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Bericht
Hochwasserschutz und Hydrologie
10 Jahre Nationales Hochwasser
schutzprogramm (NHWSP)
Grundlagen und Umsetzungsstand
Mai 2023
LAWA
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser
Impressum
Herausgeber:
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA)
unter dem Vorsitz der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz von
Berlin
Am Köllnischen Park 3
10179 Berlin
Tel.: +49 30 9025–2359
E-Mail: lawa@senumvk.berlin.de
Homepage: www.lawa.de
Bearbeitung und Redaktion:
Kleingruppe Nationales Hochwasserschutzprogramm
bestehend aus folgenden Personen:
•
Andreas Böhmert, Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz
•
Evelin Bohn, Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes
Brandenburg
•
Dr. Stefan Fach, Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz
•
Niklas Ganz, Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg
•
Kerstin Gödecke, Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt SachsenAnhalt
•
Patrik Heinzel, Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz
•
Andrea Jaskulla, Sächsisches Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und
Landwirtschaft
•
Astrid Lange, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz
•
Thomas Mann, Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
•
Lothar Nordmeyer, Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt
Mecklenburg-Vorpommern
•
Christian Staudt, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität des Landes
Rheinland-Pfalz
•
Stefan Werner, Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NordrheinWestfalen
Federführung:
LAWA Ausschuss Hochwasserschutz und Hydrologie
Unter Mitwirkung von:
•
Marcus Hatz, Bundesanstalt für Gewässerkunde
•
Bernd Hausmann, Bundesamt für Naturschutz
•
Dr. Dr. Dietmar Mehl, Janette Iwanowski, biota GmbH
•
Simone Schröter, Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz
•
Jens Wunsch, Freie Hansestadt Bremen bei der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität,
Stadtentwicklung und Wohnungsbau
•
Sanna Petter, Maria Vedder, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
Stand:
Mai 2023
Das Papier wurde durch die 165. LAWA-Vollversammlung am 20. und 21. März 2023 in Berlin be
schlossen.
Die UMK hat der Veröffentlichung des Papieres im Umlaufbeschluss 21/2023 zugestimmt.
Die Bearbeitung erfolgte auf Basis der Projektskizze vom 12.05.2022.
Lizensierung:
Der Text dieses Werkes wird, wenn nicht anders vermerkt unter, der Lizenz Creative
Commons Namensnennung 4.0 International zur Verfügung gestellt.
CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de)
Quellenangaben siehe jeweilige Abbildung, Abbildungen von der LAWA haben keine Angaben
Zitiervorschlag:
LAWA (2023): 10 Jahre Nationales Hochwasserschutzprogramm (NHWSP). Bund/Länder-Arbeitsge
meinschaft Wasser (LAWA).
INHALTSVERZEICHNIS
Inhalt
Abbildungsverzeichnis ............................................................................................ 2
Tabellenverzeichnis ................................................................................................. 2
1
Einleitung ........................................................................................................ 3
2
Veranlassung und Zielstellung...................................................................... 6
3
Begleitforschung des Bundes ..................................................................... 12
3.1
Großräumige Wirkungsanalysen für Donau, Elbe und Rhein ......................... 12
3.2 Synergien des NHWSP mit naturschutzfachlichen, gewässerökologischen und
klimapolitischen Zielsetzungen ................................................................................. 15
4
Finanzierung des NHWSP ............................................................................ 17
5
Umsetzungsstand des NHWSP in Zahlen .................................................. 20
5.1
Volumen- und Flächenanteile der Maßnahmen .............................................. 20
5.2
Umsetzungsstand und Herausforderungen .................................................... 21
5.3
Bisherige Ausgaben und zukünftiger Finanzbedarf ........................................ 25
6
Fazit und Ausblick ........................................................................................ 28
Literaturverzeichnis ............................................................................................... 30
Abkürzungsverzeichnis ........................................................................................ 32
Anlagen ...................................................................................................................... I
Seite i
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Übersicht über die Maßnahmen des NHWSP (Stand: 12/2022; zur
Nummerierung siehe HATZ ET AL. 2021) ...................................................................... 5
Abbildung 2: Autobahn 3 in der Nähe von Deggendorf am 6. Juni 2013 (Quelle:
Wasserwirtschaftsamt Deggendorf) ............................................................................ 7
Abbildung 3: Der Deichbruch bei Fischbeck am 10.06.2013, Hochwasser strömt
durch die Deichbruchstelle (Quelle: Sven Schulz, Ministerium für Wissenschaft,
Energie, Klimaschutz und Umwelt Sachsen-Anhalt) ................................................... 8
Abbildung 4: Längsschnitte der maßnahmenbürtigen Wasserspiegelreduktion an der
Elbe zwischen Bezugszustand 2018 und Planzustand 2027+ .................................. 13
Abbildung 5: Ableitung der horizontalen Synergien unter Einbeziehung der Kriterien
gemäß LAWA ........................................................................................................... 16
Abbildung 6: Zeitstrahl zur Abwicklung der Maßnahmen des Nationalen
Hochwasserschutzes über den Sonderrahmenplan Präventiver Hochwasserschutz 19
Abbildung 7: Übersicht über die flächenmäßige Verteilung der im NHWSP
gemeldeten Maßnahmen der Kategorie DRV (linkes Diagramm ) bzw. der
Volumenanteile der im NHWSP neu geschaffenen Maßnahmen in der Kategorie
HWR (rechtes Diagramm) in den Flussgebieten Donau, Elbe, Oder, Rhein und
Weser (Stand: 2022) ................................................................................................ 20
Abbildung 8: Übersicht über den derzeitigen Umsetzungsstand der im NHWSP
gemeldeten raumgebenden Maßnahmen ................................................................. 22
Abbildung 9: Im Rahmen des Sonderrahmenplans „Maßnahmen des präventiven
Hochwasserschutzes“ tatsächlich beanspruchte Bundes- und Landesmittel nach
Jahren für NHWSP-Maßnahmen der Kategorien DRV und HWR sowie für
konzeptionelle Vorarbeiten und Erhebungen (BMEL, Stand: 2022; Werte < 1 Mio. €
sind nicht ausgewiesen) ........................................................................................... 26
Abbildung 10: Geschätzte zukünftige Investitionskosten nach Jahren zur Planung
und Umsetzung der Maßnahmen des NHWSP, unterteilt nach Flussgebieten (linkes
Diagramm) bzw. nach Maßnahmenkategorien (rechtes Diagramm) ........................ 26
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Übersicht über die Gesamtkosten des NHWSP, Stand 24.10.2014......... 10
Tabelle 2: Veranschlagte Investitionskosten gemäß NHWSP-Maßnahmenliste mit
Stand des Jahres 2023: Für die drei derzeitigen Planungshorizonte 2015–2021 (IST),
2022–2027(geschätzt) und nach 2027 (geschätzt) ermittelte Kosten des NHWSP in
Mio. €., unterschieden nach Flussgebietseinheiten und Maßnahmenkategorien ..... 25
LAWA (2023)
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EINLEITUNG
1
Einleitung
Das Hochwasser 2013 war neben dem Hochwasser 2002 eines der verheerendsten
Hochwasserereignisse, denen sich Deutschland bis dato zu stellen hatte. Besonders
heftig fiel es in den Einzugsgebieten von Elbe und Donau aus, daneben auch in ver
minderter Form an Rhein und Weser. Das Hochwasser im Mai und Juni 2013 übertraf
in räumlicher Ausdehnung und Größe (Abflüsse, Wasserstände) das Augusthochwas
ser von 2002. Etwa 1,7 Millionen Hilfskräfte waren zur Abwehr der Gefahren im Ein
satz. Die kurzfristig, direkt nach dem Hochwasser aufgenommenen Schäden von
Bund, Ländern und Kommunen wurden mit ca. 8 Milliarden Euro allein in Deutschland
beziffert. Die Kosten für die Schadensbeseitigung der Hochwasserereignisse an der
Elbe im Sommer 2002 und an Elbe, Donau und Rhein im Juni 2013 betrugen ohne die
versicherten Schäden rund 20 Milliarden Euro.
Die Flutkatastrophe 2021 zeigt, dass die Anstrengungen zur Verbesserung des
Hochwasserschutzes nicht verringert werden dürfen. Hierzu wird auf den LAWABericht „Analyse zum Juli-Hochwasser 2021 und Ableitung von Konsequenzen aus
Sicht des LAWA-AH“ verwiesen. Die Schäden, die durch das Hochwasser 2021
verursacht wurden, belaufen sich auf mehr als 40 Milliarden Euro. In der vorliegenden
Broschüre liegt der Fokus jedoch auf dem Nationalen Hochwasserschutzprogramm.
Auf einer am 2. September 2013 anberaumten Sonderumweltministerkonferenz wur
den die ersten Erkenntnisse aus dem Hochwasserereignis von Bund und Ländern aus
gewertet. Insbesondere vor dem Hintergrund der in kurzer Abfolge aufgetretenen
Hochwasserereignisse (2002, 2006, 2010 und 2013) wurde die Bedeutung eines über
die Ländergrenzen hinweg, überregional wirkenden Hochwasserschutzes in den
Flusseinzugsgebieten hervorgehoben. Um diesen zu stärken und seine weitere Um
setzung zu beschleunigen, wurde die Erarbeitung eines Nationalen Hochwasser
schutzprogrammes beschlossen, in dem überregional wirkende Maßnahmen enthal
ten und mit besonderer Priorität und Finanzierung umgesetzt werden sollen. Hierzu
wurde die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser beauftragt.
Die Umweltministerkonferenz legte dabei Wert darauf, dass neben gesteuerten Hoch
wasserrückhaltemaßnahmen und der Beseitigung von Schwachstellen in bestehenden
Hochwasserschutzsystemen insbesondere auch der Rückverlegung von Deichen und
der damit verbundenen Wiedergewinnung von Retentionsflächen eine besondere Be
deutung zukommt. Letzteres vor dem Hintergrund, dass den Wassermassen bei einem
Hochwasser der entsprechende Raum für den Abfluss gegeben werden muss.
Auf der 83. Umweltministerkonferenz am 24. Oktober 2014 wurde das Nationale Hoch
wasserschutzprogramm beschlossen. Über den von der Bundesregierung eingerich
teten Sonderrahmenplan „Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“ inner
halb der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küsten
schutzes (GAK) werden die Maßnahmen zum gesteuerten Hochwasserrückhalt und
zur Rückverlegung von Deichen gemeinsam vom Bund und den Ländern finanziert.
Seit 2016 stellt der Bund jährlich bis zu 100 Millionen Euro zur Verfügung. Die Länder
finanzieren die Maßnahmen mit 40 Prozent aus eigenen Mitteln.
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EINLEITUNG
Die überregionale Wirksamkeit der Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutz
programms wurde im Rahmen einer Begleitforschung des Bundes bestätigt. Diese un
terstreicht auch die Notwendigkeit der gemeinschaftlichen Anstrengungen vor dem
Hintergrund der erforderlichen Anpassungen an den Klimawandel in Deutschland.
Die folgenden Ausführungen gehen weiterführend detailliert auf die Entstehungsge
schichte und den nach 10 Jahren erreichten Stand zum Nationalen Hochwasser
schutzprogramm ein. Die Abbildung 1 gibt eine Übersicht über die Lage der im NHWSP
derzeit gemeldeten Maßnahmen zum gesteuerten Hochwasserrückhalt und zur Rück
verlegung von Deichen.
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EINLEITUNG
Abbildung 1: Übersicht über die Maßnahmen des NHWSP (Stand: 12/2022; zur Nummerierung siehe HATZ
ET AL. 2021, S. 69 – 74 - HTTPS://WWW.UMWELTBUNDESAMT.DE/SITES/DEFAULT/FILES/MEDIEN/5750/PUBLIKATIO
NEN/2021-04-30_TEXTE_70-2021_NHWSP_0.PDF)
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
2
Veranlassung und Zielstellung
Vom Mai bis in die erste Juniwoche 2013 lag Mitteleuropa nahezu kontinuierlich unter
dem Einfluss niederschlagsreicher Tiefdruckgebiete. Diese sorgten mit Starknieder
schlägen und mit äußerst ergiebigem Dauerregen für hohe Regenmengen. Die gefal
lenen Niederschläge führten großräumig zu einer Sättigung der Porenräume in den
Böden mit Wasser und bildeten somit die für die Entstehung extremer Hochwasser
relevanten Anfangsbedingungen. Letztendlich war eine lang andauernde Nieder
schlagsperiode, die bereits Ende April 2013 begann, maßgeblich für das in der Folge
eingetretene überregionale Hochwasserereignis, welches insbesondere im Donauund Elbegebiet katastrophale Folgen nach sich zog.
Das ausgedehnte Regengebiet zog immer wieder über dieselben Regionen hinweg.
Durch die nördliche Anströmung auf der Westflanke des Tiefs staute sich der Regen
zudem vor allem an den Nordrändern der Mittelgebirge wie dem Erzgebirge, dem
Schwarzwald, der Schwäbischen Alb und auch vor den Alpen. Die daraus resultieren
den Niederschlagssummen erreichten regional das Zwei- bis Dreifache des monatli
chen Mittelwertes.
Die Ausdehnung und die Intensität des Niederschlagsgebiets führten dann auch dazu,
dass gleich mehrere Flusseinzugsgebiete von zum Teil extremen Hochwasserabflüs
sen und -wasserständen betroffen waren. Die erste Hochwasserwelle erfasste das
Wesergebiet, dann folgten Rhein, Donau und Elbe. Im Weser- und Rheingebiet wur
den zwar schifffahrtseinschränkende Wasserspiegellagen überschritten, die Hochwas
serscheitel erreichten jedoch moderate Werte mit einer Jährlichkeit von 2 bis 20 Jah
ren.
Dagegen wurden an der Donau Abflüsse und Wasserstände verzeichnet, die statis
tisch gesehen z. T. nur alle 200 Jahre (Hofkirchen) bzw. nur alle 200 bis 500 Jahre
vorkommen (Pegel Achleiten).
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
Abbildung 2: Autobahn 3 in der Nähe von Deggendorf am 6. Juni 2013 (Quelle: Wasserwirtschaftsamt Deg
gendorf)
Das Resultat des Hochwassers im Landkreis Deggendorf in Niederbayern war verhee
rend. Bspw. hatte das Hochwasser auf mehreren Kilometern Länge die Autobahn A3
überflutet, teilweise bis zu 2,5 Meter hoch. Allein im Landkreis Deggendorf rechnete
man mit Schäden in Höhe von rund 500 Millionen Euro. Die Gesamtschäden lagen in
Bayern tatsächlich bei ca. 1,3 Milliarden Euro.
Auch im Elbegebiet baute sich von Tschechien herkommend eine so hohe Wasser
welle auf, dass zeitweilig auf einer Fließstrecke von 250 km zusammenhängend neue
Höchstwasserstände verzeichnet wurden. Dabei wurden die alten Hochwassermarken
oftmals deutlich überschritten. Die hier ermittelten Wiederkehrintervalle reichten von
100 Jahren an den Pegeln Dresden (Sachsen) und Neu Darchau (Niedersachsen) bis
200–500 Jahren am Pegel Magdeburg-Strombrücke (Sachsen-Anhalt).
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
Abbildung 3: Der Deichbruch bei Fischbeck am 10.06.2013, Hochwasser strömt durch die Deichbruch
stelle (Quelle: Sven Schulz, Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt SachsenAnhalt)
Für das Elbeeinzugsgebiet ergab sich eine Gesamtschadensumme von rund 5.2 Milli
arden Euro. Nicht eingerechnet in diese Schäden sind die versicherten Schäden.
Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.
(GDV) hatte das Hochwasser 2013 in Deutschland 180.000 versicherte Schäden in
Höhe von fast zwei Milliarden Euro zur Folge. Das waren 30.000 Schäden mehr als
bei der Elbe-Flut 2002. Grund für die höhere Zahl der Schäden war, dass die Men
schen nach der Elbe-Flut 2002 verstärkt ihre Häuser gegen Überschwemmung versi
chert hatten.
Aufgrund dieses überregional bedeutsamen Hochwasserereignisses und seiner ver
heerenden Folgen fand am 2. September 2013 in Berlin eine „Sonderumweltminister
konferenz Hochwasser“ statt. Im Ergebnis wurde die Bund/Länder-Arbeitsgemein
schaft Wasser (LAWA) beauftragt, in Zusammenarbeit mit den Flussgebietsgemein
schaften (FGG) und unter Beteiligung der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Natur
schutz, Landschaftspflege und Erholung (LANA), ein Nationales Hochwasserschutz
programm (NHWSP) zu erarbeiten. Die LAWA-Vollversammlung (LAWA-VV) hat zur
Erfüllung dieses Auftrages eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des LAWA-Ausschusses
Hochwasserschutz und Hydrologie (LAWA-AH), der FGGen und der LANA eingerich
tet.
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
Als Grundlage für das NHWSP sollten Kriterien und Bewertungsmaßstäbe für die Iden
tifikation und Priorisierung von wirksamen Maßnahmen zur Verbesserung des Hoch
wasserschutzes, insbesondere zur Gewinnung von Rückhalteräumen mit signifikanter
Wirkung auf die Hochwasserscheitel und zur Beseitigung von Schwachstellen bei vor
handenen Hochwasserschutzmaßnahmen, einschließlich an Bundeswasserstraßen,
erarbeitet werden.
Zur Aufnahme von Maßnahmen in das NHWSP hat die LAWA schließlich die Kriterien
„Wirksamkeit“ und „Synergien“ sowie das Zusatzkriterium „Umsetzbarkeit“ festgelegt.
Das Kriterium „Wirksamkeit“ wird über die Anzahl der durch die Maßnahmen bei
extremen Hochwasserereignissen mit einer niedrigen/seltenen Wahrscheinlichkeit
(HQextrem/selten) bevorteilten Einwohner untersetzt. Für die Bewertung der „Synergien“
werden die drei Kriterien (1) Gewässerentwicklung/Wasserrahmenrichtlinie, (2) Aus
wirkungen auf den Auenzustand und (3) Stabilität gegenüber Klimaveränderung (Resi
lienz) herangezogen. Diese können bei Deichrückverlegungen bspw. an der Fläche
der zurückgewonnenen rezenten Aue bzw. bei gesteuerten Maßnahmen an der Mög
lichkeit ökologischer Flutungen festgemacht werden (vgl. Kap. 3.2).
Anhand der abgestimmten Kriterien hat die Arbeitsgruppe für die LAWA-VV-Sonder
sitzung am 29. September 2014 eine Liste mit prioritären, überregional wirksamen
Hochwasserschutzmaßnahmen erarbeitet. Zum ersten Mal gibt es damit eine bundes
weite Aufstellung mit den seitens der Bundesländer geplanten, vordringlichen Maß
nahmen für den präventiven Hochwasserschutz, die das Kernstück des NHWSP bilden
sollte. Sie umfasst Maßnahmen der folgenden Kategorien:
•
•
•
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von natürlichen Rückhalteflächen
(DRV) mit einer Größe von ≥ 100 ha,
Gesteuerte Hochwasserrückhaltung in Hochwasserrückhaltebecken mit einem
Fassungsvermögen von ≥ 2 Mio. m3 und gesteuerte Flutpolder mit einem Fas
sungsvermögen > 5 Mio. m³ Retentionsvolumen (HWR) und
Beseitigung von Schwachstellen (SSB).
Bei den Maßnahmen handelt es sich um Einzelmaßnahmen oder um Verbundmaß
nahmen mit mehreren Teilmaßnahmen. In das Programm aufgenommen werden Vor
haben, die einzeln oder als Verbundmaßnahme die zuvor genannten Mindestgrößen
für Flächen und Retentionsvolumina erfüllen.
Die festgelegten Kriterien und Bewertungsmaßstäbe ermöglichen
•
•
•
eine deutschlandweite Anwendung auf prioritäre Maßnahmen mit überregiona
ler Bedeutung zur Verbesserung präventiven Hochwasserschutzes,
eine einfache Handhabbarkeit,
und Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der Entscheidungsfindung.
Im Rahmen der ersten Aufstellung des NHWSP im Jahr 2014 wurden 27 Einzel- und
Verbundmaßnahmen der Kategorie „Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von na
türlichen Rückhalteräumen (DRV)“ mit einer Größe von rund 17.560 ha gemeldet. In
der Kategorie der „gesteuerten Hochwasserrückhaltung (HWR)“ waren es 46 Einzelund Verbundmaßnahmen mit einem Retentionsvolumen von rund 1,5 Mrd. m3. In der
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
Kategorie Schwachstellenbeseitigung (SSB) wurden 18 Einzel- und Verbundmaßnah
men identifiziert, die den Kriterien des NHWSP entsprechen. Der 2014 ermittelte finan
zielle Bedarf zur Umsetzung dieser Investitionen für alle drei Maßnahmenkategorien
betrug rund 5,4 Mrd. Euro. Wie sich die Maßnahmen auf die Flussgebietseinheiten
(FGE) verteilten, ist der Tabelle 1 zu entnehmen.
Tabelle 1
Übersicht über die Gesamtkosten des NHWSP, Stand 24.10.2014
DRV-Wiedergewinnung
gesteuerte
HW-Rückhaltung
Beseitigung
von Schwachstellen
Summe
[Mio. €]
[Mio .€]
[Mio. €]
[Mio. €]
Weser
70
5
24
99
Donau
565
816
411
1.792
Rhein
513
1.214
589
2.316
Elbe
228
750
206
1.184
Oder
0
47
0
1.375
2.831
1.230
FGE
Gesamt
47
5.437
Die Maßnahmen aller Kategorien tragen zur Minderung des Hochwasserrisikos im Bin
nenbereich bei. Während die ersten beiden Kategorien mit den sogenannten „raum
gebenden Maßnahmen“ direkt auf den Hochwasserabfluss bzw. den Hochwasser
stand wirken, dienen Maßnahmen der Kategorie Schwachstellenbeseitigung der Ver
hinderung von Schäden an volkswirtschaftlich bedeutsamen Einrichtungen, am Ge
meinwohl oder der überregionalen Infrastruktur. Sie umfassen den Ausbau vorhande
ner Hochwasserschutzsysteme bzw. deren Anpassung an die allgemein anerkannten
Regeln der Technik, die durch die DIN 19712 beschrieben werden.
Die 83. Umweltministerkonferenz hat am 24. Oktober 2014 schließlich die Einrichtung
des NHWSP beschlossen. Das NHWSP ist ein zusätzliches Programm des vorbeu
genden Hochwasserschutzes von Bund und Ländern, das zusätzlich zu den etablier
ten Hochwasserschutzprogrammen der Länder, die auch künftig aus Landesmitteln
und der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küsten
schutzes (GAK) sowie aus europäischen Fördermitteln finanziert werden können, ein
gerichtet wurde. In dieses zusätzliche Programm werden allerdings nur Maßnahmen
aufgenommen, die von den Flussgebietsgemeinschaften als prioritär und mit überre
gionaler Wirkung eingestuft werden.
Deshalb stellt das NHWSP einen herausgehobenen Bestandteil der Hochwasserrisi
komanagement-Planung in Deutschland dar und hat den Anspruch, mehr als eine Liste
von Maßnahmen zu sein. Mit seiner Etablierung hat das Solidarprinzip im Hochwas
serschutz eine noch stärkere Bedeutung gewonnen. Zusätzlich zur bereits langjährig
praktizierten länder- und staatenübergreifenden Zusammenarbeit greift das NHWSP
nun wesentliche Interessenskonflikte im Kontext der Planung und Umsetzung von
Hochwasserschutzmaßnahmen (bspw. Flächenintensität, Mittelkonkurrenz etc.) noch
mals explizit auf. Wichtigstes Ziel des NHWSP ist es, zusammenhängend über ein
Flussgebiet betrachtet, geeignete Maßnahmen so auszuwählen und zu kombinieren,
dass möglichst viele Menschen von diesen profitieren. Es ist deshalb auch möglich,
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VERANLASSUNG UND ZIELSTELLUNG
dass länderübergreifende Maßnahmen gemeinsam geplant, umgesetzt und finanziert
werden.
Zu betonen ist, dass die Aufstellung der ersten Maßnahmentabelle 2014 nicht ab
schließend war. Auch in den Flussgebieten, die bisher keine Maßnahmen zur Auf
nahme in das NHWSP gemeldet haben, ist bei Erfüllung der Kriterien auch weiterhin
eine Aufnahme möglich. Darüber hinaus können auch nach wie vor von den FGGen,
die bereits Maßnahmen ins NHWSP eingebracht haben, weitere Maßnahmen ange
meldet werden. Auch die veranschlagten Kosten stellten nur eine grobe Schätzung
dar. Deshalb wird das NHWSP durch die FGGen aufgrund der Maßnahmenmeldungen
der Länder jährlich fortgeschrieben und aktualisiert. Eine Fortschreibung der Maßnah
menlisten erfolgt auch, wenn sich aus Gründen der Umsetzbarkeit die geplanten Um
setzungszeiträume einzelner Maßnahmen verschieben. Die Fortschreibung des
NHWSP bis Ende 2022 ist Kapitel 5 zu entnehmen.
Die Höhe der geschätzten Gesamtkosten für die Umsetzung des NHWSP ist in Rela
tion zu den verhinderten Schäden und bevorteilten Einwohnern zu betrachten. Allein
die Kosten für die Schadensbeseitigung der Hochwasserereignisse an der Elbe im
Sommer 2002 und im Juni 2013 an Elbe, Donau und Rhein betrugen ohne die versi
cherten Schäden rund 20 Mrd. Euro. Dies macht deutlich, dass Investitionen in den
vorsorgenden Hochwasserschutz als ein Beitrag zur Daseinsvorsorge hocheffizient
und sinnvoller sind, als Hilfsfonds für die Schadenbeseitigung.
Schäden der HW 2002/2013 (ohne versicherte Schäden)
rd. 20 Mrd. Euro
Umfang des NHWSP (2014)
rd. 5,4 Mrd. Euro
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BEGLEITFORSCHUNG DES BUNDES
3
Begleitforschung des Bundes
3.1
Großräumige Wirkungsanalysen für Donau, Elbe und Rhein
Bereits im Frühjahr 2014 hatte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nuk
leare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) die Bundesanstalt für Gewässer
kunde (BfG) mit einer Vorprüfung der von den Bundesländern für das NHWSP gemel
deten raumgebenden Maßnahmen hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Wirkweisen auf
Hochwasser betraut (BFG 2014, BFG 2016). Auf Grundlage dieser Vorstudie erfolgte
dann im Sommer 2015 durch das Umweltbundesamt die Beauftragung der BfG zur
weiteren wissenschaftlichen Begleitung des NHWSP im Forschungs- und Entwick
lungsvorhaben (FuE) „Analyse der Wirkung von Maßnahmen des Nationalen Hoch
wasserschutzprogramms“. Ziel des FuE-Vorhabens war es in erster Linie – als Erwei
terung zu den bis 2016 durchgeführten Vorstudien – für eine größere Auswahl an au
ßergewöhnlichen Hochwasserszenarien (≥ HQ100) die zu erwartenden Wirkungen der
in den Flussgebieten gemeldeten Maßnahmen auf die Scheitelwasserstände zu ermit
teln. Hierzu kamen großräumige gekoppelte Computermodelle zur Abfluss- und Was
serstandsimulation zum Einsatz.
Die Wirkungsanalyse der Maßnahmen befasste sich aus Kapazitätsgründen zunächst
nur mit den drei größten deutschen Flussgebieten Donau, Elbe und Rhein und wurde
gemeinsam von der BfG und den Wasserwirtschaftsverwaltungen der Bundesländer
durchgeführt. Das Vorhaben folgte einem bundesweit einheitlichen Untersuchungsansatz, der Anforderungen an die Nachweisführung sowie an die hierzu zu verwen
denden hydrologischen Grundlagen und eingesetzten Modellierungswerkzeuge for
muliert. Die gewählte Vorgehensweise sollte damit vergleichbar zwischen und über
tragbar auf andere Flussgebiete sein, aber dennoch den einzelnen Flussgebietscha
rakteristika gerecht werden (SCHUH & SCHMID 2018).
Begleitet wurde das FuE-Vorhaben von einem Projektbeirat und regelmäßigen Arbeits
treffen auf Flussgebietsebene. Ein Synthesebericht (HATZ ET AL. 2021) und drei aus
führliche Flussgebietsberichte für Donau (SCHUH ET AL. 2021), Elbe (HATZ & REEPS
2021) und Rhein (HATZ ET AL. 2021) fassen die Ergebnisse und Erkenntnisse zusam
men.
Die Wirkungsanalysen zeigen, dass die im NHWSP gemeldeten Maßnahmen der Bun
desländer an den Hauptströmen Donau (inkl. Inn), Elbe und Rhein für eine maßgebli
che Reduktion der Hochwasserscheitel über die gesamte, durch Maßnahmen beein
flussbare Strecke sorgen. Die Wirkungen liegen (für viele der analysierten Hochwasser
und über weite Streckenabschnitte) zwischen zehn und fünfzig Zentimetern und
können bei einzelnen Hochwassern bzw. an einzelnen Gewässerstandorten/-abschnit
ten zudem deutlich größer sein, wenn hydrologische bzw. hydraulisch-morphologische
Gegebenheiten dies befördern.
Die NHWSP-Maßnahmen an den Nebengewässern können die Hochwasserscheitel
der großen Ströme überwiegend nicht oder nur in geringem Ausmaß beeinflussen
(wenige cm). Für zahlreiche Maßnahmen wurde allerdings gezeigt, dass sie an den
Nebenflüssen beträchtliche (mehrere Dezimeter) und großräumige (auf mehreren
10 km bis zu 100 km) scheitelreduzierende Wirkungen hervorrufen können.
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BEGLEITFORSCHUNG DES BUNDES
Abbildung 4: Längsschnitte der maßnahmenbürtigen Wasserspiegelreduktion an der Elbe zwischen
Bezugszustand 2018 und Planzustand 2027+1
Abbildung 4 zeigt die Längsschnitte der maßnahmenbürtigen Wasserspiegelreduktion
an der Elbe zwischen Bezugszustand 2018 und Planzustand 2027+ (alle Maßnahmen
im Flussgebiet realisiert) für die 18 im FuE-NHWSP modellierten Hochwasser, unter
schieden nach verschiedenen historischen Hochwassergenesen (nicht skaliert) und
Modellhochwassern (skaliert). Die Modellhochwasser wurden auf Basis der drei histo
rischen Ereignisse 2002, 2006 und 2013 an den Pegeln Lutherstadt Wittenberge und
Tangermünde auf zwei unterschiedliche Scheitelgrößen (projektinterne Festlegung:
HQselten 1 = HQ100 + 10%; HQselten 2 = HQ100 + 20%) skaliert.
In ihrer Gesamtwirkung zeigen die NHWSP-Maßnahmen somit in allen drei Flussge
bieten eine deutliche überregionale Wirksamkeit, die bis zur Staats- bzw. Tide
grenze reichen kann. Einzelnen raumgebenden Maßnahmen können in ihrer Wirkung
auf Hochwasserscheitel an einem Gewässer ereignis-/gewässernetzbezogen jedoch
Grenzen gesetzt sein (z. B. wenn ein einmündender Nebenfluss einen neuen Scheitel
erzeugt). Zahlreiche Maßnahmen des NHWSP beweisen ihren überregionalen Cha
rakter gerade dann, indem sie aufgrund ihres gewählten Standorts oder dem vorgese
henen Einsatzkonzept solchermaßen „begrenzte“ Wirkbereiche erweitern. Vorwiegend
im Nahbereich wirkende Maßnahmen können einen Beitrag für den überregionalen
Hochwasserschutz leisten, wenn sie maßgeblicher Bestandteil einer auf großräumige
Wirkungen abzielenden Bewirtschaftungsstrategie sind, in der Maßnahmen verschie
denen Typs effizient miteinander kombiniert werden. Dementsprechend müssen über
regionale Maßnahmen bzw. ihre Auswirkungen nicht zwangsläufig mit Effekten am
bzw. auf dem Hauptstrom verbunden sein, sondern können auch an den Nebenge
wässern im Einzugsgebiet auftreten.
Im FuE-Vorhaben lag der Fokus auf den Maßnahmenwirkungen im Verbund,
wodurch v.a. Erkenntnisse über die Wirkzusammenhänge der NHWSP-Maßnahmen
1
Symbole: Lage der Maßnahmen der Kategorien HWR als schwarze Kreise bzw. DRV als rote Balken,
wichtige Pegel als schwarze Rauten und Zuflüsse als blaue Dreiecke; Abkürzungen und Maßnahmen
standorte: siehe HATZ ET AL. (2021).
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BEGLEITFORSCHUNG DES BUNDES
gewonnen wurden. Diese Kenntnisse können bei Bedarf in die Bewertung und ggf.
Priorisierung von Maßnahmen einfließen. DRV-Maßnahmen weisen Wasserstandsreduktionen i. d. R. im Bereich der Maßnahme und in einem Bereich Oberstrom davon
auf. Großräumige Effekte können sie dann erzielen, wenn sich die Wirkungen von Teil
maßnahmen eines Verbunds unmittelbar aneinander anschließen. Großräumige
Scheitelreduktionen, auch des Abflusses, sind jedoch eher an den Einsatz gesteuerter
HWR-Maßnahmen gekoppelt. So kann mit hoher Wahrscheinlichkeit bei gesteuerten
Hochwasserrückhaltemaßnahmen von einer signifikanten Wirkung auf die Unterstrom
ablaufende Hochwasserwelle mindestens bis zur Einmündung des nächsten, hydrolo
gisch bedeutsamen Nebenflusses ausgegangen werden. Verlässliche darüber hinaus
reichende Wirkungen können sich dann ergeben, wenn die typischen Hochwasserge
nesen ein günstiges Aufeinandertreffen von Hochwasserwellen und Maßnahmenwir
kungen bedingen oder die Kriterien für den Maßnahmeneinsatz eine spezielle, über
regionale Komponente besitzen.
Abbildung 1 zeigt einen Überblick über alle im NHWSP mit Stand 2022 gemeldeten
Maßnahmen. Steckbriefe ausgewählter Maßnahmen mit weitergehenden Erläuterun
gen zur Planung und Umsetzung sowie ihren Wirkungen und Synergien finden sich im
Anhang dieses Berichts.
Die fachliche Begleitung der BfG, die im Rahmen des inzwischen dauerhaft eingerich
teten NHWSP-Dienstes auch in den kommenden Jahren fortgeführt wird, soll weitere
Beiträge liefern, um das Hochwasserrisikomanagement in den Flussgebieten – für das
das NHWSP ein wichtiger Baustein ist – fortzuentwickeln. Projekte zur abgestimmten
Datengenerierung, die zielgerichtete Weiterentwicklung des Bund-Länder-Modellsys
tems und die Beratung der Gremien in den Flussgebietsgemeinschaften, bspw. zu den
zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels oder der Abstimmung überregiona
ler Bemessungsgrundlagen) gehören hierzu ebenso wie die Beteiligung an aktualisier
ten Wirkungsanalysen, wie sie u.a. die Internationale Kommission zum Schutz des
Rheins (IKSR) im Zuge ihres Programms „Rhein 2040“ vorsieht.
Da das NHWSP bewusst Wert auf die Nutzung von naturschutzfachlichen, klimawan
delbezogenen und gewässerökologischen Synergien legt, unterstützt die BfG den mit
dem Programm eingeschlagenen Entwicklungspfad hin zu einer stärker integrierten
Betrachtung von raumgebenden Maßnahmen des Hochwasserschutzes.
Die Maßnahmen der Bundesländer im NHWSP können einen maßgeblichen
großräumigen Beitrag zur Absenkung der Scheitel von Hochwassern an den gro
ßen Flüssen leisten.
Sowohl bezogen auf die Gesamtwirkung aller NHWSP-Maßnahmen als auch im
Hinblick auf ihre Einzelwirkung zeigt das NHWSP eine starke überregionale
Komponente.
Die Dokumentation der Ergebnisse kann dem Bund und den Bundesländern
wichtige Hinweise für den effizienten Einsatz der Ressourcen im NHWSP liefern.
Die BfG unterstützt das BMUV und die Bundesländer dabei, das NHWSP fortzu
schreiben und inhaltlich weiterzuentwickeln.
LAWA (2023)
Seite 14
BEGLEITFORSCHUNG DES BUNDES
3.2
Synergien des NHWSP mit naturschutzfachlichen, gewässerökolo
gischen und klimapolitischen Zielsetzungen
Das Potenzial von Maßnahmen des NHWSP soll auch zu Verbesserungen im Hinblick
auf Natur-, Gewässer- und Klimaschutz eingesetzt werden. Hierzu müssen die Syner
gien erkannt und genutzt werden, was bereits bei der Maßnahmenauswahl zu beach
ten ist (Kap. 2). In einem seitens des Bundesamtes für Naturschutz initiierten For
schungsprojekt wurde deshalb eine praxisnahe Methodik zur Ermittlung und Bewer
tung von Synergien bei der NHWSP-Umsetzung entwickelt und vorgeschlagen. Zudem
wurden Empfehlungen erarbeitet, wie sich ggf. vorhandene Synergiepotenziale mög
lichst umfänglich und gezielt bei der Umsetzung der Maßnahmen nutzen lassen. Die
Bewertungsverfahren wurden im Rahmen von Praxistests an konkreten NHWSP-Maß
nahmen aus mehreren Bundesländern getestet und weiterentwickelt.
Die im Zuge des Vorhabens erarbeiteten Bewertungsverfahren sollen den Vorhaben
trägern im Rahmen ihrer Maßnahmenplanung im Sinne eines Entscheidungsunterstüt
zungssystems helfen, verschiedene Planungsvarianten hinsichtlich ihrer Synergien
miteinander zu vergleichen und die Ergebnisse für weitere Entscheidungen im Pla
nungsprozess zu nutzen. Die Kommunikation über die sich einstellenden Synergien
kann auch zu einer gesteigerten Akzeptanz der Hochwasserschutzmaßnahmen füh
ren.
Zur Identifikation von Maßnahmen des NHWSP hat die LAWA die Kriterien „Wirksam
keit“ und „Synergien“ sowie das Zusatzkriterium „Umsetzbarkeit“ festgelegt (vgl. Kap.
2). Hinsichtlich der zu bewertenden Synergien nennt die LAWA die drei Kriterien (1)
Gewässerentwicklung/Wasserrahmenrichtlinie, (2) Auswirkungen auf den Auenzu
stand und (3) Stabilität gegenüber Klimaveränderung (Resilienz).
Für die Synergien der NHWSP-Maßnahmen wurde im Vorhaben auf Differenzierungen
der Ökonomie und der Betriebswirtschaftslehre zurückgegriffen. Während die horizon
talen Synergien das fachliche Potenzial erfassen, stehen die vertikalen und zeitlichen
Synergien für die Möglichkeiten und Chancen, die sich vor allem aus der Optimierung
von Planungsabläufen ergeben.
Abbildung 5 gibt einen Überblick über die insgesamt sechs im Rahmen des For
schungsvorhabens betrachteten horizontalen Synergien. Die von der LAWA genann
ten Kriterien wurden vollständig übernommen und zudem als die bedeutsamsten er
achtet (deutlich hervorgehoben). „Klimaschutz und Anpassung“ (Synergie 3) umfasst
dabei ausdrücklich den Aspekt der Stabilität gegenüber Klimaveränderungen (Resili
enz). Zusätzlich betrachtet wurden die „Biologische Vielfalt“ und der „Biotopverbund“,
welche die Synergien 1–3 um übergeordnete Aspekte des Naturschutzes ergänzen
(Synergie 4, abgestuft hervorgehoben). Darüber hinaus wurden die gerade im Hinblick
auf die Akzeptanz von Maßnahmen bedeutsamen Synergien „Naturverbundene Frei
zeit- und Erholungsnutzung einschl. Tourismus“ und „Natur- und landschaftsverträgli
che Land- und Forstwirtschaft“ betrachtet.
LAWA (2023)
Seite 15
BEGLEITFORSCHUNG DES BUNDES
Bei den Berechnungsverfahren wurde, wo möglich, auf etablierte, bewährte Verfahren
zurückgegriffen. Solche Verfahren liegen beispielsweise für die Auenzustandsbewer
tung oder die Bewertung von Ökosystemleistungen in Flussauen vor. Die Bewertung
fußt für die horizontalen Synergien 1 bis 4 nach Möglichkeit – je nach Datenlage – auf
Berechnungsverfahren. Für die horizontalen Synergien 5 und 6 sowie für die vertikalen
und zeitlichen Synergien ist ausschließlich eine Expertenbewertung vorgesehen. Die
horizontalen Synergien werden entsprechend ihrer Relevanz unterschiedlich gewich
tet. Vertikale und zeitliche Synergien fließen als „Bonuspunkte“ in die Gesamtbewer
tung ein.
Die Ergebnisse des Vorhabens sind als BfN-Schrift 638 – „Ein Verfahren zur Bewer
tung umweltfachlicher Synergien von Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutz
programms“ – veröffentlicht. Die Broschüre steht als Download auf der Homepage des
BfN unter dem Link https://www.bfn.de/publikationen/bfn-schriften/bfn-schriften-638ein-verfahren-zur-bewertung-umweltfachlicher zur Verfügung.
Abbildung 5: Ableitung der horizontalen Synergien unter Einbeziehung der Kriterien gemäß LAWA
LAWA (2023)
Seite 16
FINANZIERUNG DES NHWSP
4
Finanzierung des NHWSP
Das Nationale Hochwasserschutzprogramm und die enthaltenen Maßnahmen mit ih
rer überregionalen und Wasserstand reduzierenden Wirkung greifen die an Flüssen
bestehenden Interessenskonflikte zwischen Oberliegern und Unterliegern unmittelbar
auf und fördern somit das Solidaritätsprinzip. Insofern wird mit dem Programm das
länderübergreifende Hochwasserrisikomanagement in Deutschland gestärkt, das die
Umsetzung des Solidaritätsprinzips durch Ausgleich der Lasten beim Oberlieger und
des Nutzens beim Unterlieger als gesamtstaatliche Aufgabe begreift.
Der Bund beteiligt sich deshalb maßgeblich an der Finanzierung der von den Ländern
geplanten und durchgeführten Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutzpro
gramms der Kategorien „Deichrückverlegung (DRV)“ und „gesteuerte Hochwasser
rückhaltung“ (HWR) – den sogenannten raumgebenden Maßnahmen – über den 2015
in Kraft getretenen Sonderrahmenplan „Maßnahmen des präventiven Hochwasser
schutzes“ der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des
Küstenschutzes (GAK) in Höhe von 60 Prozent. Die verbleibenden 40 Prozent werden
von den Ländern getragen.
Die Förderungsgrundsätze des Sonderrahmenplans „Maßnahmen des präventiven
Hochwasserschutzes“ wurden am 13. August 2015 von Bund und Ländern beschlos
sen. Danach beteiligt sich der Bund an den Maßnahmen der beiden zuvor genannten
Maßnahmenkategorien des Nationalen Hochwasserschutzprogramms. Förderfähig
sind auch die mit den Investitionsmaßnahmen zusammenhängenden konzeptionellen
Vorarbeiten und Erhebungen. Zusätzlich zu den im regulären GAK-Rahmenplan ge
nannten Tatbeständen sind auch förderfähig:
•
•
das einmalige Entgelt für eine im Rahmen des Hochwasserschutzes notwen
dige Bestellung eines dinglichen Nutzungsrechts in Höhe von bis zu 20 % des
Verkehrswertes der von der Hochwasserschutzmaßnahme betroffenen Grund
stücksfläche bzw. Grundstücksteilfläche und
das einmalige Entgelt für einen im Rahmen des Hochwasserschutzes notwen
digen Erwerb des Eigentums an einem Grundstück bzw. einer Grundstücksteil
fläche.
Für die Kategorie „Beseitigung von Schwachstellen“ stehen grundsätzlich die Mittel
des regulären GAK-Rahmenplans zur Verfügung. Darüber hinaus finanzieren die Län
der die Maßnahmen dieser Kategorie auch aus anderen Quellen.
Der Einsatz von Mitteln aus dem Sonderrahmenplan der GAK „Maßnahmen des prä
ventiven Hochwasserschutzes“ ist an die Voraussetzung geknüpft, dass diese zusätz
lich zu den bisher in diesem Bereich durchgeführten Maßnahmen verausgabt werden.
Dazu müssen die Länder im jeweiligen Jahr für Maßnahmen des Hochwasserschutzes
außerhalb des Sonderrahmenplans einen Sockelbetrag von 227,4 Mio. Euro an Bun
des-, Landes-, EU- und sonstigen Mitteln erreichen. Dieser Betrag ergibt sich aus den
durchschnittlichen Ausgaben für den Hochwasserschutz der Jahre 2009 bis 2013 ge
mäß GAK-Berichterstattung. Wird der Sockelbetrag nicht erreicht, sind die Sonderrah
menplan-Mittel an den Bund zurückzuzahlen.
LAWA (2023)
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FINANZIERUNG DES NHWSP
Über das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) als zuständi
ges Ressort für die GAK erfolgt die Bereitstellung der GAK-Bundesmittel gegenüber
den Ländern.
Im Jahr 2015 standen den Ländern insgesamt 20 Mio. Euro und seit 2016 jährlich bis
zu 100 Mio. Euro über den Sonderrahmenplan der GAK „Maßnahmen des präventiven
Hochwasserschutzes“ an Bundesmitteln zur Verfügung. Hinzu kommen die Kofinan
zierungsanteile der Länder.
Die Umsetzung der Mittelverteilung auf die Länder erfordert eine hohe Koordination
zwischen Bund und Ländern. Hierzu wurde auf Ebene der LAWA zur deutschlandwei
ten Koordination der Mittelverteilung eine Kleingruppe eingerichtet, in welcher Mitar
beiter/innen aus allen Bundesländern, die Maßnahmen im NHWSP angemeldet ha
ben, sowie der Bund vertreten sind.
Die Kleingruppe fungiert als zentrales Steuerungsorgan zur finanziellen Abwicklung
der Maßnahmen. Sie koordiniert die damit verbundenen komplexen Aufgaben, u. a.
die Aktualisierung der Maßnahmenliste, die Maßnahmenpriorisierung, die Mittelanmel
dung, die Mittelumschichtung, die Darstellung des Mittelabflusses und die Berichter
stattung. Die Aufgaben und deren jährliche Abwicklung vermittelt Abbildung 6.
Das BMUV unterstützt die Länder bei der Koordination der Mittel zwischen den einzel
nen Maßnahmen der Länder. Hierfür wurde eigens eine Koordinierungs- und Daten
plattform (eNHWSP – elektronisches Nationales Hochwasserschutzprogramm) ge
schaffen, die von BMUV und Ländern genutzt und von der BfG betrieben und weiter
entwickelt wird.
Zur finanziellen Abwicklung von Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutzpro
gramms berichten das BMEL und das BMUV jährlich gegenüber dem Haushaltsaus
schuss des Deutschen Bundestages.
Hochwasserschutzmaßnahmen bedürfen aufgrund ihrer Größe und Komplexität
langer Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungszeiträume. Insofern ist es wichtig,
dass die Länder eine langfristige Finanzierungssicherheit für die Maßnahmen des
Nationalen Hochwasserschutzprogramms erhalten.
Aus diesem Grund ist es auch zehn Jahre nach dem Hochwasser 2013 erforderlich,
dass auch über das Jahr 2023 hinaus weiterhin ausreichende Mittel bereitgestellt wer
den. Eine bedarfsgerechte Mittelausstattung ist für die erfolgreiche Fortführung des
Programms von essenzieller Bedeutung.
LAWA (2023)
Seite 18
FINANZIERUNG DES NHWSP
Januar –
März
•Abstimmung und Beschluss
•
NHWSP-Liste laufendes Jahr
•
Priorisierungsliste Folgejahr
April – Juli
•Datenerfassung und -auswertung,
•Erstellung des Berichts an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zur finanziellen
Abwicklung des NHWSP
August –
September
•Abschätzung Sockelbetrag Folgejahr
•Aktualisierung Mittelbedarf für Umschichtung laufendes Jahr
•Aktualisierung Mittelbedarf Folgejahr
Oktober –
Dezember
•Umsetzung Mittelumschichtung laufendes Jahr
•Meldung Mittelbedarf Folgejahr an BMEL
•Vorbereitung Aktualisierung NHWSP-Liste Folgejahr und Priorisierungsliste übernächstes Jahr
Abbildung 6: Zeitstrahl zur Abwicklung der Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutzes über den
Sonderrahmenplan Präventiver Hochwasserschutz
Der Bund stellt den Ländern über den Sonderrahmenplan „Maßnahmen des prä
ventiven Hochwasserschutzes“ im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Ver
besserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) seit 2016 jährlich
bis zu 100 Mio. Euro zur Verfügung. Die Entscheidung über die Fortführung der
Förderung trifft der Bundestag im Rahmen der jährlichen Haushaltsaufstellung.
Eine bedarfsgerechte Mittelausstattung ist für die erfolgreiche Fortführung des
Programms von essenzieller Bedeutung.
LAWA (2023)
Seite 19
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
5 Umsetzungsstand des NHWSP in Zahlen
5.1 Volumen- und Flächenanteile der Maßnahmen
Die langjährigen Erfahrungen bei der Umsetzung von Großprojekten im Hochwasser
schutz zeigen, dass sowohl die Planung als auch die Realisierung zeit- und raumbe
zogenen Veränderungen unterliegen. So kann sich bspw. die Größe der verfügbaren
Flächen/Retentionsvolumina ändern oder sich die planerische und bauliche Umset
zung einer Maßnahme konkretisieren. Mit fortschreitendem Planungs- und Genehmi
gungsprozess können Projekte auch ganz verworfen oder nicht weiterverfolgt werden.
Im Verlauf der Jahre können neue Maßnahmen hinzukommen. Dementsprechend hat
sich auch die Maßnahmenliste des NHWSP seit ihrer erstmaligen Aufstellung im Jahr
2014 (vgl. Kap 2) weiterentwickelt.
Das NHWSP umfasst aktuell 33 Einzel- und Verbundmaßnahmen zur Deichrückverle
gung bzw. Wiedergewinnung von natürlichen Rückhalteflächen (DRV), 61 zur gesteu
erten Hochwasserrückhaltung (HWR) – also im Wesentlichen Flutpolder und Hoch
wasserrückhaltebecken – sowie 16 zur Beseitigung von Schwachstellen (SSB). Ver
bundmaßnahmen bestehen aus mehreren Teilmaßnahmen. Insgesamt gibt es derzeit
242 Einzel- und Teilmaßnahmen in den Flussgebieten von Donau, Elbe, Oder, Rhein
und Weser, davon 168 raumgebende Maßnahmen.
Weser
532 ha
2%
Donau
2145 ha
6%
Rhein
5290 ha
16%
Weser
2 Mio. m³
0%
Rhein
232 Mio. m³
23%
Elbe
24979 ha
76%
Oder
113 Mio. m³
11%
Donau
255 Mio. m³
25%
Elbe
418 Mio. m³
41%
Abbildung 7: Übersicht über die flächenmäßige Verteilung der im NHWSP gemeldeten Maßnahmen der Ka
tegorie DRV (linkes Diagramm ) bzw. der Volumenanteile der im NHWSP neu geschaffenen Maßnahmen in
der Kategorie HWR (rechtes Diagramm) in den Flussgebieten Donau, Elbe, Oder, Rhein und Weser (Stand:
2022)
Abbildung 7 (linkes Diagramm) illustriert, dass nach derzeitigem Stand durch die raum
gebenden Maßnahmen des NHWSP in der Kategorie „DRV“ insgesamt knapp 33.000
ha neue Deichrückverlegungen geschaffen bzw. Flächen für den natürlichen Hoch
wasserrückhalt wiedergewonnen werden sollen. Der flächenmäßig größte Anteil ent
LAWA (2023)
Seite 20
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
fällt dabei auf das Elbegebiet und darin auf zwei Maßnahmen an der Unstrut in Thü
ringen (ca. 7.000 ha) und der Schwarzen Elster in Brandenburg und Sachsen-Anhalt
(mehr als 14.800 ha; siehe eine Teilmaßnahme in Steckbrief Nr. 3 in den Anlagen).
In der Maßnahmenkategorie „HWR“ soll etwas mehr als 1 Mrd. m³ neues Rückhalte
volumen geschaffen werden, das gesteuert eingesetzt werden kann. Abbildung 7
(rechtes Diagramm) illustriert die Verteilung der größten Volumenanteile auf die Fluss
gebiete von Donau, Elbe, Oder und Rhein. Ein kleinerer Anteil von ca. 2 Mio. m³ entfällt
auf das Wesergebiet. Darüber hinaus sind im NHWSP weitere, gesteuert einsetzbare
Maßnahmen gemeldet, deren Nutzung optimiert werden soll und deren Volumen in
den zuvor genannten Zahlen nicht enthalten ist.
5.2 Umsetzungsstand und Herausforderungen
Von den 168 raumgebenden Teil- und Einzelmaßnahmen des NHWSP sind 66 in der
Konzeptionsphase (39 %), 46 (27 %) in der Vorplanung, 18 (11 %) in der Genehmi
gungs- oder Vergabephase für Bau und 26 (15 %) in der Bauphase.
Der Bauphase zugeordnet werden im eNHWSP Maßnahmen, (1) deren Vergabe ab
geschlossen ist, aber mit dem Bau noch nicht begonnen wurde, (2) deren Bau läuft
und (3) deren Bau abgeschlossen ist, aber die Fertigstellung noch nicht erfolgt ist.
Hierzu gehören folgende Maßnahmen (Stand November 2022):
Kategorie „HWR“
Maßnahmenbezeichnung
Bundesland
(Gewässer)
FP Riedensheim
BY (Donau)
HRB Feldolling
BY (Mangfall)
RHR Steinkirchen
BY (Donau)
HRB Engetried
BY (Günz)
Optimierte
Nutzung
des ST (Elbe)
Wehrs Neuwerben für den
Hochwasserrückhalt
HRB Selke bei Straßberg
ST (Selke)
Polder Löbnitz
SN (Mulde)
HRB Oberbobritzsch
SN (Bobritzsch)
IRP Rückhalteraum Kultur BW (Rhein)
wehr Breisach
IRP
Rückhalteraum BW (Rhein)
Breisach/Burkheim
IRP Rückhalteraum Elzmün BW (Rhein)
dung
IRP Rückhalteraum Bellen BW (Rhein)
kopf/Rappenwört
Neubau Schöpfwerk-Eich im RP (Rhein)
Zusammenhang mit dem Re
serveraum Eich-Guntersblum
Deichausbau
zwischen RP (Rhein)
Schließe
Fischsee-Maus
meer im Zusammenhang mit
dem Reserveraum Eich-Gun
tersblum
Schöpfwerk Leimersheim im RP (Rhein)
Zusammenhang mit dem Re
serveraum Hördt
LAWA (2023)
Kategorie „DRV“
Maßnahmenbezeichnung
Bundesland
(Gewässer)
DRV Sophienhof
BY (Donau)
DRV Waltendorf
BY (Donau)
DRV Bennewitz-Püchau
SN (Mulde)
DRV nördliche Geraaue
TH (Gera)
DRV Schützberg
ST (Elbe)
DRV Buro
DRV Raguhn-Retzau
DRV Bretzenheim
IRP
Rückhalteraum
WeilBreisach
DRV Monheim-Mündelheim-Or
soy
ST (Elbe)
ST (Mulde)
RP (Nahe)
BW (Rhein)
NW (Rhein)
Seite 21
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
Neun Einzel- und Teilmaßnahmen der Kategorien „HWR“ und „DRV“ konnten in den
letzten Jahren bereits fertiggestellt werden. Das sind:
•
•
•
•
•
•
•
•
•
Einschöpfung Bayreuth (Bayern/Main),
Hördter Rheinaue/Sondernheimer Altrhein (30,4–36,46) im Zusammenhang mit
dem Reserveraum Hördt (Rheinland-Pfalz/Rhein)
DRV Altjeßnitz (Sachsen-Anhalt/Mulde)
DRV Törten (Sachsen-Anhalt/Mulde)
DRV Sandau-Nord (Sachsen-Anhalt/Elbe)
DRV Sandau-Süd (Sachsen-Anhalt/Elbe)
DRV Niederalteich (Bayern/Donau)
HRB Eldern (Bayern/Günz)
Optimierung des Stauregimes Havel und Spree für den Hochwasserrückhalt
(Brandenburg, Berlin/Havel)
Damit wurden im Rahmen des NHWSP seit 2014 ca. 400 ha an Flächen für den na
türlichen Hochwasserrückhalt wiedergewonnen (DRV) und 1,6 Mio. m³ gesteuertes
Retentionsvolumen (HWR) neu geschaffen.
in Betrieb genommen
bzw. finanziell
abgeschlossen
9 (5%)
noch nicht
begonnen 3 (2%)
in Bauphase
26 (16%)
in Vergabephase für Bau
2 (1%)
in Konzeptionsphase
66 (39%)
in Genehmigungsphase
16 (10%)
in Vorplanungsphase
46 (27%)
Abbildung 8: Übersicht über den derzeitigen Umsetzungsstand der im NHWSP gemeldeten raumgeben
den Maßnahmen
Abbildung 8 zeigt nochmals in einer Übersicht den derzeitigen Umsetzungsstand der
im NHWSP gemeldeten raumgebenden Maßnahmen. Ein Großteil der Maßnahmen
befindet sich noch in der Konzeptions-, Planungs- oder Genehmigungsphase. Groß
räumige Baumaßnahmen benötigen in der Regel lange Planungsvorläufe. Viele Pro
jekte haben noch keine Baureife erreicht. Überregionale Projekte haben generell einen
größeren Abstimmungsbedarf. Auch die Grunderwerbs- und Entschädigungsverhand
lungen in derartig großräumigen Maßnahmen können viel Zeit in Anspruch nehmen.
LAWA (2023)
Seite 22
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
Zudem besteht immer das Risiko, dass geplante Baumaßnahmen aufgrund von Ab
stimmungsschleifen im Genehmigungsverfahren und Klagen gegen Planfeststellungs
beschlüsse nicht begonnen werden können oder Grunderwerbsverhandlungen, aber
auch konjunkturell bedingt mangelnde freie Kapazitäten in der Bauwirtschaft, den Fort
schritt verzögern. Auch können zeitliche Verzögerungen bei in Bau befindlichen
Projekten durch Störungen der Bauausführung (z. B. Unwetterschäden, archäologi
sche Funde, Kampfmittelfunde), Überprüfungen der Vergabeverfahren, Rechtsstreitig
keiten bei strittigen Forderungen der Baufirmen, Firmenkonkursen sowie Verzögerun
gen bei der Projektumsetzung durch Projektpartner auftreten. Zudem treten aktuell in
folge der geopolitischen Lage vermehrt Lieferschwierigkeiten von Baumaterialien auf.
Auch fehlende Personalressourcen (Fachkräftemangel) erschweren den Fortschritt
von Maßnahmen. Die naturschutzrechtlichen Anforderungen sind bei Wasserbaumaß
nahmen in der Regel recht hoch, da es sich bei den Gewässern und den begleitenden
Auen um naturschutzfachlich hochwertige Lebensräume handelt, die häufig durch die
Ausweisung als Fauna-Flora-Habitat-, Natura 2000- oder sonstige Schutzgebiete na
turschutzrechtlich besonders geschützt sind. Dadurch ergeben sich einerseits beson
dere Anforderungen hinsichtlich der Eingriffsbewertung der Maßnahmenoptionen und
andererseits bei der Festlegung der Bauzeit und des Bauablaufs. Bedingt durch natur
schutzrechtliche Restriktionen ergeben sich für Bautätigkeiten oftmals nur kurze Zeit
fenster, so dass sich die gesamte Bauzeit verlängert und die komplexen voneinander
abhängigen Bauabläufe genau abgestimmt werden müssen. In der Regel sind natur
schutzfachliche Untersuchungen im Vorfeld, eine ökologische Baubegleitung und Mo
nitoringmaßnahmen während der Baumaßnahme notwendig, mit denen die Auswir
kungen der Eingriffe durch den Vorhabenträger nachzuweisen sind.
Darüber hinaus bedeuten Wasserbaumaßnahmen per se schon eine besondere Her
ausforderung, da beispielsweise die Baumaßnahmen im Gewässer überwiegend in
der abflussarmen Zeit stattfinden müssen, die Baustelleneinrichtungsflächen außer
halb des Überschwemmungsbereiches liegen sollen und sich Hochwasserereignisse
nur kurzfristig vorhersagen lassen, wodurch die Bauabläufe so zu planen sind, dass
eventuelle Hochwasserereignisse möglichst geringe Schäden an der Baustelle und an
den ungeschützten Bereichen anrichten können.
Die grundsätzlichen Herausforderungen bei überregionalen Hochwasserschutzmaß
nahmen bestehen auch darin, dass diese Maßnahmen für die Umsetzung große Flä
chen erfordern. Beispielsweise sind dies die Aufstandsflächen für die notwendigen
Bauwerke (z. B. Ein- und Auslassbauwerke bei der gesteuerten Hochwasserrückhal
tung oder die Deichbauwerke) und die Flächen für naturschutzrechtlich erforderliche
Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen. Zu den Aufstandsflächen gehört bei Deichen ne
ben dem eigentlichen Deichkörper auch der Schutzstreifen, der dauerhaft freigehalten
werden soll. Zusätzlich zu den Aufstandsflächen werden auch Flächen benötigt, die
für den Betrieb und den Unterhalt der Hochwasserschutzanlagen notwendig sind.
Bei Deichrückverlegungen kommt erschwerend hinzu, dass die Flächen, die bisher
von Deichen geschützt wurden, zukünftig häufiger überschwemmt werden. Das führt
dazu, dass die Akzeptanz für solche Maßnahmen bei den betroffenen Grundeigentü
mern, vor allem bei landwirtschaftlich genutzten Flächen grundsätzlich eher gering ist,
zumal sie in der Regel keinen Nutzungsvorteil aus der Maßnahme ziehen.
LAWA (2023)
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UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
Werden durch die Umsetzung von Maßnahmen der Hochwasserrückhaltung und der
Deichrückverlegung bestehende Wegeverbindungen unterbrochen und somit neue
Wege erforderlich sowie durch die Aufstandsflächen bestehende Grundstücke zer
schnitten, kann es zweckmäßig sein, eine Unternehmensflurbereinigung durchzufüh
ren. Darüber hinaus sind die durch den Baustellenbetrieb beschädigten Wege nach
Abschluss der Maßnahme grundsätzlich wiederherzustellen.
Des Weiteren stellt die Baupreissteigerung eine besondere Herausforderung bei der
Finanzierung der Bauvorhaben dar. So liegt laut dem Statistischen Bundesamt (DeSta
tis) der Baupreisindex für Ingenieurbauwerke, d.h. für Straßen, Brücken und Ortska
näle im dritten Quartal 2022 zwischen 148,7 und 154,9. Basisjahr für den Baupreisin
dex ist das Jahr 2015, d.h. seit Beginn des NHWSP sind die Kosten für die Ingenieur
bauwerke statistisch um 48,7 % bis 54,9 % gestiegen.
Alle genannten Gründe tragen dazu bei, dass für die Dauer von der Konzeption bis zur
Fertigstellung und dem Abschluss von Großprojekten im Hochwasserschutz, wie sie
die Maßnahmen des NHWSP darstellen, in der Regel deutlich länger als ein Jahrzehnt
zu veranschlagen ist. Deshalb werden nach derzeitigem Planungsstand drei Viertel
der Maßnahmen des NHWSP erst im Zeitraum nach 2027 fertiggestellt sein.
Für ausgewählte NHWSP-Maßnahmen wurden für diese Broschüre Maßnahmen
steckbriefe (siehe Anlage zu dieser Broschüre) zur Veranschaulichung erarbeitet. Aus
dem Portfolio wurden Maßnahmen aus den großen Flussgebietseinheiten Donau, Elbe
und Rhein ausgewählt. Die Steckbriefe enthalten weitere Erläuterungen, wie zum Bei
spiel zur Wirkung und zu möglichen Synergieeffekten sowie Bilder und Angaben zu
den Kosten der Maßnahmen.
LAWA (2023)
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UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
5.3 Bisherige Ausgaben und zukünftiger Finanzbedarf
Das veranschlagte Gesamtkostenvolumen des weiter fortgeschriebenen NHWSP be
trägt aktuell rund 6,2 Milliarden Euro (geschätzt) und liegt damit um 0,7 Mrd. höher als
der 2014 veranschlagte Wert. Die Kostenaufteilung nach Flussgebiet und Maßnah
menkategorie ist in der nachfolgenden Tabelle auf Basis der Maßnahmenliste 2023
dargestellt.
Tabelle 2: Veranschlagte Investitionskosten gemäß NHWSP-Maßnahmenliste mit Stand des Jahres 2023:
Für die drei derzeitigen Planungshorizonte 2015–2021 (IST), 2022–2027(geschätzt) und nach 2027 (ge
schätzt) ermittelte Kosten des NHWSP in Mio. €., unterschieden nach Flussgebietseinheiten und Maßnah
menkategorien
Kosten in Mio. Euro
FGG
Rhein
Maßnahmenkategorie
2015–2021
2022–2027
nach 2027
Gesamt pro FGG
Deichrückverlegung
102
205
331
637
Hochwasserrückhalt
271
665
952
1.888
Schwachstellenbeseitigung
187
261
225
672
559
1.131
1.508
3.197
Deichrückverlegung
59
168
35
261
Hochwasserrückhalt
133
166
47
346
Schwachstellenbeseitigung
247
293
36
576
439
627
117
1.183
Deichrückverlegung
0
0
31
31
Hochwasserrückhalt
0
9
0
9
Schwachstellenbeseitigung
0
2
2
4
0
11
33
44
Deichrückverlegung
102
171
252
526
Hochwasserrückhalt
47
187
754
989
Schwachstellenbeseitigung
87
80
13
180
237
438
1.019
1.694
1
16
24
41
1
16
24
41
1.236
2.223
2.701
6.160
Gesamt
Donau
Gesamt
Weser
Gesamt
Elbe
Gesamt
Oder
Hochwasserrückhalt
Gesamt
Gesamt
In den Jahren 2015 bis 2021 wurden von den Ländern über den Sonderrahmenplan
„Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“ der GAK (vgl. Kap. 4) Finanzmit
tel in einer Höhe von 517,6 Mio. € abgerufen. Von diesen Bundes- und Landesmitteln
entfallen ca. 34 % auf die Kategorie „DRV“, ca. 65 % auf die Kategorie „HWR“ und
weniger als 2 % auf konzeptionelle Vorarbeiten und Erhebungen.
LAWA (2023)
Seite 25
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
120
100
1
1
26
80
1
2
1
1
1
29
24
Mio. €
19
60
17
13
38
40
20
0
25
20
28
36
43
6
9
7
10
9
10
12
12
11
10
14
15
18
18
16
14
2015
2016
2017
2018
2019
2020
2021
DRV Bundesmittel
DRV Landesmittel
HWR Bundesmittel
HWR Landesmittel
Konzeption Bundesmittel
Konzeption Landesmittel
Abbildung 9: Im Rahmen des Sonderrahmenplans „Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“
tatsächlich beanspruchte Bundes- und Landesmittel nach Jahren für NHWSP-Maßnahmen der Kategorien
DRV und HWR sowie für konzeptionelle Vorarbeiten und Erhebungen (BMEL, Stand: 2022; Werte < 1 Mio. €
sind nicht ausgewiesen)
Zwischen den veranschlagten Kosten der Jahre und 2015 bis 2021 und den tatsächlich
beanspruchten Fördermitteln kann es Abweichungen geben, wenn z.B. Dritte an der
Finanzierung der Projekte beteiligt sind.
Da zukünftig immer mehr Maßnahmen von den Konzeptions-, Planungs- und
Genehmigungsphasen in die kostenträchtige Bauphase eintreten werden, ist zu
erwarten, dass der Mittelbedarf in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird. Die
folgende Abbildung 10 zeigt den geschätzten jährlichen Finanzbedarf aufgeteilt nach
Flussgebieten (linkes Diagramm) bzw. nach Maßnahmentypen (rechtes Diagramm)
jahresscharf von 2023 bis 2027 und summarisch für den Zeitraum ab 2028. Der
Finanzbedarf für die Jahre 2023 bis 2027 ist in der Größenordung (ca. 1,95 Mrd)
vergleichbar mit dem ab 2028 (siehe hierzu auch Tab. 3).
1.000
1.000
900
800
700
700
600
600
Mio. m³
Mio. €
800
500
400
500
400
300
300
200
200
100
100
0
ca. 2700
ca. 2700
900
0
2023
2024
Rhein
Donau
2025
Weser
2026
Elbe
2027
Oder
ab 2028
2023
2024
2025
DRV
HWR
2026
2027
ab 2028
SSB
Abbildung 10: Geschätzte zukünftige Investitionskosten nach Jahren zur Planung und Umsetzung der Maß
nahmen des NHWSP, unterteilt nach Flussgebieten (linkes Diagramm) bzw. nach Maßnahmenkategorien
(rechtes Diagramm)
LAWA (2023)
Seite 26
UMSETZUNGSSTAND DES NHWSP IN ZAHLEN
Die aufgeführten Finanzzahlen zeigen: um die begonnenen Projekte erfolgreich reali
sieren zu können, bedarf es einer langfristigen Finanzierungssicherheit für die Maß
nahmen des Nationalen Hochwasserschutzprogramms über das Jahr 2023 hinaus.
Mit dem Sonderrahmenplan der GAK „Maßnahmen des präventiven Hochwas
serschutzes“ stehen den Ländern investive Mittel für den präventiven Hoch
wasserschutz zur Verfügung, die zunehmend in Anspruch genommen werden.
Aufgrund der Fortsetzung bereits angelaufener Maßnahmen und der Baureife
weiterer Projekte ist zu erwarten, dass der Mittelbedarf in den kommenden Jah
ren deutlich ansteigen wird. Dank der Bereitstellung von Mitteln durch den
Bund konnten und können die Länder die wichtigen Hochwasserschutzmaß
nahmen zügiger vorantreiben und beschleunigt umsetzen. Die Fortführung und
langfristige Sicherung der Finanzierung der Maßnahmen des Nationalen Hoch
wasserschutzprogrammes ist für die erfolgreiche Umsetzung des Programms
essenziell.
LAWA (2023)
Seite 27
FAZIT UND AUSBLICK
6
Fazit und Ausblick
Die Hochwasser 2002, 2006, 2013 und 2021 haben deutlich gemacht, dass es einer
gemeinsamen Anstrengung von Bund und Ländern für überregionale Maßnahmen des
vorbeugenden Hochwasserschutzes bedarf. Gerade die Maßnahmen der Deichrück
verlegung und der gesteuerten Hochwasserrückhaltung bieten ein hohes Potential zur
Verbesserung des Hochwasserschutzes in den Flussgebietseinheiten in Deutschland.
Die Umweltministerkonferenz hat dazu 2014 das Nationale Hochwasserschutzpro
gramm ins Leben gerufen.
Die im Nationalen Hochwasserschutzprogramm enthaltenen Wasserstand reduzieren
den Maßnahmen mit überregionaler Wirkung greifen die bestehenden Interessenkon
flikte zwischen Oberliegern und Unterliegern unmittelbar auf und fördern somit das
Solidaritätsprinzip im Hochwasserschutz. Insofern wurde mit dem Programm vor zehn
Jahren ein wichtiger Weg im Hochwasserrisikomanagement in Deutschland einge
schlagen, der die Umsetzung des Solidaritätsprinzips durch Ausgleich der Lasten beim
Oberlieger und des Nutzens beim Unterlieger als gesamtstaatliche Aufgabe begreift.
Dies ist auch der Grund für die über die bisherige Finanzierung von Hochwasser
schutzmaßnahmen hinausgehende Bereitschaft des Bundes, das Programm über ei
nen Sonderrahmenplan gesondert finanziell zu unterstützen. Seit 2016 stellt er den
Ländern jährlich hierfür bis zu 100 Mio. € zur Verfügung.
Im Nationalen Hochwasserschutzprogramm sind aktuell ca. 110 Einzel- und Verbund
maßnahmen (mit insgesamt 242 Teilmaßnahmen) mit einem geschätzten Finanzvolu
men von 6,16 Mrd. Euro enthalten. 9 raumgebende Maßnahmen konnten bereits voll
ständig abgeschlossen werden, weitere 26 befinden sich in der Bauphase.
Seit dem Hochwasser 2013 wurden über den Sonderrahmenplan „Maßnahmen des
präventiven Hochwasserschutzes“ über 500 Mio. € in den überregionalen Hochwas
serschutz investiert und damit die Grundlage für die Verringerung von verheerenden
Schäden infolge solcher Ereignisse geschaffen. Die bisherige Inanspruchnahme der
Finanzmittel verdeutlicht die Bedeutung des Programms.
Die überregionale Wirksamkeit des NHWSP wurde auch durch die BfG untersucht und
bestätigt. Eine praxisnahe und anwendbare Methodik zur Ermittlung und Bewertung
von Synergien der Maßnahmen des Programms in Bezug auf die Aspekte Gewässer
entwicklung/WRRL, Auswirkungen auf den Auenzustand, Stabilität gegenüber Klima
veränderungen (Resilienz) und weiteren wurde vom BfN entwickelt.
Ein Großteil der Maßnahmen befindet sich noch in der Konzeptions-, Planungs- oder
Genehmigungsphase. Großräumige Baumaßnahmen weisen in der Regel lange Pla
nungsvorläufe auf. Auch bei der baulichen Umsetzung können Unwägbarkeiten ver
schiedenster Art auftreten. Über die bereitgestellten Finanzierungsmittel können be
deutsame Maßnahmen zügig vorangebracht werden.
Die Fortführung und langfristige Sicherung der Finanzierung der Maßnahmen des Na
tionalen Hochwasserschutzprogrammes über das Jahr 2023 hinaus ist daher für die
erfolgreiche Umsetzung des Programms essenziell. Dabei ist eine bedarfsgerechte
Mittelausstattung Voraussetzung für die erforderliche Planungssicherheit der Länder
LAWA (2023)
Seite 28
FAZIT UND AUSBLICK
für die zeitaufwändige Umsetzung der Maßnahmen. Parallel müssen aber auch wei
tere Anstrengungen unternommen werden, um die Rahmenbedingungen zur Be
schleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren zu verbessern.
Die schrecklichen Bilder und Erlebnisse der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 ins
besondere in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben einmal mehr vor Augen
geführt, dass Hochwasserschutz eine Daueraufgabe ist. Der fortschreitende Klima
wandel stellt die Gesellschaft vor immer größer werdende Herausforderungen, auf die
sie sich künftig noch besser vorbereiten muss. Der vorsorgende Hochwasserschutz
muss daher nach Kräften vorangebracht werden. Das NHWSP ist dafür ein wesentli
cher und zukunftsgerichteter Baustein.
LAWA (2023)
Seite 29
LITERATURVERZEICHNIS
Literaturverzeichnis
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Belz, J. U. et al. (2013): Länderübergreifende Analyse des Juni-Hochwassers 2013.
BfG-Bericht Nr. 1797 vom 15.08.2013. Bundesanstalt für Gewässerkunde: Koblenz.
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Dokumentation und Analyse. Koblenz, Bundesanstalt für Gewässerkunde, 232 S.,
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Hammer, M., Hatz, M., Promny, M. et al. (2016): Ad-hoc-Untersuchungen zur Ermitt
lung der Wirkungen von Hochwasserschutzmaßnahmen des Nationalen Hochwasser
schutzprogramms. Teilbericht 2: Exemplarische Ermittlung realitätsnäherer Wirkungen
und Wirkungsgrade der gemeldeten gesteuerten Rückhaltungen an Rhein, Elbe und
Donau. BfG-Bericht Nr. 1833, Teil 2 vom 04.05.2016. Bundesanstalt für Gewässer
kunde: Koblenz. URL: http://doi.bafg.de/BfG/2016/BfG-1833.pdf
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http://doi.bafg.de/BfG/2021/BfG-2047.pdf
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benden Hochwasserschutzmaßnahmen des NHWSP im Flussgebiet der Elbe. Fluss
gebietsbericht im Rahmen des FuE-Vorhabens „Analyse der Wirkungen von Maßnah
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anstalt
für
Gewässerkunde:
Koblenz.
DOI
10.5675/BfG-2048.
URL:
http://doi.bafg.de/BfG/2021/BfG-2048.pdf
HATZ, M., SCHUH, C., DUONG, D. Q., MAURER, T. (2021): Untersuchungen zur Ermittlung
der Wirkungen von präventiven Hochwasserschutzmaßnahmen im Rahmen des Nati
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wässerkunde. Im Auftrag des Umweltbundesamts. UBA-TEXTE 70/2021. Umweltbun
desamt: Dessau-Rosslau - https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/me
dien/5750/publikationen/2021-04-30_texte_70-2021_nhwsp_0.pdf
LAWA (2014A): Beitrag zum Nationalen Hochwasserschutzprogramm – Eine flussge
bietsbezogene Überprüfung und eventuelle Weiterentwicklung der Bemessungsgrund
lagen. Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser.
LAWA (2023)
Seite 30
LITERATURVERZEICHNIS
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SCHUH, C., SCHMID, M. (2018): Einsatz von Modellsystemen im Donaugebiet – For
schungs- und Entwicklungsvorhaben zum Nationalen Hochwasserschutzprogramm.
In: BFG (2018): Großräumige Abflussmodellierung – 50 Jahre hydraulische Modellie
rung in der BfG. Kolloquium am 12./13. Juni 2018 in Koblenz – Veranstaltungen
3/2018. Seite 92–100. Bundesanstalt für Gewässerkunde: Koblenz. URL:
http://doi.bafg.de/BfG/2018/Veranst3_2018.pdf
SCHUH, C., SCHMID, M., GIEHL, S., HATZ, M. (2021): Modellbasierte Untersuchungen zur
Wirkung der raumgebenden Hochwasserschutzmaßnahmen des NHWSP im Flussge
biet der Donau. Flussgebietsbericht im Rahmen des FuE-Vorhabens „Analyse der Wir
kungen von Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutzprogramms“. BfG-Bericht
Nr. 2049. Bundesanstalt für Gewässerkunde: Koblenz. DOI 10.5675/BfG-2049.URL:
http://doi.bafg.de/BfG/2021/BfG-2049.pdf
Bundesministerium des Inneren: Bericht zur Flutkatastrophe 2013: Katastrophenhilfe,
Entschädigung, Wiederaufbau
Zusammenfassende Analyse der Ergebnisse der vom Hochwasser 2013 betroffenen
Flussgebietsgemeinschaften, beschlossen auf der 147. LAWA-VV am 27./28. März
2014 in Kiel
RegioWiki Niederbayern: Hochwasser 2013 (Deggendorf)
https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Hochwasser_2013_(Deggendorf)
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser: Nationales Hochwasserschutzprogramm Kriterien und Bewertungsmaßstäbe für die Identifikation und Priorisierung von wirksa
men Maßnahmen sowie ein Vorschlag für die Liste der prioritären Maßnahmen zur
Verbesserung
des
präventiven
Hochwasserschutzes
https://www.lawa.de/documents/nhwsp_bericht_priorisie
rung_14_10_20_1552299256.pdf
Bundesministerium des Inneren: Bericht zur Flutkatastrophe 2013: Katastrophenhilfe,
Entschädigung,
Wiederaufbau
https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/down
loads/DE/veroeffentlichungen/themen/bevoelkerungsschutz/kabinettsbericht-flut
hilfe.html
LAWA (2023)
Seite 31
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
Abkürzungsverzeichnis
BfG ........................................................................ Bundesanstalt für Gewässerkunde
BfN .................................................................................... Bundesamt für Naturschutz
BMEL ....................................... Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
BMUV .............. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz
DRV .............................................................................................. Deichrückverlegung
eNHWSP .............................. elektronisches Nationales Hochwasserschutzprogramm
FGE ........................................................................................... Flussgebietseinheiten
FGG ................................................................................ Flussgebietsgemeinschaften
FP ................................................................................................................. Flutpolder
FuE ............................................................... Forschungs- und Entwicklungsvorhaben
GAK .................. Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des
Küstenschutzes
GDV ......................... Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.
HRB ................................................................................ Hochwasserrückhaltebecken
HWR ...................................................................................... Hochwasserrückhaltung
IKSR ............................................ Internationale Kommission zum Schutz des Rheins
IRP ................................................................................... Integriertes Rheinprogramm
LANA ............ Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und
Erholung
LAWA ....................................................... Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser
LAWA-AH ............................ LAWA-Ausschusses Hochwasserschutz und Hydrologie
LAWA-VV............................................................................... LAWA-Vollversammlung
NHWSP ....................................................... Nationales Hochwasserschutzprogramm
RHR ......................................................................................................Rückhalteraum
SSB .......................................................................... Beseitigung von Schwachstellen
WRRL ..................................................................................... Wasserrahmenrichtlinie
LAWA (2023)
Seite 32
Anlagen
Steckbriefe für beispielhafte Maßnahmen des Nationalen Hochwasserschutzpro
gramms
Nr.
1
Maßnah
menkate
gorie
DRV
2
3
HWR
DRV
4
5
SSB
DRV
6
DRV
7
8
DRV
HWR
9
HWR
10
HWR
11
12
DRV
DRV
LAWA (2023)
Bezeichnung
Bundesland
Fluss-EZG
Integriertes Rheinprogramm (IRP) –
Rückhalteraum Weil-Breisach
Flutpolder Riedensheim
Deichrückverlegungen Schwarze
Elster zwischen Schwarzheide und
Herzberg
Arster Weserdeich
Deichrückverlegung Hatters
heim/Flörsheim (Main)
Rückverlegung Hafendeich und Elbe
deich Boizenburg, Neubau Sude
sperrwerk
Deichrückverlegung Vitico
Retentionsraum Köln-Worringen
Baden-Württem
berg
Bayern
Brandenburg
Rhein
Bremen
Hessen
Weser
Rhein
Mecklenburg-Vor
pommern
Elbe
Niedersachsen
Nordrhein-Westfa
len
Rheinland-Pfalz
Elbe
Rhein
Sachsen
Elbe
Sachsen-Anhalt
Thüringen
Elbe
Elbe
Reserveraum für Extremhochwasser
Hördter Rheinaue
Errichtung gesteuerter Flutungspol
der Löbnitz
Deichrückverlegung Sandau Süd
Deichrückverlegung Nördliche Gera
aue
Donau
Elbe
Rhein
Seite I
Maßnahmensteckbrief 1
Bezeichnung: Integriertes Rheinprogramm (IRP) – Rückhalteraum Weil-Breisach
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von
natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Baden-Württem
berg
Gewässer
Rhein
Anlass
Durch den Bau der Staustufen zwischen Basel und Iffezheim (1928 bis 1977) ist die
Hochwassergefahr am Oberrhein, insbesondere für die Ballungsräume Karlsruhe,
Mannheim/Ludwigshafen und Worms deutlich gestiegen. Da die ursprünglich vorhan
denen Überflutungsgebiete dadurch vom Rhein abgeschnitten wurden, hat sich der
Abfluss des Rheins erhöht und beschleunigt. Für eine umweltverträgliche Wiederher
stellung des Hochwasserschutzes hat das Land Baden-Württemberg das Integrierte
Rheinprogramm entwickelt und beschlossen. 13 Rückhalteräume zwischen Basel und
Mannheim werden zukünftig zum Hochwasserschutz am Oberrhein beitragen. Einer
davon ist der Hochwasserrückhalteraum Weil-Breisach.
Ziel
Die Gesamtmaßnahme verfolgt die folgenden Ziele:
• Umweltverträgliche und naturschutzrechtskonforme Wiederherstellung des Hoch
wasserschutzes, wie er vor dem Oberrheinausbau mit Staustufen bestand.
• Erhaltung bzw. Renaturierung der Oberrheinauen mit zahlreichen charakteristi
schen Tier- und Pflanzengemeinschaften.
Daten und Fakten
Der Hochwasserrückhalteraum WeilBreisach ist der südlichste der insgesamt
13 Rückhalteräume des Integrierten
Rheinprogramms. Er besteht aus insge
samt vier Planfeststellungs- und Bauab
schnitten und hat ein Retentionsvolumen
von 21,9 Millionen Kubikmetern. Durch die
Maßnahme werden 1.019 Hektar neue Re
tentionsflächen durch Tieferlegung des
Vorlandes bzw. durch Wiederanbindung an
den Rhein für den vorbeugenden Hochwas
serschutz geschaffen.
Kosten
Dynamische Prozesse bilden rheintypische, wert
volle Strukturen, wie hier eine Kiesinsel nach dem
Hochwasser im Juli 2021 (Quelle: Regierungsprä
sidium Freiburg).
Die Gesamtinvestitionskosten für das
Projekt betragen 260 Millionen Euro
(Kostenstand 2021 ohne Berücksichtigung von Baupreissteigerungen für die Folge
jahre). Insgesamt rund 237,5 Millionen Euro werden dabei ab 2015 verausgabt und
durch das Nationale Hochwasserschutzprogramm des Bundes gefördert.
LAWA (2023)
Seite II
Systemskizze: Vor und nach der Tieferlegung der Vorlandflächen (Quelle: Regierungspräsidium Freiburg)
Wirkung und Synergieeffekte
Durch Tiefenerosion des Rheins ging ehemalige
Überflutungsfläche verloren. Beim Bau des
Rückhalteraums Weil-Breisach werden hochlie
gende ehemalige Uferbereiche des Rheins gero
det und um bis zu 9 Meter abgetragen, so dass
das aktuelle Niveau nur wenige Dezimeter über
dem normalen Grundwasserstand liegt. Durch
diese Tieferlegung werden die ehemaligen Über
flutungs- und Auenflächen wiederhergestellt.
Damit konnten beste Randbedingungen für die
natürliche Entwicklung eines ökologisch
wertvollen, artenreichen Auwaldes geschaffen
werden. Die neuen Überflutungsflächen bieten
der Ansiedlung von Weiden und Pappeln einen
optimalen Standort. Sie konnten bereits bei
Hochwasser ihre natürliche, bremsende Wirkung
entfalten.
Im nördlichen Teilbereich des Rückhalteraumes,
in dem der Rhein heute noch bei sehr großem
Hochwasser über die Ufer tritt, wird durch Fur
ten im Leinpfad Wasser in das dahinterliegende
bestehende Gelände geleitet und durch Gelän
demodellierung die Rückhaltung verstärkt.
Durch natürliche Sukzession neu entstandener Au
wald (Quellen: Regierungspräsidium Freiburg)
Für die baubedingten Beeinträchtigungen der Erholungsfunktion wurde zum Ausgleich mit den
„IRP-Rheingärten“ ein neuer Erholungsschwerpunkt in Neuenburg realisiert. Damit besteht nun
ein attraktiver Naherholungsraum, der den Rhein wieder zugänglich und erlebbar macht.
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Umwelt, Klima und
Energiewirtschaft Baden-Württemberg
Kernerplatz 9
70182 Stuttgart
Tel.: 0711 / 126–0
poststelle@um.bwl.de
LAWA (2023)
Landesbetrieb Gewässer beim
Regierungspräsidium Freiburg
Bissierstraße 7
79114 Freiburg im Breisgau
Tel.: 0761 / 208–0
poststelle@rpf.bwl.de
www.irp-bw.de
Seite III
Maßnahmensteckbrief 2
Bezeichnung:
Flutpolder Riedensheim
Maßnahmenkategorie
Gesteuerte Hochwasserrückhaltung
(HWR)
Bundesland
Bayern
Gewässer
Donau
Anlass
An der Donau sind Pfingsten 1999 und Juni 2013 sehr große Hochwasserereignisse
aufgetreten, die immense Schäden verursacht haben. Um bei Hochwasser eine Ent
lastung der Hochwasserschutzanlagen zu erreichen, sollen ehemals natürliche Hoch
wasserrückhalteflächen wieder reaktiviert bzw. wiederhergestellt werden. Im Rah
men der bayerischen Hochwasserschutzstrategie wurden Flutpolderstandorte an der
Donau definiert, die bei seltenen Hochwasserereignissen durch das Kappen der Hoch
wasserwelle die Überschwemmungsgefahr für die Siedlungsbereiche an der Donau
reduzieren können. Der Flutpolder Riedensheim westlich von Neuburg a.d. Donau ist
einer dieser Standorte.
Ziel
Mit dem Flutpolder Riedensheim können folgende Ziele erreicht werden:
• Schaffung von zusätzlichem Speichervolumen an der mittleren Donau
• Entlastung der Hochwasserschutzanlagen an der Donau unterhalb des
Polderstandortes bei Hochwasserereignissen > HQ100
Da der Einsatz des Flutpolders nur in extremen Hochwassersituationen vorgesehen
ist, kann die land-, forst-, und fischereiwirtschaftliche Nutzung des Polderraums
ebenso nahezu uneingeschränkt aufrechterhalten werden wie die Freizeitnutzung.
Daten und Fakten
2001:
2005:
2014:
2015:
2019:
Seit 2020:
Planungsbeginn
Raumordnungsverfahren
Planfeststellungsbeschluss
Baubeginn
Abschluss der Bauarbeiten
technische Betriebsbereitschaft der Polderbauwerke
Rückhaltevolumen:
Polderfläche:
Herstellungskosten:
ca. 8,3 Mio. m³
220 ha
38 Mio. €
Wichtigste Bauwerke:
• Einlaufbauwerk bestehend aus 6 Wehrfeldern mit je 5,0 m Breite
• Auslaufbauwerk mit zwei Wehrfeldern à 5,0 m Breite
• Trenndamm zwischen Donau und Polderraum
• Öffnung Finkensteingerinne
LAWA (2023)
Seite IV
in den Stauhaltungsdamm der Staustufe Bittenbrunn integriertes Einlaufbau
werk zur Polderfüllung (Quelle: Wasserwirtschaftsamt Ingolstadt)
Auslaufbauwerk mit Finkensteingerinne zur Polderentleerung (Quelle: Wasser
wirtschaftsamt Ingolstadt)
Polderraum (rechts) mit Trenndamm und ökologischem Ausgleichsbereich
(Quelle: Wasserwirtschaftsamt Ingolstadt)
Kosten
Die Maßnahme umfasst eine Gesamtsumme von rund 38 Millionen Euro. Darin ent
halten sind Grunderwerbs-, Planungs- und Baukosten.
LAWA (2023)
Seite V
Wirkung und Synergieeffekte
Ein Einsatz des Flutpolders ist nur in extremen Hochwassersituationen vorgesehen.
Der Flutpolder bewirkt dann eine deutliche Verbesserung des Hochwasserschutzes an
der mittleren bayerischen Donau. Mit der geschaffenen Retentionsfläche von insge
samt 220 ha können die Wasserstände bei Hochwasser im Bereich des Einlassbau
werkes um bis zu 35 cm verringert werden. Die Berechnungen zeigen ferner, dass
der Wasserspiegel auch Oberstrom um bis zu 15 cm reduziert werden kann. Der Pol
der wird innerhalb von einem Tag gefüllt und in etwa dreieinhalb Tagen entleert.
Im Polderraum wurden außerdem zahlreiche ökologische Umgestaltungs- und Anpas
sungsmaßnahmen durchgeführt (Neubegründung von Auwald, ökologische Flutungs
bereiche). Durch die ökologischen Flutungen soll die Aue-Lebensgemeinschaft auf
den Poldereinsatz vorbereitet, die Standortvielfalt des Auenlebensraumes wiederher
gestellt bzw. erhöht sowie die Entwicklung auentypischer Biotope und Lebensgemein
schaften ermöglicht werden.
Herausforderung
Der bestehende Stauhaltungsdamm der Staustufe Bittenbrunn musste erhöht und
verstärkt werden. Der Stauhaltungsdamm wurde um insgesamt bis zu 1,8 m erhöht,
eine Erdbetonwand eingebaut und die Krone auf 4,0 m verbreitert.
Der direkt an den Hang des Finkensteins anschließende Stauhaltungsdamm wurde
abgetragen. Die im Zuge der Errichtung der Staustufe Bittenbrunn gebaute Verroh
rung in das Unterwasser der Staustufe wurde durch ein offenes, naturnah gestaltetes
Gerinne (Finkensteingerinne) ersetzt. Aufgrund der Höhendifferenzen zwischen Ge
lände und Wasserspiegel ist eine Entleerung direkt unterhalb des Flutpolders in die
Donau nicht möglich. Der offene Graben musste daher mit einer Bohrpfahlwandkon
struktion von der Donau abgetrennt werden. Diese besteht aus einer Bohrpfahl- und
einer Spundwand mit aufgesetzten Kopfbalken, die biegesteif über Stahlbetonquer
riegel miteinander verbunden sind.
Zur Anbindung des Dammkronenweges an das bestehende Wegenetz wurde eine
Stahlbetonbrücke über das neu angelegte offene Gerinne errichtet und eine Auffahrt
über das Auslassbauwerk ermöglicht. Aufgrund der engen Platzverhältnisse, natur
schutzfachlichen Auflagen und geologischen Gegebenheiten war dieses Bauwerk im
Hinblick auf die Bautechnik sehr anspruchsvoll in der Umsetzung.
Federführung/Ansprechpartner
Bayerisches Staatsministerium für
Umwelt und Verbraucherschutz
Rosenkavalierplatz 2
81925 München
Tel.: 089/9214–00
poststelle@stmuv.bayern.de
LAWA (2023)
Wasserwirtschaftsamt Ingolstadt
Auf der Schanz 26
85049 Ingolstadt
Tel.: 0841/3705–0
poststelle@wwa-in.bayern.de
Seite VI
Maßnahmensteckbrief 3
Bezeichnung:
Deichrückverlegungen Schwarze Elster zwischen Schwarzheide
und Herzberg
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von
natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Brandenburg
Gewässer
Schwarze Elster
Anlass
Die Schwarze Elster ist einer der am stärksten anthropogen beeinflussten Flüsse in
Deutschland. Zur Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzflächen und im Rahmen der
bergbaulichen Aktivitäten in der Lausitz wurde die Schwarze Elster im 19. und 20.
Jahrhundert umfangreich ausgebaut und begradigt. Gleichzeitig wurde der Fluss auf
nahezu der gesamten Fließlänge beidseitig mit relativ geringer Vorlandbreite einge
deicht. Hierdurch hat der Fluss 98 Prozent seines natürlichen Retentionsraumes ver
loren. Während der letzten Hochwasser in den Jahren 2010/11 und 2013 konnten die
Deiche nur mit erheblichem Aufwand verteidigt werden.
Überschwemmungen nach Hochwasser
2010, Saathain, Okt. 2010 (Quelle: A.
Purz)
Profil Schwarze Elster (Quelle: MLUK)
Ziel
Mit den Deichrückverlegungen an der Schwarzen Elster zwischen Schwarzheide und
Herzberg können folgende Ziele erreicht werden:
• Anschluss potentieller Retentionsflächen der Schwarzen Elster, um dem Fluss
wieder mehr Raum zu geben
• Schaffung von zusätzlichem Retentionsvolumen an der Schwarzen Elster
• Absenkung von Hochwasserwellen sowie Verzögerung von Hochwasserschei
teln
• Entlastung der Hochwasserschutzanlagen in den Ortslagen entlang der
Schwarzen Elster
• Schaffung von Räumen für die Umsetzung von Gewässerentwicklungsmaßnah
men.
LAWA (2023)
Seite VII
Daten und Fakten
Entlang der Schwarzen Elster wurden potentielle Deichrückverlegungsräume mit
einer Fläche von ca. 14.000 ha in Summe identifiziert. Die Flächenkulisse wurde in
19 Maßnahmenkomplexe unterteilt. Für die ersten 3 Maßnahmenkomplexe im Raum
Lauchhammer wurden Machbarkeitsstudien unter Beteiligung der Vertreter vor Ort
durchgeführt. Das Gesamtprojekt befindet sich noch in der konzeptionellen Phase.
Gebietskulisse NHWSP-Projekt „Deichrückverlegungen Schwarze Elster zwischen
Schwarzheide und Herzberg“
Kosten
Die Maßnahme wird voraussichtlich eine Gesamtsumme von rund 90 Millionen Euro
umfassen. Darin enthalten sind Grunderwerbs-, Planungs- und Baukosten.
Wirkung und Synergieeffekte
Mit den geplanten Deichrückverlegungen an der Schwarzen Elster zwischen Schwarz
heide und Herzberg können sowohl lokale als auch überregionale Effekte für den
Hochwasserschutz erzielt werden. Hydronumerische Modellierungen konnten eine po
tentielle Scheitelabsenkung von bis zu 80 cm nachweisen.
Die potentiellen Deichrückverlegungen haben eine Rückhaltevolumen von bis zu
100 Mio. m³.
Im Rahmen der Umsetzung der geplanten Deichrückverlegungsprojekte entstehen
Retentionsräume, in denen sich verschiedenste Synergien mit der Umsetzung der
WRRL, der FFH-Richtlinie und der Verbesserung des Niedrigwassermanagements er
geben. Zur besseren Nutzung dieser Synergien und in der Folge für eine möglichst
schnelle Erreichung der verschiedenen Ziele, werden diese im Rahmen der Deich
rückverlegungsprojekte mit betrachtet.
LAWA (2023)
Seite VIII
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft
und Klimaschutz Brandenburg
Henning-von-Tresckow-Str. 2–13,
Haus S
14467 Potsdam
Tel.: 0331 / 866–7328
Referat24@mluk.brandenburg.de
LAWA (2023)
Landesamt für Umwelt Brandenburg
Postfach 601061
14410 Potsdam
bdp@lfu.brandenburg.de
Seite IX
Maßnahmensteckbrief 4
Bezeichnung:
Arster Weserdeich
Maßnahmenkategorie
Beseitigung von Schwachstellen (SSB)
Bundesland
Bremen
Gewässer
Weser (Mittelwe
ser)
Anlass
Im Bereich der Mittelweser ist ein Deichabschnitt von ca. 3 km Länge zu ertüchtigen
und die Bestickhöhe auf den neuen Bemessungswasserstand anzupassen. Die neuen
Bemessungswasserstände für die Mittelweser müssen jedoch zunächst aktualisiert
werden. Zuzüglich wird ein neuer Deichverteidigungsweg angelegt.
Der Abschnitt befindet sich etwas oberhalb des Übergangs von Mittel- und Unterwe
ser (Tideweser). Die Mittelweser ist hier durch das Weserwehr staugeregelt. Das
Wehr wird allerdings bei einer schweren Sturmflut gelegt und daher prägt der Ein
fluss der Unterweser bei Sturmfluten auch die Gestaltung und den Ausbau der Mittel
weser Deiche bis zur südlichen Landesgrenze nach Niedersachsen.
Ziel
Mit der Schwachstellenbeseitigung am Arster Weserdeich der Mittelweser werden fol
gende Ziele verfolgt:
• Ertüchtigung der Deichstrecke auf die neue, noch festzusetzende Bestick
höhe/Bemessungswasserstand
• Herstellung eines Deichverteidigungsweges.
Daten und Fakten
Die Maßnahme wird wahrscheinlich ab
2028 baulich über einen Zeitraum von
zwei Jahren umgesetzt.
2026:
2027:
2028:
2029:
Planung/Genehmigung
Planfeststellungsbeschluss
Baubeginn
Bauende
Kosten
Die Maßnahme zur Schwachstellenbe
seitigung und Herstellung eines Deich
verteidigungsweges am Arster Weser
deich umfasst eine Gesamtsumme von ca. 4 Millionen Euro.
LAWA (2023)
Seite X
Wirkung und Synergieeffekte
Mit der Schwachstellenbeseitigung ist eine Verbesserung des Hochwasserschutzes im
Bereich der Mittelweser verbunden. Durch die Maßnahme werden rd. 42.500 Hektar
potentiell von Hochwasser gefährdetes Gebiets geschützt. 160.000 in Bremen und
Niedersachsen lebende Menschen profitieren von der Maßnahme.
Federführung/Ansprechpartner
Freie Hansestadt Bremen
Die Senatorin für Klimaschutz, Umwelt,
Mobilität, Stadtentwicklung und
Wohnungsbau
Contrescarpe 72
28195 Bremen
hochwasser@bremen.de
LAWA (2023)
Seite XI
Maßnahmensteckbrief 5
Bezeichnung:
Deichrückverlegung Hattersheim/Flörsheim (Main)
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung
von natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Hessen
Gewässer
Main
Anlass
Die Maindeiche der Städte Flörsheim am Main und Hattersheim am Main, die auch in
deren Eigentum stehen, sind insgesamt rund 4,5 km lang. Sie schützen neben besie
delten Bereichen überwiegend landwirtschaftliche Nutzflächen zwischen den Städten
Flörsheim am Main und Hattersheim am Main (Ortsteil Eddersheim). Zur Verbesse
rung des Hochwasserschutzes wurde geprüft, ob die sanierungsbedürftigen Deiche
zurückverlegt werden können, um so Teile der hinter dem Deich liegenden Flächen
wieder dem Überschwemmungsgebiet zuzuführen.
Ziel
Mit der in Bearbeitung befindlichen Vorplanung wird angestrebt, Bereiche hinter den
Deichen durch Deichrückverlegung wieder für Überflutungen verfügbar zu machen,
d.h. zusätzlichen Retentionsraum für den Fluss Main zu schaffen.
Daten und Fakten
Mit der Deichrückverlegung Hattersheim/Flörsheim (Main) können folgende Ziele er
reicht werden:
• Schaffung von zusätzlichem Retentionsraum am Untermain
• Sicherstellung des Hochwasserschutzes entlang der Stadtteile Flörsheim und
Eddersheim
Da der Einsatz des Retentionsraums nur bei geringen Eintrittswahrscheinlichkeiten
vorgesehen ist, kann die land- und forstwirtschaftliche Nutzung des Retentionsraums
ebenso nahezu uneingeschränkt aufrechterhalten werden wie die Freizeitnutzung.
2017: Planungsbeginn
vorauss. 2024:
Planfeststellungsbeschluss
vorauss. 2025:
Baubeginn
vorauss. 2027:
Abschluss der Bauarbeiten
Rückhaltevolumen:
Polderfläche:
Herstellungskosten:
ca. 1,6 Mio. m³
ca. 100 ha
ca. 15 Mio. €
Wichtigste Bauwerke:
Einlassbauwerk
Auslassbauwerk
Deichtor
LAWA (2023)
Seite XII
Derzeitiges Konzept der Deichrückverlegung und des Retentionsraums (Quelle: Re
gierungspräsidium Darmstadt)
Kosten
Die Maßnahme wird voraussichtlich eine Gesamtsumme von rund 15 Millionen Euro
umfassen. Darin enthalten werden sein Grunderwerbs-, Planungs- und Baukosten.
Wirkung und Synergieeffekte
Mit der Deichrückverlegung ist eine Verbesserung des Hochwasserschutzes verbun
den. Mit der geschaffenen Retentionsfläche von über 100 Hektar wird es bei einem
Mainhochwasser im unterliegenden Bereich zu einer Verringerung der Wasserstände
kommen.
Federführung/Ansprechpartner
Hessisches Ministerium für Umwelt,
Klimaschutz, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Mainzer Straße 80
65189 Wiesbaden
Tel.: 0611/815–0
poststelle@umwelt.hessen.de
LAWA (2023)
Regierungspräsidium Darmstadt
Dezernat IV/Da 41.6
Staatlicher Wasserbau
Wilhelminenstraße 1–3
64283 Darmstadt
Tel.: 06151/12–0
poststelle@rpda.hessen.de
Seite XIII
Maßnahmensteckbrief 6
Bezeichnung:
Rückverlegung Hafendeich und Elbedeich Boizenburg, Neubau
Sudesperrwerk
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von
natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Mecklenburg-Vor
pommern
Gewässer
Elbe
Anlass
Die Hochwasserereignisse an der Elbe in den Jahren 2006, 2011 und 2013 führten
am Pegel Boizenburg zu jeweils neuen Höchstwasserständen (HHW), wobei die Be
messungswasserspiegellagen 2006 um 6 cm, 2011 um 10 cm und 2013 um 52 cm
überschritten wurden. Diese Situation und die Neufestlegung der Bemessungshoch
wasserabflüsse und der Bemessungswasserspiegellinie erforderte einen Ausbau der
bestehenden Hochwasserschutzanlagen. Bereits 2006 wurde deutlich, dass das be
stehende Sudesperrwerk, welches das Einströmen von Elbewasser in die Sude bei
Hochwasser in der Elbe verhindern soll, statisch nicht in der Lage ist, Wasserstands
unterschiede von mehr als 1,00 m schadlos standzuhalten.
Ziel
Mit der Rückverlegung des rechten Elbdeiches und des Hafendeiches sowie dem Neu
bau des Sudesperrwerkes werden folgende Ziele verfolgt:
• Verbesserung des Hochwasserschutzes für die Ortslage Boizenburg
• Vergrößerung des Rückstauraumes in der Sude zum Schutz der oberhalb
liegenden Ortschaften bis nach Neuhaus/Elbe in Niedersachsen
• Wiedergewinnung von 84 Hektar Überflutungsfläche in MV und 60 ha in NI
• ökologische Aufwertung des Biosphärenreservatgebietes durch Anschluss der
abgetrennten Elbaue.
Daten und Fakten
Maßnahmengebiet
Durch die Maßnahme werden in MV 84
Hektar neue Retentionsflächen für den
vorbeugenden Hochwasserschutz ge
schaffen.
2017–2022: Planung/Genehmigung
2022:
Beginn Planfeststellungsverfahren
Ende 2023: geplanter Baubeginn
2026:
Rückbau des Altdeichs
und Fertigstellung Sperr
werk
Ende 2026: geplantes Bauende
LAWA (2023)
Seite XIV
Kosten
Die Maßnahmen zur Deichrückverlegung des Hafendeiches und des Elbedeiches so
wie des Neubaus des Sudesperrwerkes betragen nach der Kostenberechnung rund 45
Millionen Euro. Davon werden ca. 31 Mio. Euro aus dem NHWSP finanziert. Weitere
14 Mio.€ stammen aus dem ELER.
Geplante Maßnahmen
Geplanter Zustand nach Fertigstellung und bei Hochwasser in der Elbe
Wirkung und Synergieeffekte
Mit der Deichrückverlegung ist eine Verbesserung des Hochwasserschutzes verbun
den. Durch die geschaffene Retentionsfläche von insgesamt 84 Hektar in MV wird es
nach den Modellrechnungen zu einer geringfügigen regionalen Wasserspiegelabsen
kung kommen. Daneben leistet die Maßnahme einen wichtigen Beitrag zur Vernet
zung von Fluss und Aue im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe.
LAWA (2023)
Seite XV
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Klimaschutz,
Landwirtschaft, ländliche Räume und
Umwelt Mecklenburg-Vorpommern
Paulshöher Weg 1
19061 Schwerin
Tel.: 0385 / 588–16176
poststelle@lm.mv-regierung.de
LAWA (2023)
Staatliches Amt für Landwirtschaft und
Umwelt Westmecklenburg
Bleicherufer 13
190536 Schwerin
Tel.: 0385 / 588–66000
poststelle@staluwm.mv-regierung.de
Seite XVI
Maßnahmensteckbrief 7
Bezeichnung:
Deichrückverlegung „Vitico“
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung
von natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Niedersachsen
Gewässer
Elbe
Anlass
Neuzeitliche Wetterextreme zeigen immer öfter die Leistungsgrenze der Hochwasser
schutzeinrichtungen auf. Die Ausgangslage für einen angepassten vorsorgenden
Hochwasserschutz war das Hochwasser 2013. Hiernach wurden Ländervereinbarun
gen zum gemeinsamen Hochwasserschutz und zur Entschärfung und Beseitigung von
Engstellen geschlossen. Die Maxime „den Flüssen wieder mehr Raum zu geben“
wurde zwischenzeitlich an allen deutschen Strömen und im benachbarten Ausland er
kannt.
An der unteren Mittelelbe ist ein möglicher Weg dahin die Verbesserung des Hoch
wasserabflusses durch die Rückverlegung vorhandener Deiche an den bekannten
Engstellen (BfG 1848). Auf diese Weise können an der unteren Mittelelbe deutliche
Reduktionen der Scheitelhöhe eines Hochwassers bewirkt werden, was schließlich zur
Entlastung der Hochwasserschutzanlagen und mehr Sicherheit führt. Namensgebend
für die hier betrachtete Maßnahme ist das Waldgebiet „Vitico“ zwischen den nieder
sächsischen Ortschaften Radegast und Bleckede. Dieses Waldstück befindet sich un
mittelbar im Bereich der Deichrückverlegung.
Ziel
Mit der Deichrückverlegung „Vitico“ können folgende Ziele erreicht werden:
Lokale und regionale Scheitelkappungseffekte bei Hochwasser sind nach Oberstrom
gezielt nutzbar (z.B. für Bleckede und Amt Neuhaus). Der Effekt beträgt ca. 9 cm.
Schaffung von ca. 140 ha zusätzlichem Retentionsraum an der unteren Mittelelbe
Durch die DRV werden großen Flächen der natürlichen Auendynamik zurückgeführt.
Die Deichlinienführung wird gegenüber dem derzeitigen Deich um ca. 500 m verkürzt
und an die aktuellen Bemessungswasserstände angepasst.
Daten und Fakten
2019
2019/2021
2020 bis 2022
2021
2024
2025
2026/227
Rückhaltefläche:
Herstellungskosten:
LAWA (2023)
Fertigstellung der Machbarkeitsstudie
Dialogprozess
Grunderwerb von ca. 15 ha Grün- und Ackerland
Beginn der HOAI Planungen
Antrag auf Planfeststellung gem. § 74 VwVfG
Planfeststellungsverfahren
Bauliche Umsetzung der Maßnahme
ca. 140 ha
ca. 14 Mio €
Seite XVII
Bereich der Deichrückverlegung „Vitico“ in Blickrichtung Oberstrom
(Quelle: Bildrecht NLWKN, Urheberrecht Falcon Crest Air)
Darstellung der Trassenvarianten (Quelle: NLWKN Lüneburg)
Flutung der Deichrückverlegung „Vitico“ im hydraulischen Modell (Quelle:
Institut für Wasserwirtschaft und Umweltschutz)
LAWA (2023)
Seite XVIII
Kosten
Die derzeitigen Kosten für Planung, Bau und Grunderwerb werden auf ca.
14 Mio. € geschätzt.
Wirkung und Synergieeffekte
Hydraulische Berechnungen ergaben bei isolierter Betrachtung der DRV „Vitico“/Vari
ante I eine Hochwasserscheitelreduzierung von ca. 9 cm. Durch Kombination weite
rer Maßnahmen auf der rechten Elbseite und abflussverbessernder Maßnahmen im
Vorland der Elbe, kann eine noch höhere Hochwasserscheitelkappung im Raum zwi
schen Boizenburg (MV) und Bleckede (NI) bewirkt werden. Nach dem Hochwasser
von 2013 wurden an den Hochwasserschutzanlagen Instandsetzungsmaßnahmen
durchgeführt. Eine Deichbestandsanalyse für die niedersächsischen Elbedeiche zeigt
jedoch erhebliche Anpassungsbedarfe an den vorhandenen Hochwasserschutzanla
gen. Daraus ergeben sich für den Bereich zwischen Bleckede und Radegast Syner
gien zwischen einer abflussverbessernden Maßnahme und der Anpassung des vor
handenen Hochwasserschutzes an die heutigen Anforderungen und Bemessungs
grundlagen.
Herausforderung
Nach Fertigstellung der Machbarkeitsstudie im Jahr 2019 gab es einen intensiven Di
alogprozess mit einer Vielzahl von örtlichen und überregionalen Akteuren sowie be
troffenen Flächeneigentümern, um das Projekt realisieren zu können. Der Dialogpro
zess wurde projektbegleitend auch in politischen Kreisen geführt, um eine großräu
migere Deichrückverlegung auf beiden Seiten der Elbe zu realisieren. Für einzelne
landwirtschaftliche Betriebe stellt die Deichrückverlegung eine große Herausforde
rung dar – hier war und ist ein gutes Flächenmanagement von besonderer Bedeu
tung. Erste Tauschflächen sind erworben und stehen bereit. Der Ankauf weiterer ge
eigneter Flächen ist in Vorbereitung. Der Bedarf für Tauschland liegt bei einer Grö
ßenordnung von ca. 70 ha.
Durch eine Vielzahl von Fachgutachten zur Qualmwasserbildung, zum Eisversatz bei
Hochwasser, den morphologischen Veränderungen im Vorland und einem Entwässe
rungskonzept für die Ausdeichungsflächen konnte gemeinsam mit den Projektpart
nern eine größere Akzeptanz zur Projektrealisierung geschaffen werden.
Aktuell befindet sich die Maßnahme in der Leistungsphase 2 (Vorplanung) gemäß
HOAI. Mit einer baulichen Umsetzung wird im Jahr 2026/27 gerechnet.
Federführung/Ansprechpartner
Niedersächsisches Ministerium für
Umwelt, Energie und Klimaschutz
Archivstraße 2
30169 Hannover
Tel.: 0511/120–3423
pressestelle@mu.niedersachsen.de
LAWA (2023)
Niedersächsischer Landesbetrieb für
Wasserwirtschaft, Küsten- und
Naturschutz
Am Sportplatz 23
26506 Norden
Tel.: 04931/947–0
pressestelle@nlwkn.niedersachsen.de
Seite XIX
Maßnahmensteckbrief 8
Bezeichnung:
Retentionsraum Köln-Worringen
Maßnahmenkategorie
Gesteuerte Hochwasserrückhaltung (HWR)
Bundesland
Nordrhein-West
falen
Gewässer
Rhein
Anlass
Infolge der Hochwasserereignisse in den Jahren 1993 und 1995 am Rhein wurden
durch das Land NRW umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Hochwasser
schutzsituation beschlossen. Neben der Ertüchtigung der vorhandenen Hochwasser
schutzanlagen wie Deichen oder Schutzmauern besteht gleichzeitig das Ziel, durch
Schaffung von Retentionsräumen eine Reduzierung der Hochwasserscheitel zu bewir
ken. Nördlich der Stadt Köln bieten sich hierfür großräumige Flächen an, die seit
1996 als Retentionsraum Worringen Bestandteil des Hochwasserschutzkonzeptes für
die Stadt Köln sind. Im Jahr 2014 wurde die Maßnahme in das Nationale Hochwas
serschutzprogramm aufgenommen.
Ziel
Mit dem Retentionsraum Worringen werden folgende Ziele verfolgt:
• Schaffen eines Rückhaltevolumens von bis zu 30 Mio. m³ bei extremem RheinHochwasser
• Absenkung der Hochwasserspitze im Rhein bis zu 17 Zentimeter
• Zeitgewinn von bis zu 14 Stunden für Rettungsmaßnahmen im Stadtgebiet von
Köln
• Erhalt des Worringer Bruchs als Naturschutz- und Naherholungsgebiet
Daten und Fakten
Durch die Maßnahme sollen 670 Hektar
neue Retentionsflächen bzw. 30 Millionen
Kubikmeter neuer Retentionsraum für
den vorbeugenden Hochwasserschutz ge
schaffen werden.
1996:
1998:
2016:
2019:
2023:
2025:
Beschluss zur Umsetzung
Planungsbeginn
Antrag auf Planfeststellung
Erörterungstermin und Überar
beitung der Planungsunterlagen
Planfeststellung (geplant)
geplanter Baubeginn
Kosten
Vorgesehene Polderfläche für den Retentionsraum
Worringen (Quelle: StFB Köln)
Für die Maßnahmen zur Herstellung des
Polders Worringen werden derzeit Gesamtkosten in Höhe von rund 224 Millionen
Euro veranschlagt. Darin enthalten sind Grunderwerbs-, Planungs- und Baukosten.
LAWA (2023)
Seite XX
Wirkung des Retentionsraums Köln-Worringen auf den Rhein-Wasserstand (Quelle: StFB Köln)
Vorhandener Rheindeich (Quelle: StFB Köln)
Luftbild mit geplanten Bauwerken (Quelle: StFB
Köln)
Legende
1 Rheindeich
2 Deiche im Retentionsraum
3 HWS-Wand Bruchstr.
4 Fangedamm
5 Erhöhung Neusser Landstr.
6 Einlassbauwerk
7 Absperrbauwerke Pletschbach
Geplante Bauwerke für den Retentionsraum
(Quelle: StFB Köln)
8 Restentleerung Pletschbach
9 Restentleerungspumpwerk
LAWA (2023)
Seite XXI
Wirkung und Synergieeffekte
Der Retentionsraum Köln-Worringen ist Teil einer Kette von Retentionsräumen ent
lang des Rheins. Mit seinem Fassungsvermögen von rund 30 Millionen Kubikmetern
ermöglicht er eine Absenkung des Hochwasserscheitels im Rhein um rund 17 Zenti
meter. Dadurch werden weite Teile des Kölner Nordens mit bis zu 100.000 Einwoh
nern vor Rheinwasserständen höher als 11,90 Meter Kölner Pegel geschützt. Gleich
zeitig gewinnen die Einsatzkräfte etwa 14 Stunden mehr Zeit, Maßnahmen zur Ret
tung oder Evakuierung zu treffen.
Die zusätzlich zu errichtenden Bauwerke sind so geplant, dass sie sich in das Land
schaftsbild einfügen und die Natur so wenig wie möglich beeinträchtigen. Der Worrin
ger Bruch bleibt als Naturschutz- und Naherholungsgebiet erhalten.
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Umwelt, Naturschutz und
Verkehr Nordrhein-Westfalen
Emilie-Preyer-Platz 1
40479 Düsseldorf
poststelle@munv.nrw.de
LAWA (2023)
Stadtentwässerungsbetriebe Köln AöR
Ostmerheimer Straße 555
51109 Köln
Tel.: 0221 221–26868
steb@steb-koeln.de
Seite XXII
Maßnahmensteckbrief 9
Bezeichnung:
Reserveraum für Extremhochwasser Hördter Rheinaue
Maßnahmenkategorie
Gesteuerte Hochwasserrückhaltung (HWR)
Bundesland
Rheinland-Pfalz
Gewässer
Rhein
Anlass
Aufgrund des hohen Schadenspotentials am Oberrhein – allein in Rheinland-Pfalz
mehr als 11 Mrd. Euro – hat die Enquête-Kommission des Landtags „Verbesserung
des Schutzes vor Hochwassergefahren“ im Jahr 1995 empfohlen, alle rheinland-pfäl
zischen Hochwasserrückhaltungen schnellstmöglich fertig zu stellen und wo immer
möglich, zusätzlichen Hochwasserrückhalteraum zu schaffen. Auch zur Vorsorge für
eine mögliche Hochwasserverschärfung durch den Klimawandel war Ergebnis der
Prüfung der Vorschlag, in der Hördter Rheinaue einen sog. Reserveraum für Extrem
hochwasser, d. h. einen Notfall-Flutungsraum zur Abminderung extremer Hochwas
ser einzurichten.
Ziel
Der Reserveraum für Extremhochwasser hat die Aufgabe, bei Extremhochwasser, das
den Bemessungswasserstand der Deiche überschreitet (> 200 jährlichen Ereignis), zu
einer weitestgehenden Entlastung der Deiche beizutragen und die Gefahr eines unkon
trollierten Deichversagens zu reduzieren.
Daten und Fakten
Durch den Neubau eines rückwärtigen,
ca. 9,5 km langen Rheinhauptdeiches wird
ein ca. 900 ha großer Raum geschaffen, der
bei Überschreiten des Bemessungswasser
standes bis zu ca. 35 Mio. m³ Wasser zurück
halten kann. Der derzeitige Rheinhauptdeich
bildet auch langfristig die vordere Hauptdeich
linie, die gemäß den bestehenden vertragli
chen Regelungen auf den Bemessungswasser
stand zzgl. 0,8 m Freibord ausgebaut wurde.
Der Ausbau erfolgte zeitlich vorgezogen (Fer
tigstellung 2015).
Die Herstellung des Reserveraums umfasst
nachfolgende Maßnahmen:
•
Bau einer ca. 9,5 km langen rückwärti
gen Deichlinie inkl. neun verschließba
rer Durchlassbauwerke sowie zwei in
die rückwärtige Deichlinie integrierter
Schöpfwerke Klingbach und Brandgra
ben zur Gewährleistung der Binnenent
wässerung, auch bei einem Einstau des
Reserveraums,
LAWA (2023)
Quelle: Geobasisdaten: © GeoBasisDE/LVermGeoRP 2016
Seite XXIII
•
•
•
•
•
•
Neubau der Schöpfwerke Sondernheim Nord und Süd sowie des Schöpfwerks
Leimersheim,
Anpassung des vorderen Rheinhauptdeichs mit drei Überlaufschwellen sowie
Vorbereitung einer Bresche zur Flutung bei Überschreiten des Bemessungs
wasserstands,
Anpassungen an Gräben und Durchlässen binnenseits,
Objektschutzmaßnahmen,
Maßnahmen zur Sicherung/Verbesserung der Nutzung der verbleibenden land
wirtschaftlichen Flächen durch stellenweise Auffüllungen von Ackersenken,
Verfüllung des Stockwiesengrabens mit Drainage und die Anlage einer Ring
drainage auf dem Schanzenfeld,
ökologische Flutungen zur Anpassung der Waldbestände an wiederkehrende
Überflutungen und zur Entwicklung wertvoller Auenlebensräume.
Die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens erfolgte im Spätjahr 2022.
Aufgrund der Komplexität des Vorhabens wird trotz des Beteiligungsprozesses bis
zum Vorliegen des Planfeststellungsbeschlusses mit einer Verfahrensdauer von min
destens 18 Monaten gerechnet; vorausgesetzt, dass dieser nicht beklagt wird,
könnte aus heutiger Sicht noch 2024 mit dem Bau begonnen werden. Mit einer Fer
tigstellung wäre frühestens 2034 zu rechnen.
Parallel zu den Bauarbeiten werden Grunderwerb bzw. Bodenordnung erforderlich.
Die reine Bauzeit wird mit ca. 8–10 Jahren angenommen.
Kosten
Für die Realisierung des Reserveraumes ergeben sich Gesamtkosten von rd. 225 Mio.
Euro brutto (Stand 2022)
Wirkung und Synergieeffekte
Der Reserveraum wird Extremhochwasser, das über dem Bemessungshochwasserstand der Deiche liegt (> 200 jährlichen Ereignis), abmindern und so das Risiko eines
unkontrollierten Deichversagens reduzieren. Der Einsatz des Reserveraumes kann
den Rheinabfluss je nach Hochwasserwelle um ca. 200 bis 300 m³/s reduzieren, was
eine Absenkung des Wasserspiegels um bis zu 15 cm bedeutet.
Zur Minimierung von Schäden an Flora und Fauna durch die sehr seltene Retentionsflutung bei Extremereignissen sind ökologische Flutungen vorgesehen. Diese dienen
der Entwicklung natürlicher Auenlandschaft und Anpassung größerer Waldareale des
Reserveraumes an Überschwemmungen.
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Klimaschutz, Umwelt,
Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz
Kaiser-Friedrich-Straße 1
55116 Mainz
Telefon: 06131 / 16–0
poststelle@mkuem.rlp.de
LAWA (2023)
Struktur- und
Genehmigungsdirektion Süd
Regionalstelle Wasserwirtschaft,
Abfallwirtschaft, Bodenschutz
Deichmeisterei/Neubaugruppe
Hochwasserschutz Oberrhein
Industriestraße 70
67346 Speyer
Telefon: 06232 / 6702–0
poststelle@sgdsued.rlp.de
Seite XXIV
Maßnahmensteckbrief 10
Bezeichnung:
Errichtung gesteuerter Flutungspolder Löbnitz
Maßnahmenkategorie
Gesteuerte Hochwasserrückhaltung (HWR)
Bundesland
Sachsen
Gewässer
Vereinigte Mulde
Anlass
Das Katastrophenhochwasser im August 2002 hat im Flussgebiet der Vereinigten
Mulde zu einem ungeahnten Ausmaß an Überschwemmungen und Schäden geführt.
Von der Zerstörung waren gleichermaßen Siedlungsgebiete, Infrastruktureinrichtun
gen, Gewerbe- und Industrieanlagen, Einrichtungen der Landwirtschaft sowie die Ge
wässer und ihre baulichen Anlagen betroffen.
Während des Hochwassers wurden die Nachteile des bis dato bestehenden gewässer
nah verlaufenden Hochwasserschutzsystems an der Vereinigten Mulde sichtbar. Auf
grund der Einengung des Hochwasserabflussbereiches gegenüber der natürlichen Aue
kam es mit dem Ansteigen des Hochwassers rasch zu großen Abflusstiefen und hohen
Fließgeschwindigkeiten. Die Deiche wurden überströmt und brachen an zahlreichen
Stellen. In der Folge kam es zu weiträumigen Überflutungen und extrem hohen Schä
den.
Eine ähnliche Situation zeigte sich erneut während des Hochwassers 2013.
Ziel
Mit der Einrichtung des gesteuerten Polders Löbnitz im linken Vorland der Vereinigten
Mulde wird eine überregional wirksame Hochwasserschutzmaßnahme umgesetzt,
durch die ein Retentionsraum von 1.436 ha gewonnen und der Hochwasserscheitel der
Mulde um bis zu 70 cm reduziert wird. Darüber hinaus erhalten die Ortslagen zwischen
Bad Düben und Löbnitz einen verbesserten Hochwasserschutz. Bestandteil des Polders
Löbnitz sind der Neubau von siedlungsnahen Hochwasserschutzanlagen (Deiche, Mau
ern) der im Poldergebiet befindlichen Ortslagen Schnaditz, Tiefensee, Löbnitz und
Wellaune (HQ100) sowie die Errichtung eines Einlass- und eines Auslassbauwerkes.
Daten und Fakten
1.436 ha Fläche,
15 Mio. m³ Volumen, ab HQ25 Flutung
Scheitelkappung ca. 70 cm (bei HQ100)
2003:
2013:
2013:
2027:
Projektstart
Planfeststellungsbeschluss
(sächsischer Teil)
Baubeginn
voraussichtliches Bauende
Übersichtslageplan Polder Löbnitz
LAWA (2023)
Seite XXV
Kosten
ca. 53,2 Mio. €
Auslaufbauwerk (Quelle: Landestalsperrenverwaltung Sachsen, Betrieb Elbe/Mulde/Untere
Weiße Elster)
Siel Gelbes Wasser (Quelle: Landestalsper
renverwaltung Sachsen, Betrieb
Elbe/Mulde/Untere Weiße Elster)
Siel Fährschleuse (Quelle: Landestalsperren
verwaltung Sachsen, Betrieb Elbe/Mulde/Un
tere Weiße Elster)
Wirkung und Synergieeffekte
Die Wirkung des Polders Löbnitz ergibt sich aus der Durchströmung der Aue bzw. der
weiträumigen Vorländer bei Hochwasserereignissen ab einem HQ(25). Ziel ist es, den
Abfluss zu verteilen und die Wasserspiegelhöhen bei großen Hochwasserereignissen in
der Mulde niedrig zu halten. Gegenüber einer Variante mit Aufhöhung der bestehenden
muldennahen Deiche auf ein Schutzniveau HQ(100) liegen die Wasserstände in der
Mulde bei diesem Ereignis um 70 cm niedriger. Dadurch werden die unmittelbaren
Gefährdungen z. B. für die Randbereiche der Stadt Bad Düben und für die Unterlieger
flussabwärts der Mulde deutlich vermindert. Weiterhin werden damit ab einem HQ(25)
ca. 1.436 ha Retentionsraum zur Verfügung gestellt.
Die im Polderinnenraum befindlichen Siedlungen werden durch neugebaute ortsnahe
Hochwasserschutzanlagen mit einem Schutzniveau HQ(100) geschützt. Durch die
günstigere Wasserverteilung können diese Anlagen mit reduzierter Anlagenhöhe rea
lisiert werden.
Die vorhandenen gewässernahen Deiche werden entsprechend dem bisherigen Zu
stand für ein Bemessungshochwasser BHQ = HQ(25) ertüchtigt und bilden zukünftig
den Polderaußendeich. Der Schutzgrad für die im Polder liegenden Flächen ändert sich
damit nicht. Bei Überschreitung des HQ(25) erfolgt eine geordnete Flutung der Auen
bereiche über neu errichtete befestigte Ein- und Auslaufbauwerke. Durch die gezielte
Einleitung des Wassers soll eine unkontrollierte Überströmung der Deiche verhindert
LAWA (2023)
Seite XXVI
und die damit verbundene Gefahr von Deichbrüchen und eine schwallartige Flutung –
wie sie während der Hochwasserereignisse 2002 und 2013 aufgetreten sind – vermie
den werden.
Federführung/Ansprechpartner
Sächsisches Staatsministerium für
Energie, Klimaschutz, Umwelt und
Landwirtschaft
Wilhelm-Buck-Straße 4
01097 Dresden
Tel.: 0351 / 564–0
Poststelle@smekul.sachsen.de
LAWA (2023)
Landestalsperrenverwaltung Sachsen
Betrieb Elbe/Mulde/Untere Weiße Elster
Gartenstraße 34
04571 Rötha
Tel.: 034206 / 588–0
Betrieb.EMUWE@ltv.sachsen.de
Seite XXVII
Maßnahmensteckbrief 11
Bezeichnung:
Deichrückverlegung Sandau Süd
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von
natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Sachsen-Anhalt
Gewässer
Elbe
Anlass
Während der Hochwasserereignisse in den Jahren 2002 und 2013 waren an der unte
ren Mittelelbe extreme Hochwasserstände am Pegel Tangermünde zu verzeichnen,
welche unter anderem auf die hydraulische Engstelle und auf die unterhalb gelegene
Flussbiegung im Bereich der Stadt Sandau zurückzuführen waren. Zur Verbesserung
dieser Situation entstanden Überlegungen, der Elbe in dieser Region mehr Raum zu
geben. Durch eine Rückverlegung des rechten Elbedeiches südlich der Stadt Sandau
konnte dieser Intention Rechnung getragen werden.
Ziel
Mit der Rückverlegung des rechten Elbdeiches wurden folgende Ziele verfolgt:
• Örtliche Absenkung möglicher Hochwasserwellen/Verzögerung von
Hochwasserscheiteln/Vergleichmäßigung des Abflussgeschehens
durch die Beseitigung lokaler Engstellen
• Wiederanschluss von 124 Hektar Überflutungsfläche und zusätzlichem
Wasserrückhalt an der unteren Mittelelbe
• Schaffung von zusätzlichem Speichervolumen an der unteren Mittelelbe
• ökologische Aufwertung durch Anschluss reliktischer Elbauen.
Daten und Fakten
Durch die Maßnahme wurden 124 Hek
tar neue Retentionsflächen für den vor
beugenden Hochwasserschutz geschaf
fen.
2003–2017:
2017:
2017:
2021:
2021:
Planung/Genehmigung
Planfeststellungsbeschluss
Baubeginn
Bauende
Schlitzung des Altdeichs
und Fertigstellung
Kosten
Die Maßnahmen zur Deichrückverle
gung Sandau Süd umfasst eine Ge
samtsumme von rund 18 Millionen
Euro.
LAWA (2023)
Abbildung des mit dem Luftbild verschnittenen
Maßnahmengebiets der Deichrückverlegung Sandau Süd
(Quelle: Ministerium für Wissenschaft, Energie,
Klimaschutz und Umwelt Sachsen-Anhalt)
Seite XXVIII
Systemskizze vor und nach der Deichrückverlegung Sandau Süd Quelle: Planungsgesellschaft für
Wasserbau und Wasserwirtschaft mbH Neuruppin)
Rückverlegter Deich inmitten von landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzten Flächen
mit Blick aus der Luft (Quelle: Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft
Sachsen-Anhalt)
Wirkung und Synergieeffekte
Mit der Deichrückverlegung ist eine Verbesserung des Hochwasserschutzes verbun
den. Durch die geschaffene Retentionsfläche von insgesamt 124 Hektar wird es nach
den Modellrechnungen zu einer regionalen Verringerung der Wasserstände von bis zu
16 Zentimetern kommen. Neben positiven ökologischen Effekten leistet die Maß
nahme einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung des Gebietswas
serhaushalts, sowohl bei Hoch- als auch bei Niedrigwasser und damit zur Anpassung
an den Klimawandel.
LAWA (2023)
Seite XXIX
Federführung/Ansprechpartner
Ministerium für Wissenschaft, Energie,
Klimaschutz und Umwelt Sachsen-Anhalt
Leipziger Straße 58
39112 Magdeburg
Tel.: 0391 / 567–1950
poststelle@mwu.sachsen-anhalt.de
LAWA (2023)
Landesbetrieb für Hochwasserschutz
und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt
Otto-von-Guericke-Straße 5
39104 Magdeburg
Tel.: 0391 / 581–0
poststelle@lhw.mlu.sachsen-anhalt.de
Seite XXX
Maßnahmensteckbrief 12
Bezeichnung:
Deichrückverlegung Nördliche Geraaue
Maßnahmenkategorie
Deichrückverlegung/Wiedergewinnung von
natürlichen Rückhalteflächen (DRV)
Bundesland
Thüringen
Gewässer
Gera
Anlass
Nördlich des Stadtgebietes Erfurt stellt sich die Gera als ein geradliniges, ausgebautes
Gewässer mit beidseitigen Deichen dar. Die Gewässerstruktur ist gegenüber einem
natürlichen Gewässer erheblich verändert und die Gera weist ein unbefriedigendes
ökologisches Potenzial auf. Die Deiche verlaufen gewässernah und engen den Abfluss
querschnitt ein. Während des Hochwassers 2013 wurden die Defizite des vorhandenen
Hochwasserschutzsystems sichtbar. Die Deiche waren aufgeweicht und wurden stel
lenweise massiv durch-, unter- und überströmt. Sie mussten über mehrere Tage unter
erheblichen personellen und technischen Aufwand verteidigt werden. Insbesondere im
Bereich Walschleben bestand eine akute Bruchgefahr. Eine Überströmung der Schutz
anlagen konnte nur durch Sandsackaufkadungen weitgehend verhindert werden. In
einigen Bereichen kam es zu flächigen Überschwemmungen der Auen.
Ziel
Im Hinblick auf einen nachhaltigen Schutz ist eine Umgestaltung des Hochwasser
schutzsystems vorgesehen mit dem Ziel:
-
Siedlungsgebiete, Gewerbestandorte und Infrastrukturanlagen durch teilweise
rückverlegte Deiche für seltene Hochwasser sicher zu schützen (HQ100),
die landwirtschaftlich genutzten ehemaligen Flussauen zu reaktivieren und bei
mittleren Ereignissen gezielt zu fluten,
eine weiträumige Hochwasserabführung und Hochwasserrückhaltung mit einer
hohen Überlastungssicherheit zu schaffen,
die Wellenscheitel zu dämpfen und die Wasserspiegelhöhen, Strömungsge
schwindigkeiten und Gefahrenpotenziale niedrig zu halten.
Gleichzeitig sollen mit dem Vorhaben eine ökologische Aufwertung des Gewässers und
eine attraktivere Gestaltung der Flusslandschaft erreicht werden.
Daten und Fakten
Durch die Maßnahme sollen 840 Hektar rezente Aue für
den vorbeugenden Hochwasserschutz wiedergewonnen
werden.
Planungsbeginn:
2014
Baubeginn:
2015
geplantes Bauende: 2029
Kosten
Die Maßnahmen zur Deichrückverlegung an der nördlichen Geraaue umfassen eine
Gesamtsumme von rund 63 Millionen Euro. Darin enthalten sind Grunderwerbs-, Pla
nungs- und Baukosten.
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Wirkung und Synergieeffekte
Prinzipdarstellung zur schrittweisen Umgestaltung des Hochwasserschutzsystems:
Schritt 1: Rückbau der Bestandsdeiche und Anlegen einer Sekundäraue
Schritt 2: Sicherung der Ortslagen durch rückverlegte Schutzanlagen
Schritt 3: Eigendynamische Entwicklung im Gewässerbett und landwirtschaftliche
Nutzung der Aue
HQ(10) bis HQ(20)
Schritt 1:
HQ(100)
Schritt 2:
Mittelwasser
Schritt 3:
(Quelle: Planungsgesellschaft Scholz + Lewis mbH im Auftrag Freistaat Thüringen vertreten durch
die ThLG, Hochwasserschutz nördliche Gera – Entwurfs- und Genehmigungsplanung S.45, 2021)
Deichrückverlegung und Gewässerstrukturie
rung bei Walschleben, 04/2020 (Quelle:
Y.Voigt, ThLG)
Ertüchtigung Deich bei Ringleben, 04/2022
(Quelle: S.Olbrich, ThLG)
Durch die Deichrückverlegung sollen ca. 840 Hektar an Retentionsfläche wiedergewonnen wer
den. Durch das Anlegen einer Sekundäraue im Bereich der alten Deichaufstandsflächen erfolgt
eine Wiedervernetzung von Aue und Gewässer. Gleichzeitig sollen über diesen Querschnitt häu
fige Hochwasserereignisse (bis ca. HQ 20) abgeführt werden. In diesen Bereichen erfolgt auch
eine ökologische Aufwertung des Gewässers.
LAWA (2023)
Seite XXXII
Federführung/Ansprechpartner
Freistaat Thüringen vertreten durch
Thüringer Landesamt für Umwelt,
Bergbau und Naturschutz
Göschwitzer Straße 41
07745 Jena
Freistaat Thüringen vertreten durch
Thüringer Landgesellschaft mbH
Weimarische Straße 29b
99099 Erfurt
www.tlubn.thueringen.de
www.thlg.de
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