Author: Kant I.  

Tags: philosophie   metaphysik  

Year: 1956

Text
                    IMMANUEL KANT

Kritik
der reinen Vernunft

VERLAG VON FELIX MEINER
IN HAMBURG


PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 37 a Unveränderter Neudruck der von Raymund Schmidt besorgten Ausgabe (nach der zweiten durchgesehenen Auflage von 1930) Alle Abweichungen zwischen den beiden Original-Ausgaben (der Ausgabe A = 1. Auflage VOn 1781 und der Ausgabe B = 2. Auflage von 1787) sind im Text durch Kursivdruck kenntlich gemacht, bei größeren Abweichungen auch unmittelbar einander gegenübergestellt. © FELIX MEINER 1956 Alle Reehte für die vorliegende Ausgabe, einsehl. des Ubersetzungsrechtes vorbehalten. Druck 1967: H. StÜrtZ AG., Würzburg. Printed in Germany
Vorrede des Herausgebers Die vorliegende Neuausgabe des kritischen Grundbuches aller modernen Philosophie (auch derjenigen, die sich in bewußter Abkehr von Kant befindet) verdankt ihren Habitus der Reihe der "Philosophischen Bibliothek", in welcher sie erscheint. In solcher Umgebung konnte es sich nicht darum handeln, die Kritik wieder einmal einer großen Öffentlichkeit so darzubieten, daß eine schnelle und soweit der schwierige Inhalt es gestattet - mühelose Besitzergreifung durch den Leser möglich ist, sondern es mußte ein Text geschaffen werden, der auch peinlicheren Ansprüchen genügt, ein Text, der ohne auffallende Erschwerung der Lesbarkeit wichtige Handhaben für ein gründliches Studium der Entstehung und der Interpretation aller einzelnen Teile .renthält.. Es war da;nicht eigentlich vollständig und grundlegend Neues zu teisten, vielmehr mußten alle in der gleichen Richtung bereits unternommenen Versuche peinlich beachtet, und die Vorzüge vieler Ausgaben in einer einzigen vereinigt wercl.el}.. Selbstverständlich war es für einen solchen Zweck, daß dem Druck der genaue Wortlaut beider Originalausgaben zugrundegelegt wurde. Mag der Streit um die "Kanonisierung" der zweiten Ausgabe noch so endgültig für die Geschichtschreiber der kantischen Philosophie entschieden sein, für denjenigen, der unbefangen Kants Gedank~n und ihren Wandel an der Quelle studieren will, ist die erste Ausgabe auch heute noch so
VI Vorrede des Herausgebers wichtig wie die zweite. Der Herausgeber hat sich aus diesem Grunde bemüht, die Texte, soweit sie erheblich voneinander abweichen, einander gegenüberzustellen, so daß der mehr oder weniger einschneidende Charakter der Umarbeit unmittelbar abgelesen werden kann. Kleinere Abweichungen der 2. Auflage (B), soweit es sich nur um Worte, Satzteile oder einzelne Sätze handelt, wurden im fortlaufenden Text kenntlich gemacht; die ursprüngliche Fassung der 1. Auflage (A) findet sich stets als. Note am Fuße der betreffenden Seite. Herausgehoben sind die Abweichungen der beiden Originalausgaben voneinander in allen Fällen durch kursiven Druck. \ Besonders fruchtbar erweist sich die Konfrontierung der beiden Einleitungen zu A und .B, weil sie deutlich die Entstehung des zweiten Textes aus dem ersten erkennen läßt und Schlüsse zuläßt nicht nur auf die Arbeitsweise Kants, sondern auch auf die Absichten, die ihn bei der Neuausgabe leiteten. Dieser Vorzug mag den Leser für den unschönen Eindruck einiger unbedruckter Seitenteile entschädigen, der bei der ungleichen Länge der konfrontierten Stücke nicht zu umgehen war. Selbstverständlich wurden zur besseren Vergleichung mit den Originalen 'und mit anderen kritischen Ausgaben die Originalpagierungen beider Ausgaben als Marginalien beigefügt. Der Originaltext wurde auch in solchen Fällen beibehalten, wo er offensichtlich fehlerhaft ist. Bei der Verschiedenheit und Unvereinbarkeit der Versuche zur Textverbesserung durch mehrere Generationen von Kantinterpreten, war häufig keine Möglichkeit gegeben, sich rückhaltlos für die eine oder für die andere Version einzusetzen, a:uch sollte dem Leser selbst die Entscheidung über die notwendige Korrektur und die Art ihrer Ausführung überlassen bleiben, im Gegensatz zu allen bekalmten kritischen Ausgaben, die dem Leser ihre Lesart aufzwingen und Abweichungen davon in einen schwer übersichtlichen Anhang verweisen. Es wurden deshalb die Varianten der späteren
Vorrede des Herausgebers VII Bearbeiter in chronologischer Reihenfolge an den Fuß der betreffenden Seite gesetzt und mit dem Namen desjenigen signiert, der als Erster die angeführten Varianten aufbrachte. Diese Angaben über die Lesarten erheben Anspruch auf Vollständigkeit nur soweit sie den Sinn der Stelle treffen oder die Lesbarkeit erheblich fördern. Von der Anführung der zahlreichen Varianten zur Verbesserung des Textes durch Abänderung der Interpunktion, der Rechtschreibung und der Betonung mußte auS Raum-· mangel und auch wegen des geringen aktuellen Interesses solcher Verbesserungen größtenteils Abstand genommen werden. Der so gebotene Text unterscheidet sich also von dem kantischen nur in der Anwendung einer moderneren Schreibweise. (Auch hier wurde vorsichtig alles geschont, was mit der kantischen Schreibweise den kantischen Sinn und die kantische Wucht verlieren würde.) Die häufig als völlig unzulänglich beklagte ka:ntische Interpunktion wurde ebenfalls aus einem guten Grunde beibehalten. - Wer die Langatmigkeit und Unübersichtlichkeit gewisser kantischer Perioden beklagt, macht häufig die überraschende Entdeckung, daß diese Perioden sich im Original gar nicht so schwierig und unübersichtlich ausnehmen. Der Grund ist in der für Kant überaus bezeichnenden und im ganzen konsequent durchgeführten Interpunktion zu suchen, die seine Sätze zwar nicht immer in unserem Sinne grammatisch richtig aber doch in sinnvollem gedanklichen Rhythmus gliedert. Diesen Vorzug wollten wir unseren Lesern erhalten, zumal in vielen Fällen Kants Arbeitsweise gar nicht gestattet, eine moderne Interpunktion auf seinen Text anzuwenden. Sein Werk ist stellenweise au.; Einzelnotizen mosaikartig zusammengesetzt, wobei zuweilen Satzkonstruktionen ineinander verflochten wurden, die sich grammatisch nicht einwandfrei zueinander fügen. Da kann allein die Originalinterpunktion auf die Spur der Entstehung solcher Perioden und also auf den rechten kantischen Sinn helfen.
VIII Vorrede des Herausgebers Die als Fußnoten angeführten Lesarten finden sich in folgenden sorgfältig verglichenen Ausgaben bzw. Schriften: A = die erste Originalausgabe vom Jahre 178l. B = die zweite Originalausgabe vom Jahre 1787. Die dritte Originalausgabe vom Jahre 1790. Die vierte Originalausgabe vom Jahre 1794. Die fünfte Originalausgabe vom Jahre 1799 bzw. die an diese Ausgabe angefügten "Verbesserungen". Kant: dessen "Nachträge zur Kritik" (aus Kants Nachlaß herausgegeben von Benno Erdmann), Kiel 1881Mellin: dessen "Marginalien und Register zu Kants Kritik der reinen Vernunft". Züllichau 1794. Grillo: dessen "Druckfehleranzeigen in den Schriften des Herrn I. Kant" in "Annalen der Philosophie" Halle 1795, 37.-40. Stück. Meyer: dessen "Berichtigung" dazu. Ebendort im 54. Stück. Schopenhauer: dessen "Collation der ersten und fünften Auflage der Kritik der reinen Vernunft". Beilage zu Schopenhauers Brief an Rosenkranz vom 25. Sept. 1837. (Vgl. Altpreußische Monatsschrift 1889, Bd. XXVI. S. 310f.) Rosenkranz: dessen Ausgabe der Kritik vom Jahre 1838. Hartenstein: dessen Ausgaben der Kritik aus den Jahren 1838, 1853, 1867, 1868. Kirchmann: dessen Ausgaben der Kritik auS den Jahren 1868 u. später. Fredrichs: dessen Schrift "Der phänomenale Idealismus Berkeleys und Kants". Breslau 1871. Michelis: dessen Schrift "Kant vor und nach dem Jahre 1770". Braunsberg 1871. Laas: dessen Schrift "Kants Analogieen der Er· fahrung". Berlin 1876. Lec1ai r, v.: dessen "Kritische Beiträge zur Kategorienlehre Kants". Prag 1877.
Vorrede des Herausgebers IX Kehrbach: dessen Ausgaben der Kritik aus den Jahren 1877, 1878, später ohne Jahr. Erdmann: dessen Ausgaben der Kritik aus den Jahren 1878 bis 1919, dessen "Akademie-Ausgabe" (1911) sowie seine "Beiträge zur Geschichte und Revision des Textes der Kritik der reinen Vemunft". Berlin 1900. Müller: dessen Übersetzung der Kritik ins Englische. (London 1881). N oire: dessen Einleitung zur Müllerschen übersetzung. Vaihinger: dessen Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft". Stuttgart 1881 bzw. 1892. (2. Aufi. 1922 herausgegeben von Raymund Schmidt), dessen "Notiz, den Kanttext betreffend" in "Philosophische Monatshefte", Bd. XVIII 1881) sowie dessen "Siebzig textkritische Randglossen zur Analytik" in "Kant-Studien" Bd. IV (1900). Medicus: nach Mitteilung von Vaihinger im "Kommentar". J. B. M ey er: in "Deutsche Literaturzeitung" (1883). Adickes: dessen Ausgabe der Kritik vom Jahre 1889. Wille: dessen textkritische Arbeiten in "Philosophische Monatshefte" , Bd. XXVI (1890) und "KantStudien", Bd. IV, V, VIII. Pa ulse n: dessen Schrift über "Kant". Stuttgart 1898. Vorländer: dessen Ausgabe der Kritik vom Jahre 1899.Klein: nach Mitteilungen von Vorländer in dessen Ausgabe. Valentiner: dessen Ausgaben der Kritik aus den Jahren 1901-1919. Riehl: dessen "Korrekturen zu Kant" in " KantStudien" Bd. V (1901). Goldschmidt: dessen Aufsatz "zum Ende der Kant-Philologie" in "Altpreuß. Monatsschrift" XXXIX (1902) sowie dessen "Kants Privatmeinungen über das Jenseits" Gotha 1905. Görlan d: dessen Ausgabe der Kritik vom Jahre 1922.
x Vorrede des Herausgebers Wenn der Herausgeber nach vielen Mühen sein Imprimat auf die Bogen der vorliegenden A:usgabe setzte, so war er sieh zwar bewußt, getan zu haben, was getan werden konnte und wozu die Bedeutung der Kantsehen Kritik verpflichtet, zugleich war er sich aber auch bewußt, daß peinliche A:rbeit und sorgfältigste Drucküberwachung Fehler und Irrtümer nicht ausschließt. Er gibt sich der Hoffnung hin, ihm vorläufig noch unbekannte Fehler in künftigen Auflagen ausmerzen zu können, und rechnet dabei auf die freundliche Mitarbeit der Leser dieser Ausgabe. Leipzig, März 1926. Dr. Raymund Schmidt. Zur 14. Auflage Die vorlie:gende neue Auflage der Kr. d. r. V. ist gleichlautend mit der des Jahres 1~26. Eine Anzahl von Druckversehen, die trotz aller Sorgfalt diese Auflage noch enthielt, hat beseitigt werden können. Zahlreiche Zuschriften bewiesen dem Herausgeber, daß die mühevolle A:rbeit einer gründlichen Textrevision nicht überflüssig war.Wie sorgfältig das Hauptwerk Kants auch jetzt noch immer wieder gelesen wird, ging aus diesen Zuschriften, die mancherlei beachtenswerte Verbesserungsvorschläge enthielten, hervor. Besonderer Dank sei hier den Herren E. Franck in Marburg, Norman Kemp Smith in Edinburgh und M. Heidegger in Freiburg für ihre wertvollen Anregungen ausgesprochen. Vermehrt wurde die vorliegende Ausgabe um ein ausführliches Namenregister, welches die verschiedenen Phasen der Auseinandersetzung Kants mit Vorläufern und Zeitgenossen deutlich erkennen läßt. Es wird zusammen mit dem, in gesondertem Band erschienenen "Systematischen Handlexikon zu Kants Kr. d. r. V:' von Heinrich Ratke, dem Leser sicherlich gute Dienste leisten. Leipzig, Oktober 1930. Dr. Raymund Schmidt.
Inhaltsverzeichnis Zueignung • . . . . . 2 Vorrede zur ersten Ausgabe • 5 Vorrede zur zweiten Ausgabe. 14 Einleitung der ersten Ausgabe 38-69 I. Idee der Transzendental-Philosophie 88 Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile . • . . . . . • . • . . . 45 II. Einteilung der Transzendental-Philosophie. . . , 57 Einleitung der zweiten Ausgabe. • . • • . .38*-59* I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis. . . • . • . . . • . . . • 38* II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse apriori, und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche. • . . . . . . . . . . . • . • 39* III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse apriori bestimme • 42* IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile . . • • . . . . • . . • 46'" V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urteile apriori als Prinzipien enthalten . . • . . . . . . • . . • . 48 * VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft 61'" VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft. . . . . . . . . . • . • &6* I. Transzendentale Elementarlehre Erster Teil. Die transzendentale Ästhetik 61-660 63-93 63 Einleitung. § 1 . . . . . . . 1. Abschn. Von dem Raume. § 2, 3 . . 2. A bschn. Von der Zeit. § 4-7. . . . . Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Asthetik.§8 . . . . . . . . . . . . . • • . 66 74
XII Inhaltsverzeichnis Zweiter Teil. Die transzendentale Logik .94-650 Einleitung. Idee einer transzendentalen Logik. .94-105 1. Von der Logik überhaupt .... 94 98 H. Von der transzendentalen Logik . . HI. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und Dialektik. . . • . . • . . 100 IV. Von der Einteilung der transzendentalen Logik in die transzendentale Analytik und Dialektik 103 Die transzendentale Analytik. 105-333 Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe. • 106-191 1. Hauptst. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe . . . . . • 107 1. Abschn. Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt . • ., 108 2. Abschn. Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen. § 9. . • . • • 110 3. Abschn. Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien. § 10-12 • • • • • . 11ö 2. Hauptst. Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe . • . . • . . . . . • . 126 1. Ab s c h n. Von den Prinzipien einer transzendentalen Deduktion überhaupt. § 13 . . . • 126 Übergang zur transzendentalen Deduktion der Kategorien. § 14 • • • . . • . . 133 2. Abschn. Transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe. § 15 - 27 • . • 137 Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze (transzendentale Doktrin der Urteilskraft) " 192-333 Einleitung. Von der transzendentalen Urteilskraft Überhaupt . • • • . • 193 1. Hauptst. Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe • . • . • • • . . • . 196 2. Hau p t s t. System aller Grundsätze des reinen Verstandes • • . • . . • . . . . . . 205 1. Abschn. Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile. . • • . . " 207 2. Abschn. Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urteile. . . . . . . • • 209 3. Ab s c h n. Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze des reinen Verstande" 213 1) Axiome der Anschauung. . . 217 2) Antizipationen der Wahrnehmung. . • . 220 Erste Abteilung.
Inhaltsverzeichnis 3) Analogien der Erfahrung. Erste Analogie. Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz . Zweite Analogie. Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Kausalität Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung oder Gemeinschaft 4) Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt. Widerlegung des Idealismus. Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze XIII 229 235 241 259 266 272 283 3. Hauptst. Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und N oumena 287 Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. 309 Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe . 315 Zweite Abteilung. Die transzendentale Dialektik 334-650 Einleitung 334-646 1. Vom transzendentalen Schein. . • . 334 11. Von der reinen Vernunft, als dem Sitze des tran· szendentalen Scheins . . . . 338-346 338 A. Von der Vernunft überhaupt. 341 B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft 343 Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft . . • . . . . . . • . • • • . 347-368 1. Abschn. Von den Ideen überhaupt . . 348 2. A bschn. Von den transzendentalen Ideen. • 355 3. A bschn. System der transzendentalen Ideen. 364 Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft . .• . .. . 368 - 650 1. H auptst. Von den Paralogismen der reinen Vernunft . • . . • . . . • . • . . . 370 Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der Seele . • . . . . 395 Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend. 429
XIV Inhaltsverzeichnis 2. Hau p ts t. Die Antinomie der reinen Vernunft. 1. Abschn. System der kosmologischen Ideen 2. Abschn. Antithetik der reinen Vernunft Erste Antinomie Zweite Antinomie. Dritte Antinomie . Vierte Antinomie . 3. Abschn. Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem Widerstreite 4. Abschn. Von den transzendentalen Aufgaben der reinen Vernunft, insofern sie schlechterdings müssen aufgelöst werden können • 5. Abschn. Skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen durch alle vier transzendentalen Ideen • 6. Abschn. Der transzendentale Idealismus als der Schlüssel zur Auflösung der kosmologischen Dialektik . 7. Abschn. Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Vernunft mit sich selbst • 8. A bsch n. Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in A.nsehung der kosmologischen Ideen 9. Ab sehn. Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Prinzips der Vernunft in Ansehung aller kosmologischen Ideen • I. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Zusammensetzung der Erscheinungen zu einem Weltganzen. II. Auflösung der kosmologischen Idee von .der Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Anschauung Schlußanmerkung und Vorerinnerung IH. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten aus ihren Ursachen Möglichkeit der Kausalität durch Frei~it. 437 439 448 404 458 462 465 470 480 487 491 496 504 010 511 516 519 622 ~7 Erläuterung der kosmologischen Idee einer Freiheit . 630
Inhaltsverzeichnis IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein nach überhaupt. . . . • . • • Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft • 3. Hauptst. Das Ideal der reinen Vernunft . . 1. Abschn. Von dem Ideal überhaupt • • • 2. Abschn. Von dem transzendentalen Ideal (Prototypon transzendentale). . • . . . 3. A bschn. Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens zu schließen . • . • • 4. Abschn. Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes. • 5. .A bschn. Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes. Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins in allen transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen Wesens. . 6. Abschn. Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises. • • . . • • • 7. Abschn. Kritik aller Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft . • . . • Anhang zur transzendentalen Dialektik. • . . • Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft . . . • • • . • . . Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft • . " XV 642 046 048 548 551 561 567 575 584 588 596 604 604 625 II. Transzendentale Methodenlehre 651-766 Einleitung . . . . • . • • . • . . • . . . 653 1. H auptst. Die Disziplin der reinen Vernunft. 654-720 1. Abschn. Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche. • • • . . . • • 657 2. Abschn. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs . 677 Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft. . . • . . • . . . 692 3. Ab s c h n. Die Disziplin der reinen Vemunft in Ansehung der Hypothesen . . . 701
XVI Inhaltsverzeichnis 4. Abschn. Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise . 711 2. Hauptst. Der Kanon der reinen Vemunft 720-748 1. Abschn. Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft 722 2. Abschn. Von dem Ideal des höchsten Guts 727 3. Abschn. Vom Meinen, Wissen und Glauben 739 3. Hauptst. Die Architektonik der reinen Vernunft 748-763 4. Haupts t. Die Geschichte der reinen Vernunft 763-766 NAMENREGISTER. • 767
Kritik der • reInen Vernunft von Immanuel Kant, Professor in Königsberg, de1' Kiinigl. Akademie de1' Wissenschaften in Be,.Un MitgUed 1) Zweite hin und wieder "erbesserte Auflage t ) Riga, beil) Johann Friedrich Hartknoch t 7874.) 1) fehlt in A. t) fehlt in A. 3) A: ""erlegt,". ~) A.: ,,1181".
(B TI) I Baco de Verulamio lnatauratio magna. Praefatio. De nobis iP8is 8ilemus: De re autem, quae agitur, petimus : ut homines eam non Opinionem, 8ed Opus eB8e eogitent; ae pro urto habeant, non Seetae no8 atieuius, aut Plaeiti, 8ed utilitatis et amplitudiniB humanae fun· damenta moliri. Deinde ut 8uis eommodis aequi . . • in eommune eonaulant. . . et iP8i in partem veniant. Prae. terea ut bene 8perent, neque lnataurationem n08tram ut quiddam infinitum et ultra martale fingant, et animo eoneipiant; quum revera 8it infiniti erroris fini8 et ter· min>.t8 legitimus 1). 1) Zusatz von B. Die punktierten Stellen bezeichnen Ver· kürzungen des Baconschen Textes durch Kant. Übersetzung des Herausgebers: Blico von Verula.m Instauratio magna. Vorwort. Von unserer person schweigen wir. Was aber die Sache angeht, um die es sich hier handelt, so wünschen wir I daß sie nicht als eine bloße Meinungsäußerung , sondern als ein rechtschaffenes Werk angesehen werde, bei dem man überzeugt sein kann davon, daß es sich nicht etwa bloß um die Gründung einer Sekte oder um die Rechtfertigung eines gelegentlichen Einfalles handelt. sondern um die Grundlegung der mensch· lichen Wohlfahrt und Würde überhaupt. Es möge also jeder einzelne im eigensten Interesse ... auf das allgemeine Wohl bedacht sein. .. und dafür eintreten. Schließlich möge jeder unserer Instauratio den guten Glauben entgegenbringen, daß sie nichts Endloses und übermenschliches darstelle, denn in Wahrheit bedeutet sie das Ende und die gehörige Grenze endlosen Irrtums. •
I Sr. Exzellenz, (Bill) dem Königl. Staatsminister Freiherrn von Zedlitz I Gnädiger Herr I (B V) Den Wachstum der Wissenschaften an seinem Teile befördern, heißt an E w. Exzellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen, nicht bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern durch das viel vertrautere l ) eines Liebhabers und erleuchteten Kenners, innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen Mittels, das gewissermaßen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit für das gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Exzellenz mich beehren, als könne 2 ) ich zu dieser Absicht etwas beitragen. I Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Exzellenz die erste Auflage dieses Werks gewürdigt haben, ') Erdmann, nach Kants Brief an Biester vom 8. Juni 1781 fügt hinzu : "Verhältnis". 2) A: "könnte". (B VI)
4 1Didme ich nun auch diue zweite und hiemit zugleich 1) alle übrige Angelegenheit meiner literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung Ew. Exzellenz untertänig gehorsamster Diener Königsberg den 238ten April 1787'). Immanuel Kant. 1) Statt: "Demselben gnliiligen - zugleich· steht in A: n Wen das spekulative Leben vergnügt, dem ist, unter mäligen WanscAen, der &ifaU. eiMB aufgeklärten. gaUigen Richter. eine kräftige .u Bemilhungen, deren Nutzen grol, ob.rwar entAufm/unterung fernt ist, und daher von gemeinen Augen gän.lich verkannt wird. Einem Solchen und De.,en gnädigem Augenmerke widme ich nun diese Schrift und, Seinem Schutze," usw. ') A: "KÖ'nigsberg den 29sten Mär. 1781."
(A VlI) Die menschliche Vermmft 1IaI daB be.Bondere 8cAlobal in einer GatttWIg ihrtw Et-~e: daß rie durchFragtlfl beZti8ti9' wird, die rie t'I4cAI abweisen l:onn; denn rie ftnd fIw durch die Natur der Vermmft 8el1ut aufgegdJen, die rie abtw aucA t'I4cAI beantworten kafm,' denn rie iJbtwBleigen allu Verm4gen der menschlichen Vermmft. In dieBe Vtwlegenheil gert'JI rie olme flwe Schuld. Sie ftilngl oon GrufldBdtzen an, dtwen GdJrauc1t itn Laufe der Et-fahnmg unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewä1wt ist. Mil diesen steige rie (wie u aucA ihre Natur tn" rich 10 bringt) im. . 'AIJher, zu entfernteren Bedingr.mgen. Da I rie CA 'VIII) abtw geflJahrtoird, daß auf dieseArl ilwGuc1llJft ietleruil unv0llendet bleiben tnüue, weü die Fragen nierntJlB au{h6ren, 80 sieht rie sich genöRge, zu GrufldBdtzen ihre Zuflucht zu nehmen, die allen mögZi.chen Erf~gdJrauch iJbtw8c1weiten und gleichwohl 80 t m ~ Bcheinen, daß auch die gemeine M ensoh.emJemunft im EinwJrBtändniB8e steht. Dadurch abtw stürzt sie rich in Dunkelheit und W idtwsprüche, am welchen rie zwar abnehmen kann, daß irgendwo ~orgene Irrtümtw zmn Grunde Ziegen tniL9Ben, die rie abtw t'I4cAI 20 entdecken kann, weil die GrundstUu. deren rie sich bedient, da rie iJbtw die Grenze aller Et-fahru1l!! hinamgehen, keinen ProbitwBtein der Erfahrung me1w anerkennen. Dtw Kampfplatz diestw endlosen Streiligkeiten heißt f1un M etaph1l8ik. E8 war eine ZeiI, in welcher sie die Königin aller WiBBen80haflen genannt wurde, und wenn tnan den W iZlen für die Tat nimmt, 80 tltwdiente rie, wegen der VOf'ZiigUchen Wichtig- dam., I) Diese Vorrede zur ersten Ausgabe vom Jahre 1781 bat Kant bei der zweiten Ausgabe weggelassen.
6 Vorrede keit im es Gegenstandes, allerding8 diesen Ehirennamen. Jetzt bringt es der Modeton des Zeitalters 80 mit sich, ihire alZe V 61'aehtung zu beweisen und die Matrone klagt, ver8toßen und (A IX) verlas8en, wie Hecuba: modo mamma rerum, I tot generis natisque potens - nune tralw-r exul, inopsl) - Ovid. Metam. Anfänglich war ihire He"1'scha/t unter der Verwaltung der Dogmatiker, despoti8ch. Allein, weil die Gesetzgebung noch die Spur der alten Barbarl'i an sich hatte, 80 artete 8ie durch innere Kriege nach und nach in völlige Anarchie aus 10 und die S k ep ti k er, eine Art Nomaden, die allen beständigen Anbau de8 Bodens verab8cheuen, zertrennten von Zeit zu Zeit die bürgerliche Vereinigung. Da ihirer aber zum Glück nur wenige waren, 80 konnten 8ie nicht hindern, daß jene 8ie nicht 1:mmer auf8 neue, obgleich nach keinem unter 8ich einstimmigen Plane, wieder anzubauen 1>61'8uchten. In neueren Zeiten 8chien es zwar einmal, al8 80llte allen diesen Streitigkeiten durch eine gewi88e PhY8iologie des menschlichen Ver8tandes (t·on dem bCTÜhmten Locke) ein Ende gemaeht und die Rechtmäßigkeit jener Ansprüche völlig entschieden werden,. es fand sich aber, 20 daß, obgleich die Geburt jener vorgegebenen Königin aus dem Pöbel der gemeinen Erfahir'ung abgeleitet wurde und dadurch ihire Anmaßung mit Recht hätte verdächtig w61'de,n müs8en, dennoch, weil diese Genealogie ihir in der Tat fäZschlich (A X) angedichtet War, 8ie ihire Ansprüche noch immer behaupte Ite, wodurch alle8 wiederum in den veralteten wurmstichigen Dogmati8mu8 und daraus in die Gering8chätzUng verfiel, daraus man die Wi8senschaft hatte ziehen wollen. Jetzt, nachdem alle Wege (wie man sich 1Wm }det) vergeblich versucht 8ind, herr8cht (Jberdruß und gänzlicher Indifferenti8mus, 30 die Mutter des Chaos und der Naeht, in Wi88enschaften, aber doch zugleich der Ur8prung, wenig8tens das Vor8piel einer nahen Um8chaffung und A ufkZärung der8elben, wenn sie durch übel angebraehten Fleiß dunkel, verwirrt und unbrauchbar geworden. Es ist nämlich umsonst, Gleichgültigkeit in Ansehung 1) Valentiner übersetzt: "Noch vor kurzem die Mächtigste von Allen und Herrscherin durch so viele Schwiegersöhne und Kinder - werde ich jetzt dem Vaterlande entrissen und hülf· los fortgeführt".
zur ersten Auflage 7 80lcher Nachforschungen erkünsteln zu wollen, deren Gegenstand der menschlichen Natur nicht gleichgültig sein kann. Auch fallen jene vorgeblichen Indifferenti8ten, so sehr sie sich auch durch die Veränderung der Schulsprache in e1:nem populären Tone unkenntlich zu machen gedenken, wofern 8ie nur überall etwas denken, in metaphysische Behauptungen unvermeidlich zurück, gegen die sie doch 80 viel Verachtung vorgaben. Indessen ist diese Gleichgültigkeit, die sich mitten in dem Flor aller Wi88enschaften ereignet und gerade diejenigen trifft, auf deren Kenntnis8e, wenn dergleichen zu haben 10 wären, man unter allen am wenig 18ten Verzicht tun würde, doch (A XI) ein Phänomen, das Aufmerksamkeit 1md Nachsinnen verdient. Sie ist offe'flhar die Wirkung nicht des Leichtsinns, 80ndern der gereiften Urteil8kraft") des Zeitalter8, welches sich nicht länger durch Scheinwissen hinhalten läPt und eine Aufforderung an die Vernunft, das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntnis aufs neue zu übernehmen und einen Gerichtshof einzusetzen, der 8ie bei ihren gerechten A nspl'üchensichere, dagegen aber alle grundlosenAnlmapull1]en, CA XII) nicht durch Machtsprüche, sondern nach ihren ewigen und 20 1~nwandelbaren Gesetzen, abfertigen könne, und dieser i8t kein anderer als die Kritik der reinen Vernunft selbst. Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Bücher und *) Man hört hin und wie"er Klagen über Seichtigkeit de?' Denkungsart unserer Zeit und den Verfall gri.in,(llicher Wissenschaft. Allein ich sehe nicht. dall die, deren Gmnd 9t~t gelegt ist, als Mathematik, Naturlehre usw. diesen Vorwurf im -mindesten verdienen, sondern vielmehr den alten Ruhm der Gl"Ündlichkeit behaupten, in der letzteren aber 80gar übertreffen. Eben derselbe Geist will·de sich nun auch in ancle?'en Artm flon Erkenntnis wirk.sam beweisen, wäre flur allererst fur die Berichtigung ihl'er Prinzipien gesorgt worden, In Ermanglung derselben sind Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich, strenge Kritik, vielmehr Beweise einer gründlichen Denkungsart. Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen mull, Reli,qion, durch ihre Heiligkeit, und Gesetzgebung durch ihre M aj es t ä t, wolle-n sich gen~einiglich derselben entzi/'hen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und kannen a1~f un"erstellte Achtun,q nicht Anslwuch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Priifung hat aushalten kannen.
8 Vorrede SY8C6me, 80Mem die du VermmfW6f'mÖgenB iJb6f'haupe, in Ansehung all6f' ErkermtniB8e, zu denen rie,l) unabhdngig von aller Erfahrung, 8tf'ebenmag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit od6t' Unmöglichkeit einet' Metaphysik iJbet'. haupt und die Bestimmung 8owoN G6'I' QueUen, al8 du Um. fangu und der G1'eneen 1Ü1'8elben, aU68 ab6f' aus PriNlipien. .Diuen Weg, den eiNigen, der übrig gelas8en 1Oar, bin ich nun eing68chlagen und 8chmeichle mir, auf demaelben die Ab8teUung aller Irrungen angetroffen zu haben, die bisher die 10 V 6f'nunft im 6'l'fahrung8freien Gebrauche mit sich 8elb8t mtztDeit hatten. Ich bin ihren Pragen nicht dadurch etwa ausgewichen, daP ich mich mit dem UntJ6t'mögen der mensohlichen Vernunft entschuldigte; 8ond6f'n ich habe Bie nach Prinzipien t10UBtdndig 8p6Zif~ierl und, nachdem ich den Punkt d68 Mi{Jv6'I'8tandeB der V 6f'nunft mit ihr 8elbst entdeckt hatte, rie zu ihret' völligen (A XIII) Befrietßgung auf I gelöst. ZtDaf' ist die BeanttDorlung iefl6f' Pragen gar nicht 80 ausgefallen, als dogmatisch 8chtDlirmende WifJbegimk enoarten mochte; denn die könnte nicht ander8 als durch Zaubet'W/te, darauf ich mich nicht tJ6'I'8t6he, befriedigt 20 werde1/.. Allein, das tDar auch wohl nicht die AbBid&e der N amrb68timmung UnB6f'6f' V6f'nun/t: und die Pflicht der Philosophie 1Oar: das Blendtoerk, das aus Mi{Jdeutung entaprang, auf· zuheben, 8aUte auch noch Boviel gepriesen6'/' und beliebtet' Wahn dabei zu nichIe gehen. In dies6'l' B680Mftigung habe ich Ausführlichkeit mein grO{J68 Augenm6f'k 8ein laBBen und ich 611.iihne mich .zu Bagen, da{J nicht eine eiNige metaphyBiBche Aufgabe 8ein mÜ88e, die hi6'l' nicht GufgeJ.öBt, od6t' zu d6'l'6n Auflösung nicht tD6fl4g8t6nB der SchlÜ88el daf'g6f'6icht worden. In der Tat ist auch reine V6f'nun/t eine 80 fJOUkommene EinSO heit: daP. toenn das Prinzip G6'I'8elben auch nur zu einer eiNigen all6f' der Pragen, die ihr durch eigene Natur aufgegeben Bind. UN~ tDtire, man d4e8611 if'l'&mef'Mn nur 106(lW6'I'fen könnte, weil 68 alBdann auch kein6'/' der ii1wigen mit f16Uig6'l' Z~keit gewachsen 8ein 'WÜirde. Ich glaube, indem ich di6868 8age, in dem G68ichte du (A XIV) Leser8 einen mit V6f'achtung gemischten UnItDillen iJbet', dem Anscheine nach, 80 rtI1lmredige und unb68cheidene Anaprikhe wahrzunehmen, und gletchtDohl Bind rie ohne Vergleichung we I) Adickes: ..es".
zur ersten Auflage 9 gemliPigter, ola die, einea ietJen. Vtlff088ers des gemeiMtm pf'Offt'amms, dtIf darin etwa die einfache Nat'Ulf der Sede, oder die Notwendigkeit eines ersten Weleanfanges zu beweisen vorgibt Denn diestlf mao1R sich anheischig, die mensckUMe Erke"""""'is Ubtlf alle GrentUn möglicher Erfolwung hinaus zu erweitern, UI()tJ()n ich demütig gestehe: daP dieses mein VemWgen gänzlich übersteige, an dessen StQU ich es lediglich mie der Vtll'nunft selbst und wem reinen Denken zu wn habe, nach deren aua/ülwlicher Kenntnis ich niMI weie um mich suchen darf, weil ich sie in mir selbse anereffe und 10 wotlon'mir auch schon die gem6'~.ne Logik ein Beispiel gibt, daP sich aUs we einfachen Handlungen vöUig und systematisch aufzählen lassen,' .n'Ulf dafJ hier die Frage aufgeworfen wird, wietJieZ ich mil dtlfselben, wenn mir aller Stoff und Beiskmd dtIf Erfahrwn,g genommen wird, etwa ausz'Ulfichten hoffen dÜllfe. So tJieZ von der V oZZständigkeie in EfTeichung eines ieden, und der Ausfiihrlichkeit in EtTeichung aU er Zwecke zusammen, die mMt ein beZiebigtlf Vorsatz, sondef:n die Nat'UIf dM ErkeMlnis selbst uns aufgibt, als der Materie tmBtIftlf mtischen UnttII'iltWmng. 20 J Noch sind Gewipheit und Deudichkeit zwei Stücke, (A. XV) die die Form derselben bellreffen, als W6Bemliehe Forderungen anzusehen, die man an den VtlffaB6t1f, der sieh an eine MI schZÜlpfrt,ge Untemehmung wagt, mil Recht tun kann. Wa8 nun die Gewipheie betrifft, so habeichmir selbst das Urteil gesprochen: daP es in diestlf Af't von BellratNungen attf keine Weise et'Zaube sei, zu meinen und daP alles, Wa8 dann einet' Hypoehese n'Ulf tiMIJ,ich sieht, vtlfbotene W Me sei, die auch nicht /iif' den geringsten Preis feil stehen darf, ~ sobald sie entdeckt wird, beschlagen werden mup. Denn das 80 kündigt eine iede Erkenntnis; die apriorifeststehen solZ, selbst an, daP sie für schlechthin notwendig gehalten wtlfden wiU, und, eine Bestimmung aUet' reinen Erkenntnis8e apriorinoch fJielmeJw1), die das Riehtmap, mithin 8flbst das Beispiel aUet' apodiktischen (philosophischen) Gewipheit sein soU. Ob ich nun das, wozu ich mich anh.eißchig mache in diesem Stiicke geleistet habe, das bleibt gänzUoh dem Urteile des Lewrs anheimgestellt, weil es dem V tlffauer n'Ulf geziemt, Griitlde fHm'lJlegen, 1) H artenstein:"viel mehr".
10 Vorrede mcht aber über die Wirkung der8elben bei 8einen Richtern zu urteilen. Damit aber nicht etwas unsM'lddigerwei8e an der (A XVI) Schwächu1llJ der18elben Ur8ache 8ei, 80 mag es ihm wohll(?Jrlaubt 8ein, diejenigen Stellen, die zu eimgem Mißtrauen Anlaß geben könnten, ob 8ie gleich nur den Nebenzweck angehen, 8elb8t anzumerken, um den Einfluß, den auch nur die mindeste Bedenklichkeit des Leser8 in diesem Punkte auf 8ein Urteil, in Ansehung des Hauptzwecks, haben möchte, beizeiten abzuhalten. 10 Ich kenne keine Unter8uchungen, die zur Ergründu1llJ des Vermögens, welche8 wir Verstand nennen, und zugleich zur Bestimmung der Regeln und Grenzen 8eines Gebrauchs, wich· tiger wären, als die, welche ich in dem zweiten Hauptstücke der trans8zendentalen Analytik, unter dem Titel der Deduktion der reinen Ver8tande8begriff e, angestellt habe; auch haben sie mir die meiste, aber, wie ich hoffe, mcht unvergoltene Mühe gek08tet. Diese Betrachtung, die etWas tief angelegt ist, hat aber zwei Seiten. Die eine bezieht 8ich auf die Gegenstände des reinen Ver8tandes, und 80ll die objektive Gültigkeit 8einer 20 Begriffe apriori da.rtun und begreiflich machen; eben da.rum ist 8ie auch wesentlich zu meinen Zwecken gehörig. Die andere geht darauf aus, den reinen Ver8tand 8elb8t, nach 8einer Möglichkeit und den Erkenntniskräften, au/ denen er 8elb8t be. (A XVII) ruht, mithin ihn in subjektiver Beziehung zu betrachten und, obgleich diese Erärteru1llJ in Ansehung meines Haupf~wecks von großer Wichtigkeit ist, 80 gehört sie doch nicht wesentlich zu demselben; weil die Hauptfrage immer bleibt, wa8 und wie viel kann Ver8tand und Vernunft, frei von aller Erfrihirung, erkennen UM mcht, wie i8t da8 Vermögen zu denken 30 8elb8t möglich? Da das letztere gleichsam eine Au/suchung der Ur8ache zu einer gegebenen Wirkung i8t, und insofern etwas einer Hypothese Ähnliches an 8ich hat, (ob es gleich, wie ich bei anderer Gelegenheit zeigen werde, sich in der Tat nicht so verhält), 80 8cheint es, als sei hier der Fall, da ich mir die Erlaubms nehme, zu meinen, und dem Leser also auch /rei8tehen müsse, anders zu meinen. In Betracht dessen muß ich dem Le8er mit der Erinneru1llJ zuvorkommen; daß, im Fall meine subiektive Deduktion nicht die ganze V'berzeugu1llJ, die ich erwarte, bei ihm gewirkt hätte, doch die objektive, um die es 40 mir hier vornehmlich zu tm~ ist, ihre ganze Stärke bekomme,
zur ersten Auflage 11 wozu allenfalls dasjenige, was Seite 92 bis 93 gesagt wirdl), allein hi'Meichend sein kann. Was endlich die Deutlichkeit betrifft, so hat der Leser ein Recht. zuerst die diskursive (logische) Deutlichkeit, durch Begriffe, dann aber auch eine in I tuitive (ästhetische) (A XVIII) Deutlichkeü, durch Anschauungen, d.1:. Beispiele oder andere Erläuterungen in conereto zu fordern. Für die erste habe ich hinreichend gesorgt. Das betraf das Wesen meines Vorhabens, war aber a1lch die zufällige Ursache, daß ich der zweiten, obzwar nicht so strengen, abe1' doch billigen Forderung 10 nicht habe aenÜ(Je leisten können. Ich bin fast beständig im li'ortgange meiner Arbeit unschlüssig gewe.~en, wie ich es hiermit halten sollte. Beis-piele und Erläutertlngen schienen mir immer nötig und flossen daher auch wirklich im ersten Entwurfe an ihren Stellen gehörig ein. Ich sah aber d·ie Gtöße meiner Au/(Jabe und die Menge der aegenstände, womit ich es zu tun haben WÜ1de, gar bald ein und, da ich gewahr ward, daß diese gan2, allein. im trockenen, bloß scholastischen Vortrage, das Werk schon genug ausdehnen würden, so fand ich es u'Matsam, es durch Beispiele und Erläuterungen, die 20 nur in populärer Absieht notwendig s-ind, noch mehr anzuschwellen, zumal diese Arbeit keines-wegs dem populären aebrauche angemessen werden könnte und die eigentlichen Kenner der Wissenschaft wiese Erleichterung nicht so nötig haben, ob sie zwar iederzeit angenehm ist, hier aber sogar etwas Zweckwidriges nach ftich ziehen konnte. Abt Terrassan sagt zwar: wenn man Idie Größe eines Buchs nicht nach der Zahl (A XIX) der Blätter, sondern nach der Zeit mißt, die man nötig hat, es zu verstehen, so könne man von manchem Buche sagen: daß es viel kürzer sein würde, wenn es nicht so kurz 30 wäre. Andererseits aber, wenn man auf die Faßlichkeit eines weitläufigen, dennoch aber in einem Prinzip 2) zusammenhängenden aanzen spekulativer Erkenntnis seine Abs-icht richtet, könnte man mit eben so gutem Rechte sagen: manches Buch wäre viel deutlicher geworden, wenn es nicht 1) Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Originalausgabe(A), die bezeichnete Stelle ist der "Übergang zur transzendentalen Deduktion der Kategorien". B) Kirchmann: "im Prinzip".
12 Vorrede so gar deutHch häUe werden soUen. Denn die BUlIs. mittel der DeutZichkeü I~) StDGr in Peilen, . . . .eU6n aber öfters im Ganzen. indem sie den Luer nicht schmU genug zut" tfbtJrschauung des Garaun gelangen lassen und ~ alle i1we hellen Farben gZeie1wJoAl die .Arlihlation. odtJt' den ~ des 811.......Neben und tmhmnflic:A machen. auf.den es doch. um !ibtJr die EinAm und PüMligkeü duselben twteilm zu können. am mei ten ankommt. Es kann, wH miM dtlnk, dem LutJr zu nioAt gmngtJt' .An10 lockung dienen. seine BemiJhung mv der des VtJrlauers. zu ttereinigen. tDmn tJr d~ .A~ hat. ein grolJes und tDichtiges WtJrk, nach dem fJOf'~ EnItDut"/e. gaM und doch da,.haft (A XX) zu tJOllführen. Nun iBtMetaphtlsik. nach den Begriflen. die wir MtJt' daoon geben tDtJrdm. die .Mige aller Wiumschaftm. die sich eine soZche V nllMadung und ztIJ(Jf' in kut"zer Zeit. und mit nut" tDmSgtJr. aber ttereinSgW BemlJlw,ng. tter~ dar/. 80 dalJ mMts fiNr die Nachkommenschaft übrig bleibt. als in der didaktischen ManitJr alles nach wen AbsicAtm einzv. riMtm. ohne darum den Inhalt im mindesten t16rmeMen zu 20 können. Denn es ist nic1tts als das I nt1entarium aller UMtJrtJr Besitze dut"M reine VtJrnun/t. 8fJ8temaNch g6Of'llnet. Es kann um hier mMts mtgehm. tD6Ü. was Vernunft gäMZich aus sich selbst ~. sich nicht ttersteckm kann. sondern selbBt dut"ch V tJrnUnft ans Licht gebracht tDitd. sobald man nut" das gemeinschaftliche Prinzip cI6sselben MIItl6cla hat. Die voUkommme Einheit diestJr ArlErkennmisBe. und ztIJ(Jf' aus lauter reinen Begriffen. ohne daß irgend 6t1D68 t10n Erlalwung. odtJt' auch nut" besondere Anschauung. die zut" benMnmtm Erlahrung leiten sollte, aul sie einigen EinflulJ haben kann. sie zu 80 6f'W6i~ ,~nd zu tterm6hf'en. machen'/.) diese tmbedingte Vollstärldigkeü nic:At allein tunUch. sondtJt'n auch noW16ntlig. Tecum habVa et quam sV tibi Cut"ta 8Uf'6lle:e. I) PtJrftus. (A XXI) lEin soZches 811nem der reinen (B'Pe1ctIlativen) Vernunft hoffe ich unttJr dem Titel: M etaph1lsik der N aeur. selbBt zu Ziefsm. tDelches, bei noch nicht der Billte dtJt' WeitltiIufigkeü. I non.. 1) Rosenkranz: "helfen". I) Hartenstein: "macht". I) Valentiner übersetzt: "Sieh dich in deiner eigenen Behausung um, und du wirst erkennen, wie einfach dein Inventarium ist".
zur ersten Auflage 13 dennoch ungleich reicheren Inhalt haben soU, als hier die Kf"iIik, die zUOOrderst die Qudlen UM Bedingungen ilw6f' Möglichkeit darlegen mußte, UM einen ganz t16I'Wachs61len Boden zu reinigen uM zu ebnen nötig hatte. Hier 6f'f/Jarte ich an meinem Les6f' die Geduld UM Unparteilichkeit eines Richters, dorl ab6f' die WiUfähigkeit uM den BeislaM eines Mithelfers,' denn, so '!JOUBtänd.ig auch alle Prinzipien zu dem System in der Kritik fJOf'getf'agen sifItl, so gehört zur Ausjülwlichkeit des SyslemB selbst doch noch, daß es auch an keinen abgeleiteten Begriffen mangle, die man a priof'i 10 nichI in tJb6f'schlag bringen kann, sontlem die nach ,,tM nach aufgesucht werden müssen, imgleichen, da dort die ganzs Synthesis der Begriffe 6f'schöpjt wurde, so wird iJbertlem hier gefordert, daß eben dasselbe auch in Ansehung d.er Anal ysis geschehe, welches alles leicht UM meM Untetrhaltung als Arbeit ist. I eh habe nur noch einiges in Anaehung des Drucks anzumerken. Da der Anfang desselben etwas tJ6f'spätet war, so konnte ich nur etwa die Hälfte d.er Aushängebogen zu sehen (A. XXII) bekommen, in denen ich zwar einige, den Sinn ab6f' nicht t16f'- 20 wif'rentle Druckfehler antreffe, auß6f' demjenigen, tl6f' S. 319, Zeile 41 ) tIOn unten oorkommt, da spezifisch anstatt skepti8chgelesenwerdenmuß. Die Antinomie d.erreinen VSf'nUnjt, von Seite 426 bis 461 1), ist so, nach An einer Tafel, angestellt, clas alles, was zur Thesis gehört, auf der linken, was ab6f' zur Antithesis gehört, auf d.er rechten Seite imm6f' fortläuft, welches ich darum so anordnete, damit Satz uM Gegensatz desto leichter miteinatldcr tJeII'glichen werden könnte. I 1) Zählung der Originalausgabe.
(B VII) I Vorrede zur zweiten Auflage 1) (B Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt sich bald aus dem Erfolg be1M'teilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, in Stecken gerät, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen andern Weg einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich ist, dic verschiedenen Mitarbeiter in der Art, 'lb'ie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt2 ) werden soU, einheUig zu machen: so kann man 10 immer überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weitem Mch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg womöglich ausfindig zu machen, sollte a'lbch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne tJberlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war. vm) IDaß die La gi k diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem Aristoteles keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, 20 wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten, oder deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrec1men will, welches aber mehr Z1M' Eleganz, als Z1M' Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie a'lbch bis ietzt keinen Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und voUendet zu sein Mheint. Denn, wenn einige Ne'lber6 sie dadurch zu erweitern dachten, daß sie teils psychologische Kapitel von den verschiedenen Erkenntniskräften 1) Vom Jahre 1787. I) Grillo: "verfolgt".
Vorrede zur zweiten Auflage 15 (der Eirl1Jildungskraft, dem Witze), teil8 metaphY8ische über den Ursprung der Erkenntnis oder der ver8chiedenen Art der Gewißheit nach Verschiedenheit der Objekte (dem Ideali8mU8, Skeptizismu8 usw.), teils anthropologi8che von Vorwrteilen (den Ur8achen derselben und Gegenmitteln) hinein8choben, 80 'fÜhrt dieses von ihrer Unkunde der eigentümlichen Natur die8er Wi88enschaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wi88enschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt: die Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, daß 8ie eine Wis8enschaft ist, I welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es mag apriori oder empirisch 8ein, einen Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle, in unserem Gemüte zufällige oder natürliche Hindernis8e antreffen) ausführlich darlegt und strenge bewei8t. Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat 8ie bloß ihrer Einge8chränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unter8chiede zu abstrahieren, und in ihr al80 der Ver8tand es ~it nichts weiter, als sich 8elb~tl) und 8e1:ner Form, zu tun hat. Weit 8chwerer mußte es natürlicherweise für die Vernunft 8ein, den 8icheren Weg der Wis8enschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß mit sich 8elbst, 80ndern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene aucJ~ als Propädeutik gleichsam nwr den Vorhof der Wis8enschaften ausmacht, und wenn von Kenntnis8en dieRede ist, man zwar eine Logik zur Bewrteilung der8elben voraus8etzt, aber die Erwerbung der8elben in eigentlich und objektiv 80 genannten Wi8senschaften suchen muß. Sofern in diesen nun Vernunft 8ein soU, 80 muß darin etwa., apriori erkannt werden, und ihre Erkenntni8 kann auf zweierlei Art auf i'Men Gegenstand bezogen werden, entweder2 ) diesen und seinen Begriff (der anderweitig gegeben werden muß) bloß zu I be8timmen, oder ihn auch wirklich zu machen. Die er8te ist theoreti8che, die ande1'e p'rakti8che Erkenntni8 der Vernunft. Von beiden muß der reine Teil, 80viel oder sowenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich a priori ihr Objekt be8timmt, vO'1'her allein VO'1'1) Grillo: "als mit sich". Görland; "entweder um". ~) 10 (B IX) 20 30 (B X)
16 (B Vorrede getragen werden, und daBjenige. was aus anderen Quellen kommt, damit nicht t1ertnengt werden; denn ea gibt üble W inschaft, wenn man bZindlings auagt"bt, was einkommt, olme naMher, wenn iene in Stecken gerät, wntersoheidm su können, welcher TeiZ der EitvNihme den A ufwa'fld tragen k6nne, und t1()fI. weZcher1) man denselben beachneiden muß. M athemalik und Physik sind die beiden theormachen Erkenntnisse der Vernunft, welche ihre Obiekte apriori bestimmen solZen, die erstere ganz rein, die sweit6 wenigsteN sum 10 Peil rein, dann aber (JfIJ,(;'h nach Maßgabe anderer ErlcermmiBquellen aZa der der Vernunft. Die Mathematik ist t1()fI. den frühest6n Zeit6n her, wohin die Geachichte der mense1Uichen Vernunft reicht, in dem bewunclernBwiWcligen Volke der Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. AUein man darf nicht denken, daß ea ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die Vernunft ea nur XI) mit sich selbst su tun hat, ienen 1cöniglicMn Weg su lref I fen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, daß ealange mit ihr (oornehmlich noch unt6r den .l.g1lPI6m) beim 20 Herumtatppen geblieben ist, und dieae Umänclerung einer Ret1olution zuzuschreiben sei, die der gliJclcUche EinfaU einea einzigen M annea in einem Versuche zustande bracht6, l1Qß weZchem an die Bahn, die man nehmen mußt6, nicht mehr zu 11/lrfehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für aUe Zeiten und in unendliche Weit6n eingeachZagen und oorgezeichnet war. Die Geachicht6 clieaer ReooZution der DenkfJrl, welche 11iel wichtiger war, aZa die Entdeckung des Wegea um das berühmte Vorgebirge, und des Gliiclclichen, der sie sustande bracht6, ist uns nicht au/behalt6n. Doch beweiBt die Sage, weZche 80 Dio gen es der L aer Ii er uns überliefert, der t1()fI. den 1cleinst6n, und, nach dem gemeinen Urt6Ü, gar nicht einmal einea BeweiBea bm6tigten, Elementen der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt, daß das Andenken der Veränderung, die durch die erBt6 Spur der Entdeckung dieBea neuen Wegea bewirTet wurde, den Mathemaflilcern äußerst wichtig geachienen haben mÜ88e, und dadurch wntJeJrgeßlich 1) Erdmann: "von welchem"; Görland ergänzt: "welcher (Einnahme)".
zur zweiten Auflage 17 g6fJJO'l'de,n sei. Dem ersten. der den glei chseitigenl) Triangel ~ (er mag nun Thalea oder wie man tDiU ge'lla/kn 1KIben),demgingeinLichtlJUf;denner femd,daß I ermcAcdem, (B XII) WIJB er in der Figur sOO, oder auch dem bloßen Begriffe derselben t140ABpüren und gleWaBam dallOR ihre Eigemchaft,en ablemen, sondern durch tltW), WIJ8 er nach Begriffen s8lb8t apriori hineindachte und darBteUce (durch KOfWI~), ~ngen8) mÜBBe, und daß er, um sicher 6CW1JB a pnon zu toiBsen, er der') Sache Mehls beilegen mÜBBe, als WIJ8 SUB dem ~ f()lgCe, WIJB er seinem Begriffe gmuJlJ 8elbBC in 10 8U gelegt W. Mit der Natuf'tJJi8IIenschaft ging 68 weit langsamer zu, bu. 8U den Heer68We{J der Wissenschaft waf,' denn 68 Bind nur Moa t:mtlerlhalb Ja1whunderCe, dalJ der Vorschlag des rinnreichen B aco "on Verulam di8ae EntJecJcung teil8 fIerfJf'Ila!Jte, 1eÜ8, da man bereits auf der Spur derselben toar, mehr belebte, welche eben sowohl durch eine 8Chnell tJO'I'gegangene Reoolt4ion der DenkarC er1clärc werden kann. Ich will hier nur die NaturtoiBsenschaft, so fern 8U auf empirische Primipi,en gegriindeI ist, in E'f"Wiigung ziehen. 20 AlB GaUlei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer t'Oß ihm selbn getJJdhlten ScNwere herabrollen, oder TorriceUi die Luft ein Gewicht, WIJ8 er sich zum t'Of'a'US dem einer ihm be. kannten W IJ88ersäule gleich gedacht hatte, wagen lielJ, oder in flOM späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk tmd diesen wieder I um in M ecall t'erWaf'ldelte, indem er ihnen UwIJB mIzog (B XIII) und wiedergab*); so ging allen Naturforschern ein Licht IJUf. *) Ich folge 1Ker nicl&t gmau dem Fadm der GucAicAte der &:perittaet&talthetAode, deren erate Anfänge auch tric1It tDoAl bekannt sind. 1) Rosenkranz: gleichschenklig" (auf Grund eines Briefes von Kant an Schütz vom 26. Juni 1787). I) Hartenstein: "sondern sie durch das"; Erdma-nn: "sondern diese durch das"; Adickes: "sondern das", I) Erdmann: "darstellte, (durch Konstruktion) seinen Gegenstand allererst hervorbringen": Hartenstein: .•. (durch Konstniktion) sie hervorbringen". &) Rosenkranz: "und daß, um sicher etwas apriori zu wissen. er der Sache"; Kehrbach: "und daß er, um ..• wissen, der Sache". Kallt, Kritik der l'eiImI Vemunft. 2
18 (B Vorrede Sie begriffen, daß die Vernunft nur das eirt8ieht, was sie selbst nach ihrem Entwwrfe hervorbringt, daß sie mit Prinz'ipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleich.,am am Leitbande gängeln lassen müsse!); denn S0rt8t hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, 10 nach denen allein übereinkommend(2 ) Erscheinuf/{Jen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, 'Was der Lehrer will, sondern eineS bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich XIV) dem Einfalle zu verdanken, demje I nigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu 20 suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von die.ser lernen muß, ?tnd wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. 1Iierdu'rch ist die N aturwissert8chaft allererst in den sicheren Gang einer Wissert8chaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war. Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernun/terkenntnis, die sich gänzlich iiber Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch bloße Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf Art8chauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das 30 Schicksal bisher noch so {JÜrt8tig nicht gewesen, daß sie den sicheren Oang einer W issert8chaft einzuschlagen vermocht hätte,' ob sie gleich älter ist, als alle übrige3), und bleiben würde, wenn gleich die übrigen irt8gesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich 1'erschlungen werden sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich in Stecken, 1) Grillo: "lassen; denn". ') Erdmann: "übereinstimmende". 3) 5. Aufl.: "alles übrige"; Rosenkranz: "alles Übrige"; Erdmann: "alle übrigen".
19 zur zweiten Auflage selhst wenn sie dieienigenGesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie s'ich anmaßt) apriori- einsehen will. In ihr muß man unzählige Male den Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhilligkeit ihrer Anhänger in Be I hauphm.gen (B XV) betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein l!'echter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz 10 gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr Vcrfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen, gewesen sei. Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft hat gefunden werden können? Ist 0/1' etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur unser'3 Ve;rnunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wiß- 20 begierde nicht bloß verläßt, sondern durch VorspiegeZungen hinhält und am Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt; welche Anzeige können wir benutzen, ".m bei erneuertem Nachsuchen zu· hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als andere vor uns gewesen sind? Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch eine auf ein I mal zustande gebrachte (B XVI) Revolution das geworden sind, was sie ietzt sind, wärel) merkwürdig genug, um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist, nach- 30 zusinnen, und ihnen, soviel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche nachzuahtmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erwf!litert 'Urürde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man tJersuche es daher einmal, ob wir nicht in den Au/gaben de1 Metaphysik damit 1) Rosenkranz: "wären". 2*
90 Vorrede bUHr I ~ drsß tIM ~ die Geg~ miiacet& ftcA t'&Cl.M URIerefR 1I1r~ric1aCeR. welcAM ao achoft heuer _ der wrlcmglen Mög~ After 1I1rJ:etwnN dernlben tI priori Zfl8am~,die üb81' GegmtlldNle, Me .se UM gegtben tDerdm, etwaB IUfHIU;n aoU. 1118 . . hiermit ebm.Bo, ala milden1) GedGnleerHlu K 01' leU8 betDtJl'&dl, der, tatJtMem u mil der 1I1r1cllJrwtq der HimmelsbetDefUftf1en ntehI f1UI Itm wolZIs, tDefm . . CJfUkJ1Im, drJB gGftU S ~ iI.reM atch 'IM den ZuBe1wJuer, verlUClhC&. ob u ntehI bUHr geltftgen 10 möcAIe, tDefm . . den Z...c1ttJuM Bkh drehen, und dagegen die (B XVII) &.ne '" Ruhe lüß. In der MelcYpAgale 1ctJr&n f'IIt.m I mm, weu die Ä nBelhtluung der~belri/#, u (JIU,f ä1mZtche Weise wr8tlCAen. Wm.n die Anso1ltJuung Bkh t&tJo1l der BeBOIttJlfeMeil der ~ rio1lIm. müßte, ao .ehe iM ntehI ein, wH Mon G priori ClOn ilw etwaB wiBBen kÖRne,' ric1atel ftM OO81'derGegenBklnd (alaObje1t:t der Sifme) ntJC1lder BuchtJl1mheil Uft8fIf'U Ä~tJnB. 80 1cMm ich mir GieBe MögUMleeiI gGnz tD01aI tJOf'BIellen. Weil iM 0081' bet dtuen Änsc1lcJuungen, tDefm .se 1I1rkenrtmiB8e werden Bollen, ntehI 20 lfMm. bleiben 1ctJnn, BOfIdem .se als VorBt8Uungen (JIU,f irgmd etwaB als Geg6ft8larld beWJaen und GieBen durch iene beBttmmen mu/J,80 1ccmn iM e1IIlD6d6r ~ die Begr'lfe, tIJOdurch iM GieBe BUltmmtmg ~ bringe, richten BiM ~ ntJtS1l dem Gegen8ItJnde, und da"" btn ich ~ '" derBelben VerlegeMeil, tDegen der A,.,. wH iM (J ,non hiervon etwaB wiBBen I:önne: oder iM fIe1ame on, die Geg~ oder, weJc1w einelW ... die lC r ftlhrung, '" t.oekher .se allein (als gegebene G~) 81'1cGnt1I tD81'den, richte Bkh ntJtS1l dtuen Begriffen, .0 .ehe iM 80ftm etne Ietohtere Ä ...letm#. toeil1l1rfciJwung selb8t 80 etne 1I1rJ:etwnNarl . ., die V 81'Btmad 81'forderl, duBen Regel iM '" mir, noch ehe mir G ~ gegeben werden, mithin (J ,non tJOf'(J!/J,8.etzen mu/J, welMe i" Begriffen (J ,non (J!/J,8. getlrllo1ct tDird, nach denen ftM also tJlleG~ der 1I1r1aJa. (B XVIIl) rtmg I notwndtgric1alenundmitihnenüberemmmmenmÜBBm. WCJ8 Gegef&llliJnrJe beftf#. BOf..,. .se bloß durch V81'f'Mmft und 8tDOf' ftOWJmdig gedaohI, die 0081' (80 wentgBtenB, wH die V81'mmft N denk) gar ntehI '" der 1I1rlalwung gegeben W81'den iönNm, ao W81'den die VerBUMe N zu den1:en (denn denken Ir" I) Erdmann: "dem". er",
zur zweiten Auflage 21 mÜHm sie ritih tJoM lGAm), AemtJcla eiMn 1aerrUdIm ProWer· BIeiA dujmigm abgtlH;n, fD(U tIM az. dN wnInderIe MeI1fotM der D ~ ~ dofJ tIM fICimUch t1tm cfm ~ nUf' du G priori erketwam, fD(U tIM Be11m in sie legen.*) DieHr Vflf'8UClh gelingI ftCICA Wunec1l, und wrlfJricAl der Melaph7l11Ü '" ihrem er". Peile, do .ie 8ich ncJmUclh mit Begriffm GprioribucM#igI,dcwondN ~ a . , . . 8Iäntla in der lfJr/aIwtmg jenen ~ gegeben .".,...,. können, den I .ic1wrm GMI(J einer W........". DeM .... (B XIX) kann ftCICA me.er Verciradert.mg der Den1ctJrI dN MligUo1ahit 10 eina- lfJrkemamU G priori g(Jftl$ tI101tl er1:llren, und, fD(U noM mehr ist, die ae..e, UlelcAe G priori der N GItW, az. dem Inbegriffe der Geg6Nl4ftde der lfJrftl1wtmg, ..... G'nmde Uegen. mit ihrm1 ) gm~ Bewei.teft tIer.Mm, fDeZo1aeI beidu fW.ICh der biBherigeft Verf~ tmmeJgUM tDGr. Aber SB ergibt 8ich tIW tUeBer ~ UNerSB V ~ G priori zu erkmnm, im er.1en Petze der MelGP1l7IBi1c ... be/r~ und dem g(Jftl$6ft ZtDeCl:e derBelbm, der cfm swiIm Peil be.eMfIigI, dem A~ ftCICA . . ~ B6B1flIaI, *) Diae deta Nattw(oruAer tlClCAgeaAMte Met1torU 6attAt tJlIo darin: die Elemente der . . . . V.....ft in deta .sv BIden, tIIG' .ich durcll ein E:J:perimen' b6lt4",en oder tIIiderle,.n läl'. NM 1JJ1t tic1l .... Prifu, der Sät" dtJr . . . . VtnIMjI, t10mehmlicA IHM N Qber ""'" Gnfue m6glicAer JiJrfa1wwtg Aiu.. ,etI1tJgt wrtlen, iM .E:rp!ri"'" mit ihrM ObJ"'" mtJCMIt rw in dtJr Natwrtllittentc1laft): alto tllird. """ mit B.,riffen Md Grund,atsen, tUe tIIir G priori tUIfIeA_, ttmliM - . indem fJI(Jft tie tItimW 80 einriMtd, dal t.lieNlbm (hgeul4flde einer,eit, alt Gegefl8t4ntle der Si..... I Md du VerttancIet ftir die Erfa1wwtg, Gndereruit, aber tlocA alt Geg6fl8Ulflde, die fJI(Jft blol dm.W, allI!tAfalb fir die isolierte Md ihr') 1Grfallf"UfI/IBgr- Ili.....trebmtle Vet"lMmtt, trritAin t10ft . . . tHlt"8cAiedenen Seiten betrtJc1ltet tII6f'CIen können. ßIfIdet. tic1 MIt, dal, '"",. .... die Dittge alllj__ tloppeltm ~ bdrt.JtideI, Eins"""""", mit dem Priuip der NÜttll V........ft BlaUflwM, bri einerlei GaiclttBpM1le aber ein ~ Wiclertlrrit der V..,..,." _ tic1 telbt, 80 ~ tlat EreperifllMt fir die BicMigl:ri' ierter l1tItmf:ieitl"",. """"'e. I} Görland: "ihnen". I) Erdmann: .ü~ die"; Adickel: "über alle". (B XIX)
22 Vorrede nämlich daß 'wir mit ihm nie. über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade die wesent(B XX) lichste Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin I liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Restdtats jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis apriori, daß sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber VOr/. uns unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns notwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen hinaus zu 10 gehen treibt, ist das U nb edingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man annimmt, unsere Erfanrungserkenntnis richte sich nach den Gegenständen als Dingen an sich selbst, daß das Unbedingte ohne Widerspruch gar nicht gedacht werden könne: dagegen, wenn man annimmt, un-sere Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach diesen, als Dingen an sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als Erscheinungen, richten sich nach 20 unserer Vorstellungsart, der Widerspruch wegfalle; und daß folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie lcennen, (sie uns gegeben werden,) wohl aber an ihnen, sofern wir sie nicht kennen, als Sachen nn sich selbst, angetroffen werden müsse: so zeigt sich, daß, was wir anfangs nur zum (B XXI) Versuche annahmen, gegTÜn I det sei.*) Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der spektdatit'en Vernunft alles Fort. lcommen in diesem Felde des Übersinnlichen abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen Er. kenntnis Data finden, jenen transzendenten Vernunftbegriff 30 de.~ Unbedingten zu bestimmen, und auf solche Weise, dem *) Dieses .Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Ohemiker, welches sie manchmal den Versuch d~ Reduktion, im allgemeinen aber das synthetische Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Metaphysikers schied die reine Erkenntnis apriori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Erscheinungen, und dann der Dinge an sich selbst. Die Di alektik verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der notwendigen Vernunftidee des Unbedingten und findet, da{l diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene Unterscheid'Wflg herauskomme, welche also die wahre ist.
zur zweiten Auflage 23 Wunsche der Metaphysik gemäß, über die Grenze aller möglichen Er/ahrung hinaus mit unserem, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnisse a priori zu gelangen. Und bei einem solchen Ver/aMen hat uns die spekulative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigste'YW:i Platz 'Verschafft, wenn sie ihn gleich leer lassen mußte, und es bleibt uns also noch unbenommen, ia wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn durch I praktische Data derselben, wenn wir können, aus- (B XXll) zufiillen. "') In ienem Ver.~uche, das bisherige VerfaMen dCIT Metaphysik 10 umzuändern, und dadurch1 ), daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, be.steht nun das Geschäft dieser Kritik der reinen 8pekulativen Vernttnft. Sie ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleir.l//Wohl den ganzen Umriß derselben, sowohJ,2) in AnsehungihrerGrenzen, als auch I den ganzen innerenGlieder- (B XXill) bau3 ) derselben. Denn das hat die reine 8pekulative Vernunft EigcnW,mliches an sich, daß sie ihr eigen Vermögen, nach *) So verschafften die Zentra~qesetze der Bewegung der IIimmelskiJrper dem, was Kopernikus, anfanglich nnr als Hypothese annahm, ausgemachte Gewi{lheit und bewiesen zugle:ich die unsichtbare, den Weltbau verbindende Kraft (der Ne,wtonischen Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht gewagt Mtte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art, die beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene, :jener Hypothese analogische, Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, ob sieqleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen von Raum und Zeit und den Elementarbe(Jriffen des Verstandes, nicht hypothetisch, sondern apodiktisch bewiesen wif·d, um nur die ersten Versuche einer solchen Umänderung, welche allemal hypothetisch sind, bemerklich zu machen. 1) Adickes: "und zwar dadurch"; Erdmann vermutet, daß hier ausgefallen sei: "ihr den sichern Gang einer Wissenschaft zu geben", evtl. sei "und" zu streichen. 2) Valentiner verlegt das Komma hinter "sowohl". ') Erdmann: "des •..• Gliederbaus".
Vorrede 24 Vers~ der An. tDie Me trich Objekte zum DeMen. und GtCClh 86lb8e die mcmcAerZet Anm, trich A ufgabm vorzulegen., "OllBländig tlOt'ZdhZen, uM 80 den. gcmun Yorri/l su einem 81181em der MtJaiph,lN wrzeic1men l:tmt\ und soll; weil. was das erBCe bstrifte. in der Er~ apriori den Objekltn McAt8 beigelegl werden. l:tmt\, als was das denkende 8ubjek GU8 trich H1b8I1aerMmml. Uftd. was das ~ tIfIkmgI. Me in Amehung der J!W~iptm eine gGM abguonderIe. /Ur BiM b68khetatle EiMetI ül. in welcher ein jedes GUed. 10 tDie in einem org~ Körper. um aller Gflderm uM alle um etMB wtllm da Bind. uM kein PriM", mit 8tMerheit e'ner BeßMU"f1 gmommen. werden kann. ohne u sugZetM 'n der durchgäng'gen BatMung sum gcmun remen Vermm/lgebrGtCClh UftIersuMlsu·habm. Da,/Ur aber MI GtCClh die Meta,. ph1lN das seltene Glüo1c. welMu keiner a,nderm Vernun/lwiuenBMaft. die u mit Obie1clm su Iun MI (denn die Log'Te buchdfttgl riM nur mit der FOf'm du Dm1cmB iiberhaupl), sUIeiJ werden l:tmt\, da/l. werm Me dwrM diue KmiTe in den. riMeren. Gang einer WW6f&8Maft gebraohl worden. Me das 20 gGMe Ff!ld der /Ur Me geMrigm J!W~e völUg befrJ886n XXIV) uM aLso ihr WerTe t10llentIm uM /Ur die NoMweZI. als emen tKe su ~ HaupfBlu1Il, sum GWrGtCClhe niederlegm 1ca,,,,,,. weil Me u bZo/l mit P ~ uM den. 1!:wclwätakungm ihru GebrGtCClhB su Iun haI, wdclhe dwrM ime selbsl bultmml werden. Zu diuer VollBtdndtgkeil ÜI Me daher. als (}rund. wtNenBo1I.ate. auch verbunden., uM "0" ihr mu/l geBauI werden. k6m&m: ntl aclum repuIc:mB. Bi qWI ~eI a,gmtJum1 ). Aber was ÜI detm das. 1IMd t'IU.m fragen., für ein Schals. den tIM der NtJCh1«Jmm8fl8Maft mit einer 80lMm durM KrittTe. 80 geld1ACerlen, ~ obtIr GtCClh in emen belaorrUcAenZueIcJftd 96braohlm Meltlph1lN, N 1M~~' M(JfI wH·d bei einer /ZüMligmt.J6.. . . cIiuu Wer1cu ~ glauben., da/l der Nutur& dat10n doch nur ftegal'., Ht, tm8 flCimUM mit der ~.,. VfJt'fW,f&te ....... iiber die J!Wfa1wurllp· gr6M6 Mf&GU8 sv wagen., und das ÜI GtCClh in der TGI ihr erBter NtIItUf&. Dtuer aber 1IMd alBbClld pos.,•.,. wenn t'IU.m tnf&e 1IMd. da/l die fJrundMJ/u. mit den.m trich ~ Vernuftte iiber tMe Grertu ~ in der Tal MeIle Brve"ervftg. I) Valentiner übenetzt: ..Sie hilt noch nichts für getan. 10 lange noch etwas ZII tlIn übrig ist." tJJtWI. ClU8f'll6888ft, 'n I (B
zur zweiten Auflage 25 Bondern, tDefm man aN nciher bewachtet, Verengung UftBeI'U Vermmftgtlwrw.cM zum ~Uchm Erfolg haben, tradem Bie wirklich die Gr6flUft der 8im1lic1&1ceit, zu der Bie eigentliM gMlJrm, I über aZleB zu~ und BO denreinen (prtJ1mBc1&en) (B xxv) Verwunftgtlwauc1& gM zu t16rdräf&gen drohen. DaMIt ist eine Kritik, weZc1&e die erstere einBchrän1et, Bofern ZWM negaeiv, aber, mdem Bie dadurch zugZeiM ein Hit'IdemiB, t06lchu den Zelzceren GtlwauM einBckrtinkt oder gM zu ~ droht, aufMbe, in der Tat f10ft pOBiei"em und B. tOichtigem Nutzen, Bobald man überzeugl tOirtl. daIJ 68 einen Bc1&Zec1&terd,i,ngB not- 10 wendigen praktischen GtlwGtl.Ch der reinen Verwunft (den ~ ) gtbe, in weZcbem Bie Bich u~ über die Grenzen der 8 ~ erweitert, dazu sie ZWM f10ft der 8fJelculativen 1eeiner Beihilfe bedarf, dewnoch aber tDider iMe Gegmwir1eung g68ic1&erc Bein muß, um nicht in WiderBfJruc1& mit Bic1& Belbse zu geraten. Di68em Dienste der Kritik den pOB'Hi"en Nutzen abZU8fJrechen, tOMe tben BO M, e&lB Bagm, daß Polizei poBitioen Nutzen Behalte, weil iM HatllpCg68tJ1ii.ft doch nur ise, der GCtOalctiJtigkeie, tOeZc1&e Biirger f10ft Bürgern zu buorgen haben, einen Riegel f1MZUBc1&itben, damie ein jeder 20 .eine AngeZgenheie ruhig tmtl Bieher treiben könne. Da{J Raum und Zeit nur :Formen der BimIlichen Anschauung, e&lB0 '"" Bedingungen der ENtenz der Dinge e&lB ErBcheinungen Bind, daß 11M ferner 1eeine Ver~lfe, mithin atech gM keine .Elemente zur ErkennmiB der Dinge habm, als .ofern I di68en (B XXVI: Begriffen korrespondierende Anschauung gegtben werden kann, folglich 11M von 1eeinem Gegenstande als Dinge an Bich selbsc, Bondern nur Bofern er) Objekt der sinnlichen Anschauung isc, d. i. e&lB Erscheinung, Er1eeMtnia haben können, tDird im analytischen Teile der Kritik betOiuen: tOOrlJUB denn freilich 80 die EinstJlwtinkung aller nur möglichen 8fJe1eulatWen ErkennmiB der Verwunft auf bloße ~ der Erfahrung folge. Gleichwohl tDird, tOelchu wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer tIOt'behalten, daß wir tben di68eZben Gegenstände auch e&lB Dinge an Bich aZWt, t06ftft gZeic1& nicht erkennen, doch tDmigBCenB miiBBen denieß können.). Denn sonst würde der .Ren da' *) Ji}inm GegenltantJ erkennen, dazu wird erfordert, ich .rine Jl6glic1&keit (t.8 .ri nach dem Zeugnia der Erfahrwng 1) Erdmann: "er".
26 Vorrede X~I1) ungereimte Satz daraua folgen, daß Er I scheinttng ohne etwas wäre, was da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendiggemachteI) Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung, von eben denselben, als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht gemacht, so müßte der Grundsatz der Kauaalität und mithin der N aturmechanismua in Bestimmung derselben durchaus f:on aUen Dingen üherhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, 10 iM Wille sei frei, und er sei doch zugleich der N atumotwendig. keit unterworfen, d. i, nicht frei, ohne in einen offe'Ylharen Widerspruch zu geraten: weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding üherhau1)t (als Sache an sich selbst) genommen habe, und, ohne vorhergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die De.duktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Kausalität 20 nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber na.ch (B der zweiten Bedeutung ihm nicht unte'l'worfen sind, so wild XXVIII) eben derselbe Wille in der I Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze notwendig gemäß und sofern nicht frei, und doch andererseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun gleich meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch aus seiner Wirklichkeit, oder a pliori durch Vernunft} beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begl'iff nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafiir nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiere oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber objektive Gultigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bio! die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrel'e abel' braucht eben nicht in theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen liegen. 1) Erdmann: "notwendig gemachte".
zur zweiten Auflage 27 keine spekUlative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt zmchreibe, erkennen kann, darum weil ich ein so'lches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit, bestimmt erkennen müßte, (welches, weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist), so kann ich mir doch die Freiheit denken, d. i. die Vorstellung davon enthält wenigstens keinen Widerspruc/> in sich, wenn unsere kritische Unterscheidung beider (der sinnlichen und intellektuellen) Vorstellungs arten 10 und die davon herrührende E1:nschränkung der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der am ihnen fließenden Grundsätze, statt hat. Gesetzt nun, die Moral setze notwendig Freiheit (im strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens voram, indem sie praktische in unsel/"er Vernunft liegende ursprüngliche Grundsätze als Data derse11Jen a prim anführt, die ohne Voramsetwng der Frei I heit schlechterdings unmöglich wären, (B XXIX) die spekUlative Vernunft aber hätte be1viesen, daß diese sich gar nicht denken laRse, so muß notwendig jene Voratt8setzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen, deren Gegenteil 20 einen offenlJaren Widerspruch enthält, folglich Freiheit und mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegenteil enthält keinen Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit voramgesetzt wird,) dem Naturmechanismus den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als daß Freiheit sich nur nicht se11Jst widerspreche, und sich also doch wenigstens denken lasse, ohne nötig zu haben. sie weiter einz'U-sehen, daß sie also dem Naturmechanismus wen derse11Jen Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in den Weg lege: so behauptet die Lehre der!) Sittlichkeit ihren Platz, und 30 die Naturlehre auch den ihrigen, 1velches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt, und alles, was wir theoretisch erkennen können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen Natur unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze 1) Valentiner: "von der".
28 Vorrede AIJ11J"" vorbeigehe. 1cA mnn ,.., I Go". Freih.i, tmd Un· ".rblichk.i' sum Btlwuf du ~ e n " . ~ (h.. brClUChl meiner Vemun# Mehl eitlmal a"n.hm.n. wenn iM nichI"lp6~VtJrfWnft ngleicA w.AfIIIltJ/Jung üb""• •t1rMengUcAer ~ b.n.Am., U1fIÜ aN ftcA, um sudieeen zu geltJngen, aolcher Gnmt.iIdIu bedMnen mup, die, Wem aN in . . Pal bloP tJtJ,f (hgenattIrtde miigUc'Iaer 1IJrfalwung reiMen, wenn aN gleic1w1oM tJtJ,f da CHlfetI7CInt.U tHI'den, tDCI8 nichI ein ~ . . 1IJrfalwung . . Ann, wWicA dieHI jetltneil 10 in 1IJr~~ tmd so tIlIe prak,i.ch. lCrwe',•• runll . . reinen V tJrfWn# für unmögUcA erwaren. IcA muPle aMo da W i ••• n atl/AtiJen, um SfIfII Glau".n platz su l1el:ommen, tmeP) . . ])ogmt;INmw . . MeltJph"Bt1e, tI. i. da VonwIeiI, in i1w ohne Krinl: . . reinen V""",,,# forlZUl:ommen, NI cUc tDfiIw, Quelle t.JUe. . . MoraIiItiI wider. weilentlen UnglmWene," i ~ /IM BeM ~ .... Wenn u also mil einer ntJcA MfJ/JgOO." KrilÜ" reinen VtJrfWn/l OOgeffJ/Jeen ",BIemtJIi8c11.en MdtJlphgnk eben nichI .ar1W1tJr • • kann, . . N adaI:ommenscAtJ# • Vermcic1ImiI su 00 Mn.IerltJuen, so VI tJiu Mn /Ur gering _ ~ GucAenl:; man mtJ{/ nun bloP auf die KuUur . . Vemun# tJurcA .Jen ftcAeren GG'IIfl einer WielenecAtJ# über~" in Verg~ DXl) mit tkm ~ Pappen tmd leichlftnrri Ium H"""";'fen der.elben ohne Krin1c .e1aen, otler ~ atI/ bUB"". Zeila.ritDen.Jung einer wi/IbegUrigen Jugttnil, die beim g8tl1Ö1ml.ichtm DogmtJlimaw so ~ t.mtl so viel Aufmumerung bekomme, üb"" Ding., tJat10n aN nichtB fJ6f'8I8AI, tmd darin aN, so tDN niemt.mtJ in . . Weil, tJUM nie eltDtJB eitve1aen tDirtJ, bequem su fJemiln/feln, otler fItJf' auf 1IJr/inrJtmg neuer GedtJnleen tmd 80 Meinungen aunuge1aen, und so tlie 1IJrlernung grüfIdlicAer WwenechtJ/Ien _verab8äumen; 11m meiBten 00"", wenn man .Jen utl8cMtzbcmm VorleÜ in AnacMa,g bringe, allen ICinwiJrfen wider ~ t.mtl Religion tJtJ,! .ol:rali.ch. An, tICitnUch tJurcA .Jen kltJr8len BeweiB der UmDiueMeil der Gegner, tJtJ,f alle I:ün/tige ZeiI"n ICntk su mtJcAen. Denn irgend eine MeItJph1lnl: NI immer in . . Weil gewuen, tmd tDWtJ tmeh tD01aI ferner. mil ihr 00"" auth eina Dialeleäk . . reinen V"""""", wea aN w natürlicA .." darin MUl.tltlrtffen ftin. lC. NI ,.., (B XXX) (B 1) Erdmann: "denn der".
zur zweiten Auflage 29 die erBte und fJ1ichtigBte Angelegenheit der PMlosopAie, einmal für aIlemtJZ tJw dadurch, aa,/J m«m die QueUe der 1rrliimer tJtII'*Pft, aUen nachteiligen Emflu/J zu benehmen. Bei diuer wichtigen Veräfldertmg im Pelde der Wi&9mBMo.ftm, und dem VerJuBte, den spelcuZatifJ8 Vernunft t.m ilwem bNher eingebildeten Buitu erkiden mu/J, bleibt dtmtaoch (B aUu mil der aUgemeinen I m8f&8c1aUchen Angelegenheit, und xXXD) dem Nutzen, den die Welt bisher GU8 den LiIwm der reinen Vemunft ~, in demBeZbtm 9H1'I't8iUIa/ttm Zustande. ale u iemaZtm tDar, und dtJr VerZtm trifft ftUt' das M onopoJ der 10 S clauJen. keit'&Utt1eg8 aber das Inter eBBe der M enBehen. Ich frage den tmbiegBtJmBttm Dogmatiker, Ob der BeweiB t10ft der Fortdauer tmBeNr Suk nach dem Tode GU8 der Einfach1tat d6f' Su1NJtf.mz, Ob der f10ft der Preiheit du W ülenB gegen den oll· gemeinenMec1wmi8m... durch die Bttbtütm, Ob&tDar olmmälJhtigen UmeraMeitlungen Bflb;ektWer und ob;ekm1er praktiBcAer NottDefldig1ceil, oder Ob der t1Of'I& DtJBeift Gottu a... dem Begriffe tÄftU allerrealeten W U8fl8, (der ZufäZUg1ceil du VerdnderUchen, und der NotIDtJn,tjigkeil tÄftU erBten BewegerB,) ftachdem Bie t10ft den Sc1wlett, tJfJBgingm, jemale haben bis zum PtlbU1Dum W gelangen und auf duaen tJb~ den mit'lduteft Eiftflu/J haben körmen, 18t diuu nun mMt guchehMl" und kiJfm u auch, tDegen der Uma'lJ{lZic1akeit du ~ M8f&8MmtJe1'Btandu zu 80 Btlbßkr SpekuZatitm, ftiemale er1Dartet werden; hat t1Wme1w, fDtI8 das erBtere betrifft, die jedem M8f&8chen bemerl:Kc1ae Anlage Beiner Natur, durch das Zeitliche (ale zu den AftZagm BNaer gMlUft Bemmmung unztl1iJngUc'h) nN zu/rietltm guteUt ~ zu kcJnnen, die Hoff'flllJ#lg einu (B 1cünftigen LebenB, inAt'&8Mung MB ~ die bZo/Je I 1cZare XXXIIl) Dar8teUung der Pflitihttm im Geg8f&8atu aller AfI81Jt'ÜC1ae der SO NeigvwJen das BefD'U/JIBein der Preilaeit, und mtlKch, fDtI8 das dri#e aNangt, die herrliche Ordnung, ScMMeit und Für· 8orge, die allertt1drt8 in der Natur hervorbKc1ct, allein den Glauben (1ft einen weiBtm und gro/Jen WeZturlaeber, die riM au/B PtlbZi1Dum tJtII'breittmtle tJberr.eugung. 80fern Bie auf Vemrm/fgriifltleft bet"ll1ll, gcma allein bewir1cm müum: 80 bleibt ja ftic1at alleitI diuer B.... Uf&(JUIIJrl. 80ndem er gewimaI f1iel. meAr dadurc1a tIoeA (1ft AMe1atm, dafJ die Sc1wlett, tWnmeIw btJMrt ~ aWa Wtae höMre und GUBgebreitetere EinBiclat in einem Pwa1cIe MlZ/IlIII4!Jen, der die aUgemeif&8 mtm8c1aUMe 40
30 Vorrede Angelegenheit betrifft, als dieienige ist, zu der die (J1'oße (fWr uns achtungSWÜ'T'digste) Menge a'UCh wen so leiche gelangen kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein faßlichen und in moralischer Absicht hinreichenden Bewei.9gründe allein einzuschränken. Die Veränderung betrifft also bloß die arroganten Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Recht in melen anderen Stücken) fiilr die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahl'heiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den Gwrauch mitteüen, 10 den Schlüssel derselben aber fWr sich behalten (quod mecUffl (B nescit, solus tfult scire mderi). Gleichwohl ist doch auch für XXXIV) einen I billigeren A nspr'UCh des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt immer ausschließlich Depositär einer dem Pttblikum ohne dessen Wissen nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig, es zu sein; weil, so wenig dem Volke die fein ge.sponnenen Argumente für nützliche W cihrheiten in den Kopf wollen, wensowenig kommen ihm a'UCh die wen so subtilen Einwürfe dagegen iemals in den Sinn; dagegen, weil 20 die Schule, so wie feder sich zur Spekulation erhebende Mensch, unvermeidlich in beide gerät, iene dazu vet'bunden ist, durch gründliche Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft einmal fWr allemal dem Skandal vorzuheugen, das über kwrz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich Metaphysiker (und als solche endlich (/,'UCh wohl Geistliche) ohne Kritik unausblet'blich verwickeln, und die selbst na~hher ihre Lehren verfälschen. Durch wiese kann nun alleindemM aterialismus, Fatalismus, Atheismus, dem freigeisterischen U nglaub en, der Schwärmerei und 30 Aberglauben' ), die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealismus und Skeptizismus, die mehr den Schulen gefährlich sind und schwerl,ich ins Puhlikum (B übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. XXXV) Wenn Regierungen I sich ia mit Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so 1Cürde es ihrer weisen Fürsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die Vermmftbearbeitungen allein auf einen festen Fuß gwracht 1) Valentiner: "dem Aberglauben".
zur zweiten Auflage 31 werden können, als den lächerlichen Despoti8m'U8 der Schulen zu unter8tützen, welche übet· öffentliche Gefahr ein lautes Geschre·i erheben, wenn man ihre Spinneweben zerreißt, von denen doch das Publikum niemals Notiz genommen hat, und deren Vcrl'U8t e8 al80 auch nie fü!den kann. Die Kritik i8t nicht dem dogmati8chen Verfahren der Vernunft in ihrem reinen Erkenntni8 al8 Wissenschaft entgegengesetzt, (denn diese muß jederzeit dogmatisch, d. i. aus 8icheren Prinzipien apriori strenge beweisend sein,) sondern dem Dogmati8mus, d. i. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen), nach Prinzipien, so wie sie die Vernunft längst im Geb-rauche hat, ohne Erkundigung d.er Art und des Rechts, womit1 ) sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen. Dogmatism'U8 ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft, ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit, unter dem angemaßten Namen der Popu Ilarität, oder wohl gar dem Skeptizismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen Prozeß macht, das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die notwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft, die notwendig dogmatisch und nach der strengsten Forderung systematisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt werden muß: denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, gänzlich apriori, mithin zu völliger Befriedigung der spekulatitlfm Vernunft ihr Geschäft auszuführen, ist unnachläßlich. In der Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d. i. im künftigen System der Metaphysik, müssen wir dereinst der strengen Methode des berühmten Wo l f, des größten unter allen dogmatischenPhilosophen, folgen, der zuerst da.~ Beispiel gab, (und durch dies Beispiel de-r Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland wurde,) wie durch gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien, deutliche Bestimmung der Begriffe, versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen sei, der auch eben darvm eine 8olcl~e, als Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen vorzüglich geschickt war, wenn es ihm 1) Grillo: "wodurch". 10 (B XXXVI) 20 30
S9 (B Vorrede beige/aUen wäre, durch Kritik deB Orgam, nämlich der reinen V M'mmft I Be1bBI. rich daa Feld, fJOf'Mr zu bereiten: ein Mangel, der mMlBowohli1am. als tnelmehr der dogmatiBchm Dmkungs. an SeifUIB ZeitaUers beizumessen iBt. und darilber die Phüosophm seiner sowohl. als aller f1Of'igm Zeilen einander mchIs fJOf'Zuwer/en habm. Diejenigen. welche seme Le1wan und doch zugleich atteh daa Ver/ahren der Kritik der reinen VerßUnft tJeJrWerfen. können mchts anderea im Sinne habm. als die Fesseln der Wissenschaft gar abzuwerfen. Arbeit in Spiel, 10 GewiIJheit Meinung und Philosophie in Philodozie zu t16I"Wandeln. WaB diese zweite Auflage betrifft. 80 habe ich. wie billig. die Gelegenheit derselbm nicht tlorbei laBsm wollen, um den Schwierigkeiten und der Dunkelheit BO tliel möglichI) abzuhelfm, woraus manche MifJdeutungen entsprungm Bein mögm, welche BcharfsimKgm Mänßem, tlieUeicht mcht ohne meine Schuld. in der Beurteilung diesea Buchs aufgeatoIJen sind. In den Sätzm selbst und ihrm Beweisgründen, imgZeichm der Form aowohl als der Vollständigkeit deB Plans, habe ich mchts W zu ändem gefunden.. welchea teils der langm PriJ,ftmfl, der ich sie unterworfen hatte, ehe ich er) dem P1J1JZikum vorlegte. teils der Beachaffenheit der Sache selbst. nämlich der N tJtur einer reinen BPekulatitlm Verwu.nft, beizumessm iBt. die einen wcilwm Gliederbau enthält. worin alles Organ iBt. nämlich alles um eifUIB willm und ein I jedes Einzelne um aller willm. mithin jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie Bei ein Fehler (Irrtum) oder Mangel, rich im Gebrauche unausbleibZic1a tlerraten muIJ. In dieaer Utwercinderlichkeit wird rich dieaea System. wie ich ho/fe. auch fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel. Bondem 80 bloIJ die EtJide1&I:. welche daa Ewperfmem der Gleichheit deB BesultatB. im Ausgange flOß den mindeatm Elernen.ten biB zum Gtmzm der reinen Vernunft. und im Rückgange t:am Ganzm (denn auch diesea iBt für sich durch die Endabsicht derselbm im Praktischen gegebm) zu jedem Teile bewirkt, indem der Versuch. auch nur den 1deimten Teil aba:uändem. sofort. Wider8'prüche. mMI bloIJ deB Sy8tem8. 8011dern der all. gemeinen M~nft herbeijilhrl. berechtigt miM zu XXXVII) m nl'VIIl) 1) Kehrbach: "als möglich": Vorländer: "wie möglich". I) Erdmann: "sie"; Görland: "dieses Buch".
zur zweiten Auflage 33 diesem Vertrauen. Allein in der Dar.tellung i8t noch viel zu ,"n, und hierin habe ich mit die8er Auftage Vet'bes8erungen t1erBtAChl, welcÄ6 eeilB dem Mi/Jver8tfJhld6 der Ä8ehetik, vornehmlich dem im Begriffe der Zeit, eeilB der Dunkelheit der Deduktion der Ver.lcmdubegrille, eeilB dem tJef'meintUchen Mangel einer genüg.amen Evidenz in den BeweiBen der GrundBätze des reinen Vemaftdes, teils endUch der Mißdeutung der der raeionalen P.ychologie tJOf'gerückten Paralogismen abMlfen 80llen. Bis 'Met-her (fl6mlich nur biB zu Ende des er8ten H awpt.eückB der wanszen I dentalen Dialektik) und weiter nicht er8trecken sich meine Abänderungen der Dar.tellung8art""), weil (B <XXXIX) *) Eigentliche Vwmehnmg, aber doch nur in der Bewei8art. kl1nnte ich "Uf' die nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des IJBYChologischm Ideali.mu., und einen .wengen (wie ich glallbe awch eiflZig möglichen) Bewei. von der objektiven Realitllt der 4u1eren .AtI8chavu?ig S. 2'/9 gemacht habe. Der Idealismus mag in .AftleI&Uf&g der wuentlichen Zwecke der Metaph'!J8ik für noch '0 UfIIJchMldig gehaUen werden. (dar er in der Tat nicht ist,) bleibe 6B immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen MenrchmtJemunft, dar DaBein der Dinge au1er uns (von denen wir doch de7t ganzen Stoff zu Erketlntni8Ben Betb.t für u7l8eren inneren Sin" her haben) blo1 auf Glauben annehmen zu mÜBBen, und, wenn f8 jemand ei?ifitllt e. zu bezweifeln. ihm keinen genugtuenden BeweiB entgegensteUen zu können. Weil,ich in den AUBdrücken des BeweiBes von der dritten Zeile biB zur 'eehrten einige Dunkelheit findet, so bitte ich diesen Periodl) umzuändern: "DieBes Beharrliche aber kann nicht eine An.chauung in mir sein. Denn alle Be,timmung,gründe meineB Dasein" die in mir angetroffen werden kannen, .ind Vor8tellungen, und bedurfen, als 8olche, selbst ein von ihnen unter.chiedenes Beharrliches. worauf in Beziehung der Wechsel der.elben. mithin mein Da.ein in der Zeit, darin sie wechseln. bestimmt werden könne." Man wird gegen die.en BeweiB verfl'l1dlich .agen: ich bin mir doch nur de8Sen, war in mir iBt, d. i. meiner Vor.tellung 4u1erer Dinge, unmittelbar bewuptj folglich bleibe immer noch U1la'l48gemacht, ob etwar ihr Korr6Bpondierendes au1er mir sei, oder nicht. Allein ich I bin mir meines Da- (B XL) Bein. in der Zeit (folglich auch der Be.timmbarkeit demlben in dieser) durch innere Erfahrung bewult, und die.e. ist .0 .0 e. 1) Rosenkranz: "diesen Perioden"; Hartenstein: "diese Perioden"; Erdmann: "diese Periode". Kant, Kritik der reinen .VemlUlft. S
34 (B XL) Vorrede I die Zeit zu kurz und mir in Anaehung des übrigen auch kein Mißverstand scwhkundiger 1md unparteii I scher Prii,fer vorgekommen war, welche, auch ohne daß ich sie mit dem ihnen (B XLII) gebührenden Lobe nennen I darf, die Rücksicht, die ich auf ihre Erinnerungen genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen antreffen werden, Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust für den Leser verbunden, der nicht zu verhüten war, ohne das Buch gar zu voluminös zu mcwhen, nämlich, daß verschiedenes, was zwar nicht wesentlioh zur Vollständigkeit 10 des Ganzen gehört, manoher Leser aber doch ungern missen möchte, indem es sonat in ande1'er Absioht brauchbar sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden mÜRsen. um meiner, wie ich hofte, 1'etzt faßlicheren Darstellung Platz zu machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer Bewe1:sgTÜnde schleohterdings nichts 1!erändert, aber dOM in der (B XLI) (B XLI) mehr, als blof/ mich l ) meiner Vorstellung bewuf/t zu sein, doch aber einerlei mit dem empirischen Bewufltsein meines Daseins, welchp-B nur durch Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden, auf/er mir ist, bestimmbar ist. Dieses Bewuf/lsein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem Bewuf/tsein eines Verhältnisses zu etwas auf/er mir identisch verbunden, und es ist also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches das Äuf/ere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft,. denn der äuflere Sinn ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirkliches auf/er mir, und die Realität desselben, zum Unterschiede von der Einbildung, beruht nur darauf, daf/ er mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedingung der Möglichkeit derselben tmzertrennlich verbunden werde, welches hier geschieht. Wenn ich mit dem intellektuellen Bewuf/tsein meines Daseins, in der Vorstellung Ich bin, welche alle meine Urteile und Verstandeshandlungen begleitet, zugleich eine Bestimmung meines Daseins durch in tellektuelle A nsch auung verbinden könnte, so wäre zu derselben das Bewuf/tsein eines Verhältnisses zu etwas auf/er mir nicht notwendig gehörig, Nun aber jenes intellektuelle Bewuf/tsein zwar vorangeht, aber die innere Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an Zeitbedingung gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin die innere Erfahrung selbst, von etwas Beha'frlichem, welches in mir nicht ist, folglich nur in etwas aufler I mir, wogegen ich mich in Relation betrachten mUf/, abltängt: so ist die Realität des 1) Hartenstein: "mir".
zur zweiten Auflage 35 Methode des Vortrags hin und wieder so von der vorigen abgeht, daß sie durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ. Dieser kleine Verlust, der ohnedem, nach iedes Belieben, durch Vergleichung mit der e1'sten Auflage ersetzt werden kann. wird durch die größere Faßlichkeit, wie ich hoffe, 'Überwiegend ersetzt, lch habe in verschiedenen öffentlichen Schriften (teils bei Gelegenheit der Rezension mancher Bücher, teils in besonderen Abhandlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen, daß der Geist der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben, sondern nur durch den Modeton einer geniemäßigen 10 Frei I heit im Denken auf kurze Zeit 'Überschrieen worden, (B XLIII) und daß die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und daher höchst. notwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, mutige und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu äufleren Sinnes mit der des inneren, zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt, notwendig verbunden: d. i. ich bin mir eben so siclter bewuflt, dafl es Dinge aufler mir gebe, die sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewujlt bin, dajl ich selbst in der Zeit bestimmt existiere. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich Objekte aujler mir korrespondie'ren, und die also zum äufleren Sinne gehören, welchem sie und nicht der Einbildungskraft Z'Uzu8chreibe11 sind, mufl nach den Regeln, nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird, in jedem besonderen Falle ausgemacht werden, u'obei der Satz: dafl es wirklich äujlere Erfahrung gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung fügen: die Vorstelllmg '1:on etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht einerlei mit der beharrlichen Vorstellung; denn diesel) kann sekr wandelbar und wechselnd sein, wie alle mIsere ttnd selbst die Vorstellungen der Materie, und bezieht sich doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen unterschiedenes und äufleres Ding sein mujl, dessen Existenz in der Bestimmung meines eigenen Daseins notwendig mit eingeschlossen wird, und mit derselben nur eine einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal innel'lich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum Teil) zugleich äujlerlich wäre. Das Wie? läßt sich hier ebensowenig weiter erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken, dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervorbringt. 1) Wille: "jene"; Erdmann: = "die Vorstellung von etwas Beharrlichem". 3*
36 (B Vorrede zur zweiten Auflage bemeistern. DieBen verdienten Männem, die mit df!/l' GrihId· lichk6it df!/I' Einsicht noch das Talent einer lichtvollen DM· stellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so glücklich verbinden, trof!/l'lasBe ich meine in Ansehung df!/I' letzteren hin u1ld wiedf!/l' etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu txJUenden,. denn wid.(!jf'legt zu werden ist in di68em Falle keine Gefahir, wohl aber nicht Vf!/l'standen zu wf!/l'den. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten von nun an nicht einlassen, ob ich ZWM auf aUe Winke, 68 sei von Freu1lden odf!II' Gegnern, sorgfältig achten 10 werde, um sie in df!/l' künftigen AusjijJwung des Systems cUe8f!II' Propädeutik gemäß zu benutzen. Da ich währe1ld M68f!/1' Arbeiten schon ziemlich tief ins Altf!/l' fortgrickt bin (in di68em Monat ins mcrundBechzigste JaJw,) so muß ich, wenn ich meinen Plan, die MetOlphysik der Natur sowohl als df!/I' Sitten, als Bestätigung der R~chtigkeit df!/l' Kritik df!/I' spekulativen sowohl als praktischen V f!/I'nunft, zu lieff!/l'n, ausführen will, mit df!/I' Zeit spMsam vf!/I'faJwen, u1ld die AUfhellung sowohl XLIV) df!/l' in di68em W f!/I' I ke anfangs kaum tJf!II'meidlichen Dunkelheilen, als die V f!/I'teidigung d68 Ganzen von den tJf!II'diemen 20 Männem, di-e 68 sich z1l eigen gemacht haben, 6'f'WMten. An einzelnenStellen läßt 8ich jedf!/l' philosophische Vortrag zwacken, (denn f!/I' kann nicht so gepanzert auftreten, als df!/I' mathematische,) indessen, daß doch df!/I' Gliedf!/l'bau des System8, als EinhP.it betrachtet, dabei nicht die mindeste GefaJw läuft, zu dessen Obf!/l'sicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewa1ldtheit des Geist68, noch wenigere abf!/l', weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust beBitzen. Auch scheiooMe Widf!/I'sprüche lassen sich, Wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneina1ldf!/l' vergleicht, in jedf!/l', 80 vornehmlich als freie Rede fortge1~e1lden Schrift ausklauben, die in den Augen dessen, df!/I' sich auf fremde Beurteilung vf!/I'läßt, ein nachteilig68 Licht auf dieBe wf!/l'fen, demjenigen abf!/l', df!/I' sich. der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht auf· zulösen si1ld. Indessen, wenn eins Theorie in sich B68ta1ld hat, so dienen Wirkung u1ld Gegenwirkung, die ihr anfänglich. große Gefahir drohten, mit der Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, u1ld wenn Bich Männf!/I' von U1lIPQIf't6üichkeit, Einsicht u1ld wahirf!/l' Popularität damit beschäftigen, ihr in kurzf!/l' Zeit auch die f!/I'forderlieke Eleganz zu WJrBchaffen, 40 Königsberg, im Aprilmonat 1787.
(.A.XXIU) seUe') Einleitung . . . . . . . . . . . I. Transzendenf4/e Elementar/ekre 1 17 ErBter Teil. Transzendentale .Äathetik 19 1. Abschnitt. Vom Raume . . . . 22 2. Abschnitt. Von der Zeit 30 Zweiter Teil. Transzendentale Logik 50 1. Abteilung. Transzendentale Analytik in zwei Büchern und deren verschiedenen Hauptstücken und Abschnitten. . . . . . . . . . . . 64 2. Abteilung. Transzendentale Dialektik in zwei Büchern und deren verschiedenen Hauptst'ÜCken und Abschnitten. . . • . . . . . . . . 293 1/. Transzendentale MethodenleItre . . . . . . . . 1. Hauptstilck. Die Disziplin der reinen Vernunft 2. Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft • 3. Hauptstück. Die Architektonik der reinen Vernunft 4. Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft 1) Dieses Inhaltsverzeichnis befindet sich nur in A. ') Die Seitenzahlen sind die der ersten Ausgabe (A). 105 (.A. XXIV) 708 795 832 852
(A 1) I Einleitung [nach Ausgabe A] I. Idee der Transzendental-Philosophie Erfahrung iBt ohne Zweifel das erste Produkt. welches unser Verstand hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen bearbeitet. Sie ist eben dadurch die erste Belehrung und im Fortgange so unerschöpflich an neu,em Unterricht, daß das zusammengekeUete Leben aller künftigen Zeugungen an neuen Kenntnissen. die auf diesem Boden 10 gesammelt werden können. niemals Mangel haben wird. Gleichwohl ist sie bei weitem nicht das einzige Feld. darin sich unser Verstand einschränken läßt. Sie sagt uns ZWar, was da sei, aber nicht, daß es notwendigerweise, so und nicht anders, sein müsse. Eben darum gibt sie uns auch keine wahre All· gemeinheit, und die Vernunft, welche nach dieser Art von (A 2) Erkenntnissen so begiet'ig ist, I wird durch sie mehr gereizt, als befriedigt. Solche allgemeine Erkenntnisse nun, die zugleich den O1MJJrakter der innern Notwendigkeit haben, müssen, von der Erfahrung unabhängig, Vor sich selbst klat' und gewiß sein; 20 man nennt sie daher Erkenntnisse apriori: da im Gegenteil das, was lediglich von der Erfahrung erborgt ist, wie man sich ausdrückt, nur aposteriori, oder empirisch erkannt wird. Nun zeigt es sich, welches überaus merkwürdig ist, daß selbst unter unsere Erfahrungen sich Erkenntnisse mengen, die ihren Ut'SPt'ung apriori haben müssen und die vieUeicht nur dazu dienen, um unsern Vorstellungen der Sinne Zusammen· hang zu verschaffen. Denn wenn man aus den et'steren auch alles wegschafft, Was den Sinnen angehört, so bleiben dennoch gewisse urspt'Üngliche Begriffe und aus ihnen erzeugte Ut'teile 30 übrig, die gänzlich apriori, unabhängig von der Erfalvrung entstanden sein müssen, weil sie ma,chen, daß man von den Gegenständen, die den Sinnen erscheinen, mehr sagen kann.
I Einleitung (B 1) [nach Ausgabe B] I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntnis Daß alle unsere Erkenntnis mü der Erfa1llrung anlange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur A tlSübung erweclet werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teüs von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere V er,~tandes· tätigkeit l ) in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu 10 verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu et~ne.r Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Er/alvrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfa1llrung vorher, und mit dieser fängt alle an. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfa1llrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle. aus de?' Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfalvrungserkenntnis ein Zusammenge.setztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veran- 20 laßt) ans sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von ienem I Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange tJbung uns (B 2) darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gema.cht hat. Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein dergleichen von der ErfahlT'ung und selbst von allen Eindrücken der Sinne unabhängiges Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse apriori, und unter1) Die fünfte Originalausgabe: "Verstandesfähigkeit".
39 Einleitung [nach Ausgabe Al zu Wmam glaub', alB bloße Efofalwung B~ walwe AUg~ UM menge NoIwent1Ägkeil eNhalIen, dergleichen dU bloß empirilche Ef'~ mchI Ziefern kann. wenig8I6N le1wen 68 8agBn tDÜrtle, Uf&d dGß
Einleitung [nach Ausgabe B] 39. BchsidelsietlondenempiriBchen,dHihreQuellmGf'OBteriori, fldmUch in der JJJrIG1wtmg, habm. JeMI'.A~ iß MadeNen noch mMI be.mmml gem.t9, um den gGMeft sm.., der tIOrgeleg#eft Frage tmgeme&9en, zu b ~ . Deftft mGft pfHgI V10hl VOR mGtaMer CJUlJJJrIG1wtmgBqueUeta Gbgeleileleft JJJr~ zu MJgen, dG/J w wer G prioN fiiMg oder 1ei11tGfti,g Bind, tMZ w sie mMI tmmNlelbM CJUI der JJJrIG1wtmg, 80ftIlem CJUI einer ~ BegtJ, dH w gl6ic1wJoltl nlbBl tMJch CJUI der JJJrfG1wtmg eNle1mI Mben, ableiIeft. & 8tJgI mGft VOR iemtJnd, der dtJB Ft.mtIameraI BeiMB 10 HaUHII~: er J:onnIe U G prioNl) tDiuen, d4P U ein1aJJ,e,. 'IDiWe, d. i. er durfte mMI GUf dH JJJrlalwtmg, d4P U wli&h einliek, tI1Gf'Ieft. .Allein gt'JtliUch a prioN 1:omate er diesu doch GuM nicAI WB.. Deftft d4P dH KiJrper 8C1wJer BiM, ufId daher, tDeM ih... dH 8ti#ze entzogen tNd, 1aUtm. mu/J1e ihm doch zuvor durch JJJrfalwtmg bd:afMII ~. Wir ~ alao im Verfolg tmIer JJJr~fJft G twiori mcM dclte ~ dH VOR dieser oder ieMl'. I 80ftIlem dH (B 8) tJller JJJrlaArufl{/ uMbMflgig 8IG#tmdtm. l1men .md empWüche JJJr~e, oder aolche, dH nUf' 20 a f'OBteriori, d. i. durch JJJrfG1wtmg, m4gZiM BiM, erlIgegengu". Von den JJJrkennmiuenl ) G priori hei/Jm aber dH imigm reift, denen gM nichIB Em~ beigemiacAl.... 80 ia' z. B. der 8=: eine iede Verdndertmg Aal ihre Ursache, em 8a1Z G twiori, allein nicAI reift, fDfJÜ VeräfIdert.mg ein Begri/l· iß, der nur aus der ErfalwtmtJ gaogm werden kcmn. ~fl{/. VOR 11. Wir sind im Besitze gewisser Er:kenntnisse apriori, und selbst der gemeine Verstand') ist niemals ohne solehe E. kommI hier Gul em Merkmal Gn, woran W BiMer ein 80 reiMB Erlcennmül vom empWüMen tmIer.~ kön"en. ErlalwtmtJ Zehre tm8 Z'WGf', dG/J etuJaB 80 oder 80 buMaften m, aber mMI, dG/J u mcM CIt'Ider. Bem bnme. Pifldel ftch also 1) Die fünfte Originalausgabe: "a posteriori" I) Erdmann: "Erfahrungen". '\ Die fünfte Originalausgabe: "Stand".
40 Einleitung (nach Ausgabe A]
Einleitung [nach Ausgabe B] 40* erstlich ein Satz, der zugleich mit seine? Notwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urteil a priori,' ist er iiberdem auch von keinem abgeleitet, als der selbst l ) wiederum als ein notwendiger Satz gültig ist, /JO ist er schlechterdings apriori. Zweitens: Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und komparative A Hgemeinheit (durch Induktion), so daß es eigentlich heißen muß: somel wir bisher wahrge I nommen haben, findet sich von dieser oder iener Regel keine Ausnahme. Wird also ein Urteil in strenger Allgemeinheit geda.cht, d. i. so, daß gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings apriori gültig. Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche Steigerung der Gültigkeit. von der, welche in den meisten Fällen, zu de1', die in allen gilt, wie z. B. in dem Satze: alle Körper sind schwer; wo dagegen strenge 4llgemeinheit zu einetn Urteile wesentlich gehört, da zeigt diese auf einen besonderen Erkenntnisqttell desselben, nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses apriori. Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit sind also sichere Kennzeichen einer Erkenntnis apriori, und gehören auch unzertrennlich zueinander. Weil es aber im Gebrauche derselben bisweilen leichter ist, die empirische Beschränktheit derselben 2 ), als die Zufälligkeit in den Urteilens ), oder es auch manchmal einleuchtender ist, die unbe.9chränkte Allgemeinheit, die wir einem Urteile beilegen, als die Notwendigkeit desselben zu zeigen, so ist es ratsam, sich gedachter beider Kriterien, deren iedes für sich unfehlbar ist, ahgesondert zu bedienen. Daß es nun dergleichen notwendige und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urteile Cl priori, im menschlichen Erkenntnis wirklich gebe, ist le1:cht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinatt8sehen; will man ein solche.s aus dem 1) Erdmann: usw. "nämlich einem solchen, der selbst". 2) Görland: "derselben . . . derselben", auf das nachfolgende "Urteile" zu beziehen; Goldschmidt streicht das zweite " derselben". 8) Vaihinger: "die Zufälligkeit in den Urteilen als die empirische Beschränktheit derselben". (B 4) 10 20 30
41 Einleitung [nach Ausgabe Al
Einleitung (nach Ausgabe B] 41 '* gemftnslen Ver Istandesgebrauohe, so kann der Satz, daß alle (B 1) VriraMrung ane U"sache haben mÜ88e, dazu dienen: ja in dem letzIeren tmtMU selbs' der Begriff einer U"sache so offmbar den B6fJriff einer N~keU der Verknüpfung mü einer Wirhng uM einer sfrengen AUgemeinheit der Regel, daß er ~ fJ6f'lorengehen 'WÜrde, wenn man ihn, wie Rume tat, oon einer iJ/W'n BeigeseUung dessen, was geschieht, mit dem, was fHJ'rhergeht, und einer dMaus entBpringmden GewohnMit, (mithin bloß B1Jbiektit'en Notwendigkeü,) Vorstellungen zu fJ6f'lmüpfen. ahleüen wollte. Auch könnte man, ohne der· 10 gkichen Beispiek zum Beweise der WirklichkeU reiner Grund. BCitu CI priori in unserem Erkenntnisse zu bedürfen, dies8f' ihre Unentb.~zur MögUchkei' der Erfahtrung selbst, mithin apriori cIarltm. DennWo wollte selbst Erfahrung ihre Gewißheit ~ wenn tJlle Regeln, nach denen sie fortgeht, immer wieder em-pirisch, mühin zufällig wären; dah8f' mcm diese lIChwerUch für eme GrundBCitu gellen 1GBsen kann. AUein hier können wir uns damü begn'Ügen, den reinen Gebrauch unseres JCtok~iJgens als TaI8ache samt den Kennzeichen deRselben GargelegI zu haben. Ab8f' nicht bloß in Urteilen, 20 sondern selbst in Begriffen zeigl sich ein Ursprung amger derselben a priori. Lasset f10R eurem ErfahrungBbegn,ffe eines KiJ"pers GlleB, WGB daran empirisch ist, nach und. nach weg: die Fa.rbe, die Härte oder Weiche, die SchW8f'e, selbst!) die UndurchdringliehkeU, 80 bleib' doch der Raum übrig, den 8f' (welch8f' nun ganz wrschWltnden ist) einnahm, uM den I (B 6) könt'lt ihr nicht weglGBBen. Ebenso, wenn ihr tIOfl eurem empiri. sehen Begriffe eines jeden, körperlichen oder nicht körp8f'lichen, Ob;ektB alle Eigenschaften weglaßt, die euch die Erfahrung lehrt,· 80 kclnnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch 30 ihr es als Substanz oder einer Substanz anhängend denkt, (obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung entMJ." als der eines Objekls überhaup,). Ihr müß, also, überführt dwrch die N otwmdigkeü, womü sich dieser Begriff euch cau/dringl, geslehen, daß er in eurem ErkenntniswrmiJgen apriori seinen Süz habe. 1) "selbst" fehlt in der vierten Originalausgabe.
42 Einleitung [nach Ausgabe A] vVas aber noch weit mehr sagen will ist dieses, daß gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller mög(A 3) lichen Erlfahrungen verlassen, und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben. D nd gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar 10 keinen Leitfaden noch Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die wir der Wichtigkeit nach für weit vorzüglicher, und ihre Endabsicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im Felde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr zu irren, eher alles wagen, als daß wir so angelegene 1) Untersuchungen aus irgendeinem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung und Gleichgültigkeit aufgeben sollten. Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den 20 Boden der Erfahrung verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, I) Grillo: "angelegentliche".
Einleitung [nach Ausgabe B] 42* IIf. Die Phüosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse apriori bestimme Was noch weit mehr sagen will als alles vorige, ist dieses, daß gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen, und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben. Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die wir, der I Wichtigkeit nach, für weit vorzüglicher, und ihre Endabsicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im F~lde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr zu irren, eher alles wagen, als daß wir so angelegene l ) Untersuchungen aus irgendeinem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung und Gleichgültigkeit aufgeben sollten. Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vernunft 8elb8t sind Gott, Freiheit und Un8terblichkeit. Die Wi88enschaft aber, deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nttr auf die A uflö8ung der8elben gerichtet ist, heißt Metaphysik, deren Verfahren im Anfange dogmatisch ist, d. i. ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft zu einer so großen Unternehmung zuver8ichtlich die Ausführung übl7mimmt 2 ). Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, 1) Grillo: "angelegentliche". I) "Diese ... übernimmt" fehlt bei Rosenkranz. 10 (B 7) 20 30
43 Einleitung [nach Ausgabe A] daß man also die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen apriori kommen könne, und welchen (A 4) Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. I In der Tat ist auch nichts natürlicher, wenn man unter diesem Wort das versteht, was billiger- und vernünftigerweise geschehen sollte; versteht man aber darunter das, was gewöhnlichermaßen geschieht, so ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als daß 10 diese Untersuchung lange Zeit unterbleiben mußte. Denn ein Teil dieser Erkenntnisse, die mathematischen, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit, und gibt dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen. überdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht widersprochen zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern, ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man stößt, in seinem Fortschritte 20 aufgehalten werden kann. Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen behutsam macht, ohne daß sie deswegen weniger E'tdichtungen bleiben. Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es unabhängig von der Erfahrung in der Erkenntnis apriori bringen können. Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen, bloß so weit als sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst apriori gegeben 30 werden kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum unterschieden wird. Durch einen solchen Be(A ö) weis von der Mac::ht der Vernunft auflgemuntert, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Ebenso verließ :l>lato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so vielfältige Hindernisse legt, und wagte sich jenseit derselben auf den Flügeln der Ideen, in 40 den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte
43* Einleitung [nach Ausgabe B] daß man also vielmehr die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen apriori kommen könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. In der Tat ist auch nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte flatiirlich das versteht, was billiger- und vemünftigerweise geschehen I sollte; versteht man aber darun· (B 8) ter das, was gewöhnlichermaßen geschieht, so ist hin· wiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung lange unterbleiben mußte. Denn 10 ein Teil dieser Erkenntnisse, al8 die mathematischen, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit, und gibt dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen. Oberdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitem, ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber kann vermieden 20 werden, wenn man seine Erdichtungen nur behutsam macht, ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es, unabhängig von der Erfahrung, in der Erkenntnis apriori bringen können. Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloß so weit, als sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst apriori gegeben werden kann, mithin von einem bloßen reinen 80 Begriff kaum unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der Vemunft eingenommen, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel I besser ge- (B 9) lingen werde. Ebenso verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so enge Schranken Betd, und wagte sich jenseit derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte «) KaDt, Kritik der m- Vonlllllft. ,
44 Einleitung [nach Ausgabe AJ nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen Vernunft in der Spekulation ihr Gebäude so früh, wie möglich, fertigzumachen, und hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber werden allerlei Be10 schönigungen herbeigesucht, um uns wegen dessen Tüchtigkeit· zu trösten, oder eine solche späte und gefährliche Prüfung abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen 1) von aller Besorgnis und Verdacht freihält, undmit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer Teil, und vielleicht der größte, von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben. Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich nichts weiter als Aufklärungen oder Er(A 6) läuterungen desjenigen I sind, was in unsern Begriffen, (wiewohl noch auf verworrene Art) schon gedacht worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich geschätzt werden, wiewohl sie der Materie oder dem Inhalte nach die Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander setzen. Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis apriori gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von ganz 30 anderer Art, wo die Vernunft zu 2) gegebenen Begriffen apriori ganz fremde hinzutut, ohne daß man weiß, wie sie dazu gelange, und ohne sich diese Frage auch nur in die Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede dieser zweifachen Erkenntnisart handeln. I) Valentiner: "des Bauens". I) Grillo: "wo sie zu". -
44* Einleitung [nach Ausgabe B] nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte kein~n Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen Vernunft in der Spekulation, ihr Gebäude so früh, wie möglich, fertigzumachen, und hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um uns wegen dessen 10 Tüchtigkeit zu trösten, oder auch eine solche späte und gefährliche Prüfung lieber gar abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen 1) von aller Besorgnis und Verdacht frei hält, und mit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer Teil, und vielleicht der größte, von dem Geschäfte unserer Vernunft, besteht in Zergliederungen 2) der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben. Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was 20 in unsern Begriffen (wiewohl noch auf verworrene Art schon gedacht worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich geschätzt werden, wiewohl sie der Materie, oder dem Inhalte nach die Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander setzen. I Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Er- (B 10) kenntnis apriori gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu~) gegebenen 30 Begriffen ganz fremde und zwar 'a priori hinzutut, ohpe daß man weiß, wie sie dazu gelange, und ohne sich eine solche Frage auch nur in die Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede dieser zweifachen Erkenntnisart handeln, 1) Valentiner: "des Bauens". B) Die fünfte Originalausgabe: "Zergliederung". I) Grillo: "wo sie zu". 4* I
45 10 (A 7) 20 30 Einleitung [nach Ausgabe A] Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge: denn auf die verneinenden ist die Anwendung leicht) ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt AI) als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verlmüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, im anaern syntheltisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also diejenigen, in welchen die Verlmüpfung des Prädikats mit dem Subjekt durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verlmüpfung ohne Identi~t gedacht wird, sollen synthetische Urteile heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die anderet1 Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigenlI) schon, (ob8c1um verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden, z. B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, so ist dies ein analytisch S) Urteil. Denn ich darf nicht aus dem Begriffe, den ich mit dem Wort Körper verbinde, hinausgehen, um die Ausdehnung als mit demselben .verknüpft zu finden, sondern jenen Begriff nur zergliedern, d. i. des Mannigfaltigen, welches ich jederzeit in ihm denke, nur bewußt werden, um dieses Prädikat darin anzutreffen; es ist also ein analytisches Urteil. Dagegen, wenn ich sage: alle Körper 1) Die vierte Originalausgabe: "B". I) Hartenstein: "selbigem". ') Die vierte Originalausgabe: "analytisches".
Einleitung [nach Ausgabe B] 45· IV.t} Von dem Unterschiede anal7Ü8ohw und 8)'Jlthetischer Urteile In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge, denn auf die vemeinenden ist nachher die Anwendung leicht,) ist dieses Verhältnis auf zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt All} als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist; oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, in dem andern synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekt durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urteile I heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die andem Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das Prädikat nichts zum Begriff des Subjekts hinzutun, sondem diesen nur durch Zergliederung in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigen S} schon (obgkich verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können herausgezogen werden. Z. B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, so ist dies ein analytisch'} Urteil. Denn ich darf nicht über den Begriff, den ich mit dem Körper verbinde, hinausgehen, um die Ausdehnung, als mit demselben verknüpft, zu finden, sandem jenen Begriff nur zergliedem, d. i. des Mannigfaltigen, welches ich jederzeit in ihm denke, mir nur bewußt werden, um dieses Prädikat darin anzutreffen; es ist also ein analytisches Urteil. Dagegen, wenn ich sage: alle Körper 1) "IV" fehlt in A. I) Die vierte Originalausgabe: "B". ,) Hartenstein: "selbigem"• •} Die vierte Originalausgabe: "analytisches". 10 (B 11) SO 80
46 Einleitung [nach Ausgabe A] sind schwer, so ist das Prädikat etwas ganz anderes, als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen Prä· dikats gibt also ein synthetisch 1) Urteil. Nun i8t hieraus klar: 1. daß durch analytische Urteile unsere I der Begriff, den ich 8chon habe, auseinanderge8etzt, und mir 8elbst verständ. lieh gemacht werde; 2. daß bei 8ynthetischen Urteilen ich außer dem Begriffe des Subjekts noch etwas anderes (X) haben 10 müs8e, worauf8ich der Verstand 8tützt, um ein Prädikat, da8 in jenem Begriffe nicht liegt, doch als dazu gehörig zu erkennen. Bei empirischen oder Erfahrung8urteilen hat es hiermit gar keine Schwierigkeit. Denn dieses X i8t die voll8tändige Erfahrung von dem Gegenstande, den ich durch einen Begriff A denke, welcher nur einen Teil dieser Erfahrung ausmacht. Denn ob ich 8chon in dem Begritt eines Körper8 überhaupt da8 Prädikat der Schwere gar nicht einschließe, 80 bezeichnet er doch die vollständige Erfahrung durch einen Teil der8elben, 20 zu welchem also ich noch andere Teile eben der8elben Erfahrung, als zu dem ersteren gehörig, hinzufügen kann. Ich kann den Begriff des Körpers vorher analytisch durch die Merkmale der Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit, der Gestalt U.9W., die alle in diesem Begriff gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine Erkenntnis, und, indem ich auf die Erfahrung zwtÜcksehe, von welcher ich diesen Begriff des Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft. Es ist also die Erfahrung jenes X, was außer dem Begriffe A liegt, und worauf sich die Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere B mit 30 dem Begriffe A gründet. (A 8) Erkenntni8 gar nicht erweitert werde, 80ndern (A 9) I Aber bei synthetischen Urteilen apriori fehlt dieses Hilfsmittel ganz und gar. Wenn ich außer dem Be- 1) Die vierte Originalausgabe: "synthetisches".
Einleitung [nach' Ausgabe B] 46* sind schwer, so ist das Prädikat etwas ganz anderes, als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen Prä· dikats gibt also ein synthetisch 1) UrteiL Erfahrungsurteile, al8 801che, Bind ;1l8gesamt 8ynthetisch. Denn es wäre ungereimt, ein analytisches Urteil auf Erfahrung zu gründen, weil ich aus meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf, um das Urteil abzufas8en, und also kein Zeugnis der Erfahrung dazu nötig habe. Daß ein Körper a.usgedehnt 8ei, i8t ein Satz, der a priO'l'i feststeht, und kein Erfahrung81 urteil. (B 12) Denn, ehe ich zur Erfahrung gehe, habe ich alle Bedingungen zu meinem UrÜ'ile 8chon in dem Begriffe, aus welchem ich das Prädikat nach dem Satze des Wide'1'8pruchs nur herausziehen, und dadurch 2 ) zugleich der Notwendigkeit des Urteil8 bewußt werde.n kann, welche mirS) Erfahrung nicht einmal lehren wÜrde. Dagegen, ob ich 8chon in dem Begriff eines Körper8 überhaupt das Prädikat der Schwere gar nicht ei1l8chließe, so bezeichnet jener doch einen Gege1l8tand der Erfahrung durch einen Teil der8elben, zu welchem ich al80 noch andere Teile eben der8elben Erfahrung, als zu dem ersteren geMrten4 ), 20 hinzufügen kann. Ich kann den Begriff des Körpers vO'l'her analytisch durch die Merkmale der Ausdehnung, der Uridurch. dringlichkeit, der Gestalt UBW., die alle in diesem Begriffe gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine Erkenntnis, und, indem ich auf die Erfahrung zurück8ehe, von welcher ich diesen Begriff des Körper8 abgezogen hatte, 80 finde ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft, und füge al80 diese al8 Prädikat zu ienem Begriffe 8ynthetisch hinzu. E8 i8t also die Erfahirung, wO'l'auf sieh die Möglichkeit der Synthesis des Prädikate der Schwere mit dem Begriffe des BO Körper8 gründet, weil beide Begriffe, ob zwar einer nicht in dem andmen enthalten ist, dennoch al8 Teile eine8 Ganzen, nämlich der Erfahrung, die selbst eine synthetische Verbindung der An8chauungen ist, zueinander, wiewohl nur zufäUigerweise, gehören. Aber bei synthetischen Urteilen apriori fehlt dieses Hilfsmittel ganz und gar. Wenn ich über den Bel) Die vierte Originalausgabe: "synthetisches". B) Erdmann: "dadurch mir". 8) Grillo: "mich". ~) Erdmann: "gehörig".
47 Einleitung [nach Ausgllbe Al griffe A hinausgehen BOlZ, um einen andem B, als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich mich stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier den Vorteil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung danach umzusehen? Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht usw. und daraus lassen sich analytische Urteile ziehen. Aber der Be10 griff einer Ursache zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, und ist in dieser letzteren Vorste!Jung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem, was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursachen, obzwar in jenen nicht enthalten, dennoch, als dazu gehörig, zu erkennen. Was ist hier das X, worauf sich der Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes Prädikat aufzufinden glaubt, da8 gleichwohl damit verknüpft sei. Erfahrung kann es nicht 20 sein, weil der angeführte Grundsatz nicht allein mit größerer Allgemeinheit, als die Erfahrung wrschaffen kann, sondem auch mit dem Ausdruck der Notwendigkeit, mithin gänzlich apriori und aus bloßen Begriffen diese zweite Vorstellungen 1) zu der ersteren hinzufügt. Nun beruht auf solchen synthetischen d. i. Erweite(A 10) rungs-Grundsätzen die ganze Endabsicht unselrer spekulativen Erkenntnis apriori; denn die analytischen') sind zwar höchst wichtig und nötig, aber nur um zu derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen, die SO zu einer sicheren und ausgebreiteten Synthesis, als zu einem wirklich neuen Anbau, erforderlich ist. E8liegt 000 hier ein getDi8868 GeheimniB verborgen·), au8en Aul8chluIJ allein den ForlBChritl in dem grenzmlo8en Felde *) W4re 68 einem von den Alten ein.gefallen, auch "Uf" diese Frage aufzuwerfen, 80 wilrtle di68e allein allen SY8temen der 1) Grillo: "Vorstellung". ') Erdmann ergänzt: "Urteile".
Einleitung [nach Ausgabe B] 47. Igriff Ä hinaUlgehen BOlZ, um einen andern B als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich mich stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird? da ichluer den Vorteil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung ~ch umzusehen. Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff von etwas, das· geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht USw. und daraus lassen sich analytische Urteile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache Ziegt gaM auper jenem Begriffe, und zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, ist aZ80 in dieser letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie kOqmle ich denn dazu, von dem, was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursache, ob%Wal in jenem nicht enthalten, dennoch, als dazu und 80gar notto6ndig gehörig, zu erkennen. Was ist hier das Unbe'l«Jnnte = X, worauf sich der Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes Prädikat B aufzufinden glaubt, weZchu er gleichwohl damit verknüpft zu ,ein erachtet 1 Erfahrung kann es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz nicht allein mit größerer Allgemeinheit, sondern auch mit dem Ausdruck der Notwendigkeit, mithin gänzlich apriori und aus bloßen Begriffen, diese zweite Vorstellungen 1) zu der ersteren hinzugefügt. Nun beruht auf solchen synthetischen d. i. Erweiterungs-Grundsätzen die ganze Endabsicht unserer spekulativen Erkenntnis apriori; denn die analytischen J) sind zwar höchst wichtig und nötig, aber nur I um zu derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu gelangen, die zu einer sicheren und ausgebreiteten Synthesis, als zu einem wirklich neuen ErtDerb, erforderlich ist. 1) Grillo: "Vorstellung": ') E rdm ann ergänzt: "Urteile". (B 18) 10 iO (B 14)
48 Einleitung [nach Ausgabe A] der reinen VerstandeBerkenntnis sicher und zuverlässig machen kann: nämUch mit gehöriger Allgemeinheit den Grund der Möglichkeit synthetischer Urteile a priMi aufzudecken, die Bedingungen, die eine jede Art derselben möglich machen, einzusehen, und diese ganze Erkenntnis (die ihre eigene Gauung ausmacht) in einem System nach ihren ursprünglichen Quellen, Abteilungen, Umfang und Grenzen, nicht dut"ch einen flüchtigen Umkreis zu bezeichnen, sondern oollständig und zu jedem Gebrauch hirn"eichend zu bestimmen. SO'IJiel vorläufig 10 von dem Eigentümlichen, was die synthetischen Urteile an sich haben. reinen Vernunft bis auf unsere Zeit mächtig widerstanden haben, und hätte so viele eitele Versuche erspart, die, ohne zu wissen, womit man eigentlich zu tun hat, blindlings unternommen worden.
Einleitung [nach Ausgabe B] 48* V In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urteile apriori als Prinzipien enthalten 1. ],1 athematische Urteile sind insgesamt syn. thetisch. Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher entgangen, ja. allen ihiren Vermutungen gerade entgegengesetzt zu sein, ob er gleich unwiderspreehlich gewiß und in der Folge sehir wichtig ist. Denn weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen, (welches die Natur einer jeden apodiktischen Gewl:ßheit erfordert,) so überredete man sich, daß auch die Grundsätze aus dem Satze des Wider· spruchs erkannt1 ) würden: worin sie sich irrten; denn ein synthetischer Satz kann allerdings nach dem Satze de.., Widerspruchs eingesehen werden, aber nur so, daß ein anderer synthetischer Satz vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden kann, niemals aber an sich selbst. ZuvÖTderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathe. matische Sätze jederzeit Urteile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Notwendigkeit bei sich fühiren, welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann. I Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schiränke ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon mit sich bringt, daß sie nicht empirische, sondern bloß reine Erkenntnis apriori enthalte. Man sollte anfänglich zwar denken: daß der Satz 7 + 5 = 12 ein bloß analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben und Fünl nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein, wenn man e.s näher betrachtet, so findet man, daß der Begriff der Summe von 7 und 5 nichts weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine einzige, wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese einzige Zahl sei, die beide zusammenfaßt'). Der Begriff von Zwölf ist keineswegs dadurch schon gedacht, daß ich mir bloß jeneS) Vereinigung von Sieben und Fünf denke, und, ich mag 1) Die vierte Originalausgabe: "anerkannt". 2) Die fünfte Originalausgabe: "zusammen gefaßt". 8) Die fünfte Originalausgabe: "mir jene". 10 20 (B 15) 30
49 Einleitung [nach Ausgabe A]
Einleitung [nach Ausgabe B] 49* meinen Begriff oon einer Bolchen möglichen Summe noch Bolange z6f'!1liedem, BO werde ich doch darin die Zwölf nichl Q/rlkeffen. Man mu!J über diue Begriffe hinaUBgeßen, ifldem man die AmMauung zu Hilfe nimmt, die einem oon beiden korrupondiert, etwa Beine fünf Finger, oder (wie Segner in Beiner Arithmetik) fünf Pun1cte. und BO nach und nach die Einheiten der in der Amchau'Ung gegebenen Fünf zu dem Begriffe der Sieben hinzutut 1). Denn ich nehme Z'U6f'Bt die Zahl 7, und, ifldem ich für den Begriff der 5 die Finger meiner Hand alB AmMau'Ung zu Hilfe nehme, BO tue ich die Einheiten, 10 die ich tJorher zUBamlmennahm, um die Zahl 5 a'U8Zumachen, (B 16) nun an jenem meinem Bilde nach und nach zur Zahl 7, und Behe BO die Zahl 12 entBpringen. Da!J 7 zu 5 I) hinzugetan werden BolZten I). habe ich zwar in dem Begriffe einer Summe = 7 5 geda.cht. aber nichl, da!J diue Summe der Zahl 12 gleich Bei. Der arithmeti8che Satz iBt alBo jederzeit BlIntheti8ch; welche8 man duto deutlicher inne wird, wenn man etwlJ8 grö!Jere Zahlen nimmt, da e8 dann klar einkucMet, da!J. wir möchten umere Begriffe drehen und wenden, wie wir wollen, wir, ohne die Amchauung zu Hilfe zu nehmen. tJermiU6ls der 20 blo!Jen Zergliederung 'Un8erer Begriffe die Summe niemalB finden könnten. Eb6n8OWenig iBt irgendein Grundsatz der reinen Geometrie OInalytiBch. Da!J die gerade Linie zwiBchen zwei Punkten die ki.Wzut6 Bei, iBt ein BlInthetischer Satz. Denn mein Begriff tJom Geraden enthält nicht8 tJon Grö!Je, Bondern nur eine Qualität. Der Begriff du KÜ1'Z68t6n kommt al80 gänzlich hinzu, und kann durch keine Z6f'!1liederung aUB dem Begriffe der geraden Linie gezogen werden. Amchau'Ung mu!J al80 hier zu Hilfe genommen werden, tJermittel8 deren allein die SlInthe8i8 80 möglich iBt. Einige wenige Grundsätze. welche die Geometer tJoraUBBetun, Bind zwar wirklich aruillltiBch und b61"Uhen auf dem Satze du Wider8Pf'uchs; 8ie dienen aber auch nur, wie identilche Sätze, zur Kette der Methode und I nicM alB Prinzipien, (B 17) z. B. a = a, das Ganze i8t 8ich Belber gleich, oder (a b) > a, d. i. das GOInU iBt grö!Jer alB Bein Teil. Und doch auch 1) Grillo: "hinzutun". I) Erdmann: ,,0 zu 7". I) ErdmanD: "sollte", + +
50 Einleitung [nach Ausgabe A]
Einleitung [nach Ausgabe B] 50* diese selbst, ob sie gleich nach bloßen Begriffen gelten, werden in der Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung können dargestellt werden. Was uns hier1 ) gemeiniglich glauben macht, als läge das Prädikat solcher apodiktischen Urteile schon in unserm Begriffe, und das Urteil sei also analytisch, ist bloß die Zweideutigkeit des Ausdrucks. Wir sollen nämlich zu einem gegebenen Begriffe ein gewisses Prädikat hinzudenken, und diese Notwendigkeit haftet schon an den Begriffen. Aber die Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzudenken sollen, sondern 10 was wir wirklich in ihm 2 ), obzwar nur dunkel, denken, und da zeigt sich, daß das Prädikat jenen Begriffen8 ) zwar notwendig, aber nicht als im Begriffe selbst gedacht, sondern vermittels einer Anschauung, die zu dem Begriffe hinzukommen muß, anhänge. 2. Naturwissenschaft (Physica) enthält synthetische Urteile apriori als Prinzipien in &ich. Ich will nur ein paar Sätze zum Beispiel anführen, als den Satz: daß in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder daß, in aller 20 Mitteilung der Bewegung, Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Notwendigkeit, mithin 1:hr Ursprung apriori, sondern auch,_ daß sie synthetische I Sätze sind, klar. Denn in dem Begriffe (B 18) der Materie denke ich mir nicht die Beharrlichkeit, sondern bloß ihre Gegenwart im Raume durch die Erfüllung desselben. Also gehe ich wirklich über den Begriff von det' Materie hinaus, um etwas apriori zu ihm hinzuzudenken, was ich in ihm nicht dachte. Der Satz ist also nicht analytisch, sondern syn-' thetisch und dennoch apriori gedacht, und so in den übrigen 30 Sätzen des reinen Teils der N aturwissenscha/t. 3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher bloß verauchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenscha/t ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse apriori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu tun, Begriffe, die wir uns 1) Vaihinger möchte diesen Satz an den vorhergehenden Absatz angeschlossen wissen. ') Prolegomena: "ihnen". 8) Erdmann: "jenem Begriffe".
61 Einleitung [Dach Ausgabe Al
51* Einleitung [nach Ausgabe B] apriori von Dingen machen, bloß zu zergliedern und dadurch analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere Erkenntnis apriori erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die über den l ) gegebenen BegriffS) etwas hinzutun, was in ihm nicht enthalten war, und durch synthetische Urteile apriori wohl gar so weit hinamgehen3 ), daß uns die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann, z. B. in dem Satze: die Welt muß einen ersten Anfang haben, u. a. m. und so besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthe10 t'ischen Sätzen apriori. I VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft (B 19) Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann. Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein selbst sein eigenes Geschäft, indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem anderen, der es prüfen will, das Urteil, ob wir unserem Vorhaben ein Genüge getan haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft ist nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urteile apriori möglicM 20 Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zmtande der Ungewißheit 4 ) und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache zuzuschre~7Jen, daß man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile nicht früher in Gedanken') kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem genugtuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen' verlangt, in der Tat gar nicht stattlinde, beruht nun das Stehen und Fallen der Metaphysik. David Hume, der dieser Aufgabe unter allen Philosophen noch am nächsten 30 trat, sie aber sich bei weitem nicht bestimmt genug und in ihtrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bei dem synthetischen Satze 1) Erdmann: d. i. zu dem. I) Görland fügt hinzu: "hinaus noch". S) Erdmann: "weit über ihn hinausgehen". 4) Er dmann: "Unwissenheit". 6) Die vierte Originalausgabe: "in die Gedanken". Kant. Kritik der reinen Vernunft. 5
52 Einleitung [nach Ausgabe A]
52* Einleitung [nach Ausgabe B] der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen (Princi. pium oousalitatis) 8tehen blieb, glaubte I herauszubringen, daß (B 20) ein 80lcher Satz a priori gänzlich unmöglich 8ei, und nach seinen Schlüs8en würde alle8, waa wir Metaphysik nennen, auf einen bloßen Wahn von vermeinter Vernunfteinsicht de88en hinauslaufen, waa in der. Tat bloß aus der Erfahrung erborgtl) und dwrch Gewohnheit den Schein der Notwendigkeit über· kommen hat,' auf welche, alle reine Philo8ophie zer8törende, Behauptung er niemal8 gefallen wäre, wenn er unBere Aufgabe in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da er dann 10 eingesehen haben würde, daß, nach 8einem Argumente, 138 auch keine reine Mathematik geben könnte, weil diue gewiß 8yntheti8che Sätze apriori enthält, vor welcher Behauptung ihn alsdann 8ein guter Ver8tand wohl würde bewahrt haben. In der A uflö8ung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit du reinen Vernunftgebrauch68 in Gründung und Ausführung aller Wis8enschaften, die eine theoreti8che Erkenntni8 apriori von Gegenständen enthalten, mit begriffen, d. i. die Beantwortung der Fragen: Wie i8t reine Mathematik möglich? 20 Wie i8t reine N aturwi88en8chaft möglich? Von diuen W is8enschaften, da 8ie wirklich gegeben sind, läßt sich nun wohl geziemend fragen: wie sie möglich sind,' denn daß sie möglich 8ein müs8en, wird dwrch ihre Wirklichkeit bewiuen*). Waa aber MetaphY8ik beltrifft, 80 muß ihr (B21) bisheriger 8chlechter Fortgang, und weil man von keiner einzigen bi8her vorgetragenen, waa ihren wuentlichen Zweck angeht, 8agen kann, sie 8ei wirklich vorhanden, einen ieden mit Grund an ihrer Möglichkeit zweifeln laa8en. *) Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher die8e8 letztere noch bezweifeln. Allein man darf nwr die t;er8ckiedenen Satze, die im Anfange der eigentlichen (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, al8 den ·von der Behart'lichkeit der8elben Quantität Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung usw., 80 wird man, bald überzeugt werden, da! sie eine physicam puram (oder rationalem) ausmachen, die 138 wohl verdient, als eigene Wissen8chaft, in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange, abge80ndert aufgestellt zu werden. 1) Erdmann: "erborgt ist". 5*
53 Einleitung [nach Ausgabe A]
Einleitung [nach Ausgabe B] 53* Nun ist aber diese Art von Erkenntnis in gewissem Sinne doch auch als gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenngleich nicht als Wissenschaft, doch als Naturanlage (metaphysica naturalis) wirklich. Denn die menschliche Vernunft geht ttnaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfnis getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrung~gebrauch der Vernunft und daher entlehnte Prinzipien beantwortet werden können, und so ist wirklich in allen Menschen, sobald Vernunft sich in ihnen bis zur Spekulation erweitert, irgendeine ltleta- 10 physik zu aller Zeit gewesen, und wird auch immer da7'in bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: I Wie ist Metaphysik als Naturanlage möglich? (B22) d. i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwirft, und die sie, so gut als sie kann, zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfnis1 ) getrieben wird, aus der Natur der allgemeinen Menschenvernunft? Da sich aber bei allen bisherigenVersuchen, diese natürlichen Fragen, z. B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her set:,usw. zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Wider- 20 sprüche gefunden haben, so kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d. i. dem reinen Vernunftvermögen selbst, woraus zwar immer irgendeine Metaphysik (es sei welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern es muß möglich sein, mit ihr es zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen oder Nicht- Wi08sen der Gegenstände, d. i. entweder der Entscheidung über die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen ttnd Unvermögen der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urteilen, also entweder unsere reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder ihr bestimmte 30 und sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen allgemeinen Aufgabe fließt, würde mit Recht diese sein: Wie ist Metaphysik als Wissen8chaft möglich? Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt notwendig zur Wissenscha/t: der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose Behauptungen, I denen man ebenso (B 23) scheinbare entgegensetzen kann, mithin zum Skeptizismus. 1) Die vierte Originalausgabe: "durch eigenes".
54 Einleitung [nach Ausgabe A]
Einleitung [nach Au~gabe B] 54* Auch kann die.ße Wissenschaft nicht von großer ohschreckender Weitläufigkeit sein, weil sie es nicht mit Objekten der Vernunft, deren Mannigfaltigkeit unendlich ist, s01Ulern es bloß1) mit sich selbst, mit Aufgaben, die ganz aus {/Wem Schoße entspringen, und ihr nicht durch die Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigene vorgelegt sind, zu tun hat,. da es denn, wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Erfahrung vorkommen mögen, vollständig hat kennenlernen, leicht werden muß, den Umfang und die Grenzen ihres über alle 10 Erfahrungsgrenzen versuchten Gebrauchs voUständig und sicher zu bestimmen. Man kann also und muß alle bisher gemachten Versuche, eine Metaphysik dogmatisch zustande zu bringen, als ungeschehen ansehen,. d.enn was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlwh bloße Zergliederung der Begriffe ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der eigentlichen Metaphysik, nämlich seine Erkenntnis apriori synthetisch zu erweitern, und ist zu diesem untauglich, weil sie bloß zeigt, 20 was in diesen Begriffen enthalten ist, nicht aber, wie wir apriori zu solchen Begriffen gelangen, um danach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der Gegen Istände aller Er- (B 24) kenntnis überhaupt bestimmen zu können. Es gehört auch nur wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben, da die nicht abzuleugnenden und im dogmatischen Verfahren auch 'Unvermeidlichen Widersprüche du Vernunft mit sich selbst iede bisherige Metaphysik schon längst um ihr Ansehen gebracht hohen. Mehr Standhaftigkeit wird dazu nötig sein, sich durch die Schwierigkeit innerlich und den Wide,'stand 30 äußerlich nicht ohhalten zu lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissenschaft, t'on der man wohl ieden hervorgeschossenen Stamm ohhauen, die Wurzel oher nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen ganz entgegengesetzte, Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen und fruchtbaren Wuchse zu befördern. 1) Grillo: "sondern bloß".
55 Einleitung [nach Ausgabe Al Aus diesem allen ergibt sich nun die Idee einer besondern Wissenschaft, die zur Kritik der reinen Ver(A 11) nunft I dienen könne. Es heißt aber jede Erkenntnis rein, die mit nichts Fremdartigen l ) vermischt ist. Besonders aber wird eine Erkenntnis schlechthin rein genannt, in die sich überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung einmischt, welche mithin völlig apriori möglich ist. Nun ist Vernunft das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis apriori an die Hand gibt. Daher ist 10 reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien etwas schlechthin apriori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Prinzipien sein, nach denen alle reinen Erkenntnisse apriori können erworben und wirklich zustande gebracht werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch überhaupt eine solche Erweiterung unserer Erkenntnis, und in wel20 chen Fällen sie möglich sei; so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doktrin, sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen würde wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich 30 nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unsern (A 12) Begriffen apriori von Gegenlständen überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den Anfang zu viel. Denn weil eine solche Wis1) Hartenstein: "Fremdartigem".
Einleitung [nach Ausgabe B] 55* VII. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft, unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft Aus diesem allem ergibt sich nun die Idee einer besonderen Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernt~nft heißen kann. Denn ist Vernunfti) das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis apriori an die Hand gibt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien, etwas schlechthin apriori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Prinzipien sein, nach denen alle I reinen Erkenntnisse apriori können erworben und wirklich zustande gebracht werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch hier überhaupt eine Erweiterung unserer Erkenntnis, und in welchen Fällen sie möglich sei; so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doktrin, sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen würde in Ansehung der Spekulation wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen 2), insofern diese apriori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für den Anfang noch zuviel. Denn, weil eine solche Wissenschaft sowohl die analytische Erkenntnis, als die synthetische apriori vollständig enthalten müßte, so ist sie, soweit es unsere Absicht betrifft, von zu weitem 1) Mellin: "Vernunft ist". 2) M ellin: "Gegenständen überhaupt". 10 (B 25) 20 30
56 Einleitung [nach Ausgabe A] sensehaft sowohl die analytische Erkenntnis, als die synthetische apriori vollständig enthalten müßte, so ist sie, insofern es unsere Absicht betrifft, von zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich nötig ist, um die Prinzipien der Synthesis apriori, als warum es uns nur zu tun ist, in ihrem ganzen Umfange einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin, sondern nur transzendentale Kritik nennen können, weil sie nicht 10 die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts aller Erkenntnisse apriori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo möglich, zu einem Organon, und, wenn dieses nicht gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchen allenfalls dereinst das vollstänständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer 20 Erkenntnis bestehen, sowohl analytisch, als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich schon zum voraus daraus ermessen, daß hier (A 13) nicht die Natur der Dinge, welche unerschöpflich I ist, sondern der Verstand, der über die Natur der Dinge urteilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkenntnis apriori den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen 30 dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann, und allem Vermuten nach klein genug ist, um vollständig aufgenommen, nach seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter richtige Schätzung gebracht zu werden.
Einleitung [nach Ausgabe B] 56* Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich notwendig ist, um die Prinzipien der Synthesis apriori, als warum es uns nur zu tun ist, in ihrem ganlzen Umfange einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin, sondern nur transzendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts aller Erkenntnisse apriori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo möglich, zu einem Organon, und wenn dieses nicht gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem allenfalls dereinst das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen, sowohl analytisch als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge, welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der über die Natur der Dinge urteilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkenntnis apriori, den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann, und allem Vermuten nach klein genug ist, um vollständig aufgenommen, nach seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter richtige Schätzung gebracht zu weriden. (B 26) 10 20 Noch weniger darf man hier eine Kritik der Bücher und Systeme der reinen Vernunft erwarten, sondern die des reinen Vernunft'IJermiigens selbst1 ). N wr allein, wenn diese zum Grunde liegt, hat man einen sicheren PrObierstein, den philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen; widrigenfalls beurteilt der unbefugte Geschichtsschreiber und Richter grundlose Behauptungen anderer, dwrch seine eigenen, die ebenso grundlos sind. 1) Erdmann: Vgl. hierzu den Satz in der Vorrede zur ersten Ausgabe (S.8, Z. 11), dessen etwas veränderter Abdruck er ist. (B 27)
57 Einleitung [nach Ausgabe A] II. Einteilung der Transzendental-Philosophie Die Transzendental-Philosophie ist hier nur eine Idee, wozu 1) die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d. i. aus Prinzipien entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheh aller Stücke, die dieses Gebäude ausmacht. Daß diese Kritik nicht schon selbst Transzendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche 10 Analysis der ganzen menschlichen Erkenntnis apriori enthalten müßte. Nun muß zwar unsere Kritik allerdings auch eine vollständige Herzählung aller Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntnis ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Begriffe selbst, wie auch der vollständigen Rezension der daraus abgeleiteten, enthält sie sich billig, teils weil diese Zergliederung nicht zweck(A 14) , mäßig wäre, indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis angetroffen wird, um deren 20 willen eigentlich die ganze Kritik da ist, teils, weil es der Einheit des Planes zuwider wäre, sich mit der Verantwortung der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht doch überhoben sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als der Able:tung aus den künftig zu liefernden Begriffen apriori, ist indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche Prinzipien der Synthesis da sind, und ihnen in Ansehung dieser wesentlichen Absicht nichts 80 ermangelt. Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie 1) Grillo: "zu der".
Einleitung [nach Ausgabe B] 57* Die Transzendental- Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu 1) die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d. i. aus Prinzipien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. S'te ist das System aller Prinzipien der reinen Vernunft. Daß diese Kritik nicht schon selbst Transzendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der ganzen menschlichen Erkenntnis apriori enthalten müßte. Nun muß zwar unsere Kritik allerdings auch eine vollständige Herzählung aller Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntnis ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Begriffe selbst, wie auch der vollständigen Rezension der daraus abgeleiteten, enthält sie sich billig, teils weil diese Zergliederung nicht zweckmäßig wäre, I indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis angetroffen wird, um deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist, teils, weil es der Einheit des Planes zuwider wäre, sich mit der Verantwortung der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht doch überhoben sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als der Ableitung aus den künftig zu liefernden Begriffen apriori, ist indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche Prinzipien der Synthesis da sind, und in Ansehung dieser wesentlichen Absicht nichts ermangelt. Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie 1) Grillo: "zu der". 10 (B 28) 20 30
58 Einleitung [nal,:h Ausgabe A] ist die vollständige Idee der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst, weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis apriori erforderlich ist. Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas Empirisches in sich enthalten, oder daß die Erkenntnis apriori völlig rein 10 sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität, und die Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse (A 10) a P!iori sind, I so gehören sie doch nicht in die Transzendental-Philosophie, weil die Begriffe der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür usw., die insgesamt empirischen Ursprunges Bind, dtibei voraUSgesetzt werden müßten. Daher ist die TranszendentalPhilosophie eine Weltweisheit der reinen bloß spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern es Bewegungsgründe enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche 20 zu empirischen Erkenntnisquellen gehören. Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Hauptteile würde seine Unterabteilung haben, deren Gründe sich gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung oder Vorerinnerung nötig zu sein, daß es zwei Stämme SO der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich, Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen apriori enthalten sollte, welche
Einleitung [nach Ausgabe B] 58* ist die vollständige Idee der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst; weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis apriori erforderlich ist. Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas Empirisches in sich enthalten; oder daß die Erkenntnis apriori völlig rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Mora- 10 lität und die Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse apriori sind, so gehören sie doch nicht in die Transzendental- Philosophie, weil sie die Be Jg1;,tfe der (B 29) Lust und Unlttst, der Beg·ierden und Neigungen usw., die insgesamt empirischen Ursprungs sind, zwar selbst nicht Z1tm Grunde ihrer Vorschriften legen 1), aber doch im Begriffe der Pflicht, als Hindernis, das überwunden, oder als Anreiz, der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden soll, notwendig in die Abfas8ung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen müssen. Daher ist die 20 Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit der reinen bloß spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern es Triebfedern enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Erkenntnisquellen gehören. Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Hauptteile würde seine Unterabteilung 30 haben, deren Gründe sich gleichwohl hier noch nicht vonragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch 1) Valentiner: "ihren Vorschriften zum Grunde legen".
59 Einleitung [nach Ausgabe A] die Bedingungen ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, so würde sie zur Transzendental-Philo(A 16) sophie gehören. Die transzenldentale Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden.
59 * Einleitung [nach Ausgabe B] den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen apriori enthalten sollte, welche die Bedingung ausmachen, un/ter der uns Gegenstände (B BO) gegeben werden, so würde sie zur Transzendental-Philosophie gehören. Die transzendentale Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter welchen selbige ge10 dacht werden. Kaut, Kritik der reinen Vernunft. 6
Kritik der reinen Vernunft 1. Transzendentale Elementarlehre 6* (A 17) (B 31)

I Der transzendentalen Elementarlehre ~~~~ Erster Teil Die transzendentale Ästhetik § 11) Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis auf Gegenstände beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch sie sich auf dieselbe 2) unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns der Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum, uns Menschen wenigstens!), nur dadurch möglich, daß er das Gemüt auf gewisse Weise affiziere. Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. Alles Denken aber muß sich, es sei geradezu (direkte) oder im Umschweife (indirekte), vermittelst gewisser Merkmale 4 ), zuletzt auf Anschauungen, mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann. I Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir von demselben affiziert werden, ist I Empfindung. Diejenige Anschauung, welche sich 1) Die Paragrapheneinteilung fehlt in A. I) Kehrbach: "dieselben". 3) Fehlt in A. ~) Fehlt in A.; Kant (Nachträge XI): "wenn die Vorstellung nicht selbst an sich die Ursache des Objekts ist". 10 20 (B 34) (A20)
64 Elementarlehre. I. Teil auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, heißt empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung heißt Erscheinung. In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die Materie derselben, dasjenige aber, welches· macht, daß das Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann 1 ), nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich die Empfindungen allein ordnen, und 10 in gewisse Form gestellt werden können, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie aller Erscheinung nur aposteriori gegeben, die Form derselben aber muß zu ihnen insgesamt im Gemüte apriori bereitliegen, und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden. Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transzendentalen Verstande), in denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüte 20 apriori angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der Erscheinungen in gewissen Verhältnissen angeschaut wird. Diese reine Form der Sinnlichkeit (B3ll) wird auch selber reine I Anschauung heißen. So, wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was davon zur Empfindung (A21) gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, I Farbe usw. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und 30 Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die apriori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet. Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit apriori nenne ich die transzendentale Asthetik*). Es muß also eine solche Wissenschaft geben, *) Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, t) A: "geordnet, angeschaut wird".
Die transzendentale Ästhetik 65 die I den ersten Teil der transzendentalen Elementar- (B 36) lehre ausmacht, im Gegensatz mit!) derjenigen, welche die Prinzipien des reinen Denkens enthält, und transzendentale Logik genannt wird. In der transzendentalell Ästhetik also werden wir (A 22) zuerst die Sinnlichkeit isolieren, dadurch, daß wir alles absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung übrigbleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichts 10 als reine Anschauung und die bloße Form der Erscheinungen übrigbleibe, welches das einzige ist, das die Sinnlichkeit apriori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis apriori gebe, nämlich Raum und Zeit, mit deren Erwägung wir uns jetzt beschäftigen werden. was andere Kritik des Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreIDiche Analyst Baumgarten faßte, die kritische Beurteilung des Schönen unter Vernunftprinzipien zu bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren vornehmsten 2 ) Quellen nach bloß empirisch, und können also niemals zu bestimmten I) Gesetzen apriori dienen, wonach sich unser Geschmacksurteil richten müßte, vielmehr macht das letztere den eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersteren aus. I Um deswillen ist es ratsam, diese Benennung (B 36) entwedet4) wiederum eingehen zu lassen, und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist, (wodurch man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten würde, bei denen die Einteilung der Erkenntnis in alolhJ1:a ",ai 1'01]1:11 &) sehr berühmt war)II), oder sich in die Benennung mit der spektdativen Philosophie zu teilt» und die 1sthetik teils im transzendentalen Sinfle, teils in psychologischer Bedeutung zu nehmen 1). 1) Fehlt in B. 2) I) 4.) Fehlt in A. &) A: Jl1'01J1:a"; im übrigen fehlen im Original die Akzente. 8) Die ( ) fehlen in A. 1) Fehlt in A.
66 (B37) Elementarlehre. I. Teil. Transzendentale Ästhetik I Der transzendentalen Ästhetik Erster Abschnitt Von dem Raume § 2 10 (A 23) 20 (B 38) 30 Mdaphysische Erörterung dieses Begriffs 1) Vermittelst des äußeren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemüts), stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt im Raume vor. Darinnen ist ihre Gestalt, Größe und Verhältnis gegeneinander bestimmt, oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüt sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut, gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; allein es ist doch eine beistimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so daß alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig wie der Raum, als etwas in uns. Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an I der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese Prädikate gar keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den BC{P'iff des Baumes erÖ1'tern 2). Ich verstehe aber unter Erörterung (expositio) die deutliche (wenn gleich nicht ausführliche) VOTsteUung dessen, was zu einem Begriffe gehört; metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält, was den Begriff. als apriori gegeben, darstellt 3). 1) Die Bezeichnung "§ 2" und die überschrift "Metaphysische EriJ1·te,-wng dieses Be,qriffs" fehlt in A. 2) A: "zue'l'st den Baum betracMen". I) Fehlt in A.
I. Abschnitt. Von dem Raume 67 1. Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen abgezogen worden. Denn damit gewiße Empfindungen auf etwas außer mich 1 ) bezogen werden, (d. i. auf etwas in einem anderen Orte des Raumes, als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer- und neben 2)einander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes nicht aus den Verhältnissen der äußeren Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererst möglich. I 2. Der Raum ist eine notwendige Vorstellung apriori, die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angeltroffen werden. Er wird also als die Bedingung der Möglichkeit der 3 ) Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung apriori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt4). 1) Mellin: "mir". 2) "und neben" fehlt in A. 8) Vaihinger (Komm. H. 192) konstatiert hier eine kleine Ungenauigkeit des Textes, indem Kant vor "Erscheinungen" das Adj. "äußeren" weggelassen habe. 4.) Hiernach kommt in A folgender Absatz: ,,3. Auf diese Notwendigkeit apriori gründet sich die apodiktische Gewi'heit aller geometrischen Grundsätze, und die Möglichkeit ihrer Konstruktionen apriori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raumes ein aposteriori erworbener Beg"itf, der aus der allgemeinen äu'eren Erfahrung geschöpft wäre, so wü'l'den die ersten Grundsätze der mathematischen Bestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten also alle Zufälligkeit der Wahrnehmung, und es wäre eben nicht notwendig, da' zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrung WÜ'l'de es 80 jederzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hat auch nU'l' kompat'ative Allgemeinheit, nämlich durch Induktion. Man würde also nur sagen können, 80 viel zur Zeit noch bemerkt 10 (A 24) (B 39) 20
Elementarlehre. I. Teil. Transzendentale Ästhetik 68 3.1 ) Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge (A25) I überhaupt, sondern eine reine Anschauung. Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter nur Teile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Teile können auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessen Bestandteile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei) 10 vorhergehen, sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhaupt, beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehung seiner eine Anschauung apriori (die nicht empirisch ist) allen Begriffen von demselben 2 ) zum Grunde liegtS). So werden auch alle geometrischen Grundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammen größer sind, als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern 20 aus der Anschauung und zwar apriori mit apodiktischer Gewißheit abgeleitet. 4. 4 ) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Gröpe Nun mup man ZWQl1' einen jeden Belgriff als eine Vorstellung denken, die in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen V OTsteZlungen (als iM gemeinschaft· (B 40) vorgeateUt. w01'den, ist kein Raum gefunden worden, der mehr als drei. Abmessungen hätte". Diese Bestimmungen finden sich etwas anders gefaßt und weiter ausgeführt in der zweiten Ausgabe zu Anfang des § 3. 1) A: ,,4)". I!) A: "denselben". 3) A: "liege". 4) Der Abschnitt 4 lautet in A: ,,5. Der Raum wird als eine unendliche Gra'e gegeben vor,qesteUt. Ein allgemeiner Begriff vom Raum (der sowohl in dem~) FufJe, als einer EUe gemein ist,) kann in Ansehung der Grö'e nichts bestimmen. Wäre es nicht die Grenzenlosigkeit im Fortgange der Anschauung, so würde kein Begriff von Verhältnissen ein Principium der Unendlichkeit derselben bei sich führen". ~) Kehrbach: "einem".
1. Abschnitt. Von dem Raume 69 liche8 MeTkmal) enthalten ist, mithin diese unte'l' sich enthält; abeT kein Begriff, als ein solche'l', kann so gedcwht we'l'den, als ob e;r eine unendliche Menge oon VO'1'stellungen in sich enthielte. Gleichwohl wi'I'd de:r Raum so gedacht (denn alle Teile des Raumes im Unendliche Bind zugleich). Also ist die U'/'8'[J'1'Üngliche Vorstellung vom Raume Ans chauung apriori, und nicht Begriff. § 3 1) Transzendentale Erörterung des Begriffs vom Raume Ich ve;rstehe unte;r eine;r tranuendentalen ETörteTung 10 die Erklätrung eines Begriffes, als eines Prinzips, WO'1'aus die Möglichkeit anderer synthetischeT Erkenntnisse a priori eingesehen we;rden kann. Zu diese;r Absicht wird e;rfO'1'derl, 1) daß wi'l'klich deTgleichen Erkenntnisse aus dem gegebenen Begriffe heTfließen, 2) daß diese ETkenntnisse nU'I' unte;r de:r VO'1'aussetzung eine;r gegebenen ETkZärungsart dieses Begriffs möglich Bind. Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigemchajten des Raumes synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die VO'1'stellung des Raumes denn sein, damit eine solche 20 Erkenntnis von ihm möglich sei! Er muß U'/'sP'1'ünglich Anechauung sein; denn aus einem I bloßen Begriffe lassen sich (B 41) keine Sätze, die übe;r den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch in de:r Geometrie geschieht (Einleitung V). Abe;r diese Amchauung muß apriori, d. i. 110'1' alleT Wahrnehmung eines Gegemtanaes, in um anget'l'offen we;rden, mithin Teine, nicht empirische Amchauung sein. Denn die geometrischen Sätze sind imgesamt apodiktisch, d. i. mit dem BeWUßtsein ihreT Notwendigkeit veTbunden, z. B. de;r Raum hat nU'/' drei Ab. messungen; de:rgleichen Sätze abe;r können nicht empiTische 30 ode:r Erfahrungsurleile sein, noch aus ihnen geschlossen we;rden (Einleitung IIP> Wie kann nun eine äuße;re Amchauung dem Gemüte bei· wohnen, die VO'1' den Objekten selbst VO'1'he'I'geht, und in weleheT de:r Begriff de:r letzte;ren apriori bestimmt we;rden kann' OffenbaT nicht anders, als so fe;rn sie bloß im Subjekte, als 1) Dieser ganze Paragraph: ,,§ 3 Z) In dieser Ausgabe S. 39*. werden." fehlt in A.
70 Elementarlehre. I. Teil. Transzendentale Ästhetik die formale Beschaffenheit desselben, von Objekten affiziert zu werden, und dadurM unmittelba'l'e Vorstellung derselben d. i. Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form des äufJe'l'en Sinnes überhaupt. Also macht allein unsC'l'e Erklärung die M ö gli c h kei t de;r Geometrie als eineT synthetischen Erkenntnis apriori beg'l'eiflich. Eine jede Erklärungsatrt, die dieses nicht lieferl, wenn sie gleich dem Anscheine nach mit ihr einige Ähnlichkeit hätte, kann an diesen l ) Kennzeichen am sichersten von ihr 10 untC'l'schieden werden. (A26) (B42) I Schlüsse aus obigen Begriffen a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich, oder sie in ihrem Verhältnis auf 2)einander vor, d. i. keine Bestimmung derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung abstrahierte. Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht apriori 20 angeschaut werden. b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen äußerer Sinne, d. i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Rezeptivität des Subjekts, von Gegenständen affiziert zu werden, notwendigerweise vor allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht, so läßt sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen, mithin apriori im Gemüte gegeben sein könne, 30 und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden müssen, Prinzipien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten könne. Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom Raum, von ausgedehnten Wesen usw. reden. Gehen wir von der subjektiven Bedingung ab, 1) Hartenstein: "diesem". ') Valentiner: "zu".
I. Abschnitt. Von dem Raume 71 unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen können, so wie l ) wir nämlich von den Gegenständen affiziert werden mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raulme gar nichts. I Dieses Prädikat wird den Dingen nur insofern beigelegt, als sie uns erscheinen, d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Rezeptivität, welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine notwendige Bedingung aller Verhältnisse, darinnen Gegenstände als außer uns an· geschaut werden, und, wenn man von diesen Gegenständen abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohl sagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinen mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von welchem Subjekt man wolle. Denn wir können von den Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht ur· teilen, ob sie an die nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsere Anschauung einschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die Einschränkung eines Urteils zum Begriff des Subjekts hinzufügen, so gilt das Urteil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind nebeneinander im Raum, gilt nur 2 ) unter der Einschränkung, wenn S) diese Dinge als Gegenstände unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich hier die Bedingung zum Begriffe, und sage: Alle Dinge, als äußere Erscheinungen, sind nebeneinander im Raum, so gilt diese Regel allgemein und ohne Einschränkung. U nlsere Erörterungen lehren') demnach I die Realität (d. i. die objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich 1) Adickes: "sofern". Z) "nur" ist in B gestrichen. 3) Valen tiner: "daß". ') Die 4. Auflage: "Erörterung lehrt". B43 ~A27~ 10 20 30 (B 44) (A2B)
72 Elementarlehre. I. Teil Transzendentale Ästhetik die Idealität des Raumes in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die Vernunft an sich selbst erwogen werden, d. i. ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirische Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren Erfahrung), ob zwar zugleich!) die transzendentale Idealität desselben, d. i. daß er nichts sei, sobald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung weglassen, und ihn als etwas, was 10 den Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen. Es gibt aber auch außer dem Raum keine andere subjektive und auf etwas Äußeres bezogene Vorstellung, die apriori objektiv heißen könnte. Denn man kann von keine'l' de'l'8elben synthetische Sätze a p'l'iO'1'i, wie von de'l' Anschauung im Baume, he'l'leiten § 3. Dahe'l' ihnen, genau zu reden, ga'l' keine Idealität 2) zukommt, ob sie gleich da'l'in mit de'I' VO'1'stellung des Baumes tibC'l'einkommen, daß sie bloß zur subjektiven Beschaffenheit de'l' Sinnesa'l't gehö'l'en, z. B. des Gesichts, Gehö'I's, Gefühls, durch 20 die Empfindungen de'l' Fa'I'ber Töne und Wä'I'me, die aber, weil sie bloß Empfindungen und nicht Anschauupgen sind. an sich kein Obiekt. am wenigsten a p'l'iO'1'i, erkenn:n lassen·). 1) "zugleich" 1st aus A übernommen; Grillo: "ob wir zwar"; in Kants Handexemplar "aber auch zugleich". Z) Laas: "Realität". I) Statt der Sätze "Denn man kann - C'l'kennen lassen" hat A folgendes: "DaAer diese subjektive Bedingung aller o,ufJeren Erscheinungen mit keiner andC'l'en kann verglichen WC'1'den. Der Wohlgeschmack eines Weines gehört nicht zu den objektiven Bestimmungen des Weines, mithin eines Objektes sogar als Er· scheinung betrachtet, sondern zu der besonderen Beschaffenheit des Sinnes an dem Subjekte, was ihn genielt. Die Farben Bind nicht Beschatfenheiten dC'l' K(jrper, deren Anschauung sie anhängen, sondern auch nur Modifikationen des Sinnes des Gesichts, welches vom Lichte auf gewiBBe Weise affizierl wird. Dagegen geh(Jrl der Baum, als Bedingung o,uflerer Objekte, notwendigerweiBe zur Erscheinung oder Anschauung derselben. Geschmack und Farben (A 29) rind gar nicht notwendige I Bedingungen, unter welchen die Gegenstände allein für uns Objekte der Sinne werden k(Jnnen. Sie Bind nur als zufäUig beigefügte Wirkungen der besondern Organisation mit der Erscheinung verbunden. Daher Bind sie auch keine VO'1'-
I. Abschnitt. Von dem Raume 73 I Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man die behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, Geschmack usw. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloß als Veranderungen unseres Subjekts, die sogar bei verschiedenen Menschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem Falle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z. B. eine Rose, im empirischen Verstande für ein Ding an sich selbst, welches doch I jedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der transzendentale Begriff der Erscheinungen im Raume eine kritische Erinnerung, daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eine Sache an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen etwa an sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die Gegenstände an sich gar nicht bekannt sind, und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts anderes als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sind, deren Form der Raum ist, deren wahres Korrelatum aber, d. i. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung niemals gefragt wird. stellungen apriori, sondern auf Empfindung, der Wohlgeschmack aber sogar auf Gefühl (der Lust und Unl'U8t) als einer Wi,.kun.9 der Empfindung gegründet. Auch kann niemand apriori weder eine VOf'steZlung einer Fa,.be, noch irgendeines Geschmacks haben: der Baum abe,. betrifft nm- die reine Form der Anschauung, schliept also gar keine Empfindung (nichts Empirisches) in sieh, und alle Arten und Bestimmungen des Raumes kannen und müssen sogar a pricn-i "Of'gesteUt werden Mnnen I teenn Begriffe der Gestalten sowohl, als Verhältnisse entstehen sollen. Durch denselben ist es allein möglich, dafJ Dinge fillr uns äupere Gegenstände Bind". (B 45) 10 (A 30) 20
Elementarlehre. I. Teil. Transzendentale Ästhetik 74 I Der transzendentalen Ästhetik (B 46) Zweiter Abs chnitt Von der Zeit § 4 Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit I) Die Zeit ist 1 2) kein empirischer Begriff, der irgend von einerS) Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung 10 der Zeit nicht apriori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung kann man sich vorstellen, daß einiges zu einer und derselben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nacheinander) sei. (A 31) I 2. Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also apriori gegeben. In ihr allein ist alle Wirklich20 keit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit,)') kann nicht aufgehoben werden. (B 47) I 3. Auf diese Notwendigkeit apriori gründet sich auch die Möglichkeit apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit, oder Axiomen von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander (so wie verschiedene Räume nicht nacheinander, sondern zu30 gleich sind). Diese Grundsätze können aus der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder strenge Allgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit I) Zusatz der Ausgabe B. I) Zusatz von B. In A steht die Ziffer über dem Text. S) Vorländer: "von irgend einer". ~) Die () sind Zusatz von B.
11. Abschnitt. Von der Zeit 75 geben. Wir würden nur sagen können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sich verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt Erfahrungen möglich sind'), und belehren uns vor derselben, und nicht durch dieselbe 2). 4. Die Zeit ist kein diskursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene Zeiten sind nur Teile I eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung. Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch, und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er ist also in der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten. 5. Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle bestimmte Größe der Zeit nur durch I Einschränkungen einer einigen zum Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche Vorstellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Teile selbst, und jede Größe eines Gegenstandes, nur durch Einschränkung bestimmt vorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein, (denn die enthalten nur Teilvorstellungen,)3) sondern es muß ihnen 4) unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen. (A32) 10 (B 48) 20 § 56) Transzendentale Erörterung des Begriffs der Zeit Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 8 ) berufen, wo ich, um 30 kurz zu sein, daß, Waß eigentlich tranazendental ißt, unter die 1) Vorländer: "Erfahrung möglich ist". 2) Die 3. Ausgabe: "von derselben und nicht durch dieselbe"; Rosenkranz: "vor denselben, und nicht durch dieselben"; Kehrbach: "vor denselben und nicht durch dieselbe". 8) A: ("denn da gehen die TeilvQrstellungen vorher"). 4) A: "ihre"; Erdmann: "ihr". 5) Der ganze § [) ist Zusatz von B. 8) Mellin: ,,§ 4 Nr.3". Kant, Kritik der reinen Vemunft. 7
76 Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik Artikel der metaphysischen Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß der Begriff der Veränderung und, mit ihm, der Begriff der Bewegung (als Veränderung des Orts) nur durch und in der ZeitvorsteUung möglich ist: daß, wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) apriori wäre, kein Begriff, welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d. i. einer Verbindung kontradiktorisch entgegengesetzter Prädikate (z.B. das Sein an einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben Orte) in einem und demselben 10 Objekte begreiflich machen könnte. Nur in der Zeit können (B 49) beide kontradikto I risch. entgegengesetzte Bestimmungen in einem Dinge, nämlich nacheinander, anzutreffen sein. Also erklärt unser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntnis 1 ) apriori, als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt. § 6 2) Schlüsse aUs diesen Begriffen a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objektive Bestimmung an20 hinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre. (A33) Was aber das I zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, und apriori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. DieseS) letztere findet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die 30 subjektive Bedingung ist, unter der alle 4 ) Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann diese Form der inneren Anschauung vor den Gegenständen, mithin apriori, vorgestellt werden. b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d. i. des Anschauens unserer selbst und 1) Erdmann: "Erkenntnisse". 2) Die Bezeichnung ,,§ 6" fehlt in A. 8) Grillo: "Dieses". 4) Erdmann: "allein".
II. Abschnitt. Von der Zeit 77 unseres inneren Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört welder zu einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen be- (B 00) stimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben weil diese innere Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension ist, und schließen 10 aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen, daß die Teile der ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken lassen. I c) Die Zeit ist die formale Bedingung apriori aller (A34) Erscheinungen überhaupt. Der Raum, als die reine Form aller äußeren Anschauung ist als Bedingung 20 apriori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt. Dagegen, weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande haben, oder nicht, doch' an sich selbst, als Bestimmungen des Gemüts, zum inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber, unter der formalen l ) Bedingung der inneren Anschauung, mithin der 2 ) Zeit gehört, so ist die Zeit eine Bedingung apriori von aller Erscheinung überhaupt, und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen)3) und eben dadurch mittelbar auch der äußeren Erschei- 30 nungen. I Wenn ich apriori sagen kann: alle äuße- (B 51) ren Erscheinungen sind im Raume, und nach den Verhältnissen des Raumes apriori bestimmt, so kann ich aus dem Prinzip des inneren Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen überhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit, und stehen notwendigerweise in Verhältnissen der Zeit. Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich 3) 1) Valentiner: "die formale". Kehrbach: "Seele". 2) Valen tiner: "die".
78 (A 36) 10 (B 62) 30 (A 36) Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik anzuschauen, und vennittelst dieser Anschauung auch alle äußeren Anschauungen in der Vorstellungskraft zu befassen, abstrahieren, und mithin die Gegenstände nehmen, so wie sie an sich selbst :sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie ist nur von objektiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unserer Sinne annehmen; aber sie ist nicht mehr I objektiv, wenn man von der Sinnlichkeit unserer Anschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigentümlich ist, abstrahiert, und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also lediglich eine subjektive Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung, (welche jederzeit sinnlich ist, d. i. sofern wir von Gegenständen affiziert werden,) und an sich, außer dem Subjekte, nichts. Nichtsdestoweniger ist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns in der Erfahrung vorkommen können, notwendigerweise objektiv. Wir können nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff· der Dinge I überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahiert wird, diese aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellung der Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffe hinzugefügt, und es heißt!): alle Dinge, als Erscheinungen (Gegenstände der sinnlichen Anschauung), sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seine gute objektive Richtigkeit und Allgemeinheit apriori. Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, d. i. objektive Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals unseren Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegen bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da 2 ) sie nämlich, auch ohne auf die I Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge. Solche Eigen1) Görland: "und heißt es". 2) Valentiner: "daß"
H. Abschnitt. Von der Zeit 79 schaften, die den Dingen an sich zukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also die transzendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn man von den subjektiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahiert, gar nichts ist, und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältnis auf unsere Anschauung) weder subsistierend noch inhärierend beigezählt werden kann. Doch ist diese Idealität, ebenIsowenig wie die (B 53) des Raumes, mit den Subreptionen der Empfindung 10 in Vergleichung zu stellen, weil man doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädikate inhärieren, voraussetzt, daß sie objektive Realität habe, die hier gänzlich wegfällt, außer, sofern sie bloß empirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloß als Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts nachzusehen ist. § 7 1) Erläuterung Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht, aber die absolute und transzendentale bestreitet, habe ich von einsehenden Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich daraus abnehme, er müsse sich natürlicherweise bei jedem Leser, dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also 2) : Veränderungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel I unserer eigenen Vorstellungen, wenn man gleich alle äußeren Erscheinungen, samt deren Veränderungen, leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit möglich, folglich ist die Zeit etwas ·Wirkliches. Die Beantwortung hat keine Schwierigkeit. Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren Erfahrung, d. i. ich habe wirklich die Vorlstellung von der Zeit und meinen S ) Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirk1) Die Bezeichnung ,,§ 7" fehlt in A. I) A: ,,80". I) A: "meiner". 20 (A 37) 30 (B 54)
80 Elementarlehre. 1. Tei.1. Transzendentale Ästhetik lieh nicht 1) als Objekt, sondern als die Vorstellungsart S) m~iner selbst als Objekts anzusehen. Wenn aber ich selbst, oder ein ander Wesen mich, ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch der Veränderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische Realität als Bedingung aller unserer Er10 fahrungen. Nur die absolute Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden. Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung*). Wenn man von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so verschwindet auch der Be(ASS) griff der Zeit, und sie hängt nicht an den I Gegenständen selbst, sondern bloß am Subjekte, welches sie anschaut. Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht wird, und zwar von denen, die gleich20 wohl gegen die Lehre von der Idealität des Raumes (B (5) nichts I Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die Wirklichkeit äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist: dagegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne (meiner selbst und meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten ein bloßer Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, unleugbar 30 etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, da das Objekt *) Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das heißt nur, wir sind uns ihrer, als in einer Zeitfolge, d. i. nach der Form des inneren Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht etwas an sich selbst, auch keine den Dingen objektiv anhängende Bestimmung. 1) Adickes: "also als wirklich nicht"; Erdmann: "also wirklich, nicht". S) Kehrbach: "Vorstellung".
II. Abschnitt. Von der Zeit 81 an sich selbst betrachtet wird, (unangesehen der Art, dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit problematisch bleibt,) die andere, da auf die Form der Anschauung dieses Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an sich selbst, sondern im Subjekte, dem derselbe erscheint, gesucht werden muß, gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes wirklich und notwendig zukommt. Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen, aus denen apriori verschiedene sYnthetische Erkenntnisse I geschöpft werden können, wie vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel I gibt. Sie sind nämlich beide zlisammengenommen reine Formen aller sinnlichen Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze apriori möglich. Aber diese Erkenntnisquellen apriori bestimmen sich eben dadurch (daß sie bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich, daß sie bloß auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen betrachtet werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene allein sind das Feld ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, weiter kein objektiver Gebrauch derselben stattfindet. Diese Realität 1) des Raumes und der Zeit läßt übrigens die Sicherheit der Erfahrungserkenntnis unangetastet: denn wir sind derselben ebenso gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst, oder nur unserer Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhängen. Dagegen die, so die absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten, sie mögen sie nun als subsistierend, oder nur inhärierend annehmen, mit den Prinzipien der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn, entschließen sie sich zum ersteren, (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen Naturforscher ist,) so müssen sie zwei ewige und unendliche für sich bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles 'Wirkliche in 1) Laas: "Idealität" (vgl. bes. Vaihinger Komm. 11,412); Erdmann (Ak.) = Diese bloß empirische, nicht absolute Realität. 10 (A 39) (B 56) 20 80
82 (A40) (B 57) 10 20 ~~ ~~~ Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik sich zu befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von I der einige metaphysische Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der Erfahrung abstrahierte, obzwar I in der Absonderung verworren vorgestellte, Verhältnisse der Erscheinungen (neben- oder nacheinander), so müssen sie den mathematischen Lehren apriori in Ansehung wirklicher Dinge (z. E. im Raume) ihre Gültigkeit, wenigstens die apodiktische Gewißheit bestreiten 1), indem diese aposteriori gar nicht stattfindet, und die Begriffe apriori von Raum und Zeit, dieser Meinung nach, nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind, deren Quell wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren abstrahierten Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restriktionen, welche die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das Feld der Erscheinungen freimachen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, nämlich, daß die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen, wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloß im Verhältnis auf den Verstand urteilen wollen; können aber weder von der Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse apriori (indem ihnen eine wahre und objektiv gültige Anschauung apriori fehlt) Grund 2) angeben, noch die Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in I notwendige Einstimmung bringen. In unserer Theolrie, von der wahren Beschaffenheit dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit, ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen. Daß schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr, als diese zwei Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst der der Bewegung, 1) A: "streiten". 2) Valentiner: "den Grund".
11. Abschnitt. Von der Zeit 83 welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches voraussetzen. Denn diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem voraus. Im Raum, an sich selbst betrachtet, ist aber nichts Bewegliches: daher das Bewegliche etwas sein muß, was im Raume nur durch Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Ebenso kann die transzendentale Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung unter ihre Data apriori zählen: denn die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu die 10 Wahrnehmung von irgendeinem Dasein, und der Sukzession seiner Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert. 1§8~ ~5~ Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Asthetik LS) Zuerst wird es nötig sein, uns so deutlich, als möglich, zu erklären, was in Ansehung der Grundbeschaflfenheit der sinnlichen Erkenntnis überhaupt (A42) unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben 20 vorzubeugen. Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt oder auch nur die subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja selbst Raum 30 und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existieren können. Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts, als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch 1) Die Bezeichnung ,,§ 8" fehlt in A. 2) Die Bezeichnung ,,1." fehlt in A.
84 (B 60) 10 (A 43) 20 30 (B 61) Elementarlehre. I. Teil. Transzendentale Ästhetik nicht notwendig jedem Wesen, obzwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir es lediglich zu tun. Raum und Zeit sind die I reinen Formen derselben, Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein apriori, d. i. vor aller wirklichen Wahrnehmung erkennen, und sie heißt darum reine Anschauung; diese aber ist das in unserem Erkenntnis, was da macht, daß sie 1) Erkenntnis a posteriorl. d. i. empirische Anschauung heißt. Jene hängen unserer Sinnlichkeit schlechthin notwendig an, welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen; diese I können sehr verschieden sein. Wenn wir diese unsere Anschauung auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit bringen könnten, so würden wir dadurch der Beschaffenheit der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn wir würden auf allen Fall doch nur unsere Art der Anschauung, d. i. unsere Sinnlichkeit vollständig erkennen, und diese immer nur unter den, dem Subjekt ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Raum und Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen, würde uns durch die aufgeklärteste Erkenntnis der Erscheinung derselben, die uns allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden. Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an sich selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen und Teilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein auseinander setzen, ist eine Verfälschung des Begriffs von Sinnlichkeit und von Erscheinung, welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer macht. Der Unterschied einer undeutlilchen von der deutlichen Vorstellung ist bloß logisch, und betrifft nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht, dessen sich der gesunde Verstand bedient, ebendasselbe, was die subtilste Spekulation aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesen S) Gedan1) Erdmann: "es". S) 4. Ausgabe: "diesem".
11. Abschnitt. Von der Zeit 85 ken nicht bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine Begriff sinnlich sei, und eine bloße Erscheinung I enthalte, denn das Recht kann gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande, und stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas, und die Art, wie wir dadurch affiziert werden, und diese Rezeptivität unserer Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit, und bleibt von der Erkenntnis des Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, dennoch himmelweit unterschieden. Die Leibniz-Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit vom Intellektuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar transzendental ist, und nicht bloß die Form der Deutlichlkeit oder Undeutlichkeit, sondern den Ursprung und den Inhalt derselben betrifft, so daß wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge an sich selbst nicht bloß undeutlich, sondern gar nicht erkennen, und, sobald wir unsere subjektive Beschaffenheit wegnehmen, das vorgestellte Objekt mit den Eigenschaften, die ihm die sinnliche Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch angetroffen werden kann, indem eben diese subjektive Beschaffenheit die Form desselben, als Erscheinung, bestimmt. I Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der Anschauung derselben wesentlich anhängt, und für jeden menschlichen Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälligerweise zukommt, indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt, sondern nur auf eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder jenes Sinnes gültig ist l ). 1) Erdmann: "für die Vorländer: "für die ... auf der ... für eine ... gültig"; für eine ... gültig". (A44) 10 20 (B 62) 30 (A4&)
Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik 86 10 (B 63) 20 (A46) 30 Und da nennt man die erstere Erkenntnis eine solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. Bleibt man dabei stehen, (wie es gemeiniglich geschieht,) und sieht jene empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als bloße Erscheinung an, so daß darin gar nichts, was irgendeine Sache an sich selbst anginge, anzutreffen ist, so ist unser transzendentaler l ) Unterschied verloren, und wir glauben alsdann doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich überall (in der Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforlschung ihrer Gegenstände mit nichts, als Erscheinungen, zu tun haben. So werden wir zwar den Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen 2 ) nennen, diesen Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig ist, sofern wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, als das, was in der allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen, doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen wir aber dieses Empirische überhaupt, und fragen, ohne uns an die Einstimmung I desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch dieses 3) einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, denn die sind dann schon, als Erscheinungen, empirische Objekte,) vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transzendental, und nicht allein diese Tropfen sind bloße Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum, in welchen sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern bloße Modifikationen, oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung, das transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt. Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, ~oddern so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie A: "transzendentale". 2) Grillo: "Sonnenregen". 3) Vorländer: "ob dieses auch". 1)
11. Abschnitt. Von der Zeit 87 gefordert werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgendeinen Fall wählen, woran dessen 1) Gültigkeit augenlscheinlich werden und zu mehrer Klarheit dessen, was § 3 angeführt worden, dienen 2) kann. Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich erstlich: daß von beiden apriori apodiktische und synthetische Sätze in großer Zahl vornehmlich vom Raum vorkommen, welchen wir darum vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der Geometrie synthetisch apriori und S) mit apodiktischer I Gewißheit erkannt werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf stützt sich unser Verstand, um zu dergleichen schlechthin notwendigen und allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer Weg, als durch Begriffe oder durch Anschauungen; beide 4 ) aber, als solche, die entweder apriori oder aposteriori gegeben sind. Die letzteren, nämlich empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen, die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als nur einen solchen, der auch bloß empirisch, d. i. ein Erfahrungssatz ist, mithin niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten kann, dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie ist. Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen apriori zu dergleichen Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus bloßen Begriffen gar keine synthetische Erkenntnis, sondern lediglich analytische erlangt werden I kann. Nehmet nur den Satz: daß durch zwei gerade Linien sich gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur möglich sei, und versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, daß aus drei ~) Adickes: "deren". 2) Zusatz von B. 3) Erdmann: d. i. "synthetisch apriori sind und deshalb". ') A: "beides" (B 64) 10 (A47) 20 30 (B 6&)
88 Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik geraden Linien eine Figur möglich sei, und versucht es ebenso bloß aus diesen Begriffen. Alle eure Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genötigt, zur Anschauung eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit tut. Ihr gebt euch also einen Ge(A48) genstand in der Anlschauung; von welcher Art aber ist diese, ist es eine reine Anschauung apriori oder eine empirische? Wäre das letzte, so könJ;lte niemals ein allgemeingültiger, noch weniger ein apodiktischer Satz 10 daraus werden: denn Erfahrung kann dergleichen niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand apriori in der Anschauung geben, und auf diesen euren synthetischen Satz gründen. Läge nun in euch nicht ein Vermögen, apriori anzuschauen; wäre diese subjektive Bedingung der Form nach nicht zugleich die allgemeine Bedingung apriori, unter der allein das Objekt dieser (äußeren) Anschauung selbst möglich ist; wäre der Gegenstand (der Triangel) etwas an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt: wie könntet ihr sagen, daß, 20 was in euren subjektiven Bedingungen einen Triangel zu konstruieren notwendig liegt, auch dem Triangel an sich selbst notwendig zukommen müsse? denn ihr könntet doch zu euren Begriffen (von drei Linien) nichts (B 66) neues (die Figur) hinzufügen, welches I darum notwendig an dem Gegenstande angetroffen werden müßte, da dieser vor eurer Erkenntnis und nicht durch dieselbe gegeben ist. Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer Anschauung, welche Bedingungen apriori enthält, unter denen allein Dinge 30 für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne diese subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr apriori ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es ist also ungezweifeIt gewiß, und nicht bloß möglich, oder auch wahr(A49) scheinllich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen aller (äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen aller unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art 40 gegebene Dinge sind, von denen sich auch um des-
H. Abschnitt. Von der Zeit 89 willen, was die Form derselben betrifft, vieles apriori sagen läßt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag. II.I) Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren sowohl als inneren Sinnes, mithin aller Objekte der Sinne, als bloßerErscheinungen, kann vorzüglich die Bemerkung dienen: daß alles, was in umerem Erkenntnis zur Amchauung gehört, (also Gefühl der Lust und Unlust, und den WiUen, die gar nicht Erkenntnisse sind, ausgenommen,) nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Orter in einer Anschauung (A usdehnung), I Veränderung der Orter (Bewegung), und Gesetze, nach denen diese Veränderung besMmmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in demOrte gegenwärtig sei, oder was es außer der Ortsveränderung in den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch bloße Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu urteilen, daß, da um durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnisvorstellungen gegeben werden, dieser auch nur das Verhältnis eines Gegemtandes auf das Subjekt in seiner Vorstellung enthalten könne, und nicht das Innere, was dem Objekte an sich zukommt. Mit der inneren Amchauung ist es eben so bewandt. Nicht allein, daß darin die Vorstellungen äußerer Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir umer Gemüt besetzen, sondern die Zeit, in die wir diese Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewußtsein derselben in der Erfahrung vorhergeht, und als formale Bedingung der Art, wie wir sie im Gemüte setzen, zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse des Nacheinander-, des Z'U{Jleichseim und dessen, was mit dem N acheinandersein z'U{Jleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, was, als Vorstellung, vor aller Handlung irgend etwas zu denken, vorhergehen kann, die Amchauung, und, wenn sie nichts als Verhältnisse enthält, die Form der Amchauung, welche, da sie nichts vorstellt, außer so fern etwas im Gemüte gesetzt wird, nichts anderes sein kann, als die Art, wie das Gemüt durch eigene TäMgkeit, nämlich dieses I Setzen ihrer 2 ) Vorstellung, 1) Die folgenden Abschnitte: H., HI., IV. und: Beschluß der transzendentalen Ästhetik fehlen in A. 2) Kehrbach: "seiner". 10 (B 67) 20 30 (B 68)
90 Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik mithin dwrch sich seUJst affiziert wird, d. i. ein innerer Sinn seiner Fcwm nach. AUes, was dwrch einen Sinn fJorgestellt wird, ist so fern jederzeit Erscheinung, und ein innerer Sinn würde also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen, oder das SulYjekt, welches der Gegenstand desselben ist, würde dwrch denselben nwr als Erscheinung oorgesteUt werden können, nicht wie es von sich selbst urteilen würde, wenn Beine Anschauung bloße Selbsttätigkeit, d. i. inteUek. tuell, wäre. Hierbei beruht alle Schwierigkeit nwr darauf, 10 wie ein Subjekt sich selbst innerlich anschauen könne; allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie gemein. Das Bewußtsein seiner selbst (Apperzeption) ist die einfache Vorstellung des Ich, und, wenn dadwrch allein alles Mannigfaltige im Subjekt selbsttätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung intellektueU sein. Im Menschen erfordert dieses Bewußtsein innere Wahrnelvmung von dem Mannigfaltigen, was im SulYjekte oorher gegeben wird, und die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben wird, muß, um dieses Unterschiedes willen, Sinnlichkeit heißen. Wenn das 20 Vermögen sich bewußt zu werden, das, was im Gemüte liegt, aufsuchen (apprehendieren) soll, so muß es dasseUJe affizieren, und kann allein auf solche Art eine Anschauung seiner selbst hervorbringen, deren Form aber, die vorher im Gemüte zugrunde liegt, die Art, wie das Mannigfaltige im Gemüte beisammen ist, (B 69) in der VorsteUung I der Zeit bestimmt, da es denn sich seUJst anschaut, nicht wie es sich unmittelbar selbsttätig vorstellen würde, sondern nach der Art, wie es von innen affiziert wird, folglich wie es sich erscheint, nicht wie es ist. IlI. Wenn ich sage: im Raum und der 1 ) Zeit stellt die 30 Anschauung, sowohl der äußeren Objekte, als auch die SeUJstanschauung des Gemüts, beides vor, so wie es unsere Sinne affiziert, d. i. wie es erscheint; so wiU das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn in der Erschei. nung werden jederzeit die Objekte, ja selbst die Beschaffenheiten, die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen, nwr daß, sofern diese Beschaffenheit nwr von der Anschauungs. art des SulYjekts in der Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, dieser Gegenstand als E'Y"'cheinung von ihm 1) Valentiner: "in der".
91 II. Abschnitt. Von der Zeit selber als Objekt an si ch unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer mir zu sein, oder meine Seele sc}~eint nur in meinem SeZbstbewußtsein gegeben zu sein, wenn ich behaupte, daß dieQuaUtät des Raumes und der Zeit, welcher, al.~ Bedingung ihres Daseins, gemäß ich beide setze, in meiner Anschauungsan und nicht in diesen Objekten an sich Ziege. Es wäre meine eigene Schuld, wenn ich aus dem, was ich zur Erscheinung zählen sollte, bloßen Schein machte*). Dielses (B 70) geschieht aber nicht nach unserem Prinzip der Idealität aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr, wenn man jenen V01'stellungsformen objektive Realität beilegt, so kann man 10 nicht vermeiden, daß nicht alles dadurch in bloßen Schein fJerwandelt werde. Denn, wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten ansieht, die ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen werden müßten, .und überdenkt die Ungereimtheiten, in die man sich alsdann verwickelt, indem zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch nicht etwas wirklich den Substanzen Inhärierendes, dennoch aber Exi. stieren[ des, ja die notwendige Bedingung der Existenz aller (B 71) Dinge sein müssen, a'uch l ) übrig bleiben, wenn gleich2 ) alle *) Die Prädikate der Erscheinung können dem Objekte selbst be'igelegt wcnlen, in Verhältnis auf unseren Sinn, z. B. I der Base (B 70) die rote Farbe, oder der Geruch; aber der Schein kann niemals als Prädikat dem Gegenstande beigelegt werden, eben darum, weil er, was diesem nur in Verhältnis auf die Sinne, oder überhaupt aufs Subjekt zukommt, dem Objekt für sich beilegt, z. B. die zwci Henkel, die man anfänglich dem Saturn beilegte. Was gar niclit am Objekte an sich selbst, jed/'rzeit aber im Verhältnisse desselben zum Subjekt anztdt'etren und von der Vorstellung des ersteren 3 ) unzertrennlich ist, ist Erscheinung, und so tcerden die Prädikate des Rattmes und der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne, als solchen, beigelegt, und hierin ist kein Schein. Dagegen, wenn icll der Rose an sich die Röte, dem Saturn die Henkel, oder allen äufleren Gegeuständen die Ausdehnung an sich beilege, ohne auf ein bestimmtes Verhältnis dieser Gegenstände zum Subjekt zu sehen und mein Urteil darauf' e'inzuschränken; alsdann allererst entspringt der Schein. I) Erdmann: "noch". 2) Görland: "übrig bleiben, wenngleich auch". 3) Erdmann: "letzteren". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 8
92 10 20 (B 72) 30 Elementarlehre. 1. Teil. Transzendentale Ästhetik exiatierenden Dinge aufgehoben werden; 80 kann man es <km guten Berkeley wohl nicht verdenken, wenn er die Körper zu bloßem Schein herabsetzte, ja es müßte sogar unsere eigene Exiatenz, die auf solche Art oon der für sich bestehenden Realität eines Undinges, wie die Zeit, abhängig gemacht wäre, mit dieser in lauter Schein verwandelt werden; eine Ungereimtheit, die sich bisher noch niemand hat zuschulden kommen lassen. IV. In der natürlicher~ Theologie, da man sich einen Gegenstand denkt, der nicht allein für U"'M gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern der ihm l ) selbst durchaus kein Gegen. stand der sinnlichen Anschauung sein kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung (denn dergleichen muß alles seinS) Erkenntnis sein, und nicht Denken, welches jederzeit Schranken beweist) die Bedingungen der Zeit und des Raumes wegzU8chaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses tun, wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat, und zwar solchen, die, als Bedingungen der Existenz derDinge apriori, iilJrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte: denn, als Bedingungen alles Daseins iilJerhaupt, müßten sie es auch vom Dasein Gottes sein. Es bleibt nichts iilJrig, wenn man sie nicht zu objektiven Formen I aller Dinge machen wiU, als daß man sie zu subjektiven Formen unserer äußeren sowohl als inneren Anschauungsan macht, die darum sinnlich heißt, weil8ie ni cht ursprünglich, d. i. eine solche ist, durch die se1bst das Dasein des Objekts der Anschauung gegeben wird (und die, soviel wir einsehen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem Dasein des Objekts abhängig, mithin nur dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit des Subjekts durch das8elbe affiziert wird, möglich ist. Es ist auch nicht nötig, daß wir die Anschauung8art in Raum und Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken; es mag sein, daß alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen notwendig übereinkommen mÜS8e S ), (wie. 1) Valentiner: "sich". 2) Val e n ti n er: "alle seine". S) Die 4. Ausgabe: "alle endliche. '" müsse"; Rosenkranz: "alle endliche ..•. müssen"; Hartenstein: "daß endliche ... müssen".
93 H. Abschnitt. Von der Zeit wohl wir dieses nicht entscheiden können,) so hört sie um dieser Allgemeingültigkeitl) willen doch nicht auf Sinnlichkeit zu sein, eben darum, weil sie abgeleitet (intiutus derivativus), nicht ur8'fJ'I'Ünglich (intuitus originarius), mithin nicht intellektuelle Anschauung ist, als welche aus dem eben angeführten Grunde allein dem Urwesen, niemals aber einem, seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach (die sein Dasein in Beziehung auf gegebene Objekte bestimmt), abhängigen Wesen zuzukommen scheint,' wiewohl die letztere Bemerkung zu unserer ästhetischen Theor.ie nur als Erläuterung, nicht als Beweisgrund gezählt 10 werden muß. I Beschluß der 2 ) transzendentalen Ästhetik (B 73) Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung der allgemeinen Aufgabe der Transzendentalphilosophie: wie sind synthetische Sätze apriori möglich? nämlich ?'eine a) Anschauungen apriori, Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im Urteile apriori über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen, dasjenige antreffen, was nicht im Begriffe, wohl aber in der Anschauung, die ihm entspricht, a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch 20 verbunden werden kann&), welche Urteile aber aus diesem Grunde nie weiter, als auf Gegenstände der Sinne reichen. und nur für Objekte möglicher ErjahJrung gelten können. J) Erdmann: "Allgemeinheit". 2) Die 4. Ausgabe: "von der". a) M ellin: "nämlich durch reine". &) Vaihinger (Komm. H, &17) findet den übergang so schroff, daß er die Vermutung äußert, es sei hier vielleicht folgendes Sätzchen ausgefallen: "welche (reine Anschauungen], als Bedingungen unserer Sinnlichkeit es möglich machen, daß wir die Beschaffenheit der Objekte vor aller Erfahrung in Urteilen apriori bestimmen können, welche Urteile aber aus diesem Grunde" usw. 8*
~~~~~} 11 Der transzendentalen Elementarlehre Zweiter Teil Die transzendentale Logik Einleitung Idee einer transzendentalen Logik 1. Von der Logik überhaupt 10 20 (B 7&) (AOl) Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein. Erkenntnis abgeben können l ) . . Beide sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin 2 ) enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine I Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angel schaut wird, und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes 1) A: "kann". ~) A: "darinnen".
Elementarlehre. II. Teil. !fransz. Logik. Einleitung 95 überhaupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind apriori möglich, empirische nur aposteriori. Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen, so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der Verstand. Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten, können auch ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne 1 ) nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erlkenntnis entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren Anteil ver· mischen, sondern man hat große Ursache, I jedes von dem andern sorgfältig abzusondern, und zu unterschei· den. Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d. i. der Logik. ' Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besonderen Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin notwendigen Regeln des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, und geht also auf diesen, unange1) Kehrbach: "die Sinne vermögen". 10 20 (B 76) (A52) 30
96 Elementarlehre.~H. Teil. Transzendentale Logik sehen der Verschiedenheit der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besonderen Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine gewisse Art von Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die Elementarlogik nennen, diese aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft. Die letztere wird mehrenteils in den Schulen als Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, ob sie zwar, nach dem Gange der menschlichen Vernunft, das späteste ist, 10 wozu sie allererst gelangt, wenn die Wissenschaft schon lange fertig ist, und nur die letzte Hand zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf. Denn man muß die Gegenstände schon in ziemlich hohem Grade (B 77) kennen, wenn I man die Regel angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zustande bringen lasse. Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte Logik. In der ersteren abstra(Ab3) hieren wir I von allen empirischen Bedingungen, unter denen unser V-erstand ausgeübt wird, z. B. vom Einfluß 20 der Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des Gedächtnisses, der Macht der Gewohnheit, der Neigung usw., mithin auch den Quellen der Vorurteile, ja gar überhaupt von allen Ursachen, daraus uns gewisse Erkenntnisse entspringen, oder untergeschoben 1 ) werden mögen, weil sie bloß den Verstand unter gewissen Umständen seiner Anwendung betreffen, und, um diese zu kennen, Erfahrung erfordert wird. Eine allgemeine, aber reine Logik, hat es also mit lauter Prinzipien apriori zu tun, und ist ein Ka non des 30 Verstandes und der Vernunft, aber nur in Ansehung des Formalen ihres Gebrauchs, der Inhalt mag sein, welcher er wolle, (empirisch oder transzendental). Eine allgemeine Logik heißt aber alsdann angewandt, wenn sie auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes unter den subjektiven empirischen Bedingungen, die uns die Psychologie lehrt, gerichtet ist. Sie hat also empirische Prinzipien, ob sie zwar insofern allgemein ist, daß sie auf den Verstandesgebrauch ohne Unter1) A: "unterschoben".
Einleitung 97 schied der Gegenstände geht. Um deswillen ist sie auch weder ein Kanon des Verstandes überhaupt, noch ein Organon besonderer Wislsenschaften, sondern lediglich ein Kathartikon des gemeinen Verstandes. In der allgemeinen Logik muß also der Teil, der die reine Vernunftlehre ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert werden, welcher die angewandte (obzwar I noch immer allgemeine) Logik ausmacht. Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar kurz und trocken, und wie es die schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes erfordert. In dieser müssen also die Logiker jederzeit zwei Regeln vor Augen haben. 1. Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der Verstandeserkenntnis, und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände, und hat mit nichts als der bloßen Form des Denkens zu tun. 2. Als reine Logik hat sie keine empirischen Prinzipien, mithin schöpft sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der Psychologie, die also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß hat. Sie ist eine demonstrierte Doktrin, und alles muß in ihr völlig apriori gewiß sein. Was ich die angewandte Logik nenne, (wider die gemeine Bedeutung dieses Wortes, nach der sie gewisse Exerzitien, dazu die reine Logik die Regel gibt, enthalten soll,) so ist sie eine Vorstellung des Verstandes und der Regeln seines notwendigen Gebrauchs in concreto, nämlich unter den zufälligen Bedingungen des Subjekts, I die diesen Gebrauch hindern oder befördern können, und die insgesamt nur empirisch gegeben werden. Sie handelt von der Aufmerksamkeit, deren Hindernis 1) und Folgen, dem Ursprunge des Irrtums, dem Zustande des Zweifels, des Skrupels, der Überzeugung usw. und zu ihr verhält sich die allgemeine und reine Logik wie die reine Moral, wellche bloß die notwendigen sittlichen Gesetze eines freien Willens überhaupt enthält, zu der eigentlichen Tugendlehre, 1) Erdmann: "Hindernissen". (B 78) (AM) 10 20 (B 79) (Aoo)
98 Elementarlehre. II. Teil. Transzendentale Logik welche diese Gesetze unter den Hindernissen der Gefühle, Neigungen und Leidenschaften, denen die Menschen mehr oder weniger unterworfen sind, erwägt, und welche niemals eine wahre und demonstrierte Wissenschaft abgeben kann, weil sie ebensowohl als jene angewandte Logik empirische und psychologische Prinzipien bedarf. II. Von der transzendentalen Logik 10 Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewie:;en, von allem Inhalt der Erkenntnis, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt, und betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse aufeinander, d. i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun aber sowohl reine, als empirische Anschauungen gibt, (wie die transzendentale Ästhetik dartut,) so könnte auch wohl ein Unterschied zwischen reinem und em(B 80) pirischem I Denken der Gegenstände angetroffen werden. In diesem Falle würde es eine Logik geben, in 20 der man nicht von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahierte; denn diejenige, welche bloß die Regeln des reinen Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde allel) diejenigen Erkenntnisse ausschließen, welche von empirischem Inhalte wären. Sie würde auch auf den Ursprung unserer Erkenntnisse von Gegenständen gehen, (A56) I sofern er nicht den Gegenstände'l zugeschrieben werden kann; da hingegen die allgemeine Logik mit diesem Ursprunge der Erkenntnis nichts zu tun hat, sondern die Vorstellungen, sie mögen uranfänglich apriori in 30 uns selbst, oder nur empirisch gegeben sein, bloß nach den Gesetzen betrachtet, nach welchen der Verstand sie im Verhältnis gegeneinander braucht, wenn er denkt, und also nur von der Verstandesform handelt, die den Vorstellungen verschafft werden kann, woher sie auch sonst entsprungen sein mögen. Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle nachfolgenden Betrachtungen erstreckt, I) Adickes: "würde bloß alle".
Einleitung 99 und die man wohl vor Augen haben muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntnis apriori, sondern nur die, dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) lediglich apriori angewandt werden, oder möglich sindl ), transzendental (d. i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder der Gebrauch derselben 2) apriori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, I noch irgendeine geometrische Bestimmung desselben apriori eine transzendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntnis, daß diese Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs sind3), und die Möglichkeit, wie sie') sich gleichwohl apriori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen könne 5), kann transzendental heißen. Imgleichen würde der Gebrauch des Raumes von Gegenständen überhaupt auch transzendental sein: aber ist er lediglich auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, so heißt er empirisch. Der I Unterschied des Transzendentalen und Empirischen gehört also nur') zur Kritik der Erkenntnisse, und betrifft nicht die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand. In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die sich apriori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder sinnliche Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens, die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes 7 ) und Vernunfterkenntnisses, dadurch wir Gegenstände völlig apriori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den Umfang und die objektive Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte, würde transzendentale Logik heißen müssen, weil sie es bloß mit 1) Orig. "seyn". I) Adickes: "derselben betreffend". I) Orig. "seyn". 4.) Görland: sie = irgendeine geometrische Bestimmung apriori. 5) Erdmann: "können". 6) Erdmann: läßt "nur" weg. 7) Erdmann: "Verstandes~". (B 81) 10 (A57) 20 80
100 Elementarlehre. Ir. Teil. Transzendentale Logik den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu tun hat, aber lediglich, sofern sie auf Gegenstände apriori (B 82) bezogen I wird 1), und nicht, wie die allgemeine Logik, auf die empirischen sowohl, als reinen Vernunfterkenntnisse!) ohne Unterschied. III. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik und Dialektik Die alte und berühmte Frage, womit man die Lo10 giker in die Enge zu treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich entweder auf einer elenden DialexeS) mußten betreffen lassen, oder ihre (A&8) Unwissenheit, I mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt j man verlangt aber zu wissen, welches das allgemeine und sichere Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkennt20 nis sei. Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünf· tigerweise fragen solle. Denn, wenn die Frage an sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (B 83) I (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andere ein 30 Sieb unterhält. Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von anderen unterschieden werden; denn eine Erkenntnis ist falsch, wenn sie mit 1) Erdmann: d. h. "sie [die Gesetze] ... werden". 2) Statt "auf die" usw. muß es nach Vaihin ger "mit den empirischen ... Vernunfterkenntnissen" heißen. 8) A: "Dialele".
Einleitung 101 dem Gegenstande, worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie gleich etwas enthält, was wohl von anderen Gegenständen gelten könnte. Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, welches von allen Erkenntnissen, ohne Unterschied ihrer Gegenstände, gültig wäre. Es ist aber klar, daß, da man bei demselben von allem Inhalt der Erkenntnls (Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert, und I Wahrheit (A59) gerade diesen Inhalt angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmale der Wahrheit 10 dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen, und daß also ein hinreichendes, und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich angegeben werden könne. Da wir oben schon den Inhalt einer Erkenntnis die Materie derselben genannt haben, so wird man sagen müssen: von der Wahrheit der Erkenntnis der Materie nach läßt sich kein allgemeines Kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist. Was aber das Erkenntnis der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung alles Inhalts) betrifft, so ist ebenso 20 klar: daß eine Logik, sofern sie die allgemeinen und I notwendigen Regeln des Verstandes vorträgt, eben in (B 84) diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn, was diesen widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen allgemeinen Regeln des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet. Diese Kriterien aber betreffen nur die Form der Wahrheit, d. i. des Denkens überhaupt, und sind sofern ganz richtig, aber nicht hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntnis der logischen Form völlig gemäß sein möchte, d. i. sich selbst 80 nicht widerspräche, so kann sie doch noch immer dem Gegenstande widersprechen. Also ist das bloß logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zwar die conditio sine qua non, mithin die negative Bedingung aller I Wahrheit: weiter aber kann die Logik nicht (A 60) gehen, und den Irrtum, der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft, kann die Logik durch keinen Probierstein entdecken. 40
102 (B 85) 20 (A6!) 30 Elementarlehre. II. Teil. Transzendentale Logik Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Geschäft des Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf, und stellt sie als Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erke~ntnis dar. Dieser Teil der Logik kann daher Analytik heißen, und ist eben darum der wenigstens negative Probierstein der Wahrheit, indem man zuvörderst alle Erkenntnis, ihrer Form nach, an diesen Regeln prüfen und schätzen muß, ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, I ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten 1). Weil aber die bloße Form des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen Gesetzen übereinstimmen mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objektive) Wahrheit dem Erkenntnisse!) darum auszumachen, so kann sich niemand bloß mit der Logik wagen, über Gegenstände zu urteilen, und irgend etwas zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen zu haben, um hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung derselben in einem zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen, noch besser aber, sie lediglich danach zu prüfen. Gleichwohl liegt so etwas Verleitendes in dem Besitze einer so scheinbaren Kunst, allen unseren Erkenntnissen die Form des Verstandes zu geben, ob man gleich in Ansehung des Inhalts derselben noch sehr leer und I arm sein mag, daß jene allgemeine Logik, die bloß ein Kanon zur Beurteilung ist, gleichsam wie ein Organon zur wirklichen Hervorbringung wenigstens zum 3) Blendwerk von objektiven Behauptungen gebraucht, und mithin in der Tat dadurch gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun, als vermeintes Organon, heißt Dialektik. So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser Benennung einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man doch aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß sie bei 1) Vorländer: "enthalte". Z) Grillo: "der Erkenntnisse". I) A: ..dem"; Kehrbach: "des Blendwerks".
Einleitung 103 ihnen I nichts anderes war, als die Logik des Scheins. Eine l ) sophistische Kunst, seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen Blendwerken den 2) Anstrich der Wahrheit zu geben, daß 3) man die Methode der Gründlichkeit, welche die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte, und ihre Topik zu 4 ) Beschönigung jedes leeren Vorgebens benutzte. Nun kann man es als eine sichere und brauchbare Warnung anmerken: daß die allgemeine Logik, als Organon betrachtet, jederzeit eine Logik des Scheins, d. i. dialektisch sei. Denn da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntnis lehrt, sondern nur bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem Verstande, welche übrigens in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig sind 5); so muß die Zumutung, sich derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu gebrauchen 6 ), um seine Kenntnisse, wenigstens dem Vorgeben nach, auszubreiten und zu erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen, alles, was man will, mit I einigem Schein zu behaupten, oder auch nach Belieben anzufechten. Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine Weise gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik') lieber, als eine Kritik des dialektischen Scheins, der Logik beigezählt, und als eine solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen. (B86) IV. (B8?) 10 (A62) 20 Von der Einteilung der transz. Logik in die transzendentale Analytik und Dialektik In einer transzendentalen Logik isolieren wir den 30 Verstand, (so wie oben in der transzendentalen Ästhetik Vaihinger: "Scheins; eine". Vaihinger: "Blendwerken dadurch den". Erdmann: "dadurch daß". Vorländer: "zur". Orig. "seyn". Erdmann: "bedienen". ') Erdmann: "hat man diese Dialektik"; Görland: "diesen Titel einer Dialektik". 1) 2) I) 4) 6) 6)
104 Elementarlehre. 11. Teil. Transzendentale Logik die Sinnlichkeit) und heben bloß den Teil des Denkens aus unserem Erkenntnisse heraus, der lediglich seinen Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen Erkenntnis aber beruht darauf, als ihrer Bedingung: daß uns Gegenstände in der Anschauung gegeben seien, worauf jene angewandt werden können 1). Denn ohne Anschauung fehlt es aller unserer Erkenntnis an Objekten, und sie bleibt alsdann völlig leer. Der Teil der transzendentalen 2) Logik also, der die Elec 10 mente der reinen Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik, und zugleich eine Logik der Wahrheit. Denn ihr kann keine Erkenntnis widersprechen, ohne daß sie zugleich (A6S) allen Inlhalt verlöre, d. i. alle Beziehung auf irgendein Objekt, mithin alle Wahrheit. Weil es aber sehr anlockend und verleitend ist, sich dieser reinen Verstandeserkenntnisse und Grundsätze allein, und selbst über die Grenzen der Erfahrung hinaus, zu bedienen, welche 20 doch einzig und allein uns die Materie (Objekte) an die (B88) Hand geben I kann, worauf jene reinen Verstandesbegriffe angewandt werden können: so gerät der Verstand in Gefahr, durch leere Vernünfteleien von den bloßen 3 ) formalen Prinzipien des reinen Verstandes einen materialen Gebrauch zu machen, und über Gegenstände ohne Unterschied zu urteilen, die uns doch nicht gegeben sind, ja vielleicht auf keinerlei Weise gegeben werden können. Da sie also eigentlich nur ein Kanon der Beurteilung des empirischen Gebrauchs sein sollte, SO so wird sie gemißbraucht, wenn man sie als das Organon eines allgemeinen und unbeschränkten Gebrauchs gelten läßt, und sich mit dem reinen Verstande allein wagt, synthetisch über Gegenstände überhaupt zu urteilen, zu behaupten, und zu entscheiden. Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann dialektisch sein. Der zweite Teil der transzendentalen Logik 1) Erdmann: "könne"; Adickes: "kann". I) A: "transsc." I) Erdmann: "bloß"
1. Abteilung. Transzendentale Analytik 105 muß also eine Kritik dieses dialektischen Scheines sein, und heißt transzendentale Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen Schein dogmatisch zu erregen, (eine leider sehr gangbare Kunst mannigfaltiger metaphysischer Gaukelwerke) sondern als eine Kritik des Verstandes und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs, um den falschen 1 ) Schein ihrer I grundlosen Anmaßungen aufzudecken, und ihre An- (AM) sprüche auf Erfindung und Erweiterung, die sie bloß durch transzendentale Grundsätze zu erreichen vermeint, 10 zur bloßen Beurteilung und Verwahrung des reinen Verstandes vor sophistischem Blendwerke herabzusetzen. I Der transzendentalen Logik (E 89) Erste Abteilung Die transzendentale Analytik Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses apriori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis. Es kommt hiebei auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht empirische Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur 20 Anschauung und zur Sinnlichkeit, sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß sie Elementarbegriffe seien und von den abgeleiteten, oder daraus zusammengesetzten, wohl unterschieden werden. 4. Daß ihre Tafel vollständig sei, und sie das ganze Feld des reinen Verstandes gänzlich ausfüllen. Nun kann diese Vonständigkeit einer Wissenschaft nicht auf den Überschlag, eines bloß durch Versuche zustande gebrachten Aggregats, mit Zuverlässigkeit angenommen werden; daher ist sie nur vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandes- 30 erkenntnis apriori und durch B ) die daraus bestimmte Abteilung der Begriffe, welche sie ausmachen, mithin nur durch I ihren Zusammenhang in einem Sy- (A6ö) 1) Mellin: "trügerischen". ') »durch" fehlt in A.
106 Elementarlehre. 11. Teil. I. Abteilung. Transz. Analytik s t em möglich. Der reine Verstand sondert sich nicht allein von allem Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. Er ist also eine für sich selbst (B 90) beständige, sich selbst genugsame, I und durch keine äußerlich hinzukommenden Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher wird der Inbegriff seiner Erkenntnis ein unter einer Idee zu befassendes und zu bestimmendes it. System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Artikulation zugleich einen Probierstein der Richtigkeit und 10 Echtheit aller hineinpassenden Erkenntnisstücke abgeben kann. Es besteht aber dieser ganze Teil der transzendentalen Logik aus zwei B ü c her n, deren das eine die Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält. Der transzendentalen Analytik Erstes Buch Die Analytik der Begriffe 20 (A 66) (B 91) 30 Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis derselben, oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen Untersuchungen, Begriffe, die sich darbieten, ihrem Inhalte nach zu zergliedern und zur Deutlichkeit zu bringen, sondern die noch wenig versuchte Zergliederung des Vers ta nd es vermögens selbst, um die Möglichkeit der Begriffe apriori dadurch zu erforschen, I daß wir sie im Verstande allein, als ihrem Geburtsorte, aufsuchen und dessen reinen Gebrauch überhaupt analysieren; denn dieses ist das eigentümliche Geschäft einer I Transzendental- Philosophie; das übrige ist die logische Behandlung der Begriffe in der Philosophie überhaupt. Wir werden also die reinen Begriffe bis zu ihren ersten Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie vorbereitet liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt und durch ebendenselben Verstand, von den ihnen anhängenden empirischen Bedingungen befreit, in ihrer Lauterkeit dar· gestellt werden.
107 1. Buch. 1. Hauptstück Der Analytik der Begri~fe Erstes Hauptstück Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt, so tun sich, nach den mancherlei Anlässen, verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen Aufsatz sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere Zeit, oder mit größerer Scharfsinnigkeit 1) angestellt worden. Wo diese Untersuchung werde vollendet sein, läßt sich, nach diesem gleichsam mechanischen Verfahren, niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch entdecken sich die I Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in keiner Ordnung und systematischen Einlheit, sondern werden zuletzt nur nach Ähnlichkeiten gepaart und nach der Größe ihres Inhalts, von den einfachen an, zu den mehr zusammengesetzten, in Reihen gestellt, die nichts weniger als systematisch, obgleich auf gewisse Weise methodisch zustande gebracht werden. Die Transzendental-Philosophie hat den Vorteil, aber auch die Verbindlichkeit, ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzusuchen; weil sie aus dem Verstande, als absoluter Einheit, rein und unvermischt entspringen, und daher selbst nach einem Begriffe, oder Idee, unter sich zusammenhängen müssen. Ein solcher Zusammenhang aber gibt eine Regel an die Hand, nach welcher jedem reinen Verstandesbegriff seine Stelle und allen insgesamt ihre Vollständigkeit apriori bestimmt werden kann, welches alles sonst vom Belieben, oder vom 2 ) Zufall abhängen würde. 1) A: "Schaf/sichtigkeit". I) A: "von dem". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 9 10 (A 67) (B 92) 20 30
108 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 1. Buch. I. Hauptstück Des transzendentalen Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe Erster Abschnitt Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt (A68) 10 (B 93) 20 30 Der Verstand wurde oben bloß negativ l ) erklärt~ durch ein nichtsinnliches Erkenntnisvermögen. Nun können wir, unabhängig von der Sinnlichkeit, keiner Anschaulung teilhaftig werden. Also ist der Verstand kein Vermögen der Anschauung. Es gibt aber, außer der I Anschauung, keine andere Art, zu erkennen, als durch Begriffe. Also ist die Erkenntnis eines jeden, wenigstens des menschlichen, Verstandes, eine Erkenntnis durch Begriffe, nicht intuitiv, sondern diskursiv. Alle Anschauungen, als sinnlich, beruhen auf Affektionen, die Begriffe als0 2) auf Funktionen. Ich verstehe aber unter Funktion die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf der Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der Rezeptivität der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen anderen Gebrauchmachen, als daß er dadurch urteilt. Da keine Vorstellung unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß die AnschauungS), so wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand unmittelbar, sondern auf irgendeine andere Vorstellung von demselben (sie sei Anschauung oder selbst schon Begriff) bezogen. Das Urteil ist also die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben. In jedem Urteil ist ein Begriff, der für viele gilt, und unter diesem Vielen!) auch eine gegebene Vorstellung begreift, welche I) Erdmalln: eine solche negative Erklärung fehlt im Vorhergehenden. 2) Adickes: "aber". S) Kant (Nachträge XXXIV): "da keine andere Vorstellung •.. als die Anschauung". 4) Erdmann: "diesen vielen".
1. Abschnitt. Von dem logischen Verstandesgebrauche 109 letztere denn l ) auf den Gegenstand unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z. B. in dem Urteile: alle Körper sind veränderlich 2), der Begriff des Teilbaren auf verschiedene andere Begriffe; unter diesen aber wird er hier besonders auf den Begriff des Körpers I bezogen, dieser aber auf gewisse uns vorkommende Erscheinungen 3). Also I werden diese Gegenstände durch den Begriff der Teilbarkeit mittelbar vorgestellt. Alle Urteile sind demnach Funktionen der Einheit unter unseren Vorstellungen, da nämlich statt einer unmittelbaren Vorstellung eine höhere, die diese und mehrere unter sich begreift, zur Erkenntnis des Gegenstandes gebraucht, und viel i ) mögliche Erkenntnisse dadurch in einer zusammengezogen werden. Wir können aber alle Handlungen des Verstandes auf Urteile zurückführen, so daß der Verstand überhaupt als ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann. Denn er ist nach dem obigen ein Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis 5) durch Begriffe. Begriffe aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgendeine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande. So bedeutet der Begriff des Körpers etwas, z. B. Metall, was durch jenen Begriff erkannt werden kann. Er ist also nur dadurch Begriff, daß unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf Gegenstände beziehen kann. ES6) ist also das Prädikat zu einem möglichen Urteile, z. B. ein jedes Metall ist ein Körper. Die Funktionen des Verstandes können also insgesamt gefunden werden, wenn man die Funktionen der Einheit in den Urteilen vollständig darstellen kann. Daß dies aber sich ganz wohl bewerkstelligen lasse, wird der folgende Abschnitt vor Augen stellen. 1) Vorländer: "dann". i) Die 4. A usga be: "teilbar"; ebenso Kan t selbst in seinem Handexemplar von A. 3) In Kants Handexemplar (N achträge XXXVI) ist "Erscheinungen" in "Anschauungen" korrigiert. 4) Val en tiner: "viele". 5) Me II in: "Erkennen". 6) A: ",Er". 9* (A 69) (B 94) 10 20 30
110 Elementarlehre. ll. Teil. 1. Abt. 1. Buch. 1. Hauptstück (A 70) (B90) I Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe Zweiter Abschnitt § 91) Von der logischen Funktion des Verstandes in Urteilen Wenn wir von allem Inhalte eines Urteils überhaupt abstrahieren, und nur auf die bloße Verstandesform darin achtgeben, so finden wir, daß die Funktion des 10 Denkens in demselben unter vier Titel gebracht werden könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können füglich in folgender Tafel vorgestellt werden. 1. Quantität der Urteile Allgemeine Besondere Einzelne 2. 20 3. Relation Kategorische Hypothetische Disjunktive Qualität Bejahende Verneinende Unendliche 4. 2 ) Modalitä t Problematische Assertorische Apodiktische I Da diese Einteilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken, von der gewohnten Technik der Logiker (A 71) I abzuweichen scheint, so werden folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnötig sein. (B 96) 1) Die Bezeichnung ,,§ 9" fehlt in A. I) B: ,,1" (Druckfehler).
I!. Abschnitt. Von der logischen Funktion in Urteilen 111 1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urteile in Vemunftschlüssen die einzelnen Urteile gleich den allgemeinen behandeln könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben, kann das Prädikat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter dem Begriff des Subjekts enthalten ist, gezogen, von einigem aber ausgenommen werden. Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme, gleich als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen Umfang hätte, von dessen ganzer Bedeutung das Prädikat gelte. Vergleichen wir dagegen ein einzelnes Urteil mit einem gemeingültigen, bloß als Erkenntnis, der Größe nach, so verhält siel) sich zu diesem wie Einheit zur Unendlichkeit, und ist also an sich selbst davon wesentlich unterschieden. Also, wenn ich ein einzelnes Urteil (judicium singulare) nicht bloß nach seiner inneren Gültigkeit, sondern auch, als Erkenntnis überhaupt, nach der Größe, die es in Vergleichung mit anderen Erkenntnissen hat, schätze, so ist es allerdings von gemeingültigen Urteilen (judicia communia) unterschieden, und verdient in einer vollständigen Tafel der Momente des Denkens überhaupt (obzwar freilich nicht in der bloß auf den Gelbrauch der Urteile untereinander eingeschränkten Logik) eine besondere Stelle. 2. Ebenso müssen in einer transzendentalen Logik unendliche Urteile von bejahenden noch unterschieden I werden, wenn sie gleich in der allgemeinen Logik jenen 2) mit Recht beigezählt sind und kein besonderes Glied der Einteilung ausmachen. Diese nämlich abstrahiert von allem Inhalt des Prädikats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur darauf, ob dasselbe dem Subjekt beigelegt, oder ihm entgegengesetzt werde. Jene aber betrachtet das Urteil auch nach dem Werte oder Inhalt dieser logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden Prädikats, und was diese in Ansehung des gesamten Erkenntnisses für einen Gewinn verschafft. Hätte ich von der Seele gesagt, sie ist 1) Erdmann: "es". i) Goldschmidt: "sie ..• jenen" teile .•.• den bejahenden". = "die unendlichen Ur- 10 20 (B 97) (A 72) 20
112 Elementarlehre. II. Teil. 1. Abt. 1. Buch. 1. Hauptstück nicht sterblich, so hätte ich durch ein verneinendes UrteiP) wenigstens einen Irrtum abgehalten. Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nicht sterblich I), zwar der logischen Form nach wirklich bejaht, indem ich die Seele in den unbeschränkten Umfang der nichtsterbenden Wesen setze. Weil nun von dem ganzen Umfange möglicher Wesen das Sterbliche einen Teil enthält, das Nichtsterbende 8) aber den anderen, so ist durch meinen Satz nichts anderes gesagt, als daß die Seele eines 4 ) 10 von deI unendlichen Menge Dinge sei, die übrigbleiben, wenn ich das Sterbliche insgesamt wegnehme. Dadurch aber wird nur die unendliche Sphäre alles Möglichen insoweit beschränkt, daß das Sterbliche da(B 98) von abgetrennt, I und in dem übrigen Umfang ihres Raums 5) die Seele gesetzt wird. Dieser Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme noch immer unendlich, und können 6) noch mehrere Teile desselben weggenommen (A 73) werden, ohne daß darum der Begriff von der I Seele im mindesten wächst, und bejahend bestimmt wird. 20 Diese unendlichen Urteile also in Ansehung des logischen Umfanges sind wirklich bloß beschränkend in Ansehung des Inhalts der Erkenntnis überhaupt, und insofern müssen sie in der transzendentalen Tafel aller Momente des Denkens in den Urteilen nicht übergangen werden, weil die hierbei ausgeübte Funktion des Verstandes vielleicht in dem Felde seiner reinen Erkenntnis apriori wichtig sein kann. 3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urteilen sind die a) des Prädikats zum Subjekt, b) des Grundes zur 30 Folge, c) der eingeteilten Erkenntnis und der gesammelten Glieder 7 ) der Einteilung untereinander. In der ersteren Art der Urteile sind nur zwei Begriffe, in der 1) Goldschmidt: "Prädikat". I) Erdmann: "nichtsterblich". I) A: "Nichtsterbliche". 4) A: "eine". 5) A: "Raum ihl'es Umfangs". 6) H ar ten s t ein: "könnten". 7) Kant (Nachträge XXXVII): "in einem eingeteilten Erkenntnis der gesammelten Glieder".
II. Abschnitt. Von der logischen Funktion in Urteilen 113 zweiten zwei Urteile, in der dritten mehrere Urteile im Verhältnis gegeneinander betrachtet. Der hypothetische Satz: wenn eine vollkommene Gerechtigkeit da ist, so wird der beharrlich Böse bestraft, enthält eigentlich das Verhältnis zweier Sätze: Es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, und der beharrlich Böse wird bestraft. Ob beide dieser Sätze an sich wahr seien, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur die Konsequenz, die durch dieses Urteil gedacht wird. Endlich enthält das disjunktive I Urteil ein Verhältnis zweier, oder mehrerer (B 99) Sätze gegeneinander, aber nicht der Abfolge, sondern der logischen Entgegensetzung, sofern die Sphäre des einen die des anderen ausschließt, aber doch zugleich der Gemeinschaft, insofern sie zusammen die Sphäre der eigentlichen Erkenntnis erfüllen, also ein I Verhält- (A 74) nis der Teile der Sphäre eines Erkenntnisses, da die Sphäre eines jeden Teils ein Ergänzungsstück der Sphäre des anderen zu dem ganzen Inbegriff der eingeteilten 1) Erkenntnis ist, z. E. die Welt ist entweder durch einen blinden Zufall da, oder durch innere Not- 20 wendigkeit, oder durch eine äußere Ursache. Jeder dieser Sätze nimmt einen Teil der Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das Dasein einer Welt überhaupt ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das!) Erkenntnis aus einer dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der übrigen setzen, und dagegen sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus den übrigen wegnehmen. Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine gewisse Gemeinschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich wechselseitig einander ausschließen, aber da- 80 durch doch im Ganzen die wahre Erkenntnis bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen. Und dieses ist es auch nur, was ich des Folgenden wegen hiebei anzumerken nötig finde. 4. Die Modalität der Urteile ist eine ganz besondere Funktion derselben, die das Unterscheidende an sich I hat, daß sie nichts zum Inhalte des Urteils bei- (B 100) 1) Hartenstein: "eigentlichen". i) Valentiner: "Die".
114 Elementarlehre. I!. TeiL (A 75) 10 20 (B 101) 30 (A 76) 1. Abt. 1. Buch. 1. Hauptstück trägt, (denn außer Größe, Qualität und Verhältnis ist nichts mehr, was den Inhalt eines Urteils ausmachte,) sondern nur den Wert der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht. Problematische Urteile sind solche, wo man das Bejahen oder Verneinen als bloß möglich (beliebig) annimmt. Assertorische, da es als wirklich (wahr) I betrachtet wird. Apodiktische, in denen man es als notwendig ansieht*). So sind die beiden Urteile, deren Verhältnis das hypothetische Urteil ausmacht, (antecedens und consequens) 1), imgleichen in deren Wechselwirkung das Disjunktive') besteht, (Glieder der Einteilung) insgesamt nur problematisch. In dem obigen Beispiel wird der Satz: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, nicht assertorisch gesagt, sondern nur als ein beliebiges Urteil, wovon es möglich ist, daß jemand es annehme, gedacht, und nur die Konsequenz ist assertorisch. Daher können solche Urteile auch offenbar falsch sein, und doch, problematisch genommen, Bedingungen der Erkenntnis der Wahrheit sein. So ist das Urteil: die Welt ist durch blinden Zufall da, in dem disjunktiven Urteil nur von problematischer Bedeutung, nämlich, daß jemand diesen Satz etwa auf eilnen Augenblick annehmen möge, und dient doch, (wie die Verzeichnung des falschen Weges, unter der Zahl aller derer, die man nehmen kann,) den wahren zu finden. Der problematische Satz ist also derjenige, der nur logische Möglichkeit (die nicht objektiv ist) ausdrückt, d. i. eine freie Wahl einen solchen Satz gelten zu lassen, eine bloß willkürliche Aufnehmung desselben in den Verstand. Der assertorische sagt von logischer Wirklichkeit oder Wahrheit, wie etwa in einem hypothetischen Vemunftschluß I das Antecedens im Obersatze problematisch, *) Gleich, als wenn das Denken im ersten Fall eine Funktion des Verstandes, im zweiten der Urteilskraft, im dritten der Vernunft wäre. Eine Bemerkung, die erst in der Folge ihre Aufklärung erwartet. 1) Orig. ,,(antec. und consequ.)" ') Rosenkranz: "disjunktive".
III. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 115 im Untersatze assertorisch vorkommt, und zeigt an, daß der Satz mit dem Verstande nach dessen Gesetzen schon verbunden sei, der!) apodiktische Satz denkt sich den assertorischen durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt, und daher apriori behauptend, und drückt auf solche Weise logische Notwendigkeit aus. Weil nun hier alles sich gradweise dem Verstande einverleibt, so daß man zuvor etwas problematisch urteilt, darauf auch wohl es assertorisch als wahr annimmt, endlich als unzertrennlich mit dem Verstande verbun- 10 den, d. i. als notwendig und apodiktisch behauptet, so kann man diese drei Funktionen der Modalität auch so viel Momente des Denkens überhaupt nennen. I Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe (B 102) Dritter Abschnitt § 10 2 ) Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien Die allgemeine Logik abstrahiert, wie mehrmalen schon gesagt worden, von allem Inhalt der Erkenntnis, 20 und erwartet, daß ihr anderwärts, woher es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in Begriffe zu verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die transzendentale Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit apriori vor sich liegen, welches die transzendentale I Ästhetik ihr darbietet, um zu den (A 77) reinen Verstandesbegriffen einen Stoff zu geben, ohne den sie ohne allen Inhalt, mithin völlig leer sein würde S). Raum und Zeit enthalten nun ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung apriori, gehören aber gleichwohl 30 zu den Bedingungen der Rezeptivität unseres Gemüts, unter denen es allein Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die mithin auch den Begriff der1) Rosenkranz: "sei. Der"; Kehrbach: "sei; der". 2) Die Bezeichnung ,,§ 10" fehlt in A. 2) v. Leclair: "würden".
~-----------------------"~ 116 Elementarlehre. IJ. Teil. I. Abt. I. Buch. 1. Hauptstücil) selben l ) jederzeit affizieren müssen. Allein die Spon~c\ taneität unseres Denkens erfordert es, daß dieses Mati~ nigfaltige zuerst auf gewisse Weise durchgegangen, auf;:( genommen, und 2) verbunden werde, um daraus eine: Erkenntnis zu machen. Diese Handlung nenne icitl Synthesis. (B 103) I Ich verstehe aber unter S y n t h e s is in der allg(jll, meinsten Bedeutung die Handlung, verschiedene V stellungen zueinander hinzuzutun, und ihre Mannig' 10 faltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen. Eine solch Synthesis ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht ent,o pirisch, sondern apriori gegeben ist (wie das im Raunt. und derB) Zeit). Vor aller Analysis unserer Vorstel~ lungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es könnenIl keine Begriffe dem Inhalte nach analytisch ent'.il springen. Die Synthesis eines Mannigfaltigen aber (ell!i sei empirisch oder apriori gegeben), bringt zuerst ein~~ Erkenntnis hervor, die zwar anfänglich noch roh und, verworren sein kann, und also der Analysis bedarf; 20 allein die Synthesis ist doch dasjenige, was eigentlick,! die Elemente zu Erkenntnissen sammelt, und zu eine,r (A 78) gewissen I Inhalte vereinigt; sie ist also das erste, wof~l auf wir acht zu geben haben, wenn wir über den.,' ersten Ursprung unserer Erkenntnis urteilen wollen. Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehert' werden, die bloße Wirkung der Einbildungskraft, einef~ blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Se~le4,)~ ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben wül'tj den, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind~j 30 Allein, diese Synthesis auf Begriffe zu bringen, dag~ ist eine Funktion, die dem Verstande zukommt, und wO l ,; durch er uns allererst die Erkenntnis in eigentliche1jl Bedeutung verschafft. O!' 1) Vaihinger: liest "mithin dasselbe" statt "mithin aUl;~ den Begriff derselben"; Erdmann: "die" geht auf ;,B~~ dingungen" d. i. auf Raum und Zeit. ' 2) Vaihinger: "und durch den Begriff". I) Valentiner: "in der". 4) In KantsHandexemplar: "einer Funktion desVerstandes'(\ (N achträge XLI).
III. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 117 Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, gibt nun den reinen Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige, welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit apriori beruht: so ist unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher) eine Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemeinschaftlichen Grunde der Einheit geschieht (z. E. der Dekadik). Unter diesem Begriffe wird also die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig. Analytisch werden verschiedene Vorstellungen u n t e r einen Begriff gebracht, (ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber nicht die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf Begriffe zu bringen, lehrt die transz. Logik. Das erste, was uns zum Behuf der Erkenntnis aller Gegenstände apriori gegeben sein muß, ist das Mannigfaltige der reinen Anschaulung; die Synthesis dieses Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber noch keine Erkenntnis. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis Einheit geben, und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen synthetischen Einheit bestehen, tun das dritte zum Erkenntnisse eines vorkommenden Gegenstandes, und beruhen auf dem Verstande. Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem Urteile Einheit gibt, die gibt auch I der bloßen Synthesis verschiedene!) Vorstellungen in ein e r Ans c hau u n g Einheit, welche, allgemein ausgedrückt, der reine Verstandesbegriff heißt. DerseIhe Verstand also, und zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in Begriffen, vermittelst der analytischen Einheit, die logische Form eines Urteils zustande brachte, bringt auch, vermittelst der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung überhaupt, in seine Vorstellungen einen transzendentalen Inhalt, weswegen sie reine Verstandesbegriffe heißen, die apriori auf Objekte gehen, welches die allgemeine Logik nicht leisten kann. 1) Mellin: "verschiedener". (B 104) 10 (A 79) 20 (B 105) 30
Auf solche Weise entspringen gerade so viel rei~ Verstandesbegriffe, welche apriori auf Gegenstän4 der Anschauung überhaupt gehen, als es in der vorig.~ Tafel logische Funktionen in allen möglichen Urte' gab: denn der Verstand ist durch gedachte Funktion;. völlig erschöpft, und sein Vermögen dadurch gänzr ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe, nach d (A SO) Aristoteles I Kategorien nennen, indem unsere Pr. sicht uranfänglich mit der seinigen zwar einerlei . 10 ob sie sich gleich davon in der Ausführung gar s~ entfernt. (B 106) Tafel der Kategorien 1. Der Quantität: Einheit Vielheit Allhei t. 2. 20 3. Der Qualität: Realität Negation Limi tation. Der Rela.tion: . Inhärenz und Subsist~ (substantia et aceidens) " Kausalität und Depende~ (U rsache und Wirkung)-:l; Gemeinschaft (Wechsef4 wirkung zwischen dem Ha~ deIn den und Leidenden). :~;, 4. 30 Der Modalität: Möglichkeit - Unmöglichkeit Dasein - Nichtsein Notwendigkeit - Zufälligkeit. Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich!) reinen Begriffe der Synthesis, die der Verstand a prioii in sich enthält, und um derentwillen er auch nur ein 1) Erdmann: hat "der" gestrichen. 2) "ursprünglich" soll nach Kant (Nachträge XLIV) weg; fallen; Erdmann: "ursprünglichen".
Ill. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 119 reiner Verstand ist; indem er durch sie allein etwas bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d. i. ein Objekt derselben denken kann. Diese Einteilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem I Vermögen zu urteilen, (welches ebensoviel ist, als das Vermögen zu denken,) erzeugt, und nicht rhapsodistisch, aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden, von l ) deren Vollzähligkeit I man niemals gewiß sein kann, da sie nur durch Induktion geschlossen wird, ohne zu gedenken, daß man noch 2) auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht andere Begriffe dem reinen Verstande beiwohnen. Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein Prinzipium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte. In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe aufgefunden zu haben, die er unter dem Namen der Postprädikamente hinzufügte. Allein seine Tafel blieb noch immer mangelhaft. Außerdem finden sich auch einige modi der reinen Sinnlichkeit darunter, (quando, ubi, situs, imgleichen prius, simul,) auch ein empirischer, (motus) die in dieses Stammregister des Verstandes gar nicht gehören, oder es sind auch die abgeleiteten Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt, (actio, pasBio,) und an einigen der letzteren fehlt es gänzlich. Um der letzteren willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien, als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre ebenso reinen abgeleiteten 3) Begriffe haben, die in einem vollständigen System der Transzendental-Philosophie keineswegs übergangen werden I können, mit deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch zufrieden sein kann. 1) "von" fehlt in A. 2) Vorländer: "doch"; Erdmann: "auch". 8) Hartenstein: "ab gelei tete". (A 81) (B 107) 10 20 30 (A 82)
120 Elementarlehre. H. Teil. 1. Abt. 1. Buch. I. Hauptstück I Es sei mir erlaubt, diese reinen, aber abgeleiteten Verstandesbegriffe die Prädikabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der Prädikamente) zu nennen. Wenn man die ursprünglichen und primitiven Begriffe hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen, und der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da es mir hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur der Prinzipien zu einem System zu tun ist, so verspare ich diese 10 Ergänzung auf eine andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich erreichen, wenn man die Ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt, und z. B. der Kategorie der Kausalität!) die Prädikabilien der Kraft, der Handlung, des Leidens; der der Gemeinschaft l ) die der Gegenwart 2), des Widerstandes; den Prädikamenten der Modalität» die des Entstehens, Ver· gehens, der Veränderung usw. unterordnet. Die Kategorien mit den modis der reinen Sinnlichkeit oder auch untereinander verbunden, geben eine große Menge ab20 geleiteter Begriffe apriori, die zu bemerken, und wo möglich, bis zur Vollständigkeit zu verzeichnen, eine nützliche und nicht unangenehme, hier aber entbehrliche Bemühung sein würde. Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich 3 ) in dieser Abhandlung geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte. Ich werde diese Be(A 83) griffe in der I Folge bis auf den Grad zergliedern, welcher in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich (8 109) bearbeite, hinlreichend ist. In einem System der reinen 30 Vernunft würde man sie mit Recht von mir fordern können: aber hier würden sie nur den Hauptpunkt der Untersuchung aus den Augen bringen, indem sie Zweifel und Angriffe erregten, die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas zu entziehen, gar wohl auf eine andere Beschäftigung verweisen kann. Indessen leuchtet doch aus dem wenigen, was ich hievon angeführt habe, deut- (8 108) 1) Die mit 1) bezeichneten Worte müssen nach Vaihinget gesperrt gedruckt werden. 2) Vaihinger: liest "Gegenwirkung" statt "Gegenwart". S) A: "mir".
III. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 121 lieh hervor, daß ein vollständiges Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht allein möglich, sondern auch leicht sei zustande zu bringen. Die Fächer sind einmal da; es ist nur nötig, sie auszufüllen, und eine systematische Topik, wie die gegenwärtige, lii,ßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin ein jeder Begriff eigentümlich gehört, und zugleich diejenige leicht bemerken, die noch leer ist. § 1Jl) Ober diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrach- 10 tungen anstellen, die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. Denn daß diese TJ.'afel im theoretischen Teile der Philosophie ungemein dienlich, ja unentbehrlich sei, den P l a 11, zum Ganzen einer Wissenschaft, sofern sie auf Begriffen apriori beruht, vollständig zu entwerfen, und sie mathe· matisch 2 ) nach bestimmten Prinzipien abzuteilen; erhellt schon von selbst daraus, daß gedachte Tafel alle Elemen. tarbegriffe des Verstandes vollständig, ja selbst die Form eines SYlstems derselben im menschlichen Verstande enthält, folglich (E 110) auf alle Momente einer vorhabenden spekulativen Wissen. schaft,. ja sogar ihre Ordnung, Anweisung gibt, wie ich denn auch davon anderwärts*) eine Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen. Die erste ist: daß sich diese Tafel, welche vier Klassen von Verstandesbegriffen enthält, zuerst in zwei Abteilungen zerfällen lasse, deren erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als empirischen), die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände (entweder in Beziehung aufein30 ander oder auf den Verstand) gerichtet sind a). Die erste Klasse 4) würde ich die der mathematischen, die zweite der dynamischen Kategorien nennen. Die erste Klasse hat, wie man sieht, keine Korrelate, die allein in der zweiten *) Metaphys. Anfangsgr. der Naturwissenseh. I) Dieser und der nächste Paragraph fehlen in A. 2) Vaihinger: "systematisch". 8) E rdm ann: "ist". 4) Sc h m i d t: "Abteilung" statt "Klasse" mehrfach.
122 Elementarlehre. II. Teil. I. Abt. I. Buch. I. Hauptstüc~ Klasse angetroffen werden. Dieser Unterschied muß doch einet!( Grund in der Natur des Verstandes haben. 2te Anmerk. Daß allerwärts eine gleiche Zahl ~ Kategorien jeder Klasse, nämlich drei sind, welches sowohl zum Nachdenken auffordert, da sonst alle Einteil~ a priori durch Begriffe Dichtomie sein muß. Dazu kam" aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalhen aus der V.~ bindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse entspri~ I So ist die Allheit (Totalität) nichts anderes als dtt, Vielheit als Einheit betrachtet, die Einschränkung nichü$ anderes als Realität mit Negation verbunden, die Gemeimcha/t ist die Kausalit.ä.t 1 ) eine: Soo.stanz in Bes.timrn:ung. ~ anderen wechselse~t~g, endl~ch d~e N otwend~gke~t mc~ anderes als die Existenz, die durch die Möglichkeit selQ~ gegeben ist. Man denke aber ja nicht, daß darum die driu. Kategorie ein bloß abgeleiteter und kein Stammbegriff ~ reinen Verstandes sei. I Denn die Verbindung der ersten unJ' zweiten, um den dritten Begriff hervorzubringen, erforderJ, einen besonderen Aktus des Verstandes, de'/' nicht mit d~, einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. So is~, der Begriff einer Zahl (die zur Kategorie der AUheit gehört}i nicht immer möglich, wo die Begriffe der Menge una der Einheil sind (z. B. in der VorsteUung des Unendlichen), oder daraus;, daß ich den Begriff einer Ursache und den einer Substan~.· beide verbinde, noch nicht sofort der Einfluß, d. i. wie ei~,. Substanz Ursache von etwas in einer anderen Substanz werden: könne, zu verstehen. Daraus erhellt, daß dazu ein besonderer Aktus des Verstandes erforderlich sei; und so bei den übrigenJ 3te Anmerk. Von einer einzigen Kategorie, nämLiof,a' der der Gemeinschaft, die unter dem dritten Titel befindlicH ist, ist die tJbe;eimtimmung mit der in der Tafel der logische~ Funktionen ihm korrespondierenden I Form eines disjunktive':'; Urteils nicht so in die Augen fallend, als bei den übrigen. Um sich dieser tJbereimtimmung zu versichern, muß ma,nt !il, bemerken: daß in allen disjunktiven Urteilen die Sphäre (cUt Menge alles dessen, was unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Teile (die untergeordneten Begriffe) geteilt vorgesteUt wird, und, weil einer nicht unter dem anderen enthalten sein kanf~, 00,,, (E 111) 10 20 30 (B 112) 1) Vorländer: "Gemeinschaft .... Kausalität".
III. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 123 sie als einander koordiniert, nicht subordiniert, so daß sie einander nicht einseitig, wie in einer Reihe, sondern wechselseitig, als in einem Aggregat, bestimmen (wenn ein Glied der Einteilung gesetzt wird, alle iihrigen ausge· schlossen werden, 1tnd so umgekehrt), gedacht werden. Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen derDinge 1 ) gedacht,da nicht eines, als Wirkung, dem anderen, als Ursache seines Daseins, untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in Ansehung der Bestimmung der anderen beigeordnet wird, (z.B. in einem Körper. dessen 10 Teile einander wechselseitig ziehen2 ). und auch widerstehen,} welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als die, so im bloßen Verhältnis der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen wird, in welchem die Folge nicht wechsel. seitig wiederum den (kund bestimmt, und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt)3) nicht ein Ganzes aus· macht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, wenn er sieh die Sphäre eines eingeteilten I Begriffes OOf'stelli, beobachtet er (B 113) auch, wenn er ein Ding als teilbaA' denkt, und, wie die Glieder der Einteilung im ersteren einander a1t8schließen und doch 20 in einer Sphäre verbunden sind, 80 stellt er I!ich die Teile des letzteren als solche, deren Existenz (als Substanzen) jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch als in einem Ganzen4 ) verbunden vor. § 12 Es findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten noch ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch, nach ihnen, aJ,s Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie abe1' die Zahl 30 der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann. Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: 1) Vaihinger: "In einem Ganzen von Dingen". 2) Vorländer: "anziehen". 3) Vaihinger: ,,(z. B. die Weit mit dem Weltschöpfer)". 4) Vaihinger möchte hier um des logischen Zusammenhangs willen die Worte "durch wechselseitige Bestimmung" einschieben. Kant, Kritik der reinen Vernunft. 10
124 Elementarlehre. II. TeiL I. Abt. I. Buch. I. Hauptstück quodlibet em est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Prinzips in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben) sehr kümmerlich ausfiel, so, daß man es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprunges, und berechtigt zur Vermutung, daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch 10 gedolmetscht worden. Diese vermeintlich tramzendentalen I (B 114) Prädikate der Dinge sind nichts anderes als logische Erfordenisse und Kriterien aller Erkenntnis der Dinge überhaupt, und legen ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material, als zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in der Tat nur in formaler Bedeutung als zur logischen Forderung in Amehung feder Erkenntnis gehörig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkem unbehutsamerweise zu Eigemchajten 20 der Dinge an sieh selbst machten. In jedem Erkenntnisse eines Ob1'ektes ist nämlich Einheit des Begriffes, welche man qualitative Einheit nennen kann, sofern darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer Fabel. Zweitem Wahrheit in Amehung der Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr Kennzeichen seiner objektiven Realität. Dieses könnte man die qualitative Vielheit der Merkmale, die zu einem Begriffe als einem 30 gemeimchaftlichen Grunde gehören, (nicht in ihm als Größe gedacht werden,) nennen. Endlich drittem Vollkommenheit, die darin besteht, daß umgekehrt diese Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes zurückführt, und zu diesem und keinem anderen völlig zusammemtimmt, welches man die qualitative Vollständigkeit (Totalität) nennen kann. (E 115) Woraus er I hellt, daß diese logischen Kriterien der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt die drei Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantums durchgängig gleichartig angenommen werden muß, hier nur in Absicht 40 auf die Verkniipfung auch ungleichartiger Erkenntnis-
III. Abschnitt. Von den reinen Verstandesbegriffen 125 stücke in einem Bewußtsein durch die Qualität eines Erkenntnisses als Prinzips 1) verwandeln 2). So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht des Objekts derselben~) die Definition, in der die Einheit des Begriffs, die Wahr· heit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag, endlich die Vollständigkeit.dessen, was aus ihm gezogen worden, zur Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht; oder so ist a'uch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit des an· genommenen Rrklärungs grundes oder dessen Einheit 10 (ohne Hilfshypothese) die Wahrheit (tJbereinstimmung unter sich selbst und mit der Erfahr1tng) der daraus ab· zuleitenden Folgen, und endlich die Vollständigkeit lies Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden, und das, was apriori synthetisch gedacht war, aposteriori analytisch wieder liefetn und dazu zusammenstimmen. - Also wird durch die Begriffe von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transzendentale Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, 20 sondern nur, indem das Verhältnis dieser Begriffe auf Ob. jekte I gänzlich beiseite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen (B 116) unter allgemeine logische Regeln der tJbereinstimmung der Erkenntnis mit sich selbst gebracht. 1) Goldschmidt: "Prinzip". I) Erdmann: bezeichnet den Text als "unkonstruierbar". Er interpretiert: "In diesen logischen Kriterien der Möglichkeit ... sind die drei Kategorien •.. verwandelt, so daß sie nur in Absicht . . . durch die Qualität eines Erkenntnisses als Prinzips bestimmt sind". (verwandeln = verwerten.) I) Hartenstein: "desselben"; E rdm ann: hält diese Verbesserung für fraglich. Kant habe vielleicht sagen wollen: "nicht der Möglichkeit des Objekts". 10*
126 (A 84) Elementarlehre. II. TeiL 1. Abt. 1. Buch. 11. Hauptstück Der transzendentalen Analytik Zweites Hauptstück 1) Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe Erster Abschnitt § 13 1 ) Von den Prinzipien einer transz. Deduktion überhaupt) Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und A&.;J 10 maßungen reden, unterscheiden in einem Rechtshandefl die Frage über das, was' Rechtens ist, (quid juris) vgiH der, die die Tatsache angeht, (quid tacti) und inde!h;! sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den erste.! ren, der die Befugnis, oder auch den Rechtsanspruch; dartun soll, die Deduktion. Wir bedienen uns ein~rj Menge empirischer Begriffe ohne jemandes Widerred~.' und halten uns auch ohne Deduktion berechtigt, ihnen,: einen Sinn und eingebildeteS) Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die Erfahrung bei der 4.) Hand 'I! (B 117) haben, ihre objektive Realität zu beweisen. Es gibt indessen auch usurpierte Begriffe. wie etwa Glück.) Schicksal, die zwar mit fast allgemeiner Nachsichtt herumlaufen, aber doch bisweilen durch die Frage:\ quid jum, in Anspruch genommen werden, da mattil alsdann wegen der Deduktion derselben in nicht g~{; ringe Verlegenheit gerät, indem man keinen deutlich~.:.~ (A 86) I Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch der Ver~i 1) Da diese überschrüt der auf S. 107 stehenden korr~~ spondiert, sollte sie nach Michaelis (s. Vaihinger Rg. 12) heißen:; "Der Analytik der Begriffe zweites Hauptstück". 2) Die Bezeichnung: ,,§ 18" fehlt in A. 3) Vaihinger: vermutet, daß Kant "eine giltige" statt "eingebildete" geschrieben habe; Görland: "eingebildete" = "unlegitimierte". •) Zusatz von B.
1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer transz. Deduktion 127 nunft anführen kann, dadurch die Befugnis seines 1) Gebrauchs deutlich würde. Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe der menschlichen Erkenntnis ausmachen, gibt es einige, die auch zum reinen Gebrauch apriori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) bestimmt sind, und dieser ihre Befugnis' bedarf jederzeit einer Deduktion; weil zu der Rechtmäßigkeit eines solchen Gebrauchs Beweise aus der Erfahrung nicht hinreichend sind, man aber doch wissen muß, wie diese Begriffe sich auf Objekte beziehen können, die sie doch aus keiner Erfahrung hernehmen. Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich Begriffe apriori auf Gegenstände beziehen können, die transzendentale 2 ) D e d u k t ion derselben, und unterscheide sie von der empirischen Deduktion, welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über dieselbe erworben worden, und daher nicht die Rechtmäßigkeit, sondern das Faktum betrifft, wodurch. der Besitz entsprungen. I Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art, die doch darin miteinander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig apriori sich auf Gegenstände beziehen, nämlich, die Begriffe des Raumes und der Zeit, als Formen der Sinnlichkeit, und die Kategorien, als Begriffe des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduktion versuchen wollen, würde ganz vergebliche Arbeit sein; weil eben darin das Unterscheidende ihrer Natur I liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände beziehen, ohne etwas zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt zu haben. Wenn also eine Deduktion derselben nötig ist, so wird sie jederzeit transzendental sein müssen. Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntnis, wo nicht das Prinzipium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen, wo alsdann die Eindrücke 1) Kehrbach: "eines"; Erdmann: "ihres". 2) A: "transz." 10 20 (B 118) (A 86) SO
128 (B 10 119) 20 (A 87) 30 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. L Buch. II. Hauptstück der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntniskraft in Ansehung ihrer zu eröffnen, und Erfahrung zustande zu bringen, die zwei sehr ungleichartige Elemente enthält, nämlich eine Materi e zur Erkenntnis aus den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen, aus dem inneren Quell des reinen Anschauens und Denkens, die, bei Gelegenheit der ersteren, zuerst in Ausübung 1) gebracht werden, und Begriffe hervorbringen. Ein solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntniskraft, um von einzelnen Wahrnehmungen zu I allgemeinen Begriffen zu steigen, hat ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man hat es dem berühmten Locke zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg eröffnet hat. Allein eine D e d u k t ion der reinen Begriffe apriori kommt dadurch niemals zustande, denn sie liegt ganz und gar nicht auf diesem Wege, weil in Ansehung ihres künftigen Gebrauchs, der von der Erfahrung gänzlich unabhängig sein soll, sie einen ganz anderen Geburtsbrief, als den der Abstarnmung von Erfahrungen, müssen aufzuzeigen haben. Diese versuchte I physiologische Ableitung, die eigentlich gar nicht Deduktion heißen kann, weil sie eine quaestionem 2 ) facti betrifft, will ich daher die Erklärung des. Besitzes einer reinen Erkenntnis nennen. Es ist also klar, daß von diesen allein es 3 ) eine transzendentale') Deduktion und keineswegs eine empirische geben könne, und daß letztere, in Ansehung der reinen Begriffe apriori, nichts als eitle Versuche sind, womit sich nur derjenige beschäftigen kann, welcher die ganz eigentümliche Natur dieser Erkenntnisse nicht begriffen hat. Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduktion der reinen Erkenntnis apriori, nämlich die auf dem transzendentalen Wege eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so unum1) 2) 8) 4) Hartenstein: "Ausbildung". A: "quaestio". Erdmann: "dieser es allein". A: "transzendent.".
1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer transz. Deduktion 129 gänglich notwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes und der Zeit, vermittelst einer transzendentalen Deduktion zu ihren Quellen verfolgt, und ihre obljektive Gültigkeit apriori erklärt und bestimmt. (B 120) Gleichwohl geht die Geometrie ihren sicheren Schritt durch lauter Erkenntnisse apriori, ohne daß sie sich, wegen der reinen und gesetzmäßigen Abkunft ihres Grundbegriffs vom Raume, von der Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten darf. Allein der Gebrauch des l ) Begriffs geht in dieser Wissenschaft auch 10 nur auf die äußere Sinnenwelt, von weIcher der Raum die reine Form ihrer Anschauung ist, in weIcher also alle geometrische Erkenntnis, weil sie sich auf Anschauung apriori gründet, unmittelbare Evidenz hat, und die Gegenstände durch die Erkenntnis selbst, a priori (der Form I nach) in der Anschauung, gegeben (A 88) werden. Dagegen fängt mit den reinen Vers tandesbegriffen die unumgängliche Bedürfnis an, nicht allein von ihnen selbst, sondern auch vom Raum die transzendentale Deduktion zu suchen, weil, da sie von 20 Gegenständen nicht durch Prädikate der Anschauung und der Sinnlichkeit, sondern des reinen Denkens apriori redet 2 ), sie sich auf Gegenstände ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit allgemein beziehen, und die, da sie 3 ) nicht auf Erfahrung gegründet sind, auch in der Anschauung apriori kein Objekt vorzeigen können, worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis gründeten, und daher nicht allein wegen der objektiven Gültigkeit und Schranken ihres Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen Begriff des Raumes zweideutig 30 machen, dadurch, daß sie ihn über die I Bedingungen (B 121) der sinnlichen Anschauung zu gebrauchen geneigt sind, weshalb auch oben von ihm eine transzendentale 4 ) Deduktion vonnöten war. So muß denn der Leser von 1) A: "dieses". 2) Hartenstein: "reden". 8) Hartenstein: "und, da sie"; Erdmann: "und sie, da sie". 4) A: "t'1'anszP.ndellt.".
130 Elementarlehre. IL Teil. LAbt. L Buch. H. Hauptstück der unumgänglichen Notwendigkeit einer solchen transzendentalen l ) Deduktion, ehe er einen einzigen Schritt 10 (A 89) 20 (B 122) 30 im Felde der reinen Vernunft getan hat, überzeugt werden; weil er sonst blind verfährt, und, nachdem er mannigfaltig umhergeirrt hat, doch wieder zu der Unwissenheit zurückkehren muß, von der er ausgegangen war. Er muß aber auch die unvermeidliche Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehen, damit er nicht über Dunkelheit klage, wo die Sache selbst tief eingehüllt ist, oder über dieB) Wegräumung der Hindernisse zu früh verdrossen weriden 8), weil es darauf ankommt, entweder alle Ansprüche zu Einsichten der reinen Vernunft, als das l ) beliebteste Feld, nämlich dasjenige über die Grenzen aller möglichen Erfahrung hinaus, völlig aufzugeben, oder diese kritische Untersuchung zur Vollkommenheit zu bringen. Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit leichter Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse apriori sich gleichwohl auf Gegenstände notwendig beziehen müssen; und eine synthetische Erkenntnis derselben, unabhängig von aller Erfahrung, möglich machten 6). Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlichkeit uns ein Gegenstand erscheinen, d. i. ein Objekt der empirischen Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine Anschauungen, welche die Beldingung der Möglichkeit der Gegenstände als Erscheinungen apriori enthalten, und die Synthesis in denselben hat objektive Gültigkeit. Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die Bedingungen vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne daß sie sich notwendig auf Funktionen des Verstandes be1) A: "transz. H i) A: "der". 8) Hartenstein: "werde". I) Erdmann: "als auf das". ft) Erdmann: "machen".
1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer transz. Deduktion 131 ziehen müssen. und dieser also die Bedingungen derselben apriori enthielte. Daher zeigt sich hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht antrafen, wie nämlich subjektive Bedingungen des Denkens sollten objektive Gültigkeit haben. d. i. Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis I der Gegenstände abgeben: denn ohne Funktionen des Verstandes können allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden. Ich nehme z. B. den Begriff der Ursache, welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet, da auf etwas A was ganz verschiedenes B nach einer Regel gesetzt wird!). Es ist apriori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten, (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen, weil die objektive Gültigkeit dieses Begriffs apriori muß dargetan werden können,) und es ist daher apriori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar 2) leer sei und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe. Denn daß Gegenstände der sinnlichen Anschauung den im Gemüt apriori liegeniden formalen Bedingungen der Sinnlichkeit gemäß sein müssen, ist daraus klar, weil sie sonst nicht Gegenstände für uns sein würden; daß sie aber auch überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur synthetischen' EinsichtS) des Denkens bedarf, gemäß sein müssen, davon ist die Schlußfolge nicht so leicht einzusehen. Denn es könnten wohl allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände, und alles so in Verwirrung läge, daß z. B. in der Reihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte, was eine Regel der Synthesis an die Hand gäbe, und also dem Begriffe der Ursache und Wirkung entspräche, so daß dieser Begriff also ganz leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre. Erscheinungen würden nichtsdestoweniger 1) Kants Handexemplar (Nachträge XLIX): "nach einer Regel apriori, d. i. notwendig gesetzt wird". 2) V orländer: "ganz". 3) v. Leclair: "Einheit". (A 90) 10 20 (B 123) . 80
132 Elementarlehre. H. Teil. 1. Abt. 1. Buch. 11. Hauptstück I unserer Anschauung Gegenstände darbieten, denn die Anschauung bedarf der Funktionen des Denkens auf keine Weise. Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch loszuwickeln, daß man sagte: Die Erfahrung böte unablässig Beispiele einer solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam Anlaß geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern, und dadurch zugleich die objektive Gültigkeit eines 10 solchen Begriffs zu bewähren, so bemerkt man nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar nicht entspringen kann, sondern daß er entweder völlig a priori im Verstande müsse 1) gegründet sein, oder als ein (B 124) bloßes Hirngespinst gänzllich aufgegeben werden müsse. Denn dieser Begriff erfordert durchaus, daß etwas A von der Art sei, daß ein anderes B daraus notwendig und nach einer schlechthin allgemeinen Regel folge. Erscheinungen geben gar wohl Fälle an die Hand, aus denen eine Regel möglich ist, nach der et20 was gewöhnlichermaßen geschieht, aber niemals, daß der Erfolg notwendig sei: daher der Synthesis der Ursache und Wirkung auch eine Dignität anhängt, die man gar nicht empirisch ausdrücken kann, nämlich, daß die Wirkung nicht bloß zu der Ursache hinzukomme, sondern durch dieselbe gesetzt sei, und aus ihr erfolge. Die strenge Allgemeinheit der Regel 'ist auch gar keine Eigenschaft empirischer Regeln, die durch Induktion (A 92) keine andere als I komparative Allgemeinheit, d. i. ausgebreitete Brauchbarkeit bekommen können. Nun würde 3(') sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe gänzlich ändern, wenn man sie nur als empirische Produkte behandeln wollte. (A 91) 1) Grillo: streicht "müsse".
1. Abschnitt. Von den Prinzipien einer transz. Deduktion 133 § 14 1) tlbergang zur transz. Deduktion der Kategorien Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische VorstellungS) und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander notwendigerweise beziehen, und gleichsam einander begegnen können. Entweder wenn der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den GegenI stand allein möglich macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals apriori möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinung 3 ), in Ansehung dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist aber das zweite, weil Vorstellung an sich selbst (denn von dessen 4) Kausalität, vermittelst des Willens, ist hier gar nicht die Rede,) ihren Gegenstand dem Dasein nach nicht hervorbringt, so ist 5 ) doch die Vorstellung in Ansehung des Gegenstandes alsdann apriori bestimmend, wenn durch sie allein es möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als Erscheinung, gegeben wird: zweitens Begriff, dadurch ein Gegenlstand gedacht wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem obigen klar, daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein Gegen1) Die Bezeichnung ,,§ 14" fehlt in beiden Orig., in der zweiten jedoch nach Kehrbach aus Versehen, da in B der vorhergehende Abschnitt ,,§ 13", der folgende ,,§ 15" überschrieben ist. I) Erdmann: "denen synthetische Vorstellungen"; Vaihinger: "denen Vorstellungen". 3) Grillo: "Erscheinungen". 4) Rosenkranz: "deren". 5) Kehrbach: schlägt eine Umstellung dieses Satzes vor: "Ist aber das zweite, so ist, weil die Vorstellung an sich selbst .••.• ihren Gegenstand dem Dasein nach nicht hervorbringt, doch die Vorstellung in Ansehung des Gegenstandes alsdann apriori bestimmend, wenn ...." (B 125) 10 20 (A 93)
134 (B 126) 20 (A 94) 30 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 1. Buch. 11. Hauptstück stände angeschaut werden können, in der Tat den Objekten der Form nach apriori im Gemüt zum Grunde liegen 1). Mit dieser formalen Bedingung der Sinnlichkeit stimmen also alle Erscheinungen notwendig überein, weil sie nur durch dieselbe erscheinen, d. i. empirisch angeschaut und gegeben werden können. Nun frägt es sich, ob nicht auch Begriffe apriori vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenngleich nicht angeschaut, dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird, denn alsdann ist alle emlpirische Erkenntnis der Gegenstände solchen Begriffen notwendigerweise gemäß, weil, ohne deren Voraussetzung, nichts als Objekt der Erfahrung möglich ist. Nun enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung der Sinne, wodurch etwas gegeben wird, noch einen Begriff von einem Gegenstande, der in der Anschauung gegeben wird, oder erscheint: demnach werden Begriffe von Gegenständen überhaupt, als Bedingungen apriori aller Erfahrungserkenntnis zum Grunde liegen: folglich wird die objektive Gültigkeit der Kategorien, als Begriffe apriori, darauf beruhen, daß durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens nach) möglich sei. Denn alsdann beziehen sie sich notwendigerweise und apriori auf Gegenstände der Erfahrung, weil nur vermittelst ihrer überhaupt irgendein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann. I Die transz. Deduktion aller Begriffe apriori hat also ein Prinzipium, worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich dieses: daß sie als Bedingungen apriori der Möglichkeit der Erfahrungen 2) erkannt werden müssen, (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objektiven Grund der Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. Die Entwicklung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist nicht ihre Deduktion, (sondern Illustration,) weil sie dabei doch nur zufällig sein würden. Ohne diese ur1) Hartenstein: "liege"; Kehrbach: "liegt". 2) Erdmann: "Erfahrung ...• ihr".
I. Abschnitt. Von den Prinzipien einer transz. Deduktion 135 sprüngliche Belziehung auf mögliche Erfahrung, in welcher alle Gegenstände der Erkenntnis vorkommen, würde die Beziehung derselben auf irgendein Objekt gar nicht begriffen werden können. 1) Der beTÜltmte Locke hatte, aua E1-mangelwng dieser Betrachtung, und weil er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie auch von der Erfahrung abgeleitet, und verfulw doch so inkonsequent, daß er damit Vers'l.tChe zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle Erfahrungsgrenze hinausgehen. David Hume erkannte, um das letztere tun zu können, sei es notwendig, daß diese Begriffe ihren Ursprung a priori haben müßten. Da er sich aber gar nicht erklären konnte, wie es möglich sei, daß der Verstand Begriffe, die an sich im Verstande nicht verbunden sind, doch als im Gegenstande notwendig verbunden denken müsse, und darauf nicht verfiel, daß vielleicht der Verstand dwrch diese Begriffe se1hst Urheber der Erfahrung, worin seine Gegenstände angetroffen werden, sein könne, so leitete er sie, dwrch Not gedrungen, von der Erfahrung ab (nämlich von einer dwrch ö/tere Assoziation in der Erfahrung entsprungenen soo1'ektiven Notwendigkeit, welche zuletzt fälschlich für objektiv gehalten wird, d. i. der Gewohnheit), verfuhr aber hernaeh selvr konsequent, darin, daß er es für unmöglich erklärte, mit diesen Begriffen und den Grundsätzen, die sie veranlassen, über die Erfalvrungsgrenze hinauszugehen. Die empirische Ableitung \ aber, (B 127) 10 20 (B 128) 1) Statt der folgenden drei Absätze bis zu Ende des Paragraphen steht in A der Absatz: "Es sind aber drei ur- sprüngliche Quellen, (Fähigkeiten oder Vermögen der Seele) die die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfa1wung enthalten, und selbst aus keinem anderen Vermagen des Gemüts abgeleitet werden können, nämlich, Sinn, Einbildungskraft, und Apperzeption. Darauf gründet sieh 1) die Synopsi. des Mannigfaltigen apriori durch den Sinn; 2) die Synthesis diesel Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft; endlich 3) die Einheit dieser SyntheBis d'Urch ursprüngliche Apperzeption. Alle diese Vermögen haben, a'U!er dem empiriBchtn Gebrauohe, noch einen transz., der lediglich auf die Form geht, und apriori möglich ist. Von diesem haben wir in Anseh'Ung der Sinne oben im ersten Teile I geredet, die zwei anderen aber wollen 1Dir (A 96) jetzt ihrC1' Natwr nach einzusehen trachten.
136 10 20 (B 129) 30 Elementarlehre. H. Teil. 1. Abt. 1. Buch. Ir. Hauptstück worauf beide veR'fielen, läßt sich mit der Wirklichkeit der wÜJsenschaftlichen Erkenntnisse apriori, die wi1 haben, nämlich der reinen Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft, nicht veR'einigen, und wird also dwrch das Faktum wideR'legt. DeR' eR'ste dieseR' beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei Tür und Tor, weil die Vernunft, wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer Seite hat, sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung in Schranken halten läßt; der zweite eR'gab sich gänzlich dem Skeptizismus, da eR' einmal eine so allgemeine für Vernunft gehaltene TäuschuntJ unseres Erkenntnisvermögens glaubte entdeckt zu haben. Wir sind jetzt im Begriffe einen VeR'such zu machen, ob man nicht die menschliche Ve;rnunft zwischen diesen beiden Klippen glücklich durchbringen, ihr bestimmte Grenzen anweisen, und dennoch da.'1 ganze Feld ihreR' zweckmäßigen Tätigkeit für sie geöffnet eR'halten könneni). VorheJr wiU ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranscmcken. Sie sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt, dadwrch dessen Anschauung in Ansehung einer der logi8chenFunktionen zu Urteilen2) als b es timmt angesehen wird. So War die Funktion des kategorischen Urteils die des VeR'Mltnisses des Subjekts zum Prädikat, z. B. alle KörpeR' sind teilbar. Allein in Ansehung des bloß logischen Gebrauchs des VeR'standes blieb es unbestimmt, welcher) von beiden Be. grif I fen die Funktion des Subjekts, und welchem die des Prädikates man geben wolle. Denn man kann auch sagen: Einiges Teilbare ist ein Körper. Dwrch die Kategorie der Substanz aber, wenn ich den Begriff eines Körpers darunteR' bringe, wird es bestimmt: daß seine empirische Anschauung in der Erfahrung immeR' nur als Subjekt, niemals als bloßes Prädikat betrachtet werden müsse; und so in allen übrigen Kategorien. 1) Grillo: "könne". 2) Adickes: "urteilen". 3) Grillo: "welchem".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 137 a Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe Zweiter Abschnitt [Nach der Ausgabe Al Von den Gründen apriori zur Möglichkeit der Erfahrung Daß ein Begriff 'Völlig apriori eJrZeugt werden, und sich auf einen Gegenstand beziehen solle, obgleich. er weder selbst in den Begriff möglicher Erfahrung gehört, noch aus Elementen einer möglichen Erfahrung besteht, ist gänzlich widersprechend und unmöglich. Denn er würde alsdann keinen Inhalt haben, darum, weil ihm keine Anschauung korrespondierte, indem 10 Anschauungen überhaupt, wodurch uns Gegenstände gegeben werden können, das Feld, oder den gesamtenGegenstand möglicher Erfahrung ausmachen. Ein Begriff apriori, der sich nicht auf diese bezöge, würde nur die logische Form zu einem Begriff, aber nicht der Begriff selbst sein, wodurch etwas gedacht würde. Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 137 b Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe Zweiter Abschnitt [Nach der Ausgabe B] Transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe §H Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt Das Mannigfaltige der Vorstellwngen kann in einer Anschauung gege1:Jen werden, die bloß sinnlich d. i. nichts als Empfänglichkeit ist, und die Form dieser Anschauung kann apriori in unserem Vorstellungs'Vermögen liegen, ohne doch 10 etwas anderes, als die Art zu sein, wie das Subjekt affiziert wird. Allein die Verbindung (conjunctio) eines M annigfaltigen überhaupt, kann niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zulgleich mit enthalten sein; denn sie ist ein (B 130) Aktus der Spontaneität der Vorstellungskraft, und, da man diese, zum Unterschiede 'Von der Sinnlichkeit, Verstand nennen muß, so ist alle Verbindung, wir mögen uns ihrer bewußt
138a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] Wenn es also reine Begriffe apriori gibt, so können diese zwar freilich nichts Empirisches enthalten: sie müssen aber gleichwohl lauter Bedingungen apriori zu einer möglichen Erfalwung sein, als worauf allein ihre objektive Realität beruhen kann. Will man daher wissen, wie reine Verstandesbegriffe möglich (A 96) seien, so muß man untersuchen, welches die Be I dingungen apriori seien, worauf die Möglichkeit der Erfalwung ankommt, und die ihr zum Grunde liegen, wenn man gleich von 10 allem Empirischen der Erscheinungen abstrahiert. Ein Begriff, der diese formale und obiektive Bedingung der Erfahrung all· gemein und zureichend ausdrückt, würde ein reiner Verstandesbegriff heißen. Habe: ich einmal reine Versta'fidesbegriffe, so kann ich auch wohl Gegenstände erdenken, die vielleicht unmöglich, vielleicht zwar an sich möglich, aber in keiner Erfahrung gegeben werden können, indem in der Verknüpfung iener Begriffe etwas weggelassen sein kann, was doch zur 138b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] werden oder nicht, es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung, oder mancherleil ) Begriffe, und an der' ersteren der sinnlichen, oder nicht sinnlichen2 ) Anschauung sein, eine Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen Benennung Synthesis belegen würden2 ), um dadurch zugleich bemerklich zu machen, daß wir uns nichts, als im Obiekt verbunden, vorstellen können, ohne es vorher selbst verbunden zu hohen, und unter allen VorsteUungen die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Obiekte gegeben, sondern nur vom 10 Subiekte selbst verrichtet werden kann, weil sie ein AktU8 seiner Selbsttätigkeit ist. Man wird hier leicht gewahr, daß diese Handlung ursprünglich einig, und für alle Verbindung gleichgeltend sein müsse, und daß die Auflösung Analysis'), die ihr Gegenteil zu sein scheint, sie doch iederzeit voraU8setze; 1) Vorländer: "der mancherlei", 2) Mellin: "empirischen oder nicht empirischen"; Erdmann: "nichtsinnlichen". I) Hartenstein: "werden". ') Erdmann: "Auflösung, d. i. die Analysis"; Vorländer: "Auflösung (Analysis)".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. Al 139 a Bedingung einer möglichen Erfalvrung notwendig gehört, (Begriff eines Geistes) oder etwa reine Verstandesbegriffe weiter ausgedehnt werden, als Erfalvrung fassen kann (Begriff von Gott). DieElemente aber zu allen Erkenntnissen apriori selbst zu willkürlichen und ungereimten ErdicMungen können zwar nicht 'Von der Erfalvrung entlehnt sein, (denn sonst wären sie nicht Erkenntnisse apriori) sie mü..~sen aber jederzeit die reinen Bedingungen a priori einer möglichen Erfalvrung und eines Gegenstandes derselben enthalten, denn sonst würde nicht allein dwrch sie gar nichts gedacht werden, sondern sie selber 10 würden ohne Data auch nicht einmal im Denken entstehen können. Diese Begriffe nun, welche apriori das reine Denken bei feder Erfahrung enthalten, finden wir an den Kategorien, und es ist schon eine hinreichende Dedulctwn derselben, und Rechtfertigung ihrer obiektiven Gültigkeit, I wenn wir beweisen (A 97) können: daß 1!ermittels ilvrer allein ein Gegenstand gedacht Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B1 139b denn wo der Verstand 'Vorher nichts 'Verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen, weil es nur durch ihn als 'Verbunden der Vorstellungskraft hat gegeben werden können1 ). Aber der Begriff der Verbindung fülvrt außer dem Begriffe des Mannigfaltigen, und der Synthesis desselben, noch den der Einheit desselben bei sich. Verbindung ist Vm'stellung der synthetischen Einheit des Mannigfaltilgen*). Die Vor- (B 131) stellung dJieser Einheit kann also nicht aus der Verbindung entstehen, sie macht vielmelvr dadJurch, daß sie zur Vorstellung des Mannigfaltigen hinzukmnmt, den Begriff der Verbindung 10 allererst möglich. Diese Einheit, die apriori 'Vor allen Begriffen der Verbindung 'Vorhergeht, ist nicht etwa iene Kate*) Ob die VorsteUungen selbst identisch sind, 1tnd also eine durch die andere analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in Betrachtung. Das Bewu{Jtsein deI' einen ist, sofern '!10m Mannigfaltigell die Rede ist, vom Bewu{Jti:ein der anderen dJJch immer zu unterscheiden, und auf die Synthesi~ dieses (möglichen) Bewufltseins kommt es hier allein an. 1) Die vierte Originalausgabe: .müssen". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 11
140 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A J werden kann. Weil aher in einem solchen Gedanken mehr als das einzige Vermöllen zu denken, nämlich der Verstand beschäftigt ist, und dieser selbst, als ein Erkenntnisvermögen, das sich auf Objekte beziehen soll, ebensowohl einer Erläuterung, wegen der Möglichkeit dieser Beziehung, bedarf: so müssen wir die subjektiven Quellen, welche die Grundlage apriori zu der Möglichkeit der Erfahrung ausmachen, nicht nach ilvrer empirischen, sondern transzendentalen Beschaffenheit zuvor erwägen. 10 Wenn eine jede einzelne Vorstellung der anderen ganz fremd, gleichsam isoliert, und von dieser getrennt wäre, so würde niemals so etwas, als Erkenntnis ist, entspringen, welche ein Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellungen ist. Wenn ich also dem Sinne deswegen, weil er in seiner Anschauung Mannigfaltigkeit enthält, eine Synopsis beilege, so korrespondiert dieser jederzeit eine Synthesis und die R ezeptivität kann nur mit Spontaneität verbunden Erkenntnisse 140 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] gorie der Einheit (§ 10); denn alle Kategorien gründen sich auf logische Funktionen in Urteilen, in diesen aher -ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener Begriffe gedacht. Die Kategorie setzt also schon Verbindung t'oraus. Also mÜ8sen wir diese Einheit (als qualitative § 12) noch höher suchen, nämlich in demjenigen, was selbst den Grund der Einheit verschiedener Begriffe in Urteilen, mithin der Möglichkeit des Verstandes, sogar in seinem logischen Gebrauche, enthält. § 16 10 Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten I werden, Was garnicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung, die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt A n8 chauung. Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: Ich denke, in demselben Subjekt, darin dieses (B 132) können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt
--------------~--~-- Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 141 a möglich machen. Diese ist nun der Grund einer dreifachen Synthesis, die notwendigerweise in allem Erkenntnis vorkommt: nämlich, der Apprehension der Vorstellungen, als Modifikationen des Gemüts in der Anschauung, der Reproduktion derselben in der Einbildung und ilvrer Rekognition ?:m Begriffe. Diese geben nun eine Leitung auf drei subjektive Erkenntnisquellen, welche sel1Jst den Verstand und, durch diesen, alle Er I falvrung, als ein empir'isches Produkt des (A 98) Verstandes möglich machen. Vorläufige Erinnerung 10 Die Deduktion der Kategorien ist mit so viel Schwierigkeiten verbunden, und nötigt, so tief in die ersten Gründe der Möglichkeit unserer Erkenntnis überhaupt einzudringen, daß ich, um die Weitläufigkeit einer vollständigen Theorie zu vermeiden, und dennoch, bei einer so notwendigen Untersuchung, Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 141 b Mannigfalt'ige angetroffen wi1·d. Diese Vorstellung aber ist ein Aktus der Spontaneität, d. i. sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden. Ich nenne sie die reine Apperzeption, um sie von der empirischen Ztt unterscheiden, oder auch die ursprüngliche Apperzeption, weil sie dasjen1:ge SelbsWewußtsein ist, was, indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt, die alle andereni) muß begleiten können, und in allem Bewußtsein ein und dasselbe ist, von keiner weiter begleite( 2 ) werden kann. Ich nenne auch die Einheit derselben die transzendentale Ein- 10 heit des SelbsWewußtseins, um die Möglichkeit der Erkenntni8 apriori aus ilvr zu bezeichnen. Denn die mannigfaltigen Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden nicht insgesamt meine Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesamt zu einem Sel1Jstbewußtsein gehörten, d. i. als meine Vorstellungen (ob ich mich ilvrer gleich nicht als solcher bewußt bin) müssen 1) Erdmann: d. i. .anderen Vorstellungen". 11) Goldschmidt: "abgeleitet". 11*
142a Transz. Ded. d, reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] nichts zu versäumen, es ratsamer gefunden habe, durch folgende vier Nummern den Leser mehr vorzubereiten, als zu unterrichten; und im nächstfolgenden dritten Abschnitte, die Erörterung dieser Elemente des Verstandes allererst systematisch vorzustellen. Um deswiUen wird sich der Leser bis dciJvin d1:( 1 ) Dunkelheit nicht abwendig machen lassen, die auf einem Wege, der noch ganz unbetreten ist, anfänglich unvermeidlich ist, sich aber, wie ich hoffe, in gedachtem Abschnitte zur vollstäJndigen Einsicht aufklären soU. 10 1. Von der Synthesis der Apprehension in der Anschauung Unsere Vorstellungen mögen entspringen, woher sie wollen, ob sie durch den Einfluß äußerer Dinge, oder durch innere Ursachen gewirkt seien, sie mögen apriori, oder empirisch als (A 99) Erscheinungen entstanden sein; so gehören I sie doch als Modi1) v. Leclair: "dahin durch die". 142 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] sie doch der Bedingung notwendig gemäß sein, unter der sie allein in einem allgemeinen Selbstbewußtsein zusammen(B 133) steheni) können, weil sie sonst nicht durchgängig mir I angehören würden. Aus dieser ursprünglichen Verbindung läßt sich vieles folgern. Nämlich diese durchgängige Identität der Apperzeption eines in der Anschauung gegebenen Mannigfaltigen, enthält eine Synthesis der VorsteUungen, und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis möglich. Denn das empiri,yche 10 Bewußtsein, welches verschiedene Vorstellungen begleitet, ist an sich zerst-reut und ohne Beziehung auf die Identität des Subjekts. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, daß ich jede VorsteUung mit Bewußtsein begleite, sondern daß ich eine zu der anderen hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewußt bin. Also nur dadurch, daß ich ein Mannigfaltiges gegebener VorsteUungen in einem Bewußtsein ver· binden kann, ist es möglich, daß ich mir die Identität des Bewußtseins in diesen Vorstellungen selbst vorsteUe, 1) ,Vaihinger: "zusammenbestehen"
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 143a fikationen des Gemüts zum inneren Sinn, und alB solche Bind alle unBere Erkenntnisse zuletzt doch der formalen Bedingung des inneren Sinnes, nämlich der Zeit unterworfen, als in welcher sie insgesamt geordnet, verknÜlpft und in Verhältnisse gebracht werden mÜ88en. Dieses ist eine allgemeine Anmerkung, die man bei dem Folgenden durchaus zum Grunde legen muß. Jede Anschauung enthält ein Mannigfaltiges in Bich, welches doch nicht als ein solches vorgestellt werden würde, wenn das Gemüt ni~ die Zeit, in der Folge der Eindrücke aufeinander unterschiede: denn als in einem Augenblick 10 enthalten, kann jede Vorstellung niemalB etwas anderes, als absolute Einheit sein. Damit nun aus diesem M annigfaltigen Einheit der Anschauung!) werde, (wie etwa in der Vorstellung des Raumes) so ist erstlich das Durchlaufen der Mannigfaltigkeit und dann die Zusammennehmttng desselben 1) Vaihinger: "der inneren 'Anschauung". Transz. Ded. d reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 143 b d. i. die analytische Einheit der Apperzeption ist nur unter der Voraussetzung irgendeiner synthetischen möglich*). I Der Gedanke: diese in der Anschauung gegebenen Vorstellungen (B 134) gehören mir insgesamt zu, heißt demnach soviel, als ich ver*) Die analytische Einheit des BewufJtseins hängt allen gemeinsamen Begriffen, als solchen, an, z. B. wenn ich mir rot überhaupt denke, so stelle ich mir dadurch eine Beschaffenheit vor, die (als Merkmal) irgetldworan angetroffen, oder mit anderen Vorstellungen verbunden sein kann; also nur vermöge einer vorausgedachten möglichen synthetischen Einheit kann ich mir die analytische vorstellen. Eine Vorstellun.q, die als verschiedenen gemein gedacht werden soll, wird als zu solchen gehörig angeselhen, die aufJer ihr '/Wch etwas Verschiedenes an sich haben, (B 134) folglich mufJ Bie in synthetischer Einheit mit anderen (wenngleich nur möglichen Vm'stellungen) vorher gedacht u'erden, ehe ich die analytische Einheit des BewufJtseins, welche sie zum conceptus communis macht, an ihr denken kann. Und so ist die synthetische Einheit der Apperzeption der Mchste Punkt, an dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik, und, nach ihr, die Transzendental-Philosophie heften mUß, ja dieses Vermögen ist der Verstand selbst.
144a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. Al notwendig, welche Handlung ich die Synthesis der Apprehension nenne, weil sie geradezu auf die Anschauung gerichtet ist, die zwar, ein Mannigfaltiges darbietet, dieses abe;r als ein solches l ), und zwar in einer Vorstellung enthalten, niemals ohne eine dabei fJO'1'kommende Synthesis bewirken kann. Diese Synthesi8 der Apprehension muß nun auch a 'JYfjori, d. i. in Ansehung de;r Vorstellungen, die nicht empirisch sind, ausgeübt we;rden. Denn ohne sie 'IOÜirden wir weder die Vorstellungen des' Raumes, noch deR' Zeit apriori haben können: (A 100) da diese nur durch die I SynthesiB des Mannigfaltigen, welchu die Sinnlichkeit in ilwe;r ur81J1'iinglichen Rezeptivität darbietet, erzeugt werden können. Also haben wir eine reine SynthesiB der Apprehension. 1) Vaihinge r: "solches, aber als ... enthalten vorzustellen, niemals"; Erdmann: "dieses aber als ein solches", nämlich durchlaufenes, "und zwar in einer Vorstellung enthalten", näm· lich zusammengenommenes .•. 144b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] einige sie in einem SelbstbewußtBein, odeR' kann sie wenigstens darin vereinigen, und ob er gleich selbst noch nicht das Bewußtsein der Synthesis der Vorstellungen ist, so setzt e;r doch die Möglichkeit deR' letzte;ren voraus, d. i. nur dadurch, daß ich das Mannigfaltige deR'selben in einem Bewußtsein begreifen kann, nenne ich dieselben insgesamt meine Vorstellungen,' denn sonst würde ich ein so vielftilrbiges verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe, deR'en ich mir bewußt bin. Synthetische Einheit des Mannigfaltigen deR' Anschauungen, als a priori 10 gegebenl ), ist also der Grund der Identität deR' Apperzeption selbst, die apriori allem meinem bestimmten Denken vorhergeht. Ve;rbindung liegt abe;r nicht in den Gegenständen, und kann von ihnen nicht etwa durch Wa1wnehmung entlehnt und in den Verstand dadurch allere;rst aufgenommenweJrden, sondern (B 135) ist allein I eine Verrichtung des Ve;rstandes, der selbst nichts weiter ist, als das Vermögen, a priori zu tleJrbinden, und das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unteR' I) EiAAeit def1) Vaihinger: "a priori hervorgebracht". 2) Hartenstein: "unter die".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. Al 145 a 2. Von der Synthesis der Reproduktion in der Einbildung Es ist zwar ein bloß empiri.~ches Gesetz, nach welchem Vorstellungen, die sich oft gefolgt oder begleitet haben, miteinander1 ) endlich vergesellschaften, und dadurch in eine Verknüpfung setzen, nach welcher, auch ohne die Gegenwart des Gegenstandes, eine dieser Vorstellungen einen (Jbergang des Gemüts zu der anderen, nach einer beständigen Regel, hervorbringt. Dieses Gesetz der Reproduktion setzt aber voraus: daß die Erscheinungen selbst wirklich einer solchen Regel unterworfen seien, und daß in dem .Mannigfaltigen ihrer Vorstellungen eine, 10 gewissen Regeln gemäße, Begleitung, oder Folge stattfinde; denn ohne das würde 'umere empirische Einbildungskraft niemals etWas ihrem Vermögen Gemäßes zu tun bekommen, also, wie ein totes und um selbst unbekanmes Vermögen im I nnern des Gemüts verborgen bleiben. Würde der Zinnober bald rot, bald I) A d i c k es: "sich miteinander". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 145 b Apperzeption zu bringen, welcher Grundsatz der oberste im ganzen memchlichen Erkenntnis ist. DieserGrundaatz, der notwendigenEinheit der Apperzeption, ist nun zwar selbst idemisch, mithin ein analytischer Satz, erklärt aber doch eine Symheai8 des in einer Amchauung gegebenen Mannigfaltigen als notwendig, ohne welche jene durchgängige ldemität des Selbstbewußtseim nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich, als einfache Vorstellung, ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Amchauung, die davon ume1'schieden ist, kann es nur gegeben und durch Ver- 10 bindung in einem Bewußtsein gedacht werden. Ein Verstand, in welchem durch das Selbstbewußtsein zugleich alles 111annig. faltige gegeben würde, würde anschauen; der unsere kann nur denken und muß in den Sinnen die Amchauung suchen. Ich bin mit, also des identischen Selbst bewußt, in Amehung des Mannigfaltigen der mir in einer Amchauung gegebenen VorsteUungen, weil ich sie imgesamt meine Vorstellungen nenne, die eine ausmachen. Das ist aber soviel, als, daß ich mir einer notwendigen Synthe-8is derselben apriori bewußt bin, welche die ursprüngliche synthetische Einheit der Apper- 20
146a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. Al schwarz, bald leicht, bald schwer sein, ein Mensch bald in diese, bald in jene tierische Gestalt verändert werden, am (A 101) längsten Tage bald das I Land mit F1'üchten, bald mit Eis und Schnee bedeckt sein, so könnte meine empirische Einbil· dungskraft nicht einmal Gelegenheit bekommen, bei der Vor· stellung der roten Farbe den schweren Zinnober in die Gedanken zu bekommen, oder würde ein gewisses Wort bald diesem, bald jenem Dinge beigelegt, oder auch eben dasselbe Ding bald so bald anders benannt. ohne daß hierin eine gewisse Regel, der 10 die Erscheinungen schon von selbst unterworfen sind, herrschte, so könnte keine empirische Synthesis der Reproduktion1 ) stattfinden. Es muß also etwas sein, was selbst diese Reproduktion der Erscheinungen möglich macht, dadurch, daß es der Grund I) Vaihinger: "Reproduzibilität"; Erdmann: "Regelmäßigkeit". 146b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] zeption heißt, unter der alle mir gegebenen VorsteUungen I (B 136) stehen, aber unter die sie auch durch eine Synthesis gebracht werden müssen. § 17 Der Grundsatz der synthetischen Einheit der Apperzeption ist das oberste Prinzip alles Verstandesgtbrauchs Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung auf die Sinnlichkeit u'ar laut der transz. Ästhetik: daß alles Mannigfaltige derselben unter den formalen 10 Bedingungen des Raumes und der Zeit steheni). Der oberste Grundsatz eben derselben in Beziehung auf den Verstand ist: daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen der ursprünglich.synthetischen Einheit der Apperzeption stehe"'). Unter dem ersteren stehen alle mannigfaltigen Vor· *) Der Raum und die Zeit und aUe Teile derselben sind An· schauungen, mithin einzelne VorsteUungen mit dem Mannig· falti.qen, dafJ sie in sich enthalten (siehe die transz. Äßthe· tik), mithin nicht blofJe Begriffe, durch die eben dasselbe Be- l) Die dritte Originalausgabe: "stehe".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 147 a apriori einer notwendigen synthetischen Einheit derselben ist. Hierauf aber kommt man bald, wenn man sich besinnt, daß Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, sondern das bloße Spiel unserer V<>Tstellungen sind, die am Ende auf BesMmmungen des inneren Sinnes auslaufen. Wenn wir nun dartun können, daß selbst unsere reinsten Anschauungen a prim keine Erkenntnis verschaffen, außer, sofern sie eine solche Verbindung des Mannigfaltigen enthalten, die eine durchgängige Synthesis der Reproduktion möglich macht, so ist diese Synthesis der Einbildu1lfJskraft auch vor aller Erfahrung 10 auf Prinzipien a prim gegründet, und man muß eine reine transzendentale Synthesis derselben annehmen, die selbst der Möglichkeit aller Erfahrung, (als welche die Repro I duzibilität (A 102) der Erscheinu.ngen notwendig voraussetzt) zum Grunde liegt. Nun ist offenbar, daß, wenn ich eine Linie in Gedanken ziehei), 1) Erdmanl1: "ziehen". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 147 b stellungen der Anschauung, sofern sie uns gegeben werden, unter dem zweiten sofern sie in einem Bewußtsein müssen verbuni den werden können; denn ohne das kann nichts (B 137) dadurch gedacht oder erkannt werden, weil die gegebenen Vorstellungen den Aktus der Apperzeption, Ich denke, nicht gemein haben, und dadurch nicht in einem Selbstbewußtsein zusammengefaßt sein würden. Verstand ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse. Diese bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein Obiekt. 0 bi ek t aber ist das, 10 in dessen Begriff das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert aber alle Vereinigung der Vorstellungen El:nheit des Bewußtseins in der Synthesis wu/ltsein, als in vielen Vorstellungen, sondern viel Vorstellungen als in einer, und deren Bewu/ltsein, enthalten, mithin als zusammengesetzt, folglich die Einheit des Bewu/ltseins, als synt he t i 8 C h, aber doch ursprünglich angetroffen wird. Diese Einzelnheit derselben ist wichtig in der Anwendung (siehe § 25)1). 1) Gawronsky: ,,§ 26 (oder § 23)".
148 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] oder die Zeit von einem Mittag zum andern denken, oder auch nur eine gewisse Zahl mir vorstellen will, ich erstlich notwendig eine dieser mannigfaltigen Vorstellungen nach der anderen in Gedanken fassen müsse. Würde ich alJer die vorhergehendei) (die ersten Teile der Linie, die vorhergehenden Teile der Zeit, oder die nacheinander vorgestellten Einheiten) immer aus den Gedanken verlieren, und sie nicht reproduzieren, indem ich zu den folgenden fortgehe, so würde niemals eine ganze Vor· stellung, und keiner aller vorgenannten Gedanken, ia gar nieht 10 einmal die reinsten und ersten Grundvorstellungen von Raum und Zeit entspringen können. Die Synthesis der Apprehension ist also mit der Synthesis der ReproduktionS) unzertrennlich verbunden. Und da iene den transzendentalen Grund der Möglichkeit aller Erkenntnisse 1) Erdmann: "vorhergehenden". 2) Vaihinger: "Die Synthesis der Reproduktion ... der Synthesis der Apprehension". 148b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] derselben. Folglich ist die Einheit des Bewußtseins dasienige, was allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre objektive Gültigkeit, folglich, daß sie Erkennt. nisse werden, ausmacht, und worauf folglich 1 ) selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht. Das erste reine Verstandeserkenntnis also, worauf sein ganzer ühriger Gebrauch sich gründet, welches auch zugleich von allen Bedingungen der sinnlichen Anschauung ganz unalJhängig ist, ist nun der Grundsatz der ursprünglichen 10 synthetischen Einheit der Apperzeption. So ist die bloße Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine Erkenntnis,' er gibt nur das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu einem möglichen Erkenntnis. Um alJer irgend etwas im Raume zu erkennen, z. B. eine Linie, (B 138) muß ich sie ziehen, und also I eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zustande bringen, so, daß die Einheit 'dieser Handlung zugleich die Einheit des BeWUßtseins (im Begriffe einer Linie) ist, und dadurch 1) Grillo: "also".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 149a übe'rhaupt (nicht bloß der empirischen, sondern auch der reinen apriori) ausmacht, so gehört die reproduktive1 ) Synthesis der Einbildungskraft zu den transzendentalen Handlungen des Gemüts und in Rücksicht auf dieselbeB), wollen wir dieses Vermögen auch das transzendentale Vermögen der Einbildungskraft nennen. I 3. Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe CA 103) Ohne Bewußtsein, daß da.s, was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen Augenblick zuvor dachten, würde alle Reproduktion in der Reihe der Vorstellungen vergeblich sein. 10 Denn es wäre eine neue Vorstellung im ietzigen Zustande, die zu dem Aktus, wodurch sie. nach und nach hat erzeugt werden sollen, gar nicht gehörte, und das Mannigfaltige derselben würde immer kein Ganzes aU81nachen, weil es der Einheit 1) Riehl: "produktive". 2) Erdmann: "dieselben". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 149 b allererst ein Obiekt (ein bestimmter Raum) erlcannt wird. Die synthetische Einheit des Bewußtseins ist also eine obiektive Bedingung aller Erkenntnis, nicht deren iOh bloßl) selbst bedarf, um ein Obiekt zu erkennen, sondern unter der iede Anschauung stehen muß, um für mich Obiekt zu werden, weil auf andere Art, und ohne diese Synthe,sis, das Mannigfaltige sich nicht in einem Bewußtsein vereinigen würde. Dieser letztere Satz ist, wie gesagt, selbst analytisch, ob er zwar die synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens 10 macht: denn er sagt nichts weiter, als, daß alle meine Vorstellungen inirgendeiner gegebenen Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, unter der ich sie allein als meine Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen, und also, als in einer Apperzeption synthetisch verbunden, durch den allgemeinen Ausdiruck I ch denke zusammenfassen kann. Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Prinzip für ieden überhaupt möglic1M~n Verstand, sondern nur für den, durch 1) Vaihinger: "deren ich nicht bloß".
150 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] ermangelte, die ihm nur das Bewußtsein verschaffen kann. Vergesse iCh im Zählen: daß die Einheiten, die mir ;etzt vor Sinnen schweben, nach und nach zueinander von mir hinzugetan worden sind, so WÜlrde ich die Erzeugung der Menge, durCh diese sukzessive Hinzutuung von Einem zu Einem, mithin auch nieht die Zahl erkennenl ); denn dieser Begriff besteht lediglich in dem Bewußtsein dieser Einheit der Synthesis. Das Wort Begriff könnte uns schon von selbst zu dieser Bemerkung Anleitung geben. Denn dieses eine Bewußtsein 10 ist es, was das Mannigfaltige, nach und nach Angeschaute, und dann auch Reproduzierte, in eine Vorstellung vereinigt. Dieses Bewußtsein kann oft nur schwaCh sein, so daß wir es nur in der Wirkung, nicht aber in dem Aktus selbst, d. i. uno 1) Kehrbach: "so würde ich nicht die Erzeugung . . . auch nicht die Zahl erkennen"; Erdmann: "so würde ich die Erzeugung ... auch die Zahl nicht erkennen". 150b Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] dessen reine Apperzeption in der Vorstellung: Ich bin, noch gar nichts Mannigfaltiges gegeben ist. Der;enige Verstand, durch dessen Selbstbewußtsein zugleich das Mannigfaltige (B 139) der Anschauung gegeben WÜlrde, I ein Verstand, durch dessen Vorstellung zugleich die Ob;ekte dieser Vorstellung existierten, WÜlrde einen besonderen Aktus der Synthesis der l ) Mannigfaltigen zu der Einheit des Bewußtseins nicht bedürfen, deren der menschliche Verstand, der bloß denkt, nicht anschaut, bedarf. Aber für den menschlichen Verstand ist er doch unver· 10 meidlich der erste Grundsatz, so, daß er sich sogar von einem anderen möglichen Verstande, entweder einem solchen, der selbst anschaute, öder, wenngleich eine sinnliche Anschauung, aber doch von anderer Art, als die im Raume und der') Zeit, zum Grunde liegend besäße, sich nicht3 ) den mindesten Begriff machen kann. 1) Die vierte Originalausgabe: "des". 8) Valentiner: "in der". I) Erdmann: lAk): "besäße, nicht".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 151 a mittelbar mitl) der Erzeugung I der Vorstellung verknüpfen: (A 104) aber unerachtet dieser Unterschiede muß doch imme.r ein Bewußtsein angetroffen werden, wenn ihm gleich die hervorstechende Klarheit mangelt, und ohne. dasselbe sind Begriffe, und mit ihnen Erkenntnis von Gegenständen ganz unmöglich. Und hier ist es denn notwendig, sich darüber verständlich zu machen, was man denn unter dem Ausdruck eines Gegenstandes der Vorstellungen meine. Wir haben oben gesagt: daß Erscheinungen selbst n~chts als sinnliche Vorstellungen sind, die an sich, in eben derseJhen Art, nicht als Gegenstände (außer 10 der V orsteUungskraft) müssen angesehen werden. Was versteht man denn, Wenn man von einem der Erkenntnis korrespondierenden, mitmn auch davon untersemedenen, Gegenstand redet? Es ist leicht einzusehen, daß dieser Gegenstand nur als etwas iilJerhaupt = X müsse gedacht werden, weil wir außer 1) Adickes: "mit der ... mit dem ... unmittelbar mit". Transz. D ed. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] ,~ 151 b 18 Was objeküve Einheit des Selbstbewußtseins sei D1:e transzendentale Einheit der Apperzeption ist diejenige, durch welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen Begriff vom Objekt vereinigt wird. Sie heißt darum obi ektiv, und muß von der subj ektiven Einheit de.9 Bewußtseins unterschieden werden, die eine Bestimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes Mannigfaltige der Anschauung zu einer solchen Verbindung empirisch gegeben wird. Ob ich mir des Mannigfaltigen als 10 zugleich, oder nacheinander, empirisch bewußt sein könne, kommt auf Umstände, oder empirische Bedingungen, an. Daher die empirische I Einheit des Bewußtseins, durch Asso- (B 1(0) ziation der Vorstellungen, selbst eine Erscheinung betrifft, und ganz zufällig ist. Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als Anschauung iilJerhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter der ursprünglichen Einheit des Bewußtseins, lediglich durch die notwendige Beziehung des Mannigfaltigen der An.schauung zum Einen:
152 a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] unserer Erkenntnis doch nichts haben, welches wir dieser Erkenntnis als korrespondierend gegenühersetzen könnten. Wir finden aber, daß unser Gedanke von der Beziehung aller Erkenntnis auf ihren Gegenstand etwas von Notwendigkeit bei sich führe, da nännlich dieser als dasjenige angesehen wird, was dawider ist, daß unsere Erkenntnisse nicht aufs Geratewohl, oder beliebig, sondern apriori auf gewisse Weise bestimmt seien, weil, indem sie sich auf einen Gegenstand beziehen sollen, sie auch notwendigerweise in Beziehung auf diesen untereinander (A 105) üher I einstimmen, d. i. diejenige Einheit haben müssen, welche den Begriff von einem Gegenstande ausmacht. Es ist aber klar, daß, da wir es nur mit dem Mannigfaltigen unserer Vorstellungen zu tun haben, und jenes X, was ihnen korrespondiert (der Gegenstand), weil er etwas von allen unsern Vorstellungen Unterschiedenes sein soll, für uns nichts ist, die Einheit, welche der Gegenstand notwendig macht, nichts anderes sein könne, als die formale Einheit des Bewußtseins in der 152b Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] Ich denke,' also durch die reine Synthesis de.s Verstandes, welche apriori der empirischen zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objektiv gültig; die empirische Einheit der Apper. zeption, die wir hier nicht erwägen, und die auch nur von der ersteren, unter gegebenen Bedingungen in concreto, abgeleitet ist, hat nur subjektive Gültigkeit. Einer verbindet die Vorstellung eines gewissen Wortes mit einer Sache, der 1 ) andere mit einer anderen Sache,' und die Einheit des Bewußtseins, in dem, was empirisch ist, ist in Ansehung dessen, was gegeben 10 ist, nicht notwendig und allgemein geltend. § 19 Die logische Form aller Urteile besteht in der objektiven Einheit der Apperzeption der darin enthaltenen Begriffe Ich habe mich niemals durch die Erklärung, welche die Logiker von einem Urteile üherhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie sagen, die Vorstellung eines Verhältnisses (B 141) zwischen zwei Begriffen. Ohne nun I hier üher das Fehlerhafte 1) Die vierte Originalausgabe: "die".
Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.A] 153a Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen. Alsdann sagen wir: wir erkennen den Gegenstand, wenn wir in dem Mannigfaltigen der Anschauung synthetische Etnheit bewirkt hahen. Diese ist aber unmöglich, Wenn die Anschauung nicht dwrch eine solche Funktion der Synthesis nach einer Regel hat hervorgebracht werden können, welche die Reproduktion des Mannigfaltigen apriori notwendig und einen Begriff, in welchem dieses sich vereinigt, möglich macht. So denken wir uns einen Triangel als Gegenstand, indem wir uns der Zusam. mensetzung von drei geraden Linien nach einer Regel bewußt 10 sind, nach welcher eine solche Anschauung iederzeit dargestellt werden kann. Diese Einheit der Regel bestimmt nun alles Mannigfaltige, und schränkt es auf Bedingungen ein, welche die Einheit der Apperzeption möglich machen, und der Begriff dieser Einheit ist die VorsteUung vom Gegenstande = X, den ich durch die gedachten Prädikate eines Triangels denke. I Alles Erkenntnis erfordert einen Begriff, dieser mag nun (A 106) Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 153 b der Erklärung, daß sie allenfalls nwr auf kategorische, aher nicht hypothetische und disjunktive Urteile paßt, (als welche letztere nicht ein Verhältnis von Begriffen, sondern selbst von Urteilen enthalten,) mit ihnen zu zanken, (ohnerachtet aus diesem Versehen der Logik manche lästige Folgen erwachsen sind,)*) merke ich nur an, daß, worin dieses Ver hältnis bestehe, hier nicht bestimmt ist. Wenn ich aher die Beziehung gegebener Erkenntnisse in iedem Urteile genauer untersuche, und sie, als dem Verstande angehörige, von dllJln Verhältnisse nach Gesetzen der reproduk- 10 *) Die weWäufige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft nur die kategorischen VernunftschlÜ8se, und, ob sie zwar nichts weiter ist, als eine KUr/st, durch Versteckung unmittelbarer Schlü8se (consequentiae immediatiae) unter die Prämissen eines reinen VernunftBchius8es, den Schein mehrerer Schlufla1"ten, als des in der ersten Figur, zu erschleichen, so würde sie doch dadurch allein kein 80nderliches Glück gemacht haben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, die kategorischen Urteile, als die, worauf sich alle andere fflU8sen beziehen lassen, in ausschlieflliches Ansehen zu bringen, tvelches aber nach § 9 falsch ist.
154 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A so unvollkommen, oder so dunkel sein, wie er wolle: dieser aher ist seiner Form nach jederzeit etWas AUgemeines, und was zur Regel dient. So dient der Begriff vom Körper nach der Einheit des Mannigfaltigen, welches durch ihn gedacht wird, unserer Erkenntnis äußerer Erscheinungen zur Regel. Eine Regel der Anschauungen kann er aher nur dadurch se1:n: daß er bei gegebenen Erscheinungen die notwendige Reproduktion des Mannigfaltigen derselben, mithin die synthetische Einheit in ihrem Bewußtsein, vorstellt. So macht der Begriff des Körpers, 10 bei der Walurnehmung von etwas außer uns, die Vorstellung der Ausdehnung, und mit ihr die der Undurchd1-inglichkeit, der Gestalt U8W. notwendig. Aller Notwendigkeit liegt jederzeit eine transzendentale Beding1tng zum Grunde. Also muß ein transzendentaler Grund der Einheit des Bewußtseins, in der Synthesis des M annig. faltigen aller unserer Anschauungen, mithin auch, der Begriffe der Objekte iilJerhaupt, folglich auch aller Gegenstände der 154 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] tiven Ei'flhildungskraft (welches nur sUbjektive Gültigkeit hat) 1tnterscheide, so finde ich, daß ein Urteil nichts anderes sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur obiektiven Einheit der Apperzeption zu bririgen. Darauf zielt das Verhältniswih-tchen (B 1(2) ist in I denselben, um die objektive Einheit gegebener Vor· stellungen von der sUbiektiven zu unterscheiden. Denn dieses bezeichnet die Beziehung derselben auf die ursprüngliche Apperzeption und die notwendige Einheit derselben, wenn· gleich das Urteil selbst empirisch, mithin zufällig ist, z. B. die 10 Körpe"r sind schwer. Damit ich zwar nicht sagen will, diese Vorstellungen gehören in der empirischen Anschauung not· wendig zueinander, sondern sie gehören vermöge der notwendige1/, Einheit der Apperzeption in der Synthesis der Anschauungen z1reinander, d. i. nach Prinzipien der objektiven Bestimmung aller Vorstellungen, sofern daraus E1'kenntnis werden kann, welche Prinzipien alle aus dem Grundsatze der transzendentalen Einheit der Apperzeption ahgeleitet sind. Dadurch allein wird aus diesem Verhältnisse ein Urteil, d. i. ein Verhältnis, das obi ektiv gültig ist, und sich von dem 20 Verhältnisse eben derselben Vorstellungen, worin bloß sUbiek-
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 155 a ErfaJwung, angetroffen werden, ohne welchen es u'lVtnäglich wäre, zu unseren Anschauungen irgendeinen Gegenstand zu denken: denn dieser ist nichts mehr, al8 das Etwas, davon der Begriff eine solche Notwendigkeit der Synthesis ausdrückt. Diese ursprüngliche und transzendentale Bedingung ist nun keine andere, al8 die transzendentale Apperzep I tion. (A 107) Das Bewußtsein seiner selbst, nach den Bestimmungen unseres Zustandes, bei der inneren WahirneJvmung ist bloß empirisch, iederzeit wandelbar, es kann kein stehendes oder bltnöendes Selbst in diesem Flusse innerer Erscheinungen geben, und wird 10 gewöhnlich der innere Sinn genannt, oder die empirische App erzeption. Das was notwendig al8 numerisch identisch vorgestellt werden soll, kann nicht al8 ein solches durch empirische Data gedacht werden. Es muß eine Bedingung sein, die vor aller Erfahrung vorhergeht, und diese selbst möglich macht, welche eine solche transzendentale Voraussetzung geltend machen soll. Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] 155 b tive Gültigkeit wäre, z. B. nach Gesetzen der Assoziation, hinreichend unterscheidet. Nach den letzteren W'Ülrde ich nur sagen können:'Wenn ich einen Körper trage, so fühle ich einen Druck der Schwere; aber nicht: er, der Körper, ist schwer,' welches soviel sagen will, als, diese beiden Vorstellungen sind im Objekt, d. i. ohne Unterschied des Zustandes des Subiekts, verbunden, und nicht bloß in der WahirneJvmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen. I § 20 (B 143) Alle sinnlichen Anschauungen stehen unter den Kategorien, als 10 Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben in ein Bewußtsein zusammenkommen konn Das mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört notwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperzeption, weil durch diese die Einheit der Anschauung al~ein möglich ist. (§ 17). Dieienige Handlung des Verstandes aber, durch die das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen (sie mägen Anschauungen oder Begriffe sein) unter eine Apperzeption überhaupt gebracht wird, ist die logische Kant. Kritik der reinen Vernunft. 12
156 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] Nun können keine Erkenntnis8e in una 8tattfinden, keine VerknÜ'Pfung und Einheit der8elben untereinander, ohne diejenige Einheit d68 BewußtBeina, welche vor allen Dati8 der Anachauungen vorhergeht, und, worauf in Beziehung, alle Vor8teUung von Gegenatänden allein möglich ist. Di68e8 reine urapriilngliche, unwandelbare BewußtBein will ich nun die tran8zendentale Apperzeption nennen. Daß 8ie di68en N amen verdiene, erheUt 8chon daraU8: daß 8elb8t die reinate obiektive Einheit, nämlich die der Begriffe a priori (Raum und 10 Zeit) nur durch Beziehung der Anachauungen auf8ie möglich 86'in1 ). Die numeriBche Einheit die8er Apperzeption liegt alBo a priori allen Begriffen flJenaowohl zum Grunde, alB die Mannigfaltiglceit d68 Raum68 und der Zeit den Anachauungen der Sinnlichkeit. (A 108) I Eben di68e tranazendentale Einheit der Apperzeption 1) Ro senkranz: "ist"; Kehrbach : "sind"; Erdmann:"sei". 156 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] Fun1ction der Urteile. (§ 19). AlBo ist all68 Mannigfaltige, 80fern 68 in Einer empiri8chen Anachauung gegflJen i8t, in Anaehungeiner der logiBchenFun1cUonen zu urteilen be8timm t, durch die 68 nämlich zu einem BewußtBein iiherhaupt gebracht wird. Nun Bind aber die Kategorien nicht8 ander68, al8 flJen di68e Fun1ctionen zu urteilen, 80fern daB Mannigfaltige einer gegflJenen Anachauung in Anaehung ihrer beatimmt ist. (§ 13)1). Al808teht auch daB Mannigfaltige in einer gegflJenen Anachauung notwendig unter Kategorien. CB 144) I § 21 Anmerkung Ein Mannigfaltig68, daB in einer Anachauung, die ich die meinige nenne, enthalten i8t, wird durch die SyntheBiB d68 Ver8tand68 alB zur notwendigen Einheit d68 Selb8tbewußtBeina gehörig Vorg68teUt, und di6868 g68chieht durch die Kategorie*). *) Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten Einheit der Anschauung, dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche 1) Vaihinger: ,,§ 10"; Valentiner: ,,§ 14".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 157 a macht aber aua aJ1en möglichen Erscheinungen, die immer in einer Erfalwung beisammen sein können, einen Zusammenhang aUer dieser Vorstellungen nach Gesetzen. Denn diese Einheit des Bewußtseins wätre unmöglich, wenn nicht das Gemüt in der Erkenntnis des Mannigfaltigen sich der Identität der Funktion bewußt werden könnte, wodurch siel) dasselbe synthetisch in einer Erkenntni.s verbindet. Also ist das ursprüng. liche und notwendige Bewußtsein der Identität seiner selbst zugleich ein Bewußtsein einer ebenso notwendigen Einheit der Synthesis aJ1er Erscheinungen nach Begriffen, d. i. nach 10 Regeln, die sie nicht allein notwendig reproduzibel machen, sondern dadurch auch ihrer Anschauung einen Gegenstand bestimmen, d. i. den Begriff von etwas, darin sie notwend~:g zuaammenhängen: denn das Gemüt konme 2 ) sich unmöglich 1) Wille: "es"; Erdmann: bezieht "sie" auf "Einheit der Apprehension"; Görland: auf "Einheit der Apperzeption". 2) Hartenstein: "könnte". Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] 157b Diese zeigt also an: daß das empirische Bewußtsein eines gegebenen Mannigfaltigen Einer Anschauung ebensowohl unter einem reinen Selbstbewußtsein apriori, 'Wie empirische Anschauung unter einer reinen sinnlichen, die gleichfalls apriori statt hat, stehe. - Im obigen Satze ist also der Anfang einer Deduktion der reinen Verstandesbegriffe gemacht, in welcher ich, da die Kategorien unabhängig von Sinnlich. keit bloß im Verstande entspringen, noch von der Art, 'Wie das Mannigfaltige zu einer empirischen Anschauung gegeben werde, abstrahieren muß, um nur auf die Einheit, die in die Anschauung vermittelst der Kategorie durch den Verstand 10 hinzukommtl), zu sehen. In der Folge (§ 26) 'Wird aua der Art, 'Wie in der Sinnlichkeit die empirische Anschauung gegeben 'Wird, gelzeigt werden, daß die E~nheit derselben keine andere (B 140) sei, als welche die Kategorie nach dem vorigen§ 20 dem Mannig. jederzeit eine Synthesis des mannigfaltigen zu einer Anschauung Gegebenen in sich schliept, und schon die Beziehung dieses letzteren auf Einheit der Apperzeption enthält. 1) Erdmann: "hineinkommt" (?).
158a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] die Identität seiner selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen und zwar apriori denken, wenn es nicht die Identität seiner Handlung vor Augen hätte, welche alle Syntheais der Apprehension (die empirisch ist) einer transzendentalen Einheit unterwirft, und ihren Zusammenhang nach Regeln a priori zuerst möglich macht. N unmehro 1 ) werden wir auch unsere Begriffe2 ) von einem Gegenstande überhaupt richtiger bestimmen können. Alle Vorstellungen haben, als Vorstellungen, ihren Gegenstand, und können selbst wiederum Gegenstände 10 anderer Vorstellungen sein. Erscheinungen sind die einzigen (A 109) Gegenstän I de, die uns unmittelbar gegeben werden können, und das, was sich darin unmittelbar auf den Gegenstand bezieht, heißt Anschauung. Nun sind aber diese Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, sondern selbst nur Vorstellungen, die wiederum ihren Gegenstand haben, der also von uns nicht mehr 1) Vaihinger: fordert vor"Nunmehro" einen neuenAbsatz. 2) Adickes: "unseren Begriff". 158 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] faltigen einer gegebenen Anschauung überhaupt vorschreibt, und dadurch also, daß ihre GiUtig1ceit a priori in Ansehung aller Gegenstände unserer Sinne er1clärt wird, die Absicht der Deduktion allererst völlig erreicht werden. Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht abstrahieren, nämlich davon, daß das Mannigfaltige für die Anschauung nocl~ vor der Syntheais des Verstandes, und unabhängig von ihr, gegeben sein müsse; wie aber, bleibt hier unbestimmt. Denn, wollte ich mir einen Verstand denken, 10 der selbst anschaute (wie etwa einen göttlichen, der nicht gegebene Gegenstände sich vorstellte, sondern durch dessen Vorstellung dieGegenstände selbst zugleich gegeben, oder hervorgebracht würden), so würden die Kategorien in Ansehung eines solchen Erkenntnisses gar keine Bedeutung haben. Sie sind nur Regeln für einen VerBtand, dessen ganzes Vermögen im Den1cen besteht, d. i. in der Handlung, die Synthesis des Mannigfaltigen, welches ihm anderweitig in der Anschauung gegeben worden, zur Einheit der Apperzeption zu bringen, der also für sich gar nichts erkennt, sondern nur den Stoff zum 20 Erkenntnis, die Anschauung, die ihm durchs Obie1ct gegeben
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 159 a angeschaut werden kann, und daher der nichtempirisllhe, d. i. transzendentale Gegenstand = X genannt werden mag. Der reine Begriff von diesem transzendentalen Gegenstande, (der wirklich bei allen unsern Erkenntnissen immer einerlei = X ist,) ist das, was in allen1 ) unseren empirischen Begriffen üherhaupt Beziehung auf einenGegenstand, d. i. objektive Reali. tät verschaffen kann. Dieser Begriff kann nun gar keine bestimmte Ansehauung enthalten, und wird also nichts anderes, als diejenige Einheit betreffen, die in einem Mannigfaltigen der Erkenntnis angetroffen werden muß, sofern es in Beziehung 10 auf einen Gegenstand stehI. Diese Beziehung aber ist nichts anderes, als die notwendige Einheit des Bewußtseins, mithin auch der Synthesis des Mannigfaltigen durch gemeinschaftliche Fun1ction des Gemüts, es in einer VorsteUung zu verbinden. Da nun diese Einheit als a priori notwendig angesehen werden muß, (weil die Erkenntnis sonst ohne Gegenstand sein würde) 1) Erdmann: "was allen". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 159 b werden muß, verbindet und ordnet. Von der Eigentümlichkeit unseres Verstandes aber, nur vermittelst der Kategorien und I nur gerade d'UJ1'ch diese Art und Zahl derselben Einheit (B 146) der Apperzeption a priori zustande zu bringen, läßt sich ebensowenig ferner ein Grund angeben, als warum wir gerade diese und keine anderen Fun1ctionen zu urteilen haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen Formen unserer möglichen Anschauung sind. § 22 Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse 10 der Dinge, als ihre Anwendung auf Gegenstände der Erfahrung Sich einen Gegenstand denken, und einen Gegenstand erkennen, ist also nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke: erstlich deJI' Begriff, dadurch üherhaupt ein Gegenstand gedacht Wird (die Kategorie), und zweitens die An.schauung, dadurch er gegeben wird: denn, könnte dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung gar nicht gegeben werden, so wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen Gegenstand, und durch ihn gar keine Erkenntnis von irgendeinem Dinge möglich: weil es, soviel ich wüßte, nichts gäbe,
160 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] so wird die Beziehung auf einen transzendentalen Gegenstand d. i. die objektive Realität unserer empirischen Erkenntnis, auf (A 110) dem transzenden I talen Gesetze beruhen, daß alle Erscheinungen, sofern uns dadurch Gegenstände gegeben werden sollen, tl.nter Regeln a priori der synthetischen Einheit derselben stehen müssen, nach weZchen ihr Verhältnis in der empirischen Anschauung allein möglich ist, d. i. daß sie ebensowohl in der Erfahrung unter Bedingungen der notwendigen Einheit der Appe1'zeption, als in der bloßen Anschauung unter den formalen 10 Bedingungen des Raumes und der Zeit stehen müssen, ja daß durch jene jede Erkenntnis allererst möglich werde. 4. Vorliiujige Erklärung der Möglichkeit der Kategorien, als Erkenntnisseni) apriori Es ist nur eine Erfahrung, in welcher alle Wahrnehmungen als im durchgängigen und gesetzmäßigen Zusammenhange 1) Hartenstein: "Erkenntnisse". 160b Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.B] noch geben könnte, worauf mein Gedanke angewandt werden könne. Nun ist alle uns mögliche Anschauung sinnlich (Ästhetik), al.90 kann das Denken eines Gegenstandes überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei uns nur Erkenntnis werden, sofern dieser auf Gegenstände der Sinne bezogen wird. (B 147) Sinnliche IAnschauung ist entweder reine Anschauung (Raum und Zeit) oder empirische Anschauung desjenigen, was im Raum und der Zeit unmittelbar als wirklich, durch Empfindung, vorgestellt wird. Durch Bestimmung der ersteren können wir 10 Erkenntnisse apriori von Gegenständen (in der Mathematik) bekommen, aber nur ihrer Form nach, als Erscheinungen; ob es Dinge geben könne, die in dieser Form angeschaut werden müssen, bleibt doch daJ,ei noch unausgemacht. Folglich sind alle mathematischen Begriffe für sich nicht Erkenntnisse; außer, sofern man voraussetzt, daß es Dinge gibt, die sich nur der Form jener reinen sinnlichen Anschauung gemäß uns darstellen lassen. Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, sofern sie Wahrnehmungen (mit Empfindung begleitete Vorstellungen) sind, mithin durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen die reinen Verstandesbegriffe,
Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 161 a vO'I'gestellt werden: ebenso, wie nur ein Raum und Zeit 1) ist, in welcher aJle FO'I'men der Erscheinung und aJles Verhältnis des Seins oder Nichtseins 8tattfinden. Wenn ma.n von ver8chiedenen Erfahrungen 8pricht, so sind es nur so viel Wahrnehmungen, sofern solche zu einer und derselben aJlgemeinen Erfahrung gehären. Die durchgangige und syntheti.9che Einheit der Wahrnehmungen macht nämlich gerade die FO'I'm der Erfahrung aus, und sie ist nichts anderes, als die synthetische Einheit der Erscheinungen nach Begriffen. J Einheit der Synthesis nach empirischen Begriffen würde (A 111) ganz zufällig sein und, griim.deten diese 8ich nicht auf einen transzendentalen Grund der Einheit, 80 würde es möglich sein, daß ein Gewühle von Erscheinungen unsere Seele anfüllte, ohne daß doch daraus jemals Erfahrung werden könnte. Als-' dann fiele aber auch alle Beziehung der Erkenntnis auf Gegen1) Kehrbach: "eine Zeit". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 161 b selbst wenn sie auf Anschauungen a priqri (wie in der Mathematik) angewandt werden, nur sofern Erkenntnis, als diese, mithin auch die Verstandesbegriffe vermittelst ihirer, auf empirische Anschauungen angewandt werden können. Folglich liefern uns die Kategorien vermittelst der Anschauung1) auch keine Erkenntnis von Dingen, als nur durch ihire mögliche Anwendung auf empiri8che Anschauung, d. i. sie dienen nur zur Möglichkeit empirischer Erkenntni8. Diese aber heißt Erfahrung. Folglich haben die KategO'l'ien keinen ande.ren Gebrau~ zum Erkenntnisse der Dinge, al8 nur I 80fern (B 148) diese als Gegenstände möglicher Erfahrung angenommen werden. § 23 Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit; denn er bestimmt ebensowohl die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in Ansehung der Gegenstande, als die transzendentale A.8thetik die 'Grenzen des Gebrauchs der reinen FO'I'm unserer 8innlichen Anschauung bestimmte. Raum und 1)' Goldschmid: "reinen Anschauung".
162 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. AJ stände weg, weil ihir die Verknüpfung nach allgemeinen und notwendigen Gesetzen mangelte, mithin würde sie zwar gedanke-nlose Anschauung, aber niemals Erkenntnis, also f'Ülr uns sO'Viel als fJar nichts sein. Die Bedingungen apriori einer möglichen Erfahtrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahtrung. Nun behaupte ich: die ebenl ) angejühirten Kategorien sind nichts anderes, als die Bedingungen des Denkens in') einer möglichen Erfahrung, sowie 10 Raum und Zeit die Bedingungen der Anschauung zu eben derselben enthalten. Also sind jene auch Grundbegriffe, Objekte überhaupt zu den Erscheinungen zu denken, und haben also apriori objektive Gültigkeit; welches dasjenige war, WaJ! wir eigentlich wissen wollten. 1) Erdmann: "oben". 2) Kehrbach verbessert: "zu". 162b Transz.Ded. d. reillenVerstandesbegriffe [nachAusg.Bl Zeit gelten, als Bedingungen der Möglichkeit, wie uns Gegenstände gegeben werden können, nicht weiter, als f'Ülr Gegenstände der Sinne, mithin nur der l ) Erfahirung. Ober diese Grenzen hinaus stellen sie gar nichtll vor; denn sie sind nur in den Sinnen und haben auße1-- ihnen keine Wirklichkeit. Die reinen Verstandesbegriffe sind von' dieser 'Einschir6nku~ frei. und erstrecken sich auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, sie mag der unsrigen ähInlich sein oder nicht, wenn' sie nur sinnlich und nicht intellektuell ist. Diese weitere Ausdehnung 10 der Begriffe über unsere sinnliche Anschauung hinaus, hilft uns aber zu nichts. Denn es sind alsdann leere Begriffe von Ob· fekten, von denen, ob sie nwt einmal möglich sind oder nicht, wir durch jene gar nicht urteilen können, bloßeGedankenjormen ohne objektive Realität, weil wir keine Anschauung zur Hand haben, auf welche die synthetische Einheit der Apperzeption, diejene allein enthalten, angewandt werden, und sie so einen Gegen(B 149) stand bestim Imen könnten. Uns er e sinnliche und empi. 1) Die vierte Originalausgabe: "die"; Kirchmann: "für die".
Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 163 a Die Möglichkeit aber, ia sogar die Notwendigkeit dieser Kategorien beruht auf der Beziehung, welche die gesamte Sinnlichkeit, undmit ihr auch alle mäglichenErseheinungen, auf die ursprüngliche Apperzeption haben, in welcher alles notwendig den Bedingungen der durchgängigen Einheit des Selbstbewußtseins gemäß sein, d. i. I unter allgemeinen Fun1ctionen (A 112) der Synthesis stehen muß, nämlich der Synthesis nach Begriffen, als worin die Apperzeption allein ihre durchgängige und notwendige Identität a priori beweisen kann. So ist der Begriff einer Ursache niehts anderes, als eine Synthesis 10 (desRen, was in der Zeitreihe folgt, mit anderen Erscheinungen,) nach Begriffen, und ohne dergleichen Einheit, die ihre Regel apriori hat, und die Erscheinungen sich unterwirft, würde durchgängige und aJJ{Jemeine, mithin notwendige Einheit des Bewußtseins, in dem Mannigfaltigen der Wahrnehmungen, nicht angetroffen werden. Diese W'Ülrden aber alsdann auch zu keiner Erfahrung gehören, folglich ohne Obiekt, und nichts als Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 163 b rische Anschauu.ng kann ihnen alleinl ) Sinn und Bedeutung versehalfen. Nimmt man also ein Obie1ct einer nicht-sinnlichen Anschauung als gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädikate vorstellen, die schon in der Voraussetzung liegen, daß ihm nichts zur sinnlichen Anschauung Gehö. riges zukomme: also, daß es nicht ausgedehnt, oder im Raume sei, daß die Dauer desselben keine Zeit sei, daß in ihm keine Veränderung (Folge der Bestimmungen in der Zeit) angetroffen werde, usw. Allein das ist doch kein eigentliches Erkennt· 10 nis, wenn ich bloß anzeige, wie die Anschauung des Obiekts nicht sei, ohne sagen zu können, was in ihr denn enthalten sei; denn alsdann habe ich gar nicht die Möglichkeit eines Objekts zu meinem reinen Verstandesbeuriff vorgestellt, weil ich keine Anschauung habe geben lcönnen, die ihm korrespondierte, sondern nur sagen konnte, daß die unsrige nicht für ihn gelte. Aber das Vornehmste ist hier, daß auf ein solches Etwas auch nicht einmal eine einzige Kategorie angewandt werden 1) Rosenkranz: I "allen".
164a Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.A] ein blindes Spiel der Vorstellungen. d. i. weniger, als ein Traum sein. Alle Versuche, iene reinen Verstandesbegritfe von der Erfahrung abzuleiten, und ihnen einen bloß empirischen Urspr~ng zuzuschreiben, sind also ganz eitel und vergeblich. Ich will davon nichts erwähnen, daß z. E. der Begriff einer Ursache den Zug von Notwendigkeit bei sich fühirt. welche gOJT' keine Erfahrung geben kann, die uns ZWOJT' lehirt: daß auf eine Erscheinung gewöhnlichermaßeJTl etwas anderes folge, aber 10 nicht, daß es notwendig darauf folgen müsse, noch daß apriori und ganz allgemein dOJT'aus als einer Bedingung auf die Folge könne geschlossen werden. Aber iene empirische Regel der Assoziation, die man Mch durchgängig annehmen muß. wenn man sagt: daß alles in der Reihenfolge der Begeben I (A 113) heiten dermaßen unter Regeln stehe, daß niemals etwas geschieht, vor welchem nicht etwas vorhergehe, darauf es iederieit folge: dieses, als ein Gesetz der Natur, worauf beruht es, frage ich! 164 b Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] könnte: z. B. der Begriff einer Stibstanz, d. i. von etwas, das als Stibiekt, niemals aber als bloßes Prädikat ezistieren könne, Wovon ich gar nicht weiß, ob es irgendein Ding geben könne, das dieser Gedankenbestimmung korrespondierte, wenn nicht empirische Anschauung mir den Fall der Anwendung gähe. Doch mehr hiervon in der Folge. (B 150) 10 I § 24 Von der Anwendung der Kategorien auf Gegenstände der Sinne überhaupt Die reinen Verstandesbeuriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie die unsrige oder irgendeine andere, doch sinnliche, sei, sind aber eben darum bloße Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Gegenstand erlcanrot wird. Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfaltigen in denselben. bezog sich bloß att! die Einheit der Apperzeption, und war dadurch der Grund der Möglichkeit der Erkenntnis apriori, Bofern sie auf dem Verstande beJrUht, und mithin nicht allein
Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg.Al 165 a 1md wie ist selbst diese Assoziation mögUch? Der Grund der Möglichkeit der Assoziation des Mannigfaltigen, sofern es l ) im Objekte liegt, heißt die Affinität des Mannigfaltigen. Ich frage also, wie macht ihr euch die durchgängige Affinität der Erscheinungen, (dadurch sie unter beständigen Gesetzen stehen, und darunter gehören müssen,) begreiflich? Nach meinen Grundsätzen ist sie sehr Wohl begreiflich. Alle möglichen Erscheinungen gehören, als Vorstellungen, zu dem ganzen möglichen Selbstbewußtsein. Von diesem aber, als einer transzendentalen Vorstellung, ist die numerische 10 Identität unzertrennlich, und apriori gewiß, weil nichts in das Erkenntnis kommen kann, ohne vermittels dieser urspriinr;lichen Apperzeption. Da nun diese Identität notwendig in derB) Synt'hesis alles Mannigfaltigen der Erscheinungen, sofern 1) Erdmann: "er". I) Erdmann: "die". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 165 b transzendental, sondern auch bloß rein intellektual. Weil in uns aber eine gewisse Form der sinnlichen Anschauung apriori zum Grunde liegt, welche auf der Rezeptivität der Vo'rstellungsfähigkeit (Sinnlichkeit) beruht, so kann der Verstand, als Spontaneität, den inneren Sinn durch das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen der synthetischen Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen, und so synthetische Einheit der Apperzeption des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung apriori denken, als die Bedingung, unter welcher alle Gegenstände unserer (der menschlichen) Anschauung notwen- 10 digerweise stehen müssen, dadurch denn die Kategorien, als blpße Gedankenformen, obiektive Realität, d. i. Anwendung auf Gegen Istände, die uns in der Anschauung gegeben werden (B 151) können, aber nur als Erscheinungen bekommen; denn nur von diesen sind wir der Anscha.uung apriori fähig. Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung, die a Pl'iori möglich und notwendig ist, kann figürlich (synthesis speciosa) genannt werden, zum Unterschiede von derjenigen, welche in Ansehung des Mannigfaltigen einer Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie 20
166a Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe[nachAusg.A] sie empirische Erkenntnis werden soll, hineinkommen muß, so sind die Erscheinungen Bedingungen a priori unterworfen, welchen ihre Synthesis (der Apprehension) durchgängig gemäß ie:;,n muß. Nun heißt aber die Vorstellung einer allgemeinen Bedingung, na.ch welcher ein gewisses Mannigfaltige, (mithin auf einerlei Art) gesetzt werden kann, eine Regel, und wenn es so gesetzt werden muß, ein Gesetz. Also stehen alle Erscheinungen in einer durchgä'1lgigen Verknüpfung nach (A 114) not I wendigen Gesetzen, und mithin in einer transzen10 dentalen Affinität, woraus die empirische die bloße Folge ist. Daß die Natur sich nach unserem subjektiven Grunde der Apperzeption richten, ja gar davon in Ansehung ihrer Gesetzmäßigkeit abhängen solle, lautet wohl sehr widersinnig und befremdlich. Bedenkt man aber, daß diese Natur an sich nichts als ein Inbegriff von Erscheinungen, mithin kein Ding an sich, sondern bloß eine Menge von Vorstellungen des Gemüts 166 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] gedacht würde, und Verstandesverbindung (synthesis intellectualis) heißt; beide sind transzendental, nicht bloß weil sie selbBt apriori oorgehen1 ), sondern au.ch die Möglichkeit anderer Erkenntnis apriori gründen. Allein die figürliche Synthesis, Wenn sie bloß auf die ursprünglich synthetische Einheit der Apperzeption, d. i. diese transzendentale Einheit geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muß, zum Unterschiede von der bloß intellektuellen Verbindung, die transzendentale Synthesis der Ein· 10 bildungskraft heißen. Einbildungskraft ist das Ver· mögen, einen Gegenstand au.ch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen. Da nun alle unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft, der subjektilJen Bedingung wegen, unter der sie allein den Verstandesbegriffen eine korrespondierende Anschauung geben lcan1l, zur .sinnlichkeit,' sofern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung der Spontaneität ist, wt!lche bestimmend, und nicht, wie der 1) Erdmann: "stattfinden"; Görland: "sich betätigen".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 167 a 8ei, 80 wird man 8ich nicht wundern, Bie bloß in dem Radikalvermögen aller unserer Erkenntnis, nämlich der transzendentalen Apperzeption, in derjenigen Einheit zu 8ehen, um derent· willen allein Bie Objekt aller möglichen Erfahrung, d. i. Natur heißen kann; und daß wir auch eben darum diese Einheit a primi, mithin auch als notwendig erkennen können, welches wir wohl müßten unterweg8 las8en, wäre Bie unabhängig von den er8ten Quellen unseres Denkens an sich gegeben. Denn da wüßte ich nicht, wo wir die 8yntheti8chen Sätze einer 80lchen allgemeinen Natureinheit hernehmen 80llten, weil man Bie auf 10 80lchen Fall von den Gegenständen der Natur 8elb8t entlehnen müßte. Da dieses aber nur empiri8ch geschehen könnte: 80 würde daraus keine andere, als bloß zufällige Einheit gezogen werden können, die aber bei weitem an den notwendigen Zusammenhang nicht reicht, den man meint, wenn man Natur nennt. Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 167 b Sinn, I bloß be8timmbar ist, mithin a priori den Sinn 8einer (B 152) Form nach der Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen kann, 80 i8t die Einbildung8kraft 80fern ein Vermögen, die Sinnlichkeit apriori zu be8timmen, und ihre SyntheBis der Anschauungen1 ), den Kategorien gemäß, muß die trans· zendentale SyntheBi8 der Einbildung8kraft 8ein, welches eine Wirkung des Ver8tande8 auf die Sinnlichkeit und die er8te Anwendung de.s8elben (zugleich der Grund aller übrigen) auf Gegenstände der uns möglichen Anschauung i8t. Sie ist, al8 figürlich, von der intellektuellen SyntheBi8 ohne alle Ein- 10 bildung8kraft bloß du,rch den Ver8tand unter8chieden2 ). Sofern die Einbildung8kraft nun Spontaneität i8t, nenne ich sie auch bisweilen die produktive Einbildung8kTaft, und unter8cheide 8ie dadurch von der reproduktiven, deren SyntheBis lediglich empirischen Ge8etzen, nämlich denen der A88oziation, unte·r· 1) Die vierte Originalausgabe: "Anschauung". 2) Görland angeregt durch Goldschmid: "Sie ist als figürlich von der intellektuellen Synthesis, (die ohne alle Einbildungskraft, bloß durch den Verstand geschieht), unterschieden".
170 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] bekommen, so müssen wir von der reinen Apperzeption anfangen. Alle Anschauungen sind für uns nichts, und gehen Uns nicht im mindesten etWas an, wenn sie nicht ins Bewußt..qein aufgenommen werden können, sie mögen nun direkt oder indirekt darauf einfließen, und nur durch dieses allein ist Erkenntnis möglich. Wir sind uns a prim der durchgängigen Identität unserer selbst in Ansehung aller Vorstellungen, die zu unserem Erkenntnis jemals gehören können, bewußt, als einer notwendigen Bedingung der Möglichkeit aller Vor10 stellungen, (weil diese in mir doch nur dadurch etwas vorstellen, daß sie mit allem anderen1 ) ztt einem Bewußtsein gehören, mithin darin wenigstens müssen verknüpft werden können). Dies Prinzip steht apriorifest, '!/,ndkanndas transzendentale Prinzip der Einheit alles Mannigfaltigen unserer Vorstellungen (mithin auch in der Anschauung), heißen. Nun 1) Erdmann: "allen andern". 1 70 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] mit dem inneren Sinne so gar nicht eine'rlei, daß jene vielme1llT, als der Quell aller Verbindung, auf das Mannigfaltige der Anschauungen überhaupt unter 1) dem Namen der Kategorien, vor aller sinnlichen Anschauung auf Objekte überhaupt 2 ) geht; dagegen der innere Sinn die bloße Form der Anschauung, aber ohne Verbindung des Mannigfaltigen in derselben, mithin noch gar keine bestimmte Anschauung enthält, welche nur durch das Bewußtsein der Bestimmung desselben durch die transzendentale Handlung der Einbildungs10 kraft, (synthetischer Einfluß des Verstandes auf den inneren Sinn) welche ich die figürliche Synt'hesis genannt habe, möglich ist. Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wa1llT. Wir können UM keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Zirkel denken, ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raumes gar nicht vorstellen, ohne aus 1) Görland: "und unter". 2) Görland sperrt: "Objekte überhaupt"; Erdmann: "daß ... vielmehr, als ... Verbindung, Kategorien, d. i. vor .•. überhaupt geht". Vaihinger: statt "d. L" - "somit".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 171 a ist die Einheit des Mannigfaltigen in einem Suhjekt synthe. tisch: also gibt die reine Apperzeption ein Primi I pium der (A 117) synthetischen Einheit des Mannigfaltigen in aller möglichen Anschauung an die Hand*). *) Man gebe auf diesen Satz wohl acht, der von grofler Wichtigkeit ist. Alle Vorstellungen haben eine notwendige Beziehung auf ein m ö9 li c h es empil'isches Bewufltsein: denn hätten sie diesesi) nicht, und wäre es gänzlich unmöglich, sich ihrer bewuflt zu werden; so würde das soviel sagen, sie existierten gar nicht. AUes empirische Bewttfltsein hat aber eine notwendige Beziehung auf ein transzendentales (vor aller besondern Erfahrung vorhergehendes) Bewufltsein, nämlich das Bewufltsein meiner selbst, als die ul'sprüngliche Apperzeption. Es ist also schlechthin not· wendig, da{J in meinem Erkenntnisse alles Bewuflisein zu einem Bewuflisein (meiner selbst) gehtJre. Hier ist nun eine synthetische Einheit des Mannigfaltigen, (Bewttfliseins) die apriori 1) Vorländer: "diese". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 171 b demselben Punkte drei Linien senkrecht aufeinander zu setz e n, und selbst die Zeit nicht, ohne, indem wir im Ziehen einer geraden Linie (die die äußerlich figÜlrliche VOTstellung der Zeit sein soll) bloß auf die Handlung der Synthesis des M annig. faltigen, dadurch wir den inneren Sinn sukzessiv bestimmen, und dadurch auf die Sukzession dieser Bestimmung in demselben, aehthaben. Bewegung, als Handlung des Suhjekts, (nicht als Belstimmung eines Objekts)*,) folglich die Syn. (B 165) thesis des Mannigfaltigen im Raume, wenn wir t!on diesem abstrahieren und bloß auf die Handlung achthaben, dadurch 10 wir den inneren Sinn seiner Form gemäß bestimmen, bringt sogar den Begriff der Sukzession zuerst hert!OT. Der Verstand *) Bewegung eines Objekts im Raume gehört nicht in eine reine Wissenschaft, folglich auch nicht in die Geometrie; weil, dafl etwas beweglich sei, nicht apriori, sondern nur durch Erfahrung erkannt werden kann. Abel' Bewegung, als Beschreibung eines Raumes, ist ein reiner AktltS der sukzessiven Synthesis des Mannigfaltige-n in der aufleren Anschauung überhaupt durch produktive Einbildungskraft, und gehört nicht allein zur Geometrie, sondern sogar zur Transzendentalphilosophie. Kant, Kritik der reinen Vernunft. 13
172 a (A 118) Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.A] I Diese synthetische Einheit setzt aber eine Synthesis voraus, oder schließt sie ein, und soll jene apriori notwendig erkannt winl, und gerade so den Grund zu synthetischen Sätzen apriori, die das reine Denken betreffen, als Raum und Zeit Zlt solchen Sätzen, die die Form dm' bloßen Anschauung angehen, abgibt. De,' synthetische Satz: daß alles verschiedene empirische Bewufltsein in einem einigen') Selbstbewttßtsein verbunden sein müsse, ist dei' sc h I e c h t hin e'rste und synthetische Grundsatz unsere.~ Denkenl5 überhaupt. Es i.~t aber nicht aus der Acht zu lassen, dafl d';e blofle VOI'stellung Ich in Beziehung auf alle anderen (deren kollektive Einheit sie möglich macht) das transzendentale Bewußtsein sei. Diese Vorstellung mag nun klar (empirisches Bewufllsein)2) oder dunkel sein, daran liegt hier nichts, ja nicht einmal an der Wirklichkeit desselben; sondern die M{jglichkeit der logischen Form alles Erkenntnisses beruht notwendig auf dem Verhältnis zu dieser Apperzeption als einem Verm{jgen. ') Vorländer: "einzigen". 2) Vorländer streicht: ,,(empirisches Bewußtsein)". 172b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] findet also in diesmn nicht etwa schon eine dergleichen Verbindung des Mannigfaltigen, sondern bringt sie hervor, indem er ihn affiziert. Wie 1 ) aber das Ich, der ich denke 2 ), von dem I eh, das sich selbst anschaut, unterschieden (indmn ich mir 'noch andere Anschauungsart wenigstens als möglich vorstellen kann) und doch mit diesem letzteren als dasselbe Subjekt einerlei S61', wie ich also sagen könne: Ich, als Intelligenz und denkend Subjekt, erkenne mich selbst als gedachtes Objekt, sofern ich mir noch über das in der Anschauung 10 gegeben bin, nur, gleich anderen Phänomen, nicht wie ich vor dmn Verstande bin, sondern wie ich mir erscheine, hat nicht mehr auch nicht weniger Schwierigkeit bei sich, als wie ich (B 156) mir selbst überhaupt ein Obiekt und zwar der An Ischauung und innerer Wahrnehmungen sein könne. Daß es aber doch wirklich so sein müsse, kann, wenn man den Raum für eine bloße reine Form der Erscheinungen äußerer Sinne gelten läßt, dadurch klar dargetan werden, daß wir die Zeit, die doch gar kein ') Vaihinger: fordert vor "Wie" einen Absatz. 2) Vaihinger: "das Ich, das denkt".
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 173 a sein, so muß letztere auch eine Synthesis apriori sein. Also bezieht sich die transzendentale Einheit der Apperzeption auf die reine Synthesis der Einbildungskraft, als eine Bedingung a qr1:ori der 11föglichkeit aller Zusamme.nsetzung des M annigfaltigen in einer Erkenntnis. Es kann aber nu'/" die prod1,ktiveSynthesis der Einbildu ngskraft apriori stattfinden; denn die reproduktive beruht auf Bedingungen der Erfahrung. Also ist das Prinzipium der notwendigen Einheit der reinen (produktiven) Synthes1:s der Einbildungskraft vor der Apperzeption der Grund der Möglichkeit aller Erkenntnis, besonders 10 der Erfahrung. Nun nennen wir die Synthesis des Mannigfaltigen in der .Einbildungskraft tran-8ze.ndental, wenn ohne Unterschied der Anschauungen sie auf m:chts, als bloß auf die Verbindung des Mannigfaltigen apriori geht, und die Einheit dieser Synthesis heißt transzendental, wenn sie in Beziehung auf die ursprüngliche Einheit der Apperzeption, als apriori notwendig vorgestellt wird. Da diese letztere nun der Möglichkeit Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 173 b Gegenstand äußerer Anschauung ist, uns nicht anders vorstellig machen können, als unter dem Bilde .einer Linie, sofern wir sie ziehen, ohne welche Darstellungsa'rt wir die Einheit ihrer Abmessung gar nicht erkennen könnten, imgleichen daß wi·, die Bestimmung derZeitlänge, oder auchderZeitstellen für alle inneren Wahrnehmungen, immer von dem hernehmen müssen, was uns äußere Dinge Veränderliches darstellen, folgliCh die Bestimmungen des inneren Sinnes gerade auf dieselbe Art als Erscheinungen in der Zeit ordnen müsRen, wie wir die der äußeren Sinne im Raume ordnen, mithin, wenn wir von den letzteren 10 einTäumen, daß wir dadurch Objekte nnr sofern erkennen, als wir äußerlich affiziert werden, wir attch vom inneren Sinne zugestehen müssen, daß wir dad'urch uns selbst nur so anschauen, wie wir innerlich von uns selbst atfiziert werden, d. i. wasdie innere Anschauung betrifft, unser eigenes Subjekt nur als Erscheinung, nicht aber nach dem, was es an sich selbst ist, erkennen*). *) Ich sehe nicht, 'UJie man so viel Schwierigkeiten darin finden könne, da{J der innere Sinn von 16ns selbst affiziert werde. Jeder Aktus der Aufmerksamkeit kann uns ein Bei Ispiel davon (B 157) 13'"
174a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] aller Erkenntnisse zum Grunde liegt. so ist die tran.9zendentale Einheit der Synthesis der Einhildungskraft die reine Form aller möglichen Erkenntnis, durch welche mithin alle Gegenstände möglicher Erfahrung apriori vorgestellt werden müssen. (A 119) I Die Einheit der Apperzeption in Beziehung auf die Synthesis der Einbildungskraft ist der Verstand, und eben dieselbe Einheit, beziehungsweise auf die transzendentale Synthesis der Einhildungskraft, der "eine Verstand. Also sind im Verstande reine Erkenntnisse 10 apriori, welche die notwendige Einheit der reinen SyntheBis der Einhildungskraft. in Amehung aller möglichen Erscheinungen. enthalten. Dieses sind aber die Kategorien, d. i. reine Verstandesbegr~:ffe, folglich enthält die empirische Erkenntniskraft des Menschen notwendig einen Verstand, der sich auf alle Gegenstände der Sinne, obgl~'ch nur vermittelst der Amchauung, und der SyntheBis derselben durch Einhildungskraft bezieht, unter welchen1 ) also alle Ersch~inungen. als 1) Erdmann: "welchem". 174 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] (B 157) I§ 25 Dagegen bin ich mir meiner selbst in der tramzendentalen Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen üherhaupt, m~'thin in der synthetischen ursprünglichen Einheit der Apperzeption, bewußt, nicht wie ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß ich bin. Diese Vorstellung ist ein Denken. nicht ein Anschauen. Da nun zum Erkenntnis umerer selbst außer der Handlung des Denkens, die das Mannigfaltige einer jeden möglichen Amchauung zur 10 Einheit der Apperzeption bringt. noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses Mannigfaltige gegeben wird, erforde'rlich ist, so ist zwar mein eigenes Dasein nicht Erscheinung (viel weniger bloßer Schein), aber die Bestimmung geben. Der Verstand bestimmt darin jeduzeit den inneren Sinn der Verbindung, die er denkt, gemäß, zur inneren Anschauung, die dem Mannigfaltigen in der SynthesiB des Verstandes korrespondiert. lHe sehr das Gemüt gemeiniglich hierdurch affiziert werde, wird ein jeder in sich wahrnehmen können.
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 175 a Data zu einer möglichen Erfahrung 8tehen. Da nun diese Beziehung der Erscheimtngen auf mögliche Erfahrung ebenfalls notwendig ist, (weil wir ohne diese gar keine Erkenntnis durch Bie bekommen würden, und sie uns mithin gar nichts angingen) so folgt, daß der reine Verstand, vermiuelst der Kategorien, ein formales und synthetische{1 Prinzipium aller Erfahrungen sei, und die Erscheinungen eine notwendige Beziehung auf den Verstand haben. Jetzt wollen wir den notwendigen Zusammenhang des Verstandes mit den Erscheinungen vermittelst der Kategorien 10 dadurch vor Augen legen, daß wir von unten auf, niilmlich dem Empirischen anfangen. Das Erste, was uns I gege1Jen wird, (A 120) ist Erscheinung, welche, wenn sie mit Bewußtsein verbunden ist, Wahrnehmung heißt, (ohne das Verhältnis zu einem, wenigstens möglichen Bewußtsein, würde Erscheinung für uns niemals ein Gegenstand der Erkenntnis werden können, und also für uns nichts sein, und weil Bie an sich selbst keine objektive Realität hat; und nur im Erkenntnisse existiert, Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 175 b meines Daseins*) I kann nur der Form des inneren Sinnes (B 158) gemäß nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, in der inneren Anschauung gegeben wird, geschehen, und ich habe also demnach keine Erkenntnis von *) Das, Ich denke, dTiickt den Aktus aus, mein Dasein zu bestimmen. Das Dasein ibt dadurch also schon gegeben, abel" die Art, wie ich es bestimmen, d. i. das Mannigfaltige, zu demselben gehörige, in mir setzen solle, ist dadurch noch nicht gegeben. Dazu gehört Selbstanschauung, die eine apriori gegebene Form, d. i. die Zeit, zum Grunde liegen hat, welche sinnlich und zur Rezeptivität des Bestimmbaret~ gehörig ist. Habe ich nun nicht noch I eine andere Selbstanschauung, die das Bestimmende in (B 158) mir, dessen Spontaneität ich mir nut' bewu{Jt bin, ebenso vor dem Aktus des Bestimmens gibt, wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich mein Da.~ein, als eines selbsttätigen Wesens, nicht bestimmen, sondern ich stelle mir nl4r die Spontaneität meines Denkens, d. i. des Bestimmens, vor, und mein Dasein bleibt immer nur sinnlich, d. i. als das Dasein einer Erscheinung, bestimmbar. Doch macht diese Spontaneität, da{J ich mich Intelligenz nenne.
176a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] überall nichts 8ein). Weil aber jede Er8cheinung ein M annig. faltiges enthält, mithin ver8chiedene Wahrnelvrnungen im Gemüte an sich zer8treut und einzeln angetroffen werden, so i8t eine Verbindung der8elben nötig, welche 8ie in dem Sinne 8elb8t nicht haben können. E8 ist also in Urt8 ein tätige8 Vermögen der Synthe8i8 dieses Mannigfaltigen, welches wir Einbildung8kraft nennen, und deren unmittelbar an den Wahr· nelvrnungen ausgeübte Handlung ich Apprehension nenne"). Die Einbildung8kraft 80ll nämlich dU8 Mannigfaltige ·der *) Dafl die Einbildungskraft ein notwendiges Ingredienz der Wahrnehmung 8elbst sei, daran !lat wohl noch kein Psychologe gedacht. Da8 kommt daher, weil man dieses Verm~gen teils nur auf Reproduktionen einschränkte, teils, weil man glaubte, die Sinne lieferten uns nicht aUein Eindrücke, sondern setzten solche auch sogar zusammen, und brächten Bilder der Gegenstände zuwege, wozu ohne Zweifel aufler der Empfänglichkeit de!' EindrUcke, noch etwas mehr, nämlich eine Funktion der Synthesis derselben erfordert wird. 176 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg. B] mir wie ich bin, 80ndern bloß wie ich mir 8elb8t erscheine. Dall Bewußtsein seiner selbst ist also noch lange nicht ein Erkenntnis seiner selbst, unerachtet aller Kategorien, welche dU8 Denken eines Objekts überhaupt durch Verbindung du Mannigfaltigen in einer Apperzeption ausmachen. So wie zum Erkenntnisse eines von mir verschiedenen Objekts, außer dem Denken eines Objekts überhaupt (in der Kategorie), ich doch noch einer Art8chauung bedarf. dadurch ich jenen allgemeinen Begriff bestimme, so bedarf ich auch zum Erkenntni8se 10 meiner selbst außer dem Bewußtsein, oder außer dem, daß ich mich denke, noch einer Art8chauunf,' des Mannigfaltigen in mir, wodurch ich diesen Gedanken bestimme. und ich exi8tiere al8 Intelligenz, die sich lediglich ihres Verbindungsvermögert8 (B 159) bewußt ist, in I Art8ehung des Mannigfaltigen aber, dU8 sie verbinden soll, einer einschränkenden Bedingungl), die sie den in'neren Sinn nennt, unterworfen'). jene Verbindung nur 1) Die dritte Originalausgabe: "Verbindung". B) Erdmann: "unterworfen ist".
Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 177 a Anschauung in ein Bild bringen; vorher muß sie also die Eindrücke in ilvre Tätigkeit aufnehmen, d. i. apprehen. dieren. I Es i.,t aber klar, daß selbst diese Apprehension des (A 121) Mannigfaltigen allein noch kein Bild und keinen Zusammen· hang der Eindrücke hervorbringen würde, wenn nicht ein sUbjektiver Grund da wäre, eine Walvrnehmung, von welcher das Gemüt zu einer anderen übe-rgegangen, zu den nachfolgenden herüberz'UlT'ufen, und so ganze Reihen derselben darzustellen, d. i. ein reproduktives Vermögen der Einbl~ldungskraft, welches 10 denn auch n'UlT' empirisch ist. Weil aber, wenn Vorstellungen, sowie sie zusammengeraten, einander ohne Unterschied reproduzierten, wiederum kein be.,timmter Zusammenhang derselben, sondern bloß regellose Haufen derselben, mithin gar kein Erkenntnis entspringen würde; so muß die Reproduktion derselben eine Regel haben, nach welcher eine Vor,ltellung vielmehr mit dieser, als einer anderen inder Einbildungskraft in Verbindung triU. Diesen Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 177 b nach Zeitverhältnissen, welche ganz außerhalb denl ) eigentlichen Verstandesbegriffen liegen, anschaulichi) machen, und sich daher selbst doch n'UlT' erkennen kann, wie sie, in Absicht auf eine Anschauung (die nicht intellektuell und d'UlT'ch den Verstand selbst gegeben sein kann), ilvr selbst bloß erscheint, nicht wie sie sich erkennen würde, wenn ilvre Anschauung intellektuell wäre. § 26 Transzendentale Deduktion des allgemein möglichen 10 Erjahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe In der metaphysischenDeduktion wurde der Ursprl~ng der Kategorien a prl:ori überhaupt d'UlT'ch ilvre völlige Zusammen· treffung mit den allgemeinen logischen Funktionen des Denkens dargetanS), in der transzendentalen aber die Möglichkeit der· ') Valentiner: ~,der" ... "Verstandesbegriffe". I) Erdmann, d~r den Satz für "unkonstruierbar" hält, widerlegt von Görl~nd): "anschaulich zu machen". (3) Me 11 i n fügt ein: ,,§ 10".
178a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] subjektiven und empirischen Grund der Reproduktion nach Regeln nennt man die Assoziation der Vorstellungen. Würde nun aber diese Einheit der Assoziation nicht auch einen objektiven Grund haben, so daß es unmöglichl ) wäre, daß Erscheinungen von der Einbildungskraft anders apprehendiert würden, als unter der Bedingung einer möglichen synthetischen Einheit dieser Apprehension, so würde es auch etwas ganz Zufälliges sein, daß sich Erscheinungen in einen Zusammenhang der menschlichen Erkenntnisse schickten. Denn, ob 10 wir gleich das Vermögen hätten, Wahrnehmungen zu assoziieren; (A 122) so bliebe es doch an sich I ganz unbestimmt und zufällig, ob sie auch a8soziabel wären; und in dem Falle, daß sie es nicht wären, so würde eine Menge Wahrnehmungen, und auch wohl eine ganze Sinnlichkeit möglich sein, in welrl~er viel empirisches Bewußtsein in meinem Gemüte anzutreffen wäre, aber getrennt, und ohne daß es zu einem Bewußtsein meiner selbst gehörte, 1) Vaihinger: "möglich". 178 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] selben als Erkenntnisse apriori vonGegenständen einer Anschauung überhaupt (§§ 20,21) dargestellt. Jetzt soll die Möglichkeit, durch Kategorien die Gegenstände, die nur immer unseren Sinnenvorkommenmögen, und zwar nicht derForm ihrer Anschauung, sondern den Gesetzen ihrerVerbindung nach, a priori zu erkennen, also der Natur gleichsam das Gesetz vorzu(B 160) schreiben und sie sogar möglich zu machen, er Iklärt werden. Denn ohnediese ihre Tauglichkeit würdenicht erhellen, wie alles, was unseren Sinnen nur vorkommen mag, unter den Gesetzen 10 stehen müsse, die apriori aus dem Verstande allein entspringen. Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen Anscha.uung verstehe, dadurrl~ Wahrnehmung, d. i. empirisches Bewußtsein derselben, (als Erscheinung) möglich wird. Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung apriori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen muß die Synthcsis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung jederzeit gemäß sein,
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg. A] 179 a welches aber unmöglich ist. Denn nur dadurch, daß ich alle Wahrnehmungen zu einem Bewußtsein (der ursprünglichen Apperzeption) zähJ,e, kann ich bei allen Wahrnehmungen sagen: daß ich mir ihrer bewußt sei. Es muß also ein objektiver, d. i. Va?' allen empirischen Gesetzen der Einbildungskraft a priori einzusehender Grund sein, worauf die Möglichkeit, ja sogar die Notwendigkeit eines durch alle Erscheinungen sich erstreckenden Gesetzes beruht, sie nämlich durchgängig als solche Data der Sinne anzusehen, welche an sich a8soziabel, und allgemeinen Regeln einer durchgängigen Verknüpfung in der Reproduktion 10 unterworfen sind. Diesen objektiven Grund aller Assoziation der Erscheinungen nenne ich die Affinität derselben. Diesen können wir aber nirgends ande'l's, als in dem Grundsatze von der Einheit der Apperzeption, in Ansehung aller Erkenntnisse, die mir angeMren soUen, antreffen. Nach diesem müssen durchaus alle Erscheinungen, so ins Gemüt kO?nmen, oder apprehendiert werden, daß sie zur Einheit der Apperzeption zusammenstimmen, welches,ohne synthetische Einheit in ihrer Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg. B] 179 b weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen kann. Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen Anschauung, sondern als Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges enthalten) also mit der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen in ihnen apriori vorgestellt (siehe transz. Ästhet.)""). Allso ist selbst schon (B 161) -----*) Der Raum, als Ge gen s tan d vorgestellt, (wie man es wirklich in der Geomet"ie bedarf,) enthält mehr, als blojle Form der Anschauung, nämlich Zusammenfassung des Mannigfaltigen, nach der FO"m der Sinnlichkeit gegebenen, in eine anschauliche Vorstellung, so dajl die Form der Anschauung blojl Mannigfaltiges, die formale Anschauung aber Einheit der Vorstellung gibt. Diese Einheit hatte ich in der Ästhetik blojl zur Sinnlichlkeit (B 161) gezählt, um nur zu bemerken, dajl sie vor allem Begriffe vorhergehe, ob sie zwar eine Synthesis, die nicht den Sinnen angehört, durch welche aber alle Begriffe von Raum und Zeit zuerst möglich werden, voraussetzt. Denn da durch sie (indem der Verstand die Sinnlichkeit bestimmt) der Raum oder die Zeit als Anschauungen ZUM'st gegeben werden, so gehört die Einheit dieser Anschauung apriori zum Raume und der Zeit, und nicht zum Begriffe des Verstandes. (§ 24.)
180 a Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A ] V'3rknüpjung, die mithin auch objektiv notwendig ist, unmöglich sein würde. (A 123) I Die objektive Ein;~eit alles (empirischen) Bewußtseins in einem Bewußtsein (der ursprünglichen ApperzeJfJtion) ist also die notwendige Bedingung sogar aller möglichen Wahrnehmung, tt.nd die Affinität aller Erscheinungen (nahe oder entfernte) ist eine notwendige Folge einer Synthesis in deI(' Einbildungskraft, die apriori auf Regeln gegründet ist. 10 Die Einbildungskraft ist also auch ein Vermögen einer Synthesis apriori, weswegen wir ihr den Namen der produktiven Einbildungskraft geben, und, sofern sie in Ansehung alles Mannigfaltigen der Erscheinung nichts weiter, als die notwendige Einheit in der Synthesis derselben zu ihrer Absicht hat, kann diese die transzendentale Funktion der Einbildungskraft genannt werden. Es ist daher zwar befremdlich, allein aus dem bisherigen doch einleuchtend, daß nur vermittelst dieser transzendentalen Funktion der Einbildungskraft, sogar 180 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg. B] Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen, außer oder in uns, mithin aueh eine Verbindung, der alles, was im Raume oder der Zeit bestimmt vorgestellt werden soll, gemtiß sein muß, apriori als Bedingung der Synthesis aller Apprehension schon mit l ) (nicht in) diesen Anschauungen zugleich gegeben. Diese synthetische Einheit aber kann keine andere sein, als die der Verbindung des Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung übel'haupt in einem ursprünglichen Bewußtsein, den Kategorien gemäß, nur auf unsere sinnliche 10 Anschanung angewandt. Folglich steht alle Synthesis, wodurch selbst Wahrnehmung möglich wird, unter den Kate. gorien, nnd, da Erfahrung Erkenntnis durch ve1'knüpfte Wahr. nchm~lngcn ist, so sind die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, und gelten also apriori auch von allen Gegenständen der Erfalilrung. * 1) Erdmann: "Apprehension mit".
Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nach Ausg. A} 181 a die Affinität der ErsCheinungen, mit ihr die Assoziation und durch diese endlich die Reproduktion nach Gesetzen, folglich die E-rfahrung selbst möglich werde: weil ohne sie gar keine Begriffe von Gegenständen in eine Erfahrung zusammenfließen 'WÜrden. Denn das stehende u-nd bleibende Ich (der reinen Apper. zeption) macht das Korrelatum aller unserer Vorstellungen aus, sofern es bloß möglich ist, sich ihrer bewußt zu werden, und alles Bewußtsein gehört ebensowohl zu einer allbefassenden reinen Apperzeption, wie alle sinnliche I Anschauung als Vor· (A 124) stellung zu einer reinen inneren Anschauung, nämlich der Zeit. Diese Apperzeption ist es nun, welche zu der reinen Eirlhildungskraft hinzukommen m~tß, um ihre -Funktion intellektuell zu machen. Denn an sich selbst ist die Synthesis der Eirlhildungskraft, obgleich apriori ausgeübt, dennoch J"ederzeit sinnlich, weil sie das Mannigfaltige nur so verbindet, wie es in der Anschauung erscheint, z. B. die Gestalt eines Triangels. Dutrch das Verhältnis des Mannigfaltigen aber Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B} 181 b I Wenn ich also z. B. die empirische Anschauung eines (B 162) Hauses dUl'ch Apprehensionl ) des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so liegt mir die notwendige Einheit delJ Raumes und der äußeren sinnlichen Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine Gestalt, dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume gemäß. Eben dieselbe sy,ithetische Einheit aber, wenn ich von der Form des Raumes abstrahiere, hat im Verstande ihren Sitz, und ist die Kategorie der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt, d. i. die KatcfJ01-ie der Größe, 10 welcher also J"ene Synthesis der Apprehension, d. i. die Wahr· nehmung, durchaus gcmäß .sein muß*-). *) Auf solche Weise wird bew-iesen: dafJ die SYllthesis der Apprehension, lcelche empirisch ist, der Synthesis der Apperzeption, welche intellektuell und gänzlich apriori in der Kategor.ie enthalten ist, notwendig gemäfJ sein müsse. Es ist eine und dieselbe 1) Die vierte Originalausgabe: "Apperzeption".
182 a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] zur Einheit der Apperzeption werden Begriffe, welchel) dem Verstande angehören, aber nur vermittelst derEirlhildu'Yl{]skraft in Beziehung auf die sinnliche Anschauung zustande kommen können. Wir haben also eine reine Eirlhildungskraft, als ein Grund. vermögen der menschlichen Seele, das aller Erkenntnis apriori zum Grunde liegt. Vermittelst derenbringenwirdas Mannigfaltige der Anschauung einerseits, und 2 ) mit der Bedingung der not· wendigen Einheit der reinen Apperzeption andererseits in 10 Verbindung. Beide äußerste Enden, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, müssen vermittelst dieser transzendentalen Funktion der Einbildungskraft notwendig zusammenhängen: weil jene 1) Vaihinger: "werden Begriffe ins Spiel gebracht (erzeugt), welche"; Erdmann: "werden Begriffe zustande kom· men können, welche" 2) "und" gestrichen von Erdmann; Riehl: "das Mannig. faltige der Anschauung und der Zeit einerseits und mit . . ." 182 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des lV assers wahrnehme, so apprehendiere ich zwei Zustände (der Flüssigkeit und Festigkeit) als solche, die in einer Relation der Zeit gegeneinander stehen. Aber in der Zeit, die ich der Er· (B 163) scheinung als innerenAnschauung Izum Grunde lege, stelle ich mir notwendig synthetische Einheit des Mannigfaltigen vor, ohne die jene Relation nicht in einer Anschauung bestimmt (in Ansehung der Zeitfolge) gegeben werden könnte. Nun ist aber diese synthetische Einheit, als Bedingung apriori, unter der 10 ich das Mannigfaltige einer Anschauung überhaupt verbinde, wenn ich von der beständigen Form meiner inneren Anschauung, der Zeit, abstrahiere, die Kategorie der Ursache, durch welche ich, wenn ich sie auf meine Sinnlichkeit anwende, alles, was geschieht, in der Zeit überhaupt seiner Relation nach bestimme. Also steht die Apprehension in Spontaneität. lcelehe dort, unter dem Namen der Einbildungskraft, hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung hineinbringt.
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 183 a sonst zwar Erscheinungen, aber keine Gegenstände eines empirischen Erkenntnisses, mithin keine Erfahrung geben würden. Die wirkliche Erfahrung, welche aus der Apprehension, der Assoziation, (der Reproduktion,) endlich der Rekognition der Erscheinungen besteht, enthält in der letzte I ren und CA 125) höchsten (der bloß empirischen Elemente der Erfahrung) Begriffe, welche die formale Einheit der Erfalvrung, und mit ilvr alle objektive Gültigkeit (Walvrheit) der empirischen Erkenntnis möglich machen. Diese Gründe der Rekognition des Mannigfaltigen, sofern sie bloß die Form einer Er. 10 fahrung überhaupt angehen, sind nun jene Kategorien. Auf ihnen gründet sich also alle formale Einheit in der Synthesis der Einbildungskraft, und vermittelst dieser auch alles empirischen Gebrauchsl ) derselben (in der Rekognition, Reproduktion, Assoziation, Apprehension) bis herunter zu den Erscheinungen, weil diese, nur vermittelst jener Elemente 1) Adickes: "aller empirische Gebrauch". Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 183 b einer solchen Begebenheit, mithin diese selbst, der möglichen Wahrnehmung nach, unter dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen und Ursachen, und so in allen anderen Fällen. ... ... ... Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur, als dem Inbegriffe aller Erscheinungen (natura materialiter speetata), Gesetze a priari OOTsclvreiben, und nun fragt sich, da sie nicht von der Natur abgeleitet werden und 1) sich nach ilvr als ilvrem Muster richten (weil sie sonst bloß empirisch sein würden), wie es zu begreifen sei, 10 daß die Natur sich nach ihnen richten müsse, d. i. wie sie die Verbindung des M annigjaltigen der Natur, ohne sie von dieser abzunehmen, apriori bestimmen können. Hier ist die Auflösung dieses Rätsels. I Es ist nun 2 ) nichts befremdlicher, wie die Gesetze der (B 164) 1) Valentiner: "noch". 2) Mellin: "um".
184a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] der Erkenntnis und überhauptl ) unserem Bewußtsein, mithin uns selbst angehören können. Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erschei. nungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hineingelegt. Denn diese Natureinheit soll eine notwendige, d. i. apriori gewisse Einheit der Verknüpfung der Erscheinungen sein. Wie sollten wir aber wohl apriori eine synthetische Einheit 10 auf die Bahn bringen können, wären nicht in den ursprünglichen Erkenntnisqttellen unseres Gemüts subjektive Gründe solcher Einheit apriori enthalten, und wären.diese sUbjektiven Bedingungen nicht zugleich objektiv gültig, indem sie die (A 126) Gründe I der :Möglichkeit sind, überhaupt ein Objekt in der Erfahrung zu erkennen. Wir haben dcn Verstand oben auf mancherlei Weise 1) Hartenstein: "Erkenntnis überhaupt". 184 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe tnach Ausg. B] Erscheinungen in der Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori,d. i. seinem Vermögen das Mannigfaltige überhaupt zu verbinden, als wie die Erscheinungen selbst mit der Form der sinnlichen Anschauung apriori überein· stimmen müssen. Denn Gesetze existieren ebensowenig in den Erscheinunge·n" sondern nur relativ auf das Subjekt, dem die Erscheinungen inhärieren, sofern es Verstand hat, als Erscheinttngen nicht an sich existieren, sondern nur relativ auf dasselbe Wesen, sofern es Sinne hat. Dingen an sich selbst würde ihre 10 Gesetzmäßigkeit notwendig, auch außer einem Verstande, der .~ie erkennt, zukommen. Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen von Dingen, die, nach dem, was sie an sich sein mögen, unerkannt da sind. Als bloße Vorstellungen aber stehen sie unter gar keinem Gesetze der Verknüpfung, als demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen vorschreibt. Nun ist das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung verknüpft, Einhildungskrajt, die vom Verstande der Einheit ihrer intellektuellen Synthesis, und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit der Apprehension nach abhängt. Da nun
Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.A] 185a erklärt: durch eine Spontaneität der Erkenntnis, (im Gegensatze der Rezeptivität der Sinnlichkeit) durch ein Vermögen zu denken, oder auch ein Vermögen der Begriffp" oder auch der Urteile, welche Erklärungen, wenn man sie bei Lichte besieht, auf eins hinauslaufen. Jetzt können wir ihn als das Vermögen der Repeln charakterisieren. Dieses Kennzeichen ist fruchtbarer und tritt dem Wesen desselben nähe?'. Sinnlichkeit gibt uns Formen, (der Anschauung) der Verstand aber Regeln. Dieser ist jederzeit geschäftig, die Erscheimmgen in der Absicht durchzuspähen, '11m an ihnen irgendeine Regel 10 aufzufinden. Regeln, sofern sie objektiv sind1 ), (mithin der Erkenntnis des Gegenstandes notwendig anhängen) heißen Gesetze. Ob wir gleich durch Erfahrung viel Gesetze lernen, so sind diese doch nur besondC1'e Bestimmungen noch höherer Gesetze, unter denen die höchsten, (unter welchen andere 1) Kant (Nachträge LII): "Regeln, sofern sie die Existenz als notwendig [darstellen?]." Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] 185 b von der. Synthesis der Apprehension alle mögliche Wahrnehmung, sie selbst aber, diese empirische Synthesis, von der transzendentalen, mithin den Kategm"'ien abhängt, so müssen alle möglichen Wahrnehmungen, mithin auch alles, was zum empt:rischen Bewußtsein immer gelangen kann, d. i.[ alleErscheinun. (B 165) gen der Natur, ihrer Verbindung nach, unter den Kategorien stehen, von welchen die Natur (bloß als Natur iiherhaupt betrachtet), als dem 'U1'sprünglichenGrunde ihrer notwendigen Gesetzmäßigkeit (als natura formaliter speetata), abhängt. Auf mehrer(1 ) Gesetze aber, als die, auf denen eine Natur über. 10 haupt, als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit, beru~t, reicht auch das reine Verstandesvermögen nicht Z11, durch bloße Kategorien den Erscheinungen a primi Gesetze vor· zuschreiben. Besondere Gesetze, weil sie empiT1:sch bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon nicht vollständig abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen. Es muß Erfahrung dazu kommen, um die 1) Görland: "mehr".
186 a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] allel) stehen) apriori aus dem Verstande selbst herkommen, und nicht von der E?'/alvrung entlehnt sind, sondern vielmelvr den Erscheinungen ilvre Gesetzmäß-igkeit verschaffen, und eben dadurch Er/alvrung möglich machen müssen. Es ist also der Verstand nicht bloß ein Vermögen, durch Vergleichung der Erscheinungen sich Regeln zu machen: er ist selbst die Gesetzgebung für die Natur, d. i. ohne Verstand würde es überall (A 127) nicht Natur, d. i. synthetische Einheit I des :Mannigfaltigen der E-fscheinungen nach Regeln geben: denn Erscheinungen 10 können, als solche, nicht außer uns 'stattlinden. sondern existieren nur in unserer Sinnlichkeit. Diese Z ) aber, als Gegenstand der Erkenntnis in einer Erfalvrung, mit allem, was sie enthalten mag, ist nur in der Einheit der Apperzeption 1) H artens tein: "alle andere"; Kehr bach: "alle anderen"; Erdmann vermutet: "die andern alle". 2) Vaihinger: "geben (denn ... Sinnlichkeit). Jene ..."; Erdmann: bezieht "Diese" auf "Natur". 186 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. BJ letztereni) überhaupt kennen zu lernen; von Erfalvrung aber übc,rhaupt, und dem, was als ein Gegenstand derselben erkannt werden kann, geben allein 1'ene Gesetze a p?-iori die Belehrung. § 27 Resultat dieser Deduktion der Verstandesbegrijfe WÜ' können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kategorien; wir können keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne durch AnBGhauungenZ ), die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen sinnlich, und 10 diese Erkenntnis, sofern der Gegenstand derselben gegeben ist, ist (B 166) empir?:sch. Empirische Erkenntnis aber I ist Erfalvrung. Folglich ist uns keine Erkenntnis apriori möglich, als lediglich 1'on Gegenständen möglicher Erfahrung"). *) Damit man sich nicht voreiligerweise an den bl'sorglichen nachteiligen Folgen dieses Satzes stofJe, wiU ich nur in Erinnerung 1) Görland: zu beziehen auf "besondere Gesetze". 2) Die vierte Auflage: "Anschauung".
Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] 187 a möglich. Die Einheit der Apperzeption aber ist der trart8zendentale Grund der notwendigen Gesetzmäßigkeit aller Erscheinungen in einer Erfahrung. Eben dieselbe Einheit der Apperzeption in Art8ehung eines Mannigfaltigen von VorsteUungen (es nämlich aus einer einzigen zu bestimmen) ist die Regel und das Vermögen dieser Regeln der Verstand. Alle Erschei· nungen liegen also als mögliche Erfahrungen ebenso a p'riori im Verstande, und erhalten ihre formale Möglichkeit von ihm, wie sie als bloße Art8chauungen in der Sinnlichkeit liegen, und durch dieselbe der Form nach, allein möglich sind. 10 So iibertrieben, so widersinnig es also auch lautet, zu sagen: der Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur, und mithin der formalen Einheit der Natur, so richtig, und dem Gegert8tande, nälmlich der Erfahrung' angemessen ist gleichwohl eine solche Behauptung. Zwar können empirische Gesetze, als solche, ihren' Ursprung keineswegs vom reinen Verstande 1) 1) Erdmann: "also" (?). Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] 187b Aber diese Erkenntnis, die bloß auf Gegert8tände der Erfahrung eingeschränkt ist, ist darum nicht aUe von der Erfahrung entlehnt, sondern, was sowohl die reinen Art8chauungen, als die reinen Verstandesbegriffe betrifft. so sind1 ) Elemente der Erkenntnis, die in Urt8 a priori angetroffen werden. Nun sind nur zwei Wege, auf welchen eine notWendige tJbereirt8timmung der Erfahrung mit den Begriffen von bringen, daß die Kategor-ien im Denken durch die Bedingungen urt8erer sinnlichen Anschauung nicht eingeschränkt sind, sondern ein unberrrenztes Feld haben, und nur das Erkennen dessen, was wir urt8 denken, das Bestimmen des Objekts, Anschauung bedürfe, wo, beim Mangel der letzteren, der Gedanke vom Objekte 'Übr-igens noch immer seine wahren und nützlichen Folgen auf den Vernunftgebrauch des Subjekts haben kann, der sich aber, weil er nicht immer auf die Bestimm1m,'1 des Objekts, mithin aufs Erkenntnis, sondern auch auf die des Subjekts und dessen WoUen gerichtet ist, hier noch nicht vortragen läßt. 1) Mellin: "sind sie"; Erdmann: "sind diese". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 14
188a Transz.Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nachAusg.A] herleiten, so wenig als die unermeßliehe Manniofaltigkeit der Erscheinungen aus der reinen Form der sinnlichen Anschauung hinlänglich begriffen werden kann. Aber alle empirischen (A 128) Gesetze sind nur I besondere Bestimm~lngen der reinen Gesetze des Verstandes, unter welchen und nach deren Norm jene allererst möglich sind, und die Erscheimtngen eine gesetzliche Form annehmen, sowie auch alle Erscheinungen, unerachtet der Verschiedenheit ihrer empirischen Form, dennoch jederzeit den Bedingungen der reinen Form der Sinnlichkeit gemäß sein müssen. 10 Der reine V EJ1'stand ist also in den Kategorien das Gesetz der synthetischen Einheit aller Erscheinungen, und macht dadurch Erfahrung iWl'er Form nach allererst und ursprünglich möglich, 11Iehr aber hatten wir in der transz. Ded~tktion der Kategorien nicht zu leisten, als dieses Verhältnis des Verstandes zur Sinnlichkeit, und vermittelst derse.lben zu allenGegenständen der Erfahrung, mithin die objektive Gültigkeit seiner reinen Begriffe a priori begreif~'ich zu machen, und dadurch ihren Ursprung und Wahrheit festzusetzen. 188 b Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. B] ihren Gegenständen gedacht weTden kann: entweder die E1fahrung macht diese Begriffe, oder diese Begriffe machen die (B 167) Erfahrung möglich. Das I erstere findet nicht in Ansehung der Kategorien (auch nicht der reinen sinnlichen Anschauung) statt; denn sie sind Begriffe apriori, mithin unabhängig von der Erfahrung (die Behauptung eines empirischen Ursprungs wäre e1:ne Art von generatio aequivoca), Folglich ble'ibt nur da.~ zweite übTig (gleichsam e'[n System der Epigenesis der reinen Vernunft): daß nämlich die Kategorien von seiten des 10 Verstandes die GTÜnde der 1Uöglichkeit aller Erfahrung überhaupt enthalten. Wie sie aber die Erfahrung möglich machen, und welche GTundsätze der Möglichkeit dM'selben sie in ihrer. Anwendung auf Erscheinungen an die Hand geben, wird das folgende Hauptstück von dem tran.~z. Gebrauche der Urteilskraft das mehrere lehren. urollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch einen 111ittclweg vorschlagen, nämlich, daß sir, weder 8fllb.~tgedachte erste Prinzipien apriori unserer Erkenntnis, noch auch aus der Erfahrung geschapft, sondern
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg.Al 189 a Summarische Vorstellung der Richtigkeit und einzigen Möglichkeit dieser Deduktion der reinen Verstandesbegrijfe Wären die Gegenstände, womit unsere Erkenntnis zu tun hat, Dinge an sich selbst, so W'iinoden wir von diesen gar keine Begriffe apriori haben können. Denn woher sollten wir sie nehmen? Nehmen wir sie vom Objekt (ohne hier noch einmal zu untet'suchen, wie I dieses uns bekannt werden könnte) 80 (A 129; wären unsere Begriffe bloß empirisch, und keine Begriffe a prior'i,. Nehmen wir sie aus uns selbst, so kann das, was bloß in uns ist, die Beschaffenheit eines von unseren Vor- 10 stellungen unterschiedenen Gegenstandes nicht bestimmen, d. i. ein Grund sein, warum es ein Ding geben solle, dem so etwas, als wir in Gedanken haben, zukomme, und nicht vielmehr alle diese Vorstellung leer sei. Dagegen, wenn wir es überall nur mit Erscheinungen zu tun haben, so ist es nicht allein möglich, sondern auch notwendig, daß gewisse Begriffe a priori vor der empirischen Erkenntnis der Gegenstände vorhergehen. Denn Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] 189b subjektive, uns mit unserer Existenz zugleich eingepflanzte Anlagen zum Denken wären, die von unserem Urheber so eingerichtet worden, daß ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an welchen die Erfahrung fortläuft, genau stimmte, (eine Art von Präformationssystem der reinen Vernunft) so würde (außer dem, daß bei einer solchen H 'YPothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die Voraussetzung vor· bestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen treiben möchte) das wider gedachten I Mittelweg entscheidend sein: daß in solchem (B 168) Falle den Kategorien die Notwendigkeit mangeln WÜ1'de, 10 die- ihrem Begriffe wesentlich angehört. Denn z. B. der Begriff der Ursache, welcher die Notwendigkeit eines Erfolges unter einer vorausgesetzten Bedingung aussagt, würde falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen uns eingepflanzten subjektiven Notwendigkeit, gewisse et,tpirische Vorstellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden, beruhte. Ich würde n1:cht sagen können: die Wirkung ist mit der Ursache im Objekte (d. i. notwendig) verbunden, sondern ich bin nur so eingi,:richtet, daß ich diese Vorstellung nicht ander~ als 80 14"
190a Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.A] als Erscheinungen machen sie einen Gegenstand aus, der bloß in uns ist, weil eine bloße Modifikation unserer Sinnlichkeit außer uns gar nicht angetroffen wird. Nun drückt selbst diese VorsteUung: daß aUe diese Erscheinungen, mithin alle Gegenstände, womit wir uns beschäftigen können, insgesamt in mir, d. i. Bestimmungen meines identischen Selbst sind, eine durchgängige Einheit derselben in einer und derselben Apperzeption als notwendig aus. In dieser Einheit des möglichen Bewußtseins aber besteht auch die Form aller Erkenntni8 der Gegen10 stände, (wodurch das Mannigfaltige, als zu Einem Objekt geMrig, gedacht wi-rd). Also geht die Art, wie das Mannigfaltige der Binnlichen Vorstellung (Anschauung) Z~~ einem Bewußtsein gehört, t'or aller Erkenntnis des Gegensta'fl!l,e8, als die inteUektuelle Form derselben, vorher, und macht selbst eine (A 130) formale Erkenntnis aller Gegenstände I apriori überhaupt aus, sofern Bie gedacht werden (Kategorien). Die SyntheaiB derselben durch die reine Einbildungskraft, die Einheit aller VorsteUungen in Beziehung auf die ur8prÜnglicheApperzeption 190b Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] verknüpft denken kann; welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten wünscht; denn alsdann ist alle unsere EinBicht, durch vermeinte objektive Gültigkeit unserer Urteile, nichts als lauter l~chein, und es würde auch an Leuten nicht fehlen, die diese subjektive Notwendigkeit (die gefühlt werden muß) von sich nicht gestehen würden; zum wenigsten könnte man mit niemandem über dasjenige hadern, Was bloß auf der Art beruht, wie sein Subjekt organisiert ist. Kurzer Begriff dieser Deduktion Sie ist die DarsteU'ung der reinen Verstandesbegriffe, (und mit ihnen aller theo'I'etischen Erkenntnis apriori, als Prinzipien der Möglichkeit der Erfah-rung, dieser aber, als Be(B 169) stimmung der Erscheinungen in Raum und I Zeit 1 ) überhaupt, - endlich dieser aus dem Prinzip der ursprüng10 1) Die dritte Originalausgabe: "im Raum der Zeit"; die vierte Originalausgabe: "im Raum und in der Zeit"
Transz. Ded. d. reinen Verstandesbegriffe [nach Ausg. A] 191 a gehen aller empirischen Erkenntnis vor. Reine Verstandesbegriffe sind also nur darum a priori möglich, ja gar, in Beziehung auf Erjalwung, notwendig, weil unser Erkenntnis mit nichts, als ErsoheinungMf zu tun hat, deren Mögliohkeit in uns selbst liegt, deren Verkn'Üpfung und Einheit (in der Vorstellung eines Gegenstandes) bloß in uns angetroffen wird, mithin vor aller Erfalwung verhergehen, und diese der Form nach auch allererst möglioh machen muß. Und aus diesem Grunde, dem einzigmöglichen unter allen, ist dann auch unsere Deduktion der Kategorien gefülwt worden. 10 Transz.Ded. d. reinenVerstandesbegriffe [nachAusg.B] 191 b liohen synthetischen Einheit der Apperzeption, als der Form des Verstandes in Beziehung auf Raum und Zeit, als ursprüngliche Formen der Sinnliohkeit. ... * ... Nur bis hierher halte ich die Paragraphenohteilung für nötig, weil wir es mit den Elementarbegriffen zu tun hatten. Nun Wir den Gebrauch derselben vorstellig machen wollen, wird der Vorlrag in kontinuierlichem ZU8ammenhange, ohne dieselbe, fortgehen dürfen.
192 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch Der transzendentalen Analytik Zweites Buch Die Analytik der Grundsätze (A 131) (B 170) 20 30 Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbaut, der ganz genau mit der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese sind: Verstand', Urteilskraft und Vernunft. Jene Doktrin handelt daher in ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den Funktionen und dttr Ordlnung jener Gemütskräfte gemäß, die man unter der weitläufigen Benennung des Verstandes überhaupt begreift. I Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntnis (ob sie rein und empirisch sei) abstrahiert, und sich bloß mit der Form des Denkens (der diskursiven Erkenntnis) überhaupt beschäftigt: so kann sie in ihrem analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft mitbefassen, deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die besondere Natur der dabei gebrauchten Erkenntnis in Betracht zu ziehen, apriori, durch bloße Zergliederung der Vernunfthandlungen in ihre Momente, eingesehen werden kann. Die transzendentale Logik, da sie auf einen bestimmten Inhalt, nämlich bloß der reinen Erkenntnisse apriori, eingeschränkt ist, kann es ihr in dieser Einteilung nicht nachtun. Denn es zeigt sich: daß der transzendentale Ge brauch der Vernunft gar nicht objektiv gültig sei, mithin nicht zur Logik der Wahrheit, d. i. der Analytik gehöre, sondern, als eine Logik des Scheins, einen besonderen Teil des scholastischen Lehrgebäudes, unter dem Namen der transzendentalen Dialektik, erfordere. Verstand und Urteilskraft haben demnach ihren Kanon des objektiv gültigen, mithin wahren Gebrauchs, in der transzendentalen Logik, und gehören also in ihren analytischen Teil. Allein Vernunft in ihren Versuchen, über Gegenstände apriori etwas auszumachen, und das
Einleitung 193 Erkenntnis über die Grenzen möglicher Erfahlrung zu (B 171) erweitern, I ist ganz und gar dialektisch, und ihre (A 132) Scheinbehauptungen schicken sich durchaus nicht in einen Kanon, dergleichen doch die Analytik enthalten soll. Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon für die Urteilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche die Bedingung zu Regeln apriori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden. Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die 10 eigentlichen Grundsätze des Vers tandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer Doktrin der Urteilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäft genauer bezeichnet wird. Einleitung Von der transzendentalen Urteilskra.ft überhaupt Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird, so ist Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren, d. i. zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel (casus datae legis) 20 stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine Vorschriften für die Urteilskraft, und kann sie auch nicht enthalten. Denn da sie von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, so bleibt ihr nichts übrig, als das Geschäft, die bloße Form der Erkenntnis in Begriffen, Urlteilen und Schlüssen analytisch aus- (A 133) I einander zu setzen, und dadurch formale Regeln alles (B 172) Verstandesgebrauchs zustande zu bringen. Wollte sie nun allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln subsumieren, d. i. unterscheiden sollte, ob etwas darunter 30 stehe oder nicht, so könnte dieses nicht anders, als wieder durch eine Regel geschehen. Diese aber erfordert eben darum, weil sie eine Regel ist, aufs neue eine Unterweisung der Urteilskraft, und so zeigt sich, daß zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung durch Regeln fähig, Urteilskraft aber ein besonderes Talent sei, welches gar nicht belehrt, sondern nur ge-
194 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch übt sein will. Daher ist diese auch das Spezifische des sogenannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine Schule ersetzen kann; denn l ), ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande Regeln vollauf, von fremder Einsicht entlehnt, darreichen und gleichsam einpfropfen kann; so muß doch das Vermögen, sich ihrer richtig zu bedienen, dem Lehrlinge selbst angehören, und keine Regel, die man ihm in dieser Absicht vorschreiben (A 134) möchte, ist, in Ermangelung einer solchen Naturgabe, (B 173) vor Mißbrauch sicher*). Ein Arzt I daher, ein I Richter, oder ein Staatskundiger, kann viel schöne pathologische, juristische oder politische Regeln im Kopfe haben, in dem Grade, daß er selbst darin gründlicher 2) Lehrer werden kann, und wird dennoch in der Anwendung derselben leicht verstoßen, entweder, weil es ihm an natürlicher Urteilskraft (obgleich nicht am Verstande) mangelt, und er zwar das Allgemeine in abstracto einsehen, aber') ob ein Fall in concreto darunter gehöre, nicht unterscheiden kann, oder auch darum, weil er nicht ge20 nug durch Beispiele und wirkliche Geschäfte zu diesem Urteile abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige und große Nutzen der Beispiele: daß sie die Urteilskraft schärfen. Denn was die Richtigkeit und Präzision der Verstandeseinsicht betrifft, so tun sie derselben vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten die Bedingung der Regel adäquat erfüllen (als casus in *) Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als am gehörigen Grade des Verstandes und eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur Gelehrsamkeit, auszurüsten. Da es aber gemeinig(B 173) lieh alsdann auch an I jenem (der secunda Petri) zu fehlen pflegt, so ist es nichts ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im Gebrauche ihrer Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken lassen. 1) A: "weil". 2) A: "darin ein gründlicher". S) "aber" fehlt in A.
Einleitung 195 terminis) und überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln im allgemeinen, und unabhängig von den besonderen Umständen der Erfahrung, nach ihrer Zulänglichkeit, einzusehen, und sie daher zuletzt mehr wie Formeln, als 1) Grundsätze, zu gebrauchen angewöhnen. So ~ind Beispiele der I Gängelwagen der Urteilskraft, welchen derjenige, dem es am natürlichen Talent desselben 2 ) mangelt, niemals entbehren kann. I Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urteilskraft keine Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transzendentalen ganz anders bewandt, sogar daß es 8) scheint, die letztere habe es zu ihrem eigentlichen Geschäfte, die Urteilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes, durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern. Denn, um dem Verstande im Felde reiner Erkenntnisse apriori Erweiterung zu verschaffen, mithin als Doktrin scheint Philosophie gar nicht nötig, oder vielmehr übel angebracht zu sein, weil man nach allen bisherigen Versuchen damit doch wenig oder gar kein Land gewonnen hat, sondern als Kritik, um die Fehltritte der Urteilskraft (lapsus judicii) im Gebrauch der wenigen reinen Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu (obgleich der Nutzen alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer ganzen Scharfsinnigkeit und Prüfungskunst aufgeboten. Es hat aber die Transzendental-Philosophie das Eigentümliche: daß sie außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu Regeln), die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich apriori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt I werden sollen'}. Die Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen anderen belehrenden Wissenschaften hat, (außer der Mathematik) liegt eben 1) Erdmann: "als wie". 2) Mellin: "derselben"; Görland vermutet: "desselben" des Urteilens. I) Vorländer: "so daß es gar". 4.) Erdmann: ,,5011" (nämlich "die Regel"; Kant bezieht auf "Regeln" in der Klammer). = (B 174) (A 136) 20 30 (B 170)
196 Elementarlehre. 11. Teil. I. Abt. 11. Buch. I. Hauptstück darin: daß sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände apriori beziehen sollen, mithin kann ihre (A 136) objektive Gültigkeit nicht a postelriori dargetan werden; denn das würde jene Dignität derselben ganz unberührt l ) lassen, sondern sie muß zugleich die Bedingungen, unter welchen Gegenstände in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben werden können, in allgemeinen aber hinreichenden Kennzeichen darlegen, widrigenfalls sie ohne allen Inhalt, mithin bloße logische 10 Formen und nicht reine Verstandesbegriffe sein würden. Diese transzendentale Doktrin der Urteilskraft wird nun zwei Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht werden können, d. i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das zwei t e aber von denen synthetischen Urteilen, welche aus reinen Verstandesbegriffen unter diesen Bedingungen apriori herfließen, und allen übrigen Erkenntnissen apriori zum Grunde liegen, d. i. von 20 den Grundsätzen des reinen Verstandes. (A 137) (B 176) Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft (oder Analytik der Grundsätze) Erstes Hauptstück Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muß die Vorstellung des ersteren mit der 2) letzteren 3 ) gleichartig sein, d.i. der Begriff muß das30 jenige enthalten, was in dem darunter zu subsumierenden Gegenstande vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein Gegenstand sei unter einem 1) Vaihin ger: "unberücksichtigt". 2) Mellin: "dem". 3) Erdmann: nämlich "Vorstellung".
Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe 197 Begriffe enthalten. So hat der empirische Begriff eines Tell ers mit dem reinen geometrischen eines Zir kels Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird, sich im letzteren anschauen läßt l ). Nun sind' aber reine Verstandesbegriffe, in Vergleichung mit empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen, ganz ungleichartig, und können niemab in irgendeiner Anschauung angetroffen werden. Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die ersteS), mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen wird: diese, z. B. die Kausalität, könne auch durch Sinne anlgeschaut werden und sei in der I Erscheinung enthalten? Diese so natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die Ursache, welche eine transzendentale Doktrin der Urteilskraft notwendig macht, um nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine VerstandesbegriHe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe, durch die der Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die diesen in concreto vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden und heterogen sind, ist es unnötig, wegen der Anwendung des·) ersteren auf den letzten besondere Erörterung zu geben. Nun ist klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen muß, und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. Diese vermittelnde Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und doch einerseits intellektuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche ist das transzendentale Schema. 1) Vaihinger möchte folgendermaßen umstellen: "indem die Rundung, cUe in dem letzteren gedacht wird, sich im ersteren anschauen läßt" oder "indem die Rundung, die in dem ersteren sich anschauen läßt, im letzteren gedacht wird". 2) Erdmann: acc. plur.; Görland: "der Subsumtion der Erscheinungen unter die Kategorie". 3) Vorländer: "der ersteren"; Görland: d. h. "des reinen Verstandesbegriffes" ("den letzten" = den Gegenstand). 10 (B 177) (A 138) 20 30
198 Elementarlehre. Ir. Teil. LAbt. 11. Buch. I. Hauptstück Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges apriori in der reinen Anschauung. Nun ist eine transzendentale Zeitbestimmung mit der Kategorie (die die Einheit derselben ausmacht) sofern gleichartig, als sie allgemein ist und (B 178) auf einer Relgel apriori beruht. Sie ist aber anderer(A 139) seits mit der Erscheinung sofern I gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist. Daher wird eine Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich sein, vermittelst der transzendentalen Zeitbestimmung, welche, als das Schema der Verstandesbegriffe, die Subsumtion der letzteren 1) unter die erste vermittelt. Nach demjenigen, was in der Deduktion der Kategorien gezeigt worden, wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage zu entschließen: 20 ob diese reinen Verstandesbegriffe von bloß empiri· schem oder auch von transzendentalem Gebrauche sind I), d. i. ob sie lediglich, als Bedingungen einer möglichen Erfahrung, sich apriori auf Erscheinungen beziehen, oder ob sie, als Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt, auf Gegenstände an sich ~elbst (ohne einige Restriktion auf unsere Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn da haben wir gesehen, daß Begriffe ganz unmöglich sind 3), noch irgend einige Bedeutung haben können, wo nicht, entweder ihnen selbst, oder 30 wenigstens den Elementen, daraus sie bestehen, ein Gegenstand gegeben ist, mithin auf Dinge an sich (ohne Rücksicht, ob und wie sie uns gegeben werden mögen) gar nicht gehen können; daß ferner die einzige Art, wie uns Gegenstände gegeben werden, die Modifikation unserer Sinnlichkeit sei; endlich, daß reine Begriffe (B 179) apriori, außer der I Funktion des Verstandes in der 1) Adickes: d. h. "der Erscheinungen unter die Kategorie". I) Original: "seyn". I) Kant (Nachträge LVIII): "für uns ohne Sinn sind".
Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe 199 Kategorie, noch formale Bedingungen der Sinnlichkeit (namentlich des inneren Sinnes) apriori enthalten müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter der die Kategorie allein auf irgendeinen Gegenstand angewandt werden kann. Wir wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf welche der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringiert ist, das Schema dieses Verstandesbegriffs, und das Verfahren des Verstandes mit diesen Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen. Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Produkt der Einbildungskraft; aber indem die Synthesis der letzteren keine einzelne Anschauung, sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden. So, wenn ich fünf Punkte hintereinander setze, . . . . . ist dieses ein Bild von der Zahl fünf. Dagegen, wenn ich eine Zahl überhaupt nur denke, die nun fünf oder hundert sein kann, so ist dieses Denken mehr die Vorstellung einer Methode, einem gewissen Begriffe gemäß eine Menge (z. E. tausend) in einem Bilde vorzustellen, als dieses Bild selbst, welches ich im letzteren Falle schwerlich würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen können. Diese Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft, einem I Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem Begriffe. In der Tat liegen unseren reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder der Gegenstände, sondern Schemate zum I Grunde. Dem Begriffe von einem Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein. Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche macht, daß dieser für alle, rechtoder schiefwinklige usw. gilt, sondern immer nur auf einen Teil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das Schema des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existieren, und bedeutet eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft, in Ansehung reiner Gestalten im Raume. Noch viel weniger erreicht ein Gegenstand der Erfahrung oder Bild desselben jemals den empirischen I (A 140) 10 20 (B 180) (A 141) 40
200 10 (B 181) (A 142) 20 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. H. Buch. 1. Hauptstück Begriff, sondern dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft, als eine Regel der Bestimmung unserer Anschauung, gemäß einem gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff vom Hunde bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen 1) Tieres allegemein verzeichnen kann, ohne auf irgendeine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschränkt zu sein. Dieser Schematismus unseres Verstandes, in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form, ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre I Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten, und sie unverdeckt vor Augen legen werden. So viel können wir nur sagen: das Bild ist ein Produkt des empirischen Vermögens der produktiven 2) Einbildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe (als der I Figuren im Raume) ein Produkt und gleichsam ein Monogramm der reinen Einbildungskraft apriori, wodurch und wonach die Bilder allererst möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer vermittelst des Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen, und an sich demselben nicht völlig kongruieren. Dagegen ist das Schema eines reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht werden kann, sondern ist nur die reine Synthesis, gemäß einer Regel der Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft, welches die Bestimmung des inneren Sinnes überhaupt, nach Bedingungen ihrer 3 ) Form, (der Zeit,) in Ansehung aller Vorstellungen, betrifft, sofern diese der Einheit der Apperzeption gemäß apriori in einem Begriff zusammenhängen sollten 4 ). 1) M ellin: "eines gewissen vierfüßigen"; Erdmann: "eines solchen vierfüßigen". I) Vaihinger: "reproduktiven". 3) Kant (Nachträge LIX): "seiner". ~) Adickes: "sollen".
Von dem Schematismus der reinen Verstandeshegriffe 201 Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung dessen, was zu transzendentalen Sehematen reiner Verstandesbegriffe überhaupt erfordert wird, aufzuhalten, wollen wir sie lieber nach der Ordnung der Kategorien und in Verknüpfung mit diesen darstellen. I Das reine Bild aller Größen (quantorum) vor dem 1) äußeren Sinne, ist der Raum; aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt, die Zeit. Das reine Schema der Größe aber (quantitatis), als eines Begriffs des Verstandes, ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die sukzessive Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. Also ist die Zahl nichts anderes, als die I Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch, daß ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem Unterschiede derselben Zeit, als einer erfüllten, oder leeren Zeit. Da die Zeit nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände, als Erscheinungen, ist, so ist das, was an diesen 2) der Empfindung entspricht, die 3 ) transzendentale Materie aller Gegenstände, als Dinge an sich (die Sachheit, Realität). Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe Zeit, d. i. den inneren Sinn in Ansehung derselben Vorstellung eines Gegenstandes, mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= 0 = negatio) aufhört. Daher ist ein Verhältnis und Zusammenhang oder viellmehr ein Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität als ein Quantum 1) Grillo: "für den". ') Erdmann: "diesen" bezieht sich auf die Gegenstände als Dinge an sich. I) Will e: "entspricht, nicht die". (B 182) 10 (A 143) 20 30 (B 183)
202 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. 1. Hauptstück vorstellig macht, und das Schema einer Realität, als der Quantität von Etwas, sofern es die Zeit erfüllt, ist eben diese kontinuierliche und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, indem man von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit bis zum Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der Größe derselben allmählich aufsteigt. (A 144) I Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, d. i. die Vorstellung desselben, als 10 eines Substratum der empirischen Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andere wechselt. (Die Zeit verläuft sich 1 ) nicht, sondern in ihr verläuft sich 1 ) das Dasein des Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und bleibend ist, korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im Dasein, d. i. die Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das Zugleichsein der Erscheinungen der Zeit nach bestimmt werden.) Das Schema der Ursache und der Kausalität eines 20 Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen, in· sofern sie einer Regel unterworfen ist. Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung), oder der wechselseitigen Kausalität der Substanzen in Ansehung ihrer Akzidenzen, ist das Zugleichsein der Be(B 184) stimlmungen der Einen, mit denen der Anderen, nach einer allgemeinen Regel. Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammen· 30 stimmung der Synthesis verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt (z. B. da 2) das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, son· dem nur nacheinander sein kann,) also die Bestimmung der Vorstellung eines Dinges zu irgendeiner Zeit. (A 146) I Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit. 1) Vo rländer: streicht "sich". I) Paulsen: "daß".
Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe 203 Das Schema der Notwendigkeit ist!) das Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit. Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie, als 2) das der Größe, die Erzeugung, (Synthesis) der Zeit selbst, in der sukzessiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der Qualität die Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung der Zeit, oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältnis der Wahrnehmungen untereinander zu aller Zeit (d. i. nach einer Regel der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer Kategorien, die Zeit selbst, als das Korrela~um der Bestimmung eines Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig mache 3 ). Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen apriori nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien, auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordlnung, endlich den Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstände. Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anderes, als die Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren Sinne, und so indirekt auf die Einheit der Apperzeption, als') Funktion, welche dem inneren Sinn (einer Rezeptivität) korrespondiert, hinauslaufe. Also sind die Schemate der reilnen Verstandesbegriffe die wahren und einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, mithin Be deu tung zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von keinem anderen, als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie bloß dazu dienen, durch Gründe einer apriori notwendigen Einheit (wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer ursprünglichen Apperzeption) Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unter1) "ist" fehlt in A. 2) Adickes: "jeden Kategorie nur eine Zeitbestimmung, als". I) Erdmann hält die Konstruktion im Gegensatz zu Adickes für kantisch. 4) Valentiner: "als der". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 15 10 (B 186) 20 (A 146) 30
204 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch. I. Hauptstück werfen, und sie dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu machen. In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht die transzendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht, und sie möglich macht. Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate der Sinnlichkeit die Kategorien allererst (B 186) reallisieren, sie doch selbige gleichwohl auch restringieren, d. i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist das Schema eigentlich nur das Phänomenon, oder der sinnliche Begriff eines Gegenstandes, in übereinstimmung mit der Kategorie. (Numerus ßst quantitas phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et perdurabile rerum substantia phaenomenon -, - aeternitas, necessitas, phaenomena 1 ) usw.) Wenn wir nun eine restringierende Bedingung weglassen, so ampli(A 147) fizieren wir, wie es I scheint, den vorher eingeschränkten Begriff; so sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung, ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit, von Dingen überhaupt gelten, wie sie sind, anstatt, daß ihre Schemate sie nur vorstellen, wie si e erscheinen, jene also eine von allen Schematen unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung haben. In der Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings, auch nach Absonderung aller sinnlichen Bedingung, eine, aber nur logische Bedeutung der bloßen Einheit der 30 Vorstellungen, denen aber kein Gegenstand, mithin auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen Begriff2) vom Objekt abgeben könnte. So würde z. B. Substanz, wenn man die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter 21s ein Etwas bedeuten, .das als Subjekt (ohne ein Prädikat von etwas anderem zu sein) gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich (B 187) nun nichts machen, indem sie mir I gar nicht anzeigt, 1) Er cl m an n: "phaenomenon". 2) K an t (Nachträge LXI): "eine Erkenntnis".
Von dem Schematismus der reinen Verstandes begriffe 205 welche Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erstes Subjekt gelten soll. Also sind die Kategorien, ohne Schemate, nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor. Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit, die den Verstand realisiert, indem sie ihn zugleich restringiert. I Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft (A 148) (oder Analytik der Grundsätze) 10 Zweites Hauptstück System a.ller Grundsä.tze des reinen Verstandes 'Vir haben in dem vorigen Hauptstücke die transzendentale Urteilskraft nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie allein die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urteilen zu brauchen befugt ist. Jetzt ist unser Geschäft: die Urteile, die der Verstand unter dieser kritischen Vorsicht wirklich apriori zustande bringt, in systematischer Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel der Kategorien die natürliche und sichere Leitung geben 20 muß. Denn diese sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfahrung alle reine Verstandeserkenntnis apriori ausmachen muß, und deren Verhältnis zur Sinnlichkeit überhaupt I um deswillen allel) transzenden- (B 188) talen Grundsätze des Verstandesgebrauchs vollständig und in einem System'darlegen wird. Grundsätze apriori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil sie die Gründe anderer Urteile in sich enthalten, sondern auch weil sie selbst nicht in höheren und allgemeineren Erkenntnissen gegründet sind. Diese 30 Eigenschaft überhebt sie doch 2) nicht allemal eines Beweises. I Denn obgleich dieser nicht weiter objektiv ge- (A 149) führt werden könnte, sondern vielmehr alle Erkenntnis I) Rosenkranz: "deswillen man alle". 2) Vorländer: "jedoch". 15*
206 10 (B 189) 20 (A 150) 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. Ir. Buch. I I. Hauptstück seines Objekts zum Grunde liegtI), so hindert dies doch nicht, daß nicht ein Beweis, aus den subjektiven Quellen der Möglichkeit einer Erkenntnis des Gegenstandes überhaupt, zu schaffen möglich, ja auch nötig wäre, weil der Satz sonst gleichwohl den größten Verdacht einer bloß erschlichenen Behauptung auf sich haben würde. Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Prinzipien der transzendentalen Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen der Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die Restriktion dieser Grundsätze: daß sie nämlich nicht auf Dinge an sich selbst bezogen werden können, gehören also nicht in unser abgestochenes Feld der Untersuchung. Ebenso machen die mathematischen Grundsätze keinen Teil dieses Systems aus, weil sie nur aus der Anschauung, aber nicht aus dem reinen Verstandesbegriflfe gezogen sind; doch wird die Möglichkeit derselben, weil sie gleichwohl synthetische Urteile apriori sind I), hier notwendig Platz finden, zwar nicht, um ihre Richtigkeit und apodiktische Gewißheit zu beweisen, welches sie gar nicht nötig haben, sondern nur die Möglichkeit solcher evidenten Erkenntnisse apriori begreiflich zu machen und zu deduzieren. Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urteile reden müssen, und dieses zwar im Gegenlsatz mit der 3 ) synthetischen, als mit welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung 4o ) die Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreit, und sie in ihrer eigentümlichen Natur deutlich vor Augen legt. 1) 4. Ausgabe: "sondern vielmehr aller Erkenntnis .. ' liegt"; Me 11 in: "sondern ein Grundsatz vielmehr aller Erkenntnis ... liegt"; Grillo: "sondern vielmehr alle .•. legt"t" Wille: "geführt ..., indem ein dergleichen Satz nicht auf objektiven Erwägungen beruht, sondern •..." I) Original: "seyn". I) Mellin: "mit dem der"; 4. Ausgabe: "mit den"; Hartenstein: "mit denen der". 40) Vorländer: "Gegenüberstellung".
I. Abschnitt. Vom obersten Grundsatz analyt. Urteile 207 Das System 1) der Grundsätze des reinen Verstandes Erster Abschnitt Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urteile Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf das Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, daß sie sich nicht selbst widersprechen; widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch ohne Rücksicht aufs Objekt) nichts sind. Wenn aber I auch gleich in unserem Urteile kein Widerspruch ist, so kann es dem ungeachtet doch Begriffe so verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder auch, ohne daß uns irgendein Grund weder apriori noch aposteriori gegeben ist, welcher ein solches Urteil berechtigte, und so kann ein Urteil bei allem dem, daß es von allem inneren Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein. I Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs, und ist ein allgemeines, obzwar bloß negatives, Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen, bloß als Erkenntnissen überhaupt, unangesehen ihres Inhalts gilt, und sagt: daß der Widerspruch sie gänzlich vernichte und aufhebe. Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch machen, d. i. nicht bloß, um Falschheit und Irrtum (sofern es~) auf dem Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen. Denn, wenn das Urteil analytisch ist, es mag nun verneinend oder bejahend sein, so muß dessen Wahrheit jederzeit nach dem Satze des Widerspruchs hinreichend können erkannt werden. Denn von dem, was 1) Mcllin: "des Systems". 2) A: "er". 10 (B 190) (A 151) 30
208 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. Ir. Buch. Ir. Hauptstück in der Erkenntnis des Objekts schon als Begriff liegt und gedacht wird, wird das Widerspiel jederzeit richtig verneint, der Begriff selber aber notwendig von ihm (B 191) bejaht werden müssen, darlum, weil das Gegenteil desselben dem Objekte widersprechen würde. Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine und völlig hinreichende Prinzipium aller analytischen Erkenntnis gelten lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und 1) 10 Brauchbarkeit nicht, als eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn daß ihm gar keine Erkenntnis zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten, das (A 152) macht diesen Satz wohl zur conditio I sine qua non, aber nicht zum Bestimmungsgrunde der 'Vahrheit unserer Erkenntnis. Da wir es nun eigentlich nur mit dem synthetischen Teile unserer Erkenntnis zu tun haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem unverletzlichen Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber, in Ansehung der Wahrheit von dergleichen 20 Art der Erkenntnis, niemals einigen Aufschluß gewärtigen können. Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem Inhalt entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis enthält, welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnötigerweise in ihr 2 ) gemischt worden. Sie heißt: es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei und nicht sei. Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das Wort unmöglich) überflüssigerweise angehängt worden, die sich doch von 30 selbst aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die Bedingung der Zeit affiziert, und sagt (B 192) gleichsam: Ein I Ding = A, welches etwas = B ist, kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber es kann gar wohl beides (B sowohl, als non B) nacheinander sein. Z. B. ein Mensch, der jung ist, kann nicht zugleich alt sein; ebenderselbe kann aber sehr wohl zu einer Zeit jung, zur anderen nicht jung, d. i. alt sein. Nun muß 1) Kehrbach: "und seine". 2) Grillo: "in sie".
H. Abschnitt. Vom obersten Grundsatz synthet. Urteile 209 der Satz des Widerspruchs, als ein bloß logischer Grundsatz, seine Aussprüche gar nicht auf die Zeitverhältnisse einschränken, daher I ist eine solche Formel (A 153) der Absicht desselben ganz zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher: daß man ein Prädikat eines Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben absondert, und nachher sein Gegenteil mit diesem Prädikate verknüpft, welches niemals einen Widerspruch mit dem Subjekte, sondern nur mit dessen Prädikate, welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgibt, und zwar nur 10 dann, wenn das erste und zweite Prädikat zu gleicher Zeit gesetzt werden. Sage ich, ein Mensch, der ungelehrt ist, ist nicht gelehrt, so muß die Bedingung: zugleich, dabei stehen; denn der, so zu einer Zeit ungelehrt ist, kann zu einer anderen gar wohl gelehrt sein. Sage ich aber, kein ungelehrter Mensch ist gelehrt, so ist der Satz analytisch, weil das Merkmal (der Ungelehrtheit) nunmehr den Begriff des Subjekts mit ausmacht, und alsdann erhellt der verneinende Satz unmittelbar aus dem Satze des Widerspruchs, ohne daß 20 die Bedingung: zugleich, hinzukommen darf. Dieses ist denn auch die Ursache, weswegen ich oben die Formel I desselben so verändert habe, daß die Natur eines (B 193) analytischen Satzes dadurch deutlich ausgedrückt wird. I Des Systems der [,tundsätze des reinen Verstandes (A 154) Zweiter Abschnitt Von dem obersten Grundsa.tze a.ller synthetischen Urteile Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urteile, 30 ist eine Aufgabe, mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch sogar ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer transzendentalen Logik das wichtigste Geschäft unter allen, und sogar das einzige, wenn von der Möglichkeit syn-
210 Elementarlehre. ILTeil. LAbt. II.Buch. II.Hauptstück thetischer Urteile apriori die Rede ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer Gültigkeit. Denn nach Vollendung desselben, kann sie ihrem Zwecke, nämlich den Umfang und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen, vollkommen ein Genüge tun. Im analytischen Urteile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um etwas von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es verneinend 10 sein, so schließe ich nur das Gegenteil desselben von ihm aus. In synthetischen Urteilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff hinausgehen, um etwas ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit demselben im (B 194) Verhältnis zu I betrachten, welches daher niemals, weder ein Verhältnis der Identität, noch des Widerspruchs (A 1(5) ist, und wobei dem I Urteile an ihm l ) selbst weder die Wahrheit, noch der Irrtum angesehen werden kann. Also zugegeben: daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen müsse, um ihn mit einem anderen 20 synthetisch zu vergleichen, so ist ein Drittes nötig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen kann. Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller synthetischen Urteile? Es ist nur ein 2 ) Inbegriff, darin alle unsere Vorstellungen enthalten sind, nämlich der innere Sinn, und die Form desselben apriori, die Zeit. Die Synthesis der Vorstellungen beruht auf der Einbildungskraft, die synthetische Einheit derselben aber (die zum Urteile erforderlich ist) auf der Einheit der Apperzeption. Hierin wird also die Möglichkeit 30 synthetischer Urteile, und da alle drei die Quellen zu Vorstellungen apriori enthalten, auch die Möglichkeit reiner synthetischer Urteile zu suchen sein, ja sie werden sogar aus diesen Gründen notwendig sein, wenn eine Erkenntnis von Gegenständen zustande kommen soll, die lediglich auf der Synthesis der Vorstellungen beruht. Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben, d. i. sich auf einen Gegenstand beziehen, und in demselben 1) Valen tiner: "sich". I) Mellin: "Es gibt nur einen".
Il. Abschnitt. Vom obersten Grundsatz synthet. Urteile 211 Bedeutung und Sinn haben soll, so muß der Gegenstand auf irgendeine Art gegeben werden können. Ohne das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, I in der Tat aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mitj Vorstellungen gespielt. Einen Gegenstand geben, I wenn dieses nicht wiederum nur mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der Anschauung darstellen, ist nichts anderes, als dessen Vorstellung auf Erfahrung (es sei wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der Raum und die Zeit, so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen sind, und so gewiß es auch ist, daß sie völlig apriori im Gemüte vorgestellt werden, würden doch ohne objektive Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung sein, wenn ihr notwendiger Gebrauch an den Gegenständen der Erfahrung nicht gezeigt würde, ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das sich immer auf die reproduktive Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der Erfahrung herbeiruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und so ist es mit allen Begriffen ohne Unterschied. Die Möglichkeit d er Erfahrung ist also das, was allen unseren Erkenntnissen apriori objektive Realität gibt. Nun beruht Erfahrung auf der synthetischen Einheit der Erscheinungen, d. i. auf einer Synthesis nach Begriffen vom l ) Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, ohne welche sie nicht einmal Erkenntnis, sondern eine Rhapsodie von Wahrnehmungen sein würde, die sich in keinem Kontext nach Regeln eines durchgängig verknüpften (möglichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur transzendentalen und notwendigen Einheit der Apperzeption, zusamlmen .schicken würden. Die Erfahrung hat also Prinzipien ihrer Form apriori zum Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln I der Einheit in der Synthesis der Erscheinungen, deren objektive Realität, als notwendige Bedingungen, jederzeit in der Erfahrung, ja sogar ihrer Möglichkeit gewiesen werden kann. Außer dieser Beziehung aber sind syn1) Vaihinger: "von einem". (E 195) (A 156) 10 20 30 (E 196) (A 157)
212 Elementarlehre. II.Teil. LAbt. II. Buch. II.Hauptstück thetische Sätze apriori gänzlich unmöglich, weil sie kein Drittes, nämlich reinen 1) Gegenstand haben, an dem die synthetische Einheit ihrer Begriffe objektive RealitäfZ) dartun könnte. Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten, welche die produktive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles apriori in synthetischen Urteilen erkennen, so, daß wir wirklich hierzu gar keiner Erfahrung bedürfen; so würde doch dieses Erkenntnis 10 gar nichts, sondern die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre der Raum nicht, als Bedingung der Erscheinungen, weIcht; den Stoff zur äußeren Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reinen synthetischen Urteile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung oder vielmehr auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen, und darauf allein die objektive Gültigkeit ihrer Synthesis gründen. Da also Erfahrung, als empirische Synthesis, in ihrer Möglichkeit die einzige Erkenntnisart ist, welche 20 aller anderen Synthesis Realität gibt, so hat diese als Erkenntnis apriori auch nur dadurch Wahrheit, (Ein(B 197) stimlmung mit dem Objekt,) daß sie nichts weiter ent(A. 158) hält, als was I zur synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig ist. Das oberste Principium aller synthetischen Urteile ist also: ein jeder Gegenstand steht unter den notwendigen Bedingungen der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung. 30 Auf solche Weise sind synthetische Urteile apriori möglich, wenn wir die formalen Bedingungen der Anschauung apriori, die Synthesis der Einbildungskraft, und die notwendige Einheit derselben in einer transzendentalen Apperzeption, auf ein mögliches Erfahrungserkenntnis überhaupt beziehen, und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung über1) Grillo: "keinen". 2) Vaihinger: "Einheit die objektive Realität ihrer Begriffe" oder "Einheit ihrer Begriffe ihre objektive Realität".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 213 haupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile apriori. Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes Dritter Abschnitt Systema.tische Vorstellung a.ller synthetischen Grundsätze desselben Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich dem reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der Regeln ist, in Anselhung dessen, was geschieht, sondern selbst der Quell der Grundlsätze, nach welchem 1) alles (was uns nur als Gegenstand vorkommen kann) notwendig unter Regeln steht, weil, ohne solche, den Erscheinungen niemals Erkenntnis eines ihnen korrespondierenden Gegenstandes zukommen könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als Grundgesetze des empirischen Verstandesgebrauchs betrachtet werden, führen zugleich einen Ausdruck der Notwendigkeit, mithin wenigstens die Vermutung einer Bestimmung aus Gründen, die apriori und vor aller Erfahrung gültig sind 2), bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle Gesetze der Natur unter höheren Grundsätzen des Verstandes, indem sie diese nur auf besondere Fälle der Erscheinung anwenden. Diese allein geben also den Begriff, der die Bedingung und gleichsam den Exponenten zu einer Regel überhaupt enthält, Erfahrung aber gibt den Fall, der unter der Regel steht. Daß man bloß empirische 3) Grundsätze für Grundsätze des reinen Verstandes, oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich keine Gefahr sein; 1) Erdmann: "welchen". ') Original: "seyn". ') A: "empir". 10 (B 198) (A 159) 20 30
214 (B 199) (A 160) 20 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. 11. Hauptstück denn die Notwendigkeit nach Begriffen, welche die letztere l ) auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so allgemein er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese Verwechslung leicht verhüten. Es gibt aber reine Grundsätze apriori, die ich gleichwohl doch nicht dem reinen Verstande eigentümlich beimessen möchte, darum, weil sie nicht aus reinen Begriffen, sonldern aus reinen Anschauungen (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind; VerI stand ist aber das Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat dergleichen, aber ihre Anwendung auf Erfahrung, mithin ihre objektive Gültigkeit, ja die Möglichkeit solcher 2) synthetischen 3 ) Erkenntnis apriori (die Deduktion derselben) beruht doch immer auf dem reinen Verstande. Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit und objektive Gültigkeit apriori gründet, und die mithin als Principium 4) dieser Grundsätze anzusehen sind 5 ), und von Begriffen zur Anschauung, nicht aber von der Anschauung zu Begriffen ausgehen. In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch, oder dynamisch: denn sie geht teils bloß auf die Anschauung, teils auf das Dasein einer Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen apriori der Anschauung sind aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus notwendig, die des Daseins der Objekte einer möglichen empirischen Anschauung an sich nur zufällig. Daher werden die Grundsätze des mathematischen Gebrauchs unbedingt notwendig d. i. apodiktisch lauten, die aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter 1) Erdmann: "letzteren" (bezogen auf "die Grundsätze des reinen Verstandes); GörIand: (bezogen auf "Begriffe"). 2) 4. A usga be: "ihrer". 3) B.: "synthetischer". 4) MeIIin: "Prinzipien". &) Orig. "seyn".
UI. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 215 einer Notwendigkeit apriori, aber nur unter der Bedingung des empirischen Denkens in einer Erfahrung, mithin nur mittelbar und I indirekt bei sich führen, (B 2(0) folglich diejenige unmittelbare Evidenz nicht enthalten, (obzwar ihrer auf Erfahrung allgemein bezogenen GeWißheit unbeschadet,) I die jenen eigen ist. Doch dies (A 161) wird sich beim Schlusse dieses Systems von Grundsätzen besser beurteilen lassen. Die Tafel der Kategorien gibt uns die ganz natürliche Anweisung zur Tafel der Grundsätze, weil diese 10 doch nichts anderes, als Regeln des objektiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen Verstandes sind demnach l. Axiome der Anschauung 3. 2. Antizipationen der Wahrnehmung Analogien der Erfahrung 20 4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze nicht unbemerkt zu lassen. Es Wird sich aber 1 } bald zeigen: daß, was sowohl die 30 Evildenz, als die Bestimmung der Erscheinungen apriori, (B 201) nach den Kategorien der Größe und der Qualität (wenn man lediglich auf die Form der letzteren acht hat) betrifft, die Grundlsätze derselben sich darin von (A 162) 1) Vaihinger: "eben" statt "aber".
216 (B Elementarlehre. Ir. Teil. 1. Abt. II. Buch. II. Hauptstück den zwei übrigen namhaft unterscheiden; indem jene einer intuitiven, diese aber einer bloß diskursiven, obzwar beiderseits einer völligen Gewißheit fähig sind. Ich werde daher jene die mathematischen, diese die dynamischen Grundsätze nennen *). Man wird 202) aber wohl bemerken: daß ich hier I ebensowenig die Grundsätze der Mathematik in Einem 1) Falle, als die Grundsätze der allgemeinen (physischen) Dynamik im anderen, sondern nur die des reinen Verstandes im Ver10 hiiltnis auf den inneren Sinn (ohne Unterschied der darin gegebenen Vorstellungen) vor Augen habe, dadurch denn jene insgesamt ihre Möglichkeit bekommen. Ich benenne sie also mehr in Betracht der Anwendung, als um ihres Inhalts willen, und gehe nun zur Erwägung derselben in der nämlichen Ordnung, wie sie in der Tafel vorgestellt werden 2). *) Alle Verbindung (conjunctio) ist entweder Zusammensetzung (compositio) oder Verknüpfttng (nexus). Die erstere ist dle Synthesis de.~ Mannigfaltigen, 1t'as nicht notwendig zuein a nder gehört, wie z. B. die zwei Triangel, darin ein Quadrat durch die Diagonale geteilt wil'd, für sich nicht notwendig zncinander gehören, und dergleichen ist die Synthesib des Gleichartigen ,in allem, was mathematisch erwo.qen werden kamt, (lcelche Synthesis lciederllrn in die der Aggregation 1tnrl Koalition eingeteilt werden kann, davon die erstere aut extensive, die andere ant intensive GröfJen gerichtet ist), Die Zlteite Vel'bindung (neX1.ts) ist die Synthebis des .Mannigfaltigen, so{em es notwendig zneinander gehö1,t, wie z. B. das Akzidens Zl~ irgendeineI' Substanz, odel' die Wirkung zu der U,'sache, mithin auch als ungleichadig doch apriori verbunden vor· gestellt WÜ'd, u'elche Vel'bindung, weil sie nicht tcillkürlich ist, ich danrm dynamisch nenne, tceil sie die Verbindung des Da(B 202) seins des Mannigfaltigen betrifft (die I wiede1'um in die phy. sische der Erscheinungen untereinander. nnd metaphysische ill1'e Verbindung im Erkenntnist'ermögen apriori, eingeteilt werden, können. 3) [Diese Anmerkung fehlt in A.] 1) A: "einem"; Vorländer: "im einen". 2) Erdmann: "worden". S) H ar tenstei n: "kann".
II!. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 217 1. Axiome der Anschauung!) Das Prinzip derselben ist: Alle Anschauungen 2 ) sind extensive Größen. Beweis Alle Erscheinungen enthalten, äer Form nach, eine Anschauung im, Raum und Zeit, welche ihnen insgesamt apriori zum Grunde liegt. Sie können also nicht anders apprehendiert, d. i. ins empirische Bewußtsein aufgenommen werden, als durch die Synthesis des Mannigfaltigen, wodurch die Vor- 10 stellungen eines bestimmten Raumes oder Zeit erzeugt werden, d. i. durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und das Bewußtsein der I synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen (B 203) (Gleichartigen). Nun ist das Bewußtsein des mannigfaltigen GleichartigenS ) in der Anschauung überhaupt, sofern dadurch die VO'f'stellung eines Objekts zuerst möglich wird, der Begriff einer Größe (quanti ). Also ist selbst die Wahrnehmung eines Objekts, als Erscheinung, nur durch dieselbe synthetische Einheit des Mannigfaltigen der gegebenen sinnlichen Anschauung möglich, wodurch die Einheit der Zusammensetzung 20 des mannigfaltigen Gleichartigen im Begriffe einer Größe gedacht wird; d. i. die Erscheinungen sind insgesamt Größen, und zwar extensive Größen, weil sie als Anschauungen im Raume oder der Zeit durch dieselbe Synthesis vorgestellt werden müssen, als wodurch Raum und Zeit überhaupt bestimmt werden. Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung der Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht, (und also notwendig vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein sie 30 1) In A lautet die Überschrift: "Von den Axiomen der An schauung". Darunter steht: "Grundsatz des reinen Verstandes:Alle Erscheinungen sind ihrer Anschauung nach extensive Größen". Hierauf folgt sogleich der Absatz: "Eine extensive Große nenne ich usw." Der Absatz "Beweis. Alle Erscheinungen bestimmt werden" fehlt in A. 2) M ellin: "Erscheinungen". 3) Vaihinger: "das Bewußtsein der synthetischen Einheit des mannigfaltigen Gleichartigen".
218 Elementarlehre. ILTeil. LAbt. II. Buch. ILHauptstück auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, 163) d. i. von einem Punkte alle I Teile nach und nach zu erzeugen, und dadurch allererst diese Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mit jeder auch der kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den sukzessiven Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle Zeitteile und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird. Da die bloße Anschauung an allen Erscheinungen entweder (B 204) der Raum, oder die Zeit ist, so ist I jede Erscheinung als Anschauung eine extensive Größe, indem sie nur durch sukzessive Synthesis (von Teil zu Teil) in der Apprehension erkannt werden kann. Alle Erscheinwlgen werden demnach schon als Aggregate (Menge 1) vorher gegebener Teile) angeschaut, welches eben nicht der Fall bei jeder Art Größen, sondern nur derer ist, die uns 2) ex t e n s i v als solche vorgestellt und apprehendiert werden. Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Ein20 bildungskraft, in der Erzeugung der Gestalten, gründet sich die Mathematik der Ausdehnung (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der sinnlichen Anschauung apriori ausdrücken, unter denen allein das Schema eines reinen Begriffs· der 3 ) äußeren Erscheinung zustande kommen kann; z. E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich; zwei gerade Linien schließen keinen Raum ein usw. Dies sind die Axiome, welche eigentlich nur Größen (qttanta) als solche betreffen. 30 Was aber die Größe, (quantitas) d. i. die Antwort auf die Frage: wie groß etwas sei? betrifft, so gibt (A 164) es I in Ansehung derselben, obgleich verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß (indemonstrabilia) sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine Axiome. Denn daß gleiches zu gleichem hinzugetan, oder von diesem abgezogen, ein gleiches gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir der Identität der (A 1) Vorländer: "Mengen". &) Hartenstein: "die von uns". I) Vaihinger: .in der".
II I. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 219 einen I Größenerzeugung mit der anderen unmittelbar (B 205) bewußt bin; Axiome aber sollen synthetische Sätze apriori sein. Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis 1 ) zwar allerdings synthetisch, aber nicht allgemein, wie die der Geometrie, und eben um deswillen auch nicht Axiome, sondern können Zahlformeln genannt werden. Daß 7 5 = 12 sei, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke 2) weder in der Vorstellung von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung von der Zusammensetzung beider die Zahl 12, (daß 10 ich diese in der Addition beider denken solle, davon ist hier nicht die Rede; denn bei dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das Prädikat wirklich in der Vorstellung des Subjekts denke). Ob er aber gleich synthetisch ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. Sofern hier bloß auf die Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird, so kann die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl der Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch drei Linien, deren zwei 20 zusammengenommen größer sind, als die dritte, läßt sich ein Triangel zeichnen; so habe ich hier die bloße Funktion der produktiven Einbildungskraft, welche die I Linien größer und kleiner ziehen, imgleichen nach (A 165) allerlei beliebigen 'Winkeln kann zusammenstoßen lassen. Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art möglich, und auch die Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren mit 5 erzeugt wird. Dergleichen Sätze muß man also nicht Axiolme, (denn sonst gäbe es (B 206) deren unendliche,) sondern Zahlformeln nennen. 30 Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen gibt unserem Erkenntnis apriori große Erweiterung. Denn er ist es allein, welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz nicht so von selbst erhellen mächte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt hat. Erschei- + l) Rosenkranz: "Zahlenverhältnisse". 2) "Daß 7+5 ... denke" sollte nach Kant (Nachträge LXXI) ausfallen. Kant, Kritik der reinen Vernunft. 16
220 10 (A 166) (B 207) 20 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. I I. Hauptstück nungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den Regeln der Konstruktion im Raume (z. E. der unendlichen Teilbarkeit der Linien oder Winkel) gemäß sein dürfe, muß 1) wegfallen. Denn dadurch spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive Gültigkeit ab, und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf Erscheinungen anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten, als der 2 ) wesentlichen Form 3 ) aller Anschauung, ist das, was zugleich die Apprelhension der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich auch alle Erkenntnis der Gegenstände derselben, möglich macht, und was die Mathematik im reinen Gebrauch von jener beweist, das gilt auch notwendig von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer falsch be[lehrten Vernunft, die irrigerweise die Gegenstände der Sinne von der formalen Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt, und sie, obgleich sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich selbst, dem Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich von ihnen apriori gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe vom Raume, synthetisch erkannt werden könnte, und die Wissenschaft, die diese bestimmt, nämlich die Geometrie, selbst nicht möglich sein würde. 2. Antizipationen 4) der Wahrnehmung 30 Das Prinzip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d. i. einen Grad 6 ). 1) Mellin: "dürfe, müssen"; Hartenstein: "dürfen, muß"; Kehrbach: "dürfen, müssen"; Erdmann: "dürften, müssen". ') Erdmann: d. i. "als die Synthesis der". I) Erdmann: "Formen"; J. B. Meyer: "die wesentliche Form" . •) A: "Die Antizipationen". 6) Statt "Das Prinzip - Grad" heißt es in A: "Der Grund- satz, welcher alle Wahrnehmungen, als solche, antizipiert, heißt
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 221 Bewei8 Walvrnehmung i8t das empiriB,che Bewußtsein, d. i. ein 80lches, in welchem zugleich Empfindung i8t. Er8cheinungen, als Gegenstände der Walvrnelwn.ung, 8ind nicht reine (bloß formale)Anschauungen, wie Raum und Zeit, (denn die können an 8ich gar nicht waMgenommen toerden). Sie enthalten al80 über die Anschauung rwch die Materien zu irgendeinem Objekte überhaupt (wodurch etwas Exi8tierendes im Raume oder der Zeit vorgestellt wird), d. i. da8 Reale der Empfindung, al80 bloß 8ubjektivel ) Vor8tellung, von der man sich nur 10 bewußt werden kann, daß das Subjekt affiziert 8ei, und die man lauf ein Objekt überhaupt bezieht, in 8ich. Nun ist vom (B 208) empiri8chen BeWttßtsein zum reinen eine 8tufenartige' Veränderung möglich, da das Reale de88elben ganz ver8chwindet, und ein bloß formales Bewußtsein (a priori) des M annigfaltigen im Raum und Zeit übrig bleibt: al80 auch eine Synthesi8 uer Größenerzeugung einer Empfindung, von iMem Anfange, der reinen Anschauung = 0, an, bis zu einer beliebigen Größe der8elben. Da nun Empfindung an sich gar keine objektive Vor8tellung, i8t und in iM weder die Anschauung vom 20 Raum, noch von der Zeit, angetroffen wird, 80 wird iM zwar keine extensive, aber doch eine Größe (und zwar durch die Apprehension der8elben, in welcher das empiri8che Bewußtsein in einer gewi88en Zeit von nichts = 0 zu ihrem 2) gegebenen Maße erwachsen kann), al80 eine inten8ive Größe zukommen, welcher korrespondierend allen Objekten der WaMnehmung, 80fern diese Empfindung enthält, inten8iveGröße, d. i. ein Grad des Einflus8e8 auf den Sinn, beigelegt werden muß. Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen Erkenntnis gehört, apriori erkennen 30 und bestimmen kann, eine Antizipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in welcher Epikur seinen I Ausdruck 1lQ6l1]lfJti; brauchte. Da aber an (A 167) den Erscheinungen etwas ist, was niemals apriori erso: In aUen Erscheinungen hat die Empfindung, und das Reale, welches ihr an dem Gegenstande entspricht, (rea1itas phaenomenon) eine intensive Gröpe d. i. einen Grad". Der nächste Abschnitt "Beweis. Wahrnehmung ist das - werden mur. fehlt in A. 1) Vaihinger: "subjektiver". 2) Erdmann: d. i. "der Empfindung". 16*
222 (B 209) 10 20 (A 168) (B 210) Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch. 11. Hauptstück kannt wird, und welches daher auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von dem Erkenntnis apriori auslmacht, nämlich die Empfindung (als Materie der Wahrnehmung), so folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht antizipiert werden kann. Dagegen würden wir die reinen "Bestimmungen im Raume und der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt, als Größe, Antizipationen der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige apriori vorstellen, was immer aposteriori in der Erfahrung gegeben werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine besondere gegeben sein mag,) apriori erkennen läßt; so würde dieses im ausnehmenden Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil es befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen kann. Und so verhält es sich hier wirklich. Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der Empfindung in demselben Augenblicke würde I diesen als leer vorstellen, mithin = O. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel derselben entspricht, Negation = O. Nun ist aber jede!) Emlpfindung einer Verringerung fähig, so daß sie abnehmen, und so allmählich verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung und Negation ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen Zwischenempfindungen, deren Unterschied voneinander immer kleiner ist, als der Unterschied zwischen der gegebenen und dem Zero, oder der gänzlichen Negation. Das ist 2 ): das Reale in der Erscheinung hat jederzeit eine Größe, welche aber nicht 1) Vorländer: "eine jede". 2) A: "d. i.".
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 223 in der Apprehension 1) angetroffen wird, indem 2) diese vermittelst der bloßen Empfindung in einem Augenblicke und nicht durch sukzessive Synthesis vieler Empfindungen geschieht, und also nicht von den Teilen zum Ganzen geht; es hat also zwar eine Größe, aber keine extensive. Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird, und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = 0 vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede 3 ) Realität in der Erscheinung intensive Größe, d. i. einen Grad. Wenn man diese Realität als Ursache (es sei der Empfineung oder anderer Realität in der Erscheinung, z. B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man den Grad der Realität als Ursache, ein Moment, z. B. das Moment der Schwelre, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. Dieses berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Kausalität habe ich für jetzt noch nicht zu tun. I So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d. i. eine intensive Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen Realität und Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher Realitäten, und möglicher kleinerer Wahrnehmungen 4 ). Eine jede Farbe, z. E. die rote, hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals der kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere usw. überall bewandt. Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität derselben. Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil derselben gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und 1) Wille: "welche aber nur in der Apprehension". S) W i11 e; "insofern als". I) Vor! än d er; "die". &) W i11 e: "möglicher kleinerer Realitäten in möglichen Wahrnehmungen". 10 (A 169) 20 (B 211) 30
224 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. 11. Hallptstück Augenblicken) einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst wiederum ein Raum, oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, d. i. bloße Stellen ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit jene Anschauungen, die siel) beschränken oder bestimmen sollen, voraus, und aus bloßen Stellen, als aus (A 170) Bestandteilen, die I noch vor dem Raume oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit 10 zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende nennen, weil die Synthesis (der produktiven Einbildungskraft) in ihrer Erzeugung ein (B 212) Fortgang in der Zeit ist, deren Konltinuität man besonders durch den Ausdruck des Fließens (Verfließens) zu bezeichnen pflegt. Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach konti nuierliche Größen, sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive Größen. Wenn 20 die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen, und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches 2 ) nicht durch die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art, sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird 3). Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es sofern richtig, als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber verstehe; welche aber allerdings 4) eine kontinuierliche Größe ist, 30 in welcher kein Teil der kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück ausmachen könnte, welches 5 ) immer 1) 3. Ausgabe: "sich". 2) Kehrbach fügt hinzu: ,,(Aggregat)"; Erdmann klammert ein: ,,(und nicht ... Quantum)". I) Wille stellt folgendermaßen um: "als ein Quantum, welches nicht durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis, sondern durch die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art erzeugt wird". 4) Wille: "welche allerdings". 5) A: "welche"
I I1. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 225 Materie zu noch kleineren enthielte. Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler verstehe, als so viel Münzen, (ihr Silbergehalt mag sein, welcher er wolle,) so benenne ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern. sondern muß es ein Aggregat, I d. i. (A 171) eine Zahl Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die Erscheinung als Einheit ein Quantum, und als ein solches jederzeit ein Kontinuum. Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als 10 intensiv betrachtet, kontinuierliche Größen sind, so würde I der Satz: daß auch alle Veränderung (Übergang eines (B 213) Dinges aus einem Zustande in den anderen) kontinuierlich sein 1), leicht und mit mathematischer Evidenz hier bewiesen werden können, wenn nicht die Kausalität einer Veränderung überhaupt ganz außerhalb den Z) Grenzen einer 3 ) Transzendental-Philosophie läge, und empirische Prinzipien voraussetzte. Denn daß eine Ursache möglich sei, welche den Zustand der Dinge verändere, d. i. sie zum Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes 20 bestimme, davon gibt uns der Verstand apriori gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil er die Möglichkeit davon gar nicht einsieht, (denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren Erkenntnissen apriori,) sondern weil die Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der Erscheinungen trifft, welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier nichts vor uns haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung, 30 unter welchen durchaus nichts Empirisches sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen, der allgemeinen Naturwissenschaft, I welche auf (A 172) gewisse Grunderfahrungen gebaut ist, nicht vorgreifen. Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses, den dieser unser Grundsatz hat, I) 4. Aun.: "sei"; Erdmann: "Veränderungen •.. sind". 2) Val en tine r: "der". 3) 3. Ausgabe: "eine".
226 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. 11. Buch. II. Hauptstück Wahrnehmungen zu antizipieren, und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen falschen Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt. (B 214) I Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade stattfindet, und gleichwohP) ein jeder Sinn einen bestimmten Grad 2) der Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung, mithin auch keine Erfahrung möglich, 10 die einen gänzlichen Mangel alles Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch welchen Umschweif im Schließen man 3) immer wolle,) bewiese, d. i. es kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem Unterschiede des Gmdes ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur Erklärung 20 derselben niemals angenommen werden. Denn wenn auch die ganze Anschauung eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch real, d. i. kein Teil derselben leer ist; so muß es doch, weil jede Realität ihren Grad hat, der, bei unveränderter extensiver Größe (A 173) der I Erscheinung bis zum Nichts (dem Leeren"') durch unendliche Stufen abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Raum oder Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive Größe in verschiedenen Erscheinungen kleiner oder größer sein können, obschon 30 die extensive Größe der Anschauung gleich ist. (B 215) I Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener Art unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder des Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere bewegte 5 ) Materien) wahrnehmen, 1) Vaihinger: "gleichermaßen"; Wille: "obgleich wohl"; Erdmann: "ebensowohl". 2) Wille: "eine bestimmte Grenze". 3) A: "als man". "') A: "leeren". ö) A: "bewegter".
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 227 schließen daraus einstimmig: dieses Volumen (exten\ sive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien, obzwar in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl jemals einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf eine metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil dieses 10 empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich nur der extensiven Größe d. i. der Menge nach unterscheiden könne. Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben konnten, und die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen transzenldentalen Beweis entgegen, der zwar den Unter- (A 174) schied in der Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte Notwendigkeit jener Voraussetzung, ged<;tchten Unterschied nicht anders, als!) durch anzunehmende leere Räume, erklären zu können, völlig 20 aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denlken, wenn die Naturer- (B 216) klärung hierzu irgendeine Hypothese notwendig machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen, so, daß in keinem von beiden 2) ein Punkt ist, in welchem nicht ihre Gegenwart anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben Qualität ihren 3) Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher 30 ohne Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Un,endliche kleiner sein kann, ehe sie 4 ) in das Leere 1) A: "anders wie". 2) Erdmann: "ihnen" bezw. "jenen"; Görland: bezieht "beide" auf einerseits "Räume", anderseits "Materien". ') Hartenstein: "seinen"; Adickes: "einen"; Erd· mann: "ihren" (d. h. einen bestimmten Grad der Qualität, z. B. des Widerstandes). 4) Paulsen: "ehe es"; Görland: "sie" (d. h. ehe die Qualität z. B. der Widerstand in das Leere übergeht).
228 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. II. Buch. II. Hauptstück übergeht, und verschwindet. So kann eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z. B. Wärme, und auf gleiche Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten den kleinsten Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden ins Unendliche abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen kleineren Gra· den ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit größeren. Meine Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses wirklich mit der Verschieden10 heit der Materien, ihrer spezifischen Schwere nach, so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des (A 175) reinen Verstandes I darzutun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine solche Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale der Erschei· nung dem Grade nach als gleich, und nur der Aggregation und deren extensiven Größe nach als verschieden annehme, und dieses sogar, vorgeblichermaßen, durch einen Grundsatz des Verstandes apriori benaupte. (E 217) I Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahr20 nehmung etwas 1) für einen der transzendentalen 2) ge' wohnten und dadurch behutsam gewordenen Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist, und mithin der 3) Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung selbst, wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und") es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der Verstand hierin synthetisch 30 über Erscheinungen 5) apriori aussprechen, 'und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist, nämlich die Empfindung angeht, antizipieren könne? 1) "etwas" seit Rosenkranz in allen Ausgaben gestrichen. ,',Betrachtung"; Erdmann : "Überlegung"; Görland schlägt vor: "des Transzendentalen". I) Valentiner: "von der". 4) Mellin: "antizipieren können und"; Hartenstein: "antizipiert und"; Erdmann: ,.antizipiere; und"; Valentiner: "antizipieren könne; und". 5) Vaihinger: "Erscheinungen etwas". Z) H artens tei n fügt ein:
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 229 Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann apriori gar nicht vorgestellt werden, (z. B. Farben, Geschmack usw.). Aber das Reale, was den Empfindungen tiberhaupt korrespondiert, im Gegensatz mit der Negation = 0, stellt nur etwas vor, dessen Begriff an sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die I Synthcsis in einem empirischen Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich kann das empirische Bewußtsein von bis zu jedem größeren Grade erhöht werden, so daß eben dieselbe extensive Größe der Anschauung (z. B. erleuchtete Fläche) so große Empfindung erregt, als ein Aggregat von vielem 1) anderen (minder erleuchteten) zusammen. Man kann also von der extensiven Größe der Erscheinung I gänzlich abstrahieren, und sich doch an der bloßen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der gleichbis zu dem gegebenen förmigen Steigerung von empirischen Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche, zwar nur apriori 2) gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie einen Grad haben, kann apriori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß wir an Größen überhaupt apriori nur eine einzige Qua Ii t ä t, nämlich die Kontinuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erscheinungen) nichts weiter apriori, als die intensive Quantität derselben, nämlich daß sie einen Grad haben, erkennen können, alles übrige bleibt der Erfahrung überlassen. (A 176) ° 10 (E 218) ° 20 3. Analogien der ErfahrungS) Das Prinzip derselben ist: Erfahrung ist nur durch 30 die Vorstell1tng einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich. 1) Rosenkranz: "vielem Andern ..• erleuchteten"; Har· tenstein: "vielem andern . . . Erleuchteten"; Erdmann: "Yielen andern .. erleuchteten". ') Mellin: "posteriori". ') In A lautet die Überschrift: "Die Analogien der Erfah. rung". Darunter steht: "Der allgemeine Grundsatz derselben
230 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. H. Buch. 11. Hauptstück Beweis Erfalvrung ist ein empirisches Erkenntnis, d. i. ein Erkenntnis, das durch WaJvrnehmungen ein Objekt bestimmt. Sie ist also eine Synthesis der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist, sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in einem Bewußtsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntnis der (B 219) Objekte der Sinne, d. i. der Erfalvrung (nicht I bloß der Anschauung oder Empfindung der Sinne) ausmacht. Nun 10 kommen zwar in' der Erfahrung die Wahrnehmungen nur zufälligerweise zueinander, so, daß keine Notwendigkeit ihrer Verknüpfung aus den WaJvrnehmungen selbst erhellt, noch erhellen kann, weil Apprehension nur eine ZusammensteUung des Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, aber l ) keine VorsteUung von der Notwendigkeit der verbundenen Existenz der Erscheinungen, die sie zusammensteUt, imRaum undZeit l ) in derselben angetroffen wird. Da aber Erfahrung ein Er· kenntnis der Objekte durch Wahrnehmungen ist, folglich das Verhältnis im Dasein des Mannigfaltigen, nicht wie es in der 20 Zeit zusammengesteUt wird, sondern wie es objektiv in der Zeit ist, in ihr vorgestellt werden soU, die Zeit selbst aber nicht walvr· genommen werden kann, so kann die Bestimmung der Existenz der Objekte in der Zeit nur durch ihre3 ) Verbindung in der Zeit überhaupt, mithin nur durch apriori verknüpfende Begriffe, geschehen. Da diese nun jederzeit zugleich Notwendigkeit bei sich führen, so ist Erfalvrung nur durch eine Vorste-Uung der notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich. Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein. Daher werden drei Regeln aller 30 Zeitverhältnisse der Erscheinungen, wonach jeder ihr ist: Alle Erscheinungen stehen, ihrem Dasein nach, apriori I Regeln der Bestimmung ihres Verhältnisses untereinander in einer Zeit". Der nächste Abschnitt "Beu:eis. Erfahrung ist - Wahrnehmungen möglich". fehlt in A. (A 177) unter 1) 4. Ausgabe: "Anschauung, aller"; Mellin: "Anschauung ist, aber". I) Hartenstein: "in Raum und Zeit"; Wille: "die sie in Raum und Zeit zusammenstellt". I) Vorländer: "die".
Irr. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 231 Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen, und diese allererst möglich machen. I Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien be- (B 220) ruht auf der notwendigen Einheit der Apperzeption, in Ansehung alles möglichen empirischen Bewußtseins, (der Wahrnehmung,) zu jeder Zeit, folglich, da jene apriori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit aller Erscheinungen nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die ursprüngliche Apperzeption bezieht SiC~l 10 auf den inneren Sinn (den Inbegriff aller Vorstellungen), und zwar apriori auf die Form desselben, d. i. das Verhältnis des mannigfaltigen empirischen Bewußtseins in der Zeit. In der ursprünglichen Apperzeption soll nun alle 1) dieses Mannigfaltige, seinen Zeitverhältnissen nach, vereinigt werden; denn dieses sagt die transzendentale Einheit derselben apriori, unter welcher alles steht, was zu meinem (d. i. meinem einigen 2» Erkenntnisse gehören soll, mithin ein Gegenstand für mich werden kann. Diese synthetische Einheit in dem Zeitver- 20 hältnisse aller Wahrnehmungen, welche apriori bestimmt ist, ist also das Gesetz: daß alle empirischen Zeitbestimjmungen 3) unter Regeln der allgemeinen Zeit- (A 178) bestimmung stehen müssen, und die Analogien der Erfahrung, von denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein. Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die Erscheinungen, und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern bloß das Dasein, und ihr Verhältnis untereinander in Ansehung dieses 30 ihres Daseins, erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erlscheinung apprehendiert wird, apriori der- (B 221) gestalt bestimmt sein, daß die Regel ihrer Synthesis zugleich diese Anschauung apriori in jedem vorliegenden empirischen Beispiele geben, d. i. sie daraus zustande bringen kann. Allein das Dasein der Erscheinungen kann apriori nicht erkannt werden, und ob wir 1) Hartenstein: "alles". i) Vorländer: "eigenen". 8) A: Zeitbestimmung.
232 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. I!. Buch. 11. Hauptstück gleich auf diesem Wege dahin gelangen könnten, auf irgendein Dasein zu schließen, so würden wir dieses doch nicht bestimmt erkennen, d. i. das, wodurch seine empirische Anschauung sich von anderen unterschiede. antizipieren können. Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematischen nannte, in Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden berechtigten I), gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit 10 nach, und lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung, als dem Realen ihrer Wahrnehmung nach, nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt werden könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der anderen die Zahlgrößen, und, mit ihnen, die Bestim(A 179) mung der Erscheinung als Größe, gebraucht I werden können. So werde ich z. B. den Grad der Empfindungen des Sonnenlichts aus etwa 200000 Erleuchtungen durch den Mond zusammensetzen und apriori bestimmt geben, d. i. konstruieren können. Daher 20 können wir die ersteren Grundsätze konstitutive nennen. Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der Erscheinungen apriori unter Regeln bringen (8 222) sollen. Denn, da dieses sich nicht konstruieren läßt, I so werden sie nur auf das Verhältnis des Daseins gehen, und keine andere als bloß regulative Prinzipien abgeben können. Da ist also weder an Axiome, noch an Antizipationen zu denken, sondern, wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen andere (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird apriori nicht 30 gesagt werden können: we Ich e andere und wie g roß e Wahrnehmung, sondern, wie sie dem Dasein nach, in diesem modo der Zeit, mit jener notwendig verbunden sei I). In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr Verschiedenes von demjenigen, was sie in der 1) Erdmann: "berechtigen". 2) Görland: ,d. h. wie sie (die Wahrnehmung) dem Dasein (nicht: dem Wassein, noch Wiesein) nach in diesem modo der Zeit (d. h. im Zeitverhältnisse mit jener Wahrnehmung) notwendig verbunden sei".
UI. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 233 Mathematik vorstellen. In dieser sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier Größenverhältnisse aussagen, und jederzeit konstitutiv, so, daß, wenn zwei l ) Glieder der Proportion gegeben sind, auch das dritte 2) dadurch gegeben wird, d. i. konstruiert werden kann. In der Philosophie aber ist die Analogie nicht die Gleichheit zweier quantitativen, sondern qualitativen Verhältnisse, wo ich aus drei gegebenen Gliedern I nur das Verhältnis zu einem vierten, nicht aber dieses vierte Glied selbst erkennen, und apriori geben kann, woW aber eine Regel habe, es in der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal, es in derselben aufzufinden. Eine Analogie der Erfahrung wird also nur eine Regel sein, nach welcher aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung (nicht wie Wahrnehmung selbst, als empirische Anschauung überhaupt) entspringen solL und als Grundsatz von den Gegenständen (der Erscheinungens)) nicht konstitutiv, sondern bloß regullativ gelten. Ebendasselbe aber wird auch von den Postulaten des empirischen Denkens überhaupt, welche die Synthesis der bloßen Anschauung (der Form der Erscheinung), der Wahrnehmung (der Materie derselben), und der Erfahrung (des Verhältnisses dieser Wahrnehmungen) zusammen betreffen, gelten, nämlich daß sie nur regulative Grundsätze sind, und sich von den mathematischen, die konstitutiv sind, zwar nicht in der Gewißheit, welche in beiden apriori feststeht, aber doch in der Art der Evidenz, d. i. dem Intuitiven derselben (mithin auch der Demonstration) unterscheiden. Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward, und hier vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht als Grundsätze des transzendentalen, sondern bloß des empirischen Verstandesgebrauchs, ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit halben, mithin auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die Erscheinungen nicht unter die 1) Mellin: "drei". 2) Mellin: "vierte". I) Erdmann: "den Erscheinungen". (A 180) 10 (B 223) 20 30 (A 181)
234 Elementarlehre. lI.Teil. LAbt. ILBuch. ILHauptstück Kategorien schlechthin, sondern nur unter ihre Schemate subsumiert werden müssen. Denn, wären die Gegenstände, auf welche diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge an sich selbst, so wäre es ganz unmöglich, etwas von ihnen apriori synthetisch zu erkennen. Nun sind es nichts als Erscheinungen, deren vollständige Erkenntnis, auf die alle Grundsätze apriori zuletzt doch immer auslaufen müssen 1), lediglich die mögliche Erfahrung ist, folglich können jene nichts, als bloß die (B 224) Bedingungen der Einheit des empirilschen Erkenntnisses in der Synthesis der Erscheinungen zum Ziele haben; diese aber wird nur allein in dem Schema des reinen Verstandesbegriffs gedacht, von deren 2) Einheit, als einer Synthesis überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung restringierte Funktion enthält. Wir werden also durch diese Grundsätze die Erscheinungen nur nach einer Analogie, mit der logischen und allgemeinen Einheit der Begriffe, zusammenzusetzen berechtigt werden, und daher uns in dem 20 Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen, in der Ausführung aber (der Anwendung auf Erschemungen) das Schema derselben, als den Schlüssel ihres Gebrauchs, an dessenS) Stelle, oder jener vielmehr, als restringierende Bedingung, unter dem Namen einer Formel des ersterenS), zur Seite setzen. 1) Vaihinger: stellt den Relativsatz "auf die - müssen" nach "Erfahrung". Görland bezieht "auf die" auf "deren (der Erscheinungen und nicht der Dinge an sich selbst) vollständige Erkenntnis". 2) Kehrbach: "dessen". 8) Müller: "deren . . . der ersteren"; N oire: "dessen (Gebrauch) ..• des ersteren" (Grundsatz); A d i c k es: "dessen (ihres Gebrauchs) .,. des ersteren" (ihres Gebrauchs); Paulsen: "deren .•. des ersteren"; Görland: bezieht "deren" auf "Synthesis der Erscheinungen".
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 235 IA (A 182) Erste Analogie Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanx 1) Bei allem Wechsel deT Erscheinungen beharrt die Substanz, 'und das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindertB). Beweis 3 ) Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher, als Sub· strat4), (als beharrlicher Form der inneren Anschauung,) das Zugleichsein sowohl als die Folge allein vorgestellt werden 10 kann. Die Zeit also in der aller I Wechsel der Erscheinungen (B 225) gedacht werden soll, bleibt und wechselt nicht; weil sie dasjenige ist, in welchem das N acheinander- oder ZugleichseinS) nur als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. Nun kann die Zeit für sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in den Gegenständen der Wahrnehmung, d. i. den Erscheinungen, das Substrat anzutreffen sein, welches die Zeit iiherhaupt vorstellt, und an dem aller Wechsel oder Zugleichsein durch das Verhältnis der Erscheinungen zu demselben in der Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber das Substrat 20 alles Realen, d. i. zur Existenz der Dinge Gehörigen, die Sub. stanz, an welcher alles, was zum Dasein gehört, nur als Bestimmung kann gedacht werden. Folglich ist das Beharrliche, womit in Verhältnis alle Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt werden können, die Substanz in der Erscheinung, d. i. das Reale derselben, was als Substrat alles Wechsels immer dasselbe bleibt. Da diese also im Dasein nicht wechseln kann, so kann ihr Quantum in der Natur auch weder vermehrt noch vermindert werden8 ). 1) "der Substanz" fehlt in A. t) A: "Alle Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst, und das Wandelbare, als dessen blope Bestimmung, d. i. eine Art, wie der Gegenstand existiert". S) A: "Beweis dieser ersten Analogie". 4.) Mellin: "als ihrem Substrat". 5) Erdmann: "und Zugleichsein". 8) Statt der Worte: " Alle Erscheinungen - vermindert werden." hat A folgendes: "Alle Erscheinungen sind in der Zeit. Diese Kant, Kritik der reinen Vernunft. 17
236 (B 226) 10 (A 183) 20 30 Elementarlehre. Ir. Teil. LAbt. Ir. Buch. IL Hauptstück Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit sukzessiv, und ist also 1) immer wechselnd. Wir können also dadurch allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige, als Gegenstand der Erfahrung, zugleich sei, oder nacheinander folge, wo an ihr 2) nicht etwas zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d. i. etwas Bleibendes und Beharrliches, von welchem aller I Wechsel und Zugleichsein nichts, als so viel Arten (modi der Zeit) sind, wie das Beharrliche existiert. Nur in dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn Simultaneität und Sukzession sind die einzigen Verhältnisse in der Zeit), I d. i. das Beharrliche ist das Substratum der empirischen Vorstellung der Zeit selbst, an welchem alle Zeitbestimmung allein möglich ist. Die Beharrlichkeit drückt überhaupt die Zeit, als das beständige Korrelatum alles Daseins der Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung, aus. Denn der Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit, (so wie das Zugleichsein nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in welcher gar keine Teile zugleich, sondern alle nacheinander sind). Wollte man der Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müßte man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre. Durch das Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Teilen der Zeitreihe nacheinander eine Größe, die man Dauer nennt. Denn in der bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend, und hat niemals die mindeste Größe. Ohne dieses Beharrliche ist also kein Zeitverhältnis. Nun kann die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen werden; mithin ist dieses Beharrliche an den Erscheinungen das Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch die Bedingung der Möglichkeit kann aut zwe'i(ac}te Weise das Verhältnis im Dasein derselben bestimmen, entweder sofern sie nach einander odet' zugleich sind. In Betracht der ersteren, Wü'd die Zeit, als Zei treihe, in Ansehung der zweiten als Zeitttm(an,q betrachtet". 1) GrilIo: "und also". 2) Erdmann: "ihm".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 237 aller synthetischen Einheit der Wahrnehmungen, d. i. der Erfahrung, I und an diesem Beharrlichen kann alles (B 227) Dasein und aller Wechsel in der Zeit nur als ein modus der Existenz dessen, was bleibt und beharrt, angesehen werden. Also ist in allen Erscheinungen das Beharrliche der Gegenstand selbst, d. i. die Substanz (phaenomenon), alles aber, was wech\selt, oder wechseln kann, (A 184) gehört nur zu der Art, wie diese Substanz oder Substanzen existieren, mithin zu ihren Bestimmungen. Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philo- 10 soph, sondern selbst der gemeine Verstand diese Beharrlichkeit, als ein Substratum alles Wechsels der Erscheinungen, vorausgesetzt haben, und auch jederzeit als ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph sich hierüber etwas bestimmter ausdrückt, indem er s<igt: bei allen Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz, und nur die A.kzidenzen wechseln. Ich treffe aber von diesem so synthetischen Satze nirgends auch nur den Versuch von einem Beweise an l ), ja er steht auch nur selten, wie es ihm doch gebührt, an der 20 Spitze der reinen und völlig apriori bestehenden Gesetze der Natur. In der Tat ist der Satz, daß die Substanz beharrlich sei, tautologisch. Denn bloß diese Beharrlichkeit ist der Grund, warum wir auf die Erscheinung die Kategorie der Substanz anwenden, und man hätte beweisen müssen, daß in allen Erscheinungen etwas l'eharrliches sei, an welchem das Wandelbare nichts als Bestimmung seines Daseins ist. Da aber ein solcher 1 ::weis niemals I dogmatisch, d. i. aus Begriffen, (B 228) geführt werden kann, weil er einen synthetischen Satz 30 apriori betrifft, und man niemals daran dachte, daß dergleichen Sätze nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung gültig sind 2 ), mithin auch nur durch eine Deduktion der Möglichlkeit der letzteren bewiesen werden (A 1!l5) können; so ist 3 ) kein Wunder, wenn er zwar bei aller Erfahrung zum Grunde gelegt (weil man dessen Bedürfnis bei der empirischen Erkenntnis fühl t), niemals aber bewiesen worden ist. 1) "an" fehlt in A. 8) Vorländer: "ist es". 2) Orig.: "seyn". 17*
238 10 (B 229) 20 (A 186) 30 40 Elementarlehre. H. Teil. LAbt. 11. Buch. 11. Hauptstück Ein Philosoph wurde gefragt: wieviel wiegt der Rauch? Er antwortete: ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht der übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er setzte also als unwidersprechlich voraus: daß, selbst im Feuer, die Materie (Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine Abänderung erleide. Ebenso war der Satz: aus nichts wird nichts, nur ein anderer Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder vielmehr des immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjekts an den Erscheinungen. Denn, wenn dasjenige an der Erscheinung, was man Substanz nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung sein soll, so muß sowohl alles Dasein in der vergangenen, als das der künftigen Zeit, daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher können wir einer Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, weil wir ihr Dasein zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort I Beharrlichkeit nicht einmal wohl ausgedrückt wird, indem dieses mehr auf künftige Zeit geht. Indessen ist die innere Notwendigkeit zu beharren, doch unzertrennlich mit der Notwendigkeit, immer gewesen zu sein, verbunden, und der Ausdruck mag also bleilben. Gigni de nihüo nihil, in nihilum nil posse revel'ti, waren zwei Sätze, welche die Alten unzertrennt verknüpften, und die man aus Mißverstand jetzt bisweil~n trennt, weil man sich vorstellt, daß sie Dinge an sich, selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt von einer obersten Ursache (auch sogar ihrer Substanz nach) entgegen sein dürfte; welche Besorgnis unnötig ist, indem hier nur von Erscheinungen im Felde der Erfahrung die Rede ist, deren Einheit niemals möglich sein würde, wenn wir neue Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen lassen. Denn alsdann fiele dasjenige weg, welches die Einheit der Zeit allein vorstellen kann, nämlich die Identität des Substratum, als woran aller Wechsel allein durchgängige Einheit hat. Diese Beharrlichkeit ist indes doch weiter nichts, als die Art, uns das Dasein der Dinge (in der Erscheinung) vorzustellen.
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 239 Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts anderes sind, als besondere Arten derselben zu existieren, heißen Akzidenzen. Sie sind jederzeit real, weil sie das Dasein der Substanz betreffen, (Negationen sind nur Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an der Substanz ausdrücken). Wenn man nun diesem Realen I an der Substanz ein besonderes Dasein beigelegt!), (z. E. der Bewegung, als einem Akzidens der Materie,) so nennt man dieses Dasein die Inhärenz, zum Unterschiede vom Dasein der Substanz, die 2 ) man Subsistenz nennt. Allein I hieraus entspringen viel Mißdeutungen, und es ist genauer und richtiger geredet, wenn man das Akzidens nur durch die Art, wie das Dasein einer Substanz positiv bestimmt ist, bezeichnet. Indessen ist es doch, vermöge der Bedingungen des logischen Gebrauchs unseres Verstandes, unvermeidlich, dasjenige, was im Dasein einer Substanz wechseln kann, indessen, daß die Substanz bleibt, gleichsam abzusondern, und in 3) Verhältnis auf das eigentliche Beharrliche und Radikale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als daß sie selbst ein Verhältnis enthielte. Auf dieser4.) Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung des Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht Veränderungen desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben desselben Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so können wir, in einem etwas paradox scheinenden Ausdruck, sagen: nur das Beharrliche (die Substanz) wird veränldert, das Wandelbare erleidet keine 1) Hartenstein: "beilegt". 2) Hartenstein: "das". 3) Valentiner: "im". 4) Grillo: "diese". (B 230) 10 (A 187) 20 30 (B 231)
240 (A 188) 10 20 (B 232) (A 189) Elementarlehre. lI.Teil. LAbt. 1I.Buch. ILHauptstück Veränderung, sondern einen 1 ) Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören, und andere anheben. I Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das Entstehen oder Vergehen, schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem übergange aus dem Zustande in den anderen. und von!) Nichtsein zum Sein, möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin anfange zu sein; so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht war. \Voran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen3 ), was schon da ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand der Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher waren, und bis zu dem, was entsteht, fortdauern, so war das letztere nur eine Bestimmung des ersteren, als des Beharrlichen. Ebenso ist es auch mit dem Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung einer Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist. Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller Zeitbestimmungen. Das Entstehen einiger, und das Vergehen anderer derselben, würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit der Zeit aufheben, I und die Erscheinungen würden sich alsdann auf zweierlei' Zeiten4.) beziehen, in denen nebeneinander das Dasein verflösse; welches ungereimt ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in I welcher alle verschiedenen Zeiten nicht zugleich, sondern nacheinander gesetzt werden müssen. So ist demnach die Beharrlichkeit eine notwendige Bedingung, unter welcher allein Erscheinungen, als Dinge oder Gegenstände, in einer möglichen Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium 1) 5. Ausgabe: "ein". 2) 4. Ausgabe: "vom". 3) Valentiner: "dasjenige". 4) A: "zweierlei Zeit".
I H. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 241 dieser notwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben, das Nötige anzumerken. B Zweite Analogie Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze det· Kausalität!) Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknii,pf1~ng der Ursache und Wirkung. Bcweis 2 ) 10 (Daß alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesamt nur Ver· änderungen, d. i. ein sukzessives Sein und Nichtsein der Bestimmungen der Suhstanz sind, die da beharrt, folglich das Sein der Suhstanz selbst, welches aufs Nichtsein derselben folgt, oder das Nichtsein derselben, welches aufs Dasein folgt, mit anderen Wor I Un, daß das Entstehen3 ) ode:r Ve:rgehen der (B 233) Suhstanz selbst nicht stattfinde, hat der vorige Grundsatz dargetan. Dieser hätte auch so ausgedrückt werden können: Aller Wechsel (Sukzession) der Erscheinungen ist nur Veränderung; denn Entstehen ode:r Ve:rgehen4 ) der 20 Suhstanz sind keine Veränderungen de:rselben, weil der Begriff der Ve:rändertmg eben dasselbe Suhiekt mit zwei entgegengesetzten Bestimmungen als ell:istie:rend, mithin al-s beharrend, voraussetzt. - Nach dieser Vore:rinnerung folgt der Beweis.) Ich nehme wahr, daß Erscheinungen aufeinander folgen, d. i. daß ein Zustand de:r Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegenteil im vorigen ZustandeG) war. Ich verknüpfe also eigentlich 1) In A lautet, die überschrift: "Grundsatz der Flrzeugung". Darunter steht: "Alles, was geschieM (anhebt zu sein) Betzt etwas voraus, worauf eB nach einer Regel foTgt". ') fehlt in A. I) Wille: "Worten das Entstehen"; Vorländer: "Worten daß Entstehen"; Valentiner will "daß" nach "folglich" setzen. 4) Valentiner: Hier ist wohl "der Bestimmungen" ausgefallen. G) Wille: "in voriger. Zeit".
242 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. 11. Hauptstück zwei Wa1wnehmungen in der Zeit. Nun ist!) Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung, sondern hier das Produkt eines synthetischen Vermögens der Einbil. dungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhältnisses bestimmt. Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf zweierlei Art verbinden, so, daß der eine oder der andere in der Zeit vorausgehe'); denn die Zeit kann an sich selbst nicht wahrgenommen, und in Beziehung auf sie gleichsam empirisch, was vorhergehe und was folge, am Objekte bestimmt werden. 10 Ich bin mir also nur bewußt, daß meine Imaf/ination eines vorher, das andere nachher setze, nicht daß im Objekte der eine Zustand vor dem anderen vorhergehe,. oder, mit anderen Worten, (B 234) es bleibt I durch die bloße Wa1wnehmung das objektive Ver· hältnis der einander folgenden Erscheinungen unbestimmt. Damit dieses nun als bestimmt erkannt werde, muß das Verhältnis zwischen den beiden Zuständen so gedacht werden, daß dadurch als notwendig bestimmt wird, welcoor derselben vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt müsse gesetzt werden. Dei' Begriff aber, der eine Notwendigkeit der synthe20 tischen Einheit bei sich führt, kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein, der nicht in der Wahrnehmung liegt, und das ist hier der Begrifj des Verhältnisses der Ursache und Wirkung, wovon die erstere die letztere in der Zeit, als die Folge, und nicht als etwas, was bloß in der Einbildung vorhergehen (oder gar überall nicht wahrgenommen sein) könnte, bestimmt. Also ist nur dadurch, daß wir die Folge der Erschei. nungen, mithin alle Veränderung dem Gesetze der Kausalität unterwerfen, selbst Erfahrung d. i. empirisches Erkenntnis von denselben möglich; mithin sind sie selbst, als Gegenstände der 30 Erfahrung, nur nach eben dem Gesetze möglich3 ). Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit sukzessiv. Die Vorstellungen der Teile folgen aufeinander. Ob sie sich auch im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der in dem") ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles, und sogar jede Vorstellung, sofern man sich ihrer bewußt ist, Objekt nennen; allein was dieses (B 235) Wort bei I Erscheinungen zu bedeuten habe, nicht, in1) Vorländer: "ist die". 3) "Dap . .. möglich" ') Erdmann: "vorausgeht". fehlt in A. 4) A: "der".
UI. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 243 sofern sie (als Vorlstellungen) Objekte sind, sondern nur ein Objekt bezeichnen, ist von tieferer Untersuchung. Sofern sie, nur als Vorstellungen zugleich Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind sie von der Apprehension, d. i. der Aufnahme in die Synthesis der Einbildungskraft, gar nicht unterschieden, und man muß also sagen: das Mannigfaltige der Erscheinungen wird im Gemüt jederzeit sukzessiv erzeugt. Wären Erscheinungen Dinge an sich selbst, so würde kein Mensch aus der Sukzession der Vorstellungen von ihrem Mannigfaltigen ermessen können, wie dieses in dem Objekt verbunden sei. Denn wir haben es doch nur mit unseren Vorstellungen zu tun; wie Dinge an sich selbst (ohne Rücksicht auf Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren,) sein mögen, ist gänzlich außer unserer Erkenntnissphäre. Ob nun gleich die Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, und gleichwohl doch das einzige sind 1), was uns zur Erkenntnis gegeben werden kann, so soll ich anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst für eine Verbindung in der Zeit zukomme, indessen daß die Vorstellung desselben in der Apprehension jederzeit sukzessiv ist. So ist z. E. die Apprehension des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses, das vor mir steht, sukzessiv. Nun ist die Frage: ob das Mannigfaltige dieses Hauses selbst auch in sich sukzessiv sei, welches freilich niemand zugeben wird. Nun ist aber, sobald ich meine Begriffe I von einem Gegenstande bis zur transzendentalen Bedeutung steigere, das Haus gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Erscheinung, I d. i. Vorstellung, deren 2) transzendentaler Gegenstand unbekannt ist; was verstehe ich also unter der Frage: wie das Mannigfaltige in der Erscheinung selbst (die doch nichts an sich selbst ist) verbunden sein möge? Hier wird das, was in der sukzessiven Apprehension liegt, als Vorstellung, die Erscheinung aber, die mir gegeben ist, ohnerachtet sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser Vorstellungen ist, als der Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem 1) Adickes: "Da nun ... so sind sie gleichwohl". 2) A: "dessen". (A 190) 10 20 (B 236) (A 191)
244 10 (B 237) (A 192) 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. Ir. Hauptstück mein Begriff, den ich aus den Vorstellungen der Apprehension ziehe, zusammenstimmen soll. Man sieht bald, daß, weil Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt Wahrheit ist, hier nur nach den formalen Bedingungen der empirischen Wahrheit gefragt werden kann, und Erscheinung, im Gegenverhältnis mit den Vorstellungen der Apprehension, nur dadurch als das davon unterschiedene Objekt derselben könne vorgestellt werden, wenn sie unter einer Regel steht, welche sie von jeder anderen Apprehension unterscheidet, und einel) Art der Verbindung des Mannigfaltigen notwendig macht. Dasjenige an der Erscheinung, was die Bedingung dieser notwendigen Regel der Apprehension enthält, ist das Objekt. Nun laßt uns zu unserer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe, d. i. etwas, oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht empirisch 2) wahrgenommen 3) I werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht, welche diesen Zustand nicht in sich enthält: denn eine Wirklichkeit, die I auf eine leere Zeit folge4.) mithin ein Entstehen, vor dem kein Zustand der Dinge vorhergeht, kann ebensowenig, als die leere Zeit selbst apprehendiert werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist also eine Wahrnehmung, welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber bei aller Synthesis der Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben an der Erscheinung eines Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie sich dadurch noch nicht von anderen. Allein ich bemerke auch: daß, wenn ich an einer Erscheinung, welche ein Geschehen enthält, den vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne, daß B auf A in der Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen, sondern nur vorhergehen kann. Ich sehe z. B. ein Schiff den Strom hinabtreiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb, folgt auf die Wahrnehmung der Stelle des1) Vaihinger: "eine" (gesperrt). 2) Mellin: streicht "empirisch". I) Erdmann: "vorgestellt". ') Hartenstein: "folgt"; Erdmann: "folgte".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 245 selben oberhalb dem Laufe des Flusses, und es ist unmöglich, daß in der Apprehension dieser Erscheinung das Schiff zuerst unterhalb, nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen werden sollte. Die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere gebunden. In dem vorigen Beispiele von einem Hause konnten meine Wahrnehmungen in der Apprehension von der Spitze desselben anfangen, und beim Boden endigen, aber auch I von unten anfangen, und oben endigen, imgleichen rechts oder links das Mannigfaltige der empirischen' Anschauung apprehendieren. In der Reihe dieser I Wahrnehmungen war also keine bestimmte Ordnung, welche es notwendig machte, wenn 1) ich in der Apprehension anfangen müßte, um das Mannigfaltige empirisch zu verbinden. Diese Regel aber ist bei der Wahrnehmung von dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie macht die Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen (in der Apprehension dieser Erscheinung) notwendig. Ich werde also, in unserem Fall, die sub j e k ti v e Folge der Apprehension von der objektiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen, weil jene sonst gänzlich unbestimmt ist, und keine Erscheinung von der anderen unterscheidet. Jene allein beweist nichts von der Verknüpfung des Mannigfaltigen am 2 ) Objekt, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird in der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach welcher die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des anderen (das vorhergeht) nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der Erscheinun~elbst, und nicht bloß von meiner Apprehension, berechtigt sein zu sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so viel bedeutet, als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen könne, als gerade in dieser Folge. Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer Begebenheit vorhergeht, die Bel) Mellin: "wo"; Erdmann: "wann". 2) Erdmann: "im". (B 238) (A 193) 20 30
246 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. H. Hauptstück (B 239) dinlgung zu einer Regel liegen, nach!) welcher jederzeit (A 194) 10 20 (B 2(0) 30 (A 195) und notwendigerweise diese Begebenheit folgt; umgekehrt aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen, und I dasjenige bestimmen (durch Apprehension) was vorhergeht. Denn von dem folgenden Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber bezieht sich doch auf irgendeinen vorigen; von einer gegebenen Zeit ist dagegen der Fortgang auf die bestimmte folgende notwendig. Daher, weil es doch etwas ist, was folgt, so muß ich es notwendig auf etwas anderes überhaupt beziehen, was vorhergeht, und worauf es nach einer Regel, d. i. notwendigerweise, folgt, so daß die Begebenheit, als das Bedingte, auf irgendeine Bedingung sichere Anweisung gibt, diese aber die Begebenheit bestimmt. Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf dieselbe nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der Wahrnehmung nur lediglich in der Apprehension, d. i. bloß subjektiv, aber dadurch gar nicht objektiv bestimmt, welches eigentlich das Vorhergehende, und welches das Nachfolgende der Wahrnehmungen sein müßte. Wir würden auf solche Weise nur ein Spiel der Vorstellungen haben, das sich auf gar kein Objekt bezöge, d. i. es würde durch unsere Wahrnehmung eine Erscheinung von jeder anderen, dem Zeitverhältnisse nach, gar nicht unterschieden werden; weil die Sukzession im Apprehendieren allerwärts einerlei, und also nichts in der Erscheinung ist, was sie bestimmt, so daß dadurch eine I gewisse Folge alslI) objektiv notwendig 3) gemacht wird. Ich werde also nicht sagen"'): daß in der Erscheinung zwei Zustände aufeinander I folgen; sondern nur: daß eine Apprehension auf die andere folgt, welches bloß etwas Subj ekti ves ist, und kein Objekt bestimmt, mithin gar nicht vor a) Erkenntnis irgendeines Gegenstandes (selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann. 1) Wille: "die Bedingung liegen, unter". 2) "als" von Erd man n gestrichen. 3) Erdmann: "zu einer objektiven die notwendig". 4) Vaihinger: "sagen können". 6) Hartenstein: "für".
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 247 Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei jederzeit voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer Regel folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Objekt sagen, daß es folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie nicht durch eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt ist, keine Folge im Objekte berechtigt!). Also geschieht es immer in Rücksicht auf eine Regel, nach welcher die Erscheinungen in ihrer Folge, d. i. so wie sie geschehen, durch 10 den vorigen Zustand bestimmt sind, daß ich meine subjektive Synthesis (der Apprehension) objektiv mache, und, nur lediglich unter dieser Voraussetzung allein, ist selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht, möglich. Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach welchen 2) wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende Erscheinungen, eine Regel zu 20 entdecken, gelleitet worden, der gemäß gewisse Be- (B 241) gebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen, und dadurch zuerst veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu machen. Auf sollchen 3) Fuß (A 196) würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und die Reg9.-die er verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, würde ebenso zufällig sein, als die Erfahrung selbst: seine Allgemeinheit und Notwendigkeit wären alsdann nur angedichtet, und hätten keine wahre allgemeine Gültigkeit, weil sie nicht apriori, sondern 30 nur auf Induktion gegründet wären. Es geht aber hiemit so, wie mit anderen reinen Vorstellungen apriori, (z. B. Raum und Zeit) die wir darum allein aus der Erfahrung als klare Begriffe herausziehen können, weil wir sie in die Erfahrung gelegt hatten, und diese daher durch jene allererst zustande brachten. Freilich ist die 1) Grillo: "zu keiner Folge .•. berechtigt"; Erdmann: "keine ..• Objekt anzunehmen berechtigt". ß) Adickes: "welchem". S) Kehrbach: "solchem".
248 10 (B 242) (A 197) 20 30 Elementarlehre. II. Teil. 1. Abt. II. Buch. 11. Hauptstück logische Klarheit dieser Vorstellung, einer die Reihe der Begebenheiten bestimmenden Regel, als eines Begriffs von Ursache, nur alsdann möglich, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch gemacht haben, aber eine Rücksicht auf dieselbe, als Bedingung der synthetischen Einheit der Erscheinungen in der Zeit, war doch der Grund der Erfahrung selbst, und ging also apriori vor ihr vorher. Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals selbst in der Erfahrung die Folge (einer Begebenheit, da etwas geschieht, was vorher nicht war) dem Objekt beilegen, und sie von der subjektiven unserer I Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel zum Grunde liegt, die uns nötigt 1), diese Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als eine andere zu beobachten, ja daß diese Nöltigung es eigentlich sei, was die Vorstellung einer Sukzession im Objekt allererst möglich macht. Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt, und so genau oder pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer Vorstellungen, d. i. innere Bestimmungen unseres Gemüts in diesem oder jenem Zeitverhältnisse. Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen Vorstellungen ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität, als Modifikationen, ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine, objektive bei~ legen? Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf eine andere Vorstellung (von dem, was man vom Gegenstande nennen 2) wollte) bestehen, denn sonst erneuert sich die Frage: wie geht diese Vorstellung wiederum aus sich selbst heraus, und bekommt objektive Bedeutung noch über die subjektive, welche ihr, als Bestimmung des Gemütszustandes, eigen ist? Wenn wir untersuchen, was denn die Beziehung auf 1) A: "nötig". 2) Mellin: "was man Gegenstand nennen"; Erdmann: d. h. Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung dessen, was man von einem Gegenstande aussagen wollte, bestehen; Valentiner: "was man vom Gegenstande so nenne".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 249 einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen, und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur daldurch, (B 243) daß eine gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen notwendig ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird. I In der Synthesis der Erscheinungen folgt das (A 198) Mannigfaltige der Vorstellungen jederzeit nacheinander. Hiedurch wird nun gar kein Objekt vorgestellt; weil durch diese Folge, die allen Apprehensionen gemein ist, nichts vom anderen unterschieden wird. Sobald ich aber wahrnehme, oder voraus annehme, daß in dieser Folge eine Beziehung auf den vorhergehenden Zustand sei, aus welchem die Vorstellung nach einer Regel folgt, so stellt sichl) etwas vor als Begebenheit, oder was da geschieht, d. i. ich erkenne einen Gegenstand, den ich in der Zeit auf eine gewisse bestimmte Stelle 20 setzen muß, die ihm, nach dem vorhergehenden Zustande, nicht anders erteilt werden kann. Wenn ich also wahrnehme, daß etwas geschieht, so ist in dieser Vorstellung erstlich enthalten: daß etwas vorhergehe, weil eben in Beziehung auf dieses die Erscheinung ihre 2) Zeitverhältnis bekommt, nämlich, nach einer vorhergehenden Zeit, in der sie nicht war, zu existieren. Aber ihre bestimmte Zeitstelle in diesem Verhältnisse kann sie nur dadurch bekommen, daß im S ) vorhergehenden Zustande etwas vorausgesetzt wird, worauf 30 es") jederzeit, d. i. nach einer Regel, folgt: woraus sich denn ergibt, daß ich erstlich nicht die Reihe umkehren, und das, was geschieht, demjenigen voransetzen kann, worauf es folgt: zweitens daß, wenn der Zustand, der vorlhergeht, gesetzt wird, diese bestimmte Begebenheit (B 244) unausbleiblich und notwendig folge. Dadurch geschieht 1) Erdmann: "stelle ich". 2) Grillo: "ihr". 8) Valentiner: "zweitens im". ') Wille: "sie"; Erdmann: bezieht auf "das Geschehne".
250 Elementarlehre. ILTeil. LAbt. 11. Buch. II.Hauptstück es: daß eine Ordnung unter unseren Vorstellungen wird, (A 199) in welcher das Gegenwärtige (sofern I es geworden) auf irgendeinen vorhergehenden Zustand Anweisung gibt, als ein, obzwar noch unbestimmtes Korrelatum dieser Ereignis, die gegeben ist, welches sich aber auf diesel), als seine Folge, bestimmend bezieht, und sie ' notwendig mit sich in der Zeitreihe verknüpft. Wenn es nun ein notwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin eine formale Bedingung aller Wahr10 nehmungen ist: daß die vorige Zeit die folgende notwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders gelangen kann, als durch die vorhergehende); so ist es auch ein unentbehrliches Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, daß die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden bestimmen, und daß diese, als Begebenheiten, nicht stattfinden, als sofern jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d. i. nach einer Regel festsetzen. Denn nur an den Erscheinungen können wir diese 20 Kontinuität im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen. Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und das erste, was er dazu tut, ist nicht: daß er die Vorstellung der Gegenstände deutlich macht, sondern daß er die Vorstellung eines Gegenstandes überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun da(B 245) durch, I daß er die Zeitordnung auf die Erscheinungen und deren Dasein überträgt, indem er jeder derselben als Folge eine, in Ansehung der vorhergehenden Er30 scheinungen, apriori bestimmte Stelle in der Zeit zu(A 200) erkennt, ohne welche sie nicht I mit der Zeit selbst, die allen ihren Teilen apriori ihre Stelle bestimmt, übereinkommen würde. Diese Bestimmung der Stelle kann nun nicht von dem Verhältnis der Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt werden, (denn die ist kein Gegenstand der Wahrnehmung,) sondern umgekehrt, die Erscheinungen müssen einander ihre Stellen in der Zeit selbst bestimmen, und dieselbe 2) in der Zeitordnung not· 1) Erdmann: "dieses". 2) Görland: "dieselben".
Ill. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 251 wendig machen, d. i. dasjenige, was da folgt, oder geschieht, muß nach einer allgemeinen Regel auf das, was im vorigen Zustande enthalten war, folgen, woraus eine Reihe der Erscheinungen wird, die vermittelst des Verstandes eben dieselbige Ordnung und stetigen Zusammenhang in der Reihe möglicher Wahrnehmungen hervorbringt, und notwendig macht, als sie in der Form der inneren Anschauung, (der Zeit) darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müßten l ), apriori angetroffen wird. Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung, ihrer Stelle nach, in der Zeit, als bestimmt, mithin als ein Objekt ansehe, welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen jederzeit gefunden werden kann. Diese I Regel aber, etwf der Zeitfolge nach zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d. i. notwendigerweise) folgt. Also ist der Satz vom zureichen Iden Grunde der Grund möglicher Erfahrung, nämlich der objektiven Erkenntnis der Erscheinungen, in Ansehung des Verhältnisses derselben, in Reihenfolge 2 ) der Zeit. Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden Momenten. Zu aller empirischen Erkenntnis gehört die Synthesis des Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit sukzessiv ist; d. i. die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit aufeinander. Die Folge aber ist in der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen 3) und was folgen müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einen der') folgenden Vorstellungen kann ebensowohl rückwärts als vorwärts genommen werden. Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der Apprehension 5) (des Mannigfaltigen einer ge1) Erdmann: "müssen". 2) 8) 4) 5) Hartenstein : "in der Reihenfolge", Valentiner: "vorhergehen". Wille: "der einander". W i 11 e: "Apperzeption". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 18 10 (B 246) 20 (A 201) 80
252 10 (B 247) (A 202) 20 30 Elementarlehre. 1I. Teil. LAbt. 1I.Buch. Ir. Hauptstück gebenen Erscheinung), so ist die Ordnung im Objekt bestimmt, oder, genauer zu reden, es ist darin eine Ordnung der sukzessiven Synthesis, die ein Objekt bestimmt, nach welcher etwas notwendig vorausgehen, und wenn dieses gesetzt ist, das andere notwendig folgen müsse. Soll also meine Wahrnehmung die Erkenntnis einer Begebenheit enthalten, da nämlich etwas wirklich geschieht; so muß sie ein empirisches Urteil sein, in welchem man sich denkt, daß die Folge bestimmt sei, d. i. daß sie eine andere Erscheinung der I Zeit nach voraussetze, worauf sie notwendig, oder nach einer Regel folgt. Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende setze, und die Begebenheit folgte nicht darauf notwendig, so würde ich sie nur für ein subjektives Spiel meiner Einbildungen halten I müssen, und stellte ich mir darunter doch etwas Objektives vor, sie einen bloßen Traum nennen. Also ist das Verhältnis der Erscheinungen (als möglicher Wahrnehmungen), nach welchem das Nachfolgende (was geschieht) durch etwas Vorhergehendes seinem Dasein nach notwendig, und nach einer Regel in der Zeit bestimmt ist, mithin das Verhältnis der Ursache zur Wirkung die Bedingung der objektiven Gültigkeit unserer empirischen Urteile, in Ansehung der Reihe der Wahrnehmungen, mithin der empirischen Wahrheit derselben, und also der Erfahrung. Der Grundsatz des Kausalverhältnisses in der Folge der Erscheinungen gilt daher auch vor I ) allen Gegenständen der Erfahrung (unter den Bedingungen der Sukzession), weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solchen Erfahrung ist. Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden muß. Der Satz der Kausalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in unserer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es sich doch bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch 1) Hartenstein: "von"; Erdmann: Nicht die Allgemeinheit des empirischen Gebrauchs der Kategorie, sondern ihre Funktion als Grund der Möglichkeit der Erfahrung kommt in Betracht.
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 253 auf ihre Begleitung passe, und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist z. B. Wärme im Zimmer, die nicht in freier Luft I angetroffen wird. Ich sehe (B 248) mich nach der Ursache um, und finde einen geheizten Ofen. Nun ist dieser, als Ursache, mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich; ::llso ist hier keine Reihenfolge, der Zeit nach, zwischen Ursache unrl Wirkung, sondern sie sind zugleich, und das Gesetz gilt doch. Der I größte Teil der wirkenden Ursache 1) in der Na- (A 203) tur ist mit ihren Wirkungen zugleich, und die Zeitfolge 10 der letzteren wird nur dadurch veranlaßt, daß die U rsache ihre ganze Wirkung nicht in einem Augenblick verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da sie zuerst entsteht, ist sie mit der Kausalität ihrer Ursache jederzeit zugleich, weil, wenn jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein, diese gar nicht entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß es auf die Ordnung der Zeit, und nicht auf den Ablauf derselben angesehen 2) sei; das Verhältnis bleibt, wenngleich keine Zeit verlaufen ist. Die Zeit zwischen der 20 Kausalität der Ursache, und deren unmittelbaren Wirkung, kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Verhältnis der einen zur anderen bleibt doch immer, der Zeit nach, bestimmbar. Wenn ich eine Kugel, die auf einem ausgestopften Kissen liegt, und ein Grübchen darin drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der Wirkung zugleich. Allein ich unterscheide doch beide durch das Zeitverhältnis der dynamischen Verknüpfung beider. Denn, wenn ich die Kugel auf das Kissen lege, so folgt auf die vorige glatte 30 Gestalt desselben das Grübchen; hat aber das Kissen (ich weiß I nicht woher) ein Grübchen, so folgt darauf (B 249) nicht eine bleierne Kugel. Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriterium der Wirkung, in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die vorhergeht. Das Glas ist I die Ursache von dem Steigen des Wassers über (A 204) 1) 4. Auflage: "Ursachen". 2) Valentiner: "abgesehen". 18*
254 Elementarlehre. IL Teil. LAbt. IL Buch. H. Hauptstück seine Horizontalfläche, obgleich beide Erscheinungen zugleich sind. Denn sobald ich dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe, so erfolgt etwas, nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den es dort hatte, in einen konkaven, den es im Glase annimmt. Diese Kausalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich mein kritisches Vor10 haben, welches lediglich auf die Quellen der synthetischen Erkenntnis apriori geht, nicht mit Zergliederungen bemengen will, die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der Begriffe angehen, so überlasse ich die umständliche Erörterung derselben einem künftigen System der reinen Vernunft: wiewohl man eine solche Analysis im reichen 1) Maße, auch schon in den bisher bekannten Lehrbüchern dieser Art, antrifft. Allein das empirische Kriterium einer Substanz, sofern sie sich nicht durch die Beharrlichkeit der Erscheinung, sondern 20 besser und leichter durch Handlung zu offenbaren scheint, kann ich nicht unberührt lassen. (B 250) I Wo Handlung, mithin Tätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz, und in dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der Erscheinungen gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt; aber, wenn man sich darüber erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei den fehlerhaften Zirkel vermeiden will, (A 205) so ist es nicht so I leicht verantwortet 2). Wie will man aus der Behandlung sogleich auf die Beharrlichkeit 80 des Handelnden schließen, welches doch ein so wesentliches und eigentümliches Kennzeichen der Substanz (phaenomenon) ist? Allein, nach unserem vorigen hat die Auflösung der Frage doch keine solche Schwierig~ keit, ob sie gleich nach der gemeinen Art (bloß analytisch mit seinen Begriffen zu verfahren) ganz unauflöslich sein würde. Handlung bedeutet schon das Verhältnis des Subjekts der Kausalität zur Wirkung. Weil 1) Vorländer: "in reichem". 2) Valentiner: "beantwortet".
BI. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 255 nun alle Wirkung in dem besteht, was da geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit der Sukzession nach bezeichnet; so ist das letzte Subjekt desselben das Beharrliche, als das Substratum alles Wechselnden, d. i. die Substanz. Denn nach dem Grundsatze der Kausalität sind Handlungen immer der erste Grund von allem Wechsel der Erscheinungen, und können also nicht in einem Subjekt liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere Handlungen und ein anderes Subjekt, welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich wären. 10 Kraft dessen beweist nun Handlung, als ein hinreichendes empirisches Kriterium, die Substantialität!), lohne (B 251) daß ich die Beharrlichkeit desselben 2) durch verglichene Wahrnehmungen allererst zu suchen nötig hätte, welches auch auf diesem Wege mit der Ausführlichkeit nicht geschehen könnte, die zu der Größe und strengen Allgemeingültigkeit des Begriffs erforderlich ist. Denn daß das erste Subjekt der Kausalität alles Entstehens und Vergehens selbst nicht (im Felde der Erscheinungen) entstehen und vergehen könne, I ist ein sicherer (A 206) Schluß, der auf empirische Notwendigkeit und Beharrlichkeit im Dasein, mithin auf den Begriff einer Substanz als Erscheinung ausläuft. Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen, ohne Rücksicht auf das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der Untersuchung. Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen Zustand, gesetzt, daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung enthielte, ist schon allein nötig zu untersuchen. Dieses Entstehen trifft, wie in der Nummer A 30 gezeigt worden, nicht die Substanz (denn die entsteht nicht), sondern ihren Zustand. Es ist also bloß Veränderung, und nicht Ursprung aus Nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung von einer fremden Ursache angesehen wird, so heißt er Schöpfung, welche als Be1) Wille: "Substantialität eines Subjektes". 2) Vaihinger: "derselben"; Erdmann: d.i. des Subjektes, das nach Kantischem Sprachgebrauch zu Substanzialität hinzuzudenken ist.
256 (B 252) 10 (A 207) 20 (B 253) 30 Elementarlehre. Ir. Teil. LAbt. Ir. Buch. II. Hauptstück gebenheit unter den Erscheinungen nicht zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit allein schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde, obzwar, wenn ich alle Dinge nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte, und als Gegenlstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind, dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach sich ziehen, und auf Erscheinungen, als mögliche Gegenstände der Erfahrung, nicht passen würde. Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich seil), daß auf einen Zustand in einem Zeitlpunkte ein entgegengesetzter im anderen folgen könne: davon haben wir apriori nicht den mindesten Begriff. Hierzu wird die Kenntnis wirklicher Kräfte erfordert, welche nur empirisch gegeben werden kann, z. B. der bewegenden Kräfte, oder, welches einerlei ist, gewisser sukzessiver Erscheinungen, (als Bewegungen) welche solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden Veränderung, die Bedingung, unter welcher sie, als ein Entstehen eines anderen Zustandes, allein vorgehen kann, (der Inhalt derselben, cl. i. der Zustand, der verändert wird, mag sein, welcher er wolle), mithin die Sukzession der Zustände selbst (das Geschehene)2) kann doch nach dem Gesetze der Kausalität und den Bedingungen der Zeit apriori erwogen werden *). I Wenn eine Substanz aus einem Zustand~ a in einen anderen b übergeht, so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes unterschieden, und folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite Zu*) Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser Relationen überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede. Daher, wenn ein Körper sich gleichförmig bewegt, so verändert er seinen Zustand (der Bewegung) gar nicht; aber wohl, wenn seine Bewegung zu- und abnimmt. 1) A: "ist". 2) Vaihinger: "das Geschehen".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 257 stand als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht war, wie b vom Zero unterschieden; d. i. wenn der Zustand b sich auch von dem Zustande a nur der Größe nach unterschiede, so ist die Veränderung ein Entstehen von I b-a, welches im (A 208) vorigen Zustande nicht war, und in Ansehung dessen er= 0 ist. Es frägt sich also, wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen anderen = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit, und zwischen zwei 10 Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der eine Größe hat, (denn alle Teile der Erscheinungen sind immer wiederum Größen). Also geschieht jeder übergang aus einem Zustande in den anderen in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist, deren der erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, der zweite den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der Zeit einer Veränderung, mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden Zuständen, und gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung. 20 Nun hat jede Veränderung eine Ursache, welche in der ganzen Zeit, in welcher jene vorgeht, ihre Kausalität beweist. Also bringt diese Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf einmal oder in einem Augenblicke) hervor, sondern I in einer Zeit, so, daß, wie die Zeit (B 254) vom Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b wächst, auch die Größe der Realität (b-a) durch alle kleineren Grade, die zwischen dem ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle Veränderung ist also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausali- 30 tät möglich, welche, sofern sie gleichförmig ist, ein Moment heißt. Aus diesen Momenten besteht nicht I die (A 209) Veränderung, sondern wird dadurch erzeugt als ihre Wirkung. Das ist nun das' Gesetz der Kontinuität aller Veränderung, dessen Grund dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der Zeit, aus Teilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Teile, als Elemente, zu seinem zweiten Zustande über- 40
258 10 (B 255) (A 210) 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. 11. Hauptstück gehe 1). Es ist kein Unterschied des Realen in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe der Zeiten, der kleinste, und so erwächst der neue Zustand der Realität von dem ersten an, darin diese nicht war, durch alle unendlichen Grade derselben, deren Unterschiede voneinander insgesamt kleiner sind, als der zwischen 0 und a. Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das geht uns hier nichts an. Aber, wie ein solcher Satz, der unsere Erkenntnis der Natur so zu erweitern scheint, völlig apriori möglich sei, das erfordert gar sehr unsere Prüfung, wenngleich der Augenschein beweist, daß er wirklich und richtig sei, und man I also der Frage, wie er möglich gewesen, überhoben zu sein glauben möchte. Denn es gibt so mancherlei ungegründete Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntnis durch reine Vernunft: daß es zum allgemeinen Grundsatz angenommen werden muß, deshalb durchaus mißtrauisch zu sein, und ohne Dokumente, die eine gründliche Deduktion I verschaffen können, selbst auf den klarsten dogmatischen Beweis nichts dergleichen zu glauben und anzunehmen. Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses, und jeder Fortschritt der Wahrnehmung ist nichts, als eine Erweiterung der Bestimmung des inneren Sinnes, d. i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen sein, welche sie wollen, Erscheinungen, oder reine Anschauungen. Dieser Fortgang in der Zeit bestimmt alles, und ist an sich selbst durch nichts weiter bestimmt: d. i. die Teile desselben sind nur in der Zeit, und durch die Synthesis derselben, sie 2) aber nicht vor ihr S) gegeben. Um deswillen ist ein jeder Übergang in der Wahrnehmung zu etwas, was in der, Zeit folgt, eine Bestimmung der Zeit durch die Erzeugung dieser Wahrnehmung' und da jene, immer und in allen ihren Teilen, 1) Vaihinger: "übergeht". I) Vaihinger; "sind"; Erdmann: "sie", d. i. die Teile der Zeit. I) Wille: "ihnen".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 259 eine Größe ist, die 1) Erzeugung einer Wahrnehmung als einer Größe durch alle Grade, deren keiner der kleinste ist, von dem Zero an, bis zu ihrem bestimmten Grad. Hieraus erhellt nun die Möglichkeit, ein Gesetz der Veränderungen, ihrer Form nach, apriori zu erkennen. Wir antizilpieren nur unsere eigene Apprehension, deren formale Bedingung, da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung selbst beiwohnt, allerdings apriori muß erkannt werden können. So ist demnach, ebenso, wie die Zeit die sinnliche Bedingung apriori von der Möglichkeit eines 2) kontinuierlichen Fortganges des Existierenden zu dem Folgenden 3 ) enthält, der Verstand, vermittelst der Einheit der Apperzeption, I die Bedingung apriori der Möglichkeit einer kontinuierlichen Bestimmung aller Stellen für die Erscheinungen in dieser Zeit, durch die Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die ersteren der letzteren ihr Dasein unausbleiblich nach sich ziehen, und dadurch die empirische Erkenntnis der Zeitverhältnisse für jede Zeit (allgemein) mithin objektiv gültig machen. C Dritte Analogie Grundsatz des Zu,gleichstins, nach dem Gesetze der Wechselwirkung, oder Gemeinschaft 4) Alle Substanzen, sofern sie im Raume als zugleich wahrgenommen werden können, sind in du,rchgängiger Wechselwirkung. 1) Valentiner: "so geht die". 2) E rdm ann: "eines" d. i. "zu einem". 3) Wille: "die sinnliche Bedingung apriori der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortganges von dem Vorhergehenden zu dem Folgenden". &) A: "Grundsatz der Gemeinschaft". Darunter steht: "Alle Substanzen, Bofem Bie zugleich bind, stehen in durchgängiger Gemeinschaft, (d. i. Wechselwirkung untereinander)". (B 256) 10 (A 211) 20
260 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. H. Hauptstück Beweis Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen AnschauI mung des anderen we6hselseitig folgen kann, (wel6hes in der Zeitfolge der Ers6he.inungen, wie beim zweiten Grundsatze gezeigt, worden, ni6ht geschehen kann). So kann ich meine Wahrnehmung zuerst am Monde, und nachher an der Erde, oder auch umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen und darum, weil die Wahrnelwnungen dieser Gegenstände 10 einander wechselseitig folgen können, sage ich, sie existieren zugleich. Nun ist das Zugleichsein die Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit. Man kann aber die Zeit selbst nicht wahrne1wnen, um daraus, daß Dinge in derselben Zeit gesetzt sind, abzunehmen, daß die Wahrnelwnungen derselben einander wechsel8eitig folgen können. Die Synthesis der Einbildungskraft in der Apprehension wiilrde also nur eine iede dieser Wahrnelwnungen als eine solche angeben, die im Subjekte da ist, wenn die andere nicht ist, und wechselsweise, ni6ht aber daß die Obiekte zugleich seien, d. i. wenn das eine ist, das andere 20 auch in derselben Zeit sei, und daß dieses notwendig sei, damit die Wahrnelwnungen wechselseitig aufeinander folgen können. Folglich wird ein Verstandesbegriff von der wechselseitigen Folge der Bestimmungen dieser außer einander zugleich exietierenden Dinge erfordert, um zu sagen, daß die wech&elseitige Folge der Wahrnelwnungen im Objekte gegründet sei, und das Zugleichsein dadurch als objektiv vorzustellen. Nun ist aber das Verhältnis der Substanzen, (B 258) in welchem die eine Bestimmungen ent I hält, wovon deT Grund in der llITIderen enthalten ist, das Verhältnis des 30 Einflusses, und, wenn wechselseitig dieses l ) den Grund der Bestimmungen in dem l ) anderen enthält, das Verhältnis der Gemeinschaft oder Wechselwirkung. Also kann das Zugleich. sein der Substanzen im Raume ni6ht anders in der Erfahrung erkannt werden, als unter Voraussetzung einer Wechselwirkung derselben untereinander,' diese ist also auch (B 257) u""f! die W ahrnelwnung des einen auf die Wahrneh 1) Wille: "jede (Substanz)"; Erdmann: "das eine Ding (in der Erscheinung)". I) Wille: "den".
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 261 die Bedingung der Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der Erfahtrungl}. Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und derselben Zeit existieren. Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben Zeit sind? Wenn die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen gleichgültig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E, oder auch umgekehrt von E zu A gehen kann. Denn, wäre 2) sie in der Zeit nacheinander (in der Ordnung, die von A anhebt, und in E endigt), so ist es unmöglich, die Apprehension in der Wahrnehmung von E anzuheben, und rückwärts zu A fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehört, und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein kann. I Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen wäre jede derselben völlig isoliert, d. i. keine wirkte in 3) die andere, und empfinge!.) von dieser wechselseitig Einflüsse, so sage ich: daß das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer möglichen I Wahrnehmung sein würde, und daß das Dasein der einen, durch keinen Weg der empirischen Synthesis, auf das Dasein der anderen führen könnte. Denn, wenn ihr euch gedenkt 5), sie wären durch einen völlig leeren Raum getrennt, so würde die Wahrnehmung, die von der einen zur anderen in der Zeit fortgeht, zwar dieser ihr Dasein, vermittelst einer folgenden Wahrnehmung bestimmen, aber nicht unterscheiden 6) können, ob die Erscheinung objektiv auf die erstere folge, oder mit jener vielmehr zugleich sei. Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A dem B s"eine Stelle in der Zeit be1) Der Abschnitt "Zugleich sind - Gegenstände der Erfaht·ung". fehlt in A. Z) Wille: "wären"; Erdmann jedoch bezieht nicht auf "Dinge", sondern auf "Synthesis". 8) Vorländer: "auf". &) A: "empfänge". 8) Valentiner: "denkt". 6) Erdmann: d. i. "aber wir würden nicht unterscheiden können" oder "aber uns nicht unterscheiden lassen". 10 (A 212) (B 259) 30
262 10 (A 213) (B 260) 20 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. 11. Hauptstück stimmt, und umgekehrt auch wiederum B dem A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, als zugleich existierend, empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt nur dasjenige dem anderen seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Kausalität gewisser Bestimmungen in der anderen, und zugleich die Wirkungen von der KausaIität der anderen in sich enthalten, d. i. sie müssen in dynamischer Gemeinschaft (unmitjtelbar oder mittelbar) stehen, wenn das Zugleichsein in irgendeiner möglichen Erfahrung erkannt werden soll. Nun ist aber alles dasjenige in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung notwendig, ohne welches die Erfahnmg von diesen Gegenständen selbst unmöglich sein I würde. Also ist es aUen Substanzen in der Erscheinung, sofern sie zu· gleich sind, notwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der Wechselwirkung untereinander zu stehen. Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig, und kann soviel als commumio, aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen uns hier desselben im letzteren Sinn, als einer dynamischen Gemeinschaft, ohne welche selbst die lokale (communio spatii) niemals empirisch erkannt werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht anzumerken, daß nur die kontinuierlichen Einflüsse in allen Stellen des Raumes unseren Sinn von einem Gegenstande zum anderen leiten können, daß das Licht, weIches zwischen unserem Auge und den Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und diesen bewirken und dadurch das Zugleichsein der letzteren beweisen!), daß wir keinen Ort empirisch verändern (diese Veränclerung wahrnehmen) können, ohne daß uns aUerwärts Materie die Wahrnehmung unserer Stelle möglich mache, und diese nur vermittelst ihres wechselseitigen Einflusses ihr Zugleichsein, und dadurch, bis zu den entlegensten Gegenständen, die Koexistenz derselben (obzwar nur 1) Adickes: "bewirke . . . beweise"; Erdmann: "bewirkt ... beweist"; Val en tiner: "bewirken ... beweisen kann".
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 263 mittelbar) dartun kann. Ohne Gemeinschaft ist jede Wahrnehmung I (der Erscheinung im Raume) von der anderen abgebrochen, und die Kette empirischer Vorstellungen, d. i. Erfahrung, würde bei einem neuen Objekt ganz von vorne anfangen, lohne daß die vorige damit im geringsten zusammenhänge, oder im Zeitverhältnisse stehen könnte. Den leeren Raum will ich hierdurch gar nicht widerlegen; denn der mag immer sein, wohin Wahrnehmungen gar nicht reichen, und also keine empirische Erkenntnis des Zugleichseins stattfindet; er ist aber alsdann für alle unsere mögliche Erfahrung gar kein Objekt. Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserem Gemüte müssen alle Erscheinungen, als in einer l ) möglichen Erfahrung enthalten, in Gemeinschaft (cornmunio) der Apperzeption stehen, und sofern die Gegenstände als zagleich existierend verknüpft vorgestellt werden sollen, so müssen sie ihre Stelle in einer l ) Zeit wechselseitig bestimmen, und dadurch ein Ganzes ausmachen. Soll diese subjektive Gemeinschaft auf einem objektiven Grunde beruhen, oder auf Erscheinungen als Substanzen bezogen werden, so muß die Wahrnehmung der einen, als Grund, die \Vahrnehmung der anderen, und so umgekehrt, möglich machen, damit die Sukzession, die jederzeit in den Wahrnehmungen, als Apprehensionen ist, nicht den Objekten beigelegt werde, sondern diese als zugleichexistierend vorgestellt werden können. Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d. i. eine reale Gemeinschaft (commercium) der Substanzen, ohne welche also das empirische Verhältnis des I Zugleichseins nicht in der Erfahrung stattfinden könnte. Durch dieses Commercium machen die Erscheinungen, sofern sie außerleinander und 2) doch in Verknüpfung stehen, ein Zusammengesetztes aus (compositum reale), und dergleichen Composita werden auf mancherlei Art möglich. Die drei dynamischen Verhältnisse, daraus alle übrigen entspringen, sind daher das der Inhärenz, der Konsequenz und der Komposition. * * * ') Vaihinger: "einer" (gesperrt). 2) Erdmann: "einander sind, und". (A 214) (B 261) 10 20 (A 215) 30 (B 262)
264 10 (A 216)} (B 263) 30 Elementarlehre. II. Teil. 1. Abt. II. Buch. 11. Hauptstück Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind nichts anderes, als Grundsätze der Bestim· mung des Daseins der Erscheinungen in der Zeit, nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu der Zeit selbst, als einer Größe (die Größe des Daseins, d. i. die Dauer), dem Verhältnisse in der Zeit, als einer Reihe (nacheinander), endlich auch in ihr, als einem Inbegriff alles Daseins (zugleich). Diese Einheit der Zeitbestimmung ist durch und durch dynamisch, d. i. die Zeit wird nicht als dasjenige angesehen, worin die Erfahrung unmittelbar jedem Dasein seine Stelle bestimmte, welches unmöglich ist, weil die absolute Zeit kein Gegenstand der Wahrnehmung ist, womit Erscheinungen könnten zusammengehalten werden; sondern die Regel des Verstandes, durch welche allein das Dasein der Erscheinungen synthetische Einheit nach Zeitverhältnissen bekommen kann, bestimmt jeder derselben ihre Stelle in der Zeit, mithin apriori, und gültig für alle und jede Zeit. 11 Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den Zusammenhang der Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach notwendigen Regeln, d. i. nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze, und zwar apriori, welche allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur vermittelst der Erfahrung, und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze, nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, stattfin· den, und gefunden werden. Unsere Analogien stellen also eigentlich die Natureinheit im Zusammenhange aller Erscheinungen unter gewissen Exponenten dar, welche nichts anderes ausdrücken, als das Verhältnis der Zeit (sofern sie alles Dasein in sich begreift) zur Einheit der Apperzeption, die nur in der Synthesis nach Regeln stattfinden kann. Zusammen sagen sie also: alle Erscheinungen liegen in einer l ) Natur, und müssen darin liegen, weil ohne diese Einheit apriori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre. 1) Hartenstein~ "einer" (gesperrt).
111. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 265 Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transzendentalen Naturgesetzen bedient haben, und die Eigentümlichkeit derselben, ist eine Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden anderen Versuch, intellektuelle und zugleich synthetische Sätze apriori zu beweisen, sehr wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien dogmatisch, d. i. aus Begriffen, beweisen wollen: daß nämlich alles, was existiert, nur in I dem angetroffen werde, was beharrlich ist, daß jede Begebenheit etwas im vorigen I Zustande voraussetze, worauf es l ) nach einer Regel folgt, endlich 2) in dem Mannigfaltigen, das zugleich ist, die Zustände in Beziehung aufeinander nach einer Regel zugleich seien (in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung gänzlich vergeblich gewesen. Denn man kann von einem Gegenstande und dessen Dasein auf das Dasein des anderen, oder seine Art zu existieren, durch bloße Begriffe dieser Dinge gar nicht kommen, man mag dieselben zergliedern. wie man wolle. Was blieb uns nun übrig? Die Möglichkeit der Erfahrung, als einer Erkenntnis, darin uns alle Gegenstände zuletzt müssen gegeben werden können, wenn ihre Vorstellung für uns objektive Realität haben soll. In diesem Dritten nun, dessen wesentliche Form in der synthetischen Einheit der Apperzeption aller Erscheinungen besteht, fanden wir Bedingungen apriori der durchgängigen und notwendigen Zeitbestimmung alles Daseins in der Erscheinung, ohne welche selbst die empirische Zeitbestimmung unmöglich sein würde, und fanden Regeln der synthetischen Einheit apriori, vermittelst deren wir die Erfahrung antizipieren konnten. In Ermanglung dieser Methode, und bei dem Wahne, synthetische Sätze, welche der Erfahrungsgebrauch des Verstandes als seine Prinzipien empfiehlt, dogmatisch beweisen zu wollen, ist es denn geschehen, daß von dem Satze des zureichenden Grundes so oft, aber immer verlgeblich ein Beweis ist versucht worden. An die beiden übrigen Analogien hat 1) Hartenstein: "sie". 2) Vaihinger: "daß endlich". (B 264) (A 217) 20 30 (B 265)
'266 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. Ir. Hauptstück niemand gedacht, ob man sich ihrer gleich immer stlll(A 218) Ischweigend bediente*), weil der Leitfaden der Kate- gorien fehlte, der allein jede Lücke des Verstandes, sowohl in Begriffen als Grundsätzen, entdecken und merklich machen kann. 4 Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt 1. Was mit den formalen Bedingungen der Er10 fahrung (der Anschauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich. (B 266) I 2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich. 3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig. I Erläuterung Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie den Begriff, dem sie als Prädikate 20 beigefügt werden, als Bestimmung des Objekts nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen ausdrücken. Wenn dp-r Begriff eines Dinges schon ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande fragen, ob er (A 219) *) Die Einheit des \Veltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft sein sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des insgeheim angenommenen Grundsatzes der Gemeinschaft aller Substanzen, die zugleich sind: denn, wären sie isoliert, so würden sie nicht als Teile ein Ganzes ausmachen, und wäre ihre Verknüpfung (Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins willen notwendig, so könnte man aus diesem, als einem bloß idealen Verhältnis, auf jene, als ein reales, nicht schlieBen. Wiewohl wir an seinem Ort gezeigt haben: daß die Gemeinschaft eigentlich der Grund der Möglichkeit einer empirischen Erkenntnis, der Koexistenz sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser auf jene, als ihre Bedingung, zurückschlieBe.
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 267 bloß möglich, oder auch wirklich, oder, wenn er das letztere ist, ob er gar auch notwendig sei? Hierdurch werden keine Bestimmungen mehr im Objekte selbst gedacht, sondern es frägt sich nur, wie es sich (samt allen seinen Bestimmungen) zum Verstande und dessen empirischen Gebrauche, zur empirischen Urteilskraft, und zur Vernunft (in ihrer Anwendung auf Erfahrung) verhalte? Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts weiter, als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit in ihrem empirischen Gebrauche, und hiermit zugleich Restriktionen aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne den transzendentalen zuzulassen und zu erlauben. I Denn, wenn diese nicht eine bloß logische Bedeutung haben, und die Form des D enkens analytisch ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit, Wirklichkeit oder Notwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf die mögliche Erfahrung und deren synthetische Einheit gehen, in welcher allein Gegenstände der Erkenntnis gegeben werden. I Das Postulat der Möglichkeit l ) der Dinge fordert also, daß der Begriff derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt zusammenstimme. Diese, nämlich die objektive Form der Erfahrung überhaupt, enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntnis der Objekte erfordert wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt, ist für leer zu halten, und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn diese Synthesis nicht zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr erborgt, und dann heißt er ein empiris cher Begriff, oder als eine solche, auf der, als Bedingung apriori, Erfahrung überhaupt (die Form derselben) beruht, und dann ist es ein reiner Begriff, der dennoch zur Erfahrung gehört, weil sein Objekt nur in dieser a~ge­ troffen werden kann. Denn wo will man den Charakter der Möglichkeit eines Gegenstandes, der durch einen synthetischen Begriff apriori gedacht worden, her1) Erdmann: "Möglichkeit" (gesperrt). Kant, Kritik der reinen Vemunft. 19 10 (B 267) 20 (A 220) 30
268 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. II. Hauptstück nehmen, wenn es nicht von der Synthesis geschieht, welche die Form der empirischen Erkenntnis der Objekte ausmacht? Daß in einem solchen Begriffe kein (B 268) Widerspruch enthalten I sein müsse, ist zwar eine notwendige logische Bedingung; aber zur objektiven Realität des Begriffs, d. i. der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als durch den Begriff gedacht wird, bei weitem nicht genug. So ist in dem Begriffe einer Figur, die in zwei geraden Linien eingeschlossen ist,· kein 10 Widerspruch, denn die Begriffe von zwei geraden Linien und deren Zusammenstoßung enthalten keine Vernei(A 221) nung einer Figur; sonldern die Unmöglichkeit beruht nicht auf dem Begriffe an sich selbst, sondern der Konstruktion desselben 1) im Raume, d. i. den Bedingungen des Raumes und der Bestimmung desselben, diese haben aber wiederum ihre objektive Realität, d. i. sie gehen auf mögliche Dinge, weil sie die Form der Erfahrung überhaupt apriori in sich enthalten. Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und 20 Einfluß dieses Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding vorstelle, das beharrlich ist, so, daß alles, was da wechselt, bloß zu seinem Zustande gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe allein erkennen, daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder, ich stelle mir etwas vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn es gesetzt wird, jederzeit und unausbleiblich etwas anderes darauf erfolgt, so mag dieses allerdings ohne Widerspruch so gedacht werden können; ob aber dergleichen Eigenschaft (als Kausalität) 30 an irgendeinem möglichen Dinge ang~troffen werde, kann dadurch nicht geurteilt werden. Er dlich kann ich (B 269) mir verschiedene Dinge I (Substanzen) verstellen, die so beschaffen sind, daß der Zustand des einGn eine Folge im Zustande des anderen nach sich zieht, und so wechselweise; aber, ob dergleichen Verhältnis irgend Dingen zukommen könne, kann aus diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten, gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese BeI) 5. Auflage: "derselben".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 269 griffe die Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung apriori ausdrücken, erkennt man ihre objektive I Realität, d. i. ihre transzendentale Wahrheit, (A 222) und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch nicht unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung überhaupt, und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände empirisch können erkannt werden. Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften, von Wechselwirkungen, aus dem 10 Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet, machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer Verknüpfung zu entlehnen, so würde man in lauter Hirngespinste geraten, deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat, weil man bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese Begriffe von ihr entlehnt. Dergleichen gedichtete Begriffe können den Charakter ihrer Möglichkeit nicht so, wie die Kategorien, apriori, als Bedingungen, von denen alle Erfahrung abhängt, sondern nur aposteriori, als solche, 20 die durch die Erfahrung selbst gegeben werden, bekommen, und I ihre Möglichkeit muß entweder a poste- (B 270) riori und empirisch, oder sie kann gar nicht erkannt werden. Eine Substanz, welche beharrlich im Raume gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu erfüllen, (wie dasjenige Mittelding zwischen Materie und denkenden Wesen, welches einige haben einführen wollen,) oder eine besondere Grundkraft unseres Gemüts, das Künftige zum voraus anzuschauen (nicht etwa bloß zu folgern), oder endlich ein Vermögen desselben, mit 30 anderen Menschen in Gemeinschaft der Gedanken zu stehen (so entfernt sie auch sein mögen), I das sind Be- (A 223) griffe, deren Möglichkeit ganz grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrung und deren bekannte Gesetze gegründet werden kann, und ohne sie eine willkürliche Gedankenverbindung ist, die, ob sie zwar keinen Widerspruch enthält, doch keinen Anspruch auf objektive Realität, mithin auf die Möglichkeit eines solchen Gegenstandes, als man sich hier denken will, machen kann. Was Realität betrifft, so verbietet es sich wohl von 40 19·
270 (B 271) 20 (A 224) 30 (B 272) Elementarlehre. lI.Teil. LAbt. ILBuch. II.Hauptstück selbst, sich eine solche in concreto zu denken, ohne die Erfahrung zu Hilfe zu nehmen, weil sie nur auf Empfindung, als Materie der Erfahrung, gehen kann, und nicht die Form des Verhältnisses betrifft, mit der man allenfalls in Erdichtungen spielen könnte. Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der Wirklichkeit in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier nur die Möglichkeit der Dinge durch Begriffe apriori, von denen ich fortfahre zu belhaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen 1) für sich allein, sondern jederzeit nur als formale und objektive 2) Bedingungen einer Erfahrung überhaupt stattfinden können. Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels aus seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung ist er gewiß unabhängig); denn in der Tat können wir ihm gänzlich apriori einen Gegenstand geben, d. i. ihn konstruieren. Weil dieses aber nur die Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch immer nur ein Produkt der Einbildung I bleiben, von dessen Gegenstand die Möglichkeit noch zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr erfordert wird, nämlich daß eine solche Figur unter lauter Bedingungen, auf denen alle Gegenstände der Erfahrung beruhen, gedacht sei. Daß nun der Raum eine formale Bedingung apriori von äußeren Erfahrungen ist, daß eben dieselbe bildende Synthesis, wodurch wir in der Einbildungskraft einen Triangel konstruieren, mit derjenigen gänzlich einerlei sei, welche wir in der Apprehension einer Erscheinung ausüben, um uns davon einen Erfahrungsbegriff zu machen, das ist es allein, was mit diesem Begriffe die Vorstellung von der Möglichkeit eines solchen Dinges verknüpft. Und so ist die Möglichkeit kontinuierlicher Größen, ja sogar der Größen überhaupt, weil die Begriffe davon insgesamt synthetisch sind, niemals aus den Begriffen selbst, sondern aus ihnen, als I formalen Bedingungen 1) Hartenstein: "als solche Begriffe". 2) Erdmann: "formalen und objektiven".
In. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 271 der Bestimmung der Gegenstände in der Erfahrung überhaupt allererst klar; und wo sollte man auch Gegenstände suchen wollen, die den Begriffen korrespondierten, wäre es nicht in der Erfahrung, durch die uns allein Gegenstände gegeben werden? wiewohl wir, ohne eben Erfahrung selbst voranzuschicken, bloß in Beziehung auf die formalen Bedingungen, unter welchen in ihr überhaupt etwas als Gegenstand bestimmt wird, mithin völlig apriori, aber doch nur in Beziehung auf sie, und innerhalb ihren 1) Grenzen, die Möglichkeit der Dinge erkennen und charakterisieren können. I Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert Wahrn ehm ung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist, zwar nicht eben unmittelbar, von 2) dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgendeiner wirklichen Wahrnehmung, nach den Analogien der Erfahrung, welche alle reale Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen. In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter seines Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so vollständig sei, daß nicht das mindeste ermangle, um ein Ding mit allen seinen inneren Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit allem diesem 3 ) doch gar nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: ob ein solches Ding uns gegeben sei, so, daß die Wahrnehmung desselben vor dem Begriffe allenfalls vorlhergehen könne. Denn, daß der Begriff vor der Wahrnehmung vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die Wahrnehmung aber, die den Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige Charakter der ·Wirklichkeit. Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des Dinges, und also komparative apriori das Dasein dessel1;>en erkennen, wenn es nur mit einigen Wahrnehmungen, nach den Grundsätzen der empirischen 1) 2) zwar dung 3) Valentiner: "ihrer". Valentiner empfiehlt folgende Umstellung: "fordert nicht eben unr.littelbar Wahrnehm ung (mithin Empfin.... bewußt ist) von ...." A: "diesen". 10 (A 225) 20 (B 273) 30
272 (A 226) 10 (B 20 274) Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. Ir. Hauptstück Verknüpfung derselben (den Analogien), zusammenhängt. Denn alsdann hängt doch das Dasein des Dinges mit unseren \Vahrnehmungen in einer möglichen I Erfahrung zusammen, und wir können nach dem Leitfaden jener Analogien, von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge in der Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. So erkennen wir das Dasein einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus der Wahrnehmung des gezogenen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittelbare \Vahrnehmung dieses Stoffs uns nach der Beschaffenheit unserer Organe unmöglich ist. Denn überhaupt würden wir, nach Gesetzen der Sinnlichkeit und dem Kontext unserer Wahrnehmungen, in einer Erfahrung auch auf die unmittelbare empirische Anschauung derselben stoßen, wenn unsere Sinne feiner wären, deren Grobheit die Form möglicher Erfahr:mg überhaupt nichts angeht. Wo also Wahrnehmung und deren Anhang 1) nach empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntnis vom Dasein der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen I wir nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der Erscheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein irgendeines Dinges erraten oder erforschen zu wollen. Einen mächtigen Einwurf Mer wider diese Regeln, das Dasein mittelbar!) zu beweisen, 'I1Ulcht der Idealismus, dessen Widerlegung hie?' an der rechten Stelle ist. * * * Widerleflttng des Idealismus Der Idealismus (ich verstehe den materialen) ist die 30 Theorie, welche das Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt; der erstere ist der proble. matische des Oartesius, der nur Eine empirische Behaup. tung (assertio), nämlich; Ich bin, für ungezweifelt erkliirt; der zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den 1) Wille: "Fortgang". 2) Frederichs: "unmittelbar".
I I 1. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 273 Raum, mit allen den Dingen, welchen er als unahtrennliche Bedingung anhängt, für etwas, was an sich selbst unmöglich sei, und darum auch die Dinge im Raum für bloße Einbildungen erklärt. Der dogmatische Idealismus ist unvermeidlich, wenn man den Raum als Eigenschaft, die den Dingen an sich selbst zukommen soll, ansieht; denn da ist er mit allem, dem er zu,' Bedingung dient, ein Unding. Der Grund zu diesem Idealismus aber ist von uns in der tranzsendentalen Ästhetik gehoben. Der problematische, der nichts hierüber behauptet, sondern nur I das Unvermögen, ein Dasein außer dem unsrigen durch (B 275) unmittelbare Erfahrung zu beweisen, vorgibt, ist vernünftig und einer gründlichen philosophischen Denkungsart gemäß; nämlich, bevor ein hinreichender Beweis gefu1u1en worden, kein entscheidendes Urteil zu erlauben. Der verlangte Beweis muß also dartun, daß wir von äußeren Dingen auch Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben; welches wohl nicht anders wird geschehen können, als wenn man beweisen kann, daß selbst unsere innere, dem Oartesius unbezweifelte, Erfahrung nur unter Voraussetzung äußerer Erfahrung möglich sei. Lehrsatz Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewußtsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein dej' Gegenstände im Raum außer mil·. Beweis Ich bin mil' meines Daseins als in der Zeit bestimmt be'wußt. Alle Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus. Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden kann l ). 1) Dieser Satz ist nach Kants Vorrede zu Ausgabe B (in dieser Ausgabe S. 33 Anm.) folgendermaßen umzuändern: "Dieses BeIlUnliehe ({ber kann nicht eine Anschauung in mit· sein. Denn alle BestimmungsgTÜnde meines Daseins, die in mir angetroffen werden können,. sind V(.rsteUungen, und bedürlen als solche, 8elbst ein von ihnen unterschiedenes Behan'liches, worauf' in Beziehull.q der 'Wechsel delselben, mith-in mein Dasein ·in der Zeit, darin sie lcechseln, bestim1llt lcerden kiinnen". 20
274 (B 276) 10 20 (B 277) Elementarlehre. ILTeil. LAbt. II.Buch. II.HauptstÜck Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrliohen nur duroh ein Ding außer mir und nioht durch die bloße Vorstellung eines Dinges außer mir möglioh. Folglioh ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur duroh die Existenz wirklioher Dinge, die ioh I außer mir wahrnehme, möglioh. Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der Mögliohkeit1 ) dieser Zeitbestimmung notwendig verbunden: Also ist es auoh mit der!) Existenz der Dinge außer mir, als Bedingung der Zeitbestimmung, notwendig verbunden; d. i. das Bewußtsein meines eigenen Daseins ist zugleich ein unmittelbares Bewußtsein des Daseins anderer Dinge außer mir. Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr, daß das Spiel, welohes der Idealismus trieb, ihm mit mehrerem Rechte umgekehrt vergolten wird. Dieser nallm an, daß die einzige unmittelbare Erfahrung die innere sei, und daraus auf äußere Dinge nur gesohlossen werde, alJer, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wirkungen auf bestimmte Ursachen sohließt, nur unzuverlässig, weil aueh in uns selbst die Ursache der Vorstellungen liegen kann, die wir äußeren Dingen, vieUeioht fälsohlioh, zusohreiben. AUein hier wird bewiesen, daß äußer(3 ) Erfahrung eigentlioh unmittelbar sei,*) daß I nur vermittelst ihrer, zwar nioht das *) Das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äufJerer Dinge wird in dem vorstehenden Lehrsatze nicht vorausgesetzt, sondern bewiesen, die Möglichkeit dieses BewufJtseins mögen wir einsehen, oder nicht. Die Frage wegen der letzteren würde sein: ob wir nur einen inneren Sinn, aber keinen äufJeren, sondern blofJ äufJere Einbildung hätten. Es ist aber klar, daß, um uns auch nur etwas als äußerlich einzubilden, d. i. dem Sinne in der Anschau(B 277) ung I darzusteUen, wir schon einen äufJeren Sinn haben, und dadurch die blofJe Rezeptivität einer äufJeren Anschauung von der Spontaneität, die jede Einbildung charakterisiert, unmittelbar unterscheiden müssen. Denn sich auch einen äufJeren Sinn blofJ einzubilden, würde das Anschauu111lsvermögen, welches durch die Einbildungskraft bestimmt werden soU, selbst vernichten. 4) 1) Vaihinger: "Bewußtsein meines Daseins in . . . Bewußtsein der Möglichkeit"; Wille: "Bewußtsein der Bestimmung in •.. Bewußtsein der Bedingung der Möglichkeit". t) Wille: "mit dem der". 3) Wille: "das nur äußere". 4) Wille: "verneinen".
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 275 Bewußtsein UnBerer eigenen Existenz, aber doch die Be· stimmung derselben in der Zeit, d. i. innere Erfahrung, möglich sei. Freilich ist die Vorstellung: ich bin, die das Bewußtsein ausdrückt, welches alles Denken begleiten kann, das, was unmittelbar die Existenz eines Subjekts in sich schließt, aber noch keine Erkenntnis desselben, mithin auch nicht empirische, d. i. Erfahrung; denn dazu gehört, außer dem Gedanken von etwas Existierendem, noch AnBchauung und hier innere, in AnBehung deren1 ), d. i. der Zeit, das Suhjekt bestimmt werden muß, wozu durchaus äußere GegenBtände erforderlich sind, so, daß folglich innere Erfahrung selbst nur mittelbar und nur durch äußere möglich ist. Anmerkung 2. Hiermit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres Erkenntnisvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein. Nicht allein, daß wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren Ve1'hältnissen (die Beu-egung) in Beziehung auf das Beharrliche im Raume (z. B. Sonnenbewegung in An I sehung der. Gegenstände der Erde,) vornehmen2 ) können, so haben wir so gar nichts Beharrliches, was wir dem Begriffe einer Substanz, als AnBchauung, unterlegen könnten, als bloß die Materie und selbst diese Beharrlichkeit wird nicht aus äußerer Erfahrung geschöpft, sondern apriori als notwendige Bedingung aller Zeitbestimmung, mithin a1.tCh als Bestimmung des inneren Sinnes in Ansehung UnBeres eigenen DaseinB durch die Existenz äußerer Dinge vorausgesetzt. Das Bewußtsein meiner selbst in der Vorstellung Ich ist gar keine Anschauung3), sondern eine bloß intellektuelle Vorstellung derSelbsttätigkeit eines denkenden Subjekts. Daher hat dieses Ich auch nicht das mindeste Prädikat der AnBchauung, welches, als beharrlich, der Zeit· bestimmung im inneren Sinne zum Korrelat dienen könnte: wie etwa Undurchdringlichkeit an der Materie, als empirischer AnBchauung, ist. Anmerkung 3. Daraus, daß die Existenz äußerer Gegenstände zur Möglichkeit eines bestimmten BewußtseinB unserer selbst erfordert wird, folgt nicht, daß jede anBchauliche Vorstellung äußerer Dinge zugleich die Existenz derselben ein1) Valentiner: "deren Form". 2) Grille: "wahrnehmen". 3) Vaihinger: "Anschauung" (gesperrt). 10 (E 278) 20 30
276 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. Ir. Buch. 11. Hauptstück schließe, denn 1'ene kann gar wohl die bloße Wirkung der Einbildungskraft (in Träumen sowohl als im Wahnsinn) sein; sie ist es aber bloß durch die Reproduktion ehemaliger äußerer Wahrnehmungen, welche, wie gezeigt worden, nur durch die Wirklichkeit äußerer Gegenstände möglich sind. Es hat hier, nur, bewiesen werden sollen, daß innere Erfahrung (B 279) iiherhaupt nur I durch äußere Erfahrung überhaupt möglich sei. Ob diese oder jene vermeinte Erfahrung nicht bloße Einbildung sei, muß nach den besonderen Bestimmungen der10 selben und durch Zusammenhaltung mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung, ausgemittelt werden. 1 ) * * * Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale Notwendigkeit im Dasein, und nicht die bloß formale und logische in Verknüpfung der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der Sinne völlig apriori erkannt werden kann, aber doch komparative apriori relativisch 2) auf ein anderes schon (A 227) gegebenes I Dasein, gleichwohl 3) aber auch alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo 20 in dem Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein Teil ist, enthalten sein muß: so kann die Notwendigkeit der Existenz, niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit demjenigen, was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Gesetzen der Erfahrung erkannt werden können<!). Da ist nun kein Dasein, was unter der Bedingung anderer gegebener Erscheinungen, als not.wendig erkannt werden könnte, als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen nach Gesetzen dilr 30 Kausalität. Also ist es nicht das Dasein der Dinge (Substanzen), sondern ihres Zustandes, wovon wir allein 1) Der Text von "Einen mächtigen Einwut"f . •. werden" ist Zusatz von B. t) "a priori, relativisch" statt "a priori relativisch" Erdmann. 3) Mellin: ."man gleichwohl"; Hartenstein: "Dasein, gleichwohl aber man". ') "können" von Grillo gestrichen.
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 277 die Notwendigkeit erkennen können, und I zwar aus anderen Zuständen, die in der Wahrnehmung gegeben sind, nach empirischen Gesetzen der Kausalität. Hieraus folgt: daß das Kriterium der Notwendigkeit lediglich in dem Gesetze der möglichen Erfahrung liege: daß alles, was geschieht, durch ihre l ) Ursache in der Erscheinung apriori bestimmt sei. Daher erkennen wir nur die Notwendigkeit der Wirkungen in der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind, und das Merkmal der Notwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter, als das Feld möglicher Erfahrung, und selbst in diesem gilt es nicht von der Existenz der Dinge, als Substanzen, weil diese niemals, als empirische Wirkungen, oder etwas, das geschieht und entsteht, können angesehen werden. Die Notwendigkeit betrifft Ialso nur die Verhältnisse der Erscheinungen nach dem dynamischen Gesetze der Kausalität, und die darauf sich gründende Möglichkeit, aus irgendeinem gegebenen Dasein (einer Ursache) apriori auf ein anderes Dasein (der Wirkung) zu schließen. Alles, was geschieht, ist hypothetisch notwendig; das ist ein Grundsatz, welcher die Veränderung in ~der Welt einem Gesetze unterwirft, d. i. einer Regel des notwendigen Daseins, ohne welche gar nicht einmal Natur stattfinden würde. Daher ist der Satz: nichts geschieht durch ein blindes Ohngefähr (in mundo non datur casus) ein Naturgesetz apriori; imgleichen: keine Notwendigkeit in der Natur ist blinde, sondern bedingte, mithin verständliche Notwendigkeit (non datur fatum). Beide sind solche GeI setze, durch welche das Spiel der Veränderungen einer Natur der Dinge (als Erscheinungen) unterworfen wird, oder, welches einerlei ist, der Einheit des Verstandes, in welchem 2) sie allein zu einerS) Erfahrung, als der synthetischen Einheit der Erscheinungen, gehören können. Diese beiden Grundsätze gehören zu den dynamischen. Der erstere ist eigentlich eine Folge des Grundsatzes von der Kausalität (unter den Analogien 1) 4. Ausgabe: "seine". 2) Erdmann: "welcher". 3) Vaihinger: "einer" (gesperrt). (B 280) 10 (A 228) 20 (B 281)
278 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. H. Hauptstück der Erfahrung). Der zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität, welche zu der Kausalbestimmung noch den Begriff der Notwendigkeit, die aber unter einer Regel des Verstandes steht, hinzutut. Das Prinzip der Kontinuität verbot in der Reihe der Erscheinungen (Veränderungen) allen Absprung (in mundo non datur (A 229) I saltus}, aber auch in dem Inbegriff aller empirischen Anschauungen im Raume alle Lücke oder Kluft zwischen zwei Erscheinungen (non datur hiatus); denn so kann 10 man den Satz ausdrücken: das in die Erfahrung nichts hineinkommen kann, was ein Vakuum bewiese, oder auch nur als 1) einen Teil der empirischen Synthesis zuließe. Denn was das Leere betrifft, welches man sich außerhalb dem Felde 2) möglicher Erfahrung (der Welt) denken mag, so gehört dieses nicht vor die Gerichtsbarkeit des bloßen Verstandes, welcher nur über die Fragen entscheidet, die die Nutzung gegebener Erscheinungen zur empirischen Erkenntnis betreffen, und ist eine Aufgabe für die idealische Vernunft, die noch über die (B 282) Sphäre einer möglichen Erfahrung hinausgeht, Iund von dem urteilen will, was diese selbst umgibt und begrenzt, muß 3) daher in der transszendentalen Dialektik erwogen werden. Diese vier Sätze (in mundo non datt~r hiatus, non datur saltus, non datur casus, non datur fatum) könnten wir leicht, so wie alle Grundsätze transzendentalen Ursprungs, nach ihrer Ordnung, gemäß der Ordnung der Kategorien vorstellig machen, und jedem seine Stelle beweisen 4 ), allein der schon geübte Les,er wird dieses von selbst tun, oder den Leitfaden 30 dazu leicht entdecken. Sie vereinigen sich aber alle lediglich dahin, um in der empirischen Synthesis nichts zuzulassen, was dem Verstande und dem kontinuierlichen Zusammenhange aller Erscheinungen, d. i. der Einheit seiner Begriffe, Abbruch oder Eintrag tun (A 230) könnte. Denn er ist 1 es allein, worin die Einheit der 1) "als" fehlt in Ak.-Ausgabe. 2) Valentiner: "des Feldes". I) Erdmann: "dasselbe muß", bezw. "und muß?"; Vorländer: "es muß"; Görland: "begrenzet; muß daher". 4.) Grillo: "anweisen"; Erdmann: "bestimmen".
III. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 279 Erfahrung, in der alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, möglich wird. Ob das Feld der Möglichkeit größer sei, als das Feld, was alles Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer, als die Menge desjenigen, was notwendig ist, das sind artige Fragen, und zwar von synthetischer Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft anheimfallen; denn sie wollen ungefähr soviel sagen, als, ob alle Dinge, als Erscheinungen, insgesamt in den Inbegriff und den Kontext einer einzigen Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Teil ist, der also mit keinen anderen Erscheinungen I könne verbunden werden, oder ob meine Wahrnehmungen zu mehr als!) einer möglichen Erfahrung (in ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand gibt apriori der Erfahrung überhaupt nur die Regel 2), nach den subjektiven und formalen Bedingungen, sowohl der Sinnlichkeit als der Apperzeption, welche sie allein möglich machen. Andere Formen der Anschauung, (als Raum und Zeit,) imgleichen andere Formen des Verstandes, (als die diskursiveS) des Denkens, oder der Erkenntnis durch Begriffe,) ob sie gleich möglich wären, können wir uns doch auf keinerleiweise erdenken und faßlich machen, aber, wenn wir es auch könnten, so würden sie doch nicht zur Erfahrung, als dem einzigen Erkenntnis gehören, worin uns Gegenstände gegeben werden. Ob andere Wahrnehlmungen, als überhaupt, zu unserer gesamten möglichen Erfahrung gehören, und also ein ganz anderes Feld der Materie noch 4 ) stattfinden könne, kann der Verstand nicht entscheiden, er hat es nur mit der Synthesis dessen zu tun, was gegeben ist. Sonst 5 ) ist die Armseligkeit unserer gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein großes Reich der Möglichkeit herausbringen, davon alles Wirkliche (aller Gegenstand der 1) A: "wie". I) Erdmann: "Regeln?" 8) Erdmann: nom. plur.; Valentiner: "diskursiven". ~) Hartenstein: "nach". 6) Görland: "Somit". 10 (B 283) 20 (A 231) 30
280 (B 284) 10 20 (A 232) 30 (B 285) Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. H. Hauptstück Erfahrung) nur ein kleiner Teil sei, sehr in die Augen fallend. Alles Wirkliche ist möglich; hieraus folgt natürlicherweise, nach den logischen Regeln der Umkehrung, der bloß partikulare Satz: einiges Mögliche ist wirklich, welches denn soviel zu bedeuten I scheint, als: es ist vieles möglich, was nicht wirklich ist. Zwar hat es den Anschein, als könne man auch geradezu die Zahl des Möglichen über die des Wirklichen dadurch hinaussetzen, weil zu jener noch etwas hinzukommen muß, um diesel) auszumachen. Allein dieses Hinzukommen zum Möglichen kenne ich nicht. Denn was über dasselbe noch zugesetzt werden sollte, wäre unmöglich. Es kann nur zu meinem Verstande etwas über die Zusammenstimmung mit den formalen Bedingungen der Erfahrung, nämlich die Verknüpfung mit irgendeiner Wahrnehmung, hinzukommen; was aber mit dieser nach empirischen Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich, ob es gleich unmittelbar nicht wahrgenommen wird. Daß aber im durchgängigen Zusammenhange mit dem, was mir in der Wahrnehmung gegeben ist, eine andere Reihe von Erscheinungen, mithin mehr I als 2) eine einzige alles befassende Erfahrung möglich sei, läßt sich aus dem, was gegeben ist, nicht schließen, und, ohne daß irgend etwas gegeben ist, noch viel weniger; weil ohne Stoff sich überall nichts denken läßt. Was unter Bedingungen, die selbst bloß möglich sind, allein möglich ist, ist es nicht in aller AbsichtS). In dieser aber 4 ) wird die Frage genommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der Dinge sich weiter erstrecke, als Erfahrung reichen kann. Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung getan, um keine Lücke in demjenigen zu lassen, was, der geImeinen Meinung nach, zu den Verstandesbegriffen gehört. In der Tat ist aber die absolute Möglichkeit (die in aller Absicht gültig ist) kein bloßer Verstandesbegriff, und ~ann auf keinerlei Weise von empirischem 1) Vaihinger: "jenem •.. dieses". I) A: "wie". 8) Vorländer: "ist es in aller Absicht". ~) Valentiner: "In dieser Bedeutung aber".
BI. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 281 Gebrauche sein, sondern er gehört allein der Vernunft zu, die über allen möglichen empirischen Verstandesgebrauch hinausgeht. Daher haben wir uns hierbei mit einer bloß kritischen Anmerkung begnügen müssen, übrigens aber die Sache bis zum weiteren künftigen Verfahren in der Dunkelheit gelassen. Da ich eben diese vierte Nummer, und mit ihr zugleich das System aller Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch Grund angeben, warum ich die Prinzipien der Modalität gerade 10 Postulate genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung nehmen, welche ihm einige neuere philosophische I Verfasser, wider den Sinn der (A 233) Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben haben, nämlich: daß Postulieren so viel heißen solle, als einen Satz für unmittelbar gewiß, ohne Rechtfertigung, oder Beweis ausgeben; denn, wenn wir das bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein mögen, einräumen sollten, daß man sie ohne Deduktion, auf das Ansehen ihres eigenen Ausspruchs, dem unbedingten 20 Beifalle aufheften dürfe, so ist alle Kritik des Verstandes verloren, und, da es an dreisten Anmaßungen nicht fehlt, deren sich auch der gemeine Glaube, (der aber kein Krelditiv ist) nicht weigert; so wird unser (B 286) Verstand jedem Wahne offen stehen, ohne daß er seinen Beifall denen Aussprüchen versagen kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in eben demselben Tone der Zuversicht, a1s wirkliche Axiome eingelassen zu werden verlangen. Wenn also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung apriori synthetisch hinzu- 80 kommt, so muß von einem solchen Satze, wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deduktion der Rechtmäßigkeit seiner Behauptung unnachläßlich hinzugefügt werden. Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objektivsynthetisch 1), weil die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, da1) Valentiner: "objektiv synthetisch".
282 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. II. Buch. II. Hauptstück durch daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten. Da sie aber gleichwohl doch immer (A 234) synthetisch sind, so sind I sie es nur subjektiv, d. i. sie fügen zu dem Begriffe eines Dinges, (Realen,)l) von dem sie sonst nichts sagen, die Erkenntniskraft hinzu, worin er entspringt und seinen Sitz hat, so, daß, wenn er bloß im Verstande mit den formalen Bedingungen der Erfahrung in Verknüpfung ist, sein Gegenstand möglich heißt; ist er mit der Wahrnehmung (Emp10 findung, als Materie der Sinne) im Zusammenhange, und durch dieselben vermittelst des Verstandes bestimmt, so ist das Objekt wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen nach Begriffen (B 287) bestimmt, so heißt der Gegenlstand notwendig. Die Grundsätze der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anderes, als die Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er erzeugt wird. Nun heißt ein Postulat in der Mathematik der praktische Satz, der nichts als die Synthesis enthält, wodurch wir einen 20 Gegenstand uns zuerst geben, und dessen Begriff erzeugen, z. B. mit einer gegebenen Linie, aus einem gegebenen Punkt auf einer Ebene einen Zirkel zu beschreiben, und ein dergleichen Satz kann darum nicht bewiesen werden, weil das Verfahren, was er fordert, gerade das ist, wodurch wir den Begriff von einer solchen Figur zuerst erzeugen. So können wir demnach mit ebendemse1ben Rechte die Grundsätze der Modalität postulieren, weil sie ihren 2) Begriff von Din(A 235) gen überhaupt nicht vermehren *), I sondern nur die Art 30 anzeigen, wie er überhaupt mit der Erkenntniskraft verbunden wird. *) Durch die Wirklichkeit eines Dinges, setze ich freilich mehr, als die Möglichkeit, aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals mehr in der Wirklichkeit enthalten, als was in dessen voIlständiger Möglichkeit enthalten war. Sondern da die Möglichkeit bloß eine Position des Dinges in Be,;iehung auf den Verstand (dessen empirischen Gebrauch) war, so ist die Wirklichkeit zugleich eine Verknüpfung desselben mit der Wahrnehmung. 1) A: ,,(realen)" I) Erdmann: "unsern"?
I I 1. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 283 Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze 1) (B 288) Es ist etwas sehr Beme1'kungswürdiges, daß wir die Möglichkeit keines Dinges nach der bloßen Kategorie einsehen können, sondern immer eine Anschauung bei der Hand haben müssen, um an derselben die objektive Realität des reinen Verstandesbegriffs darzulegen. Man nehme z. B. die Kategorien der Relation. Wie 1) etwas nur als Subjekt, nicht als bloße Bestimmung anderer Dinge existieren, d. i. Substanz sein könne, oder wie 2) darum, weil etwas ist, etwas anderes sein müsse, mithin wie etwas üherhaupt Ursache sein 10 könne, oder 3) wie, wenn mehrere Dinge da sind, daraus, daß eines derselben da ist, etwas auf die ührigen und so wechselseitig folge, und auf diese Art eine Gemeinschaft von Substanzen statthaben könne, läßt sich gar nicht aus bloßen Begriffen einsehen. Eben dieses gilt auch von den ührigen Kategorien, z. B. wie ein Ding mit vielen zusammen einerlei, d. i. eine Größe sein könne usw. Solange es also an Anschauung fehlt, weiß man nicht, ob man durch die Kategorien ein Objekt denkt, und ob ihnen auch üherall gar irgend ein Objekt zukommen könne, und so bestätigt sich, daß sie für sich gar keine Er kenntnisse, son- 20 dern bloße Gedankenformen sind, um aus gegebenen An· schauungen Erkenntnisse zu machen. - I Eben daher kommt (B 289) es auch, daß aus bloßen Kategorien kein synthetischer Satz gemacht werden kann. Z. B. in allem Dasein ist Substanz, d. i. etwas, was nur als Subjekt und nicht als bloßes Prädikat existieren kann; oder, ein jedes Ding ist ein Quantum usw., wo gar nichts ist, was uns dienen könnte, üher einen gegebenen Begriff hinauszugehen und einen anderen damit zu verknüpfen. Daher es a1lch niemals gelungen ist, aus bloßen reinen Ver· standesbegriffen einen synthetischen Satz zu beweisen, z. B. den 30 Satz: alles zufällig Existierende hat eine Ursache. Man konnte niemals weiter kommen, als zu beweisen, daß, ohne diese Beziehung, wir die Existenz des Zufälligen gar nicht begreifen, d. i. apriori durch den Verstand die Existenz eines solchen Dinges nicht erkennen könnten; worau.'I aber nicht folgt, daß eben dieselbe auch die Bedingung der Möglichkeit der Sachen selbst sei. Wenn man daher nach unserem Beweise des Grund1) Der folgende Abschnitt mit der überschrift "Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze" fehlt in A. Kant. Kritik der reinen VernlJnft. 90
284 (B 290) 10 (B 291) 20 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. 11. Hauptstück satzes der Kausalität zurück sehen will, so wird man gewahr werden, daß wir denselben nur von Objekten möglicher Erfahrung beweisen konnten: alles was geschieht (eine jede BegebenMit) setzt eine UrsacM voraus, und zwar so, daß wir ihn auch nur als Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung, mithin der Erkenntnis eines in der empirischen Anschauung gegebenen Objekts, und nicht aus bloßen Begrillen beweisen konnten. Daß gleichwohl der Satz: alles Zufällige mÜ8se eine Ursache haben, doch jedermann aus bloßen Begrif I fen klar einleuchte, ist nicht zu leugnen; aber alsdann ist der Begriff des Zufälligen schon so gefaßt, daß er nicht die Kategorie der Modalität (als etwas, dessen Nichtsein sich denken läßt), sondern die der Relation (als etwas, das nur als Folge von einem anderen existieren kann) enthält, und da ist es freilich ein identischer Satz: was nur als Folge existieren kann, hat seine UrsacM. In der Tat, wenn wir Beispiele tJOm zufälligen Dasein geben soUen, berufen wir uns immer auf Veränderungen und nicht bloß auf die Möglichkeit des Gedankens vom Gegenteil *). Veränderung aber ist Begeben'Mit, die, I als solcM, nur durch eine Ursache möglich, deren Nichtsein also für sich möglich ist, und 80 erkennt man die Zufälligkeit daraus, daß etwas nur als Wirkung einer UrsacM existieren kann,. wird daMr ein Ding als zufällig angenommen, so ist' s ein analytischer Satz, zu sagen, es habe eine UrsacM. Noch merkwürdiger aber ist, daß wir, um die Möglichkeit der Dinge, zufolge der Kategorien, zu verste'Mn, und also die *) Man kann Bich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die Alten folgerten daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst der Wechsel des Seins und Nichtseins eines gegebenen Zustandes eines Dinges, darin alle Veränderung besteht, beweist gar nicht die Zufälligkeit dieses Zustandes, gleichsam aus der Wirklichkeit seines Gegenteils, z. B. die Ruhe eines Körpers, welche auf die Bewegung folgt, noch nicht die Zufälligkeit der Bewegung desselben, damus, weil die erstere das Gegenteil der letzteren ist. Denn dieses Gegenteil ist hier nur logisch, nicht realiter dem anderen entgegengesetzt. Man mü'te beweisen, da', anstatt der Bewegung im oorhergehenden Zeitpunkte, es möglich gewesen, da' der Körper damals geruht hätte, um die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, nicht da' er hernach ruhe; denn da kÖ1men beide Gegenteile gat" wohl miteinander beste'Mn.
IH. Abschnitt. Syst. Vorstellung aller synthet. Grundsätze 285 obi ektive Realität der letzteren darzutun, nicht bloß Anschauungen, sondern sogar immer äußere Anschauungen bedürfen. Wenn wir z. B. die reinen Begriffe der Relation nehmen, so finden wir, daß 1) um dem Begriffe der Substanz korrespondierend etwas Beharrliches in der Anschauung zu geben, (und dadurch die obiektive Realität dieses Begriffs darzutun) wir eine Anschauung im Raume (der Materie) bedürfen, weil der Raum aUein beharrlich bestimmt 1), die Zeit aber, mithin alles, was im inneren Sinne ist, best&ndig fließt. 2) Um Veränderung, als die dem Begriffe der Kausalität korrespondierende Anschauung, darzusteUen, müssen wir Bewegung, als Veränderung im Raume, zum Beispiele nehmen, ia sogar dadurch allein können wir uns Veränderungen, deren Möglichkeit kein reiner Verstand begreifen kann, anschaulich machen. Veränderung ist Verbindung kontradiktorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein eines und desselben Dinges. Wie es nun möglich seil), daß aus einem gegebenen Zul stande ein ihm entgegerl{iesetzter desselben Dinges folge, kann nicht aUein keine Vernunft sich ohne Beispiel begreiflich, sondern nicht einmal ohne Anschauung lJerständlich machen, und diese Anschauung ist die der Bewegung eines Punktes im Raume, dessen Dasein in verschiedenen 6rtern (als eine Folge entgegengesetzter Bestimmungen) zuerst uns allein Veränderung anschaulich macht,. denn, um uns nachher selbst innere Ve,.änderungen denkbar zu machen, müssen wir die Zeit, als die Form des inne,.en Sinnes, figürlich durch eine Linie, und die innere Veränderung durch das Ziehen dieser Linie (Bewegung), mithin die sukzessive Existenz unser selbst 3 ) in verschiedenem Zustande durch äußere Anschauung uns faßlich machen,. wovon der eigentliche Grund dieser ist, daß alle Veränderung etwas Beharrliches in der Anschauung voraussetzt, um auch selbst nur als Veränderung wahrgenommen zu werden, im inneren Sinne aber gar keine beharrliche Anschauung angetroffen wird. - Endlich ist die Kategorie der Gemeinschaft, ihrer Möglichkeit nach, gar nicht durch die bloße Vernunft zu begreifen, und also die objektive Realität 1) Erdmann: "bestimmt ist". I) V 0 rl änd e r: "ist". 8) Kehrbach: "unser Selbst"; Erdmann~ "unserer selbst". 20* 10 (B 292) 20 30
286 (B 293) 10 20 (B 294) Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. 1I. Hauptstück dieBes Begriffs ohne Amchauung, und zwar äußere im Raum, nicht einzusehen möglich. Denn wie will man sich die M öglichkeit denken, daß, wenn mehirere Substanzen existieren, aus der Existenz der einen auf die E:cistenz der anderen wechselseitig etwas (als Wirkung) folgen könne, und also, weil in der ersteren etwas ist, darum auch in den I anderen etwas sein müsse, was aus der Existenz der letzteren allein nicht verstanden werden kann? Denn dieses wird zur Gemeimchaft erfordert, ist aber unter Dingen, die sich ein iedes durch seine Subsistenz völlig isolieren, gar nicht begreiflich. Daher Leibniz, indem er den Substanzen der Welt, nur, wie sie der Verstand allein denkt, eine GemeimcOOft beilegte, eine Gouheit zur Vermittlung brauchte,' denn aus ihirem Dasein allein schien sie ihm mit Recht unbegreiflich. Wir können aber die Möglichkeit der Gemeimchaft (der Substanzen als Erscheinungen) um gar wohl faßlich machen, wenn wir sie um im Raume, also in der äußeren Amchauung vorstellen. Denn dieser enthält schon a prim formale äußere Verhältnisse als Bedingungen der Möglichkeit der realen (in Wirkung und Gegenwirkung, mithin der Gemeimchaft) in sich. - Ebemo kann leicht dargetan werden, daß die Möglichkeit der Dinge als Größen, und also die objektive Realität der Kategorie der Größe, auch nur in der äußeren AmcOOuung könne dargelegt, und vermittelst ihirer allein hernach auch auf den inneren Sinn angewandt werden. Allein ich muß, um Weitläufigkeit zu vermeiden, die Beispiele davon dem Nachdenken des Lesers überlassen. Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um umere vorhergehende Widerlegung des Idealismus zu bestätigen, sondern vielmehir noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren I Bewußtsein und der Bestimmung umerer Natur olme Beihilfe äußerer 'f,mpirischer Amchauungen die Rede sein wird, uns die SchJranken der Möglichkeit einer solchen Erkenntnis anzuzeigen. Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: alle Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Prinzipien a prim der Möglichkeit der ErfahJrung, und auf die letztere allein beziehen sich auch alle synthetischen Sätze a prim, ja ihire Möglichkeit beruht selbst gänzlich auf dieser Beziehung.
Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. III. Hauptstück 287 Der transzendentalen Doktrin der Urteilskraft (Analytik der Grundsätze) Drittes Hauptstück Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreist, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), I umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und I indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet 1), von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen, und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, unter weIchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns wider alle feindseligen Ansprüche gesichert halten können. Obschon wir diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die Überzeugung 1) A: "verflicht". 10 (B 295) (A 236) 20 30
288 (B 296) (A 237) 20 30 (B 297) Elementarlehre. 11. Teil. I. Abt. 11. Buch. II I. Hauptstück dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem Punkt vereinigt. Wir haben nämlich gesehen: daß alles 1), was der Verstand aus sich selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch zu keinem anderen Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die I Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun apriori konstitutiv sein (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die dynamischen), enthalten nichts als gleichsam I nur das reine Schema zur möglichen Erfahrung; denn diese hat ihre Einheit nur von der synthetischen Einheit, welche der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Beziehung auf die Apperzeption ursprünglich und von selbst erteilt, und auf welche die Erscheinungen, als data zu einem möglichen Erkenntnisse, schon apriori in Beziehung und Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese Verstandesregeln nicht allein apriori wahr sind, sondern sogar der Quell aller Wahrheit, d. i. der Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit Objekten, dadurch, daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung, als des Inbegriffes aller Erkenntnis, darin uns Objekte gegeben werden mögen, in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß dasjenige vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern, was man zu wissen begehrt. Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung nichts Mehreres lernen, als was wir im bloß empirischen Gebrauche des Verstandes, auch ohne so subtile Nachforschung, von selbst wohl würden ausgeübt haben, so scheint es, sei der Vorteil, den man aus ihr zieht, den Aufwand und die Zurüstung nicht wert. Nun kann man zwar hierauf antworten: daß kein Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntnis nachteiliger sei, als der, so den Nutzen jederzeit zum vorlaus wissen will, ehe man sich auf Nachforschungen einläßt, und ehe man noch sich den mindesten Begriff von diesem Nutzen machen könnte, wenn derselbe auch vor Augen gestellt würde. Allein es gibt doch einen Vorteil, der auch 1) Erdmann: "das alles?"
Phaenomena und Noumena 289 dem schwierigsten und I unlustigsten Lehrlinge solcher (A 238) transzendentalen Nachforschung begreiflich, und zugleich angelegen gemacht werden kann, nämlich dieser 1): daß der bloß mit seinem empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die Quellen seiner eigenen Erkenntnis nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen, eines aber gar nicht leisten könne, nämlich, sich selbst die Grenzen seines Gebrauchs zu bestimmen, und zu wissen, was innerhalb oder außerhalb seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die tiefen 10 Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er aber nicht unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte liegen, oder nicht, so ist er niemals seiner Ansprüche und seines Besitzes sicher, sondern darf sich nur auf vielfältige beschämende Zurechtweisungen Rechnung machen, wenn er die Grenzen seines Gebiets (wie es unvermeidlich ist) unaufhörlich überschreitet, und sich in Wahn und Blendwerke verirrt. Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen apriori, ja von allen seinen Begriffen keinen 20 anderen als empirischen, niemals aber einen transzendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, wenn er mit überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen I hinaussieht. Der transzendentale Ge- (B 298) brauch eines Begriffs in irgendeinem Grundsatze ist dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an sich selbst 2), der empirische aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d. i. Gegenstände einer mögllichen Er- (A 239) fahrung, bezogen wird. Daß aber überall nur der letztere stattfinden könne, ersieht man daraus. Zu 80 jedem Begriff wird erstlich die logische Form eines Begriffs (des Denkens) überhaupt, und dann zweitens auch die Möglichkeit, ihm einen Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe, erfordert. Ohne diesen letzteren hat er keinen Sinn, und ist völlig leer an Inhalt, ob er 1) Erdmann: "diesen". 2) Statt "Dinge überhaupt und an sich selbst" steht in Kants Handexemplar "Gegenstände, die uns in keiner Anschauung gegeben werden, mithin nicht sinnliche Gegenstände" (Nachträge CXVII).
290 10 (B 299) 20 (A 240) 30 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. III. Hauptstück gleich noch immer die logische Funktion enthalten mag, aus etwaigen datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand einem Begriffe nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung, und, wenn eine reine Anschauung 1) noch vor dem Gegenstande apriori möglich ist, so kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objektive Gültigkeit, nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon sie die bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen alle Grundsätze, so sehr sie auch apriori möglich sein mögen, dennoch auf empirische Anschauungen, d. i. auf data zur möglichen Erfahrung. Ohne dieses haben sie gar keine objektive Gültigkeit, sondern sind ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft, oder des Verstandes, respektive mit ihren Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe der Mathematik zum Beilspiele, und zwar erstlich in ihren reinen Anschauungen. Der 2) Raum hat drei Abmessungen, zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein, usw. Obgleich alle diese Grundsätze, und die Vorstellung des Gegenstandes, womit sich jene Wissenschaft beschäftigt, völlig apriori im I Gemüt erzeugt werden, so würden sie doch gar nichts bedeuten, könnten wir nicht immer an Erscheinungen (empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung darlegen. Daher erfordert man auch, einen abgesonderten Begriff sinnlich zu machen, d. i. das ihm korrespondierende Objekt in der Anschauung darzulegen, weil, ohne dieses. der Begriff (wie man sagt) ohne Sinn, d. i. ohne Bedeutung bleiben würde. Die Mathematik erfüllt diese Forderung durch die Konstruktion der Gestalt, welche eine den Sinnen gegenwärtige (obzwar apriori zustande gebrachte) Erscheinung ist. Der Begriff der Größe sucht in eben der Wissenschaft seine Haltung und Sinn in der Zahl, diese aber an den Fingern, den Korallen des Rechenbretts, oder den Strichen und Punkten, die vor Augen gestellt werden. Der 1) Kant (Nachträge CXVIII): "wenn uns gleich eine reine sinnliche Anschauung". 2) Erdmann: "Anschauungen: der".
Phaenomena und Noumena 291 Begriff bleibt immer apriori erzeugt, samt den synthetischen Grundsätzen oder Formeln aus solchen Begriffen; aber der Gebrauch derselben, und Beziehung auf angebliche Gegenstände kann am Ende doch nirgend. als in der Erfahrung gesucht werden, deren Möglichkeit (der Form nach) jene apriori enthalten. I Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien. (B 3(0) und den daraus gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir so gar keine einzige derselben reall) definieren, d. i. die Möglichkeit ihres Objekts ver- 10 ständlich machen können 1), ohne uns sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen. herabzulassen, als auf welche, als ihre einzigen Gegenstände. sie folgllich eingeschränkt sein müssen, (A 241) weil. wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d. i. Beziehung aufs Objekt. wegfällt, und man durch kein Beispiel sich selbst faßlich machen kann, was unter dergleichen Begriffe!) denn eigentlich für ein Ding gemeint sei. ..Oben 3 ) bei Darstellung der Tafel der KategO'l'ien, überhoben wir uns der Definitionen') einer 20 jeden derselben dadurch: daß unsere Absicht, die lediglich auf den synthetischen Gebrauch derselben geht. sie nicht nötig mache. und man sich mit unnötigen Unternehmungen keiner VerantwO'l'tung aussetzen müsse. deren man überhoben sein kann. Das war keine Ausrede. sondern eine nicht unerhebliche Klugheitsregel. sich nicht sofO'l't ans definieren') zu wagen. und Vollständigkeit oder Präzision in der Bestimmung des Begriffs zu versuchen oder vorzugeben, wenn man mit irgend einem oder anderen Merkmale desselben auslangen kann. ohne eben dazu eine vollständige 6) Herzählung 30 aller derselben, die den ganzen Begriff ausmachen. zu bedürfen. Jetzt aber zeigt sich: daß der Grund d~:e-8er V 0'1'1) Zusätze von B. !) G r i 11 0: "unter dergleichen Begriffen"; Erd man n: "unter einem dergleichen Begriffe". ') Der Schluß des Absatzes von "Obm" bis "könne" fehlt in B. 4.) Kehrbach: "Definition". ') Hartenstein: " Definiren". 6) Valentiner: "einer vollständigen".
292 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. IILHauptstück sicht noch tiefeT liege, nämlich, daß wiT sie nicht definieTen konnten 1 ) , wenn wiT auch wollten*), sondeTn, wenn man (A 242) alle Bedingungen deT Sinnllichkeit wegschafft, die sie als Begriffe-eines möglichen empiTischen Ge1Yrauchs auszeichnen, und sie fÜ'1' Begriffe von Dingen übeThaupt (mithin vom tTanszendentalen 2 ) Ge1Yrauch) nehmen 3 ), bei ihnen gaT nichts weiter zu tun sei, als die logische Funktion in UTteilen, als die Bedingung deT Möglichkeit deT Sachen selbst anzusehen, ohne doch im mindesten anzeigen zu können, wo sie denn 10 ihre Anwendung und iM Obiekt, mithin wie sie im Teinen VeTstande ohne Sinnlichkeit iTgendeine Bedeutung und obiektive GÜltigkeit haben könne"'). Den 5) Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa so: daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal Eines in ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses Wievielmal gründet sich auf die sukzessive Wiederholung, mithin auf die Zeit und die Synthesis (des Gleichartigen) 6) in derselben. Realität kann man im Gegensatze mit der Negation 20 nur alsdann erklären, wenn man sich eine Zeit (als den Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die entweder *) Ich verstehe hier die Realdefinition, welche nicht 7 ) blo! dem Namen einer Sache andere und verständlichere Wlirter unterlegt, sondern die, so ein klaTes Merkmal, daTan der Gegenstand (definitum) jederzeit sicher erkannt werden kann und den 8 ) erklärten Begriff zur Anwendung brauchbaT macht, in sich enthält. (A 242) Die Realerklärung wilrde I also diejenige sein, welche nicht blo! einen Begriff, sondl'f'n zugleich die objektive Realität desselben deutlich macht. Die mathematischen :&-klärungen, welche den Gegenstand dem Begriffe .qemä! in der Anschauung dar. stellen, sind von der letzteren Art. Erdmann: "könnten?" Hartenstein: "von transzendentalem". Hartenstein: "nimmt". ') Hartenstein: "können". In A kein Absatz. A: "gleichartigen". 7) Erdmann: d. i. also "nicht diejenige, welche". 8) Vaihinger: "sondern die ein .... und das den"; Erd· mann: "und dadurch den". 1) 2) I) fi) 8)
Phaenomena und Noumena 293 womit erfüllt, oder leer ist. Lasse ich die Beharrlichkeit (welche ein Dasein zu aller Zeit ist) weg, so bleibt mir zum Begriffe der Substanz nichts übrig, als die logische Vorstellung vom Subjekt, welche ich dadurch zu realisieren vermeine, daß ich mir Etwas vorstelle, welches bloß als Subjekt I (ohne wovon ein (A 243) Prädikat zu sein) stattfinden I kann. Aber nicht allein, (B 301) daß ich gar keine Bedingungen weiß, unter welchen denn dieser logische Vorzug irgendeinem Dinge eigen sein werde: so ist auch gar nichts weiter daraus zu 10 machen, und nicht die mindeste Folgerung zu ziehen, weil dadurch gar kein Objekt!) des Gebrauchs dieses Begriffs bestimmt wird, und man also gar nicht weiß, ob dieser überall irgend etwas bedeute. Vom Begriffe der Ursache würde ich (wenn ich die Zeit weglasse, in der etwas auf etwas anderes!) nach einer Regel folgt,) in der reinen Kategorie nichts weiter finden, als daß es so etwas sei, woraus sich auf das Dasein eines anderen schließen läßt, und es würde dadurch nicht allein Ursache und Wirkung gar nicht voneinander 20 unterschieden werden können, sondern weil dieses Schließenkönnen doch bald Bedingungen erfordert, von denen ich nichts weiß, so würde der Begriff gar keine Bestimmung haben, wie er auf irgendein Objekt passe. Der vermeinte Grundsatz: alles Zufällige hat eine Ursache, tritt zwar ziemlich gravitätisch auf, als habe er seine eigene Würde in sich selbst. Allein, frage ich: was versteht ihr unter Zufällig? und ihr antwortet, dessen Nichtsein möglich ist, so möchte ich gern wissen, woran ihr diese Möglichkeit des Nichtseins') erkennen 30 wollt, wenn ihr euch nicht in der Reihe der Erscheinungen eine Sukzession und in dieser ein Dasein, welches auf das Nichtsein folgt, (oder umgekehrt,) mithin einen Wechsel vorstellt; denn, daß das Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerlspreche, ist eine lahme (A 244) I Berufung auf eine logische Bedingung, die zwar zum (B 302) 1) A: "Objekts". I) A: "auf etwas anderem". I) A; "Nichtsein".
294 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. III Hauptstück Begriffe notwendig, aber zur realen Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist; wie ich denn eine jede existierende Substanz in Gedanken aufheben kann, ohne mir selbst zu widersprechen, daraus aber auf die objektive Zufälligkeit derselben in ihrem Dasein, d. i. die Möglichkeit seines 1 ) Nichtseins Z ) an sich selbst, gar nicht schließen kann. Was den 8 ) Begriff der Gemeinschaft betrifft, so ist leicht zu ermessen: daß, da die reinen Kategorien der Substanz sowohl, als Kausalität, 10 keine das Objekt bestimmende Erklärung zulassen, die wechselseitige Kausalität in der Beziehung der Substanzen aufeinander (commercium) ebensowenig derselben fähig sei. Möglichkeit, Dasein und Notwendigkeit hat noch niemand anders als durch offenbare Tautologie erklären können, wenn man ihre Definition 4 ) lediglich aus dem reinen Verstande schöpfen wollte. Denn das Blendwerk, die logische Möglichkeit des Begriff s (da er sich selbst nicht widerspricht) der transzendentalen 5 ) Möglichkeit der Dinge (da dem Be20 griff ein Gegenstand korrespondiert) zu unterschieben 6 ), kann nur Unversuchte hintergehen und zufrieden stellen *) 7). "Es hat etwas Befremdliches und sogar Widersinniges an sich, daß ein Begriff sein soll, dem doch eine Bedeutung zu*) Mit einem Worte, alle diese Begriffe lassen sich durch nichts belegen, und dadurch ihre reale Möglichkeit dartun, wenn alle sinnliche Anschauun.q (die einzige, die wir haben), weggenommen wird, und es bleibt dann nur noch die logische Mög(B 303) lichkeit übrig, d. i. dafJ der Begriff I (Gedanke) möglich sei, wovon aber nicht die Rede ist, sondern ob er sich auf ein Objekt beziehe, und also irgend was bedeute. 1) Z) 3) 4) 5) Vaihinger: "ihres". Görland: d. i. "des Nichtseins des Dinges". A: "dem". Erdmann: "Definitionen". Kant (Nachträge CXXI): ,,(der) realen (Möglichkeit)". 6) Grill 0: "unterzuschieben". 7) Die Anmerkung ist Zusatz von B. Der folgende Abschnitt fehlt in B.
Phaenomena und N oumena 295 kommen muß, de'1' 006'1' keine'1' E'1'klälrung fähig wMe. Allein hie'1' hat 68 mit den Katego'l'ien di68e besondere Bewandtnis, daß sie nU'1' 'lIe'1'fflittelBt de'1' allgemeinen sinnlichen Bedingung eine b68timmte Bedeutung I und Beziehung auf iJrgend (A 245) einen Gegenstand haben können, di68e Bedingung aber aus de'1' '1'einen Kategorie weggelassen wO'1'den, da di68e dann nichts, als die logische Funktion enthalten kann, das Mannigfaltige unte'1' einen Begriff zu bringen. Aus diese'1' Funktion, d. i. d6'1' Form des Begriffs allein kann OOe'1' ga'1' nichts e'1'kannt und unte'1'schlieden we'1'den, welches Objekt darunt6'1' gehöre, weil eben 10 von d6'1' sinnlichen Bedingung, unte'1' der übe'1'haupt Gegenstände unte'1' sie gehö'1'en können, OOstrahiert wO'1'den. Dahe'1' bedÜ'1'fen die KategO'f'ien, noch über den '1'einen Ve'1'standesbegriff, Bestimmungen ihr6'1' Anwendung auf Sinnlichkeit übe'1'haupt (Schemal) und sind ohne diese keine Beg'1'iffe, wodu'1'ch ein Gegenstand e'1'kannt, und von ande'1'en unterschieden WÜ'1'de, sondern nU'1' so viel A'1'ten, einen Gegenstand zu möglichen Anschauungen zu denken, und ihm nach iJrgend eine'f' Funktion d68 V 6'1'standes seine Bedeutung (unt6'1' noch 6'1'fO'1'd6'1'lichen Bedingungen) zu geben, d. i. ihn zu definie'1'en: selbst 20 können sie also nicht de/ini6'1't we'1'den. DielogischenFunktionen de'1' U'1'teile überhaupt: Einheit und Vielheit, Bejahung und Ve'1'neinung, Subjekt und Prädikat können, ohne einen ZiJrkel zu begehen, nicht definiert w6'1'den, weil die Definition doch selbst ein Urteil sein, und also diese Funktionen schon enthalten müßte. Die '1'einen Kategorien Bind 006'1' nichts and6'1'es, als VO'1'stellungen der Dinge übe'1'haupt, sof6'1"1/, das Mannigfaltige ihr6'1' Anschauung dU'1'ch eine oder andere diese'1' logischen Funktionen gedacht werden muß: G'1'öße ist die Bestimmung, welche nU'1' du'1'ch ein U'1'teil, das I Quantität hat, (judicium (A 246) commune) Realität diejenige, die n1V1' durch ein bejahend U'1'teil gedacht we'1'den kann, Substanz, was, in Beziehung auf die Anschauung, das letzte Subjekt aller ande'1'en Bestimmungen sein muß. Was das nun 006'1' fWr Dinge sind, in Ansehung de'1'en man sich dies6'1' Funktion vielmehr, als einer and6'1'en bedienen müsse, bleibt hi6'1'bei ganz unbestimmt: mithin haben die Katego'l'ien ohne die Bedingung de'1' sinnlichen Anschauung, dazu sie die Synth68iB enthalten, ga'1' keine Beziehung auf 1) Valentiner: "Schemata".
296 Elementarlehre. H. Teil. LAbt. II. Buch. !Ir. Hauptstück ilrgend ein bestimmte8 Ob1ekt. können 0180 keines definieren. und haben folglich an sich 8elbst keine Gültigkeit ob1'ektiver Begriffe." (B 303) 10 (A 247) 20 (B 304) 30 I Hierzu fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe niemals von transzendentalem, sondern jederzeit nur von empirischem Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen Verstandes nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer möglichen Erfahrung, auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge überhaupt, (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie anschauen mögen,) bezogen werden können 1). Die transzendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat: daß der Verstand apriori niemals mehr leisten könne, als die Form einer möglichen Erfahrung überhaupt zu antizipieren, und, da dasjenige, was nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen 2 ) uns allein Gegenstände geigeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind bloß Prinzipien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer Ontologie, welche sich anmaßt. von Dingen überhaupt synthetische Erkennt~isse apriori in einer systematischen Doktrin zu geben (z. E. den Grundsatz der Kausalität) muß3) dem bescheidenen, einer bloßen Analytik des reinen Verstandes, Platz machen. I Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise gegeben, so ist der Gegenstand bloß transzendental, und der Verstandesbegriff hat keinen anderen, als transzendentalen Gebrauch, nämlich die Einheit des Denkens eines Mannig1) Kant (Nachträge CXXIII, CXXIV): "auf Dinge überhaupt synthetisch (ohne .... mögen) bezogen werden können, wenn sie Erkenntnis verschaffen sollen". 2) Valentiner: "deren". •) Erdmann: "Erkenntnisse apriori (z. E. den Grundsatz der Kausalität) in ...• geben, muß?"
Phaenomena und Noumena 297 faltigen überhaupt!). Durch eine reine Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung der sinnlichen Anschauung, als der einzigen, die uns möglich ist, abstrahiert wird, wird also kein Objekt bestimmt, sondern!) nur das Denken eines Objekts überhaupt, nach verschiedenen modis, ausgedrückt. Nun gehört zum Gebrauche eines Begriffs noch eine Funktion der Urteilskraft, woraufS) ein Gegenstand unter ihm subsumiert wird, mithin die wenigstens formale Bedingung, unter der etwas in der Anschauung gegeben werden kann. Fehlt diese Bedingung der Urteilskraft, (Schema) so fällt alle Subsumtion weg; denn es wird nichts gegeben, was unter den Begriff subsumiert werden könne'). Der bloß transzendentale Gebrauch also der Kategorien ist in der Tat gar kein Gebrauch, und 5) hat keinen bestimmten, oder auch nur, I der Form nach, bestimmbaren Gegenstand. Hieraus folgt, daß die reine Kategorie auch zu keinem synthetischen Grundsatze apriori zulange, und daß die Grundsätze des reinen Verstandes nur von empirischem, niemals aber von transzendentalem Gebrauche sind, über das Feld möglicher Erfahrung hinlaus aber es überall keine synthetischen Grundsätze apriori geben könne. Es kann daher ratsam sein, sich also auszudrücken: die reinen Kategorien, ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit, haben bloß transzendentale Bedeutung, sind aber von keinem transzendentalen Gebrauch, weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle Bedingungen irgendeines Gebrauchs (in Urteilen) abgehen, nämlich die formalen Bedingungen der Subsumtion irgendeines angeblichen Gegenstandes unter 1) Kant (Nachträge CXXV): "Mannigfaltigen einer möglichen Anschauung überhaupt". 2) Kant (Nachträge CXXVI): "bestimmt, mithin nichts erkannt, sondern". I) Erdmann: "wodurch" oder "woraufhin"; Valentiner: "wonach". ~) Erdmann: "könnte". I) Kant (Nachträge CXXVII): "Gebrauch, um etwas zu erkennen, und". 10 (A 248) 20 (B 305) 30
298 Elementarlehre. IJ. Teil. LAbt. 11. Buch. II I. Hauptstück diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine Kategorien) nicht von empirischem Gebrauche sein sollen, und von transzendentalem nicht sein können, so sind sie von gar keinem Gebrauche, wenn man sie von aller Sinnlichkeit absondert, d. i. sie können auf gar keinen angeblichen Gegenstand angewandt werden; vielmehr sind sie bloß die reine Form des Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens, ohne doch durch sie allein irgendein Objekt denken oder be10 stimmen zu können 1). 1) Statt der folgenden Absätze: "Es liegt indessen deutung verstanden werden" steht in A: Be- "Erscheinungen, sofern sie als Gegenstände nach der Einheit (A 249) der Kategorien gedacht werden, heiflen Phaeno Imena. Wenn ich aber Dinge annehme, die blofl Gegenstände des Verstandes Bind), und gleichwohl, als solche, einer Anscha"ung, obgleich nicht der 2 ) sinnlichen (als S ) comm intuitu intellectuali), gegeben werden können; so würden dergleichen Dinge Noumena (Intelligibilia) heiflen. "Nun sollte man denken, Ilafl der durch die transz. Ästhetik eingeschränkte Begriff der Erscheinungen schon von selbst die objektive Realität der Noumenorum an die Hand gebe, und die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, mithin auch der Welt,in eine Sinnen- und eine Verstandeswelt (mundus sensibilis et inteltigibilis) berechtige, und zwar so: dafJ der Unterschied hier nicht bloP die logische Form der undeutlichen oder deutlichen Erkenntnis eines und desselben Dinges, sondern die Verschiedenheit treffe, wie sie unserer Erkenntnis ursprünglich gegeben werden kannen, und nach welcher sie an sich selbst, der Gattung nach, voneinander untet"8chieden sind. Denn wenn uns die Sinne etwas blofl vorstellen, wie es erscheint, so mufl dieses Etwas doch auch an sich selbst ein Ding, und ein Gegenstand einer nicht sinnlichen~) Anschauung, d. i. des Verstandes sein, d. i. es mufl eine Erkenntnis möglich sein, darin keine Sinnlichkeit angetroffen wird, und welche allein schlechthin objektive Realität hat, dadurch uns nämlich Gegenstände vorgestellt werden, wie eie sind, dahingegen im empirischen Gebrauche unseres (A 250) Verstandes Dinge nur erkannt I werden, wie sie erscheinen. Also würde es, aufler dem empirischen Gebrauch der Kategorien I) Vorländer: "einer". I) Vaihinger: "also". ~) Erdm ann: "nichtsinnlichen".
Phaenomena und N oumena 299 Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ur8'fWUnge nach nicht au/ Sinnlichkeit, wie die Anschauungs/armen, Raum und Zeit; scheinen also eine über aUe (welcher auf sinnliche Bedingungen eingeschränkt ist) noch einen reinen und doch objektivgiUtigen geben, und wir könnten nicht behaupten, was l ) wir bisher vorgegeben haben: dap mISere reinen Versta'1ldeserkenntnisse 'Überall nichts weiter wären, als Prinzipien der Exposition I) der Erscheinung, die auch a priori nicht weiter, als auf die formale MiJgl1chkeit der Erfahrung gingen, denn hier stände ein ganz anderes Feld vor uns offen, gleichsam eine Welt im Geiste gedacht, (vielleicht auch gar angeschaut) die nicht minder, ja noch weit edler U1I8eren reinen Verstand beschäftigen kiJn1lte. "Alle unsere Vorstellungen werden in der Tat durch den Verstand auf irgendein Objekt bezogen, und, da Erscheinungen nichts als Vorstellungen sind, so bezieht sie der Verstand auf ein Etwas, als den Gegenstand der sinnlichen Anschauung: aber dieses Etwas ist S) insofe"'l~ nur das trU1lSzendentale Objekt. Dieses bedeutet aber ein Etwas = x, wovon wir gar nichts wissen, noch überhaupt (nach der jetzigen Einrichtung unseres Verstandes) wissen können, stmdern, welcher-) nur als ein Oorrelatum der Einheit der Apperzeption zur Einheit des Mannigfaltigen in der sinnlichen Anschauung dienen kann, vermittelst deren der Verstand dasselbe in den Begriff eines Gegenstandes vereinigt. Dieses transzendentale Objekt läpt sich gar nicht von den sinnlichen Datis absondern, weil alsdann nichts I 'Übrig bleibt, wodurch es (A 251) gedacht würde. Es ist also kein Gegenstand der Erkenntnis an sich selbst, sondern nur die Vorstellung der Erscheinungen, unter dem Begriffe etnes Gegrnstandes überhaupt, de?' durch das Mannigfaltige derselben bestimmbar ist. "Eben um deswillen stellen nun auch die Kategorien kein besonderes, dem Verstande allein gegebenes Objekt vor, sondern dienen nur dazu, das transzendentale Objekt (den Begriff von etwas I) 'Überhaupt) durch das, was in der Sinnlichkeit gegeben I) Hartenstein: "wie". I) Kant (Nachträge CXXXIlI): "Synthesis des Mannig faltigen". S) Kant (Nachträge CXXXIV): "Etwas als Gegenstand einer Anschauung überhaupt ist". -) Hartenstein: "welches". I) Hartenstein: "Etwas". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 21
300 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. III. Hauptstück Gegenatände der Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten. Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen, die bloß das logische Vermögen enthalten, das mannig(B 306) faltige in der Anachauung Gegebe I ne in ein Bewußtsein apriori zu vereinigen, und da können sie, wenn man ihnen die una allein mögliche Anachauung wegnimmt, noch weniger Bedeutung haben, als jene reinen sinnlichen Formen, dt/rch die doch wenigstena ein Objekt gegeben wird, anatatt daß eine unaerem Verstande eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen, toird, zu bestimmen, um dadurch E"scheinungen unter Begriffen von Gegenständen empirisch zu erlcennen. "Was aber die Ursache betrifft, weswegen man, durch das Substratum der Sinnlichkeit noch nicht befriedigt, den Phaenomenis noch Noumena zugegeben hat, die nur der reine Verstand denken kann, 80 beruht sie lediglich dm·auf. Die Sinnlichkeit, und ihr Feld, nämlich das der Erscheinungen, wird selbst durch den Verstand dahin eingeschränkt: dafJ sie nicht auf Dinge an sich selbst, sondern nur auf die Art gehe, wie uns. vermöge unserer sub:jektiven Beschaffenheit, Dinge erscheinen. Dies war das Resultat der ganzen transzendentalen Ästhetik, und es folgt auch natUrlicherweise aus dem Begriffe einer Erscheinung itberhaupt: dafJ ihr etwas entsp,-echen müsse, was an sich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts für sich selbst, und aufJer unserer Vor(A 252) stellungsart sein kann, mithin, wo nicht I ein beständiger Zirkel herauskommen soll. das Wort Erscheinlmg schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber an sich selbst, auch ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit, (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet), Etwas, d. i. ein von der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein mufJ. "Hieraus entspringt nun l ) der Begriff von einem Noumenon, der aber gar nicht positiv 2), und eine bestimmte Erkenntnis von irgendeinem Dinge, sondern nur das Denken von Etwas überhaupt bedeutet, bei welchem ich von aller Form der sinnlichen Anschauung abstrahiere. Damit aber ein Noumenon einen wahren, von allen Phänomenen zu unterscheidenden Gegenstand bedeute, so ist es nicht genug: dafJ ich meinen Gedanken von allen Bedingungen sinnlicher Anschauung befreie, ich mufJ noch überdem Grund dazu haben, eine andere Art der Anschauung. als 1) Kant (Nachträge CXXXVI): "entspringt zwar nun". 8) Hartenstein: "positiv ist'.'.
Phaenomena und N oumena 301 wenn diejenige Anschauung, darin dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzukommt, gar nichts bedeutet. Gleichwohl liegt es doch schon in unserem Begriffe, wenn wir gewisse Gegenstände, als Erscheinungen, Sinnenwesen (Phänomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anscha.uen, von ihrer Beschaffenheit an sich selbst unterscheiden, daß wir entweder eben dieselbe 1) nach dieser letzteren Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derßelben nicht anschauen, oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objekte unserer Sinne diesel) sinnliche ist, anzunehmen, unter der ein solcher Gegenstand gegeben werden könne; denn sonst ist mein Gedanke doch leer, obzwar ohne Widerspruch. Wir haben ZWat· oben nicht beweisen können: dafl die sinnliche A118chauung die einzige mögliche Anschauung überhaupt, sondern dafl sie es nur für uns sei; wir konnten aber auch nicht beweisen: dafJ noch eine andere Art der Anschauung möglich sei, und, obgleich unser Denken von jener') Sinnlichkeit abstrahieren kann, 80 bleibt doch die Frage, ob es alsdann nicht eine blofle Form I eines Beg1'iffs sei, und ob (A 253) bei dieser Abtrennung überall ein Ob:jekt~) übrigbleibe. "Das Objekt, worauf ich die Erscheinung 'Überhattpt beziehe, ist der transundentale Gegenstand, d. i. der gänzlich unbestimmte Gedanke von Etwas überhaupt. Dieser kann nicht das Noumenon hciflen; denn ich weifl von ihm nicht, was er an sich selbst sei, und habe gar k/!inen Begriff von ihm, als blofl von dem Gegenstande einer sinnlichen Anschauung überhaupt, der also für alle Erscheinungen einerlei ist. Ich kann ihn durch keine Kategorien') denken; denn diese gilt von der empirischen A1l8chauung, um sie unter einen Begriff vom Gegenstand überhaupt zu bringen. Ein reiner Gebrauch der Kategorie ist zwar möglich 6), d. i. ohne Widerspruch, aber hat gar keine objektive Gültigkeit, weil sie 1 ) auf keine Anschauung geht, die dadurch Einheit des Objekts bekommen sollte; denn die Kategorie ist doch eine blofJe Funktion des Denkens, wodurch mir kein Gegenstand gegeben, sondern nur, was in der Anschauung gegeben werden mag, gedacht wird." 1) Hartenstein : "dieselben". I) Hartenstein: "die". 8) Hartenstein : "jeder". ~) Kant (Nachträge CXXXVII): "sei, oder ob bei dieser Abtrennung überall noch eine mögliche Anschauung". ') Rosenkranz: "Kategorie". 6) Kant (Nachträge CXXXVIII): "zwar logisch möglich". 1) Erdmann: "weil er?" 21*
302 10 (B 307) 20 30 (B 308) Elementarlehre. II.Teil. LAbt. ILBuch. III.Hauptstück sind, als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht, jenen gleichsam gegenüberstellen, und sie Verstandeswesen (Noumena) nennen. Nun frägt sich: ob unsere reinen Verstandesbegriffe nicht in Ansehung dieser Letzteren Bedeutung haben, und eine Erkenntnisart derselben sein könnten? Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen Gegenstand in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich außer dieser Beziehung noch eine V01'stellung von einem Gegenstande an sich selbst macht, und sich daher tJ01'stellt, er I könne sich auch von dergleichen Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine anderen als die Kateg07'ien liefert, der Gegenstand in der letzteren Bedeutung wenigstens durch diese reinen Verstandesbeuriffe mÜ8se gedacht werden können, dadurch aber verleitet wird, den ganz unbestimmten Begriff von einem V61'standeswesen, als einem Etwas überhaupt außer unserer Sinnlichkeit, für einen bestimmten Begriff von einem Wesen, welches wir durch den Verstand auf einige Art erkennen könnten, zu halten. Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht Objekt unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer Anschauungsart desselben abstrahieren; so ist dieses ein Noumenon im negativen Verstande. Verstehen wir aber darunter ein Objekt einer nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart an, nämlich die intellektuelle, die aber nicht die unsrige ist, von welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können, und das webe das Noumenon in positiver Bedeutung. Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den N oumenen im negativen Verstande, d. i. von Dingen, die der Verstand sich ohne diese Beziehung auf unsm e Anschauungsart, mithin nicht bloß als Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von denen er aber in dieser Absonderung zugleich begreift, daß er von seinen Kategorien in dieser Art sie I zu erwägen, keinen Gebrauch machen könne, weil diese 1) nur in Beziehung auf die Einheit der 1) Erdmann: "weil, da diese".
Phaenomena und Noumena 303 Anschauungen in Raum und Zeit Bedeutung haben, 8ie 1) eben dieae Einheit auch nur wegen der bloßen Idealität dea RaumtJ und der Zeit durch allgemeine Verbindungsbegriffe a priori beatimmen kännen 1 ). Wo dieae Zeiteinheit nicht angetroffen werden kann, mithin beim N oumenon, da hört der ganze Gebrauch, ja selbst alle Bedeutung der Kategorien tJÖllig auf,' denn selbst die Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entsprechen sollen, läßt sich gar nicht einsehen,' weahalb ich mich nur auf das berufen darf, was ich in der allgemeinen Anmerkung zum 'Vorigen Haupt- 10 stücke gleich zu Anfang anführte. Nun kann aber die Möglichkeit einea Dingea niemals bloß aus dem Nichtwidersprechen einea Begriffs deaselben, sondern nur dadurch, daß man dieaen durch eine ihm korreapondierende Anschauung belegt, bewieaen werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, die nicht ata Erscheinungen betrachtet werden, anwenden woUten, so müßten wir eine andere Anschauung, als die sinnliche, zum Grunde legen, und alsdann wäre der Gegenstand ein Noumenon in positi'Ver Bedeutung. Da nun eine solche, nämlich die inteUektueUe Anschauung, schlechter· 20 dings außer unserem Erkenntnis'lJermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der Kategorien keineawegs über die Grenze der Gegenstände der Erfahirung hinausreichen, und den Sinnenweaen korrespO'rUJ,ieren zwar freilich Verstandll8Weaen, I auch (B 309) mag ea Verstandeswesen geben, auf welche unser sinnlichea Anschauung8'lJermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere Verstandesbeuriffe, als bloße Gedankenfarmen für unsere sinn· liche Anschauung, reichen nicht im mindesten auf dieae hinaus; was also von uns N oumenon genannt wird, muß als ein solchea nur in negati'Ver Bedeutung 'Verstanden werden. 80 Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen Erkenntnis wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntnis irgendeines Gegenstandes übrig; denn durch bloße Anschauung wird gar nichts gedacht, und, daß diese Affektion der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Objekt aus. Lasse ich aber hingegen alle Anschauung weg, I so bleibt doch noch die Form des (A 254) 1) Valentiner: "er also eben ... könne".
304 Elementarlehre. II. Teil. LAbt. II. Buch. IIl. Hauptstück Denkens, d. i. die Art, dem Mannigfaltigen einer möglichen Anschauung einen Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die Kategorien sofern weiter, als die sinnliche Anschauung, weil sie Objekte überhaupt denken, ohne noch auf die besondere Art (der Sinnlichkeit) 1) zu sehen, in der sie gegeben werden mögen. Sie bestimmen aber dadurch nicht eine größere Sphäre von Gegenständen, weil, daß solche gegeben werden können, man nicht annehmen kann, ohne daß man eine 10 andere als sinnliche Art der Anschauung als möglich voraussetzt, wozu wir aber keineswegs berechtigt sind. (B 310) I Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch enthält, der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit anderen Erkenntnissen zusammenhängt, dessen objektive Realität aber auf keine Weise erkannt werden kann. Der Begriff eines N ournenon, d. i. eines Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding an sich selbst, (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht werden soll, ist 20 gar nicht widersprechend; denn man kann von der Sinnlichkeit doch nicht behaupten, daß sie die einzige mögliche Art der Anschauung sei. Ferner ist dieser Begriff notwendig, um die sinnliche Anschauung nicht bis über die Dinge an sich selbst auszudehnen, und also, um die objektive Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis ein(A 255) zuschränken, (denn das übrige 2), I worauf jene nicht reicht, heißen 2) eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles, was der Verstand denkt, erstrecken). 30 Am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher N oumenorum gar nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der Erscheinungen ist (für uns) leer, d. i. wir haben einen Verstand, der sich problematisch weiter erstreckt, als jene, aber keine Anschauung, ja auch nicht einmal den Begriff von einer möglichen Anschauung, wodurch uns außer dem Felde der Sinnlich1) Erdmann: ,,(die Sinnlichkeit)". 2) Rosenkranz: "das Übrige ... heißt" Erdmann: "die übrigen ... heißen".
Phaenomena und N oumena 305 keit Gegenstände gegeben, und der Verstand über dieselbe l ) hinaus assertorisch gebraucht werden könne. Der Begriff eines Noumenon ist also bloß ein Grenzbeigriff, um die Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken, und also nur von negativem Gebrauche. Er ist aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas Positives außer dem Umfange derselben setzen zu können. Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena, und der Welt in eine Sinnen- und Verstandeswelt, kann daher in positiver Bedeutung 2 ) gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings die Einteilung in sinnliche und intellektuelle zulassen; denn man kann den letzteren keinen Gegenstand bestimmen, und sie also auch nicht für objektiv gültig ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie will man begreiflich machen, daß unsere Kategorien I (weIche die einzigen übrigbleibenden Begriffe für Noumena sein würden) noch überall etwas bedeuten, da zu ihrer Beziehung auf irgendeinen Gegenstand noch etwas mehr, als bloß die Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche Anschauung gegeben sein muß, darauf jene angewandt werden können? Der Begriff eines Noumeni, bloß problematisch genommen, bleibt dem· ungeachtet nicht allein zulässig, sondern, auch als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff, unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibler Gegenstand für unseren Verstand, sondern ein Verstand, für den es gehörte, ist selbst ein Problema, nämlich, nicht diskursiv durch Katelgorien, sondern intuitiv in einer nichtsinnlichen Anschauung seinen Gegenstand zu erkennen, als von welchem wir uns nicht die geringste Vorstellung seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand bekommt nun auf diese Weise eine negative Erweiterung, d. i. er wird nicht durch die Sinnlichkeit eingeschränkt, sondern 1) Erdmann: d. i. "die Sinnlichkeit". 2) fehlt in A. (B 811) 10 (A 256) 20 30 (B 312)
306 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. 11. Buch. III. Hauptstück schränkt vielmehr dieselbe ein, dadurch, daß er Dinge an sich selbst (nicht als Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aber er setzt sich auch sofort selbst Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen, mithin sie nur unter dem Namen eines unbekannten Etwas zu denken. Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz anderen Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis*), der von dem Sinne (A 257) der Allten ganz abweicht, und wobei es freilich keine Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen wird. Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der Erscheinungen, sofern er angeschaut wird, die Sinnenwelt, sofern aber der Zusammenhang derselben nach allgemeinen Ver(B 813) standesgesetzen gedacht wird, I die Verstandesweh zu nennen. Die theoretische Astronomie, welche die bloße Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde die erstere, die kontemplative dagegen (etwa l ) nach 20 dem kopernikanischen Weltsystem, oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt), die zweite, nämlich eine intelligible Weh vorstellig machen. Aber eine solche Wortverdrehung ist eine bloße sophistische Ausflucht, um einer beschwerlichen Frage auszuweichen, dadurch, daß man ihren Sinn zu seiner Gemächlichkeit herabstimmt. In Ansehung der Erscheinungen läßt sich allerdings Verstand und Vernunft brauchen; aber es fragt sich, ob diese auch noch einigen Gebrauch haben, wenn der Gegenstand nicht Erschei30 nung (Noumenon) ist, und in diesem Sinne nimmt *) Man mull nicht, statt dieses Ausdrucks, den einer intellektuellen Welt, wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu tun pflegt, brauchen; denn intellektuell, oder sensitiv, sind mtr die Erkenntnisse. WaB aber nur ein Gegenstand der einen oder der anderen Anschauungsart sein kann, der Objekte also, müssen (unerachtet der Härte des Lattts) intelligibel oder sensibel heillen. [Diese Anm. fehlt in A.] 1) Will e: "Die kontemplative Astronomie........ erstere, die theoretische dagegen, (welche ihn etwa .•. erklärt)".
Phaenomena und N oumena 307 man ihn, wenn er an sich als bloß intelligibel, d. i. dem Verstande allein, und gar nicht den Sinnen gegeben, gedacht wird. Es ist also die Frage: ob außer jenem empirischen Gebrauche des Verstandes (selbst in der Newtonischen Vorstellung des Weltbaues) noch ein transzendentaler möglich sei, der auf das Noumenon als einen Gegenstand gehe, welche Frage wir verneinend beantwortet haben. . I Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände vor, wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das letztere nicht in transzendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung zu nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung, im durchgängigen Zusammenhange der Erscheinungen, müslsen vorgestellt werden, und nicht nach dem, was sie, außer der Beziehung auf mögliche Erfahrung, und folglich auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände des reinen Verstandes sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt bleiben, sogar, daß es auch unbekannt bleibt, ob eine solche transzendentale (außerordentliche 1» Erkenntnis überall möglich sei, zum wenigsten als eine solche, die unter unseren gewöhnlichen Kategorien steht. Verstand und Sinnlichkeit können bei uns nur inS) Verbindung Gegenstände bestimmen. Wenn wir sie trennen, so haben wir Anschauungen ohne Begriffe, oder Begriffe ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber Vorstellungen, die wir auf keinen bestimmten Gegenstand beziehen können. Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf aUe diese Erörterungen dem bloß transzendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, so mache er einen Versuch von ihnen in irgendeiner synthetischen Behauptung. Denn eine analytische bringt den Verstand nicht weiter, und da er nur mit dem beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht wird, so läßt er es unausgemacht, ob dieser an sich selbst auf Gegenstände Be1) Vaihinger: "außersinnliche". 2) Die 3. Ausgabe: "und in". (A 208) 10 (B 20 30 314)
308 Elementarlehre. II. Teil. I Abt. !I. Buch. !Ir. Hauptstück (A 259) ziehung habe, oder nur die Einlheit des Denkens überhaupt bedeute, (welche von der Art, wie ein Gegenstand gegeben werden mag, völlig abstrahiert.) es ist ihm l ) genug zu wissen, was in seinem Begriffe liegt; worauf der Begriff selber gehen möge, ist ihm gleichgültig. (B 315) Er versuche es demnach mit I irgendeinem synthetischen und vermeintlich transzendentalen Grundsatze, als: alles, was da ist, existiert als Substanz, oder eine derselben anhängende Bestimmung: alles Zufällige exi10 stiert als Wirkung eines anderen Dinges, nämlich seiner Ursache, usw. Nun frage ich: woher will er diese synthetischen Sätze nehmen, da die Begriffe nicht beziehungsweise auf mögliche Erfahrung, sondern vön Dingen an sich selbst (Noumena) gelten sollen? Wo ist hier das Dritte, welches 2) jederzeit zu einem syn· thetischen Satze erfordert wird, um in demselben Begriffe, die gar keine logische (analytische) Verwandtschaft haben, miteinander zu verknüpfen? Er wird seinen Satz niemals beweisen, ja was noch mehr ist, 20 sich nicht einmal wegen der Möglichkeit einer solchen reinen Behauptung rechtfertigen können, ohne auf den empirischen Verstandesgebrauch Rücksicht zu nehmen, und dadurch dem reinen und sinnenfreien Urteile völlig zu entsagen. So ist denn der Begriff 3 ) reiner bloß intelligibler Gegenstände gänzlich leer von allen Grundsätzen ihrer Anwendung, weil man keine Art ersinnen kann, wie sie gegeben werden sollten, und der problematische Gedanke, der doch einen Platz für sie offen läßt, dient nur, wie ein leerer Raum, die empirischen (A 260) Grundsätze einzuschränken, lohne doch irgendein anderes Objekt der Erkenntnis, außer der Sphäre der letzteren, in sich zu enthalten und aufzuweisen. 1) Erdmann: d. i. "der Verstand in seinem analytischen Gebrauch". 2) Kant (Nachträge CXXXIX): "das Dritte der Anschauung, welches". ') Kant (Nachträge CLX): "der positive Begriff, das mögliche Erkenntnis".
Elementarlehre. H. Teil. I. Abt. II. Buch. Anhang 309 I Anhang (B 316) Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe durch die Verwechslung des empirischen Verstandesgebrauchs mit dem transzendentalen Die überlegung (reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen selbst zu tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der Zustand des Gemüts, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um die subjektiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen gelangen können. Sie 10 ist das Bewußtsein des Verhältnisses gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen, durch welches allein ihr Verhältnis untereinander richtig bestimmt werden kann. Die erste Frage vor aller weiteren Behandlung unserer Vorstellung!) ist die: in welchem Erkenntnisvermögen gehören sie zusammen? Ist es der Verstand, oder sind es die Sinne, vor denen 2) sie verknüpft, oder verglichen werden? Manches Urteil wird aus Gewohnheit angenommen, oder durch Neigung geknüpft; weil aber keine überlegung vorhergeht, oder 20 wenigstens kritisch darauf folgt, I so gilt es für ein (A 261) solches, das im Verstande seinen Ursprung erhalten hat. Nicht alle Urteile bedürfen einer Untersuchung, d. i. einer Aufmerksamkeit auf die Gründe der Wahrheit; denn, wenn sie unmittellbar gewiß sind: z. B. (B 317) zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein; so läßt sich von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit, als das sie selbst ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urteile, ja alle Vergleichungen bedürfen einer überlegung, d. i. einer Unterscheidung der Erkennt- 30 niskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung, dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der Erkenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch ich unter1) Erdmann: "Vorstellungen~'. 2) Erdmann: "von denen".
310 10 (A 262) (B 318) 20 30 Elementarlehre. II. Teil. I. Abt. 11. Buch. Anhang scheide, ob sie als zum reinen Verstande oder zur sinnlichen A.nschauung gehörend!) untereinander verglichen werden, nenne ich die trans zenden tale Überlegung. Das Verhältnis aber, in welchem die Begriffe in einem Gemütszustande zueinander gehören können, sind die 2) der Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des Widerstreits, des Inneren lind des Äußeren, endlich des Bestimmbaren und der Bestimmung (Materie und Form). Die richtige Bestimmung dieses Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntniskraft sie subjektiv zueinander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande. Denn der Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der Art, wie man sich die ersten denken solle. I Vor allen objektiven Urteilen vergleichen wir die Begriffe, um 3 ) auf die Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf der allgemeinen Urteile, oder der 4 ) Verschiedenheit derselben, zur Erzeulgung besonderer, auf die Einstimmung, daraus b ej ahende, unddenWiderstreit, daraus verneinende U rteile werden können usw. 5). Aus diesem Grunde sollten wir, wie es scheint, die angeführten Begriffe Vergleichungsbegriffe nennen (conceptus comparationis). Weil aber, wenn es nicht auf die logische Form, sondern auf den Inhalt der Begriffe ankommt, d. i. ob die Dinge selbst einerlei oder verschieden, einstimmig oder im Widerstreit sind usw., die Dinge einS) zwiefaches Verhältnis zu unserer Erkenntniskraft, nämlich zur Sinnlichkeit und zum Verstande haben können, auf diese Stelle aber, darin sie gehören, die Art ankommt, wie sie zueinander gehören sollen: so wird die transzendentale Reflexion, 1) A: "ob sie als gehörig zum reinen Verstande ocler zur sinnlichen Anschauung". 2) Hartenstein: "die Verhältnisse . . . sind die"; Erdmann: "das Verhältnis .•. ist das". I) Görland: "Begriffe nun"; Erdmann: "Begriffe auf die"; Valentiner: "Begriffe, in Rücksicht auf die". 4) 5. Auflage: "die". 5) Mellin ergänzt: "zu kommen"; Erdmann: "zu treffen". 6) A: .,Dinge aber ein".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 311 d. i. das Verhältnis I) gegebener Vorstellungen zu einer oder der anderen Erkenntnisart, ihr Verhältnis untereinander allein bestimmen können 2), und ob die Dinge einerlei oder verschieden, einstimmig oder widerstreitend sind usw., wird nicht sofort aus den Begriffen selbst durch bloße Vergleichung {cornparatio}, sondern allererst durch die Unterscheidung der Erkenntnisart, wozu sie gehören, vermittelst einer transzendentaleI! Überlegung {reflexio} ausgemacht werden können. Man könnte also zwar sagen: daß die logische Reflexion eine bloße Komparation sei, denn bei ihr wird von der Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Vorstellungen gehören, gänzlich abstrahiert, und sie sind also so fern ihrem Sitze nach, im Gemüte, als gleichartig zu I behandeln, die transzendentale Reflexion aber (welche auf die Gegenstände selbst geht) enthält den Grund der Möglichkeit der objektiven Komparation der Vorstellungen untereinander, und ist also von der letzteren 3 ) gar sehr verschieden, weil die Erkenntnislkraft, dazu sie gehören, nicht eben dieselbe ist. Diese transzendentale Überlegung ist eine Pflicht, von der sich niemand lossagen kann, wenn er apriori etwas über Dinge urteilen will. Wir wollen sie jetzt zur Hand nehmen, und werden daraus für die Bestimmung des eigentlichen Geschäfts des Verstandes nicht wenig Licht ziehen. 1. Einerleiheit und Verschiedenheit. Wenn uns ein Gegenstand mehrmalen, jedesmal aber mit ebendenselben inneren Bestimmungen, {qualitas et quantitas} dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er als Gegenstand des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe, I) Mellin: "das Bewußtsein des Verhältnisses"; nach Erdmann ließe sich ein etwaiges Versehen auch durch Einschiebung von "die überlegung" heben. I) Görland: d. h. "so wird die transzendentale Reflexion, d. i. es wird das Verhältnis gegebener Vorstellungen zu einer oder der andren Erkenntnisart (zugleich) ihr Verhältnis untereinander allein bestimmen können". 3) Vaihinger: "ersteren". 10 (B 319) (A 20 30 263)
312 Elementarlehre. 11. Teil. LAbt. II. Buch. Anhang und nicht vieP), sondern nur Ein Ding (numerica identitas); ist er aber Erscheinung, so kommt es auf (A 264) 10 (B 320) 20 30 (A 265) die Vergleichung der Begriffe gar nicht an, sondern, so sehr auch in Ansehung derselben alles einerlei sein mag, ist doch die Verschiedenheit der Gerter dieser Erscheinung zu gleicher Zeit ein genugsamer Grund der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes (der Sinne) selbst. So kann man bei zwei Tropfen Wasser von aller inneren Verschiedenheit (der I Qualität und Quantität) völlig abstrahieren, und es ist genug, daß sie in verschiedenen Örtern zugleich angeschaut werden, um sie numelrisch verschieden zu halten. Leibniz nahm die Erscheinungen als Dinge an sich selbst, mithin für intelligibilia, d. i. Gegenstände des reinen Verstandes, (ob er gleich, wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen, dieselben mit dem Namen der Phänomene belegte,) und da konnte sein Satz des Ni c h tzu un ters cheidenden (principium identitatis indiscernibilium) allerdings nicht bestritten I) werden; da sie aber Gegenstände der Sinnlichkeit sind, und der Verstand in Ansehung ihrer nicht von reinem, sondern bloß empirischen Gebrauche ist, so wird die Vielheit und numerische Verschiedenheit schon durch den Raum selbst als die Bedingung der äußeren Erscheinungen angegeben. Denn ein Teil des Raums, ob er zwar einem anderen völlig ähnlich und gleich sein mag, ist doch außer ihm, und eben dadurch ein vom ersteren ver· schiedener Teil, der zu ihm hinzukommt, um einen größeren Raum auszumachen, und dieses muß daher von allem, was in den mancherlei Stellen des Raums zugleich ist, gelten, so sehr es sich sonsten auch ähnlich und gleich sein mag. 2. Einstimmung und Widerstreit. Wenn Realität nur durch den reinen Verstand vorgestellt wird (realitas noumenon), so läßt sich zwischen den Realitäten kein Widerstreit denken, d. i. ein solches Verhältnis, da sie in I einem Subjekt verbunden einander 1) Kehrbach: "viele". I) A: "gestritten".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 313 ihre Folgen aufheben, und 3-3=0 sei. Dagegen kann das Reale in der Erscheinung (realitas phaenomcnon) unterleinander allerdings im Widerstreit sein, und vereint in demselben Subjekt, eines die Folge des anderen ganz oder zum Teil vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie, sofern sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen, oder drücken, oder auch ein Vergnügen, was!) dem Schmerze die Wage hält. 3. Das Innere und Äußere. An einem Gegenstande des reinen Verstandes ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem Dasein nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind die inneren Bestimmungen einer substantia pkaenomenon im Raume nichts als Verhältnisse!), und sie selbst ganz S) und gar ein Inbegriff von lauter Relationen. Die Substanz im Raume kennen wir nur durch Kräfte, die in demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung), oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den Begriff von der Substanz, die im Raum erscheint, und die wir Materie nennen, ausmachen. Als Objekt des reinen Verstandes muß jede Substanz dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf die innere Realität gehen. Allein was kann ich mir für innere Akzidenzen denken, als diejenigen, so I mein innerer Sinn mir darbietet? nämlich das, was entweder') selbst ein Denken, oder mit diesem analogisch ist. Daher machte Leibniz aus allen Sublstanzen, weil er sie sich als Noumena vorstellte, selbst aus den Bestandteilen der Materie, nachdem er ihnen alles, was äußere Relation bedeuten mag, mithin auch die Zusammensetzung, in Gedanken genommen 1) Grillo: "das". 2) In Kants Handexemplar findet sich zu "Dagegen sind .•." beigeschrieben "im Raum sind lauter äußere, im inneren Sinn lauter innere Verhältnisse; das Absolute fehlt". (Nachträge CXLVIII.) 8) Mellin: "und sie selbst ist ganz". ') A: "das entweder, was". (B 321) 10 20 (A 266) (B 322)
314 10 20 (A 267) (B 323) 30 40 Elementarlehre. II. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang hatte, einfache Subjekte mit Vorstellungskräften begabt, mit einem Worte, Monaden. 4. Materie und Form. Dieses sind zwei Begriffe, welche aller anderen Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung, (beides in transzendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahiert). Die Logiker nannten ehedem das Allgemeine die "Materie, den spezifischen Unterschied aber die Form. In jedem Urteile kann man die gegebenen Begriffe logische Materie (zum Urteile), das Verhältnis derselben (vermittelst der Copula) die Form des Urteils nennen. In jedem Wesen sind die Bestandstücke desselben (essentialia) die Materie; die Art, wie sie in einem Dinge verknüpft sind, die wesentliche Form. Auch wurde in Ansehung der Dinge überhaupt unbegrenzte Realität als die Materie aller Möglichkeit, Einschränkung derselben aber {Negation) als diejenige Form angesehen, wodurch I sich ein Ding vom anderen nach transzendentalen Begriffen unterscheidet. Der Verstand nämlich verlangt zuerst, daß etwas gegeben sei, (weniglstens im Begriffe,) um es auf gewisse Art bestimmen zu können. Daher geht im Begriffe des reinen Verstandes die Materie der Form vor, und Leibniz nahm um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und innerlich eine Vorstellungskraft derselben, um danach das äußere Verhältnis derselben und die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen) darauf zu gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur durch das Verhältnis der Substanzen, diese durch die Verknüpfung der Bestimmungen derselben untereinander, als Gründe und Folgen, möglich. So würde es auch in der Tat sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar auf Gegenstände bezogen werden könnte, und wenn Raum und Zeit Bestimmungen der Dinge an sich selbst wären. Sind es aber nur sinnliche Anschauungen, in denen wir alle Gegenstände lediglich als Erscheinungen bestimmen,
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 315 so geht die Form der Anschauung (als eine subjektive Beschaffenheit der Sinnlichkeit) vor aller Materie (den Empfindungen), mithin Raum und Zeit vor allen Erscheinungen und allen datis der Erfahrung vorher, und macht diese vielmehr allererst möglich. Der Intellektualphilosoph konnte es nicht leiden: daß die Form vor den Dingen selbst vorhergehen, und dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte; eine ganz richtige Zensur, wenn er annahm, daß wir die Dinge anschauen, wie sie sind, (obgleich mit verworrener I Vorstellung). Da (A 268) aber die sinnliche Anschauung eine ganz besondere subjektive Bedinlgung ist, welche aller Wahrnehmung (B 324) apriori zum Grunde liegt, und deren Form ursprünglich ist 1); so ist die Form für sich allein gegeben, und, weit gefehlt, daß die Materie (oder die Dinge selbst, welche erschienen 2)) zum Grunde liegen 8ollte 3) (wie man nach bloßen Begriffen urteilen müßte), so setzt die Möglichkeit derselben vielmehr eine formale Anschauung (Zeit und Raum) als gegeben voraus. Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe 20 Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in der Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande erteilen, den transzendentalen Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle, die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt, und die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen, die transzenden tal e Top i k; eine Lehre, die vor Erschleichungen des reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich bewahren würde, indem sie jederzeit 30 unterschiede, welcher Erkenntniskraft die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen jeden Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, einen logischen Ort nennen. Hierauf gründet sich die 1) Wille: "deren ursprüngliche Form ist". 2) Die vierte Originalausgabe: "erscheinen". I) A: "soUten". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 22
316 Elementarlehre. II. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang logische Topik des Aristoteles, deren sich Schullehrer und Redner bedienen konnten, um unter ge~~ ~~~j} Iwissen Titeln des Denkens I nachzusehen, was sich am besten für seine 1) vorliegende Materie schickte, und darüber, mit einem Schein von Gründlichkeit, zu vernünfteln, oder wortreich zu schwatzen. Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die sich dadurch von Kategorien 10 unterscheiden, daß durch jene nicht der Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, (Größe, Realität,) sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor dem Begriffe von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit dargestellt wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst einer Überlegung, d. i. einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt. 20 Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als N oumena für den Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst transzendentale überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte ~~ ~~g~ lsynlthetische Grundlsätze, welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer 2 ) transzendentalen Amphibolie, d. i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erscheinung, gründen. In Ermanglung einer solchen transzendentalen Topik, und mithin durch die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der berühmte Leibniz 1) 5. Aufl.: "eine"; Grillo: "die"; Erdmann: "ihre". 2) Vorländer: "auf eine".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 317 ein intellektuelles System der Welt, oder glaubte vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle Gegenstände nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen Begriffen seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe schafft uns den unerwarteten Vorteil, das Unterscheidende seines Lehrbegriffs in allen seinen Teilen, und zugleich den leitenden Grund dieser eigentümlichen Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts, als einem Mißverstande, beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch 10 Begriffe miteinander, und fand, wie natürlich, keine anderen Verschiedenheiten, als die, durch welche der Verstand seine reinen Begriffe voneinander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, die ihre eigenen Unterschiede bei sich führen, sah er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm nur eine verworrene Vorstellungsart, und kein besonderer Quell der Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich selbst, obgleich von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen Form{(A 271) I nach, unterschieden, I da nämlich jene, bei ihrem ge- (B 327) wöhnlichen Mangel der Zergliederung, eine gewisse Vermischung von Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand davon abzusondern weiß. Mit einem Worte: Leibniz intellektuierte die Erscheinungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe nach einem System der Noogonie (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser Ausdrücke zu bedienen,) insgesamt sensifiziert, d.i. für nichts, als empirische, oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte. An- 30 statt im Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen von Vorstellungen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objektiv gültig von Dingen urteilen könnten, hielt 1) sich ein jeder dieser großen Männer nur an eine von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittelbar auf Dinge an sich selbst bezöge, indessen daß die andere nichts tat 2), als die Vorstellungen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen. 1) A: "hielte". 11) Görland: "täte". 22*
318 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch. Anhang Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge überhaupt bloß im Verstande untereinander. Erstlich, sofern sie von diesem als einerlei oder verschieden geurteilt werden sollen. Da er also lediglich ihre Begriffe, und nicht ihre Stelle in der Anschauung, darin die Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte, und den transzendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objekt unter Erscheinungen, oder unter Dinge an sich selbst zU zählen sei,) gänzlich (A 272) aus der acht ließ, so konnte I es nicht anders ausfallen, (B 328) als daß er I seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden, der bloß von Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch auf die Gegenstände der Sinne (mundus phaenomenon) ausdehnte, und der Naturerkenntnis dadurch keine geringe Erweiterung verschafft zu haben glaubte. Freilich, wenn ich einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich selbst nach allen seinen inneren Bestimmungen kenne, so kann ich keinen derselben von dem anderen für verschieden gelten lassen, wenn der ganze Begriff 20 desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume, so hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume), und da sind die physischen Örter, in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge, ganz gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem anderen in dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, ebensowohl aufnehmen, als wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die Verschiedenheit der Örter macht die Vielheit und Unter30 scheidung der Gegenstände, als Erscheinungen, ohne weitere Bedingungen, schon für sich nicht allein möglich, sondern auch notwendig. Also ist jenes scheinbare Gesetz kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine analytische Regel oder1 ) Vergleichung der Dinge durch bloße Begriffe. Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße (A 273) Bejahungen) einander niemals logisch widerstreiten, I ist (B 329) ein ganz wahrer Satz von dem Verhältnisse der I Be1) 4. Auf!.: "der".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 319 griffe, bedeutet aber, weder in Ansehung der Natur, noch überall in Ansehung irgendeines Dinges an sich selbst, (von diesem haben wir keinen!) Begriff,) das mindeste. Denn der reale Widerstreit findet allerwärts statt, wo A - B = 0 ist, d. i. wo eine Realität mit der anderen, in einem Subjekt verbunden, eine die Wirkung der anderen aufhebt, welches alle Hindernisse und Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich vor Augen legen, die gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates phaenomena genannt werden müssen. Die allgemeine 10 Mechanik kann sogar die empirische Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel apriori angeben, indem sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht: eine Bedingung, von welcher der transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß. Obzwar Herr von Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch desselben zu neuen Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in ihre Leibniz-W olfianischen 2) Lehrgebäude ein. Nach diesem Grundsatze sind z. E. 20 alle übel nichts als Folgen von den Schranken der Geschöpfe, d. i. Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende der Realität sind, (in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch wirklich so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen). Imgleichen finden die Anhänger desselben es nicht allein möglich, sondern auch natürlich, alle Realität, ohne{(B 330) irgendeinen besorglichen Widerstreit, I in I einem Wesen CA 274) zu vereinigen, weil sie keinen anderen, als den desWiderspruchs (durch den der Begriff eines Dinges selbst auf- 30 gehoben wird), nicht aber den des wechselseitigen Abbruchs kennen, da ein Realgrund die Wirkung des anderen aufhebt, und dazu wir nur in der Sinnlichkeit die Iledingungen antreffen, uns einen solchen vorzustellen. Drittens, die Leibnizische Monadologie hat gar keinen anderen Grund, als daß dieser Philosoph den 1) A: "gar keinen". 11) Orig.: "Leibnitzwolfianische".
320 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang Unterschied des Inneren und Äußeren bloß im Verhältnis auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen überhaupt müssen etwas Inneres haben, was also von allen äußeren Verhältnissen, folglich auch der Zusammensetzung, frei ist. Das Einfache ist also die Grundlage des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere aber ihres Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder Bewegung, (welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind,) bestehen, und wir können 10 daher den Substanzen keinen anderen inneren Zustand, als denjenigen, wodurch wir unseren Sinn selbst innerlich bestimmen, nämlich den Zustand der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die Monaden fertig, welche den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen sollen, deren tätige Kraft aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch sie eigentlich bloß in sich selbst wirksam sind. Eben darum mußte aber auch sein Principium der B 331)}mög lichen Gemeinschaft der Substanzen unter~A 275) einanjder eine vor/herbe stimmte Harmonie, und konnte kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur innerlich, d. i. mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand der Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz in ganz und gar keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgendeine dritte und in alle insgesamt einfließende Ursache ihre Zustände einander korrespondierend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen und in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand (systema assisten30 tiae), sondern durch die Einheit der Idee einer für alle gültigen Ursache, in welcher sie insgesamt ihr Dasein und Beharrlichkeit, mithin auch wechselseitige Korrespondenz untereinander, nach allgemeinen Gesetzen bekommen müssen. Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum, darin er diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte, war lediglich aus eben derselben Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen. Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Ver40 hältnisse der Dinge vorstellen will, so kann dieses nur
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 321 vermittelst eines Begriffs ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand ebendesselben Dinges mit einem anderen Zustande verknüpfen, so kann dieses nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So dachte sich also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft der Substanzen, und die Zeit als die dynamische Folge ihrer{(B 332} Zustände. Das Eigentümliche I aber, und von I Dingen (A 276) Unabhängige, was beide an sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit dieser Begriffe zu, 10 welche machte 1), daß dasjenige, was eine bloße Form dynamischer Verhältnisse ist, für eine eigene für sich bestehende, und vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten wird. Also waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge (Substanzen und ihrer Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber waren intelligible Substanzen (substantiae noumena). Gleichwohl wollte er diese Begriffe für Erscheinungen geltend machen, weil er der Sinnlichkeit keine eigene Art der Anschauung zugestand, sondern 20 alle, selbst die empirische Vorstellung der Gegenstände, im Verstande suchte, und den Sinnen nichts als das verächtliche Geschäft ließ, die Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu verunstalten. \Venn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten, (welches gleichwohl unmöglich ist,) so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen 2) werden können. Ich werde also in diesem letzteren Falle in der 30 transzendentalen überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein; was die Dinge an sich sein mögen, weiß I ich (A 277) nicht, und brauche es auch nicht I zu wissen, weil mir (B 333) doch niemals ein Ding anders, als in der Erscheinung vorkommen kann. 1) Vorländer: "macht". 2) Valentiner: "bezogen".
322 10 20 (A 278) (B 334) 30 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie ist substantia phaenomenon. Was ihr innerlich zukomme, suche ich in allen Teilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen, die sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin-, sondern lauter Komparativ-Innerliches, das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen besteht. Allein, das scWechthin, dem reinen Verstande nach, Innerliche der Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist überall kein Gegenstand für den reinen Verstand, das transzendentale Objekt aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir können nichts verstehen, als was ein unseren Worten Korrespondierendes in der Anschauung mit sich führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der Dinge gar nich t ein, so viel bedeuten sollen, als, wir begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mögen; so sind sie ganz unbillig und unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen, mithin anschauen könne, folglich daß wir ein von dem menschlichen nicht bloß dem Grade, I sondern sogar der Anschauung und I Art nach, gänzlich unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben können, ob sie einmal möglich, viel weniger, wie sie beschaffen sind. Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, da!) es uns 2) nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt I) A: "und". 2) K an t (Nachträge S. 45 u.): "weil uns".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 323 mit einer anderen Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die wir sogar uns selbst nur durch inneren 1) Sinn, mithin als Erscheinung, kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen, aufzufinden, deren nichtsinn- 10 liche Ursache wir doch gern erforschen wollten. Was diese Kritik der ScWüsse, aus den bloßen Handlungen der Reflexion, überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller ScWüsse über Gegenstände, die man lediglich im Verstande miteinander vergleicht, deutlich dartut, und dasjenige zugleich bestätigt, Was{(A 279) wir 11 hauptsächlich eingeschärft haben: daß, obgleich (B 335) Erscheinungen nicht als Dinge an sich selbst unter den Objekten des reinen Verstandes mit begriffen sind, sie doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntnis 20 objektive Realität haben kann, nämlich, wo den Begriffen Anschauung entspricht. Wenn wir bloß logisch reflektieren, so vergleichen wir lediglich unsere Begriffe untereinander im Verstande, ob beide eben dasselbe enthalten, ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem Begriffe innerlich enthalten sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher von beiden gegeben, welcher aber nur als eine Art, den gegebenen zu denken, gelten soll. Wende ich aber diese Begriffe auf einen Gegenstand über- 30 haupt (im transz. Verstande) an, ohne diesen weiter zu bestimmen, ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellektuellen Anschauung sei, so zeigen sich sofort Einschränkungen (nicht aus diesem Begriffe hinauszugehen), welche allen empirischen Gebrauch derselben verkehren 2), und eben dadurch beweisen, daß die Vor1) Vorländer: "durch den innem". 11) F. Medicus bei Vaihinger: "Einschränkungen (aus ... nicht· empirischen kungen (nicht aus verwehren"; Vaihinger: "Einschrännicht empirischen ... verwehren".
324 Elementarlehre. H. Teil. r. Abt. Ir. Buch. Anhang stellung eines Gegenstandes, als Dinges überhaupt, nicht etwa bloß unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben, und, unabhängig von empirischer Bedingung, in sich selbst widerstreitend sei, daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahieren (in der Logik), oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der sinnlichen Anschauung denken müsse, mithin das Intelligible eine ganz besondere 1 ) Anschauung, (B 336) die I wir nicht haben, erfordern würde, und in Ermang(A 280) lung derselben für uns nichts sei, dalgegen aber auch die Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst sein können. Denn, wenn ich mir bloß Dinge überhaupt denke, so kann freilich die Verschiedenheit der äußeren Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit der Sachen selbst ausmachen, sondern setzt diese vielmehr voraus, und, wenn der Begriff von dem Einen innerlich von dem des Andern gar nicht unterschieden ist, so setze ich nur ein und dasselbe Ding in verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch Hinzukunft einer bloßen 20 Bejahung (Realität) zur anderen, wird ja das Positive vermehrt, und ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann das Reale in Dingen überhaupt einander nicht widerstreiten, usw. * * * Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch, daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu einem vermeinten System intellektueller Erkenntnis, welches seine Gegenstände ohne Dazukunft der Sinne 30 zu bestimmen unternimmt, zu verleiten imstande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung falscher Grundsätze, von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes zuverlässig zu bestimmen und zu sichern. 1) A: "sondere".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 325 I Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein (B 337) zukommt, oder widerspricht, das kommt auch zu, oder I widerspricht, allem Besonderen, was unter jenem Be- (A 281) griff enthalten ist; (dictum de Omni et Nullo;) es wäre aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, daß er so lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten ist, das ist auch in den besonderen nicht enthalten, die unter demselben stehen; denn diese sind eben darum besondere Begriffe, weil sie mehr in sich enthalten, als im allgemeinen gedacht 10 wird. Nun ist doch wirklich auf diesen letzteren Grund· satz das ganze intellektuelle System Leibnizens erbaut; es fällt also zugleich mit demselben, samt aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit im Verstandesgebrauche. Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch nicht in den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle 20 Dinge völlig einerlei (numero eadem), die sich nicht schon in ihrem Begriffe (der Qualität oder Quantität nach) voneinander unterscheiden. Weil aber bei dem bloßen Begriffe von irgendeinem Dinge von manchen notwendigen Bedingungen einer!) Anschauung abstrahiert worden, so wird, durch eine sonderbare Übereilung, das, wovon abstrahiert wird, dafür genommen, daß es überall nicht anzultreffen sei, und dem Dinge nichts (B 338) eingeräumt, als was in seinem Begriffe enthalten ist. I Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag (A 282) mir diesen denken, wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei Kubikfüße sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden (numero diversa); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das Objekt dieses Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch zur ganzen Sinnlichkeit gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe von einem Dinge gar kein Widerstreit, wenn I) Erdmann: "seiner".
326 Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang nichts Verneinendes mit einem Bejahenden verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können, in Verbindung, gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen Anschauung, darin Realität (z. B. Bewegung) gegeben wird, finden sich Bedingungen (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe der Bewegung überhaupt abstrahiert war, die einen Widerstreit, der freilich nicht logisch ist, nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0 möglich machen, und man 10 konnte 1 ) nicht sagen: daß darum alle Realität untereinander Einstimmung~) sei, weil unter ihren Begriffen kein Widerstreit angetroffen wird *). Nach bloßen Be~~ ~~:n griffen I ist das Innere das Sublstratum aller Verhältnis 3) oder äußeren Bestimmungen. Wenn ich also von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere, und mich lediglich an den Begriff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich von allem äußeren Verhältnis abstrahieren, und es muß dennoch ein Begriff von dem übrigbleiben, das gar kein Verhältnis, sondern bloß 20 innere Bestimmungen bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus: in jedem Dinge (Substanz) sei etwas, was schlechthin innerlich ist, und allen äußeren Bestimmungen vorgeht, indem es sie allererst möglich macht, mithin sei dieses Substratum so etwas, das keine äußeren Verhältnisse mehr in sich enthält, folglich einf ach: *) Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen: daß wenigstens realitateB Nowmena einander nicht entgegenwirken können, so müßte man doch ein Beispiel von (B 339) dergleichen reiner und sinnenfreier Realität anlführen, damit man verstände, ob eine solche überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann kein Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die niemals mehr als Phänomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz nichts weiter, als daß der Begriff, der lauter Bejahungen enthält, nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, an dem wir niemals gezweifelt haben. 1) Erdmann: "könnte". 2) Hartenstein: "in Einstimmung". 3) Hartenstein: "Verhältnis-"; Valentiner: "Verhält- nisse".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 327 (denn die körperlichen Dinge sind doch immer nur Verhältnisse, wenigstens der Teile außereinander ;) und weil wir keine schlechthin inneren Bestimmungen kennen, als die durch unseren inneren Sinn, so sei dieses Substratum nicht allein einfach, sondern auch (nach der Analogie mit unserem inneren Sinn) durch Vor s t e lIungen bestimmt, d. i. alle Dinge wären eigentllich Monaden, oder mit Vorstellungen begabte einfache Wesen. Dieses würde auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte nicht etwa mehr, als der Begriff von einem Dinge überhaupt, zu den Bedingungen, I unter denen allein uns Gegenstände der äußeren Anschauung gegeben werden können, und von denen der reine Begriff abstrahiert. Denn da zeigt sich, daß eine beharrliche Erscheinung im Raume (undurchdringliche Ausdehnung) lauter Verhältnisse, und gar nichts schlechthin Innerliches enthalten, und dennoch das erste Substratum aller äußeren Wahrnehmung sein könne. Durch bloße Begriffe kann ich freilich ohne etwas Innerem l ) nichts Äußeres denken, eben darum, weil Verhältnisbegriffe doch schlechthin gegebene Dinge voraussetzen, und ohne diese nicht möglich sind. Aber, da in der Anschauung etwas enthalten ist, was im bloßen Begriffe von einem Dinge überhaupt gar nicht liegt, und dieses das Substratum, welches durch bloße Begriffe gar nicht erkannt werden würde, an die Hand gibt, nämlich, ein 2 ) Raum, der, mit allem, was er enthält, aus lauter formalen, oder auch realen Verhältnissen besteht, so kann ich nicht sagen: weil, ohne ein Schlechthininneres, kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden kann, so sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen enthalten sind., und ihrer Anschauung nichts Äußeres, dem nicht etwas Schlechthininnerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiert haben, so I bleibt uns freilich im bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das Verhältnis desselben untereinander, I) 4. Ausgabe: "Inneres". 2) Mellin: "einen". (B 340) 10 (A 284) 20 BQ (B 341)
328 (A 285) 10 20 (B 342) 30 (A 286) Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. 11. Buch. Anhang wodurch allein das Äußere möglich ist. Diese Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion gründet, findet nicht bei den Dingen statt, I sofern sie in der Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden, die bloße Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu haben, darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich Erscheinungen sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind lauter Verhältnisse, (das, was wir innere Bestimmungen derselben nennen, ist nur komparativ innerlich;) aber es sind darunter selbständige und beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Gegenstand gegeben wird. Daß ich, wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahiere, gar nichts weiter zU denken habe, hebt den Begriff von einem Dinge, als Erscheinung, nicht auf, auch nicht den Begriff von einem Gegenstande in abstracto, wohl aber alle Möglichkeit eines solchen, der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d. i. eines Noumenon. Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz und gar aus Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch bloße Erscheinung, und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht werden; es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt zu den Sinnen. Ebenso kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto, wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders denlken, als daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem anderen sei; denn das ist unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da wir alsdann von aller Anschauung abstrahieren, so fällt eine ganze Art, wie das Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann, nämlich die Form der Sinnlichkeit (der I Raum), weg, der doch vor aller empirischen Kausalität vorhergeht. Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge verstehen, die durch reine Kategorien, ohne alles Schema der Sinnlichkeit, gedacht 1) werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die Bedingung des objektiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbe') Kaut (Nachträge CL): "von uns erkannt".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 329 griffe ist bloß die Art unserer sinnlichen Anschauung, wodurch uns Gegenstände gegeben werden, und, wenn wir von der letzteren abstrahieren, so haben die ersteren gar keine Beziehung auf irgendein Objekt. Ja, wenn man auch eine andere Art der Anschauung, als diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden doch unsere Funktionen zu denken in Ansehung derselben von gar keiner Bedeutung sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer nichtsinnlichen Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich nicht gelten, und von denen wir also gar keine Erkenntnis (weder Anschauung, noch Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in dieser bloß negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn nichts anderes sagen. als: daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle Dinge, sondern bloß auf Geigenstände unserer Sinne geht, folglich ihre objektive Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgendeine andere Art Anschauung, und also auch für Dinge als Objekte derselben, Platz übrigbleibt. Aber alsdann ist der Begriff eines Noumenon problematisch, d. i. die Vorstellung eines Dinges, von dem wir weder I sagen können, daß es möglich, noch daß es unmöglich sei, indem wir gar keine Art der Anschauung, als unsere sinnliche kennen, und keine Art der Begriffe, als die Kategorien, keine von beiden aber einem außersinnlichen Gegenstande angemessen ist. Wir können daher das Feld der Gegenstände unseres Denkens über die Bedingungen unserer Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern, und außer den Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens, d. i. Noumena, annehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben. Denn man muß von den Kategorien eingestehen: daß sie allein noch nicht zur Erkenntnis der Dinge an sich selbst zureichen, und ohne die data der Sinnlichkeit bloß subjektive Formen der Verstandeseinheit, aber ohne Gegenstand, sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Produkt der Sinne, und sofern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauche, ohne Beitritt der Sinn- 10 (B 343) 20 (A 287) 30 40
330 (B 344) 10 (A 288) 20 30 (B 345) Elementarlehre. H. Teil. I. Abt. II. Buch. Anhang lichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann auch das Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet eben den problematischen Begriff von einem Gegenstande tür ejne ganz anldere Anschauung 1) und einen ganz anderen Verstand, als der unsrige, der mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also nicht der Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe, ob es nicht von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben möge, I welche Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich: daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne Unterschied geht, für mehr und andere Gegenstände Platz übrigbleibe, sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermanglung eines bestimmten Begriffs aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als Gegenstände für unseren Verstand behauptet werden können. Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein eigenes Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich nicht anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als Realität, noch als Substanz usw. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen;) wovon also völlig unbekannt ist, ob es in uns, oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit zugleich 2) aufgehoben werden, oder wenn wir jene I wegnehmen, noch übrigbleiben würde. Wollen wir dieses Objekt Noumenon nennen, darum, weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so steht dieses uns frei. Da wir aber keine 3 ) von unseren Verstandesbegriffen darauf anwen1) A: "vor eine ganz andere Anschauung"; Kant (Nachträge S. 45 u.): "vor einer ganz anderen Anschauung". 2) "zugleich" fehlt in Ak.-Ausg. a) Erdmann: "keinen".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 331 den können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer, und dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu Ibezeichnen, und einen Raum übrig (A 289) zu lassen, den wir weder durch mögliche Erfahrung, noch durch den reinen Verstand ausfüllen können. Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein neues Feld von Gegenständen, außer denen, die ihm als Erscheinungen vorkommen können, zu schaffen, und in intelligible Welten, sogar nicht einmal in ihren Begriff, auszuschweifen. Der Fehler, wel- 10 eher hierzu auf die allerscheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt, obgleich nicht gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der Gebrauch des Verstandes, wider seine Bestimmung, transzendental gemacht 1), und die Gegenstände, d. i. mögliche Anschauungen, sich nach Begriffen, nicht aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als auf denen allein ihre objektive Gültigkeit beruht) richten müssen. Die Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die Apperzeption, und, mit ihr, das Denken vor aller möglichen bestimmten 20 Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt, und bestimmen es einerseits sinnlich, allein unlterscheiden doch den allgemeinen und (B 346) in abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauen; da bleibt uns nun l ) eine Art,. ihn bloß durch Denken zu bestimmen, übrig, welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns aber dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an sich existiere (Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, 30 welche auf unsere Sinne eingeschränkt ist. * * * I Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, (A 290) müssen wir noch etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit, dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen dürfte. 1) Erdmann: "gemacht wird". I) Erdmann: "nur". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 23
332 10 (B 347) 20 (A 291) BO (B 348) Elementarlehre. 11. Teil. 1. Abt. II. Buch. Anhang Der höchste Begriff, von dem man eine Transzendentalphilosophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die Einteilung in das Mögliche und Unmögliche. Da aber alle Einteilung einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß noch ein höherer angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob er Etwas oder Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei, nach der Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen. I 1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles aufhebt, d. i. Keines, entgegengesetzt, und so istl) der Gegenstand eines Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung korrespondiert, = Nichts, d. i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena, die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch darum nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis,) oder wie etwa gewisse neue Grundkräfte, die man I sich denkt, zwar ohne Widerspruch, aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht werden 2), und also nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen. 2. Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich, ein Begriff von dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte, (nihil privativum). 3. Die bloße Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als Erscheinung), wie der reine Raum, und die reine Zeit, die zwar Etwas sind, als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände sind, die angeschaut werden (ens imaginarium) 3). I 4. Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist Nichts, weil der Begriff Nichts ist, das 1) Wille: "ist so". ") A: "worden". 8) ,,(ens imaginarium)" steht in A 3 Z. oberh. hinter "Zeit".
Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe 333 Unmögliche, wie etwa die geradlinige Figur von zwei Seiten, (n'ihil negativum). Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Ni c h ts (denn die dieser gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber,)' würde daher so angelegt werden müssen: Nichts, (A 292) als 1. Leerer Begriff ohne Gegenstand, ens rationis. 2. Leerer Gegenstand eines Begriffs, nihil privativum. 10 3. Leere Anschauung ohne Gegenstand, ens imag'inarium. 4. Leerer Gegenstand ohne Begriff, nihil negativum. Man sieht, daß das Gedankending (n. 1.) von dem Undinge (n.4.) dadurch unterschieden werde, daß jenes 20 nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist, indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind I aber (B 349) leere Begriffe. Dagegen sind das nihil privativum (n. 2.) und ens imaginarium (n. 3.) leere Data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so kann man sich auch keine Finsternis, und, wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Raum vorstellen. Die Negation sowohl, als die bloße Form der 30 Anschauung, sind, ohne ein Reales, keine Objekte. 23*
334 (A 293) Elementar!. H. Teil. H. Abt. Transzendentale Dialektik I Der transzendentalen Logik Zweite Abteilung Die transzendentale Dialektik Einleitung I Vom transzendentalen Schein 10 (B 3&0) 20 (A 294) 30 Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt. Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist, und mithin 1) von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden muß. Noch weniger dürfen Ersch einung und Schein für einerlei ge\halten werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren, aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile, d. i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserem Verstande anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen durchgängig zusam\menstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum. Keine Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne Einfluß einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der erstere darum nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt, die Wirkung (das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen muß. In 1) Grillo: "ist, mithin".
Einleitung 335 der Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil, weder ein wahres, noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden Erkenntnisquellen keine anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf den Verstand bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjektiven Gründel) des Urteils I mit den objektiven zusammenfließen, und diese von ihrer Bestimmung abweichend machen *), so wie ein bewegter Körper zwar für sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde, die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung zugleich auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die eigentümlliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige Urteil als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das Urteil nach zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam einen Winkel einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in reinen Urteilen apriori durch transzendentale Überlegung geschehen muß, wodurch (wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden wird. Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z. B. dem optischen) zu handeln, der sich bei Idem empirischen Gebrauche sonst richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die Urteilskraft, durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern wir haben es mit dem transzendentalen (B 351) 10 (A 296) 20 (B 352) *) Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das (B 301) Objekt, worauf dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. Eben dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst einfließt, und ihn zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums. 1) A: "dafl subjektive Gründe".
336 Elementar!. H. Teil. H. Abt. Transzendentale Dialektik Scheine allein zu tun, der auf Grundsätze einfließt, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst, wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich über den empirischen Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in (A 296) den Schranken I möglicher Erfahrung hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug achthat ; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle jene Grenzpfähle niederzureißen 20 und sich 1) einen ganz neuen Boden, der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind transzendental und transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem und nicht von (B 353) transzendenltalem, d. i. über die Erfahrungsgrenze hinausreichendem Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese Schranken wegnimmt, ja gar sie zu überschreiten gebietet 2), heißt transzenden t. Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser angemaßten Grund30 sätze aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit den letzteren, immanente Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können. Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem Mangel der Achtsamkeit 1) Erdmann: "uns". 2) A: ,,ja gar gebietet, sie zu überschreiten",. 4. Auf!.: "sie überschreiten gebietet".
Einleitung 337 auf die logische Regel. Sobald daher diese auf den vorlielgenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale Kritik deutlich eingesehen hat. (Z. B. der Schein in dem Satze: die Welt muß der Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon ist diese, daß in unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches Erkenntnisvermögen betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und wodurch es geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen Verknüpfung unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine objektive Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst, gehalten wird. Eine 111 u s ion, die gar nicht zu vermeiden ist, so I wenig als wir es vermeiden können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher scheine, wie an dem Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als diesel) sehen, oder, noch mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern kann, daß ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich durch diesen Schein nicht betrogen wird. Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den Schein transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten, daß er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar verschwinde, und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals belwerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt, anstatt daß die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten Scheine, in Nachallmung derselben, zu tun hat. Es gibt also eine natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen, selbst 1) Kirchmann: "dieses" (A 297) 10 (B 354) 20 (A 298) 30
338 Elementar!. H. Teil. H. Abt. Transzendentale Dialektik verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen Vernunft unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr vorzugaukeln (B 355) und sie I unablässig in augenblickliche Verirrungen zu stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen. II 10 Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins A Von der Vernunft überhaupt Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die (A 299) höchste Einlheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten Erkenntniskraft 1) eine Erklärung geben soll, so finde ich mich in einiger Verlegenheit. 20 Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen bloß formalen, d. i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere Vermögen ist nun freilich vorlängst von den Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt worden; das zweite aber, welches selbst 30 Begriffe erzeugt, wird dadurch noch nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein 10(B 3M) gisches und I transzendentales Vermögen vorkommt, sO muß ein höherer Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide Begriffe unter sich be1) Hartenstein: "Erkenntnisart".
Einleitung 339 faßt, indessen wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich den Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand geben werde. Wir erklärten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik, den Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir die Vernunft von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der Prinzipien nennen wollen. I Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium ist. Ein jeder allgemeiner l ) Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung (durch Induktion) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem Vernunftschlusse dienen; er ist darum aber nicht selbst ein Prinzipium. Die mathematischen Axiome Cz. B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein,) sind sogar allgemeine Erkenntnisse apriori, und werden daher mit Recht, relativisch auf die Fälle, die unter ihnen subsumiert werden können, Prinzipien genannt. Aber ich kann darum doch nicht sagen, daß ich diese Eigenschaft der geraden Linien!) überlhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern nur in der reinen Anschauung. Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht, daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm nach einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand dergleichen allgemeine Sätze apriori darbietet, so können diese denn auch, in An1) Rosenkranz: "allgemeine". 2) 3. Aufl.: "Linie". 10 (A 300) 20 (B 357) 30
340 Elementar!. II. Teil. II. Abt. Transzendentale Dialektik sehung ihres möglichen Gebrauchs, Prinzipien genannt werden. (A 301) I Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an sich selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal apriori möglich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung, (in der Mathematik,) oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung überhaupt herbeizögen. Daß alles, was ge10 schleht, eine Ursache habe, kann gar nicht aus dem Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen werden; vielmehr zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne. Synthetische Erkenntnisse aus Begrifffen kann der Verstand also gar nicht verschaffen, und diese sind es (B 358) I eigentlich, welche ich schlechthin Prinzipien nenne; indessen, daß alle allgemeinen Sätze überhaupt komparative Prinzipien heißen können. 20 Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal in Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal, statt der endlosen Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen möge; denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie man sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur Einschränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf etwas, was gänzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir 30 durch jene Begriffe selbst die Ursache sein können. (A 302) Wie aber Gegenstände an sich selbst, wie I die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches, wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag aber hiermit bewandt sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir die Untersuchung noch vor uns,) so erhellt wenigstens daraus: daß Erkenntnis aus Prinzipien (an sich selbst) ganz etwas anderes sei, als bloße Verstandeserkenntnis, die zwar 40 auch anderen Erkenntnissen in der Form eines Prin-
Einleitung 341 zips vorgehen kann, an sich selbst aber (sofern sie synthetisch ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines nac}1 Begriffen in sich enthält. Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der (B 309) Erscheinungen vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. SOl) geht also niemals zunächst auf Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit apriori durch Begriffe 10 zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag, und von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden kann. Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit er, bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben werden sollen), hat begreiflich gemacht werden können. IB (A 303) Vom logischen Gebrauche der Vernunft Man macht einen Unterschied zwischen dem, was 20 unmittelbar erkannt, und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar erkannt; daß diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist nur geschlossen. Weil wir des Schließens beständig bedürfen und es dadurch endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen Unterschied nicht mehr, und halten oft, wie bei dem sogenannten Betruge der Sinne, etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur geschlossen haben. 30 Bei jedem Schlusse I ist ein Satz, der zum Grunde (B 360) liegt, und 2) ein anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, und 2 ) endlich die Schlußfolge (Konsequenz), nach welcher die Wahrheit des letzteren unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft 1) A: "Sie". t) "und" fehlt in A.
342 Elementar!. H. Teil. 11. Abt. Transzendentale Dialektik ist. Liegt das geschlossene Urteil schon so in dem ersten, daß es ohne Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann, so heißt der Schluß unmittelbar (consequentia immediata) ; ichmöchte ihn lieber den Verstandesschluß nennen. Ist aber, außer der zum Grunde gelegten Erkenntnis, noch ein anderes Urteil nötig, um die Folge zu bewirken, so heißt der Schluß ein Vernunftschluß. In dem Satze: alle Menschen sind sterblich, liegen schon die Sätze: einige 10 Menschen sind sterblich, einiget) Sterbliche sind Men(A 304) schen, nichts 2), was unsterblich ist, ist I ein Mensch, und diese sind also unmittelbare Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrten sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urteile (denn der Begriff der 3) Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst eines Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden. In jedem Vernunftsschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch den Verstand. Zweitens sub20 sumiere ich ein Erkenntnis unter die Bedingung der Regel tminor) vermittelst der Urteilskraft. Endlich bestimme ich mein Erkenntnis durch das Prädikat (B 361) der Regel. I (conclusio), mithin apriori durch die Vernun ft. Das Verhältnis also, welches der Obersatz, als die Regel, zwischen einer Erkenntnis und ihrer Bedingung vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. Sie sind also gerade dreifach, so wie alle Urteile überhaupt, sofern sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verhältnis des Erkennt30 nisses im Verstande ausdrücken, nämlich: ka tegorische oder hypothetische oder disjunktive Vernunftschlüsse. Wenn, wie mehrenteils geschieht, die Konklusion als ein Urteil aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen Urteilen, durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird, fließe: so suche 1) A: "oder einige". 2) A: "oder nichts". 3) 4. Aufi.: "des".
Einleitung 343 ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes auf, ob sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach einer allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine I solche Bedingung und läßt sich das Ob- (A 305) jekt des Schlußsatzes unter der gegebenen 1) Bedingung subsumieren, so ist dieser aus der Regel, die auch für andere Gegenstände der Erkenntnis gilt, gefolgert. Man sieht daraus: daß die Vernunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntnis 2) des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien (all- 10 gemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche. !C (B 362) Von dem reinen Gebrauche der Vernunft Kann man die Vernunft isolieren, und ist sie alsdann noch ein eigener Quell von Begriffen und Urteilen, die lediglich aus ihr entspringen, und dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß subalternes Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu geben, welche logisch heißt, und wodurch die Ver- 20 standeserkenntnisse nur einander und niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung die Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden, so viel sich durch die Vergleichung derselben will bewerkstelligen lassen? Dies ist die Frage, mit der wir uns jetzt nur vorläufig beschäftigen. In der Tat ist Mannigfaltigkeit der Regeln und Einheit der Prinzipien eine Forderung der Vernunft, um den Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen, so wie der Verstand das Mannigfaltige der 30 Anschauung unter Begriffe und dadurch jene 3) in VerIknüpfung bringt. Aber ein solcher Grundsatz schreibt (A 306 ) den Objekten kein Gesetz vor, und enthält nicht den Grund der Möglichkeit, sie als solche überhaupt zu 1) Valentiner: "die gegebene". 2) Vorländer: "Erkenntnisse". I) Erdmann: d. h. "die Anschauung" oder "jenes"?
344 Elementar!. II. Teil. 11. Abt. Transzendentale Dialektik erkennen und zu bestimmen, sondern ist bloß ein subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres Verstandes, durch Vergleichung seiner Begriffe, den allgemeinen Gebrauch derselben auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne daß man deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Ein(B 363) helligkeit, die I der Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue, zu fordern, und jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben, berech10 tigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft an sich d. i. die reine Vernunft apriori synthetische 1) Grundsätze und Regeln enthalte, und worin diese Prinzipien bestehen mögen? Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das transzendentale Prinzipium derselben in der synthetischen Erkenntnis durch reine Vernunft beruhen werde. Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf An20 schauungen, um dieselbe 2) unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien), sondern auf Begriffe und Urteile. Wenn also reine Vernunft auch auf Gegenstände geht, so hat sie doch auf dieseS) und deren Anschauung keine unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen Urteile, welche (A 307) sich zunächst an die Sinne I und deren Anschauung wenden, um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist also nicht Einheit einer möglichen Erfahrung, sondern von dieser, als der Verstandesein30 heit, wesentlich unterschieden. Daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter und vorgeschriebener Grundsatz. Er macht die Einheit der Erfahrung möglich und entlehnt (B 364) nichts von der Vernunft, welche, ohlne diese Beziehung auf mögliche Erfahrung, aus bloßen Begriffen keine solche synthetische Einheit hätte gebieten können. 1) Erdmanr: "an sich, d. i 2) Harte n stei n: "dieselben". 3) A: "darauf". apriori, synthetische".
Einleitung 345 Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die allgemeine Bedingung ihres Urteils (des Schlußsatzes), und der Vernunftschluß ist selbst nichts anderes als ein Urteil, vermittelst der Subsumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel (Obersatz). Da nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung (vermittelst eines Prosyllogismus) gesucht werden muß, so lange es angeht, so sieht man wohl, der eigentümliche Grundsatz der Vernunft über- 10 haupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird. Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prinzipium der reinen Vernunft werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingunlgen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben, (A 308) (d. i. in dem Gegenstande und seiner Verknüpfung ent~~. W Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar synthetisch; denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgendeine Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus demselben auch verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon der reine Verstand I nichts weiß, als der nur mit Gegen- (B 365) ständen einer möglichen Erfahrung zu tun hat, deren Erkenntnis und Synthesis jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte aber, wenn es wirklich statthat, kann 1) besonders erwogen werden, nach allen den Bestimmungen, 30 die es von jedem Bedingten unterscheiden, und muß dadurch Stoff zu manchen synthetischen Sätzen apriori geben. Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringenden Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent sein, d. i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von demselben jemals gemacht werden können. Er wird sich 1) 4. Auf!.: "wird".
346 (A 309) 10 (B 366) 20 30 Elementar!. 11. Teil. 11. Abt. Transzendentale Dialektik also von allen Grundsätzen des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben,) gänzlich unterscheiden. Ob nun jener Grundsatz: daß sich die Reihe der Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens der Dinge überhaupt,) bis zum Unbedingten erstrecke, seine objektive Richtigkeit habe, oder nicht; welche Folgerungen daraus auf den empirischen Verstandesgebrauch I fließen, oder ob es vielmehr überall keinen dergleichen objektivgültigen Vernunftsatz gebe, sondern eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen zu immer höheren Bedingungen, der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntnis zu bringen; ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch einen Mißverstand I für einen transzendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilterweise von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postuliert; was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen in die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen worden, (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist,) und die von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen mögen: das wird unser Geschäft in der transzendentalen Dialektik sein, welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen Vernunft verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei Hauptstücke teilen, deren ersteres 1) von den transzendenten Begriffen der reinen Vernunft, das zweiteS) von transzendenten und dialektischen Vernunftsschlüssen derselben handeln soll. 1) A: "erstere". 2) A: "der zweite"; Erdmann: "zweite".
Von den Begriffen der reinen Vernunft 347 I Der transzendentalen Dialektik (A 310) Erstes Buch Von den Begriffen der reinen Vernunft Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für eine Bewandtnis haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflektierte, sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch apriori vor I der Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; (B 367) aber sie enthalten nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, insofern sie not- 10 wendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein gehören sollen. Durch sie allein wird Erkenntnis und Bestimmung eines Gegenstandes möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und vor ihnen gehen keine Begriffe apriori von Gegenständen vorher, aus denen sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre objektive Realität doch lediglich darauf: daß, weil sie die intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen, ihre Anwendung jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden können. 20 Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig: daß er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil er eine Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Teil ist, (vielleicht das Ganze I der möglichen Erfahrung oder (A 311) ihrer empirischen Synthesis,) bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe dienen zum B egreifen, wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der Wahrnehmungen). Wenn sie das Unbedingte enthalten, 30 so betreffen sie etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung führt, und wornach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzt und abmißt, niemals aber 1) I ein Glied der empirischen Synthesis aus- (B 368) 1) Hartenstein: "welches aber niemals"; Vorländer: "welches selbst aber niemals". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 24
348 Elementarlehre. H. Teil. 11. Abt. 1. Buch macht. Haben dergleichen Begriffe dessen ungeachtet, objektive Gültigkeit, so können sie conceptus ratiocinati (richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht, so sind sie wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen, und mögen conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden. Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir darauf noch nicht Rücksicht nehmen, son10 dern werden vorläufig, so wie wir die reinen Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der reinen Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie transzendentale Ideen nennen, diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen. (A 312) I Des e r s t e n B u c h s der t r ans zen cl e n tal e n Dialektik Erster Abschnitt Von den Ideen iiberhaupt Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet 20 sich doch oft der denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau anpaßt, und in dessen Ermanglung er weder anderen, noch sogar sich (B 369) selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter I zu schmieden, ist eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in einer toten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde, und wenn der alte Gebrauch des30 selben durch Unbehutsamkeit ihrer 1) Urheber auch etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung, die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen, (sollte es auch zweifelhaft bleiben, ob man da1) Erdmann: "seiner"
1. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt 349 mals genau ebendieseibe im Sinne gehabt habe,} als sein Geschäft nur dadurch zu verderben, daß man sich unverständlich machte. Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem Begriffe genau anpaßt, dessen I Unterscheidung von anderen verwandten Be- (A 313) griffen von großer Wichtigkeit ist, so ist es ratsam, damit nicht verschwenderisch umzugehen, oder es bloß zur Abwechslung, synonymisch, statt anderer zu ge- 10 brauchen, sondern ihm seine eigentümliche Bedeutung sorgfältig aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß, nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt, sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte aufbehalten können. I Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß (B 370) man wohl sieht, er habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen entlehnt wird, 20 sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der Erfahrung niemals etwas damit Kongruierendes angetroffen wird. Die Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloß Schlüssel zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung flossen sie aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der menschlichen zuteil geworden, die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustande befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt sehr verdunkelten, 30 Ideen durch Erinnerung (die Philosophie heißt) zurückrufen muß. Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung einlassen, um den Sinn auszumachen, den der erhabene Philosoph mit seinem Ausdrucke I verband. Ich merke nur an, daß es gar nichts Unge- (A 314) wöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften, durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und 40 24 0li
350 Elementarlehre. H. Teil. H. Abt. 1. Buch dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch dachte. Plato bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntnis· kraft ein weit höheres Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit buchstabieren 1), (B 371) um sie I als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere Vernunft natürlicherweise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel weiter gehen, als das irgendein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, jemals mit 10 ihnen kongruieren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre Realität haben und keineswegs bloße Hirngespinste sind. Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist *), d. i. auf Freiheit beruht, welche ihrer· (A BIo) seits I unter Erkenntnissen steht, die ein eigentümliches Produkt der Vernunft sind. Wer die Begriffe der Tu· gend aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als Beispiel zur unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum Erkenntnisquell machen 20 wollte (wie wirklich viele getan haben), der würde aus der Tugend ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu keiner Regel brauchbares zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein jeder inne, daß, wenn ihm (B 372) jemand I als Muster der Tugend vorgestellt wird, er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe habe, womit er dieses angebliche Muster vergleicht, und es bloß darnach schätzt. Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung deren alle möglichen Gegenstände *) Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf spekulative Erkenntnisse aus, wenn sie nur rein und völlig apriori gegeben waren, sogar über die Mathematik, ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders, als in der möglichen Erfahrung hat. Hierin kann ich ihm nun nicht folgen, so wenig als in der mystischen Deduktion dieser Ideen, oder den übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasierte; wiewohl die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer mil· deren und der Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl fähig ist. 1) Erdmann: "zu buchstabieren".
1. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt 351 der Erfahrung zwar als Beispiele, (Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen Grade, was der Begriff der Vernunft heischt,) aber nicht als Urbilder Dienste tun. Daß niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde, was die reine Idee der Tugend enthält, beweist gar nicht etwas Chimärisches in diesem Gedanken. Denn es ist gleichwohl alles Urteil, über den moralischen Wert oder Unwert, nur vennittelst dieser Idee möglich; mithin liegt sie jeder Annäherung zur moralischen Vollkommenheit notwendig zum Grunde, 10 soweit auch die ihrem Grade nach nicht zu bestimmenden Hindernisse in der menschlichen Natur uns davon entfernt halten mögen. I Die platonische Republik ist, als ein vermeint- (A 316) lich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker findet es lächerlich, daß der Philosoph behauptete, niemals würde ein Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein man würde besser 20 tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühung in Licht l ) zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden I und schädlichen Vorwande der Untun- (B 373) lichkeit, als unnütz beiseite zu setzen 2 ). Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der anderen S) ihrer zusammen bestehen kann, (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon von selbst folgen;) ist doch wenigstens eine notwendige 30 Idee, die man nicht bloß im ersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muß, die vielleicht nicht sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen, als vielmehr aus der 1) Hartenstein : "ins Licht". 2) A: "stellen". I) Valentiner: "daß Jedes Freiheit mit der Anderen".
352 Elementarlehre. II. Teil. II. Abt. 1. Buch Vernachlässigung der echten Ideen bei der Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu (A 317) rechter Zeit nach den Ideen I getroffen würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil sie aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten. Je übereinstimmender die Gesetzgebung 10 und Regierung mit dieser Idee eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings die Strafen werden, und da ist es denn ganz vernünftig, (wie Plato behauptet), daß bei einer vollkommenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig sein würden. Ob nun gleich das letztere niemals zustande kommen mag, so ist die Idee (B 374) doch I ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde aufstellt, um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen der möglich größten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn welches der 20 höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit stehenbleiben müsse, und wie groß also die Kluft, die zwischen der Idee und ihrer Ausführung notwendig übrigbleibt, sein möge, das kann und soll niemand bestimmen, eben darum, weil es Freiheit ist, welche jede angegebene Grenze übersteigen kann. Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft wahrhafte Kausalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der Handlungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen 1), sondern auch 30 in Ansehung der Natur selbst, sieht Plato mit Recht deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Tier, die regelmäßige Anordnung des Weltbaues (vermutlich also auch die ganze Naturordnung) (A 318) zeigen deutlich, I daß sie nur nach Ideen möglich sind; daß zwar kein einzelnes Geschöpf, unter den einzelnen Bedingungen seines Daseins, mit der Idee des Vollkommensten seiner Art kongruiere (so wenig wie der Mensch mit der Idee der Menschheit, die er sogar selbst 1) A: "in Sittlichen".
I. Abschnitt. Von den Ideen überhaupt 353 als das Urbild seiner Handlungen in seiner Seele trägt,) daß gleichwohl jene Ideen im höchsten Verstande einzeln, unveränderlich, durchgängig bestimmt, und die ursprünglichen Ursachen der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung im I Weltall einzig und allein (B 375) jener Idee völlig adäquat sei. 'Wenn man das Übertriebene des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung des Philosophen, von der copeilichen 1 ) Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der architektonischen Verknüpfung derselben nach Zwecken, d. i. 10 nach Ideen, hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge verdient, in Ansehung desjenigen aber, was die Prinzipien der Sittlichkeit, der Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die Erfahrung selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst, welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die empirischen Regeln beurteilt, deren Gültigkeit, als Prinzipien, eben durch sie hat aufgehoben werden sollen. 20 Denn in Betracht der Natur gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung (leider 1) die Mutter des Scheins, und es ist I höchst ver- (A 319) werflich, die Gesetze über das, was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen, oder dadurch einschränken zu wollen, was getan wird. Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der Tat die eigentümliche 'Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen wir uns jetzt mit 30 einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht verdienstlosen Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen I sittlichen Gebäuden eben und baufest zu (B 376) machen, in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht, auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk unsicher machen. Der transzendentale Gebrauch der reinen 1) Valentiner: "copielichen"; Görland: d. h. "bloß referierenden" .
354 10 (A 320) 20 (B 377) 30 Elementarlehre. 11. Teil. II. Abt. I. Buch Vernunft, ihre Prinzipien und Ideen, sind es also, welche genau zu kennen uns jetzt obliegt, um den Einfluß der reinen Vernunft und den Wert derselben gehörig bestimmen und schätzen zu können. Doch, ehe ich diese vorläufige Einleitung beiseite lege, ersuche ich diejenige l ), denen Philosophie am Herzen liegt, (welches mehr gesagt ist, als man gemeiniglich antrifft,) wenn sie sich durch dieses und das Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerate, und die Wissenschaft dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an Benennungen, die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne daß wir nötig haben, in das Eigenltum einer anderen einzugreifen. Hier ist eine Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt (repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein (perceptio). Eine Perception, die sich lediglich auf das Subjekt, als die Modifikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio), eine objektive Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist entlweder Anschauung oder Begriff (intuitus vel conceptus). Jene bezieht sich unmittelbar auf den Gegenstand und ist einzeln; dieser mittelbar, vermittelst eines Merkmals, was mehreren Dingen gemein sein kann. Der Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff, und der reine Begriff, sofern er lediglich im Verstande seinen Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt Notio. Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, ist die I d e e, oder der Vernunftbegriff. Dem, der sich einmal an diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal Notion (Verstandesbegriff) zu nennen. 1) Rosenkranz: "diejenigen".
II. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen 355 Des er s te n B u c h s der t r ans zen den tal e n (A 321) Dialektik Zweiter Abschnitt Von den transzendentalen Ideen Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße logische Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen apriori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände vorstellen, oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche allein I eine empirische Erkenntnis von Gegenständen möglich macht. Die Form der Urteile (in einen Begriff von der Sy:l.thesis der Anschauungen!) verwandelt) brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch in der Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form der Vernunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der Anschauungen, nach Maßgebung der Kategorien, anwendet, den Ursprung besonderer Begriffe apriori enthalten werde, welche wir reine Vernunftbegriffe, oder transzendentale Ideen nennen können, und die den Verstandesgebrauch im Ganzen der gesamten Erfahrung nach Prinzipien bestimmen werden. Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand 2) in .der Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, und der Vernunftschluß selbst ist ein Urteil, welches al priori in dem ganzen Umfange seiner Bedingung bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnteS) ich auch bloß durch den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich suche einen Begriff, der die Bedingung enthält, unter welcher das Prädikat (Assertion überhaupt) dieses Urteils gegeben wird (d. i. hier, den Begriff des Menschen;) und nachdem ich unter() diese Bedingung, in ihrem ganzen Umfange genommen, (alle Menschen sind sterblich) subsumiert habe; 1) Hartenstein: "Anschauung". 2) Adickes: "besteht". I) Hartenstein: "konnte". () Erdmann: "ich ihn unter". (B 878) 20 (A 30 322)
356 Elementarlehre. II. Teil. II. Abt. 1. Buch so bestimme ich darnach die Erkenntnis meines Gegenstandes (Cajus ist sterblich). Demnach restringieren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses ein Prädikat auf einen gewissen Ge(B 379) genlstand, nachdem wir es vorher in dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges, in Beziehung auf eine solche Bedingung, heißt die Allgemeinheit (Universalitas). Dieser entspricht in 10 der Synthesis der Anschauungen die Allhei t (Universitas) oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transzendentale Vernunftbegriff kein anderer, als der von der Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte allein die Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die Totalität der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist j so kann ein reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt werden. (A 323) I Soviel Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vernunftbegriffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt, zweitens der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der disj unkti ven Synthesis der Teile in einem System zu suchen sein. Es gibt nämlich ebensoviel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede durch Prosyllogismen zum Unbe30 dingten fortschreitet, die eine zum Subjekt, welches selbst nicht mehr Prädikat ist, die andere zur Voraus(B 380) setzung, I die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat der Glieder der Einteilung, zu welchen nichts weiter erforderlich ist, um die Einteilung eines Begriffs zu vollenden. Daher sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der Synthesis der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des Verstandes, womöglich, bis zum Unbedingten fortzusetzen, notwendig und in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet, es mag auch übrigens diesen tran-
11. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen 357 szendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch in concreto fehlen, und sie mithin keinen anderen Nutzen haben, als den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehends einstimmig gemacht wird. I Indem wir aber hier von der Totalität der Bedin- (A 324) gungen und dem Unbedingten, als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe reden, so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht entbehren 10 und gleichwohl, nach einer ihm durch langen Mißbrauch anhängenden Zweideutigkeit, nicht sicher brauchen können. Das Wort absolut ist eines von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen Bedeutung einem Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen Verlust, oder welches ebensoviel ist, sein schwankender Gebrauch daher auch den Verlust I des Begriffs selbst nach sich ziehen muß, und zwar (B 381) eines Begriffs, der, weil er die Vernunft gar sehr be- 20 schäftigt, ohne großen Nachteil aller transzendentalen Beurteilungen 1) nicht entbehrt werden kann. Das Wort ab sol u t wird jetzt öfters gebraucht, um bloß anzuzeigen, daß etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde absolu tmöglich das bedeuten, was an sich selbst (interne) möglich ist, welches in der Tat das wenigste ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Dagegen wird es auch bisweilen gebraucht, um anzuzeigen, daß etwas in aller Beziehung (uneinge- 30 schränkt) gültig ist (z. B. die absolute Herrschaft,) und absol utmö glich würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was in aller Absicht in aller Beziehung 2) möglich ist, welches wiederum das meiste ist, was ich über die Möglichkeit eines Dinlges sagen kann. (A 325) 1) 3. Aufl.: "Beurteilung". 2) Hartenstein: "in aller Absicht, in aller Beziehung"; E:rdmann: ,,(in aller Absicht) in aller Beziehung", vermutet Doppelschreibung. Vielleicht ist vom Abschreiber Durchstrichenes als Unterstrichenes angesehen.
358 Elementarlehre. II. Teil. II. Abt. 1. Buch Nun treffen zwar diese Bedeutungen manchmal zusammen. 50 ist z. E., was innerlich unmöglich ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut unmöglich. Aber in den meisten Fällen sind sie unendlich weit auseinander, und ich kann auf keine Weise schließen, daß, weil etwas an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehung, mithin absolut, möglich sei. Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich in der Folge zeigen, daß sie keineswegs in allen Fällen von der inneren ab10 hänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend (B 382) angesehen werden müsse. Dessen Gegenteil I innerlich unmöglich ist, dessen Gegenteil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es selbst absolut notwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was absolut notwendig ist, dessen Gegenteil seil) innerlich unmöglich, d.i. die absolute Notwendigkeit der Dinge seil) eine innere Notwendigkeit; denn diese innere Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten 20 Begriff verbinden können; dagegen der von der Notl wendigkeit eines Dinges in aller Beziehung (auf alles Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich führt. Weil nun der Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der spekulativen Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein kann, so hoffe ich, es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige Aufbewahrung des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht gleichgültig sein. (A 326) I In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich 30 denn desWortes: absolut, bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer Rücksicht Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf Bedingungen restringiert, jenes aber gilt ohne Restriktion. Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die absolute Totalität in der 5ynthesis der Bedingungen, und endigt niemals, als bei den schlechthin, d. i. in jeder Beziehung, Unbedingten. Denn die (B 883) reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der I sich 1) A: "ist".
H. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen 359 zunächst auf die Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die absolute Totalität im Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht die synthetische Einheit, welche in der Kategorie gedacht wird, bis zum Schlechthinunbedingten hinauszuführen. Man kann daher diese die Vernunfteinheit der Erscheinungen, so wie jene, welche die Kategorie ausdrückt, Verstandes einheit nennen. So bezieht sich demnach die Vernunft nur auf den Verstandesgebrauch, 10 und zwar nicht sofern dieser den Grund möglicher Erfahrung enthält, (denn die absolute Totalität der Bedingungen ist kein in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil keine Erfahrung unbedingt ist,) sondern um ihm die Richtung auf eine gewisse Einheit vorzuschreiben, von der der Verstand keinen Begriff hat, und die darauf hinausgeht, alle Verstandeshandlungen, in I An- (A 327) sehung eines jeden Gegenstandes, in ein absolutes Ganzes 1 zusammenzufassen. Daher ist der objektive Gebrauch der reinen Vernunftbegriffe jederzeit transzen- 20 dent, indessen daß der von den reinen Verstandesbegriffen, seiner Natur nach, jederzeit immanent sein muß, indem er sich bloß auf mögliche Erfahrung einschränkt. Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also sind unsere jetzt erwogenen reinen Vernunftbegriffe transzendentale I deen. I Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; (B 384) denn sie betrachten alles Erfahrungserkenntnis als be- 30 stimmt durch eine absolute Totalität der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher notwendigerweise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich transzendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher also niemals ein Gegenstand vorkommen kann, der der transzendentalen Idee adäquat wäre. 'Wenn man eine Idee nennt, so sagt 1) A: "Ganze".
360 Elementarlehre. 11. Teil. 11. Abt. I. Buch man dem Objekt nach (als von einem Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, dem Subjekte nach aber (d. i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter empirischer Bedingung) eben darum sehr wenig, weil sie, als der Begriff eines Maximum, in concreto niemals kongruent kann gegeben werden. Weil nun das letztere im bloß (A 328) spekulativen Gebrauch der Verlnunft eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung zu einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird, eben10 soviel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde, so heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist n ur eine Idee. So würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen ist nur ein eId e e, denn, da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können, so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen, weil es im praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach Regeln zu tun (B 385) I ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit wirklich, obzwar nur zum Teil, in concreto gegeben 20 werden, ja sie ist die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft. Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft, aber unter nicht bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse des Begriffs einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische Idee jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen unumgänglich notwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar Kausalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält; daher kann man von der Weisheit nicht 30 gleichsam geringschätzig sagen: sie ist nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der notwendigen Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem Praktischen als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende, Bedingung zur Regel dienen. (A 329) I Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn, wenn schon dadurch kein Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde und unbemerkt dem Verstande zum Kanon
11. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen 361 seines ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird. Zu gescbweilgen, daß sie vielleicht von den Naturbegrü- (B 386) fen zu den praktischen einen übergang möglich machen, und den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusainmenhang mit den spekulativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen können. über alles dieses muß man den AufscWuß in dem Verfolg er· 10 warten. Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen beiseite, und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen, und in diesem noch enger, nämlich nur im transzendentalen Gebrauch. Hier müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der Deduktion der Kategorien nahmen; nämlich, die logische Form der Vernunfterkenntnis erwägen, und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, Objekte an sich selbst, als 20 synthetisch apriori bestimmt, in Ansehung einer oder der anderen Funktion der Vemunft, anzusehen. I Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen (A 330) Form der Erkenntnis betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d. i. mittelbar (durch die Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine Regel (Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines anderen möglichen Urteils unter die Bedingung der Regel ist derUntersatz (Minor). 30 Das wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in 1) dem subsumierten Falle aussagt, ist der Schlußsatz I (Conclusio). Die Regel nämlich sagt etwas aUge- (B 387) mein unter einer gewissen Bedingung. Nun findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt. Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch in dem vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt) als gültig angesehen. 1) 4. Aufl.: "zu".
362 Elementarlehre. 11. Teil. II. Abt. I. Buch Man sieht leicht, daß die Vernunft durch Verstandeshandlungen, welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind veränderlich, nur dadurch gelange, daß ich von dem entfernteren Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt, der aber doch davon die Bedingung enthält,) anfange: alles Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren gehe, der unter der Bedingung des 10 ersteren steht: die Körper sind zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten, der nunmehr das entfernte Erkenntnis (veränderlich) mit dem 1 ) vorliegen(A 331) den verknüpft: folglich I sind die Körper veränderlich; so bin ich durch eine Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis (Conc1usion) gelangt. Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent (des kategorischen oder hypothetischen Urteils) gegeben ist, fortsetzen; mithin führt ebendieseibe Vernunfthandlung zur ratiocinatio polysyllogistiea, welches I) eine Reihe von Schlüssen ist, 20 die entweder auf der') Seite der Bedingungen (per pro(B 388) syllogismos), oder I des Bedingten (per episyllogismos), in unbestimmte Weiten fortgesetzt werden kann. Man wird aber bald inne, daß die Kette, oder Reihe der Prosyllogismen, d. i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe, oder der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntnis, mit anderen Worten; die aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das Vernunftvermögen doch anders verhalten müsse, als die absteigende Reihe, d. i. der Fortgang der 30 Vernunft auf der Seite des Bedingten durch Episyllogismen. Denn, da im ersteren Falle das Erkenntnis (conclusio) nur als bedingt gegeben ist; so kann man zu demselben vermittelst der Vernunft nicht anders gelangen, als wenigstens unter der Voraussetzung, daß alle Glieder der Reihe auf der Seite der Bedingungen gegeben sind, (Totalität in der Reihe der Prämissen,) 1) A: "der". 2) Erdmann: "welche". I) A: "die"
11. Abschnitt. Von den transzendentalen Ideen 363 weil nur unter deren Voraussetzung das vorliegende Urteil apriori möglich ist; dagegen auf der Seite des Bedingten, oder der Folgerungen, nur eine werdenlde und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene Reihe, mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird. Daher, wenn l ) eine Erkenntnis als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft genötigt, die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben dieselbe Erkenntnis zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angel sehen wird, die untereinander eine Reihe von Folgerungen in absteigender Linie ausmachen, so kann dieS) Vernunft ganz gleichgültig 3) sein, wie weit dieser Fortgang sich aparte posteriori erstrecke, und ob gar überall Totalität dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht bedarf, indem diese durch ihre Gründe aparte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert ist. Es mag nun sein, daß auf der Seite der Bedingungen die Reihe der Prämissen ein Erstes habe, als oberste Bedingung, oder nicht, und also aparte priori ohne Grenzen; S04) muß sie doch Totalität der Bedingung 5 ) enthalten, gesetzt 6 ), daß wir niemals dahin gelangen könnten, sie zu fassen, und die ganze Reihe muß unbedingt wahr sein, wenn das Bedingte, welches als eine daraus entspringende Folgerung angesehen wird, als wahr gelten soll. Dieses ist eine Forderung der Vernunft, die ihr Erkenntnis als apriori bestimmt und als notwendig ankündigt, entweder an sich selbst, und dann bedarf es keiner Gründe, oder, wenn es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe von Gründen, die selbst unbedingterweise wahr ist. 1) Vorländer: "Wenn daher". 2) Erdmann: "es der". 8) Görland: d. h. "unintressiert". 4) Hartenstein: "Grenzen sei; so". Ii) Erdmann: "Bedingungen". 6) Adickes: "gesetzt auch". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 25 (A 332) 10 (B 389) 20 30
364 Elementarlehre. 11. Teil. II. Abt. 1. Buch (A 333)}11 Des er s t e n (B 390) B u c h s cl e r t r ans zen cl e n tal e n Dialektik Dritter Abschnitt System der transzendentalen Ideen Vlir haben es hier nicht mit einer logischen Dialek· tik zu tun, welche von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und lediglich den falschen Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit einer transzendentalen, weIche, völlig apriori, den Ursprung 10 gewisser Erkenntnisse aus reiner Vernunft, und geschlossener Begriffe, deren Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir haben aus der natürlichen Beziehung, die der transzendentale Gebrauch unserer Erkenntnis, sowohl in Schlüssen als Urteilen, auf den logischen haben muß, abgenommen: daß es nur drei Arten von dialektischen Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft aus 20 Prinzipien zu Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allem 1) ihr Geschäft sei, von der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit gebunden bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen kann. Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere (B 391) Vorstellungen haben können, 1. die Beziehung aufs I Subjekt, 2. die Beziehung auf Objekte, und zwar ent(A 334) weder I als 2) Erscheinungen, oder als Gegenstände des Denkens überhaupt. Wenn man diese Untereinteilung 30 mit der oberen verbindet, so ist alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns entweder einen Begriff, oder Idee machen können, dreifach: 1. das Verhältnis zum Subjekt, 2. zum Mannigfaltigen des Objekts in der Erscheinung, 3. zu allen Dingen überhaupt. 1) Erdmann: "in allen". t) A: "entweder erstlieh als".
BI. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen 365 Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft (transszendentale Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen überhaupt zu tun. Folglich werden alle transzendentalen Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen, davon die erste die absolute (unbedingte) Einheit des denkenden Subjekts, die zweite die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des Denkens überhaupt l ) enthält. Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie, und das Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem, was gedacht werden kann, enthält, (das Wesen aller Wesen) der Gegenstand der Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer transzendentalen Seelenlehre (psychologia rationalis) , zu einer transzendentalen I Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich auch zu einer tranlszendentalen Gotteserkenntnis (Theologia transzendentalis) an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl als der anderen dieser Wissenschaften, schreibt sich gar nicht von dem Verstande her, selbst wenn er gleich mit dem höchsten logischen Gebrauche der Vernunft, d. i. allen erdenklichen Schlüssen, verbunden wäre, um von einem Gegenstande desselben (Erscheinung) zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder der empirischen Synthesis fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines und echtes Produkt, oder Problem der reinen Vernunft. Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für modi der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort. Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände, sondern auf die Verstandesbegriffe 1) Erdmann: "überhaupt". 25* 10 20 (B 392) (A 335) 30
366 (B 393) (A 336) 20 30 Elementarlehre. II. Teil. II. Abt. I. Buch von .denselben. Ebenso wird sich auch nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben Funktion, deren sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient, notwendigerweise auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden Subjekts kommen müsse, wie das logische Verfahren in l ) hypothetischen Ideen die vom Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener Bedingungen, endlich die bloße Form des disljunktiven Vernunftschlusses den höchsten Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wes e n notwendigerlweise nach sich ziehen müsse; ein Gedanke, der beim ersten Anblick äußerst paradox zu sein scheint. Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive Deduktion möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten. Denn in der Tat haben sie keine Beziehung auf irgendein Objekt, was ihnen kongruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur Ideen sind. Aber eine subjektive Anleitung 2) derselben aus der Natur unserer Vernunft konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen Hauptstücke auch geleistet worden. Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anderes zur Absicht habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen, (es sei der Inhärenz, oder der Dependenz, oder der Konkurrenz,) und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von seiten des Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf sie, um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen, und sie dadurch dem Verstande apriori zu geben. Ist aber eine vollständig (und unbedingt) gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr eines Vernunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der Verstand tut 1) A: "in hypothetischen die idee vom"; Hartenstein: "in hypothetischen Ideen die Idee vom"; Kirchmann: "im hypothetischen die Idee vom"; Erdmann: "in hypothetischen VernunftschlüssE'n die Idee vom". 2) M ellin: "Ableitung".
!II. Abschnitt. System der transzendentalen Ideen 367 jeden Schritt abwärts, I von der Bedingung zum Be- (B 394) dingten, von selber. Auf solche Weise dienen die transzendentalen Ideen nur zum Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen, bis zum Unbedingten, d. i. zu den Prinzipien. In Ansehung des Hinabgehens zum I Bedingten aber, gibt es zwar einen weit erstreckten (A 337) logischen Gebrauch, den unsere Vernunft von den Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transzendentalen, und, wenn wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis (des progres8Us) eine Idee 10 machen, z. B. von der ganzen Reihe aller künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending (ens rationis), welches nur willkürlich gedacht, und nicht durch die Vernunft notwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit des Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht seiner Folgen, vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine transzendentale Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu tun haben. Zuletzt wird man auch gewahr, daß unter den tran- 20 szendentalen Ideen selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und daß die reine Vernunft, vermittelst ihrer, alle ihre Erkenntnisse in ein System bringe. Von der Erkenntnis seiner selbst (der Seele) zur Welterkenntnis, und, vermittelst dieser, zum Urwesen fortzugehen, ist ein so natürlicher Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der Vernunft von den I Prä- (B 395) missen zum Schlußsatze ähnlich scheint*). Ob nun hier *) Die Metaphysik hat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nach{Ot·schung nur drei Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, so daß der zweite Begriff, mit dem ersten verbunden, auf den dritten, als einen notwendIgen Schluflsatz, führen soll. Alles, womit bich diese Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr blofl zum Mittel, um zu diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie bedarf' sie nicht zum Behuf der Naturwissenschaft, sondern um über die Natur hinaus zu kommen. Die Einsicht in dieselb!ffi wurde Theologie, :1I-Ioral, und durch beider Vel·bindung, Religion, mithin die höchsten Zwecke unsel·es Daseins, bloflvom spekulativen Vernunttvermögen und SQnst von nichts anderem abhängig machen. In einer systematischen VOTstellung jener Ideen
368 Elementarlehre. Ir. Teil. Ir. Abt. Ir. Buch wirklich eine Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem logischen und transzendentalen Verfahren, insgeheim zum Grunde liege, ist auch eine von den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser UnterA 338) suchungen allererst erwarten muß. I Wir haben vorläufig unseren Zweck schon erreicht, da wir die tranB 396) szenldentalen Begriffe der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese sie einmal von Verstandes10 begriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen Lage haben herausziehen, ihren Ursprung, und dadurch zugleich ihre bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können, wodurch ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt wird. Der transzendentalen Dialektik Zweites Buch 20 Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz notwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt worden. Denn in der Tat ist auch von einem Gegenwürde die angeführte Ordnung, als die synthetische, die schicklichste sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr notwendig vorhergehen mufJ, wird die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, dem Zwecke angemessener sein, um, indem wir von demjenigen, was uns Erfahrung unmittelbar an die Hand gibt, der Seelenlehre, zur WeltZehre, und von da bis zur Erkenntnis Gottes fortgehen, unseren grofJen Entwurf Zlt vollziehen. [Diese Anm. fehlt in A.]
Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft 369 stande, der der Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff möglich, d. i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung gezeigt und anschaulich gemacht I werden -kann. Besser würde man sich doch und mit weniger Gefahr des Mißverständnisses, ausdrücken, wenn I man sagte: daß wir vom Objekt, welches einer Idee korrespondiert, keine Kenntnis, obzwar einen problematischen Begriff, haben können. Nun beruht wenigstens die transzendentale (subjektive) Realität der reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen notwendigen Vernunftschluß auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes schließen, wovon wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl, durch einen unvermeidlichen Schein, objektive Realität geben. Dergleichen Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher vernünftelnde, als Vernunftschlüsse zu nennen; wiewohl sie, ihrer Veranlassung wegen, wohl den letzteren Namen führen können, weil sie doch nicht erdichtet, oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann. Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei Arten, so vielfach, als die Ideen sind, auf \ die ihre Schlußsätze auslaufen. In dem Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von dem transzendentalen I Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjekts selber, von welchem ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen Schluß werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen Begriff der absoluten Totalität, der (A 339) (B 397) 10 20 30 (A 340) (B 398) 40
370 Elementarlehre. H. Teil. 11. Abt. 11. Buch Reihe der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung überhauPt, angelegt, und ich schließe daraus, daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer Seite, jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen, werde ich die An tin 0 m i e der reinen Vernunft nennen. Endlich schließe ich, nach der 10 dritten Art vernünftelnder Schlüsse, von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt, d. i. von Dingen, die ich nach ihrem bloßen transzendentalen Begriff nicht kenne, auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch einen transzendenten 1) Begriff noch weniger kenne, und von dessen unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen dialektischen Vernunft20 schluß werde ich das I deal der reinen Vernunft nennen. (A 341)} (B 399) 11 . Des zweIten Buchs der transzendentalen Dialektik Erstes Hauptstück Von den Paralogismen der reinen Vernunft Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines Vernunftschlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, welcher er wolle. Ein transzendentaler Paralogismus aber hat einen transzendentalen Grund: der Form nach falsch zu schließen. Auf solche Weise 30 wird ein dergleichen Fehlschluß in der Natur der Menschenvernunft seinen Grund haben, und eine unvermeidliche, obzwar nicht unauflösliche, Illusion bei sich führen. 1) 4. Aufl.: "transzendentalen".
Von den Paralogismen der reinen Vernunft 371 Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben, in der allgemeinen Liste der transzendentalen Begriffe, nicht verzeichnet worden, und dennoch dazu gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu ver· ändern und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff, oder, wenn man lieber will, das Urteil: Ich denke. Man sieht aber leicht, daß er das Vehikel aller Begriffe überhaupt, und mithin auch der transzendentalen sei, und also unter diesen jederzeit mit begriffen werde, und daher ebensowohl transzendental sei, aber keinen besonderen Titel haben könne, weil er nur dazu I dient, alles Denken, als zum Bewußtsein gehörig, aufzuführen. Indessen, so I rein er auch vom Empirischen (dem Eindrucke der Sinne) ist, so dient er doch dazu, zweierlei Gegenstände aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des inneren Sinnes, und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne ist, heißt Körper. Demnach bedeutet der Ausdruck: Ich, als ein denkend Wesen, schon den Gegenstand der Psychologie, welche die rationale Seelenlehre heißen kann, wenn ich von der Seele nichts weiter zu wissen verlange, als was unabhängig von aller Erfahrung (welche mich näher und in concreto bestimmt) aus diesem Begriffe Ich, sofern er bei allem Denken vorkommt, geschlossen werden kann. Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgendeine besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die Erkenntnisgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht mehr rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon eine angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze: Ich denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz schicklich, und der Natur einer Transzendentalphilosophie gemäß, untersuchen können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere Erfahrung I habe, und mithin die rationale 10 (B 400) (A 342) 20 30 (B 401)
372 Elementarlehre. II. Teil. II. Abt. 11. Buch. I. Hauptst. (A B43) Seelenlehre, welche darauf erbaut 1 wird, niemals rein, sondern zum Teii auf ein empirisches Prinzipium gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts weiter, als die bloße Apperzeption: Ich denke; welche sogar alle transzendentalen Begriffe möglich macht, in welchen es heißt: Ich denke die Substanz, die Ursache usw. Denn innere Erfahrung überhaupt und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältnis zu anderer Wahrnehmung, ohne daß 10 irgend ein besonderer Unterschied derselben und Bestimmung empirisch gegeben ist, kann nicht als empirische Erkenntnis, sondern muß als Erkenntnis des Empirischen überhaupt angesehen werden, und gehört zur Untersuchung der Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings transzendental ist. Das mindeste Objekt der Wahrnehmung (z. B. nur Lust oder Unlust), welche!) zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins hinzukäme, würde die rationale Psychologie sogleich in eine empirische verwandeln. 20 Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie, aus welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, daß dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen werden soll, nichts anderes, als transzendentale Prädikate desselben, enthalten könne; weil das mindeste empirische Prädikat die rationale Reinigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung, verderben würde. ;~ ~Ö~n 11 Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kate, gorien zu folgen haben, nur, da hier zuerst ein Ding, BO Ich, als denkend Wesen, gegeben worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien untereinander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht verändern, aber doch hier von der Kategorie der Substanz anfangen, dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe rückwärts nachgehen. Die Topik der rationalen Seelenlehre, woraus alles übrige, was sie nur enthalten mag, abgeleitet werden muß, ist demnach folgende: 1) Erdmann: "welches".
Von den Paralogismen der reinen Vernunft 373 l. Die Seele ist Substanz 1). 2. 3. Ihrer Qualität nach einfach. Den verschiedenen Zeiten nach, in welchen sie da ist, numerisch-identisch, d. i. Einheit (nicht Vielheit). 4. Im Verhältnisse zu mögli chen Gegenständen im Raume*). 10 11 Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe{~~ :Ö~~ der reinen Seelenlehre, lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes Prinzipium zu erkennen. Diese Substanz, bloß als Gegenstand des inneren Sinnes, gibt den Begriff der Immaterialität; als einfache Substanz, der Inkorruptibilität; die Identität derselben, als intellektueller Substanz, gibt die Personali tät; alle diese drei Stücke zusammen die Spiritualität; das Verhältnis zu den Gegenständen 20 *) Der Leser, der aus diesen Ausdrücken, in ihrer transzendentalenAbgezogenheit, nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben, und warum das letztere Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz gehöre, erraten I wird, wird sie in (B 403) dem Folgenden hinreichend erklärt und gerechtfertigt finden. übrigens habe ich wegen der lateinischen Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen, wider den Geschmack der guten Schreibart, eingeflossen sind, sowohl bei diesem Abschnitte, als auch in Ansehung des ganzen Werks, zur Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber etwas der Zierlichkeit der Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch durch die mindeste Unverständlichkeit erschweren wollen. 1) K an t (Nachträge CLXI): "existiert als Substanz".
374 (B 404) 10 CA 346) 20 30 Elementarlehre. 11. Teil. 11. Abt. 11. Buch.!. Hauptst. im Raume gibt das Kommerzium mit Körpern; mithin stellt sie die denkende Substanz, als das Prinzipium des Lebens in der Materie, d. i. sie als Seele (anima) und als den Grund der Animalität vor; diese durch die Spiritualität eingeschränkt, Immortalität. Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transzendentalen Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen Vernunft, von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. Zum Grunde I derselben können wir aber nichts anderes legen, als die einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorsteillung: Ich; von der man nicht einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewußtsein, das alle Begriffe begleitet. Durch dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denkt, wird nun nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der Gedanken vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine Prädikate sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den mindesten Begriff haben können; um welches wir uns daher in einem beständigen Zirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urteilen; eine Unbequemlichkeit, die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein an sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Objekt unterscheidet, sondern eine Form derselben überhaupt, sofern sie Erkenntnis genannt werden son; denn von der allein kann ich sagen, daß ich dadurch irgend etwas denke. Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung, unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit meines Subjekts ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle, und daß wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und allgemeines Urteil zu gründen uns anmaßen können, nämlich: daß alles, was denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbewußtseins es an 1) 1) Erdmann: "von"
Von den Paralogismen der reinen Vernunft 375 mir auslsagt. Die Ursache aber hiervon liegt darin: daß wir den Dingen apriori alle die Eigenschaften notwendig beilegen müssen, I die die Bedingungen ausmachen, unter welchen wir sie allein denken. Nun kann ich von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung, sondern bloß durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung haben. Also sind dergleichen Gegenstände nichts weiter, als die Übertragung dieses meines Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden. Der Satz: Ich denke, wird aber hierbei nur problematisch genommen; nicht sofern er eine Wahrnehmung von einem Dasein enthalten mag, (das Cartesianische cogito, ergo sum,) sondern seiner bloßen Möglichkeit nach, um zu sehen, welche Eigenschaften aus diesem so einfachen Satze auf das Subjekt desselben (es mag dergleichen nun existieren oder nicht) fließen mögen. Läge unserer reinen Vernunftserkenntnis von denkenden Wesen überhaupt mehr, als das cogito zum Grunde; würden wir die Beobachtungen, über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfenden Naturgesetze des denkenden Selbst, auch zu Hilfe nehmen: so würde eine empirische Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie des inneren Sinnes sein würde, und vielleicht die Erscheinungen desselben zu erklären, niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, die gar nicht zur möglichen Erfahrung gehören (als die des Einlfachen), zU eröffnen, noch von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur betrifft, apodiktisch zu lehren; sie wäre also keine rationale Psychologie. (B 405) (A 347) 10 20 (B 406) SO
376a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. AJ (A 348) 10 I Da nun der Satz: Ich denke (problematisch genommen), die Form eines jeden Verstandes urteils überhaupt enthält und alle Kategorien als ihr Vehikel begleitet, so ist klar: daß die Schlüsse aus demselben einen bloß transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von l ) dessen Fortgang wir, nach dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen vorteilhaften Begriff machen können. Wir wollen ihn also durch alle Prädikamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge verfolgen. Erster Paralogism 2 ) der Substantialität Dasienige, dessen Vorstellung das absolute Subiekt unserer Urteile ist und daher nicht als Bestimmung eines andern Dinges gebraucht u'erden kann, ist Substanz. Ich, als ein denkend Wesen, bin das absolute Sub iekt aller meiner möglichen Urteile, und diese Vorstellung von Mir selbst kann nicht zum Prädikat irgendeines andern Dinges gebraucht werden. Also bin ich, als denkend Wesen (Seele), Substanz. 20 Kritik des 6'l"S ten P a1 alogism d er reinen P sycho logie Wir haben in dem analytischen Teile der transzendentalen Logik gezeigt: daß reine Kategorien (und unter diesen auch 1) A: "an". 2) Vorländer: "Paralogismus". 376b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. BJ Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen,) die Form eines jeden Verstandesurteils überhaupt enthält, und alle Kategorien als ihr Vehikel begleitet, so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen bloß transzendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von dessen Fortgang wir, nach dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen vorteilhaften Begriff machen können. Wir 10 wollen ihn also durch alle Prädikamente der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge verfolgen, doch
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 377 a die der Substam) an sich selbst gar keine obipktive Bedeutung haben. wo ihnen nicht eine Anschauung I untergelegt iRt, auf (A 349) deren Mannigfa1tig~ sie, als Funktionen der synthetischen Einheit, angewandt wcrden können. Ohne das sind sie lediglich Funktionen eines Urteils ohne Inhalt. Von jedem Dinge iiherhaupt kann ich sagen, es sei Substam, sofern ich es von bloßen Prädikaten und Bestimmungen der Dinge unterscheide. Nun ist in allem unserem Denken das I ch das Subjekt, dem Gedanken nur als Bestimmungen inhärieren, und dieses Ich kann nicht als die Bestimmung eines andern Dinges gebraucht 10 werden. Also muß jedermann Sich selbst notwendigerweise als die Substam, das Denken aber nur als Akzidemen seines Daseins und Bestimmungen seines Zustandes ansehen. Was soll ich aber nun von die.sem Begt'iffe einer Substanz für einen Gebrauch machen. Daß ich, als ein denkend Wesen, für mich selbst fortdaure, natürlicherweise weder entstehe noch vergehe, das kann ich daraus keineswegs schließen und dazu allein kann mir doch der Begriff der Substantialität meines denkenden Subjekts nutzen, ohne welches ich ihn gar wohl entbehren könnte. 20 Es fehlt so viel, daß man diese Eigenschaften aus der bloßen reinen Kategorie einer Substam schließen könnte, daß wir vielmehr die Beharrlichkeit eines gegebenen Gegenstandes aus der Erfahrung zum Grunde legen müssen, wenn wir auf ihn den empirisch brauchbaren Begriff von einer Substanz anwenden wollen. Nun haben wir aber bei unserem Satze keine Erfahrung Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 377b um der Kürze willen ihre Prüfung in einem ununterbrochenen Zusammenhange fortgehen lassen. ZuvÖTderSt kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit auf diese Schlußart schäJrfen. Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne ich irgendein Objekt, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene Anschauung in Absicht auf die Einheit des Bewußtseins, darin alles Denken besteht, bestimme, kann ich i1'gend einen Gegenstand erkennen. Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch, daß ich mich 1) meiner 1) Hartenstein: "mir".
378a Von d. Paralogistilen d. reinen Vernunft [nach Ausg. Al zum Grunde gelegt, sondern lediglich aus dem Begriffe deJr BeI alles 1) Denken, auf das Ich, als das gemeinschaftliche Subjekt, hat, dem es inhäriert, geschJ,08sen. Wir würden auch, wenn wir es gleich darauf anlegten, durch keine sichere Beobachtung eine solche Beharrlichkeit dartun können. Denn das Ich ist zwar in allen Gedanken; es ist aber mit dieser Vorstellung nicht die mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der Anschauung unteJrschiede. Man kann also zwar wahrnehmen, daß diese Vor.~tellung bei 10 allem Denken immeJr wiederum vorkommt, nicht aber, daß es eine stehende und bleibende Anschauung sei, worin die Gedanken (als wandelbar) wechselten. Hieraus folgt: daß der erste VeJrnunjtBchJ,uß der transzendentalen Psychologie uns nur eine vermeintliche neue Einsicht aufhefte, indem er das beständige logische Subjekt des Denkens, für die Erkenntnis des realen Subjekts der Inhärenz ausgibt, von welchem wir nicht die mindeste Kenntnis haben, noch haben können, weil das Bewußtsein das einzige ist, was alle Vorstellungen zu Gedanken macht, und worin mithin alle 20 unsere Wahrnehmungen, als dem 2) transzendentalen Sub'jekte, müssen angetroffen werden, und wir, außer dieseJr logischen Bedeutung des Ich, keine Kenntnis von dem Subjekte an sich (A 350) ziehung, den 1) Wille: "die alles". 11) Wille: "Wahrnehmungen von dem Ich als dem"; nach Erdmann gehört "als dem transzendentalen Subjekte" zu "worin". 378 b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] als denkend bewußt bin, sondern wenn ich mir die 1) Anschauung meiner selbst, als in Ansehung deJr Funktion des Denkens bestimmt, bewußt bin. Alle modi des Selbstbewußt(B 407) seins im Den ken an sich, sind daher noch keine Verstandesbegriffe von Objekten, (Kategorien) sondern bloße Funktionen, die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst auch nicht als Gegenstand, zu erkennen geben. Nicht das Bewußtsein des Bestimmenden 11), sondern nur die des 3) 1) Grillo: "der". 2) Erdmann: "bestimmenden". 3) Mellin: "nur des"; Hartenstein: "nur das des".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 379a 8elb8t hohen, was diesem, 80 wie allen Gedanken, al8 Su1J8f1ratum zum Grunde liegt. Indes8en kann man den Satz: die Seele i8t Sub8tanz, gar wohl gelten las8en, wenn man sieh nur be8cheidet: daß unser dieser 1) Begriff nicht im mindesten weiter führe, oder irgendeine von den gewöll1Y1U I chen Folgerungen (A 361) der vernünftelnden Seelenlehre, al8 z. B. die immerwährende Dauer der8elben bei allen Veränderungen und Selb8t dem Tode des Menschen lehren könne, daß er also nur eine Su1J8tarvz in der Idee, aber nicht in der Realität bezeichne. Zweiter Paralogism 2 ) der Simplizität 10 Dasjenige Ding, des8en Handlung niemals al8 die Konkurrervz 'l;ieler handelnden Dinge ange8ehen werden kann, i8t einfach. Nun i8t die Seele, oder das denkende I eh, ein 8olche8: Al80 UBW. Kritik de8 zweiten Paralogi8m8 der transzendentalen P8ychologie Dies ist der Achille8 aller dialektischen Schlüs8e der reinen Seelenlehre, nicht etwa bloß ein 8oplvi-stischeB Spiel, welches ein Dogmatiker erkünstelt, um 8einen Behauptungen einen 20 flüchtigen Schein zu geben, 80ndern ein Schluß, der 80gar die I) Hartenstein: ,,1}nS dieser"; Kehrb ach: "dieser unser". 2) Vorländer: "Paralogismus". Von d. Paralogismen d. ~einen Vernunft [nach Ausg. B] 379b be8timmbaren Selb8t, d. i. meiner inneren Anschauung (sofern ihr Mannigfaltiges der allgemeinen Bedingung der Einheit der Apperzeption im Denken gemäß verbunden werden kann), ist das Objekt. 1) In aUen Urteilen bin ich nun 1) immerdasbe8timmende SulJiekf, des;enigen Verhältnis8es, welcTlM das Urteil ausmacht. Daß aber Ieh, der ich denke, im Denken immer als Subiekt, und als etwas, was nicht bloß wie Prädikat I) dem Denken I) Erdmann: "nur"; Görland: "mir". 2) Erdmann: "wie ein Prädikat". Kant, Kritik der reinen Vernunft. 86
380a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. Al schärfste Prüfung und die größte Bedenklichkeit des Nach· forschens auszuhalten scheint. Hier ist er. Eine jede zusammengesetzte Substanz ist ein Aggregat vieler, und die Handlung eines Zusammengesetzten, oder das, was ihm, als einem solchen, inhäriert, ist ein Aggregat vieler Handlungen oder Akzidenzen, welche unter der Menge der Substanzen verteilt sind. Nun ist zwar eine Wirkung, d'ie (A 352) aus der Konkurrenz vieler handelnden I Substanzen ents'[Yringt, möglich, wenn diese Wirkung bloß äußerlich ist (wie z. B. die 10 Bewegung eines Körpers die vereinigte Bewegung aller seiner Teile ist). Allein mit Gedanken, als innerlich zu einem dcnkenden Wesen gehörigcn Akzidenzen, ist es anders beschaffen. Denn, setzt, das Zusammengesetzte dächte: so würde ein jeder Teil desselben einen Teil des Gedankens, aJ,le aber zusammen· genommen allererst den ganzen Gedanken enthalten. Nun ist dieses aber widersprechend. Denn, weil die Vorstellungen, die unter verschiedenen fVesen verteilt sind, (z. B. die einzelnen Wörter eines Verses) niemals einen ganzen Gedanken (einen Vers) atlBmachen: so kann der Gedanke nicht einem Zusammen20 gesetzten, aJ,s einem solchen, inhärieren. Er ist also nur in einer Substanz möglich, die nicht ein Aggregat von vielen, mithin schlechterdings einfach ist *). *) Es ist sehr leicht, diesem Beu'eise die gewöhnlwhe schulgerechte Abgemessenheit der Einkleidung zu geben. Allein, es ist zu meinem Zwecke schon hinreichend, den blo/ien Beweisgrund, allmfalls auf populäre A1"t, vor Augen zu legen. 380b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] anhänge 1), betrachtet werden kann, gelten müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz,' aber er bedeutet nicht, daß ich, als Objekt, ein, für mich, selbstbestehendes Wes en, oder S ub s tanz sei. Das letztere geht sehr we-it, erfordert daher auch Data, die im Denken gar nicht angetroffen werden, vielleicht (sofern ich bloß da.y denkende 2 ) als ein solches betrachte) mehr, als ich überall (in ihm) jemals antreffen werde. 1) Erdmann: "anhängend; Valentiner: "wie Prädikat, das dem Denken anhänge". 2) Erdmann: d. i. Wesen, oder Ich, oder Selbst, oder Subjekt; Rosenkranz: "Denkende".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 381 a Der sogenannte nervus probandi dieBes Arguments liege in dem Satze: daß viele Vorstellungen in der absoluten Einheit des denkenden Subjekts enthalten sein müssen, um einen Gedanken auszumachen. Diesen Satz aber kann niemand aus Begriffen be1Oeisen. Denn, 10ie 100llte er es 100hl anfangen, um dieses zu lei.sten? Der I Satz: Ein Gedanke kann nur die (A 353) Wirkung der absoluten Einheit des denkenden Wesens sein, kann nicht als analytisch behandelt toerden. Denn die Ein/leit des Gedankens, der aus vielen Vorstellungen besteht, ist kollektiv und kann sich, den bloßen Begriffen nach, ebensO'Wohl auf die 10 kollektive Einheit der daran mitwirkenden SUbstanzen beziehen, (1Oie die Be10egung eines Körpers die zusammengesct<.te Be10egung aller Teile desselben ist) als auf die absolute Einheit des Subjekts. Nach der Regel der Identität kann also die Notwendigkeit der Voraussetzung einer einfachen Substanz, bei einem zusammengesetzten Gedanken, nicht eingesehen 1Oerden. Daß aber ebenderselbe Satz synthetisch und völlig apriori aus lauter Begriffen erkannt werden solle, das wird sich niemand zu verantworten getrauen, der den Grund der Möglichkeit synthetischer Sätze apriori, so wie wir ihn oben dargelegt haben, einsieht. 20 Nun iRt es aber auch unmöglich, diese notwendige Einheit des Suhjekts, als die Bedingung der Möglichkeit eines jeden Gedankens, aus der Erfalwung abzuleiten. Denn diese gibt keine Notwendigkeit zu erkennen, gesch1Oeige, daß der Begriff der absoluten Einheit 10eit über ihre 1) SphÖlre ist. Woher 1) Erdmann: "über ihrer". Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. BJ 381 b 2) Daß das Ich der Apperzeption, folglich in jedem Denken, ein 1) Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjekte aufgelöst 10erden kann, mithin ein logisch einfaches Subjekt bezeichne, liege schon im Begriffe des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das I bedeutet nicht, daß das denkende (B 408) Ich eine einfache Substanz sei, welcheR ein synthetischer Satz sein 'WÜrde. Der Begriff der SUbstanz bezieht sich immer auf Anschauungen, die bei mir nicht anders als sinnlich sein können, mithin ganz außer dem Felde des Verstandes und 1) Erdmann: "Apperzeption folglich .... Denken ein". 26*
382a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] nehmen wir denn diesen Satz, worauf sich der ganze psychologische Vernunftschluß stützt? Es ist offenbar: daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will, man sich selbst an seine Stelle setzen, und also dem Objekte, welches man erwägen wollte, sein eigenes Subiekt (A 354) unterschieben müsse, (welchf-s in keiner 1 anderen Art der Nachforschung der Fall ist) und daß wir nur darum absolute Einheit des Subiekts zu einem Gedanken erfordern, weil sonst nicht gesagt werden könnte: Ich denke (das Mannigfaltige in 10 einer Vorstellung). Denn obgleich das Ganze des Gedankens geteilt und unter viele Subiekte verteüt werden könnte, so kann doch das subiektive Ich nicht geteilt und verteilt werden, und dieses setzen wir doch bei allem Denken voraus. Also bleibt ebenso hie1', wie in dem vorigen Paralogism, der formale Satz der Apperzeption: Ich denke, der ganze Grund, auf welchen 1) die rationale Psychologie die Erweiterung ihrer Erkenntnisse wagt, welcher Satz zwar freilich keine Erfahrung ist, sondern die Form der Apperze.ption, die jeder Erfahrung anhängt und ihr vorgeht, gleiclvwohl aber nur immer in An20 sehung einer möglichen Erkenntnis üherhaupt, als bloß subiektive Bedingung derselben, angesehen werden muß, die wir mit Unrecht zur Bedingung der Möglichkeit einer Erkenntnis der Gegenstände 2), nämlich Ztt einem Begriffe 1) Adickes: "welchem". 2) Wille: "zu einer Erkenntnis von Gegenständen". 382b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] seinem Denken liegen, von welchem doch eigentlich hier nur geredet wird, wenn gesagt wird, daß das Ich im Denken einfach sei. Es wäre auch wunderbar, wenn ich 1) das, was sonst so viele Anstalt erfordert, ttm in dem, was die Anschauung darlegt, das zu unterscheiden, was darin Substanz sei,. noch mehr aber, ob diese attch einfach sein könne, (wie bei den Teilen der Materie) hier so geradezu in der ärmsten VOTstelLung unter allen, gleichsam wie durch eine Offenbarung, gegeben würde. 1) Rosenkranz: "mir".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 383a vom denkenden Wesen überhaupt machen, weil wir dieses uns nicht vorstellen können, ohne uns selbst mit der Formel unseres Betcußtseins an die Stelle jedes anderen intelligenten Wesens zu setzen. Aber die Einfachheit meiner selbst (als Seele) wird auch wirklich nicht aus dem Satze: Ich denke, geschlossen, sondern der erstere liegt 1) schon in 1'edem Gedanken selbst. Der Satz: Ich bin einfach, muß als ein unmit I telbarer Ausdruck der (A 355) Apperzeption angesehen werden, so wie der vermeintliche kartesianische Schluß, cogito, ergo sum, in der Tat tautologisch 10 ist, indem das cogito (8um cogitans) die Wirklichkeit unmittelbar aussaUt. Ich bin einfach, bedeutet aber nichts mehr, als daß diese Vorstellung: Ich, nicht die mindeste Mannigfaltigkeit in sich fasse, und daß sie absolute (obzwar bloß logische) Einheit sei. Also ist der so berühmte psychologische Beweis lediglich auf der unteilbaren Einheit einer Vorstell1,f,ng, die nur das Verbum in Ansehung einer Person dirigiert, gegründet. Es ist aber offenbar: daß das Subjekt der Inhä,.enz durch das dem ') Gedanken angehängte Ich nur transzendental bezeichnet 20 werde, ohne die mindeste Eigenschaft desselben zu bemerken, oder überhaupt etwas von ihm zu kennen, oder zu wissen. Es t) Erdmann: "sondern die erstere liegt"; Wille: "son· dern liegt". 2) Erdmann: "den". Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 383b 3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen, dessen ich mir bewußt bin, ist ein ebensowohl in den Begriffen selbst liegender, mithin analytischer Satz; aber diese Identität des Subjekts, deren ich mir in allen seinen 1) Vorstellungen bewußt werden kann, betrifft nicht die Anschauung desselben. dadurch es als Objekt gegeben ist. kann also auch nicht die Identität der Person bedeuten, wodurch das Bewußtsein der Identität seiner eigenen Substanz, als denkenden Wesens, in allem Wechsel der Zustände verstanden wird, wozu, 1) Erdmann: "meinen".
384a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] bedeutet ein Etwas überhaupt (transzendentales Subjekt), dessen Vorstellung allerdings einfach sein muß, eben darum, weil man gar nichts an ihm bestimmt, wie denn gewiß nicht8 einfacher vorgesteUt werden kann, als durch den Begriff von einem bloßen Etwas. Die Einfachheit aber der Vorstellung von einem Subjekt ist darum nicht eine Erlcenntnis V01~ der Einfachheit des Subjekt8 selbst, denn von dessen Eigenschaften wird gänzlich abstrahiert, wenn es lediglich durch den an Inhalt gänzlich leeren Ausdruck Ich, (welchen ich auf jedes 10 denkende Subjekt anwenden kann), bezeich1Wt W1~rd. (A 356) I Soviel ist gewiß: daß ich mir durch das Ich jederzeit eine absolute, aber logische Einheit des Subiekt8 (Einfachheit) ge.denke 1), aber nicht, daß ich dadurch die wirkliche Einfachheit meines Subjekt8 erkenne. So wie der Satz: ich bin Substanz, nicht8 als die reine Kategorie bedeutete, von der ich in concreto keinen Gebrauch (empirischen) machen kann: so ist es mir auch erlaubt zu sagen: Ich bin eine einfache Substanz, d. i. deren Vorstellung niemals eine Synthesis des Mannigfaltigen enthält; aber dieser Begriff, oder auch dieser Satz, lehrt uns 20 nicht das mindeste in Anselvung meiner selbst als eines Gegenstandes df/T Erfahrung, weil der Begriff der Substanz selbst nur als Funktion der SyntheBis, ohne unterlegte 2) Anschauung, mithin ohne Objekt gebraucht wird, und nur von der Be1) Valentiner: "denke". I) Valen tiner: "untergelegte". 384b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B) um sie zu beweisen, e-8 mit der bloßen Analysis des Satzes, ich (B 409) denke, nicht ausgerichtet sein, sondern 1) verschiedene I SY'n- thetische Urteile, welche sich auf die gegebene Anschauung gründen, WÜirden erfordert werden. 4) Ich unterscheide ?mine eigene Existenz, als eines denkenden Wesens, von anderen Dingen außer mir (wozu auch mein Körper gehört), ist ebensowohl ein analytischer Satz; denn andere Dinge sind solche, die ich als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Bewußt8ein meiner selbst 1) Erdmann: d. i. "sein würde, sondern".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 385a dingung unserer Erkenntnis, aber nicht von irgendeinem anzugebenden Gegenstande gilt. Wir wollen über die vermeintliche Brauchbarkeit dieses Satzes einen Ver8Ucl~ anstellen. Jedermann muß geatehen: daß die Behauptung von der einfachen Natur der Seele nur sofern von einigem Werte sei, aJ,s ich dadurch dieBes SUbjekt von aller Materie zu unterscheiden 1) und sie folglich von der Hinfälligkeit ausnehmen kann, der diese jederzeit unterworfen ist. Auf diesen Gebrauch ist obiger Satz auch ganz eigentlich angelegt, daher er auch mehrerenteils so ausgedrückt wird: die Seele ist nicht körperlich. 10 Wenn ich nun zeigen kann: daß, I ob man gleich diesem Kardi. (A 357) nalsatze der rationalen Seelenlehre, in der reinen Bedeutung eines bloßen Vernunftsurteils, (aus reinen Kategorien), alle objektive Gültigkeit einräumt, (alles, was denkt, ist einfache Substanz), dennoch nicht der mindeate Gebrauch von diesem Satze, in Ansehung der Ungleichartigkeit, oder Verwandtschaft derselben mit der Materie, gemacht werden könne: so wird dieses ebensoviel sein, als ob ich die8e vermeintliche psychologische Einsicht in das Feld bloßer Ideen verwiesen hätte, denen es an Realität des objektiven Gebrauchs mangelt. 20 Wir haben in der transzendentalen Ästhetik unleugbar bewiesen: daß Körper bloße Erscheinungen unserea äußeren Sinnes. und nicht Dinge an sich selbst Bind. Diesem gemäß können wir mit Recht sagen: daß unser denken,des SUbjekt I) Valentiner: "Materie unterscheiden". Von d, Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 385 b ohne Dinge außer mir, dadurch mir VorsteUungen gegeben werden, gar möglich sei, und ich also bloß als denkend Wesen (ohne Mensch zu sein) existieren könne, weiß ich dadurch gar nicht. Also ist durch die Analysis des Bewußtseins meiner selbst im Denken überhaupt in Ansehung der Erkenntnis meiner selbst als Objekts nicht das mindeate gewonnen. Die logische Erörterung des Denkens überhaupt wird fälschlich fÜlr eine metaphysische Bestimmung des Objekts gehalten. Ein großer, ja sogar der einzige Stein des Anstoßes wider 10 unsere ganze Kritik WÜlrde es sein, wenn ea eine Möglichkeit
386a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] nicht körperlich sei, das heißt: daß, da es als Gegenstand des inneren Sinnes von uns vorge..~tellt wird, es, insofern als es denkt, kein Gegenstand äußerer Sinne, d. i. ke1:ne Erscheinung im Raume sein könne. Dieses will nun so viel sagen: es können uns niemals unter äußeren Erscheinungen denkende Wesen, als solche, vorkommen, oder, wir können ihre Gedanken, ihr Bewußtsein, ihre Begierden usw. nicht äußerlich anschauen: denn dieses gehört alles vor den inneren Sinn. In der Tat scheint dieses Argument auch das natiürliche und (A 358) populäre, worauf selJ>st der gemeinste "Verstand von I jeher gefallen zu sein scheint, und dadurch schon sehr früh Seelen, als von den Körpern ganz unterschiedene Wesen, zu betrachten angefangen hat. Ob nun aber gleich die Ausdehnung, die Undurchdringlichkeit, Zusammenhang und Bewegung, kurz alles, was uns äußere Sinne nur liefern können, nicht Gedanken, GefUhl, Neigung oder Entschließung sein 1), oder solche enthalten werden, aJ,s die überall keine Gegenstände äußerer Anschauung sind, so könnte doch wohl dasjenige Etwas, welches den äuße1'en 20 Erscheinungen zum Grunde liegt, was unseren Sinn so affiziert, daß er die Vorstellungen von Raum, Materie, Gestalt usw. bekommt, dieses Etwas, als Noumenon (oder besser, als transzendentaler Gegenstand) betrachtet, könnte doch auch zugleich das Subjekt der 2) Gedanken sein, wiewohl wir durch die Art, 1) Erdmann: "sind". I) Erdmann: gemeint ist "von (ihm eigenen) Gedanken". 386b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] gäbe, apriori zu beweisen, daß alle denkenden Wesen an sich einfache Substanzen sind, als solche also (welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist) Persönlichkeit unzertrennlich bei sich führen, und sich ihrer von aller Materie abgesorulerten Existenz bewußt sirul. Denn auf diese Art hätten wir doch einen Schritt" über die Sinnenwelt hinatut getan, wir wären in das Feld der N oumenen getreten, und nun spreche (B (10) I uns niemarul die Befugnis ab, in diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen, urul, nachdem einen jeden sein Glück. 10 stern begünstigt, darin Besitz zu nehmen. Denn der Satz: Ein jedes denkende Wesen, aJ,s ein solches, ist einfache Substanz,'
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 387 a wie unser äußerer Sinn dadurch affiziert wird, keine Anschauung von Vorstellungen, Willen UBW., sondern bloß vom Raum und deBsen BeBtimmungen bekommen. DieBes EtwaB aber ist nicht ausgedehnt, nicht undurchdringlich, nicht zusammengesetzt, weil alle dieBe Prädikate nur die Sinnlichke~'t und deren Anschauung angehen, sofern wir von dergleichen (uns Ubrigens unbekannten) Objekten affiziert werden. Diese Aus. drücke aber geben gar nicht zu erkennen, was für ein Gegenstand es sei, sondern nur: daß ihm, als einem solchen, der ohne Beziehung auf äußere Sinne an sich selbst betrachtet wird, 10 dieBe Prädikate I äußerer Erscheinungen nicht beigelegt werden (A 359) können. Allein die Prädikate des innern Sinnes, Vorstellungen und Denken, widersprechen ihm nicht. Demnach ist selbst durch die eingeräumte Einfachheit der Natur die menschliche Seele von der Materie, wenn man sie (wie man soll) bloß als Erscheinung betrachtet, in Ansehung des Substrati derselben gar nicht hinreichend unterschieden. Wäre Materie ein Ding an sich selbst, so würde sie als ein zusammengesetzte8 WeBen von der Seele, als einem einfachen, sich ganz und gar unterscheiden. Nun ist sie aber bloß äUßere 20 Erscheinung, deren Substratum durch gar ke~"ne anzugebende Prädikate erkannt wird; mithin kann ich von dieBem wohl a,nnehmen, daß eB an sich einfach sei, ob es zwar in der Art, wie es unsere Sinne afHziert, in UM die Anschauung des Ausgedehnten und mithin Zusammengesetzten hervorbringt, und daß also der Substanz, der in Ansehung unseres äußeren Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 387b ist ein synthetischer Satz apriori, weil er erstlich Uber den ihm zum Grunde gelegten Begriff hinausgeht und die Art des Das ein s zum Denken Uberhaupt dazutut, und zweitens zu jenemBegriffe ein Prädikat (der Einfachheit) 1) hinzufügt, wel. cheB in gar keiner Erfahrung gegeben werden kann. Also sind synthetische Sätze a priori nicht bloß, wie wir behauptet haben, in Beziehung auf Gegenstände möglicher Erfahrung, und zwar als Prinzipien der Möglichlceit dieBer Erfahrung selbst, tunUch und zulässig, sondern sie können auch auf Dinge Uberhaupt 1) Erdmann: "die Einfachheit".
a88a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] Sinnes Ausdehnung zukommt, an sich selbst Gedanken beiwohnen, die durch ihren eigenen inneren Sinn mit Bewußtsein vorgestellt werden können. Auf solche Weise würde ebendasselbe, was in einer Beziehung körperlich heißt, in einer andern zugleich ein denkend Wesen sein, dessen Gedanken wir zwar nicht, aber doch die Zeichen derselben in der Erscheinung, an.9chauen können. Dadurch würde der Ausdruck wegfaUen, daß nur Seelen (aJs besonde"e Arten von Sub••tanzen) denken; (A 360) es würde vielmehr wie gewöhnlich heißen, daß Menschen I den10 ken, d. i. ebendasselbe, was, als äußere Erscheinung, ausgedehnt ist, innerlich (an sich selbst) ein Subiekt sei, was nicht zusammengesetzt, sondern einfach ist und denkt. Aber, ohne dergleichen Hypothesen zu erlauben, kann man aUgemein bemerken: daß, wenn ich unter Seele ein denkend Wesen an sich verstehe, die Frage an sich schon unschicklich sei: ob sie nämlich mit der Materie (die gar kein Ding an sich selbst. sondern nur eine Art Vorstellungen in uns ist) von gleicher Art sei, oder nicht; denn das versteht sich schon von selbst, daß ein Ding an sich selbst von anderer Natur sei, aJs 20 die Bestimmungen, die bloß seinen Zustand ausmachen. Vergleichen wir aber das denkende Ich nicht mit der Materie, sondern mit dem I nteUigiblen, welches der äußeren Erscheinung, die wir Materie nennen, zum Grunde liegt: so können wir, weil wir vom letzteren gar nichts wissen, auch nicht sagen: daß die Seele sich tJon diesem irgend worin innerlich unterscheide. So ist demnach das einfache Bewußtsein keine Kenntnis 388b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] und an sich selbst gehen, welche Folgerung dieser ganzen Kritik ein Ende macht und 1) gebieten würde, es beim Alten bewenden zu lassen. Allein die Gefahr ist hier nicht so groß. wenn man der Sache näher tritt. In dem Verfahren der rationaJenPsychologie herrscht ein ParaJogism, der durch folgenden Vernunftsehluß dargestellt wird, Was nicht anders als 2 ) Subiekt gedacht werden kann, existiert auch nicht anders als 2) Subiekt. und ist also Substanz. 1) Erdmann: "machen und". 2) Vorländer: "anders denn als".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] 389a der einfachen Natur unseres Subjekts, insofern, als dieses dadurch von der 2lfaterie, als einem zusammenge8etzten Wesen, unterschieden werden soll. Wenn dieser Begriff aber dazu nicht taugt, ihn 1) in dem einzigen Falle, da er brauchbar ist, nämlich in der Vergleichung meiner selbst mit Gegenständen äußerer Erfahrung, da.~ Eigentümliche und Unterscheidende seiner Natur zu bestimmen, so mag man immer zu wissen tJorge I ben: das denkende I eh, die (A 361) Seele, (ein Name für den transzendentalen Gegenstand des inneren Sinnes) sei einfach; dieser Ausdruck hat deshalb doch gar keinen auf wirkliche Gegenstände sich erstreckenden 10 GcbravM und kann daher unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitern. So fällt demnach die ganze rationale Psychologie mit ihrer Hau1Jtstütze, und wir können so wenig hier, wie 80nst jemals, hoffen, durch bloße Begriffe, (noch weniger aber durch die bloße subjektive Form aller unserer Begriffe, das Bewußtsein,) ohne Beziehung auf mögliche Erfahrung, Einsichten auszubreiten, zumalen 2), da selbst der Fundamentalbegriff einer einfachen Natur von der Art ist, daß er überall in keiner 1) Schopenhauer: "um ihn"; Rosenkranz: "um in"; Hartenstein: "ihm"; Erdmann: gestrichen; Görland: "ihn" (nämlich ..• das Eigentümliche und Unbescheidene seiner Natur). 2) Valentiner: "zumal". Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B[ 389b Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein (B 411) solches betrachtet, nicht anders als Subjekt gedacht werden. Also existiert es auch nur als ein solches, d. i. als Substanz. Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt in jeder Absicht 1), folglich auch so wie es in der Anschauung gegeben werden mag, gedacht werden kann. Im Untersatze I) Erdmann: d. i. als Objekt überhaupt, mithin in jeder Absicht, folglich auch so ...
390a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] Erfalvrung angetroffen werden kann, und e8 mithin gar keinen Weg gibt, zu demselben, als einem obiektivgültigen Begriffe, zu gelangen. Dritter Paralogismi) der Personalität Was sich der numerischen Identität seiner Selbst in ver· schiedenen Zeiten bewußt ist, ist sofern eine Person: Nun ist die Seele usw. Also sie ist eine Person. Kritik des dritten Paralogisms der transzendentalen Psychologie Wenn ich die numerische Identität eine8 äußeren Gegen(A 362) standes durch Erfahrung erkennen wiU, so werde ich I auf das Beharrliche derjenigen Erscheinung, worauf, als Subjekt, sich aUes iihrige als Be8timmung bezieht, achthaben und die Identität von jenem in der Zeit, da die8e8 wechselt, bemerken. Nun aber bin ich ein Gegenstand des inneren Sinnes und aUe Zeit ist bloß die Form des inneren Sinnes. Folglich beziehe ich aUe und jede meiner sukzessiven Be8timmungen auf das numerischidentische Selbst, in aUer Zeit, d. i. in der Form der inneren 20 Anschauung meiner selbst. Auf diesen Fuß müßte die Persönlichkeit der Seele nicht einmal als ge8chlossen, sondern als ein vöUig identischer Satz de8 Selbstbewußtseins in der Zeit an10 1) Vorländer: "Paralogismus". 390b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] aber ist nur von demselben die Rede, sofern e8 sich selbst, als Subjekt, nur relativ auf das Denken und die Einheit de8 Bewußtseins, nicht aber zugleich in Beziehung auf die Anschauung, wodurch sie 1) als Objekt zum Denken gegeben wird, betrachtet. Also wird per Sophisma figurae dictionis, mithin durch einen Trugschluß die Konklusion gefolgert *). *) Das Denken wird in beiden Prämissen in ganz verschiedener Bedeut'lllflg genommen: im Obersatze, wie es auf ein Objekt überhaupt (mithin wie es in der Anschauung gegeben werden mag) 1) Vorländer: "es".
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. Al 391 a geaehen werden, und das ist auch die Ursache, weawegen e7' apriori güt. Denn er sagt wirklich nichts 'mehr, als in der ganzen Zeit, darin ich mir meiner bewußt bin, bin ich mir dieser Zeit, als zur Einheit meines Selbst gehörig, bewußt, und es ist einerlei, ob ich sage: dieae ganze Zeit ist in Mir, als individueller Einheit, oder ich bin, mit numerischer Identität, 1'n aller dieaer Zeit befindlich. Die Identität der Person ist also in meinem eigenen Bewußtsein unausbleiblich anzutreffen. Wenn ich mich aber aus dem Geaichtspunkte eines andern (als Gegenstand seiner 10 äUßeren Anschauung) betrachte, so erwägt dieser äußere Beobachter mich allererst in der Zeit, denn in der Apperzeption ist die Zeit eigentlich nur in mir vorgeateUt. Er wird also aus dem Ich, welches alle Vorstellungen zu aller ZeÜ in meinem Bewußtsein, und zwar I mit völliger Identität, A (363) begleitet, ob er es gleich einräu1nt, doch noch nicht auf die ob'jektive Beharrlichkeit meiner Selbst schließen. Denn da alsdann die Zeit, in welche der Beobachter mich setzt, nicht diejenige ist, die in meiner eigenen, sondern die in seiner Sinnlichkeit angetroffen wird, so ist die I dentüät, die mit 20 meinem Bewußtsein notwendig verbunden ist, nicht darum mit dem seinigen, d. i. mit der äußeren Anschauung meinea Subjekts verbunden. Es ist also die Identität dea Bewußtseins Meiner selbst in verschiedenen Zeiten nur eine formale Bedingung meiner Gedanken und ihres Zusammenhangea, beweist aber gar nicht Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 391 b I Daß dieae Auflösung dea berüh1nten Arguments in (B 412) einem 1) Paralogism so ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung zur systematischen Vorgeht; im Untersatze aber nur, wie es in Mt· Beziehung aufs Selbstbewu{Jtsein besteht, wobei also an gar kein Objekt gedacht wird, sondern nur die Beziehung aul Sich, als Sub.iekt, (als die Form des Denkens) vorgestellt wird. Im ersteren wird von Dingen geredet, die nicht anders als Subjekte gedacht werden kimnen; im zweiten aber nicht von Dingen, sondern vom I Denken (indem (B 412; 1) Grillo: "einen".
392a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] die numerische Identität meines Suhjekts, in welchem, ohnerachtet der logischen Identität des Ich, doch ein solcher Wech. sel vorgegangen sein kann, der es nicht erlauht, die Identität desselben beizubehalten; obzwar ihm immer noch das gleich. latttende Ich zuzuteilen, welches in jedem andem Zustande, selbst der Umwandlung des Subjekts, doch immer den Gedanken des vorhergehenden Subjekts aufbehalten und 80 auch dem folgenden iiherliefem könnte *). (A 364) I Wenngleich der Satz einiger alten Schulen: daß alles 10 fließend und nichts in der Welt beharrlich und bleibend *) Eine elastische Kugel, die auf eine gleiche in ge'rader Richtun,g stojJf, teUt dieser ihre ganze Bewegung, mithin ihren ganzen Zustand (wenn man bloß auf die Stellen im Rattme sieht) mit. Nehmt nun, nach der Analogie mit dergleichen Körpern, Sub· stanzen an, dere'lt die eine der andern Vorstellunge'lt, samt deren (A 364) BewufJtsein I einflöjJte, so wird sich eine ganze Reihe derselben denke'lt lassen, deren die erstei) ih"en Zustand, samt desse'lt BewUßtsein, der zweiten, diese ihren eigene'lt ZttBtand, samt dem der vorige'lt Substanz, der dritten und diese ebe'ltso die Zustände aUer vOf'igen, samt ihrem eigenen und deren Bewußtsein, 1I'titteitte. Die letzte Substanz würde also aller Zu6tände der vor ihr veränderten Substanzen sich als ihrer eige'lten bewujJt sein, weil jene zusamt dem Bewußtsein in sie übet-tra,gen worden, und demunerachtet, würde sie doch nicht ebendieseIbe Person ,in allen diese'lt Zustände'lt gewesen sein. I) Vorländer: "deren erste". 392b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] stellung der Grundsätze und den Abschnitt von den N oumenen hierbei nachsehen will, da bewiesen worden, daß der Begriff eines Dinges, was für sich selbst als Suhjekt, nicht aber als bloßes Prädikat e:l:,istieren kann, noch gar keine objektive man von aUe'In Objekte abstrahiert), in welchem das Ich immer zum Subjekt des Bewußtseins dient; daher im Schlußsatze nicht folgen kann: ich kann nicht anders als Subjekt existieren, sonde'l'n nur: ich kann im Denken meiner Existenz mich nur zum Subjelet des Urtetls brauchen, welches ein identischer Satz ist, der schlechterdings nichts über die Art meines Daseins eröffnet.
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg.A] 393a 8ei, nicht IItattfinden kann, 80bald man Sub8tamen annimmt, 80 i8t er doch nicht durch die Einheit des Selb8tbewußtseinB widerlegt. Denn wir 8elbBt können aU8 UnBerem Bewußt8ein darüber nicht urteilen, ob wir aLB Seele beharrlich sind, oder nicht, weil wir zu UnBerem identi8chen Selbst nur dagjenige zählen, des8en wir UnB bewußt sind, und so allerdings notwendig urteilen mÜS8en: daß wir in der gamen Zeit, de1'en wir UnB bewußt sind, ebendie8elbe 1) 8ind. In dem Standpunkte eines Fremden aber können wir die8es damm noch nicht für gültig erklären, weil, da wir an der Seele keine beharrliche Er8cheinung 10 antreffen, al8 nur die Vor8tellung Ich, welche 8ie alle begleitet und verknüpft, 80 können wir niemaLB ausmachen, ob dieses Ich (ein bloßer Gedanke) nicht ebenBowohl fließe, als die übrigen Gedanken, die dadurch aneinander gekettet werden. I E8 ist aber merkwürdig, daß die Persönlichkeit und (A 365) deren Voraus8etzung, die Bel.arrlichkeit, mithin die Sub8tanzialität der Seele jetzt allerer8t bewie8en werden muß. Denn könnten wir die8e voraus8etzen, so würde zwar daraus noch nicht die Fmtdauer de8 Bewußtseins, aber doch die Mögl'ichkeit eine8 fm·twährenden BewußtseinB in einem bleibenden Subjekt 20 folgen, welche8 zu der Persönlichkeit 8chon hinreichend i8t, die dadurch, daß ihre Wirkung etwa eine Zeit hindurch unterbrochen wird, 8elb8t nicht sofort aufhört. Aber die8e Beharrlichkeit i8t UnB vor der numeri8chen Identität UnBerer Selbst, die wir I) Hartenstein: "d;eselben". Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 393 b Realität bei sich führe, d. i. daß man nicht wi8sen könne, ob ihm überall ein GegenBtand zukommen könne, indem man die Möglichkeit einer 80lchen Art zu exi8tieren nicht einsieht, folglich daß (8 1 ) 8chlechterding8 keine Erkenntni8 abgebe. Soll er also unter der Benennung einer Sub8tanz ein Objekt, das gegeben werden kann, ameigen; soll er ein Erkenntnis werden: so muß eine beharrliche Anschauung, al8 die unentbehrliche Bedingung der objektiven Realität eine8 Begriff8, nämlich das, wodurch allein der GegenBtand gegeben wird, I) Erdmann: "er".
394a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. A] aus der identischen Apperzeption folgern, durch nichts gegeben, sondern wird daraus allererst gefolgert, (und auf diese müßte, wenn es recht zuginge, allererst der Begriff der Substanz folgen, der allein empirisch brauchbar ist.) Da nun diese Identität der Person aus de1' Identität des Ich, in dem Bewußtsein aller Zeit, darin ich mich erkenne, kei'Tleswegs folgt: 80 hat auch oben die Substanzialität der Seele darauf nicht gegründet werden können. Indessen kann, so wie der Begriff der Substanz und des 10 Einfachen, ebenso auch der Begriff der Persönlichkeit (sofern er bloß transzendental ist, d. i. Einheit des Subjekts, das 1) uns übrigens unbekannt ist, in dessen Bestimmungen aber eine durchgängige Verknüpfung durch Apperzeption ist) bleiben, und sofern ist dieser BegrUf auch zum praktischen Gebrauche (A 366) nötig und hinreichend, aber auf ihn 2), I als Erweiterung unserer Selbsterkenntnis durch reine Vernun/t, welche uns eine ununterbrochene Fortdauer des Subjekts aus dem bloßen Begriffe des identischen Selbst vorspiegelt, können wir nimmer· mehr Staat machen, da dieser Begriff sich immer um sich 20 selbst herumdreht, und uns in Ansehung keiner einzigen Frage, welche auf synthetische Erkenntnis angelegt ist, weiterbringt. 1) Erdmann: "d i. der Einheit •. "; Adickes: "d. i. Einheit des Subjektes betrifft, das"; Vorländer: "d. i. Einheit des Subjektes anzeigt, das"; Görland: "d. i. Einheit des Sub· jektes besagt". 2) Vorländer: "mit ihm". 394b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] I (B 413) zum Grunde gelegt werden. Nun haben wir aber in der inneren Anschauung gar nichts Beharrliches, denn das Ich ist nur das Bewußtsein meines Denkens; also fehlt es uns auch, wenn wir bloß beim Denken stehenbleiben, an der notwendigen Bedingung, den Begriff der Substanz, d. i. eines für sich be· stehenden Subjekts, auf sich selbst als denkend Wesen anzuwenden, und die damit verbundene Einfachheit der Substanz fällt mit der objektiven Realität dieses Begriffs gänzlich weg, und wird in eine bloße logische qualitative Einheit des Selbst: 10 bewußtseins im Denken überhaupt, das Subjekt mag zusam1nen· gesetzt sein oder nicht, verwandelt.
Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. Al 395 a Was Materie für ein Ding an sich selbst (tra.nszendentales Objekt) sei, ist uns zwar gänzlich unbekannt; gleichwohl kann doch die Beharrlichkeit derselben als Erscheinung, dieweü sie als etwas Äußerliches vorge8tdlt wird, beobachtet werden. Da ich aber, wenn ich das bloße Ich bei dem Wechsel aller Vorstellungen beobachten will, kein ander Korrelatum meiner Vergleichungen habe, als wiederum Mich selbst, mit den allgemeinen Bedingungen meines Bewußtseins, so kann ich keine andere als tautologische Beantwortungen auf alle Fragen geben, indem ich nännlich meinen Begriff und dessen Einheit den 10 Eigenschaften, die mir selbst alsObjekt zukommen, unterschiebe, und das voraussetze, was man zu wissen verlangte. Der vierie Paralogismi) der Idealität (des äufJeren VerhältnisseB) Dasjenige, auf dessen Dasein, nur als einer D rsache zu gegebenen Wahrnehmungen, geschlossen werden kann, hat eine nur zweifelhafte Existenz: I Nun sind alle äußeren Erscheinungen von der Art: daß (A 367) ihr Dasein nicht unmiUelbar wahrgenommen, sondern auf sie, als die Ursache gegebener Wahrnehmungen, allein ge- 20 schlossen werden kann: Also ist das Dasein aller Gegenstände äußerer Sinne zweifelhaft. Diese Ungewißheit nenne ich die Idealität äußerer 1) Vorländer: "Paralogismus": Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 395b Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der Seele Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen Argumente, dadurch bewiesen werden soll, daß die Seele (wenn man einräumt, sie sei ein einfaches Wesen) nicht durch Zerteilung zu sein aufhören könne, einen Mangel der Zulänglichkeit zu der Absicht, ihr die notwendige Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Aufhören ihres Daseins durch Verschwinden annehmen könnte. In seinem Phädon suchte er nun diese Vergänglichkeit, welche eine wahre Ver- 10 Kant, Kritik der reinen Vernunft. 27
396 a Von d. Paralogismen d. remen Vernunft [nach Ausg. Al Erscheinungen und die Lehre dieBer Idealität heißt der Idealism, in Vergleichung mit welchem die Behauptung einer möglichen Gewißheit von Gegemtänden äußerer Sinne, der Dualism genannt wird. Kritik des vierten Paralogisms der transzendentalen Psychologie Zuerst wollen wir die Prämissen der Prüfung unterwerfen. Wir können mit Recht behaupten, daß nur dasjenige, was in um selbst ist, unmittelbar wahrgenommen werden könne, und 10 daß meine eigene Existenz allein der Gegemtand einer bloßen Wahrnehmung sein könne. Also ist das Dasein eineB wirklichen Gegemtandes außer mir (wenn dieBes Wort in intellektueller Bedeut1lng genommen wird) niemals geradezu in der Wahrnehmung gegeben, sondern kann nur zu dieser, welche eine Modifikation des inneren Sinnes ist, als äußere Ursache derselben hinzugedacht und mühin geschlossen werden. Daher auch Cartesius mit Recht alle Wahrnehmung in der engsten (A 368) Bedeutung auf den Satz einschränkte: Ich (als ein I denkend Wesen) bin. Es ist nämlich klar: daß, da das Äußere nicht 20 in mir iBt, ich eB nicht in meiner Apperzeption, mithin auch in keiner Wahrnehmung, welche eigentlich nur die BeBtimmung der Apperzeption ist, antreffen könne. Ich kann also äußere Dinge eigentlich nicht wahrnehmen, sondern nur aus meiner inneren Wahrnehmung auf ihr Dasein schließen, indem ich diese als die Wirkung ameM, wozu 396 b Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] nichtung sein würde, von ihr dadurch abzuhalten, daß er sich zu beweisen getraute, ein el:nfaches Wesen könne gar nicht aufhören zu sein, weil, da es gar nicht vermindert werden und also nach und nach etwas an seinem Dasein verlieren, und so (B 414) alllmählich in nichts verwandelt werden könne, (indem es keine Teile, also auch keine Vielheit in sich habe,) zwischen einem Augenblicke, darin es ist, und dem andern, darin es nicht mehr ist, gar keine Zeit angetroffen werden würde, welches unmögZ,'ch illt. - Allein er bedachte nicht, daß, wenn wir 10 gleich der Seele diese einfache N atar einräumen, da sie nämlich kein }1annigfaltiges außereinander, mithin keine extemive
Von d. Paralogismen cl. reinen Vernunft [nach Ausg.A] 397a etwU8 Äußeres die nächste Ursache ist. Nun ist aber der Schluß von einer gegebenen Wirkung auf eine bestimmte Ursache jederzeit unsicher; weil die Wwkung aus mehr als einer Ursache entsprungen sein kann. Demnach bleibt es in der Beziehung der Wahrnehmung auf ihre Ursache jederzeit zweifelhaft: ob diese innerlich, oder äußerlich sei, ob also alle sogenannten äußeren Wahmehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes sind, oder ob sie sich auf äußere wirkliche Gegenstände, als ihre Ursache beziehen. Wenigstens ist dU8 DU8ein der letzteren nur geschlossen, und läuft die 10 Gefahr aller Schlüsse, dahingegen der Gegenstand des inneren Sinnes (Ich selbst mit allen meinen Vorstellungen) urvmittelbar wahrgenommen wird, und die Existenz desselben gar keinen Zweifel leidet. Unter einem Idealisten muß man also nicht denjenigen verstehen, der dU8 DU8ein äußerer Gegenstände der Sinne leugnet, sondern der nur nicht einräumt: daß es durch urvmittelbare Wahrnehmung erkannt werde, daraus I aber schließt, daß (A 369) wir ihrer Wwklichkeit durch alle mögliche Erfahrung niemals vöUig gewiß werden können. 20 Ehe ich nun unseren Paralogismus seinem trüglichen Scheine nach darstelle, muß ich zuvor bemerken, daß man notwendig einen zweifachen Idealism ttnterscheiden müsse, den transzendentalen und den empWischen. Ich verstehe aber unter dem transzendentalen I dealism aller Erscheinungen den Lehrbegrill, nach welchem wir sie insgesamt als bloße Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg. B] 397b Größe enthält, man ihr doch, 80 wenig wie irgendeinem Existierenden, intensive Größe, d. i. einen Grad der Realität in Ansehung aller ihrer Vermögen. ja iilJerhaupt alles dessen, WU8 dU8 DU8ein ausmacht, ableugnen könne, welcher durch alle unendlich vielen kleineren Grade abnehmen, und so die vorgebliche Substanz, (das Ding, dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon fest steht,) obgleich nicht durch Zerteilung, doch durch aUmähliche N achlU8sung (remissio) ihrer Kräfte, (mithin durch Elangueszenz. wenn es mw erlaubt ist, mich dieses Ausdrucks zu bedienen,) in nichts verwandelt werden könne. Denn selbst 10 dU8 Bewußtsein hat jederzeit einen Grad, der immer noch ver27'"
398a Von d. Paralogismen d. reinen Vernunft [nach Ausg.A] Vorstellungen, und nicht als Dinge an sich selbst, ansehen, und demgemäß Zeit und Raum nUT sinnliche Formen unseTeT Anschauung, nicht abeT füT sich gegebene Bestimmungen, oder Bedingungen der Obiekte, als Dinge an sich selbst sind. Diesem Idealism ist ein transzendentaler Realism entgegengesetzt, deT Zeit und Raum als etwas an sich (unabhängig von unseTer Sinnlichkeit) Gegebenes ansieht. Der transzendentale Realist stellt sich also äußere Erscheinungen (wenn man ihre Wirklichkeit einräumt) als Dinge an sich selbst vor, die unabhängig 10 von uns und unsllTer Sinnlichkeit emstieTen, also auch nach reinen VerstandesbegTiffen außeT uns wären. Dieser transzendentale Realis.t ist es eigentlich, welcheT nachher den empirischen Idealisten spielt, und nachdem er fälschlich von Gegenstä