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Author: Dumas Alexandre Leitch Michael
Tags: kinderliteratur klassiker für kinder
ISBN: 3-8067-4751-2
Year: 2000
Text
Die drei
Musketiere
Alexandre Dumas
uerstenberg Verlag
Die drei
Musketiere
VISUELLE 4 » BIBLIOTHEK
KLASSIKER FÜR KINDER
Die drei
Musketiere
Der junge d’Artagnan schließt sich im
Paris Ludwigs XI1L den drei königs-
treuen Musketieren Aramis, Athos und
Porthos an. Mutig kämpfen sie für
Frankreich und entlarven die ebenso
schöne wie grausame Milady, die intri-
gante Spionin des Kardinals Richelieu.
Die Bücher der Visuellen Bibliothek
erzählen die Klassiker der Welt-
literatur für Kinder von heute.
Außerdem erklären sie in Wort
und Bild die Welt, von der
die Geschichten handeln.
VISUELLE < > BIBLIOTHEK
| KI. ASSI KER FÜR KINDER]
Die drei
Musketiere
Alexandre Dumas
Illustrationen von
Victor Ambrus
Gersten berg
Jnhalt
Vorwort 6
D'ÄR TA G NA NS bR A NK REICH
Das Leben der Musketiere
8
10
D’Artagnan,
der junge Held
Kapitel 1
Die drei Geschenke 12
.< macht-
hungrige Kardinal
Kapitel 2
Monsieur de Treviele 14
Kapitel 3
Musketiere und Wachen 16
Kapitel 4
Hofintrigen 20
Kapitel 5
Dunkle M a c h e n s c h a f t e n 24
Porthos, der
eitle Musketier
Kapitel 6
Die Diamanten der
Königin 28
Kapitel 7
Das Treffen 34
Milady, die
raffinierte Spionin
Athos, der melan-
cholische Musketier
Aranus, der verschwiegene Musketier
Der Graf de Rochefort,
der geheimnisvolle
Fremde aus Meung
Kapitel 8
Die Gehängte 36
Kapitel 9
Mll.ADY - UND EIN DUELL 38
Kapitel 10
Das Lilienwappen 44
Kapitel 11
Meuchelmörder 46
Madame Bonacieux,
die Wäschezofe
der Königin
Kapitel 12
Das Wirtshaus
»Zum Roten Taubenschlag«
Kapitel 13
Siegreiche Helden 52
Kapitel 14
Gefährliche Zeiten 54
Kapitel 15
50
Königin Anna, die schöne
Gattin Ludwigs Xill.
Todesurteil 58
Ludwig XIIL.
König von Frankreich
Kapitel 16
Der vierte Musketier 60
Dumas’ Welt 62
Monsieu r Bona cieux,
ein feiger Vermieter
Der Herzog von Buckingham,
em romantischer Engländer
Vorwort
Degen, Duelle, Intrigen und romantische Liebe - auch heute noch
begeistert die Geschichte von den drei Musketieren die Leser. Der
Held der Geschichte, die Alexandre Dumas Anfang der 40er-Jahre des
letzten Jahrhunderts schrieb, ist d’Artagnan, ein ehrgeiziger junger Edel-
mann, der Musketier werden will. Der Autor ließ den Roman über die
verwegenen Musketiere im frühen 17. Jahrhundert spielen, im Frank-
reich Ludwigs XIII.
Es ist erstaunlich, wie lebendig Dumas Geschichte erzählen kann. Wir
begleiten d’Artagnan auf seiner Reise von der heimatlichen Gascogne im
Süden Frankreichs nach Paris. Hier lernen wir zusammen mit dem Helden
das abwechslungsreiche Leben der Großstadt kennen, aber auch das Leben
am königlichen Hof, an dem Verschwörungen, Machtkämpfe, Spionage
und Verrat an der Tagesordnung sind. Kaum ist d’Artagnan angekommen,
hat er sich schon Feinde gemacht.
Aber er findet auch Freunde: Die drei Musketiere Athos, Porthos und
Aramis kämpfen für ihr Land, für ihre Königin - und füreinander. Ihre
Abenteuerlust und ihr Mut sind schier grenzenlos: Gemeinsam stellen sie
sich dem Kardinal Richelieu entgegen, der raffinierten Spionin Milady
und den aufständischen Bewohnern von La Rochelle.
Fotos und Zeichnungen beschwören die Atmosphäre des frühen 17. Jahr-
hunderts herauf, der Zeit der Musketiere: Ein Kaleidoskop von leidenschaft-
lich gefochtenen Duellen, geheimnisvollen Gestalten, Meuchelmord und
gefährlichen Abenteuern. Und immer wieder müssen die drei Musketiere und
d’Artagnan die Treue zu ihrem Motto beweisen:
»Alle für einen, einer für alle.«
Das Horcl de Sens in der Rue du Figuier in Paris
rn n
Huckingharn
(•eorge Vrlliers 1592-1628) war sehr reich
und stand den englischen Herrschern nahe Weil
er aber hochmütig war und mit den Katholiken
svmpathisierte. war er in Fngland sehr unbeliebt
Im 1* Jh. gipfelten die Feindseligkeiten
zwischen Protestanten um! Katholiken in der
sehrcs.klK.hcn Bartholomäusnacht 1 s'Ji. in
der über 2000 Protestanten ermordet wurden.
D'Artagnan
Ihcscr Musketier hat wirklich gelebt
und stammte aus einer reichen I amilie
der (»ascogne Fr diente nicht I udwig
XIII , sondern I udwig XIV . und kam
erst Ik4i) n.»sh Paris, 1' Jahre spater
als in Dumas Roman Fr stieg zum
Oberstleutnant der Musketiere
des Königs aut und fiel
16'1 im Kampf
Königin Anna
Anna von Österreich
1601-1666 , Tochter
des Königs Philipp III
von Spanien, heiratete nut
14 |ahren I udw ig XIII Ihr I he
leufe standen sich nie sehr nahe,
ginnt im Jahr lb2> und spielt in einer
inderungen. Der katholische König 1 ud
wig XIII. und sein Berater Kardinal
Richelieu wollten die Protestant i-
sehen Hugenotten zum Gehor-
suchtcn sie die Machtanspruche
I-rankreichs gegenüber Spanien durch
zusetzen, jahrelang hatte f rankreich unter Bürgerkriegen
gelitten, heimtückischer Mord war an der lagesordnung.
Ziemlich ahnungslos betritt d’Artagnan die Szene
Du Hst piik.i-ri x
Du- Hauptfiguren in den Drei Musketieren gehen
aut historische Persönlichkeiten des |" Jh s
zurück. Vieles, was Dumas erzählt, hat
sich w irklich so ereignet
Ludwig XIII.
Der Sohn von Mana
de Medici und Hein-
rich IV wurde neun
jährig gekrönt Mit
I 5 Iahten war er
mit Anna von Oster
reich verheiratet und
regierte selbstständig.
kardinal Ruhe heu
Armand Jean du Messis
(1585-1642), bekannt als
Richelieu. wurde 1622 zum
kardinal ernannt und war
tigste Mann in Frankreich
Obwohl viele Komplotte
gegen ihn geschmiedet
wurden, erlang es ihm
stets, seine Position sowohl
innerhalb der Kirche als
auch des Staates zu halten.
liethune
Annens
Meung
Tarbes
Tncö
Der Kardinal
lagen vor
La Rochelle.
D’Artagnan stammt
aus der Gascogne
im Sudwesten
Frankreichs.
Legetide der Frankreichkarte
D’Artagnan« Reise nach Paris
Die Jagd nach den Diamanten
Die Musketiere reiten nach La Rochelle
Dir letzte Reise
। Chantilly
Paris
Kardinals reist
sehr vornehm.।
An der belgischen
Grenze sorgen dir
Musketiere selbst
für Gerechtigkeit.
Die Lage der Huge.
ioWn_inLa Keich eile
\ £piut sich
Paris
Ein großer Teil der
Geschichte spielt in Parts.
1 her leben der König, der
Kardinal, die Musketiere
und zeitweise auch Milady
Der 1 aeHihgs-*»»**:-
wein der Mus-
ketiere kommt 1 «
aus der Gc- _ _
gend von 2
Ajujqu.
D’Artagnan stellt
fest, dass Klöster
nicht so sicher
sind, wie sie
aussehen.
Amienticrcs . ..
«-=• Lille
7 St. Gennain-dcs-Pres
8 Haus von Monsieur de
Treville
9 Wohnung von d’Artagna
10 Palais du Luxembourg
1.egende zunt Stadtplan non Paris
1 Bastille
2 Place des Vosges
3 Rathaus
4 Notre-Dame
5 Palast des Kardinal
6 Louvre
Ohne es zu ah- „
nen, schwebt /'•Ä” J
der Herzog
von Bücking- \jondon >
* ham in gro-
Ker Gefahr. ~ '
_a J- ..
r ? r , Calai
US
Pike
Degengurt
Abtug
Abzugsschutz
Sehnde
Die Stutzgabel
gab beim
heuern Halt.
Feuerschutz
Infanteristen beschützten mit
ihren Piken die Musketiere,
wenn diese ihre Musketen
nachkidcn - denn das dauerte
sehr lange.
En ganle!
Die Musketiere des Königs
wachten stolz über ihren
Rui als unübertreffliche
Fechter. Wie in Dumas'
Roman duellierten sic sich
ort mit ihren Rivalen.
der Garde des Kardinal
Richelieu. j
Degen
Der Degen mit sei
ner langen, schma-
len Klinge wurde
von den .Musketie-
ren im I cvhtkampl
sehr geschickt als
Hieb und Stich-
waffe eingesetzt.
Scharfschützen
Ihren Namen hatten die
Musketiere von ihrem
neuartigen Gewehr, der
Muskete.
Zünd-
pfanne und
Abdeckung,
Lun tenschlossgeu -ehr
Eine glühende Lunte wurde
mechanisch an eine Zündpfanne
gebracht. Die durch das Zünden
des Pulvers entstandene Explosion
•feuerte« die Kugel im Lauf ab.
Zivilisten treten in die Armee cm - em Druck aus dem 17. Jh
von Jacques Callot.
Draufgänger: I in Duell zwischen den Muske-
tieren und der Garde Richelieu* in Dte drei
Musketiere (1973)
Luntensehloss
Freiwillige vor!
In jener Zeit übernahmen die jüngeren Söhne adeliger
Familien entweder Kirchenämter oder traten in das Heer
ein. Der Sold war gering und sic mussten ihre oft reure
Ausrüstung selbst besorgen. Plünderungen waren für
sie eine willkommene Gele
k genhcit. die leeren Ta-
1 sehen zu füllen.
1 Hand-
1 schuti
Es war eine große Ehre, zu den Musketieren des
Königs zu gehören. Das Korps bestand aus etwa
hundert Mann, von denen die meisten Adelige waren.
Aufgenommen wurde nur. wer sich im Krieg bewährt
hatte. In Friedenszeiten stellten sic die Ehrengarde des
Königs und verfügten über viel freie Zeit. Die drei
Musketiere in Dumas’ Roman - Athos, Porthos
und Aramis - haben wirklich gelebt, aber Dumas
hat viel dazuerfunden.
Pulvergürtel
An diesem Gürtel waren 12 Be-
hälter für das Pulver befestigt; man trug
ihn quer über Brust und Rucken. Die Ku-
geln waren in einem Beutel untcrgebrachi
10 -i
Alles ist erlaubt
In Friedenszeiten blieb den Muske-
tieren viel Zeit für ihr Liebesle-
hcn. zu dem - genau wie Dumas
es beschreibt - der Kampf für
die eigene F.hre oder die der
geliebten Dame ebenso
gehörte wie romantische
Intrigen. D'Artagnan und
die drei Musketiere sind
der Ansicht, dass in der Lie-
be alle Mittel erlaubt seien.
1 icbesszcnc zwischen
Barbara La Marr und Doudas
Muntere Burschen: Van Heflin, Gene Kelly, Gig Young
und Robert Cootc in Dir drei Musketiere von 1948
Teamgeist
1»-i Musketiere des Königs waren stolz auf ihr kleines, auser-
»rscnes Korps und immer bereit, für die Gefährten einzustehen.
•Alle für einen, einer für alle« war das Mono, das den Korps-
cc-'t treffend zusammenfasste.
Dll HISTORISCHEN MUSKETIERE
Die drei Musketiere bet Dumas stammen ebenso
wie d'Artagnan aus der Gascogne. Da über die
Männer und ihr Leben wenig bekannt war.
konnte Dumas viel dazuerfinden.
Athos
Athos’ wirklicher Name war Armand de
Sillegue; er war der Junker des kleinen
Dorfes Athos in der Gascogne und
ein entfernter Verwandter von Mon-
sieur de Trcville, dem Hauptmann
der Musketiere. Er starb 1643 in
Paris - wahrscheinlich bei einem Duell.
Dumas stellt ihn als nachdenklichen
Mann mit angeborener Autorität und
einer düsteren, geheimnis-
vollen Vergangenheit dar.
Porthos
Porthos hieß in Wirklichkeit
Isaac de l’ortau und wurde
erst 1643 Musketier. Bei Dumas
ist er ein lebenslustiger Genielser,
der edle Kleidung, Wein, die Frau-
en und fröhliche Lieder liebt.
Ararnis
Arainis war eigentlich Henry
d’Armamirz, ein Adeliger aus
Aramitz in der Gascogne, und
ebenso wie Athos mit de Trcville
verwandt. Er trat 1640 in das
Musketier-Korps ein. Bei Dumas
ist er ein liebenswerter und gut
aussehender Mann, der sich, wäh-
rend er vorgibt.
Theologie zu studie-
ren, mit schonen
Damen trifft.
La Rochelle
Die Musketiere nahmen an der Belage-
rung von La Rochelle teil. Die Hafen-
stadt war in der I land von hugenotti-
schen Rebellen. Unter der Führung
von Richelieu hungerte die Armee des
Königs die protestantischen Belagerten
aus. indem sic einen Damm vor dem
Hafen anlegre und die englische Ma-
nne so daran hinderte, der Stadt
mit Nachschub und Verstärkung
zur Hilfe zu kommen.
Kardinal Richelieu bei der
Belagerung von I a Rochelle
Die drei Musketiere
—4.—
Meung-sur-Loire
Unsere Geschichte beginnt
in Meung, einer Stadt in der
französischen Region Loire.
Um die 500 km bis dorthin
zurückzulegen, musste d’Ar-
tagnan wochenlang reiten.
Kapitel 1
Oie drei Geschenke
Am ersten Montag im April des Jahres 1625 kam ein junger
xx Mann am Wirtshaus »Zum Fröhlichen Müller - in Meung
vorbei. Er ritt einen alten Falben mit gelblichem Fell, über den alle
Passanten lachten - bis sie den strengen Blick seines Reiters bemerk-
ten und das Lachen lieber bleiben ließen.
Der junge Mann stieg ab. Sein Name war d’Artagnan. Er war 18
Jahre alt und wirkte stolz und verwegen. Sein langer Degen berührte
beinahe seine Knöchel. Er hatte sein Elternhaus in der Gascogne
verlassen, weil er nach Paris wollte. Sein Vater hatte ihm drei
Geschenke mit auf die Reise gegeben: Einen Beutel mit 15 Talern,
den gelben Klepper und ein Empfehlungsschreiben für Monsieur
de Treville, den Hauptmann der königlichen Musketiere. Ein
eleganter, dunkelhaariger Mann mit einer Narbe auf der Wange
stand an einem Fenster im Erdgeschoss und sagte etwas zu zwei
Männern, die darauf in Gelächter ausbrachen. D’ Artagnan
sah sic wütend an. Sicher lachten sie über ihn. »Heda,
ihr Herren!*, rief er. »Sagt bitte, was so lustig ist!«
»Das Pferd sieht aus wie eine Butterblume«, erwi-
derte der erste Mann. »Die Farbe sicht man bei
Blumen häufig, bei Pferden dagegen nur selten.«
Zornig zog d’Artagnan seinen Degen und ging
auf den Mann mit der Narbe los, der sich mit
einem Satz nach hinten in Sicherheit brachte.
Seine Freunde und der Wirt fielen mit Stöcken
und Schaufeln über d’Artagnan her. Er wehrte
sich tapfer, aber ein Schlag auf die Stirn nahm
ihm das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Gäste-
zimmer auf einem Bett. Der Wirt half ihm hinunter
in die Küche. Durch die offene Tur konnte d’Artagnan
den Fremden mit der Narbe neben einer Kutsche
stehen sehen. Das Fenster der Kutsche gab einen
D’Artagnan wirkte
stolz und verwegen.
12
Dit drei Geschenke
hübschen Rahmen für den Kopf der jungen Frau ab, die darin saß.
Sie harte blondes Haar, große blaue Augen und rosige Lippen.
•So befiehlt seine Eminenz mir also ...«, sagte sie gerade.
•Sofort nach England zurückzukehren und ihn zu verständigen,
sobald der Herzog London verläßt, Milady«, ergänzte der Fremde.
D'Arragnan lief schwankend in den Hof hinaus. »Diesmal
entkommen Sie mir nicht!«, schrie er.
Aber der Fremde schwang sich auf sein Pferd und er und die
Kutsche jagten in entgegengesetzte Richtungen davon.
Gascogne
D’Artagnan stammt aus der
Gascogne im Südwesten
Frankreichs. Die Bewohner
dieser Gegend galten als
tapfer, ehrgeizig und tempe-
ramentvoll. D’Artagnan ist
aut dem Land autgewachsen
und versteht wenig von Poli-
tik und raffinierten Intrigen.
»Feigling!«, rief d’Artagnan. Dann brach er. von seinen Verletzun-
gen geschwächt, auf der Straße zusammen. »Sic ist so schön«, flüster-
te er noch.
»Wer? Wer ist schön?«, fragte der Wirt, der nachgekommen war.
»Milady«, hauchte d’Artagnan und verlor wieder das Bewusstsein.
Rast für Reisende
Als die Leute noch zu Pferd
oder in der Kutsche reisten,
gab es entlang der Straßen
viele Wirtshäuser. Hier konn-
te man essen, übernachten
und die Pferde ausruhen las-
. sen oder gegen frische tau-
scWw. Vn Aw Www'ftause’fn
trafen Menschen aller sozia
len Schichten zusammen.
Dir. drei Musketiere
Kapitel 2
Monsieur de Treville
Am nächsten Tag fühlte sich d'Artagnan kräftig genug, um seine Reise fortzusetzen. Als
xJLcr seine Zeche zahlte, musste er jedoch fcststcllcn, dass sein Empfehlungsschreiben für
de Trcville verschwunden war. Er beschuldigte den Wirt, doch der entgegnete, der Brief
müsse gestohlen worden sein.
»Gestohlen? Von wem?«
»Von dem Herrn mit der Narbe, Monsieur.
Er hat Ihre Taschen durchsucht, als Sie
bewusstlos waren.«
D’Artagnan schwor sich, den Dieb
anzuzeigen. Sobald er in Paris
angekommen war, verkaufte er
sein gelbes Pferd und mietete
eine Unterkunft. Am nächs-
ten Morgen besuchte er
Monsieur de Treville. Sein
Vater hatte gesagt, er sei der
drittwichtigste Mann in Frank-
reich und komme gleich nach
dem König und seinem engsten
Berater, dem Kardinal Richelieu.
Als d’Artagnan bei de Trc-
ville cintrat, tadelte dieser
gerade die Musketiere Por-
thos und Ararnis dafür, dass
sie sich am Vorabend mit
Männern von der Garde des
Kardinals duelliert hatten.
Athos war bei dem Duell
verletzt worden. Nach-
dem sich die Musketiere
entschuldigt harten, ent-
ließ de Treville sie und
De Treville tadelte
Porthos und Ararnis
wegen des Duells.
14
Monsieur di Treviii.f.
Durch das Fenster
wendete sich d’Artag-
- i l *
nan zu.
Mi **
»Und was kann ich
für Sic tun?«
11'
»Monsieur, ich
möchte ein Musketier
werden.«
D’Artagnan erzählte
Monsieur de Treville
von dem gestohlenen
Empfehlungsschrei-
ben und auch von
dem geheimnisvollen
Fremden mit der
Narbe, der sich in
Meung mit der schö-
nen Dame getroffen hat-
te. De Treville sah d’Artag-
nan lange an.
« i
Ist dieser Junge aus der Gas-
Hauptmann der
Musketiere
Als Leibgarde des Königs
standen die Musketiere hoch
tm Ansehen ihrer Zeitgenos-
sen. Kein Wunder, dass der
junge d’Artagnan einer von
ihnen werden wollte. Der
historische Monsieur de Ire
ville (1598-1672) stammte
ebenfalls aus der Gascogne
und stieg in seinem Korps
zuin Hauptmann auf.
cogne so ehrlich, wie er aussieht
erblickte d’Artagnan oder könnte er ein Spion sein?,
den geheimnisvollen fragte er sjch
Fremden mit der Narbe.
Der Hauptmann der Muske-
tiere entschloss sich dem jungen Mann eine Chance zu
geben und verfasste ein Empfehlungsschreiben für die
königliche Akademie, damit er dort Reiten, Fechten und
höfische Manieren lernen würde. De Treville wollte den
Brief gerade d’Artagnan überreichen, als dieser, der ver-
träumt aus dem Fenster geschaut hatte, plötzlich rot vor
W ut wurde. »Ha! Dieses Mal entkommt er mir nicht!«,
schrie er und stürzte zur Tür.
•Wen in aller Welt meinen Sie?«, wollte Monsieur de
Treville wissen.
Den Dieb!«, rief d’Artagnan aus. »Den Verräter!«
Und er verschwand.
15
Dif DRfi Musketiere
Die Karmelitinnen
Die Karmelitinnen folgten
strengen Ordensregeln. Sie
brachen den Kontakt zur
Außenwelt ah. trugen keine
Schuhe und unterwarfen sich
dem Schweigegelübde. Ihr
fensterloses Kloster war nicht
weit von der Innenstadt ent-
fernt. Die benachbarte Wie-
se eignete sich gut als Aus-
tragungsort für Duelle.
Vom Kloster ist heute nur
noch die hier abgebildete
Kirche erhalten.
JVJUSKETIERE UND WACHEN
In seiner Hast stieß d’Artagnan auf der Treppe mit einem Musketier
zusammen, der vor Schmerz laut aufschrie. »Tut mir Leid«, sagte
d’Artagnan, »aber ich bin sehr in Eile.«
»Soll das Ihre ganze Entschuldigung sein?«, empörte sich der Mus-
ketier. Er war totenbleich im Gesicht; tatsächlich war er kein anderer
als der am Vorabend verletzte Athos.
»Ich habe gesagt, dass es mir Leid tut, das sollte doch reichen«,
erwiderte d’Artagnan hochmütig.
»Sic sind unverschämt«, befand Athos. »Wir werden uns heute
Mittag beim Karmelitinnen-Kloster duellieren. Seien Sie pünktlich!«
»Ganz wie Sie wollen!«, erwiderte d’Artagnan erzürnt und stürzte
dem Mann mit der Narbe hinterher. Aber nur wenige Augenblicke
später verfing er sich auf der Gasse in Porthos' weitem Mantel.
D'Artagnan
stieß mit einem
Musketier zusam-
men, der t>or Schmerz
laut aufschrie.
Das Taschentuch
Mit dem Monogramm seiner
Besitzerin versehen und zart
nut ihrem I iehlingsdutt par-
fümiert, war das Taschen-
tuch ein Liebespfand. Ara-
mis ist wütend, weil durch
d’Arragnans Ungeschick-
lichkeit herauskommt, dass
er ein Verhältnis mit einer
angesehenen Dame hat.
16
Musketiere und Wachen
• (jünger Himmel«, rief Porthos aus. »Laufen Sic immer mit geschlossenen Augen herum? Ich
warne Sie! Wenn Sie Musketiere anrempeln, können Sic Arger bekommen.«
»Dann sollten wir uns nachher treffen«, gab d’Artagnan kühl zurück.
»Gut, um ein Uhr hinter dem Palais du Luxembourg.«
Inzwischen war der Mann mit der Narbe verschwunden. Während d'Artagnan noch nach
ihm suchte, kam er an Ararnis vorbei, der sich mit drei Wachen des Königs unterhielt. Dabei war
ihm ein Taschentuch aus der Tasche gefallen und Ararnis war - unabsichtlich, wie d'Artagnan
glaubte - darauf getreten. D’Artagnan zog es unter Ararnis' Fuß hervor und reichte cs ihm.
Aha!«, meinte einer der beiden Wachen, als er das Wappen auf dem Taschentuch bemerkte,
Sic scheinen sich mir Madame de Bois-Tracy doch recht gut zu verstehen.«
Da sind Sie im Irrtum«, gab Ararnis zurück und sah d’Artagnan böse an, »nicht ich habe es
verloren.«
Als die Wachen weitergegangen waren, wandte er sich wütend an d'Artagnan.
»Wie können Sie nur so dumm sein und es mir aufheben?«
»Ich sah, wie cs Ihnen hinunrcrfiel.«
Ich wiederhole: Dieses Taschentuch ist nicht aus meiner Tasche gefallen.«
Jetzt haben Sic zweimal gelogen, Monsieur.
Ich habe cs herausfallen sehen.«
Mein lieber junger Mann, ich sehe, dass
ich Ihnen Manieren beibringen muss.«
Dann ziehen Sie Ihren Degen«,
gab d'Artagnan zurück.
Nicht hier. Treffen Sic mich um
zwei vor dem Haus von Monsieur de
Irevillc«, befahl Ararnis.
Sie trennten sich, und d’Artagnan
ging zu der Wiese neben dem Kar-
mclitinnen-Kloster, auf der er sich
mit Athos duellieren sollte.
Ich werde niemals mit
Jem Leben davonkommen«,
sagte er sich. »Aber im
Grunde ist cs eine Ehre,
durch die Hand
eines Musketiers
zu sterben.«
D’Artagnan zog
das Taschentuch
unter dem Fuß des
Musketiers hervor.
Die drei Musketiere
Hausmacht des
Kardinals
Kardinal Richelieu gründete
1623 ein eigenes Wachkorps.
Zwischen den Wachen, die
beim Volk sehr unbeliebt
waren, und den Musketieren
des Königs kam es häufig
zu Zusammenstößen. Die
Wachen des Kardinals tru-
gen rote Uniformen, die
Musketiere trugen Blau -
die königliche Farbe.
Duelle
Richelieu erließ 1625 ein
Gesetz, das Duelle verbot;
trotzdem hörten die F.del-
männer nicht auf, Streitig-
keiten auf diese Weise zu
regeln. Hier kämpft Aramis
(Charlie Sheen) gegen die
Wachen - in Walt Disneys
Die drei Musketiere (1993).
D’Artagnan begab sich zu der kleinen Wiese neben dem Kloster.
Schlag Zwölf erreichte er den Ort, an dem sein erstes Duell stattfin-
den sollte. Athos wartete schon auf ihn, mit Porthos und Aramis an
seiner Seite.
»Was will der denn hier?*, fragte Porthos erstaunt.
»Dies ist der Edelmann, mit dem ich mich duelliere«, sagte Athos.
»Aber ich schlage mich doch mir ihm«, protestierte Porthos.
»Wir sind für ein Uhr verabredet«, erinnerte ihn d’Artagnan.
»Ich schlage mich ebenfalls mit ihm«, warf Aramis ein.
»Wir sind für zwei Uhr verabredet«, erwiderte d’Artagnan.
Athos und er gingen in Stellung. Kaum harten sie die Klingen
gekreuzt, erschienen die Wachen des Kardinals.
»Sic wissen, dass unsere Gesetze Duelle verbieten«,
rief Monsieur Jussac, ihr Offizier. »Stecken Sie die
Degen weg, meine Herren, Sie sind verhaftet.«
»Das kann nicht sein, Monsieur!«, wider-
sprach Aramis.
»Wenn Sie sich den Befehlen des Kardi-
nals widersetzen, wenden wir Gewalt an«,
drohte Jussac.
»Sic sind zu fünft«, raunte Athos sei-
nen Kameraden zu, »und wir sind nur
zu dritt.«
»Meine Herren«, mischte d’Artagnan sich
ein, »ich denke, wir sind zu viert. Auch wenn
ich die Uniform noch nicht trage, so habe
ich doch das Herz eines Musketiers!«
So kam cs zu einem furchtbaren Kampf.
Athos nahm sich Cahusac vor, einen der
besten Fechter des Kardinals; Porthos kämpfte
gegen den grimmigen Bicarat. Aramis focht
gegen die anderen beiden, während d’Artagnan
Jussac in Schach hielt. Obwohl Jussac ein erfahrener
Fechter war, war ihm der junge Mann durch seine
Schnelligkeit überlegen. Vor Wut machte Jussac einen
Fehler und so konnte d’Artagnan ihm blitzschnell den
18
Musketiere und Wachen
Degen in den Leib bohren. Der Offizier ging zu Boden und d’Artag-
nan eilte Athos zu Hilfe, der von Cahusac verwundet worden war.
So kam es zu einem
furchtbaren Kampf.
Mit einem gezielten Hieb schlug d’Artagnan Cahusac den Degen
aus der Hand und Athos stach ihn in den Hals. Währenddessen
harte Aramis einen seiner Gegner getötet und den anderen
überwältigt. Bicarat kämpfte weiter, bis Jussac sich
aufrappelte und ihm zurief, sich zu ergeben.
Der Kampf war vorbei. . Jl
Die Kunde von
dem Duell sprach sich schnell
herum. Hocherfreut über den Sieg seiner
Männer teilte Ludwig XIII. Monsieur de Trcville mit,
der Kardinal ärgere sich sehr über die Niederlage seiner
Wachen, und ließ die drei Musketiere und den jungen Mann,
der sich so gut geschlagen hatte, zu sich bitten.
DI F DREI \fUSKETIFRE
len sieb zu einem
Festmahl nieder.
Kein gutes Bild
Ludwig XIII. war 1610 im
Aker von 9 Jahren König
von Frankreich geworden.
Dumas stellt ihn als eitel,
eigensinnig und grausam
dar; in Wirklichkeit aber
war er auch ein kluger
und geschickter Politiker.
Hofintrigen
Augenzwinkernd sagte der König zu den drei Musketieren und
xxd’Artagnan, sic sollten aufhören sich mit den Wachen des
Kardinals zu duellieren. Er überreichte d’Artagnan einen Beutel
mit 40 Goldmünzen und wies Monsieur de Treville an, ihn in die
Königliche Garde aufnehmen zu lassen.
D’Artagnan teilte das Geld mit seinen neuen Freunden; dann setz-
ten sie sich zu einem Festmahl nieder. Weil d'Artagnan noch keinen
Diener harte, vermittelte Porthos ihm einen Mann namens Planchet.
Die 40 Goldmünzen hatten die vier Freunde schnell ausgegeben und
bald mussten sie sich, mittellos und hungrig, ihre Mahlzeiten zusam-
menschnorren.
Eines Tages erhielt d'Artagnan Besuch von seinem Vermieter,
einem verschlagen wirkenden kleinen Mann namens Bonacieux.
20
Hofintrigen
fx erzählte d’Artagnan, seine junge Frau, die als Wäschezofe im
Dienst der Königin stand, sei entführt worden.
Haben Sie einen Verdacht?«, fragte d’Artagnan.
-Ich befürchte, das ist Teil einer Verschwörung. Vor vier Tagen
erzählte mir meine Frau, dass die Königin vom Kardinal überwacht
werde und darüber in großer Besorgnis sei. Die Königin befürchtet,
em.ind habe in ihrem Namen an den Herzog von Buckingham
geschrieben, um ihn hier in Paris in eine Falle zu locken.«
••Wie sieht der Mann aus, der Ihre Frau entführte?«, wollte
d’Artagnan wissen.
Feste feiern...
Der Sold eines Musketiers
war niedrig; er bekam nur
35 Sous am Tag. da voraus-
gesetzt wurde, dass er Ein-
künfte aus seinen Ländereien
hatte. Athos. Porthos und
Aramis haben so gut wie nie
Geld, und wenn sie welches
haben, dann wird es gleich
verprasst. Das Leben eines
Soldaten konnte kurz sein -
deshalb, finden sic. sollte
man es genießen.
Dunkel und vornehm, mit stechendem Blick und einer Narbe
auf der Wange.«
Eine Narbe?«, rief d’Artagnan aus. »Das ist der Mann aus Meung!«
Monsieur Bonacieux zog ein Stück Papier aus der Tasche
und reichte es d’Artagnan. »Das hier kam
heute Morgen.«
Auf der gegen-
überliegenden Straßen-
seite stand ein hoch
gewachsener Mann.
Wenn Sie nach Ihrer Frau suchen,
sind Sie verloren.*
Wenn Sie mir helfen, Mon-
sieur . flehte Bonacieux, »werde
ich Ihre Mietschulden vergessen
und ihnen 50 Goldpistolen
dazugeben.« Plötzlich ver-
stummte er und wies
zum Fenster.
Wer ist das?« Auf
der gegenüberliegen-
den Straßenseite
stand ein hoch
gewachsener
Mann.
Das ist er!«,
riefen sie beide
gleichzeitig aus. Dann
:• >g d’Artagnan seinen
Degen und lief hinaus.
Königin Anna
Anna, die Tochter König
Philipps III. von Spanien,
war erst 14, als sie den
jungen französischen König
Ludwig XIII. heiratete.
Wegen ihrer spanischen
I Icrkunft misstrauten der
König und Richelieu ihr
ihr Leben lang.
21
Die drei Musketiere
Günstling des Königs
George Villiers, Herzog von
Buckingham (1592-1628),
war ein Liebling der eng-
lischen Königsfamilie. Seine
Affäre mit Königin Anna
ist historisch belegt; er sah
sie 1625 bei einem Staats-
besuch in Paris und verlieb-
te sich in sie.
Als d’Artagnan eine halbe Stunde spater heimkehrtc, warteten die
Musketiere in seiner Wohnung auf ihn. Er erzählte, was vorgefallen
war und wie er gedachte, Madame Bonacieux zu befreien und der
Königin zu helfen.
»Warum nur liebt die Königin unsere schlimmsten Fein-
de, die Spanier und die Engländer?«, überlegte Aramis.
»Spanien ist ihre Heimat«, erwiderte d’Artagnan,
»und sic liebt nicht die Engländer an sich, sondern
einen bestimmten Engländer.«
»Ach ja«, sagte Athos, »den Herzog von Buckingham.«
»Wenn cs uns gelingt, ihnen zu helfen, bedeutet das eine
Niederlage für den Kardinal.« Die Musketiere stimmten
ihm zu und riefen: »Alle für einen und einer für alle!«
Am nächsten Abend drang aus der Wohnung unter
d’Artagnans Räumen großer Lärm. Er legte sein Ohr an
ein Loch im Fußboden und hörte eine Frau schreien: »Ich
%
sage Ihnen doch, ich bin Madame Bonacieux!« Plötzlich
verstummte sic. * ?,
L *
»Die Feiglinge erwürgen sic!«, rief d'Arjhgnan. Kaum
hatte Plancher ihm seinen Degen gereicht,-sprang er aus
dem Fenster hinunter auf die Straße und hämmerte an die
Haustür. Als sic geöffnet wurde, stürmte er mit seinem
Degen hinein. Die Angreifer der Dame rannten um ihr
Leben.
»Schnell, Madame«, drängte er,-»das hier sind Männer
des Kardinals.«
Er brachte sic zu Athos in Sicherheit. Unterwegs
erzählte sic ihm, dass sie in ihrem Gefängnis die
Laken zusammengeknotet und sich an ihnen abge-
seilt hätte. Zu Hause hätten ihr die vier Männer
aüfgelaucrt. Während sic sprach, fiel d’Artagnan
auf, wie hübsch und bezaubernd
sie war.
D’Artagnan verabschiedete
sich von ihr und begab sich zu
Monsieur de Treville, um ihm
Madame Bona-
cieux batte die
Laken zusammen-
geknotel und sich
an ihnen abgeseilt.
Hofintrigen
D'Artagnan
forderte den Mann
zunt Duell heraus.
von der misslichen Lage zu berichten,
in der sich die Königin befand. Ais er später auf dem
Heimweg durch die Straßen von Paris ging, dachte
er an die reizende Madame Bonacieux. Plötzlich er-
blickte er eine Frau in Begleitung eines als Musketier
gekleideten Mannes. Er erkannte Madame Bonacieux,
wurde von Eifersucht gepackt und forderte den
Mann zum Duell heraus. Die beiden Männer zogen
ihre Degen.
»Mein Gott!«, rief Madame Bonacieux und
sprang zwischen sie.
»Aber ...«, stotterte d’Artagnan entgeistert.
»Ja«, sagte die Frau leise, *das ist der Herzog von Buckingham.«
D’Artagnan entschuldigte sich und begleitete Madame Bonacieux
und den Herzog zum Louvre. Buckingham hatte dort eine heimliche
Verabredung mit der Königin.
Der Louvre
In dem riesigen Gebäude mit
über hundert Räumen, das
heute ein berühmtes Museum
ist, residierte damals der König.
Königin Anna hatte eigene
Gemächer, aber es war schwie-
rig, etwas geheim zu halten,
denn überall waren Spione.
23
DlF DR Fl MCSKF.TIF RF
—4.—
Kerker
Damals wurden häufig
Personen ohne Gerichtsurteil
Kapitel 5
Dunkle Machenschaften
in den Kerker gesperrt. Unter
Folter gestanden die Gefange-
nen auch Verbrechen, die sie
gar nicht begangen hatten.
Bonacieux wird als Feigling
dargestellt, seine Angst aber
war berechtigt.
Am Tage nach seinem Treffen mit d’Artagnan wurde Monsieur
xx Bonacieux verhaftet und nach einer schlaflosen Nacht im Ker-
ker zu Kardinal Richelieu gebracht.
Armand-Jean du Plessis, als Richelieu bekannt, war zu der Zeit
nicht älter als 37 Jahre. Obwohl sein Haar schon
ergraute, hatte er immer noch die stolze Haltung
eines Soldaten.
»Sie sind des Hochverrats angeklagt, weil sic zusam-
men mit ihrer Frau und dem I lerzog von Buckingham
eine Verschwörung geplant haben«, sagte er in drohen-
dem Ton zu dem Gefangenen.
Monsieur Bonacieux war nicht sehr mutig und ent-
schloss sich schnell, alles zu erzählen, was er wusste.
Er verriet dem Kardinal die Adressen zweier Häuser,
Die Residenz des
Kardinals
1624 wurde mit dem Bau
einer Residenz für den Kar-
dinal in der Nahe des Louvre
begonnen. Sie wurde 1636
fertig gestellt. Sparer vermach-
te Richelieu sie dem König;
sie wurde dann Palais-Royal
genannt.
----------i---------------
Ein Metz von Spionen
Die Macht des Kardinals
beruhte auf einem ausgeklü-
gelten Netz von Informanten,
die in seinem Sold standen.
Dumas beschreibt ihn als
einen Meister der Intrige.
Monsieur Bonacieux
entschloss steh schnell,
detn Kardinal alles zu
erzählen, was er wusste.
Dunkle Machenschaeten
die seine Frau vor kurzem aufgesucht hatte. Richelieu ließ nach
einem gewissen Graf de Rochefort schicken. Der Mann mit der
Narbe auf der Wange trat ein.
Das ist er!«, rief Bonacieux.
Wovon reden Sie?«, wollte der Kardinal wissen.
Das ist der Mann, der meine Frau entführt hat.«
Richelieu befahl seinen Männern, Bonacieux hinauszubringen.
Unter vier Augen erfuhr der Kardinal von de Rochefort, dass sich die
Königin und der Herzog von Buckingham in Paris getroffen hatten.
.Madame de I.annoy, die auf unserer Seite steht, war dabei, als die
Königin sich in Begleitung ihrer Zofe in ihr Privatgemach zurückzog.
Dort blieb sie eine Dreiviertelstunde lang. Zwischendurch holte die
Zofe ein Kästchen aus Rosenholz.«
Was war in dem Kästchen?«, fragte der Kardinal.
Zwölf Nestelstifte mit Diamanten, ein Geschenk des Königs.«
Also hat die Königin die Diamanten dem Herzog gegeben.«
Der Kardinal befahl de Rochefort, die beiden Häuser zu durchsu-
chen, die Madame Bonacieux aufgesucht hatte, und ließ ihren Ehe-
mann wieder hereinbringen. »Sic haben richtig gehandelt, mein guter
Geldbörse 117. jh.i
Geldbörse
Richelieu ist ein erfahrener
Menschenkenner und merkt
sofort, dass der feige Bona-
cieux leicht zu bestechen ist.
Als Ehemann einer Dienerin,
der die Königin vertraut,
stellt er für den Kardinal
einen wertvollen Informan-
ten dar. Angesichts der Macht
und des Geldgeschenks
Richelieus kann
Bonacieux nicht
widerstehen.
Französische
Goldmünze aus
der Zeit I tidwigs XIII,
Mann«, sagte er und überreichte ihm eine Börse voller Geld. »Das
soll Sie für die erlittenen Strapazen entschädigen. Ich
hoffe, wir sehen uns wieder.« Dankcswortc stam-
melnd verließ Bonacieux den Raum. Sogleich
schrieb der Kardinal einen Brief und über-
gab ihn einem Boten.
»Du reist sofort nach London«,
befahl Richelieu. »Dort übergibst du
diesen Brief Miladv.«
In dem Brief stand zu lesen: »Milady,
begeben Sie sich auf den nächsten Ball,
zu dem der Herzog von Bucking-
ham geht. Er wird an seinem
Wams zwölf Nestelstifte mit
Diamanten tragen. Schneiden
Sie zwei davon ab und mel-
den Sie sich dann bei mir.«
Dankesworte
stammelnd verließ
Bonacieux den
Raum.
25
Die drei Musketier h
Siegelbewahrer
Pierre Scguier (1588-16721
war der Kanzler und Siegel-
bewahrer des Königs, Fr
wachte darüber, dass die
Siegel, mit denen der König
wichtige Dokumente versah,
nicht in falsche Hande gerie-
ten. Darüber hinaus küm-
merte er sich auch um die
privaten Angelegenheiten
des Königs.
In der Zwischenzeit war Athos für d'Artagnan gehalten und verhaf-
tet worden. Monsieur de Trcville erfuhr davon und ging zum König,
um sich zu beschweren. Im Palast traf er Kardinal Richelieu, der sehr
wütend auf den jungen Mann war, der seine Männer in die Flucht
geschlagen und Madame Bonacieux versteckt hatte.
Der König vertraute dem Hauptmann der Musketiere und ließ
sich von ihm überzeugen, dass Athos zu Unrecht gefangen genom-
men worden war. De Treville verbürgte sich auch für die Unschuld
von d’Artagnan, denn zum Zeitpunkt von Madame Bonacieux'
Befreiung hatte er mir ihm zu Abend gegessen. Dem Kardinal gefiel
das gar nicht. Sobald der Hauptmann den Raum verlassen harte,
sagte er: «Hoheit, Sie sollten wissen, dass der Herzog von Bucking-
Ein spanischer König
Mir 16 Jahren wurde Philipp
IV. spanischer König, tr war
intelligent, doch wurde er
einer Sache schnell über
drüssig. Er ließ sich stark
von seinem Ratgeber, Pre-
mierminister Olivares. be-
einflussen. Die Beziehungen
Spaniens zu Frankreich wur-
den trotz der 1 leirat von
Philipps Schwester Anna mit
Ludwig XIII. nicht besser.
ham fünf Tage lang in Paris war und erst heute
Morgen abgereist ist.
»Bei Gott, nein!« Der König
erbleichte. «Glauben Sic, die
Königin betrügt mich?«
Richelieu war hocherfreut
über das Entsetzen des Königs.
»Wenn die Königin sich auch
gegen die Macht des Königs
verschwört, so wird sie doch
stets seine Ehre achten«.
»Unsinn, Kardinal«, ent-
gegnete der König. »Ich
weiß, dass die Königin einen
anderen liebt, diesen elenden
Buckingham. Sic muss ihm
geschrieben haben. Ich will
diese Briefe sehen.«
»Wenn Sie darauf bestehen,
Hoheit, werde ich sie durch den
Siegelbewahrer suchen lassen.«
Königin Anna wurde rot vor Zorn, als
Seguier, der Siegelbewahrer, verkündete, er
Der König erbleichte.
• Glauben Sie, die
Königin betrügt mich?
werde ihre Privatgemächer durchsuchen.
26
Dunki k Machenschaften
Brief aus ihrem Mieder.
persönlich durchsuchen. Doch bevor er sic berühren konnte, zog
sie einen Brief aus ihrem Mieder und reichte ihn Seguier.
»Nehmen Sie ihn und erlösen Sie mich von Ihrer Anwesenheit«, sagte sie.
Der Siegelbewahrer brachte den Brief dem König. Er war an den Bruder der Königin adres-
siert, den König von Spanien. In dem Brief bat die Königin ihren Bruder und den Kaiser von
Österreich, der Richelieu hasste, Frankreich den Krieg anzudrohen, falls Ludwig XIII. Riche-
lieu nicht entließ. Ludwig XIII. interessierte sich nicht sehr für Politik. Er war erfreut, dass in
dem Brief weder von Buckingham noch von Liebe die Rede war. Er zeigte den Brief Richelieu
und dieser riet ihm, sich bei der Königin für die Durchsuchung ihrer Räume zu entschuldigen.
»Mit Verlaub schlage ich vor, ihr zu Ehren einen Ball zu geben. Hoheit«, sagte er höflich.
Sie tanzt so gerne, außerdem hätte sie dann Gelegenheit die herrlichen Nestelstifte anzulegen,
die Sie ihr kürzlich geschenkt haben.«
27
Dlt DREI MüSKF I IERE
»ie Diamanten
der Königin
.er Kardinal wartete, bis Milady ihm mittcilte,
dass sie die beiden Nestelstifte gestohlen hat-
te; dann setzte er das Datum für den Ball fest.
Er würde in zwölf Tagen, am 3. Okto-
ber, im Rathaus stattfinden.
»Übrigens, Hoheit«,
r *erinnerte er den König,
»vergessen Sie nicht,
Ihrer Majestät zu
sagen, wie gerne Sie
an ihr die zwölf
. Nestel stifte sehen
A würden.«
D Der König
E wunderte
sich, warum
ihn Riche-
lieu immer
wieder an
I.udu'if» gefiel
es, Annahme
seinem Mick
erzittern zu
sehen.
Neslel-
stifte
betro-
gene krau
vF Diese Episode
F war nicht Pnz
frei erfunden:
Der Schriftsteller La Roche-
foucauld berichtet, dass
eine eifersüchtige Geliebte,
die Herzogin von Carlisle,
Buckingham die Stifte
vom Wams schnitt.
diese Nestelstifte erinnerte, und als er merkte, welche Wirkung die
Erwähnung des Balls und der Nestelstifte auf die Königin harte, wun-
derte er sich noch mehr. Aber er hatte ein grausames Wesen, und so
gefiel es ihm, sic unter seinem Blick erzittern zu sehen.
»Wann wird der Ball stattfinden?«, fragte sie mit schwacher Stimme.
»Sehr bald. Ich habe das genaue Datum vergessen, ich muss den
Kardinal noch einmal danach fragen.«
Anna war verzweifelt. Sie ahnte, dass der Ball nur veranstaltet
wurde, um sie der Untreue zu überführen. Die freundliche Stimme
von Madame Bonacieux riss sie aus ihren trüben Gedanken. »Schi-
cken Sie meinen Mann mit einem Brief zu Buckingham und er wird
die Diamanten zurückbringen«, schlug sie vor.
28
Die Diamanten der Königin
Die Königin schrieb dem Herzog einen kurzen Brief und Madame
Bonacieux eilte nach Hause, um ihren Mann damit nach London zu
schicken.
»Oh, eine neue Intrige, wie ich sehe«, sagte er großspurig. »Der
Kardinal hat mir alles darüber erzählt.«
Er weigerte sich zu gehen, pries Richelieu in den höchsten Tönen
und tätschelte die Geldbörse, die der Kardinal ihm gegeben hatte.
Seine Frau wurde wütend: »Ich weiß, dass du feige, habgierig und
dumm bist, aber trotzdem verstehe ich nicht, wie du dich an den
Teufel verkaufen konntest!« Sic merkte, dass sie zu weit gegangen
war, und beruhigte sich schnell wieder. Monsieur Bonacieux versuch-
te herauszubekommen, warum sie ihn nach London hatte schicken
wollen, al">er sie war misstrauisch geworden und tat nun so, als sei
die Reise unwichtig. Trotzdem hielt ihr Mann es für besser, de Roche-
fort mitzuteilen, dass die Königin einen Boten brauchte.
Kaum war Madame Bonacieux wieder allein, hörte sie ein Klop-
fen an der Decke. D'Artagnan hatte das Gespräch mit ihrem Mann
belauscht und hoffte auf eine Gelegenheit, ihr seine Liebe zu bewei-
sen: »Madame, gestatten Sie mir, Ihnen meine Dienste und die mei-
Das Kathans
In dem prachtvollen, 1628
fertig gestellten Gebäude fan-
den die königlichen Bälle statt.
1871 brannte das Rathaus
nieder, wurde aber einige Jah-
re spater wieder aufgebaut.
ß riefträgertasche
Am schnellsten w urden
Briefe durch reitende Boten
befördert, die an den Post-
stationen die Tasche mit den
Briefen an den nächsten
Boten Weitergaben. Die
hier abgebildete Tasche
hatte im 17. Jh. einem
Heeresboten gehört.
ner Freunde anzubieten.«
Sie zögerte, er aber überzeugte sie
von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle,
sodass sie schließlich einwilligte und
ihm den Brief der Königin übergab.
Plötzlich hörten sie Stimmen auf
der Straße: Monsieur Bonacieux
kam zurück. Sie schlichen hinauf in
d'Artagnans Wohnung. Als sie aus
dem Fenster hinunter auf die Straße
sahen, konnten sie beobachten, wie
Bonacieux de Rochefort, dem Mann
aus Mcung, Bericht erstattete.
D'Artagnan verlor keine Zeit und
bar Monsieur de Treville um Urlaub
für sich und die drei Musketiere;
sie würden nach London reiten.
Madame
Bonacieux
tat nun so, als
sei die Reise
unwichtig.
29
Dik drei Musketiere
Beauvais
Die Musketiere schlugen den
kürzesten Weg nach Calais
Die vier Freunde und ihre Diener verließen Paris um zwei Uhr nachts.
Sie ritten schweigend und waren vor Feinden auf der Hut. Um acht Uhr
morgens legten sie in Chantilly eine Pause ein und gingen in ein Wirts-
haus. Es kam zu einem Streit zwischen Porthos und einem Fremden,
der nicht auf den König trinken wollte. Sie ließen Porthos, der sich mit
dem Mann duellieren wollte, zurück und setzten ihren Weg fort.
Hinter Beauvais trafen sie auf Männer, die die Straße aufzugraben
schienen. Aramis befürchtete, der Straßenschlamm könnte seine Stiefel
beschmutzen, und beschimpfte die Männer, die darauf ihre Musketen
hervorholten und das Feuer eröffneten. Ein Kugelhagel ging auf die
Reisenden nieder und Aramis wurde an
ein und übernachteten in
Städten, die auf der Rou-
re lagen. Als d’Artagnan
Beauvais wieder verließ,
hatte er bereits vier sei-
ner Gefährten zurück-
lassen müssen. Sie waren
in die hallen gegangen,
die der Kardinal vor-
bereitet hatte.
der Schulter verletzt.
Ein Kugelhagel
ging auf die
Reisenden nieder.
Er hatte so starke
Schmerzen, dass er in der
nächsten Stadt Zurückbleiben
musste. Porthos war nicht
nachgekommen und so ritten
die anderen allein weiter.
In Amiens nahmen sich d’Artagnan und Athos ein Zimmer
in einem Gasthaus. Weil der Wirt ihnen nicht gefiel, hielten die
Diener die Nacht über Wache. Als Athos am nächsten Morgen
zahlte, behauptete der Wirt, er habe ihm Falschgeld gegeben.
Athos schwang seinen Degen. »Ich schneide dir die Ohren ab!«
Da stürzten vier bewaffnete Männer herein und griffen ihn an.
Athos feuerte seine Pistole ab und konnte gerade noch d’Artagnan
auffordern zu fliehen. Von den acht Männern, die zusammen los-
geritten waren, waren nur noch d’Artagnan und sein Diener übrig.
Pässe
Auch im 17. Jh. konnte
man nicht ohne Pass reisen
D’Artagnan weiß, dass er
nur mithilfe eines fremden
Passes nach England kom-
men kann - aber in einer
Zeit, in der es weder Fotos
In Calais erfuhren sie, dass Reisende nach England auf Anord-
nung des Kardinals einen besonderen, vom Hafenmeister abgestem-
pelten Pass vorweisen mussten. Planchet bemerkte einen vornehmen
Herrn, der das gleiche Ziel wie sie zu haben schien. Sic folgten ihm.
Auf dem Weg zum Hafenmeister kamen sie durch einen Wald. Hier
sprach d’Artagnan den Mann an. »Frei heraus, mein Herr: Ich habe
es eilig und benötige den Reiseauftrag, den Sie in der Tasche haben.«
»Sie scherzen wohl! Ich muss bis Mittag in London sein.«
noch lelefon gab, war das
wesentlich leichter
als heute.
«I
n
»Und ich muss bis zehn Uhr morgens dort sein. Ich fordere
Ihren Auftrag«, wiederholte d’Artagnan.
Als Antwort zog der Mann sein Schwert. Es kam zu einem erbitter-
ten Kampf. D’Artagnan verwundete den Fremden und durchsuchte
die Taschen des Bewusstlosen. Der Pass, den er fand, war auf den Gra-
fen de Wardcs ausgestellt. Diesen Pass legte er dem Hafenmeister vor.
»Anscheinend will der
Kardinal jemanden davon
abhalten, England zu
erreichen«, stellte der
Beamte fest.
• Ja, einen gewissen d’Artagnan; ich kenne ihn
gut- , sagte d’Artagnan und gab dem I lafenmeister eine
genaue Beschreibung des Grafen de Wardes.
•Wir werden nach ihm Ausschau
halten«, sagte der Hafenmeister und
erteilte die Reiseerlaubnis.
Eine Stunde später war d’Artagnan
auf See, unterwegs nach England.
b’ayc Dunaway als Miladx in
Die drei Musketiere (19731
Tödliche Schönheit
Milady ist die beste Spionin
des Kardinals. Männern zeigt
sie sich schwach und schutz-
los; zu Frauen ist sie freund-
lich und bescheiden. Ein
Opfer nach dem anderen
verfällt ihrem Charme.
verkleideten. Die Gaste ach
reren darauf, nie prächtigere
Kleider als der König und
die Königin zu tragen.
In England angelangt, suchte d’Artagnan sofort den Herzog von
Buckingham auf und übergab ihm den Brief der Königin. Der Herzog
erschrak, als er ihn las, und begab sich zusammen mit d'Artagnan auf
kürzestem Weg in sein Londoner Haus. Hier
führte er den Besucher in eine von
Kerzen erleuchtete Kapelle. Unter
einem Baldachin von Samt und
Straußenfedern hing darin
das Bildnis der Frau, die
der Herzog an betete:
Anna von Österreich,
Königin von Frankreich.
Auf einem Möbel, das
wie ein Altar aussah,
stand das Rosenholz-
kästchen mit den
Diamanten, die sie
ihm geschenkt
hatte. Der Herzog
öffnete es - und schrie
erschrocken auf.
»Was ist, Milord?«,
fragte d’Artagnan.
»Zwei Nestelstifte feh-
len! Sie wurden gestohlen!«
Der Herzog dachte kurz
nach.
»Das muss Lady de Winter
gewesen sein. Sie hielt sich
neulich auf dem Ball in mei-
ner Nahe auf. Sic ist eine
Tanzvergnügen
Balle waren Höhepunkte des
Hoflebens und boten Gele-
genheit, Schmuck zur Schau
7ii stellen. Oft harten sie ein
Thema, nach dem sich alle
Agentin des Kardinals.«
In fünf Tagen sollte der königliche Ball statrfinden. Der Herzog ließ
seinen Juwelier kommen und dieser musste innerhalb von zwei Lagen
zwei Nestelstifte anfertigen. Und damit Lady de W inter nicht zurück
nach Frankreich konnte, ließ Buckingham die britischen Häfen sperren.
32
D 1F. Dl AM A M kN DER KÖNIGIN
Sobald die beiden Schmuckstücke fertig waren, sorgte der Herzog für eine schnelle und
sichere Rückreise d'Artagnans nach Frankreich.
Am Tag nach seiner Rückkehr wurde im Rathaus fieberhaft
der Ball vorbereitet. König und Königin trafen getrennt ein
und zogen sich zurück, um sich zu verkleiden. Als der
König seinen Jägeranzug angelegt hatte, zeigte der Kar-
dinal ihm die zwei von Milady gestohlenen Diamanten-
stifte.
»Was soll das bedeuten?«, fragte der König.
»Bis jetzt noch nichts«, antwortete der Kardinal
geheimnisvoll. »Aber wenn die Königin nachher
ihre Diamanten tragen sollte, was ich doch stark
bezweifle, dann zählt sie, Hoheit. Wenn sie nur
noch zehn hat, sollten Sie sic fragen, wo die
anderen beiden geblieben sind.«
Ludwig beobachtete den Auftritt seiner
Frau, die als Jägerin gekleidet war. Als er
nach dem Tanz zu ihr trat, sah er, dass sie
alle zwölf Ncstclstifte trug. Sic lächelte
unschuldig und der König ließ seinen Ärger
am Kardinal aus.
D’Artagnan harre in der Menge gestanden
und alles beobachtet. Plötzlich spürte er eine
1 land auf seiner
Schulter. Er dreh-
te sich um und
sah Madame
Bonacieux, die
eine schwarze
Maske trug. Sie
führte ihn in das Gemach
Der König trat zur Königin
und sah, dass sie alle zwölf
Nestelstifte trug.
Hinter einer Maske
Die Adeligen der Zeit liebten
das Spiel mit Masken. Diese
verliehen den Festen eine
geheimnisvolle Atmosphäre
und erlaubten es den Gas-
ten. unerkannt zu bleiben.
der Königin und sagte, er solle dort
warten. Nach einer Weile kam zwischen den Wandbehängen eine
schöne weiße Hand hervor. D’Artagnan kniete nieder und küsste sic;
die Hand zog sich zurück und in d'Artagnans Hand lag nun ein Ring
mit einem Diamanten.
33
Dir. drei Musketiere
------------------------
Saint-Cloud
I Icute liege Saint-Cloud im
Westen von Paris, zur Zeit
unserer Geschichte aber war
Das Treffen
D’Artagnan eilte nach Hause. Dort fand er eine Nachricht von
Madame Bonacieux: Ich will Ihnen auf meine Weise danken.
Kommen Sie heute Abend um zehn Uhr nach Saint-Cloud und warten
es ein kleines, abgelegenes
und verschwiegenes Dort -
der ideale Ort für ein roman-
risches Stelldichein.
Mahl bei Kerzenschein
Constance Bonacieux hatte
für d’Artagnan ein Nacht-
mahl vorbereitet. Ein
solches Mahl könnte,
wie auf dem Bild
von Glara Peeters
(17. Jh.) aus Wein,
Huhn, Oliven,
Kuchen, Brot
und Obst bestan-
den haben.
Sie gegenüber dem Haus von Monsieur d’Estrees. C.B.
Er küsste den Brief wieder und wieder und schlief
selig ein. Später besuchte er Monsieur de Treville.
»Seien Sie vorsichtig«, warnte ihn der Hauptmann.
»Der Kardinal hat ein gutes Gedächtnis und einen
langen Arm. An Ihrer Stelle würde ich Paris sofort
verlassen. Reiten Sie in die Picardie und suchen Sic
Athos, Porthos und Aramis.«
»Morgen werde ich Paris verlassen, Monsieur, aber
heute Abend habe ich eine wichtige Verabredung.«
»Ach, junger Mann, nehmen Sie sich vor den
Frauen in Acht! Sic sind unser Untergang.*
Als die Uhr zehn schlug, wartete d’Artagnan
in Saint-Cloud an der verabredeten Stelle. Auf
der anderen Straßenseite brannte im Erdge-
schoss eines Hauses Licht. Vielleicht war-
tet sie dort auf mich, dachte er.
Traurig läuteten die Glocken zur
halben Stunde, und immer noch
kein Lebenszeichen von Madame
Bonacieux. D’Artagnan erschau-
erte vor Kälte und Unbehagen.
Um elf machte er sich Sorgen.
Dreimal klatschte er in die
Hände, das Zeichen der Lieben-
den, doch er erhielt keine Antwort.
Er kletterte auf einen Baum und
durch ein Fenster des Hauses. Der
Esstisch war umgestürzt, überall lagen Scherben.
Die Glocken
läuteten zur
halben Stunde.
Hier hatte eindeutig
ein heftiger Kampf stattgefunden.
D’Artagnan sprang hinunter. Im Lichtschein des Fensters ent-
deckte er Spuren von Hufen und Kutschenrädern und fand einen
zerrissenen, parfümierten Frauenhandschuh. Er schlug an die Tür
einer Hütte. Ein alter Mann öffnete und d'Artagnan flehte ihn an,
ihm zu sagen, was er gesehen habe.
»Drei Männer kamen an meine Tür. Sie liehen sich meine Leiter
aus und ein kleiner grauhaariger Mann stieg hoch und sah durch
das Fenster. Dann kam er wieder herunter und sagte: »Sie ist es«.
Die Männer drangen in das I laus ein. ich hörte furchtbare
Schreie und darauf trugen sie die Frau hinaus und warfen sie
in die Kutsche.«
»Wie sah ihr Anführer aus?«
»Groß und dunkel, mir einer Narbe auf der Wange. Er sah wie
Em Zeichen
Von ihren Entführern unbe
merkt ließ Constance ein
em Edelmann aus.«
• Schon wieder er!«, rief d’Artagnan wütend aus. »Als ob er mein
Zeichen zurück, an dem
d'Artagnan erkennen würde,
dass sic dort gewesen war:
Dämon wäre!«
ihren Handschuh.
35
-Ich bin sturz-
bet r unken-, ver-
kündete Athos.
Kapitel 8
Die Gehängte
D’Artagnan erzählte Monsieur de Treville, was mit
Constance Bonacieux geschehen war. »Das riecht mir
ganz nach Seiner Eminenz«, sagte de Treville. »Sie müs-
sen Paris sofort verlassen. Ich spreche mit der Königin
und überlege mir, was wir für die arme Frau tun können.«
Zu Hause traf d’Artagnan Monsieur Bonacieux. Die
Stiefel des Vermieters waren voller Schlamm, genauso
wie seine eigenen. Ob er der grauhaarige Mann war, der
letzte Nacht die Leiter hochgeklettert war? Ein Mann, der
über die Entführung seiner eigenen Frau hämische Freu-
de empfand? Am liebsten hätte er ihn erwürgt. Doch es
war höchste Zeit, nach Porthos, Athos und Aramis zu
suchen. Er eilte in seine Wohnung und wies Planchet an.
rasch zu packen.
Sie ritten die Straße ab, auf der sie damals Paris verlassen hatten,
und fanden Porthos und Aramis bald wieder. Beide erholten sich
in Gasthöfen von ihren Wunden. Aber was war aus Athos
Weinkeller
Athos versucht immer
wieder seinen Kummer
geworden ?
In Amiens erzählte ihm der Wirt, dass Athos sich nach d’Ar-
tagnans Abreise vor zehn Tagen im Weinkeller verschanzt und
sich geweigert habe, wieder herauszukommen. D’Artagnan
handelte sofort und überredete Athos aufzumachen.
»Ich bin sturzbetrunken!«, verkündete Athos.
D’Artagnan besänftigte den erzürnten Wirt und erzählte Athos
sodann von der traurigen Geschichte mit Madame Bonacieux.
»Ach, Liebel«, meinte Athos bitter. »Die Liebe ist ein Lotteriespiel.
Wer gewinnt, gewinnt den Tod. Deine Geschichte ist doch gar nichts!
in Wein zu ertranken,
am liebsten im Wein von
Anjou, einer Region an
der Loire (Westfrank-
reich). Kein Wunder, dass
er es so lange im Wein-
keller ausgehalten har!
Willst du eine wirkliche Liebesgeschichte hören?«
»Ich bitte darum!«
»Einer meiner Freunde - ein Freund wohlgemcrkt, nicht ich
selbst - verliebte sich mit 25 Jahren in eine schone 16-jährige.
Da er ein ehrbarer Mann war, heiratete er sie. Der Dummkopf!«
36
»Warum denn Dummkopf? Er liebte sie doch«, warf d’Ar-
tagnan ein.
Jagdszene auf cifxtn
Pukerhorn (17. Jh.)
Jagd zu l*ferd
Edelmänner und Edelfrauen
nahmen gerne an Jagden reil.
»Sie war ihm eine perfekte Ehefrau. Eines Tages, auf der
Jagd, stürzte sie vom Pferd und war ohnmächtig. Um ihr das
Atmen zu erleichtern, öffnete der Garte ihre Kleider und entdeckte
dabei auf ihrer Schulter eine Eilic, das Brandzeichen des Henkers.
Sein Engel war ein Teufel, der dem Galgen entronnen war. Um die
Familienchre zu retten, nahm er das Recht in die eigene I land und
erhängte sie an Ort und Stelle.«
Dabei rirren die Frauen im
Damensattel: das sah zwar
sehr elegant ans, war aber
nicht ganz ungefährlich.
»Gütiger Himmel! Er ermordete sie!«
»Ja«, sagte Athos, der jetzt leichenblass war. »Das hat mich auf
immer von der Liebe zu schönen Frauen geheilt.«
des Henkers
Das Liiienwappen
Verbrecher wurden häufig mit
rot glühenden Eisen gebrand-
inarkt. Die Zeichen waren je
nach Urteil verschieden.
# Die Lilie war das
. v. Brandmal für die
zum Tode Ver-
urteilten.
Dir drei Musketiere
Die Kirche Samt-Leu
Geheime Treffen
In jenen Tagen, in denen
streng auf Anstand geachtet
wurde, waren Kirchen die
idealen Orte für Verliebte,
um einander zu sehen und
geheime Botschaften aus
zutauschen. Auch Porthos
Kapitel 9
iVJlLADY - UND EIN DUELL
D'Artagnan war von Athos4 Geschichte erschüttert; er vermutete,
dass der traurige Held dieser Geschichte Athos selbst war. Am
nächsten Tag aber lachte Athos darüber und sagte, er erzähle diese
Geschichte immer, wenn er betrunken sei. Sic kehrten nach Paris
zurück und holten die beiden anderen unterwegs ab.
Leider hatte de Treville nichts über Madame Bonacieux heraus-
bekommen. Die vier Freunde erfuhren, dass sie an der Belagerung
von La Rochelle teilnehmen sollten und dass ihnen nur zwei Wochen
blieben, um sich auszurüsten. Jeder würde 2000 Pfund benötigen -
ein große Summe für Männer, die rein gar nichts mehr hatten. So
versuchte jeder für sich das Geld aufzutreiben.
Ein paar Tage später sah d’Artagnan Porthos in die Kirche Saint-
Leu hineingehen. Er folgte ihm und versteckte sich hinter einer Säule.
Die Kirche war gut besucht. Porthos machte einer jungen Frau
geht nicht nur in Kirchen.
38
schöne Augen, worüber sich eine ältere, schwarzhaarige Frau, die
nahe bei ihm saß, sehr ärgerte.
Die junge Frau war dieselbe, die d’Artagnan in Meung gesehen
hatte; dort hatte man sie »Milady« genannt.
Nach der Messe stand d’Artagnan in der Nähe ihrer Kutsche und
hörte, wie sic dem Kutscher befahl, in das Viertel St. Germain zu
fahren. Als er später am Tag durch dieses Viertel ritt, sah er dort
dieselbe Kutsche am Straßenrand stehen.
Milady stritt sich auf Englisch mit einem vornehm gekleideten
Reiter. Plötzlich schlug sie mit dem Fächer nach ihm und der Fächer
zerbrach. D’Artagnan ergriff die Gelegenheit. »Madame*, sagte er,
»erlauben Sie mir, diesen Herrn für seine Unhöflichkeit zu strafen.«
»Ich würde das Angebot gerne annchmcn«, erwiderte sie, »aber
der Herr ist zufällig mein Schwager.«
»Was will dieser Dummkopf?«, fragte der Herr. Daraufhin began-
nt Germain
Das am linken Ufer der Seine
gelegene St. Germain war
damals, ebenso w ie heute,
eines der lebhaftesten und
nen die beiden Männer zu streiten und Milady fuhr davon.
»Holen Sie Ihren längsten Degen und kommen Sie um sechs Uhr
hinter den Luxembourg. Mein Name ist d’Artagnan.«
interessantesten Viertel von
Paris und die Musketiere
kannten sich dort gut aus.
»Ich bin Lord de Winter. Haben Sie womöglich auch Freunde, die
gerne kämpfen?«
»Davon habe ich drei, Milord«, entgegnete d’Artagnan.
Milady schlug mit dem
Fächer nach dem Reiter.
Der / acher
Mit einem Facher
konnten sich die
Damen nicht nur
Kühlung verschaf-
fen. Sie konnten
sich auch hinter ihnen
verstecken oder mit ihnen
heimliche Zeichen geben.
Zusammengefaket ergab
der f acher eine brauch-
bare Waffe.
39
Al/7 einem Streich
entriss er Lord de
wissen.«
Um sechs Uhr trafen die vier Freunde zum Duell ein. Jeder machte
sich mit seinem Gegner bekannt, wie es Brauch war. Dann begann
der Kampf. Die Franzosen waren in bester Form. Mit einem Streich
entriss d’Artagnan Lord de Winter den Degen und drückte
ihm seine Degenspitze gegen die Kehle.
»Ich schenke Ihnen das Leben, weil ich
Milady, Ihre Schwägerin, liebe«, sagte
d'Artagnan.
De Winter war über so viel Ritterlichkeit
erfreut und versprach, ihn noch am gleichen
Abend seiner Schwägerin vorzustcllen. Nach
dem Duell ging D'Artagnan nach Hause, zog
seine besten Sachen an und besuchte Athos.
Der merkte sofort, dass d'Artagnan drauf
und dran war, sich in die Frau zu verlieben.
»Sie arbeitet für den Kardinal«, warnte er ihn, »und wird dich
bestimmt in eine Falle locken. Gerade hast du eine Frau verloren
und jetzt jagst du schon der nächsten hinterher.«
»Mein Herz wird immer Constance Bonacieux gehören«, erklärte
d'Artagnan, »aber Milady fasziniert mich. Ich will alles über sie
Winter den Degen.
Lord de W'intcr kam, um d’Artagnan abzuholen. In den pracht-
voll ausgestatteten Räumen ihres Hauses an der Place Royale hieß
Milady d’Artagnan willkommen.
»Dieser Herr hielt mein Leben in seiner Hand und gab es mir
zurück«, sagte Lord de Winter. »Sei gut zu ihm, wenn dir an mir
etwas liegt.«
Obwohl sie lächelte, merkte d’Artagnan, dass sic verärgert war.
Miladys Haus
An Miladys Adresse kann
man sehen, dass sie eine
Dame von Rang war; der
Place Royale war damals
eine der feinsten Gegenden
von Paris. Die Häuser rund
um den Platz wurden 1609
erbaut; heute heißt der Platz
Place des Vosges. Im 17. Jh.
Fanden hier ofr Duelle statt.
als Lord de Winter das Duell schilderte. Miladys Zofe Kitty kam
herein und sagte etwas zu Lord de Winter, der daraufhin erklärte,
dass ihn dringende Geschäfte riefen, und hinausging.
So konnte sich d'Artagnan allein mit Milady unterhalten. Er
erfuhr, dass sic den jüngeren Bruder von Lord de Winter geheiratet
hatte. Ihr Mann war ganz plötzlich verstorben und hatte sie mir
einem kleinen Sohn zurückgelassen. Der Sohn wäre der Allcincrbc
von Miladys Schwager, falls dieser nicht noch heiraten würde.
40
D’Artagnan, von Miladys Schönheit bezaubert, besuchte sie
auch an den folgenden Tagen. Dabei traf er jedes Mal Kitty, ihre
Zofe, die ihn immer verliebter ansah; aber weil er seinerseits so
sehr in Milady verliebt war, fiel es ihm nicht auf.
Eines Abends wartete Kitty unten an der Haustür auf ihn. »Sie
lieben meine I lerrin«, sagte sie kühn, »aber sie liebt Sie überhaupt
nicht.« Sic zeigte ihm einen Brief. »Der ist für den Mann, dem ihr
Herz gehört: den Grafen de Wardes.«
In diesem Moment rief Milady nach Kitty. Die Zofe ging zu ihr
ins Zimmer und ließ die Tür offen, sodass d’Artagnan alles hören
konnte, was sie sprachen.
Ich hasse diesen Kerl aus der Gascogne«, sagte Milady erzürnt.
»Erst hat er mein Ansehen beim Kardinal geschmälert und dann
hat er das Leben dc Winters geschont. Ich hätte im Namen meines
Sohnes 300.000 Franken erben können. Der Kardinal hat mir auf-
D'Artagnan war von
Miladys Charme und
Schönheit bezaubert.
getragen, mit ihm vorsichtig umzugehen«, fuhr sie fort, »aber ich
werde ihn kriegen - so oder so. Vielleicht kann mir Constance Bonacieux dabei
behilflich sein, diese Kramersfrau, an der ihm so viel liegt.«
D’Artagnan erschauerte; ihm brach der kalte Schweiß aus. Diese Frau war ein
Ungeheuer.
41
Dif drfi Musketiere
D’Artagnan eilte
in Kittys Zimmer.
Am nächsten lag hatte Milady schlechte Laune. Sie verstand nicht, warum
de Wardes ihren Liebesbrief nicht beantwortet hatte. Sie konnte ja nicht
ahnen, dass d’Artagnan ihn Kitty am vorigen Abend weggenommen hatte.
Verärgert schrieb sie de Wardes eine Nachricht, aber die verliebte Kitty
brachte auch diese zu d’Artagnan.
D’Artagnan verfasste eine Antwort, versprach, er werde nachts um elf
kommen und um Verzeihung bitten, und unterschrieb mit »de Wardes*.
Er hatte vor, sich in Kittvs Zimmer zu schleichen und durch die Ver-
bindungstür zu Milady hinüberzugehen. Er hasste sie, gleichzeitig
aber war eine gefährliche Leidenschaft für sie in ihm entflammt.
An diesem Abend unterhielt Milady ihren Gast d’Artagnan
bis zehn Uhr abends. Dann begann sie zu gähnen und auf
die Uhr zu schauen. Man merkte, sic wurde nervös.
D’Artagnan verabschiedete sich und eilte leise in
Kittvs Zimmer. Kurz darauf rief Miladv
y *
nach Kitty und befahl ihr, alle Lich-
ter zu löschen. Sie wollte de
Wardes im Dunkeln
empfangen.
Sie gab d'Artagnan einen
herrlichen Ring.
Kurz vor elf betrat d'Artagnan ihr
Zimmer. Ein paar Stunden später, als
er gehen wollte, sagte Milady sanft:
»Ich bin so glücklich über Ihre Liebe
und empfinde das Gleiche für Sie. Neh-
men Sic dies als Unterpfand meiner
Liebe«. Sie gab ihm einen herrlichen
Ring mit einem Saphir in einem Kreis
von Brillanten.
Als d’Artagnan Athos am nächsten
Tag von seinem Abenteuer erzählte, zeigte er ihm auch den Ring.
Mn ady - um) hn Dum
Das Boudoir
Das Boudoir war der eigene,
private Raum einer Dame,
in dem sie ihre persönlichen
Dinge und ihre kleinen
Schätze aufbewahne:
Briefe und Andenken.
Athos sah ihn sich an und erschrak. »Vergiss diese Frau«, warnte
er den Freund. »Etwas Gefährliches geht von ihr aus.«
»Du hast Recht«, gab d’Artagnan zu. »Sie macht mir Angst.«
Kitty wartete in seiner Wohnung auf ihn. Ihre Herrschaft sei
rasend vor Sehnsucht, erzählte sie, und wolle wissen, wann er - und
sie meinte den Grafen de Wardes - sie wieder besuchen komme.
D’Artagnan beschloss, das Spiel zu beenden, und griff zur Feder.
»Unglaublich!«, schrie Milady, als sie die Antwort las.
»Kein Edelmann würde einen solchen Brief schreiben.
Ich werde mich rächen, das schwöre ich.«
Liebesbriefe
Liebesbriefe spielten damals
eine noch größere Rolle als
heute. Die Liebenden benutz-
ten oft eine Gehcimsprachc.
die nur sie verstanden. D’Ar-
tagnans derber, knapper Ton
ist absichtlich beleidigend.
Schreib-
43
Die drei M u s k e i i e r i
Biandciscn
Liirs Leben gezeichnet
Die Lilie ist das Wappen-
zeichen der französischen
Krone; gleichzeitig ist sie das
Brandzeichen der zum Tode
Verurteilten. Kein Wunder,
dass Milady dieses Schand-
mal geheim halten wollte!
D’Artagnan erblickte
die J die, das Brand-
zeichen des Henkers.
Das
Kapitel 10
—m-sa>.».<g^_ -
Lilienwappen
Um sich für dir Beleidigung an de Wardes zu rächen, wandte sich
Milady verstärkt d’Artagnan zu, und er spürte, wie er ihrem
Zauber immer stärker verfiel.
»Ich habe einen Todfeind«, gestand sie ihm eines Tages.
»Sagen Sie mir, was ich tun soll, Madame, ihr Wunsch ist mir
Befehl.«
»Sein Name ist...«
»Ich kenne ihn schon: Es ist de Wardes!«, rief d’Artagnan aus.
* i
»Wie können Sic das wissen?«, wunderte sich Milady.
»Gestern waren wir beide auf einer Gesellschaft und er zeigte einen
Ring herum. Er sagte, Sie hätten ihm den Ring gegeben.«
»Dieser elende Hund!«, schrie Milady.
Dann beruhigte sie sich, »ich höre
> meinen Schwager. Sie müssen jetzt
_ gehen. Kommen Sic um eil I hr
u r ück.«
Er ging und kam erst wie-
der, als in ihrer Woh-
nung kein Licht
mehr brannte. Im
Dunkeln betrat er ihr
Zimmer und ihm war,
als träume er. Sie bot
all ihre Reize auf, um
ihn zu überreden, de
, Wardes im Duell zu
töten. »I laben Sic
Angst?«, fragte sic ihn.
»Nein!« D’Artagnan war
aufgeregt und verspürte den
Drang ihr die Wahrheit zu
sagen. »Aber ich muss Ihnen
ein Geständnis machen: Der dc Wardcs, mit dem Sic letzte Nacht
zusammen waren, war ich.«
Sie stieß ihn von sich und wich zurück. D’Artagnan hielt sie an
ihrem Gewand fest. Der feine Stoff riss und gab ihre Schulter frei.
Zu seinem Entsetzen erblickte d’Artagnan auf der weißen Haut
die Lilie, das Zeichen des Henkers. Milady war eine verurteilte
Verbrecherin!
»Elender! Nun, da du mein Geheimnis kennst, musst du ster-
ben!« Sic griff nach einem Dolch und verfolgte ihn. D’Artagnan
rettete sich in Kittys Zimmer und verriegelte die Tür. Der Dolch
drang durch das Holz und Miladys wütendes Geschrei hallte
in den Räumen wider.
»Schnell, zieh das an!« Kitty warf d'Artagnan eine Haube und
ein altes Kleid zu. In dieser Verkleidung floh er zu Athos.
»Es ist unglaublich«, berichtete er dem Freund, »Milady hat das
Lilienmai auf der Schulter.«
hi dieser Verkleidung
floh er zu Athos.
»O nein!«, rief der Musketier mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Hör zu! Bist du sicher, dass die Frau, die in deiner Geschichte
gehängt wurde, wirklich gestorben ist?«, fragte ihn d'Artagnan.
Jeder beschrieb die Frau, die er kannte; die Beschreibungen
stimmten überein. Athos gab zu, dass der Saphirring, den
Milady d’Artagnan gegeben hatte, derselbe war, den er
vor vielen Jahren seiner Frau geschenkt
hatte. »Dein Leben ist in Gefahr, mein
Freund. Milady ist völlig skrupellos.«
Athos begleitete seinen Freund in
dessen Wohnung, wo Kitty auf ihn
wartete.
»Ich bin vor Milady davongelau-
fen«, berichtete sie voller Angst.
Ararnis kam hinzu und gab
Kitty ein Empfehlungsschreiben
für Madame de Chevreuse. Er
wusste, dass diese Dame eine
Zofe suchte. Bei ihr würde Kittv
vor Miladys Zorn sicher sein.
Athos erkannte
Miladys King wieder.
45
Die drei Musketiere
Insignien eines Kardinals
auf einem Buchdeckel
Richelieu* Bücher
Kardinal Richelieu war ein
leidenschaftlicher Bücher-
sainmlcr und errichtete sich
in seinem Palast eine grotse
Bibliothek. D’Artagnan
empfängt er dort, weil es
sich um ein eher inoffiziel-
les Treffen handelt.
Rot für den Kardinal
Blau war die Farbe des
Königs. Rot die des Kar-
dinals; deshalb waren die
Uniformen der Wachen
des Kardinals rot. Die
rote Tracht der Kardinale
sollte zum Ausdruck
bringen, dass sie bereit
waren ihr leben dem
Glauben zu opfern.
Kapitel 11
Meuchelmörder
Wenige Tage später erhielt d’Artagnan einen Brief, in dem er
aufgefordert wurde, am selben Tag um acht Uhr abends im
Palast des Kardinals zu erscheinen. Seine Freunde befürchteten eine
Falle und wollten während der
Unterredung vor den Toren des
Palasts wachen. Auf dem Weg
zum Palast fuhr eine Kutsche
an ihm vorbei und er erkannte
in der Frau, die aus dem Fens-
ter schaute, Constance Bona-
cieux. Sein Herz tat einen
Freudensprung! Sie legte nur
einen Finger auf die Lippen.
Sie bringen sie in ein ande-
res Gefängnis. Werde
ich sie jemals wieder
sehen?, fragte sich
d’Artagnan und setzte
seinen Weg zum Palast fort.
Der Kardinal empfing ihn
in seiner Bibliothek. «Monsieur
d’Artagnan«, sagte er und sah den jungen Mann durchdrin-
gend an, »ich weiß alles, was Sie getan haben, seit Sie in
Paris sind. Es ist meine Aufgabe, alles zu wissen. Sie sind
Die brau in der Kutsche war
Constance Bonacieux.
ein mutiger Mann und haben sich mächtige Leute zu Fein-
den gemacht. Nehmen Sic sich vor ihnen in Acht!«
»Sie haben Recht, Monseigneur. Meine Feinde werden von starken
Händen unterstützt, ich aber bin allein.«
»Das ist richtig«, erwiderte der Kardinal, »Sie verstehen zu
kämpfen, aber Sie können Hilfe brauchen. Ich nehme an. Sie
wollen in Paris Karriere machen. Wollen Sie Leutnant meiner
Wache werden?«
46
M t.UCHEI M Ö ROHR
»Meine Feinde
werden von
starken Händen
unterstützt, ich
aber bin allein«,
sagte d’Artagnan.
D’Artagnan wusste nicht, was
er sagen sollte. »Monsieur, ich hin
hei den Königlichen Garden.«
»Meine Wachen dienen eben-
falls dem König«, erinnerte ihn
der Kardinal, »aber sagen Sie
nur, was Sie denken.«
»Meine Freunde sind Muske-
tiere des Königs, und in Ihrer
Wache habe ich Feinde. Es wür-
de ihnen nicht gefallen, wenn
ich Ihr Angebot annähme.
Außerdem«, fuhr d’Artag-
nan fort, »will ich mich
zuerst bei der Bela-
gerung bewähren,
um mich Ihres
gnädigen Schurzes
würdig zu zeigen.«
»Sie lehnen also ab«,
stellte der Kardinal fest. »Gut.
ich kann es Ihnen nicht verübeln.
Wenn Ihnen aber etwas Schlimmes
zustoßen sollte, so denken Sie
daran, dass ich versucht habe
dem vorzubcugcn.«
»Was geschehen muss, geschieht.«
D’Artagnan verbeugte sich und ging.
Ihm schauderte, als er den Palast ver-
ließ. Die Musketiere erwarteten ihn gespannt. Als er berichtete,
dass er den Posten bei den Wachen abgelehnt hatte, brachen sie
in Jubelrufe aus.
Nachdem sie ihre Kriegsvorbereitungen beendet hatten, feierten
die Freunde am folgenden Abend noch einmal zusammen; bei
Sonnenuntergang trennten sie sich und d’Artagnan ritt mit der
Kompanie von Monsieur des Essarts nach La Rochelle.
47
Die drei Muskeüere
Ein Angriff
aus dem
Hinterhalt!
ans
Kompanie schlug ihr
Lager vor La Rochelle
auf. Als er an einem Spät-
nachmittag in Gedanken
versunken einen Feldweg
entlangging, sah er in
einer Hecke Metall auf-
hl itzen - der Lauf eines
Die Aufständischen
Seit dem 16. |h. war die
aus dem Hinterhalt! Er
hörte zwei Schüsse und ergriff
die Flucht. Ein dritter Schuss durch-
löcherte seinen I lut. An dem Einschussloch erkannte er, dass
cs keine Armeewaffe gewesen war; der Kardinal jedoch,
dachte er, hat cs nicht nötig, aus dem Hinterhalt anzugreifen. Für
blühende I lafenstadt La
Rochdlc eine Hochburg
der Protestanten gewesen.
1622 erhob sich die Stadt
gegen den König, aber es
kam bald zu einem vor-
läufigen Friedensschluss.
Zur Zeit unserer Geschich-
te, 1627, gab es einen
neuen Aufstand.
das hier musste Milady verantwortlich sein.
Zwei läge später schossen zwei Soldaten aus d Artagnans Späh-
trupp auf ihn. Ein Schuss tötete einen seiner Begleiter; d'Artagnan
ließ sich zu Boden fallen und stellte sich tot. Als die Verräter sich
über ihn beugten, stürzte d’Artagnan sich mit seinem Degen auf sie,
noch bevor sie ihre Musketen nachladcn konnten, und überwältigte
sie. Einer von ihnen trug einen Brief bei sich. »Du die Frau Ihnen
48
entkommen konnte und nun in einem Kloster in Sicherheit ist,
passen Sie auf, nicht auch noch den Mann zu verfehlen, denn
sonst werden Sie mir Ihren Lohn teuer zuriickzahlen!«
Der Brief war nicht unterschrieben, aber er konnte nur von Milady
stammen. Die Königin muss Constance gefunden und befreit haben,
dachte d’Artagnan, aber wo mag sie sie verstecken?
Nach ein paar Tagen erhielt d’Artagnan zwölf Flaschen Anjou-
Wein. In einem Begleitbrief stand, der Wein sei ein Geschenk von
Athos, Porthos und Aramis. D’Artagnan war entzückt und lud zwei
seiner Kameraden zum Essen ein. Die Gäste kamen; Planchct trug
die Speisen auf und Brisemont, ein neuer Diener, goss den Wein in
Karaffen um; sein Herr gestattete ihm die Reste aus den Flaschen
zu trinken.
Bevor Gastgeber und Gäste den Wein probieren konnten, traf der
König mit de Trcvillcs Musketieren und Verstärkungstruppen im
Heerlager ein. D’Artagnan wollte Athos, Porthos und Aramis zu
seinem kleinen Festessen laden. »Wir trinken den Wein, den ihr
mir geschickt habt«, fügte er hinzu.
»Welchen Wein?«, fragten die Freunde und stürzten in sein Zelt.
Brisemont wälzte sich in Krämpfen am Boden. Im Wein war Gift
gewesen, Brisemont war bald darauf tot. Die vier Freunde hielten
Kriegsrat. Sic w’aren sich sicher, dass Milady den Wein geschickt
harte.
»Ich werde diese Frau vor dem König bloßstcllen, wenn sie nicht
aufhört mich zu verfolgen«, schwor d’Artagnan.
Jetzt aber mussten sic sich zuerst um
M EUC1IELMORDER
Waffen
Die Musketen der französi-
schen Soldaten jener Zeit
waren schwer und umständ-
lich zu laden. Wie d’Artag-
nan hier zeigt, war ein
Degen im Nahkampf die
wirkungsvi>1 lerc Waffe.
Der König und der Krieg
Obwohl Ludwig XIII. im Juli
1627 über einen Monat lang
sehr krank war, erreichte er
im Oktober La Rochelle.
Richelieu leitete die Belage
rung; viele kritisierten ihn
und gaben ihm die Schuld
dafür, dass dieser Krieg sich
so lange hinzog. Doch die
Belagerung verlief erfolgreich
und Ludwig XIII. lobte
Richelieu für sein politisches
und strategisches Geschick.
Brisemont wälzte
sich am Boden.
Constance kümmern.
»Ich werde der Sache nach-
gehen«, beschloss Aramis.
»Du? Wie willst du das
denn machen?«, fragten
die anderen erstaunt.
»Ich kenne den Kaplan
der Königin«, antwortete
Aramis zu ihrer Überraschung.
»Wir sind gute Freunde.«
49
Dir. drei Musketiere
Wirtshäuser
Wirtshäuser waren beliebte
Orte für Verabredungen.
Kapitel 12
Das Wirtshaus
»Zum Roten Taubenschlag«
Als Athos, Porthos und Aramis eines Nachts vom Wirtshaus
lk»Zuni Roten Taubenschlag« zu ihrem Lager zurückritten,
begegneten sic aut der Straße zwei Reitern. Überrascht sahen sie,
dass einer der beiden der Kardinal war. Er befahl den drei Muske-
tieren, ihn zu dem Wirtshaus zu eskortieren, von dem sic gerade
kamen. »Monseigneur«, sagte Athos, »in der Wirtsstubc sind ein
paar schreckliche Kerle. Wir mussten sie verprügeln.«
»Worüber habt ihr gestritten?«
»Eine Frau war eben erst angekommen. Die Männer waren
betrunken und wollten in ihr Zimmer cindringen.«
Es war dunkel und rauchig,
sodav* Fremde leicht uner-
kannt blieben. Ofr gab
es besondere Räume für
geheime Treffen.
»War sie jung und hübsch?«, fragte
der Kardinal.
Athos konnte Stimmen
aus dem Zimmer über
ihnen hören.
50
»Wir haben sie nicht gesehen, Monseigneur.«
Richelieu schien erfreut, das zu hören. Im
Wirtshaus angelangt, befahl er den drei
Musketieren, unten auf ihn zu warten,
und ging hoch.
Porthos und Ararnis begannen ein Würfel-
spiel, während Athos im Zimmer herumlicf
und sich fragte, mit wem sich der Kardinal
hier treffen mochte. An der Wand stand
ein alter Ofen. Durch das kaputte Ofen-
rohr konnte Athos Stimmen aus dem
Zimmer über ihnen hören.
»Milady«, sagte der Kardinal gerade, »Sie
werden morgen nach England segeln.
Drohen Sie dem Herzog von Bucking-
ham damit, dass ich ihn und die Königin
bloßstellen werde, wenn er etwas gegen
Frankreich unternimmt. Er soll wissen,
dass ich alle nötigen Beweise habe.«
»Ich werde Ihre Anweisungen befolgen, Eminenz. Darf ich mit
Ihnen nun von meinen eigenen Feinden sprechen? Sic müssen mir
helfen sie zu vernichten.«
»Wer sind Ihre Feinde?«, wollte der Kardinal wissen.
»Erstens eine unverschämte Frau namens Bonacieux. Sic ist
irgendwo in einem Kloster und ich muss sie finden. Mein zweiter
Feind ist ihr Liebhaber, dieser elende d'Artagnan.«
»Wenn Sic mir Beweise bringen, dass er sich mit dem I lerzog
von Buckingham verschworen hat, lasse ich ihn in die Bastille
stecken. Dort wird er nie wieder hcrauskommen.«
»Mein zweiter Feind ist
dieser elende d'Artagnan«,
sagte Milady.
Die Bastille
Die Bastille war als Festung
zum Schutz von Paris gegen
die Angriffe der Engländer
erbaut worden. Richelieu
nutzte sie ak Staatsgefängnis
und sie wurde zu einem Sym-
bol des Schreckens. Kaurn
einem Gefangenen gelang
cs, sic lebend zu verlassen.
»Ich brauche eine Vollmacht für den Fall, dass ich mich gezwun-
gen sehe gegen unsere Feinde vorzugehen«, erklärte Milady.
»Geben Sie mir Feder, Finte und Papier«, erwiderte der Kardinal.
Athos hatte genug gehört.
»Wenn Richelieu nach mir fragt, dann sagt ihm, dass ich voran-
geritten bin, um die Straße zu kontrollieren.« Er trat in die Nacht
hinaus.
51
Die drei M i ski i ihre
Siegreiche Helden
La Rochelle
Die Belagerung von I a
Rochelle dauerte 15 Mt>-
A ls der Kardinal und die Musketiere das
xXWirtshaus verlassen hatten, schlich Athos
die Treppe hinauf und in Miladys Zimmer.
Milady hörte die Tür, drehte sich um und
erschrak, als hätte sie einen Geist gesehen.
»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«, schrie sie.
»Erkennen Sic mich nicht?*, fragte Athos
und nahm den Hut ab.
»Der Graf de la Fere!« Milady rang nach
Fassung, aber sie hatte seinen Namen ausge-
sprochen und das war Athos Beweis genug.
Er hick ihr die Pistole an die Stirn. »Geben
Sie mir das Schreiben des Kardinals, Madame,
oder ich blase Ihnen das Hirn weg!« Sie reichte
ihm das Blatt und Athos las: »Was der Inhaber
dieses Schreibens getan hat, geschah auf tnei-
nen Befehl hin und zum Besten des Staates. Richelieu.« Das war
eine Vollmacht für jegliches Verbrechen. Athos steckte das Blatt
nate. Mit einem Wall blo-
ckierte Richelieu den Hafen,
sodass englische Schiffe
die Stadt nicht mit Nach-
schub versorgen konnten.
Seine Strategie war wir-
kungsvoll: Als sich die
Hugenotten ergaben,
waren drei Viertel der
Einwohner verhungert.
ein und verließ das Zimmer.
Die Musketiere blieben nicht im Lager. Sie holten nur d’Artagnan
ah und ritten mir ihm zu einem anderen Wirtshaus, um dort unbe-
lauscht von Spionen ihre Pläne zu besprechen. Aber die Wirts-
stube war voller Soldaten und ständig kam jemand an ihren
Tisch. Athos ging eine gewagte Wette mit den Soldaten
ein: Er und seine Freunde würden ihr Frühstück in einer
verlassenen Bastion direkt vor der Nase der Feinde einneh-
men. Um die Wette zu gewinnen, würden sic eine Stunde lang dort bleiben müssen,
selbst wenn der Feind angriff.
Als sic in der Bastion ankamen, lagen dort noch die Leichen der
Verteidiger herum.
»Lasst sie liegen. Vielleicht können sic uns noch nützlich
sein«, meinte Athos. Sic frühstückten und unterhielten sich.
Die Musketiere brachten
eine Mauer zum
Einstürzen.
da näherte sich ein feindlicher Trupp. Sie wehrten ihn mit Muske-
tenschüssen ab. Athos erzählte d’Artagnan vom Treffen des
Kardinals mit Milady. Gerade als er ihm Richclicus Voll-
macht zeigen wollte, machte der Feind wieder einen
Vorstoß. Diesmal brachten die Musketiere eine brü-
chige Mauer zum Einstürzen, unter der die Angreifer a
begraben wurden. Nun bereitete der Feind einen
großen Angriff vor. Athos lehnte die Leichen gegen
die Mauern und legte ihnen Musketen in die Hände,
sodass es aussah, als hätte die Bastion zahlreiche
Verteidiger. Die Musketiere berieten weiter. Sie
beschlossen einen Diener zu Lord de Winter zu
schicken, um ihn vor seiner Schwägerin zu warnen,
und einen zweiten Diener zu Madame de Chevreuse,
damit sie die Königin verständigte. Inzwischen stand
der Feind vor den Mauern der Bastion. Die vier
Freunde kehrten in ihr Lager zurück; sie hat-
ten ihre Wette gewonnen und wurden
als I leiden gefeiert. An diesem Abend
wurde d’Artagnan in Monsieur de
Trevilles Kompanie der Muske-
tiere aufgenommen. »
Heimliche Gefangene
Ein Mensch konnte jahrelang
unentdeckt in einem abgele-
genen Schloss gelangen geh.il
ten werden. Milady wusste,
dass sie sich selbst um ihre
Befreiung kümmern musste.
Fanatischer Felton
John Felton (I 595-1628) er-
mordete tatsächlich den Her
zog von Buckingham. Er war
Soldat und Puritaner - ein
strenggläubiger Protestant,
der den I (erzog dafür hasste,
dass er mit den Katholiken
sympathisierte. Buckingham
war in England so unbeliebt,
dass viele Felton als Helden
betrachteten. Er wurde 1628
hingerichret.
Messbuch
Das katholische Messbuch
enthält die Messen für das
Jahr. Milady lässt es liegen,
um den Puritaner Felton als
Verbündeten zu gewinnen.
Kapitel 14
Gefährliche Zeiten
Dank der Warnungen der Musketiere wurde Milady im
Hafen von Portsmouth verhaftet, zum Schloss von Lord
de Winter gebracht und in ein Zimmer gesperrt.
»Lassen Sic die Dame auf keinen Fall entkommen«, warnte
der Lord den Wächter, einen abweisend wirkenden Schiffsoffizier
namens Felton. Dann wandte er sich Milady zu. »Dieser Mann
ist wie aus Stein. Nicht einmal Sie werden ihn erweichen können.
In zwei Wochen werde ich Sie in eine unserer entfernten Kolonien
bringen lassen.« Als sie wieder allein war, weinte und jammerte
Milady. Dann dachte sie nach. »Ich muss die Waffen einer Frau
gebrauchen und meine Schwäche zu meiner Stärke machen.«
Der wilde Glanz war in ihre Augen zurückgekehrt.
Als Felton am nächsten Morgen ihr Zimmer betrat, stellte sie
sich ohnmächtig. Obwohl er sich gleichgültig gab, erschrak er
doch. Felton war ein fanatischer Puritaner und hasste den I lerzog
von Buckingham wegen seiner Verbindungen zu den Katholiken.
Milady fiel auf die Knie und betete, wobei sie das katholische
Messhuch zu ihren Füßen unbeachtet liegen ließ und von ihren
armen puritanischen Freunden sprach. Die Täuschung gelang:
Felton schämte sich, eine so reine und unschuldige Frau zu bewa-
chen. Er verliebte sich in seine Gefangene und bat sie, sich ihm
anzuvertrauen. Sic erzählte ihm eine erfundene Geschichte: Der
Herzog von Buckingham habe sic entehrt und gefoltert und Lord
de Winter sei ein Verbündeter des grausamen Herzogs.
»Ich will sterben«, weinte sic. »Ich kann meine Schande nicht
länger ertragen.«
»Nein, nein!« Felton weinte mit ihr. »Sie müssen leben und
gerächt werden.« Am nächsten Tag hörte sie ein Klopfen am Fens-
ter. Felton war heimlich die Mauer hinaufgeklcttcrt. Er trug Milady
auf einer Strickleiter hinunter. Am Strand wartete ein Boot auf sic.
Es brachte sic zu einem Schiff, mit dem sie nach Portsmouth fuhren.
Unterwegs erklärte Felton ihr den weiteren Plan: »Lord de Winter
54
'^rr
Felton trug Milady auf
einer Strickleiter hinunter.
— —
Felton getan harte, und befahl dem Kapitän, nach Boulogne zu segeln.
’, schickt mich zum
Herzog, der den Befehl zu Ihrem
Transport in die Kolonien unterzeich-
nen wird. Morgen will der Herzog
nach Frankreich segeln, aber ich sorge
dafür, dass er England nicht verlässt.*
Am nächsten lag gab Felton vor, eine dringende Nachricht für
Buckingham zu haben, und wurde zu ihm vorgelassen. Zunächst
beteuerte er Miladys Unschuld. Doch als der Herzog sich weigerte sie
freizusprechen, zog Felton ein Messer und erstach ihn. Milady wartete
am Ufer. Als sie die Alarmschüsse der Kanonen hörte, begriff sie, was
55
Die drei Mi sk e i i fr f
Int Schutz des Klosters
Obwohl die Nonnen sich
von der Welt zu ruckgezogen
harren, versteckten sie in
ihren Klöstern oft Unschul-
dige vor ihren Verfolgern.
Aher kein Orr ist vollkom-
men sicher und Milady fin-
det bald heraus, was sie
wissen will.
Milady ging in Boulogne in Nordfrankreich an Land. Sie schickte
Richelieu die Nachricht, dass Buckingham entweder tot oder schwer
verletzt sei. Dann begab sic sich - gemäß den Anweisungen des
Kardinals - in das Karmelitinncn-Kloster von Bethune, wo sie auf
weitere Befehle wartete. Die Äbtissin hörte gerne den Klatsch aus
der Hauptstadt und besuchte sie häufig. -Wir wissen hier nicht viel
über das Leben bei Hofe«, sagte die Äbtissin, »aber einer unserer
Novizinnen wurde vom Kardinal schweres Unrecht zugefügt.«
«Auch ich bin ein Opfer des Kardinals«, log Milady und bat,
Das Leiten der Nonnen
Das Lebens der Karmelitin
nen ist geprägt durch Gehor-
sam und Einfachheit. Von
der Außenwelt abgeschottet,
verbringen die Nonnen einen
großen Teil des Tages mit
Geber und Meditation. Viele
Nonnen kamen - wie die
Abtissin in dieser Geschieh
te - aus Adclstamilien und
kannten das Leben bei Hofe.
diese Novizin treffen zu dürfen. Die Abtissin brachte eine junge
Frau zu ihr. Sie unterhielten sich, und Milady erfuhr, dass sie
Constance Bonacieux war, die Botin der Königin und Verbündete
der Musketiere.
»Ach«, rief Milady aus, »ich kenne die Musketiere nicht, aber
mein Freund d’Artagnan ist gut mir ihnen bekannt.«
»D’Artagnan!«, rief Constance erstaunt. »Kennen Sie ihn denn?
Was ist er Ihnen?« Sic war eifersüchtig geworden.
»Er ist nur ein Freund«, antwortete Miladv schnell.
»Ich liebe ihn so sehr. Er wird bald kommen«, vertraute
Constance ihr an.
Milady erstarrte, als Constance ihr einen Brief zeigte, in dem
Madame de Chevreuse schrieb, d’Artagnan sei unterwegs.
Sie überlegte schnell.
56
dann sagte sie: * Vorsicht! Es ist eine Falle. D’Artagnan und seine
Freunde sind in La Rochelle. Die Männer, die hierher kommen, um
Sie zu holen, sind verkleidete Diener des Kardinals.«
»Woher wissen Sie das?«
»Glauben Sic mir, ich kenne die Grausamkeit des Kardinals nur
zu gut. Mit seinen Intrigen hat er mein Leben zerstört. Wir müssen
uns hier in der Umgebung verstecken, bis meine Freunde kommen.«
Bald hörten sie den Hufschlag galoppierender Pferde. Milady lief
zum Fenster und erkannte an der Spitze von acht Reitern d’Artagnan.
»Schnell!«, rief sie, »die Wachen des Kardinals. Wir müssen fliehen!«
Aber Constance war zu erschrocken, um wegzulaufen. Sie stürzte.
Milady musste um ihre Rache fürchten. Sie goss Wein in ein Glas,
streute ein Pulver hinein und ließ Constance aus dem Glas trinken.
Dann rannte sie aus dem Zimmer. Constance fühlte sich wie betäubt;
ihre Kräfte schwanden. D'Artagnan und die Musketiere brachen die
Tür auf und drangen in das Zimmer ein.
»D'Artagnan!«, keuchte Constance. »Sic sagte, Sie kämen nicht.«
»Wer? Wer?«, fragte d’Artagnan.
»Die Gräfin«, hauchte Constance und sank leblos in seine Arme.
»Das ist das Werk meiner Frau«, verkündete Athos seinen
Versteckte Waffen
Milady trägt viele geheime
Watten bei sich, um sic gegen
die Feinde des Kardinals ein-
zusetzen. Constance bringt
sie allerdings nicht auf
Befehl des Kardinals um.
sondern weil sie von Rache
durst getrieben wird.
»DA rtagnan! «, keuchte
Constance. »Sie sagte.
Sie kämen nicht.-
Dir drei Musketiere
Todesurteil
Gemeinsam ritten sie
schweigend durch die
stürmische Nacht.
Athos setzte seinen Plan in die Tat uni. Er schickte die
xx Diener der Musketiere los, um in allen Gasthäusern
an den Straßen zwischen Bethune und Armentiercs
nach Milady zu fragen. Er selbst suchte ein abgelege-
nes kleines I laus am Rand von Bethune auf. Ein gro-
* ßer Mann öffnete die Tür und Athos trat ein. Er sprach
kurz mit dem Mann und zeigte ihm eine unterschriebene, besie-
gelte Urkunde. Der Mann nickte und Athos ging wieder. Am nächs-
ten Tag meldete Plancher sich mit der Nachricht zurück, dass Milady
in einem Gasthaus in Armentiercs wohne. Als die Musketiere dort
jedoch ankamen, erzählte man ihnen, Milady habe das Gasthaus vor
ein paar Stunden verlassen und eine I lütte an der Lys gemietet. Athos
schickte Lord de Winter einen Boten und bat ihn nachzukommen.
Die Nacht war stürmisch. Während die Männer ihre Pferde sattel-
Athos zerschlug die
Scheibe und sprang
ins Zimmer.
T O D E S l' R I E 11
tcn, stieß ein Fremder zu ihnen. Er trug eine Maske und einen weiten roten Mantel. Gemeinsam
ritten sie schweigend zum kleinen Dorf Erquinheim, bis Athos’ Diener auf eine Hütte am Ufer
zeigte. Ein Fenster war erleuchtet; Athos spähte hinein und sah Milady am verlöschenden
Feuer sitzen. Ein Pferd wieherte und sie drehte sich mit einem Ruck um, erblickte Athos und
schrie auf. Athos zerschlug die Scheibe und sprang ins Zimmer. Milady rannte zur Tür und
riss sie auf. Im Türrahmen stand, totenbleich, d'Artagnan.
»Was wollen Sie?«, rief Milady aus. Athos trat an sie
heran. »Wir sind hier, um über Anne de Breuil zu richten,
auch bekannt als Gräfin de la Ferc und Lady de Winter.«
D’Artagnan, Lord de Winter und Athos beschuldigten
Milady einer langen Liste schrecklicher Verbrechen, von
denen der Giftmord an Madame Bonacieux, die Mithilfe
bei der Ermordung des Herzogs von Buckingham und
mehrere Mordversuche an Lord de Winter und d'Artag-
nan nur einige waren. Als sie geendet hatten, trat der
Der Fluss Lys
Der Huss Lys fließt bei
Armenhcrcs an der Gren-
ze zwischen Belgien und
Frankreich. Lys bedeutet
Lilie; diese Blume ist cm
Symbol der Reinheit. Sicher
ist dies eine beabsichtigte
Ironie: Die böse Milad*
stirbt an den l’tem des
Flusses der reinen LU«.
Mann im roten Mantel vor. Er nahm seine Maske ab und
Milady entfuhr ein Schrei des Entsetzens. »Es ist der I lenker
von Lille! Oh, vergeben Sic mir!«
»Ja«, erwiderte der Mann. »Nachdem Sie das Leben meines
Bruders zerstört haben und er sich vor Scham erhängte, habe ich
Sie verfolgt und mit dem Brandmal gezeichnet.«
Athos fragte die Anwesenden, welches Urteil sie forderten.
»Tod«, antworteten alle. Milady sank auf die Knie.
Sie gingen langsam zum Fluss hinunter. Der Henker fesselte
Milady an Händen und Füßen. »Feiglinge! Mörder! «, schrie sie.
»Zehn Männer gegen eine Frau!«
»Sie sind keine Frau!«, entgegnete Athos kalt. »Sic sind ein Teu-
fel, der Hölle entsprungen, und wir schicken Sic dorthin zuruck.«
Milady schrie immer lauter, bis d'Artagnan es nicht mehr aushielt.
»Ich kann sie nicht so sterben sehen-, stöhnte er und wollte zu ihr
gehen. Athos stellte sich ihm mit seinem Degen in den Weg und
rief: »Scharfrichter, tun Sie ihre Pflicht.«
Der Mann trug Milady zu einem Boot und ruderte sie über
den Fluss. Als die Männer zum Gebet niederknieten, sahen sie,
wie der Henker am anderen Ufer das Schwert emporhob. Die
Klinge leuchtete im Mondlicht auf und fiel blitzschnell herab.
Der Henker
ruderte Milady
Uber den Fluss.
59
In Auch in der Gascogne
wurde d’Artagnan ein
Denkmal gesetzt.
Held der Gascogne
Der echte d’Artagnan hieß
Charles de Batz-Castelmore
und erbte den Titel »Mon-
sieur d’Artagnan- von sei-
ner Murrer. Er wurde erst
1644 mit 29 Jahren Muske-
tier. Bei seiner Ernen-
nung zum Offizier war
er 52 und nicht, wie bei
Dumas, 29 Jahre alt.
Christopher I ec als
Mann von Mcung.
Das Phantom
Dumas hat den geheimnis-
vollen de Rochefort weit-
gehend frei erfunden; den
Namen aber hat er aus den
Memoires de Monsieur le
Comte de Rochefort von
Courrilz (1678).
Kapitel 16
Der vierte Musketier
Niedergeschlagen kehrten die vier Freunde nach La Rochelle
zurück. Eines Abends, als sie in einem Wirtshaus saßen, stand
auf einmal ein Mann vor ihnen, der ihnen bekannt vorkam.
D’Artagnan stieß einen Freudenschrei aus. Es war sein Phantom, der
Mann aus Meung. Er zog seinen Degen, doch der Mann sagte höf-
lich: »Diesmal habe ich Sie gesucht. Mein Name ist de Rochefort.
Ich verhafte Sie hiermit im Namen des Königs und habe Befehl Sie
zu Kardinal Richelieu zu bringen.«
Die Musketiere wären d’Artagnan beigestanden, aber er leistete
keinen Widerstand. Er stellte die Bedingung, dass seine Freunde ihn
begleiten dürften, und händigte de Rochefort seinen Degen aus.
Zusammen ritten sie nach Surgeres, wo der Kardinal residierte. Am
Tag nach ihrer Ankunft wurde d’Artagnan zum Kardinal gebracht.
»Wissen Sie, warum Sie verhaftet wurden?«, fragte Richelieu.
• Nein, Eure Eminenz. Aber ich nehme an, dass auch dies das
Werk einer Frau ist - einer Frau, die als Verbrecherin gebrandmarkt
war, die ihren zweiten Gatten vergiftete und die versuchte, auch
mich zu töten.«
»Von wem sprechen Sie?«, wollte der Kardinal wissen.
»Von Milady de Winter. Inzwischen aber ist sie tot, Monseigneur.«
Und d’Artagnan berichtete, wie sie verurteilt und gerichtet worden
war. Der Kardinal erschauerte. »Dafür werden Sie vor Gericht kom-
men«, sagte er.
»Damit habe ich gerechnet, Monseigneur. Allerdings haben Sie
mich bereits im voraus begnadigt.«
»Was soll ich getan haben? Sind Sie verrückt?«
D’Artagnan zog ein Schreiben hervor und Richelieu erkannte, dass
es der Brief war, den er Milady im Wirtshaus »Zum Roten Tauben-
schlag« gegeben hatte: der Freibrief, im Namen des Staates alles zu
tun, was ihr angemessen erschien - auch zu töten. Nun war d’Artag-
nan im Besitz dieses Schreibens. Der Kardinal blickte in das ehrliche,
kluge Gesicht des jungen Mannes und sah die Tränen, die ihm über
60
Der vier i e Musketier
die Wangen liefen. Ein so mutiger und aufrechter Mann konnte ihm von großem Nutzen sein.
Er zerriss den Brief und schrieb an seinem Pult einen neuen. »Das wird mein Todesurteil sein«,
dachte d’Artagnan. Doch der Kardinal reichte ihm das beschriebene Pergament. Setzen Sie
hier Ihren Namen ein«, sagte er. D’Artagnan konnte nicht glauben, was er da las: Anstatt eines
Todesurteils hielt er in seinen Händen die Ernennung zum Leutnant der Musketiere! 1 r fiel vor
dem Kardinal auf die Knie. »Monseigneur, das habe ich nicht verdient. Meine Freunde sind der
Ernennung würdiger als ich ...«
»Nehmen Sic sie und machen Sic damit, was sie wollen«, sagte der Kardinal. Er ließ de
Rochefort kommen. »Von heute an ist Monsieur d’Artagnan mein Freund«, verkündete er.
»Geben Sic einander den Bruderkuss und vermeiden Sic miteinander zu streiten, wenn Sie
Wert darauf legen, Ihre Köpfe zu behalten.« Die beiden Männer küssten
sich ohne allzu große Begeisterung; sie wussten, dass sie einander wieder
treffen würden.
D'Artagnan kehrte zu seinen Freunden zurück und versuchte sie zu
überzeugen, dass sie die Beförderung mehr verdienten als er, aber sie
ließen nichts, was er sagte, gelten. Athos trug schließlich d’Artagnans
Namen in die Urkunde ein. »Du verdienst sie mehr als wir alle«,
sagte er. > Du bist noch jung und hast genug Zeit, die traurigen
Erinnerungen an heute durch schöne zu ersetzen.
Dumas* Erbe
Dumas stammte aus einer ungewöhnlichen Familie. Sein
Vater war der uneheliche Sohn des Adeligen Antoine
Alexandre Davy, der im späten 18. Jh. in die Karibik
übersiedelte; seine Mutter war eine
ehemalige Sklavin. Dumas’
Vater war Offizier der Revo-
lutionstruppen und kämpfte
unter Napoleon. Weil er
immer offen seine Meinung
sagte, fiel er bei Napoleon
in Ungnade und verließ die
Armee. Vier Jahre danach
starb er und ließ seine
junge Frau und seinen klei-
nen Sohn Alexandre ohne
Vermögen zuruck.
Die frühen Jahre
Alexandre wuchs bei seiner Mutter in der kleinen Stadt
Villiers-Cocterets auf. Als Kind verbrachte er viel Zeit
beim Spiel in den umliegenden Waldern. Dank einer
reisenden Schauspielertruppe entdeckte er Shakespeare
und beschloss romantische Geschichten zu schreiben.
Weil er eine schöne Handschrift hatte.
* fand er mit 21 Jahren
A in Paris Arbeit als
rr-j Büroangcstellter.
Beliebtheit
Seine Originalität und seine Schaffenskraft brachten
Dumas viel I nh und Bewunderung ein. Er wurde zu einer
treibenden Kraft der romantischen Bewegung innerhalb
der französischen I ireratur. Seine Stucke zogen viel Pub-
likum an und trugen zur Erneuerung des französischen
Theaters bei. Auch Dumas selbst war sehr beliebt,
besonders bei den Damen, denn er war
charmant und ein guter Tänzer.
Lebendige Geschichte
1S41 entdeckte Dumas einige von
Courtilz verfasste Schriften über Mus-
ketiere in der Zeit Ludwigs XIV. Dumas
schrieb sic zu Romanen mit romanti-
schen Helden um. Durch die spannen-
de Geschichte, die unter dem Titel Die
drei Musketiere als Fortsetzungsroman
erschien, wurde Dumas sehr bekannt. In
den darauf folgenden Jahren verfasste er
noch weitere historische Romane; einer
davon ist Der Graf von Monte Christo.
9
umas
Obwohl Sohn eines Gene-
rals, wuchs Alexandre
Dumas (1802—70) in sehr
einfachen Verhältnissen
auf. Als junger Mann
ging er nach Paris,
beschäftigte sich mit
Literatur und Theater
und stellte bald fest,
dass er selbst Talent zum
Schreiben besaß. Er erlebte
große Erfolge, zuerst als Autor
von Theaterstücken und später von
historischen Romanen. Dumas liebte das Abenteuer;
sein Leben war beinahe so aufregend wie die
Geschichten, die er erzählte.
Victor Hugos Salon«; stehend: Gautier und Dumas.
Eine romantische Zeit
Anfang der IS20er-Jahre entstand eine neue
literarische und politische Strömung, die unter
dem Namen Romantik bekannt wurde. Ihre
Anhänger, unter ihnen Dumas, schätzten Lei-
denschaft und Freiheit hoher als Vernunft und
rechtfertigten das Aufbegehren der Jugend
gegen die Alteren und den Widerstand des
Einzelnen gegen die Zwange der Gesellschaft.
Dumas war mit den Schriftstellern Victor
Hugo, Charles Nodier und Theophile Gaul-
tier befreundet und setzte sich sein Leben
lang für die Freiheit des Individuums ein.
Abenteuer in der
Fremde
Dumas reiste leidenschaft-
lich gerne und begeisterte
sich für die neuen Ideen
und Kulturen, die er in
Russland, Nordafrika
und verschiedenen euro
päischen Landern ken-
nen lernte. In Italien
begegnete er Garibal-
di. der später für
die Einheit Italiens
kämpfte. Dumas
Ein Traumschloss
Dumas' Phantasie beschäftigte
sich nicht nur mit Literatur. Der
Erfolg von Der Graf von Monte
Christo ermöglichte cs ihm, sich
ein Schlösschen Knien zu lassen,
mitsamt Burggraben und einem
gotischen Pavillon inmitten eines
Englischen Gartens. Er gab ihm den
Namen »Das Schloss von Monte
Christo-. Dumas war großzügig
gegen andere und gegen sich selbst,
sodass sein Geld nie lange reichte.
Im einigermaßen auszukommen.
unterstützte diesen
Kampf finanziell
und durch verschie-
dene Schriften.
Dumas gab eine .Auto-
biographie des italieni-
schen Freiheitskämpfers
Garibaldi heraus.
musste er sehr viel schreiben und
arbeitete oft die ganze Nacht.
Trotz seines Erfolges und seines
Fleißes starb er als armer Mann.
Dumas’ Schloss von Monte < hr
Lang leben dil Mi sm itm
häutigsten übersetzten Autoren.
0
4b 63
1 incs der berühmten Duelle in
Das Ratsei von Monte Christo (1934)
Micheal York, Frank Finlay,
Oliver Rcrd und Richard Chamberlain
reiten für dir Königin.
Alle für einen und einer für alle!
In Die Rückkehr der Musketiere 19881
kehrten die Stars von Richard I esters Ver-
filmung Die drei Musketiere zuruck, um
noch einmal die vier berühmten Freunde
zu spielen Isiehc obenl.
Muske-Hunde
Aus d’Artagnan wurde die
Comicfigur Dogtaman, der
den drei Muske-Hunden beim
Kampf gegen eine intrigante
Katze bcistcht: Milads ’
Der Ruhm d’Artagnans und der dm
Musketiere überlebte das 19. Jh. fber.
so wie Dumas* Zeitgenossen fanden
und finden auch die Menschen des
20. Jh.s die immer wieder nacherzahl-
re Geschichte spannend genug, um
sie zu lesen - oder sie sich als Film
anzusehen. Auch heute noch gehört
Historisch und zeitlos
Figuren wie der Graf von Monte
Christo, Milady und Richelieu
bleiben für uns ebenso lebendig,
wie sic es für Dumas’ erste Leser
waren. Die Mischung aus Span-
nung. Romantik und Action
kommt bei icdcm Publikum gut an
l conardo di
Bildnachweis
o = oben, ii = unten, m = Mitte, I = links,
r = rechts
Archive Photos/The Image Bank: Sol.
Bibliotheque Nationale, Paris: 16ol; 26ol; 50o.
Bridgeman Art Library: Sum (Gerrit van Hont-
horst, »George Villiers, erster Herzog von
Buckingham«; Philip Mould, Historical Portraits
Ltd., London); 8umr (Philippe de Champaigne,
»Ludwig XIII. vom Siege gekrönt«; Louvre,
Paris/Giraudon); 18ol (Philippe de Champaigne,
»Kardinal Richelieu«; Chateau de Versailles);
22o (Peter Paul Rubens, »George Villiers, erster
Herzog von Buckingham«; Palazzo Pitti, Flo-
renz); 26ul Velasquez, »Philipp IV. zu Pferde«;
Prado, Madrid.
British Film Institute: 60u.
Photographie Bulloz: 8oml; lOor; 24ml; 51u.
J. Allan Cash: 13or.
Jean-Loup Charmct: 8omr; 1 lor; mr; ur; 23u;
29u; 3 Io; 32u; 37o; 46ol; 62ol; or; ml; 63ol; or.
Chateau de Saumur: 44ol.
Christie’s Images: 25mr; Corbis: 30o (Seattle Art
Museum); 36u (Dave Bartruff).
Samuel Dhote: 59o.
ET Archive/Prado, Madrid: 34o.
Mary Evans Picturc Library: I 1 ul; 15or.
Eye Ubiquitous/Mike Southern: 54o.
Ronald Grant Archive: 1 lol; ml; 32o; 46ul; 63mr.
Jacquie Gulliver: 40u.
Hulton Getty: 8ul; 21ur.
Kobal Collection/© Disney: 18ml.
The Movicstorc Collection: lOol; 63ml; ul; ur.
© Photo Muscc de PArmee, Paris: lOul; uml;
umr; ur.
© Musees de la Ville de Paris: 20ul (D. Lifer-
mann); 25 or (P. Ladet); 29o; 49mr.
Aus der Sammlung der Worshipful Company of
Glovers of London; Leihgabe an das Museum of
Costume, Bath: 35u. Zur Verfügung gestellt von
der National Portrait Gallery, London: 54m.
© Photo RMN: 52o (Versailles und Trianon).
V & A Picturc Library, London: 39u.
Roger-Viollet: 13ur; 2lor; 56ol; 62mr. Abgedruckt
mit Erlaubnis der Treuhänder der Wallace Collec-
tion, London: 43or.
Warwick Castle: 49o.
Wilberforce House Museum, Kingston upon
Hüll: 44ol.
Einband:
Jean-Loup Charmct: vorne ol.
Chateau de Saumur: vorne m; hinten m.
Christie’s Images: vorne ol.
Eye Ubiquitous/Mike Southern: hinten om.
Photo Musee de PArmee, Paris: hinten ol.
Warwick Castle: hinten rm.
Fotos: Andy Crawford, DK Studio.
Zusätzliche Illustrationen: Sallie Alane Reason,
John Woodcock.