Von jetzt an geht’s rasch mit der Formbildung. Ähnlich die Entwicklung der jungen Zelle im Organismus, vgl. Wundt hierüber (im Anfang). Bei Amoeba sphaerococcus ist wie Protomyxa die Bildung der Zellhaut nur Durchgangsphase aber selbst hier schon Anfang der Circulation: die contractile Blase. Bald finden wir entweder eine zusammengeklebte Sandschale (difflugia N. p. 47) wie bei Würmern und Insektenlarven, bald eine wirklich ausgeschwitzte Schale, endlich
4)	Die Zelle mit permanenter Zellhaut. Je nach der Härte der Zellhaut soll nach Häckel p. 382 daraus entweder Pflanze oder bei weicher Haut Thier hervorgegangen sein (? so allgemein sicher nicht zu fassen). Mit der Zellhaut tritt die bestimmte und zugleich plastische Form ein. Hier wieder Unterschied zwischen einfacher Zellhaut und ausgeschwitzter Schale. Aber (im Unterschied von Ns 3) hört mit dieser Zellhaut und dieser Schale die Aussendung von Pseudopodien auf. Wiederholung früherer Formen (Geißelschwärmer) und Form-Mannichfaltigkeit. Den Übergang bilden die La-byrinthuleen Häckel p. 385 die ihre Pseudopodien außen
Anlauf zu höherer Dif-ferenzirung
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deponiren und in diesem Netz unter in gewissen Schranken gehaltner Veränderung der normalen Spindelgestalt herumkriechen. — Gregarinen anticipiren die Lebensweise höherer Parasiten — einige schon nicht mehr einzelne Zellen sondern Zellenketten H. 451, aber	5
nur 2—3 Zellen enthaltend—ein lahmer Anlauf. Höchste Entwicklung der einzelligen Organismen in den Infusorien soweit diese wirklich einzellig. Hier eine bedeutende Differenzirung (s. Nich.). Wieder Colonieen
und Pflanzenthiere (Epistylis). Ebenso bei den einzel-	10
ligen Pflanzen hohe Formentwicklung (Desmidiaceen
H. p.410).
5)	Der weitere Fortschritt ist die Verbindung mehrerer Zellen zu Einem Körper, nicht mehr einer Kolonie. Zunächst die Katallakten H. Magosphaera planula H.	15
p. 384 wo die Zellenverbindung nur Entwicklungsphase.
Aber auch hier schon keine Pseudopodien mehr (ob nicht als Durchgangs stufe sagt H. nicht genau). Andrerseits die Radiolarien, auch undifferenzirte Zellenhaufen, haben dagegen die Pseudopodien beibehalten und	20
die geometrische Regelmäßigkeit der Schale die schon bei den ächt zellenlosen Rhizopoden eine Rolle spielt, aufs Höchste entwickelt — das Eiweiß umgibt sich sozusagen mit seiner krystallinischen Form.
6)	Die Magosphaera planula bildet den Übergang zur	25
richtigen planula und gastraea und Weiteres bei Häckel 452ff.
[75]
Bathybius — die Steine in seinem Fleisch Beweis daß schon die Urform des Eiweißes, noch ohne alle Form-Differenzirung, den Keim und die Fähigkeit 30 der Skelettbildung in sich trägt.
[94]
Nature Ns 294ff.	Allman on Infusoria, Einzelligkeit, wichtig. Croll on
Ice Period and geological Time.
Nature Ns 326. Tyndall über Generatio, Specifische Fäulniß und 35 Gährung Experimente.
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Individuum — auch dieser Begriff hat sich in lauter Relatives aufgelöst. Cormus, Colonie, Bandwurm—andrerseits Zelle und Metamer als Individuen in gewissem Sinn (Anthrop. und Morphol.).
[53]
Die ganze organische Natur ein ununterbrochner Beweis der Identität oder Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Morphologische] und Physiologische] Erscheinung, Form und Function bedingen einander wechselseitig. Differenzirung der Form (Zelle) bedingt Differenzirung des Stoffs in Knochen, Muskel, Epithel etc. und Differenzirung des Stoffs bedingt wieder differente Form.
[51]
Wiederholung der morphologischen Formen auf allen Entwicklungsstufen: Zellenformen (die beiden wesentlichen schon in der Gastrula) — Meta-merenbildung bei gewisser Stufe: Annulosa, Arthropoda, Vertebrata. — In den Kaulquappen der Amphibien die Urform der Ascidienlarve wiederholt. — Verschiedne Formen von Marsupialia die bei Placentalia wieder kehren (selbst nur die noch lebenden Marsupialia gezählt).
[52]
Auf die ganze Entwicklung der Organismen das Gesetz der Beschleunigung nach dem Quadrat der zeitlichen Entfernung vom Ausgangspunkt anzunehmen. Vgl. Häckel Schöpfungsg. und Anthr. die den verschiednen geologischen Zeiträumen entsprechenden organischen Formen. Je höher desto rascher geht’s.
[72]
Vertebrata—ihr wesentlicher Charakter: die Gruppirung des ganzen Körpers um das Nervensystem. Damit die Möglichkeit der Entwicklung zum Selbst-bewußtsein usw. gegeben. Bei allen andern Thieren das Nervensystem Nebensache, hier Grundlage der ganzen Organisation; das Nervensystem, bis zu einem gewissen Grad entwickelt — durch Verlängerung des Kopf-knotens der Würmer nach hinten—bemächtigt sich des ganzen Körpers und richtet ihn nach seinen Bedürfnissen ein.
[110]
Wenn H[egel] vom Leben zum Erkennen übergeht vermittelst der Begattung (Fortpflanzung) so liegt darin im Keim die Entwicklungslehre, daß, das
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organische Leben einmal gegeben, es sich durch die Entwicklung der Generationen zu einer Gattung denkender Wesen entwickeln muß.
[147]
Was Hegel die Wechselwirkung nennt, ist der organische Körper, der daher auch den Übergang zum Bewußtsein, d.h. von der Nothwendigkeit zur 5 Freiheit, zum Begriff bildet. Siehe Logik II, Schluß.
[45]
Anläufe in der Natur: Insektenstaaten (die gewöhnlichen gehn nicht über reine Naturverhältnisse hinaus) hier sogar soziale, Anlauf. Ditto produktive Thiere mit Handwerkszeug (Bienen etc. Biber) aber doch nur Nebendinge 10 und ohne Gesammtwirkung. — Vorher schon: die Kolonieen der Korallen und Hydrozoa, wo das Individuum höchstens Durchgangsstufe und die fleischliche Community meist Stufe der Vollentwicklung s. Nicholson. — Ebenso die Infusorien die höchste und theilweise sehr differenzirte Form zu der es Eine Zelle bringen kann.	15
[146]
Darwinsche Theorie nachzuweisen als die praktische Beweisführung der Hegelschen Darstellung des innern Zusammenhangs von Nothwendigkeit und Zufälligkeit.
[136]	20
Kampf ums Dasein. Vor allen Dingen streng zu beschränken auf die durch pflanzliche und thierische Übervölkerung hervorgerufnen Kämpfe, die auf gewissen pflanzlichen und niedrigen thierischen Stufen in der That vorkommen. Aber davon scharf zu trennen die Verhältnisse wo Arten sich ändern, alte aussterben und neue, entwickelte, an ihre Stelle treten ohne diese 25 Übervölkerung. Z. B. bei Wanderungen von Thieren und Pflanzen in neue Gegenden, wo neue klimatische Boden- etc. Bedingungen die Abänderung besorgen. Wenn da die sich Anpassenden Individuen überleben und sich durch stets wachsende Anpassung zu einer neuen Art fortbilden während die andern stabilen Individuen absterben und schließlich aussterben, und mit 30 ihnen die unvollkommnen Mittelstufen, so kann dies vor sich gehn und geht vor sich ohne allen Malthusianismus, und sollte dieser je dabei vorkommen so ändert er nichts am Prozeß, kann ihn höchstens beschleunigen. — Ebenso bei der allmähligen Veränderung der geographischen klimatischen etc.
Verhältnisse in einem gegebnen Gebiet (Entwässerung von Centralasien 35 z. B.). Ob da die thierische oder pflanzliche Bevölkerung auf einander drückt oder nicht, ist gleichgültig, der durch sie bedingte Entwicklungsprozeß der
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Organismen geht doch vor sich. — Ebenso bei der sexuellen Zuchtwahl, wo der Malthusianismus auch ganz bei Seite bleibt. —
Daher auch die Häckelsche „Anpassung und Vererbung“ den ganzen Entwicklungsprozeß besorgen kann ohne die Zuchtwahl und den Malthusianismus nöthig zu haben.
Es ist eben der Fehler von Darwin daß er in natural selection or the survival of the fittest 2 wildfremde Sachen durcheinander wirft:
1) selection durch den Druck der Übervölkerung, wo die Stärksten vielleicht am ersten überleben aber auch die Schwächsten in mancher Beziehung sein können.
2) selection durch größere Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände wo die Überlebenden für diese Umstände besser geeignet, aber wo diese Anpassung ebensowohl Fortschritt wie Rückschritt im Ganzen bedeuten kann (z. B. Anpassung an Parasitenleben immer Rückschritt).
Hauptsache: daß jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung zugleich ein Rückschritt, indem er einseitige Entwicklung fixirt die Möglichkeit der Entwicklung in vielen andern Richtungen ausschließt.
Dies aber Grundgesetz.
[83]
Struggle for Life. Bis auf Darwin von seinen jetzigen Anhängern grade das harmonische Zusammen-Wirken der organischen Natur hervorgehoben, wie das Pflanzenreich den Thieren Nahrung und Sauerstoff liefert und diese den Pflanzen Dünger und Ammoniak und Kohlensäure. Kaum war Darwin anerkannt, so sahen dieselben Leute überall nur Kampf. Beide Auffassungen innerhalb enger Gränzen berechtigt, aber beide gleich einseitig und bomirt. Die Wechselwirkung todter Naturkörper schließt Harmonie und Kollision, die Lebender bewußtes und unbewußtes Zusammenwirken, wie bewußten und unbewußten Kampf ein. Es ist also schon in der Natur nicht erlaubt den einseitigen „Kampf“ allein auf die Fahne zu schreiben. Aber ganz kindisch ist es, den ganzen mannichfaltigen Reichthum der geschichtlichen Ent- und Verwicklung unter die magre und einseitige Phrase „Kampf ums Dasein“ subsumiren zu wollen. Man sagt damit weniger als Nichts.
Die ganze Darwinsche Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes und der bürgerlichen ökonomischen von der Konkurrenz, sowie der malthus-schen Bevölkerungs-Theorie aus der Gesellschaft in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertig gebracht (dessen unbedingte Berechtigung, besonders was die Malthuslehre angeht, noch sehr fraglich) ist es sehr leicht diese Lehren aus der Naturgeschichte wieder in die Geschichte der Gesellschaft zurückzuübertragen, und eine gar zu starke Naivetät zu
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behaupten, man habe damit diese Behauptungen als ewige Naturgesetze der Gesellschaft nachgewiesen.
Acceptiren wir die Phrase: Kampf ums Dasein, für einen Moment, for argument’s sake. Das Thier bringt’s höchstens zum Sammeln, der Mensch produzirt, er stellt Lebensmittel im weitesten Sinn des Worts dar die die 5 Natur ohne ihn nicht produzirt hätte. Damit jede Übertragung von Lebensgesetzen der thierischen Gesellschaften so ohne weiteres auf menschliche unmöglich gemacht. Die Produktion bringt es bald dahin daß der s. g. struggle for existence sich nicht mehr um reine Existenzmittel, sondern um Genuß-und Entwicklungsmittel dreht. Hier schon — bei gesellschaftlich produzirten 10 Entwicklungsmitteln, die Kategorieen aus dem Thierreich total unanwendbar. Endlich erreicht, unter der kapitalistischen Produktionsweise, die Produktion eine solche Höhe daß die Gesellschhft die produzirten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel nicht mehr verzehren kann, weil der großen Masse der Produzenten der Zugang zu diesen Mitteln künstlich und ge- 15 waltsam versperrt wird; daß also alle 10 Jahre eine Krisis das Gleichgewicht wieder herstellt durch Vernichtung nicht allein der producirten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel, sondern auch eines großen Theils der Produktivkräfte selbst — daß der s. g. Kampf ums Dasein also die Form annimmt: die von der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft produzirten 20 Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtenden, zerstörenden Wirkungen dieser kapitalistischen Gesellschafts-Ordnung selbst zu schützen, indem die Leitung der Gesellschaftlichen Produktion und Vertheilung der dazu unfähig gewordenen herrschenden Kapitalisten-Klasse abgenommen und der produzirenden Masse übertragen wird — und das ist die so- 25 zialistische Revolution.
Schon die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassenkämpfen viel inhaltvoller und tiefer als die bloße Reduction auf schwach verschiedne Phasen des Kampfs ums Dasein.
[85]	30
Arbeit. — Diese Kategorie wird bei der mechanischen Wärmetheorie aus der Oekonomie in die Physik übertragen (denn physiologisch ist sie noch lange nicht wissenschaftlich determinirt) aber dabei ganz anders bestimmt, was schon daraus hervorgeht daß nur ein ganz geringer untergeordneter Theil der ökonomischen Arbeit (Lastheben etc.) sich in Kilogramm-Meter ausdrücken 35 läßt. Trotzdem Neigung die thermodynamische Bestimmung von Arbeit auf die Wissenschaften denen sie die Kategorie, unter andrer Determinirung, entlehnt, rückzuübertragen. Z.B. sie ohne Weiteres brutto mit der physiologischen Arbeit zu identificiren, wie in Fick und Wislicenus Faulhorn-Experiment, worin die Hebung eines menschlichen Körpers, disons 40
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60 Kilogramm auf die Höhe von disons 2000 Meter, also 120000Kilogramm-Meter, die gethane physiologische Arbeit ausdrücken soll. Es macht aber in der gethanen physiologischen Arbeit einen enormen Unterschied wie diese Hebung erfolgt: ob durch positives Heben der Last, durch Erklimmung senkrechter Leitern, oder auf einem Weg resp. Treppe mit 45° Steigerung (= militärisch impraktikables Terrain) oder auf einem Weg mit Steigerung 718, also Länge ca. 36 Kilo-Meter. (Dies jedoch fraglich wenn für alle Fälle dieselbe Zeit bewilligt) Jedenfalls aber ist in allen praktikablen Fällen auch Vorwärtsbewegung damit verknüpft und zwar bei Gradstreckung des Wegs eine ziemlich bedeutende, und diese ist als physiologische Arbeit nicht = 0 zu setzen. Man scheint stellenweise sogar nicht übel Lust zu haben die thermodynamische Kategorie Arbeit wie bei den Darwinisten den Kampf ums Dasein auch in die Oekonomie rück zu importiren wobei nichts als Unsinn herauskommen würde. Man verwandle doch irgend welche skilled labour in Kilogramm-Meter und versuche danach den Arbeitslohn zu bestimmen! Physiologisch betrachtet enthält der menschliche Körper Organe die in ihrer Gesammtheit, nach einer Seite hin, als thermodynamische Maschine betrachtet werden können, wo Wärme zugesetzt und in Bewegung umgesetzt wird. Aber selbst wenn für die übrigen Körperorgane gleichbleibende Umstände vorausgesetzt werden, fragt sich ob gethane physiologische Arbeit, selbst Hebung, sich ohne Weiteres in Kilogramm-Metern erschöpfend ausdrücken läßt, da gleichzeitig im Körper inneres Werk vorgeht das im Resultat nicht erscheint. Der Körper ist eben keine Dampfmaschine die nur Reibung und Verschleiß erleidet. Physiologische Arbeit ist nur möglich unter fortwährenden chemischen Umsätzen im Körper selbst, auch abhängig von dem Athmungsprozeß und der Arbeit des Herzens. Bei jeder Muskelkontraktion und Relaxation finden in Nerven und Muskeln chemische Umsätze statt, die mit denen der Kohle der Dampfmaschine nicht parallel zu behandeln sind. Man kann wohl 2 physiologische Arbeiten die unter sonst gleichen Umständen stattgefunden vergleichen aber nicht die physiologische Arbeit des Menschen nach der einer Dampfmaschine etc. messen: ihre äußerlichen Resultate wohl, aber nicht die Prozesse selbst ohne bedeutenden Vorbehalt. (Alles dies stark zu revidiren.)
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[99]
[Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen]
Die Knechtung des Arbeiters.
Von Friedrich Engels.	5
Einleitung.
Die Arbeit ist die Quelle alles Reichthums, sagen die politischen Oekonomen. Sie ist dies — neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichthum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen 10 Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: sie hat den Menschen selbst geschaffen.
Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, die die Geologen die tertiäre nennen, vermuthlich gegen deren Ende, lebte irgendwo in der heißen Erd- 15 zone — wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf den Grund des indischen Oceans versunkenen Festlande — ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung. Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unsrer Vorfahren gegeben. Sie waren über und über behaart, hatten Bärte und spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen.	20
Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt gethan für den Übergang vom Affen zum Menschen.	25
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Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.
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Alle noch jetzt lebenden menschenähnlichen Affen können aufrecht stehn und sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur zur Noth und höchst unbehülflich. Ihr natürlicher Gang geschieht in halbaufgerichteter Stellung und schließt den Gebrauch der Hände ein. Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Boden und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den langen Armen durch, wie ein Lahmer der auf Krücken geht. Überhaupt können wir bei den Affen alle Übergangsstufen vom Gehn auf allen Vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr als ein Noth-behelf geworden.
Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Nothwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Thätigkeiten zufielen. Auch bei den Affen herrscht schon eine gewisse Theilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie schon erwähnt, beim Klettern in andrer Weise gebraucht als der Fuß. Sie dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der Nahrung, wie dies schon bei niederen Säuge-thieren mit den Vorderpfoten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäumen oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum Schutz gegen die Witterung. Mit ihr ergreifen sie Knüttel zur Vertheidigung gegen Feinde oder bombardiren diese mit Früchten und Steinen. Mit ihr vollziehen sie in der Gefangenschaft eine Anzahl einfacher, den Menschen abgesehener Verrichtungen. Aber grade hier zeigt sich wie groß der Abstand ist zwischen der unentwickelten Hand selbst der menschenähnlichsten Affen und der durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Menschenhand. Die Zahl und allgemeine Anordnung der Knochen und Muskel stimmen bei Beiden; aber die Hand des niedrigsten Wilden kann Hunderte von Verrichtungen ausführen die keine Affenhand ihr nachmacht. Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser verfertigt.
Die Verrichtungen, denen unsre Vorfahren im Übergang vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählig ihre Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen sein. Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein Rückfall in einen mehr thierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehn immer noch weit höher als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war gethan: die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.
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So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets ver- 5 wickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Rafaelsche Gemälde, Thorwaldsen-sche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubem konnte.
Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied eines ganzen, höchst zusammengesetzten Organismus. Und was der Hand zu Gute 10 kam, kam auch dem ganzen Körper zu Gute, in dessen Dienst sie arbeitete — und zwar in doppelter Weise.
Zuerst in Folge des Gesetzes der Correlation des Wachsthums, wie Darwin es genannt hat. Nach diesem Gesetz sind bestimmte Formen einzelner Theile eines organischen Wesens stets an gewisse Formen anderer 15 Theile geknüpft, die scheinbar gar keinen Zusammenhang mit jenen haben. So haben alle Thiere welche rothe Blutzellen ohne Zellenkern besitzen und deren Hinterkopf mit dem ersten Rückgratswirbel durch zwei Gelenkstellen (Condylen) verbunden ist, ohne Ausnahme auch Milchdrüsen zum Säugen der Jungen. So sind bei Säugethieren gespaltene Klauen regelmäßig mit dem 20 mehrfachen Magen zum Wiederkäuen verbunden. Änderungen bestimmter Formen ziehn Änderungen der Form andrer Körpertheile nach sich, ohne daß wir den Zusammenhang erklären können. Ganz weiße Katzen mit blauen Augen sind immer, oder beinahe immer, taub. Die allmählige Verfeinerung der Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Ausbildung des Fußes 25 für den aufrechten Gang, hat unzweifelhaft auch durch solche Correlation auf andre Theile des Organismus rückgewirkt. Doch ist diese Einwirkung noch viel zu wenig untersucht als daß wir hier mehr thun könnten als sie allgemein konstatiren.
Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwick- 30 lung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Thiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt 35 den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit nothwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher an einander zu schließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der 40 Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden Einzelnen klärte. Kurz, die
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werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfniß schuf sich sein Organ: der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählig einen artikulirten Buchstaben nach dem andern aussprechen.
Daß diese Erklärung der Entstehung der Sprache aus und mit der Arbeit die einzig richtige ist, beweist der Vergleich mit den Thieren. Das Wenige was diese, selbst die höchstentwickelten, einander mitzutheilen haben, können sie einander auch ohne artikulirte Sprache mittheilen. Im Naturzustand fühlt kein Thier es als einen Mangel, nicht sprechen oder menschliche Sprache nicht verstehn zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist. Der Hund und das Pferd haben im Umgang mit Menschen ein so gutes Ohr für artikulirte Sprache erhalten, daß sie jede Sprache leicht soweit verstehn lernen wie ihr Vorstellungskreis reicht. Sie haben sich ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhänglichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher fremd waren; und wer viel mit solchen Thieren umgegangen ist, wird sich kaum der Überzeugung verschließen können, daß es Fälle genug gibt, wo sie jetzt die Unfähigkeit zu sprechen als einen Mangel empfinden, dem allerdings bei ihren allzusehr in bestimmter Richtung specialisirten Stimmorganen leider nicht mehr abzuhelfen ist. Wo aber das Organ vorhanden ist, da fällt auch diese Unfähigkeit innerhalb gewisser Gränzen weg. Die Mundorgane der Vögel sind sicher so verschieden wie nur möglich von denen des Menschen, und doch sind Vögel die einzigen Thiere die sprechen lernen; und der Vogel mit der abscheulichsten Stimme, der Papagei, spricht am besten. Man sage nicht, er verstehe nicht, was er spricht. Allerdings wird er aus reinem Vergnügen am Sprechen und an der Gesellschaft von Menschen stundenlang seinen ganzen Wortreichthum plappernd wiederholen. Aber soweit sein Vorstellungskreis reicht, soweit kann er auch verstehen lernen was er sagt. Man lehre einem Papagei Schimpfwörter, so daß er eine Vorstellung von ihrer Bedeutung bekommt (ein Hauptvergnügen aus heißen Ländern zurück segelnder Matrosen); man reize ihn, und man wird bald finden, daß er seine Schimpfwörter ebenso richtig zu verwerthen weiß, wie eine Berliner Gemüsehökerin. Ebenso beim Betteln um Leckereien.
Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache — das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählig übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmähligen Ausbildung nothwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung
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des Gehirns überhaupt von der der sämmtlichen Sinne. Der Adler sieht viel weiter als der Mensch, aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers. Der Hund hat eine weit feinere Spürnase als der Mensch, aber er unterscheidet nicht den hundertsten Theil der Gerüche, die für diesen bestimmte Merkmale verschiedner Dinge sind. Und der Tastsinn, 5 der beim Affen kaum in seinen rohsten Anfängen existirt, ist erst mit der Menschenhand selbst, durch die Arbeit, herausgebildet worden. — Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab Beiden immer neuen Anstoß zur 10 Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im Ganzen und Großen gewaltig vorangegangen ist; 15 einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element — die Gesellschaft.
Hunderttausende von Jahren — in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenlebenx) — sind sicher vergangen ehe aus dem Ru- 20 del baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. Das Affenrudel begnügte sich damit, seinen Futterbezirk abzuweiden, der ihm durch die geographische Lage oder durch den Widerstand 25 benachbarter Rudel zugetheilt war; es unternahm Wanderungen und Kämpfe, um neues Futtergebiet zu gewinnen, aber es war unfähig, aus dem Futterbezirk mehr herauszuschlagen als er von Natur bot, außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle möglichen Futterbezirke besetzt waren, konnte keine Vermehrung der Affenbevölkerung mehr statt- 30 finden; die Zahl der Thiere konnte sich höchstens gleichbleiben. Aber bei allen Thieren findet Nahrungsverschwendung in hohem Grade statt, und daneben Ertödtung des Nahrungs-Nachwuchses im Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeis, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll; die Ziegen in Griechenland, die das junge Gestrüpp abweiden 35 eh’ es heranwächst, haben alle Berge des Landes kahl gefressen. Dieser „Raubbau“ der Thiere spielt bei der allmähligen Umwandlung der Arten eine wichtige Rolle, indem er sie zwingt, andrer als der gewohnten Nahrung sich
x) (Anmerkung) Eine Autorität ersten Rangs in dieser Beziehung, Sir W. Thomson, hat berechnet daß nicht viel mehr als hundert Millionen Jahre verflossen sein können seit der Zeit, wo die 40 Erde soweit abgekühlt war, daß Pflanzen und Thiere auf ihr leben konnten.
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anzubequemen, wodurch ihr Blut andre chemische Zusammensetzung bekommt, und die ganze Körperkonstitution allmählig eine andre wird, während die einmal fixirten Arten absterben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Raubbau mächtig zur Menschwerdung unsrer Vorfahren beigetragen hat. Bei einer Affenrace, die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus war, mußte er dahin führen, daß die Zahl der Nahrungspflanzen sich mehr und mehr ausdehnte, daß von den Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Theile zur Verzehrung kamen, kurz daß die Nahrung immer mannichfacher wurde und mit ihr die in den Körper eingehenden Stoffe, die chemischen Bedingungen der Menschwerdung. Das alles war aber noch keine eigentliche Arbeit. Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. Und was sind die ältesten Werkzeuge die wir vorfinden? Die ältesten nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der rohesten jetzigen Wilden zu urtheilen? Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber setzen den Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des Fleisches voraus, und hier haben wir wieder einen wesentlichen Schritt zur Menschwerdung. Die Fleischkost enthielt in fast fertigem Zustand die wesentlichsten Stoffe, deren der Körper zu seinem Stoffwechsel bedarf; sie kürzte mit der Verdauung die Zeitdauer der übrigen vegetativen, dem Pflanzenleben entsprechenden Vorgänge im Körper ab und gewann damit mehr Zeit, mehr Stoff und mehr Lust für die Bethätigung des eigentlich thierischen (animalischen) Lebens. Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Thier. Wie die Gewöhnung an Pflanzennahrung neben dem Fleisch die wilden Katzen und Hunde zu Dienern des Menschen gemacht, so hat die Angewöhnung an die Fleischnahrung neben der Pflanzenkost wesentlich dazu beigetragen, dem werdenden Menschen Körperkraft und Selbstständigkeit zu geben. Am wesentlichsten aber war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu seiner Ernährung und Entwicklung nöthigen Stoffe weit reichlicher zuflos-sen als vorher, und das sich daher von Geschlecht zu Geschlecht rascher und vollkommener ausbilden konnte. Mit Verlaub der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zu Stande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns bekannten Völkern zu irgend einer Zeit einmal zur Menschenfresserei geführt hat (die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert), so kann uns das heute nichts mehr ausmachen. —
Die Fleischkost führte zu zwei neuen Fortschritten von entscheidender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung von Thieren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab, indem sie die
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Kost schon sozusagen halbverdaut an den Mund brachte; die zweite machte die Fleischkost reichlicher indem sie neben der Jagd eine neue, regelmäßigere Bezugsquelle dafür eröffnete, und lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein neues, dem Fleisch an Stoffmischung mindestens gleich-werthiges Nahrungsmittel. So wurden Beide schon direkt neue Emancipa- 5 tionsmittel für den Menschen; auf ihre indirekten Wirkungen im Einzelnen einzugehn, würde uns hier zu weit führen, von so hoher Wichtigkeit sie auch für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gewesen sind.
Wie der Mensch alles Eßbare essen lernte, so lernte er auch in jedem Klima leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare Erde, er, das einzige 10 Thier, das in sich selbst die Machtvollkommenheit dazu besaß. Die andren Thiere, die sich an alle Klimate gewöhnt haben, haben dies nicht aus sich selbst, nur im Gefolge des Menschen, gelernt: Hausthiere und Ungeziefer. Und der Übergang aus dem gleichmäßig heißen Klima der Urheimath in kältere Gegenden, wo das Jahr sich in Winter und Sommer theilte, schuf neue 15 Bedürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe, neue Arbeitsgebiete und damit neue Bethätigungen, die den Menschen immer weiter vom Thier entfernten.
Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Sinnes-Gehirn nicht allein bei jedem Einzelnen, sondern auch in der Organe 20 Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer verwik-keltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommnere, vielseitigere.
Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen	25
und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schiffahrt.
Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten sich, und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die	30
Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten, und die die menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar umsomehr als der die Arbeit planende Kopf schon auf	35
einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B.
schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Thätigkeit des Gehirns wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden Civilisation zugeschrieben; die	40
Menschen gewöhnten sich daran, ihr Thun aus ihrem Denken
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zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopfe sich wiederspiegeln, zum Bewußtsein kommen) — und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe beherrscht hat. Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischen Naturforscher der darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können weil sie unter jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat.
Die Thiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Thätigkeit die äußere Natur ebensogut wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs Andre und umgekehrt, und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und Wechselwirkung, das unsre Naturforscher verhindert in den einfachsten Dingen klar zu sehn. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten Anseglern ans Land gesetzten Ziegen und Schweine es fertig gebracht die alte Vegetation der Insel fast ganz auszurotten und so den Boden bereitet, auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen sich ausbreiten konnten. Aber wenn die Thiere eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies unabsichtlich, und ist, für diese Thiere selbst, etwas Zufälliges. Je mehr die Menschen sich aber vom Thier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an. Das Thier vernichtet die Vegetation eines Landstrichs ohne zu wissen was es thut. Der Mensch vernichtet sie, um in den f reigewordnen Boden Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er versetzt Nutzpflanzen und Hausthiere von einem Land ins andre, und ändert so die Vegetation und das Thierleben ganzer Welttheile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie Thiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert, daß sie nicht wieder zu erkennen sind. Die wilden Pflanzen, von denen unsre Getreidearten abstammen, werden noch vergebens gesucht. Von welchem wilden Thier unsre Hunde, die selbst unter sich so verschieden sind, oder unsre eben so zahlreichen Pferderacen abstammen, ist noch immer streitig.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Thieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegentheil. Planmäßige Handlungsweise existirt im Keim schon überall, wo
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Protoplasma, lebendiges Eiweiß existirt und reagirt, d. h. bestimmte, wenn auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter Reize von Außen vollzieht. Solche Reaktion findet Statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, 5 obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Thieren entwickelt sich die Fähigkeit bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältniß zur Entwicklung des Nervensystems, und erreicht bei den Säugethieren eine schon hohe Stufe. Auf der englischen Fuchsparforcejagd kann man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine große Ortskenntniß zu verwenden weiß um seinen Verfolgern 10 zu entgehn, und wie gut er alle Bodenvortheile kennt und benutzt die die Fährte unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher entwik-kelten Hausthieren kann man tagtäglich Streiche der Schlauheit beobachten die mit denen menschlicher Kinder ganz auf derselben Stufe stehn. Denn wie die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Keims im Mutterleibe nur 15 eine abgekürzte Wiederholung der millionenjährigen körperlichen Entwicklungsgeschichte unsrer thierischen Vorfahren, vom Wurm angefangen, darstellt, so die geistige Entwicklung des menschlichen Kindes eine, nur noch mehr abgekürzte, Wiederholung der intellektuellen Entwicklung derselben Vorfahren, wenigstens der späteren. Aber alle planmäßige Aktion aller 20 Thiere hat es nicht fertig gebracht, der Erde den Stempel ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.
Kurz, das Thier benutzt die äußere Natur bloß, und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zu Stande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken Vered- 25 dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche lung Unterschied des Menschen von den übrigen Thieren, und es ist wieder die Arbeit die diesen Unterschied bewirkt.
Schmeicheln wir uns indeß nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in 30 erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder auf heben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung 35 jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungs-centren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiäner der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch 40 ihren Bergquellen für den größten Theil des Jahrs das Wasser entzogen,
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damit diese zur Regenzeit um so wüthendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrophelkrankheit verbreiteten. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie Jemand, der außer der Natur steht — sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.
Und in der That lernen wir mit jedem Tage ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Alterthums in Europa aufgekommen und im Christenthum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.
Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten die entfernteren natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in Bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen. Wir erwähnten die Kartoffel und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skropheln. Aber was sind die Skropheln gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnoth, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit Irland betraf, eine Million kartoffel-und fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf? Als die Araber den Alkohol destilliren lernten, ließen sie sich nicht im Traume einfallen, daß sie damit eins der Hauptwerkzeuge geschaffen, womit die Ureinwohner des damals noch gar nicht entdeckten Amerikas aus der Welt geschafft werden sollten. Und als dann Columbus dies Amerika entdeckte, wußte er nicht, daß er damit die in Europa längst überwundne Sklaverei zu neuem Leben erweckte und die Grundlage zum Negerhandel legte. Die Männer, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten das mehr als jedes andre die Gesellschafts
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zustande der ganzen Welt revolutioniren und namentlich in Europa durch Konzentrirung des Reichthums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit 5 dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze endigen kann. — Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählig, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Thätigkeit Klarheit zu ver- 10 schaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.
Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntniß. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesammten gesellschaftlichen 15 Ordnung.
Alle bisherigen Produktionsweisen sind nur auf Erzielung des nächsten, unmittelbarsten Nutzeffekts der Arbeit ausgegangen. Die weiteren erst in späterer Zeit eintretenden, durch allmählige Wiederholung und Anhäufung wirksam werdenden Folgen blieben gänzlich vernachlässigt. Das ursprüng- 20 liehe gemeinsame Eigenthum am Boden entsprach einerseits einem Entwicklungszustand der Menschen, der ihren Gesichtskreis überhaupt auf das Allernächste beschränkte, und setzte andrerseits einen gewissen Überfluß an verfügbarem Boden voraus, der gegenüber den etwaigen schlimmen Folgen dieser waldursprünglichen Wirtschaft einen gewissen Spielraum ließ. 25 Wurde dieser Überschuß von Land erschöpft, so verfiel auch das Ge-meineigenthum. Alle höheren Formen der Produktion aber sind zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum Gegensatz von herrschenden und unterdrückten Klassen vor angegangen; damit aber wurde das Interesse der herrschenden Klasse das treibende Element der Pro- 30 duktion, soweit diese sich nicht auf den nothdürftigsten Lebensunterhalt der Unterdrückten beschränkte. Am vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen 35 kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt — soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder Ausgetauschten Artikels handelt — tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder.
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Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Oekonomie, beschäftigte sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produziren und austauschen, können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizirte oder eingekaufte Waare nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Waare und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Cuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffebäume vorfanden — was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur, wie der Gesellschaft, kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Harmonie von Nachfrage und Angebot in deren polaren Gegensatz umschlägt, wie der Verlauf jedes zehnjährigen industriellen Cyklus ihn vorführt und wie auch Deutschland im „Krach“ ein kleines Vorspiel davon erlebt hat; daß das auf eigne Arbeit gegründete Privateigenthum sich mit Nothwendigkeit fortentwickelt zur Eigenthumslosigkeit der Arbeiter, während aller Besitz sich mehr und mehr in den Händen von Nichtarbeitem konzentrirt; daß
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[Titel der Umschläge. Inhaltsverzeichnisse]
[194]
Dialektik und Naturwissenschaft
[195]
Naturforschung und Dialektik	5
1) Noten, a. Über die Urbilder des Mathematischen] Unendlichen in der wirklichen Welt.
b. Über die „mechanische“ Naturauffassung.
c. Über Nägeli’s Unfähigkeit das Unendliche zu erkennen.
2) Alte Vorrede zu Dühring. Über Dialektik.	10
4) Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.
5) Ausgelassenes aus „Feuerbach“.
[196]
Dialektik der Natur.
1)	Grundformen der Bewegung	15
2)	die beiden Maße der Bewegung
3)	Elektricität und Magnetismus
4)	Naturforschung und Geisterwelt
5)	Alte Einleitung
6)	Fluthreibung	20
[197]
Math[ematik] und Naturwissenschaft]. Diversa
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Text [194] auf Umschlag Nr. 31
/Illw

Text [195] auf Umschlag Nr. 30
Text [196] auf Umschlag Nr. 32
Text [197] auf Umschlag Nr. 28
(MEGA)
Band 1/26
Siglen und diakritische Zeichen
H Eigenhändige Niederschrift
I Linke Spalte
r Rechte Spalte
[ ] Redaktionelle Ergänzung
( ) Eckige Klammern in der Textgrundlage
| Beginn einer unpaginierten Seite der Textgrundlage
|1| Beginn einer paginierten Seite der Textgrundlage
|[2]| Beginn einer redaktionell paginierten Seite der Textgrundlage
| Ende einer Seite der Textgrundlage
/ Kennzeichnung des Seitenwechsels im Edierten Text, wenn dieser Wechsel nicht mit Beginn oder Ende einer Handschriftenseite zusammenfällt
< > Textreduzierung (Tilgung)
|: :| Textergänzung (Einfügung, Zusatz)
> Textersetzung, Textumstellung (verändert in, wurde zu)
z Abbrechung
xxxx Unlesbare Buchstaben
] Abgrenzung der Wiederholung aus dem Edierten Text (Lemmazeichen)
(Verzeichnis der Abkürzungen siehe S. 565/566)