Author: Ehling K.
Tags: archäologie politische geschichte numismatik nahoststudien eschichte seleukidische dynastie hellenismus militärische geschichte königreiche der antike griechisch-persische beziehungen
ISBN: 978-3-515-09035-3
Year: 2008
Kay Ehling
Untersuchungen zur Geschichte
der späten Seleukiden
(164-63 v. Chr.)
Vom Tode des Antiochos IV. bis zur Einrichtung
der Provinz Syria unter Pompeius
Franz Steiner Verlag Stuttgart 2008
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Printed in Germany
Für Eveline
Wenn du nicht wärst, was wär mir die ganze Welt?
Beftine von Arnim
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Ho noTpeßnocTb OTbicKMBaTb npiiHHHbi BJioxeHa b jjyiuy HeuoBeKa.
„Der menschliche Verstand vermag die Gesamtheit der Ursachen der
Erscheinungen nicht zu begreifen. Aber das Bedürfnis, nach diesen Ursachen zu
forschen, liegt in der Seele des Menschen“.
Tolstoj, Krieg und Frieden. 4. Buch, 2. Teil, 1. Kapitel (Übersetzung von H. Röhl)
INHALTSVERZEICHNIS
Vorbemerkung ............................................................11
Einleitung: Forschungsstand und -diskussion, Quellenüberblick,
Zusammenfassung der Kapitel II 1-13, Ergebnisse...........................13
I. Kapitel: Quellen......................................................29
1.) Literarische Quellen.............................................29
1.) Griechische Autoren 30 2.) Lateinische Autoren 50
3.) Jüdische Autoren 54
2.) Epigraphische Quellen............................................62
1.) Namen, Amtsbezeichnungen und Rangklassenzugehörigkeit
der hohen Funktionäre 63 2.) Ethnische Herkunft der hohen
Funktionäre 66 3.) Epitheta der Könige und Rolle der Königinnen 67
4.) Beziehungen zwischen Seleukiden und bedeutenden Städten
und Heiligtümern wie Athen, Delos, Cypern, Olba 67 5.) Städtische
Verwaltungsorgane und Städte mit dynastischen und
nicht-dynastischen Namen 72 6.) Keilinschriften 76
7.) Umstrittene Inschriften 77
3.) Numismatische Quellen...........................................80
1.) Münzporträts 85 2.) Rückseitenbilder 90 3.) Reverslegenden 97
4.) Jahreszahlen 99 5.) Städtische Prägungen 101 6.) Indigene
Götter 104
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr..........111
1 .) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregierung
des Lysias (164-162)............................................ 111
2 .) Landung des Demetrios I. in Syrien (162) und Aufstand
des Timarchos (161/60)............................................122
3 .) Judäa-Politik des Demetrios I. und Ende des
Makkabäeraufstandes (158).........................................130
4 .) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des
Alexander I. (154 ?).............................................139
5 .) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung
des Demetrios II. (147)..........................................154
6 .) Erste Regierung des Demetrios II. (145-138) und Erhebung
des Antiochos VI. (144)..........................................164
7 .) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII.
in Syrien (138)..................................................178
10
Inhalt
8 .) Kampf des Antiochos VII. gegen Tryphon (138/37)
und Belagerung Jerusalems (135/34).................................. 190
9 .) Partherfeldzug des Antiochos VII. (131-129) und Alleinherrschaft
des Antiochos VIII. (121-113).......................................200
10 .) Erhebung des Antiochos IX. (113) und Kämpfe mit
Antiochos VIII. (113-98/97)......................................... 217
11 .) Tod des Antiochos VIII. (98/97) und Gefangennahme
des Demetrios III. (88/87).......................................... 231
12 .) Regierung des Antiochos XII. (87 ?—84/83)
und Herrschaft des armenischen Königs Tigranes II. (83-69).........246
13 .) Regierung des Antiochos XIII. (69-64) und Einrichtung
der Provinz Syria unter Pompeius (64/63)...........................256
III. Kapitel: Epilog. Überlegungen zum Niedergang und Zerfall
des Seleukidenreiches..................................................279
Benützte Quellenausgaben und Übersetzungen.............................285
Literatur-und Abkürzungsverzeichnis....................................287
Abbildungsverzeichnis..................................................299
Register der Namen und Begriffe........................................301
VORBEMERKUNG
An einem strahlend blauen Sommertag im Juni 1993 lief ich durch die Akazienstraße
im Berliner Stadtteil Schöneberg. Gegenüber der im Jahr 1900 aus rotem Backstein
erbauten heutigen Riesengebirgs-Oberschule, an der in goldenen Lettern die Worte
LITTERIS, VIRTVTI und PATRIAE prangen, befand sich ein kleiner Laden, der
Münzen verkaufte und in dem ich schon die eine oder andere zumeist spätantike
Kleinbronze erworben hatte. An diesem Morgen fiel mein Blick auf ein neues Sil-
berstück, dessen Vorderseite einen schönen, knabenhaften, gelockten Kopf zeigte,
aus dem sechs Strahlen entsprangen; auf der Rückseite war zu dem Bild des auf
einem Omphalos sitzenden Apollon der Name des Königs, Antiochos Epiphanes
Dionysos, zu lesen. Während der U-Bahnfahrt von Eisenacher-Straße nach Dahlem
holte ich die Drachme immer wieder hervor, ohne mich satt sehen zu können. Nach
zwei anregenden Referats- und Diskussionsstunden in dem unvergeßlichen Haupt-
seminar über den Senatorenstand in der römischen Republik bei Emst Baltrusch, der
damals noch Privatdozent war, eilte ich in die Bibliothek, um meinen Antiochos
genauer zu bestimmen: es war, wie sich herausstellte, der sechste. Im I. Makkabä-
erbuch 11,54 ff. las ich dann: Metcc öe Taura aTTEOTpsipETpucpcDVKai ’Avnoxoc
per’ avToü iratöapiov vEioTspov- Kai EßaoiXsuaE Kai ette6eto öiaörjpa ... Kai
EÄaßE Tpvcpwv ra öqpia (d.h. die Elephanten) Kai KaT£Kparr|o£v ’Avnoxdac.
Unglaublich, wie spannend! An diesem Sonnentag im Juni eröffnete sich mir eine
ganz neue Welt. 1995 erschien mein erster kleiner Aufsatz zu Alexander II. in den
Schweizer Münzblättem, und genau zehn Jahre später, im Sommer 2005, reichte ich
die vorliegende Arbeit als Habilitationsschrift bei der Philologisch-Historischen
Fakultät der Universität Augsburg ein.
Für das Korrekturlesen möchte ich mich bei meinem Münchner Kollegen in der
Münzsammlung, Herrn Matthias Barth, sehr herzlich bedanken. Für Hinweise und
Unterstützung danke ich Frau Professorin Dr. Marion Lausberg (Augsburg), Frau
Dr. Ulrike Peter (Berlin) und meinem cpiXoc; Konstantin Olbrich (München) sehr
herzlich. Auch Frau Cornelia und Herrn Peter von Cube von der Firma prograph
gmbH (München) danke ich sehr für ihre professionelle Erstellung des Familien-
stammbaums. Großer Dank gilt Heim Professor Dr. Emst Baltrusch (Berlin), Heim
Professor Dr. Kai Brodersen (Mannheim) und Herrn Professor Dr. Valentin Kockel
(Augsburg), die nicht nur die Mühen der Gutachten auf sich genommen, sondern
auch sehr wichtige Verbesserungsvorschläge beigesteuert haben. Mein ganz beson-
derer Dank gilt meinem Erstgutachter Herrn Professor Dr. Gregor Weber (Augs-
burg). Gregor Weber hat der Arbeit von Beginn an aller größtes Interesse entgegen-
gebracht und mit seinen zahllosen Hinweisen, Anregungen und Korrekturen wesent-
lich zu ihrem Gelingen beigetragen. Ihnen allen sei Dank!
Für die verbliebenen Fehler, Mängel und Unzulänglichkeiten haftet allein der
Verfasser. So etwa, daß es kein eigenes Kapitel zu den archäologischen Quellen gibt.
12
Vorbemerkung
Auch Eigentümlichkeiten im Aufbau der Arbeit, wie die in der Einleitung vorange-
stellte Zusammenfassung, gehen ganz zu meinen Lasten. Auf Münztafeln mußte aus
Kostengründen verzichtet werden, doch sind alle Stücke in den Anmerkungen de-
tailliert nachgewiesen, so daß sie leicht aufzufinden sind. Neuere Literatur, die mir
nach Sommer 2005 bekannt geworden ist, habe ich, so gut es ging, noch einzuarbei-
ten versucht. Zuletzt hat mich vor allem das gemeinsam mit Herrn Professor Dr.
Peter Weiß (Kiel) publizierte Marktgewicht für Seleukos VI. sehr beschäftigt.
Ziel aller weiteren Forschungen muß letztlich eine umfassende Darstellung und
Deutung der gesamten Seleukidenzeit sein, vergleichbar den Arbeiten von G. Hölbl
und W. Huß zu den Ptolemäern. Der Verfasser hofft, mit seinen hier vorgelegten
.Untersuchungen4 wenigstens eine kleine Vorarbeit dazu geleistet zu haben.
München, im August 2006
EINLEITUNG:
FORSCHUNGSSTAND UND -DISKUSSION,
QUELLENÜBERBLICK, ZUSAMMENFASSUNG
DER KAPITEL II 1-13, ERGEBNISSE
Seit dem Erscheinen von A. R. Bellingers „The End of the Seleucids“ im Jahr 1949
ist kein Versuch mehr unternommen worden, die Geschichte der späten Seleukiden
erneut umfassender zu behandeln. Um einiges älter noch als diese Arbeit sind die
beiden umfangreichen Gesamtdarstellungen der seleukidischen Geschichte von E. R.
Bevan und A. Bouche-Leclercq aus den Jahren 1902 bzw. 1913. Beide Werke sind
in Teilen überholt, aber insgesamt immer noch grundlegend. Eine neuere Überblicks-
darstellung bietet nur der 1984 verfaßte Beitrag von Chr. Habicht für die 2. Auflage
der Cambridge Ancient History mit dem Titel „The Seleucids and their Rivals“. Doch
werden die Jahre nach 129 von Habicht nicht behandelt. Das geringe Interesse der
Forschung gerade an den letzten Jahrzehnten der Seleukidenherrschaft scheint symp-
tomatisch zu sein, denn diese werden fast immer nur kursorisch beleuchtet. Dabei
ist gerade die spätere Seleukidenzeit ein interessantes historisches Lehrstück dafür,
wie in den Jahren des Zerfalls einer Großmacht sowohl benachbarte Groß- und
Mittelmächte als auch in diesem Prozeß aufkommende lokale Gewalthaber versu-
chen, das entstehende machtpolitische Vakuum auszufüllen und für ihre Ziele zu
nutzen.
Fehlt es einerseits also an neuen, die ganze spätere Seleukidenzeit betreffenden
Arbeiten, so steht dem andererseits eine große Anzahl von historischen, historisch-
philologischen, numismatischen, archäologischen und prosopographischen Einzel-
studien gegenüber, die unsere Kenntnisse bezüglich des Seleukidenreiches in den
letzten Jahren wesentlich erweitert haben.
Unter den historischen Arbeiten sei zunächst die wichtige, 1983 publizierte
Abhandlung von K. Bringmann über hellenistische Reform und Religionsverfolgung
in Judäa genannt.1 Ihr Schwerpunkt liegt zwar auf der Regierung Antiochos’ IV.
(175-164), reicht aber thematisch in die hier untersuchte Zeit nach 164 hinein, da
die Anfänge des Makkabäeraufstandes und der Abschluß des Religionsfriedens
unter Antiochos V. im Jahr 163 mitbehandelt werden. Mit dem Religionsverbot von
Dezember 168 nahm der seleukidisch-jüdische Konflikt, der letztlich bis in das Jahr
135/34 (bzw. 129) anhielt, seinen Ausgang; am Ende dieses Prozesses war Judäa ein
unabhängiger Staat unter Führung der Hasmonäerdynastie (siehe unten Kap. II 8).
Wenn Bringmann - ohne an dieser Stelle in eine detaillierte Diskussion eintreten zu
können - auch die religiöse Motivation der Reformer um die Hohenpriester Jason
und Menelaos unterschätzt bzw. zugunsten politisch-pragmatischer Motive margi-
1 Im folgenden Bringmann, Reform.
14
Einleitung
nalisiert,2 so beschreibt er doch die Absichten und Ziele der seleukidischen Seite
m.E. zutreffend: Die Regierung in Antiocheia habe sich bei der Verhängung des
Religionsverbotes von Erwägungen politischer Opportunität leiten lassen, und es sei
ihr letzten Endes nur um die Absicherung der eigenen Herrschaft gegangen. Wie
bereits E. Bickermann festgestellt hat, haben gezielte Hellenisierungsbestrebungen
seitens der Seleukiden nie bestanden, und Antiochos IV. war in religiösen Fragen
nicht weniger tolerant als seine Vorgänger oder Nachfolger. - Der politische Irrtum
des Königs (und seiner jüdischen Berater?), den Demetrios I. (162-150) wiederho-
len, nach wenigen Jahren aber auch korrigieren sollte (siehe unten Kap. II3), bestand
darin, die seleukidische Herrschaft über Judäa allein auf die »Partei* der hellenisier-
ten seleukidentreuen Juden gründen zu wollen. Als im Jahr 158 deutlich geworden
war, daß auf diese Weise keine stabilen politischen Verhältnisse in Judäa herzustel-
len waren, gab Demetrios I. die hellenisierten Juden zugunsten einer Zusammenar-
beit mit den orthodoxen Hasmonäem preis.
Der seleukidisch-jüdische Konflikt der Jahre 169/68 bis 135/34 (129) ist durch
die literarische Überlieferung besonders gut dokumentiert. Gerade deshalb sollte
man sich aber immer wieder ins Gedächtnis rufen, daß Judäa zumindest aus Sicht
der seleukidischen Führung ein Schauplatz von sekundärer Bedeutung war (siehe
unten Kap. I 1). Ereignisse wie der Abfall des »Generalstatthalters der Oberen Sat-
rapien*» Timarchos, im Jahr 161/60 waren von weit größerer Bedeutung und Trag-
weite. Auf welche Schwierigkeiten man aber stößt, wenn man den sozusagen quel-
lenmäßig »gesicherten* Boden Judäas verläßt» zeigt der Aufsatz von A. Kneppe aus
dem Jahr 1989 zum Aufstand des Timarchos.3 Zwar kann Kneppe die engen Verbin-
dungen zwischen dem Seleukidenhof bzw. Timarchos und Milet aufzeigen, die für
uns vor allem durch verschiedene Inschriftenzeugnisse greifbar sind,4 aber schon
das genaue Datum der Niederwerfung des Usurpators durch Demetrios I. ist nur
schwer bestimmbar, und über die Gründe und Motive, die Timarchos dazu bewogen
haben, nach der Königsherrschaft zu greifen, lassen sich nurmehr Vermutungen
anstellen (siehe unten Kap. II 2).
Kontrovers und unter ganz verschiedenen Aspekten sind die Regierungen Anti-
ochos’ VI. und Tryphons zu Beginn der Siebziger Jahre diskutiert worden. Anhand
der Münzmeistermonogramme auf den undatierten Münzen mit dem böotischen
Helm für Antiochos VI. und Tryphon hat H.R. Baldus eine bis in das Jahr 139/38
dauernde Samtherrschaft der beiden Könige erschließen wollen.5 Baldus setzt die
Ausrufung Antiochos’ VI. in das Jahr 146/45, die Erhebung des Tryphon in das Jahr
142/41, die Ermordung des Kinderkönigs ins Jahr 139/38 und den Tod Tryphons
bald nach 139/38 an. Dagegen kann Th. Fischer plausibel machen, daß es eine der-
2 Vgl. die Besprechungen der Bringmannschen Abhandlung durch Sh. Applebaum: Gnomon 57,
1985, S. 191-193 und Th. Fischer: Klio 67, 1985, S. 350-355 (die freilich in ihrer Kritik arg
überzogen ist) sowie die Bemerkungen von Hengel, Jerusalem S. 282f. mit Anm. 74 und Bal-
trusch, Juden S. 46.
3 Im folgenden Kneppe, Timarchos.
4 Vgl. Günther, Didyma; Herrmann, Milesier.
5 HelmS. 217-239.
Einleitung
15
artige Samtherrschaft nicht gegeben hat und Antiochos VI. im Jahr 142/41 starb.6
Die Chronologie Fischers wird in den Kap. II6 und 7 im wesentlichen bestätigt, in
entscheidenden Punkten aber auch verbessert: Antiochos VI. wurde wahrscheinlich
im Frühjahr (?) 144 erhoben und starb vor Oktober 141; Tryphon fand jedoch nicht
schon 138, sondern erst Mitte (?) 137 den Tod. Anders als in der Forschung, die der
tryphonfeindlichen Überlieferung folgend, animmt, Tryphon habe den kleinen An-
tiochos VI. bei einem ärztlichen Eingriff böswillig beseitigen lassen, um Alleinherr-
scher werden zu können, wird in Kap. II7 die Vermutung begründet,7 daß der Tod
des Kinderkönigs in Wirklichkeit eine unbeabsichtigte Folge dieser Operation war
und sich nach dessen Tod Tryphon gezwungenermaßen zum König ausrufen lassen
mußte. - Auch der auffällige Helmtyp mit dem hochgebogenen Steinbockhom auf
den Münzen Antiochos’ VI. und Tryphons ist ganz unterschiedlich gedeutet worden:
H. Seyrig bringt den Helm mit dem Zeus von Apameia in Verbindung,8 Baldus sieht
einen Indien- und damit Alexanderbezug gegeben, und jüngst wurde in dem Helm
ein Emblem kretisch-ägäischer Söldner vermutet.9
In den letzten Jahren sind der Partherfeldzug Demetrios’ II., seine parthische
Gefangenschaft und der Charakter seiner zweiten Herrschaftsphase (129-125) in
die Diskussion gekommen. Die Datierung des Feldzuges ins Jahr 139/3810 wird
durch die 1996 erfolgte Publikation einer Keilinschrift, die die Gefangennahme des
Königs und seiner (piXot im Jahr 138 erwähnt,11 praktisch zur Gewißheit, da von
einer nur einjährigen Feldzugsdauer auszugehen ist. Umstritten bleibt jedoch, ob die
Entlassung des Demetrios II. aus der Gefangenschaft im Jahr 130/29 ein Schachzug
der Parther gegen Antiochos VII. war12 oder ob es sich um eine ,echte4 Flucht des
Königs nach Syrien handelte,13 da der Bericht des lustin (36,1,5-6; 38,9,3-10,1;
38, 10, 5-11) widersprüchlich ist und verschiedene Deutungen zuläßt. Kontrovers
bleibt ferner, ob die Herrschaft des Demetrios II. nach seiner zweiten Thronbestei-
gung im Jahr 129 gewisse »parthische Züge4 annahm oder nicht.14
Nicht sehr viel besser als die Quellenlage zum Partherfeldzug Demetrios’ II. ist
die zum Partherkrieg Antiochos* VII. Th. Fischer verdanken wir eine Einzelunter-
suchung dieses Krieges, die 1970 erschienen ist.15 Eingangs diskutiert er in Anknüp-
fung und Weiterentwicklung von Beobachtungen und Überlegungen H. Drüners die
Frage nach der verlorenen »Syrischen Geschichte’ des Josephus (siehe unten Kap. I
1,3). Im Hauptteil der Arbeit werden vor allem chronologische und topographische
Probleme erörtert. Fischer weist einerseits nach, daß der Krieg im Jahr 131 eröffnet
6 Tryphon S. 212.
7 Ehling, Überlegungen S. 22 Anm. 10.
8 Notes S. 8 f.
9 Ehling, Überlegungen S. 21-27.
10 Ehling, Probleme S. 229.
11 Sachs/Hunger, Astronomical Diaries III S. 167 Nr. 137 Z. 10; Dqbrowa, L’expedition S. 9 ff.
12 Ehling, Geschichte S. 142.
13 Mittag, Demetrios II. S. 386 ff.
14 Vgl. die Diskussion bei Ehling, Geschichte S. 148 f. und Mittag, Demetrios II. S. 389 ff.
15 Im folgenden Fischer, Partherkrieg.
16
Einleitung
wurde (nicht 130 oder 129), und andererseits, daß Antiochos VII. und sein Heer bis
in die Parthyene vorstoßen konnten, wo der König 129 den Tod fand.
Nach dem Jahr 121 (Tod der Kleopatra Thea) verschlechtert sich die Quellenlage
zur seleukidischen Geschichte dramatisch. Daß wir kaum etwas über die Jahre zwi-
schen 121 und 113 sowie 106 und dem Tode Antiochos’ VIII. (98/97) wissen, muß
G. Cohen in seinem 1989 erschienenen Abriß zur Geschichte dieser Jahre etwas
resigniert feststellen.16 Cohens historischer Abriß dient der genaueren chronolo-
gischen Einordnung des ptolemäischen ,Kriegs der Szepter4. Diese poetische Wen-
dung begegnet in der 12. Zeile einer Grabinschrift für den ptolemäischen Offizier
Apollonios. Während U. v. Wilamowitz-Moellendorff den »Krieg der Szepter4 in die
Regierungszeit des Ptolemaios VIII. bzw. Alexander II. datiert,17 kommen Cohen
und seine Mitautoren zu dem Ergebnis, daß er in die Jahre 103 bis 101 zu setzen
sei.18 Obwohl dieser Krieg teilweise auf seleukidischem Territorium stattfand, waren
die verfeindeten Halbbrüder Antiochos VIII. und Antiochos IX. offenbar vollkom-
men in eigene Kämpfe verwickelt.19 Den samaritanischen Konflikt zwischen Anti-
ochos IX. und Hyrkan I. datiert Cohen in die Zeit zwischen 111 und 1O7.20 Dabei
wurde der Seleukide durch Truppen Ptolemaios’ IX. Soter II. unterstützt (siehe unten
Punkt 2).
Die einzige Arbeit, die sich ausführlicher mit der Endphase des Seleukiden-
reiches befaßt, ist die 1978 veröffentlichte Dissertation von H. Koehler.21 Darin
werden die beiden Umbruchsjahrzehnte zwischen der Eroberung des Seleukiden-
reiches durch den armenischen König Tigranes II. im Jahr 83 und der Einrichtung
der Provinz Syria unter Pompeius im Winter 64/63 untersucht. Obwohl Koehler etwa
die Haltung des römischen Imperators Lucullus zu Antiochos XIII. richtig ein-
schätzt22 oder den Aufstand der antiochenischen Bevölkerung gegen Antiochos XIII.
überzeugend in die zweite Hälfte des Jahres 67 datiert,23 unterliegt er doch einem
schweren Irrtum, wenn er die Eroberung des Seleukidenreiches durch Tigranes II.
in das Jahr 87/86 setzt und die Überlieferung von der Nominierung und Wahl des
Tigranes II. durch die Bevölkerung Antiocheias für glaubwürdig hält.24 In der Zwi-
schenzeit gibt es neben dem Fund neuer Asylie-Erklärungen des Sulla und des Lu-
cullus für das Isis- und Sarapisheiligtum von Mopsuhestia in Ostkilikien (Sayar/Sie-
wert/Taeuber, Asylie-Erklärungen [1994]) weitere Spezialstudien insbesondere zu
Kilikien (Dreizehnter, Pompeius [1975]; Ziegler, Ären [1993]) und den Piraten
(Pohl, Piraterie [1993], Schulz, Weltreichsbildung [2000] sowie de Souza, Piracy
[20012]), so daß Koehlers Arbeit in Teilen als überholt betrachtet werden muß.
16 Cohen, Conflict S. 15; 17.
17 U. von Wilamowitz-Moellendorff, Zwei Gedichte aus der Zeit Euergetes* II., APF 1, 1901, S.
219-225.
18 Cohen, Conflict S. 84 ff.
19 EbendaS. 17.
20 Ebenda S. 16; 122. Siehe unten Kap. II 10: 110/09-108/07.
21 Im folgenden Koehler. Nachfolge.
22 Nachfolge S. 111 Anm. 122; 117 Anm. 148, siehe auch unten Kap. II 13.
23 Ebenda S. 68.
24 Nach lust. 40, 1,2-3. Koehler, Nachfolge S. 21 ff. Siehe unten Kap. I 1,3; II 12.
Einleitung
17
Als ein bedeutender Vorteil erweist sich, daß mit den Büchern von G. Hölbl und
W. Huß zwei umfangreiche Arbeiten zum bedeutendsten hellenistischen Nachbar-
reich, den Ptolemäern, vorliegen.25 Umfang und Intensität der seleukidisch-ptole-
mäischen Beziehungen zeichnen sich immer deutlicher ab (siehe unten Punkt 2).
Ähnliche Gesamtdarstellungen wünschte man sich zum östlichen Nachbarn, den
Parthem. Die spannungsreichen seleukidisch-jüdischen Beziehungen und der Ver-
trag der Juden mit Rom vom Jahr 161 werden zuletzt in der wichtigen Studie von
E. B altrusch beleuchtet.26 Baltrusch gelangt einerseits zu einer durchaus positiven
Bewertung der Perserherrschaft über Judäa und andererseits zu einer kritischen
Beurteilung des Charakters des Seleukidenreiches als eines „multikulturelle(n)
Vielvölkerstaat(es)“ (Funck/Gehrke).27 Damit werden markante Positionen in der
aktuellen Diskussion bezogen.
Im Bereich der historisch-philologischen Textkritik sind für unser Thema ins-
besondere die Arbeiten von J. Malitz und K. Brodersen hervorzuheben. Malitz
bietet sowohl eine Übersetzung als auch einen detailreichen historischen Kommen-
tar zu den zahlreichen Seleukiden-Fragmenten des Poseidonios.28 Außerdem sind
seine Ausführungen zum Leben des Philosophen und Historikers und zu den, die
Juden betreffenden Fragmenten sehr hilfreich (siehe unten Kap. 11,1). Brodersen
bietet eine kritische Textedition von Appians ,Abriß der Seleukidengeschichte*
(Syriake 45, 232-70, 369) mit Kommentar und betont (S. 15) mit Recht gegen die
ältere Forschung den großen Quellenwert dieses antiken Autors (siehe auch unten
Kap.I 1, 1).
Seit den Achtziger Jahren sind weitere große Fortschritte auf dem Gebiet der
seleukidischen Numismatik gemacht worden, und zwar sowohl im Bereich der Ma-
terialerfassung und -Vorlage in Form von Corpora als auch in der differenzierten
Auswertung einzelner Münztypen und -Serien. Diese Forschungen sind insbesondere
mit den Namen A. Houghton und G. Le Rider verbunden. Beide haben nicht nur
neue umfangreiche Katalogwerke publiziert, sondern auch gewichtige Einzelstudien
vorgelegt.29 Aus der Fülle der Arbeiten Houghtons sei nur sein Aufsatz über die
unter Antiochos VIII. und Antiochos IX. in Antiocheia und Tarsos ausgebrachten
Münzen hervorgehoben, der viel zur Klärung der komplizierten Chronologie der
Jahre nach 113 beiträgt.30 Der interessante, von Houghton und Le Rider gemein-
schaftlich verfaßte Aufsatz mit dem Titel: Un premier regne d’Antiochos VIII Epi-
phane ä Antioche en 128, BCH 112, 1988, S. 402-411 ist nicht zuletzt ein gutes
Beispiel dafür, wie konträr historisch relevante Münzzeugnisse diskutiert werden
können.31
25 Im folgenden Hölbl, Geschichte; Huß, Ägypten.
26 Im folgenden Baltrusch, Juden.
27 Vgl. Funck, Hellenismus S. 5 und dazu Baltrusch, Juden S. 47 ff.
28 Im folgenden Malitz, Poseidonios.
29 Siehe Kap. I 3 und das Literatur- und Abkürzungsverzeichnis.
30 ReignsS. 87-111.
31 Vgl. die Erwiderung des Verfassers auf diesen Beitrag: Nachfolgeregelung S. 31-37.
18
Einleitung
Auch für ein anderes Gebiet sind die numismatischen Zeugnisse in vielfacher
Hinsicht von Bedeutung: die Archäologie. Zwar fehlt eine Studie zur Kunst des
Seleukidenreiches,32 doch liegen inzwischen einschlägige Arbeiten zum seleuki-
dischen Herrscherbildnis vor, in denen verschiedene Formen herrscherlicher Selbst-
darstellung herausgearbeitet werden. So kann C. Bohm aufzeigen, daß Könige wie
Alexander I., Tryphon und Alexander II. eine auffällige bnitatio Alexandri betrieben
haben.33 Dies gilt auch noch für einen König wie Antiochos XIII. (siehe unten Kap.
II 13). Andere Könige wie Demetrios II. und Seleukos VI. betonten ihre Abstam-
mung vom Dynastiegründer Seleukos I. (siehe unten Kap. 13, 1). Wie sich aus den
Untersuchungen von D. Svenson und M. Bergmann ergibt, werden Alexander I.,
Antiochos VI. und Alexander II. durch eine Strahlenaureole, die ptolemäischen
Ursprungs ist,34 an Helios, aber auch an Alexander d. Gr. und den irpoyovoc Anti-
ochos IV. angeglichen.35 Weitere wichtige Götterattribute sind Löwen- und Elephan-
tenexuvie, mit denen sich Demetrios I., Demetrios II., Alexander I. und Alexander
II. bzw. Antiochos IV. und Alexander II. darstellen lassen.36 Last but not least sei die
umfassende Arbeit von R. Fleischer zum seleukidischen Herrscherbildnis genannt,37
die bereits jetzt zu einem Standardwerk über hellenistische Herrscherikonographie
geworden ist und eine Fülle an treffenden Beobachtungen enthält, auch wenn man
dem Autor bei den plastischen Bildnissen nicht in allen seinen,Benennungen* folgen
wird.38
Die Arbeit profitiert schließlich auch von den sehr weitreichenden Ergebnissen,
die in den letzten zehn Jahren auf dem Gebiet der Prosopographie erzielt worden
sind. In den umfangreichen Arbeiten von J. D. Grainger, C. Carsana und I. Savalli-
Lestrade sind die hohen seleukidischen Würdenträger und königlichen cpiXoi syste-
matisch erfaßt.39 Hinzu kommen Einzelstudien wie die von P. Herrmann über
landsmannschaftliche Gruppierungen am Seleukidenhof,40 von E. Olshausen über
die Rolle der cpiXoi als Gesandte,41 und von J.-D. Gauger über die Titulatur der
cpiXoi42 oder vom Verfasser über das herausragende Amt des 6 ein tcüv irpaYpäTcov 43
Auf der Grundlage der genannten Arbeiten lassen sich nun z. B.,Problemfälle* klä-
ren, die sich aus der Homonymität einzelner, sich zeitlich nahestehender Funktionäre
32 Der von Fleischer, Herrscherbildnisse S. XI angekündigte Band zu diesem Thema ist bislang
nicht erschienen.
33 Imitatio S. 95 ff.; bes. 101 ff.
34 Bergmann, Strahlen S. 4 u. ö.
35 Vgl. Svenson, Darstellungen S. 19 ff.; 288 ff.; Bergmann, Strahlen S. 61.
36 Vgl. Svenson, Darstellungen bes. S. 101; Ulf.; siehe auch unten.
37 Im folgenden zitiert als Fleischer, Herrscherbildnisse.
38 Vgl. die Besprechung der Arbeit durch H. v. Heintze: Gymnasium 100, 1993, S. 171.
39 Grainger, Prosopography; Carsana, Dirigenze; Savalli-Lestrade, Philoi. Zu Grainger vgl. die
Bemerkungen von Ogden, Polygamy S. 158 f. Anm. 1 und zu Savalli-Lestrade die Besprechung
von G. Weber: Gnomon 75, 2003, S. 698-701.
40 Herrmann, Milesier.
41 Olshausen, Prosopographie.
42 J.-D. Gauger, Zu einem offenen Problem des persischen Hoftitelsystems, in: Bonner Festgabe
J. Straub (Bonner Jahrbuch Beiheft 39), Bonn 1977, S. 137-158.
43 Ehling, »Reichskanzler*.
Einleitung
19
ergeben. Darüber hinaus können Herkunft und Aufstiegswege nicht zuletzt auch der
indigenen Amtsträger näher bestimmt werden. Für die weitere Diskussion wird die
Frage nach den „höfischen Konfigurationen“ (Gregor Weber) von entscheidender
Bedeutung sein, d. h. die Frage nach dem Verhältnis und Zusammenspiel von König
und cpiXoi sowie den Beziehungen der cpiXoi untereinander. Zu nennen ist hier nach
der bekannten Arbeit von Chr. Habicht über die herrschende Gesellschaft44 an erster
Stelle die wegweisende Studie von G. Weber zu Interaktion, Repräsentation und
Herrschaft an den hellenistischen Königshöfen.45
Die vorliegenden »Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden4 sind
vollständig aus den Quellen gearbeitet. Da unsere Überlieferung in weiten Teilen
aus verstreuten Nachrichten unterschiedlichster Herkunft besteht,46 ist es notwendig,
im Vorfeld den Aussagegehalt und -wert insbesondere der literarischen, epigra-
phischen und numismatischen Zeugnisse jeweils näher kritisch zu bestimmen (Kap.
I 1-3). Eine genaue Überprüfung der literarischen Quellen ergibt, daß die grie-
chische und lateinische Überlieferung zu den späten Seleukiden in hohem Maße von
Poseidonios’ Geschichtswerk, den Historien, abhängig ist (Kap. I 1, 1-2). Auch
Flavius Josephus, der insgesamt gesehen wichtigste Autor für unsere Zeit, geht in
vielen Details auf Poseidonios zurück (Kap. I 1, 3). In Abschnitt 2 des Quellenka-
pitels werden die einschlägigen Inschriften erfaßt und historisch ausgewertet. Dabei
zeigt sich, daß das epigraphische Material zum einen die literarische Überlieferung
bestätigt, z.B. was die ethnische Herkunft der hohen Amtsträger betrifft (Kap. I 2,
2), bzw. diese Überlieferung erweitert, etwa im Hinblick auf Namen, Amtsbezeich-
nungen und Rangklassen der Funktionäre, zum anderen aber auch Informationen
liefert, die sonst so gut wie keinen Niederschlag gefunden haben. So werden (abge-
sehen von der auf Polybios zurückgehenden Bemerkung bei Livius 41, 20, 5-9)
allein aus den Inschriften die engen Beziehungen des Seleukidenhauses zu Städten
und Heiligtümern wie Athen, Milet, Teos, Delos, Paphos auf Cypem und Olba in
Kilikien erkennbar.
Die Besprechung der numismatischen Zeugnisse (Kap. 13) nimmt innerhalb des
Quellenkapitels einen breiten Raum ein, da es nicht möglich ist, eine Geschichte der
späten Seleukiden ohne genaue Kenntnisse der zeitgenössischen Münzen zu schrei-
ben. Der Verfasser hat an manchen Stellen dieses Abschnittes etwas weiter ausgeholt,
um auch dem Nicht-Numismatiker den Quellenwert dieser kleinen geprägten Me-
tallstücke vor Augen führen zu können. Für die Festlegung der Chronologie von
größter Bedeutung sind die auf den Münzen vorkommenden Jahreszahlen nach der
Seleukidenära (S.Ä.). Seit dem Jahr 158 S. Ä., d.h. ab 155/54 v. Chr., kommen diese
Seleukidendaten öfters (aber nicht durchgängig) auf den Münzen Antiocheias vor.
Diesem Beispiel folgen wenig später die phönikischen Städte Tyros und Sidon sowie
44 Chr. Habicht, Die herrschende Gesellschaft in den hellenistischen Monarchien, Vierteljahres-
schrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 45, 1958, S. 7-16.
45 Weber, Königshof.
46 Um dafür ein Beispiel zu geben, sei auf die dynastischen Verbindungen Antiochos’ VIII. und
Antiochos’ IX. hingewiesen, die sich aus einer kommagenischen Inschrift (OGIS I 383) und
einer Stelle bei dem byzantinischen Historiker Malalas (208, 26) erschließen lassen.
20
Einleitung
Damaskos in Koilesyrien; sporadisch werden auch die Münzen von Seleukeia in
Pierien, Apameia, Ptolemais, Berytos und Byblos mit Daten versehen. Die Jahres-
daten erlauben es, Regierungsbeginn und -ende verschiedener Könige chronologisch
sehr viel genauer zu fixieren als dies durch die Schriftquellen möglich ist. Lesung
und Bedeutung der Jahreszahlen werden in Kap. I 3, 4 erläutert.
Auf der Grundlage einer ausführlichen Darlegung und Diskussion der erhaltenen
Quellenzeugnisse wird dann die Geschichte der späten Seleukiden in den Blick
genommen. Ziel der Kapitel II 1-13 ist die möglichst genaue historische Rekon-
struktion und Analyse der komplexen Ereignisgeschichte der Jahre von 164 bis 63,
um dadurch zu einem weiterreichenden und tieferen Verständnis der Welt des späten
Hellenismus zu gelangen.
In Kap. II 1 werden die Hintergründe, die zur endgültigen Aufhebung des von
Antiochos IV. verhängten Verbotes der jüdischen Religion durch die neue seleuki-
dische Regierung führten, aufgezeigt: Einerseits ist die Beendigung des Religions-
verbotes auf den politischen Weitblick des »Reichskanzlers* Lysias zurückzuführen,
andererseits war ein schneller Friedensschluß mit den im Aufstand befindlichen
Juden notwendig, um Philippos militärisch entgegentreten zu können, der das Amt
des »Kanzlers* gegen Lysias usurpiert hatte und an der Spitze der Ostarmee nach
Syrien zurückkehrte. Außerdem wird in Kap. II 1 wahrscheinlich gemacht, daß die
Rede des seleukidischen Prinzen Demetrios (I.) vor dem Senat zur Entsendung der
römischen Gesandtschaft nach Syrien im Jahr 163 führte. Die Herrschaft des De-
metrios I.» der kurz vor dem 1. Oktober 162 nach seiner Flucht aus Rom in Tripolis
landete und sich zum König ausrufen ließ, steht im Mittelpunkt der Kap. II2-4. Wie
die Münzen zeigen, zog Demetrios I. in Nachahmung Alexanders d. Gr. im Winter
161/60 nach Seleukeia am Tigris und besiegte den abtrünnigen »Generalstatthalter
der Oberen Satrapien*, Timarchos. Was Judäa betrifft, so knüpfte seine Regierung
jedoch nicht an den Friedenskurs des 162 ermordeten »Reichskanzlers* Lysias an,
sondern führte mit Unterstützung der jüdischen Hellenisten den Kampf gegen die
aufständischen Makkabäer militärisch fort. In diese Jahre fallen die Niederlage des
seleukidischen OTparnyöc; rfjc; ’louöaiac Nikanor und der Vertrag (foedus) der
Juden mit Rom. Gegen E. S. Gruen ist mit E. Baltrusch zu betonen, daß der jüdische
Tempelstaat damit völkerrechtlich als eigenständige politisch-ethnische Einheit von
Rom anerkannt wurde und der Vertragsabschluß beiden Seiten Vorteile brachte. Erst
im Jahr 158 lenkte die seleukidische Regierung ein. Die Hellenisten, d. h. die helle-
nisierten seleukidentreuen Juden, auf die sich die Seleukidenherrscher seit Antiochos
IV. in Jerusalem und Judäa gestützt hatten, wurden geopfert.
Die Erhebung des Alexander I. durch eine Allianz aus Ptolemaios VIII., Attalos
II. und Ariarathes V. ist vor dem Hintergrund der aktiven Außenpolitik des ersten
Demetrios zu sehen. Diese war nicht rein defensiv orientiert (so H. Volkmann),
wenngleich man sie auch nicht als »imperialistisch* bezeichnen kann (so C. Bohm).
Daß diese Erhebung durch Rom indirekt mitunterstützt wurde, trug allerdings kaum
zur Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Syrien bei, wie Gruen meint. Die
wachsende Einflußnahme der Ptolemäer einerseits und der Aufstieg der Hasmonäer
andererseits sind die wichtigsten politischen Erscheinungen der Jahre zwischen 150
und 142 (Kap. II 5 und 6). Die bemerkenswerteste Gestalt dieser Zeit auf seleuki-
Einleitung
21
discher Seite ist Diodotos (Tryphon): Als Stadtkommandant krönte er gemeinsam
mit Hierax im Jahr 146 Ptolemaios VI. in Antiocheia zum König von Asien und
erhob im Frühjahr (?) 144 den zweijährigen Sohn Alexanders I., Antiochos VI., als
dessen Vormund (ciriTpotro^) er die Regierung führte. In dieser Funktion gab er im
Winter 143/42 den Befehl zur Ermordung des Hasmonäers Jonathan (Kap. II 6).
Nach dem unglücklichen Tod des Kinderkönigs ließ sich Tryphon Ende 141 ohne
dynastische Grundlage gegen den legitimen Demetrios II. zum ßaaiXeix; avTOKparcop
ausrufen, zählte seine Regierungsjahre nach ptolemäischem Vorbild und betrieb eine
auffällige imitatio Alexandri (Kap. 13, 1; II 7). Allerdings muß bezweifelt werden,
daß er die sich seit dem Verlust der seleukidischen Flotte im Frieden von Apameia
(188) und dem Niedergang von Rhodos ausbreitende Piraterie im östlichen Mittel-
meerraum selbst aktiv unterstützt hat, ja daß man in ihm ein erstes „example of a
pirate leader“ (de Souza) sehen darf (Kap. II6). Von Antiochos VII. in Dor belagert,
kam Tryphon Mitte (?) 137 vermutlich durch Selbstmord ums Leben.
Nachdem Tryphon ausgeschaltet war, konnte sich Antiochos VII. Judäa zuwen-
den. Wie in Kap. II8 gezeigt wird, kann die bislang in ihrer chronologischen Anset-
zung umstrittene Belagerung Jerusalems sicher in das Jahr 135/34 datiert werden.
Die Judenpolitik des siebten Antiochos hebt sich bewußt von der Antiochos’ IV. ab
und knüpft an die konstruktive Politik Antiochos’ III. an. Nach der »Befriedung*
Judäas kehrte Antiochos VII. nach Antiocheia zurück und zog nach einer 2'^jährigen
Rüstungsphase im März (?) 131 gegen die Parther (Kap. II 9).
Den Entwicklungen im Osten ihres Reiches haben die Seleukidenherrscher zu
spät Beachtung geschenkt: 148/47 ging Medien, die Kornkammer des Reiches, an
die Parther verloren. Im Juli 141 besetzten die Truppen Mithradates’ I. die Stadt
Seleukeia am Tigris, um 140 eroberten sie die Susiana mit ihrer Hauptstadt Susa
(Kap. II 7). Daraufhin entschloß sich Demetrios II. zum Feldzug, geriet aber, wie
aus einem neupublizierten keilinschriftlichen Zeugnis hervorgeht, bereits im fol-
genden Jahr, 138, mit seinen (piXoi in parthische Gefangenschaft. 131 rückte, wie
erwähnt, sein Bruder, der siebte Antiochos, den Euphrat entlang bis nach Babylon
vor und zog im Jahr 130 bis Susa und Ekbatana. Da jedoch die einheimische Bevöl-
kerung auf Seiten der Parther stand, scheiterte dieser Rückeroberungsversuch. An-
tiochos VII., der „letzte tüchtige König aus dem Seleukidengeschlecht“ (C.B.
Welles), fand 129 den Tod.
Der Untergang Antiochos’ VII. und der seleukidischen Armee in der Parthyene
hatte für Syrien weitreichende Folgen: Nur ein unerwarteter Aufstand skythischer
Hilfstruppen hinderte Phraates II. daran, das von Truppen entblößte Land zu beset-
zen. Gegen Demetrios II., der wohl mit parthischer Unterstützung nach Syrien zu-
rückgekehrt war, erhoben die Ptolemäer Alexander II. In den nächsten Jahren be-
herrschten beide Könige verschiedene Teile Syriens, Phönikiens und Kilikiens. In
Kap. II 9 werden sowohl die politische Ausrichtung der Regierung des Demetrios
II. als auch die dynastische Propaganda des Alexander II. diskutiert. Nach der Er-
mordung des zweiten Demetrios, die, wie gezeigt werden kann, in das Jahr 125 zu
setzen ist und damit einen entscheidenden Anhaltspunkt zur Verbesserung der Chro-
nologie bei Porphyrios liefert (Kap. 11,1), ließ Kleopatra Thea ihren Sohn von
Demetrios II., Antiochos VIII., zum König ausrufen und führte mit diesem gemein-
22
Einleitung
sam die Regierung. Alexander II. wurde im Jahr 123 besiegt, Kleopatra Thea 121
von ihrem Sohn zum Selbstmord gezwungen. Kap. II9 schließt mit einer Würdigung
dieser bemerkenswerten Königin und Überlegungen zum Zeuskult unter Antiochos
VIII.
Im Mittelpunkt von Kap. II 10 stehen die verwickelten militärischen Auseinan-
dersetzungen zwischen den Halbbrüdern Antiochos VIII. und Antiochos IX., die sich
letztlich von 113 bis zur Ermordung des achten Antiochos im Jahr 98/97 hinzogen.
Chronologie und Ereignisabfolge dieser Kämpfe sind dank der von A. Houghton
gesammelten und ausgewerteten Münzen bis ins Jahr 106/05 in den Grundzügen
erkennbar. Abermals kann die Einflußnahme der Ptolemäer auf die Politik in Syrien
wahrscheinlich gemacht werden, denn Antiochos IX. dürfte mit Unterstützung des
Ptolemaios X. Alexander I. von Cypem die Macht im Seleukidenreich ergriffen
haben. In diesem Zusammenhang läßt sich die Aufstellung einer Ehrenstatue durch
Antiochos VIII. für den römischen Konsul des Jahres 113 auf Delos erklären (OGIS
1260 = IvDelos 1550): Der Seleukide bedankte sich mit der Weihung bei dem Römer
offenbar dafür, daß dieser ihm das Exil im pamphylischen Aspendos ermöglicht
hatte. In Kap. II10 werden außerdem Argumente dafür gesammelt, daß als Verfasser
des im Jahr 109 geschriebenen Königsbriefes OGIS I 257 = Welles, RC 71/72, in
dem die Stadt Seleukeia in Pierien auf ewige Zeit für frei erklärt wird, Antiochos
IX., nicht Antiochos VIII. (so U. Wilcken u. a.) anzusprechen ist. Schließlich werden
aus zwei Zeugnissen (OGIS I 383 und Malalas 208, 26) weitreichende dynastische
Verbindungen und politische Allianzen erkennbar: Während Antiochos VIII. sich
durch Verheiratung seiner Tochter Laodike Thea Philadelphos mit Mithradates I.
Kallinikos der kommagenischen Dynastie verband (vgl. Th. Mommsen), suchte
Antiochos IX. sich durch Heirat der parthischen Königstochter Brittane mit dem
großen Nachbarn im Osten zu verbünden (siehe Stammtafel).
Kap. II11 widmet sich zunächst der Datierung des Todesjahres Antiochos’ VIII.
Trotz der Überlieferung bei Josephus ant. lud. 13, 365, durch die sich das Jahr 96
als Todesjahr ergeben würde, wird man das Datum auf 98/97 korrigieren müssen.
Damit verschieben sich aber auch andere wichtige Ereignisse, etwa die Entschei-
dungsschlacht zwischen Antiochos IX. und Seleukos VI. vor den Toren Antiocheias
von 96/95 auf 97/96. Nach 98/97 (dem Todesjahr Antiochos’ VIII.) bzw. 97/96 (dem
Todesjahr Antiochos* IX.) kämpften die Söhne des achten bzw. neunten Antiochos
um die Macht. Zweifellos hatte die Bevölkerung unter diesen permanenten bewaff-
neten Auseinandersetzungen zu leiden; ihr Unmut über die anarchischen Zustände
kommt in dem Aufstand der Bewohner von Mopsuhestia in Kilikien gegen Seleukos
VI. und seine cpiXoi deutlich zum Ausdruck (94 ?). Die Auflösung der Seleukiden-
dynastie nahm an Dynamik zu, die Zersplitterung des seleukidischen Restreiches
(Syrien, Kilikien, Koilesyrien, Teile Phönikiens) schritt weiter voran. Zugleich er-
oberten Araber und Juden immer größere Gebiete. Bezeichnend für diese Jahre ist
ein Schicksal wie das des Königs Demetrios III.: Er kämpfte sowohl in Judäa gegen
den jüdischen König Alexander Jannaios (zwischen ca. 92 und 89/88) als auch gegen
seinen eigenen Bruder Philipp I. (ca. 89/88), um schließlich einer Koalition aus
Arabern und Parthern zu unterliegen (88/87) und in parthischer Gefangenschaft zu
Einleitung
23
sterben. Eine Allianz zwischen Philipp I. und Mithradates II. (so E. Dqbrowa) hat
gleichwohl nicht bestanden.
Die Nachfolge des Demetrios III. trat sein jüngerer Bruder Antiochos XII. im
Jahr 87 (?) an (Kap. II 12). Dessen vierjährige Regierungszeit war gekennzeichnet
durch Konflikte mit seinem Bruder Philipp I. und anhaltenden Kämpfen gegen Ara-
ber und Juden, die die Schwäche der seleukidischen Herrschaft weiterhin für ihre
territorialen Eroberungen nutzten. Im Jahr 84/83 fiel Antiochos XII. im Gefecht mit
dem Nabatäerkönig Aretas IIL; dies ist der neunte Seleukidenkönig (nach Antiochos
IV. [175-164] und mit Demetrios I.), der sein Leben im Zusammenhang mit Kampf-
handlungen verloren hat (zur ,Todesstatistik* der Könige siehe unten Punkt 4). Die
Wirren im Seleukidenreich nützte schließlich der armenische König Tigranes II.
(95-55) aus und gliederte Syrien und große Teile des östlichen Kilikien seinem
Reich an (83).
Vermutlich mit ptolemäischer Unterstützung kam Kleopatra V. Selene im Jahr
l'in'l aus ihrem Exil in Kleinasien (?) nach Ptolemais, während ihre beiden Söhne,
Antiochos Philometor und Antiochos XIII., in Rom um die Anerkennung ihrer Herr-
schaftsansprüche verhandelten. Im Zuge einer militärischen Offensive gelang es
Tigranes II. Kleopatra V. Selene gefangenzunehmen; sie wurde im Frühjahr 69 auf
seinen Befehl ermordet.
Im letzten Kapitel des Hauptteils der Arbeit (II 13) werden der Rückzug des
Tigranes II. aus Syrien und Kilikien, die Machtkämpfe der beiden Könige Antiochos
XIII. und Philipp II. sowie der Übergang des Seleukidenreiches an Rom dargestellt
und untersucht. Obwohl das seleukidische Restreich nach dem Ende der armenischen
Herrschaft wieder in zahlreiche unabhängige Territorien zerfiel, über die kleinere
Dynasten, Priesterfürsten, Tyrannen, Stadtherren und warlords geboten, hat der
römische Senat offenbar zunächst nicht an eine Provinzialisierung Syriens gedacht.
Erst als Pompeius im Jahr 67 die Kriegsführung gegen die Piraten übernahm und im
darauffolgenden Jahr Lucullus als Oberbefehlshaber im Krieg gegen Mithradates
VI. ablöste, wurde ein Kurswechsel eingeleitet. Eine Analyse der Gründe zeigt, daß
die Eingliederung des Seleukidenreiches in das Imperium Romanum einerseits eine
der Piraterie vorbeugende Maßnahme war, andererseits insbesondere römische Si-
cherheitsinteressen gegenüber Parthem und Ptolemäern den Ausschlag dafür gaben;
nicht zuletzt dürften auch wirtschaftliche Motive eine gewisse Rolle gespielt ha-
ben.
In einem Ausblick (Kap. III) wird abschließend den Gründen, die zum Nieder-
gang und Zerfall des Seleukidenreiches führten, nachgegangen.
Zusammenfassend darf man sagen, daß die vorgelegten Untersuchungen fünf
wesentliche, die Forschung und Diskussion weiterführende Ergebnisse erbringen:
1 .) Chronologie und Ereignisabfolge der seleukidischen Geschichte zwischen 164
und 63 stehen nicht zuletzt durch eine intensive Auswertung aller einschlägigen
Münzzeugnisse auf einer gesicherteren Grundlage, als dies bislang der Fall war.
Zahlreiche Datierungen der älteren Forschung können verbessert, andere Ereignisse
chronologisch neu verankert werden. Genannt seien z.B. der 2. Bakchides-Feldzug:
161, Niederwerfung des Timarchos: vor März 160, Herrschaftsantritt Alexanders L:
24
Einleitung
Sommer 152, Erhebung Antiochos’ VL: Frühjahr (?) 144, Tod Antiochos’ VL: vor
Oktober 141, Verleihung der Asylie an Tyros: 141/40, Aufbruch Demetrios’ II. in
den Partherkrieg: 139, Gefangennahme Demetrios’ II.: 138, Tod Tryphons: Mitte (?)
137, Belagerung Jerusalems: 135/34, Ermordung Demetrios’ II. in Tyros: 125, Lan-
dung Antiochos’ IX. in Syrien: 113, Ermordung Antiochos’ VIII.: 98/97, Erhebung
Demetrios’ III.: 98/97, Entscheidungsschlacht zwischen Antiochos IX. und Seleukos
VL: 97/96, Tod Seleukos’ VL: 94 (?), Herrschaftsantritt Antiochos’ XL und Philipps
L: 94 (?), Tod Antiochos’ X.: 92 (?), Regierung der Kleopatra V. und des Antiochos’
Philometor in Antiocheia: 92, Regierung Antiochos’ XIL: 87 (?)-84/83, Aufstand
der antiochenischen Bevölkerung gegen Antiochos XIII. und Einzug Philipps II. in
Antiocheia: 67. Die genauere Rekonstruktion der Ereignisgeschichte ermöglicht
wiederum eine weitergehende Einbettung bestimmter Quellenzeugnisse, deren his-
torischer Kontext bislang nicht recht deutlich war: z. B. des in I. Makk. 14, 38f.
überlieferten Briefes des Demetrios II. an den jüdischen Hohenpriester Simon (siehe
Kap. II7) oder die aus OGIS 1260 = IvDelos 1550 hervorgehende Statuenweihung
des Antiochos VIII. für den römischen Konsul des Jahres 113, Cn. Papirius C.f.
Carbo (siehe Kap. II 10).
2 .) Die Ptolemäer haben, in einem höheren Maße als bislang erkannt, Einfluß auf
die seleukidische Politik genommen oder versucht, diesen zu gewinnen. Offene
Eingriffe oder Einflußnahmen ptolemäischerseits sind für die Jahre nach 154 (?)
(Unterstützung des Alexander I. gegen Demetrios L), 150-145 (Regierungszeit
Alexanders L), 129 (Erhebung Alexanders II. gegen Demetrios II.) und 124/23 (Un-
terstützung und Verheiratung Antiochos’ VIII. mit Kleopatra Tryphaina durch Pto-
lemaios VIII.) sicher bezeugt und lassen sich darüber hinaus für die Jahre 138/37
(geplanter Einmarsch Ptolemaios’ VIII. in Phönikien), 113 (Ankunft Antiochos’ IX.
in Syrien), 110/09-108/07 (Unterstützung des Antiochos IX. durch Truppen des
Ptolemaios IX. Soter II.), 104 (?) (Heirat des Antiochos VIII. mit Kleopatra V. Se-
lene), 98/97 (Landung Demetrios’ III. in Syrien), 87 (?) (Machtübernahme Antio-
chos’ XIL) und 73/72 (Ankunft der Kleopatra V. Selene in Ptolemais) wahrscheinlich
machen. Tatsächlich dürfte der Anteil der ptolemäischen »Einmischungen* bzw.
»Einmischungsversuche* noch viel höher liegen. Dabei konnten die Ptolemäer auf-
grund ihrer Beliebtheit bei der Bevölkerung auf Erfolge gegen die Seleukiden hoffen,
denn bei den Bewohnern Phönikiens und Koilesyriens bestanden, wie Polybios (5,
86, 10) anmerkt, immer große Sympathien für die Regierung in Alexandreia, wäh-
rend die Bevölkerung umgekehrt mit der Seleukidenherrschaft permanent unzufrie-
den war, wie Poseidonios schreibt.47 Für die Bewohnerschaft insbesondere des
phönikisch-syrischen Raumes stellte die Herrschaft der Ptolemäer immer eine po-
tentielle politische Alternative zur Herrschaft der Seleukiden dar. Unruhen, Auf-
stände und Abfallbewegungen der Bevölkerung waren in nicht wenigen Fällen
Reaktionen auf Spannungen, die sich aus dem Vorhandensein dieser potentiellen
47 Bei Diod. 33, 4, 4. Malitz, Poseidonios S. 278 f.; Ehling, Unruhen S. 333. Wenngleich diese
Aussage des Poseidonios sicher als etwas übertrieben zu bewerten ist.
Einleitung
25
politischen Alternative ergaben.48 Sehr bezeichnend sind etwa die Krönung Ptole-
maios’ VIII. in Antiocheia zum König von Asien im Jahr 146 oder die proptolemä-
ische Einstellung der Stadtbewohner von Seleukeia in Pierien oder Ptolemais 49
3 .) Seit der Regierung Antiochos* IV. (175-164) erscheinen auf den unter königlicher
Regie geprägten städtischen Bronzemünzen besonders im phönikischen Raum lokale
Gottheiten (z. B. in Berytos oder Byblos). Auch wenn diese Götter auf den Münzen
zumeist in griechischer Weise abgebildet werden,50 handelt es sich bei ihnen letztlich
doch um einheimische Baale. Seit Mitte des 2. Jhs. kommen indigene Götter sogar
auf königlichem Silbergeld vor (Sandan in Tarsos, Athena Magarsia in Mallos,
Atargatis und Hadad in Damaskos), und zwar im Bildtypus archaischer Kultbilder
(siehe Kap. I 3, 6). Diese neuen Münztypen spiegeln eine veränderte Haltung der
Seleukidenkönige in Bezug auf Religion und Kultur ihrer Untertanen wider: Wenn
die Könige und ihre Funktionäre nicht mehr ausschließlich griechische Gottheiten
auf ihren Münzen abbilden ließen, dann kann man die neuen einheimischen Götter-
bilder als Reflexe einer größeren Toleranz gegenüber lokalen Traditionen werten.
Dahinter darf man die Absicht vermuten, daß die Seleukiden die kilikisch-syrisch-
phönikische Bevölkerung für sich zu gewinnen und stärker in das Reich zu integrie-
ren versuchten. Da der griechische Bevölkerungsanteil - genau wie bei den Ptole-
mäern51 - im 2. Jh. zunehmend an Bedeutung verlor,52 waren die Könige im wach-
senden Maße auf die Akzeptanz ihrer Herrschaft durch die ansässige Bevölkerung
angewiesen. In einem hohen Grade dürfte das Eingehen auf einheimische Traditi-
onen deshalb der Herrschaftsabsicherung gedient haben. Im Rahmen künftiger
Forschungen wäre zu klären, ob es - wie hier in Kap. 13,6 vermutet - seit der Re-
gierung Antiochos* IV. (sieht man freilich vom ,Sonderfair Judäa ab) verglichen mit
den vorangegangenen Jahrzehnten einen qualitativen Wandel im Umgang mit indi-
genen Kulten und Traditionen gegeben hat und wenn ja, ob sich ähnliche Entwick-
lungen oder Tendenzen auch bei den späteren Ptolemäern und Attaliden feststellen
lassen.53
4 .) Die spätere seleukidische Monarchie unterscheidet sich ihrem Wesen nach nicht
von der frühen. Der König gründete seine Herrschaft auf dem Charisma, das er aus
der Abstammung von der Seleukidendynastie gewann, und legitimierte sie durch
48 Ehling, Unruhen S. 336.
49 Vgl. dazu Ehling, Unruhen S. 300 ff. bes. 332.
50 Die Ausnahme ist Gebal auf den Münzen von Byblos, siehe unten I 3.
51 F. Heichelheim, Die auswärtige Bevölkerung im Ptolemäerreich (Klio, Beihefte 18, Neue Folge.
Heft 5), Leipzig 1925, S. 41 ff.
52 Bezeichnend ist, daß der im Jahr 128 an die Macht gekommene Gegenkönig Alexander II. von
der Bevölkerung Antiocheias mit Zabinas einen aramäischen, nicht griechischen Spitznamen
erhielt: Mehl, Cities S. 106.
53 Zumindest bei den Ptolemäern scheint es sich so zu verhalten. Seit der Regierung Ptolemaios*
VIII. nahm die Bedeutung der ägyptischen und jüdischen Bevölkerung stark zu: Huß. Ägypten
S. 589ff. Könige wie Ptolemaios XII. haben augenfällig um die Zustimmung der ägyptischen
Priester geworben: Huß, Ägypten S. 700 ff.
26
Einleitung
Bewährung seiner Person in Krieg und Politik.54 Die wichtigsten Säulen des Staates
waren nach wie vor Armee und cpiXoi. Ein später König wie Seleukos VI. ist keines-
wegs eine mediokere Gestalt, sondern letztlich ,aus demselben Holz geschnitzt* wie
sein Trpoyovoc; Seleukos I. Das charismatisch-agonale Königsideal bestand unver-
ändert fort. Verändert haben sich lediglich die geographischen Dimensionen und
personellen und materiellen Größenordnungen. Während die Armee Antiochos’ III.
in der Schlacht bei Magnesia am Sipylos 60.000 Fußsoldaten und 12.000 Reiter
umfaßte, bekämpfte ein später Nachkomme wie Antiochos XII. mit 8.000 Fußsol-
daten und 800 Reitern die Nabatäer in Koilesyrien. Aber über Herrschaft oder Un-
tergang entschied allein der militärische Erfolg, und dieser erforderte die persönliche
Tapferkeit des Königs und seinen Sieg auf dem Schlachtfeld. Daß die späteren Se-
leukiden kaum einen weniger gefährlichen Lebens- und Herrschaftsstil pflegten als
ihre irpoyovoi im 3. Jh., macht der Blick auf die nachstehende ,Todesstatistik* deut-
lich: Von den ersten 14 Seleukidenkönigen starben nur zwei im Palast (Antiochos
II. und Seleukos IV). Zehn fanden während Feldzügen bzw. auf dem Schlachtfeld
den Tod.55 Eine genaue Auflistung für den hier behandelten Zeitraum ergibt folgende
»Statistik*: Unbekannt bleibt die Todesart bei Antiochos Philometor, Philipp I. und
Philipp II. Drei Könige, Antiochos IV, Antiochos Antiochou Epiphanes und Demet-
rios III., starben an einer Krankheit, also eines natürlichen Todes. Antiochos VI.
verstarb wahrscheinlich infolge eines ärztlichen Eingriffes. Sieben Könige und drei
Königinnen wurden ermordet: Antiochos V., Alexander L, Demetrios II., Seleukos
V, Antiochos VIII., Antiochos XIII., Seleukos Kybiosaktes, Kleopatra IV, Kleopatra
Tryphaina und Kleopatra V. Kleopatra Thea wurde zum Selbstmord gezwungen. Im
Kampf fielen oder töteten sich selbst Tryphon, Antiochos VII., Alexander II., Anti-
ochos IX. und Seleukos VI. Von vier Königen ist ausdrücklich der Tod auf dem
Schlachtfeld bezeugt: Demetrios I.» Antiochos XL, Antiochos X. und Antiochos XII.
Wenigstens neun Könige kamen demnach im Zusammenhang mit Kampfhandlungen
ums Leben. „Rien ne montre mieux le caractere guerrier de la royaute seleucide que
ce petit tableau statistique“.56
5 .) Seit der Niederlage gegen Rom bei Magnesia am Sipylos (Dezember 190) und
dem Friedensvertrag von Apameia (188) befand sich das Seleukidenreich in einer
militärischen, politischen und finanziellen Krise. Nach einer letzten Konsolidie-
rungsphase unter der Regierung des Antiochos IV. gewann diese Krise zunehmend
an Dynamik. In den Jahren nach dem Tode des Antiochos VIII. (98/97) zeigte die
Herrschaft der Seleukiden schließlich offene Auflösungserscheinungen. Die immer
bedenklicher werdende Zersplitterung der politischen und militärischen Kräfte be-
günstigte insbesondere die weitere Ausbreitung der Piraterie und die Landnahme
durch verschiedene Araberstämme. So konnte das aus Kilikien, Syrien, Koilesyrien
und Teilen Phönikiens bestehende Restreich im Jahr 83 zur »leichten Beute* für den
54 Zum Wesen der hellenistischen Monarchie vgl. Bikerman, Institutions 11 ff., Preaux, Monde
hellenistique S. 195 ff. und Gehrke, König S. 255 ff.
55 Bikerman, Institutions S. 13.
56 EbendaS. 13.
Einleitung
27
armenischen König Tigranes II. werden. Die prekäre Gesamtentwicklung im östli-
chen Mittelmeerraum mußte schließlich die neue Ordnungsmacht Rom auf den Plan
rufen. Die in Kap. III gesammelten Überlegungen machen deutlich, daß der Zerfall
des Seleukidenreiches in der Hauptsache auf innerdynastische Ursachen zurückzu-
führen ist, der Niedergang allerdings durch Roms den Seleukiden aufgezwungene
Sicherheitspolitik eingeleitet wurde.57 Damit kann die bereits in der Antike zuerst
von Poseidonios vertretene Auffassung, das Seleukidenreich sei an der discordia
consanguineorum regum zugrundegegangen bestätigt werden,58 berücksichtigt man
außerdem Roms »indirekte Mitschuld4.
57 Zum Begriff des .Niedergangs4 siehe Kap. III, Anm. 1.
58 lust. 40,2. 5. Zur Abhängigkeit dieser Stelle von Poseidonios siehe unten Kap. 11,2.
I. KAPITEL: QUELLEN
1.) LITERARISCHE QUELLEN
Der Hellenismus ist eine Blütezeit antiker Geschichtsforschungen und -darstellungen
gewesen.1 C. Schneider hat berechnet, daß von den 856 Verfassern der nur mehr
fragmentarisch überlieferten, bei F. Jacoby gesammelten Historiker (FGrHist) über
600 der Zeit des Hellenismus angehören.2 Über die Geschichte der späten Seleuki-
den geben uns Zeugnisse von mehr als 25 antiken Autoren Auskunft.3 Der einzig-
artige Wert der erzählenden literarischen Quellen besteht darin, daß nur diese die
zeitliche Abfolge der Ereignisse schildern und dabei Einblicke in die Ursachen des
historischen Geschehens vermitteln können.
Eine Besonderheit der Quellenlage ergibt sich daraus, daß die Darstellung der
späteren seleukidischen Geschichte entscheidend von der Sichtweise der jüdischen
Historiographen auf die Ereignisse geprägt ist. Dies ist in zweifacher Hinsicht nicht
ganz unproblematisch: Zum einen stehen vor allem Jason von Kyrene, der Verfasser
des II. Makkabäerbuches (bzw. dessen Bearbeiter), und der anonyme Autor des
jüngeren I. Makkabäerbuches der Politik der Seleukidendynastie und ihrer Funkti-
onäre ablehnend bis feindlich gegenüber.4 Zum anderen rückt damit der seleuki-
disch-jüdische Konflikt der Jahre 169/68-135/34 in den Mittelpunkt der Überliefe-
rung, der zumindest aus Sicht der Seleukiden allenfalls von sekundärer Bedeutung
war. Dies bewirkt eine nicht unerhebliche Verschiebung der historischen Perspektive
und eine Konzentration auf den Raum Judäa. Um nur ein Beispiel dafür anzuführen,
welche Folgen diese Perspektivverschiebung mit sich bringt, sei auf den Aufstand
des ,Generalstatthalters der Oberen Satrapien* Timarchos (161/60) hingewiesen, der
von den jüdischen Historikern mit keinem Wort erwähnt wird - auch nicht von
1 Einen knappen aber gehaltvollen Überblick über die Geschichtsschreibung im Hellenismus
bietet der Artikel von G. Wirth/H.H. Schmitt, Geschichtsschreibung, in: Schmitt/Vogt. Lexikon
Sp. 360-373.
2 Kulturgeschichte IIS. 439: „Allein schon diese imponierende Zahl ist ein Hinweis darauf, daß
der Geschichtsschreibung in der hellenistischen Kultur eine Sonderstellung zukam. Nur das
neunzehnte Jahrhundert läßt sich einigermaßen damit vergleichen, wenn solche Vergleiche
überhaupt zulässig sind. Der Hellenismus war ein Zeitalter der Historie“.
3 Diese sind in alphabetischer Reihenfolge: Ailian, der anonyme Verfasser des I. Makkabäerbu-
ches, Appian, Athenaios, Cassius Dio, Charax, Cicero, Diodor, Eutropius, Festus, Frontin,
Granius Licinianus, Julius Obsequens, lustin, Jason von Kyrene, Johannes Antiochenus, Jose-
phus, Libanios, Livius, Malalas, Orosius, Plutarch, Polybios, Porphyrios. Poseidonios, Strabon,
Synkellos, Theophanes, Zonaras. Der Quellenwert reicht von ausführlichen Schilderungen bei
Polybios oder lustin bis zu kurzen Erwähnungen bestimmter Ereignisse bei Charax oder Fron-
tin.
4 Bemerkenswert ist, daß Alexander I. und Antiochos VI. positiv geschildert werden; beide haben
eine besonders judenfreundliche Politik betrieben, siehe unten.
30
I. Kapitel: Quellen
Josephus. Für den Seleukidenhof in Antiocheia war diese Abfallbewegung im Osten
jedoch weitaus bedrohlicher, ihre möglichen Folgen für den regierenden König
Demetrios I. viel weitreichender als die Kämpfe mit den Juden. Dennoch wissen wir
über Timarchos sehr wenig, während wir über die gleichzeitigen seleukidisch-jü-
dischen Konflikte gut informiert sind. Weit bedauerlicher als diese »einseitige*
Überlieferungslage ist allerdings die Tatsache, daß mit dem Ende der seleukidisch-
jüdischen Spannungen nach dem unglücklichen Ausgang des Partherkrieges unter
Antiochos VII. im Jahr 129 praktisch auch das Interesse der jüdischen Historiogra-
phie an den Seleukiden endet. Diesem Umstand ist im wesentlichen die schlechte
Quellenlage für die spätere Seleukidenzeit zuzuschreiben.5
Im folgenden sollen zunächst die griechischen, dann die römischen und schließ-
lich die jüdischen Historiker und deren Werke vorgestellt und auf ihren Quellen wert
hin befragt werden.
1.) Griechische Autoren. Am Anfang steht Polybios.6 Unter „allen uns erhal-
tenen griechischen Historikern nimmt Polybios unstreitig den ersten Rang ein,
Thukydides allein etwa ausgenommen“.7 Er entstammte einer der vornehmsten und
reichsten Familien von Megalopolis im südlichen Arkadien.8 Um 200 „oder wenig
davor“ geboren,9 starb er im Alter von 82 Jahren, also um 120. Im Jahr 167 wurden
über 1.000 der Makedonenfreundschaft beschuldigte Achäer, unter ihnen der spätere
Historiker, zur Aburteilung nach Rom deportiert.10 Durch die Freundschaft mit dem
jungen P. Cornelius Scipio Aemilianus, dessen geistiger Mentor Polybios wurde,
kam er mit den führenden Familien Roms in Verkehr.11 Gegenstand und Ziel seiner
Universalgeschichte, die vom Beginn des 2. Punischen Krieges im Jahr 220 bis zur
5 Fischer, Partherkrieg S. 5 bezeichnet die Quellenlage zur späten Seleukidengeschichte als „äu-
ßerst dürftig“. Dies gilt für einzelne Ereignisse wie den Partherfeldzug Demetrios* n. (139/38),
den Partherkrieg Antiochos* VII. (131-129), die Jahre nach dem Tode der Kleopatra Thea (121)
oder das Jahrzehnt vom Rückzug des neunten Antiochos nach Tripolis (106) bis zur Ermordung
des achten Antiochos im Jahr 98/97 in besonderem Maße. Insgesamt gesehen ist die Quellensi-
tuation aber gar nicht so schlecht. Sie ist für einzelne Abschnitte der späten Seleukidengeschichte
sogar besser als die Überlieferung zum 3. Jh. oder zur Regierung des Seleukos IV. (187-175).
6 Polybios wird im folgenden nach der auf L. Dindorf basierenden Teubneredition von Th. Bütt-
ner-Wobst, Polybius Historiae. Volume I1-1V, Stuttgart 1962/63 zitiert. Durchgehend zu berück-
sichtigen ist der Kommentar von F. W. Walbank, A Historical Commentary on Polybius, Volume
III. Commentary on Book XIX-XL, Oxford 1979. Zu Buch 26 vgl. ebenda S. 284 ff.. Buch 27
ebenda S. 290ff., Buch 28 ebenda S. 321 ff.. Buch 29 ebenda S. 361 ff., Buch 30 ebenda S.
415 ff., Buch 31 ebenda S. 463 ff. und Buch 32 ebenda S. 518 ff. Der Kommentar wird im fol-
genden zitiert als Walbank, Commentary 111.
7 So die Bewertung durch J. Beloch, Griechische Geschichte I: Bis auf die sophistische Bewegung
und den peloponnesischen Krieg, Straßburg 1893, S. 16, die freilich den Wert Herodots verkennt.
Polybios steht in einer Tradition mit Thukydides einer- und Tacitus andererseits.
8 Ziegler, Polybios Sp. 1444.
9 Ebenda Sp. 1446.
10 Ziegler, Polybios Sp. 1450. Im Jahr 169 hatte Polybios das Amt des Hipparchen im Achäerbund
bekleidet: Bengtson, Geschichte S. 366; Bringmann. Republik S. 140.
11 Ziegler, Polybios Sp. 1451.
1.) Literarische Quellen
31
Zerstörung Karthagos im Jahr 146 reicht,12 ist die Darlegung der Ursachen für den
Aufstieg Roms zur alles beherrschenden Großmacht des Mittelmeerraumes. Sein
Werk bestand aus 34 Büchern, von denen nur die ersten fünf vollständig erhalten
sind.13 In den Büchern 26 bis 32 berichtet Polybios Ereignisse der seleukidischen
Geschichte.14 Das nur in „Zitaten“ bei Livius 41, 20, 1-13 und Athenaios 10, 439
erhaltene 26. Buch gibt eine Charakterisierung des Antiochos IV. Buch 27 und 28
enthalten die Schilderung des 6. Syrischen Krieges (170-168). In Buch 31 erzählt
der griechische Historiker von der Flucht des Demetrios (I.) aus Italien, und Buch
32 enthält die Streitigkeiten zwischen Orophemes und Ariarathes IV. von Kappado-
kien, in die Demetrios I. verwickelt war. In Buch 33, das nur in Fragmenten erhalten
ist, berichtet er von den Kämpfen zwischen Alexander I. und Demetrios I. Anders
als Poseidonios, der eine sehr negative Charakterisierung des ersten Demetrios gibt
(siehe unten), stellen lustin 15, 1, 11 und Josephus ant. lud. 13, 56-61 den helden-
haften Mut dieses Seleukiden heraus und sind darin offenbar von Polybios abhängig.
Seine positive Bewertung dieses Seleukidenkönigs ist sicher dem Umstand zuzu-
schreiben, daß er persönlich mit ihm bekannt, ja eng befreundet war. Die beiden
hatten sich bei einem Jagdausflug in der Gegend von Circeii, etwas nördlich von
Terracina, näher kennengelemt und rasch Freundschaft geschlossen (Pol. 31,14,3).
Da Polybios dem engsten cpiXoi-Kreis des späteren Königs zuzurechnen ist, zu dem
noch Apollonios, Diodoros, Nikanor, Meleagros und Menestheos gehörten,15 ver-
fügte er über genaue Kenntnisse der Beratungswege und Herrschaftspraxis.
Polybios ist als Begründer der „pragmatischen Geschichtsschreibung“ bezeich-
net worden.16 Den Gegenpol dazu stellt die pathetische oder rhetorische Historio-
graphie dar, als deren Vertreter hier etwa Jason von Kyrene angeführt werden
kann.17
12 Polybios beginnt sein Werk mit der 140. Olympiade: 1,3, 1. Vgl. auch Ziegler, Polybios Sp.
1444, Polybios schließt damit an das Geschichtswerk des Westgriechen Timaios an. Im Jahr 146
stand er im Stabe des Scipio auf den Trümmern Karthagos: Bengtson, Geschichte S. 366.
13 Ziegler, Polybios Sp. 1478; Bengtson, Geschichte S. 366.
14 Ziegler, Polybios Sp. 1481 f.
15 Polybios als Berater: 31, 12, 7. Siehe unten Kap. II 2. Zu den Freunden des Demetrios I. vgl.
Carsana, Dirigenze S. 168; Savalli-Lestrade, Philoi S. 65f.; 68 f.; 71.
16 M. Geizer, Die pragmatische Geschichtsschreibung des Polybios, in: Festschrift für C. Weickert,
Berlin 1955, S. 87-91. Wiederabgedruckt in: K. Stiewe/N. Holzberg (Hg.), Polybios (WdF 347),
Darmstadt 1982, S. 273-280.
17 Vgl. die Charakterisierung durch Niese, Makkabäerbücher S. 300f.: „All diese Dinge (z.B.
Wundergeschichten oder numerische Übertreibungen bei Jason von Kyrene, Anm. des Verf.)
entsprechen der herrschenden Richtung der rhetorischen Geschichtsschreibung, wie wir sie in
ihren hervorragendsten Vertretern, Theopomp, Klitarch und Phylarch kennen, von der sich nur
wenige auserlesene Geister wie Polybios frei gehalten haben“. Zustimmend: Bickermann, Mak-
kabäerbücher Sp. 793.
32
I. Kapitel: Quellen
An Polybios schließt Poseidonios an.18 Poseidonios wurde im Jahr 135 im sy-
rischen Apameia geboren und starb im Alter von 84 Jahren.19 Der Stoiker galt als
der „gelehrteste“ unter den Philosophen seiner Zeit (Strab. 16, 2, 10 = 753). Aus
seiner frühesten Kindheit könnte er noch eigene Eindrücke vom Untergang der Se-
leukidenarmee in der Parthyene (im Jahr 129, siehe unten Kap. II9) behalten haben
und von Rhodos aus, dessen Bürger Poseidonios wurde,20 konnte er die Kämpfe
zwischen den Söhnen und Nachfolgern Antiochos’ VIII. und Antiochos’ IX. aus der
Distanz beobachten. Sein Geschichtswerk, die ioTopiai pcTO üoXvßiov,21 knüpft,
wie der Titel sagt, an Polybios an und bestand aus insgesamt 52 Büchern,22 die ver-
loren sind, aber vor allem aus Diodor, Strabon und Athenaios rekonstruiert werden
können (siehe unten).23 Die den Seleukiden gewidmeten Bücher der Historien um-
fassen die Geschichte der Jahre vom Tode des Demetrios I. (150) bis etwa zu Posei-
donios’ Romreise (86)24 oder zum Ende des Mithradatischen Krieges (85) 25 Wie K.
Reinhardt feststellt, ist nicht auszumachen, ob „das Werk sein vorgesehenes Ende
erreichte oder abbrach“.26 Offenbleiben muß auch, ob das bei Strabon bezeugte Werk
über Pompeius einen Anhang zu den Historien oder eine eigenständige Schrift bil-
dete 27
Die ersten Nachrichten, die vermutlich auf Poseidonios zurückgehen, sind seine
negative Beurteilung des Demetrios I.,28 der bei Athenaios überlieferte Scherz, den
18 Grundlegend zu Poseidonios sind das Buch von K. Reinhardt, Poseidonios. München 1921 und
sein Artikel in der RE sowie das umfassende Buch von Malitz, Poseidonios. Zu Poseidonios als
Naturwissenschaftler vgl. Waldherr, Erdbeben S. 59-63. Poseidonios wird im folgenden nach
W. Theiler, Poseidonios. Die Fragmente I: Texte, Berlin/New York 1982 zitiert. Benützt und
zitiert wird darüber hinaus die Übersetzung von Malitz, Poseidonios. - Poseidonios nimmt
zwischen Polybios auf der einen und Jason von Kyrene auf der anderen Seite eine Mittelposition
ein.
19 Malitz, Poseidonios S. 7; 12.
20 Er bekleidete das Amt eines Prytanen und reiste im Winter 87 als rhodischer Gesandter nach
Rom: Reinhardt, Poseidonios Sp. 565; Strasburger, Poseidonios S. 40; Malitz, Poseidonios S.
14 ff. Zum »intellektuellen Klima* von Rhodos vgl. B. Mygind, Intellectuals in Rhodes, in: V.
Gabrielsen/P. Bilde/T. Engberg-Pedersen/L. Hannestad/J. Zahle (Hg.), Hellenistic Rhodes:
Politics, Culture, and Society (Studies in Hellenistic Civilization 9). Aarhus 1999, S. 247-293.
Dort auch S. 257 Nr. 12 zu Poseidonios und K. Bringmann, Rhodos als Bildungszentrum der
hellenistischen Welt, Chiron 32,2002, S. 65-81.
21 Den Titel überliefert Athenaios, z. B.: 4, 151 e; 4, 153 b.
22 Reinhardt, Poseidonios Sp. 630.
23 Malitz, Poseidonios S. 34ff.
24 Malitz, Poseidonios S. 42.
25 Reinhardt, Poseidonios Sp. 630. Reinhardt (und ihm folgend Strasburger, Poseidonios S. 42)
läßt das Geschichtswerk mit dem Jahr 145/44 beginnen, doch setzt es einige Jahre früher ein,
siehe unten.
26 Poseidonios Sp. 631.
27 Siehe unten bei Plutarch.
28 Bei los. ant. lud. 13,35 f. Diese steht im Gegensatz zu der positiven Beurteilung dieses Königs
durch Polybios, die bei los. ant. lud. 13, 59-61 und lust. 35, 1. 11 erhalten geblieben ist. Vgl.
zu los. ant. lud. 13,35 f. Marcus, Josephus S. 243 Anm. f und Fischer, Partherkrieg S. 22.
1.) Literarische Quellen
33
sich Alexander I. mit dem Epikureer Diogenes von Seleukeia am Tigris erlaubte,29
und die bei Strabon (16, 2,4 = 749) erwähnte Eintracht der Städte Antiocheia, Se-
leukeia in Pierien, Apameia und Laodikeia am Meer.30 Poseidonios blickt gleicher-
maßen kritisch auf die Seleukidenkönige, deren Funktionäre und die Bewohner der
syrischen Städte.31 Interessant ist, daß er der jüngeren, von Antiochos IV. abstam-
menden (bzw. sich auf diesen berufenden) Linie des Seleukidenhauses (Alexander
L, Antiochos VI., Alexander II.) freundlicher gegenübersteht als der älteren, von
Seleukos IV. abstammenden Linie (Demetrios I., Demetrios II., Antiochos VIII.).32
So geht die negative Beurteilung des Demetrios II. (Diod. 33, 4 a) ebenso auf Po-
seidonios zurück wie sein wohlwollendes Urteil zu Alexander II. (Diod. 34/35,22).33
Den korrupten Regimen der »Reichskanzler* Ammonios (unter Alexander I.) und
Lasthenes (unter Demetrios II.)34 steht er deutlich ablehnend gegenüber.35 Über seine
Landsleute macht sich Poseidonios zuweilen lustig36 und kritisiert deren Dekadenz
und Wohlleben,37 nimmt aber Anteil am Schicksal der großen Städte.38 Insgesamt
wird man Poseidonios eine moralisierende Tendenz unterstellen dürfen, die nicht
ganz frei von Übertreibungen ist. Inwieweit ihm höfische Quellen (seleukidische
Hofhistoriker, Erinnerungen der Könige, Leibärzte und cpiXoi) zur Verfügung stan-
den, läßt sich nicht mehr sagen. Aber viele Details lassen vermuten, daß Poseidonios
die verschiedenartigsten und besten Nachrichtenquellen einsehen konnte.39
Das Geschichtswerk des Poseidonios wurde intensiv von dem aus dem sizi-
lischen Agyrion stammenden Diodor benutzt.40 In der Zeit der ausgehenden Repu-
blik verfaßte dieser unter dem Titel ßißXio0r)Kr) eine Weltgeschichte in 40 Bänden.41
29 Dies wird vorsichtig von Malitz, Poseidonios S. 272 vermutet. Malitz schreibt, daß Athen. 5,
211 a-d „nicht mit Gewißheit der poseidonischen Überlieferung zuzurechnen ist“. Vgl. auch
Ehling, Freunde S. 49. Den Scherz mit dem Epikureer wird Poseidonios um so genüßlicher
notiert haben, als er selbst ja Stoiker war.
30 Siehe unten Kap. 11 5.
31 Malitz, Poseidonios S. 277.
32 Malitz, Poseidonios S. 278 Anm. 156 weist darauf hin, daß Poseidonios der einzige antike Hi-
storiker ist, der diese Unterscheidung in ältere und jüngere Linie trifft.
33 Malitz, Poseidonios S. 296.
34 Ehling, .Reichskanzler* S. 103 f.
35 Malitz, Poseidonios S. 276; 281.
36 Fischer, Partherkrieg S. 24.
37 Vgl. z. B. Poseidonios’ Kritik am Partherfeldzug des siebten Antiochos: Malitz, Poseidonios S.
292f. Zu untersuchen wäre, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Poseidonios* Kritik an
derartigen Phänomenen und seiner stoischen Philosophie besteht, zu dieser vgl. etwa G. Nebel,
Zur Ethik des Poseidonios, Hermes 74, 1939, bes. S. 36 ff.
38 So gibt er einen detaillierten Überblick über den Streit der Städte Marathos und Arados: Diod.
33,5, 1-6. Vgl. dazu Malitz, Poseidonios S. 276 f.
39 So werden z. B. die Überlieferungen bei Charax von Pergamon zur Flucht Tryphons aus Dor
(FGrHist 103,29) oder das Strategematon bei Frontin (2,13,2) auf von Poseidonios eingesehene
höfische Quellen zurückgehen.
40 Diodor wird im folgenden nach der von F. R. Walton, Diodorus of Sicily, Band XI und XII,
London/Cambridge 1967 besorgten Ausgabe bei Loeb zitiert.
41 E. Schwartz, Diodoros (38), RE V 1, Stuttgart 1930, Sp. 663 ff.
34
I. Kapitel: Quellen
Die Bibliothek beruht nicht auf eigenen Forschungen,42 sondern bietet eine Kom-
pilation aus von Diodor „für gut und wichtig gehaltenen Autoren“,43 die von der
Entstehung der Welt vermutlich bis zum Jahr 59 reichte, als Caesar Britannien un-
terwarf.44 Die Bücher 28, 5-32 schöpfen bzw. stellen Exzerpte aus Polybios dar.45
Von Buch 33 bis 37 ist Poseidonios die Hauptquelle Diodors 46 Die Textstellen
Diod. 28, 1,3 (zu Alexander L), 28, 1,4 (Aufstand in Antiocheia unter Demetrios
II.), 28, 1,4 a (Tryphon), 33,5,1-6 (Streit zwischen Marathos und Arados), 28, 24,
28 (Erhebung Antiochos* VL), 33, 4, 4 (die Bevölkerung Syriens begrüßt jeden
Regierungswechsel),47 34/35, 1 (Belagerung Jerusalems), 34/35, 15-19 (Parther-
feldzug des Antiochos VII.) und 34/35, 22 (Erhebung der Feldherren Antipatros,
Klonios und Aeropos gegen Alexander II.) gehen auf Poseidonios zurück, obwohl
sein Name in den erhaltenen Teilen der Bibliothek nirgends ausdrücklich erwähnt
wird 48 Wahrscheinlich sind für die Bücher 33-37 keine weiteren Quellen benützt
worden.49 Diodor hat die Ausführungen Poseidonios’ zwar verkürzt und stilistisch
teilweise umgeformt,50 dennoch sind die erhaltenen Poseidonios-Partien „zwar als
ein schwacher, aber nicht verfälschter Abglanz der verlorenen Historien zu betrach-
ten“.51 Unbeantwortet ist bislang die Frage, welche Quelle(n?) Diodor für die
letzten Bücher (38-40) bzw. seine Darstellung der Jahre von 86/85 bis 63/59 benützt
hat. In 40, 1 a-1 b ist ausführlich vom Aufstand der Antiochener gegen Antiochos
XIII. die Rede.52
Benützt wurde Poseidonios darüber hinaus von Strabon53 und Athenaios.54
Der in augusteischer Zeit schreibende, aus dem pontischen Amaseia gebürtige Stra-
bon55 ist der Verfasser einer Schrift mit dem Titel Y^ypacpiKd viropvfipaTa.56
Diese yeccYpacptKa U7ropvf|paTa sind eine geographisch-kulturhistorische Quelle
allerersten Ranges. In Buch 14,5,1-20 = 668-676 gibt Strabon eine Beschreibung
42 Malitz, Poseidonios S. 35.
43 Malitz, Poseidonios S. 35.
44 Malitz, Poseidonios S. 35 mit Anm. 8.
45 E. Schwartz, Diodoros (38), RE V 1, Stuttgart 1930, Sp. 689 f.
46 E. Schwartz, Diodoros (38), RE V 1, Stuttgart 1930, Sp. 690; Malitz, Poseidonios S. 37; 39; 41
u.ö.
47 Vgl. zu dieser Stelle: Ehling, Unruhen S. 333.
48 Malitz, Poseidonios S. 37.
49 EbendaS. 41.
50 EbendaS. 41.
51 EbendaS. 42.
52 Malitz, Poseidonios S. 301 Anm. 333; Ehling, Unruhen S. 326 f. und siehe unten Kap. II 13.
53 Malitz, Poseidonios S. 42ff. Vgl. auch noch E. Honigmann, Strabon (3), RE IV A 1, Stuttgart
1931, Sp. 109-122. Zuletzt ausführlich dazu: Engels, Universalhistorie S. 166ff. Strabon wird
zitiert nach: H. L. Jones, The Geography of Strabo with an English Translation, Band V, VI und
VII, London/Cambridge 19613/4 (Loeb).
54 Letzterer zitiert ihn 33mal: Malitz, Poseidonios S. 49.
55 Genaue Lebensdaten haben wir nicht, aber Strabon ist gewiß vor 23/24 n. Chr. gestorben: E.
Honigmann, Strabon (3), RE IV A 1, Stuttgart 1931, Sp. 78. Engels, Universalhistorie S. 25
spricht sich für 24 n. Chr. oder bald danach aus.
56 Grundlegend zu Strabon ist Engels, Universalhistorie.
1.) Literarische Quellen
35
Kilikiens, im 2. Kapitel des 16. Buches folgt die Schilderung der Landschaften Sy-
rien, Phönikien und Judäa. Darin erwähnt er zahlreiche Landschaftsnamen wie Se-
leukis „in Syrien“ (16, 1,2 = 749), Koilesyrien (16, 1,2 = 749) oder Kyrrhestike
(16, 2, 8 = 751), Flußnamen wie den Oinoparas (16, 2, 8 = 751), Eleutheros (16, 2,
15 = 754) oder Chrysorrhas (16,2,16 = 755), Bergnamen wie den Kasios (16,2, 33
= 760), Heiligtümer wie das der kyrrhestikischen Athena (16,2,7 = 751), die wich-
tige Brücke bei Seleukeia (Zeugma) am Euphrat (16,2,3 = 749) oder Völkerschaften
wie die „Zeltaraber“ (16,2, 1 = 749). Die Syria Seleukis bezeichnet Strabon als die
beste Landschaft von allen in dieser Gegend.57 Die vier bedeutendsten Städte der
Seleukis sind Antiocheia em Aacpvr), Seleukeia ev fliepia,58 Apameia und Laodi-
keia, und alle vier sind Gründungen (KTiapaia) Seleukos’ I. Die größte (pEyioTT])
von ihnen ist Antiocheia;59 diese Stadt wird von Alexandreia und Seleukeia am
Tigris nur um wenig übertroffen (16,2, 5 = 750). Antiocheia besteht aus vier Stadt-
vierteln, von denen das erste von Seleukos I., das zweite von den Antiochenem, das
dritte von Seleukos II. und das vierte von Antiochos IV. gegründet wurde.60 Auch
auf den Gründungsmythos kommt Strabon zu sprechen. Er schreibt, daß die von
Antigoneia unter Seleukos I. nach Antiocheia umgesiedelten Griechen von sich
behaupteten,61 Abkömmlinge jener Argiver zu sein, die in mythischer Zeit mit
Triptolemos62 durch Kilikien (14, 5, 12 = 673) nach Syrien gezogen waren, um Io
57 16, 2, 4 = 749. Zur Seleukis vgl. Rostovtzeff, History I S. 478.
58 Pierien hieß die griechische Landschaft nördlich des Olymps, in der der Hauptort der Makedo-
nen, Aigai, lag.
59 16, 2,4 = 750. Antiocheia ist bislang archäologisch noch nicht umfassend untersucht worden,
vgl. die Grabungsberichte von W.A. Campbell, Excavations at Antioch-on-the-Orontes, AJA
38, 1934, S. 201-206; ders., The Third Season of Excavation at Antioch-on-the-Orontes, AJA
40,1936, S. 1-9; ders., The Fourth and Fifth Seasons of Excavation at Antioch-on-the-Orontes:
1935-1936, AJA 43, 1938, S. 205-218 und ders., The Sixth Season of Excavation at Antioch-
on-the-Orontes: 1937, AJA 44, 1940, S. 417-427. Am besten erforscht sind die Mosaike der
Stadt: D. Levi, Antioch Mosaic Pavements, Princeton 1947 und S. Campbell, The Mosaics of
Antioch, Toronto 1988. Die Mosaike stammen zwar aus spätantiker bzw. frühbyzantinischer
Zeit, aber Themenwahl, Bildgestaltung und Ausführung lassen die hellenistischen Vorbilder
zumeist erahnen. Zu Antiocheia zuletzt: Orth, Geographie S. 81, Held, Residenzstädte S. 241 ff.
und Hoepfner, Antiochia S. 3-9. Zum spätantiken Antiocheia vgl. insbesondere den Ausstel-
lungskatalog: C. Kondoleon (Hg.), Antioch. The Lost Ancient City, Princeton 2000.
60 16, 2, 5 = 750. Zu den verschiedenen Stadtvierteln vgl. Hoepfner, Geschichte S. 477 f. mit
Stadtplan S. 474 f. und Held, Residenzstädte S. 241 ff. mit Plan (nach Hoepfner, Geschichte).
Nach dem Erdbeben im achten Regierungsjahr des Antiochos III. wurde die „Neustadt“ gegrün-
det (Lib. or. 11,119; Malal. 8.208, siehe auch unten). Waldherr, Erdbeben erwähnt dieses Beben
nicht. W. Hoepfner verdanken wir die Entdeckung der topographischen Lage Epiphaneias. Die
Stadt wurde außerhalb (e^co) Antiocheias auf einem Berg (eiri rö öpo^: Malal. 8, 205) gegrün-
det. Vgl. Hoepfner, Geschichte S. 483 ff., dens., Antiochia S. 3 ff. mit den Abbildungen 1 und
6. Zustimmend: Held, Residenzstädte S. 243.
61 Lib. or. 11,91 erwähnt Argiver und Athener unter den ersten Siedlern.
62 Triptolemos war eine einerseits eng mit Argos, Eleusis und Athen, andererseits mit der Göttin
Demeter verbundene Agrar- und Mysteriengottheit. Zu den seleukidisch-argivischen Beziehun-
gen vgl. Mastrocinque, Zeus S. 362 f.
36
I. Kapitel: Quellen
zu suchen, die bei Tyros verschwunden war.63 Argivische Herkunft galt als beson-
ders vornehm: Der Zeussohn Herakles stammte von Alkmene, der Enkelin des
Perseus und Tochter des Königs von Mykene und Tiryns, ab,64 und auf den argi-
vischen Herakles führte sich das Argeadenhaus stolz zurück.65 Den Bewohnern der
ostkilikischen Stadt Mallos erließ Alexander d. Gr. im Jahr 333 den an Dareios III.
zu zahlenden cpopoc mit dem Hinweis, daß sie aus Argos stammten (An*. Anab. 2,
5,9). Obwohl Antiocheia also eine Neugründung war, waren seine Bewohner nicht
irgendwelche geschichtslosen Neusiedler, sondern Griechen alter, vornehmer argi-
vischer Abstammung.66 Mit dem Triptolemos-Mythos verknüpften sich ebenso die
Bewohner der kilikischen Städte Tarsos, Aigeai und Anazarbos.67
Den antiochenischen Vorort Daphne mit seinem berühmten Apollon- und Arte-
misheiligtum erwähnt Strabon in 16, 2, 6 = 750. Einige Städte beschreibt der Geo-
graph ausführlich, zahlreiche andere nennt er wenigstens kurz.68 Seleukeia in
Pierien wird als eine uneinnehmbare Festung und Laodikeia als eine schön gebaute
Stadt mit gutem Hafen und fruchtbarem Umland geschildert (16, 2, 8 = 751).69 Bei
Apameia befindet sich eine Landschaft, die nach ihren ersten Siedlern früher Pella
genannt wurde.70 Dort hielt Seleukos I. die 500 Elephanten, die ihm der indische
63 Malal. 8, 199 erwähnt eine Stadt namens lopolis auf dem Berg Silpios. Zur lo-Sage: Fatouros/
Krischer, Antiochikos S. 86 ff. Zu Triptolemos und Io vgl. auch T. Scheer, Mythische Vorväter.
Zur Bedeutung griechischer Heroenmythen im Selbstverständnis kleinasiatischer Städte. Mün-
chen 1993, S. 273 ff. Vgl. auch Wiemer, Vergangenheit S. 450f. Bekanntlich ist nach Herodot
1,1-2 der Raub der Königstochter Io aus Argos durch phönikische Kaufleute der Anfang der
Feindseligkeiten zwischen Griechen und Persern gewesen.
64 Vgl. das Stemma bei H. J. Rose, A Handbook of Greek Mythology, hier zitiert nach der deutschen
Ausgabe: Griechische Mythologie. Ein Handbuch, München 1955, S. 210 Anm. 1.
65 Hdt. 5,22,2; Thuk. 2,99,3. U. Hüttner, Die politische Rolle der Heraklesgestalt im griechischen
Herrschertum (Historia Einzelschriften 112), Stuttgart 1997, S. 65 ff.; 175 ff.
66 Da außerdem der Vorort Daphne ursprünglich von Herakles erbaut worden war, wie Malalas zu
berichten weiß (8,204), ließ sich die argivische Herkunft der Antiochener sicher auch über diese
Tradition ableiten.
67 Zu Tarsos vgl. Strab. 14,5, 12 = 673; 16, 2,5 = 750, zu Aigeai: SNG BN 2391 und zu Anazar-
bos: R. Ziegler, Kaiser, Heer und städtisches Geld. Untersuchungen zur Münzprägung von
Anazarbos und anderer ostkilikischer Städte (ETAM 16), Wien 1993, S. 117 mit Anm. 306.
68 z.B. Hierapolis (Bambyke), Berrhoia und Herakleia: 16, 2, 7 = 751.
69 Zu Seleukeia vgl. Orth, Geographie S. 95 f., Held, Residenzstädte S. 240f. und H. Pamir, Eine
Stadt stellt sich vor. Seleukia in Pieria und ihre Ruinen, AW 35,2004, S. 17-21 (dort auch die
weitere Lit.).
70 Apameia wird von belgischen Archäologen erforscht: V. Verhoogen, Apamee de Syrie aux
Musees royaux d’art et d’histoire, Brüssel 1996: J. Ch. Balty, Guide d’Apamee, Brüssel/Paris
1981. Über die Geschichte der Grabungen unterrichten: J./J. Ch. Balty/M. Dewez, Belgian
Archaeological Research on a Site in Syria: Apamea on the Orontes, Brüssel 1970. Dort findet
sich jeweils auch die neuere Literatur. Zur eindrucksvollen Lage der Stadt bzw. der Akropolis
vgl. die Photographien bei Verhoogen, ebenda Abb. 2; Balty/Dewez, ebenda S. 25; Balty, ebenda
S. 11 Abb. 4. Die Stadt lag geographisch sehr zentral und verband die phönikische Küste bzw.
Antiocheia mit Palmyra. Ein schönes archäologisches Zeugnis für den Karawanenhandel ist das
Dromedarmosaik aus der großen Kolonnade, das sich heute im Nationalmuseum von Damaskos
befindet: Balty, ebenda S. 84 Abb. 85. Vgl. außerdem noch Schneider, Kulturgeschichte I S.
739 f. und Orth, Geographie S. 81.
1.) Literarische Quellen
37
König Tschandragupta geschenkt hatte,71 und dort befand sich auch die königliche
Pferdezucht. Wohl in Apameia selbst war die Militärverwaltung des Seleukiden-
reiches untergebracht, das XoYicrrf|piov tö aTpanwTiKÖv.72 Wie Poseidonios
schreibt, den Strabon in 16,2,4 = 750 zitiert, war die Seleukis genau wie Koilesyrien
in vier Satrapien unterteilt, während das riesige Mesopotamien eine einzige Satrapie
bildete.
An der phönikischen Küste werden die Städte Arados (16, 2, 13 f. = 753 f.),
Tripolis (16,2, 15 = 754), Sidon (16,2,23 f. = 757) und Ptolemais (16,2,25 = 758)
behandelt. Erwähnung finden die phönikische Purpur- und Glasindustrie (16,2,23;
25). Außerdem werden zahlreiche andere Städte, so z.B. Byblos (16, 2, 18 = 755),
Orthosia und Berytos (16,2,22 = 756) genannt. Zu Damaskos in Koilesyrien macht
Strabon die interessante Bemerkung, daß es in persischer Zeit die „glänzendste“ der
dortigen Städte war.73 In 16, 2, 16 = 755 wird der See Genessaret erwähnt. Von
Interesse sind ebenfalls die zahlreichen Entfemungsangaben 74 die Strabon Arte-
midoros folgend (16, 2, 33 = 760) angibt. So ist zu erfahren, daß der Hain von
Daphne einen Umfang von 80 Stadien besaß, was 14,79 km entspricht (16, 2, 5 =
750).
Das 2. Kapitel des 16. Buches ist nicht zuletzt auch deshalb eine wichtige his-
torische Quelle, weil sich etwa Details zur Herkunft Tryphons (10 = 752) oder
wichtige Hinweise auf die politischen MachthaberderJahre kurz vor Auflösung des
Seleukidenreiches durch Pompeius finden, z.B. wird in 18 = 755 der Tyrann von
Byblos, Kinyras, genannt.
Der unter Kaiser Marc Aurel (161-180 n. Chr.) geborene (oder schreibende)
Athenaios75 stammte aus dem ägyptischen Naukratis.76 In seiner ursprünglich 30
Bücher umfassenden Schrift ÖEiirvococpiOTai („Das Gelehrtengastmahl“) gibt er die
geistreich-witzigen Gespräche vornehmer eraipoi beim Weingelage wieder, die sich
„gegenseitig durch die Zahl und durch die Entlegenheit ihrer Lesefrüchte an litera-
rischer Bildung zu übertrumpfen“ versuchen.77 Themen sind u.a. die Lebensweise
der homerischen Helden, Schlemmereien jeder Art, Weine, Trinklieder und Spiele,
aber auch Polemiken gegen bestimmte Philosophen. An drei Stellen kommen die
Symposiasten ausführlich auf die Seleukiden zu sprechen: 5, 193 d-194 c schildert
- nach Polybios - den exzentrischen Charakter des Antiochos IV., 5, 194 c-195 f
beschreibt - ebenfalls nach Polybios - den berühmten Festzug Antiochos* IV. bei
71 Ehling, Freunde S. 55 Anm. 49.
72 16, 2, 10 = 752. Schneider, Kulturgeschichte I S. 740.
73 16,2,20. Vgl. außerdem Justin, der die Stadt in 36,2.1 die „edelste“ Gemeinde Syriens nennt:
Damascena, Syriae nobilissima civitas.
74 z.B. 16, 2,28 = 759; 16,2, 32 = 760; 16, 2,33 = 760.
75 Für Athenaios liegt die Neuübersetzung von C. Friedrich, Athenaios. Das Gelehrtenmahl. Ein-
geleitet und übersetzt von C. Friedrich. Kommentiert von Th. Nothers, in: P. Wirth/W. Gessel
(Hg.), Bibliothek der griechischen Literatur 47, Stuttgart 1998, vor. Zu Athenaios’ Leben und
Werk vgl. ebenda die Einleitung.
76 Malitz, Poseidonios S. 46 mit Anm. 93.
77 Malitz, Poseidonios S. 46.
38
I. Kapitel: Quellen
Daphne im Herbst (September/Oktober) 16678 und 5, 21J a-d erzählt - nach Po-
seidonios - eine Anekdote vom Hofe Alexanders I.79 Dabei geht aus 5,211a hervor,
daß es sich um ein Zitat aus dem ebenfalls von Athenaios verfaßten Buch irepi t<Sv
ev Evpia ßaaiXeuaavTcov handelt.80 Der Verlust dieser Schrift „Über die Könige
von Syrien“ ist besonders zu bedauern. Zwar wird es kaum politische Geschichte
im engeren Sinne, dafür aber unvergleichliche Einblicke in das Leben und Treiben
an den Höfen der Seleukidenkönige geboten haben. Als Quellen standen Athenaios
nicht nur die Werke der großen Historiker Polybios und Poseidonios, sondern ver-
mutlich auch noch ein Teil der höfischen Literatur (seleukidische Hofhistoriker,
Memoiren der Könige, Leibärzte und cpiXoi) zur Verfügung.81 Gerade was das Ver-
hältnis der Könige und cpiXoi zueinander, aber auch die Rolle der Königinnen anbe-
langt, hätte dieses Buch, wenn es erhalten geblieben wäre, wohl seltene Einsichten
vermitteln können.
Über die Jahre unmittelbar vor der Annexion Syriens durch Rom, d. h. den See-
räuberkrieg, die letzten Kämpfe mit Mithradates VL, den Friedensschluß mit Tig-
ranes II. und die Besetzung Syriens durch römische Truppen unterrichten die Kapi-
tel 24-42 der Pompeiusbiographie des Plutarch.82 Die „Parallelviten“ (ßioi
irapaXXr|Xoi) des um 45 n. Chr. im böotischen Chaironeia geborenen und um 125
n. Chr. verstorbenen Plutarch gehören zu den in der Neuzeit meistgelesenen Schriften
des Altertums. Insgesamt sind 23 Doppelbiographien überliefert, die jeweils eine
historisch bedeutsame griechische mit einer römischen Persönlichkeit verbinden, in
unserem Fall den römischen Imperator Pompeius mit dem Spartanerkönig Agesi-
laos.83
Die Pompeiusbiographie des Plutarch gliedert sich in zwei große Teile: Die
Kapitel 1-45 berichten von Aufstieg und Größe, Kapitel 46-80 von Niedergang und
Fall des Imperators.84 Bis Kapitel 20 (Ende des Sertoriuskrieges) folgt der Autor
im wesentlichen einer pompeiuskritischen Quelle, die er auch in den Viten des Ser-
78 Zur Datierung Bunge, Daphne S. 71.
79 Ehling, Freunde S. 49, siehe unten Kap. II 5. Die Symposionsteilnehmer kommen ansonsten
nur am Rande auf die Seleukiden zu sprechen: In 1, 18 e etwa wird Phylarchos erwähnt, der
berichtet, daß der indische König Tschandragupta dem Seleukos I. auch Aphrodisiaka schenkte,
vgl. dazu Ehling. Freunde S. 46 mit Lit. in Anm. 49. Aristodemos erwähnt im 2. Buch seiner
„Spaßigen Erinnerungen“ den Parasiten Sostratos am Hofe eines Antiochos (Athen. 6, 244 f),
und in den „Lustigen Geschichten“ des Protagorides wird von der Bootsfahrt eines Antiochos
erzählt (Athen. 3, 124 e).
80 D. Braund. Athenaeus, On the Kings of Syria, in: D. Braund/J. Wilkins (Hg.), Athenaeus and
his World. Reading Greek Culture in the Roman Empire, Exeter 2000. S. 514-522.
81 Vgl. dazu auch die Überlegungen und Vermutungen bei Ehling. Freunde S. 46ff.; 51.
82 Plutarch wird zitiert nach der griechisch-englischen Loeb-Ausgabe von B. Perrin, Plutarch’s
Lives, Band 5, London 1961. Einen Kommentar zu den Kapiteln 1-45 seiner Pompeiusvita
bietet Heftner, Plutarch.
83 Verloren sind die Viten des Epameinondas und des Scipio: Heftner. Plutarch S. 3 Anm. 16. Der
einzige Nicht-Grieche bzw. Nicht-Römer in dieser Reihe ist der persische Großkönig Artaxerxes
II. (404-359).
84 Heftner, Plutarch S. 22f.
1.) Literarische Quellen
39
torius, Lucullus und Crassus benützt.85 Aber entgegen der sonst feststellbaren
Tendenz zur Abhängigkeit von einer Hauptquelle hat Plutarch in der Pompeiusvita
ab Kapitel 20 Quellen sehr unterschiedlicher Provenienz verarbeitet. Wie schwierig
es ist, die Herkunft der Nachrichten im einzelnen festzustellen, wird am Piratenex-
kurs (Kap. 24-28) deutlich, der umfassendsten und gelungensten Schilderung des
Piratenunwesens in der antiken Literatur überhaupt.86 Eine poseidonische Urheber-
schaft dieses Exkurses wird von H. Strasburger vermutet,87 während R. Merkelbach
bei der Erwähnung des Mithraskultes in Pomp. 24, 5 an eine Benutzung des Theo-
phanes von Mytilene denkt.88 Doch finden sich gerade in diesem Exkurs einige
Latinismen, die wiederum „auf eine lateinischsprachige Vorlage hindeuten“.89
Welche Quellen könnte Plutarch also für die Kapitel 24-42 ausgewertet haben?
Zuerst wird man an Theophanes von Mytilene, den politischen Ratgeber und Histo-
riker des Pompeius, als Hauptquelle denken dürfen.90 Bei der für Theophanes un-
günstigen Überlieferungslage91 muß zwar ungewiß bleiben, ob er den Seeräuber-
krieg einerseits und Pompeius* Eingreifen in Syrien andererseits mitbehandelt hat,
wie F. Jacoby feststellt,92 da durch ein Zitat bei Plutarch (Pomp. 37, 4) lediglich
eine Bemerkung des Theophanes sicher belegbar ist, die in den Zusammenhang des
Mithradates Vl.-Feldzuges von 65/64 gehört. Doch könnte nach einer trefflichen
Beobachtung von J. Malitz die bei Strabon (11,1,6 = 492) erhalten gebliebene
Schilderung des Besuches des Pompeius bei Poseidonios auf Rhodos im Jahr 66 aus
der Feder des Theophanes stammen,93 wodurch dann wahrscheinlich würde, daß
Theophanes zumindest den kilikischen Seeräuberkrieg des Römers dargestellt hätte.
Der Titel der Schrift des Theophanes ist verloren. F. Jacoby vermutet, daß er ra irepi
IIop7rr|iov oder nopirrpov irpc^Eic gelautet haben könnte.94 Sie wird im Winter
63/2 abgefaßt worden sein und war in Rom im Jahr 62 bekannt.95 Im selben Jahr
wurden die Heimatstadt des Theophanes für frei erklärt96 und der Geschichtsschrei-
ber selbst von Pompeius mit dem römischen Bürgerrecht beschenkt, was inschriftlich
durch IG XII 2, 150 bezeugt ist, wo er Cn. Pompeius Theophanes heißt.97
85 EbendaS. 13.
86 Vgl. Heftner, Plutarch S. 177 mit Verweis auf eine Bemerkung R. Flacelieres.
87 Poseidonios S. 40 ff.
88 R. Merkelbach, Mithras. Ein persisch-römischer Mysterienkult, Königstein 1984, S. 45. Siehe
auch unten Kap. II 13.
89 Heftner, Plutarch S. 48; 178 f. mit Diskussion dieser lateinischen Begriffe.
90 Reinhardt, Poseidonios Sp. 565 charakterisiert Theophanes als intimen Berater, Historiographen
und Propagandachef des Pompeius. Zu kritisch ist m.E. Jacoby, FGrHist (1930) S. 615, wenn
er schreibt, daß es für die Annahme, Plutarch habe Theophanes direkt benutzt, nicht den „schat-
ten eines beweises“ gibt. Man muß sich bei einer derart skeptischen Einstellung dann aber auch
die Frage stellen, wen Plutarch sonst benutzt haben könnte.
91 Das Fragment FGrHist 188 besteht aus nur sieben kurzen Teilstücken.
92 FGrHist (1930) S. 614.
93 Poseidonios S. 24.
94 Jacoby, FGrHist (1930) S. 614.
95 EbendaS. 614.
96 Plut. Pomp. 42,4. Zum Hintergrund vgl. auch Baltrusch, Caesar S. 35.
97 Das früheste Zeugnis zu Theophanes ist die Inschrift: VI. Anastasiadis/G. A. Souris, Theopha-
40
I. Kapitel: Quellen
Außer Theophanes könnte Plutarch für die Kapitel 24 bis 42 seiner Pompeius-
biographie auch Poseidonios herangezogen haben. Aus Strabon wissen wir, daß
Poseidonios eine Geschichte des römischen Imperators verfaßt hat.98 Einige, die
80er und 70er Jahre betreffende Textslellen bei Plutarch weisen nach H. Strasburger
poseidonische Anklänge auf.99 Allerdings läßt sich bei der von Strabon erwähnten
Pompeiusgeschichte des Poseidonios heute nicht mehr feststellen, ob es sich dabei
um ein reines Enkomion oder eine Art Fortsetzung der Historien handelte.100 Erste-
res vermutet J. Malitz,101 letzteres erwägt H. Strasburger.102 Zudem hat oder könnte
Plutarch Sallusts Historiae, das Werk des Timagenes (FGrHist 88) sowie diverse
Mithradates Vl.-Historiker und Nikolaos von Damaskos gelesen und verarbeitet
haben.103 Doch läßt sich darüber kaum etwas Genaues aussagen.104 Insgesamt ge-
sehen muß man feststellen, daß die von Plutarch in den Kapiteln 24 bis 42 seiner
Pompeiusvita benützten Hauptquellen - die Schriften des Theophanes und/oder des
Poseidonios - aufgrund der äußerst lückenhaften Überlieferungslage nur mehr
wahrscheinlich gemacht werden können, aber nicht mehr konkret benennbar sind.
Eine weitere wichtige, griechisch verfaßte Quelle ist Appians Syriake.105 Appian
wurde gegen Ende des 1. Jhs. n.Chr. in Alexandreia geboren und bekleidete ein
hohes Amt in der Verwaltung seiner Heimatstadt.106 Später kam er nach Rom, erhielt
das römische Bürgerrecht und wurde ritterlicher Zivilbeamter.107 Durch Vermittlung
seines Freundes, des hochberühmten M. Cornelius Fronto, bekam er die Ehrenstelle
eines procurators Augustorum unter Marc Aurel und Lucius Verus. In den 160er
Jahren n. Chr. verstarb Appian wohl noch vor Fertigstellung seines Geschichts-
werkes, mit dem er wahrscheinlich zur Zeit des Antoninus Pius begonnen hatte.108
Sein Werk ist nicht vollständig erhalten; es umfaßte 24 Bücher, die dem byzanti-
nischen Patriarchen, Literaten und Historiker Photios noch vorlagen.109 Das 11. Buch
nes of Mytilene: A New Inscription Relating to his Early Career. Chiron 22. 1992, S. 377-383.
Außer den beiden genannten Inschriften gibt es noch zwei weitere Ehreninschriften für Theo-
phanes, vgl. dazu ebenfalls Anastasiadis/Souris. ebenda S. 377.
98 In 11, 1, 6 = 492 heißt es: ... tt|v ioropiav ovvcYpoupe (= Poseidonios) rr|v irepi avröv (=
Pompeius).
99 Poseidonios S. 43 f. Zustimmend Heftner, Plutarch S. 46 mit Anm. 176.
100 Heftner, Plutarch S. 46 f.
101 Poseidonios S. 72 f.
102 Poseidonios S. 44.
103 Heftner, Plutarch S. 44 ff. Aber nicht Livius: ebenda S. 59 ff.
104 Vgl. dazu Heftner, Plutarch S. 48 ff.; 58 f.: 62.
105 Appian wird nach dem griechischen Text bei Brodersen, Abriß zitiert. Eingesehen wird die
Übersetzung von O. Veh: Appian von Alexandria. Römische Geschichte. Erster Teil. Die römi-
sche Reichsbildung. Übersetzt von O. Veh. Durchgesehen, eingeleitet und erläutert von K.
Brodersen, in: P. Wirth/W. Gessel (Hg.), Bibliothek der griechischen Literatur 23, Stuttgart
1987.
106 Veh, ebendaS. 1.
107 EbendaS. 1.
108 EbendaS. 1.
109 Photios (810 ?-886 n. Chr. ?) gilt als einer der belesensten und kenntnisreichsten Gelehrten der
makedonischen Epoche. Er war von 875-886 n. Chr. Patriarch von Konstantinopel. Seine Bi-
bliothek enthält Auszüge und Inhaltsangaben von 279 Büchern: A. Krumbacher, Geschichte der
1.) Literarische Quellen
41
widmet sich den Seleukiden.110 Es zerfällt in mehrere Teile:111 1.) Von 1,1-44,232
wird der Krieg zwischen Rom und Antiochos III. geschildert. Als Quelle für diesen
Teil ist jedoch nicht Polybios selbst (oder Livius), sondern ein Polybios benützender
Annalist anzusehen.112 2.) 45, 232-50, 254 bzw. 51, 259 gibt einen knappen Abriß
der Geschichte von Seleukos IV. bis zur Einnahme Syriens durch Pompeius bzw.
einen kurzen Ausblick auf die römische Verwaltung Syriens. 3.) 52, 260-64, 342
bietet die Geschichte des Seleukos L, darauf folgt 4.) wieder, 65, 343-70, 369, ein
kurzer Abriß, der die Zeit von Antiochos I. bis Antiochos XIII. in wenigen Sätzen
behandelt. Die für die späte Seleukidenzeit wichtigen Nachrichten finden sich dem-
nach in den beiden Abrissen 45, 232-50, 254 und 65, 343-70, 369. Diese Abrisse
(„Seleukidenlisten“)113 erinnern in gewisser Weise an die Chronik des Porphyrios;114
die Übereinstimmungen zwischen diesen beiden Werken hat K. Brodersen aufgelis-
tet.115 Doch sind auch die Unterschiede bezeichnend: So bringt Appian keine Jah-
resangaben, die gerade in einer chronographischen Quelle, wäre eine solche benützt
worden, vorgelegen hätten. Während sich bei Porphyrios für den hier untersuchten
Zeitraum 18 chronologische Angaben finden (siehe unten), werden bei Appian über-
haupt nur an zwei Stellen Zahlen genannt und dann auch keine konkreten Jahresdaten
(Syr. 48, 248: Bagadates herrscht 14 Jahre als Statthalter des Tigranes II. und Syr.
70,368: der Zeitraum vom Tode Alexanders d. Gr. bis zur Eingliederung Syriens ins
Römische Reich erstreckt sich auf 270 Jahre). Weitere auffällige Unterschiede sind
etwa die abweichenden Versionen der Todesumstände Seleukos’ VL, die verschie-
denen Altersangaben zu Antiochos V. (Porphyrios: FGrHist 260 F 32, 13 gibt das
Alter mit zwölf, Appian Syr. 46, 236; 66, 352 aber richtig mit neun Jahren an) oder
die Erwähnung (App. Syr. 68,357) bzw. Nicht-Erwähnung Tryphons. Und während
Appian Alexander II. nicht nennt, ist gerade Porphyrios über die Hintergründe seiner
Erhebung durch die Ptolemäer bestens unterrichtet.116 Es ist daher m.E. eher un-
wahrscheinlich, daß Appian und Porphyrios die gleiche Überlieferung eingesehen
und ausgewertet haben. Auffällig ist, daß Appian die verschiedenen Beinamen der
Könige ziemlich genau kennt und auch kurz erläutert,117 weshalb man fast vermuten
möchte, er habe für seine Abrisse ein Buch ttep'i twv ethOetojv der Seleukidenkönige
benützt. Für bestimmte Abschnitte der seleukidischen Geschichte ist darüber hinaus
sein Mithradates-Buch von Wichtigkeit: Mithr. 92, 416-93,427 berichtet über das
Problem der Seeräuberei im östlichen Mittelmeer, 94, 428-96, 445 über den See-
räuberkrieg des Pompeius, 104, 484-489 erzählt von Pompeius’ Kriegsführung
gegen Tigranes II. und 105,491-106, 500 von dessen Syrienaufenthalt.
byzantinischen Litteratur. Von Justinian bis zum Ende des oströmischen Reiches, München
18972, S. 151 ff.; Demandt, Spätantike S. 27.
110 Brodersen, Abriß S. 21.
111 Vgl. die Feingliederung bei Brodersen. Abriß S. 49 ff.
112 E. Schwartz, Appianos (2), RE II 1, Stuttgart 1895, Sp. 220.
113 Brodersen, Abriß S. 52.
114 Ebenda S. 15; 232.
115 EbendaS. 232.
116 Ehling, Alexander II. S. 2.
117 Brodersen, Abriß S. 53 f.
42
I. Kapitel: Quellen
Der historische Wert Appians ist in der älteren Sekundärliteratur eher gering
veranschlagt worden. So nannte ihn H. Nissen eine „Quelle dritten Ranges“.118 Erst
in den letzten Jahren hat sich mit Recht eine positivere Beurteilung durchgesetzt.
Manche wichtige Nachricht hat bei Appian ihren einzigen literarischen Beleg.119
Bemerkenswert ist ferner, daß er den literarisch sonst nicht weiter bezeugten Aus-
druck EeXeuKiSat (Syr. 48, 248) verwendet, auf den die moderne Begriffsbildung
„Seleukiden“ zurückgeht.120
Einzelnachrichten verdanken wir Claudius Ailianus und Charax von Perga-
mon.121 In der TronciXr) ioTopia des nach 193 n. Chr. in Rom oder Praeneste gebo-
renen Ailian werden verschiedene Seleukidenkönige (Antiochos L, Antiochos III.,
Antiochos IV. und Antiochos VII.) als starke Weintrinker erwähnt (var. 2,41). Ailian
könnte dabei auf Quellen zurückgegriffen haben, die auch von Athenaios benutzt
wurden. Charax, ein Schriftsteller des 2. oder 3. Jhs. n.Chr., überliefert in seiner
XpoviKfj ioTopia die Flucht Tryphons aus dem belagerten Dora nach Ptolemais,122
von der er bei Poseidonios gelesen haben dürfte.
Im Hinblick auf die Jahre 69 bis 63 sind die Bücher 36 und 37 des Cassius Dio
von großem Wert.123 Der aus dem bithynischen Nikaia stammende Autor hatte hohe
Reichsämter inne und bekleidete im Jahr 229 n. Chr. gemeinsam mit Kaiser Severus
Alexander den Konsulat.124 Sein Hauptwerk, die 'PwpaiKq icrropia oder ‘PcopaiKa,
umfaßte 80 Bücher,125 von denen größere Teile verloren oder nur in constantinischen
und byzantinischen Exzerpten erhalten sind. In Buch 36, das die Jahre von 69 bis
66 enthält, schildert Dio ausführlich die Feldzüge des Luculhis und in Buch 37, das
die Jahre 65 bis 60 umfaßt, werden die Kriege des Pompeius gegen die Seeräuber,
Mithradates VI. und Tigranes II. erzählt. Syrien wird dabei allerdings nur am Rande
berührt. Hauptquelle des Dio dürfte ab Buch 36 Livius gewesen sein.126
118 H. Nissen, Kritische Untersuchungen über die Quellen der vierten und fünften Dekade des Li-
vius, Berlin 1863, S. 117, zitiert nach Brodersen, Abriß S. 13. E. Schwartz, Appianos (2), RE II
1, Stuttgart 1895, Sp. 237 beklagt das „romanhaft fälschende Element in der Darstellung“ Appi-
ans.
119 Brodersen, Abriß S. 15.
120 Ebenda S. 97 mit Anm. 4.
121 Für Ailian wird die neue Übersetzung von H. Helms, Älian, Bunte Geschichten. Leipzig 1990
benützt. Zu diesem vgl. zuletzt E. Bowie. Ailianos (2). DNP1. Stuttgart/Weimar 1996, Sp. 327 f.
Charax wird nach F. Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker (F Gr Hist). 2. Teil:
Zeitgeschichte. C: Kommentar zu Nr. 64-105, Berlin 1926 zitiert. Zu diesem vgl. E. Schwartz,
Charax (19), RE III 2, Stuttgart 1899, Sp. 2122 f.
122 FGrHist 103, 29. F. Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker (F Gr Hist). 2. Teil:
Zeitgeschichte. C: Kommentar zu Nr. 64-105, Berlin 1926, S. 312 weist auf die nachhaltige
Benutzung des Charax durch Stephan von Byzanz hin, bei dem sich unter dem Lemma Awpoc
auch das Charax-Fragment 29 findet.
123 Dio wird zitiert nach der Ausgabe von E. Cary, Dio’s Roman History with an English Translation,
Band 3, London/Cambridge 19613 (Loeb).
124 E. Schwartz, Cassius (40) Dio Cocceianus, RE III 2, Stuttgart 1899, Sp. 1684.
125 Ebenda Sp. 1685.
126 Ebenda Sp. 1698. Ebenda Sp. 1698 f. listet Schwartz zahlreiche Übereinstimmungen zwischen
Dio und Eutropius, Florus, Frontin und Orosius auf, die ihrerseits auf Livius oder eine Liviuse-
pitome zurückgehen.
1.) Literarische Quellen
43
Eine sehr wichtige Quelle stellt die Chronik des Porphyrios dar,127 ein Kompen-
dium der Zeit von der Eroberung Trojas128 bis zum Jahr 270 n. Chr., dem Ende der
Regierung des römischen Kaisers Claudius II.,129 was ungefähr auch dem terminus
post quem der Abfassung entsprechen dürfte.130 Porphyrios „muß vorzügliche Quel-
len vor sich gehabt haben“,131 die jedoch unbekannt sind.132 Eher unwahrscheinlich
ist, daß er die auch von Appian eingesehene Überlieferung benutzt hat (siehe oben).
Da sich Porphyrios über die Hintergründe der Erhebung des Alexander II. genau
informiert zeigt, lag ihm vielleicht u. a. eine ptolemäische Liste vor.133 Die Chronik
ist in zwei Fassungen überliefert: In der Version des Eusebios (etwa 260-340 n.
Chr.), die später auch von dem lateinischen Kirchenvater Hieronymus ins Latei-
nische übersetzt und fortgeführt wurde,134 und in einer armenischen Textfassung des
Eusebios, deren Bearbeitung und Übersetzung F. Jacoby besorgt hat.135
Im folgenden sind die zahlreichen Daten bei Porphyrios vollständig aufgelistet.
In Klammem wird die verbesserte Chronologie angegeben, wie sie sich aus den hier
vorgelegten Untersuchungen ergibt: Tod Antiochos IV.: 1. Jahr der 154. Olympiade
= 164/3 (Nov./Dez. 164), Todesdatum des Demetrios L: 4. Jahr der 157. Olympiade
= 149/8 (nach März? 150), Regierungsübemahme des Alexander L: 3. Jahr der 157.
Olympiade = 150/49 (Alexander I. landete im Sommer 152 in Syrien und war ab
März ? 150 Alleinherrscher), Todesdatum des Alexander I.: 4. Jahr der 158. Olym-
piade = 145/44 (Frühjahr 145), Demetrios II. erlangt das Königtum: 1. Jahr der 160.
Olympiade = 140/39 (das Datum bezieht sich offenbar auf den Beginn der Allein-
herrschaft, die nach dem Tode Antiochos’ VI. Ende 142/41 beginnt), Demetrios II.
zieht in den Partherkrieg: 2. Jahr der 160. Olympiade = 139/38 (Frühjahr ? 139),
Demetrios II. wird gefangengenommen: 3. Jahr der 160. Olympiade = 138/37 (138),
Antiochos VII. bemächtigt sich Syriens: 4. Jahr der 160. Olympiade = 137/36 (das
Datum bezieht sich wohl auf die Niederwerfung Tryphons, der Mitte ? 137 starb,
127 Zu Porphyrios vgl. den Kommentar von Jacoby, FGrHist (1930) S. 854 ff.
128 Das Ende des trojanischen Krieges wurde nach dem von Eratosthenes entwickelten System der
Olympioniken ins Jahr 1184 gesetzt.
129 R. Beutler, Porphyrios (21), RE XXII 1, Stuttgart 1953, Sp. 287.
130 Porphyrios starb um oder nach 305 n. Chr.: R. Beutler, Porphyrios (21), RE XXII 1, Stuttgart
1953, Sp. 278.
131 Ebenda Sp. 287.
132 Malitz, Poseidonios S. 301 denkt zumindest für die 90er Jahre an Poseidonios als Quelle.
133 Ehling, Alexander II. S. 2.
134 Der griechische Kirchenvater Eusebios stammte aus Caesarea Maritima, wo er seit 315 n. Chr.
Bischof war und zum Berater Constantins d. Gr. avancierte. Der lateinische Kirchenvater Hie-
ronymus hielt sich 367 n. Chr. in Trier auf, war 382-385 n. Chr. Sekretär des Papstes Damasus
in Rom und starb 419 oder 420 n. Chr. Seine Chronik reicht bis ins Jahr 378 n. Chr.: Demandt,
Spätantike S. 19. Hieronymus wird zitiert nach: R. Helm (Hg.), Eusebius Werke. 7. Band: Die
Chronik des Hieronymus. Hieronymi Chronicon, 3., unveränderte Auflage mit einer Vorbemer-
kung von U. Treu, Berlin 1984.
135 Der Teilband FGrHist 2. Teil B mit den Fragmenten 154 bis 261, Berlin 1929 (siehe die folgende
Anmerkung), erschien drei Jahre, bevor Jacoby von den Nationalsozialisten zur Emigration aus
Deutschland gezwungen wurde: W. Theiler, Felix Jacoby t» Gnomon 32, 1960, S. 388. Der
Teilband 3. Teil mit den Fragmenten 262 bis 296 erschien dann 1940 bei E.J. Brill in Leiden.
44
I. Kapitel: Quellen
wodurch Antiochos VII. Alleinherrscher in Syrien wurde), Belagerung Jerusalems:
3. Jahr der 162. Olympiade = 130/29 (134/33), Antiochos VII. zieht in den Parther-
krieg: 3. Jahr der 162. Olympiade = 130/29 (131), Phraates II. greift das Heer Anti-
ochos* VII. an: 4. Jahr der 162. Olympiade = 129/28 (129), Demetrios II. kehrt nach
zehn Jahren aus parthischer Gefangenschaft zurück: 2. Jahr der 162. [ 163.]136 Olym-
piade = 135/34 (129), Tod des Demetrios II.: 1. Jahr der 164. Olympiade = 124/23
(125), Beginn der Regierung des Antiochos VIII. (mit Kleopatra Thea): 2. Jahr der
164. Olympiade= 123/22 (vorOktober 123),Tod des Alexander II.: 3. Jahr der 164.
Olympiade = 122/21 (vor Oktober 123), Landung Antiochos’ IX. in Syrien: 4. Jahr
der 166. Olympiade =113/12 (Ende ? 113), Antiochos VIII. geht nach Aspendos und
Antiochos IX. ist Alleinherrscher: 1. Jahr der 167. Olympiade = 112/11 (Ende ? 113),
Antiochos VIII. kehrt aus dem aspendischen Exil zurück: 2. Jahr der 167. Olympiade
= 111/10 (Ende ? 112), Antiochos VIII. regiert bis zum 4. Jahr der 170. Olympiade
= 97/96 (98/97), Antiochos IX. stirbt im 1. ? Jahr137 der 171. Olympiade = 96/95
(97/96), Beginn der Kämpfe zwischen Antiochos’ X. und Philipp I. 3. ? Jahr138 der
171. Olympiade = 94/93 (93 ?).
Auffällig an dieser Liste ist, daß es neben einer ganzen Reihe richtiger Daten
(z. B. Todesdatum Antiochos’ IV, Aufbruch Demetrios’ II. in den Partherkrieg und
Landung Antiochos* IX. in Syrien) eine Anzahl von Datierungen gibt, die genau um
ein Jahr zu niedrig angesetzt sind,139 so z.B. das Todesdatum Demetrios’ I., der
Partherfeldzug Antiochos’ VII., das Todesdatum Demetrios’ II. oder das Todesdatum
Antiochos’ VIII. Porphyrios scheint daher aus zwei verschiedenen „Listen“ ge-
schöpft zu haben, wobei ihm im Falle der zu niedrig angesetzten Daten immer
derselbe Umrechnungsfehler in Olympionikenjahre unterlaufen ist (bzw. der Re-
chenfehler in seiner Quelle bereits vorlag). Verhält es sich so, dann können letztlich
aber auch diese Daten zur Abstützung der Seleukidenchronologie herangezogen
werden, indem man sie einfach um ein Jahr nach oben rechnet.
Wichtige Details sind den aus spätantiker Zeit stammenden Stadtgeschichten
von Antiocheia zu entnehmen. Zu nennen sind hier Libanios’ Lobrede (or. 11) „An-
136 Die verbesserte Zählung „Jahr 163“ in eckigen Klammem setzt Jacoby, FGrHist (1929) S. 1218.
da die Angabe „Jahr 162“ ein Versehen des Porphyrios ist.
137 Das Fragezeichen setzt Jacoby, FGrHist (1929) S. 1219.
138 Das Fragezeichen setzt Jacoby, ebenda S. 1219.
139 Dies hat schon Niese, Makkabäerbücher S. 492 ff. gesehen, doch ist seine Erklärung, die er
dafür bietet, letztlich nicht stichhaltig. Er stellt fest, daß das letzte Jahr des Antiochos 111. mit
dem Olympiadenjahr 148, 2 statt 148, 1 gezählt wird. Deshalb sei. so Niese, „die ganze Liste
bis Alexander Balas um ein Jahr verschoben“. Wie oben gezeigt stimmt dies allerdings nicht
ganz, denn das Todesdatum Antiochos* IV. ist bei Porphyrios korrekt angegeben und keineswegs
um ein Jahr verschoben. Des weiteren ist Nieses Bemerkung, der Fehler setze sich über Alex-
ander I. hinaus nicht fort, „weil die Liste bei ihm (= Porphyrios, Anm. d. Verf.) eine Unterbre-
chung erleidet und mit einem Sprung auf Demetrios II.“ übergehe, ebenfalls nicht richtig, denn
sowohl der Partherfeldzug Antiochos* VII. als auch das Todesdatum Demetrios* II. sind jeweils
um ein Jahr zu niedrig datiert.
1.) Literarische Quellen
45
tiochikos“140 und Malalas’ Weltchronik.141 Wenn diese beiden Autoren auch sehr
viel spätere kaiserzeitliche bzw. frühbyzantinische Zustände vor Augen haben -
Libanios’ Rede auf seine Heimatstadt wurde (in Teilen) im Jahr 356 n. Chr. vorge-
tragen142 und Malalas’ Chronik nach 563 n. Chr. abgeschlossen143 -, so gelten doch
etwa Libanios’ ausführliches Lob des milden Klimas, des Wasserreichtums und der
Fruchtbarkeit des Landes (11,19; 24) oder seine Erwähnung der Viehwirtschaft (11,
26) und des Weizen- und Weinanbaues (11,23) oder des Exportes von Olivenöl, das
„in alle Richtungen verschifft“ wird (11, 22), grundsätzlich auch für die seleuki-
dische Zeit. Schon Strabon nennt die Syria Seleukis die „beste“ Landschaft dieser
Gegend,144 und wenn es im seleukidischen Antiocheia, anders etwa als in Rom,
niemals zu Protesten oder Unruhen der Bevölkerung wegen knapper Lebensmittel
gekommen ist, so hängt dies mit der überaus günstigen Lage der Stadt zusammen,
deren reiche Versorgung aus dem Umland selbst in schwierigen Zeiten immer ge-
währleistet war.145 Ausführlich referiert Libanios sowohl die frühesten Gründungs-
mythen von Io, Triptolemos und den Argivem146 als auch die Gründung Antiocheias
durch Seleukos I. (11, 85-93). Dabei erwähnt er die Zerstörung Antigoneias147 und
die Übersiedlung der athenischen Bevölkerung nach Antiocheia (11, 92). Libanios
konzentriert sich in den die Seleukiden betreffenden Kapiteln seiner Lobrede insbe-
sondere auf die Leistungen des Seleukos I. Er hebt dessen Verdienste um Daphne
hervor148 und weist auf seine zahlreichen Städtegründungen hin (11, 100-104).
Knapper geht der Rhetor auf die Nachfolger des ersten Seleukos ein (11,105-123).
140 Der griechische Text wird nach der Teubner-Ausgabe von R. Foerster, Libanii Opera. Vol. I.
Fase. II. Orationes Vl-XI, Leipzig 1903 zitiert. Benützt werden Übersetzung und Kommentar
von Fatouros/Krischer, Antiochikos.
141 Malalas wird zitiert nach: I. Thum, loannis Malalae Chronographia (Corpus Fontium Historiae
Byzantinae XXXV), Berlin/New York 2000. Benützt wird die Übersetzung von E. Jeffreys/M.
Jeffreys/R. Scott, The Chronicle of John Malalas. A Translation (Australian Association for
Byzantine Studies. Byzantina Australiensia4), Melbourne 1986. Vgl. außerdem E. Jeffreys, The
Sources of Malalas, in: E. Jeffreys/B. Croke/R. Scott (Hg.), Studies in John Malalas (Australian
Association for Byzantine Studies. Byzantina Australiensia 6), Sydney 1990, S. 167-216.
142 Fatouros/Krischer, Antiochikos S. 9. Zu der Rede vgl. auch Wiemer, Vergangenheit S.
442-468.
143 Demandt, Spätantike S. 23.
144 16,2,4 = 749, siehe oben. Libanios steigert dieses Lob noch. Er nennt Syrien das schönste Land
unter der Sonne und die Stadt Antiocheia ihren schönsten Teil: 11, 16.
145 Ehling, Unruhen S. 328 f. Nach Lib. 11,24 lassen Klima und Fruchtbarkeit des Landes es nicht
zu, „daß der Hunger sich bei uns breit macht“ (Übersetzung Fatouros/Krischer, Antiochikos).
Ein einziger Hinweis auf eine Hungersnot findet sich in der babylonischen Keilinschrift: Sachs/
Hunger, Astronomical Diaries III S. 85 Nr. 149 Z. 3f. im Zusammenhang mit den Kämpfen
zwischen Demetrios I. und Alexander I.
146 11,44-58. Diese Namen stehen für die in der römischen Kaiserzeit so hoch veranschlagte edle
Abkunft der Bevölkerung und das hohe Alter der Stadt ein.
147 Eine Gründung des Antigonos Monophthalmos, die ins Jahr 307 datiert wird. Antigoneia lag 40
Stadien von Antiocheia entfernt: Lib. 11, 85. Mehl, Seleukos S. 129 und Orth, Geographie S.
80 f. Malalas 8,201 kennt das Kultbild der Stadt, das später nach Rhosos überführt wurde.
148 II, 94-99. In 11,99 heißt es: „Und Daphne war für Seleukos alles“ (Kai Travra rjv f| Adtpvt]
EeXeuKtp).
46
I. Kapitel: Quellen
Für die Geschichte der späten Seleukiden sind dabei zum einen die Überführung
eines gehörnten Isisstandbildes von Memphis nach Antiocheia von Bedeutung (11,
114), da dies ein früher Beleg für die Förderung des »ägyptischen* Kultes durch das
Seleukidenhaus ist,149 zum anderen die Erwähnung eines Aufstandes in Kilikien
unter Antiochos IV. (11, 122-123), ein wichtiger Hinweis darauf, daß es in dieser
Region immer unruhig war, was auch Alexander 1. und Seleukos VI. Probleme be-
reitete.150 Leider nur mehr summarisch erwähnt Libanios die Nachfolger Antiochos’
IV, obwohl er nach eigener Aussage einiges zu berichten gehabt hätte: „11, 124.
Auch über die weiteren Könige weiß ich vieles zu berichten, doch möchte ich, wie
gesagt, nicht durch Ausführlichkeit zur Last fallen, ... 125. Da errichtete der eine
(König) ein Heiligtum des Minos, der andere eines der Demeter, ein anderer eines
des Herakles, und wieder ein anderer das eines anderen. Dieser schuf ein Theater
und jener ein Rathaus; einer ebnete die Straßen, und andere leiteten das Wasser der
Nymphen in Aquädukten, sei es aus den Vorstädten in die Stadt, sei es daß die Neu-
stadt versorgt wurde aus den Quellen, die in der Altstadt so zahlreich fließen. Tem-
pel um Tempel wurde errichtet, bis der größere Teil der Stadt von Heiligtümern
beschützt wurde“ (Übersetzung Fatouros/Krischer, Antiochikos). Die Errichtung
eines Heiligtums für Minos geht möglicherweise auf Demetrios II. zurück, der mit
Hilfe kretischer Söldner an die Macht gelangte.151 Darüber hinaus wird es aber kaum
möglich sein, die Errichtung der genannten Tempel und Profanbauten bestimmten
Königen oder Königinnen, auf deren aktive politische Rolle Libanios in 11, 128
eigens aufmerksam macht, zuzuweisen. Trotz des lokalpatriotischen Untertones wird
man schließen dürfen, daß auch die späten Seleukidenkönige ihren Beitrag zum
Ausbau und zur Verschönerung der syrischen Hauptstadt geleistet haben. Fassen
können wir dies etwa noch für Antiochos IX.152
In ihrem Quellenwert schwer zu beurteilen sind die Fragmente des Johannes
Antiochenus.153 Über das Leben dieses griechischen Geschichtsschreibers (und
Mönches ?) ist nichts bekannt;154 seine Lebenszeit fällt aber wohLnicht ins 7.» son-
dern ins 6. Jh. n.Chr.155 Das Fragment Müller 58 berichtet vom 6. Syrischen Krieg,
dem Religionsverbot Antiochos’ VI. und der Regierungsübemahme durch Demetrios
149 Ehling, Unruhen S. 333 f.; Wiemer, Vergangenheit S. 456 ff. Siehe auch Kap. II 7.
150 Ehling, Unruhen S. 323; 326.
151 Siehe unten Kap. II 5.
152 Malal. 235,15. Austin. Krieg und Kultur S. 141. Siehe unten Kap. II 10.
153 Johannes Antiochenus wird zitiert nach der neuen noch ungedruckten Textedition von S. Mariev,
die im Corpus Fontium Historiae Byzantinae erscheinen wird. Herrn Sergei Mariev. M. A.
(München) danke ich für die Möglichkeit, Einblick in das Manuskript nehmen zu dürfen. Die
Numerierung der Fragmente folgt der Zählung bei K. Müller. Fragmenta Historicorum Grae-
corum, Band 4, Paris 1851.
154 Demandt. Spätantike S. 20. Selbst daß Johannes Antiochenus Mönch gewesen sei, ist keineswegs
wirklich gesichert.
155 Da die letzten Fragmente, d.h. die Fragmente 217 a-b und 218 b-f, wohl nicht Johannes An-
tiochenus zuzuschreiben sind. Vgl. G. Sotiriadis, Zur Kritik des Johannes von Antiochia, Leip-
zig 1888, S. 60ff. und P. Sotiroudis, Untersuchungen zum Geschichtswerk des Johannes von
Antiocheia, Thessaloniki 1989, S. 39 ff. Sein Geschichtswerk ist deshalb wohl um 520-530 n.
Chr. entstanden (freundlicher Hinweis von Herrn Sergei Mariev, M. A. [München]).
1.) Literarische Quellen
47
I. »Religionsedikt* und Maßnahmen des vierten Antiochos gegen die Juden werden
nicht nach dem I. Makkabäerbuch oder Josephus wiedergegeben» sondern folgen
einer späteren christlichen Tradition.156 Die positive Beurteilung des Demetrios I.
geht über Josephus ant. lud. 13, 56 ff. bzw. lustin 15, 1, 11 auf Polybios zurück. Da
Johannes Antiochenus in den späteren, die römische Kaiserzeit betreffenden Frag-
menten mit Eutropius eine lateinische Quelle bevorzugt,157 könnte für die hellenis-
tische Zeit ebenfalls eine lateinische Quelle herangezogen worden sein, nämlich
lustin. Denn sowohl der Skythenaufstand unter Phraates II. (Müller Frag. 66, 2) im
Jahr 129 als auch die Flucht des Demetrios II. nach Tyros (Müller Frag. 66, 3) im
Jahr 125 werden von lustin überliefert (39, 1, 8; 42, 1, 3).
Unverständlich bleibt, warum Alexander II. als 6 rrpeoßvTepoc bezeichnet
wird158 und aus Arabien - nicht Ägypten - kommend gegen Demetrios II. zieht.
Allein von Johannes Antiochenus überliefert wird, daß 1.) es zur Zeit Antiochos’ IX.
zu einem Erdbeben (oeiopdc peyiotoc) an der phönikischen Küste kam, das Tyros
schwer in Mitleidenschaft zog, 2.) ein KopqTric Ende und Tod des neunten Antiochos
ankündigte159 und 3.) Demetrios II. eine Frau namens Apame hatte, die ihren Sohn
Seleukos auf hinterlistige Weise in Damaskos ermordete (Müller Frag. 66,3). Letz-
teres dürfte auf ein Mißverständnis zurückgehen bzw. eine Dublette darstellen, denn
lustin überliefert (39, 1, 9), daß Kleopatra Thea, die erste Frau des Demetrios II.,
ihren Sohn Seleukos hinterlistig ermorden ließ; nur den Ortsnamen Damaskos nennt
lustin nicht. Die Textstelle macht aber wiederum eine Benutzung lustins durch den
byzantinischen Geschichtsschreiber wahrscheinlich. Eine Apame aber wird Demet-
rios II. nie zur Frau gehabt haben; sie ist deshalb nicht in die Familienstammtafel
aufgenommen worden.160
Die bis in das Jahr 563 n. Chr. reichende Weltchronik (xpovoypacpia) des Jo-
hannes Malalas,161 eines zur Zeit des Kaisers lustinian griechisch schreibenden
156 So zwingt der König die Bewohner Jerusalems angeblich dazu, Griechisch zu sprechen. Auch
ist die von Johannes erwähnte Errichtung eines Kultbildes des olympischen Zeus unhistorisch,
wird aber ebenfalls von Hieronymus Comm. i. Dan. 11,31 = Jacoby, FGrHist (1929) S. 1226
berichtet.
157 Die Belege für die Benutzung des Eutrop sind Legion. Die Forschung geht mehrheitlich davon
aus, daß Johannes Antiochenus Eutrop in der griechischen Übersetzung des Kapito von Lykien
benutzt hat. (Diese Übersetzung wird in der Suda s. v. KairiTtüv erwähnt, sie ist aber nicht er-
halten.) So zuletzt P. Sotiroudis, Untersuchungen zum Geschichtswerk des Johannes von An-
tiocheia, Thessaloniki 1989, S. 110 Anm. 55. Allein F. R. Walton, A Neglected Historical Text,
Historia 14, 1965, S. 236-251 hat die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß Johannnes Antio-
chenus eine eigene Übersetzung anfertigte. Wenn sich eine Benutzung lustins definitiv nach-
weisen ließe, würde Waltons Annahme an Wahrscheinlichkeit gewinnen.
158 Müller Frag. 66, 2. Es dürfte hier eine Verwechslung vorliegen, denn als der ältere Alexander
wäre Alexander I., der fiktive Vater des Alexander II., zu bezeichnen; richtig wäre ö vEurrepot;
für Alexander II. gewesen vgl. den Kommentar von Müller S. 561.
159 Zu Erdbeben und Komet vgl. L. Zusi, L’etä mariano-sillana in Giovanni Antiocheno, Padua
1989, S. HOf.
160 Anders Grainger, Prosopography S. 39; 66 und Ogden, Polygamy S. 149; 151, die beide die
Überlieferung bei Johannes Antiochenus für glaubwürdig halten.
161 Malalas wird zitiert nach I. Thum, loannis Malalae Chronographia (Corpus Fontium Historiae
48
1. Kapitel: Quellen
Chronisten aus Antiocheia» enthält eine Geschichte der syrischen Hauptstadt, die
allerdings, wie das ganze Werk, „ohne Kritik zusammengestellt“ ist.162 Neben zahl-
reichen Ungenauigkeiten und Fehlern finden sich aber auch einzelne sehr wertvolle
Angaben: So überliefert der byzantinische Autor die Gründungslegenden von Anti-
ocheia, Seleukeia in Pierien (8, 199), Laodikeia (8, 203) und erwähnt, daß Daphne
ursprünglich von Herakles erbaut wurde (8, 204). Wie Libanios hebt er die zahl-
reichen Städtegründungen des ersten Seleukiden hervor, dem er 75 Gründungen
zuschreibt.163 Daß der erste Seleukide in Seleukeia in Pierien beigesetzt wurde, weiß
neben Malalas (8,204: eTÄcpn ev EeXevKda Tfj<; Evpiac) auch App. Syr. 63, 336
zu berichten, während die meisten späteren Könige vermutlich in Antiocheia bestat-
tet wurden.164 Außerdem erwähnt nur Malalas (208, 26) eine Eheschließung zwi-
schen Antiochos IX. und der parthischen Königstochter Brittane.165 Auch nennt er
verschiedene seleukidische Kunstdenkmale, von denen wir sonst wenig wissen,166
Byzantinae XXXV), Berlin/New York 2000.
162 Demandt, Spätantike S. 23. Eine Übersetzung bieten: E. Jeffreys/M. Jeffreys/R. Scott, The
Chronicle of John Malalas, Melbourne 1986.
163 8,203. Damit würde er sogar noch Alexander d. Großen übertreffen, dem die Gründung von 70
Städten zugeschrieben wurde: Plut. De fortuna Alexandri I 5, Moralia 328 E. Vgl. R. Ziegler,
Alexander der Große als Städtegründer. Fiktion und Realität, in: U. Peter (Hg.), Stephanos
nomismatikos. E. Schönert-Geiß zum 65. Geburtstag, Berlin 1998, S. 679-697 und Brodersen,
Gründungen S. 357 ff.
164 Wahrscheinlich wurde Antiochos IV. in Antiocheia beigesetzt, siehe unten Kap. II 1. Leider
haben wir über die Begräbnisstätten der seleukidischen Könige kaum genauere Kenntnisse.
Wenig wissen wir über die mit diesen Grabstätten sicher verbundenen Kulte. Überhaupt ist
unser Wissen bezüglich des seleukidischen Herrscherkultes eher dürftig. Noch immer gilt im
Grunde das, was Rostovtzeff, IIPOrONOI S. 59 schreibt: “The evidence which we possess on
the Organisation of the official dynastic cult of the Seleucids in their empire is both scanty and
late“. Zum Thema jetzt: P. van Nuffelen, Le culte royal de l'empire des Seleucides: une reinter-
pretation, Historia 52,2004, S. 278-301. K
165 Siehe dazu Kap. II10.
166 In 8, 201 erwähnt er eine Stadttyche von Antigoneia, die später nach Rhosos überführt wurde,
und eine Athenastatue, die möglicherweise später auf den Münzen Antiochos’ VII.. Alexanders
II., Antiochos VIII. (?), Antiochos* IX. und Seleukos* VI. (?) abgebildet wurde: CSE 264-267
und 329-331; 335; 530-538; SNG Israel I 1846-1875; 2289-2291; 2300-2307; 2573 f.;
2677-2680; 2698 f.; 2716-2719; 2732; 2745-2748; 2755-2759; 2779-2786. Bei der Athena
auf den Münzen Antiocheias, die als Plastik dem Apollon von Daphne vergleichbar gewesen
sein dürfte, steht die Nike auf der rechten Hand der Göttin immer nach links. In 8, 202 nennt
der byzantinische Chronist eine Adlerskulptur aus Stein, die Plastik eines Pferdekopfes und in
8, 205 den in den Fels oberhalb von Antiocheia eingehauenen Kopf, den Malalas mit einer
„Maske, Gesicht“ (TrpooiüTrsiov) vergleicht und den die Antiochener „Charonion“ nannten (...
öirep TrpoocoiTEiov köXovoiv Son; tou vvv ol ’AvtioxeiC Xapwviov). Dieses Charonion ist
noch heute zu sehen: Downey, Antioch S. 103 f.; Hoepfner, Antiochia Abb. 10. Der Kopf ist
mehr als fünf Meter hoch: Hoepfner, Geschichte S. 487. P. Perdrizet/Ch. Fossey, Voyage dans
la Syrie du nord. BCH 21, 1897, S. 66-91, bes. S. 79 ff. vermuten S. 82 in dem Kopf eine Kore
oder Demeter. Hoepfner, Antiochia S. 8 hingegen erkennt einen männlichen Kopf mit Tiara, auf
deren rechter Schulter sich eine kleinere Gestalt befindet. In der „Manier alter hethitischer
Felsreliefs“, so meint Hoepfner, steht hier die neue Stadt Epiphaneia auf den Schultern des alten
Antiocheia. Die Deutung ist insofern problematisch, als man erwarten würde, daß Antiocheia
und Epiphaneia durch weibliche Figuren mit Mauerkronen personifiziert würden. - Aus der
1.) Literarische Quellen
49
und Bauwerke in Antiocheia.167 Trotz aller Vorzüge, mit der die syrische Hauptstadt
von der Natur ausgestattet war, ist sie in seleukidischer Zeit doch wahrscheinlich
wenigstens zweimal Opfer von Erdbeben geworden: So im achten Regierungsjahr
des Antiochos III. (223/22-187), was zur Errichtung der auch von Lib. or. 11, 119
erwähnten Neustadt führte (Malal. 8,207 f.), und wahrscheinlich in der Regierungs-
zeit des Tigranes II. (Malal. 8, 21l).168 In der Zeit des vierten Antiochos wütete in
Antiocheia die Pest (Malal. 8,205).
Synkellos,169 der Sekretär des Patriarchen von Konstantinopel, schrieb vermut-
lich als Mönch nach 806 n. Chr. eine Weltchronik bis Kaiser Diocletian.170 Der
byzantinische Autor ist weitgehend von Eusebios171 und dem I. Makkabäerbuch
abhängig, das er ausführlich benützt.172 An ganz wenigen Stellen verfügt er über
,Sondergut*. So berichtet Synkellos, daß Antiochos VII. über Sidon gegen Tryphon
ins Feld zog (351, 16 f. = 553). Die Stadt Sidon wird in diesem Kontext von keiner
anderen Quelle erwähnt. An gleicher Stelle (351, 18f. = 553) berichtet er zudem,
daß Tryphon während der Belagerung Doras durch Antiochos VII. Selbstmord be-
ging, was außer ihm nur noch Strabon vermerkt (14,5,2 = 668); die Nachricht dürfte
letztlich auf Poseidonios zurückgehen.173 Heillos verwirrt sind Synkellos’Ausfüh-
rungen zu den Jahren nach 129.174
Der jüngste in der Reihe byzantinischer Historiker, der auch Nachrichten über
die Seleukiden verzeichnet, ist Zonaras.175 Zonaras war Offizier und hoher Staats-
beamter und starb als Mönch um 1150 n. Chr. Seine Chronik eiriTopr) ioTopicov
beginnt mit der Erschaffung der Welt und reicht bis 1118 n. Chr.176 Der Autor er-
wähnt die römische Senatsgesandtschaft des Jahres 163 nach Antiocheia.177 Außer-
dem kennt er Details der Flucht des Demetrios (I.) aus Rom, die er bei Polybios
Schilderung bei Malalas (8, 205) gewinnt man den Eindruck, daß der „Maske“ apotropäische
Eigenschaften zugeschrieben wurden, denn sie wurde in den Fels gemeißelt, als zur Zeit des
Antiochos IV. eine Pest in Antiocheia wütete.
167 Er nennt das Bouleuterion: 8, 205; 211 und ein Heiligtum des Zeus Bottiaios. Vgl. zum Zeus
Bottiaios Mastrocinque, Zeus S. 358 f.
168 Dieses Ereignis ist auch bei lust. 40, 2,1 vermerkt.
169 Synkellos wird zitiert nach A. A. Mosshammer (Ed.), Georgii Syncelli Ecloga Chronographica,
Leipzig 1984 (Teubner). Benützt werden auch Übersetzung und Kommentar von W. Adler/P.
Tuffin, The Chronography of George Synkellos. A Byzantine Chronicle of Universal History
from the Creation, Oxford 2002.
170 Demandt, Spätantike S. 31.
171 So erwähnt Eusebios (Chron. I 256 = FGrHist 260 F 32, 16) für Demetrios II. den aramäischen
Spottnamen Seripides, den auch Synkellos kennt (351,12: Sirippides). Zum Namen vgl. Will-
rich, Demetrios (41) Sp. 2800.
172 Die Nachweise bieten W. Adler/P. Tuffin, The Chronography of George Synkellos. A Byzantine
Chronicle of Universal History from the Creation, Oxford 2002, in den Anmerkungen.
173 Zu den Selbstmorden von Seleukidenkönigen vgl. Ehling, Miszellen S. 376 ff.
174 Seine Hauptquelle, das I. Makkabäerbuch, endet mit dem Jahr 135.
175 Zonaras wird zitiert nach der Teubneredition von L. Dindorf, loannis Zonarae Epitome Histo-
riarum, Leipzig 1869.
176 K. Ziegler, Zonaras, RE X A, München 1972, Sp. 718 ff.; Demandt. Spätantike S. 33.
177 Siehe unten Kap. II 1.
50
I. Kapitel: Quellen
gelesen hat.178 Wie K. Ziegler in seinem RE-Artikel zu Zonaras vermutet, stand
diesem noch der ganze Polybios zur Verfügung.179 Ansonsten folgt er insbesondere
den Makkabäerbüchern und Josephus; letzteren gibt er z. B. in Buch 4,16 C nament-
lich als Quelle an.
2.) Lateinische Autoren. Die wichtigste erhaltene, lateinisch abgefaßte Quelle ist das
Exzerpt Historiaruni Philippicarum Pompei Trogi libri quadraginta quattuor, das
M. lunianus lustin im 2. oder 3. Jh. n. Chr. von den 44 Büchern des Pompeius Tro-
gus anfertigte.180 Letztere trugen den Titel Historiae Philippicae und wurden in
augusteischer Zeit geschrieben.181 Die Bücher 13-40 der Epitome geben eine Zu-
sammenfassung der Geschichte der hellenistischen Zeit vom Tode Alexanders d. Gr.
bis zum Ende des Ptolemäerreiches.182 Seleukidisches wird in den Büchern 15, 4:
Seleukos I. und Tschandragupta, 27,1-2: 3. Syrischer Krieg, 27, 3: Flucht des An-
tiochos Hierax, 31-32, 3, 5: Regierung und Tod Antiochos’ III., 34, 2, 7-3, 9: 6.
Syrischer Krieg und Anfänge des Demetrios I., 35: Demetrios I. und Alexander L,
36, 1: Demetrios II. und Antiochos VII., 38, 9-10: Gefangennahme des Demetrios
II., 39, 1: Flucht und Tod des Demetrios II. und Regierung des Alexander II., 39,
2-3: Niederlage des Alexander II. und die Kämpfe zwischen Antiochos VIII. und
Antiochos IX., 40: Regierung des Tigranes II. und Einzug des Pompeius in Syrien
sowie 41,4-5: Ostfeldzug Antiochos’ I. und Abfall der Oberen Satrapien berichtet.
Die ältere Auffassung, daß Pompeius Trogus kaum etwas anderes biete als eine la-
teinische Bearbeitung des Timagenes von Alexandreia,183 ist kaum haltbar und gilt
heute als widerlegt.184 Vielmehr hat Trogus eine Vielzahl von Quellen benutzt, „de-
ren Spektrum äußerst breit gefächert ist“.185 Was die spätere seleukidische Ge-
schichte betrifft, so sind Polybios und Poseidonios seine Hauptquellen. Die Bücher
und Abschnitte bei lustin: 34,2,7-3,9 und 35, 1, 1-2,4 gehen auf Polybios, 36, 1,
38,9-10,39,1-3 und Buch 40 auf Poseidonios zurück.186 Damit liegen den drama-
178 Siehe unten Kap. II 2.
179 K. Ziegler, Zonaras, RE X A. München 1972. Sp. 727.
180 Wenig schmeichelhaft ist die Beurteilung lustins durch J. Beloch, Griechische Geschichte I: Bis
auf die sophistische Bewegung und den peloponnesischen Krieg. Straßburg 1893, S. 18, der
dessen Schrift als „ein ganz elendes Machwerk“ bezeichnet.
181 lustin wird zitiert nach der Teubneredition von O. Seel, M. luniani lustini, Epitoma Historiarum
Philippicarum Pompei Trogi, Stuttgart 1972. Benützt wurde die Übersetzung von O. Seel, Pom-
peius Trogus. Weltgeschichte von den Anfängen bis Augustus im Auszug des Justin, Zürich/
München 1972. Einen Kommentar bietet Richter. Untersuchungen.
182 Richter, Untersuchungen S. 13.
183 So A. v. Gutschmid. Trogus und Timagenes, RhM 37, 1882. S. 548-555; E Jacoby. Die Frag-
mente der griechischen Historiker (F Gr Hist). Zweiter Teil: Zeitgeschichte. C: Kommentar zu
Nr. 64-105, Berlin 1926, S. 220; H.R. Breitenbach, Timagenes (2), KP 5, München 1975 Sp.
833 u.a.
184 Vgl. die Diskussion dieser These bei Richter, Untersuchungen S. 26 ff.
185 Ebenda S. 29 f. mit Anm. 11.
186 Wie Richter, Untersuchungen S. 165 ff. gegen L. Santi Amantini, Fonti e valore storico di Pom-
peo Trogo (lustin XXXV e XXXVI), Genova 1972, feststellt, bediente sich Trogus nicht einer
Zwischen- oder Mittelquelle, sondern griff direkt auf Poseidonios zurück. Eine solche Zwischen-
1.) Literarische Quellen
51
tischen Beschreibungen vom Tode der Kleopatra Thea187 oder von der Ermordung
der Kleopatra Tryphaina188 poseidonische Schilderungen zugrunde.
Ein Problem stellt das 40. Buch dar. Justin faßt darin einen Zeitraum von 50
Jahren, d.h. die Jahre von 113 bis 63 kurz zusammen.189 Es enthält offensichtliche
Fehler: So wird die Regierungsdauer des Tigranes II. mit 17 bzw. 18 Jahren ange-
geben;190 richtig ist die Angabe bei Appian, der von 14 Jahren spricht.191 In lust. 40,
2, 2 wird Antiochos XIII. als Sohn des Antiochos IX. bezeichnet; richtig ist, daß er
der Sohn des Antiochos VIII. war. Bemerkenswert ist die positive Beurteilung des
Tigranes II., dessen Regierung als traiiquillissunus charakterisiert wird (40, 1, 4).
Möglicherweise stützte sich Trogus auf einen Tigranes II.-Historiker wie Metrodo-
ros von Skepsis.192 Die positive Einschätzung kann aber auch noch auf Poseidonios
zurückgehen, wenngleich seine Historien nur bis zum Jahr 86 oder 85 reichten.193
Ganz merkwürdig ist die Überlieferung, Tigranes II. sei durch Wahl des populus
zum König von Syrien geworden und habe dabei vor Mithradates VI. und Ptolema-
ios IX. Soter II. den Vorzug erhalten.194 Hinter dieser Überlieferung,steckt4 vermut-
lich ein Tigranes II.-Historiker.195 Die abschließende Beurteilung, das Seleukiden-
reich sei letztlich an den innerdynastischen Bruderkämpfen zugrundegegangen,196
geht mit ziemlicher Sicherheit auf Poseidonios zurück.197 Erstens ist nur Poseidonios
ein solcher historischer ,Tiefblick4 zuzutrauen, zweitens macht er schon in einem
anderen Zusammenhang, nämlich für das Aufkommen der Piraterie im östlichen
Mittelmeerraum Ende der 140er Jahre, die mit Tryphon einsetzenden innerdynasti-
schen Kämpfe verantwortlich.198 Poseidonios ist auch, darauf wurde oben bereits
hingewiesen, der einzige Historiker, der zwischen älterer und jüngerer Linie des
oder Mittelquelle könnten Nikolaos von Damaskos, Strabon oder Timagenes gewesen sein:
Richter, Untersuchungen S. 208.
187 lust. 39,2, 7-8.
188 lust. 39, 3, 3. Richter, Untersuchungen S. 199 f.
189 Schon Trogus war, wie prol. 40 zeigt, hier sehr knapp: Richter, Untersuchungen S. 202.
190 F. Rühl nimmt in seiner lustin-Edition bei Teubner, Leipzig 1886, die Lesung „XVII“, O. Seel,
M. luniani lustini, Epitoma Historiarum Philippicarum Pompei Trogi, Stuttgart 1972, hingegen
die Lesart „XVIII“ auf.
191 App. Syr. 48, 248. Brodersen, Abriß S. 78; Richter, Untersuchungen S. 203.
192 FGrHist 184. Richter, Untersuchungen S. 204 mit Anm. 2.
193 Malitz, Poseidonios S. 301; Richter, Untersuchungen S. 203.
194 lust. 40, 1,2-3. Siehe unten Kap. II 12.
195 Denkbar wären neben Metrodoros von Skepsis auch Herakleides von Magnesia und Hypsikra-
tes von Amisos: Richter, Untersuchungen S. 204 Anm. 2. Zu diesen Historikern ausführlich
ebenda S. 178 ff.
196 lust. 40, 2, 5: Atque ita Syriam in provinciaefonnam redegit, paulatimque Ortens Romanorum
discordia consangtnneorum regum factus est.
197 Vgl. dazu Richter, Untersuchungen S. 204 f., der an dieser Stelle aber nicht an Poseidonios denkt,
sondern meint, die Überlieferung ginge entweder auf Theophanes von Mytilene oder eine
mündliche Tradition „Trogus* Onkel, der als Augenzeuge die Kampagnen des Pompeius im
Osten miterlebte ...“ zurück.
198 Vgl. Strab. 14,5,2 = 668, wo sicher Poseidonios zugrunde liegt: W. Capelle, Griechische Ethik
und römischer Imperialismus, Klio 25, 1932, S. 102f. Anm. 2; Strasburger, Poseidonios S. 43
mit Anm. 34; Malitz, Poseidonios S. 164 ff. Siehe auch unten Kap. II 6.
52
I. Kapitel: Quellen
Seleukidenhauses unterscheidet199 und den daraus erwachsenden Problemen Beach-
tung schenkt. Auf diese poseidonische Analyse wird am Schluß der Arbeit bei der
Diskussion der Frage nach den Gründen des Niedergangs und Zerfalls des Seleuki-
denreiches noch eingegangen.
Nach lustin ist Livius (59 V.-17 n. Chr.?) unsere wichtigste lateinische Quelle
zur Seleukidengeschichte.200 Der römische Geschichtsschreiber verfaßte ein 142
Bücher umfassendes Werk mit dem Titel ab urbe condita, von dem die Bücher 1-10
(bis 293), 21-45 (218-167) und Fragmente von Buch 91 (Sertoriuskrieg) erhalten
sind.201 Wo Livius in den erhaltenen Büchern detailliert über die Seleukiden berich-
tet (37, 39, 7-44, 7: Schlacht bei Magnesia am Sipylos, 38, 38, 1-18: Vertrag von
Apameia, 41, 20, 1-13: Geschenk- und Stiftungspolitik Antiochos’ IV. und 45, 11,
8-13,8: ,Tag von Eleusis4), liegen die Ausführungen des Polybios zugrunde.202 Die
seleukidische Spätzeit behandelte Livius in den Büchern 46 bis 101 (?).203 Diese
sind verloren, aber wir besitzen wenigstens noch kurze Inhaltsangaben zu den ein-
zelnen Büchern, die sogenannten Periochae (per.).204 Aus diesen geht hervor, daß
Livius im 49. Buch über Details vom Hofe des Alexander I. (per. 49) und im 50.
Buch über die dynastischen Morde, die sich nach der Machtübernahme des ersten
Alexander ereigneten, berichtete.205 Diese Nachrichten hat der römische Autor sicher
dem Geschichtswerk des Poseidonios entnommen.206 Die Kämpfe zwischen Alex-
ander I. und Demetrios II. und Demetrios II. und Tryphon behandelte Livius im 52.
Buch (per. 52). Der Partherfeldzug des siebten Antiochos war, ebenfalls basierend
auf Poseidonios’ Historien, Thema des 59. Buches (per. 59). In Buch 99 berichtete
er vom Seeräuberkrieg des Pompeius und in Buch 101 von der Unterwerfung des
Tigranes II. sowie der Einnahme Kilikiens, Syriens und Phönikiens (per. 99; 101).
199 Malitz, Poseidonios S. 278 Anm. 156.
200 Livius wird zitiert nach: J. Briscoe, Titi Livi. Ab urbe condita. Libri XLI-XLV, Stuttgart 1986.
Die Kommentare zu Livius beschäftigen sich bevorzugt mit den ersten Büchern. Für das bellum
Antiochicum (bis 189) steht der Kommentar von J. Briscoe, A Commentary on Livy. Books
XXXI-XXXIII, Oxford 1973, und ders., A Commentary on Livy. Books XXXIV-XXXVII,
Oxford 1981, zur Verfügung.
201 A. Klotz, Livius (9), RE XIII 1, Stuttgart 1926, Sp. 820.
202 Polybios ist die wichtigste Quelle des Livius „für die Ereignisse im Osten“: A. Klotz, Livius
(9), RE Xni 1, Stuttgart 1926, Sp. 845.
203 Vgl. per. 101.
204 A. Klotz, Livius (9), RE XIII 1, Stuttgart 1926, Sp. 824ff. Die livianischen Periochae werden
zitiert nach: H. J. Hillen, T. Livius, Römische Geschichte. Buch XLV. Lateinisch und deutsch.
Antike Inhaltsangaben und Fragmente der Bücher XLVI-CXL1I, Darmstadt 2000.
205 Per. 50. Siehe unten Kap. II 5.
206 A. Klotz, Livius (9), RE XIII 1, Stuttgart 1926, Sp. 846 schreibt, daß die Benutzung des Posei-
donios durch Livius „so gut wie sicher“ ist.
1.) Literarische Quellen
53
Jüngere Autoren wie Festus,207 Eutropius,208 Julius Obsequens209 und Orosius210
haben Livius benützt, dabei aber wahrscheinlich nicht auf das Gesamtwerk zurück-
gegriffen, sondern auf eine bereits von Martial (14, 190) bezeugte Epitome.211 Die
wichtige Notiz bei Orosius, daß Mithradates L im Jahr 141 den Statthalter (praefec-
tus) des Demetrios II. besiegte und die Stadt Babylon eroberte (5,4,16), dürfte über
die Livius-Epitome wiederum auf Poseidonios zurückgehen. Orosius’ Schilderung
des Partherfeldzuges des Antiochos VII. (5,10,8) liegt die Epitome des 59. Buches
des Livius zugrunde, der aus Poseidonios schöpfte. Orosius benützt darüber hinaus
für die Seleukidenzeit insbesondere das I. Makkabäerbuch. Die bei Eutropius über-
lieferten Maßnahmen des Pompeius in Syrien (6,14,2) sind Livius’ 101. Buch bzw.
der Epitome entnommen. Frontins Strategmaton schließlich dürfte ebenfalls über
die Livius-Epitome auf die Historien Poseidonios’ zurückgehen,212 der die Episode
vielleicht in einer höfischen Quelle gelesen hat.
Außer Polybios, der mit dem Prinzen Demetrios (I.) eng befreundet war, ist von
den hier zu besprechenden Historikern und Autoren wohl nur ein einziger mit einem
weiteren Seleukiden persönlich in Berührung gekommen, nämlich Cicero mit Anti-
ochos Philometor und/oder Antiochos XIII. Als der römische Politiker zu Beginn
des Jahres 74 aus Sizilien nach Rom zurückkehrte,213 trafen etwa gleichzeitig die
Brüder Antiochos Philometor und Antiochos XIII. dort zu Verhandlungen mit dem
Senat ein.214 Cicero dürfte den beiden während ihres zweijährigen Romaufenthaltes
mehrfach begegnet sein. Als er Anfang des Jahres 70 offiziell zum Ankläger des
Verres ernannt wurde215 und auf Sizilien Beweise gegen den ehemaligen Statthalter
207 Festus wird zitiert nach: J. W. Eadie, The Breviarium of Festus. A Critical Edition with Histori-
cal Commentary, London 1967. Der Autor war, wie Eutropius (siehe die folgende Anmerkung).
magister memoriae unter Kaiser Valens und von 372 bis 378 n. Chr. proconsul Asiae: Demandt.
SpätantikeS. 17.
208 Eutropius, der unter Kaiser Valens magister memoriae und im Jahr 387 Consul war, vgl. De-
mandt, Spätantike S. 16f., wird zitiert nach der Teubneredition von C. Santini, Eutropii brevia-
rium ab urbe condita, Stuttgart/Leipzig 1992.
209 Julius Obsequens, wohl ein Autor des ausgehenden 4. Jhs. n. Chr., wird im folgenden zitiert nach
H. J. Hillen, T. Livius, Römische Geschichte. Buch XLV. Lateinisch und deutsch. Antike Inhalts-
angaben und Fragmente der Bücher XLVI-CXLI1, Darmstadt 2000.
210 C. Zangemeister, Pauli Orosii Historiarum adversus Paganos. Libri VII, Leipzig 1889. Benützt
wurde auch die Übersetzung von A. Lippold, Paulus Orosius. Die antike Weltgeschichte in
christlicher Sicht. Buch V-VII, Zürich/München 1986.
211 Vgl. A. Klotz, Livius (9), RE XIII 1, Stuttgart 1926, Sp. 824f. und Heftner, Plutarch S. 59f.
sowie bezüglich des Eutropius zuletzt: F. L. Müller, Eutropii breviarium ab urbe condita. Eutro-
pius, Kurze Geschichte Roms seit Gründung (753 v. Chr.-364 n. Chr.). Einleitung, Text und
Übersetzung (Palingenesia 56), Stuttgart 1995, S. 9.
212 2, 13,2. Siehe unten Kap. II 8. Der Verfasser, lulius Sextus Frontinus, bekleidete drei Mal den
Konsulat (in den Jahren 73,98 und 100 n. Chr.) und wird nach der lateinisch-deutschen Ausgabe
von G. Bendz, Frontin: Kriegslisten (Schriften und Quellen der Alten Welt 10), Berlin 19873,
zitiert.
213 Fuhrmann, Cicero S. 61.
214 Siehe unten Kap. II 12.
215 Fuhrmann, Cicero S. 66.
54
I. Kapitel: Quellen
zu sammeln begann,216 217 hat Cicero Antiochos Philometor oder Antiochos XIII. viel-
leicht sogar noch persönlich in Syrakus (?) als Zeugen befragt2,7 Jedenfalls zeigt er
sich hinsichtlich des dem Seleukiden von Verres abgepreßten Tafelgeschirres und
der übrigen Kunstgegenstände gut unterrichtet.218 Darüber hinaus hat Cicero sogar
in gewisser Weise aktiv in die den Nahen Osten betreffende Politik Roms eingegrif-
fen, indem er als Prätor mit seiner Rede pro lege Manilia de imperio Cn. Pompei im
Jahr 66 die Ernennung des Pompeius zum Oberbefehlshaber im Krieg gegen Mit-
hradates VI. von Pontos und Tigranes II. von Armenien durch die lex Manilia un-
terstützte. Dieser Rede sind wichtige Details des Seeräuberkrieges von 67 zu ent-
nehmen.219
Schließlich verdanken wir noch zwei interessante Details (Hochzeit Antiochos’
IV. mit der Artemis von Hierapolis; Zug mit der Leiche Antiochos’ IV. nach Antio-
cheia) dem aus dem 2. Jh. n.Chr. stammenden lateinisch schreibenden Granius Li-
cinianus.220 Dieser hat ebenfalls Livius oder einen Liviusauszug benützt, aber auch
andere, heute nicht mehr eruierbare Quellen 221
3.) Jüdische Autoren. Unter den von jüdischen Autoren verfaßten Schriften sind das
I. und II. Makkabäerbuch sowie die „Jüdischen Altertümer“ (Antiquitates) des Fla-
vius Josephus von ganz hervorragendem Quellenwert,222 auch wenn sie, wie oben
ausgeführt, die Geschichte der Seleukidendynastie im wesentlichen aus der Perspek-
tive des seleukidisch-jüdischen Konfliktes beschreiben.
Das historisch älteste dieser drei Werke ist das II. Makkabäerbuch.223 Es handelt
sich dabei um eine Epitome, die im Jahr 124 von einem Autor, vielleicht dem in II.
216 EbendaS. 66f.
217 Wenig später muß Antiochos Philometor bzw. der dreizehnte Antiochos von Sizilien abgereist
sein, vermutlich nach Kilikien, denn im Frühjahr/Sommer 69 wurde Antiochos XIII. König in
Syrien.
218 Die vierte Rede gegen Verres wird zitiert nach: G. Peterson, M. Tulli Ciceronis Orationes III
(Scriptorum Classicorum Bibliotheca Oxoniensis), Oxford 1978 (Nachdruck der zweiten Edition
von 1917).
219 Die Rede Ciceros wird zitiert nach: A.C. Clark, M. Tulli Ciceronis Orationes I (Scriptorum
Classicorum Bibliotheca Oxoniensis), Oxford 1970 (Nachdruck der ersten Edition von 1905).
Vgl. dazu die Ergänzungen: G. Perl/A. Blochwitz, Ciceros Rede ,De imperio Cn. Pompei* im
Codex Berolinensis Lat. fol. 252 (E), Hermes 132,2004, S. 92-101.
220 Granius Licinianus wird nach der neuen, 1981 bei Teubner in Leipzig herausgekommenen
Edition von N. Criniti zitiert. Seleukidisches findet sich dort in Buch 28.
221 G. Funaioli, Granius (13), RE VII2, Stuttgart 1912, Sp. 1822.
222 Wie schon Niese, Makkabäerbücher S. 268 betont, sind die beiden Makkabäerbücher von
„besondere(r) Wichtigkeit nicht nur für die jüdische Geschichte, sondern auch für die Geschichte
des späteren Hellenismus, die in ihnen eine der wichtigsten Quellen besitzt“. In einem noch
höheren Maße gilt dies für Josephus, siehe unten.
223 Der griechische Text des II. Makkabäerbuches wird nach der Edition von W. Kappler/R. Hanhart,
Maccabaeorum über II, in: Septuaginta. Vetus Testamentum Graecum, Auctoritate Academiae
Scientiarum Gottingensis editum, vol. IX: Maccabaeorum libri I-IV, fase. 2: Maccabaeorum
Über II, Göttingen 19762 zitiert. Die Übersetzungen stammen, wenn nicht vom Verfasser, von
Habicht. 2. Makkabäerbuch.
1.) Literarische Quellen
55
Makk. 2, 14 erwähnten Judas,224 aus den fünf auf Griechisch verfaßten Büchern des
Jason von Kyrene angefertigt wurde.225 Diese tldv MaKKaßaiKtov £7riTopr| 226
wurde später von einem weiteren, anonymen Redakteur nochmals überarbeitet, so
daß der Text in drei verschiedenen Bearbeitungsschichten vorliegt.227 In der vorlie-
genden Fassung stellt das II. Makkabäerbuch einen „stark verdünnten Auszug“ aus
dem fünf Bücher umfassenden Werk des Jason dar.228 Es beginnt mit zwei Briefen
der Jerusalemer Gemeinde an die Juden in Ägypten (II. Makk. 1, 1-9; 1, 10-2, 18)
und einer Vorbemerkung des Epitomators (II. Makk. 2,19-32). Mit der Schilderung
des vergeblichen Versuches des seleukidischen »Reichskanzlers* Heliodor, die Jeru-
salemer Tempelschätze für Seleukos IV. (187-175) einzuziehen, setzt die eigentliche
historische Darstellung ein (II. Makk. 3, 1-40). Diese endet mit der Niederlage des
seleukidischen Strategen von Judäa, Nikanor, im März 161.229 Der Schwerpunkt des
II. Makkabäerbuches liegt auf den Ereignissen, die zum Religionsverbot Antiochos’
IV. im Jahr 168 (II. Makk. 4, 1-6, 11) und zum Makkabäeraufstand (II. Makk. 6,
12-15, 36) führen. Der Tod Antiochos’ IV. im Nov./Dez. 164 wird in II. Makk. 9,
1-29 erzählt, der Regierungsantritt Antiochos’ V. in II. Makk. 10, 11 berichtet. Der
,Held* des Buches ist Judas Makkabaios,230 dessen Tod, der noch in das Jahr 161
fällt, aber nicht mehr erwähnt wird. Daraus ergibt sich, daß Jason von Kyrene das
II. Makkabäerbuch wohl bald nach 161 verfaßt hat.231
Im Gegensatz zum I. Makkabäerbuch (zu diesem siehe unten) findet sich im
ganzen II. Makkabäerbuch lediglich ein einziges Jahresdatum nach der Seleuki-
denära (S.Ä.) 232 Diese geringe Zahl an chronologischen Angaben ist sehr wahr-
scheinlich nicht Jason von Kyrene anzulasten, sondern dem Epitomator zuzuschrei-
ben, für den die exakte zeitliche Einordnung der Ereignisse bereits nicht mehr
weiter wichtig war. Daß Jason von Kyrene aber wenigstens eine seleukidische Quelle
224 Niese, Makkabäerbücher S. 304.
225 II. Makk. 2, 23. Zum Jahr 124 vgl. die Datierung des ersten Briefes: II. Makk. 1, 9 und Niese,
Makkabäerbücher S. 277 sowie Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 175. Zur Abfassung der fünf
Bücher in griechischer Sprache: Niese, Makkabäerbücher S. 269. Zu Jason von Kyrene vgl.
auch Hengel, Jerusalem S. 286, der Jerusalem für den Abfassungsort der fünf Bücher hält.
Grundlegend zum II. Makkabäerbuch ist: J.G. Bunge, Untersuchungen zum zweiten Makkabä-
erbuch. Quellenkritische, literarische, chronologische und historische Untersuchungen zum 2.
Makkabäerbuch als Quelle syrisch-palästinensischer Geschichte im 2. Jh. v.Chr., (Diss.) Bonn
1971.
226 So der Titel des Buches nach Clem. Al. Strom. 5, 14, 98: Niese, Makkabäerbücher S. 279 mit
Anm. 3.
227 Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 175. Auf den letzten Redakteur gehen insbesondere einige Text-
umstellungen zurück.
228 Niese, Makkabäerbücher S. 304.
229 II. Makk. 15, 25-36. Den Amtstitel überliefert II. Makk. 14, 12. Bengtson, Strategie II S. 184
Anm. 2; Grainger, Prosopography S. 107 f. Siehe unten Kap. II 3.
230 Niese, Makkabäerbücher S. 269; 306. Zum Beinamen: Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 303 zu
4 a): Er bedeutet wahrscheinlich „der Hämmerer“ bzw. „der Hammerartige“.
231 Zwischen 161 und 152, dem Jahr der Ernennung des Jonathan zum Hohenpriester: Niese, Mak-
kabäerbücher S. 304; Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 175.
232 II. Makk. 13, 1: „im Jahr 149“. Daß diese Jahresdaten nach der seleukidischen Herbstära von
312 gerechnet sind, kann Bringmann, Reform S. 15 ff. nachweisen, siehe unten.
56
I. Kapitel: Quellen
eingesehen haben muß, geht aus seiner präzisen Verwendung seleukidischer Amts-
bezeichnungen hervor: So wird z. B. Heliodor als ö Elfi w irpaYpaTcov tituliert
(II. Makk. 3, 7), Apollonios als MvodpxnC (II. Makk. 5, 24), Krates als ö etti twv
Kujrpitüv (II. Makk. 4, 29) und Nikanor als EÄEcpavTapxnC Kai orpaTqYÖC ttK
’lovöaiac (II. Makk. 14, 12).233 Der Verfasser ist zudem mit dem seleukidischen
Titelwesen vertraut: Er kennt den ovvTpocpot; (II. Makk. 9, 29) ebenso wie den 6
tcdv TrpcüTCüv cpiXcov (II. Makk. 8, 9).234
Anders als das II. Makkabäerbuch ist das um 120 entstandene I. Makkabäerbuch
ursprünglich in hebräischer Sprache geschrieben worden.235 Dieser Urtext ist ver-
loren; die Überlieferung beruht daher auf den griechischen, lateinischen, syrischen,
arabischen und armenischen Übersetzungen, wobei der griechischen Textüberliefe-
rung „die größte Bedeutung“ zukommt236
Das I. Makkabäerbuch gliedert sich in vier Teile:237 Nach einer kurzen Einlei-
tung, die von Alexander d. Gr. und den Diadochen ausgeht (1, 1-9), wird im ersten
Teil von der Erhebung Antiochos’ IV. im Jahr 175, seinen Maßnahmen gegen die
Juden und von den Anfängen des Makkabäeraufstandes unter dem Hasmonäer Mat-
tathias berichtet (1, 10-2, 70). Im zweiten Teil wird die Schilderung des Makkabä-
eraufstandes unter Führung von dessen Sohn Judas fortgesetzt (3,1-9,22), der dritte
Teil erzählt die weiteren Kämpfe unter Judas’ Nachfolger, dem hasmonäischen Ho-
henpriester Jonathan (9,23-12,53). Der vierte Teil (13, 1-16,22) kulminiert in der
Erringung der Unabhängigkeit Judäas vom Seleukidenreich im Mai 142 (13,51) und
endet mit dem Tode des hasmonäischen Hohenpriesters Simon im Jahr 135 (14,
16).
Der anonyme Verfasser des I. Makkabäerbuches stützt sich sowohl auf jüdische
als auch wenigstens eine seleukidische Quelle. Die Überlieferung zu den Juden
basiert auf einer Vita des Judas Makkabaios, den Jahrbüchern der Hohenpriester
Alkimos (?), Jonathan und Simon sowie mündlichen Traditionen.238 Auf die Benut-
zung einer seleukidischen Chronik weist schon die Verwendung der Seleukidenära
im Zusammenhang mit Ereignissen der seleukidischen Geschichte hin.239 Wie K.
233 Die beiden zuletzt genannten Amtsbezeichnungen sind zwar weder epigraphisch noch sonst
literarisch belegt, aber in der im II. Makkabäerbuch vorliegenden Schreibweise sicherlich au-
thentisch. Mysarchen sind auch bezeugt bei Pol. 31, 3, 3 und Liv. 37,40, 8.
234 Niese, Makkabäerbücher S. 294 ff.; Bickermann, Makkabäerbücher Sp. 793.
235 Zum Abfassungsdatum vgl. Schunck. I. Makkabäerbuch S. 292. Niese, Makkabäerbücher S.
276 datiert das I. Makkabäerbuch in die Zeit zwischen 104 und 63. Fischer, Partherkrieg S. 6
mit Lit. in Anm. 6 spricht sich für eine Abfassung gegen Ende des 2. Jhs. aus. Zur Sprache des
II. Makkabäerbuches vgl. Niese, Makkabäerbücher S. 269 und Schunck, 1. Makkabäerbuch S.
289.
236 Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 289. Zitiert wird nach der Edition von W. Kappler, Maccabae-
orum über I., in: Septuaginta. Vetus Testamentum Graecum, Auctoritate Academiae Litterarum
Gottingensis editum, vol. IX: Maccabaeorum übri I-IV, fase. 1: Maccabaeorum über I, Göttin-
gen 19672. Die Übersetzungen stammen vom Verfasser oder werden nach Schunck, 1. Makka-
bäerbuch zitiert.
237 Zum folgenden: Niese, Makkabäerbücher S. 269 und Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 293.
238 Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 291.
239 Niese. Makkabäerbücher S. 508; Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 291. Vgl. die Auflistung der
1.) Literarische Quellen
57
Bringmann nachgewiesen hat, folgen alle im I. Makkabäerbuch überlieferten Jah-
reszahlen der seleukidischen Herbstära von 312; Bringmann kommt damit das
Verdienst zu, ein vieldiskutiertes chronologisches Problem gelöst zu haben.240 Se-
leukidischer Herkunft sind ebenfalls die zahlreichen Urkunden und Briefe, die der
Autor des I. Makkabäerbuches in einem Jerusalemer Archiv eingesehen und abge-
schrieben bzw. paraphrasiert haben dürfte.241 Die nachstehende Auflistung gibt einen
Überblick über alle derartigen im I. Makkabäerbuch verzeichneten offiziellen Do-
kumente:
1.) I. Makk. 1, 41-42: »Hellenisierungsbefehl* des Antiochos IV., 2.) I. Makk.
1, 44-51: Religionsverbot des Antiochos IV. im Jahr 168, 3.) I. Makk. 8, 23-30:
Römisch-jüdischer Vertrag des Jahres 161,4.) I. Makk. 8,31-32: Brief des Senates
an Demetrios I. aus dem Jahr 161, 5.) I. Makk. 10, 3-6: Brief des Jonathan an De-
metrios L; Antwortschreiben Demetrios* I. an Jonathan (Jahr 152), 6.) I. Makk. 10,
18-20: Ernennung Jonathans zum Hohenpriester durch Alexander I. im Jahr 152,
7.) I. Makk. 10, 25-45: Brief des Demetrios I. an den Hohenpriester Jonathan
(152/51 ?), 8.) I. Makk. 10,52-54: Brief des Alexander I. an Ptolemaios VI. (150),
9.) I. Makk. 10, 55-56: Antwortschreiben des Ptolemaios VI. an Alexander I., 10.)
I. Makk. 11, 9-10: Brief des Ptolemaios VI. an Demetrios II. (147), 11.) I. Makk.
11,30-37: Brief des Demetrios II. an den Hohenpriester Jonathan, in dem auch ein
Schreiben des Königs an seinen »Reichskanzler* Lasthenes zitiert wird (146 oder
145), 12.) I. Makk. 11,57-59: Brief des Antiochos VI. an den Hohenpriester Jona-
than (wohl 144), 13.) I. Makk. 12, 3: Brief des Hohenpriesters Jonathan an den
Senat von Rom (144 oder 143), 14.) I. Makk. 12, 6-18: Brief des Hohenpriesters
Jonathan und der Juden an die Spartaner (144 oder 143), 15.) I. Makk. 12, 20-23:
Brief des Spartanerkönigs Areios an den Hohenpriester Onias (zur Zeit Seleukos’
IV. 187-175), 16.) I. Makk. 13,15-16: Brief Tryphons an den Jonathan-Nachfolger
Simon (Ende 143/Anfang 142), 17.) I. Makk. 13,36-40: Brief des Demetrios II. an
den Hohenpriester Simon (etwa Anfang 142), 18.) I. Makk. 14, 18: Schreiben des
römischen Senates an den Hohenpriester Simon (142), 19.) I. Makk. 14, 20-24:
Antwortschreiben der Spartaner an die Juden, 20.) I. Makk. 14, 38-39: Brief des
Demetrios II. an den Hohenpriester Simon (140 ?), 21.) I. Makk. 15,2-9: Brief des
Antiochos VII. an den Hohenpriester Simon (139).
Die Echtheit dieser Urkunden und Briefe ist in der Forschung intensiv diskutiert
worden. Während auf der einen Seite etwa E. Meyer die Ansicht vertritt, daß die
meisten Zweifel an der Echtheit dieser Dokumente unbegründet seien,242 haben
insbesondere H. Willrich und J.-D. Gauger die Authentizität vieler dieser Schreiben
in Frage gestellt.243 Dabei besteht allerdings die Gefahr, die Kritik zu überziehen.
Eine detaillierte Diskussion zu Echtheit und Unechtheit soll an dieser Stelle nicht
geführt werden, sondern erfolgt, wenn notwendig, unten in den einzelnen Kapiteln
Daten bei Niese, Makkabäerbücher S. 507 und Bringmann, Reform S. 15 f.
240 Reform S. 15ff.bes.28.
241 Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 291.
242 Vgl. z.B. seine Bemerkung Ursprung II S. 255 Anm. 1.
243 Vgl. Willrich, Urkundenfälschung und Gauger, Beiträge.
58
I. Kapitel: Quellen
jeweils in ihrem historischen Kontext. Nur soviel sei hier vorausgeschickt: Daß das
Schreiben 15.) I. Makk. 12,20-23: Brief des Spartanerkönigs Areios an den Hohen-
priester Onias fiktiv ist, wird in der Forschung allgemein angenommen.244 Darüber
hinaus äußert E. Bickermann m.E. mit Recht Zweifel an 1.) dem ,Hellenisierungs-
befehr des vierten Antiochos.245 Schließlich möchte ich mit H. Willrich und anderen
die Echtheit des Königsbriefes 7.) in Frage stellen.246 Entscheidend aber ist, daß es
sich bei diesen Urkunden keineswegs um bewußte Fälschungen im eigentlichen
Sinne handelt, sondern diese Schriftstücke dem anonymen Autor des I. Makkabäer-
buches als echt überliefert wurden.247 Insgesamt ist das I. Makkabäerbuch eine gute
und historisch zuverlässige Quelle.248
Die Darstellung des II. Makkabäerbuches umfaßt also die Jahre 175/169 bis 135
und fällt nur für den Zeitraum von 169 bis 161 mit dem Bericht des I. Makkabäer-
buches zusammen. Die beiden Bücher weisen in den Grundzügen die gleiche Ten-
denz auf: Beide Schriften stehen auf einem streng jüdischen, hasmonäertreuen
Standpunkt und sehen in den seleukidischen Funktionären ebenso wie in den helle-
nisierten jüdischen Gegnern gottlose Frevler.249 Der ,Reichskanzler* Heliodor wird
genauso von Gott bestraft (II. Makk. 3, 23-40) wie die vom Gesetz abgefallenen
Hohenpriester Menelaos (II. Makk. 13, 4-6) und Alkimos (I. Makk. 9, 55 f.). Wie
im I. Makkabäerbuch großer Nachdruck auf die Einführung des von den Juden
Channuka genannten Festes der Tempel weihe am 25. Kislev gelegt wird,250 so endet
der Bericht des II. Makkabäerbuches mit der Einführung des „Nikanortages“ (13.
Adar) als Festtag.251 Schon E. Bickermann vermutet bezüglich der Epitome, daß sie
als eine Art „Agitationsschrift“ dazu bestimmt war, für den 13. Adar »Stimmung4 zu
machen.252 Vielleicht gilt etwas ähnliches hinsichtlich des Channukafestes auch für
das I. Makkabäerbuch. Die beiden Bücher wären dann also möglicherweise (mit)
aus der Absicht hervorgegangen, den orthodoxen Juden den theologisch-historischen
Hintergrund, der zur Einführung jener Feier- und Gedenktage geführt hat, darzule-
gen.253
Die insgesamt gesehen ausführlichste Quelle zur Geschichte der späten Seleu-
kidenzeit sind die Antiquitates des Flavius Josephus.254 Stünden uns nur die Bücher
244 So schon von Schubart, Königsbriefe S. 343. Siehe unten Kap. II 4.
245 Siehe unten Kap. 13. Es gab aller Wahrscheinlichkeit nach kein an alle Reichsbewohner gerich-
tetes Schreiben, sondern nur eins an die Juden.
246 Siehe unten Kap. II4.
247 Vgl. Bickermann, Makkabäerbücher Sp. 787.
248 So zuletzt noch einmal betont von Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 292.
249 Niese. Makkabäerbücher S. 270; Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 292. Eine Wertung, die Jose-
phus vom I. Makkabäerbuch übernimmt. Positiv beurteilt werden allein Alexander I. und An-
tiochos VI.: I. Makk. 10,47-50; 11.54-59 bes. 12, 39 f.
250 Niese, Makkabäerbücher S. 270.
251 II. Makk. 15, 36. Der Tag erinnert an den Sieg der Juden unter Judas Makkabaios über den
Strategen von Judäa im Jahr 161, siehe unten Kap. II 3.
252 Bickermann, Makkabäerbücher Sp. 794.
253 Interessanterweise schließt auch das um 300 abgefaßte Buch Ester mit der Einführung eines
Festes, des Purimfestes, das am 14. und 15. Adar begangen wird: Est. 9, 1 ff.; 9, 21 f.
254 Josephus wird zitiert nach B. Niese, Flavii losephi Opera. Vol. III. Antiquitatum ludaicarum
1.) Literarische Quellen
59
12 und 13 dieser Schrift und die Münzen zur Verfügung, wäre es gleichwohl mög-
lich, sich auf dieser Grundlage ein zusammenhängendes Bild von den Seleukiden
ab der Zeit Antiochos’ IV. (175-164) zu machen.
Josephus wurde im Jahr 37/38 n. Chr. in Jerusalem geboren und gehörte zum
Priesteradel der Stadt.255 Zu Beginn des Jüdischen Krieges, im Jahr 66 n. Chr., wurde
er zum Oberbefehlshaber von Galiläa gewählt.256 Nachdem Josephus in römische
Gefangenschaft geraten war, weissagte er dem Feldherren Vespasian und seinem
Sohn Titus die Kaiserwürde. Als die in Ägypten und Judäa stehenden Legionen im
Jahr 69 n. Chr. Vespasian zum Kaiser ausriefen, erinnerte sich dieser des jüdischen
Propheten und schenkte ihm die Freiheit.257 Als Freigelassener (libertus) des Flaviers
führte Josephus, wie es der Sitte entsprach, den Geschlechtemamen seines Herren
und Gönners.258 Im Gefolge des Titus erlebte Flavius Josephus Belagerung und
Einnahme Jerusalems (vita 416). Mit Titus kam er schließlich nach Rom, wo ihm
Vespasian das römische Bürgerrecht verlieh und ein Jahresgehalt aussetzte.259 Zwi-
schen 75 und 79 n. Chr. verfaßte Josephus das bellum ludaicum™ im Jahr 93/94 n.
Chr. erschienen die Antiquitates zusammen mit seiner Autobiographie (vita) im
Anhang.261 Um 100 n. Chr. oder bald danach verstarb der jüdische Historiker ver-
mutlich in der römischen Hauptstadt am Tiber.262
Die Antiquitates sind griechisch abgefaßt und tragen den Titel ’IoubaiKq
apxaioÄoyia oder kurz f| apxaioÄoyia.263 Die &pxaioXoyia ist symmetrisch auf-
gebaut: Sie besteht aus zwei großen Teilen, die jeweils zehn Bücher umfassen.264
Teil 1 enthält die Geschichte des ersten (ant. lud. 1,1-10,218), Teil 2 die Geschichte
des zweiten Tempels (ant. lud. 11, 1-20, 268). Ant. lud. 1, 27 beginnt mit der Er-
schaffung der Welt durch Gott;265 ant. lud. 20, 258 endet mit der Geschichte des
römischen procurator ludaeae Gessius Florus (64-66 n. Chr.) am Vorabend des
Jüdischen Krieges. Von ant. lud. 1, 27 bis 13, 212 folgt die Darstellung den bi-
blischen bzw. einzelnen apokryphen Büchern von der Genesis (vgl. ant. lud. 1,27-2,
200) über das Buch Ester (vgl. ant. lud. 11, 184-296) bis zum I. Makkabäerbuch
libri XI-XV, Berlin 18922 (Weidmann). Benützt und verglichen wird außerdem R. Marcus,
Josephus. With an English Translation, Band VII: Jewish Antiquities, Books XII-XIV, Cam-
bridge/London 19613 (Loeb).
255 Vita 5; 198; bell. lud. 1, 3. Hölscher, Josephus (2) Sp. 1934. Die beste Josephus-Biographie ist
die von T. Rajak, Josephus. Classical Life and Letters, London 1983.
256 Vita 29. Hölscher, Josephus (2) Sp. 1937.
257 Hölscher, Josephus (2) Sp. 1937.
258 Hölscher, Josephus (2) Sp. 1938.
259 Vita 422 f. Vgl. auch Suet. Vesp. 18:primus efisco Latinis Graecisque rhetoribusannua centena
constituit. Hölscher, Josephus (2) Sp. 1939.
260 Hölscher, Josephus (2) Sp. 1940; 1942; Mason, Josephus S. 87ff.
261 Hölscher, Josephus (2) Sp. 1940. Mason, Josephus S. 101 ff.
262 Mason, Josephus S. 75.
263 Die Muttersprache des Josephus war aramäisch oder hebräisch: bell. lud. 1, 3. Der Titel des
Buches wird in los. ant. lud. 20, 267 überliefert.
264 Zur Einteilung in 20 Bücher bzw. 60.000 Linien vgl. los. ant. lud. 20, 267. Zur Symmetrie des
Buches vgl. Mason, Josephus S. 102 f.
265 Vgl. Gen. 1, 1.
60
I. Kapitel: Quellen
(vgl. ant. lud. 12, 237-13, 212).266 Darüber hinaus dürfte Josephus das II. Makka-
bäerbuch gekannt haben.267
Josephus’ Hauptquelle aber ist von ant. lud. 12,240 bis 13,212 (Ermordung des
Hohenpriesters Jonathan und dessen Beisetzung in Modem) das I. Makkabäerbuch
(bis 13,30).268 Dabei hält er sich sehr eng an seine Vorlage,269 variiert sie aber doch
gelegentlich,270 greift kürzend oder erweiternd in den Text ein,271 korrigiert still-
schweigend und verbessert den griechischen Ausdruck. Die Veränderungen und
Abweichungen gegenüber dem I. Makkabäerbuch erklären sich zum einen daraus,
daß Josephus die Plausibilität seiner Schilderungen erhöhen möchte, weshalb er
übertriebene Zahlenangaben oder unglaubwürdige Amtsbezeichnungen vermeidet
bzw. umformuliert.272 Zum anderen benützt Josephus eine gegenüber der heutigen
Septuaginta abweichende Textfassung.273 Schon los. ant. lud. 1,27 weicht im Wort-
laut vom ersten Satz der Bibel ab: Während es in Gen. 1,1 heißt: ’ Ev apxfl ejroiqaEv
ö 0eö<; töv ovpavöv Kai rqv yqv ... schreibt Josephus: ’Ev apxfl ektkjsv ö 0eö<;
töv ovpavöv Kai Tqv yqv ... Weitere Abweichungen listet G. Hölscher in seinem
RE-Artikel zu Josephus auf.274 Schließlich erklären sich einzelne Veränderungen
und Abweichungen gegenüber dem I. Makkabäerbuch auch durch die Hinzuziehung
weiterer Quellen (Polybios und Poseidonios, siehe unten). Wenn in I. Makk. 10, 69
Apollonios als orpaTqYÖt; des Demetrios (II.), in los. ant. lud. 13, 88 aber als
f|Y£pwv des Alexander I. erscheint, so muß dies keineswegs eine willkürliche Ab-
änderung des Josephus sein. Vielmehr könnte Apollonios erst im Dienste des Alex-
ander I. gestanden haben und im Laufe der Kämpfe des Jahres 147 auf die Seite
Demetrios’ (II.) übergetreten sein, was Josephus bei Poseidonios gelesen haben
266 Eine detaillierte Auflistung der von Josephus eingesehenen biblischen bzw. apokryphen Bücher
gibt Hölscher, Josephus (2) Sp. 1951.
267 Vgl. Niese, Makkabäerbücher S. 518 ff. Er macht z. B. auf ant. lud. 12, 257-264 und II. Makk.
6,2 aufmerksam (Brief der am Garizim wohnenden Samaritaner an Antiochos IV. und Antwort-
schreiben des Königs an Nikanor; diese Briefe fehlen im I. Makkabäerbuch). Hingewiesen sei
außerdem noch auf die Schilderung der Ermordung des abgesetzten Hohenpriesters Menelaos,
die sich in II. Makk. 13, 4-6 und los. ant. lud. 13, 385. aber nicht im I. Makkabäerbuch fin-
det.
268 Ohne daß Josephus dies ausdrücklich angibt: Fischer, Partherkrieg S. 6. Zu Josephus und dem
I. Makkabäerbuch vgl. I.M. Gafni, Josephus and 1 Maccabees, in: L. H. Feldman/G. Hata (Hg.).
Josephus, the bible, and history, Detroit 1989, S. 116-131, der eine Reihe von Textpassagen
vergleichend gegenüberstellt.
269 Hölscher, Josephus (2) Sp. 1951.
270 Drüner, Untersuchungen S. 35 ff.; Fischer, Partherkrieg S. 7 mit Anm. 8.
271 Fischer, Partherkrieg S. 7 mit Anm. 11; 12.
272 Was die Zahlenangaben betrifft, so sei nur ein Beispiel angeführt: Während es im I. Makkabä-
erbuch 11,45 heißt, es hätten sich am Aufstand gegen Demetrios II. 120.000 Antiochener be-
teiligt, spricht Josephus ant. lud. 13, 137 von vielen 10.000, siehe unten Kap. II 6. Gerade die
Zahlen der Gefallenen korrigiert Josephus gegenüber dem I. Makkabäerbuch nach unten. Aus
der unpräzisen Amtsbezeichnung KaTEorqaEv auröv 6iri Traar] Tf|q ßacnXeiac avroö für den
,Gegenkanzler4 Philippos in I. Makk. 6. 14 macht los. ant. lud. 12, 360 ettitpottog
ßamXEiac, siehe unten Kap. II 1.
273 Niese, Josephus S. 214.
274 Sp. 1953 ff.
1.) Literarische Quellen
61
dürfte.275 Von ant. lud. 13, 213 an dient nicht mehr das I. Makkabäerbuch, sondern
Josephus’ eigene Darstellung der Ereignisse im bellum Judaicum als Hauptvor-
lage.276
An verschiedenen Stellen der Bücher 12 und 13 der Antiquitates verweist Jose-
phus auf ein Werk, von dem sonst nichts überliefert oder erhalten ist.277 Es handelt
sich dabei um Verweise, die „sich in den Schriften des Josephus nicht realisieren
lassen“278 und formelhaft mit „wie wir anderswo erzählt haben“ oder „wie anderswo
erzählt worden ist“ (kqOcüc; kqi ev aXXoic öeöqXcoKayev oder ÖsÖrjXcoTai) ausge-
drückt sind.279 Insgesamt gibt es elf derartige Verweisungen, die alle im Zusammen-
hang mit der seleukidischen Geschichte stehen. Im einzelnen sind es folgende: 1.)
ant. lud. 12, 242 (Antiochos IV. im 6. Syrischen Krieg), 2.) 12, 390 (Demetrios I.
landet in Syrien), 3.) 13, 36 (Demetrios I. zieht sich in eine Burg bei Antiocheia
zurück), 4.) 13, 61 (Demetrios I. regiert elf Jahre), 5.) 13, 108 (Flucht des ,Reichs-
kanzlers4 Ammonios aus Antiocheia), 6.) 13, 119 (Alexander I. regiert fünf Jahre),
7.) 13, 186 (Demetrios II. wird lebend von den Parthem gefangengenommen), 8.)
13,253 (Antiochos VII. zieht in den Partherkrieg), 9.) 13,271 (Ehen der Kleopatra
Thea), 10.) 13, 347 (Ptolemaios IX. Soter II. Lathyros erobert Ptolemais) und 11.)
13, 371 (Demetrios III. und Philipp I. kontrollieren Syrien). Wie soll man diese
Hinweise auffassen? Während B. Niese in ihnen nicht viel mehr „als eine bequeme
und wohllautende Formel“ sieht, „um die Erzählung abzubrechen“,280 nimmt H.
Drüner im Anschluß an A. v. Gutschmid an, daß Josephus auf eine eigene Vorstudie
zu den Büchern 12 und 13 bzw. eine nicht veröffentlichte Schrift hin weist.281 Von
Drüners Überlegungen ausgehend schließt Th. Fischer aus den Ö£Öf|XwTai-Verwei-
sen auf „eine verlorene »Syrische Geschichte4 des Josephus44.282 Er schreibt: „Die
Vermutung einer geschichtlichen Darstellung, die den Niedergang des Seleukiden-
reiches von Antiochos IV. bis zum Ende der Dynastie (64 v. Chr.) behandelt, ist für
einen jüdischen Historiker hellenistischer Bildung, der in Rom lebt und für grie-
chische und römische Leser schreibt, nicht gerade unwahrscheinlich“ 283 Nimmt
man an, daß es eine solche »Syrische Geschichte4 gegeben hat 284 wird Josephus
darin im wesentlichen Polybios und Poseidonios ausgeschrieben haben. Denn die
Textstellen ant. lud. 12, 242 und 12, 390 legen eine Benutzung des Polybios, die
Stellen ant. lud. 13, 36; 61; 108; 119; 186; 253 und 13, 271 eine Benutzung des
Poseidonios nahe. Da Poseidonios’ Historien bis in das Jahr 86 bzw. 85 reichten,
dürften auch noch 13, 347 und 13, 371 auf diese Schrift zurückzuführen sein.
275 Siehe unten Kap. II 5.
276 Fischer, Partherkrieg S. 9 f.
277 Niese, Josephus S. 234; Drüner, Untersuchungen S. 70ff.; Fischer, Partherkrieg S. 13 ff.
278 Drüner, Untersuchungen S. 84.
279 Niese, Josephus S. 234.
280 Ebenda S. 235.
281 Untersuchungen S. 80.
282 PartherkriegS. 8 ff. 12 ff.
283 Fischer, Partherkrieg S. 16.
284 Die aber, wie gesagt, nicht direkt bezeugt ist: Fischer, Partherkrieg S. 17.
62
I. Kapitel: Quellen
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die literarische Überlieferung zur Ge-
schichte der späten Seleukiden im wesentlichen auf einer griechischen und einer
jüdischen Säule ruht: Polybios bzw. Poseidonios und dem I. Makkabäerbuch bzw.
Josephus.
2.) EPIGRAPHISCHE QUELLEN
Eine sehr ergiebige Quelle stellen die inschriftlichen Zeugnisse dar. Es ist mit Recht
von R. Merkelbach darauf hingewiesen worden, daß eine Neubearbeitung von W.
Dittenbergers Orientis Graeci Inscriptiones Selectae gerade auch für die Seleukiden
wünschenswert wäre, da sich hier „das Verhältnis der literarischen Überlieferung zu
der inschriftlichen längst umgekehrt“ habe.285 Die umfangreichen und historisch
besonders wertvollen Inschriften sind fast alle in Kleinasien gefunden worden und
stammen aus der Zeit zwischen 281 und 188. So etwa der Sympolitievertrag zwi-
schen Smyrna und Magnesia am Sipylos, der für die innere, vor allem militärische
Organisation des Seleukidenreiches nach 246/45 von wesentlicher Bedeutung ist,286
oder das Schreiben Antiochos’ III. an Teos.287 Mit dem Verlust der kleinasiatischen
Gebiete jenseits des Tauros im Jahr 188 nimmt die Zahl der erhaltenen Inschriften
rapide ab. Die epigraphischen Zeugnisse aus der hier behandelten späten Seleuki-
denzeit sind zwar schon von daher weniger ergiebig, bieten aber dennoch zahlreiche
bemerkenswerte Informationen. Sie werden im folgenden unter sieben Aspekten
betrachtet:
1 .) Die Inschriften geben Auskunft über Namen, Amtsbezeichnungen und Rang-
klassenzugehörigkeit einzelner hoher Funktionäre und weisen
2 .) auf deren ethnische Herkunft hin. Sie nennen
3 .) weitere Epitheta der Könige und lassen Rückschlüsse auf die Rolle der Köni-
ginnen zu. Darüber hinaus werden
4 .) die Beziehungen zwischen Herrscherhaus und Städten und Heiligtümern wie
Athen, Delos, Cypem und dem kilikischen Olba durch die Inschriften erkennbar,
und sie geben
5 .) Hinweise auf die Verwaltungsorgane einiger Städte des Seleukidenreiches und
deren dynastische bzw. nicht-dynastische Namen.
6 .) Einige keil inschriftliche Zeugnisse erwähnen anderweitig nicht belegte Ereig-
nisse.
285 R. Merkelbach. Überlegungen zur Fortführung der Inscriptiones Graecae, ZPE 117, 1997, S.
301 und ders., Nochmals Inscriptiones Graecae, ZPE 122, 1998, S. 299.
286 OGIS I 229. Vgl. die Kommentare von Th. Ihnken, Die Inschriften von Magnesia am Sipylos
(l.K. 8), Bonn 1978, S. 23 ff. und G. Petzl, Die Inschriften von Smyrna, Teil II 1 (l.K. 24, I),
Bonn 1987, S. 1 ff.
287 P. Herrmann, Antiochos der Große und Teos, Anadolu (Anatolia) 9, 1967, S. 29-159; R.M.
Errington, Rom, Antiochos der Große und die Asylie von Teos, ZPE 39, 1980, S. 279ff.; Ma,
Antiochos III S. 308 ff.
2.) Epigraphische Quellen
63
Schließlich werden unter 7.) drei bedeutsame, in ihrer Datierung und Interpretation
jedoch umstrittene Inschriften ausführlicher diskutiert.
1 .) Nanien, Amtsbezeichnungen und Rangklassenzugehörigkeit der hohen Funktio-
näre: Die in Delos gefundenen Statuenbasen IG X 4, 1112-1114 nennen den
, Reichskanzler * (ö etti tccv TrpaypötTCOv Teraypevoc) des Seleukos IV. (187-175),
Heliodoros.288 Alle drei Inschriften bezeichnen ihn als ovvTpocpo«; und 1112 als
ovyyevfn; des Königs. Auch spätere »Kanzler4 wie Philippos sind in ihrer Kindheit
„Milchbruder“ des Königs gewesen289 und gehörten der höchsten höfischen Rang-
klasse, der ovyyeveic, an.290 Inschriftlich ist noch ein anderer „Verwandter“ des
Königs überliefert, Bithys, der ETnaToXoypdcpo^ Antiochos’ VIII. (OGIS I 259 =
IvDelos 1549). Hingegen werden frühere ,Kanzleichefs* wie Dionysios unter Anti-
ochos IV. und Menochares unter Demetrios I. als cpiXoc291 bzw. irpooTOc; cpiXoc;292
bezeichnet. Es hat also den Anschein, daß das Amt in späterer Zeit an Bedeutung
zugenommen hätte und die Amtsträger deshalb zu ovyyevEi^ aufstiegen.
Eine von L. Robert besprochene Ehreninschrift, die im Iran (Laodikeia/Niha-
vend) entdeckt wurde, betitelt Menedemos als 6 etti twv ävco oaTpaTTEicbv.293 Der
Amtstitel bezeichnet den ,Generalstatthalter der Oberen Satrapien*, eine Funktion,
die Menedemos in den letzten Jahren des Antiochos III. und den ersten Jahren des
Seleukos IV. ausübte.294 Timarchos, der in den erzählenden Quellen als Satrap von
Medien bzw. Babylonien erscheint (Diod. 31, 27 a; App. Syr. 45, 235), dürfte also
offiziell den Titel des 6 etti tcov ocvco oaTpairEicov geführt haben. In dieser Funktion
rebellierte er in den Jahren 162-160 gegen seinen Oberherren Demetrios I.295
Die in die Zeit Antiochos’ IV. gehörende, in Babylon gefundene Inschrift OGIS
I 254 nennt das Amt des ETnoTCtTrj^ rfjc ttoXeox; und weitere oi etti twv
ccKpocpoXaKicov. Für den in II. Makk. 5,22 erwähnten ETnoraTric Philippos läßt sich
288 Zu Heliodoros vgl. Bringmann/v. Steuben, Schenkungen I S. 216 Nr. 169; Savalli-Lestrade,
Philoi S. 45; Ehling, »Reichskanzler* S. 99ff.
289 II. Makk. 11, 35. Die Übersetzung des Ausdrucks nach Niese, Makkabäerbücher S. 295 und
Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 248 zu Vers 28. Im Französischen heißt er „frere de lait“: z.B.
Bouche-Leclercq, Histoire I S. 306. Wie bei den Ptolemäern Pol. 15, 33, 11: ovvrpocpoi ttk
’ Apoivoqc und dazu Huß, Ägypten S. 485 mit Anm. 95 gab es sicher auch bei den Seleukiden
Milchschwestern.
290 So ausdrücklich Lysias: II. Makk. 11,1 und Lasthenes: I. Makk. 11,31 f.; los. ant. lud. 13,126f.
Zu der Frage, ob Lasthenes »Reichskanzler* des Demetrios II. war, vgl. Ehling, »Reichskanzler*
S. 103. Zum Ursprung des ovyYevrjc-Titels vgl. Gauger, Beiträge S. 129 ff. und dens., Zu einem
offenen Problem des persischen Hoftitelsystems, in: Bonner Festgabe J. Straub (Bonner Jahr-
buch Beiheft 39), Bonn 1977, S. 137-158 und zuletzt Savalli-Lestrade, Philoi S. 395 ff.
291 Pol. 30, 25, 16. Grainger, Prosopography S. 88 Nr. 3; Savalli-Lestrade, Philoi S. 53.
292 IvDelos 1543; Pol. 31,33,1 und 32, 2,1 (ohne Amtsbezeichnung). Grainger, Prosopography S.
105 f.
293 Vgl. das neue Fragment bei L. Robert, Addenda au tome VII, Hellenica VIII, Paris 1950, S.
73 ff. zu: ders., Inscriptions seleucides de Phrygie et d’Iran, Hellenica VII, Paris 1949, S. 5 ff.;
Bengtson, Geschichte S. 439 und zuletzt Müller, Archiereus S. 527.
294 Schmitt, Untersuchungen S. 19 mit Anm. 5 und S. 116 f.; Bengtson, Geschichte S. 439.
295 Siehe unten Kap. II 2. Im Amt des 6 Siri twv avw oaTparreiwv ist zuletzt noch Kleomenes
inschriftlich (bei Bisutun im Iran) für den Sommer 148 bezeugt: Mprkholm, Antiochus S. 178 f.
Siehe unten Kap. II7.
64
I. Kapitel: Quellen
daraus schließen, daß er Kommandant von ganz Jerusalem war, wohl nicht nur Be-
fehlshaber der im Jahr 168 errichteten Akra;296 letzterer wird den Titel QKpocpuXaJ;
geführt haben.297 Kleinere Wacheinheiten hießen (ppoupa, ihre Führer cppovpapxoi.
Diesen nachgeordnet waren die 01 etti tcdv tottcdv tetoypcvoi.298
Bemerkenswert sind ferner die Inschriften OGIS I 255; 256 = IvDelos 1547;
1548. Sie nennen Krateros, den Erzieher (rpocpEvc) Antiochos* IX.299 Wie aus Euseb.
Chron. 1257 f. = FGrHist 260 F 32,20 bekannt, begleitete dieser den jungen König
im Jahr 129 nach Kyzikos. Krateros war zugleich Leibarzt (apxiaTpoö und Käm-
merer (ö &iri töv koitwvoc) der Königinmutter, Kleopatra Thea.300 Er gehörte der
Rangklasse der tcov Trpamov cpiXcov an;301 zu dieser Klasse gehörte auch Lysias, der
Satrap der Syria Seleukis (IvDelos 1544) und der dpxiypappaTEvc; tcüv öuväpEcov.302
In einem Brief des Seleukos IV. (Welles, RC 45 = Austin, Hellenistic world 176)
296 So jedoch Bengtson, Strategie II S. 168.
297 Pol. 5, 50, 10 erwähnt Alexis als ctKpocpuÄal; von Apameia. los. ant. lud. 13, 388 nennt einen
Milesios als Tffc öucpac (pvXa? von Damaskos. Wohl nicht ganz korrekt, sondern eine Um-
schreibung ist eirapxoc Tqc aKpotröXEux;: II. Makk. 4,28.
298 Th. Fischer, Zur Seleukideninschrift von Hefzibah, ZPE 33, 1979, S. 132 Z. 16.
299 Aus der Literatur kennen wir sonst nur noch Diodoros als Erzieher Demetrios* I.: Pol. 31, 12,
3. Savalli-Lestrade, Philoi S. 83 f.
300 Zu Krateros: Jacoby, FGrHist (1930) S. 874 f.; Savalli-Lestrade, Reines S. 66 mit Anm. 28;
Ehling, Freunde S. 51 f. Ein anderer Kämmerer, Nikanor, wird in einem Brief Antiochos’ III. an
Zeuxis erwähnt: H. Malay, Letter of Antiochos III to Zeuxis with two Covering Letters (209
B.C.), EA 10, 1987, S. 7 ff.; Grainger, Prosopography S. 108: Nikanor (3); Müller, Archiereus
S. 528 ff.
301 OGIS 1255; 256 = IvDelos 1547; 1548. Nikanor, der &7ri tov koitwvoc des dritten Antiochos,
war ovvTpocpoc des Königs; H. Malay, Letter of Antiochos III to Zeuxis with two Covering
Letters (209 B.C.), EA 10, 1987, S. 8 Z. 21 f. und zuletzt Müller, Archiereus S. 528 ff. - Ärzte
gehörten immer zu den engsten Vertrauten des Herrscherhauses, vgl. Chr. Habicht, Die herr-
schende Gesellschaft in den hellenistischen Monarchien, Vierteljahresschrift für Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte 45,1958, S. 7, und konnten unter bestimmten Umständen zu den einfluß-
reichsten Ratgebern werden, wie Apollophanes, der Leibarzt Antiochos’ III.: Pol. 5, 56, 1. Zu
diesem auch Ehling,,Reichskanzler* S. 99. Die Inschrift Ivllion 34 nennt Metrodoros aus Am-
phipolis, den Arzt des Antiochos 1. (?). Zu erinnern wäre hier auch an Ktesias aus Knidos, den
Leibarzt des persischen Königs Artaxerxes II.: Xen. Anab. 1, 8, 26: 27. Zu den Ärzten vgl.
insbesondere G. Marasco, Les medecins de cour ä l’epoque hellenistique, REG 109, 1996, S.
435-466, L./K. Hallof/Chr. Habicht, Aus den Arbeiten der „Inscriptiones Graecae“ II. Ehren-
dekrete aus dem Asklepieion von Kos, Chiron 28, 1998, S. 109; 111 und Ehling, Freunde S.
50 ff. mit Anm. 77 ff.
302 Landau, Inscription S. 119 f. Die in Ptolemais gefundene Inschrift stammt aus dem Jahr 130/29.
Unter Alexander d. Gr. führte Eumenes den Titel des dpxiYPappa'rEÜc: Plut. Eum. 1,2 (unge-
nau: Nepos Eum. 1,5), vgl. H. Berve, Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage.
Band I: Darstellung, München 1926, S. 43. Eumenes war der Chef der ganzen königlichen
Kanzlei. Demgegenüber ist der äpxiYPappaTEV«; töv buväpEWv zwar ein hoher, aber doch
reiner Militärfunktionär. Landau übersetzt den Titel mit „chief secretary of the army“. Der Name
des Amtsinhabers, der außerdem ö £iri töv tottcov war, ist nicht erhalten. Das Amt des
apxiYpappaTEÜc töv övvdpEwv wird auch bei Polybios genannt: 5,54, 12. A. Mauersberger,
Polybios-Lexikon, Band 1, Berlin 1956, Sp. 236 übersetzt mit „Schreiber, etwa Chef der Hee-
resverwaltung“.
2.) Epigraphische Quellen
65
wird ein verdienter General des Antiochos III., Aristolochos,303 in die Reihe der tcdv
Tt|iicD|Lievcüv (piXcüv gestellt; es ist jedoch nicht ganz sicher, ob dies eine feste Rang-
klasse war.304
Wie bei den Ptolemäern so übten auch im Seleukidenreich die höchsten Wür-
denträger eine führende Funktion im Herrscherkult aus.305 Ptolemaios, der Sohn des
Thraseas,306 der etwa im Jahr 204 von Ptolemaios V. abgefallen und zu Antiochos
III. übergegangen war,307 nennt sich in der in Soloi gefundenen Weihung OGIS I
230 für Hermes, Herakles und Antiochos III. otpocttiyö«; Kai apxtepevc Supiac;
KoiXac Kai <t>oiviKa<;.308 In der 1960 entdeckten Inschrift von Hefzibah (in der Nähe
von Bethsan oder Baithsane, dem antiken Skythopolis)309 trägt er denselben Titel:
OTparriYÖc Kai dpxiepevc (Z. 10 f.; 19; 29). Daß Ptolemaios nicht nur Oberaufse-
her über die in seiner Strategie liegenden Heiligtümer war, sondern Oberpriester des
Herrscherkultes, hat H. Bengtson ausdrücklich betont.310 E. Bickermann hat die
interessante These aufgestellt, daß der dynastische Kult gerade den oftmals aus ihrer
Heimat »entwurzelten* cpiXoi einen Rahmen für die Ausübung ihrer Religiosität bot;
darüber hinaus stärkte der dynastische Kult die Loyalität zum Königshaus.311
303 Grainger, Prosopography S. 82; Savalli-Lestrade, Philoi S. 42 ff.
304 Zu den Rangklassen am Ptolemäer- und Seleukidenhof vgl. M.L. Strack, Griechische Titel im
Ptolemäerreich, RhM 55,1900, S. 161 ff. undA. Momigliano, Honorati Amici, Athenaeum 11,
1933, S. 136-141; Günther, Didyma S. 79 Anm. 62; J.-D. Gauger, Zu einem offenen Problem
des persischen Hoftitelsystems, in: Bonner Festgabe J. Straub (Bonner Jahrbuch Beiheft 39),
Bonn 1977, S. 140 Anm. 21; Savalli-Lestrade, Philoi S. 374 ff.; Bikerman, Institutions S. 41
geht bei den Seleukiden von folgender Hierarchie aus: 1.) Rangklasse ,der Freunde* (tcdv
cpiXtüv), 2.) Rangklasse ,der verehrten Freunde* (tcüv Tipcopevcov cpiXcov), 3.) Rangklasse ,der
ersten Freunde* (twv Trpamov cpiXcov), 4.) Rangklasse ,der ersten und hochverehrten Freunde*
(tcdv irpcoTcov kq! irponpcopevcov cpiXwv) und 5.) Rangklasse ,der Verwandten* (tcüv ovyysvcdv).
Vgl. auch Muccioli, Titolature S. 295 ff. und Ehling, Freunde S. 45.
305 Zu den Ptolemäern vgl. J. Ijsewijn, De sacerdotibus sacerdotiisque Alexandri Magni et Lagi-
darum eponymis, Brüssel 1961; W. Clarysse/G. Van der Veken, The Eponymous Priests of
Ptolemaic Egypt, Leiden 1983. Doch stellen diese Arbeiten eigentlich eher Listen als Abhand-
lungen dar. Wirklich befriedigende Untersuchungen zu dem Thema stehen noch aus. Für Hin-
weise danke ich Herrn Prof. Dr. Dr. W. Huß (München) herzlich. — Zum Reichskult bei den
Seleukiden vgl. zuletzt Müller, Archiereus S. 519 ff. bes. 527 mit Lit. in Anm. 45 und S. 536
Anm. 89 und P. van Nuffelen, Le culte royal de Pempire des Seleucides: une reinterpretation,
Historia 52,2004, S. 278-301.
306 Grainger, Prosopography S. 115: Ptolemaios (4).
307 D. Gera, Ptolemy Son of Thraseas and the Fifth Syrian War, AncSoc 18, 1987, S. 63 ff. Zum
Datum ebenda S. 73.
308 Die Inschrift wird in die Zeit zwischen 197 und 187 datiert. Zu dieser zuletzt D. Gera, Ptolemy
Son of Thraseas and the Fifth Syrian War, AncSoc 18, 1987, S. 66 mit der Literatur in Anm. 19
und M.H. Sayar, Kilikien und die Seleukiden. Ein Beitrag zur Geschichte Kilikiens unter der
Seleukidenherrschaft anhand einer neuentdeckten Festung und einer neugefundenen Inschrift,
in: Studien zum antiken Kleinasien IV (Asia Minor Studien 34), Bonn 1999, S. 135 Anm. 55.
309 Th. Fischer, Zur Seleukideninschrift von Hefzibah, ZPE 33, 1979, S. 131-138; J.M. Bertrand,
Sur Pinscription d’Hefzibah, ZPE 46, 1982, S. 167-174.
310 Vgl. seine Argumentation und Begründung in Strategie II S. 166.
311 Institutions S. 249 ff. bes. S. 255 f. Zustimmend F. W. Walbank, Könige als Götter. Überlegungen
zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus, Chiron 17, 1987, S. 378.
66
I. Kapitel: Quellen
2 .) Ethnische Herkunft der hohen Funktionäre: Was die ethnische Herkunft der
hohen Amtsträger betrifft, so bestätigen die Inschriften das aus den erzählenden
Quellen gewonnene Bild: Letztere nennen den Athener Geron,312 den Myser Apol-
lonios,313 den Phryger Philippos,314 den Kreter Lasthenes315 und die Cyprioten
Krates und Nikanor.316 Hegemonides, der Stratege Antiochos’ V., war der Sohn des
Zephyros aus Dyme in Achaia.317 [—]os, der Sohn des Lysias und Satrap der Seleu-
kis unter Demetrios I. oder Demetrios II., stammte aus Athen,318 ebenso [—]leios,
ein Funktionär Seleukos’ VI.319 Der aufständische »Generalstatthalter der Oberen
Satrapien4 Timarchos kam wie sein Bruder Herakleides, der ,Finanzminister* Anti-
ochos’ IV.,320 und die Jugendfreunde des Demetrios I., Apollonios, Meleagros und
Menestheos, aus Milet.321 Aus dieser Stadt stammte auch der Nauarch (Flottenad-
miral) des Alexander I., Antigonos.322 Sosistratos, der aus zwei delischen Inschriften,
aber keiner erzählenden Quelle bekannt ist, war Samier.323 Heliodoros, der oben
312 Er war im Jahr 168 Gesandter des Antiochos IV. an die Juden: II. Makk. 6, 1. Das Partizip
yepovra ist zu dem Eigennamen Tepcov zu emendieren; vgl. die Bemerkungen von Habicht, 2.
Makkabäerbuch S. 229 zu Vers 6. Der Name Feptov ist schon in W. Pape’ s Wörterbuch der
griechischen Eigennamen, neubearbeitet von G. E. Benseler, Band I, Braunschweig 1875, S. 247
verzeichnet. Carsana, Dirigenze S. 127; Savalli-Lestrade, Philoi S. 117. Skeptisch zu Geron als
Eigenname und Athenaios als Ethnikon: Olshausen, Prosopographie S. 211 f. Nr. 147.
313 II. Makk. 5,24. Apollonios wird nicht ausdrücklich als Myser bezeichnet, aber als Kommandant
der mysischen Söldner dürfte er auch selbst aus dieser Landschaft stammen. Mysarchen sind
bei Pol. 31,3, 3 und Liv. 37,40, 8 belegt.
314 II. Makk. 5, 22. Philippos war ^mordn]«; von Jerusalem unter Antiochos IV. Möglicherweise
stammte auch Menochares, der »Kanzleichef des Demetrios I., aus Phrygien, da sein Name mit
dem des phrygischen Mondgottes Men gebildet ist.
315 Der Kreter war vermutlich der »Kanzler* des Demetrios II.: Savalli-Lestrade, Philoi S. 80 f.;
Ehling, »Reichskanzler* S. 103. Außerdem: Carsana, Dirigenze S. 157. K
316 Krates und Nikanor werden zwar nicht ausdrücklich als Cyprioten bezeichnet, da sie aber Kom-
mandanten (6 twv KüTTpitüv, so die Amtsbezeichnung in 11. Makk. 4, 29; in 11. Makk. 12,
2 heißt der Amtstitel KvTTpidpxnc) der cypriotischen Söldner waren, werden sie beide ebenfalls
von der Insel kommen.
317 OGIS 1252 (Delos). Chr. Habicht, Der Stratege Hegemonides, Historia 7,1958, S. 376—378 mit
den Belegen. Zu Hegemonides siehe auch unten Kap. II 1.
318 IvDelos 1544; 1545; A. Wilhelm, Neue Beiträge zur griechischen Inschriftenkunde 4, Wien
1915, S. 21 ff., wiederabgedruckt in: Akademieschriften zur griechischen Inschriftenkunde
(1895-1951). Teil 1: Neue Beiträge zur griechischen Inschriftenkunde. Attische Urkunden,
Leipzig 1974, S. 196. Zu der Frage, wann diese Strategie eingerichtet wurde, vgl. Bengtson,
Strategie II S. 16; 42; 192: Demetrios 1. oder Demetrios II.; Jones, Cities S. 241 f.
319 OGIS I 261 = IvDelos 1553.
320 App. Syr. 45,235; Diod. 31,27 a. Herrmann, Milesier S. 171 ff.
321 Pol. 31, 13, 3. Herrmann, Milesier S. 175 ff. Aus Milet kam schon Demodames, der General
Seleukos’ I. und Antiochos’ I.: Mehl, Seleukos S. 217 f.; Carsana, Dirigenze S. 142. Zu den
intensiven Beziehungen zwischen Seleukiden und Milet vgl. Günther, Didyma S. 23 ff. Zur Stoa
des ersten Antiochos vgl. H. Schaaf, Untersuchungen zu Gebäudestiftungen in hellenistischer
Zeit, Köln/Weimar/Wien 1992, S. 26 ff.
322 Herrmann, Milesier S. 183 ff.
323 OGIS 1 255; 256 = IvDelos 1547; 1548.
2.) Epigraphische Quellen
67
erwähnte »Reichskanzler4 Seleukos’ IV.,324 und Krateros, der Tpocpevc; Antiochos’
IX.,325 entstammten einer griechischen Familie Antiocheias.326 Eine Ausnahme stellt
Dionysios, der Satrap von Mesopotamien unter Demetrios II., dar: Er wird als Me-
der bezeichnet.327
3.) Weitere Epitheta der Könige und Rolle der Königinnen: OGIS I 255 und 256 =
IvDelos 1547 und 1548 bestätigen, daß Antiochos VII. - wie lustin berichtet328 -
noch während des Partherfeldzuges (131—129) den pEyac-Titel annahm. Inschriftlich
heißt Antiochos VII. später - genau wie Antiochos III. (vgl. etwa IvDelos 1540;
1541) - „Großkönig“. - Für Antiochos VIII. überliefern die Inschriften OGIS I
258-260 bzw. IvDelos 1549-1552 noch den Beinamen KaIIinikos\329 dieses Epithe-
ton hat er vermutlich entweder nach seinem Sieg über Alexander II. im Jahr 123 oder
nach einem bedeutenden Erfolg über seinen konkurrierenden Halbbruder Antiochos
IX., also nach 113, angenommen.
Es ist sicher kein Zufall, daß insgesamt sechs Inschriften die ßacnXiooa Kleo-
patra Thea nennen, und zwar als Ehefrau des Demetrios II. und Mutter des Antiochos
VIII.330 sowie als Ehefrau des Antiochos VII. und Mutter des Antiochos IX.331 Von
dem dynastischen Selbstbewußtsein dieser Herrscherin wird unten bei den Münzen
noch einmal die Rede sein (Kap. I 3, l).332
4.) Beziehungen zwischen Seleukiden und bedeutenden Städten und Heiligtümern:
Mit den intensiven Beziehungen, die zwischen der Seleukidendynastie und der Stadt
Athen bestanden, beschäftigt sich Chr. Habicht in seinem Aufsatz über Athen und
die Seleukiden,333 in dem auch alle einschlägigen epigraphischen Zeugnisse gesam-
324 IvDelos 1114.
325 OGIS I 255; 256 = IvDelos 1547; 1548.
326 Zur Herkunft der seleukidischen Gesandten vgl. Olshausen, Prosopographie S. 171 ff. und
Funck, Herrscherkult S. 405.
327 Diod. 33,28: Aiovvoio^ ö MfjÖoc;. Grainger, Prosopography S. 88; Carsana, Dirigenze S. 115;
Savalli-Lestrade, Philoi S. 120. Eine Sonderrolle spielen auch die Juden Jonathan und Simon,
die als Stratege und Meridarches von Judäa (I. Makk. 10,65) bzw. Stratege von Judäa (I. Makk.
11, 59) fungierten.
328 lust. 38, 10, 6: Antiochus tribus proeliis victor cum Babyloniam occupasset, Magnus haberi
coepit.
329 Auf Münzen heißt er immer nur Epiphanes. Babelon, Rois S. CLIV zitiert ein verlesenes Stück.
Den Beinamen Kallinikos führte vielleicht auch Antiochos IX., vgl. Fischers Lesung und Inter-
pretation der Inschrift IEJ 11, 1961, S. 118 ff.. Partherkrieg S. 102ff., siehe dazu auch unten.
330 OGIS I 258-260 = IvDelos 1549; 1550; 1552. Zur Bedeutung des Begriffes ßaoiXiooa in In-
schriften: Müller, Stratonike S. 404 f.
331 OGIS I 255; 256 = IvDelos 1547; 1548. Fischer, Partherkrieg S. 102ff.
332 Außer Kleopatra Thea wird nur Laodike, die Ehefrau des dritten Antiochos, so häufig in In-
schriften genannt: L. Robert, Inscriptions seleucides de Phrygie et d’Iran, Hellenica VII, Paris
1949, S. 5-29; M.H. Sayar, Kilikien und die Seleukiden. Ein Beitrag zur Geschichte Kilikiens
unter der Seleukidenherrschaft anhand einer neuentdeckten Festung und einer neugefundenen
Inschrift, in: Studien zum antiken Kleinasien IV (Asia Minor Studien 34), Bonn 1999, S.
131-136. Zu den Königinnen vgl. Savalli-Lestrade, Reines S. 59 ff.
333 Chiron 19, 1989, S. 7 ff.
68
1. Kapitel: Quellen
melt und kommentiert sind. Die Siegerliste (IG II/III 2, 2, 2317) nennt in Z. 36 f.
und 46f. zwei Siege des Antiochos, Sohn des Königs Antiochos Epiphanes (IV.), in
den hippischen Agonen der Panathenäen; bei ihm dürfte es sich um Antiochos V.
handeln.334
Ein athenischer Volksbeschluß ehrt einen unbekannten Höfling des Königs De-
metrios (II. ?),335 der sich athenischer Gesandter und Privatleuten in Antiocheia
angenommen hatte und wegen seiner euvoia gelobt wird.336 Ein 1967 veröffentli-
chtes Dekret der Athener337 für einen seleukidischen Funktionär mit Namen [Me]
oder [Ze]nodoros sieht u. a. vor, diesen durch die Aufstellung einer Bronzestatue zu
ehren, die auf der Agora neben dem Standbild seines Königs Antiochos stehen
soll.338 Wie erst kürzlich gezeigt wurde, ist mit dem König nicht Antiochos IV.,339
sondern Antiochos VII. gemeint.340 [MeJ oder [Ze]nodoros war - vermutlich sogar
kurz vor dem Aufbruch Antiochos’ VII. in den Partherkrieg (131) - als Gesandter
des Seleukidenhofes in Athen auch zum Vorteil der Stadt tätig.341 - Diese Inschriften
machen hinreichend deutlich, daß auch die späten Seleukidenkönige größten Wert
darauf legten, in Athen „als dem publizistischen und literarischen Zentrum der grie-
chischen Welt“ präsent zu sein und Resonanz zu finden.342
Gute Beziehungen zur Stadt Athen scheint Antiochos VIII. unterhalten zu ha-
ben.343 Der athenische Priester Helianax weihte diesem im Jahr 102/01 in Delos eine
334 So der Herausgeber J. Kirchner und diesem folgend Habicht, Athen S. 22.
335 A. Wilhelm, Neue Beiträge zur griechischen Inschriftenkunde 4, Wien 1915, S. 21 ff., wieder-
abgedruckt in: Akademieschriften zur griechischen Inschriftenkunde (1895-1951). Teil 1: Neue
Beiträge zur griechischen Inschriftenkunde. Attische Urkunden, Leipzig 1974, S. 195 ff. denkt
S. 196 an Demetrios II., meint aber, es könne sich auch um den gleichnamigen Vater oder De-
metrios III. gehandelt haben: S. 196f. Doch ist Demetrios III. eher unwahrscheinlich, da sich
Antiocheia nur kurze Zeit in seiner Hand befand. Name und Herkunft des Geehrten sind nicht
erhalten.
336 Habicht, Athen S. 22. Zum Begriff“ vgl. Funck, Herrscherkult S. 405 f.
337 B.D. Meritt, Greek Inscriptions, Hesperia 36, 1967, S. 59ff. Nr. 6 mitTaf. 21 = SEG 24,1969,
135. Dazu kommt jetzt ein neugefundenes Fragment: St. V. Tracy. IG II2 937: Athens and the
Seleucids, GRBS 29, 1988, S. 383-388.
338 Habicht, Athen S. 22 f.
339 So noch B.D. Meritt, Greek Inscriptions, Hesperia 36. 1967, S. 63. J. und L. Robert. REG 83,
1970, S. 387 Nr. 240 und Olshausen, Prosopographie S. 215 f.
340 Habicht, Athen S. 22; Carsana, Dirigenze S. 128. Die Athener Münzen Neuen Stils (M. Thomp-
son, The New Style Silver Coinage of Athens, New York 1961, S. 143 ff. Nr. 360 ff. mit Taf.
36 f.), die als Beizeichen einen Anker mit Stern tragen und früher mit Antiochos IV. verbunden
und ins Jahr 166/65 datiert wurden, werden jetzt ins Jahr 134/33 gesetzt und spielen wohl „wirk-
lich auf Wohltaten eines seleukidischen Königs“ - und zwar Antiochos’ Vll. -an, vgl. Habicht.
Athen S. 21 mit den Nachweisen.
341 Z. 20-25. Habicht, Athen S. 23 f.; Carsana, Dirigenze S. 128: Savalli-Lestrade, Philoi S. 85.
342 Habicht, Athen S. 24.
343 Darauf weisen möglicherweise auch einige Münzzeugnisse hin. Auf einer Emission athenischer
Tetradrachmen des Neuen Stils, für die ein Antiochos als Münzbeamter verantwortlich zeichnet,
begegnet ein Elephant als Beizeichen: M. Thompson, The New Style Silver Coinage of Athens,
New York 1961, S. 155 ff. Nr. 396 ff. mit Taf. 40. Während Thompson vermutet, der Münzmei-
ster könnte in absentia Antiochos V. gewesen sein, und die Emission ins Jahr 163/62 datiert,
schlägt H. B. Mattingly in seiner Buchbesprechung (NC 1969, S. 329) gestützt auf App. Syr. 68,
2.) Epigraphische Quellen
69
Statue (OGIS I 258 = IvDelos 1552). Vermutlich ließ Antiochos VIIL auch seinen
Sohn Seleukos VI. in Athen erziehen, denn diesem setzte ein anderer Athener mit
Namen Dionysios ebenfalls in Delos ein Standbild (OGIS 1261 = IvDelos 1553).
In Delos, das Antiochos IV. mit Altären und Statuen schmücken ließ (Liv. 41,
20,9),344 sind aus derZeit nach dem Jahr 166 15 ptolemäische (IvDelos 1525-1539),
14 seleukidische (IvDelos 1540-1553), aber nur eine attalidische Inschrift (IvDelos
1554) gefunden worden. Sie weisen auf die enge, auch wirtschaftliche Verflechtung
des ägyptisch-phönikisch-syrischen Raumes mit dem bedeutendsten Handelszent-
rum und Freihafen des ägäischen Meeres hin. Nach Delos stifteten Kaufleute und
Reeder aus dem phönikischen Laodikeia dem »Reichskanzler4 Heliodoros (187-175)
ein Standbild, wohl aufgrund besonderer Vergünstigungen*,345 hier ehrte der Demos
von Laodikeia König Antiochos VIIL (IvDelos 1551). Das hohe internationale Pre-
stige, das die Insei genoß, wird auch daran erkennbar, daß Antiochos VIIL dem
römischen Konsul des Jahres 113, Cn. Papirius C. f. Carbo, eine Statue aufstellen
ließ.346 - Diese Statuen waren, wie man vermuten darf, von den besten Bildhauern
ihrer Zeit gearbeitet.347 Die letzte seleukidische Inschrift von Delos gehört in die
361 vor, die Münzen mit Antiochos (VIII.) in Verbindung zu bringen und ins Jahr 131/29 zu
datieren. An anderer Stelle (Some Problems in Second Century Attic Prosopography, Historia
20. 1971. S. 36) greift er diese Überlegungen noch einmal auf und schreibt: “I looked for a
Seleucid prince resident at Athens and found that the future Antiochos VIII was there precisely
in 130/29 B.C.,...” Dazu stellt Habicht, Athen S. 21 fest: „Es ist durchaus möglich, daß dieser
Antiochos in den Jahren 131-129 in Athen war. Aber nichts zwingt dazu, im Münzmeister
Antiochos eher ihn als einen athenischen Bürger zu erkennen, der den Namen Antiochos viel-
leicht deshalb trug, weil seine Familie Beziehungen zum Königshaus hatte. Aber es könnte auch
der Name allein gewesen sein, der ihn bestimmte, mit dem Symbol des Elephanten der Familie
zu huldigen, der die berühmtesten Träger dieses Namens angehörten“. Eine Stütze findet Mat-
tinglys These allerdings in einer Serie datierter Kleinbronzemünzen des Antiochos VIIL (vgl.
auch NC 1969, S. 330), die auf der Rückseite eine auf einer Amphora sitzende Eule darstellen:
CSE 317-319; SNG Israel I 2441-2452 (190 S.Ä. = 123/22) und 2453-2464 (191 S.Ä. =
122/21). Das Motiv ist aus der athenischen Tetradrachmenprägung des Neuen Stils übernommen
und könnte somit eine Anspielung auf den Athen-Aufenthalt des Antiochos (VIIL) bzw. auf seine
Übernahme des Münzmeisteramtes (ehrenhalber) sein. Doch ist einschränkend anzumerken,
daß das Motiv der Eule auf der Amphora bereits auf Kleinbronzen des Alexander I. vorkommt:
SNG Israel I 1584 f. (unbestimmte Münzstätte). Die Münzen des Antiochos VIIL können also
nicht zwingend als athenische Reminiszenz angesehen werden.
344 Vgl. Pol. 26, 1, 11. M0rkholm, Antiochus S. 58.
345 IG XI 4, 1114. W. Otto, Heliodoros (6), RE VIII 1, Stuttgart 1912, Sp. 13; Carsana, Dirigenze
S. 165 f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 44 ff.; Ehling, »Reichskanzler* S. 99 ff.
346 OGIS I 260 = IvDelos 1550. Savalli-Lestrade, Philoi S. 121. Zum Hintergrund dieser Statuen-
weihung siehe unten Kap. II 10: Der römische Consul hat Antiochos VIIL wahrscheinlich das
Exil in Aspendos ermöglicht, und dafür bedankte sich der Seleukidenkönig mit einer Statuen-
stiftung.
347 IvDelos 1547; 1548 nennen den Samier Philotechnos als Bildhauer der von Sosistratos (zu
diesem: Savalli-Lestrade, Philoi S. 86) geweihten Statuen für Antiochos IX. und fürKrateros.
Eine Liste von Künstlern, die aus dem seleukidischen Herrschaftsbereich stammten und auf
Rhodos tätig waren, gibt: F. Hiller v. Gaertringen, Rhodos, RE Suppl. V, Stuttgart 1931, Sp.
827 ff.
70
I. Kapitel: Quellen
Zeit kurz vor der Katastrophe, die der 1. Mithradatische Krieg Mitte der 90er Jahre
über die Insel brachte, und ist Seleukos VI. (98/97-95) gewidmet.
Ein anderes im östlichen Mittelmeerraum gelegenes Zentrum seleukidischer
Weihungen war Cypem.348 Hier ließ Demetrios II. dem „Vater seiner Ehefrau“,
Ptolemaios VI., im Jahr 146/45 eine Ehreninschrift setzen.349 Im Heiligtum der
Aphrodite hat sich auch ein Brief Antiochos’ VIII. oder Antiochos’ IX. erhalten
(siehe unten).
Für »kulturpolitische4 Aktivitäten der späten Seleukiden in Kleinasien könnten
möglicherweise zwei epigraphische Zeugnisse sprechen, die in Priene entdeckt
wurden.350 Die Inschrift 108 stellt den Beschluß für den Priener Bürger und Gesand-
ten Moschion dar und erwähnt in Z. 153 Demetrios I. und in Z. 155 ff. Demetrios II.
Die Gesandtschaften des Moschion, die ihn an den Hof von Antiocheia, Alexandreia
(Z. 167) und sogar nach Petra ins ferne Nabatäerreich (Z. 168) führten, „mögen den
Zweck gehabt haben, Beiträge für die Verschönerung der Stadt zu erhalten“;351
ebenso vielleicht die in der Priener Inschrift 121 genannte Gesandtschaft an den
Prinzen Seleukos (VI.).352 Von Antiochos IV. (175-164) ist ausdrücklich überliefert,
daß er den Ausbau von Athen, Megalopolis, Tegea, Kyzikos, Rhodos und Delos mit
Geldmitteln oder durch kostbare Geschenke förderte.353 Beziehungen dieser Art
348 Die Bedeutung Cypems spiegelt auch das bei Nea Paphos gefundene Archiv von Tonbullen mit
Siegelbildem wider, vgl. dazu H. Kyrieleis, 0eoi oparoi. Zur Stemsymbolik hellenistischer
Herrscherbildnisse, in: K. Braun/A. Furtwängler (Hg.), Studien zur klassischen Archäologie. F.
Hiller zu seinem 60. Geburtstag am 12. März 1986, Saarbrücken 1986, S. 56 f. mit Abb. 4-8.
349 SEG 13, 1956, 585 mit den Ergänzungen von Piejko, Ptolemies S. 131 mit Anm. 9.
350 F. Hiller von Gaertringen (Hg.), Die Inschriften von Priene, Berlin 1906, S. 84 ff. Nr. 108 und
116 f. Nr. 121. Zu dieser Inschrift zuletzt: J.-L. Ferrary, Les gouvemeurs des provinces romaines
d’Asie Mineure (Asie et Cilicie), depuis forganisation de la province d’Asie jusqu’ä la premiere
guerre de Mithridate (126-88 av. J.-C.), Chiron 30,2000, S. 170ff.
351 F. Hiller von Gaertringen (Hg.), Die Inschriften von Priene, Berlin 1906, S. XVIII.
352 Z. 14. Seleukos (VI.) führt den Königslitel noch nicht.
353 Liv. 41,20,5-9: in duabus tanzen magnis honestisque rebus uere regius erat animus, in urbiuni
donis et deorurn cultu. Megalopolitanis in Arcadia murum se circumdaturum urbi est pollicitus
maioremque partem pecuniae dedit; Tegeae theatrum magnificum e niarmore facere instituit;
Cyzici (in) prytaneo - id est penetrale urbis, ubi publice quibus is honos datus est vescuntur -
uasa aurea mensae uniusposuit. Rhodiis, (ut) nihil ununi insigiie, ita oninis generis, ut quaeque
usus eorum postulauerunt, dona dedit. inagnificentiae uero in deos uel lovuis Olympii teniplum
Athenis, unum in terris incohatum pro magnitudine dei, potest (testis) esse; sed et Delum aris
insignibus statuaruinque copia exornauit, ... Livius paraphrasiert Pol. 26, 1, 10f. Die Großzü-
gigkeit des Antiochos IV. erwähnt auch 1. Makk. 3, 30. Downey, Antioch S. 96 ff. bes. 99:
Mprkholm, Antiochus S. 58; Bunge, „Theos Epiphanes“ S. 78 Anm. 99; Bringmann/v. Steuben,
Schenkungen I S. 218 Nr. 170; Bringmann, Ökonomie S. 113 f. Wie Polybios 29, 24, 11 aus-
drücklich anmerkt, bildete Antiochos IV. mit seiner Großzügigkeit innerhalb des Seleukiden-
hauses eine Ausnahme: Ehling, Unruhen S. 335. Zur Bedeutung von Geben und Wohltun als
Bestandteil des Königsideals vgl. allgemein H. Schaaf. Untersuchungen zu Gebäudestiftungen
in hellenistischer Zeit, Köln/Weimar/Wien 1992.S. 12ff.bes. 19ff.; vgl. außerdem). Lippstreu,
Antiochos IV. und Eumenes II. von Pergamon als Architekturstifter, in: W. Hoepfner/G. Zimmer
(Hg.), Die griechische Polis. Architektur und Politik, Tübingen 1993, S. 126ff. bes. 130 ff.
2.) Epigraphische Quellen
71
mögen auch mit Kalchedon354 und Teos355 bestanden haben. Es ist wahrscheinlich,
daß auch die späten Seleukidenkönige diese Tradition gepflegt und weitergeführt
haben.
Mit die interessantesten Inschriften wurden beim Zeustempel von Olba im Rau-
hen Kilikien gefunden.356 Der von Strabon (14, 5, 10 = 672) erwähnte Tempelstaat
liegt 20 km nördlich von Seleukeia am Kalykadnos auf dem hügeligen Hochland
des südwestlichen Tauros in etwa 1100 m Höhe.357 Das Heiligtum des von den
Griechen mit Zeus identifizierten, ursprünglich indigenen Wettergottes358 ist „wohl
das schönste und historisch wichtigste Baudenkmal des ganzen kilikischen
Landes“;359 noch heute sind 32 korinthische Säulen „vorzüglich erhalten“.360 Eine
von R. Heberdey und A. Wilhelm in die Zeit zwischen 150 und 50,361 von E. Herz-
feld in das Dezennium 60-50 datierte,362 in die Peribolos-Mauer in sekundärer
Verwendung verbaute Inschrift besagt, daß der Großpriester Teukros, Sohn des Ze-
nophanes, des Sohnes des Teukros, dem Zeus Olbios die Dächer erneuerte, die
früher unter dem König Seleukos L Nikator gebaut worden waren.363 Da der Tempel
nach der Datierung von Chr. Börker etwa in der Mitte des 2. Jh. errichtet wurde,364
ist die Stiftung Seleukos* I. vermutlich auf die Dächer der hinter dem Zeusheiligtum
354 R. Merkelbach (Hg.), Die Inschriften von Kalchedon (l.K. 20), Bonn 1980, S. 3 ff. Nr. 1. Euda-
mos, der Sohn des Nikon aus Seleukeia am Kalykadnos, ein einflußreicher Funktionär und cpiXoc
des Antiochos IV., wurde für seine Verdienste, die er sich beim Zustandekommen dieser Bezie-
hungen erworben hatte, von der Stadt durch Verleihung von Bürgerrecht und Proxenie geehrt.
Die Inschrift wird in die Zeit um 172 datiert.
355 Zum ionischen Teos vgl. A. Mastrocinque, Seleucidi divinizzati a Teo, EA 3, 1984, S. 83-86
und Piejko, Ptolemies S. 129 ff.
356 MAMA III S. 62ff.; A.-M. Verilhac/G. Dagron, Une nouvelle inscription au temple de Zeus ä
Diocesaree Uzuncaburg (Cilicie), REA 1974, S. 237-242; SEG 26,1976/77,1451 ff.; J. und L.
Robert, REG 90,1977, S. 426 Nr. 525. Zur Namensform: Stephan von Byzanz s. v. ’ OXßia, wo
er unter 9.) das kilikische "OXßa nennt. Zu Olba zuletzt ausführlich: Trampedach, Olba S.
269-288.
357 E. Herzfeld, Olba, AA 1909, Sp. 436; Schneider, Kulturgeschichte IS. 727; MacKay, Sanctua-
ries S. 2083; Trampedach, Olba S. 269 ff
358 MacKay, Sanctuaries S. 2084.
359 E. Herzfeld, Olba. AA 1909, Sp. 439.
360 Ebenda Sp. 439. Vgl. auch MAMA III S. 47 ff.; Chr. Börker, Die Datierung des Zeus-Tempels
von Olba-Diokaisareia in Kilikien, AA 1971, S. 37-54 und Bringmann/v. Steuben, Schenkungen
S. 378 f. Nr. 304 mit Abb. 18 f. und S. 517 Nr. 460 mit weiterer Literatur.
361 Reisen in Kilikien (Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philoso-
phisch-Historische Klasse 44), Wien 1896, S. 86.
362 Olba, AA 1909, Sp. 440.
363 OID 36: ’Apxiepevc P^(y)«C TeÜKpoc Zqvocpävouc [rov] Tevkpou Aii *OX[ßi]wi t&q
[o]T^yac CKCtivaoEv [t]&c 7rpoTEpo[v Y£YE]vrm£va<; vttö ßaoiXEw[c] SeXeükoü NiKotTopoc.
Zu der Inschrift zuletzt: Trampedach, Olba S. 273 f.
364 Chr. Börker, Die Datierung des Zeus-Tempels von Olba-Diokaisareia in Kilikien, AA 1971, S.
37 ff.; 54. C. Williams, The Corinthian Temple of Zeus Olbios at Uzuncabun?: a Reconsideration
of the Date, AJA 78,1974, S. 405 ff. bes. 413 f. bringt den Bau des Tempels mit der (angeblichen)
Förderung des Zeuskultes durch Antiochos IV. in Verbindung. Zu Recht dagegen kritisch Bring-
mann/v. Steuben, Schenkungen S. 517.
72
I. Kapitel: Quellen
liegenden, einschiffigen Halle zu beziehen.365 Die Inschrift ist ein äußerst wichtiges
Zeugnis dafür, daß Seleukos I. bei der Hellenisierung Kilikiens nicht nur Rücksicht
auf gewachsene indigene Strukturen nahm, sondern lokale Heiligtümer gezielt un-
terstützte.366 In ähnlicher Weise förderte Antiochos III. (223/2-187) den architekto-
nischen Ausbau des Jerusalemer Tempels, als er um 200/198 Judäa unter seine
Kontrolle bekam (los. ant. lud. 12, 138-144). Gute Beziehungen zwischen den
Seleukidenkönigen und den Priesterfürsten von Olba bestanden bis in die ausge-
hende Seleukidenzeit. Inschriften bezeichnen den Großpriester Zenas als dÖcXcpöc
t(jüv ßaaiXicov, gemeint sind Philipp I. und Philipp II.367 Mit „Bruder“ sprach der
Seleukidenkönig den Ptolemäerkönig (OGIS I 257 = Welles, RC 71= Austin, Hel-
lenistic world 173 [Paphos]) und den Hohenpriester von Jerusalem an (I. Makk. 10,
18; los. ant. lud. 13,45). Die Inschrift MAMA III 62 = OID 85 bezeichnet Hermias
als ovvTpocpoc; Philipps II.368 Danach läßt sich vermuten, daß der kilikische Fürsten-
sohn gemeinsam mit diesem erzogen worden war. Wegen seiner avÖpayaOia, d.h.
wegen einer unter Einsatz des Lebens vollbrachten Heldentat,369 erhielt Hermias
von Philipp II. eine Goldkette im Wert von 100 Goldstücken geschenkt.370 Philipp
I., der sich nach seiner Niederlage im Jahr 83 nach Olba zurückgezogen hatte371 und
dort Hof hielt, ist vielleicht in dem Grabturm bestattet worden, der sich zwei Kilo-
meter südlich vom Tempel befindet.372
5.) Verwaltungsorgane und Stadtnamen: Überdies geben die Inschriften auch Auf-
schluß über die städtischen Verwaltungsorgane. Für Seleukeia in Pierien nennt die
in den August/September 109 datierte Inschrift OGIS 1257 = Welles, RC 72 (Paphos)
Beamte (apxovTec), Rat (ßouXrj) und Volk (öqpoc;). wApxovT££ wird zumeist wört-
lich mit „Archonten“ übersetzt; der Begriff kann aber auch ganz allgemein „Beamte“
bedeuten und die städtischen Magistrate in ihrer Gesamtheit bezeichnen.373 Für
365 R. Heberdey/A. Wilhelm, Reisen in Kilikien (Denkschriften der kaiserlichen Akademie der
Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 44), Wien 1896, S. 86; Chr. Börker, Die
Datierung des Zeus-Tempels von Olba-Diokaisareia in Kilikien, AA 1971, S. 38; MacKay,
Sanctuaries S. 2087; Bringmann/v. Steuben, Schenkungen S. 378 Nr. 304.
366 Pohl, Piraterie S. 118f. sieht in diesen „wichtige Bollwerke gegen die Piraterie“.
367 A.-M. Verilhac/G. Dagron, Une nouvelle inscription au temple de Zeus ä Dioc6saree Uzunca-
bur? (Cilicie), REA 1974, S. 237-242; SEG 26, 1976/77, 1451 ff.; J. und L. Robert, REG 90,
1977, S. 426 Nr. 525; Savalli-Lestrade, Philoi S. 89 f.; Trampedach, Olba S. 274ff.
368 Savalli-Lestrade, Philoi S. 90 f.
369 MAMA IBS. 67.
370 MAMA III S. 64ff. Nr. 62 und 63; MacKay, Sanctuaries S. 2088; Trampedach, Olba S. 274.
Eine goldene Halskette (arpeTTTÖc xP^aouc) als Ehrengabe (öwpov) des jüngeren Kyros an den
Syennesis von Kilikien erwähnt Xen. Anab. 1, 2, 27. Zu dieser Stelle vgl. Erzen, Kilikien S.
118. Zum Syennesis: ders., S. 99 ff. Eine Kette (torquis) und goldene Armbänder (armillae
aureae) als Schmuck des persischen Satrapen nennt Nepos in Dat. 3,1. Zum Ornat der seleuki-
dischen Könige und den Insignien der cpiXoi vgl. auch Ehling, Seleukos I.S. 43 f. mit Anm.
28.
371 MacKay, Sanctuaries S. 2088.
372 MAMA IIIS. 59 f. mit Abb. 89; MacKay, Sanctuaries S. 2091.
373 So richtig Cohen, Colonies S. 85 Anm. 66. Vgl. auch die Einleitung zu dem rrpoaTaypa: L.
2.) Epigraphische Quellen
73
Laodikeia am Meer sind tteAiyocve«; bezeugt.374 Nach Hesychios entsprechen diese
7TEXryav££ den griechischen ßouXEVTai,375 nach Strabon den spartanischen Ge-
ronten; dabei handelt es sich um einen epirotisch-makedonischen Ausdruck.376
Hinzu kommt noch eine weitere makedonische Institution: der EmcrraTr]«;.377 Wir
kennen den ETnardtTri^ im Osten378 und Westen379 des Reiches. Das TrpooraYpa
Seleukos’ IV. (IGLS 1183 = Welles, RC 45) z. B. ist an den EinoTaTqc rf|c; ttoXeco^,
Theophilos, die apxovTEt; und die ttoXk Seleukeia in Pierien gerichtet. Dieser war
ein königlicher Beamter,380 „entrusted with both civil and military powers“.381 Es
scheint, daß bei den von Seleukos I. gegründeten Städten382 das griechische Polis-
Modell mit makedonischen Elementen »ergänzt* wurde.383 Diese sollten eine mög-
lichst umfassende Kontrolle der jeweiligen Stadt für den König sichern. Um den
Verwaltungsaufwand zu minimieren und für griechische Siedler attraktiv zu sein,384
Robert, Inscriptions seleucides de Phrygie et d’Iran, Hellenica VII, Paris 1949, S. 7, in der
Antiochos III. Apollodoros und die ötpxovrec von Laodikeia begrüßt. Diese ötpxovTEC sind also
ein Sammelbegriff. Vgl. z.B. auch Lk 23, 13, wo allgemein von öpxovte^ die Rede ist, daß
damit aber die YpappaTEic gemeint sind, geht aus Lk 22,66 klar hervor.
374 P. Roussel, Decret des peliganes de Laodicee-sur-Mer, Syria 23, 1942/43, S. 21 ff.; Downey,
Antioch S. 112f.; Cohen, Colonies S. 80; Mehl, Cities S. 108f.; Grainger, Cities S. 153.
375 S.v. tteXiyöveC ot evöo^ot trapä Öe Evpoic oi ßouXEVTai.
376 Strab. VII Frag. 2. Downey, Antioch S. 112f.
377 Zum makedonischen Hintergrund vgl. R. M. Errington, König und Stadt im hellenistischen
Makedonien: die Rolle des Epistates, Chiron 32, 2002, S. 51-63. Vgl. außerdem Bikerman,
Institutions S. 162f.; Jones, Cities S. 105; Aperghis, Economy S. 284.
378 Für Seleukeia am Tigris sind zwei epistatai bezeugt: Diomedon zur Zeit des dritten Antiochos:
Pol. 5, 48, 12. Grainger, Prosopography S. 88 und Demokrates zurZeit des vierten Antiochos:
OGIS 1254. Grainger, Prosopography S. 86.
379 Seleukeia in Pierien: IGLS 1183= Welles, RC 45; Laodikeia am Meer: IGLS 1261 nennt einen
Asklepiades als epistates; Tyros: lust. 39, 1, 8: praefectus = ErnoTÖrnic; Jerusalem: II. Makk.
5, 22 und Olba im Rauhen Kilikien: E.L. Hicks, Inscriptions from Western Cilicia, JHS 12,
1891, S. 226 Nr. 2. Außerdem wohl Ilion: Ivllion S. 84 Nr. 32 aus dem Partizip in Z. 1 zu schlie-
ßen. Weitere Belege bei Kreißig, Wirtschaft S. 59.
380 Bikerman, Institutions S. 162 f.; Cohen, Colonies S. 81; Mehl, Cities S. 108; A. Heuss, Stadt
und Herrscher des Hellenismus in ihren staats- und völkerrechtlichen Beziehungen (Klio Beiheft
39), Leipzig 1937 (Nachdruck Aalen 1963), S. 23 f.; 29ff. und Bringmann, Reform S. 87 ff.
weisen auf die Vieldeutigkeit des ETnoTctTnc-Begriffs hin.
381 Downey, Antioch S. 112; Cohen, Colonies S. 81 betont hingegen nur seine zivilen Vollmachten:
“The epistates occupied a unique position. He acted as the civil representative of the king in the
polis and collaborated with the magistrates in goveming the city”.
382 Bei Hieronymus (Helm S. 127) heißt es: Seleucus Antiochiam Laodiciam Seleuciam Apamiam
Edessam Beroeam et Pellam urbes condidit. Quorum Antiochiam XII anno regni sui extruxit.
Grundlegend zu den Gründungen des Seleukos 1.: V. Tscherikower, Die hellenistischen Städte-
gründungen von Alexander dem Großen bis auf die Römerzeit, Leipzig 1927, S. 165 ff.;
Fatouros/Krischer, Antiochikos S. 141 ff.; Brodersen, Gründungen S. 361 ff.
383 So schreibt Welles zu der Inschrift RC 45 S. 187: “It is interesting to see how the Seleucids
combined democratic forms with strict supervision over their Capital cities”. Grainger, Cities S.
153.
384 Daß Seleukos I. auf die griechisch-makedonische Bevölkerung bzw. auf griechisch-makedoni-
sche Siedler angewiesen war, betont Mehl, Seleukos S. 325 f. und ders., Cities S. 100. So sollen,
wie Libanios or. 11,58; 92 berichtet, Athener unter den ersten Siedlern gewesen sein; sie wurden
74
1. Kapitel: Quellen
dürfte der erste Seleukide in seinen Neugründungen ein gewisses Maß an städtischer
Selbstverwaltung zugelassen haben. Aber angesichts der wirtschaftlichen, mehr aber
noch geostrategischen Bedeutung Nordsyriens385 mußte er darauf bedacht sein, einen
hohen Grad an Kontrolle auszuüben, um Stabilität in dieser Region zu erzielen.386
Institutionen wie die städtischen peliganes und der königliche epistates garantierten
weitestgehend den ordentlichen Eingang von Tributen und Zöllen ebenso wie die
Loyalität der Stadtbewohner gegenüber der Seleukidendynastie. Bezeichnender-
weise wurde eine »demokratische* Institution wie das Bouleuterion von Antiocheia
erst unter Antiochos IV. um 170 eingerichtet,387 ein Zeichen wachsender Schwäche
der Regierung, oder positiv ausgedrückt, ein Zeichen steigender Unabhängigkeit der
Städte in der späteren Seleukidenzeit.388
Eine Homonoia-Inschrift belegt, daß es auch in Tarsos (Antiocheia am Kydnos)
und Antiocheia am Pyramos (= Magarsos)389 Rat (ßouXrj), Volksversammlung
aus dem zerstörten, 40 Stadien entfernten Antigoneia umgesiedelt. Andere Siedler waren Argi-
ver und Kreter: Lib. or. 11,91. Unter den in Antiocheia angesiedelten Soldaten Seleukos’ I. (Lib.
or. 11,91) werden sich Makedonen und Griechen befunden haben. Unter Antiochos III. wurden
schließlich Aitoler, Kreter und Euboier angesiedelt, die Lib. or. 11, 119 als hellenische Bevöl-
kerung bezeichnet. Downey, Antioch S. 79 ff.; Wiemer, Vergangenheit S. 458. los. ant. lud. 18,
374 f. unterscheidet bei der frühkaiserzeitlichen Bevölkerung von Seleukeia in Pierien zwischen
Makedonen, Griechen und Syrern, wobei die Gruppe der Griechen gegenüber der der Makedo-
nen quantitativ überwog. - Außer Griechen und Syrern lebten in den seleukidischen Städten
auch Juden. So befand sich in Antiocheia im Stadtteil, Viertel oder an einem Platz, der Kerateon
genannt wurde, eine Synagoge: £v ’ Avnoxeia Tfj peydXri T(P Xeyopevcp Keparew rjv yap
ovvaycüyq &kci tcov Tovöaicov (Malal. 8, 207). Dies ist die jüdische Gemeinde der Apostel-
geschichte: 11, 19 ff.; 11, 26. Auch in den anderen von Seleukos I. gegründeten Städten lebten
Juden, die der König dort angesiedelt und rechtlich angeblich den Griechen gleichgestellt hatte:
Seleucus in eas urbes, quas extruxert, ludaeos transfert ins eis ciuium et municipalem ordinem
cum Graecis aequali honore consedens (Hier. Chron. 128). Der Textstelle dürfte los. ant. lud.
11,119 f. zugrunde liegen, der außerdem darauf hinweist, daß die Juden diese Vergünstigungen
von Seleukos I. für geleistete Kriegsdienste erhielten. Wie Griechen und Syrer werden die Juden
in der Form eines TroXrrevpa organisiert gewesen sein. Zum TroXireupa: Baltrusch, Juden S.
51 f.
385 Die Städte dieser Landschaft sicherten ihm den Zugang zum Mittelmeer und damit zur griechi-
schen Welt, vgl. auch Mehl. Seleukos S. 216. Zugleich bestand immer eine Gefährdung dieser
so wichtigen nordsyrischen Städte durch die Ptolemäer, vgl. Jähne, „Syrische Frage“ S. 506.
386 Deshalb spricht D. Musti, Syria and the East, CAH VII 1, Cambridge 19842, S. 178 f. zu Recht
von einer bewußten »Makedonisierung* Nordsyriens.
387 Wohl in dem von ihm gegründeten Stadtteil Epiphaneia: Malal. 8,205; Lib. or. 11.125. Downey,
Antioch S. 99; 106; Mehl, Cities S. 108. Zur Lage von Epiphaneia: Hoepfner, Geschichte S.
483 ff., ders., Antiochia S. 3 ff. mit den Abbildungen 1 und 6. Cohen. Colonies S. 85 Anm. 65
meint, daß aber zumindest die boule schon seit einiger Zeit existierte. Auch das Bouleuterion
von Milet wurde in seinem Auftrag gebaut. Dazu zuletzt Herrmann, Milesier S. 171 ff.; H.
Schaaf, Untersuchungen zu Gebäudestiftungen in hellenistischer Zeit, Köln/Weimar/Wien 1992,
S. 37 ff.; Kneppe, Timarchos S. 40.
388 Mehl, Cities S. 109.
389 Es läßt sich nicht definitiv entscheiden, ob Antiocheia am Pyramos Magarsos oder Mallos war.
Wahrscheinlich trug jedoch Magarsos den dynastischen Namen, so zuletzt noch einmal Cohen,
Settlements S. 360 ff.
2.) Epigraphische Quellen
75
(eKKÄrjaia) und Beamte (äpxovTGQ Trpirraveu;; ypappaTEv«; Tqq ßouXqc; Kai Tq<;
eKKÄqaiac;) gab.390 Die Seleukidenkönige haben die älteren Städte Kilikiens helle-
nisiert391 und den seleukidischen Neugründungen angeglichen. Die Inschriften lie-
fern noch einen weiteren wichtigen Beleg für die Hellenisierung Kilikiens in seleu-
kidischer Zeit: Zwei in Delphi gefundene Proxenie-Dekrete (für Stasianax und
Athenodotos) beweisen, daß mit Sicherheit zumindest Tarsos bereits im 3. Jh. seinen
nicht-griechischen Namen392 zugunsten des dynastischen Namens Antiocheia am
Kydnos abgelegt hatte.393 Nach den Münzen,394 den ins Jahr 166/65 gehörenden
athenischen Siegerlisten395 und Stephan von Byzanz396 könnte man meinen, die
Stadt hätte erst unter Antiochos IV. ihren dynastischen Namen angenommen. Es ist
deshalb gut möglich, daß auch die anderen ostkilikischen Städte bereits während des
3.Z2. Jhs. dynastische Stadtnamen führten, wenngleich die epigraphischen und nu-
mismatischen Belege dafür alle erst aus der Zeit des vierten Antiochos stammen.397
390 S. und R. Werner, Eine griechische Inschrift aus Karatas, Jahrbuch für Kleinasiatische Forschun-
gen 2, 1951, S. 326 f.; F. Sokolowski, Lois sacrees de l’Asie mineure, Paris 1955, S. 183 f. Nr.
81; SEG 12, 1955, 511 mit den Verbesserungen von L. Robert: SEG 14, 1957, 900. Cohen,
Settlements S. 359 f. Die Inschrift stammt aus der Zeit zwischen 160 und 140. Vgl. auch die
Asylie-Erklärungen des Sulla und des Lucullus für den Isis-Tempel von Mopsuhestia (Seleukeia
am Pyramos), die apxovreq ßovXq und Öfjpoc nennen und sehr wahrscheinlich in das Jahr
86/85 gehören: Sayar/Siewert/Taeuber, Asylie-Erklärungen S. 120; SEG 44, 1994, 1227; SEG
45, 1995, 1834; SEG 46, 1996, 1731.
391 S. Sherwin-White/A. Kuhrt, From Samarkhand to Sardis. A new approach to the Seleucid em-
pire, London 1993, S. 184. Es muß dort aber SEG 14,1957,900 heißen, nicht 980. Einen guten
Überblick über Kilikien unter den Seleukiden gibt M.H. Sayar, Kilikien und die Seleukiden.
Ein Beitrag zur Geschichte Kilikiens unter der Seleukidenherrschaft anhand einer neuentdeck-
ten Festung und einer neugefundenen Inschrift, in: Studien zum antiken Kleinasien IV (Asia
Minor Studien 34), Bonn 1999, S. 125-136.
392 W. Rüge, Tarsos, RE IV A 2, Stuttgart 1932, Sp. 2414. Zur Etymologie des Stadtnamens vgl. J.
Tischler, Der Ortsname Tarsos und Verwandtes, Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung
100, 1987, S. 339 ff. Tischler nimmt ein hethitisch-luwisches Wort tarsa für Schädel an und
weist auf die Erklärung bei Stephan von Byzanz hin, der s. v. Tapoö^ schreibt, die Stadt Tarsos
habe früher den Namen Kpavia gehabt, was von griechisch Kpaviov ,Schädel* abgeleitet sei.
Anders Erzen, Kilikien S. 73 mit der Literatur in Anm. 134, der meint, daß der Stadtname viel-
leicht mit dem einheimischen Gott Tarku zusammenhängt.
393 L. Couve, Inscriptions de Delphes, BCH 18,1894, S. 267. R. Flaceliere, Les Aitoliens ä Delphes,
Paris 1937, S. 436 f. setzt das Archontat des Aristion ins Jahr 276/75? und das des Dion S. 468 f.
ins Jahr 243/2. Das Archontat des Dion datiert J. Beloch, Griechische Geschichte. IV 2: Die
griechische Weltherrschaft, Berlin/Leipzig 19272, S. 402 ff.; 420 f. ebenfalls ins Jahr 243/2. Das
Archontat des Aristion setzt W. Rüge, Tarsos, RE IV A 2, Stuttgart 1932, Sp. 2419 ins Jahr
212/11. Vgl. dazu zuletzt Cohen, Settlements S. 359 mit weiterer Literatur.
394 Münzen mit dynastischem Namen z.B.: SNG Switzerland I 909-916. Allerdings prägte Tarsos
diese Münzen anders als die anderen kilikischen Städte nicht mit dem Kopf des Antiochos IV.
auf der Vorderseite.
395 Vgl. dazu St. V. Tracy/Chr. Habicht, New and Old Panathenaic Victor Lists, Hesperia 60,1991,
S. 187 f. Col. II Z. 27-33, und S. 202 mit Taf. 71 ff.
396 Dort heißt es: Tapoöc;, ... EKÄrjOqv Ö& Kai ’Avnoxsia airo ’Avtioxov toö ’ETncpavov^.
397 So wird z. B. in Z. 48 der panathenischen Siegerliste aus dem Jahr 166/5 Antiocheia am Pyramos
(= Magarsos?) erwähnt. Alle Nachweise finden sich bei Cohen, Settlements S. 355 ff. Jones,
76
1. Kapitel: Quellen
Schließlich beweisen die Inschriften, genauso wie die Münzen, daß die Städte ihren
dynastischen Namen keineswegs gleich nach dem Tode des Antiochos IV. wieder
ablegten.398
6.) Keilinschriften: Manch wichtiges historisches Ereignis hat auch in den astrono-
mischen Keilinschriften Babylons seine Spuren hinterlassen.399 Einige dieser Do-
kumente sind in der ersten Zeile nach einem Seleukidenkönig datiert.400 Die Inschrift
Sachs/Hunger, Astronomical Diaries IIIS. 35 Nr. 161 Zeile 1/1 nennt für den siebten
Monat des Jahres 150 S.Ä. (nach der babylonischen Frühjahrszählung) noch Anti-
ochos V. als König {Lugal) des Seleukidenreiches; im Herbst 162 übernahm Demet-
rios I. die Herrschaft.401 Als Folge der Kämpfe zwischen Demetrios I. und Alexander
I. scheint es in Antiocheia zu einer Hungersnot gekommen zu sein 402 der einzigen
Lebensmittelknappheit von der wir in dem hier behandelten Zeitraum hören. Berich-
tet wird auch, daß Demetrios I. von Antiocheia aus 25 Elephanten gegen Alexander
I. ins Treffen führte.403 Im Jahr 141 nahmen die Parther unter ihrem König {Lugal)
Arsakes (= Mithradates I.) von Medien aus Seleukeia am Tigris und Babylon ein.404
Besonders hervorzuheben ist, daß die Gefangennahme Demetrios’ II. und seiner
cpiXoi durch die Parther nach der Inschrift Sachs/Hunger, Astronomical Diaries III
S. 167 Nr. 137 Z. 10 ins Jahr 138 zu datieren ist und damit der Aufbruch des Königs
in den Partherkrieg ins Jahr 139 gehört.405 Für das Jahr 130 ist die Rückeroberung
Cities S. 200 hat natürlich grundsätzlich recht, wenn er schreibt: “The date when these dynastic
names were granted is not known”.
398 So wird die bei Karatas gefundene Inschrift: S. und R. Werner, Eine griechische Inschrift aus
Karatas, Jahrbuch für Kleinasiatische Forschungen 2, 1951, S. 326f.; F. Sokolowski, Lois sac-
rees de FAsie mineure, Paris 1955, S. 183 f. Nr. 81; SEG 12,1955,511 mit den Verbesserungen
von L. Robert: SEG 14, 1957, 900, die Antiocheia am Kydnos (Tarsos) und Antiocheia am
Pyramos (Magarsos?) nennt, in die Zeit zwischen 160 und 140 datiert. Seleukeia am Kalykadnos
und Epiphaneia führten ihren dynastischen Namen noch in der römischen Kaiserzeit: SNG
Switzerland I 680 ff. bes. 720-789. Auch Gadara legte seinen dynastischen Namen erst später
ab: Wörrle, Gadara S. 269. Vgl. aber auch Nolle, Seleukeia S. 89 f.
399 Diese Inschriften bieten für den heutigen Leser oftmals nur ziemlich monotone Auflistungen
der Planeten- bzw. Stembilderkonstellationen. Die Texte liegen bei Del Monte, Testi und Sachs/
Hunger, Astronomical Diaries 111 in Umschrift und Übersetzung vor.
400 Z.B. Sachs/Hunger, Astronomical Diaries III S. 59 Nr. 157 Z. I: „Jahr 154, König Demetrios“
oder S. 87 Nr. 149 Z. 1: „[Jahr 162,] König Alexander“.
401 Siehe unten Kap. II 2.
402 Sachs/Hunger, Astronomical Diaries 111 S. 85 Nr. 149 Z. 3f.
403 Ebenda S. 87 Nr. 149 Z. 8-11. Interessanterweise kommt ein Elephantenkopf auf Bronzemün-
zen des Demetrios I. vor: z.B. CSE 172. Die Münzen sind vielleicht im Kontext dieser keilin-
schriftlichen Überlieferung zu sehen. Der Elephant auf Bronzemünzen des Alexander I.: z.B.
CSE 198; 205 f. hingegen stehen eher in einem dionysischen Zusammenhang.
404 Ebenda S. 135 Nr. 140 Z. 3-9. In der Inschrift wird Seleukeia als „königliche Stadt“ bezeichnet.
Nach Olmstead, Texts S. 13 erfolgte die Eroberung Seleukeias am Tigris vor dem 22. Juli 141.
Zum Titel Lugal: Oelsner, Randbemerkungen S. 35 f. mit Anm. 34, der darauf hinweist, daß seit
Mithradates II. (122-91/88) statt Lugal der Titel Sarru verwendet wird; diesem Wechsel „liegen
Veränderungen in der Königsideologie zugrunde“.
405 Dazu ausführlich unten Kap. II 7.
2.) Epigraphische Quellen
77
Babylons durch Antiochos VII. keilinschriftlich bezeugt, und dies ist, wie A.T.
Olmstead feststellt, „the last witness to Western rule ...<<.406
7.) Umstrittene Inschriften: Abschließend seien noch drei wichtige Inschriften an-
gesprochen, deren Datierung und Interpretation Schwierigkeiten bereiten. Es handelt
sich 1.) um die bekannte Inschrift des Zeustempels von Baitokaike (OGIS I 262 =
Welles, RC 70), 2.) um eine in Ptolemais gefundene und von Y. H. Landau, A Greek
Inscription from Acre, IEJ 11, 1961, S. 118 ff. mit Fig. 1 und Taf. 28 publizierte
Inschrift und 3.) um die im Aphroditeheiligtum von Paphos auf Cypern entdeckte
Inschrift OGIS I 257 = Welles, RC 71; 72 = Austin, Hellenistic world 173.
Zu 1.) Die große, aus der späten römischen Kaiserzeit stammende Inschrift des
Zeustempels von Baitokaike (OGIS 1262 = Welles, RC 70) besteht aus fünf Doku-
menten, von denen in unserem Zusammenhang die Kopie des Briefes (ejnoToXri)
eines Antiochos an Euphemos (Z. 15-18) und die folgenden Anweisungen zur Um-
wandlung einer früheren Öwpea in Tempelland (Z. 18-31) von Interesse sind.407 Da
der Antiochos keinen Beinamen führt und ohne Filiation genannt wird, ist über seine
Identität viel gerätselt worden. Während C.B. Welles einen späten Seleukiden, An-
tiochos VIII., vorschlug,408 gelangte H. Seyrig zu der Ansicht, daß es sich um Anti-
ochos I. oder II. handeln dürfte.409 Der einzige chronologisch verwertbare Anhalts-
punkt ist die Erwähnung der Satrapie Apameia in Z. 21. Da unter Demetrios I. die
Tetrapolis noch in der Satrapie Syria Seleukis zusammengefaßt war (IvDelos
1544),410 gehört die Aufteilung dieser Satrapie in vier (?) Satrapien (die von Antio-
cheia, Seleukeia, Laodikeia und Apameia)411 wohl doch in die Zeit nach 162-150,
der Regierungszeit des Demetrios I.412 Die Übertragung einer ehemaligen öwped
an einen Tempel läßt an die Auflösungszeit des Reiches denken.413 Da unter Antio-
406 Olmstead, Texts S. 14. Vgl. außerdem Oelsner. Randbemerkungen S. 34 mit Anm. 30.
407 Rostovtzeff, History I S. 494; Rigsby, Asylia S. 504 ff. Der entscheidende Passus lautet in der
Übersetzung von Kreißig, Wirtschaft S. 53 f.: „Da mir über die Kraft des Gottes Zeus von Bai-
tokaike berichtet wurde, ist beschlossen worden, ihm für alle Zeit zu übertragen den Ort, von
dem die Gewalt des Gottes ausging - das Dorf Baitokaikene, das früher Demetrios ... gehörte,
mit seinem ganzen (Grund- und lebenden) Besitz nach den bestehenden Registern und mit den
Produkten des laufenden Jahres ... Und am 15. und 30. Tag jedes Monats sollen abgabefrei
Märkte abgehalten werden. Der Tempel soll unverletzbar und das Dorf frei von Einquartierun-
gen sein...“. Der Ort befindet sich nördlich des Libanongebirges etwa auf der Höhe von Arados.
Vgl. die Karte bei Le Rider, Antioche S. 9. Außerdem: Orth, Geographie S. 84.
408 RC70.
409 H. Seyrig, Antiquites syriennes 48. Aradus et Baetocaece, Syria 28,1951, S. 191-206 bes. 202.
Gegen diese Auffassung spricht sich Orth, Geographie S. 84 aus.
410 Siehe auch oben.
411 Für die ersten drei dieser neugeschaffenen Satrapien haben wir bislang keinen Beleg.
412 Rigsby, Asylia S. 509: “The attested dates (meager evidence) for a satrapy of Apamea are bet-
ween the mid-second Century and the early first, before which we hear of the satrapy of Seleucis
...” IvDelos 1544 nennt einen König Demetrios, wobei aus der Inschrift nicht hervorgeht, ob
damit der erste oder der zweite Demetrios (145-138/129-125) gemeint ist, d.h. die Satrapie
Syria Seleukis ist demnach vielleicht auch erst nach 125 aufgeteilt worden. Rigsby selbst legt
sich zeitlich nicht genauer fest.
413 Welles, RC S. 282; Kreißig, Wirtschaft S. 54.
78
I. Kapitel: Quellen
chos VIII. praktisch mit Beginn der Alleinregierung im Jahr 121 der Zeuskult nach-
haltig propagiert wurde,414 läge eine Förderung dieses Zeusheiligtums ganz auf
seiner Linie. Ein weiteres Indiz für eine Spätdatierung bietet der Name des früheren
Besitzers. Er hieß Demetrios, Sohn des Demetrios (Z. 20 f.). Möglicherweise han-
delte es sich bei diesen beiden um Höflinge, die ihre Namen nach einem der beiden
Könige, Demetrios I. oder Demetrios II., erhalten hatten.415
Zu 2.) Der Herausgeber Y.H. Landau ergänzt und deutet die Inschrift als Wei-
hung für Antiochos VII. und Kleopatra Thea und datiert sie ins Jahr 130/29.416 Er-
gänzung und Datierung sind u. a. von G. Le Rider,417 H. Bengtson418 und E. Will419
übernommen worden. Landaus Lesung ist jedoch mit einer Reihe von Ungereimt-
heiten verbunden, auf die zuerst Th. Fischer aufmerksam gemacht hat.420 421 Demnach
ist das virep lediglich auf den in Z. 1 f. genannten Großkönig Antiochos [ ] Euerge-
tes Kallinikos zu beziehen und das ey auf den König [—](ov ZcöTf|poc M&yiaTOU
und Kleopatra Thea. Die Weihung erfolgte also nicht für (v7r£p) Kleopatra Thea,
sondern die Königin erscheint als Mutter des in Z. 1 f. genannten Königs Antiochos.
Ergänzt man in Z. 3 die Lesung [ ](ou mit Landau zu Aqpr|Tpiov, dann muß es sich
um Demetrios II. handeln, und der in Z. 1 f. vermerkte Antiochos wäre Antiochos
VIIL Problematisch ist jedoch, daß Antiochos VIIL dann statt der Beinamen Epi-
phanes Philometor Kallinikos die Namen [ ] Euergetes Kallinikos führen würde und
Demetrios II. statt Theos NikatorA2A Soter Megistos hieße. Folgt man Fischers Vor-
schlag und liest in Z. 3 statt [ ]iou nur [ ]ou, dann ließe sich ’ Avtioxou ergänzen;
dieser wäre dann Antiochos VII. und der Antiochos in Z. 1 f. sein Sohn Antiochos
IX. Freilich geht auch diese Lesung nicht einfach auf: Antiochos VII. führte offiziell
das Epitheton Euergetes und seit 134/33 nannte er sich Megas Euergetes. nicht aber
Soter Megistos. Allerdings nennt ihn Josephus in ant. lud. 12, 222 Antiochos Soter.
Die Richtigkeit dieser Nachricht wird möglicherweise nun durch die diskutierte
Ptolemai’s-Inschrift bestätigt. Vermutlich wurde Antiochos VII. der Beiname Soter
postum verliehen und in Ptolemais zu Soter Megistos gesteigert. Für Antiochos IX.
414 Siehe unten Kap. I 3, 2. Nach den Tetradrachmen: CSE 322; 336; SNG Israel I 2493-2500;
2530-2533; D. Gomy, München, Kat. 97. Okt. 1999,509 (Antiocheia); CSE 723 f.; SNG Israel
I 2575-2578; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt. 1999, 511 (Sidon); CSE 812f.; SNG Israel I
2580-2586; 2590-2595; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt. 1999, 512 (Ptolemais); CSE
850-854; SNG Israel I 2646-2661 (Damaskos); SNG Israel I 2568-2571 (unbekannte nordsy-
rische Münzstätte). Sie zeigen einen stehenden Zeus mit Hüftmantel, über dessen Kopf sich eine
Mondsichel befindet und der auf der vorgestreckten rechten Hand einen Stern oder eine Sonne
hält. Siehe auch unten Kap. 11 10.
415 Rigsby, Asylia S. 509: “I imagine Demetrius to have been a courtier of some rank Bei
Rigsby auch die ältere Literatur. Zur Tempelanlage von Baitokaike ist immer noch grundlegend
das Buch von R. Krenker/W. Zschietzschmann, Römische Tempel in Syrien, Berlin/Leipzig
1938, S. 65 ff.
416 Landau, Inscription S. 122; 126.
417 Suse S. 378 Anm. 2.
418 Strategie II S. 424.
419 Histoire II S. 348.
420 PartherkriegS. 102 ff.
421 Den Philadelphos-Beinamen legte er etwa 139 ab: Ehling. Miszellen S. 375.
2.) Epigraphische Quellen
79
Philopator (in Z. 1 f.) ergäben sich damit zwei weitere, bislang unbekannte Epitheta,
nämlich Euergetes Kallinikos. Die Inschrift müßte noch einmal Buchstabe für Buch-
stabe gelesen werden. Da Fischers Vorschlag weniger Schwierigkeiten bereitet und
insgesamt einige Wahrscheinlichkeit besitzt, sollte auch seine Datierung der Inschrift
in die Zeit zwischen 114 (?) bzw. 113 und 104 übernommen werden.422
Zu 3.) Der Königsbrief (OGIS I 257 = Welles, RC 71; 72 = Austin, Hellenistic
world 173 [Paphos]) wurde zuerst von E.A. Gardner/D.G. Hogarth/M.R. James/
R.E. Smith, Excavations in Cyprus, 1887-1888, JHS 9, 1888, S. 229 ff. publiziert
und seitdem immer wieder besprochen.423 Darin unterrichtet ein König Antiochos
seinen auf Cypem residierenden „Bruder“ Ptolemaios X. Alexander I.424 im August/
September 109 darüber, daß die Stadt Seleukeia in Pierien für alle Zeiten frei sein
soll (Z. 13 f.). Zur Begründung heißt es, daß die Bewohner schon seinen Vater un-
terstützt hätten und auch gegen ihn selbst in „späteren schweren Zeiten“ immer
wohlgesinnt waren (Z. 5-9). Deshalb wolle er die Bewohner mit der vornehmsten
und größten Wohltat, der Freiheit,425 belohnen (Z. 11-14). - Auch wenn als erster
U. Wilcken die begründete Ansicht vertritt, es könne sich bei dem Briefschreiber
nur um Antiochos VIII. handeln,426 und die Forschung ihm weitgehend gefolgt ist427
ist es doch auch möglich, daß der Brief von seinem Halbbruder Antiochos IX. verfaßt
wurde 428 Die unten in Kap. II10 vorgeschlagene Rekonstruktion der Ereignisse des
Jahres 113 macht es wahrscheinlich, daß Antiochos IX. in diesem Jahr über Cypem
kommend in Seleukeia in Pierien landete und zur Eroberung Syriens überging. Ge-
wichtige Gründe sprechen m. E. dafür, in dem Briefschreiber eher Antiochos IX. als
422 Fischer, Partherkrieg S. 109. Der Deutung Fischers sind J. und L. Robert, REG 84, 1971, S.
527f. Nr. 689 und H. Castritius in seiner Besprechung: HZ 214,1972, S. 626 gefolgt. Skeptisch
bleibt dagegen M.A.R. Colledge in seiner Besprechung: Classical Review 86, 1972, S. 426 f.
Er datiert die Inschrift in die Zeit 121/0 bis 114/13. Nach der unten in Kap. II10 vorgeschlage-
nen Chronologie landete Antiochos IX. im Jahr 113 in Syrien.
423 Am ausführlichsten von Wilcken, Beitrag S. 436ff. Zu der Inschrift zuletzt: Rigsby, Asylia S.
486 f. Sie wurde im Heiligtum der cyprischen Aphrodite gefunden, das auf kaiserzeitlichen
Münzen abgebildet ist, vgl. z. B. das schöne Münchner Stück für Caracalla: M. Bemhart, Aphro-
dite auf griechischen Münzen, München 1934, S. 5f. mitTaf. IX b.
424 Ptolemaios X. Alexander I. war seit 114/13 Stratege von Cypem. Zwischen Oktober 110 und
Februar 109 war er kurzzeitig Mitregent seiner Mutter und kehrte nach seiner Entthronung
unter Beibehaltung des Königstitels nach Cypem zurück: H. Volkmann, Ptolemaios X. Alexan-
der I. (31), RE XXni 2, Stuttgart 1959, Sp. 1743 f. und Hölbl, Geschichte S. 184; 186. Welles,
RC 71 schreibt Ptolemaios IX. Alexander I.
425 Auf den Münzen bezeichnet sich die Stadt nun als autonom: Wroth BMC Galatia S. 270 ff. Nr.
15-28 mitTaf. XXXII6-8.
426 Beitrag S. 440.
427 Z.B. W.W.Tarn, The Political Standing of Delos, JHS 44, 1924, S. 144; E. Bickermann, Rom
und Lampsakos, Philologus 84,1932, S. 284; Austin, Hellenistic world S. 284; Cohen, Conflict
S. 16.
428 Welles, RC S. 290: “Certain Identification of the king Antiochus of these letters is, in the present
state of evidence, impossible”. Welles selbst neigt dazu, den Brief Antiochos VIII. zuzuschrei-
ben. Dagegen lassen Jones, Cities S. 100 oder F. W. Walbank, The Hellenistic World, London
1981, deutsch: Die hellenistische Welt, München 1983, S. 143 und Rigsby, Asylia S. 486 die
Frage unentschieden.
80
I. Kapitel: Quellen
Antiochos VIII. zu sehen (siehe unten Kap. II10). - Auf dem Inschriftenstein folgten
dem Brief des Seleukidenkönigs Antiochos IX. ? an Ptolemaios X. Alexander I. sehr
wahrscheinlich das Antwortschreiben des Ptolemäers429 und dann vielleicht die
Kopie des Briefes, der den römischen Senat über die Entscheidung des Königs un-
terrichtet430 die jedoch beide nicht erhalten sind.
3.) NUMISMATISCHE QUELLEN
Für eine Untersuchung gerade der späten Seleukidenzeit sind die Münzen von größ-
tem Wert.431 Es ist kaum übertrieben zu behaupten, daß es nicht möglich ist, eine
Geschichte der späten Seleukiden zu schreiben, ohne genaue Kenntnisse der könig-
lichen und städtischen Münzprägung dieser Jahre 432 Der eindrucksvollste Beleg für
ihre historische Bedeutung stammt von E. Bickermann: Er konnte durch Auswertung
der numismatischen Zeugnisse den Nachweis erbringen, daß Antiochos IV. keines-
wegs die Hellenisierung des Reiches durch die Einführung des für alle Untertanen
verbindlichen Zeuskultes beabsichtigt bzw. betrieben hat.433 Denn seit Anfang der
429 E. Bickermann, Rom und Lampsakos, Philologus 84, 1932, S. 284 Anm. 22.
430 OGIS 1 257 Z. 23 ff. = Welles, RC 72 Z. 4 ff.
431 Eine Bibliographie bietet Th. Fischer, Literaturüberblicke der griechischen Numismatik: Seleu-
kiden, Chiron 15, 1985, S. 283-389 und ders., Literaturüberblicke der griechischen Numisma-
tik: Seleukiden (Nachtrag 1984-89), Chiron 21, 1991, S. 425-464. Eine Übersicht über den
neuesten Forschungsstand zur seleukidischen Numismatik geben die zu den Kongressen in
Berlin und Madrid herausgegebenen Surveys: A. Houghton/C. Lorber, The Seleucids and the
Ptolemies, in: C. Morrisson/B. Kluge (Hg.), A Survey of Numismatic Research 1990-1995,
Berlin 1997, S. 115-124 und F. Duyrat, Les Seleucides et TOrient, in: C. Alfaro/A. Burnett
(Hg.), A Survey of Numismatic Research 1996-2001. Madrid 2003, S. 177-188. Vgl. außerdem
Aperghis, Economy S. 213 ff., der insbesondere die Münzproduktion unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten beleuchtet. Die von Fischer, Partherkrieg S. 5 Anm. 3 erhobene Forderung
nach Corpora seleukidischer Münzen wird in absehbarer Zeit erfüllt sein. Bislang stehen die
Bände von E.T. Newell,The SeleucidMint of Antioch, AJN 51, 1917, S. 1-151 (im folgenden
abgekürzt mit SMA), der Auktionskatalog Naville Kat. 10, A. Houghton, Coins of the Seleucid
Empire from the Collection of Arthur Houghton, New York 1983 (im folgenden abgekürzt mit
CSE), A. Houghton/A. Spaer/C. Lorber. Sylloge Nummorum Graecomm Israel I. The Arnold
Spaer Collection of Seleucid Coins, London 1998 (im folgenden abgekürzt mit SNG Israel I),
G. Le Rider, Antioche de Syrie sous les Seleucides. Corpus des monnaies d’or et d’argent. 1: De
Seleucos I ä Antiochos V c. 300-161, Paris 1999 und A. Houghton/C. Lorber, Seleucid Coins.
A Comprehensive Catalogue. Part I: Seleucus I through Antiochus III, Volume I: Introduction.
Maps, and Catalogue, Volume 11: Appendices, Indices and Plates, New York/Lancaster/London
2002 zur Verfügung. Band II des Corpus von Le Rider bzw. Teil II des Kataloges von Houghton/
Lorber werden in den nächsten Jahren erscheinen.
432 Bereits Bouche-Leclercq hat sich bemüht, die numismatischen Quellen auszuwerten. Im II. Band
seiner Histoire hat er einen Katalog der wichtigsten Seleukidenmünzen mit vier Tafeln ange-
hängt. Bikerman, Institutions S. 211 ff. widmet den seleukidischen Münzen fast 25 Seiten.
Schließlich wertet auch Bellinger in seiner Arbeit über das Ende der Seleukiden die Münzen
immer intensiv aus und beschäftigt sich in zwei Exkursen (S. 87 ff.) mit wichtigen numismati-
schen Details.
433 Die Hellenisierungsthese vertraten nachdrücklich U. Wilcken, Antiochos IV. (27), RE 12, Stutt-
3.) Numismatische Quellen
81
160er Jahre wurden in zahlreichen syrischen und phönikischen Städten Münzen
ausgebracht, die auf der Vorderseite den Kopf des Königs tragen, auf der Rückseite
aber nicht das Bild einer seleukidischen Reichsgottheit, sondern das des jeweiligen
Lokalgottes zeigen.434 So erscheint z. B. auf Bronzen der phönikischen Stadt Byblos
erstmals der sechsflüglige Gott Kronos;435 die Münzlegende ist aramäisch und nennt
den phönikischen Stadtnamen Gebal. Diese Münzzeugnisse lassen berechtigten
Zweifel an dem Wortlaut des in I. Makk. 1, 41-42 überlieferten »Hellenisierungs-
befehls* des Antiochos IV. aufkommen, in dem der König seine Reichsbewohner
auffordert, ihre Eigenarten aufzugeben, um zu einem einzigen Volk zu werden.436
gart 1894, Sp. 2474 und Bouche-Leclercq, Histoire I S. 283. Vgl. auch noch Bengtson, Ge-
schichte S. 493 f. Dagegen schreibt Bickermann, Makkabäer S. 46f. mit Recht: „Die moderne
Gelehrsamkeit hat es erfunden, daß der König überall den Zeus-Kult einführen wollte. Unzwei-
deutige Zeugnisse, seine Münzen, zeigen jedoch, daß Antiochos IV. eine Hellenisierung seines
Reiches keineswegs betrieben hat“. Die Bedeutung des Zeuskultes für Antiochos IV. darf nicht
überschätzt werden (eine Mittelposition nimmt M0rkholm, Antiochus S. 133 ein: “He had a
personal preference for Zeus Olympius, but showed no missionary zeal"). Zum Zeuskult der
Seleukiden: Mastrocinque, Zeus S. 361 mit Anm. 44 und 45. Hingegen sieht Rostovtzeff, History
II S. 704 in diesem Gott einen „counterpart“ zum ptolemäischen Sarapis. Doch hat Antiochos
IV. gerade auch den Isis- und Sarapiskult gefördert, wie seine im .ägyptischen* Stil geprägten
Bronzen belegen: Ehling, Unruhen S. 334 f. mit Anm. 198, dort die weitere Literatur, siehe auch
unten. Der Seleukidenkönig scheint keinen Gott besonders favorisiert, sondern im Gegenteil
den Kult aller Götter seines Reiches gefördert zu haben. So wurden bei den Festspielen von
Daphne im Herbst 166 die Bilder aller Götter, göttlichen Wesen und Heroen des Reiches mit-
geführt (Pol. 30, 25, 13). In dieselbe Richtung einer toleranten, für alle Strömungen offenen
Religionspolitik weisen auch die kultischen Hochzeiten, die Antiochos IV. mit der Artemis von
Hierapolis (Gran. Lic. 28, 6, d.h. der Atargatis von Hierapolis-Bambyke, vgl. Schneider, Kul-
turgeschichte I S. 742; Mprkholm, Antiochus S. 132) und der persischen Nanäa (II. Makk. 1,
13-17; bes. 1, 14) feierte. Zum Brauch des lepoc ydpoc vgl. Niese, Makkabäerbücher S. 287
mit Anm. 2 und Schmitt, Untersuchungen S. 102 f. Eher skeptisch, was die religiöse Toleranz
des vierten Antiochos betrifft, ist Baltrusch, Juden S. 54; 56, der freilich die Verhältnisse in
Judäa vor Augen hat.
434 M0rkholm, Municipal Coinages S. 63 ff.
435 Babelon, Rois S. 85 Nr. 671; M0rkholm, Municipal Coinages S. 65; CSE 694-696; SNG Israel
I 1070 f. Dieser Gott scheint noch auf spätantiken Gemmen und magischen Amuletten vorzu-
kommen: P. Zazoff, Die antiken Gemmen, München 1983, S. 358 ff. mit Taf. 114,3; 115,1 (auf
einem Tier stehend). Von Zazoff als „Pantheos“ bezeichnet.
436 I. Makk. 1,41 f.: Kal ^YPavP£v 6 ßaoiXEÜc irdai] rfj ßaoiXEig aurov Eivai jravrac; £i<; Xaöv
Eva Kai EYKaraXiTTEiv ekootov rä vopipa auroü. Kai &7r£Ö£l;avTo Trdvra rä eOvt] Karä
töv Xöyov tou ßaaiXEco^. Viele Übersetzungen sind hier nicht ganz korrekt und sprechen von
einem „Schreiben“ oder „Dekret“ (so Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 302) des Königs. Die
Seleukidenkönige regierten mit schriftlichen Erlassen, die als „Brief* (EmaToXq), „Verordnung“
(irpöoTaYpa) oder „Bekanntmachung“ (TrpoYpappa) bezeichnet werden. Vgl. Demandt,
Staatsformen S. 302. In I. Makk. 1,41 f. ist aber weder von einem „Brief* noch von einer „Ver-
ordnung“ noch von einer „Bekanntmachung“ die Rede. Es heißt nur, daß der König „schrieb“
bzw. die Völker dem Xoyoc („Befehl“) Folge leisteten. Der Autor des I. Makkabäerbuches zitiert
den Text nicht wörtlich (zu den im I. Makkabäerbuch wörtlich zitierten Briefen und Urkunden
siehe oben Kap. 11,3), sondern paraphrasiert ihn. Bemerkenswert ist des weiteren, daß Josephus,
obwohl er das I. Makkabäerbuch ausgiebig als Quelle benützt hat, diesen Xöyoc nicht erwähnt.
Es hat daher wahrscheinlich keinen an alle Ethnien des Seleukidenreiches gerichteten ,Helleni-
82
I. Kapitel: Quellen
Im folgenden sollen die Münzen unter sechs Gesichtspunkten näher betrachtet
werden, die den historischen Quellenwert der numismatischen Zeugnisse besonders
deutlich hervortreten lassen:
1 .) die Münzporträts geben Auskunft darüber, wie die Herrscher gesehen werden
wollten,
2 .) die Rückseitenbilder haben politisch-programmatischen Charakter,
3 .) die Reverslegenden nennen die Kultnamen der Könige und weisen auf legiti-
matorische und charismatische Aspekte hin,
4 .) die in Abschnitt oder Feld befindlichen Jahreszahlen der Seleukidenära (S. Ä.)
geben oftmals entscheidende Hinweise für die Chronologie,
5 .) die königliche bzw. städtische Bronze- und Silberprägung der phönikischen und
palästinischen Hafenstädte läßt Rückschlüsse auf die politischen Beziehungen
zwischen den Seleukidenherrschern und diesen reichen Poleis zu,
6 .) und schließlich spiegeln die Münzen einerseits die Persistenz älterer religiöser
Kulte aus vorseleukidischer Zeit wider, andererseits zeigen sie bedeutende Ak-
kulturationsvorgänge an.
Bevor mit der Untersuchung dieser sechs Punkte begonnen werden kann, ist es
sinnvoll, einige kurze Bemerkungen zum Nominalsystem und den Münzstätten des
Seleukidenreiches vorauszuschicken.
Im Seleukidenreich wurden in Gold, Silber und Bronze Münzen geprägt. Die
Prägung in Gold war eigentlich immer eine Notlösung, wie eine Episode aus dem
Jahr 123 vor Augen führt: Als Alexander II. sich vor Antiochos VIII. nach Antiocheia
zurückziehen mußte, ließ er aus dem Zeustempel der Stadt eine goldene Nikestatue
holen und einschmelzen (lust. 39,2,5), um seine Soldaten bezahlen zu können. Ein
aus dem Golde dieser Nike geschlagener Goldstater befindet sich heute im British
Museum.437 Gold lag als Münzmetall nicht vor und mußte durch Einschmelzen von
Schätzen oder ähnlichem erst gewonnen werden. Dementsprechend sind seleuki-
dische Goldmünzen überaus selten. Es liegen heute Stücke nur für Antiochos IV.,
Antiochos V., Demetrios I. und für Alexander II. vor. Polybios (28, 20,11) erwähnt
Goldstatere des Antiochos IV, die anläßlich des ersten Ägyptenfeldzuges geprägt
worden sein sollen. Goldstücke dieses Königs von über 8 g Gewicht haben sich
sierungsbefehr gegeben, sondern vermutlich allein einen an die Juden adressierten Erlaß“:
Meyer, Ursprung IIS. 143 f. Der Inhalt dieses „Erlasses“ könnte nach Eduard Meyer, Ursprung
II S. 158 f. etwa gelautet haben, daß die Juden „wie alle andern Völker des Reiches dieselben
Götter und Lebensordnungen anerkennen“ sollen. Zum Religionsverbot zuletzt: Bringmann,
Reform (vgl. dazu Hengel, Jerusalem S. 282 f. Anm. 74 mit weiteren Literaturverweisen und
Baltrusch, Juden S. 46); E.S. Gruen, Hellenism and Persecution: Antiochus IV and the Jews,
in: P. Green (Hg.), Hellenistic History and Culture, Berkeley/Los Angeles/London 1993, S.
238-264 und St. Weitzman, Plotting Antiochus’s Persecution, Journal of Biblical Literature 123,
2004, S. 219-234, der die literarischen Stilisierungen des »schlechten4 Königs im Alten Testa-
ment seil babylonischer Zeit untersucht.
437 Newell, SMA S. 88 Nr. 358; Ehling, Alexander II. S. 2 mit weiterer Literatur.
3.) Numismatische Quellen
83
erhalten,438 doch wurden sie mit Sicherheit erst nach 169/68 geprägt.439 Interessant
sind die Goldmünzen aus dem letzten Regierungsjahr des Demetrios I. (151/50): Sie
tragen auf der Vorderseite Wertzeichen (B für „zwei Statere“ [CSE 166] und B mit
einem halben A für „zweieinhalb Statere“ [CSE 165]). Möglicherweise dienten diese
schweren Goldmünzen als persönliche Geldgeschenke des Königs an höhere Funk-
tionäre.440
Weit wichtiger als die Gold- war die Silberprägung.441 Die Soldaten und Söldner
erhielten ihren Sold in Silber ausgezahlt.442 Die gängigen Silbernominale im Seleu-
kidenreich waren Tetradrachme, Drachme und Hemidrachme. Sehr selten wurden
Diobolen ausgegeben 443 Obolen offenbar gar nicht. Die Münzen wurden im at-
tischen Gewichtsstandard emittiert. An die Stelle der kleinen Einheiten, Diobolen
und Obolen, trat wahrscheinlich auswärtiges Kleinsilber. Seit 151/50 wurde das
umlaufende Silbergeld durch weitere königliche Prägungen in den phönikischen
Städten (Tyros, Sidon, Ptolemais, Berytos) bereichert; diese Silbermünzen wurden
im leichteren phönikisch-ägyptischen Münzfuß ausgebracht.444 Inschriftlich sind für
Kleinasien die Bezeichnungen „Alexanderdrachmen“ (* AXe^avöpeiov öpaxpod),445
„ptolemäische Drachmen“446 und „Antiochosdrachmen“ überliefert (’Avtioxov
öpaxMCti);447danach wird man vermuten dürfen, daß andere Münznamen für seleu-
438 Newell, SMA S. 28 Nr. 62; SNG Israel I 1002.
439 Zu Polybios vgl. den Kommentar von Walbank, Commentary III S. 356. Zu den Münzen: G. K.
Jenkins, Recent Acquisitions of Greek Coins by B. M., NC 1959, S. 43 und besonders M0rk-
holm, Antiochus S. 79 mit Anm. 58. Die Münzen müssen nach dem Ende des 6. Syrischen
Krieges geprägt worden sein, weil sie den Beinamen Nikephoros tragen. Zu den Beinamen siehe
unten Kap. I 3,3.
440 So die Vermutung von C. Lorber, Numismatic Fine Alts 18, Los Angeles 1987, 352 f. Zustim-
mend Meyer, Königin S. 117.
441 Zur Entwicklung der Gewichte der Tetradrachmen von Antiochos IV. bis Alexander I. vgl. den
Beitrag von E. Schlösser, Das Gewicht der Tetradrachmen des Antiochos IV. von Syrien, SM
34, 1984, S. 29-33.
442 Vgl. die Inschrift IG 1I/III2 329, aus der hervorgeht, daß ein Hypaspist Alexanders d. Gr. neben
der Verköstigung eine Drachme pro Tag als Sold erhielt. Dies wird den Verhältnissen im Seleu-
kidenreich vergleichbar sein. Eine Diskussion der Kosten, die durch die Armee verursacht
wurden, bietet Aperghis, Economy S. 189ff.; 202; 205; 239.
443 Unter Seleukos VI.: CSE 377; SNG Israel 12778.
444 Siehe unten Kap. II 5.
445 R. Merkelbach, Der Überfall der Piraten auf Teos, EA 32, 2000, S. 110 ff. Z. 72; 75f.; 78; 80;
S. 114 Z. 96-101. Gemeint sind damit die von der Stadt Teos im 3. Jh. ausgegebenen Tetra-
drachmen des Alexandertyps. Die Inschrift wurde zuerst besprochen von S. §ahin, Piratenüber-
fall auf Teos. Volksbeschluß über die Finanzierung der Erpressungsgelder, EA23,1994, S. 1 -36,
der den Stein ins 3. Jh. datiert: S. 3.
446 Vgl. W. Günther, Spenden für Didyma. Zu einer Siftung aus Naukratis, in: K. Geus/K. Zimmer-
mann (Hg.), Punica - Libyca - Ptolemaica. Festschrift für Werner Huß von Schülern, Freunden
und Kollegen zum 65. Geburtstag dargebracht (Studia Phoenicia 16), Leuven/Paris/Sterling
2001, S. 190. Unter den in der milesischen Inschrift erwähnten „ptolemäischen Drachmen“ wird
man sich konkret die im Münzfuß etwas leichteren Tetradrachmen und Drachmen der beiden
ersten Ptolemäer vorstellen dürfen.
447 W. Blümel (Hg.), Die Inschriften von lasos, Teil I: 1-218 (I. K. 28, 1), Bonn 1985, S. 21 Z.
24.
84
1. Kapitel: Quellen
kidisches Silbergeld in Kleinasien und Syrien „Seleukosdrachmen“ und „seleuki-
dische Drachmen“ waren.
Neben Drachme und Hemidrachme spielten die Bronzemünzen im tagtäglichen
Geldverkehr als Wechselgeld zum Silber die wichtigste Rolle. Bei den seleuki-
dischen Bronzemünzen lassen sich im wesentlichen fünf oder sechs Wertstufen
unterscheiden. Der erste Versuch» auch die Wertstufen des Bronzegeldes durchgän-
gig mit antiken Namen zu bezeichnen, stammt von E. Babelon. Er differenzierte die
Bronzeprägung in Dichalkos, Chalkos, Hemichalkos, Dilepton und Lepton.448 Eine
andere Einteilung nahm Th. Fischer bei den Bronzemünzen des Demetrios I. vor. Er
unterschied zwischen Tetrachalkos (15-17 g), Dichalkos (7-9 g), Chalkos (4-5 g),
Hemichalkos bzw. Lepton (2,5 g).449 Der Vorteil dieser Benennung ist, daß sie in
Analogie zu den Wertstufen des Silbers erfolgt: Der silbernen Tetradrachme ent-
spricht der bronzene Tetrachalkos, der Didrachme der Dichalkos, der Drachme der
Chalkos, der Hemidrachme der Hemichalkos, dem Diobol das Dilepton und schließ-
lich dem (nicht ausgeprägten) Obol das Lepton als der kleinsten Einheit. Bei diesen
Nominalbezeichnungen handelt es sich allerdings um nachträgliche Benennungen
der modernen Numismatik. Sie sind deshalb mit Vorsicht zu verwenden. Immerhin
kennen wir Chalkos (xocXko^) und Lepton (Xerrröv) als Geldnamen aus dem Neuen
Testament. Chalkos allein war möglicherweise eine Sammelbezeichnung für jede
Art von Bronzegeld (Mt 10, 9; Mk 6, 8; 12, 41); das Lepton ist die kleinste Geld-
einheit (Mk 12, 42; Lk 12, 59; 21, 2). Nach der hellenistischen Inschrift von Teos
läßt sich jetzt als sehr wahrscheinlich annehmen, daß die ca. 4 g schweren Bronze-
münzen als „Chalkosdrachmen“ (xöXkou Spaxpou) bezeichnet wurden 450
Zur Geldversorgung des riesigen Seleukidenreiches waren zahlreiche Münzstät-
ten nötig. Nach dem Verlust Kleinasiens (im Jahr 188) bzw. Mediens (148/47) wur-
den neue Münzstätten eingerichtet, so daß die Zahl der aktiven Prägestätten immer
hoch blieb. Dennoch war Münzgeld ein eher knappes Gut.451 Die wichtigsten kö-
niglichen Münzstätten der späteren Seleukidenzeit befanden sich in Kilikien (Tarsos,
Mallos, Soloi, Seleukeia am Kalykadnos), in der Syria Seleukis (Antiocheia, Seleu-
keia in Pierien), Phönikien (Tyros, Sidon, Ptolemai's), Koilesyrien (Damaskos) und
in Babylonien (Seleukeia am Tigris). Bei einer Untersuchung der numismatischen
Zeugnisse als Quelle für die späte Seleukidenzeit ist in erster Linie von der Münz-
prägung Antiocheias auszugehen. Die Stadt am Orontes stieg bald nach ihrer Grün-
dung um 300 neben Sardeis im Westen und Seleukeia am Tigris im Osten zum
wichtigsten Herrschafts- und Verwaltungszentrum des Seleukidenreiches auf, und
hier läßt sich eine staatliche Lenkung der Münzstätte erkennen, die es in anderen
448 Vgl. seine durchgehende Nominalbenennung in Rois.
449 In seinem postum erschienenen Aufsatz: Ein delphisches Rätsel?, SNR 74,1995, S. 25-46. Vgl.
außerdem: E. Schlösser, Denominations and Weights of Bronze Coins of Antiochus IV of Syria
and their Relation to the Silver Coinage, SM 35, 1985, S. 33-36.
450 R. Merkelbach, Der Überfall der Piraten auf Teos, EA 32, 2000, S. 112 f. Z. 93 f. Zum seleuki-
dischen Nominalsystem vgl. auch H.M. Cotton/W. Weiser, „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist ...“ Die Geldwährung der Griechen, Juden, Nabatäer und Römer im syrisch-nabatäischen
Raum, ZPE 114, 1996, S. 250.
451 Bringmann, Ökonomie S. 102-115, bes. 114f.
3.) Numismatische Quellen
85
Münzstätten des Reiches nicht in demselben Maße gegeben hat.452 Dies sei an eini-
gen Beispielen illustriert: Der Kinderkönig Antiochos VI. wird auf den Münzen von
Antiocheia mit Heliosepiphaniestrahlen im Haar dargestellt;453 diese fehlen in Tar-
sos oder Ptolemais.454 Demetrios II. erscheint nach seiner Rückkehr aus parthischer
Gefangenschaft auf den Münzen von Antiocheia und Tarsos mit langem Bart, der
auf den Münzen der phönikischen Städte fehlt.455 Das Bildnis Seleukos* VI. weist
in Antiocheia kleine Stierhömer über der Schläfe auf,456 die bei den Bildnissen auf
den Münzen von Seleukeia am Kalykadnos nicht vorhanden sind.457 Überhaupt sind
die Porträts in der antiochenischen Münzstätte plastischer und lebendiger gestaltet
als die der anderen Münzstätten. Während Demetrios I. unmittelbar nach seiner
Regierungsübernahme in Antiocheia Tetradrachmen mit dem Typ seiner T^che prä-
gen ließ 458 wurden in Susa die Tetradrachmen mit dem dynastischen Apollontyp
geschlagen 459 Bei den Münzen der phönikischen Städte schließlich wurde oftmals
auf die Angabe des oder der Kultnamen verzichtet.460 Wenn also im folgenden die
Münzen der Seleukiden unter den oben genannten sechs Gesichtspunkten diskutiert
werden, wird das besondere Augenmerk immer auf den Prägungen von Antiocheia
liegen müssen.
1.) Münzporträts: Insgesamt überliefern die Münzen die Bildnisse von 32 Seleuki-
denkönigen und vier Königinnen, während im ganzen nur vier rundplastische Bild-
nisse mit Sicherheit identifizierbar sind.461 Schon dieses quantitative Verhältnis
452 J.G. Bunge, Münzen als Mittel politischer Propaganda: Antiochos IV. Epiphanes von Syrien,
StCl 16,1974, S. 43.
453 CSE 232 ff.
454 Tarsos: J.A. Seeger, An Unpublished Drachm of Antiochus VI, NC 1972, S. 305; H. Lanz,
München, Kat. 74, Nov. 1995,265; Gomy & Mosch, München, Kat. 104, Okt. 2000,456; Pto-
lemais: CSE 798 f.
455 Mittag, Demetrios II. S. 391 ff. mit den Belegen.
456 Z.B. SNG Israel I 2768; 2769.
457 SNG Israel 12779 ff.
458 SNG Israeli 1256 ff.
459 CSE 1066ff. Es hat dort offenbar also keine Anweisung zur Änderung des Prägeprogramms
gegeben. Auch wird hier der Soter-Name nie auf Münzen verwendet: Fleischer, Herrscherbild-
nisse S. 56.
460 Z.B. CSE 796ff.: Alexander I. und Antiochos VI. sind ohne Kultnamen in Ptolemais.
461 Fleischer, Herrscherbildnisse S. Iff. hält sechs rundplastische Köpfe für Seleukidenporträts.
Dagegen geht H. v. Heintze in ihrer Rezension: Gymnasium 100, 1993, S. 171 zu Fleischers
Arbeit m. E. mit Recht davon aus, daß sicher bestimmbar nur Seleukos I. in Neapel, Antiochos
IV. in Berlin und Antiochos IX. in Antakya sind. Neu hinzugekommen ist inzwischen ein gut
erhaltener, zweifellos als Alexander I. identifizierbarer Kopf: Salzmann, Bildnis S. 243-257.
Hingegen vermag ich in dem von J. Meischner, Ein Porträt Antiochos’ VI. Epiphanes Dionysos
in Mersin, Istanbuler Mitteilungen 51,2001, S. 273-278 publizierten Kopf den Sohn des Alex-
ander I. nicht zu erkennen. Insbesondere die Haarfrisur ist, was auch Meischner sieht, bei dem
unterlebensgroßen Porträtkopf eine gänzlich andere als bei den Münzporträts des sechsten An-
tiochos. Um diese fehlende Übereinstimmung zu erklären, nimmt sie der Chronologie von
Baldus, Helm S. 217-239 folgend an, das Köpfchen wäre unter dem typologischen Einfluß des
Tryphonporträts in den Jahren zwischen 141 und 139/38 entstanden. Doch hat schon Fischer,
86
I. Kapitel: Quellen
macht deutlich, daß die Münzbildnisse im Mittelpunkt jeder Beschäftigung mit dem
seleukidischen Herrscherporträt stehen.462 Einige dieser Münzporträts gehören zu
den schönsten und eindrucksvollsten Herrscherbildnissen der antiken Münzkunst
überhaupt 463
Die Herrscherdarstellungen auf den Münzen des Hellenismus sind nicht als
»Porträts* im modernen Sinne aufzufassen. Die Stempelschneider hatten keineswegs
die Aufgabe, ein möglichst exaktes Abbild ihres Königs anzufertigen. Vielmehr
stellen die Münzbilder dar, wie die Herrscher gesehen werden wollten.464 Sie sind
daher mehr oder minder stark idealisiert, und auch scheinbar realistische Porträts
sind mit Absicht in dieser Weise gestaltet465
Ganz offensichtlich programmatischen Charakter besitzt die Nachahmung Alex-
anders d. Gr. Der erste Seleukidenkönig, dessen imitatio Alexandri sich in den
Münzporträts niedergeschlagen hat, war Antiochos IV.466 Die von O. M0rkholm
unter Serie 3, Gruppe 17 (A 39-45) katalogisierten Tetradrachmen467 stellen den
König mit der für den großen Makedonen charakteristischen Anastole468 und einem
gen Himmel gerichteten Blick dar, der ebenfalls auf Alexander zurückgeht.469 Die-
ser sehr bemerkenswerte Porträttyp ist im »propagandistischen* Vorfeld der Anaba-
sis Antiochos’ IV. zu sehen, zu der der König im Frühjahr 165 aufbrach. Auch De-
metrios I. wurde mit der Stimhaarlocke Alexanders dargestellt.470
Tryphon S. 201-213 gezeigt, daß die These einer Samtherrschaft nicht haltbar ist, siehe unten
Kap. II 7 mit weiteren Argumenten. Antiochos VI. starb im Laufe des Jahres 141. Bei dem
Mersiner Kopf handelt es sich wohl nicht um einen Seleukiden, sondern um den kappadokischen
König Ariarathes IX. Eusebes Philopator, der im Jahr 101 als Achtjähriger den Thron bestieg.
Vgl. Simonetta, Cappadocian Kings S. 38 f. Nr. 1-13 mit Taf. IV 16 ff. Diese m.E. schlagende
Identifizierung verdanken wir Herrn Dr. W. Etterich (Berlin), der sie mir freundlicherweise
brieflich am 9. Jan. 2005 mitteilte.
462 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 1 ff.; H. v. Heintze: Gymnasium 100, 1993, S. 171.
463 Etwa das Bildnis des Tryphon oder das des Antiochos Antiochou Epiphanes: Fleischer, Herr-
scherbildnisse Taf. 45 c; Ehling, Nachfolgeregelung Taf. 1,1. Siehe auch unten Kap. II 9.
464 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 1 ff.
465 Auch das Spätporträt Antiochos* VIII. mit seinen geradezu karikaturhaften Zügen (vgl. etwa
Fleischer, Herrscherbildnisse Taf. 45 f) ist von Ptolemaios X. ab etwa 108 für den Seleukiden
übernommen worden: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 81.
466 Was von Bohm in ihrem Buch über die Imitatio Alexandri im Hellenismus übersehen wurde.
467 Studies S. 27 f. mit Taf. VIII f.
468 Plut. Pomp. 2, 1.
469 Mdrkholm, Studies S. 61 deutet den Himmelsblick Alexanders im Anschluß an L* Orange als
Ausdruck der Beziehungen des von den Göttern inspirierten Herrschers zu den himmlischen
Mächten. Skeptisch dazu Fleischer, Herrscherbildnisse S. 49. In der römischen Kaiserzeit ließen
sich Gallienus (R. Göbl, Die Münzprägung der Kaiser Valerian I./Gallienus/Saloninus (253/268),
Regalianus (260) und Macrianus/Quietus (260/262) [MIR 36, 43,44], Wien 2000, S. 92), Au-
relian (RIC V 1 Taf. 7,98) und Konstantin d. Gr. in dieser Weise abbilden (RIO VIIS. 450 f. Nr.
206 mit Taf. 13 auf Goldmünzen in Siscia). Dieses Konstantinsstück gehört im übrigen zu den
wenigen in der antiken Literatur ausdrücklich erwähnten Münztypen: Euseb. VC 4, 15. Vgl.
außerdem Plut. Alex. 4,1, der aber von einer Linkswendung des Kopfes spricht, nicht von einem
himmelwärts gerichteten Blick.
470 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 57 mit Literaturhinweisen in Anm. 478.
3.) Numismatische Quellen
87
Interessant ist, daß die imitatio Alexandri gerade von jenen Seleukiden beson-
ders intensiv betrieben wurde, die dynastisch nicht legitimiert bzw. zweifelhafter
Herkunft waren.471 Alexander I., der von vielen als Smymäer von niedriger Herkunft
angesehen wurde, bei dem es sich aber möglicherweise um einen illegitimen Sohn
Antiochos’ IV. handelte,472 trug nicht nur den Thronnamen des Makedonen, sondern
glich sich ihm auch durch das Tragen des von Herakles übernommenen Löwenfelles
an 473 ebenso der von den Ptolemäern aufgestellte Gegenkönig Alexander IL, der in
Wirklichkeit der Sohn eines ägyptischen Kaufmannes war 474 Ein weiteres Alexan-
derattribut war die Elephantenhaube,475 mit der sich nicht nur Alexander IL, sondern
vor ihm schon Antiochos IV, Demetrios I. und Demetrios IL abbilden ließen 476
Geradezu als neuer Alexander erscheint der Usurpator Tryphon.477 Seine langen
Haare sind genauso kräftig und dynamisch bewegt wie die des großen Makedonen,
dessen Stimhaarlocke ebenso nachgeahmt wird wie Form und Ausdruck der Augen-
und Mundpartie und der gebuckelte Stimwulst 478 Mit der im Münzbild dargestellten
Berufung auf Alexander sollte der Eindruck eines alexandergleichen Leistungsethos
erweckt und dadurch die fehlende Legitimation wettgemacht werden.479
Als vorbildhaft wurde darüber hinaus auch die Gestalt des Dynastiegründers,
Seleukos L, empfunden. Es ist überliefert, daß Standbilder Seleukos I. mit Stierhör-
nem darstellten (App. Syr. 57,294; Lib. or. 11,92). Seine Nachfolger Demetrios II.
und Seleukos VI. (aber nicht Antiochos XIII.)480 ließen sich ebenfalls mit (kleinen)
471 Alexander I.» Tryphon und Alexander II. Bohm, Imitatio S. 101 betont, daß die „entscheidenden
Rahmenbedingungen“ für den Gedanken der Alexandernachfolge in der „schwere(n)
innenpolitische(n) Krise des Seleukidenreiches“ zu suchen sind.
472 Siehe unten Kap. II4.
473 Vblkmann, Münzprägung S. 63; ausführlich Bohm, Imitatio S. 105 ff.; Ehling, Alexander II. S.
4f. mit Abb. 5.
474 Bohm, Imitatio S. 127 ff.; Ehling, Alexander II. S. 4f. mit Abb. 6.
475 Alexander d. Gr. wurde erstmals auf Tetradrachmen des Ptolemaios I. mit Elephantenfell dar-
gestellt: B. Kuschel, Die neuen Münzbilder des Ptolemaios Soter, JNG 11, 1961, S. 9-18. Ku-
schel datiert die Münzen ins Jahr 321/20 und bringt sie mit der Diodor-Stelle 18, 34, 2 in Ver-
bindung. O. M0rkholm, Early Hellenistic Coinage, Cambridge 1991, S. 64 mitTaf. 6, 90 folgt
der Datierung Kuscheis. Dagegen schlägt G.K. Jenkins, An Early Ptolemaic Hoard from Pha-
cous, ANSMN 9, 1960, S. 24 aufgrund der Fundhortevidenz das Jahr 318 vor. Alexander d. Gr.
im Elephantenfell kommt auch auf Bronzemünzen vor, die unter Seleukos I. geschlagen wurden:
B. Kritt, The Early Seleucid Mint of Susa, Lancaster 1997, S. 111 Typ 1 a - 4.
476 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 52; 57; 65; 75 mit Taf. 23 b; 29 f; 33 f; 43 d; Ehling, Bronze-
münze S. 85 f. mit Abb. I (Alexander II.). Bei den Königen Antiochos IV., Demetrios I. und
Demetrios IL steht das Elephantenfell mit ihren Feldzügen in die Oberen Satrapien in Zusam-
menhang: Ehling in seiner Rezension des Buches von Svenson, Darstellungen: Geldgeschicht-
liche Nachrichten 32, 1997, S. 379.
477 Bohm, Imitatio S. 116ff.; Klose, Beiträge S. 194.
478 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 69 schreibt: „Der geöffnete Mund und die wehenden Locken
lassen den Usurpator wie in stürmischer Bewegung nach vorne erscheinen“.
479 Noch Antiochos XIII., der letzte offiziell regierende Seleukide, knüpft im Porträttypus an den
großen Makedonen an: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 89. Siehe auch unten Kap. II 13.
480 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 89.
88
I. Kapitel: Quellen
Stierhömern darstellen, die der Schläfe entwachsen.481 Wie der erste Seleukide tru-
gen auch sie den Beinamen Nikator.
Durch die Verwendung von bestimmten Attributen war auch eine Angleichung482
an eine Gottheit möglich: Antiochos IV. ist der erste Seleukidenkönig, der sich mit
Strahlenaureole oder Strahlendiadem an Helios anglich 483 Antiochos VI. erscheint
durch Strahlen und Efeukranz als Helios-Dionysos. Kleopatra Thea wird durch
Kalathos und Füllhorn zur Tyche.484
Mit Laodike, der Frau Seleukos’ IV. und Antiochos’ IV, erscheint erstmals eine
seleukidische Königin auf den Münzen 485 Gemeinsam mit ihrem Sohn, dem »klei-
nen* Antiochos, wurde sie auf Goldoktadrachmen abgebildet, die in die Regierung
des »Reichskanzlers* Heliodoros gehören 486 Im Doppelbildnis darstellen ließen sich
Antiochos IV. mit Laodike, Demetrios I. mit Laodike, Kleopatra Thea mit Alexander
L, Kleopatra Thea mit Antiochos VIIL, Antiochos XI. mit Philipp I. sowie Kleopatra
V. Selene mit Antiochos Philometor 487 Die Aussage dieser Doppelporträts ist emi-
481 Dürr, Seleukos VI. S. 90ff.; ders., Demetrios II. S. 7 ff.; Fleischer, Heirscherbildnisse S. 72;
132.
482 Zum Begriff der Angleichung: Bergmann, Strahlen S. 38.
483 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 47; Bergmann, Strahlen S. 61 ff. bes. 65.
484 Küthmann, Münzen S. 52; Houghton, Alexander I S. 93; Fleischer, Herrscherbildnisse S. 76;
Svenson, Darstellungen S. 77.
485 CSE 90f.; 112ff.; SNG Israel I 914f.; 963ff.; 1014ff. Fleischer, Herrscherbildnisse S. 41 f.
Meyer, Königin S. 107 ff. Laodike ist m.E. auch auf den massenhaft geprägten Kleinbronzen
CSE 90; 112ff.; SNG Israel I 914f.; 963ff.; 1014ff. und Fleischer, Herrscherbildnisse Taf. 20
f dargestellt, die auf der Rückseite den Kopf eines Elephanten tragen. Die Reverslegende nennt
jedoch nicht den Namen der Königin, sondern den des Ehemannes und regierenden Königs,
Seleukos* IV. (CSE 90; SNG Israel I 914 f.) bzw. Antiochos* IV. (CSE 112 ff.; SNG Israel 1
963 ff.; 1014 ff.). Die Bestimmung der Dargestellten - Königin oder Göttin bzw. göttliche Per-
sonifikation - bleibt deshalb letztlich unsicher. Gardner, BMC Seleucid .Kings S. 43 Nr. 1-4
sieht in der verschleierten Frauenbüste auf der Vorderseite Demeter. Gegen diese Deutung spricht
sich Fleischer, Herrscherbildnisse S. 42 mit dem Argument aus, daß eine gesicherte Darstellung
dieser Göttin in der seleukidischen Reichsprägung sonst „zu fehlen scheint“. Babelon, Rois S.
LXXXIII; XC erkennt zwei verschiedene Königinnen, Euböa, die zweite Ehefrau des Antiochos
III., bzw. Laodike als Ehefrau des Seleukos IV. Doch handelt es sich wahrscheinlich immer um
ein und dieselbe Person: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 42. Fleischer selbst S. 42 hält die
Deutung der Frauenbüste als Königin für möglich, weist aber darauf hin, „daß der Schleierman-
tel der Frau höher auf den Hinterkopf gezogen ist als bei dem ... Doppelporträt und hierin den
Münzbildern der Ptolemäerinnen und teilweise auch der Kleopatra Thea ... entspricht“. Er
kommt zu dem Schluß, daß die Deutung des Münzbildes „einstweilen noch offen bleiben“ muß.
Dagegen wurde die Frauenbüste zuletzt von O.D. Hoover, Two Seleucid Notes. II. Laodice IV
on the Bronze Coinage of Seleucus IV and Antiochus IV, AJN 14,2002, S. 81-87 als Laodike
identifiziert. - Anders Meyer, Königin S. 127 Anm. 11: „wohl keine Königin“. Merkwürdig
bleibt die Bedeutung des Elephanten auf der Münzrückseite. Der Elephant galt als Tier des
Dionysos: Ehling, Elephant Sp. 266. Er war aber auch mit Athena verknüpft: CSE 1027 ff. Gibt
es eine Verbindung zwischen der Königin und dem Elephanten? Vielleicht war Laodike Athena-
Priesterin? Oder war der Elephantenkopf einfach nur ein schönes Reversmotiv?
486 CSE 91. G. Le Rider, L*enfant-roi Antiochos et la reine Laodice, BCH 110,1986, S. 409 ff. mit
Fig. 1 und 2; Meyer, Königin S. 108 und Ehling, »Reichskanzler* S. lOOf.
487 Eine Übersicht bietet Meyer, Königin S. 107 f. mit Abb. 1. Als Nachweise genügen hier: Antio-
3.) Numismatische Quellen
89
nent politisch. Im Falle des Antiochos IV. mit Laodike, des Demetrios I. mit seiner
Schwestergemahlin Laodike und der Kleopatra Thea mit Alexander I. drücken sie
die Eintracht der königlichen Eheleute aus und versprechen Festigkeit und Bestand
der Dynastie. Wenn Mutter und Sohn gemeinsam auf den Münzen erscheinen, wie
Laodike mit dem ,kleinen* Antiochos oder Kleopatra V. Selene mit Antiochos Phi-
lometor, dann sollen diese Bilder einerseits den zukünftigen legitimen Regenten
vorstellen, andererseits aber - und das war zum Zeitpunkt der Münzprägung das
weit wichtigere - die Funktion der Königinmutter als Erzieherin und Vormund her-
vorgehoben und damit deren eigene politische Stellung legitimiert werden. Bei
Kleopatra Thea und Antiochos VIII. bzw. Antiochos XI. und Philipp I. wird die
einträchtige gemeinsame Regierung dokumentiert,488 wobei Kleopatra Thea bzw.
Antiochos XI. die jeweils führende Position innehatten, was darin zum Ausdruck
kommt, daß ihre Münzbüsten im Bild Vordergrund stehen und ihre Namen in der
Legende zuerst genannt werden. Die Erfindung des Doppelporträts geht - wie die
der Strahlenaureole489 - auf die Ptolemäer zurück.490 Doppelporträts gibt es auch in
Kappadokien, Pontos und bei den Graeco-Baktriem 491
Die herausragende Stellung der Kleopatra Thea, die an den Doppelbildnissen
mit ihrem ersten Mann, Alexander!., und ihrem Sohn, Antiochos VIII., sichtbar wird,
bestätigt sich auch darin, daß sie die einzige seleukidische Königin ist, für die Gold-
und Silbermünzen geprägt wurden, die allein ihr Bildnis tragen. Wohl im pierischen
Seleukeia492 wurden parallel zu den Hochzeitsmünzen mit Alexander I. Goldstatere
für die Königin geschlagen, die sie - ohne Kalathos - mit Diadem, Stephane und
chos IV. und Laodike: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 41 f. mit Taf. 20 e; Demetrios I. und
Laodike: CSE 991 ff.; Kleopatra Thea und Alexander L: CSE 407; Kleopatra Thea und Antiochos
VIII.: CSE 316; Antiochos XI. und Philipp L: CSE 589; Kleopatra V. Selene und Antiochos
Philometor: Hoover, Dethroning S. 95 Abb. 1-3 und Fleischer, Herrscherbildnisse S. 89f. mit
Taf. 57 a.
488 Was sich bei Antiochos XI. und Philipp I. auch darin ausdrückt, daß beide dieselben Beinamen
Epiphanes Philadelphos führten: Ehling, Miszellen S. 375.
489 Bergmann, Strahlen S. 56.
490 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 43. Die Bildnisform wurde für die Theon Adelphon-Münzen
des Ptolemaios II. und der Arsinoe II. geschaffen: R.S. Poole, BMC of Greek Coins. The Pto-
lemies, Kings of Egypt, London 1883 (Nachdruck Bologna 1963), S. XXXVIII f. mit Taf. Vll;
H. Kyrieleis, Bildnisse der Ptolemäer, Berlin 1975, S. 17 f. mit Taf. 8, 1-3.
491 In Kappadokien Mutter und Sohn: Nysa mit Ariarathes VI.: Simonetta, Cappadocian Kings S.
29 (Münzen aus dem Jahr 130); in Pontos, die Eheleute Mithradates IV. (ca. 170-150) und
Laodike: M0rkholm, Early Hellenistic Coinage, Cambridge 1991, S. 175 mit Abb. 624; in Bak-
trien, die vergöttlichten Eltern Heliokies und Laodike auf den Münzen des Eukratides (ca.
170-145): O. Bopearachchi, Monnaies greco-bactriennes et indo-grecques. Catalogue raisonne,
Paris 1991, S. 209f. Nr. 68-71.
492 Babelon, Rois S. CXXX und S. 119 Nr. 928. Ihm folgen Küthmann, Münzen S. 52, Houghton,
Alexander I S. 87 ff., Fleischer, Herrscherbildnisse S. 77 und Meyer, Königin S. 117. Die Nike
auf der Hand des Zeus hält ein Blitzbündel, das Babelon auf Seleukeia bezog, da Zeus dort als
Zeus Keraunios in Form eines Blitzes verehrt wurde, vgl. auch App. 58,299 und die Münzdar-
stellungen (CSE 402; 405 f.; 412 ff.). M.E. wäre auch Ptolemais als Prägeort in Erwägung zu
ziehen.
90
I. Kapitel: Quellen
über den Hinterkopf gezogenen Schleier darstellen.493 Auf der Münzrückseite er-
scheint das ptolemäische, diademgeschmückte Doppelfüllhom mit Früchten und
strahlenförmig angeordneten Pyramidenkuchen oder Getreideähren.494 Außerdem
ließ sie ihr Bild auf Tetradrachmen des Jahres 125 setzen.495 Bemerkenswert ist
dabei, daß sich oberhalb von Diadem und Stephane ein Ährenkranz befindet496 und
daß die Königin eine Isisfrisur trägt. Das Attribut des Ährenkranzes spielt (wie das
Füllhorn auf den Münzrückseiten) auf den zweiten Beinamen der Herrscherin,
Eueteria, an, der die Fülle an Lebensmitteln und Getreide bedeutet, den die Königin
ihren Untertanen spendet.497 Mit der Frisur weist sich Kleopatra Thea als Anhänge-
rin der,ägyptischen4 Isis-Religion aus,498 eines Kultes, der sich, wie es scheint, ganz
besonders in dem immer proptolemäisch gesinnten Städten Phönikiens großer Be-
liebtheit erfreute499 und vermutlich von dieser Königin massiv gefördert wurde.500
2.) Rückseitenbilder: Die beiden Hauptreversmotive der seleukidischen Tetradrach-
men sind der auf einem Omphalos sitzende Apollon und der thronende Zeus mit
Nikestatuette. Zunächst zur Bedeutung des Apollon:501 Wie die anderen hellenisti-
493 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 77 mit Taf. 44 b; Meyer, Königin S. 117 mit Abb. 11.
494 Meyer, Königin S. 117 mit Abb. 11; Bemmann, Füllhörner S. 117. Das Ährenattribut gibt es
auch für römische Kaiserinnen, vgl. den gut erhaltenen Sardonyx mit der idealisierten Porträt-
büste Faustina d.Ä.: P. Zazoff (Hg.), Antike Gemmen in deutschen Sammlungen. Hannover,
Kestner-Museum. Hamburg. Museum für Kunst und Gewerbe, Wiesbaden 1975, S. 324 Nr. 1776
mit Taf. 240.
495 CSE 803; Fleischer, Herrscherbildnisse S. 77f. mit Taf. 44 c; d; Meyer, Königin S. 117 f. mit
Abb. 13 a-c. Die Münzen sind in das Jahr 126/25 datiert (siehe dazu unten Kap. II9) und wur-
den in Ptolemais geprägt.
496 So E. Brunelle, Die Bildnisse der Ptolemäerinnen, Frankfurt am Main 1976, S. 71; Fleischer,
Herrscherbildnisse S. 77; Meyer, Königin S. 119. Vorsichtiger Svenson, Darstellungen S. 259
zu Nr. 217, die dies mit Fragezeichen versieht.
497 Savalli-Lestrade, Reines S. 71.
498 Svenson, Darstellungen S. 85 ff.; 259 f. ist vorsichtiger und spricht von einer Frisur mit „Kor-
kenzieherlocken“ ähnlich den Isislocken. Die Haargestaltung der Kleopatra Thea läßt sich aber
sehr gut mit den Isisfrisuren der vollplastischen Köpfe bei Svenson Taf. 45 vergleichen bzw.
dem von ihr unter Gruppe 5 gefaßten Frisurentypus, vgl. dazu ihre Umzeichnung S. 356 Abb.
6. Unterschiede und Abweichungen erklären sich aus den Denkmälergattungen Münzbild -
Plastik. Daß Kleopatra Thea Isis-Anhängerin war, beweisen ihre Bronzemünzen: SNG Israel I
1900 ff.; 2474 ff.; vielleicht hat sie ja eine hohe Priesterinnenfunktion ausgeübt. Deshalb wird
man auch ihre Haarfrisur als Isisfrisur bezeichnen dürfen. Zum Isis- und Sarapiskult im Seleu-
kidenreich siehe unten Kap. II 7, S. 189 f., Anm. 643.
499 Zur proptolemäischen Gesinnung der breiten Bevölkerung in Phönikien und Koilesyrien: Pol.
5, 86, 10 und Ehling, Unruhen S. 332 ff. - Ein Zeugnis für die Verbreitung des Isiskultes in
Phönikien sind die Kleinbronzen von Byblos (CSE 699 f.; SNG Israel I 1073 ff.): sie stellen
einen Stier- oder Kuhkopf mit Isiskrone dar. Das Stück SNG Israel I 1072 (Byblos) bildet Har-
pokrates, den Sohn der Isis und des Osiris, ab.
500 Die bei den Inschriften der kleinasiatischen Städte zu beobachtende Verknüpfung der seleuki-
dischen Königinnen mit der Göttin Aphrodite, vgl. dazu Savalli-Lestrade, Reines S. 70, spiegelt
sich in den Münzen der Königinnen nicht.
501 Zum Hintergrund vgl. Mehl, Seleukos S. 97ff.
3.) Numismatische Quellen
91
sehen Königshäuser ihre Herkunft auf den argivischen Heroen Herakles502 bzw.
Herakles und Dionysos503 zurückführten, so leiteten sich die Seleukiden von dem
Licht- und Heilgott Apollon als ihrem Stammvater ab.504 lustin überliefert, daß
Laodike, die Mutter des ersten Seleukos, eines nachts ein Traumgesicht hatte, in dem
es ihr so vorkam, als habe Apollon ihr beigeschlafen 505 Am nächsten Morgen soll
ein kostbarer Ring mit eingraviertem Anker in ihrem Bett gelegen haben, ein Ge-
schenk des Gottes für diese Nacht. Als Bestätigung seiner Gottessohnschaft fand
sich das Zeichen des Ankers am Oberschenkel des Seleukos I.506 und aller seiner
Nachfahren.507 Der Ring ist eine Insignie, die auf die Königsherrschaft des Seleukos
L vorausweist.508 Das Motiv des Ankers erklärt sich konkret daher, daß der erste
Seleukide nach seiner Vertreibung aus Babylonien durch Antigonos zwischen 314
und 312 Admiral der Flotte des Ptolemaios I. war.509 Als Beizeichen begegnet der
Anker bereits auf bald nach 311 geprägten Tetradrachmen von Susa510 und auf den
Münzen der späten Seleukiden als wappenartiges Einzelmotiv.511 In Daphne bei
Antiocheia ließ Seleukos I. einen Tempel für Apollon bauen.512 Die von Bryaxis
geschaffene Kultstatue des Apollon ist auf Tetradrachmen Antiochos’ IV. abgebildet;
sie verbrannte durch ein Unglück am 22. Oktober 362 n. Chr.513 Auch förderte er
502 So die Argeaden und Attaliden: U. Hüttner, Die politische Rolle der Heraklesgestalt im griechi-
schen Herrschertum (Historia Einzelschriften 112), Stuttgart 1997, S. 65 ff., 175 ff.
503 So die Ptolemäer: OGIS 154; FGrHist 631 F 1 (Satyros).
504 Eine Charakterisierung des Gottes gibt Nilsson, Religion I S. 529. Zum folgenden: Mehl, Se-
leukos S. 98 ff. mit weiteren Literaturhinweisen.
505 Weber, Traum S. 19 f. mit der weiteren Literatur. Vgl. auch die Berichte über die Abstammung
Platons (Diog. Laert. 3, 2) oder Alexanders (Plut. Alex. 2, 4). Vgl. außerdem etwa die Episode
aus liberischer Zeit bei los. ant. lud. 18, 66-77, wo berichtet wird, daß die Römerin und Isis-
Priesterin Paulina glaubte, mit Anubis zu verkehren. Dies stellte sich zwar bald als Schwindel
heraus, denn hinter dem vermeintlichen Anubis steckte ein gewisser Decius Mundus, aber die
Geschichte macht deutlich, daß man derartiges für möglich hielt. Zur Anubis-Episode: R. Mer-
kelbach, Isis regina - Zeus Sarapis, Stuttgart/Leipzig 1995, S. 167.
506 lust. 15, 4, 2-6: Huius (= Seleukos I.) quoque virtus clara et origo admirabilis fuit; siquidem
mater eius Laodice, cum nupta esset Antiocho, claro inter Philippi duces viro, visa sibi est per
quietem ex concubitu Apollinis concepisse, gravidamquefactam munus concubitus a deo anulum
accepisse, in cuius gemma anchora sculpta esset; iussaque donumfilio, quem peperisset, dare.
Admirabilem fecit hunc visum et anulus, qui postera die eiusdem sculpturae in lecto inventus
est, et figura anchorae, quae in femore Seleuci nata cum ipso parvulo fuit, Mehl, Seleukos S.
98 f.
507 Nilsson, Religion IIS. 154 Anm. 2.
508 I. Makk. 6, 15. Ringe, insbesondere eiserne Fingerringe, bedeuten Glück: Weber, Traum S.
20.
509 Mehl, Seleukos S. 77 ff.; 98 ff.
510 B. Kritt, The Early Seleucid Mint of Susa, Lancaster 1997, S. 6f. Nr. Al. 18 ff.; S. 52.
511 Demetrios II.: SNG Israel I 1634 ff.; Alexander II.: CSE 300; SNG Israel 12382 ff.
512 Nach Lib. or. 11,99 kam die Aufforderung zur Errichtung des Heiligtums aus Didyma: Fatou-
ros/Krischer, Antiochikos S. 141.
513 Die Münzen: CSE HOf. M. Flashar, Apollon Kitharodos. Statuarische Typen des musischen
Apollon, Köln/Weimar/Wien 1992, S. 70 ff. mit Abb. 44 f. Dort S. 70 Anm. 433 die Literatur.
Zum Brand: Amm. 22, 13, 1. Das Kultbild (simulacrum) hatte die Größe der Statue des Zeus
des Phidias in Olympia.
92
I. Kapitel: Quellen
das alte Apollonheiligtum von Didyma bei Milet, das er persönlich zwei Mal besucht
hatte.514 Doch stand, nach den Münzzeugnissen zu schließen, Apollon zunächst an
Bedeutung hinter Zeus und Athena zurück.515 Erst auf den Münzen seines Sohnes
und Nachfolgers, Antiochos L, kommt das bekannte Bild des auf einem Omphalos
sitzenden Apollon auf den Tetradrachmen vor.516 Auch inschriftlich ist Apollon als
apxnYÖ£ toö y^vovc erstmals in der ilischen Steinurkunde OGIS I 219 Z. 26 f. für
Antiochos I. belegt.517 Scheint unter Seleukos I. daher noch eine gewisse Zurück-
haltung in der Propagierung der Apollondeszendenz bestanden zu haben, so wurde
diese von Antiochos I. aufgegeben. Zurückzuführen ist dies möglicherweise auf
einen erhöhten Legitimationsdruck, unter dem Antiochos I. seit Übernahme der
Alleinregierung im Jahr 281 stand. Eine Rolle gespielt haben könnte auch, daß die
Abstammung von seiner baktrisch-iranischen Mutter Apame - zumindest in den
Augen der Griechen - vielleicht einen Makel bedeutete.
Mit dem Typ des auf dem Omphalos sitzenden Apollon, der Pfeil und Bogen
hält, haben auch die Nachfolger Antiochos’ I. Münzen geprägt518 Von den späteren
Seleukidenkönigen ließen in Antiocheia noch Antiochos IV. (Tetradrachmen und
Drachmen zu Beginn seiner Regierung), Alexander I. (Drachmen), Demetrios II.
(Tetradrachmen zu Regierungsanfang) und Antiochos VI. (Drachmen) Münzen
dieses Typs schlagen, aber es setzte sich mehr und mehr die Tendenz durch, diesen
dynastischen Münztyp durch ,individuelle* Reversbilder zu ersetzen (siehe unten).
Der Typ des Zeus Nikephoros wurde unter Antiochos IV. im Jahr 174 einge-
führt.519 Mit diesem Münzbild haben in Antiocheia Antiochos V., Alexander I.,
Alexander II., Demetrios II. (2. Regierungszeit), KleopatraThea mit Antiochos VIII.,
Antiochos VIII., Antiochos IX. und die folgenden Könige Tetradrachmen prägen
514 H. von Steuben, Seleukidische Kolossaltempel,AW 12, Heft 3,1981. S. 3-12 bes. S. 3 ff.; Mehl,
Seleukos S. 98.
515 Apollon kommt nur auf Bronzemünzen vor: SNG Israel I 3 ff.
516 SNG Israel I 224f.; 232; 238f.; 287 ff. Gleichzeitig erscheint dieser Apollontyp auf postum
geprägten Tetradrachmen für Seleukos L: SNG Israel I 231 (Sardeis).
517 OGIS I 219 = Ivllion 32. Taeger, Charisma I S. 310 f.; Nilsson. Religion II S. 154 Anm. 2. In
einem Schreiben des Seleukos II. an Milet spricht der König von der oryv^veia seiner Trpoyovoi
und seines TraTrjp mit Apollon: Günther, Didyma S. 66f. Z. 2 bzw. 6.
518 Unter Seleukos II. wurde der Typ des stehenden Apollon, der sich auf einen Dreifuß stützt,
eingeführt. Interessant ist, daß der Usurpator Achaios auf Apollon als Reverstyp verzichtet.
Haupttyp ist Athena (CSE 609 f.), die auch auf seinem berühmten Goldstater in München abge-
bildet ist: F. I. von Streber, Achäus. König von Lydien (Denkschriften der Königlichen Akade-
mie der Wissenschaften zu München für die Jahre 1816/17, Classe der Geschichte). S. 5-22; G.
Kleiner, Der Münchner Goldstater des Achaios, JNG 5/6, 1954/55, S. 143-149. Molon und
Timarchos prägen mit Apollon: z. B. CSE 917; 1230.
519 Mit der 2. Serie. M0rkholm, Studies S. 11 datiert den Beginn der 2. Serie ins Jahr 173/2. Die
Begründung meiner Datierung ins Jahr 174 erfolgt unten in Kap. 13.3. Bei diesem Zeus Nike-
phoros auf den Münzen handelt es sich sicher um die Darstellung des Zeus-Kultbildes, das im
neu erbauten Zeustempel aufgestellt wurde. Der Zeustempel selbst dürfte sich in dem unter
Antiochos IV. neu eingerichteten Stadtteil Epiphaneia befunden haben. Bauherr des Tempels
war wahrscheinlich der römische Architekt Cossutius: Fatouros/Krischer, Antiochikos S. 176.
Zu den Großtempeln der Seleukiden vgl. H. von Steuben. Seleukidische Kolossaltempel, AW
12 Heft 3,1981, S. 10.
3.) Numismatische Quellen
93
lassen.520 Seit der späteren Regierungszeit des achten Antiochos (ab ca. 108/07)
verdrängte der Zeus Nikephoros den Apollon auf dem Omphalos vollständig. Die
Nikefigur kann Zeus zu- oder abgewandt sein und bekränzt je nach dem dann den
Gott oder den Namen des Königs bzw. einen seiner Beinamen.521 Es ist oft festge-
stellt worden, daß der Apollonrevers von der »älteren*, auf Seleukos IV. zurückge-
henden Linie bevorzugt wurde (Demetrios I., Demetrios II.), der Zeus Nikephoros-
Typ hingegen von der »jüngeren*, sich auf Antiochos IV. zurückführenden Linie
(Antiochos V, Alexander I.» Antiochos VI., Alexander II.).522 Insofern kommt in der
Wahl der Reverstypen ein dynastisches Programm zum Ausdruck.523 Grundsätzlich
ist diese Beobachtung richtig, doch zeigt sich bei einer Durchsicht der Münzen, daß
die Verwendung des Apollontyps durch die Ȋltere* und die des Zeus Nikephoros-
Typs durch die »jüngere* Linie der Dynastie nicht vollständig durchgehalten wird:524
Alexander I. und Alexander II. verwenden Zeus Nikephoros für die Tetradrach-
men-, aber Apollon auf dem Omphalos für die Drachmenprägung525 und Demetrios
II. wechselt nach Wiederantritt seiner Herrschaft im Jahr 129 vom Apollon- zum
Zeustyp.526
Seit der Regierung Demetrios’ I. werden die traditionellen Münztypen mehr und
mehr von neuen, weniger auf die Dynastie als auf die Person des jeweiligen Königs
bezogenen Bildern abgelöst.527 Die Tetradrachmen des ersten Demetrios weisen das
Bild einer sitzenden Frauenfigur auf, die mit einem Mantel bekleidet ist und Szepter
und Füllhorn hält.528 Die Deutung dieser Gestalt ergibt sich aus dem Möbelstück,
das kastenförmig oder zylindrisch sein kann, und an dem sich eine Nike befindet,
die durch ihre Fischschwänze einer Tritonin angenähert ist, wie sie am Bug von
Kriegsschiffen angebracht sein kann.529 Die Frau, die man am besten als Tyche
bezeichnet, weist auf die siegreiche Ankunft des Demetrios I. in Syrien zur See hin,
520 Antiochos V.: SNGIsraeli 1243ff.;Alexander!.:ebenda 1394ff.; 1417ff.;AlexanderII.:ebenda
2275 ff.; Demetrios II.: ebenda 2162; Kleopatra Thea/Antiochos VIII.: ebenda 2437 ff.; Antio-
chos VIII. (ab ca. 108/07): ebenda 2554 ff.; Antiochos IX.: ebenda 2709f.; Seleukos VI.: ebenda
2768 ff.; Antiochos X.: ebenda 2787 ff.; Antiochos Xl./Philipp L: ebenda 2796; Antiochos XL:
ebenda 2797; Philipp I.: ebenda 2799ff.; Demetrios III.: ebenda 2823; für Antiochos XII. gibt
es nur Münzen aus Damaskos; Antiochos XIII.: ebenda 2919.
521 Auf den Tetradrachmen des Antiochos V. bekränzt Nike den Namen Antiochos; auf den Tetrad-
rachmen des Alexander I. bekränzt Nike Zeus. Auf den Tetradrachmen des Alexander II. oder
Demetrios II. befindet sich Nike Zeus abgewandt im linken Feld der Münze.
522 Die letzten drei Könige dieser Linie waren gegenüber der »älteren* allerdings kaum legiti-
miert.
523 Küthmann, Münzen S. 53; Th. Fischer, Silber aus dem Grab Davids? Jüdisches und Hellenisti-
sches auf Münzen des Seleukidenkönigs Antiochos’ VII. 132-130 v. Chr. (Kleine Hefte der
Münzsammlung an der Ruhr-Universität Bochum 7), Bochum 1983, S. 24; Zahle» Coins S.
131.
524 Abgesehen von Antiochos V.» der konsequent mit dem Zeus Nikephoros-Typ prägen ließ.
525 Der Apollontyp wurde ebenso für die Drachmenprägung Antiochos* VI. verwendet.
526 CSE 286 ff.
527 Fleischer, Tyche S. 705.
528 Genaue Beschreibung des Münzbildes bei Fleischer, Tyche S. 699 f.
529 Diese Tritonennike befindet sich auf einigen Stücken auf einer Schiffsprora, gut zu sehen auf
dem Stück: SNG Israel I 1274.
94
1. Kapitel: Quellen
der sich im Jahr 162 in der phönikischen Hafenstadt Tripolis zum König ausrufen
ließ.530 Der Münztyp enthält keinen Bezug zum Seleukidenhaus mehr, sondern steht
allein für den persönlichen Erfolg, das glückliche Schicksal des Demetrios I.531
Ein weiterer ,Sondertyp* sind die reitenden Dioskuren auf den Tetradrachmen
des Antiochos VL532 Obwohl die Dioskuren bereits auf Münzen des Seleukos I.
erscheinen533 und als Reiter auf Münzen Antiochos’ II. vorkommen,534 ist der Typ
nicht eigentlich dynastisch; die Wahl dieses Motives bleibt, wie E.T. Newell an-
merkt, „obscure“ 535 Sie ist wohl kaum beeinflußt von der Tetradrachmenprägung
des Timarchos, der das Dioskurenmotiv seinerseits von Eukratides I. von Baktrien
übernahm.536 Vielleicht gab es während der Entscheidungsschlacht gegen Demetrios
II. im Sommer 144 einen besonderen Vorfall, der auf die Dioskuren als Schlachten-
helfer bezogen wurde.537 Eine andere Möglichkeit ist, daß die Dioskuren für das
Sternbild „Zwillinge“ stehen, in dessen Zeichen Antiochos VL dann gezeugt oder
geboren worden wäre. Das Münzbild ist von einem Lotosblütenkranz eingefaßt.538
Ohne jeden Bezug auf die Seleukidendynastie ist ebenso der Helmtyp auf den
Drachmen Antiochos’ VI. und den Tetradrachmen, Drachmen und Bronzen Try-
phons.539 Es handelt sich um einen böotischen Helm mit dem Hom eines Steinbocks
über dem Stirnbügel. Das Hom stammt von der Bezoarziege, einem Tier, das in
hellenistischer Zeit insbesondere mit Kreta in Verbindung gebracht wurde. Da
bronze- und früheisenzeitliche Helme aus dem Ägäisraum mit nur einem ,Horn‘
archäologisch nachgewiesen sind und ägäische bzw. kretische Söldner auch in se-
leukidischen Diensten kämpften, wäre es durchaus möglich, daß der auf den Münzen
abgebildete Helm ägäischen bzw. kretischen Ursprungs war und von jenen Söldnern
mit nach Syrien gebracht wurde.540
530 Vgl. Fleischer, Tyche S. 699 ff. Die ältere Deutung der Tyche als Tyche von Antigoneia ist damit
obsolet, ebenso die Überlegung von Küthmann, Münzen S. 3, der das Münzbild vor dem Hin-
tergrund der unter dem Einfluß des Demetrios von Phaleron (Diod. 31, 10, 1-2) entwickelten
Tyche-Philosophie des Polybios 29. 21, 1-9 versteht. Zu Tyche bei Polybios vgl. Walbank,
Commentary IIIS. 393 ff. und K.-E. Petzold. Kyklos und Telos im Geschichtsdenken des Poly-
bios. in: Geschichtsdenken und Geschichtsschreibung. Kleine Schriften zur griechischen und
römischen Geschichte (Historia Einzelschriften 126), S. 48-85 bes. 59 ff. Zum historischen
Hintergrund des Münzbildes siehe unten Kap. II 2.
531 Meyer, Königin S. 115.
532 CSE 232; 234 ff.; SNG Israel 1 1757; 1762 f. Klose. Beiträge S. 193 f. Anm. 37.
533 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 5f. Nr. 51-57.
534 Z.B. auf Münzen, die Tarsos zugeordnet werden: E.T. Newell, The Coinage of the Western
Seleucid Mint (ANSNS 4). New York 1941. S. 221 Nr. 1321 ff.; CSE 458.
535 Newell, SMAS. 68.
536 Siehe unten Kap. II 2.
537 In diesem Sinne Babelon. Rois S. CXXXVI mit Hinweisen auf die ältere Literatur. Die Dios-
kuren. mit denen schon Alexander d. Gr. auf einem Gemälde des Apelles dargestellt worden war
(Plin. h. n. 35,93), galten als Schutzgötter (auch bei Seeuntemehmungen) und Schlachtenhelfer:
Taeger, Charisma IS. 320.
538 H. Baumann, Pflanzenbilder auf griechischen Münzen. München 2000, S. 36f. mit Abb. 64.
Küthmann. Münzen S. 61 schreibt: „Efeublätter“.
539 Zum folgenden: Ehling, Überlegungen S. 21 ff.
540 Anders Klose, Beiträge S. 191 Anm. 21.
3.) Numismatische Quellen
95
Schließlich sei noch auf den unter Antiochos VIIL eingeführten Münztyp mit
dem Zeus Uranios genannten Gott eingegangen. Das neue Bild dieses Gottes er-
scheint praktisch mit Beginn seiner Alleinregierung im Jahr 121 auf Münzen von
Antiocheia, Sidon, Ptolemais und Damaskos.541 Der nach rechts oder links stehende,
mit Hüftmantel bekleidete Zeus stützt sich mit der Linken auf ein Langszepter und
hält auf der rechten Hand einen sechs- bis achtstrahligen Stern, der wohl als Sonne
zu deuten ist. Über dem Kopf befindet sich eine Mondsichel.542 Der Gott ist eine
Neuschöpfung des 2. Jhs. und ein bedeutendes Zeugnis für die synkretistischen
Tendenzen in der Religion des späteren Hellenismus.543 Was die Einführung dieses
ungewöhnlichen Münztyps veranlaßte, läßt sich heute nicht mehr sagen. Am wahr-
scheinlichsten ist, daß Zeus Uranios die persönliche Schutzgottheit des Antiochos
VIIL war, der vielleicht einem astrologischen Glauben anhing. Noch unerklärlicher
ist jedoch, daß dieser Zeus später wieder von den Münzen verschwindet und ab ca.
108/07 durch das traditionelle Bild des Zeus Nikephoros ersetzt wurde.544 Auch
dafür wird man am ehesten persönliche Gründe vermuten dürfen: Vielleicht hatte
ihn sein Schutzgott in den Kämpfen mit seinem Halbbruder Antiochos IX. im Stich
gelassen.545
Ein beliebtes Motiv auf Münzen der späten Seleukiden ist das Füllhorn.546 Beim
Füllhorn handelt es sich ursprünglich um ein Symbol, das in der griechischen Kunst
seit ca. 470 als Attribut chtonischer Gottheiten, insbesondere für Hades-Pluton,
Verwendung fand.547 In die hellenistische Bildsprache gelangte es über den Sarapis-
kult ins ptolemäische Ägypten: Nach einer Traumerscheinung ließ Ptolemaios I. aus
dem pontischen Sinope die Kultstatue eines Gottes mit Kalathos, Opferschale und
Füllhorn nach Alexandreia überführen.548 Von dieser später mit Sarapis identifi-
zierten Gottheit übernahmen die Ptolemäer das Füllhorn549 als Symbol des Wohl-
541 CSE 322; 336; SNG Israel I 2493-2500; 2530-2533; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt. 1999,
509 (Antiocheia); CSE 723 f.; SNG Israel 12575-2578; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt. 1999,
511 (Sidon); CSE 812 f.; SNG Israel I 2580-2586; 2590-2595; D. Gomy, München, Kat. 97,
Okt. 1999, 512 (Ptolemais); CSE 850-854; SNG Israel I 2646-2661 (Damaskos); SNG Israel
I 2568-2571 (unbekannte nordsyrische Münzstätte).
542 Zahle, Coins S. 131.
543 Zahle, Coins S. 131 mit Literatur.
544 Zur Datierung: Houghton, Reigns S. 105 f.; Oman, Antiochus VIII S. 205: ab 104.
545 Umgekehrt bringt Linfert, Herrscher S. 159 diesen Wechsel mit militärischen Erfolgen Antio-
chos’ VIII. in Verbindung.
546 Dahmen, Füllhörner S. 171-183.
547 Bemmann, Füllhörner S. 20 ff.; 165. Füllhörner sind zuerst nachweisbar auf Vasenbildem.
548 Tac. Hist. 4, 83 f. J. E. Stambaugh, Sarapis under the Early Ptolemies (EPRO 25), Leiden 1975,
S. 6ff.; S. 27 ff. Dort auch die Diskussion, um welches Sinope es sich handelt. - Interessant ist,
daß ein Kultbild der gehörnten Isis von Seleukos II. ebenfalls aufgrund einer Traumerscheinung
aus Memphis nach Antiocheia ,geholt* wurde: Lib. or. 11, 114. Vgl. dazu A. Schenk Graf von
Stauffenberg, Die römische Kaisergeschichte bei Malalas, Stuttgart 1931, S. 467 mit Anm. 54.
Hintergrund ist der Friedensschluß mit Ptolemaios III. im Jahr 241: Ehling, Unruhen S. 334 mit
Anm. 196.
549 J.E. Stambaugh, Sarapis under the Early Ptolemies (EPRO 25), Leiden 1975, S. 6 ff.; S. 27 ff.;
Bemmann, Füllhörner S. 125 f.
96
I. Kapitel: Quellen
Standes, Glückes und Heiles. Erstmals auf postum geprägten Oktadrachmen der im
Jahr 270 oder 268 vergöttlichten Arsinoe II. erscheint das Füllhorn in Gestalt des
Dikeras (Doppelfüllhorn).550
Bei den Seleukiden kommt das Füllhorn erstmals auf Drachmen Demetrios I.
vor und steht pars pro toto für ,seine4 Tyche. Das Füllhorn ist weniger aufwendig
gestaltet als die ptolemäischen, und es fehlt die umgeschlungene Königsbinde.551
Es setzt sich ikonographisch von den prunkvolleren ptolemäischen Hörnern ab, auch
dadurch wird eine politische Botschaft vermittelt. Auf Goldstateren aus dem letzten
Regierungsjahr des Demetrios I. (151/50) begegnet erstmals auf seleukidischen
Münzen das Doppelfüllhorn mit Diademband;552 das ptolemäische Doppelfüllhorn
diente hier als unmittelbares Vorbild.
In den folgenden Jahrzehnten begegnet das Dikeras auf Bronzemünzen des
Timarchos,553 vereinzelt auf Bronzen Demetrios’ II.,554 Antiochos’ VIII.555 und auf
Edelmetallprägungen für Kleopatra Thea. Wie K. Bemmann feststellt, stehen die
Doppelfüllhömer dieser Königin „in direkter Tradition der Arsinoe-Prägungen und
wurden von Kleopatra möglicherweise in bewußter Anlehnung an ihre berühmte
Vorgängerin gewählt ...“.556 Der unikale Goldstater (CSE 408) aus dem Jahr der
Hochzeit mit Alexander I. im Jahr 150 zeigt auf der Rückseite ein prächtiges diade-
mumschlungenes Füllhorn, dessen Körper aus drei Dekorationszonen besteht, wobei
jeweils die untere und die obere Zone kanneliert sind.557 Am unteren Ende befinden
sich zwei Ranken genau wie beim Füllhorn der Arsinoe II. Als Füllung sind vier
Pyramidenkuchen und zwei Granatäpfel zu erkennen, zwei Weintrauben hängen
über.558 Ganz ähnlich sieht das Füllhorn auf den datierten, ins Jahr 125 gehörenden
Silberstücken aus, nur daß hier zwei Pyramidenkuchen und vier Granatäpfel über
die Füllhornöffnung hinausragen.
Ein wichtiges Thema bildet die Füllhommotivik schließlich auf den Münzen des
im Jahr 129 von den Ptolemäern zum Gegenkönig zu Demetrios II. erhobenen Alex-
ander II.559 Doppelfüllhömer mit Diadembinde kommen sowohl auf Drachmen560
als auch Bronzen vor.561 Die Bronzeserie (SNG Israel 12310-2329) ist deshalb von
besonderem Interesse, weil sie eine vollkommen neuartige Ikonographie des Dop-
pelfüllhorns aufweist, die sich im 1. Jh. in ähnlicher Form auch auf den Kleinbron-
550 Zum DatumHölbl, Geschichte S. 38 mit Anm. 29. Vgl. z.B. R.S. Poole, BMC of Greek Coins.
The Ptolemies, Kings of Egypt, London 1883 (Nachdruck Bologna 1963). S. 42 ff. Nr. 1 ff. mit
Taf. VIII; Bemmann, Füllhörner S. 83.
551 Bemmann, Füllhörner S. 112.
552 CSE 165 f.; D. Gomy, München, Kat. 89. Mai 1998, 265. Bemmann. Füllhörner S. 113.
553 SNG Israeli 1390.
554 SNG Israel I 1622; 1633; 1746 ff. Bemmann, Füllhörner S. 116 f.
555 CSE 350 f.
556 Füllhörner S. 117.
557 Bemmann, Füllhörner S. 117.
558 Meyer, Königin S. 116 Abb. 11.
559 Dazu ausführlich: Dahmen, Füllhörner S. 171-183.
560 SNG Israel I 2283 f.; 2296 ff.
561 Bei diesen Bronzen sind zwei Darstellungsweisen zu unterscheiden: SNG Israel I 2310 ff. und
2336 ff.
3.) Numismatische Quellen
97
zen der jüdischen Könige wiederfindet.562 Dabei sind die Füllhörner in der Weise
antithetisch angeordnet, daß die unteren Enden zwar ineinander verschlungen sind,
aber separat auslaufen und nicht zu einem gemeinsamen Abschluß verschmelzen.563
Ob die Einführung dieses neuen Typs auf einen bestimmten Anlaß zurückzuführen
ist,564 oder ob es sich einfach um eine neue Bilderfindung handelt, läßt sich nicht
sagen. Die letzten Füllhomdarstellungen gibt es auf Münzen Seleukos’ VI.565
3.) Reverslegenden: Die Umschriften der Rückseiten setzen sich aus Königstitel,
Namen des Königs und bis zu drei Kultnamen zusammen. Die Münzen nennen die
offiziellen Beinamen der Könige, von denen die »volkstümlichen4 Spitz- und Spott-
namen wie Kyzikenos (»,der aus der Stadt Kyzikos44) für Antiochos IX. oder Grypos
(„Habichtsnase44) für Antiochos VIII. zu unterscheiden sind. Diese kommen niemals
auf Münzen vor, sind aber literarisch überliefert.566 Keine Epitheta, sondern Be-
standteil des Königstitels sind Megas im Falle des Basileus Megas Timarchos und
Autokrator bei Tryphon.
Die offiziellen Epitheta lassen sich in drei Gruppen einteilen:567
1 .) Dynastische Beinamen: Eupator, Theopator, Philadelphos, Philopator und Phi-
lometor,
2 .) Religiös-kultische Beinamen: Epiphanes, Epiphanes Dionysos, Eueteria, Euse-
bes, Thea, Theos und Theos Epiphanes,
3 .) Politisch-militärische Beinamen: Euergetes, Megas Euergetes, Kallinikos, Ni-
kator, Nikephoros und Soter.
Die Grenze zwischen Gruppe 2 und 3 ist fließend. Viele Könige führen Beinamen
aus verschiedenen Kategorien. Antiochos X. z.B. nennt sich auf seinen Münzen
Eusebes Philopator und kombiniert damit einen religiös-kultischen mit einem dy-
nastischen Beinamen. Diese Beinamen geben wichtige Hinweise auf die Legitima-
tionsgrundlagen und das charismatische Selbstverständnis der Könige:568 So wurde
für den von den Ptolemäern aufgestellten nicht-seleukidischen Gegenkönig Alexan-
der II. eine genealogische Legende erfunden, die ihn als Sohn des Alexander I. und
Enkel des Antiochos IV. ausgab und sich auch darin niederschlug, daß für ihn auf
den Münzen genau dieselben Epitheta Theos Epiphanes Nikephoros verwendet
wurden, wie sie sein angeblicher Großvater getragen hatte.569
562 Zu den Doppelfüllhömem auf jüdischen Münzen vgl. Meshorer, Jewish Coins S. 33 f. Auf die
Unterschiede weist Dahmen, Füllhörner S. 177 f. hin.
563 Bemmann, Füllhörner S. 118.
564 Ein denkbarer Anlaß für die Einführung dieses neuen Münzmotives könnte die Hochzeit mit
einer Ptolemäerprinzessin gewesen sein. Unentschieden bleibt Dahmen, Füllhörner S. 179 f.
565 Bemmann, Füllhörner S. 120.
566 Z.B. Athen. 12, 540 a: Grypos für Antiochos VIII.
567 Ähnlich Demandt, Staatsformen S. 304.
568 Gehrke, König S. 266. Daß die Beinamen von der Öffentlichkeit sehr genau registriert wurden
und man sich über diese Gedanken machte, zeigt Lib. or. 11, 126 f.
569 Ehling, Alexander II. S. 2; 5.
98
I. Kapitel: Quellen
Seit derZeit Antiochos’ IV. erscheinen Epitheta regelmäßig auf den Seleukiden-
münzen.570 Der vierte Antiochos nennt sich auf den Münzen zunächst nur Basileus
Antiochos, dann Basileus Antiochos Theos Epiphanes und schließlich Basileus An-
tiochos Theos Epiphanes Nikephoros. Diese Abfolge gibt die Möglichkeit an die
Hand, das gesamte Münzmaterial in drei Serien zu gliedern,571 die zuletzt von O.
Mprkholm in die Jahre 175-173/2, 173/2-169/8 und 169/8-164 datiert wurden.572
Da jedoch die erste, beinamenlose Serie wenig umfangreich ist,573 und Appian (Syr.
234,45) erwähnt, Antiochos IV. sei (bei seiner Regierungsübemahme) von der sy-
rischen bzw. antiochenischen Bevölkerung als Epiphanes begrüßt worden, möchte
ich die 1. Serie auf 175/Anfang 174 und den Beginn der 2. Serie bereits auf 174
ansetzen. Nach seinem Sieg über Ägypten nahm er den Beinamen Nikephoros an;
der Beginn der 3. Serie ist m.E. aber eher nach Juli 168, dem ,Tag von Eleusis*,
anzusetzen, da die im »ägyptischen* Stil geprägten Großbronzen noch ohne Nike-
p/ioros-Beinamen ausgegeben wurden.574
Die Quellen berichten mehrfach davon, daß den Königen Kultnamen durch die
Bevölkerung verliehen wurden. So wurde Demetrios I. nach der Niederwerfung des
abtrünnigen Satrapen Timarchos (Frühjahr 160) von den Bewohnern der Stadt Ba-
bylon als Soter begrüßt (App. Syr. 47,242; 67,353). Den Beinamen ließ der König
sofort auf seine in Seleukeia am Tigris geprägten Tetradrachmen setzen;575 ab 155/54
erscheint dieser dann auch auf den in Antiocheia geprägten Münzen.576 Den Beina-
men Nikator erhielt Demetrios II. „von den Syrern“ dafür, daß er Alexander I. besiegt
hatte (App. Syr. 67, 355);577 mit diesem Beinamen wurde er zugleich in die Nähe
570 Ein Beiname, Soter, kommt erstmals auf einer für Antiochos I. postum unter Seleukos II. in
Antiocheia geprägten Sonderemission von Tetra- und Oktadrachmen vor: Le Rider, Antioche S.
74f. Diese dürfte bald nach dem Tode Antiochos’ II. im Jahr 246 ausgebracht worden sein: Le
Rider ebenda S. 89. Auf Münzen lebender Herrscher erscheint ein Beiname erstmals auf Drach-
men Ariarathes’ IV. von Kappadokien (220-163): Simonetta, Cappadocian Kings S. 21 ff.
571 Newell, SMA S. 17 ff. schlug als erster diese Einteilung in drei Serien vor. Serie 1 setzt er in die
Jahre 176/5-170/69, Serie 2 in die Jahre 169-167 und die Serie 3 in die Zeit 167-165.
572 Studies S. 8ff.; 11 ff.; 24ff. Ihm folgt Le Rider, Antioche S. 190ff.; 192ff.; 201 ff.
573 Sie umfaßt nach Mörkholm, Studies S. 8f. nur vier Vorder- und 13 Rückseitenstempel.
574 Anders Mörkholm, der den Beginn der 3. Serie etwas früher, nämlich 169/68 ansetzt. Die
Münzen im »ägyptischen* Typus tragen nur die Beinamen Theos Epiphanes’. SNG Israel 1978 ff.
Zur Bedeutung und Funktion des ägyptisierenden Bronzegeldes: O. Mörkholm, Some Reflec-
tions on the Production and Use of Coinage in Ancient Greece, Historia 31, 1982. S. 303; E.
Schlösser. Egyptian Bronze Coins of Antiochus IV of Syria, SM 37, 1987, S. 54-56; G. Le
Rider, Antiochos IV (175-164) et le monnayage de bronze Seleucide, BCH 118,1994, S. 17-34;
Bergmann, Strahlen S. 62 f.; Ehling, Unruhen S. 334 mit Anm. 198.
575 CSE 991 ff.: überprägte Timarchos-Münzen und CSE 996-999; SNG Israel I 1358; 1360ff.
576 CSE 148ff.; SNG Israel I 1266 ff. Newell, SMA S. 34 ff. teilt die Münzen des Demetrios I. in
drei Serien ein. Vgl. dazu aber die kritischen Bemerkungen von Küthmann. Münzen S. 5.
577 Eine Einteilung der Münzen Demetrios* II. in drei Serien unternimmt Bikerman, Institutions S.
220 f. Nach einer neu publizierten Tetradrachme ergibt sich eine Anordnung der Münzen in vier
Serien. Zu dem neuen Stück: B. Kritt/O.D. Hoover/A. Houghton, Three Seleucid Notes, AJN
12, 2000, S. 102-107 mit Taf. 19, 1, das von dem Bearbeiter, O. D. Hoover, der Münzstätte
Seleukeia in Pierien zugewiesen wird. Die Tetradrachme gehört m. E. aber wohl eher in die Zeit
unmittelbar nach der Landung des Demetrios II. in Kilikien. Auf der Münzrückseite steht nur
3.) Numismatische Quellen
99
des Dynastiegründers, des ersten Seleukos, gerückt. Auch Antiochos X. bekam sei-
nen Beinamen Eusebes von der Bevölkerung (App. Syr. 69, 366) und führte diesen
auch auf seinen Münzen. Anders Antiochos VII.: ihm verliehen die Bewohner Jeru-
salems ebenfalls den EHsebes-Kultnamen (los. ant. lud. 13, 244), den er jedoch
offiziell nie geführt hat. Der bei seinem Regierungsantritt erst neunjährige Sohn und
Nachfolger Antiochos’ IV., Antiochos V., bekam seinen Beinamen Eupator, mit dem
die dynastische Kontinuität betont wurde, von seinem Vormund und »Kanzler4 Lys-
ias (I. Makk. 6, 17). Letztlich entschieden der König und der Kreis der cpiXoi, wel-
ches Epitheton geführt wurde und auf die Münzen kam.
Durch die Publikationen neuer Münzen werden auch weitere Beinamen bekannt
bzw. alte Lesungen korrigiert: Ein 1986 vorgelegter unikaler Goldstater überliefert
für Antiochos VIL, der sich nach seinem Regierungsantritt im Jahr 138 Euergetes
nannte, nun den Beinamen Megas Euergetes, den der König im Jahr 134/33 annahm.
Auf einigen Bronzemünzen las man bis 1983 als Beinamen des Alexander I. auch
das Epitheton Eupator™ Besser erhaltene Exemplare desselben Typs erlauben in-
zwischen jedoch die Lesung EYIIATPEQN. Es handelt sich dabei um das Ethnikon
einer vermutlich in Nordphönikien gelegenen Stadt.579
4.) Jahreszahlen der Seleukidenära: Erstmals unter Demetrios I. wurden die in An-
tiocheia geprägten Tetradrachmen mit einem Datum der Seleukidenära versehen.580
Das erste sicher lesbare Jahresdatum auf den Tetradrachmen und Drachmen dieses
Königs lautet HNP und steht für das Jahr 158 der Seleukidenära (S.Ä.), was nach
unserem Kalender dem Jahr 155/54 entspricht.581 In Syrien rechnete man die Jahre
nach der Herbstära von 312, d.h. das neue Jahr begann wie in Makedonien am 1.
Dios (etwa 1. Oktober). Der Epochenbeginn zählte vermutlich von der nach der
Schlacht bei Gaza (Frühjahr 312) erfolgten Rückeroberung Babyloniens an.582 Im
der Beiname Nikator. Zu den Beinamen des zweiten Demetrios vgl. Muccioli, Epiteti S.
41-56.
578 Z. B. Gardner, BMC Seleucid Kings S. 55 Nr. 33. Eupator war der Beiname des vermeintlichen
Bruders des Alexander 1., Antiochos V.
579 Vgl. CSE S. 47 die Anmerkungen zu den Stücken 565 und 566.
580 Es gibt sporadisch bereits vorher Daten auf einigen Münzen Antiochos’ III. und Seleukos* IV.
So tragen die in Tyros für Antiochos III. geprägten Bronzen derartige Daten, erstmals im Jahr
115 S.Ä. = 198/97: CSE S. 73 Anm. 1. Ebenfalls in I\ros gibt es datierte Stücke für Seleukos
IV.: SNG Israel 1917-925. Außerdem sind einige der ins Jahr 169/68 gehörenden phönikischen
Städteprägungen datiert: M0rkholm, Municipal Coinages S. 63 ff. bes. 64.
581 SNG Israeli 1266ff.
582 Babylonien wurde 312/11 eingenommen: Mehl, Seleukos S. 101. Zur seleukidischen Zeitrech-
nung vgl. W. Kubitschek, Grundriß der antiken Zeitrechnung (HdA 17), München 1928, S. 70 ff.;
A.E. Samuel. Greek and Roman Chronology. Calendars and Years in Classical Antiquity (HdA
I 7), München 1972, S. 139 ff.; 245. - In der Literatur wird vielfach die Meinung vertreten,
Seleukos I. sei nach seiner Rückkehr im Jahr 312/11 König von Babylon geworden (vgl. die
Literaturnachweise bei U. Scharrer, Seleukos I. und das babylonische Königtum, in: K. Broder-
sen [Hg.], Zwischen West und Ost. Studien zur Geschichte des Seleukidenreichs, Hamburg 1999,
S. 98 Anm. 13). Weil in Makedonien und im Orient mit der Thronbesteigung traditionell ein
neuer Ärenbeginn verbunden war, könnte man vermuten, der Ärenbeginn von 312/11 erkläre
100
I. Kapitel: Quellen
Westen des Seleukidenreiches dauerte das Jahr also von Anfang Oktober bis Okto-
ber.
Bei den Jahresdaten auf den Münzen stehen die Buchstaben des griechischen
Alphabetes für Zahlzeichen. Zu beachten ist, daß sich zwei alte Buchstaben als
Zahlzeichen erhalten haben und nach E = 5 ein Stigma (£ = 6) und nach Pi (II = 80)
ein Koppa für den Wert 90 eingeschoben ist.583
1 =A 8 = H 60 = 3
2 = B 9 = 0 70 = 0
3 = T 10 = 1 80 = n
4 = A 20 = K 90 = 9
5 = E 30 = A 100 = P
6 = C 40 = M 200 = E; C
7 = Z 50 = N 300 = T
Die Daten sind von rechts nach links aufzulösen. Bei dem oben erwähnten ersten
Datum der Demetrios I.-Münzen steht also P für 100, N für 50 und H für 8.
Für die Rekonstruktion der Chronologie der späten Seleukidenzeit sind diese
datierten Münzen äußerst wichtige Fixpunkte. Allerdings sind keineswegs alle Mün-
zen konsequent datiert, im Gegenteil, die große Masse der Stücke trägt kein Datum.
Besonders wichtig sind die jeweils ersten bzw. letzten datierten Münzen eines Kö-
nigs, da sich nach diesen Regierungsbeginn und -ende festlegen lassen. Auf diese
Weise können Anfang und Ende der Herrschaft des Alexander I., Demetrios II.,
Antiochos VL, Antiochos VII., Alexander II., der Kleopatra Thea, des Antiochos
VIII., Antiochos IX. und Antiochos XII. datiert werden.584 Anhaltspunkte bieten die
Münzen auch für die äußerst verworrene Chronologie der Bruderkämpfe zwischen
sich mit der Annahme des Königstitels. Daß dies nicht zutrifft, zeigt Scharrer S. 98 f. In den
babylonischen Quellen wird zwischen der seleukidischen Zählung und dem Beginn von Seleu-
kos* I. Königtum klar unterschieden: Scharrer S. 99. Die Differenz beträgt sieben Jahre, d.h.
Seleukos I. war, wie im Westen des Reiches, erst im Jahr 305 König in Babylon. Vgl. auch Mehl,
Seleukos S. 119 ff. Kubitschek S. 70 weist auf die Möglichkeit hin, daß der Epochenbeginn von
der Ermordung Alexanders IV., des nachgeborenen Sohnes Alexanders d. Gr., an gerechnet sein
könnte. - Jenseits des Euphrat rechnete man nach der Frühjahrsära von 311. Das neue Jahr
begann dort am I. Nisan, was in etwa dem 1. April entspricht.
583 Vgl. z.B. Seilwood, Coinage S. 13.
584 Alexander I. in Phönikien: z. B. CSE 742; 796 und Antiocheia: z. B. CSE 173 ff.; Demetrios II.
in Antiocheia: z.B. CSE 214ff.; Antiochos VI. in Antiocheia: z.B. CSE 2I4ff. (Anfang) und
z.B. SNG Israel 1 1763ff. (Ende); RegierungsjahreTryphons: z.B. CSE 800; Antiochos VII. in
Antiocheia: z.B. CSE 272ff.; Alexander II. in Antiocheia: z.B. CSE 299f.; KleopatraThea in
Seleukeia in Pierien: CSE 803 (Alleinregierung); Samtregierung Kleopatra Thea und Antiochos
VIII. in Antiocheia: CSE 317 ff.; Antiochos VIII. in Antiocheia: z.B. CSE 323ff. (Alleinregie-
rung); Antiochos IX. in Seleukeia in Pierien: z.B. SNG Israel I 2681 ff. (Beginn); Antiochos
XII. in Damaskos: Newell, LSM S. 86f. Nr. 132f. (Anfang) und Classical Numismatic Group,
Lancaster/London, Kat. Triton VI, Januar 2003,467 (Ende).
3.) Numismatische Quellen
101
Antiochos VIII. und Antiochos IX. in den Jahren zwischen 113 und 98/97. Datierte
antiochenische Münzen585 bestätigen die Angabe bei lustin (39,2,9), daß Antiochos
VIII. acht ruhige Regierungsjahre verbrachte und Antiochos IX. im Jahr 113 in Sy-
rien landete.586
Nachstehend noch einige weitere Hinweise auf wichtige Münzen-Daten: Ein ins
Jahr 134/33 datierter, in Antiocheia für Antiochos VII. geprägter Goldstater macht
sehr wahrscheinlich, daß die Belagerung Jerusalems durch diesen König im Oktober
134 endete.587 588 Für die Einführung des oben beschriebenen Zeus Uranios unter An-
tiochos VIII. liefern die ins Jahr 120/19 datierten Münzen von Damaskos den ter-
minus ante quem.533 Die letzten datierten Seleukidenmünzen stammen aus Damas-
kos von Antiochos XII. und gehören ins Jahr 84/83.589 Die in Damaskos für Tigranes
II. geprägten Münzen weisen für die Jahre 241-243 S.Ä. (= 72-70) Daten auf,590
woraus man wohl schließen darf, daß sich die Nabatäer fast bis Ende der 70er Jahre
in Damaskos und Koilesyrien (?) halten konnten.
5.) Städtische Prägungen: Im 5. Syrischen Krieg (202-198) fielen die seit der
Schlacht von Gaza (312) von den Ptolemäern regierten Gebiete Phönikien, Koile-
syrien, Samaria, Palästina und Judäa an die Seleukiden.591 Der Gewinn dieser Land-
schaften war für die Seleukiden in doppelter Hinsicht von größter Bedeutung: Mi-
litärisch, weil damit zwischen ihrem administrativen Zentrum Nordsyrien und
Ägypten eine geostrategische Pufferzone entstand, wirtschaftlich, weil jetzt das
Seleukidenreich vom Warenverkehr insbesondere der im Süden Phönikiens gele-
genen reichen Handelsstädte Sidon, Tyros und Ptolemais profitierte und insgesamt
einige Tausend Talente Silber in Form von Steuern (cpopoc) als Mehreinnahmen in
die königliche Kasse flössen.592
Über die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen den phönikisch-
palästinischen Hafenstädten und den Seleukiden geben zunächst die von den Kö-
nigen in diesen Städten geprägten Münzen Auskunft, später die städtischen Prä-
gungen selbst. Nach den Münzen lassen sich drei Phasen im Verlauf dieses Prozesses
unterscheiden: In der ersten Phase wurden die Städte in das Seleukidenreich inte-
585 SNG Israel I 2681-2686.
586 Zur Chronologie dieser Ereignisse ausführlich unten Kap. II10.
587 Siehe unten Kap. II 8.
588 SNG Israel 12646 f. Wahrscheinlich wurde der Kult schon mit Beginn der Alleinherrschaft des
achten Antiochos propagiert. Siehe unten Kap. II9.
589 Classical Numismatic Group, Lancaster/London, Kat. Triton VI, Januar 2003,467.
590 Newell, LSM S. 86ff. Nr. 132ff.; Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 138 Nr. 13 ff.
591 Grainger, Phoenicia S. 98 ff.; Hölbl, Geschichte S. 121 ff.
592 So nennt los. ant. lud. 12, 175 f. für Syrien, Phönikien, Judäa und Samaria eine Gesamtsteuer-
pachtsumme von 8.000 Talenten. Weit mehr als die Hälfte davon brachte Phönikien auf. Unter
seleukidischer Herrschaft zahlte Judäa bis in die Regierungszeit des vierten Seleukos wohl
keinen cpopoc: Bringmann, Reform S. 115 mit Anm. 17 und Hinweis auf Sui. Sev. Chron. 2,7,
15. Zu den Handelswegen vgl. die Karte 4 bei D. Musti, Syria and the East, CAH VII 1, Cam-
bridge 19842, S. 176 f. Zu den Städten Phönikiens vgl. auch F. Millar, The Phoenician cities: a
case-study of Hellenisation, Proceedings of the Cambridge Philological Society 209, 1983, S.
55-71.
102
I. Kapitel: Quellen
griert und waren abhängig. In der zweiten Phase erhielten sie von den Königen
Privilegien zugesprochen, ein Reflex wachsender Eigenständigkeit. Schließlich
konnten immer mehr Poleis die Unabhängigkeit erringen, und zwar als Folge der
andauernden innerdynastischen Kämpfe, in denen sie gezwungen waren, für König
oder Gegenkönig Partei zu ergreifen und je nach Sieg oder Niederlage belohnt oder
bestraft wurden. Im folgenden soll dieser historische Entwicklungsprozeß anhand
der Münzen von Tyros exemplarisch aufgezeigt werden.
Nach dem Sieg Antiochos’ III. über den ptolemäischen Feldherren Skopas im
Frühjahr/Sommer 199593 wurden in Tyros für den Seleukidenkönig Bronzemünzen
geschlagen.594 Die Münzen tragen ein Datum nach der Seleukidenära,595 auch dies
ein sichtbares Zeichen der Abhängigkeit der Stadt vom Reich. Griechisches Ethnikon
und aramäische Legende erscheinen erstmals auf Münzen des vierten Antiochos.596
In der Zeit Alexanders I. beginnt die königliche Münze von Tyros mit dem Prägen
von Silbermünzen. Diese Tetradrachmen und Drachmen wurden im leichteren phö-
nikischen Gewichtsstandard ausgegeben und tragen auf der Vorderseite die Büste
des Königs,597 auf der Rückseite den ptolemäischen Adler mit Palmblatt auf einer
Schiffsprora stehend; im Feld befindet sich die Keule als Zeichen für den in der Stadt
verehrten Gott Herakles-Melkart. Die Aufnahme der Silberprägung in der könig-
lichen Münze von Tyros, Sidon, Ptolemais und Berytos seit 151/50 ist vor dem
Hintergrund der engen politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen
Alexander I. und seinem Schwiegervater Ptolemaios VI. zu sehen.598 Die anhaltende
Silberprägung in den folgenden Jahrzehnten - zunächst in der königlichen, dann in
der städtischen Münze - weist auf eine gewachsene wirtschaftliche Bedeutung von
l\ros und der anderen phönikischen Städten hin.
Auf tyrischenTetradrachmen des Demetrios II. aus dem Jahr 172 S.Ä. (= 141/40)
kommt erstmals der Titel iepa Kai dovXoc; vor,599 was man mit „heilig und asylie-
berechtigt“ oder „heilig und unverletzlich“ übersetzen kann. Mit dieser Titulatur sind
einige Probleme verbunden: 1.) die Frage, wann Tyros bzw. der Herakles-Melkart-
Tempel „heilig und asylieberechtigt/unverletzlich“ wurde, 2.) welche politische
Bedeutung dieser Status hatte und 3.) ob der Ausdruck iepa Kai aavÄoc gleichbe-
593 Hölbl, Geschichte S. 121.
594 E.T. Newell, The Seleucid Coinages of Tyre (ANSNNM 73). New York 1936. S. 2ff. Nr. 1 ff.;
CSE 726-730.
595 E.T. Newell, The Seleucid Coinages of Tyre (ANSNNM 73), New York 1936, S. 3; CSE S. 73
Anm. 1. Das erste auf diesen tyrischen Münzen genannte Datum ist das Jahr 115 S.Ä. =
198/97.
596 E.T. Newell, The Seleucid Coinages of Tyre (ANSNNM 73), New York 1936, S. 14 Nr. 39 a-40
b; CSE 732 ff.
597 Während die Münzen von Antiocheia nur den Kopf des Königs abbilden, zeigen die phöniki-
schen Münzen oftmals die Büste des Herrschers, an dessen Schulteransatz die Chlamys zu er-
kennen ist.
598 Siehe unten Kap. II 9.
599 Babelon, Rois S. 126 Nr. 976; E. Rogers, The Second and Third Seleucid Coinage of Tyre
(ANSNNM 34), New York 1927, S. 19 Nr. 39; Kahrstedt, Territorien S. 77. Der Titel wird auf
den späteren Münzen als Monogramm abgekürzt.
3.) Numismatische Quellen
103
deutend ist mit der Bezeichnung der Stadt als iepa Kai auTÖvopoc,600 die sich
ebenfalls auf Münzen findet. Zunächst zu der Frage, wann dem tyrischen Herakles-
Melkart-Tempel der iEpa Kai aouXocj-Titel zugesprochen wurde. Die Forschung
geht davon aus, daß Tyros bereits um 150 das Recht der Asylie erhielt.601 Zwar ist
die Datierung in die historische Situation der Kämpfe zwischen Demetrios I. und
Alexander I. an sich plausibel, aber es muß doch die Tatsache verwundern, daß der
Titel erst auf Münzen Demetrios’ II., also mit zehnjähriger Verspätung, erscheint.
Wahrscheinlicher ist, daß eine derartige Statuserhöhung, wie sie die Asylie bedeu-
tete, unmittelbar auf den Münzen vermerkt worden wäre. Wenn also der Titel iEpa
Kai aovXoc; erstmals auf Münzen des Demetrios II. im Jahr 141/40 vorkommt, wird
man m. E. auch davon ausgehen können, daß er von Demetrios II. in diesem Jahr an
Tyros verliehen wurde, und zwar vor dem Hintergrund des Kampfes mit Tryphon
und des bevorstehenden Partherfeldzuges. Demetrios II. wollte mit der Verleihung
der Asylie die Bewohner von Tyros für ihre Unterstützung gegen Tryphon belohnen
und sich zugleich für die Zeit seines Zuges nach den Oberen Satrapien ihrer weiteren
Loyalität versichern. Eine Ironie des Schicksals ist, daß eben dieser König, 15 Jahre
später, als er das von ihm verliehene Asylrecht selbst in Anspruch nehmen wollte,
in Tyros auf Befehl des ETncrraTTK ermordet wurde (125).602
Die politische Bedeutung der Asylie-Verleihung lag vermutlich in erster Linie
in dem enormen Prestigegewinn für die Stadt. Tyros rückte damit als erste Stadt
Phönikiens nominell in die Reihe so illustrer Städte wie Ephesos, Smyrna, Samos
und Teos auf,603 die dieses Privileg bereits seit vielen Jahrzehnten besaßen. Der für
die städtische Kultur der Kaiserzeit so charakteristische Wettkampf um wohlklin-
gende Auszeichnungen, Ehrennamen und Titel nimmt nach der Mitte des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. seinen Anfang und führte in den nächsten Jahrzehnten zu einer
wahren Inflation von Städten mit dem Titel iepa Kai aavXoc oder iepa Kal
auTovopoc;.604 Ob den Städten daraus tatsächlich größere Vorteile erwuchsen,
scheint aber eher fraglich. U. Kahrstedt hat die Auffassung vertreten, daß die Titel
600 So Kahrstedt, Territorien S. 76.
601 Head, HN S. 800; E. Rogers, The Second and Third Seleucid Coinage of Tyre (ANSNNM 34),
New York 1927, 1927, S. 14; 19; H. Seyrig, Antiquites syriennes. 24. Les rois Seleucides et la
concession de Fasylie. Syria 20, 1939, S. 35-39; Kahrstedt, Territorien S. 77; W. Rüge, Tyros,
RE VIIA 2, Stuttgart 1948, Sp. 1897.
602 Siehe unten Kap. II 9.
603 P. Stengel, Asylon, RE II 2, Stuttgart 1896, Sp. 1882f.; Bikerman, Institutions S. 149ff. Zu der
Stadt Smyrna, der der iepa Kai ftcruXoc-Status (an den Tempel der Aphrodite Stratonikis) unter
Seleukos II. um oder bald nach 245 verliehen wurde, vgl. OGIS 1229 und dazu die Kommentare
von Th. Ihnken, Die Inschriften von Magnesia am Sipylos (l.K. 8), Bonn 1978, S. 23ff., G.
Petzl, Die Inschriften von Smyrna, Teil II 1 (l.K. 24, 1), Bonn 1987, S. 1 ff. und Buraselis,
Asylie S. 146f. Zu Teos vgl. zuletzt Pohl, Piraterie S. 119 und Buraselis, Asylie S. 153ff. P.
Herrmann, Antiochos der Große und Teos, Anadolu (Anatolia) 9,1967, S. 108 ff. schreibt, daß
für die Seleukidenkönige die Asyliepolitik insbesondere ein politisch-propagandistisches Instru-
ment zur Ausweitung und Festigung des eigenen Einflusses war.
604 Vgl. die Auflistung bei Kahrstedt, Territorien S. 76ff. Unbefriedigend ist der Beitrag von W.
Wirgin, On the Right of Asylum in Hellenistic Syria, in: Congres international de numismatique,
Paris 1953, Band 2, S. 137-148.
104
I, Kapitel: Quellen
lepa Kai aavXoc bzw. iepa Kai avTÖvopoc gleichbedeutend sind.605 Scheint dies
schon auf den ersten Blick zweifelhaft, da sich das Asylrecht auf einen Tempel, die
Autonomie aber auf die Stadt bezieht, so ergibt eine Überprüfung der These ihre
Unhaltbarkeit. Die kilikische Stadt Rhosos führt auf den vor dem Jahr 42 geprägten
Münzen den Titel lepa Kai äavXo^,606 auf den Münzen aus der Zeit nach 42 nennt
sie sich iepa Kai avrovopoc;607 Es wurde also von den Machthabern zunächst das
Asylrecht und später die Autonomie vergeben, was beweist, daß die Verleihung der
Autonomie eine weitere Statuserhöhung darstellte. Der Titel iepa Kai avTovopoc
ist deshalb nicht gleichbedeutend mit iepa Kai aavXoc;, sondern eine Abkürzung
für iepa Kai aavXoc; Kai avTÖvopoc;.608 Mit der Autonomie war meistens auch die
Annahme einer neuen Ära verbunden. Wichtig ist jedoch Kahrstedts treffende Be-
obachtung, daß die Städte, die iepa Kai aavXoc hießen, alle seleukidisch waren und
in späthellenistischer Zeit den gleichen Emanzipationsprozeß durchliefen.609
6.) Indigene Götter: Waren schon auf den seit 169/68 geprägten städtischen Bron-
zemünzen lokale Gottheiten abgebildet worden 610 so erscheint mit der Athena
Magarsia auf den im kilikischen Mallos geprägten Tetradrachmen Demetrios’ I.
erstmals eine indigene Gottheit auf dem unter königlicher Regie geprägten Silber-
geld.611 Die Athena von Magarsos (die Stadt ist wahrscheinlich identisch mit Anti-
ocheia am Pyramos, der Hafenstadt von Mallos)612 war eine mit der ephesischen
Artemis verwandte, altanatolische Muttergottheit.613 Die Entscheidung der seleuki-
dischen Funktionäre, nicht Zeus oder Apollon, sondern das Bild einer einheimischen
Göttin als Münzmotiv zu verwenden, wurde wohl dadurch begünstigt, daß in Mallos
vorher noch keine Münzen für den Seleukidenkönig geprägt worden waren und
daher bei der Wahl des Münzbildes eine größere Freiheit bestand.614 Dies verhielt
605 Kahrstedt, Territorien S. 76.
606 SNG BN 2420.
607 SNG BN 2421 ff.
608 Wie die Inschrift Welles, RC 71/72 zeigt, war eine Stadt, die sich auf ihren Münzen avrovopoc;
nennt, immer auch &XEV0Epo<;. RC 71/72 weist Seleukeia in Pierien seit Sommer 109 als
eXevOepoc aus (Z. 13). Auf den Münzen nennt sich die Stadt seitdem iepöc Kai avrovopoc. Vgl.
Wilcken, Beitrag S. 444.
609 Kahrstedt, Territorien S. 79. Vgl. außerdem auch Pohl, Piraterie S. 120, der darauf hinweist, daß
die privilegierten Städte fast ausschließlich am Meer lagen.
610 Z.B. Kronos in Byblos: Babelon, Rois S. 85 Nr. 671: CSE 694-696: SNG Israel I 1070f.: oder
Poseidon in Laodikeia: CSE 446; SNG Israel I 1051-1053.
611 CSE 505; Houghton, Mallus S. 94 Nr. 1 mitTaf. 12, 1. Dazu ausführlich D. Pohl, Athena Ma-
garsia in Mallos, in: Meyer/Ziegler (Hg.), Kulturbegegnung S. 93 ff.
612 Jones, Cities S. 197; Erzen, Kilikien S. 71 f.; M.H. Sayar, Magarsa, DNP7, Stuttgart/Weimar
1999, Sp. 654 und ders., Mallos, ebenda Sp. 780. Siehe auch unten Kap. I 3. Mallos ist auf der
Tabula Peutingeriana verzeichnet, Magarsos nicht.
613 Fleischer, Artemis S. 260 ff. mit Taf. 110 a-b.
614 Die eigene, städtische Münzprägung von Mallos beginnt noch vor 400. Die Athena Magarsia
kommt dabei als Münzbild nicht vor: SNG Switzerland I 124 ff. Jones, Cities S. 200 nimmt an,
daß Mallos bis in das 2. Jh. hinein ptolemäisch war. Allerdings hatte Antiochos III. im Frühjahr
197 auf seinem Feldzug durch Kilikien auch Mallos eingenommen: Liv. 33,20.4: Hier. Comm.
in Daniel. 11,13 = Jacoby, FGrHist (1929) S. 1126,46. Hölbl, Geschichte S. 123.
3.) Numismatische Quellen
105
sich in der Nachbarstadt Tarsos, der bedeutendsten Polis Ostkilikiens, anders. Die
in Tarsos geschlagenen Königsmünzen tragen seit der Zeit des Antiochos IL als
Reverstyp das Bild des Dynastiegottes Apollon.615 Auf den unter Antiochos IV.
ausgebrachten tarsischen Munizipalbronzen mit dem dynastischen Namen Antio-
cheia am Kydnos erscheint Sandan,616 ein ursprünglich altanatolischer, hethitisch-
luwischer Kriegs- und Fruchtbarkeitsgott,617 der als Gründer von Tarsos galt618 und
schließlich auch auf königlichen Geprägen, erstmals auf Drachmen Alexanders L,
begegnet.619 Von etwa 146 bis ca. 95 wird Sandan zum Standardtyp und kommt auf
Münzen der Könige Antiochos VI., Demetrios IL, Antiochos VIL, Alexander IL,
Antiochos VIIL, Antiochos IX. und Seleukos VI. vor 620 Die Drachmen zeigen San-
dan mit Kalathos auf einem löwenartigen, gehörnten Fabeltier stehend.621 Über der
linken Schulter trägt der Gott Köcher und Bogen, an der Seite ein Schwert und in
der linken Hand eine Doppelaxt.622 Die Tetradrachmen geben ein Sandan,monument4
wieder, bei dem es sich aber nicht um den (hölzernen) „Scheiterhaufen44 des mit
615 E.T. Newell, The Coinage of the Western Seleucid Mints from Seleucus I to Antiochus 111 (Nu-
mismatic Studies 4), New York 1941, S. 220ff. Nr. 1307 ff.; CSE 454ff.
616 SNG Switzerland 1910 ff.; R. Ziegler, Münzen Kilikiens aus kleineren deutschen Sammlungen
(Vestigia 41), München 1989, S. 85 f. Nr. 624 ff.
617 Götter, die auf Tieren stehen, sind im hethitischen Bereich öfters anzutreffen, etwa Hepat, die
Große Göttin, und Samima, der Göttersohn: vgl. etwa die Mittelszene des Reliefs von Yazilikaya
aus dem 13. Jh. v.Chr. bei E. Akurgal, Die Kunst der Hethiter, in: G. Walser (Hg.), Neuere
Hethiterforschungen (Historia Einzelschriften 7), Stuttgart 1964, S. 104 Fig. 11. Auf Sandan als
Kriegsgott weisen Schwert, Bogen, Köcher und Axt, auf Sandan als Fruchtbarkeitsgott der
Kalathos und die Blume hin, die er des öfteren in der Hand hält. E. Meyer, Reich und Kultur
der Chetiter, Berlin 1914, S. 118 sah in ihm einen kilikischen Vegetationsgott. Vgl. auch Erzen,
Kilikien S. 36.
618 Amm. 14,8,3. Als Gründer von Tarsos galten außerdem Herakles (Dion Chrys. 33,47), Perseus
(Amm. 14, 8, 3; Nonn. 18, 291) und Triptolemos (Strab. 14,5, 12 = 673; 16, 2,5 = 750), vgl.
Erzen, Kilikien S. 73 f.
619 CSE 475. Küthmann, Münzen S. 54.
620 Alexander I.: CSE 475; Demetrios IL: Naville, Kat. 10, 1358; CSE 485; Antiochos VI.: J.A.
Seeger, An Unpublished Drachm of Antiochus VI, NC 1972, S. 305; H. Lanz, München, Kat.
74, Nov. 1995,265; Gomy & Mosch, München, Kat. 104, Okt. 2000,456; Alexander IL: Naville,
Kat. 10, 1370; CSE 486f.; F.R. Künker, Osnabrück, Kat. 24, März 1993, 103; Antiochos VIL:
J. Hirsch, München, Kat. 21, Nov. 1908, 4125 (Slg. Weber); CSE 479; Kleopatra Thea und
Antiochos V11L: J. Hirsch, München, Kat. 21, Nov. 1908,4119; Naville, Kat. 10, 1387; Antio-
chos VIIL: Naville, Kat. 10,1442ff.; CSE 488-492; SNG Israel I 2572; Oman, Antiochus VIII
S. 199 f.; Antiochos IX.: J. Hirsch, München. Kat. 21, Nov. 1908,4133; Naville, Kat. 10,1488 ff.;
SNG Israel 1 2730; Seleukos VL: G. Le Rider, Monnaies grecques recemment acquises par le
Cabinet de Paris, RN 1969, S. 13 mitTaf. 1.
621 O. Höfer, Sandas, in: W.H. Roscher (Hg.), Ausführliches Lexikon der griechischen und römi-
schen Mythologie, Leipzig 1909-1915, Sp. 323 und A. Barb, Die kaiserzeitlichen Münzen der
Stadt Tarsos in Kilikien (masch. Diss. Wien 1924), S. 10 halten den Kalathos für eine Tiara. Das
Fabeltier, das auf einigen Stücken mehr wie eine Ziege aussieht, scheint gelegentlich geflügelt
zu sein: Küthmann, Münzen S. 54.
622 Gut zu erkennen auf den Stücken CSE 479 (Antiochos VIL) und 492 (Antiochos VIIL). Die
Doppelaxt ist ein altes Blitzsymbol: P. Jacobsthal, Der Blitz in der orientalischen und griechi-
schen Kunst. Ein formgeschichtlicher Versuch, Berlin 1906, S. 10.
106
I. Kapitel: Quellen
Sandan identifizierten Herakles handelt,623 sondern sehr wahrscheinlich um reale
Architektur in Stein: Auf einem girlandengeschmückten Unterbau befindet sich ein
pyramidenförmiger Aufsatz, der oben mit einem Adler bekrönt ist. In dem Dreiecks-
feld steht Sandan mit Kalathos und Bewaffnung auf dem Fabeltier; das Ganze ist
vermutlich als Reliefbild vorzustellen. In den auf der Bodenlinie des Aufsatzes rechts
und links befindlichen Gegenständen sind möglicherweise Dioskurenkappen zu
erkennen.624 Über den Gott ist kaum etwas bekannt, selbst beim Namen, Sandan,
Sandon, Sandas, Sandes, bestehen Unsicherheiten.625
Weitere indigene Gottheiten finden sich auf Münzen von Damaskos. Die könig-
liche Münze der in Koilesyrien gelegenen Handelsstadt626 prägte von der Zeit des
Demetrios II. bis zum Ende der Regierung des achten Antiochos im Jahr 98/97 im-
mer mit dem offiziellen Reverstyp des thronenden Zeus Nikephoros.627 Mit Beginn
der Herrschaft Demetrios’ III. über Damaskos im Jahr 97/96 erscheint das Kultbild
der Atargatis in verschiedenen Gewandungen auf seinen Tetradrachmen.628 Das
Kultbild der Atargatis wirkt wie ein archaisches Xoanon; hinter den Schultern ragen
623 Die Gleichsetzung von Sandan und Herakles in Tarsos findet sich bei Nonnos 34,192. Von einer
Selbstverbrennung des Herakles erzählt Sophokles Trach. 1191 ff. Dazu M.P. Nilsson, Der
Flammentod des Herakles auf dem Oite, ARW 21, 1921, S. 310 ff. In Tarsos wurde beim He-
raklesfest ein Scheiterhaufen (Trvpot) errichtet: Dion Chrys. 33,47. In der älteren Literatur z.B.
E. Meyer, Reich und Kultur der Chetiter, Berlin 1914, S. 118; O. Höfer, Sandas, in: W.H. Ro-
scher (Hg.), Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig
1909-1915, Sp. 323 und J. Zwicker, Sandon, RE 2. Reihe Band I, Stuttgart 1920, Sp. 2266 f.
wurde das Sandan,monument* auf den Münzen deshalb als Pyra des Sandan-Herakles gedeutet.
Dafür gibt es jedoch keinen Grund: T.S. Scheer, Mythische Vorväter. Zur Bedeutung griechi-
scher Heroenmythen im Selbstverständnis kleinasiatischer Städte, München 1993, S. 295 ff.
624 Der Unterbau ist möglicherweise rund gewesen: G. Fuchs, Architekturdarstellungen auf römi-
schen Münzen der Republik und der frühen Kaiserzeit (AMuGS 1), Berlin 1969, S. 3 f. Bei den
„Dioskurenkappen“ handelt es sich vielleicht auch um konische Steine. Vgl. auch K. Ehling,
Die Götterwelt von Tarsos, in: Meyer/Ziegler (Hg.), Kulturbegegnung S. 140 ff.
625 Dieser Gott wird bei Stephan von Byzanz s. v. MAÖava unter dem Namen Sandes als kilikische
Gottheit geführt. Die Identifizierung Sandans mit dem Gott auf dem großen Felsrelief von Iwriz
am Nordhang des Tauros bei Eregli, die E. Meyer, Reich und Kultur der Chetiter, Berlin 1914,
S. 117 ff. u. ö. vorgenommen hat, scheint mir äußerst fragwürdig. Das Relief, das Erzen, Kilikien
S. 106 treffend als assyrisierend charakterisiert, zeigt einen nach rechts stehenden Gott, der
Weinrebe und Ährenbündel hält und zu ebener Erde steht, also nicht mit Bewaffnung auf einem
Tier. Nicht weniger problematisch ist m. E. Meyers Gleichsetzung von Baal Tars auf den Mün-
zen der in Tarsos residierenden Persersatrapen (SNG Switzerland 171 ff.; SNG BN 251 ff.) mit
Sandan (S. 118). Die Ikonographie der Götter spricht in keiner Weise dafür, im Gegenteil, sie
macht vielmehr deutlich, daß es sich auch bei Baal Tars und Sandan um zwei völlig verschiedene
Götter handeln muß. Erzen, Kilikien S. 106 f. stimmt Meyer zu, meint aber, um die ikonogra-
phischen Unterschiede erklären zu können, Sandan hätte in hellenistischer Zeit Züge des kili-
kischen Gottes Tarku angenommen. Zu Tarku: Erzen. Kilikien S. 35; 73. Aber wie Tarku aussah.
wissen wir nicht.
626 Damaskos lag auf dem bedeutenden Handelsweg zwischen Palmyra und Tyros, vgl. die Karte
4 bei D. Musti, Syria and the East, CAH VII 1, Cambridge 19842, S. 176 f. Außerdem Orth,
Geographie S. 85; 88.
627 Newell, LSM S. 49ff. Nr. 67ff.; CSE 480ff.
628 Newell, LSM 78ff. Nr. 115ff.; CSE 858ff.; SNG Israel I 2825f.; 2853f.; 2862; 2865f.; vgl.
3.) Numismatische Quellen
107
Getreideähren auf, was auf ihre Funktion als Fruchtbarkeitsgöttin hinweist.629 Auf
den Tetradrachmen seines Nachfolgers Antiochos XII. wird ihr Bild durch das des
Wetter- und Fruchtbarkeitsgottes Hadad abgelöst.630 Im Typus eines phönikischen
Baales steht Hadad auf einem zweistufigen Postament zwischen zwei liegenden
Stieren;631 er ist bärtig, trägt eine hohe Tiara und hält in der Linken ein Szepter, das
in Form einer Getreideähre gebildet ist und ihn ebenfalls als Garanten reicher Ern-
teerträge ausweist.
Die entscheidende Frage ist, wie sich das Aufkommen indigener Gottheiten auf
seleukidischen Reichsmünzen erklärt.
Zunächst ist festzuhalten, daß die Münzen von Mallos, Tarsos und Damaskos
mit Athena Magarsia, Sandan, Atargatis und Hadad ein bemerkenswertes Zeugnis
für die Persistenz von einheimischen Kulten aus vorseleukidischer Zeit sind. Trotz
jahrzehntelangen griechischen Einflusses wurden hier ältere religiöse Grundzüge
bewahrt und nicht durch eine alles durchdringende Gräzisierung verdrängt. Ande-
rerseits spiegeln diese Münzen aber auch eine veränderte Haltung der Seleukiden-
könige in Bezug auf die religiöse Einstellung ihrer Untertanen wider: Wenn die
Könige nicht mehr darauf bestanden, ausschließlich griechische Reichsgottheiten
wie Zeus, Apollon oder Artemis auf ihren Münzen abzubilden, dann kann man die
neuen Götterbilder als Bereitschaft zu einer größeren Toleranz gegenüber lokalen
religiösen Traditionen deuten. Damit zeigen die Münzen einen bedeutenden quali-
tativen Wandel von der frühen zur späten Seleukidenzeit an.632 Zwar nahmen auch
die ersten Seleukidenherrscher Rücksicht auf gewachsene indigene Strukturen,633
aber stärker unter makedonisch-griechischen Vorzeichen. Vermutlich erklärt sich das
Auftauchen der indigenen Gottheiten auf den Königsmünzen dadurch, daß der An-
teil der griechischen Bevölkerung in den Städten im Laufe des 3./2. Jh. kontinuier-
lich abgenommen hatte. Wenn der Seleukidenherrscher bzw. seine Funktionäre in
Mallos, Tarsos und Damaskos darauf verzichteten, einen griechischen Gott auf die
Münzen zu setzen, dann ist darin aber mehr als nur eine wohlwollende Geste an die
einflußreicher gewordene einheimische Bevölkerung zu sehen. Diese Münzbilder
machen einen tiefgreifenden Umwandlungsprozeß der seleukidischen ,Reichskultur*
sichtbar,634 wie wir ihn ähnlich anhand der Münzen der graeco-baktrischen Herr-
auch Fleischer, Artemis S. 263 ff. mit Taf. 11 la-113a und die guten Umzeichnungen bei Haider/
Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 190 Abb. 74.
629 Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 189f.
630 Newell, LSM S. 86ff. Nr. 132ff.; CSE 864; Fleischer, Artemis S. 379ff. mit Taf. 167 b-168 b;
Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 189 mit Abb. 73.
631 Vgl. etwa den Baal auf den Münzen von Rhosos: E. Levante, The Coinage of Rhosus, NC 1985,
S. 237 ff. mit Taf. 42; Fleischer, Artemis S. 383 f.
632 Diese tolerante, lokale Traditionen berücksichtigende Religionspolitik begann mit Antiochos
IV. und zielte auf die Integration der syro-phönikischen Bevölkerung ab: Grainger, Phoenicia
S. 117, der von “Semitic populations“ spricht.
633 Vgl. z.B. das Verhalten des Seleukos I. gegenüber dem Priesterstaat von Olba oder das des
Antiochos III. gegenüber Jerusalem (siehe oben Kap. I 2,4).
634 Mit ,Reichskultur* meine ich die von der herrschenden Gesellschaft des Seleukidenreiches
getragene makedonisch-griechische Kultur.
108
I. Kapitel: Quellen
scher im Femen Osten beobachten können: Dort wurden schon unter der Regierung
des Agathokles und des Pantaleon (beide ca. 190-180) indische Gottheiten auf die
Münzen gesetzt und die Legenden bilingue, in Griechisch und Brahmi (Prakrit),
geschrieben.635 Münzen des Königs Menander (ca. 155-130) bilden mit dem Cha-
kra-Rad des Buddha ein religiöses Symbol der untertänigen indigenen Bevölkerung
ab.636 Wenngleich die Aufnahme lokaler Traditionen im graeco-baktrischen Osten
frühereinsetzte und noch intensiver war als im Seleukidenreich, so sind die Prozesse
doch strukturell vergleichbar. Das Wesen des Hellenismus macht eben nicht nur die
Gräzisierung des Orients aus, sondern umgekehrt auch die Einschmelzung lokaler
Kulturelemente, die desto stärker hervortraten, je schwächer der griechische Einfluß
war. Die negative Wertung E. Meyers, der Hellenismus sei in Folge der „Zersetzung
des griechischen Geistes durch die Verschmelzung mit den Orientalen“ zusammen-
gebrochen,637 wird man heute wohl kaum mehr teilen, sondern vielmehr diese (frei-
lich regional unterschiedlich verlaufende) Verschmelzung selbst als besondere
kulturelle Leistung anerkennen.638
Definiert man reziproke Akkulturation als einen Übernahme- und Wandlungs-
prozeß, der aus der Berührung zweier unterschiedlicher Kulturen hervorgeht und für
beide Seiten Veränderungen mit sich bringt 639 dann kann man diesen Vorgang
635 Vgl. O. Bopearachchi, Monnaies greco-bactriennes et indo-grecques. Catalogue raisonne, Paris
1991. S. 57 (zur Brahmi-Schrift) und S. 175 Serie 9 mit Taf. 7 f: S. 182 Serie 6 mit Taf. 9. In
anderen Regionen wurde auf den Münzen Kharoshthi verwendet: M. Hallade, Indien. Gadhära
- Begegnung zwischen Orient und Okzident, 19752, S. 23.
636 O. Bopearachchi, Monnaies greco-bactriennes et indo-grecques. Catalogue raisonne, Paris 1991,
S. 87 f. und S. 246 Serie 37 mit Taf. 33 g. Zu buddhistischen Motiven auf antiken indischen
Münzen vgl. S. Goyal, Buddhist Symbols and Buddha Image on Ancient Indian Coins, Journal
of the Numismatic Society of India 49, 1987, S. 109-114. Zu Menander ebenda S. 111. - Die
indischen Quellen nennen Menander Müinda: Demandt, Staatsformen S. 298 f. Im sog. Milinda-
panha sind die Streitgespräche des Königs mit dem Weisen Mönch Nagasena aufgezeichnet:
M. Alram, Die Geschichte der Seidenstraße im Spiegel der Münzen, MÖNG 42, 2002, S. 121.
637 Blüte und Niedergang des Hellenismus in Asien. Kunst und Altertum, Alte Kulturen im Lichte
neuer Forschungen 5, Berlin 1925. S. 1-82, wiederabgedruckt in: F. Altheim/J. Rehork (Hg.),
Der Hellenismus in Mittelasien, WdF91, Darmstadt 1969, S. 57 (nach dieser Ausgabe hier zi-
tiert). Zu Meyers Position kritisch R. Bichler, »Hellenismus*. Geschichte und Problematik eines
Epochenbegriffs, Darmstadt 1993, S. 137.
638 Zur Diskussion von J.G. Droysens Hellenismus-Begriff vgl. R. Bichler. »Hellenismus*. Ge-
schichte und Problematik eines Epochenbegriffs. Darmstadt 1993, S. 55ff. Droysen faßte Hel-
lenismus als „Mischprodukt“ auf, als „Vermischung des abend- und morgenländischen Le-
bens“.
639 Die klassische Definition von Akkulturation stammt von M. J. Herskovits/R. Linton/R. Redfield,
Memorandum for the Study of Acculturation, American Anthropologist 38, 1936, S. 149-152
bes. 149. Sie besagt, daß man von Akkulturation spricht, wenn Gruppen verschiedener Kulturen
in einen direkten und anhaltenden Kontakt zueinander treten und dabei auf einer oder beiden
Seiten Veränderungen der ursprünglichen Kulturmuster erfolgen. Zum hier verwendeten Begriff
der reziproken Akkulturation vgl. insbesondere H. Esser, Akkulturation, in: B. Schäfers (Hg.),
Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 20006, S. 1 und H. Heinen, Ein griechischer Funktionär
des Ptolemäerstaates als Priester ägyptischer Kulte, in: Funck, Hellenismus S. 339. Eine umfas-
sende Diskussion bieten jetzt U. Gotter, „Akkulturation“ als Methodenproblem der historischen
Wissenschaft, in: W. Eßbach (Hg.), wir/ihr/sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode,
3.) Numismatische Quellen
109
exemplarisch an der Münzprägung von Damaskos nachvollziehen: Während die
Reichsmünzen unter Demetrios III. bzw. Antiochos XIL, wie erwähnt, die indigenen
Gottheiten Atargatis und Hadad abbilden, tragen die gleichzeitig ausgebrachten
städtischen Münzen nicht heimische, sondern griechische Bilder: Apollon, die Tyche
von Damaskos im Typus der Tyche von Antiocheia, Nike und eine männliche Gott-
heit, in der vielleicht Zeus zu sehen ist.640 Wie in einem Brennglas fokussieren sich
in diesen Münzbildem aus den 90/80er Jahren des 1. Jhs.641 einerseits der Einfluß
und die Aufnahme älterer religiöser Schichten in die griechisch geprägte »Reichs-
kultur4 der Seleukiden und andererseits die nachhaltige Gräzisierung der syro-phö-
nikischen Stadtbevölkerung durch eben diese von der herrschenden Gesellschaft
getragenen Kultur.642
Würzburg 2000, S. 373-406 bes. 385 und H. Blum, Überlegungen zum Thema „Akkulturation“
in: H. Blum/B. Faist/P. Pfälzner/A.-M. Wittke (Hg.), Briickenland Anatolien? Ursachen, Exten-
sität und Modi des Kulturaustausches zwischen Anatolien und seinen Nachbarn, Tübingen 2002,
S. 1-19.
640 Babelon, Rois S. 208 Nr. 1578. Vielleicht ist dieser Zeus sogar die interpretatio Graeca des
heimischen Hadad.
641 Zur Datierung vgl. auch Nolle, Seleukeia S. 90 f.
642 Zum Hintergrund vgl. besonders F. Millar, The Problem of Hellenistic Syria, in: A. Kuhrt/S.
Sherwin-White, Hellenism in the East. The interaction of Greek and non-Greek civilizations
from Syria to Central Asia after Alexander, London 1987, S. 110-133.
II. KAPITEL:
SELEUKIDISCHE GESCHICHTE
VON 164 BIS 63 V.CHR.
1.) TOD DES ANTIOCHOS IV. (164)
UND VORMUNDSCHAFTSREGIERUNG
DES LYSIAS (164-162)
Ende des Jahres 164 lag der seleukidische König Antiochos IV. in der Stadt Gabai
im Sterben.1 Nach dem Bericht des I. Makkabäerbuches 6, 14-152 ließ er seinen
engen Vertrauten (cpiXoc) Philippos3 ans Sterbebett rufen, „setzte ihn über sein gan-
zes Königreich“ und forderte ihn unter Aushändigung der königlichen Insignien
(Diadem: 5iaör|pa, Mantel: otoXt) und Siegelring: ööktvXioc) auf, seinem Sohn
1 Das Datum November/Dezember 164 ergibt sich aus der babylonischen Königsliste BM 35603
rev. 15: A. J. Sachs/D. J. Wiseman, A Babylonian King List of the Hellenistic period, Iraq 16,
1954, S. 202 ff. bes. 209 mit Taf. LIII; A. Aymard, Du nouveau sur la Chronologie des Seleucides,
REA 57,1955, S. 102-112 bes. 109 ff.; R. A. Parker/ W. H. Dubberstein, Babylonian Chronology
626 B. C. - A. D. 75, Providence 1956, S. 23; Mehl, Seleukos S. 143f. Zuletzt E. Grzybek, Zu
einer babylonischen Königsliste aus der hellenistischen Zeit (Keilschrifttafel BM 35603), Hi-
storia 41, 1992, S. 190-204 und Del Monte, Testi S. 82. Der Ortsname ist als Tabai und Gabai
überliefert. Ein Tabai in der Persis wird von Pol. 31,9,3 genannt; zur geographischen Lage vgl.
M0rkholm, Antiochus S. 170f. und Le Rider, Suse S. 323 mit Hinweis auf Curt. Ruf. 5,13,2:
an der Straße nach Persepolis östlich von Susa, vgl. auch Karte 1 S. 256. Der richtige Sterbeort
ist aber vermutlich Gabai: P. F. Mittag (Köln) mündliche Mitteilung. Zum Tode des vierten
Antiochos immer noch wichtig ist M. Holleaux, Etudes d’histoire hellenistique: III. La mort
d’Antiochos IV Epiphanes, REA 18.1916, S. 76-102. Zum Thema vgl. insbesondere Mörkholm,
Antiochus S. 170 ff. und zuletzt G. W. Lorein, Some Aspects of the Life and Death of Antiochus
IV Epiphanes. A New Presentation of Old Viewpoints, AncSoc 31,2001, S. 157-171. Antiochos
IV. starb entweder an den Folgen eines Sturzes (II. Makk. 9,7) oder an einer schweren Krankheit.
App. Syr. 66, 352 schreibt, er sei cpOivwv ^teXeuttjoe „an Auszehrung gestorben“, danach A.
v. Gutschmid, Geschichte Irans und seiner Nachbarländer von Alexander dem Großen bis zum
Untergang der Arsaciden, Tübingen 1888, S. 42 und Niese, Geschichte III S. 218. Kiechle,
Konsolidierung S. 170 hält dies für ein „Lungenleiden“ und Lorein für Tuberkulose. Der in II.
Makk. 9, 5 ff. geschilderte Krankheitsverlauf des »Judenfeindes* Antiochos IV. der an einen
Krebstod erinnert, diente dem Verfasser der Apostelgeschichte als Vorlage für den Tod des
Agrippa I. (Apg. 12, 23) und dem lateinischen Kirchenvater Lactanz als literarisches Vorbild
für seine Schilderung des Todes des Christenverfolgers Galerius: MP 33. Zur göttlichen Heim-
suchung von Tyrannen und Gottesverächtem wie Agathokles, Sulla und Herodes 1.: Niese,
Makkabäerbücher S. 303.
2 Und davon abhängig los. ant. lud. 12, 360 f.
3 Zu Philippos vgl. Treves, Philippos (66) Sp. 2551 f.; Bunge, Daphne S. 58ff.; Savalli-Lestrade,
Philoi S. 61 und Ehling, »Reichskanzler* S. 102.
112
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
die Herrschaft zu sichern.4 Ob diese Überlieferung historisch richtig ist,5 6 oder ob
Philippos seinen Anspruch auf das Amt des »Reichskanzlers46 nach dem Tode Anti-
ochos’ IV. lediglich fingierte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden.7 Es
spricht aber die größere Wahrscheinlichkeit dafür, daß er unrechtmäßig das »Kanz-
leramt* und damit die Vormundschaft über den damals neunjährigen8 Sohn des
Antiochos IV., Antiochos (V.), zu usurpieren versuchte. Denn der König hatte vor
seinem Aufbruch nach den Oberen Satrapien im Frühjahr 165 den aus königlichem
Geschlecht stammenden Lysias zum »Reichskanzler* (6 ctti töv TTpaYpocTtov) und
Vormund (ciriTpoiroc;) seines Sohnes bestellt.9 Ein zweiter »Kanzler* bedeutete eine
gefährliche Konkurrenzsituation, die unweigerlich in eine militärische Auseinander-
setzung führen mußte. Um seinem Sohn die Nachfolge zu sichern, wäre die Bestel-
lung des Philippos ein denkbar ungeeignetes Mittel gewesen, darüber war sich
Antiochos IV. bestimmt im Klaren.10 Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Philippos
ohne vorherige Ernennung durch Antiochos IV. die Vormundschaftsregierung über
Antiochos (V.) beansprucht und wurde darin offenbar von Teilen der Ostarmee un-
terstützt.
Die Nachricht vom Tode des vierten Antiochos dürfte nach spätestens sechs
Wochen Syrien erreicht haben. Lysias gab sie der Öffentlichkeit bekannt und er-
nannte mit Zustimmung der Bevölkerung den jungen Antiochos zum König mit dem
4 I. Makk. 6,14-15: Kai ekoXecje «PiXunrov Eva twv cpiXwv avTou Kai KaTeaTrjaev auTÖv im
iraaric tt|C ßaaiXdac auTov. Kai eÖwkev aurw to öiäöqpa Kai Tqv oToXqv avTou Kai töv
ÖaKTüXiov toö dyayEiv ’ Avtio/ov töv uidv auTOu Kai EKOpEipai auTÖv tov ßaoiXEUEtv. Es
gab wohl außerdem einen Brief, in dem er seinen Sohn zum Nachfolger bestimmte: II. Makk.
9,25.
5 Skeptisch schon Niese, Geschichte IIIS. 218 Anm. 6.
6 Dies ist sicherlich mit dem unpräzisen Ausdruck I. Makk. 6,14: KaTfoTqoev auTÖv tiri irdoqc
Tqc ßaoiXeiac aÖTou gemeint; los. ant. lud. 12, 360 spricht von iiriTpotroc töc ßaaiXdac.
7 Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 255.
8 App. Syr. 46, 236; 66, 352. Bevan. House II S. 181: Brodersen. Abriß S. 66. Anders Euseb.
Chron. I 253 = FGrHist 260 F 32, 13: Zwölf Jahre. Die Münzporträts stellen ihn mit Absicht
älter dar: Ehling, Nachfolgeregelung S. 36. Zur Bildnisangleichung an seinen Vater: Fleischer,
Herrscherbildnisse S. 55.
9 I. Makk. 3,32; II. Makk. 13, 2; los. ant. lud. 12, 295. Zu Lysias vgl. Savalli-Lestrade, Philoi S.
57 f.: Ehling, »Reichskanzler* S. 101 f.
10 Daß es daran Zweifel geben könnte, erklärt sich wohl aus der als widersprüchlich und inkonse-
quent empfundenen Persönlichkeit des Königs, wie sie im verlorengegangenen 26. Buch des
Polybios geschildert wurde: 26, 1-14 (bei Athen. 10,439 a). Nach Polybios ist der Bericht bei
Livius 41, 20, 1-13 abgefaßt. Vgl. auch die Schilderung des Verhaltens des Königs bei den
Festspielen von Daphne (166): Pol. 30, 26,4-8. Danach Bouche-Leclercq, Histoire I S. 278 f.,
der Antiochos IV. mit Nero und Caligula vergleicht. Ausgewogene Diskussion und Urteilsbil-
dung bei Bringmann, Reform S. 136 f. Daß Antiochos IV. aber in äußerst schwierigen Situatio-
nen pragmatisch dachte und handelte, zeigt nichts deutlicher als sein kluges Verhalten am ,Tag
von Eleusis* (Liv. 45, 12. 1-8) oder beim Empfang der Gesandtschaft des Tiberius Gracchus
kurz nach Daphne: Pol. 30, 27, 1-4.
1.) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregiemng des Lysias (164-162) 113
Beinamen Eupator;11 er selbst wurde in seinem Amt als »Reichskanzler* bestätigt.12
Protarchos wurde zum Strategen von Koilesyrien und Phönikien befördert,13 den
Oberbefehl über die Westarmee hatte Lysias inne (los. ant. lud. 12, 367).
Von der Absicht des Philippos, die Vormundschaftsregierung zu übernehmen,
kann in Syrien nichts bekannt gewesen sein. Denn statt diesem militärisch entge-
genzutreten, zogen Lysias und Antiochos V. Anfang des Jahres 16314 an der Spitze
eines bedeutenden Heeres von Antiocheia nach Idumaea bzw. Jerusalem (los. ant.
lud. 12, 367 ff.).
Diesem Feldzug war eine weitere Initiative des »Reichskanzlers* Lysias voraus-
gegangen, den Konflikt mit den seit drei Jahren im Aufstand befindlichen Juden auf
dem Verhandlungswege beizulegen. Aus dieser Zeit15 stammt das in II. Makk. 11,
22-26 überlieferte Antwortschreiben des Antiochos V.» in dem das Ende der Religi-
onsverfolgung angekündigt wird. In der Übersetzung von Chr. Habicht lautet der
Text:16
„König Antiochos grüßt seinen Bruder Lysias (22). Nachdem unser Vater sich zu den Göttern
begeben hat, haben wir, in dem Wunsch, daß die Menschen im Königreich sich ohne Beunru-
higung ihren eigenen Angelegenheiten widmen können (23), sowie auf die Kunde hin, daß die
Juden der von unserem Vater verfügten Umstellung auf die griechische Lebensweise nicht zu-
stimmen, sondern ihre eigenen Lebensformen vorziehen und verlangen, daß ihnen das Her-
kömmliche zugestanden werde (24), endlich von dem Vorsatz bestimmt, daß auch diese Nation
ohne Beunruhigung sein soll, verfügt, daß ihnen das Heiligtum wiederhergestellt werde und daß
11 I. Makk. 6, 17; los. ant. lud. 12, 361; App. Syr. 46, 236. Brodersen, Abriß S. 67. - Anders
M0rkholm, Antiochus S. 166, der davon ausgeht, daß Antiochos V. im Frühjahr 165, als Antio-
chos IV. in die Oberen Satrapien aufbrach, zum Mitregenten ernannt wurde. Ebenso Fischer,
Makkabäer S. 60 f. und A. Houghton/G. Le Rider» Le deuxieme fils d’Antiochos IV ä Ptolemai's,
SNR 64, 1985, S. 73 ff. bes. 81 ff. mit Taf. 12 und 13, die sich dabei auf Münzen stützen (z.B.
CSE 772; SNG Israel 1 1252 f.), die in Ptolemai's geprägt wurden und auf Vorder- und Rückseite
ein Monogramm aus den Buchstaben AV tragen, das die Autoren, zu Lysias auflösen. Man
beachte aber, daß auf den später in Seleukeia in Pierien geprägten Hochzeitsmünzen des Alex-
ander I. und der Kleopatra Thea das gleiche Monogramm vorkommt: CSE 407; Fleischer,
Herrscherbildnisse Taf. 43 g und h, d.h.» das Kürzel AV muß also keineswegs fur den »Reichs-
kanzler* Lysias stehen.
12 So möchte ich II. Makk. 10, 11 verstehen: Ehling, »Reichskanzler* S. 101. Vgl. auch Niese,
Makkabäerbücher S. 295; Bengtson, Strategie IIS. 165 und zuletzt Habicht, 2. Makkabäerbuch
S. 251. Anders Fischer» Makkabäer S. 83 Anm. 202 und S. 204» der meint» daß Lysias vor seiner
Ernennung bzw. Bestätigung als ,Reichskanzler* durch Antiochos V. Stratege von Koilesyrien
und Phönikien bzw. »Generalstatthalter des Westens* gewesen sei. Ich möchte allerdings be-
zweifeln, daß es nach dem Wegfall der kleinasiatischen Besitzungen nach dem Friedensschluß
von Apameia das Amt des »Generalstatthalters des Westens* überhaupt noch gab.
13 Bengtson, Strategie II S. 165; Grainger, Prosopography S. 114.
14 Etwa im Januar/Februar 163. Die Datierung ist durch kein Quellenzeugnis abgesichert. Man
muß aber in Rechnung stellen, daß Philippos nicht allzuviel Zeit verlieren durfte, wollte er die
Herrschaft über Syrien gewinnen. Sein Erfolg hing im wesentlichen auch davon ab, wie schnell
er Antiocheia erreichte. Er wird also zügig nach Westen gezogen sein.
15 Vgl. die andere historische Einordnung und Datierung des Briefes durch Mölleken, Geschichts-
klitterung S. 219; 222.
16 Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 257 f. Vgl. außerdem Niese, Makkabäerbücher S. 476 ff., Bik-
kermann, Makkabäer S. 181 und Bringmann, Reform S. 40 ff.
114
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
sie ihr Leben gemäß den zur Zeit ihrer Vorväter bestehenden Sitten gestalten (25). Du wirst
mithin gut daran tun, wenn Du zu ihnen schickst und ihnen Garantien gibst, damit sie in Kennt-
nis unserer Einstellung wohlgemut sind und sich gern zur Handhabung ihrer eigenen Angele-
genheiten wenden (26)“.17
Das Schreiben ist, wie aus der Eingangsformulierung hervorgeht, nach dem Tode
des Antiochos IV. verfaßt.18 Wenn es in 11,25 heißt, daß den Juden der Jahwetempel
wiederhergestellt werden solle, so wird damit nur etwas zugestanden, was längst
Realität war. Denn bereits im Dezember 165 hatten sie unter ihrem Anführer Judas
Makkabaios Jerusalem (bis auf die Akra) erobert, den Tempel entsühnt und den
Opferkult nach jüdischem Ritus im neugeweihten Heiligtum wieder aufgenom-
men.19 Interessant ist der Ausdruck in II. Makk. 11, 24 „Umstellung auf die grie-
chische Lebensweise“ (etti to ‘EXXqvtKa petoOeoei).20 Unter dieses Schlagwort
hatte die seleukidische Regierung in Antiocheia das gegen die Juden verhängte Re-
ligionsverbot und ihre repressive Politik der Jahre 168-163 gestellt.
Das von Lysias Anfang 163 angeführte Heer bestand zum Großteil aus Söldnern,
die von den ägäischen Inseln und Kreta angeworben waren.21 Angeblich zogen
50.000 Fußsoldaten, 5.000 Reiter, 300 Sichelwagen und 22 Kriegselephanten gegen
die in Idumaea kämpfenden Juden zu Felde. Die Zahlen sind sicher weit übertrieben,
nur die der Elephanten dürfte richtig sein.22 Die Stadt Bet-Zur wurde zemiert und
schwere Belagerungsmaschinen herangefahren (I. Makk. 6, 31). Um Entsatz zu
bringen, entschloß sich Judas, die Belagerung der Jerusalemer Akra aufzuheben, zog
nach Süden und setzte sich bei Bet-Sacharja gegenüber dem königlichen Lager fest
(los. ant. lud. 12, 369). Daraufhin ließ Lysias Truppen an der Straße nach Bet-
Sacharja aufmarschieren.23
17 BaoiÄEvc ’Avtioxoc tw äÖEÄcpw Avoia xoüpsw (22). tov iraTpöc qpwv eIc Oeovc
pETaarävToc ßouXopEvoi touc ek Tqc ßaoiÄEi'ac ärapaxovc ovtoiq yEVEoOai irpöc tt|v twv
ibiwv EJnpEXEiav (23) äicqKoÖTEc tovc ’ louÖaiovc p?| avvEuÖOKovvTac rf) toü irarpoc Ein
ra 'EXXqviKa petoOeoei, aXXä Tqv eoutwv aywyi)v aipEriCovTac a^iovv avyxcopr]Of)vai
avToic Ta vopipa (24) aipovpsvoi ouv Kai toöto to eövoc ektöc Tapaxnc Eivai Kpivopsv
to te lEpöv avToic airoKaTaoTaOrivai Kai iroXiTEUEoöai Kara Ta E7ri twv Trpoyovwv avTwv
EÖq (25). ev ouv TToiqaEic öiairspipapEvoc Trpöc auTovc Kai öovc ÖE^iäc;, öttwc eiÖotec
tt)v qpETEpav TTpoai'pEoiv EvÖvpoi te wen Kai i)Öewc ÖiayivwvTai irpdc Trjv twv iöiwv
avTiXripipiv (26).
18 Vgl. auch den Kultkalender von Teos: A. Mastrocinque, Seleucidi divinizzati aTeo, EA3,1984,
S. 83-86.
19 I. Makk. 4, 36-61; los. ant. lud. 12, 316-322. Bringmann, Reform S. 40.
20 Vgl. auch II. Makk. 6,9: pETaßaivEiv etti Ta * EXXqviKa. Bringmann, Reform S. 14.
21 I. Makk. 6, 29. Schürer, Geschichte S. 213 ff. Zum Feldzug Bar-Kochva, Army S. 174 ff. mit
Datierung ins Jahr 162. Zu Kretern in seleukidischen Diensten vgl. M. Launey, Recherches sur
les armees hellenistiques, Paris 1949, Band I, S. 248-286.
22 Die Zahlen sind unterschiedlich überliefert: I. Makk. 6. 30; II. Makk. 13, 2; los. ant. lud. 12,
366 und los. bell. lud. 1,5,41. Ich habe jeweils die niedrigste Angabe gewählt. Niese, Makka-
bäerbücher S. 300 meint, die biblischen Zahlenangaben seien mindestens um das zehnfache
vergrößert. Diskussion der Zahlen bei Bar-Kochva, Army S. 177. Daß Sichelwagen bei diesem
Feldzug mitgeführt wurden, hält Bar-Kochva, Army S. 84 für unwahrscheinlich, da das gebirgige
Gelände den Einsatz dieser Fahrzeuge kaum erlaubte.
23 Zur Ortschaft: Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 325 zu 32 a).
1.) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregierung des Lysias (164-162) 115
Welchen tiefen Eindruck die seleukidischen Kriegselephanten bei den Juden
hinterlassen haben, spürt man noch deutlich beim Autor des 1. Makkabäerbuches (6,
30-46): Er weiß zu berichten, daß die Tiere mit Wein und Maulbeersaft angriffslus-
tig gestimmt wurden; auf ihrem Rücken trugen sie den mit einem Gurt befestigten
hölzernen Turm, in dem vier Krieger standen (6, 37), die mit Pfeil und Bogen bzw.
Sarissen von oben herab kämpften.24 Im Nacken des Tieres saß der aus Indien
stammende Lenker (6, 37). I. Makk. 6, 43-46 erzählt die Heldentat des Eleasar
Awaran:25 Da er glaubte, der Seleukidenkönig säße auf dem größten und prächtigs-
ten Elephanten, warf er sich unter diesen, um ihn von unten zu durchbohren, und
wurde dabei von dem zusammenbrechenden Koloß selbst zu Tode gedrückt.26 Trotz
ihres opfervollen Mutes wurden die Juden besiegt. Judas und seine Soldaten mußten
sich in die Berge von Gophna nördlich von Jerusalem zurückziehen.27 Lysias ließ
die Belagerung von Bet-Zur fortführen; einen Teil des Heeres setzte er Richtung
Jerusalem in Marsch (los. ant. lud. 12,375). Die Annahme, Lysias selbst habe diese
Truppen nach Jerusalem geführt, während Antiochos V. die Belagerung Bet-Zurs
leitete,28 ist abwegig, weil es von Lysias mehr als unklug gewesen wäre, sich von
seinem jungen König zu trennen. Da die Juden gerade das alle sieben Jahre wieder-
kehrende Sabbatjahr feierten29 und weder im Herbst gesät noch im Frühsommer
geerntet hatten,30 gingen die Lebensmittel zur Neige. So waren die Verteidiger von
Bet-Zur zu Verhandlungen gezwungen. Gegen die eidliche Zusage des »Kanzlers*
und Oberbefehlshabers des Heeres, Lysias, das Leben der Bevölkerung zu schonen,
zogen die seleukidischen Truppen in die Stadt ein. Die Mauern wurden geschleift
und eine Besatzung (cppovpa) in die Stadt gelegt (I. Makk. 6,49 f.; los. ant. lud. 12,
376 f.). Dann zogen Lysias und Antiochos V. nach Jerusalem ab, wo die Armee be-
gonnen hatte, die Juden mit schwerem Gerät auf dem Tempelberg zu belagern.31
24 Ehling, Elephant Sp. 265. Vgl. die Abbildungen der Kriegselephanten bei Rostovtzeff, History
IS. 432Taf. LH 2 und LIII 1;2.
25 Eleasar war ein Bruder des Judas: los. ant. lud. 12,373; los. bell. lud. 1,5,42. In der Namens-
schreibung folge ich Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 303. Der Beiname bedeutet „der Blasse“.
26 los. ant. lud. 12, 373 f.; los. bell. lud. 1,5,42ff. Ehling, Elephant Sp. 265.
27 los. bell. lud. 1,5,45. Danach Mölleken, Geschichtsklitterung S. 219. Anders los. ant. lud. 12,
375. Jason von Kyrene schreibt, daß Lysias den Judas in Jerusalem empfing: II. Makk. 13, 24.
Ob sich Judas bereits in der Stadt befand, oder ob er aus den Bergen nach Jerusalem kam, geht
daraus jedoch nicht hervor.
28 So Mölleken, Geschichtsklitterung S. 219 ff.; 222.
29 I. Makk. 6,49; 53; los. ant. lud. 12,378. Das Sabbatjahr begann im Herbst: Schürer, Geschichte
S. 214 Anm. 13.
30 In Syrien wurde im November/Dezember das Getreide ausgesät und im Mai/Juni geerntet:
Downey, Antioch S. 21; 365 mit Anm. 222.
31 I. Makk. 6, 51: Kai TrapEVEßaXsv etti to ayiaopa qp^pac iroXXäc Kai EtrrqoEV £kei
PeXogtAoeu; Kai pnxaväc Kai irvpoßöXa Kai XiOoßoXa Kai oKopiriöia eic to ßaXXsoOat
ߣXq Kai ocpEvöövac. Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 326 übersetzt: „Gegen das Heiligtum
aber lagerte er sich viele Tage; er stellte dort Schießtürme, Belagerungsmaschinen, Flammen-
werfer, Steinwerfer, Skorpionen — zum Abschießen von Pfeilen — und Schleudern auf.“ Bei
Bar-Kochva, Army vermißt man weitere Ausführungen zum Einsatz von Belagerungsgeräten
im Seleukidenheer.
116
11. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Angesichts dieser massiven Technik war es nur eine Frage der Zeit, wann die Juden
auf dem Tempelberg aufgeben mußten, zumal auch hier die Lebensmittel ausgingen
(I. Makk. 6,53; los. ant. lud. 12,377 f.). In dieser Situation traf unerwartet die Nach-
richt ein, daß der mit dem Leichnam Antiochos’ IV. aus dem Osten zuriickgekehrte
Philippos sich in Antiocheia zum Vormund Antiochos’ V. und »Kanzler4 des Reiches
hatte ausrufen lassen.32 Verständlicherweise war Lysias jetzt an einer raschen Ver-
handlungslösung interessiert, um möglichst schnell gegen seinen Kontrahenten ins
Feld ziehen zu können. Ohne die Soldaten von dem Umschwung in der syrischen
Hauptstadt zu informieren, verstand er es, Offiziercorps und Mannschaft davon zu
überzeugen, daß eine Fortsetzung der Belagerung nur zeitraubend und uneffektiv
sein würde (los. ant. lud. 12, 380 f.). Der König bot den Belagerten Frieden an und
versprach, daß sie von nun an nach den Gesetzen ihrer Väter leben dürften.33 Be-
reitwillig gingen die Juden auf das Friedensangebot ein (I. Makk. 6,60; los. ant. lud.
12,382). Eine ihrer Hauptforderungen muß die nach der Absetzung des kompromit-
tierten Hohenpriesters Menelaos gewesen sein. Wie W. Mölleken ausführlich und
überzeugend dargelegt hat,34 wurde Alkimos, der mit hebräischem Namen lakim
bzw. lakeimos hieß (los. ant. lud. 12, 385), nicht erst unter Demetrios I.,35 sondern
bereits im Herbst 163 auf Vorschlag des Lysias für dieses Amt als Nachfolger des
Menelaos bestimmt. Unter Eid wurde den Juden im Falle der Übergabe von Stadt
und Tempel Straffreiheit zugesagt (los. ant. lud. 12, 382). Angesichts von Lebens-
mittelknappheit und guten Friedensbedingungen wurden die Tore geöffnet und
König und Heer zogen, wohl im Frühjahr 163, in Jerusalem ein. Die Tempelbefes-
tigung, d.h. die von Judas im Jahr 165/64 errichteten Türme und Mauern (I. Makk.
4,60), wurde geschleift (I. Makk. 6, 62), angeblich gegen den Eid des Königs (los.
ant. lud. 12, 383); Antiochos V. opferte vor dem Tempel36 und zeigte damit - wie
später Antiochos VII. während der Belagerung Jerusalems im Jahr 135/34 (siehe
unten Kap. II 8) - seine euvoia. Nach II. Makk. 13,24 läßt sich vermuten, daß Lys-
ias und Antiochos V. den militärischen Führer der Widerstandsbewegung, Judas
Makkabaios, in Jerusalem empfingen.37 Hegemonides,38 der zum OTpaTnyoC über
das Gebiet von Ptolemai’s bis zu den Geirenem (Stadt der Bewohner von Gerar,
32 Vgl. Ehling, .Reichskanzler4 S. 102.
33 los. ant. lud. 12, 382. Schürer, Geschichte S. 214.
34 Geschichtsklitterung S. 205 ff.; Fischer. Makkabäer S. 212.
35 So der Bericht in I. Makk. 7,5. Danach etwa Niese, Makkabäerbücher S. 77 und Willrich, De-
metrios (40) Sp. 2796. Richtig bereits Meyer. Ursprung IIS. 234 Anm. 1.
36 II. Makk. 13,23. Vor ihm hatte bereits der »Reichskanzler* des Seleukos IV.. Heliodoros. beim
Tempel geopfert: II. Makk. 3,35.
37 Fischer, Verwaltung S. 36.
38 Daß der Name nicht korrupt ist. wie Niese, Geschichte III S. 242 Anm. 7 und Bengtson, Stra-
tegie II S. 177 Anm. 2 vorsichtig vermuten, beweisen jetzt die epigraphischen Zeugnisse. He-
gemonides war der Sohn des Zephyros aus Dyme in Achaia und ist uns aus zwei Inschriften
bekannt: OGIS 1 252 = SEG 14, 1957, 368 = BCH 78, 1954, S. 395 Nr. 7 und SEG 14, 1957,
369 = BCH 78. 1954, S. 396 Nr. 8. Vgl. Chr. Habicht, Der Stratege Hegemonides, Historia 7,
1958, S. 376-378.
1.) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregierung des Lysias (164-162) 117
südlich von Gaza), d. h. bis zur ägyptischen Grenze ernannt wurde,39 war vermutlich
judenfreundlich eingestellt.40
Im Frühjahr 163 war nach über vier Jahren das Religionsverbot endgültig und
offiziell aufgehoben,41 doch ruhte der Friedensschluß insgesamt auf keiner stabilen
Grundlage. Beide Seiten waren aus unterschiedlichen Gründen unter dem Druck der
Verhältnisse gezwungen gewesen, zu einer schnellen Kompromißlösung zu finden.
Zwar durften die orthodoxen Juden ihre Religion nun wieder frei und ungehindert
ausüben, und damit war die Übernahme des Tempels vom Dezember 165 legalisiert,
aber in der Akra von Jerusalem lag weiterhin eine Militärbesatzung, die jederzeit
,polizeilich* eingreifen konnte.42 Insofern war der ursprüngliche Zustand, wie er vor
Sommer 168 bestanden hatte, nicht wiederhergestellt worden. Durch die militärische
Kontrolle des Landes, wie sie mittels der seleukidischen Stützpunkte etwa in Bet-Zur
und auf dem Garizim in Samaria43 ausgeübt wurde, bestand im Grunde genommen
die Situation von Herbst 168 weiter, wenn auch die zuständigen Organe wohl An-
weisung bekommen haben dürften, die Juden besser zu behandeln. Darüber hinaus
war der neue Hohepriester Alkimos zwar aus dem Stamme Aaron,44 aber nicht aus
dem hohenpriesterlichen Geschlecht der Oniaden;45 da er zudem ein treuer Partei-
gänger des Hofes von Antiocheia war, barg diese Konstellation im Kem bereits den
Stoff für neue Konflikte, die schon sehr bald aufbrechen sollten.46
Nach Abschluß des Friedens zog das Seleukidenheer ab. Den abgesetzten Ho-
henpriester Menelaos führte es mit sich fort. Lysias riet dem König, Menelaos be-
seitigen zu lassen, wenn er Ruhe vor den Juden haben wolle. „Denn von ihm komme
alles Unheil her“, heißt es bei Josephus, „weil er den Vater des Königs (also Antio-
chos IV., Anm. d. Verf.) veranlaßt habe, die Juden zum Abfall von der Gottesvereh-
rung ihrer Väter zu zwingen“.47 Antiochos V. befahl, Menelaos nach dem syrischen
Berrhoia zu bringen. Dort fand er den Tod des Tempelräubers und wurde von einem
39 Damit wurde an Stelle der ehemaligen Strategie Koilesyrien und Phönikien eine kleinere Ver-
waltungseinheit geschaffen: Bengtson, Strategie IIS. 176 ff.
40 II. Makk. 13, 24 suggeriert geradezu, Judas habe Einfluß auf die Bestellung des Hegemonides
nehmen können. Dieser Eindruck entsteht durch die asyndetische Satzkonstruktion, vgl. dazu
Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 269 zu Vers 18. Bevan, House IIS. 184 Anm. 3 nahm irrtümlich
an, daß das nyepoviövt] (sic) im Text korrupt sei und meinte, dies sei nicht der Name eines
Strategen, sondern Judas selbst sei zum königlichen crrpaTnyoc ernannt worden. Diesen Irrtum
korrigieren Niese, Geschichte III S. 242 Anm. 7; Kahrstedt, Territorien S. 58 und Bengtson,
Strategie II S. 177 Anm. 2.
41 Der Religionsfriede ist von keinem der folgenden Könige angetastet worden: Schürer, Ge-
schichte S. 214.
42 Einen guten Überblick zur Verwaltung Judäas bietet Fischer, Verwaltung S. 33 ff.
43 Dieser Stützpunkt war im Herbst 168 von Antiochos IV. eingerichtet worden. Als epistates
kommandierte dort Andronikos: II. Makk. 5, 23; sicherlich bestand der Stützpunkt auch nach
dem Friedensschluß von 163 fort.
44 I. Makk. 7,14.
45 los. ant. lud. 12, 387. Fischer, Makkabäer S. 84; 212.
46 Siehe unten Kap. II 3.
47 Ant. lud. 12, 385 (Übersetzung H. Clementz). Vgl. auch II. Makk. 1,4-6 und dazu Habicht, 2.
Makkabäerbuch S. 267.
118
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
50 Ellen hohen Turm in die glühende Asche eines Altars gestürzt (II. Makk. 13,4-6;
los. ant. lud. 12,385). Einhellig sehen die antiken jüdischen Autoren (II. Makk. 13,
7; los. ant. lud. 12,385) in Menelaos den großen Übeltäter, der sein Volk zum Abfall
von der Religion ihrer Väter verführt hat. E. Bickermann hat ein anderes Bild dieses
umstrittenen Hohenpriesters entworfen: Er sieht in der Religionspraxis des Menelaos
und seiner Glaubensbrüder das Bemühen, den ursprünglichen Glauben der Juden in
Toleranz mit den Heiden zu leben. Die Religionsverfolgung erscheint Bickermann
nur der Versuch zu sein, diese Toleranz den noch „verblendeten“ Glaubensgenossen
aufzwingen zu wollen.48
Auf seinem Weg an der phönikischen Küste Richtung Syrien passierte Antiochos
V. auch die Stadt Ptolemais. Hier wurde Protest gegen die Friedensvereinbarungen
mit den Juden laut und sogar die Forderung erhoben, diese wieder aufzukündigen
(IL Makk. 13,25). Die phönikischen Großstädte Tyros, Sidon und Ptolemais waren
judenfeindlich eingestellt und hatten die aufständischen Juden von Beginn der Er-
hebung an bekämpft. Vermutlich war die jüdische Bevölkerung von Ptolemais als
7roXiT£vpa organisiert gewesen49 und hatte diesen privilegierten Status nach dem
Religionsverbot durch Antiochos IV. im Dezember 168 verloren, was nun wieder
rückgängig zu machen war und deshalb den Unmut der phönikischen Bevölkerung
erregte.50 Nur mit der Autorität seiner ganzen Person gelang es Lysias in einer per-
sönlichen Ansprache, den Friedensschluß zu rechtfertigen und die erhitzten Gemüter
zu beruhigen.
In diese Zeit könnte auch die »Gründung* der Stadt der Eupatreis, Eupatreia (?),
fallen, die ihren Namen wahrscheinlich nach dem Epitheton des Königs, Eupator,
erhielt und vermutlich in Nordphönikien lag.51 Die Benennung von Städten nach
königlichen Beinamen war auch außerhalb des Seleukidenreiches üblich.52 Zuletzt
48 MakkabäerS. 133.
49 So vermutet Downey, Antioch S. 107, daß die Juden Antiocheias in einem iroXireupa organisiert
waren: „Under Seleucus I Jews who were presumably retired mercenaries settled at Antioch.
Probably they were granted individually isopolity, that is, the right to be enrolled as citizens,
provided, of course, that they apostatized and worshiped the city gods. Whether they were also
given special Privileges at this time, as Josephus Claims, seems very doubtful. Probably those
Jews who preferred to retain their faith (and these must have been the majority) were organized
in a politeuma which made them a quasi-autonomous unit within the Greek community, enjoy-
ing certain rights, such as being judged by their own judges according to their own law“. Vgl.
außerdem ebenda S. 115 und Baltrusch, Juden S. 51 sowie G. Thür, Politeuma. DNP 10, Stutt-
gart/Weimar 2001, Sp. 27. Speziell zu den Verhältnissen in Ägypten vgl. S. Honigman, Poli-
teuma and Ethnicity in Ptolemaic and Roman Egypt, AncSoc 33. 2003, S. 61-102.
50 Zum Prozeß der Hellenisierung und zum Hellenisierungsgrad der phönikischen Städte vgl. F.
Millar, The Phoenician Cities: a Case-study of Hellenisation, Proceedings of the Cambridge
Philological Society 209, 1983, S. 55-71.
51 Was sich aus Bronzemünzen schließen läßt, die in der Zeit des Alexander I. geprägt wurden:
CSE 565 f.; SNG Israel 1 1499. D. Draganov/A. Houghton/W. Moore, Four Seleucid Notes. AJN
5/6. 1993/94, S. 54-59 mit Katalog der Stücke. Dort auch zu den Fund- bzw. Erwerbsorten der
Münzen. Das Ethnikon lautet EYflATPEDN. Die Münzen sind datiert: 148/6-146/5.
52 So erhielt beispielsweise die lydische Stadt Philadelphia ihren Namen nach dem Epitheton des
attalidischen Königs Attalos II.
1.) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregierung des Lysias (164—162) 119
hatte Antiochos IV. in Kilikien die Stadt Epiphaneia gegründet53 bzw. bekannte
Städte wie Nisibis in Epiphaneia umbenannt. Antiochos V. (bzw. Lysias) führte
damit in gewisser Weise die Städtepolitik Antiochos’ IV. fort.54
An der Spitze der Ostarmee war Philippos über die Brücke bei Seleukeia am
Euphrat (Zeugma)55 nach Syrien zurückgekehrt und hatte die sterblichen Überreste
des Antiochos IV. (sicherlich unter großem Pomp) in Seleukeia in Pierien56 oder
Antiocheia bestattet.57 Die Bevölkerung der Hauptstadt hatte ihn zum eiriTpoTro^
und, nach II. Makk. 13,23 zu schließen, auch zum 6 £jri tcdv TrpaypaTCov des An-
tiochos V. ausgerufen.58 Lysias eroberte dennoch die von Philippos kontrollierte
Stadt zurück und besiegte den ,Gegenkanzler* (I. Makk. 6,63; los. ant. lud. 12,386).
Nach los. ant. lud. 12, 386 wurde Philippos getötet, II. Makk. 9,29 zufolge konnte
er nach Ägypten an den Hof des Ptolemaios VI. Philometor entkommen. Letzteres
scheint sehr gut möglich, da die Nachricht doch heraussticht und gerade deshalb
Glauben verdient;59 über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.60
Der seit 178/7761 als Geisel in Rom lebende 23jährige62 Sohn des Seleukos
IV, Demetrios (I.), meldete nach dem Tode seines Onkels Antiochos IV. seinen
Anspruch auf den syrischen Thron an. Wir sind über diesen Vorgang und die spätere
Flucht des Seleukiden detailliert unterrichtet, weil der Historiker Polybios als Freund
und Ratgeber des späteren Königs an diesen Ereignissen aktiv beteiligt war. In sei-
53 An der Ostgrenze Kilikiens (Hierokles 705, 5). Die hellenistischen Münzen: z.B. SNG Swit-
zerland I 1805-1808. Den Namen führte die Stadt noch in der Kaiserzeit: SNG Switzerland I
1809-1830, er ist durch Amm. 22,11,4 auch noch für die Spätantike bezeugt. Sie hieß ursprüng-
lich Oiniandos (Plin. n. h. 5,93: Oenoandos): Jones, Cities S. 200; Cohen, Settlements S. 365.
54 Zu der Städtepolitik Antiochos* IV. vgl. V. Tcherikover, Die hellenistischen Stadtgründungen
von Alexander dem Großen bis auf die Römerzeit (Philologus, Supplementband XIX, Heft 1),
Leipzig 1927, S. 176f. Auch wenn es sich bei den meisten »Neugründungen* einfach um Um-
benennungen handelte.
55 Grainger, Cities S. 104. Einen Überblick über die archäologische Forschung zu Seleukeia am
Euphrat (Zeugma) bietet der Beitrag von R. Erge^/M. Önal/J. Wagner, Seleukeia am Euphrat/
Zeugma. Archäologische Forschungen in einer Gamisons- und Handelsstadt am Euphrat, in:
Wagner, Gottkönige S. 105 ff.
56 So Niese, Geschichte III S. 218. In Seleukeia in Pierien hatte Antiochos I. die Asche seines
Vaters beigesetzt: App. Syr. 63, 336. Der Begräbnisbezirk hieß Nikatoreion. Seleukeia war
daher vielleicht Begräbnisstätte auch der späteren Seleukidenkönige. Von Antiochos II. vermu-
tet man, daß er in Belevi, einem Dorf bei Ephesos, beigesetzt wurde: W. Eiliger, Ephesos. Ge-
schichte einer antiken Weltstadt, Stuttgart/Berlin/Köln 19922, S. 52 f.; 55 mit der weiteren Lite-
ratur.
57 So läßt sich die Textstelle bei Granius Licinianus 28, 8: corpus eins (= Antiochos’ IV.) cum
Antiochia [m] portaretur, ... deuten. Zu dieser Notiz vgl. auch Niese, Makkabäerbücher S.
296.
58 Vgl. Ehling, »Reichskanzler* S. 102.
59 Niese, Makkabäerbücher S. 295; Bunge, Daphne S. 58 mit Anm. 33.
60 Bevan, House II S. 185.
61 Nach der Inschrift St. V. Tracy, Greek Inscriptions from the Athenian Agora. Third to First
Centuries B.C., Hesperia 51, 1982, S. 60ff. Nr. 3 mit Taf. 24 befand sich Antiochos IV bereits
im Jahr 178/77 in Athen. Demetrios (I.) muß also, da er gegen seinen Bruder Antiochos IV.
ausgetauscht wurde, bereits in diesem Jahr in Rom gewesen sein.
62 Pol. 31,12,5.
120
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
ner langen Rede (31, 12, 4-5) vor den römischen Senatoren führte der Prinz aus,
daß ihm die Königsherrschaft über Syrien zustehe, nicht Antiochos V., dem Sohn
seines Onkels. Seine Treue zu Rom beschwor er mit den Worten, daß die Stadt ihm
„Vaterland und Pflegemutter“ sei, da er ja noch als Kind nach Rom gekommen
war;63 die „Söhne der Senatoren seien für ihn allesamt wie Brüder, die Senatoren
selbst wie Väter“.64 Trotz dieses Treuebekenntnisses entschieden die patres, De-
metrios (I.) weiter als Geisel in Rom festzuhalten. Obwohl die letzte römische Ge-
sandtschaft unter Führung des Tiberius Sempronius Gracchus erst im Herbst 166 in
Syrien gewesen war und dem Senat anschließend nichts nachteiliges berichtet
hatte,65 wurde beschlossen, abermals eine Delegation nach Osten zu entsenden, die
die Verhältnisse in Syrien im römischen Sinne ordnen sollte (Pol. 31,12,9-10). Man
kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Beschluß geradezu das Resultat
der Rede des Demetrios (I.) war. Wahrscheinlich hat er selbst ganz bewußt darauf
aufmerksam gemacht, daß in Syrien nicht alle Vereinbarungen von Apameia strikt
eingehalten würden und dabei auch noch so stark übertrieben, daß die Senatoren in
ernsthafte Sorge gerieten. Polybios hätte uns dann diesen wenig rühmlichen Teil der
Rede des Demetrios (I.) einfach unterschlagen.66
Etwa im Herbst 16367 trafen die Senatoren Gnaeus Octavius, Spurius Lucretius
und Lucius Aurelius in Syrien ein,68 nachdem sie zuvor Makedonien, Galatien und
Kappadokien inspiziert hatten.69 Polybios übertreibt, wenn er schreibt, es sei den
Gesandten nur darum gegangen, die königliche Macht um jeden Preis zu schwächen
(31, 2, 11), aber ihr Auftrag zielte doch darauf ab, das Militärpotential des Reiches
,zurückzufahren4.70 Die rechtliche Grundlage zur Kontrolle und Einflußnahme bot
der Friedensvertrag von Apameia, den Antiochos III. nach der vernichtenden Nie-
derlage seiner Armee durch die Römer bei Magnesia am Sipylos im kleinasiatischen
63 Also im Alter von etwa zehn Jahren.
64 Pol. 31,12, 5. Übersetzung von H. Drexler.
65 Kurz nach den Feiern in Daphne: Pol. 30, 27, 1; Diod. 31, 17. Briscoe, Eastem Policy S. 52;
Gruen, Aftermath S. 77.
66 Walbank hat dies nicht erkannt. Denn er wirft Commentary III S. 467 die Frage auf: “It is not
clear why the Senate decided to act now and not earlier”. Der Senat erfuhr eben offenbar erst
durch die Rede des Seleukidenprinzen von den Vertragsverstößen. Damit stimmt die Bemerkung
bei Appian (Syr. 46,239) überein, wo es heißt: „Als sie (= die Senatoren, Anm. d. Verf.) nun (=
im Jahr 163, Anm. d. Verf.) erfuhren, daß es in Syrien eine Menge Elephanten gebe und mehr
Schiffe, als dem Antiochos vertragsmäßig zugestanden waren, schickten sie Gesandte mit dem
Auftrag dorthin ..." (Übersetzung von O. Veh).
67 Das genaue Datum ist nicht überliefert. Vgl. Gruen, Aftermath S. 81.
68 Die Hauptquellcn zur Gesandtschaftsreise sind Pol. 31,2, 12 ff.; App. Syr. 46, 239-241 und
Zon. 9,25. Außerdem Cic. Phil. 9,4; Plinius n. h. 34,24. Vgl. Briscoe, Eastem Policy S. 52, E.
Will, Rome et les Seleucides, in: ANRW I 1, Berlin/New York 1972, S. 623 f. und Gruen, Af-
termath S. 81 ff.
69 Pol. 31,2,12f. Zur Gesandtschaft: Niese, Geschichte IIIS. 243 f. Zum Kappadokien-Aufenthalt:
Bevan, House II S. 186.
70 Kaum dürfte sich die dreiköpfige Senatsgesandtschaft jedoch als ^THTpoiroi des Antiochos V.
verstanden haben, wie Zonaras 9, 25 - nach Polybios - schreibt. Gruen, Aftermath S. 81 mit
Anm. 60 meint, der Senat habe tatsächlich den Wunsch gehabt, „to help secure and protect the
rule of Antiochus V“, aber das ist viel zu positiv aufgefaßt.
1.) Tod des Antiochos IV. (164) und Vormundschaftsregierung des Lysias (164-162) 121
Lydien (Dezember 190) im Jahr 188 unterschrieben hatte. Der Vertragstext wurde
nun streng ausgelegt:71 Da den Seleukiden das Halten von Elephanten gänzlich
verboten war und in ihrer Flotte nicht mehr als zehn große Deckschiffe segeln durf-
ten,72 ließ Octavius den Elephanten in Apameia (?)73 die Sehnen durchtrennen und
in Laodikeia am Meer die Trieren verbrennen (Pol. 31,2,11; App. Syr. 46,240; Zon.
9, 25). Man kann sich leicht vorstellen, daß dieses brutale Abschlachten der Ele-
phanten, aber auch das willkürlich scheinende Abbrennen der Schiffe Unmut, ja
Empörung erregte, und als der aus Laodikeia stammende Leptines den Octavius im
städtischen Gymnasium ermordete, geschah dies mit Zustimmung der einheimischen
Bevölkerung.74 Leptines, der durch die Straßen seiner Heimatstadt spazierte und
erklärte, er habe die Tat nach dem Willen der Götter vollbracht, wurde als Held
gefeiert.75 Der YpappanKOc; Isokrates lobte den Anschlag und bedauerte nur, daß
nicht auch den beiden anderen Gesandten das selbe Schicksal zuteil geworden war;
das Regiment der Römer bezeichnete er als Willkürherrschaft.76 Chr. Habicht hat
vermutet, daß Lysias Laodikeia durch Militär besetzen ließ 77 offenbar aus Sorge
vor einem Aufstand. Doch konnte D. Gera den Nachweis erbringen, daß das Frag.
9 des Papyrus P. Here. 1044 auf frühere Ereignisse der Zeit um 175 zu beziehen
ist.78 Ob die Staatsführung unter Lysias in dieser Situation irgendwelche Maßnah-
men zur »Beruhigung* Syriens unternahm, wissen wir also nicht.
Zwar wurde der ermordete Gesandte ehrenvoll bestattet (App. Syr. 46,241), und
eine Gesandtschaft beteuerte in Rom die Unschuld der Regierung,79 aber den Mör-
der des Octavius und seinen Gesinnungsgenossen lieferte Antiocheia nicht aus.80
Vermutlich wäre diese Maßnahme in Syrien zu unpopulär gewesen.
71 Während Rom gegenüber Antiochos IV. nachsichtiger war: Er zog mit einer großen Flotte und
Elephanten gegen Ägypten in den 6. Syrischen Krieg: I. Makk. 1, 17.
72 Der Vertragstext bei Pol. 21, 17,1-12 und Liv. 38,38,1-17.
73 Niese, Geschichte III S. 244.
74 Auch wenn man mit Chr. Habicht, Zur Vita des Epikureers Philonides (P. Here. 1044), ZPE 74,
1988, S. 213 in Leptines einen „Fanatiker“ sehen darf, ist die Bemerkung von Briscoe, Eastem
Policy S. 52 schon etwas verblüffend: “It is not surprising that the senior member of the embassy,
Cn. Octavius, was murdered”.
75 Pol. 32, 2,7. Bevan, House II S. 186.
76 Pol. 32, 2, 7. Polybios zeichnet ein äußerst negatives Bild von Isokrates und bezeichnet ihn als
„ekelhaften Schwätzer und Aufschneider“. Ob dieser Isokrates in näherer Beziehung zum Se-
leukidenhof stand, ist nicht überliefert: Austin. Krieg und Kultur S. 153 Anm. 64.
77 Chr. Habicht, Zur Vita des Epikureers Philonides (P. Here. 1044), ZPE 74, 1988, S. 213 f.
78 D. Gera, Philonides the Epicurean at Court: Early Connections, ZPE 125, 1999, S. 77-83. In
Frag. 9 Z. 1-3 S. 81 ist wohl davon die Rede, daß Demetrios (I.) im Austausch mit Antiochos
(IV.) nach Rom geschickt wurde (= 178/77). Zeile 3f. nennt einen ’Avtiöxov [Ee]Xevkov, in
dem Gera S. 81 f. den kleinen Antiochos, den Sohn des Seleukos IV., erkennt (siehe auch Stamm-
tafel). Gera vermutet S. 82, daß hinter dem Wunsch, Laodikeia (? der Stadtname wird in dem
Papyrus nicht ausdrücklich erwähnt) zu zerstören, der ehemalige »Reichskanzler* und Mörder
des Seleukos IV, Heliodoros, stand; dieser ist sehr wahrscheinlich S. 79 Frag. 28, 25 genannt.
Zu Heliodoros vgl. auch Ehling, »Reichskanzler* S. 99ff.
79 D.h. der (piXot: Pol. 31, 11, 1-3.
80 Leptines und Isokrates wurden erst von Demetrios I. im Jahr 160 ausgeliefert: Pol. 32,2, 1 ff.;
App. Syr. 47,243.
122
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
2.) LANDUNG DES DEMETRIOS I. IN SYRIEN (162) UND
AUFSTAND DES TIMARCHOS (161/60)
Nach der Ermordung des Octavius (im Herbst/Winter 163) sprach Demetrios (I.)
noch einmal beim Senat vor, erhielt jedoch nur eine zweite Absage.81 Der Prinz ließ
sich von seinem früheren Erzieher (Tpocpevc;) Diodoros, der gerade aus Syrien ge-
kommen war, über die Lage in Antiocheia unterrichten,82 und da die Regierung an
Rückhalt in der Bevölkerung verloren hatte83 und die Situation für einen Umsturz
günstig schien, entschloß er sich zur heimlichen Flucht aus Rom. In den Plan ein-
geweiht waren außer Polybios, der die ganze Geschichte detailreich und spannend
überliefert,84 nur die engsten cpiXot des Demetrios (L), sein aus Milet stammender
ovvTpocpoc Apollonios und dessen Brüder Menestheos und Meleagros,85 Nika-
nor,86 sowie einige namentlich nicht genannte cpiXot, schließlich sein ehemaliger
81 Pol. 31, 11, 9-12, I. Zum folgenden Walbank, Commentary IIIS. 478ff.
82 Pol. 31,12,2 f. Vermutlich hatte ihn Demetrios (I.) selbst als Beobachter dorthin geschickt. Zu
Diodoros: Grainger, Prosopography S. 87: Diodoros (2); Savalli-Lestrade, Philoi S. 68.
83 Pol. 31,12,4 f. Der Mord an dem römischen Gesandten Octavius dürfte jedoch nicht der Grund
für den Machtverlust der Regierung bzw. des Lysias gewesen sein. Es läßt sich in Syrien viel-
mehr eine permanente Unzufriedenheit der breiten Bevölkerung mit der jeweils herrschenden
Regierung beobachten, weshalb praktisch jeder Machtwechsel begrüßt und unterstützt wurde.
Vgl. auch die Bemerkung des Poseidonios bei Diod. 33, 4, 4 und dazu Malitz, Poseidonios S.
278f. bzw. Ehling, Unruhen S. 333.
84 Pol. 31, 12, 6-15, 12. Wie Volkmann, Demetrios I. S. 382 vermutet, beruht der Bericht des
Polybios, „der ganz aus dem Rahmen der übrigen Erzählung fällt,... auf gleichzeitigen, tage-
buchartigen Aufzeichnungen“. Vgl. außerdem auch R. Laqueur, Die Flucht des Demetrios aus
Rom. (Ein Beitrag zur Kritik des Polybius.), Hermes 65, 1930, S. 129-166.
85 Herrmann, Milesier S. 175 ff. Ihr Vater Apollonios hatte Seleukos IV. gedient (Pol. 31,13, 3; II.
Makk. 4, 4). Es sind hier mehrere homonyme Funktionäre zu unterscheiden: 1.) Apollonios,
Sohn des Thraseas, Stratege von Koilesyrien und Phönikien = Grainger, Prosopography S. 80
Nr. 4; 2.) Apollonios, Sohn des Menestheos, Amtsnachfolger des Apollonios, Sohn des Thraseas
= Grainger, Prosopography S. 79 Nr. 3 (der diesen aber irrtümlich mit dem Mysiarchen Apol-
lonios zusammenwirft: II. Makk. 5,22, siehe auch oben Kap. 12,2. Vgl. außerdem: Olshausen,
Prosopographie S. 209 f. Nr. 145; Carsana, Dirigenze S. 124f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 49 f.);
dieser nahm 174 im Auftrag des vierten Antiochos an der Mündigkeitserklärung (7rpcüTOKXqoia)
Ptolemaios’ VI. in Alexandreia teil (vgl. Huß, Ägypten S. 542 mit Anm. 33: Die Wortform
TrpcüTOKÄrjoia [nicht 7rpcoTOKXr)oia] wird in II. Makk. 4, 21 überliefert und ist der Lesart
TTpwTOKXioia vorzuziehen) und war 173 als Gesandter in Rom, sowie 3.) Apollonios, Sohn des
Apollonios, Sohn des Menestheos und Milchbruder des Demetrios I. = Grainger, Prosopography
S. 79 Nr. 1; Carsana, Dirigenze S. 168: Savalli-Lestrade. Philoi S. 65 f. Vgl. auch Habicht, 2.
Makkabäerbuch S. 214 f. zu 4 a.
86 Er wurde später zum Anführer der Elephantentruppe und Strategen von Judäa ernannt (II. Makk.
14, 12). Für die Identität dieses Nikanors mit Nikanor, Sohn des Patroklos (II. Makk. 8, 9),
sprechen sich Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 239 zu 9 a, Grainger, Prosopography S. 107 und
Carsana, Dirigenze S. Ulf. aus. Anders und m.E. richtig Savalli-Lestrade, Philoi S. 60. Der
Freund des Demetrios (I.) dürfte jünger gewesen sein als jener Nikanor, der für Lysias und
Antiochos V. im Jahr 165 gegen Judas Makkabaios zu Felde gezogen war. Skeptisch ist auch
Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 329 zu 26 a, der auf H. Bevenot, Die beiden Makkabäerbüeher,
Bonn 1931, S. 30 hinweist.
2.) Landung des Demetrios 1. in Syrien (162) und Aufstand des Timarchos
123
Erzieher Diodoros (Pol. 31,13,2; 14,4). Mit Hilfe des Menyllos, eines aus Alabanda
stammenden Gesandten des Ptolemaios VI. Philometor87 und Freundes des Polybios
(31, 12, 8), entkam die Gruppe im Frühjahr 16288 von Ostia per Schiff durch die
Straße von Messina nach dem Osten.89 Der Senat, der die Flucht zu spät bemerkt
hatte,90 verzichtete darauf, den Prinzen verfolgen zu lassen, griff aber zu dem be-
währten Mittel der Entsendung einer Gesandtschaft, die die Verhältnisse in Grie-
chenland und Kleinasien kontrollieren und ein Auge auf den Seleukiden haben sollte.
Die Senatsgesandtschaft wurde von dem mit den politischen Verhältnissen im Osten
vertrauten Tiberius Sempronius Gracchus angeführt.91
Wie B. Niese nach einer auf Polybios zurückgehenden Notiz bei Zonaras (9,25)
bemerkt, segelte Demetrios (I.) nicht gleich nach Syrien,92 sondern ging zunächst
in Lykien an Land.93 Er sandte Diodoros nach Antiocheia, um die Stimmung im
Lande auskundschaften zu lassen.94 An den Senat schrieb Demetrios (L), „daß er
nicht gegen seinen Neffen Antiochos,... sondern gegen Lysias ziehe, um den Octa-
vius zu rächen“ (Zon. 9, 25). Vermutlich hat er - wie später Antiochos VIL von
Rhodos aus - seine Landung in Syrien durch die Versendung von Briefen an die
wichtigsten Städte propagandistisch vorbereitet und in diesen den Eindruck erweckt,
er handle im Einvernehmen mit Rom. Denn als er im Spätsommer 162 von Lykien
nach Tripolis in Phönikien übersetzte, meinte die Bevölkerung, er sei von den Rö-
mern geschickt worden; von seiner Flucht aus Rom war nichts bekannt (Zon. 9,
25).
Demetrios (I.) landete mit einer größeren Flotte und einer bedeutenden Zahl
Soldaten, d. h. Söldnern,95 in Tripolis und ließ sich zum König ausrufen;96 H.
87 Pol. 31, 12, 8. Zu dessen Auftrag vgl. Hölbl, Geschichte S. 161.
88 Volkmann, Demetrios I. verzichtet auf eine genauere Datierung; aus dem Zusammenhang ergibt
sich aber klar, daß er das Ereignis ins Jahr 162 setzt. Da der Schiffsverkehr im Mittelmeer zwi-
schen 11. November und 10. März im allgemeinen ruhte (Vegetius Epit. rei milit. 4, 39), also
etwa im März 162.
89 Pol. 31, 14, 7.
90 Pol. 31, 15, 7. Mit Recht weist Volkmann, Demetrios I. S. 385 darauf hin, daß seine Flucht in
keiner Weise-auch nicht inoffiziell - vom Senat unterstützt wurde. Hingegen schreibt A. Heuß,
Römische Geschichte, Braunschweig 19713, S. 119, daß Demetrios (I.) unter Duldung römischer
Kreise aus Italien floh. Doch muß man sich fragen, wer konkret die Fluchtaktion unterstützt
haben soll.
91 Pol. 31, 15, 9. Briscoe, Eastem Policy S. 52. Er hatte bereits im Herbst 166 die Gesandtschaft
nach Antiocheia angeführt.
92 Dieser Eindruck entsteht durch I. Makk. 7,1; II. Makk. 14,1 und los. ant. lud. 12,389. Danach
Bevan, House II S. 193; Bouche-Leclercq, Histoire I S. 314 u.a.
93 Niese, Geschichte IIIS. 245 und Volkmann, Demetrios I. S. 386 f. mit ausdrücklichem Hinweis
auf Zonaras 9,25.
94 Volkmann, Demetrios I. S. 387f.
95 II. Makk. 14, 1; los. ant. lud. 12,389; Euseb. Chron. 1253 = FGrHist 260 F 32, 14.1. Makk. 7,
1 hingegen spricht von „wenigen Männern“. Flotte und Söldner muß er in Lykien bzw. an der
Südküste Kleinasiens angeworben haben.
96 I. Makk. 7, 1; los. ant. lud. 12, 389. Niese, Geschichte III S. 245; Vblkmann, Demetrios I. S.
388. Ritter, Diadem S. 136 weist mit Recht darauf hin, daß es keine Ausrufung in Form einer
Heeresversammlung gab. Dennoch wird es eine ,Proklamation* gegeben haben, an der die
124
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Volkmann datiert die Königsproklamation in die Zeit kurz vor dem 1. Oktober
162.97 Nach Anwerbung weiterer Söldner (los. ant. lud. 12, 389) zog der neue Kö-
nig nach Apameia (Zon. 9, 25) und eroberte „mit dieser Stadt die Rüstkammer des
ganzen seleukidischen Reiches“.98 In der syrischen Hauptstadt Antiocheia wurde
Demetrios I. begeistert begrüßt (App. Syr. 47,242); im Königspalast nahmen seine
Soldaten Antiochos V. und Lysias fest und schleppten sie vor Demetrios I. Mit dem
Satz: „Zeigt mir nicht ihre Gesichter“99 besiegelte er deren Ende. König und »Kanz-
ler4 wurden von den Soldaten erschlagen.100 Vielleicht wurde Demetrios I. nach
seinem Einzug in die Stadt durch eine Heeresversammlung nachträglich zum König
ausgerufen101 bzw. die Ausrufung von Tripolis bestätigt, jedenfalls war er nun Herr
des Reiches.
Auf die geglückte und siegreiche Ankunft des Demetrios I. zur See weist das
Reversbild der in Antiocheia geprägten Tetradrachmen hin.102 Es zeigt eine sitzende
Tyche, deren Thron von einer tritonenähnlichen fischschwänzigen Nike verziert
ist.103 Dieses Motiv wird später auch der Sohn des Demetrios L, Demetrios IL, der
ja ebenfalls über See nach Syrien kam (im Jahr 147), auf seine Tetradrachmen setzen
lassen.104
Der Satrap von Medien (Diod. 31, 27 a) und/oder Babylonien (App. Syr. 45,
235) d.h. »Generalstatthalter der Oberen Satrapien4,105 Timarchos, erkannte den
Söldner des Königs und die Bevölkerung von Tripolis beteiligt gewesen sein werden. Der Aus-
druck bei los. ant. lud. 12,389, Demetrios I. habe 7rEpm0qcnv pev £avTio ÖidÖqpa, weist auf
eine Selbstkrönung hin. Zu der Frage, ob es im Seleukidenreich überhaupt die makedonische
Einrichtung der Heeresversammlung gab, vgl. Bikerman, Institutions S. 9ff.; 23 f. Zu den »Me-
chanismen* der Königsernennung zuletzt: Hammond, Institutions S. 143 ff.
97 Demetrios I. S. 388. - J. Beloch, Griechische Geschichte. III2: Die griechische Weltherrschaft,
Straßburg 1904, S. 144 hat den Sommer 162.
98 Volkmann, Demetrios I. S. 388.
99 I. Makk. 7, 3: Mq poi ÖEi^qTE röt Trpoacorra auTwv. Vgl. Bevan, House II S. 194; Bouche-
Leclercq, Histoire I S. 315; vgl. außerdem auch Volkmann, Demetrios 1. S. 388, mit dem Hin-
weis, daß es orientalischer Sitte entsprach, sich unbequemer Gegner zu entledigen, ohne einen
direkten Befehl zur Hinrichtung zu geben.
100 App. Syr. 47,242; I. Makk. 7,4; los. ant. lud. 12, 390.
101 Ritter, Diadem S. 136.
102 Siehe oben Kap. II 2, 2. Fleischer, Tyche S. 699 ff.; Newell. SMA S. 34 ff. Nr. 79 ff.; Naville,
Kat. 10, 1073 ff.; CSE 143 ff.; Ehling, Münzen S. 30 mit Abb. 8. Das Motiv gibt es auch, aber
seltener, auf Drachmen: Naville, Kat. 10, 1085 f. Auf den Goldstateren fehlt die Seenike am
Sitzmöbel: Bouche-Leclercq. Histoire II S. 656 f. Nr. 32 mit Taf. III Nr. 32; Küthmann, Münzen
S. 49f. mitTaf. 1. 10; CSE 165f.; D. Gomy, München, Kal. 89. Mai 1998, 265.
103 Diese Nike ist auf einigen Stücken auf einer Schiffsprora stehend dargestellt, gut zu sehen, auf
der Tetradrachme SNG Israel I 1274.
104 Naville, Kat. 10, 1184-1188; SNG Israel I 1752 ff. Die Stücke werden von Houghton CSE
1008 ff. Seleukeia am Tigris zugeschrieben.
105 So Bengtson, Strategie IIS. 88. Nach der bei Laodikeia/Nihavand im Iran gefundenen Inschrift
für Menedemos lautete der griechische Amtstitel 6 etti tüjv dvw aaTpatrEiGüv, d.h. »General-
statthalter der Oberen Satrapien*» vgl. das neue Fragment bei L. Robert» Addenda au tome VII,
Hellenica VIII, Paris 1950» S. 73 ff. zu der Inschrift: L. Robert, Inscriptions seleucides de Phry-
gie et d’lran, Hellenica VII, Paris 1949. S. 7 ff. Vgl. außerdem auch Th. Lenschau, Timarchos
(6), RE Suppl. VII, Stuttgart 1940, Sp. 1574; Herrmann, Milesier S. 172 mit Anm. 5; Grainger,
2.) Landung des Demetrios I. in Syrien (162) und Aufstand des Timarchos
125
Regierungswechsel in Antiocheia nicht an;106 andere Satrapen verhielten sich ab-
wartend (Diod. 31, 27 a).
Timarchos war der Enkel des gleichnamigen milesischen Tyrannen, der von
Antiochos II. beseitigt worden war (App. Syr. 65,344),107 und der Sohn des Herak-
leides aus Milet.108 Er und sein jüngerer Bruder Herakleides109 waren Jugendfreunde
(rraiöiKa) des Antiochos IV. gewesen110 und hatten sich vermutlich mit dem König
bis 178/77 in Rom auf gehalten.111 Nach dessen Regierungsübemahme wurde Ti-
marchos zum Satrapen von Medien und/oder Babylonien bzw. »Generalstatthalter
der Oberen Satrapien4, Herakleides zum »Reichsfinanzminister4 oder »Finanzminis-
ter der Oberen Satrapien4 (ö em twv TrpoooÖcov) ernannt.112 Als Gesandte des
Königs waren beide mehrfach in Rom tätig.113 Aus dieser Zeit rühren ihre sehr guten
Kontakte zu den römischen Senatoren, von denen sie manche auch durch Bestechung
auf ihre Seite zu ziehen wußten (Diod. 31,27 a). Timarchos und Herakleides ließen
in ihrer Heimatstadt Milet im Auftrag des Königs114 das Buleuterion erbauen und,
Prosopography S. 68. Parallel dazu gab es für die kleinasiatischen Satrapien einen ö ein twv
^TUTOtöc tou Tavpou TrpaypäTiov,,Generalstatthalter der Gebiete jenseits des Taurus*, der in
Sardeis residierte. Dieses Amt bekleideten Achaios, Alexandros und Zeuxis: Schmitt, Untersu-
chungen S. 158 ff.; Ehling, »Reichskanzler* S. 99 Anm. 27; R. Merkelbach, Wer war der Alex-
andros, zu dem Asoka eine Gesandtschaft geschickt hat?, EA32,2000, S. 128 und Ma, Antiochos
III S. 125 ff.
106 Zu Timarchos vgl. Bevan, House IIS. 194 f.; Bouche-Leclercq, Histoire IS. 318; 323; K. Zieg-
ler, Timarchos (5), RE VIA 1, Stuttgart 1936, Sp. 1237 f.; Th. Lenschau, Timarchos (6), RE
Suppl. VII, Stuttgart 1940, Sp. 1574; Volkmann, Demetrios I. S. 392ff.; Carsana, Dirigenze S.
126 f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 63 f. und zuletzt ausführlich Kneppe, Timarchos S. 37 ff. Zu
den Münzen: Bellinger, Bronze Coins S. 37-44; A. Houghton, Timarchus as King in Babylonia,
RN 21,1979, S. 213-217; Le Rider, Suse S. 332 ff.
107 Dafür erhielt er von der städtischen Bevölkerung den Beinamen Theos verliehen.
108 Diod. 31,27 a. Dazu zuletzt Herrmann, Milesier S. 171 ff. mit weiterer Literatur.
109 So K. Ziegler, Timarchos (5), RE VIA 1, Stuttgart 1936, Sp. 1238, nach der milesischen Pro-
pylon-Inschrift, die den älteren Bruder zuerst nennt, vgl. auch Volkmann, Demetrios I. S. 392
und Herrmann, Milesier S. 171 ff. Zu Herakleides vgl. W. Otto, Herakleides (32), RE VIII 1,
Stuttgart 1912, Sp. 465 ff.
110 Dies scheint Appian in 45, 235 zu meinen. Etwas allgemeiner von (piXoi spricht Diod. 31, 27
a.
111 Kneppe, Timarchos S. 38 f. Nach der Inschrift St. V. Tracy, Greek Inscriptions from the Athenian
Agora. Third to First Centuries B.C., Hesperia 51, 1982, S. 60ff. Nr. 3 mit Taf. 24 befand sich
Antiochos IV. bereits ab 178/77 in Athen, nicht erst seit 175.
112 App. Syr. 45,235 bezeichnet ihn als 6 etri twv trpoooöwv. Bengtson, Strategie II S. 127 Anm.
1 mit der älteren Literatur möchte in Herakleides den Reichsfinanzminister (ÖioiKqTifc) sehen,
doch ist dieser Titel für die Seleukiden bislang nicht belegt. Vielleicht gab es neben einem .Fi-
nanzminister der Oberen Satrapien* auch einen .Finanzminister der Gebiete jenseits des Taurus*.
Das Amt des 6 &iri twv irpoooÖwv ist in einer Inschrift aus der Zeit des dritten Antiochos belegt
(OGIS I 238) und damit ein terminus technicus. Vgl. zum Amt zuletzt Aperghis, Economy S.
276 f. Zu Herakleides vgl. auch Carsana, Dirigenze S. 126 f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 56 f.
113 Diod. 31, 27 a. Olshausen, Prosopographie S. 216 f. Nr. 153; Kneppe, Timarchos S. 39 f. Bei
einem dieser Aufenthalte werden sie Demetrios (I.) kennengelernt haben.
114 Zu der Formulierung iWp ßaotXew<; ’Avtiöxou ’ EmcpavoOc vgl. die Bemerkung von H.
126
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
wie die Dedikationsinschrift des Propylons besagt, dem Apollon von Didyma, der
Hestia Boulaia und dem Demos der Stadt weihen.115
Noch während des Jahres 162 ging Timarchos nach Rom.116 Leider ist der Text
bei Diodor, der uns darüber berichtet, an der Stelle 31, 27 a verderbt, aber die Ent-
scheidung des Senates (ovyKXf|TOU öoypa) läßt sich mit A. v. Gutschmid als
Tipötpxw i^eivat Kal avTco ßaoiXea eivat,117 mit B. Niese als Ttpapxw evekev
avTcbv <eCeivai> ßaoiXca civai118 bzw. nach E. R. Bevan als Tipapxov evekev
avTcbv ßaoiX6a eivai rekonstruieren.119 Das senatus considtum, daß Timarchos den
Königstitel annehmen könne, wenn er wolle, sollte nicht bagatellisiert werden und
ist kaum, wie E. S. Gruen behauptet, einfach eine „polite formality“.120 Auch wenn
man in Rom nicht genau wußte, wie sich die Verhältnisse nach dem Tode
Antiochos’ IV. entwickeln würden121 und Timarchos wahrscheinlich auch nur als
„König von Medien“ angesehen wurde,122 so war dies doch auch eine klare Ent-
scheidung gegen Demetrios I., dessen Stellung ganz erheblich geschwächt und im
Falle einer militärischen Auseinandersetzung gänzlich in Frage gestellt wurde. Um-
gekehrt tat sich der Senat sehr schwer, diese „polite formality“ an Demetrios I. zu
vollziehen: Denn dieser ist zwar von der römischen Senatsgesandtschaft, aber, wie
es scheint, niemals vom Senat selbst offiziell als „König von Asien“ anerkannt wor-
den.123
Nach Ekbatana in Medien zurückgekehrt,124 ließ sich Timarchos zum Medorum
rex (lust. prol. 34) ausrufen (nach Mai 161)125 und stellte ein größeres Heer auf.126
Die Landschaft bot die besten Voraussetzungen für die Bildung eines unabhängigen
Königtums: Wie Polybios im Zusammenhang mit der Rebellion des »Generalstatt-
Hommel, Ein König aus Milet. Fragment einer milesischen Weihinschrift (1969), Chiron 6,
1976, S. 321 Anm. 5; Kneppe, Timarchos S. 40.
115 Zu der Inschrift zuletzt Herrmann, Milesier S. 171 ff. und Kneppe, Timarchos S. 40. Zum Bau-
werk: H. Schaaf, Untersuchungen zu Gebäudestiftungen in hellenistischer Zeit, Köln/Weimar/
Wien 1992, S. 37 ff.
116 Zur Datierung vgl. Kneppe, Timarchos S. 43. Zum Verhältnis von Timarchos und Senat vgl.
Gauger, Beiträge S. 243 ff.
117 Geschichte Irans und seiner Nachbarländer von Alexander dem Großen bis zum Untergang der
Arsaciden, Tübingen 1888, S. 42 Anm. 2; Volkmann, Demetrios I. S. 393 schließt sich an.
118 Makkabäerbücher S. 501 Anm. 5.
119 Bevan, House IIS. 194 übersetzt den Satz ,.as far as Rome was concemed Timarchus was King“.
Dieselbe Rekonstruktion des griechischen Textes gibt auch K. Ziegler, Timarchos (5), RE VIA
1, Stuttgart 1936, Sp. 1237.
120 Gruen, Aftermath S. 85.
121 EbendaS. 85.
122 EbendaS. 85.
123 Siehe unten Kap. II 4.
124 Ekbatana war Hauptmünzstätte des Timarchos: Le Rider, Suse S. 332 und sicherlich seine Re-
sidenzstadt.
125 Im Mai 161 ist Demetrios I. inschriftlich noch als König bezeugt: R. A. Parker/W. H. Dubber-
stein, Babylonian Chronology 626 B. C. - A. D. 75, Providence 1956, S. 23; Kneppe, Timarchos
S. 46 mit anderer Chronologie; er meint, Timarchos wäre im Mai 161 bereits von Demetrios I.
besiegt gewesen.
126 Diod. 31, 27 a. Volkmann, Demetrios I. S. 393; Kneppe, Timarchos S. 44f.
2.) Landung des Demetrios 1. in Syrien (162) und Aufstand des Timarchos
127
halters der Oberen Satrapien* Molon127 unter Antiochos III. in den Jahren 222-220
schreibt (5, 43, 5 ff.), war das Gebiet die Kornkammer des Seleukidenreiches und
militärstrategisch besonders günstig gelegen.128 Der Satrap von Medien besaß alle
„Hilfsquellen eines Königreiches“ (Pol. 5,45,1). Unterstützung fand Timarchos bei
König Artaxias von Armenien,129 mit dem er ein Bündnis schloß.130 Gleichzeitig
erhob sich Ptolemaios von Kommagene gegen die seleukidische Oberhoheit.131
Ohne auf Widerstand zu stoßen, rückte Timarchos bis nach Zeugma am Euphrat vor
und beherrschte seit Frühsommer 161 mit Medien, Babylonien und Mesopotamien
den gesamten Osten des Seleukidenreiches.132
Für das politische Selbstverständnis des Usurpators geben seine in der Haupt-
masse in Ekbatana geprägten Münzen133 wichtige Hinweise: In seiner Tetradrach-
menprägung spiegelt sich, was längst gesehen worden ist,134 seine Anlehnung an
den baktrischen König Eukratides I. (170-145)135 wider. Nicht nur, daß Timarchos
sich genau wie dieser ßaoiXevc; peya«; nennt,136 er übernimmt auch den Porträttyp
127 Schmitt, Untersuchungen S. 116 f.
128 Kneppe, Timarchos S. 44 f.
129 Armenien war immer nur lose mit dem Reich verbunden, aber tributpflichtig: B. Niese, Ge-
schichte der griechischen und makedonischen Staaten seit der Schlacht bei Chaeronea. 2. Teil:
Vom Jahr 281 v. Chr. bis zur Begründung der römischen Hegemonie im griechischen Osten 188
v. Chr., Gotha 1899, S. 72 mit Anm. 4. Artaxias hatte bereits unter Antiochos IV. Unabhängig-
keitsbestrebungen gezeigt (App. Syr. 45, 236; Diod. 31, 17 a). Der Seleukide besiegte ihn, als
er im Jahr 165 in die Oberen Satrapien zog, beließ Artaxias aber die Königswürde. Brodersen,
Abriß S. 65 f. Davon, daß Timarchos mit Ptolemaios, dem Satrapen von Kommagene, verhandelt
hätte bzw. Demetrios I. diesen auf seinem Feldzug nach Osten unter seine Botmäßigkeit hätte
bringen müssen, hören wir nichts. Kommagene fiel daher wahrscheinlich erst nach 160 vom
Reich ab. Dagegen datiert Th. Mommsen, Die Dynastie von Kommagene, AM 1, 1876, S. 30
den Abfall dieser Landschaft in die letzten Jahre des Antiochos IV. bzw. die Regierungszeit des
Antiochos V. und nimmt an, daß Demetrios I. „Kommagene wieder in seine Gewalt gebracht“
hätte. Zuletzt hat J. Wagner, Die Könige von Kommagene und ihr Herrscherkult, in: Wagner,
Gottkönige S. 25 die Annahme des Königstitels durch den seleukidischen Statthalter Ptolemaios
und die Unabhängigkeit Kommagenes vom Seleukidenreich ins Jahr 163 datiert.
130 Diod. 31,27 a. Volkmann, Demetrios I. S. 393; Kneppe, Timarchos S. 42 (mit anderer Chrono-
logie).
131 Diod. 31,19 a. Die genaue Chronologie ist jedoch unsicher: Bouche-Leclercq, Histoire IS. 323;
Gruen, Aftermath S. 86.
132 Diod. 31, 27 a. Volkmann, Demetrios I. S. 393; Kneppe, Timarchos S. 46; Del Monte, Testi S.
87.
133 Zu den Prägeorten vgl. Le Rider, Suse S. 332ff. und A. Houghton, Timarchus as King in Baby-
Ionia, RN 21, 1979, S. 213-217. Danach wurden vermutlich auch in Seleukeia am Tigris und
Nisibis Münzen geprägt. Nisibis liegt im Norden nahe der Grenze zu Armenien.
134 C. Küthmann, Bemerkungen zu einigen Münzen des hellenistischen Ostens, SM 1,1949/50, S.
66.
135 Zu Eukratides I. und seinen Münzen: O. Bopearachchi, Monnaies greco-bactriennes et indo-
grecques. Catalogue raisonne, Paris 1991, S. 66ff. 199ff. mitTaf. 16-22.
136 Der Titel des ,Großkönigs* geht auf persische Tradition zurück. Timarchos führt ihn auf allen
Gold-, Silber- und Bronzemünzen: Babelon, Rois S. 89 f. Nr. 702-705; Bellinger, Bronze Coins
S. 37 ff. Den Titel eines ßaoiXEV«; pEya^ führen Ptolemaios III. in seinem „Tatenbericht“ von
128
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
mit dem böotischen Helm137 und das Rückseitenmotiv der beiden nach rechts rei-
tenden Dioskuren. Die Imitation der Eukratides L-Münzen mag wirtschaftspolitische
Gründe gehabt haben,138 wichtiger ist indes, daß sich in diesen Prägungen vor allem
der Anspruch des Timarchos dokumentieren dürfte, mit Eukratides I. ebenbürtig und
wie dieser unabhängig vom Seleukidenreich zu sein.139 — Auf Drachmen ließ sich
Timarchos als Hermes abbilden, der das Kerykeion über der Schulter trägt.140 Die
Rückseiten seiner Bronzen zeigen Nike,141 die Drachmen Apollon und Artemis.142
Demetrios L, der sich noch im Herbst 161 in Antiocheia aufhielt,143 warf sich
erst im Winter 161/60 auf Timarchos, der geschlagen wurde und Leben und Thron
verlor.144 Bei seinem Zug nach Osten stellte sich Demetrios I. in die Nachfolge
Alexanders d. Gr.145 In Seleukeia am Tigris wurden Kleinbronzen geschlagen, die
den König mit Elephantenskalp zeigen, eine deutliche Anspielung auf Alexanders
Indienzug.146 Aus Dank für die Beseitigung des despotischen Regiments des Timar-
chos begrüßten die Babylonier Demetrios I. als ihren ocüTrjp (App. Syr. 47,242; 67,
353). Den Beinamen ließ der König sogleich auf seine in Seleukeia geprägten Mün-
zen setzen.147 Im März/April 160 war Demetrios I. dort offiziell als König aner-
Adulis (OGIS I 54) und Antiochos III.: App. Syr. 1, 1; 37, 192, vgl. dazu auch Ma, Antiochos
III S. 272ff.
137 P. Dintsis, Hellenistische Helme, Rom 1986, Band I, S. 9 und 207 Nr. 23; 24. Allerdings ohne
den für Eukratides I. typischen Helmschmuck, dem seitlich angebrachten Stierhom und -ohr.
138 So Le Rider, Suse S. 333 Anm. 2.
139 Kneppe, Timarchos S. 46 meint, daß Timarchos in Eukratides einen weiteren Verbündeten gegen
Demetrios I. gesucht und gefunden hätte.
140 Svenson, Darstellungen S. 54 mit Kat. 164 und Taf. 24. Damit versprach er seinen Untertanen
wirtschaftlichen Wohlstand.
141 CSE 1231-1238. SNG Israel I 1391-1393. Das Motiv ist auf seinen siegreichen Zug nach
Zeugma zu beziehen. Nach A. R. Bellinger/M. A. Berlincourt, Victory as a Coin Type (ANS-
NNM 149), New York 1962, S. 37 spielt die Nike auf den Besitz Mediens an.
142 Apollon: CSE 1230 und die Schwester des seleukidischen Reichsgottes: Bellinger, Bronze Coins
S. 39.
143 Volkmann, Demetrios I. S. 393.
144 Daß Timarchos bei Zeugma geschlagen worden wäre, wie K. Ziegler, Timarchos (5), RE VIA
1, Stuttgart 1936, Sp. 1237 f. Niese unterstellt, wird von Niese, Geschichte III S. 247 nicht be-
hauptet.
145 Vgl. K. Ehling, Rez. zu Svenson, Darstellungen, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 32, 1997,
S. 379.
146 Le Rider, Suse S. 145 mit Taf. XXVIIIM; N; ders., Seleucie du Tigre les monnaies Seleucides
et Parthes, Florenz 1998, S. 11 Nr. 10 mit Taf. 1, 18; 19; SNG Israel I 1365; Fleischer, Herr-
scherbildnisse S. 57 mit Taf. 29 f; H. P. Laubscher, Ptolemäische Reiterbilder, AM 106, 1991,
S. 232ff. deutete die Elephantenexuvie als Zeichen des Sieges über oder des Besitzes von Ele-
phanten. Zustimmend Bergmann, Strahlen S. 33.
147 Jenkins, Notes S. 1 ff.; Le Rider, Suse S. 141 ff.; CSE 991 ff. Zum So/er-Namen wichtig sind die
Ausführungen von J. Kaerst, Geschichte des hellenistischen Zeitalters. Band 2, 1: Das Wesen
des Hellenismus, Leipzig/Berlin 1909, S. 312 ff. Kaerst betont, daß der Beiname nicht auf die
messianischen Ideen des Orients hinweist, sondern sich auf die unmittelbare Gegenwart der
befreienden oder errettenden Tätigkeit des Herrschers bezieht. Die Richtigkeit seiner Deutung
bestätigt auch der vorliegende Fall, da Demetrios I. den Namen konkret für die Befreiung der
Stadt Babylon von Timarchos bekam. Ähnliches gilt auch für andere Ehrenbeinamen: So erhielt
2.) Landung des Demetrios I. in Syrien (162) und Aufstand des Timarchos
129
kannt.148 Die Münzen des „Großkönigs“ wurden eingezogen,149 die Tetradrachmen
überprägt: Die Vorderseiten dieser überprägten Stücke tragen das Doppelbildnis
des Demetrios I. und seiner Schwestergemahlin Laodike,150 die Rückseiten die
thronende Tyche, im Abschnitt befindet sich der neue Kultname im Genitiv
EQTHPOS.151
Uber die Gründe des Timarchos, nach der Königsherrschaft zu greifen, lassen
sich nur Vermutungen anstellen. Als Jugendfreund des Antiochos IV. scheint er auch
dessen Sohn Antiochos V. die Treue gehalten zu haben. A. Kneppe vermutet dagegen,
daß Timarchos bereits unter diesem begonnen hatte, „die Voraussetzungen für eine
Loslösung“ zu schaffen.152 Als Demetrios I. im Herbst 162 (?) den Bruder des Ti-
marchos, den ,Reichsfinanzminister* oder »Finanzminister der Oberen Satrapien*,
Herakleides, abberief (App. Syr. 47, 242), konnte sich Timarchos ausrechnen, daß
auch er bald seinen Posten als Satrap von Medien und/oder Babylonien bzw. »Ge-
neralstatthalter der Oberen Satrapien* verlieren würde, was er hinzunehmen offenbar
nicht gewillt war. Dennoch hatte er im Kampf gegen den dynastisch legitimierten
Demetrios I. so wenig eine Chance wie sein Vorgänger Molon gegen Antiochos III.
Das Erbcharisma des Demetrios I. erwies sich als mächtiger als das Charisma des
Satrapen und cpiXoc des Antiochos IV.153 Oft liefen die Soldaten schon vor der Ent-
scheidungsschlacht zum legitimen König über, sobald sie diesen nur leibhaftig vor
Augen hatten.154
Herakleides hatte sich am Aufstand seines Bruders vermutlich nicht beteiligt,
sondern war ins Ausland gegangen, vielleicht in seine Heimatstadt Milet. Bei der
Antiochos II. von den Milesiern den Beinamen Theos, nachdem er den Tyrannen Timarchos,
den Großvater des gleichnamigen abtrünnigen Satrapen (siehe oben), beseitigt hatte: App. Syr.
65,344. Vgl. auch die Inschrift von Teos: P. Herrmann, Antiochos der Große und Teos, Anadolu
9 (Anatolia), 1967, S. 33 Z. 21 f.: Der Demos von Teos verleiht Antiochos III. den Ehrentitel
eines Wohltäters und Retters (Soter). Ma, Antiochos III S. 308 ff.
148 J. N. Straßmaier, Zur Chronologie der Seleuciden, Zeitschrift für Assyriologie und verwandte
Gebiete 8, 1893, S. 110: Die Inschriften nennen als König des Jahres 150 S. Ä. Antiochos V.,
für das Jahr 151 S. Ä. (= April 160-April 159) Demetrios I. Das Datum März/April 160 nach
Del Monte, Testi S. 88. Für Timarchos fehlt bislang ein keilinschriftliches Zeugnis. Andere
Chronologie bei Kneppe, Timarchos S. 46; Bellinger, Bronze Coins S. 43 und Jenkins, Notes
S.4.
149 Dies erklärt die geringe Zahl der heute erhaltenen Münzen, vgl. auch Küthmann, Münzen S.
4.
150 Laodike wird Demetrios I. auf diesem Feldzug begleitet haben. Daß Königinnen an militärischen
Aktionen aktiv teilnahmen, wissen wir von Arsinoe III., die bei Raphia (217) mit ihrem Bruder-
gemahl Ptolemaios IV. die Front abritt und sich während der Schlacht beim linken Flügel auf-
hielt: Pol. 5, 83, 3; 84, 1; 87, 6. Hölbl, Geschichte S. 115.
151 Jenkins, Notes S. 2f. mit Taf. I 1-5; 5f.; Le Rider, Suse S. 332 mit Taf. XXVII; Naville, Kat.
10, 1122; CSE 991; O. D. Hoover, A Dedication to Aphrodite Epekoos for Demetrius I Soter
and his Family, ZPE 131, 2000, S. 107 f.
152 Kneppe, Timarchos S. 42.
153 Gehrke, König S. 268 f.
154 So lief im Herbst 220 Molons linker Hügel sofort über, als seine Soldaten den legitimen König
erkannten: Pol. 5,54, 1. Schmitt, Untersuchungen S. 146.
130
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Inauguration des Alexander I. im Jahr 153/2 sollte er noch eine entscheidende Rolle
spielen.155
Etwa in diese Zeit dürfte die Eroberung Susas durch Hyknapses fallen.156 Die
Existenz dieses Königs ist durch vier Bronzemünzen bezeugt, die G. Le Rider als
erster ausführlich publiziert und diskutiert hat.157 Die Münzen stellen auf der Vor-
derseite den Hyknapses mit Strahlenkrone dar, auf der Rückseite ist ein stehender
Apollon abgebildet. Der Name dieses Herrschers ist weder griechisch, noch läßt er
sich aus der semitischen oder iranischen Namenskunde ableiten.158 Seine Regierung
kann nur kurz gewesen sein,159 gehört aber, wie der erst für Antiochos IV. belegte
Porträttyp mit Strahlen beweist,160 sicher in die Zeit nach 164. Die Einnahme Susas
durch die Soldaten des Hyknapses erfolgte daher wahrscheinlich nach dem Regie-
rungsantritt des Antiochos V. oder des Demetrios I. bzw. im Zuge des Abfalls des
Timarchos. Le Rider setzt seine Regierung vermutungsweise in die Jahre 162 bis
160.161 Er wurde wohl entweder von Timarchos oder von Demetrios I. beseitigt.162
3.) JUDÄA-POLITIK DES DEMETRIOS I. UND ENDE
DES MAKKABÄERAUFSTANDES (158)
Schon sehr bald nach dem Abzug des Seleukidenheeres aus Judäa im Frühsommer
163 traten erneut innerjüdische Spannungen auf. Auch unter dem neuen, griechen-
freundlichen (II. Makk. 14, 3) Hohenpriester Alkimos war eine Aussöhnung zwi-
schen den altgläubigen und hellenisierten Juden nicht möglich bzw. wurde vom
militanten Flügel der Orthodoxen unmöglich gemacht.163 Deren Führer Judas bean-
spruchte das Amt des Hohenpriesters längst für sich. Die nach griechischer Weise
lebenden Juden wurden verfolgt und umgebracht, der amtierende Hohepriester aus
Jerusalem vertrieben (los. ant. lud. 12,391 f.). Im Herbst 162 erschien Alkimos mit
goldenem Kranz, Palmzweig und Ölbaumzweigen huldigend vor Demetrios I. in
Antiocheia und erhob im Rat (ovvcöpiov) schwere Vorwürfe gegen die Hasmo-
näer.164 Der Seleukidenkönig, der - eben anders als der ermordete »Reichskanzler4
Lysias - noch keine Erfahrungen mit den Juden gesammelt hatte und dem deshalb
155 Siehe unten Kap. II 4. Herrmann, Milesier S. 173.
156 Le Rider, Suse S. 346 f.
157 Suse S. 68 Nr. 65 mit Taf VI und S. 346 f.
158 Le Rider, Suse S. 346.
159 EbendaS. 346.
160 CSE 123; 405 f.; 448; 694 ff.; 785 ff.; 982ff. Vgl. auch J. Bunge, „Antiochos-Helios“. Methoden
und Ergebnisse der Reichspolitik Antiochos* IV. Epiphanes von Syrien im Spiegel seiner Mün-
zen, Historia24, 1975, S. 164 ff. und speziell zu Susa: 180f.
161 Suse S. 68; 346 f.
162 Von beiden wurden Münzen in Susa gefunden: Le Rider, Suse S. 332 ff. Für Demetrios I. wurden
in Susa selbst auch Münzen geprägt, die aber leicht barbarisiert sind: ebenda Taf. VI.
163 Daß es unter den hohen Geistlichen, den Hasidäem, eine versöhnungsbereite Gruppierung gab,
geht aus I. Makk. 7, 12f. hervor.
164 los. ant. lud. 12, 391 f.; 11. Makk. 14,4 f. Die Rede des Alkimos: II. Makk. 14,6-10.
3.) Judäa-Politik des Demetrios I. und Ende des Makkabäeraufstandes
131
auch jede Einsicht in die Ursachen der jüdischen Unruhen fehlte, sah in Judas nur
den antiseleukidischen Rebellen, den es zu beseitigen galt. Deshalb entsandte er
Bakchides, einen alten cpiXot; des Antiochos IV.,165 der im Jahr 162 zum Statthalter
der Seleukis166 befördert worden war, nach Judäa, um die hasmonäische Bewegung
zu unterdrücken.167 Der Seleukidengeneral versuchte Judas durch eine List gefan-
genzunehmen, was aber mißlang (I. Makk. 7, 10; los. ant. lud. 12, 394 ff.). Eine
Gruppe von 60 Frommen (Hasidäer), die dem Friedensangebot des Bakchides und
Alkimos Glauben geschenkt hatte und zu Verhandlungen bereit war, wurde gefan-
gengenommen und hingerichtet.168 Diese rigorose Maßnahme zeigt, daß Bakchides
gewillt war, den national-religiösen Widerstand mit aller Härte zu brechen, um
Alkimos und den seleukidentreuen Hellenisten die alleinige Führung des Landes zu
verschaffen.169 Von Jerusalem zog Bakchides nach Berzetho170 und ließ dort eine
Menge Überläufer und Dorfbewohner ermorden (I. Makk. 7, 19; los. ant. lud. 12,
397). Nachdem seine Soldaten Angst und Schrecken zur Einschüchterung der Be-
völkerung verbreitet hatten, kehrte Bakchides nach Antiocheia zurück (I. Makk. 7,
20; los. ant. lud. 12, 397), ohne seinen Auftrag, Judas zu vernichten, ausgeführt zu
haben. Vermutlich wurde er von Demetrios I. aus Judäa abberufen, da sich der Krieg
mit Timarchos Ende 162 schon abzuzeichnen begann.171
Die seleukidischen Militäreinheiten, die Bakchides zum Schutz des Alkimos in
Judäa zurückgelassen hatte (I. Makk. 7,20; los. ant. lud. 12,397), waren numerisch
viel zu schwach, um in dem Guerillakrieg mit Judas* Soldaten bestehen zu können.
Wieder mußte sich der Hohepriester nach Antiocheia wenden und um militärische
Unterstützung bitten. Noch Ende 162 oder Anfang 161 ernannte Demetrios I. seinen
„besten und vertrautesten“ Freund Nikanor,172 den Befehlshaber der Elephanten-
165 los. ant. lud. 12, 393. Grainger, Prosopography S. 84f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 66ff.; Car-
sana, Dirigenze hat Bakchides übersehen.
166 So deutet Bengtson, Strategie II S. 181 ff. den Ausdruck Küpievwv ev tw rrepav tou Trorapov
in I. Makk. 7, 8. los. ant. lud. 12, 393 mißversteht den Ausdruck und macht Bakchides zum
Statthalter von Mesopotamien, danach Bevan, House IIS. 300, Volkmann, Demetrios I. S. 396
und Grainger, Prosopography S. 84 f.
167 I. Makk. 7,8; los. ant. lud. 12,393 ff. Wie schon Volkmann, Demetrios I. S. 396 erkannte, wurde
zuerst Bakchides und dann Nikanor nach Judäa entsandt. Anders Niese, Geschichte IIIS. 232f.,
der beide Feldzüge zu einer Aktion zusammenzieht. Auch wenn das II. Makkabäerbuch 14, 4
nur von Nikanor berichtet und von Bakchides nichts weiß, wird man, wie Volkmann, Demetrios
I. S. 396 anmerkt, „die Züge des Bakchides und Nikanor, zeitlich getrennt, aufeinanderfolgen
lassen mit der Erklärung, daß sich dem Verfasser des 2. Makkabäerbuches, der sein Werk mit
Nikanors Niederlage als triumphierenden Höhepunkt abschloß, die im Vergleich zu dessen
Taten nur episodenhafte Erscheinung des Bakchides ganz in den Hintergrund schob“.
168 I. Makk. 7, 12-16; los. ant. lud. 12, 396. Volkmann, Demetrios I. S. 396, wo in Anm. 2 die
Talmudquellen genannt werden.
169 Volkmann, Demetrios I. S. 396.
170 Zur Schreibung des Ortsnamens: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 46 ff. Dort befand sich eine
große Zisterne: I. Makk. 7, 19. Vgl. außerdem Meyer, Ursprung II S. 244 mit Anm. 1.
171 Volkmann, Demetrios I. S. 396.
172 los. ant. lud. 12,402: Nnc&vopa töv euvouaTaiov ... Kai TnoTÖTarov twv cpiXwv. DaßNikanor
mit Demetrios (I.) in Rom war. hat Josephus bei Polybios 31, 14,4 gelesen. Dieser Nikanor ist
nicht identisch mit dem in II. Makk. 12,2 genannten, gleichnamigen Anführer der cypriotischen
132
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
truppe,173 zum Strategen von Judäa.174 Bei dem Dorf Dessau175 brachte Nikanor
Judas’ Bruder Simon eine Niederlage bei (II. Makk. 14, 16), schlug dann aber den
Verhandlungsweg ein, wohl weil er erkannte, daß Bakchides’ Terrorregiment zu
nichts geführt und die Fronten nur verhärtet hatte. Drei Gesandte, Poseidonios,
Theodotos und der Jude Mattathias, gingen in das Lager des Judas, um einen Vertrag
(öd;ia) zu schließen.176 Das Vertragswerk fand die Zustimmung der Hasmonäer-
Partei (II. Makk. 14, 20). An einem neutralen, für beide Seite strategisch günstig
gelegenen Ort trafen sich Nikanor und Judas zu einer persönlichen Unterredung und
schlossen Frieden (II. Makk. 14, 21 f.). Der Stratege von Judäa entließ seine Hilfs-
truppen und bezog Quartier in der Akra.177 Judas selbst scheint sich zeitweise in
Jerusalem aufgehalten zu haben (II. Makk. 14, 24 f.).
In Jerusalem verloren die Hellenisten um Alkimos rasch an Boden.178 Ver-
mutlich gab es im Friedensvertrag eine Abmachung zwischen Nikanor und Judas,
daß letzterer nach dem Rücktritt oder Tod des Alkimos Hohenpriester werden sollte;
denn in II. Makk. 14, 26 heißt es, daß Judas von Nikanor zu dessen Nachfolger
bestimmt worden war. Anfang des Jahres 161179 ging Alkimos deshalb ein drittes
Mal nach Antiocheia und beschwerte sich über die Versöhnungspolitik des Nikanor
(II. Makk. 14,26), die er als Verrat am Staat bezeichnete.180 Demetrios I. stellte sich
auf die Seite des Alkimos und lehnte den mit den Hasmonäem ausgehandelten Ver-
trag ab; Nikanor erhielt Anweisung, Judas gefangenzunehmen und nach Antiocheia
bringen zu lassen (II. Makk. 14, 27). Nicht ohne Skrupel folgte er der Anordnung
seines Königs (II. Makk. 14, 28). Etwa im Februar 161 zog der Stratege von Judäa
mit dem Heer gegen Judas, der sich im Gebiet von Samaria aufhielt. An der Grenze
Samariens, bei Kapharsalama,181 erlitt Nikanor eine Niederlage und verlor 500 Mann
(I. Makk. 7,31 f.). Die seleukidischen Truppen mußten sich in die Akra zurückziehen
Söldner. Volkmann, Demetrios I. S. 397 Anm. 1 läßt diese Frage von Identität oder Nichtiden-
tität unentschieden (doch bedeutet der Ausdruck KuTrpiapxnc in II. Makk. 12. 2 auch nicht
„Statthalter von Cypem“, wie Volkmann annimmt, sondern bezeichnet nur den Truppenführer:
Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 261 mit Kommentar zu Vers 12). Dieser Nikanor könnte der Sohn
jenes Nikanor gewesen sein, der Antiochos IV. gedient hatte und dessen Vater Patroklos hieß
(II. Makk. 8, 9). Zu Nikanor, dem Sohn des Patrokles, vgl. Savalli-Lestrade, Philoi S. 60.
173 II. Makk. 14. 12: EXscpavTdpxnc Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 272 zu Vers 12 macht darauf
aufmerksam, daß auch nach der Verstümmelung der seleukidischen Kriegselephanten durch Cn.
Octavius wieder eine königliche Elephantentruppe gebildet wurde.
174 II. Makk. 14, 12. Das Amt des oTpaTi]YÖC rnc Touöaiac ist nur vorübergehend geschaffen
worden: Bengtson, Strategie II S. 184 Anm. 2.
175 Die Lage des Ortes ist unsicher: Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 273 zu Vers 16.
176 II. Makk. 14, 19. Der Bericht des 1. Makkabäerbuches 7, 26 ff. (und danach los. ant. lud. 12,
402 ff.) ist sehr stark verkürzt und setzt sogleich mit den Ereignissen des Februar/März 161
ein.
177 II. Makk. 14.23. Niese, Geschichte IIIS. 253.
178 Zum folgenden vgl. auch Niese, Makkabäerbücher S. 499f.
179 Volkmann, Demetrios I. S. 397.
180 II. Makk. 14,26:... r)KE (= Alkimos) Trpo^TÖv An MUTpiov kqieXeye TÖvNiKdvopa äXXÖTpia
cppovEiv twv Trpaypawv.
181 Zur Lokalisierung: Marcus, Josephus S. 211 Anm. c.
3.) Judäa-Politik des Demetrios I. und Ende des Makkabäeraufstandes
133
(I. Makk. 7, 32; los. ant. lud. 12, 405). Angeblich drohte Nikanor den Priestern in
Jerusalem damit, den Jahwetempel niederreißen zu lassen und an dessen Stelle ein
Dionysosheiligtum zu errichten, falls man ihm Judas nicht ausliefere.182 Mit dieser
Ankündigung dramatisiert Jason von Kyrene die Situation literarisch in doppelter
Hinsicht: Zum einen wird der Eindruck erweckt, daß ein neues Religionsverbot
unmittelbar bevorsteht, zum anderen zeigt sich Nikanors Überhebung gegen Gott,
die nicht ungestraft bleiben wird.
Im März 161 brach Nikanor erneut nach Samaria auf, unterstützt von jüdischen
Hilfstruppen.183 Am 13. Adar184 kam es zwischen Baithoron und dem Dorf Adasa185
zur Entscheidungsschlacht (los. ant. lud. 12,408): Die Heeresstärke des Judas wird
mit 3.000 (I. Makk. 7,40), 2.000 (los. ant. lud. 12,408) oder „kaum 1.000“ Mann186
angegeben. Die seleukidischen Truppen waren wahrscheinlich insgesamt numerisch
unterlegen.187 Nikanor positionierte die Reiterei auf den Flügeln, die Elephanten in
der Mitte seines Aufgebots (II. Makk. 15,20) und rückte unter Trompetenmusik und
Schlachtgesang188 gegen Judas’ Soldaten vor.189 Doch die Seleukiden unterlagen;
zahlreiche Soldaten wurden noch auf der Flucht von den Bewohnern der umlie-
genden Dörfer niedergehauen (I. Makk. 7,46). Als die Juden unter den Gefallenen
den General Nikanor in „voller Rüstung“190 fanden, entstanden „Geschrei und Ver-
wirrung“.191 Judas befahl, dem Toten Kopf und rechten Arm abzuschlagen.192 Die
Leichenteile wurden in Jerusalem zur Schau gestellt. Nachdem die Zunge des „gott-
losen“ Nikanor herausgetrennt und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen worden war
(II. Makk. 15,33), wurde der Kopf für alle sichtbar an der Akra angebracht (II. Makk.
15,35). Der 13. Adar wurde zum Feiertag erklärt.193
Nach dem vollständigen Sieg über den seleukidischen Strategen von Judäa stand
Judas auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nachdem es bereits im Jahr 164 zu ersten
182 II. Makk. 14, 31-34. Knapper und ohne Hinweis auf den geplanten Dionysostempel: I. Makk.
7, 33-38; los. ant. lud. 12, 406. Dionysos wurde später auch in Aelia Capitolina verehrt, der
Stadt, die Kaiser Hadrian im Jahr 130? auf den Trümmern Jerusalems errichten ließ. Vgl. die
Münzen mit Dionysos-Darstellungen bei L. Kadman, The Coins of Aelia Capitolina (Corpus
Nummorum Palaestinensium Band I), Jerusalem 1956, S. 43f. und die Typen S. 84 Nr. 25; S.
98 Nr.94f.;S. 100 Nr. 107.
183 II. Makk. 15, 2. Diese Mannschaft wird aus Söldnern und Hellenisten bestanden haben.
184 II. Makk. 15, 36: „Am 13. Tag des zwölften Monats, der auf aramäisch Adar heißt“ und dem
makedonischen Dystros entsprach (los. ant. lud. 12, 412), etwa unserem Februar/März, vgl.
Volkmann, Demetrios I. S. 398. Das Jahr ist nicht überliefert, ergibt sich aber aus II. Makk. 9,
3. Der anschließende Feldzug des Bakchides ist zeitlich unmittelbar nach der Niederlage des
Nikanor anzusetzen, vgl. Volkmann, Demetrios I. S. 398 f.
185 Zu Name und Ortslage: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 3f.
186 In einer handschriftlichen Variante: Marcus, Josephus S. 213 Anm. d.
187 Die in II. Makk. 15, 27 genannte Zahl von 35.000 gefallenen Soldaten muß nicht kommentiert
werden. Nikanor wird insgesamt über kaum mehr als 1.000-2.000 Soldaten verfügt haben.
188 II. Makk. 15,25: ... perä oaXTriyYwv Kai rraiävcDv Trpoanyov.
189 Nach los. ant. lud. 12,409 war es Judas, der den Angriff einleitete.
190 II. Makk. 15, 28: ouv rfj 7ravo7rXia.
191 II. Makk. 15,29: Kpavyrj Kai rapaxn.
192 Mit der Rechten hatte Nikanor den Friedensvertrag beeidet, den er später brach.
193 II. Makk. 15,36. Siehe auch oben Kap. I 1,3.
134
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Kontakten zwischen Jerusalem und Rom gekommen war,194 entsandte er jetzt195
Eupolemos und Jason196 zu den Römern, „um mit ihnen Freundschaft und ein Waf-
fenbündnis zu schließen ...“.197 Insbesondere ging es der jüdischen Gesandtschaft
auch darum, römische Unterstützung gegen Demetrios I. zu erlangen.198 Eupolemos
und Jason wurden vom Senat gehört (I. Makk. 8,19 f.), ihr Begehren um ouppaxiot
Kat eipqvq und die Bitte um Eintragung in die formula amicorum et sociorum an-
genommen bzw. gewährt.199 Ein Vertrag (foedus) zwischen Römern und Juden
wurde geschlossen. Auf die Art des Vertrages und den Vertragstext muß hier im
einzelnen nicht näher eingegangen werden, da nach den detaillierten Untersuchungen
von D. Timpe und E. Baltrusch alles wesentliche dazu gesagt ist.200 Für unseren
Zusammenhang von Bedeutung ist, daß es im Zuge des Vertragsabschlusses auch
zu der jüdischerseits gewünschten Abfassung eines Senatsschreibens an Demetrios
I. gekommen ist. Der Inhalt des Briefes wird in einer kurzen, literarisch stark über-
formten Passage des I. Makkabäerbuches wiedergegeben und lautet in der Überset-
zung von K.-D. Schunck201: „Warum hast du dein Joch unseren Freunden, den
verbündeten Judäem, auferlegt? Wenn sie nun noch weiter gegen dich Klage führen,
werden wir ihnen Recht verschaffen und dich zu Wasser und zu Lande bekämp-
fen“.202 Wenngleich die römischen Senatoren wohl kaum an eine militärische Inter-
vention zugunsten der Juden gedacht haben werden, so warnten sie Demetrios I.
doch eindeutig vor einer weiteren Kriegsführung in Judäa und räumten damit dem
jüdischen Ethnos indirekt das Recht auf militärische Selbstverteidigung ein. Wenn
auch noch in der neueren Literatur die Meinung vorherrscht,203 der römische Vertrag
hätte für die Juden kaum einen »wirklichen* Vorteil gebracht, so wird verkannt,
194 In Form des Briefes der beiden Gesandten Quintius Memmius und Titus Manius: II. Makk. 11,
34-38. Bringmann, Reform S. 42; 47; E. S. Gruen, The Hellenistic World and the Coming of
Rome, Berkeley-Los Angeles 1984, Band II, S. 745ff.; Baltrusch. Juden S. 84f.
195 Auf den Zeitpunkt wird von Baltrusch, Juden S. 92 mit Recht ausdrücklich hingewiesen. Der
Hasmonäer befand sich in einer Position der Stärke.
196 Eupolemos ist der Verfasser eines romanhaften Geschichtswerkes „Über die Könige in Judäa“
gewesen, von dem Fragmente durch Alexander Polyhistor erhalten sind: Hengel, Jerusalem S.
285 mit Anm. 80. Sein Vater, Johannes (zu seinem Namen vgl. Schunck. 1. Makkabäerbuch S.
332 zu Vers 17), wird in II. Makk. 4, 11 erwähnt. Dieser hatte in den 170er Jahren Verhandlun-
gen mit Antiochos IV. geführt.
197 I. Makk. 8,17:... Kai cxtteoteiXev avToüc dq ’ Pwpqv arfioai auroic; cpiXiav Kai ovppaxiav.
Übersetzung von Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 332.
198 I. Makk. 8, 18; los. ant. lud. 12,415. Timpe. Vertrag S. 140 ff.
199 I. Makk. 8,20 f. Timpe, Vertrag S. 140. Zu der Frage, ob ein römischer socius et amicus dasselbe
wie ein griechischer ouppaxoc Kai cpiXoc ist, vgl. Baltrusch, Juden S. 76.
200 Timpe, Vertrag S. 133 ff.; Baltrusch. Juden S. 83 ff.
201 1. Makkabäerbuch S. 332 f.
202 I. Makk. 8, 31-32: Aiä n eßapuvac töv Cuyov oov etti touc cpiXouc npwv tovc; ovppdxouc
Touöaiouc; £äv ouv en evtoxodoi koto ooö, Troiqoopev auToic tt|v Kpiaiv Kai jroXspnoopsv
oe öiä rf|q OaXäooiK Kai öiä Tfjc ^qpäc.
203 E. S. Gruen, The Hellenistic World and the Coming of Rome, Berkeley-Los Angeles 1984, Band
II. S. 751 beurteilt die römisch-jüdischen Verträge zusammenfassend folgendermaßen: “The
pattern of Roman affirmations on the one hand and lack of implementation on the other has a
remarkable regularity. The Senate sent proforma messages - and let the recipients work matters
3.) Judäa-Politik des Demetrios I. und Ende des Makkabäeraufstandes
135
welche grundlegenden Veränderungen sich gerade für die Juden aus dem Vertrags-
abschluß ergaben:204 Aus seleukidischer Sicht war Judäa Teil des Seleukidenreiches.
Jede wie auch immer geartete Rebellion oder Aufstandsbewegung war deshalb
gleichbedeutend mit einem Abfall von König und Reich, den der Seleukidenherr-
scher ganz nach eigenem Ermessen beantworten durfte. Genau dieses »Recht* spra-
chen die Römer dem Seleukidenkönig jetzt ab. Durch den Vertragsabschluß zwi-
schen Rom und Jerusalem war der Tempelstaat also völkerrechtlich als eigene poli-
tisch-ethnische Einheit anerkannt und Judäa nicht mehr einfach eine Strategie des
Seleukidenreiches. Auch wenn Rom selbst nicht unmittelbar aktiv wurde, so räumte
es den Juden indirekt das Recht ein, sich gegen militärische Übergriffe der seleuki-
dischen Regierung zur Wehr zu setzen. Doch zeigt ein Blick auf die nachfolgenden
Ereignisse, daß, als der Abschluß des römischen Vertrages in Antiocheia bekannt
geworden sein und Demetrios I. den Brief des Senates erhalten haben dürfte, Judas
bereits tot und Judäa von seleukidischen Truppen besetzt war.
Die schwere Niederlage des Nikanor konnte und wollte Demetrios. I. nicht
einfach hinnehmen, da die Gefahr bestand, daß Judas* Sieg zum Fanal eines Auf-
standes des ganzen Landes werden würde. Vor seinem Zug nach dem Osten mußten
in Judäa unbedingt Ruhe und Sicherheit hergestellt werden. Zu diesem Zweck ent-
sandte er nur wenige Wochen205 nach dem Untergang des Nikanor abermals Bak-
chides, seinen Statthalter der Syria Seleukis. In Begleitung des Alkimos206 und
22.000 Kriegern207 brach dieser von Antiocheia auf und belagerte die Juden in den
Höhlen von Arbela, einer Stadt in der Nähe von Galgala.208 Nachdem Bakchides sie
gefangengenommen hatte, zog er im März/April 161 rasch nach Jerusalem (los. ant.
lud. 12,421), offenbar um Alkimos wieder in das Amt des Hohenpriesters einzuset-
zen.209 Bei Adasa210 oder Betzetho (los. ant. lud. 12, 422) lagerte Judas mit 1.000
Mann, von denen ihn auch noch 200 angesichts der erdrückenden Übermacht des
Seleukidenheeres verließen.211 Der Seleukidengeneral stellte auf beiden Flügeln
out for themselves”. Als Beispiel für die älteren Forschungsmeinungen sei auf Meyer, Ursprung
II S. 247 hingewiesen.
204 Aber auch für die Römer hatte der Vertrag Vorteile: Baltrusch, Juden S. 98. Rom bekam dadurch
die Möglichkeit in die Hand, jederzeit militärisch im Nahen Osten eingreifen zu können, wenn
es wollte.
205 Die von Bar-Kochva, Anny S. 14 und S. 210 Anm. 29 vorgeschlagene Datierung des 2. Bak-
chides-Feldzuges ins Jahr 160 ist daher - trotz der vorsichtigen Zustimmung von Bringmann,
Reform S. 28 - abzulehnen, zumal dieser durch I. Makk. 9,3 fest ins Jahr 161 datiert ist.
206 Nach I. Makk. 9, 1 war der Hohepriester ebenfalls in Antiocheia anwesend. Josephus erwähnt
ihn nicht, weil er in ant. lud. 12,413 f. bereits den Tod des Alkimos verzeichnet: Marcus, Jose-
phus S. 219 Anm. 1.
207 20.000 Fußsoldaten und 2.000 Reitern: I. Makk. 9,4; los. ant. lud. 12,422. Zu den Zahlen vgl.
Meyer, Ursprung II S. 248, zum Feldzug Bar-Kochva, Army S. 184 ff.
208 I. Makk. 9,2; los. ant. lud. 12,421. Josephus konjiziert Galiläa, vgl. Möller/Schmitt, Siedlungen
S. 22.
209 Volkmann, Demetrios I. S. 399. Nach 1. Makk. 9, 3 lautet das Datum: „im ersten Monat des
Jahres 152“. Das Jahr 152 S. Ä. = 161/60.
210 I. Makk. 9, 5: Zum Ort Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 333 Anm. 5 a.
211 Die Zahl von 1.000 ist wahrscheinlicher als die in I. Makk. 9, 5 genannten 3.000 Männer, da
136
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Reitertruppen auf und vor die Phalanx der Fußsoldaten Schleuderer (o<pEv6ovf|Tai)
und Bogenschützen (I. Makk. 9, 11; los. ant. lud. 12,426). Er selbst befehligte den
rechten Flügel (I. Makk. 9, 12), als das Angriffszeichen gegeben wurde.212 In der
Hoffnung, daß die Seleukidenarmee die Flucht ergreifen würde, wenn ihr Anführer
tot wäre, konzentrierte Judas seinen Verzweiflungsangriff auf den von Bakchides
kommandierten Flügel;213 doch wurde er vom linken Flügel umfaßt und im Kampf
getötet (I. Makk. 9, 16-15; los. ant. lud. 12,431). Die Juden suchten ihr Heil in der
Flucht.214 Judas’ Brüder, Jonathan und Simon, verhandelten mit Bakchides um die
Erlaubnis, die Gefallenen bestatten zu dürfen und begruben Judas neben seinem
Vater Mattathias in Modein.215 Judas war tot und „ganz Israel hielt ihm große To-
tenklage“.216
Wenn Josephus schreibt, daß das jüdische Volk durch Judas’ Tapferkeit (dpETrj)
aus der „makedonischen Knechtschaft“217 befreit wurde (ant. 12, 434), so ist das
nicht richtig. Im Gegenteil: Bakchides legte Festungen (öxvpwpctTa) bei den Städ-
ten Jericho, Ammaous, Baithoron, Baithel, Thamnatha (= Thamna?), Pharathos,
Tochoa (Tephon) und Gazara an.218 Diese ö/upcopara waren mit festen Toren und
Türmen versehen219 und darin lagen Wacheinheiten, „um Israel zu bekämpfen“.220
Auch die Jerusalemer Akra wurde - wie die Stützpunkte Bet-Zur und Geser - wei-
ter ausgebaut, mit Truppen verstärkt und neuem Proviant versorgt.221 Bakchides ließ
die Anhänger der Hasmonäer verfolgen und hinrichten und besetzte die Verwaltung
des Landes (los. ant. lud. 13, 4: xf|v Tifc x<op«C ETnpEXEtav) mit hellenistischen
Juden.222 Die vornehmsten jüdischen Familien mußten Geiseln stellen, die in der
Akra gefangengehalten wurden (I. Makk. 9,53; los. ant. lud. 13,17). Eine Folge der
Wirren in Judäa war eine schwere Hungersnot (I. Makk. 9, 23; los. ant. lud. 13, 3),
unter der die Hasmonäer besonders zu leiden hatten. Diese wählten Jonathan zu
ihrem Anführer (I. Makk. 9, 28-31; los. ant. lud. 13, 5). Der Seleukidengeneral
Judas am Ende bloß 800 Kämpfer blieben (I. Makk. 9.6: los. ant. lud. 12,422). Josephus scheint
die Zahl stillschweigend nach unten korrigiert zu haben.
212 Mit der Trompete: los. ant. lud. 12,427.
213 Der angeblich sogar geschlagen wurde: I. Makk. 9, 15.
214 I. Makk. 9, 18; los. ant. lud. 12,431.
215 I. Makk. 9, 19; los. ant. lud. 12,432. Meyer, Ursprung II S. 248.
216 I. Makk. 9,20. Übersetzung von Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 334.
217 Zur Gleichsetzung der Seleukiden mit den Makedonen vgl. z.B. auch los. ant. lud. 13,29; 13,
273; App. Syr. 51, 260; 70, 369; lust. 38. 7, 1 und Lib. or. 11, 129. Weitere literarische Belege
und Diskussion ihrer Bedeutung bei C. Edson, Imperium Macedonicum: The Seleucid Empire
and the Literary Evidence, ClPh 80, 1958, S. 153 ff.
218 I. Makk. 9, 50; los. ant. lud. 13, 15 f. Identifikation und Diskussion der Ortsnamen und ihrer
Schreibungen bei Möller/Schmilt. Siedlungen S. 34 ff. Tepho(n) ist vielleicht eine Verstümme-
lung von BeOÄETTTncpa, (BE0)X€Tn<pcüv bzw. dessen hebräischer Entsprechung, Bet Nattif:
ebenda S. 37. Andere Schreibung der Namen bei Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 336: Emmaus,
Beth-Horon, Bethel, Thamnatha, Pharathon und Tephon.
219 I. Makk. 9, 50; los. ant. lud. 13, 16.
220 I. Makk. 9,51. Übersetzung Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 336.
221 I. Makk. 9, 52. Zu diesem Zemierungsgürtel vgl. Volkmann, Demetrios 1. S. 400.
222 I. Makk. 9, 25. Volkmann, Demetrios I. S. 400.
3.) Judäa-Politik des Demetrios I. und Ende des Makkabäeraufstandes
137
versuchte ihn zwischen der Wüste Thekoa223 und den Sümpfen der Jordanmündung
am Toten Meer einzukreisen;224 es kam zu kleineren Gefechten,225 aber Jonathan
rettete sich über den Jordan schwimmend ans andere Ufer (I. Makk. 9,48; los. ant.
lud. 13, 14).
Chronologie und Ereignisabfolge dieser Jahre gehen aus der Schilderung des I.
Makkabäerbuches bzw. Josephus nicht eindeutig hervor.226 Man darf aber annehmen,
daß Bakchides im Herbst 161 nach Antiocheia zurückgekehrt war,227 um an der Seite
des Königs gegen Timarchos zu ziehen (Herbst 161/Frühjahr 160)228 Etwa im Mai
160 war der Hohepriester Alkimos in Jerusalem verstorben.229 Da die Hasmonäer-
partei wieder erstarkte, kam eine Gesandtschaft der jüdischen Hellenisten230 in die
syrische Hauptstadt und bat Demetrios L, Bakchides gegen Jonathan zu entsenden
(I. Makk. 9, 59; los. ant. lud. 13,23). Nach zwei ruhigen Jahren231 stand im Herbst
15 9232 wieder ein größeres (1. Makk. 9,60) Seleukidenheer in Judäa. Aber alle Ver-
suche, Jonathan gefangenzunehmen, schlugen fehl (I. Makk. 9, 60). Bakchides ließ
seinen Unwillen nun an den Hellenisten aus und 50 Vornehme von ihnen hinrich-
ten.233 Als die Belagerung des stark befestigten Wüstendorfes Betbas oder
Bethalaga,234 in dem sich Jonathan und seine Gefolgsleute verschanzt hielten, miß-
glückte, bot der Hasmonäer Bakchides durch eine Gesandtschaft „Freundschaft und
Bundesgenossenschaft“ (cpiXia Kai avppaxia: los. ant. lud. 13, 32) an. Der Seleu-
kidengeneral ging auf das Angebot ein und schloß einen Freundschaftsvertrag mit
Jonathan.235 Beide Seiten versprachen unter Eid, die Waffen ruhen zu lassen (los.
ant. lud. 13, 33). Nachdem die Gefangenen ausgetauscht worden waren, zog Bak-
chides endgültig aus Judäa ab.
223 I. Makk. 9, 33. Südöstlich von Bethlehem. Vgl. auch Schunck, 1. Makkabäerbuch S. 335 zu
33.
224 I. Makk. 9,45. Volkmann, Demetrios I. S. 400.
225 Bei diesen soll Bakchides 2.000 Soldaten verloren haben: los. ant. lud. 13,14, aber die Zahlan-
gabe ist viel zu hoch.
226 Daher ist die Forschung hier zu abweichenden Ergebnissen gekommen, vgl. z. B. die Zeittafel
von Fischer, Makkabäer S. 216 f.
227 Darauf möchte ich los. ant. lud. 13,22 beziehen.
228 Anders Volkmann, Demetrios I. S. 400, der davon ausgeht, daß Bakchides erst nach dem Tode
des Alkimos (Mai 160) Judäa verlassen habe.
229 I. Makk. 9, 54: „im zweiten Monat des Jahres 153“, nachdem er „vier Jahre lang“ im Amt ge-
wesen war: los. ant. lud. 12,413. Das Jahr 163 zählt als erstes Amtsjahr, vgl. auch Volkmann,
Demetrios I. S. 400. Fischer, Makkabäer S. 217 datiert den Tod ins Jahr 159.
230 Die von Josephus immer nur verächtlich als oi epuyetöse Kai äoeßeic bezeichnet werden. In
ant. lud. 13, 23 heißen sie: oi Trovqpoi Kai (pUYaÖEC und ant. lud. 13, 34: oi Trovqpoi Kai
äoEßEÜ;.
231 So los. ant. lud. 13,22.
232 Fischer, Makkabäer S. 217 hat vom Tode des Alkimos aus gerechnet das Jahr 157.
233 So los. ant. lud. 13, 25; allgemeiner I. Makk. 9, 61.
234 I. Makk. 9, 64; los. ant. lud. 13,26. Zur Ortslage vgl. die Bemerkung bei Marcus, Josephus S.
239 Anm.f.; Grainger, Prosopography S. 703. Der Ort fehlt bei Möller/Schmitt. In I. Makk. 9,
64 heißt der Ort Beth-Basi.
235 ... cnrävÖETai trpöc tov ‘IcoväOnv cptXiav (los. ant. lud. 13, 33).
138
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Jonathan bezog die Stadt Machma als Residenzstadt236 und ging hart gegen die
Hellenisten, die Trovnpoi Kai ötaeßeic (los. ant. lud. 13, 34), vor.237
Im Jahr 158 war der Makkabäeraufstand schließlich beendet.238 Daß der Frie-
densschluß zustande kam und von Dauer war, hat im wesentlichen zwei Gründe: 1.)
Bakchides hatte während des Jahres 161 die seleukidische Oberhoheit über Judäa
wiederhergestellt und das Land mit Militärgarnisonen überzogen. Dieser Übermacht
konnten die Hasmonäer nichts mehr entgegensetzen, da Jonathan kaum 1.000 Ge-
treue geblieben waren. Die Besatzungstruppen hätten diese mit gezielten Aktionen
vermutlich in kurzer Zeit endgültig aufgerieben. Schließlich dürfte die Hungersnot
des Jahres 161/60 den Widerstandswillen der jüdischen Bevölkerung erheblich ge-
schwächt haben. Jonathan brauchte den Frieden, um zu überleben und neue Kräfte
sammeln zu können. 2.) Am Seleukidenhof hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt,
daß Judäa mit den Hellenisten allein nicht zu regieren war. Diese hellenisierten Ju-
den, die wahrscheinlich fast ausnahmslos der Oberschicht entstammten,239 verfügten
in Jerusalem und vielleicht einigen größeren Städten wie Bet-Zur und Geser240 über
einen gewissen Rückhalt, kaum jedoch auf dem ,flachen* Land.241 Obwohl seleuki-
dentreu, wurden sie 158 von Bakchides geopfert. Der Frieden hielt vor allem des-
halb, weil Demetrios I. und Bakchides darauf verzichteten, das seit dem Tode des
Alkimos (Mai 160) vakante Amt des Hohenpriesters neu zu besetzen. Wie schon
Lysias, der »Reichskanzler* Antiochos* V.» so hatten inzwischen auch sie erkannt,
daß ein »Hellenist* als Hoherpriester eine permanente Beunruhigung und religiöse
Provokation darstellte. Der militärische Aufwand, den die Seleukidenkönige betrei-
ben mußten, um ihren Parteigänger im Amt des Hohenpriesters zu halten, stand in
keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den Antiocheia davon hatte. Wollten die Seleu-
kiden wirklich ,Ruhe und Sicherheit* in Judäa herstellen, das vor allem als Puffer-
staat zum Ptolemäerreich dienen und nicht zu diesem abfallen sollte,242 so war dies
letztlich nur durch einen Ausgleich mit den altgläubigen Juden und der seit 167
führenden Familie des Landes, den Hasmonäern, möglich. Die künftige Politik
mußte auf eine positive Einbindung der Hasmonäer abzielen, denn nur sie hatten
einen echten Rückhalt in der Bevölkerung. Es war daher nur konsequent, daß schon
wenige Jahre später Jonathan von dem Thronprätendenten Alexander (I.) offiziell
236 I. Makk. 9, 73; los. ant. lud. 13, 34. Jerusalem wurde sicher deshalb nicht als Residenzstadt
gewählt, weil dort eine seleukidische Besatzung in der Akra lag.
237 I. Makk. 9, 73: ... IwvaOav ... fjcpaviae touc öoeßeic lopaqX....Jonathan ... vertrieb
die Gottlosen aus Israel“.
238 Nicht schon 162. Richtig Volkmann, Demetrios 1. S. 401.
239 Von den .Hellenisten* wissen wir nur wenig. Außer den Hohenpriestern Jason, Menelaos und
Alkimos kennen wir nur einen einzigen noch mit Namen: Mattathias, vgl. II. Makk. 14, 19.
240 Wahrscheinlich wurden seleukidische Besatzungen auch deshalb in diese Städte gelegt, um die
Gemeinschaften der hellenistischen Juden zu schützen.
241 Dies wirft ein interessantes Licht auf die Sozialstruktur der Hellenisten. Im ländlich-bäuerlichen
Milieu hat diese Bewegung kein Echo gefunden.
242 Diese Gefahr war im Jahr 169 akut geworden, als es in Jerusalem zum Aufstand des Jason ge-
kommen war: 11. Makk. 5,5-8, der nach Ägypten floh und in Sparta verstarb: II. Makk. 5,9-10.
Ehling, Unruhen S. 319.
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander 1. (154?)
139
zum Hohenpriester der Juden und zum cpfXoc des Königs ernannt wurde.243 Als
Alexander I. König geworden war, ernannte er Jonathan im Jahr 150 sogar zum
königlichen ovyyEvrit; und arpaTnyot; Kai pepiöäpxnc (von Judäa? I. Makk. 10,
65). Die Integration der Hasmonäer in den Seleukidenstaat schien gelungen.
4.) AUSSENPOLITIK DES DEMETRIOS I. UND ERHEBUNG
DES ALEXANDER I. (154?)
Nach seiner Thronbesteigung im Oktober 162 hatte Demetrios I. seinen rrpcoToc;
(ptXoc und , Kanzleichef* (ETnoToXoypacpot;) Menochares244 nach Kleinasien ent-
sandt. Aller Wahrscheinlichkeit nach führte dieser die Verhandlungen mit dem
ebenfalls gerade an die Macht gekommenen Ariarathes V. Eusebes Philopator von
Kappadokien (163-130) und bot ihm „Freundschaft“ (cpiXia)245 und Demetrios’ I.
Schwester Laodike, die Witwe des makedonischen Königs Perseus, zur Frau an.246
Der Seleukidenkönig versuchte durch die Vermittlung der dynastischen Heirat gute
Beziehungen zu seinem nördlichen Nachbarn herzustellen und sich aus der poli-
tischen Isolation zu befreien.247 Ariarathes V. nahm die cptXia an,248 und vermutlich
kam es sogar zu einer .Verlobung4.249 Als jedoch die römische Gesandtschaft unter
Führung des ,Nahostexperten* Ti. Sempronius Gracchus Ende 162/Anfang 161
Kappadokien erreichte250 und beim König intervenierte, rückte Ariarathes V., dem
sehr viel an einem guten Einverständnis mit Rom lag,251 von Demetrios I. ab, und
243 Eine Kurzfassung des Ernennungsschreibens aus dem Jahr 152 gibt I. Makk. 10,18-20. Danach
los. ant. lud. 13,45.
244 Rang und Amtstitel des Menochares kennen wir aus seiner für Demetrios I. gesetzten Inschrift:
IvDelos 1543. Zu Menochares vgl. auch Olshausen, Prosopographie S. 221 f. Nr. 154; Grainger,
Prosopography S. 105 f.; Carsana, Dirigenze S. 127; Savalli-Lestrade, Philoi S. 71. Der Name
ist wie etwa Menodotes oder Menophiles mit dem Namen des phrygischen Mondgottes Men
gebildet: F. Bechtel, Die historischen Personennamen des Griechischen bis zur Kaiserzeit, Halle
1917, S. 316.
245 Diod. 31,28. Der Ausdruck ist hier wohl verkürzt, d.h. Demetrios I. wird cpiXia Kai avppaxia
angeboten haben. Zum Hintergrund vgl. Müller, Stratonike S. 412 ff.
246 Seibert, Dynastische Verbindungen S. 69; 115; Müller, Stratonike S. 415. Beide Königshäuser
waren verwandt, da Antiochos III. seine Tochter Antiochis um 192 mit Ariarathes IV. verheira-
tet hatte: Simonetta, Cappadocian Kings S. 21.
247 Seibert, Dynastische Verbindungen S. 69.
248 Dies ergibt sich daraus, daß er sie im Jahr 160 durch eine Gesandtschaft offiziell vor dem Senat
in Rom widerrufen ließ: Diod. 31,28.
249 Th. Lenschau, Orophemes (2), RE XVIII 1, 1, Stuttgart 1939, Sp. 1168; Volkmann, Demetrios
I. S. 390.
250 Ti. Sempronius Gracchus ist der Vater der beiden bekannten Gracchen. Er hatte bereits die
Gesandtschaft des Jahres 165 zu Antiochos IV. angeführt: Briscoe, Eastem Policy S. 52. Zur
Datierung vgl. Olshausen, Prosopographie S. 222 Nr. 155. Vgl. außerdem Müller, Stratonike S.
412. - Interessant ist, daß die ganz große Masse der Silbermünzen des Ariarathes V. gerade zu
Beginn seiner Regierung, im 1., 2. und 3. Jahr geprägt wurde. Dies hängt sicher auch mit dem
Besuch der römischen Gesandtschaft zusammen.
251 Pol. 31, 3, 1-5; Diod. 31, 19, 8. Niese, Geschichte III S. 206.
140
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
die dynastische Eheverbindung kam nicht zustande. Eine Gesandtschaft, die der
Kappadokier ein Jahr später im Frühjahr 160 nach Rom schickte, widerrief offiziell
vor dem Senat jede mit Demetrios I. getroffene Vereinbarung.252 Mehr Glück hatte
Demetrios I. bei König Phamakes I. von Pontos, der Nysa, eine Tochter Antiochos’ IV.
und Laodikes 253 heiratete (noch vor 160/59);254 aber Phamakes war nach seiner
Niederlage von 179 selbst politisch isoliert und ohne großen Einfluß in Kleina-
sien.255
Ende 162/Anfang 161 traf der ,Kanzleichef Menochares auch auf die durch-
ziehende Senatsgesandtschaft und erhielt eine Audienz bei Ti. Gracchus. Dieser
weigerte sich zunächst, Demetrios I. als Nachfolger Antiochos’ V. anzuerkennen.
Erst als weitere seleukidische Gesandte bei den römischen Senatoren zunächst in
Pamphylien, dann in Rhodos vorstellig wurden und versicherten, ihr König werde
sich gegenüber Rom vollkommen loyal verhalten, wurde „er von ihnen König ge-
nannt“ (... ßaotXevc; UTr’auTtov 7rpoaaYopev6f|vai: Pol. 31, 33, 3), vor allem
deshalb, weil Gracchus dem Seleukiden wohlgesinnt war (Pol. 31, 33, 1-4). Der
römische Senat hat diese Entscheidung jedoch anschließend nie bestätigt, so daß es
fraglich ist, ob Demetrios I. jemals offiziell als König anerkannt war.256
Die Gelegenheit, sich für die schmähliche Behandlung durch Ariarathes V. zu
rächen (lust. 35, 1,2), ergab sich, als gerade in diesem Augenblick sein Halbbruder
Orophernes257 am Hofe von Antiocheia erschien und Ansprüche auf den kappado-
kischen Thron geltend machte.258 Gegen das Versprechen von 1.000 Silbertalenten
(App. Syr. 47, 244) erhielt Orophernes militärische Unterstützung und konnte mit
Hilfe von seleukidischen Truppen oder frisch angeworbenen Söldnern Ariarathes V.
im Jahr 159/58 aus Kappadokien vertreiben259 und sich zum König des Landes
252 Diod. 31,28. Müller, Stratonike S. 416.
253 Nysa war nicht die Tochter Antiochos’ III. oder seines ältesten, 193 verstorbenen Sohnes, vgl.
M0rkholm, Antiochus S. 54; Grainger, Prosopography S. 52.
254 Die Hochzeit wird erwähnt in IvDelos 1497 bis: OGIS II 771. S. Dow, Inscriptions from the
Athenian Agora, Hesperia 4, 1935, S. 91: Mörkholm, Antiochus S. 54; Habicht, Seleucids S.
357 Anm. 125; Grainger, Prosopography S. 52.
255 Habicht, Seleucids S. 357.
256 Für eine mehr oder weniger offizielle Anerkennung des Demetrios I. durch den Senat sprechen
sich Volkmann, Demetrios I. S. 390f., Will, Histoire II S. 368 und Gruen, Aftermath S. 84 mit
Anm. 78, dagegen Meyer, Ursprung II S. 252. Willrich, Demetrios (40), Sp. 2796 und Briscoe,
Eastern Policy S. 53 aus. Vgl. dazu auch die gute Diskussion von Hopp, Attaliden S. 82 Anm.
121, der schreibt, „daß Demetrios I. keine eigentliche Anerkennung fand, sondern - trotz des
sicher wohl wollenden Berichts des Ti. Gracchus - nur toleriert wurde, ...“. Huß, Ägypten S.
582 schließt sich Hopp an.
257 Zu den Familienverhältnissen vgl. Th. Lenschau, Orophernes (2), RE XVIII 1,1, Stuttgart 1939,
Sp. 1168. Einen Überblick über die Geschichte des kappadokischen Königshauses bietet Diod.
31, 19, Iff.
258 Zum folgenden vgl. Bevan, House II S. 205 ff.; Bouche-Leclercq, Histoire I S. 326ff.; Niese,
Geschichte III S. 250 ff.; Volkmann, Demetrios I. S. 401 f.; Will, Histoire II S. 371 f.; Habicht,
Seleucids S. 359 ff.; Müller, Stratonike S. 415.
259 Wie die Unterstützung, die Demetrios I. dem Orophernes zukommen ließ, konkret ausgesehen
hat, läßt sich nicht sagen. Appian (47, 244) schreibt ihm jedenfalls eine aktive Rolle zu: „De-
metrios vertrieb ferner den Ariarathes aus seiner Herrschaft über Kappadokien und setzte für
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander I. (154?)
141
machen.260 Ariarathes V. floh nach Pergamon261 und traf im Sommer 158 in Rom
ein.262 Aus Syrien kam eine Gesandtschaft unter Führung des Miltiades.263 Polybios
erwähnt nicht, welches Amt dieser am Seleukidenhofe bekleidete. Vielleicht ist er
der Nachfolger des inzwischen verstorbenen (?) Menochares gewesen, der die Ge-
sandtschaft des Jahres 160 angeführt hatte;264 er sollte die seleukidische Position
vertreten und Ariarathes V. anschwärzen. Timotheos und Diogenes, die Gesandten
des Orophemes, brachten einen Goldkranz als Huldigungsgeschenk mit und baten
um Freundschaft und Erneuerung des Bündnisses (cpiXia Kai ovppaxia: Pol. 32,
10,4). Im Jahr 157 schließlich entschied der Senat, das Königreich Kappadokien zu
teilen. Im Auftrage Roms führte Attalos II. von Pergamon Ariarathes V. in seine
Reichshälfte zurück.265
Die Stellung des Orophemes wurde immer unsicherer. Um seinen verschwen-
derischen Lebensstil finanzieren und an Demetrios I. die versprochenen 1.000 Ta-
lente bezahlen zu können, erhöhte er den Steuerdruck auf seine Untertanen.266 Ins-
gesamt erhielt Demetrios I. 670 Talente (Diod. 31, 32). Um seine meuternden
Söldner entlohnen zu können, raubte Orophemes sogar den Zeustempel am Berg
Ariadne aus 267 400 Talente hinterlegte er im Tempel der Athena Polias von Priene
und gab weitere Mittel, um der Athena ein neues Kultbild zu stiften.268 Als sich der
unfähige König in Kappadokien nicht mehr halten konnte, floh er im Jahr 156 nach
Antiocheia (lust. 35, 1, 2). Demetrios I. hatte zunächst beabsichtigt, ihn wieder in
sein Reich einzusetzen (lust. 35, 1, 3). Da sich Orophemes jedoch noch 156? an
1.000 Talente an seine Stelle den Olophemes,...“ (Übersetzung O. Veh: Appian von Alexandria.
Römische Geschichte. Erster Teil: Die römische Reichsbildung. Übersetzt von O. Veh, durch-
gesehen, eingeleitet und erläutert von K. Brodersen, in: P. Wirth/W. Gessel [Hg.], Bibliothek
der griechischen Literatur Band 23, Stuttgart 1987, S. 315). Bohm, Imitatio S. 108 spricht von
Finanz- und Militärhilfe. Habicht, Seleucids S. 359 Anm. 133 und ihm folgend Müller, Strato-
nike S. 416 mit Anm. 135 und 420 gehen von einer „Invasion“ Kappadokiens durch Demetrios
I. aus.
260 Auf seinen in Priene geprägten Tetradrachmen, von denen nur sechs Exemplare bekannt sind,
trägt er den Königstitel: Simonetta, Cappadocian Kings S. 28 f. mit Taf. III 10. Zur Datierung
vgl. Niese, Geschichte III S. 250: 159; Habicht, Seleucids S. 359: 159/58.
261 Diod. 31,32 a. In Pergamon regierte zu diesem Zeitpunkt vielleicht doch noch Eumenes II., vgl.
die Diskussion des Inschriftenfundes durch G. Petzl, Inschriften aus der Umgebung von Saittai,
ZPE 30, 1978, S. 266 f., der das Todesjahr des Eumenes II. nicht auf 159/58, sondern 158/57
ansetzt. Das höhere Datum haben Niese, Geschichte IIIS. 250 Anm. 5 und Hopp, Attaliden S.
59.
262 Pol. 32, 10, 1. Niese, Geschichte III S. 250 schreibt „Spätsommer“; Müller, Stratonike S. 417.
263 Pol. 32,10,3. Olshausen, Prosopographie S. 222 Nr. 155; Grainger, Prosopography S. 106. Auch
Miltiades fehlt bei Carsana, Dirigenze.
264 Olshausen Prosopographie S. 221 f. Nr. 154. Siehe oben Kap. II 2.
265 Niese, Geschichte IIIS. 251; Müller, Stratonike S. 418.
266 Diod. 31,32. Willrich, Demetrios (40) Sp. 2797.
267 Diod. 31, 34. Th. Lenschau, Orophemes (2), RE XVIII 1,1, Stuttgart 1939, Sp. 1169.
268 Pol. 33,6; Diod. 31,32. Vgl. Brief (?) und Senatsbeschluß zum Streit des Ariarathes V. und des
Orophemes: F. Hiller von Gaertringen (Hg.), Inschriften von Priene, Berlin 1906, S. 45 Nr. 39
mit Kommentar S. XVIII; Welles, RC 63; Walbank, Commentaiy IIIS. 547f.; Müller, Stratonike
S.419.
142
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
einem Aufstand der antiochenischen Bevölkerung beteiligte (lust. 35,1,2), ließ der
Seleukide diesen festnehmen und, um ihn gegebenenfalls noch einmal gegen Aria-
rathes V. ins Spiel bringen zu können, in Seleukeia in Pierien internieren.269
Vermutlich benutzte Demetrios I. die 670 Talente, die er von Orophemes erhal-
ten hatte, nicht nur dazu, den Rhodiem eine großzügige Getreidespende von 200.000
Scheffeln Weizen und 100.000 Scheffeln Gerste zu finanzieren,270 sondern auch, um
Archias, den ptolemäischen Statthalter von Cypem,271 zu bestechen. Polybios 33,5,
3 zufolge willigte Archias darin ein, Demetrios I. gegen die Bezahlung von 500
Talenten die Insel abzutreten. Das Komplott wurde aber offenbar bald aufgedeckt.
Um dem ihm drohenden Prozeß zu entgehen, beging der Stratege Selbstmord 272
Das Cypem-Unternehmen ist von der Forschung sehr verschieden datiert und
in seinem Charakter konträr beurteilt worden. W. Otto und L. Mooren setzen es früh
auf das Jahr 158/57,273 H. Volkmann spät auf das Jahr 150 an 274 während E. Will
meint, daß es nicht möglich sei, den Annexionsversuch zeitlich näher einzugren-
zen.275 Gegen das hohe Datum spricht, daß der Makkabäeraufstand erst 158 mit
einiger Mühe endgültig unterdrückt worden war; gegen das niedrige Datum die
historische Situation des Jahres 151/50 (siehe unten): Da Alexander I. im Jahr 151
die phönikische Küste unter seine Kontrolle gebracht hatte und die bewaffnete Aus-
einandersetzung zwischen dem Thronprätendenten und Demetrios I. ihrer militä-
rischen Entscheidung entgegentrieb, wäre es nicht gerade klug gewesen, in dieser
prekären Situation eine Aktion gegen Cypem zu starten, die nur finanzielle Mittel
gebunden hätte, welche gegen Alexander I. dringend benötigt wurden. Plausibel
hingegen ist eine Datierung ins Jahr 156/55 276 155277 oder 155/54.278
H. Volkmann charakterisiert Demetrios* I. Außenpolitik als nicht-imperialisti-
sche Defensivpolitik.279 Diese Beurteilung ist zuletzt von C. Bohm unter Hinweis
269 Tust. 35,1,4. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Th. Lenschau, Orophemes (2), RE XVIII
1, 1, Stuttgart 1939, Sp. 1169.
270 Diod. 31, 36. Bringmann, Ökonomie S. 105. Zur Förderung der Rhodier durch Antiochos IV.
vgl. Liv. 49,20,7. Siehe auch unten Anm. 283.
271 Zu Archias vgl. Mooren, TitulatureS. 188 f. Nr. 0351. Inschriftlich lauten seine Titel: 6 ouyYEvric
Kai oTpaTtiYÖC Kai äpxiEpevc Tf|C vrjaov, Mooren, ebenda mit der Literatur.
272 Pol. 33,5,2. Walbank, Commentary IIIS. 546f. Vgl. auch die Vorgänge um Ptolemaios Makron,
der von Ptolemaios VI. zum Statthalter Cypems ernannt worden war. aber zu Antiochos IV.
übertrat: II. Makk. 10, 12f. Hölbl, Geschichte S. 133.
273 Geschichte S. 112; Mooren, Titulature S. 188: „158/57 or later“.
274 Münzprägung S. 54.
275 Will, Histoire II S. 376 schreibt er: «La date de la tentative d’annexion de Chypre n’est pas
determinable avec prccision et on Pa deplacce de 158 ä 151/0».
276 H. Bengtson, Die Strategie in der hellenistischen Zeit. Ein Beitrag zum antiken Staatsrecht
(Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte 36. Heft). Band III,
München 19672, S. 233 zu Nr. 139; Bohm, Imitatio S. 108.
277 Niese, Geschichte III S. 258 Anm. 6: Bevan, House II S. 208; Bouche-Leclercq. Histoire I S.
329.
278 Walbank, Commentary III S. 41 f. Zustimmend Habicht, Seleucids S. 361 mit Anm. 140.
279 Münzprägung S. 54 f. und Demetrios I. S. 401 f.
4.) Außenpolitik des Demetrios 1. und Erhebung des Alexander 1. (154?)
143
auf das Cypern-Unternehmen abgelehnt worden.280 Versucht man sich ein Gesamt-
bild von der Außenpolitik des Königs zu machen, so müssen folgende vier Aspekte
berücksichtigt werden:
1 .) Gegenüber Rom war Demetrios I. im wesentlichen auf Ausgleich bedacht.
Er bemühte sich um eine offizielle Anerkennung durch den römischen Senat und
bekundete mit der Auslieferung des Mörders des Octavius und später des illegitimen
Philipp-Sohnes Andriskos281 seinen guten Willen. Dennoch ignorierte er die rö-
280 Imitatio S. 107 f. Sie spricht von „expansiver Außenpolitik“ und „imperiale(r) Politik“.
281 Dieser Andriskos-Philippos stammte aus Adramytteion und gab sich als Sohn des letzten Ma-
kedonenkönigs Perseus aus (Liv. per. 49,21; Amm. 14,11,31). Er nannte sich Philippos (seine
Gegner deshalb Pseudophilippos: Diod. 32, 15, 7; Eutrop. 4, 13, 1) und erhob Ansprüche auf
Makedonien. Nach einem vergeblichen Versuch, in Makedonien genügend Anhänger zu gewin-
nen, begab er sich 153 oder 151/50 (so die Datierung Wilckens) zu Demetrios I. nach Syrien,
mit dem er angeblich verwandt war (Zon. 9,29, 2), um dessen Unterstützung zu erlangen (Liv.
per. 49, 27; Zon. 9, 29, 2). Demetrios I. ließ aber diesen Andriskos-Philippos gefangensetzen
und nach Rom ausliefern. Vom Senat interniert, gelang diesem jedoch bald die Flucht nach
Milet, wo er Verbindung zum thrakischen Fürsten Teres aufnahm, der eine Schwester des Perseus
zur Frau hatte. Zu seinem weiteren Schicksal vgl. U. Wilcken, Andriskos (4), RE I 2, Stuttgart
1894, Sp. 2142 f.; Grainger, Cities S. 156 und zuletzt K. Rosen, Andriskos. Milesische Geschich-
ten und makedonische Geschichte, in: W. Will (Hg.), Alexander der Große. Eine Welteroberung
und ihr Hintergrund (Antiquitas Reihe 1, Band 46), Bonn 1998, S. 117-130. Am ausführlichsten
wird der ,Fall‘ des Andriskos behandelt von: J. M. Helliesen, Andriscus and the Revolt of the
Macedonians 149-148 B. C. (Diss.) Wisconsin 1968. - In der Überlieferung zu Andriskos-
Philippos bleibt vieles im Dunkeln. Eine echte Verwandtschaft mit dem Seleukidenhaus scheint
jedenfalls nicht bestanden zu haben, da in der Überlieferung nirgends behauptet wird, daß die
syrische Ehefrau des Perseus, Laodike (zur Ehe vgl. Seibert, Dynastische Verbindungen S.
43 ff.), die Tochter des Seleukos IV. und Schwester des Demetrios 1., die Mutter des Andriskos-
Philippos gewesen sei. Vielmehr heißt es bei Livius (per. 49,22) ausdrücklich, seine Mutter sei
eine paelex gewesen, was die Übersetzung des griechischen Wortes iräXXa? ist und eine Mä-
tresse bezeichnet. Andriskos-Philippos dürfte damit - wie Alexander I. und der Attalide Aristo-
nikos (= Eumenes III.) (siehe unten) - aus einer illegitimen Verbindung stammen. Vermutlich
wurde er von seinem Vater Perseus nach Adramytteion ,abgeschoben‘. Unsicher ist ferner, zu
welchem Zeitpunkt er nach Antiocheia kam (153 oder 151/50?). Bei Wilckens Datierung in das
Jahr 151/50 ist zu bedenken, daß Demetrios I. zu diesem Zeitpunkt bereits mitten in Abwehr-
kämpfen gegen Alexander I. stand. Inwieweit Andriskos-Philippos zu dieser Zeit noch auf mi-
litärische Unterstützung seitens des Demetrios I. hoffen durfte, bleibt fraglich. Vielleicht sollte
man deshalb ein früheres Jahr - 153 - für seine Ankunft in Syrien annehmen, so die Datierung
von Hopp, Attaliden S. 83 mit Anm. 126; 93. Daß Demetrios I. Andriskos-Philippos an Rom als
Gefangenen auslieferte, geht auch aus der Wortwahl Diodors hervor, da das Verb dtvöTr^pirtü
bei Polybios, den Diodor hier als Vorlage benützt, im Sinne von „als Gefangenen nach Rom
schicken“ verwendet wird (vgl. z.B. die Verwendung dieses Verbs im Lukasevangelium: So
schickt [äva7rep7r(jü] Pilatus Jesus zu Herodes Antipas [Lk 23, 7] und Herodes schickt
[ftvair^MTroü] Jesus an Pilatus zurück [Lk 23, 11], vgl. dazu J. Jeremias, Die Sprache des Luka-
sevangeliums [KEK Sonderband], Göttingen 1980, S. 301, der als Wortbedeutung von
avair^pTTio „einen Angeklagten dem zuständigen Gericht überstellen“ angibt). Hätte Demetrios
I. Andriskos-Philippos unterstützt, hätte Diodor wohl das Verb äiroaTEXAcü bei Polybios gefun-
den (vgl. A. Mauersberger, Polybios-Lexikon, Berlin 1956, Band I, S. 106; 204). - Zwei über-
prägte römische Denare (M. H. Crawford, Roman Republican Coinage, Cambrigde 1974, Band
I, S. 256 Nr. 217/1), die vor nicht langer Zeit im Münzhandel aufgetaucht sind (vgl. H. Lanz,
München, Kat. 92, Juni 1999, 223 und Tkalec AG, Zürich, Kat. o. Nr., Feb. 2002, 33), haben
144
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
mische Forderung, den Krieg in Judäa einzustellen.282 Der Versuch, Cypem unter
seleukidische Hoheit zu bringen, stellte einen klaren Verstoß gegen das Friedensab-
kommen von Apameia dar.
2 .) Ganz im traditionellen Rahmen hellenistischer Außen- und Bündnispolitik
bewegten sich Demetrios’ I. Heiratspolitik und sein Werben um die Gunst der Rho-
dier. Im Falle von Rhodos folgte er einerseits der Politik seiner Vorgänger,283 ande-
rerseits konkurrierte der Seleukide mit den Attaliden, denn noch in seinem Testament
hatte Eumenes II. die Rhodier mit 30.000 Scheffel Getreide bedacht.284
3 .) In den Jahren 159-156 versuchte Demetrios I., Einfluß auf die Politik in
Kappadokien zu bekommen, der letztlich dazu dienen sollte, Druck auf das Attali-
denreich auszuüben.285 Der Seleukide griff aber nicht selbst militärisch in die kap-
padokischen Thronwirren ein, wie Appian (Syr. 47,244) es übertrieben und verkürzt
darstellt, sondern ließ dem Thronprätendenten Orophemes Finanz- und Militärhilfe
zukommen.286
4 .) Schließlich versuchte Demetrios I. zwar, Cypem unter seleukidische Herr-
schaft zu bekommen, aber es ist in der - wenn auch fragmentarischen - Überliefe-
rung bei Polybios nicht von einer Militäraktion gegen Cypem, sondern allein von
dem »friedlichen4 Bestechungsversuch die Rede. Es gibt keinen Grund zu der An-
nahme, daß die Insel von seleukidischen Truppen gewaltsam besetzt werden
sollte.287
einiges Aufsehen erregt: Die Vorderseite zeigt einen bärtigen Königskopf mit Diadem nach
rechts, die Rückseite einen stehenden Herakles mit Rhyton, Keule und Löwenfell. Die Legende
lautet: BAEIAEQE 4>IAHIII0Y. Die beiden Stücke wurden auf Andriskos-Philippos gedeutet
und wären dann 149/48 geprägt bzw. überprägt worden. Ihre Echtheit ist jedoch sehr umstritten.
Vermutlich handelt es sich um raffiniert gemachte Fälschungen.
282 I. Makk. 8, 31 f.
283 Seleukidische Hilfe für Rhodos hat eine längere Tradition: So hatte Seleukos II. der im Jahr
227/26 von einem Erdbeben schwer getroffenen Insel u. a. 200.000 Medimnen Getreide und
große Mengen an Harz und Bauholz geschenkt: Pol. 5, 89, 8f. Aperghis, Economy S. 209;
Bringmann, Ökonomie S. 104.
284 Diod. 31, 36. Eumenes II. starb 159/58 oder 158/57: G. Petzl. Inschriften aus der Umgebung
von Saittai, ZPE 30,1978, S. 266 f. Die Getreidespende des Demetrios I. könnte im Jahr 156/55
erfolgt sein.
285 Müller, Stratonike S. 420 f.
286 So richtig Bohm, Imitatio S. 108. Anders Habicht, Seleucids S. 359 Anm. 133 und Müller,
Stratonike S. 416 mit Anm. 135 und S. 420. Müller geht davon aus, daß Demetrios I. über den
Taurus zog und militärisch aktiv in Kappadokien eingriff. Allerdings macht er, Stratonike S.
417, selbst darauf aufmerksam, daß mehr noch als das Eingreifen Demetrios* I. in die .kappa-
dokischen Affären* verwundert, daß „Rom die flagrante Verletzung des zentralen Artikels des
Vertragsinstruments von Apameia, der Festschreibung der Taurusgrenze für das Seleukidenreich
und des Verbots, sie in kriegerischer Absicht zu überschreiten, nicht nur ohne Protest hinnahm
..., sondern ... auch keineswegs eindeutig für ... Ariarathes V. Partei ergriff*.
287 Anders als Antiochos IV., der Cypem mit seiner Flotte angreifen ließ (Pol. 29, 27, 10; Liv. 45,
11,9): Hölbl, Geschichte S. 133, aber nach dem ,Tag von Eleusis* wieder an die Ptolemäer
zurückgeben mußte: Kiechle, Konsolidierung S. 165 f.
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander I. (154?)
145
Insgesamt kommt man zu dem Ergebnis, daß Demetrios’ I. Außenpolitik sicher nicht
rein defensiv orientiert war, wie Volkmann meinte. Sie ist aber auch schwerlich als
»imperialistisch4 zu bezeichnen.288 Während die seleukidische Armee in Judäa mit
aller Härte gegen die Aufständischen vorging, betrieb Demetrios I. gegenüber den
benachbarten hellenistischen Reichen eine Politik der indirekten Mittel. Diese war
im Ansatz nicht ungeschickt gedacht, scheiterte aber aufs Ganze gesehen289 und hatte
letztlich nur eine gefährliche Verbündung der Könige von Pergamon, Kappadokien
und Ägypten gegen ihn zur Folge.
Nach dem Verrat seines Statthalters Archias war Ptolemaios VIIL Euergetes II.
nicht mehr gewillt, der Politik seines ruhelosen Nachbarn weiterhin tatenlos zuzu-
sehen. Wie es scheint, kam es spätestens im Jahr 154 zwischen Ptolemaios VIIL,
Attalos II. und Ariarathes V. zur Verständigung darüber,290 wie der Seleukide ohne
eigenes militärisches Engagement, was sicher nur das Mißtrauen Roms erregt hätte,
am schnellsten ausgeschaltet werden könnte.291 Bereits 158 hatte Attalos II.292 als
Reaktion auf die Vertreibung des Ariarathes V. durch den von Demetrios I. unter-
stützten Orophemes einen in Smyrna lebenden jungen Mann namens Balas, der sich
als Sohn des Antiochos IV. ausgab und dem ermordeten Antiochos V. angeblich
ähnlich sah,293 nach Pergamon holen lassen und ihn als Gegenkönig zu Demetrios
I. aufgestellt.294
Die Herkunft des Balas ist zweifelhaft. Appian (Syr. 67, 354) schreibt, daß er
„fälschlich angab, aus dem seleukidischen Geschlecht zu stammen44;295 in Syr. 67,
355 bezeichnet er ihn als v60o<; tov yevov^ 296 Die jüdischen Quellen sehen in ihm
einen echten Seleukiden (I. Makk. 10,1; los. ant. lud. 13,35). Doch betonen gerade
sie seine Legitimität, da sonst, wie H. Volkmann anmerkt, die den Juden von Alex-
288 So Bohm, Imitatio S. 108.
289 Hopp, Attaliden S. 82 f.; Bohm, Imitatio S. 108.
290 Nach lustin 35, 1,6 waren alle drei Könige an der Erhebung des Gegenkönigs Alexander (I.)
beteiligt.
291 Vgl. zum Hintergrund, insbesondere der Unterstützung des Alexander (I.) von ptolemäischer
Seite, auch Huß, Ägypten S. 582ff.
292 Nicht Eumenes II., wie Diod. 31,32 a irrtümlich schreibt: Habicht, Seleucids S. 359 Anm. 133.
Die andere Rekonstruktion der Ereignisabfolge von Ritter, Diadem S. 137, der diese Gescheh-
nisse in das Jahr 153 verlegt, ist mit Recht von Hopp, Attaliden S. 80 Anm. 117 und Bohm,
Imitatio S. 110 abgelehnt worden.
293 Ein Vergleich der Münzporträts ergibt allerdings, daß von einer physiognomischen Ähnlichkeit
zwischen Antiochos V. und Alexander I. nicht die Rede sein kann: Fleischer, Herrscherbildnisse
S. 63; Salzmann, Bildnis S. 255.
294 Zum historischen Hintergrund vgl. Bohm, Imitatio S. 109ff.; Müller, Stratonike S. 421 f.; Huß,
Ägypten S. 582 f.
295 Übersetzung von O. Veh: Appian von Alexandria. Römische Geschichte. Erster Teil: Die römi-
sche Reichsbildung. Übersetzt von O. Veh, durchgesehen, eingeleitet und erläutert von K.
Brodersen, in: P. Wirth/W. Gessel (Hg.), Bibliothek der griechischen Literatur Band 23, Stuttgart
1987, S. 327: * AXeCavöpoc ipsuÖöpEvoc Eivai tou EeXevkeiou Ähnlich lust. 35,2,4
und Athen. 5, 211, 47, der ihn als „untergeschobenen, unechten“ Sohn des Antiochos IV. be-
zeichnet: 6 ö**AX^avöpoc outoc wv ‘Avnoxov toü ’ETncpavouc viöc v7roßXn0Eic, ...
Appian und lustin gehen beide auf Poseidonios zurück.
296 Vgl. auch Hopp, Attaliden S. 80 Anm. 116.
146
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
ander I. verliehenen Privilegien später rechtsungültig erscheinen konnten.297 In der
modernen Literatur wird er zumeist als „Schwindler“298 und von „niederer Her-
kunft“299 bezeichnet. A. Bouche-Leclercq allerdings zog in Betracht, daß es sich bei
ihm vielleicht auch um einen unehelichen Sohn des Antiochos IV. handeln könnte,300
eine Vermutung, die plausibel erscheint, gerade wegen des Ausdrucks v60o<; roö
yevov^, der diesen als mit einer Beischläferin oder Sklavin gezeugt nennt.301 Im-
merhin kennen wir ja wenigstens eine Nebenfrau (jrdXXa^) des vierten Antiochos
namentlich, und zwar Antiochis,302 und es ist gut möglich, daß Alexander I. einer
solchen Verbindung mit einer iraXXa!; entstammte (siehe Stammtafel).303
Attalos II. verlieh ihm den programmatischen Thronnamen Alexander,304 ver-
sah ihn mit Diadem und der einem König gebührenden Ausstattung (ttepikottti)305
und sandte ihn zu Zenophanes von Olba in die Kilikia Tracheia.306 Dort, an der
Grenze zum Ebenen Kilikien unfern der syrischen Hauptstadt Antiocheia, stellte der
Gegenkönig allein durch seine Anwesenheit eine dauernde Beunruhigung Syriens
und Gefährdung der Herrschaft Demetrios* I. dar.307
297 Demetrios 1. S. 403.
298 Volkmann, Demetrios I. S. 403; Schneider, Kulturgeschichte I S. 91.
299 Wilcken, Alexandros (22) Sp. 1437.
300 Histoire I S. 333 Anm. 1, ihm folgt Will, Histoire II S. 376: «On ne saurait dire si Balas etait
un aventurier sans rapport aucun avec la dynastie ou s’il etait peut-etre un bätard d’Antiochos
IV.» In diese Richtung geht auch Ogden, Polygamy S. 143 ff. Vgl. schließlich auch die Dis-
kussion bei Houghton, Tetradrachm S. 154 Anm. 6.
301 Zu vöOoc vgl. auch Ogden, Polygamy S. 144.
302 II. Makk. 4,30. Grainger, Prosopography S. 77; Habicht, 2. Makkabäerbuch S. 220 übersetzt
TrdXXa^ mit „Mätresse“. Ogden, Polygamy S. 143 meint aufgrund des seleukidischen Namens
Antiochis, daß es sich bei ihr eher um die Frau Antiochos* IV. als eine Nebenfrau oder Kon-
kubine handeln dürfte.
303 Ähnlich wie der letzte pergamenische König, Eumenes III. (Aristonikos), der wahrscheinlich
ein illegitimer Sohn des Eumenes II. war. Eutropius 4,20, 1 schreibt: Motum interim in Asia
bellum est ab Aristonico, Eumenis filio, qui ex concubina susceptus fuerat. Vgl. auch Chr.
Mileta, Eumenes III. und die Sklaven. Neue Überlegungen zum Charakter des Aristonikos-
aufstandes, Klio 80, 1998, S. 49. Bei den Ptolemäern trug Ptolemaios XII. den Spitznamen
Nothos, „Bastard“: Mittag, Unruhen S. 184. Nebenfrauen sind sicher keine Ausnahmeerschei-
nung gewesen. So erwähnt lust. 38, 8, 11 eine paelex des Ptolemaios VIII. Euergetes II.
304 lust. 35,1,7: nomen ei Alexandri inditur. Zur Funktion und Bedeutung des Namens ausführ-
lich Bohm, Imitatio S. 111 ff. Wichtig dort S. 112 auch ihre Richtigstellung gegen Hopp, At-
taliden S. 80 Anm. 116, der in Alexander lediglich einen Beinamen sieht. Vgl. außerdem Huß,
Ägypten S. 583.
305 Diod. 31, 32 a. Der Begriff umfaßt nicht nur Kleider und Schmuck, sondern auch kostbares
Geschirr, diverse Gerätschaften, Wagen und Diener: Ritter, Diadem S. 137 Anm. 2. Vgl. auch
Cicero Verr. 4,30,67, der Hofstaat und Ausrüstung des Antiochos Philometor bzw. Antiochos
XIII. als comitatus regius atque ornatus bezeichnet.
306 Schon Jones, Cities S. 201 hat gesehen, daß es sich bei Zenophanes wahrscheinlich um einen
Angehörigen der Priesterdynastie von Olba handelte. Der Name ist inschriftlich mehrfach
bezeugt: MAMA III S. 67ff. Nr. 63ff.; SEG 26, 1976/77, 1451 ff. Siehe auch oben Kap. I 2,
4 und unten Kap. II12; 13. Vgl. außerdem MacKay, Sanctuaries S. 2088 und Hopp, Attaliden
S. 80 mit Anm. 118.
307 Volkmann, Demetrios I. S. 403.
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander I. (154 ?)
147
Im Jahr 154 (?) erinnerten sich die gegen Demetrios I. verbündeten Könige
dieses in Kilikien residierenden Alexander (I.).308 Gemeinsam mit seiner Schwester
(?) Laodike309 reiste dieser im Auftrage Ptolemaios’ VIII. und Attalos’ II. im Früh-
jahr/Sommer 153 nach Rom.310 Mit der Führung dieser Mission wurde der
Milesier Herakleides, der ehemalige Finanzminister und Bruder des von Demetrios
I. beseitigten »Generalstatthalters der Oberen Satrapien*, Timarchos, betraut.
Im Sommer 153 befand sich auch der Sohn des regierenden Seleukidenkönigs, De-
metrios (II.), in Rom, um den Senatoren vorgestellt zu werden (Pol. 33, 18, 5).
Alexander (I.) hielt eine Ansprache, in der er die Senatoren bat, sich der cpiXia
Kai ovppaxia mit seinem , Vater* Antiochos IV. zu erinnern und ihn bei der Wie-
dergewinnung der Trarpcpa ötpxn zu unterstützen.311 Anschließend sprach Herak-
leides: Er hielt eine Lobrede auf den toten Antiochos IV., beschuldigte Demetrios I.
und beschwor die Senatoren, Alexander (I.) und Laodike „als den leiblichen Nach-
kommen des Königs Antiochos IV.“ (... ’Avtioxou tou ßacnXEcoc; ekyovoic Kara
cpvcnv: Pol. 33, 18,9) die Erlaubnis zur Rückkehr nach Syrien zu geben (Pol. 33,18,
9). Und tatsächlich gab ihnen der Senat die Erlaubnis (E^oucna), in ihr väterliches
Reich zurückzureisen (etd Tf|v Trarpcpav äpxnv KaTairopEVEcrOai), und beschloß,
ihnen zu helfen (ßoqÖEiv), wie sie es erbeten hatten (Pol. 33, 18, 12f.). Dabei hat
man in Rom jedoch keinesfalls an eine wirkliche Unterstützung des Alexander (I.)
in finanzieller oder gar militärischer Hinsicht gedacht. »Unterstützen* meinte hier
nicht viel mehr, als daß man dem Unternehmen keine Steine in den Weg legen
würde.312 Dennoch ließ der Senat keine Gelegenheit aus, Demetrios I. nach Mög-
lichkeit Schwierigkeiten zu bereiten, seit dieser sich durch seine Flucht aus Rom
einer Kontrolle offen entzogen hatte. Wie schon mit dem Beschluß zugunsten der
Unabhängigkeitsbestrebungen des Timarchos im Jahr 161 (siehe oben), so nahm der
Senat durch die Absegnung der vermeintlichen Ansprüche Alexanders (I.) auch
diesmal wieder eine schwere Destabilisierung der Verhältnisse in Syrien bewußt in
Kauf. Denn letztlich ließ sich dessen Thronbesteigung nur durch einen militärischen
Umsturz realisieren.313 Wie glaubwürdig mochten da noch die Worte der römischen
Senatoren klingen, wenn sie auf ihren Inspektionsreisen durch den Osten die Rolle
Roms als wohlmeinende und gerechte Ordnungsmacht priesen. Immerhin gab es
308 Vgl. auch Huß, Ägypten S. 582 f.
309 Bei dieser Laodike, die später nicht mehr in Erscheinung tritt, handelt es sich möglicherweise
um eine echte Tochter Antiochos* IV.: Bouche-Leclercq, Histoire I S. 333; Volkmann, Deme-
trios I. S. 404; Bohm, Imitatio S. 113 Anm. 60. Grainger, Prosopography S. 50 läßt die Ab-
stammungsfrage unentschieden.
310 Huß, Ägypten S. 583.
311 Pol. 33, 18,7 f. Walbank, Commentary III S. 560 f.
312 Walbank, Commentary III S. 561: “ ... the ‘help’ was little more than permission to help
themselves”. Gruen, Aftermath S. 92 spricht vom »grünen Licht*, das Alexander (I.) signali-
siert wurde; Bohm, Imitatio S. 114 Anm. 68; Huß, Ägypten S. 583 sieht darin eine »Abseg-
nung*.
313 Vom Gegenteil geht Gruen, Aftermath S. 92 aus, der meint, daß der Senat die Stabilität in
Syrien mit Alexander (I.) zu erhöhen suchte, da Demetrios’ I. Herrschaft schon stark bröckelte.
Diese Auffassung überzeugt jedoch nicht, siehe unten Kap. III.
148
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Polybios zufolge (33, 18, 10) eine Gruppe verantwortungsbewußter Senatoren, oi
pETptot, wie er sie nennt, die sich gegen das Alexander (L)-Abenteuer aussprachen.
A. Bouche-Leclercq, H. Volkmann, J. Briscoe und andere vermuten in diesen den
»Scipionenkreis*.314 Es dürfte sich vor allem um Senatoren handeln, die Ti. Semp-
ronius Gracchus und den Mitgliedern der Senatsgesandtschaft von 162/61 nahestan-
den, bzw. um diese selbst.315 Leider erfahren wir nichts von der Diskussion im Senat.
Statt dessen gibt Polybios die »Schuld* an dem in seinen Augen unglücklichen se-
natus consultum der „Zauberei“ (yor|Teia: 33, 18, 10) des Herakleides, hinter der
die handfeste Zahlung von Bestechungsgeldem stecken wird, und entlastet damit
die Senatoren.316
In Ephesos, das in hellenistischer Zeit Werbezentrale für Söldner war,317 ver-
brachten Herakleides und Alexander (I.) den Winter mit der Vorbereitung der Lan-
dung in Syrien. Viele angesehene Männer (avöpEC frncpaveK) schloßen sich dem
Unternehmen an (Pol. 33, 18, 13 f.).
Wie Josephus (ant. lud. 13, 36) erwähnt,318 hatte sich Demetrios I. in einen mit
vier Türmen umwehrten Palast bei Antiocheia zurückgezogen, wahrscheinlich als
Reaktion auf den Aufstand von 156 (?).319 Sein hochmütiges und unfreundliches
Wesen, seine angeblich träge und gleichgültige Art gegenüber den Staatsangelegen-
heiten machten den König bei der Bevölkerung unbeliebt, ja verhaßt.320 Als die
Stimmung für einen Thronwechsel in Syrien günstig schien, entschloß sich Alexan-
der (L), das Unternehmen zu wagen. Von Ephesos aus konnte er im Jahr 160 S. Ä.
(= 153/52) in Ptolemais an Land gehen,321 nachdem die Militärgamison der Stadt
von Demetrios I. abgefallen war (I. Makk. 10, 1; los. ant. lud. 13, 35). Auch die
Einwohner der Hafenstadt schlossen sich dem „Sohn des Antiochos Epiphanes“
314 Histoire I S. 335; Demetrios I. S. 386; Eastem Policy S. 61. Zum ,Scipionenkreis‘ vgl. H.
Strasburger, Der ,Scipionenkreis‘, Hermes 94, 1966, S. 60ff., der bezüglich der philosophi-
schen Interessen dieser Gruppe nachweist, daß es sich dabei im wesentlichen um ein Konstrukt
Ciceros handelt, der das Bildungserlebnis seiner Jugend im ,Kreise* der Scaevolae und der
Redner Crassus und Antonius in die frühere Zeit rückprojiziert.
315 Ti. Sempronius Gracchus war Konsul des Jahres 177 und 163 und der Schwiegervater des
Scipio: H. Strasburger, Der ,Scipionenkreis‘, Hermes 94,1966, S. 65.
316 Vgl. zu dieser Stelle auch Bouche-Leclercq, Histoire 1 S. 334f.
317 Volkmann, Demetrios I. S. 404 und Walbank, Commentary 111 S. 561 mit Hinweis auf Plautus*
Miles gloriosus. Vgl. auch Synkellos 350, 10, der Söldner ausdrücklich erwähnt; die Geld-
mittel dafür hatte Alexander (1.) von Ptolemaios Vlll.
318 los. ant. lud. 13, 35 f. basiert wohl nicht auf Polybios oder Nikolaos von Damaskos, wie
Marcus, Josephus S. 243 Anm. f. meint, sondern auf Poseidonios. Zu Poseidonios* Urteil über
Demetrios I.: Fischer, Partherkrieg S. 22. Siehe auch oben Kap. 11.
319 los. ant. lud. 13,36: dTroKÄdoac yap auröv eic TETparrupYtov n ßaoiXEiov, ö KaTEOKEuaoEv
auröc oök otcoOev rf|c ’AvnoxEiac, ... Vgl. dazu Ehling, Unruhen S. 320 mit Anm. 127.
Die Textstelle bei Josephus ist auch insofern interessant, als er hier nicht von einer avXq
spricht, die den eigentlichen Königspalast bezeichnet. Zu avXr], ßaaiXEtov und ßaaiXEia
siehe Kap. II 6 Anm. 447. Das ßacriXeiov des Demetrios 1. ist, soweit ich weiß, noch nicht
lokalisiert.
320 los. ant. lud. 13, 35; lust. 35, 1,8. Ehling, Unruhen S. 320; 331.
321 Pol. 33.18,14. Hopp, Attaliden S. 84.
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander 1. (154 ?)
149
an.322 Der Ausdruck eßaoiXeuaev gkei (L Makk. 10, 1) weist daraufhin, daß Alex-
ander I. in Ptolemais zum König ausgerufen wurde.323 Bei der Landung hat vermut-
lich Antigonos, der aus Milet stammende Nauarch des Alexander I., eine entschei-
dende Rolle gespielt.324 Der Herrschaftsantritt Alexanders I. ist in den Sommer 152
zu datieren,325 hingegen findet sich in der älteren Literatur, etwa bei U. Wilcken, E.
Schürer oder H. Volkmann, noch der Sommer 153.326
Beide Seleukidenkönige warben um Jonathan und die Juden als Bündnispartner.
Angesichts der bevorstehenden Auseinandersetzungen ging es auch darum, nicht in
einen feindlichen Aufstand in Judäa hineingezogen zu werden. Demetrios I. schickte
eine Gesandtschaft irEpi ovppaxio«; Kai euvotac mit einem Brief an Jonathan,327
in dem er diesem hohe Würden versprach und die Erlaubnis zu Truppenaushebungen
gab (I. Makk. 10, 6; los. ant. lud. 13, 38). Außerdem ließ er die seit 161 in Haft
gehaltenen Geiseln freigeben, die von der Besatzung der Akra auch tatsächlich an
Jonathan ausgeliefert wurden (I. Makk. 10,6; 9; los. ant. lud. 13,39f.). Die Jerusa-
lemer Akra blieb seleukidisch, aber Jonathan verstärkte die Mauern von Tempelberg
und Stadt (I. Makk. 10, 10f.; los. ant. lud. 13, 41). In den acht von Bakchides im
Jahr 161 angelegten Festungen konnten sich die Besatzungstruppen nicht mehr
halten und flohen nach Antiocheia (los. ant. lud. 13, 42). Nur Bet-Zur blieb in se-
leukidischer Hand und wurde zum letzten Zufluchtsort der jüdischen Hellenisten (I.
Makk. 10,12-14; los. ant. lud. 13, 42).
Aber Demetrios’ I. Gegenspieler Alexander I. war großzügiger und zu sehr viel
weitergehenden Konzessionen bereit: Er ernannte Jonathan nicht nur zum Hohen-
priester und machte den Hasmonäer damit offiziell zum höchsten Repräsentanten
des jüdischen Ethnos, sondern gab ihm auch den Titel eines cpiXoc; tou ßacnX&ot;.
Mit dem Ernennungsschreiben (I. Makk. 10,18-20) an seinen „Bruder“ Jonathan328
322 los. ant. lud. 13,35. Zur Beliebtheit des vierten Antiochos in den 40er Jahren des 2. Jahrhun-
derts vgl. Mörkholm, Posthumous (1983) S. 60.
323 Genau wie Demetrios I. im Jahr 162 nach seiner Landung in Tripolis (siehe oben Kap. II 2).
Wie Ritter, Diadem S. 137 f. gezeigt hat, wurde Alexander I. zwar von Attalos II. mit einem
Diadem ausgestattet (Diod. 31, 32 a), aber nicht „gekrönt“. Erst in Ptolemais trat er seine
Königsherrschaft an.
324 Herrmann, Milesier S. 183 ff. Siehe auch oben Kap. 12,2.
325 Hopp, Attaliden S. 84. Das Datum ergibt sich daraus, daß der von Alexander I. sehr bald nach
seiner Landung zum Hohenpriester ernannte Jonathan beim Laubhüttenfest im Oktober 152
erstmals in dieser Funktion auftrat (siehe unten).
326 Wilcken, Alexandres (22) Sp. 1437; Schürer, Geschichte S. 228; Volkmann, Demetrios I. S.
404.
327 Gesandte erwähnt los. ant. lud. 13, 37, nicht aber das I. Makkabäerbuch.
328 Mit aÖEXcpoc sprach der Seleukidenkönig den Ptolemäerkönig (OGIS 1257 = Welles, RC 71
= Austin, Hellenistic world 173 [Paphos]) an, siehe auch Kap. I 2,4. Willrich, Ordens-Wesen
S. 417 schreibt: „Vers 18-20 folgt dann ein Aktenstück, ein Brief Alexanders an Jonathan.
Alexander redet ihn als aÖEXcpoc an, ernennt ihn zum Hohenpriester der Juden und cpiXoc (im
technischen Sinne) des Königs und übersendet ihm ein Purpurgewand und einen Goldkranz.
Hierbei fällt die Anrede tw öcÖEXcpw auf, sie kann keinem cpiXoc zukommen, sondern nur
einem Angehörigen der höchsten Rangklasse, einem ouyyevifc, der Verfasser des Briefes kennt
also die Kurialien nicht“. Vgl. auch dens., Urkundenfälschung S. 36. Gauger, Beiträge S. 117 f.
schließt sich Willrich ausdrücklich an. - Richtig ist, daß die Anrede mit aÖEXcpoc innerhalb
150
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
übersandte Alexander I. die für die cpiXoi üblichen Insignien Purpurgewand
(TTopcpupa) und Goldkranz (oT&pavoc; xpvaovc;).329 Beim Laubhüttenfest des Jah-
res 160, d. h. etwa im Oktober 152, legte Jonathan erstmals das Gewand des Hohen-
priesters an (I. Makk. 10, 21; los. ant. lud. 13,46).
I. Makk. 10,25-45 (und dies in etwas überarbeiteter Form paraphrasierend los.
ant. lud. 13,48-57) überliefert ein weiteres Schreiben Demetrios’ I., bei dem es sich
aber, wie schon die ältere Forschung klar erkannt hat,330 auf keinen Fall um einen
authentischen Königsbrief handeln kann. Dafür sind die darin ausgesprochenen
Zugeständnisse an die Juden viel zu weitgehend, selbst wenn man in Rechnung stellt,
daß Demetrios I. hier Versprechungen machte, die er kaum je einzulösen die Absicht
hatte.331 So soll der König einen umfassenden Steuer- und Abgabennachlaß verspro-
chen haben (10, 29-31; 34; 42), die Rückgabe der Akra (10, 32), die Freilassung
aller jüdischen Kriegsgefangenen (10, 33), die Aufnahme von 30.000 Mann in die
königliche Armee,332 die Schenkung der Einkünfte der Stadt Ptolemais an den
Tempel von Jerusalem,333 die Stiftung von jährlich 15.000 Silberschekel (10, 40),
die Bestreitung der Kosten für den Wiederaufbau der Tempelgebäude und die Be-
festigung der Stadtmauer (10,44 f.) sowie noch einiges mehr.334 Dies alles geht weit
über das wahrscheinliche Maß hinaus.335 Dennoch handelt es sich bei diesem Brief
nicht um eine böswillige Fälschung. Treffend merkt E. Schürer an: „Man wird ...
annehmen dürfen, dass es sich mit dem Brief ähnlich verhält, wie mit den Reden,
welche die alten Autoren ihrer Geschichtsdarstellung einverleiben. Der jüdische
Verfasser lässt den Demetrius das schreiben, was der damaligen Situation angemes-
des seleukidischen Hoftitelsystems nur dem gvyycvik zukam, etwa dem .Reichskanzler* (II.
Makk. 11, 22), vgl. Ehling, »Reichskanzler* S. 104. Aber im Falle des Jonathan gilt diese
Anrede nicht dem cpiXoc;, sondern dem Hohenpriester. So wurde auch der Großpriester von
Olba, Zenas, als äbeXcpöc bezeichnet, siehe oben Kap. I 2, 4. Jüdischer Hohepriester und
ptolemäischer König stehen titular auf einer Stufe. Die Kritik von Willrich und Gauger ist
deshalb zurückzuweisen.
329 Diesen Kranz wird man sich vielleicht ähnlich dem bei Athenaios 5,211c erwähnten vorstel-
len. Zu diesen Kränzen vgl. Ehling, Freunde S. 45 mit Lit. in Anm. 38; 49.
330 Schürer, Geschichte S. 229 mit Anm. 14; Schubart, Königsbriefe S. 343; Willrich, Urkunden-
fälschung S. 36ff. Siehe oben Kap. 11,3. - Anders Schunck. 1. Makkabäerbuch S. 291, der
alle im I. Makkabäerbuch überlieferten Urkunden für echt hält, mit Ausnahme von I. Makk.
12,20-23 (Brief des Spartanerkönigs Areios an den Hohenpriester Onias zur Zeit des vierten
Seleukos, siehe oben Kap. 1 1,3).
331 Schürer, Geschichte S. 229 Anm. 14.
332 Dazu bemerkt Schürer, Geschichte S. 229 Anm. 14: „Auffallend ist auch die Parallele von 10,
36-37 mit dem Aristeas-Brief ... Wie nach letzterem Ptolemäus Lagi 30.000 Juden in den
Festungen verwendet hat, so verspricht Demetrios 30,000 Juden (dieselbe Zahl!) in sein Heer
aufzunehmen und zu Festungs-Besatzungen zu verwenden (in 10, 37, Anm. des Verf.). Die
Vermuthung, dass dies aus der Feder eines jüdischen Autors stammt, der den Aristeas-Brief
gekannt hat. ist kaum abzuweisen“.
333 Diese Schenkung ist historisch undenkbar.
334 So die höchst unwahrscheinliche Verleihung des /u’era-Status für Jerusalem: I. Makk. 10,31:
Kai lepouoaXrip qTto ayia ... „Jerusalem aber soll heilig sein ...**.
335 Schürer, Geschichte S. 229 Anm. 14.
4.) Außenpolitik des Demetrios 1. und Erhebung des Alexander 1. (154?)
151
sen war,.. .“.336 Entscheidend ist, daß die in dem Brief aufgeführten Steuerarten und
Abgabeformen, Tribut, Salzsteuer, Kranzsteuer, Naturalabgaben, Zehnte und Zölle,
historisch sein dürften.337 Allerdings wurden diese sicher nicht alle gleichzeitig er-
hoben. So konnte A. Mittwoch gegen die Auffassung von M. Rostovtzeff und E.
Bickermann wahrscheinlich machen, daß die Naturalabgaben, d.h. der dritte Teil
der Feld- und die Hälfte der Baumfrüchte (I. Makk. 10, 30; 11, 34), in der hohen-
priesterlosen Zeit zwischen 160 und 152 nicht zusammen mit dem cpopoc; veranlagt
wurden, sondern gerade als Ersatz für den (popoc dienten, für dessen Einsammlung
der Hohepriester verantwortlich war.338
Zu Demetrios I. hatten Jonathan und die Juden freilich kein Vertrauen mehr (I.
Makk. 10,46). Zu frisch und schmerzhaft waren noch die Erinnerungen an die Feld-
züge des Nikanor und Bakchides während der Jahre zwischen 162 und 158, in denen
Judas gefallen und Judäa hart unterworfen worden war. Deshalb hielten sie zu Alex-
ander I., den sie auch militärisch unterstützten.339 Demetrios I. zog alle Truppen
zusammen und marschierte gegen Alexander I. (los. ant. lud. 13,37). Seine beiden
Söhne, Antiochos (VII.) und Demetrios (II.), ließ er vorsichtshalber zu einem Gast-
freund nach Knidos in Sicherheit bringen.340 Das Heer des Alexander I. bestand aus
336 Geschichte S. 229 Anm. 14.
337 In 1. Makk. 10,29-31 heißt es: Kai vvv ättoXvw (= Demetrios I.) vpä£ Kai acpirjpi rravrac;
tovc ‘ lovöaiouc ättö twv cpöpwv Kai Tnc npf|c tov äXöc Kai ättö twv otecpävwv, 30 Kai
avn tov TpiTOü Tfjc ffiropäc; Kai Avti tov fjpioov^ tov Kapirov tov ^vXivov tov
ETnßäXXovTÖt; pot XaßEiv dcpiqpi ärrö ttk crrjpEpov Kai ett^keivo tov XaßEiv äirö YHC
Tovöa Kai airö twv Tpiwv vopwv twv TrpoanOEp^vwv avTfj öttö ttJc EapapmÖoc Kai
TaXiXaiac äirö ttjc oripEpov fip&pac Kai eic; töv arravra xpovov. 31 Kai lEpovoaXqp
fjrw ayia Kai äcpEipEvq Kai Ta öpia avTfjc, ai ÖEKarai Kai Ta TEXq. Schunck, 1. Makka-
bäerbuch S. 339 f. übersetzt: „Dazu befreie ich euch jetzt und entbinde alle Juden von den
Steuern, auch von der Salzsteuer und der Kronen(steuer). 30 Ebenso verzichte ich von heute
an und weiterhin darauf, (die Steuern) für den dritten Teil der Saatfrüchte und für die Hälfte
der Baumfrüchte, die zu erheben mir zusteht, vom Land Juda und von den drei Bezirken, die
ihm von Samaria [und Galiläa] angeschlossen wurden, von heute an und für alle Zeiten zu
erheben. 31 Jerusalem aber soll heilig sein und steuerfrei, ebenso sein Gebiet; <auf die>
Zehnten und Zölle verzichte ich“. Vgl. dazu auch Aperghis, Economy S. 169 ff. Zu Salz,
Salzgewinnung und Salzsteuer im Seleukidenreich ebenda S. 76f.; 154ff.
338 Mittwoch, Tribute S. 352ff. Gegen Rostovtzeff, History I S. 467 und Bikerman, Institutions
S. 131 f. Zustimmend zu Mittwoch: Bringmann, Reform S. 116 mit Anm. 25. Der cpopoc
betrug 300 Silbertalente und ist seit der Zeit des Seleukos IV. bezeugt: Sulp. Sev. Chron. 2,
17,5. Was die Höhe des <popo< betrifft, so ist bemerkenswert, daß der König von Juda, Hiskija,
zur Zeit der Assyrer (um 700) König Sargon II. 300 Talente Silber und dreißig Talente Gold
abliefem mußte (2. Kön. 18, 14). Die Seleukiden scheinen sich, zumindest was die Menge
des Silbers betrifft, an ihren orientalischen Vorgängern orientiert zu haben. Bringmann, Re-
form S. 117 weist darauf hin, daß die Steuerlast, die der jüdische Bauer zu tragen hatte, in
seleukidischer Zeit vermutlich höher war als unter Kaiser Augustus.
339 So I. Makk. 10. 47. In welcher Form und in welchem Umfang, wird nicht näher ausgeführt.
340 lust. 35,2,1. Daß einer der beiden Söhne Demetrios (II.) war, sagt lust. 35,2,3 ausdrücklich.
Der andere war mit größter Wahrscheinlichkeit der spätere König Antiochos VII. Der dritte
namentlich bekannte Sohn des Demetrios I., Antigonos, ist vermutlich erst nach 152 geboren
worden, vgl. Ehling, Miszellen S. 376, wo der Verfasser zu zeigen versucht, daß nicht Deme-
trios II. der älteste Sohn des Demetrios I. war, sondern Antiochos VII. Anders Bevan, House
152
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Söldnern und Soldaten, die von Demetrios I. abgefallen waren (los. ant. lud. 13,58).
Neben jüdischen Kontingenten kämpften auch ptolemäische Truppen für Alexander
I., die ihm von Ptolemaios VI. Philometor zur Unterstützung geschickt worden wa-
ren und unter dem Kommando des Galaistes, des Königs der Athamanias, standen.341
Nach einem keilinschriftlichen Zeugnis zu schließen, führte Demetrios I. 25 Ele-
phanten ins Treffen.342 Bei einem ersten Kampf blieb Demetrios I. siegreich (lust.
35, 1, 10). In der anschließenden Entscheidungsschlacht unterlagen jeweils die bei-
den rechten Flügel, auf denen die Könige gekämpft hatten. Alexanders I. Lager
wurde geplündert. Demetrios I. geriet bei der Flucht in morastiges Gelände; sein
Pferd stürzte, der König wurde umzingelt. Im dichtesten Haufen heldenhaft kämp-
fend fand er im Hagel der Lanzen den Tod.343 Diese bei Josephus ant. lud. 13,59-61
und lustin 35,1,11 überlieferte heroische Version geht aller Wahrscheinlichkeit nach
auf den verlorenen Bericht des Polybios zurück, der ja mit Demetrios I. während
dessen Zeit in Rom freundschaftlich verkehrt hatte.344 Dagegen stellt das I. Makka-
bäerbuch die Kampfeskraft des Alexander I. heraus (10,48-50).
Wie die datierte Münzprägung zeigt, hatte Alexander I. im Jahr 151 die phöni-
kische Küste unter seine Kontrolle gebracht. Sowohl in Sidon als auch in Tyros,
Berytos und Seleukeia in Pierien wurden mit dem Datum BEP (= 162 S. Ä. = 151/50)
Tetradrachmen mit dem Bildnis Alexanders I. geschlagen.345 Mit dem Datum BEP
wurden in Antiocheia die letzten Münzen für Demetrios I. ausgegeben346 und noch
mit demselben Datum Bronzemünzen ausgebracht, die auf der Vorderseite Antiochos
IV. als Dionysos darstellen.347 Für Alexander I. sind dort bislang nur Münzen (Te-
il S. 302 Appendix P zu S. 223, der in Antigonos den ältesten Sohn sah. Danach Piejko, Pto-
lemies S. 129 und Grainger, Prosopography S. 8. Zum Ende des Antigonos siehe unten Kap.
II 5. In Knidos lebt später auch Demetrios (III.) bis zu seiner Erhebung zum König im Jahr
98/97.
341 Diod. 33,20. Volkmann, Demetrios I. S. 405. Galaistes war ein (piXoc des Ptolemaios VI. und
wird von Diodor als tojv bwapevcov tcüv dtrö ’AXe^avöpeiac fiYSP^v bezeichnet. Vgl.
auch E Heichelheim, Die auswärtige Bevölkerung im Ptolemäerreich (Klio, Beihefte 18, Neue
Folge, Heft 5), Leipzig 1925, S. 53 und Mooren, Titulature S. 71 Nr. 027.
342 Sachs/Hunger, Astronomical Diaries IIIS. 87 Nr. 149 Z. 8-11; Del Monte, Testi 91 ff.
343 lust. 35, 1, 11: Ad postremum tarnen invicto animo inter confertissbnos fortissime dimicans
cecidit, los. ant. lud. 13,61. Die Überlieferung geht vermutlich auf Polybios zurück: Malitz,
Poseidonios S. 271. Zu den im Gefecht verletzten oder getöteten hellenistischen Königen vgl.
Bikerman, Institutions S. 13; Preaux, Monde hellenistique S. 195 ff.; Austin, Krieg und Kultur
S. 148. Zum martialischen Charakter der hellenistischen Monarchien vgl. die treffenden
Ausführungen von Gehrke, König S. 255 ff. Siehe auch die ,Todesstatistik' in der Einleitung
S. 25 f. unter Punkt 4.
344 Siehe oben Kap. 11,1.
345 Sidon: Naville, Kat. 10, 1153f.; CSE713; SNG Israel 1 1512.Tyros: Naville, Kat. 10, 1152;
CSE 742; SNG Israel I 1527 f. Berytos: SNG Israel I 1501; Sawaya, Berytos S. 111; 115 f.;
Seleukeia: Sawaya, Berytos S. 111.
346 Newell, SMA S. 43 Nr. 128 ff.; SNG Israel I 1288 f. Darunter auch die goldenen zwei- und
zweieinhalbfachen Statere (CSE 164-166), die, wie C. Lorber, Numismatic Fine Arts, Los
Angeles, Kat. 18,1987,352 vermutet, als Ehrengeschenke an hohe Funktionäre gedient haben
könnten. Zustimmend Meyer, Königin S. 117. Siehe auch oben Kap. I 1.
347 SNG Israel 11485 f. Mörkholm, Posthumous (1983) S. 57 ff. Diese Prägungen gehören in jene
4.) Außenpolitik des Demetrios I. und Erhebung des Alexander I. (154?)
153
tradrachmen und Drachmen) mit dem Datum TEP (= 163 S. Ä. = 150/49) bezeugt,348
genau wie von Apameia.349 Danach befand sich die Reichshauptstadt erst seit Ok-
tober 150 fest in den Händen des Gegenkönigs.350 Die Datierung der Entscheidungs-
schlacht zwischen Demetrios I. und Alexander I. durch E X. Kugler in die Zeit
zwischen 27. September 151 und 23. März 150,351 die H. Volkmann akzeptiert hat,352
ist, nach den Münzzeugnissen zu urteilen, zu früh angesetzt. Solange keine Münze
mit dem Datum 162 S. Ä. aus der Münzstätte Antiocheia für Alexander I. belegt ist,
wird man seinen Sieg über Demetrios I. eher später als März 150 datieren müs-
sen.353
Obwohl Demetrios I. bei seinen Untertanen wenig beliebt war, ist er in der mo-
dernen Forschung positiv beurteilt worden. A. v. Gutschmid nannte ihn einen „der
begabtesten des reichbegabten Seleukidengeschlechts“,354 und H. Volkmann be-
zeichnet Demetrios I. als kraftvolle Persönlichkeit, die versucht habe, „dem sy-
rischen Reich noch einmal die verlorene politische Selbständigkeit wieder zu ero-
bern“.355 In der Tat muß Demetrios I. mit so energischen und politisch aktiven
Königen wie Antiochos IV. und Antiochos VII. verglichen und in eine Reihe gestellt
werden.
kurze Zwischenphase, als die Truppen des Demetrios I. die Stadt bereits verlassen und die des
Alexander I. die Kontrolle über Antiocheia noch nicht errungen hatten. In dieser prekären
Situation wollten sich die Antiochener offenbar auf keinen der beiden Könige festlegen und
wählten deshalb für ihre Münzprägung einen »neutralen* Typ. Da sich Alexander I. als Sohn
des vierten Antiochos ausgab bzw. vermutlich sogar tatsächlich ein unehelicher Sohn des
Antiochos IV. war (siehe oben), stand dieser Münztyp aber Alexander I. tendenziell näher. -
Auf die besprochenen Münzen hat zuerst F. M. Heichelheim, Numismatic Comments. I. Ce-
bren, not Sigeum. II. A Seleucid Pretender Antiochus in 151/0 B. C., Hesperia 13, 1944, S.
363 f. mit Taf. XIV, 3 aufmerksam gemacht. Heichelheim vermutet, daß es sich bei dem in
der Reverslegende genannten Antiochos um einen sonst nicht weiter bezeugten Gegenkönig
gehandelt haben könnte. Die richtige Deutung der Bronzestücke verdanken wir M0rkholm.
348 Newell, SMA S. 46 f. Nr. 135 ff.; SNG Israel I 1417 ff.; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt.
1999,499.
349 CSE 441-443; SNG Israel I 1487-1494; Sawaya, Berytos S. 111. Zu diesen Münzen, die auf
der Rückseite das Ethnikon AIIAMEQN und nicht den Königstitel und -namen tragen, vgl.
auch O. D. Hoover, Quasi-Municipal Coinage in Seleucid Apamea: Countermarks and Coun-
terrevolution, SNR 80, 2001, S. 21-33. Die Münzen wurden später, vermutlich im Frühjahr
145, auf Anordnung von Beamten des Demetrios II. mit einem Gegenstempel versehen, um
sie im Umlauf zu halten. Der Gegenstempel besteht aus einem Palmzweig, der auch als Bei-
zeichen auf antiochenischen Münzen des Demetrios II. erscheint (CSE 217-220) und der auf
den Sieg des Demetrios II. über Alexander I. hin weist. Zu diesen Ereignissen siehe unten Kap.
II 5.
350 Houghton, Tetradrachm S. 157.
351 F. X. Kugler, Von Moses bis Paulus, Münster 1922, S. 331.
352 Demetrios I. S. 405 Anm. 1.
353 So auch Del Monte, Testi S. 92.
354 Geschichte Irans und seiner Nachbarländer von Alexander dem Großen bis zum Untergang
der Arsaciden, Tübingen 1888, S. 43. Zustimmend Th. Fischer, Ein delphisches Rätsel?, SNR
74, 1995, S. 25.
355 Demetrios I. S. 402.
154
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
5.) REGIERUNG DES ALEXANDER I. (150-145) UND
ERHEBUNG DES DEMETRIOS II. (147)
Gleich zu Beginn seiner Alleinherrschaft schickte Alexander I. eine Gesandtschaft
nach Alexandreia.356 Der neue König suchte nun offiziell um Freundschaft (cpiXia)
mit Ptolemaios VL Philometor357 nach und hielt um die Hand seiner Tochter Kleo-
patra, die später den Beinamen Thea führte, an.358 Die Initiative ging zwar von
Alexander I. aus, doch geht der Hochzeitsplan, wie H. Volkmann überzeugend ver-
mutet,359 auf Ptolemaios VI. zurück, der durch das Bündnis und die dynastische
Verbindung mit dem Seleukiden Zugriff auf Phönikien und Koilesyrien zu bekom-
men suchte.360 Ptolemaios VL beglückwünschte Alexander I. brieflich dazu, daß er
in das Land seiner Väter zurückgekehrt sei 361 und erklärte sich mit der dynastischen
Verbindung einverstanden. Im Jahr 150362 zog Ptolemaios VI. in Begleitung seiner
Tochter nach Ptolemais, wo beide schon von Alexander I. erwartet wurden. In der
Stadt wurde die Hochzeit (yapoc;) „im großen Glanz“ gefeiert (I. Makk. 10, 58: ev
Ö62;n jueyccXri). Alexander I. machte Geschenke (I. Makk. 10, 54), und Kleopatra
brachte eine reiche Mitgift an Gold und Silber in die Ehe mit (los. ant. lud. 13, 82).
Alle cpiXot des Alexander I. und Ptolemaios VI. waren in Ptolemais zugegen.363
Auch der jüdische Hohepriester Jonathan, der schriftlich eingeladen worden war,
traf mit großem Gefolge ein und brachte wertvolle Geschenke für die beiden Könige
und ihre Freunde mit.364 Dafür bekam er das für die irpcoTot cpiXot übliche Purpur-
356 Zum folgenden vgl. Niese. Geschichte III S. 262; Bevan, House II S. 212.
357 Zu dessen Syrienpolitik vgl. Hölbl, Geschichte S. 169 ff.
358 Das Schreiben des Alexander I. wird in I. Makk. 10.52-54 und los. ant. lud. 13,86 paraphra-
siert wiedergegeben. Vgl. auch Volkmann, Demetrios I. S. 405 f. und Hölbl, Geschichte S.
170. Der Beiname wird auf späteren Inschriften und Münzen überliefert: Landau, Inscription
S. 118 ff. und SNG Israel 12467 ff.; 2491 f. Wie A. Bouche-Leclercq, Histoire des Lagides, II:
Decadence et fin de la dynastie (181-30 avant J.-C.), Paris 1904 (Nachdruck Brüssel 1963).
S. 48 Anm. 2 erkannt hat, erhielt sie diesen anläßlich der Hochzeit mit Demetrios II., siehe
unten. Eine Biographie dieser bemerkenswerten Königin gibt G. H. Macurdy, Hellenistic
Queens, Baltimore/London/Oxford 1932, S. 93 ff. Was aus Laodike geworden ist, mit der
Alexander I. in Rom war, ist nicht überliefert.
359 Vblkmann, Demetrios I. S. 405 f.
360 Zum Interesse der früheren Ptolemäer an Koilesyrien vgl. Jahne, „Syrische Frage“ S. 501 ff.
Wie Pol. 5, 86, 10 schreibt, gab es in Koilesyrien und Phönikien gerade bei der breiten Be-
völkerung immer Sympathien für die Ptolemäer. Vgl. dazu auch Ehling, Unruhen S. 332 ff.
361 Die Formel I. Makk. 10.55:... äveoTpetpat; eic yrjv TrotTEpcov oov entstammt der Kanzlei-
sprache. Vgl. den ähnlichen Ausdruck in 1. Makk. 15,3, wo Antiochos VII. vom „Königreich
unserer Väter“ ßaoiXeia tcdv Trar^pcov i’ipcov spricht.
362 I. Makk. 10, 57: 162 S. Ä. (= 151/50).
363 I. Makk. 10,60. Ptolemais hieß spätestens seit der Zeit Antiochos* IV. Antiocheia in Ptolemais:
Newell, LSM S. 3 f. und A. B. Brett, Seleucid Coins of Ake-Ptolemais in Phoenicia, ANSMN
1. 1945, S. 19.
364 I. Makk. 10,60; los. ant. lud. 13, 83. Savalli-Lestrade, Philoi S. 82. Die Feierlichkeiten wer-
den sich über Tage hingezogen haben.
5.) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung des Demetrios II. (147) 155
gewand von Alexander I. überreicht365 und durfte an der Festtafel in der Nähe des
Königs Platz nehmen.
Ptolemais wurde zunächst Residenzstadt des Alexander I.366 Wahrscheinlich
herrschte dort eine Clique ptolemäischer Höflinge unter Führung des Ammonios.
Dieser wird als 7rpoeoTr|K(bc Tfjc ßaaiXeiac bezeichnet367 und war vermutlich der
»Reichskanzler* des Seleukidenkönigs.368 Da der Name Ammonios in Ägypten und
der Kyrenaika am häufigsten vorkommt, ist es wahrscheinlich, daß er vom Hofe des
Ptolemaios VI. kam und dem Alexander I. als »Aufpasser4 an die Seite gestellt
wurde.369 Im Auftrag des Alexander I. ermordete der »Kanzler4 Laodike,370 die
Schwester und offizielle Gattin des gefallenen Demetrios 1.» ihren jüngsten Sohn
Antigonos371 und die cpiXoi des Demetrios I. (Liv. per. 50).
Im Mittelpunkt des Hofes stand Kleopatra. Obwohl noch ein Kind,372 stellen
die Münzen sie als junge Frau dar. Daß Alexander I. nicht viel mehr als ein Vasall
seines Schwiegervaters Ptolemaios VI. war, dessen Funktionäre im Palast regierten,
zeigen die sehr wahrscheinlich anläßlich der Hochzeit geprägten Goldstatere und
Tetradrachmen mit dem hintereinander gestaffelten Doppelbildnis des Braut-
paares:373 Die Münzbüste der Kleopatra erscheint vor der des Alexander I.» wodurch
ihre höhere Würde angezeigt wird. Auf dem Kopf trägt sie einen Kalathos; hinter
ihrer Schulter sind ein Füllhorn mit Früchten, Weintrauben und Ähre sichtbar.374
365 I. Makk. 10,62; 10,65. Zu den Purpurgewändern der <piXoi: Bikerman, Institutions S. 32 und
Ehling, »Reichskanzler4 S. 104. In den lateinischen Quellen heißen die cpiXoi auch einfach
purpurati (Liv. 37,23,7). In II. Makk. 8,35 wird das „leuchtende Gewand“ (öo^ikcc SoOifc),
d.h. »Prachtgewand* des seleukidischen Generals Nikanor erwähnt.
366 Auf „ägyptischen Einfluß hin“: Volkmann, Demetrios 1. S. 406. Ptolemais wurde aber auch
deshalb als Residenzort gewählt, weil die Stadt Alexander I. im Sommer 152 aufgenommen
hatte und der neue König hier offenbar stärkeren Rückhalt in der Bevölkerung besaß.
367 Diod. 33,5,1. Denselben Ausdruck verwendet er in 33,4,1 für Lasthenes, der vermutlich der
,Reichskanzler* des Demetrios II. war: Ehling,,Reichskanzler* S. 103; Muccioli, Titolature
S. 302 mit Anm. 29.
368 Bouche-Leclercq, Histoire IS. 343; Ehling, »Reichskanzler* S. 103.
369 Ehling, »Reichskanzler* S. 103 und ders., Unruhen S. 323. Ebenso der mit ziemlicher Sicher-
heit aus Alexandreia kommende Hierax, der gemeinsam mit Diodotos (Tryphon) in Antiocheia
kommandierte. Denn dieser floh, wie Diod. 33,22,1 schreibt, nach dem Tode des Ptolemaios
VI. nach Ägypten, siehe unten. Zu Hierax vgl. Grainger, Prosopography S. 94.
370 Zu dieser Laodike vgl. Niese, Geschichte III S. 263 mit Anm. 1.
371 Ehling, Miszellen S. 376. Anders Bevan, House IIS. 302 Appendix P zu S. 223. Er hält An-
tigonos für den älteren Sohn.
372 los. ant. lud. 13, 8: trau;. Das Geburtsjahr ist nicht überliefert: G. H. Macurdy, Hellenistic
Queens, Baltimore/London/Oxford 1932, S. 94, sie dürfte aber um die 15 Jahre alt gewesen
sein: Ogden, Polygamy S. 149.
373 Houghton, Alexander I S. 85-93 mit Taf. 10; SNG Cop. 267; CSE 407 = Bank Leu, Zürich,
Kat. 52, Mai 1991, 119; SNG Israel I 1483. Fleischer, Herrscherbildnisse S. 76; Meyer, Kö-
nigin S. 114 mit Abb. 8. Die auf der Hand des Zeus stehende Nike auf der Münzrückseite ist
dem Betrachter zugewandt und hält ein Blitzbündel. Zum Blitzbündelmotiv vgl. die bei App.
Syr. 58,299 überlieferte Gründungssage von Seleukeia in Pierien.
374 Eine genaue Beschreibung des Münzbildes gibt Fleischer, Herrscherbildnisse S. 76 f.
156
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr.
E. Brunelle sah sie an die kleinasiatische Artemis angenähert,375 das Vorbild wird
aber die Göttin Tyche gewesen sein;376 Kalathos und Füllhorn sind als Hinweis auf
den Wohlstand zu verstehen, den die Königin ihren Untertanen gewährt.377
Die enge politische Verbindung zwischen Alexandreia und Ptolemais brachte
eine Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen mit sich. Dies läßt sich daran
ablesen, daß die Städte Ptolemais,378 Tyros,379 Sidon380 und Berytos381 Silber-
münzen nach phönikisch-ägyptischem Gewichtsstandard und mit dem Bild des
ptolemäischen Adlers auf der Rückseite ausprägten.382 Alexander I. ist der erste
Seleukidenkönig, der in den Städten Phönikiens derartige Tetradrachmen und Drach-
men in großem Umfang schlagen ließ.
Alexander L selbst betrieb eine ostentative imitatio Alexandria wie seine Bron-
zemünzen zeigen, die ihn mit Löwenexuvie abbilden.383 Sein Porträttyp lehnt sich
an das Bildnis Antiochos’ IV. an, weist aber auch Züge Alexanders d. Gr. auf.384 Das
Epitheton Theopator betont seine Abkunft von dem vergöttlichten Antiochos IV.385
Das Hauptreversmotiv der Tetradrachmen, der Zeus Nikephoros, ist eine klare
Anlehnung an die Münzprägung Antiochos’ IV.386 - Insgesamt spiegelt der Typen-
reichtum der Silber- und Bronzemünzen seine Legitimitätsbestrebungen wider,387
möglichst viele Götter für sich zu vereinnahmen. Neu erscheint jetzt etwa Dionysos
auf seleukidischen Münzen.388
375 E. Brunelle, Die Bildnisse der Ptolemäerinnen, Frankfurt am Main 1976, S. 69; 72. Das Füll-
horn vergleicht sie S. 69 wenig überzeugend mit dem Köcher der Artemis.
376 Houghton, Alexander I S. 93; Fleischer, Herrscherbildnisse S. 76.
377 Zur Füllhomsymbolik bei den Seleukiden vgl. Bemmann, Füllhörner S. 112ff. bes. 115f.
Siehe auch oben Kap. I 3,2.
378 CSE 796 f.
379 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 51 Nr. 6; Naville, Kat. 10, 1157 ff. (163 S. Ä. = 150/49);
1166f.(164S.Ä.= 149/48); 1171 ff. (165S. Ä.= 148/47); 1174(166S.Ä. = 147/46); 1177f.
(167 S. Ä. = 146/45); CSE 742 ff. (162 S. Ä. = 151/50).
380 Naville, Kat. 10, 1168ff. (164 S. Ä. = 149/48); 1170 (165 S. Ä. = 148/47); CSE 713 (162 S.
Ä.= 151/50).
381 Naville, Kat. 10, 1161 ff. (163 S. Ä. = 150/49); SNG Cop. 268.
382 Babelon, Rois S. CXXVf.; Wilcken, Alexandros (22) Sp. 1438; E. Rogers, The Second and
Third Seleucid Coinage of Tyre (ANSNNM 34), New York 1927, S. 3 ff.: Hölbl, Geschichte
S. 170; Salzmann, Bildnis S. 252 f.
383 Ausführlich zu seiner imitatio Alexandri: Bohm, Imitatio S. 105 ff.; vgl. außerdem Fleischer,
Herrscherbildnisse S. 61 mit Taf. 31 f.; CSE 204; SNG Italia. Mailand. Band XII. Syria- Bact-
ria et India. 1. Seleucides (reges) - Chalcidice, Mailand 1992, 250-254; SNG Israel I 1448-
1464; Ehling, Geschichte S. 145 mit Taf. 2,4, siehe auch oben Kap. 11,2.
384 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 61.
385 Mit dem Theopator sollte das Eupator des Antiochos V. übertrumpft werden: Fleischer, Herr-
scherbildnisse S. 61. Sein zweiter Beiname ist Euergetes. Die Münzen bei Babelon, Rois S.
108 Nr. 850 und S. 113 Nr. 886 mit den Beinamen Epiphanes Nikephoros gehören nicht zu
Alexander 1., sondern sind unter Alexander II. geprägt worden.
386 Auf den Drachmen erscheint dann der auf dem Omphalos sitzende Apollon: CSE 185-192.
387 Volkmann, Münzprägung S. 61 ff.
388 CSE 199; Ehling, Alexander II. S. 3 f. Dies geht auf ptolemäische Anregungen zurück, siehe
unten Kap. II 6.
5.) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung des Demetrios II. (147) 157
Der sympathischste Zug an Alexander I. ist sein Umgang mit epikureischen und
stoischen Philosophen und Literaten, die er mit Gunstbezeugungen zu überhäufen
pflegte.389 Athenaios (5, 211 a-d)390 überliefert einen netten Scherz, den sich der
König gegenüber dem Epikureer Diogenes von Seleukeia am Tigris erlaubte,391 der
hier erzählt werden soll, da er eines der seltenen Schlaglichter auf das Leben am
Seleukidenhof wirft: Diogenes wünschte sich von Alexander I. ein Purpurgewand
und einen besonderen Goldkranz, dessen Mittelmedaillon das Antlitz der Göttin
Arete darstellen sollte,392 als deren Priester der Philosoph zu gelten beanspruchte.
Der König gewährte ihm das Gewünschte. Als sich Diogenes in eine Schauspielerin
verliebte, verschenkte er die königlichen Präsente an diese weiter. Alexander L, der
davon gehört hatte, lud beim nächsten Symposion auch Diogenes ein und forderte
ihn auf, doch mit jenem Kleid und Kranz zur Tafel zu erscheinen. Diogenes wurde
gebeten, neben dem König Platz zu nehmen, mußte aber zugeben, Gewand und
Goldkranz verschenkt zu haben. Als Alexander I. dann zur Unterhaltung seiner Gäste
eine Schauspieltruppe auftreten ließ, erkannte Diogenes unter dem Gelächter der
Anwesenden auch seine Geliebte wieder, die mit besagtem Gewände bekleidet war
und den Kranz mit dem Bildnis der Arete auf dem Kopf trug.393 Ansonsten wird
389 Volkmann, Demetrios I. S. 406. Wilcken, Alexandros (22) Sp. 1438 sieht darin „kaum mehr
als ein Kokettieren mit den geistigen Interessen im Geschmack der Zeit“. Alexander I. selbst
hing der Lehre der Stoa an: Athen. 5, 211 a. Zu den Philosophen am Seleukidenhof vgl. W.
Crönert, Der Epikureer Philonides (Sitzungsbericht der Königlich Preußischen Akademie der
Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, Band 2). S. 942 ff. und dens., Die Epikureerin Syrien,
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts, 10, 1907, S. 145 ff.; Bikerman,
Institutions S. 39 f.; E. Leuteritz, Paidaia und Randgruppen der Gesellschaft, (Diss.) München
1997, S. 65 ff. (zu dieser Arbeit vgl. aber die zu Recht kritische Rezension von G. Weber: Klio
83, 2001, S. 245 ff.); Ehling, Miszellen S. 377f. und dens., Freunde S. 48 ff.
390 Zur möglichen Abhängigkeit dieser Stelle von Poseidonios vgl. Malitz, Poseidonios S.
272 f.
391 Zu diesem ausführlich: Savalli-Lestrade, Philoi S. 75 f.
392 Vgl. den Goldkranz mit dem Mittelbild der Athena im British Museum GR 1877.9-10.1 (Je-
wellery 1632), der in die Zeit zwischen 300 und 280 datiert wird. Den Goldkranz des Diogenes
wird man sich wohl ähnlich vorstellen dürfen. In einem spätptolemäischen Grabgedicht (U.
von Wilamowitz-Moellendorff, Zwei Gedichte aus der Zeit Euergetes* II., APF 1, 1901, S.
219-225) wird eine piTpa zum ersten Mal als Abzeichen der ptolemäischen ovyYSveK er-
wähnt. In seiner Nachbemerkung zu diesem Beitrag vermutet U. Wilcken ebenda S. 225, daß
es sich bei der pirpa um einen „goldenen Lorbeerkranz“ handeln könnte. Da die Abzeichen
der ptolemäischen und seleukidischen auwevei^ - nach Wilcken - gleich oder sehr ähnlich
gewesen sein werden, könnte es sich bei dem erwähnten Goldkranz des Diogenes um eine
solche piTpa gehandelt haben: Ehling, Freunde S. 49. Diese ouwevei^-Kränze sind anschei-
nend den Priesterkränzen sehr ähnlich gewesen: In den aus dem Jahr 193 stammenden In-
schriften von Nihavand (ein antikes Laodikeia im heutigen Iran) und Dodurga (in Phrygien)
- vgl. L. Robert, Inscriptions seleucides de Phrygie et d’Iran, Hellenica VII. Paris 1949, S. 7
Z. 23 f. (Nihavand) bzw. S. 10 Z. 25 f. (Dodurga) - heißt es, daß die Oberpriesterinnen
(äpXiEpEiai) der Laodike goldene Kränze mit dem Bildnis der Königin tragen sollen ...
(popqoouoiv oTEcpavovc XPU<J°ÖC exovrac; eikovog aÜTfjc;(= Laodike).... Vgl. dazu zuletzt
Müller, Archiereus S. 527. Hingegen trugen die persischen ouyYevEic Diademe: Neuffer,
Kostüm S. 34.
393 Bevan, House II S. 214; D. Braund, Athenaeus, On the Kings of Syria, in: D. Braund/J. Wil-
158
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr.
Alexander I. als rechter Wüstling geschildert, der sich im Königspalast mit einem
ganzen Harem von Prostituierten vergnügte.394
Über die eigentliche Regierungstätigkeit des Alexander I. berichten die Quellen
wenig. Noch während der Feierlichkeiten des Jahres 150 hatte der König Jonathan
in Ptolemais zum OTpaTriyöc Kai pepiöapxn^ von Judäa ernannt.395 Daß es in
Judäa noch Hellenisten gab, erfahren wir aus I. Makk. 10, 61, aber der Seleukide
verweigerte ihnen jede Unterstützung, als sie bei ihm in Ptolemais vorsprachen. Die
syrische Hauptstadt wurde von zwei ehemaligen Generalen des Demetrios L, Hierax
und Diodotos,396 die noch rechtzeitig die Seite gewechselt hatten, verwaltet (Diod.
33,3). Vor allem wegen des korrupten Regimes seines »Reichskanzlers* Ammonios
wurde Alexander I. in Syrien unbeliebt.397 Bezeichnend ist, daß der .Erste Minister*
den Streit zwischen Marathos und Arados nicht unparteiisch zu schlichten versuchte,
sondern sich mit der Summe von 300 Talenten bestechen ließ und dafür bereit war,
Marathos dem Untergang zu überantworten.398
In den beiden Jahren 149/48 und 148/47 prägten die Städte Antiocheia, Seleu-
keia in Pierien, Apameia (?) und Laodikeia am Meer (?) gemeinsam Bronzemünzen
aus, die auf der Rückseite alle die Genitivlegende AAEA<I>QN AHMQN tragen.399
Der historische und politische Hintergrund dieser Adelphoi Demoi-Wzg\ingen bleibt
im Dunkeln. Nur bei Strabon (16,2,4 = 749 wohl nach Poseidonios)400 gibt es den
kurzen Hinweis, daß diese Städte „ihrer Eintracht wegen sich gegenseitig Schwes-
tern nannten“ (eXeyovto aXXf|Xcov döeXcpai öia Tqv öpovoiav, ...).401 Diese
Notiz könnte auf die Verhältnisse der Zeit um 150 zurückgehen. Warum der ,Städ-
kins (Hg.), Athenaeus and his World. Reading Greek Culture in the Roman Empire. Exeter
2000, S. 514 ff.
394 lust. 35, 2, 2. Bei Livius (per. 49) wird dieser König außerdem als Freund der guten Küche
charakterisiert.
395 I. Makk. 10,65. Bengtson, Strategie IIS. 172. Meyer, Ursprung IIS. 256 übersetzt pEpiÖdpxnC
mit „Bezirkobersten“. Während der oTparriYoC ein militärisches Amt ist. dürfte der
jiEpiödpxqc ein ziviles Amt sein.
396 Bei Diodotos handelt es sich um den späteren König Tryphon (141—Mitte? 137), siehe un-
ten.
397 los. ant. lud. 13, 108; 112 bezeugt dies ausdrücklich für die Antiochener.
398 Dem die Stadt dann mehr oder minder nur durch Zufall entging: Diod. 33, 5, 1-6. Vgl. dazu
Niese, Geschichte III S. 279 Anm. 3: Malitz. Poseidonios S. 276 f.; Grainger, Cities S. 159;
dens., Prosopography S. 76. Einen Überblick über das Thema Korruption in hellenistischer
Zeit gibt L. Mooren, Korruption in der hellenistischen Führungsschicht, in: W. Schuller,
Korruption im Altertum, München/Wien 1992, S. 93-101.
399 Münzstätte war vermutlich Seleukeia in Pierien: Wroth, BMC Galatia S. 15 If. Nr. 1-11;
Hunter III S. 141 f.; SNG München 576ff. Motive der Münzen sind Blitzbündel, thronender
Zeus und Dreifuß. Nach Seyrig (zitiert nach Bellinger, End S. 60 Anm. 6) wurden die Münzen
nur für Antiocheia und Seleukeia in Pierien geprägt, da sie dort unter den Fundmünzen häu-
figer vorkommen, während sie in Apameia und Laodikeia fehlen. Es muß also offen bleiben,
ob die Münzen auch für jene beiden Städte geprägt wurden. Vgl. auch Downey, Antioch S.
121 mit Anm. 11; 143 und Grainger, Cities S. 152f.
400 Malitz, Poseidonios S. 42 ff.; 264 f. betont, daß Strabon die Historien des Poseidonios zwar
kannte, doch läßt sich eine direkte Benutzung nicht erweisen. Siehe auch oben Kap. 11,1.
401 Die Städte hießen „Schwestern“, die Gemeinden (Demoi) „Brüder“.
5.) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung des Demetrios II. (147) 159
tebund’ schon 147/46 keine gemeinsamen Münzen mehr ausbrachte, läßt sich nicht
mit Sicherheit sagen. Dies könnte wirtschaftliche Gründe gehabt haben, d.h., daß
kein aktueller Kleingeldbedarf bestand. Möglich wäre aber auch, daß die Städte-
partnerschaft* der Adelphoi Demoi in dem mit dem Jahr 147 einsetzenden Bürger-
krieg zwischen Alexander I. und Demetrios (II.) zerfiel (siehe unten). Die Städte
haben sich vielleicht teils Alexander I., teils Demetrios (II.) angeschlossen. In jedem
Falle spiegelt sich in diesen Münzen auch die wachsende Unabhängigkeit der Städte
wider, während die königliche Zentrale gleichzeitig schwächer wurde.
Im Frühjahr 147402 erhob sich der erst 13jährige403 Sohn des Demetrios L, De-
metrios (II.), und setzte mit einem Söldnerheer von Kreta nach Kilikien über.404
Seine Söldner hatte Demetrios (II.) auf den ägäischen Inseln (I. Makk. 11, 38) und
vor allem auf Kreta angeworben.405 Diese Truppen unterstanden dem Kreter Las-
thenes (los. ant. lud. 13, 86), der in den Urkunden auch als TraTrjp und avYYSvifc
des Demetrios II. tituliert wird (I. Makk. 11,31 f.; los. ant. lud. 13, 126 f.). Dies und
der Umstand, daß Diodor für Lasthenes die inoffizielle Bezeichnung TrpoEOTqKtbc;
Tfjc ßaoiXEtac; überliefert, weisen darauf hin, daß der Kreter das Amt des feiri tüv
TrpaypötTWV bekleidet haben dürfte 406 Nachdem Alexander I. nach Seleukeia in
Pierien407 bzw. Antiocheia (I. Makk. 10, 68) gezogen war, fiel der Statthalter von
Koilesyrien, Apollonios, von ihm ab und wechselte zu Demetrios (II.) über.408 In
402 I. Makk. 10.67; los. ant. lud. 13, 86: 165 S. Ä. Volkmann, Demetrios I. S. 407.
403 Bevan, House II S. 302 Appendix R zu S. 232 und Ehling, Miszellen S. 374 ff. Er wurde um
160 geboren. Anders Volkmann, Demetrios I. S. 407: „fast“ 15jährig, Malitz, Poseidonios S.
278: „erst vierzehnjährig“ und Ogden, Polygamy S. 148 „around 14“.
404 I. Makk. 10, 67; los. ant. lud. 13, 86. Im kilikischen Mallos wurden vermutlich jetzt die von
Houghton, Mallus S. 94 Nr. 2-7 katalogisierten Münzen geprägt. Demetrios II. führte zunächst
nur den Beinamen Nikator. Das 77?eos-Epitheton nahm er nach der Hochzeit mit Kleopatra
Thea an, siehe unten.
405 los. ant. lud. 13, 86; lust. 35, 2, 2. Zu den kretischen Söldnern im Dienste hellenistischer
Könige vgl. M. Launey, Recherches sur les armees heltenistiques, Paris 1949, Band I, S.
248-286.
406 Savalli-Lestrade, Philoi S. 80f.; Ehling, »Reichskanzler* S. 103. Libanios or. 11,125 erwähnt,
daß unter einem der Nachfolger Antiochos’ IV. ein Heiligtum des Minos in Antiocheia errich-
tet wurde. Vielleicht darf man diese Nachricht auf Demetrios II. und seine kretischen Söldner
beziehen.
407 Nach der in Seleukeia geprägten Sonderemission (Vs. Kopf des Zeus/Rs. geflügeltes Blitz-
bündel) mit dem Datum £EP (166 S. Ä. = 147/46) zu schließen. Vgl. den Katalog von Hough-
ton, Tetradrachm S. 153 ff. und siehe oben Kap. I 1.
408 Die Überlieferung zu Apollonios mit dem Beinamen Taos oder Daos, vgl. zum Namen Niese,
Geschichte IIIS. 263 Anm. 4, ist widersprüchlich: Nach los. ant. lud. 13, 88 war und blieb er
Alexanders I. »Kommandant* (qyepdbv) von Koilesyrien; nach I. Makk. 10,69 war er Demet-
rios* (II.) Stratege von Koilesyrien. Übereinstimmend berichten beide Quellen, daß Apollonios
anschließend gegen Jonathan zog, um ihn zu bekämpfen. Bengtson, Strategie IIS. 177 Anm.
3 meint, in I. Makk. 10,69 wäre der Name des Königs Demetrios (II.) „fälschlicherweise“ in
den Text geraten, und gibt der Tradition bei Josephus den Vorzug. Dagegen hat schon Volk-
mann, Demetrios I. S. 407 richtig gesehen, daß Alexanders I. »Kommandant* dann einen treuen
Verbündeten des Königs, nämlich Jonathan, bekämpft hätte, was wenig Sinn macht. Volkmann
hält daher I. Makk. 10, 69 für glaubwürdiger, ebenso Niese, Geschichte III S. 263 Anm. 4.
Ich möchte beide Überlieferungen insofern verknüpfen, als nichts dagegen spricht, daß Apol-
160
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
dessen Auftrag zog er mit einem Heer von 3.000 Reitern und 8.000 Fußsoldaten (los.
ant. lud. 13, 92) nach Jamnia409 und versuchte Jonathan durch Drohungen auf die
Seite des Demetrios (II.) zu ziehen.410 Aber Jonathan hielt zu Alexander I. Gemein-
sam mit seinem Bruder Simon marschierte er an der Spitze eines 10.000 Mann
starken Heeres von Jerusalem in die Küstenebene nach Joppe hinab (I. Makk. 10,
74; los. ant. lud. 13, 91). Bei Azotos (= Asdod)411 trafen die beiden Heere aufein-
ander (I. Makk. 10, 78; los. ant. lud. 13, 92f.). Jonathan geriet in einen Hinterhalt
und wurde von Bogentruppen beschossen 412 aber Simon gelang es, mit einem Ent-
lastungsangriff die seleukidischen Truppen zum Weichen zu bringen (I. Makk. 10,
82f.; los. ant. lud. 13, 95 ff.). Bei der Verfolgung der Feinde zeigte Jonathan große
Härte und gab Befehl, auch noch den Dagon-Tempel von Azotos anzuzünden (I.
Makk. 10, 84; los. ant. lud. 13, 100). Die Nachbardörfer wurden abgebrannt und
geplündert; die Zahl von 8.000 Toten wird überliefert (I. Makk. 10,85; los. ant. lud.
13,99).
Zur Belohnung für den Sieg über Apollonios erhielt Jonathan eine „goldene
Spange“ (Tropin) xpvcri)),413 „wie es den Verwandten der Könige zu geben Sitte
ist“, d.h. er wurde in die höfische Rangklasse der odyy^vei^ aufgenommen 414
Außerdem schenkte der König ihm die Stadt Akkaron mit ihrem Gebiet als
KXqpovxia-415
Auf die Nachricht von der Landung des Demetrios (II.) in Kilikien begann Pto-
lemaios VI. Flotte und Heer auszurüsten416 und zog entlang der phönikischen Küste
lonios zunächst des Alexander 1. war. dann aber abfiel und im Auftrag des Demetrios
(II.) den zu Alexander I. haltenden Jonathan bekämpfte (in der Funktion eines arparriYoc)-
Bengtson, Strategie II S. 177 und S. 410 ordnet Apollonios unter die Strategen der Provinz
von „Ptolemais bis zur ägyptischen Grenze“ ein; er wäre damit einer der Nachfolger des
Hegemonides gewesen, siehe oben Kap. II 1.
409 I. Makk. 10,67; los. ant. lud. 13,88. Jamnia diente öfter als ,Einfallstor* der Seleukiden nach
Judäa, vgl. auch 1. Makk. 15, 40, zu den von dort ausgehenden Übergriffen des Epistrategen
Kendebaios siehe auch unten Kap. II 8.
410 I. Makk. 10, 70-73 und los. ant. lud. 13, 89 f. paraphrasieren den Brief, den Apollonios an
Jonathan schrieb.
411 Zu der Stadt: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 7; Orth, Geographie S. 83; Grainger, Prosopo-
graphy S. 697. Der Gott Dagon wird möglicherweise auf Münzen von Arados dargestellt und
ist halb Mensch, halb Fisch: G. F. Hill, BMC of the Greek Coins of Phoenicia, London 1910
(Nachdruck Bologna 1965), S. 12 Nr. 83ff. mitTaf. II 30f. Vgl. F. Cumont, Dagon, RE IV 2,
Stuttgart 1901, Sp. 1985 f.
412 So der Bericht des 1. Makkabäerbuches 10, 79 f.; bei Josephus werden Bogentruppen nicht
erwähnt.
413 Zu den Rangabzeichen bei den Seleukiden vgl. Robert, Noms S. 446 mit Anm. 1 und 2 und
Ehling, Seleukos I. S. 43 mit Anm. 28.
414 los. ant. lud. 13, 102: (b<; Eanv e0o<; öiöooOai tou; töv ßaotXäcov avYY£v^aiv. Vgl. auch
Fischer, Verwaltung S. 37.
415 los. ant. lud. 13, 102; 1. Makk. 10, 89: KÄqpoÖooia Vgl. zu Akkaron, das etwas nordwestlich
von Geser lag, Kahrstedt, Territorien S. 66; Rostovtzeff, History 1 S. 494; Keel/Küchler, Orte
II S. 829 ff.; Möller/Schmitt. Siedlungen S. 10. Zum Begriff der KXqpovxia allgemein: Krei-
ßig. Wirtschaft S. 46 ff.
416 I. Makk. 11,1; los. ant. lud. 13,103. Hölbl, Geschichte S. 170. Für die folgenden Ereignisse
5.) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung des Demetrios II. (147) 161
nach Norden. Der Ptolemäer kam als Bundesgenosse seines Schwiegersohnes Alex-
ander I.,417 aber wie G. Hölbl vermutet, „offensichtlich von Anfang an mit dem
Ziel, Koilesyrien wiederzugewinnen“.418 Die Küstenstädte hatten von Alexander I.
Weisung bekommen, Ptolemaios VL die Tore zu öffnen (I. Makk. 11,2; los. ant. lud.
13, 104), d.h. sicher auch zur Versorgung des Heeres beizutragen und die ptolemä-
ische Flotte ankern zu lassen. In jeder Stadt wurde eine ptolemäische Besatzung
(cppovpa) zurückgelassen (I. Makk. 11,3). Die Bewohner von Azotos419 beklagten
sich bei Ptolemaios VI., daß Jonathan den Dagon-Tempel eingeäschert hatte, aber
dieser „schwieg dazu“ (I. Makk. 11, 5; los. ant. lud. 13, 105). Jonathan, der
GTpaTiiYot; und pepiödpxr)<; von Judäa, empfing den Ptolemäerkönig bei Joppe,
wurde reich beschenkt und erhielt verschiedene Ehrenbezeugungen (I. Makk. 11,6;
los. ant. lud. 13, 105). Gemeinsam zogen sie nach Ptolemais weiter. Hier scheint
Ptolemaios’ VI. Tochter, Kleopatra, zurückgeblieben zu sein. Vermutlich hielt sich
der Lagide längere Zeit in der Stadt auf, jedenfalls ließ er Tetradrachmen mit seinem
Bild und Namen prägen; das Datum auf den Münzen lautet L AP und bezeichnet
sein 33. Regierungsjahr (= 146).420 Angeblich soll der seleukidische »Kanzler4
Ammonios im Auftrag des Alexander I. versucht haben, einen Mordanschlag auf
Ptolemaios VI. zu verüben.421 Doch dürfte die Geschichte nachträglich erfunden
worden sein, um Ptolemaios VI. einen triftigen Vorwand zu geben, Alexander I.
fallenzulassen.422
Von Ptolemais aus zog Ptolemaios VI. unter Zurücklassung weiterer Besat-
zungen Richtung Seleukeia in Pierien (I. Makk. 11, 8) 423 Noch bis zum Eleuthe-
stehen uns zwei voneinander unabhängige Traditionen zur Verfügung: Zum einen die Schil-
derung des I. Makkabäerbuches, die auch von Josephus benutzt wurde, zum anderen der von
Diodor herangezogene Bericht des Poseidonios: Malitz, Poseidonios S. 273 f.
417 Eine gute Diskussion der unterschiedlich überlieferten Absichten des Ptolemaios VI. gibt
Volkmann, Demetrios I. S. 408 ff. Nach los. ant. lud. 13, 103ff. kam Ptolemaios VI., um
Alexander I. Hilfe zu leisten, ebenso Diod. 32,9 c. Dagegen war Ptolemaios VI. dem I. Mak-
kabäerbuch 11,1 zufolge gegenüber Alexander I. von Beginn an feindlich eingestellt. Ptole-
maios mußte aber „seinen Vorteil zunächst in der Erhaltung seines Vasallen sehen, durch den
er seinen Einfluß auf Syrien gewonnen hatte“, wie Volkmann, Demetrios I. S. 410 richtig
feststellt. Er kam also nach Syrien, um Alexander I. gegen Demetrios (II.) militärisch zu un-
terstützen.
418 Hölbl, Geschichte S. 170. Bengtson, Geschichte S. 499 geht m.E. zu weit, wenn er schreibt,
daß das Ziel die „Angliederung Syriens an Ägypten“ war.
419 Möller/Schmitt, Siedlungen S. 7; Grainger, Prosopography S. 697.
420 Küthmann, Münzen S. 51 mit Taf. 1,11 kennt zwei Exemplare dieses Typs (Paris und Den
Haag). Zu dem wohl aus dem Demotischen stammenden L für €toc: R. S. Poole, BMC of
Greek Coins. The Ptolemies, Kings of Egypt, London 1883 (Nachdruck Bologna 1963), S.
XLIXf.
421 So los. ant. lud. 13, 106f. Dies wird in I. Makk. 11, 10 nur andeutungsweise erwähnt, was
zeigt, daß Josephus hier auf einer anderen Quelle - Poseidonios - basiert. Niese, Geschichte
IIIS. 264.
422 Volkmann, Demetrios I. S. 410 f. Anders Hölbl, Geschichte S. 170.
423 Seleukeia war bereits 246 in ptolemäischen Besitz und erst im Frühjahr 219 wieder in seleu-
kidische Hände gekommen: Hölbl, Geschichte S. 113; Ehling, Unruhen S. 304 ff.
162
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
ros424 wurde er von Jonathan geleitet, der dann nach Jerusalem zurückkehrte (I.
Makk. 11,7; los. ant. lud. 13, 105). Auf seinem Zug durch die Küstenstädte muß
der Lagide erkannt haben, daß das bestehende Regime überall auf Ablehnung stieß
und sich Alexander I. zur Regierung als gänzlich unfähig erwiesen hatte 425 Unter
dem Vorwand, Alexander I. verweigere die Auslieferung und Bestrafung des Am-
monios, brach Ptolemaios VI. mit seinem Schwiegersohn, schickte eine Gesandt-
schaft irepi ouppaxiac Kai cpiXiac; (los. ant. lud. 13, HO) an Demetrios (II.) und
sicherte ihm Kleopatra zur Frau und die Königsherrschaft über Syrien zu.426 Dieses
Angebot war die Neuauflage des Bündnisses von 150 und sollte dem Ptolemäer
weiterhin die Möglichkeit geben, Einfluß auf die Politik in Syrien auszuüben. De-
metrios (II.) nahm Bündnis und Ehe an (los. ant. lud. 13, 110).
Alexander I. war inzwischen nach Kilikien gezogen, um die von ihm abgefallene
Bevölkerung wieder unter seine Herrschaft zu bringen.427 In Antiocheia wurde die
Münzprägung für den König eingestellt und Tetradrachmen, Drachmen und Bronzen
mit Bild und Namen des Antiochos IV. geprägt.428 Schließlich übergaben die Stadt-
kommandanten, Hierax und Diodotos, die Hauptstadt kampflos, und Ptolemaios VI.
konnte in Antiocheia einziehen (I. Makk. 11,13; los. ant. lud. 13,113). Ammonios,
der in Frauenkleidern zu flüchten versuchte, wurde erkannt und vom Stadtvolk er-
schlagen (los. ant. lud. 13,108). Da vor allem die Antiochener fürchteten, Demetrios
(II.) werde sie für ihren Abfall von seinem Vater Demetrios I. im Jahr 156 (?) be-
strafen,429 boten sie Ptolemaios VI. als erstem Ptolemäer430 die Krone Asiens an.431
424 Der Fluß (heute: Nähr al-Kabir), zwischen Orthosia und Arados, bildete die Grenze zwischen
Phönikien/Koilesyrien und der Seleukis (Strab. 16,2,12 = 753). Vgl. auch Orth, Geographie
S. 85.
425 Vgl. das Urteil Diodors 33, 1, 3. Niese, Geschichte III S. 262; Vblkmann, Demetrios I. S.
410.
426 Diod. 32, 9 c; I. Makk. 11,9f.; los. ant. lud. 13, 109 f. Vgl. die Diskussion dieser Zeugnisse
und der Begriffe cptXia, ÖiaOfjKq und ovppaxia durch Seibert, Dynastische Verbindungen S.
88 f.
ArTl I. Makk. 11,14; los. ant. lud. 13,112. Ehling, Unruhen S. 323. Diod. 32,10,2 erwähnt einen
Besuch des Alexander I. bei dem Orakel des Apollon Sarpedonios. Zu Sarpedon vgl. Mutafian,
Cilicie I S. 81 ff.; MacKay, Sanctuaries S. 2110 ff. Strab. 14, 5, 19 = 676 kennt eine Artemis
Sarpedonia. Die tarsischen Drachmen, die auf der Vorderseite den Kopf des Königs und auf
der Rückseite den indigenen, ursprünglich hethitisch-luwischen Gott Sandan zeigen (CSE
475), gehören wahrscheinlich in diese Zeit. - Zum Fortleben des Apollon Sarpedonios in der
Spätantike vgl. U. Gotter, Thekla gegen Apoll. Überlegungen zur Transformation regionaler
Sakraltopographie in der Spätantike, Klio 85,2003, S. 189-211.
428 Diskussion und Katalog der Stücke bei M0ikholm. Posthumous (1960) S. 25 ff. mit Taf. 1;
Fleischer, Herrscherbildnisse S. 63; SNG Israel I 1593 ff. Die Tetradrachmen tragen das Da-
tum: Q2P = 167 S. Ä. (= 146/45); sie zeigen auf der Rückseite das Motiv des nach links
thronenden Zeus, die Drachmen dagegen den auf dem Omphalos nach links sitzenden Apollon.
Die Stücke sind von Bohm, Imitatio S. 111 Anm. 54 mißverstanden worden. Sie nimmt an,
die Münzen seien für Alexander I. geprägt worden.
429 Siehe oben Kap. II4.
430 Niese, Geschichte III S. 264.
431 Diod. 32, 9 c; I. Makk. 11, 13; los. ant. lud. 13, 113. Volkmann, Demetrios I. S. 411; Hölbl,
Geschichte S. 170f.
5.) Regierung des Alexander I. (150-145) und Erhebung des Demetrios II. (147) 163
Vor der Bevölkerung der Hauptstadt, dem in Antiocheia stationierten Militär und
dem ptolemäischen Heer432 wurden ihm zwei Diademe, das von Ägypten und das
von Asien, von den beiden Stadtkommandanten umgelegt.433 Aber Ptolemaios VL
war sich bewußt, daß die faktische Ausübung dieser Doppelherrschaft einen Konflikt
mit Rom heraufbeschwören würde (los. ant. lud. 13,114). Daher setzte er alles daran,
die Antiochener in einer Versammlung (EKKXriaia) davon zu überzeugen, Demetrios
(II.) doch in ihrer Stadt aufzunehmen, und versprach, dafür Sorge zu tragen, daß
ihnen nichts Unrechtes geschehen werde (los. ant. lud. 13, 115). Daraufhin zog
Demetrios (II.) in Antiocheia ein, wurde mit Kleopatra, die den Kultnamen Thea
erhielt,434 verheiratet und vermutlich gleich zum König ausgerufen.435 Ptolemaios
VI. ließ sich den Besitz von Koilesyrien garantieren (Diod. 32, 9 c) und wurde in
den seleukidischen Reichskult aufgenommen, wie Inschriften in Teos und Paphos
bezeugen.436 Auf die Nachricht von den Ereignissen in der syrischen Hauptstadt
marschierte Alexander I. mit einem großen Heer von Kilikien nach Syrien (I. Makk.
11, 15; los. ant. lud. 13, 116) und verwüstete das Gebiet von Antiocheia (los. ant.
lud. 13, 116). Ptolemaios VI. und Demetrios II. traten ihm entgegen (I. Makk. 11,
15; los. ant. lud. 13,116), und am Oinoparas kam es zur Entscheidungsschlacht437
Das Pferd Ptolemaios’ VI. scheute vor einem der Kriegselephanten und warf seinen
Reiter ab. Hart attackiert wäre der König noch auf dem Schlachtfeld seinen zahl-
reichen Kopfverletzungen erlegen, wenn ihn nicht seine ocopaTocpvXaKEC gerettet
hätten (los. ant. lud. 13, 117). Alexander I. unterlag, da seine Leute während des
Kampfes überliefen (lust. 35,2, 3), und floh mit 500 Reitern zu einem Araberfürsten
(ö Ttov * Apaßcov SuvaaTTjc) nach Abai.438 Der Araber ließ Alexander I. umbringen
432 Bengtson, Geschichte S. 499: „durch die Heeresversammlung und das Volk von Antiocheia“.
Ritter, Diadem S. 139 schreibt, daß Ptolemaios VI. „von der makedonischen Heeresversamm-
lung des Seleukidenreiches zum König ausgerufen“ wurde.
433 I. Makk. 11,13; los. ant. lud. 13, 113; Diod. 32,9 c. Bunge, „Theos Epiphanes“ S. 75 Anm.
84 weist mit Recht darauf hin, daß dies eine Revanche für die Krönung Antiochos’ IV. in
Memphis darstellte.
434 Wie A. Bouche-Leclercq, Histoire des Lagides, II: Decadence et fin de la dynastie (181-30
avant J.-C.), Paris 1904 (Nachdruck Brüssel 1963), S. 48 Anm. 2 erkannte. Vgl. außerdem
Hölbl, Geschichte S. 170. Demetrios II. nahm wohl gleichzeitig den Beinamen Theos an.
435 Nach los. ant. lud. 13, 120 wurde er erst nach dem Tode des Alexander I. zum König erho-
ben.
436 Siehe oben Kap. I 2, 4. OGIS I 246 = SEG 32, 1982, 1207 (Teos) und SEG 13. 1956, 585
(Paphos): [BaaiXea HTloXepaiov 0ed[v 4>iXopr|TOpa] [BaoiXevc] Anpf|Tpioc Oeöc
[NiKawp Kai] [4>iX6öeX](poq tov Trarepa ttk yuvaiKoc [cvvoiac] evekq ttk eic &[auTÖv].
Vgl. zu beiden Inschriften insbesondere Piejko, Ptolemies S. 129 ff. Enge Beziehungen zwi-
schen dem ionischen Teos und den Seleukiden bestanden bereits seit der Zeit des Antiochos
III.: P. Herrmann, Antiochos der Große und Teos, Anadolu (Anatolia) 9, 1967, S. 29-159.
437 Strab. 16, 2, 8 = 751. Niese, Geschichte III S. 264.
438 I. Makk. 11, 15f.; los. ant. lud. 13, 116f. Niese, Geschichte IIIS. 265; Volkmann, Demetrios
I. S. 411. Zur ungefähren Ortslage von Abai vgl. Altheim/Stiehl, Araber S. 296 mit Anm. 241:
„Abai gehört eindeutig in das Randgebiet Nordsyriens zur Wüste“. Araber hatten bereits im
Heer des Antiochos III. an der Schlacht bei Magnesia am Sipylos teilgenommen: Liv. 37,40,
12.
164
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
und sandte das abgeschlagene Haupt an Ptolemaios VI.439 Nach Josephus (ant. lud.
13, 118) soll sich dieser noch kurz über die Todesnachricht und den Anblick des
Toten gefreut haben; Ptolemaios VI. selbst verstarb nur wenige Tage später an den
Folgen der schweren Verwundungen.440
6.) ERSTE REGIERUNG DES DEMETRIOS II. (145-138) UND
ERHEBUNG DES ANTIOCHOS VI. (144)
Nach dem Tode des Ptolemaios VI. war Demetrios II. seit Frühjahr 145 Alleinherr-
scher in Syrien.441 Die ersten antiochenischen Münzen des Demetrios II. tragen das
Datum £EP (= 167 S. Ä. = 146/45). Auf den Münzen des Jahres HEP (= 145/44) ist
sein Porträt mit einem Lorbeerkranz eingefaßt, der auf den Sieg über Alexander I.
hin weist.442 Die Stellung des neuen Königs war höchst prekär. Er ließ die im Land
stehenden ptolemäischen Truppen beseitigen (los. ant. lud. 13, 120), und die Be-
wohner der Küstenstädte machten die fremden Besatzungen nieder (I. Makk. 11,
18); wer überlebte, floh nach Alexandreia (los. ant. lud. 13, 120). Um seine Herr-
schaft über Koilesyrien und Phönikien zu festigen, zog Demetrios II. nach Süden.
Vermutlich legte er selbst nun seleukidische Besatzungen in die Städte. In Ptolemais
angekommen, befahl er Jonathan zu sich (los. ant. lud. 13,123). Dieser hatte inzwi-
schen damit begonnen, die Akra zu belagern (I. Makk. 14, 20). Wieder waren Hel-
lenisten am Seleukidenhof erschienen, in der Hoffnung, von dem Regierungswech-
sel zu profitieren. Jonathan kam in Begleitung von Ältesten (irpEoßvTEpoi) und
Priestern (ispEi^) nach Ptolemais, überbrachte kostbare Geschenke (Gold, Silber,
Gewänder) und fand Gnade (xäpic) beim König (I. Makk. 11, 23 f.; los. ant. lud.
13,124). Die Klagen der „Gesetzlosen“ (avopoi) stießen auf taube Ohren (I. Makk.
11,25 f.; los. ant. lud. 13,125). Jonathan wurde im Amt des Hohenpriesters bestätigt
und unter die irpcoToi cpiXoi des Seleukidenkönigs eingeschrieben.443 Zweifellos
behielt er auch sein Amt als OTpaTriyöt; Kal pEpiöapxnc von Judäa, auch wenn dies
weder im I. Makkabäerbuch noch bei Josephus ausdrücklich bezeugt ist. Gegen
Bezahlung von 300 Talenten Silber444 erhielten die in Judäa und Teilen von Samaria
lebenden Juden Steuerfreiheit vom Seleukidenkönig (I. Makk. 11, 28). Sicherlich
439 I. Makk. 11,17. Der Araber hieß Zabeilos (los. ant. lud. 13, 118) bzw. Diokles (Diod. 32,27,
9 d/10, 1); Altheim/Stiehl, Araber S. 296. Die Namen der Mörder überliefert Diod. 32, 27,9
d/10, 1: Heliades und Kasios. Beide waren Offiziere des Alexander I. gewesen: Grainger,
Prosopography S. 91; 99.
440 Preaux, Monde hellenistique S. 198.
441 I. Makk. 11, 19: 167 S. Ä. = 146/45. Niese, Geschichte III S. 265. Zur Situation in Ägypten
nach dem Tode des Ptolemaios VI.: Hölbl, Geschichte S. 172; Huß, Ägypten S. 596 ff.
442 Küthmann, Münzen S. 56; CSE 217—220; Fleischer, Herrscherbildnisse Taf. 33 b; D. Gomy,
München, Kat. 90, Okt. 1998,469.
443 1. Makk. 11, 27. Danach wäre er aber kein ovyyevric, d.h. Angehöriger der obersten Rang-
klasse, mehr. Zu den Rangklassen siehe oben Kap. 12,1.
444 300 Talente entsprachen der seit der Regierung des vierten Seleukos üblichen Höhe des jähr-
lich zu zahlenden cpopoc, siehe Kap. II5, S.151 Anm. 338.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VI.
165
mußten die Juden dafür in irgendeiner Form Abgaben an Jonathan leisten. Aus I.
Makk. 13,34 (zum Jahr 142) geht allerdings hervor, daß gewisse Steuern doch noch
bestehen blieben und an den Seleukidenhof abgeführt werden mußten. Nachdem
Demetrios II. in den Küstenstädten anerkannt war, Besatzungen eingesetzt hatte (?)
und die Verhältnisse in Judäa stabil schienen, konnte er nach Antiocheia zurückkeh-
ren. Da Frieden im Land herrschte, entließ Demetrios II. einen Großteil seiner Sol-
daten (I. Makk. 11, 38; los. ant. lud. 13, 129), eine Maßnahme, die der Sanierung
der Staatskasse diente, ihm aber den „Haß“ dieser Soldaten eintrug. Auch bei den
Antiochenem war der König wegen seiner tyrannischen Art äußerst unbeliebt.445
Im Sommer (?) 145 griff die Bevölkerung zu den Waffen,446 schloß Demetrios II.
im Königspalast (avXf|) ein und besetzte die wichtigsten Durchgangsstraßen der
Stadt 447 Doch mit Hilfe seiner kretischen Söldner und 3.000 jüdischer Soldaten,
die Jonathan zur Unterstützung gesandt hatte,448 schlug Demetrios II. den Aufstand
blutig nieder. Die Stadt ging in Flammen auf449 und „fast“ 100.000 Menschen sol-
len erschlagen worden sein 450 Angesichts dieser Verheerungen ergaben sich die
aufständischen Bewohner und legten die Waffen nieder (I. Makk. 11,49 ff.; los. ant.
lud. 13,141). Für ihre Dienste wurden die jüdischen Soldaten Jonathans mit reicher
Beute, die sie aus den Häusern der Antiochener geplündert hatten,451 nach Jerusalem
entlassen (I. Makk. 11,51; los. ant. lud. 13, 142). Dem Autor des I. Makkabäer-
buches merkt man in dem Abschnitt 11,44-51 noch deutlich den Stolz an, daß der
Seleukidenkönig sein Überleben dem Einsatz jüdischer Krieger verdankte 452
Die brutale Niederschlagung des antiochenischen Aufstandes kostete Demetrios
II. weitere Sympathien. Diese Stimmung nützte Diodotos (Tryphon), ein ehemaliger
OTpaTTiyoc des Demetrios I. und Alexander I.453 und zuletzt dessen Befehlshaber
445 Diod. 33, 4, 1-4; los. ant. lud. 13, 135. Diese negative Beurteilung geht auf Poseidonios
zurück: Malitz, Poseidonios S. 279f. Siehe auch oben Kap. 11,1.
446 Fischer, Tryphon S. 212 datiert den Aufstand in den Frühherbst. Nach I. Makk. 11,45 betei-
ligten sich 120.000 Menschen an dem Aufstand. los. ant. lud. 13, 137 spricht von vielen
10.000. Vgl. Ehling, Unruhen S. 324.
447 I. Makk. 11, 46; los. ant. lud. 13, 136. Der Königspalast im Seleukidenreich wurde auXrj
genannt: B. Funck, Beobachtungen zum Begriff des Herrscherpalastes, in: Hoepfner/Brands
(Hg.), Basileia S. 54 f. Der gesamte Königsbezirk besaß einen Umfang von 160 ha und war
damit ebenso groß wie der Königsbezirk der Ptolemäer in Alexandreia: Hoepfner, Geschichte
S. 479.
448 I. Makk. 11,44; los. ant. lud. 13, 134; 137. Dafür hatte Demetrios II. versprochen, die seleu-
kidische Besatzung aus der Akra von Jerusalem abzuziehen: I. Makk. 11,41 f.; los. ant. lud.
13, 134, ein Versprechen, das der König nicht einhielt.
449 Das Feuer sollen nach I. Makk. 11,48 die jüdischen Hilfstruppen gelegt haben. Da die Häuser
aus Holz gebaut waren, breitete sich das Feuer rasch über die ganze Stadt aus: los. ant. lud.
13,139.
450 Die Zahl ist wieder viel zu hoch angesetzt, aber vielleicht Ausdruck dessen, daß die Verluste
unter der Zivilbevölkerung sehr groß waren.
451 So dürften I. Makk. 11,48; 51 zu verstehen sein.
452 Die kretischen Söldner werden bei ihm nicht erwähnt, vgl. aber los. ant. lud. 13, 137.
453 Diod. 33,3; los. ant. lud. 13, 131; allgemeiner: I. Makk. 11, 39; Diod. 33,4 a ist etwas miß-
verständlich, weil sich die Textstelle so liest, als sei Tryphon ein cpiXo^ des zweiten Demetrios
gewesen. Hoffmann, Tryphon Sp. 716.
166
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
in Antiocheia/54 gegen Demetrios IL aus. Tryphon hielt sich längere Zeit455 bei
dem Araberfürsten Jamblichos (so Diod. 33,4 a), Jamliku (so I. Makk. 11, 39) oder
Malchos (so los. ant. lud. 13, 131 )456 auf, der den zweijährigen Sohn des Alexander
I. und der Kleopatra Thea in seiner Obhut hatte.457 Tryphon gelang es, den Araber
zur Aushändigung des Kindes zu bewegen (I. Makk. 11,40; 54; los. ant. lud. 13,
131). Mit diesem ging er nach Syrien zurück (I. Makk. 11,54; los. ant. lud. 13,144)
und krönte es vermutlich im Frühjahr 144458 bei Apameia, sicherlich unter Zustim-
mung der von Demetrios II. abgefallenen Truppen, mit einem Diadem zum Kö-
nig.459 Mit der Proklamation des Antiochos VI. gab sich Tryphon als dessen
EjriTpoiroc (los. bell. lud. 1,49) bzw. tutor (Liv. per. 55; lust. 36, 1, 7) eine dynas-
tische Grundlage für seinen Kampf gegen Demetrios IL460 Eine besondere Rolle
bei der Erhebung des Antiochos VI. spielten Militärkolonisten aus dem thessalischen
Larissa,461 die sich dem Seleukidenhaus eng verbunden fühlten (Diod. 33,4 a). Von
Apameia zog Tryphon nach Chalkis.462 Im Sommer 144463 griffen Tryphons Trup-
pen Demetrios II. an, der nach Seleukeia in Pierien floh.464 Tryphon erbeutete die
Kriegselephanten465 und nahm Antiocheia ein.
454 Zusammen mit Hierax siehe oben. Zu Tryphon vgl. insbesondere Hoffmann, Tryphon Sp.
715 ff. und Fischer, Tryphon S. 201 ff.
455 I. Makk. 11,40.
456 Zum nabatäischen Namen Malchos vgl. A. Schalit, König Herodes. Der Mann und sein Werk,
Berlin 1969, S. 749 f.
457 Der Araber wird ein Gastfreund des Alexander I. gewesen sein.
458 In der älteren Forschung wird ein früheres Erhebungsdatum vertreten, z. B. Bouche-Leclercq,
Histoire IS. 354: 145. Fischer, Tryphon S. 212 setzt die Ausrufung des Antiochos VI. in die
Zeit zwischen Herbst 145 und Spätsommer 144 und meint S. 210 Anm. 48, daß die Erhebung
am ehesten an den Anfang des Jahres 168 S. Ä., d.h. in den Herbst 145 zu datieren sei. Da
jedoch die große Masse der für Antiochos VI. in Antiocheia geprägten Münzen mit dem Da-
tum 169 S. Ä. (= 144/143) beginnt, war die syrische Hauptstadt sehr wahrscheinlich erst
gegen Ende 168 S. Ä., d.h. im Sommer 144 inTryphons Hand, vgl. auch Del Monte, Testi S.
100. Dies spricht für das Frühjahr 144 als Erhebungsdatum.
459 Diod. 33,4 a; los. ant. lud. 13,144. Den Ort legt Strabon 16,2,10 = 752 nahe. Bevan, House
IIS. 226; Bouche-Leclercq, Histoire IS. 354; Newell, SMA S. 61 Anm. 31. Vgl. auch Ritter,
Diadem S. 140 und Wilcken, Antiochos (29) Sp. 2477, der meint, Antiochos VI. wäre erst in
Antiocheia zum König proklamiert worden.
460 Hoffmann, Tryphon Sp. 717.
461 Der Ort lag südöstlich unweit von Apameia. Vgl. Orth, Geographie S. 89.
462 Diod. 33, 4 a. Strab. 16, 2, 18 = 755 nennt Chalkis, die Akropolis der Marsyas-Ebene. Die
Stadt lag nordöstlich von Apameia.
463 Dieses Datum hat Newell, SMA S. 61. Bevan, House II S. 227 schreibt Oktober 145.
464 Liv. per. 52: bello superatus (seil. Demetrios II.) Seleuciam confiigit. Zu der Stelle: Wilcken,
Beitrag S. 441 und Bouche-Leclercq. Histoire I S. 354 Anm. 3. Mit Demetrios II. floh auch
Kleopatra Thea, die später in Seleukeia ihre Residenz halte: los. ant. lud. 13, 221. Bevan,
House IIS. 227; Grainger, Cities S. 159; 163.
465 1. Makk. 11,56: Ta Oqpia; los. ant. lud. 13, 144; Liv. per. 52. Hinter der Erbeutung der Ele-
phanten könnte die Einnahme Apameias stehen, so die Vermutung von Niese, Geschichte III
S. 278 Anm. 2. Auf Bronzemünzen des Antiochos VI. begegnet der Elephant als Reversmotiv:
SNG Cop. 304-307; SNG Israel 1 1771-1777. Das Münzbild ist jedoch weniger eine Anspie-
lung auf die erbeuteten Kriegselephanten als vielmehr religiös zu verstehen. Der Elephant galt
6.) Erste Regierung des Demetrios 11. und Erhebung des Antiochos VI.
167
Der zweijährige Antiochos VI. wurde von Tryphon und seinen Beratern466 zum
Epiphanes Dionysos stilisiert.467 Der Beiname Epiphanes wird auch von Diodor (=
Poseidonios) erwähnt (33, 4 a) und sollte an seinen Großvater (?) Antiochos IV.
erinnern 468 Josephus (ant. lud. 13,218) kennt außerdem noch das Epitheton Theos
für Antiochos VI., der also vielleicht Theos Epiphanes Dionysos hieß. Damit wurde,
wie F. Taeger feststellt, zum ersten Mal in der Geschichte der hellenistischen Reichs-
kulte „nunmehr die Angleichung ... an einen der großen Götter in aller Form ver-
kündet“.469 Der historische Hintergrund für die erstmalige, intensive Propagierung
des Dionysos im seleukidischen Herrscherkult470 ist darin zu sehen, daß der sechste
Antiochos aus der Ehe zwischen Alexander I. und Kleopatra Thea stammte und das
Ptolemäerhaus seinen Ursprung auch auf Dionysos zurückführte. In der berühmten,
noch im 6. Jh. n. Chr. von Kosmas Indikopleustes abgeschriebenen Inschrift von
Adulis am Roten Meer im heutigen Eritrea (OGIS 154), dem „Tatenbericht“ Ptole-
maios* III. (246-222/21), bezeichnet sich der König als airoyovoc; väterlicherseits
von Herakles471 und mütterlicherseits von Dionysos.472 Durch die Eheverbindung
mit Kleopatra Thea konnte sich schon Alexander I. zu Dionysos in Bezug setzen,
und für Antiochos VI. als echtem »Abkömmling* des Gottes wurde das Dio-
als Tier des Dionysos: Ehling, Elephant Sp. 266. Bronzen des Alexander I. (z.B. SNG Israel
I 1477-1479) tragen deshalb zum Elephanten auf der Münzrückseite den Kopf des Dionysos
auf der Vorderseite.
466 Einer dieser Berater wird jener ETA(cpvXoc?) gewesen sein, dessen Namenskürzel auf den
Münzen erscheint und bei dem es sich nicht um einen einfachen Münzbeamten handeln kann,
wie Newell, SMA S. 69 annimmt. Interessanterweise gibt es zwei Tetradrachmen aus dem
Jahr 170 S. Ä. (= 143/42), auf denen der Name eradiert wurde: K. Regling, Zur griechischen
Münzkunde III, ZfN 24,1924, S. 135 f. Es muß in diesem Jahr zum Bruch zwischen Tryphon
und ETA gekommen sein. Zu ETA, der in der Prosopographie von Grainger nicht vermerkt
ist. vgl. Küthmann, Münzen S. 61 und zuletzt Klose, Beiträge S. 193 f. Anm. 37.
467 So heißt er auf allen Münzen: Newell, SMA S. 62 Nr. 216ff.; CSE 232ff.; SNG Israel I
1757 ff.
468 Wie oben in Kap. II 4 ausgeführt, ist es nicht unwahrscheinlich, daß Alexander I. von einer
Nebenfrau des Antiochos IV. geboren wurde. Der vierte Antiochos wäre dann tatsächlich der
Großvater des sechsten Antiochos gewesen.
469 Charisma I S. 322.
470 Die Dionysosthematik klingt bereits auf Münzen Alexanders I. an. So sind für diesen Bronzen
geschlagen worden, die das Bild eines efeubekränzten Dionysos auf der Vorderseite und eines
Elephanten auf der Rückseite zeigen: Gardner, BMC Seleucid Kings S. 56 Nr. 56 ff. mit Taf.
XVI 13; SNG Israel I 1477-1479. Für seinen Vater (?) Antiochos IV. ließ derselbe König
Bronzen ausgeben, die auf der Vorderseite einen Dionysoskopf mit den Gesichtszügen Anti-
ochos* IV. tragen; auf der Rückseite befindet sich ein Thyrsos: CSE 564; SNG Israel I 1485;
M0rkholm, Posthumous (1983) S. 57 ff.; Fleischer, Herrscherbildnisse S. 63 f.; Svenson,
Darstellungen S. 32 mit Taf. 17,68. Vgl. auch Ehling, Alexander II. S. 3.
471 Vgl. auch Satyros FGrHist 631 F 1. U. Hüttner, Die politische Rolle der Heraklesgestalt im
griechischen Herrschertum (Historia Einzelschriften 112), Stuttgart 1997, S. 124 ff.
472 Zeile 5f. Eine deutsche Übersetzung der Inschrift, die etwa 245 abgefaßt wurde, geben K.
Brodersen/W. Günther/H. H. Schmitt, Historische Inschriften in Übersetzungen, Darmstadt
1996, Band III, S. 4 Nr. 403. Zur Inschrift vgl. H. Bengtson, Kosmas Indikopleustes und die
Ptolemäer, Historia 4,1955, S. 151-156.
168
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
nysosthema dann intensiv genutzt.473 Auf zahlreichen Münznominalen sind diony-
sische Motive auf den Reversen abgebildet: Elephant,474 Kantharos,475 palmzweig-
haltender Panther476 und Dionysos selbst mit Thyrsos in der linken und Kantharos
in der rechten Hand 477 Die Porträts auf den Bronzemünzen zeigen den König mit
dionysischem Efeukranz.478 Die sechs glatten Strahlen, die unmittelbar aus dem
Kopf entspringen und nicht am Diadem befestigt sind, unterstreichen den Beinamen
Epiphanes,479 sind darüber hinaus aber als Hinweis auf Helios zu verstehen.480
Bemerkenswert ist, daß alle Bildnisse den sechsten Antiochos eher als Jugendlichen
denn als Kind von zwei bis vier Jahren zeigen. Anscheinend wollte Tryphon das
wahre Alter seines Schützlings im Münzbild nicht zum Ausdruck gebracht sehen,
vermutlich um nach außen den Eindruck einer größeren politischen Selbständigkeit
des Kinderkönigs zu erwecken.481
Zwischen Demetrios II. und Tryphon begann ein langwieriger Bürgerkrieg, in
dem das Reich in Einflußsphären aufgeteilt wurde. Zu dem in Seleukeia in Pierien
residierenden Demetrios IL hielten die Küstenstädte, mit Sicherheit jedenfalls Ty-
ros 482 Sidon483 und vielleicht Laodikeia am Meer.484 Auch scheint er in Gebieten
Kilikiens (los. ant. lud. 13,145) anerkannt gewesen zu sein485 und behauptete wohl
473 Ehling, Alexander II. S. 3 f.
474 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 66 f. Nr. 42 ff. mit Taf. XIX 12; CSE 248 ff.; SNG Israel I
1771 ff. Zum Elephanten als dionysischem Tier vgl. Ehling. Elephant Sp. 266.
475 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 65 Nr. 25 ff. mit Taf. XIX 9. Das Gefäß wird dort irrtümlich
als Amphora bezeichnet. CSE 244 f.; SNG Israel I 1798 ff.
476 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 64 Nr. 16 ff. mit Taf. XIX 5; CSE 240 f.; SNG Israel I
1769 f.
477 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 65 Nr. 23f. mitTaf. XIX 8; CSE 243; SNG Israel 1 1795 ff;
Ehling, Geschichte Taf. 1 Abb. 2.
478 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 63 ff. Nr. 1 ff. mit Taf. XIX 8 ff.; CSE 248ff.; SNG Israel I
1771 ff. Svenson, Darstellungen S. 70.
479 Svenson, Darstellungen S. 70.
480 Svenson, Darstellungen S. 19 ff. Einen ausführlichen Überblick über Ursprung und Verwen-
dung der Strahlen gibt das Buch von Bergmann.
481 Ehling, Nachfolgeregelung S. 36. Hier ergeben sich Parallelen zu Ptolemaios V., der mit un-
gefähr sechs Jahren auf den Thron gelangte, auf seinen Münzen aber ebenfalls als Jugendlicher
erscheint: H. Kyrieleis, Die Porträtmünzen Ptolemaios’ V. und seiner Eltern. Zur Datierung
und historischen Interpretation. Jdl 88. 1973, S. 213-246, bes. 216.
482 Dort wurden in den Jahren 169 S. Ä. = 144/43 und 170 S. Ä. = 143/42 Münzen mit dem Bild
des Demetrios II. geprägt: Babelon, Rois S. 124 ff. Nr. 963 ff.; 970 ff.; CSE 754 f.
483 Babelon. Rois S. 125 Nr. 966 f. (169 S. Ä. = 144/43) und Nr. 973 ff. (170 S. Ä. = 143/42); CSE
718(172 S. Ä. = 141/40).
484 Niese, Geschichte III S. 278; Malitz, Poseidonios S. 280. Der von Diod. 33, 7, 9 bezeugte
Aufenthalt eines Demetrios könnte auch in die Zeit bald nach Frühjahr 145 fallen, so daß die
Zugehörigkeit Laodikeias zum Herrschaftsbereich des Demetrios II. nach der Erhebung des
Antiochos VI. im Frühjahr 144? keineswegs gesichert ist. Abgesehen davon sollte man diese
Diodorstelle vielleicht gar nicht auf Demetrios II., sondern auf den als Trinker bekannten
Demetrios I. beziehen. Demetrios I. als Trinker: Pol. 33,19,1. Vgl. dazu und zum Luxusleben
der Seleukidenkönige Vössing, Bankett S. 149 f. Zum Alkoholkonsum der Seleukidenkönige
vgl. außerdem Ail. var. 2,41, der aber Demetrios I. nicht erwähnt.
485 Aber nicht in ganz Kilikien, wie Wilcken. Antiochos (29) Sp. 2477 meint, siehe unten.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VI.
169
Teile von Koilesyrien, zumindest werden Sarpedon und Palamedes als seine Strate-
gen von Koilesyrien erwähnt.486 Ebenso blieb er in den Oberen Satrapien als König
anerkannt;487 sein Satrap von Mesopotamien war der Meder Dionysios.488
Dagegen eroberte Tryphon im Jahr 144/43 im Namen seines Königs Antiochos
VI. die Burg Korakesion im Rauhen Kilikien.489 Nach Strabon soll damals das kili-
kische Piratenunwesen seinen Anfang genommen haben; ob man in Tryphon aber
das erste Beispiel eines Piratenführers sehen darf, bleibt zweifelhaft.490 Tarsos und
Mallos prägten Münzen im Namen Antiochos’ VL
486 Diod. 33,28; Athen. 8.333 c = Poseidonios E 101 (Theiler), vgl. dazu auch Malitz, Poseido-
nios S. 282. Zu Sarpedon: Bengtson, Strategie II S. 178 mit Anm. 3; Carsana, Dirigenze S.
114; Savalli-Lestrade, Philoi S. 120 f., die aufgrund des Namens eine lykische oder kilikische
Herkunft dieses Mannes annimmt. Sarpedon wird auch bei Strab. 16, 2, 26 = 758 erwähnt.
Unklar bleibt in diesem Zusammenhang, wer die Ptolemäer sind, gegen die Sarpedon kämpft.
Denkbar wären ptolemäische Besatzungen in dem Gebiet um Tyros. Zu Palamedes: Savalli-
Lestrade, Philoi S. 120.
487 J. N. Straßmaier, Zur Chronologie der Seleuciden, Zeitschrift für Assyriologie und verwandte
Gebiete 8,1893, S. 111; Del Monte, Testi S. 101 f. Deshalb wandten sich die Bewohner Me-
sopotamiens im Jahr 141 mit ihrem Hilfegesuch auch an Demetrios II. und nicht an Tryphon,
siehe unten.
488 Diod. 33, 28. Carsana, Dirigenze S. 115; Savalli-Lestrade, Philoi S. 120.
489 Mutafian, Cilicie II Abb. 33-36 (heute Alanya). Hier kam es im Jahr 67 zur Seeschlacht zwi-
schen der Flotte des Pompeius und den Seeräubern, vgl. dazu zuletzt de Souza, Piracy S. 169 ff.
Sehr problematisch sind die Vermutungen von Maroti, Seeräuberei S. 34, an die de Souza
anknüpft. Maroti schreibt: „Beim Aufschwung der Seeräuberei in Kilikien spielte der Usur-
pator Diodotes Tryphon in Syrien eine wichtige Rolle. Aus der Politik und der Tätigkeit
Tryphons können wir folgern, daß er sich bei der Verwirklichung seiner Ziele auch der See-
räuber bediente. ... Tryphon war daher bemüht, diese Städte (die reichen phönikischen Han-
delsstädte, Anm. d. Verf.) niederzuwerfen. Gegen sie setzte er auch Seeräuber ein, denen sich
dabei gute Beutegelegenheiten boten. Er ließ deshalb den Hafen von Korakesion, den künf-
tigen bedeutenden Stützpunkt der Seeräuber erbauen“. Daß Tryphon sich der Seeräuber be-
diente, wird in keiner Quelle behauptet. Siehe auch nachstehende Anmerkung und unten Kap.
II13.
490 Strab. 14, 5, 2 = 668. Strabons eindringlicher Bericht basiert auf Poseidonios: W. Capelle,
Griechische Ethik und römischer Imperialismus, Klio 25,1932, S. 102 f. Anm. 2; Strasburger,
Poseidonios S. 43 mit Anm. 34; Malitz, Poseidonios S. 164 ff. Strabon schreibt, daß die mit
Tryphon einsetzenden innerdynastischen Kämpfe das Aufkommen der Piraterie begünstigt
hätten, nicht aber, daß Tryphon das erste „example of a pirate leader“ gewesen sei, so de Souza,
Piracy S. 98. Die erwähnte Eroberung der Burg von Korakesion könnte eine Maßnahme gegen
die Piraterie gewesen sein. Die Entstehung des Piratentums im östlichen Mittelmeerraum
hängt auf das engste auch mit dem Niedergang von Rhodos zusammen: Jones, Cities S. 201.
Vgl. auch Vogt, Republik S. 335; Pohl, Piraterie S. 126 f. mit Anm. 138; 147 und Bringmann,
Republik S. 291. Anders Wiemer, Rhodos S. 129, der schreibt, daß es nicht der mangelnde
Wille der Rhodier war, gegen die aufkommende kilikische Piraterie einzuschreiten, sondern
das „politisch motivierte Bestreben, das Seleukidenreich zu schwächen“ dahinter stand. Spe-
ziell mit Tryphon und den Piraten beschäftigt sich E. Maroti, Diodotes Tryphon et la piraterie,
AA 10, 1960, S. 187 ff. (non vidi), aber wohl ähnlich: Maroti, Seeräuberei S. 34. Zu Rhodos
und den Piraten vgl. Wiemer, Rhodos S. 111 ff. und zu Strabons Piratenexkurs ebenda S.
127 f.
170
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Die in Tarsos geprägten Drachmen für Antiochos VI. zeigen auf der Vorderseite
das Bildnis des Königs (ohne Strahlen im Haar) und auf der Rückseite den auf einem
gehörnten Löwen (?) stehenden Gott Sandan. Die Legende lautet BAEIAEQE
ANTIOXOY Eni<t>ANOYE AIONYEOY. Bislang sind zwei Exemplare dieser
Emission bekannt: J. A. Seeger, An Unpublished Drachm of Antiochus VI, NC 1972,
S. 305 mit Abb. 1 und H. Lanz, München, Kat. 74, Nov. 1995, 265. Die Miszelle
von Seeger enthält allerdings einige Irrtümer: Bei dem dort erwähnten Ptolemaios
Philopator handelt es sich in Wirklichkeit um Ptolemaios VI. Philometor und bei
Demetrios Soter um Demetrios II. Theos Philadelphos Nikator. Neu im Handel
aufgetaucht ist inzwischen auch eine tarsische Tetradrachme für den sechsten Anti-
ochos: Gomy & Mosch, München, Kat. 104, Okt. 2000, 456. Ein derartiges Stück
wird CSE S. 33 Anm. 4 erwähnt. Die Tetradrachme trägt auf der Rückseite das
Sandan,monument4.491 - Nur wenige Kilometer südöstlich von Tarsos lag Mallos.
Mit dem archaischen Kultbild der Athena Margarsia wurden dort Tetradrachmen für
Antiochos VI. geprägt.492
Etwa im Herbst 143 (?) wurde Berytos von den Truppen Tryphons zerstört.493
Dort waren im Jahr 145 noch Münzen für Demetrios II. geschlagen worden 494 B.
Niese vermutet, daß Tryphon umgekehrt Arados begünstigte,495 aber aus diesen
Jahren liegen keine Münzzeugnisse vor, so daß sich nicht sagen läßt, welchen der
beiden Könige die Stadt unterstützte.496
Antiochos VI. bestätigte Jonathan im Amt des Hohenpriesters 497 I. Makk. 11,
57 zufolge wäre Jonathan lediglich der Titel „Freund des Königs“ (cpiXoc; tou
ßaoiXew^) verliehen worden. Aber dies darf „unmöglich scharf im technischen
Sinne genommen werden, denn dann läge ja eine Degradation vor“, wie H. Willrich
richtig feststellt.498 Vielmehr weisen die vom König übersandten Ehrengeschenke
(I. Makk. 11, 58: Goldspange [jröp7rr| xpvof|] 499 vergoldetes Eßgeschirr, goldener
491 Zu Sandan auf Münzen vgl. D. Pohl, Sandan in Tarsos und K. Ehling, Die Götterwelt von
Tarsos, in: Meyer/Ziegler (Hg.), Kulturbegegnung S. 73 ff.; 140 ff.
492 Houghton, Mallus S. 94f. Nr. 8f.; D. Pohl, Athena Magarsia in Mallos, in: Meyer/Ziegler
(Hg.), Kulturbegegnung S. 93 ff. Vermutlich handelt es sich bei Magarsos um die Hafenstadt
von Mallos: Jones, Cities S. 197. Siehe zu diesen Münzen oben Kap. 1 3, 6.
493 Strab. 16, 2, 219 = 756. Niese, Geschichte III S. 278 f.; Grainger, Phoenicia S. 123 f. Dies
bringen Maröti, Seeräuberei S. 34 und de Souza, Piracy S. 98 mit Tryphons Rolle als Seeräu-
berführer in Verbindung, aber auch hier ist wieder die entgegengesetzte Deutung möglich,
nämlich daß Tryphons Soldaten einen Seeräuberstützpunkt zerschlugen.
494 Babelon, Rois S. 124 Nr. 959. Niese, Geschichte III S. 279 Anm. I nennt irrtümlich Stücke
aus dem Jahr 168 S. Ä. = 145/44.
495 Geschichte IIIS. 279 mit Anm. 3.
496 Unklar ist auch, wann Marathos zerstört bzw. Arados einverleibt wurde. Vgl. die Diskussion
bei Niese, Geschichte IIIS. 279 mit Anm. 3 und Grainger, Phoenicia S. 129 ff. Zu Arados und
Marathos vgl. auch Orth, Geographie S. 82; 90.
497 I. Makk. II, 57; los. ant. lud. 13, 145. Baltrusch, Juden S. 99 mit Anm. 67.
498 Willrich, Ordens-Wesen S. 419. Man darf im I. Makkabäerbuch „keine Korrektheit“ in den
Ausdrücken, die das seleukidische Titelwesen betreffen, erwarten.
499 Zu den goldenen Rangabzeichen bei den Seleukiden: Robert, Noms S. 446 Anm. 1 und 2.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VI.
171
Trinkbecher500 und Purpurgewand [iropcpvpa]) eindeutig darauf hin, daß Jonathan
weiterhin zur obersten höfischen Rangklasse der „Verwandten“ (otyyeveu;) zählte,
in die ihn der Vater des kleinen Königs, Alexander L, wenige Jahre zuvor aufgenom-
men hatte.501 Jonathans Bruder Simon wurde zum „Befehlshaber über das Gebiet
zwischen der Tyrischen Treppe und der ägyptischen Grenze“ (oTparqYÖC airö
KÄipaKoc Tvpov ecüc twv öpicüv AiyuTTTOü [I. Makk. 11,59] bzw. arparriYOC xrj^
OTpanäc dirö KÄipaKoc; Tfjc; Tvpiwv ecoc Aiyvtttou [los. ant. lud. 13, 146]), d.h.
zum Strategen von Ptolemais bis zur ägyptischen Grenze, ernannt.502 Auch bei die-
sem Ausdruck handelt es sich um eine nicht wörtlich zu nehmende Rückübersetzung
ins Griechische.503 Simon war damit wahrscheinlich der direkte Gegenspieler zu
Sarpedon (oder Palamedes).504 Möglicherweise ist Simon schon jetzt oder aber nach
einem größeren Erfolg - vielleicht über Sarpedon oder Palamedes - zum cnjyvevqc;
erhoben worden.505 Den Hasmonäern wurden außerdem die drei Bezirke506
Aphairema, Ramathaim und Lydda unterstellt507 und der Besitz von Akkaron bestä-
tigt.508 Offiziell zogen Jonathan und Simon im Auftrage Antiochos’ VI. gegen die
Heere und Besatzungstruppen Demetrios’ II., aber sie verstanden es, ihren Auftrag
geschickt mit den eigenen Interessen zu verknüpfen. Mit königlicher Erlaubnis warb
Jonathan ein großes Heer in (Koile-)Syrien und Phönikien an und zog nach Askalon.
Er forderte die Bewohner auf, sich Antiochos VI. anzuschließen. Wer dem nicht
nachkam, wie etwa Gaza, wurde belagert (I. Makk. 11,61 f.; los. ant. lud. 13,150).
Die Stadt mußte sich schließlich ergeben; ihre Bewohner versprachen „Freundschaft
und Bundesgenossenschaft“ (cpiXia Kai auypaxta los. ant. lud. 13, 152), und die
vornehmsten Familien wurden gezwungen, ihre Söhne als Geiseln zu stellen.509 Bis
nach Damaskos dehnte Jonathan den jüdischen Einflußbereich aus (I. Makk. 11,62;
los. ant. lud. 13, 153).
500 Zum Geschirr hellenistischer Herrscher vgl. G. Zimmer, Prunkgeschirr hellenistischer Herr-
scher, in: Hoepfner/Brands (Hg.), Basileia, S. 130-135 und zu der Stelle Vössing, Bankett S.
115 mit Anm. 2. Polybios erwähnt im Zusammenhang mit dem Festzug von Daphne im Jahr
166 mehrfach kostbares Geschirr (30, 25, 1-26,9). - Dies ist auch vor einem jüdischen Hin-
tergrund zu sehen: So waren die Trinkgefäße des sagenhaft reichen jüdischen Königs Salomo
ebenfalls aus Gold: I. Kön. 10, 21; 25, und der Hohepriester Simon beeindruckte den seleu-
kidischen Gesandten Athenobios mit der Pracht seiner goldenen und silbernen Gefäße, als
dieser sich Anfang der 130er Jahre in Jerusalem zu Verhandlungen aufhielt (I. Makk. 15,32,
siehe unten Kap. II 8).
501 Als Belohnung für die Besiegung des Apollonios, Demetrios’ II. Strategen von Koilesyrien
bzw. Strategen von PtolemaYs bis zur ägyptischen Grenze, siehe oben Kap. II5.
502 Bengtson, Strategie II S. 176 ff. bes. 178.
503 Fischer, Verwaltung S. 37 mit Anm. 18.
504 Bengtson, Strategie II S. 178. Sarpedon wird als orpaTqY<k bezeichnet: Athen. 8, 333 c.
Grainger, Prosopography S. 111; 116 bezeichnet Sarpedon und Palamedes als Satrapen oder
Generale.
505 So die Vermutung von Willrich, Ordens-Wesen S. 419 Anm. 2 nach I. Makk. 14,44.
506 In I. Makk. 11,57 u. ö. heißen sie vopoi. Besser ist die Bezeichnung als Toparchien: Bengtson,
Strategie II S. 25 (nach I. Makk. 11, 28).
507 Kahrstedt, Territorien S. 65 ff.; Keel/Küchler, Orte IIS. 829ff.
508 So dürfte I. Makk. 11,57 zu verstehen sein, wo von „vier Bezirken“ die Rede ist.
509 Sie wurden nach Jerusalem verbracht: I. Makk. 11,62; los. ant. lud. 13, 153.
172
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Die Heerführer des Demetrios II.510 marschierten nach Kadesch (Kadesa), einer
Stadt zwischen Tyros und Galiläa,511 mit der Absicht, Jonathan in eine Falle zu lo-
cken. In der Ebene von Hazor am See Genessaret stießen die Heere aufeinander (I.
Makk. 11, 67; los. ant. lud. 13, 158). Jonathans Soldaten ergriffen die Flucht, als
Demetrios’ II. Truppen ihnen vom Gebirge her in den Rücken fielen (I. Makk. II,
69; los. ant. lud. 13, 159 f.). Mit einer kleinen Schar mutiger Kämpfer512 gelang es
Jonathan, das Blatt zu wenden. Seine Männer kehrten um, nahmen den Kampf wie-
der auf und trieben nun ihrerseits die seleukidischen Truppen in die Flucht. 3.000
(I. Makk. II, 74) bzw. 2.000 seleukidische Soldaten (los. ant. lud. 13, 163) sollen
den Tod gefunden haben; die übrigen zogen sich in das Lager von Kadesch (Kadesa)
zurück.513 Den Truppen Demetrios’ II. gelang es nicht, die Kontrolle über Judäa zu
erringen.
In der Zwischenzeit begann der crrpaTriyot; Simon, den Jonathan in Judäa zu-
rückgelassen hatte, damit, die Besatzung von Bet-Zur zu belagern (los. ant. lud. 13,
155 ff.), weil sie noch zu Demetrios II. hielt.514 Simon ließ Wälle aufschütten und
Maschinen heranfahren. Die eingeschlossenen Soldaten nahmen Verhandlungen auf
und baten um freien Abzug, den Simon schließlich gewährte. Nachdem in der Stadt
fast 20 Jahre lang eine seleukidische Besatzung gelegen hatte, quartierten sich nun
jüdische Truppen ein. Falls es im Jahr 144/43 in Bet-Zur noch jüdische „Hellenisten“
gab,515 so wurden diese jetzt vertrieben 516
Mochte der Abzug der seleukidischen Besatzung aus Bet-Zur - wenn es denn
stimmt, daß sie zu Demetrios II. gehalten hatte -, noch im Interesse des Königs
Antiochos VI. und seines £7rvrpo7ro£ Tryphon gelegen haben, so zeigen die nächsten
Schritte, die Jonathan unternahm, daß es ihm weniger um den Dienst am König als
um die Durchsetzung jüdischer bzw. hasmonäischer Interessen ging. Jonathan und
Simon verfolgten mehrere Ziele: Zum einen kämpften sie dafür, alle seleukidischen
Truppen aus Judäa zu vertreiben und der verhaßten Besetzung des Landes ein Ende
zu bereiten. Zum anderen versuchten sie, die jüdische Einflußsphäre auszudehnen
und möglichst große Gebiete zu Judäa hinzuzugewinnen. Dadurch konnten die
Hasmonäer ihr Prestige im eigenen Land steigern und ihre herrscherliche Machtpo-
sition weiter ausbauen. Letztlich ging es um die Erringung der Unabhängigkeit Ju-
däas vom Seleukidenreich und die völkerrechtliche Anerkennung als souveräner
Staat unter alleiniger Führung der hasmonäischen Dynastie.
510 Vermutlich unter Führung des Sarpedon oder Palamedes. Unsere Quellen nennen keine Na-
men.
511 I. Makk. 11,63; los. ant. lud. 13,154. Zur Schreibung des Ortsnamens vgl. Marcus, Josephus
S. 301 Anm. e.
512 Josephus (ant. lud. 13, 161) nennt die Zahl von 50 Männem, darunter namentlich die Trup-
penführer Matthias und Judas, vgl. auch I. Makk. 11,70.
513 I. Makk. 11,73. „Lager“ heißt hier griechisch TrapEpßoXn.
514 So ausdrücklich los. ant. lud. 13, 155, aber ob dies wirklich stimmt, muß offen bleiben.
515 Einige „Hellenisten“ waren 153/52 aus den von Bakchides erbauten Festungen nach Bet-Zur
geflohen: I. Makk. 10, 12-14.
516 Wie wenig später dann auch aus Geser: I. Makk. 13, 43-48, siehe unten.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VI.
173
Mit der Absendung einer jüdischen Gesandtschaft unter Leitung des Numenios,
Sohn des Antiochos, und Antipatros, Sohn des Jason,517 nach Rom im Jahr 144,518 519
wurde die Souveränität nach außen dokumentiert. Die Gesandten erreichten die
Bestätigung und Erneuerung des Bündnisses von 161,5,9 und es gibt, wie D. Timpe
betont, keinen zwingenden Grund, an der Glaubwürdigkeit des Berichtes über den
Abschluß des Foedus zu zweifeln.520 Auf dem Rückweg machten die Gesandten in
Sparta und anderen Städten Halt.521 I. Makk. 12, 6-18 (und mit Zusatz und stilis-
tischen Glättungen versehen los. ant. lud. 13, 167-170)522 referiert einen Brief des
apXicpEvc toü eOvouc; tcov ’lovbodcüv Jonathan an die Spartaner.523 Aufgrund
gewisser Ähnlichkeiten (Gesetzgeber: Lykurg/Mose; Gesetzestreue; Abgeschlossen-
heit gegen Fremdes) und der ,Sonderrolle4, die die Spartaner in der griechischen
Welt und die Juden im Nahen Osten einnahmen, bildete sich vielleicht schon im 3.
Jh. in der jüdischen Apologetik die Vorstellung einer ouw^veia524 aufgrund einer
gemeinsamen Abstammung von Abraham heraus.525 An der historischen Authenti-
zität des Jonathan-Briefes sind starke Zweifel geäußert worden;526 doch dürften
diplomatische Beziehungen zwischen Juden und Sparta bestanden haben.527
Nach ihrer Niederlage gegen Jonathan kehrten die Feldherren des Demetrios II.
„mit einem noch größeren Heer“ zurück (I. Makk. 12, 24; los. ant. lud. 13, 174).
Von Jerusalem zog die jüdische Armee rasch bis in die Gegend von Hamat.528 Um
einer offenen Feldschlacht auszuweichen, bereitete das Seleukidenheer einen nächt-
lichen Überfall vor (I. Makk. 12, 26; los. ant. lud. 13, 176). Nachdem dieser Plan
517 I. Makk. 12,16. Man beachte die griechischen Namen. Zu Juden mit griechischen Namen vgl.
Hengel, Jerusalem S. 288 f.
518 Timpe, Vertrag S. 146 datiert die Gesandtschaft auf „ca. 144“, ebenso Baltrusch, Juden S. 98;
Cardauns, Juden und Spartaner S. 317 schreibt: „etwa 143“.
519 cpiXia Kai cwppaxia: I. Makk. 12, 1; 3; 16; los. ant. lud. 13, 163-165. Timpe, Vertrag S.
146.
520 Vertrag S. 146.
521 I. Makk. 12,2; los. ant. lud. 13, 165.
522 Vgl. dazu Cardauns, Juden und Spartaner S. 315.
523 Baltrusch, Juden S. 100 ff.
524 los. ant. lud. 13,167. Von ovyYEVEia ist auch in II. Makk. 5,9 die Rede. Zu diesem komple-
xen Begriff vgl. zuletzt S. Lücke. Syngeneia. Epigraphisch-historische Studien zu einem
Phänomen der antiken griechischen Diplomatie, Frankfurt am Main 2000, S. 15 ff.; 82ff. Vgl.
auch Hengel, Jerusalem S. 284 und Baltrusch, Juden S. 101.
525 Vgl. den fiktiven Brief des Spartanerkönigs Areios an den Hohenpriester Onias zur Zeit des
vierten Seleukos: I. Makk. 12,20-23; los. ant. lud. 12,225-227. Cardauns, Juden und Spar-
taner S. 323 f.; A. Momigliano, Hochkulturen im Hellenismus. Die Begegnung der Griechen
mit Kelten, Römern, Juden und Persern, München 1979, S. 136; Schunck, 1. Makkabäerbuch
S. 291; S. Lücke, Syngeneia. Epigraphisch-historische Studien zu einem Phänomen der anti-
ken griechischen Diplomatie, Frankfurt am Main 2000, S. 83. In dem Schreiben heißt es, daß
Juden und Spartaner eines Stammes sind und sich beide von Abraham herleiten.
526 Cardauns, Juden und Spartaner S. 321.
527 Auch Cardauns, Juden und Spartaner S. 321 hält diese für „nicht gänzlich ausgeschlossen“.
Davon, daß diplomatische Beziehungen bestanden, geht etwa Th. Fischer, Rom und die Has-
monäer, Gymnasium 88, 1981, S. 142 aus.
528 I. Makk. 12, 25; los. ant. lud. 13, 174. Möller/Schmitt, Siedlungen S. 13.
174
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Jonathan durch Späher und Gefangene bekannt geworden und Abwehrmaßnahmen
ergriffen waren, zogen sich die Truppen Demetrios* II. im Schutz der Dunkelheit
jedoch zurück (I. Makk. 12, 28-30; los. ant. lud. 13, 177 f.). Jonathan ließ die Se-
leukiden noch bis zum Eleutheros verfolgen (I. Makk. 12,30; los. ant. lud. 13,179).
In der Zwischenzeit war sein Bruder Simon nach Askalon gezogen, um die seleuki-
dischen Wacheinheiten aus den Festungen (oxvpcbpaTa: I. Makk. 12, 33) zu ver-
treiben. Dann wandte er sich nach Joppe und legte eine militärische Besatzung in
die Stadt; denn Simon hatte erfahren, daß sich ihre Bewohner Demetrios II. anschlie-
ßen wollten (I. Makk. 12, 34 f.; los. ant. lud. 13, 180). Die Juden begannen nun ih-
rerseits damit, Festungen (cppovpia) in Judäa anzulegen.529 In Jerusalem wurde
zwischen Stadt und Akra, in der die seleukidische Besatzung stationiert war, eine
hohe Mauer errichtet, „um die Burg völlig von der Stadt abzuschneiden, damit die
Besatzung weder etwas kaufen noch verkaufen“ konnte.530 Gleichzeitig wurden die
Mauern des Tempelstaates für den Fall einer seleukidischen Belagerung verstärkt (I.
Makk. 13, 37; los. ant. lud. 13, 181).
Der antiochenische Hof konnte dieses Verhalten nicht gutheißen. Dort mußte
man die militärischen Aktivitäten der Hasmonäer, so effektiv sie sich gegen Demet-
rios II. auch erwiesen, dennoch als gegen sich selbst gerichtet sehen. Zwar betonen
diejüdischen Quellen die besondere Treue Jonathans zu Antiochos VI. (I. Makk. 12,
40; los. ant. lud. 13,187), aber dies nur, um Tryphon als den eigentlichen Bösewicht
erscheinen zu lassen. Da die Gefahr bestand, daß Judäa vom Reich wegbrechen und
sich selbständig machen würde, faßten Tryphon und die cpiXoi des Königs531 ver-
mutlich im Herbst 143 den Plan, Jonathan gefangenzunehmen. Von Antiocheia
marschierte Tryphon nach Skythopolis in Samaria.532 Jonathan zog ihm mit 40.000
Kriegern entgegen (I. Makk. 12, 41; los. ant. lud. 13, 188). Da Tryphon und die
königlichen Freunde Jonathan glänzend empfingen und reich beschenkten (I. Makk.
12, 43; los. ant. lud. 13, 189), ließ er sich täuschen und gab seinem Heer Befehl,
nach Judäa zurückzukehren (I. Makk. 12, 46; los. ant. lud. 13, 190). Tryphon ver-
sprach, die phönikische Stadt Ptolemais und die übrigen Festungen (o/upcopara)
an Jonathan zu übergeben (I. Makk. 12, 45; los. ant. lud. 13, 190). Dabei lockten
diesen mit Sicherheit die hohen Steuerabgaben, die aus der reichen Handelsstadt zu
ziehen waren. Gemeinsam zogen sie nach Ptolemais, Jonathan schließlich nur noch
in Begleitung einer 1.000 Mann starken Leibwache (I. Makk. 12, 47; los. ant. lud.
13,191). Die Entlassung des Heeres dürfte vor allem auch aus logistischen Gründen
erfolgt sein, da ein so starkes Heer ernährt werden mußte und Land und Kasse zu-
sätzlich belastet hätte. In Ptolemais angekommen, ließ Tryphon die jüdischen Sol-
daten niedermachen und Jonathan gefangennehmen. An dieser blutigen Aktion war
auch die städtische Bevölkerung beteiligt (I. Makk. 12, 48; los. ant. lud. 13, 192).
529 I. Makk. 12, 35; 38; los. ant. lud. 13, 182f. So baute Simon das in der Schefala (die Ebene
zwischen der Küste und dem Gebirge Juda) gelegene Hadid aus.
530 I. Makk. 12, 36: ... pqts ötYopdCcom pi^Te ttcüXwcti. Eine ähnliche Formulierung verwendet
los. ant. lud. 13, 182.
531 Die cpiXoi werden in I. Makk. 12,43 genannt.
532 I. Makk. 12, 41; los. ant. lud. 13, 188. Der jüdische Name von Skythopolis lautet Bethsan
oder Baithsane: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 175 f.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VL
175
Sie wollte sich zum einen sicherlich mit Tryphon gutstellen,533 zum anderen brach
sich hier aber vermutlich auch eine seit Jahrzehnten bestehende Judenfeindlichkeit
Bahn.534 Tryphon entsandte Fuß- und Reitertruppen nach Galiläa zur Verfolgung der
abgezogenen jüdischen Verbände, doch wagten sie keinen Angriff (I. Makk. 12,
49ff.; los. ant. lud. 13, 192) und kehrten nach Ptolemais zurück.
In Jerusalem wurde Jonathans Bruder Simon zum Führer, d. h. Oberbefehlshaber
des Heeres und Hohenpriester des jüdischen Ethnos gewählt.535 Simon gab Anwei-
sung, die Mauern der Stadt weiter auszubauen (I. Makk. 13, 10; los. ant. lud. 13,
202) und die Belagerung der seleukidischen Besatzung in der Akra fortzusetzen.536
Den Sohn des Abschalom, Jonathan, entsandte er nach Joppe, dessen Soldaten die
Küstenstadt zurückeroberten537 und die Einwohner vertrieben (I. Makk. 13,11; los.
ant. lud. 13,202).
Mit einem großen Heer rückte Tryphon von Ptolemais nach Judäa hinauf. Jona-
than wurde als Gefangener mitgeführt (I. Makk. 13, 12; los. ant. lud. 13, 203). Als
Tryphon erfuhr, daß Simon zum neuen Anführer bestimmt worden war, schickte er
Boten in das Lager der Juden (I. Makk. 13, 14). Für die Freilassung Jonathans for-
derte er 100 Silbertalente538 und zwei seiner Söhne als Geiseln. Obwohl Simon
Tryphon mißtraute, lieferte er das Geld und die beiden Söhne aus, um sich nicht dem
Vorwurf auszusetzen, er habe nicht alles getan, um Jonathans Leben zu retten (I.
Makk. 13, 17 ff.; los. ant. lud. 13,206). Doch gab der Seleukide seinen Gefangenen
nicht frei (I. Makk. 13, 19; los. ant. lud. 13, 207) und wird dies bestimmt auch nie
beabsichtigt haben. Die seleukidischen Truppen standen in Idumäa (los. ant. lud.
13,207), um in Judäa einzufallen. (I. Makk. 13,20). Die in ärgste Bedrängnis gera-
tene Besatzung in der Akra schickte Boten zu Tryphon und drängte ihn, von der
Wüste her nach Jerusalem durchzubrechen (I. Makk. 13,21; los. ant. lud. 13, 208).
In der Nacht, als die seleukidischen Truppen den Durchbruch gegen Simons Armee
erzwingen wollten, fiel jedoch soviel Schnee, daß das geplante Unternehmen abge-
brochen werden mußte. Die Erwähnung des Schneefalls539 gibt die Möglichkeit,
533 Die Stadt Berytos war kurze Zeit zuvor von Truppen Tryphons zerstört worden, siehe oben.
534 Zur judenfeindlichen Einstellung der phönikischen Bevölkerung vgl. die Textstellen II. Makk.
6, 8 (zur Zeit des Religionsverbotes), I. Makk. 5, 15 (etwa 165) und II. Makk. 13, 25 (nach
Abschluß des Religionsfriedens).
535 I. Makk. 13, 8; los. ant. lud. 13, 201. Vgl. I. Makk. 13, 42, wo Simon als Hohepriester
(äpXiepeuC p&YöO* Befehlshaber (oTpaTrjYoÖ und Führer (qYEpwv) der Juden bezeichnet
wird. Vgl. auch: I. Makk. 14,47 und Savalli-Lestrade. Philoi S. 81 f.
536 Dies geht aus I. Makk. 13,21 hervor.
537 Joppe war bereits zuvor von Simon erobert und mit einer Besatzung belegt worden (siehe
oben). Offenbar war diese Besatzung vertrieben worden, so daß die Stadt erneut von Jonathan
eingenommen werden mußte. Diesmal vertrieben die Juden die einheimische Bevölkerung.
538 Für das seleukidische Ämterwesen interessant ist Tryphons Begründung dieser Forderung:
Die 100 Talente schulde Jonathan der königlichen Schatzkammer (to ßaoiXiKÖv) „für die
Ämter, die er innehatte“ öi ’ äc eiX£ XP^«C, ovvEXopev aurov: 1. Makk. 13,15. Anders los.
ant. lud. 13,204. Die Bekleidung eines hohen Amtes scheint demnach auch mit bestimmten
Abgaben verbunden gewesen zu sein.
539 Die einzige Erwähnung von Schnee (xiwv) in beiden Makkabäerbüchem; los. ant. lud. 13,
208.
176
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
das Ereignis in die Zeit zwischen November 143 und März 142 zu datieren.540 Try-
phon zog in den Nordosten nach Gilead ab, offenbar um von hier aus nach Jerusalem
zu gelangen. Dann aber ließ er Jonathan in der Nähe von Baskama (Baska)541 er-
morden und kehrte nach Antiocheia zurück (I. Makk. 13, 22ff.; los. ant. lud. 13,
209). Wahrscheinlich kam es zu der abrupten Beendigung des Feldzuges aufgrund
besonderer Ereignisse in Syrien. Denkbar wäre, daß Demetrios II. einen militä-
rischen Erfolg errungen hatte oder daß ein Aufstand der Bevölkerung gegen Tryphon
ausgebrochen war. Die Besatzung in der Jerusalemer Akra wurde ihrem Schicksal
überlassen.
Sollte Tryphon Jonathan ermordet haben, weil er fürchtete, dieser würde abfal-
len und sich Demetrios II. zuwenden,542 so trat genau dies ein: Die Juden wechselten
die Seiten und erkannten nun wieder Demetrios IL als König an. Etwa Anfang 142
sandte Simon einige Botschafter mit Huldigungsgeschenken an Demetrios II. (ver-
mutlich nach Seleukeia in Pierien). Simon bot diesem seine Unterstützung an und
bat als Gegenleistung um Steuemachlaß für Judäa. Mit folgender ETnoroXri (I. Makk.
13, 35) antwortete der Seleukide:
„König Demetrios grüßt Simon, den Hohenpriester und Freund der Könige, den Ältestenrat und
das Volk der Juden (36). Goldkranz und Palmzweig, die Ihr gesandt habt, haben wir erhalten.
Wir sind bereit, einen umfassenden Frieden mit Euch zu schließen und den Beamten (oi £70 twv
XpEiwv) zu schreiben, Euch von den Tributen zu befreien (acpeivai ... äcp^para) (37). Alles,
was wir Euch zugestanden hatten, bleibt gültig. Auch die Festungen, die Ihr gebaut habt, sollen
Euch gehören (38). Wir verzeihen Euch Eure Irrtümer und Vergehen bis auf den heutigen Tag
und verzichten auf den Kranz, den Ihr uns schuldet. Wenn Ihr noch irgendeinen Zoll in Jerusa-
lem zahlt, sollt Ihr ihn nicht länger entrichten (39). Wenn unter Euch geeignete Männer sind,
die in unsere Leibwache (tovc irepi qpäc) aufgenommen werden können, so sollen sie in die
Liste eingetragen werden. Zwischen uns soll Friede herrschen (40)“.
In dem Brief, der an Hohenpriester, Ältestenrat und Ethnos der Juden adressiert ist,
wird Simon zwar als (piXot; des Demetrios II. bezeichnet, aber nicht als Stratege.543
Das Amt eines Strategen von Ptolemais bis zur ägyptischen Grenze oder eines Stra-
tegen und Meridarchen von Judäa, scheint Demetrios II. ihm nicht wieder übertragen
zu haben, d. h. Simon stand nicht mehr in Reichsdiensten. Als höchster Repräsentant
des Tempelstaates wäre Simon m.E. aber als „Bruder“ (aÖEXcpoc;) anzusprechen
gewesen.544 Vielleicht ist dies mit Absicht unterblieben, da das Verhältnis zwischen
König und Oberpriester ja als sehr gespannt bezeichnet werden muß. Der Seleuki-
denkönig bot Frieden an, gewährte völlige Abgabenfreiheit für Jerusalem (und Ju-
däa?), bestätigte die früheren Vereinbarungen545 und sanktionierte die hasmonä-
540 In Jerusalem schneit es heute, wenn auch selten, so doch mit einiger Regelmäßigkeit, am
häufigsten im Januar: Keel/Küchler/Uehlinger. Orte 1 S. 40.
541 Zum Ortsnamen: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 37. Baskama bzw. Baska ist bislang nicht
lokalisiert. Jonathan wurde später in Modeln feierlich beigesetzt. I. Makk. 13,27-30 gibt eine
Beschreibung der hasmonäischen Grabanlage.
542 So die Vermutung Nieses, Makkabäerbücher S. 285 Anm. 1.
543 Savalli-Lestrade. Philoi S. 81 f.
544 Vgl. los. ant. lud. 13, 126.
545 1. Makk. 11,28; 34 ff.; los. ant. lud. 13, 127f.
6.) Erste Regierung des Demetrios II. und Erhebung des Antiochos VI.
177
ischen Festungsbauten.546 Nicht bestätigt wurde die Eroberung von Bet-Zur (und
Geser, wenn die Stadt zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes bereits in jüdischer
Hand war).547 Was die Aufnahme jüdischer Söldner in die königliche Armee (wohl
kaum Leibwache) betrifft, so sei zum einen an das oben in Kap. II4 zu I. Makk. 10,
36 Gesagte, zum anderen jedoch auch daran erinnert, daß Demetrios II. keine drei
Jahre zuvor mit Hilfe von 3.000 jüdischen Soldaten einen Aufstand der antioche-
nischen Bevölkerung niedergeworfen hatte. Eine Aufnahme jüdischer Soldaten in
das Heer Demetrios* II. ist deshalb nicht ausgeschlossen. Der zitierte Brief darf als
echt gelten.548
Mit stillschweigender Duldung Demetrios* II. wurde die seleukidische Besat-
zung in der Akra ausgehungert (I. Makk. 13,49 ff.); sie mußte sich schließlich erge-
ben. Als Geste des guten Willens gewährte Simon ihr freien Abzug (I. Makk. 13,
50). Die Akra wurde „entsühnt“549 und am 23. Tag des zweiten Monats des Jahres
171 S. Ä., d.h. im Mai 142,550 zogen die Juden in einer feierlichen Prozession mit
Musik und Gesang in die Burg ein (I. Makk. 13, 51). Der Tag wurde zum Festtag
erklärt (I. Makk. 13, 52). Die zur Akra hin gelegene Südseite des Tempelberges
wurde noch stärker befestigt. Nach dem Bericht des I. Makkabäerbuches bezog
Simon die Akra als Residenz (13, 52). Dagegen schreibt Josephus, daß dieser Akra
und Burgberg in dreijähriger Arbeit abtragen ließ (ant. lud. 13, 217). Welche Über-
lieferung richtig ist, wird letztlich nicht zu entscheiden sein. Daß Simon in der
prekären politischen Lage des Jahres 142 die Akra aber zunächst stehen ließ, vor
allem weil sie ihm bei seleukidischen Angriffen militärisch nur von Nutzen sein
konnte, leuchtet ein. Es ist deshalb wahrscheinlicher, daß die Akra erst später abge-
rissen wurde.551 Denn erst nach dem Tode Antiochos’ VII. (im Jahr 129) stellten die
Seleukiden für Jerusalem und das jüdische Ethnos keine ernstliche Bedrohung mehr
dar.
Im Mai 142 wurde Judäa vom Seleukidenreich politisch faktisch unabhängig.552
Die Juden zahlten seitdem auch weder Tribute (cpopoc los. ant. lud. 13, 213) noch
sonstige Steuern, Zölle oder Abgaben an die Kasse in Antiocheia. Zwar haben die
Seleukidenherrscher ihren Anspruch auf Judäa nie aufgegeben und mehrfach ver-
sucht, den bestehenden Zustand umzukehren 553 doch konnten sie ihre Suprematie
546 Diese werden in I. Makk. 12, 35; 38 erwähnt.
547 Geser wurde etwa im Winter/Frühjahr 143/42 von den Juden eingenommen.
548 Trotz Willrich, Urkundenfälschung S. 42. Zur Echtheitsfrage der Urkunden und Briefe in den
beiden Makkabäerbüchem siehe auch oben Kap. I 1.
549 1. Makk. 13,50:... acaOdpioe (= Simon) Tqv aKpav äirö twv piaoparwv.
550 los. ant. lud. 13,213. Schürer, Geschichte S. 247.
551 Eine ausführliche Diskussion zur Lage und Geschichte der Akra gibt B. Bar-Kochva, Judas
Maccabaeus. The Jewish Struggle Against the Seleucids, Cambridge 1989, S. 445 ff.
552 Die Juden selbst feierten ihre Unabhängigkeit bereits seit dem Jahr 170 S. Ä. (I. Makk. 13,
41), d.h. seit 143/42.
553 Antiochos VII. gelang es ein letztes Mal, für wenige Jahre (136/35-129) Jerusalem und Judäa
unter seleukidische Kontrolle zu bringen. Vor oder um 113 hatte Antiochos VIIL einen Judäa-
Feldzug geplant, der jedoch nicht zustande kam: los. ant. lud. 13, 270. Im Jahr 107 führten
Antiochos IX. (los. ant. lud. 13, 274) und 89/88 Demetrios III. (bell. lud. 1, 92) mehr oder
weniger erfolglos Krieg in Judäa, siehe unten Kap. II 8 und II 11.
178
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
nicht mehr erneut dauerhaft errichten. Die Präsenz seleukidischen Militärs blieb in
den nächsten Jahren auf den schmalen Küstenstreifen zwischen Ptolemais und
Ägypten beschränkt.
7.) TOD DES ANTIOCHOS VI. (141) UND ANKUNFT
DES ANTIOCHOS VII. IN SYRIEN (138)
Wahrscheinlich durch größere militärische Erfolge Demetrios’ II. gezwungen, war
Tryphon nach Syrien zurückgekehrt (I. Makk. 13, 24), nicht ohne sich zuvor Jona-
thans gewaltsam entledigt zu haben.554 In dieser Zeit dürfte sich der bei Porphyrios
(FGrHist 260 F 32, 16) erwähnte Kampf zwischen den Heeren Demetrios’ II. und
Antiochos’ VI. ereignet haben. Das aus dem Armenischen von F. Jacoby übertragene
Porphyrios-Fragment besagt: ... „als aufeinander einstürmten Demetrios des De-
metrios von Seleukeia aus und Antiochos sohn Alexanders, von Syrien und von der
Stadt Antiokh her, siegte Demetrios und erlangte das königtum im 1. jahre der 160.
Olympiade“. Die Datierung „im 1. Jahr der 160. Olympiade“ = 140/39 ist allerdings
wohl nicht richtig, da, wie unten gezeigt werden soll, Antiochos VI. zu diesem Zeit-
punkt bereits nicht mehr am Leben war. Das berichtete Ereignis gehört nach der hier
vorgeschlagenen Chronologie in die erste Hälfte des Jahres 142.555
Während des Jahres 143/42 blieb Antiocheia im Besitz Tryphons. Dort sind mit
dem Datum OP (= 170 S. Ä.) noch Münzen für Antiochos VI. geschlagen worden.
Die letzten Münzen für den Kinderkönig wurden in Ptolemais geprägt, und zwar
Tetradrachmen mit dem Datum AOP(= 171 S.Ä. = 142/41).556 Sie lassen den Schluß
zu, daß Antiochos VI. im Oktober 142 in jedem Fall noch am Leben war, sich aber
schon nicht mehr in Antiocheia befand, weil dort Münzen mit dem Datum 171 S. Ä.
fehlen. Es ist gut möglich, daß sich Tryphon und sein Schützling seit Oktober 142
in Ptolemais aufhielten. Vermutlich waren sie von Demetrios II. aus Syrien verdrängt
worden, und vielleicht bereitete Tryphon von der phönikischen Küstenstadt aus einen
neuen Judäa-Feldzug vor. Als Antiochos VI. dann sehr wahrscheinlich im Laufe des
Jahres 141 verstarb,557 wurden die Feldzugspläne aufgegeben.
Das Todesjahr des Antiochos VI. und damit auch das Erhebungsdatum Tryphons
sind umstritten, je nachdem, ob der literarischen Überlieferung oder den numisma-
tischen Zeugnissen der Vorzug gegeben wird: Da datierte Münzen für diesen König
seit 172 S. Ä. (= 141/40) nicht mehr vorliegen, muß man annehmen, daß Antiochos
VI. im Oktober 141 schon tot war. Daß Antiochos VI. erst 139/38 gestorben sei, und
Tod des Königs bzw. Erhebung Tryphons an die Gefangennahme Demetrios’ II.
durch die Parther im Jahr 138 (siehe unten) gekoppelt waren, berichten los. ant. lud.
13, 218, Diod. 33, 28, Liv. per. 52; 55 und lust. 36, 1, 7. Für die Beweiskraft der
554 Siehe oben Kap. 11 6.
555 Dieses Datum hat auch Fischer, Tryphon S. 212.
556 A.B. Brett, Seleucid Coins of Ake-Ptolemais in Phoenicia, ANSMN 1, 1945, S. 28 Nr. 21 A;
G. Le Rider, Tresor du Hauran, in: Festschrift für Leo Mildenberg/Studies in Honor of Leo
Mildenberg, Wetteren 1984, S. 166 ff. mit Taf. 25.
557 Die babylonische Keilinschrift Sachs/Hunger, Astronomical Diaries III S. 153 Nr. 140 Z. 36
und Del Monte, Testi S. 102 f. erwähnt Antiochos VI. noch zum Jahr 141.
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VIL in Syrien (138) 179
Münzen haben sich E. Schürer, U. Wilcken, B. Niese, E. R. Bevan, E. T. Newell,
Th. Fischer und A. Houghton entschieden;558 für die Evidenz der literarischen Über-
lieferung: A. Bouche-Leclercq, W. Hoffmann, U. Kahrstedt und ihm folgend C.
Küthmann.559 Der Versuch von H. R. Baldus, anhand der Münzmeisterzeichen auf
den undatierten Helmdrachmen für Antiochos VI. und Tryphon eine Samtherrschaft
beider Könige nachzuweisen und somit eine Brücke zwischen den literarischen und
numismatischen Quellen zu schlagen,560 ist von K. Brodersen akzeptiert, von ande-
ren abgelehnt worden.561 Für die Ansetzung des Todes des Antiochos VI. in das Jahr
141 und nicht auf 139/38 spricht außer den Münzen, daß der König nach der Chro-
nologie des I. Makkabäerbuches 13,31 vor dem Beginn von Demetrios’ II. Parther-
feldzug verstarb,562 und Josephus schreibt, daß er vier Jahre lang regierte (reoaapa
ßaaiXeuaavra eTq: ant. lud. 13, 218). Mit dem Jahr 168 S. Ä. eingerechnet563 ist
das vierte Regierungsjahr des Antiochos VI. das Jahr 171 S. Ä. (= 142/41), und mit
diesem Datum wurden in Ptolemais auch die letzten Münzen für Antiochos VI.
ausgegeben. Hätte der sechste Antiochos bis in das Jahr 139/38 regiert, hätte Jose-
phus die Regierungsdauer eigentlich mit sieben Jahren angeben müssen.
Übereinstimmend sprechen die Quellen davon, daß Tryphon Antiochos VI.
hinterlistig ermorden (I. Makk. 31, 31; Diod. 33, 28; App. Syr. 68, 357; lust. 36, 1,
7; Oros. 5,4,18) und anschließend verbreiten ließ, der König sei an den Folgen eines
ärztlichen Eingriffs verstorben (los. ant. lud. 13, 218; Liv. per. 55). Die Forschung
hat diese Überlieferung durchweg für glaubwürdig befunden.564 Es stellt sich m. E.
aber die Frage, ob der Mordvorwurf nicht auf die im ganzen tryphonfeindliche
Überlieferung565 zurückzuführen ist. Denn welchen Vorteil soll Tryphon von der
Ermordung seines von ihm völlig abhängigen unmündigen Schützlings gehabt ha-
ben?566 Nur die Funktion als eirtTpoTroc des legitimen Kinderkönigs legalisierte
auch seine eigene Stellung und seinen Kampf gegen Demetrios II. Ich glaube des-
halb, daß Antiochos VI. tatsächlich an den Folgen einer unglücklichen ärztlichen
Operation verstorben ist und der König nicht mit Absicht beseitigt wurde.567
558 Schürer, Geschichte S. 242 Anm. 2; Wilcken. Antiochos (29) Sp. 2478; Niese, Geschichte III
S. 283; Bevan, House II S. 230; Newell, SMA S. 71; Fischer, Tryphon S. 230; A. Houghton,
The Revolt of Tryphon and the Accession of Antiochus VI at Apamea, SNR 71, 1992, S.
141.
559 Bouche-Leclercq, Histoire IIS. 630; Hoffmann, Tryphon Sp. 720f.; Kahrstedt, Territorien S.
130 f.; Küthmann, Münzen S. 61 f.
560 HelmS. 146-138
561 Brodersen, Abriß S. 221. Unentschieden: Habicht, Seleucids S. 367 Anm. 163. Dagegen Fi-
scher. Tryphon S. 201 ff. und H. Castritius: HZ 214, 1972, S. 626.
562 Anders los. ant. lud. 13, 218, der schreibt, daß Antiochos VI. kurz nach der Gefangennahme
des Demetrios II. ermordet wurde.
563 Als Regierungsbeginn des sechsten Antiochos ergab sich oben das Frühjahr (?) 144.
564 Niese, Geschichte III S. 283; Newell, SMAS. 71.
565 Fischer, Tryphon S. 208 f.
566 Zu Recht stellt Niese, Geschichte III S. 283 deshalb fest: „Was Tryphon bewogen hat, den
jungen König zu ermorden, wissen wir nicht; jedenfalls hat ihm die Tat eher Nachteil als
Nutzen gebracht“.
567 Ehling, Überlegungen S. 22 Anm. 10.
180
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Durch den also vermutlich plötzlich eingetretenen Tod Antiochos’ VI. geriet
Tryphon geradezu in den Zwang, sich zum König erheben zu lassen. Es ist bezeich-
nend, daß es zunächst keineswegs sicher war, ob die Soldaten Tryphon wirklich zum
König ernennen würden; seine cpiÄoi und oIkeiotqtoi mußten erst werben und große
Geld Versprechungen abgeben (los. ant. lud. 13, 219). Da das Heer aus zahlreichen
von Demetrios II. abgefallenen Soldaten und Söldnern bestand, kam für diese aller-
dings wohl kaum eine Rückkehr zu ihrem alten Dienstherren in Frage. Tryphon
wurde zum ßacnXevc; auTOKpaTOüp ausgerufen568 und zwar entweder in Apameia
oder Phönikien.569 Tryphon stellte sich als Heerkönig aus eigener Machtvollkom-
menheit dar, der zwar mit Antiochos VI. verbunden blieb,570 ansonsten aber aus der
seleukidischen Tradition heraustrat, und, wie seine eindrucksvollen Münzporträts
zeigen, an Alexander den Großen anknüpfte.571 Er verzichtete auf jeden dynastischen
Beinamen und ließ auf seine phönikischen Münzen nicht mehr die Zählung nach der
seleukidischen Herbstära setzen, sondern datierte ptolemäischem Vorbild folgend,
nach eigenen Regierungsjahren (L A-L A).572 Ptolemäisch beeinflußt war mögli-
cherweise auch die Wahl des ungewöhnlichen Titels ßaaiÄEUt; avTOKporrcüp, der in
Analogie zum ptolemäischen oTpaTnyoC avTOKparap gebildet worden sein
könnte.573 Auch der ihm von den Soldaten beigelegte Name Tryphon („Schwelger“)
könnte aus dem ptolemäischen Bereich stammen.574
568 los. ant lud. 13,219 f. Die Textstelle ist wichtig für die Diskussion der Frage, ob es im Seleu-
kidenreich eine Heeresversammlung gab, die ähnlich der makedonischen Heeresversammlung
über gewisse politische Rechte verfügte: Bevan, House IIS. 270 ff.; Bikerman, Institutions S.
9 ff.; 23 f. Siehe auch oben Kap. II2 zur Königsproklamation Demetrios* I. in Tripolis. Zu den
älteren makedonischen Verhältnissen vgl. Hammond, Institutions S. 143 ff.
569 Für Apameia spricht sich Fischer, Tryphon S. 203 mit Anm. 16 aus. Nach den letzten für
Antiochos VI. in Ptolemais geprägten Münzen muß man aber vielleicht auch an Phönikien
denken, siehe oben.
570 Denn Tryphon führte als Hauptreverstyp seiner Münzen den unter Antiochos VI. eingeführten
böotischen Helm mit Hom weiter, siehe unten.
571 Siehe oben Kap. 11,1.
572 Seyrig, Notes S. 12; Will, Histoire II S. 341 f.: Habicht. Seleucids S. 367 Anm. 163; Baldus,
BronzemünzenS. 145.
573 Der Titel eines OTpairiYdc avTOKpäTcop war schon Eumenes durch Perdikkas und später
durch Polyperchon verliehen worden: Mehl, Seleukos S. 139. Zum Titel allgemein vgl. H.
Bengtson, Die Strategie in der hellenistischen Zeit. Ein Beitrag zum antiken Staatsrechts
(Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte 26. Heft), Band I,
München 19642, S. 82; 233. Es gab einige ptolemäische Funktionäre mit diesem Titel. z.B.
der ouYYevrjt; Krokos: H. Bengtson. Die Strategie in der hellenistischen Zeit. Ein Beitrag zum
antiken Staatsrecht (Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte
36. Heft), Band III, München 19672, S. 234 f. Nr. 143. vgl. auch OGIS 1 140 = IvDelos 1528,
wo er diesen Titel führt, und seleukidische Funktionäre. Xenoitas, ein General Antiochos* III.,
der erfolglos gegen Molon kämpfte, wird bei Polybios 5,45, 6 als OTpctTriyd^ avTOKpoTtop
bezeichnet: Grainger. Prosopography S. 122. Taeger, Charisma IS. 322, hingegen meint, der
Autokrator-Titel sei aus dem Parthischen übernommen worden und verweist auf Head, HN
S. 767. Wie Tryphon führte auch der graeco-baktrische König Theophilos (ca. 90) diesen
Titel: O. Bopearachchi, Monnaies greco-bactriennes et indo-grecques. Catalogue raisonne,
Paris 1991, S. 307 Serie 1.
574 Sein eigentlicher Name war Diodotos. Ptolemaios III. und Ptolemaios VIII. führten den Bei-
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII. in Syrien (138) 181
Hauptreversmotiv der Tetradrachmen, Drachmen und Bronzen Tryphons ist ein
Helm böotischen Typs, dessen charakteristisches Merkmal ein über dem Stimbügel
angebrachtes, hoch aufgebogenes Hom ist.575 In der Literatur wird der Helm zumeist
irrtümlich als makedonischer Helm bezeichnet.576 Der Verfasser hat an anderer Stelle
die Vermutung ausgeführt, daß es sich wohl um einen kretischen (bzw. ägäischen)
Helm handelt.577 Da das applizierte Horn von der Bezoarziege (capra aegagrus)
stammt, die in der Antike geradezu als Sinnbild Kretas galt, und bronze- und früh-
eisenzeitliche ägäische Helme mit nur einem ,Hom4 archäologisch gesichert sind,
wäre es möglich, daß es sich bei dem Helm ursprünglich um das Emblem von kre-
tischen (ägäischen) Söldnern handelte. Vielleicht jener kretischen Truppen, die im
Jahr 147 mit Demetrios II. und Lasthenes nach Syrien gekommen waren578 und dann
um 142 zu Antiochos VI. überliefen, auf dessen Drachmen dieser Helm zuerst ab-
gebildet wird.579 Wenn es sich um einen kretischen-ägäischen ,Prunk-‘ oder »Para-
dehelm4 handelt, dann ist Tryphon wahrscheinlich auch von kretischen (ägäischen)
Soldaten zum König ernannt worden.
Der neue König schickte eine Gesandtschaft nach Rom, die eine goldene Nike
im »üblichen4 Wert von 10.000 Goldstücken überbrachte.580 Der Senat nahm das
kostbare Präsent an, aber im Namen des verstorbenen Antiochos VL (Diod. 33, 28
a). Auf diese Weise wurde eine Anerkennung Tryphons oder gar Bestätigung seiner
usurpierten Königsstellung umgangen. Wahrscheinlich, weil der Machtwechsel in
Syrien die römischen Senatoren stark beunruhigte, entschloß man sich, eine Ge-
sandtschaft unter Führung des Scipio Aemilianus Africanus in den Nahen Osten zu
entsenden. Die Gesandtschaft brach im Frühjahr 140 von Rom auf und kam Anfang
des Jahres 139581 nach Syrien, nachdem sie zuvor Ägypten582 und Cypem besucht
hatte.583 Zu den Gesandten gehörten L. Caecilius Metellus Calvus, Sp. Mummius
und der Philosoph Panaitios. Mit welchem syrischen König die Römer verhandelten,
namen Tryphon: Hölbl, Geschichte S. 260. Man könnte vermuten, daß Tryphon für eine ge-
wisse Zeit in Diensten Ptolemaios* VI. gestanden hat: Ehling, Unruhen S. 323.
575 Vgl. dazu Ehling, Münzen S. 29f. mit Abb. 10 und siehe oben die Diskussion in der Einlei-
tung.
576 Z. B. Hoffmann, Tryphon Sp. 716.
577 Ehling, Überlegungen S. 21 ff. Gegen diese Deutung hat sich Klose, Beitrag S. 191 Anm. 21
ausgesprochen.
578 Siehe oben Kap. II 5.
579 Die Drachmen sind undatiert, gehören aber ins Jahr 142: Ehling, Überlegungen S. 21 Anm.
1.
580 So hatte bereits Demetrios I. im Jahr 160 durch eine Gesandtschaft einen Kranz im Wert von
10.000 Goldstücken nach Rom überbringen lassen: Diod. 31,29.
581 Sie kam im Spätsommer 139 nach Rom zurück: Astin, Scipio S. 127.
582 H. Heinen, Die Tryphe des Ptolemaios VIII. Euergetes II. Beobachtungen zum ptolemäischen
Herrscherideal und zu einer römischen Gesandtschaft in Ägypten (140/39 v. Chr.), in: ders.
(Hg.), Althistorische Studien: Hermann Bengtson zum 70. Geburtstag dargebracht von Kol-
legen und Schülern, Wiesbaden 1983, S. 116 ff.; Huß, Ägypten S. 607 f.
583 Diod. 33, 28 b. Astin, Scipio S. 127..
182
11. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
wird in den Quellen nicht gesagt.584 Es kann sich aber eigentlich nur um Demetrios
II.585 und nicht um Tryphon586 oder Antiochos VIL587 gehandelt haben,
Im Frühjahr 139 brach Demetrios IL in die Oberen Satrapien auf.588 Seine
Kriegspläne gegen die Parther dürfte er zuvor noch den römischen Gesandten dar-
gelegt haben, so daß der Feldzug mit deren Billigung erfolgte.
Die militärische und politische Situation im Osten des Seleukidenreiches war
auf das äußerste angespannt: Im Sommer 148, zu Beginn der Regierung des Alex-
ander L, befand sich Medien noch unter seleukidischer Kontrolle. Aus diesem Jahr
stammt eine bei Bisutun zwischen Hamadan (Ekbatana) und Kermanshah gefundene
Inschrift für den ,Generalstatthalter der Oberen Satrapien* (ö eiri twv avco
aaTpaircubv) Kleomenes.589 Aber schon bald darauf ging Medien an Mithradates
I. (171-138) verloren. Die Thronbesteigung dieses Arsakidenkönigs zählt zu den
epochalen Ereignissen der parthischen Geschichte.590 Zwischen 160 und 155 hatte
Mithradates I. die Grenzen seines Reiches gegen die baktrischen Griechen im Osten
erweitert. Die territoriale Ausdehnung nach Westen auf Kosten des Seleukidenstaa-
tes erfolgte seit Anfang der 40er Jahre des 2. Jhs. 148/47 war Medien erobert;591
zum »Satrapen* von Medien setzte er Bakasis ein.592 Anschließend zog der Parther
ans Kaspische Meer nach Hyrkanien (lust. 41,6,7). Im Juli 141 besetzten die Trup-
pen des Mithradates I. die Stadt Seleukeia am Tigris.593 Wenig später wurde De-
metrios’ II. Statthalter von Babylonien besiegt.594 Um 140 eroberten die Parther die
584 Astin, Scipio S. 127. Die Quellen zu der Gesandtschaftsreise sind Diod. 33, 28 b; Athen. 12,
549 d-e (= FGrHist 87, F 6 [Poseidonios]) und lust. 38, 8,8-11. Zu Poseidonios vgl. Malitz,
Poseidonios S. 249ff.; zu lustin vgl. Richter, Untersuchungen S. 191 f.
585 Tatsächlich aber gehört die Gefangennahme des Demetrios 11. in das Frühjahr 138, siehe
unten.
586 Angesichts der Antipathien des Senats gegen Tryphon: Diod. 33, 28 a. Vgl. Astin, Scipio S.
138.
587 Dies meinen Astin, Scipio S. 127 mit Anm. 3 und S. 138 und Malitz. Poseidonios S. 287.
Antiochos Vll. kam aber erst nach der Gefangennahme seines Bruders Demetrios II. im
Frühjahr 138 nach Rhodos, so daß Scipio Aemilianus nicht mit Antiochos Vll. zusammenge-
troffen sein kann.
588 Grundlegend zum Partherfeldzug des Demetrios II. ist der Beitrag von Dqbrowa, L’expedition
S. 9-17.
589 Zu der Inschrift vgl. L. Robert: Gnomon 35, 1963, S. 76; Mörkholm. Antiochus S. 178 f. Zu
Kleomenes: Grainger, Prosopography S. 100 mit zwei Druckfehlern („Kleonemos“ und „Bi-
situn“). Er bezeichnet ihn als „Satrap“. Zum Amt des »GeneralStatthalters der Oberen Satra-
pien*: Bengtson, Strategie 11 S. 78-89; L. Robert, Inscriptions seleucides de Phrygie et d’Iran,
Hellenica Vll, Paris 1949, S. 24 und ders., Addenda au tome Vll, Hellenica VIII, Paris 1950,
S.73ff.
590 K. Schippmann, Grundzüge der parthischen Geschichte, Darmstadt 1980, S. 23: Dqbrowa,
Könige S. 45 und ders., L’expedition S. 9 ff.
591 Le Rider, Suse S. 339 f.
592 lust. 41, 6, 7 nennt das Amt allerdings nicht, sondern schreibt nur: ... Mithridates Mediae
Bacasinpraeponit,...
593 Olmstead, Texts S. 13.
594 Oros. 5,4, 16: Mithridates ... uicto Demetriipraefecto Babylonam urbetnfinesque eius uni-
uersos uictor inuasit. Bei dem hier genannten praefectus handelt es sich am ehesten um einen
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII. in Syrien (138) 183
Susiana, in deren Hauptstadt seit dem Ende der seleukidischen Kontrolle über Me-
dien Kamniskires L, der König der Elymais, regiert hatte.595
Die von den Parthem unterworfene griechische Bevölkerung schickte Gesandt-
schaften an Demetrios II. und bat den König um militärische Unterstützung (los.
ant. lud. 13, 185). Daß Demetrios II. trotz der für ihn prekären Lage in Syrien - so
befand sich ja etwa die Hauptstadt Antiocheia unter der Kontrolle Tryphons596 -
dem Aufruf folgte, zeugt von seinem Herrschaftsanspruch über die Oberen Satrapien
und spricht für sein politisches Ethos.597 Wenigstens an zwei Maßnahmen, der Ver-
gabe des iepa Kai aovXo<;-Status an die phönikische Küstenstadt Tyros im Jahr
141/40598 und dem Schreiben an den jüdischen Hohenpriester Simon im Jahr 140
(?),599 läßt sich noch erkennen, mit welchen politischen Mitteln Demetrios II. die
Herrschaft seines Hauses in der Heimat abzusichem suchte.600 Münzzeugnisse las-
sen vermuten, daß Demetrios I. als neuer Alexander in den Partherkrieg zog:601 Im
Osten geprägte Kleinbronzen stellen ihn mit Elephantenexuvie dar.602 Andere Bron-
zestücke bilden den König mit Helm ab, ähnlich wie sich der baktrische König
Eukratides oder Timarchos hatten darstellen lassen.603 Prägezeitpunkt und Prägeort
dieser Bronzen lassen sich allerdings nicht genau bestimmen. Sie könnten in Seleu-
^TnaTdtrn^. Zum lateinischen Wortgebrauch vgl. lust. 39, 1, 8, wo der Stadtkommandant (=
^irioTäTTK) von Tyros als praefectus bezeichnet wird. Einen fcmoTäTix aus Babylon kennen
wir durch die Inschrift OGIS 1254, die in die Zeit des vierten Antiochos gehört.
595 Dieser König ist nur durch seine Münzen bekannt. Seine Tetradrachmen zeigen auf den Rück-
seiten Apollon auf dem Omphalos, ein Reflex dessen, daß er sich in seleukidische Traditionen
stellte. Außerdem führte er den Beinamen Nikephoros. Während Le Rider, Suse S. 349 ff.
davon ausgeht, daß Kamniskires I. die Kontrolle über Susa bereits im Jahr 147 gewonnen
hatte, setzt O. M0rkholm, A Greek Coin Hoard from Susiana, Acta Archaeologica 36,1965,
S. 150 f. dessen Regierungsbeginn ins Jahr 145, da er der Ansicht ist, daß bis in dieses Jahr in
Susa für Demetrios II. geprägt wurde.
596 Nach den Münzen: Newell, SMA S. 71 ff.
597 In I. Makk. 14, 1 und los. ant. lud. 13, 186 ist als Grund für den Feldzug gegen die Parther
angegeben, daß Demetrios II. Hilfe gegen Tryphon holen wollte. Auch wenn sich Demetrios
II. die Gewinnung zusätzlicher Mittel aus seinem Zug nach Osten versprochen haben sollte,
so verfolgte er damit tatsächlich jedoch weitgehend Reichsinteressen und stellte dafür die
Auseinandersetzung mit Tryphon zurück.
598 Rigsby, Asylia S. 482.
599 I. Makk. 14, 38 f. faßt einen Brief des Demetrios II zusammen, in dem der Seleukide Simon
(abermals) im Amt des Hohenpriesters und als (piXoG bestätigt (vgl. aber schon das Schreiben
I. Makk. 13, 36-40). Da in I. Makk. 14,43 f. dann von Purpurkleidung und goldener Spange
die Rede ist, darf man annehmen, daß Simon in I. Makk. 14, 38 f. nicht zum cpiXoc, sondern
vielmehr zum ovyYevriC des Demetrios II. ernannt wurde.
600 Siehe die Diskussion dieser Münzen in Kap. I 3,5.
601 Darauf weist auch die von ihm gewählte Tigrismarschroute hin. Bekanntlich zog ja auch
Alexander d. Gr. im Jahr 332 nicht am Euphrat, sondern am Tigris entlang nach Süden.
602 Gardner, BMC Seleucid Kings S. 61 Nr. 27 mit Taf. XVIII 9; Le Rider, Suse S. 152 mit Taf.
XXVIII M; S. 371 f. Zur historischen Deutung vgl. Ehling, Alexander II. S. 5 und dens.,
Geldgeschichtliche Nachrichten 32, 1997, S. 379 (Rez. des Buches von Svenson, Darstellun-
gen).
603 G. K. Jenkins, Notes on Seleucid Coins, NC 1952, S. Uff. mit Taf. 1,9; Le Rider, Suse Taf.
XXX o.
184
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
keia am Tigris im Jahr 141 noch vor der parthischen Eroberung der Stadt geprägt
worden sein. Nach diesen Münztypen und der unrichtigen Zeitangabe in I. Makk.
14, 1 (siehe unten) ergibt sich die weitere Vermutung, daß der Feldzug gegen die
Parther bereits seit 141 geplant war.604 Die Kämpfe mit Tryphon aber verhinderten
zunächst Demetrios’ II. Aufbruch in die Oberen Satrapien.
Das seleukidische Heer zog wahrscheinlich über Nisibis den Tigris abwärts, was
sich aufgrund einer auffälligen Münzemission vermuten läßt, die früher Seleukeia
am Tigris zugewiesen wurde.605 Die Münzen (Tetradrachmen und Mittelbronzen)
stellen Demetrios II. auf der Vorderseite mit Feldzugsbart dar.606 Auf den Rückseiten
der Bronzen erscheint eine Tyche im Handschlag mit einer männlichen, bärtigen
Gottheit, die mit Kalathos und Füllhorn ausgestattet ist, und bei denen es sich um
Agathe Tyche und Agathos Daimon handeln könnte.607 Bemerkenswert ist auch die
Legende dieser Münzen: Demetrios II. führt nur noch die Beinamen Theos und
Nikator, aber nicht mehr das PhzVöJeZpftos-Epitheton.608 Der Verfasser hat an ande-
rer Stelle zu zeigen versucht, daß dieses Epitheton sich auf Demetrios’ II. älteren (?)
Bruder Antiochos VII. bezieht.609 Der Verzicht auf den P/zi/arfeZp/ioy-Beinamen
dürfte als ein Hinweis darauf zu interpretieren sein, daß es zum Bruch zwischen den
Brüdern gekommen war. Vermutlich begann Antiochos VII., während sich Demetrios
II. auf dem Feldzug im Osten befand vom pamphylischen Side aus, Anspruch auf
den syrischen Königsthron zu erheben (siehe unten).
Nicht weniger interessant ist die parthische Münzprägung dieser Jahre: Mit dem
Datum TOP (= 173 S. Ä.) und AOP (= 174 S. Ä.) wurden von der Münzstätte Se-
leukeia am Tigris Tetradrachmen in Umlauf gebracht, die zu dem Reversbild des
griechischen Herakles mit Keule und Trinkgefäß die Genitivlegende BAEIAEQS
METAAOY APEAKOY «PIAEAAHNOE tragen.610 Sowohl das Bild des Herakles
als auch der Beiname Philhellen sind neu auf parthischen Münzen. Eine weitere
griechische Gottheit, Zeus, erscheint als Reverstyp der Drachmen.611 Die Münzen
reflektieren damit auf eindrucksvolle Weise die Versprechungen der neuen Herren
des Zweistromlandes: Einerseits die dort ansässige griechische Bevölkerung zu
604 In diesem Jahr besetzten die Truppen Mithradates’ I. Seleukeia am Tigris.
605 Unter Seleukeia sind die Münzen in CSE 1014-1019 zu finden. Ein weiteres Indiz für die
Tigrisroute ist das Fehlen nennenswerter Mengen von Münzen Demetrios’ II. im archäolo-
gischen Fundmaterial von Dura-Europos am Euphrat, während umgekehrt die höhere Anzahl
von Fundmünzen Antiochos’ VII. ein Indiz dafür ist, daß dieser im Jahr 131 die Euphratroute
nach Babylon marschiert ist: siehe auch unten Kap. II 9.
606 Vgl. Fleischer, Herrscherbildnisse S. 65, der den Bart aber nicht explizit als Feldzugsbart
bezeichnet.
607 Vgl. W. Moore, The Divine Couple of Demetrius II, Nicator, and His Coinage at Nisibis,
ANSMN 31, 1986, S. 130ff. und besonders Taf. 31 Abb. E.
608 Muccioli, Epiteti S. 54 mit Anm. 51.
609 Ehling, Miszellen S. 374 ff. Vgl. die Diskussion bei Muccioli, Epiteti S. 46 f. Der Beiname
Theos korrespondiert mit dem Beinamen seiner Ehefrau Kleopatra Thea, und der Nikator-
Name spielt auf den Dynastiegründer Seleukos I. Nikator an.
610 Seilwood, Coinage S. 38.
611 Ebenda S. 39. Auf den Drachmen fehlt jedoch das P/zZZ/ie/Zen-Epitheton.
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII. in Syrien (138) 185
schützen, andererseits deren Religion und Kultur zu achten.612 Glaubt man der
Überlieferung bei Josephus (ant. lud. 13, 185), so gelang es den Parthem jedoch
nicht, die griechische Bevölkerung von ihrem ,Programm* zu überzeugen.
Nach einigen anfänglichen militärischen Erfolgen (los. ant. lud. 13, 184-186;
lust. 36,1,4) ließ sich Demetrios II. von erheuchelten Friedensvorschlägen täuschen
(lust. 36, 1, 5) und geriet 138 vermutlich vor Seleukeia am Tigris mit seinen cpiXoi
in parthische Gefangenschaft.613 Der besiegte König wurde in Ketten gelegt614 und
durch die Städte und Gebiete geführt, die den Seleukiden unterstützt hatten.615 Wie
E. Dubrowa richtig vermutet, sollte „diese Zurschaustellung die griechische Bevöl-
kerung dieser Länder von der Zwecklosigkeit eines weiteren Widerstandes und der
mit ihm verbundenen Hoffnung auf eine Restauration der Herrschaft der Seleukiden
im Osten überzeugen ...“.6l6 Bald müssen Mithradates I. bzw. sein Nachfolger
Phraates II. (138-127) erkannt haben, daß sie mit Demetrios IL ein Faustpfand be-
saßen, das sich eines Tages vielleicht politisch ausspielen lassen würde.617 Der
gedemütigte Seleukide wurde in königlichen Gewahrsam in Hyrkanien genom-
men618 und mit Rhodogune, einer Tochter des Mithradates L, verheiratet.619
Die exakte Chronologie dieser Ereignisse war bislang nicht ohne weiteres fest-
zulegen, da das I. Makkabäerbuch 14, 1 für den Aufbruch des Demetrios IL in den
Osten das Jahr 172 S. Ä. angibt, d.h. das Jahr 141/40, während Porphyrios dieses
Ereignis in das 2. Jahr der 160. Olympiade (Euseb. Chron. I 255 = FGrHist 260 F
32, 16), d.h. in das Jahr 139/38 setzt. Dementsprechend finden sich in der Sekun-
därliteratur verschiedene Datierungsvorschläge. Zuletzt hat sich E. Dqbrowa mit
überzeugenden Argumenten für eine nur einjährige Feldzugsdauer ausgespro-
chen.620 Da das Datum der Gefangennahme des zweiten Demetrios durch das 1996
publizierte keilinschriftliche Zeugnis (Sachs/Hunger, Astronomical Diaries S. 161
Nr. 137) und die Landung des Antiochos VII. sowohl durch I. Makk. 15,10 als auch
612 Zum Programm vgl. E. Dubrowa, Philhellen. Mithradates 1er et les Grecs (Electrum 2), Kra-
kau 1998, S. 35-44.
613 Das Datum ist jetzt durch das keilinschriftliche Zeugnis: Sachs/Hunger, Astronomical Diaries
III S. 167 Nr. 137 Z. 10 bzw. Del Monte, Testi S. 110 f. gesichert. Die cpiXoi, „his nobles“,
werden ausdrücklich erwähnt. Vgl. außerdem Dqbrowa, L’expedition S. 9 ff.
614 Daher sein Name Seripides (Euseb. Chron. I 256 = FGrHist 260 F 32, 16). Vgl. Willrich,
Demetrios (41) Sp. 2800. Zur Bedeutung des aramäischen Spottnamens hinsichtlich der Zu-
sammensetzung der Einwohnerschaft Antiocheias vgl. die Bemerkung von Mehl, Cities S.
106.
615 los. ant. lud. 13, 186; lust. 36, I, 5; App. Syr. 67, 356. Vgl. auch Bevan, House II S. 234;
Niese, Geschichte III S. 290. Will, Histoire II S. 342 ff.
616 Dubrowa, Könige S. 47.
617 Die Möglichkeit ergab sich für seinen Nachfolger Phraates II. Anfang 129: Bevan, House 11
S. 244.
618 Mit seinem cpiXoc Kallimandros, vgl. zu diesem Savalli-Lestrade, Philoi S. 149.
619 lust. 38,9, 3. Vgl. M. Karras-Klapproth, Prosopographische Studien zur Geschichte des Par-
therreiches auf der Grundlage antiker literarischer Überlieferung, Bonn 1988, S. 155 ff. Als
Hochzeitsdatum ergibt sich Frühjahr 138, denn Demetrios II. war bereits verheiratet, als An-
tiochos VII. im Frühjahr 138 in Seleukeia in Pierien landete.
620 Dubrowa, L’expedition S. 13 ff.
186
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr.
die Münzen ins Jahr 138 datiert sind,621 ist der Chronologie nach Porphyrios der
Vorzug zu geben. Vermutlich liefen die Feldzugsplanungen jedoch seit 141 (siehe
oben), was auch das in I. Makk. 14, 1 genannte Aufbruchsdatum erklären würde.
Auf die Nachricht von der Niederlage und Gefangennahme seines Bruders setzte
Antiochos VII. nach Rhodos über,622 warb zahlreiche Streitkräfte an (I. Makk. 15,
3) und bereitete durch die Versendung von ETncrroXai seine Machtübernahme in
Syrien propagandistisch vor. Das Sendschreiben Antiochos’ VII. an Simon, den
Hohenpriester der Juden, überliefert I. Makk. 15, 2-9. Wir dürfen darüber hinaus
davon ausgehen, daß derartige Briefe an alle größeren Städte Kilikiens, Syriens,
Koilesyriens und Phönikiens gesandt worden sind 623 Bemerkenswert ist, daß sich
Antiochos VII. eingangs ausdrücklich als ßaoiXeuc; bezeichnet624 und vom König-
reich seiner Väter spricht (I. Makk. 15, 2f.). Antiochos VII. wäre also demnach
entweder noch in Side oder schon auf Rhodos zum König ausgerufen worden;625 als
Legitimationsgrundlage diente ihm das dynastische Prinzip.
In seinem Schreiben an die Juden bestätigt der König diesen 1.) alle älteren
Privilegien,626 verspricht 2.) das Recht auf eigene Münzprägung (I. Makk. 15, 6),
3.) die Freiheit Jerusalems und des Tempels, gestattet 4.) den Besitz aller Waffen
und neuerbauten Festungen (I. Makk. 15, 7) und erläßt 5.) alle bestehenden und
künftigen Schulden an den königlichen Fiskus (I. Makk. 15, 8). Mit diesem sehr
großzügigen Angebot versuchte Antiochos VII. die Unterstützung der Juden für
seinen Kampf gegen Tryphon zu gewinnen, denn seit Ende der 60er Jahre des 2. Jhs.
waren die Hasmonäer zu einem ernstzunehmenden lokalen Machtfaktor gewor-
den.
Die Echtheit des Schreibens I. Makk. 15, 2-9 ist von einem der besten Kenner
der Seleukidengeschichte, H. Willrich, bezweifelt worden.627 Die Frage nach der
Authentizität der Urkunde entzündet sich an der problematischen Erlaubnis zur
621 CSE 271-276; SNG Israel I 1890-1897.
622 App. Syr. 68, 358. Wiemer, Rhodos S. 129 macht darauf aufmerksam, daß Antiochos VII.
gerade von Rhodos aus zur Gewinnung Syriens aufbrach. Die Rhodier haben sich offenbar
immer wieder in die seleukidische Politik eingemischt.
623 So schon Bevan, House II S. 237 und Niese, Geschichte III S. 292f. Anm. 5.
624 Dazu schreibt Bevan, House II S. 237: “If the document in the Book of the Maccabeer can be
trusted, he already assumed in the letter the title of king”.
625 In Form der avdöeifrc, denn wie Bikerman, Institutions S. 9 ff.; 23 f. erkannt hat, gab es die
Institution der Heeresversammlung im Seleukidenreich nicht. Anders noch Bevan, House II
S. 270.
626 I. Makk. 15,5. Bei diesen handelt es sich insbesondere um die durch den Hohenpriester Jo-
nathan bei Demetrios II. (gegen die Zahlung von dreihundert Talenten Silber [I. Makk. II,
28]) erwirkten Vergünstigungen. Demetrios II. hatte den Juden den Besitz der eroberten sa-
maritanischen Städte Ephraim, Lydda und Ramatajim zugesprochen und erließ ihnen die
Getreide-, Obst- und Salzsteuer, ebenso die Abgaben von Zöllen, Beiträgen zum Ehrenkranz
und vom Zehnten (I. Makk. 11,34 ff.; los. ant. lud. 13, 127 f.). Vgl. dazu auch Kreißig, Wirt-
schaft S. 72f. und Aperghis, Economy S. 171.
627 H. Willrich, Zum Münzwesen der Makkabäer, Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft
und die Kunde des nachbiblischen Judentums 51,1933, S. 79 im Anschluß an Schubart, Kö-
nigsbriefe S. 343.
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII. in Syrien (138) 187
Eigenmünzung. Der Passus lautet: EireTpeipa aoi Trotrjaat Koppa i'Öiov, vopiapa
tt] X^pa aov („ich gestatte dir einen eigenen Schlag Münzen in deinem Land zu
machen“). Denn nachweislich hat Simon vom Prägerecht keinen Gebrauch gemacht
und keine Münzen schlagen lassen; die Bronzen, die in der älteren Forschung für
Münzen Simons angesehen wurden, gehören in das vierte Jahr des Jüdischen
Krieges, also in das Jahr 69 n. Chr. Willrich, der in seinem Buch „Urkundenfälschung
in der hellenistisch-jüdischen Literatur“ zunächst noch von der Echtheit der Urkunde
ausgeht, revidiert unter dem Eindruck eines umfangreichen Münzhortfundes zu
Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts seine Ansicht und nimmt jetzt an, daß
der Urkundenfälscher „die erst unter Johannes Hyrkanos beginnende Münzprägung
willkürlich in die Zeit Simons zurückdatierte, um die Unabhängigkeit des jüdischen
Staatswesens als schon von diesem ... erkämpft erscheinen zu lassen“.628 Doch
dürfte die Kritik Willrichs insgesamt überzogen sein. Zwar war nach hellenistischer
Vorstellung das Münzprägerecht ein königliches Privileg (Ps. Arist. Oecon. II 1, 2,
1345 b),629 doch bestand bei den Seleukiden seit der Regierungszeit Antiochos’ IV.
die Tendenz zur Vergabe des Münzprägerechts an bedeutende Städte und Gemein-
wesen.630 So begannen unter Antiochos IV. dreizehn Städte Kilikiens, Syriens und
Mesopotamiens sowie fünf phönikische Städte mit dem Prägen eigener Bronzemün-
zen,631 und im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte kamen weitere Städte hinzu,
so daß nichts gegen die Annahme spricht, Antiochos VII. habe auch dem Ethnarchen
Simon als Oberherren der Stadt Jerusalem das Prägerecht für Bronzemünzen ver-
sprochen.632 I. Makk. 15, 6 ist daher kein Beweis dafür, daß die Urkunde (I. Makk.
628 H. Willrich, Zum Münzwesen der Makkabäer, Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft
und die Kunde des nachbiblischen Judentums 51, 1933, S. 79.
629 Zu dieser Schrift vgl. Rostovtzeff, History 1 S. 440 ff.
630 Nach der Datierung von M0rkholm, Municipal Coinages S. 63 ff.: seit 169/68.
631 Es handelt sich nach der Auflistung von Bikerman, Institutions S. 231 ff. und Korrekturen
nach Bringmann, Reform S. 75 Anm. 4 und Sawaya, Berytos S. 109f. um die Städte Aigeai,
Antiocheia am Orontes, Antiocheia am Saros (Adana), Antiocheia/Edessa, Antiocheia in
Mygdonien (Nisibis), Antiocheia (Ptolemais), Alexandreia kaf Isson, Apameia, Hierapolis
(Bambyke), Hieropolis-Kastabala, Laodikeia am Meer, Seleukeia in Pierien und Seleukeia
am Pyramos (Mopsuhestia) bzw. in Koilesyrien und Phönikien um Askalon, Byblos, Sidon,
Tyros, Laodikeia in Kanaan (Berytos?) und Tripolis. Zu diesen Münzen zuletzt Sawaya, Be-
rytos S. 109 f. und speziell zu denen der genannten kilikischen Städte: M. Meyer, Cilicia as
Part of the Seleucid Empire. The Beginning of Municipal Coinage, in: Jean/Dincol/Durugönül,
Cilicie S. 504-518. Die Städte waren an einer eigenen Münzprägung auch deshalb interessiert,
weil sie vom Schlagschatz, d. h. der Differenz zwischen dem höheren Wert der ausgegebenen
Münzen und den Materialkosten, profitierten.
632 Eine hinreichende Erklärung dafür, warum Simon dieses Recht nicht ausübte, ist bis jetzt noch
nicht gefunden worden. B. Kanael, Literaturüberblick der griechischen Numismatik: Altjü-
dische Münzen, JNG 17,1967, S. 166 schlägt vor, daß „das Prägerecht mit anderen Vorrechten
von Antiochus, nachdem er sich des syrischen Thrones bemächtigt hatte, wieder rückgängig
gemacht wurde, und daß es deshalb zu keiner Prägung des Simon kam“. So auch Meshorer,
Jewish Coins S. 36 und ders., A Treasury of Jewish Coins. From the Persian Period to Bar
Kokhba, Jerusalem/New York 2001, S. 23 f. Diese Vermutung kann sich auf die Stelle 1. Makk.
15,27 stützen, die berichtet, daß es während der Belagerung der Stadt Dor (siehe unten) zum
Bruch zwischen Antiochos VII. und Simon kam und Antiochos VII. nicht hielt, „was er früher
188
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
15, 3-9) im Ganzen eine Fälschung darstellt; es ist aber nicht auszuschließen, daß
das Dokument nachträglich überarbeitet wurde.633 - Simons Nachfolger, der Hohe-
priester Johannes Hyrkan I. (135-104), begann dann mit dem Prägen eigener Mün-
zen.634
Insgesamt war die Resonanz der Städte auf die von Rhodos aus verschickten
Sendbriefe des Antiochos VIL, die sicherlich großzügige, auf die jeweilige Stadt
berechnete Versprechungen enthielten, aber keineswegs positiv. Keine der großen
Küstenstädte erklärte sich bereit, seine Kriegsschiffe (I. Makk. 15, 4) im Hafen
aufzunehmen, aus Furcht vor den Soldaten Tryphons (los. ant. lud. 13,222). Da bot
Kleopatra Thea, die in Seleukeia in Pierien unter dem Schutz des Feldherren Ais-
chrion (Diod. 33, 28) residierende Ehefrau des Demetrios IL, ihrem Schwager An-
tiochos VIL die Ehe und den Thron Syriens an (los. ant. lud. 13, 222: yapoc Kai
ßaoiXda). Der Grund für ihre Entscheidung lag sicher kaum in dem von Appian
angeführten - sentimentalen - Motiv der Eifersucht auf die Verbindung ihres zwei-
ten Ehemannes Demetrios II. mit der parthischen Königstochter Rhodogune,635 als
vielmehr in rein pragmatischen Erwägungen:636 Zum einen konnte die Königin nur
durch eine neue Eheverbindung ihre eigene Machtstellung weiter behaupten, zum
anderen fürchteten Kleopatra und ihre Berater, daß die Bewohner von Seleukeia in
Pierien die Stadt an Tryphon übergeben könnten (los. ant. lud. 13, 222).
Im Frühjahr 138 landete Antiochos VIL mit seiner Kriegsflotte in Seleukeia in
Pierien. Auf die geglückte Überfahrt von Rhodos weisen die ersten Bronzemünzen
hin, die im Jahr 174 S. Ä. (= 139/38) in Antiocheia für den König geprägt wurden.
Die Vorderseite zeigt eine Schiffsprora, darüber befinden sich zwei stemenbekrönte
Dioskurenkappen; die Dioskuren galten als Reiseschutzgottheiten.637 Der Dreizack
zugesagt hatte“. Doch trat das Zerwürfnis erst am Ende der Belagerung ein, und die in I. Makk.
15,5; 7; 8 zugesagten Privilegien wurden nicht zurückgenommen, warum also dann das Recht
auf eine eigene Münzprägung?
633 Dies vermutet Gauger, Beiträge S. 138, der zu Recht darauf hinweist?daß die regierenden
Seleukidenherrscher in ihren offiziellen Dokumenten den pluralis maiestatis verwenden, und
meint, da das Schreiben I. Makk. 15,2-9 mit Ausnahme des Personalpronomens npoiv in 15,
3 „vollständig im Singular gehalten“ ist, „auf eine Überarbeitung des Dokuments schließen“
zu können. Doch erklärt sich der .SingularstiF des Briefes vielleicht aus den speziellen Um-
ständen seiner Abfassung auf Rhodos, wo Antiochos VII. zwar schon den ßaaiXevc-Titel
führte, aber noch nicht in Syrien selbst als offizieller Nachfolger seines Bruders anerkannt
und bestätigt war.
634 Dies kann jetzt nach verschiedenen Münzhortfunden als sicher gelten: Y. Meshorer, ATreasury
of Jewish Coins. From the Persian Period to Bar Kokhba, Jerusalem/New York 2001, S. 25 ff.
Bislang galten die Münzen des Königs und Hohenpriesters Alexander Jannaios als die ersten
jüdischen Herrschern™nzen: So noch Y. Meshorer. Jewish Coins of the Second Temple Period,
Tel-Aviv 1967, S. 57 und ders., Jewish Coins S. 35 ff.
635 M. Karras-Klapproth, Prosopographische Studien zur Geschichte des Partherreiches auf der
Grundlage antiker literarischer Überlieferung, Bonn 1988, S. 155 ff.
636 Vgl. dazu die Bemerkungen bei Brodersen, Abriß S. 225.
637 CSE 271-274; SNG Israel 1 1893 ff.; 1898 f. Vor allem als Helfer in Seenot, vgl. zu den Dio-
skuren zuletzt T. Lorenz, Die Epiphanie der Dioskuren, in: H. Froning/T. Hölscher/H.
Mielsch (Hg.), Kotinos. Festschrift für E. Simon, Mainz 1992, S. 114ff. mit weiterer Litera-
tur.
7.) Tod des Antiochos VI. (141) und Ankunft des Antiochos VII. in Syrien (138) 189
des Poseidon auf der Münzrückseite weist darauf hin, daß auch der Gott des Meeres
die Überfahrt des neuen Königs begünstigt hatte. Antiochos VII. führt auf seinen
ersten Münzen bereits das Epitheton Euergetes, Zur Belohnung erhielt Seleukeia
den iepa Kai äavÄo<;-Status.638
Auf die Eheschließung zwischen Antiochos VII. und Kleopatra Thea ist der
Kleinbronzetyp (CSE 275 f.; SNG Israel I 1896) zu beziehen: Der geflügelte Eros
auf der Vorderseite steht für die Liebe des Antiochos VII. zu der durch den Isiskopf-
schmuck auf der Rückseite symbolisierten Ptolemäerin Kleopatra Thea.639 Die
Isiskrone, die aus dem Kuhgehöm mit der Sonnenscheibe besteht, ist mit Getreide-
ähren geschmückt und gleicht die Königin an Isis-Demeter an.640 Die ersten Hoch-
zeits-Bronzen sind mit dem Datum AOP (174 S. Ä. = 139/38) ausgebracht wor-
den;641 die Ehe wurde also noch vor Oktober 138 geschlossen. - Auch später wurde
das Motiv der Isiskrone für Kleopatra Thea verwendet.642 Wir dürfen daraus schlie-
ßen, daß die Königin selbst Isis-Anhängerin war und deren Kult in Syrien nachhal-
tig förderte.643
638 Wilcken, Beitrag S. 442; Welles, RC S. 292 Anm. 3; vgl. auch die Münzbelege aus dem Jahr
EOP (= 138/37): G. Macdonald, Seltene und unedierte Seleukidenmünzen, ZfN 29, 1912, S.
99 mit Taf. 5,5; Rigsby, Asylia S. 486.
639 Küthmann, Münzen S. 63 Anm. 130. Ebenso: Ehling, Probleme S. 232f. mit Abb. 2.
640 Allgemein zu den Isisattributen der Ptolemäerinnen vgl. Svenson, Darstellungen S. 85 ff. und
zu Ähren als Isisattribut ebenda S. 95 ff.; vgl. besonders die Abbildung 8 bei Svenson S.
357.
641 CSE 275 f. und wurden noch bis ins Jahr 129/28 geprägt: CSE 277 ff.; SNG Israel I 1900 ff.
642 Auf Bronzen aus der Zeit der gemeinsamen Regierung mit ihrem Sohn Antiochos VIII.: CSE
807 f.; SNG Israel I 2474 ff. (Ptolemais).
643 Zum Isis- und Sarapiskult sei angemerkt, daß die Seleukiden den ägyptischen Göttern inter-
essanterweise nicht nur ihre Reverenz erwiesen, sondern deren Kult im eigenen Reich gezielt
gefördert haben, vgl. Ehling, Unruhen S. 324 mit Anm. 198. Dafür gibt es außer den oben
erwähnten Hochzeitsmünzen noch sechs weitere Belege: 1.) Bereits im Verzeichnis der großen
Schatzstiftung des Apollonheiligtums von Didyma wird u. a. eine goldene Phiale „des Osiris“
im Gewicht von 190 Drachmen genannt: Günther, Didyma S. 44 Z. 32 f. Es handelt sich dabei
um ein Weihgeschenk, das Seleukos I. und Antiochos I. dem Heiligtum des Apollon von
Didyma vermachten. Die Inschrift gehört ins Jahr 288/87: Günther, Didyma S. 47. Über diese
Gabe mit der Aufschrift „des Osiris“ drückt Nilsson, Religion IS. 127 Anm. 15 mit Recht
seine Verwunderung aus, denn daß die Seleukiden angesichts der seleukidisch-ptolemäischen
Rivalität den ägyptischen Kult förderten, ist keineswegs selbstverständlich, im Gegenteil. -
2.) Nach dem Ende des 3. Syrischen Krieges und dem Friedensschluß zwischen Ptolemaios
III. und Seleukos II. im Jahr 241 (zum Datum vgl. B. Beyer-Rotthoff, Untersuchungen zur
Außenpolitik Ptolemaios’ III., Bonn 1993, S. 40 mit Anm. HO) ließ Seleukos II. eine Isis-
Statuette aus Memphis holen und in der syrischen Hauptstadt aufstellen: Lib. or. 11,114, vgl.
A. Schenk Graf von Stauffenberg, Die römische Kaisergeschichte bei Malalas. Griechischer
Text der Bücher IX-XII und Untersuchungen, Stuttgart 1931, S. 467. - 3.) Eine Inschrift von
Laodikeia am Meer (IGLS 1261) aus dem Jahr 174 belegt, daß es mitten in der Stadt ein
privates Heiligtum für Isis und Sarapis gab, vgl. dazu G. Klaffenbach, Epigraphische Studien,
Philologus 97, 1948, S. 376 ff. - 4.) Während des 6. Syrischen Krieges ließ Antiochos IV.
Großbronzen im »ägyptischen Stil * prägen: CSE 117 ff.; Ehling, Münzen S. 28 f. mit Abb. 5-7
und siehe oben I 3, 3. - 5.) Die Beliebtheit des ägyptischen Kultes insbesondere im seleuki-
dischen Phönikien bezeugen auch die Münzen von Byblos: SNG Israel I 1047; 1075 = CSE
190
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
8.) KAMPF DES ANTIOCHOS VIL GEGEN TRYPHON (138/37)
UND BELAGERUNG JERUSALEMS (135/34)
Wie Antiochos VIL in seinem Sendschreiben angekündigt hatte (I. Makk. 15, 4),
ging er zunächst entschlossen gegen Tryphon vor. Antiocheia war schon im Frühjahr
138 in der Hand des legitimen Seleukiden. Zahlreiche Soldaten Tryphons liefen über
(I. Makk. 15, 10). Der Gegenkönig wurde in einer Schlacht besiegt (los. ant. lud.
13, 223), aus Syrien vertrieben und floh nach der phönikischen Küstenstadt Dor (I.
Makk. 15,11; los. ant. lud. 13,223). Antiochos VIL zog über Sidon (Synkellos 351,
13) nach Süden und begann die Belagerung der Stadt zu Lande und zur See, angeb-
lich mit einem Heer von 120.000 Fußsoldaten644 und 8.000 Reitern (I. Makk. 15,
14). An die Mauern der schwer einnehmbaren Stadt (los. ant. lud. 13,223) wurden
Belagerungsmaschinen herangeführt (I. Makk. 15, 25). Archäologische Zeugnisse
der Kämpfe um Dor besitzen wir in den Bleigeschossen, die bei den israelischen
Ausgrabungen zutage gekommen sind.645 Eins dieser ovalen Schleudergeschosse
trägt die Inschrift: „Für den Sieg Tryphons. Dora. Jahr 5. Die Stadt der Dorianer.
Koste von dieser Frucht“.646 Aus der Datierung „Jahr 5“ (LE) ergibt sich, daß die
Belagerung Dors sich über das Jahr 138/37, dem 5. Regierungsjahr Tryphons, hin-
zog.647
Antiochos VIL schickte Gesandte an den jüdischen Hohenpriester Simon, um
mit ihm ein Bündnis irepi cpiXiac; Kai ouppaxia«; abzuschließen (los. ant. lud. 13,
223). Nach dem Bericht des I. Makkabäerbuches sandte Simon 2.000 Soldaten, Gold,
Silber und Waffen zur Unterstützung des Seleukidenkönigs (15,26); Josephus hin-
700. Diese Kleinbronzen, die vermutlich in der königlichen Münze der Stadt geprägt wurden,
zeigen auf der Rückseite einen Stierkopf mit Isiskrone. Andere Münzen derselben Stadt bilden
Harpokrates ab: SNG Israel I 1072. - Und 6.) verliehen die Seleukidenkönige (Antiochos
VIII./Antiochos IX.) um das Jahr 100 die Asylie an das Isis- und Sarapisheiligtum von Mopsu-
hestia im Ebenen Kilikien (siehe unten Kap. II 10). - Zum Isis- und Sarapiskult in Ägypten
vgl. W. Huß, Der makedonische König und die ägyptischen Priester (Historia Einzelschriften
85), Stuttgart 1994, S. 58 ff. mit der weiteren Literatur.
644 Zumindest die Zahl der Fußsoldaten ist weit übertrieben, vgl. z.B. die von Polybios 31,3
genannten Zahlen beim Festzug von Daphne: 46.000 Fußsoldaten.
645 Dazu zuletzt Gera, Tryphon’s Sling Bullet S. 153-163.
646 So nach der neuen Übersetzung Geras, Tryphon’s Sling Bullet S. 163. Gemeint ist die Frucht
des Sumachbaumes (ö oder i*| pov«;), die als Gewürz und für medizinische Zwecke verwendet
wurde, ebenda S. 161. Zu solchen Geschossen vgl. den Beitrag von C. Brelaz/P. Ducrey, Une
grappe de balles de fronde en plomb ä Eretrie. La technique de fabrication des projectiles et
l’usage de la fronde en Grfcce ancienne, Antike Kunst 46,2003, S. 99-114 mitTaf. 23 und 24.
Publiziert werden neun gegossene, früchteförmige Schleuderbleie, die in Eretria gefunden
wurden und die Aufschrift ATPOITA, die Genitivform des dorischen Namens Agroitas, tra-
gen. Bei diesem Agroitas könnte es sich um den Befehlshaber der makedonischen Garnison
zur Zeit des 2. Makedonischen Krieges handeln. Die Schleudergeschosse hätten dann gegen
die Römer und ihre Verbündeten zum Einsatz kommen sollen, die im Jahr 198 die Stadt Eretria
belagerten.
647 Gera,Tryphon’s Sling Bullet S. 157; 159. Tryphon zählt auf seinen Münzen nicht nach seleu-
kidischen, sondern - ptolemäischem Vorbild folgend - nach seinen eigenen Regierungsjahren,
vgl. Seyrig, Notes S. 12; Baldus, Bronzemünzen S. 145.
8.) Kampf des Antiochos VII. gegen Tryphon und Belagerung Jerusalems
191
gegen weiß nur von Geld- und Lebensmittellieferungen (ant. lud. 13, 224). Es ist
also nicht sicher, ob Simon tatsächlich zur Stellung jüdischer Truppenkontingente
verpflichtet war. Nicht glaubwürdig bzw. verkürzt dargestellt ist die Überlieferung
im I. Makk. 15, 27, daß Antiochos VII. die jüdische Unterstützung abgelehnt und
die gegebenen Versprechen nicht gehalten hätte. Denn es ist wenig wahrscheinlich,
daß der Seleukide bei der mühevollen Belagerung Doras auf die jüdischen Hilfsmit-
tel verzichtet haben soll, die er durch das mit Simon geschlossene Bündnis ja zu
erlangen suchte. Vielmehr zählte der Hohepriester zunächst zu den cpiXoi des Königs,
wie Josephus schreibt (ant. lud. 13, 224). Zum Bruch zwischen Antiochos VII. und
Simon kam es nicht zu Beginn, sondern zum Ende der Belagerung hin (siehe un-
ten).648
Die Belagerung Doras, die sich über einige Monate hinzog, blieb erfolglos.
Tryphon gelang trotz der Seeblockade mit dem Schiff die Flucht nach Ptolemais
(Charax FGrHist 103,29) und von dort nach Orthosia.649 Antiochos VII. „aberjagte
Tryphon nach, um ihn gefangenzunehmen“ (I. Makk. 15, 39). Noch einmal jedoch
glückte ihm auf eine recht spektakuläre Weise die Flucht: Wie ein bei Frontin über-
liefertes Strategematon erzählt, konnte sich Tryphon seinen Verfolgern dadurch
entziehen, daß er Münzen in großen Mengen in die Luft warf, und die Reiter des
Antiochos VII. mehr damit beschäftigt waren, das Geld einzusammeln als Tryphon
einzuholen.650
Tryphon floh schließlich nach Apameia 651 Vom seinem Ende sind zwei Versi-
onen überliefert: Bei Josephus (ant. lud. 13, 224) und Appian (Syr. 68, 358) heißt
es, daß er getötet wurde; Strabon (14,5,2 = 668) und Synkellos (351,13) hingegen
schreiben, daß er Selbstmord beging.652 Wie das in Dor gefundene Wurfgeschoß
beweist, hat Tryphon fünf Jahre regiert.653 Vermutlich ist er bald nach seiner Flucht
aus Dor noch in der Mitte (?) des Jahres 137 umgekommen.654
Der Sieg über Tryphon war nur mit großen Mühen errungen worden (App. Syr.
68, 358). Wahrscheinlich hielt der König anschließend Gericht und bestrafte dieje-
nigen Städte, die bis zuletzt den Usurpator unterstützt hatten, während er die loyalen
Städte belohnte. So erhielt Arados im Jahr 138/37655 das Recht, autonome Te-
648 Der anonyme Autor des ersten Makkabäerbuches versucht, die seleukidisch-jüdischen Span-
nungen möglichst weit zurückzuverlegen und Antiochos VII. die Schuld an dem Konflikt zu
geben.
649 I. Makk. 15,37; Synkellos 553. Bevan, House II S. 238.
650 2, 13,2. Siehe dazu auch oben Kap. I 1.
651 Hoffmann, Tryphon Sp. 722.
652 Ehling, Miszellen S. 376ff.
653 Josephus (ant. lud. 13, 224) zählt drei Regierungsjahre. In Ptolemais und Askalon wurden
noch mit der Angabe „Jahr 4“ Tetradrachmen für Tryphon geprägt, vgl. Seyrig, Notes S. 23
und Baldus, Bronzemünzen S. 145 ff.
654 Gera, Tryphon’s Sling Bullet S. 160 schreibt: “Although none of these sources mentions the
exact time of Tryphon’s death, the overall impression is that he died soon after his defeat at
Dor.” Das Jahr 138 als Todesjahr haben z.B. Downey, Antioch S. 125 und Grainger, Phoeni-
ciaS. 125.
655 Nach dem Datum auf den Münzen, vgl. Seyrig, Notes S. 17 f.
192
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
tradrachmen zu prägen, wahrscheinlich deshalb, weil die Stadt Antiochos VII. mit
Schiffen bei der Belagerung Dors unterstützt hatte.656
Münzzeugnisse lassen die Vermutung zu, daß Ptolemaios VIII. Euergetes II.,
der 145 ein zweites Mal auf den ägyptischen Thron gekommen war,657 die Ausein-
andersetzungen zwischen Tryphon und Antiochos VII. für seine eigenen Zwecke
auszunützen gedachte und mit den Rüstungen zum Einmarsch in Phönikien und
Koilesyrien bereits begonnen hatte. Für den Ptolemäer wurden im Jahr 138/37 Sil-
berdidrachmen geschlagen, die den König mit Strahlenaureole und Ägis abbilden.658
Dieses Bildschema ist zuvor bereits für Ptolemaios III. und Ptolemaios V. auf
Goldoktadrachmen verwendet worden, Geld, das zur Entlohnung der Soldaten und
Söldner im 5. Syrischen Krieg gedient hatte,659 in dem um den Besitz Phönikiens
und Koilesyriens gekämpft worden war.660 Die Königsdarstellung mit der Strah-
lenaureole auf Münzen ist daher besonders eng mit dem Kampf um Südsyrien und
Phönikien verbunden.661 Wenn Ptolemaios VIII. sich ebenfalls mit Strahlen darstel-
len ließ, kann daraus vielleicht geschlossen werden, daß die Didrachmen im Vorfeld
des geplanten Feldzuges geprägt wurden und ein Einmarsch in Phönikien unmittel-
bar bevorstand. Der Prägeanlaß dieser ins Jahr 138/37 datierten ptolemäischen
Didrachmen, der bislang unklar war 662 dürfte daher wohl vor dem Hintergrund der
Eroberungsabsichten des achten Ptolemäers zu sehen sein, der die Kämpfe zwischen
Tryphon und Antiochos VII. für seine Ziele nutzen wollte.
In der Zwischenzeit hatte sich das Verhältnis zwischen Seleukiden und Juden
zunehmend verschlechtert. Der Grund war, daß Antiochos VII. für den Krieg gegen
656 Seyrig, Notes S. 19; Grainger, Phoenicia S. 125. Möglicherweise aber auch, weil die Stadt
ihm gegen die Ptolemäer treu geblieben war.
657 Nach dem Tode Ptolemaios’ VI., siehe oben. Zum historischen Hintergrund vgl. Hölbl, Ge-
schichte S. 172.
658 Die Stücke sind wahrscheinlich in Alexandreia geprägt worden. Für Hinweise danke ich Herrn
Dr. H.-Chr. Noeske (Frankfurt am Main) sehr herzlich. Zum Unterschied von Strahlenaureole
und Strahlenkrone vgl. Bergmann, Strahlen S. 15: Bei der Strahlenaureole gehen die Strahlen
direkt vom Kopf aus; bei der Strahlenkrone sind sie an einem Band oder Reif angebracht. Zur
Ägis: H. Kyrieleis, Die Porträtmünzen Ptolemaios' V. und seiner Eltern. Zur Datierung und
historischen Interpretation, Jdl 88, 1973, S. 220 und Bergmann, Strahlen S. 59 mit Taf. 9,5.
659 H. Kyrieleis, Die Porträtmünzen Ptolemaios’ V. und seiner Eltern. Zur Datierung und histo-
rischen Interpretation, Jdl 88, 1973, S. 213 ff.; Bergmann, Strahlen S. 60.
660 Zum 5. Syrischen Krieg: Bevan, House II S. 29 ff.; Bouche-Leclercq, Histoire I S. 167 ff.; B.
Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten seit der Schlacht bei Chaero-
nea. 2. Teil: Vom Jahr 281 v. Chr. bis zur Begründung der römischen Hegemonie im grie-
chischen Osten 188 v. Chr., Gotha 1899, S. 637 ff.; Hölbl, Geschichte S. 121 f.; Huß, Ägypten
S. 489 ff.
661 Bergmann, Strahlen S. 5 schreibt: „Der Gebrauch von Herrscherbildnissen mit Strahlenaure-
ole auf den Münzen war bei Ptolemäern und Seleukiden ... von einer lange anhaltenden po-
litischen Konstellation bestimmt.... Die weiteren Prägungen von Ptolemäern und Seleukiden
mit dem Attribut bilden eine Kette von Zitaten, die sich teils auf den Ausgangspunkt, teils
aufeinander beziehen. Münzen mit den Bildnissen des Ptolemaios III. und V. ... und des
Antiochos IV.... sind konkurrierende Prägungen im Zusammenhang mit den Syrischen Krie-
gen“.
662 Bergmann, Strahlen S. 61: „Den konkreten Anlaß für diese Prägung kennt man nicht“.
8.) Kampf des Antiochos VII, gegen Tryphon und Belagerung Jerusalems
193
Tryphon mehr Geld brauchte663 und deshalb nicht auf die Tribute und Einkünfte der
Städte und Gebiete verzichten wollte, die die Juden seit Ende der 40er Jahre des 2.
Jhs. besetzt hielten.664 So war unter Simon die Küstenstadt Joppe eingenommen (I.
Makk. 13, 11) und zum Hafen ausgebaut worden.665 Später wurden die seleuki-
dischen Festungen Geser666 und Bet-Zur (westlich und südlich von Jerusalem) er-
obert und schließlich sogar die seleukidische Besatzung aus der Akra von Jerusalem
vertrieben.667 Antiochos VII. sandte deshalb seinen Freund Athenobios zu Simon
nach Jerusalem,668 der die sofortige Rückgabe aller annektierten Gebiete669 und
eine Entschädigung für die entgangenen Tribute oder eine einmalige Abschlagszah-
lung von 1.000 Talenten Silber forderte 670 andernfalls drohte er mit Krieg (I. Makk.
15, 31). Im Vertrauen auf die eigene militärische Stärke lehnte Simon die Forde-
rungen ab und bot lediglich für Joppe und Geser die Zahlungen von 100 Talenten
Silber an (I. Makk. 15, 35). Der seleukidische Gesandte Athenobios brach die Ver-
handlungen ab und verließ Jerusalem.671
Antiochos VII. ernannte daraufhin seinen cpiXoc Kendebaios zum eTnorpotTriYoc
Tf)<; irctpaXiac;.672 Der Titel des Epistrategen ist für das Seleukidenreich nur in
diesem einen Fall belegt, und es läßt sich nicht entscheiden, ob der Titel offiziell
war.673 Da die militärischen Operationen des Kendebaios keineswegs nur auf die
Küstenregion beschränkt blieben, bedeutet das epi not dem Strategentitel wohl, daß
dieser Funktionär über besondere militärische und administrative Vollmachten ver-
fügte. Wie H. Bengtson vermutet, könnte Kendebaios „als Epistratege noch andere
Strategen, das wären die Bezirksstrategen und Meridarchen, unter sich gehabt ha-
ben“.674 Während Antiochos VII. selbst noch damit beschäftigt war, Tryphon aus-
zuschalten (I. Makk. 15, 37; 39), ließ Kendebaios die Stadt Kedron befestigen (I.
663 Daher der von los. ant. lud. 13,225 erhobene Vorwurf der Habgier des Königs.
664 Vor September 141 (I. Makk. 14,27), da zu diesem Zeitpunkt Bet-Zur, Joppe und Geser bereits
in jüdischer Hand waren.
665 I. Makk. 14, 5. Baltrusch/Schuol, Meer S. 109.
666 Geser wurde Simons Sohn, Johannes Hyrkan L, unterstellt (I. Makk. 16,1).
667 I. Makk. 14,7; 33; 34. Im Mai 142 war die Akra erobert (I. Makk. 13,51).
668 Grainger, Prosopography S. 84; Carsana, Dirigenze S. 115; Savalli-Lestrade, Philoi S. 83.
669 Aber nicht die Rückgabe der Akra, wie J. Maier, Grundzüge der Geschichte des Judentums
im Altertum, Darmstadt 1981, S. 47 schreibt.
670 I. Makk. 15,28-31. Baltrusch/Schuol, Meer S. 109.
671 I. Makk. 15, 36. Vgl. auch Bevan, House IIS. 239.
672 I. Makk. 15,38; los. ant. lud. 13,225. Die Strategie umfaßte das Küstengebiet von Ptolemais
bis zur ägyptischen Grenze und Judäa: Bengtson, Strategie IIS. 176 ff. Wenn Bengtson, Stra-
tegie II S. 178 Anm. 1 schreibt, daß der Zeitpunkt der Bestellung des Kendebaios auf jeden
Fall vor dem Tode Tryphons erfolgte, so ist dies richtig, aber da Tryphon bereits Mitte (?) 137
tot war, kann die Ernennung des Kendebaios nicht erst 137/36 erfolgt sein. Zu Kendebaios
vgl. außerdem Grainger, Prosopography S. 99; Carsana, Dirigenze S. 115 (ungenau, was den
Titel betrifft); Savalli-Lestrade, Philoi S. 84.
673 Vgl. Bengtson, Strategie II S. 180f.
674 EbendaS. 181.
194
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Makk. 15,40) und fiel von dort immer wieder nach Judäa ein (I. Makk. 15,41), um
die Bevölkerung einzuschüchtem.675
Wahrscheinlich zwischen Herbst 137 und Frühjahr 136676 kam es zur Entschei-
dungsschlacht zwischen dem seleukidischen E7noTp(5cTr|Yo£ und einem jüdischen
Heer von 20.000 Mann (I. Makk. 16,4) unter dem Befehl der beiden Simon-Söhne,
Johannes Hyrkan I.677 und Judas (I. Makk. 16, 2). Getrennt durch einen schwer
passierbaren Gebirgsbach standen sich die Armeen in der Ebene von Modem (nord-
westlich von Jerusalem) gegenüber.678 Das jüdische Heer, obwohl an Reiterei un-
terlegen (I. Makk. 16,7), wagte den Übergang und schlug den Gegner in die Flucht
(I. Makk. 16, 8). Die seleukidischen Soldaten zogen sich nach Kedron und die
kleineren Befestigungen, die sogenannten „Türme“ (Trupyoi), im Gebiet von Azotos
(Asdod) zurück,679 die Hyrkan I. niederbrennen ließ (I. Makk. 16, 10). Die Verluste
auf seleukidischer Seite betrugen rund 2.000 Mann.680
Antiochos VII. griff nicht in die Kämpfe ein. Für die Zeit vom Ende des Tryphon
bis zur Belagerung Jerusalems (siehe unten) fehlen genauere Informationen über die
militärischen und politischen Aktivitäten des Königs.681 Von lustin erfahren wir
lediglich, daß er die Städte und Länder, die von seinem Bruder Demetrios II. abge-
fallen und zu Tryphon übergegangen waren, wieder unter seine Herrschaft brachte
(36, 1, 9). Wie die Münzen zeigen, unterstanden ihm in Kilikien Tarsos und Mal-
los.682
Im Februar 135 (I. Makk. 16, 14) wurden Simon und zwei seiner Söhne von
seinem Schwiegersohn, dem Strategen von Jericho, Ptolemaios, während eines
675 Y. Aharoni/M. Avi-Yonah, The Bible Atlas, New York 1968, hier zitiert nach der deutschen
Übersetzung: Der Bibel Atlas, Hamburg 1982, S. 129, sprechen von „Terror“, den die Solda-
ten Kendebaios’ verbreiten sollten.
676 Der terminus ante quem ergibt sich aus I. Makk. 16,14, wo die Ermordung Simons im Februar
135 geschildert wird. Da im Schlachtbericht von einem „reißenden Gebirgsbach“ (xEipdppooi;)
die Rede ist, könnte man vermuten, daß sich dieser nach schweren Regenfällen gebildet hatte,
die in den Monaten von Mitte November bis Mitte April mit katastrophalen Folgen auftreten
können: Keel/Küchler/Uehlinger, Orte I S. 41 ff. Y. Aharoni/M. Avi-Yonah, ebenda S. 129,
datieren die Schlacht ins Jahr 137.
677 Zu Hyrkan I. vgl. zuletzt D. Barag, New Evidence on the Foreign Policy of John Hyrcanus I,
INJ 12,1992/93, S. 1-12.
678 I. Makk. 16, 5. Ob sich die Schlacht tatsächlich, wie Y. Aharoni/M. Avi-Yonah, The Bible
Atlas, New York 1968, hier zitiert nach der deutschen Übersetzung: Der Bibel Atlas, Hamburg
1982, S. 129 Skizze 207, annehmen, vor den Toren Kedrons abspielte, geht aus der Beschrei-
bung in I. Makk. 16, 4-10 nicht hervor. Vielmehr heißt es dort (I. Makk. 16, 5): „Morgens,
... als sie (= das jüdische Heer, Anm. d. Verf.) von Modem in die Ebene kamen ...“. Der
Schlachtort scheint demnach näher bei Modeln als bei Kedron gelegen zu haben.
679 I. Makk. 16, 9; 10. Zum Ort: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 7; Grainger, Prosopography S.
697.
680 I. Makk. 16, 10. Die Zahl beziffert wahrscheinlich die seleukidischen Gesamtverluste und
nicht, wie der Bericht suggeriert, die Verluste allein während des Rückzugs.
681 Wilcken, Antiochos (30) Sp. 2478.
682 Tarsos: Naville. Kat. 10,1305 f.; 1308 f.; SNG Israel 11987 ff.: Mallos: Naville, Kat. 10,1307;
Houghton, Mallus S. 95.
8.) Kampf des Antiochos VII. gegen Tryphon und Belagerung Jerusalems
195
Trinkgelages in Dok (Dagon)683 bei Jericho ermordet.684 Ptolemaios schrieb an den
Seleukidenkönig, bat um militärische Unterstützung und wohl auch die Übertragung
der Hohepriesterwürde.685 Der überlebende Sohn Simons, Hyrkan L, aber, der in
Geser noch rechtzeitig einem Mordanschlag zuvorgekommen war, belagerte den
Ptolemaios in der Burg Dok 686 Da Ptolemaios die Mutter Hyrkans I. in seiner Ge-
walt hatte, gab Hyrkan I. die Belagerung bald auf (los. ant. lud. 13, 234) und zog
sich nach Jerusalem zurück. Diese Auseinandersetzungen und Wirren innerhalb der
Hasmonäerdynastie boten Antiochos VII. eine willkommene Gelegenheit, in die
Verhältnisse in Judäa einzugreifen.687 Er marschierte mit einem Heer in Judäa ein
und begann die Belagerung Jerusalems.
Die genaue Datierung dieses Ereignisses ist schwierig, da unsere Haupt-
quelle, Josephus, zwei einander widersprechende Angaben macht: In den Antiqui-
tates 13, 236 setzt er den Beginn der Belagerung in das 1. Jahr Hyrkans I. und das
4. Jahr Antiochos’ VII., also in das Jahr 135/34,688 fügt dazu aber noch die Angabe
„und in der 162. Olympiade“, die im Jahr 132 beginnt.689 Die letzte Datierung wird
in gewisser Weise von Porphyrios bestätigt, der die Belagerung in das 3. Jahr der
162. Olympiade setzt, d.h. in das Jahr 130/29. Zu diesem Zeitpunkt befand sich
Antiochos VII. jedoch bereits auf dem Partherfeldzug, so daß die Angabe in dieser
Weise nicht stimmen kann. Die Chronologie der Ereignisse der 30er und 20er Jahre
des 2. Jhs. ist bei Porphyrios nicht immer genau und oftmals um ein oder zwei Jahre
nach oben zu korrigieren.690 In der Forschung sind aufgrund dieser widersprüch-
lichen Überlieferungslage daher verschiedene Datierungsvorschläge für den Beginn
der Belagerung Jerusalems gemacht worden. Das Jahr 134 schlägt E. Schürer vor;691
E. R. Bevan setzt ihn in das Jahr 133,692 B. Niese in das Jahr 132, ebenso E. Will.693
Offensichtlich also ist die chronographische Olympiaden-Angabe bei Josephus und
Porphyrios für vertrauenswürdiger erachtet worden als das von Josephus zuerst
genannte Datum „das 1. Jahr Hyrkans I. und das 4. Jahr Antiochos’ VII.“, d.h. das
683 Schürer, Geschichte S. 258. Im I. Makkabäerbuch heißt der Ort bzw. die Burg Dok, bei Jose-
phus Dagon. Vgl. Möller/Schmitt, Siedlungen S. 77 f.
684 I. Makk. 16, 11-17. Das Ereignis ist durch I. Makk. 16, 14 gut und fest datiert, vgl. Schürer,
Geschichte S. 255. In der Literatur liest man dennoch häufig „Februar 135 oder 134“, was
sich daher erklärt, daß von diesen Autoren der Beginn der Belagerung Jerusalems nicht in den
Herbst 135 (siehe unten), sondern mindestens ein Jahr später angesetzt wird.
685 So muß wohl I. Makk. 16, 18 verstanden werden. Sicherlich bot Ptolemaios Antiochos VII.
dafür eine größere Summe Geldes an, wie vor ihm Jason (II. Makk. 4, 8f.) und Menelaos (II.
Makk. 4,24), vgl. dazu Bringmann, Reform S. 115 ff.
686 los. ant. lud. 13, 230. Möller/Schmitt, Siedlungen S. 77f.
687 Niese, Geschichte III S. 295.
688 Das 1. Regierungsjahr Antiochos* VII. ist 138/37: Schürer, Geschichte S. 259 Anm. 5; Niese,
Geschichte III S. 295 Anm. 4.
689 Schürer, Geschichte S. 259 Anm. 5.
690 Vgl. Niese, Geschichte III S. 295 Anm. 4; Jacoby, FGrHist (1930) S. 873; Ehling, Bronze-
münze S. 89. Zur Chronologie bei Porphyrios siehe oben Kap. I 1.
691 Geschichte S. 259 Anm. 5 mit guter Diskussion der Quellen.
692 House II S. 240 bei einem Ausgang der Belagerung im Jahr 132.
693 Histoire II S. 345: «Hyrcan dut capituler en 131».
196
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Jahr 135/34. Daß aber tatsächlich letzteres Datum sehr viel mehr Wahrscheinlichkeit
besitzt, haben etwa U. Wilcken694 und T. Rajak695 erkannt und begründet. Denn es
kann davon ausgegangen werden, daß sich Antiochos VII. die Kämpfe, die im An-
schluß an die Ermordung Simons im Februar 135 zwischen Hyrkan I. und Ptolema-
ios entbrannten, zunutze machte,696 um in Judäa einzufallen. Da Jerusalem, wie es
bei Josephus heißt (ant. lud. 13, 237), zum Zeitpunkt des Untergangs der Plejaden
- also im November697 - bereits fest eingeschlossen war, darf man annehmen, daß
die Stadt seit Herbst 135 belagert wurde.
Einigkeit besteht in der Sekundärliteratur darüber, daß die Belagerung rund
ein Jahr dauerte. Wie Josephus schreibt, ergaben sich die Bewohner Jerusalems bald
nach der Feier des Laubhüttenfestes, das im September/Oktober begangen wird.
Nach dem hier ausgeführten chronologischen Ansatz ergibt sich daraus, daß die
Belagerung Jerusalems durch die Seleukiden von Herbst 135 bis Herbst 134 dauerte.
Die Richtigkeit dieser Datierung wird durch einen 1986 bekanntgewordenen Gold-
stater bestätigt.698 Dieser Stater ist durch die Datumsangabe OOP in das 179. Jahr
der Seleukidenära datiert, d.h. er wurde in der Zeit zwischen Oktober 134 und Ok-
tober 133 geprägt 699 Das Motiv der Rückseite, die in der Biga nach links fahrende
Nike, weist auf einen bedeutenden militärischen Erfolg hin.700 Wenn das Münzbild
auch nicht allein die Besiegung der Juden feiern muß, so wäre es aber doch wohl
nicht möglich gewesen, ein derartig eindeutiges Siegesmotiv auf die Münzen zu
setzen, ohne daß die Belagerung Jerusalems erfolgreich beendet gewesen wäre. Der
Goldstater kann daher eigentlich nur nach dem Abzug des seleukidischen Heeres
aus Judäa geprägt worden sein,701 und damit würde sich die erste chronologische
694 Antiochos (30) Sp. 2479.
695 Roman Intervention in a Seleucid Siege of Jerusalem?. GRBS 22, 1981, S. 65 Anm. 3.
696 Was auch Niese, Geschichte IIIS. 295 annimmt.
697 Die Övopevq irXeia^ fanden nach Plin. n. h. II47,125 im November statt: Schürer, Geschichte
S. 259 Anm. 5.
698 A. Houghton, A ‘Victory’ Coin of Antiochus VII, in: Proceedings of the lOth International
Congress of Numismatics/Actes du lOeme Congres International de Numismatique, Band I,
London 1986, S. 65 mit Taf. 6.
699 Ebenda S. 65.
700 Von reichsrömischen Münzen bekannt und oftmals durch die Legende gesichert ist, daß es
sich um einen adventus handelt, wenn der Kaiser von rechts nach links, um eine profectio
aber, wenn der Kaiser von links nach rechts etwa auf einem Pferd reitend dargestellt ist. Al-
lerdings gibt es auch Abweichungen von diesem Schema. Insgesamt gesehen überwiegen aber
Profectio-Darstellungen nach rechts und Adventus-Darstellungen nach links. Bei den rö-
mischen historischen Kaiserreliefs sind die Bewegungsrichtungen nicht durchgängig einge-
halten: G. Koeppel, Profectio und Adventus, BJ 169, 1969, S. 130-194, ebenda S. 179ff. zu
den römischen Münzen. Bemerkenswert ist, daß das Motiv der in der Biga nach links fahren-
den Nike einen Vorgänger in der Bronzeprägung Antiochos’ IV. hat: CSE 786 f.; Münzzentrum,
Köln, Kat. 24, Mai 1976, 180; SNG Israel I 1142f.
701 Andere Deutung der Münze bei A. Houghton, A ‘Victory’ Coin of Antiochus VII, in: Procee-
dings of the lOth International Congress of Numismatics/Actes du lOeme Congres Internati-
onal de Numismatique, Band I, London 1986, S. 65, der das Motiv auf einen literarisch nicht
überlieferten Parthersieg bezieht und meint, Antiochos VII. wäre erst anschließend in Judäa
eingefallen.
8.) Kampf des Antiochos VII. gegen Tryphon und Belagerung Jerusalems
197
Angabe des Josephus, daß die Belagerung in das 1. Jahr Hyrkans I. und das 4. Jahr
Antiochos’ VIL, d.h. in das Jahr 135/34, gehört, auf das beste bestätigen.
Es gibt noch einen bislang kaum beachteten entscheidenden Anhaltspunkt dafür,
daß die hier vorgetragene Datierung richtig ist: Das Jahr 135/34 war ein Sabbatjahr,
wie Josephus (ant. lud. 13,234) zuvor in einem anderen Zusammenhang erwähnt.702
Der Seleukidenkönig nützte also nicht nur die Zwistigkeiten innerhalb des Hasmo-
naerhauses. sondern auch diesen besonderen religiösen Umstand aus. Daß Antiochos
VII. seinen Angriff in ein Sabbatjahr legte, läßt vermuten, daß der Feldzug von
langer Hand geplant war. Offensichtlich rechnete er damit, daß der jüdische Wider-
stand - aufgrund religiöser Bedenken - geschwächt wäre; vielleicht spekulierte er
sogar darauf, daß die strenggläubigen Juden die strikte Einhaltung der Vorschriften
verlangen und die Kampfbereitschaft daher nicht so groß sein würde. Wenn es bis-
lang, wie U. Wilcken schreibt,703 für das „absolute Datum“ der Belagerung Jerusa-
lems „an einem festen Anhaltspunkt“ fehlte, sind nun genügend Indizien zusammen-
gekommen, um die Belagerung mit großer Sicherheit in die Zeit zwischen Oktober
135 und Oktober 134 zu datieren.
Wenden wir uns nun den Ereignissen während der Belagerung der Stadt
selbst zu.704 Antiochos VII. ließ Jerusalem rundum einschließen und einen tiefen
Doppelgraben ziehen (los. ant. lud. 13, 239). Den Angriff konzentrierte er auf die
Nordseite der Stadtmauer, weil hier das Geländeterrain günstig war und die Aufstel-
lung von hundert dreistöckigen Belagerungstürmen erlaubte (los. ant. lud. 13,238).
Doch die Belagerten verteidigten sich tapfer. An einigen Orten der Stadt gelangen
bewaffnete Ausfälle, die den seleukidischen Angreifern Schlappen zufügten (los.
ant. lud. 13, 239). Als schließlich die Emährungslage in Jerusalem äußerst kritisch,
ja verzweifelt wurde, wies Hyrkan I. die nicht Wehrfähigen aus der Stadt (los. ant.
lud. 13,240). Doch ließ Antiochos VII. die Flüchtlinge nicht passieren, so daß viele
dieser Menschen, in der Hauptmasse wohl Frauen, Kinder und Alte, zwischen den
Fronten hin und her getrieben, Hungers starben (los. ant. lud. 13, 241). Erst als das
Laubhüttenfest bevorstand, nahm Hyrkan I. sie wieder in Jerusalem auf. Wegen des
Festes bat der Hohepriester den Seleukidenkönig um einen siebentägigen Waffen-
stillstand (los. ant. lud. 13, 242). Antiochos VII. willigte ein und ließ sogar Stiere
mit vergoldeten Hörnern, Räucherwerk sowie goldene und silberne Gefäße in die
Stadt bringen (los. ant. lud. 13,242). Der König handelte hier, wie J. Maier treffend
formuliert, „als oberster Souverän, der sich auch für den Staatskult in Jerusalem
verantwortlich wußte“, während die Belagerung „dem unbotmäßigen Vasallen“
galt.705 Dieses fromme Verhalten des Königs706 beeindruckte die Juden sehr und
veranlaßte Hyrkan L, eine Gesandtschaft an Antiochos VII. zu schicken, um über
702 Bei der Belagerung der Burg Dok (Dagon) durch Hyrkan L, siehe oben. Ebenso los. bell. lud.
1,4, 57. Das Sabbatjahr dauerte von Oktober 135 bis Oktober 134.
703 Antiochos (30) Sp. 2479.
704 Schürer, Geschichte S. 259 f.; Bevan, House II S. 239 ff.; Niese, Geschichte III S. 295 ff.;
Wilcken, Antiochos (30) Sp. 2479.
705 J. Maier, Grundzüge der Geschichte des Judentums im Altertum, Darmstadt 1981, S. 48.
706 Das ihm bei den Juden den Beinamen Evoeßqc eintrug (los. ant. lud. 13,244).
198
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
die Friedensbedingungen zu verhandeln. Im seleukidischen Lager kam es nun zu der
bei Diodor überlieferten berühmt-berüchtigten Beratung zwischen Antiochos VII.
und seinen cpiXot,707 die dem König rieten, das „Geschlecht“ der Juden auszurotten,
weil allein die Juden sich in einer menschenfeindlichen Weise von den anderen
Völkern absonderten und schon sein Vorgänger Antiochos IV. die jüdischen Sitten
(to vopipa) abschaffen wollte.708
Aber Antiochos VII. sprach die Juden von den Anschuldigungen frei709 und
folgte nicht dem Negativbeispiel Antiochos’ IV., dessen Religionsverbot des Jahres
168 letztlich die Auslöschung der religiösen und ethnischen Identität des Judentums
zur Folge gehabt hätte,710 sondern orientierte sich an der konstruktiven Judenpolitik
Antiochos’ III.
Antiochos III. hatte im Zuge des 5. Ptolemäischen Krieges nach der Besiegung
des Feldherren Skopas beim Panheiligtum an den Jordanquellen am Südhang des
Hermon711 um das Jahr 200/199 auch Judäa unter seine Kontrolle bekommen712
und nahm die Juden unter königlichen Schutz.713 In einem Brief (£7riOToXf|) be-
stimmte Antiochos III. eine hohe Geldsumme für den Kultbedarf an Opfertieren,
707 Diese Gruppe charakterisiert Meyer, Ursprung II S. 268 als „Vertreter der traditionellen,
hellenistischen Politik des Reiches“.
708 Meyer, Ursprung IIS. 268; Baltrusch, Juden S. 56. Das Diodor-Exzerpt stand bei Poseidonios
ursprünglich wohl im 15. Buch, vgl. Malitz, Poseidonios S. 309. Es handelt sich um das be-
kannte Fragment 109. Zu der Problematik der antiken Judenfeindlichkeit immer noch grund-
legend ist der Antisemitismus-Artikel von Heinemann in der RE: I. Heinemann, Antisemitis-
mus, RE Suppl. V, Stuttgart 1931, Sp. 3-43. Wichtig ist der Kommentar von Malitz, Posei-
donios S. 309 ff. Ob die Freunde des Königs allerdings wirklich so gesprochen haben, wie
Poseidonios überliefert, scheint mir keineswegs sicher: Ehling, Freunde S. 43 mit Anm. 24.
Zwar wollten einige (piXoi die Juden sicherlich für die erlittene Niederlage des ^TnoTpdrqYOC
Kendebaios und die Mühen der einjährigen Belagerung bestrafen, aber man darf annehmen,
daß der Feldzug gegen die Parther, zu dem Antiochos VII. im März (?) 131 aufbrach, von den
seleukidischen Funktionären bereits ins Auge gefaßt war und es deshalb darauf ankam, die
Juden zur Heerfolge zu verpflichten und nicht ihr militärisches Potential zu vernichten. In der
Tat zogen 131 dann auch jüdische Kontingente unter der Führung des Hohenpriesters Johannes
Hyrkan I. mit in den Krieg (los. ant. lud. 13,250). Kontrastiert man die Argumente der anonym
bleibenden cpiXoi mit dem großzügigen Verhalten des Königs in den Tagen des Laubhütten-
festes und seinen äußerst milden Friedensbedingungen, so gewinnt man den Eindruck, daß
Poseidonios den Passus aus literarischen, nicht historischen Gründen einschaltet, einerseits,
um ein Beispiel für die pcYa^oipvxia (Diod. 34/35, 5) des siebten Antiochos zu geben, an-
dererseits, um sozusagen in einem negativen historischen Exkurs seinen Lesern einen kurzen
Überblick über alle zeitgenössischen antijüdischen Vorurteile zu bieten. Die pEYöXoipvxia
ist ein Schlüsselwort zur Charakterisierung des Königs: Gehrke, König S. 273 Anm. 76.
709 Poseid. FGrHist F 109 = Diod. 35/34,5. Vgl. Malitz, Poseidonios S. 311; Baltrusch, Juden S.
187 Anm. 109.
710 Vgl. dazu Bringmann, Reform S. 29 ff.
711 An diesem Paneion genannten Ort gründete später Herodes Philippos die Stadt Caesarea
Philippi.
712 los. ant. lud. 12,131. Bevan, House IIS. 37; Bickermann, Makkabäer S. 51 ff.; 176f.; Hölbl,
Geschichte S. 121 f.
713 los. ant. lud. 12, 138. Zum folgenden: Marcus, Josephus S. 743 ff. Appendix D; Baltrusch,
Juden S. 42 ff.; Aperghis, Economy S. 166 ff.
8.) Kampf des Antiochos VIL gegen Tryphon und Belagerung Jerusalems
199
Wein, Öl, Weihrauch, Weizen, Weizenmehl und Salz, förderte den architektonischen
Ausbau des Jerusalemer Tempels und befreite die hohe Priesterschaft von der Steuer
an den königlichen Fiskus.714 Außerdem erließ der Seleukide eine Bekanntmachung
(TTpoypappa), die die Unversehrtheit des Tempels garantierte und die Verletzung
der jüdischen Speise- und Opfervorschriften unter Strafe stellte.715 Als Antiochos
VII. in den Tagen des Laubhüttenfestes des Jahres 134 den Juden Opfertiere, Räu-
cherwerk und kostbare Gefäße für den Gottesdienst überließ, verhielt er sich also
ganz im Sinne der Maximen seines älteren Vorgängers Antiochos III. Auch die äu-
ßerst milden Friedensbedingungen, die Antiochos VII. Hyrkan I. anbot, zeugen von
seiner verantwortungsbewußten und auf Ausgleich bedachten Politik. Der Seleukide
verlangte die Auslieferung aller Waffen, die Tribute für Joppe und „die anderen
Städte“, d. h. wohl Geser und Bet-Zur, und die Aufnahme einer seleukidischen Be-
satzung in die Akra von Jerusalem (los. ant. lud. 13, 246). Als Hyrkan I. statt der
Besatzung 500 Talente Silber und die Stellung von Geiseln anbot, ging Antiochos
VII. auch darauf ein (los. ant. lud. 13,247). 300 Talente wurden sofort bezahlt und
unter den Geiseln, die der König selbst auswählen durfte, befand sich der Bruder
des Hohenpriesters. Nachdem die Bekrönung der Stadtmauer abgebrochen worden
war,716 zogen Antiochos VII. und die seleukidische Armee aus Judäa ab (los. ant.
lud. 13, 248).717
714 los. ant. lud. 12, 138-144. Antiochos III. knüpfte damit unmittelbar an persische Vorbilder,
insbesondere Dareios I. und Artaxerxes I., an. Vgl. das Schreiben des Dareios 1. an seinen
Statthalter Tattenai (Esra 6, 6ff.): Genau wie in dem Schreiben des dritten Antiochos ist in
Esra 6,9 von der Unterstützung der Priesterschaft die Rede sowie von Weizen-, Salz-, Wein-
und Öllieferungen. In dem Brief des Artaxerxes I. (Esra 7,12-26; bes. 21 f.) werden die kö-
niglichen Beamten angewiesen, Esra bzw. die Priester mit Weizen, Wein und Öl zu versorgen.
Zum Artaxerxes I.-Brief vgl. S. Grätz, Das Edikt des Artaxerxes. Eine Untersuchung zum
religionspolitischen und historischen Umfeld von Esra 7,12-26 (Beihefte zur Zeitschrift für
die alttestamentliche Wissenschaft 337), Berlin/New York 2004. Dort S. 144 ff. zum Schreiben
des Antiochos III. Zur persischen Herrschaft über Palästina vgl. Kreißig, Wirtschaft S. 55 und
Baltrusch, Juden S. 29 ff.
715 los. ant. lud. 12, 145 f. Vgl. dazu Willrich, Urkundenfälschung S. 18ff.; E. Bikerman, Une
proclamation Seleucide relative au temple de Jerusalem, Syria 25, 1946/48, S. 67-85 und J.
E. Taylor, Seleucid Rule in Palestine. Duke University, Ph.D. Ann Arbor 1979, S. 57 ff.
716 Nach los. ant. lud. 13,247 wurde nicht die ganze Mauer geschleift, sondern nur die Bekrönung
eingerissen. Das Schleifen der Mauer wird auch bei Porphyrios FGrHist 260 F 32,18 erwähnt.
Woher aber die Überlieferung stammt, Antiochos Vll. habe die Vornehmen niedermetzeln
lassen, ist schwer zu erklären, es sei denn, man nimmt an, daß dies ein Mißverständnis des
Rates ist, den die epiAoi Antiochos Vll. gegeben haben sollen.
717 Anders T. Rajak, Roman Intervention in a Seleucid Siege of Jerusalem?, GRBS 22,1981, S.
65-81 bes. 72ff., die den bei Josephus ant. lud. 13, 259-264 überlieferten Beschluß des rö-
mischen Senats dahingehend interpretiert, daß Antiochos Vll. von Rom gezwungen wurde,
die Belagerung einzustellen. Die Urkunde ist jedoch nicht fest datierbar, und über ihren his-
torischen Zusammenhang war sich schon Josephus im Unklaren. Bei dem im Text genannten
Antiochos kann es sich entweder um Antiochos VII. oder Antiochos IX. handeln. Vieles spricht
aber dafür, daß der Senatsbeschluß in der Zeit um 107 gefaßt wurde, als Antiochos IX. gegen
die Juden Krieg führte (los. ant. lud. 13, 274), so zuletzt wieder Giovannini/Müller, Bezie-
hungen S. 157 f. Siehe unten Kap. II 10.
200
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
9.) PARTHERFELDZUG DES ANTIOCHOS VII. (131-129) UND
ALLEINHERRSCHAFT DES ANTIOCHOS VIIL (121-113)
Der König kehrte in die syrische Hauptstadt zurück. Darauf weist der oben erwähnte
unikale Goldstater hin, der in der Münzstätte von Antiocheia im Jahr 134/33 geschla-
gen wurde.718 Wie die Goldmünze beweist, nahm der König zum Euergetes-TrteX,
den er seit seiner Ankunft in Syrien im Frühjahr 138 führte,719 das Epitheton Megas
hinzu. Jetzt, nachdem Tryphon besiegt und das seleukidische Kemgebiet pazifiziert
war, durfte er sich mit Recht als Megas Euergetes bezeichnen. Der Stater gehört zu
einer Sonderemission, die wohl anläßlich der siegreichen Heimkehr des Antiochos
VII. geprägt wurde. Auf die Zeit nach dem Ende der Belagerung Jerusalems folgte
eine 2!6jährige Phase intensiver Rüstungen für den Krieg gegen die Parther, in den
Antiochos VII. im Frühjahr 131 aufbrach 720 Etwa ebenso viele Jahre hatte Antiochos
IV. nach dem Ende des 6. Syrischen Krieges (168) auf gerüstet, bis er im Frühjahr
165 zu seiner Anabasis in den Osten zog.721
Münzzeugnisse lassen die Vermutung zu, daß Antiochos VII. noch vor seinem
Aufbruch Anfang des Jahres 131 seinen ältesten, etwa vierjährigen Sohn Antiochos
zum König mit dem Beinamen Epiphanes ausrufen ließ, der unter der Vormundschaft
der Kleopatra Thea in Syrien zurückblieb (siehe Stammtafel).722 Anders als Antio-
chos IV, der im Jahr 165 seinen Sohn Antiochos (V.) ohne Königstitel in Antiocheia
718 A. Houghton, A ‘Victory* Coin of Antiochus VII, in: Proceedings of the lOth International
Congress of Numismatics/Actes du lOeme Congres International de Numismatique, Band I,
London 1986, S. 65.
719 Muccioli, Titolature S. 304.
720 Frühjahr 131 nach Fischer, Partherkrieg S. 47. Fischers Chronologie isfzu Unrecht etwa von
Oelsner, Randbemerkungen S. 31 ff. in Zweifel gezogen worden. Wie er selbst S. 34 Anm. 30
einräumen muß, tragen die bis jetzt verfügbaren Keilschrifttexte nur wenig zur Klärung der
Chronologie des Partherkrieges Antiochos* VII. bei. Für das Datum 131 tritt jetzt auch
Dqbrowa, Könige S. 49 Anm. 25 mit neuen Argumenten ein.
721 Zum Ostfeldzug Antiochos* IV. vgl. Mörkholm, Antiochus S. 64ff. Bunge, Daphne S. 55
betont mit Recht, daß die große Truppenparade in Daphne, die im Herbst 166 abgehalten
wurde, weniger eine Reaktion auf den demütigenden Ausgang des 6. Syrischen Krieges und
die Pompe des Aemilius Paulius als vielmehr eine große Heerschau am Vorabend der Anaba-
sis darstellt. Das in Daphne aufmarschierende Heer bestand im wesentlichen aus jenen Trup-
pen, mit denen Antiochos IV. zweimal in Ägypten siegreich gewesen war. - Truppenparaden
im Vorfeld des Partherfeldzuges Antiochos* VII. sind nicht überliefert, aber anzunehmen.
Hingegen werden zahlreiche Empfänge für die Bevölkerung erwähnt, bei denen es Fische,
Vögel, Fleisch und Honigkuchen im Überfluß gab (Athen. 12, 540 b zitiert hier aus dem 14.
Buch des Poseidonios, vgl. Malitz, Poseidonios S. 287f.). Vgl. Vössing, Bankett S. 149f.
Poseidonios kritisiert diese ,Prasserei* und geht im Zusammenhang solcher Luxusschilde-
rungen auf das Thema,Entartung* ein: Malitz, Poseidonios S. 288 f. Sinn der herrscherlichen
Wohltätigkeit war freilich, die hauptstädtische Bevölkerung hinter sich zu bringen, um bei
dieser, für die Zeit der Abwesenheit, in guter Erinnerung zu bleiben.
722 Vgl. dazu Ehling, Nachfolgeregelung S. 37.
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIII. 201
unter der Vormundschaft des »Reichskanzlers* Lysias zurückgelassen hatte,723 traf
Antiochos VII. damit eine »echte4 Nachfolgeregelung, als er in den Osten zog.724
Der König auf den Tetradrachmen (z.B. CSE 689-691) und Drachmen (z.B.
SNG Israel 12436) mit dem wohl schönsten Kinderporträt auf hellenistischen Mün-
zen überhaupt wurde von A. Houghton und G. Le Rider als Antiochos VIII. be-
stimmt, und die Münzen ins Jahr 128 datiert.725 Wie der Verfasser an anderer Stelle
zu zeigen versucht hat, dürften Zuschreibung und Datierung jedoch nicht richtig
sein.726 Vielmehr handelt es sich bei dem auf den Münzen Dargestellten sehr wahr-
scheinlich um jenen bei Porphyrios (Euseb. Chron. I 257 = FGrHist 260 F 32, 20)
erwähnten, um 135 geborenen Sohn des Antiochos VII. und der Kleopatra Thea,
Antiochos. Die Tetradrachmen und Drachmen (CSE 689-691; SNG Israel I 2436)
sind vermutlich bereits 131 geprägt worden, in dem Jahr, in dem Antiochos VII. in
die Oberen Satrapien aufbrach.727 Wenn die vorgeschlagene Identifizierung richtig
ist, wäre damit ein neuer Seleukidenkönig bezeugt. Doch ist der kleine Antiochos
Antiochou Epiphanes, genau wie seine beiden älteren Schwestern, schon bald ver-
storben. Im Jahr 129 war er nicht mehr am Leben.728
Der Kriegsgrund wird einerseits im königlichen Selbstverständnis des Antiochos
VII. zu suchen sein, andererseits galt es, die schmähliche Niederlage seines Bruders
Demetrios’ II. wettzumachen. Der Feldzug dürfte unter der Parole gestanden haben,
die Griechen im Osten zu befreien und den in Gefangenschaft geratenen Bruder den
Parthem zu entreißen.729 Wenn lustin (38,9,10-10,1) schreibt, daß die unmittelbar
drohende Wiedereinsetzung des Demetrios II. als König in Syrien der Kriegsgrund
gewesen sei, so geht diese Interpretation irrtümlich von der erst später erfolgten
Freilassung des Demetrios II. durch Phraates II. aus (siehe unten).
Aufgrund der lückenhaften Überlieferung730 läßt sich der Partherkrieg Antio-
chos’ VII. nur unvollständig rekonstruieren. Dennoch wissen wir über diesen besser
Bescheid als über den Feldzug des Demetrios II. im Jahr 139/38 (siehe oben Kap.
II 7). Quellenlage und Ereignisabfolge sind von Th. Fischer gründlich untersucht
und diskutiert worden; auf seinen Ergebnissen basieren im wesentlichen die fol-
genden Ausführungen.731
Im März (?) 13 1 732 brach der Seleukide mit einem angeblich 80.000-Mann-
Heer von Antiocheia auf.733 Vasallenfürsten wie lohannes Hyrkan I. hatten Heer-
723 Siehe oben Kap. II1. Hingegen meint Mörkholm, Antiochus S. 166, daß Antiochos V. im Jahr
165 zum Mitregenten des Antiochos IV. ernannt worden war.
724 Ehling, Nachfolgeregelung S. 37.
725 Houghton/Le Rider, Premier S. 402 ff.
726 Vgl. die ausführliche Begründung bei Ehling, Nachfolgeregelung S. 31 ff.
727 Ebenda S. 37.
728 EbendaS. 37.
729 Zu möglichen Motiven Antiochos’ VII. vgl. auch Fischer, Partherkrieg S. 36.
730 EbendaS. 35.
731 Vgl. außerdem die gute, knappe Darstellung bei Meyer, Ursprung IIS. 270 ff.
732 Kaiser Julian brach am 5. März 363 n. Chr. von Antiocheia in den Perserkrieg auf. Sehr wahr-
scheinlich ist auch Antiochos VII. im März losgezogen: Ehling, Nachfolgeregelung S. 37.
733 Die Zahlen sind unterschiedlich überliefert. lustin spricht von 80.000 Mann (38,10,2), Oro-
202
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
folge zu leisten (los. ant. lud. 13» 250). Die Armee wurde von einem gewaltigen Troß
an Köchen, Bäckern, Pferdeknechten, Marketendern, Schauspielern und Prostituier-
ten begleitet (lust. 38, 10, 2; Oros. 5, 10, 8). Der Troß wird numerisch schätzungs-
weise doppelt so stark gewesen sein wie die regulären Truppen.734
Wie lustin in 38,10,3 berichtet,735 kamen mit Soldaten und Troß große Mengen
an Edelmetall in den Osten und offenbar auch ungeheure Mengen Tetradrachmen
und Drachmen des Antiochos VII. Dieses Geld muß noch Jahrhunderte lang in Me-
sopotamien, Babylonien und Medien umgelaufen sein. Anders ist es sonst kaum zu
erklären, daß auf den Bronzemünzen der Urtukiden von Mardin, die im 12. Jahrhun-
dert n. Chr. im syrisch-türkischen Grenzgebiet siedelten, unzweifelhaft der Kopf
Antiochos’ VII. auf der Vorderseite abgebildet ist. Für diese Türken verband sich die
Vorstellung von Münzgeld offenbar in hohem Maße mit dem Bildnis dieses ihnen
von den Münzen her so vertrauten Seleukidenkönigs 736
Dem heranrückenden Heer zogen multi orientales reges entgegen, die sich
regnaque sua dem Seleukiden übergaben.737 Bereits im Juni (?) 131 kam es am
Lykos-Fluß zur Schlacht mit dem parthischen Strategen Indates.738 Nach zwei
weiteren Gefechten marschierten König, Heer und Troß von Griechen und Make-
donen freudig begrüßt an Dura-Europos739 vorbei den Euphrat abwärts nach Baby-
sius von 100.000 Mann: 5, 10, 8. Vgl. die Diskussion bei Downey, Antioch S. 125 mit Anm.
28; Fischer, Partherkrieg S. 24. Ich gehe auch hier wieder von der niedrigsten Zahl aus.
734 Orosius (5,10,8) spricht von einem Heer, das „angeblich“ 100.000 Mann stark war, und einem
Troß, der 200.000 Menschen umfaßt haben soll; Orosius selbst ist also skeptisch, was die
Zahlenangaben betrifft. Zahlen und Schilderung des Luxus gehen auf Poseidonios zurück:
Meyer, Ursprung II S. 270 mit Anm. 3; Malitz, Poseidonios S. 291 mit Anm. 250.
735 Was auf Poseidonios zurückgeht: Meyer, Ursprung IIS. 270 mit Anm. 3; Malitz, Poseidonios
S. 291 mit Anm. 250.
736 Die Urtukiden haben hellenistische, römische und byzantinische Münzbn kopiert bzw. moti-
visch verwendet. Zu den Antiochos VII.-Münzen vgl. S. L. Poole, BMC of Oriental Coins.
The Coins of the Turkumän Houses of Seljook, Urtuk, Zengee, Band III, London 1877, S.
139 f. Nr. 364ff. mit Taf. 8, 365; 372; 392 und M. Mitchiner, The World of Islam, London
20003, S. 178 Nr. 1024 ff. (Bronzen des Husan-ed-din-Timurtash).
737 lust. 38,10, 5. Fischer, Partherkrieg S. 37 erinnert an die Araberdynastie von Edessa, vgl. zu
dieser Altheim/Stiehl, Araber S. 309 ff.
738 los. ant. lud. 13,251, der hier Nikolaos von Damaskos zitiert, schreibt:... * Avrioxoc ein tu
Avkü) TroTotpw, vucfjoac ’lvöarqv tov HäpOcov oTpaTtiyov ••• Vgl. auch Synkel. 352, der
den Namen des parthischen Generals allerdings zu „Sindas“ verschreibt. Meyer, Ursprung II
S. 271; Fischer, Partherkrieg S. 36; 48. Zum Lykos: Grainger, Prosopography S. 747.
739 Während sich in dem von A. R. Bellinger bearbeiteten Fundmünzenmaterial von Dura-Euro-
pos nur eine einzige Münze aus der ersten Regierungszeit des Demetrios II. findet, liegen für
Antiochos VII. immerhin zwölf Stücke vor: A. R. Bellinger, The Coins, in: M. I. Rostovtzeff/
A. R. Bellinger/F. E. Brown/N. P. Toll/C. B. Welles (Hg.), The Excavations at Dura-Europos.
Final Report VI, New Haven 1949, S. 4 Nr. 79 (Demetrios II.) und S. 4f. Nr. 85-89 e (Anti-
ochos VII.). Da das Heer des Antiochos VII. nach Babylon zog, liegt es nahe, daß es am
Euphrat entlang nach Osten marschierte. Das Heer Demetrios* II. hingegen zog von Nisibis
aus Tigris abwärts (siehe oben Kap. II7). Antiochos VII. wählte demnach bewußt eine andere
Route als sein in Gefangenschaft geratener Bruder acht Jahre zuvor.
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIIL 203
Ion, wo Antiochos VII. den Beinamen peyac; ßaatXevc; annahm.740 Dort verbrach-
ten die Truppen den Winter I31/30.741
Im Frühjahr 130 kam es zu Friedens Verhandlungen zwischen Antiochos VIL
und Phraates II.742 Die Initiative dazu ging vom Partherkönig aus (Diod. 34/35,15).
Dieser war im Osten seines Reiches in Abwehrkämpfe gegen jene indogermanisch-
mongolischen Reiternomaden verwickelt, die Ende der 130er Jahre das graeco-bakt-
rische Reich zerstörten,743 und hatte deshalb ein vitales Interesse an ruhigen Verhält-
nissen im Westen. Antiochos VII. forderte neben der Freilassung seines Bruders
Demetrios IL nicht nur die Rückgabe der parthisch besetzten, vormals seleukidischen
Gebiete und die Beschränkung der Parther auf ihre Stammlande, sondern auch Tri-
butzahlungen.744 Derartig hoch angesetzte Friedensbedingungen konnte Phraates II.
nur als unannehmbar zurückweisen. Daraufhin rückte die seleukidische Armee auf
den Spuren Alexanders des Großen745 und Antiochos’ IV.746 aus dem mesopo-
tamischen Winterquartier über den Tigris nach Susa vor. In der Stadt wurden Mün-
740 lust. 38, 10, 6: Antiochus tribus proeliis victor cum Babyloniam occupasset, Magnus haben
coepit. Meyer, Ursprung IIS. 271; Fischer, Partherkrieg S. 37; 108. Antiochos VII. war damit
peyac ßaoiXEVc und stellte sich in die Nachfolge des Antiochos III. Der Titel ist achämeni-
disch: Hölbl, Geschichte S. 116. Er ist noch Bestandteil seiner offiziellen Titulatur geworden;
OGIS I 255; 256 = IvDelos 1547; 1548. Vgl. auch Brodersen, Abriß S. 222f. Zum
Titel allgemein vgl. P. P. Spranger, Der Große. Untersuchungen zur Entstehung des histo-
rischen Beinamens in der Antike, Saeculum 9, 1958, S. 22-58.
741 Keilinschriftlich ist die seleukidische Anwesenheit in Babylonien „nur für den Frühsommer
130“ „(e)inigermaßen“ bezeugt: Oelsner, Randbemerkungen S. 34 Anm. 30 und Del Monte,
Testi S. 130 ff. Vgl. auch die Übersichtskarte im Anhang bei Fischer, Partherkrieg.
742 Fischer, Partherkrieg S. 41 f. Bereits sein Vorgänger Mithradates I. mußte gegen nomadisie-
rende Saken oder Sai ziehen, die um 160 an der Nordost-Grenze des Iran aufgetaucht waren:
M. Alram, Die Geschichte Ostirans von den Griechenkönigen in Baktrien und Indien bis zu
den iranischen Hunnen (250 v. Chr.-700 n. Chr.), in: W. Seipel (Hg.), Weihrauch und Seide.
Alte Kulturen an der Seidenstraße. Ausstellungskatalog, Wien 1996, S. 121 ff.
743 Bengtson, Geschichte S. 495 ff.; Le Rider, Suse S. 405 Anm. 1; Fischer, Partherkrieg S. 35.
Diese Reitervölker werden in den antiken Quellen als Tocharer bezeichnet. In den chinesischen
Annalen heißen sie Yuezhi (Yüeh-chih). Von ihren Weideplätzen am Gelben Fluß (Hoang-ho)
durch die Xiongnu (Hsiung-nu) vertrieben, zogen sie ab 160 mit ihren Herden westwärts. Um
130 hatten sie etwa den Raum von Samarkand (Sogdien) erreicht und begannen mit der
schrittweisen Eroberung der Gebiete des heutigen Afghanistan. — Für das Jahr 121 sind erste
Kontakte des chinesischen Hofes mit dem parthischen Großkönig bezeugt: Shiji 123, 2, 1, 1
bzw. Hanshu 2,2,7: M. Alram, Die Geschichte Ostirans von den Griechenkönigen in Baktrien
und Indien bis zu den iranischen Hunnen (250 v. Chr.-700 n. Chr.), in: W. Seipel (Hg.), Weih-
rauch und Seide. Alte Kulturen an der Seidenstraße. Ausstellungskatalog, Wien 1996, S. 121 ff.
und ders., Die Geschichte der Seidenstraße im Spiegel der Münzen, MÖNG 42,2002, S. 38 f.
Dort S. 44 f. weitere Literatur.
744 Diod. 34/35, 15: cpopoQ Bengtson, Geschichte S. 496; Fischer, Partherkrieg S. 42.
745 Meyer, Ursprung II S. 270. Zu den Feldzugsrouten des Makedonen vgl. die Karten bei S.
Lauffer, Alexander der Große, München 1978, S. 234-236 und W. Will, Alexander der Große,
Stuttgart/Berlin/KÖln/Mainz 1986, S. 200f.
746 Zu dem Marschweg, den das Heer Antiochos’ VI. bei seiner Anabasis in den Osten nahm, vgl.
M0rkholm, Antiochus S. 166 ff.
204
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
zen für den Seleukiden geschlagen.747 Mitte des Jahres 130 dürfte Ekbatana und
damit Medien unter dessen Kontrolle gekommen sein.748
Im Winter 130/29 wurden die seleukidischen Truppen rücksichtslos in die Städte
der Parthyene ins Winterquartier gelegt.749 Schwerer Verfehlungen machte sich
dabei offenbar auch der »Quartiermeister*, der Stratege des Antiochos VII., Athen-
aios, schuldig.750 Da die einheimische Bevölkerung für deren Verpflegung und
Unterhalt aufzukommen hatte und es zu willkürlichen Übergriffen der Soldaten auf
die Einwohner kam, schwanden die anfänglich bestehenden Sympathien für die
Seleukidenarmee dahin (lust. 38, 10, 6; 8). Im Februar/März 129 überfiel das par-
thische Heer - mit Unterstützung der Bevölkerung - überraschend einzelne im
Winterquartier befindliche Truppenteile.751 Ob der 35jährige Antiochos VII. im
Kampf mit dem Partherkönig Phraates II. fiel (so lust. 38, 10, 10) oder Selbstmord
beging (so App. Syr. 68,359), läßt sich nicht sagen.752 In der Niederlage des Königs
sieht E. Meyer die „Katastrophe des Hellenismus im kontinentalen Asien und zu-
gleich die des Seleukidenreichs“.753 Der jüngere Sohn des siebten Antiochos, Se-
leukos, geriet in parthische Gefangenschaft.754 Es fehlte nicht viel und die Parther
hätten das von seleukidischen Truppen gänzlich entblößte Syrien besetzt. Da kam
es plötzlich zu einem gefährlichen Aufstand skythischer Hilfstruppen, und Phraates
II. war gezwungen, sein syrisches Unternehmen abzubrechen.755 Als Statthalter
(oaTpötTTric) setzte er Himeros ein, der von Babylon aus Strafaktionen gegen die
Städte durchführte, die sich Antiochos VII. angeschlossen hatten.756 Wie einst
747 Le Rider, Suse S. 83 f. Nr. 110; S. 377; Fischer, Partherkrieg S. 42.
748 Ekbatana bzw. Medien werden bei Orosius genannt: 5,10,8. Fischer, Partherkrieg S. 39 f. Die
Stadt war unter Antiochos IV. in Epiphaneia umbenannt worden: Grainger, Prosopography S.
713.
749 lust. 38, 10, 8. Fischer, Partherkrieg S. 44; Malitz, Poseidonios S. 292.
750 Diod. 34/35,17,20. Vgl. Malitz, Poseidonios S. 292f. Athenaios ließ seinen König während
des parthischen Angriffs im Februar/März 129 im Stich, starb aber bäld selbst. Vgl. auch
Grainger, Prosopography S. 84.
751 lust. 38, 10, 8. Fischer, Partherkrieg S. 44 f.
752 Vgl. Ehling, Miszellen S. 376 ff. Eine Selbstmordversion überliefert außerdem Ail. hist. anim.
10, 34 (zitiert nach A. F. Scholfield, London 1959 [Loeb]). Ailians Notiz zufolge hätte sich
Antiochos VII. übereinen Abhang in den Tod gestürzt:... eavTÖv kotä twoc Kpqpvoö,
was freilich etwas dramatisch klingt, aber eine Überlieferung sein könnte, die aus dem engs-
ten Umkreis des Königs stammte. Ailian könnte dies bei Poseidonios gelesen haben. Vgl. auch
Niese, Makkabäerbücher S. 288 Anm. 3.
753 Ursprung II S. 272.
754 Fischer, Partherkrieg S. 49 ff. Nach Athen. 4, 153 a berichtete Poseidonios im 16. Buch über
einen in parthische Gefangenschaft geratenen Seleukos. Wenn dabei nicht eine Verwechslung
mit Demetrios II. vorliegt, dürfte es sich um besagten kleinen Seleukos handeln, den Antiochos
VII. mit auf den Feldzug nahm. Siehe auch Stammtafel.
755 lust. 42, 1,3; Diod. 34/35, 18. Vgl. Malitz, Poseidonios S. 293.
756 lust. 42,1-5; Diod. 34/35,21. Vgl. Malitz, Poseidonios S. 294 mit Anm. 276. Die Namensform
Himeros. nicht Euhermos, so Diodor 34/35, 21, 1, belegt lust. prol. 42: Himerus. Vgl. Le
Rider, Suse S. 368. Der Name ist im übrigen auch keilinschriftlich bezeugt: i-me-ru-us-su,
vgl. Del Monte, Testi S. 131 ff. Die numismatischen Zeugnisse lassen darüber hinaus vermu-
ten, daß sich Himeros nach dem Tode des Phraates II. (138-127) für kurze Zeit selbständig
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIIL 205
Alexander d. Gr. den toten Dareios III. „in königlichem Schmuck“ nach Persepolis
hatte bringen lassen,757 so ließ Phraates II. Antiochos VII. ein Leichenbegängnis
bereiten, „wie es königlichem Brauch geziemt“ (lust. 38, 10, 10). Der Leichnam
wurde in einen silbernen loculus gebettet und nach Syrien zur Bestattung überführt,
wo die Bevölkerung trauernd Abschied nahm (lust. 39, 1, 6). Mit einigem Recht
nennt C. B. Welles Antiochos VII. den „letzte(n) tüchtige(n) König aus dem Seleu-
kidengeschlecht“ 758 denn die militärischen Aktivitäten der Seleukiden beschränkten
sich von nun an auf Feldzüge in Kilikien, Syrien und Koilesyrien.
Ein durchaus geschickter Schachzug des Phraates II. war es, den seit 138 in
parthischem Gewahrsam (Euseb. Chron. I 255 f. = FGrHist 260 F 32, 16) befind-
lichen jüngeren Bruder und Vorgänger des Antiochos VII.,759 Demetrios II., im
Winter 130/29 freizulassen, damit dieser, nach Syrien zurückgekehrt, Unruhe und
Verwirrung stiften und Antiochos VII. zum Rückzug zwingen würde.760 Nachdem
das Seleukidenheer aufgerieben und der König tot war, bestand dazu keine Notwen-
digkeit mehr, und die Parther versuchten noch einmal, Demetrios II. zurückzuholen,
der aber bereits nach Syrien entkommen war (lust. 38,10,11), vermutlich sogar mit
den ihm zur militärischen Unterstützung mitgegebenen parthischen Truppen (lust.
38, 10, 7). Phraates II. ehelichte eine Tochter des Demetrios II., die im Gefolge des
Antiochos VII. in die Oberen Satrapien gezogen war (lust. 38, 10, 10). Dieses na-
mentlich nicht bekannte Mädchen dürfte der Ehe mit Kleopatra Thea entstammen
und war zu diesem Zeitpunkt allenfalls 14 Jahre alt. Wenn lustin schreibt (38, 10,
1), der Partherkönig habe ihr aufrichtige Zuneigung entgegengebracht, so war die
Verbindung zugleich eminent politisch. Sicherlich konnte Phraates II. in Demetrios
II. einen politisch berechenbaren und verläßlichen Partner sehen, denn der Seleuki-
denkönig hatte nicht nur dessen Schwester, Rhodogune, geheiratet,761 sondern
selbst weitgehend parthische Sitten angenommen.762 Darauf weist wohl auch der
lange Bart hin, den Demetrios II. auf seinen Tetradrachmen und Drachmen während
machte: E. T. Newell, A Parthian Hoard, NC 1924, S. 153 Nr. 71 und 72 mit Taf. XIV 1 und
S. 171 f. (aber noch mit anderer Datierung). Vgl. außerdem auch Oelsner, Randbemerkungen
S. 35.
757 Plut. Alex. 43, 3. Fischer, Partherkrieg S. 44. Vgl. auch die Beisetzung des Mithradates VI.
durch Pompeius: App. Mithr. 113, 553.
758 C. B. Welles, Die hellenistische Welt, in: G. Mann/A. Heuß (Hg.), Propyläen Weltgeschichte,
Band III, Berlin 1962, S. 511.
759 Zu Demetrios II. als jüngerem Bruder des Antiochos VII.: Ehling, Miszellen S. 374 ff. Dage-
gen Mittag, Demetrios II. S. 378, der nach wie vor Demetrios II. für den älteren der beiden
hält.
760 lust. 38,10,7. Anders Mittag, Demetrios II. S. 387, der hier einen weiteren Fluchtversuch des
Demetrios II. sieht.
761 Die Hochzeit fand im Jahr 138 statt. Rhodogune war die Schwester des Phraates II. (App. Syr.
67, 356) und Tochter des Mithradates I. (lust. 38, 9, 3). Vgl. auch Brodersen, Abriß S. 217
und M. Karras-Klapproth, Prosopographische Studien zur Geschichte des Partherreiches auf
der Grundlage antiker literarischer Überlieferung, Bonn 1988, S. 155 ff. Zur Ehe vgl. Ogden,
Polygamy S. 148 f.
762 Willrich, Demetrios (41) Sp. 2801.
206
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
seiner zweiten Herrschaftsperiode trägt.763 E. Babelon schlug vor, darin eine An-
lehnung an Dionysos zu erkennen.764 Nachdem entdeckt wurde, daß im Haar des
Demetrios II. auf den zwischen Anfang 129 und Anfang 128 in Antiocheia geprägten
Tetradrachmen ein kleines Horn sitzt,765 wäre es in der Tat sehr verlockend, in dem
Münzbild eine Angleichung an den zuerst bei Stesimbrotes von Thasos (FGrHist
107, 13), Euripides (Bakchen Vers 100; 618; 920-922) oder Nonnos (Dion. 5,
559 ff.) geschilderten Stierdionysos zu erkennen.766 Aber Dionysos wird schon in
der Kunst der ausgehenden Klassik als bartloser Jüngling dargestellt. Im Hellenismus
trägt er teilweise sogar Züge eines Hermaphroditen.767 Zudem läßt sich beobachten,
daß das Dionysos-Programm der jüngeren Linie des Seleukidenhauses (Alexander
I., Antiochos VI. und Alexander II.) vorbehalten ist. Der auf den Münzen dieser
Könige abgebildete Dionysos trägt immer einen Efeukranz,768 auch der fehlt auf
dem Münzbild des Demetrios II. Eine Deutung auf Dionysos ist demnach auszu-
schließen. Die Hörner sollen vermutlich eher an den ersten Seleukiden, Seleukos L,
erinnern.769 Seleukos I. wurde auf Standbildern (avöpiävTEc) mit Hörnern (KEpara)
dargestellt, weil er bei einem Opfer einen wilden Stier bei den Hörnern gefaßt und
bezwungen hatte.770 Und Demetrios II. feierte man wegen seines Epithetons Nika-
tor als zweiten Seleukos.771 - Das Verblüffende an diesem Bildnis des Demetrios
II. ist aber nicht so sehr das Hom772 als vielmehr die Barttracht, mit der er sich jetzt
seinen Untertanen präsentierte. Vor ihm hatten sich nur Seleukos II.773 und Acha-
763 In Antiocheia, Damaskos, Ptolemais und Sidon: Dürr, Demetrios II. S. 7 ff.
764 Babelon, Rois S. CXLVII.
765 Vgl. dazu Dürr, Demetrios II. S. 7 ff. und Mittag, Demetrios II. S. 395 mit Anm. 93.
766 So die Deutung von Fleischer, Herrscherbildnisse S. 74. Zum Stierdionysos vgl. auch Ehling,
Demetrios Poliorketes S. 153 ff. mit weiterer Literatur.
767 Zur Entwicklung des Dionysos-Bildes vgl. E. Pochmarski, Das Bild des Dionysos in der
Rundplastik der klassischen Zeit Griechenlands, (Diss.) Wien 1974. Züge eines Hermaphro-
diten zeigt beispielsweise der Dionysos-Torso in Kyrene Nr. 14237 oder die Terrakottastatue
in Berlin (Inventamummer 30129, 30) bei F. Winter, Die Typen der figürlichen Terrakotten,
Band 2, Berlin/Stuttgart 1903, S. 367 Nr. 1. Vgl. auch H. Heinen, DieTryphe des Ptolemaios
VIII. Euergetes II. Beobachtungen zum ptolemäischen Heirscherideal und zu einer römischen
Gesandtschaft in Ägypten (140/39 v. Chr.), in: Ders. (Hg.), Althistorische Studien: Hermann
Bengtson zum 70. Geburtstag dargebracht von Kollegen und Schülern, Wiesbaden 1983, S.
126 mitTaf. 6 a-b; 7.
768 z. B. auf Bronzen des Alexander I. Balas: CSE 199. Auch der als Dionysos dargestellte Anti-
ochos VI. tragt einen Efeukranz: z.B. Gardner, BMC Seleucid Kings S. 66 f. Nr. 42 ff.
769 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 132; Svenson, Darstellungen S. 177. Zu den Hömem der
Seleukidenkönige vgl. Daniel 7, 7 und die Bemerkung von G. Theißen, Das „schwankende
Rohr“ in Mt. 11,7 und die Gründungsmünzen von Tiberias. Ein Beitrag zur Lokalkoloritfor-
schung in den synoptischen Evangelien, ZDPV 101. 1985, S. 50.
770 App. Syr. 57, 294. Brodersen. Abriß S. 144 f. Lib. or. 11,92 erwähnt ebenfalls ein Standbild
des Seleukos I. mit StierhÖmern, sieht darin aber das Erkennungszeichen der Io.
771 App. Syr. 67,355. Zum seleukidischen Kult der TTpoyovoi, der in zwei Inschriften für Demet-
rios II. ein Rolle spielt, vgl. Rostovtzeff. IIPOrONOI S. 60f.
772 Mit Hom ließ sich später auch Seleukos VI. darstellen: Dürr, Seleukos VI. S. 90. Siehe unten
Kap. II 11.
773 Seleukos II. trug aber nur zeitweilig Bart: SNG Israel I 482-484. Es scheint sich dabei um
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIII. 207
ios774 mit Bart darstellen lassen. Drei Deutungen der Barttracht sind möglich: Zum
einen könnte es sich um einen Zeusbart handeln, d. h. Demetrios II. hätte sich damit
an Zeus Nikephoros angeglichen,775 zum anderen könnte der Seleukide die Mode
(des langen Bartes)776 von den Parthem übernommen haben 777 Freilich wäre es
auch möglich, daß die Barttracht einfach eine rein individuelle Vorliebe des Königs
war.778 Ausschließen darf man, daß Demetrios II. einen Trauerbart trägt.779 Sicher
erscheint die Übernahme »barbarischer Sitten1 für einen Seleukidenkönig nicht ge-
rade angemessen.780 Dennoch war die Barttracht zu dieser Zeit viel eher ein charak-
teristisches Merkmal der parthischen als der seleukidischen Herrscher, bei denen
das Tragen eines Kurzbartes erst mit Antiochos IX. in Mode kam 781 Vergleicht man
die Form des Demetrios II.-Bartes mit Zeusbärten782 bzw. Bärten der Partherkö-
nige,783 so scheint sie in Länge und Lockenbildung eher an letztere zu erinnern.784
Vielleicht hat Demetrios II. also neben der Barttracht auch in seiner Kleidung, seinen
einen ,Feldzugsbart4 zu handeln. Allerdings meint Fleischer, Herrscherbildnisse S. 27, daß
der Bart dafür zu lang gewachsen sei. Er sieht im Barttragen eine persönliche Vorliebe des
Seleukos II. Vgl. außerdem Linfert, Herrscher S. 159 f.
774 CSE 608. G. Kleiner, Der Münchner Goldstater des Achaios, JNG 5/6, 1954/55, S. 143-149;
Fleischer, Herrscherbildnisse S. 40; Linfert, Herrscher S. 160.
775 Babelon, Rois S. CXXXII1; Mittag, Demetrios II. S. 373 ff.; bes. 389 ff.; 397.
776 Einen kurzen Bart trägt der König bereits auf Münzen, die während des Feldzuges 139/38
geprägt wurden: CSE 1014ff. (Nisibis); Fleischer, Herrscherbildnisse S. 65 mit Taf. 33 e;
Mittag, Demetrios II. S. 393 f.
777 Willrich, Demetrios (41) Sp. 2801; Newell, LSM S. 7; Dürr, Demetrios II. S. 8; R. R. R. Smith,
Royal Portraits, Oxford 1988, S. 46 Anm. 2; N. Davis/C. M. Kraay,The Hellenistic Kingdoms.
Portrait Coins and History, London 1973 (Nachdruck 1980), S. 218; Linfert, Herrscher S. 160;
165; Ogden, Polygamy S. 148; Ehling, Geschichte S. 143. Ausdrücklich gegen diese Deutung
sprechen sich Fleischer, Herrscherbildnisse S. 73 und Mittag, Demetrios II. S. 389 ff. aus.
778 Diese Lösung bleibt aber unbefriedigend. Bedenkt man, wieviele Bildniszüge politische Be-
deutung haben, möchte man eigentlich auch in dem Bart mehr als nur eine persönliche Vorliebe
sehen. In diesem Sinne auch Linfert, Herrscher S. 157 mit weiterer Literatur in den Anmer-
kungen.
779 So Linfert, Herrscher S. 157-174. Gegen Linfert haben sich R. R. R. Smith, Royal Portraits,
Oxford 1988, S. 46 Anm. 2 und zuletzt Mittag, Demetrios II. S. 394 mit weiterer Literatur in
Anm. 89 ausgesprochen.
780 Mittag, Demetrios II. S. 389.
781 CSE 329 ff.; 493 ff.; 693; SNG Israel 12677 ff. Nach Antiochos IX. trugen dann Seleukos VL:
CSE 373 ff.; SNG Israel I 2775 ff., Demetrios III.: CSE 391 f.; 858 ff.; SNG Israel I 2823ff.
und Antiochos XIL: CSE 864 einen kurzen Bart und sowohl Antiochos X.: CSE 382 als auch
Antiochos XL einen Backenbart: SNG Israel 12796ff. Vgl. dazu Linfert, Herrschers. 165ff.
und Fleischer, Herrscherbildnisse S. 85 ff.; 89.
782 Z.B. SNG Israel I 1003; Le Rider, Antioche Taf. 23,4ff. (Münzen des Antiochos IV.); CSE
409 (Zeus von Seleukeia in Pierien).
783 Sell wood, Coinage S. 32 ff.; 40 ff.; 57 ff., Mithradates L, Phraates 11. und Mithradates II. trugen
Bärte, wobei einschränkend gesagt werden muß, daß Mithradates I. nicht gleich von Beginn
seiner Regierung an mit Bart auf Münzen dargestellt wurde. Einen Überblick über die Bart-
tracht im Orient bietet H. Mötefindt, Zur Geschichte der Barttracht im alten Orient, Klio 19,
1925, S. 1-61.
784 Auch Mittag, Demetrios II. S. 396 sieht, daß der Zeusbart anders gestaltet ist als der Bart des
Demetrios II.
208
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Umgangsformen und Eßgewohnheiten parthische Sitten gepflegt. Dies verstärkte
das negative Urteil der antiken Historiographen über Demetrios II. weiter. Bei lustin
heißt es, daß der König durch seinen „Umgang mit parthischer Grausamkeit uner-
träglich geworden war“ (39, 1, 3). Zweimal wird auf seine superbia hingewiesen
(39, 1, 3; 5), die dazu führt, daß die Bevölkerung Antiocheias von ihm abfällt (lust.
39,1,3). Josephus bezeichnet ihn schlicht als Trovrjpoc; (ant. lud. 13,267). Demetrios
II. war schon bald nach seiner Rückkehr Anfang 129 wie in seiner ersten Regie-
rungsphase wieder äußerst unbeliebt.785 Dennoch wurde er zunächst in ganz Syrien
als König anerkannt.
Der Hasmonäerfürst und Hohepriester Johannes Hyrkan L, der Antiochos VII.
Heerfolge geleistet hatte (los. ant. lud. 13, 250), kehrte nach dem Scheitern des
Partherfeldzuges nach Judäa bzw. Jerusalem zurück und leitete eine expansive Er-
oberungspolitik ein. Die Juden eroberten einige syrische Städte, ohne auf nennens-
werte Gegenwehr zu stoßen (los. bell. lud. 1,2,6). Wie Josephus schreibt (ant. lud.
13, 267), dachte Demetrios II. schon daran, die Juden zu unterwerfen; vermutlich
wollte er sie aber nur aus den von ihnen neu eroberten Gebieten Syriens zurückdrän-
gen. Als ihm von seiner Schwiegermutter Kleopatra der ägyptische Thron verspro-
chen wurde (lust. 39, 1, 2),786 rückte er mit seinem Heer bis vor Pelusion, wagte
jedoch keine Schlacht mit dem ägyptischen König Ptolemaios VIIL Euergetes II.
(145-116),787 da er sich auf seine eigenen (z. T. parthischen?) Soldaten nicht ver-
lassen konnte, und zog sich wieder nach Syrien zurück (Euseb. Chron. I 257 f. =
FGrHist 260 F 32, 21). Ptolemaios VIIL stellte einen Gegenkönig auf, der den
Thronnamen Alexander erhielt (lust. 39, 1, 5). Dieser war ägyptischer Herkunft,
Sohn eines Kaufmanns (lust. 39, 1, 4) und zu diesem Zeitpunkt kaum älter als 20
Jahre.788 In der Forschung ist der detailreichere Bericht des lustin bevorzugt wor-
785 Zu berücksichtigen sind in diesem Zusammenhang aber auch die gängigen Topoi der antiken
Tyrannenkritik und antipersische Ressentiments, vgl. z. B. die gegen den Spartaner Pausanias
erhobenen Vorwürfe: non enim inores patrios solum, sed etiam cultion vestitumque mutavit.
apparatu regio utebatur, veste Medica; satellites Medi et Aegyptii sequebantur; epulabatur
more Persarum luxuriosius quam qui aderantperpetipossent. aditumpetentibus conveniundi
non dabat, superbe respondebat, crudeliter imperabat (Nepos Paus. 3,1-3 ed. E. O. Winstedt).
Der Somatophylax Alexanders d. Gr., Peukestas, der als Satrap der Persis nicht nur (wie
Alexander selbst) persische Kleidung anlegte, sondern sogar Persisch lernte, was bei der
einheimischen Bevölkerung gut ankam, stieß mit diesem Gebaren auf den Widerstand der
Hetairoi und des makedonischen Heeres: Arr. 6, 30, 3: 7, 6, 3. Zu Alexanders orientalischen
Gewändern: Neuffer, Kostüm S. 30ff. und H. Berve, Das Alexanderreich auf prosopogra-
phischer Grundlage. Band I: Darstellung. München 1926, S. 17f.; Ehling. Seleukos I. S. 44;
46. Zu Peukestas: Berve, ebenda Band II: Prosopographie S. 318 und W. Will, Alexander der
Große, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1986, S. 165. Nach dem Tode des Demetrios II. wurde
sein Name aus der Inschrift SEG 8,1937,33 (Skythopolis, Bethsan oder Baithsane) eradiert.
Dies war vermutlich kein Einzelfall und macht die Unbeliebtheit dieses Königs deutlich.
786 Hölbl, Geschichte S. 178.
787 Nach der Numerierung bei Huß, Ägypten: Ptolemaios VII. Vgl. auch seine Vorbemerkungen
S. 11. Um der leichteren Nachvollziehbarkeit willen halte ich an der alten Zählung der ptole-
mäischen Könige fest, auch wenn die Gestalt des siebten Ptolemaios Neos Philopator wohl
aus der Geschichte zu streichen ist.
788 Dieses Alter paßt auch zu den Münzporträts. Da Alexander II. als Sohn des 145 ermordeten
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIIL 209
den, nach dem Alexander II. als Adoptivsohn Antiochos’ VIL ausgegeben wurde (39,
1,5).789 Wie die Münzprägung für Alexander II. in den Jahren 128-123 beweist, ist
aber die Überlieferung bei Porphyrios vorzuziehen, der schreibt, daß Alexander II.
als Sohn des Alexander I. in den Kampf gegen Demetrios II. geschickt wurde.790 So
spielt z.B. die Dionysosthematik im Münzprogramm des Alexander I., Antiochos
VI. und Alexander II. eine sehr wichtige Rolle, sie hat aber für Demetrios L, Antio-
chos VII. und Demetrios II. keinerlei programmatische Bedeutung. Wie Alexander
I. betreibt Alexander II. eine intensive imitatio Alexandri^9* indem sich beide auf
Bronzen wie Alexander d. Gr. im Löwenfell darstellen lassen. Auf einem späten
Goldstater werden für Alexander II. die gleichen Epitheta wie für seinen vermeint-
lichen Großvater, Antiochos IV, gebraucht.792 An den Münzen läßt sich ablesen,
daß eine fiktive Genealogie geschaffen wurde, um Alexander II. dynastisch als Sohn
des Alexander I. zu legitimieren. Wie erfolgreich diese ,Familienpropaganda4 war,
zeigt sich daran, daß Josephus Alexander II. anscheinend für einen echten Seleuki-
den hält.793
Alexander II. wurde mit starken ägyptischen Truppen ausgerüstet (lust. 34, 1,
5; los. ant. lud. 13,268) und hinter Demetrios II. hergeschickt (Euseb. Chron. 1257 f.
= FGrHist 260 F 32, 21)794 Noch im Jahr 184 S. Ä. (= 129/28) fiel Antiocheia von
Demetrios II. ab (lust. 39, 1, 3) und kam an Alexander II.795 Mit dem Datum AIIP
(= 184 S. Ä.) sind dort für Demetrios II. die letzten, für Alexander II. die ersten
Bronzen geprägt worden.796 Die Einnahme der Stadt ist etwa in das Frühjahr 128 zu
datieren.797 Von Antiocheia aus wurde wahrscheinlich schon bald Laodikeia am
Alexander I. ausgegeben wurde, konnte er nicht jünger als 16 Jahre sein.
789 Vgl. z. B. Wilcken, Alexandros (23) Sp. 1439; Bevan, House IIS. 249; Bikerman, Institutions
S. 20; Bellinger, End S. 62 mit Anm. 15; Will. Histoire IIS. 365; Grainger, Prosopography S.
7; Huß, Ägypten S. 614 mit Anm. 146.
790 So schon Babelon, Rois S. CXLIX und andere, aber ohne Begründung. Vgl. dazu jetzt aus-
führlich Ehling, Alexander II. S. 2 ff. Die Stelle lautet: Ptolemaios VIIL 7r^p7rei ßaoiX&x Tfjc
*Aoiac ’AX^avÖpov, (bc ulov ’ AXe^avÖpov ... (Euseb. Chron. 1258 = FGrHist 260 F 32,
21). Anders Grainger, Prosopography S. 7, der über die angebliche Herkunft des Alexander
II. schreibt: „Claiming to be the son of an unnamed Seleukid, and/or the adopted son of An-
tiochos VII, though the coins suggest his claimed father was Alexander I Balas ..." (mit
Hinweis auf Ehling, Alexander II. S. 2ff.). Wer dieser „unnamed Seleukid“ allerdings sein
sollte, bleibt rätselhaft. Man sollte in dieser Frage den numismatischen Zeugnissen den Vorzug
geben und davon ausgehen, daß Alexander II. sich als Sohn des Alexander I. ausgegeben
hat.
791 Bohm, Imitatio S. 105 ff.; 127ff.
792 Dazu zuletzt M0rkholm, Posthumous (1983) S. 62.
793 Denn er erwähnt nichts von dessen angeblicher Herkunft.
794 Auf diesen Kriegszug bezieht U. von Wilamowitz-Moellendorff, Zwei Gedichte aus der Zeit
Euergetes’ IL, APF1,1901, S. 219-225 bes. 222 die Wendung „Krieg der Szepter“ (oKaTTTpiov
fjXvO * MApnc Eupiqv) in dem Grabgedicht des Apollonios, Sohn des Ptolemaios. Das Gedicht
ist jedoch in die Jahre zwischen 103 und lOlzu datieren: Van’t Dack, Conflict S. 84ff., siehe
unten Kap. II 10.
795 Andere Rekonstruktion der Ereignisse bei Houghton/Le Rider, Premier S. 402 ff.
796 CSE 292 bzw. 299; 300.
797 Newell, SMA S. 84.
210
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Meer unter die Herrschaft Alexanders IL gebracht.798 Apameia und einige andere
(nord-?) syrische Städte waren bereits während Demetrios’ IL Feldzug gegen Ägyp-
ten abgefallen (lust. 39, 1,3).
Das Herrschaftsgebiet des Alexander II. beschränkte sich gegen Ende 128 also
auf Nordsyrien; Tarsos blieb umkämpft, Mallos auf der Seite Demetrios’ II.799 De-
metrios IL konnte sich insbesondere auf die phönikischen Küstenstädte stützen. Für
ihn wurden in Ptolemais, Tyros und Sidon Münzen geschlagen.800 Aber auch Seleu-
keia, Damaskos und Askalon blieben loyal.801 In Askalon endet die Münzprägung
für Demetrios II. mit dem Jahr 186 S. Ä. (= 127/26) und setzt mit dem Datum ZIIP
(= 187 S. Ä.) für Alexander II. ein; daraus ergibt sich, daß Alexander IL sich im Jahr
126 auf einem Feldzug durch Koilesyrien befunden hat, bei dem Askalon ungefähr
im Oktober 126 in seine Hände fiel. Anfang (?) 125 kam es bei Damaskos zur Ent-
scheidungsschlacht (Euseb. Chron. I 257 f. = FGrHist 260 F 32, 21), aus der Alex-
ander II. siegreich hervorging.802 Demetrios II. floh nach Ptolemais (los. ant. lud.
13, 268). In der Stadt hielt sich Kleopatra Thea auf, die dort schon seit Jahren kul-
tische Verehrung genoß. Eine Inschrift zu Ehren Antiochos* VII. und Kleopatras aus
dem Jahr 130/29 nennt sie EYETHPIA.803 Zwar schreibt Josephus (ant. lud. 13,
268), daß sie sich weigerte, Demetrios II. in der Stadt aufzunehmen, doch muß man
nach den dann folgenden Ereignissen annehmen, daß Demetrios II. in die Stadt
eingelassen, ihm aber das dauernde Bleiberecht von Kleopatra verwehrt wurde. Denn
lustin zufolge (39, 1, 8) kam Demetrios II. mit einer navis nach Tyros, und so ist es
sehr wahrscheinlich, daß er von Ptolemais aus gesegelt ist. Wichtig ist, daß auch
Porphyrios eine Flucht mit dem Schiff erwähnt (Euseb. Chron. I 257 f. = FGrHist
260 F 32, 21), wenn auch sein Bericht dahingehend verkürzt ist, daß Demetrios II.
das Schiff bestiegen habe, nachdem ihm in Tyros „kein Einlaß“ gewährt worden
war.
798 Vgl. die Beizeichen und Monogramme auf den Bronzen von Laodikeia bei Babelon, Rois S.
162f. Nr. 1258 ff.
799 Eine tarsische Drachme für Alexander IL: Naville Kat. 10, 1375. Die tarsischen Münzen für
Demetrios II. bei A. Houghton, The Second Reign of Demetrius II of Syria atTarsus, ANSMN
24, 1979, S. 116. Dagegen blieb Mallos fest in der Hand des zweiten Demetrios: Houghton,
Mallus S. 95 f.; 101. Für Alexander II. sind von dort keine Münzen überliefert.
800 Ptolemais: Newell, LSM S. 4 ff. Nr. 1 ff.: Tyros: Babelon, Rois S. 161 Nr. 1245 ff. Tyros war
dem König verpflichtet, weil die Stadt im Jahr 141/40 von diesem den iepa Kai äovXoc-Sta-
tus erhalten hatte, siehe oben Kap. II 7. Zu Sidon: Babelon. Rois S. 162 Nr. 1251 ff.
801 Seleukeia: Davon darf man ausgehen, auch wenn der in der paphischen Inschrift überlieferte
Brief von Antiochos IX. stammen sollte. Siehe Kap. II10; Damaskos: Nach den Münzen, vgl.
Newell, LSM S. 49 ff. Nr. 67 ff. und CSE 844 ff.; Askalon: Nach den Münzen, vgl. A. B. Brett,
The Mint of Ascalon under the Seleucids, ANSMN 4, 1950, S. 49 Nr. 11.
802 Zur Münzprägung für Alexander II. in Askalon: A. B. Brett, The Mint of Ascalon under the
Seleucids, ANSMN 4, 1950, S. 49 Nr. 12 f. und A. Spaer, Ascalon: from Royal Mint to Auto-
nomy, in: Festschrift für Leo Mildenberg/Studies in Honor of Leo Mildenberg, Wetteren 1984,
S. 232 Nr. 1; CSE 820. Das Datum der Schlacht bei Damaskos nach den Münzen: Newell,
LSM S. 56 Nr. 78 und Wilcken, Alexandras (23) Sp. 1439. Dagegen hat Grainger, Phoenicia
S. 135 das Jahr 126.
803 Landau, Inscription S. 120.
9.) Partherfeldzug des Antiochos Vll. und Alleinherrschaft des Antiochos VIII. 211
Vor diesem Hintergrund ist eine in Antiocheia geprägte Bronze des Alexander
II. zu sehen,804 die auf der Vorderseite den Kopf des Königs im Elephantenfell nach
rechts zeigt und auf der Rückseite zu der Legende BAEIAEOE AAESANAPOY
ein Aphlaston trägt. Das Aphlaston ist das Symbol eines Seesieges und neu auf in
Antiocheia geprägten Seleukidenmünzen. In ganz einmaliger Weise wird hier durch
die Selbstdarstellung des Alexander II. im Elephantenfell ein Motiv der imitatio
Alexandri mit dem Zeichen eines Seesieges verbunden. Der Bronzetyp muß wohl
so interpretiert werden, daß Alexander II. Anspruch auf einen Seesieg erhob, der ihm
zugleich die Möglichkeit bot, sich mit Alexander d. Gr. in Bezug zu setzen. Wie sich
aus der oben dargelegten Abfolge der Ereignisse ergibt, kann sich der - literarisch
nicht bezeugte - Seekampf zwischen Alexander II. und Demetrios II. nur während
der Schiffsfahrt des Demetrios II. von Ptolemais nach Tyros ereignet haben. Viel-
leicht hat Alexander II. seinen Sieg vor Tyros errungen und sucht sich durch das
Tragen der Elephantenexuvie als Bewunderer und Verehrer Alexanders d. Gr. dar-
zustellen, der die Stadt im Jahr 332 nach siebenmonatiger Belagerung erobert
hatte.805
Demetrios II. rettete sich mit einem Schiff und Besatzung nach Tyros und bat
um Tempelasyl (lust. 39, 1, 8). Auf Befehl des Stadtkommandanten (praefectus =
eTTiOTOTri^) wurde er ermordet (lust. 39,1, 8; los. ant. lud. 13,268). Die Münzprä-
gung für Demetrios II. endet in Tyros mit dem Jahr 187 S. Ä. (= 126/25).806 Por-
phyrios (Euseb. Chron. I 257 f. = FGrHist 260 F 32, 21) setzt den Tod des Königs
in das 1. Jahr der 164. Olympiade (= 124/23); seine Chronologie ist nach der datier-
ten Münzprägung zu korrigieren und um genau ein Jahr nach oben zu rücken. Die
Ermordung Demetrios’ II. dürfte etwa Frühjahr/Sommer 125 zu datieren sein,807
geht man davon aus, daß die Schlacht bei Damaskos Anfang dieses Jahres stattfand
und die Schiffahrt im Mittelmeerraum vom 11. November bis zum 10. März ruhte
(Vegetius Epit. rei milit. 4,39). H. Willrichs zusammenfassendem Urteil, Demetrios
804 Die Münze ist ausführlich besprochen bei Ehling, Bronzemünze S. 85 ff. Ein neues, gut er-
haltenes Exemplar dieser Münze findet sich bei Münzhandlung Ritter, Düsseldorf, Lagerliste
61, Dez. 2002, 636 abgebildet. Vgl. auch die Deutung durch Svenson, Darstellungen S. 177
und dagegen Ehling in seiner Rezension dieses Buches: Geldgeschichtliche Nachrichten 32,
1997, S. 379. H. P. Laubscher, Ptolemäische Reiterbilder, AM 106, 1991, S. 232 ff. sieht im
Elephantenfell ein Zeichen des Sieges über oder des Besitzes von Elephanten. Zustimmend
Bergmann, Strahlen S. 33. Unerklärt bliebe bei dieser Deutung jedoch das Aphlaston. Zum
Aphlaston als Seesiegzeichen vgl. G. Kleiner, Alexanders Reichsmünzen (Abhandlungen der
Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Philosophisch-Historische Klasse, Jahr-
gang 1947 Nr. 5), Berlin 1949. S. 20 ff.
805 Eine andere Möglichkeit wäre, daß Alexander II. den Seesieg vor dem zwischen Ptolemais
und Tyros gelegenen Küstenort Alexandroschoine errang. Die Gründung des Ortes geht ver-
mutlich auf Alexander d. Gr. zurück; vielleicht ergab sich auch auf diese Weise der Alexander-
Bezug, vgl. dazu Ehling, Bronzemünze S. 88 f.
806 Head, HN S. 800; W. Rüge, Tyros, RE VIIA 2, Stuttgart 1948, Sp. 1897.
807 In der Literatur wird das Todesdatum meist nur allgemein mit 126/25 angegeben, z.B. bei
Meyer, Ursprung IIS. 273 und Will, Histoire II S. 365. Grainger, Phoenicia S. 135 und ders.,
Prosopography S. 43 hat das Jahr 126.
212
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
II. sei „sicherlich kein unbedeutender Fürst“ gewesen,808 kann man zustimmen, auch
wenn er weit hinter seinem Bruder Antiochos VII. zurücksteht.
Wegen seiner Abhängigkeit von Ägypten hatten die Syrer Alexander II. mit dem
aramäischen Spottnamen Zaßivät; (so bei Diodor 34/35, 22) bzw. Zeßivac (so bei
los. ant. lud. 13,268) belegt, was soviel wie „der Gekaufte“ oder „Sklave“ heißt.809
Aber mit der Übernahme der Alleinherrschaft begann er, sich aus dem Schatten
Ptolemaios’ VIII. zu lösen.810 Als literarischer Topos taucht nun gegen ihn der Vor-
wurf der Überheblichkeit auf (superba insolentiaz lust. 39,2,1), wie gegen fast alle
späten Seleukiden.811 Positiv schildert ihn hingegen Diodor als rrpaoc Kai
ovYYvcopoviKo^, „sanftmütig und versöhnlich“; von der Bevölkerung wurde er ge-
liebt.812 In Nordsyrien konnte Alexander II. mit einem rund 40.000 Mann starken
Heer (Diod. 34/35, 22) seinen Machteinfluß befestigen und Seleukeia in Pierien
unter seine Kontrolle bringen.813 In welche Zeit die Belagerung Laodikeias und die
Niederwerfung der abtrünnigen Feldherren (riyepovE^) Antipatros, Klonios und
Aeropos durch Alexander II. gehören (Diod. 34/35, 22), ist unsicher,814 aber sehr
wahrscheinlich sind diese Ereignisse in die Phase nach der Besiegung des Demetrios
II. im Frühjahr/Sommer 125 zu setzen.815 Zu erwähnen bleibt noch, daß Josephus
ausdrücklich auf das gute Verhältnis zwischen dem Seleukidenkönig und dem jü-
dischen Hohenpriester Hyrkan I. hin weist.816
Kleopatra Thea erkannte Alexander II. als König und Nachfolger ihres er-
mordeten Mannes nicht an. Bereits mit dem Datum ZHP (= 126/25) hatte sie in
Ptolemais Tetradrachmen mit ihrem Bildnis und der genitivischen Reverslegende
808 Willrich. Demetrios (41) Sp. 2801.
809 Euseb. Chron. I 257f. = FGrHist 260 F 32, 21. Mit dem Namen sollte die niedrige Herkunft
des Alexander II. verspottet werden: Will, Histoire II S. 366.
810 Huß, Ägypten S. 615 schreibt: „Das Selbstbewußtsein des „Gekauften“ scheint gestiegen zu
sein, so daß er nicht mehr bereit war. jedem Wink Alexandreias zu folgen“.
811 Vgl. etwa I. Makk. 11.38; los. ant. lud. 13, 131.
812 Diod. 34/35, 22: vjtö twv ttoXXwv qyaTräTo. Die Charakterisierung geht auf Poseidonios
zurück: Malitz, Poseidonios S. 295 f. mit Anm. 293: 298. Siehe auch oben Kap. I 1.
813 Nach den Münzen: CSE 413.
814 Wilcken, Alexandros (23) Sp. 1439. Vgl. auch Malitz, Poseidonios S. 295 f. Wenn Diodor
ausdrücklich von Hegemonen und nicht von Strategen spricht, so darf man daraus den Schluß
ziehen, daß es sich bei Antipatros. Klonios und Aeropos zwar um hohe Offiziere oder .Kom-
mandanten* handelte, aber nicht um allerhöchste Generale. Vgl. Bar-Kochva, Army S. 91 ff.
zu Begriff und Amt. Die Diodorstelle wird bei Grainger, Prosopography nicht behandelt. In
seinem Buch Cities S. 166 vermutet Grainger, daß Antipatros. Klonios und Aeropos sich
gegen Demetrios II. erhoben. Man muß sich dann allerdings fragen, warum Alexander II.
gerade gegen diese i’iyepöve^ vorgehen sollte.
815 Und vor der Offensive des Antiochos VIII. im Jahr 123. Anders Grainger, Cities S. 166, der
die Revolte der Feldherren ins Jahr 128 setzt.
816 Ant. lud. 13. 269. F. W. Madden, Coins of the Jews, London 1881, S. 77, meint, ein grie-
chisches Alpha auf Hyrkan l.-Münzen auf Alexander II. beziehen zu können: “The Greek A,
which is the initial letter of the name of Alexander, relates to the alliance between John Hyr-
canus and Alexander II. Zebina in B. C. 128“. Ob hier tatsächlich ein Bezug besteht, scheint
doch zweifelhaft.
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIII. 213
BALIAIEEHE KAEOHATPAE 0EAE EYETHPIAE schlagen lassen;817 darin
dokumentiert sich ihr eigener Herrschaftsanspruch. Als der Sohn des Demetrios II.,
Seleukos V.,818 ohne Zustimmung der Mutter das Diadem nahm, ließ sie ihn rasch
(evövc;) durch eine List beseitigen.819 Da Kleopatra - vor allem beim Militär - als
Alleinherrscherin nicht akzeptiert worden wäre, setzte sie ihren ebenfalls aus der
Ehe mit Demetrios II. stammenden, etwa 16jährigen Sohn Antiochos VIII.820 als
Mitregenten ein (lust. 39, 1, 9). Mit dem Datum 188 S. Ä. (= 125/24) beginnt die
gemeinsame datierte Silberprägung. Die Münzen zeigen auf der Vorderseite die
hintereinander gestaffelten Büsten, und es ist bezeichnend, daß die Büste der Kleo-
patra mit Stephane, Diadem und über den Hinterkopf gezogenem Schleier vor die
des Antiochos VIII. gesetzt ist.821 Ihre gemeinsamen Münzbildnisse spiegeln die
realen Machtverhältnisse der ersten Jahre wider. Denn, wie lustin schreibt, trug zwar
Antiochos VIII. den Königstitel, aber Kleopatra übte die Macht faktisch aus: nomen
regis penes filium, vis autem omnis imperii penes niatrem esset (39, 1, 9).
Ptolemaios VIIL, der sich mit seiner Schwestergemahlin Kleopatra II. ausge-
söhnt822 und an dem selbständig agierenden Alexander II. das Interesse verloren
hatte, unterstützte nun Antiochos VIIL (lust. 39,2,2). Er schickte starke ägyptische
Verbände und verheiratete ihn im Jahr 124/23823 mit seiner Tochter Kleopatra
Tryphaina.824 Auf diese Truppen gestützt, war Antiochos VIIL in der Lage, gegen
Alexander IL vorzugehen, der immer mehr Anhang in Nordsyrien verlor. In der
ersten Hälfte des Jahres 123 kam es zur Schlacht zwischen beiden Königen, und
Alexander II. mußte sich nach Antiocheia zurückziehen (lust. 39,2,5). Da Alexan-
der II. kein Geld mehr zur Bezahlung seiner Soldaten hatte, ließ er aus dem Zeu-
stempel von Antiocheia eine goldene Nikestatue holen und einschmelzen. Dieses
sacrilegium kommentierte er mit der ironischen Bemerkung, Zeus selbst habe die
817 Newell, LSM S. 10 Nr. 7.
818 Diesen Seleukos setzen Bouche-Leclercq, Histoire II S. 599 f. und ihm folgend F. Stähelin,
Seleukos (8), RE HAI, Stuttgart 1921, Sp. 1245 irrtümlich mit dem homonymen Sohn des
Antiochos VII. gleich. Vgl. auch Malitz, Poseidonios S. 292 mit Anm. 263. Anders und rich-
tig Fischer, Partherkrieg S. 49 ff.: Seleukos, der Sohn Antiochos* VII.. geriet im Jahr 129 in
parthische Gefangenschaft. Siehe auch hier die Familienstammtafel im Anhang.
819 Euseb. Chron. 1257 f. = FGrHist 260 F 32,22; lust. 39,1,9. In diesen Zusammenhang gehört
wohl die verwirrte Überlieferung bei Johannes Antiochenus (Müller Frag. 66, 3), siehe oben
Kap. I 1. Er kennt einen Sohn des Demetrios II. namens Seleukos, der von seiner Mutter
namens Apame in Damaskos hinterlistig ermordet wurde. Obwohl Grainger, Prosopography
S. 39; 66 und Ogden. Polygamy S. 149; 151 die Überlieferung für glaubwürdig halten, glaube
ich, daß der byzantinische Chronist irrtümlich den Namen Apame für Kleopatra Thea setzt.
820 Antiochos VIIL, der jüngere Sohn des Demetrios II. und der Kleopatra Thea, ist los. ant. lud.
13, 365 zufolge im Jahr 141 geboren, er könnte aber auch zwei Jahre älter und also 143 ge-
boren worden sein: Ehling, Nachfolgeregelung S. 34.
821 Zu den Münzbildnissen: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 78; Meyer, Königin S. 117 ff.
822 Hölbl, Geschichte S. 179 schreibt, daß die Gründe für die Versöhnung verborgen bleiben,
vermutet aber, daß sie möglicherweise mit der Syrienpolitik Ptolemaios’ VIIL in Verbindung
standen.
823 Das Datum nach Hölbl, Geschichte S. 179 und Huß, Ägypten S. 615.
824 lust. 39, 2, 3. Diese Kleopatra hatte keine eigene Nummer. Sie war die Tochter der dritten
Kleopatra, der zweiten Ehefrau des Ptolemaios VIIL
214
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Siegesgöttin zu ihm gesandt.825 Als Alexander II. aber auch noch das Hauptkultbild
des Tempels, die goldene Zeusstatue, heimlich abtransportieren lassen wollte, wurde
er von der aufgebrachten Bevölkerung zum Abzug aus der Stadt gezwungen (lust.
39, 2, 6). Er floh nach dem nahegelegenen Seleukeia, das ihm aber die Stadttore
nicht öffnete.826
Vom Ende des Alexander II. überliefern die Quellen verschiedene Versionen.827
Bei lustin (39, 2, 6) heißt es, er sei von Räubern gefangengenommen und dem An-
tiochos VIIL ausgeliefert worden, der ihn hinrichten ließ. Josephus schreibt (ant.
lud. 13, 269), Alexander II. sei in der Schlacht mit Antiochos VIIL besiegt und ge-
tötet worden. Ähnlich Porphyrios (Euseb. Chron. I 257 f. = FGrHist 260 F 32, 23),
der aber berichtet, Alexander II. habe nach der Niederlage mit Gift Selbstmord be-
gangen.828
Antiochos VIIL zog in Antiocheia ein. Möglicherweise nahm er jetzt den Bei-
namen Kallinikos an.829 Die datierte Bronzeprägung für ihn und seine Mutter setzt
mit dem Datum 190 S. Ä. (= 123/22) ein, d.h. Alexander IL war im Oktober 123
bereits geschlagen.830 Aufschlußreich für die Beurteilung des antiochenischen Münz-
porträtstils ist, daß das Bildnis des Antiochos VIIL nicht so sehr wie in den phöni-
kischen Münzstätten geschönt wird. Antiochos VIIL wurde wegen seiner riesen-
haften gebogenen Nase Grypos („Habichtsnase“) genannt (Euseb. Chron. I 259 f. =
FGrHist 260 F 32, 23; Athen. 12, 540 a). Während in Ptolemais und Sidon seine
Nase in der Regel nicht viel größer als die seiner Mutter ist, zeigen die antioche-
nischen Stücke seine Habichtsnase.831 Die in Antiocheia geprägten Münzen über-
liefern uns lebendigsten und authentischsten späten Seleukidenporträts.
Das Verhältnis zwischen Kleopatra Thea und Antiochos VIIL wurde in den
nächsten zwei Jahren zunehmend gespannter. Die genauen Gründe dafür kennen wir
nicht,832 aber es liegt auf der Hand, daß Kleopatra nach und nach ihren Einfluß auf
den immer selbständiger handelnden Sohn einbüßte. So kam es, daß sie einen Mord-
anschlag auf ihren Sohn verübte. Poseidonios, der eine Vorliebe für dramatische
Szenen besitzt, hat diese Situation ausführlich geschildert, und sie ist uns bei lustin833
erhalten geblieben: Kleopatra reichte Antiochos VIIL einen Becher mit Gift, als
dieser gerade von einem Truppenmanöver heimgekehrt war. Da ihm der Anschlag
825 lust. 39, 2, 5. Die Überlieferung geht auf Poseidonios zurück, siehe oben Kap. I 1. Aus dem
Metall wurden Münzen geprägt, vgl. den Goldstater bei Newell, SMA S. 88 Nr. 358.
826 Wegen des Tempelraubs: Diod. 34/35, 28. VgL auch Wilcken, Alexandras (23) Sp. 1439.
827 Jacoby, FGrHist (1930) S. 875.
828 Ehling, Miszellen S. 377.
829 Siehe oben Kap. I 2, 3.
830 Bei Porphyrios (Euseb. Chron. I 259 f. = FGrHist 260 F 32, 23) steht als Angabe des Todes-
jahres des Alexander II. „3. Jahr der 164. Olympiade“, d. h. 122/21. Richtig wäre also „2. Jahr
der 164. Olympiade“ gewesen. Vgl. die Münzen: CSE 317; SNG Israel I 2441 ff. und Will,
Histoire IIS. 365.
831 Ptolemais: CSE 804; SNG Israel 12473; D. Gomy, München, Kat. 97, Okt. 1999,508. Sidon:
CSE 721; 722.
832 Bei Justin heißt es lediglich, daß sich Kleopatra in ihrer „Würde“ herabgesetzt fühlte (39,2,
7).
833 39,2, 7-8. Richter, Untersuchungen S. 198.
9.) Partherfeldzug des Antiochos VII. und Alleinherrschaft des Antiochos VIIL 215
zuvor jedoch angezeigt worden war, bat er seine Mutter mit falscher Freundlichkeit,
zuerst zu trinken. Diese sträubte sich, mußte dann aber doch trinken und starb.
In Antiocheia endet die gemeinsame datierte Münzprägung mit dem Jahr 191 S.
Ä. (= 122/21). In Ptolemais und Sidon sind noch Münzen mit dem Datum B9P (=
192 S. Ä.) geprägt worden. Kleopatra dürfte daher Ende des Jahres 121 gestorben
sein.834 Mit ihr stirbt eine der bedeutendsten hellenistischen Königinnen, die an
politischem Geschick, Durchsetzungsfähigkeit, aber auch Skrupellosigkeit nur mit
ihrer späteren Namensschwester Kleopatra VII. vergleichbar ist.835 836 Durch ihren
Kultnamen Eueteria™ wird ihre fecunditas mit dem Überfluß eines ertragreichen
Emtejahres verglichen837 und durch das Füllhorn auf den Münzrückseiten symbo-
lisiert.838 Wie dieses die Versorgung der Reichsbewohner mit Lebensmitteln gewähr-
leistet, so garantiert die Königin den Fortbestand der Dynastie und damit die Seku-
rität des Reiches. Die ägyptische Königstochter war mit drei Seleukidenkönigen
verheiratet: Alexander I. gebar sie einen Sohn, Antiochos VL, Demetrios II. zwei
Söhne, Seleukos V. und Antiochos VIIL, und eine Tochter und Antiochos VII. zwei
weibliche und drei männliche Nachkommen, die Mädchen beide mit dem Namen
Laodike, dann Seleukos, einen Antiochos und den späteren Antiochos IX. Kyzikenos
(Euseb. Chron. I 257 = FGrHist 260 F 32, 20), d.h. insgesamt wenigstens neun
Kinder, von denen fünf den Königstitel trugen.839 Kürzlich hat D. Ogden noch
einmal darauf hingewiesen, daß es diese Königin war, die der Seleukidendynastie
über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren Kontinuität und Kohärenz verlieh.840
Mit Beginn der Alleinherrschaft des achten Antiochos erscheint auf dessen
Münzen das Bild eines neuen Gottes, bei dem es sich um einen stehenden Zeus
handelt, der auf der rechten Hand einen sechs- bis achtstrahligen Stern hält und über
dessen Kopf sich eine Mondsichel befindet. Der Gott, der in der Literatur als Zeus
Uranios bezeichnet wird,841 stellt eine Neuschöpfung des späten 2. Jhs. dar und ist
ein bemerkenswertes Zeugnis für die synkretistische Tendenz in der Religion dieser
Zeit.842 Zeus Uranios war vermutlich der persönliche Schutzgott des Antiochos
VIIL843 Vielleicht läßt dieser neu eingeführte Münztyp den Schluß zu, daß Antio-
chos VIIL ab 121 den Zeuskult im ganzen Seleukidenreich gezielt gefördert hat und
834 So Newell, SMA S. 92.
835 Vgl. die Charakterisierung der Königin bei J. Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, Band
IV, Berlin/Stuttgart o. J., S. 585, der sie als „entsetzliche(s), morderische(s) und dabei mit
einer gewissen Intelligenz begabte(s) Weib“ beschreibt. Vgl. außerdem G. H. Macurdy, Hel-
lenistic Queens, Baltimore/London/Oxford 1932, S. 93 ff. und Ogden, Polygamy S. 143 ff.
bes. 149f.
836 Ihr Kultname auf Münzen: CSE 803 und der Inschrift Landau, Inscription S. 120. Zu Kleopatra
und ihrem Kultnamen vgl. auch Stähelin, Kleopatra (24) Sp. 785 ff.
837 Taeger, Charisma I S. 323; Meyer. Königin S. 119: Eueteria ist die Verkörperung des Jahres-
segens.
838 Zum Füllhommotiv: Bemmann, Füllhörner S. 117.
839 Jacoby, FGrHist (1930) S. 874.
840 Polygamy S. 152 mit Hinweis auf E. Breccia.
841 So bereits Oman, Antiochus VIII S. 197 f.
842 Zahle, Coins S. 131. Zu den Münzen siehe auch Kap. I 3,2.
843 Siehe oben Kap. I 3, 2.
216
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
es deshalb auch dieser König war, der dem Zeustempel von Baitokaike das Dorf
Baitokaikene zum Eigentum vermachte mit dem ganzen dazu gehörigen Land und
lebenden Besitz.844
Schließlich darf man in die ruhigen Jahre zwischen 121 und 113 wohl am ehes-
ten die Überlieferung bei Athen. 5, 210 e und 12, 540 a-b einordnen, in der (nach
Poseidonios’ Buch 28) berichtet wird, daß Antiochos VIIL anläßlich von Festspielen
bei Daphne an seine Gäste nicht nur große Fleischportionen verteilen ließ, sondern
neben goldenen Kränzen und silbernem Geschirr auch lebende Tiere wie Gänse,
Hasen, Antilopen, Pferde und Kamele verschenkte.845
844 Kreißig, Wirtschaft S. 53 f. Siehe ausführlich oben Kap. I 2.
845 Vössing, Bankett S. 175 mit Anm. 1. Die Erwähnung von Antilopen ist als Hinweis darauf
verstanden worden, daß die seleukidischen Könige die Parks und Tiergärten der Perserkönige
übernommen und weitergeführt haben: A. Dalby, To Feed a King. Tyrants, Kings and the
Search for Quality in Agriculture and Food, Pallas 52,2000, S. 140. Ein persischer TrapdÖEiooc
peyaC voll wilder Tiere, der freilich nach dem Frieden von Apameia verloren ging, befand
sich bei Apameia (Kelainai) in Phrygien: Xen. Anab. 1, 2, 7 (zum Jahr 401).
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VIIL
217
10.) ERHEBUNG DES ANTIOCHOS IX. (113) UND KÄMPFE
MIT ANTIOCHOS VIIL (113-98/97)
Im Jahr 113 landete Antiochos IX. in Syrien,846 wahrscheinlich in Seleukeia in
Pierien.847 Dieser etwa 20jährige Antiochos IX.848 war der Sohn des Antiochos VII.
und der Kleopatra Thea und damit ein Halbbruder des Antiochos VIII.849 Seine
Kindheit und Jugend hatte er im mysischen Kyzikos verbracht, daher sein inoffizi-
eller Beiname Kyzikenos (Euseb. Chron. 1257 = FGrHist 260 F 32,20; los. ant. lud.
13,271). Auf seinen Münzen führte Antiochos IX. stolz den dynastischen Beinamen
Philopator.850 Auch das Motiv der behelmten Athena mit Lanze, Schild und Nike,
das Antiochos VII. in die seleukidische Münzprägung eingeführt hatte,851 übernahm
Antiochos IX. von seinem Vater.852
846 In der älteren Forschung findet sich noch das Jahr 117/16 für die Ankunft des neunten Anti-
ochos in Syrien: Kuhn, Geschichte S. 19; Wilcken, Antiochos (32) Sp. 2483; ders., Beitrag S.
444; Bevan, House II S. 253: um 116; Bouche-Leclercq, Histoire I S. 402: II 631. Dieses zu
frühe Datum wurde aus Liv. per. 52 bzw. verlesenen Daten auf den Münzen erschlossen. Zu
den Münzen vgl. Babelon, Rois S. 189, der aber selbst kein falsch gelesenes Stück katalogisiert
hat. Die Richtigstellung des Datums erfolgte durch Newell, SMA S. 97 und Bellinger, End S.
67 Anm. 37. Dagegen setzen Houghton, Reigns S. 92 und A. Mehl, Antiochos (10), DNP 1,
Stuttgart/Weimar 1996, Sp. 770 den Beginn der Kämpfe ins Jahr 114 bzw. 115. Zur Feststel-
lung des Datums stehen uns drei voneinander unabhängige Quellen zur Verfügung: Erstens
die Mitteilung Justins (39, 2, 9), daß Antiochos VIIL zunächst acht ruhige Regierungsjahre
verbrachte (siehe auch oben Kap. II 9). Zweitens die Angabe bei Porphyrios (= FGrHist 260
F 32,23), der die erste Regierungsphase des achten Antiochos im Jahr 113/12 enden läßt, und
drittens die ins Jahr 199 S. Ä. = 114/13 datierten, in Antiocheia geprägten Münzen des Anti-
ochos IX.: SNG Israel 12681-2686. Vgl. auch Houghton/Müseler, Reigns S. 61 und Hough-
ton, Reigns S. 90 f.; 96. Bezieht man die Angabe lustins auf den Zeitraum nach dem Tode der
Kleopatra Thea im Jahr 121, ergibt sich das Jahr 113 für die Ankunft Antiochos’IX. in Syrien.
Die Münzen bestätigen, daß der Herrscherwechsel mitten im Jahr 114/13 stattfand, denn in
Antiocheia und Askalon gibt es Münzen mit dem Datum 199 S. Ä. = 114/13. sowohl für
Antiochos VIIL als auch Antiochos IX.: Houghton, Reigns S. 96. Schließlich spricht für das
Jahr 113 auch noch die delische Inschrift OGIS I 260 = IvDelos 1550. Zu ihrer historischen
Einordnung und Interpretation siehe unten.
847 Eine Landung in Seleukeia in Pierien möchte ich nach den Bronzemünzen CSE 332; SNG
Israel I 2681-2686 vermuten. Auch wenn diese Münzen mit dem Datum 199 S. Ä. = 114/13
in Antiocheia (nicht Seleukeia selbst) geprägt wurden (so Newell, SMA S. 97 mit Fig. 22 und
Houghton, Reigns S. 90f.), so weist das Rückseitenmotiv des geflügelten Blitzes ganz klar
auf Seleukeia hin. Vgl. z.B. die in dieser Stadt geprägten Tetradrachmen des Alexander L:
Houghton, Tetradrachm S. 153 ff., die Kleinbronzen für Demetrios IL: SNG Israel 12196-2200
und die Mittelbronze SNG Israel I 2824 für Demetrios III.
848 Zum Geburtsdatum des Königs im Jahr 133: Ehling, Nachfolge re gelung S. 35.
849 Beide hatten dieselbe Mutter. Der Vater des achten Antiochos war Demetrios IL: siehe Stamm-
tafel.
850 CSE 329 ff.; SNG Israel I 2677 ff.
851 CSE 264 ff.; SNG Israel I 1846ff.
852 CSE 329ff.; SNG Israel I 2677ff.
218
11. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Als Vorwand für den im Jahr 113 beginnenden Erbfolgekrieg853 diente dem
neunten Antiochos die Behauptung, sein Halbbruder habe ihn vergiften wollen (lust.
39, 2, 10), wobei freilich nicht auszuschließen ist, daß Antiochos VIIL tatsächlich
versucht hatte, seinen Halbbruder aus dem Wege räumen zu lassen. Der Angriff auf
Syrien erfolgte von Kyzikos aus854 vermutlich über Cypem, wo er ptolemäische
Hilfe gefunden zu haben scheint.855 Von Seleukeia aus dürfte sehr bald Antiocheia
durch Truppen des neunten Antiochos erobert worden sein. Während des Jahres 113
gelang es diesem, Syrien, Teile Phönikiens und vielleicht Kilikien zu erobern,856
denn mit dem Jahr 199 S. Ä. = 114/13 setzt für Antiochos IX. die datierte Münzprä-
gung in Antiocheia, Sidon und Askalon ein.857 Nur in Ptolemais und im koilesy-
rischen Damaskos konnten sich die Anhänger Antiochos’ VIIL noch halten.858
Der militärische Erfolg Antiochos’ IX. scheint durchschlagend gewesen zu sein;
die Truppen Antiochos’ VIIL wurden besiegt, der König selbst sah sich gezwungen,
Syrien noch Ende des Jahres 113 (?) zu verlassen und nach Aspendos in Pamphylien
auszuweichen.859 Bemerkenswerterweise gibt es in Delos eine Statuenweihung des
achten Antiochos für den römischen Konsul des Jahres 113 Cn. Papirius C. f. Carbo
(OGIS 1260 = IvDelos 1550). Die Weihung steht sehr wahrscheinlich mit der mili-
tärischen Offensive des Antiochos IX. und dem Exil des Antiochos VIIL in Zusam-
menhang. Der römische Konsul hat dem Seleukiden vermutlich den Aufenthalt in
Aspendos ermöglicht, und dafür bedankte sich der König umgehend mit der Stiftung
einer Ehrenstatue in Delos. Nach dem Neufund eines römischen Meilensteines, der
in die Jahre zwischen 129 und 126 datiert ist, wird deutlich, daß Rom seit dem letz-
ten Viertel des 2. Jhs. auch den Süden Pamphyliens beherrschte.860 Aspendos stand
demnach unter römischer Kontrolle.
853 Wilcken, Antiochos (32) Sp. 2484 meint, daß Antiochos IX. keine legitimen Thronansprüche
besaß. Doch verkennt er, daß nach dem charismatisch-agonalen Selbstverständnis der seleu-
kidischen Könige jeder Königssohn Anspruch auf Herrschaft hatte, er mußte diesen nur
durchsetzen können, siehe Einleitung unter Kap. III.
854 So los. ant. lud. 13,270.
855 Wie später Demetrios III., siehe unten Kap. 11 11. Zur weiteren Begründung dieser seleuki-
disch-ptolemäischen Koalition siehe unten.
856 Bevan, House II S. 255; Bellinger, End S. 67; 87 ff. Ein Reflex der Kämpfe um Tarsos findet
sich bei lust. prol. 39. Malitz, Poseidonios S. 300 Anm. 329. Zu Kilikien bzw. der Münzprä-
gung von Tarsos vgl. insbesondere die Stücke Naville, Kat. 10,1442-1450 (Antiochos VIIL)
bzw. Naville, Kat. 10,1487-1493 (mit unbärtigem und bärtigem Bildnis Antiochos’ IX.), CSE
493 ff. und Houghton, Reigns S. 93 ff. Das Problem ist allerdings, daß die tarsischen Münzen
kein Datum tragen. Letzte Sicherheit läßt sich für die Verhältnisse und Entwicklungen in
Kilikien deshalb nicht gewinnen. - Als Indiz dafür, daß Antiochos IX. wenigstens zeitweise
Nordsyrien beherrscht hat. läßt sich vielleicht der im Jahr 1972 bei den türkischen Grabungen
in Iskenderum gefundene Marmorkopf des Königs interpretieren, der sich heute im Museum
von Antakya befindet: Fleischer, Herrscherbildnisse S. 83 f. mit Taf. 47 a-48 b.
857 Vgl. die Oberblickstabelle bei Houghton, Reigns S. 96.
858 Houghton, Reigns S. 96. Zur Geschichte von Damaskos am Ende des 2. Jhs. vgl. Cohen,
Conflict S. 121 ff.
859 Daß Antiochos VIIL gezwungen war, nach dem römisch kontrollierten Pamphylien zu gehen,
läßt vermuten, daß die Städte Kilikiens sich für Antiochos IX. erklärt hatten.
860 Zu Pamphylien und Rom vgl. die Bemerkungen von Nolle, Side I S. 68 mit Anm. 75. Die
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VIII.
219
Die genaue Abfolge der Ereignisse nach der Landung Antiochos’ IX. ist leider
immer noch nicht befriedigend rekonstruierbar» obwohl das numismatische Material
inzwischen (wohl praktisch vollständig) gesammelt vorliegt.861 Die Datierung des
aspendischen Exils Antiochos’ VIIL in der älteren Forschung bleibt problematisch
(obwohl sie mit der hiervorgeschlagenen Chronologie übereinstimmt),862 weil diese
ja die Ankunft Antiochos’ IX. in Syrien sehr viel früher als 113 ansetzt (siehe oben).
Dreh- und Angelpunkt sind die Zeitangaben bei Porphyrios (Euseb. Chron. I 259f.
= FGrHist 260 F 32,23 f.): Nach seiner Chronologie endet die Alleinherrschaft An-
tiochos’ VIIL im „4. Jahr der 166. Olympiade“ (= 113/12). Im „1. Jahr der 167.
Olympiade“ (=112/11) ging Antiochos VIIL nach Aspendos und kehrte im darauf-
folgenden „2. Jahr der 167. Olympiade“ nach Syrien zurück. Das aspendische Exil
des achten Antiochos wurde von E. T. Newell, SMA S. 98 und A. R. Bellinger, End
S. 68 mit Anm. 45 deshalb Porphyrios folgend in das Jahr 112-111 gesetzt und die
Rückkehr des Antiochos VIIL nach Antiocheia in die Zeit Frühjahr/Sommer (so
Newell) bzw. zwischen Juli und Oktober 111 (so Bellinger) datiert. Doch war Anti-
ochos VIIL bereits Ende 112 wieder fest in Syrien etabliert, wie die für ihn in Anti-
ocheia geprägten datierten Münzen bezeugen.863 Die Chronologie bei Porphyrios ist
also um genau ein Jahr zu niedrig angesetzt (siehe oben Kap. I 1). Demnach wäre
,richtig4 gewesen: Ankunft des Antiochos IX. 114/113, Exil des Antiochos VIIL
113/12, Rückkehr des Antiochos VIIL 112/11. Da, wie die datierten Münzen zeigen,
die syrische Hauptstadt Antiocheia, die im Jahr 199 S. Ä. (= 114/13) von Antiochos
IX. erobert worden war, bereits 200 S. Ä. (= 113/12) wieder an Antiochos VIIL
fiel864 und das aspendische Exil des Antiochos VIIL ein Jahr dauerte (Euseb. Chron.
I 259 f. = FGrHist 260 F 32, 24), könnte Antiochos VIIL Ende des Jahres 113 nach
Aspendos entwichen und Ende 112 zurückgekehrt sein. - Merkwürdig und uner-
klärbar ist, warum datierte Münzen von Antiocheia ausgerechnet zum Jahr 201 S.
Ä. = 112/11 fehlen.865
Für einen Augenblick wenigstens war Antiochos IX. damit Alleinherrscher im
»Reich seiner Väter4. Nach der Chronologie bei lustin866 fällt in diese Zeit die Hoch-
zeit mit der Ptolemäerin Kleopatra IV. Diese war im Jahr 115 von ihrem Bruderge-
mahl Ptolemaios IX. Soter II. geschieden worden867 und brachte nun im Jahr
112 dem Seleukiden als „Mitgift“, wie es bei lustin heißt, Truppen aus Cypem
bisherige Forschung ging davon aus, daß Rom, wie Nolle schreibt, „auf den südlichsten Teil
seines pergamenischen Erbes verzichtete und Pamphylien sich selber überließ“. Diese Vor-
stellung ist zu revidieren. Zu dem neuen Meilenstein vgl. Nolle, Side II S. 497 Nr. 175.
861 Houghton, Reigns S. 87 ff.
862 Z.B. Bevan, House II S. 255: II3-112; Bouche-Leclercq, Histoire I S. 404: 113/12.
863 Houghton, Reigns S. 96.
864 Ebenda.
865 Ebenda.
866 39, 3, 3. Sein Bericht geht über Trogus auf Poseidonios zurück: Richter, Untersuchungen S.
199 ff. Etwas zurückhaltender urteilt Malitz. Poseidonios S. 256 f.
867 Das Datum nach Hölbl, Geschichte S. 185; Huß, Ägypten S. 636 f. Ptolemaios IX. Soter II.
ehelichte auf Verlangen seiner Mutter, Kleopatra III., nun seine jüngere Schwester Kleopatra
V. Selene. Diese fünfte Kleopatra heiratete um 104/3 Antiochos VIIL, siehe unten.
220
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
mit.868 Angesichts dieses Ereignisverlaufes muß man annehmen, daß diese dynasti-
sche Eheverbindung mit dem Einverständnis des Ptolemaios X. Alexander I. von
Cypem geschlossen wurde und der König selbst seiner Schwester Kleopatra IV. die
Truppen zur Verfügung stellte. Die hier sichtbar werdende Koalition des Jahres 112
aus Ptolemaios X. Alexander L, Kleopatra IV. und Antiochos IX. wirft ein interes-
santes Licht zurück auf die möglichen Ereignisse des Vorjahres: Man darf wohl
davon ausgehen, daß Antiochos IX. mit Unterstützung Ptolemaios’ X. Alexander I.
von Cypem in Syrien landete869 und die Ausrufung des Ptolemäers, die von der
Forschung ins Jahr 114/13 gesetzt wird,870 dem militärischen Unternehmen des
Seleukiden unmittelbar vorausging.871 Ptolemaios X. Alexander I. konnte hoffen,
mit Antiochos IX. einen Verbündeten gegen Ptolemaios IX. Soter II. zu gewinnen,
so wie umgekehrt Antiochos IX. auf jede Hilfe gegen Antiochos VIIL angewiesen
war. Dieser bislang noch nicht hergestellte Zusammenhang zwischen Antiochos IX.
und Ptolemaios X. Alexander I. wird unten bei der Besprechung der Inschrift Welles,
RC 71/72 noch zu berücksichtigen sein.
Trotz der zusätzlichen Truppen aus Cypem, die Antiochos IX. durch die Heirat
mit Kleopatra IV. gewonnen hatte, unterlag er in den Kämpfen, die sich an die Rück-
kehr Antiochos* VIIL schlossen.872 Wie die datierten Münzen des Jahres 200 S. Ä.
zeigen,873 kontrollierte der achte Antiochos bereits Ende 112 wieder die syrische
Hauptstadt. Vermutlich fiel ihm mit der Stadt auch Kleopatra IV. in die Hände. Auf
Betreiben ihrer Schwester, Kleopatra Tryphaina, der Ehefrau des achten Antiochos,
wurde sie unter Verletzung des Tempelasyls vermutlich in Daphne874 ermordet. Ein
dramatischer Bericht von der Mordtat und eine »psychologische4 Deutung der Vor-
gänge finden sich bei lustin (39, 3, 5-11), dessen Überlieferung über Trogus auf
Poseidonios basieren dürfte.875 Wie er schreibt, soll Antiochos VIIL versucht haben,
die Mordtat abzuwenden, was Tryphainas Eifersucht erweckte (lust. 39, 3, 10). Der
Kampf der ptolemäischen Schwestern verhält sich letztlich komplementär zu dem
der seleukidischen Halbbrüder. Vermutlich hätte umgekehrt Kleopatra IV. ebenso
für die Beseitigung der Kleopatra Tryphaina gesorgt. Bei dem Konkurrenzkampf
868 39, 3. 3: Sed Cleopatra ... Cyziceno in Syria nubit, eique ne nuduin uxoris nomen adferret,
exercitum Cyprisollicitatum velut dotalem admarituin deducit. „AberKleopatra ... heiratete
den Kyzikenos von Syrien, und damit sie ihm nicht einfach nur den bloßen Namen einer
Ehefrau mitbrachte, führte sie das gewonnene Heer von Cypem wie eine Mitgift dem Ehemann
zu“. Zu der Lesart „Cypri“ statt „Grypi“ vgl. etwa Wilcken, Beitrag S. 448 f., der wieder für
„Grypi“ eintritt, was aber mit Recht keinen Anklang gefunden hat. Vgl. etwa Richter, Unter-
suchungen S. 199 Anm. 5 mit Hinweis auf E. Salomone. Fonti e valore storico di Pompeo
Trogo (lustin XXXV111 8, 2-XL), Genova 1973, S. 97 und Huß. Ägypten S. 637 mit Anm.
82.
869 Und zwar in Seleukeia in Pierien, siehe unten.
870 Hölbl, Geschichte S. 184; Mooren, Titulature S. 197 ff. (0356).
871 Möglicherweise hängen beide Ereignisse sogar historisch zusammen.
872 lust. 39, 3, 4. Bellinger, End S. 68 vermutet, daß dessen Rückkehr mit ägyptischer Hilfe er-
folgte.
873 Houghton, Reigns S. 96.
874 So Bevan, House II S. 254 und Bouche-Leclercq, Histoire I S. 404.
875 Siehe oben Kap. I I.
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VIII.
221
zwischen Frauen an hellenistischen Königshöfen876 ging es immer um Absicherung
und Festigung der eigenen Stellung, d. h. insbesondere um Nähe zum König und
dessen Gunst, gegebenenfalls auch durch die blutige Ausschaltung von Konkurren-
tinnen. Für Kleopatra Tryphaina bestand potentiell die Gefahr einer Eheschließung
zwischen ihrem Mann Antiochos VIIL und Kleopatra IV., was den Verlust der eige-
nen Machtstellung bedeutet hätte (lust. 39, 3,10).
Um den Tod seiner Frau zu rächen, unternahm Antiochos IX. einen Feldzug
gegen seinen Halbbruder. Nach dem Erzählzusammenhang bei lustin (39, 3, 12)
gelang es diesem relativ bald, nun seinerseits Tryphaina gefangenzunehmen.877 Nach
den datierten Münzen von Antiocheia zu schließen, gewann Antiochos IX. in den
Jahren 111-110/09 wenigstens teilweise wieder die Oberhand, so daß die Gefangen-
nahme der Tryphaina in diese Zeit fallen muß.878 Antiochos IX. ließ die Königin
hinrichten und brachte damit „den Totengeistem seiner Gattin ein Opfer dar“.879
Bei Diodor (34/35, 34, 1) findet sich eine in mehrfacher Hinsicht bemerkens-
werte Charakterisierung Antiochos* IX., die auf Poseidonios zurückgeht880 und einen
Typus von König vorstellt, der einerseits an irpoyovot wie Antiochos IV.881 und
Demetrios I. erinnert und andererseits an einen Attaliden wie Attalos III. denken
läßt.882 Danach begeisterte sich der König für Mimen und Schauspielerei und be-
schäftigte sich bevorzugt mit Puppen und mechanischem Spielzeug statt mit Bela-
gerungsmaschinen, wie ironisch hinzugefügt wird. War aber das eine Teil der Un-
terhaltung bei Hofe, für die Poseidonios offenbar kein Verständnis hat, so übertreibt
er in letzterem, denn Josephos erwähnt in ant. lud. 14, 38 eine unter Antiochos IX.
bei Apameia erbaute otKpa, was auf militärische Interessen schließen läßt.883 Des
weiteren wird überliefert, daß sich Antiochos IX. bei seinen Jagdausflügen in den
frühen Morgenstunden immer wieder in gefährliche Situationen begeben habe. Die
Jagdleidenschaft, bei der der König seine apeTrj unter Beweis stellen konnte, erin-
876 Grundlegend zu Stellung und Rolle der hellenistischen Königin ist der Aufsatz von Savalli-
Lestrade, Reines S. 59-76. Vgl. außerdem die Bemerkungen von Ogden, Polygamy S.
117-170. Im Ansatz überholt ist Schneider, Kulturgeschichte I S. 91 f. Gut analysiert ist das
Konkurrenzphänomen für Frauen am römischen Kaiserhof. Vgl. dazu A. Wieber-Scariot, Im
Zentrum der Macht. Zur Rolle der Kaiserin an spätantiken Kaiserhöfen am Beispiel der Eu-
sebia in den Res gestae des Ammianus Marcellinus, in: A. Winterling (Hg.), Comitatus.
Beiträge zur Erforschung des spätantiken Kaiserhofes, Berlin 1998, S. 103 ff. bes. 122 mit
zahlreichen Literaturhinweisen.
877 Von einer kurzen Zeitspanne geht auch Bevan, House II S. 255 aus.
878 Hölbl, Geschichte S. 186 und Huß, Ägypten S. 637 datieren diese an den Anfang des Jahres
111, was plausibel ist.
879 lust. 39, 3, 12: ...supplicio uxoris manibusparentavit. Huß, Ägypten S. 637. In der Formu-
lierung scheinen römische Vorstellungen anzuklingen, doch geht die Schilderung letztlich auf
Poseidonios zurück.
880 Malitz, Poseidonios S. 299 f. Vgl. außerdem Vössing, Bankett S. 150.
881 Malitz, Poseidonios S. 300 Anm. 324.
882 Schneider, Kulturgeschichte IS. 639 f.: D. Engster, Attalos III. Philometor - ein .Sonderling1
auf dem Thron?, Klio 86,2004, S. 66-82.
883 Vgl. auch Malitz, Poseidonios S. 300 Anm. 327.
222
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
nert an seinen Großvater Demetrios I.884 und das Verlassen des Königspalastes ohne
die cpiXoi (Diod. 34/35, 34, 1) an Antiochos IV.885 Diodors Vorlage, Poseidonios,
zeichnet das Bild eines unfähigen Königs, das durch die Quellen aber selbst korri-
giert wird. So paßt auch der Tod in vorderster Schlachtreihe schlecht zu einem
»Puppenspieler*.886 Schließlich unterstützte der König auch den Bau eines Musen-
heiligtums (und einer Bibliothek ?) auf der Agora von Antiocheia.887
Von den Kämpfen der verfeindeten Halbbrüder profitierten vor allem die
syrisch-phönikischen Küstenstädte:888 Im Jahr 112/11 erhielt Tripolis den Status
einer „heiligen, unverletzlichen und autonomen“ Stadt.889 Sidon wurde im Herbst
111,890 Laodikeia 110/09 iepa Kai äavXo^.891 Die großzügige Privilegierung von
Tripolis fällt ins Auge: Während etwa Tyros im Jahr 141/40 und Seleukeia in Pierien
im Jahr 138/37 den Titel lepä Kai aavXoc erhielten und erst Jahre später auch au-
tonom wurden (Tyros: 126/25; Seleukeia: 109, siehe unten), wurde Tripolis sogleich
mit der Autonomie begünstigt.892 Nach der hier vorgeschlagenen Chronologie kam
Antiochos VIIL Ende 112 aus Aspendos nach Syrien zurück. Genau 50 Jahre vorher,
im Oktober 162, war sein Großvater, Demetrios L, in Tripolis an Land gegangen und
hatte sich zum König ausrufen lassen (siehe oben Kap. II2). Vor diesem Hintergrund
möchte ich vermuten, daß Antiochos VIIL aus dem aspendischen Exil kommend
Ende 112 in Tripolis landete und den Kampf um das Reich wiederaufnahm. Als Dank
884 Zur Jagdleidenschaft Seleukos* I.: Lib. or. 11,95 und Demetrios* L: M0rkholm, Antiochus S.
39 mit den Quellennachweisen in Anm. 7 sowie dessen Münzen mit der Darstellung eines
Molosserjagdhundes: CSE 556 (unbestimmbare Münzstätte).
885 Antiochos IV. war dafür bekannt, daß er nachts aus dem Palast entschlüpfte, um in Antiocheia
mit nur ein, zwei Begleitern durch die Straßen zu schweifen: Athen. 5, 193 c ff. (nach Poly-
bios). Vgl. dazu auch B. Funck, Beobachtungen zum Begriff des Herrscherpalastes, in: Hoe-
pfner/Brands (Hg.), Basileia S. 54.
886 Antiochos IX. starb wie Demetrios I. (los. ant. lud. 13,59 ff.; lust. 35, 1, 11) im Zusammen-
hang mit Kampfhandlungen: Euseb. Chron. 1 259 = FGrHist 260 F 32,25. Siehe unten, sowie
die .Todesstatistik* in der Einleitung unter Punkt 4.
887 Malal. 235, 15. Austin, Krieg und Kultur S. 141; Ehling, Freunde S. 45. Bei dem von Malalas
erwähnten „Antiochos Philopator“ könnte es sich auch um den Sohn des Antiochos IX., An-
tiochos X. Eusebes Philopator, handeln, auch wenn man diesen eher „Antiochos Eusebes“
genannt hätte. Antiochos IX. bezahlte den Bau des Musentempels allerdings nicht aus eigenen
Mitteln, sondern erfüllte das Testament eines gewissen Maron, der von Antiocheia nach Athen
ausgewandert war.
888 Kahrstedt, Territorien S. 85.
889 G. F. Hill, BMC Greek Coins of Phoenicia. London 1910 (Nachdruck Bologna 1965), S. CXX;
200 Nr. 2; Kahrstedt. Territorien S. 78; Rigsby, Asylia S. 495 f.
890 G. F. Hill, BMCGreekCoins of Phoenicia, London 1910 (Nachdruck Bologna 1965), S. CVf.:
E. Honigmann, Sidon, RE IIA 2, Stuttgart 1923, Sp. 2225; Rigsby, Asylia S. 491 ff. Mit dem
Datum 202 S. Ä. = 111/110 wurden in Sidon Münzen für den neunten Antiochos geschlagen:
Houghton, Reigns S. 96.
891 IvDelos 1551. Der Demos von Laodikeia ehrte Antiochos VIIL dafür mit einer Ehrenstatue
(?) in Delos. Das Datum ergibt sich durch den in der Inschrift genannten eponymen delischen
Beamten Polykleitos. Rigsby, Asylia S. 500ff.
892 Wie die unten besprochene Inschrift Welles, RC 71 und die Münzen von Seleukeia in Pierien
zeigen, sind die Begriffe Autonomie und Freiheit gleichbedeutend.
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VI11.
223
für die Unterstützung, die er dabei von den Tripolitanern erfuhr, schenkte er ihnen
die Autonomie.893 Diese Vermutung wird noch wahrscheinlicher, wenn, wie im
folgenden gezeigt werden soll, umgekehrt Antiochos IX. (und nicht, wie überwie-
gend angenommen wird, Antiochos VIIL) der Stadt Seleukeia in Pierien die Auto-
nomie schenkte.
Im August/September 109894 wurde Seleukeia in Pierien für ewige Zeit für frei
erklärt (sXevOepoc).895 Die Vergabe dieser „vornehmsten und größten Wohltat“
(irpcbTrj Kai evspyenia)896 teilt ein König Antiochos seinem Bruder Kö-
nig Ptolemaios Alexander (= Ptolemaios X. Alexander I.) in einem Brief mit, der
sich inschriftlich in Paphos auf Cypern erhalten hat.897 In der Forschung wird, den
Untersuchungen U. Wilckens898 folgend, fast immer Antiochos VIIL als Verfasser
des Freiheitsbriefes angesehen.899 Selten sind Stimmen, die darauf hinweisen, daß
es sich letztlich nicht definitiv entscheiden läßt, ob die Urkunde von Antiochos VIIL
oder Antiochos IX. stammt.900 Wenn in Zeile 4-7 davon die Rede ist, daß die Be-
wohner von Seleukeia immer treu zum iraifip des Briefschreibers gestanden hätten,
so kann sich dies auf Antiochos VIL, den Vater des Antiochos IX., ebensogut bezie-
hen wie auf Demetrios II., den Vater des Antiochos VIIL,901 da beide in hohem
Maße von der Unterstützung der Bewohner profitiert hatten. Wie die datierten Mün-
zen von Antiocheia belegen,902 wurde in der syrischen Hauptstadt im Jahr 203 S.
Ä. = 110/09 (also dem Jahr der Inschrift) sowohl für Antiochos VIIL als auch Anti-
ochos IX. geprägt.903 Im August/September 109 könnte also ebenso Antiochos IX.
Herr über das nahegelegene Seleukeia gewesen sein,904 zumal er, wie A. Houghton
893 Gegen diese Annahme spricht nicht, daß Antiochos IX. um 107 für eine gewisse Zeit in Tri-
polis residierte: los. ant. lud. 13, 279.
894 Das Datum nach der Textrekonstruktion bei Welles, RC 71 Z. 18: (Etovc) yo', fopyiaiov
K0'. Das Jahr IT = 203 S. Ä. Bei Wilcken, Beitrag S. 437 Z. 18 findet sich noch die ältere
Lesung: L y Fopiriaiov K[ß?J (sic). Nach den autonomen Münzen von Seleukeia gelangt
Wilcken zur Datierung des Briefes in den August/September 108. Durch die Lesung L y „Jahr
3“ ist Wilcken zu der Annahme gezwungen, Antiochos VIIL habe nach seiner Rückkehr aus
dem Exil in Aspendos im Jahr 111 mit einer neuen Zählung seiner Regierungsjahre begonnen:
S. 440. Danach Bevan, House II S. 255. Das demotische L steht für griechisch eto<;.
895 Wilcken, Beitrag S. 437 Z. 13 und S. 444; Welles, RC 71 Z. 13. Die Stadt war von Antiochos
VII. 139/38 (= 174 S. Ä.) bereits für iepa Kai aovXoc; erklärt worden: G. Macdonald, Seltene
und unedierte Seleukidenmünzen, ZfN 29, 1912, S. 99 Nr. 27 mit Taf. 5,5 (Berlin, Slg. Lüb-
becke). Vgl. auch Welles, RC S. 292 Anm. 3 und Rigsby, Asylia S. 486 f. und siehe Kap. 12,
7.
896 Welles, RC 71 Z. llf.
897 Wilcken, Beitrag S. 436ff.; Welles, RC 71. Dort auch S. 288f. weitere Literaturhinweise zu
diesem wichtigen Schreiben.
898 Beitrag S. 436 ff.; ders. Antiochos (31) Sp. 2482.
899 Zuletzt Cohen, Conflict S. 16: “probably Grypus”.
900 Welles, RC 71 S. 290: “Certain Identification of the king Antiochus of these letters is, in the
present state of the evidence, impossible”.
901 Welles, RC 71 S.291.
902 Die Wilcken noch nicht komplett gesammelt vorlagen.
903 Houghton, Reigns S. 92; 96.
904 Seleukeia lag 120 Stadien von Antiocheia entfernt: Strab. 16,2,7 = 751.
224
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
aus den Münzen schließt, nach der Wiedergewinnung Antiocheias (110/09) die Stadt
vielleicht noch etwa zwei Jahre besetzt halten konnte,905 d. h. nicht Antiochos VIIL,
sondern Antiochos IX. im August/September 109 in Antiocheia regierte.906 Daß
tatsächlich Antiochos IX. mit größerer Wahrscheinlichkeit der Verfasser des Briefes
(OGIS I 257 = Welles, RC 71/72) war, geht m.E. aus der oben wahrscheinlich ge-
machten Allianz zwischen Ptolemaios X. Alexander I., Kleopatra IV. und Antiochos
IX. hervor: So dürfte Antiochos IX. vor seiner Landung in Syrien im Jahr 113 seine
Streitkräfte auf Cypern versammelt haben. Cypern wurde seit 116 von Ptolemaios
X. Alexander I. in der Stellung eines OTpaTnyoc verwaltet, bis er sich 114/13 zum
König in Cypern ausrufen ließ.907 Da sich Ptolemaios X. Alexander I. den Königs-
titel ,gegen* seinen Bruder Ptolemaios IX. Soter II. zulegte, war er auf Verbündete
angewiesen und hat deshalb wahrscheinlich den Seleukiden Antiochos IX. unter-
stützt. Davon muß man auch deshalb ausgehen, weil Kleopatra IV. auf Cypem ein
Heer anwarb, das sie etwa 112 mit nach Syrien brachte und dem neunten Antiochos
zur Verfügung stellte.908 Die Anwerbung des Heeres kann eigentlich nur mit dem
Einverständnis ihres Bruders Ptolemaios X. Alexander I. und dessen orpaTTiYÖC Kai
apxiepevc Kai apxiKvvrjYot; rfic vrjoov Helenos erfolgt sein.909 Der Ausdruck bei
lustin (39, 3, 3), Kleopatra IV. habe das exercitum Cypri sollicitatum nach Syrien
geführt, besagt dann nicht, daß sie das Heer Ptolemaios X. Alexander I. „abspenstig“
machte,910 sondern es „gewann“, vermutlich durch hohe Soldversprechungen.911 Es
bestand demnach keine Gegnerschaft zwischen Ptolemaios X. Alexander I. und
Kleopatra IV., wie U. Wilcken annimmt912 vielmehr befanden sich beide im Ein-
verständnis miteinander. Ebenso kann die seleukidisch-ptolemäische Eheverbindung
zwischen Antiochos IX. und Kleopatra IV. nur mit Zustimmung des Ptolemaios X.
Alexander I. zustande gekommen sein. Dazu paßt die Anrede in dem besagten Brief
905 Houghton, Reigns S. 92.
906 Dagegen geht Cohen, Conflict S. 16 davon aus, daß Antiochos IX. zwar’Antiocheia, aber nicht
das nahegelegene Seleukeia beherrschte, das er Antiochos VIIL zurechnet.
907 Zur Datierung: Wilcken, Beitrag S. 439; Mooren, Titulature S. 196; R. S. Bagnall, The Ad-
ministration of the Ptolemaic Possessions Outside Egypt (Columbia Studies in the Classical
Tradition IV), Leiden 1976, S. 261; Hölbl, Geschichte S. 184. Die Königsproklamation ist
von Welles, RC 71 S. 291 ausdrücklich bezweifelt worden. Aber daß Ptolemaios X. Alexander
I. den Königstitel führte, geht nicht nur aus der Inschrift Welles, RC 71 hervor, sondern wird
von Porphyrios FGrHist 260 F 2, 8 bestätigt.
908 lust. 39, 3, 3. Siehe oben S. 219 f.
909 Über diesen Helenos sind wir sehr gut unterrichtet: W. Otto, Helenos (5), RE VII 2, Stuttgart
1912, Sp. 2847 f.; Mooren, Titulature S. 195 ff. Er war TpocpEV«; des zehnten Ptolemäers und
führte als ovYYEvnc den höchsten Hofrangtitel. Zu Cypern unter den Ptolemäern: R. S.
Bagnall, The Administration of the Ptolemaic Possessions Outside Egypt (Columbia Studies
in the Classical Tradition IV), Leiden 1976, S. 38 ff. Zu Helenos speziell ebenda S. 260f.
basierend auf T. B. Mitford, Helenos. Governor of Cyprus, JHS 79,1959, S. 94-131.
910 Wilcken, Beitrag S. 447.
911 Zu der lustin-Stelle 39, 3, 3 vgl. O. Eichert, Vollständiges Wörterbuch zur philippischen Ge-
schichte des Justinus, Hannover 1882 (Nachdruck Hildesheim 1967), S. 171 s. v. sollicito:
„anlocken, zu gewinnen suchen, an sich ziehen“.
912 Beitrag S. 447.
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VIIL
225
(Welles, RC 72 Z. 2) als „Bruder“ vorzüglich, da Antiochos IX. und Ptolemaios X.
Alexander I. durch die Eheschließung verschwägert waren.913
Nach den Antiochos IX.-Münzen SNG Israel 12681-2686 zu schließen, die das
Wappen der Stadt Seleukeia in Pierien, den geflügelten Blitz, tragen und in das Jahr
114/13 datiert sind, ist der Seleukide von Cypem aus über Seleukeia nach Syrien
gekommen. Antiochos IX. verdankte den Bewohnern der Stadt also sehr viel und
dürfte eben deshalb diesen die Freiheit verliehen haben. Dagegen ist nicht recht
deutlich, aus welchen Gründen Antiochos VIIL der Stadt die Freiheit verliehen haben
sollte, was U. Wilcken einräumen muß.914
Schließlich sei noch auf zwei Formulierungen im Brief selbst aufmerksam ge-
macht, die ebenfalls für Antiochos IX. als Autor sprechen: 1.) paßt der schlichte
Hinweis auf den in Zeile 5 genannten iraTqp gut zu Antiochos IX., der den dynas-
tischen Beinamen Philopator trug, und 2.) scheint mir der Ausdruck rwi Trarpl rjpcüv
rrpocncXripcoOevTac (Z. 5), der besagt, daß sich die Seleukener dem Vater „ange-
schlossen“ hätten, besser auf die Situation Antiochos’ VII. im Frühjahr 138 zu pas-
sen915 als die von Wilcken angeführten Unterstützungsaktionen der Stadtbewohner
für Demetrios II916
Insgesamt sprechen die besseren Argumente also für Antiochos IX. als Verfasser
des Briefes Welles, RC 71/72.917 Damit ergibt sich, daß Antiochos VIIL im Jahr
112/11 vermutlich Tripolis für „heilig, unverletzlich und autonom“ und Antiochos
IX. Seleukeia im Sommer 109 für „frei“ erklärte. Und während, wie man der ins
Jahr 110/09 datierten Inschrift IvDelos 1551 entnehmen kann, Antiochos VIIL mit
der anderen bedeutenden Hafenstadt, Laodikeia, auf gutem Fuße stand, könnte
möglicherweise umgekehrt Antiochos IX. Sidon durch den iepa Kai aavXoc-Status
begünstigt haben.
In der weiteren, im einzelnen nicht mehr greifbaren Entwicklung verschoben
sich bis ca. 108/07 die Kräfteverhältnisse in der Weise, daß Porphyrios (Euseb.
Chron. 1259 f. = FGrHist 260 F 32,24) resümierend schreiben kann, Antiochos VIIL
habe Syrien, Antiochos IX. Koilesyrien beherrscht.918 Zwischen 110/09 und 108/07
913 Auch wenn Kleopatra IV. im Jahr 109 bereits tot, d. h. ermordet worden war, siehe oben.
914 Beitrag S. 445.
915 Im Frühjahr 138 konnte Antiochos VIL, nachdem die anderen Küstenstädte sich geweigert
hatten, ihn aufzunehmen, mit seiner Kriegsflotte in Seleukeia in Pierien landen und damit die
Thronnachfolge antreten. Siehe oben Kap. II7.
916 Beitrag S. 441: „Wenn nicht schon früher werden die Seleukener sogleich nach dem Tode des
Ptolemaios Philometor, dessen Partei sie kurz vorher ergriffen hatten, zum Demetrios über-
gegangen sein, der auch sonst die Erbschaft des Aegypters in Syrien antrat. Als bald darauf
dem Demetrios in Antiochos VI Dionysos, dem von Diodotos vorgeschobenen unmündigen
Sohne des Usurpators Alexandros Balas ein neuer Feind erstand, ergriffen die Seleukener die
Gelegenheit, dem echten Seleukiden die Treue zu beweisen. Sie nahmen den Flüchtigen, der
die Schlacht verloren hatte, in ihren Mauern auf*.
917 Dagegen spricht, daß die Allianz zwischen Ptolemaios X. Alexander I. und Antiochos IX.
später zerfiel, siehe unten.
918 ... 6 ’ Avrioxoc Kai KpaTEi p£v avroc Tf|C Evpiac, ö Kv&Knvdc rfjq KoiXnc Allerdings
prägte z. B. Damaskos in den Jahren 109 bis 107 und 104 bis 98 für Antiochos VIIL: Newell,
226
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
muß sich die Lage aber mehr und mehr beruhigt haben, da Antiochos IX. militärisch
gegen Hyrkan I. in Samaria aktiv wurde.919
An dieser Stelle sei auf neuere numismatische Zeugnisse hingewiesen, die Licht
auf die Vorgänge im Süden von Koilesyrien/Phönikien werfen, und zwar die Bron-
zemünzen der Stadt Gaza mit dem Datum LES. Das Jahr ist nach der Seleukidenära
von 312 ab gezählt und entspricht dem Jahr 108/07. Auf den Münzrückseiten wird
der Status der Stadt als IEP ALY bezeichnet, d. h. die Stadt war „heilig und asylie-
berechtigt“ (iEpa Kai aouXoc;). Sehr wahrscheinlich wurde ihr der Status durch
Antiochos IX. verliehen, der in diesen Jahren den Süden des Seleukidenreiches
weitgehend beherrschte.920 Antiochos IX. versuchte auf diese Weise die Loyalität
der Bewohner von Gaza gegen die Ptolemäer und Juden zu gewinnen. Letztlich
machte sich aber auch Gaza unabhängig, denn nur wenige Jahre später begann die
Stadt nach einer eigenen Ära zu zählen. Ihre Münzen der Jahre 96/95, 95/94 und
93/92 tragen (von 108/07 an gerechnet) die Angaben Lir (Jahr 13), LIA (Jahr 14)
bzw. LIC (Jahr 16), wobei die Verwendung des wohl demotischen L für griechisch
etoc jetzt den ptolemäischen Einfluß verrät.921
Im Einvernehmen mit den Seleukidenkönigen hatten, wie Josephus schreibt, die
Samaritaner die jüdischen Kolonisten und Bundesgenossen im Gebiet von Samaria
hart bedrängt.922 Von Johannes Hyrkan I. nun ihrerseits angegriffen und belagert,
riefen sie Antiochos IX. zu Hilfe.923 Dieser zog nach Süden, wurde jedoch von
einem der Söhne Hyrkans I., Aristobulos, geschlagen und mußte sich nach Skytho-
polis zurückziehen. Da die Juden die Belagerung Samarias fortsetzten, erneuerten
die Stadtbewohner ihr Hilfegesuch an Antiochos IX. (los. ant. lud. 13, 277). Mit
6.000 ägyptischen Soldaten, die diesem von Ptolemaios IX. Soter IL zur militä-
rischen Unterstützung gesandt worden waren 924 gelang es dem Seleukiden, Judäa
LSM S. 73ff.; SNG Israel I 2662, d.h. Antiochos IX. konnte Koilesyrien also nur teilweise
halten, wie Cohen, Conflict S. 16 richtig anmerkt.
919 Eine Datierung in die Zeit zwischen 111 und 107 wird von Cohen. Conflict S. 16: 122 vertre-
ten. Bis zum Tod der Kleopatra Tryphaina (111/09 ?) dürften die Kämpfe aber noch heftig
gewesen sein. Zumeist wird das Eingreifen des neunten Antiochos in das Jahr 107 oder kurz
vor 107 gesetzt: Giovannini/Müller, Beziehungen S. 160 mit Anm. 15. Wie die besprochenen
Münzen von Gaza zeigen, gehört das Eingreifen des neunten Antiochos mehr in die Zeit
108/07, siehe unten. Zu Münzen Antiochos* IX.. die in dieser Zeit in Samaria geprägt worden
sein könnten, vgl. die Ausführungen von A. Houghton: B. Kritt/O. D. Hoover/A. Houghton,
Three Seleucid Notes, AJN 12,2000, S. 107-112 mit Taf. 20, 1-2.
920 Allerdings stand Damaskos im Jahr 109/08 auf Seiten des Antiochos VIIL
921 Zu den Münzen ausführlich: A. Kushnir. Gaza Coinage Dated LIC- a Reappraisal, SNR 74.
1995, S. 49-55 und dies., Late Hellenistic coins of Gaza and the date of the Hasmonean
conquest of the city, SM 50,2000, S. 22-24.
922 Ant. lud. 13,275. Vgl. zu dieser Stelle die Anmerkung von Marcus, Josephus S. 366 zu a und
zum folgenden Bouche-Leclercq, Histoire I S. 407 f.; Bevan, House II S. 256: Bellinger, End
S. 69f.; Cohen. Conflict S. 16.
923 Der Samariafeldzug Hyrkans I. wird ausführlich besprochen von G. Finkielsztejn, More evi-
dence on John Hyrcanus I’s conquests: lead weights and Rhodian amphora stamps, Bulletin
of the Anglo-Israel Archeological Society 16, 1998, S. 33-63.
924 los. ant. lud. 13, 278. Cohen, Conflict S. 16f.: 24; Hölbl, Geschichte S. 187; Huß. Ägypten
S. 637. In der Parallelerzählung (bell. lud. 1, 65) ist nicht von Antiochos IX., sondern Antio-
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos VIIL
227
zu verwüsten. Dadurch sollte die Armee Hyrkans I. zum Abzug aus Samaria ge-
zwungen werden (los. ant. lud. 13, 278). Wie das bei los. ant. lud. 14, 247-255
überlieferte senatus consultum zeigt,925 konnte das Heer des Seleukiden einige
Befestigungen, Häfen und größere Landstriche unter seine Kontrolle bekommen; in
die Stadt Joppe wurde eine seleukidische Besatzung gelegt. Hyrkan I. erreichte in
Rom jedoch einen Senatsbeschluß, der Antiochos IX. zwang, seine Eroberungen
aufzugeben.926 Der König zog sich nach Tripolis zurück (los. ant. lud. 13, 279).
Seine Generale Kallimander und Epikrates927 führten den Krieg gegen die Juden in
Samaria wenig erfolgreich weiter: Kallimander fiel und Epikrates, dem es nicht
gelang, Samaria zu entsetzen, ließ sich bestechen und gab Skythopolis und Umge-
bung den Juden preis (los. ant. lud. 13, 280-283). Hyrkan I. nahm Samaria nach
einjähriger Belagerung ein928 und zerstörte die Stadt weitgehend. Obwohl Josephus
dies nicht ausdrücklich vermerkt, wird man doch annehmen müssen, daß Hyrkan I.
auch in Samaria seine Politik der Zwangsjudaisierung fortsetzte.929
Für die Zeit vom Rückzug des neunten Antiochos nach Tripolis (ca. 1O6)930
und der Ermordung des achten Antiochos im Jahr 98/97 (siehe unten Kap. II 11)
liegen uns so gut wie keine Nachrichten zur Geschichte des Seleukidenhauses
vor.931 In die von Josephus ausführlich geschilderten Kämpfe zwischen den Ptole-
mäern (Ptolemaios IX. Soter IL, Kleopatra III., Ptolemaios X. Alexander L), lokalen
chos Aspendios, d.h. Antiochos VIII., die Rede, vgl. dazu auch Marcus, Josephus S. 376 zu
d. Es muß demnach eine Übereinkunft zwischen dem neunten Antiochos und Ptolemaios IX.
Soter II. bestanden haben. Die Sekundärliteratur hat dies nicht weiter problematisiert, sondern
einfach Josephus ausgeschrieben. So heißt es etwa bei Bellinger, End S. 70 schlicht: “This
time he asked for 6,000 men from Ptolemy Lathyrus who supplied them ...”. Zwar ist die
Unterstützung eines Seleukiden durch die Ptolemäer nicht selten, aber doch auch nicht selbst-
verständlich. Ob das 113 geschlossene Bündnis zwischen Antiochos IX. und Ptolemaios X.
Alexander I. durch die neue Verständigung zwischen Antiochos IX. und Ptolemaios IX. Soter
II. für beendet angesehen wurde oder trotzdem weiter bestand, läßt sich nicht entscheiden.
Die Bündnisse und Koalitionen waren immer recht kurzlebig und ganz von Augenblicksin-
teressen bestimmt. - Dem knappen Bericht des Josephus läßt sich auch nicht entnehmen, ob
es zwischen Antiochos IX. und Ptolemaios IX. Soter II. zu einer vertraglichen Vereinbarung
oder lediglich einer losen Absprache kam. Offenbar ist nur, daß der Ptolemäer eine Schwä-
chung der ausgreifenden jüdischen Eroberungspolitik wünschte und deshalb ägyptische
Truppen zur Verfügung stellte. Daß der Seleukide auf diese Unterstützung angewiesen war.
sagt viel über die numerische Stärke seiner eigenen Truppenkontingente aus.
925 Das SC wird von Bevan, House II S. 256 und Giovannini/Müller, Beziehungen S. 156 ff.
richtig in diesen chronologischen und historischen Zusammenhang gestellt. Bellinger hat das
Zeugnis in diesem Kontext nicht berücksichtigt. Vgl. außerdem Cohen. Conflict S. 17 Anm.
8.
926 Vgl. dazu Gauger, Beiträge S. 323; Baltrusch, Juden S. 110.
927 Zu Kallimander: Grainger, Prosopography S. 99 und Savalli-Lestrade, Philoi S. 79. Zu Epik-
rates: Grainger, Prosopography S. 89.
928 Eine der wenigen Zeitangaben in diesem Erzählabschnitt bei Josephus: ant. lud. 13,281.
929 Bereits sein Vorgänger Simon betrieb eine bewußte Judaisierungspolitik z. B. gegenüber den
Bewohnern von Joppe: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 105.
930 Die Datierung nach Rigsby, Asylia S. 495. In Tripolis wurden für Antiochos IX. noch im Jahr
105/4 Münzen geprägt: Houghton/Le Rider, Premier S. 406 mit Lit. in Anm. 26.
931 Cohen, Conflict S. 17.
228
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Dynasten (dem Tyrannen von Stratons-Turm und Dora Zoilos) und den Juden (dem
seit 103 regierenden jüdischen König Alexander Jannaios)932 waren die Seleukiden
ebensowenig verwickelt wie in die innerptolemäischen Kämpfe, die heute unter dem
Namen »Krieg der Szepter* bekannt sind,933 und das, obwohl diese Kämpfe zeitweise
auf dem Boden Syriens und Koilesyriens ausgetragen wurden.934 Ausdrücklich be-
merkt Josephus, daß sich die Bewohner von Ptolemais, als diese nach der Thronbe-
steigung des Alexander Jannaios von den Juden angegriffen wurden, nicht an die
Seleukidenkönige um Hilfe wandten, weil diese mit sich selbst beschäftigt waren,
sondern an Ptolemaios IX. Soter II.935 Die Seleukiden wurden nur insofern von
diesen Ereignissen berührt, als Antiochos VIIL in Übereinkunft mit Kleopatra III.
um 104 deren Tochter und Ex-Ehefrau des Ptolemaios IX. Soter II., Kleopatra V.
Selene, heiratete.936 In den Jahren zwischen 106/05 und 98/97 waren Antiochos VIIL
und Antiochos IX. sehr wahrscheinlich immer wieder in Auseinandersetzungen im
nordsyrisch-kilikischen Raum verwickelt, über die es aber wohl wenig Interessantes
zu berichten gab, so daß schon Josephus unsere Hauptquelle, keine näheren Nach-
forschungen darüber anstellte, zumal sein Blick ohnehin mehr den Vorgängen in
Judäa gilt.937 Über eine bedeutende dynastische Verbindung - die Hochzeit des
Antiochos IX. mit Brittane, der Tochter des Partherkönigs berichtet allein der
nicht immer zuverlässige Malalas.938 Da die Nachricht sehr auffällig und es schwer
vorstellbar ist, daß Antiochos IX. zwischen Ende 112 (Tod der Kleopatra IV.) und
98/97 (der Hochzeit mit Kleopatra V. Selene) nicht verheiratet gewesen sein soll,
möchte man der Überlieferung glauben schenken.939
Seit Mitte des 2. Jhs. führte der zunehmende Zerfall des Seleukidenstaates als
Ordnungsmacht im östlichen Mittelmeerraum zu einer immer stärkeren Ausbreitung
des Seeräubertums.940 Im Jahr 102 übertrug der römische Senat schließlich dem
932 Josephus* Bericht fußt hier möglicherweise auf Timagenes. Zur Datierung des Regierungsbe-
ginns des Alexander Jannaios: Van’t Dack, Conflict S. 118 ff.
933 Cohen, Conflict S. 17.
934 Diese Ereignisse gehören in den Bereich der ptolemäischen Geschichte und werden deshalb
hier nicht weiter behandelt. Vgl. los. ant. lud. 13,351; 355 f. Hölbl, Geschichte S. 188 f.: Huß,
Ägypten S. 649.
935 Ant. lud. 13,325. Der Ptolemäer leistete dem Hilfegesuch Folge: los. ant. lud. 13,328 ff.
936 lust. 39,4,4. Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 783. Vor oder um 103: Cohen, Conflict S. 17; Hölbl,
Geschichte S. 189; Huß, Ägypten S. 649. Kleopatra V. war später mit Antiochos IX. und
anschließend mit dessen Sohn Antiochos X. verheiratet.
937 Auch die Münzen aus diesen Jahren liefern keine wirklich nennenswerten Informationen.
938 208, 26. Wenn die Überlieferung richtig ist, müßte ihr Vater Mithradates II. (122-91/88)
gewesen sein. Denkbar wäre freilich auch, daß Brittane nur eine Angehörige der parthischen
Königsdynastie war. In der Überlieferung wäre sie dann zur Königstochter geworden.
939 Ogden, Polygamy S. 156. Brittane fehlt sowohl bei M. Karras-Klapproth, Prosopographische
Studien zur Geschichte des Partherreiches auf der Grundlage antiker literarischer Überliefe-
rung, Bonn 1988, als auch bei Grainger, Prosopography.
940 Schuld an der Ausbreitung des Piratentums waren die Flottenabrüstungsbestimmungen des
Friedens von Apameia und der Niedergang von Rhodos: Jones, Cities S. 201; Vogt, Republik
S. 335; Pohl, Piraterie S. 126f. mit Anm. 138; 147; Bringmann, Republik S. 291. Anders
Wiemer, Rhodos S. 129, der ein rhodisches Kalkül dahinter vermutet.
10.) Erhebung des Antiochos IX. und Kämpfe mit Antiochos Vlll.
229
Praetor M. Antonius die Aufgabe, energisch gegen das Seeräuberunwesen in Kilikien
vorzugehen.941 Dauer und Ergebnis dieser Polizeiaktion bleiben ungewiß. Den Pe-
riochae des livianischen Geschichtswerkes zufolge942 scheint das Unternehmen noch
im selben Jahr abgeschlossen worden zu sein 943 doch kam M. Antonius erst im Jahr
100 nach Rom zurück.944 Und während Julius Obsequens 44 von der Vernichtung
der Seeräuber spricht,945 weiß Liv. per. 48 nur von deren Verfolgung.946 Letzteres
wird wohl im Kem eher zutreffen, und deshalb wurde nach der Rückkehr des Prae-
tors im Jahr 99 oder 9 8947 die sog. lex de provinciis praetoriis erlassen, die in zwei
griechischen Versionen (Delphi und Knidos) überliefert ist.948 Darin wird u. a. die
Schaffung einer CTrapxEia OTpaTqytKn angekündigt,949 um die Sicherheit der See-
fahrt vor der kilikischen Küste zu gewährleisten. Die regierenden Könige von Cy-
pem, Ägypten, Cyrene und Syrien (letztere im Plural) werden angewiesen, der
Seeräuberei in ihren Reichen aktiv vorzubeugen.950 Der Begriff der ETrapxcta
CFTpaTr|YiKf| dürfte am besten mit „Militärbezirk“ zu übersetzen sein.951 Was die
territoriale Ausdehnung dieser ETrapxna OTpaTrjyiKÜ nach Osten betrifft, so hielt
sich Rom bis Anfang der 70er Jahre an die im Friedensvertrag von Apameia verein-
barte Grenze.952 Ostkilikien einschließlich Seleukeia am Kalykadnos blieb seleuki-
disch. Die Stadt war im Jahr 98/97 Residenzstadt des Seleukos VI.953 Erst im Jahr
941 Maroti, Seeräuberei S. 35; Pohl, Piraterie S. 208 ff.; Schulz, Weltreichsbildung S. 434f.; de
Souza, Piracy S. 102 ff.; Bringmann, Republik S. 292.
942 Liv. 68, 1.
943 Pohl, Piraterie S. 212f.
944 Hassall/Crawford/Reynolds, Cnidos S. 211.
945 C. Mario, Q. Lutatio consulibus ... Piratae in Cilicia a Romanis deleti.
946 M. Antonius praetor in Ciliciam maritimos praedones persecutus est. Mit den praedones sind
die Piraten gemeint: Pohl, Piraterie S. 212.
947 Die Datierung nach Girardet, Imperia S. 171 Anm. 72. Anders: de Souza, Piracy S. 108, der
das Gesetz ins Jahr 100 datiert.
948 Die Benennung des Gesetzes nach W. Blümel (Hg.), Die Inschriften von Knidos. Teil 1 (I. K.
41), Bonn 1992, S. 13 ff. und de Souza, Piracy S. 108 ff. Es wird zumeist als lex de piratis
persequendis tituliert: A. Giovannini/E. Grzybek, La Lex de piratis persequendis, MH 35,
1978, S. 33-47; R. K. Bulin, Untersuchungen zur Politik und Kriegsführung Roms im Osten
von 100-68 v. Chr., Frankfurt am Main/Bem 1983, S. 15 ff.; Girardet, Imperia S. 171. Das
lateinische Original ist nicht überliefert. Zu dem Gesetz vgL Maroti, Seeräuberei S. 35 f.; Pohl,
Piraterie S. 216 ff.; Hassall/Crawford/Reynolds, Cnidos S. 195-220; W. Blümel (Hg.), Die
Inschriften von Knidos. Teil 1 (I. K. 41), Bonn 1992, S. 13 ff.
949 Hassall/Crawford/Reynolds, Cnidos S. 202 Z. 37.
950 Pohl, Piraterie S. 241; Girardet, Imperia S. 171 spricht von einer „mit imperialem Ton ziem-
lich massiv angeordnete(n) Solidaritätsaktion aller an das Mittelmeer angrenzenden Angehö-
rigen des Imperium populi Romani**.
951 Hassall/Crawford/Reynolds, Cnidos S. 207 übersetzen den Ausdruck mit „praetorian pro-
vince“, so auch de Souza, Piracy S. 109 mit Anm. 63. A. N. Sherwin-White, Rome, Pamphy-
lia and Cilicia, 133-70 B. C., JRS 66,1976, S. 6 übersetzt den Begriff mit „general’s province“
und schreibt dazu: “It is not certain exactly what is meant by this crucial phrase. From the
usage of the law in other sections it seems that the phrase does not necessarily mean that
Cilicia has been made a separate province”.
952 Pol. 21,42, 14; Liv. 38,38, 9.
953 Siehe unten Kap. II 12.
230
IL Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
78 griffen die Römer über diese Grenze hinaus,954 als ein bellum novum (Eutrop.
6, l, 1), ein neuer Seeräuberkrieg, in Kilikien und Pamphyiien entbrannte. Dabei
wurde die Piratenhochburg Korykos durch Truppen des Proconsuls P. Servilius
Vatia (78-76) eingenommen, der als erster Römer in Tauro iterfecit (Eutrop. 6, 3,
l)?55
Die Einrichtung der eirapxeia OTpaTqyiKn setzte die Seleukiden in Ostkilikien
unter Druck. Um die Städte an sich zu binden, waren sie, wie in Phönikien, zur
Vergabe bestimmter Privilegien gezwungen. So fällt wahrscheinlich die inschriftlich
bezeugte Verleihung der Asylie an das Isis- und Sarapisheiligtum von Mopsuhestia
in diese Jahre.956 Wahrscheinlich handelt es sich bei den in Zeile 4 dieser Inschrift
genannten „Königen“ um Seleukidenkönige,957 eben um Antiochos VIIL und Anti-
ochos IX.958 Mit Sicherheit darf man annehmen, daß die anderen ostkilikischen
Städte in dieser Zeit ähnliche Privilegien erhalten haben.
Die Verschiebung der seleukidischen Interessen in den nordsyrisch-kilikischen
Raum kommt auch in der Verheiratung der Tochter des Antiochos VIIL, Laodike
Thea Philadelphos, mit Mithradates I. Kallinikos von Kommagene zum Ausdruck.
Weder Laodike, die Tochter der Kleopatra Tryphaina, noch Mithradates I. werden
in den erzählenden Quellen erwähnt; die Eheschließung geht aber, wie Th. Momm-
sen als erster erkannte, aus der Inschrift OGIS 1383 hervor.959 Das Jahr der Hochzeit
ist unbekannt, könnte aber in die Zeit um 102 anzusetzen sein. Diese dynastische
Verbindung war für Antiochos VIIL in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: Zum
einen sicherte er die Nordgrenze seines Herrschaftsgebietes; möglicherweise zeich-
nete sich eine Bedrohung Syriens durch Armenien bereits ab.960 Zum anderen ge-
wann der achte Antiochos mit Mithradates I. einen wichtigen Verbündeten gegen
Antiochos IX. und so dürfte die Allianz mit Mithradates I. Kallinikos von Kom-
magene auch eine Reaktion auf die Ehe des neunten Antiochos mit der parthischen
Königstochter Brittane gewesen sein.961
954 Vielleicht, weil inzwischen Philipp I. in Olba verstorben war.
955 Er erhielt dafür den Beinamen Isauricus*. Festus 12; Eutrop. 6.3, 1. Geizer, Pompeius S. 75;
Christ, Krise S. 240 f.; Maroti, Seeräuberei S. 36: de Souza. Piracy S. 128 ff.; Bringmann,
Republik S. 293. Ebenso wurden einige lykische Städte, darunter Phaselis, eingenommen:
Eutrop. 6,3,1. Anführer der Seeräuber war Zeniketes. der sich nach der Eroberung des Olym-
pos durch die Soldaten des Servilius Vatia mit seiner Familie selbst tötete: Strab. 14. 5, 7 =
671. Eine umfassende Lösung des Seeräuberproblems brachte erst die Militäraktion des Pom-
peius im Jahr 66. Siche unten Kap. 11 13.
956 Die Asylie wurde im Jahr 85 von Sulla und Lucullus bestätigt: Sayar/Siewert/Taeuber, Asyl ie-
Erklärungen S. 113 ff. Zur Datierung ebenda S. 120; Rigsby, Asylia S. 465 ff. und Buraselis,
Asylie S. 156.
957 So auch die Herausgeber Sayar/Siewert/Taeuber. Asylie-Erklärungen S. 122 f.
958 Ich vermute, daß einer der beiden Könige die Asylie an das Heiligtum vergab und der andere
König diese dann auf Anfrage der Stadt hin bestätigte. Deshalb erscheinen die Könige in Zeile
4 im Plural.
959 Th. Mommsen, Die Dynastie von Kommagene, AM 1, 1876, S. 27-39.
960 Siehe unten Kap. II 12.
961 Von dieser Eheschließung berichtet allein Malalas in 208,26. Wenn die Überlieferung einen
historischen Kem hat, müßte ihr Vater Mithradates II. (122-91/88) gewesen sein. Vielleicht
11.) Tod des Antiochos VIIL und Gefangennahme des Demetrios III.
231
11.) TOD DES ANTIOCHOS VIIL (98/97) UND GEFANGENNAHME
DES DEMETRIOS III. (88/87)
Die näheren Todesumstände Antiochos* VIIL liegen im Dunkeln. Als Mörder nennt
Josephus einen Herakleon (ant. lud. 13, 365), der aus Berrhoia (sicher dem sy-
rischen) stammte.962 Dieser Herakleon war der „allmächtige Günstling“ des achten
Antiochos.963 Da er sich um die Disziplin der Soldaten bemühte,964 könnte er ein
hoher Offizier,965 vielleicht sogar der »Generalfeldmarschair des Antiochos VIIL
gewesen sein.966 Die Hintergründe der Mordtat kennen wir nicht; es scheint aber,
daß Herakleon eine eigene Herrschaft aufzurichten suchte.967 Gilt bislang das Jahr
96 als Todesjahr des Antiochos VIIL,968 so zeigen die nachstehenden Beobach-
tungen, daß dieses Datum mit ziemlicher Sicherheit nach oben zu korrigieren ist.
Der Überlieferung bei los. ant. lud. 13, 365 zufolge starb Antiochos VIIL nach
29 Regierungsjahren. Danach ergäbe sich vom Beginn der gemeinsamen Herrschaft
mit Kleopatra Thea im Jahr 125 an gerechnet (siehe oben) das Jahr 96 als Todesjahr.
Dieses Datum stellt für die Forschung einen der wenigen, literarisch gut bezeugten
Fixpunkte innerhalb der verwickelten Ereignisabfolge der späteren Seleukidenzeit
dar.969 Das Datum wird zudem durch Porphyrios bestätigt, der schreibt, daß der
achte Antiochos bis zum 4. Jahr der 170. Olympiade (= 97/6) regierte (FGrHist 260
F 32, 24).970 Doch kommt A. Houghton bei seinen Untersuchungen der seleuki-
dischen Münzprägung von Seleukeia am Kalykadnos in Kilikien971 angesichts der
handelte es sich bei ihr aber auch nur um eine Angehörige der parthischen Königsdynastie.
Zu welchem Zeitpunkt die Eheschließung stattfand, ist unbekannt. Doch war Antiochos IX.
seit Ende 112 Witwer.
962 Poseidonios bei Athen. 4,153 b. Zu Herakleon: W. Otto, Herakleon (3), RE VIII 1, Stuttgart
1912, Sp. 511; Malitz, Poseidonios S. 298 f.; Grainger, Prosopography S. 92; Carsana, Diri-
genze S. 157f.; Savalli-Lestrade, Philoi S. 88. Zum syrischen Berrhoia vgl. Schneider, Kul-
turgeschichte I S. 738; Fatouros/Krischer, Antiochikos S. 144.
963 W. Otto, Herakleon (3), RE VIII 1, Stuttgart 1912, Sp. 511.
964 Poseidonios bei Athen. 4,153 b-c. Malitz, Poseidonios S. 299.
965 So Malitz, Poseidonios S. 299.
966 Vielleicht der Position des Epigenes unter Seleukos m. und Antiochos III. vergleichbar. Zu
Epigenes: Grainger, Prosopography S. 89 und Ehling,,Reichskanzler4 S. 98f. Zu Herakleon
schreibt Grainger, Prosopography S. 92, er „held a military office“; Bevan, House II S. 259
meint, daß er „King’s minister“ gewesen sei. Bellinger, End S. 72 nennt ihn „minister of
war“.
967 Da er nach dem Tode des Königs „das Reich“ besetzte, wie es bei lustin prol. 39 heißt, siehe
unten.
968 Bevan, House IIS. 259; Bellinger, End S. 72; Will, Histoire IIS. 374 f.
969 Bevan, House II S. 259.
970 Seine Angabe, Antiochos VIIL habe insgesamt 26 Jahre geherrscht (FGrHist 260 F 32, 24),
zählt offenbar vom Beginn der Alleinherrschaft an, der Porphyrios zufolge dann im Jahr
123/22 anzusetzen wäre. Im Jahr 122/21 endete die gemeinsame Münzprägung von Kleopatra
Thea und Antiochos VIIL in Antiocheia. Tatsächlich regierte Antiochos VIIL ab Ende 121
alleine, siehe oben.
971 Die Münzen dieser Stadt sind an dem fünfblättrigen Blatt im Feld erkennbar, bei dem es sich
m. E. um ein Schilfblatt handelt. Der Flußgott Kalykadnos wird mit einem solchen Schilfblatt
232
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
hohen Prägequantität an Tetradrachmen dieser Münzstätte für Seleukos VI. (115
erhaltene Exemplare; 44 Vorder-, 106 Rückseitenstempel; 24 Monogrammkombi-
nationen) zu dem Schluß, daß diese Münzen nicht alle in einem kurzen Zeitraum
von zwei Jahren geprägt worden sein können.972 Houghton stellt fest: „The volume
and variety of coin issues, which is unparalleled at any other mint of the later Seleu-
cid Empire, argues ... that it was likely produced over a longer period, perhaps as
much as three or four years. This would place the beginning of Seleucus’ reign at
this city (and the presumed date of Antiochus VIII Grypus’ death) some years earlier
than has heretofore been supposed, perhaps in 98 or 97 B. C.“973 Für dieses Datum
spricht auch, daß die letzten datierten Münzen für den achten Antiochos in Damas-
kos mit dem Jahr 214 S. Ä., d.h. 99/98 ausgegeben wurden.974
Die Vermutung, daß das von Josephus bzw. Porphyrios überlieferte Datum auf
98/97 zu korrigieren ist, wird durch weitere Beobachtungen an der Münzprägung
des Demetrios III. bestätigt. Zunächst muß darauf hingewiesen werden, daß es einen
Bronzemünztyp mit dem Datum £IE (= 216 S. Ä. = 97/96) gibt,975 der der älteren
Forschung offenbar unbekannt war. Aus diesem Datum folgt, daß Demetrios III. in
jedem Fall schon 97/96 an der Macht war und nicht erst 96/95976 oder gar 95.977 An
diese datierten Bronzemünzen sollen im folgenden noch einige Überlegungen ge-
knüpft werden, die nicht nur eine Merkwürdigkeit bei den von Demetrios III. ge-
führten Epitheta erklären, sondern vor allem wahrscheinlich machen würde, daß
Demetrios III. bereits seit 98/97 König von Syrien und sein Vater zu diesem Zeit-
punkt bereits tot war.
Die Münzen überliefern für Demetrios III. sechs Beinamen: Euergetes, KalUni-
kos, Philometor, Philopator, Soter und Theos.™ Auf den datierten Münzen von
Damaskos, die von 97/96 bis 88/87 reichen, heißt er immer Theos Philopator Soter.
Die Beinamen Philometor Euergetes kommen dagegen nur auf wenigen Münzen
auf Münzen dargestellt, z.B. SNG Switzerland I 658 (Olba). Auf den seleukidischen Silber-
münzen fehlt das Ethnikon, vgl. aber etwa das Stück SNG Switzerland 1700 mit Schilfblatt-
motiv und Stadtnamen. Fr. Imhoof-Blumer, Zur syrischen Münzkunde, NZ 33, 1901, S. 4
weist als erster diese Münzen der Stadt Seleukeia am Kalykadnos zu. A. R. Bellinger, A Se-
leucid Mint at Elaeusa Sebaste. ANSMN 3,1948, S. 27 ff. und ders.. End S. 73 Anm. 64 stellt
diese Zuweisung in Frage. Während G. K. Jenkins, Recent Acquisitions of Greek Coins by
the British Museum, NC 1959, S. 44 f. Bellinger folgt, spricht sich O. M0rkholm, Two Seleu-
cid Coin Notes, NC 1957, S. 10 wieder für Seleukeia aus. Vgl. zuletzt A. Houghton/W. Moore,
Five Seleucid Notes. 5. Seleucus VI at Elaeusa Sebaste, ANSMN 33, 1988, S. 67 mit Anm.
27-30.
972 Houghton, Seleucia S. 97; Aperghis, Economy S. 239 schließt sich Houghton an.
973 Houghton, Seleucia S. 97 f.; Houghton/Müseler, Reigns S. 61.
974 Houghton, Seleucia S. 98.
975 CSE 858; SNG Israel 12825.
976 Bellinger, End S. 72.
977 Bevan. House II S. 260; Willrich, Demetrios (42) Sp. 2801 und Grainger, Prosopography S.
33.
978 Hinzu kommt noch der inoffizielle Beiname Eukairos, aus dem die Bevölkerung die Spottform
Akairos machte: los. ant. lud. 13, 370.
11.) Tod des Antiochos VIIL und Gefangennahme des Demetrios III.
233
vor, Tetradrachmen und Bronzen, die nach Antiocheia gehören.979 Die Epitheta
Philometor Euergetes Kallinikos erscheinen auf Bronzemünzen, die nach dem Re-
versmotiv, dem auf einem Thron liegenden Blitzbündel des Zeus, der Prägestätte
von Seleukeia in Pierien zugewiesen werden können.980 Weder die antiochenischen
noch die seleukeischen Münzen tragen ein Datum, sie sind aber bestimmt gleichzei-
tig geprägt worden, nur daß in Antiocheia der Kallinikos-Beiname weggelassen
wurde. Aber wie erklären sich diese ganz verschiedenen Epithetakombinationen, die
A. R. Bellinger so „curious“ erschienen?981 Bei der Lösung dieser Frage kann man
sicher davon ausgehen, daß die Münzen mit den Epitheta Philometor Euergetes bzw.
Philometor Euergetes Kallinikos nicht gleichzeitig mit den Theos Philopator Soter-
Münzen von Damaskos geprägt wurden. Da die Münzen von Damaskos alle fest in
die Zeit zwischen 97/96 und 88/87 datiert sind, liegt die Annahme auf der Hand, daß
die Münzen von Antiocheia bzw. Seleukeia früher als die datierten Münzen von
Damaskos ausgebracht wurden. Demetrios III. nannte sich also erst Philometor
Euergetes Kallinikos und nach der Einnahme von Damaskos Theos Philopator Soter,
d. h. es fand im Jahr 97/96 ein vollständiger Wechsel der Beinamen statt (dazu unten).
Für die Chronologie ergibt sich aus der Verwendung der Epitheta Philometor Euer-
getes Kallinikos die Vermutung, daß Demetrios III. dann bereits vor 97/96 König
und sein Vater, Antiochos VIIL, tot war. Zusammen mit der Argumentation A.
Houghtons bezüglich des Prägebeginns für Seleukos VI. in Seleukeia am Kalykad-
nos und der Tatsache, daß die letzten datierten Münzen für Antiochos VIIL in Da-
maskos im Jahr 99/98 ausgebracht wurden 982 wird damit sehr wahrscheinlich, daß
die bei Porphyrios und Josephus genannten Sterbedaten Antiochos’VIIL 97/96 bzw.
96 um ein Jahr auf 98/97 nach oben zu rücken sind.
Nach der Ermordung seines königlichen Wohltäters übte Herakleon für kurze
Zeit eine eigene Herrschaft aus.983 E. R. Bevan schloß aus Strabon 16, 2, 7 = 751,
der von einem Dionysios, Sohn des Herakleon, berichtet, daß es Herakleon gelang,
sich in Nordsyrien bei Bambyke und Berrhoia festzusetzen.984 Um 88 finden wir
diese Region allerdings von dem Tyrannen Straton regiert,985 so daß sich W. Otto
gegen Bevans Vermutung aussprach.986 Eigene Münzen jedenfalls hat Herakleon
979 Newell, SMAS. 118 Nr. 434; CSE 390 und eine Bronze: CSE 391.
980 Babelon, Rois S. 207 Nr. 1571-1573 mit Taf. 28, 55: Gardner, BMC Seleucid Kings S. 101
Nr. 7 mit Taf. 26, 11; SNG Cop. 417; CSE 414; SNG Israel I 2824.
981 End S. 75 Anm. 75. Bevan diskutiert die Beinamen-Problematik nicht.
982 So späte Stücke kannte Newell, LSM S. 73 ff. noch nicht; Houghton/Müseler, Reigns S. 60f.
mit Anm. 11.
983 lust. prol. 39 schreibt: Ut in Syria Heracleo post mortem regis occuparit Imperium. Bevan,
House II S. 259.
984 House II S. 259. Vgl. auch Bellinger, End S. 72 mit Anm. 60. Berrhoia war die Heimatstadt
des Herakleon: Poseidonios bei Athen. 4, 153 b. In dieser Gegend wäre dann auch eine nach
Herakleon benannte Stadt gegründet bzw. umbenannt worden: Strab. 16,2,7 = 751. Zu Hiera-
polis (Bambyke) und Berrhoia: Orth, Geographie S. 84; 87.
985 los. ant. lud. 13, 384. Berve. Tyrannis I S. 433.
986 Herakleon (3), RE VIII1, Stuttgart 1912, Sp. 512; Grainger, Prosopography S. 92 folgt Bevan
und sieht in Straton einen Sohn des Herakleon.
234
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
nicht schlagen lassen; ob er den Königstitel führte, ist ungewiß, aber eher unwahr-
scheinlich.
Unmittelbar nach der Ermordung des Antiochos VIIL (98/97) erhoben sich Se-
leukos VI. und Demetrios III., um die Nachfolge ihres Vaters anzutreten.987 Seleukos
VI. etablierte sich in Kilikien988 mit Residenz in Seleukeia am Kalykadnos. Demet-
rios III. kam von Knidos (los. ant. lud. 13,370) und landete - nach den Bronzemün-
zen mit den Epitheta Philometor Euergetes Kallinikos zu schließen - mit Hilfe
Ptolemaios’ IX. Soter II. in Seleukeia in Pierien.989 Es gelang ihm sogar, Antiocheia
einzunehmen, wie die in der Hauptstadt für Demetrios III. geprägten Tetradrachmen
mit den Beinamen Philometor Euergetes beweisen, die auch den ersten, noch bart-
losen Porträttyp aufweisen.990 Ob sich Antiochos IX. zu diesem Zeitpunkt in Anti-
ocheia oder irgendwo in Syrien befand, ist unklar. Demetrios III. scheint sich einige
Wochen oder Monate in der Hauptstadt gehalten zu haben, denn es gibt Bronzen,
die zu den Beinamen Philometor Euergetes einen bärtigen Kopf zeigen.991 Vermut-
lich mußte er dann den Truppen Antiochos’ IX. weichen. Um diese Zeit etwa dürfte
der neunte Antiochos Kleopatra V. Selene, die ehemalige Frau Antiochos* VIIL,
geheiratet haben.992 Mit dieser Ehe trat Antiochos IX. das Erbe seines Halbbruders
an.
Nach der Inschrift IvPriene 121 Zeile 14, die Seleukos (VI.) noch ohne Königs-
titel als Prinzen nennt,993 läßt sich vermuten, daß dieser bereits von seinem Vater
Antiochos VIIL mit gewissen Regierungsaufgaben betraut worden war. Möglicher-
weise war Seleukos VI. daher der älteste Sohn des achten Antiochos994 und als sein
Nachfolger vorgesehen. Bei seinem Regierungsantritt war er höchstens etwa 25 Jahre
alt;995 vermutlich war er in Athen erzogen worden.996 Von Seleukeia aus unterwarf
Seleukos VL, mit seinem Heer umherziehend, viele Städte (Euseb. Chron. I 259 f.
= FGrHist 260 F 32,25). Vermutlich diente ihm seine reiche Tetradrachmenprägung
987 Zu Herkunft und Alter der beiden Könige siehe unten.
988 Bellinger, End S. 72.
989 Der Ort nach den Münzzeugnissen: Babelon, Rois S. 207 Nr. 1571-1573 mit Taf. 28, 55;
Gardner, BMC Seleucid Kings S. 101 Nr. 7 mitTaf. 26, 11; SNG Cop. 417; CSE414; SNG
Israel 1 2824. Zur ptolemäischen Unterstützung siehe unten.
990 Newell, SMA S. 118 Nr. 434; CSE 390.
991 CSE 391.
992 App. Syr. 69, 366. Die Hochzeit läßt sich nicht genau datieren. Möglich wäre auch, daß sie
schon zu Lebzeiten des Antiochos VIIL stattfand: Wilcken, Antiochos (32) Sp. 2484.
993 ... Kai 7rpö<; EeXeukov töv ßacnXewc ’Avtiöxov toü ey ßaaiXca^ AqpqTpifov]. Siehe
auch oben Kap. I 2,4.
994 Seleukos VI. gilt in der Literatur als der älteste Sohn: Bellinger, End S. 72. Dies könnte aber
auch Demetrios 111. gewesen sein, von dessen Kindheit und Jugend wir allerdings nichts
wissen. Überliefert ist lediglich, daß er sich vor seinem Regierungsantritt in Knidos aufhielt:
los. ant. lud. 13, 370.
995 Die Ehe zwischen Antiochos VIIL und der ägyptischen Prinzessin Kleopatra Tryphaina wurde
etwa 124 geschlossen. Siehe oben Kap. II9.
996 Was sich nach der Inschrift OGIS 1 261 = IvDelos 1553 vermuten läßt, siehe oben Kap. 1 2,
4.
11.) Tod des Antiochos VIII. und Gefangennahme des Demetrios III.
235
(siehe oben) zur Bezahlung der Söldner,997 Als erstes fiel Tarsos unter seine Kon-
trolle.998 Wahrscheinlich nicht erst 96/95 (Euseb. Chron. I 259 = FGrHist 260 F 32,
24), sondern nach der verbesserten Chronologie bereits 97/969" kam es vor den
Toren Antiocheias zur Entscheidungsschlacht zwischen Seleukos VL und Antiochos
IX. Dabei geriet der etwa 35 Jahre alte neunte Antiochos1000 mit seinem Pferd mitten
in die feindlichen Schlachtreihen. Porphyrios berichtet dann weiter, daß Antiochos
IX., um der Gefangennahme zu entgehen, sich mit dem Schwert selbst tötete (Euseb.
Chron. I 259 = FGrHist 260 F 32, 25), während Josephus schreibt, daß der gefan-
gengenommene König auf Befehl Seleukos’ VI. hingerichtet wurde.1001 Es läßt sich
im nachhinein nicht mehr feststellen, welche Todesversion die historisch authen-
tische ist; es ist aber anzunehmen, daß Seleukos VI. erklären ließ, daß nach erfolg-
reich geschlagener Schlacht und Gefangennahme Antiochos’ IX. dieser hingerichtet
wurde, während die überlebenden (piXoi oder ein Hofhistoriker des neunten Antio-
chos und sein Sohn, der spätere Antiochos X., die Geschichte vom heldenhaften
Selbstmord in Umlauf brachten.1002
Seleukos VI. zog siegreich in Antiocheia ein.1003 Auf seinen Erfolg über Antio-
chos IX. spielt die Nike, das Reversmotiv der in Antiocheia geprägten Drachmen,
an.1004 Auf den antiochenischen Münzen führt er - wie in Seleukeia am Kalykadnos
und Tarsos1005 - die Epitheta Epiphanes Nikator.1006 Ein besonderer Porträttyp auf
Tetradrachmen stellt Seleukos VI. mit kleinem Stierhom über der Schläfe dar, das
an Io aber auch an die irpoyovoi Demetrios II. und Seleukos I. erinnern soll.1007
Die kleinen Hörner wurden von N. Dürr entdeckt.1008 Zu Recht erkennt er in
diesen keine dionysischen Bezüge. Überlegenswert ist der Gedanke, daß Seleukos
VI. als Flußgott Orontes dargestellt sein könnte;1009 er verwirft ihn aber mit dem
Hinweis, daß „uns bisher noch keine gehörnten Darstellungen dieses Flußgottes
997 Vgl. auch Bellinger, End S. 73 Anm. 64, wenn auch mit Zuschreibung der Münzen an die
Münzstätte von Elaiussa.
998 Vgl. die von G. Le Rider, Monnaies grecques recemment acquises par le Cabinct de Paris,
RN 1969, S. 13 mit Taf. 1 publizierte Tetradrachme mit dem Sandan-Monument.
999 Siehe dazu auch oben Kap. 11,1. Houghton, Struggle S. 66 nimmt an, daß Seleukos VI. erst
nach einer Rüstungsphase von zwei Jahren im Jahr 95 gegen Antiochos IX. zog.
1000 Er ist vermutlich um 133 geboren: Ehling, Nachfolgeregelung S. 35.
1001 Ant. lud. 13, 366. Bellinger, End S. 72f.; Ehling, Miszellen S. 377.
1002 Zu den Selbstmorden der Seleukidenkönige vgl. Ehling, Miszellen S. 376ff.
1003 FGrHist 260 F 32,25. Aber bereits 97/96, nicht erst 95, so Bellinger, End S. 73 und Houghton,
Struggle S. 66.
1004 Naville, Kat. 10, 1508-1510: CSE 375; SNG Israel I 2773; 2776.
1005 Zu den Münzen von Seleukeia: Houghton, Seleucia S. 91 ff., zu denen von Tarsos: G. Le
Rider, Monnaies grecques recemment acquises par le Cabinet de Paris, RN 1969, S. 13 mit
Taf. 1.
1006 Babelon, Rois S. 198ff. Nr. 1511 ff.; Newell, SMA S. 111 ff. Nr. 421 ff.; CSE 361 ff.; SNG
Israel I 2768 ff.
1007 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 85.
1008 Dürr, Seleukos VI. S. 90ff.
1009 So wurde der Makedonenkönig Demetrios Poliorketes als Sohn des Poseidon wie ein Flußgott
mit Hörnern dargestellt: Ehling, Demetrios Poliorketes S. 153-160. Zu Flußgöttem mit Hör-
nern: Ail. var. 2, 33.
236
11. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
bekannt“ sind.1010 Dürr entscheidet sich für eine Deutung der Hörner auf Io: „Wenn
wir aber auf die Gründungslegende Antiochias, überliefert von Malalas, zurückgrei-
fen, so finden wir dort einen sehr verführerischen Anhaltspunkt. Nach dieser Le-
gende soll Io, die von Zeus in eine Kuh verwandelte Nebenbuhlerin der Hera, auf
ihren Irrwanderungen und Abenteuern von Ägypten nach Syrien gelangt (sein) ...
Nach ihrem darauffolgenden Tode wurde ihr an Ort und Stelle ein Grabmal und ein
Heiligtum errichtet, und bald bildete sich dort eine Stadt, lopolis, das spätere Anti-
ochia.“ Dürr kommt zu dem Schluß: „Auf den ersten Blick scheint es nicht ausge-
schlossen zu sein, daß Seleukos VI., an die Überlieferung der Gründung Antiochias
anknüpfend, sich als besonderer Beschützer dieses nationalen Kultes ausgab und
sich auf seinen Tetradrachmen - einzig auf den in der Münzstätte Antiochia ge-
prägten - mit den Attributen der Io, den kurzen Kuhhömern, abbilden ließ“.1011 -
Über den lo-Bezug hinaus wollte Seleukos VI. mit den Hörnern sicher auch an sei-
nen Großvater Demetrios II. und den großen Dynastiegründer Seleukos I. erin-
nern.1012 1013 1014 Denn beide ließen sich nicht nur mit Hörnern darstellen, sondern führten
auch den Beiname Nikator.m3
Andere Münzen des Seleukos VI. zeigen auf der Rückseite Füllhorn und Getrei-
deähre,10,4 Motive, die den Untertanen Glück und Wohlstand versprechen. Doch
galt der König als besonders gewalttätig und tyrannisch (App. Syr. 69, 365). Der
sechste Seleukos konnte sich nach einem neu bekannt gewordenen Marktgewicht
bis wenigstens Herbst 95 in Antiocheia halten.1015 In der Stadt wurden unbärtige und
bärtige Porträttypen geprägt, auch dies ein Hinweis auf einen längeren Aufent-
halt.1016 Es ist aber damit zu rechnen, daß der Sohn des Antiochos IX., Antiochos
1010 Dürr, Seleukos VI. S. 91.
1011 Dürr, Seleukos VI. S. 91. In Libanios’ Rede Antiochikos 11, 92 werden die Stierhömer, mit
denen Seleukos 1. in Antiocheia statuarisch dargestellt wurde, tatsächlich auf lo bezogen; die
Stelle ist Dürr entgangen. Die Angleichung eines hellenistischen Königs an eine weibliche
Gottheit ist für Alexander d. Gr. (Artemis), Ptolemaios I. (Athena) und Demetrios Poliorketes
(Demeter: Plut. Demetr. 12,1) bezeugt. Die Belege bietet: M. Rosenbach, Galliena Augusta.
Einzelgötter und Allgott im galiienischen Pantheon, Tübingen 1958, S. 32 f. Zu Demetrios
Poliorketes vgl. außerdem: Ehling, Demetrios Poliorketes S. 157. Rosenbach S. 37 ff. gibt
zudem die Belege für die Angleichung der römischen Kaiser an weibliche Gottheiten. Beson-
ders weil darin ging Gallienus. Zu Gallienus zuletzt: R. Göbl. Die Münzprägung der Kaiser
Valerian I./Gallienus/Saloninus (253/268), Regalianus (260) und Macrianus/Quietus (260/262)
(MIR 36,43,44), Wien 2000, S. 68 f.
1012 Siehe auch oben Kap. 11 9. Seleukos I. wurde auf Standbildern mit Hörnern dargestellt: App.
Syr. 57, 294; Lib. Antiochikos 11, 92. Zu den Hörnern des Demetrios II. vgl. die nach seiner
Rückkehr aus der parthischen Gefangenschaft geprägten Münzen von Antiocheia (CSE 288 ff.;
Ehling, Geschichte Taf. 1 1; D. Gorny, München, Kat. 97, Okt. 1999,507), Damaskos, Ptole-
mais und Sidon: Dürr, Demetrios II. S. 9 sowie von Tarsos und Mallos: CSE S. 17 f. - Zu den
Hörnern der Seleukidenkönige vgl. auch Daniel 7,7 und die Bemerkung von G. Theißen, Das
„schwankende Rohr“ in Mt 11,7 und die Gründungsmünzen von Tiberias. Ein Beitrag zur
Lokalkoloritforschung in den synoptischen Evangelien, ZDPV 101, 1985, S. 50.
1013 Ehling, Geschichte S. 143. Zustimmend Mittag, Demetrios II. S. 395 f.
1014 Naville, Kat. 10, 1511; CSE 376 f.; SNG Israel 1 2774; 2777 f.
1015 Weiß/Ehling, Marktgewichte S. 371 ff.
1016 Unbärtige Porträts: Naville, Kat. 10, 1496-1500; 1510; CSE 361 ff.; SNG Israel I 2768 ff.;
11.) Tod des Antiochos VIIL und Gefangennahme des Demetrios III.
237
X. Eusebes Philopator, der unmittelbar nach dessen Tod die Herrschaftsnachfolge
antrat,1017 schon bald gegen Seleukos VI. zu Felde gezogen sein wird. Antiochos X.
war in Arados zum König ausgerufen worden (los. ant. lud. 13, 367) und heiratete
Kleopatra V. Selene, die letzte Ehefrau seines Vaters und vormalige Ehefrau Antio-
chos’ VIIL1018 Als Rächer zog Antiochos X. gegen Seleukos VI., den er im Laufe
des Jahres 95/94 aus Antiocheia und ganz Syrien verdrängte.1019 Bei Mopsuhestia
in Kilikien kam es zu Gefechten (los. ant. lud. 13, 368; Euseb. Chron. I 259f. =
FGrHist 260 F 32, 26); Seleukos VI. unterlag und mußte sich mit seinen cpiXoi in
der Stadt verschanzen. Von der städtischen Bevölkerung (Öfjpoc) forderte der König
Geld (xpruuotTa), das ihm jedoch verweigert wurde. Die Situation eskalierte, und
die empörten Bewohner zündeten den Königspalast1020 und/oder das Gymnasium
an (App. Syr. 69, 365). Dabei soll Seleukos VI. peTa twv cpiXwv in den Flammen
umgekommen sein (so los. ant. lud. 13, 368) oder aber sich bereits vorher selbst
getötet haben (so Euseb. Chron. 1261 f. = FGrHist 260 F 32,26). Wieder liegen zwei
unterschiedliche Todesberichte vor.1021 Der Tod von eigener Hand war dabei die
ehrenvollere, »heroischere* Todesart. Möglicherweise begingen Seleukos VI. und
seine cpiXoi gemeinsam Selbstmord.1022
Da Antiochos XI. und Philipp I. unmittelbar nach diesen Ereignissen des Jahres
94 (?) als Könige und Rächer ihres Bruders auftraten, ist die Vermutung von E. R.
Bevan plausibel, daß sie sich zu diesem Zeitpunkt in Kilikien aufhielten.1023 Sehr
wahrscheinlich gehörten sie zum engsten Gefolge Seleukos’ VI., waren aber durch
einen Zufall nicht in Mopsuhestia gewesen. Die Zwillingsbrüder Antiochos XI. und
bärtige Porträts: Naville, Kat. 10,1501; 1508 f.; 1511; CSE 373 f.; SNG Israel 12775. Hough-
ton nimmt an, daß etwa ein Jahr lang für Seleukos VI. in Antiocheia Münzen geprägt wur-
den.
1017 los. ant. lud. 13, 367. Wilcken, Antiochos (33) Sp. 2484. Zum Beinamen Eusebes schreibt
App. Syr. 69, 366, daß er Antiochos X. von den Syrern wegen seiner Frömmigkeit beigelegt
wurde.
1018 So ausdrücklich App. Syr. 69, 366. Bellinger, End S. 74 mit Anm. 69. Hölbl, Geschichte S.
324 Anm. 151. Dagegen meint Bevan, House II S. 304 mit Appendix W, dies sei nun doch zu
viel des Guten und es müsse sich bei dieser Selene um eine andere Frau gleichen Namens
handeln. Der Kultname ist für Kleopatra V. durch Strabon (16, 2, 3 = 749) und Münzen be-
zeugt: Bellinger, Notes S. 53, siehe unten. - Wenn Wilcken, Antiochos (33) Sp. 2484 meint,
daß die Thronansprüche des Antiochos X. kaum berechtigt waren, so verkennt er, daß nach
dem charismatisch-agonalen Selbstverständnis der Zeit im Prinzip jeder Königssohn Anspruch
auf die Königsherrschaft hatte, siehe oben Einleitung unter Punkt 4 und unten Kap. III.
1019 los. ant. lud. 13,367. Daß sich Antiocheia zumindest im Herbst 95 noch unter Kontrolle des
sechsten Seleukos befand, beweist das Gewicht: Weiß/Ehling, Marktgewichte S. 371 ff.
1020 los. ant. lud. 13, 368: ßaoiXEia. Bereits Xenophon Anab. 1, 2, 7 verwendet den Plural
ßaoiXEia für „Palast, Schloß“. Zu avXr|, ßaoiXEiov und ßaoiXEia siehe die Literatur in Kap.
II 6 Anm. 447.
1021 Jacoby, FGrHist (1930) S. 876; Bellinger, End S. 74 mit Anm. 70; Ehling, Miszellen S. 377.
1022 Ehling, Freunde S. 41 mit Anm. 6. Isokrates (or. II 36) fordert, daß der gute König einen
rühmlichen Tod einem Leben in Schande vorziehen soll; von Selbstmord spricht er aber nicht
ausdrücklich. Das Todesjahr des Seleukos VI. dürfte demnach das Jahr 94, nicht 95, gewesen
sein: Weiß/Ehling, Marktgewichte S. 375.
1023 House II S. 260; Treves, Philippos (68) Sp. 2553.
238
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Philipp I. wurden unter den Namen Epiphanes Philadelphias zu Königen ausgeru-
fen.1024 Ihre erste Tat bestand darin, „mit heeresmacht heranrückend“ Mopsuhestia
einzunehmen1025 und zur Strafe in Schutt und Asche zu legen.1026 Möglicherweise
wurde Berrhoia in Nordsyrien von Antiochos XI. und Philipp I. zum Hauptquartier
ausgebaut;1027 auch Tarsos wurde vermutlich von ihnen kontrolliert. In diesen Städ-
ten wären dann wohl auch ihre Münzen geprägt worden.1028 Diese zeigen das Dop-
pelporträt der beiden Brüder so hintereinander gestaffelt, daß der Kopf des - im
Gegensatz zu Philipp I. - leicht bärtigen Antiochos XL im Bildvordergrund steht.
Die Legende lautet BAEIAEQE ANTIOXOY KAI BAEIAEQE 4>IAHIII0Y,
nennt also auch den Namen des Antiochos XL zuerst, der ganz offenbar die führende
Rolle einnahm. Von Berrhoia (?) aus gingen sie vermutlich noch im Jahr 94 zum
Angriff auf Antiochos X. über.1029 Es gelang ihnen, den Sohn des neunten Antiochos
aus Antiocheia zu vertreiben und die Stadt zu besetzen. E. T. Newell kannte nur eine
einzige in Antiocheia geprägte Tetradrachme des Antiochos XL und ging deshalb
von einer kurzen, nur wenige Wochen dauernden Regierung in der Hauptstadt
aus.1030 Inzwischen sind weitere Stempel bekannt geworden,1031 die A. Houghton
mit Recht zu der Vermutung geführt haben, daß die Herrschaft länger als bislang
angenommen dauerte, vermutlich einige Monate.1032 Zudem gibt es von Antiochos
XL einen antiochenischen Porträttyp, der ihn glattrasiert,1033 einen anderen, der ihn
mit Backenbart darstellt,1034 möglicherweise ein weiteres Indiz für eine längere
Regierungszeit.1035 Auch waren bis vor kurzem nur Münzen des Antiochos XL aus
Antiocheia bekannt, bis im Münzhandel ein Exemplar auftauchte, das das von den
Münzen Berrhoias (?) her bekannte Doppelbildnis aufweist, aber aus stilistischen
Gründen sicher der Münzstätte von Antiocheia entstammt.1036 Antiochos XL und
Philipp I. haben daher auch in der syrischen Hauptstadt gemeinsam regiert.1037
1024 Zum P/n/ötte/p/ios-Beinamen vgl. allgemein F. Muccioli, Considerazioni generali su 11 ’ epiteto
4>iX65eX(po^ nelle dinastie ellenistiche e sulla sua applicazione nella titolatura degli Ultimi
Seleucidi, Historia 43, 1994, S. 402-422 und speziell Ehling. Miszellen S. 374 ff.
1025 So der armenische Poiphyrios-Text in der Übersetzung von Jacoby. FGrHist 260 F 32,26.
1026 Bellinger. End S. 74; Houghton, Struggle S. 67. Dies hat Rigsby. Asylia S. 466 übersehen.
1027 Zumindest hatte Philipp I. im Jahr 88 dort dann sein Quartier: los. ant. lud. 13,384. Bellinger.
End S. 76. Siehe auch unten.
1028 Vgl. die Zuschreibungen durch Houghton. Double Portrait S. 79 ff. und dens., Struggle S. 65;
67.
1029 Newell, SMA S. 115 setzt dieses Ereignis ins Jahr 93. Ihm folgen Bellinger, End S. 92 und
Houghton, Double Portrait S. 79 und ders., Struggle S. 67. Siehe unten zur Begründung mei-
ner Datierung.
1030 SMA S. 115 Nr. 433.
1031 Vgl. den Kommentar von Houghton, CSE S. 24 sowie Houghton, Double Portrait S. 79 ff. und
das Stück SNG Israel I 2797.
1032 Vgl. den Kommentar von Houghton, CSE S. 24.
1033 CSE 387 f.: SNG Israel I 2798.
1034 CSE 389; SNG Israel I 2797.
1035 Vgl. Houghtons Kommentar CSE S. 24.
1036 Houghton, Struggle S. 65.
1037 Nach einer Notiz bei Malalas nimmt Rigsby, Asylia S. 497 an. daß Antiochos XI. dem Apol-
lon-Artemis-Tempel von Daphne die Asylie verlieh.
11.) Tod des Antiochos VIII. und Gefangennahme des Demetrios III.
239
Der aus Antiocheia vertriebene Antiochos X. Eusebes Philopator sammelte in
der Zwischenzeit neue Truppen und frische Kräfte und griff im Jahr 94/93 die Zwil-
lingsbrüder an.1038 Vermutlich kam es - wie schon zwischen Antiochos IX. und
Seleukos VI. - wieder vor den Toren Antiocheias zur Entscheidungsschlacht. Die
Soldaten Antiochos’ X. waren siegreich (Euseb. Chron. 1261 f. = FGrHist 260 F 32,
26). Als Antiochos XI. dem Kampfgetümmel zu entfliehen suchte, stürzte er, „da er
allzu verwegen sein roß ritt“, in den Orontes und ertrank.1039 Da der Fluß offenbar
sehr viel Wasser führte (als Folge der Schneeschmelze?), könnte der Sieg
Antiochos’ X.1040 demnach in das Frühjahr 93 (?) fallen.
Vermutlich hielt sich Antiochos X. im Frühjahr 93 (?) nicht lange in Antiocheia
auf, sondern setzte Philipp L, der sich wahrscheinlich nach Berrhoia zurück gezogen
hatte, nach.1041 Es ist fraglich, ob in Antiocheia im Jahr 93 für Antiochos X. über-
haupt Münzen geprägt wurden, denn seine Tetradrachmen, Drachmen und Bronzen
scheinen alle in seine erste Regierungsphase zu gehören.1042
In den Konflikt zwischen Antiochos X. und Philipp I. schaltete sich nun Demet-
rios III., der Bruder des letzteren, ein (los. ant. lud. 13,371). Demetrios III., der sehr
wahrscheinlich nach der Machtübernahme Antiochos’ X. endgültig aus Syrien ver-
drängt worden war, hatte im Jahr 97/96 ein Königtum in Koilesyrien errichtet mit
Residenz in Damaskos.1043
Wenn Josephus schreibt (ant. lud. 13, 370), daß Ptolemaios IX. Soter II. (mit
dem Spottnamen Lathyros, „Kichererbse“) Demetrios (III.) aus Knidos herbeigeru-
fen und in Damaskos als König eingesetzt hatte (KaTeaTijaev ev AapaoKW
ßaaiXca), so ist diese Version eine so komprimierte Zusammenfassung, daß der
tatsächliche Ereignisverlauf der Machtübernahme des Demetrios III. erst noch zu
rekonstruieren ist.1044 Zunächst muß man sich vergegenwärtigen, daß Ptolemaios
IX. Soter II. seit 106/05 auf Cypem regierte.1045 Nach dem Tode des Antiochos VIIL
im Jahr 98/97 versuchte Ptolemaios IX. offenbar in Syrien wieder Einfluß zu gewin-
nen, indem er seinen in Knidos lebenden Vetter Demetrios (III.) mit Geld, Truppen
und Schiffen unterstützte. Denn Demetrios’ III. Mutter, die Ptolemäerin Tryphaina,
war die Schwester des neunten Ptolemaios. Mit ptolemäischer Hilfe landete der dritte
Demetrios in Seleukeia in Pierien (siehe oben), dessen Bevölkerung von jeher be-
1038 Zur Begründung des Datums siehe unten.
1039 Übersetzung der armenischen Version von F. Jacoby, FGrHist 260 F 32,26 = Euseb. Chron.
1261 f. Sehr knapp schreibt los. ant. lud. 13,369 über die Ereignisse, dem hier, wie mir scheint,
keine ausführlichere Quelle zur Verfügung stand. Auch meint er, daß Philipp I. erst nach dem
Tode des elften Antiochos das Diadem nahm.
1040 Vgl. auch Houghton, Struggle S. 67.
1041 Dort hatte er im Jahr 88 sein Quartier: los. ant. lud. 13, 384.
1042 Vgl. auch die Bemerkung von Houghton, CSE S. 24, der keine Möglichkeit sieht, die über-
lieferten Münzen des zehnten Antiochos in zwei Prägephasen zu unterteilen.
1043 Vgl. los. ant. lud. 13,370 und die Münzen: Newell, LSM S. 78ff. Nr. 115 ff.; CSE 858-863;
SNG Israel 12825-2867.
1044 Die Forschung ist ausnahmslos der sehr verkürzten Überlieferung bei Josephus gefolgt.
1045 Hölbl, Geschichte S. 187.
240
11. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
sonders ptolemäerfreundlich eingestellt war.1046 Bereits hier (nicht erst in Damaskos)
wurde Demetrios III. zum König proklamiert. Durch die Verwendung des Beinamens
Philometor bekannte er sich zu seiner Mutter Tryphaina und drückte dadurch ebenso
seine Verbundenheit mit Ptolemaios IX. offen aus. Allerdings konnte sich Demetrios
III. nicht lange in Seleukeia und Antiocheia halten; dafür gelang es ihm, Damaskos
im Jahr 97/96 einzunehmen. Aus unbekannten Gründen war die Allianz zwischen
Demetrios III. und Ptolemaios IX. in der Zwischenzeit zerbrochen. Dieser Vorgang
wird daran sichtbar, daß der Seleukide den Philometor-Namen abstieß und sich statt
dessen nun durch den Beinamen Philopator auf sein väterliches Erbe berief. Der
Bruch mit Ptolemaios IX. erklärt also den Wechsel der Beinamen von Philometor
Euergetes Kallinikos zu Theos Philopator Soter.
Damaskos, die Hauptstadt des Demetrios III., nahm den dynastischen Namen
Demetrias an.1047 Städtische Bronzemünzen, die aus der Zeit zwischen 97/96 und
85/84 stammen,1048 tragen auf der Rückseite die Legende AHMHTPIEQN THC
IEPAC. Damaskos/Demetrias wurde unter Demetrios III. „heilig“ und erhielt sicher
auch die Asylie, die nur aus Raumgründen nicht in der Münzlegende genannt
wird.1049 Die in Damaskos/Demetrias geprägten königlichen Tetradrachmen sind
besonders bemerkenswert, weil ihre Reversbilder nicht mehr den seit der Zeit des
Demetrios II. üblichen Zeus Nikephoros,1050 sondern eine einheimische Gottheit,
Atargatis (Aphrodite Anaitis), darsteilen.1051 Das Kultbild erscheint in unterschied-
lichen Gewandungen als altertümliches Xoanon;1052 hinter den Schultern der Göttin
ragen Getreideähren auf, was auf ihre Funktion als Fruchtbarkeitsgöttin hin weist.1053
Während also auf den unter königlicher Regie geprägten Silberstücken die einhei-
mische Atargatis erscheint, tragen die städtischen Prägungen ,griechische Bilder4:
1046 Nicht zuletzt hatte sich Kleopatra Thea vielleicht schon im Jahr 131 deshalb nach Seleukeia
zurückgezogen und Ptolemaios IX. Soter II. von dort aus die Eroberung Cypems betrieben:
Hölbl, Geschichte S. 187 und oben Kap. II 9.
1047 Babelon, Rois S. 208 Nr. 1578; Wroth, BMC Galatia S. 75ff.; 289; Hunter III, S. 115 Nr. 9
mit Taf. LXX 17; Head. HN S. 785; Newell. LSM S. 83f.; Y. Meshorer, Nabataean Coins
(Qedem. Monographs of the Institute of Archaeology. The Hebrew University of Jerusalem
3, Jerusalem 1975), S. 12 f.
1048 Wroth, BMC Galatia S. 76:95-85/84. Vgl. auch H. Seyrig, Antiquites syriennes. 43. Demet-
rias de Phenicie, Syria 27, 1950, S. 50-56 mit Abb. S. 51 a-d; Bellinger. End S. 78 Anm. 88
datiert die Münzen alle ins Jahr 85/84, d. h. in die Zeit nach dem Tode des zwölften Antiochos
und vor der Übergabe von Damaskos an Aretas III.
1049 Der Titel scheint kombiniert vergeben worden zu sein, siehe oben Kap. I 3, 5 und vgl. etwa
die Münzen von Tyros.
1050 Seit der Rückkehr des Demetrios II. im Jahr 129: Newell, LSM S. 49 ff. Nr. 67.
1051 Naville, Kat. 10, 1552-1558; Newell, LSM S. 78 ff. Nr. 115 ff.; Gomy & Mosch, München,
Kat. 117, Okt. 2002,327; 328; Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 189 ff. mit Abb.
74; Fleischer, Artemis S. 263ff. mitTaf. Ulf.
1052 Fleischer, Artemis S. 265; Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 190.
1053 Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 190.
11.) Tod des Antiochos VIII. und Gefangennahme des Demetrios III.
241
Apollon,1054 die Tyche von Damaskos/Demetrias im Typus der Tyche von Antio-
cheia,1055 Nike und eine männliche Gottheit (Zeus?).1056
Vermutlich zog Demetrios III. bereits im Frühjahr 93 von Koilesyrien aus in den
Norden, um seinen in Bedrängnis geratenen Bruder Philipp I. gegen Antiochos X.
zu unterstützen (los. ant. lud. 13,371). In den Jahren zwischen 94 und 93/92 leistete
Antiochos X. den beiden hartnäckigen Widerstand, wurde aber darüber hinaus in
Kämpfe gegen die Parther verwickelt (los. ant. lud. 13, 371). Diese wurden von
einer Laodike angeführt, die Josephus als Königin des Araberstammes der Samenoi
bezeichnet.1057 Bei Laodike könnte es sich um eine Tochter des Antiochos IX. und
Schwester des Antiochos X. handeln, was vielleicht erklären würde, warum Antio-
chos X. ihr zu Hilfe kam (siehe Familienstammtafel).1058 Wieder gibt es mehrere
Nachrichten vom Ende des zehnten Antiochos: Josephus schreibt, Antiochos X. sei
bei Kämpfen gegen die Parther gefallen (ant. lud. 13, 371). Bei Porphyrios (Euseb.
Chron. I 261 f. = FGrHist 260 F 32) heißt es, der König sei nach der Niederlage
gegen Philipp I. und Demetrios III. zu den Parthem geflohen.1059 Appian hingegen
behauptet, daß erst der armenische König Tigranes II. Antiochos X. im Jahr 83 aus
Syrien vertrieben hätte (48,248; 69,366). U. Wilcken hielt die Nachricht bei Appian
für durchaus glaubwürdig,1060 doch müßte bei einer Regierungszeit von zwölf, drei-
zehn Jahren bis zur Eroberung des Seleukidenreiches durch Tigranes II. im Jahr 83,
eine sehr viel umfangreichere Münzprägung für den zehnten Antiochos vorliegen.
Da Porphyrios (= Euseb. Chron. I 261 f.) Antiochos X. mit dessen Sohn Antiochos
XIII. verwechselt,1061 könnte seine Version, Antiochos X. sei zu den Parthem geflo-
hen, sich aus dieser Verwechslung erklären. Wahrscheinlich ist Antiochos X. also
doch im Jahr 93/92 bzw. 92 gefallen.1062 Vielleicht wurde von parthischer Seite
behauptet, der König befände sich in ihrer Hand oder sein Leichnam konnte auf dem
1054 Babelon, Rois S. 208 Nr. 1578.
1055 Prottung, Stadttyche S. 105 ff.
1056 Wroth, BMC Galatia S. 289 Nr. 1-5; Hunter III S. 115 Nr. 14 mit Taf. LXX 17 (Tyche). Zur
Datierung der städtischen Münzen vgl. auch Nolle, Seleukeia S. 90 f., der davon ausgeht, daß
die Stadt sehr bald nach der Gefangennahme des Demetrios III. (im Jahr 87) ihren neuen
Namen Demetrias wieder zugunsten des alten Stadtnamens ablegte.
1057 Ant. lud. 13,371. Zu den verschiedenen Namensvarianten Galieni, Galilaeans, Galaadenians,
Gamini vgl. Marcus, Josephus S. 411 Anm. h. Außerdem Bouche-Leclercq, Histoire IS. 421
mit Anm. 1. Die Samenoi erwähnt Stephan von Byzanz s. v. Ectpqvoi, vopaöoov ’Apaßicov
EOvoc
1058 Bouche-Leclercq, Histoire I S. 420 f.
1059 ... i’iTrqOeic ’Avtioxoc dc näpOouc; tor&püYe.
1060 Antiochos (33) Sp. 2485. Wilcken folgt Kuhn, Geschichte S. 36. Vgl. auch Jacoby, FGrHist
(1930) S. 876.
1061 Wilcken, Antiochos (33) Sp. 2485; Jacoby, FGrHist (1930) S. 876; Bellinger, End S. 75 Anm.
73.
1062 Vgl. Bouche-Leclercq, Histoire I S. 421 und Bellinger, Notes S. 53 f. sowie dens., End S. 75
Anm. 73: 93/92 bzw. 92. In das letzte Jahr des Antiochos X. gehört das zuerst von E. Michon
1890 publizierte Gewicht im Louvre, Paris: Rostovtzeff, History I S. 452 (mit Druckfehler:
es muß statt KE KE heißen) mit Taf. 54 Abb. 3. Das Gewicht ist ins Jahr KE der Seleukidenära
datiert, d.h. ins Jahr 220 S.Ä. = 93/92.
242
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Schlachtfeld nicht aufgefunden werden. Dagegen geht zuletzt J. D. Grainger wieder
davon aus, der zehnte Antiochos habe „in some way“ bis 83 weiterregiert.1063
In diesen historischen Zusammenhang gehört sehr wahrscheinlich eine aus bis-
lang drei verschiedenen Rückseitentypen bestehende Serie von sehr bemerkens-
werten Kleinbronzemünzen, deren genauere Deutung und Einordnung erst jetzt
möglich ist, nachdem ein Exemplar mit vollständig lesbarer Rückseitenlegende be-
kannt geworden ist.1064 Dieses Stück trägt auf dem Revers zu dem Bild einer nach
links schreitenden Nike die Legende: BACIAIfCCHC] KAEOHATPA[C]
CEAHNHC KAI BACIAEQC ANTIOXOY <PIAOMHTO[POC]. Auf der Vorder-
seite sind zwei hintereinandergesetzte Büsten zu sehen: Kleopatra V. Selene mit über
dem Hinterkopf gezogenem Schleiermantel und ihr kindlich-jugendlich wirkender
Sohn Antiochos Philometor (siehe Stammtafel). Bereits im Jahr 1952 hat A. R.
Bellinger ein ähnliches Stück publiziert, das auf der Rückseite einen Dreifuß
zeigt;1065 im Jahr 2002 veröffentlichte B. Kritt eine weitere Münze dieser Serie mit
dem Reversmotiv eines nach links opfernden Apollon.1066 Die vorgestellten Münzen
sind ein eindeutiger Beleg dafür, daß die Ehefrau des zehnten Antiochos, Kleopatra
V. Selene, nach dessen Tod versuchte, eine selbständige Herrschaft zu etablieren,
und zwar im Namen ihres Sohnes Antiochos Philometor.1067 Zwar wird man davon
ausgehen dürfen, daß der Prägeort der Münzen mit dem Residenzort identisch ist,
aber es läßt sich leider nicht sagen, in welcher Stadt genau die Münzen geprägt
wurden, weshalb die Frage nach dem Residenzort vorläufig offen bleiben muß.
Vorgeschlagen wurden Antiocheia, Ptolemais und Damaskos;1068 denkbar wäre auch
Seleukeia in Pierien. Der historische Kontext läßt Antiocheia am wahrscheinlichsten
erscheinen. Da Antiocheia 93/92 noch unter der Kontrolle des zehnten Antiochos
war, wie ein datiertes Marktgewicht beweist,1069 und die Stadt 92/91 mit einer eige-
nen autonomen Prägung begann (siehe unten), dürften die zur Diskussion stehenden
Kleinbronzen also in die Phase nach dem Tode des zehnten Antiochos gehören und
in der syrischen Hauptstadt geschlagen worden sein.1070 Das hieße, daß Kleopatra
V. und ihr Sohn Antiochos Philometor wohl während des Jahres 92 für einige Monate
in Antiocheia selbständig gemeinsam regiert hätten.
1063 Prosopography S. 33.
1064 M. Burgess, The Moon is a Harsh Mistress - The Rise and Fall of Cleopatra II Selene, Seleu-
kid Queen of Syria, The Celator 18, 3, März 2004, S. 18-25.
1065 Notes S. 53 ff. mit der richtigen Datierung ins Jahr 92.
1066 B. Kritt, Numismatic Evidence for a New Seleucid King: Seleucus (VII) Philometor, The
Celator 16, 4, April 2002, S. 25-28; 36. Die irrtümliche Legendenlesung hat Hoover, Deth-
roning S. 95 ff. inzwischen korrigieren können.
1067 Vgl. die Doppelporträttypen der Laodike mit dem kleinen Antiochos (CSE 91) aus dem Jahr
175 und die der Kleopatra Thea mit Antiochos VIII. aus den Jahren 125-121: CSE 316; 804;
806; 809 u. ö.; SNG Israel I 2438 ff., siehe oben Kap. II 9 und vgl. dazu Meyer, Königin S.
108 ff.; 119 ff.
1068 Antiocheia: Bellinger, Notes S. 45; Rigsby,Asylia S. 497 Anm. 89. GegenAntiocheia: Hough-
ton Struggle S. 67, aber ohne eigenen Vorschlag. Ptolemais und Damaskos als Münzstätten
werden diskutiert von: Hoover, Dethroning S. 98 f„ der sich für Damaskos ausspricht.
1069 Weiß/Ehling, Marktgewichte S. 370 f.
1070 So im Prinzip auch Bellinger, Notes S. 53 ff. und Rigsby, Asylia S. 497 Anm. 89.
11.) Tod des Antiochos Vlll. und Gefangennahme des Demetrios 111.
243
Bleibt abschließend noch die Frage zu klären, um wen es sich bei Antiochos
Philometor eigentlich genau handelt? Denn daß die jüngst vorgeschlagene Identifi-
zierung des Antiochos Philometor mit Antiochos XIII. richtig ist,1071 muß doch sehr
bezweifelt werden, auch wenn sie zunächst auf der Hand zu liegen scheint. Gegen
die Auffassung, es handle sich bei Antiochos Philometor um Antiochos XIII. spricht,
daß Antiochos XIII. auf seinen zwischen 69 und Mitte 67 geprägten Tetradrachmen
nicht das Epitheton Philometor, sondern den Beinamen Philadelphos führt, d. h. er
hätte später einen anderen Beinamen angenommen, was allerdings zugegebenerma-
ßen nicht auszuschließen ist.1072 Daß Antiochos XIII. den Beinamen Philadelphos
trägt, weist darauf hin, daß er einen älteren Bruder hatte auf den sich dieser Beiname
bezieht, denn in der Regel dürfte dem jüngeren, zweitgeborenen Geschwister der
Name verliehen worden sein.1073 In Antiochos Philometor möchte ich diesen älteren
Bruder des Antiochos XIII. sehen. Daß Kleopatra V. Selene (wenigstens) zwei Söhne
hatte, ergibt sich aus Cic. Verr. 4, 27, 61, da diese in den Jahren 74-72 in Rom mit
dem Senat um ihre Anerkennung verhandelten und Cicero von ihnen im Plural,
reges, spricht (siehe unten Kap. II 12 und Stammtafel). Einer der beiden reges hieß
Antiochos (Cic. Verr. 4,27,61. 28,65. 29, 67), den Namen des anderen rex kennen
wir nicht. Bislang hat man in ihm Seleukos Kybiosaktes vermutet,1074 es wird sich
aber eher um den nun bekannt gewordenen Antiochos Philometor gehandelt haben,
der nach Ausweis der Münzen ja auch tatsächlich den Königstitel trug.1075 Demnach
ist Antiochos Philometor nicht mit Antiochos XIII. gleichzusetzen, sondern vielmehr
ein neuer Seleukidenkönig.
Die Regierung der Kleopatra V. Selene und des Antiochos Philometor währte
jedoch nur Monate. Schon 92/91 war die Königin gezwungen, mit ihren Söhnen
(Antiochos Philometor, Antiochos XIII. und Seleukos Kybiosaktes [?]) nach Klei-
nasien ins Exil zu gehen.1076
Mit dem Jahr AEK (= 92/91) begann Antiocheia mit einer eigenen Bronzeprä-
gung.1077 Die Stadt führt jetzt den Metropolistitcl, ein Privileg, das ihr vermutlich
von Philipp I. verliehen wurde.1078 Die Münzen tragen auf der Vorderseite einen
1071 Hoover, Dethroning S. 95 ff.
1072 Wie das Beispiel des Demetrios 111. lehrt.
1073 Ehling, Miszellen S. 374 f. Denkbar wäre freilich auch eine Schwester, denn der Beiname
bedeutet soviel wie „bruderliebend“, „schwesterliebend“ oder „geschwisterliebend“.
1074 Kuhn, Beiträge S. 45 f.; Heinen, Seleucos Cybiosactes S. 105 ff. bes. 113 f.; Grainger, Proso-
pography S. 66: “He (= Seleukos Kybiosaktes, Anm. d. Verf.) is probably the unnamed brot-
her of Antiochos XIII with whom he visited Rome in 75-73 ...”.
1075 Während es fraglich ist, ob Antiochos XIII. zu diesem Zeitpunkt tatsächlich offiziell schon
den Königstitel führte.
1076 MAMA III S. 65 Anm. 3. Antiochos XIII. erhielt daher den Spitznamen Asiatikos. So richtig
bereits Kuhn, Geschichte S. 44, anders Wilcken, Antiochos (36) Sp. 2485 f., der nach lustin
40, 2, 3 meint, der Spitzname rühre von dessen Kilikien-Aufenthalt her. Antiochos XIII. ist
aber bei lustin wahrscheinlich mit Philipp II. verwechselt.
1077 Hunter, III S. 143 f. Nr. 1-25. Offenbar mit Prägelücken in den Jahren 86. 83/82, 80-78;
Newell, SMA S. 117 f.; Houghton, Struggle S. 67; Rigsby, Asylia S. 497 mit Anm. 90.
1078 Dagegen meint Newell, SMA S. 117 f., daß es Demetrios 111. war, der den Metropolistitel
244
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Zeuskopf mit Lorbeerkranz nach rechts, auf der Rückseite jedoch nicht die Tyche
von Antiocheia, sondern den seleukidischen Zeus Nikephoros.1079
Zwischen ca. 92 und 89/88 wurde Demetrios III. in innerjüdische Konflikte
hineingezogen.1080 In Judäa herrschte seit 103 der König und Hohepriester Alexan-
der Jannaios, dessen Regierung durch wachsende Gewalttätigkeit gegen die eigene
Bevölkerung gekennzeichnet war. Gegner des Alexander, bei denen es sich wahr-
scheinlich um die Pharisäer handelte,1081 riefen Demetrios III. vermutlich um 89/88
zu Hilfe. Mit einem Heer von 40.000 Fußsoldaten und 3.000 Reitern gelangte der
Seleukide bis Sikima (Sichern) in Judäa,1082 wo er auf die Armee des jüdischen
Königs traf, die aus 6.200 Söldnern1083 und 20.000 Juden bestand.1084 Auch wenn
sich unter den 40.000 Fußsoldaten des Demetrios III. zahlreiche Juden befanden,1085
ist die Zahl wohl doch zu hoch veranschlagt.1086 Es kam schließlich zur Schlacht,
aus der die Truppen des Seleukiden siegreich hervorgingen. Alexander floh in die
Berge (los. ant. lud. 13,379), und Demetrios III. zog sich aus Judäa zurück (los. ant.
lud. 13, 384). H. Willrich vermutet, daß Demetrios III. zunächst den Plan gehabt
hatte, die Juden „wieder unter syrische Oberhoheit zu bringen“.1087 Dafür spricht
eine, wenn auch ziemlich kryptische, Passage aus dem Qumran Kommentar zu dem
Propheten Nahum (4 Qp 169 Frg. 4 + 3 Kol. i [zu Nah 2, 12-14]), in dem es heißt:
„Seine Deutung (bezieht sich) auf Deme]trius, König von Jawan“ (= Griechenland,
hier das Seleukidenreich, Anm. d. Verf.), „der bestrebt war, nach Jerusalem zu kom-
men auf Grund eines Beschlusses derer, die »glatte* Anweisungen (= wohl die Pha-
risäer, Anm. d. Verf.) geben“.1088
vergab. Antiocheia zog so mit Tyros gleich, das kurz vorher, 94/93, den Metropolistitel erhal-
ten hatte.
1079 Hunter III S. 143 f. Nr. 1-25.
1080 Die Auseinandersetzungen mit Alexander Jannaios sind nicht genau datierbar: Willrich, De-
metrios (42) Sp. 2802 datiert auf „etwa 88“. Dagegen läßt etwa Grainger, Prosopography S.
44 die Datierungsfrage offen.
1081 Bell. lud. 1,92. H. Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Freiburg
1993, S. 182 ff.
1082 Zur Ortsschreibung: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 173 f.
1083 Bei diesen handelte es sich in der Hauptmasse sehr wahrscheinlich um griechisch sprechende
Kilikier und Pisidier: los. ant. lud. 13, 374.
1084 los. ant. lud. 13,377.
1085 los. am. lud. 13, 377.
1086 Diese Mannschaftsstärke würde dann praktisch genau der entsprechen, die Alexander II. Mitte
der 120er Jahre zur Verfügung hatte: Diod. 34/35,22. Siehe auch oben Kap. II9. Gegen seinen
Bruder Philipp I. zog Demetrios III. mit gerademal 10.000 Fußsoldaten und 1.000 Reitern:
los. ant. lud. 13, 384, siehe unten. Andere Zahlen gibt Josephus in bell. lud. 1, 93. Vgl. auch
Marcus, Josephus S. 415 Anm. e.
1087 Willrich. Demetrios (42) Sp. 2802.
1088 Zitiert nach J. Maier, Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer. Band II: Die Texte
der Höhle 4, München/Basel 1995, S. 89. Daß es sich um Demetrios III. handelt und dieser
sehr wahrscheinlich von den Pharisäern ins Land geholt wurde (nach bell. lud. 1, 92), ist in
der Forschung Konsens: J. C. VanderKam, The Dead Sea Scrolls Today, Grand Rapids 1994,
hier zitiert nach der deutschen Übersetzung von M. Müller, Einführung in die Qumranfor-
schung. Geschichte und Bedeutung der Schriften vom Toten Meer, Göttingen 1998, S. 40; 70.
11.) Tod des Antiochos VIII. und Gefangennahme des Demetrios III.
245
In der Zwischenzeit hatte sich das Verhältnis zwischen Philipp I. und seinem
Bruder Demetrios III. verschlechtert. Vermutlich war dies der Grund für Demetrios’ III.
Abbruch des Judäa-Feldzugs. Mit einem Heer von 10.000 Fußsoldaten und 1.000
Reitern belagerte er Philipp I. in Berrhoia. Die Stadt wurde von dem Tyrannen Stra-
ton,1089 einem Bundesgenossen des Philipp I., regiert (los. ant. lud. 13,384). Straton
rief den Araberfürsten Azizos und den parthischen Statthalter Mesopotamiens, Mit-
hradates Sinnakes,1090 herbei, und mit vereinten Kräften gelang es diesen ihrerseits,
Demetrios III. in seinem Lager einzuschließen. Als Demetrios III. sich nicht mehr
halten konnte, wurde er gefangengenommen und dem Partherkönig Mithradates II.
ausgeliefert.1091 Dieses Ereignis ist in das Jahr 88/87 zu setzen.1092 Da sich im Heer
des dritten Demetrios zahlreiche Antiochener befanden, die nach dessen Gefangen-
nahme von Philipp I. in ihre Heimatstadt zurückgeschickt wurden,1093 könnte es gut
sein, daß Demetrios III. die syrische Hauptstadt 88/87 besetzt hatte und in dieser
Zeit die Tetradrachmen (SMA 435; CSE 392) für ihn geprägt wurden.1094
Bereits A. Bouche-Leclercq ist die große Quantität der Tetradrachmenprägung
mit dem Porträt Philipps I. aufgefallen,1095 und A. R. Bellinger vermutet, daß Philipp
I. seine finanziellen Mittel dem Partherkönig verdankte.1096 Schließlich wirft E.
Dqbrowa die Frage auf, welche längerfristigen Ziele Mithradates II. mit der Unter-
stützung des Philipp I. verfolgt haben könnte.1097 Neuere numismatische Arbeiten
zu Münzprägung und -umlauf in der römischen Provinz Syria haben jedoch ergeben,
daß die große Masse der Philipp I.-Tetradrachmen postum ausgebracht und größten-
teils während der Statthalterschaft des Aulus Gabinius (57-55) geprägt wurden.1098
Die ,echten* Münzen Philipps I. sind leicht durch ihren besseren Stil und andere
Dort findet sich S. 42 ff. auch eine Auflistung der in Qumran angefallenen Fundmünzen. Die
große Masse der jüdischen Münzen stammt aus der Zeit des Alexander Jannaios: 143 Stück.
Insgesamt wurden nur wenige Seleukidenmünzen gefunden: Antiochos III. (fünf Bronzen),
Antiochos IV. (drei Silber-, eine Bronzemünze), Demetrios II. (eine Silbermünze) und Anti-
ochos VII. (drei Silber-, eine Bronzemünze). Münzen des Demetrios III. fehlen. Zum histo-
rischen Hintergrund des Qumran-Kommentars zu dem Propheten Nahum (4 Qp 169 Frg. 4 +
3 Kol. i [zu Nah 2, 12-14]) vgl. auch I. R. Tantlevskij, The Historical Background of the
Qumran Commentary on Nahum (4QpNah), in: Funck, Hellenismus S. 329-338.
1089 Vielleicht ein Nachkomme des Herakleides, siehe oben.
1090 los. ant. lud. 13,384 bezeichnet diesen als virapxoc. Zum Hintergrund vgl. Bevan, House II
S. 261 und Berve, Tyrannis I S. 433. Treves, Philippos (68) Sp. 2553 nennt den Araber Zizos
und bezeichnet Mithradates Sinnakes als ^irapxoc.
1091 los. ant. lud. 13, 385. Treves, Philippos (68) Sp. 2553; Dqbrowa, Könige S. 51.
1092 Das Datum ergibt sich daraus, daß die Münzprägung für Demetrios III. in Damaskos mit dem
Jahr 225 S. Ä. = 88/87 endet: Newell, LSM 130; SNG Israel I 2867 und mit dem Jahr 226 S.
Ä. für Antiochos XII. wieder einsetzt: Newell, LSM 132; Dqbrowa, Könige S. 51.
1093 Ohne daß von ihnen, wie Josephus ant. lud. 13, 385 anmerkt, Lösegeld gefordert worden
wäre.
1094 Die Stücke gehören sicher nach Antiocheia. Sie zeigen den König bärtig und nennen die
Beinamen Philopator und Soter.
1095 Histoire IS. 419.
1096 End S. 79 und 95 ff. Excursus III.
1097 Königes. 50ff.
1098 Downey, Antioch S. 148; A. Bumett/M. Amandry/P. P. Ripollds, Roman Provincial Coinage.
246
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Monogramme von den postumen Münzen zu unterscheiden.1099 Die Münzprägung
für Philipp I. ist demnach quantitativ nicht so bedeutend, wie früher angenom-
men.1100 Von einer finanziellen Unterstützung Philipps I. durch die Parther ist daher
nicht auszugehen. Das Eingreifen des parthischen Statthalters dürfte eine aus der
Situation geborene ad hoc-Maßnahme gewesen sein. Eine politische Allianz zwi-
schen Philipp I. und Mithradates II. läßt sich jedenfalls weder mit den Münzen noch
durch andere Quellen belegen.
Philipp I. nahm Antiocheia ein, wo bis zu seiner Vertreibung durch Tigranes II.
im Jahr 83 auch Münzen in seinem Namen geprägt wurden.1101 Demetrios III. starb
in parthischem Gewahrsam an einer schweren Krankheit.1102
12.) REGIERUNG DES ANTIOCHOS XII. (87 7-84/83) UND HERRSCHAFT
DES ARMENISCHEN KÖNIGS TIGRANES II. (83-69)
Im Jahr 87 (?) trat Antiochos XII. die Nachfolge seines kurz zuvor in Gefangenschaft
geratenen Bruders Demetrios III. an.1103 Dieser zwölfte Antiochos war der fünfte
und jüngste Sohn aus der Ehe des Antiochos VIIL mit Kleopatra Tryphaina (siehe
Stammtafel).1104 Möglicherweise mit ptolemäischer Hilfe1105 gelang es ihm, Damas-
kos unter seine Herrschaft zu bringen, und „wurde König“ (los. ant. lud. 13, 387).
Seine in Damaskos geprägten Tetradrachmen sind deshalb bemerkenswert, weil sie
auf der Rückseite eine alte syrische Gottheit, Hadad, abbilden.1106 Die Statue dieses
Volume I. From the death of Caesar to the death of Vitellius (44 BC-AD 69). Part I: Intro-
duction and Catalogue, London/Paris 1992. S. 606.
1099 A. Bumett/M. Amandry/P. P. Ripolles, Roman Provincial Coinage. Volume I. From the death
of Caesar to the death of Vitellius (44 BC-AD 69). Part I: Introduction and Catalogue, Lon-
don/Paris 1992, S. 606.
1100 Dabei ist zudem zu berücksichtigen, daß in Antiocheia für Philipp I. bis ins Jahr 83 Münzen
geprägt wurden. Zwei Jahrzehnte später setzte die Stadt die Prägung mit dem Bild dieses
Königs fort, wie O. D. Hoover, Anomalous Tetradrachms of Philip I Philadelphus Struck by
Autonomous Antioch (64-58 B C). SM 54, 2004, S. 31-35 wahrscheinlich machen kann.
Hoover vermutet, daß diese späten antiochenischen Prägungen der Grund waren, weshalb
auch die römischen Behörden unter Aulus Gabinius ab 57 mit diesem seleukidischen Typus
weiterprägten.
1101 CSE 393 ff.; SNG Israel I 2799 ff.
1102 los. ant. lud. 13, 386. Dubrowa, Könige S. 51.
1103 Die Datierung nach Bouche-Leclercq, Histoire I S. 425. In Damaskos wurden die letzten
datierten Tetradrachmen für Demetrios III. mit dem Datum 225 S. Ä. = 88/87 geprägt: Newell,
LSM S. 82 Nr. 130; SNG Israel 12865: 2866 und die ersten datierten Tetradrachmen für An-
tiochos XII. mit dem Datum 226 S. Ä. = 87/86 ausgebracht: Newell, LSM S. 86 f. Nr. 132.
Die Herrschaftsnachfolge wurde offenbar rasch angetreten: Bellinger, End S. 77.
1104 Wilcken, Antiochos (35) Sp. 2485; Bellinger, End S. 77.
1105 So schon die Vermutung von Bellinger, End S. 77: ”... one suspects that in this case also there
was Ptolemaic support, particularly as the activities of the new king were directed toward the
south”. Auch der Dionysos-Beiname des Antiochos XII. weist auf einen ptolemäischen Hin-
tergrund hin.
1106 Newell, LSM S. 86f. Nr. 132 ff.; CSE 864.
12.) Regierung des Antiochos XII. und Herrschaft des armen. Königs Tigranes II. 247
bärtigen Gottes steht im Typus eines phönikischen Baales von zwei Opferstieren
flankiert1107 auf einem hohen Postament. Als Gott der Ernte hält er in der linken
Hand eine Getreideähre als Szepter.1108 Wie A. R. Bellinger anmerkt, drückt die
Wahl dieses Münzbildes aus, daß Antiochos XII. sich in erster Linie als König von
Damaskos verstanden wissen wollte.1109 Mit dem Wechsel des Münzbildes von
Atargatis (unter Demetrios III.) zu Hadad signalisierte Antiochos XII. einerseits, daß
er zwar eine »andere4 Politik als sein Bruder und Vorgänger Demetrios III. anstrebte,
andererseits, daß er weiterhin auf ein gutes Einvernehmen mit der syro-phönikischen
Bevölkerung von Damaskos bedacht war. Diese Bevölkerungsteile werden gegen-
über den Griechen die Mehrheit eingenommen haben. An letztere richteten sich die
Rückseitenbilder der Bronzemünzen. Sie stellen Zeus, Hermes, Apollon, Nike und
Tyche mit Kalathos, Palmblatt und Füllhorn dar.1110 Auf den Münzen nennt sich der
König Basileus Antiochos Dionysos Epiphanes Philopator Kallinikos. Damit wird
insbesondere an seinen Vater Antiochos VIII. erinnert (Philopator), der ebenfalls die
Beinamen Epiphanes und Kallinikos geführt hatte.1111 Mit dem Dionysos-Namen
wird stolz auf die ptolemäische Abkunft verwiesen.1112 Nach der in Kap. 13 vorge-
schlagenen Kategorisierung der königlichen Epitheta in drei Gruppen kombinierte
der zwölfte Antiochos mit Philopator einen dynastischen Beinamen mit einem reli-
giös-kultischen (Epiphanes) und einem politisch-militärischen Beinamen (Kallini-
kos).
Die vierjährige Regierung (bis 84/83)1113 Antiochos’ XII. war angefüllt mit
Kämpfen gegen Araber und Juden. Während er sich auf einem Feldzug gegen die
Nabatäer befand,1114 fiel sein Bruder Philipp I. in Koilesyrien ein und erschien vor
1107 Ähnlich dem Baal von Rhosos: E. Levante, The Coinage of Rhosus, NC 1985, S. 237 ff.; SNG
Switzerland 1 1853 ff.; Fleischer, Artemis S. 383.
1108 Vgl. die Beschreibung des Münzbildes durch Newell, LSM S. 87; CSE 864; Fleischer, Arte-
mis S. 379 f.; Haider/Hutter/Kreuzer, Religionsgeschichte S. 189 f. mit Abb. 73, siehe auch
oben Kap. I 3, 6.
1109 End S. 77 Anm. 84. Das gleiche gilt dann für seinen Vorgänger Demetrios 111.
1110 Newell, LSM S. 87 ff. Nr. 135-143; CSE 865: Hermes, 866: Zeus, 867: Nike, 868 f.: Tyche
und 870 f.: Apollon; SNG Israel I 2881-2918.
1111 OGIS I 259 = IvDelos 1549; OGIS I 260 = IvDelos 1550; OGIS I 258 = IvDelos 1551;
1552.
1112 Großmutter und Mutter des Antiochos XII. waren Ptolemäerinnen gewesen, und da sich die
Ptolemäer auf Dionysos zurückführten (OGIS I 54), war auch er ein Abkömmling dieses
Gottes. Allerdings spielt Dionysos in seinem Münzprogramm keine Rolle.
1113 Das Ende seiner Herrschaft war nach den bekannten Münzen von Damaskos bislang auf das
Jahr 228 S. Ä. = 85/84: CSE 864 festgesetzt, vgl. etwa Bouche-Leclercq, Histoire I S. 426;
Altheim/Stiehl, Araber S. 294. Ein neu im Münzhandel aufgetauchtes, prägefrisches Stück
weist jetzt das Datum 229 S. Ä. (84/83) auf: Classical Numismatic Group, Lancaster/London,
Kat. Triton VI, Jan. 2003,467.
1114 los. ant. lud. 13, 387 spricht einfach von Arabern. Da später der Nabatäerfürst Aretas III. die
Regierung in Damaskos übernahm, dürfte es sich genaugenommen um Nabatäer gehandelt
haben.
248
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
den Toren von Damaskos.1115 Der Burgkommandant Milesios1116 übergab die Stadt
an Philipp L; da für diesen König in Damaskos aber keine Münzen geprägt wurden,
kann seine Herrschaft dort nicht sehr lange gedauert haben. Weil Milesios für seine
Tat aber nicht die erwartete Belohnung (x<ipi<;)1117 erhalten hatte, sperrte er Philipp
L bei Gelegenheit wieder aus.1118 Als Antiochos XIL, der seinen Feldzug abgebro-
chen hatte, nach Koilesyrien zurückkehrte, war Philipp I. bereits abgezogen.1119 Mit
einem Heer von 8.000 Soldaten und 800 Reitern1120 marschierte er abermals gegen
die Nabatäer. Zunächst mußte sich das Seleukidenheer den Durchzug gegen Alex-
ander Jannaios erkämpfen.1121 Da Alexander Jannaios eine Invasion Judäas befürch-
tete, hatte er entlang der Linie Charbarsaba - Joppe ein limesartiges Bollwerk aus
Graben und Türmen, die im Abstand von 150 Stadien errichtet waren, aufführen
lassen.1122 Um passieren zu können, brannten die Seleukiden die Befestigung nieder
(los. ant. lud. 13,390; bell. lud. 1,99) und zogen vermutlich die phönikische Küste
hinab nach Süden. Zunächst kämpfte Antiochos XIL erfolgreich gegen Aretas III.1123
Als sein Gegner schließlich 10.000 Reiter aufbot, hatte der Seleukide dem nichts
mehr entgegenzusetzen und fiel im Kampfgetümmel. Antiochos XII. ist damit der
letzte auf dem Schlachtfeld gefallene Seleukidenkönig.1124 Die meisten seiner Sol-
daten, die nach dem Tode ihres Königs nach Kana geflohen waren,1125 verhungerten
(los. ant. lud. 13,391).
1115 los. ant. lud. 13,387. Bevan, House IIS. 261 f.; Bouche-Leclercq, Histoire IS. 425; Bellinger,
End S. 78; Treves, Philippos (68) Sp. 2554.
1116 los. ant. lud. 13, 388: rfjc aKpac cpvXa?. Grainger, Prosopography S. 106. Zum Amt siehe
auch oben Kap. I 2, 1.
1117 Zum Begriff vgl. den Fall des Theodotes: Pol. 5,40, 1-3. Dazu Weber, Königshof S. 28.
1118 Anläßlich dieser Episode erfahren wir, daß es vor den Toren von Damaskos ein Hippodrom
gab: los. ant. lud. 13, 389.
1119 los. ant. lud. 13,389 ist an dieser Stelle fast mißverständlich knapp, da Antiochos XII. ja erst
nach Damaskos zurückgekommen sein dürfte, bevor er erneut gegen die Nabatäer zog. Bel-
linger, End S. 77 f.
1120 los. ant. lud. 13, 389. Die Heereszahl ist glaubhaft. Demetrios III. belagerte Philipp I. in
Berrhoia mit 10.000 Fußsoldaten und 1.000 Reitern: los. ant. lud. 13, 384.
1121 Zum folgenden Bellinger, End S. 78.
1122 Nach los. ant. lud. 13, 390 ist Charbarsaba mit dem späteren Antipatris identisch. Vgl. aber
die Bemerkung von Marcus, Josephus S. 422 zu c. Aus dem Bericht des Josephus geht hervor,
daß das Seleukidenheer von Damaskos aus nicht Östlich des Jordans gegen die Araber zog,
sondern zunächst entlang der phönikischen Küste. - Je nach dem, ob man das olympische
oder das attische Stadion als Längenmaß zugrunde legt, 192 bzw. 177 m, waren die Türme
im Abstand von ca. 25-30 km errichtet worden. Da sich durch das Gebiet zwischen Antipatris
und Joppe verschiedene Flußläufe ziehen, nützte das jüdische Befestigungswerk sicher auch
diese natürlichen Hindernisse aus.
1123 los. ant. lud. 13, 391 spricht von einem Araberfürsten dvaxcopouvTO^ toü MApaßo<; Ta
7rpa)Ta, nennt aber seinen Namen nicht. Daß es sich um Aretas 111. gehandelt haben wird,
meint auch Bellinger, End S. 78. Ein nabatäischer Fürst (rupawo«; twv ’Apäßwv) dieses
Namens wird schon in II. Makk. 5, 8 (zum Jahr 168) erwähnt, vgl. auch U. Wilcken, Aretas
(1-4), RE II 1, Stuttgart 1895, Sp. 673 ff.; Altheim/Stiehl, Araber S. 290f.; Geizer, Pompeius
S. 110.
1124 Siehe dazu die »Todesstatistik* in der Einleitung unter Punkt 4 S. 26.
1125 Am südlichen Ufer des Toten Meeres: Marcus, Josephus S. 423 zu h.
12.) Regierung des Antiochos XII. und Herrschaft des armen. Königs Tigranes II. 249
Vermutlich zog Aretas III. die phönikische Küste entlang nach Koilesyrien, um
das Herrschaftsgebiet des zwölften Antiochos in Besitz zu nehmen, und erschien im
Jahr 84/83 vor den Toren von Damaskos.1126 Um nicht unter die Herrschaft des
verhaßten Tetrarchen von Chalkis am Libanon, dem Ituräer Ptolemaios, Sohn des
Mennaios, zu geraten,1127 ergaben sich die Stadtbewohner freiwillig dem Nabatäer
Aretas III. (los. ant. lud. 13,392). Seine Münzprägung besteht aus Bronzen, die auf
der Vorderseite den Kopf des Aretas III. mit Diadem und langen Haaren zeigen und
auf der Rückseite entweder eine geflügelte Nike mit Mauerkrone oder die Tyche von
Damaskos im Typus der Tyche von Antiocheia darstellen. Die Reverslegende lautet
im Genitiv: BAEIAEQE APETOY 4MAEAAHNOE.1128 Bereits der Partherkönig
Mithradates I. hatte das Epitheton Philhellen geführt.1129 In den Augen des Aretas
III. waren die Bewohner von Damaskos (und Koilesyrien) ethnisch wohl alle Hel-
lenen. Da für Aretas III. nur Bronzen geprägt wurden und Silber fehlt, möchte ich
vermuten, daß die seleukidische Besatzung samt Münzstätte aus Damaskos abgezo-
gen war.1130 Aretas III. stand zunächst in militärischen Auseinandersetzungen mit
Alexander Jannaios. Schließlich kam es zu einer Friedensübereinkunft, und der
Nabatäer zog sich aus Judäa zurück (los. ant. lud. 13, 392).
Philipp I., der offenbar militärisch zu schwach war, Koilesyrien mit Damaskos
seinem Reich anzugliedem, wurde im Jahr 83 durch den Einfall des Armenierkönigs
Tigranes II. aus Antiocheia und Syrien verdrängt.1131 Mit seinem gleichnamigen
1126 Die letzten datierten Tetradrachmen des Antiochos XII. stammen aus dem Jahr 84/83: Clas-
sical Numismatic Group, Lancaster/London, Kat. Triton VI, Jan. 2003,467, siehe auch oben.
Damit sind die früheren Datierungen, z.B. H. Volkmann, Ptolemaios (60), RE XXIII2, Stutt-
gart 1959, Sp. 1767: Jahr 85, obsolet.
1127 Bouche-Leclercq, Histoire IS. 427; Altheim/Stiehl, Araber S. 315; Berve, Tyrannis IS. 434;
Bellinger, End S. 78. Der Name des Vaters ist semitisch: H. Volkmann, Ptolemaios (60), RE
XXIII 2, Stuttgart 1959, Sp. 1766.
1128 Die Münzen verzeichnen Newell, LSM S. 92ff. Nr. 144 ff. und Y. Meshorer, Nabataean Coins
(Qedem. Monographs of the Institute of Archaeology. The Hebrew University of Jerusalem
3), Jerusalem 1975, S. 3; 6 ff.; 12ff.; 86f. Ungewöhnlich ist die Darstellung der Nike mit
Mauerkrone: Newell, LSM S. 92 Nr. 144. Den Typ der auf einem Fels sitzenden Tyche gibt
es auch auf den städtischen Münzen aus der Zeit zwischen 97/96-85/84.
1129 W. Wroth, BMC of the Coins of Parthia, London 1903 (Nachdruck Bologna 1964) S. 12 Nr.
48; S. 14f. Nr. 55 ff. Die Stücke sind nach der Seleukidenära datiert (140/39 bzw. 139/38) und
gehören in die Zeit von Demetrios’ II. Zug in die Oberen Satrapien (siehe oben Kap. II 7).
1130 Anders Newell, LSM S. 93, der meint, daß es gut möglich wäre, daß für den König auch
Tetradrachmen geprägt wurden. Zum Münzsystem der Nabatäer, das an das seleukidische
anschließt: H. M. Cotton/W. Weiser, „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist..." Die Geldwäh-
rung der Griechen, Juden, Nabatäer und Römer im syrisch-nabatäischen Raum, ZPE 114,
1996, S. 268 f.
1131 Nach App. Syr. 48, 247; 248; Mithr. 105, 494 war es Antiochos X., nicht Philipp I., der von
Tigranes II. vertrieben wurde, vgl. auch Brodersen, Abriß S. 76. Nach dem oben vorgeschla-
genen Ereignisablauf ist Antiochos X. bereits im Jahr 92 gefallen und 83 demnach nicht mehr
am Leben gewesen: Siehe Kap. II 11. Tigranes II. eroberte das Seleukidenreich militärisch.
Bei lustin 40,1-4 findet sich die wahrscheinlich auf einen Tigranes II.-Historiker zurückge-
hende Überlieferung, der Armenierkönig sei durch die ,WahP der Bevölkerung in Syrien zur
Macht gekommen. Das ist historisch aber wenig glaubwürdig. - Vermutlich war es in Wirk-
250
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Sohn zog sich Philipp I. nach Olba zurück,1132 wo er beim Hohenpriester des Zeus-
heiligtums, Zenas, Zuflucht fand.1133 Inschriften nennen diesen Zenas dÖEÄcpoc; t&v
ßaotXEtov;1134 mit den „Königen“ sind Philipp I. und Philipp II. gemeint. Nicht
feststellbar ist, ob Philipp I. von Olba aus vielleicht Teile des Rauhen Kilikiens, die
nicht unmittelbar der ETrapxEia OTpaTr)YiKn angehörten, oder der östlichen Ebenen
Kilikiens, als ,Restreich‘ beherrschte. Die kilikischen Eroberungen des Tigranes IL
reichten nachweislich bis Soloi, das spätere Pompeiupolis.1135 In der Sekundärlite-
ratur wird der Tod des Philipp I. ins Jahr 83 gesetzt,1136 aber dies ist keineswegs
zwingend. Nach einer Vermutung von Th. S. MacKay könnte Philipp I. in dem zwei
Kilometer südlich vom Zeusheiligtum befindlichen Grabturm beigesetzt worden
sein.1137 Mit Philipp I. wurde der letzte ,echte1 Seleukide zu Grabe getragen; seine
Thronnachfolger, Philipp II. und Antiochos XIIL, waren nicht viel mehr als macht-
lose Schattenkönige.
Der Regierungsbeginn Tigranes’ II. bzw. die Angliederung Syriens und Kilikiens
werden in der Überlieferung verschieden datiert: Nach Appian dauerte seine Herr-
schaft 14 Jahre (Syr. 48, 248), was vom Jahr 69 zurückgerechnet auf das Jahr 83
führt, während lustin (40, 1, 4) von 17 bzw. 18 Regierungsjahren spricht, was das
Jahr 87 bzw. 86 ergäbe.1138 Auch werden die Umstände der Herrschaftsübemahme
abweichend geschildert: Appian zufolge vertrieb der Armenier den zehnten Antio-
chos gewaltsam aus Syrien,1139 während lustin (40,1,1-4) behauptet, daß das Volk
(populus: 40, 1, 1) sich auf Tigranes II. als neuen König von Syrien geeinigt hätte,
lichkeit so, daß die Bewohner von Antiocheia dem Tigranes II. nur allzu bereitwillig die
Stadttore öffneten und diesen gegen Philipp I. unterstützten. Aufnahme und Unterstützung
des Armeniers wurden bald als ,Wahl‘ interpretiert.
1132 Treves, Philippos (69) Sp. 2555. Denkbar ist auch, daß sich Philipp II. schon vor 83 in Olba
befand. Tigranes war der Sohn des Tigranes (App. Syr. 48,247) und sollte deshalb als Tigranes
II. gezählt werden. Zum Namen: Brodersen, Abriß S. 76 mit Anm. 1. Gelegentlich wird er in
der Literatur auch als Tigranes der Große bezeichnet. Beziehungen zwischen den Seleukiden
und der Priesterdynastie von Olba bestanden seit Seleukos I.: siehe oben Kap. I 2, 4. In den
50er Jahren des 2. Jhs. hatte Alexander I. dort residiert, bis er sich gegen Demetrios I. erhob
(siehe oben Kap. II 4). Zu Olba zuletzt Trampedach, Olba S. 269-288.
1133 Savalli-Lestrade, Philoi S. 89 f.
1134 Vgl. die verbesserten Lesungen der Inschriften (MAMA III S. 67 ff. Nr. 63; 64; 67) in: SEG
26,1976/77, S. 349 Nr. 1451-1453 und OID 59; 91; 92. Außerdem: MacKay, Sanctuaries S.
2088.
1135 Plut. Pomp. 28,6. Ziegler, Ären S. 214. Mit der Eroberung Kilikiens gewann der armenische
König einen günstig gelegenen Zugang zum Meer: Nolle, Seleukeia S. 90 Anm. 57.
1136 MAMA III S. 65; Treves, Philippos (69) Sp. 2554; Bellinger, End S. 79: „84/3“.
1137 Sanctuaries S. 2091; MAMA III S. 59 f. mit Abb. 8. Zu den Türmen im Gebiet von Olba vgl.
auch S. Durugönül, Türme und Siedlungen im Rauhen Kilikien. Eine Untersuchung zu den
archäologischen Hinterlassenschaften im Olbischen Territorium (Asia Minor Studien 28),
Bonn 1998.
1138 F. Rühl nimmt in seiner lustin-Ausgabe bei Teubner, Leipzig 1886, die Zahl XVII in den la-
teinischen Text auf, während O. Seel, Stuttgart 1972 (Teubner), die Zahl XVIII hat. Für die
Lesung nach Seel entscheiden sich Sayar/Siewert/Taeuber, Asylie-Erklärungen S. 128.
1139 Syr. 48, 248; Mithr. 105, 492. Brodersen, Abriß S. 76 f. Appian hat sich hier offensichtlich
vertan und statt Philipp I. Antiochos X. geschrieben.
12.) Regierung des Antiochos XII. und Herrschaft des armen. Königs Tigranes II. 251
nachdem über Ptolemaios IX. Soter II. und Mithradates VI. von Pontus als Kandi-
daten der Thronnachfolge beraten worden wäre. H. Koehler hält die Überlieferung
bei lustin in jeder Hinsicht für die glaubwürdigere.1140 Doch stehen dieser Auffas-
sung chronologische Bedenken entgegen: Da nach Appian (Syr. 48,248) Syrien und
Kilikien gleichzeitig erobert wurden, kann das bei lustin (40,1,1) genannte Jahr 87
oder 86 jedenfalls für Kilikien nicht richtig sein, weil aus eben diesem Jahr die 1994
publizierten Asylie-Erklärungen des Sulla und des Lucullus für das Isis- und Sara-
pisheiligtum von Mopsuhestia stammen, die beweisen, daß die Stadt zu diesem
Zeitpunkt selbständig und nicht durch armenische Truppen besetzt war. Die Heraus-
geber der Inschrift betonen deshalb mit Recht, daß dieses epigraphische Zeugnis
lustins Chronologie widerlegt.1141
In der besetzten syrischen Hauptstadt ließ Tigranes II. Tetradrachmen mit seinem
Bildnis schlagen.1142 Auf diesen trägt der König eine armenische Tiara oder Kida-
ris,1143 die mit einem achtstrahligen Stern geschmückt ist,1144 der rechts und links
von einem Adler flankiert wird.1145 Die Münzrückseiten tragen die schlichte Geni-
tivlegende BAEIAEQE TIFPANOY,1146 er führt dort also weder einen Beina-
men1147 noch den Titel des Großkönigs.1148 Zu der genannten Legende stellen die
Münzrückseiten die Tyche von Antiocheia dar, und zwar im Typus der für die neu-
gegründete Stadt um 300 von dem Lysipp-Schüler Eutychides geschaffenen Ty-
chestatue.1149 Im Unterschied zur Originalplastik, bei der die Göttin Kornähren und
1140 Koehler, Nachfolge S. 10 f.; Brodersen, Abriß S. 76f. steht Koehlers Auffassung skeptisch
gegenüber, vertritt aber auch das Jahr 87/86 für den Einmarsch des Tigranes II. Dagegen etwa
Bengtson, Geschichte S. 496: Jahr 83.
1141 Sayar/Siewert/Taeuber, Asylie-Erklärungen S. 128.
1142 Grundlegend zu den Münzen des Tigranes II. sind C. Foss, The Coinage of Tigranes the Great:
Problems, suggestions and a new find, NC 1986, S. 19-66 und das Buch von Mousheghian/
Depeyrot, Armenian Coinage.
1143 Tiara und Kidaris sind wahrscheinlich identisch: W. Pape, Griechisch-Deutsches Handwör-
terbuch der griechischen Sprache, Band II, Braunschweig 1914, S. 1109 s. v. Tidpa und H.
G. Liddell/R. Scott, A Greek-English Lexicon, Oxford 1940 (Nachdruck 1966), S. 950 s. v.
Kiöapic Zur Tracht der armenischen Könige: Eckhardt, Feldzüge S. 410.
1144 Vgl. auch den vollplastischen Königskopf aus Arsameia am Nymphaios, der wohl Antiochos
von Kommagene darstellt. Der Stern auf seiner Tiara ist zwölfstrahlig: R. Merkelbach, Mit-
hras. Ein persisch-römischer Mysterienkult, Königstein 1984, S. 270 Abb. 9.
1145 Die Vögel werden von Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 134 als Adler bezeich-
net.
1146 Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 134 ff. Nr. 1-3.
1147 Wie etwa Aretas III.
1148 Wie auf den in Armenien geprägten Bronzemünzen: Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coi-
nage S. 141 f. Nr. 24-27.
1149 Vgl. T. Dohm, Die Tyche von Antiocheia, Berlin 1960; Prottung, Stadttyche S. 43 f.; 74 ff.;
E. Christof, Die Tyche von Antiochia und andere Stadttychen, Frankfurt am Main/Berlin/Bem/
Brüssel/New York/Oxford/Wien 1999; M. Meyer, „Neue Bilder“. Zur Verwendung und zum
Verständnis von bildlichen Darstellungen in der Levante, in: Funck, Hellenismus S. 243-254,
dies., Die Bronzestatuetten im Typus der Tyche von Antiocheia, Kölner Jahrbuch 33, 2000,
S. 185-195 und Ehling, Münzen S. 30 f. mit Anm. 8 und Abb. 13.
252
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Mohn als Fruchtbarkeitsattribute in der gesenkten rechten Hand hält,1150 hält die
Tyche auf den Münzen des Tigranes II. einen Palmzweig. Wie P. Prottung feststellt,
ist das Palmblatt ein Sieges- und Friedenszeichen, das zu verstehen ist „als ein Sym-
bol des Sieges über die Seleukidenstreitigkeiten“ und als ein Zeichen für die nun
„folgende Friedenszeit, als deren Garant sich Tigranes ausweist“.1151 Tigranes’ II.
antiochenische Münzen tragen keine Jahresangaben; der genaue Zeitpunkt ihrer
Prägung zwischen 83 und 69 ist deshalb nicht sicher bestimmbar. Vermutlich wurden
sie aber zu Beginn seiner Regierungsübemahme geprägt und dienten der Bezahlung
seiner Soldaten.1152
Anders als die Bewohner von Antiocheia, die, wie es scheint, freiwillig auf die
Seite des Tigranes II. getreten waren, weigerte sich die Bevölkerung von Seleukeia
in Pierien, den neuen Herren anzuerkennen, d.h. eine Besatzung aufzunehmen. Im
Winter 64/63 wurde sie dafür von Pompeius belohnt.1153 Von Syrien aus drangen die
Truppen des Tigranes II. nach Ostkilikien vor.1154 Um seinen ehrgeizigen Plan, den
Bau einer prunkvollen Hauptstadt, verwirklichen zu können, siedelte der Armenier-
könig insbesondere aus den Städten der Kilikia Pedias die (griechische) Bevölkerung
nach Tigranokerta um.1155 Die bei Appian (Mithr. 67, 285) genannte Zahl von
300.000 zwangsumgesiedelten Bewohnern ist maßlos übertrieben,1156 aber es dürf-
ten Tausende gewesen sein.1157 Strabon (11, 14,15 = 532) zufolge verödeten zwölf
Städte geradezu,1158 darunter einige ostkilikischen Städte. Griechen aus Kilikien und
Kappadokien siedelte Tigranes II. aber nicht nur in seiner Ende der 80er/Anfang der
70er Jahre errichteten neuen Hauptstadt Tigranokerta an,1159 sondern auch im west-
lichen Mesopotamien (Plut. Luc. 21, 4). Die Ansiedlung von Griechen bzw. helle-
nisierten Bevölkerungsteilen scheint geradezu zum Prestige östlicher Herrscher
gehört zu haben.1160 Über das Gebiet vom Euphrat bis zur ägyptischen Grenze und
Ostkilikien setzte er Bagadates als oTparnYoC ein.1161 Mit Ausnahme einiger phö-
1150 Prottung, Stadttyche S. 57; 77.
1151 Stadttyche S. 59. Zu den Münzen vgl. auch Bellinger, End S. 80.
1152 Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 7 schreiben, daß das Geld zur Bezahlung von
Söldnern diente.
1153 Siehe unten Kap. II13.
1154 App. Syr. 48, 248; Dio 36, 37, 6 (Soloi). Bellinger, End S. 80f.; Ziegler, Ären S. 208 f. mit
Anm. 35.
1155 Plut. Luc. 21,4; 26, 1; Pomp. 28,4. Ziegler, Ären S. 208 f.
1156 Ziegler, Ären S. 209.
1157 E Geyer, Tigranes (1), RE VIA 1, Stuttgart 1936, Sp. 971.
1158 Bellinger, End S. 80; Ziegler, Ären S. 209 Anm. 35.
1159 Bouche-Leclercq, Histoire IS. 432, Bellinger, End S. 80 u. a. datieren die Gründung der Stadt
ins Jahr 77.
1160 Vgl. z. B. auch die freilich späteren Um- und Ansiedlungstätigkeiten Schapurs I. (um 260 n.
Chr.): K. Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit von Augustus bis zu Konstantin, Mün-
chen 19922, S. 667.
1161 Zum Namen: Brodersen, Abriß S. 77. Mommsen, Geschichte S. 138 sieht in Bagadates auch
den Statthalter von Syrien. Dies wird von Appian zwar nicht ausdrücklich gesagt, andererseits
nennt er auch keinen eigenen Statthalter von Syrien, so daß Mommsen mit seiner Vermutung
recht haben könnte.
12.) Regierung des Antiochos XII. und Herrschaft des armen. Königs Tigranes II. 253
nikischer Städte (Plut. Luc. 21,2) war Tigranes II. damit Herr über das Gebiet des
Seleukidenreiches, ja er hatte sogar verlorene Teile Mesopotamiens von den Parthem
zurückerobert. In seinen Augen durfte er sich zu Recht „König der Könige“ nen-
nen.1162
Spätestens wohl im Jahr 73/72 kehrte Kleopatra V. Selene aus ihrem Exil in
Kleinasien (?) nach Syrien zurück1163 und machte (möglicherweise mit Hilfe oppo-
sitioneller ptolemäischer Kreise)1164 Ptolemais zu ihrem Residenzort (los. ant. lud.
13, 419 f.). Ptolemais war in der Vergangenheit immer besonders ptolemäertreu
gewesen (siehe oben Kap. II 5), und Kleopatra V. war nicht nur die „einzige noch
lebende echte Ptolemäerin“ (F. Stähelin) mit berechtigten Ansprüchen auf den ägyp-
tischen Thron,1165 sondern mit ihren beiden Söhnen auch die legitime Erbin der
Seleukidenregierung.1166 Vor dem Hintergrund ihrer politischen Ansprüche war die
zwischen Ägypten und Syrien gelegene Stadt auch geographisch gut gewählt, um
hier die Ergebnisse der Verhandlungen abzuwarten, die ihre beiden Söhne in Rom
führten.
Zwei Jahre zuvor, wahrscheinlich im Jahr 74,1167 waren die beiden königlichen
Brüder,1168 Antiochos XIII. und sein älterer Bruder Antiochos Philometor,1169 nach
Rom gekommen (Cic. Verr. 4, 28, 64-31, 70). Sie wollten sowohl die societas et
amicitia mit Rom bekräftigen1170 als auch ihre Erbansprüche auf Ägypten geltend
1162 App. Syr. 48,247. Der Titel ist persisch. In seinem Schreiben an die Juden wird er von Arta-
xerxes I. geführt: Esra 7,12.
1163 Das Datum ist indirekt aus den datierten Münzen des Tigranes II. von Damaskos zu erschlie-
ßen. Zur Begründung siehe unten. Wo sich Kleopatra V. vor ihrer Rückkehr aufgehalten hat,
ist nicht überliefert, doch dürfte es Kleinasien gewesen sein, wohin sie mit ihren beiden Söh-
nen Ende der 90er Jahre geflüchtet war. Der volkstümliche Beiname Asiatikos für ihren Sohn
Antiochos XIII. rührt von diesem Aufenthalt her. Siehe auch unten Kap. II 13.
1164 Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 784 vermutet, daß sie in Ptolemais „unter ägyptischem Schutze
lebte“.
1165 Hölbl, Geschichte S. 195.
1166 Wenn Wilcken, Antiochos (36) Sp. 2486 meint, daß deren Ansprüche verglichen mit denen
des Philipp I.-Sohnes und Antiochos VIII.-Enkels, Philipp II., dynastisch gesehen geringer
waren, so verkennt er, daß nach hellenistischer Vorstellung alle Königssöhne im Prinzip das
gleiche Herrschaftsrecht hatten.
1167 Das genaue Datum ihrer Romreise ist nicht überliefert. Ausgehend von der Annahme, daß
Tigranes II. im Jahr 72 den Krieg gegen Kleopatra V. eröffnete (siehe unten) und zu diesem
Zeitpunkt die fast zweijährige (biennium fere Cic. Verr. 4, 30,67) Rom-Mission der seleuki-
dischen Köngssöhne beendet war, gehe ich von einem Aufenthalt in den Jahren 74-72 aus.
Wilcken, Antiochos (36) Sp. 2486 meint, sie wären schon 75 in Rom gewesen, ebenso Bevan,
House II S. 263 und Bellinger, End S. 81. Bouchd-Leclercq, Histoire IS. 433 spricht sich für
75/74 aus. Hingegen nimmt Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 783 an, die beiden Seleukiden wären
erst 73 von Ptolemais aus nach Rom gereist.
1168 Cic. Verr. 4,28,64 bezeichnet beide ausdrücklich als reges,
1169 Zu diesem Antiochos Philometor vgl. zuletzt Hoover, Dethroning S. 95-99 (allerdings mit
der falschen Gleichsetzung von Antiochos Philometor mit Antiochos XIII.) und siehe beson-
ders oben Kap. II 11.
1170 Cic. Verr. 4,29,67. 30,68.
254
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
machen.1171 Wahrscheinlich hatten sie ebenso die Absicht, um Unterstützung gegen
Tigranes II. zu bitten, auch wenn Cicero dies nicht weiter anmerkt. Fast zwei Jahre
lang hielten sich die Seleukiden mit einem ganzen Schatz an kostbarem Tafelsilber
in Rom auf. Ausdrücklich erwähnt werden goldene und silberne, mit Edelsteinen
besetzte Becher (pocula*. Cic. Verr. 4, 27, 62), eine Weinschöpfkelle (trulla*. 4, 27,
62) mit goldenem Griff sowie weitere ziselierte Silbergefäße (yasa: 4, 27, 63) und
Kunstwerke aus Gold und Edelsteinen (ppera ex auro et gemmis: 4, 29, 67). Bei
diesen Prunkstücken handelt es sich um Teile der einem König gebührenden Aus-
stattung (TTEpiKOTTrj), die Kleider, Schmuck, Wagen, Diener, kostbares Geschirr und
anderes mehr umfaßte.1172 Wahrscheinlich wollten die beiden Königssöhne durch
Verschenken von wertvollem Tafelsilber das Wohlwollen einzelner, einflußreicher
Senatoren in Rom erlangen. Schon früher hatte es Beeinflussungsversuche dieser
Art gegeben,1173 und es dürfte gängige Praxis gewesen sein, sich auf diese Weise
die Zustimmung der Senatoren zu sichern. Es sei aber daran erinnert, daß der Trink-
becher (poculuni) traditionell ein Geschenk des Seleukidenkönigs an einen cpi'Xoc;
bzw. ovYY£vlfc war.1174 Aus seleukidischer Sicht besiegelte also ein solches Ge-
schenk nur die Ernennung des Beschenkten zum cpiXoc tov ßacnXscoc und war keine
,Bestechung*.1175 Aber die beiden Königssöhne fanden weder die Gelegenheit, den
von ihnen mitgebrachten edelsteingeschmückten Leuchter (candelabrunr. Cic. Verr.
4, 28,64; 4, 29, 67) im Tempel des Jupiter Capitolinus aufzustellen (da am Tempel
gebaut wurde), noch wurden sie überhaupt vor den Senat geladen, um ihre Ansprü-
che vorzutragen.1176 Es scheint aber, daß wenigstens die societas et amicitia mit
Rom Bestätigung fand.1177 Auf der Rückreise über Syrakus hatte Antiochos Philo-
metoroder Antiochos XIII. das ,Pech‘, dem Prätor von Sizilien, Gaius Verres, in die
Hände zu fallen.1178 Auch wenn Cicero es in den Verrinen anders darstellt, ist es
1171 Cic. Verr. 4,27, 61. Bevan, House IIS. 263.
1172 Ritter, Diadem S. 137 Anm. 2. Cicero Verr. 4, 30, 67 spricht von comitatus regius atque or-
natus.
1173 So dürfte etwa Herakleides im Jahr 153 durch den Einsatz derartiger Mittel die Zustimmung
für die Thronbesteigung Alexanders I. vom Senat erhalten haben: siehe oben Kap. II4.
1174 I. Makk. 11,58. Robert, Noms S. 446 mit Anm. 1 und 2.
1175 Vgl. z.B. I. Makk. 11, 58: Antiochos VI. schenkt dem Hohenpriester Jonathan Goldgefäße
und Tafelgeschirr und bestätigt ihn als ovyYEV!K des Königs.
1176 Cicero begründet dies pauschal mit den politischen Verhältnissen: Verr. 4,27,61, die allerdings
angesichts der Kämpfe des Pompeius gegen Sertorius (77-72) und des Spartacus-Aufstandes
(73-71) tatsächlich angespannt waren.
1177 Dies meint ausdrücklich Koehler, Nachfolge S. 59 mit Anm. 260 aus. Vgl. auch Bellinger,
End S. 81; 83.
1178 Früher ging man davon aus, daß in Ciceros Verrinen immer von Antiochos XIII. die Rede sei.
Nach den in II11 besprochenen Münzen, durch die der zweite Sohn der Kleopatra V. Selene,
Antiochos Philometor, jetzt namentlich bekannt geworden ist, spricht der römische Rhetor
aber vielleicht von diesem König. — Als Reiseziel der beiden reges gibt Cicero (Verr. 4, 27,
61) ihr väterliches Königreich Syrien an: ... in Syricun in regnum patrium profecti sunt. Ziel
war vielleicht Ptolemais. Warum die beiden getrennt nach Hause reisten, ist nicht überliefert.
Antiochos Philometor (oder Antiochos XIII.) hielt sich Anfang des Jahres 70 vielleicht noch
in Syrakus auf und wurde dort von Cicero als Zeuge gegen Verres befragt (siehe auch oben
Kap. I 1,2).
12.) Regierung des Antiochos XII. und Herrschaft des armen. Königs Tigranes II. 255
nicht auszuschließen, daß Antiochos Philometor (bzw. Antiochos XIII.) hier den
letzten Versuch unternahm, doch noch einen einflußreichen Fürsprecher zu gewin-
nen. Möglicherweise sind die anfänglichen Avancen des Seleukiden von Verres
mißverstanden und dann schamlos ausgenützt worden.
Ende der 70er Jahre begann Tigranes IL eine militärische Offensive, um Koile-
syrien, Phönikien und Palästina vollständig in Besitz zu nehmen. Daß dies erst jetzt
- zehn Jahre nach dem Einmarsch in Syrien - erfolgte, ist erstaunlich, da in diesen
Gebieten einige der wohlhabendsten und bedeutendsten Städte des östlichen Mittel-
meerraumes lagen. Sehr wahrscheinlich aber war Kleopatra V. im Jahr 73/72 mit
ptolemäischer Hilfe (?) in Ptolemais eingezogen,1179 und eben dies veranlaßte das
Eingreifen des Tigranes II. Die Anwesenheit einer legitimen Seleukidenkönigin und
-mutter konnte rasch zu Unruhen führen und mußte für Tigranes II. eine politische
Bedrohung sein. Im Jahr 72 gelang es seinen Soldaten, Damaskos einzunehmen und
die Nabatäer unter Aretas III. zu vertreiben.1180 Mit dem Datum AME (241 S. Ä. =
72), BME (242 S. Ä. = 71) und TME (243 S. Ä. = 70) wurden in Damaskos Te-
tradrachmen für Tigranes IL geprägt.1181 Die Münzrückseiten zeigen die Tyche der
Stadt und zu ihren Füßen den Flußgott Chrysorrhoas.1182 Der König scheint durch
eine überlegte Geldpolitik Wirtschaft und Handel in Damaskos gezielt gefördert zu
haben.1183
Anschließend zog Tigranes II. mit seinem angeblich 300.000 Mann starken
Heer1184 nach Phönikien, belagerte Ptolemais und andere phönikische Städte (Plut.
Luc. 21, 2). Da die Juden unter ihrer Königin Alexandra einen Angriff auf Judäa
befürchteten, schickten sie eine Gesandtschaft mit kostbaren Geschenken an Tig-
ranes IL, der die Huldigung gerne entgegennahm.1185 Wie lange der Armenier Pto-
lemais belagerte, ist nicht überliefert, auch nicht, auf welche Weise es ihm schließ-
lich gelang, die Stadt einzunehmen. Ende des Jahres 70 (?) geriet Kleopatra V. in
seine Gefangenschaft (los. ant. lud. 13, 421). Ptolemais war gerade eingenommen
worden, als Tigranes IL die Nachricht erhielt, sein Schwiegersohn, der pontische
König Mithradates VI., habe sich vor den Truppen des römischen Feldherren Lucul-
lus nach Armenien geflüchtet.1186 Tigranes II. brach sofort nach Armenien auf. Im
1179 Dagegen nimmt etwa Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 783 f. an, Kleopatra V. sei erst 70/69 in
Ptolemais angekommen.
1180 Die Stadt war im Jahr 84/83 unter nabatäische Kontrolle gekommen, siehe oben.
1181 Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 138 Nr. 13—16.
1182 Der Flußgott ist richtig von Prottung, Stadttyche S. 86, falsch von Mousheghian/Depeyrot,
Armenian Coinage S. 139 benannt. Der Fluß wird auch bei Strab. 16,2, 16 = 755 erwähnt.
1183 So zeigen Silberanalysen, daß die Tetradrachmen von Damaskos mit einem höheren Silber-
anteil ausgegeben wurden als die von Antiocheia: Damaskos: 92-94 %: Mousheghian/Depey-
rot, Armenian Coinage S. 138; Antiocheia: 62—74%: ebenda S. 134. Auch könnte die Aus-
prägung von Kleinmünzen: Mousheghian/Depeyrot, Armenian Coinage S. 139 f. Nr. 17-21
als Hinweis auf eine solche »Wirtschaftspolitik* verstanden werden.
1184 los. ant. lud. 13,419. Zu der Stelle vgl. Marcus, Josephus S. 439 Anm. c.
1185 Zur Regierung der Alexandra vgl. E. Baltrusch, Königin Salome Alexandra (76-67 v. Chr.)
und die Verfassung des hasmonäischen Staates, Historia 50, 2001, S. 163-179.
1186 los. ant. lud. 13,421; Plut. Luc. 19, 1. Christ, Krise S. 268. Koehler, Nachfolge S. 26 datiert
die Belagerung auf 70/69.
256 II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr.
mesopotamischen Seleukeia ließ er im Frühjahr 69 Kleopatra V. ermorden.1187 Mit
ihr fand die letzte Seleukidin ihr Ende, die mit Kleopatra Thea vergleichbar, der
Seleukidendynastie Über jahrzehnte hinweg einen gewissen Grad an Kontinuität und
Zusammenhalt gegeben hatte.
13.) REGIERUNG DES ANTIOCHOS XIII. (69-64) UND EINRICHTUNG
DER PROVINZ SYRIA UNTER POMPEIUS (64/63)
Noch während Tigranes II. im Jahr 70 mit der Belagerung von Ptolemais beschäftigt
war, kam der Römer Lucius Appius Clodius Pülcher im Auftrage seines Schwagers
L. Licinius Lucullus nach Antiocheia, um die Auslieferung des Mithradates VI. von
Pontos zu verlangen.1188 Clodius residierte in Daphne und nahm im geheimen
freundschaftliche Verbindungen zu verschiedenen Königen, Dynasten und Städten
auf, die die Herrschaft des Tigranes II. abzuschütteln suchten. Plutarch erwähnt von
diesen ausdrücklich Zarbienos, den König der an den Quellen des Tigris gelegenen
nordmesopotamischen Landschaft Gordyene.1189 Bei den „Städten“ wird man vor
allem an die syrischen und phönikischen Küstenstädte denken dürfen. Tigranes II.
verweigerte die Auslieferung des Mithradates VI. Das bedeutete Krieg (Plut. Luc.
21,7). Während Clodius nach Ephesos abreiste, wo sich Lucullus aufhielt, zog sich
Tigranes II. mit seinem Heer nach Armenien zurück. Im mesopotamischen Seleukeia
ließ er, wie erwähnt, Kleopatra V. ermorden.1190 Nachdem das pontische Sinope
unterworfen war (Plut. Luc. 23, 2f.), zogen die römischen Truppen Richtung Eu-
phrat, den sie im Frühjahr 69 erreichten (Plut. Luc. 24, 4). Nach der Überquerung
des Tigris rückten die Römer in Armenien ein, um die Hauptstadt des Tigranes II.,
Tigranokerta, zu erobern.
Auf Befehl des Tigranes II. hatte der armenische Statthalter Bagadates1191
Kilikien und Syrien geräumt und war seinem Herrn zur Hilfe geeilt (App. Syr. 49,
249). Mit dem Abzug der armenischen Truppen kam die Stunde des vermutlich ir-
gendwo in Kilikien residierenden Antiochos XIII.1192 Im Frühjahr/Sommer 691193
gelangte der Seleukide nach Syrien bzw. Antiocheia und übernahm dort mit Zustim-
1187 Strab. 16, 2, 3 - 749. Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 784.
1188 Plut. Luc. 21, 1-2. Zum Hintergrund vgl. Bellinger, End S. 82.
1189 Luc. 21,2. Grainger. Prosopography S. 723.
1190 Anfang des Jahres 69. Strab. 16, 2, 3 = 749. Stähelin, Kleopatra (22) Sp. 784; Brodersen,
Abriß S. 77. Siehe oben Kap. 11 12. Zur geographischen Lage und archäologischen Situation
von Zeugma vgl. R. Erge^/M. Önal/J. Wagner, Seleukeia am Euphrat/Zeugma. Archäologische
Forschungen in einer Gamisons- und Handelsstadt am Euphrat, in: Wagner, Gottkönige S.
105 ff.
1191 Zur Schreibung des Namens Bagadates, nicht Magadates, vgl. Brodersen, Abriß S. 77. Vgl.
auch Grainger, Prosopography S. 655.
1192 lust. 40, 2, 3.
1193 Richtige Datierung bei Koehler, Nachfolge S. 58. Unpräzise ist Bellinger, End S. 83, der
„69/68“ schreibt.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 257
mung der Bevölkerung die Regierung.1194 Vermutlich hat es eine förmliche Ausru-
fung des Antiochos XIII. durch die Stadtbewohner gegeben.1195 Daß die Antiochener
sich für den neuen König aussprachen, wird, abgesehen davon, daß die Armenier
sehr unbeliebt geworden waren,1196 im wesentlichen zwei Gründe gehabt haben: 1.)
Wird sich die Bevölkerung vom Seleukiden einen wirksameren Schutz gegen Über-
griffe arabischer Stammesführer versprochen haben (siehe unten) und 2.) wollte sie
mit dieser Entscheidung vielleicht möglichen römischen Annexionsabsichten zuvor-
kommen.1197 Antiochos XIII. schickte eine Gesandtschaft an Lucullus nach Arme-
nien, der ihn ohne weiteres als neuen Seleukidenkönig anerkannte (App. Syr. 49,
250). Die autonome städtische Münzprägung der Metropolis Antiocheia wurde, wie
es scheint, eingestellt1198 und nur mehr königliche Münzen ausgegeben. Die Rück-
seiten der Tetradrachmen zeigen das typische Bild des nach links thronenden Zeus
zu der Genitivlegende BAEIAEQL ANTIOXOV 4>IAAAEA<I>OV.1199 Beim Vor-
derseitenporträt glaubt N. Dürr, wie bei Demetrios II. und Seleukos VL, auch an der
Schläfe dieses Königs ein kleines Hom erkennen zu können,1200 doch handelt es
sich, wie R. Fleischer gesehen hat, wohl nur um „den aufstrebenden Teil einer Haar-
locke seiner Frisur“.1201 Zwei Beobachtungen am Münzbildnis des dreizehnten
Antiochos sind von Bedeutung: Zum einen weist seine Haarfrisur in der Stimmitte
„statt des üblichen aufstrebenden Wirbels eine Anastole auf*,1202 zum anderen wirkt
das Gesicht betont kämpferisch. Die Anastole erinnert an Alexander den Großen,
der Gesichtsausdruck, der durch Kontraktion der Stirn und der Augenbrauen entsteht,
an den Makedonenkönig Perseus.1203 Bei letzterem handelt es sich um eine beson-
dere Pathosformel,1204 die dem Dargestellten ein »gefährliches4 Aussehen verleihen
1194 App. Syr. 49,249: rjpxe twv Evpcov &kovtcüv. Appian verwechselt Antiochos XIII. allerdings
mit dessen Vater Antiochos X.: Brodersen, Abriß S. 79f.
1195 Vgl. etwa die Ausrufung des Demetrios I. durch die Bevölkerung von Tripolis im Frühherbst
(vor Oktober) 162, siehe oben Kap. II 2.
1196 Plut. Luc. 21, 3. Bellinger, End S. 82 f.
1197 Auf diesen Punkt hat Bouche-Leclercq, Histoire I S. 441 aufmerksam gemacht. Zustimmend
Koehler, Nachfolge S. 72 f.
1198 SNG München 593 verzeichnet noch ein autonomes Stück mit dem Datum 243 S. Ä. = 70/69.
Danach scheint die städtische Prägung ausgesetzt worden zu sein. Koehler, Nachfolge S.
72.
1199 Die erste Zuweisung von Münzen an Antiochos XIII. ist Newell zu verdanken: SMA S. 125 ff.
Nr. 460; 461. Vgl. außerdem: CSE 399; SNG Israel 12919; G. Hirsch Nachfolger, München,
Kat. 220, Feb. 2002,1456; Gomy & Mosch, München, Kat. 117, Okt. 2002,329. Die Münzen
sind selten. Babelon, Rois kannte keine, ebenso Wilcken, dessen Überlegungen zum Beinamen
des Königs: Antiochos (36) Sp. 2487 durch die Münzzeugnisse obsolet geworden sind.
1200 Demetrios II. S. 9.
1201 Herrscherbildnisse S. 89. Vgl. auch R. R. R. Smith, Hellenistic Royal Portraits, Oxford 1988,
S.45.
1202 Fleischer, Herrscherbildnisse S. 89.
1203 Dieser bestimmte Gesichtsausdruck begegnet bereits auf den Tetradrachmen des Makedonen
Antigonos Gonatas, die einen ,zornigen* Pan auf einem makedonischen Schild zeigen. Vgl.
etwa die Abbildungen 119 und 122 bei N. Davis/C. M. Kraay, The Hellenistic Kingdoms.
Portrait Coins and History, London 19802.
1204 Der Ausdruck nach L. Guiliani, Bildnis und Botschaft. Hermeneutische Untersuchungen zur
Bildniskunst der römischen Republik, Frankfurt am Main 1986, S. 151 ff.
258
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
soll. Diese Beobachtung ist insofern aufschlußreich, als sie zeigt, daß auch die letz-
ten Seleukidenkönige noch eine intensive imitatio Alexandri betrieben1205 und nicht
weniger martialisch in Erscheinung traten als ihre TTpoyovoi.1206 Charakter und
Selbstverständnis der seleukidischen Monarchie haben sich im Laufe der Zeit eben
kaum verändert, wenngleich die späten Könige nurmehr über einen Bruchteil der
politischen und militärischen Kräfte verfügten als ihre Vorgänger.
Das Herrschaftsgebiet des dreizehnten Antiochos umfaßte allenfalls die Tetra-
polis.1207 Nach dem Ende der armenischen Herrschaft zerfiel das seleukidische
Restreich wieder in zahlreiche unabhängige Territorien, die von kleineren Dynasten,
Priesterfürsten, Tyrannen, Stadtherren oder warlords regiert wurden, über die der
Seleukide keine Oberherrschaft zu errichten vermochte.1208 Einige dieser lokalen
Gewalthaber sind mit Namen bekannt: Über die Stadt Lysias am mittleren Oro-
ntes1209 herrschte der Jude Silas,1210 über Byblos der Tyrann Kinyras (Strab. 16, 2,
18 = 755), und über die Hafenstadt Tripolis gebot Dionysios.1211 Außerdem regierte
über ein nicht näher bestimmbares Gebiet vielleicht in Phönikien oder am Libanon
ein kleiner Dynast namens Bakchios.1212 Darüber hinaus ist davon auszugehen, daß
1205 Siehe dazu oben Kap. 1 3, 1.
1206 Siehe oben Einleitung S. 25 f. unter Punkt 4. Wie wichtig die Trpoyovot für das Selbstverständ-
nis der Seleukiden waren, zeigen die Inschriften, aus denen hervorgeht, daß es einen eigenen
Kult der irpoyovot gab: Rostovtzeff, IIPOrONOI S. 56-66.
1207 Koehler, Nachfolge S. 66; Bernhardt, Imperium S. 145. Vermutlich beherrschte er sogar nur
Teile der Tetrapolis, vielleicht auch nur Antiocheia bzw. die Satrapie Antiochis: Koehler,
Nachfolge S. 58.
1208 Berve, Tyrannis I S. 432ff.; 724f.; Kahrstedt, Territorien S. 88 ff.; Jones, Cities S. 255 f.
1209 Die Stadl ist nicht fest lokalisierbar. Nach Strabon (16,2, 10 = 753) lag sie am See von Apa-
meia. Vgl. Kahrstedt, Territorien S. 90; Altheim/Stiehl, Araber S. 150.
1210 los. ant. lud. 14,40. Grainger, Prosopography S. 667.
1211 los. ant. lud. 14,39. Berve, Tyrannis IS. 434; Grainger, Prosopography S. 647. Diesen Dio-
nysios von Tripolis vermutet Th. Mommsen, Geschichte des römischen Münzwesens, Berlin
1860, S. 629 ff. in dem römischen Denarreversbild: M. H. Crawford, Roman Republican
Coinage Band 1, Cambridge 1974, S. 454 f. Nr. 431 dargestellt, das eine neben einem Drome-
dar kniende männliche Gestalt zu der Legende BACCHIVS (= griechisch Dionysios?)
IVDAEVS zeigt. Dagegen hat W. Hollstein, Die stadtrömische Münzprägung der Jahre 78-50
v. Chr. zwischen politischer Aktualität und Familienthematik. Kommentar und Bibliographie,
München 1993, S. 326 ff. wahrscheinlich zu machen versucht, daß der Kniende als Hyrkan
II. zu identifizieren sei, den Pompeius zum Hohenpriester ernannte. Die seltsame Münzlegende
würde sich dann, wie schon E. Babelon, Bacchius ludaeus, RBN 1891, S. 15 ff. vorgeschlagen
hat, damit erklären, daß die Römer glaubten, im Tempel von Jerusalem würde Dionysos ver-
ehrt (Tac. hist. 5,5,5). In meiner Rezension des Buches von Hollstein: JNG 46, 1996, S. 239
hatte ich der Deutung auf Hyrkan II. zugestimmt, glaube aber heute (mit Klebs und anderen,
siehe die folgende Anmerkung), daß es sich bei diesem Bakchios eher um einen literarisch
nicht weiter bezeugten, lokalen jüdischen Gewaltherrscher wie Silas handelt, der sich Pom-
peius rechtzeitig (spätestens im Frühjahr 63) unterworfen hat. Vgl. zur älteren Diskussion des
Denarbildes Nr. 431 insbesondere K. Kraft, Taten des Pompeius auf den Münzen, JNG 18,
1968, S. 16 ff. Da Bakchios „nirgends weiter genannt“ wird (Mommsen), bleibt jede Identi-
fizierung, ob als Dionysios von Tripolis (Mommsen), Aristobulos II. (Kraft). Hyrkan II.
(Hollstein) oder lokaler Gewaltherrscher (Klebs), hypothetisch.
1212 Vgl. E. Klebs, Bakchios (4), RE II 2, Stuttgart 1896, Sp. 2789; Kahrstedt, Territorien S. 91;
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 259
etwa der Archon Demetrios1213 oder der Tyrann Straton, deren Herrschaft über Ga-
mala am See Gennesaret bzw. Berrhoia für die 80er Jahre ausdrücklich bezeugt
ist,1214 auch noch zwanzig Jahre später an der Regierung waren bzw. einen Nach-
folger gefunden hatten. Höchstwahrscheinlich hat es zurZeit des dreizehnten Anti-
ochos in Syrien, Koilesyrien und Phönikien noch eine ganze Reihe weiterer derar-
tiger Kleinfürsten gegeben.
Die stärksten Kräfte in der Region waren jedoch Juden und Araber.1215 Der jü-
dische König Alexander Jannaios hatte seit seinem Regierungsantritt (im Jahr 103)
sein Herrschaftsgebiet kontinuierlich weiter ausgedehnt. Josephus gibt in ant. lud.
13,395-397 für die 80er Jahre eine detaillierte Liste der eingenommenen Städte und
beherrschten Gebiete: Dabei handelt es sich um die Küstenstädte Stratons-Turm,
Apollonia, Joppe, Jamneia, Azotos, Gaza, Anthedon, Raphia und Rhinokouroura1216
sowie die Gebiete Idumäa und Samaria und die Binnenstädte Adoreos, Marisa,
Skythopolis, Gadara1217 und in der Gaulanitis die Städte Seleukeia und Gamala,1218
in der Moabitis Essebon, Medaba, Lemba, Oronaim, Agalain, Thona und Zoara;1219
außerdem waren der Karmel, der Thabor und die Kilikierschlucht von jüdischen
Soldaten besetzt.1220 Diese Gebiete wurden rücksichtslos judaisiert; wer keine jü-
dischen Sitten und Gebräuche annehmen wollte, wie die Bewohner von Pella, wurde
vertrieben. Der spätere jüdische König Aristobulos II. schließlich zog gegen Ptole-
maios, den Sohn des Mennaios, bis ins koilesyrische Damaskos.1221
Wie schon unter den Achämeniden genossen die arabischen Stämme der sy-
rischen Wüste auch unter den Seleukiden weitgehende Freiheit.1222 Im Heer Antio-
Gelzer, Pompeius S. 111. Dies ergibt sich aus dem erwähnten römischen Denartyp: M. H.
Crawford, Roman Republican Coinage Band I, Cambridge 1974, S. 454 f. Nr. 431.
1213 Josephus bezeichnet ihn als twv töttcüv cxp/wv (ant. lud. 13, 394; bell. lud. 1, 105).
1214 Berve, Tyrannis I S. 433. Hierzu ist vielleicht auch Phiiotas zu zählen, der um die Mitte der
80er Jahre möglicherweise Herr der Stadt Seleukeia (Gadara) war: Wörrle, Gadara S. 271.
Ältere Tyrannen dieser Region sind Zoilos (Stratons-Turm und Dora) sowie Zenon Kotylas
und dessen Sohn Theodoros (Philadelpheia/Amman mit den Festungen Amathus und Essa am
Jabbok). Zu diesen zuletzt Wörrle, Gadara S. 271 mit Anm. 26 und 27.
1215 Kahrstedt. Territorien S. 86 ff.; P. Funke, Die syrisch-mesopotamische Staatenwelt in vorisla-
mischer Zeit. Zu den arabischen Macht- und Staatenbildungen an der Peripherie der antiken
Großmächte im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, in: Funck, Hellenismus S.
217-238 bes. 221 ff.
1216 Möller/Schmitt, Siedlungen S. 7 (Azotos,Asdod), 17 (Anthedon), 21 (Apollonia), 61 f. (Gaza),
97f. (Jamneia), 113 ff. (Stratons-Turm, das spätere Caesarea), 159f. (Raphia) und 160 (Rhi-
nokouroura). Vgl. außerdem Baltrusch/Schuol, Meer S. 109; 111.
1217 Ebenda: 6f. (Adoreos), 61 (Gadara), 133 f. (Marisa) und 175 f. (Skythopolis). Zu Gadara vgl.
auch Wörrle, Gadara S. 267 ff.
1218 Ebenda: S. 65 f. (Gamala), 168 (Seleukeia).
1219 Zu den Moabiterstädten: Möller/Schmitt, Siedlungen S. 140 ff.
1220 EbendaS. 141 zur Kilikierschlucht. Dort waren von Alexander Jannaios vermutlich kilikische
Söldner angesiedelt worden.
1221 Im Auftrag der Königin Alexandria: los. ant. lud. 13,418.
1222 Vgl. Altheim/Stiehl, Araber S. 175. Ebenda heißt es: „Auch sonst findet sich nichts, was
darauf schließen ließe, daß die Seleukiden den Arabern zwischen Euphrat und Syrien irgend-
welche Schranken gesetzt hätten“.
260
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
chos’ III. (223/22-187) kämpften Araber in der Schlacht bei Magnesia am Sipylos
(Dezember 190) gegen Rom.1223 Der im 2. Jh. zunehmende Zerfall des Seleukiden-
staates führte zum Eindringen arabischer Nomadenstämme in das syrische Kultur-
land und förderte deren Seßhaftwerdung (siehe unten Kap. III). Schon um 150 sie-
delten Araber im Gebiet von Chalkis ad Belum, also unmittelbar an der Grenze zur
Satrapie Antiochis (Diod. 33,4 a). Zu dem Führer dieses Stammes unterhielt Alex-
ander I. freundschaftliche Beziehungen und vertraute ihm seinen Sohn, den späteren
Antiochos VI., an.1224 Später scheinen sogar dynastische Verbindungen zwischen
dem Seleukidenhaus und arabischen Dynasten bestanden zu haben, denn eine Lao-
dike, bei der es sich um eine Tochter Antiochos* IX. und Schwester Antiochos’ X.
handeln könnte (siehe Stammtafel), wird als Königin der arabischen Samenoi er-
wähnt.1225 In den 80er Jahren eroberten die Nabatäer unter Aretas III. die Hauptstadt
Koilesyriens, Damaskos.1226 Die Städte Emesa und Arethusa südlich von Apameia
wurden zur Zeit des dreizehnten Antiochos von dem cpvXapxoc Sampsigeramos
beherrscht.1227 Ein anderer mächtiger arabischer Dynast dieser Zeit war Azizos (los.
ant. lud. 13, 384), über dessen Herrschaftsgebiet jedoch keine Angaben vorliegen.
Er könnte über Chalkis ad Belum geboten haben1228 oder der Nachfolger des Diok-
les-Zabdiel von Abai gewesen sein.1229 Schließlich residierte der erwähnte Tetrarch
der arabischen Ituräer, Ptolemaios, der Sohn des Mennaios (los. ant. lud. 14,39), in
Chalkis am Libanon.1230
Antiocheia bzw. die Tetrapolis, die Machtbasis des Antiochos XIII., war dem-
nach von Norden, Osten und Süden dem Druck arabischer Stämme, insbesondere
aber den Übergriffen arabischer Räuber ausgesetzt.1231 Gegen diese mußte der neue
1223 Liv. 37, 40, 12, dessen Bericht auf Polybios basiert. Zur Schlacht: Bar-Kochva, Army S.
163 ff.
1224 Der Name dieses öwoottk ist verschieden überliefert: Jamblichos (Diod. 33,4 a), Jamliku
(I. Makk. 11,39) und Malchos (los. ant. lud. 13, 131). VgL auch Grainger, Prosopography S.
95 (Jamblichos). Malchos ist ein nabatäischer Name: A. Schalit, König Herodes. Der Mann
und sein Werk, Berlin 1969, S. 749 f.
1225 los. ant. 13, 371; Stephan von Byzanz s. v. Eapqvoi. Siehe oben Kap. II 11 und die Stamm-
tafel im Anhang.
1226 Siehe oben Kap. II 12.
1227 Strab. 16, 2, 10 = 753. Altheim/Stiehl, Araber S. 366f. In der Namensschreibung folge ich
MAMA III S. 65; Altheim/Stiehl, Araber S. 279 ff. u.a. Vgl. auch Grainger. Prosopography
S. 666. Zu Emesa: H. Seyrig, Antiquites syriennes 76. Caracteres de Phistoire d’Emese, Syria
36. 1959, S. 184-192.
1228 So Kahrstedt, Territorien S. 92. Dieses zwischen Antiocheia, Apameia und Berrhoia gelegene
Chalkis ist nicht mit dem Chalkis am Libanon zu verwechseln, das etwas nordwestlich von
Damaskos lag. Zur Stadt Grainger, Prosopography S. 707 mit Literatur.
1229 So Altheim/Stiehl, Araber S. 357 Anm. 14.
1230 Berve, Tyrannis I S. 434. Den Tetrarchentitel führte er auf seinen späteren Münzen: Wroth,
BMC Galatia S. 279 f. Nr. 2 ff. Später herrschte dort sein Sohn Lysanios mit dem gleichen
Titel: Ebenda S. 280 Nr. 6. Vgl. auch Altheim/Stiehl, Araber S. 278 f.; 315; 350. Zur Stadt:
Grainger, Prosopography S. 707 mit Literatur.
1231 Dio 37,7 a; lust. prol. 39. Die Abwehr der Araber war später auch die vordringlichste Aufgabe
der römischen Verwaltung in Syrien: App. Syr. 51, 256.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 261
König nun als allererstes vorgehen.1232 H. Koehler meint, daß der Seleukide gegen
die östlich siedelnden Araber im Gebiet um Chalkis ad Belum gezogen ist.1233 Dies
ist möglich, doch scheint es schlüssiger, anzunehmen, daß Antiochos XIII. die von
Tigranes II. im Amanosgebirge angesiedelten Araber angegriffen hat.1234 Zum einen
konnte Antiochos XIII. damit gegen diese bei den Antiochenem sicher wenig be-
liebten Araber direkt vorgehen, zum anderen war nach dem Abzug des Bagadates
ein Vakuum in Ostkilikien entstanden, das der Seleukide vielleicht leicht ausfüllen
zu können meinte. Doch erlitt er eine Niederlage (Diod. 40, la). Bald darauf, ver-
mutlich in der zweiten Hälfte des Jahres 67,1235 kam es in Antiocheia zu einem
„großen Aufruhr“ (oTacn^ pEydcXn). Einige nicht näher bezeichnete Rädelsführer
wiegelten die Menge (irXfjöot;) gegen Antiochos XIII. auf, aber die königlichen
Truppen stellten Ruhe und Ordnung wieder her. Die Anführer mußten fliehen und
flüchteten nach Kilikien, sehr wahrscheinlich an den Hof des in Olba residierenden
Philipp II., den sie zum König einsetzen wollten.1236 Die otäou; peyaXr] des Jahres
67 wurde daher wohl letztlich von Männern aus dessen Umkreis provoziert, und
zwar mit dem Ziel, Antiochos XIII. durch die Bevölkerung absetzen und Philipp II.
zum König ausrufen zu lassen. Wie es bei Diodor heißt (40,1 a), war die militärische
Erfolglosigkeit des dreizehnten Antiochos der Auslöser des Aufstandes.1237 Koehler
vermutet außerdem eine Beteiligung des P. Clodius an der Anzettelung des Auf-
ruhrs.1238 Nachdem der Plan gescheitert war, Philipp II. in Antiocheia zum König
ausrufen zu lassen, wandte er sich an den Araberscheich Azizos, der ihn abermals
krönte (Diod. 40, 1 a), obwohl Philipp II., wie die Inschriften zeigen, bereits in Olba
den Königstitel führte.1239 Antiochos XIII. verbündete sich mit Sampsigeramos
(Diod. 40,1 b). Gleichzeitig aber führten Azizos und Sampsigeramos geheime Ver-
handlungen, die darauf abzielten, die beiden Seleukiden zu beseitigen und das sy-
rische Restreich unter sich aufzuteilen (Diod. 40,1 b). Es hat den Anschein, daß der
Phylarch von Emesa und Arethusa, Sampsigeramos, Antiochos XIII. zeitweise ge-
fangensetzte,1240 doch entkam Philipp II. dem Anschlag des Azizos (Diod. 40,1 b).
Wie P. Treves scharfsinnig erkannte, findet sich in der Inschrift MAMA III Nr. 62 =
OID 85 vermutlich noch ein Reflex dieses Vorgangs: In den Zeilen 3 ff. heißt es, daß
dem (JüVTpocpot; des Philipp II., Hermias,1241 eine Halskette im Wert von 100 Gold-
1232 Die Überlieferung spricht nur von einer Niederlage des Antiochos XIII., wir wissen aber nicht,
gegen wen der Seleukide gezogen ist. Daß es Araber unter Azizos waren, vermutet schon
Wilcken, Antiochos (36) Sp. 2486, ebenso Treves, Philippos (69) Sp. 2556.
1233 Nachfolge S. 71.
1234 Mit der Ansiedlung der Araber im Amanosgebirge. die Plutarch Luc. 21, 4 erwähnt, wollte
Tigranes II. Wirtschaft und Handel in der Region fördern. Zum Amanosgebirge vgl. Orth,
Geographie S. 80.
1235 Datierung nach Koehler, Nachfolge S. 68.
1236 Diod. 40, 1 a; MAMA III S. 64ff.
1237 Vgl. Ehling, Unruhen S. 326 f.
1238 Koehler, Nachfolge S. 62; 68 ff.
1239 MAMA III Nr. 62 = OID 85. Vgl. auch Treves, Philippos (69) Sp. 2555.
1240 Diod. 40 1 b. Dem widerspricht aber, daß er frei war, als sich Pompeius im Winter 64/63 in
Antiocheia aufhielt (siehe unten).
1241 Dieser Hermias Mimmios, der auch in der Inschrift MAMA III Nr. 63 noch einmal genannt
262
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
stücken geschenkt wurde,1242 als Belohnung für seine ävöpayotöiot,1243 mit der er
den TVpawoc tötete. Treves vermutet dahinter den fehlgegangenen Anschlag auf
Philipp II. und identifiziert den TVpawot; mit Azizos.1244
Ende 67 (?) zog Philipp II. in Antiocheia ein. Daß keine Münzen in seinem
Namen geprägt wurden, ist vermutlich damit zu erklären, daß noch ausreichend Geld
seines Vaters, Philipp I. (ca. 95-83), im Umlauf war, und Philipp II. sich in dessen
Nachfolge stellte. Über seine Regierung wissen wir wenig. Die Antiochener stifteten
ein Standbild für Zenophanes, den apxiepevc von Olba und langjährigen
Beschützer und Wohltäter Philipps II.1245 Daß der Seleukide den Beinamen
4>tXopdopaio<; führte,1246 deutet wohl daraufhin, daß er noch von Lucullus als Kö-
nig von Syrien anerkannt wurde.1247 Von der syrischen Bevölkerung wurde er of-
fenbar aufgrund einer Mißbildung oder Behinderung mit dem Spottnamen Bapvirovc;
belegt,1248 der soviel wie „Klumpfuß“ bedeutet.1249 Ende 67/Anfang 661250 traf der
König in Antiocheia mit dem Proconsul von Kilikien, Q. Marcius Rex, zusam-
men.1251 Anläßlich dieses Besuches spendete der Römer eine größere Summe Geldes
zum Wiederaufbau von Hippodrom (ittttikov) und Palast (iraXaTiov).1252 Bei diesem
Palast dürfte es sich um die avXf| bzw. um ein nicht näher bestimmbares Gebäude
wird, fehlt in den Prosopographien von Grainger und Carsana. Vgl. aber Savalli-Lestrade.
Philoi S. 90 f.
1242 Zu Ketten. Armspangen und anderem Schmuck der seleukidischen Könige und Funktionäre
vgl. Ehling, Seleukos I. S. 43 f. mit Anm. 28.
1243 MAMA III Nr. 63: Nach der Erklärung von A. Wilhelm eine unter Einsatz des Lebens voll-
brachte Tat besonderen Mannesmutes.
1244 Philippos (69) Sp. 2557 f. Nach dem meuchlerischen Abkommen mit Sampsigeramos ist in
den Quellen von Azizos auch nicht mehr die Rede: ebenda Sp. 2557.
1245 Der Anfang der Inschrift MAMA III Nr. 65 lautet nach der plausiblen Ergänzung der Heraus-
geber [‘Avno/Etöv ? 6 öqpoc Tqc iepäc Kai] äovXou ... Zustimmend: Treves, Philippos
(69) Sp. 2555 f. Zu Zenophanes als Freund und Helfer der Seleukiden'Philipp I. und Philipp
II.: MAMA III S. 65 Anm. 3 und Savalli-Lestrade. Philoi S. 89 f.
1246 MAMA III Nr. 62. Der erste hellenistische König, der das <t>iXopd)paio<;-Epitheton führte,
war Ariobarzanes I. (96-63): Simonetta, Cappadocian Kings S. 39ff. Philipp II. ist der erste
und einzige Seleukide, der diesen Beinamen geführt hat. Zum <T>iXopwpaio<;-Titel vgl. auch
Th. Marksteiner/M. Wörrle, Ein Altar für Kaiser Claudius auf dem Bonda tepesi zwischen
Myra und Limyra, Chiron 32,2002, S. 557 f.
1247 Anders: Treves, Philippos (69) Sp. 2557.
1248 Malal. 9, 225. Treves, Philippos (69) Sp. 2556.
1249 Körperlich behinderte Könige sind selten. Der bekannteste ist der Spartanerkönig Agesilaos,
der auf einem Fuß hinkte: claudus altero pede: Nep. Ages. 8,1.
1250 Downey, Rex S. 145 hält das Jahr 67 für wahrscheinlicher als 66. Treves, Philippos (69) Sp.
2556 datiert den Besuch auf Anfang des Jahres 66. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Rom gerade
das Manilische Gesetz verabschiedet, das wenig später die Abberufung des Rex zur Folge
hatte.
1251 Vgl. dazu Downey, Rex S. 144 ff.-, ders., Antioch S. 140 f.
1252 Zum Hippodrom: W. A. Campbell, The Third Season of Excavation at Antioch-on-the-Oro-
ntes, AJA40, 1936, S. 1 f. Vgl. auch Downey, Rex S. 144ff. und dens., Antioch S. 140f. Die
Beschädigungen an Hippodrom und Palast waren vermutlich die Folge eines Erdbebens, das
in der Zeit des Tigranes II. Syrien getroffen hatte: lust. 40,2. 1.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 263
innerhalb des weitläufigen Palastbezirkes (Basileia) gehandelt haben.1253 Palast und
Hippodrom befanden sich auf der künstlichen Orontesinsel.1254 Auf diese Weise
sollte die Herrschaft Philipps II. gestützt werden, da in Rom, wie G. Downey
schreibt, zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht an eine Eingliederung bzw. Provin-
zialisierung Syriens gedacht wurde.1255 Insgesamt regierte Philipp II. zwei Jahre,
also von etwa Ende 67 bis Ende 65.1256 Anschließend gelangte im Jahr 65/64 noch
einmal Antiochos XIII. für kurze Zeit auf den Thron, bis er von Pompeius abgesetzt
wurde.1257
Im Jahr 99/98 hatte Rom mit der Schaffung der errapxeia OTpaTriyiKrj die
weitere Ausbreitung des Seeräubertums im östlichen Mittelmeer einzudämmen
versucht. Die lex de provinciis praetoriis forderte die Anrainerstaaten, also insbe-
sondere Ptolemäer und Seleukiden, auf, die Sicherheit der Seefahrt zu gewährleis-
ten.1258 Doch waren die Seleukiden spätestens seit den Jahren 97/95 nicht mehr in
der Lage, die in ihrem Herrschaftsbereich gelegenen Küstenstädte wirksam gegen
Piraten zu schützen. Tigranes II. scheint dem Seeräuberproblem keine weitere Be-
achtung geschenkt zu haben. Mit Ausbruch des Ersten Mithradatischen Krieges
(89-85) erlebt das Seeräubertum einen neuen Aufschwung.1259 Die Raubfahrten
nahmen immer bedenklichere Formen an. Altehrwürdige Städte und Heiligtümer,
die „bisher als unverletzlich und unbetretbar galten“ (Plut. Pomp. 24,5) wie Knidos,
Kolophon, Samos, Klaros, Didyma, Samothrake Hermione, Epidauros, Aktium,
Leukas, Argos u. a., wurden geplündert.1260 Nachdem P. Servilius Vatia in den Jahren
78 bis 76 von Pamphylien aus bis nach Isaurien und in das Taurosgebirge vorge-
drungen war und zahlreiche Seeräuberburgen erobert hatte,1261 entschloß sich der
Senat im Jahr 74 dazu, das Problem direkt anzugehen. M. Antonius, der Sohn des
oben erwähnten gleichnamigen Prätors und Vater des späteren Triumvirs, erhielt als
Proconsul den Auftrag,1262 das Mittelmeer von Seeräubern zu säubern und wurde
dafür mit besonderen Vollmachten ausgestattet.1263 Allerdings erwiesen sich seine
1253 Zu avXq als Ausdruck für Königspalast im Seleukidenreich siehe Kap. II6 Anm. 447.
1254 Zu dieser zuletzt Held, Residenzstädte S. 243 f. mit Anm. 117.
1255 Antioch S. 142.
1256 Zur Chronologie zuletzt Inglebert, Historiographie S. 197 f.
1257 Downey, Antioch S. 142; Koehler, Nachfolge S. 74 f. Siehe unten.
1258 W. Blümel (Hg.), Die Inschriften von Knidos. Teil I (I. K. 41), Bonn 1992, S. 20 Z. 7. Wäh-
rend Blümel und de Souza, Piracy S. 108 ff. das Gesetz als lex de provinciis praetoriis be-
zeichnen, sprechen etwa Schulz, Weltreichsbildung S. 434 oder Girardet, Imperia S. 171 von
der lex de piratis persequendis. Blümel, de Souza und Schulz datieren die lex ins Jahr 100.
In der Datierung folge ich Girardet, Imperia S. 171 Anm. 73. Ziel des Gesetzes war es, daß
die Könige den Piraten kein Asyl mehr gewähren sollten: Schulz, Weltreichsbildung S.
434 f.
1259 Zum Hintergrund: Maroti, Seeräuberei S. 36; 38 f.; Christ, Krise S. 195 ff.; de Souza, Piracy
S. 116ff.; 125 ff.; Bringmann, Republik S. 291 ff.
1260 Cic. Manil. 12; Plut. Pomp. 24, 5. Heftner, Plutarch S. 182 f.
1261 Siehe oben Kap. II 10.
1262 Schulz, Weltreichsbildung S. 437 betont, daß die Beauftragten im Range von Prätoren, nicht
Consuln, standen.
1263 Geizer, Pompeius S. 74 f.
264
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Aktionen als wenig erfolgreich.1264 Als Seeräuberschiffe in den Häfen von Caieta
und Ostia auftauchten und wie zum Hohn die Kinder des bereits im Jahr 71 verstor-
benen M. Antonius aus Misenum entführten (Cic. Manil. 12), wurde deutlich, daß
dagegen vorgegangen werden mußte. Schließlich brachte der Volkstribun und Ge-
folgsmann des Pompeius, Aulus Gabinius, im Januar 67 vor der Volksversammlung
einen Gesetzesvorschlag „Über die Aufstellung eines Feldherren gegen die Seeräu-
ber“ (de uno iniperatore contrapraedones constituendo: Cic. Manil. 52) ein.1265 Der
Inhaber dieses proconsularen Imperiums, dessen provincia das gesamte Mittelmeer
und einen Küstenstreifen von 50 Meilen (ca. 75 km) umfassen sollte, sollte drei Jahre
lang1266 frei über alle vorhandenen Streitkräfte, Ressourcen und Geldmittel verfügen
können.1267 Zu seiner Unterstützung sollte ein großer Stab von Legaten mit proprä-
torischem Imperium herangezogen werden. In dem Antrag des Gabinius wurde der
Name des Pompeius zwar nicht genannt, doch wußte jeder, wer gemeint war.1268
Trotz des Widerstandes des gesamten Senates (mit Ausnahme Caesars)1269 wurde
die lex Gabinia in der Volksversammlung beschlossen und Pompeius mit der Besei-
tigung der praedones beauftragt.1270 Dazu wurden ihm bis zu 120.000 Fußsoldaten,
5.000 bzw. 4.000 Reiter und die gesamte römische Flotte (200 oder 270 Schiffe:
Plut. Pomp. 25, 6 bzw. App. Mithr. 94, 431)1271 zur Verfügung gestellt und eine
Kriegskasse von 36 Millionen Denaren, bei unbegrenztem Kredit, bewilligt (App.
Mithr. 94,431; Dio 36,23,4).1272 Wie K. Christ betont, handelte es sich hierbei „um
das größte Potential, das Rom bisher jemals einem einzelnen Befehlshaber anvertraut
hatte“.1273
1264 Zu den Gründen vgl. Schulz, Weltreichsbildung S. 437, der darauf hin weist, daß die finanzielle
Ausstattung „viel zu gering war“.
1265 Dio 36,23,4. Vgl. insbesondere P. Groebe, Zum Seeräuberkriege des Pompeius Magnus (67
v. Chr.), Klio 10, 1910, S. 374 ff.; Miltner, Pompeius Sp. 2092 ff.; Geizer. Pompeius S. 77 ff.;
Will, Histoire II S. 417 ff.; Christ, Krise S. 251 f.; de Souza, Piracy S. 161 ff.; bes. 167 ff.;
Schulz, Weltreichsbildung S. 437ff.; Girardet, Imperia S. 171 ff.; Bringmann, Republik S.
293 f.; Baltrusch, Caesar S. 29.
1266 D.h. für ein triennium: Dio 36,23,4; App. Mithr. 94, 428.
1267 Die Gesetzesvorlage orientierte sich an dem sieben Jahre zuvor für M. Antonius eingerichte-
ten Imperium, allerdings wurden die Kompetenzen in allen wichtigen Punkten noch erweitert:
Christ, Krise S. 251; Girardet, Triumph S. 202f.; ders.. Imperia S. 173; Baltrusch, Caesar S.
30; Christ, Pompeius S. 68 f.
1268 Dio 36,23, 5. Geizer, Pompeius S. 77.
1269 Christ, Krise S. 252 f. Caesar war zu diesem Zeitpunkt Quästor und bekanntlich, höchstwahr-
scheinlich im Winter 75/74, auf seiner Reise nach Rhodos bei dem Inselchen Pharmakussa
nahe Milet selbst in die Gewalt von Seeräubern geraten: Suet. Div. lul. 4, 1-2; Plut. Caes. 1,
8-2, 7. Geizer, Pompeius S. 75; L.-M. Günther, Caesar und die Seeräuber - eine Quellena-
nalyse, Chiron 29, 1999, S. 321-337.
1270 Christ, Krise S. 251 ff.; Vogt, Republik S. 336; Bringmann, Republik S. 297.
1271 P. Groebe, Zum Seeräuberkriege des Pompeius Magnus (67 v. Chr.), Klio 10,1910, S. 375f.;
Girardet, Imperia S. 173.
1272 Geizer, Pompeius S. 79.
1273 Krise S. 252. Vgl. App. Mithr. 94,431.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 265
Das Vertrauen der römischen Kaufleute und Händler in Pompeius war so groß,
daß bereits am Tag der Beschlußfassung die Kornpreise in der Hauptstadt fielen.1274
Der neue Feldherr enttäuschte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht: Noch vor der
allgemeinen Aufnahme der Seefahrt, also etwa im Februar/März 67,1275 begann
Pompeius mit der systematischen Planung und Durchführung seiner Maßnahmen
gegen die Piraterie.1276 Zunächst wurde das gesamte Mittelmeer in neun Befehlsbe-
zirke eingeteilt, denen 13 Legaten vorstanden.1277 Pompeius selbst säuberte die
Küsten Siziliens, Afrikas und Sardiniens und sicherte diese Kornkammern des
Reiches durch Besatzungen. Anschließend wurden die Küsten der beiden Spanien
und die der Gallia Transalpina auf gleiche Weise abgesichert.1278 In nur 40 Tagen
konnte die Sicherheit der Seefahrt im westlichen Mittelmeer wieder gewährleistet
werden. Die Seeräuber, die entkommen konnten, zogen sich nach Kilikien wie in
einen „Bienenstock“ zurück (Plut. Pomp. 26, 3).
Von Brundisium aus segelte Pompeius an der Spitze eines Verbandes von 60
Schiffen nach kurzem Aufenthalt in Athen und auf Rhodos1279 nach der Küste Kili-
kiens. Vor Korakesion kam es zur Seeschlacht, aus der Pompeius’ Flotte als Sieger
hervorging. Seine Soldaten gingen an Land und eroberten eine Seeräuberfestung
nach der anderen; im Ganzen sollen es 120 Stützpunkte gewesen sein.1280 49 Tage
nach Abfahrt von Brundisium hatte Pompeius dem Seeräuberspuk weitgehend ein
Ende bereitet. Die Erfolgsbilanz war außerordentlich beeindruckend:1281 Nach App-
1274 Cic. Manil. 44; Plut. Pomp. 26, 2. Christ, Krise S. 253.
1275 Die Schiffahrt ruhte im Mittelmeer zwischen dem 11. November und dem 10. März: Veg. mil.
4,39.
1276 Wie Schulz, Weltreichsbildung S. 437 f. betont, reichte die Planungsphase zeitlich wohl we-
sentlich weiter zurück.
1277 Plut. Pomp. 26, 3. Vgl. dazu P. Groebe, Zum Seeräuberkriege des Pompeius Magnus (67 v.
Chr.), Klio 10, 1910, S. 378 ff.; Miltner, Pompeius Sp. 2095 ff.; Geizer, Pompeius S. 79f. mit
Anm. 36, die die Namen der einzelnen Befehlshaber (von App. Mithr. 95, 434 ausgehend)
auflisten.
1278 Cic. Manil. 34f.: qui nondum tempestivo ad navigandum mari Siciliam adiit, Africam explo-
ravit, inde Sardiniam cum classe venit atque haec tria frumentaria subsidia rei publicae fir-
mt ssimis praesidiis classibusque munivit. (35) Inde cum se in Italianz recepisset, duabus
Hispaniis et Gallia Transalpina praesidiis ac navibus confirmata, ... Plut. Pomp. 26,4. Gei-
zer, Pompeius S. 79 f.; Christ, Krise S. 253.
1279 Hier traf er mit dem größten Philosophen und berühmtesten Griechen seiner Zeit, Poseidonios,
zusammen: Strab. 11,1,6 = 492; 16,2,10 = 753. Geizer, Pompeius S. 82; Malitz. Poseidonios
S. 24 ff. Poseidonios hielt vor Pompeius eine Vorlesung, die publiziert wurde. Außerdem
verfaßte der Philosoph und Historiker eine Monographie zum Ruhme des Römers. Er sah in
diesem „die Verheißung einer besseren Zukunft für die zerrüttete und unfähige Oikumene“:
Reinhardt, Poseidonios Sp. 566.
1280 App. Mithr. 96,442; 445, der ausdrücklich Kragos und Antikragos erwähnt. Geizer, Pompeius
S. 82; de Souza, Piracy S. 169f.
1281 Cic. Manil. 35: ... ipse (= Pompeius) autem ut Brundisioprofectus est, undequinquagesimo
die totam ad Imperium populi Romani Ciliciam adiunxit; omnes qui ubique praedones fuerunt
partim capti interfectique sunt, partim unius huius se imperio ac potestati dediderunt. Plut.
Pomp. 28,1 f. Geizer, Pompeius S. 82; Christ, Krise S. 253. Freilich wird er kaum alle Piraten
vollständig vernichtet haben: Schulz, Weltreichsbildung S. 438.
266
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
ian (Mithr. 96,445) belief sich die Zahl der eroberten Schiffe auf 71; Plutarch (Pomp.
28,2) überliefert die Zahl von 90 Schiffsschnäbeln. Weitere 306 Schiffe wurden den
Römern freiwillig übergeben (App. Mithr. 96, 445). Strabon schreibt sogar, daß
1.300 Schiffe erbeutet wurden (14, 3, 3 = 665), wobei, wie M. Geizer anmerkt, in
dieser Zahl die vielen noch im Bau befindlichen Schiffe mitgezählt sein könnten.1282
10.000 Piraten sollen den Tod gefunden haben (App. Mithr. 96, 445); 20.000 See-
räuber und Familienangehörige ergaben sich dem Imperator (Plut. Pomp. 28, 4).
Nach römischem Kriegsrecht hätte er sie ans Kreuz schlagen lassen oder als Sklaven
verkaufen können. Hatte sich die Politik Roms hinsichtlich der Seeräuber in den
letzten Jahrzehnten „mit bloßem Niederhalten begnügt“,1283 so beschritt der rö-
mische Feldherr nun einen ganz neuen Weg: Er begann im Sommer 67 mit der
Ansiedlung der ehemaligen Piraten, und zwar in den von Tigranes II. zerstörten
Städten des Ebenen Kilikiens. Ausdrücklich werden die Städte Soloi, Adana, Mallos
und Epiphaneia genannt.1284 Nach den Münzzeugnissen läßt sich vermuten, daß
Piraten außerdem in Mopsuhestia und Alexandreia kat’ Isson angesiedelt wurden.1285
Kleinere Gruppen wurden noch nach Dyme in Achaia sowie vermutlich nach Kyrene
und Tarent geschickt.1286 In Ostkilikien gab Pompeius den ehemaligen Seeräubern
agros et urbes (Liv. per. 99), wodurch sie friedliebende Bauern werden sollten.1287
Ihre Ansiedlung erfolgte vermutlich deshalb überwiegend in Küstennähe, weil das
Imperium des Pompeius nur 50 Meilen ins Landesinnere reichte.1288 Die (piXavOpooma
des Römers,1289 die er gegenüber den Piraten walten ließ, bedingte nicht zuletzt den
schnellen und durchschlagenden Erfolg seiner Reorganisationsmaßnahmen. Diese
trugen, wie R. Ziegler mit Recht betont, „zur Stabilisierung des Städtewesens in
Ostkilikien bei“ und gingen deutlich über „eine bloße Restaurierung vormaliger
Verhältnisse ... hinaus“.1290
1282 Pompeius S. 82.
1283 Geizer, Pompeius S. 83.
1284 App. Mithr. 96,444; 115, 562; Strab. 14, 3, 3 = 665; 14,5, 8 = 671; Plut. Pomp. 28,4; Dio
36, 37, 6. Geizer, Pompeius S. 83; Bernhardt, Imperium S. 144f.; Ziegler, Ären S. 210 mit
Anm. 46; de Souza, Piracy S. 176.
1285 Zu den Münzen: Ziegler, Ären S. 204 f.; 205 ff.; 213. Die Annahme einer neuen Ära in Mops-
uhestia und Alexandreia kat’Isson muß aber nicht mit der Ansiedlung der Piraten, sondern
kann allein mit der Niederlassung ausgedienter Veteranen des Pompeius Zusammenhängen,
siehe dazu auch unten.
1286 Ziegler, Ären S. 210 mit Diskussion der antiken Zeugnisse in Anm. 47. Zu Dyme vgl. App.
Mithr. 96,444 und Cic. Att. 16.1,3, der im Juli 44 darüber klagt, daß die angesiedelten Piraten
ihr altes Handwerk wieder aufnehmen würden. Außerdem: Schulz, Weltreichsbildung S. 438
mit Anm. 4 und de Souza, Piracy S. 170.
1287 Plut. Pomp. 28, 3. Ziegler, Ären S. 211.
1288 Ziegler, Ären S. 212.
1289 Dio 36,37,4. Auf die Betonung dieser Tugend legte Pompeius offenbar großen Wert: Ziegler,
Ären S. 211 mit Anm. 50. Strasburger, Poseidonios S. 43 Anm. 37 erkennt dahinter poseido-
nisches Gedankengut.
1290 Ären S. 212.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 267
Die Ansiedlung der Piraten diente freilich kaum allein ihrer .Resozialisie-
rung*,1291 sondern der Schaffung einer schlagkräftigen Klientel.1292 Der Piratenka-
pitän und spätere König Tarkondimotos I. avancierte in der Folgezeit zu einem
wichtigen Berater des Pompeius in Fragen der Seekriegsführung.1293
Daß die Maßnahmen des Pompeius im Sommer/Herbst 67 in den Städten des
Ebenen Kilikien als Neuanfang empfunden wurden, läßt sich insbesondere daran
ablesen, daß sie von der Zählung der Jahre nach dem Seleukidenkalender abgingen
und eine neue, pompeianische Ära einführten. Wie Ziegler nachgewiesen hat,1294
gehen die neuen Zählungen auf die Reorganisationsmaßnahmen des Pompeius und
nicht auf die des Lucullus zurück, obwohl die nach Tigranokerta verschleppten
Griechen im Herbst 69 von Lucullus befreit und in ihre Heimat zurückgeschickt
worden waren (siehe oben). Das „Jahr eins** der neuen Ära war in Mopsuhestia,
Epiphaneia und Alexandreia kat’ Isson Herbst 68/Herbst 67,1295 in Mallos Herbst
67/Herbst 661296 und in Soloi Herbst 66/Herbst 65.1297
Wie A. Dreizehnter bemerkt hat, lautet das Ethnikon auf den ersten, frühestens
ab Herbst 66/Herbst 65 in Soloi geprägten Münzen im Genitiv Plural
nOMIIHIANQN.1298 riOMIIHIANOI ist die Transkription von lateinischen Pom-
peiani™9 Erst später wurde die Stadt in Pompeiupolis umbenannt.1300 Dreizehnter
zieht aus dem Stadtnamen den Schluß, daß Pompeius nach Beendigung des Seeräu-
berkrieges nicht nur Piraten, sondern auch entlassene Soldaten in Soloi angesiedelt
hat.1301 Von dieser Beobachtung und sehr plausiblen Vermutung ausgehend, wäre
zu überlegen, ob der römische Feldherr nicht auch in den anderen Städten, d.h.
namentlich in Mopsuhestia, Mallos, Epiphaneia und Alexandreia kat’ Isson verdiente
Veteranen ansiedelte. Auf diese Weise konnte er am ehesten Sicherheit und Ordnung
in diesen Städten durchsetzen und deren längerfristige Loyalität sicherstellen, denn
die ehemaligen Seeräuber waren bestimmt keine unbedenkliche Bevölkerung.
Zwanglos ergäbe sich damit auch eine Erklärung für die Einführung der neuen pom-
peianischen Ära in den genannten Städten, deren Urheber eben nachweislich nicht
die von Lucullus befreiten und rückgesiedelten Griechen und wohl auch nicht in
erster Linie die seßhaft gemachten Piraten gewesen sein werden, sondern jene Ve-
1291 Dreizehnter, Pompeius S. 243; Ziegler, Ären S. 211 mit Anm. 50; Schulz, Weltreichsbildung
S. 438 Anm. 51.
1292 Ziegler, Ären S. 215; Schulz, Weltreichsbildung S. 438; Baltrusch, Caesar S. 32.
1293 Dio 41,63,1. Schulz, Weltreichsbildung S. 438. Zu Tarkondimotos I. siehe unten.
1294 Ären S. 203 ff.
1295 EbendaS. 206.
1296 EbendaS. 207.
1297 Ebenda S. 208. Mit Pompeius als Städtegründer beschäftigt sich zuletzt R. Ziegler, Alexander
der Große als Städtegründer. Fiktion und Realität, in: U. Peter (Hg.), Stephanos nomismatikos.
E. Schönert-Geiß zum 65. Geburtstag, Berlin 1998 S. 679-697.
1298 Dreizehnter, Pompeius S. 239. Vgl. die Stücke bei Fr. Imhoof-Blumer, Coin-Types of some
Kilikian Cities, JHS 18,1898, S. 166 Nr. 13; 14 und Head, HN S. 729.
1299 Dreizehnter, Pompeius S. 239.
1300 Strab. 14, 3, 3 = 665; 14,5, 8 = 671. Vgl. auch die Münzen: SNG Switzerland I 1212-1217.
1301 Dreizehnter, Pompeius S. 239.
268
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
teranen des Pompeius, die so etwas wie eine neue Oberschicht in den betreffenden
Städten gebildet haben werden.
Wenigstens kurz sei an dieser Stelle noch vermerkt, daß Plutarch im Zusammen-
hang mit der Ansiedlung der Piraten erwähnt, diese hätten seltsame Opfer darge-
bracht und geheime Rituale gefeiert, „von denen die Mithrasweihe noch heute
existiert, die zum erstenmal von jenen bekannt gemacht wurde“ (Plut. 24,5).1302 Ob
man daraus den Schluß ziehen darf, daß die Entstehung des Mithraskultes auf die
Seeräuber in Kilikien zurückgeht,1303 ist mehr als fraglich, ganz abgesehen davon,
daß Plutarch wohl den persisch-hellenistischen Mithrakult meint, nicht den Kult des
römischen Mithras.1304 Wie R. Merkelbach vermutet, dürfte der Umstand, daß der
Mithrakult der griechischen Welt gerade durch diese Seeräuberepisode bekannt
wurde, darauf zurückzuführen sein, „daß es aus der Feder eines zeitgenössischen
Historikers (Theophanes von Mytilene) eine ausführliche Darstellung der Kriege
des Pompeius gegeben hat“.1305 Es handelt sich also um einen Zufall der Überliefe-
rung, der nicht zu der Annahme verleiten sollte, die Ursprünge des Mithra- oder
Mithraskultes in Kilikien zu suchen.1306
Als Pompeius im Sommer/Herbst 67 seine Ansiedlungen durchführte, be-
trachtete er Ostkilikien, das rechtlich noch nicht an Rom übergegangen war, schon
als römisch.1307
Im Laufe des Jahres 67 war der Krieg Roms gegen den pontischen König
Mithradates VI. in eine „für Roms Ansehen und politisch-wirtschaftliche Interessen
1302 Übersetzung von R. Merkelbach, Mithras. Ein persisch-römischer Mysterienkult, Königstein
1984, S. 45.
1303 So ausdrücklich der amerikanische Religionshistoriker D. Ulansey, The Origins of Mithraic
Mysteries. Cosmology and Salvation in the Ancient World. New York/Oxford 1989, S. 48 mit
Anm. 185 (deutsch: Die Ursprünge des Mithraskults. Kosmologie und Erlösung in der Antike,
Stuttgart 1998, S. 38). Gegen die größtenteils unmethodische Argumentation und ,Beweis-
führung* in diesem Buch wendet sich mit Recht M. Clauss, Mithras und die Präzession, Klio
83, 2001, S. 219-225.
1304 Zu der sinnvollen Unterscheidung von Mithra- und Mithraskult: M. Clauss. Mithras. Kult und
Mysterien, München 1990, S. 13.
1305 R. Merkelbach, Mithras. Ein persisch-römischer Mysterienkult. Königstein 1984, S. 45. An-
ders Strasburger, Poseidonios S. 40 ff., der die Mithrasepisode auf Poseidonios zurückführt.
1306 Vielmehr ist der Kult des Mithra im persischen Osten entstanden und mit den Persern nach
Kleinasien gelangt. Er wurde insbesondere durch die Könige von Pontos. die Mithradatiden,
und die Oronliden von Kommagene verbreitet. Möglicherweise ist der Mithrakult durch Ver-
mittlung über Kommagene (vgl. dazu R. Beck, The Mysteries of Mithras: A new Account of
their Genesis, JRS 88.1998, S. 115 ff.; A. Schütte-Maischatz/E. Winter, Kultstätten der Mit-
hrasmysterien in Doliche. in: Wagner. Götterkönige S. 93-99) nach Rom bzw. Italien gelangt.
In Rom (oder Ostia) wurde aus dem persischen Mithra der römische Mithraskult, der von
Westen her über den Donauraum wieder nach Kleinasien wanderte. Die .Umformung', die
die Mithrareligion dabei in Rom (oder Ostia) erfuhr, ist in gewisser Weise vielleicht der Ent-
wicklung des Christentums von der jüdisch geprägten Urgemeinde zur institutionalisierten
Kirche des 2. Jhs. n. Chr. vergleichbar: K. Ehling, Mithras Equitans auf den kaiserzeitlichen
Münzen von Trapezunt. EA 33,2001, S. 130 Anm. 10.
1307 Geizer, Pompeius S. 84; Bringmann, Republik S. 295.
13.) Regierung des Antiochos XIIL u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 269
im Osten gefährliche militärische Stagnation“ geraten.1308 Die Nachfolger des Lu-
cullus, die beiden Optimaten M. Acilius Glabrio und Q. Marcius Rex, hatten auf
dem asiatischen Kriegsschauplatz keine Erfolge aufzuweisen,1309 was den Anhän-
gern des Pompeius in Rom den Weg ebnete: Wohl Anfang des Jahres 66 brachte der
Volkstribun C. Manilius einen Gesetzesantrag ein, der Pompeius unter Abberufung
der Proconsuln Glabrio und Rex die Statthalterschaft von Bithynia-Pontos und Ki-
likien übertrug und mit der Kriegsführung gegen Mithradates VI. und Tigranes IL
betraute.1310 1311 Für die lex Manilla machten sich dieses Mal auch führende Optimaten
wie P. Servilius Vatia Isauricus stark. Cicero hielt seine erste Staatsrede, de imperio
Cn. Ponipei,mx und der Antrag wurde mit den Stimmen aller Tribus angenom-
men.1312 1313 Wie K. M. Girardet zeigt, vergab der Senat kein zusätzliches imperium\m3
auch hatte Pompeius keine Oberstatthalterschaft im Sinne eines Imperium maius
inne.1314 Vielmehr erhielt dieser extra ordinem als weitere provincia das bellum
Asiaticum regiumque übertragen.1315 Zunächst ließ Pompeius durch Edikte
(öiaypäppaTa: Plut. Pomp. 31,1) bekanntgeben, daß er das Kommando über die
in den Provinzen Bithynia-Pontos und Kilikien stehenden Truppen übernommen
habe.1316 Auch rief er die verbündeten kleinasiatischen Fürsten und Könige
(Suvaorai Kai ßaoiXcic: Plut. Pomp. 31, 1) zu sich, unter ihnen den galatischen
Tetrarchen Deiotaros.1317 Wohl auf der Grundlage der lex de provinciis praetoriis
beorderte der Imperator Teile der römischen Flotte zum Schutz an die Küste Phöni-
kiens.1318 Im Frühjahr 66 begab er sich nach Galatien, um den Oberbefehl über die
Soldaten des Lucullus zu übernehmen.1319 In Danala kam es zur Unterredung zwi-
schen Pompeius und Lucullus,1320 die jedoch keine Aussöhnung brachte, sondern
1308 Koehler, Nachfolge S. 36.
1309 Mommsen, Geschichte S. 123.
1310 Plut. Pomp. 30, 1 ff. Mommsen, Geschichte S. 124; Miltner, Pompeius Sp. 2102; Geizer,
Pompeius S. 87 ff.; Christ, Krise S. 254; Girardet, Triumph S. 205; Bringmann, Republik S.
297 f.
1311 Zum Hintergrund vgl. Fuhrmann, Cicero S. 79ff.
1312 Geizer, Pompeius S. 88.
1313 Girardet, Imperia S. 176 ff.
1314 Girardet, Triumph S. 202 ff. und ders., Imperia S. 178. Dagegen geht Geizer, Pompeius S. 89
von einem Imperium maius aus, während etwa Koehler, Nachfolge S. 36 quasi zwei imperia
annimmt und Christ, Krise S. 255 von zwei außerordentlichen Imperien spricht. Gegen Geizers
Auffassung wendet sich bereits V. Ehrenberg, »Imperium Maius1 in the Roman Republic, AJPh
74, 1953, S. 119 ff. = ders., in: K. F. Stroheker/A. J. Graham (Hg.), Polis und Imperium. Bei-
träge zur Alten Geschichte, Zürich/Stuttgart 1965, S. 592 f. mit Anm. 1. Zu diesem Problem
zuletzt: Girardet, Imperia S. 177 Anm. 95.
1315 Girardet, Imperia S. 177 Anm. 95.
1316 Geizer, Pompeius S. 89.
1317 EbendaS. 89.
1318 Plut. Pomp. 32,1. Geizer, Pompeius S. 89. Zum Seeräuberunwesen an der phönikischen Küste
vgl. M. Hengel, Die Zeloten. Untersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit
des Herodes I. bis 70 n. Chr., Leiden/Köln 19762, S. 29 mit Anm. 8. Joppe war der Mittelpunkt
der jüdischen Seeräuberei.
1319 Mommsen, Geschichte S. 126.
1320 Plut. Pomp. 31, 2-7. Mommsen, Geschichte S. 126; Geizer, Pompeius S. 91 f.
270
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
Pompeius im Gegenteil darin bestärkte, sämtliche Entscheidungen seines Vorgängers
aufzuheben.1321 Anschließend brach er Richtung Pontos in den Krieg gegen Mithra-
dates VI. auf, der eine Armee von 30.000 Fußsoldaten und 3.000 Reitern befehli-
gte.1322
Nachdem Mithradates VI. die Flucht über den Phasis, die alte Grenze Kleinasi-
ens gelungen war, wandten sich die römischen Truppen südwärts in das armenische
Gebiet des Araxes.1323 Im Frühjahr 65 kam es vor Artaxata zu Verhandlungen zwi-
schen Pompeius und Tigranes II. Eine ausführliche Schilderung ihres Zusammen-
treffens bildete vermutlich einen dramatischen Höhepunkt im Geschichtswerk des
Theophanes von Mytilene:1324 Mit seinen cpi'Xoi Kai auweveK am römischen La-
gertor angekommen,1325 mußte der armenische König vom Pferd steigen, sein
Schwert aushändigen und zu Fuß, von zwei Liktoren begleitet, sich zu Pompeius
begeben. Als Zeichen der Unterwerfung nahm Tigranes II. die Kidaris ab1326 und
war im Begriff, sich vor Pompeius niederzuwerfen, als ihn dieser bei der Hand faßte,
wieder aufrichtete und bat, neben ihm Platz zu nehmen. Römischerseits wurden ein
vollständiger Verzicht auf Syrien, Phönikien, Kilikien, Galatien, Kappadokien und
Sophene sowie eine Kriegsentschädigung von 6.000 Silbertalenten gefordert;1327
Tigranes II. willigte ein. Nicht überliefert, aber wahrscheinlich ist, daß Pompeius in
einem offiziellen Krönungsakt Tigranes II. als König von Armenien bestätigte, indem
er ihm unter Zuruf der römischen Soldaten1328 die Kidaris aufsetzte. Zur Belohnung
verteilte der Armenier zusätzliche Geldgeschenke an Mannschaft und Offi-
zierscorps.1329
1321 Plut. Pomp. 31,1. Mommsen, Geschichte S. 126.
1322 Die Zahl nach App. Mithr. 97,449. Ihm folgen Mommsen, Geschichte S. 126, Geizer, Pom-
peius S. 92 und Baltrusch, Caesar S. 33. In Plut. Pomp. 32, 1 ist von 2.000 Reitern die Rede.
Zum Feldzug und der Schlacht bei Nikopolis vgl. Mommsen, Geschichte S. 126f.: Geizer,
Pompeius S. 92 f.; Christ, Krise S. 269.
1323 Mommsen, Geschichte S. 129; Geizer, Pompeius S. 93.
1324 Vgl. zum folgenden: Plut. Pomp. 33, 3; App. Mithr. 104,488 ff.: Festus 16. Mommsen, Ge-
schichte S. 129 f.; Geizer, Pompeius S. 94 f.; Heftner, Plutarch S. 237 f.; Christ, Pompeius S.
73 f.
1325 Das Lager war 16 Meilen von Artaxata entfernt: Eutrop. 6, 13, 1.
1326 Die Kidaris ist wahrscheinlich mit der Tiara identisch: siehe Anm. 1143. Zur Tracht der ar-
menischen Könige: Eckhardt, Feldzüge S. 410 und zur Tiara bei den Persern: Neuffer, Kostüm
S. 33 f. Vermutlich legt Tigranes II. die Insignie dem Pompeius zu Füßen.
1327 Liv. per. 101: Veil. 2,37,5: App. Mithr. 104,490; 105,492; Dio 36,53,2; Festus 16;Eutropius
6, 13, 1 schreibt zusammenfassend, daß Tigranes II. in castra Poinpeii... venit ac diade/na
siaim, cum procubuisset ad genua Pompeii, in manibus ipsius conlocavit. quod ei Pompeius
reposuit honorificeque eum habitum regni tarnen parte miiltavit et grandi pecunia. adempta
est ei Syria, Phoenice, Sophanene; sex milia praeterea talentoruni argenti, quae populo Ro-
mano darett quia bellum sine causa Romanis commovisset. Plut. Pomp. 33, 4. Die südlich
vom Tauros gelegene Landschaft Sophene, wo die im Jahr 69 eroberte Hauptstadt Tigranokerta
lag, sollte an den Sohn des Tigranes II. gehen.
1328 Bei Plut. Pomp. 33, 5 ist überliefert, daß die Soldaten Tigranes II. „als König“ begrüßten
(äcnräCopai).
1329 Plut. Pomp. 33,5.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 271
Nach Kämpfen mit verschiedenen Kaukasusvölkern während des Jahres
65/641330 schickte sich Pompeius zum Einmarsch in Syrien an. Noch von Armenien
aus hatte er seinen Legaten M. Scaurus als weiteres Vorauskommando1331 nach
Syrien entsandt (los. ant lud. 14, 29). L. Afranius unterwarf die im Amanos von
Tigranes IL angesiedelten Araber (Plut. Pomp. 39,3), so daß der römische Einmarsch
in Syrien im Frühjahr 64 reibungslos verlief.1332 Den Winter 64 auf 63 verbrachte
Pompeius wahrscheinlich in der syrischen Hauptstadt.1333 Wohl bald nach dessen
Einzug erschien Antiochos XIII., um von dem Römer seine Wiedereinsetzung zum
König zu erbitten.1334 Daß es zu einer persönlichen Begegnung zwischen den beiden
kam, sagt Appian ausdrücklich (Mithr. 106, 500). Doch der römische Imperator
lehnte dies ab, und zwar mit der Begründung, daß Antiochos XIII. sein Reich an
Tigranes II. verloren habe1335 und nicht in der Lage sei, Syrien vor den Raubzügen
von Juden und Arabern zu schützen.1336 Durch diese Entscheidung wurde Syrien zur
römischen Provinz erklärt, weil es „keine rechtmäßigen Könige mehr habe“ (Plut.
Pomp. 39,2). Damit waren auch die Ansprüche von Philipp II. und Seleukos Kybi-
osaktes zurückgewiesen. Während Philipp II. die nächsten Jahre zurückgezogen im
kilikischen Olba verbrachte und sich im Jahr 56 vergeblich um den Thron Ägyptens
bewarb,1337 wurde Antiochos XIII. von Sampsigeramos ermordet, der dafür als Be-
lohnung von Pompeius als Phylarch von Emesa und Arethusa bestätigt wurde.1338
Mit der Einrichtung der Provinz Syria1339 zog Pompeius nur den letztlich konse-
1330 Mommsen, Geschichte S. 130 ff.; Geizer, Pompeius S. 97 ff.; Christ, Krise S. 271 f.
1331 Zuvor waren bereits die Legaten Q. Metellus Nepos und M. Palicanus Lollius abgesandt
worden, die Aretas III. vor Damaskos besiegten: los. ant. 14, 29. Mommsen, Geschichte S.
144; Koehler, Nachfolge S. 79; Will, Histoire II S. 509.
1332 Plut. Pomp. 39,2. Geizer, Pompeius S. 107 f.
1333 Mommsen, Geschichte S. 144; Miltner, Pompeius Sp. 2114; Geizer, Pompeius S. 108; Christ,
Pompeius S. 85. Vielleicht verbrachte Pompeius den Winter auch in Daphne.
1334 Koehler, Nachfolge S. 77 f.
1335 Was so nicht richtig ist, denn tatsächlich war Philipp I. von Tigranes II. aus Syrien vertrieben
worden. Die Argumentation zeigt auch, daß Pompeius die Anerkennung des Antiochos XIII.
durch Lucullus nicht akzeptierte.
1336 lust. 40, 2,4: Igitur ut habend regnurn non ademerit, ita quo cesserit Tigram, non daturum,
quod tueri nesciat, ne rursus Syriam ludaeorwn et Arabum latrociniis infestam reddat. Knap-
per und nur mit Bezug auf Tigranes II.: App. Syr. 49, 250; App. Mithr. 106, 499f. Vgl. zu
dieser denkwürdigen Szene: Mommsen, Geschichte S. 143; Bellinger, End S. 85; Geizer,
Pompeius S. 102; Downey, Antioch S. 144; Will, Histoire II S. 421 f.; Koehler, Nachfolge S.
77.
1337 An der Thronbesteigung und Ehe mit Berenike IV. wurde Philipp II. vom syrischen Statthal-
ter, Aulus Gabinius, gehindert: Euseb. Chron. 1261= FGrHist F 32,28. Treves, Philippos (69)
Sp. 2558; Bellinger, End S. 85 f.; Hölbl, Geschichte S. 201; Huß, Ägypten S. 692f. Bereits
sein Halbbruder Seleukos Kybiosaktes war ein paar Tage der Ehemann dieser vierten Berenike
gewesen war: Huß, Ägypten S. 692 f. mit Anm. 90 und 94.
1338 Cic. Att. 2,16. Geizer, Pompeius S. 108; Bellinger, End S. 85; Koehler, Nachfolge S. 78. Zur
Namensschreibung vgl. F. Stähelin, Sampsigeramos (1), RE 2. Reihe 1. Band, Stuttgart 1920,
Sp. 2226 f. Dort sind Sp. 2226 die verschiedenen Schreibungen aufgeführt.
1339 App. Syr. 50, 251; bell. civ. 5, 10,40; Mithr. 106, 499; Veli. 2, 37, 5; lust. 40, 2, 5. Miltner,
Pompeius Sp. 2113.
272
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v. Chr.
quenten Schlußstrich unter ein seit Jahrzehnten instabiles, sich in endlosen Bruder-
kriegen selbst zerstörendes System (siehe unten Kap. III).
Warum sich Rom zur Provinzialisierung Syriens entschloß, geht aus den Quel-
len nicht unmittelbar hervor. In der Forschung sind verschiedene Überlegungen dazu
vorgetragen worden.1340 Zunächst gilt es festzuhalten, daß der Vorgänger des Pom-
peius auf dem östlichen Kriegsschauplatz, Lucullus, Antiochos XIII. als König von
Syrien bestätigte und an eine Annexion des Seleukidenreiches zu diesem Zeitpunkt
wohl noch nicht gedacht hat.1341 Mit der Anerkennung des Antiochos XIII. folgte
Lucullus der Entscheidung des römischen Senates, der in den späten 70er Jahren die
zwischen Rom und der Seleukidendynastie bestehende societas et amicitia wohl
bestätigt hatte.1342 Als Pompeius die Bekämpfung der Piraten in Kilikien übernahm,
mußte auch die syrisch-phönikische Küste in sein Blickfeld treten. Da die Piraten-
flotten dort ebenfalls operierten und Häfen besaßen, war eine umfassende Beseiti-
gung des Seeräuberunwesens nur unter Einbeziehung der Levante möglich. Von
Beginn seiner Tätigkeit an hat der römische Imperator deshalb den Verhältnissen
und Entwicklungen in diesem Raum größere Aufmerksamkeit geschenkt. Nach dem
Friedensschluß mit Tigranes II. im Frühjahr 66 schickte Pompeius seinen hochge-
schätzten Freigelassenen Demetrios aus Gadara zur Erkundung der Lage nach Sy-
rien.1343 Anschließend entsandte er die beiden Legaten Afranius und Gabinius zu
weiteren Sondierungen.1344 Pompeius war über die Zustände in Syrien also gut un-
terrichtet.1345 Spätestens nach seinem Einzug in Antiocheia im Jahr 64 wird der
Imperator erkannt haben, daß Machtmittel und Rückhalt des Seleukidenhauses viel
zu gering waren, um die drängenden Probleme Syriens zu lösen und dauerhaft stabile
Verhältnisse herzustellen. Das seleukidische Restreich bestand nurmehr aus lose
zusammengehörigen Städten und Gebieten, die von selbständigen Tyrannen oder
Priesterfürsten regiert wurden, auf die Antiochos XIII. keinen Einfluß hatte. Dazu
kam, daß insbesondere Araber und Juden sich immer größerer Territorien bemäch-
tigten.1346 Rom aber benötigte gerade in dieser Region eine nachhaltig feste Ord-
nung, wollte es sicherstellen, „daß das Syrische Reich in Zukunft' weder durch Zwist
der Prätendenten noch durch die Begehrlichkeiten der Nachbarn der römischen
Klientel entzogen werde“, wie Th. Mommsen schreibt.1347 Nicht nur für die Parther,
1340 Vgl. Mommsen, Geschichte S. 143; Downey. Antioch S. 143; E. Will, Rome et les Seleucides,
in: ANRWI 1, Berlin/New York 1972, S. 627 ff. Die beste Diskussion bietet Will, Histoire II
S. 509 ff.
1341 Vgl. Koehler, Nachfolge S. 111 Anm. 122. Freilich stand für Lucullus die Besiegung des
Tigranes 11. im Vordergrund. Es wäre deshalb möglich, daß er sich die endgültige Regelung
der syrischen Verhältnisse für einen späteren Zeitpunkt vorbehielt.
1342 Daß es eine derartige Vereinbarung gab, ist nicht gesichert, wird in der Forschung aber mit
Recht vermutet: Bellinger, End S. 81; 83; Koehler, Nachfolge S. 59 mit Anm. 260. Siehe auch
oben Kap. II 12.
1343 Plut. Cat. min. 13; Plut. Pomp. 40, 1-6. Geizer, Pompeius S. 101.
1344 Geizer, Pompeius S. 102; Will, Histoire II S. 509.
1345 Baltrusch, Caesar S. 34.
1346 Bei App. Syr. 51, 256 wird die Abwehr der Araber als die vordringlichste Aufgabe der neuen
römischen Verwaltung in Syrien genannt.
1347 Geschichte S. 143.
13.) Regierung des Antiochos Xlll. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 273
an die Mommsen und ihm folgend E. Will denken,1348 sondern auch für das ptole-
mäische Ägypten waren Koilesyrien, Phönikien und Syrien von hohem Interesse.
Zwar ging von Ptolemaios XII. Neos Dionysos sicher keine militärische Bedrohung
aus,1349 aber bei der großen Beliebtheit, der sich die Ptolemäer in Phönikien und
Syrien immer erfreut hatten,1350 wäre die ganze Region nach Abzug der römischen
Truppen vielleicht bald unter ägyptischen Einfluß oder sogar ägyptische Kontrolle
geraten. Wenn sich Rom zur Provinzialisierung Syriens entschloß, dann vielleicht
auch, um gegenüber der Regierung in Alexandreia die Interessenssphären klar ab-
zugrenzen. Als eine Art Pufferstaat blieb Judäa weiter bestehen.
Die Analyse zeigt, daß es für die Provinzialisierung Syriens also eine ganze
Reihe von Gründen gab: 1.) Zunächst konnte Rom das Seeräuberproblem nur wirk-
sam lösen, wenn auch die syrisch-phönikische Küste unter römischer Herrschaft
bleiben würde. 2.) Entscheidend waren militärische Sicherheitsinteressen gegenüber
dem Partherreich, aber auch gegenüber Ägypten. 3.) Nicht unterschätzt werden
sollten schließlich die wirtschaftlichen Interessen Roms in dieser Region.1351 Um
diese drei Ziele zu erreichen, mußte Syrien politisch stabilisiert und der Einfluß von
Arabern, Juden und lokalen Tyrannen zurückgedrängt bzw. beseitigt werden. Dies
war letztlich nur durch die Errichtung völlig neuer Herrschaftsstrukturen möglich.
Erster Statthalter Syriens wurde der Proquästor M. Aemilius Scaurus,1352 den Pom-
peius nach seinem Abzug aus Syrien mit zwei Legionen zurückließ.1353
Vermutlich auf der Grundlage einer lex Pompeia, wie sie wenig später (63/62)
für die Provinz Bithynien-Pontos erarbeitet und erlassen wurde,1354 wurden die
politischen Verhältnisse in Syrien umfassend neu geordnet. Mit Recht hat E. Balt-
rusch die Neuordnung des Ostens als die bedeutendste Leistung des Pompeius be-
zeichnet.1355 Die Syria Seleukis betreffend sind sechs Maßnahmen des Römers
überliefert:1356 1.) Die Stadt Antiocheia wurde für autonom erklärt.1357 2.) Denjeni-
gen Antiochenem, die Geiseln des Tigranes II. gewesen waren, ermöglichte Pom-
peius die Heimkehr.1358 3.) Das Bouleuterion der syrischen Hauptstadt, das vermut-
1348 Histoire IIS. 510 f.
1349 Zum ptolemäischen Hintergrund: Hölbl, Geschichte S. 195 ff.; Huß, Ägypten S. 672ff. bes.
681 ff.
1350 Ehling, Unruhen S. 332 ff.
1351 Diesen wirtschaftlichen Aspekt hat die englischsprachige Forschung besonders betont: Dow-
ney, Antioch S. 143 f. Vgl. aber auch Will, Histoire II S. 511 mit weiterer Literatur. Zu den
Geldsummen, die aus den eroberten Ländern in die römische Staatskasse flössen, vgl. Plut.
Pomp. 45, 3 und dazu Miltner, Pompeius Sp. 2125 und Bringmann, Republik S. 298 f.
1352 App. Syr. 51,255. Ab dem Jahr 56 unterstand die Provinz einem Prätor.
1353 Miltner, Pompeius Sp. 2114; Geizer, Pompeius S. 115.
1354 Geizer, Pompeius S. 116; W. Ameling, Das Archontat in Bithynien und die Lex Provinciae
des Pompeius, EA3, 1984, S. 19-31.
1355 Caesar S. 35. Einen Überblick über die Maßnahmen des Pompeius gibt App. Mithr. 116,
558 ff.
1356 Zum folgenden vgl. auch Miltner, Pompeius Sp. 2114.
1357 Euseb. Chron. 1261 f. - FGrHist 260 F 32. Downey, Antioch S. 145; Bernhardt, Imperium S.
145 f.
1358 Eutrop. 6, 14,2: Antiochensibus obsides reddidit. Geizer, Pompeius S. 111.
274
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
lieh infolge eines Erdbebens während der Herrschaft des Tigranes II. beschädigt
worden war, ließ er wiederherstellen1359 4.) Der Hafenstadt Seleukeia in Pierien
verlieh er die Freiheit.1360 5.) Der Stadt Daphne mit ihrem berühmten Apollonhei-
ligtum wurde eine namhafte Gebietserweiterung zugesprochen1361 und 6.) erhob
Rom für Syrien und Kilikien eine 1 %-Vermögenssteuer, mit deren Erhebung rö-
mische Pachtgesellschaften betraut wurden.1362 Zu 1.) und 4.) ist zu bemerken, daß
„Autonomie“ (afrrovopia; avTOvopoc) und „Freiheit“ (eXevOepia; eXevOepo«; li-
bertas; Uber) gleichbedeutend waren.1363 Nach hellenistischem Selbstverständnis
war die Vergabe des Autonomie- bzw. Freiheitsstatus die vornehmste und größte
Wohltat, die ein Herrscher einer Stadt bereiten konnte,1364 und die Römer führten
diese Tradition fort.1365 Wahrscheinlich begünstigte Pompeius auch Laodikeia am
Meer auf diese Weise, sicher aber die großen Städte Phönikiens Tyros, Sidon und
Tripolis1366 und in Koilesyrien Damaskos.1367 Zwar war etwa Seleukeia in Pierien
bereits im August/September 109 für frei erklärt worden,1368 aber nach der Macht-
übernahme Roms ging es nicht mehr einfach nur um eine Bestätigung der von den
Seleukidenkönigen vergebenen Privilegien, sondern diese waren förmlich neu zu
verleihen.1369 Aller Wahrscheinlichkeit nach verlieh Pompeius verschiedenen nicht-
autonomen Städten in gleicher Weise ihren früheren Status als iepa Kai aavXo^
wieder, sofern sie nicht mit den phönikischen Seeräubern kooperiert hatten; mögli-
cherweise ist dies der Grund, warum Askalon seinen Autonomiestatus verlor.1370
Spätestens jetzt wurden die Verhältnisse in Kilikien endgültig neu geregelt: Dem
kappadokischen König Ariobarzanes I. Philoromaios (96-63) überließ Rom neben
verschiedenen kilikischen Städten noch Hierapolis Kastabala am oberen Pyramos
(App. Mithr. 105,496) mit seinem bedeutenden Heiligtum der Artemis Perasia.1371
Der ehemalige Seeräuberführer Tarkondimotos I. erhielt das Einzugsgebiet des Py-
1359 Malal. 211,18. Downey, Antioch S. 145 mit Anm. 8.
1360 Mit der Begründung, daß die Bewohner Seleukeias Tigranes II. nicht in ihrer Stadt aufgenom-
men hatten: Strab. 16, 2, 8 = 751; Eutrop. 6, 14,2:... Seleuciam,... libertate donavit, quod
regem Tigranen non recepisset. Geizer, Pompeius S. 111; Downey, Antioch S. 145; Bernhardt,
Imperium S. 146; Christ, Pompeius S. 86.
1361 Eutrop. 6, 14, 2: aliquantuni agrorum Daphnensibus dedit... Vgl. auch Festus 16. Geizer,
Pompeius S. 111.
1362 App. Syr. 50,253. Geizer, Pompeius S. 111; F. Heichelheim, Roman Syria, in: T. Frank (Hg.),
An Economic Survey of Ancient Rome, Bd. 4, New Jersey 1959, S. 231.
1363 Vgl. Welles, RC 71. Siehe auch oben Kap. II 10.
1364 ... Trpwrq Kai jiEYi'oTq EVEpyeoia, so lautet die Formulierung in der Inschrift Welles, RC 71
(Seleukeia in Pierien zum Jahr 109).
1365 Downey, Antioch S. 145.
1366 Bernhardt, Imperium S. 147.
1367 In diesem Sinne Geizer, Pompeius S. 110.
1368 Vermutlich durch Antiochos IX.: siehe oben Kap. II10.
1369 Deshalb verwendet Eutrop. 6,14,2, seiner Quelle (der Livius-Epitome von Buch 101) folgend,
bei Seleukeia das Verb donare.
1370 Der Verlust der Autonomie scheint mit Pompeius* Eingreifen zusammenzuhängen: Baldus,
Syria S. 140.
1371 A. Dupont-Sommer/L. Robert, La deesse de Hierapolis Castabala (Cilicie), Paris 1964, S
47 ff.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius 275
ramos im Inneren des Ebenen Kilikiens und einige kilikische Küstenstreifen zuge-
sprochen. Nach dem Tode des Ariobarzanes I. fiel Hierapolis Kastabala an Tarkon-
dimotos I., der die Stadt zu seiner Residenz machte.1372
Im Frühjahr des Jahres 63 zog Pompeius nach Süden,1373 um militärisch gegen
Ituräer und Araber vorzugehen.1374 In Apameia ließ er die von Antiochos IX. errich-
tete otKpa schleifen (los. ant. lud. 14,38). Stadtherren wie Silas von Lysias, Diony-
sios von Tripolis und Kinyras von Byblos wurden durch Hinrichtung beseitigt,1375
andere wie der in Chalkis am Libanon residierende Ituräerfürst Ptolemaios in ihrer
Herrschaft bestätigt.1376 Daß die Herrschaft des Seleukidenhauses ihr Ende gefunden
hatte, manifestiert sich nicht zuletzt auch darin, daß die Städte die Zählung nach dem
seleukidischen Kalender einstellten und nach einer neuen, der pompeianischen Ära
zu rechnen begannen.1377 In Antiocheia und vermutlich auch in Apameia wurde
rückwirkend das Jahr 66/65 zum „Jahr 1“ erklärt, d.h. neu gezählt wurde vom Zeit-
punkt der förmlichen Abtretung Syriens an Rom durch Tigranes II.1378 Für befreite
Städte wie Tripolis und Byblos begann mit der Beseitigung der Tyrannen eine neue
Ära.1379 Auch andere phönikische Städte gingen im Jahr 64/63 zu der neuen pom-
peianischen Zeitrechnung über, so Orthosia, Ptolemais und Dora,1380 ebenso Gadara
in der Dekapolis.1381 Einige Städte, wie Damaskos etwa, hielten jedoch am Seleu-
1372 Vgl. Jones, Cities S. 202f.; A. Dupont-Sommer/L. Robert, La deesse de Hierapolis Castabala
(Cilicie), Paris 1964, S. 45; W. Hoben, Untersuchungen zur Stellung kleinasiatischer Dynas-
ten in den Machtkämpfen der ausgehenden römischen Republik, Mainz 1969, S. 195 ff.; R.
Syme, Anatolica. Studies in Strabo, Oxford 1999, S. 161 ff.; Th. Grünewald, Räuber, Rebellen,
Rivalen, Rächer. Studien zu Latrones im Römischen Reich (Forschungen zur antiken Sklave-
rei 31), Stuttgart 1999, S. 113; M. H. Sayar, Die Inschriften von Anazarbos und Umgebung.
Teil I: Inschriften aus dem Stadtgebiet und der nächsten Umgebung der Stadt (1. K. 56), Bonn
2000, S. 5. Zu den Tarkondimotidcn zuletzt ausführlich: M. H. Sayar, Tarkondimotos, seine
Dynastie, seine Politik und sein Reich, in: Jean/Dincol/Durugönül, Cilicie S. 373-380 und J.
Tobin, The Tarcondimotid Dynasty in Smooth Cilicia, in: Jean/Dincol/Durugönül, Cilicie S.
381-387. Tarkondimotos I., der später auf die Seite des Marc Anton übertrat, ließ in Hiera-
polis Kastabala seine Münzen prägen: A. Bumett/M. Amandry/P. P. Ripolles, Roman Provin-
cial Coinage. Volume I. From the death of Caesar to the death of Vitellius (44 BC-AD 69).
Part I: Introduction and Catalogue, London/Paris 1992, S. 575.
1373 Miltner, Pompeius Sp. 2115; Geizer, Pompeius S. 111.
1374 Eutrop. 6, 14, 1. Zum folgenden Geizer, Pompeius S. 111 ff.
1375 Strab. 16, 2, 18 = 755; los. ant. lud. 14, 38. Mommsen, Geschichte S. 145; Kahrstedt, Terri-
torien S. 90f.; Geizer, Pompeius S. 111; Berve, Tyrannis IS. 434.
1376 Mommsen, Geschichte S. 152; Geizer, Pompeius S. 111; Berve, Tyrannis I S. 433.
1377 Zu den Ären und zum Wechsel der Ären ist grundlegend: H. Seyrig, Antiquites syriennes. 42.
Sur les eres de quelques villes de Syrie: Antioche, Apamee, Arethuse, Balance, fipiphanie,
Laodicee, Rhosos, Damas. Beryte, Tripolis, Pere de Clcopätre, Chalcis du Liban. Doliche,
Syria 27,1950, S. 5-50. Vgl. auch Will, Histoire IIS. 512. Zum Gebrauch der pompeianischen
Ära in Kilikien: Ziegler, Ären S. 203 ff., siehe auch oben.
1378 Baldus, Syria S. 130 f.
1379 Bernhardt, Imperium S. 146; Baldus, Syria S. 134, 139; Rigsby, Asylia S. 496: Tripolis und
Byblos zählten das Jahr 65/64 als ihr „Jahr 1“.
1380 Baldus, Syria S. 136; 143; H. Seyrig, Antiquites syriennes. 56. Eres pompeiennes des villes
de Phenicie, Syria 31, 1954, S. 73-80.
1381 Baldus, Syria S. 144; Wörrle, Gadara S. 268.
276
II. Kapitel: Seleukidische Geschichte von 164 bis 63 v.Chr.
kidenkalender fest.1382 Die Stadt blieb auch nach 63 unter der Herrschaft des Naba-
täerkönigs Aretas III.,1383 was vermutlich einer der Gründe dafür ist, daß die seleu-
kidische Zeitrechnung bei den Arabern noch bis ins Mittelalter in Gebrauch blieb.1384
Damaskos bezog Pompeius als sein neues Hauptquartier, um vor Ort, wie es seiner
politischen Praxis entsprach, nach persönlichem Augenschein1385 die Angelegen-
heiten mit den Nabatäem, Juden und Ägyptern zu regeln, auf die im einzelnen hier
nicht näher eingegangen werden soll.1386 Die Städte Gaza, loppe, Dora, Stratons-
Turm und einige weitere griechische Städte entzog Pompeius der jüdischen Ober-
hoheit und machte sie, wie es scheint, zu civitates liberae™1 Von Damaskos aus
schritt der römische Imperator zu einem Vorstoß durch das Nabatäerland ans Rote
Meer, als bei Jericho die überraschende Nachricht vom Tode des Mithradates VI.
eintraf, was den Rückzug nach Kleinasien notwendig machte.1388 Mit zwei Legionen
ließ Pompeius seinen Proquästor M. Aemilius Scaurus in Syrien zurück.1389 Roms
großer Gegner Mithradates VI. wurde im Königsgrab von Sinope beigesetzt,1390 und
von Ephesos trat Pompeius seine Rückfahrt nach Italien an.1391
Am 28. und 29. September des Jahres 61 feierte Pompeius in Rom schließlich
einen großartigen Triumph.1392 Ausführliche Schilderungen bieten Plutarch und
Appian (Pomp. 45, 1 ff. und Mithr. 116, 568-117, 578): Danach wurden dem Tri-
umphator Gemälde vorangetragen, auf denen die dramatischsten Ereignisse der
vergangenen Kriegsjahre dargestellt waren. Inschriftentafeln verzeichneten die Län-
der, Völkerschaften und Könige, über die Pompeius und seine Armee gesiegt hatten,
so über Kilikien und Syrien, die Könige Mithradates VI. und Tigranes II. sowie die
Seeräuber.1393 Weitere Tafeln verkündeten den Zuschauern, welche Städte der sieg-
reiche Feldherr in Pontos, Kappadokien, Kilikien, Koilesyrien und Palästina gegrün-
det hatte. Vor dem mit Edelsteinen geschmückten Triumphwagen zogen die vor-
1382 Baldus, Syria S. 142.
1383 Mommsen, Geschichte S. 152.
1384 W. Kubitschek, Grundriß der antiken Zeitrechnung (HdA I 7), München 1928. S. 71; A. E.
Samuel, Greek and Roman Chronology. Calendars and Years in Classical Antiquity (HdA I
7), München 1972, S. 246.
1385 Geizer, Pompeius S. 111.
1386 Vgl. dazu Geizer, Pompeius S. 111 ff.; Miltner, Pompeius Sp. 2114 ff.; Bringmann, Republik
S. 298. Speziell zu Ägypten vgl. Hölbl, Geschichte S. 197 f. und Huß, Ägypten S. 681 f. Zu
den den Juden vgl. Baltrusch/Schuol, Meer S. 113 und Baltrusch, Juden S. 125 ff.; bes. 130 ff.
und zu den Nabatäem: Plut. Pomp. 41, 1 ff.
1387 Bernhardt, Imperium S. 148 mit Anm. 289.
1388 Geizer, Pompeius S. 113; Miltner, Pompeius Sp. 2116 f.
1389 Geizer, Pompeius S. 115.
1390 App. Mithr. 113,553. Geizer, Pompeius S. 115. Pompeius erinnerte damit wieder an Alexan-
der d. Gr., der seinen Gegner Dareios 111. ehrenvoll in Persepolis beisetzen ließ: Plut. Alex.
43, 3.
1391 Geizer, Pompeius S. 118 f.
1392 Geizer, Pompeius S. 132f.; Miltner. Pompeius Sp. 2124ff.; Girardet, Triumph S. 201 ff.;
Bringmann, Republik S. 300 f.; Baltrusch, Caesar S. 49 f.
1393 Da nach römischer Auffassung die Seleukiden ihr Reich im Jahr 83 an Tigranes II. verloren
hatten, wurde der letzte regierende Seleukidenkönig, Antiochos XIII., konsequenterweise nicht
genannt.
13.) Regierung des Antiochos XIII. u. Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius Tll
nehmsten Kriegsgefangenen, etwa 324 an der Zahl, unter ihnen die Söhne und
Töchter Mithradates’ VI., der Sohn des Tigranes IL, verschiedene kilikische Tyran-
nen und der Judenkönig Aristobolos II. Dem Triumphwagen folgten Offiziere, die
an den Feldzügen teilgenommen hatten.
Pompeius selbst trug bei diesem Triumph den Mantel Alexanders d. Gr. Darin
drückte sich sein Anspruch auf alexandergleiche Leistungen aus; zugleich wird
dieser Mantel aber auch zum Symbol dafür, daß die griechisch-makedonische Herr-
schaft endgültig auf Rom übergegangen war.1394
1394 Geizer, Pompeius S. 134; Bringmann, Republik S. 301. Zur Gleichsetzung der Seleukiden mit
den Makedonen vgl. etwa los. ant. lud. 13, 29; 13,273; App. Syr. 51,260; 70, 369; lust. 38.
7, 1 und Lib. or. 11, 129. Weitere literarische Belege und Diskussion ihrer Bedeutung bei C.
Edson, Imperium Macedonicum: The Seleucid Empire and the Literary Evidence, ClPh 80,
1958, S. 153-169. Zu Alexanders Mantel: App. Mithr. 117, 577. Geizer, Pompeius S. 104 f.;
134. Dieser befand sich 103 in ptolemäischen Besitz, wurde dann von Kleopatra III. in Kos
deponiert und im Jahr 88 von den Koem an Mithradates VI. ausgeliefert (App. Mithr. 115,
564).
III. KAPITEL:
EPILOG. ÜBERLEGUNGEN ZUM NIEDERGANG UND
ZERFALL DES SELEUKIDENREICHES
Mit der Einrichtung der Provinz Syria im Winter 64/63 endete nach beinahe 250
Jahren die Geschichte einer hellenistischen Großmacht, die in ihren expansivsten
Phasen ein Gebiet von Thrakien in Europa bis an die Grenzen Indiens beherrscht
hatte. Von diesem einstigen Riesenreich gebot der letzte Seleukidenkönig, Antiochos
XIIL, schließlich nur mehr über die syrische Hauptstadt Antiocheia und die umlie-
gende X^pß- Als jener dreizehnte Antiochos vor Pompeius erschien und um die
Wiedereinsetzung bzw. Bestätigung als König bat, lehnte der Römer dies mit dem
Hinweis ab, daß derjenige, der sein Reich an Tigranes II. verloren habe und offenbar
nicht in der Lage sei, Syrien vor den Raubzügen von Juden und Arabern zu schützen,
seinen Anspruch auf Land und Thron verloren habe (siehe oben Kap. II13). Die im
wesentlichen von römischen Sicherheitsinteressen getragenen Gründe für die letzt-
lich konsequente Entscheidung des Pompeius, Syrien in eine römische Provinz
umzuwandeln, wurden oben in Kapitel II13 dargelegt und analysiert. Zum Abschluß
der hier vorgelegten »Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden4 seien
noch einige Überlegungen zu der Frage, welche Ursachen zum »Niedergang4 und
endgültigen Zerfall des Seleukidenreiches geführt haben, angestellt.1
Das Seleukidenreich war zu keiner Zeit seines Bestehens ein politisch, militä-
risch oder geographisch in sich geschlossenes Staatsgebilde. Auf eine erste Expan-
sion- und Blütephase unter dem Reichsgründer Seleukos I. (305-281) folgte bereits
unter dessen Sohn und Nachfolger Antiochos I. (281-261) eine Niedergangsperi-
ode.2 Zäsuren stellen der Abfall Baktriens unter Diodotos I. im Jahr 2453 4 5 und
der Verlust Parthiens durch den Einfall der Parner 245 oder 238 dar.4 Nicht we-
niger bezeichnend für die Instabilität des Reiches sind Unruhen und Aufstände im
Inneren: So erhoben sich im Jahr 280 die Städte der Syria Seleukis gegen Antiochos
I. und im 3. Syrischen Krieg (245-241) schloßen sich die Bewohner Syriens und
Kilikiens den Ptolemäern an.5 Doch war, wie J. Wiesehöfer mit Recht feststellt,
1 Daß der Begriff des Niedergangs problematisch ist, ist dem Verfasser bewußt. »Niedergang*
wird hier deshalb mit Häkchen gedacht. Der Vorgang ließe sich auch als Transformationspro-
zeß bezeichnen, was das Ganze freilich mehr aus der Perspektive der phönikischen Küsten-
städte, Juden und Araber beschreibt. Aus Sicht der Seleukiden handelt es sich aber doch um
einen Niedergangs- und Zerfallsprozeß.
2 Vgl. die Bewertung durch H. H. Schmitt, Seleukiden(reich), in: Schmitt/Vogt, Lexikon Sp.
962.
3 J. D. Lerner, The Impact of Seleucid Decline on the Eastem Iranian Plateau. The Foundations
of Arsacid Parthia and Graeco-Bactria (Historia Einzelschriften 123), Stuttgart 1999, S. 13 ff.
bes. 29.
4 Ebenda S. 13 ff. bes. 29.
5 Dazu zuletzt Ehling, Unruhen S. 304 ff.
280
III. Kapitel: Überlegungen zum Niedergang und Zerfall des Seleukidenreiches
das Seleukidenreich trotz aller äußeren und inneren Spannungen auch noch am Ende
des 3. Jhs. ein »starkes4 Reich.6
Den Wendepunkt der seleukidischen Geschichte leitete erst die Konfrontation
mit der neuen Weltmacht Rom ein. Getragen von seinen großen Erfolgen im Osten
(212-205/04) und seinem Sieg über die Ptolemäer im 5. Syrischen Krieg (202/01-195),
erhob Antiochos III. Anspruch auf thrakische Gebiete, die sein Trpoyovoc; Seleukos
I. im Jahr 281 erobert hatte.7 Der Seleukidenkönig und seine cpiXoi folgten damit
den Maximen hellenistischer Großmachtspolitik, provozierten jedoch mit ihrem
realpolitisch gesehen höchst unklugen Übergang nach Griechenland im Oktober 192
den militärischen Zusammenstoß mit Rom, dessen Interessens- und Sicherheits-
sphäre nach der Besiegung des Makedonen Philipps V. im Jahr 197 bis an den Hel-
lespont reichte. Die Folgen sind bekannt: Kein halbes Jahr später wurde die kleine
Streitmacht des Seleukiden von den Römern besiegt und zum Rückzug gezwungen.
Im November 190 überschritten römische Truppen unter Führung des Consuls L.
Cornelius Scipio ihrerseits die Meerenge zwischen Europa und Asien und brachten
wenige Wochen später in der Schlacht bei Magnesia am Sipylos der numerisch weit
überlegenen Seleukidenarmee eine vernichtende Niederlage bei. Die Elitetruppe des
Königs, die in der Mitte der Schlachtreihe positionierten 16.000 Phalangiten, wurde
offenbar vollständig aufgerieben (Liv. 37, 42, 6). Antiochos III. büßte den Nimbus
der Unbesiegbarkeit ein, mit der Folge, daß sich die seleukidischen Strategen von
Armenien und Sophene selbständig machten. Nach der Annahme der Friedensbe-
dingungen von Apameia im Sommer 188 stellte das Seleukidenreich nur mehr eine
Macht zweiten Ranges dar: Die kleinasiatischen Besitzungen gingen bis auf Ostki-
likien verloren. Flotte und Heer wurden massiven Abrüstungsbestimmungen unter-
worfen und den Seleukiden schwere Reparationslasten auferlegt. So mußte sich die
Regierung verpflichten, 12.000 Talente Silber in jährlichen Raten zu 1.000 Talenten
an Rom zu zahlen. Diese finanziellen Forderungen zwangen in den nächsten Jahren
zur Geldbeschaffung ,um jeden Preis4. Bezeichnenderweise wurde Antiochos III.
schon ein Jahr nach dem Friedensschluß bei dem Versuch, einen Tempelschatz in
der Elymais zu konfiszieren, erschlagen. Sein Sohn und Nachfolger, Seleukos IV.,
sah sich gezwungen, seinen »Reichskanzler4 Heliodoros mit dem Auftrag nach Je-
rusalem zu schicken, das im Tempel befindliche Geld für die königliche Kasse zu
beschlagnahmen, was - auch wenn der Versuch scheiterte - zu ersten ernsthaften
Irritationen in den seleukidisch-jüdischen Beziehungen führte.8 Doch blieb die
Staatskasse trotz aller Anstrengungen weiterhin leer (I. Makk. 3, 29).
Unter der Regierung Antiochos’ IV. (175-164) erholte sich das Reich. Mit Recht
hat F. Kiechle die Herrschaft dieses Königs als letzten bedeutenden Konsolidierungs-
6 Seleukiden S. 53.
7 Vgl. dazu zuletzt J. D. Grainger, Antiochos III in Thrace, Historia 45,1996, S. 327-343. Auf
die thrakischen Gebiete hatten ebenso die Vorgänger des Antiochos 111., Antiochos L, Anti-
ochos II. und Antiochos Hierax, Anspruch erhoben: ebenda S. 330.
8 Ehling, »Reichskanzler* S. 100. Die Beziehungen hatten sich am Anfang der Regierung noch
überaus positiv gestaltet. So war der jüdische Opferdienst von seleukidischer Seite finanziell
unterstützt worden: II. Makk. 3, 3.
III. Kapitel: Überlegungen zum Niedergang und Zerfall des Seleukidenreiches 281
versuch gewertet.9 Im Jahr 173 war die letzte Schuldenrate an Rom abgezahlt und
damit die Grundvoraussetzung für eine Erholung der Staatsfinanzen gegeben. Daß
die Armee ihre alte Schlagkraft wiedergewonnen hatte, stellte sie in den beiden
Feldzügen gegen Ägypten im 6. Syrischen Krieg eindrucksvoll unter Beweis und
im Frühjahr 168 eroberte die seleukidische Flotte Cypem. Nur das Ultimatum des
römischen Senatsgesandten C. Popilius Laenas (»Tag von Eleusis*) hinderte Anti-
ochos IV. daran, ein Protektorat über Ägypten zu errichten und als Vormund Ptole-
maios’ VL die Regierung zu führen. Auch Cypern mußte geräumt werden.10 Der
,Tag von Eleusis4 machte deutlich, daß Rom nicht gewillt war, eine Dominanz des
Seleukidenreiches über Ägypten zu akzeptieren. Diese Politik, die darauf ausgerich-
tet war, einseitigen Machtkonzentrationen bzw. der Bildung von Machtblöcken
vorzubeugen, wurde die nächsten Jahrzehnte weiterverfolgt. Nach Möglichkeit
sollten sich die Kräfte der hellenistischen Reiche gegenseitig paralysieren, weshalb
begrenzte militärische Konflikte zwischen diesen durchaus im Interesse Roms la-
gen.11 Sehr begünstigt wurde die Strategie der Römer durch die im hellenistischen
Königsideal angelegte Rivalität, die zwischen Attaliden und Seleukiden auf der einen
und Seleukiden und Ptolemäern auf der anderen Seite bestand.12 Gemäß der Devise
divide et impera wurden die Könige dabei immer wieder auch geschickt gegenein-
ander ausgespielt.
Obwohl in der Forschung die Vorstellung einer ,Mitschuld4 Roms am Nieder-
gang der hellenistischen Monarchien bzw. des Seleukidenreiches weit verbreitet ist13
läßt sich diese im Detail gar nicht so leicht nachweisen. Von E. S. Gruen wurde
deshalb auch in Abrede gestellt, daß die Römer einen besonderen Anteil am Unter-
gang des Seleukidenreiches gehabt hätten.14 Zwar wird man Gruen kaum zustimmen,
wenn er meint, daß Roms Absicht darin bestanden habe, nachhaltig stabile Verhält-
nisse im Nahen Osten zu schaffen und zu fördern, aber er hat doch insofern recht,
als die römische Außenpolitik alles andere als konsequent und planvoll war, ob nun
im konstruktiven oder im destruktiven Sinne. Der Senat wurde von sich aus eher
selten aktiv, zumeist bedurfte es dafür eines Anstoßes von außen. Überwiegend re-
agierte er auf Anträge, Bitten oder Forderungen, die von griechischen Gesandt-
schaften an ihn herangetragen wurden. Ob der Senat schließlich Maßnahmen ergriff
oder nicht, hing immer auch von den Verhältnissen auf anderen Kriegsschauplätzen
(Spanien, Afrika) und der aktuellen innenpolitischen Situation ab. Nur in den 160er
Jahren nahm der römische Senat mittels Gesandtschaften mehrfach direkten Einfluß
auf die Geschehnisse und Entwicklungen im Osten bzw. im Seleukidenreich. Nach
der erwähnten Gesandtschaft des C. Popilius Laenas, die den Abzug der seleuki-
dischen Armee Ende Juli 168 aus Ägypten erzwang, trafen noch zwei Senatsgesandt-
9 Vgl. seinen Aufsatz, Konsolidierung.
10 Vgl. FGrHist 260 F 49 a-b. Hölbl, Geschichte S. 133.
11 Hölbl, Geschichte S. 130.
12 Hopp, Attaliden S. 85.
13 So zuletzt ausdrücklich Bringmann, Geschichte S. 291: „Am Niedergang der hellenistischen
Reiche trug Rom gewiß nicht die alleinige, aber doch die Hauptschuld“.
14 Aftermath S. 73-95.
282
III. Kapitel: Überlegungen zum Niedergang und Zerfall des Seleukidenreiches
schäften in Syrien ein: Im Herbst 166 bald nach der Pompe von Daphne und im Jahr
163 zur Kontrolle der Abrüstungsbestimmungen von Apameia (siehe oben Kap. II
1). Danach sollten fast 25 Jahre vergehen,15 bis weitere Senatsgesandte wieder in
Antiocheia vorstellig wurden und zwar im Jahr 139 (siehe oben Kap. II 7). Auch
sonst lassen sich römische Entscheidungen zu ungunsten der Seleukiden nur selten
feststellen wie das senatus consultum für die Juden gegen Antiochos IX. vom Jahr
107 (siehe oben Kap. II 10). Sieht man von Demetrios I. ab, den Rom mit allen
Mitteln auszuschalten versuchte, weil er im Jahr 162 mit seinen cpiXoi gegen den
erklärten Willen des Senates aus Italien geflohen war und die Regierung in Syrien
übernommen hatte (siehe oben Kap. II 1), so gibt es jedenfalls kaum Belege für
direkte Eingriffe.
Es können demnach nicht die unmittelbaren Maßnahmen Roms gewesen sein,
die den politischen Niedergang und Zerfall der hellenistischen Staatenwelt bzw. des
Seleukidenreiches bewirkt oder befördert haben. Dennoch hat Rom diesen Prozeß
in Gang gesetzt und den staatlichen Niedergang maßgeblich mitverursacht, weil die
Ausdehnung der römischen Interessens- und Sicherheitssphäre nach Osten das bis
197 (Besiegung Philipps V.) bzw. 188 (Frieden von Apameia) bestehende »natür-
liche* Gleichgewicht zwischen den großen hellenistischen Mächten, den Argeaden,
Attaliden, Seleukiden und Ptolemäern aufhob. An die Stelle der bisherigen ,balance
of power*, die freilich alles andere als stabil war, sich aber dennoch durch Krieg und
Politik immer wieder neu und auf gleichsam natürliche Weise austarierte, trat ein
verordnetes »Gleichgewicht* von Roms Gnaden, das die Grundsätze und Mechanis-
men hellenistischer Politik - insbesondere das Hegemoniestreben der Staaten -
außer Kraft setzte. Dabei brauchte Rom, wie gesehen, gar nicht selbst in stärkerem
Maße aktiv zu werden, um diese neue Ordnung durchzusetzen und aufrechtzuerhal-
ten. Der ,lange Schatten*, den die inzwischen aufgezogenen Wolken (Pol. 5, 104,
10) der neuen Supermacht am Tiber nach Osten warfen, genügte spätestens seit dem
,Tag von Eleusis*, um die Politik der hellenistischen Könige ganz im römischen
Sinne zu lenken. Als Folge der neuen »künstlichen* Ordnung konnten die hellenis-
tischen Reiche ihre militärischen und politischen Kräfte nicht mehr in der ihnen
eigenen Weise expansiv nach außen entfalten. Diese schlugen statt dessen nun so-
zusagen ins Innere zurück und lösten Spannungen aus, die im Falle der Seleukiden
zu innerdynastischen Konflikten führten, welche sich phasenweise zu bürgerkriegs-
artigen Auseinandersetzungen auswuchsen und Land und Bevölkerung dauernd in
Mitleidenschaft zogen. Diese innerdynastischen Kämpfe bewirkten schließlich den
Zerfall des Seleukidenreiches.
Wie ein Blick auf die Stammtafel zeigt, spaltete sich das Königshaus unter den
Söhnen Antiochos* IIL, Seleukos IV. und Antiochos IV., in zwei Linien auf, die sich
in den nächsten Jahrzehnten permanent bekriegten: Antiochos V. wurde von seinem
Vetter Demetrios I. ermordet (162); Alexander I. wiederum besiegte mit ptolemä-
ischer Hilfe den ersten Demetrios (150). Den Sohn des Alexander L, Antiochos VI.,
erhob Tryphon gegen Demetrios II. (144) und Demetrios II. schließlich wurde in
15 Die Senatsgesandtschaft des Jahres 162/61 hatte Rhodos, nicht Syrien, zum Ziel, siehe oben
Kap. II2.
III. Kapitel: Überlegungen zum Niedergang und Zerfall des Seleukidenreiches 283
Tyros ermordet (125), nachdem er von Alexander II. geschlagen worden war. Wäh-
rend dieser innerdynastischen Auseinandersetzungen eroberten die Parther große
Teil des Zweistromlandes (kurz nach 148 kam Medien unter die Kontrolle des Mithra-
dates I., 141 besetzten dessen Soldaten die Stadt Seleukeia am Tigris und 140 wurde
die Susiana parthisch), die Provinz Judäa wurde unabhängig (142) und die Piraterie
breitete sich im östlichen Mittelmeer immer weiter aus (verstärkt seit Mitte der 140er
Jahre). Daß die Seleukiden erst in den Jahren 139/38 bzw. 131-129 den Versuch
unternahmen, gegen die parthische Expansion vorzugehen, macht nicht nur deutlich,
wie sehr sie durch die inneren Auseinandersetzungen in Anspruch genommen waren,
sondern auch, daß ihre Interessen letztlich in höherem Maße den politischen Ent-
wicklungen im Levanteraum galten. Der Blick der späten Seleukidenkönige richtete
sich weit mehr nach Ägypten als nach Babylon.
Unter den Söhnen des Demetrios I. teilte sich das Königshaus ein weiteres Mal
auf (siehe Stammtafel): Aus der Ehe des Demetrios IL mit der Ptolemäerin Kleopatra
Thea ging Antiochos VIIL und aus der Ehe des Antiochos VIL mit derselben Kleo-
patra Antiochos IX. hervor. Beide Brüder standen seit dem Jahr 113 in militärischen
Auseinandersetzungen, die bis 98/97 fortdauerten und das Reich der Auflösung
entgegentrieben. Diese Auflösungserscheinungen verstärkten sich unter deren Söh-
nen und Nachfolgern weiter und es ist bezeichnend, daß die Söhne des achten An-
tiochos nicht nur gegen Antiochos X., den Sohn des neunten Antiochos, kämpften,
sondern sich auch gegenseitig bekriegten. Der permanente Bürgerkrieg im Seleuki-
denreich ermöglichte das weitere Ausgreifen der Parther (so ging etwa Dura-Europos
im Jahr 113 verloren), und Eroberungen durch lokale Kriegsherren, Araber und
Juden, die immer größere Gebiete dauerhaft besetzen konnten. Schließlich war das
Seleukidenhaus durch innere Kämpfe so geschwächt, daß Tigranes II. in Kilikien
und Syrien einmarschieren konnte, ohne auf irgendeine Gegenwehr zu stoßen
(83).
Die aus heutiger Sicht sinnlos anmutenden Bruderkriege erklären sich aus dem
Wesen der hellenistischen Monarchie: Da jeder Königssohn Anspruch auf Herrschaft
erheben konnte, ja nach dem charismatisch-agonalen Königsideal der Zeit geradezu
aufgefordert war, seinen Anspruch auf Herrschaft auch gegen seine eigenen Ver-
wandten durchzusetzen, trat immer wieder die Situation ein, daß Brüder, Halbbrüder,
Vettern oder Söhne aus der Verbindung mit einer irdXXa^ konkurrierend um die
Königsherrschaft rangen. Diese bewaffneten Auseinandersetzungen mußten auf
Dauer zu einer schweren Destabilisierung der Dynastie und damit des Reiches füh-
ren. Die verfeindeten Könige und ihre cpiXoi, die gezwungenermaßen fast ausschließ-
lich mit der Erhaltung und Absicherung ihrer eigenen Machtposition beschäftigt
waren, konnten letztlich ihren Aufgaben, für die Sicherheit des Reiches und die
Wohlfahrt ihrer Untertanen zu sorgen, nicht mehr gerecht werden. Loslösung der
Städte und Unzufriedenheit der Bevölkerung, die sich in Unruhen und Aufständen
gegen die Könige und ihre cpiXoi äußerten, waren die Folge.16
Der Zerfall des Seleukidenreiches wurde letztlich also durch innere Zwistigkei-
ten herbei geführt. Wenn Poseidonios meint, daß die Römer im Jahr 64/63 Syrien
16 Ehling, Unruhen S. 320 ff.
284
III. Kapitel: Überlegungen zum Niedergang und Zerfall des Seleukidenreiches
dank der discordia consanguineorum regum, der „Zwietracht blutsverwandter Kö-
nige“ in eine Provinz umwandeln und dem römischen Reich einverleiben konnten,
so trifft dies zu.17 Allerdings darf man nicht übersehen, daß der Niedergang des
Seleukidenreiches durch die römische Sicherheitspolitik eingeleitet wurde, da die
Könige nach dem Frieden von Apameia nicht mehr in der ihnen gewohnten, auf
Eroberung gerichteten Weise agieren konnten. Daraus entwickelten sich Span-
nungen, die sich in den oben beschriebenen innerdynastischen Konflikten gleichsam
stellvertretend entluden. Die innerdynastischen Kämpfe, die die seleukidische Ge-
schichte der Jahre nach 164 wesentlich bestimmt haben, sind daher auch eine Folge
der restriktiven Politik Roms gegenüber den hellenistischen Monarchien bzw. dem
Seleukidenreich gewesen.
17 Nach lust. 40, 2, 5. Zur Abhängigkeit dieser Stelle von Poseidonios siehe oben Kap. 11,2.
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ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Falttafel Stammbaum (Tasche 3. Umschlagseite):
Entwurf Kay Ehling, Zeichnung prograph gmbh (München).
Faltkarte „Die hellenistische Welt“ (Tasche 3. Umschlagseite):
aus CAH VII (1928) vor S. 155.
REGISTER
Achaios: 206f.
Acilius, M. Glabrio: 269
Adana: 266
Aemilius, M. Scaurus: 273,276
Aeropos: 212
Ämter (städtische): 72-74
Ärzte: 33,38, 64, 179
Afranius, L.: 271 f.
Aigeai: 36
Ailian: 42
Akkulturation: 108 f.
Akra von Jerusalem: 117, 132f., 136, 149f.,
164,174f„ 177, 193,
Akrophylax: 64, 248
Alexander!.: 18, 23f., 26, 31, 33 f., 38, 46, 50,
52,57, 60f., 76, 87f., 92f., 96f., 98, 100,
102f., 105, 130,138 f., 142, 145-163,
166f., 171,209,282
Alexander II.: 16, 18, 21 f., 24,26,33f., 41,
43f., 47, 67, 82, 87,92f., 96f., 100, 105,
206-214,283
Alexander der Gr.: 18, 36, 41,50, 56, 86f.,
156,203, 205,209,211,277
Alexander Jannaios: 22,228, 244, 248 f.
Alexandra: 255
Alexandreia: 154, 156, 273
Alexandreia kat* Isson: 266 f.
Alkimos: 56, 58, 116f., 130-132, 135, 137 f.
Ammonios: 33, 61,63,155, 158, 161 f.
Anazarbos: 36
Andriskos: 143
Anonymer Verfasser des I. Makkabäerbuches:
49f., 53-58, 60, 62, 134, 136f., 145,
149-151, 154, 158 f., 161-165, 170-179,
185-188L, 190 f., 193 f., 280
Antigonos (Nauarch Alexanders I.): 66, 149
Antigonos (Sohn Demetrios* 1.): 155
Antiocheia, Antiochener: 17, 19,21,24,
33-36, 45 f., 48 f., 61,68, 70,76, 82, 84 f.,
101, 113,122, 131, 135, 137,141, 146,
148 f., 153, 158 f., 162f., 165, 174, 176,
178, 183, 190, 200,209,213f., 219f.,
222-224, 233, 235 f., 238-240, 242 f.,
245 f., 249, 251,256f., 261 f., 272f., 275,
279
Antiochis: 146
Antiochos I.: 41 f., 50,77,92,279
Antiochos IL: 26,77,94,105, 125
Antiochos III.: 26,41 f., 49f., 62f., 65,67, 72,
102, 120,127,198 f., 259f., 279f., 282
Antiochos IV.: 13f., 18,21,23, 25f.,31,33,
35, 37,42-44,46,49, 52,54-58, 61,63,
69f., 74 f., 80-82, 86-89, 92f., 97 f., 100,
102,105, Ulf., 114, 116, 118f., 125,
129-131, 146f., 152f., 156, 162, 167,
187,200,203,221 f., 280, 282
Antiochos V: 13,26,41,55,66,68,76, 82,
92f., 112f., 115-117, 120, 123f., 129 f.,
138, 140, 200,282
Antiochos VL: 14 f., 18, 21, 24-26, 33 f., 57,
85, 88, 92-94, 105,166-172, 174,
178-181, 198,206,209,215, 260,282
Antiochos V1L: 15 f., 21, 26,30,34,42-44,
49f., 52f., 57, 61, 67f., 77f., 100f., 105,
116, 123, 151, 153,177, 182, 184-205,
208f., 212,215,217, 225,283
Antiochos VIIL: 16f., 21 f., 24, 26, 32 f., 44,
50 f., 63,67,69 f., 77-80, 88 f., 92 f.,
95-97, 100f., 105,201,213-215,
217-228,230-234,237, 239, 246 f., 279,
283
Antiochos IX.: 16 f., 22,24,26, 32,44,46-48,
50 f., 67,70,78 f., 80,92,95,97, 100 f.,
105,207, 215,217-228,230,234f., 239,
275,282
Antiochos X.: 24,26,44, 97, 235-239.241 f.,
250,283
Antiochos XL: 26, 88 f., 237-239
Antiochos XIL: 23 f., 26, 100, 107,109,
246-248
Antiochos X11L: 16,23 f., 26, 34,41,51,53 f.,
87,243, 250,253-258, 260f.. 263, 271 f.
Antiochos Antiochou Epiphanes: 26,200 f.
Antiochos, kleiner: 88 f.
Antiochos Philometor: 23 f., 26,53 f., 88 f.,
242f., 253-255
Antipatros (Feldherr Alexanders IL): 212
Antipatros (jüdischer Gesandter): 173
Antonius, Marc: 229
Apame: 47, 153
Apameia: 15,20, 32 f., 35-37,77,124, 158,
166, 180, 191,210, 221,260, 275
302
Register
Apollon: 91 f., 93, 274
Apollonios (Freund Demetrios* I.): 31,66, 122
Apollonios (Mysarch): 56,66
Apollonios (ptolemäischer Offizier): 16
Apollonios (Stratege und Hegemon): 60, 159 f.
Appian: 17,40f., 42f„ 48, 87,98, 121, 124 f.,
140, 144L, 179, 188,191,204,236 f.,
241,250-252, 256 f., 264-266, 271, 274,
276
Araber: 26, 163, 166, 241, 247, 259f.,
271-273,275 f., 279, 283
Arados: 34, 37, 158, 170,191
Archias: 142,145
Aretas III.: 23,248 f., 255,260, 276
Arcthusa: 260
Argos, argivisch: 35 f., 45,91
Ariarathes IV.: 31
Ariarathes V.: 20, 139 f., 141 f., 145
Ariobarzanes L: 274 f.
Aristobulos II.: 226,259
Artaxias von Armenien: 127
Askalon: 171, 174,210,218
Aspendos: 22,44,218 f., 222
Asyl, Asylie: 16, 24,102f., 104, 183, 189, 211,
220, 222,225 f., 230, 240,251
Atargatis: 25, 106f., 109,240,247
Athen: 19,67 f., 69 f., 234,265
Athena Magarsia: 25,104, 107, 170
Athenaios (Historiker): 31 f., 34, 37 f., 157 f.,
216
Athenaios (Quartiermeister Antiochos* VIL):
204
Athenobios: 193
Attaliden, attalidisch: 25,69,144,281 f.
Attalos IL: 20, 141, 144 f., 146 f.
Attalos III.: 221
Autonomie: 222 f., 225, 274
Azizos: 245, 261 f.
Azotes (=Asdod): 160f., 194,259
Babylon, Babylonien: 21,53,63,76 f„ 98, 124,
127, 182, 202 f., 204
Bagadates: 41,252,256,261
Baitokaike: 77 f., 216
Bakchides: 23, 131,135f., 137f., 149, 151
Bakchios: 256
Barttracht: 206f., 236, 238
Berrhoia; 245,259
Berytos: 20, 25, 37, 83, 102, 156, 170
Bet-Zur: 114 f., 117, 136, 138, 149, 172, 177,
193, 199
Bevölkerung: 16,21 f., 24 f., 34,90,98, 103,
108, 112, 119, 121 f., 128, 138, 142, 148,
153, 163, 165, 174, 176, 183-185, 188,
204f., 208,212,214, 237,239f., 247,
249 f., 252, 257, 261 f.
Bithys: 63
Brittane: 22,48, 228, 230
Byblos: 20,25, 37, 81,258,275
Caesar: 264
Cassius Dio: 42,264
Chalkis: 166,260 f.
Charax: 42
Charisma: 25, 129
Cicero: 53 f.. 243,253 f., 264, 269
Cypem: 70, 142 f.» 144, 181,218-220, 223,
229,239, 281
Damaskos: 25, 37,47, 84, 101, 106 f., 109,
171, 210 f., 218, 232, 239-242, 246-249,
259 f., 274-276
Daphne: 35-37,45,216,220,256,274,282
Deiotaros: 269
Delos: 19, 22,68-70,218
Demetrios L: 14, 18, 23 f., 26, 30-33,43,47,
49 f., 53,57,61, 63,70,76-78, 83,
87-89,93,96, 98,103 f., 119, 122-124,
126, 128, 130-132, 134, 137-153, 155,
159,162,209,222, 282 f.
Demetrios IL: 15, 18,21,24, 26,33f.,43f.,
47,50,52 f., 57, 60, 67, 70,76,78,85, 87,
92-94, 96, 98,100, 102, 105f., 124,147,
151,159f.. 162-166, 170, 172f., 174,
176-185, 194, 201, 203, 205-215,223,
225,236,240,257, 282 f.
Demetrios IIL: 22-24, 26, 61, 106, 109, 232,
234,239-247
Demetrios (Archon): 259
Demetrios (aus Gadara): 272
Diodor (Historiker): 32-34, 124 f., 126, 141,
158f.» 163, 167, 178f. 181, 188,203,212,
221 f., 260 f.
Diodoros (Freund Demetrios’ L): 31, 122 f.
Diogenes: 33, 157 f.
Dionysios (Kanzleichef): 63
Dionysios (Satrap): 67, 169
Dionysios (Tyrann): 233, 275
Dora: 42, 49, 190 f., 192
Dorea: 77 f.
Dura-Europos: 202, 283
Ekbatana:21, 126,204
Register
303
Elephant: 36,76, 114 f., 121, 131 f., 152, 163,
166,168
Elephantenexuvie: 87, 128, 183, 211
Eleutheros: 35, 161 f., 174
Eparcheia strategike: 250
Epikrates: 227
Epiphaneia: 266 f.
Epistates: 63 f., 73 f., 103 f., 211
Epitheta: 78f., 88,90,97-99, 113, 128 f., 156,
163, 167 f., 180, 184, 189, 200, 203, 206,
209f., 212, 214f., 217, 225,232-234,
236, 240, 243,247. 249,262
Eumenes II.: 144
Eupolemos: 134
Eutrop: 53, 230
Festus: 53
Frieden von Apameia: 26, 52,120f.» 144, 229,
280,282, 284
Frontin: 53, 191
Gabinius, Aulus: 245, 272
Gadara: 259, 275
Galaistes: 152
Gaza: 226, 276
Generalstatthalter: 14, 29, 63,124, 129,182
Geron: 66
Götterattribute: 85, 87f., 90,128, 130, 168,
183,192, 235 f., 257
Geron: 66
Gracchus, Tiberius Sempronius: 120,123, 139,
148,
Granius Licinianus: 54
Hadad: 107, 246 f.
Hasmonäer: 13, 20,171, 186
Heeresversammlung: 124
Hegemonides: 66
Heliodor: 55 f., 58, 63,66 f., 69, 280
Herakleides: 125, 129, 147 f.
Herakleon: 231, 23
Hermias: 72, 261 f.
Herrscherkult: 65
Hiera kai Asylos, siehe Asyl, Asylie
Hierapolis Kastabala: 274 f.
Hierax: 158, 162
Himeros: 204
Hyknapses: 130
Hyrkan 1.: 16, 187f., 194f., 197,199, 201,
208,212, 226 f.
Idumäa: 175, 259
Imitatio Alexandri: 18, 20 f., 86 f., 156, 183,
209,211,258,277
Imperium: 269
Indates: 202
Indigen: 19, 25, 80 f.
Inschriften: 62-80, 163, 167,185, 210, 218,
222-225,229f., 234, 250f., 261 f., 276
Io: 45, 236
Isis und/oder Sarapis: 16,46,90.95 f., 189,
230, 251
Ituräer: 275
lustin: 15, 31,47,50 f., 67, 82, 101, 140-142,
152,163, 166, 178 f., 194, 201 f., 204 f.,
208-214,219-221,250f.
Jason (jüdischer Gesandter): 134
Jason von Kyrene (Historiker): 29, 31,50,
54 f., 58
Jerusalem: 21, 24, 34,44, 64,72,101,113f.,
115,131 f., 135, 150, 174-177,186f.,
193-199,208
Johannes Antiochenus: 46
Johannes Hyrkan I., siehe Hyrkan 1.
Jonathan: 21, 56f., 60, 136f., 138,149,154f.,
158,160f., 164, 170-176
Joppe: 161,174 f., 193,199, 227, 248, 276
Josephus: 15, 19, 30f., 47, 50, 54,58f., 60-62,
72,124, 136f., 145, 149-152,154, 159,
161-165, 171-179, 185, 188,190,
195-197, 202, 208 f., 211, 214, 221,
227 f., 231-235, 237, 239, 241,245,
248f., 253, 255,259f., 271
Judas Makkabaios: 55 f., 114,130 f., 133, 135 f.
Juden, Judäa: 14,17,20, 23, 25, 29, 55 f., 72,
101,130 f., 135f., 138, 144, 149, 151,
158, 164f., 172-177, 186,192f., 208,
226, 228, 244, 247-249, 255, 272 f., 276,
279, 282f.
Judenfeindlichkeit: 118, 174f., 198
Kallimander: 227
Kamniskires 1.: 183
Kendebaios: 193
Kilikien: 16,21-23, 35,46, 52, 71 f., 75, 119,
146 f., 159f., 162f., 168, 185,187,205,
218, 228-230, 234, 237, 250-252,256,
261 f., 266, 268 f., 272,274-276, 283
Kinyras: 37,258, 275
Kleomenes: 182
Kleopatra III.: 227 f.
Kleopatra IV.: 26, 219 f., 221,224, 228
304
Register
Kleopatra V.: 23 f., 26, 88 f., 228,234,237,
242 f., 253,255,
Kleopatra Thea: 16,21 f., 26,44,47, 51,61,
64,67,78, 88 f., 90, 92, 96, 100, 154 f„
161 f., 163, 166 f., 188f.,200f.,210,
212-215, 231,256,283
Kleopatra Tryphaina: 24, 26, 51,213,220 f.,
230, 239 f., 246
Klonios: 212
Koilesyrien: 22, 26,35, 37, 101, 154, 161,
163 f.. 171, 185, 192,205,210,225,228,
239,241,247-249,255,259,273 f., 276
Krates: 56, 66
Krateros: 64,67
Kreta: 94, 114, 159, 181
Krieg der Szepter: 16, 228
Kyrrhestike: 35
Kyzikos: 218
Laodike (Frau Seleukos* IV. und Antiochos*
lV.):88f.
Laodike (Schwestergemahlin Demetrios’ 1.):
88 f„ 139, 155
Laodike (Schwester ? Alexanders 1.): 147
Laodike (Tochter der Kleopatra Thea): 215
Laodike (Tochter der Kleopatra Thea): 215
Laodike Thea Philadelphos: 22,230
Laodike (Königin der Samenoi): 241,260
Laodikeia: 33,35 f., 48, 69,77, 121, 158, 168,
209f., 212,222,225,274
Lasthenes: 57, 66, 159, 181
Leptincs: 121
Libanios: 44-46,48 f., 87
Literarische Quellen: 29-62
Livius: 19, 31,41 f„ 52f., 54, 155, 166, 178f.,
229,266,280
Lucullus: 16,23,39,42,251,255-257,267,
269,272
Lysias (Reichskanzler): 20,112-117, 121, 124,
130, 138
Lysias (Satrap): 64
Lysias (Tyrann): 258
Magnesia am Sipylos: 280
Makkabäerbücher, siehe anonymer Verfasser
des I. Makkabäerbuches und Jason von
Kyrene
Makkabäeraufstand: 138 f., 142
Malalas: 45,47-49,228
Mallos: 36, 84, 104, 107,169 f., 194,210,
266 f.
Marathos: 34,158
Marcius Q. Rex: 262,269
Marktgewicht(e): 242
Mattathias: 56, 136
Medien: 21,63,76, 124, 126 f., 182 f., 202,
204,283
Meleagros: 31,66, 122, 116 f., 118
Menelaos: 58, 116f., 118
Menedemos: 63
Menestheos: 31,66, 122
Menochares: 63, 139 f., 141
Mesopotamien: 37, 127, 187, 202,245, 252 f.
Milesios: 248
Milet: 14, 19, 66, 92, 122, 125 f., 129,149
Militärwesen: 26, 32, 114 f., 120, 133, 135 f.,
145, 152, 190, 194, 197,202-204,212,
244, 248,280 f.
Miltiades: 141
Mithradates I. (Parther): 21,53,76, 182, 185,
249,283
Mithradates I. (König von Kommagene): 22,
230
Mithradates IL: 23, 245 f.
Mithradates VL: 23,38 f., 41 f., 51, 54, 251,
255 f., 268, 270,276f.
Mithradates Sinnakes: 245
Mithras: 268
Molon: 127, 129
Mopsuhestia: 16,22,230,237,251,266 f.
Münzen: 17,19,25,75, 80 f., 82 (Quellen-
wert), 82-85 (Nominale, Münzstätten),
85-90 (Porträts), 90-97 (Typen), 97-99
(Beinamen), 99-101 (Jahresdaten),
101-104 (städtische Prägungen), 104-109
(indigene Götter). 124, 128 f., 152 f.,
155f., 158 f., 161 f., 164,168, 170, 178 f.,
181, 183 f., 186-188, 191 f., 194, 196,
200f., 203-207,209-211,213-215,
217-220,223,225,232-236, 238-243,
245-252,255, 257,262
Nabatäer: 26,70, 247-249, 255,276
Nikanor (cypriotischer Söldnerführer): 66
Nikanor (Freund Demetrios' I. und Stratege
von Judäa): 15, 20, 31, 55 f., 131 f., 133,
135,151
Numenios: 173
Obsequens, Julius: 53,229
Olba: 19,71, 146,250, 261 f., 271
Orophernes: 31,140 f., 142, 144
Orosius: 53, 179, 202
Orthosia: 37,275
Register
305
Palamedes: 169, 171
Pamphylien: 218, 230, 363
Paphos: 19,79, 163,223
Papirius Carbo: 69,218
Parther, Partherkriege, parthisch: 15-17, 21,
23 f., 34,44, 52 f., 61, 67 f., 76, 85, 178,
182-186, 200-205,207f„ 241,245 f.,
253,272 f„ 279,283
Parthyne: 32
Pella: 259
Perseus: 257
Phamakes L: 140
Philipp I.: 22f., 24, 26,44, 61,72, 88f.,
237-239, 241, 243, 245-250, 262
Philipp II.: 23 f., 26, 72,250, 262-263, 271
Philipp V.: 280, 282
Philippos (Epistates): 63 f., 66
Philippos (Milchbruder Antiochos* IV.): 20, 63,
101 f., 116, 119
Philos, Philoi: 15, 18f., 22,26, 31, 33, 38,
63f.,76, 119, 122, 125,129, 131,139,
149, 154 f., 164, 170, 174, 176,180, 185,
191, 198, 222, 235, 237,254,270, 280,
282 f.
Philosophen: 37, 157
Phönikien, phönikisch: 21 f., 24, 26,35,52, 69,
101 f., 107, 118, 123,142, 154,156, 164,
171, 178, 180, 185, 187,192,210, 218,
230, 249, 255,258f., 269f., 272-274
Phraates IL: 44, 185,201, 203 f.
Piraten, Piraterie: 21,23, 26, 38f., 41 f., 51 f.,
54, 169,228-230,263-268,272f., 276
Plutarch: 38f., 40, 252f., 255,263-266,268f.,
271,276
Politeuma: 118
Polybios: 19, 24, 30-32, 34,37 f., 41,47,49 f.,
52f., 60-62, 82,119-123, 126f.,
140-142, 144,147 f., 152, 282
Pompeianische Ära: 267,275 f.
Pompeiupolis, siche Soloi
Pompeius: 16, 23,32, 38 f., 41 f., 50,53 f., 252,
264-277,279
Pompeiupolis, siehe Soloi
Popilius, C. Laenas: 281
Porphyrios: 21,43f., 178, 185 f., 195,201,
205, 208-211,214,217, 231,233-235,
237,239,241
Porträt: 18, 85 f., 127,130, 155 f., 168,201,
211,213 f., 235f., 238,242,251,257f.
Poseidonios: 17, 19, 24,27, 31-34, 37-42,
50-53, 60-62, 158,214, 216,220-222
Priene: 70
Progonos, progonoi: 26,221,235, 258, 280
Protarchos: 113
Ptolemäer, ptolemäisch: 17, 23 f., 25,41,69,
72, 83, 90,96f., 101 f.. 138, 142, 155,
161,163, 180f., 218-220,226, 239f.,
246f., 253,255, 263, 273,279f., 282
Ptolemaios III.: 192
Ptolemaios V.: 192
Ptolemaios VL: 57,70, 102, 119, 123, 152,
154L, 160-164, 170
Ptolemaios VIIL: 16, 20,24, 145, 147,192,
208,212f.
Ptolemaios IX.: 16, 24,51, 61, 219 f.,
226-228, 234, 239 f., 251
Ptolemaios X.: 22,79f., 220,223 f., 227
Ptolemaios XII.: 273
Ptolemaios von Kommagene: 127
Ptolemaios (Stratege): 194, 196
Ptolemaios (Sohn des Mennaios): 249,259,
275
Ptolemais: 20, 23 f., 37,42, 61,78, 83-85, 101,
118,148L, 150, 154-156, 158,161, 164,
171, 174f., 178f., 191,210f., 212,214f.,
218,228, 242, 253, 255 f., 275
Pyramos: 274 f.
Rangklassen, Titelwesen: 56,63-65,72,149f.,
159f., 170f., 176, 250, 261
Reichskanzler (allgemein): 18,20,63, 155,
159
Religionsfriede: 113f., 117
Religionsverbot: 13f., 20,46,81,113f., 117,
133
Rhodogune: 185, 188, 205
Rhodos: 32,70, 123, 140, 144, 186,188,265
Rom, Römer: 20,22f., 26f., 134f., 139-142,
143,145, 147,152, 163, 181,218,227,
230, 243,253, 256, 260,262,266,268,
270, 272-274, 276 f., 279-281,284
Sabbatjahr: 115, 197
Samaria: 132f., 164,174,226f., 259
Samenoi: 241, 260
Sampsigeramos: 260f., 271
Sabbatjahr: 115, 197
Sandan: 19,49, 83 f., 105 f., 107, 170
Sarapis, siehe Isis
Sarpedon: 169,171
Scaurus, M.: 271
Scipio, Aemilianus Africanus: 181
Seeräuber, siehe Piraten
306
Register
Seleukeia am Kalykadnos: 71, 85, 229, 231,
233 f.
Seleukeia in Pierien: 20, 22, 33,36,48,72f.,
77,79, 84, 119, 142, 152, 158 f., 161, 166,
176, 188f., 210, 214, 217 f., 222f., 225,
233, 239 f., 242, 252, 274
Seleukeia am Tigris: 20 f., 35,76,84, 128,
182-185,283
Seleukidenära, -daten: 19 f., 56,76, 99 f., 102,
152f„ 164, 178, 188, 196, 209-212,215,
218-220,223, 225,231 f., 243, 255, 275 f.
Seleukis: 35, 37,77,135, 279
Seleukos L: 18, 26, 35 f„ 41,45,48,71,73, 87,
91 f„ 94,206, 236, 279
Seleukos II.: 35, 206
Seleukos IV.: 33,41,55, 57, 63 f., 67,73, 93,
119, 280
Seleukos V.: 26.47,213,215
Seleukos VI.: 18, 22,24, 26,41,46, 69 f., 85,
87,97, 105, 229, 233-235, 237, 239, 257
Seleukos Kybiosaktes: 26, 243, 271
Seleukos (Sohn Antiochos* VII.): 204
Senat: 20, 23, 57, 80, 120, 123, 125f., 134f.,
140, 143,147,181, 227 f., 243, 254, 272,
281 f.
Senatsgesandtschaft(en): 49, 120f., 123, 139f.,
181 f., 281 f.
Servilius, P. Vatia: S. 263
Side: 184 f.
Sidon: 19,49, 83f., 101 f.» 148, 152, 156, 159,
165, 168, 210,214 f., 218, 222, 274
Silas: 258, 275
Simon: 132, 160, 171 f., 174-177, 183, 185,
187,190, 193 f., 195,
Söldner: 46, 94, 114, 123,140f., 177,181,235
Soloi: 84, 250, 267
Sosistratos: 66
Sparta, Spartaner: 57 f., 173
Städte, Stadtgründungen (allgemein): 70f.,
75f., 118f., 158f., 187f., 210, 230, 252,
256, 274, 279
Steuern: 151, 174, 176f.,274
Strabon: 32-37, 40,71,73, 158, 191, 233, 252,
258,266
Straton: 233, 245, 259
Stratons-Turm: 259, 276
Sulla: 16, 251
Susiana, Susa: 21, 85, 130, 203, 283
Syngenes, Syngeneis: 63, 139, 171,254, 270
Synkellos: 49, 190f.
Syrien, Provinz Syria: 16, 23, 26, 35, 41 f., 45,
52 f., 101, 120, 122, 141, 147 f., 162f.,
176,178, 181, 185, 187, 189f., 192, 205,
208, 212, 217-219, 224 f., 228, 239, 245,
. 249-251, 253,255 f., 259, 270-274, 276,
279, 283
Tarkondimotos I.: 267, 274 f.
Tarsos: 17, 25,36,74, 84f., 105-107, 169f.,
194, 210, 235, 238
Teos: 19,62,71,84, 103, 163
Theophanes: 39f., 268, 270
Tigranes II.: 16, 23,27, 38,41 f., 49 f., 51 f.,
54, 101,241, 246, 249-251, 254-256,
269,270-275,277,279,383
Tigranokerta: 252,256, 267
Timarchos: 14, 20, 23, 29f., 63,94, 96f., 98,
124-130,126, 137, 147, 183
Titelwesen, siehe Rangklassen
Tripolis: 20, 37. 123f., 222f., 225, 227, 258,
274 f.
Tryphon: 14f., 18, 21,24, 26, 34,41 f„ 43,49,
51 f., 57, 87, 94, 158, 162, 165-170,172,
174f., 176, 178-184, 186, 188, 190f.,
192f., 282
Tyrannen: 23, 37,228, 233 f., 245,249, 258,
260, 273, 275, 277
Tyros: 19, 24, 36,47, 83 f„ 101 f., 103, 152,
156, 168, 171 f., 183, 210f., 222, 274, 283
Urtukiden: 202
Verres. Gaius: 254 f.
Zarbienos: 256
Zenas: 250
Zenophanes: 16, 262
Zeugma: 127
Zeus Uranios: 215
Zonaras: 49