/
Text
DIE RUTI1ENEN
ONO
IHRE QEQNER IN
‘ ‘ ‘ QflLIZIEN < ‘ *
von
JULIAN ROMANCZUK
Mitglied des Abgeordnetenhauses *
= WIEN 1302 =====
C. W STEHN fBuchh. U- Hosner Verlag).
Der k. k. Hofrat und Universitätsprofessor in Krakau
Dr. Stanislaus Smolka, Mitglied des Herrenhauses, hat
vor einigen Wochen eine Broschüre herausgegeben unter
dem Titel: „Die Ruthenen und ihre Gönner in Berlin.“
Anlass dazu gah ihm eine Rede, welche der Geheime
Regierungsrat Dr. Sattler am 10. Dezember 1901 im
Deutschen Reichstage während der Debatte über die
Wreschener Vorgänge gehalten hatte. In jener Rede wurde
nämlich auch die Lage der Ruthenen in Galizien ziemlich
ausführlich besprochen, und zwar, nach den Worten
Dr. Smolkas, „zu dem Zwecke, um den Polen vor-
zuwerfen, dass sie sich über die Verhältnisse in Posen
beklagen, während sie selbst eine andere Nationalität be-
drücken, wenn sie nur über die dazu erforderlichen Macht-
mittel verfügen“.
Dr. Smolka sucht nun in seiner Broschüre nach-
zuweisen, dass die Behauptungen des Dr. Sattler „crasse
Unwahrheiten“ seien, dass vielmehr die nationalen Rechte
der Ruthenen „in ausgiebiger Weise gewahrt worden“,
speziell dass die Ruthenen „auf dem Gebiete des Volks-
schulwesens das am meisten bevorzugte Element bilden“,
dass deren Interessen im Mittelschulwesen sich eines beson-
deren „Entgegenkommens des galizischen Landesschulrates
erfreuen“, und dass auch in Bezug auf die Amtssprache
„den nationalen Interessen der Bevölkerung beider Nationali-
täten des galizischen Landes vollkommen Rechnung getragen
werde“. Zur Begründung diesei’ Behauptungen, werden von
Dr. Smolka auch einige statistische Daten angeführt.
Noch vor der Herausgabe dieser Broschüre hatte der
Obmann des Polenklubs im österreichischen Abgeordneten-
hause, Exzellenz von Jaworski, an den Obmann des Polen-
klubs im Deutschen Reichstage, Fürsten Radziwill, ein
Informationsschreiben gerichtet, in welchem er die Verhält-
nisse der Ruthenen in Galizien, namentlich die Schulver-
hältnisse, in einer ähnlichen Weise, wie später Dr. Smo lka,
2
darstellte. Ich hätte wohl schon auf dieses Schreiben, nach-
dem es in polnischen Zeitungsblättern veröffentlicht worden
war, eigentlich reagieren sollen, habe es aber nicht getan
und glaube damit die grösstmögliche Zurückhaltung bewiesen
zu haben. Nun aber ein zweites Mitglied des Reichsrates,
und dazu noch ein gelehrter Historiker, die ruthenischen
Verhältnisse bespricht, und zwar nicht mehr in einem
privaten Schreiben, sondern in einer für die gesamte
Oeffentlichkeit bestimmten Broschüre, kann ich nicht länger
schweigen, weil ja die Ruth en en einer über ihre Angelegen-
heiten vor der öffentlichen Meinung geführten Verhandlung
sich nicht entziehen dürfen.
Ich werde somit die ruthenischen Verhältnisse in
Galizien in ihrem wahren Lichte zeigen, und mich dabei
auch gegenüber Gegnern einer möglichsten Objectivität
befleissigen. Ich bin ein Feind jeder Übertreibung und
glaube auch, dass einer guten Sache mit Aufrichtigkeit und
Wahrheit am besten gedient wird. Der Streit zwischen
Dr. Sattler und Dr. Smolka geht mich übrigens nicht
an, und ich werde mich in denselben auch nicht einmischen.
1. Galizien. Polen und Ruthenen.
Bevor ich auf die eigentliche Sache eingehe, muss
ich zum besseren Verständnis für auswärtige Leser einige
Worte über das galizische Land sowie über die. beiden
Hauptvölker desselben, die Polen und Ruthenen, voraus-
schicken.
Galizien ist das grösste unter den 17 Kronländern
Österreichs und auch eines der grössten Länder von Europa.
Es umfasst 78.500 km2 und hat, nach der letzten Volks-
zählung vom 31. Dezember 1900, eine Bevölkerung von
7,316.000 Seelen.*) Es ist also l1/2mal so gross als das
nächstgrösste Kronland Böhmen, und hat eine um rund
1,000.000 grössere Bevölkerung. In Bezug auf die Ein-
wohnerzahl wird es in Europa nur von den sechs. Gross-
staaten und von Spanien übertroffen; unter den übrigen
Ländern hat nur Schweden zusammen mit Norwegen eine
nahezu gleich grosse, alle anderen Staaten, die europäische
Türkei, Belgien, Rumänien, Holland, Portugal u, s. w.,
haben eine bedeutend kleinere Bevölkerung.
*) Genauer 78.496 km2 und 7,315.817 Seelen, ich werde
aber überall nur runde Zahlen angeben.
3
Galizien wird von Polen, Ruthenen, Juden und
Deutschen bewohnt. Die Zahl der Polen beträgt etwa
3,340.000, der Ruthenen 3,090.000, der Juden 811.000, der
Deutschen 60.000. Mit« wenigen Ausnahmen sind die Polen
römisch-katholischen Glaubens, die Ruthenen griechisch-
uniert, die Deutschen evangelisch (48.000) und katholisch
(etwa 12.000?).*)
*) Die genauen Zahlen der einzelnen Nationalitäten
des Landes sind nicht leicht zu ermitteln. In den Tabellen
der Volkszählung fehlt die Rubrik „Nationalität“, es kommen
nur die Rubriken „Umgangssprache“ und „Religion“ vor.
Nach der Umgangssprache gab es im Jahre 1880: 3,058.000
Polen, 2,550.000 Ruthenen, 324.000 Deutsche; im Jahre
1890: 3,519.000Polen, 2,826.000Ruthenen, 227.000 Deutsche;
im Jahre 1900 (s. Twardowski, Statistische Daten über
Österreich, Wien 1902): 3,990.000 Polen, 3,042.000 Ruthenen,
211.000 Deutsche. Nach der Religion waren im Jahre .1880:
2,707.000 römisch-katholisch, 2,518.000 griechisch-uniert,
686.000 mosaisch, 40,000 evangelisch; im Jahre 1890:
3,000.000 röm.-kath., 2,791.000 griech.-uniert, 769.000 mos.,
43.000 evang.; im Jahre 1900: 3,350.000 röm.-kath., 3,090.000
griech.-uniert, 811.000 mos., 48.000 evangelisch. Unter den
3,990.000 Einwohnern, bei denen in der letzten Volkszählung
die polnische Sprache als ihre Umgangssprache verzeichnet
ist, müssen sich wenigstens 650.000 Juden befinden, welche
nur aus Opportunitätsgründen sich zur polnischen Sprache
einbekannt haben, in der Tat aber, mit sehr wenigen Aus-
nahmen, sich bekanntlich nicht der polnischen Sprache,
sondern ihres Jargons bedienen und viel eher den Deutschen
zugezählt werden könnten, als welche sich auch die übrigen
Juden eingetragen haben. Viel näher der Wahrheit kommt
man, wenn man die Religion als Grundlage der Nationalität
annimmt. Allerdings rechnen sich einige den intelligenten
Ständen angehörende Familien griechisch-unierter Religion
zu den Polen, und manche griechisch-unierte Bauern in den
Grenzbezirken Ost- und Westgaliziens sprechen nur polnisch;
aber dafür gibt es noch beiweitem mehr Bauern und Klein-
städter römisch-katholischer Religion, namentlich in den
südöstlichen Teilen des Landes, welche die polnische Sprache
gar nicht verstehen und denen deshalb ihre polnischen
Geistlichen ruthenisch predigen müssen. Uebrigens wird die
Volkszählung vielfach mit der Tendenz durchgeführt, die
4
Das Land zerfällt, historisch und national, in zwei
Teile: ein beinahe rein polnisches Westgalizien und ein
ruthenisches Ostgalizien. Jenes bildete seit jeher einen Teil
des polnischen Reiches, dieses staijd unter ruthenischen
Fürsten und Königen, bis es im Jahre 1340 vorübergehend
und im Jahre 1386 dauernd von Polen annektiert wurde.
Nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 wurde das
ganze Land, aber jeder der beiden Teile auf Grund anderer
Ansprüche, Österreich einverleibt. In Bezug auf die poli-
tische und die Schulverwaltung bildet es jetzt eine Einheit
(eine Zeitlang bestand für Westgalizien eine besondere
Statthalterei in Krakau, in Ostgalizien für Lemberg); be-
züglich der Justizverwaltung zerfällt es in zwei Oberlandes-
gerichtssprengel.
In Westgalizien leben etwa 36’3%, in Ostgalizien 63'7%
der gesamten Bevölkerung. Nach der Nationalität wohnen
etwa: in Westgalizien 87’5% Polen, 4% Ruthenen, 0'5%
Deutsche, 8% Juden; in Ostgalizien 64% Ruthenen, 21’8%
Polen, 1% Deutsche, 13’2% Juden. Die Juden wohnen am
meisten in Städten; in Dörfern leben sie als Schankwirte,
Handelsleute und in neuerer Zeit auch als Gutspächter und
Grossgrundbesitzer. Die Deutschen leben sowohl auf dem
Lande als Bauern in besonderen Kolonien, • wie auch in
Städten; von letzteren haben sich viele, namentlich die
Katholiken, polonisiert. In Ostgalizien leben die Polen auf
dem Lande als Grossgrundbesitzer und auch, ebenso wie die
Deutschen, als angesiedelte Bauern; die in Städten wohnenden
Zahl der polnisch sprechenden Bevölkerung grösser erscheinen
zu lassen. Zu diesem Zwecke wurde, namentlich im Jahre
1900, die Vornahme der Volkszählung auch in rein ruthe-
nischen Gemeinden Polen oder solchen Ruthenen anvertraut,
welche sich bei den eben vorausgegangenen Reichsrats-
wahlen als Agitatoren oder fügsame Diener der polnischen
Regierungspartei bewährt hatten; in den hohen, den Ge-
meinden auferlegten Kosten fanden sie auch eine Entlohnung
für ihre früheren Dienste. Unter- solchen Umständen wurde
zustande gebracht, dass die Zahl der ruthenisch sprechen-
den Bevölkerung, welche im Jahre 1880 um 32.000 und im
Jahre 1890 um 35.000 Seelen grösser war als die Zahl der
griechisch-unierten, sich jetzt um 48.000 kleiner ergeben hat,
während polnische Blätter fortwährend über Ruthenisierung
polnischer römisch-katholischer Bauern klagen!
5
Polen sind grossenteils polonisierte Ruthenen. In den ost-
galizischen Städten dürften etwa wohnen: 44% Juden,
31% Polen, 24% Ruthenen und 1% Deutsche.
Die galizischen Ruthenen bilden einen Teil des grossen
ruthenischen (kleinrussischen) Volkes, welches nach den
Russen (Grossrussen) der zahlreichste slavische Volksstamm
ist und in Osterreich-Ungarn nahezu 4 Millionen, in Süd-
westrussland weit über 20 Millionen peelen zählt. Durch die
Einfälle der Mongolen geschwächt, geriet das in viele souveräne
Fürstentümer zersplitterte ruthenische Land im Laufe des
14. Jahrhunderts unter die Herrschaft von Polen (und
Lithauen). Die Ruthenen verloren nach und nach ihren Adel,
welcher den römisch-katholischen Glauben und damit auch
die polnische Nationalität annahm; das übrige Volk, seiner
oberen Schichten beraubt, -wurde Jahrhunderte lang in einem
Zustande religiöser und nationaler Erniedrigung und sozialer
Knechtschaft gehalten.
Die österreichische Verwaltung hat sich namentlich in
den ersten Jahrzehnten durch die Gleichstellung der
Ruthenen mit den Polen inbetreff der staatsbürgerlichen
Rechte, durch die Sorge um die Ausbildung des ruthenischen
Klerus und Bildung des ruthenischen Volkes, durch die
Aufhebung der Leibeigenschaft, durch die Einführung der
ruthenischen Sprache als Unterrichtsprache in den Volks-
schulen vielen Dank von Seiten der Ruthenen verdient. Später
wurden die Ruthenen als Gegengewicht gegen die Polen
gebraucht, da letztere die Wiederherstellung des polnischen
Reiches und somit auch die Losreissung von Österreich
anstrebten. Als aber die Polen nach dem missglückten Auf-
stände gegen Russland vom Jahre 1863 eine andere Taktik
anzuwenden begannen, änderte sich auch die österreichische
Politik ihnen gegenüber. Im Jahre 1867 wurde die polnische
Sprache an die Stelle der deutschen in der Schule, im
Jahre 1869 auch im Amt und Gericht eingeführt, die ganze
Verwaltung des Landes wurde den Polen anvertraut, die
Ruthenen wurden ihnen preisgegeben. Wenn die Ruthenen
seitdem noch dann und wann eine Schule, einige ruthenische
Aufschriften, einen einigermassen wichtigeren Posten in der
Verwaltung oder ein ähnliches Zugeständnis erhielten, so
wurden diese Errungenschaften durch anderweitige legislative
und administrative Massregeln mehr als ausgeglichen, damit
es ja nicht zu einer politischen Erstarkung des ruthenischen
Volkes komme.'
6
Und in der Tat sind die Ruthenen beinahe vollkommen
machtlos. Rechtlich sind sie zwar durch die Staatsgrund-
gesetze vom 21. Dezember 1867 den Polen sowie allen
anderen Völkern des Staates gleichgestellt: sie haben gleichen
Zutritt zu allen öffentlichen Aemtern, ihre Kirche hat das
selbständige Verwaltungsrecht in allen ihren inneren An-
gelegenheiten, ihre Sprache ist gleichberechtigt in Schule,
Amt und öffentlichem Leben, sie haben das Recht Vertreter
in alle gesetzgebende und sonstige Körperschaften sich frei
zu wählen u. s.- w. Aber alles dieses gilt nur im Prinzip,
in der Theorie. Abgesehen davon, dass die allgemeinen
Grundgesetze durch verschiedene Spezialgesetze nicht
unwesentlich eingeschränkt, ja modifiziert worden sind, hängt
ja die Ausführung der Gesetze von der Verwaltung ab,
und die galizische Verwaltung liegt in den Händen einer
polnischen Partei, die nichts weniger als skrupulös sich zeigt.
Ich will indessen liier nicht die ganze galizische Ver-
waltung und die gesammten Verhältnisse der Ruthenen be-
sprechen, ich behalte mir dies eventuell für eine spätere
Zeit vor; jetzt will ich bloss mit denjenigen Gegenständen
mich befassen, welche der Herr Hofrat Smolka in seiner
Rroschüre besprochen hat.
Eine Bemerkung muss ich aber noch vorausschicken.
Die polnischen Machthaber rühmen sich häufig, dass sie den
Ruthenen in Galizien mehr gönnen, als ihnen in Preussen
von den Deutschen oder in Russisch-Polen von den Russen
zugestanden wird. Solche Vergleichungen sind durchaus
unstatthaft. Preussen und Russland sind souveräne Staaten,
in denen die Deutschen und Russen die herrschenden
Nationen sind und eine ungeheure Mehrheit gegenüber den
Polen bilden; es sind dies deutsche, beziehungsweise russische
Länder, in denen es auch keine Staatsgrundgesetze gibt,
welche die nationale und sprachliche Gleichberechtigung
verbürgen. Galizien ist aber kein souveräner Staat und kein
polnisches Land; die Polen in diesem Lande sind nur eines
der acht Völker Oesterreichs, welchem genau dieselben
Rechte zukommen, wie allen anderen Völkern, also auch
wie den ihnen übrigens an Zahl fast gleichen Ruthenen,
die zudem auf Ostgalizien grössere historische Ansprüche
haben als sie. Wehn etwa Russisch-Polen und Preussisch-
Polen mitsamt Galizien ein unabhängiges polnisches Reich
bilden würden, dann wäre eine Analogie des Verhältnisses
der galizischen Ruthenen zu den Polen mit dem Verhält-
— 7 —
nisse der jetzigen preussischen oder russischen Polen zu
Preussen oder Russland vorhanden; aber da fragt es sich
erst, wie die Polen als herrschende Nation in einem souve-
ränen Polenreiche die Ruthenen behandeln würden — weder
die Vergangenheit noch die Gegenwart bestätigt die Wahrheit
der schönen polnischen Devise: Freie mit Freien und
Gleiche mit Gleichen . , .
. Wenn eine Vergleichung gemacht werden soll, so nehme
man dazu bloss die österreichischen Verhältnisse und ver-
gleiche das Verhalten der Majoritäten in anderen Kron-
ländern gegenüber den dortigen Minoritäten mit dem Ver-
halten der polnischen Majorität gegenüber den Ruthenen
in Galizien. Und da muss sich für jedermann klar heraus-
stellen, dass die Ruthenen unter sämmtlichen acht Nationen
Österreichs am meisten benachteiligt und zurückgesetzt
sind, dass sie, Dank den Polen, die letzte Stelle im Staate
einnehmen, obwohl sie ihrer Grösse nach das vierte Volk
in Österreich sind. Man vergleiche nur die Zahl der Ab-
geordneten und die Zahl der Schulen. Ich sehe von den
zwei grössten Völkern, den 9*/4 Millionen Deutschen und
den 6 Millionen Öechen ab, und will nur die sechs übrigen
kleineren Völker in Betracht ziehen. Es haben also
die Polen.....auf 4,261.000 Seelen*) 72 Abgeordn. m 31
Ruthenen. . . » 3,343.000 » 10 » „ 5
Slovenen . . . 1,193.000 n 15 n „ 6
Italiener . . . n 727.000 18 n „ 4
» Serbo-Kroaten v 711.000 12 n , 5
Rumänen. . . n 231.000 n 5 9 » 1
Gymn. **)
»***)
*) Richtiger 3,600.000 ; ich nehme aber hier, wie auch
weiterhin, nach der offiziellen Statistik die volle Anzahl der
angeblich polnisch Sprechenden, wiewohl man von ihnen
in Galizien, wie ich oben nachgewiesen habe, wenigstens
650.000 Juden abziehen sollte.
**) Nicht eingerechnet sind die zwei polnischen
Privatgymnasien, in Bonkowice-Chyröw in Galizien und in-
Teschen in Schlesien, welche beide das Öffentlichkeits-
recht haben und von denen das letztere auch eine grössere
Subvention vom Staate bezieht, demnächst auch ganz ver-
staatlicht werden soll. Auch zwei italienische und ein
rumänisches Privatgymnasium rechne ich nicht ein.
***) Einschliesslich des unvollständigen, bis jetzt nur
4-classigen Gymnasiums in Tarnopol und des ruthenisch-
deutschen Untergymnasiums in Czernowitz in der Bukowina.
— 8 —
Es kommt also bei den
Polen ..... .Ein Abg. auf 59.000, Ein Gymn. auf 138.000 Seelen
Ruthenen. . . „ „ „ 334.000 „ „ „ 669.000 „
Sloveiien . . . . „ „ „ 79.000 „ „ „ 199.000 „
Italienern . . . „ „ „ 40.000 „ „ „ 182.000 „
Serbo-Kroaton. „ „ „ 59.000 „ „ „ 142.000 „
Rumänen. . . . „ „ „ 46.000 „ „ „ 231.000
Allerdings muss inan bezüglich der Zahl der Ab-
geordneten in Berücksichtigung nehmen, dass die Ruthenen
auch von der österreichischen Gesetzgebung noch während
der Herrschaft der Deutschen verkürzt worden sind. Jeden-
falls räumt ihnen aber die Gesetzgebung ein, sich in
Galizien 24 Abgeordnete zu wählen. Die galizische Ver-
waltung hat aber bei den letzten Reichsratswahlen diese
Zahl auf den dritten Teil reduziert, so dass ein ruthenischer
Abgeordneter auf 380.000 ruthenische Einwohner kain. In
der benachbarten Bukowina, wo die Ruthenen von der
Gesetzgebung auch benachteiligt sind, wo aber die Verwal-
tung nicht in polnischen Händen liegt, sind bei denselben
Wahlen auf 298,000 Ruthenen 2 ruthenische Abgeordnete
gewählt worden, also ein Abgeordneter auf 149.000 Seelen.
Dass die winzige Gruppe von 10 Ruthenen unter den 42o
Mitgliedern des Abgeordnetenhauses keinen auch nur
einigermassen der Zahl und den Bedürfnissen ihres Volkes
entsprechenden Einfluss haben kann, ist einleuchtend. —
Uber die Gymnasien werde ich weiter sprechen.
II. Die galizischen Wahlen und die galizische Verwaltung.
Dr. Smolka spottet über die „angeblichen blutigen
Greueltaten, welche von den Polen in Galizien und nament-
lich von Seiner Exzellenz demGrafenAdalbertDzieduszycki
während der Reichratswahlen von 1897 verübt sein sollten“.
Jene blutigen Wahlen aber sind wahrlich kein Gegenstand
des Spottes, sondern vielmehr der Scham. Hat doch selbst
ein Pole, ein polnischer Edelmann und ehemaliger lang-
jähriger Abgeordneter und Mitglied des Polenklubs, der all-
gemein hochgeachtete Eduard Ritter von G n i e w o s z,
Sectionschef i. R., dem Obmann des polnischen Zentral-
wahlkomitfjs, welches jene Wahlen leitete, dem eben er-
wähnten Grafen Adalbert D z i e d u s z y c k i die Hand nicht
reichen wollen, weil dessen Hand mit dem Blute des gali-
zischen Volkes befleckt sei! . . .
9
Dr. 8 m o 1 ka bezweifelt die Angaben desDr. Sattler
über die Zahl der bei jenen Wahlen Getödteten, Verwun-
deten und Verhafteten, und weiss nur von einem Todtschlage,
wo der Getödtete aber ein Pole war, der Vorsitzende einer
Wahlkommission, welchen ein fanatischer Haufe ruthenischer
Bauern umgebracht habe. Sonderbar! Ein Galiziauer, ein
Historiker und ein Politiker, ein Mitglied des österrei-
chischen Reichsrates, weiss so wenig von galizischen
Wahlen, welche sogar im Auslande bekannt sind und eine
traurige Berühmtheit erhalten haben. Wenn Dr. Smolka
sich damit entschuldigt, dass er die Angaben des Dr. Sattler
augenblicklich nicht prüfen könne, weil er seit längerer Zeit
im Auslande verweile, so hätte er sich um Auskunft an.
einen Gewährsmann in Galizien ebenso wenden können, wie
er dies in betreff der galizischen Schulstatistik getan zu
haben eingesteht.
Ich will auf die galizischen Reichsratswahlen vom
Jahre 1897 nicht näher eingehen; es existirt über dieselben
ein besonderes im Jahre 1898 in Wien vom Ausschüsse des
ruthenischen Landeskomites herausgegebenes Buch von
272 Seiten. Nur so viel will ich zur Berichtigung der Be-
hauptungen des Dr. Smolka anführen: 1. Jener einzige
ihm bekannte Todtschlag wurde nicht von ruthenisclnm,
sondern von polnischen Bauern, welche überhaupt
hitziger sind, als die Ruthenen, in der Ortschaft Dawidow
bei Lemberg verübt; auch von den dortigen Kandidaten war
keiner ein Ruthene, somit geht diese Sache die Ruthenen
gar nichts an und der Herr Hofrat möge dieselbe mit seinen
Volksangehörigen ausmachen. 2. Der damalige Minister-
präsident Graf Kasimir Badeni hat selbst am 7. April 1897
im Abgeordnetenhause, auf Grund eines offiziellen Berichtes
der galizischen Statthalterei, welcher übrigens sehr parteiisch
für die Polen und die Regierung abgefasst war und von
offenkundigen Unwahrheiten wimmelte, die später sogar
durch gerichtliche Erkenntnisse blossgelegt wurden, folgende
Todtschlage eingestanden: a) des Bauers Peter Stasiuk in
Czernijiw, Bezirk Stanislau (derselbe wurde am 27. Febrnar
1897 von einem Gendarmen mit einem Bajonnett rücklings
erstochen): b) des Bauers in Stojance, Bezirk Mostyska,
Thomas Mazur (derselbe wurde am 1. März von einem Gen
dannen niedergeschossen); c) der Arbeiter Samuel Lipp-
schütz und Elias Rotstein in Skole, Bezirk Stryj (diese
beiden wurden am 2. März vom Militär erschossen). Graf
10
Badeni hat ferner folgende Fälle von Verwundungen an-
geführt: 4 oder B in Czeraijiw, 2 in Stojance, 4 in Skole,
und von Verhaftungen: 24 in Czernijiw, B3 in Stojafice,
2B in Skole, BO in Balice (Bezirk Mostyska), 36 in Berezo-
wycia (Bezirk Tarnopol), 70 in Koinanio (Bezirk Rudki);
er erklärte aber selbst, dass er noch nicht alles gesagt hätte.
Hinzugefügt muss werden, dass der damalige ruthenische
Abgeordnete Dr. Okuniewski am 10. November 1897 einen
von 78 Abgeordneten unterzeichneten Antrag auf Versetzung
des Ministerpräsidenten Grafen Kasimir Badeni in den An-
klagestand wegen der galizischen Wahlmissbräuche gestellt
hat; der Antrag kam nicht zur Verhandlung, weil Graf
Badeni bald darauf demissionieren musste.
Dr. Smolka behauptet, es hätten bei den Reichsrats-
wahlen im Jahre 1897 die ruthenischen Radikalen Exzesse
verübt, und. es würde für die Verwaltung Galiziens wohl
kein traurigeres Zeugnis erbracht werden können, wenn
diese Exzesse zu keinen Verhaftungen geführt hätten und
ganz straflos vorüber gegangen wären. Nun, über die ruthe-
nischen Parteien werde ich später sprechen; hier muss ich
aber bemerken, dass die Wahlaktiön im Jahre 1897 nicht
von Radikalen geführt worden ist, dass das ruthenische
Zentralwahlkomite aus 30 Geistlichen, 30 der weltlichen
Intelligenz angehörenden Personen (Advokaten, Ärzten,
Notaren, Professoren u. dgl.) und 30 Stadtbürgern und Bauern
bestand und der Obmann desselben, ein ehemaliger als sehr
gemässigter Mann bekannter Reichsratsabgeordneter (Pater
Ozarkewycz) war, dass ferner die allermeisten verhafteten
„Exzedenten“ bald freigelassen werden mussten, dass der
grössere Teil der von den k. k. Staatsanwaltschaften
wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, Widersetzlichkeit gegen
Gendarmen, Beleidigung der Wahlkommissäre und dergl.
angeklagten Personen von k. k. Gerichten freigesprochen
wurde, und dass die Verurteilten nur durch ärgste Miss-
bräuche zu Exzessen provoziert worden waren. Ja, die
gerichtlichen Verhandlungen, selbst diejenigen, welche
mit einer Verurteilung endigten, haben wirklich ein sehr
trauriges Zeugnis für die galizische Verwaltung erbracht.
Sonderbar, um nicht zu sagen naiv, ist die Bemerkung
des Dr. Smolka, dass solche Reden, wie die des
Dr. Sattler im Deutschen Reichstage, wenn sie in radikalen
ruthenischen Blättern reproduziert werden, zu einer Beun-
ruhigung von Gemütern in Galizien führen dürften, weil
11
manche ruthenische Bauern aus ihnen entnehmen könnten,
dass hohe österreichische Würdenträger polnischer Nationalität
blutige Greueltaten begangen hätten! Ruthenische Bauern
sollten also erst im Jahre 1901 oder 1902 aus den Reden
im Deutschen Reichstage dasjenige erfahren, was sie fünf
Jahre früher selbst erlebt oder von anderen Leuten gehört
oder in Zeitungen gelesen haben!
Endlich bemerkt Dr. Smolka, dass die neuen Reichs-
ratswahlen vom Jahre 1900 verhältnismässig ganz ruhig
abgelaufen sind. Da muss ich zu dem über die galizische
Verwaltung schon Gesagten noch einiges hinzufügen.
Die politische Verwaltung steht überhaupt in ganz
Österreich nicht gerade auf der Höhe ihrer Aufgabe, sie
kann sich mit den Verwaltungen der anderen mitteleuro-
päischen und westeuropäischen Staaten nicht messen. Aber
es ist ein sehr grosser Unterschied zwischen der Verwaltung
in den östlichen und der in den westlichen Ländern Öster-
reichs. In den östlichen Ländern, in Galizien und Bukowina,
ist die Verwaltung allmächtig oder wenigstens übermächtig,
und die konstitutionelle Verfassung ist hier eigentlich nur
eine Form ohne wirklichen Inhalt. Aber dabei ist in der
Bukowina die Verwaltung im ganzen eine gerechte und
wohlwollende, sie wird nicht speziell zum Nutzen einer
Nationalität oder einer Klasse geführt. Die galizische Ver-
waltung hingegen, und zwar' sowohl die staatliche wie auch
die autonome, ruht, wie ich schon bemerkt habe, ausschliesslich
in den Händen der Polen, oder, genauer gesagt, einer
polnischen Partei, und -wird 'im polnischen Geiste gegen die
gesamte ruthenische Nation und im Klassen- und Partei-
interesse gegen die ruthenischen und polnischen Volks-
parteien (nicht durchgehends gegen radikale!) rücksichtslos
ausgeübt.' Gegen die Verwaltung, gegen die Praktiken der
administrativen Beamten sind die Ruthenen einfach ohn-
mächtig, und würden es wohl auch manche andere Nationen
sein, wenn bei ihnen das Regime auf eine solche Weise
ausgeübt würde.
Die politischen Beamten in Galizien sind fast aus-
schliesslich Polen, und die wenigen Ruthenen, welche in
den politischen Dienst treten, verleugnen gewöhnlich unter
dem Drucke der Verhältnisse ihre Nationalität, oft auch ihre
Religion. Ebenso haben die autonomen Behörden, die Bezirks-
vertretungen, auch in solchen politischen Bezirken, wo die
Ruthenen 80 und mehr Perzent und die Polen , nur 3 bis
12
10 Perzent der Bevölkerung ausmachen, eine polnische
Majorität, da die polnischen Grossgrundbesitzer auf dem
Lande und die mit den Polen aus Opportunitätsgründen
haltenden Juden in den Städten, mit einander vereint, die
ruthenischen Landgemeindevertreter überwiegen. Die staat-
lichen Bezirkshauptmannschaften und die autonomen Bezirks-
vertretungen gehen gegen die Ruthenen zusammen vor, und
beide zusammen haben eine Menge von Mitteln, um auf die
ruthenischen Gemeinden, die ruthenischen Kleinstädter und
Bauern, namentlich die Gemeindevorsteher und Gemeinde-
schreiber, ja auch auf die ruthenischen Geistlichen und gar
schon auf die ruthenischen Volksschullehrer einzuwirken,
sic zu chikanieren und mürbe zu machen. Dagegen werden
die Gefügigen und gar schon die Mithelfer geschützt, prote-
giert, und etwaige ihrer kleinen oder auch grossen Fehler
und Delikte übersehen. Das sichert allerdings den Einfluss
und die Macht der Behörden, aber es erzeugt auch eine
Destruktion in der Verwaltung der Gemeinden und eine
Demoralisation, welcher, zumal bei der grossen Armut des
ruthenischen Volkes und dessen vielfacher Abhängigkeit von
dem Grossgrundbesitze, von ruthcnischer Seite schwer bei-
zukommon ist.
Unter solchen Umständen dürfte es wohl begreiflich
sein, dass der ruthenische Bauer hei Wahlen seinen zahl-
reichen Gegnern, die von allen Seiten auf ihn eindringen,
dem allmächtigen Bezirkshauptmanne, dem vielmächtigen
Bezirkspräses, dem in vielen Gemeinden diesen beiden an
die Hand gehenden Gemeindevorsteher und Gemeinde-
Schreiber, dem Grossgrundbesitzer, der ihm die Arbeit ent-
ziehen, den Wald oder die Weide absperren kann, dem
Steuerinspektor, von dem er eine Steuererhöhung zu be-
fürchten hat, dem listigen Juden, der ihn mit allerlei Mitteln
zu überreden oder auch — natürlich nicht mit eigenem
Geldc — zu bestechen sucht, dass also der arme bedrängte
Bauer nicht Stand hält und für den polnischen Regierungs-
kandidaten stimmt. Andererseits ist es auch nicht zu ver-
wundern, wenn hie und da ehrlichere und standhaftere
Bauern gegen den Terrorismus der Gegenpartei sich in der
Weise zur Wehre setzen, dass sie ihre abtrünnigen Brüder
(denn nur diese können sie erreichen, obwohl dieselben am
wenigsten schuldig sind) auch ihrerseits, zumeist durch
einen Boycott, einzuschüchtern suchen, was sodann als
Beweis eines schrecklichen ruthenischen Terrorismus aus-
13
posaunt wird. Ferner ist es auch nicht zu verwundern, wenn
das ruthenische Volk, nach einer wirklich grossartigen Er-
hebung im Jahre 1897, als es, niedergerungen in einem
verzweifelten Kampfe, am Ende wahrnahm, dass alle seine
Anstrengungen erfolglos, dass alle Opfer vergeblich seien,
dass Hunderte im Kerker schmachten und andere Hunderte
oder Tausende allerlei Verfolgung und Schaden leiden
mussten, ohne dass sie etwas hätten ausrichten können, dass
nach solchen Erfahrungen das Volk die Hoffnung verliert
und sich hie und da einer gewissen Apathie hingibt.
Unter solchen Verhältnissen fanden’ die neuen Reichs-
ratswahlen im Jahre 1900 statt. Todtschläge und Verwun-
dungen gab es jetzt allerdings nicht, auch Verhaftungen
waren nur wenige, aber die frühere Brutalität wurde durch
eine grössere Raffiniertheit ersetzt. Gefälschte Wählerlisten,
verheimlichte Wahlmännerwahlen, unkorrekte Durchführung
dieser Wahlen, gefälschte Abstimmungen bei der Endwahl.
Bestechungen, Drohungen, Ueberlistungen und alle die
alten Mittel, weiche eine vieljährige Erfahrung, sowie neue
Mittel, welche den Wahlmachern ihre Findigkeit eingab,
haben auch diesmal über das ruthenische Volk den Sieg
davongetragen. Fast aus allen Wahlbezirken aber sind Pro-
teste eingebracht worden.
HI. Die galizischen Volksschulen.
Den grössten und wichtigsten Teil der Broschüre des
Dr. Smolka nimmt eine Darstellung der galizischen Schul-
verhältnisse ein. Zum Zwecke einer sicheren Informierung
hat sich Dr. Smolka an den Hofrat Dr. Th. P i 1 a t,
Mitglied des galizischen Landesausschusses und Vorstand
des statistischen Landesbureaus, sowie an den Stattbaiteroi-
rat Dr. J. D e m b o w s k i, den Referenten für die admini-
strativen Angelegenheiten im galizischen Landesschulrate,
wiederholt gewendet und von beiden selbstverständlich die
ihm nötigen Aufklärungen erhalten. Ich werde mich in
meinen Ausführungen nur auf polnische amtliche Quellen
stützen, namentlich auf die gedruckten Jahresberichte des
k. k. galizischen Landesschulrates, welche Dr. Sm o 1 ka
nicht in Händen gehabt zu haben scheint, wiewohl er dies
an einer Stelle behauptet.
Dr. Smolka schreibt: Galizien zählt im ganzen
4347 Volksschulen, darunter 2144 mit ruthenischer, 2084
mit polnischer, 119 mit deutscher Unterrichtssprache. Es
14
entfallen dabei-: je eine ruthenische Volksschule auf 1443
Ruthenen, je eine deutsche Volksschule auf 1771 Deutsche
und je eine polnische Volksschule auf 1914 Polen. Die
grosse Zahl der ruthenischen Volksschulen ist aber nicht
etwa die Folge eines besonderen Wissensdurstes der Ru-
thenen und der Unkultur der Polen, sondern eine Folge
davon, dass in Ostgalizien die Dorfgemeinden grossenteils
gemischt sind, aber eine ruthenische Mehrheit haben: zahl-
reiche polnische Minoritäten müssen demnach ihre Kinder
in ruthenische Schulen schicken.
Vor allem decken sjch die obigen Ziffern des
Dr. S m o 1 k a nicht mit den amtlichen Ausweisen. Ich habe
vor mir den letzten amtlichen Bericht des k. k. galizischen
Landesschulrates für das Schuljahr 1900/1901. Nach diesem
Berichte gab es in Galizien im besagten Jahre öffentliche
Volksschulen 4323, davon waren aber 319 aus Mangel au
Lehrern oder aus Mangel an Lehrern und an Schulgebäuden
noch nicht aktiviert, diese müssen also in Abzug gebracht
werden, ebenso wie die weiteren 232 Privatschulen nicht
in Betracht, kommen können. So stellt sich demnach die
Zahl der wirklich bestehenden öffentlichen Volksschulen
folgendermassen heraus: Gesamtzahl 4004 (auf 6257 Orts-
gemeinden und 5293 Gutsgebiete), davon waren mit pol-
nischer Unterrichtssprache 2043, mit ruthenischer Unterrichts-
sprache 1932, mit deutscher Unterrichtssprache 29.*) Auf
welche Weise Dr. Smolka zu anderen Zahlen gekommen
ist, weiss ich nicht; es lässt sich kaum annehmen, dass er
neuere Ausweise, ächon für das Schuljahr 1901/1902 hätte,
da der letzte von mir angeführte Bericht erst im Spätherbste
des Jahres 1901 erschienen ist, übrigens die Zahlen auch
sonst nicht stimmen könnten. Wenn man nun die Zahl der
Schulen mit der Zahl der Einwohner nach der Umgangs-
®) Wenn man auch die noch nicht aktivierten (88 pol-
nischen und 231 [!] ruthenischen) Schulen einbeziehen
wollte, so würde sich ergeben: polnische Schulen 2131,
ruthenische 2163, deutsche 29. Und wenn man noch, wie
dies Dr. Smolka bezüglich der deutschen Schulen (aber
wohl nur dieser 1) augenscheinlich tut, auch die (133 pol-
nischen, 2 ruthenischen und 97 deutschen oder polnisch-
deutschen) Privatschulen hinzurechnen würde, so ergäbe
sich: polnische Schulen 2264, ruthenische Schulen 2165,
deutsche (und polnisch-deutsche) 126.
— 15 —
spräche vergleicht, so entfallen: je eine polnische Schule
auf 1953 polnisch sprechende, je eine ruthenische Schule
auf 1574 ruthenisch sprechende und je eine deutsche Schule
auf 7298 deutsch sprechende Einwohner.
Dem könnte man vor allem entgegenstellen, was ich
bereits oben (I) gesagt habe, dass die Zahl der Polen,
Ruthenen und Deutschen (oder der polnisch, ruthenisch und
deutsch Sprechenden) in den amtlichen Angaben der Volks-
zählung entschieden unrichtig ist. Wenn man meine früher
angeführten Ziffern annimmt und den Deutschen alle Juden,
nicht nur einen Teil derselben, zuzählt, so ergäbe sich.:
je eine polnische Schule auf 1684 Polen, je eine ruthenische
auf 1600 Ruthenen und je eine deutsche auf 30.034 Deutsche
(und Juden). Da aber die Juden, mit Ausnahme der Städte,
nicht in compakten Massen, sondern zerstreut wohnen, so ist
natürlich eine der Zahl der Juden entsprechende Zahl
deutscher Schulen weder nötig noch auch möglich. Übrigens
wäre diese Rektifizierung auch sonst noch das mindeste.
Ich gehe also auf dieselbe nicht weiter ein. Wichtiger sind
folgende Momente:
Vor allem ist es nicht sicher, ob die angegebenen
amtlichen Zahlen der Schulen dem tatsächlichen Zustande
entsprechen. Die ruthenischen Landtagsabgeordneten haben
mehrmals verlangt, dass einmal in einem Berichte des
Landesschulrates ein Einzelnverzeichnis aller Schulen mit
Angabe ihrer Unterrichtssprache gegeben werde, weil mehr-
mals Klagen — vielleicht unbegründete — vorgekommen
sind, dass polnische Lehrer oder Lehrerinnen in einer
ruthenischen Volksschule eigenmächtig die polnische Unter-
richtssprache eingeführt hätten und daran von den gleich-
falls polnischen Bezirksschulinspektoren nicht nur nicht ge-
hindert worden seien, sondern auch die Billigung derselben
fanden ; es möge also einmal amtlich konstatiert werden,
welche Schulen als polnische und welche als ruthenische zu
gelten haben. Ich habe selbst vor 10 oder 11 Jahren Schritte
in dieser Hinsicht getan, aber mir wurde nur die Antwort
zuteil, dass der Landesschulrat nicht in der Lage sei, eine
solche Konstatierung vorzunehmen, er halte sich bloss an
die Berichte der Bezirksschulräte. Es ist also vielleicht
doch möglich, dass nicht alle als ruthenisch angeführten
Schulen auch tatsächlich ruthenisch sind.
Wichtiger jedoch als diese Ungewissheit ist der Um-
stand, dass die ruthenischen Schulen in der Regel nur ein-
16 —
klassig, selten zweiklassig und nur ganz ausnahmsweise
drei- oder vierklassig sind. Leider gibt der Bericht des
Landesschulrates die Zahl der ein- und mehrklassigen
Schulen nach der Unterrichtssprache nicht an. Es ist aber
ein grosser Unterschied zwischen ein- und mehrklassigen
Schulen sowohl im Lehrplan als auch im Unterricht und in
der Zahl der Lehrer, welche sich nach der Zahl der
Klassen richtet. Aus einer vierklassigen Volksschule kann
der Schüler nach vier Jahren, aus einer ein- oder zwei-
te lässigen nicht einmal nach sechs Jahren in eine Mittel-
schule hinaufsteigen. Sämmtliche öffentlichen Volks- (und
Bürger-)schulcn hatten im vorigen Schuljahre 8182 Klassen;
wie gross die Zalil der ruthenischen Klassen war, lässt sich
beim Mangel oben erwähnter Ausweise nicht bestimmt
sagen, aber ich glaube, dass die Zahl 3100 nicht zu niedrig,
sondern eher zu hoch sein dürfte. Demgegenüber stünde
also die Zahl 5082 polnischer Klassen. Das gibt nun schon
ein ganz anderes Verhältnis, als die Zahl der Schulen.
Allerdings will ich zugeben, dass die Zahl der Klassen in
einer Schule sich nach der Zalil der Schüler richtet, die
ruthenischen Schulen aber, weil sie sich gewöhnlich in
Dörfern befinden, die zu einer vier- oder mehrklassigen
Schule notwendige Frequenz nicht haben. Aber nicht um dieses
handelt es sich, sondern darum, dass, wenn die Polen etwa
verhältnismässig weniger Schulen haben sollten, ihnen dieser
Mangel durch den Reichtum an Klassen überreich ersetzt
würde. Und auch um etwas anderes handelt es sich noch,
nämlich, dass es in vielen grösseren Städten überhaupt keine
ruthenischen Schulen gibt, wiewohl die Zalil der Ruthenen
in denselben oft mehrere Tausende beträgt.
[ Das Schlimmste aber ist, dass die sogenannten ruthenischen
Schulen in der Regel keineswegs wirklich ganz ruthenisch
sind. Im geraden Gegensatz zum Artikel 19 der Staatsgrund-
gesetzo über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, ja im
Widerspruche mit dem übrigens denRuthenen ungünstigen und
durch jenes Staatsgrundgesetz rechtlich aufgehobenen, aber
in Galizien noch immer als bindend angesehenen Landes-
gesetze vom 22. Juni 1867 über die Unterrichtssprache in
den Volles- und Mittelschulen, gilt die polnische Sprache
in jeder Volksschule, auch dort, wo es keinen einzigen pol-
nischen Schüler gibt, als obligater Unterrichtsgegenstand,
während die ruthenische Sprache natürlich dieses Privilegium
nicht geniesst. Nach dem Lehrplan vom Jahre 1893 sind
— 17 —
für die polnische Sprache in ein- und zweiklassigen ruthe-
nischen Schulen 3 bis 7 Stunden wöchentlich auf 13 bis
32 sämtlicher Lehrstunden bestimmt, der Unterricht der-
selben soll also beinahe den vierten bis sechsten Teil des
Gesamtunterrichtes einnehmen. Da aber als Ziel vorge-
steckt ist, nicht nur das Verstehen der Sprache im münd-
lichen und schriftlichen Ausdrucke, sondern auch das
möglichst korrekte Sprechen, so kann dieses Ziel in den
Schulen solcher Ortschaften, wo die polnische Sprache gar
nicht gesprochen wird, in jener Stundenzahl nicht erreicht
werden. Nun legen aber die polnischen Schulbehörden
gerade auf die Erlernung der polnischen Sprache ein be-
sonderes Gewicht und verlangen von den Lehrern streng
die Beibringung derselben an die Jugend; demnach sind
die Lehrer gezwungen, auch einen Teil der für ander-
weitigen Unterricht bestimmten Schulstunden auf den Unter-
richt der polnischen Sprache zu verwenden. Auf diese Weise
aber hören die ruthenischen Schulen auf, wirklich ruthenisch
zu sein und werden zu utraquistischen Schulen.
Das findet sich allerdings nicht in den offiziellen Be-
richten des galizischen Landesschulrates. Aber es gab eine
Zeit, wo der Landesschulrat offener vorging und wo man
dies auch aus seinen Berichten ersehen konnte. Namentlich
finden wir in den älteren Berichten desselben folgende
merkwürdige Angaben: Im Schuljahr 1868/1869 gab es:
ruthenische Schulen 1293, polnisch-ruthenische 67 (diese
Zahlen zeigen offenbar den Stand, in wmlchem der Landes-
schulrat, der am 24. Jänner 1868 ins Leben trat, die ruthe-
nischen Schulen vorgefunden hat); im Jahre 1871 gab es:
ruthenische Schulen 672, polnisch-ruthenische 787. Diese
Zahlen wieder zeugen von einem planmässigen Vorgehen
des Landesschulrates, die ruthenischen Schulen in polnisch-
ruthenische umzuwandeln. Aber es folgt weiter noch etwas
merkwürdigeres: für das Schuljahr 1874 wird die Zahl der
ruthenischen Volksschulen mit 1537, die Zahl der polnisch-
ruthenischen mit 0 angegeben! Wie, sollte der galizische
Landesschulrat nicht nur seinen früheren Plan aufgegeben,
sondern sogar einen ganz entgegengesetzten Plan gefasst
und die 787 polnisch-ruthenischen Schulen des Jahres 1871
im Jahre 1874 in rein ruthenische umgewandelt haben?
Ein solches Vorgehen dürfte auch ein Pole, der nur halb-
wegs aufrichtig ist, dem galizischen Landesschulrate kaum
zuschreiben. Vielmehr ist der natürliche Schluss folgender:
— 18
Die U traquisierung der ruthenischen Volksschulen ging auch
nach dem Jahre 1871 weiter vor sich, aber aus politischen
Gründen fand man es nicht mehr für angezeigt, dieselbe
offen einzugestehen. Und zwar aus folgenden politischen
Gründen: Bei den Reichsratswahlen im Jahre 1873 waren
16 ruthenische und nur 42 polnische Abgeordnete gewählt
worden. Die ruthenischen Abgeordneten traten energisch
gegen den galizischen Landesschulrat auf, und wurden
hierin sehr wirksam von den Deutschen unterstüzt. Der Ab-
geordnete Wildauer stellte im Jahre 1874 den Antrag,
die besonderen Prärogative des galizischen Landesschul-
rats aufzuheben und denselben den anderen Landesschul-
räten gleichzustellen.*) Der galizische Landesausschuss sah
sich veranlasst zur Verteidigung des k. k. Landesschulrates
eine Denkschrift an den Reichsrat, an das Ministerium und
an die Krone zu entsenden, und suchte in dieser Denk-
schrift die erspriessliche Tätigkeit des Landesschulrates und
dessen Gerechtigkeit gegen die Ruthenen mit statistischen
Daten nachzuweisen. In dieser Zeit nun wurde der Bericht
des Landesschulrates für das Schuljahr 1874 zusammen-
gestellt. Selbstverständlich durfte man da die Umwandlung
der ruthenischen Schulen in polnisch-ruthenische nicht ein-
gestehen, man nannte alle diese Schulen ruthenische und
gab die Zahl sämmtlicher ruthenischer Volksschulen mit
1537 und die Zahl der polnischen Schulen mit 1117 an,
was also einen augenscheinlichen Beweis der Fürsorge
des Landesschulrats für die Schulbedürfnisse der Ruthenen
abgeben sollte. Diese Beispiele dürften genügen, um nach-
zuweisen, inwiefern man sich auf die amtlichen Berichte
des galizischen Landesschulrates verlassen kann.
Es könnte vielleicht bemerkt werden, dass die ruthe-
nische Bevölkerung und speziell die ruthenischen Ge-
meinden mit der Utraquisierung ihrer ruthenischen Volks-
schulen einverstanden sein müssen, wenn sie nicht auch
noch in anderer Weise, als bloss durch den Mund ihrer Ab-
geordneten, dagegen remonstrierten, wenn sie z. B. nicht
den Schutz des Reichsgerichtes ansuchten. Nun, Versuche
*) Der galizische Landesschulrat hatte bis zum
Jahre 1875 ganz besondere Prärogative, z. B. das Ernen-
nungsrecht von Gymnasialdirektoren, welches sonst überall
in Österreich nicht einmal dem Ministerium, sondern erst
der Krone zusteht!
— 19
wurden gemacht, aber die galizische Verwaltung wusste sich
zu helfen. Vor etwa zwanzig Jahren haben sich einige Ge-
meinden des Kaluszer Bezirkes an die Regierung mit dem
Ansuchen gewendet, den Unterricht der polnischen Sprache
in ihren Schulen als einen durch das Gesetz nicht ge-
botenen abzuschaffen. Der dortige Bezirkshauptmann aber
lud die betreffenden Gemeinderäte vor, und bearbeitete und
terrorisierte sie dermassen, dass sie sich bemüssigt fanden,
ihr Ansuchen zurückzuziehen. Dem ruthenischen Pfarrer
aber (in Dolha), welcher den Bauern in dieser Angelegen-
heit behilflich war, wurde zur Strafe dafür der Unter-
stützungsbeitrag entzogen, welchen er bis dahin ge-
nossen hatte.
Dr. Smolka sucht, wie gesagt, die vermeintlich grössere
Zahl der ruthenischen Volksschulen damit zu erklären, dass
in vielen Dorfgemeinden Ostgaliziens, wo die Bevölkerung
gemischt ist, die Ruthenen aber die Majorität haben, die
Unterrichtssprache nach dem Majoritätsprinzip ruthenisch ist.
Das mag allerdings hie und da auch vorkommen, aber es
gibt noch andere Ursachen dafür. Ich will nur zwei anführen.
In Ostgalizien konzentriert sich die polnische Bevölkerung
hauptsächlich in Städten, wo sie in dichter Masse wohnt,
demnach auch nicht so viele Schulen nötig hat, wie die auf dem
Lande zerstreute. So gibt es z. B. in der Hauptstadt des Landes,
Lemberg, auf eine Bevölkerung von 159.000 nur 31 Volks-
(und Bürger-)schulen, im Lemberger Bezirke aber auf eine
gewiss nicht grössere Bevölkerung (im Jahre 1890 betrug
sie 109.000) gibt es 116 Schulen. Allerdings sind die
städtischen Schulen in Lemberg vier- oder sechsklassig,
dagegen die im Bezirke zumeist ein- oder zweiklassig.
Ueber einen zweiten Grund sucht Dr. Smolka mit einer
gewissen Ironie hinwegzugehen, wenn er von dem angeb-
lichen Wissensdurste der Ruthenen und der Unkultur der
Polen spricht. Es ist aber doch, wenigstens was den ersten
Umstand anbelangt, viel wahres daran. Bis zum Jahre 1868
gab es in Galizien keinen Landesschulrat und bis zum
Jahre 1873 keinen Schulzwang und keine Pflicht zur Er-
richtung von Volksschulen; die Gründung neuer Schulen
hieng nur von dem guten Willen der Bevölkerung, speziell
der Gemeinden ab. Nun hat die ruthenische Minorität des
Landes bis zum Jahre 1868 bereits 1293 rein ruthenische
und 67 polnisch-ruthenische, also zusammen 1360 Schulen
errichtet, während die Zahl der polnischen Volksschulen um
20
diese Zeit bloss 1055, also um 305 weniger betrug. Darin
liegt doch gewiss ein grösserer Bildungsdrang der Ruthenen
oder eine grössere Fürsorge der ruthenischen Intelligenz,
namentlich der ruthenischen Geistlichkeit, um die Bildung
des Volkes. Seit dieser Zeit, während des Regimes. des
Landesschulrates, hat die Zahl der ruthenischen oder an-
geblich ruthenischen Volksschulen nur um 572, dagegen die
der polnischen um 988 zugenommen, was vielleicht doch von
einer gewissen Einseitigkeit des Landesschulrates zeugen
dürfte.*)
Aus allem dem Gesagten ergibt sich also
folgendes:
1. Die weitaus grössere Zahl der Volksschulen (nämlich
1360 von den jetzt bestehenden 1932) haben sich die Ru-
thenen selbst, noch vor der Errichtung des Landesschulrates,
gegründet.
2. Die Ruthenen besassen, so lange sie allein für ihre
Schulen zu sorgen hatten, weit mein' Volksschulen als die
Polen: 1360 gegen 1055 oder 54'9 gegen 42-6%.
3. Jetzt haben die Polen faktisch um 111 Volksschulen
mehr als die Ruthenen und eine Klassenzahl von etwa 5082
gegen 3100.
4. Die jetzigen ruthenischen Volksschulen sind nicht
rein ruthenische Anstalten, sondern haben einen mehr
utraquistischen Charakter.
Und bei alledem spricht Dr. Smolka von einer be-
sonderen „Bevorzugung des ruthenischen Elementes!“ Ich
bin kein solcher Gegner der Polen, dass ich ihnen eine
solche Bevorzugung sei es auf dem Gebiete des Volks-
schulwesens, sei es auf irgend einem anderen' Gebiete
wünschen würde.
IV. Die galizischen Gymnasien.
Auch hier stimmen die statistischen Daten des
Dr. Smolka mit den offiziellen Ziffern nicht überein;
manchmal fällt dies sogar zu seinem Nachteile, in dei’ Regel
allerdings zum Vorteil des Zieles aus, welches er sich vor-
gesteckt haben musste. Ich halte mich wieder streng an
*) Dr. Smolka schiebt die Schuld des bekanntlich
starken Analphabetismus in Galizien der ehemaligen deutschen
Bureaukratie zu, aber die eben angeführten Ziffern sprechen
nicht sein’ zu Gunsten der jetzigen Verwaltung.
21
die offiziellen Angaben in dem Berichte des k. k. Landes-
schulrates für das Schuljahr 1900/1901, in welchem Berichte
auch einige allgemeine Daten für das Schuljahr 1901/1902
angegeben sind.
Gegenwärtig bestehen in Galizien (nicht 32, wie
Dr. Smolka schon mit Einreclinung des von mir nicht
berücksichtigten polnischen Privatgymnasiums in Bonkowice
meint, sondern) 33 Öffentliche Gymnasien. Wenn man aber
noch die neu errichteten 3 Filialgymnasien in Lemberg und
ein Filialgymnasium in Tarndw, welche alle unter beson-
deren Leitern stehen, in Rechnung nimmt, so gibt es der-
zeit 37 Gymnasien; zu diesen soll mit Beginn des nächsten
Schuljahres, d. i. vom 1. September 1902, noch eine Filiale
des Gymnasiums in Rzeszöw, gleichfalls unter eigenem Leiter,
hinzukommen. Von den gegenwärtigen 37 Gymnasien sind
31 polnisch, 4 (eigentlich 37i, da das Tarnopoler Gymnasium
heuer erst 4 untere Klassen hat, aber es soll nach und nach
ergänzt werden) ruthenisch und 2 deutsch. In allen diesen
Gymnasien waren am Anfänge des laufenden Schuljahres
19.786 Schüler eingetragen, also entfallen auf eine Anstalt
535 Schüler (und mit Berücksichtigung der 4 unvollständigen
Gymnasien in Tarnopol, Dembica und Filialgymnasien in
Lemberg und Tarnöw 575 Schüler). *) Das ist nun sicherlich
eine starke und sonst wohl nirgends vorkommende Ueber-
*) Merkwürdig ist die Nachlässigkeit in den Ziffern
und Rechnungen des Landesschulrates. So hat z. B. das
jetzt zweiklassige Gymnasium in Dembica in der ersten
Klasse 88, in der zweiten 62, also zusammen 150 Schüler;
aber die Summe wird an einer Stelle mit 159 und erst an
der. zweiten mit 150 angegeben. Nun, das liesse sich durch
einen Druckfehler erklären. Aber beim vierklassigen ruthe-
nischen Gymnasium in Tarnopol kommen folgende Ziffern
vor: erste Klasse 109 Schüler, zweite Klasse 99, dritte
Klasse 70, vierte Klasse 43, das macht also zusammen 321.
Die Summe wird jedoch nicht mit 321, sondern an einer
Stelle mit 310, an der zweiten mit 312 angegeben. Was ist
also das Richtige: 310, 312 oder 321? Ich nehme die Zahl
mit 312 an, weil dieselbe noch an einer anderen Stelle er-
scheint. Ob sonst noch irgendwo Fehler vorkommen, habe
ich mir nicht die Mühe genommen, nachzurechnen, weil ich
ohnehin das Richtige kaum finden könnte.
— 22 —
füllung, eine Art von Kalamität, wie Dr. Smolka richtig
meint, welcher dringend abgeholfen werden muss.
Was jedoch Dr. Smolka weiter schreibt, dass die
polnische Bevölkerung von den Folgen dieses Uebelstandes
am härtesten getroffen wird und dass die Ruthenen und
Deutschen sich über Überfüllung ihrer Gymnasien gar
nicht zu beklagen haben, ist nur eine Verschiebung der
Frage, um die es sich hier handeln muss, nämlich: welcher
Volksstamm in Galizien ist in Bezug auf die Zahl der
Gymnasien am meisten verkürzt und welcher bedarf am
meisten neuer Gymnasien?
Allerdings beträgt die Durchschnittszahl der Schüler
an den polnischen Gymnasien 588, an ruthenischen nur
526.:i:) Aber man muss ja dabei berücksichtigen, dass die
ruthenischen Gymnasien nur von ruthenischen und die pol-
nischen in denjenigen Städten, wo sich keine andersspra-
chigen Gymnasien befinden, nicht nur von polnischen, sondern
gleichfalls von ruthenischen Schülern besucht werden, und
auch besucht werden müssen, weil diese ja nicht 20, 30
oder noch mehr Meilen fahren können, um an einer ruthe-
nischen Anstalt zu studieren, nachdem an Ort und Stelle
oder doch in der Nähe eine polnische Anstalt besteht.
Solches übersehen zu haben, ist wahrlich ein unverzeihlicher
Fehler, zumal Dr. Smolka, um sich recht gewissenhaft zu
zeigen, noch von einer Rechnung lege artis spricht. Wenn
man diesen Umstand berücksichtigt — und er muss absolut
berücksichtigt werden, so kommt man zu ganz anderen
Resultaten. Ich werde gleich die Korrektur vornehmen, nur
muss ich dabei die statistischen Daten nicht vom laufenden,
sondern vom abgelaufenen Schuljahre t,nehmen, weil bloss
für dieses Jahr die Nationalität der Schiller in dem Jahres-
berichte des k. k. Landesschulrates angegeben ist.
Im Jahre 1900/1901 gab es 32 (richtiger, mit den
2 Filialgymnasien in Lemberg, 34) öffentliche Gymnasien,
Ich rechne nämlich die vier unvollständigen Gym-
nasien mit 2 bis 4 Klassen ab, und zwar ebenso die pol-
nischen wie das ruthenische, und nehme somit 28 vollständige
polnische und 3 vollständige ruthenische Gymnasien an.
Tut man das nicht und bezieht auch die unvollständigen
Gymnasien hinein, so ergibt sich als Durchschnittszahl für
die polnischen Gymnasien 547, für die ruthenischen 472
Schüler.
— 23 —
von denen 2 (und mit den Lemberger Filialen 4) unvoll-
ständig waren (nur 1, 3 oder 4 Klassen hatten). Ich mache
dem Dr. Smolka das Zugeständnis, dass ich nur
32 Gymnasien rechne, und dass ich auch die unvoll-
ständigen Gymnasien nicht abziehe. Von diesen 32 Gym-
nasien waren 26 polnisch, 4 ruthenisch und 2 deutsch.
Sämmtlicher Schüler polnischer Nationalität gab es an allen'
diesen 32 Gymnasien 13.303, ruthenischer Nationalität 3330.
Ich mache dem Dr. Smolka weiters das Zugeständnis,
dass ich 2825 Juden als Polen anrechne und sie von jener
Zahl 13.303 polnischer Schüler nicht abziehe. Ich mache ihm
noch das dritte Zugeständis, dass ich dagegen von den 3330
ruthenischen Schülern 255 abziehe, welche in Lemberg, Prze-
mysl und Kolomyja polnische Gymnasien besuchen, obwohl
dort auch ruthenische Gymnasien bestehen. (Die ruthenischen
Gymnasien wurden nur von 2 Polen und 5 Juden besucht.)
Es bleiben also 13.301 „Polen“ und 3075 Ruthenen
übrig. Die Durchschnittszahl der Polen kommt demnach
auf 511, die Durchschnittszahl der Ruthenen auf 769
heraus. Es müssten somit noch wenigstens zwei weitere
ruthenische Gymnasien errichtet werden, damit die Durch-
schnittszahlen der polnischen und ruthenischen Gymnasial-
schüler nahezu gleichkommen.
Noch viel schlimmer für Dr. Smolka kommt die
Sache heraus, wenn man nicht die Zahl der Schüler, son-
dern die Zahl der Einwohner überhaupt in Anschlag nimmt.
Und eine solche Rechnungsweise ist wohl begründet. Die
Erfahrung hat gezeigt, dass die Ruthenen, und zwar nicht
so sehr die Intelligenz, als vielmehr die Bauern, ihre Söhne
nicht leicht in polnische Gymnasien schicken, dagegen
ruthenische Anstalten gern besuchen lassen. So haben z. B.
in Przemysl, als es dort vor 13 Jahren nur ein polnisches
Gymnasium gab, an demselben 212 Ruthenen und 502
Polen studiert. Seitdem aber neben dem polnischen Gym-
nasium auch ein ruthenisches errichtet worden ist, hat die
Zahl der ruthenischen Schüler um 141%, dagegen die der
polnischen nur um 45% zugenommen, obwohl im Landtage
hei der Beratung über die Errichtung des ruthenischen
Gymnasiums von polnischer Seite der Einwand erhoben
wurde, dass dieses Gymnasium keine genügende Schüler-
zahl haben werde. In noch höherem Grade dürfte sich die
Zunahme der Zalil ruthenischer Schüler am Gymnasium
in Tarnopol zeigen.
— 24 —
Nimmt mau also die Gesammtzalil der Bevölkerung in
Rechnung (und Dr. Smolka tut dies auch, wenn er
schreibt, dass 32 Gymnasien für eine Bevölkerung
von über 7 Millionen durchaus unzureichend sind), und
rechnet man auch, hach der offiziellen Statistik, 650.000
Juden fälschlich zu den Polen, so ergibt es sich, dass bei
einer Gesamtzahl von 37 Gymnasien ein polnisches Gym-
nasium auf 128.700 „Polen“ und ein ruthenisches Gym-
nasium auf 760.500 Ruthenen entfällt. Wenn also die
Ruthenen den Polen gl ei chg es t e 111 werden
sollten, so müssten sie n i c h t 4, sondern wenig-
stens 23 Gymnasien haben.
Kann also der gegenwärtige Tatbestand, wie Dr.
Smolka meint, „aufs deutlichste beleuchten“, dass die
Ruthenen „seitens der Regierungsweise, wo die polnische Be-
völkerung allein das lieft in der Hand hat“, mit grosser, ja
übergrosser Rücksicht behandelt werden ? Und ist es richtig,
wie Dr. Smolka weiter meint, dass „eine jede Unterrichts-
verwaltung, welche sich lediglich durch objective Stellung-
nahme den Bedürfnissen der Bevölkerung gegenüber ohne
Rücksicht auf die nationalen Ansprüche der Ruthenen leiten
liesse, selbstverständlich eher an Entlastung der überfüllten
polnischen Gymnasien denken, als Neugründungen von
ruthenischen Mittelschulen vornehmen müsste?“*)
Dr. Smolka spottet über die Unkenntnis der gali-
zischen Verhältnisse und Einrichtungen bei Dr. Sattler.
Was soll man aber von Dr. Smolka selbst sagen, der
doch ein Galizianer und Mitglied des Herrenhauses ist, also
wie über alle österreichischen so auch über galizische Ver-
hältnisse zu Rate sitzt und zu entscheiden hat? Er schreibt:
„Bekanntlich verhält es sich so, dass die Errichtung einer
jeden Mittelschule auf Vorschlag des k. k. galizischen Lan-
desschulrates im k. k. Ministerium für Kultus und Unter-
richt entschieden wird.“ Bekanntlich verhält es sich aber,
wenn es sich um die Errichtung einer ruthenischen Mittel-
schule handelt, ganz anders, und wenn Dr. Smolka das
nicht gewusst hat, so hätte er als ein gewissenhafter
*) Dr. Smolka verlangt vor allem die Errichtung
neuer polnischer Gymnasien in Lemberg, Krakau und
Tarnow. Das ist ja aber bereits geschehen, allerdings vorläufig
in Form von Filialen, welche aber eigene Leiter haben,
wie ich schon oben erwähnt habe.
- 25 -
Historiker sich früher erkundigen sollen, bevor er etwas
niederschreibt. Die Sache verhält sich nämlich „bekanntlich“
folgendermassen: Nach Artikel VII des galizischen Landes-
gesetzes vom 22. Juni 1867 entscheidet über die Errichtung
neuer ruthenischen Gymnasien der Landtag nach Anhören
der Bezirksvertretung. Infolge dieser in keinem anderen
Kronlande vorkommenden galizischen Spezialität musste
wegen des ruthenischen Gymnasiums in Przemysl erst ein
vierjähriger Kampf im Landtag geführt werden (1884—1887),
und auch dann entschied der Landtag, trotz des Eingreifens
der Zentralregierung, dass nicht ein ruthenisches Gym-
nasium, sondern nur ruthenische Parallelklassen „nach dem
Masse des erwiesenen Bedarfes“ zu errichten seien. Glück-
licherweise hat der damalige Unterrichtsininister eine Aller-
höchste Entschliessung erwirkt, welche diesen Beschluss des
Landtages in einer modifizierten, für die Ruthenen günsti-
geren Form zur Durchführung brachte. Ebenso gab es im
Landtage im vorigen Jahre Schwierigkeiten mit der Er-
richtung eines neuen ruthenischen Gymnasiums in Stanislau,
indem Graf Adalbert Dzieduszycki eine Beschluss-
fassung darüber vereitelte, so dass diese Angelegenheit bis
jetzt noch nicht erledigt ist.
Dr. Smolka beruft sich am Schlüsse seiner Ausführ-
ungen auf amtliche Quellen, denen er seine Ziffern ent-
nommen habe und welche jedem zu Gebote stehen, vor
allem auf die gedruckten Jahresberichte des k. k. galizischen
Landesschulrates. Ja wenn man aber die Quellen so benützt,
wie es Dr. Smolka tut, obwohl er Geschichtsforscher ist,
und wenn man eine solche Unkenntnis der galizischen Ein-
richtungen und Verhältnisse zeigt, wie es wieder Dr. Smolka,
tut, obwohl er ein Politiker und Mitglied des Reichsrates
ist, so ist das — sehr zu bedauern.
Es wäre noch manches über das „besondere Entgegen-
kommen des galizischen Landesschulrates“ gegenüber den
Ruthenen zu sagen, aber ich will es lieber unterlassen, weil
ich weitere unangenehme Dinge berühren müsste, die natio-
nale Verbitterung in Galizien aber nicht verschärfen möchte.
V. Die ruthenische Universitätsfrage.
Dr. Smolka bespricht weiter auch die Universitäts-
frage in Galizien, namentlich das Postulat der Ruthenen
nach Errichtung' einer ruthenischen Universität in Lemberg.
Er will dieses Postulat nicht „vom Standpunkte der reellen,
26
sowohl politischen als auch kulturellen Interessen der ruthe-
nischen Nationalität erörtern“, weil dann seine Schrift zu
einer umfangreichen Abhandlung' heranwachsen müsste,
sondern sich nur auf Mitteilung weniger Tatsachen beschränken.
Ich meine vor allem, dass die Erörterung dieser Frage
vom Standpunkte ruthenischer Interessen wohl
zunächst Sache der Ruthenen sein dürfte, und kann Herrn
Dr. Smolka nur rechtgeben, wenn er dieselbe, wenngleich
aus anderen Motiven, unterlässt. Ich werde übrigens seinem
Beispiele folgen und mich gleichfalls auf einige Tatsachen
beschränken.
Also Tatsache ist vor allem, dass die österreichischen Polen
zwei vollständige Universitäten, in Krakau und in Lemberg,
haben, und in dieser Hinsicht neben den Deutschen am
besten gestellt sind. Die Cechen mit einer Bevölkerung von
5,960.000, also um wenigstens 1,700.000 (richtiger um
2,350.000) mehr als die Polen, haben nur eine, die 3,343.000
Ruthenen und ebenso die anderen kleineren Volksstämme
des Reiches haben keine einzige Universität.
Eine Tatsache ist ferner, dass an der im Jahre 1784
gegründeten deutschen Universität in Lemberg schon vom
Jah re 1787 bis 1804 mehrere ruthenische aber keine polnischen
Lehrkanzeln bestanden, dass diese Universität nach ihrer
Reaktivierung im Jahre 1817 (sie war im Jahre 1805 auf-
gehoben worden) zwar einen rein deutschen Charakter hatte,
aber im Jahre 1848 zwei ruthenische Lehrkanzeln erhielt
und für eine spätere Zeit, mit nur vorläufiger Beibehaltung
des deutschen Charakters, für die Ruthenen bestimmt wurde,
dass im Jahre 1862 zwei neue ruthenische Lehrkanzeln,
ohne gleichzeitige polnische Lehrkanzeln, an derselben syste-
misiert und weitere in Aussicht gestellt wurden, und dass
man erst später, nach der Wandlung der österreichischen
Politik gegenüber den Polen, auch an die Errichtung pol-
nischer Lehrkanzeln gieng, bis schliesslich diese Universität
im Jahre 1871 utraquisierf, d. i. für polnische und ruthe-
nische Vorträge bestimmt worden ist, worauf dann noch im
Jahre 1879 die Einführung der polnischen Amtssprache,
aber mit einigen Einschränkungen zu Gunsten der ruthe-
nischen Sprache folgte.
Die Polen waren, bei ihrer weit zahlreicheren Intelligenz
und bedeutend grösserer Wohlhabenheit, sowie bei ihrer schon
damals bestellenden Vorherrschaft im Lande, endlich weil
die Landesregierung- gänzlich in ihren Händen war, viel
— 27 —
früher als die Ruthenen imstande, die nach Abgang der
deutschen Professoren frei gewordenen Lehrkanzeln zu
besetzen. Freilich wurden in der ersten Zeit manche Lehr-
kräfte nur aus Notbedarf, in Ermangelung von besseren,
aufgenommen, auch mit der wissenschaftlichen Literatur, ja
mit der Terminologie, war es noch ziemlich schwach bestellt.
Erst mit der Zeit ging es allmählich besser. Als aber die Uni-
versität schon vollständig polonisiert war und nun sich auch
Ruthenen als Bewerber um Lehrkanzeln meldeten, wurden
ihnen die grössten Schwierigkeiten in den Weg gelegt.
Diejenigen Ruthenen, welche sich habilitieren wollten, wurden
unter dem Vorwande eines Mangels an genügender wissen-
schaftlichen Eignung abgewiesen, wiewohl deutsche Autori-
täten, z. B. der Wiener Universität, deren für die Habili-
tation bestimmte Abhandlungen vollkommen geeignet fanden,
und umgekehrt eine absprechende und nachträglich ver-
öffentlichte Rezension des betreffenden polnischen Professors
besonderen .Mangel an Wissenschaftlichkeit zeigte. Demnach
geschah es, dass ahgewiesene ruthenische Kandidaten ent-
weder an auswärtige Universitäten als Dozenten gingen oder
anderen mit weniger Hindernissen verbundenen Berufen
(z. B. der Advokatur) sich zuwandten. Ihre Beispiele
schreckten natürlich weitere ab, da ja die Tendenz für
jedermann offen lag. So kam es, dass an der juridischen
Fakultät die Ruthenen auch jetzt nur die zwei Lehrkanzeln
besitzen, -welche sie schon vor vierzig Jahren innehatten.
Im Jahre 1890 wollte der damalige Statthalter von
Galizien, dei’ spätere Ministerpräsident Graf Kasimir Badeni,
durch eine grössere Tat, durch das Zustandebringen eines
Ausgleichs zwischen der Landesregierung und den Re-
gierungspolen einerseits und den Ruthenen andererseits, sich
besonders hervortun und damit seine politische Begabung
und sein erspriessliches Wirken für den östen-eichiscben
Staat zeigen. Unter den Punkten, welche damals zwischen
ihm und den Ruthenen vereinbart wurden, war auch die
Systemisierung einer Lehrkanzel für die ruthenische Ge-
schichte, selbstverständlich mit ruthenischer Vortragssprache.
Auf Grund dieser Vereinbarungen wurde Professor Hru-
szewskyj aus Kijew berufen. Dr. Smolka rechnet diese
Berufung den Polen als riesiges Verdienst an und bezeichnet
dieselbe als einen sehr charakteristischen Fall und einen
besonderen Beweis der Objektivität der polnischen Pro-
fessoren, indem es keinen wissenschaftlich geschulten Kan-
— 28 —
didaten für dieses Lehrfach gegeben habe und Professor
H r uszewskyj jederzeit vielmehr als Gegner der Polen
bekannt gewesen sei. Diese Angaben sind wieder unrichtig.
Professor Hruszewskyj hatte damals überhaupt noch keine
Gelegenheit gehabt, sich als Gegner der Polen zu zeigen,
und war als solcher auch gar nicht bekannt; ferner gab es
äusser ihm noch einen anderen wissenschaftlich geschulten
Kandidaten, welcher später eine Lehrkanzel für ein ähnliches
Fach an der Czernowitzer Universität erhielt.
Aus ähnlichen Rücksichten politischer, zum Teile auch
privater Natur, auf die ich nicht näher eingehen will, wurde
vor drei Jahren eine Lehrkanzel für kirchenslavische und
ruthenische Sprache an der Lemberger Universität errichtet.
Dr. Smolka macht auch aus dieser Sache eine grosse
Bevorzugung der Ruthenen, weil die polnische Sprache und
Literatur weder in Lemberg noch in Krakau durch eine
zweite Lehrkanzel vertreten sei. Die Ruthenen aber sahen
in der Errichtung dieser Lehrkanzel, welche übrigens von
der Wiener Regierung ausging und der gegenüber die Lem-
berger Fakultät sich ablehnend verhielt, mehr ein Zu-
geständnis von persönlichem als von nationalem Charakter
und würden dieselbe gerne für irgend eine andere not-
wendigere und erwünschtere hingegeben haben, wiewohl sie
immerhin die Systemisierung einer neuen ruthenischen wenn
auch minder dringenden Lehrkanzel als einen Gewinn an-
sehen müssen.
So haben also die Ruthenen gegenwärtig: drei Lehr-
kanzeln an der philosophischen Fakultät, zwei an der juri-
dischen, drei an der theologischen. Hinsichtlich der letzteren
muss ich bemerken, dass an der theologischen Fakultät
dreimal soviel Ruthenen studieren als Polen, und dass fast
nur die ruthenischen Studenten ordentliche Universitätshörer
sind, da die polnischen Seminarzöglinge meistenteils keine
Maturitätsprüfung abgelegt haben.
Das Bestreben der Ruthenen geht dahin, dass an der
Lemberger Universität ruthenische Lehrkanzeln in genü-
gender Zahl errichtet und nach ihrer möglichst raschen
Besetzung abgetrennt und als selbständige ruthenische Uni-
versität organisiert werden. Sie verlangen von den Polen,
dass dieselben ihnen hierin keine Schwierigkeiten in den
Wog legen. Dafür würden sie die gegenwärtig bestehende
Universität nicht mehr für sich reklamieren.
— 29 —
Ebenso wie in betreff der Errichtung neuer und der
Besetzung bereits bestehender ruthenischer Lehrkanzeln,
haben die Ruthenen in betreff der Amtssprache an der Uni-
versität von selten der polnischen Universitätsbehcrden manche
Unbill erfahren. Nicht nur rechtlich zukommende Rechte
wurden verweigert, sondern auch tatsächlich genossene
eingeschränkt oder entzogen. Das chauvinistische und pro-
vozierende Benehmen einiger Professoren, namentlich eines
Dekans der philosophischen, und eines Dekans der theolo-
gischen Fakultät musste einen Konflikt hervorrufen, umso-
mehr, als es in eine Zeit fiel, wo die Ruthenen immer ernst-
licher und lebhafter an die Errichtung einer eigenen ruthe-
nischen Universität zu denken begannen und dieses durch
Stellung von Interpellationen und Anträgen im Reichsrate
und im Landtage, durch Abhaltung allgemeiner Studenten-
tage sämmtlicher ruthenischer Hochschüler, durch Absenden
von Denkschriften seitens ruthenischer Vereine an das
Unterrichtsministerium u. s. w. vielfach betätigten.
Für den 19. November 1901 war die Stellung eines
Dringlichkeitsantrags auf Errichtung einer ruthenischen
Universität im Abgeordnetenhause angesagt, und im Uni-
versitätsgebäude zu Lemberg wurde zur Besprechung der-
selben Angelegenheit eine Versammlung der ruthenischen
Studenten, jedoch im Widerspruche mit einigen Anordnungen
der Universitätsbehörden, abgehalten. Da nun die Universi-
tätsbehörden diese Versammlung als eine gesetzwidrige aufzu-
lösen kamen, wurden sie in den Versammlungssaal nicht liinein-
gelassen, beziehungsweise aus demselben herausgedrängt;
die Studenten, gereizt durch das anmassende Vordrän gen eines
der erwähnten Dekane, stiessen lärmende Pereatrufe ans, führten
ihre Beratungen bis zum Ende ab und hielten dann einen
Massenumzug durch die Stadt, ohne indes die Ruhe zu
stören. Die polnischen offiziellen Kreise und die Mehrzahl
der polnischen Pressorgane stellten diese Demonstration als
einen Akt nie dagewesener Roheit und Wildheit dar, mehrere
ruthenische Studenten wurden relegiert und die Universität
geschlossen. Nach 13 Tagen sollte die Universität wieder
eröffnet werden, und der akademische Senat forderte in
einem gedruckten, sehr unglücklich stilisierten Aufrufe die
polnischen Studenten auf, die Privilegien ihrer Alma matcr
zu verteidigen. Die ruthenischen Studenten nahmen diesen
Aufruf als eine Provokation und Beleidigung gegen sie auf,
und da ausserdem ein gefährlicher vielleicht blutiger Konflikt
— 30 —
mit der Mehrheit der polnischen Studenten zu erwarten war,
so traten sie, um eine Anwendung illegaler Mittel unter den
unleidlich gewordenen Verhältnissen zu vermeiden, fast ins-
gesamt, 600 an der Zahl, aus der Lemberger Universität aus.
Es war dies ein Ereignis, wie es seit der Auswanderung
der deutschen Studenten aus Prag im Jahre 1409 nirgends
wieder vorgekommen ist. Die ausgewanderten Studenten
wurden in Wien, Prag und Krakau ohne Anstand auf ge-
nommen, nur in Czernowitz wurde ihnen die Aufnahme
verweigert. Das ganze ruthenische Volk nahm an dieser
Sezession der Studenten innigen Anteil und ermöglichte
ihnen, trotz seiner Armut, durch reichliche Geldsammlungen,
an denen sicli alle Volksklasseu beteiligten, einen längeren
Aufenthalt in der Fremde. Der akademische Senat in Lemberg
liess sich inzwischen nach langem Zögern zu einer teilweisen
Regelung der Rechte der ruthenischen Sprache herbei, und
seine Vorschläge wurden, über Antrag des Statthalters, vom
Unterrichtsminister genehmigt und mit Verheissungen weiterer
Zugeständnisse ergänzt; aber die grosse Mehrheit der Stu-
denten erklärte jene Regelung als durchaus unzulänglich
und setzte den Verheissungen Misstrauen in ihre Erfüllung
entgegen.
Zu erwähnen ist noch, dass die Gesamtzahl der ru-
thenischen Studenten an allen österreichischen Universitäten
über 800 beträgt und dass ruthenische Professoren an anderen
Hochschulen Österreichs und Russlands in deutscher, pol-
nischer, cechischer, kroatischer und russischer Sprache
dozieren. Wie sehr die Universitätsfrage den Ruthenen am
Herzen liegt, zeigt der Umstand, dass jetzt ganz ernstlich
ein phantastischer Plan erwogen wird, durch eine allge-
meine Subskription eine ruthenische Privatuniversität zu
errichten.
VI. Die Amtssprache in Galizien.
Dr. Smolka sagt in betreff der Amtssprache in
Galizien, dass „den nationalen Interessen der Bevölkerung
beider Nationalitäten des Landes vollkommen Rechnung
getragen werde“; denn wenn auch die Amtssprache polnisch
und in den dem Finanz-, Handels- und Eisenbahnministerium
unterstehenden Behörden noch immer deutsch ist, so sind
auf Grund der Allerhöchsten Entschliessung vom 4. Juni
1869 und infolge des Erlasses des Gesamtministeriums
von demselben Tage, sowie nachträglicher Verordnungen
— 31 —
des Ministeriums des Innern und der Lemberger Statthalterei,
sowohl Private als . auch sämtliche Korporationen, Ge-
meindebehörden u. s. w. berechtigt, bei allen Staatsbehörden
schriftlich und mündlich in einer der beiden Landessprachen
(d. h. polnisch oder ruthenisch) einzuschreiten, und alle
Behörden sind verpflichtet, die betreffende Erledigung- in
derjenigen Sprache, in welcher die Eingabe eingebracht
wurde, erfolgen zu lassen.
Vor allem ist es schwer zu verstehen, wie so, nach
der Behauptung Dr. S m o 1 k a s, den nationalen Interessen
der Ruthenen in gleicher Weise wie der Polen voll-
kommen Rechnung getragen wird, wenn die Amtssprache
polnisch ist und den Ruthenen nur einige Rechte bezüglich
des Verkehrs mit Behörden eingeräumt werden. Stellen wir
uns die Sache umgekehrt vor. Wenn in Ostgalizien, wo es
64% Ruthenen und nur 21'8% Polen gibt, die ruthenische
Sprache als Amtssprache erklärt würde, also die Ruthenen
in die jetzige Lage der Polen und die Polen in die der
Ruthenen versetzt würden; würde dann die polnische Min-
derheit anerkennen, dass „ihren nationalen Literessen voll-
kommen Rechnung getragen werde?“ Und doch wäre ein
solcher Zustand der richtigere und natürlichere, weil ja
21’8% sich nach 64% richten sollten, und nicht umgekehrt,
nach den Staatsgrundgesetzen aber alle Volksstämme und
alle Sprachen gleichberechtigt sind, die Polen also keine
Privilegien beanspruchen dürfen. Dr, S m o 1 k a meint cs
freilich anders. An diesem Zustande oder „an diesen Tat-
sachen“, behauptet er, „wird selbstverständlich nicht im ge-
ringsten etwas geändert, ob die Ruthenen damit zufrieden
sind oder nicht.“ Also nur die Zufriedenheit der Polen soll
das Entscheidende sein, an der Zufriedenheit der Ruthenen
ist aber nichts gelegen 1 . . . Diese Worte verdienen ange-
nagelt zu werden als Beispiel, wie die Polen sich ihr Ver-
hältnis zu den Ruthenen vorstellen.
Abgesehen von dieser sonderbaren Auffassung zeigt
Dr. Smolka hier wieder einen Mangel an Kenntnis der
Dinge, über die er schreibt. Erstens ist die Amtssprache in
den dem Finanzministerium unterstehenden Behörden nicht
deutsch, sondern polnisch; deutsch ist sie nur für einige
wenige Agenden. Zweitens bilden die Allerhöchste Ent-
schliessung und der Erlass des Gesamtministeriums vom
4. Jmii 1869 keine eigentliche Grundlage für die natio-
nalen Rechte der ruthenischen Sprache im Amtsgebranch,
— 32 —
denn sie erteilen nicht der ruthenischen Sprache irgend
welche Rechte, sondern belassen nur die alten Rechte.
Drittens gibt es keine nachträglichen Verordnungen des
Ministeriums des Innern und der galizischen Statthalterei,
welche den Ruthenen weitere sprachliche Rechte in der
von Dr. Smolka angegebenen Richtung verleihen
würden.
Die Rechte der ruthenischen Sprache im Verkehr- mit
den Behörden waren noch während der Herrschaft der
deutschen Amtssprache durch Allerhöchste Entschliessungen
und ministerielle Erlässe in den Jahren 1848 bis 1862 nor-
miert worden. • Die Allerhöchste Entschliessung vom
Jahre 1869, welche an die Stelle der deutschen Amts-
sprache die polnische einführte, hat den Polen alles, den
Ruthenen aber nichts gebracht, und deshalb klagen die
Ruthenen, dass sie damals bei jener so reichlichen Be-
teiligung ganz leer ausgegangen sind. Zweitens klagen die
Ruthenen, dass ihre Rechte in betreff der Amtssprache auch
in den folgenden 32 Jahren nicht erweitert worden sind.
Aber die meisten und die schwersten Klagen werden dar-
über erhoben, dass auch die bestehenden Rechte nicht
ausgeübt werden.
Die noch iin Jahre 1848 durch eine Allerhöchste
Entschliessung den k. k. Beamten in Ostgalizien auferlegte
und seitdem wiederholt cingeschärfte Verpflichtung, sich die
ruthenische Sprache anzueignen, hat auch jetzt noch keine
praktische Geltung. Die meisten Beamten geben zwar in
ihren Qualifikationstabellen an, dass sie der ruthenischen
Sprache in Wort und Schrift mächtig sind, aber eine Kon-
trolle über die Richtigkeit diesei* Angaben wird nicht ge-
führt, und in der Wirklichkeit können sehr viele das
Ruthenische kaum zur Not radebrechen. Ist ja doch erst vor
wenigen Monaten ein Fall vorgekommen, als es sich beim
k. k. Landesgerichte in Lemberg um einen Einspruch gegen
die Konfiskation einer ruthenischen Zeitung handelte, dass
der ganze Gerichtshof einschliesslich des Schriftführers
sich ausserstande zeigte, ruthenisch zu lesen und deshalb
die Verhandlung lange nicht geführt werden konnte, bis
man endlich einen Aushilfsschriftführer gefunden hat. Bei
den Verwaltungsbehörden steht die Sache in der Regel
noch schlimmer. Aus dieser Unkenntnis der Sprache folgt
natürlich, dass inan die ruthenischen Eingaben nicht in
ruthenischer Sprache erledigt, dass die Verhandlungen sehr
— 33 —
häufig in polnischer Sprache geführt und die Protokolle
nur in ziemlich seltenen Fällen in ruthenischer Sprache
geschrieben werden.. Die Zuschriften der k. k. Ämter und
Behörden an die Ruthenen ergehen in der Regel in pol-
nischer Sprache und auch die Weigerung vieler Ruthenen,
solche Zuschriften anzunehmen, hat diesem gesetz-
widrigen Vorgehen noch kein Ende gemacht. Die ruthenische
Geistlichkeit hat durch mehrere Jahre einen Kampf mit
den k. k. Behörden geführt, indem sie von denselben keine
polnischen Zuschriften annehmen wollte; da gebrauchten die
letzteren das Mittel, dass sie anstatt einfach „ an das griech.-kathol.
Pfarramt“ zu adressieren, in der Adresse noch den Zusatz
„als Matrikelamt“ gebrauchten, und da das Matrikelamt
als ein staatliches Amt angesehen wird, die Korrespondenz
zwischen staatlichen Ämtern und Behörden aber in der
Amtssprache d. i. in der polnischen Sprache geführt werd en
muss, so. blieben sie in diesem Kampfe Sieger. Übrigens
ist nicht allein Unkenntnis der ruthenischen Sprache schuld
an der Missachtung ihrer Rechte, sondern auch die Gegner-
schaft zu derselben und der nationale Chauvinismus vieler
polnischer Beamten. Manche Ruthenen scheuen auch vor
einem Kampfe um die ruthenische Sprache zurück und
lassen sich die Erledigung ihrer Angelegenheiten in pol-
nischer Sprache gefallen, weil sie den Unwillen der be-
treffenden Beamten zu erregen fürchten. Von den ruthe-
nischen Dorfgemeinden korrespondieren nur ziemlich wenige
mit den k. k. Bezirkshauptmannschaften und mit den Be-
zirksvertretungen in ruthenischer Sprache, weil der Ge-
meindevorsteher Angst hat vor den gestrengen Herren,
welche eine ruthenische Korrespondenz nicht leiden mögen.
So sieht es in der Praxis mit dem Rechte der Ru-
thenen in Bezug auf die Amtssprache aus, und das ist eine
der Hauptursachen der nach den Worten des Dr. Smolka
„leider unleugbaren Tatsache, dass aus dem ruthenischen
Lager fortwährend Klagen über die gewaltsame Beeinträchti-
gung der nationalen Interessen dei’ Ruthenen aufsteigen“.
Dass jedoch diese Klagen, wie Dr. Smolka behauptet, sofort
von den Wiener und Berliner Alldeutschen sorgfältig ver-
zeichnet und in der gehässigsten Weise ausgebeutet werden,
könnte ich nicht gerade bestätigen; die Wiener Alldeutschen
wollen im Gegenteil von Galizien nichts wissen, sie streben
die Ausscheidung Galiziens und der Bukowina aus dem
übrigen Österreich an. Die Ruthenen sind zumeist., auf sich
— 34 —
selber angewiesen, und sie kämpfen auch um ihre Rechte
immer energischer, je mehr die Zahl der ruthenischen In-
telligenz, namentlich der unabhängigen, zunimmt, und je
mehr der ruthenische Bauer und Kleinstädter zum nationalen
Bewusstsein und zur Kenntnis seiner nationalen Rechte
kommt. Ist aber dieser Kampf durchaus notwendig? Könnte
er nicht durch ein Entgegenkommen der anderen Seite ver-
mieden werden? Und zwar zunächst nicht einmal durch
irgend welche grosse Zugeständnisse, sondern schon dadurch,
dass die Gesetze erfüllt und die den Ruthenen zukommenden
Rechte nicht vorenthalten werden. _
VII. Die ruthenischen Parteien.
Dr. Smolka behauptet, dass die Klagen der Ruthenen
„grösstenteils aus den Reihen der radikalen ruthenischen
Partei stammen, welche neben den nationalen auch äusserst
extreme soziale Tendenzen verfolgt und seit längerer Zeit
allerdings die stärkste Fraktion des ruthenischen Lagers
bildet. Die eigentlichen Postulate jener Fraktion finden ihren
vielsagenden Ausdruck in dem bündigen Losungsworte
Proc cuzi lüde! (Fort ihr Fremden!“ d. i. „sämmt-
liehe polnische Bewohner Ostgaliziens, deren Ansässigkeit
ins 14. Jahrhundert reicht“). Dr. Smolka gibt indessen zu,
dass auch „die Gemässigten, welche von den Ultras >der
Polenfreundschaft verdächtigt, werden, mitunter wirklich
Erstaunendes auf dem Gebiete der Rekriminationen leisten“.
Die tiefere Ursache davon findet er in der „merkwürdigen
Assimilierungskraft des polnischen Elementes“, welche sogar
in Posen gegenüber den Deutschen sich äussert, „ganz be-
sonders aber im Laufe vieler Jahrhunderte sich den Ru-
thenen gegenüber betätigt hat und noch immer nicht auf-
hört, zum Vorschein zu treten. ... Die Ruthenen fürchten
nun nichts so sehr, als jene spontane Polonisierung und
suchen das einzige Schutzmittel gegen dieselbe in einem
erbitterten Kampfe gegen die Polen. So lange daher die
Ruthenen sich noch ihrer eigenen Schwäche auf so manchen
Gebieten, namentlich auf dem volkswirtschaftlichen sowie
auf dem kulturellen Gebiete, bewusst sind, was bei der
verhältnismässig kurzen Dauer ihrer Bewegung (etwa seit
50 Jahren) kaum anders sein kann, darf man schwerlich
eine Besserung diesbezüglicher Zustände erhoffen“.
Nachdem Dr. Smolka so manche Unkenntnis bezüglich
wichtiger Vorgänge in Galizien, bezüglich der SchuL
— 35 —
Verhältnisse und bezüglich der Landesgesetze, gezeigt hat,
ist es nicht besonders zu verwundern, wenn er auch über
Parteiverhältnisse der Ruthenen nicht gehörig unterrichtet
ist. Ich werde die einzelnen ruthenischen Parteien nicht ein-
gehend schildern, ich werde nicht ihre Programme anführen,
will aber ihre hauptsächlichsten Merkmale angeben.
Es gibt also gegenwärtig unter den galizischen Ru-
thenen folgende Parteien:
1. Die nationale (national-demokratische), auch jung-
ruthenische oder ukrainisch-ruthenische Partei genannt; sie
ist die stärkste Partei unter den Ruthenen, welche Doctor
Smolka ganz mit Unrecht als eine „radikale mit extremen
sozialen Tendenzen“ bezeichnet. Schon ihr Name „national-
demokratisch“ deutet ihre Tendenzen an. Ihr Programm ist:
nationale Autonomie (im Gegensätze zu der von den Polen
angestrehten Erweiterung der Landesautonomie) mit demo-
kratischen Einrichtungen. Ihr Hauptorgan in der Presse ist
das grösste und verbreitetste ruthenische Tagblatt „Dilo“. —
Im Jahre 1894 hatte sich von ihr eine Gruppe ausge-
schieden, „die Gemässigten“ des Dr. Smolka, welche sieh deren
Opposition gegen die Regierung und die Polen, sowie angeblich
deren zeitweiligen Kompromissen mit der altruthenischen
Partei nicht anschliessen wollte; in der letzten Zeit hat
diese Fraktion, die übrigens niemals einen Anhang im Volke
gehabt hat, sich wieder der Nationalpartei genähert und
geht mit ihr in der Regel zusammen. Sie hat ihr eigenes
(durch .Subvention erhaltenes) Pressorgan, das Tagblatt
„Ruslan“.
2. Die radikale Partei; sie sucht die Nationalen,
von denen sie sieh erst im Jahre 1890 förmlich los-
getrennt hat, durch ein radikaleres Programm und
radikaleres Vorgehen auf allen Gebieten zu über-
trumpfen; unter anderem führt sie einen Kampf gegen das
„Pfaffentum“. Seitdem vor drei Jahren gemässigte Radi-
kale auf Grund eines gemeinsamen Programms sich wieder
mit den Nationalen vereinigt haben und andererseits die
tüchtigsten Agitatoren der Radikalen zur sozialdemokra-
tischen Partei übergetreten sind, ist diese Partei, die übrigens
niemals gross aber bisweilen äusserst rührig war. sehr ge-
schwächt worden und hat nur in einigen Bezirken An-
hänger unter dem Volke. Ihr einziges Pressorgan ist das
jetzt nur alle zwei Wochen.erscheinende Blatt „Hromadskvi
Holos“.
36
3. Die sozialdemokratische Partei; sie ist erst jüngst
aus der radikalen Partei hervorgegangen, steht noch in den
ersten Anfängen und bildet nur einen Teil der gemeinsamen
ruthenisch-jüdisch-polnischen sozialdemokratischen Organi-
sation in Galizien. Sie hat ebenfalls ein alle 14 Tage er-
scheinendes Pressorgan „Wola“.
Alle diese drei Parteien stehen auf einem gemein-
samen nationalen Boden: sie streben die Entwicklung des
ruthenischen Volkes als einer selbständigen, nicht nur von
den Polen, sondern auch von den Russen (Grossrussen) be-
sonderen Nation an. Sie gebrauchen demnach in Wort und.
Schrift die ruthenische Volkssprache mit phonetischer (von
der russischen durchaus verschiedenen) Schreibweise.
Einen wesentlich anderen nationalen Standp unkt nimmt ein
4. die altruthenische oder russophile Partei. Sie steht
auf dem Prinzip der nationalen Einheit der Ruthenen
oder Kleinrussen mit den Grossrussen, bemüht sich, mit
Ausnahme der für das Volk bestimmten Ausgaben, in
russischer Sprache zu schreiben und perhorresziert die Ent-
wicklungeiner selbständigen ruthenischenNationalitätund einer
besonderen ruthenischen Literatur. Ihr Programm ist Russo-
philismus, Konservatismus, Klerikalismus (aber mehr in der
Richtung nach der Orthodoxie hin). Sie ist nach der natio-
nalen die stärkste Partei unter den Ruthenen; ihr Press-
organ ist das (nach der allgemeinen Überzeugung von
Russland aus subventionierte) Tagblatt „Halyczanyn“ (nach
der russischen Aussprache: Galiczanin).
Was Dr. Smolka über das angebliche Losungswort
„Fort mit den Fremden!“ sagt, ist ein aus chauvinistischen
polnischen Zeitungsblättern geschöpftes Märchen, dessen
Ursprung darin liegt, dass in einem Aufrufe ruthenischer
Landtagsabgeordneter im Jahre 1888 von den Polen als von
Fremden, d. i. nationalfremden, Nichtruthenen, gesprochen
wurde. Die Vertreibung einer Million Polen aus Ostgalizien
wäre ja eine solche Unmöglichkeit, dass ernste Poli-
tiker einer ernsten Partei ein solches Ziel doch nicht zu-
schreiben sollten, umsomehr, als die Ruthenen alle Mühe
haben, sich selbst in ihrer Heimat zu behaupten. Allerdings
wollen die Ruthenen in Ostgalizien jene Stellung einnehmen,
welche ihnen auf Grund ihrer historischen Rechte und ihrer
Zahl in ihrem eigenen Lande zukommt.',
Eine geradezu polenfreundliche Partei gibt es unter
den galizischen Ruthenen nicht; selbst die sogenannten
37
Gemässigten sind oder waren nur Opportunitätspolitiker.
Ausgleichsfreundliche Ruthenen gibt es allerdings noch
immer; aber alle bisherigen ruthenischerseits unternommenen
oder von der Landesregierung (dem Grafen Kasimir
Badeni) initiierten Versuche, einen auch nur halbwegs
annehmbaren Ausgleich herbeizuführen, scheiterten an den
übermässigen Ansprüchen der Polen, welche Ostgalizien als
ihr durch die historische Entwicklung ihnen zukommendes
Eigentum ansehen und die polnische Staatsidee auch bei
den galizischen Ruthenen zur Geltung bringen möchten.
Etwaige weitere Ausgleichsversuche müssten jetzt von den
Polen ausgehen und die Gleichberechtigung der Ruthenen
zur Grundlage haben.
Was Dr, Smolka von der besonderen Assimilicrungs-
kraft des Polentums sagt, darin ist manches Richtige ent-
halten. Die Polen sind sicherlich national ein sein- starkes
Element. Weder der russische Druck in den ehemaligen
polnischen Provinzen Russlands, noch der deutsche Druck
in Posen hat ihre nationale Kraft zu schwächen vermocht,
und die noch unlängst ziemlich starke deutsche Intelligenz
in Galizien hat sich bereits fast vollständig polonisiert. An-
dererseits ist jedoch zu bemerken, dass die ruthenische
Bauernschaft in Westgalizien durch Jahrhunderte ihre
Nationalität und ihre Religion sich erhalten hat, und nicht
nur polnische Hetzblätter, sondern auch polnische Politiker
klagen, dass die polnischen. Kolonien in Ostgalizien, trotz
der Herrschaft des Polentums, sich nach und nach ruthe-
nisieren. Allerdings mögen dies nicht immer wirkliche
polnische Kolonisten sein, sondern ursprüngliche Ruthenen,
welche zwar den polonisierenden römisch-katholischen Ritus
angenommen haben, aber an ihrer Nationalität noch immer
festhalten. Jedenfalls fürchten die Ruthenen einen nationalen
Kampf mit den Polen nicht, aber einen Kampf unter gleichen
Bedingungen und mit gleichen Waffen.
Zwar sind die Ruthenen in der Vergangenheit den
Polen im nationalen Kampfe unterlegen: die bedeutendsten
polnischen Magnatenfamilien, die Czartoryski, San-
guszko, Sapieha, Dzieduszycki und viele viele
andere sind ruthenischer Herkunft; noch unter österreichischer
Herrschaft haben sich zahlreiche, namentlich der Intelligenz
angehörende ruthenische Familien aus dem Adel und dein
Bürgerstande polonisiert, und dieser Entnationalisierungs-
prozess hat auch jetzt noch nicht ganz aufgehört. Aber die
— 38.
Ruthenen sind dabei zu einer durch und durch demokratischen
Nation geworden, sie schöpfen ihre Kraft im Volke und
hoffen durch Einbeziehung des ganzen Volkes in die nationale
Arbeit sich ihre Nationalität erhalten zu können, wenn sie
auch einen schweren Kampf werden auszufechten haben.
VIIL Schlussbemerkungen.
Es ist nicht zu leugnen, dass der Antagonismus zwischen
Polen und Ruthenen in der letzten Zeit bedeutend zuge-
nommen hat. Die Polen setzen alle ihre Kräfte an, um ihr
jetziges Übergewicht, welches ihnen durch die trotz aller
Hindernisse fortschreitende Entwicklung des ruthenischen
Elementes als bedroht erscheinen mag, sich dauernd zu
sichern und ihre Position in Ostgalizien derart zu stärken,
dass sie auch bei einer etwaigen Aenderung politischer
Verhältnisse nicht ernstlich erschüttert werden könnte. Der
Kampf wird auf der ganzen Linie geführt. Mit Rücksicht
auf die öffentliche Meinung und auch auf die massgebenden
Wiener Kreise können diePolen den Ruthenen nicht alle Rechte
versagen, sie müssen ihnen dann und wann auch irgend
ein Zugeständnis machen, aber sie trachten immer, wie ich
schon bemerkt habe, den angeblichen Verlust auf einem
Felde durch möglichsten Gewinn auf anderen Feldern wett-
zumachen.
Die Polen haben lange geglaubt, dass die galizischen
Ruthenen national und politisch bereits todt seien. Bei der
ruthenischen Bewegung im Jahre 1848 mochten sie noch
glauben, dass dieselbe von der österreichischen Regierung
hervorgerufen sei und nur mit Hilfe dieser Regierung sich
halten könne. Damals und auch viel später erschollen von
ihrer Seite Rufe: „niema Rusi!“ (es gibt keine ruthenische
Nation), es gibt nur „gente Rutheni, natione Poloni“, etwa
wie die Magyaren heute von nichtmagyarischen Völkern in
Ungarn sagen. Mit der Zeit sahen sie allerdings ein, dass
diese Fiktion nicht aufrecht zu erhalten sei, aber sie pochten
auf die Wendung, welche in der österreichischen Politik zu
ihren Gunsten eintrat. Damals überwog die russophile Rich-
tung bei den Ruthenen; diese glaubten die Polen umsomehr
bekämpfen zu müssen, als sie überhaupt in Russland ihren
mächtigsten Hauptfeind sahen und eine Stärkung der Ru-
thenen von Russland aus befürchteten. Aber der end-
liche Verfall des übrigens von vornherein aussichtslosen,
weil nicht auf eigener Kraftentfaltung des Volkes beruhenden
— 39 —
Russophilismus kam weniger ihnen zugute, als den ru-
thenischen Nationalen. Die Ruthenen sind mit der Zeit
politisch schwächer geworden, aher kulturell und national
haben sie sich gekräftigt und beginnen auch an ihrer wirt-
schaftlichen Hebung eifrig zu arbeiten.
Deshalb wird jetzt zu neuen Mitteln gegriffen, ohne
die alten aufzugeben. Man begnügt, sich nicht mehr mit
politischen Zwangsmitteln seitens der Regierungsbehörden
und der Landtagsmajorität; man sucht gegen die erwachten
und sich wenngleich langsam entwickelnden Kräfte des
ruthenischen Volkes auch die eigenen Kräfte des polnischen
Gemeinwesens in Bewegung zu setzen..Ein polnischer Schul-
verein gründet polnische Volksschulen selbst für kleine
polnische Minoritäten in ruthenischen Gemeinden; ebenso
werden unter Patronanz des polnischen Episkopats
Sammlungen veranstaltet, um überall für jeden Bruchteil
der polnischen oder richtiger der römisch - katholischen
Bevölkerung in Ostgalizien eine Kirche oder Kapelle zu
bauen, wiewohl die Religion auch bei den Ruthenen katho-
lisch (griechisch-uniert) ist und die päpstliche Kurie selbst
die Inanspruchnahme griechisch-unierter Priester für römi-
sche Katholiken gestattete; polnische Klöster, namentlich
Frauenklöster, werden errichtet, um auf die ruthenische
Bauernschaft einzuwirken; polnische Volksvereine, welche
angeblich die ökonomische Hebung des Volkes sich zum
Ziele setzen, werden in polnisch-ruthenischen und auch in
rein ruthenischen Gemeinden, wo nur der Herrenhof polnisch
ist, in grosser Anzahl gegründet; aus Westgalizien führt
man immer mehr polnische Kolonisten herein, welche sich
in den parzellierten Gutsgebieten ansetzen. Jetzt wird dahin
agitiert, dass die polnische Geistlichkeit zu ihren römisch-
katholischen Pfarrkindern ruthenischer Nationalität sich nicht
mehr, wie sie es oft tat und auch tun musste, der ruthe-
nischen Sprache, sondern nur der polnischen bediene; das-
selbe wird in Aufrufen von den polnischen Gutsherrschaften
verlangt, damit sie es allen ruthenischen Bauern, vor allem
ihrem Gesinde gegenüber tue. Dabei arbeitet auch die
Landesgesetzgebung. Im vorigen Jahre wurde ein Gesetz
über Rentengüter beschlossen, welches die Parzellierung
des stark verschuldeten Grossgrundbesitzes erleichtern, aher
dieselbe namentlich zu Gunsten polnischer Bauern, welche
aus Westgalizien einzuführen wären, bewerkstelligen soll.
Was in Preussisch-Polen mittels riesiger Summen versucht
40 —
wird, deutsche Kolonisation im polnischen Gebiete, soll hier
als polnische Kolonisation im ruthenischen Lande auf
leichtere-Weise durchgoführt werden. Ein anderes in Aus-
sicht genommenes Landesgesetz soll durch Schaffung von
Kreisgemeinden auch die Gemeindeverwaltung vollständig
in polnische Hände überliefern.
Diese Anschläge und nicht die Furcht vor einer spon-
tanen Polonisierung, wie Dr. Smolka meint, weckt oder
schärft den erbitterten Kampf gegen die Polen. Natürlich
müssen sich die Ruthenen mit allem Aufwande ihrer Kräfte
gegen diese gefährlichen Anschläge zur Wehre setzen.
Es wurden auch schon energische Massregeln, unter anderm
der Strike der Feldarbeiter und der Boycott vorgeschlagen.
Die Gegensätze spitzen sich immer mehr zu, die Situation
verschlechtert sich zusehends.
Wenn solche Anschläge aufhören, wenn die Polen es
aufgeben, an die vollständige politische und wirtschaftliche
Unterjochung und an die Entnationalisierung der Ruthenen
zu denken, dann wird auch „Schritt auf Schritt der Antago-
nismus der Ruthenen ihren polnischen Mitbürgern gegen-
über sich lindern und hoffentlich mit der Zeit auch gänzlich
verschwinden“. Und dieses ist in der Tat, wie Dr. Smolka
ganz richtig sagt, sowol im gemeinsamen Interesse, wie auch
im Interesse der österreicbichen Staatsidee zu wünschen.
Den zweiten Wunsch des Dr. Smolka, dass die
ruthenische Nationalität als eine besondere, selbst-
bewusste Nationalität sicherhalte, teile ich gleichfalls,
und nicht nur ich, sondern die übergrosse Mehrheit des
ruthenischen Volkes. Dieser Wunsch wird sicherlich in Er-
füllung gehen, wenn nur nicht die Polen und die öster-
reichischen Regierungen eine verkehrte Politik zum Schaden
der Ruthenen und zu ihrem eigenen Schaden gegen das
ruthenische Volk anwenden.
Wien, 14. April 1902.