Author: Döbler H.  

Tags: technischer fortschritt   buchdruck   bibliologie  

ISBN: 3-570-06987-7

Year: 1974

Text
                    
BOSTON PUBLIC LIBRARY

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HANNSFERDINAND DÖBLER Kultur- und Sittengeschichte der Welt VON DER KEILSCHRIFT ZUM COMPUTER Schrift C. • Buch Wissenschaften • Bertelsmann Verlag
€) 1974 Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH / C. Bertelsmann Verlag München, Gütersloh, Wien Bildredaktion C. Bertelsmann Verlag Schutzumschlag: Franz Wöllzenmüller Gesamtherstellung Mohndruck Reinhard Printed in Mohn OHG Germany - ISBN 3-570-06987-7 Gütersloh
Inhalt 9 Vorwort 11 Schriften der Götter 12 Auf steinernen Tafeln Rosenkranz und Knotenschriften 15 Frau, Dach, Frieden 19 22 Bilder 26 Keilschriften auf 30 Archive unter Schutt 34 37 Der Stein von Rosette Schriften ohne Schlüssel 41 Vom A zum O 45 48 Bambus, Schilf und Häute Ehrwürdige Bücher 55 Stätten der Bildung 56 Schreiber und Lehrer 59 Erziehung in Sparta Im Gymnasium zu Athen 63 71 79 90 97 102 105 und Schriften Ton Bücher für Rom Rettung der Gelehrsamkeit Scholarentum Vorgänger des Dr. Faust Fromme Wissenschaft Mandarine in Klausur
109 Frühe Wissenschaft 110 112 Die Sterne lügen nicht 115 119 122 125 129 136 142 Feldfurche, Zicklein, Drache Zeichen des Himmels Zwischen den Zahlen Mit Zählstock und Abacus Die Weisen von Milet Mit Steinmesser und Zauberpilz Wege zu Hippokrates Heilung mit Nadelstichen 147 Glaube und Erkenntnis 148 Zauberküche Alchemie 158 162 Die Söhne des Scheichs Haus der Weisheit 170 Die Ziffern des Algoritmi 174 182 Ärzte im Islam Aristoteles 191 Ein Bild der Erde 197 Aufbruch der Wissenschaften 198 202 Buch und Rute Der Blick durchs Fernrohr Entdeckung der Tierwelt Mit gegossenen Lettern Geschäfte mit Büchern 209 215 219 und die Folgen 223 226 Unter den Augen des Zensors 235 Siege der Vernunft 236 Gelehrsamkeit unter Perücken 243 Prinzipien der Vernunft 255 263 Büchersammlungen und Büchernarren 267 272 Zwischen Noah und Darwin Begegnung mit dem Kosmos 275 Entschlüsselung der Materie Die Schule der Philanthropen Schrittmacher der Revolution
28l Bildung und Macht und Bildung 282 Civilisation, Culture 285 Die Entdeckung der Sprachen 290 Die Ideale des Freiherrn von Humboldt 299 305 311 3 16 Mit Band und Mütze Auf dem Paukboden Protest auf der Wartburg Geschichte und Historie 323 Bildung fürs Volk 3 29 Die neue Großmacht 33 ° Aviso Relation oder Zeitung 334 339 344 348 350 Zeitschrift für Dr. Faustus 355 Literatur 357 360 Bildnachweis Journale und Gazetten Alpdruck für Könige Weltpresse Mondmenschen im Register Feuilleton

Vorwort möchte man annehmen, aber ihre denn ein gebildeter Araber aus Beirut dürfte einen anderen geistigen Horizont haben als ein gebildeter Chinese in Schanghai oder ein junger, französisch sprechender Kanadier, der in Quebec studiert, von einem gebildeten Brasilianer aus Rio de Janeiro ganz zu schweigen. Es gibt noch keine detaillierten Untersuchungen darüber, was gleichsam als »Weltbildung« bezeichnet werden könnte, aber man weiß, daß alle diese Gebildeten mit Millionen Menschen zugleich über die Massenmedien an den aktuellen Geschehnissen teilnehmen. Ob sie alle Rembrandt oder Hokusai, Dante oder Cervantes, Aristoteles oder Li T'ai-po kennen, ist fraglich, aber sicher kann man sagen, daß von jedem dieser gebildeten Menschen eine gewisse Kenntnis der eigenen Literatur und Kunst, der eigenen Kultur und der Wissenschaften erwartet wird, eine Teilhabe an dem, was Menschen bisher geschaffen haben. Einen Menschen, der alle diese Dinge nicht kennt und trotzdem mehr zu wissen scheint als andere Menschen, müßte man als weise bezeichnen; gebildet ist er nicht. Bildung bedeutet also, daß Menschen nach einem gewissen unterschiedlichen Kanon gemessen werden, und wenn sie eine bestimmte Menge von Denk- und Verhaltensweisen erlernt haben, können sie sich zu jener Schicht zählen, die diese Maßstäbe festgesetzt hat. Die Sache selbst ist überall auf der Erde bekannt, wo die moderne Zivilisation herrscht, wobei allerdings das deutsche Wort Bildung mit seinem tiefsinnigen Beigeschmack nahezu unübersetzbar ist; es handelt sich hier aber um soziologische Tatbestände, die ihrerseits das Leben zahlloser Menschen Gebildete Menschen gibt es in allen Völkern-, so Bildung unterscheidet sich jeweils voneinander, motivieren. Nicht der Wunsch, an der Weltkultur teilzuhaben, sondern das Bestreben, auf der sozialen Leiter eine Sprosse höher zu steigen, treibt die meisten Menschen an, die sich mit alter Literatur, mit Geographie und Mathematik, mit den Stilen der Kunst und der Gliederung einer Tragödie beschäftigen. Allerdings, wer nicht lesen kann, steht vor verschlossener Tür, so wie der Mensch, der die Mathematik nicht beherrscht, von der unübersehbaren Landschaft der modernen Naturwissenschaften ausgeschlossen bleibt. Das gilt auch für ganze Völker, deren kulturelle Entwicklung sich außerhalb der Schriftsysteme vollzogen hat, wenn überhaupt bei diesem fast statischen Überliefern von Mund zu Mund über Jahrtausende hinweg von Entwicklung im europäischen Sinn gesprochen werden kann. Diese unglaubliche Hast des geistigen Lebens, dieses zwischen Ursache und Zweck gefangene Denken des modernen Europäers ist dem Menschen der sogenannten Naturvölker ja vollkommen fremd, wie dem Europäer auch bis vor einem Jahrhundert der Begriff der Entwicklung fremd war. Daß alles sich wandelt, verändert, zu neuen Formen fortschreitet, dieser Aspekt ist erst durch die Evolutionstheorie eines Lamarck, durch die Erkenntnisse Darwins ins Bewußtsein gedrungen. Auch die Zeiträume, in denen sich die Entwicklung des Menschen vom affennahen Halbmenschen zum heutigen Typus vollzogen hat, sind ja erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts geahnt worden; noch Luther glaubte, die Welt sei insgesamt 6000 Jahre alt. 9
Schriftlose Völker haben ihre Mythen, ihre Überlieferung, das nicht weniger lebendig Aber ist als ihr geistiges Leben, das eines heutigen Europäers, sondern eher viel- überschaubares Leben und Wissen, und es unvon dem etwa eines Europäers oder Amerikaners wie das Wissen eines Kindes von dem eines Greises. Einer der Unterschiede zwischen Kind und Greis ist ja, daß die Erinnerung des Kindes kaum über die letzten Tage zurückreicht, die des Greises aber über viele Jahrzehnte. Bei den Naturvölkern, deren Sterblichkeit hoch ist, werden Greise deshalb oft hoch geehrt, weil sie das Gedächtnis des Stammes verkörpern. Das Gedächtnis der zivilisierten Völker sind die unzähligen Bibliotheken, die angelegt worden sind, seit die Schrift die Stufe des mafältiger. es ist ein begrenztes, terscheidet sich gischen Zeichens überwunden hat und zum rationalen Informationssystem geworden ist. Aus dem Schutt der Jahrtausende hat man die Bibliotheken assyrischer Könige geborgen und in mühsamer Kleinarbeit entziffert, man kennt die Namen Pergamon und Alexandria als Stätten der Gelehrsamkeit, und man weiß, welche Auswirkungen es hatte, als das kostbare Pergament in Europa durch den Ersatzstoff Papier ersetzt wurde. In der frühen Stufe der Menschheit ist das menschliche Gedächtnis durch kein Hilfsmittel künstlich erweitert. Die Erfindung der Schrift, zunächst auf Stein ge- meißelt, schafft Gedächtnis, die Verbreitung der Schrift als Mitteilungsmittel bestimmte Wechselbeziehung zwischen Wissen den alten Bibliotheken des Orients ordnete man die immer wieder kopierten Schriften auf Papyrus und Pergament, aber die Demokratisierung der Kultur begann erst in der Renaissance, als die Erfindung des Druckes mit beweglichen Lettern und die Papiererzeugung mit einer konkreten gesellschaftlichen Situation zusammentrafen. In diese Zeit fallen auch die ersten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die zur modernen Wissenschaft und Technik führen. Aus der Beschäftigung mit Gasen erwächst die chemische Erkenntnis von Wasserstoff und Sauerstoff, aber auch die spätere Möglichkeit, einen Explosionsmotor zu bauen aus der Beschäftigung mit Glücksspielen entstehen die Ansätze der Infinitesimalrechnung, die mit unendlich kleinen Größen arbeitet, und schon damals werden Fernsehen und Menschenflug und das mühelose Leben in der modernen Technik vorausgeahnt. Die Lernsysteme, mit denen jeweils Bildung vermittelt wird, sind in großen Zügen nachgezeichnet. So schärft sich der Blick auch für die aktuellen Probleme. Denn als Wilhelm von Humboldt, sechzehn Monate lang verantwortlich für die preußische Kulturpolitik, in den Jahren 1809/1810 die Bildungsreform einleitete, konnte er nicht ahnen, daß die daraus erwachsenen Institutionen noch im Zeitalter der Weltraumflüge Wissen vermitteln würden. Daß die Gebildeten aller Völker den Fortschritt der Naturwissenschaften und schafft geistige Bedürfnisse, eine und dem Hunger nach Wissen. In ; der Technik auch geistig nachvollziehen, ist eine Lebensfrage für die Menschheit. dann nämlich wird das Bewußtsein dessen, was zur Weltkultur gehört, stärker sein als das Bewußtsein dessen, was die Angehörigen der verschiedenen politischen Systeme trennt. Erst München, 1973
Schriften der Götter Auf steinernen Tafeln Rosenkranz und Knotenschrift Frau, Dach, Frieden und Schriften Keilschrift auf Ton Bilder Archive unter Schutt Der Stein von Rosette Schriften ohne Schlüssel Vom A zum O Bambus, Schilf und Häute Ehrwürdige Bücher
Auf steinernen Tafeln Moses auf dem Berge Sinai zu, »und als Gott mit ihm zu Ende geredet hatte, gab er ihm zwei Tafeln, auf denen sein Gesetz geschrieben stand. Steinern waren die Tafeln und von Gottes Finger beschrieben.« Später heißt es dann über diese Tafeln, sie seien Gotteswerk, »und die Schrift war Vierzig Tage und vierzig Nächte brachte Gottesschrift«. Hier sie ist ist die Schrift zunächst Beweis, daß Gott selbst geredet hat, und unveränderbare Schrift, Zeiten auf deh steinernen Tafeln festzuhalten, was Gott eine übernatürliche, deshalb unverrückbare deren Sinn es ist, für alle der Herr von seinem Volke will. Tatsächlich ist darin der Sinn jeder Schrift ausge- denn wer schreibt, will etwas festhalten für einen zukünftigen Augenblick, in dem jemand das Geschriebene liest und damit die Schrift zum Leben erweckt. Sinnlos wäre es, etwas aufzuschreiben, wenn man annehmen müßte, daß niemand die Schrift würde entziffern können. Hier in der Bibel wird diese Möglichkeit ausdrückt, geschlossen, so selbstverständlich ist es dem ben, sondern sein Volk auch lesen kann. Er dem bis Verfasser, daß Gott nicht nur schrei- stammt ja auch aus einem Volke, in zur Geburt Christi die Schriftgelehrten einen unangefochtenen Rang be- saßen, in dem die Auslegung der Thora bedeutsamer Lebensinhalt ganzer GeneraMännern bis auf den heutigen Tag war, und dessen Gabe tionen von heiligmäßigen an die menschliche Kultur, die Bibel, selbst im europäischen Sprachgebrauch nach Jahrtausenden noch als Heilige Schrift bezeichnet wird. war der Umgang mit Schriften also nicht fremd, sondern eher selbstverständlich. Sie lebten in einem Kulturkreis, in dem Schriften schon jahrtausendelang in Gebrauch waren; ihre Herren, die Ägypter, denen sie später entwichen, benutzten bereits eine hochentwickelte Bilderschrift, und so war es ihnen selbstverständlich, daß auch der Herr des Alten Bundes schrieb. Nichts, was unverbrüchlich bis in die fernste Zukunft dauern sollte, hätte ungeschrieben bleiben können, denn auch im Lande Ägypten war alles und jedes aufgezeichnet wor- Den Stämmen Israel man heute Von der Entstehung der Schriften wird später den, fast so selbstverständlich, wie sich ja ab, daß es die Bilderschrift gibt schreibt. Rede sein schon hier zeichnet wie bei den Ägyptern, und eine andere, nicht die ; dem Phönizischen nahe verwandt ist. Aus dann bekanntlich das »Alpha-bet« hervorgegangen. bildliche Schrift, die der Israeliten, die dem Phönizischen ist Die Schrift gehört zu jenen menschlichen Kulturleistungen, die an verschiede- nen Stellen der Erde, unabhängig voneinander, entstanden sein dürften - ein Beweis für ihre Notwendigkeit. Es gibt insgesamt sieben vollständige, voneinander unabhängige Schriftsysteme, alle orientalischen Ursprungs. Es sind dies das Sumerische (3100 v. Chr. -50 m Chr.), das Proto-Elamische in Elam (3000-2200 v. Chr.), das frühe Indische im Industal (um 2200 v. Chr.), das Ägyptische (3000 v. Chr. - 400 n. Chr.), das Kretische in Kreta und in Griechenland (2000-1200 v. Chr.), und das Hethitische in Anatolien und Syrien 1500-700 v. Chr.) sowie das Chinesische (seit 1300 v. Chr. bis zur Gegenwart). Jede Schrift ist eine Art Konserve, die eine Botschaft enthält. Auch ein Handzeichen kann eine Botschaft bedeuten, ebenso ein Gegenstand oder ein Laut, etwa eine Trommel; der Indianer 12
Die hebräische Schrift, in der auch das Jiddische geschrieben wird, ist eine Quadratschrift, die von rechts nach links gelesen wird. Fol. 130V aus dem »Machsor« einem , jüdischen Gebetsbuch. Pergamenthandschrift 1300 in , um Deutschland entstanden. Universitätsbibliothek, Leipzig schickt eine Botschaft, die aus drei Pfeilen chenruf löst und Krähenfedern besteht, ein Käuz- einen Überfall aus - die schriftliche Botschaft aber wäre, herausgelöst dem aktuellen Bezug, jederzeit neu ablesbar, sie ist aus demselben Wortmategeformt wie die Sprache, nur nicht vergänglich wie der gesprochene Laut, sondern so unvergänglich wie der Stein oder Stoff, auf den sie geschrieben ist. Wie sieht das kulturelle Leben von Menschen aus, die keine Schrift kennen? aus rial man meinen könnte, ärmer oder flacher, auch nicht geschichtsloMenschen in den Hochkulturen, nur andersartig. Hier, bei den Völkern ohne Schrift, in den abgelegenen Dörfern tief im Urwald oder hinter unzu- Gewiß nicht, wie ser als das der gänglichen Gebirgen, spielt das mündlich überlieferte Wissen die entscheidende, formende Rolle. Dieses im rhythmischen Singsang weitergegebene Wissen ist stets geheim, wenn es sich um besondere Kenntnisse handelt, und dient dem einzelnen dazu, sich selbst und die Angehörigen seiner Familie herauszuheben, ihnen Macht zu verschaffen. Die Schmiedekunst und die Heilkunst, die Kunst, eine Trommel oder ein Boot zu bauen, eine Seekarte anzufertigen, oder den Geist der grauen Känguruhs zu malen, den Regen oder den Wind zu beschwören, wird von Mund zu Mund weitergegeben, allerdings nicht jedermann, sondern nur dem eigenen Sohn, nur den Angehörigen des eigenen Clans, nur denen, die bestimmte Prüfungen bestanden haben. Die Initiationsriten der Naturvölker, deren Abschluß *3
Aufnahme des jungen Mannes oder Mädchens als gleichberechtigt in die Stammesordnung ist, bedeuten auch, daß nun bestimmte Kenntnisse vermittelt worden sind; das neue Stammesmitglied weiß jetzt/was man über die Herkunft des Stammes, über die Götter und Menschen, die Geister und ihre Helfer wissen muß. die Wie begrenzt für den schweifenden Jägertrupp die Möglichkeit ist. Wissen anzusammeln, kann man sich unschwer vorstellen. Hier gelten Männer von 30 Jahren schon als Greise; das Wissen bezieht sich auf praktische Fragen, wobei die oft komplizierten Verwandtschaftsformen, die unzähligen Tabus, die Fragen der kosmischen Beziehungen zwischen den^Totemtieren und den Clans eine beherrschende Rolle spielen. Selbstverständlich bleibt die Frage nach der Herkunft des Alls oder auch des Menschen nicht unbeantwortet, und so enthält das mündliche Wissen einen Bestand gesicherter Auskünfte über die eigene Welt und die Ahnen freilich ist dieser Bestand nicht unverrückbar, sondern er wächst und verändert sich mit der Zeit, auch spielt es eine Rolle, ob zum Beispiel die Menschen im Innern des Landes oder an der Küste die alten Mythen überlieferten. Oft variierte die Sprache ja schon von einem Dorf zum anderen, von einem Tal zum anderen wie heute der Dialekt, und es dauerte \iele Jahrtausende, bis sich überhaupt größere Menschengruppen sprachlich verständigen konnten. Auch dies, die Spracheinheit eines größeren Gebietes, dürfte mit der gemeinsamen Anbetung mächtiger Gottheiten und mit der gemeinsamen Art. den Lebensunterhalt zu erwerben, Zusammenhängen ; ohne Feldbau, ohne geschlossene Siedlungen, ohne die kontinuierli- Altassyrische Tontafel mit dem Text eines Gerichtsprotokolls. Die Keilschrift war ursprünglich eine sumerische Bilderschrift , die sich erst im Lauf der Zeit zu keilförmigen Schrift- zeichen entwickelt hat, bedingt durch das weiche Tonmaterial der Schreibunterlage. Hüllentafel, 19J18. ]h. v. Chr. Sammlung des Orientalischen Seminars der Universität Heidelberg
che Folge von Saat und Ernte bildet sich auch bei Naturvölkern keine geistige Kontinuität. Alle frühen Zeugnisse der Kulturvölker, mag es sich um indische oder Aufzeichnungen handeln, reichen viele noch keine Schrift gab. Meist bestehen dem Versuch, das seit Generationen münd- chinesische, ägyptische oder sumerische Generationen zurück in jene überhaupt in Zeit, als es diese frühen Zeugnisse lich überlieferte Wissen aufzuschreiben; das gilt für die ältesten Teile der Bibel ebenso wie für die Vedas der Inder oder die ältchinesischen Bambustexte. In den Jahrtausenden, die der Erfindung der Schrift vorangingen, hat es die verschiedensten »Vorläufer« von Schrift gegeben, denn zwischen Menschen von einer bestimmten Kulturhöhe an bestand stets die Notwendigkeit, sich miteinan- der zu verständigen. Anders ausgedrückt, zwischen den Angehörigen schweifenden Jägerhorde brauchte man Menschen zusammenrückten, führlichen Botschaften. Je enger aber die zierter das gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse, je einer nicht viele Worte, also auch keine aus- Leben wurde, je je kompli- vielschichtiger die Abhängigkeits- und überwältigender die religiösen Vorstellungen, desto zwingender wurde das Bedürfnis, sich mitzuteilen oder auch bestimmte Dinge festzuhalten. Heute kennt man rund 400 Schriften, die man lesen kann, wobei die Vorstufen und Abarten nicht mitgezählt sind. Der Europäer zum Beispiel kennt außer dem eigenen Alphabet meist noch die griechischen und hebräischen Schriftzeichen, auch das kyrillische Alphabet, nämlich die russische Schrift, ist bekannt. Geleman auch die arabischen Schriften, etwa im Fernsehen, oder die chinesischen und japanischen Zeichen. Schon bei der Unterscheidung der verschiedenen indischen Schriften dürfte es aber Schwierigkeiten geben, und wer kann schon gentlich sieht die persische Schreibschrift vom Äthiopischen oder Syrischen unterscheiden? Rosenkranz und Knotenschriften bestimmten wörtlichen Inhalt aufnehnämlich das Geschriebene. Nichts anderes meint der Knoten im Taschentuch des Vergeßlichen, nur eben wird hier eine andere Form als die Schrift gewählt, um an etwas zu erinnern. Bekannter ist das Beispiel vom Rosenkranz. Jedermann weiß, welche Bedeutung die großen und die kleinen Perlen haben, und wer sie durch die Finger laufen läßt, »liest« gleichsam mit den Fingerspitzen die Schrift zielt darauf hin, daß der Leser einen men soll, Botschaft dieser Perlenschnur ab. Die Wissenschaft nennt diese Form Gedächtnisstütze die »Gegenstandsschrift«. Meist handelt es sich gänge, die auf diese Weise im Gedächtnis befestigt werden. Auch um der Zählvor- das Kerbholz des Wirtes, eine Art Zählstock, gehört in diese Kategorie und zählt zu den ältesten Formen, etwas für die Zukunft authentisch festzuhalten. Vor allem das Verhältnis zwischen Schuldner und Gläubiger bedurfte solcher Formen, damit es nicht zum Streit kam. Man schnitt zum Beispiel in einen festen Stock so viele Kerben, als Vieh geschuldet wurde, und spaltete den Stock senkrecht. Jede der Parteien hatte auf diese Weise eine Urkunde, das Original. und wenn man sie aneinanderfügte, bekam man
Man kann auf Stäben ganze Kalender führen, auch die Hirten haben Kerben auf zu zählen. Wer einem Boten als Ausweis einen Stab mitgab, mochte wohl wünschen, daß seine Botschaft unverändert an den ihren Hirtenstäben benutzt, um Empfänger gelangte. Also wurde der Stab mit Gedächtnisstützen versehen, d.h. mit Kerben oder Zeichen, an denen die Botschaft abzulesen war. Nicht nur Stäbe aus Holz, sondern auch geknüpfte Schnüre wurden als Gedächtnishilfen verwandt. mag sein, daß selbst diese Verwendung als Gedächtnisstütze eine »späte« Form Verwendung ist und daß die Verknüpfung von Schnüren zuallererst ein magischer Vorgang war, etwas Hochbedeutsames, dessen praktischer Nutzen sich erst Es der Bedeutung des kindlichen Fadenspiels, das ja auch bei den Eskimos, den Australiden und in Afrika wie in der Südsee vorkommt, scheint mit jener frühen Verwendung von Fäden und Schnüren als »Gegenstandsschrift« zusammenzuhängen. Noch zu Zeiten des griechischen Historikers Herodot war die Knotenschnur als Zählmittel bekannt, denn der Grieche schildert, daß der Perserkönig Dareios den Joniern den Gebrauch eines solchen Kalenders empfohlen hätte. Im Grunde ist es auch erstaunlich, daß Knotenschnüre in so weit voneinander entfernten Gegenden wie Südamerika und China in Benutzung waren. In China kennt man sie seit Urzeiten, und die Inkas, die Herrscher von Peru, haben sie bekanntlich als Mittel benutzt, ihre Statistiken zu führen. Diese Quipus (ketschua: Knoten) wurden, wie ein Chronist erklärt, von den Inkas so benutzt, »als handele es sich um Papier und Tinte«. An der bis zu einem Meter langen Hauptschnur hingen oft bis zu 100 kleinere Nebenschnüre herab, die ihrerseits nicht länger als einen halben Meter waren. Die Knoten waren in diese kleineren Schnüre geknüpft, einfach oder mehrfach. Zehntausender, Tausender, Hunderter usw. wurden nach Farben unterschieden, während die Knoten selbst die Zahlenwerte angaben. Das Fehlen eines Knotens an einer bestimmten Stelle deutete die Null an, die damit gedanklich erfaßt war; welche Bedeutung die mehrfachen Knoten hatten, ist umstritten. Für die Beherrschung eines Landes, in dem der Staatssozialismus herrschte, war es lebenswichtig, alle Größen miteinander in Einklang zu bringen, von der Bevölkerungsstatistik als der Grundlage der Naturalzuteilungen bis zum Tribut der Bauern, Fischer, Jäger usw. Die Aufgabe, diese Knotenschnüre zu führen, die ja nur ein Zahlengerüst gaben, vom Gedächtnis also substantiell ergänzt werden mußten, war besonderen Beamten anvertraut, den Quipu-Wächtern. Sie wurden scharf überwacht und verfielen der Todesstrafe, wenn sie sich auch nur einmal verrechneten. Eine Knotenschur konnte, wie ein Grabfund beweist, bis zu vier Kilogramm wiegen. Das Erfassungssystem für die Daten lief von unten nach oben, gleichsam über die kommunale und regionale Ebene. Wenn die Daten die Hauptstadt erreichten, wurden sie von Beamten in einem »Rechenzentrum« zusammengestellt und ausgewertet. Diese Methode entspricht genau dem, was das chinesische Weisheitsbuch I King andeutet wenn es sagt: »In der Urzeit knotete man Stricke, um zu regieren.« Man muß aber bedenken, daß es nur wenige Quipus gibt, die allesamt in Gräbern gefunden wurden, ohne daß man die näheren Begleitumstände kennt. Ihre Verwendung für statistische Zwecke ist wohl als gesichert zu betrachten, da andere Quelspäter ergab die ursprünglich magische ; , 16
len das bestätigen. Ob sie auch für die Astronomen Bedeutung hatten, ist nicht bewiesen. Einige Wissenschaftler behaupten, die Quipus, die man in den Gräbern gefunden hätte, enthielten keine statistischen Angaben, sondern magische Zah- lenkombinationen, die mit astronomischen. Daten zusammenhingen und dem Toten ungestörte Ruhe für viele tausend Jahre sichern sollten. Man kommt bei dieser Theorie auf Größenordnungen über 15000 Jahre, was an sich nicht gegen Auffassung spricht, denn die Mayakalender haben bekanntlich noch ganz andere Größenordnungen exakt erfaßt. Einstweilen bleibt also das Rätsel der Quipus wohl ungelöst. Wichtig ist der Zusammenhang zwischen einem gewissen Niveau der Kultur und einem Abstraktionsvermögen, das eine Elite in die Lage versetzt, Details zu überschauen und damit zu beherrschen. Man kann solche Gegenstandsschriften wie die Knotenschrift im Grunde auch nicht als "Vorläufer« der Schrift bezeichnen - ebensowenig gilt es ja als eine Vorform des Pferdegespanns, wenn man im frühen Ägypten Gnus diese und Elenantilopen zu zähmen und vor den Wagen zu spannen versucht hat. Im Rückblick erscheint diese Experimentierfreudigkeit vielleicht naiv, und häufig scheint sie in Sackgassen zu führen, sie ist aber auf künstlerischem wie auf wissen- schaftlichem Gebiet die Mutter des Fortschritts, wohin immer er führen mag. Bei den Inkas hat es außer den Knotenschnüren auch andere Ansätze für frühe Geweben und Vasen, Art Vorstufe einer Bilderschrift aufgefaßt werden. Ohne das Dazwischentreten der Spanier hätten sich diese Zeichen zu einem wirklichen Schriftsystem weiterentwickeln können (Disselhoff). Aber das sind Spekulationen. Tatsächlich konnten nur die spanischen VerwaltungsbeSchriftformen gegeben. Bestimmte magische Zeichen auf auch einige Felszeichnungen können als eine amten und der spanische Klerus lesen und schreiben, nicht die spanischen SoldaAnalphabeten waren. Mit dem Untergang des Sonnenkönigtums unter der spanischen Herrschaft erlosch auch der Lebenswille, ohne den keine Kulturlei- ten, die stung zustande kommen kann. Amerika noch eine andere Spielart der Gegenstandsschrift den Wampumgürtel. Wampum war bei den Irokesen der Name für Muscheln. Man sägte aus bunten Muscheln durchlochte, schmale Scheiben die man auf Schnüre Es gibt in aufreihte. Auch Weiß den Frieden, Rot den Krieg, Schwarz oder Violett Feindschaft oder Gefahr hier gab es, wie überall auf der Welt, eine Farbsymbolik. wobei Man konnte also Figuren oder Zeichen, ähnlich einer Stikdiesem Gürtel aus Muscheln kombinieren und so eine Botschaft ausdrücken. Primär hatte ein solcher Gürtel, der in späterer Zeit aus europäischen anzeigten (Doblhofer). kerei, auf Glasperlen gearbeitet war, einen materiellen Wert. Der Austausch von Stämmen Wampum- Bedeutung wie der Austausch von Noten unter europäischen Staaten Krieg und Frieden wurden auf diese Weise formell zur Kenntnis gebracht. So erhielt der Gründer des Staates Pennsylvania und Verteidiger der Quäker William Penn (1644-1718), dem wegen seiner Schuldforderungen an die englische Krone ein Stück Indianerland verliehen worden war, im Jahre 1682 von den Leni-Lape einen Wampumgürtel zur Bekräftigung des Friedens zwischen den Delaware und den Männern William Penns. Der weiße gürteln zwischen zwei hatte die gleiche ; Gürtel zeigt zwei Gestalten, links einen Indianer, rechts einen Europäer, der an *7
einem Hut erkennbar ist. Der Indianer reicht dem Europäer die Hand. Der Gürtel im Besitz der historischen Gesellschaft von Pennsylvania. befindet sich heute Wenn diese Wampumgürtel als werden können, so eine gegenständliche Form der Bilderschrift be- einem andeden Joruba, einem afrikanischen Volk Nigerias, das Wort »efa« die Zahl 6 bedeutet, so kann man mit sechs Kaurimuscheln »efa« ausdrücken. Nun heißt aber »fa« auch soviel wie »ziehen«. Das Wort steckt in dem Wort für »sechs«. Jeder Joruba kennt diese hintergründige Bedeutung. Wenn also ein junger Mann einer Schönen eine Schnur mit sechs Kaurimuscheln schickt, weiß sie, was^er meint: Er fühlt sich von ihr angezogen trachtet gibt es andere Gegenstandsbriefe, die auf ren Verständigungsprinzip beruhen. Wenn bei (Jensen). Es gibt viele solcher Botschaften bei den Naturvölkern; nicht immer folgt die Sinngebung dem Schema versteckter Wortbedeutung, sondern häufiger ist sie »Ideenschrift«. So gibt es einen Liebesbrief, der von einem Jugakirenmädchen geschrieben wurde, aber in die Hände eines Völkerkundlers gelangte. Die Jugakiren, ein inzwischen ausgestorbener Volksstamm, lebten in Nordostsibirien; um 1926 waren es noch insgesamt 2000 Seelen, doch sprachen nur noch etwa 400 die angestammte Sprache. Es war bei diesem Volk nur den jungen Männern erlaubt, von 4 Liebe zu reden; di^ Mädchen mußten ihre Gefühle in Briefen ausdrücken, die kunstvoll auf Birkenrinde eingraviert wurden. Anläßlich der großen Tanzfeste wurden diese Briefe dann überreicht. Einer dieser Briefe, der 1896 in der wissenworden und zu einer gewissen Berühmtheit schaftlichen Literatur veröffentlicht gekommen ist, lautet: »Du gehst fort. Du liebst eine Russin, die dir den Weg zu mir versperrt. Es werden Kinder kommen, und du wirst Freude an ihnen haben. Ich aber werde ewig trauern und nur an dich denken, wenn es auch keinen anderen Mann gibt, der mich liebt.« Das ist nun nicht etwa mit Bildsymbolen ausgedrückt, schon gar nicht in Worten mit Hilfe eines Alphabetes aufgezeichnet, sondern auf eine seltsam abstrakte Weise durch eine Kombination von Bildsymbolen und abstrakten Symbolen. Das Mädchen hat durch senkrechte Linien ein Haus angedeutet, sich selbst stellt sie durch den Kopfputz der Mädchen dar, zwei gekreuzte Linien bedeuten Kummer, andererseits aber auch Verbundenheit zwischen dem Mann und seiner russischen Gattin, wie überhaupt die Gefühle hier ganz abstrakt durch Linien ausgedrückt werden. Auch dieses Stück Baumrinde ist eine Botschaft, und auch hier wird vorausgesetzt, daß der Empfänger sie entschlüsseln kann, doch war dieses Prinzip nicht sehr ausbaufähig. Das wäre etwa so, als müsse man alles, was mit dem Straßenverkehr zusammenhängt, durch die Symbole der Verkehrsschilder ausdrükken man könnte auf diese Weise wohl gewisse Nachrichten zusammenstellen, aber schon ein einfacher juristischer Tatbestand wäre nur noch mit Mühe zu for; mulieren, weil der Abstraktionsgrad nicht ausreicht.
Frau, Dach, Frieden Nichts scheint einfacher zu sein, als Gedanken mit ein paar Strichen etwas, das einem Man in Bildern auszudrücken. Mann malt ähnlich sieht, und es bedeutet, für »Mann«. Ebenso geschieht es mit der Frau, dem Haus, dem Vieh, mit Soldaten und Königen, die schon differenziertere Formen von Männern sind, und wenn man noch ein paar Zeichen wie »Freude« und »Schmerz« hinzunimmt, kann man schon ganz hübsche Briefe schreiben. Eine solche Zeichnung, welche die Idee von einer bestimmten Sache oder Menschengruppe ausdrückt, jedermann sichtbar, nennt man Ideogramm. Die Chinesen haben etwa seit 1900 v. Chr. solche Ideogramme auf Schildkrötenschalen geritzt. Man warf diese Schildpattstücke, mit Ideogrammen magisch bezeichnet und gleichsam »aufgeladen«, deutete aus der Art der Risse, was die Zukunft bringen würde. ins Auch Feuer und die Schulter- knochen von Rindern und Hirschen sind so benutzt worden. Ihre Entdeckungsgeschichte bildete ein wichtiges Kapitel bei der Erforschung der chinesischen Geschichte, denn die Existenz der Schang-Dynastie bis (ca. 1500-1000 v. Chr.) war dahin bezweifelt worden, etwa wie die Existenz Trojas von den Lesern Homers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten auf den Kuriositätenmärkten eine Anzahl beschrifteter Knochen und Schildkrötenschalen auf, man erkannte auf ihnen die traditionellen Königsnamen frühester Epochen. Inzwischen sind die Inschriften entziffert, meist Fragen an die königlichen Ahnengeister, gelegentlich auch die Antworten. Mindestens 100000 solcher Fragmente hat man inzwischen entdeckt und seither ihre Aussage auch durch Grabungen bei Hauptstadt Chinas in der Provinz Honan, bestätigt. Damit Das Japanische entwickelte sich aus der im 5. ]h. An Yang, der ältesten ist die Kontinuität der importierten chinesischen Wortschrift und wird in vertikalen Reihen linksläufig mit Tuschfeder »gezeichnet« Jöbon Rendai-ji Kyoto , . Federzeichnung auf Papier aus dem lnga-kyö, 8. lh.
chinesischen Schrift bewiesen, die mit allen ihren Variationen eine Frist von rund 4000 Jahren umspannt. Die frühen Schriftzeichen tauchen später auf Töpferwaren, auf den bronzenen Dreifüßen und auf Bambustäfelchen wieder auf, und man kann schrittweise verfolgen, wie der Anwendungsbereich der Bilderschrift immer breiter und komplizierter wird, bis er das breite Bett literarischer An manchen Zeichen, wie z. B. »Regen« oder, »langschwänziger diese Kontinuität deutlich ablesen, denn sie wurden schon vor Traditionen füllt. Vogel«, kann man ca. 3000 Jahren be- nutzt (Loewe). Schriftzeichen zu bilden - die chinesischen Gelehrten begründet -, bietet das einfache Bildzeichen, das Piktogramm, nur eine bestimmte Möglichkeit. Am häufigsten kommt es vor, daß im Laufe der Zeit die Bedeutung eines Zeichens immer vielfältiger wird, so daß man Von den sechs Methoden, haben es die Klassifikation mit einem Zusatzzeichen versehen muß. Auch wird mit einem Zeichen häufig ein bestimmter Lautwert assoziiert, so daß man, wenn man das Zeichen schreibt, man im Deutschen das »ei« denkt, wenn man Ei zum Lautzeichen und kann nun verwandt werden, vor allem den Laut denkt, wie schreibt. Das Zeichen wird einem anderen Zeichen einen Laut zu geben, um dieses wiederum von seinen ähnlichen Brüdern zu unterscheiden. Es gibt noch andere Kombinationsmöglichkeiten, die nicht alle erörtert werden sollen, aber es ist reizvoll, in die Werkstatt des chinesischen Sprachgeistes zu sehen und an den Zeichen die Erfahrungen derer abzulesen, die vor vielen Jahrhunderten den schriftlichen Ausdruck prägten. Man nennt heute die wichtigsten Zeichen der chinesischen Bilderschrift wie Frau, Haus usw. »Radikale«. Von solchen Radikalen gibt es, fast 4000 Jahre nach den ersten Orakelinschriften, 214 Ideogramme; in jedem chinesischen Schriftzei- chen ist jeweils mindestens ein Radikale enthalten. Um nun feinere Sachverhalte auszudrücken, kombinierte man die Ideogramme: Das Zeichen für Frau mit dem Zeichen für Dach bedeutete Frieden. Zwei Frauen unter einem Dach bedeuteten Zwietracht, und drei Frauen, diesmal ohne Dach, bezeichneten Ehebruch, Schändung, Hurerei oder Schlimmeres, etwa Gruppensex. Ein anderes Beispiel: Das Ideogramm »piao« bedeutet »zeigen«. Setzt man das Radikale »Mann« links daneben, heißt es »verteilen« deutet es »Prostituierte«. ; wenn man dafür das Radikale »Frau« hinschreibt, be- Man kann das Spiel beliebig fortsetzen, indem man wie- derum verschiedene Paare von Ideogrammen zusammensetzt. Dennis Bloodworth, ein Europäer, der mit einer Chinesin verheiratet ist, beschreibt in seinem amüsanten »Chinesenspiegel« die Schwierigkeiten, die ein Chinese bei der Übertragung seines Denkens in eine fremde Sprache haben kann. Er geht mit seiner Frau im Londoner Zoo spazieren, und sie äußert, sie wolle jetzt zur Taschenmaus. Der Gatte ist verblüfft. »Du weißt doch«, sagte sie, »steckt-in-die-Tasche, diese Art Maus.« Und sie zeichnet zwei Ideogramme für »Tasche« und »Maus« auf ihre Handfläche. Der Gatte tappt noch immer im dunkeln, bis sie sagt: »Ich meine diese größer-als-du herumspringende, boxende Maus.« Endlich geht ihm ein Licht auf, und man eilt zu den Känguruhs. Die chinesische Schrift mit ihren ursprünglich 8000 Schriftzeichen, die bis 1965 in Gebrauch waren und von der Regierung auf 3000 reduziert worden sind, gleicht einem riesigen Puzzle, das nicht nur nach Form und Farbe, sondern auch nach 20
Klang, gleichsam mit jedem Satz neu, räumlich geordnet werden müßte. UnendKombinationen, die überdies noch verschiedenen Dialektformen unter- lich viele worfen sind, verschlüsseln unendlich viele Bedeutungen, und so kann eine Über- dem Chinesischen nicht mehr als nur den ungefähren Sinn geben etwa so, als könne man einen Vers von Shakespeare nur in Hauptworten ausdrükken, ohne die logischen Verknüpfungen der Grammatik, ohne Rhythmus und Reim. So kommt es, daß in einem Wörterbuch stehen kann: Pi = ein Hund unter dem Tisch. Ein Hund mit kurzen Beinen. Ein Hund mit kurzem Kopf. Nai = dann, setzung aus jetzt, so auch, und aber, wenn, das heißt, nämlich, entsprechend, zu sein, dein, ihr, sein, jenes, jene. Tui = stoßen, ausdehnen, ablehnen, ausweichen, übergeben, nachspüren, andeuten, fördern, wählen, loben. Andererseits gibt es kein »Maß«. Die Chinesen sagen »groß-klein«. speares Titel »Maß für Maß« Man fragt sich, Wort für wie ein Chinese Shake- versteht. Allgemeine Begriffe wie Müdigkeit, Häß- m. sind unübersetzbar, denn sie existieren im Chinesischen nicht. Es gibt nur die konkrete Form, also »müde Frauen« oder »bittere Greise«. Auch Gewichte können nicht mit dem Begriff Gewicht ausgedrückt werden. »Leicht-schwer« sagt der Chinese, die Abstraktion ist hier nicht vorhanden, dafür arbeitet das chinesische Denken eben auf anderer Basis. Der Europäer folgt der Schriftzeile wie auf einer Rennbahn, ehe er zum Ziel gelangt. Das chinesische Denken sieht die Rennbahn mit einem Blick von oben, die Stellung der Ideogramme zueinander vermittelt einen bestimmten Eindruck. Auch er gibt dem Leser Erkenntnis - nur eine andersartige als die aus abendländischer Sicht. Der lichkeit, Bitterkeit u. a. Europäer sieht sich selbst in einer Entscheidungskette, der Kreuzweg ist symbo- Hauptwort und Tätigkeitswort, seine mathematische Zahlenfolge eine mathematische Funktion definiert. Anders der Chinese, dessen für den Europäer unfaßliche sprachliche Vieldeutigkeit sich jeder Übersetzung entzieht. Man stelle sich eine Reihe chinesischer Schriftzeichen vor, deren Übersetzung wie folgt lautet: »Frauen und Eunuchen sind es, von denen wir weder Lehren noch Unterweisen erwarten können.« Der Vers stammt aus dem klassischen »Buch der Oden«, der Übersetzer ist ein Kenner. Ein anderer Wissenschaftler übersetzt: »Frauen und Eunuchen gehören zu jenen, die weder erzogen noch unterrichtet werden können.« Bloodworth schreibt, gebildete Chinesen hätten beiden Auffassungen widersprochen, denn nicht von Eunuchen, sondern von Sklaven im weitesten Sinne sei die Rede, und der Sinn des Satzes sei, man brauche einen Herrscher lisch für diese Mentalität, sein Satz hat Schrift bezeichnet die Wortfolge so eindeutig, wie eine das Schlechte nicht zu lehren. es ganz von selbst. Den Frauen Das geht über lauschend, die ihn bedienten, lerne er die üblichen Übersetzungsprobleme, wo es um Jargon oder Versmaß geht, weit hinaus, weil die Schrift von vornherein Rätsel nur dem chinesischen Denken nicht als Rätsel, sondern als zusätzliche Dimension des Erfassens Vorkommen. Für den Europäer ist es verwirrend, daß man trotz dieser völlig andersartigen Mentalität im abendländischen Sinne »wissenschaftlich« denken und nicht nur Homer und Shakespeare, sondern auch Einstein und Marx erarbeiten kann. Vor aufgibt, die dem Meer chinesischer Schriftzeichen will ihm dies wahrhaft unglaublich erschei- nen, doch steckt dahinter eine eigentümliche Arroganz - so, als 21 sei nur auf europä-
Weise schöpferisches Denken möglich. Zwar kennt das Chinesische keine in unserem Wortverstand, es gibt keinen Plural, keinen bestimmten Artikel, keine Tätigkeitsform noch die Leideform bei den Verben, es erreicht doch aber einen hohen Grad von Genauigkeit - wenn auch nicht im juristischen Sinn. ische Grammatik Nicht die Unklarheit, sondern die Vieldeutigkeit chinesischer Schriftzeichen ist das Problem. Der Vorteil dieser Schrift: Zwischen Japan und Siam wird diese Bilderschrift wenigstens teilweise verstanden, wenn auch die Sprachen lautlich oft unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Die Schwierigkeiten für einen Europäer, Chinesisch zu lernen, sind daher auch enorm. Ein Universitätsstudent muß mit etwa 8000 chinesischen Schriftzeichen und dem komplexen System ihrer gegenseitigen Verbindungen vertraut sein, eine Lernleistung, welche die eines Chemiestudenten und sein Formelwissen weit übertrifft. Ein Alphabet, mit dessen Hilfe man sich in einem Wörterbuch oder Nachschlagewerk zurechtfinden könnte, gibt es nicht. Wer auf einer Schreibmaschine schreibt, bedient 2590 Tasten, etwa wie bei einer Setzmaschine, und weitere 3432 Leertasten, in die seltenere Typen nach Bedarf eingeschoben werden können. Die Kompliziertheit der Schrift ist im Laufe der Jahrtausende ein Machtmittel geworden, um sie zu beherrschen, mußte man eine Art Gelehrter sein. Aus dem Volke konnte sich niemand so ohne weiteres emporarbeiten, und noch in den 30er Jahren schätzte man die Zahl der täglich verkauften Zeitungen für ganz China mit seinen vielen hundert Millionen Menschen auf 3 Millionen, die nur von einem winzigen Bruchteil gelesen wurden. Die Regierung hat unter Führung von Mao Tse Tung einen erfolgreichen Feldzug gegen das »Analphabetentum« geführt und die Zahl der Schriftzeichen auf 3000 reduziert. Eine solche Reform hat tiefgreifende Folgen, denn sie schneidet den jungen chinesischen Intellektuellen von der Vergangenheit ab, die ihm bisher greifbar war. Allerdings kann der junge Europäer im allgemeinen auch nicht den Parzifal oder Homer im Urtext lesen, und die Beherrschung der Naturwissenschaften, der Zugang zur übrigen Welt durch eine latinisierte, europäisierte Schrift, wie sie immer wieder gewünscht wurde, mag für China heute wichtiger sein als der Kulturballast der Jahrtausende. Bilder und Schriften wären aus den ägyptischen Hieroglyphen im Laufe der Jahrtausende denen der Chinesen entstanden, wenn Christentum und Islam diese Entwicklung in Ägypten nicht unterbrochen hätten. China Vielleicht ebenfalls Schriftzeichen ähnlich ist bekanntlich nicht das einzige Volk, das eine Bilderschrift entwickelt hat; auch Sumerer, die Ägypter und andere vorderasiatische Völker sind zur Bilderschrift einige haben sie weiterentwickelt. Ferner gibt es im mittelamerikanischen Kulturkreis noch die Bilderschrift der Mayas. Selbst in neuester Zeit hat man die gekommen, auf die Bilderschrift als eine »Welthilfsschrift« zurückgegriffen ; der holländische Journalist Janson nennt sie »Picto«, der deutsche Professor Eckardt »Safo«. Diese systematisch erdachten Bilderschriften versuchen natürlich, die Mängel etwa des Chinesischen ebenso zu vermeiden wie den Zwang zur Simplizität, haben aber wie 22
Die Hieroglyphen sind altägyptische Schriftzeichen und gehen auf Bilderschrift zurück. Es gab 24 Zeichen, bezeichneten, die Selbstlaute von einem Bau Ägyptisches Sesostris' Museum, I. Kairo die jedoch mußte der Leser (iyyi-iy^o v. nur die eine ältere Mitlaute selbst ergänzen. Pfeilerrelief Chr.) aus Karnak.
das Esperanto vorerst nur geringe Bedeutung. Man erkennt, sobald man ein sol- ches Schriftsystem auf eine abstrakte wissenschaftliche Diskussion oder auf einen poetischen Text zu übertragen versucht, sehr bald die Grenzen dieser Methode. Das älteste schriftliche Zeugnis Ägyptens sind Schminkpalette, auf der die Farbe gerieben wurde, ehe die sie Wangen Hieroglyphen man auftrug. Diese Bilderschrift zeigt Dinge, die es benutzt wurde, nicht mehr gegeben haben kann, auf sie aufs Lid um 3200 weitaus älter sein, ohne daß selbst behaupteten, man Chr., als v. die also schon weit vor Zeitpunkt in das Schriftsystem eingeführt worden sind. Dieses selbst Ibis- , , Grabkammer des Amenhotep in also Ägypter oder Hundekopf, der Erfinder Ägyptische Steinplatte mit Hieroglypheninschrift deren Entzifferung erst im durch den Franzosen Champollion gelang. Grabrelief aus Kalkstein um 1275 v. aus der diesem muß hier genauere Kenntnisse hätte. Die daß Thot, der Gotf mit dem einer oder auf Deir Durinka. Kunstbaus, Zürich 19. ]h. Chr.,
Herkunft der Hieroglyphen wohl bedaß verschiedene Faktoren Zusammentreffen mußten, um »Schrift« entstehen zu lassen - Schrift nicht im Sinne von bruchstückhaftem Ausdruck bestimmter Botschaften, sondern im Sinne eines komplexen Systems. Eine der Voraussetzungen wird die Siedlungsdichte gewesen sein, ferner die städtische Kultur und die mit ihr verbundene Konzentration von Intellider Schrift wußt. sei, und waren sich der göttlichen Man möchte annehmen, genz und differenzierter Leistung, das psychologische Motiv war wohl ein Ausdruckszwang gegenüber der übermächtigen Götterwelt, die mit dem neu gewonnenen Mittel, mit dem man einfache Botschaften zu übermitteln gelernt hat, angesprochen wird. Man unterscheidet drei verschiedene Schriftformen in der ägyptischen Hiero- und zwar das hieroglyphische, das hieratische und das demotische System. Alle drei Varianten wurden dazu benutzt, das Ägyptische zu schreiben, glyphenschrift, wie es damals gesprochen wurde. Man benötigte in der klassischen Zeit etwa 800 Schriftzeichen, also weitaus weniger als in China. Die ander; auch in Ägypten setzt den Laut, der in der man Gedankengänge ähneln ein- das Zeichen für »Hacke« (ägyptisch: mer) für Sprache sowohl »Kanal« als auch »lieben« bedeuten konnte. Auch hier also die vertrackte Vieldeutigkeit einer Bilderschrift, die sich in Ägypten um den Sinn klarer zu machen, als letztes Zeichen ein stummes Ideogramm, das die Kategorie eines Wortes bezeichnete, zum Beispiel als ein Verb der Bewegung oder als Gegenstand. Die drei Schriftarten unterschieden sich voneinander nur durch die Genauigkeit ihrer Bildhaftigkeit. Die Hieroglyphe war sauber in den Kalkstein gemeißelt, ursprünglich eine Schönschrift zu Ehren der Götter und Pharaonen, das Hieratische zeigte flüchtigere Formen und das Demotische eine abgeschliffene Schrift, deren Herallerdings noch in Grenzen hält. Die Ägypter hatten, kunft aus der Bilderwelt fast verwischt ist. Während die seit dem 7. Jh. v. Chr. entstandene demotische Schrift den Alltag beherrschte, blieb die ältere hieratische Schrift den religiösen Texten Vorbehalten, die naturgemäß konservativ gestaltet wurden; daher stammt der auf die Heiligkeit sich beziehende Name. Erst als die griechische Epoche zu Ende ging, machten auch Ägypter sich die griechische Schrift zu eigen, um in ihr die eigene, ägyptische Sprache zu schreiben, wobei eine Reihe Zusatzzeichen verwandt wurden. Man nennt sie die koptische Schrift. Die letzte hieroglyphische Inschrift stammt vom 24. August 394, als Kaiser Theodosius I. das west- und das oströmische Reich noch einmal vereinigen konnte. Das Koptische erhielt sich bis zum 17. Jahrhundert, erst dann ging es im Arabertum unter. Letzten Endes sind alle Schriften irgendwann Bilderschriften gewesen, wobei die frühen Bildzeichen nicht nur reale Gegenstände darstellen, sondern auch symboli- Deutung freilich trägt oft und eröffnet Zusammenhänge, die wie Assoziationen aneinander zu hängen scheinen. Kreis und Kreuz, Swastika und Mutterschoß, Mondund Sternformen tauchen als Bildzeichen für sehr ähnliche, oft identische Gewalten in vielen Frühkulturen auf. Ein Beispiel ist die Swastika. Dieses von den deutschen Rassisten als Hakenkreuz übernommene Sonnensymbol gehört bekanntlich zu den Urzeichen. In Mesopotamien um 5000 v. Chr. steht das Zeichen für Urgeist, sche Bedeutungen auszudrücken scheinen. Die heutige spekulativen Charakter 25
für das Schöpferische, für an-nu, den Herrscher der Sonne, das erinnert an die keltischen bzw. die germanischen Äsen. Im südasiatischen Kulturkreis um alt- 4000 Chr. steht die Swastika für »Frieden in Gott«, im ostasiatischen Bereich für v. das der ist der Schirmherr, oder für sang am ti, die höchste ti, Macht, den Herrscher der Welt, Polarstern seine Residenz hat. Tatsächlich gibt es einige Jahrtausende vor der Zeitwende offensichtliche, wenn auch bisher nicht erklärte Ähnlichkeiten und Zusammenhänge zwischen dem Kulturgut der Stämme in der Sahara, in Turkestan, in Ostsibirien und im nördlichen Europa und Amerika. Einige Zeichen haben offenbar in weit auseinander liegenden Kulturen ähnliche Bedeutungen, auch wenn sie ganz andere Worte oder Laute bezeichnen. Mehr wird sich aus dieser Epoche kurz nach der letzten Eiszeit nicht sagen lassen, und schon dieses wenige, abenteuerlich genug, beleuchtet den mythischen Urgrund der Schrift, ihren stellenweise magischen Bezug. Ägypten oder bei den Sumerern, arbeitet das bildDenken in drei Kategorien. Einmal bezeichnet ein Teil das Ganze, also der Kopf mit Hörnern das Rind, der Schoß die Frau, die Ähre das Korn. Dann wiederum gibt es eine regelrechte Abbildung; im Sumerischen etwa sind Boot und Überall, in China wie in schriftliche Pflug exakt gezeichnet, bevor die Keilschrift sie in Zeichen umsetzt. lich gibt es das Symbolzeichen, wie es mit dem Sonnenzeichen Und schließ- beschrieben wurde. ist also in China ganz ähnlich der im alten Sumer; es scheint, könne der Mensch überhaupt nicht anders als auf diese optisch-symbolische Weise seine Umwelt erfassen. Die Denkstruktur als Keilschrift auf Ton Henry Layard, ein Engländer aus Paris, der viel im Vorderen Orient war und 1845 Nimrud ausgegraben hatte, den Palast des Königs Sanherib Als Sir Austin gereist (705-681 v.Chr.) freilegte, stieß er auch auf die königliche Bibliothek, freilich ohne es recht zu wissen. Für ihn war es ein Raum wie andere Räume des Palastes, er schreibt in seinem Bericht über die mit Schutt und Erde gefüllten Räume, »daß der Fußboden einen Fuß hoch oder mehr ganz mit Keilschrifttafeln bedeckt war aus gebranntem Ton, von denen etliche unversehrt, die meisten aber in viele Stücke zerbrochen waren«. Ein Scherbenhaufen, aus teils heilen, teils zerbroche- und nen Tafeln bestehend, deren Schrift niemand lesen konnte - auch Layard nicht Der Fund schien keiner besonderen Aufmerksamkeit wert zu sein, wurde aber mit anderen Altertümern nach London verschifft. Man hört heute oft, die Europäer hätten die orientalischen Völker, die wahren Besitzer dieser Schätze, beraubt. In Wirklichkeit hielten die damaligen Griechen, Türken usw. dieses Interesse an Ausgrabungen für eine Art europäischen Schwachsinn, doch ohne dieses Interesse der englischen, französischen und deutschen Gelehrten hätte niemals ein Grieche, Türke oder Araber einen Ort wie Troja oder Mykene, Ninive oder Jericho auszugraben versucht. Layard hat nicht gewußt, daß er eine Hälfte der Bibliothek Assurbanipals entdeckt hatte, des letzten großen assyrischen Herrschers, und daß er mit diesen Tontafeln einen vollkommenen Schlüssel zu allen Bereichen des as- 26
syrischen Lebens und für das noch unbekannte Sumerische in hat dann Händen hielt. ein ehemaliger Mitarbeiter Layards, ein chaldäischer Christ aus Später Mossul mit einer ausgezeichneten europäischen Bildung, die Grabungen im Aufträge des Britischen Museums fortgesetzt. Er entdeckte 1853 in einem mit wunderbaren geschmückten Saal die zweite Hälfte der Bibliothek. Die Reliefs von der Löwenjagd der assyrischen Könige gehören zu den immer wieder abgebildeten Reliefs Schätzen der Weltkunst. am Erst ein Menschenalter später, 3. Dezember 1872, erfuhr die Öffentlichkeit George Smith, ein bis dahin unbe- einiges über den Inhalt der Keilschrifttafeln. teilte seinem auserwählten Publikum in der Society of Biblical London mit, er habe auf den Tontafeln die babylonische Sintflutsage entdeckt, die wiederum Teil einer umfassenderen epischen Schilderung sei. Die Wirkung dieses Vortrages war unglaublich, denn zum ersten Male bestätigten Texte aus der Frühgeschichte den Text der Bibel. In einem wissenschaftsgläubigen Zeitalter mußte ein solcher Beweis für die Richtigkeit der in der Bibel aufgestellten Behauptungen wie eine Bombe einschlagen. Tatsächlich handelte es sich um eine keilschriftliche Aufzeichnung des in anderen Bänden mehrfach erwähnten Gilgamesch-Epos, und die Ähnlichkeit der Sintflutschilderung mit dem Bibeltext war nicht zu verkennen. Der Daily Telegraph stiftete daraufhin 21000 Goldmark, um eine neue Expedition nach Assyrien ausrüsten zu können, und der junge Assistent George Smith, der im Britischen Museum Tontafeln hatte sortieren müssen und kannter Gelehrter, Archaeology in unter Anleitung Rawlinsons die Keilschrift gelernt hatte, sollte der Leiter dieses Unternehmens werden. Damit begann die Entdeckung versunkener Kulturen in ihrer ganzen Breite, welche über die Ausgrabung von Kunstdenkmälern weit hinausging. Es war übrigens die gleiche Zeit, als Heinrich Schliemann im türkischen Hissarlik das Troja Homers ausgrub. Über keine andere frühgeschichtliche Kultur weiß man so viel wie über die Sumerer, Babylonier, Assyrer, also über die Menschen, die ihre Schrift mit dem Griffel auf weiche Tontafeln ritzten. Gerade hier aber gibt es auch noch absolut offene Fragen. Man weiß zum Beispiel nicht, wie ein derartiger Griffel ausgesehen hat. Es gibt die feinlinigen Zeichen der frühen sumerischen Epoche, von der Wissenschaft nach der Schicht, in der diese Tafeln gefunden wurden, URUK-IV-Zeit genannt. Sie sind mit einer Art angeschnittener Rohrfeder eingedrückt worden. Für die spätere, bekannte Keilschrift gibt es verschiedene Vorstellungen, wie der ausgesehen haben könnte man kann aber mit allen diesen rekonstruierten Schreibwerkzeugen die gleiche Keilschrift schreiben, wenn man sie entsprechend Griffel hält. Man ; schrieb mit der rechten Hand, und meist hatten es die Schreiber eilig. Unbequeme Keilzeichen wurden deshalb fortgelassen oder ersetzt, auch wurden die Kanten immer schärfer. Um 2500 v. Chr. passierte dann etwas Seltsames die ; Bildzeichen, auch Piktogramme genannt (griechisch piktein: malen), bisher nor- mal und senkrecht auf der Tafel stehend, wurden um 90° nach links gedreht und standen nun alle gleichsam quer. Es muß das mit dem Wunsch der Schreiber Zusammenhängen, die Tafeln während des Schreibens zu drehen, weil man offenbar so besser vorankam. Auf den Denkmälern und Inschriften bleibt die Schrift noch bis 1500 v. Chr. senkrecht, auf den Siegeln hat es nie eine Drehung gegeben. 27
Das Ägyptische ist auf das Land am Nil beschränkt geblieben, während die KeilSumerer von den späteren Assyrern, von den Babyloniern und Hethitern, von den Menschen in Ugarit und von den Persern übernommen worden ist. Das Akkadische war damals, wie heute das Französische oder Englische, die Diplomatensprache des Vorderen Orients, und selbst die Pharaonen haben im 14. und 13. Jh. v. Chr. Briefe in Keilschrift geschrieben, so flexibel und praktisch war dieses Schriftsystem. Sogar die Alphabetschriften Ugaritisch und Persisch sind damals in Keilschrift geschrieben worden, so kompliziert das klingt. Aber nicht die Schrift stellt den Gkicksfall für den Historiker dar, sondern das Schreibmaterial. Man stelle sich vor, man wäre nicht über die Sumerer und Assyrer, sondern über die Chinesen der Zeit um 3000 v. Chr. so ausführlich unterrichtet, wie man es über die Völker des Vorderen Orients ist, oder man hätte über die Germanen, Slawen, Inder, Inkas usw. so gründliche Kenntnisse wie über die Könige Zimri-Lim oder Assurbanipal. Einzig die bronzenen Dreifußgefäße der Chinesen mit ihren Inschriften sind ähnlich widerstandsfähig wie die Tontafeln, aber auf solch frühen Opferbronzen findet man nur Weihetexte. Auch das frühe Ägypten hat keine so reiche Überlieferung zu bieten wie Mesopotamien. Eine Papyrusrolle zerfällt selbst im Museum, zwischen zwei Glasplatten präpariert, in Jahrhunderten unweigerlich zu Staub, und eine Buchseite aus Pergament wird im Laufe der Jahrtausende von der Metalltinte zerfressen, mit der sie beschrieben ist. Tontafeln können nur zerbrechen, und es kostet Geduld, sie wieder zusammenzufügen, auch würden sie durch Wasser zerstört werden können. Wenn man sie aber sich selbst überläßt, überdauern sie, vor allem gebrannt, unglaubliche Zeiträume. Daß es bei den Sumerern kein Holz und wenig Stein, kein Papyrus und schon gar keine Seide gab, ist bekannt - und ebenso, daß dieses Schreibmaterial im Boden steckte, man brauchte es nur aufzuheben. Weil nun die städtische Zivilisation eine Verwaltung unumgänglich machte, schrieb man alles und jedes auf; nur im Zeitalter des Papiers hat es eine solche Schreibwut wieder gegeben. Es gab auch bei Tontafeln Qualitätsunterschiede. Für die besseren Sorten mußte der Ton in einen Behälter mit Wasser geschüttet, umgerührt und von Verunreinigungen gesäubert werden. Man schüttete das Wasser dann ab und erhielt einen hochwertigen, feingeschlämmten Ton. Oft konnte man aber feinen Ton von den Sandbänken an den großen Flußbiegungen holen. Für die unwichtigen Notizen und alltäglichen Schreiben wurde ungeschlämmter Ton verwendet; er enthält gelegentlich Einschlüsse von Steinen, Muscheln und sogar Dattelkernen. schrift der Umstritten ist die Frage, ob die Tontafel das ursprüngliche Schreibmaterial in Mesopotamien war oder nicht vielleicht eine Art Ersatz für das sehr wertvolle Holz. Es gibt ein Piktogramm, das an die Holztafeln nordafrikanischer Koranschulen erinnert, aber auch an indische Holztafeln mit Griff. Denkbar wäre, daß in früheren Epochen, als als die Schrift noch aus nur wenigen, heiligen Zeichen bestand, Schreibmaterial eben ein sehr kostbares Material, das Holz, benutzt wurde, und daß die Profanierung der Schrift dazu zwang, ein billiges Material zu finden, das dennoch den Anforderungen entsprach. Daß gebrannter Ton haltbarer ist als Holz, war ein Glück für die Forschung. - Auch Papier ist ja ein Ersatzstoff für Seide gewesen, wovon noch zu reden sein wird. 28
Normalerweise wurde eine Tontafel mit der Hand geformt und dann an der Luft getrocknet. Die ältesten Tafeln sind nicht größer als eine Streichholzschachtel, später bekommen die Tafeln mehr Format und 32X21X3 cm erreichen bis zu Größe. Auf der Unterseite sind sie flach, wejl sie auf einer Unterlage geformt werden mußten. Man beschrieb zuerst die flache Seite, weil auf diese Weise, wenn die gewölbte Seite später beschrieben wurde, der Druck beim Schreiben die Schrift nicht zerstörte. Im umgekehrten Falle hätte man zugleich mit der Wölbung die Schrift eingedrückt. Es gab auch regelrechte Luxustafeln, die aus einem roten Kern und einem weißen Überzug bestanden. Beim Schreiben wurde die Deckschicht durchstoßen, so daß die Schrift rot auf gelbem Grund erscheint (Ekschmitt). Man schrieb aber nicht nur auf solchen Tafeln, sondern auch, so bizarr das klingt, auf Nägeln. Die riesigen Mauern der vorderasiatischen Städte waren aus wußte man, daß gebrannte Ziegel war knapp, weshalb man ja auch die Schreibta- luftgetrockneten Ziegeln errichtet. Natürlich haltbarer sind, aber Brennmaterial feln nur in besonderen Fällen brannte. In die Mauern nun ließen die Herrscher Ursprungl. Bildstellung Früh- Bild der späteren babylonisch Ursprüngl. od. Assyrisch abgeleitete Bedeutung Keilschrift Von der Bildschrift zur Keilschrift. W An Hand dieser schematischen Dar- 4«! Vogel « stellung wird der $ Versuch unternommen, die Entwicklung vom stilisierten Naturabbild zum Fisch ab- 25 strakten Schriftzeichen Esel «ip*- nachzuvollziehen Ochse 0 Nf f 1 / Sonne Tag & X V VV VV V i> p Korn — Getreide Obstgarten »- pflügen urfc ackern Bumerang M- werfen umwerfen stehen gehen
gebrannte Tonnägel einsetzen, die etwa die Form eines Fliegenpilzes hatten. Auf der Fläche eines solchen Nagels oder Pilzes verewigten sie ihre Taten, wie dies auch in den Urkunden für den Grundstein geschah. Wenn aber aus bestimmten Gründen die gesamte luftgetrocknete Mauer mit gebrannten Ziegeln verkleidet wurde, beschrieb man jeden einzelnen Ziegel mit den ruhmredigen Inschriften. Dies geschah nicht etwa mit der Hand, sondern mit Hilfe von Stempeln, die auf die weiche Tonmasse gedrückt wurden. An bestimmten Fehlern bei einzelnen Zeichen haben nachweisen können, daß man diese Stempel offenbar mit ausmuß - ein erster, logischer Versuch, mit solchen Lettern zu »drucken«. die Wissenschaftler tauschbaren Lettern versehen haben Archive unter Schutt Das mündlich weitergegebene Wissen verlieh Macht und Ansehen, und wer einem anderen etwas davon mitteilte, gab ihm ein Stück der eigenen Überlegenheit preis. Sternenwissen und Zauberwissen, die Erinnerung an die Taten der Ahnen und die Erkenntnis, wie die Welt erschaffen worden sei, bildeten den geistigen Hintergrund eines Stammes oder Volkes. Seine Überlieferung lebte nur in den Köpfen weniger, besonderer Menschen, und kein einzelner Stammesangehöriger kannte insgesamt alle diese Geheimnisse. Die Schrift veränderte diese Situation von Grund auf. Nun war nicht mehr das von Mund zu Mund weitergegebene Wort, das die Ahnen gesagt hatten, die Quelle der Autorität, sondern wer die Zeichen entziffern, die Schrift lesen konnte, war im Besitz des Wissens und damit der geistigen Macht über den Stamm. Mit der Schrift begibt sich der Mensch in die verwaltete Welt. Auf Tontafeln und Papyri steht, was die Götter taten und die Ahnen erlebten, wie man leben muß und was der König fordert. Früher schickte ein König Boten und ließ seine Befehle ausrufen. Nachdem die Schrift in Gebrauch gekommen war, konnte er diktieren, und die unglaubliche Vervielfältigung des einmal gesprochenen Königswortes vergrößerte die königliche Macht. Wo immer ein priesterlicher Schreiber die Worte des Königs entziffern konnte, war dieser allgegenwärtig. Nun war mächtig, wer lesen und schreiben konnte. Gottkönigtum und Priesterschaft bedingten einander. Offenbar sind die ersten Schriften Versuche, für die Verwaltung ein System von Zeichen zu schaffen, das erlaubte, Informationen zu abstrahieren und zu speichern; man benötigte solche Systeme überall dort, wo eine große Anzahl von Menschen beherrscht und ausgebeutet werden mußte. Nicht die Tributpflichtigen, sondern die Beauftragten der Gottkönige, also die eigentlichen Herren des Landes, haben die Schrift gebraucht - wie sonst hätten sie ihren Anspruch legitimieren, ihre Herrschaft ausdehnen, die Bedürfnisse des Hofes in konkrete Forderungen umsetzen sollen mit den Methoden eines Stammesältesten oder Medizinmannes war da nichts zu ma; chen. Grenze bezeichnet, die zwischen einer sogenannten Hochkultur und der Kultur der sogenannten Primitiven verläuft. Die Ägypter, Chinesen, Kreter oder Sumerer waren gewiß nicht intelligenter als angrenzende Stämme, die Hier etwa ist die 30
Babylonisches Tontafel- buch mit einer Priester- Bestallungsurkunde schrift. des in in Keil- Nachbildung Borsippa gefundenen Originals. Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei , Leipzig keine eigene Hochkultur entwickelt haben, keine umfassenden Religionssysteme, keine Tempelbauten, keinen einheitlichen Baustil, keine Schriftkultur - sie lebten nur unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen oder unter bestimmten äußeren Voraussetzungen, die zur Entstehung einer Hochkultur führten. Der Zusam- menhang zwischen trifft es Schrift und Hochkultur ist aber nicht absolut zwingend. den übernommenen Schriftsystemen ist hier nicht die Rede tes zum Beispiel, also die der Inkas und von HochDie Anden- -, aber es gibt kulturen, die durchaus ohne differenziertes Schriftsystem existierten. kultur Zwar zu, daß keine primitive Kultur eine eigene Schrift entwickelt hat - ihrer Vorläufer, hatte kein ausgebilde- Schriftsystem. daß das anfangs grob skizzierte historische Schema absolute Mesopotamien wurde die Schrift in einer Epoche der kleinen Stadtstaaten entwickelt, als die Verwaltungsprobleme noch nicht so groß gewesen sein können; in Ägypten und Kreta erlangte die Schrift relativ schnell Geltung, und zwar zu einer Zeit, als diese Völker jeweils politisch geeinigt wurden. Diese Es ist auch nicht so, Gültigkeit hätte. In Unterschiede sprechen für die Auffassung, daß die Schrift nicht Merkmal als notwendiges der höheren Kultur zu gelten hat, sondern nur eine wichtige Erfindung ist, die in der jeweiligen Kultur ist (Coulborn). zu den verschiedensten Zwecken gebraucht worden 31
Es wäre reizvoll, wenn man aus allen Hochkulturen eine ähnliche wenn Menge zu den großen Bibliotheken der assyrischen Herrscher in anderen Kulturen Entsprechungen gäbe, und wenn man auf einem sozusagen durchgehenden historischen Profil einen Vergleich der kulturelgesicherter Informationen hätte, es Ablagerungen und Strukturen durchführen könnte. Däs ist nicht der Fall, und Orakelknochen aus der Schang-Zeit Chinas sind den Archiven Mesopotamiens nicht gleichwertig, auch nicht die wenigen an den Fingern zweier Hände abzuzählenden Papyri der frühen ägyptischen Kultur. Zwar gibt es eine Vielzahl von Texten auf Tempelwänden und Grabmälern, aber nichts, was sich mit den mesopotamischen Archiven vergleichen ließe. Hier wie nirgends sonst ist der Alltag der Völker eingefangen, und vom Küchenzettel bis zum Gilgamesch-Epos findet sich nahezu alles, was man überhaupt nur aufschreiben kann. Verständlich, daß bei einer solchen Leichtigkeit, Urkunden und Verträge in Ton auszustellen, juristische Probleme ihren Niederschlag fanden. Die vom Daily Telegraph ausgerüstete Expedition im Jahre 1873 hatte einigen Erfolg, das Wunder geschah, und George Smith fand in den Schutthaufen von Ninive noch weitere Bruchstücke der Sintflutsage, doch starb er, von den Strapazen erschöpft, auf einer dritten Reise in Aleppo; das Britische Museum griff deslen die vielen tausend Das babylonisch-assyrische Gilgamesch-Epos alten Orients. Hier ist ist die bedeutendste ein Keilschriftfragment der 12 Tafeln aus Archiv Assurb anip als (668-631 v. Chr.) abgebildet. British Dichtung des dem Museum London ,
halb noch einmal auf Monsieur Rassam zurück. Er hatte den Auftrag, die Reste der assyrischen Bibliothek zu bergen, doch interessierte ihn diese »geistlose Arbeit« nicht, und er versuchte, wichtige Monumente ans Licht zu fördern. Immerhin fand er noch 2000 weitere Tontafeln und ein zehnseitiges Prisma aus Ton mit dem Regierungsbericht Assurbanipäls. Insgesamt sind es inzwischen etwa 25000 Tafeln und Tafelstücke, die der’Assyriologie als Grundlage dienen. Man setzt heute eine Zahl von 10000 Tafeln an, wovon die eine Hälfe aus dem Staatsarchiv des Königs, die andere aus seiner eigenen Bibliothek besteht. Beide Hälften, in verschiedenen Teilen des Palastes untergebracht, wurden von den Ausgräbern nicht systematisiert, sondern vermischt, so daß man heute nicht mehr feststellen kann, welche Tafeln zu welchem Teil gehört haben mögen. Nach Entzifferung der Keilschrift und Datierung der Ereignisse hat man auch die Geschichte der Bibliothek ziemlich gut rekonstruieren gar ihren ersten Direktor, wenn auch nicht dem Namen, können. Man kennt so- so doch der Herkunft und Assurbanipal war dieser Angehörige einer alten Chef der Staatskanzlei er selbst hat die von seinem Vater angeGelehrtenfamilie legte Tontafelsammlung dem König abgetreten. Als sein Vater, der assyrische Priester Nabuzuqup-kenu noch lebte, hatte der König die Sammlung von Nimrud nach Ninive schaffen lassen der Sohn übereignete sie dem König und dürfte aus diesem Grunde der erste Direktor geworden sein. Durch andere Sammlungen vervollständigt, bildete sie den Grundstock der königlichen Bibliothek und umfaßte Hymnen, Rituale, Gesetze, naturkundliche Beobachtungen, Lexika, Grammatiken, Mathematik und Ökonomie. Wenn man die Halle des Palastes betrat, sah man Holzregale, in denen die Tontafeln aufbewahrt waren, aber auch Körbe und tönerne Sockel, die zum Schutz gegen die Feuchtigkeit mit Asphalt überzogen waren. Feuer konnte diese Tafeln nicht vernichten, aber Feuchtigkeit war ihnen gefährlich, und so galt das Augenmerk der Bibliotheksleitung vor allem dem Wasser. Alle Werke waren katalogisiert; auf Tonschildern, die an den Regalen und Behältern befestigt waren, las man die Angaben, die man brauchte, um das Gesuchte finden zu können. nach. Unter Assarhaddon ; ; (ca. 668-631 v. Chr.) ist weder die größte noch Mesopotamiens gewesen, nur die erste Sammlung, die von den Europäern entdeckt und ausgegraben worden ist. Da gibt es die Priesterbibliothek von Nippur, das neben Uruk-Warka und Babylon zu den ausgedehntesten Ruinenkomplexen des Vorderen Orients gehört. Nippur war das heilige Zentrum Die Bibliothek Assurbanipals die älteste Bibliothek des sumerischen Reiches, die heiligste Stadt unter all den geheiligten Städten, wenn auch nicht die Hauptstadt. Aber Enlil, der Stadtgott von Nippur, war gott für das ganze Land der Sumerer. Im Norden Reichs- dieses Landes gab es das erste große Imperium der Welt, das Großreich des Königs Sargon von Akkad (ca. 2350-2294 v. Chr.) zwischen dem Libanon und dem Iran. Akkad, die Hauptstadt dieses Reiches, das 200 Jahre bestand, ist bis heute unentdeckt geblieben. Als Akkad die prächtigste Stadt des Reiches war, überfielen Gebirgsvölker die Akkawurde ausgelöscht. Die benachbarten Sumerer konnten sich diesen plötzlichen Untergang nur so erklären, daß sie glaubten, ihr Gott Enlil, dessen Heiligtum in Nippur von den Akkadern geplündert worden war, habe sich gerächt. der, das Reich 33
Man kennt diese Version, weil ein Assyriologe eine Tontafel in Nippur gefunden eben diesen Untergang, das Strafgericht Enlils über die Akkader, schildert. Die Geschichte der Grabungen in Nippur, die vor allem mit dem Namen Hilprechts hat, die verbunden ist, ist ein Ruhmeskapitel der Archäologie. Begonnen wurden diese gab Kampagnen mit wechselndem Glück, doch wurde schließlich der »Tafelhügel« in der Achäologie berühmt, und bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges sind 30000 Tafeln geborgen worden man hatte mit diesen Texten die Grabungen 1888, es ; älteste Literatur der Welt in der Hand. Allerdings war das System der sumerischen Grammatik erst 1923 erforscht. So achtlos, wie die meisten Menschen an den Denkmälern einer Großstadt Vorbeigehen, ohne je den Blick auf die Inschriften zu werfen, wanderten auch die christlichen Pilger und die Araber an den ägyptischen Monumenten vorbei. Die Muslims hatten Sinn für Kunst und Literatur, wenn sie gebildet waren, aber dies war weder Kunst noch Literatur. Die Christen erkannten in den Pyramiden die Kornhäuser des Pharaos aus der Josephslegende wieder, sie fanden die riesige Sykomore, in deren Schatten Maria mit dem Jesuskind auf der Flucht nach Ägypten gerastet hatte, und fanden sogar Knochenreste der ägyptischen Verfolger am Ufer des Roten Meeres, das sich vor den Kindern Israels geteilt hatte - aber die Zeugnisse des alten Ägypten, die sie vor Augen hatten, sahen sie nicht. Erst in der Renaissance begann man, sich auch mit den Hieroglyphen zu beschäftigen, und wie so oft, ist ein Zufall der Weichensteller für eine ganze wissenschaftliche Disziplin. Im Jahre 1628 stöbert der junge Geistliche Athanasius Kircher im Jesuitenkloster zu Speyer in der Bibliothek nach einem bestimmten Buch und stößt auf ein illustriertes Werk, das den berühmten Obelisken in Rom zeigt. Papst Sixtus V. hat ihn seinerzeit aufstellen lassen, und das Werk bezeichnete die rätselhaften Zeichen, die auf den Stein gemeißelt waren, als die bisher nicht entzifferte Schrift der alten sondern auch als Ägypter. Nun galt Ägypten nicht nur als das Land der Bibel, man vermutete uralte Weisheit und verschollene das der Magie, Erkenntnis in den Schriften der Ägypter wer ihre Schrift entzifferte, würde Texte ; Moses stammten, und an der Schwelle der Menschheitsgeschichte stehen. Pater Kircher, der eine umstrittene Deutung der lesen können, die aus der Zeit des Hieroglyphen erarbeitet hat, mag sich in vielen Punkten geirrt haben; sein Verist es, daß er in seinem 1643 zu Rom erschienenen Werk als erster das Koptische, die damals schon fast erloschene Sprache der christlichen Ägypter, mit Bestimmtheit als altägyptische Volkssprache bezeichnet hat (Doblhofer). dienst Der Stein von Rosette Über die Entzifferung alter Schriften, vergleichbar der Entzifferung eines Geheimkodes, dessen Schlüssel man nicht kennt, ließe sich einiges Systematische sagen. Die Begegnung mit den ägyptischen Hieroglyphen bietet indessen ein Beispiel dafür, wie sich die menschliche Neugier ganz unsystematisch, aber nicht ohne Logik ihren Weg zum Geheimnis der Zeichen bahnt und dieses Geheimnis schließlich lüftet. 34
In diesem Ausschnitt aus dem Weisheitsbuch altägyptische Verfasser seinen BM 104Y4, Blatt British 5. Sohn zu des Amenemope ermahnt der einer sittlich aufrechten Lebenshaltung. nach einem Original um 1000 v. Chr. Museum, London Niebuhr (1733-1815), den Erforscher des in Kairo warten muß und vor Langeweile Meeres, der längere Zeit Roten 1761/62 alle erreichbaren ägyptischen Inschriften abgezeichnet hat. Nach einer Weile ist er mit den Hieroglyphen so vertraut, daß er sie mühelos abschreibt und vor allem Da gibt es den Arabisten Carsten langsam die Struktur erkennt. Er unterscheidet zwischen Schriftsymbolen und Deutungszeichen, erfaßt den Umfang der Schrift und ahnt, daß man mit Hilfe des Koptischen die Schrift würde lesen können. Der nächste Schritt wird wieder vom Zufall bestimmt, in der Archäologie nichts Ungewöhnliches. Ein Soldat Napoleons stößt bei Schanzarbeiten an einem alten Fort, einige Kilometer von Rosette entfernt, auf einen schwarzen Stein, der ganz mit Schriftzeichen bedeckt ist. Man bringt ihn gebildeten Offizieren, die seine Bedeutung sofort erkennen, denn ein Teil des Textes ist in griechischer Schrift verfaßt. Die Priester von Memphis, so entziffert man, bedanken sich im Jahre 196 v. Chr. mit einem Dekret, das die dem König Ptolemaios V. Epiphanes zustehenden Ehrenrechte in den ägyptischen Heiligtümern vermehrt. Es war bei solchen Ehrendekreten aus der Ptolemäerzeit üblich, sie dreisprachig zu verfassen. Die Hieroglyphen waren die Schriftzeichen der alten Überlieferung; für das Volk waren sie in der schon erwähnten demotischen Schrift aufgezeichnet, und das Griechische Umgangssprache des hellenistischen Mittelmeerraumes. Eine Reihe von immer Fachleute, haben dann einen Textvergleich zwischen den Hieroglyphen und dem Demotischen durchgeführt. Da gibt es den schwedischen Philologen und Orientalisten Akerblad, der das Demotische stellenweise ganz richtig interpretiert, sowie den Physiker Thomas Young (1773-1829), der später die Interferenz der Lichtwellen erklärt hat und mit mathematischer Logik aus reiner Neugier und ohne Kenntnis der orientalischen Sprachen die Worte sinnvoll zu ordnen versuchte. Es gibt überraschenderweise war die Wissenschaftlern, durchaus nicht 35
und im Jahre 1818 veröffentlicht er ein Verzeichnis der Hieroglyphen, von dessen 204 Wörtern immerhin ein Viertel richtig gedeutet ist. einige richtige Spuren, Young hat die Dinge dann nicht weiter verfolgt; seine mangelnden philologischen Kenntnisse haben ihn auch daran gehindert, gewisse Eigennamen richtig zu deuten. Den Totengott Anubis tauft er Cerberus, weil er den Namen des Gottes dem Sinn der Textstelle unterordnet, und gelegentlich kann er seine eigenen Entdekkungen nicht umsetzen, seine Arbeit bleibt Stückwerk. Die Entzifferung des Steines von Rosette ist heute vor allem mit dem Namen Champollions verbunden. Daß der junge Champollion, ein hochbegabtes Kind, mit dem bekannten Physiker, zusammentrifft, ist ein Glücksfall. Jean Baptiste Fourier (1772-1837) hat über die Wärmetheorie gearbeitet; er war der wichtigste Mann der wissenschaftlichen Kommission, die unter Napoleon Ägypten erforscht hat, und schrieb die Einleitung für den Prachtband, den diese Kommission über Fourier, Ägypten herausgab. Der verdiente Mann, Besitzer einer Sammlung ägyptischer Altertümer, wird Präfekt in Grenoble, und er zeigt dem Jungen seine Raritäten. Dessen Weg ist damit vorgezeichnet wie der des jungen Schliemann, der von seinem Vater die Ilias hört. Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, in denen sich Vorstellungskraft und Willensbildung zu einer unlöslichen Struktur verschmelzen; alles, was einem solchen Leben zugeworfen wird, setzt an wie bei einem Korallenstock, nur daß dieses Wachstum nicht regellos geschieht, sondern alles von einem einzigen Ziel bestimmt scheint. Die Entzifferung der Hieroglyphen war Champollions Lebensziel. 12 Jahre ist der Junge, als ihn diese Begeisterung packt, mit 16 Jahren publiziert er, von Fourier durchaus gefördert, sein erstes Buch »Ägypten unter den Pharaonen«, er studiert in Paris Orientalistik, lernt Koptisch und bekommt schließlich die Texte des Steines von Rosette in die Hand dieser selbst ist längst nach London gebracht, doch hatte man vorher von den Seiten Abdrucke hergestellt, die seither in der gelehrten Welt zirkulieren. Schrittweise enträtselt Champollion das Verhältnis der drei ägyptischen Bilderschriften zueinander, und am 23. Dezember 1821, seinem Geburtstag, kommt ihm die Idee, die griechischen Worte und die hieroglyphischen Zeichen abzuzählen. Nur wenn sich eine etwa gleiche Anzahl ergab, konnte eine einzelne Hieroglyphe für ein Wort stehen. Sein Ergebnis: 486 griechischen Wörtern standen 1419 Hieroglyphen gegenüber, es mußte sich also um eine lautliche Schreibung handeln, nicht um eine reine Bilderschrift. Nun war auch klar, daß man vom Demotischen über das Hieratische zur Hieroglyphe kommen würde und daß die Namen den Schlüssel liefern konnten. Champollion hatte sich aus dem Demotischen rückwärtsgehend den Namen Kleopatra so aufgeschrieben, wie dieser seiner Ansicht nach in Hieroglyphen aussehen mußte. Im Januar 1822 hält er die Inschrift eines Sockels für einen Obelisken in den Händen, in der er den Namen KLEOPATRA kann - genau, wie er sich ihn konstruiert hatte. Mit den beiden Namen Kleopatra und Ptolemaios hat er auf einmal zwölf verschiedene hieroglyphische Buchstaben in der Hand, er erkennt die Bedeutungszeichen, und am 22. August 1822 verliest er vor der Akademie in Paris einen Vortrag, das Ergebnis seines Lebens. Der Erfolg war durchschlagend, aber erst einige Zeit später öffnet sich der Zugang lesen zur altägyptischen Kultur endgültig. 36
Ein französischer Architekt hatte Ägypten und Nubien bereist und genau nach Vorbild angefertigte Zeichnungen von Relief- und Tempelinschriften nach dem Am 14. Steptember 1822 sieht Champollion diese Blätter, und voll Paris geschickt. Namen, vielmehr, er erkennt, da er Koptisch spricht, die Hieroglyphen, die Ramses bedeuten, ebenso wie die Zeichen für Thutmosis. Dabei wird ihm klar, daß gewisse Hieroglyphen eben schon seit Jahrtausenden eine lautSpannung liest er die Bedeutung haben, und zum erstenmal'kann er Inschriften entziffern, die Ägyptens stammen, sondern aus der legendären Vorzeit. So groß ist die Spannung, daß er mit zitternden Händen wieder und wieder prüft, ob er sich auch nicht geirrt hat. Gegen Mittag nimmt er alle Zeichnungen und seine Notizen, stürzt ins Institut, wo sein Bruder am Schreibtisch sitzt, und wirft ihm den Packen hin: »Je tiens Paffaire !«, zu deutsch etwa »Ich hab's geschafft!« Dann bricht er zusammen, bleibt fünf Tage zu Tode erschöpft in seinem Zimmer, ein ausgebrannter Mann, der den Gipfel bezwungen hat. Dann erholt er sich langsam und schreibt in drei Tagen eine Denkschrift, die noch im September der Akademie vorliegt und Sensation macht. Mit einem Schlage wird Ägypten Mode, Champollion zum Helden der französischen Wissenschaft. Er erarbeitet noch ein System der Hieroglyphenschrift, bereist hochgeehrt den Orient, vor allem Ägypten, das er wie eine geistige Heimat betritt, und sieht eine Fülle von neuen Aufgaben auf sich zukommen. Aber sein Körper ist von Tuberkulose und der Zuckerkrankheit gezeichnet, er weiß, daß die Frist zu kurz ist, um auch nur einen Bruchteil dessen zu leisten, was er sich vorgenommen hat. Am 4. März 1832 stirbt er an einem Schlaganfall, die gelehrte Prominenz trägt ihn zu Grabe, darunter sein greiser Lehrer de Sacy und Alexander von Humboldt. hafte nicht erst aus der griechischen Zeit Schriften ohne Schlüssel Die Entzifferung der Hieroglyphen war die spektakulärste Leistung auf diesem Gebiet, und sie zeichnet auch das Muster, nach dem sich die Entzifferung anderer Man muß wissen, welche Eigennamen in einer solchen Schrift Vorkommen können, man muß ihre Schreibrichtung verstehen, man muß anhand Schriften abspielte. der entzifferten Eigennamen den Text Stück für Stück aufbrechen. Für die Keilschrift leistet das, aufbauend auf vielen Vorgängern, etwa zosen de Sacy, dem Dänen Münter, der dem Fran- deutsche Gymnasiallehrer Georg Friedrich Grotefend (1775-1853). Seine Entzifferung der Keilschriften legt er im Jahre 1802 der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften vor, damit hätte er die Voraussetzungen schaffen können, um die assyrischen Tontafel-Bibliotheken lesen zu können. In Wirklichkeit verliefen die Dinge anders und jämmerlicher; Deutschland war nicht Frankreich, die Keilschrift nicht Ziel nationalen Ehrgeizes wie der Stein von Rosette, Grotefends Beitrag blieb unbekannt und wurde erst 90 Jahre später im Jahre 1893 n den Archiven wieder aufgefunden und endlich veröffentlicht. Zudem war Grotefend wieder in seine Beamtenlaufbahn zurückgekehrt, und seine Entzifferung, die er nicht als Orientalist, sondern als Liebhaber von Denksportaufgaben und Rätseln aller Art unternahm, hatte beachtliche Irrtümer aufzuweisen. i 37
dem englischen Henry Creswicke Rawlinson (1810-1895) entziffert, der sie an Ort und Stelle, oft unter großen Mühen, von den Felsdenkmälern hatte abkopieren lassen. Daß dies nicht ohne Gefahr bewerkstelligt werden konnte, zeigt einer seiDie persischen und babylonischen Keilschriften wurden von Orientalisten Sir ner Berichte über Versuche, im klassischen Orontes, einem riesigen Gebirgsstock südlich von Ekbatana, dem heutigen Hamadän, Inschriften zu bekommen. Mit dem Fernrohr kann er die Inschriften des Dareios entziffern, aber das genügt nicht, und so mietet er einen Kurdenjungen, der freiwillig gegen hohes Entgelt die Klet- terei in der steilen dem Jungen es Wand wagt. Die Überhänge erweisen sich nicht gelingt, sich mit einem Seil als zu groß, so daß über die gefährliche Stelle schwingen zu lassen. »Nun blieb ihm nur übrig, zur zweiten Spalte hinüberzuklettern, indem er sich mit Fingern und Zehen an die kleinen Unebenheiten der kahlen Wand klammerte. Und er schaffte es ein zwanzig Fuß breites Stück beinahe glatter, senkrecht abfallender Felswand legte er so zurück, während wir Zuschauer unseren Augen nicht trauen wollten. Als er die zweite Spalte erreicht hatte, war die Hauptschwierigkeit überwunden. Das Seil, das am ersten Pflock befestigt war, hatte er mitgebracht. Nun schlug er einen zweiten Holzpflock ein und konnte sich jetzt quer über den vorspringenden Felsen hinüberschwingen. Hier baute er mit Hilfe einer Leiter einen Schaukelsitz, ähnlich der Schaukel eines Malers darauf ; ; j Ä " Vr , Hethitische Tontafel mit J • - - r*4*4r*i Ar. ^ Festes in Keilschrift. #****2:7~ r 4» ****** F* 1300 #^-rr V&*. der Beschreibung eines in , Museen zu Vorderasiatisches rf: i tf- r r -Ä. wm WfrM rk <• &/MMM 'vmM» Um Chr. Gefunden Bogazköy Türkei. Staat- liche sssjltS- v. Berlin Berlin, Museum,
hockte er nun und nahm unter meiner Anleitung den Papierabklatsch der babylo- nischen Fassung des Berichtes des Dareios . . .« Keine gefahrlose Sache also, und im Grunde unverständlich für jeden, der die Geschichtsbesessenheit des Europäers nicht teilt. Auch hier werden Zeichengrup- pen geordnet, Namen verglichen, schen Großkönigs bieten und die ruhmredigen Ahnenreihen des zum Glück genug Handhaben, um persi- Schritt für Schritt das Dunkel zu lichten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts liegt eine der unter so großen Mühen kopierten Inschriften vor. Der König verkündet dem, »der in Zukunftstagen diese Inschrift sehen wird, die ich in den Fels hämmern ließ, diese Menschenbilder hier - tilge und zerstöre nichts Sorg, solang Du Samen hast, un! Man kann den Text allerdings als den frühesten Auftrag im betreiben Grunde steckt dieser Auftrag ja Denkmalsschutz zu aber ansehen, in jedem Monument. Wie weit die Kenntnis der mesopotamischen und persischen Keilschriften schon gediehen war, wurde 1857 in England durch einen Wettbewerb der Königlich Asiatischen Gesellschaft in London bewiesen. In einem versiegelten Umschlag erhielten die vier bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiet, nämlich Rawlinson, Hincks, Fox und Talbot einen Text in Keilschrift, der gerade ans Licht gebracht worden war und auf einem Tonzylinder des Königs Tiglatpilesar I (1113-1074 v. Chr.) stand. Unabhängig voneinander mußten sie sich der Aufgabe unterziehen, den Text zu entziffern. Tatsächlich deckten sich die Übersetzungen in allen wesentlichen Punkten. So hatte sich in wenigen Jahrzehnten die Orientalistik zu einer gesicherten Wissenschaft entwickelt, man verstand die Texte der assyrischen und babylonischen Herrscher, und die Texte der Bibel bekamen den farbigen Hintergrund der altorientalischen Kulturen zwischen Euphrat und Nil, doch hatte das Bild, das Jahrtausende umfaßte, noch große Lücken. Eine dieser Lücken betraf das Volk der Hethiter, die »Söhne Chets«, wie sie in der Bibel heißen man weiß jetzt, daß sie im 3. Jahrtausend das östliche Kleinasien überrannten, man kennt die großen Schlachten dieses indogermanischen Volkes gegen die Ägypter - nicht weil der Historiker schlachtenfreudig wäre, sondern weil diese Ereignisse die politischen Schicksale der Völker so entscheidend beeinflussen. Um 1200 v. Chr. ist das Hethiterreich, dessen Hauptstadt Chattusa war, das heutige Bogazköy, unter dem Ansturm der sogenannten Seevölker untergegangen. Von Ägyptern und Persern wußte man um die Mitte des 19. Jahrhunderts schon viel, von den Söhnen Chets kannte man nur, was in der Bibel stand. Auch die Entzifferung des Hethitischen beginnt mit einem Stein. Im Bazar von Hama, dem biblischen Hamath, hatte der Schweizer und Orientalist Hadschi Scheich Ibrahim, eigentlich Johann Ludwig Burckhardt aus Basel, diesen Stein entdeckt. Jahrzehnte später stießen Europäer erneut auf diesen inzwischen vergessenen Stein, und schließlich wollte sich der europäisch gebildete Gouverneur von Syrien selbst ein Bild verschaffen und reiste mit dem britischen Konsul in Damaskus und einem irischen Missionar nach Hamath. Man entdeckte nicht einen, sondern vier Steine, denen die Einwohner magische Kräfte zuschrieben. Der Gouverneur ließ sie nach Konstantinopel transportieren, Gipsabgüsse gingen nach London, und wieder begann das nun schon bekannte Spiel der Entzifferung, ein versehrt sie zu erhalten.« ; 39
Puzzle aus den verschiedensten Funden und Texten, bei Henry Sayce seine Verdienste erwarb. In Arabien nannte dem sich der Walliser man ihn »Vater des fla- chen Turbans« oder »Vater der Brille« oder auch den »Herrn von Schwalbenschwanz« (Doblhofer) er studierte die polynesischen Kulturen ebenso an Ort und ; wie die Denkmäler von Chattusa. Dieser bedeutende Gelehrte hat 64 Jahre lang dem Queens College angehört und in der ganzen Zeit die gleiche bescheidene Wohnung bewohnt, ein geistvoller und phantasievoller Wissenschaftler, der sich mit vergleichender Sprachwissenschaft befaßte und dabei das Geheimnis der Stelle Hethiter hat lüften helfen. Es gibt noch eine ganze Reihe vonlrühgeschichtlichen Schriften, die wie das mühsam entziffert worden sind. Dazu gehört die Schrift der kretischmykenischen Kultur, die der des klassischen Griechenland vorausging. Ihre Geschichte ist noch nicht abgeschlossen, wenn ihr Geheimnis auch im Prinzip vor einigen Jahrzehnten gelöst worden ist. Maßgebenden Anstoß gab Sir Arthur Evans, ein englischer Gelehrter, der den Palast von Knossos auf Kreta ausgegraben hat, den Sitz des Königs Minos. Man unterscheidet hier zwei Schrifttypen, die sogenannten Linearschriften A und B, deren Entzifferung so lange dauerte, weil Sir Arthur erst 1935 die ersten 120 Texte von mindestens 2800 ausgegrabenen Täfelchen veröffentlichte. 1952 haben die Wissenschaftler Ventris und Chadwick dann eine Publikation vorgelegt, die es ermöglichte, die Linearschrift B zu entziffern. Damit gewann man einen tiefen Einblick in jene Epoche der vorgriechischen Kultur, bevor die Dorer, von Norden kommend, die Halbinsel erobert haben. Noch sind aber nicht alle alten Schriften entziffert, und die stummen Zeichen auf alten Felsblöcken und Bronzetafeln sind eine ständige Herausforderung an den Scharfsinn der Wissenschaftler. Erstaunlicherweise gehören zu den nicht lesbaren Hethitische Texten die Inschriften der Etrusker. Ihr Alphabet, der Vorläufer des lateinischen ist bekannt, aber man versteht die Texte nicht. Es gibt insgesamt rund 9000 etruskische Inschriften, freilich meist kurze Grabinschriften, auch einen Inschriftenstein, zwei Verwünschungstafeln und eine Bronzeleber, nach deren Hinweisen die Priester aus der Leber die Zukunft deuteten. Außerdem gibt es eine auf Leinwand geschriebene Buchrolle, eine Rarität, die zu Streifen geschnitten als Mumienbinde für eine tote Ägypterin verwandt worden war. Trotzdem sind die Forscher bisher an dieser Schrift gescheitert, denn es gibt keider zum Schlüssel nen einzigen zweisprachigen Text - man nennt das Bilingue werden könnte, man kennt keinen Eigennamen, keinen Titel, keinen einzigen Götternamen diese Schrift ist stumm, und wer sie zu deuten versucht, bewegt sich in einem Labyrinth, weil sie keinen Bezugspunkt nach außen bietet. Auch die Inschriften der frühindischen Kultur von Mohenjo-Daro und Harappa und die Inschriften auf den »sprechenden Hölzern« der Osterinseln sind unentziffert, wie es ja im Grunde nur Zufällen zu verdanken ist, daß man heute sumerische Texte und chinesische Orakelknochen lesen kann. Auch die Bilderschrift der Mayas gehört zu den großen Geheimnissen der Schriftkunde. Eine Gruppe von russischen Wissenschaftlern hat neuerdings in Nowosibirsk die Schrift der Mayas elektronisch zu entziffern versucht, indem sie die Worthäufigkeiten bestimmter Quellen mit der Häufigkeit der vorkommenden Hieroglyphen verglich. Das Ergebnis war Alphabetes, ; 40
negativ, weil dieser Vergleich theoretisch unbegründet war; die Worte der soge- nannten Chilam Balam, der »Bücher der Jaguarpriester«, sind zeitlich von der Entstehung der Hieroglyphen um über 1000 Jahre getrennt, denn die Priesteraufzeichnungen stammen aus der Verfallszeit, die Schriftzeichen aus den Ursprüngen der Maya-Kultur (Cordan). Vom A zum O Die aus einzelnen Buchstaben gebildete Schrift hat außer in China, Korea und Man kann sagen, daß in den letzten 500 Jahren die Schriften der Europäer den letzten Winkel der Erde erreicht haben und zum beherrschenden Kulturfaktor geworden sind. In diesem Entwicklungsprozeß stecken so unterschiedliche Alphabete wie die ostsyrische und nestorianische Schrift, aus der die kyrillischen Buchstaben des heutigen Rußland hervorgegangen sind, die lateinische Schrift mit allen ihren Variationen, die indischen Alphabete, die man erstmals als geschlossenes System auf den Edikten des Königs Aschoka studieren kann, und die heute nur noch museale äthiopische Schrift. Wie es nun eigentlich zur »Erfindung des Alphabets« gekommen ist, darüber gibt es naturgemäß die unterschiedlichsten Auffassungen, weil sich der Vorgang bisher nur rekonstruieren, nicht beweisen läßt. Eine weitverbreitete Annahme besagt, das Alphabet aus Vokalen und Konsonanten, aus der semitisch-phönikischen Schrift hervorgegangen, sei das Werk eines einzigen genialen Mannes. Dabei hätten ägyptische Einflüsse eine Rolle gespielt - auch die ägyptische Schrift war linksläufig, auch hier wurde der erste Konsonant eines bestimmten Wortes herausgehoben, ohne daß dies hier im einzelnen vertieft werden soll, und man ist sich nur uneinig, ob der Erfinder die ägyptischen Anregungen bewußt herangezogen oder ob er sie mißverstanden verarbeitet hat. Der Erfinder, so sagt man, habe mit großer. Wahrscheinlichkeit auch noch unter anderen Einflüssen gestanden, zum Beispiel dem der kretischen Linearschriften. So kommt man zu dem Schluß, es habe sich um einen Fachmann gehandelt, der sich mit den verschiedenen Schriftsystemen eingehend beschäftigt zu haben scheint (Földes-Papp). Andere Forscher widersprechen dieser Meinung. Sie halten die Vorstellung von einem solchen imaginären Erfinder für fragwürdig und verweisen auf bestimmte Tendenzen der Entwicklung einer Schrift. Das Alphabet, also die Schrift aus Buchstaben, mit der man die Lautwerte bezeichnet, ist gewiß nicht ein Ergebnis einsamen Grübelns - so, als hätte irgendein hochbegabter Mann im Vorderen Orient den Entschluß gefaßt, eine Buchstabenschrift zu erfinden, wie man eine neue Luftpumpe oder eine Wagenlenkung erfindet. Wahrscheinlich sei in der Entwicklung von Schriften eine gewisse Gesetzmäßigkeit festzustellen, die den Besonderheiten des menschlichen Denkens entspreche. Bilderschriften, Silbenschriften könnten sich schließlich zu Buchstabenschriften entwickeln, denn in diese Richtung ziele eine gewisse Tendenz zur Differenzierung, aber nicht umgekehrt. Es gibt kein Beispiel dafür, daß sich aus einer voll ausgebildeten Buchstabenschrift Japan die Bilderschrift vollkommen verdrängt. eine Silbenschrift oder gar eine Bilderschrift, vergleichbar der chinesischen Schrift, 41
Sinaitisch Kanaanit.- Phönizisch f mro 3 — 3 S $ 0 & 00 B C Cj D CG E E FV FUVWY 3 E X X a B 0 0 0 i $ \y * >1 l< 6 L vM 1 W) y 1 s f ^ 0 0 n. . y v\ /t-x TT? D H H (Th) 1 schemaÜber die tatsächlichen Wurzeln läßt sich heute schwer Bestimmtes sagen außer daß unser Buchbets ist hier tisch illustriert. 1 L r M M M M N N X X X (X) 0 0 O O r P P M ? R R i S S xr T T T T sie Sprachraum zu kommen scheint. Q y wenn dem semitisch-phönizischen (S) Q S entwickelt hätte. Das hat mit der Griechische aus J L r 9 stabenalphabet über das K ^ U z > w schleiß einer Schrift, Die Entstehung des Alpha- , 1 + B AA 1 0 S£L £ A f <20 A A (?) i A r fr + A 1 Y = heute 3 p * A Lateinisch O A IE p Spätes Griechisch 4 t L Frühes Griechisch Abnutzung der Sprache zu tun, mit dem Ver- Jahrhunderte benutzt wird. Einig sind sich die Wissenschaftler darin, daß die Mutter aller europäischen Alphabete, nämlich das griechische Alphabet, auf die semitische Schrift zurückzu- führen ist, und hier wiederum auf die phönikische Variante. Hier nämlich ist ein ganz bestimmter Schritt getan, der an die Entwicklung des Alphabets unmittelbar heranführt: Es wurde der Anfangslaut eines Wortes in bestimmten Fällen absolut gesetzt, und das Bildzeichen, das eigentlich dem ganzen Wort galt, stand nun für den einen Laut. Dieses Prinzip, den Anfangslaut eines Wortzeichens mit dem früheren Wortzeichen zu schreiben und so das frühere Wortzeichen zum Lautzeichen zu machen, nennt man mit dem griechischen Wort »Akrophonie«. Man weiß, daß z.B. das Hebräische nach diesem Prinzip geschrieben wird, wobei die Schwäche dieser altsemitischen Schriften darin besteht, daß sie keine Vokale kennen. In den semitischen Sprachen spielt dieser Umstand keine so große Rolle, denn sie sind vokalarm. Die Vokalisierung der Schrift ist 42 fraglos griechischen Ursprungs, aber
über die Art und Weise, wie Meinung sie vor sich gegangen ist, kann man unterschiedlicher sein. zunächst, daß überhaupt die Reihenfolge und die Anfangsbuchstaben des Alphabets auf das Semitische verWeisen. Alpha, Beta, Gamma, Delta heißen die ersten Buchstaben des griechischen Alphabets, und aleph, beth, gim- Auffallend ist mel, daleth heißen sie im Semitischen. Diese Reihenfolge bezeichnet Ochse, Haus, und Tür. Bei genauerer Untersuchung stellt sich heraus, daß nicht das Kamel (?) Aramäische, die vermutliche Sprache Jesu, der Ursprung des griechischen Alphabets sein kann, sondern das Phönikische, das z. B. das Wort für Ochse enthält. Die griechischen Buchstaben jota, pi und rho entsprechen den phönikischen oder auch hebräischen Worten »jodh« für Hand, »pe« für Mund und »ros« für Kopf. Die griechischen a-Endungen für die Buchstaben, die im Phönikischen nicht vorhan- den sind, dürften keine harten dem griechischen volkaireichen Sprachgefühl zu danken sein, das Endungen kennt. den ältesten griechischen Inschriften wechselt die Richtung der Schrift teils von links nach rechts, teils umgekehrt oder nach Art des Bustrophedon damit ist gemeint, daß am Ende jeder Zeile, wie der Pflüger den Pflug wendet, um zurückzuackern, die Zeilenrichtung gewendet wird. Die klassische Richtung von links nach rechts, in der auch dieses Buch gedruckt ist, hat sich nur langsam durchgesetzt. In ; Wann die Griechen das phönikische Alphabet entlehnt und für sich praktikabel ist schwer zu sagen. Die einschlägigen Datierungen differieren um gemacht haben, etwa ein halbes Jahrtausend (Gelb), zwischen 1400 und 700 v. Chr. Man muß sich Fragen immer wieder klarmachen, daß Bruchstücke von Vasen, Ton- bei diesen man vor Jahrtausenden Buchstaben geritzt hat, die dem Forscher weiterhelfen. Daß es also über solche oder Marmorscherben, auf die einzigen Zeugnisse sind, die Probleme unterschiedliche Meinungen gibt, liegt in der Natur der Sache hier läßt sich selten etwas zwingend beweisen wie in den Naturwissenschaften, die mit exakten Daten arbeiten können. Nach Würdigung aller Umstände wird man sich der Meinung anschließen können, die 900 v. Chr. als Datum für die Übernahme setzt. Die frühesten griechischen Inschriften liegen um etwa ein Jahrhundert auseinander, sie sind an verschiedenen Orten gefunden worden, und es spricht viel dafür, daß die Griechen in jenem Zeitraum die Schrift als ein praktisches Notationssystem von den Phönikern übernommen haben. ; Das mag sich etwa so abgespielt haben wie die schrittweise Übernahme der disch-arabischen Ziffern durch das Abendland. man das Neue, verbindet es mit Wo es praktisch ist, Gewohntem, geht wohl auch in- übernimmt einige Schritte zu- Dinge durch, und das differenziertere, bessere System gewinnt den Wettbewerb. In diesem Falle heißt das: Im Semitischen war eine bestimmte Schrift gegeben, in der die Vokale nicht bezeichnet wurden; nur gelegentlich wurden die im Hebräischen »Mütter des Lesens« genannten Zeichen herangezogen, die in diesem Falle dann den Vokal vorschrieben, weil der Text sonst mißverständlich gewesen wäre. Mit diesen Zusatzzeichen ist man nahe an einem regelrechten Alphabet, wo schließlich jeder Lautwert der Sprache seinen Buchstaben hat. Die Phönikier taten diesen Schritt nicht, denn sie brauchten ihn nicht zu tun, die Griechen aber benutzten vermutlich jene Zusatzzeichen als rück, aber schließlich setzt sich die Logik der 43
Vokalzeichen für die Laute ihrer eigenen Sprache. So wurde das semitische Aleph-Zeichen, das einen sanften Hauch ausdrückt - ähnlich dem Laut zwischen und a in dem Wort »Verachtung« in den Vokal »a« von Alpha verwandelt. Der Schritt zum allgemein verwendbaren Gebrauch des Alphabetes bedeutet also, daß man die übernommenen Zeichen vollkommen und allgemein vokalisierte - wobei es nur eine einzige Form dieser Vokalisierung geben durfte, damit die Schrift richtig gelesen wurde. Außerdem wurden die Silben des übernommenen r Alphabetes zu Buchstaben verkürzt. So entstand das erste systematische Alphabet, aber damit war die Entwicklung durchaus nicht abgeschlossen. Schon die formalen Strukturen sind ja nicht selbstverständlich. Im Griechischen, Lateinischen usw. wird wie in jeder europäischen Schrift der Vokal an den Konsonanten angehängt. Im Aramäischen, Hebräischen und Arabischen, dessen Schrift sich aus der aramäischen Schrift entwickelt hat, werden die Vokale unter oder über die Konsonantenfolge als Markierungen angebracht, durch entsprechende Punkte, Apostrophe oder und äthiopischen Schrift gibt es angehängte Zusatzzei- Beistriche. In der indischen chen für die Vokale, also keine eigenen Buchstaben, oder auch innere Umformungen, die den Vokal bestimmen. Man könnte annehmen, daß mit der heute üblichen Buchstabenschrift, in der ist. Davon kann keine Rede sein. Ein erheblicher Mangel der Buchstabenschrift besteht darin, daß einige Buchstaben längst wieder verschiedene Laute bezeichnen, nicht nur im Englischen und Amerikanischen, sondern auch im Deutschen. Auch kostet es Zeit, eine Schrift leserlich auszuschreiben daraus sind schon im römischen Altertum die ersten Kürzel entstanden. Es gibt zwar auch griechische Kürzel, aber sie sind unsystematisch angewandt und vielfach auch noch nicht entziffert worden. In Rom hat der Literat Ennius um 200 v. Chr. eine Kurzschrift erfunden, die später von einem freigelassenen Sklaven des Cicero, einem gewissen Tiro, in ein System gebracht worden und weit bis in Mittelalter hinein unter dem Namen »Tironische Noten« wir schreiben, ein Endpunkt der Schriftentwicklung erreicht ; benutzt worden ist. Das Alphabet hat ja, meist über die europäischen Kolonialherren, auch Völker erreicht, die selbst keine Schrift, sondern nur einige magische Zeichen entwickelt haben. Hier läßt sich besonders gut erkennen, wie gewaltig der Vorsprung der Europäer von den schriftlosen Völkern empfunden wird. Deshalb hat z.B. ein Irokese namens Sequoyah (indianisch: Sikwayi) für seinen Stamm eine Schrift erfinden wollen. Er verstand den Sinn der englischen Schrift und der Bücher, ohne sie selbst lesen zu können. Zunächst entwarf er eine Bilderschrift, die aber von sei- nem Stamm als zu kompliziert abgelehnt wurde, dann eine Silbenschrift, die auf dem englischen Alphabet aufbaute. Die Bedeutung der Buchstaben konnte er zwar übernehmen, weil er nicht lesen konnte, aber die Einfachheit ihrer Form. Tatsächlich gelang ihm 1824 sein Versuch: Aus rund 200 Silbenzeichen machte er 85 Zeichen, und schließlich wurden in dieser Cherokee-Schrift sogar Bücher und nicht Zeitungen publiziert. dem mündliche Überlieferung herrscht, das seit Generationen überlieferten Gesänge und Zauberformeln, Märchen und Anekdoten stehen der geschriebenen Gewiß ist in einem Stamm, in die Gedächtnis des Menschen frischer, und auch die 44
Dichtung an Ausdruckskraft und Intensität nicht nach. Noch in unseren Tagen hat die Baronin von Kamphövener solche Märchen, die in den uralten Sippen der Märchenerzähler überliefert wurden, erzählt und dann auch aufgeschrieben. Der Wert der Schrift liegt letzten Endes nicht auf diesem Gebiet, sondern im Bereich des menschlichen Wissens. Erst auf ein^r breiten schriftlichen Basis konnte sich das Gebäude des abendländischen Denkens von Platon bis zu Marx, von Aristoteles bis zu Kierkegaard, von Archimedes bis zu Einstein entwickeln, und es wäre denkbar, daß die Form der Schreibweise auf das Denken zurückgewirkt hat; wer keine Buchstaben aneinanderreiht, sondern Charaktere pinselt, denkt nicht im Detail, ja sondern vom Ganzen Welche aus. Macht von der Schrift ausgeht, dem Gefäß der Sprache, dafür Beispiele. Eines dieser Beispiele bietet das Judentum. Im Mittel- kulturelle gibt es zahllose meergebiet sprechen die Juden einen spanischen Dialekt, in Osteuropa das Altdeutsche des 14. Jahrhunderts, das im Laufe der Zeit verändert worden ist. Beide Sprachen aber werden noch heute hebräisch geschrieben, also mit jenen Zeichen, die wie die indischen, persischen und arabischen Schriften aus dem Aramäischen entwickelt worden sind. Bambus, Schilf und Häute Viele Jahrhunderte vor der Zeitwende benutzte man in China, wenn man schaft übermitteln wollte, Bambustäfelchen, die untereinander an sammengeknüpft waren. Daraus erklärt sich die senkrechte eine Bot- Schnüren zu- Anordnung der chineworden ist. Auch sischen Schriftzeichen, die bis ins 19. Jahrhundert beibehalten Papyri sind bekanntlich aus Pflanzenstoff hergestellt, wie der Name Papier ja noch Außer im Botanischen Garten zu Kairo ist der Papyrus in Ägypten heute mehr zu finden. Nur im Sudan kommt er noch vor; Thor Heyerdahl suchte verrät. nicht für sein ägyptisches Boot Papyrus an den Ufern des Tschad im Schilfmeer des Tana-Sees Aus Papyrus fertigte man Kokospalme gefertigt worden und beschaffte ihn sich in Äthiopien. alles an, ist. was anderswo aus Bambus oder aus der Bauwerke hatten Säulen aus Selbst die ältesten Papyrusbündeln die späteren Bauten aus Stein zeigen, wie die längst zerfallenen die steinernen Pfeiler sind naturgetreu den Pflanzenpfeilern nachgebildet. Papyrus war also ein Allerweltsstoff, weshalb er auch ausgerottet ist- Umweltvernichtung schon vor vielen tausend Jahren, sobald der Mensch sich zu zivilisieren begann. Das Schreibmaterial wurde aus dem Mark der Stämme gewonnen, man schälte die Stämme und schnitt das Mark in dünne Streifen von etwa 40 cm Länge, dann legte man sie auf einer glatten Holzplatte dicht nebeneinander. Auf diese Lage kam eine zweite Schicht, nun in Querrichtung, dann wurde das Ganze fest gepreßt. Ob zwischen den Schichten ein Kleber aufgebracht worden ist, etwa Stärke oder Eiweiß, bleibt eine umstrittene Frage (Ekschmitt). Die Stengel mußten frisch sein, das Blatt wurde so fest, daß man es mit Bimsstein oder Elfenbein glätten konnte. Um ihm einen seidigen Glanz zu geben, präparierte man es hinterher gelegentlich noch mit Stärke. Wenn man hört, ; Bauwerke ausgesehen haben, denn 45
wie diese Papyri hergestellt wurden, meint man, es müsse sich um ein steifes, ziemlich dickes Schreibmaterial handeln. In Wirklichkeit sind diese Blätter nicht dicker als unser Papier, kaum mehr als ein Zehntel Millimeter. Es gibt sogar man dennoch die Richtung der Markstreifen durchscheinende Papyri, bei denen nicht mehr erkennen kann. Für Briefe, Rechnungen usw. benutzte man die Einzelblätter, für größere Texte bekannten Rollen, die aus zusammengeklebten Stücken bestanden. Die Blätter überlappten wenige Millimeter und waren mit Stärke so sorgfältig geklebt, daß man die Kanten nicht ohne weiteres findet. Zwanzig Blätter etwa war eine Rolle stark, aber es gibt auch riesige Rollen wie den für die Ägyptologie so wichtigen Papyrus Harris, der 42,5 cm breit und über 40 m lang ist. Selbst im frühen Ägypten war dieses Schreibmaterial aber nicht so billig, daß man es verschwendet hätte. Kleine Notizen machte man auf Ton- oder Kalkscherben, und die Rolle selbst beschrieb man auch rückseitig, obwohl das als unfein galt. Die Griechen haben mit dem Alphabet der Phönizier auch den Papyrus übernommen, den sie Byblos nannten, so wie man heute einen Schraubenschlüssel einen Engländer oder ein paar heiße Würstchen Frankfurter nennt. Byblos war der griechische Name für die phönikische Stadt Gubla sie hatte offenbar bestimmte Handelsmonopole, ihr Reichtum beruhte auf ihren Beziehungen zu Ägypten, und durch sie wurde den Griechen »der Byblos« bekannt, daher auch das Wort »Bibel«, »Bibliothek« und ähnliche Wortbildungen. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. öffneten die Ägypter ihr Land den Griechen, nachdem sie die assyrische Fremdherrschaft abgeschüttelt hatten. Im ganzen Land durften die Griechen Handel treiben und im Nildelta sogar Kolonien anlegen; jetzt kamen bisher nie gekannte Mengen von Papyrus nach Griechenland, und die Voraussetzungen für die Entstehung von Literatur waren rein äußerlich gegeben. Diese sprunghafte Veränderung der materiellen Gegebenheiten, das große Angebot an Schreibmaterial hatte ebenso tiefgreifende Konsequenzen wie Jahrtausende später die Möglichkeit, Texte durch Druck zu vervielfältigen. Nicht die Bedürfnisse erzwangen die ; den technischen Fortschritt, sondern der technische Fortschritt entfaltete die Bedürfnisse. Papyrusrollen sind bekanntlich in Griechenland und im römischen Imperium Buchform gewesen und erst im 4. Jahrhundert n. Chr. durch den »Kodex« abgelöst worden. Diese Rollen waren, dem Tonband vergleichbar, »Sprachbänder«, die man nach links abdrehte und mit der rechten Hand hielt. Das erste Blatt war leer, eine Art Vorsatzblatt, dann folgte der Text, am Ende die Titulatur. Der Text selbst ist in etwa 5 cm breiten senkrechten Kolumnen geschrieben wie diese Buchseite. Eine Zeichensetzung gab es nicht, auch keine Trennung von Wörtern und Sätzen - der Text war tatsächlich ohne jede Unterbrechung fortdie übliche laufend geschrieben. Niemand konnte also, wenn er eine Rolle gelesen hatte, ein Zitat mit Seitenzahl oder Satzanfang belegen. Für die antike Wissenschaft be- dem Gedächtnis zitiert und ungenau sein dürften. Das Angebot von Papyrus in Griechenland bedeutete nun nicht, daß der gebildete Bürger von Athen in einer Buchhandlung die Werke von Platon oder die Stücke des Aristophanes hätte kaufen können. Zwar konnten die Autoren nun deutete dies, daß alle Zitate aus 46
Sitzender Schreiber. Auf seinen Knien liegt eine Papyrusrolle bereit, auf er das von seinem Herrn Diktierte niederschreibt. Die wenigsten Leute die im alten Ägypten konnten schreiben und lesen, daher nahmen diese Schreiber eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein. Bemalte Steinfigur, Altes Reich. Louvre, Paris Werke schreiben, die Überlieferung aber erfolgte mündlich durch Rhapsoden, durch die Schauspieler oder durch den Dichter selbst; die wissenschaftlichen Werke waren von unschätzbarem Wert, ähnlich einer handschriftlich vervielfäl- Papyrus noch lange in Gebrauch geweund erst als die Araber Ägypten eroberten und die Zufuhr sperrten, ging man zu einem anderen Material über; immerhin hat die Kanzlei der Merowinger noch tigten Widerstandsliteratur. In Europa ist sen, 47
bis 675 am Gebrauch des Papyrus festgehalten; ihre Urkunden gehören zu den kostbarsten Schätzen des Nationalarchivs in Paris. Die Tontafeln der Sumerer und Babylonier waren kein Exportartikel, aber der leicht transportable Papyrus mit seiner weiten Ausbreitung begünstigte ei-ne Schreibkultur, wie man sie vorher nicht gekannt hatte. Als in Europa der Papyrus knapp wurde, Araber Nordafrika erobert hatPergament zurück. Dieses Material hatte ein uralte Geschichte, denn es ist ja dem Leder nahe verwandt. Leder wird bekanntlich nur gegerbt, während Pergament zunächst genauso wie Leder behandelt, dann aber in ein Kalkbad gegeben, nochmals geschabt und mit Kreide und Bimsstein eingerieben wurde. Die Haut wurde auf Rahmen getrocknet. Es gibt Pergament von allen Haustieren vom Esel bis zum Schwein, von Jungtieren und ten und die Ausfuhr sperrten, griff man w.eil die hier auf das von ungeborenen Tieren; dieses durchsichtige Pergament heißt Jungfernpergament. Von den beiden ältesten Bibelhandschriften wird behauptet, sie seien auf Antilopenpergament geschrieben, doch ist das unbewiesen. Schon die Entstehung des Pergaments ist, wenn man Herodot glauben darf, mit einer Ausfuhrsperre von Papyrus verknüpft. König Ptolemaios V. von Ägypten (208-180 v. Chr.) soll auf wachsende Papyrussammlung des Königs Eumenes II. von Pergamon so neidisch gewesen sein, daß er die Ausfuhr des Rohstoffes nach Kleinasien ver- die schnell soll. Der König von Pergamon ließ sich als echter Bibliomane nicht und veranlaßte der Legende nach die Entwicklung eines Ersatzstoffes, eben boten haben beirren jenes Pergaments, das seinerseits zum Schreibmaterial sind natürlich viel älter. Ausfuhrartikel wurde. Lederrollen So ist als einer der ältesten mathematischen um 2500 v. Chr. auf Leder geschrieben worden, und der Talmud verfügte, das mosaische Gesetz dürfe nur auf Lederrollen überliefert werden. Pergament ist also nur eine Art verbesserten Leders, das offenbar in der Bibliothek von Pergamon einen besonders breiten Raum einnahm. Seine größte Bedeutung hat das Pergament im christlichen Europa erhalten, als die Schriftrolle durch den Kodex, den Vorläufer des heutigen Buches, abgelöst wurde. Diese Codices bestehen aus Pergament, bis das Papier seinerseits das Pergament ablöste. Texte Ägyptens Ehrwürdige Bücher Es gab in der Antike Wachstäfelchen in Holzrahmen, die in Form eines Buches zusammengebunden waren und wie Notizbücher benutzt wurden. Man hat gelegentlich das Wachs durch Pergament ersetzt, denn auch auf Pergament konnte man schnell und leicht schreiben. Mit der Papyrusrolle ließ sich aber ein regelrecht solches kleines »Buch« nicht vergleichen. Um die bewährte Rollenform durch den Die Bilderschrift der Maya gehört zu den bis heute noch unentzifferten Schriften. Götterbilder, Schrift- und Zahlenzeichen berichten von Weissagungen und astronomischem Wissen. Blatt 6 des Codex Dresdensis. Faksimileausgabe der Bayer. Staatsbibliothek, München

Kodex zu ersetzen, muß man gewichtige Gründe gehabt haben. Die Wissenschaft Gründe herausgearbeitet sie sind praktischer Natur, aber mit den Gegebenheiten der christlichen Weltanschauung eng verknüpft. Mit einiger Vorsicht läßt sich folgendes sagen: Auf einer Rolle kann man, selbst wenn man die hat einige dieser ; Kolumnen numeriert, nur mühsam auf- und zurückrollen muß und Schriftstellen heranziehen, weil man ständig keine rechte Übersicht hat. Anders beim Kodex. Hier sind die Seiten eindeutig zu bezeichnen. Man sieht auf einen Blick, ob die und man kann infolgedessen bei gelehrten Disputen über die Bibel jederzeit nachschlagen, was man sucht und meint. Es gibt noch einen weiteren Vorzug. Wenn man alle Evangelien und die Apostelgeschichte auf Rollen hätte schreiben wollen, wären dies nach damaligem Stand fünf normale Rollen geworden. Der gleiche Text, in einen Kodex gebracht, ergab zwar ein dickes Buch, verteilte sich aber nicht auf mehrere Bände. Man hat aus dem 2. Jahrhundert in Kairo Bibelhandschriften gefunden, die in Kodexform aufgezeichnet sind, übrigens noch auf Papyrus und noch nicht auf Pergament. Es handelt sich um apokryphe Jesusworte, deren Fund 1930 sensationell wirkte. Die meiSeite die gesuchte Textstelle enthält, sten der 190 Papyrusblätter konnte der amerikanische, in Sammler Chester Beatty immensen Preis Christen dem Kodex für einen beweisen, daß schon die ersten England lebende in seinen Besitz bringen. Sie eindeutig den Vorzug gaben. daß Pergament praktisch unverwüstlich ist und nur durch die metallhaltigen Tinten selbst, mit denen die Schriften gemalt Ein weiterer, unschätzbarer Vorteil sind, zerstört werden kann. ist, Wenn man einem Papyrus eine Lebensdauer von durchschnittlich 70 Jahren zuschrieb, falls er nicht durch besondere Umstände konserviert wurde, so war ein Kodex aus Pergament nahezu unzerstörbar. Sobald man dies erkannt hatte, versuchte man, die Texte aus den Papyri auf Pergament umzuschreiben. So bemühten sich zwei Geistliche in Caesarea im 4. Jahrhundert, die Werke des Origines und anderer Kirchenväter auf Pergament zu übertragen, denn die Rollen, die Pamphilus der Märtyrer der christlichen Gemeinde hinterlassen hatte, waren brüchig und hätten kein Menschenalter mehr erhalten werden können. Bald erkannte man, welche wunderbaren Möglichkeiten das glatte, edle Pergament bot, und wandte in heiliger Verehrung alle Künste der Antike auf die heiligen Schriften an. Die Königsfarbe Purpur war für die Seiten gerade gut genug, man zog die Kapitalen, die Großbuchstaben, aus, und manche ten, nur die Evangelisten in Silber oder Gold dieser Handschriften wirkte so prächtig, daß die Christen glaubselbst hätten so herrliche Schriften hervorbringen kön- nen. So gibt es eine Evangelienhandschrift von Cividale, von der sich im 13. oder 14. Jahrhundert die Legende bildete, der Evangelist Markus selbst habe sie angeBerühmt ist auch der Codex argenteus, der Silberne Kodex zu Upsala mit fertigt. Bruchstücken der Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas aus dem 4. Jahrhundert. Hier sind die Buchstaben in Gold und Silber auf purpurfarbenes Pergament geschrieben. Formal hat das junge Christentum diese Ausschmückung aus dem antiken Kulturkreis übernommen. Weil aber für die Heilige Schrift nichts gut genug war, trieb man in der Ausstattung einen immer größeren Luxus, welcher zu der Einfachheit der Christusworte in krassem Widerspruch stand. Schon die Kirchenväter Hieronymus und Chrysostomus haben die zunehmende Pracht der heiligen 5 °
Bücher, zu denen auch gottesdienstliche Bücher gehörten, beklagt. Andererseits ist gerade diesem Prunk zu verdanken, daß sie zusammen mit kostbarem Altargerät die Jahrhunderte überstanden haben, oft wie Reliquien verehrt und geschützt. Die neue Form des Buches, der Kodex, hat noch eine andere Auswirkung gehabt, denn wie das Innere, so wurde das Äußere kostbar gestaltet, und der Bucheinband wurde zum Gegenstand künstlerischer Bemühungen. Besetzt mit Edelsteinen, mit Gold und Silber geschmückt, sind diese frühen Einbände wahre Wunderwerke. Man stellte in Elfenbein Christus und die Evangelisten dar, Maria oder Szenen aus der Bibel. Den ältesten erhaltenen Prachteinband bewahrt der Dom zu Monza. Die beiden Deckel sind mit Goldblech überzogen, ein mit Perlen und Edelsteinen besetztes Kreuz teilt sie jeweils in vier Felder. In jedem dieser vier Felder ist eine antike Gemme eingelassen. Eine Inschrift teilt mit, daß dieser Band von der Langobardenkönigin Theodelinde (gest. 625) der von ihr gegründeten Johannes-Basilika gewidmet ist. Leider ist das zu diesem kostbaren Behälter gehörende Evangeliar verlorengegangen (Schottenloher) Der Sieg der Pergamenthandschrift über die Payrusrolle hat sammlung ein neues Gesicht gegeben. Während auch der Bücher- des ganzen Mittelalters liegen die Bücher, festgebunden mit eisernen Ketten, auf Pulten oder stehen in Schränken und Büchergestellen. Im Prinzip ändert sich an dieser Aufbewahrung nichts mehr, nur die Räume werden immer prachtvoller ausgestaltet, die Sammlungen nehmen einen immer größeren Umfang an, bis das Papier, verbunden mit dem Buchdruck, alle Dimensionen sprengt. Tatsächlich ist auch Papier zunächst »Ersatz« gewesen, und zwar Ersatz für die Seide, die in China nicht nur für Bekleidungszwecke benutzt, sondern auch als Schreibstoff gebraucht wurde. Es heißt in der offiziellen Geschichtsschreibung, der Direktor der kaiserlichen Waffenmanufaktur Tsai Lun um sei altes 100 v. Chr. auf den Gedanken gekommen, Baumrinde, Hanf, Lumpen und Netzwerk zu einem feinen, filzähnlichen Werkstoff zu verarbeiten. Um 1000 man offenbar Bambus als Grundmaterial verwandt, um 1300 Reisstroh. dem Norden Thailands stammt, wo sie heute noch betrieben wird. Hier stellt man eine Fasermasse aus Maulbeerbaumrinde her, die man auf einem Sieb aus dem Wasser hebt und trocknen läßt. n. Chr. hat Man weiß heute, daß die Papiermacherei aus Dieses auch in Nordburma, Nepal v. und Tibet geübte Verfahren ist vermutlich älter der älteste chinesische Papierfund aus der Zeit des Kaisers Wu-ti (141-86 als Chr.). Nach Ansicht der Völkerkundler ist die Papierherstellung gleichsam eine Vari- ante, eine Fortsetzung der Tapa-Herstellung. hat ja in Wie im Norden die Birkenrinde, so Indonesien, Ozeanien und sogar Südamerika die Rinde anderer die Rolle des Fells als Kleidungsmaterial übernommen, und Bäume tatsächlich wird Tapa aus der Rinde des Papiermaulbeerbaums hergestellt; auch zwischen den Rindenstoffen und Filz bestehen gewisse Zusammenhänge, die freilich historisch wohl mehr zu klären sind. Nicht die »Erfindung« des Papiers, sondern seine intelNutzung ist also das, was man als chinesische Leistung bezeichnen könnte. Tatsächlich betrieb man in China die Papiermacherei in großem Stil. Schon im 2. nicht ligente Jahrhundert n. im Jahre 363 n. Chr. gab es, freilich nur bei Würdenträgern, Papiertaschentücher, Chr. erschien die Pekinger Zeitung, in Europa starb Kaiser Julian 5 1 -
Fragmente einer Inschrift Wände in ägyptischen Bildzeichen schmücken die der Grabkapelle Thutmosis I. im Tempel der Königin Hatschepsut in Deir el-bahari bei Theben. 18. Dynastie Griechisches Papyrusbruchstück mit dem Chorgesang von Euripides' »Orestes«, 1. ]h. n. Chr. Das Schreibmaterial Papyrus wurde aus dem Mark der Papyrusstaude hergestellt, indem man es in Streifen schnitt und diese kreuzweise übereinanderklebte. Pap. G 2.315. Österreichische Nationalbibliothek, Wien
Bei den ägyptischen Hieroglyphen unterscheidet man zwischen der hierati- schen Schrift dieser , in der ä »fe Sif Papyrus geschrieben 1 und der demotischen. Beide Arten wurden ist, , »’£ zeitweise nebeneinander verwendet. Kolumne 41 des Papyrus Ebers, einer Sammelhandschrift medizinischer Texte, ü SM3 1T^3 l’33ftLL4 1 1 um 15 50 v.Chr. Karl-MarxUniversität, Leipzig trs.yx\^ö\ **“"*«^* Äib 45*3 — -rff- ZT. _ ifi |u — & **»<•* «* f .. 4 43>- tA 1 m x — 7 r >3,VT2. # 0^-3 i * —
Apostata, der statt des Christentums den Mithraskult durchsetzen wollte. Römer kämpften am Rhein und an der Donau - und einige Jahrhunderte später gab es in China sogar Papierservietten und im 9. Jahrhundert sogar Papierkleidung, die allerdings kostbar war. Nach Westen kam das Papier durch chinesische Kriegsgefangene, die von den Arabern in Samarkand angesiedelt worden waren. Offenbar verstanden sich ein paar von ihnen auf die Papiermacherei, und so verbesserten sie ihre trostlose Lage, indem sie das den Arabern unbekannte Papier herstellten. Sie vervollkommneten dabei die Verfahren und benutzten als Rohmaterial, was sie vorfanden, nämlich Leinen und Baumwollreste. Der Kalif Al-Mansur begriff die Bedeutung des neuen Werkstoffes, den man ihm ergebenst überreicht hatte. Dieses feine, glatte Schreibmaterial war billiger, leichter und besser als Papyrus, der aus Ägypten eingeführt werden mußte. Im Jahre 794 wurde die erste Papiermühle bei Bagdad errichtet, in Damaskus, im syrischen Tripolis und in Tiberias entstanden Papierindustrien, ebenso in Jativa bei Valencia in Andalusien. So hatte Europa schon eine Papierindustrie, als man in der Kanzlei der Merowinger noch auf Papyrus schrieb - aber es war eine heidnische Industrie, also lag sie außerhalb des christlichen Gesichtskreises, man kennt solche Schizophrenien ja aus heutigen politischen Spaltungen und Teilungen. Anfangs ist Papier also ein seltenes Material gewesen. Man kennt aus dem Jahre 1320 einen Fehdebrief der Stadt Aachen, der auf Papier geschrieben ist, aber damals war Papier in Europa schon über 200 Jahre alt. Das erste Privileg für Papiermacher in Deutschland ist vom Markgrafen von Meißen für die Benediktiner in Chemnitz ausgestellt worden. Papiergeld, in China schon im 13. Jahrhundert in Gebrauch, ist in Europa 1407 von der Bank St. Georg in Genua ausgegeben worden. Überall, wo massenweise Schreib- und Druckmaterial gebraucht wurde, hat sich das Papier schnell durchgesetzt. Hauptsitz der Papierfabrikation war im 14. und 15. Jahrhundert Italien, man stellte Papiere mit Wasserzeichen her und hatte ein Monopol für ganz Europa, bis im 16. Jahrhundert die erste Papiermühle in Stockholm errichtet wurde. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es dann auch Papierhandschriften, und im 15. Jahrhundert wurden sie mehr und mehr gebräuchlich. Die alten Stunden- und Andachtsbücher sind sorgfältig gebunden und liebevoll illustriert; vor allem Prag und die Niederlande besaßen bekannte Buchbinder und Illuminatoren. Um diese Zeit beginnt auch der Buchhandel, und in Städten wie Gent, Antwerpen, Brügge, Köln, Straßburg, Augsburg und Wien entwickelte sich ein lebhafter Markt mit Büchern. Vor Beginn der Reformation, die das neue Medium nutzte, war der Boden vorbereitet für eine breite publizistische Auseinandersetzung, wie sie auf Pergament nie hätte geführt werden können.
Stätten der Bildung Schreiber und Lehrer Erziehung in Sparta Im Gymnasium zu Athen Bücher für Rom Rettung der Gelehrsamkeit Scholarentum Vorgänger des Dr. Faust Fromme Wissenschaft Mandarine in Klausur
Schreiber und Lehrer Der älteste Brief, den man bisher kennt, ist um 2400 v. Chr. geschrieben worden. Aber mit Sicherheit hat ihn der, der die Botschaft schickte’ nicht geschrieben, und daß er heute bekannt ist, verdankt man dem Umstand, daß es von ihm eine steinerne Abschrift gibt. Das klingt wie eine Denksportaufgabe, ist aber leicht erklärt: Um 2400 v. Chr. gab es einen ägyptischen Pharao Pepi II., unter dessen Herrschaft Der Pharao hat dem Expediweil dieser einen'Pygmäen gefunden habe, und gibt ihm aus- eine Expedition ins Innere Afrikas aufgebrochen war. tionsleiter gratuliert, Die Schule Platons. Der griechische Philosoph Platon (42y~34y v. Chr.) war Schüler Sokrates' und leitete eine Akademie in Athen an der er nicht nur ein , Wert auf Wissenschaften legte, sondern auch auf die Ausbildung des Römisches Mosaik. Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel die Pflege der politischen Denkens.
Pygmäen nach Ägypten führliche Anleitungen, wie er den Allerdings muß man transportieren solle. wissen: Der König war damals sieben Jahre alt, und es habe er sich auf den Pygmäen wie auf einen Spielgefährten gefreut. »Wenn er mit dir das Schiff besteigt, so laß die zuverlässigsten Männer zu beiden Seiten des Schiffes mit ihm sein und aufpassen, daß er nicht ins Wasser fällt. Wenn scheint, als er des Nachts schläft, so laß pflichttreue Leute in seinem Zelt neben ihm wachen und zehnmal in der Nacht nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Wenn du den kleinen Mann gesund und wohlbehalten an den Hof bringst, so wird der Pharao mehr für dich tun, als seinerzeit König Asosi (Anm. d. Verf.: König der V. Dynastie) für jenen Mann tat, der einen Zwerg aus Punt mitbrachte.« Hichouf, der Adressat des Briefes, war so stolz auf dieses Schreiben, daß er es am Eingang seines Grabes eingravieren ließ. Ganz gewiß hat der König den Brief Bildniskopf eines Philosophen aus Antikythera. Bronze, frühes 3. Jh. v. Chr. N ationalmuseum Athen ,
einem Schreiber diktiert. So ein ägyptizu transportieren, im Gegensatz zu den Tontäfelchen der nicht eigenhändig geschrieben, sondern scher Brief war leicht Sumerer, wenn auch nicht ohne Risiko. Man rollte das Blatt zusammen, faltete zum Schluß wurde es verschnürt und versiegelt. Von besonderem Reiz für den es, worden sind, deren Text nach rund 4000 Jahren, entziffert wird, ohne daß ihn ein Mensch je gelesen hätte. Die Ägypter waren schreibfreudig, und so richteten sie ihre Briefe Archäologen ist es, Briefe zu lesen, die nicht erbrochen also erst jetzt, nicht nur an Geschäftsfreunde und Vasallen, Geliebte und Generäle, sondern auch an Verstorbene. Manche solcher Briefe bitten die Abgeschiedenen um Hilfe, an- dere fordern sie auf, mit den Quälereien der Lebenden aufzuhören. Es gab im alten Ägypten ein ausgebautes, mit Boten durchgeführtes Postsystem, eine logische Folge der hierarchischen Gesellschaftsstruktur, Schreiberkaste. Im Louvre und natürlich eine Beam- steht die Statue eines solchen Schreibers, eines mit untergeschlagenen Beinen, die Papyrusrolle auf dem Schoß, aufmerkscheint. Die Ägypter nannten die Schrift ja »Sprache der Götter«. Ursprünglich als Geheimwissen des Priesters weitergegeben, war ten, der sam seinen Herrn anzublicken sie schon zur Zeit der ersten Dynastien profaniert und diente nicht mehr dazu, Namen der Götter anzurufen, sondern Beute und Ernte, Gewinn und die heiligen Verlust festzuhalten. Im Palast des Pharaos gab es Schreiber, die zur Verfügung standen, und noch auf schien vor der Ernte ein Schreiber, dem König selbst kleinen Acker des kleinsten Bauern er- um amtlich festzuhalten, cher des Pharaos abgeführt werden In dem was in die mußte und was dem Bauern Kornspei- verblieb. Ägypten waren diese Schreiber, gesehen. Das gilt die ersten Beamten, gesellschaftlich hoch anauch für die Schreiber Mesopotamiens, die nicht Hieroglyphen, sondern Keilschrift schrieben. In beiden Fällen bestand ihre Macht in der Kenntnis der Schrift - und eben deshalb konnte es keine Versuche geben, diese Schrift zu verbessern, denn je leichter Menschen hätten sie und einfacher lernen können, sehr die Schrift geworden wäre, zum Schaden um so mehr der privilegierten Schicht. Um den Beruf des Schreibers ergreifen zu können, mußte man eine langwierige Ausbildung durchlaufen, denn es galt ja nicht, ein Alphabet zu lernen, sondern viele Hunderte von Schriftzeichen, ähnlich wie heute beim Chinesischen. Wer die Lehrzeit an der Priesterschule absolviert hatte, die ja nicht zeitlich begrenzt war, sondern von Herrschenden bestimmt wurde, konnte sich »Schreiber« nennen, was im Sumerischen soviel bedeutet wie »Gravierer auf Tafeln«. Im Prinzip war dieser Beruf den Männern Vorbehalten, aber es gab erstaunliAusnahmen Mesopotamien scheint vor vielen tausend Jahren Vorläuferinnen der heutigen Sekretärin, also Schreiberinnen, gegeben zu ha- cherweise auch ; in es Schulen der altorientalischen Kulturen hat man nur wenige keilschriftlichen Brief, der im 19. Jahrhundert v. Chr. in Babylonien geschrieben, aber in Palästina gefunden worden ist, erklingt die Klage eines Mannes, der offenbar eine Schule geleitet und auch Kinder unterrichtet hat: »Es sind nur drei Jahre her, daß du mich gedemütigt hast. Gibt es denn bei dir weder Korn, Öl noch Wein, die man mir bringen kann? Was habe ich mir zuschulden ben. Über die Nachrichten. Aus einem kommen lassen, daß du mich nicht bezahlst? Die jungen Kinder hören nicht auf, an meiner Schule (wörtlich übersetzt: von mir) zu lernen .« (Rest unleserlich). . 58 .
Vorwurf, dem zu entnehmen allerlei auswendig lernen mußten: »Wem will er das Wissen lehren? Wem will er die Lehre erklären? Kindern, die kaum dem Saugen entwöhnt sind? Kindern, die der Mutterbrust abgenommen werden? Sadeh-waw: so! quof et waw: qo!« Die letzte Zeile macht den Eindruck, als handele es sich um den leiernden Singsang eines solchen aus- Im Buch ist, Jesaia der Bibel findet sich ein ironischer daß auch im alten Israel die Kinder auf Schulen gingen und wendig gelernten Textes. Wie im alten Mesopotamien, so war in China die Schicht derer, die lesen und schreiben konnten, privilegiert. Das galt noch bis ins 19. Jahrhundert; wer nicht die Mittel hatte, seinen Sohn den langen und beschwerlichen Weg des »Gelehrten« gehen zu lassen, der hatte in diesem komplizierten Schriftsystem keine Chance, Beamter zu werden oder einen angesehenen Rang zu bekommen. Überheblichkeit angesichts dieser Zustände steht dem Europäer kaum an; daß bei einem so überschaubaren Schriftsystem wie dem Alphabet in einigen Provinzen des südlichen Europas noch Menschen leben, die weder lesen noch schreiben können, klingt unglaublich. Tatsächlich verschiebt sich ja im Weltmaßstab das Verhältnis zugunsten der Analphabeten, ihre Zahl wird größer statt kleiner. So wird noch lange Zeit auch in Europa der dörfliche Schreiber, eine Person des allgemeinen Vertrauens, je nicht aussterben. Erziehung in Sparta Gymnasium und Aula, Universität und Akademie, Information und Disziplin, Kollektiv und Programm sind Worte aus dem griechisch-römischen Kulturkreis, in dem das heutige Bildungswesen auf vielfältige Weise verwurzelt ist. Daß jemand noch heute seinen Doktor macht oder mit dem Magister abschließt, charakungebrochene, gesellschaftlich fixierte Bildungstradition, die in großen Zügen bekannt ist. Was war für einen griechischen Jüngling zu lernen, wenn er lesen und schreiben gelernt hatte? Wer unterrichtete einen jungen Mann, wenn er aus dem Bannkreis der mütterlichen Fürsorge entlassen war? Gab es ein öffentliches Schulwesen schon in Griechenland, oder ist das erst eine Erfindung neuerer terisiert eine Zeit? um vorwegzunehmen, schafft sich Institutionen, Zu diesen Institutionen gehört jeweils die Schule oder besser das Lehrsystem, denn nicht immer ist es ja auch zu regelrechten Schulen gekommen. Auch bei den Naturvölkern werden die Kinder selbstverständlich unterrichtet. Man lehrt sie, wie sie das Leben bestehen und ihren Daseinskampf bewältigen können, wobei meist die Eltern selbst ihr Wissen weitergeben, und man nimmt sie unter feierlichen Zeremonien in den Stamm oder Clan auf. Von dem jungen Menschen werden weniger bestimmte Kenntnisse als Fähigkeiten und Eigenschaften verlangt. Er muß, wenn er Indianer ist, Schmerz ertragen können, er muß zu jagen gelernt haben und wissen, wie man sich bei Schneesturm verhält, er muß die Riten seines Stammes kennen und soll bestimmte Tugenden besitzen - aber die Summe seines gelernten, abstrahierten Wissens ist Jede Gesellschaft, mit denen sie die Bilanz ihren eigenen Fortbestand sichert. 59
Der Tod des Sokrates. Der bedeutende griechische Denker wurde wegen seiner beißenden Angriffe auf Männer des öffentlichen Lebens zum Tode verurteilt. Hier bereitet er im Kreise von Schülern seinem Leben ein Ende. Gemälde von J. L. David 1787. The Metropolitan , klein, verglichen mit Museum dem Pensum eines of Art, Wolfe Fund, 1931, modernen New York Schülers. Freilich bedeutet das daß dieses Wissen weniger wertvoll oder beschränkt ist, es ist nur anders was in Schulen vermittelt wird. Im Stammesverband gibt es zwar gewisse Prüfungen, aber keine Examina. Man kann es sich nicht leisten, junge Menschen nicht, als das, aus dem Stamm auszustoßen, man ordnet sie auf irgendeine Weise ins Stammes- leben ein. So gab es Indianerstämme, bei denen der Heranwachsende entscheiden konnte, ob er als Krieger oder als Weib im Stammesverband leben wollte, und diese Entscheidung wurde auch respektiert. In den vielen primitiven Gesejlschaften gibt es nach Altersklassen unterschiedene Stufen. Wenn z. B. bei den Dieris in Australien ein Knabe 5 Jahre ist, durchbohrt man ihm die Nasenscheidewand. Einige man ihm zwei Vorderzähne aus. Wiederum etwas später Beschneidung und Tätowierung vor, womit er das Recht erwirbt, die an bestimmten Totemriten teilzunehmen. Als vollgültiges Stammesmitglied wird er indessen erst anerkannt, wenn die letzten Beschneidungen vorgenommen worden sind. Alle diese Deformationen ordnen ihn einer bestimmten Altersklasse zu, die quer durch die Stämme und Clans geht und gelegentlich ein Gefühl der Zusammenge- Jahre später schlägt nimmt man 60
hörigkeit weckt. Bei den Galla in Afrika ist diese Zugehörigkeit Bestandteil eines bestimmten gesellschaftlichen Systems. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der Generationen hat sich in Europa bis auf den heutigen Tag an den Offiziersschulen erhalten als junger Marineoffizier gehört man auch heute noch zu einer »crew«, und im Oberbayerischen gab es noch bis ins 19. Jahrhundert Jungmännergruppen, die im Leben des Dorfes eine gewisse Rolle spielten. Unterweisung durch die Eltern, Einweisungsriten durch den Medizinmann oder dessen Beauftragte, Aufnahme in den Stamm, das also ist der Gang der gesellschaftlichen Anpassung bei den Naturvölkern, und tatsächlich sind die frühen Schulformen der Antike nicht so sehr weit von diesem Muster entfernt. In Sparta hatte sich schon um die Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts eine staatliche Schulorganisation gebildet, der jeder junge Spartaner vom 8. bis 20. ; In der Stoa am Markt von Athen, einer offenen Säulenhalle trafen sich die Anhänger der nach diesem Versammlungsort benannten Philosophenschule die , , Stoiker. Nachbildung des von Attalos II. im 2. Jh. v. Chr. gestifteten Baus.
Lebensjahr unterworfen war. Man muß sie vor dem Hintergrund einer unerbittli- chen »Staatsräson« sehen. In Sparta unterlag ja nicht nur jedes Kind dem Tötungsrecht des Vaters wie im frühen Rom auch, sondern mußte auch noch einer staatlichen Gutachterkommission vorgezeigt werden. Wenn es mißfiel, wurde es über die Klippen ins Meer geschleudert. Sobald der 7jährige Knabe in die Schule kam, wurde er gleichsam Mitglied eines Regiments, denn die Klasse, unter Aufsicht der fähigsten Jungen, war zugleich im Krieg wie im Frieden Lebensgemeinschaft, ein Muster aller Kadettenanstalten. Man entfachte unter diesen Jungen künstliche Streitereien, um zu sehen, wie sich der einzelne in Schlägereien hielt Schmerzen, ; Unglück und Anstrengungen mußten schweigend ertragen werden. An jedem Tag wurden am Altar der Artemis Orthia einige ausgewählte Jünglinge gegeißelt, bis vom der Opferstein sich Wenn ein Junge das Blut rötete. 12. Lebensjahr erreicht hatte, mußte er die Unterkleidung ablegen und durfte während des ganzen Jahres nur noch ein einziges gen. Man lebte bis sammen und zum schlief tra- zu jeder Jahreszeit im Freien auf einem Binsenlager. Mündliman brachte den jungen Spartanern zwar che Unterweisung stand hoch im Kurs Der Waschplatz im Gymnasium von teil Gewand 30. Lebensjahr in Zelten mit seinen Altersgenossen zu- ; Priene. Einen wesentlichen Bestand- der Erziehung der männlichen Jugend Griechenlands bildete die körperliche Ertüch- tigung, die in den Gymnasien praktiziert wurde. 3. ]h. v. Chr.
Lesen und Schreiben bei, gewöhnte sie aber nicht an den Umgang mit Büchern. Wichtiger war die »Ranger-Ausbildung« der junge Spartiat sollte lernen, sich im Freien selbst zu ernähren, bei solchen Streifzügen war allerdings Mundraub erlaubt. Wer sich aber erwischen ließ, wurde mit Stockhieben bestraft, kein morali; sches, sondern ein praktisches Prinzip, das in ten Lebensweisheit geworden den Armeen vieler Länder zur törich- ist. Für Mädchen gab es keine öffentlichen Klassen, wohl aber mußten sie Sport und an den Wettbewerben im Laufen, Ringkampf, Speer- treiben wie die Jungen wurf und Diskuswurf teilnehmen. Bei öffentlichen Tänzen und Prozessionen waren sie nackt, auch in Gegenwart der jungen Männer. Man wollte sie auf diese Weise zur rechten Körperpflege anleiten und erreichen, daß körperliche Mängel erkannt und behoben würden. Über dieses Maß hinaus wurde für die Mädchen nichts getan, sie lernten weder lesen noch schreiben, nur in der Hauswirtschaft wurden sie ausgebildet. Ihre Aufgabe war die Mutterschaft; die Liebe blieb den Männern Vorbehalten, die sich als Jünglinge meist mit älteren Männern verbanden, geistige Interessen bei einer Frau wären einem Spartaner als Abnormität erschienen. Im Gymnasium zu Athen Wenn in Athen der Sohn eines freien Bürgers morgens zur Schule geschickt wurde, begleitete ihn ein Sklave, jedenfalls in der ersten Schulzeit. Diesen Sklaven nannte man »Paidagogo« (griechisch pais: Kind), den, der das Kind begleitet, woher sich der ehrenwerte Begriff des Pädagogen herleitet. In Athen, das keine öffentlichen Schulen wie Sparta, sondern nur eine behördliche Schulaufsicht kannte, wurden die Knaben mit 6 Jahren bei einem Schulmeister angemeldet, der sein Man lernte in Athen, was man als Sohn aus guter Namen Ehre zu machen. Zu einem gut erzogenen Metier auf privater Basis betrieb. Familie brauchte, Mann um seinem gehörte, daß er die Lyra zu spielen versteht, wie überhaupt das Ideal der Erziehung nicht die soldatische Härte ist wie bei den jungen Spartiaten, sondern Harmonie von Leib und Geist. Daß man sich in allen möglichen Sportarten übt, vielleicht sogar von olympischen Ehren träumt, ist selbstverständlich. Musik und Leibeserziehung also und dazu noch das Schreiben und Lesen, mehr braucht ein junger Athener nicht. Andere Sprachen als die eigene Muttersprache lernt man nicht - in Rom wird man einige hundert Jahre später Griechisch lernen -, und das pädagogische Ziel orientiert sich an der Tüchtigkeit, nicht an der Gelehrsamkeit. Den Sport treibt man in den von der Stadt errichteten Anlagen, dem Gymnasion und der Palästra, und niemand gilt als gebildet, der nicht ringen, schwimmen und Bogenschießen gelernt hat. Reiten ist selbstverständlich, die Beherrschung der Schleuder wird vorausgesetzt - so wie der junge Offizier in Europa mit der Pistole schießen können muß. Lesen, Schreiben und Rechnen sind hier bereits kein Geheimwissen von Sterndeutern und Priestern mehr, sondern allgemein zugängliche Kenntnisse, die man sich, wenn man Zeit und Geld genug hat, beibringen lassen kann, und eben darin eine gewisse 63 t
Antiker Bücherschrank mit den Schriften der Mosaik aus dem Mausoleum der Galla Placidia vier Evangelisten. 5. Jh. Mädchens mit Wachstafelbuch. Diese Art Bücher wurden Notizbücher benützt waren jedoch wegen ihrer platzraubenden Bildnis eines römischen in der Antike als , Seitendicke nicht geeignet für größere Aufzeichnungen. Hierfür benützte man die Rollen, bevor diese vom Kodex abgelöst wurden. Wandmalerei aus Pompeji. Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel
Szene aus Homers Ilias. Das große griechische Epos gehört zu den Standardwerken der Weltliteratur. In 24 Büchern wird der siegreiche Kampf der Griechen gegen Troja beschrieben. Miniatur-Blatt XXXIV aus dem Ilias-Codex 3. ]h. n. Chr. Biblioteca Ambrosiana, Mailand ,
liegt der eigentlich^ Unterschied zu den Erziehungsprogrammen anderer Kultu- ren. Allenfalls in China, das ja ebenfalls eine feudale Struktur besaß und auf der Grundlage seiner Zeichenschrift eine literarische Tradition entwickelt hat, wird der junge Mensch in die Kunst des Bogenschießens wie des Schreibens und Dichtens eingeweiht. Schon jetzt ist der Abstand einer solchen Schriftkultur zu der eines Naturvolkes kaum noch überbrückbar, denn eine immer dichter werdende literarische Überlieferung prägt das Selbstverständnis der herrschenden Schicht; im übrigen meint man, die Besten sollten herrschen (griechisch aristokratia: Herrschaft der Besten), und die Besten waren eben die landbesitzenden jungen Herren aus den guten Familien, gemessen an dem von ihnen selbst aufgestellten Maß. Allerdings darf man sich das Niveau dieser athenischen Schulen nicht zu hoch vorstellen. Wenn ein junger Mensch in der Lage war, fließend einen Brief zu schreiben, konnte er als gelehrt gelten, die Mythen und Lieder lernte er nicht durch die Schule kennen, auch die Götter nicht und die Tragödien, die im Wettbewerb aufgeführt wurden. Gerechnet wurde in der Antike ja noch nicht mit den indisch-arabischen Ziffern im Stellenwertsystem, sondern an den Fingern und mit Zählstrichen; es gab zwar, den Andeutungen nach zu urteilen, Rechensteine, mit denen man Zahlen wie auf einer Kugelrechenmaschine hin- und herschob, aber schriftliches Rechnen war immer ein Buchstabenrechnen, weil jedem Buchstaben des Alphabets eine Zahl zugewiesen war. Im Leben eines Atheners gab es vier Lebensstufen - ähnlich wie die Altersgruppen, von denen bei Naturvölkern die Rede war, und zwar Kind, Jüngling, Mann und Greis. Mit 18 Jahren wurde man in Athen »Ephebe« (griechisch Ephebos: Jüngling). In den letzten zwei Jahren der Lernzeit mußte man besondere Aufmerksamkeit auf die »vormilitärische Ausbildung« wenden, dann wurde man von der athenischen Truppe übernommen und für zwei Jahre im engen Verband der athenischen Miliz ausgebildet. gen Männer zusammen; sie Während dieser Zeit wohnten und lebten die jun- hörten Vorträge über Literatur, Geometrie, Musik und Rhetorik und wurden in scharfem Drill ausgebildet. Ihr Zusammenleben war ganz nach dem Vorbild der Stadt demokratisch organisiert, sie waren die Blüte des Volkes, bewundert und beneidet im Theater war ihnen ein besonderer Platz zugewiesen, sie waren durch ihre Kleidung ausgezeichnet und standen unter strenger Aufsicht. Bei den öffentlichen Festen und Spielen nahmen sie an hervorragender Stelle teil, und regelmäßig führten sie in der Öffentlichkeit Wettkämpfe durch, um ihre Leistungen unter Beweis zu stellen. Die ganze Stadt nahm an diesen Veranstaltungen teil, und die 7 km lange Strecke war beim Wettlauf dicht mit Menschen gesäumt, wenn die Jünglinge, die Fackel in der Hand, ihren Stafettenlauf durchführten. Über die Altersgrenzen, die Gliederungen der Epheben, sind sich die Historiker nicht immer einig. Der Unterricht für die Epheben fand in einem besonderen, meist schön geschmückten Saal ; statt, der ein Teil der öffentlichen Sportanlage, des Gymnasions, war. Im Mittel- punkt des Unterrichts stand die Beschäftigung mit der eigenen Literatur, gelehrt von einem »Grammatikos« (griechisch gramma: Buchstabe). Zunächst wurden gemeinsam vom Lehrer und seinen Schülern die Textkopien durchgegangen. Man las Homer, Euripides, Menander und Demosthenes. Das war nicht so einfach, wie 66
heute klingt, weil die fortlaufende Schreibweise, bei der es keine Trennungen zwischen den einzelnen Worten gab, doch Schwierigkeiten bereitete. Es wurde also laut vorgelesen. Der nächste Schritt war es, den Text zu erläutern und zu verstees hen. Der sachliche Inhalt und die grammatische Form wurden besprochen. Schließlich gab es die »krisis« (griechisch kritein: trennen, unterscheiden), die Beurteilung des Textes nach ethischen Gesichtspunkten und seine Nutzanwendung. Die Epheben mußten Diktate und Aufsätze schreiben, auch kurze moralische Erzählungen verfassen, die auswendig gelernt als Leitfaden in Konfliktsituationen dienen sollten. Mit 19 Jahren wurden die jungen Männer einer Grenzgarnison zugeteilt, wo sie die Sicherung gegen äußere und innere Feinde zu übernehmen hatten. Ein feierlicher Eid, in Gegenwart des »Rates der Fünfhundert« abgelegt, band sie an ihre Pflichten. Wer nach der Schule eine höhere Bildung erwerben wollte, mußte sich im Kreis eines berufsmäßigen Rhetors oder Lehrers ausbilden lassen. Außer der in einer Demokratie so wichtigen Redekunst konnte man Philosophie, Naturwissenschaften und Geschichte hören. Die Lehrer selbst mieteten in den öffentlichen Gebäuden Räume und verlangten für ihre Lesungen hohe Gebühren. Schon damals war es nicht ungewöhnlich, daß ein junger Mensch am Tage als »Werkstudent« arbeitete, um abends bei seinem Professor zu hören. Je nach Ansehen des Lehrers dauerte das Studium bis zu 5 Jahre. Ausgenommen in der Medizin, wo praktische Fähigkeiten vermittelt wurden, ging es dem Lehrer weniger um die Vermittlung normalen Wissens als um sittliche, menschliche Vervollkommnung. In diesem Rahmen ist Sokrates nur ein Lehrer unter vielen die Stellung des Lehrers zum Schüler ähnelt auch weit mehr der eines indischen Guru im Kreis seiner Jünger als der eines Magisters, der in einem Hörsaal einem anonymen Publikum ; seinen Stoff vorträgt. Das athenische Bildungssystem insgesamt verbindet Ordnung und Freiheit, und körperliche Betätigung, seelische Entfaltung und charakterliche Bildung auf so überzeugende Weise, verglichen mit allen anderen Bildungsformen der Antike, daß es über 2000 Jahre als Leitbild diente. Weder die Perser noch die Skythen, weder die Phönizier noch die Ägypter haben, abgesehen von hochgelehrten Priesterschulen, etwas Ähnliches zu bieten. Neu ist das demokratische Element selbst dieser auf eine dünne Schicht beschränkten Erziehung, und neu ist die Einheit von Geist und Körper, die auch in der griechischen bildenden Kunst ihren ganz eigentümlichen Ausdruck findet. Wenn man an einer Lehrstunde zur Zeit des Perikies hätte teilnehmen können, wäre man vielleicht enttäuscht von der Wildheit und Ungezwungenheit dieser schwarzhaarigen, temperamentvollen Burschen, die so gar nicht dem Vorstellungsbild der marmornen Plastiken entsprechen. Ungenierte Zärtlichkeit zwischen den jungen Männern, ein für heutige Begriffe primitives Textverständnis und ein erstaunlicher Mangel an Konzentration wären auffallend, und man würde Mühe haben, einen heutigen Oberschüler als Altersgenossen eines jungen Atheners zu erkennen. Zugleich aber würde wohl sichtbar werden, wieviel die heutige Schule einem jungen Manne schuldig bleibt, der kein Kind mehr und auch keine Lernmageistige schine ist. 67
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' und auf diese Weise Textstellen leichter finden. Doppelseite dem byzantinischen Psalter 61 mit Darstellungen von David und Abimelech (links) und der Apostelkommunion (rechts). Zweite Hälfte 9 ]h. Pantokrator Ziffern versehen aus . Kloster, Athos
Was Mädchen angeht, so unterschied sich ihre Ausbildung kaum von der nur nahmen die jungen Athenerinnen nicht an öffentlichen Wettkämpfen teil. Was sie lernten, brachten ihnen ihre Mütter und Kinderfrauen bei außer den häuslichen Fertigkeiten gehörte das Lyraspiel zur Bildung, auch lehrte man sie lesen und schreiben. Ein Mädchen, das für die Ehe bestimmt war, durfte sich über seinen Rahmen nicht hinausbewegen nur die Hetären waren durchaus kultiviert und den Männern als Gesprächspartner willkommen. Den Weg zur höheren Bildung hat Aspasia, die Geliebte des Perikies, auch Mädchen öffnen wollen, die keine Hetären werden wollten. Sie ist bekanntlich daran gescheitert, weil die öffentliche Meinung gegen sie war. Aus dem griechischen Schulsystem, genauer gesagt aus dem Lehrbetrieb in Athen hat sich die Akademie entwickelt, ein Begriff, der ja noch heute ein hohes Niveau an Wissenschaftlichkeit garantiert. Im Grunde handelte es sich um eine logische Entwicklung. Wo es einzelne Lehrer gab, die gegen hohe Gebühren ihre die in Sparta, ; ; Kurse abhielten, konnte es auch ein Kollektiv von gleichgesinnten Lehrern geben, die sich zu einem regelrechten Schulbetrieb zusammenschlossen. Diesen Schritt taten die Pythagoreer in Kroton, der reichen griechischen Handelsstadt in Sizilien. Dort hat es bereits 520 v. Chr. eine Schulgemeinde mit einem Angebot der ver- Szene in einer Philosophenschule. Ein Lehrer doziert im Kreise seiner Schüler. Marmor, 50-30 v. Chr. Staatliche Museen zu Berlin Grabrelief aus pentelischem
schiedensten Kurse gegeben. Für den griechischen Schulbetrieb ist auch Isokrates und Redenschreiber, dessen Texte erhalten sind. Sie geben ausgezeichnete Einblicke in die politischen Gedankengänge seiner Zeit und sind Muster für die berühmte attische Beredsamkeit. Er hat Ende des 5. Jahrhunderts eine Rhetorenschüle eröffnet, die dem Gedanken der Akademie wohl schon recht nahekam. Als Platon nach seinem Aufenthalt in Syrakus und seiner Gefangenschaft als Sklave im Jahre 386 endlich nach Athen zurückkehren konnte, hatten Freunde für ihn das Lösegeld gesammelt, aber nicht an den Mann bringen können. Sie kauften deshalb von dem Geld in einem der Vororte ein Wäldchen, das seinen Namen nach einem attischen Heilbringer namens Akademos trug, einem Heros, von dem nur (436-338 v. Chr.) wichtig geworden, ein Rhetor noch der Name, nicht der Mythos erhalten ist. Dort gründete Platon eine Art reli- giöser Bruderschaft, ein Kollektiv, das eine elitäre Bildung vermittelte. Die Mitglieder fast nannten sich Akademiker, die Einrichtung selbst hieß Akademie, sie war ein Jahrtausend Griechenlands geistiger Mittelpunkt. Über ihrem Eingang standen die Worte »medeis ageometretos eisisto« - niemand solle hier eintreten, der keine Kenntnisse in der Geometrie hätte. Offenbar liches ist ein nicht selbstverständ- Eintritt in diesen Orden Gedanke der gelehrten Gesellschaft mathematisches Wissen die Voraussetzung für den der Philosophen gewesen. Als in Italien der neu gefaßt und die erste »Accademia dei Lincei«, die »Gesellschaft der Luchse« ge- gründet wurde, war das allerdings eine Sprachgesellschaft, und erst später wandte sie sich den Naturwissenschaften zu. Bücher für Rom Zum Gepäck des Eroberers gehören selten Bücher, und wer politische Vorstellungen mit Gewalt zu verwirklichen trachtet, gibt sich kaum mit Literatur ab. Alexander der Große, dessen Hauslehrer einer der bedeutendsten Geister Europas gewesen war, hielt das anders zu ausgewogen war sein Urteil, zu distanziert sein Blick, zu ungebildet seine Umgebung aus harten Militärs und Höflingen, als daß er auf ; Homer, deren Text sein Lehrer neben dem Kopfkissen, damit er sie wie seinen Dolch stets zur Hand hatte, wenn er schlief, eingeschlossen war dieser Text in eine kostbare Büchse aus dem persischen Königsschatz. Als die persische Stadt Susa gefallen und Persepolis in Flammen aufgegangen war, hatte man Teile seiner Bibliothek, die er aus Makedonien nach Susa befohlen hatte, wohl schon auf den Weg gebracht. Er brauchte Bücher um sich, las die Tragiker und Geschichtswerke, versenkte sich selbst in Babylon in solche Lektüre. Nach seinem Tode wurden seine Bücher, übrigens auch sein Tagebuch, eines der verlorenen unsterblichen Werke der Weltliteratur, im königlichen Archiv von Pella, der Hauptstadt Makedoniens, aufbewahrt. Als die Römer im Jahre 168 v. Chr. die Makedonier bei Pydna endgültig schlugen, erbeuteten sie mit dem größten Schatz, der ihnen bisher je zugefallen war, auch die Bibliothek. Der Triumphator von Pydna Aemilius Paullus, dem ein Teil der Beute zustand, soll darauf verzichtet haben, sich die unermeßlichen Literatur hätte verzichten können. Die Ilias des Aristoteles für ihn bearbeitet hatte, lag 71
Ein Gelehrter. Vermutlich ist Archimedes dargestellt einer der bedeutendsten Mathematiker und Physiker der griechischen Antike der im 3. vorchristlichen Jahrhundert in Syrakus lebte. Gemälde von Domenico Feti (1589-1624). Gemäldegalerie, Dresden , , Aristoteles betrachtet die Büste Homers. Gemälde des Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606-1669). The Metropolitan Museum of Art, New York
Reichtümer, die aus den Feldzügen Alexanders stammten, auch nur anzusehen. die Bibliothek interessierte ihn, und seine Söhne durften sich nach Belieben Nur bedienen. Das war die erste große griechische Bibliothek, die nach Rom gelangt (Ekschmitt). ist Wenige Jahre später wurde die wahrscheinlich deutendere Bibliothek des Aristoteles nach die noch weit reichhaltigere und be- Rom verschleppt, die inzwischen durch und von dem reichen Biblioworden war. Ihr letzter Besitzer war und als im Jahre 84 v. Chr. Sulla mit Grie- Hände verschiedener Erben gegangen, erweitert philen Apellikon von Teos in Athen erworben Römer gefallen, nahm er als persönliche Beute die Bibliothek dieses Apellikon mit nach Rom. Durch Zufall wurde einige Zeit später der Grammatiker Tyrannion auf diese Schätze aufmerksam. Er bestach den Bibliothekar, dem natürim Kampf gegen die chenland Frieden schloß, lich streng untersagt war, ohne Wissen des Besitzers Rollen auszuliefern, und ließ Abschriften hersteilen. Eine dieser Abschriften gelangte an den etwa gleichaltrigen
Andronikos von Rhodos, den späteren Vorsteher einer bekannten philosophischen Schule der Peripatetiker. Dieser veranstaltete eine Gesamtausgabe der Werke des Aristoteles, und weil er einige Schriften, die Aristoteles geschrieben hatte, in seinem System nicht recht unterzubringen wußte, ordnete er sie nach der Physik ein. Seitdem heißt dieser Bereich des Denkens Metaphysik (griechisch meta: nach). Die dritte große Bibliothek in Rom, die allerdings nicht eifersüchtig gehütet, sondern der gelehrten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist, war die des pontischen Königs Mithradates VI., der von dem Römer Lucull am Schwarzen Meer geschlagen worden war. Lucull, dem eines der größten Privatvermögen der Antike gehörte und der bis in die heutige Zeit zur Symbolfigur für Sinn und Absurdität des Reichtums geworden ist, hat diese Bibliothek auf seinen Sommersitz nach Tusculum gebracht und dort zur Verfügung gestellt. Der nächste Schritt auf diesem Weg war die Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek, die jedermann besuchen und deren Bestände jedermann lesen durfte. wenn es eine breite Schicht von litenur lesen und schreiben können wie jeder Handwerker oder Krämer, sondern die an Dichtung und Philosophie interessiert sind. Eine solche Schicht hat es offenbar schon zu Caesars Zeiten gegeben, denn dieser hatte bereits den Auftrag für die Errichtung einer öffentlichen Bibliothek erteilt seine Ermordung vereitelte zunächst die Durchführung. Alle Bibliotheken in Rom waren zweisprachig, denn es gab noch keine eigene römische Literatur die Kultur war griechisch, und das änderte sich auch kaum, als mit Ennius und Plautus die In der Tat ist dieser Gedanke erst realisierbar, rarisch Gebildeten gibt, die nicht ; klassische Epoche der römischen Literatur anbrach. Zur Schriftsprache ist das Lateinische, soweit man diesen Zeitpunkt fixieren kann, durch einen ehemaligen griechischen Kriegsgefangenen aus Tarent geworden, der 272 v. Chr. nach sche übersetzt richtstexte brauchte. übersetzt Rom gebracht worden ist. und durch Diktat Auch und im Jahre 240 die griechischen v. Er hat den Homer ins Lateini- verbreitet, weil er als Griechischlehrer Unter- Chr. zum Tragödien und Komödien hat er erstenmal aufgeführt. Literatur wurde Mode, die griechische Kultur bot den Maßstab, und so entstanden die ersten bedeutenden Werke; Namen wie Plautus (ca. 254-200 v. Chr.) oder Terenz (ca. 185-159 v. Chr.) haben ihren Klang behalten. In dieser Blütezeit der Literatur entwickelte sich auch der Buchhandel man konnte Bücher ebenso in den öffentlichen Bädern kaufen wie am Hafen oder am Markt. Der Buchhändler war damals ein Unternehmer, der in seiner Schreibstube hinter dem Laden die Werke kopieren ließ, deren Originale er sich hatte erwerben können. Die schnell geschriebenen Kopien steckten in gefärbten Pergamenthüllen und waren auf Stäbe gerollt, deren ; Ende mit Zierknöpfen geschmückt war. An dem Knopf auf der Schauseite hing ein Etikett, der sogenannten Titulus, auf dem der Inhalt der Rolle angegeben war. Draußen an den Säulen des Ladens hingen solche Titel aus wie heute im Kiosk die Zeitschriften. Der Duft in einer solchen Buchhandlung war orientalisch zu nennen, denn die Rollen waren mit Safran und Zedernöl gegen verschiedene Ungezieferarten und Motten präpariert. In den römischen Buchhandlungen wie in den Bibliotheken blieb die griechische Abteilung die weitaus umfangreichste, eine Relation, die sich auch in den archäo- 74
Bronzestatue eines Mannes in römischer Tracht mit Rednergestus. Die Übung im Fach der Rhetorik gehörte zur Standardausbildung des gebildeten Menschen der Antike. Etruskisch. Archäologisches Institut, Florenz in
Kanontafel mit zwei Evangelisten aus dem berühmten Rabula-Kodex, der 586 im byzantinisch-syrischen Kulturkreis verfaßt worden ist. Diese Handschrift gehört zu den frühesten Zeugnissen frühchristlicher Illuminationskunst des Ostens. Biblioteca Laurenziana , Florenz
logischen Funden niederschlägt. Was sich an griechischer Literatur erhalten hat, im Verhältnis 10 1. Niemals hat es in Rom den an lateinischer Literatur zu sammeln und Gesamtbestand den gegeben, Versuch von Nippur und Ninive, von Alexandria Bibliotheken großen und die zu ordnen, gehabt. Caesars Plan war es, mit nie ein Gegenstück in Rom und Pergamon haben Bildung der römischen Bürger Literatur die einem breiten Angebot an lateinischer steht zur lateinischen Literatur : zu heben. Als Bibliotheksdirektor hatte er Vairo vorgesehen, den bedeutendsten römischen Gelehrten. Nach Caesars Tod hat dann ein Freund Caesars namens Asinius Pollio diesen Gedanken aufgegriffen und aus seiner eigenen Kriegsbeute fi- einem offiziellen Gebäude, dem Atrium Libertatis, wo verschiedene Behörden untergebracht waren, richtete er eine griechisch-lateinische Bibliothek ein, deren Räume er neu hat herrichten lassen. In den Sälen standen die Porträtbüsten der berühmtesten Schriftsteller, wobei als einziger lebender Autor Varro (116-27 v. Chr.) mit einer Büste geehrt wurde. Der Gedanke der öffentlichen Bücherei, prinzipiell mit der Demokratie und der Freiheit des Denkens verknüpft, hat über Jahrhunderte weitergewirkt und in der Stadt- und Volksbücherei, vor alnanziert. In lem aber auch in der modern eingerichteten englisch-amerikanischen Library ihre Nachfolger gefunden. Öffentliche Bücherei und bürgerliche Demokratie hängen eng zusammen, wofür die Kulturpolitik Beispiele bietet; wenn ein deutscher Staat kulturelle Repräsentation betreibt, geschieht dies in der Tradition der Fürstenhöfe durch Theatergastspiele; Amerika Goldener Buchdeckel (gestorben um stiftet Bibliotheken. des Evangeliars der Langobardenkönigin Theodelinde 626). Besondere Sorgfalt verwendete Ausschmückung der Einbände zu den man heiligen Schriften. auf die künstlerische Domschatz Monza ,
Im Schulwesen hat Rom keinen originalen Beitrag geleistet, auch hat sich der Schulfragen zunächst nicht gekümmert. Natürlich gab es Elementarschulen, in denen ungebildete Schulmeister den Kindern der Reichen Lesen, Staat um Schreiben und Rechnen beibrachten, aber als unter Marc Aurel der Staat die Lehrer durch Steuervorteile begünstigte, blieben die Lehrer an Elementarschulen aus- Was es in Rom an Bildungseinrichtungen gab, waren Kopien der griechischen Institutionen. So fanden sich Grammatikerschulen, die nach griechischem Vorbild entstanden waren. Griechische Sklaven, also gebildete, in die Sklaverei geratene Männer, richteten in Rom Schulen ein, um ihre Herren in griechischer Literatur zu unterweisen. Erst seit der Zeit des Kaisers Augustus gab es in Rom Grammatikerschulen, die auf den Werken Vergils aufbauten; sie ergänzten die griechischen Schulen, konnten sie aber nie ersetzen. Auch ist die römische Schule niemals wie in Griechenland eine staatliche Einrichtung geworden. Stets blieb sie Privatschule, wenn auch etwa seit der Regierungszeit Diokletians unter stärkerer staatlicher Aufsicht. Man schrieb den Lehrern die Honorarsätze vor, stellte auch wohl selbst seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. einzelne Lehrer ein, doch wurden die Schulen niemals voll subventioniert sie blieben auf die Honorare drücklich ausgeschlossen. ; der Schüler angewiesen. Die geistige Grundlage des gesamten Bildungssystems sind die Sieben Freien Künste, wie sie in Griechenland zuerst als eine Art selbstverständlichen Bildungs- programms entwickelt worden sind. Die Grammatik, d.h. die Beherrschung der Sprache in Wort und Schrift, die Dialektik als Kunst, Rede und Gegenrede logisch aufzubauen, die Rhetorik als die Fähigkeit, Menschen zu überzeugen, sind die ersten drei Künste. Später wird sich nicht die man diese Künste abheben von den folgenden, die mit Worten, sondern mit Dingen befassen. Es sind dies die Arithmetik, Geometrie, die Astronomie und die Musik. In der griechischen Klassik hatten sich diese Fächer waren aber seit noch nicht so scharf gegliedert wie in späteren Jahrhunderten, 4. vorchristlichen Jahrhundert Grundbestandteil der univer- dem salen Bildung. Der römische Gelehrte Varro hat System in die Sache gebracht und diese sieben Künste als frei bezeichnet, um sie von anderen zu unterscheiden, die dem Erwerb dienen, also von handwerklichen Fertigkeiten oder sonstigem Können. Wer als gebildet im Sinne der Zeit gelten wollte, mußte diese Fächer beherrschen. Zum Fachmann konnte sich erst ausbilden, wer diese Universalbildung abgeschlossen hatte. Es gibt aber auch andere Einteilungen, die von anderen Vorstellungen ausgehen und bald vier, bald elf Künste nennen. Erst zur Zeit Senecas hat sich das Schema der Sieben Freien Künste allgemein durchgesetzt. Die einzelnen Künste sollten zwar gleichberechtigt nebeneinander stehen, aber die Rhetorik bekam ein immer stärkeres Gewicht und wurde bald zum Hauptbestandteil des Unterrichts. Dieses Fach, das die verschiedensten späteren Disziplinen bis zur praktischen Psychologie vorwegnahm, existiert noch heute die Universität Tübingen ; z. B. verfügt auf dem Lehrstuhl für Rhetorik über einen bekannten Philologen. Die naturwissenschaftli- chen Fächer wurden im Laufe der Jahrhunderte langsam zugunsten der literarischen Fächer verdrängt, und so zeichnete sich schon hier eine Kluft zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ab, eine Entfremdung, die an den 78
Römische Schulszene: bereits Ein Lehrer unterrichtet zwei Schüler , während auf den Unterricht wartet. Grabrelief aus Neumagen, Ende Landesmuseum, ein dritter 2. Jh. n. Chr. Trier Philosophenschulen der Antike nicht bestanden hatte, sich aber im Laufe der Jahrhunderte immer mehr vertiefen sollte. Mit fortschreitender Vergreisung der griechischen Kultur, die schon um die Zeitwende nur noch aus dritter und vierter Hand lebte, verstärkte sich die Tendenz zum Formalismus, und als das römische Weltreich durch die Invasion der Germanenstämme in die Barbarei zurückfiel, schien es so, als ob auch die Bildungstradition der Antike erlöschen würde. Das frühe Christentum war an der Ausbildung in den freien Künsten zunächst nicht interessiert, seine ganze Energie richtete sich anfangs auf das Ziel, beim Jüngsten Gericht das Heil der Seele zu erlangen, nicht darauf, in irgendwelchen Künsten zu glänzen. Rettung der Gelehrsamkeit Ob an den Vorwürfen gegen den höchsten Staatsbeamten am Hof des Königs ist, ob er wirklich mit irgendwelchen Gegnern des Germanenkönigs zugunsten der rechtmäßigen Kaiser in Byzanz intrigiert hat, wird man nicht mehr klären können. Mit solchen Vorwürfen war man damals schnell bei der Hand; durch den Hinweis, dies sei ein Freund von Byzanz, konnte man jeden diffamieren, und so ist denkbar, daß Boethius, ein hochgebildeter, griechisch orientierter Mann, persönlichen Intrigen zum Opfer gefallen ist. Im Jahre 525 wurde er festgenommen, ins Gefängnis geworfen, als Hochverräter gefoltert und Theoderich etwas gewesen 79
f&t* Drei Philosophen disputieren miteinander. Das wissenschaftliche Leben spielte sich im Mittelalter hauptsächlich in den Klöstern ab. Dort gab es die nötige Literatur angefangen mit den Werken der Antike die für eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ideen die Grundlage bildeten. Miniatur aus der Enzyklopädie des Hrabanus Maurus, 1028. Abtei von Montecassino , , König Theoderich, der König der Ostgoten, aus der Sage dem Heerführer der germanischen Wandalen, um die Herrschaft in Italien gekämpft. In die Heldensage ist die 489 geführte Schlacht bei Verona eingegangen. Theoderich hatte mit Odoaker einen Vertrag geschlossen, ihn aber dann ermorden lassen und auf diese Weise das Ostgotenreich in Italien begründet. Byzanz, zu dessen Imperium Italien gehört hatte, bevor Odoaker es ihm entriß, mußte 497 die politischen Realitäten anerkennen, die König Theoderich geschaffen hatte. Für die Römer selbst verkörperte er die Idee des Imperiums, für die Germanen das angestammte Königtum. Die kulturelle Substanz dieses Reiches wurde durch den Umstand bestimmt, daß der junge Adlige Boethius sich mit Nachdruck für die Vermittlung des griechischen Geistesschließlich hingerichtet. als Dietrich von Bern bekannt, hatte mit Odoaker, gutes einsetzte. 80
Dieser Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius, etwa 480 geboren, alten Geschlecht der Anicier und ist viele Jahre »magister offi- stammte aus dem ciarum« gewesen, eine Art Chef der Verwaltung. Er hat als theologischer Denker die geistigen Grundlagen für das frühmittelalterliche Christentum gelegt und sich als Christ mit seiner Schrift »Tröstung der Philosophie« zu stoischen und neuplatonischen Gedankengängen bekannt. Um seine Aufgabe zu lösen, übersetzte und kommentierte er selbst die Schriften des Aristoteles und des Platon. Die Fächer Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie, vor allem auf der Basis des aristotelischen Wissens, sah er als einen »vierfachen Weg« zur höheren Philosophie an. Initiale H mit pflanzlichem Rankenwerk und der figürlichen Darstellung Ahels durch die Hand vom Tod seines Bruders Kain. Die mittelalterlichen Illumina- toren legten besonderen Wert auf die Ausschmückung der Anfangsbuchstaben als akzentsetzender Auftakt für die Schriftseite. Blatt aus der Winchesterbibel, 1150-1160. Cathedral Library, Winchester Pi U L n CI Ti I MW vnxcLv; ui R 6X0 1 IS i ) i cjimngrdTt funr inegypram cutacob -Tmguli ul do mib: traf imroiuune -Tbubui fymcdn -teuf- iud&* • itft lnPlY'. 1 An (VhentAmm ‘ . a: *?%•.
Die Arithmetik des Boethius dargestellt. Boethius und galt durch seine ist hier in einer geometrischen Konstruktion (um 480-524) war Kanzler am Hof Theoderichs des Großen Übersetzungen von Platon und Aristoteles als der bedeutendste Vermittler antiker Tradition. Kopie eines spätantiken Lehrbuchs 2. Viertel 9. Jh. Staatsbibliothek , , Bamberg Der Begriff Quadrivium, der diese vier Disziplinen zusammenfaßt, stammt von ihm. Aus den Schriften des Platon und Aristoteles nahm er die Fächer Logik, Physik und Ethik, aus denen später das sogenannte Trivium erwuchs. In den Bürgerschulen des 16. Jahrhunderts ist es, abwertend gebraucht, zur »Trivialität« ver- kommen. Es gab noch einen anderen jungen Adligen aus dem Kreis um König Theoderich, der versucht hat, das Erbe der Antike an die jungen, barbarischen Staaten zu vermitteln. Es war 507 eine Laudatio auf König nach der Ermordung des Gegners zum dies Cassiodor (ca. 490-580), der Theoderich gehalten hatte, als dieser sich 82
Herren von Italien machte. Diese Rede brachte dem 18jährigen jungen Mann eine Quästur ein; seine Aufgabe war es von nun an, die königlichen Gesetze und sonstigen königlichen Willensäußerungen in eine ansprechende Form zu bringen. Offenbar war er geschickt und schlau, denn er hielt sich in seiner Position, wurde nach der Absetzung des Boethius dessen Nachfolger und unter der Gotenkönigin Amalasuntha im Jahre 533 zum Kanzler ernannt. Cassiodor entstammte einer aus Syrien eingewanderten, schon lange in Italien ansässigen Familie. Ein Urgroßvater kämpfte auf Sizilien gegen die Wandalen, der Großvater ist mit dem weströmischen Feldherrn Aetius befreundet gewesen, der 451 den Hunnenkönig Attila in der Schlacht auf den katalaunischen Feldern besiegt hat, und sein Vater war einer der höchsten Beamten des Wandalenkönigs Odoaker - diese Familiengeschichten erklären vielleicht die große Anpassungsfähigkeit des Cassiodor. zusammen mit Papst Agapet (535-536) eine Art Bildungsreform ververfügte aber weder über Lehrer noch über Bibliotheken oder genügend sucht, Er hat klassische Texte. Als er schließlich aus Altersgründen aus dem Staatsdienst aus- und gründete dort das Kloster Vivarium, wo er westlateinisches und oströmisches Gedankengut miteinander zu verschmelzen suchte. Schon der heilige Augustinus, der mit 33 Jahren von Ambrosius im Jahre 387 zum Christentum bekehrt worden war, hatte eine auf das Studium weltlicher Autoren gegründete Wissenschaft gefordert. Auch der schied, zog er sich auf seine Ländereien in Kalabrien zurück fast zwei Jahrhunderte später wirkende Cassiodor aber er ergänzte sie mit dem stellte sich dieser Forderung, Bestreben, textkritische Arbeit zu leisten. Cassiodor gehört zu der Gruppe der sogenannten lateinischen Enzyklopädisten, die mit Plinius dem Älteren beginnt. Dessen Naturgeschichte war noch bis ins 18. Jahrhundert Lehrstoffan Schulen. Das Quellenverzeichnis des Plinius nennt 146 römische und 327 griechische Autoren, aus denen die ca. 20000 Einzelergebnisse stammen, die Plinius mitteilt. Bekanntlich ist er, als er Freunden helfen wollte, beim Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 gestorben. In seiner berühmten »Historia Naturalis« hatte er in 37 Büchern das Wissen der Zeit in Erdkunde und Botanik, Zoologie und Medizin sowie die Geschichte der Kunst zusammengefaßt, ein unersättlicher Sammler, weniger von wissenschaftlicher Neugier als von naivem Wissensdurst getrieben, der die Fakten nahm, wo er sie fand, ohne sie kritisch zu analysieren. Ein Mann wie Cassiodor ging da mit seiner textkritischen Arbeit einen Schritt weiter. In der Tradition dieser lateinischen Enzyklopädisten steht auch der westgotische Bischof Isidor von Sevilla (560-636), dessen Werke wie die und Cassiodor zum Bildungsgut des Mittelalters gehörten. In seiner »Etymologiae«, auch »Origines« genannt, wie immer man diese Titel heute über- des Plinius setzen mag, schrieb er eine Enzyklopädie des gesamten damaligen Wissens. Man kann sich die kulturellen genug Verhältnisse im frühen Mittelalter nicht dürftig auch in England und Frankreich, gab außerhalb der Klöster keine Gelehrsamkeit, von Bildung im weiteren Sinne ganz zu schweigen, und nur im ehemals byzantinischen Reich lagen die Verhältnisse vorstellen. In Deutschland z.B., aber es etwas anders. Hier hatten sich die alten, antiken Rhetorenschulen erhalten, es gab die Tradition der Grammatiker, und selbst in den Rechtswissenschaften scheint es alten römischen Rechtsüberlieferung gegeben zu haben. Zusammenhänge mit der 83
Diese Bildseite aus dem Goslarer Evangeliar sogenannte Eingangsseite für Manuskriptillumination des Mittelalters. Dargestellt ist der Evangelist Johannes im linken oberen Feld daneben Christus und die Samariterin und darunter die das Johannes-Evangelium , ist , die ein glänzendes Beispiel für die , Kreuzigung. Um 1240. Stadtarchiv Goslar , Der Kardinal Nikolaus von Rouen beim Studium der Bücher. Wandmalerei Tommaso da Modena im bischöflichen Seminar von Treviso, Mitte 14. des Jh.

Aber schon in Gallien waren die Rhetorenschulen aus der römischen Zeit unter den Merowingern vollständig verfallen. Es war viel, daß überhaupt in den Klöstern eine gewisse Gelehrsamkeit aufgrund antiker Texte gepflegt wurde, und so gibt es Verbindungen zwischen dem Bildungsgut der Enzyklopädisten und den Arbeiten des Engländers Beda Venerabilis (675-735), des Alkuin von York (735-804) und des Deutschen Hrabanus Maurus (776-856), die das antike Wissen aufgenommen und weitergetragen haben. In den irischen Klöstern Clonard, Bangor und Jona wurden das Trivium und die Anfangsgründe des Quadrivium gelehrt, und genau diese Einteilung ist auch für die sogenannte karolingische Renaissance unter Führung des Alkuin von York verbindlich. Dessen Schüler Hrabanus Maurus trägt einen Hauch dieser griechisch-römischen Bildung in die Wildnis ins Kloster zu Fulda. Man weiß über die Verhältnisse in dieser Zeit nicht viel. Wenige Jahrhunderte zuvor hatten die Germanen ja erst den Übergang von einem »Naturvolk« zu einem Volk mit schriftlicher Kultur vollzogen, wobei man sich diesen Wandel nicht langsam und mühsam genug vorstellen kann. Zwar gab es wie bei allen Naturvölkern Mythen und Überlieferungen über die Ahnen, aber keine schriftlichen Quellen, und schon die Lieder der älteren Edda sind von christlichen und antiken Vorstellungen stark beeinflußt. Auch die Berührung der Germannen mit der römischen Kultur entlang des Limes, der römischen »Großen Mauer«, hat nur im Bereich des Handels und Handwerks nachgewirkt. Zu einem Volk mit Schriftkultur wurden die Germanen erst, als ein Fremder, ein Christ aus Kappadokien, der heutigen östlichen Türkei, die Bibel ins Gotische übersetzte. Seine Familie war 267 von den Goten verschleppt worden, er selbst ist Missionar bei den Westgoten gewesen und wurde 341 Bischof dieser Völker. Er hat 7 Jahre lang die Goten missioniert, dann bei anderen Gotenstämmen gelebt, die auf dem Balkan angesiedelt waren. Kir- Begründer des arianisch-germanischen Christentums bekannt. Um seinen Gemeinden die Bibel bringen zu können, mußte er sich selbst erst ein Alphabet herstellen, denn die Germanen hatten keine Schrift. Es ist die chengeschichtlich ist Runenschrift, die man er als aus dem Codex argenteus kennt. Diese in Oberitalien ge- schriebene Aufzeichnung der Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas (gotisch: Wölfehen) aus dem 6. Jahrhundert befindet sich heute in der Universitätsbiblio- thek zu Uppsala. Lesen und schreiben konnten in jener Epoche nur Geistliche, und man weiß, daß noch Karl der Große darum gemüht hat, selbst das Schreiben zu lernen. Männer wie Alkuin und Hrabanus, die das fränkische Reich an die griechisch-römische sich Tradition anschlossen, wirkten nur auf wenige gelehrte am Hof »Haus der Weisheit« gegründet wurde, das eine auch auf den Adel, der sich das Observatorium umfaßte, krit wissenschaftliche als Mönche ein, allenfalls orientierte. Zur gleichen Zeit, als in Bagdad man dort aus dem Werke übersetzte und man im Abendland riesige Bibliothek und ein Griechischen, Syrischen und Sans- sogar eine Übersetzerakademie grün- größten Schwierigkeiten, die Proportionen des Euklid zu verstehen, wie Boethius sie überliefert hatte, und wußte mit Begriffen wie »spitzer Winkel« oder »Quadratfuß« nichts anzufangen, wie man aus einem dete, hatte die späteren Briefwechsel zwischen Schulleitern aus 86 dem 11. Jahrhundert weiß.
Der Evangelist Matthäus als Schreiber. deren Wurzeln in der Antike liegen , Die mittelalterliche Buchillustration nimmt in den irischen Klöstern ihren frühen Zentren einer Kunst die sich auf die kostbare Ausschmückung der heiligen Texte spezialisiert hatte. Zunächst begnügte Ausgang. Dort entstanden man sich die , mit der ornamentalen Gestaltung der Anfangsbuchstaben und Rand- leisten, bald folgen figürliche Darstellungen und pflanzliches Rankenwerk und schließlich die anschauliche Illustration der Textstellen durch bildliche Szenen. Einzelblatt aus einer irischen Handschrift, Ende 8. ]h. Stiftsbibliothek, Sankt Gallen

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Im und 7. Jahrhundert war im fränkischen Reich die Bildung fast schon erlound das Lateinische spottete aller Regeln es war etwa so seltsam verstümmelt wie das Pidgin-English und hatte als »Merowinger-Latein« einen schlimmen Ruf. Einige Heiligenlegenden und einige dürftige Chroniken stellen die gesamte literarische Produktion dar, und wenn die letzten Merowinger wenigstens noch ihren Namen hatten schreiben können, so war inzwischen auch dies vergessen. Die Christianisierung wurde bekanntlich von irischen und englischen Mönchen geleistet. Regensburg, Freising, Würzburg, St. Gallen, die Reichenau und Fulda sind 6. schen, ; die ersten Klöster, die ersten Zentren der Kultur. Aber erst als Alkuin (ca. 753-804) die Hofschule unter Karl dem Großen gründete und später die Klosterschule St. Martin in Tours ins Leben rief, war die Basis für eine höhere Bildung gelegt. Bezeichnend ist, daß sich am Hofe Karls des Großen die Gelehrten zu regelmäßigen Sitzungen zusammenfanden und unter alten Namen miteinander diskutierten. So hieß Karl hier David, Alkuin nannte sich Flaccus, d.h. Horaz, Angilbert sprach als Homer und Einhard, der Architekt und Biograph des Kaisers, bezeichnete sich schen Stiftshütte. Um als Beseleel solche Leitbilder zu setzen, dem Erbauer der israelimußte man in einer geistigen nach noch so verwaschen und verwässert sein. Man war gebildet mit dem einzig möglichen Bezug zum griechisch-römischen Denken. Zur selben Zeit, in welcher der Tadschike Ibn Sina, in griechisch-syrischer Tradition wurzelnd, im Islam zu einem der größten Lehrer der Medizin heranwuchs, mühten sich die Benediktiner um die Abschriften der alten Codices. Dies war, wenn auch noch keine Gelehrsamkeit, so doch ein Gott wohlgefälliges Werk. Nach dem Tode Karls des Großen war nämlich das Interesse an der Gelehrsamkeit wieder erloschen, und selbst Minnesänger wie Wolfram von Eschenbach (1170 bis ca. 1220) oder Ulrich von Liechtenstein (ca. 1200-1275) konnten nach eigenem Zeugnis nicht lesen: »Zwaz an den buochen stet geschoben, Tradition stehen, Christ, aber Des bin mag sie man war auch ich künstelos beliben.« Scholarentum Noch im 18. Jahrhundert gab es in der Klosterschule St. Gallen drei schulfreie Tage Jahre 911 am »Tage Dezember, eine Prozession der Klosterschüler vorgeführt worden war. Mit einem selbstgewählten Abt an der Spitze schritten sie wie die Großen in einer Prozession einher. Der König ließ Äpfel auf den Boden zur Erinnerung an den Besuch des Königs Konrad der unschuldigen Kindlein«, dem I., dem im 28. (vorhergehende Doppelseite Ein Kolleg des Henricus Allemagna. Hoch erhoben über seinen Studenten thront der Vortragende Meister während nicht alle mit der gleichen Aufmerksamkeit den Ausführungen zu folgen vermögen. Man unterhält sich oder ist sogar eingenickt, eine Situation die man auch aus heutigen Vorlesungssälen kennt. Miniatur , , aus dem »Liber ethicorum« des Laurencius de Voltolina, zweite Hälfte 14. Jh. Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz , Kupferstichkabinett Berlin ,
Zentren mittelalterlicher Schulbildung waren die Klöster. Hier unterrichtet ein Mönch einige Schüler. Holzschnitt von 1491. Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv werfen, aber keines der Kinder, auch nicht das allerkleinste, rührte sie an, was als Zeichen frommer Selbstbeherrschung verstanden wurde. Nachher mußten die Kinder der Reihe nach etwas vorlesen. Der König war sehr freundlich zu ihnen, sie auf, wenn sie vom Pult stiegen, und steckte jedem eine Goldmünze in den hob Mund. Einer der Kleinsten aber spie das Geldstück aus und fing kräftig an zu brülDer König wandte sich befriedigt an seine Begleiter: »Der wird, wenn er das Leben behält, einmal ein guter Mönch werden.« Diese Dressuren, diese Denkweisen, in denen formelhafte Gesten als Ausdruck einer Haltung genommen wurden, ist für das frühe Mittelalter typisch. Der Kleine, meinte der König, verabscheue Gold, den »schnöden Mammon«. Aus dieser Geschichte geht auch hervor, daß die jüngsten Klosterschüler noch recht klein gewesen sein müssen. Den Rahmen für die höhere Erziehung bot das Gedankengebäude der Scholastiker. Mit Scholastik (lateinisch scholasticus: zur Schule gehörig) wird seit dem 18. Jahrhundert die christliche Theologie und Philosophie des Mittelalters bezeichnet. len. Man keit schult die Logik an antiken Autoren, verknüpft philosophische Spitzfindigmit metaphysischen Spekulationen, hält sich an die Bibel und führt die Dis- kussion über Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Richtungen, wobei sich der 91
I Cvcmnmtn&U träUtic m Muk U>mU*#ucfce axa I MtXGixnnflaic bu tabu ctt I ßtttwH0put C&€avt~ttuxttft tw A^bcniUc^C (ac&nfvtn I \ | 1 Ä||f l commc tiefinotwte IWrai’fi&Hiy oup:cttncr jjlaaötß bc trcffxuilt-ctr tivfpmffant fcuxncwt Vtcm (ct#i vcuv Üfeftt&d:/ J&iuferi >uVbp «) fimvWj ( Huxhu fouucmm bt&i ouj) umJt dv%* itttc biMt Mittelalterliche Kopierwerkstätte. Ein Schreiber ist Band abzuschreiben. Miniatur aus Cod. 2572, Österreichische Nationalbibliothek Wien Fo/. ir, nrn einen gerade dabei , 1480/90. Eine Schule in der Renaissance. In diesen Lateinschulen lernte man neben dem Lesen und Schreiben lateinischer Texte auch die Grundanfänge des Rechnens. Die Bezahlung der Lehrer war miserabel, so daß diese vielfach lustlos ihrer Aufgabe nachkamen. Blatt aus dem Kodex 2i6y C 130, 15. ]h. Biblioteca Trivulziana, Mailand

Magnus gegen den älteren Augustinismus durchsetzt. Schließlich gehen aus der Scholastik über die sogenannten Nominalisten auch die ersten naturwissenschaftlichen Versuche z. B. mit physikalischen Erscheinungen hervor. Weil die Klosterschulen Elementarschulen waren, andere Bildungsmöglichkeiten im Mittelalter aber nicht existierten, boten die Universitäten nicht nur hohe Wissenschaften, sondern auch die Anfangsgründe in Latein oder Physik, Mathematik oder Rhetorik. Das Alter der Scholaren lag noch weit bis in die Renaissance entsprechend niedrig. In Heidelberg war die Immatrikulationsgrenze im Jahre 1453 auf 14 Jahre herabgesetzt, aber Männer wie Johann Eck und Philipp Melanchthon überzeugten durch ihre Gelehrsamkeit und wurden mit 12 Jahren eingeschrieben. Eck hatte mit 14 Jahren seinen Magister Artium, Melanchthon erlangte mit 15 Jahren das Baccalariat und mit knapp 17 Jahren das Magisterium. Neben diesen jungen Leuten studierten auch ältere, die den Absprung nicht mehr fanden, oder auch reife Männer, die in vorgerückten Jahren ihre Kenntnisse abrunden und um ihren Aufstieg kämpfen wollten. Daß alle Disputationen, alle Arbeiten auf Lateinisch abgefaßt wurden, war selbstverständlich. Die Sprache, die durch Cicero aus einer provinziellen, vielfältig zusammengesetzten Dialektmischung ihren Charakter als klassische Hochsprache bekommen hatte, war auch nach dem Zerfall des römischen Imperiums das einzige internationale Verständigungsmittel gewesen. Die Kirche sprach lateinisch wie heute noch der Katholizismus, also war Latein die Weltsprache. Nun verstand aber jedermann in den letzten Jahrhunderten vor dem Zusammenbruch des Imperiums auch das Griechische, etwa wie man im 18. Jahrhundert auf der Opernbühne italienisch sprach. So nahm das Latein griechische Formen auf, und später verkam es so weit, daß selbst ein Mann wie der heilige Augustin ein höchst fragwürdiges Mönchslatein sprach, ein verwaschenes, von Lehnwörtern geblähtes Idiom, das mit der zuchtvollen Prosa eines Cicero nur noch wenig gemein hatte. Immer wieder wettern deshalb Männer gegen diese Sprachverhunzung, verweisen auf klassische Vorbilder. So erneuert Alkuin, Bischof von York, die Lateinstudien, und gegen den Verfall als Kultursprache wandte sich auch Anselm von Canterbury (1033-1109), der »Vater der Scholastik und Mystik«. Es kann nicht leicht gewesen progressive Aristotelismus eines Albertus sein, diesen friesischen und britischen, schwäbischen und sächsischen, dänischen und böhmischen jungen Leuten eine Sprache aufzuzwingen, die sie nur mühsam radebrechten. Meist war in den Bursen, von denen noch zu reden sein wird, ein sogenannter Lupus bestellt, der jedes deutsche Wort zur Anzeige bringen mußte. Wer gegen die Statuten verstieß und nicht Latein sprach, wurde mit Entzug der Kost, Geldstrafen, Karzer und Ausschluß von der Universität bestraft. Es gab in der Universität zahlreiche Statuten, von denen sich übrigens viele mit der schicklichen Kleidung, mit dem Tragen von Waffen und ähnlichen Fragen beschäftigten. In Leipzig wurde z. B. im Jahre 1458 bei Strafe von einem halben Gulden verboten, Schnabelschuhe mit auffallend kurzem Rock, einen seitlich offenen Mantel und einen sogenannten gegitterten, d.h. durchbrochenen Kragen zu tra- Man wollte damals schon den Scholaren an der Kleidung vom Schneiderknecht unterscheiden - Herrschaftsfragen, ausgedrückt in der Mode. gen. 94
Man ging damals an die Universität, weil man im Klerus Karriere machen oder wenigstens eine Aufgabe finden wollte. Die Masse der Studierenden kam schon seit dem 15. Jahrhundert aus den ärmeren Schichten ;^o waren die Bauern- und Bergmannssöhne Luther und Eck ihrer Unterhalt fanden solche jungen Leute Herkunft nach typisch für ihre als färnuli (lateinisch Zeit. Ihren famulus: Schüler), Faktotum eines Magisters oder Doktors. Das Rückgrat der Erziehung an den Universitäten in Deutschland waren die Bursen, man würde sie heute Internate nennen. Hier wurde die Masse der ärmeren Scholaren untergebracht, beköstigt und in Zucht gehalten. Um 5 Uhr wurde geweckt, die Studenten verrichteten allerlei Dienste, z. B. Stubenreinigen, Treppenkehren usw., wie heute die Soldaten in der Kaserne, um 9 Uhr gab es das »prandium«, um 5 Uhr die Hauptmahlzeit, bei Dunkelheit wurde das Haus versperrt. Das Leben war karg dort. »Da die Weisheit in den Häusern derer, die Wohlleben, sich nicht findet, so müssen feine Mahlzeiten, Leckereien wie böse Sirenen von d.h. als Assistenten, Hausdiener, unserem Hause weit weg bleiben«, heißt es in einer Freiburger Burse. Diese Bursen wurden von Spenden unterhalten, waren aber auch von Bürgern eingerichtet, den Scholar ausnützten wie einen Gastarbeiter. Es wird berichtet, daß in den bis zu zwölf Mann auf engem Raum lebten, der unbeheizbar war, wie überhaupt in der Burse allenfalls die Gemeinschaftsräume geheizt die Armenbursen manchmal waren. Immerhin waren Bursen aus mancherlei Gründen noch besser als Privat- 15. Jahrhundert Bestimmungen erlassen wurden, der Student müsse in den offiziell zugelassenen Bursen wohnen. Adlige und reiche Kleriker quartiere, so daß im brauchten dies selbstverständlich nicht. Die Bursen sind schließlich, weil dort auch gearbeitet und lateinisch disputiert wurde, regelrechte Lehranstalten geworden, deren enges Verhältnis zur Universität sich gelegentlich lockerte. In Köln sind z. B. Gymnasien hervorgegangen. Der Kontakt zwischen Magister und Scholar war eng. Stets war der aufgeputzte Magister von einem Schwarm seiner Schüler umgeben, ob er nun ins Badhaus oder zum Kollegium ging, und er selbst war häufig in der Burse, um zu disputieren. Das Kollegium, ein klosterähnliches Gebäude mit einigen Lehrsälen, nahm die Lehrkräfte auf. Auch hier war das Leben streng, die Moral locker und die Kost einaus den mittelalterlichen Bursen tönig, so daß jedermann nach Gelegenheiten suchte, sich außerhalb des Kollegi- ums auf gut deutsch vollzufressen. Die berühmten aristotelischen Doktorschmäuse wurden so zu wahren Freßorgien und zum Anlaß des Unmutes. Leicht war das Universitätsleben dieser Tage gewiß nicht, eher roh, bunt, terworfen und vom Leistungszwang geprägt: Wer mancher Willkür un- nach oben wollte, mußte viel schlucken können. In der Zeit vor der Gründung der Universitäten gehörten die sogenannten clerici vagi oder vagi scholares, zu deutsch die fahrenden Scholaren oder Vaganten, alltäglichen Bild der Landstraße. Man wüßte wenig über sie, hätten zum sie sich nicht Vagantenpoesie selbst Ausdruck verschafft; manches ist in Kommerslieder studentischen Kneipentums eingegangen, auch Francois Villon gehört in diesen Bereich. Diese oft übermütigen und gewitzten Kerle, die sich selbst beim Bischof zu Gast luden und die keiner gerne abwies, obwohl sie jedermann unbehaglich waren, stahlen und bettelten sich durch die Lande, vertrieben sich die in ihrer lateinischen die 95

Zeit mit Würfel- und Kartenspiel und wurden Landstraße. Oft gab sich aus, und im ganzen 13. allerlei schließlich zum Schrecken der arbeitsscheues Gesindel als fahrende Scholaren Jahrhundert versuchte man, mit Edikten und Strafen der Sache Herr zu werden. Im 14. und 15. Jahrhundert ist es dann still um die fahrenden Scholaren geworden wahrscheinlich sind sie im großen Völkersterben um die Mitte des 14. Jahrhunderts von der Pest ausgelöscht worden. ; Vorgänger des Dr. Faust macht Gretchen befangen, wirkt aber außerordentlich belebend auf die mit allen Wassern gewaschene Marthe Schwerdtlein. Tatsächlich reicht die ungemein moderne Hochschätzung des Akademikers, nicht als eines fachlich kompetenten Wissenschaftlers, sondern als des »besseren Herrn«, bis ins 12. Jahrhundert zurück. In den Jahrhunderten zuvor konnte sich jeder, der irgendwo eine Schule aufgemacht hatte, »doctor« oder auch »magister« nennen. Ob ihm die Möglichkeit eingeräumt wurde zu lehren, hing ausschließlich vom Grundherrn ab wenn der sein Einverständnis erteilt hatte, gab es keine weiteren Instanzen mehr. Nur wenn sich jemand an einer Domschule als Daß der stattliche Herr Heinrich Faust ein Doktor ist, ; Lehrer niederlassen wollte, mußte der die Erlaubnis des zuständigen Kanonikers einholen. Die Kirche machte hier keine Schwierigkeiten, es sei denn, der Mann wäre offensichtlich ungebildet oder von fragwürdigem Lebenswandel gewesen. Papst Gregor IX. unterstreicht in seinen Dekreten ausdrücklich, daß man einem Mann, der als Lehrer auftreten wolle, keine Schwierigkeiten machen derte sich, als die ersten Universitäten entstanden, die und Lernens hervorgegangen ja solle. Das än- aus einer freieren An Form den regionalen Klosterschulen hatte man nur begrenzte Studien treiben können, das »Studium particulare«. Im Laufe der Zeit zogen berühmte Lehrer in Paris und Bologna Scholaren aus aller Herren Länder an, die sich zunächst landsmannschaftlich organisierten. Sie betrieben ein übergreifendes Studium, das »Studium generale« - wobei dies selbstverständlich die alten freien Künste umfaßte und die Schriften der Alten zum Gegenstand hatte. Um Männer wie Abaelard oder Wilhelm von Champeaux sammelten sich Scholarenhaufen wie in unserer Zeit um einen Adorno oder Bloch, und es gab in Frankreich eine ganze Reihe solcher Vorformen der Universität, und zwar in Laon, Reims, Tours, Orleans und Chartres. Zusammenschlüsse, universitates genannt, gab es damals auch noch für bestimmte Bürger, für Meister einer Zunft, des Lehrens sind. sogar im Bauernstand. In China gab es eine große Schriftkultur. Ursprünglich existierten etwa 80000 sowohl in senk- Schriftzeichen, die von links nach rechts geschrieben werden, rechten Reihen wie auch in waagerechten Zeilen. Die Kompliziertheit dieser Bilder-Schrift liegt in der Mehrdeutigkeit ihrer Zeichen. Hier vom ist der Großkönig T'ai-Berg abgebildet in seiner Funktion als siebenter Höllenrichter. Farben und Tusche auf Seide, Museum 13. ]h. Staatliche für Ostasiatische Kunst, Berlin Museen Preußischer Kulturbesitz,
Die Lehrenden und die Lernenden organisierten sich nun aber genossenschaftder Weise, daß der »universitas scholarium«, der Gemeinschaft der Schüler, lich in eine »universitas magistrorum« gegenüberstand. Der Begriff Universitas meinte also auch hier ein Kollektiv mit gleichen Interessen. Gelegentlich wurde das Kolauch »Studium generale« oder auch »academia« genannt, auf deutsch sagte lektiv man Freischule oder Hohe Schule. In Paris, wo man vor allem Theologie und Phi- losophie studierte, gab es die Körperschaft »magistrum et scholarum«, in der den Magistern der meiste Einfluß gesichert war. In Bologna, damals eine Stadt der Jurisprudenz, regierte die »universitas scholarium«, die auch den studentischen Rektor stellte. Ihm mußten Die Promotion und die Doctores zum Doktor hat im den Gehorsamseid schwören. 12. Jahrhundert formelle zu einem feierlichen Ritual ausgebaut worden, wie Züge angenommen man es heute bei der Verleihung von Ehrendoktorwürden gelegentlich noch zu Gesicht bekommt; die feierlichen Talare und Barette mit ihrer theatralischen Würde lassen aber den Einist Zeremonie schon vor Jahrhunderten nicht mehr als eine leere Geste gewesen. Im Mittelalter mit seinem starken Bedürfnis nach sinnhafter Handlung und bedeutsamer Geste war die Ernennung eines Doktors aber ein höchst feierlicher Vorgang. Die Voraussetzungen, etwa im Bologna des ausgehenden 12. Jahrhunderts, wurden zwischen den Interessengruppen ausgehandelt. Wer von den scholares discentes, den lernenden Schülern, in die Klasse der scholares docentes, der Dozenten, aufrücken wollte, mußte einige Jahre Jura studiert und unter Aufsicht eines Magisters sein Wissen in einem Vortrag und einer Disputation nachgewiesen haben. Entscheidend wurde in den folgenden Jahrzehnten, daß bei einem geregelten Lehrbetrieb die »licentia docendi«, die Lehrerlaubnis, nicht mit der bisherigen Freizügigkeit erteilt werden konnte. Es waren entweder Doktorenkollegien, also beauftragte Gremien der Stadtverwaltung, oder bei den Universitäten Frankreichs und Englands die der Kirche verpflichteten Kanzler der Universität, welche die akademischen Grade verliehen. Die Frage der Promotion, mit der ja handfeste gesellschaftliche Vorteile verbunden waren, wurde in den jungen Universitäten zur Machtfrage, und niemanden konnte es gleichgültig lassen, wer wen unter welchen Umständen zum Magister oder Doktor ernennen konnte. Andererseits war es geradezu ein Charakteristikum für die Selbständigkeit einer Fakultät, wenn sie besondere Grade der Promotion verleihen konnte (Bengeser). Im Jahre 1119 ist die Universität von Bologna gegründet worden, etwa um dieselbe Zeit die Universität von Paris. Es folgten in Deutschland die Universität zu Prag im Jahre 1348, später Heidelberg, Erfurt, Köln, Würzburg, Leipzig und druck entstehen, als sei diese Rostock. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzt in Deutschland eine neue Gründungswelle ein. Diese Institutionen waren vom Papst mit einer Urkunde und dem »Studium privilegium« versehen, ein formaler Akt von seiten der Kirche, der doch in Deutschland über die wahren Gründer und Träger der Universitäten nichts besagte. Seit 1456 wurde es dann üblich, den deutschen Universitäten auch kaiserliche Stiftungsbriefe zu erteilen. Das Bild der mittelalterlichen Universitäten in Europa ist nicht einheitlich. Da gibt es die sogenannten Stadtuniversitäten wie etwa Bologna. Sie sind höchst exklusiv, verweigern ausländischen Lehrern meist den Zugang, verleihen nur die 98
Doktorwürde und dies meist durch ein Doktorkollegium, das aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, also auch aus Zünften und Gilden, besetzt ist. Anders liegen die Dinge bei der Kanzleruniversität. Hier gibt es die verschiedensten Titel, etwa den Baccalarus, heute Baccalaureus (mönchslateinisch: den Stab tragend). Im Jahrhundert unterwarf man die Kandidaten der Artistenfakultät für das Baccalariat einer Prüfung, die zur Abhaltung öffentlicher Disputationen berechtigte 13. Ein Universitätslehrer hält vor seinen Studenten eine Vorlesung. Holzschnitt aus dem ]ahr 1502. Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv
Zwei Gelehrte in disputieren Begleitung ihrer Schüler. Holzschnitt, Straßburg 1512. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv und Voraussetzung zum Erwerb weiterer Grade war. Baccalarus nannte man im Mittelalter ursprünglich den ländlichen Hintersassen oder auch den Knappen des Ritters, später ging der Begriff ganz in dem akademischen Grad auf. In Frankreich, England und den USA wird er bekanntlich heute noch verliehen. Zwischen der obersten Schicht, die aus Magistern und Doktoren bestand, und der Gruppe der Baccalaren bildete sich in Paris die Gruppe der Lizentiaten. Ein Lizentiat hatte vom Kanzler nach der Prüfung die Lizenz zu lehren erhalten, war aber erst wirklich Magister, wenn er sein Lehramt angetreten hatte und seine feierliche Aufnahme in die Korporation der Universität erfolgt war, ähnlich wie es heute Dozenturen, außerordentliche Professuren und Inhaber von Lehrstühlen gibt. Nur China hat ein von der Kirche unabhängiges und stem gekannt, das differenziertes Bildungssy- den Traditionen des chinesischen Feudalstaates erstarrte und nicht die Flexibilität besaß, immer neue Fakultäten und schließlich die gesamte Naturwissenschaft zu integrieren, wie dies seit der Renaissance in Europa geschah. Daß man an den mittelalterlichen Universitäten so eifersüchtig über gefreilich in wisse Privilegien wachte, hatte seinen Grund. Die Universitäten besaßen eine weder vom Grundherrn noch von den Städten anfechtbare eigene Gerichtsbarkeit, und wer zur Universität gehörte, genoß auch hinsichtlich der Zölle, Steuern, Strafen usw. bestimmte Privilegien. Das Ausmaß der Privilegien wiederum bestimmte Mannes wie heute sein Bankkonto. Ähnlich wie heute hatte jemand, der sein Doktorexamen bestand, nicht nur einen bestimmten Umfang seines Wissens nachgewiesen, sondern er hatte gesell- die Position eines 100
oben getan, in der streng hierarchisch gegliederten Welt des Mittelalters eine bedeutsame Leistung. Wer im Mittelalter den Doktor gemacht hatte, war gesellschaftlich jemandem gleichgestellt, der den persönlichen Adel erhalten hatte. Man räumte ihm bei Festlichkeiten und Prozessionen Ehrenplätze ein, berücksichtigte sein Ansehen bei der Kleiderordnung und gewährte ihm noch eine ganze Reihe anderer Vorrechte. Diese Privilegien wurden schon bald nach der Einführung der feierlichen Promotion eingeräumt. Die Riten haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert und sind schon seit dem 12. Jahrhundert und noch lange danach nachweisbar. Die folgende Schilderung einer theologischen Doktorpromotion, die zugleich die Aufnahme in die Korporation der Universität Straßburg bedeutete, dürfte typisch gewesen sein: »Der Promotionsakt selbst wurde im Großen Auditorium des Hohen Chors der alten Predigerkirche vollzogen. Die Musik spielt beim Einzug. Die Kandidaten treten in den inferiorem locum, der Promotor besteigt das obere Katheder. Er beginnt mit einer kurzen Rede, an deren Schluß er vom Kanzler die potestas creandi (Anm. d. Verf.: die Fähigkeit, zu schaffen) erbittet. Nachdem diese gewährt und der Promotor gedankt, liest der Notar den Doktoreid vor. Die Kandidaten schwören mit zween Fingern auf das Scriptum, das der Pedell hinhält. Danach gehen die Kandidaten in cathedram superiorem zum Promotor, der nun die Renanciation (lateinisch: Wiedergeburt) vollzieht. Nachdem dies geschehen, werden unter gleichzeitiger Erklärung die üblichen Ceremonien angewendet, nämlich die Übergabe des Katheders, des geschlossenen und geöffneten Buches, des Baretts, des Ringes und schaftlich einen Schritt nach endlich die Erteilung des Doktorkusses.« Magisterpromotion an einer Universität zu Beginn des 16. ]h. Im Kreise seiner Lehrer und Kollegen wird dem Aspiranten in feierlicher Zeremonie der Doktorhut verliehen. Holzschnitt von Hans Weiditz. Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv ,
Von den heute mehr einsichtigen Formalitäten abgesehen, Schwur und Hut, Ring und Kuß geradezu an Königskrönungen und Staatsakte. In Italien stand das Buch im Mittelpunkt der Zeremonie, in Deutschland war es der Hut.' Übrigens mußte der Kandidat Doktorhut, Ring und Mantel selbst beschaffen, bevor sie ihm während des Festaktes in feierlicher Form überreicht wurden. Seine- Weihe bekam der frisch gebackene Doktor, wenn er den Kuß des Friedens und den Segen des Lehrers erhielt, während man ihm das Katheder überließ. Für die Universität war die Vergabe von akademischen Graden eine Einnahmequelle, denn man mußte Gebühren zahlen. Außer den Symbolen seines Standes hatte der Kandidat auch erhebliche Beträge für Geschenke, Ehrengaben und einen gewaltigen Doktorschmaus, das sogenannte »prandium Aristotelis«, aufzuwenden. Unbemittelte Scholaren konnten den Doktorhut nur erwerben, wenn sich ein Gönner fand, der sie finanzierte. Die meisten Scholaren schafften den Sprung über diese Hürden nicht. Aus den Unterlagen der gelegentlich nicht erinnert eine solche Promotion mit damaligen Zeit scheint hervorzugehen, daß nur etwa 20-30% der immatrikulierten Scholaren zum Baccalar und nur wieder 10-20% der Baccalaren zum Magister oder Doktor promoviert wurden. Meist beendete und ließ sich vom man das Studium ohne Abschluß Rektor oder Dekan ein Zeugnis über Herkunft, Vorbildung, Studiengang und besondere Leistungen ausstellen. In Bologna bildete übrigens die Landsmannschaft der Deutschen, die »natio Theutonicorum«, schon im 13. Jahrhundert eine der großen Hauptgruppen in der Genossenschaft der »Ultramontanen«, der aus der Perspektive der Italiener von »jenseits der Alpen« kommenden Scholaren. Allerdings wurden damals eine ganze Reihe anderer Völker, etwa die Dänen, Norweger, Böhmen, Mähren, Litauer, Livländer usw., zu den Teutonen gerechnet. Andererseits hatten die Deutschen in Paris keine eigene »natio«, sondern gehörten zu den Engländern. Erst nach 1331, als die englischen Universitäten selbst zu wirken begannen und die Deutschen in zahlenmäßig in der englischen Nation überwogen, nannte man diese die »naalemannorum«. Die Zahl der Scholaren aus Deutschland, die in Paris, Montpellier, Orleans usw. studierten, war nicht unbeträchtlich, aber es hat damals, von Paris tio Albertus Magnus abgesehen, keine deutschen Scholastiker gegeben, keine bedeu- tenden Gelehrten deutscher Herkunft. Fromme Wissenschaft Mann von 61 Jahren Europa. Er ist 1254 in Riga, ein Jahr später in Regensburg, er muß am 16. Januar 1256 zu einer wichtigen Sitzung seines Ordens in Köln sein und nimmt zu Pfingsten am Generalkapitel des Ordens Zu Fuß durchwanderte ein Bettelmönch also, wie sie in jenen Zeiten zu Hunderten durch Lande ziehen, sondern ein leitender Geistlicher, der übrigens von seinem Sekretarius begleitet wird. Dieser Dominikaner besucht jedes Kloster seiner Ordensprovinz, prüft jede Klosterordnung, hört nach Vorschrift jeden einzelnen Bruder des Klosters persönlich an und unterliegt wie jeder andere Abt auch den in Paris teil, kein die strengen Regeln des Ordens. Besitzlos wie Christus will 102 man sein, also muß der
Nahrung und Quartier erbetteln. Es wird in jenen Zeiniemanden gegeben haben, der es gewagt hätte, einen frommen Mann von seiner Schwelle zu weisen, auch vergriff sich kein Bandit, kein Habenichts an einem Mann, der die Kutte trug. Aber welche Unbequemlichkeit für jemanden, der schon im vorgerückten Alter war, welche mit Geduld ertragene Pein, jeden Abend unter einem anderen Dach zu schlafen, mit anderen, ungeschlachten oder beschränkten Kindern Gottes zusammen zu sein, welche Mjihsal des täglichen Weges - und dies, obwohl dieser Mann ein ungewöhnliches Wissen besaß, die Werke des Aristoteles kannte wie nur jemand in Deutschland und zu den großen Scholastikern des MitGelehrte sich jeden Abend ten telalters zählte. Albertus Magnus oder auch Albert der Deutsche, wie ist einer der wenigen großen Gelehrten, bracht hat. Um die Mitte des die man ihn in Paris nannte, Deutschland im Mittelalter hervorge- 18. Jahrhunderts schrieb dann Jöcher, der Verfasser eines noch heute als Quelle wichtigen Gelehrtenlexikons: »Er wird für einen gro- ßen Hexenmeister gehalten, auch beschuldigt, er habe zuweilen die Stelle einer Kindermutter vertreten, das Geschütz und den Lapidem Philosophorum (Anm. d. Verf.: Stein der Weisen) erfunden; wiewohl alle diese Dinge ohne Grund sind.« - So schnell verteufelt der gesunde Menschenverstand, was er nicht begreifen kann. Schon bald nach seinem Tode liefen allerlei unheimliche Geschichten über ihn durchs Volk, und dieselben Zauberkunststücke, die man ihm andichtete, hat man drei Jahrhunderte später auch dem Doktor Faustus angehangen. Natürlich fehlt unter diesen Dingen auch nicht der Automat, der Roboter, wie er in Prag zum Golem und in Goethes Faust zum Homunculus wird. Ein ungewöhnlicher Mann also, vor allem seiner naturkundlichen Kenntnisse wegen, die er aus den Schriften und als Erfahrung von seinen jahrelangen Wanderungen durch Europa mitbrachte - kein Baum, kein Strauch, den er nicht betrachtet, keine der Alten hatte Naturerscheinung, die er nicht mit scharfem Auge und hätte. Im Mittelalter hat man wachem Geist beobachtet ihn den »doctor universalis« genannt wie seinen Thomas von Aquin, den »doctor angelicus« und Roger Bacon den ist am 1 6. Dezember 1931 vom Papst heiliggesprochen worden, nachdem er Jahrhunderte für einen Zauberer gehalten worden war. Woher Albertus Magnus stammt, weiß man nicht - vermutlich nicht, wie bisher angenommen, aus dem schwäbischen Geschlecht der Herren von Bollstaedt, Schüler, den »doctor mirabilis«. Er ebensowenig kennt man seine Ausbildung. Sicher schen Adelsgeschlecht aus Lauingen an der ist, daß er aus einem schwäbi- Donau stammt, auch nimmt man an, daß er bereits die griechisch-arabische Literatur seiner Zeit kannte, ehe er 1223 dem Orden der Dominikaner beitrat. Studiert hat er in Padua, wo er vermutlich von dem Ordensgeneral Jordan von Sachsen gewonnen worden ist. Man wußte denn nach seiner Lehrtätigkeit in verschiedenen Doktor - heute würde man Inhaber des Lehrstuhls der Dominikaner - tätig gewesen. 1254 wurde seine Kenntnisse zu schätzen, deutschen Klöstern sagen, als er ist er einige Jahre lang in Paris als zum ins Ordensprovinzial für Deutschland ernannt, so daß er zu Visitationen bis Baltikum verpflichtet war. Als man ihn 1259 von dieser Bürde befreit hatte, wurde er gegen seinen Willen auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes Bischof der damals bedeutendsten deutschen Stadt Regensburg. Bis zu seinem Tode hat er IO3
dann in einer Klosterzelle in Köln gelebt, wo die heutige Universität nach ihm benannt ist, lehrend, predigend und schreibend, eine europäische Berühmtheit, deren Autorität um immer wieder aufgerufen wurde. Noch als Greis reiste er nach Paris, Thomas Im vorgerückten Alter, etwa zwei Jahre vor seinem Tod, ver- sich in einer gelehrten Disputation vor seinen bedeutendsten Schüler von Aquin zu lor er sein stellen. Gedächtnis und seine geistigen Fähigkeiten und 87 Jahren gestorben. Als Geistlicher und Ordensmann kunft prädestinierte ihn, denn stellte er in ist 1280 im Alter von der Kirche etwas dar, seine Her- um zu Würden zu kommen, war Adel von Vorteil. Dabei aber hatte er die geistige Freiheit eines Mannes, der mehr als die Bibel kannte und in vielen Dingen eine eigene Meinung vertrat. Dieselben Vorgänge, wie man auch aus dem Islam kennt, spielen sich im christlichen Mittelalter ab, denn mit der Entdeckung der Schriften des Aristoteles ist der Klerus vor die Frage gestellt, ob man die antike Bildungstradition negieren soll - die politische Tradition des rösie mischen Weltreiches wird ja von der Kirche ausdrücklich anerkannt - und sich geistig auf die Kirchenväter beschränken soll, oder ob die Kirche stark genug ist, sich mit Aristoteles auseinanderzusetzen und ihn zu integrieren. Abertus Magnus wurde von seinen Neidern der »Affe des Aristoteles« genannt, weil er zur fortschrittlichen, aristotelischen Richtung neigte und beinahe sklavisch von ihr abzuhängen schien. Der Streit um Aristoteles spielte sich zunächst als Streit um Zuständigkeiten ab. Die »facultas artium« an der Universität zu Paris umfaßte die genannten Sieben Akademische Weihen waren in der damaligen Zeit mit größeren Geldausgaben verbunden. Nach erfolgter Promotion mußten die frischgebackenen Doktoren ein Festessen für die Universitätsangehörigen geben. Holzschnitt des 16.1-17. Jh- Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv ,
Freien Künste, und als im Laufe des 12. Jahrhunderts die Schriften des Aristoteles bekannt wurden, fielen sie in die Zuständigkeit der Artistenfakultät. Daß Albertus Magnus und später sein Schüler Thomas von Aquin ebenfalls den Aristoteles auslegten, brachte diese beiden Männer in Gegensatz zu den anderen Professoren Siger von Brabant und Boethius von Dacien. Erstaunlicherweise ist es nun gerade Albertus Magnus, der mit einer Fülle eigener naturwissenschaftlicher Beobachtungen, so bruchstückhaft sie gewesen sein mögen, die realistische Linie der Aus- legung vertritt und keineswegs reaktionär reagiert. Andererseits ist er der überzeugte und unbeirrbare Mann der Kirche. Von ihm stammt die heute noch in der Kirche geltende Lehre, daß der menschliche Lebenskeim im Augenblick der Befruchtung mit der spezifisch menschlichen »anima rationalis« geformt und be- werde; diese sogenannte Simultanbeseelung führte zur Ablehnung jeder Schwangerschaftsunterbrechung und zu den monströsen Praktiken der Wehmütter, den im Mutterleib sterbenden Fötus mit einer Spritze zu taufen. seelt Dem Albertus selbst, so realistisch er war, galt Magie als wesentliche seiner Naturerkenntnis. So ist er, Ergänzung ganz im Mittelalter verfangen, eine wider- sprüchliche, aber großartige Gestalt, deren net ist. Werk heute auf 40 Quartbände berech- Dieses große Lebenswerk umfaßt theologisch scharfsinnige Gelehrsamkeit ebenso wie exakte Naturbeobachtung, es übermittelt oft unkritisch weite Teile des Werkes von Horizont Sina, als Aristoteles und bietet irgendein anderes dem großen Gelehrten doch in seiner geistigen Weite einen größeren Werk des Mittelalters. Ähnlich dem Araber Ibn des Islam, auch Avicenna genannt, markiert er einen Höhepunkt geistiger Entwicklung, die durch das Erbe Griechenlands in Gang gesetzt worden war, und nimmt in einem ersten Ansatz die späteren Formen des abendländischen Denkens vorweg. Er hat nämlich als erster, wenn auch unzulängliche Experimente durchgeführt und soll einen Automaten ganz aus Metall konstruiert haben, den sein Lieblingsschüler Thomas von Aquin vor Entsetzen zertrümmerte, als er ihn zum ersten Male reden hörte. Dieses Werk erschien dem »doctor angelicus« bezeichnenderweise denn doch als Teufelsspuk. Mandarine in Klausur Selbstverständlich hat es auch außerhalb des christlichen Europas das gegeben, was man ein »Bildungssystem« nennen kann. Damit ist gemeint, daß differenzierten Gesellschaft ein elitäres Grundwissen sich wohl in jeder herauskristallisiert, das zum Kanon erhoben wird: Wer es beherrscht, gehört zu jener Schicht, die im Staat die Macht hat. Im Islam freilich gibt es keine breit angesetzte Bildung, wie sie sich Europa aus dem Rückgriff auf die Antike erhalten hat hier begrenzt der Koran den geistigen Horizont und schafft eine geistige Isolierung, die erst durch die Berührung mit den Kolonialmächten und durch die Medien des 20. Jahrhunderts aufgebrochen worden ist. Ähnlich sind die Verhältnisse in Indien, wo das ritterliin ; Brahmanen etwa dem des frühen Mittelalters in Europa entwurden bestimmte Tugenden zum Ideal erhoben, bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse gefordert, wobei die Mythenwelt des Hinduismus den che Bildungsideal der sprach. Hier wie dort IO5
Sakyamuni als Asketiker in meditativer Hockstellung. Im klassischen China garantierte ein strenges Prüfungssystem den überdurchschnittlichen Bildungs- standard. Dieses Bildungssystem baute auf den Maximen Leistung und Anpassung auf und war somit auch niederen Bevölkerungsschichten zugänglich. Holzfigur mit Lack überzogen Jüan Dynastie (1280-1368). The Detroit Institute of Arts, Detroit ,
reichen geistigen Hintergrund bot. Eine Kanonisierung des Wissens, wie sie in Europa durch die »Sieben Freien Künste« geschah, hat es in Indien jedoch nicht gegeben, ebenso keine freie, außerhalb der Stände und Kasten vermittelte Bildung. Indiens Beitrag zur Weltkultur ist vor allem religiöser, weniger intellektueller Art, so bedeutend auch die frühen Wissenschaften in Indien Eine literarische Bildung, die zum gewesen sein mögen. absoluten Maßstab erhoben wurde, hat es in China gegeben; welche gesellschaftlichen Funktionen eine subtile Literatur haben am chinesischen Beispiel besonders deutlich nachweisen. So ist die kann, läßt sich Kehrseite literarischer Bildung die Haarspalterei, die gelehrte Beschränktheit, die an Textschwierigkeiten bewährt. In einem geschlossenen gesellschaftlichen System, das die Kenntnisse auf diesem Gebiet zum Maßstab für den gesellschaftlichen Aufstieg erhebt, kann eine solche Bildung katastrophale Folgen haben, weil sich sie formalistische, arrogante und unfähige Beamte heranbildet - freilich »Wenn kultivierte Mensch dreihundert Oden reziMänner verhalten soll, wenn er einen dienstlichen tieren kann, aber nicht weiß, wie er sich Auftrag erhält, welchen praktischen Wert hatte sein Studium?« Der Mann, der mit erlesenen Kenntnissen. mit Recht diese Frage dem stellt, ein heißt Konfuzius, aber gerade das Bildungssystem, das Traditionalismus verhaftet war, entwickelte sich aus dessen Entstehung im Band »Magie Das Reich der Mitte hatte bis • Mythos zum Ende • dem Konfuzianismus, Religion« geschildert wurde. der zweiten Han-Dynastie in der Hauptstadt wie in den Provinzstädten riesige Registraturen aufgebaut, die dann durch den politischen Umsturz vernichtet wurden. Es wäre denkbar gewesen, daß nun buddhistische Beamte Verwaltung wiederaufgeman kam offenbar ohne die Kenntnisse der konfuzianischen »Spezialisten« nicht aus, und so waren vor allem in Shantung die alten Beamtenfamilien wieder am Zuge, die im politischen Gegensatz zum Kriegeradel standen, den Männern, die nach Ansicht der Gebildeten »nach Schaf und Ziege« rochen. Zwischen dem nomadischen Kriegeradel und den Beamtenfamilien entwickelte sich nun ein Machtkampf um den größeren Einfluß bei Hofe; das Kampfmittel aller Beamten war die Prüfung in literarischer Gelehrsamkeit. Ohne umfassende Kenntnis der Schrift und langwierige Beschäftigung mit der konfuzianischen Literatur waren solche Prüfungen nicht zu bestehen. Bereits unter der Sui-Dynastie, etwa um 589-618, begann man Examina abzuhalten. Prüfungsgegenstand war in erster Linie literarischer Stil; auf europäische Verhältnisse übertragen hätte das bedeutet, daß die Herren im Gefolge der Merowinger sich für ihre Stellungen hätten ausweisen müssen durch Verfertigung von Lyrik in ägyptischen Hieroglyphen oder in genauer Kenntnis statt der konfuzianischen die baut hätten, aber eben dies geschah auf die Dauer nicht, der griechischen Bibel. Die chinesische Literatur überliefert zahllose Geschichten vom armen Bauern- jungen, der nachts fleißig studierte und eines Tages nicht nur Mandarin, sondern auch Ratgeber höchster Herrschaften wurde. Tatsächlich gab es solche Geschichten, und das Bildungssystem war ursprünglich durchaus demokratischer als die Feudalherrschaft, denn Aufstieg durch Leistung und Wohlverhalten war möglich. Söhne aus den Adelsgeschlechtern wurden aber auch in der Ming-Zeit keinem Examen unterworfen, wenn sie einen Posten bekamen. Für jeden, der nicht aristo- IO7
Abkunft war, führte der Weg über die in dreijährigem Turnus abzuhaltenden Bezirksexamen, deren Beste zu den Provinzialexamen zugelassen wurden. Hier wurden die Besten wiederum im Kaiserpalast geprüft, dessen Anlage 10000 kratischer Prüfungszellen umfaßte. Jede Zelle war drei Meter lang und eineinhalb Meter wurde einer strengen Leibesvisitation unterzogen, ehe man ihn Nahrung wurde wie in einer Gefängniszelle gereicht, die kaiserliche Prüfung dauerte eine Woche. Wenn einer seine Prüfung bestand, auf die er sich im Kreise der Sippe vorbereitet hatte, wurde er in seiner Gemeinde gefeiert wie ein Olympia-Sieger, man sammelte Muster seiner Handschrift wie Autogramme, er genoß im eigenen Land die Privilegien eines Diplomaten und benahm sich daher breit, der Prüfling einsperrte. so, als unterliege er strafrechtlich Wer in den der Immunität. kaiserlichen Prüfungen als Erster bestanden hatte, wurde als Natiowas Menschen begeistert werden können, nimmt der schriftgelehrte Chinese bei aller Absurdität der Prüfungen keinen so schlechten Rang ein, verglichen mit Wagenkämpfern, Gladiatoren, Tänzern oder Torhütern. Tatsächlich bewährte sich in China immer wieder ein altes Sprichwort: »Lerne einen Schreibpinsel zu gebrauchen, und du wirst niemals betteln gehen.« Außer der Kenntnis der Schriftzeichen wurden Rechtswesen und Mathematik geprüft, aber nur gering benotet. Die Prüfungskandidaten mußten zwei bis fünf Klassiker ihrer Wahl gründlich studiert haben. Das Examen selbst bestand aus der Identifizierung von Zitaten, aus der Erläuterung des Textes und aus der schriftlichen Ausarbeitung gegebener Themen. Außerdem mußte der Kandidat unter Beweis stellen, daß er imstande war, Eingaben, Huldigungsadressen an den Kaiser und Gedichte zu verfertigen. Wenn man die Vieldeutigkeit der chinesischen Schriftzeichen und die Tatsache bedenkt, daß es damals nur abgeschriebene Texte gab, so kann man sich die Schwierigkeiten dieser Prüfungen nalheld gefeiert; wenn man überblickt, für denen mancher den Verstand verloren hat. z. B. die Form des Aufsatzes nahezu vorgeschrieben, einschließlich der Länge der einzelnen Absätze, der Zahl der Wörter in jedem Absatz und ihrer Beugung. Man nannte diese Form, heilig gehalten durch Generationen wie in Europa ein Text aus Bellum Gallicum, den »achtbeinigen Aufsatz«. Es war der Wille der Herrschenden, daß in den Köpfen der Menschen nicht zuviel gedacht wurde, und so schien der am geeignetsten für den Staatsdienst zu sein, dessen Intelligenz durch jahrzehntelanges Klassikerstudium entmannt und deformiert war. Es gab ein einziges, veraltetes mathematisches Werk, das die Grundlage der Prüfungen bot, und nur mit kaiserlicher Einwilligung durfte ein Gelehrter die allenfalls vorhandenen anderen Werke zu Rate ziehen. Unter mongolischer Oberherrschaft waren auch in China astronomische Studien betrieben worden wie in Indien und in der Mongolei. Als die ersten Jesuitenpater sich mit den astronomischen Instrumenten in Nanking befaßten, stellten sie fest, daß die Chinesen sie nicht mehr bedienen konnten und daß die Hofastronomen seit Jahrhunderten den Kalender, der doch die Grundlage höchst feierlicher Opferfeste war, falsch berechnet hatten. Es war nämlich niemandem eingefallen, daß die Übersiedlung der Instrumente aus Nordchina zum Yangtse ihre Polarrelevation außer Kraft gesetzt vorstellen, über Tatsächlich war hatte (Bloodworth).
Frühe Wissenschaft Die Sterne lügen nicht Feldfurche, Zicklein, Drache Zeichen des Himmels Zwischen den Zahlen Mit Zählstock und Abacus Die Weisen von Milet Mit Steinmesser und Zauberpilz Wege zu Hippokrates Heilung mit Nadelstichen
Die Sterne lügen nicht Der Sternenhimmel muß für die Menschen der Frühzeit, die ihr Leben im Freien verbrachten und nichts von Milchstraßen und Sonnensystemen wußten, ein unglaubliches Schauspiel gewesen sein Da blitzten und funkelten unzählige Lichter, : Manche dieser funkelnden Lichter tauchten an imHimmels auf, andere wiederum erinnerten an Werk- für die es keine Erklärung gab. mer den gleichen Stellen des zeuge oder die Umrisse eines Tieres, wie man es auch im magischen Fadenspiel gab ganze Gruppen von solchen Lichtern, die immer zusammenhingen, und andere wiederum, die sich zerstreuten, und festhielt oder als Figur in schließlich fielen sogar den Sand manche ritzte, es Lichter vom Himmel, mit einem Feuerschweif aufleuchtend wie eine sehr ferne Fackel. in Kein Zweifel konnte bestehen, daß in diesem unheimlichen Dunkel der Nacht, dem sich die lebensspendende Sonne verbarg, Kräfte und Mächte sich regten, vielleicht sogar die Götter des kam Himmels selbst oder ihre Widersacher. Jedenfalls ungeheure Schauspiel, das sich Nacht für Nacht wiederholte, zu verstehen, denn der menschliche Geist ist so beschaffen, daß er immer neue Fragen stellen muß, wenn das Unbegreifliche ihn herausfordert, obwohl ihn jede Antwort zu neuen Fragen führt. Es waren wohl Hirten, die den nächtlichen Himmel besonders oft betrachtet haben. Wenn es Großstädter gewesen wären, hätten sie vielleicht in den funkelnden Sternenhaufen sehr weit entfernte Städte mit ihren funkelnden Lichtern erkannt, so aber fühlten sie sich durch diese Myriaden von Sternen, die langsam über den Horizont hinaufzogen, an die Herden erinnert, die sie selbst weideten. In Ägypten fanden sie, daß einer der Sterne, der morgens noch im Licht des herandämmernden Tages funkelte, an das Auge eines Wachhundes erinnerte: Sie kannten bereits den Jäger am Himmel, den Hirten, die Schlange und den Adler. Es war ihnen klargeworden, daß am Himmel ähnliche Gestalten lebten wie auf der Erde und daß es zwischen Himmel und Erde eine Entsprechung gab. So erkannten sie auch den Hütehund auf der Linie, die durch drei Sterne am Gürtel des Jägers und Hirten Orion nach links gezogen wird. Das erweckte den Eindruck, als werde das Sternbild des »Großen Hundes« von dem Hirten Orion an der Leine gehalten. Die Ägypter nannten diesen Stern deshalb den »Hundsstern«. Alljährlich zeigte er sich um die gleiche Zeit immer an der gleichen Stelle, und man konnte nach ihm die Länge des Jahreszyklus zählen: Es waren genau 365 Tage. Genau an dem Tag, an dem dieser Stern so deutlich aufblitzte, kam die große Flutwelle von weit her den Nil herab und setzte das ausgetrocknete, von der Hitze gequälte Land unter Wasser, Mengen von fruchtbarem Schlamm mit sich führend - es war also kein undurchschaubarer Zufall wie ein Gewitter, ein Wolkenbruch, sondern ein stets im gleichen Zeitraum wiederkehrendes, ein zyklisches und also vorhersehbares Ereignis: Das war eine unglaubliche, der Existenz eine gewisse Sicherheit gebende Erkenntnis inmitten aller Furcht vor den undurchschaubaren höheren Mächten. Man weiß nicht, wann diese Beobachtungen zum ersten Male gemacht worden sind, aber man weiß aus ägyptischen Papyri, daß dies um 4236 v. Chr. geschehen es darauf an, dieses 110
sein muß. Damals war die Sternbeobachtung aber schon einige tausend Jahre alt. dem Aufgang des Hundssterns den Beginn des Jahres fest auf den 23. Juli, und die Griechen haben dieses Datum übernommen: Die »Erntezeit« begann in Griechenland mit dem Aufgang des »Sothis«, und sie fand ihr Ende mit dem Aufgang des Arkturos, des »Bärenhüters« (Böttcher). Dieses Sternbild war nach dem Stammesheros der alten Arkadier genannt, nach Arkas, der zusammen mit seiner in eine Bärin verwandelten My tter Kallisto an den Himmel versetzt worden war; er regierte die Herbststürme und beendete den Sommer. Die Ägypter setzten mit Im Laufe der Jahrtausende füllte sich der leere, mit unheimlich funkelnden Lichtern besetzte Nachthimmel also mit »Anknüpfungspunkten«, mit Bedeutsamkeiten, und sobald auch nur ein einziges Sternbild den Namen eines Gottes, eines Tieres, eines auf der Erde wirkenden und lebendigen Wesens bekommen hatte, war es mit diesem Wesen auf magische Weise identisch Es regierte als Gott, was ihm zukam, es war nicht nur ein Umrißbild von glühenden Glasklumpen, die lichtjahrmillionenweit entfernt im leeren Weltraum standen, sondern am Himmel existierten ein wirklicher Jäger oder ein wirklicher Wassermann, der Herr der Gewässer und Fische: Er schickte Regenfluten und Gewitter. Auch andersherum lief die menschliche Logik: Wenn es vom Himmel herab Donner und Gewitter gab, die dem Brüllen eines riesigen Stieres glichen, dann mußte es diesen Stier am Himmel geben: Sonne und Mond wurden als die Augen des Himmelsstieres aufgefaßt oder auch als die Augen des Himmels. Es gibt die ägyptische Mythe von Ra, dem Sonnengott, der täglich mit den Wolkenschlangen kämpft, um sie zu vertreiben, und der Finsternis erliegt, um immer wieder triumphierend aufzuerstehen. Der alternde Ra wurde eines Tages von einer giftigen Schlange gestochen, und die Göttin Isis kannte das Gegengift. Sie wollte : das tödliche Gift aber nicht eher aus seinem Körper vertreiben, bis er ihr seinen geheimen Namen gesagt und außerdem Horus, ihrem Sohn, seine beiden Augen, nämlich Sonne und Mond, gegeben hätte. Dies ist nur ein Beispiel aus der nicht ausschöpfbaren Fülle der frühen Deutung von Sternbildern: Sonnen- und Mondkulte sind die ältesten Religionen der Erde gewesen, und überall auf der Welt ha- ben die Sterne das beklommen schaudernde Interesse des Menschen erregt. Die Sternenreligion der Babylonier hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, denn jedes Horoskop, jede Frage, zu Waage oder welchem Sternbild einer ge- Löwe, berührt die jahrtausendealte Überlieferung: Selbst unsere Tageseinteilung in zwölf Tages- und zwölf Nachtstunden ist babylonischen Ursprungs. In dem Land zwischen Euphrat und Tigris hat es um höre, ob Fische, Krebs oder die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends eine Schriftkultur man gegeben, die heute »sumerisch« nennt und deren Herkunft bisher nicht überzeugend ge- sie in Beziehung zu der Kultur am von dort her eine Einwanderung noch sehr viel älterer Völker erfolgt. Man lebte von Rinderzucht und Fischfang, man benutzte Schilfrohr in vielfältigen Anwendungen, und man schrieb auf weichem Ton mit dem Schilfrohrgriffel die »Keilschrift«. Die seßhaften Sumerer, die an die Götter des Himmels, der Luft und des Wassers glaubten, wurden von den semitischen Stämmen überfallen, die man als Akkader kennt: Sie brachten andere Götter mit, die ein klärt worden Indus setzen, ist. Es gibt Vermutungen, die als sei 111
Arabisches Astrolabium. Dieses Instrument zur Berechnung von Gestirnshöhen wurde von den Arabern erfunden und war für die Entwicklung der Seeschiffahrt unentbehrlich. 10. ]h. Bibliotheque Nationale, Paris dualistisches Prinzip verkörperten: Die Erdmutter Ischtar wurde vom Himmels- gott befruchtet. Wechselvolle Kämpfe zwischen den verschiedenen Teilfürstentümern Mesopo- Um 1700 v. Chr. errang BabyMesopotamien. Aus dieser Zeit stammt die babylonische Astralreligion, die den Kampf des Lichtes gegen die Unterwelt nachzeichnet. Jedenfalls ist die Weltordnung vorherbestimmt und wird unter fortgesetzten Erscheinungen der göttlichen Ordnung offenbart. Die Priester können, wenn sie das Naturgeschehen aufmerksam beobachten, diese Offenbarungen deuten und die tatsächlichen Vorgänge in das vorherbestimmte Weltgeschehen einordnen. tamiens kennzeichnen diesen Geschichtsabschnitt. lon, eines dieser Teilreiche, die Herrschaft über Feldfurche Zicklein, Drache , Über viele hundert Jahre hinweg notierten die Priester des Zweistromlandes auf Bewegungen der Sterne, als notiere ein Sklave die rätselhaften Bewegungen seiner übermächtigen und undurchschaubaren Herren. Sie glaubten, das Himmelsgewölbe sei die Rückseite der Heimat der Götter, und sie hielten jeden ihren Tontafeln die Stern für den Widerschein eines Gottes. So genau und gründlich waren die Beobachtungen, daß die Priester, ohne über die entsprechenden Rechenmethoden zu 112
verfügen, die schrecklichen Sonnen- und Mondfinsternisse ungefähr Voraussagen mögen die priesterliche Macht ins Unermeßliche Beobachtungen machten sie ohne optische Hilfsmittel, wenn man von Schilfrohren absieht, mit denen sie künstlich ihr Blickfeld einengten, um schärfer sehen zu können. So entdeckten sie die Umlaufphasen des Planeten Venus, des Widerscheines der Göttin Ischtar, von deren göttlichem Willen die Fruchtbarkeit der Äcker und der Herden abhin,g, aber auch die Schrecken des männerverschlingenden Krieges-. Sie haben den Weg der Sonne über den Himmel, die Ekliptik, in jene zwölf Zonen geteilt, die heute noch in der Astrologie gelten, und ihnen die Namen gegeben, die wir als »Tierkreiszeichen« kennen. Die sumerischen Tierkreiszeichen hießen Tagelöhner (Widder) - Plejaden (Stier) - Zwillinge (Zwillinge) - Tischler (Krebs) - Löwe (Löwe) - Feldfurche (Jungfrau) - Waage (Waage) - Skorpion (Skorpion) - Schütze (Schütze) - Zicklein (Steinbock). Die in Klammern gesetzten Namen sind die heute noch in Gebrauch befindlichen Bezeichnungen. Alle Sterne der ersten sechs Größenordnungen, wie sie später der Astronom Ptolemäus klassifiziert hat, sind von den Mesopotamiern benannt worden; der »Große Wagen« ist eine alte sumerische Bezeichnung. Der Schritt von der Beobachtung zur Klassifizierung, von der Messung der Zeiträume zur Berechnung der Bewegungen ist innerhalb der babylonischen Astrologie getan worden. Immer feiner wurden die Beobachtungen, immer genauer die Methoden, und so wurde die Mathematik zur Formsprache des geoffenbarten Weltgesetzes: Hunger und Seuchen, die Taten der Großen und die Schicksale der Städte wurden mit Hilfe der Sternbeobachtung eingeordnet in den vorherbestimmten Ablauf, und das ganze Wahrsagewesen wurde am Lauf der Gestirne gleichsam justiert: Das ist die Wurzel aller Astrologie. Die sumerische Methode, den Himmel einzuteilen und die Tierkreiszeichen zu benennen, die einen so großen Einfluß auf die astrologische Deutung der Geburtsstunde und damit der »regierenden« Sterne hat, ist nicht selbstverständlich. Auch die Chinesen haben lange vor der Zeitwende die Sterne beobachtet und klassifiziert. Die Ekliptik nannten sie »die gelbe Straße« und bezeichneten die Abschnitte mit 28 Merkzeichen, die sie zum Himmelsäquator, der »roten Straße«, in Beziehung setzten. Auch die Chinesen sahen »Bilder« am Himmel, aber nicht Widder und Waage, Skorpion oder Feldfurche, sondern solche, die der eigenen Umwelt und der eigenen Mythologie entsprachen: »Hien-yuan hat die Gestalt eines Drachen und einer Schlange. Das Sternbild zählt siebzehn Sterne. Der leuchtendste Stern, genau im Süden, ist die >Herrscherin< Niutschou, die Mutter. Der sich sechs Fuß nördlich von der Herrscherin befindende Stern ist die Prinzessin Fou-jen.« Leider macht es Schwierigkeiten, diese zwischen dem 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. entstandene Beschreibung zu identifizieren und auf diese Weise Rückschlüsse zu ziehen, welchen Einfluß wohl Prinzessin Fou-jen oder ihre Mutter, die Herrscherin, auf alle »Waage«-Kinder oder »Krebse« haben könnte. In China, das eine andere Weltschau als Sumer hatte, spielte die Sterndeutung aber keine so große Rolle, und die Kunst der Wahrsagung ging andere Wege. Auf dem höchsten Stand befanden sich die Astronomie und die Sterndeutung bei den Mayas: Sie haben von Tempelpyramiden aus die Sterne ohne Hilfsmittel konnten. Solche Voraussagen gesteigert haben. Ihre 113
beobachtet wie die Sumerer, und da Zeitbegriff besaßen, haben sie sich sie eine geradezu neurotische Bindung an den ununterbrochen mit Fragen der Datierung und Chronologie beschäftigt: Alle 5 oder 10 Jahre errichteten sie Gedenksäulen. Nicht nur die Festtage oder Jahre, sondern die einzelnen Tage wurden von den Sternen beeinflußt oder, besser ausgedrückt, die Tage selbst waren ein Götterpaar. Jeder Tag wurde mit einer Zahl und mit einem Namen bezeichnet, z. B. »1 Ik« oder »13 Ahau«, und jeder Teil dieses Namens war ein Gott. Der alte, phantastisch genaue Maya-Kalender wird im Hochland von Guatemala noch benutzt, so sprechen die Indios noch heute wie die Vorfahren vor vielen Jahrhunderten von den Tagen, als ob jeder ein lebendiger Gott sei. Jede einzelne Zahl galt nämlich als göttlicher Trä- bestimmte Last durch die Ewigkeit schleppte. Die Lasten wurden auf dem Rücken getragen und waren durch Stricke gesichert, die über die Stirn gelegt wurden, so auch bei den Sternen. ger, der eine Saturnus. Holzschnitt des Planeten von Hans Burgk- mair d. Ä. (1473-1531). Kupferstichkabinett Dresden ,
Wenn man diese Vorstellungen an einer Kalender deutlich machen man 1 Datumsangabe aus dem europäischen will, sieht das so aus: Für den 22. Oktober 1973 braucht sechs Götter als Träger, die Götter der 22 tragen den Oktober, die Götter der das Jahrtausend, die Götter der 9 die Jahrhunderte, die Götter der Zahl 7 die Jahr- Am Ende des Tages tritt eine kurze zehnte und die Götter der Zahl 3 die Jahre. Pause ein, bevor die Träger sich erneut in Bewegung setzen. Doch nun lösen die den Oktober trugen. So haben die MayaKolonne von göttlichen Trägern verstanden, die ihre Lasten aufnahmen und absetzten, die sie verloren und in Rasthäusern rasteten, denen göttliche Ereignisse wiederfuhren und die Glück oder Unglück mit sich trugen (Thompson). Die Deutung der verschiedenen Zeitlasten, die ängstlich genaue Berechnung aller Daten, damit man erkennen konnte, welche Ernten vorbestimmt waren, welche Kriege und Nöte, war die vordringlichste Aufgabe der Priesterschaft. Wie bei den Sumerern war man von der Vorherbestimmtheit der Ereignisse überzeugt; nur auf dieser Basis läßt sich die Wahrsagerei rechnerisch-mathematisch betreiben. In keiner Hochkultur hat es eine so sklavische Beachtung dieser mathematisch-astrologischen Zukunftsdeutung gegeben, denn nirgends war der einzelne Tag selbst ein Götterpaar. Dabei muß man bedenken, daß der Kalender der Mayas mit seiner unvorstellbaren Genauigkeit mehrere weit- und engräumige Zeitrechnungen kombinierte wie ein Tachometer am Auto, der gleichzeitig Seemeilen, römische Stadien, russische Werst und englische Fuß anzeigen würde. Eric Thompson hat in seiner Kulturgeschichte der Mayas das Beispiel mit dem Auto formuliert, um zu zeigen, wie die Priester auf Daten reagierten. Man stelle sich vor, daß es Unglück brächte und die Fahrt im Auto sofort zu stoppen sei, wenn auf allen Skalen eine 7 auftaucht, und daß andererseits als glückbringend verstanden werde, wenn man mehrere Zahlen mit einer 9 sähe und dementsprechend das Tempo beschleunigen müsse, um die Zeit wieder herauszuholen. An dieses äußerst komplizierte System haben die Mayas nicht weniger fest geglaubt als die Verfertiger astrologischer Gutachten an Tierkreis- und Geburtshaus-Symbolik. Götter der Zahl 1 die Götter ab, die bisher priester die Zeit als eine Zeichen des Himmels Der Regenbogen gilt im Alten Testament als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen. Das war im Sinne der Zeit gedacht, denn schon den Sumerern waren Blitz und Donner, Gewitter und Hagel, Regenbogen und Wolken ebenso legitime Äußerungen der Götter wie die noch sehr viel schwerer zu entziffernden Sternbewegungen. Die Wolken brachten nach Überzeugung der Mesopotamier die Botschaft des Gottes Adad, des Gottes der Landwirte - eine mythologische Interpretation, die doch auch der vernünftigen Erfahrung ihr Recht läßt. Im Zeitalter des Flugverkehrs und der Raketenstarts hat die Meteorologie wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, nachdem sie lange Zeit im Konkurrenzkampf mit dem Hundertjährigen Kalender Beispiel dafür, wie das gelegen hat. Sie bietet ein ausgezeichnetes Denken der Menschen 115 sich gewandelt hat und wie Schritt
um Gedankengänge die Oberhand gewonnen hawürde heute noch wie etwa im Bereich der Sternbilder aus dem Wolkenzug und aus dem Stand der Regenbogen Schicksalskonstellationen berechnen oder kosmische Botschaften erkennen wollen. Das Wetterproblem ist ein Problem der Ackerbauer in aller Welt. Überall ist es deshalb auch zu Wetterzauber gekommen, meist zu einem Analogie- oder Sympathie-Zauber. Wenn z.B. bei den Nyo.ro in Ostafrika der Regen ausblieb, tat der Regenzauberer einen faustgroßen Stein in einen Toritopf. Ringsum riß die Kruste der Erde unter der glühenden Hitze, das Gras der Steppe verbrannte, die Glut, von keiner Feuchte gemildert, schien die ganze Welt zu versengen. Der trockene Stein war jetzt die ausgedörrte Erde. Der Zauberer goß unter rituellen Beschwörungen Wasser über den Stein - und wenn dieses auch nur leicht sprudelte, galt dies als ein Zeichen für nahenden Regen. Die ganze Ratlosigkeit des Menschen, aber auch seine Inbrunst und Energie, sein Lebenswille, sprechen aus solchen Riten, die dem naturwissenschaftlich gebildeten Menschen absurd Vorkommen. Analogiezauber heißt dieses Verfahren, weil das vergossene Wasser den Regen anregen soll, es wirkt Gleiches auf Gleiches. Der Zauberer ging noch weiter. Er vermischte das Wasser mit gestoßenen Kräutern und mit dem Blut einer schwarzen Ziege - man fühlt sich an den schwarzen Sündenbock der Israeliten erinnert - und spritzt es gen Himmel. Nun wird sich, so hoffte man, der Regengott dem Bann dieses ZauSchritt naturwissenschaftliche ben, denn niemand bers nicht widersetzen können. In ganz Europa hat es solche Arten von Regenzauber gegeben, die in der Volkskunde Windfüttern, Windbeschreien, Wetterläuten heißen. Auf einer zauberisch andersartigen Basis geschieht der berühmte Schlangentanz der Hopi-Indianer, heute eine Attraktion für Touristen. Die Schlangen gelten hier als Symbole der Blitze, als Regentiere, und wenn der Indianer während des stampfenden, rüttelnden Tanzes lebende Klapperschlangen zwischen den Zähnen hält, so beherrscht er damit das Phänomen selbst. Kein Zweifel besteht, daß es Augenzeugen für den Erfolg solcher zauberischen Praktiken gibt - es gibt ja auch Horoskope, die bis ins Detail vom Gang der Ereignisse bestätigt worden sein sollen. Die unerträgliche Gegenwart zu verändern, sich die Macht über die Verhältnisse, wenn möglich Einblicke in die Zukunft zu sichern, ist das Bestreben der Menschen seit jeher, und diesem Zweck dient jede Art von Magie, während die Neugier, die Mutter der Wissenschaften, keinen anderen Zweck kennt als durch Wissen möglichst weitgehend befriedigt zu werden. Diese Neugier ist nicht auf Wissenschaftler, historisch gesehen nicht auf die griechischen Denker beschränkt, aber es läßt sich nicht leugnen, daß ner anderen Kultur weiß, in der diese aus dem man von kei- magisch-religiösen Weltbild her- ausgelöste Neugier eine solche Rolle gespielt hätte wie in Griechenland. Um sich bei der Meteorologie zu bleiben: Mit den Erscheinungen des Wetters hat zuerst Anaxagoras auseinandergesetzt. Dieser Mann ist mit modernen Begriffen nur schwer zu fassen, denn »Philosoph« klingt im heutigen Sprachge- brauch eher lächerlich. Man mag sich seine Ausstrahlung, seine Bedeutung so vorstellen wie die eines Hegel, auf den sich unter anderen Marx als Denker beruft. Er hat um 500-425 v. Chr. gelebt. Das ist die Zeit, in der das junge Rom gegen ll6
Ein Zuluzauberer mit Kopfputz. Bei den primitiven Völkern wurde die Auseinandersetzung mit den unerklärbaren Naturereignissen der Vermittlungs- und Beschwörungskunst der Zauberer und Medizinmänner überlassen. Holzschnitt , zweite Hälfte 19. ]h. Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv die Etrusker, Volsker usw. kämpft, also Italien erobert, und Persien sich die grie- chischen Städte in Kleinasien unterwirft. Als Anaxagoras 10 Jahre alt ist, wird die Marathon geschlagen, und mit 20 hört er vom Tod der Spartaner im Engpaß der Thermopylen. Athen erlebt unter Perikies seine höchste Blüte, als Anaxagoras ein reifer Mann ist; im Theater draußen vor der Stadt spielt man damals die Tragödien des Äschylos und die Komödien des Aristophanes. Ein Jahr bevor Perikies stirbt, wird Anaxagoras wegen seiner astronomischen Theorien - und damit sind alle seine Beobachtungen am Himmel gemeint - strafweise verbannt; er geht nach Lampsakos, das heute Lapseki heißt, und stirbt im Exil. Auf eine Formel gebracht, würde seine Philosophie lauten, daß alles Seiende Schlacht bei existiert, also unveränderlich erscheint, lediglich eine ist ist. Was als Veränderung, Verfall oder Wachstum Umschichtung. Offenbar haben die Ereignisse am Himmel Anaxagoras beschäftigt und in seinen hier nur grob skizzierten Auffassungen bestätigt. In damaliger Zeit, die dem Poseidon und Dionysos, der Athene und dem Zeus opferte, war es schon ein Beweis ungewöhnlicher geistiger Unab- hängigkeit, wenn man Vorgänge, die der normale Grieche ter zurückführte, kausal zu erklären versuchte. Der Schritt 117 auf das Walten der Göt- zum Messen physikali-
scher Vorgänge war noch nicht getan, also blieb nur eine möglichst umfassende man die Erscheinungen insgesamt zu erklären versuchte. So hat Anaxagoras vom Grundwasserproblem bis zum Erdbeben alle Phänomene der Geologie und Geophysik naturwissenschaftlich, nicht mythologisch zu erklären versucht und die Rolle der Sonne im Haushalt der Erde klar erkannt. Wenn ein antiker Denker sich mit solchen Ffagen beschäftigte, konnte er nicht wie heute einen Teilaspekt herausgreifen, sondern er mußte sich in der ganzen Breite des Lebens beweisen und für alles eine Erklärung haben. So hat Platon auch über das Wetter geschrieben und in seiner Schrift »Meteorologia« Regen, Gewitter, Regenbogen und Erdbeben rational zu erklären versucht und mit der Kosmologie und der Klimatologie verknüpft. Mit diesem Schritt aus der mythologischen in die rationale Erklärung ist der Weg des abendländischen Denkens vorgezeichnet. Von nun an wird nicht nur auf dem überschaubaren Gebiet der Meteorologie die Erkenntnis vertieft und verfeiSpekulation, mit der nert, man gewinnt im Laufe der Jahrhunderte neue Methoden und Daten, bis Computer mit den Ergebnissen der wetterbeobachtenden Satelliten gewerden können, um so eine größere statistische Wahrscheinlichkeit der schließlich speist Wettervorhersage zu gewinnen. Ein solcher Vorgang, wie er durch Anaxagoras und Platon vollzogen worden ist, läßt sich nicht mehr rückgängig machen, d.h., niemand wird heute einen Schamanen der Hopi-Indianer rufen, um für einen Raketenstart das Wetter zu beeinflussen. »Organon« OPrANON ÖPrÄNßN, H H TH2 $!AO SOFIAS X El P, Ba(ifese>apud Anno Ioannem Bebefium» d* m. xxxv! lautet der Titel zur griechischen Origi- nalausgabe von Aristoteles' sechs Logikbüchern , erschienen 1536. Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv Wien ,
Reihe der naturwissenschaftlichen Denker gehört wie auf allen Gebieten Regen und Wind mit »Ausscheidun- In die des menschlichen Forschens Aristoteles, der gen« der Erdoberfläche erklärt. Der Alexandriner Theophrast hat Schnee und Hagel exakt beobachtet und richtig erklärt, und der Gelehrte Poseidonios hat sich mit den Gezeiten, den Erd- und Seebeben, den Vulkanen und mit der Klimatologie beschäftigt. man erklärte und wurden Meteore und Kometen dem Wetter zugeordnet, nicht der Sphäre der Gestirne, und man kam auf die abenteuerlichsten Zusammenhänge. Der mittelalterliche Forscher Roger Bacon (um 1214-1292) Im Mittelalter hat man die Schriften der Alt;en studiert, aber interpretierte, statt zu erforschen, so B ., der schreckliche Komet vom Juli 1264 sei unter dem Einfluß des Planeten Mars erzeugt und habe ein Zunehmen der Gelbsucht verursacht, wodurch wiederum die damaligen und späteren Kriege entstanden seien. Es ist die Zeit der Kreuzzüge, die aber wohl nicht gemeint sind, des Krieges Ludwigs IX. von Frankreich gegen die Albigenser und des Kampfes der Dänen gegen die norddeutschen Fürsten. Was den Regenbogen angeht, so hat erst Descartes in seinem berühmt gewordenen Werk »Meteores« die mathematische Theorie des Regenbogens geliefert, indem er das Reflexions- und Brechungsgesetz angewandt hat. Wie die Spektralfarben des Regenbogens entstehen, ist in Newtons Farbenlehre erklärt; er hatte die physikalische Erklärung, das Gesetz der allgemeinen Konstruktion konzentrischer Kreise und ihres Kreuzungspunktes, im Jahre 1617 gefunden, doch wurde das Ergebnis erst 1765 veröffentlicht. Seitdem ist das physikalische Phänomen erklärt, was weder den Zauber einer über der Landschaft aufleuchtenden Spiegelung noch den jahrtausendealten Symbolgehalt mindert auch wer die phyglaubte z. ; sikalischen Zusammenhänge kennt, wird sich dem Reiz des Lichtbogens, der Him- mel und Erde zu verbinden scheint, nicht entziehen können. Zwischen den Zahlen Wann die Mathematik in spielen, ist der Menschheitsgeschichte begonnen hat, eine Rolle zu schwer zu sagen. bis drei zählen, und Man sagt von einem, der dumm ist, er könne nicht in der Tat gibt es Stämme, die mit einem Zweiersystem zählen. am Oberlauf des Xingu im Amazonasgebiet fangen beim Die Bakairi-Indianer kleinen Finger an, bilden dann einen Begriff »ahäge« aus Ringfinger und zählen weiter, indem Zwei kombinieren. So kommen sie sie bis immer den dem kleinen und dem Begriff für Eins oder den für zur Sechs, was in ihrem System mit »zwei zwei zwei« ausgedrückt wird. Einen eigenen Begriff für Drei, Vier oder Fünf ken- Offenbar ist dem Menschen aber auch eine psychologische Fähigkeit Mengen mit einem Blick zu erfassen, ohne sie zu zählen. Ein Missionar berichtet von den Abiponen, einem Indianerstamm: »Wenn sie im Begriff sind, zur Jagd aufzubrechen, so schauen sie vom Sattel aus umher, und wenn einer ihrer zahlreichen Hunde fehlt, so rufen sie ihn. Ich habe es oft bewundert, wie sie, ohne zählen zu können, trotz ihrer großen Meute sofort merkten, daß ein Hund fehlt .« Fast alle Menschen nehmen allerdings, wenn sie zählen, die Finger zu nen sie nicht. gegeben, . . 119
Hilfe und kommen so auf das Fünfzahlsystem, das die Basis der Zehnersystems Wie sich in den einzelnen Kulturen die Zählsysteme aufbauen, wie Zahlen bezeichnet werden - ob mit Buchstaben wie etwa im Griechischen, mit Strichen oder mit eigenen Zeichen -, das deckt manches aus der oder Zwanzigersystems bildet. Frühgeschichte eines Volkes auf, gibt manchen Hinweis auf seine Denkweise. aus der Vielfalt der Beispiele nur wenige zu nennen Im Griechischen gibt Um : zwei Wörter für »rechnen«, eines heißt »pempäzein« und bedeutet »fünfern«, das zweite heißt »psephizein« und heißt wörtlich »steinein«. Das ältere Wort ver- es weist auf das Abzählen an der Hand, das jüngere auf das Rechenbrett. schen heißt rechnen »computare« »der »supputare«, was wörtlich Im Lateini»zusammen einschneiden« heißt - man hat den Begriff vom Kerbholz abgeleitet, bei einem Volk von Rinderzüchtern nicht verwunderlich so steckt der Zählstock italischer Hirten noch im heutigen Computer. Im mittelalterlichen Latein nannte man das Rechnen »calculare«, von »calculus«, dem Steinchen auf dem Rechenbrett. Auch das französische »jeter«, wörtlich »werfen«, wie das englische »to cast« verweisen ; aufs Rechenbrett. Bevor aber von den Hilfsmitteln des Rechnens die Rede dem Abacus, soll ist, dem Rechenbrett, der Vollständigkeit halber die Fingersprache erwähnt werden, eine kuriose, aber weitverbreitete Methode unter Händlern, einen Preis auszuma- chen, vergleichbar nur der Taubstummensprache. Sie wurde aufgezeichnet von dem dige. englischen Benediktiner Beda (673-735), genannt Venerabilis, der EhrwürIm Mittelalter ging es um die Berechnung des beweglichen Osterfestes, Fra- gen der Zeitberechnung und Kalender spielten deshalb eine große Rolle. In seinem Werk »Dex temporum ratione« schreibt Beda einleitend über Fingerzahlen: »Ehe wir mit Gottes Beistand über die Zeitrechnung sprechen, halten wir es für nötig, zuerst kurz die äußerst nützliche und stets bereite Fertigkeit der Fingerzahlen zu zeigen.« In dieser Sprache bedeutet der eingebogene kleine Finger der linken Hand der Mittelfinger 3, bei 4 muß man den Kleinfinger wieder aufrichten, bei 5 den Ringfinger usw. Man braucht sehr gelenkige Finger, denn 6 bildet man, indem man nur den Ringfinger einbiegt, die anderen aber gestreckt 1, dazu der Ringfinger läßt. 2, Dieses Fingerzählen, das im Mittelalter noch häufiger erwähnt wird, römischen Imperium entstanden, als viele im ist verschiedene Völker miteinander Han- ohne doch die gegenseitige Sprache zu verstehen. Das Fingerzählen hat den Vorteil, daß Gaffer es nicht begreifen. Auf dem orientalischen Bazar werfen Käufer und Verkäufer ein Tuch über ihre Hände, mit denen sie sich lautlos ihren Preis aushandeln. Die Währung, in der abgeschlossen wird, gibt man vorher an. Faßt der Käufer den gestreckten Zeigefinger des Verkäufers mit der Hand, so bedeutet das 1, 10 oder 100, wobei sich beide über die del trieben, Der Alten Finger Rechnung heißt die Überschrift zu dieser Rechentafel die anschaulich das Rechnen mit Fingern , illustriert , bevor man Hilfsmittel, wie z.B. das Rechenbrett, zu benützen lernte. Kupferstich nach Beda Venerabilis aus dem »Theatrum Arithmetico-Geometricum« des Jacob Leupold, 1727. Technische Universität, Berlin
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Größenordnung iip klaren sind. Griechische und türkische, indische und persische Händler verstehen diese Fingersprache ebenso wie die arabischen Händler, die Galla aus Abessinien, die Somali - aber auch in Bessarabien, bei den serbischen Zigeunern, in der Walachei und in der französischen Auvergne hat es das Fingerrechnen gegeben. Die letzte >offizielle< Abbildung stammt immerhin aus dem Jahre 1727 und findet sich im »Theatrum Arithmptico-Geometrico« des Jacob Leupold. Mit Zählstock und Abacus Zählstock und Kerbholz, auch das gespaltene Kerbholz, das aneinandergelegt eine unveränderbare Urkunde ist, gibt es in vielen Kulturen. Auch hier wie bei der Fin- um für den Alltag brauchbare Praktiken, nicht etwa um nur um Vorstufen zum höheren Rechnen. Nicht nur Vieh gersprache handelt es sich Mathematik oder auch und Schulden wurden ins Kerbholz eingeschnitten, sondern auch Rechte hat man so verbrieft. Das Alpscheit aus dem Lötschental in der Schweiz verzeichnet das Recht der Bauern, ihr Vieh auf die Alpe zu treiben, die der Gemeinde gehört. Wie man ins Ohr von Rindern Marken schneidet, so schnitt man kleine Stücke aus der Holzkante, sogenannte Tesseln. Sie mußten vorgewiesen werden und passen, so war das Recht verbrieft. Auch Wasser- und Kapitaltesseln sind in der Schweiz noch gebräuchlich. Ein anderes Hilfsmittel für das Rechnen ist der Rechentisch. Ähnlich wie beim Abacus, bei dem Zählbrett, das die Kinder in der Schule und die Russen heute noch bei ihren blitzschnellen Rechnungen benutzen, geht es um die Ordnung von Sternchen oder Kugeln auf einem Feld, das die Zahlengrößen bezeichnet. Im Mittelalter deckte man so ein Brett wie einen Schachtisch sorgsam mit einem Wolltuch ab, wenn man den Raum verließ. Im Lateinischen heißt die Wollflocke »burra«, und »bure« heißt im Französischen ein grober Wollstoff. So bekam erst die Decke, dann der ganze Raum den Namen »Bureau«, woraus schließlich das Büro geworden ist, in dem wiederum der Computer steht. Die Rechenbretter sind wohl hergeleitet aus einfachen Vorformen, etwa einem Rechteck, in den Sand gezeichnet und mit Linien für Einer, Zehner, Hunderter usw. versehen. Es kann sein, daß Archimedes über einer solchen Rechnung gebrütet hat, als er erschlagen wurde. Man um die Zeitwende der Abacus, das antike von dort kam es im 17. Jahrhundert nach Japan. Von Rom aus ist es über Byzanz mit dem Christentum nach Rußland gekommen, wo es heute noch benutzt wird. Dieses Verfahren ist nicht etwa ein Beweis von Primitivität, sondern eher von Geschicklichkeit, denn ein Rechner mit dem Rechenbrett kann zeitlich nur vom Computer geschlagen werden. Seltsamerweise kennen auch die präkolumbianischen Indios in Peru und Ecuador die einfachen Rechentafeln. Auf einer Stein- oder Tonplatte, die mit Löchern versehen war, wurden Bohnen oder Maiskörner hin und her geschoben, und zwar mit einer Schnelligkeit, über die sich auch die Spanier gewundert haben. Der technischen Methode des Zählens und Rechnens steht die geistige Bedeutung der Zahl gegenüber - auch dies ein Gebiet, das gänzlich außerhalb der Mathe- vermutet, daß irgendwann Rechenbrett, nach China gelangt ist; 122
matik man liegt, aber doch zur Geistesgeschichte der Menschheit gehört. Hier rührt an sehr tiefe psychische und kosmische Bezüge. Allein die Frage, wie die Sprache eine Zahl ausdrückt, eröffnet faszinierende Zusammenhänge. So gibt es im Deutschen die Einzahl »Mann« und die Mehrzahl »Männer«, aber kein eigenes Wort für »zwei Männer« oder »zwei Menschen« oder »zwei Rinder«. Das selbstverständlich, wiewohl in vielen der Sprache der indischen Aryas, nicht in im Griechischen, Keltischen und Baltisch-Slawi- schen hat sich der sogenannte Dual, der nicht ist indogermanischen Sprachen ähnlich. Nur Fall für die Zweierform, erhalten, aber im Germanischen. Aus der ursprünglich dem Gegenstand verhafteten ist die Zahl zum abstrakten Begriff geworden. Naturvolk im Urwald Mengen nur im Zusammenhang mit Kokosnüssen nennt, ist das konkret gemeint. Zahlen, mit denen man alles zählen kann, stellen einen hohen Abstraktionsgrad dar, und selbstverständlich füllen sie sich, entsprechend der Kultur eines frühen Ackerbauvolkes, mit symbolhafter Bedeutung. So entspricht die Zahl Zwei dem dualistischen Denken vieler Völker, ausgeprägt etwa in der persischen Religion oder im Yin-Yang-Prinzip der taoistischen Chinesen. Die Drei ergänzt diesen Dualismus als dialektisches Prinzip: These und Bezeichnung Wenn ein Antithese ergeben die Synthese, die Einheit vereinigt in sich die Polarität des Seins, so ist Drei eine magische Zahl von solcher Stärke, daß bis in die Märchen hinein, bis in die alltäglichsten Dinge drei Rätsel gestellt, drei Fragen erlaubt, drei Anläufe gestattet, drei Sieger verehrt werden. Hier offenbart sich die Zahl schon deutlich als strukturelles Prinzip einer Kultur. Alle magischen schen Bemühungen nehmen Hexeneinmaleins in auf die geheime Goethes »Faust« ist Ordnung über und alchemisti- die Zahl Bezug, das Zahlenmagie. Die Vier Beispiel solcher symbolisiert die Himmelsrichtungen, auch dies in China auf ausgeprägte Weise, während die Fünf in das Viereck des Kosmos noch den Mittelpunkt des Ego setzt. Die Sechs gleicht der Vier, nur treten hier noch Zenit und Nadir hinzu, also die raumschaffenden Punkte, denn mit Zenit bezeichnen die Araber den Scheitelpunkt Himmels über dem Haupt des Betrachters, mit Nadir den entgegengesetzten Punkt der Himmelskugel. Mit der Sieben ist diesem Zahlensystem wiederum das des Ego als Daß Mitte eingeschrieben. die sogenannten arabischen Ziffern aus Indien stammen und wissen der Brahmanen gehörten, über den Islam dem Abendland ist bekannt. Sie wurden vermittelt, und als zum Geheim- Stellenwertsystem es hat lange gedauert, bis sie sich durchsetzten. Allerdings war diese Zahlenschrift nicht etwa eine Voraussetzung wenn sie auch die Mathematik wesentlich erleichtert hat. Was aber bedeutet nun eigentlich Mathematik? Wenn es sie nicht gäbe, würde man trotzdem die rechnerischen Probleme des Alltags bewältigen, die Ingenieure würden trotzdem gewisse Probleme lösen können, und man würde über die mystider Mathematik, schen Beziehungen zwischen Zahlen nachsinnen. Mathematik beschäftigt sich mit Zahlen und Figuren nach den Gesetzen der mathematischen Logik. Sie erforscht ursprünglich nichts anderes als die Beziehungen zwischen Zahlen, und sie ist nicht Welt bei bestimmter Kulturhöhe gleichsam zwangsläufig entstanden, sondern ein Ergebnis bestimmter geselbstverständlich, nicht an verschiedenen Stellen der sellschaftlicher und politischer Konstellationen. 123
Verschiedene Positionen des Fingerrechnens zeigt diese Illustration. ist Darunter eine französische Kechenscheihe abgebildet mit Hilfe derer man multiplizieren, dividieren und Wurzel ziehen konnte. Kupferstich aus dem »Theatrum ArithmeticoGeometricum« des Jacob Leupold, 1727. Technische Universität, Berlin Im Mittleren Reich Ägyptens (2040-1710 v. Chr.) berechnete man erbeutetes Vieh und getötete Feinde, auch konnte man ermitteln, wieviel Laibe Brot und Krüge Bier sich aus einem Scheffel Korn herstellen ließen. Man kannte aber auch schon Quadrat und Quadratwurzel, ermittelte die exakten Volumina für Kegel und Pyramidenstumpf und bewältigte sogar die Aufgabe, den Inhalt eines Kreises an- nähernd zu berechnen. Der offenbar kulturgeschichtlich sehr früh liegende Übergang vom Rechnen zur Mathematik ist also hier nicht zu datieren, er liegt in einer man keine archäologischen Zeugnisse mehr besitzt. Daß etwa aus dem Weltraum kommende Wesen den irdischen Menschen solche Kenntnisse beschert Zeit, aus der hätten, ist Beweises eine reine Phantasievorstellung, für die es nicht den Schatten eines gibt. Pygmäen oder Ebensogut kann man die Mathematik als Geschenk ausgestorbener schließlich der ägyptischen Götter selbst bezeichnen. In Mesopotamien kannte man den »Pythagoras«, der ihn ja seinerseits im Vorderen Orient kennengelernt haben muß, und löste quadratische und kubische 124
Gleichungen mit algebraischen Methoden. Im Gegensatz zu den Ägyptern, die nach dem Dezimalsystem rechneten, arbeiteten die Mesopotamier mit einem Sexagesimalsystem, also mit einem auf der 60 aufgebauten Zahlensystem. Der Vorteil dieses Systems besteht darin, daß man die 60 durch insgesamt zehn Faktoren, nämlich 2, 3, 4, 5, 6, 10, 12, 15, 20 und* 30 teilen kann. So geht die heutige Kreiseinteilung auf die Babylonier zurück, ebenso die Stunden- und Minutenrechnung. Erstaunlicherweise hatten die Babylonier ein Stellenwertsystem, wenn es auch nicht so konsequent durchgeführt war wie das heutige Stellenwertsystem mit den arabisch-indischen Ziffern. Man hält es für möglich, daß hier der Ursprung unseres eigenen Stellenwertsystems zu suchen ist, das demnach über und den Islam ins Abendland gekommen wäre. Die Ingenieure in Babylonien berechneten komplizierte Rauminhalte wie Festungswälle oder -gräben. Diese Anwendungsbereiche mathematischen Könnens sind für Mesopotamien so charakteristisch wie für Ägypten die Berechnungen über Bier und Brot. Im Indien des ersten vorchristlichen Jahrtausends hat es ebenfalls eine hoch entwickelte Mathematik gegeben, wie überhaupt Indien und Babylon die größten mathematischen Leistungen hervorgebracht haben, bevor die griechischen Denker sich, auf diesen Kenntnissen aufbauend, mit Mathematik befaßten. Daß indische Rechenaufgaben weder mit toten Feinden noch mit Festungen operierten, macht sie besonders liebenswürdig. So heißt eine altindische Rechenaufgabe: »Acht Rubine, zehn Smarade und hundert Perlen, die in deinem Ohrring sind, meine Geliebte, habe ich dir zum gleichen Preis gekauft. Und der Gesamtpreis der drei Edelsteinsorten war ein halbes Hundert weniger als drei; sagemir den Preis eines jeden, glückverheißende Frau!« (Störig) Die Inder jener Epoche beherrschten die Trigonometrie, sie kannten negative Größen, Gleichungen zweiten Grades, vermochten Wurzeln zu ziehen und boten sogar die Ansätze einer Differentialrechnung. Der Höhepunkt der indischen Mathematik ist allerdings im 1. Jahrtausend n. Chr. zu suchen die wichtigsten Mathematiker sind Aryabhata im 5. Jahrhundert n. Chr. und Bhaskara im 12. Jahrhundert n. Chr., wobei die Frage, wieweit indisches Denken durch die Griechen vermittels Alexanders des Großen beeinflußt wurde, unbeantwortet bleiben muß. Ganz gewiß war es in den Jahrtausenden vor den Alexanderzügen so, daß man in den Vorderen Orient reisen mußte, um sich über die letzten Erkenntnisse der Mathematik zu informieren. die Inder ; Die Weisen von Milet Die Philosophen aus Milet galten vor allem verstand men man damals vergrübelte und in einer Sprache redete, die kein einen scharfsinnigen 6. als Praktiker. Jahrhundert v. Unter einem Philosophen nicht einen würdigen Herrn, der sich in abstrakten Proble- Mann, Mensch verstand, sondern der für alles eine Erklärung suchte. Milet, im 7. und Chr. die bedeutendste Metropole der griechischen Ägäis, war Schnittpunkt der Handelsstraßen zwischen Ost und West, Drehscheibe des Fernwo man Menschen aus aller Herren Länder treffen konnte. Hier soll nach einer rund 1000 Jahre später aufgezeichneten Überlieferung Thaies handels und ein Ort, 12 5
gelebt haben, einer der weisesten Männer seiner Zeit. Proklos (ca. 411-485 n. Akademie, hat über diese sogenannten jonischen Naturphilosophen einiges mitgeteilt, das freilich nicht Anspruch auf unbedingte historische Glaubwürdigkeit erheben kann. Thaies, so schreibt er, sei Großkaufmann gewesen und habe im Salz- und Ölhandel sein Vermögen gemacht. Über seine mathematischen Leistungen berichten verschiedene Quellen der Antike, aber die Angaben über sein Leben sind mehr als dürftig. Sie lauten: »Thaies, der nach Ägypten ging, brachte zuerst die Geometrie nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte er die Anfänge an seine Nachfolger.« K£in einziges seiner Werke ist erhalten geblieben, obwohl man Grund zu der Annahme hat, daß Heraklit und Demokrit etwas von Thaies besessen haben. Die Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 während der Schlacht zwischen Lydiern und Medern hat er, Herodot zufolge, mit Hilfe einer nicht überlieferten Methode vorausberechnet und sich dadurch einen Namen gemacht. Wichtiger als diese mathematischen Kunststücke legendären Charakters sind die Sätze, die den Beginn der linearen abstrakten Geometrie bezeichnen und damit die Grundlage des exakten mathematischen Denkens bilden. Ob sie von Thaies gefunden oder nur in dieser Präzision formuliert worden sind, muß offen bleiben. Sie lauten »Ein Dreieck wird durch eine Seite und zwei Winkel bestimmt. Die Scheitelwinkel sind gleich. Die Winkel über der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks sind gleich. Die Kreisfläche wird vom Durchmesser halbiert. In den Kreis läßt sich ein rechtwinkliges Dreieck mit dem Durchmesser als GrundChr.), einer der Leiter der Platonischen : einschreiben.« linie Heute sind solche Sätze Lehrstoff für den Elementarunterricht. Sie haben damals eine so große Bedeutung gehabt, weil sie eine bestimmte Denkweise voraussetzten und Konsequenzen hatten. Aufbauend auf solchen Sätzen ist das axiomatisch-deduktive Verfahren der Mathematik entwickelt worden. Das bedeutet, man stellt nicht mehr einzelne Lehrsätze nebeneinander, sondern formuliert einen Lehrsatz so allgemein, daß er auf alle speziellen Fälle paßt. Dies ist der Grundge- danke des naturwissenschaftlichen Gesetzes, wobei verlangt wird, daß solche nicht beweisbaren Sätze evident seien. Außer den dem Thaies zugeschriebenen Sätzen gibt es noch eine Reihe anderer, die ebenfalls in der Mathematik von Bedeutung sind. Zwei verschiedene Gerade, so lautet ein solcher Satz, haben entweder einen oder keinen Punkt gemeinsam. Im letzteren Falle heißen die Geraden parallel. Zwei verschiedene, nicht parallele Geraden besitzen also einen gemeinsamen Punkt, ihren Schnittpunkt. Zu jeder Geraden gibt es durch einen nicht auf ihr liegenden Punkt eine dazu parallele Gerade. Solche Sätze hat Aristoteles »Axiom« genannt (griechisch: Geltung, Grundsatz). Bei Euklid heißen sie »allgemeine Einsichten«. Aristoteles unterscheidet nun aber zwischen Axiomen, die allgemein gültig seien, und Thesen, deren Geltungsbereich auf ein Gebiet, etwa die Geometrie, man beschränkt die sei. Axiome, Es hat später scharfsinnige Diskussionen darüber gegeben, wie also die evidenten Sätze, Solche Versuche, zu immer von den Thesen abgrenzen schärferen Begriffen, gleichsam zu den solle. Atomen der Logik vorzustoßen, unscharfe Vorstellungen immer deutlicher zu präzisieren, dürften eine Erklärung für den Umstand bieten, daß gerade die Griechen den 126
Werke des berühmten Titelseite der Euklid, des griechischen Mathematikers, mit Dürers Kaufeintrag aus dem Jahr 1501. Herzog- August-Bibliothek, Wolfenbüttel 0b 3 tl^maticani 5 OlfripHoanl ”|anifOMt':B^.ibcntin poc volunii nc quictkp ad tmtbcmmcä fubftantid afpirattdcmctoaini litnos.ru}. cn ejcpofittonc Xbconfe tfigma matLxmattci.qtitbns imilta quac occrdt cjrlcctiöc gracca fumpta addita fab uec nö plurima fubacrfa t picpoficrc^oluta tu iOfpam iterptatöe: oidinata oigdla« cafh'gata funt.gSuihuo eaiä nonnulla ab fllo vcnerando. iöocradco pbHofopbo mträdo itidido ftmcM babenfadiucra.^cputa/ tutn feilte« ^dmivdtm&xihjcä crpofttioc ‘t^ypß. ater. 5tidäp 1 Tbbaeno.O’pecu.T "ß>er)*pc.c»im erpofotonc Tbeoma.acmiratv due die über EMtop eum ctpofituk •j&appi ö>cebanici vtiaeu ®>artm nalcctiä piotbcojta.-^ar. ;g,lbcr. ’Bene.'^ntcrpte. CXat» jjratla r 'fbitmfcgio per occemum. von der Arithmetik zur Mathematik getan haben. Gewiß sind die Babylound Inder nicht weniger scharfsinnige Menschen gewesen als die Griechen; der Lehrsatz des Pythagoras beweist das, ebenso die indische, wohl unabhängig von den Griechen entwickelte Mathematik. Aber die Griechen haben bestimmte Schritt nier Voraussetzungen besessen, die dem Orient nicht gegeben waren. Verwendung von Hartgeld, die zu einer spürbaren Belebung des Handels führte, eine andere Voraussetzung war die Einführung des leicht erlernbaren Alphabets anstelle der schwerfälligen orientalischen Schriften. Beides zusammen bewirkte die Demokratisierung des griechischen Lebens, denn das Wissen war nicht mehr Privileg der Priesterschaft, und die Macht lag nicht mehr allein in den Händen des grundbesitzenden Adels. Aus den kriegsgewaltigen, erzgerüsteten Helden Homers wurden realistische Kaufleute, geschickte Handwerker, an den Geschicken der Stadt leidenschaftlich inter- gesellschaftliche Eine dieser Voraussetzungen war die essierte Bürger. Das nur für Athen, sondern ebenso für die Koloniestädte in Kleinihrem Einabhängigkeitsdrang, ihrer Selbstherrlichkeit und ihrem Weit- galt nicht asien. In I27
blick sind diese griechischen Kaufleute chen. Gewiß waren sie den Kaufherren der Renaissance zu vergleisie verkörperten, gemessen am Stil des Ausbeuter, aber Landadels oder an den orientalischen Despotien, in ihrer Zeit den Fortschritt nicht nur in politischer Hinsicht. So drängte in diesem rational bestimmten Milieu der Verstand gerade auch in mathematischen Fragen zur größtmöglichen Klarheit. Hier war das Studium der Mathematik nicht Selbstzweck, sondern verfolgte ein hauptsächliches Ziel; nicht aus Göttervorstellungen, sondern aus vernünftiger Menschen innerhalb des Kosmos abgeleitet werden, Mathematik diente dazu, Ordnung im Chaos zu stiften, Ideen in logischen Ketten anzuordnen und fundamentale Prinzipien zu entdecken (Struik). Wie selbst komplizierte Rechenoperationen zu bewerkstelligen seien, wußte man überall in den Handelszentren, aber niemand hatte sich die Frage gestellt, warum ein gleichschenkliges Dreieck zwei gleiche Winkel habe und warum die Fläche eines Dreiecks ebenso groß sei wie die halbe Fläche eines Rechtecks von gleicher Grundlinie und Höhe. Es war die Frage nach der letzten Ursache, eine vom Verstand zu beantwortende Frage, die das griechische Denken antrieb. Die jonischen Naturphilosophen suchten deshalb nach einem Urstoff, sie zerbrachen sich den Kopf über Fragen, deren Lösung nicht von unmittelbarem Nutzen war, und darin unterschieden sie sich von den Weisen aller anderen Kulturen. Die Blütezeit Griechenlands unter Perikies um etwa 430 v. Chr. umfaßte alle Gebiete, nicht nur die Mathematik. Und wie die heutige Bühnenkunst auf die Tragödien der Antike zurückgeht, so ist auch die moderne Naturwissenschaft in den Erkenntnissen eines Thaies, Anaximander, Demokrit oder Euklid verwurzelt. Dabei entzündete sich das formale Denken vor allem an drei Fragestellungen. Die erste war, wie man einen beliebigen Winkel in drei gleiche Teile teilen könne. Ferner wollte man klären, wie man einen Würfel verdoppeln könne, das sogenannte Delische Problem, dessen Name von den Deliern herrührt. Ihnen soll zu Platons Zeiten das Orakel aufgegeben worden sein, ihren würfelförmigen Altar zu verdoppeln, woraufhin sie sich an Platons Akademie wandten. Und das dritte Problem ist die berühmte Quadratur des Kreises, d.h. die Aufgabe, einen Kreis in ein flächengleiches Quadrat zu verwandeln. Dieses letzte Problem, sprichwörtlich für eine nicht lösbare Aufgabe, hat zu einer ganzen Reihe mathematischer Erkenntnisse geführt. Das liegt daran, daß es mit einer endlichen Anzahl von geraden Linien und Kreisen nicht gelöst werden kann. Auf der Fährte dieses Problems wurden später die Kegelschnitte entdeckt, schließlich sogar kubische Kurven, Kurven vierter Ordnung und eine transzendente Kurve, die dem Mathematiker als QuaEinsicht sollte die Stellung des und die dratix bekannt ist. jonischen Naturphilosophen, die sich auch mit Physik und Biologie, mit der Astronomie und mit Musik befaßten, stand eine andere Richtung gegenüber, deren Anhänger Beziehungen zu aristokratischen Kreisen besaßen. Ihr Interesse Den Ursache der Erscheinungen, sondern den unveränderlichen Elemenund in der Gesellschaft. Sie werden nach ihrem bedeutendsten, wenn auch legendären Gründer Pythagoreer genannt. Die wichtigste, den Pythagoreern zugeschriebene Entdeckung war die der irrationalen Größen. Man ver- galt nicht der ten in der Natur steht darunter die algebraischen Zahlen, die als unendliche, nicht periodische 128
Dezimalbrüche dargestellt werden. Jede Zahl hatte für die Pythagoreer eine Sym1 und die 2. Als Symbol für das Prinzip der Aristokratie galt diesen Denkern, denen alles bolbedeutung, drückte kosmische Proportionen aus. Das galt auch für die symbolisch wurde, das geometrische Mittel a b = b c. Die Frage lautete: Wie groß ist das geometrische Mittel von den heiligen Symbolen t und 2? Man mußte : : das Verhältnis von Seite und Diagonale eines Quadrates studieren, dabei fand man, daß jenes Verhältnis nicht durch Zahlen, d. h. hier durch ganze Zahlen ausgedrückt werden konnte. Nur solche Zahlen waren aber in der Arithmetik der Pythagoreer zugelassen, mit Brüchen oder Dezimalzahlen arbeitete Zeno von Elea (um 450 v. man nicht. Chr.), ein konservativer Philosoph, nach dessen Lehre der Verstand nur das unveränderliche Sein der Dinge erkennen könne, ist zu der Überlegung vorgestoßen, daß man eine endliche Strecke in unendlich viele kleine Strecken zerlegen kann. Das kam einer Revolution des mathematischen Denkens gleich und war im Grunde ein »logischer Skandal« Ohne auf diese Probleme näher einzugehen, kann hier festgehalten werden, daß damit zum ersten Male in der Mathematik Probleme auftauchten, die zu Paradoxien führten. Der Weg zur Infinitesimalrechnung, der Rechnung mit unendlich kleinen Größen, ist damit vorge. Abendland so charakteristisch Musik des Barock. zeichnet. Er wird in späteren Jahrhunderten für das sein wie der Dombau des Mittelalters oder die Mit Steinmesser und Zauberpilz kam von Göttern oder Halbgöttern, so Schrift und Zahl, Ackerbau und Schmiedekunst. Das gilt in gewissem Maße auch für die Medizin. In den Hochkulturen, die sich der Schrift bedienten, findet man nun sehr alte Quellen über medizinische Erkenntnisse; noch weiter zurück reichen die Ermittlungen der Prähistoriker, die ergänzt werden durch die Bestandsaufnahme Alles Wissen, das überliefert war, der Völkerkundler. stammen in Europa aus dem 40000-10000 v. Chr.). Es sind die Schä- Die ersten Zeugnisse von chirurgischen Eingriffen Neolithikum, der jüngeren Steinzeit del der (ca. Steinzeitmenschen, an denen Trepanationen durchgeführt wurden. Bei dieser Operation wird eine Knochenplatte aus dem von der Größe eines Fünfmarkstückes Schädel herausgemeißelt. Mit einer Obsidianklinge läßt sich ein solcher Eingriff verhältnismäßig leicht durchführen noch 1952 hat ; man in Peru eine ex- perimentelle Schädeloperation mit einem Obsidianmesser der Steinzeit durchgeführt, wobei es nicht viel schlechter als ein Skalpell funktioniert hat. die steinzeitlichen Trepanationen ist das Motiv. Man findet sie bei den Unklar für Ureinwoh- nern der Kanarischen Inseln, den sogenannten Guanchen, ebenso aber im prähistorischen Afrika, im frühen Amerika, bei den Naturvölkern der Südsee. Die Medizinhistoriker nehmen an, es handle sich um den Versuch, beginnenden Wahnsinn oder unerträgliche Kopfschmerzen, etwa durch Schädelverletzungen hervorgerufen, durch die Operation zu heilen, indem man zum letzten Mittel griff und den Druck der Knochensplitter im Schädel entlastete. Denkbar sind aber auch magische Motive, denn in den altperuanischen Gräbern wurden insgesamt über 129
Modelle der Leber und Gallenblase aus Babylonien (oben) und dem etruskischen Italien (unten). Die medizinischen Kenntnisse der Völker früher Hochkul- turen setzen den heutigen Berlin, Bildarchiv Menschen immer wieder in Erstaunen. Staatsbibliothek
toooo trepanierte Schädel gefunden, dazu das ganze Oper'ationsbesteck, Obsidianund Bronzemesser, kupferne Stichel, Klammern und Nadeln (Pollak). Bei dieser sehr großen Zahl ist es wohl nahezu ausgeschlossen, daß in jedem einzelnen Fall Wahnsinn oder Kopfschmerzen diese Operationen angeraten sein ließen. Da man steinzeitliche Ketten mit Knochenplättchen aus diesen Trepanationen gefunden hat, wäre mindestens vorstellbar, daß man den Schädel aus magischen Gründen öffnete. Denkbar, daß in irgendeinem Zusammenhang, den wir nicht kennen, etwas aus dem Kopf gelassen wurde, was darin eingesperrt war - es braucht nicht immer ein Schmerz oder ein Druck gewesen zu sein, nicht einmal ein Krankheits- dämon, sondern vielleicht nur ein Dämon, der das Denken verwirrte. Man weiß nicht, welche Betäubungsmittel bei Trepanationen verwandt wurden, aber man kennt aus dem alten Peru noch eine ganze Reihe medizinischer Maßnahmen, so den Aderlaß, das Einrichten von Verrenkungen, das Öffnen von Abszessen und Wundnähte, wie man überhaupt den frühen Kulturen anderer Erdteile ein beachtliches praktisches Heilwissen und Handgeschick zubilligen muß. Die Chirurgie jedenfalls war im alten Peru der gleichzeitigen europäischen Wundchirurgie bei Trepanationen des 15. Jahrhunderts ebenbürtig, Geschichtlich bezeugt ist die Tatsache, wenn daß in China einmal der Arzt ein Opfer der Trepanation geworden ist. nicht überlegen. statt des Patienten Einer der größten Arzte der Han-Zeit war der Chirurg Hua T'o (190-268 n. Chr.), der große Operationen ausals Erfinder der Anästhesie gilt, also der Methode, medi- geführt hat und im Osten kamentös den Schmerz auszuschalten. Er soll sogar Magen- und Darmoperationen die Wunde mit einer Heilpaste verklebt haben, so daß sie sich nach wenigen Tagen schloß. Über einen so großen Arzt kursierten viele Legenden. vorgenommen und Eine von ihnen erzählt, wie der Arzt zum Herzog von Qei, dem Begründer der gleichnamigen Dynastie und berühmten Heerführer, gerufen wurde. Der General litt unter unerträglichen Kopfschmerzen, und der Arzt schlug eine Trepanation dem Mißtrauen seines Patienten gerechnet. Der General einen Mordanschlag und ließ den Behandlungsvorschlag vermutete hinter diesem Chirurgen einkerkern und zum Tode verurteilen. Alle seine medizinischen Schriften gab der Gelehrte dem Kerkermeister, dessen Frau sie aus Angst vor der vor. Er hatte nicht mit des Herrschers verbrannt haben soll. Nur die Schrift über die Tierheilkunde konnte gerettet werden. Dieser chinesische Arzt hatte offensichtlich schon ein beachtliches medizinisches Wissen, auch vom heutigen Standpunkt aus gesehen. Bei einem medizinischen Examen freilich hätte er allenfalls in Botanik mit Erfolg abschneiden können, denn so groß seine Heilerfolge, so weitgespannt sein Wissen auch gewesen sein mögen, es war der Zeit entsprechend von unzähligen Ungnade irrationalen Faktoren bestimmt. Ein Arzt der frühen Kulturen gleicht einem australischen Ureinwohner, der mit Schraubenschlüssel, ser weiß zwar, wo Hammerund Meißel ein Sportflugzeug reparieren der >Kopf< und der >Bauch< des Flugzeugs ist, Fortpflanzungsorgane nicht und versteht nicht, weshalb der Vogel nicht frißt. Der menschliche Körper ist ist Würmer den Ärzten der Hochkulturen ein Rätsel geblie- ben, das sie durch scharfe Beobachtung suchten; in gewisser Weise soll; die- aber er findet die und durch Analogieschlüsse zu lösen verja noch heute ein solches Rätsel, denn der Körper 131
als physiologisches ßystem hat die moderne Medizin ihn nahezu vollständig er- kannt, während ihr die tieferen Ursachen der Krankheit und die Einwirkung des Psychischen auf den Leib immer rätselhafter werden. In allen Kulturen kern findet man ist Krankheit als Strafe empfunden worden. Bei den Naturvöl- häufig die Auffassung, die Ursache jeder Krankheit sei ein böser von Feinden verursacht und gleichsam gezielt wie ein vergifteter Pfeil. Bei den Azteken z.B. bestrafte der Gott Titlacahuan, der »Rauchende Spiegel«, als mächtiger Hauptgott den Bruch von Fasten, von Gelübden und von sexuellen Tabus mit unheilbaren Krankheiten oder mit Geschwüren, besonders an den Geschlechtsteilen. Mit Hämorrhoiden sowie Furunkeln wurde man vom »Blumenprinz« bestraft, dem Gott der Spiele und des Leichtsinns, während die liebenswürdige »Blumenfeder«, die Aphrodite der Azteken, die Herrin der Handwerker und der Liebe, Krätze und andere Scheußlichkeiten schickte. Nun ist ja die Auffassung, daß eine Krankheit von den Göttern oder von Gott gesandt sei, in allen Religionen vertreten, weil ohne moralische Ursache der Zustand der Erkrankung psychisch offenbar nicht verarbeitet werden kann. Erst wenn der Kranke sein Leiden »annimmt« und es ihm nicht mehr als ein Zufall von haarsträubender Ungerechtigkeit erscheint, werden psychische Energien für die Heilung frei. Die Inkas schlossen von der Schwere der Krankheit auf die Schwere vorangegangener Vergehen, eine Auffassung, die wie eine Vorstufe zur buddhistischen Lehre vom Karma und der Wiedergeburt wirkt. Wenn in diesem Staat der Gottkönig selbst unheilbar krank wurde, mußten seine Untertanen die schrecklichsten Sünden begangen haben, denn er selbst, der »Sohn der Sonne«, war ja einer Sünde oder Tabuverletzung unfähig, auch schwächte seine Krankheit die Kraft der Sonne. Deshalb betete man unablässig und opferte Lamas und Meerschweinchen, um dem Gestirn neue Kraft zuzuführen. Weil in einer so unglaublich gefährdeten Welt alles davon abhing, daß man die Sünden erfuhr, gab es Beichten, und die in der Beichte gewonnenen Erkenntnisse wurden therapeutisch genutzt und in Bußauflagen umgesetzt. Den Bruch des Beichtgeheimnisses beZauber, sie sei dem Leben. zum Körper war zahlten die Beichtpriester übrigens mit Die Einstellung zur Krankheit wie also weitgehend von der Weltauffassung des jeweiligen Stammes oder Volkes geprägt, so daß sich auch die Kenntnisse vom menschlichen Körper sehr unterschiedlich entwickelt haben. Daß jeder Teil des Körpers eine kosmische Beziehung habe, und ist eine in Indien verbreitete Weisheit wiedergegebene Auffassung. Wieviel Irrtümer solche Analogien in sich bergen, zeigt die ägyptische Medizin. Erstaunlicherweise war die Lage der Eingeweide den ägyptischen Ärzten, obwohl in diesem Lande ständig Leichname einbalsamiert wurden, vollkommen unklar. Die Leichname oft heute als tiefere wurden nämlich von Hilfskräften ausgeweidet, zu anatomischen Studien blieb keine Möglichkeit, der Priesterarzt hatte andere Interessen. Regelrechte Sektionen sind erst von den griechischen Ärzten worden ; bis dahin bezog man um 300 v. Chr. in Alexandria durchgeführt seine anatomischen Kenntnisse wie in fast allen frü- hen Kulturen aus der »Küchen- und Opferanatomie«, der Tierzergliederung auf den Menschen. schaft entwickeln konnte, liegt auf der Daß Hand. 132 man übertrug die Befunde sich daraus keine exakte Wissen-
Allerdings räumte man dem Menschen in Ägypten eine'Sonderstellung ein. Das Herz galt den Ägyptern als Mittelpunkt eines Kanalsystems, Teil des Verdauungssystems und Sitz des Denkens. Möglich, daß sie die Funktion ihrer Hauptstadt auf das Herz übertrugen. Denn den menschlichen Körper verstanden sie als Analogie zum Nil, seine Flutbewegungen verglichen sie mit dem Puls, und die Atmung erklärten sie als die Winde. Man glaubte, von der Nase führe ein Gefäßsystem über das Herz zum After, und vom Herzen würde die Luft zu allen Körperteilen geleitet. Einige der griechischen Naturphilosophen haben auf der »Lehre vom Lufthauch« ihr System der Pneumalehre aufgebaut. In anderen Kulturen sind es nicht die Sonne und der Nil, sondern andere Leitvorstellungen, nach denen man Systeme erfindet. China z. B. hat sein dualistisches Prinzip Yin und Yang, aber außerdem das kosmische Prinzip der Fünf, das sich auch in der Fünftonleiter ausdrückt. Die Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser werden in Beziehung gesetzt zu Planeten - nämlich Jupiter, Mars, Saturn, Venus und Merkur -, zum Klima, zu den Jahreszeiten, zum Wesen der Jahreszeiten wie Aufblühen, Reifen, Bewahren usw., zur Tageszeit und zur Farbe, hier in der Reihenfolge Grün, Rot, Gelb, Weiß, Schwarz. Peruanische Steinplastik von Gebärmutter und Fötus, gefunden in Cuzco. Sammlung Larrea, Museo de America, Madrid
Bereits im alten von Debilität Berlin , Bildarchiv hat man Schädelverformungen und Anzeichen Gestochen nach originalen Holzfiguren. Staatsbibliothek Ägypten dargestellt.
China wird der Übergang von der schamanistischen Praxis zur Heilkunst des als irgendwo anders, er ist fließend und verschwimmt im Nebel legendärer Überlieferung. Was aber auch immer die Grundsätze und Prinzipien gewesen sein mögen, nach denen die Heilpriester, Schamanen und die frühen Ärzte sich richteten, ihre Heilerfolge sind, gemessen an ihren Mitteln, oft ganz In Arztes deutlicher und neben absurden Phantastereien finden sich in der medizinischen Erkenntnis präzise Beobachtungen und ein großes Heilwissen. Die spektakulären Kenntnisse der Naturvölker über die Heilwirkung der Pflan- erstaunlich, zen sind bekannt. Umstritten nischen Indianern als Jesuiten die fiebersenkende laria ist die Frage, ob das Chinin schon von präkolumbiaworden ist oder ob erst die Mittel gegen Malaria erkannt Wirkung der Chinarinde erkannt haben, weil die aus Europa oder Afrika eingeschleppt worden ist. Erstaunlich ist, Ma- daß einige Malariaparasitenstämme resistent gegen Chinin geworden sind, während sie offenbar gegen das natürliche Chinin empfindlich bleiben. Zu den fabelhaften Ergebnissen botanischen Wissens bei Indianern gehört die »Anti-Babypflanze« Barbasco und das Harz der Moracea (Chlorophoria tinctoria), mit dem die Indios schmerzfrei kranke Zähne entfernen, von dem Drogenpilz Teonanancätl und der Windenart Ololiuqui mit ihren Halluzinogenen ganz zu Den Chaco, einen plastischen Ton, nahm man gegen Hämorrhoiden und Darmkrankheiten, es gab aber auch Heilpflanzen gegen Müdigkeit von Staatsbeamten und Gefahren auf Reisen (Pollak). Die Azteken kannten im 1 6. schweigen. Jahrhundert dem königlichen Chefarzt für das »westliche Indien« Dr. Francisco Hernändez zufolge siebenmal mehr Drogen als ein Dioskurides, der römische Militärarzt griechischer Herkunft mit seiner berühmten Arzneimittellehre »Materia medica«. Tabak, Rhizinus, Perubalsam, Guajakholz, bestimmte Nierenund Blasentees und viele andere Heilpflanzen stammen aus der Apotheke der Azteken. Insgesamt hat das Verzeichnis des Dr. Hernändez 4340 Positionen, ein nirgendwo iibertroffenes Kompendium. Auch die anatomischen Kenntnisse der Azteken waren im Gegensatz zu denen der Ägypter ausgezeichnet. Andererseits heilte man viele Krankheiten, indem man ein Meerschweinchen auf der kranken Stelle rieb, damit es die Krankheit übernahm, und dann in der Hand heimlich erdrückte. Das Tier wurde anschließend obduziert, die Krankheit aufgrund der Eingeweide des Meerschweinchens diagnostiziert und die Prognose gestellt. Daß in allen frühen Kulturen oder auch bei den Naturvölkern die erstaunlichsten medizinischen Erkenntnisse intuitiv angewandt werden, zeigt der ägyptische Schwangerschaftstest, mit dem man in Ägypten vor 5000 Jahren arbeitete und der in einigen Gegenden der Türkei noch heute üblich ist. Wörtlich lautet er: »Andere Untersuchung, ob eine Frau gebären wird oder nicht. Weizen (Emmer) und Gerste (Spelz): laß sie eine Frau täglich mit ihrem Urin benetzen, wie Datteln und wie Gebäck in zwei Beuteln. Wenn sie beide wachsen, wird sie gebären, wenn der Weizen wächst, wird es ein Knabe sein, wenn die Gerste wächst, wird es ein Mädchen sein wenn keins wächst, wird sie nicht gebären.« Ägyptische Wissenschaftler haben im Jahre 1963 Reihentests nach diesem Verfahren durchgeführt. Von einer Vorherbestimmung des Geschlechtes des Kindes konnte keine Rede sein, aber es ließ sich sagen, daß der Urin wahrscheinlich von einer Schwangeren stammte, ; 135
wenn es zum Wachstum von Weizen und kam - Gerste keine sichere, aber auch keine absolut unsichere Methode, denn das Zahlenverhältnis betrug 12:40. In zwölf Fällen wurde ein Ausbleiben des Wachstums registriert, obwohl der Harn von schwangeren Frauen stammte. VMege zu Hippokrates Die medizinische Ausbildung hat man sich bei den Naturvölkern in der üblichen, sippengebundenen Generationsfolge zfi denken, aber auch im Sinne schamanistischer Lehre, wie sie bereits an anderer Stelle dieses Werkes beschrieben worden ist. Herrscher, die zugleich als übermenschliche Ärzte verehrt werden, gibt es in Ägypten und China. In Äypten ist es Imhotep, eine historische Persönlichkeit zu III. Dynastie. Als Oberster Ingenieur war er den Bau der Stufenpyramide zu Sakkara verantwortlich, ein »Vorsteher der Bauten«, er hat Schriften verfaßt und war Arzt. Als Heilgott ist er später neben anderen ägyptischen Heilgöttern verehrt worden. In China gab es bis in die jüngste Zeit noch an vielen Orten die »Tempel der Medizinkönige«, in denen man dem Lebzeiten des Königs Djoser aus der für Roten Kaiser, dem »Medizinweisen«, dem Gelben Kaiser, dem »Medizinkönig« und einer ganzen Reihe verstorbener großer Ärzte aus geschichtlicher Zeit Opfer brachte. In Ägypten wurden die Ärzte an Priesterschulen ausgebildet, da ja das kosmische und das medizinische Wissen eng zusammenhingen. Auch in China wird schon früh eine geregelte Ausbildung für Ärzte eingeführt, nämlich zur Zeit Chr.). Man unterschied an den Medizinschulen vier Fakulnämlich Diätetik, Innere Medizin, Chirurgie und Tierheilkunde. Die Leistungen der Ärzte wurden taxiert, die Honorare entsprechend gestuft. der Chou (1122-247 v. täten, Aus den Aufzeichnungen des Papyrus Ebers kennt man die Art, die Krankheit zu untersuchen, der Anamnese folgt der Behandlungsvorschlag, auch wird vor un- »Wenn du jemanden mit einer vorgewölbten Brustgeschwulst untersuchst, so sollst du finden, daß der Tumor in die Brust ausgedehnt infiltriert ist und sich hart anfiihlt wie eine grüne Hamsetheilbaren Fällen gewarnt. So lautet ein solcher Fall : frucht (Anm. d. Verf.: Stechapfelsorte). Du sollst in diesem Falle sagen: Wenn jemand einen Brusttumor hat, ein Leiden (also), mit dem ich ringen möchte, so gibt es keine Behandlung.« Hier ist nicht mehr von Magie die Rede, sondern von Medizin, und hier ermißt sich auch der Fortschritt durch eine moderne, naturwissenschaftlich orientierte Medizin, für die Brustkrebs zu einem hohen Prozentsatz heilbar geworden ist. Wenn nun also der Vergleich zwischen dem unterschiedlicher Kulturen aus verschiedenen doch vielleicht eine ärztliche Ethik, wie sie medizinischen Können der Ärzte Gründen unmöglich ist, so gibt es etwa mit dem Eid des Hippokrates zum Ausdruck kommt und im christlichen Abendland zu besonderer Höhe entwickelt ist: »Ich schwöre bei Apollon, dem Arzte, und bei den anderen Heilgöttern als Zeugen: daß ich nach bestem Wissen und Gewissen dieses Gelöbnis und seine Verpflichtung erfüllen werde. Ich will meine Lehrer der Heilkunst gleich meinen Eltern achten. Mit ihnen werde ich meinen Lebensunterhalt teilen und in der Not 136
zu ihnen stehen. Selbstlos will ich die ärztliche Lehre ihren wie auch meinen Schülern weitergeben. Ich will meine Ratschläge und Verordnungen zum Heil der Kranken nach bestem Wissen und Können geben. Meine Patienten werde ich dabei schützen vor allem, was ihnen schaden könnte oder unrecht ich ein tödlich täte. Niemals werde wirkendes Mittel verabreichen noch einen Rat dazu erteilen, selbst wenn man mich dazu auffordern sollte. Niemals werde ich einer Frau zu einer Abtreibung verhelfen. Denn heil und rein will ich mein Leben halten und meine Kunst. Wenn ich des Kranken Haus betrete, so soll ihm dies nutzen und frommen. Keinem soll Unrecht geschehen, und niemandem will ich zu nahe treten, zumal nicht den Frauen. Was ich in meiner Praxis auch zu sehen und hören bekomme, ich werde darüber schweigen und nichts verlauten lassen. Die Wahrung dieses Geheimnisses sei dem Arzt eine heilige Sache! Wenn ich nun diesen Eid halte, so soll mir im Leben wie in der Kunst der Segen nicht ausbleiben, Ruhm und Ansehen soll mich treffen, wenn ich je treulos auch für folgende Zeiten. Verachtung aber werden sollte.« Weiblicher Medizinmann aus der Südafrikanischen Republik. Die meist furchterregende Ausstaffierung solcher Medizinmänner trug dazu bei ihre suggestive , Ausstrahlungskraft z.B. auf Kranke, zu steigern. Fotografie des 19. , Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv ]h.
Hier sind die verschiedenen Lagen und Stellungen der afrikanischen Frau bei der Geburt dargestellt. Zeichnung von Robert W. Felkin 1885. Staatsbibliothek , Berlin , Bildarchiv Die Tatsachen entsprechen aber leider nicht dieser für Europa sehr schmeichel- Annahme, zum Glück für die Menschen, möchte man sagen. Gewiß wird Schamane nur die Angehörigen seines Stammes behandeln, keinen Fremden, obwohl man auch das nicht wird verallgemeinern dürfen. Daß der Kranke bei Jäger- und Wildbeuterstämmen eine Last ist, liegt auf der Hand; erst der Nahrungsmittelüberschuß der höheren Ackerbaukulturen und die Differenzierung der haften ein Tätigkeiten hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß als die man sich andere Hilfe der nächsten Angehörigen leisten konnte, mit anderen Worten, eine wenn auch begrenzte Leistungsgesellschaft ist Voraussetzung für ärztliche Bemühungen wie für Barmherzigkeit. Ärztliche Ethik hat es also überall dort gegeben, wo Männern die Aufgabe zugeteilt war, andere Menschen zu heilen, wo ein gesellschaftli- ches Interesse an dieser Art Tätigkeit bestand. In Ägypten gab es den »Chefarzt von Ober- und Unterägypten«, die Spitze einer straffen hierarchischen ständischen Gliederung, an deren unterem Ende so etwas wie ein Bader stand, ein Wundarzt, dessen Hieroglyphe aus einem Salbentöpfchen und einem Messer, Pfeil oder Brenneisen bestand. Man weiß, daß es Spezialisten gab, den »Hirten des Afters« oder den Zahnarzt, den Augenarzt oder den »Kenner der inneren Flüssigkeiten«. Das waren allerdings Männer, die nicht als mehr kannten eben diesen Körperbereich, also nicht etwa Fachärzte nach abgeschlossener All- 138
gemeinbildung. Über das medizinische Wissen der Ägypter gibt es eine umfangreiche Literatur, in der von Herzkranzgefäßerkrankungen bis zur Urämie alles be- wurde, es gab die sogenannte Dreckäpotheke und raffinierte Medikamente, selbst Zäpfchen; als die ägyptische Medizin »geschichtlich« wurde, handelt v. Chr., hatte sie schon einen langen Weg hinter sich. Ethische man nicht, wohl aber war es noch in der Antike von Nutzen, kennt Dokumente Medizin studiert zu haben. Die magisch-zauberische und die empiin Ägypten risch-rationale Methode durchdringen einander, und die ausgeprägte Organisation setzt ein gewisses, religiös verankertes Standesbewußtsein voraus, also auch um also 3000 eine bestimmte Ethik. Über die altindische Medizin weiß man in dieser Hinsicht besser Bescheid ; hier finden sich schon in der Spruchweisheit viele Zeugnisse ärztlicher Weisheit. Ein indischer Spruch heißt: »Ist man krank, so ist der Arzt ein Vater, ist man genesen, und ist die Gesundheit wiederhergestellt, so ist er ein Hüter.« Andererseits wußte man: »Ärzte leben von Kranken, Weiber von Verliebten, Opferpriester von Opfernden, Fürsten von Streitenden, Kluge von Toren.« Aus der brahmanischen Periode (ca. 800 v. Chr. - 1000 n. Chr.) stammt der folgende Lehrsatz: »Ein Arzt, welcher Erfolg für seine Praxis und seinen Erwerb, seinen guten Namen und einst den Himmel wünscht, der muß für das Wohl aller Lebenden - zuerst des Brahmanen und der Kuh - bitten alle Tage, wenn er aufsteht und zu Bett geht. Mit ganzer Seele muß er um die Heilung des Kranken sich bemühen, und wenn sein eigenes Leben auf dem Spiel steht, darf er dem Kranken kein Leid tun und nicht einmal in Gedanken dem Weib eines anderen zu nahe treten, noch auch seiner Habe. In Kleidung und anderen Äußerlichkeiten soll er einfach, soll kein Trinker sein und schlechter Gesellschaft fernbleiben. Seine Rede sei zart, klar, angenehm, wahr, zweckmäßig und gemessen; er erwäge Ort und Zeit, befleißige sich des Nachdenkens, und suche stets seine Kenntnis zu wecken, zu unterstützen und zu fördern.« In der Unterrichtspraxis gingen Theorie und praktische Unterweisung Hand in Hand, weil »durch Anhörung allein niemand zum ärztlichen Beruf befähigt wird« Man forderte eine Ausbildung in Medizin und Chirurgie, denn der Arzt, dem die Kenntnisse eines dieser beiden Zweige abgingen, gliche »einem Vogel mit nur einem Flügel« Als der Buddhismus sich gegen den Brahmanismus als einer aristokratischen, elitären Weltanschauung durchsetzte, wurde die praktische Nächstenliebe selbstverständliches Gebot, und wie im Christentum wurden unter Anleitung der frommen Mönche Hospitale und Asyle errichtet. Dies gilt vor allem seit der Herrschaft des Königs Aschoka (272-231 v. Chr.), der den Buddhismus dem Volk so ist er ein Freund, . erschloß. Die Ethik des chinesischen Arztes spricht aus den Anweisungen, die ein Arzt »Wenn jemand krank ist, so behandle ihn, wie der Ming-Zeit (1368-1644) gab: du selbst behandelt sein möchtest. Wenn dich jemand zur Konsultation ruft, so gehe unverzüglich zu ihm und säume nicht. Bittet er dich um Medizin, so gib sie ihm sofort und frage nicht erst, ob er reich oder arm Brauche immer dein Herz, so wird dein eigenes Glücks- sei. um Menschenleben zu retten und alle zu befriedigen, gefühl gehoben. Mitten in der Dunkelheit der Welt gibt es einen, der dich sicher I39
beschützt. Wenn du Gelegenheit hast, % zu einem akut Erkrankten gerufen zu wer- den, und du nur mit aller Gewalt darauf bedacht bist, viel Geld herauszuschla- gen ., so gibt es im Dunkeider Welt sicher einen, der dich bestraft.« Die ethische Substanz dieses sicher schwierig zu übersetzenden Textes ist eindeutig, und es rundet sich das Bild vom Arzt, der sich von dem frühen Schamanen und Priester. . dadurch unterscheidet, daß er das Arzttum, zu dem er sich berufen fühlt, Beruf ausübt. Der Konflikt zwischen einem normalen Berufsegoismus und der heiler als ethischen Verpflichtung zu helfen Hilfsbereitschaft soll auch hier aus dem Geist menschlicher überwunden werden. den Azteken klare Vorstellungen, wie ein schlechter und solle. »Ein schlechter Arzt ist ein Betrüger, ein nach.Er behext die Menschen, ist ein Zauberer, lässiger Behandler, unerfahren usw. ein Wahrsager, ein Loswerfer, er verführt und verhext die Frauen.« Das Ideal sieht anders aus: »Der gute Arzt ist der Heiler des Volkes, der Erneuerer und Beschützer der Gesundheit. Der gute Arzt ist ein Diagnostiker, erfahren und reich an Kennt- Ebenso bestanden bei wie ein guter Arzt aussehen . . Bäume und Wurzeln. maßvoll Handlungen, heilt Kranke, indem er Knochen einrichtet und Schienen anlegt; er versteht es, Abführ- und Brechmittel und Heiltränke zu verabreichen, zur Ader zu lassen, Wunden zu nähen und Einschnitte zu machen, sowie die Leidenden zu beleben.« Übrigens gab es bei den Azteken wie bei den Ägyptern weibliche Ärzte, doch mußten sie die Wechseljahre hinter sich haben. Für den heutigen Arzt ist die Ethik seines Standes im schon zitierten »Eid des Hippokrates« formuliert. Zweifelhaft ist, ob dieser Text wirklich von dem berühmten Arzt der Antike stammt, der auf der Insel Kos 460-380 v. Chr. gelebt hat; er gehörte zur Familie der Asklepiaden, aber es gab mehrere Männer seines Namens. Er soll Reisen gemacht haben und in Larissa in Thessalien gestorben sein, wo man noch lange sein Grab zeigte. Niemand weiß, welche der 58 Schriften in 73 Büchern wirklich ihm zuzuschreiben ist, da diese einen Zeitraum von etwa 500 Jahren umspannen und widersprüchlichste Standpunkte enthalten. Sie sind vermutlich als Bestand der medizinischen Bibliothek zu Kos unter dem Namen des Hippokrates zusammengefaßt, wobei einige Schriften, etwa »Epidemien« oder »Prognostikon«, durchaus zur sogenannten koischen Schule zählen dürften. Hippokrates also, eine zum Heros und halbmythischen Idealmenschen erhobene Gestalt, ist für den abendländischen Arzt zum ethischen Leitbild geworden, wie es sich auch in anderen Hochkulturen findet. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurden von den Gelehrten Alexandrias zwei Hippokratesausgaben herausgegeben, deren eine die gesamte Spätantike und mittelalterliche Medizin beeinflußt hat. Mit der angeblich von Hippokrates stammenden Säftelehre und allgemein mit seinem menissen über die Heilkraft der Kräuter, Steine, Er ist in seinen man sich noch im 19. Jahrhundert auseinandergeexakten Naturwissenschaften ihren Siegeszug antraten. Vieles aber, dizinischen Gedankengut hat setzt, bis die was schon auf der Insel Kos praktiziert wurde, etwa Heilschlaf und eine ange- Chirurgische Instrumente aus römischer Zeit. Darunter befinden sich verschiedene Sonden und ein Instrument für Gehirntrepanationen (Nr. 16). »The Wellcome Trustees«, London u.a. ein Skalpell ,

wandte Psychotherapie, erst in unserer Zeit die vermutlich von Ägypten wieder neu entdeckt worden. übernommen waren, sind Heilung mit Nadelstichen Für den Europäer klingt es phantastisch, und sooft er davon erfährt, so oft zweifelt Man sticht einem kranken Mendamit ein gelähmtes Bein. Noch heute wird bekanntlich in den chinesischen Krankenhäusern diese alte Heilmethode neben der europäischen Medizin angewandt, auch gibt es in Europa bereits Ärzte, die sich die Akupunktur zunutze machen. Wahrscheinlich hat sich die Akupunktur, aus schamanistischen Praktiken erer an diesem alten chinesischen Heilverfahren: schen eine Nadel ins Ohr und wachsen, in der Epoche vom heilt 5. bis 2. Jahrhundert ursprünglich aus Stichen, die der Schamane versetzte. Man kann die suggestive Wirkung v. Chr. entwickelt und bestand dem Dämon im Leibe des Kranken der Situation kaum unterschätzen. Verbunden mit dem Klang der Schamanentrommel, den beschwörenden Gesängen und seiner Helfer und dem leidenschaftlichen Wunsch, geheilt zu werden - Krankheit und Tod lagen ja in diesen Zeiten dichter nebeneinander als heute mag der Stich mit der steinernen Nadel seine Wirkung getan haben. Auch heute sprechen Mediziner, womit das Phänomen gewiß nicht erschöpfend erklärt ist, von Suggestion. Die neuere Medizin hat der Akupunktur noch einige weitere Argumente geliefert. So entdeckte der britische Arzt Henry Head im Jahre 1893, daß kranke Organe in genau abgegrenzten Gebieten weit vom Sitz der Krankheit entfernt Schmerzen hervorrufen können. Diese »Headschen Zonen« erlauben, mit Massage- und Wärmereizbehandlung überraschende Fernwirkungen beim kranken Organ selbst des Zauberpriesters zu erzielen. Später fand der Deutsche Hunecke, daß nerer Organe oft schlagartig beheben kann, man Krankheitszustände in- wenn man an gewissen Stellen, die durchaus nichts mit diesem Organ zu tun haben, Schmerzmittel injiziert. Das erinnert durchaus an die Nadelstichtherapie, ist aber von der orthodoxen Medizin nur ungenau zu erklären. Ursprünglich bestanden die Nadeln aus Feuerstein, was auf eine uralte Praxis hindeutet, später aus Silber, Gold oder gehärtetem Stahl. an die Stellen, wo Moderne Heiler setzen früher der Einstich erfolgte, elektrische Stromreize. Die Nadel, 5-22 cm lang, wird mit leichten Schlägen eines Fingers oder eines Hämmerchens bis zu 2 cm mit drehenden Bewegungen durch die gespannte Haut getrieben. Es gibt jahrhundertealte Bronzestatuen mit vorgegebenen Einstichstellen, an denen der künftige Heilkundige seine Kunst üben konnte. Dazu mußten astrologi- Chinesische Akupunkturtafel mit anatomischem Schema. Diese Heilmethode ist darauf spezialisiert, durch Einstich mit einer goldenen oder silbernen Nadel an genau fixierten Hautpunkten kranke innere Organe zu beeinflussen. Holzschnitt aus dem »T'ong-jen tschen Kieou King«, 1031. Staatsbibliothek Bildarchiv, Berlin

Weiherelief für Äskulap, den griechisch-römischen Gott der Heilkunst, mit der Darstellung einer medizinischen Behandlung. Um 380-350 v. Chr. N ationalmuseum Athen , sehe Beziehungen beachtet werden: Schenkel akupunktiert werden, am Am 3. 16. Tag eines Monats durften z.B. keine Tag nicht die Brust, auch galt es noch die Elemente zu beachten und zu prüfen, ob die zu behandelnde Körperseite dem Yin Wahl eines entsprechenden Yin- oder Yang-Tages wichtig war (Luong Tit Gang). Die Einstichstellen liegen auf elf gedachten Linien, den Meridianen des Körpers, die symmetrisch über den Leib verteilt sind und den Strom der Lebensenergie leiten sollen. Jedem dieser spiegelbildlich doppelten Meridiane entspricht ein Organ, ein zwölfter Meridian gehört zum Kreislauf. Die Zahl der Einstichstellen schwankt je nach Schule zwischen 300 bis über 800 Meridianpunkten; man erklärt die Wirkung im Sinne der Akupunktur oder Yang zugehörte, weil dies für die mit dem Hinweis darauf, daß man Störungen des Pneumas behebe und Luft oder Flüssigkeit durch den Einstich herauslasse, doch 144 ist schädliche das schon eine west-
Beim Im Arzt. Der verwundete Äneas wird behandelt. alten Rom hatten die medizinischen Wissenschaften einen hohen Standard. malerei aus Pompeji Wand-
liehe, auf die antike Pneumalehre verweisende Erklärung. Neuralgische und rheu- matische Schmerzen, Schlaflosigkeit und Koliken, Lähmungen, Zucker, Cholera, Tuberkulose, Blinddarmreizung, Nieren- und Augenleiden sind die Indikations- von denen einige einleuchten, da es sich um krampfhafte Zustände hanandere aber, wie die Infektionskrankheiten, nur das Kopfschütteln des europäischen Mediziners hervorrufen können. bereiche, delt, Die chinesischen Mediziner lernten die Akupunktur schon bald nicht mehr an den Bronzestatuen der Frühzeit, sondern an Puppen, deren Einstichstellen mit Papier überklebt waren. Schon im 17. Jahrhundert, zur Zeit der ostasiatischen Jesuitenmission, lernte Europa die Aldipunktur kennen; nach krieg, als mit dem dem Ersten Welt- Zweifel an der abendländischen Zivilisation das Interesse an fernöstlicher Weisheit wuchs, ist das geheimnisvolle chinesische Heilverfahren auch unter Homöopathen und Naturheilkundigen verbreitet worden (Pollak). Eine typisch chinesische Heilmethode ist die Moxibustion, so verbreitet wie einst der Aderlaß mit Blutegeln oder Schröpfköpfen in Europa. Auch bei der Moxi- bustion (japanisch kusa: Haut; japanisch moje: brennen) wird die Haut gereizt, aber nicht durch Einstich, sondern durch Brandreiz. Bestimmte Kräuter, der Wermuth z. B. wil- (Artemisia vulgaris), werden getrocknet, zerdrückt und zu kleinen Kegeln geknetet, die Hautstellen klebt. man mit Speichel für die Akupunktur auf die bestimmten Man kann die »Moxe« auch auf ein durchlöchertes Geldstück legen, damit sie nur punktförmig einwirkt. Hervorragend waren seit jeher auch die chinesischen Masseure, die ein ausgeSystem anwandten alle Muskeln einschließlich der Augen bildetes gymnastisches ; und der Zunge wurden hierbei geübt, vollkommene Enthaltsamkeit, eine bestimmte Diät und absolute geistige Ruhe waren dem Patienten nicht selten vorgeschrieben. In einer Medizin, die Elefantenhoden gegen Impotenz, Hühnermägen gegen Magenleiden und Elfenbein gegen Zuckerkrankheit verabreichte, sind Verfahren wie Akupunktur, Moxibustion und Massage sympathische Anzeichen medizinischer Einfühlungsgabe.
Glaube und Erkenntnis Zauberküche Alchemie Haus der Weisheit Die Söhne des Scheichs Die Ziffern des Algoritmi Ärzte im Islam Aristoteles und die Folgen Ein Bild der Erde
Zauberküche Alchemie Mond das Silber, dem Mars das Eisen, für Saturn das Blei bestimmt, Jupiter regiert das Elektrum - in Ägypten galt diese Der Sonne gehört das Gold, dem ist Mischung aus Gold und Silber als eigenes Metall - und dem Hermes ist Zinn zugeordnet, der Venus das Kupfer. Sonne, Mond und fünf Sterne symbolisieren demnach die Einheit der Materie, aus der die sieben Metalle stammen. Auch die chemischen Vorgänge selbst, nicht nur die Elemente, werden in der Sprache der europäischen Alchemie symbolisch d'argestellt. gen, die Kondensation dar, während als hinkenden Mann, auch als man So stellen Vögel, die abwärts flie- das Feuer als Gott Vulkan darstellt oder Degen oder Salamander. Bäume bedeuten, wenn Hippokrates und Galen waren die bedeutendsten Ärzte der Antike. Der Grieche Hippokrates (um 460 - um 377 v. Chr.) gilt als Begründer der Heilkunde. Galen (129-199) war der Leibarzt Kaiser Marc Aurels. Er faßte zahlreichen Schriften das medizinische Wissen des Altertums und wirkte damit richtungsweisend für die Medizin des Domes von Anagni, 13. ]h. Fresko aus der Krypta des zusammen Mittelalters. in sie
CRvc .* »* t \>dtcaU<. mmntir Zn .JVrnant mt ni ritn T tali jima amt pt\\\a tta uoccrt aOpo CUcprvm Cl^lfo» ^mcaTajireg fa<i«a «vcum aqua fbucb p6öefi,\)gcmxa Cc ih t|5S tanfa cactuigisi tpau; %x\rmo moucto \pcdii>0 m£tmna ncnnlt« ßuuttnt^ 1 iHhaf«*?*. 1i iV mvmjiw Heilbehandlung gegen die Fußgicht. Die Arzneimittelkunde geht auf den römischen Arzt Galen zurück. Aus dieser Zeit sind auch die ersten Arznei- zubereitungen bekannt. Kodex 93, Fol. 84V aus einem medizinischen Werk des Antonius Musa, erste Hälfte 13. Jh. Österreichische Nationalbibliothek, Wien
Goldmacher und Schwarzkünstler hei der Arbeit. Nach den Anweisungen des Meisters unternehmen seine Gehilfen allerlei Versuche, um der Natur ihr Geheimnis zu entreißen. Kupferstich von Philippe Galle nach einer Zeichnung von J. Stradanus, um 1570. Österreichische N ationalbibliothek Bildarchiv, Wien eine Sonne tragen, die Vollendung des großen Werkes der Goldbereitung, wäh- rend der geflügelte Löwe das Flüchtige zeigt, sonst aber auch das »große Werk« oder den »Stein der Weisen«. Dieses dichte Gefüge von Bezüglichkeiten zwischen Himmel und und Götterwelt, zwischen Gestirnen und Metallen, Vergangenheit und verknüpft ägyptische, antike, platonische und gnostische Elemente miteinander zu einem kaum noch entzifferbaren Gewebe von Bedeutsamkeiten. Das Wort Alchemie meint wohl »die Kunst aus dem Lande Khem«, also Ägypten. Die Hieroglyphe für Ägypten heißt »kerne«, wörtlich »das Schwarze« und bezeichnet den Nilschlamm, auf dem Ägypten gewachsen ist. Plutarch schreibt, die weißen Priester Ägyptens nennten das meist schwarzerdige Ägypten »Chemeia«, Erde, Element Symbolen und Körpern reicht tief in die orientalische aber einige hundert Jahre später, nach Bedeutung dem Völkersturm bereits gewandelt. »Alkimija«, so lehrt der 957), »ist das Werk des Islam, hat sich die Araber Amassudi (gest. der Darstellung von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und Eli- Die ethnologische Grundlage der Alchemie beruht ursprünglich auf Fertigund Metalle künstlich zu verfärben oder mit aufgelösten Perlen oder Farbstoffen zu experimentieren. Erst unter dem Einfluß xier.« keiten des Alten Orients, Minerale der griechischen Naturphilosophen und ihrer Schüler 150 ist die Alchemie zu einer
mystischen Kunst geworden, deren zentrale Frage war, ob es ihr gelang, unedle Stoffe in edlere zu verwandeln. Man glaubte, daß die Metalle aus verschiedenen Substanzen zusammengesetzt seien, daß aber Quecksilber und Schwefel enthielten. Sie ständen unter alle geheimen Einfluß der Gestirne und kommnen. Im Gold habe jedes Metall seine seien im dem Begriff, sich unaufhörlich zu vervoll- letzte, höchste Transformation gefun- den. Allerdings sei dieser Prozeß nie abgeschlossen, auch gäbe es keine anorgani- schen Substanzen, sondern nur einen Kreislauf - mystische Weltschau nahm hier den Kreislauf molekularer Substanzen vorweg, ohne sich aus den Irrtümern der dem 12. Jahrhundert erklärten die Alchemisten, Wandlung durchzuführen, die Quintessenz, das große Eli- Epoche befreien zu können. Seit um man brauche, xier, den Stein der Weisen. Auch die in der chinesischen Was dieser Stein berühre, verwandle er in Gold. Alchemie, die das Gold eine Rolle. Bisher sind die licher Alchemie nicht geklärt. älter ist als die des Abendlandes, Zusammenhänge zwischen Den pragmatischen Chinesen genügte es, spielte und öst- wenn ein westlicher Gold ähnlich sah. Das Gold selbst, so glaubten sie, verleihe Unsterblichkeit. So hatte es für den großen Alchemisten des Ostens Wei PoYang (um 100 n. Chr.) die entsprechenden Folgen, als es ihm tatsächlich gelungen war, die echte Goldmedizin herzustellen. Sein Schüler Yu und er sind unsterblich geworden, ebenso aber sein Hund, der die Reste der Medizin vom Teller geleckt Stoff hergestellt war, der hatte (Seligmann). Gold interessierte die Chinesen nur als Verjüngungsmedizin, die im Abendland entwickelten Aspekte interessierten sie weniger, doch kannten auch sie den Stein der Weisen, die Quintessenz, die geistesgeschichtlich aus der Elementenlehre kommt. Aus Feuer, Wasser, Erde und Luft bestand, wenn man den Alten folgte, und ein fünftes Element, die »Quintessenz«, war der Geist, der allen Dingen von den Sternen bis zum Grashalm innewohnte, selbst dem in der Erde die Welt, verborgenen Stein. Die Quintessenz ist Geist, ist nach Ansicht der Alchemisten »mit schwerer Erde belastet«, wird niemals für sich sichtbar, aber lebt in den Dingen. Wer diese Quintessenz befreien kann, die in der selbst in der Hand, barkeitsgöttinnen wie die im Universum Materie wohnt, hält die Kraft vermag. Für die Alchemisten waren die alten Fruchtnur Sinnbilder jener unvergänglichen Zeugungskraft, die alles Isis wirkt. In Europa ging die Alchemie eigene Wege. Hier galt das Blei als eine Art Urstoff ihrer Ansicht nach jede Farbe holen könne, wenn man Wie man aus dem Schwarz nur die »Kunst« beherrsche, so sei das schwarze Blei die Urmaterie für die Transmutation, die große Verwandlung. »Alle Körper müssen zuerst in die Materia prima überführt werden, damit sie sich umwandeln können«, heißt es in dem berühmten Werk über die Goldmacherei von Arnold Bachuon (ca. 1235-1313) aus Villanueva in Katalanien, genannt Villanova. Es gab damals durchaus nicht die Trennung zwischen exakter Wissenschaft und etwa der Alchemie. VilSchüler des berühmten Arztes Ibn Sina gewesen, des größten Gelehrten Zeit, und war in Barcelona Professor der Medizin und Philosophie, ehe er strenge lanova seiner ist sich vor mundus dem Klerus in Sicherheit bringen mußte. Sein Schüler wiederum war RaiMann, der 1235 auf Mallorca geboren und um Lullus, ein abenteuerlicher 151
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Drei chinesische Alchemisten arbeiten an einem Kolbenofen. Wachstuchtapete 18. Jh. Deutsches Tapeten-Museum, Kassel , (vorhergehende Doppelseite) Der Alchemist in seiner Werkstatt. Die okkulten Wissenschaften beschäftigten seit dem Mittelalter vornehmlich mit der künstlichen Herstellung von Gold und der Findung des Steins der Weisen. Durch allerlei Experimentieren hoffte unbegrenzte Verlängerung des Lebens zu finden. Gemälde von David Teniers (um 1610-1690). Herzog Anton-Ulrich Museum, auch ein Elixier für die Braunschweig sich man
1315 von den Mauren in Algier, wo er missionierte, getötet worden ist. Villanova hat das erste Werk über die Goldmacherei geschrieben, sein Schüler Raimundus, genannt Doctor illuminatissimus, versuchte dann, die Kreuzzüge durch Goldmacherei zu unterstützen. Auf ihn geht das Verfahren der Destillation mit Kalkstein zurück, andererseits hat er aber auch die Alchemie weitgehend mystifiziert. Er soll am Hofe von England sogenannte »Rosenobels« hergestellt haben, goldene Münzen, die heute noch erhalten sind. Die Autoritäten der Alchemisten waren die »smaragdenen Tafeln« des ägyptiEduards III. dem schen Gottes Toth aus schen Namen Hermes 1. nachchristlichen Jahrhundert, unter dem griechi- Trismegistos bekannt und in den mittelalterlichen Texten Herr der Zauberer, Totenbeschwörer, Alchemisten und Astrologen beschwogab es die aus Zitaten anderer Autoren stückweise übermittelten Bücher des Zosimos von Panopolis, eines gnostischen Christen aus Ägypten, der sich auf Isis, Mithras und die Magier als Autoritäten beruft. Man könnte sagen, daß sich in der mittelalterlichen Alchemie betrügerische Gewinnsucht und faustisches Grübeln zu einem unauflösbaren Gewirr verbinden. als ren. Ferner Im Laufe der politischen Ereignisse ist die Versuchung, sich mit Hilfe der Alchemie Geld zu verschaffen, für viele Menschen unwiderstehlich geworden - und wenn sie auch nur ein wenig glaubten, was sie sagten, etwa wie ein heutiger Astrologe, der ganzen Völkern Horoskope zu stellen wagt, dann kann man sie nicht einmal Schwindler bezeichnen. An allen Fürstenhöfen tauchten damals Alchemisten, Goldmacher, Phantasten auf, die es verstanden, sich als Beherrscher der geheimen Kunst in Szene zu setzen, und was den heutigen Menschen amüsiert, war damals blutiger Ernst. Selbst Pfarrer, wie ein Vertrag Johann Friedrichs des Mittleren von Sachsen aus dem Jahre 1566 erweist, gaben vor, das »Hochwerk sampt dem geheimen Stein der Philosophia warhaftig machen« zu können. In so glänzenden Erscheinungen wie dem König der Zauberer und Hochstapler Giuseppe Baisamo, den die Welt als Alexander Graf Cagliostro kennt (1743-1795), und in Giacomo Girolamo Casanova, dem Musiker, Frauenhelden und Diplomaten, findet diese Art der Alchemie einen Höhepunkt. als Neben dieser ins Mystische oder Betrügerische zielenden Richtung der Alche- ist, den Umgang mit Destillation und Sublimamit Elementen und Stoffen wachgehalten zu haben, gab es die Ahnung von mie, deren einziges Verdienst es tion, einer gleichsam naturwissenschaftlichen Möglichkeit der Alchemie. der irische Mönch, schreibt in seinem Opus Magnum »Aber : es gibt Roger Bacon, noch eine an- und praktische, die lehrt, wie man die edlen Metalle Dinge durch Kunst besser und in größerer Fülle machen kann, als durch die Natur gemacht sind. Und die Naturwissenschaft dieser Art ist größer als alle vorhergehenden, weil sie größeren Nutzen bringt. Denn sie kann nicht nur Reichtum und sehr viele andere Dinge für das Gemeinwohl beschaffen, sondern sie lehrt auch, wie man die Dinge entdeckt, die das menschliche Leben um viel größere Zeitspannen verlängern können, als auf natürlichem Wege erreicht werden kann Darum ist diese Naturwissenschaft von besonderem Nutzen, während sie gleichwohl durch ihre Werke die theoretische Alchemie bedere Alchemie, eine operative und Farben und viele andere . . . stätigt.« 1 55

ll 1 iKU r* '--v.cv 1 •x kih ^ 1?-» 4 ö .V<- L*J£}J> * iir^LJV'O S— 1 iti ( ' J 5t \j±L«k {ji j “jLJ IJUWo^^ ‘^vjvL-L'^v 1 lk.4 ulgx Lj *» u ’ /* . • ; p Die arabische Schrift wird non rechts nach links gelesen. Manuskriptseite mit einem persischen Text aus dem Varka und Gulshah, 13. ]h. Topkapi Museum, Istanbul Ein Ofen für chemische Versuche. Aquarellierte Federzeichnung des 16. Cod. Min. 3, Fol. i}r. Österreichische Nationalbibliothek, Wien (links oben Jh. Der iranische Wissenschaftler Barzuiye überreicht dem König Khosraw Annshirwan einen Band indischer Fabeln, die er vom Sanskrit ins Persische übersetzt hat. Miniatur aus dem Fabelbuch Kalila und Dimna (1410-1420). Gulistan Museum, Teheran (links)
k */* Ar i ><< / /-<; -i- ^ /•'/*-#. . v ' ; V. -^.*4!.+ r S"*~ C**' 1 Beschreibung eines alchemistischen Versuchs, Gold zu erzeugen. Niedergeschrieben von Königin Christina ’ von Schweden während eines Besuchs bei Helvetius Amsterdam am in 26. 3. i66y. Riksarkivet, Stockholm Erst im 18. Jahrhundert ist durch Lavoisier der Schritt zur exakten Chemie getan chemische Vorgänge mit der Waage maß und z. B. auf diese Weise erklären konnte, daß jede Verbrennung auf einer Sauerstoffaufnahme beruht. Bis dahin spukten Scheidewasser und Elixier, Trismegistos und die Prima materia in worden, weil er den Köpfen, und immer wieder versuchten wirre oder allzu schlaue Adepten, die alten Künste nutzbar zu machen. sich Haus der Weisheit Durch die Wissenschaft von den Sternen, so lehrte der arabische Astronom Al- Mensch zu dem Beweis der und zu der Erkenntnis der ungeheuren Größe, der höchsten Weisheit, der größten Macht, der Vollendung seiner Tat. Dieser Gelehrte hat im »Haus der Weisheit« in Bagdad, dem wissenschaftlichen Zentrum des Islams, 41 Jahre lang mit höchster Zuverlässigkeit Sterne beobachtet und eine Reihe von astronomischen Größen bestimmt. Als Mathematiker förderte er vor allem die Trigonometrie und formulierte die Dreiecksfunktionen in der gleichen Form, wie man dies noch heute tut (Störig). Das »Bait al-hikma«, das Haus der Weisheit, umfaßte eine umfangreiche Bibliothek und ein Observatorium. Daß es zu dieser Gründung geBattani (877-918), latinisiert Albategnius, gelange der Einheit Gottes kommen war, hatte auch politische Gründe. 158
Der islamische Staat unter dem war ein religiös im Koran verankerter Herrschaft Gottes - ein Gott, ein Kalif -, Staat, das Kalifat selbst entsprach der und die erforderliche direkte Verwandtschaft mit dem Propheten lieferte die LegiKalifat timation, wobei es eine Auslegungsfrage war, ob man den Verwandtschaftsgrad und damit das Kalifat anerkannte. Tatsächlich gab es nicht nur einen, sondern viele Kalifen, ein Problem, mit dem der Islam in der Theorie nie ganz fertig geworden ist, und tatsächlich gab es ein arabisiertes Reich, das aber praktisch ein Vielvölker- staat war, mit allen Spannungen eines solchen Gebildes. Politisch lagen die Dinge schwieriger. Seitdem die Abbasiden mit Rückhalt gebrochen und Irak zum Zentrum im Iran das arabische Monopol des Islam erhoben hatten, verging kein Jahr ohne Rebellionen. Als Zentrum des Islams war Bagdad (iranisch: Gottesgeschenk) gegründet und von dem großen Kalifen Harun al Raschid, der 786-809 Kalif von Bagdad war, zum geistigen Mittelpunkt des östlichen Islams gemacht worden. Sein Sohn Al Mamun (786-833), der nach dem Tode seines Vaters das zerfallene Reich geeint hatte, mußte den immer stärker werdenden persischen Einfluß in seinem Reich zurückdrängen, denn ihm ging es um die Einheit des Islams, die durch außerislamische Ideen der Staats- und Individualethik nicht gefährdet werden durfte. In dieser Situation lag einer der Gründe, daß der Kalif die allmählich einsetzende Übersetzerarbeit an griechischer Philosophie und Wissenschaft behutsam förderte und schließlich das »Haus der Weisheit« gründete. Er wollte vermutlich der persischen Infiltration, die auf ein jahrtausendealtes kulturelles Erbe zurückgriff und den Islam in seinen Grundgedanken gefährdete, mit überlegenen geistigen Waffen begegnen (Grunebaum). Schon von Anfang an war ein lebhaftes Interesse an Büchern für den Islam charakteristisch gewesen. Die Lektüre der heiligen Schrift, des Koran, blieb nämlich nicht wie im sollte selbst christlichen Mittelalter der Geistlichkeit überlassen ; jeder Muslim den Koran lesen und rezitieren können. Deshalb wurde Arabisch zum »Latein des Islam«, das jeder Vollbürger des islamischen Reiches verstand. Die Voraussetzung hierfür war das arabische Alphabet, das aus dem Syrischen übernommen und im Hinblick auf die arabischen Lautwerte reformiert worden war. Auf Betreiben des Kalifen Abd-al-Malik (646-705) ist dann die arabische Schriftsprache geschaffen und als Kanzleisprache durchgesetzt worden. Auf dieser Grundlage begann die Auseinandersetzung mit Einflüssen, die den Islam in Frage stellten. Für die islamische orthodoxe Geistlichkeit waren der aus dem Iran kom- mende Glaube an Zarathustra und Man der Manichäismus Angriffsziele geworden. ging einerseits gegen die Manichäer mit Gewalt vor und machte ihnen eine Reihe von Prozessen, die mit Hinrichtungen endeten. Geistig konnte nicht wirkungsvoll man sie aber genug bekämpfen, wenn man nicht auf das Erbe der Antike zu- rückgriff. Ebenso wie der Platonismus dem jungen Christentum eine weltweit verstandene philosophische Formsprache geliefert hatte, so sollte das griechische Denken nun dem Islam die gleichen Dienste leisten. Der Gedanke lag nahe, weil die Reste der alexandrinischen Akademie, die sich bis zuletzt mit Aristoteles beschäftigt hatte, über Antiochia und Harran, den Sitz eines uralten hellenistisch geformten Ster- 159
Koranseite. Neben der auch heute noch gebräuchlichen arabischen Bücherschrift (Neschi), die aus einer älteren runden Form hervorging, gibt noch eine eckige Schriftform, das Kufische. Ms. or. Wetzstein II 1921. Um es 800. Staatsbibliothek, Berlin Arabische Bibliothek mit Lehrern und Schülern. Charakteristisch für den Islam ist das rege Interesse an Büchern. Man sammelte besonders die naturwissenschaftlichen Werke der Griechen, um aus ihnen zu lernen. Kein Wunder, daß die Wissenschaften dort zu einer Zeit bereits in Blüte standen, als in Europa noch finsterstes Mittelalter herrschte. Miniatur aus dem al-Hariri. Bagdad, 1237. Bibliotheque Nationale, Paris Maquamat von nenkultes, nach Bagdad gekommen waren. Die dort lebenden gebildeten Christen, aus Syrien eingewandert, kannten die griechische Philosophie und Wissenschaft im Urtext oder in syrischen Übersetzungen. Das Interesse der islamischen dungsschicht an griechischer Wissenschaft war sehr lebendig, weil man Bil- glaubte, mit den griechischen Schriften den eigenen Glauben untermauern zu können. Die Xenophon bis zu Herodot, bekannt wurden, verwandelte man sie zu griechischen Dichtungen, aber auch die Geschichte von ließen die Muslims gleichgültig; wo eigener Form, wie dies etwa in den Um so begieriger war man auf sie Märchen aus Tausendundeiner Nacht geschah. die naturwissenschaftlichen, vor allem die medi- zinischen Kenntnisse der Griechen. In den syrischen Klöstern hatten die Christen Aristoteles, Hippokrates ter diese und Galen übersetzt. Nun wurde viele hundert Jahre späMan war damals tolerant ge- Arbeit im »Haus der Weisheit« fortgesetzt. nug, nestorianische Christen und Juden als Gelehrte zu beschäftigen. Nur in der europäischen Renaissance hat es ähnliche Erscheinungen gegeben. Diese vom aus einem Staat geförderte Übersetzertätigkeit wirkt nur wie eine seit Konsequenz Jahrzehnten immer stärker werdenden geistigen Interesse, das l6o

schon geweckt war, als der Kalif Harun al Raschid sich von den unterworfenen Völkern die Reparationen in Büchern zahlen ließ - und Bücher waren damals nicht Massenware, sondern uralte, kostbare Papyrus- oder Pergamentrollen, die zu beden Zugang zu sonst verschlossenem Wissen bedeutete. In jener Zeit wird das Büchersammeln zur Manie, die Fürsten, Wesire und reichen Kaufleute übersitzen bieten einander, tigen, das Buch um immer erstaunlichere, immer kostbarere ist Erwerbungen zu tä- zum Prestigefaktor, zur Mode, zur Liebhaberei geworden - zum erstenmal in seiner langen Geschichte. Gelehrte Kommissionen und Einzelagenten prüfen die Echtheit von Angeboten aus aller Herren Länder, reisen durch ganz und Griechenland, um Bücherfunde zu besichtigen, Angebote zu prüfen, und man gibt ungeheure Summen aus, um in diesem Wettbewerb Schritt halten zu können, der ebenso von Geltungsbedürfnis wie von der Leidenschaft des Kleinasien Bibliophilen in Gang gehalten wird. Auch der Kalif Al Mamun nem Sieg über den byzantinischen Kaiser Michael III. alle noch übersetzten Werke der griechischen Autoren als verlangt nach sei- nicht ins Arabische Reparation. Andererseits setzt man bei anderen Fürsten das gleiche Interesse voraus. So überreicht Abd-ar-Rachman III. dem Fürsten von Andalusien einen ganzen Koffer voll alter Handschriften, darunter die Heilmittellehre des Dioskurides (Hunke). Unter dem Schutt der Jahrhunderte war schon damals vieles vergraben, das nie gekommen wäre, hätten die arabischen Büchernarren nicht die letzten Winkel ihres Reiches durchstöbert. Ein Beispiel liefert die Schilderung des Muhammed ben Ischaq, der drei Tagereisen von Byzanz entfernt eine alte griechische Bibliothek entdeckt hat. Sie war in einem Tempel aus älterer Zeit verwahrt, ans Licht »als die Griechen noch die Sterne und die Götzen verehrten«. Als das Christentum man den Tempel verschlossen und seitdem nicht wieder Der Araber verstand es, sich beim Kaiser von Byzanz nach mehreren ablehnenden Bescheiden doch die Erlaubnis für die Öffnung zu holen: »Und siehe, dort eingezogen war, hatte geöffnet. diesem Bau, aus mächtigen marmornen Steinen errichtet, befanden sich Wänden und bemalte Figuren, wie ich ähnliches reicher und schöner nie gesehen hatte! An alten Handschriften gab es dort viele Kamelladunin Inschriften an den Man sprach von gen voll. rer durch den Wurm tausend Werken. Ein Teil war schon zerrissen, ein ande- zerfressen . . .« Die Söhne des Scheichs in einer baumlosen Ebene bei Singar im Gebiet von Mossul, 114 km von Mossul und 258 km von Samarra entfernt, machte sich Anfang des 9. Jahrhunderts eine Gruppe von Astronomen mit Geräten zu schaffen, die auf Befehl des Kalifen Al Mamun nach griechischen Vorbildern hergestellt worden waren. Man teilte sich, beobachtete die Mittagshöhe der Sonne getrennt voneinander und maß den Winkel. »Während des Marsches maßen sie den Weg mit dem Ellenmaß und richteten Merkzeichen auf. Auf dem Rückweg überprüften sie die Vermessung noch einmal. Die beiden Gruppen trafen sich wieder da, wo sie sich getrennt hatten. Ihr Befund war, daß ein Grad des Erdumfanges 56 Meilen (112 km) lang sei.« Mitten 162
Es gibt verschiedene derartige Berichte, die das Interesse der Araber an der Astronomie und ihre durchaus rationale Forschungsmethode bestätigen. Ihr Längenmaß ist allerdings weniger rational. Man nahm an, 1 ° entspräche $ 6 2 / 3 Meilen zu 400 »schwarzen Ellen« - und die »schwarze Elle« war die Länge eines Unterarmes, gemessen an einer schwarzen Sklavin. Die Araber waren allerdings nicht die ersten, die solche Messungen durchgeführt haben. Den Erdumfang Chr. bis Ende des 3. hatte bekanntlich bereits Erathostenes Jahrhunderts v. (ca. 295 v. Chr.) in Alexandria rechnerisch ermittelt. Später hat al-Biruni (gest. 1039), einer der großen Historiker und Geographen, Vermessung vorgenommen, indem er von der Spitze eines aus der eine solche Ebene aufragenden Berges den Durchmesser der unter ihm sich ausbreitenden FläDann maß er von der Ebene aus die Höhe des Berges und kam so zu den che maß. bekannten Werten. Erst im 18. Jahrhundert sind unter dem Einfluß NewMessungen durchgeführt worden, und zwar 1735 und 1736 auf Expeditionen nach Peru und nach Lappland. Die glanzvolle Geschichte der arabischen Wissenschaften in ihrer klassischen bereits tons von europäischen Wissenschaftlern ähnliche Zeit trägt gelegentlich balladeske Züge. der tagsüber im Palast des Kalifen Da gibt es Mamun ein den Scheich und aus geht, Mußa ben Schakir, ein Geachteter unter den Ratgebern des Hofes, ein stolzer und unabhängiger Mann, der auch als Freund Nacht über die Wüste hereinbricht, schwingt er sich auf sein rotes Pferd, dessen Hufe umwickelt sind, und galoppiert hinaus, um als ritterlicher Fürst seine »ghaswa« durchzuführen, die »Razzia«, den blitzschnellen, nach bestimmten Regeln durchgeführten Raubüberfall, der dem feindlichen Besitz gilt, den Herden und Reittieren, nicht der Ermordung des Gegder Astronomen und Geometer gilt. Sobald ners. Wie allen Wüstennomaden ist die ihm der gestirnte Nachthimmel auf seinen Ritten durch die weglose leere Landschaft ein sicherer Führer. Sobald aber das Auge »den schwarzen Faden von dem weißen unterscheiden kann«, ist der Scheich zum Morgengebet in der Moschee und berührt mit der Stirn den Marmor in Ehrund bewahrt hat. würdigen Mann, den bei Hofe jeder kennt furcht vor Allah, der ihn so oft geschützt Erst nach langer Zeit fällt auf den und grüßt, der Schatten eines Verdachts, aber der Kalif schweigt, er bringt es nicht übers Herz, dem Freund wie einem beliebigen Wegelagerer den Prozeß zu machen. Mußa ben Schakir ahnt, daß seine Tage dennoch gezählt sind. Er überträgt die Vormundschaft über seine Söhne seinem Freund, dem Kalifen, der sich denn auch Zeit seines Lebens um sie kümmert. Die Nachricht vom Tode des Mußa ben Schakir erreicht den Kalifen während eines Feldzuges in Kleinasien. Unverzüglich beauftragt er seinen Statthalter in Bagdad, sich der Knaben anzunehmen sie werden dem Direktor des Hauses der Weisheit zur Erziehung übergeben, dem Jachja ben Abi Manßur. Hier schreibt der Araber Ibn Mußa al-Khwarizmi, einer der bedeutendsten Astronomen und Mathematiker unserer Zivilisation, sein Werk über rechnerische Operationen, das »Aldschebr Walkumabäla«, von dem noch zu reden sein wird, und verbesserte die astronomischen Tafeln des Ptolemäus, hier gingen die klügsten und gelehrtesten Köpfe des Reiches aus und ein, und zwischen diesen Tausenden von Büchern, seltsamen Geräten und gelehrten Männern wachsen die drei Knaben zu bedeutenden Gelehrten heran. Muhammed ben Mußa, der Älteste, ; 163
Ein berühmter islamischer Mystiker wird in Istanbul vom Sultan empfangen. Miniatur aus dem »Menazilname« erste Hälfte 16. Jh. Topkapi Museum, Istanbul , Ein glänzendes Beispiel iranischer Buchmalerei ist dieses Blatt aus dem »Muraqqa Gulshan« mit jungen Edelmannes. Ende der Darstellung eines 16. Jh. Gulistan Museum, Teheran

nimmt an der Expedition zur Errechnung des Erdumfangs teil. Die drei Brüder Mußa haben dann zusammen exakte Sternbeobachtungen durchgeführt und Sternmessungen veröffentlicht, deren Genauigkeit und Zuverlässigkeit die des Ptolemäus übertrafen. Ptolemäus, der Astronom, hat vermutlich 100-170 n. Chr. in Alexandria gelebt, während der Regierungszeit Kaiser Marc Aurels. Von seinem Leben kennt man nur diese spärlichen und ungesicherten Daten, sein Werk ist wie die Geome- also trie Euklids, wie die Algebra Avicennas ein Standardwerk der mittelalterlichen wissenschaftlichen Literatur gewesen und hat bis an die Schwelle des naturwissenschaftlichen Zeitalters als Grundlage der Lehre über die Erde gegolten. Dieses Almagest, eigentlich »Größte Syntaxia« (griechisch »megista syntaxia«), woraus unter Voranstellung der Silbe »al« das »Almagest« geworden ist, enthielt ein Sammelsurium unterschiedlichster Probleme, etwa »Über Krieg und Kampf« oder »Über Gefangene und Eingekerkerte«, aber auch »Über das Los in Tabellenform«, »Bericht über die Zustände der Sterne« oder »Über den Ablauf der Weltenjahre«. Die in diesem Werk enthaltenen Sternentafeln sind von den Arabern durch die »Mamunischen Tafeln« - selbstverständlich trugen sie den Namen des Kalifen, Die Erdkarte des Ptolemäus des bedeutendsten Geographen Mathematikers und Astronomen der Antike. Er lebte um die Mitte des ersten nachchristlichen hunderts in Alexandria und war der Schöpfer des ptolemäischen Weltsystems, , , Erde als Mittelpunkt des Planetensystems bestimmt wird. Kupferstich, 16. Jh. Jahrin dem die
Astronomen - berichtigt und ergänzt wörden. Die ptolemäische Systems - daß nämlich das Planetensygeozentrischen differenzierte Lehre des gegolten, bis Kopernikus behauptete, Erde kreise hat um die stem mit der Sonne nicht den seiner was vor ihm schon Aristarch von Samos (ca. 3^10-230 v. Chr.) geahnt, der Chaldäer Seleukos in Babylon gewußt und der Araber al-Biruni klar erkannt hatten. Muhammed ben Mußa und seine Brüder haben sich von ihren alten Lehrern vom »Haus der Weisheit« getrennt; sie sind wohlhabend, und vor allem Muhammed ben Mußa ist ein großer Herr, der gelegentlich auch diplomatische Dienste Man ist nun auf die Instrumente des Instituts nicht mehr angewiesen, weil Nähe der Tigrisbrücke eine eigene Sternwarte errichtet hat. Hier werden von den Brüdern bedeutende Werke geschrieben, so eine Ausmessung ebener und sphärischer Flächen, das als »Buch der drei Brüder« im mitleistet. man sich in unmittelbarer Abendland ebenfalls zur mathematischen Standardliteratur gehört. Der Älteste ist Astronom, Philosoph, Logiker und der führende Kopf dieses Teams, der zweite Bruder Achmed hat sich zum Techniker, zum Erfinder entwickelt - ein Mann, der die telalterlichen Tatsächlich ergänzen die Brüder einander ausgezeichnet: Technik seiner Zeit souverän beherrscht haben muß und unerschöpflich in seinen Einfällen ist. Er baut Pfeifbojen für die Feldbewässerung, automatisch arbeitende Öllampen, Tröge, aus denen nur Kleinvieh spezifische und Krüge, mit denen sich das läßt. Sein Hauptwerk ist ein der Sternwarte zu Samarra, von trinkt, Gewicht von Flüssigkeiten berechnen durch Wasserkraft getriebenes Planetarium in dem ein zeitgenössischer Berichterstatter schreibt: »Wenn am ein Stern untergeht, verschwindet Apparat, in Geht dem im selben Augenblick auch er unter eine Kreislinie, die wirklichen Himmel dem sein Abbild auf den Gesichtskreis darstellt, hinab- Natur das nämliche Sternbild wieder auf, so erscheint auch auf dem Apparat sein Abbild über der Horizontlinie.« Der dritte Bruder ist ein begnadeter Mathematiker auf dem Gebiet der Geometrie, er schreibt ein Werk über Kegelschnitte und erfindet eine Konstruktion der Ellipse, die sogenannte Gärtnersinkt. in der konstruktion (Hunke). Die arabische Astronomie zählt 534 Namen, die überliefert sind, ein Beweis dadaß eine bestimmte gesellschaftliche Situation Talente und Genies produziert. für, Bezeichnend hierfür ist die Biographie des Thabit. Als Muhammed ben Mußa auf der Suche nach Manuskripten Kleinasien bereiste, stieß er in einer Wechselstube von Kafartuta auf einen flinken jungen, der alle Währungen des Vorderen Orients zu beherrschen schien und noch dazu in der jeweiligen Landessprache herausgab. Ben Mußa stellte den jungen sprachgewandten Menschen an, nahm ihn nach Bagdad in sein Haus und ließ ihn die griechischen Klassiker übersetzen. Nebenher schrieb Thabit selbst etwa 150 arabische und 10 syrische Werke, ging am Hofe des Kalifen aus und ein und wurde, nachdem er Aristoteles, Galen, Euklid, Platon und viele andere Autoren studiert hatte, eine Leuchte islamischer Gelehrsamkeit. Nicht tiefgründige Spekulation, sondern Denkschärfe und Wirklichkeitssinn zeichnen die islamischen Wissenschaften aus, die vor allem auf dem Gebiet der Astronomie, Mathematik und Medizin bleibende Leistungen geschaffen haben. Ihnen ging es um die Einzelfrage, um die praktische Lösung, nicht um Erkenntnis letzter Ursachen wie den Griechen. 167
Die Geburt des Rostam. Darstellung eines Kaiserschnitts. Indisch-persische Miniatur aus dem »Schah-Nameh« von Firdausi, Musee Conde Chantilly , 16. ]h.
Ärztliche Diagnostik und Behandlungsweise im Mittelalter sind in diesen vier Szenen einer medizinischen Sammelhandschrift des 12. Jh. Ms. Sloane 1975, Fol. 9 iv. British Museum. London illustriert.
Die Ziffern des Algoritmi . Wer hat, schon einmal einen komplizierten Bruch mit gesplitterten Knochen gesehen weiß die Kunst zu schätzen, die Knochen sauber und glatt aneinanderzupas- Im alten Arabischen hieß ein solcher Einrichter »algebrista«, und einem Algewird denn auch Don Quixote übergeben, nachdem er mit seiner Lanze einen Ritter vom Pferd gerannt hat und selbst übel zugerichtet worden ist. Ganz ähnlich sen. brista scheinen die Araber die Kunst aufgefaßt zu haben, bei rechnerischen Operationen Brüche einzurichten. Über dem Kapifel aus der Feder des größten Mathematikers und Astronomen steht deshalb »Die Kunst des Einrichtens«, arabisch »Aldschebr Walkumabäla«, das die Westaraber »al gabr« aussprachen - so ist Algebra die Bezeichnung für das Rechnen. Aus dieser Zeit gibt es in der Bibliothek von Oxford eine im Jahre 1342 vollendete Handschrift, die sich mit der arabischen Rechenkunst befaßt. Die Araber sind ausgezeichnete Rechner und die mathematischen Lehrmeister Europas gewesen, ihre Algebra brachte, obwohl es sich um ein schwerfälliges Wortrechnen und nicht um ein Buchstabenrechnen handelte, der Mathematik entscheidende Fortschritte. Al-Khwarizmi hat an den Anfang seines Werkes die Klassifizierung der von ihm behandelten Gleichungen mit entsprechenden Lösungsmethoden gestellt. Die Kategorien sind z.B. Quadrate, die den Wurzeln gleich sind, Quadrate, die einer Zahl gleich sind, Wurzeln, die einer Zahl gleich sind, ebenso Quadrate und Wurzeln, die einer Zahl gleich sind, und Wurzeln sowie Zahlen, die den Quadraten gleich sind. Jede von diesen Normen abweichende Gleichung muß, um gelöst zu werden, »eingerichtet«, d.h. auf den Stand eines Normalfalles gebracht werden. Es gibt noch eine zweite Schrift, die der Araber al-Khwarizmi am Hofe des Kalifen al-Mamun verfaßt hat, um seinen Landsleuten Hilfen zu geben, vor allem den Großkaufleuten, den Bankhaltern, die in verschiedenen Währungen des Orients und Okzidents rechnen mußten, und den Testamentsvollstreckern, die einen Landbesitz nach dem komplizierten muslimischen Erbrecht aufteilen mußten. Dieses kleine Lehrbuch der Rechenkunst erklärte den Gebrauch der indischen Ziffern und lehrte das Schreiben dieser schließlich des Bruchrechnens. christliche Hände und wird Auch Zahlen sowie die Rechenmethoden einLehrbuch kommt über Spanien in dieses ins Lateinische übersetzt. Sein Anfang lautet: »Dixit Algoritmi: laudes deo rectori nostri atque defensori dicamus dignas«, zu deutsch: »Also sprach Algoritmi: Laßt uns Gott verdientes Lob sagen, unserem Herrn und Beschützer.« Man hat diesen Algoritmus in einen indischen Fürsten namens Algorismus verballhornt, eine sagenhafte Gestalt, bis 1845 der französische Orientalist Reinaud den wahren Sachverhalt klären konnte. Mit dem griechischen Wort »logarizein«, Logarithmus, das vom Rechnen (griechisch: logarizein) abgeleitet ist, hat der Name des Mannes aus Khorasan - denn das bedeutet Khwarizmi - nichts gemein. Bekanntlich sind die Ziffern, die noch heute auf der Welt benutzt werden und auf jedem Kontrollschirm, auf jeder Stoppuhr aufleuchten, indischen Ursprungs. Sie erforderten, wo immer sie in Gebrauch genommen wurden, ein rechnerisches
Umdenken, boten aber so unbestreitbare Vorteile, daß siesich überall durchgesetzt Wie in vielen anderen Zählsystemen bestanden die indischen Zahlen aus Bündelungen von Strichen, nur wurde hier der Schritt' vom Strichbündel zur Zif- haben. zum Lautalphabet. Um 300 v. Chr. wa600 n. Chr. besaßen die Inder bereits eine reine Stellenschrift mit Zahlzeichen von 1-9. Um 662 n. Chr. rühmt ein syrischer Abt »die geschickte Methode des indischen Rechnens«, nämlich die »der neun Zeichen«, die alles überträfe. Es fehlte noch das zehnte Zeichen, die Ziffer Null. Wenn die Inder mit ihrem Stellenwertsystem die Zahl 209 in der Ziffernschrift von der Zahl 29 unterscheiden wollten, mußten sie zwischen die 2 für die Hunderter und die 9 für die Einser ein Zeichen setzen, das bedeutete, in der Zehnergruppe sei fernschrift getan, vergleichbar dem ren die ersten Ziffern entstanden, nichts angegeben. Sie Schritt um verwandten einen Kreis oder einen Punkt. Diese »Leere« hieß im Indischen »sunya« und im Arabischen »as-sifr«, was von einem europä- namens Leonardo von Pisa mit »cephirum« ins Lateinische überworden ist. Daraus haben sich die Begriffe Zero und Ziffer gebildet. Um 400 n. Chr. ist in Indien zum erstenmal die Null geschrieben worden, schon fast 200 Jahre später ist die neue Schreibweise bekannt, und der große indische Astronom Brahmagupta gibt in seinem berühmten Werk »Siddhanta« gewisse Vorschriften über das neue Rechnen mit den neun Ziffern und der Null. Aus Indien geht es nach Bagdad. »Im 156. Jahre der Hedschra erschien vor dem Kalifen al-Mansur ein Mann aus Indien, welcher in der unter dem Namen Sindhind bekannten Rechnungsweise sehr geübt war, die sich auf die Bewegung der Sterne bezieht.« Er kommt mit einem Buch, eben jenem »Siddhanta«, und der Kalif befiehlt, das Werk ins Arabische zu übersetzen und darauf aufbauend ein Werk zu verfassen, nach dem die Araber die Planetenbewegungen berechnen könnten. Diese Arbeit wurde von al-Fasari geleistet; sein Werk heißt »der große Sindhind« - und eben dieses Werk hat dann der erwähnte al-Khwarizmi neu bearischen Gelehrten setzt beitet. Für das Reich des Islam war damit die indische Ziffernschrift im Prinzip durch- Übergang weitaus mühsamer. Die Künste Alpen nur langsam Fuß, und zwischen denen, die wie bisher mit römischen Zahlen rechneten, den »Abacisten«, und den Anhängern der neumodischen, heidnischen Rechenmethode gab es einen jahrgesetzt; in Europa vollzog sich dieser des Inders Algoritmi faßten diesseits der zehntelangen Richtungsstreit. Die wichtigste Figur in diesem Spannungsfeld war Leonard von Pisa (geb. Sohn um wohlhabenden Kaufmannes, der bei den Fellverkäufern und Ledergroßhändler das indisch-arabische System gelernt hatte. Er schrieb mit 23 Jahren ein Büchlein, das er listig »Liber abaci« taufte, also »Buch über den Abakus«, das aber im Gegenteil das indische System ausführlich darstellte. Er schrieb: »Die neun Zahlzeichen der Inder sind diese 987654321. Mit ihnen und mit diesem Zeichen o, das arabisch sifr heißt, kann jede beliebige Zahl geschrieben werden.« Noch der berühmte Rechenmeister Adam Riese aus Erfurt (ca. 1492-1559), der eine Einführung in die Algebra und mehrere Lehrbücher des praktischen Rechnens geschrieben hat, stellte in seinen Rechentafeln aber die römischen und »arabischen« Ziffern nebeneinander. 1180), der eines
Szene in einem Spital der Renaissance-Zeit. Einem Kranken wird die Fußwunde mit einer heilenden Salbe eingepinselt. Miniatur Ms. Gaddiano 2470, 15. ]h. Biblioteca Laurenziana, Florenz Die Medizin, eine allegorische Darstellung. Steinrelief des Andrea Pisano vom Florentiner Dom, erste Hälfte 14. Jh. Museo Opera Florenz del Duomo,
Die Verwirrung ist groß, denn man muß das alte, vertraute Rechenbrett verlas- sen und sich auf die höchst nebelhafte Schreibweise mit der o einlassen, von der nun etwas darstellt oder nicht. Noch heute Wort für »sich verrechnen« »fair par algorisme«, eine charakteristische Redewendung aus einer Zeit; in der nur Gelehrte mit dem Stellenwertsystem umzugehen verstanden. kein Mensch so richtig weiß, ob sie heißt in Frankreich das ' auch im islamischen Kulturkreis gewisse Entwicklungen gegeim Westen des Reiches wurde zur Zahlschrift der europäisch beeinflußten Welt, die des östlichen Arabiens, die anders aussieht, wird noch heute von den Arabisch sprechenden Völkern geschrieben und die »indische« Zahlschrift Übrigens hat es ben. Die Zahlschrift Ein Konsortium von Ärzten berät über die Heilmethoden von eitrigen Geschwülsten. Szene aus einer Galenushandschrift, um 1500. Sächsische Landesbibliothek, Dresden 1 \ . L:., J lar j . : ijirf?' f jij^d?rÄ<4 'tktyiU CI l' 'ehe TW im Ktftül m aiÜ u frhi 6t H' t
Im Westen genannt. hat sich die arabische Ziffer und das Stellenwertsystem Vernunft in den Handelskontoren Alpen über das Beharrungsvermögen siegte. Wenn man die kulturelle Entwicklung der Menschheit in großen Zeiträumen überblickt, hängen alle Fortschritte wie Zellgewebe miteinander zusamrrten: die Entwicklung des Schreibens und das Schreiben von Zahlen, das Zahlenrechnen der Inder und das Buchstabenrechnen der Araber - und auf allen diesen Voraussetzungen aufbauend schließlich durchgesetzt, weil die praktische diesseits und jenseits der die abendländische Rechentechnik. Fast eineinhalb Jahrtausende, nachdem die er- Zahl geschrieben wurde, konstruiert der Franzose Blaise Pascal die erste Rechenmaschine, eine achtstellige Addiermaschine, die auf (1623-1662) ste Null als dem Jahre 1640 zurückgeht. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erfindet für seine 1673 gebaute Rechenmaschine die sogenannte Staffelwalze. Diese Rechenmaschine mit ihren vier Grundrechenarten bleibt eine Kuriosität in der Hinterlassenschaft des ProfesIdeen eines Johann Ciermann aus sors, bis der erste Fabrikant im Rechenmaschinenbau 1893 erklärt, die Erfindung von Leibniz sei für die Industrie bahnbrechend gewesen. Damit ist die Automatisierung des menschlichen Denkens auf einem Teilgebiet, auf das besonders viel Mühe verwandt werden mußte, eingeleitet über die Hollerithmaschine, die erstmalig bei einer amerikanischen Volkszählung 1890 von Her; mann Hollerith (1860-1929) eingesetzt wurde, führt die Entwicklung zum ersten Computer mit Lochstreifensteuerung, gebaut von Heinrich Zuse - eine vollkommen unvorhersehbare Entwicklung, wenn man die Anfänge bedenkt. Ärzte im Islam Im Hörsaal der medizinischen Fakultät in Paris hängt noch heute das Bild des ara- man zu den Begründern der medizinischen Wissenschaft zählt, obwohl seine Bedeutung als Denker und Vermittler aristotelischer Philosophie weit über die Medizin hinausreicht. Als er sich unter einem der persischen Fürsten dazu hatte drängen lassen, in einer verworrenen Lage das Amt eines Wesirs zu übernehmen, brach eine bisierten Tadschiken Ibn Sina (980-1037), lateinisch Avicenna, den Revolte gegen ihn aus sein Haus wurde belagert, sein Besitz geplündert, ihn selbst ; Die Soldaten forderten vom Fürsten seine Hinrichtung, doch mochte sich dieser dem Willen der aufgebrachten Truppen nicht beugen. Er schloß Ibn Sina lediglich von den Regierungsgeschäften aus. Dieser mußte sich, wie sein Biograph berichtet, 40 Tage lang verstecken, als der Fürst aber an einer schweren Kolik erkrankte, ließ man ihn ans Krankenlager rufen, er heilte seinen Herrn und wurde wieder in seine Ämter eingesetzt, nachdem der Fürst sich bei warf man ins Gefängnis. ihm entschuldigt hatte. Damals begann er, sein »Buch der Heilung« zu schreiben, das nicht nur die Medizin, sondern Physik, Metaphysik, Logik, Botanik, Zoologie und viele andere Gebiete umfaßte. Für die islamische Wissenschaft bedeutete dieses Buch das, was Alexander von Humboldt viele Jahrhunderte später mit seinem »Kosmos« unter- nommen hat; es ist der Versuch, eine Summe 174 des gesamten Wissens zu ziehen.
Inzision einer Hydrocele. Die Erkenntnisse der arabischen Medizin waren im Mittelalter wegweisend und wurden an allen europäischen Universitäten gelehrt. Miniatur aus der »Chirurgie des Ilkhansi« (Ms. suppl. turc 693), vom Chefchirurgen des Spitals von Amasya in Anatolien. verfaßt 1463 Bibliotheque Nationale, Paris Standardwerk für Mediziner wurde sein unter ähnlich abenteuerlichen Umständen geschriebenes Buch »Canon medicinae«, das 1658 in lateinischer Sprache in Leuwen erschienen ist. Dieser Kanon besteht aus fünf Büchern, die systematisch Aufgabe der Medizin mit Diagnose und Therapie, dazu vorbeugende Behandlungsmethoden und Hygienevorschriften enthalten. Weitere Bücher behandeln die Kräuterkunde, die Chirurgie, Kosmetik und Dro- gegliedert die genkunde. In diesen Arbeiten gibt Avicenna die erste richtige Darstellung der Augenmuskeln, unterscheidet beim Gehirn Rinde und Hirnsubstanz, beschreibt die Hirnhautentzündung, die Rippenfellentzündung, den infektiösen Milzbrand, den er »persisches Fieber« nennt, und verschiedene Krankheiten, die zur Gelbsucht führen. Die Präzision seiner Schilderungen nötigt heute noch Bewunderung ab. Auch praktisch hatte er den Ärzten viel zu sagen. So empfahl er, Wasser durch ein Tuch zu seihen und zu sieden, bevor man es im Hospital verwende, er kannte die Klistierspritzen und ließ den Kranken Eisbeutel auflegen. Wie groß die Sprachbarriere zwischen dem arabischen Orient und dem Abendland ist, zeigt Avicennas Beispiel sehr deutlich. Obwohl es sich bei ihm um einen der großen Denker der Menschheit handelt, ist sein Name meist nur Historikern bekannt, und nur ein Teil seiner Werke ist in den modernen europäischen Spra- 175
nwnGujc*& wah inTeSJ&) , jfetwwfc»} ob*'ofl&i m§tü>n föU-(W£ ßnß» &ßsH <t dtwflr pCm jiC otlt# jnt Die Kunst der Uroskopie sucht den Urin, um heißt die Überschrift zu dieser Szene. Der Arzt unter- Klarheit über das Krankheitsbild des Patienten zu gewinnen. Miniatur aus Heinrich von Louffenbergs »Regimen Sanitatis«, 15. Jh. Staatsbibliothek Handschriftenabteilung, Berlin Besuch des Arztes bei seinen Kranken. Miniatur aus dem »canon medicinae« berühmte arabische Arzt (um ^8o-io^y) des Avicenna, 15. Jh. Dieser beeinflußte die medizinischen Wissenschaften im Mittelalter nachhaltig. Biblioteca della Universita, Bologna
chen erschienen. Welche Überraschungen sie enthalten können, zeigt eine Text- über Grundfragen der Geologie. Von den Gebirgen sagt er, sie entständen »durch Auffaltungen der Erdkruste bei heftigen Erdbeben, oder sie sind Wirkungen des Wassers, welches, indem es für sich einen neuen Weg schnitt, die Täler stelle entblößt hat«. Er spricht dann von den Schichten der Erde und schreibt: »Daß Wasser die Hauptursache solcher Wirkungen ist, wird bewiesen durch die Existenz fossiler Überreste von Wassertieren auf vielen Gebirgen.« Das alles ist volle sieben Jahrhunderte vor der wissenschaftlichen Geologie in Europa gesagt, vor der unsäglichen Diskussion über die fossilen Überreste von Wassertieren und zu einer Zeit, als die Aussagen der Genesis Wort für Wort Geltung hatten. Kein Wunder, daß auch im Islam ein so freier Geist von der orthodoxen Geistlichkeit gehaßt und verfolgt worden ist. Mit dem Aufkommen eines berberischen Nationalismus im Islam und der Erschütterung durch die Mongolenstürme verlor das antike Erbe an Glanz, man scheute Liberalität, zog sich unter das grüne Banner des Propheten zurück und verschanzte sich hinter Glaubensfragen. Das war das Ende der islamischen Renais-
sance, und es kündigte sich durch deutliche Signale an: 1160 wurden die philoso- Werke des Ihn Sina öffentlich verbrannt. Ihn Sina ist im Alter von 53 in Hamadan gestorben, dem alten Ekbatana der Perser. Sein Biograph beJahren phischen »Er sagte: >Der Arzt, der meinen Körper behandelt hat, hat dazu nicht getaugt. Jetzt nützt alles Heilen nichts mehr.< In diesem Zustand blieb er einige Tage, richtet: und dann nahm ihn der Herr zu Amputation sich.« eines Beines. Holzschnitt aus »Feldbuch der Wundarznei«, 1517. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv j
Im Abendland heilte man damals durch Teufelsaustreibung, Handauflegen und Gebet, und wer dem Kranken die Schmerzen nahm, versündigte sich am Willen Gottes. Ein Mann wie Bernhard von Clairvaux, <ler Abt der Zisterzienser (1090-1153), verbot seinen Mönchen, im Orient Ärzte in Anspruch zu nehmen, da ihnen »nicht zieme, ihr Seelenheil durch-den Gebrauch irdischer Hilfe in Gefahr zu bringen«. Den Ärzten der islamischen Renaissance waren solche Fesseln nicht auferlegt, sie studierten die Schriften der Griechen, besaßen die Heilerfahrungen des Vorderen Orients, dachten durchaus rational und standen an der Schwelle des naturwissenschaftlichen Denkens, das wenige hundert Jahre später im Abendland auf einer ungleich schwierigeren Basis zum Zuge gekommen ist. Ein Beispiel für die Unterschiedlichkeit islamischen und abendländischen Den- Entdeckung des Blutkreislaufes. Der Gladiatorenarzt Galen aus Alexwar Anhänger der Pneuma-Theorie. Sie besagt, daß das Pneuma, der Atem, im Herzen die Blutströme reinige, die als Krankheitsträger angesehen und gleichsam als Abwässersystem des Körpers betrachtet wurden. Der 1210 in Damaskus geborene Ibn an Nafis, langjähriger Chefarzt der Ärzteschaft in Kairo, hat sich mit Galen kritisch auseinandergesetzt und den kleinen Blutkreislauf richtig erkannt. Der junge Mediziner Michael Servet, der 1555 von Calvin als Ketzer auf den Scheiterhaufen gebracht worden ist, hatte als Emigrant in Paris die medizinischen Schriften der Araber kennengelernt. Als er die Trinität angriff, war er nicht mehr zu schützen. Zusammen mit seiner letzten Schrift »Die Wiederherstellung des Christentums« ist er als Ketzer vernichtet worden. In seiner Schrift ist der kleine Blutkreislauf exakt beschrieben, wie ihn auch Ibn an Nafis gekannt hat. William Harvey, ein cholerischer junger Herr von scharfem Verstand, der aus reichem Haus stammte und in Canterbury und Cambridge studiert hatte, ehe er nach Padua ging, die damals bedeutendste medizinische Forschungsstätte, wird als Entdecker des Blutkreislaufs genannt. In Wirklichkeit hat er die in Padua gewonnenen Erkenntnisse und Methoden - vor allem das Experiment und die Messung quantitativer Werte - konsequent auf den Blutkreislauf angewandt. Experimentell hat er die Funktionen der Venen erklärt und nachgewiesen, daß sie Blut zum Herzen führen müssen. 1615 war er Professor in Cambridge geworden, später Leibarzt Karls I. von England. Seine Schrift »Anatomische Studie über die Bewegung des Herzens und des Blutes bei Lebewesen« hat er 1628 veröffentlicht; sie trug ihm den Spitznamen »circulator« ein, denn man hielt seine Feststellungen für Hirngespinste. An diesem Beispiel tritt der unverwechselbare Zug naturwissenschaftlichen Denkens, die Methode des kontrollierbaren Experiments, um meßbare Ergebnisse zu gewinnen, deutlich hervor. Diese Methode allein, nicht etwa Milieu, Denkschärfe oder ärztliche Erfahrung, bezeichnete den Vorsprung abendländischen Denkens gegenüber der islamischen, orientalischen Welt. kens ist die andria, der die für Jahrhunderte gültige Säftelehre formuliert hat, Was die ärztliche Versorgung angeht, so war man im Reich des Islams auch der Gegenwart weit woraus. Alle ärztliche Behandlung war gebühren- und honorarfrei, ein Kranker erhielt, ob arm oder reich, Unterkunft, Verpflegung und Arzneimittel umsonst, außerdem standen jedem nach der Entlassung eine »Überbrükkungshilfe« und Kleidung zu. Die Kosten hierfür trug der staatliche Grundbesitz, 179
Anatomieunterricht. Die anatomische Erforschung des menschlichen Körpers war für den Fortgang medizinischer Erkenntnisse unerläßlich. der von Gemälde von Philippe Bernaerts, löyy. Beamten geleitet und vom meinen, daß es sich Musee Gruuthuse, Brügge Staat scharf überwacht wurde. Man könnte nun um primitive Wundbehandlungen, Zaubermedizinen und um Scharlatanerie gehandelt hätte, auch lebten Araber ja von einer Handvoll Hirse oder Datteln. Diese Fehleinschätzung entspringt der europäischen Arroganz. In einer großstädtischen Krankenhausanlage gab es Polikliniken, in denen jeder Kranke zunächst untersucht wurde, und verschiedene Spezialabteilungen, etwa Chirurgie und Orthopädie. In Genesungsräumen gab es die Bibliothek, und Musikanten spielten im Tagesraum, um die Genesenden seelisch zu entspannen. Bei der Operation assistierte jeweils ein jüngerer Arzt, man verwandte Narkose, in- dem man einen Schwamm, getränkt mit einer Mischung aus Bilsenkraut, Haschisch und Wicken, vor die Nase des Patienten hielt, der Puls wurde ständig kontrolliert. Eine Operationsanleitung lautet: »Jetzt schneide langsam und sanft, um die Geschwulst vom umgebenden Gewebe zu lösen. ein Achte darauf, daß du nicht .« Mit einem weingeGefäß verletzt oder einen Nerv durchtrennst usw. . l8o .
tränkten Tuch auf der Wunde wird Sepsis verhütet, und Knochenbrüche werden 1013) weiß man in der Geburtshilfe weit mehr Griechen und beherrscht Fuß-, Quer- oder Gesichtslagen des Kindes, man benutzt Vaginalspiegel und führt Vaginaloperationen durch, im 14. Jahrhundert gegipst; seit Abu l'-Quasim (gest. als die erkennen die islamischen Ärzte den infektiösen Charakter der schrecklichen Pest - zum erstenmal in der Geschichte derMenschheit wird sie nicht als Geißel Gottes, sondern als medizinisches Phänomen begriffen. Das Abendland hat von diesem Denken nur auf Umwegen Kenntnis genommen. Die Vollnarkose mit den getränkten Schwämmchen, die in der Sonne getrocknet und bei Bedarf angefeuchtet wurden, ist zwar im Abendland bekanntgeworden man schrieb sie zunächst einem Italiener, dann den Alexandrinern zu -, aber bald in Vergessenheit geraten, bis 1844 die Äthernarkose durch Inhalation erfunden wurde. Die keimtötende Wirkung von Rotwein kannten die Araber schon vor 800 Jahren, sie ist erst 1959 von Masquelier aus Bordeaux neu entdeckt worden (Hunke). Und schließlich das Penicillin. Bekanntlich ist das eine Art Schimmelpilz, und er kam auch auf den Geschirren der Wasserbüffel, der Lastesel und Zugpferde vor. Die Araber kratzten ihn ab und verarbeiteten ihn zu einer Salbe, um entzün- »Die Fußoperation«, ln dieser Zeit mußten alle kleineren und größeren körperohne jede Betäubung durchgeführt werden. Gemälde von Anthoni lichen Eingriffe Victoryns, 17. Jh. Privatbesitz Zürich ,
dete Wunden zu behandeln. Bei Halsentzündungen wurde er als Staub in den Hals gepustet, wie das heute noch die Beduinen machen. Hervorragend war die arabische Chemie. Die Destillation, die schon die Sumerer wurde verfeinert, die Glasbläser von Aleppo, zu ihrer Zeit unübertroffene Spezialisten, die nahezu industriell arbeiteten, lieferten gläserne Destillationsapparate seit 1000 n. Chr. und versorgten die arabischen Mediziner mit Alkohol und sonstigen Destillaten. Ebenfalls arabischen Ursprungs ist die Apotheke, denn im Reich des Islams wurden diese Institutionen schon Ende des 8. Jahrhunderts eingerichtet und von staatlichen Stellen kontrolliert, die auch die Bäcker, Metzger, Müller, Milchhändter und Lebensmittelgeschäfte auf Reinlichkeit überwachten. Die arabische Medizin kannte lange vor der pharmazeutischen Industrie die Arznei in Pillenform; es gab solche Pillen verzuckert, versilbert und vergoldet. Hier, wo aus dem ganzen Orient die Waren umgeschlagen wurden, um weiter an die europäischen Handelspartner in Venedig und Genua zu gehen, hatte man pharmazeutische Kenntnisse, die weit über die der Antike hinausgingen. So schrieb der große Pharmakologe des Islams Ibn al Baitat (1197-1248) sein Standardwerk »Was Dioskurides übersehen hat«, das mehr als 1400 pflanzliche Drogen praktiziert hatten, und Rezepte Name enthielt. Daß man sich auf praktische Psychologie verstand, zeigt der und Erheiterung der für die Kenntnis psychosomatischer Zusammenhänge. Bei einer solchen Höhe der medizinischen und pharmazeutischen Kenntnis wundert es nicht, daß dieser Vorsprung von Europa erst langsam aufgeholt worden eines Abführmittels, es hieß »Schlüssel der Freude Seele« - ein Zeugnis ist. in Bis ins 18. Jahrhundert blieben die Werke Europa mit Gold aufgewogen wurden, wenn Neben Ibn Sina als ist da der aus dem Iran arabischer Ärzte Kostbarkeiten, die sie überhaupt zu bekommen waren. stammende ar-Rases zu nennen, in Europa ar-Rhases bekannt. Sein Standardwerk existierte in der Bibliothek zu Paris, aber selbst der König von Frankreich Ludwig XI. mußte zwölf Mark in Silber und Kaution hinterlegen, wenn seine Leibärzte das Buch ausliehen, um es zu Rate zu ziehen. Es enthielt eine vollständige Enzyklopädie der Medizin von Hippokrates bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, verfaßt vom hundert Mark in Gold als »Hippokrates der Araber«, einem der großen Ärzte der Menschheit, dessen Abhandlung über Blattern und Masern von 1498-1866 vierzigmal nachgedruckt wurde. Sein Name aber fehlt noch heute in vielen Konversationslexika. Aristoteles und die Folgen Der Vorgang war unerhört und bezeichnete die überragende Stellung eines Mannes, den jeder ungebildete Christ ohne Besinnen voll Haß als verfluchten Heiden bezeichnet hätte: Dante versetzte den Araber Muhammed Ibn Roschd aus Cordoba in den Himmel seiner »Göttlichen Komödie« neben Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Außer dieser poetischen Beförderung hatten der schwäbische Edelmann, der sizilianische Graf und der arabische Kaufmannssohn nur eines gemeinsam - sie alle hatten sich mit Aristoteles auseinandergesetzt, ihn kommentiert und 182
und der Araber, im Abendland als Averroes bekannt, war deshalb am Hofe des Kalifen in Ungnade gefallen. Aus einer bestimmten christlichen Sicht war er also fast eine Art Märtyrer, denn die Lehre des Aristoteles war im Begriff, dank Albertus Magnus, Thomas von Aquin u. a., sich zur herrschenden Lehre der Kirche zu entwickeln. Dante Alighieri (1265-1321) hat die Arbeit an seinem Werk etwa 1311 aufgenommen und bis zu seinem Tode daran geschrieben. erschlossen, 100 Jahren lagen die Werke des Aristoteles im wesentlichen in lateinivor. Das hatte angefangen mit den ersten Übersetzungen des Setzung Übei scher n. Chr.), von dem schon die Rede war. Die physikalischen und Boethius (480-524 Seit etwa philosophischen Texte des Aristoteles-Kommentars von Avicenna waren Ende des dem Arabischen ins Lateinische übersetzt worden, später kamen die restlichen Werke hinzu, und die Auseinandersetzung mit AristoToledo aus 12. Jahrhunderts in teles, übrigens auch mit Averroes (1225-1274), erfaßte die Gebildeten des Abend- landes, vor allem also die Kirche. Der Richtungsstreit über die von Aristoteles geäußerten Auffassungen zum Sein hat das ganze späte Mittelalter beherrscht und dazu geführt, daß seine von Thomas von Aquin erweiterten und vertieften Lehren schließlich zur offiziellen Lehre der Christenheit erhoben worden sind. Dies geschah auf dem Konzil von Trient (1545-1563), als Luther schon längst seine bissigen Äußerungen über Aristoteles getan hatte Der müsse herabsteigen von seinem Thron und gehe seinem Ruin entgegen. »Es tut mir wehe in meinem Herzen, daß dieser verdammte, hochmütige, arglistige Heide mit seinen falschen Worten so viele von den besten Christen verführt und zum Narren gehalten hat. Gott hat uns um unserer Sünde willen so mit ihm geplagt.« So äußert er sein Unbehagen in seiner Schrift an den christli: chen Adel. Das ist, bedenkt man den Zeitabstand zwischen dem Wirken des Aristoteles und den Äußerungen Luthers, ein immerhin erstaunlich lebhafter Zorn, und man mag sich fragen, weshalb sich der Mönch aus Wittenberg so ungemein über einen grie- chischen Denker aufregt, der doch zu den größten Gestalten der Menschheit gehört hat? Luther befindet sich allerdings mit seiner der Kalif von Bagdad hatte sich, und kommentiert nachdem Averroes Ablehnung die Werke nicht allein; auch des Aristoteles stu- Unwillen geäußert. Die islamische Inquisition Leibarzt Averroes beschäftigen und dem Kalifen den Rat geben müssen, den Mann aus seiner Umgebung zu verbannen. Dies geschah, und der Kalif drohte in seinem Edikt: »Gott hat das höllische Feuer für die bestimmt, die die Wahrheit durch die Vernunft allein zu finden hoffen.« Genau dies war der Punkt, der auch Luthers Empörung über den weitverbreiteten Aristotelismus zugrunde lag. In den beiden Kulturkreisen, dem des Islam und dem des Christentums, haben diert hatte sich mit hatte, mit dem Philosophen und die Erkenntnisse des Aristoteles also weitreichende geistige löst, Bewegungen ausge- weil sie einerseits nicht zu widerlegen, andererseits aber mit den herrschen- den Lehren des Klerus nicht in Einklang zu bringen waren. Erst Melanchthon, der junge Humanist, hat denn doch noch Aristotelismus und Protestantismus vereinen können, weil es undenkbar gewesen wäre, die neue theologische Richtung vom Bildungsgut der Zeit abzusperren. 183
»Der Kranke«. Gemälde von Wolfgang Heimbach Kunsthalle , , 1669. Hamburg Untersuchung einer schwangeren Frau. Die Gynäkologie gehörte zu den Teilgebieten der Medizin, die sich erst verhältnismäßig spät entwickelt haben. Schuld daran waren hauptsächlich die die verschrobenen moralischen Vorstellungen der Kirche, den Vorgang der Geburt durch Jahrhunderte hindurch tabuisierte. Kolorierter Stich aus einem französischen medizinischen Lehrbuch für Ärzte, Paris 1822. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Islam und Christentum boten auf Offenbarung dem Gläubigen ein geschlossenes und Glauben gegründet war. Die Werke des System an, das Aristoteles, als sie ihrem ganzen Umfang bekannt waren, stellten ebenfalls ein geschlossenes System dar, aber eines, das die Welt als Ganzes aus natürlichen Ursachen und Zusammenhängen erklärte. Über die physikalischen Fragen, über Einzelheiten hätte man sich einigen können, aber in den Grundfragen blieb die Kluft zunächst unüberbrückbar. Aristoteles glaubte beispielsweise, die Welt sei ewig; die Christen setzen bekanntlich den Begriff der endlichen Schöpfung Gottes dagegen. Das Christentum muß von der »Freiheit eines Christenmenschen« ausgehen, wenn auch Glaube und Gnade bestimmende Faktoren sein können. Der Aristoteli'smus, der etwa über Avicenna, vor allem aber über Averroes aus dem Islam kam, trug erst in 185
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auch Züge des Islam, nämlich den Glauben an die Vorherbestimmtheit allen Geschehens. Das war für einige Christen unerträglich, also legten sie Aristoteles anders aus als die, die sich auf die Seite des Averroes stellten. Die Geistesgeschichte des Mittelalters ist dje Geschichte des Ringens um den wahren Aristoteles, nicht etwa um die wahre Bibel, die lateinisch vorlag, vom gemeinen Mann nicht gelesen werden konnte und sakrosankt war. Nicht an der Problematik des Neuen und Alten Testaments, sondern an der Bewegungslehre, der Lokalitätslehre, der Substanziehre des Aristoteles entzündete sich der wissenschaftliche Streit, und die Dominikaner in Paris interpretierten ihn anders als die Franziskaner in Oxford oder der radikalere Siger von Brabant, der auf seiten des Averroes stand. Es war im Grunde ein Ringen zwischen Rechten und Linken, wenn man so will, zwischen den Nominalisten, Anhängern der Ideenlehre Platons, und den Realisten, den Empirikern. Nicht selten erstickte die Diskussion in philologischen und theologischen Spitzfindigkeiten, und als im 16. Jahrhundert Aristoteles gleichsam zum Kirchenvater erhoben worden war, hatte seine Autorität die freiere So hieß in späteren Zeiten Naturwissenschaft betreiben, den Aristoteles von seinem Kirchenthron stürzen aus einem der größten Geister des Abendlandes war ein Symbol der Vernunftfeindlichkeit geworden. Forschung fast erdrückt. ; Was war nun dieser hochmütige, arglistige Heide, um mit Luther zu reden, Mensch? Und welche Rolle spielte er in seiner Zeit, welche kulturgeschichtlichen Wirkungen hatte er in Griechenland selbst? Aristoteles, ein kleiner, stolzer und stets sorgfältig gekleideter Gelehrter, ist 384 v. Chr. in Stagira in Makedonien geboren worden. Sein Vater war Arzt. Man weiß über seine frühen Jahre nichts mit 17 Jahren wird er Mitglied der berühmten Akademie des Platon, wirklich für ein ; der damals 60 Jahre alt war. Er selbst ist 20 Jahre später als Prinzenerzieher an den makedonischen Hof gerufen worden. Sein Schüler war Alexander der Große, den die Athener haßten und den Demosthenes verächtlich den »kleinen makedo- nischen Jungen« nannte. Man weiß Akademie verbracht und auch hat, nichts über die 20 Jahre, die Aristoteles an der nichts über die Zeit am makedonischen Hof an der Seite Alexanders. Dieses Leben kann nicht so idyllisch gewesen sein, wie es sich in der musealen Perspektive solcher Betrachtungen ausnimmt, es blieb stets von plötzlichen Lau- nen des Herrschers, von politischem Wechsel und von Intrigen gefährdet. Das Thebaner im griechischen Theben - es gab auch eines in Ägypten - einem Gerücht geglaubt und den Tod Alexanders des Großen gefeiert zeigt sich z.B. 311, als die Knapp zwei Wochen später stand Alexander vor den Mauern von Theben, und zerstörte sie bis auf die Grundmauern, nur das Haus des Sängers Pindar ließ er unzerstört. Der Tod eines Herrschers bedeutete in der Regel hatten. eroberte die Stadt unweigerlich den Sturz seiner Günstlinge, das galt auch für Aristoteles. Als Alex- Triumph des hl. Thomas von Aquin. Der im 13. Jh. lebende katholische Gelehrte brachte die Gedankenwelt Aristoteles' in die philosophische Diskussion seiner Zeit mit ein und gab so neue Anstöße für die wissenschaftliche Fundierung theologischer Argumentation. Gemälde von Benozzo Gozzoli, 15. ]h. Louvre, Paris
Tabula Peutingeriana, eine römische Straßenkarte von der die Sektion Italien ist. Durch ein wohldurchdachtes Netz von Straßenanlagen beherrschten , ahgebildet Römer die einmal eroberten Gebiete ihres Weltreiches. Kopie des 12. nach einem Original des 4. Jh. Cod. Vindobonensis 324. die Österreichische Nationalbibliothek , Jh. Wien Manuskriptseite aus einem astrologischen Werk mit der Widmungsvignette an den Landesfürsten. Johannes Bianchino, »Astrologia « , 15. Jh. Bibliothek , Ferrara ander der Große 323 v. Chr. in Babylon an einem Sumpffieber starb, hat Aristoteohnehin Schwierigkeiten in Athen gehabt, weil er sich gegen den in solchen les Vorwurf der Konservativen wegen »Gotteslästerung« zur Wehr Nach dem Tod Alexanders des Großen war er für die Athener als Fällen beliebten setzen mußte. eine Art Quisling untragbar geworden. Er floh nach Chalkis auf der Insel Euböa, der Heimat seiner mütterlichen Familie, und ist dort 322 v. Chr. im Alter von 62 Jahren gestorben. Sein Lebenswerk bestand in der von ihm gegründeten Schule und in seinen Schriften, die beide ein wechselvolles Schicksal hatten. Der Ort der Schule hieß dem Gott Apollon Lykeion gewidmeAristoteles dort im schattigen Säulengang, dem Lykeion, eine Gebäudegruppe, die in einem ten Hain stand. Alltäglich hielt einem engen Kreis von Schülern seine Vorlesungen, so nannten sie dem Säulengang. Aristoteles' Kritik an der Akademie Platons ist offenbar auch eine Methodenkritik gewesen. Dort wurden die Schüler in wissenschaftlichem Denken und in der Mathematik gefördert, es ging um die Peripatos, vor sich »Peripatetiker«, die aus 188
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Ideenlehre, um allgemeine Grundfragen. Bei Aristoteles wurden diese Fragen zwar auch behandelt, aber der Ansatz war ein anderer, weil man von konkreten Fächern wie Musik, Physik, Zoologie u.ä. ausging. Man arbeitete die Literatur durch, beschaffte sich aus dem In- und Ausland Informationen und unternahm offenbar auch regelrechte Forschungs- und Studienreisen, deren Ziel vor allem Ägypten, das Land der uralten Weisheit, gewesen ist. Leider gibt es über die Details nur lükkenhafte Quellenangaben und kein Reisetagebuch, etwa wie vom Zug der 10000 man kennt also nicht die Atmosphäre dieser Studienfahrweiß nichts von diesem Lehrer allein paar Daten und besitzt nur die freilich umfangreichen Reste seiner Schriften. Söldner von Xenophon, ten, Aristoteles selbst hat seine Schriften unterschieden in die streng wissenschaftlials »esoterisch« bezeichnete (griechisch: nach innen genur an seine Schüler gerichtet waren, und die Vorträge für ein breites Publikum, die exoterischen Texte, von denen es 27 gegeben haben soll. Im Altertum galten sie als sein Hauptwerk, doch ist nicht eine Zeile davon erhalten chen Vorlesungen, die er richtet), weil sie und Plutarch stellen die nicht restlos überzeugende Behauptung auf, die Originalmanuskripte des Aristoteles seien von einem seiner Schüler in einem Keller der kleinasiatischen Stadt Skepsis eingemau- geblieben. Die antiken Autoren Strabon Wie sehr Aristoteles Teil der mittelalterlichen Gedankenwelt war, zeigen die verschiedenen figürlichen Darstellungen, wie z.B. hier am Westportal (um 1145) der Kathedrale von Chartres.
ert - Nomen est omen, möchte man sagen - und erst nach 150 Jahren um 90 v. Chr. publiziert worden. Die Geschichte der aristotelischen Werke und Werkausgaben ist ein Spezialproblem der Historiker und Philologen. Der Fülle des Wissens, der oft modern anmutenden Interpretation biologischer oder psychologischer Vorgänge stehen bei Aristoteles andere, längst überwundene Spekulationen gegenüber. Entscheidend ist, daß Aristoteles mit seiner Philosophie die Gesamtheit aller erkennbaren Gegenstände zu erfassen suchte, über die sich etwas Allgemeines begründet aussagen ließ. Er hat die Bewegungslehre begründet, noch Galilei beschäftigt hat, und die Elementenlehre des Empedokles wurde durch ihn zum Ausgangspunkt der späteren Alchemie. Ebenso hat die Lehre von den vier Ursachen - der Materialursache, der Formursache, der Bewegungsursache und der Zweckursache - die Philosophen jahrhundertelang beschäftigt. Stoff und Form, Sein und Nichtsein wurden durch ihn als Kategorien in die Philosophie eingebracht, auch dies von weitreichender Wirkung auf die europäische Geistesgedie und schließlich hat er die Zoologie begründet. Der Aristotelismus, eine von der Schule der Peripatetiker abgelöste geistige Kraft, ist im Islam von der reaktionären Geistlichkeit erstickt worden. Hier hat man das Studium der Werke des Aristoteles unter Strafe gestellt und so die sich entfaltende freie Forschung abgewürgt. Im Abendland verlief die Entwicklung anders, und wenn auch die Autorität des Griechen während der Scholastik erdrükkend war, so haben seine Werke doch entscheidende Impulse gegeben. Noch Leibniz verstand sich als Erneuerer des Aristotelismus, und 1879 empfahl Papst Leo XIII. in der Enzyklika »Aeterni patris« den katholischen Wissenschaftlern, den Aristotelismus thomistischer Prägung zu übernehmen. schichte, Ein Bild der Erde Etwa 300 Jahre vor Marco Polo, dem venezianischen Kaufmann, der wegen seiner Heimat als »messer millione« ver- Berichte über das riesenhafte China in seiner spottet wurde, lag der erste wissenschaftliche Bericht über China im Westen vor. Die Christen allerdings bekamen ihn nicht zu Gesicht, denn er stammte von einem Muslim namens Al Massudi. Auch er war überwältigt von der Fülle des Gesehe- nen, dessen Fremdartigkeit ihn faszinierte. Nicht als Kaufmann, den es nach Osten als Forscher bereiste er den Vorderen Orient und Araund Ceylon, Indien und Zentralasien und schließlich auch China. Von welchem wissenschaftlichen Format dieser Mann war, zeigt die Tatsache, daß er an eine Evolution »vom Mineral zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier, vom Tier zum Menschen« glaubte, ohne sie selbstverständlich naturwissenschaftlich beweisen zu können. Al Massudi (gest. ca. 957) hat in 30 Bänden seine Erfahrungen und Erkenntnisse niedergelegt, die schließlich so umfangreich waren, daß die Stoffmassen dieser Enzyklopädie kein Mensch mehr verarbeiten konnte. Also schrieb er eine gekürzte Ausgabe, der er den attraktiven Titel »Die goldenen Wiesen und die Minen kostbarer Steine« gab. Aber selbst in dieser bildungsfreundlichen Epoche störte dieser Mann das Weltbild, er wurde von Bagdad nach Kairo verschlagen hat, sondern bien, besuchte Sansibar
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verbannt und starb im Exil, wo er einen Registerband zu seiner Enzyklopädie ge- schrieben hat. Er enthält jene ketzerischen Ansichten über die Natur, die wahrscheinlich den Haß ihm des Klerus zugezogen haben. Die Nachricht des Al Massudi war nicht die älteste Kenntnis des Islam über um 840 war ein Kaufmann namens Suleiman nach China gereist; China. Schon der Bericht über diese Fahrt, übrigens nicht von ihm selbst, ist erhalten geblieben. Damals kannte man im Islam auch bereits die Vyege nach Indien, hatte Afrika von Osten her erschlossen und Ceylon erreicht. Der Gesichtskreis dieser Kultur, die am Schnittpunkt zweier Welten lag, erweiterte sich ständig. Im 10. Jahrhundert gab es im Islam mindestens zehn bedeutende Geographen, die man mit Namen kennt, und im Laufe weniger Jahrhunderte stießen Muslims bis nach Sibirien und vermutlich sogar Australien vor. Die ostafrikanische Küste bis Madagaskar und der Indische Ozean wurden befahren, die Karawanen der Araber durchzogen Afrika bis zum Niger und haben möglicherweise Timbuktu erreicht. Im Islam ist die Geographie eine von der Theologie her begründete Wissenschaft, denn täglich richtet sich der Muslim, wo immer er sich befindet, nach Mekka aus, sein Glauben hat ein geographisches Zentrum, das ihm täglich ins Bewußtsein gerufen wird. Deshalb war von einem Ende des islamischen Reiches bis zum anderen seit jeher sichergestellt, daß der Pilger unbehelligt Mekka errei- mochte er nun Grieche, oder Berber sein, mit Arabisch verständigen. Das ist so gewesen, als gäbe es heute chen konnte, und überall konnte er sich, Perser, Spanier für Europa von der Wolga bis zum Atlantik eine einzige allgemein gesprochene und geschriebene Sprache. Das geographische Weltbild des Islam, das durch sehr exakte Karten ergänzt wurde, konnte dem Vergleich mit dem eines Europäers zur Zeit Maria Theresias durchaus standhalten, und die Berichte des größten islamischen Geographen Ibn Batuta sind noch heute von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft. Man verstand damals im Islam, die geographische Lage beliebiger Orte exakt nach Längen- und Breitengrad zu bestimmen, und zwar bis auf 1-2 Minuten genau über die Geologie der Erde hatte man zutreffende, wenn auch sehr allgemeine Vorstellungen, und wie man sich nüchtern mit den Wundern des gestirnten Himmels befaßte, die man als Ausdruck ewiger sich wandelnder Schöpferkraft Gottes begriff, so betrachtete man auch die Erde. ; Wenn man die gleichzeitigen geographischen Vorstellungen christlicher Umfang aufgezeichnet hätte, um sie mit denen der arabischen Geographen zu vergleichen, würde man nicht meinen, daß es sich um dieGelehrter in ihrem ganzen selbe Erde handelt. Für den Christen war Jerusalem nicht nur Zentrum seines Glaubens wie Mekka für den Muslim, sondern der tatsächliche, reale Mittelpunkt. mittelalterlichen Karte wird der Osten aus hierarchischen Gründen am oberen Kartenrand eingezeichnet, denn dort liegt das Paradies in Gestalt eines Ber- Auf der Landkarte von Süditalien und der Adria-Küste Jugoslawiens. Der schwunghafte Aufstieg des Handels in den Mittelmeerländern und die damit verbundene Blüte der Seeschiffahrt ließ das Piratenwesen sprunghaft ansteigen. Karte aus »ltaliae Novissima Descriptio « verfaßt von Jacobo Castaldo , , 17. ]h.
ges, auf dem die vier Paradiesflüsse entspringen. Vermutlich Forschungen der Taht-i-Suleiman vier Paradiesflüsse in Aserbeidschan werden eingezeichnet, nach den neuesten Berg anzusehen. Die ist als dieser es sind der Euphrat, der Tigris, der Pison -womit offenbar der Ganges gemeint war- und der Gichon, der Nil. Dieses Modell der Erde, das noch bis in die Anlage von mittelalterlichen Gärten, bis in die Tep- pichkunst nachgewiesen werden kann, wird nicht etwa sondern als Wirklichkeit genommen, so unbeirrbar ist als ein Symbol betrachtet, die Gläubigkeit, die sich an der Bibel orientiert. Wenn denen sich etwa die Pilger Land nicht entziehen konnten, zu aufdringlich werden, interpretiert man sie im Sinne des Glaubens. So sagt man, die Flüsse entsprängen tatsächlich im Garten Eden, und die Quellen des Euphrat und Tigris, die man ja aus eigenem Augenschein kennt, seien nicht die eigentlichen Quellen das Wasser sei in der Erde versickert und käme an diesen Stellen nur aufs neue ans Licht (Le Goff). Daß durch Ägypten der angeblich aus dem Garten Eden stammende Nil floß, konnte nicht geleugnet werden. Aber wie zauberhaft nahm man die Wirklichkeit, um die Symbolwelt zu retten: »An der Stelle, an der der Nil in Ägypten eintritt, werfen die Leute, die dieses Geschäft gewöhnlich besorgen, des Abends ausgespannte Netze in den Fluß; und wenn der Morgen anbricht, finden sie darin kostbare Dinge, die sie dann an Land tragen: Ingwer, Rhabarber, Aloeholz und Zimmet. Diese Gewürze sollen aus dem irdischen Paradies stammen, wo der Wind sie von den Bäumen weht wie dürres Holz in unseren Wäldern .« Das ist 300 Jahre nach Al Massudi geschrieben und stammt von Jean Sire de Joinville (1225-1317), der den Kreuzzug Ludwigs IX. nach Ägypten mitgemacht hat. Für die Christen ist Europa ein undeutlicher und im Grunde abstrakter Begriff. tatsächlich die geographischen Erfahrungen, ins Gelobte ; . . Was zählt, ist die Christenheit, eine Feste des Glaubens in einem Meer von Heiden. Wenn man sich aber auf eine geographische Terminologie einließ, sah man die Welt als in drei Teile geteilt, in Europa, Afrika und Asien. Mit Europa kann sich der Christ nicht identifizieren, weil Spanien den Mauren gehört, also dem Islam. Überhaupt betrachtet man die Geographie theologisch: Erdteile sieht man als bestimmten Religionen zugehörig, und so schreibt ein englischer Pilger in seinem Reisetagebuch des Dritten Kreuzzuges: »So fallen zwei Teile der Welt über den dritten her, und Europa, das doch selbst nicht einmal in Gänze den Namen Christi anerkennt, muß sich nach zwei Seiten verteidigen.« Der Christ des Mittelalters lebte unter einem starken geistigen Druck. Seine Sexualität wurde verteufelt, Luxus als Götzendienerei angeprangert, Kostbarkeiten als Blendwerk der Hölle bezeichnet, sofern sie nicht in der Kirche zur höheren Ehre Gottes dienten. Wer aus Europa über Palästina hinaus verschlagen wurde und gar nach Indien oder Afrika geriet, dem mußte die ungezwungene Nacktheit der Menschen zum Beweis zügelloser Sexualität werden, der war überwältigt vom Überfluß der Natur und von den Erzeugnissen uralter Handwerkskunst. Die Inseln des Orients, die Gewürzinseln, ebenso irreal wie das ganze Weltbild, verkörperten für die Christenheit einen Traum von Wohlleben und Lust, von abscheulicher und insgeheim neidvoll begehrter Freiheit. Mit solchen Erwartungen brachen die Konquistadoren auf, um das andere Indien zu entdecken. 194
Landkarte von Indien und Indochina. Die geographischen Wissenschaften wurden besonders im Islam gepflegt. Die arabischen Portulane und Landkarten bildeten Voraussetzung für die großen Entdeckungsfahrten die der Renaissancezeit. G. le Testu »Cosmographie Universelle « , Fol. 280., 18. ]h. Bibliotheque Ministere de la du Guerre, Paris Ähnlich ahnungslos, was die wahren politischen Verhältnisse anging, waren die Chinesen - nicht, weil sie nicht imstande gewesen wären, fremde Länder zu entdecken und zu erforschen, sondern weil sie kein Interesse besaßen, es sei denn, diese Länder konnten die selbstverständliche Oberhoheit des Reiches der Mitte mit entsprechenden Tributen anerkennen oder hätten sonst irgendeinen Nutzen gehabt. Ähnlich wie der starre Bibelglaube der Wissenschaft dem im Christentum stand chinesischen Forscherdrang der Taoismus entgegen, der, auf seiner Elemen- tenlehre aufbauend, auf heit hatte. dem Man wußte ja, Fünferprinzip nebst Yin und Yang, über alles Gewißdaß die Erde aus den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser bestand da ferne Länder und und nach Yin und Yang Details der Natur. Wenn man strukturiert war, sie erklärte, so was zählten eher beiläufig; man, daß Schwalben und Sperlinge im Winter ins Meer stürzten und Miesmuscheln verwandelten. Ähnliche Geschichten bieten die mittelalterlichen Bestiarien, und so weit sie von der Zoologie eines Aristoteles entfernt sind, so dämmerhaft sind auch die geographischen Vorstellungen Chinas. so glaubte sich dort in Für den Europäer am verblüffendsten ist, daß die Chinesen die technischen Voraussetzungen zur Erforschung und Vermessung der Erde lange vor der islamischen und christlichen Wissenschaft besaßen. Der Kompaß, aus einem geomantischen 195
Wahrsagegerät entstanden, bestand schon einige Jahrhunderte vor der Zeitwende frei kreisenden magnetischen »Großer-Bär-Löffel«, der zwischen zwei Holzbrettern, dem oberen Himmelsbrett und dem unteren quadratischen Erdbrett, befestigt war. Im 8. Jahrhundert kannte man schon die Magnetpole und die magnetischen Deklinationen, und 1044 besaßen die Armeen einen Kompaß, der als Nadel auf einer Wasserschale, getragen durch die Oberflächenspannung, aus einem schwamm. Auch Schiffskompasse sind wenige Jahre später belegt, und so bot es Tscheng-Ho, dem großen Eunuchengeneral des 15. Jahrhunderts, keine Schwierigkeiten, Ostafrika zu erreichen. Solche Expeditionen wie auch die des Pan Chao, der 97 n. Chr. die Ufer des Schwarzen Meeres auf dem Landwege erreicht, aber auf die abwehrenden Schwindeleien der Parther hereinfällt, so daß der direkte politische Kontakt mit dem römischen Imperium nicht zustande kommt, sind keine Forschungsunternehmen, sondern Erkundungs- und Strafexpeditionen. So verkündet Kaiser Hsüan-te am 29. Juni 1430 eine allgemeine Amnestie für alle Welt und macht den Namen seiner Herrschaft bekannt. Diese Nachricht, heißt es in dem Edikt, sei überall freudig be- grüßt worden. »Aber die fernen Königreiche der Barbaren jenseits des Meeres haben noch keine Kenntnis davon erhalten.« Deshalb schickt er besagten Eunuchengeneral, damit er die kaiserlichen Erlasse überbringe und bekanntmache. Das ist keine Frage der Wissenschaft, sondern eine Frage gleichsam des kosmischen Aufstandes, sein, ken denn der Kaiser ist Welt in Ordnung Mit 62 Dschunvon 27 800 Beamten und Dienern und der Himmelssohn, und wie kann wenn sie nicht weiß, welcher erhabene Herrscher sticht der erreicht General in See, er ist Mozambique. Drei Jahre begleitet die sie regiert? später wird die Flotte stillgelegt, jede weitere Fahrt erübrigt sich. Die chinesischen Seeleute, die den Indischen Ozean überquert haben und bis zur Sinai-Halbinsel vorgedrungen sind, würden auch das Kap umrunden und Gibraltar oder den Ärmelkanal erreichen können, aber das genügsame China ist an solchen Abenteuern nicht interessiert. Knapp 100 Jahre später tauchen die ersten Portugiesen, von den Chinesen in die Gruppe der »fremden Seeräuber« eingestuft, an Chinas Küsten auf, und die Fahrten der sogenannten Konquistadoren verändern das Weltbild der Menschheit.
Aufbruch der Wissenschaften Buch und Rute Der Blick durchs Fernrohr Entdeckung der Tierwelt Mit gegossenen Lettern Geschäfte mit Büchern Unter den Augen des Zensors Die Schule der Philanthropen
t Buch und Rute Zur Kenntnis der lateinischen Literatur, sagte der Redner, ein junger 21 Jahren, der soeben einen Lehrstuhl erhalten hatte, muß Mann von die der griechischen kommen. »Philosophen, Theologen, sen sein. Bei allem -wie ist stets die einst Ixion, der sich mit Historiker, Redner und Dichter wollen geleSache selbst anzugreifen und nicht nur ihr Schatten Juno einlassen wollte und an eine Wolke geriet. Hat man dann einmal gewissermaßen seine Wegzehrung zu sich genommen, so beschreite man als einen Richtweg >leichthin<, wie Plato sagt, das Reich der Philosophie. Denn ich bin der Ansicht, daß, wer es weiter bringen will, sei es auf der weltlichen, sei es auf der geistlichen Rednertribüne, nicht zum Ziele kommen wird, wenn er nicht zuvor seinen Geist in den humanistischen Fächern - so nenne ich nämlich die Philosophie - geschärft und ausreichend geübt hat.« In dieser Antrittsvorlesung in Wittenberg hat das Wunderkind aus der Rheinpfalz Philipp Schwarzerd alias Melanchthon nicht mehr und nicht weniger gefordert als eine Studienreform. Mit 14 Jahren hatte er in Heidelberg seinen Doktor gemacht, mit 17 in Tübingen seinen Baccalaureus, der Humanist Reuchlin hatte ihn empfohlen, nun begann seits die er in Wittenberg zu lehren. Daß er sich Luther anschloß, der seiner- Kirche reformieren wollte, war naheliegend. Seit dem Marburger Religi- onsgespräch von 1529 ist Melanchthon dann an allen wichtigen Religionsverhandlungen beteiligt gewesen. Der Sohn eines Waffenschmiedes, aus dem gehobenen Handwerkertum kommend, war nicht so radikal wie der bäuerische Luther, auch von der Natur her leiser, ein Mann des Maßes. Die »Germania« des Tacitus hat er zweimal herausgegeben und ist selbst mit dem Ehrentitel »Praeceptor Germaniae« geschmückt worden, denn er hat das Hochschul- und Lateinschulwesen der protestantischen Länder geprägt. Wie sahen vor Anbruch der Reformation die Schulen aus, auf denen Latein geund Aristoteles gelehrt wurde? Über die alten mittelalterlichen Schreibschulen weiß man nicht viel sie werden von berufsmäßigen Schreibern geleitet worden sein und standen nicht nur für Kinder offen. Auch das Rechnen lernte man hier. Später haben dann die Städte selbst Schreiber angestellt, doch gab es selbstverständlich keinen Schulzwang. Der Sohn wohlhabender Eltern wurde ohnehin zu Haus erzogen. Da nun aber häufig die Dom- und Stiftschulen ihr Unterrichtsprivileg verteidigten, kam es zum Streit zwischen Stadt und Geistlichkeit, als dessen lernt ; Ergebnis den Städten niedere Lateinschulen gestattet wurden. Die Klassenschich- tung drückt sich in den höheren und niederen Schulen aus zur ersten Gruppe gehören Dom-, Stifts- und Klosterschulen, zur zweiten die Pfarr- und Stadtschulen. Meist lagen die Stadtschulen nahe der Kirche, der Kirchhof war zugleich der Spielplatz. Im Prinzip unterschieden sie sich gar nicht so sehr von dem, was noch heute ; dem Lande als Dorfschule überliefert ist. Gewöhnlich wurde für alle Schüler einem einzigen Raum Schule gehalten, wobei der Lehrer in der Mitte saß und die Schüler auf den Schemeln im Kreis. Geprügelt wurde bei jeder Gelegenheit; die Beschaffung der Ruten im Mai gestaltete sich vielerorts zu einem Festtag. Dieses sogenannte »virgatum«, das auch auf in 198
Anlaß zu Ärger um Benehmen das der Schüler gab, ist häufig verboten worden, hat sich aber anderswo, wie in Regensburg, bis ins 19. Jahrhundert erhalten. In den Gymnasien Preußens wurden häufig Prügelbücher geführt, und noch 1950 hat die Elternschaft einer Dorfschule im Sauerland dem Lehrer zum Schulbeginn ein H aselnußstöcke und Grammatik regierten den UnterGrammatik auf alten Holzschnitten mit den Symbolen Buch und Rute abgebildet wurde. Im Winter begann der Unterricht um 6 Uhr, im Sommer eine Stunde früher. Zwar wurden nur zwei Stunden vormittags und zwei Stunden nachmittags gegeben, aber außerdem hieß es noch Kirchenlieder singen Bündel richt, kein Wunder, daß überreicht. Rute die lernen. Schulgeld zahlten nur die wohlhabenderen, die Armen zogen singend und bet- umher. Für Schüler, die zum Betteln berechtigt waren, wurden von den Marken aus Messing oder Blech ausgegeben. Diese singenden Schülertrupps, von den Einwohnern als schwere Belästigung empfunden, nannte man telnd Städten »Kurrendesänger« oder »Pärtekenfresser« (lateinisch pars: Teil). Was sie erbetteldaher der Name. Auch Luther hat sich bekanntlich in Eisenach auf diese Weise sein Brot verdient. Höchst fragwürdig war das Verhältnis zwischen ten, teilten sie, Bacchant und Schütz, zwischen herumtrieb, und dem dem großen Lümmel, Kleinen, der der sich auf den Straßen ihm von wohlmeinenden Eltern mitgegeben Da wurde und gestohlen, man »schoß« mit Steinwürfen die Gänse flügellahm, um sie draußen im Wald zu rupfen und zu braten, und für die kleineren blieb oft nichts mehr übrig als der abgenagte Knochen. In den Selbstbiographien ehemaliger war, damit ihn der gelehrte Herr Bacchant auf eine gute Schule brächte. gebettelt fahrender Schüler finden sich immer wieder Klagen über die Brutalitäten, die sie von ihren Bacchanten erdulden mußten da sie mehr bettelten als wirklich lernten, ; sind viele auf der Straße verkommen. Diese Zustände änderten sich erst allmählich, und zwar in dem Maße, wie der Landesfürst sich des Schulwesens annahm. Melanchthon hat sich in seiner Rede über die Studienreform mit den sozialen Verhältnissen, den gesellschaftlichen Problemen überhaupt nicht auseinandergesetzt. Seine Forderung war substantielArt, denn seiner Auffassung nach waren, um bessere Charaktere zu bilden, bessere Bücher notwendig - wie die Studien, so die Sitten der Menschen. Jeder Schulpsychologe würde dieser Ansicht mit Recht widersprechen, doch haben Humanismus und Reformation zusammen die Verhältnisse an den Schulen und Hochschulen auf die Dauer doch entscheidend verändert, wobei die Anfänge mühler sam waren. Zunächst allerdings hemmte die Reformation die Impulse des Humanismus. Der geistliche Stand, früher im Besitz fetter Pfründe, war kein lohnendes Studien- mehr, Gotteswort und Predigt auf gut deutsch scheinen genug für die Seligwozu brauchte man noch gelehrte Studien in Griechisch und Latein - das war die eine Seite der Schwierigkeiten. Außerdem nahm die ziel keit eines Protestanten, um den Glauben am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges Aufmerksamkeit gefangen, so daß sich für Stilübungen nach antiker Manier bald kein Mensch mehr interessierte. Schon im Mittelalter hatte es Ressentiments gegen den Gelehrten gegeben, war der schlichte Ritter gegen den ge- Auseinandersetzung bald alle 199
heimnisreichen Zauberer gestellt worden wie in Wolfram von Eschenbachs »Parzifal«. Dieses alte Mißtrauen des einfachen Menschen gegen alle Buchweisheit wurde jetzt neu genährt, und mit den scholastischen Denkübungen griff man auch das Latein selbst an. In Köln wurde das scholastische Latein im Jahre 1522 sogar regelrecht verboten. Auch die Promotion, das Baccalaureat und die Lizentiatur wollte man abschaffen und auf Leistungsnachweise verzichten, überall stand das »neue Latein« für eine neue Gesinnung. Indessen ist das Bild dieser Zeit verworren. Einerseits hatte der Humanismus den kirchlich orientierten Scholastikern gegenüber die Stoßkraft einer offenen Provokation, andererseits war er selbst durch die bibelbezogene Gläubigkeit des echten Lutheraners gefährdet. Auch Luther, gelegentlich unwillig und cholerisch, hat den Wert von Schule und Bildung eingesehen und in seiner berühmten Schrift »An die Ratsherren aller richten alte und halten Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen auf- sollen« die Ziele gesetzt. Forderung der Humanisten - Von den sollte Latein, besten Schriftstellern - eine Griechisch und Hebräisch gelesen Ein Lehrer bringt zwei Schülern das Abc Holzschnitt , zweite Hälfte 15. ]h. bei.
Schulszene. Der Unterricht damals je nach Vermögenslage in privatem Bereich ab oder in den sogenannten Lateinschulen der Städte und den Domund Stiftsschulen die von der Geistlichkeit geleitet wurden. Eine Schulpflicht gab es nicht. Holzschnitt von 1496. spielte sich , Staatsbibliothek Bildarchiv , Berlin werden, denn ohne die beiden letzteren könne das Wort Gottes nicht richtig verstanden werden. Er selbst habe diesen Vorzug leider nicht gehabt: Teufels Dreck, die Philosophen und Sophisten (= »Habe dafür lesen müssen des die Scholastiker) mit großen Kosten, Arbeit und Schaden, daß ich genug habe daran auszustehen.« ich »Wenn Kinder hätte«, schrieb er damals, »sie müßten mir nicht allein die Sprachen und Historien hören, sondern auch singen und die MUSICA mit der ganzen MATHEMATICA erlernen.« Damit war das Ziel der Erziehung, eine Bildung ohne Ballast, angesprochen. Papst und Kaiser kamen als Stützen des neuen Schulwesens nicht in Frage, also mußten wie auch bei der Gründung neuer Kirchen die Landes- und Städte herangezogen werden. Melanchthon hat die Sache aufgegriffen und zu seiner eigenen Aufgabe gemacht. Für alle Fächer schrieb er neue Lehrbücher, ebenso eine erste protestantische Dogmatik, und entwarf für die neuen Schulen Lehrpläne. Mit seinen Vorlesungen und durch sein Beispiel bildete er eine Anzahl ausgezeichneter Lehrer heran, die mit den ehemaligen halbgebildeten Bacchanten oder Magistern nichts mehr gemeinsam hatten. Als er nach 42jährigem Wirken starb, trauerte wohl in jeder protestantischen Stadt wenigstens ein Lehrer oder Pfarrer um seinen Mentor, seinen Ratgeber und Erzieher. Das Bildungsziel der Reformation war auf der Hochschule knapp formuliert »sapiens et eloquenz pietas«, also eine gebildete und kultivierte Frömmigkeit, wobei die Eloquenz als Zeichen der Kultiviertheit genommen wurde. Die Frömmigherren, die Fürsten 201
/ war durchaus das Ziel, Theologie die Krönung des Studiums, das ist die eine Melanchthon verkörperten Denkens. Andererseits hat er auch gesagt: keit Seite des in »Wenn wir nur theologische Studien treiben, fallen wir in die Barbarei zurück.« Melanchthon hat damit nur ausgesprochen, was überha-upt als Bildungsziel der Epoche gelten kann. Auf den Jesuitenkollegien wurde im wesentlichen etwas Ähnnur daß nicht eine erneuerte, auf die Bibellektüre gegründete liches angestrebt, Theologie die Basis bot, sondern die Auffassungen eines Thomas von Aquin und der Scholastiker. Dieser Zielsetzung entsprach die Sghulwirklichkeit durchaus nicht. Bei den Protestanten lagen die Verhältnisse nicht anders als im katholischen Raum, nur daß »Was die Kinder von sie- hier die Geistlichkeit meist auf ein Stipendium studierte. ben bis vierzehn Jahren antrifft, klagt müssen, darüber, daß jetzt ist ; sie ist so sie nie gar gottlos, daß und Narrenweiß alle Welt, sonderlich die in den Schulen sein unbändiger, ungezogener gewesen, denn sie in der Kirche mit treibt.« Andererseits hört man von den »Drath in die Rute flechten oder kehren die Rute Auch dem Worte sie eben Gottes Gespött Schulmeistern, die um und brauchen das dicke Ende. um den Bakel zu wickeln und sie also damit zu zerren und zu raufen, daß es einen Stein in der Erde erbarmen möchte.« Auch hier also der erbitterte Kampf zwischen Autorität und Rebellion, wie er für gepflegen sie der Kinder Haare spannte Zeiten charakteristisch Bei den Protestanten war ist. die Frage der Schulaufsicht ungeklärt. Der Konflikt zwischen Pfarrer und Lehrer, der als Freigeist galt - der Pfarrer als studierter Mann fühlte sich dem Schulmeister gegenüber als Aufsichtsperson -, konnte bis ins 19. Jahrhundert nicht befriedigend gelöst werden. Als fachliche Schulaufsicht taugte der Pfarrer aber nicht, auch der Landesherr, der etwa nach Großen dem visitierte, betrieb dies eher nach Laune als dem Vorbild Karls des aus Pflichtgefühl. Es gab ja vor Jahrhundert auch noch kein regelrechtes Lehrerexamen, also schwankten die Kenntnisse der Lehrer beträchtlich, und niemand vermochte zu übersehen, was 19. den Kindern beigebracht wurde. Vor dem Dreißigjährigen Krieg waren die älteren Schüler übrigens noch häufig bewaffnet gewesen, es gab regelrechte Straßenschlachten, kein Bürger war sicher, und die Bürgerstöchter betrachtete der Scholar als war der junge Adlige praktisch gegen jede Strafverfolgung ge- nicht malträtiert zu werden, Freiwild. Überdies und konnte sich alles leisten. Es sieht in jenen Zeiten oft so aus, als hätten mehr Angst vor den rohen Kerlen, die ihre Schüler waren, als umgeDas hat sich erst nach der Französischen Revolution mit der Einführung der schützt die Lehrer kehrt. allgemeinen Schulpflicht entscheidend geändert. Der Blick durchs Fernrohr zum ersten Male durch das von Galilei konstruierte Menschen am Strand der Insel Murano deutlich beeindruckt, zumal der Gelehrte darauf hinwies, man Als die Senatoren von Venedig Fernrohr sahen, konnten sie die erkennen und waren sehr könne durch ein solches Glas das Feldlager des Gegners beobachten oder auch sehr 202
SEXTANS P ROU T ASTRONOMIC US ALTITUDIN1BUS infcrvit. Ein astronomischer Sextant. Dieses Gerät dient zur Bestimmung von Winkelabständen zwischen Gestirnen und wird in der Seeschiffahrt zur astronomischen Ortsbestimmung verwendet. Kupferstich aus dem Instrumentenbuch von Tycho Brahe, 1598. Österreichisches Museum für Angewandte Kunst Wien ,
dem Inquisitionsgericht in Rom am 22. Juli 1633. Er wurde von seiten der Kirche dazu gezwungen, seine Lehren öffentlich zu widerrufen. Es ging bei Galilei vor dieser Auseinandersetzung hauptsächlich um Anerkennung die des von Kopernikus formulierten heliozentrischen Weltsystems, der erkannte, daß die Erde um die Sonne sollte der kreist und somit nicht mehr selbst Mittelpunkt sein konnte ; diese Tatsache katholischen Kirche noch jahrhundertelang zu schaffen machen. Nach einem Gemälde von Robert frühzeitig die Eleury. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv Ankunft einer feindlichen Flotte erkennen. Das leuchtete ein, und Senatoren erhöhten das Gehalt des Professors auf 1000 Goldgulden und übertrugen ihm seine Paduaner Professur auf Lebenszeit. die Der Erfinder des Fernrohres ist Galilei nicht ; es hat schon sogenannte Batavische dann den Namen »Teleskope« gab, auch weiß man von einem italienischen Modell aus dem Jahre 1590, das der holländische Glasschleifer Janssen kopiert hat. Als die Senatoren von Venedig erfuhren, daß sie ein Fernrohr auch in Holland hätten bekommen können, ohne sich mit so großen Kosten zu belasten, waren sie verärgert, aber die Sache ließ sich kaum mehr rückgängig machen. So konnte Galilei einstweilen ungestört ein Fernrohr in den Himmel richten, und hier war er in der Tat der erste Forscher, der ein solches Hilfsmittel zur Verfügung hatte. Der Vorgang ist charakteristisch für eine Entwicklung, die in der Renaissance beginnt und sich auf allen Gebieten der Naturwissenschaft nachweisen läßt. In Bologna seziert der aus Brüssel stammende Arzt Vesalius vor einem gespannten Auditorium öffentlich menschliche Körper und überführt Galen, den römischen Militärarzt, der seine Kenntnisse vorwiegend von einem Skelett in Alexandria und oder auch Holländische Gläser gegeben, denen 204 man in Italien
aus der Sektion von Berberaffen gewonnen hatte. Zum erstenmal steht ein gelehrter Mediziner selbst am sandgefüllten Trog mit dem Messer in der Hand und an von Hohenstaufen ein entsprechendes Edikt im Jahre 1240 erlassen hatte, sollte der Arzt zwar lernen, wie man Leichen seziert, und auch die Kirche hatte dem schließlich nach vielfältigen Bedenken zugestimmt, aber in der Praxis behielt die Scholastik die Oberhand, denn an den Hohen Schulen stand der Professor oben auf seinem Katheder und kommentierte aus Aristoteles und Galen, während unten im Hörsaal ein unwissender Bader an der Leiche, die zu öffnen ist. Seit Friedrich II. der Leiche herumschnitt. Vesalius ist der erste europäische Gelehrte gewesen, der sich selbst mit der Ana- tomie befaßt und schließlich das Werk geschrieben hat, das ihn berühmt machte, eine Art Atlas des menschlichen Körpers, eine meisterhafte Leistung, der anzusehen war, daß der Verfasser selbst jedes Detail des menschlichen Körpers seziert Vorgänger, etwa Berengario da Carpi (1460-1530), der als anatomischen Werke illustriert hat. Trotzdem hatte das Werk des Vesalius die größere Wirkung, denn er verfügte über die besseren Illustratoren; vermutlich sind die Blätter in der Werkstatt des Tizian entstanden, wobei Vesalius mitgewirkt haben muß. Auch hier also die entschlossene Hinwendung zur Wirklichkeit, das Interesse an der Natur, wie sie ist, und nicht daran, wie Aristoteles hatte. Vesalius hatte erster seine sie auffaßt, die »Entdeckung des Menschen und der Welt«, wie der Historiker Burckhardt diese Tendenz genannt hat. Auch die Konstruktion der ersten Mikroskope fällt etwa in diese Epoche. Die Anfänge dieses Instrumentes liegen einige Jahrhunderte zurück. Der Araber Alhazen (965-1039) hatte bereits optische Versuche mit kleinen Glaskugelsegmenten gemacht, war aber nicht bis zu einer Linsenkombination gekommen. Später hatte Roger Bacon erkannt, daß solche Glaskugelsegmente aus Glas oder »Beryll«, einem durchsichtigen Halbedelstein, kurzsichtigen Personen das Lesen erleichtern könnten. Irgendwann hat dann jemand mit den Linsen experimentiert, wobei die Anfänge umstritten sind. In der ersten naturforschenden Gesellschaft jedenfalls, der »Accademia dei Lincei«, der »Gesellschaft der Luchse«, hat man solche Instrumente zuerst benutzt. Dem Gebrauch solcher äußeren Hilfsmittel entspricht eine neue Methodik. dem Patronat des Herzogs Frederico Cesi Diese 1604 gegründete Gesellschaft unter veröffentlicht gedruckte Protokolle, erstmalig in der Geschichte der Wissenschaft. Erste quantitative Messungen, etwa dem bei Nikolaus von Kues, markieren den Beginn nach Galilei die Aufgabe der Naturwissenschaften sein wird, »meßbar zu machen, was meßbar ist« man beginnt, Funktionen zu erkennen und zu formulieren, und man befaßt sich erneut mit dem Charakter von eines Zeitalters, in es ; Bewegungen. Aristoteles hatte die sogenannte »Impetus-Theorie« aufgestellt, nach der jeder Körper eine Art spezifischer Kraft, einen »impetus« (lateinisch: das Vorwärtseilen, die Beschleunigung) mitbekäme. Über diesen Begriff wurde spekuliert, doch zeigten sich neue Ansätze, und auch hier war der entscheidende Schritt, daß man die Spekulationen aufgab und zu messen anfing. In der Antike hatte man eine Mathematik der Statik geschaffen und mit Flächen und Körpern operiert, während des 13. Jahrhunderts hatte es hier Fortschritte gegeben, nun aber 205
/ befaßte man sich mit Veränderungen und Bewegungen, und es wurde das Ziel der abendländischen Mathematik, die Bewegung zu formulieren. Daß der Weltraum unendlich zuerst ein philosophischer sei, ist Gedanke des Giordano Bruno (1548-1600) gewesen, der in seiner Schrift »Von der Ursache, dem Urprinzip und dem Einen« als mystische Spekulation entwarf, was erst Jahrhunderte später von der Astronomie bestätigt worden ist. »Bei den Bewegungen, die sich im Weltraum vollziehen, gibt es also im Hinblick auf das unendliche All Hüben und Drüben, sondern nur keinen Unterschied von Oben, von Unten, von mit Rücksicht auf endliche Weltsysteme innerhalb jenes Alls oder dann, wenn man sie auf die Umfassungsweite eines der unzähligen Welthorizonte oder auf die Masse eines der unzähligen Gestirne bezieht.« Als Wilhelm Herrschei Friedrich (1738-1822) sein Teleskop mit selbstgeschliffenen Spiegeln auf die Sterne richtete, sah er mit eigenen Augen jene Sternenwelten, die Giordano Bruno nur geahnt hatte. Wie wenig Verständnis diese Wendung fand, zeigt eine Äußerung Luthers über Kopernikus: »Dieser Narr will die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige Schrift zeigt, ließ Josua die Sonne Stillstehen und nicht die Erde.« Kopernikus, bekanntlich Domherr im ostpreußischen Frauenburg, hat seine als ihn die Erkrankung seines und Onkels Lucas Watzelrode, der in Heilsberg Bischof war, zurück nach Ostpreußen rief. Schon in Krakau hatte er sich während seiner Studien mit Astronomie beschäftigt und war in Italien, als er in Bologna astronomische Studien trieb, von dem bekannten Professor Domenica Maria de Novara gefördert worden. Er hat lange an seinen Arbeiten gesessen und ist nur schwer dazu gebracht worden, sie zu veröffentlichen. Als er nach Ostpreußen zurückkam, lebte er erst als Hausarzt bis zu dessen Tode bei seinem Onkel, später in Frauenburg. Mehrfach hat man ihn übrigens als diplomatischen Geschäftsträger verwandt, deshalb residierte er einige Jahre auf dem Schloß in Allenstein. Damals gab es die letzten Kämpfe zwischen dem Deutschen Ritterorden und Polen, das die Lehnshoheit über Ostpreußen besaß. Weder der deutschstämmige Kopernikus, eigentlich Koppernigk, noch sein Onkel waren Parteigänger des Ordens, auch standen sie un- Erkenntnisse vermutlich schon 1512 aufgezeichnet, väterlichen Freundes ter polnischer Hoheit ; es ist also sinnlos, an der Gestalt dieses Dominikaners einen deutsch-polnischen Nationalitätenstreit zu exemplifizieren. Die Bedeutung dieses Mannes, der die Wende im Denken der Menschen über Motiven am deutlichsten aus. »Als ich dann diese Unsicherheit der traditionellen Mathematik gegenüber der Ordnung der Gestirnsbewegungen am Himmelsgewölbe überdachte, war ich sehr enttäuscht, daß die Philosophen, die doch andere Dinge des Himmelsdie Stellung der Erde herbeigeführt hat, spricht sich in seinen gewölbes so hervorragend erforscht haben, keine zuverlässigen Erklärungen über den Mechanismus des Universums fanden, der, wie wir wissen, von dem größten Künstler und Herrn der Ordnung begründet ist. Aus diesem Grunde gab ich mich daran, alle Bücher dieser Philosophen, die ich mir verschaffen konnte, noch einmal zu lesen, sei, um herauszufinden, ob irgendeiner von ihnen auf die Idee daß die Bewegung der Gestirne anders sei, als die annehmen.« 206 gekommen akademischen Mathematiker
Es hatte sich im Laufe der Zeit, noch ehe etwas veröffentlicht war, bis zum Papst Clemens VII. herumgesprochen, welchen Gedankengängen der Domherr in Frauenburg anhing, und so ließ sich der Papst 1533 darüber ausführlich berichten. Klarheit bekam er dadurch nicht, denn selbst die Gelehrten seiner Zeit verstanden, wie sich herausstellen sollte, die Arbeit des Kopernikus nur halb. Die Leistung des Kopernikus bestand nicht darin, daß er behauptete, die Erde kreise um die Sonne, denn das wäre nicht neu gewesen - es gab Vorläufer wie Aristarch von Samos sowie indische und arabische Astronomen -, sondern in seinen Berechnungen. Kopernikus hat für das Sonnensystem die Bewegungen der Gestirne zueinander in mathematische Beziehungen gebracht. Seine Voraussetzung, daß nämlich die Erde um die Sonne kreise, war also nicht nur eine bloße Behauptung, sondern wurde durch Zahlen belegt. Der Sonne wies er den Mittelpunkt des Alls zu, »denn Ein Astronom. Der Blick durchs Fernrohr öffnete dem Menschen neue Dimensionen um iy6o-iyyo. Kunstgewerbemuseum Schloß Charlottenburg, Berlin für das Verständnis der Welt. Kissenplatte mit Chinoiserie. Lyon,
Anatomische Darstellung der inneren Organe und am Menschen Hauptarterien. Das neuerwachte fand auch seinen Niederschlag in den medizinischen Wissenschaften. Überall an den Universitäten wurden Sezierungen durchgeführt gegen den heftigen Widerstand der Kirche, die darin eine Art Gotteslästerung sah. Zeichnung von Leonardo da Vinci, vor 1500. Windsor Castle Interesse der Renaissancezeit ,
wer wollte dorthin, in wo diesem wunderschönen Tempel die Lampe anderswohin setzen als zu gleicher Zeit das Ganze erleuchten kann?« Dabei ging er von sie der für ihn selbstverständlichen Annahme aus, daß die Planeten auf Kreisbahnen Schöpfung nichts Unvollkommestammende Standpunkt ist erst von Galilei überwunden worden. Sein System war mindestens so genau wie das astronomische System des Ptolemäos, aber theoretisch und quantitativ einfacher, umliefen, weil der Kreis vollkommen sei und die nes enthalten könne - dieser von den Pythagoreern denn er konnte mit einer einzigen Erklärung zahlreiche verschiedene Merkmale der Planetenbewegungen erklären, die im ptolemäischen System willkürlich und ohne Verbindung erschienen. Beide Kirchen, die katholische wie die protestantische, haben die Gedanken des Kopernikus mit allen Mitteln unterdrückt, wie das weltbekannte Beispiel Galileis gelehrt hat. Erst 1835 ist das Werk des Kopernikus »De revolutionibus Orbium Coelestium«, »Über die Bewegungen der Himmelskörper«, das Papst Paul III. gewidmet war und 1543 ausgeliefert wurde, als Kopernikus starb, vom Index der katholischen Kirche gestrichen worden. Nicht Kopernikus hat durch seine Berechnungen ein neues Zeitalter begonnen, sondern diese Berechnungen sind eines der vielen Anzeichen, daß die Menschen ihr Denken änderten. Die Humanisten, die sich seit Petrarca mit wahrer Leidenschaft um die alten Texte bemühten und sie von ihrem scholastischen Überbau reinigten, hatten den Anstoß gegeben, die Wirklichkeit nach dem Vorbild der Griechen zu erforschen. Nun erkannte man, durch den Zerfall der päpstlichen Autorität kritisch geworden, die Risse im System des bisherigen Weltbildes und begann Fragen zu stellen, deren Beantwortung immer neue Fragen aufwarf. Entdeckung der Tierwelt In ihrem Alter erblindet die Sonneneidechse. Deshalb schlüpft sie in ein gegen Osten gerichtetes Loch, und von dort aus starrt sie in die aufgehende Sonne. So erhält sie ihr Augenlicht wieder. Ebenso soll der Mensch, wenn die Augen seines Verstandes getrübt sind, die Hilfe Christi, die Sonne der Gerechtigkeit suchen. Kein Christ zweifelte an der Richtigkeit solcher Feststellungen, ebensowenig daran, daß nach Aussage dieser Schrift der Vater des Ameisenlöwen ein Fleisch- Mutter aber eine Pflanzenfresserin. Weil das Junge dieser Eltern seiner Mutter wegen weder an Fleisch ginge noch an Pflanzen wegen der Natur seines Vaters, müsse es elend zugrunde gehen. Man könne, so die Moral, nicht Gott und zugleich dem Teufel dienen. So dienten Rabe und Basilisk, Esel und Natter, Phönix und Kröte, Ameise und Panther in den frühchristlichen Tierbüchern dazu, religiöses und moralisches Verhalten zu symbolisieren. Ebensowenig wie für die Geographie interessierte man sich im hohen Mittelalter für die wirkliche Natur der Dinge und Lebewesen, denn jede Wirklichkeit stand ja als Symbol für eine unaussprechliche tiefere Wahrheit, und diese galt es zu entschlüsseln. Man kann die Tradition dieses »Physiologus« - so heißt das Buch, das die »physis« auf diese Weise erläutert - bis auf die antiken Fabeln zurückverfolgen. fresser sei, seine 209
Hier charakterisierte der Mensch den Menschen mit Hilfe von Tiergestalten, und zwar war Gehabe der Herren es der Sklave, der das lächerliche in der scheinbar naiven Tiererzählung verschlüsselt bloßstellte. Im christlichen Bestiarium man nisch bestia: Tier) wird das Verhalten der Tiere, das teils aus dem (latei- Plinius, dem römischen Naturforscher, übernimmt, teils frei erfindet, als Muster gedeutet, mit dem Gott auf bestimmte Tatbestände hinweisen will. Manchmal kam diese Symboldeutung zu unglaublichen Ergebnissen. So berichtet der Physiologus, der als Herr der weiblichen Herde kastriere aus Eifersucht die männlichen Füllen bei ihrer Geburt. Allen Ernstes^ah man in jenem alten Esel die Patriarchen der Bibel, die sich den Samen zu bewahren suchten. Die Eselsfüllen seien die Apostel, die sich nur um die geistige Nachkommenschaft bemühten. Theologisch existierte die Natur also gleichsam nur als Symbol. Andererseits ist es eine Tatsache, daß die Menschen des Mittelalters, auf bäuerlicher Grundlage lebend, von der Natur umgeben und mit ihr lebend, durchaus realistisch mit Boden und Vieh umgingen. Es gab eine, wenn auch dünne, Fachliteratur über Ackerbau und Viehzucht, d.h. kostbare, vielfach abgeschriebene Manuskripte, auch ein Werk über Pferdekrankheiten und die berühmte »Kunst der Falkenbeize« von der Hand Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen. Insgesamt aber war das Verhältnis wilde Esel Die Nürnberger Sternwarte mit verschiedenen astronomischen Geräten. Kupferstich aus /. A. Delsenhachs »Nürnb ergische Prospecten« 1715. Germanisches N ationalmuseum Nürnberg , , ‘pa* Türnbcui*. Ot’Jcratnn um Astronom mt co ocm tVm wctbtn mw Act Ji/iiG v C : Astütnüj&ahjl vo n 2. feft/ (i nnere fiel vOn S.j dg vor ^nbftcr. auf rifcrtiettlrrnuvAu* von .vfdi/ LRadia/ <t»? einem von Afcn von L c\t.uu 'fhtn wwiflaru.vött, wt Dt am »Ifcmv AjuVr /.uluk* von • 11 iß, v-.-u-.i von Ut/S Heöumt Jfcuih EfrWniw * 9 er. Q , m 2? OÖJcrwJvtn')i <v <y J U/ rmov / i /. C '/ r: r/c &aer feit ffir: ' . \Z.inbcw<4i ui>cra\ rpvicxA mit HUj^na »pcrwam .von ct c .* ftnn vadrtßk von Rt ifrtatq vonß b ctKMubxr vor 1 .( )j>Jcn'rtorc.i C f fortan t t*»n ITI^ruj t’Onj' : i wy . w . mV r l 'rtcnt ffitebtlefofjkr, C Cnadtxw ma&U&Jbc * immMe ?, t . -{nn&M a< itnafat <V «*». Qiutfrax .“*./> t K'xAm H 1 -r. JL . . ui. . Z >- j.ixet v&vä«*' titMoftypotir i, Oksifrvafcitr.’ s. e&rxcss /\ cm /< yctc de /hx, de. > armiluttrr de ürdv v/ximde ? s- L, 1 , . deyres /mwx . Sp m -
Das heliozentrische Weltsystem des Nikolaus Kopernikus in einer graphischen Darstellung. Kopernikus hatte mit seiner Feststellung, nicht die Erde sei das Zentrum unseres Planetensystems, sondern revolutioniert. Kupferstich aus Amsterdam die Sonne, das Weltbild der Renaissance »Atlas coelestis « des Andreas Cellavius, iyo8. Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, zur Wirklichkeit der Natur einen dem Wust von irreal, Wien und über Pflanzen und Tiere schleppte man abenteuerlichen Gewißheiten durch die Zeiten, die noch dazu un- angreifbar waren, weil sie von der Autorität der Kirche gedeckt waren. Selbstverständlich nahm man die Bibel auch in der Frage der Entstehung der Arten wörtlich. Aus der Arche Noah waren die Tiere paarweise gekommen, weil der Herr es so befohlen hatte, und seitdem bevölkerten sie die Erde nach seinem Geheiß. Der Gedanke der Entwicklung einer Art oder überhaupt einer evolutionären Entwicklung konnte gar nicht erst entstehen, weil die Unveränderlichkeit, die Konstanz der Arten, zum Glaubensbekenntnis christlicher Naturwissenschaft gehörte. Vom »Physiologus« gibt es althochdeutsche Ausgaben (12. Jh.), französische Varianten, aber auch Ausgaben in äthiopischer, syrischer, koptischer und arabischer Sprache. Solche Ausgaben, die textlich nicht identisch waren, enthielten prächtige Bilder und eine Bilderklärung im Stil 211 jener Zitate. Mehr gab es über Tiere
nicht zu wissen, nommen und es gab auch nicht mehr Bücher über Fragen der Natur, ausge- einem praktischen karitativen Zweck dienten. dann ein Werk, das die völlig neue Einstellung zur Natur dokumentiert und bis ins 18. Jahrhundert ein Standardwerk blieb, aus dem auch Kinder ihre Kenntnisse bezogen. Es war die Naturgeschichte des Schweizer Arztes Konrad Gesner, eines ebenso neugierigen wie fleißigen Mannes, der über alles geschrieben hat, was sein Interesse erregte, von Erst die Kräuterbücher, die um die Mitte des 1 6. Jahrhunderts erschien der Würfelnatter bis zum Nordlicht oder bis zur alpenländischen Käserei. Sein Hand rund 1500 Pflanzenund mit seiner 1545 erschienenen »Bibliotheca universalis« Hauptinteresse galt der Botanik, er Kat mit eigener zeichnungen gefertigt, die bibliographische Wissenschaft begründet, d.h. die bücherkundlich erschlie- ßende Darstellung von Publikationen. Berühmt ist er mit seiner »Historia animalium« geworden, einer in vier Bänden erschienenen Naturgeschichte. Hier spielt nun der theologische Bezug keine Rolle mehr, die Symbolik verschwindet vor der Fülle der exakt beobachteten Details, nur die Zoologie des Aristoteles, vermittelt über den Engländer Wotton Edward (1492-1555), hat auf Gesner und seine Naturgeschichte einen gewissen Einfluß gehabt, auch finden sich in seinem Werk noch eine Reihe fabelhafter Behauptungen, die meist auf Plinius zurückgehen. Da gibt es Basilisk, Phönix und Einhorn, auch ist von der sagenhaften Bernickelgans die Rede, die aus Muschelschalen entsteht. Insgesamt enthält es aber doch die Summe des zoologischen Wissens jener Zeit. Gesner hat nicht nur die entlegensten antiken, übrigens auch arabischen Texte herangezogen, sondern auch rund 50 Korrespondenten aus aller Welt befragt. Das Gesamtwerk umfaßte rund 4500 Text- und Bildseiten (Säugetiere: 1551 Amphibien und vierfüßige Reptilien 1554 Vögel 1555 Fische und andere Wassertiere: 1560) und war von ausgezeichneten Illustratoren erarbeitet worden. Einer der berühmtesten Mitarbeiter war Albrecht Dürer, dessen Nashorn weltbekannt geworden ist. Das Schema der Darstellung ist noch heute gebräuchlich, weil es vernünftig ist; Gesner nennt Namen, Vorkommen, den äußeren und inneren Bau des Tieres, beschreibt seine Lebensweise und seinen Nutzen und vergißt auch die Symbolik nicht, die vor kurzem noch die Hauptsache gewesen war. Daß der : ; ; Verfasser sorgfältig gearbeitet hat, zeigt das Beispiel : vom ; Schopf-Ibis (Geonticus und Arabien als unbekannte Vogelart entdeckt worden ist. Erst 1897 stieß man auf die Abbildung dieses Vogels in der Tierkunde Konrad Gesners, der ihn naturgetreu abgebildet hatte und als »Waldrapp« bezeichnete; als das Buch erschien, ist der Waldrapp noch Brutvogel eremita), der 1852 in Ägypten, später in Syrien Mitteleuropa gewesen. Gesner ist übrigens einer der ersten Alpinisten gewesen; am 20. Mai 1555 hat er den Pilatus in den Voralpen südlich von Luzern bestiegen, ein für damalige Verhältnisse ziemlich absurdes Unternehmen. Auch darin drückt sich ein gänzlich in Mikroskop von Alexis Magny um , 1750. Die Erforschung biologischer Zusammenhänge wird besonders durch die Erfindung des Mikroskops vorangetrieben. Kunsthistorisches Museum Sammlung , für Plastik und Kunstgewerbe Wien ,
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neues Verhältnis des Menschen zur Natur aus; es scheint, als sei man jetzt erst überhaupt in der Lage, die ganze Fülle der Erscheinungen wahrzunehmen, nach- dem man sich so lange in einer Symbolwelt verfangen hatte. Ta&VIaIII ORBIVM'PlaNLTAILVM DIME NS ION ES, LT DISTANTIAS ?EZ <£rtXCT-.T XOVLARIA CORPORA OEOMETR1CA EXJH IBtNS. IlLVSTR-ISS: PR.1NCIP1.AG dFTo D^O FrIDLRIGO. DVCS WIRi TtNHt&fU*, CT TBCXIO.C ONfTT MON T ff RCLGARYM. ETC. GOKSEGRAT 4 Keplers Kristallkombination. Hier sind die Abstandsverhältnisse der Planeten von der Sonne durch die ineinander geschachtelten platonischen Körper dargestellt. Kupferstich des ly. Jh. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Als Nachfolger und Schüler Gesners muß man Ulisse Aldrovandi bezeichnen (1522-1605), einen Professor aus Bologna, der vier Bände über Vögel publiziert hat und ein Buch über Fische schrieb, das sich allein auf diese Gattung beschränkte, in dieser Ausschließlichkeit also der Vorläufer späterer wissenschaftlicher Mono- graphien war. Die Meerestiere wurden ebenfalls neu entdeckt, und hier zeigen sich bereits erste Ansätze eines neuen naturwissenschaftlichere Denkens auch Der Verfasser des Werkes »De aquatilibus« in der Zoologie. (lateinisch aquatilis: im Wasser le- bend), Pierre Belon (1517-1564), hat als erster Naturforscher morphologisch und homolog gedacht, d. h., er Es gibt von seiner Hand nebeneinander hat die Ähnlichkeiten der Funktion und Gestalt gesehen. eine Zeichnung, die ein darstellt. Menschen- und ein Vogelgerippe Solche Gedankengänge waren neu, denn eine biologische Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch galt als im Grunde undenkbar: Gott hatte die Tiere und den Menschen laut Genesis in verschiedenen Arbeitsgängen geschaffen, und es gab keinen Anlaß zu zweifeln. Allerdings ließen sich die vielen sogenannten Entdeckung Amerikas 1492 ins Gesichtsfeld Schema der Arche einfügen, und nur mit mühsamen Hilfskonstruktionen konnte man sie erklären. Den Luchs, so befand man, um das System zu retten, müsse man als Kreuzung zwischen Wolf und Katze ansehen, die Giraffe als ein Ergebnis von Kamel und Leopard, die Hyäne sei aus Wolf und Fuchs gekreuzt. Kein Zweifel, daß diese Denkweise, von Autori- neuen Tiere, die seit der der Europäer gerieten, nicht ohne weiteres in das täten gestützt und daß und in der Bibel begründet, viele vernünftige Gründe für sich hatte jede andere Auffassung höchst zweifelhaft war. Mit gegossenen Lettern Gutenberg ist bekanntlich nicht der Erfinder des Buchdruckes, auch hat er nicht den Druck mit beweglichen Lettern erfunden. Es gab den Stempeldruck bei den Babyloniern, den Druck mit Tonlettern bei den Chinesen schon um 1041, den Blockdruck ganzer Seiten mit holzgeschnitzten Stöcken im Mittelalter, aber es gab nicht den Druck mit beweglichen Lettern aus Metall. Die einschlägige Forschung hat als möglichen Vorläufer Gutenbergs den Holländer Laurens Janszoon Coster in Haarlem/Holland ermittelt, aber seine Drucke sind nicht datiert - und so ist nicht bekannt, ob diese mit beweglichen Lettern hergestellten Drucke zeitlich vor Gutenbergs Bibel liegen. Die entscheidende Erfindung Gutenbergs ist nicht die des Druckes mit beweglicher Letter, denn das lag in der Luft, sondern die Konstruktion eines brauchbaren Gießinstrumentes; er vervielfältigte gewissermaßen nicht nur die bisher handgeschriebenen Bücher, sondern auch die Druckereien, und darin lag die eigentliche Stoßkraft der neuen Technologie. Die Folge dieser zwischen 1436-1450 datierten Erfindung ist eine Bildungsexplosion, denn jetzt wird jedermann in der letzten Kleinstadt hinter dem Wald von Informationen erreicht, die ihm vorher nie zugänglich gewesen wären. Man kann darüber rätseln, ob die neue Drucktechnik die Tendenz der Epoche bestimmt hat, diesen Zug ins Neue, Unentdeckte, diesen Realitätshunger, oder ob
umgekehrt diese Tendenz den Gutenberg dazu gebracht hat, das Statische beweglich zu machen, d. h. die Letter, aus Metall gegossen, aus festem Rahmen zu lösen. Was der Mensch mit den Dingen ringsum tut, wirkt auf ihn selbst zurück. So ist diese bewegliche Letter fast symbolisch für das bewegliche Individuum, das durch Buchdruckes aus seinen Bindungen befreit wurde - ganz ähnlich wird der Mensch einige hundert Jahre später im Zeitalter der Kernphysik zur Masse oder zum Teilchen, ein Nichts im leeren Weltraum, das sich durchaus nicht die Revolution des mehr in einer Gottesebenbildlichkeit begreifen kann. Die Geschichte des Buchdrucks gehört zum Lehrstoff der Schulen, die so unsi- chere Lebensgeschichte des Friele Gensfleisch, nach seinem Haus »zum Guten- Man hat die Prozeßakte über den berg« genannt, bietet Nahrung für die Phantasie. Johann Fust mit dem heruntergekommenen Patri1600 geliehene Gulden geführt hat, und man kennt das Ergebnis dieser schwierigen Geschäftsverbindung: die 42zeilige lateinische Bibel, 1282 Folioseiten umfassend und nach einer alten Prachthandschrift gearbeitet, die insgesamt mit 290 Lettern und Zeichen wiedergegeben wird. Die erste Auflage dieses gedruckten Buches betrug 100-200 Stück, von denen noch 40 Exemplare erhalten sind. Gutenberg ist seit 1458 zahlungsunfähig gewesen, der typische Erfinder, dem die finanziellen Probleme über den Kopf wachsen, während Fust mit Peter Schöffer 1457 das Mainzer Psalterium veröffentlichen konnte. Wie es dem Erfinder Gensfleisch nach seinem Bruch mit dem Unternehmer Fust gegangen ist, weiß man nicht, auch kennt man sein Todesdatum nicht, das Ende 1467, Anfang 1468 liegen Rechtsstreit, den der Kapitalist um zier dürfte. Menschen sind nicht unersetzlich, auch trat Peter Schöffer, der Gutenberg war es nicht. An seine Stelle früher Handschriftenmaler und Illustrator war, also ein »Gebrauchsgrafiker«. Bis zu seinem Tode im Jahre 1502 hat er die Druckerei des und übrigens neue Lettern gegossen, die haltbarer und exakter wavon Gutenberg. Der Buchdruck hätte sich wohl nicht so schnell verbreitet, wenn Graf Adolf von Nassau nicht Mainz erobert und geplündert hätte, wie es Kriegsbrauch war. Mainz verlor damals seine Privilegien, d. h. seine Freiheit und wurde Sitz des Erzbistums, Fust betrieben ren als die man vertrieb mißliebige Teile der Bevölkerung, so auch die Buchdrucker. Rhein- aufwärts, donauabwärts, mainaufwärts ziehen die Gesellen der neuen Technik, begehrte Spezialisten, wenn es ihnen gelang, die Sache zu finanzieren. Straßburg wird ein Hauptsitz der Schwarzen Kunst, ebenso Köln, Augsburg, berg. Ein halbes Jahrhundert wurde, gibt es in nachdem Ulm und Nürngenommen die erste Druckerei in Betrieb zwanzig Handelsstädten, vorwiegend in Süddeutschland, Druk- kereien. Man stelle sich einen großen Raum vor, dessen Mittelpunkt die schwere Druck- Die Gesellen stellen, wie das heute noch im Handsatz für Visitenkarten und Briefköpfe geschieht, die Lettern zusammen. Mit zwei Lederkissen wurde der Satz geschwärzt, und es gehörte viel Übung dazu, das presse aus Eichenholz ist. gleichmäßig auszuführen. Auch nutzten sich die Lettern schnell ab und die kupfernen Matrizen des Gießinstrumentes noch schneller, so daß Unregelmäßigkeiten häufig waren. Dann setzt der Geselle den fertigen Satz ein und bedeckt ihn mit 2l6
einem Papierbogen. Von oben senkt nun sich wird die Holzspindel gedreht, aller Kraft die Presse mit dem Tiegel, und mit bis der Tiegel das Papier fest auf seine Unterlage, den Satz, gepreßt hat. Das erste Buch, das eine Mitteilung darüber Enthält, druckt wurde, ist wann und von wem es ge- das schon erwähnte Psalterium, das den Schlußsatz enthält: »Dieses Psalterium ist durch die kunstfertige Erfindung zu drucken und Buchsta- ben zu bilden, hergestellt ohne jeder Schrift mit der Feder, und zu Gottes Ehre ausgeführt mit Fleiß von Johann Fust, Bürgermeister in Mainz und Peter Schöffer von Gernsheim anno 1457 am Abend vor Mariä Himmelfahrt«, also am 15. August 1457. Das Buch war zum erstenmal mit den Wappenschildern der Buchdrucker, an einem Zweig hängend, signiert. Man spürt den Stolz auf die technische Leistung bei dieser Arbeit. Heute existieren noch 20 Exemplare dieses schönsten Druckes der frühen Buchgeschichte, das sehenswerteste davon befindet sich in der Nationalbibliothek zu Wien. Bald druckt man nicht nur Geistliches, sondern auch politische Traktate wie »Eine Mahnung der Christenheit wider die Türken«, der unter der Form eines Kalenders die Mahnung an die Christenheit enthält, das ein Jahr zuvor eroberte rjrmi rlffli fäTTiöuä n9 ünturcs lrtirDirä:pau irres ri9 fanira to jBitttei-^ariDtts n9 in üuä falntakifri n9 rrulraronr miitaüür TllurjDuw nrniu DÖipmri lutrmä rpo tnrof nnniras rias itiDuam röfufionr: für eine Bildungsexplosion, die für das fup ipnt aut rfflozrhit fanthfirano mra. fi t j, i-f *t t , t f tt Zeitalter der Renaissance ßromie mätoftuDfa Staatsbibliothek Berlin, * ^ fl Ut - t rius.ä jRni ia artnaartnn +. i ttpfii-A ~*ttf i*' a fb ia arbia.ä Ctcr quä bonü-fbobar.n £m X frt $ VA toitii rr tfiu tjitare ffrs lntintl jHlü. lonuiDüA*» i * JÖimt fb ouac, ungrnmin raintrrqö irfmiDir m tertain bartiä aaronQpD Dcftmüiritt oiäirfb mftifl 9 ;ßnif ros ijrrmonq ttöroimiinß 111 M Psalterium, gedruckt 1457 von Fust und Schöffer in Mainz. Mit der technischen Erfindung des Buchdrucks in den 7,0er und 40er Jahren des 15. ]h. wird die Voraussetzung geschaffen fronQuoiuam tiür manüaint Dns mröiäionfnuitaiii ul® i fnftn r r t örequäbomtrt V f n> »*» 1 l * - *• t inmöfi.ä »t* 04 fia *i ' & cb • _ t *$ nbar t ia kennzeichnend Bildarchiv ist.
»Der Buchdrucker« lautet die Überschrift zu diesem Holzschnitt des frühen 16. Jh. Im Hintergrund sind die Schriftsetzer tätig, während vorne der eigentliche Druckvorgang illustriert wird. Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, Leipzig Konstantinopel von den Türken zu befreien. Diese Bücher sind bereits etwa wie die Stundenbücher illustriert, und man hat sehr bald die Holzschnitte, die man von den Blockbüchern her kannte, in den Satz eingebaut und so jenes Seitenbild geschaffen, das noch heute jede Zeitungsseite prägt. Über den Zusammenhang zwischen der Reformation und der neuen Kunst der Druckerei ist schon viel geschrieben worden. Man weiß, daß nach der Reformation eine Flut von Druckschriften ganz Deutschland, ganz Europa überschwemmte, so- weit es an diesem leidenschaftlich geführten Meinungsstreit beteiligt war. Zwar übertreffen die katholischen Druckschriften bei weitem die protestantischen Druckerzeugnisse an Ausgewogenheit und Schönheit der Form, aber die Reformationsschriften, die Flugblätter und Traktate der Protestanten eroberten das Volk. Sie waren wie die Lutherbibel in einer deutlichen Sprache geschrieben, die jeder- mann verstand. Die entscheidende Wirkung des Buchdrucks ist nicht, daß mehr Bücher herstellbar waren als bisher, sondern daß die Druckerpresse mit jedem Arbeitsgang neue Leser schuf; ger nach sie ist die Maßgabe Schrittmacherin einer Demokratie gewesen, die jeden Bür- seiner Fähigkeiten und seiner Informiertheit ins Zeitgeschehen einbezieht. Tatsächlich sind die ersten Auflagen für damalige Verhältnisse atem- beraubend. Der Buchdrucker der Luther-Bibel Hans Luft 2l8 soll insgesamt 100000
Exemplare gedruckt haben; in Wittenberg verkaufte man von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, die eineinhalb Gulden kostete-, was nicht etwa eineinhalb Mark, sondern heute eher dem Zehnfachen entspricht, in drei Monaten 5000 Exemplare -kaum auszudenken, wie sie handschriftlich hätten hergestellt werden sollen. So wundert es nicht, daß die meisten Druckereien in protestantischen Händen waren; nur in Köln und Mainz artikulierte sich die katholische Welt. Erst während der Gegenreformation hat die Druckerei- und Verlagstätigkeit in den katholischen Ländern einen starken Aufschwung genommen. Ein Prachtwerk wie die Zoologie des Konrad Gesner zeigt aber, wie sich die neue Technik sehr bald auch neue geistige Formen erschlossen hat und wie das Bedürfnis nach vielseitiger Information geweckt und befriedigt wurde. Geschäfte mit Büchern Ruhe die ihrem Werk hingegebenen draußen auf der Straße schon die ersten Buchdrucker über Land wanderten. Wenn ein Abt oder Prior, der vielleicht beim Bischof eines dieser neuen, wie durch Zauberei gedruckten Werke in der Hand gehalten hatte, einen solchen Buchdruckergesellen einlud, seine Kunst zu erklären, wurde er von den älteren Mitgliedern des Ordens als leichtfertiger Neuerer angegriffen. Damals waren die Buchhändler nur an den Universitäten anzutreffen sie hießen »stationarii« - noch heute heißt auf englisch der Schreibwarenhändler »stationer« - und hatten die benötigten Bücher für Professoren und Scholaren bereitzuhalten. Mit den berufsmäßigen Schreibern, den Illuminatoren und Buchbindern bildeten sie eine Zunft, da ihre Interessenlage gleich war. Mit ihrem Einfluß, den sie an den Universitäten hatten, versuchten sie, die neumodische Buchdruckerei auszuschalten, jedenfalls in ihrem eigenen Bereich, aber die Zeit ging über sie hinweg. Die Buchdrucker ihrerseits standen zunächst außerhalb der Zünfte. Sie mußten ein Wanderleben führen, da sie von Domkapiteln und anderen kirchlichen Institutionen nur zu befristeten Aufträgen herangezogen wurden. Um eine Druckerei über Jahre gewinnbringend zu betreiben, fehlte anfangs noch der Markt. Die gebildeten Büchersammler, die Humanisten und Gelehrten, waren übrigens meist offene Feinde des gedruckten Buches, das ihnen im Vergleich zur einmaligen Kopie als vulgär und seelenlos erschienen sein mag. Gerade deshalb setzten die Drucker alles daran, die handgeschriebenen Seiten in Type und Umbruch möglichst echt nachzuahmen. Auf die Dauer aber konnte sich niemand den Erzeugnissen der Druckerpressen verschließen, selbst die Klöster richteten eigene Druckereien ein, und die klösterlichen und fürstlichen Bibliotheken nahmen immer mehr gedruckte Bücher auf. Nun kam auch in den Buchhandel neues Leben. Chroniken und Fabeln, Erbauungsbücher und Wahrsagebücher, Kalender und schließlich auch antike Autoren wurden gedruckt, und weil die Presse in Betrieb bleiben mußte, suchten die Drukker ihren Markt. Zuerst haben die Buchdrucker selbst ihre Bücher angeboten und In den Klosterstuben saßen in beschaulicher Handschriftenmaler und Illuminatoren, als ; 219
damit den eingesessenen »stationarii« Konkurrenz gemacht, später gab es sogenannte Buchführer man kann sie ab 1496 nachweisen. Sie kommen wie fliegende Händler mit ihrer Ware auf den Markt und machen in der Stadt bekannt, welche Bücher ihre Wagenladung enthält. Die Kunden werden gebeten, im Gasthof zu ; was sie mitgebracht haben. Der bedeutendste Drucker jener Zeit war Anton Koberger in Nürnberg. Er führte viele Folianten juristischer und theologischer Art, insgesamt über 200 Titel, und belieferte seine Filialen in Frankfurt, Paris und Lyon. Sein gesamteuropäischer Markt bot ihm so große Chancen, wefl die Masse seiner Druckwerke in der Gelehrtensprache Latein abgefaßt war. Schon damals stand ein solcher Mann in Geschäftsverbindung mit Buchhändlern in Italien, Holland, England, Polen, Österreich und Ungarn, und seine Buchführer bereisten ganz Europa. Wenn ein großes Werk hergestellt werden sollte, schlossen sich ein Buchdrukker, ein Holzschneider und ein Kapitalgeber zusammen; so geschah es auch, als Koberger im Jahre 1492 die berühmte Schedelsche Weltchronik herausbringen wollte. Sie sollte in Deutsch und Lateinisch erscheinen, und zwar waren zwei Auflagen vorgesehen, eine mit bemalten und eine mit unbemalten Holzschnitten. Am Gewinn waren die Teilhaber dieses Unternehmens, Verfasser und Übersetzer inbegriffen, auf verschiedene Weise beteiligt. Alle Bücher, die vor dem Jahre 1500 gedruckt wurden - im Norden bis zum Jahre 1550 -, nennt man »Inkunabeln« (lateinisch cunabula Wiege) Erst um die Wende besichtigen, : zum man um . Vergangenheit bemühte, begann man jene frühen Drucke zu sammeln, von denen nicht viele mehr vorhanden waren. Unschätzbare Werke sind im Dreißigjährigen Krieg in Flammen aufgegangen, ganze Klosterbibliotheken wurden im Bauernkrieg vernichtet oder als Makulatur verkauft. Allein in den Bauernkriegen sind in Thüringen 70 Klöster geplündert und ihre Schätze vernichtet worden, wie ja in solchen Zeiten überhaupt wenig daran liegt, Vergangenes zu bewahren. Die katholischen Bibliotheken blieben bis in neuere Zeit bestehen. Im Jahre 1773 wurden die Jesuitenbibliotheken aufgehoben, und 1803 traf die Bestimmung über die Verstaatlichung des Kirchen- und 19. Jahrhundert, als sich überall die Schätze der Klosterbesitzes die Bücherschätze hinter Klostermauern. Sie wechselten ihren Standort, oft pietätlos behandelt oder gar verschleudert, meist aber geschlossen, und wurden in die Hofbibliotheken und Universitätsbibliotheken aufgenommen. Erst jetzt konnten die alten Drucke einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, und man begann, sich für die Geschichte des Buchdruckes und die Erhaltung der Inkunabeln zu interessieren. Was im Sturm der Zeiten untergegangen ist, läßt sich nicht einmal annähernd schätzen. Vor allem die Reformation in ihrer revolutionär aggressiven Phase hat in vielen europäischen Ländern üble Folgen gehabt, Buchdruckereiwerkstatt mit der Presse Gutenbergs bestand nicht in am in der schlimmsten in England. Mitte des Bildes. Die Leistung der Erfindung von beweglichen Lettern, sondern darin, daß er den technischen Vorgang des Gießens mittels eines von ihm erdachten Handgießinstruments vereinfachte. Französische Miniatur, Anfang 16. ]h. Privatsammlung, Paris
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dem 14. Jahrhundert stammende, unschätzbare UniversiOxford im Jahre 1550 von Sonderbeauftragten König Eduards von tätsbibliothek Bücher teils verbrannt, teils verkauft wurden. Einige die wobei VE ausgeplündert, Hier wurde z. B. die aus Jahre später verkaufte man selbst die leeren Regale. Für ein Festfeuerwerk in Kopenhagen im Jahre 1634 anläßlich einet Fürstenhochzeit wurden Massen von alten Pergamenthandschriften als Kartuschen für die Feuerwerkerei verwandt, und nicht selten stößt man noch heute auf alte Bücher, deren Deckel aus noch älte- ren Handschriften verstärkt oder die mit Resten von alten Codices geflickt und wurden. Wahrhaft unglaublich ist die Entdeckungsgeschichte einer dieser alten Schriften, des Codex Sinaiticus. Der Gelehrte Konstantin Tischendorf (1815-1874), der versteift Lebensaufgabe gestellt hatte, eine exakte, textkritisch einwandfreie Übersetzung des Neuen Testamentes vorzulegen, war nach Arbeiten in Paris, in Engsich die land und Holland in den Orient gereist, um dort nach alten Handschriften zu fahn- kam auch ins Katharinenkloster auf dem Sinai, wo ein Haufen ungebildeter Mönche ganz offensichtlich die unglaublichsten Schätze alter Papyri verwaltete. den. Er Ausrangierte Bücher wurden verbrannt, und Tischendorf entdeckte eines Tages einen Papierkorb, vollgestopft mit alten Handschriften, und erfuhr, daß es sich um ausrangierte Werke handele dies sei schon der dritte Korb, dessen Inhalt man verbrennen wolle. Tischendorf zog 43 Blätter heraus, die heute als Codex Sinaiticus weltberühmt sind und die älteste Handschrift des Alten Testaments darstellen. Die ; restlichen 86 Blätter, die sich Tischendorf ebenfalls erbat, überließen Mönche nicht. Erst eine spielten ihm den Codex ihm die Reihe von Zufällen und abenteuerlichen Verwicklungen selbst in die Hand, so daß 1862 zur Tausendjahrfeier der Codex gedruckt russischen Monarchie und der Einführung des Christentums der vorgelegt werden konnte. Daß der Inhalt auch dieses Papierkorbes nicht verbrannt von Zufällen zu danken - und niemand wird je erfahren, welche Manuskripte vor dem Auftauchen Tischendorfs auf dem Sinai existiert haben und vernichtet worden sind, kein Opfer der Gewalt, sondern der menschlichen wurde, ist also einer Kette Dummheit. Unter den Augen des Zensors Für den französischen Kronprinzen, den Dauphin, ließ König Ludwig XIV. durch zwei Gelehrte eine Ausgabe der antiken Klassiker veranstalten, gen Stellen getilgt waren. Sie wurde gekennzeichnet mit in der alle anstößi- dem Zusatz »ad usum Delphini«, also »für die Benutzung durch den Kronprinzen«, und damit wußte je- um ein sauberes, wenn auch unvollständiges Werk handelte. Der Sonnenkönig verfuhr bei dieser Gelegenheit wie jeder Herrscher, was Informationen angeht, mit allen seinen Untertanen nur allzu gerne verfahren würde, selbst im Zeitalter von Funk und Fernsehen. Solange die Manuskripte mühsam mit der Hand kopiert werden mußten, gab es zwar auch eine Kontrolle, eine Überwachung der Denkweisen - man denke nur an die Auseinandersetzung zwischen Galilei und der Inquisition -, aber erst der massenweise Druck von Büchern, deren der Leser, daß es sich 223
Verbreitung so schwer zu kontrollieren war, stellte das Problem in voller Schärfe: Druckwerke von Ketzern und Häretikern waren Teufelswerk, Unrat und Schmutz, also mußte gesäubert werden. Dies geschah, indem man die Werke solcher Männer wie Luther, Zwingli oder Calvin aus dem Verkehr zog und vernichtete. Die Kirche erließ bereits 1559 einen Index librorum prohibitorum, ein Verzeichnis verbotener Bücher, mit dessen Hilfe alle kirchlichen Bibliotheken gesäu- werden konnten. Zwanzig Jahre später gab der Spanier Arias Montanus im II. und des Herzogs Alba einen »Index purgatorium«, eine Reinigungsanleitung fiirT>ücher heraus. Wie diese Reinigungen funktionierten, kann man aus den Restbeständen der Münchner Jesuitenbibliothek abbert Aufträge seines Königs Philipp lesen, die heute in der Staatsbibliothek stehen. Was aus den katholischen Verlagsorten kam, blieb meist unbeanstandet, da es ohnehin den Segen der kirch- Buch aus einer protestantischen Druckerei mußte durchgesehen und auf Stellen geprüft werden, die den Leser gefährden könnten; sie wurden geschwärzt oder überklebt auch die Namen der Drucker und Verleger, lichen Stellen hatte. Jedes ; wurden unkenntlich gemacht. den Glauben betreffenden Schriften wurde die offenbar als Informationsquellen galten, Die kirchliche Vorzensur für alle schon 1515 angeordnet; Deutschland als der Unruheherd war schon 1501 von der Zensur betroffen worden. In der Bulle Inter multiplices von Papst Alexander VI. heißt es: »Da wir erkannt haben, daß durch die Buchdruckkunst sehr viele Bücher und Abhandlungen in den verschiedenen Teilen der Welt, namentlich im kölnischen, mainzischen, trierischen und magdeburgischen Sprengel gedruckt worden sind, welche viele Irrtümer und verderbliche, ja selbst der christlichen Religion feindliche Lehren enthalten, so verbieten wir - bestrebt, jener derartigen abscheuungswürdigen Verderbnis ohne Aufschub entgegenzutreten - allen Buchdruckern insgemein bei Strafe der Exkommunikation und bei einer Geldstrafe . . . Zukunft Bücher, Abhandlungen oder irgendwelche Schriften drucken oder drucken lassen, ohne zuvor die Erzbischöfe oder genannten Stellvertreter um Rat zu fragen und ohne die besondere und ausdrückliche Erlaubnis aus.« Das hat, so schwerwiegend auch die Drohungen waren, wegewirkt zu haben nig genützt, und schon hier zeigte sich, daß auf die Dauer die Wahrheit stärker ist als die Zensur; mit dem Buchdruck hat sich mehr verändert als die Methode, ernstlich, daß sie in . . Bibeltexte zu vervielfältigen. Der geistlichen Zensur folgte die der weltlichen Mächte. In Speyer ist die Vor- zensur 1529 zum Reichsgesetz erhoben worden, und Kaiser Maximilian II. richtete in Frankfurt a. M., der damaligen Zentrale des deutschen Buchhandels, eine kaiserliche Bücherkommission ein. Zu stark war lutionären Schriften auf die Bauern gewesen, len, die Freiheit des die als Wirkung daß man der bürgerlichen revo- es sich hätte leisten wol- gedruckten Wortes zuzulassen. Diese Freiheit gehört denn auch zu den Forderungen aller Revolutionäre in ganz Europa. Bald ging es in dieauch nicht mehr um geistliche Glaubensinhalte, sondern um politische Ansichten. sem Ringen ja Das Schema der Säuberung, der Zensur und Schwärzung beanstandeter Stellen Preußen wurde am Vorabend der Französischen Revolution im Jahre 1788 ein Zensur-Edikt eingeführt, das bis zum Revolutions- blieb, die Inhalte wechselten. In 224
jahr 1848 Gültigkeit behielt. Ebenfalls bis dahin galten die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse vom Jahre 1819 mit ihrer Vorzensur für alle.Druckschriften unter 20 Bogen Umfang für alle deutschen Bundesstaaten. Das Verbot von Druckerzeugnissen ist nur eine harmlose Unmutsäußerung der Obrigkeit, verglichen mit der Bücherverbrennung. Nicht die achtlose Bücherverbrennung ist gemeint, etwa wenn römische Bäder in frühchristlicher Zeit mit alten Papyri geheizt werden, weil die heidnischen Texte in dieser Zeit ohnehin keine Bedeutung haben, oder wenn plündernde deutsche Landsknechte auf den Marmorfliesen des Vatikans aus alten Büchern ein Feuer anzünden, um sich zu wärmen, sondern die Bücherverbrennung als juristischer Akt. Die Fülle der Beispiele ist unübersehbar; so verordnete die Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1 767, »daß die Besitzer freigeisterischer Schriften dieselben binnen acht Tagen selbst verbrennen, im Unterlassungsfälle aber mit der gegen das Laster der Freigeisterei . . . Bücher aus dem Besitz Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg (1564-1633). Das Sammeln von seltenen Buchausgaben ist seit der Erfindung des Buchdruckes ein weitverbreitetes Hobby in gebildeten Kreisen. Kunstsammlungen der Veste Coburg
verhängten Strafe belegt werden sollten«. Diese Praxis, beanstandete Bücher durch Feuer zu vernichten, hat einen theatralischen Effekt, der bis in die neueste Zeit von den verschiedensten Positionen her ausgenutzt worden ist. Derlei war of- So sagt ein Bericht aus dem Jahre 1730, daß die Schrift Marquis de Prie in Druck gegeben worden war, »öffentlich durch den Henker verbrannt« worden sei. Das war ein sozusagen fenbar seit jeher üblich. eines Generals Bonneval, die gegen den öffentlich durchgeführter Strafvollzug in stand mehr einem Zivilprozeß, aber nicht selten dahinter. Goethe schreibt in seinen Erinnerungen: »Wir mußten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein, und es ist wohl wahr zu gedenken, daß auch ich bei der Verbrennung eines Buches gegenwärtig gewesen bin. Es war der Verlag eines französischen komischen Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten schonte. Es hatte wirklich etwas Fürchterliches, die Strafe an einem leblosen Wesen ausgeübt zu sehen.« Er schildert, wie das Feuer mit Ofengabeln geschürt wurde, so daß die angebrannten Blätter in der Luft herumflogen, und die Leute haschten gierig danach. »Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar aufgetrieben, und es waren nicht wenige, die sich das verbotene Vergnügen gleichfalls zu verschaffen wußten. Ja, wenn es dem Autor um Publizität zu tun war, so hätte er selbst nicht besser dafür sorgen können.« Lessing hat auf die Buchverbrennung mit edlem Unwillen reagiert: »Denn ein solches Verbrennen hat die Absicht nicht, das Buch gänzlich zu vernichten es soll diese Absicht nicht haben, es kann sie nicht haben. Es soll und kann allein ein öffentlicher Beweis der obrigkeitlichen Mißbilligung, eine Art von Strafe gegen den Urheber sein. Was einmal gedruckt ist, gehört der ganzen Welt auf ewige Zeiten. Niemand hat das Recht, es zu vertilgen. Wenn er es tut, beleidigt er die Welt unendlich mehr, als sie der Verfasser des vertilgten Buches, von welcher Art es auch immer sei, kann beleidigt haben.« Das war ein Fortschritt gegenüber Luther, der am 10. Dezember 1520 vor dem Elsterntor in Wittenberg die päpstliche Bannandrohungsbulle und die Bücher des kanonischen Rechtes ins Feuer geworfen hatte. Immer wieder, man weiß es, sind Bücherverbrennungen als politisches Fanal benutzt worden, zuletzt im Dritten Reich der Nationalsozialisten, aber auch im China der Kulturrevolution. Es scheint, daß gewisse Handlungsweisen bereits Ritualisierungen darstellen, gegen die alle Vernunft machtlos ist. Freilich hat sich inzwischen der Kampf der Herrschenden um die Informationsmittel auf eine andere Ebene verlagert es geht heute nicht mehr um Druckereien und Bücher, kaum noch um den Einfluß in den Zeitungsredaktionen, sondern vor allem um die Massenmedien, gegen die es kein anderes Mittel gibt als den direkten Griff nach den Redaktionen oder als die Gehirnwäsche für die Opfer. ; ; Die Schule der Philanthropen Zum erstenmal erscheint im Jahre 1648 in einem Reformvorschlag für das Schulwesen das Rechnen als Pflichtfach. Der äußerst fromme Herzog Ernst von Sach- sen-Coburg-Gotha (1601-1675) hatte den Rektor des Gothaischen Gymnasiums 226
beauftragt, eine Enquete über das Bildungswesen durchzuführen. Sein sogenannter Specialbericht oder, schlug vor, 12. Jahr alle wie er auch später genannt wurde, »Schul-Methodus«, Kinder, Knaben und sommers und winters Mädchen sollten die Schule besuchen. sollten sie schulfrei haben, weil sie auf' dem vom vollendeten Nur während 5. bis zum der Erntezeit wurden. Als Unterund Schreiben, Singen und Rech- Feld gebraucht richtsfächer schlug er Katechismuslehre, Lesen, nen vor. Später kamen noch andere Fächer hinzu, eine Art Staatsbürger- oder besUntertanenkunde von »geist- und weltlichen Landessachen«, und der Unterricht in »natürlichen Dingen«. ser Als diese Vorschläge auf den Tisch des regierenden Fürsten kamen, fristeten die Lehrer ein Hungerleiderdasein. »Es kam nicht selten vor, daß sie den Bauern für Vieh hüteten.« Herzog Ernst, spöttisch als Bet-Ernst Aufgabe ernst. Er setzte dem Lehrer ein festes Gehalt aus, dazu »8 Malter Korn, freie Wohnung und Gartengenuß, freies Holz und steuerfreies Getränk«. Die Unsitte, daß der Lehrer sich in jedem Jahr um sein Amt neu bewerben und es gleichsam vorkaufen mußte, wurde abgeschafft, auch richtete man eine Witwenkasse ein. Dieser Schulmethodus war die erste staatliche Volksschulordnung, und das Modell dieser Schulen als »Veranstaltungen des Staates« machte als fortschrittlichste Lösung bald auch in anderen Staaten Deutschlands Schule. Sachsen-Weimar, Hessen-Darmstadt und schließlich Württemberg folgten mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Bezeichnend für die Tendenzen der Zeit war auch der Vorschlag, sich mit der Natur zu beschäftigen. Am stärksten ist dieser Zug zuerst bei dem letzten Bischof böhmischen Brüdergemeinde Johann Arnos Comenius der sogenannten ein Stück Brot nebenbei das glossiert, nahm seine (1592-1670) hervorgetreten, dessen »Orbis sensualium pictus« viele Generationen von Kindern mit der Umwelt vertrauter gemacht hat. Dieses Buch bot ein Abbild der sichtbaren Welt, oft ungelenk, aber doch nicht ohne Realismus. So sah auch der Ernestinische Schul-Methodus ein Ziel des Unterrichts im Anschaulichen Der Zeitabstand zwischen Blitz und Donner sollte den Kindern in der Schule : einem Büchsenschuß klargemacht werden. als die äußeren Reformen im Herzogtum Coburg-Gotha war diese Tendenz zur anschaulichen Sachlichkeit, die auch die höheren Schulen erfaßte. Nicht mehr die mechanische Leier lateinischer Floskeln und Regeln zählte, sonz.B. an Wichtiger dern man verlangte vom Schüler, daß er einen Geschäftsbrief in deutscher Sprache schreiben könne, übte sich in freier Rede, nicht nur auf lateinisch, und gab Geschichte und Erdkunde, wobei Landkarten benutzt wurden. Alles das war neu- und verschaffte dem Gothaischen Gymnasium einen ausgezeichneten Ruf. Das erste Lehrerseminar ist mittelbar aus den pädagogischen Bemühungen in Gotha hervorgegangen, denn es ist eine Gründung des Pietisten August Hermann artig Franke (1663-1727), der seinerseits Schüler der Gothaischen Schule gewesen ist. Franke ist bekanntlich Professor und Prediger in Halle gewesen, ein Mann von entwaffnender Frömmigkeit, der mit dem Inhalt einer Armenbüchse - sieben Sechzehngroschenstücken - seine Bildungspolitik anfing. Das ist, sagte er, ein ehrlich Kapital, davon muß man was Rechtes stiften, ich will eine Armenschule damit anfangen. Ein armer Studiosus erhielt den Auftrag, arme Kinder täglich 22 7


zwei Stunden zu unterrichten, wofür er selbst wöchentlich sechs Groschen erhalten würde. Noch in demselben Jahr wurde das Internat gegründet, ein sogenanntes Pädagogium, im Jahre 1695 folgte das Waisenhaus, das 1701 ein eigenes Gebäude zum Jahre 1722 saßen schon 156 Lehrer am »Ordinari-Tisch«, wo übrigens nicht viel mehr als Biersuppen und Hafergrützen auf den Tisch kamen, auch Erbsen, Milch, Eier und Fleisch höchstens dreimal wöchentlich. Diese Gruppe von Lehrern, die sich in den »Dingen, so zum Schulwesen gehörten, übten«, stellte eine Art Seminarium praeceptorum dar (lateinisch seminarium: Baumschule, Pflanzschule). D£r verzweifelte Ernst des christlichen »Bußkampfes«, der von Franke als Weg zur Seligkeit erlebt wurde, und die Verteufelung jeder weltlichen Lust - Tanz und Theater wurden völlig negiert erhielt. Bis war der im Schulerwurzelnde Realismus. Am Pädagogium gab es erstmalig Zeichenunterricht, und die Kinder lernten allerlei Handfertigkeiten wie Drechseln, Gläserschleifen, Papp- und Holzsägearbeiten, wie sie später als Laubsägearbeiten weitergeführt wurden. Auch begriff man, daß Schüler, die man mit biblischer Geschichte, Katechismus, französischen Vokabeln und deutscher Grammatik vollstopfte, Entspannung brauchen. Andererseits sollte das Kind nicht müßig gehen, sondern Nützliches tun. So erfand man die »Reaktionsübungen« und lehrte dabei so seltsame Dinge wie Servietten falten, Äpfel schneiden oder Vögel ausstopfen. Zu den zahlenden Schülern gehörten eine ganze Reihe von Jungen aus dem Landadel, dessen Einfluß mächtig war. So kamen einige Lehrstoffe in den Unterricht, die sich in dem frömmelnden Milieu des Schulvaters Franke etwas fremd ausnahmen. Die Zucht war streng, die Schüler lebten eigentlich keine Minute ohne Aufsicht; wenn sie sich an den nahen Universitäten immatrikulierten, zählten sie zu den wildesten Studenten. Franke hat dies bis an sein Lebensende nicht verstehen können und den Eltern im übrigen geraten, für ihre Söhne auf den Universitäten zuverlässige Hofmeister zu bestellen. Diese Männer mußten alle Künste beherrschen, die von einem »Herrn von Stand« verlangt wurden. Dazu gehörten das Fechten, ein gepflegtes, elegantes Französisch, eine gewisse Weltkenntnis und Lebensart, kurzum die Kenntnis aller Signalements, die sie als Angehörige der herrschenden Klasse auswiesen. Es gab für die jungen Adligen aber auch besondere höhere Schulen, die sogenannten Ritter-Akademien, deren Lehrplan auf die Bedürfnisse des Landadels zugeschnitten war, so das illustre Collegium zu Tübingen (gegr. 1589) und das Collegium Mauritianum zu Kassel (gegr. 1599). Wenn die Pietisten, verkörpert durch Franke, den Akzent der Erziehung auf bilden die Schattenseiten jener Einrichtungen. Fortschrittlich lebnis Frankes Frömmigkeit und Nützlichkeit legten, im Menschen aber eher ein der Sünde verfallenes Subjekt sahen, so stand eine neue Generation auf einem ganz anderen (vorhergehende Doppelseite Das Naturalienkabinett des Ferrante Imperato. Seit man in der Renaissance menschliches Forschungsfeld neu entdeckt hatte, begann das Sammeln der verschiedenen Arten, sei es in der Pflanzenkunde oder der Zoologie. Titelkupfer aus »Dell'historia naturale di Ferrante Imperato Napolitano libri die Natur als XXVIII«, i6j2. Biblioteca Marciana, Venedig
Standpunkt. Ihrer Ansicht nach war der Mensch nicht von Anbeginn durch die Erbsünde verdorben, sondern von Natur gut. Man müsse ihn nur entsprechend seinen guten Anlagen behandeln, und er werde sich frei und natürlich zu einem Menschen entwickeln, der idealen Vorstellungen gerecht werde. Bei diesen Gedankengängen hatte die Philosophie eines Rousseau Pate gestanden, pädagogisch wirkte sie sich in einer Entkrampfung des Unterrichts aus. Zunächst einmal wurde der unsinnige Gebrauch der Prügelstrafe eingedämmt; die Philanthropen, wie was fiel man diese Richtung bezeichnete, er begriffen forderten ferner, ein Schüler solle nur lernen, habe - und das hatte weitreichende Konsequenzen. Denn damit das stumpfsinnige Büffeln des Katechismus, der ganze Ballast des auswendig- gelernten, aber nie verarbeiteten Wissens, die Pedanterie des bisherigen Unter- weg. Zu den bedeutendsten Vertretern des Philanthropismus in Deutschland Johann Bernhard Basedow (1723-1790), der 1774 das »Philanthropinum« in Dessau begründete und damit eine neue Welle reformerischer Bewegungen im Schulwesen einleitete. Auch der Schriftsteller Joachim Heinrich Campe, der als richts zählt Lehrer an dieser Anstalt wirkte, gehört in diesen Kreis. im 16. Jh. Wie man Hand abgenommen und der Lehrer Eine Schulklasse der des Schülers , , dieses sieht , wurden Prüfungen mit der Rute Instrument der Züchtigung auch Holzschnitt. Staatsbibliothek Berlin , in scheute sich nicht im Falle eines Versagens Bildarchiv , in der Praxis anzuwenden.
»Verbesserte Erziehung« heißt der Titel zu diesem Kupferstich von Daniel Chodowiecki (r/26-1801). Die sogenannten Philanthropen vertraten eine pädagogische Richtung die sich gegen die bislang üblichen Unterrichtsmethoden wie z. B. die Prügelstrafe und das sture Auswendiglernen des Katechismus, wandten. Als Alternative propagierte man einen spielerischen Lernprozeß im Einklang mit der Natur. Kupferstichkabinett Dresden , , ,
Gegen die Orthodoxie und strenge Bibelgläubigkeit der alten stellten die jungen Pädagogen die »natürliche Religion«, man sah in Wald und Feld, der Romantik folgend, den »großen Tempel der Natur«, und unter dem erhabenen Gewölbe des Himmels - Kant hat ihn mit dem MoraJgesetz verknüpft, Beethoven dieses Lebensgefühl im Schlußchor der »Neunten« in Musik umgesetzt - sank man in die Knie und ehrte den Schöpfer. Die Natürlichkeit der überzeugten Philanthropen hatte weitreichende Konsequenzen. So wünschte man, schon kleine Kinder mit Zeugung und Geburt bekannt zu machen, ja man forderte, die Kinder sollten bei der Niederkunft der Mütter anwesend sein, eine Forderung, die weit über das heute geforderte Maß an Aufklärung hinausgeht. Die Lehrmethodik zielte darauf ab, das Lernen, den natürlichen Anlagen des Kindes entsprechend, spielerisch zu gestalten, auch sollte Anschaulichkeit oberstes Gebot sein. Basedow selbst zeigte, mit seinen Schülern spazierengehend und spielend, wie man Latein gleichsam nebenbei einfließen lassen könne, Schritt für Schritt fortschreitend, indem man an Wolke und Busch, Baum und Haus, Ball und Feld ankniipfte. Rührend mutet der überschwengliche Ausruf an: »O wohl dir, du liebe junge Nachwelt: du lernst Latein, Latein ohne Rute und Stock!« In jenen Zeiten sind die ersten Jugendbücher entstanden, man richtete wie einst schon unter Comenius Naturalien und Technische Cabinette ein, und man forderte, was heute in den sozialistischen Ländern neu in den Unterricht eingeführt worden ist, nämlich die Arbeit außerhalb der Schule. Der Schüler, so sagte man, solle ein paar Wochen lang den Beruf des Bergmannes, des Seemannes, des Kaufmannes oder sogar Soldaten nicht nur aus dem Unterricht kennenlernen, sondern praktisch erleben können. Das wurde dann auch anderswo praktiziert. Nach der braunschweigisch-liineburgischen Schulordnung von 1737 sollten die Schüler Mühlen und Webstühle, Drahtziehereien und Salzsiedereien, Küchengeräte und die Anatomie der Schlachttiere kennenlernen, anderswo unterrichtete man Hydraulik und Miinzwesen oder gar bürgerliche Baukunst. Aus diesen Bemühungen entstand in Berlin die erste Realschule im Jahre 1747, eine Gründung von Johann Julius Hecker, der Lehrer an den Frankeschen Anstalten gewesen war. Dieser Zug ins Praktische, Hausbackene nahm bald überhand, und so verblaßten die idealen Ansätze dieser pädagogischen Richtung zugunsten eines beschränkten Nützlichkeitsfimmels. Selbst ein so begeisterungsfähiger Mann wie Campe hat sich gelegentlich dazu hinreißen lassen, das Verdienst des Braunschweiger Bierbrauers Christian Mumme höher zu stellen als das des Homer. Am wichtigsten war, daß die Philanthropen erstmals eine körperliche Erziehung Abhärtung des Körpers, Spiele und Tanzen, SchlittschuhVerantwortung der Schule einbezog. Sogar regelrechte Strapazen, lange Märsche, längeres Hungern und Nachtwachen wurden als Übunforderten, die z.B. die lauf und Schwimmen in die gen durchgeführt. Es gibt kaum eine pädagogische Idee des 19. oder 20. Jahrhunderts, die nicht in jenen Zeiten schon im Ansatz erkennbar gewesen wäre. Freilich erreichten diese Reformversuche nur eine schmale, bürgerliche Schicht, und nur jene Kinder kain den Genuß der neuen Methoden, deren Eltern das Schulgeld aufbringen men 233
konnten. Die allgemeine Schulpflicht war durchaus noch nicht überall eingeführt, und so vegetierten die Elementarschulen unter oft absonderlichen Verhältnissen. Man gründete zwar überall Schulen für arme Kinder, tel, und selbst wo aber ohne ausreichende Mit- der Schulbesuch obligatorisch war, blieb der Lehrer ein armer Schlucker. Für die Kinder der Armen gab es allenfalls Armenschulen, aber noch keinen Schulzwang. Bis weit ins 19. Jahrhundert konnte der Lehrer in Preußen kaum ohne Nebenverdienst auskommen, und meist war es ein Handwerk, das der um leben zu können. Nach einer preußischen Verordnung von waren nur Schneider, Leineweber, Rademacher und Zimmerleute zum 1722 Schulamt zugelassen, später wurden die Schneider, falls sie nicht Lehrer oder Küster waren, vom platten Lande verbannt, so blieb die Schule das Monopol der Schneider, bis Friedrich der Große 1771 feststellte, »daß die Schneiders schlechte Schulmeisters seindt«. Seit 1779 wurde das Schulamt zur Altersversorgung für die Invaliden der Armee, und der schnauzbärtige Unteroffizier mit Stelzfuß zog ins Lehrer ausübte, preußische Schulhaus ein, eine martialische Gestalt, deren Geist die Schulstuben noch lange beherrscht hat.
Siege der Vernunft Gelehrsamkeit unter Perücken Prinzipien der Vernunft chersammlungen und Büchernarren Schrittmacher der Revolution Zwischen Noah und Darwin Begegnung mit dem Kosmos Entschlüsselung der Materie
Gelehrsamkeit unter Perücken Ein Professor des 17. Jahrhunderts war eine mächtige Erscheinung, die schon im äußeren Auftreten etwas von ihrer inneren Würde ausstrahlte. Damals trug man keinen Bart, wohl aber eine winzige Schnurrbartfliege, die dem Gesicht einen leicht verwegenen Ausdruck gab. Der Schädel, mit der Allongeperücke bedeckt, wirkte mächtig, und der stattliche Rohrstock mit dem goldenen Knauf verstärkte diesen Eindruck. Elegant und doch majestätisch pflegten sich diese Herren zu geben, denen auf der Straße jeder seine Reverenz erwies. In Leipzig mußten die Soldaten vor dem Rektor der Universität präsentieren, die Professoren der Theologie trugen dort den Titel Excellentia. Die aufquellende Gelehrtheit dieser Herren nahm immensen Umfang an, ein geistliches und geistiges Barock, wie es sich in Baukunst und Musik auch äußerlich manifestierte. Das wissenschaftliche Leben spielte sich in Zirkeln ab, in gelehrten Societäten und Akademien. Es gab in jeder Universitäts- und Residenzstadt solche »deutschen Gesellschaften«, Diskussionsrunden im Hause eines Mitgliedes, und viele noch heute existierenden wissenschaftlichen Gesellschaften führen ihre Existenz auf Gründungen zurück. Das französische Vorbild war maßgeblich, seit unter Ludwig XIV. auf Veranlassung des Ministers Colbert die Akademie der Wissenschaften in Paris gegründet worden war. Damals gab es in den größten Städten Frankreichs Kollegien der Jesuiten, in denen Zoologie, Botanik, Anatomie usw. getrieben wurden, insgesamt etwa 100, und die Astronomie war so in Mode gesolche kommen, daß in dieser Zeit etwa 50 private Observatorien betrieben wurden. Leibniz, einer dieser barocken Gelehrten, der letzte Philosoph mit einem uni- versalen, alle Gebiete des menschlichen Forschens umfassenden Wissen, hat für die Gründung eine bedeutende Konzeption geliefert, die Idee einer »Gelehrtenre- publik«, die »aufhören müsse, bloßes segensreiche Macht solle sie sein, Wort zu sein«. Eine große, wohlgeordnete, »ein Föderativstaat gelehrter Gesellschaften, um Menschheit durch die Wissenschaft zu leiten und zu befördern«. Dieser hochgemute Glaube an die Kraft der Vernunft und die Überlegenheit der Wissenschaft - ein Wort, das damals einen mächtigen, mitreißenden Klang bekommt - befähigt ihn, an verschiedenen europäischen Fürstenhöfen seine Vorstellungen durchzusetzen, so bei Katharina der Großen in St. Petersburg und in Preußen unter Friedrich I. Hier geht sein Vorschlag dahin, die »Academie des Sciences et des heiles lettres«, als »Akademie der Wissenschaften und der Literatur« später hochberühmt, erst einmal durch den Verkauf von Feuerspritzen und Kalendern zu finanzieren er hat für die Zwecke der Akademie den Buchhandel gewinnbringend organisieren wollen und Vorschläge gemacht, das Bernsteingeschäft der Königlich-Preußischen Bernsteinmanufaktur in Palmnicken an der Samlandküste über Rußland nach China in Gang zu bringen. Leibniz, der erste Präsident der Akademie, hat sich mit den beengten Verhältnissen in Berlin schwergetan. Mit der Akademie in Paris, die sich wie Bagdad sogar eine eigene Sternwarte geleistet hatte, konnte man einstweilen nicht konkurrieren. Unter dem sogenannten Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen ist die Zivilisation der ; 236
Eine Gelehrtensitzung der Academia del Cimento in Florenz. Neben den Universitäten konzentrierte sich das wissenschaftliche Leben in den sogenannten Akademien, wo die hervorragendsten Gelehrten der Zeit zu gedanklichem Autausch zusammentrafen. Kupferstich aus »Serie di ritratti d'uomi illustri Toscani«, Bd. 4. 18. }h. Istituto e Museo di Storia della Scienza, * Florenz
/ es der Akademie zeitweise übel ergangen. Die Mitglieder dieser Institution be- zeichnete der König spottend als »königliche Narren«, und den derzeitigen Präsi- denten, den Historiographen J. P. Freiherr von Gundling, gewiß ein Freund des dem Krückstock Verprügelt und 1731 nach dessen Tod in einem Weinfaß bestatten lassen. Friedrich der Große hat zur AkadeWeines, hat er höchst eigenhändig mit mie auch nicht eben positiv Stellung bezogen »Man brachte Friedrich II. die Überzeugung bei, zu seinem Königtum gehöre eine Akademie, so wie man einem frisch Geadelten aufbindet, es schicke sich für ihn, eine Meute zu halten.« Immerhin hat König Friedrich I. Männer wie Leibniz und Thomasius protegiert, während unter dem französisch orientierten Friedrich II. von Preußen nur die Naturwissenschaften einige Erfolge boten. Lessing, von Voltaire als Feind der französischen Bildung hingestellt, wurde gleichwohl von den Mitgliedern der Akademie erwählt - mit dem Erfolg, daß der König der Akademie dieses Wahlrecht entzog und sich nach dem Tode ihres Präsidenten Maupertuis, des französischen : Die französische Akademie der Wissenschaften und der Schönen Künste in Paris wurde unter Ludwig XIV. auf Empfehlung seines Ministers Colbert gegründet. Allegorische Darstellung gestochen von Sebastian Leclerc (163J-1J14). Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv , ,
Mathematikers und Physikers, selbst zum Präsidenten machte. Welch bedeutenMann er mit Leonhard Euler (1707-1 783) hatte, der die analytische Mathematik weiterentwickelt und mit ihrer Hilfe wichtige mechanische Probleme gelöst hat, ist dem König nicht aufgegangen. Er ließ ihn ohne Bedauern zurück nach St. Petersburg gehen, wo Euler von 1727 bis zu seiner Berufung nach Berlin im Jahre den 1741 gearbeitet hatte. Gerade Euler hat übrigens in seinen »Briefen für eine deutsche Prinzessin«, die in drei Bänden 1768-1772 erschienen, den Naturwissenschaften ein breiteres Verständnis verschaffen wollen. Wenn in Preußen hier ihre Akademie erst langsam ihren Platz in der Gelehrtenwar die Grundidee der Akademie doch fruchtbar und hat sich die republik erkämpft hat, so Wirkung getan wie in Frankreich oder England, wo 1660, also ein Menschenalter vor Preußens Gründung, die »Royal Society of London for Proforming Natural Knowledge« ins Leben gerufen worden war. Immer wieder wurden von diesen Institutionen Preisfragen gestellt, die bestimmte Probleme in den Mittelpunkt stellten und oft genug Lösungen brachten, und wenn in London ein Mann wie Isaac Newton 25 Jahre lang die Geschicke der Gesellschaft leitete, so war damit das Niveau des wissenschaftlichen Denkens bestimmt. Außerhalb der Naturwissenschaften, in der Philosophie, wirkten aber Vielwisserei und eine dem Aristoteles folgende Textgläubigkeit wie Scheuklappen, und erst im Laufe des 18. Jahrhunderts öffnete sich der Blick für die Probleme, welche die Vernunft stellte und die an keine andere Autorität gebunden waren als an die Gesetze der Logik. In Deutschland hatte der Gelehrte besondere Schwierigkeiten, weil die deutsche Sprache, eben erst durch die Reformation und Luthers Bibelübersetzung zur Literatursprache geworden, noch keine für wissenschaftliche Sachverhalte geeignete Form bot und bis dahin Latein die Sprache des Gelehrten war. Als Christian Thomasius (1655-1728), Rechtslehrer und Philosoph in Leipzig, im Jahre 1687 zum ersten Male die Ankündigung einer deutschen Vorlesung in deutscher Sprache ans Schwarze Brett der Universität Leipzig schlug, wirkte das wie eine Provokation, wie auch seine Stellungnahme zu den Hexenprozessen provokativ gewirkt hatte. Ein Jahr später gab er das erste literarisch-wissenschaftliche Rezensionsblatt in deutscher Sprache heraus, und in den folgenden Jahrzehnten setzte sich das Deutsche als Sprache der Wissenschaft langsam durch, freilich noch lange mit lateinischen und französischen Brocken gespickt. Daß die Kirche noch lange einen starken Einfluß auf die freie Forschung und das freie Denken ausüben konnte, wenn sie nur genug Einfluß bei Hofe hatte, zeigt in Preußen das Beispiel der Kabinettsorder vom 8. November 1723, das den Professor Christian Wolf seiner unorthodoxen Denkweise wegen von seinem Lehrstuhl vertrieb. Man befahl ihm, »die sämtlichen königlichen Lande binnen 48 Stunden bei Strafe des Stranges« zu räumen, und dies nur, weil seine Philosophie, angeblich atheistisch, die studierende Jugend verderben könne. Im allgemeinen lebten die Gelehrten zurückgezogen und widmeten sich ganz ihren Studien. Zerstreuungen gab es kaum, wenn man von den akademischen Festschmäusen oder den Sitzungen gelehrter Gesellschaften absieht; man kannte weder Konzerte noch Theateraufführungen oder Gesellschaften und Bälle. Selbstverständlich arbeitete der Wissenschaftler, auf seine eigenen Bücher angewiesen, 239
am Tag, sondern vorwiegend auch nachts, wie Faust es Das Tageslicht wird durch die Butzenscheiben gebrochen, als Nachtlicht dienen qualmende Unschlittlichter oder blakende Öllampen. Der Orbis pictus des Comenius schildert eine Gelehrtenstube, wie sie noch weit bis ins 19. Jahrhundert typisch gewesen sein mag. Er schreibt, das Museum oder Kunstzimmer, worunter später ja auch das Gelehrtenzimmer zu verstehen ist, sei »ein Ort, wo der Kunstliebende (Studiosus) abgesondert vori den Leuten, alleine sitzet, dem Kunstfleiß (Studiis) ergeben, indem er Bücher lieset, welche er neben sich auf dem Pult aufschläget, und daraus in sein Handbuch das bäste auszeichnet und darinnen mit Unterstreichen oder am Rand mit Sternlein (asteriscus) bezeichnet. Wer bey Nacht studieren wil (lucubraturus), der stecket sein Liecht auf den Leuchter, welches gebutzet wird mit einer Liechtscheer.« Noch Kant und Hegel haben ihr Werk bei nicht nur einige Stunden tut. Kerzenlicht geschaffen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die Petroleumlampe eine milde Helligkeit ins Studierzimmer, eine Wohltat für die ; überanstrengten Augen. Die gesellschaftliche Stellung des Gelehrten, nach außen hin durch ein gewisses pompöses Auftreten gekennzeichnet, war dennoch höchst fragwürdig. Diese Männer stürzten sich mit einem solchen Eifer ins Meer der antiken Bildung und zeitgemäßen Gelehrsamkeit, daß sie Essen und Trinken darüber vergaßen, ja man kennt Männer, die sogar vergaßen, sich auszukleiden. Brautschaft und Heirat waren, wie es in den berühmten Monographien zur deutschen Kulturgeschichte heißt, »meist nur unbequeme Störungen ihrer gelehrten Ruhe«, und da sie schwach von Einkommen, ja oft geradezu arme Schlucker waren, heirateten sie allenfalls Töchter aus haushalt, und wenn es dem gleichen Milieu, also aus dem Pastoren- oder Lehrer- hoch kam, eine reiche Handwerkertochter, doch nie Kaufmannsstand. Noch ein Jahrhundert später, in der in den sogenannten Zopfzeit vor der Französischen Revolution, war der Gelehrte eine oft lächerliche Gestalt, eingehüllt in einen Mor- genrock und eine Nachtmütze - man glaubte, es sei gesund, den Kopf warm zu halten -, überquellend von Wissen, das niemanden interessierte, und befaßt mit Problemen, die an der Wirklichkeit weit vorbeizugehen schienen. Daß sich auch in so bizarren Formen die menschliche Neugier regte, Geistesschärfe die Geheim- nisse der Natur zu erforschen begann und die Grundlagen für die wissenschaftlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts geschaffen wurden, gehört zum Panorama dieser Zeit. Schon damals aber war der Professorenstreit ein charakteristischer Fall menschlicher Rechthaberei, und nicht selten erhob die mit einem Talar geschmückte Dummheit auf dem Katheder am lautesten ihre Stimme. Anspielend auf die Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts schrieb ein Professor über seine Kollegen: »Die überfleißigen Gelehrten sehen andere Philipp Melanchthon Menschen so wenig, daß sie (1497-1560). Der bedeutende Humanist war ein enger um die Durchsetzung reformatorischer Ideen Mitarbeiter Luthers und machte sich verdient. Seine enge Bindung zum Gedankengut der Antike hatte nachhaltige Wirkung auf das deutsche Schulwesen. Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ,

PHILOSOPHIE NATUR.ALIS PRINCIPIA JS NE JfTT 0 N , Tritt. Profcflorc Lucafiano, & Coü. englischen Physiker, Mathematiker und Astronomen. ln diesem Werk legt er die sogenannten Newtonschen Axiome dar, denen er die in wechselweise Wirkung von Kraft und Masse erklärt. MATHEMATICA Aiitore Titelblatt des Hauptwerkes von Isaac Newton (1643 bis 1727), dem bedeutenden Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv Mathcfcos Cant ab. Soc Societatis RrgaJis Sodalt. IMPRIMATUR. P E P Y S. S. ’Julil Rt|. 5«. y L 0 N Juflu Societatif Regime ae Icsapod Sam. SmiibtA D.T auli t aiiofcj, Typ» noch viel daran, nern bestünde, die könnte, ohne daß R X. S S. DIN l infignia Princip» IVaUi* in Cccmiteno yiowaMDCLXXXVU. Lebens beständig eine Art von Halbwilden bleiben; es daß der größte Teil der akademischen Gelehrten aus Män- man außer ihrem sie E Jofcfbt Strcater. Profhnt Vcna- noonullos BibDopoIas. in Rücksicht des geselligen fehlt P 1686. Anstoß oder Kreise in gemischte Gesellschaft führen Stoff zum Lächeln gäben.« Die Abhängigkeiten dieser Männer von mehr oder weniger einflußreichen Hofschranzen, lies Verwaltungsbeamten, von Damen und Mätressen und schließlich von den Fürsten selbst waren beschämend. Weil sie selbst ihre Werke nicht selten auf eigene Kosten drucken mußten und kaum das nötige Geld aufbrachten, widmeten sie ihre Arbeiten in langen und gewundenen Floskeln der Devotion ihrem allergnädigsten Landesherrn in der Hoffnung, später ein paar Thaler als Druckzuschuß zu bekommen. Man war durchaus bestechlich, durchaus wankelmütig in seinen Ansichten, denn wer konnte sich schon Charakter leisten in Zeiten, da niemand eine solche Haltung honorierte. Um so eindrucksvoller war es, als sieben Professoren in Göttingen ihrem Landesherrn König Ernst August von Hannover Verfassungsbruch vorwarfen. Sie wurden am 14. Dezember 1837 amtsenthoben, darunter die Gebrüder Grimm, der Historiker Gervinus und F. C. Dahlmann. 242
Prinzipien der Vernunft Am schwedischen Königshof hatte man sich über die im Stil Liebe unterhalten, ein Disput dem Vorsitz der Königin Christina von Schweden einige Was ist die Liebe? Lehrt uns die natürliche Erleuchtung, der Zeit, und unter Fragen formuliert, z.B.: Gott zu lieben? Welche von beiden Unregelmäßigkeiten und schlechten Gewohnheiten ist schlimmer, die der Liebe oder die des Hasses ? Nach Art gelehrter Akademien legte man solche Fragen Männern vor, die es wissen mußten, und der französische Gesandte in Stockholm Chanut machte die Königin auf einen gewissen Descartes aufmerksam, einen französischen Mathematiker und Philosophen, der sich gerade in Holland aufhielt. Die Antwort faszinierte die Königin. Dem Gesandten erklärte sie, soweit sie diesen Descartes aus seiner Antwort zu erkennen vermöge, sei er der glücklichste aller Menschen, und sein Leben erschiene ihr beneidenswert. Natürlich war sie neugierig, und deshalb wünschte sie ihn zu sehen. Kein Mensch hätte damals voraussehen können, daß Königin Christina im Jahre 1655 in Innsbruck öffentlich dem protestantischen Glauben abschwören und in den Schoß der katholischen Kirche zurückkehren würde, und ebensowenig, daß man diese Sinnesänderung dem Philosophen Descartes als Verdienst anrechnen würde, der bereits 1650, wenige Tage nach seiner Ankunft in Schweden, gestorben war. Am 1. Februar 1650 hatte er der Königin noch seinen Vorschlag zur Gründung einer Akademie der Wissenschaften vorlegen können, und bereits zehn Tage später verschied er. Dennoch war später die Freude des Vatikans über die unbegreifliallein che innere der dem Wandlung der protestantischen Königin so groß, daß man dieses sonst eher mißtrauisch betrachteten Descartes zuschrieb. daraufhin im Zuge eines welthistorischen Mißverständnisses am Er 25. Juli Wunwurde 1767 in Frankreichs Pantheon beigesetzt. Niemand konnte ermessen, aus welchem Grunde Descartes tatsächlich einen im Pantheon französischer Größe hätte beanspruchen können, denn wenn Platz man auch seine Schriften kannte, so hat sich die Tragweite seiner Erkenntnisse doch erst im Laufe der Zeit herausgestellt. Descartes war der Ansicht, die einzig objektive Natur sei die mathematische, und er verstand die Materie einfach als Ausdehnung. Die ganze Naturwissenschaft war für ihn deshalb Messung und Mathematik. Diese Gedanken, wie übrigens auch das Trägheitsgesetz, waren in seiner großen Schrift »Le monde« enthalten, ein unvollständig gebliebenes System der Himmelsmechanik auf kopernikanischer Grundlage, an dem er vier Jahre gearbeitet hat. Als er von der Verurteilung Galileis hörte, resignierte er und publizierte später nur Teilergebnisse. Erst nach seinem Tod ist die Schrift erschienen, in der sich der berühmte Satz findet, der Körper sei »nichts als eine Statue, eine Maschine aus Lehm«. Damit war vorgezeichnet, was der folgenden Epoche an naturwissenschaftlicher Forschung aufgegeben blieb, nämlich die Mechanisierung des Weltbildes bis ins Detail. Schon bei der Entdeckung des Blutkreislaufes durch Harvey spielten solche Gedanken eine Rolle, die gesamte Physiologie und Biologie ist von ihnen beeinflußt worden. Der Fortschritt dieser rationalen Methode bestand darin, daß man 243
Blatt aus der erstell gedruckten deutschen Bibel. Die Miniaturen mit der Darstellung des Gastmahls der Söhne und Töchter Jobs sind handgemalt. Die Bibel wurde um 1466 von Johann Mentelin in Straßburg gedruckt. Österreichische NationaT bibliothek, Wien Szene in einer Schule. Grabrelief des Matteo Gandoni, 14. Jh. Museo Civico, Bologna
tHHtMfVIlltlf * Titelbild eines Lehrbuches für den jungen Maximilian den späteren Kaiser, ln der Vignette sind ein Lehrer mit seinem Schüler ahgebildet. , Miniatur aus dem Cod. Vind. Ser. Österreichische N ationalbibliothek n. , 267 entstanden , um 1466. Wien *
Beweise anstelle von Vermutungen setzen und Kausalitäten nach den Gesetzen der Logik nachweisen konnte. Als fruchtbar erwies sich der »methodische Zweifel«, den Descartes in seinem 1637 veröffentlichen »Discours de la Methode« so formuliert hat: »Ich glaubte daher, das Beste, was ich tun könnte, wäre, mich zu guter Stunde zu entschließen, alles, was ich bisher gelernt, und alle Meinungen, die ich gehört, von mir abzutun und nur das an die Stelle zu setzen, was mit meiner Vernunft in Einklang steht. Zwar entgingen mir nicht die großen Schwierigkeiten solchen Unternehmens, aber sie schienen mir zu überwinden, und gar gering gegen die kleinste Reform, die man im öffentlichen Staatswesen vornehmen will.« Diese vorläufige Verneinung alles dessen, was nicht rational erfaßbar und logisch zu be- gründen ist, ist seit Descartes zum Prinzip des europäischen wissenschaftlichen Denkens geworden und macht zugleich seine Begrenztheit und seine Stärke aus. Schritt um Schritt hat Descartes auf diese Weise geprüft, was sich an Vorurteilen und Meinungen angesammelt hatte, und ist zu dem berühmten Satz gekommen: Cogito, ergo sum, der unterschiedlich übersetzt werden kann, etwa »Ich denke, habe Bewußtsein, also bin ich«. Holland war, zu Gottesbeweisen gelangt, die dann von Kant aufgegriffen und in der »Kritik der reinen Vernunft« analysiert worden sind. Als Mathematiker hat er das Verfahren entdeckt, die Algebra auf die Geomealso existiere ich« oder »Ich Descartes ist später, als er in Rene Descartes (1596-1650), französischer Mathematiker und Philosoph, am Anfang der neu- steht zeitlichen Philosophie. Er zeichnete sich ferner durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der analytischen Geometrie und der Physik aus. Kupferstich des 18. Jh. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
die Geometrie auf die Algebra anzuwenden. Man nennt das Geometrie und kann damit algebraische Rechnungen geometrisch darstellen oder geometrische Sätze rechnerisch ermitteln. Überall, wo heute Funktionen formuliert werden, ist diese Methodejünerläßlich sie stellt den eigentlichen europäischen Beitrag zur Entwicklung der Mathematik dar. Übrigens lag sie in der Luft, denn nach dem Tode des Juristen Fermat (1601-1665) fand man in seinen Papieren die gleiche Entdeckung. Man kann sagen, daß die abendländischen Naturwissenschaften auf der Grundlage der Mathematik, vor allem der analytischen Mathematik, und der experimentrie und umgekehrt die analytische ; Methode entwickelt worden tellen eine entscheidende Rolle gespielt, - er war sind. Im Bereich der Mathematik hat Descartes während er das Experiment vernachlässigt hat ein Denker, kein Bastler. Methode wird im allgemeinen mit Francis Bacon Verbindung gebracht, doch hat er sie in seiner utopischen Schrift »Nova atlantis« (1626) nur unscharf formuliert. Er setzte nämlich den allgemeinen Die experimentelle (1561-1626) in Sätzen eines Aristoteles die sogenannte induktive Methode entgegen, die besagt, man solle erst einmal alle Fakten, z.B. über Wärme, zusammenstellen und dann vom Allgemeinen auf das Spezielle gehen. Wichtiger ist der Schritt des Galilei gewesen, der ein Teilproblem isolierte, etwa um bei Ermittlung der Fallgesetze, sich auf diese Weise, ganz im Sinne Descartes', Daten zu verschaffen. Kant hat in seiner »Kritik der reinen Vernunft« das Problem so formuliert: »Die Vernunft mende Erscheinungen Experiment, das um von sie muß die Prinzipien, nach denen allein übereinstim- Hand, und mit dem der anderen an die Natur gehen, zwar für Gesetze gelten können, in einer nach jedem ausdachte, werden, aber nicht ihr belehrt zu was der Lehrer in in der Qualität eines Schülers, der sich sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt.« alles vorsagen läßt, will, In diesem Zeitalter, das die Entdeckung neuer Kontinente und ihre Unterwerfung durch einen aggressiven europäischen Kolonialismus brachte, war alles in und den Schriften seiner bedeutendsten Zeitgenossen finden sich erstaunGegenwart. So hat Francis Bacon, ein Philosoph, Staatsmann und glänzender Schriftsteller, schon damals ein binäres System für die Kommunikation entworfen, d.h. ein Schema wie etwa ein Morsesystem, das alle Buchstaben des Alphabets auf ein Zweiersystem wie bei Computern umschrieb. Der Tod dieses Mannes, der 1612 Lordkanzler gewesen ist, war bezeichnend für Fluß, in liche Vorgriffe auf die Neugier dieser Epoche, in der die Wissenschaften ein Jahrhundert nach der Erfindung neuer Drucktechniken so große Energien entwickelten: Wähdie unersättliche rend einer winterlichen Schlittenfahrt zum Gut eines Freundes, auf Neujahrsfest erleben wollte, kaufte sich Francis Bacon, damals ein dem er das Mann von 65 ausgenommenes Huhn. Er füllte es mit Schnee, um auszuprobieren, ob man Fleisch auf diese Weise konservieren könne. Zwar kam er zu einem prin- Jahren, ein zipiell positiven Ergebnis, aber um den Preis einer Lungenentzündung, an der er bald darauf verstarb. Neu wie die Denkansätze jener Epoche waren auch ihre technischer. Hilfsmittel. Das Fernrohr hatte Galilei wissenschaftlich hoffähig gemacht, wenn es auch noch 247


Francis in Bacon (1561-1626) der Philosophie. Er König Jakob L bis gilt als Begründer des englischen Empirismus ein hervorragender Staatsmann der war außerdem zum , Lordkanzler brachte. Kupferstich Mitte ly. , es unter ]h. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv (vorhergehende Doppelseite) Modell der Druckereiwerkstatt des Cennini. Das 15. ]h. bringt eine der wesentlichsten Erfindungen für die Entwicklung des Bildungswesens unserer Zeit. Durch den Buchdruck, d.h. die unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten, gelang es, Wissen zu popularisieren und zugänglich zu machen. Museo es einer breiteren Schicht der della Scienza, Florenz Bevölkerung
lange dauerte, bis die ersten Spiegelreflektoren, die das Licht verstärkten, einen den Weltraum eröffneten. Mikroskope sind wohl zuerst in Italien bei den Sitzungen der berühmten »Gesellschaft der Luchse« benützt worden, deren Name ja auf die Scharfsichtigkeit anspielt. Vermutlich hat der Niederländer Karl Janssen (gest. 1619) aus einfachen Linsen die ersten Apparate gebastelt, die dann den Namen »Mikroskop« bekamen. Auf die Einzelheiten der technischen Entwicklung soll hier nicht eingegangen werden, wichtiger ist der geistige Hintergrund. Blick in Damals glaubte man, das Gehirn kühle das Blut, Bienen könne man zurück in den Stock locken, wenn man sie mit dem Staub von der Spur einer Schlange bestreue- das hatte schon Plinius behauptet -, und Steinchen aus Schwalbennestern hülfen gegen Epilepsie. Man wußte nicht, wie bei den Pflanzen die Fortpflanzung vor sich geht, und so war kommen unvorbereitet. man auf das, was Zwar gelang man im Mikroskop sehen würde, voll- der Blick in die Welt des Winzigen - wenn auch nur mit einer Linsenkombination aus einer Okular- und einer Objektivlinse, aber diesem Einblick entsprach noch keine geistige Dimension. Ein paar Männer setzten sich an den neuen Apparat und zeichneten, was sie sahen oder zu sehen glaubten, so der Italiener Francesco Stelluti oder der am Hofe Ludwigs XIV. tätige Mediziner Pierre Vorel. Ebenfalls in Italien erforschte 1601 Marcello Malpighi die füllte. Auch die Haut, die Zunge, die Spinndrüse und die Lungen von Insekten hat Malpighi untersucht, der seit 1656 Professor für Medizin an der Universität Bologna war. Er bietet übrigens ein glänzendes Beispiel dafür, daß der Mensch nicht selten sieht, was er sehen will, selbst im Bereich der Biologie. Malpighi glaubte nämlich wie jedermann, daß im Ei schon das fertige Huhn vorhanden sei wie der Schmetterling in der Puppe oder im Froschei der fertige Frosch, und als er die Eier unter die Linse legte, sah er tatsächlich, was er erwartete. Das war die Geburtsstunde der sogenannten »Praeformationstheorie«, die eine Lunge, die er mit Quecksilber eines Seidenspinners ebenso unzulängliche Erklärung für die Wunder der Fortpflanzung lieferte wie die Immerhin war sie durch Tatsachen erhärtet, so daß noch »Abgrund an Gelehrsamkeit« Albrecht von Haller (1708-1777), ein Wunder- bisherigen Auffassungen. der Thema schreiben konnte: »Ohne daß der Same in den Uterus kommt, kann kein Tier, das zwei Geschlechter hat, fruchtbar werden. Die Ursache war verborgen, bis Vergrößerungsgläser lehrten, daß dieser ganze Saft, kind seiner Zeit, zu diesem im Menschen und in allen anderen Tieren, mit lebendigen Tierchen angefüllt ist, die Älchen ähnlich, aber dickköpfig und mit einem feinen, aber zuversichtlich sichtbaren Schwanz versehen sind Daß es Tierchen sind, erklärt man aus der mannigfaltigen Bewegung, der Vermeidung des Aufeinanderstoßens, ihren Rückkehren und Abänderung ihrer Schnelligkeit.« Ganz geheuer scheint ihm dabei nicht gewesen zu sein. Mit 28 Jahren war dieser Mann, der als Physiologe den Weltruf Göttingens begründet hat, Professor für Anatomie, Chirurgie, Chemie und Botanik, aber der offenbare Widersinn der »Praeformationstheorie« erschien ihm einleuchtender als die Tatsache, daß sich aus dem mit einer flüssigen Substanz . gefüllten winzigen Spermium entwickelt, das noch dazu art- Eltern ähnlich . . Wesen mit Augen, Knochen, Haaren, Federn und gattungsgemäß bis ins Detail und sogar den ein ist. 25I
Jüdische Schule. Der Prophet Samuel unterrichtet Miniatur aus dem Cod. 3.085, Fol. 134, 15. Jh. Österreichische die N ationalbihliothek , die Kinder. Wien Eingangsseite zu einer Aristotelesausgabe der Renaissance. Die Besinnung auf Antike bringt auch ein neues Aufleben der philosophischen Gedanken dieser Zeit. Besonders Aristoteles wird dank seiner bis heute gültigen begrifflichen Klarheit zum Vater der modernen Wissenschaften. Miniaturseite mit dem Vorwort des Argiropilo zu seiner Aristotelesausgabe 15. Jh. , Biblioteca Laurenziana, Florenz
PrAEFATIO lOHANNI S AROlROPyLl BIZA U'ROSAD TI' INPHISICORV.WARISTOT PR^ST ANT155IMVMVI RVM PETRVM. ME Dt ’ HHSnaHMBHM CEM OH ANNES .A^GI KO P 1LV S B IAN TIVS.M AG NIF1G VI R,0 PETRO-At I dtct -S P Warum rändern traöucendum ut noPoH'frtacr.iT ckctr.Cvur! Ad ftudiorum : quo fomsu utrruf öneftabiltmtm cEa dr • Nom oarrq. toter : Kurmnitol . itb. patnrnon fme'ommum detrunemo exn dusturmtaf tcin|wrtf fedanr' taidf dolore! random mm tarnen inserdum ut artrcclaticne* trrum carum cruarid : eomebm. obm o:.:r> accrbifliroo •. : Ar' fi fit ad Kone ata, anamim A^puUllem tmo non mrnorern ammo cctn dotnrem mtnon .\ltrtte dtomirn meemutn tlU mbcermffuue oetrr co di e* illud mllttunonem nobii canflimusn v iO craur eo.ntnure-f : cum uutetrt jjertmebattt icml ilu dolor quem • cpcq. nobif . dltuf obitu ccpumif ar j Vt entm me' ad td rseqocu rcruu Ion 00 tn-tcrual dmim bomtmf mterrmflum eum ad quem otnmi meus 1 q molrftta rerööctur tq> ram-rr - ; ( Labor »iluif : emmf adho . cumntf mfhnmo utre'refcrrbatm*': connnuc* mente atq. mno tecjuilim lux neftra rttal lila : £t neu Cepuif rrpetreo ub? dl : utn ibudxoruro fumma. |»uf nunc . macum t'rtru.n deflcui tarnen auafi : cOec tmuntunmi nouo quodam tuf non : : fine olummd ac oancitatqr tum : ': . utn audio ommum S utv.n n ifpru bar 1 Ce tncdmo de" tiluif obreu mtbi dolore' uehementrr' pcnculfuf ata, Lacrtrmf cndnr.xtrm comrnunem noflrum aoerbiCftmam dcoioraui ; parenf tibi arq ttcrum occlamaui.tt quanouam antra nunc, cum necdTaruf commune 'X?£ dum demmenmmq «oß«?rum txmeepf nofirt*' prnnü com mo omraam- mibi dolorem eurem prrtmtqr trtnöorum fxkcuim rccordano trvde ftanm emcHä. öartm • tmim prdenttü t
/ Diese Praeformafionstheorie stammte von Pierre Gassendi (1592-1635), einem philosophischen Gegenspieler Descartes'. Sie ließ einige Fragen offen, z. B. die, wie denn die Folge der Generationen durch die Jahrtausende zu erklären sei. Der Italiener Spallanzi war konsequent und nahm an, daß das Ei nicht nur das neue Lebewesen en miniature enthielte, sondern alle künftigen Abkommen. Er bezog das Welt- und andere Größen auf seine Theorie und kam auf 20000 Millionen Exemplare je Ei - damit war die Praeformationstheorie an ihren Widersprüchen alter Wolff (1733-1794) hat in seiner 1759 erschienenen »Theoria generationis« exakte Beobachtungen an Ei und Pflanze verarbeitet und die sogenannte Epigenese gelehrt. Damit ist gemeint, daß sich aus unorganisiertem Stoff immer wieder neue Individuen bilden die Entwicklung jedes Lebe- gescheitert. Erst Caspar Friedrich ; Himmelsglobus, 1707 von Gerhard Valk Österreichische N ationalbibliothek , in Amsterdam Wien Bildarchiv, angefertigt.
wesens wird also als eine Kette von Neubildungen verstanden. Ähnliches hatte zwar schon Aristoteles gelehrt, aber man war nun, unter Einbeziehung unwiderleglicher Beobachtungen, gleichsam auf einer höheren Ebene zu diesem Gedanken zurückgekehrt. Büchersammlungen und Büchernarren Die Wände sind holzgetäfelt, im übrigen aber mit kunstvoll gearbeiteten Bücherschränken vollgestellt, die man verschließen kann. Von der reich stuckierten Decke hängt ein Haifisch oder der Zahn eines Narwales, man sieht einen mächtigen Erdglobus, und das blanke Parkett knarrt unter jedem Tritt. breiten Mauernischen fällt die Morgensonne; geht hinaus in den Garten, aber wer diesen Durch die Fenster in ihren der Blick aus der Schloßbibliothek Raum besucht, will nicht die Aussicht genießen, sondern die Bücherschätze kennenlernen, die Werke des Wolff und Thomasius, Semler und Pfufendorf, lateinische und griechische Folianten, geographische Berichte, mathematische Werke, die Schriften eines Voltaire oder die Enzyklopädie des Diderot. dem Gelehrten Ursprünglich standen was der Gelehrtenstand ja in keine Bibliotheken zur Verfügung, und Im 18. Jahrhundert hatte sich zunehmendem Maße außerhalb der Geistlichkeit gebildet, er nicht selbst besaß, war auch nicht griffbereit. war ihm der Zugang zu den Klosterbibliotheken auf Weise verlorengegan10000-20000 Bänden, die in einem beschränkten bürgerlichen Hause mancherlei Probleme aufgaben. Der Polyhistor und Arzt Gottfried Thomasius (1660-1746) besaß rund 30000 Werke, die in einem gedruckten Katalog verzeichnet waren, und der zu seiner Zeit berühmte Theologe Valentin A. Löscher (1673-1749) in Dresden hatte gar 50000 Bände in seinem Besitz. Mit öffentlichen Bibliotheken hätten solche Männer, die sich der Zeit entsprechend zu vielerlei Themen äußerten, auch kaum arbeiten können, denn ein Gelehrter allein hätte viele tausend Bände blockiert. Trotzdem setzte sich der schon in der Antike und im Islam realisierte Gedanke, öffentliche Bibliotheken zu schaffen, nach Jahrhunderten einer elitären Abgeschlossenheit auch in Europa erneut durch, und einige große Vorbilder halfen, diesen Gedanken weiterzutragen. Es gibt zwei große, öffentliche Büchereien, die als Muster dafür gelten können, wie auch auf diesem Gebiet private Initiative die Grundlage für eine bedeutende kulturelle Leistung schuf, und zwar sind dies die Bodleiana in Oxford und die Ambrosiana in Mailand. Sir Thomas Bodley, der Gründer der Bodleiana, wurde am 20. Juni 1604 von König Jacob I. zum Ritter geschlagen, am gleichen Tag, an dem durch feierliches Dekret bestimmt wurde, daß diese Einrichtung nach ihrem Gründer zu nennen sei. Er dürfte der einzige Ritter in Europa gewesen sein, der seine Würde weder seiner Tapferkeit noch seinem Geld und Besitz, sondern einzig seiner Liebe zu Büchern verdankte. Bodley ist ursprünglich Diplomat gewesen. Als er sich von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte, stellte er sich die Aufgabe, die Büchersammlung von Oxford, von deren Zerstörung schon die Rede war, wieso diese gen. In dieser Zeit entstanden die großen Gelehrtenbibliotheken von 255
%rr jrmäuli bif Irr jrra mit uß Irin aller ßURiürn Fvimöt im Iratan eiimtfim Kan uo öuriij rin Kr uor nif rar üütbtoiira ftan irr maß to^irij unö balö üfpffra tra gumütlm imaß rr mag non firttor Inum Im frijulö uff fdjnbni uhD lafrn uirrm uir srlrraora Ran so uugrfdjitKt umfDrn unll ub um mit uuü ur trrnra Dittöi fi^nünt xniti lafira p nrh^rt mm rt c4^ttfs hflilMt ittth -nartU n**l> tut Kum ttr&Frourani turr btt bföarff t>rr nm Öflrrr litt ttOlb rin Öm ?imlnbni lou frOttUflfien mm sam ^brr mt ********* *** f«V barin-ötr öir ijuagra tTPiunnhw*< ift uriit örinoltrfj Knaben intö mri &mtn ,»,] äimo m rrrrr m r<-rrr p . mmm*» mmm Hü -'Wäg der aufzubauen. Er kaufte nicht nur von allen Seiten Bücher, sondern überwachte selbst die Ausstattung der Bibliotheksräume und besprach die Ankäufe mit seinem engsten Mitarbeiter, dem Buchhändler John Bill. Dieser reiste durch ganz Europa und erwarb in Rom und Padua, Venedig und Wie Gönnern finanzielle Unterstützung zu gewinnen. Ihre Namen wurden in einem Buch verzeichnet, das die Namen des Gründers und der Universität trug und dessen kostbare Ausstattung die Spender ehren sollte. Am 8. November 1602 fand die denkwürdige Eröffnung dieser Frankfurt/M., Florenz und Mailand kostbare Handschriften und Druckwerke. viele selbstlose Organisatoren verstand er es, bei ersten öffentlichen Bibliothek Europas statt; sie nannte sich »publica bibliotheca« und stand im Gegensatz zu den Kollegien-Sammlungen allen Mitgliedern der hervorragenden Beständen, in ihren griechischen und orientalischen Handschriften, ihren wertvollen Frühdrukken liegt ihre Bedeutung, sondern in ihrem Prinzip, die Bücherschätze möglichst Hochschule offen (Schottenloher). Nicht in ihren dem öffentlichen Zugang großzügig zu öffnen. Ambrosiana in Mailand kann als eine der ersten öffentlichen Bibliotheken gelten, wobei der Maßstab strenger Wissenschaftlichkeit anzulegen ist. Allein daß der Gelehrte zu bestimmten Schriften freien Zugang hatte, daß man liberal zu verwalten und Auch die 256
Ä Tg ra grunat öo Dum rr mag rnra jra Mus irmra iw titjutö Fvuü lotanD um» es nif grlmtra ftau so ungrütjufet rorrr t>rn ujiU nt) um nut imö uergrbm girrt tjabm tmb gaui^n mm ?m ?ü Um nrmra rt fig memuieü Imrgr oörbautujercfea i ftUra ftoumra iraö junAfeoutum lurr fin üröarf brr feumjiar )iii Aushängeschilder eines Schulmeisters. Ein Lehrer erklärt zwei Analphabeten ein Schriftstück (links), während oben ein Schulmeister und seine Frau Kindern das Lesen beibringen. Gemalt auf Holz von A. Holbein, 1516. Kunstmuseum, Basel die Büchersammlung nicht als Privatbesitz eifersüchtig hütete, sondern gleichsam nur treuhänderisch verwaltete, war ein beachtlicher Fortschritt. Der nächste Schritt, der Bibliotheken für die breite Öffentlichkeit schuf, ist erst sehr viel später Frederigo Borromeo und Kardinal in seinem Bischofssitz eine Unterrichtsanstalt, das Collegium Ambrosianum, gründete und ihm eine Bibliothek angliederte. Auch hier reisten Aufkäufer durch ganz Europa wie Jahrhunderte zuvor die Antiquare des Islams durch den Vorderen Orient, und getan worden. Die Ambrosiana geht auf den Grafen (1564-1631) zurück, der als Erzbischof von Mailand wie eine antike Bilderhandzu erwerben. Auch die Vergilhandschrift Petrarcas wurde dem Bestand eingegliedert, dazu Hunderte von kostbaren antiken Handschriften, die aus verschiedenen Klöstern erworben worden waren, ebenso die kostbaren Sammlungen des Genuesen Pinelli aus dem 16. Jahrhundert und die des Rechtsgelehrten tatsächlich gelang es ihnen, so einmalige Schriften schrift der Ilias Cesare Rovidio. Die Bibliothek erhielt einen der ersten barocken Bibliotheks- räume; er besaß keine störenden Pfeiler mehr, dafür eine wundervoll stuckierte Decke und eine in halber Höhe umlaufende Galerie, die aber den Gesamteindruck nicht beeinträchtigte. Am 10. Dezember 1609 wurde die neue Einrichtung als all- gemein zugängliche Bibliothek eröffnet. Sie hat nach 257 dem Tode ihres Gründers
M EX ICANA: AFRICA GER ARD I MERCM AStA , ,;, r ! •. Ip'kVANA. MAGAtAi N ICA. A T SIVE LA S (> X>, ,. COSMOGRAPHICÄ, MEDITATI ONES DE FAB RICA MVNDI ET FABRICATI FIGVRA Deruio auAiu /SSß, •ETOisiiM" gprrxw QYAWAK jediti Sumftihm u? tvm AtäüCi Jtondij^ Imfkmhmi ^falhSn. :
nicht recht floriert, da eine Bibliothek Gründung als von den Mitteln ja weniger von den Investitionen ihrer für ihren Unterhalt lebt. Nur das Jahr 1657 brachte noch einen Höhepunkt, denn der Graf Galeazzo Arcomati schenkte die berühmten Urschriftenbände Leonardo dä Vincis. dem Institut auch Studenten geöffnet wurde, die Universitätsbibliothek Göttingen gewesen. Die alten Bibliothekare, die solche Sammlungen verwalteten, haben sich meist nicht mit dem Katalogisieren aufgehalten und ihre Schätze wie eigenen Besitz geliebt. Da es sich nicht um unüberIn Deutschland die erste Bibliothek, die ist schaubare Büchermassen handelte, kannte ein solcher oft konnte er dem suchenden Mann seinen Bestand, und Man hat solche Posten Leser gelehrten Rat spenden. denn auch nicht so sehr nach abstrakten Richtlinien, sondern mit menschlichem Verständnis für einen bestimmten Forschertyp besetzt. Für Männer wie Leibniz, Lessing oder Hoffmann von Fallersleben war der Posten eines Bibliothekars ein zwar ungeliebter, aber sturmgeschützter Hafen. Nach dem Vorbild Göttingens wurden dann auch die fürstlichen und städtischen Bibliotheken eröffnet, freilich nur wenige Stunden in der Woche, und meist wurden sie von einem Pfarrer oder Professor im Nebenamt verwaltet, nicht anders als heute die Zwergbüchereien der gemeinnützigen Vereine oder Bildungsvereine oder wie die zu kleinen Werksbüchereien, die oft aus diesem Grund ein jämmerliches Leben fristen. Ein wahrhafter Bibliomane war in Deutschland Herzog Ernst der Jüngere von Braunschweig, der im Jahre 1644 in Wolfenbüttel eine neue Bibliothek schuf, denn die bisherige Sammlung war nach Helmstedt entführt worden. Bereits nach 20 Jahren besaß er 28000 Bände und 2000 Handschriften, die er höchst eigenhändig verwaltete. Wie ein Geizhals seine Einnahmen, so trug er die neu erworbenen Bücherschätze eigenhändig in vier mächtige Quartbände ein und sorgte selbst für die Ordnung in seinen Beständen, ein unverwechselbares Merkmal des geborenen Bibliothekars. Vom Tischler ließ er sich, auf Rationalisierung bedacht, für die Benutzung der schweren Katalogbände halten ein Drehpult hersteilen, das heute noch er- ist. Es sind damals eine Reihe von Nationalbibliotheken entstanden, darunter die Schloßbibliothek zu Berlin, die durch ein 1659 im Feldlager zu Jütland vom Großen Kurfürsten unterschriebenes Dekret öffentlich zugänglich gemacht wurde; Öffentlichkeit bedeutete, daß eben nicht nur der Kurfürst und sein Hof, sondern auch Außenstehende die Bücher einsehen durften. Diese Bibliothek ist der Grundhochberühmten Preußischen Staatsbibliothek gewesen. Andere bedeutende Institutionen dieser Art waren die 1558 von Herzog Albrecht V. gegründete Staatsbibliothek zu München und die Nationalbibliothek in Wien, die auf Kaiser Maximilian I. zurückgeführt werden kann. Das Barock hat auf die Ausgestaltung des Bibliothekraumes im Sinne eines Schauraumes besonderen Wert gelegt in Wien hat Fischer von Erlach den berühmten Kuppelsaal der k.u.k. -Hofbibliothek geschaffen, einen 78 m langen und 15 m hohen Saal mit korinthischen stock der später ; Geographischer Atlas, von Gerhardus Mercator (1512-1594) verfaßt. Der niederländische Geograph und Kartograph ist der Schöpfer der ersten modernen Landkarte. Titelkupfer 1611. Staatsbibliothek Berlin , , Bildarchiv
Säulen und Pilastern, reichen Stukkaturen und Holzschnitzereien; dieser zählt heute zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt starken Eindruck vom Stil der Zeit, in dem die Raum und vermittelt einen Bücher genau besehen nur die Rolle eines Dekors spielten. Wenn das 17. Jahrhundert gleichsam im Bereich des Buchwesens die Epoche der großen, historischen Sammlungen war, so das 18. Jahrhundert das der Bibliophilie. Der Bibliophile entfaltet seine Kennerschaft 260 am seltenen Stück, ob es sich nun um
Die Entdeckung der Natur in der Renaissance wirkt sich nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet aus sondern findet auch Eingang in den künstlerischen , Schaffensprozeß. Mit großer Liebe zum Detail malt A. Dürer eine Akeleipflanze (links) und den Federflügel einer Blauracke (oben). Beide Aquarelle, 1503 und 1312 entstanden, gehören der Albertina, Wien einen frühen Druck, einen besonderen Einband, das letzte Exemplar einer vergrif- fenen Ausgabe oder eines mit einer nerschaften gibt es überall, wo Widmung des Verfassers handelt. Solche Ken- gleiche Interessen herrschen, auch bei Kakteen- freunden und Briefmarkensammlern, aber die Bibliophilie, die Leidenschaft für das Buch, hat doch einen besonderen Aspekt, weil sie sich mit unmittelbarer als Dingen befaßt, die andere Sammelobjekte die geistigen Strömungen der Zeiten spiegeln. 261
Mit dem Buchdruck entstand praktisch ein neues Gewerbe, das des Buchbinders, denn bisher hatten die Mönche selbst oder Buchbinder an den Universitäten die man ein rationelles Verfahren, die mit einzelnen Prägestempeln mit einer einzigen Platte zu prägen. Solche Plattendrucke aus dem 1 6. Jahrhundert oder die persisch gebundenen Bücher, wie man sie in Italien kennt, mit ihrem ornamentalen Handschriften eingebunden. In Holland erfand Dekoration des Einbandes statt Schmuck sind beliebte Sammelobjekte. Auch die Vergoldung haben die Italiener von ihren persischen Lehrmeistern, vermittelt durch den Islam, abgelernt. Kostbar waren die Drucke des Aldus Manutius, eines venezianischen Druckers, der die erste Kursivschrift eingeführt hat; »Aldinen« heißen die kostbaren alten Klassiker- ausgaben aus dieser Werkstatt. Das erste mit einem Kupferstich Bücher, ist 1477 in illustrierte Florenz erschienen. Nun ist Buch, Vorläufer aller illustrierten der Kupferstich eigentlich für den Buchdruck ungeeignet, denn hier drucken die stehenden Teile. Buchdruck ist Hochdruck, während beim Kupferstich die in die Platte mit der Nadel eingestochenen Linien, mit Druckerschwärze gefüllt, drucken, d.h., ein Kupferstich ist ein Tiefdruck. Man kann deshalb beide nicht in einem Arbeitsgang drucken, die Kupferplatte also nicht in die gesetzte Seite einpassen und drucken. Ursprünglich gab es deshalb nur kostbare Titelkupfer, und erst später kamen Kupfertafeln hinzu, »Der fleißige Student« ist diese Szene in einem Studiensaal überschrieben. Damals vollzog sich die Ausbildung an den Universitäten in einem weit universelleren Rahmen als heute. akademischen Lebens«, r 'K ltllÄ 'lic um Kupferstich aus »Natürliche Abschilderung des 1725. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv WU> ehr*#, ( <-h*ku.tn/ ytm. dwter Jetn fingentZurit., fötbfi >n ffusit ^trtezi ßffcJktsn, <; ( kvjtiuzrn StJuzrJhvßMrdwf b*f’ behebt ttff zieht iler nitti-hfrftbit. Jh witO bitid un 'yvmwhzw' »w , tu Ph*~ru Mi tr.tyst rwbt.-^ Ch£*trt,y
auch dies ein Angebot neuer Erkenntnismöglichkeiten. Nun wurden große Werke mit naturwissenschaftlichen, geographischen, botanischen oder architektonischen Abbildungen Mode, so kennt man ein riesiges Werk über Indien von Theodor de Brys (1590-1625), Martin Zeillers »Theatrum Europaeum« oder Georg Brauns »Theatrum urbium«. Der Schweizer Matthäus Merian (1593-1650) mit seinen Städteansichten, »Topographien«, die von seinem Sohn fortgesetzt wurden, und die Tochter Maria Sybilla Merian (1647-1717) mit ihren faszinierenden Stichen aus der Blumen- und Schmetterlingswelt Surinams gehören in diesen Zusammenhang. Im Rokoko gehört die umfangreiche Bibliothek zum standesgemäßen Lebensstil des Grandseigneurs wie die literarische Bildung zu seinem Auftreten, und als 1738 die Bibliothek des sächsischen wurde, erwarb la Valliere, der sie Gesandten Grafen in Paris, des Hoym, versteigert der später größte Bibliophile Frankreichs, der Herzog Louis de damit seine Laufbahn als Büchersammler begann. Als er starb und Auktion 181 Tage. Berühmt war der sein Besitz versteigert wurde, dauerte die Buchbinder des Hofes Padeloup, dessen rote Lederbände mit Spitzenmustern zu den Kostbarkeiten der Einbandkunst gehören. In dieser Epoche werden die Bücher mit Vignetten geschmückt wie die Häuser mit Blumenvasen, und das übergroße Besitzetikett, das »Ex libris«, bezeichnet den Besitzerstolz dessen, der die Bücher erworben hat. Realistisch gesehene und liebevoll gestochene Kupferstiche, etwa von Moreau oder Chodowiecki, beleben die Seiten, und das reiche literarische Leben äußerte sich in den verschiedensten Produktionsformen. Damals entsteht der erste »Selbstverlag der Autoren« für Klopstocks »Geburtenrepublik«, das Allgemeine Preußische Landrecht, eines der fortschrittlichsten Gesetzeswerke der Zeit, bringt 1791 zum erstenmal eine Art Verlagsrecht und schützt das Recht des Verfassers; andere Länder folgen diesem Beispiel, so hören die Raubdrucke allmählich auf, und die steigende Buchproduktion wird von einem immer lebhafter werdenden Buchhandel umgesetzt, man geht vom Tauschhandel zum Zahlungsverkehr über und gründet die Leipziger Buchhändlerbörse - das geist zum selbstverständlichen Bestandteil der menschlichen Kultur geworden, unübersehbar in seinen Wirkungen, denn aus Geschäftsinteresse werden immer neue Leser aufgespürt, verbreitet man Wissen bis in den letzten Winkel druckte Buch des Landes. Schrittmacher der Revolution Bereits der erste Band dieser Enzyklopädie hatte die Herausgeber mit der Kirche in Konflikt gebracht, aber man hatte sich nicht beirren lassen. Als der siebente Band erschien, gab es einen solchen Sturm der Entrüstung, daß selbst Voltaire riet, das Vorhaben aufzugeben. Diderot jedoch hielt an seinem Programm fest und veröffentlichte 1765 zehn Textbände auf einmal. Man braucht den Vorgang nur in die Gegenwart zu übersetzen, etwa in einen Verlag, dessen Pläne von einem Aufsichtsrat kontrolliert werden, um zu verstehen, wie unmöglich es heute wäre, ein solches Wagnis einzugehen. Zwar spielt inzwischen die kirchliche oder staatliche 263 1
Der Schulmeister. Gemälde von Adrian Ostade, Zensur nur noch in wenigen Ländern eine ly. Jh. Louvre, Paris Rolle, aber der funktioniert deshalb nicht weniger wirksam, Kontrollmechanismus und die Verflechtung wirtschaftlicher Zwänge behindert die freie Entfaltung von Ansichten, wenn Meinung gegen sich haben. diese die öffentliche Enzyklopädien (griechisch: Umkreis der Bildung) sind damals gefragt, man will Ausweitung des Wissens, und das Interesse an den Realitäten der Umwelt wächst, auch wünscht man in diesen Zeiten konkurrierender Ideen Schritt halten mit der auf dem laufenden zu sein, um sich sein Urteil selbst bilden zu können. Es hat in der Geschichte mehrfach solche Zeiten gegeben, in denen das Bedürfnis nach Überblick besonders stark gewesen ist, nicht nur in Europa. In China z. B. ist nach 1403 die größte Enzyklopädie der Welt, die »Große Kaiserliche Enzyklopädie«, von etwa 3000 Kopisten geschrieben, aber niemals gedruckt worden. Aus einer späte- 264
Werk »Ku-kin t'u-schu tsiExemplar im Britischen Museum in London steht; es umfaßt 5000 Bände mit insgesamt ca. 10000 Büchern. In Europa geht die Tradition der Enzyklopädie auf AristojHes, Plinius d. Ä., Francis Bacon (Novum Organon, 1620) und Hrabanus Maurus (De Universo) zurück, deren Werke ebenso wie die Zusammenfassungen einzelner Wissensgebiete den Gang ren Epoche stammt tsch'eng«, von dem das nach Sachgruppen geordnete ein vollständiges der Wissenschaften begleiteten. Freilich wirkt keine dieser Publikationen so revolutionär wie die Enzyklopädie, Auch (1713-1784) herausgibt. Unmittelbar vor Werk von dem der die junge Schriftsteller Denis Diderot hier gibt es unmittelbare Vorläufer. Zeitalter der Enzyklopädisten gab es in Deutschland ein Alsted (1588-1638) mit dem Titel »Scientiarum omnium Encyklope- dia«, also etwa »Enzyklopädie aller Wissenschaften«, in Frankreich das »Diction- naire historique et critique« des führenden französischen Skeptikers Pierre Bayle, England die »Cyclopaedia« des Engländers Ephraim Chambers, die 1728 Das Werk des Deutschen Alsted hat Leibniz bearbeiten und neu herausgeben wollen, den Plan aber dann fallengelassen. Um den Chambers bemühte sich und in erschien. der Verleger Le Breton und gewann Diderot als Übersetzer. Schon bald entwickelte Diderot die Idee einer großen französischen Enzyklopädie, deren Herausgabe er sich zunächst mit d'Alembert teilte, bis dieser unter dem Druck der Jesuiten 1757 Von 1751-1780 erschienen die 35 Bände der Enzyklopädie, für die Diderot selbst mehrere tausend Artikel schrieb, ein freier Geist, der Weitblick mit zurücktrat. stilistischer Leichtigkeit verband. Diderot versammelte um sich als Mitarbeiter Männer wie Turgot, Montesquieu, Rousseau und Voltaire. Das Zentrum dieses Kreises war das Haus des Barons Holbach (1723-1789), der einen konsequenten philosophischen Materialismus und Atheismus vertrat. Auch am Hofe man neuen Bände des Werkes, das so übel beleuvon der Kirche entrüstet abgelehnt wurden, zumal der Text flüssig geschrieben und selbst für Damen faßbar war. Das Ziel dieses Lexikons war es nicht, den Wissensballast der Vergangenheit zu konservieren. Vielmehr wollten Diderot und seine Mitarbeiter mit kritischer Vernunft die menschlichen Verhältnisse und Kenntnisse insgesamt darstellen, also nicht nur Wissenschaften und Künste, sondern z.B. auch die frühindustrielle Technik. Das erklärt die Hellhörigkeit reaktionärer Kreise, denen der unüberhörbare kritische Unterton unheimlich war, aber auch die enorme Wirkung dieser Reihe. So wurde dieses Lexikon der Aufklärungszeit zum Sammelpunkt aller fortschrittlichen und aufgeklärten Autoren, bestimmte ebenso wie die Schriften eines Voltaire oder Rousseau weithin das geistige Klima Europas und erwartete jeweils die mundet war, mit Spannung und bereitete eine Stimmung diskutierte gerade jetzt Einzelheiten, die vor, die sich politisch in der Französischen Revolution entlud. muß auch die 1750-1804 erschienene »Historie natuGrafen Buffon gesehen werden, die mit 44 Bänden das gesamte natur- Vor diesem Hintergrund relle« des wissenschaftliche Wissen seiner Epoche darzustellen versucht hat. Graf Buffon war ein Kavalier nach Mann, dem Herzen des Hofes, ein geistvoller Plauderer und ein mehr zu formulieren verstand, als er zu sagen hatte - im Gegensatz etwa zu dem Naturwissenschaftler Reaumur, der sich bei Hofe nicht durchzusetder 265
zen verstand. Von Buffon stammt denn auch der Zusammenhang zitierte Satz »Le style est oft in recht unverständigem l'homme meme«, der weniger gemeine Wahrheit für Lit&raten und Redner als eine all- einen Glaubenssatz des Rokoko Auch Buffon, der Naturwissenschaftler, ein. Günstling der Marquise bekam seine Schwierigkeiten mit dem Klerus, als er es wagte, von sogenannten Konstanz der Arten abzuweichen. Zwar schilderte seine Natur- wiedergibt. de Pompadour, der geschichte die Tierwelt eher wie eine Klassengesellschaft, in der es ein eindeutiges Oben und Unten gab, aber selbst ein Buffon konnte sich, was die Entstehung der Erde und der Arten anging, nicht unbedingt mit allen Behauptungen der Bibel identifizieren. Deshalb mußte er, um nach den Beanstandungen einer drohenden gerichtlichen Verurteilung zu entgehen, in den nächsten Band seiner Naturge- schichte folgenden Passus einrücken: »Ich erkläre, daß ich nicht die Absicht hatte, der Heiligen Schrift zu widersprechen, und daß ich fest an alles glaube, was darin über die Schöpfung geschrieben steht, sowohl in zeitlicher als auch in tatsächlicher Hinsicht. Ich widerrufe alles, was in diesem Buche über die Entstehung der Erde und überhaupt alles, was darin der Darstellung in den Büchern Mosis widerspricht.« Der wissenschaftliche Gehalt seiner Enzyklopädie mit ihrem ganzen rhetorischen Glanz ist schnell verblaßt, und doch hat er in seiner Zeit Wirkung getan, denn durch ihn sind viele, die sonst nie daran gedacht hätten, zum erstenmal gesagt ist St. Gallen wurde im 18. Jh. im Zuge der baulichen Neuorganisation des Klosters durch die Architektenfamilie Beer erbaut. Das Kloster besitzt eine berühmte Sammlung alter Manuskripte und Bücher. Die Stiftsbibliothek
mit naturwissenschaftlichen Fragen konfrontiert worden. Eine dieser Fragen war, ob die Welt so entstanden sein kann, wie die Bibel behauptete, und vor allem, ob die Geschichte von Noah stimmte, nachdem der Stillstand der Sonne sich als Irr- tum herausgestellt hatte. Zwischen Noah und Darwin Seit der Landwirtssohn Isaac Newton aus Woolsthorpe in Lincolnshire sich 1665 aus London vor der Pest zurückgezogen und in zweijähriger ländlicher Abgeschie- denheit die Basis für sein Lebenswerk gelegt hatte, war das rationale Prinzip für die Naturwissenschaften zur alleinigen Autorität erhoben. Mit dem universellen Gravitationsgesetz war mathematisch beweisbar formuliert, daß das ganze Weltall vom fernsten Spiralnebel bis zum Apfel, der nischen Gesetzen gehorcht, die sich vom Baum dem Verstand fällt, bestimmten mecha- erschließen. Seit Newton sich mit der Physik beschäftigt hatte, schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, Geheimnisse der unbelebten Natur enträtselt sein würden, und es begann für die Menschheit eine neue Epoche, eben jene, die von den Naturwissenschaften und ihrer Anwendung, der Technik, geprägt worden ist. Die universelle Gravitationslehre, die von der modernen Physik als Spezialfall einer umfassenderen Physik verstanden wird, macht nur einen Teil des Lebenswerkes von Newton aus. Er hat bekanntlich eine streng physikalische Farbenlehre entwickelt - Goethe bis die letzten setzte ihr seine eigene, letzten Endes psychologisch verankerte Farbenlehre entgegen - und die Infinitesimalrechnung, d.h. die Rechnung mit unendlich kleinen Größen vervollkommnet. Newton, der 1687 die »Mathematischen Prinzipien der Naturlehre« veröffentlichte, verfiel mit 50 Jahren in eine litt einen Nervenzusammenbruch; er hat nach diesem mehr Auf Gott, tiefe Depression und er- Werk keine bedeutende bewegende Ursache, hat er wie auf eine unabdingbare Prämisse seines Denkgebäudes nicht verzichten wollen, im Gegensatz zu dem Franzosen Laplace (1749-1827), der eine Theorie über die Entstehung des Sonnensystems vorlegte und kühn erklärte, er benötige diese Hypothese nicht. Gemessen an der Mathematik und Physik steckte die Biologie zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Zwar hatte Cuvier, eine ähnliche Arbeit Arbeit wie veröffentlicht. Newton als eine letzte, leistend, in der Biologie jenen logischen Zusammenhang her- Grund seines Knochenbaues in System einzuordnen wie eine Pflanze nach Blütenblättern und Staubgefäßen, aber es fehlte die Transparenz, wie sie in den exakten Naturwissenschaften durch den mathematischen Beweis entsteht. Man glaubte damals, die Welt sei insgesamt nicht älter als etwa 6000 Jahre, ein Alter, das man aus der Bibel ermittelt hatte, und man hielt es für undenkbar, daß sich die Arten der Tiere in diesen Zeiträumen geändert haben sollten, zumal jedermann wußte, daß Kreuzungen von Wildrassen steril sind. Außerdem spielte der Gedanke der »mehrfachen Schöpfung« eine Rolle. Wenn bestimmte Pflanzen auf den Bergspitzen der Alpen, aber auch des Kaukasus vorkamen, konnten sie nicht durch Samenübertragung voneinander ab- gestellt, der es ermöglichte, jedes Lebewesen auf ein 267 »
/ stammen - also mußte es sich um eine mehrfache Schöpfung solcher Pflanzen Noch Kant hatte geäußert, es sei »ungereimt, zu hoffen, daß etwa dereinst ein Newton aufstehen könnte, der auch nur die Erzeugung eines Grashalmes nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde«. handeln. Eben dies geschah im Ansatz, was die Entstehung der Arten betraf, durch den Eng- länder Charles Darwin. Dieser Mann hatte mit 22 Jahren an der und auf der »Beagle« teilgenommen berühmten geographischen Expedition von der er dieser fünfjährigen Weltreise, 1836 zurückkehrte, die entscheidenden Eindrücke seines Lebens bekommen. Sein Reisetagebuch zählt noch heute zu den klassischen Werken der Reiseliteratur. Als er 1842, nun schon ein bekannter Autor, sein Werk über Korallenriffe veröffentlichte, ein klassisches, in keinem Punkt fehlgehendes Werk der exakten Geologie und Zoologie, wurde er für dieses Gebiet zur Kapazität. Es folgten weitere, streng fachwissenschaftliche Arbeiten über die Geologie Südamerikas, über niedere Lebewesen, aber nebenher hatte er sich im Juni 1842 »die Befriedigung gestattet«, Abstammung der Arten mit Bleistift niederzuschreiben, seine Theorien über die 35 Seiten, die erhalten geblieben sind und die er zwei Jahre später auf 250 Seiten erweitert, aber nicht veröffentlicht hat. Erst als ihm 1858 ein jüngerer Fachkollege einen Aufsatz einschickte, der seinen eigenen Theorien vollkommen entsprach, wurde die Sache wieder wichtig. Fast hätte er dem jungen Wallace das Feld überlassen. Seine Freunde ihn überreden, sich überhaupt zu äußern, und so wurde am 1. Juli mußten 1858 eine Sit- zung der Royal Society einberufen, auf welcher ein Essay von Darwin und jener Aufsatz von Wallace vorgetragen wurden. Die wissenschaftliche Wirkung dieser Vorträge war gleich Null. Als aber 1859 Darwins Werk »Die Entstehung der Arten durch Zuchtwahl« erschien, waren die 1250 Exemplare der ersten Auflage am Tage des Erscheinens ausverkauft. Zu Goethes Zeiten waren Geologie und Botanik fortschrittliche Wissenschaften gewesen, der geologische Aufbau der Erde erlaubte einen Blick in die Werkstatt der Natur, man bekam eine deutlichere Vorstellung von dem Himmelskörper, auf dem man durch den Weltraum reiste, und die Welt der Pflanzen ließ etwas ahnen von den Bauprinzipien der belebten Natur. Nun rückte mit einem Schlage das Interesse an biologischen Fragen an die erste Stelle, denn Darwin hob mit seiner ganzen wissenschaftlichen Autorität die bisherigen Anschauungen aus den Angeln, und der Rückgriff auf die Arche Noah, die Theorie von der mehrfachen Schöpfung wurden in Frage gestellt, im gleichen Jahr übrigens, in dem Darwin Karl ist Marx Ökonomie« veröffentlichte. und einzige Naturwissenschaftler gewesen, der die seine »Kritik der politischen nicht der erste Evolution, die stammesgeschichtliche Entwicklung der heutigen Formenvielfalt der Lebewesen, erkannt und beschrieben hat. Der Botaniker Chevalier de Lamarck, der die Wirren der Französischen Revolution trotz seiner adligen Herkunft überstand und die kaiserlichen Gärten in »Jardin des plantes« umbenennen ließ, hatte mit 50 Jahren mit den wirbellosen Tieren zu beschäftigen begonnen, und während Napoleon Europa eroberte, schuf er in neunjähriger Kleinarbeit ein umfassendes System dieser Wesen. Hier nun, während seiner Beschäftigung mit sich Schnecken, Würmern, Maden usw., kam ihm 268 die Erkenntnis, daß alle Formen all-
Titelseite der Enzyklopädie Diderots (iyi^-iy84). ENCYCLOPEDIE, O U Diderot gehörte zu den führenden Vertretern der französischen Aufklärung. Zusammen mit dem Mathematiker D' Alembert DICTIONNAIRE RAISONNE entwirft er den Plan zu DES ARTS ET DES METIERS, diesem universellen Nach- DES SCIENCES, PAR UNE SOCIETE DE GENS DE LETTRES. schlagwerk über Wissenschaften Künste und , Handwerkarten. Mis cn ordre Sc public par M. DIDERO T Lctcres dePruffe; Sc, quanc a Ia arti e de l’Academie Royale des Sciences M ath£m atiq u e de i’Academie Royale des Sciences de Paris , de cclle & des Beiles- M D’ALEMBERT, par de Prüfte . , Sc de la Socie'te Royale de Londres. Tantum Tantum firies juncluraque poltet, Horat. de medio Jumptis accedit honoris TOME PREMIER. A BRIASSON, rue Chez PARIS, Saint Jacques , A la Science. Saint Jacques A DAVID Plume LE BRETON, Imprimeur ordinaire du Roy, DURAND, Saint Jacques A Saint Landry 1’aine rue rue d’or. la , , M. D C , C. AVEC APPROBATION ET Sr rue de la Harpe. au Griffon. LI. P R I VI L E G E DU ROT. mählich und stufenweise eine aus der anderen hervorgegangen seien. Dieser Grundgedanke der Evolution, später von Darwin neu entdeckt und mit einer Fülle von Beweisen versehen, ist unbestritten, während sich der sogenannte Lamarckismus im Streit der Meinungen befindet. Er besagt bekanntlich, daß erworbene Eigenschaften vererbbar seien, eine Auffassung, die ebenso dazu gedient hat, poli- Ansichten zu stützen, wie der mißverstandene Darwinismus zu einem bruRassismus geführt hat. Wenn nämlich erworbene Eigenschaften vererbbar so behaupteten die Marxisten der 20er Jahre, dann ist die Weiterentwicklung tische talen sind, des Menschen letzten Endes eine Frage des Milieus. Lamarck ist von Cuvier, seinem großen Gegenspieler, noch nach dessen Tod so lächerlich gemacht worden, daß er zu seinen Lebzeiten keine gerechte Würdigung erfahren hat. Er hatte nämlich das Sakrileg begangen, sich gegen Cuviers sogenannte Katastrophenlehre auszusprechen. Wer um 1800 diese Kühnheit besaß, konnte nicht hoffen, wissenschaftlich ernst genommen zu werden, denn der allmächtige Baron von Cuvier (1769-1832), der kurz vor seinem Tode sogar Innen-
minister geworden ist, duldete keinen Widerspruch gegen die von ihm aufgestellte Mann von untadeligem Privatleben hatte die Mannigfaltigkeit der Lebewesen auf bestimmte, Th eorie von der Entstehung der Arten. Dieser unliebenswürdige anatomisch nachweisbare Typen und >Baupläne< zurückgeführt und damit überhaupt die vergleichende Anatomie, auch für die Archäologie, erst geschaffen. Sein System ermöglichte, die ausgestorbenen und die noch existierenden Formen der höheren Lebewesen logisch zu vereinigen. Das war eine wissenschaftlich unbestreitbare Leistung, und der nächste Schritt wäre gewesen, die Abstammung der Arten zu untersuchen. Cuvier betrachtete aber die Arten nicht als sich entwikkelnde Formen, sondern als vom Schöpfer gesetzte Ordnungen. Diese Lehre von der »Konstanz der Arten« könnte als Beispiel dafür dienen, wie selbst bei einem so scharfsinnigen Geist das »gesellschaftliche Sein« das Bewußtsein bestimmen kann, denn die Unveränderlichkeit biologischer Arten spiegelte den Wunsch nach der Unveränderlichkeit der gesellschaftlichen Klassen wider, zu deren oberster Schicht der Baron Cuvier gehörte. Die fossilen Funde aber zeigten, daß es sogar innerhalb der Arten gewisse Entwicklungen gegeben haben müsse, Mathematisches Gerät zur Berechnung trigonometrischer Funktionen. i6yo. Istituto e Museo di Storia della Scienza, Florenz
denn Mammut z. B. und Elefant oder Wollnashorn und Nashorn waren deutlich um den Gedanken der Evolution nicht denken zu müs- unterschieden. Cuvier, nur sen, erfand eine Katastrophentheorie, derzufolge jede aus einer geologischen Epo- stammende Welt von Lebewesen in einem eigenen Schöpfungsvorgang entstanden und durch eine Katastrophe planetarischen Ausmaßes zugrunde gegangen sei. Mit dieser Lehrmeinung glaubte Cuvier die Anmaßungen der sogenannten che Evolutionisten vernichtet zu haben, zumal die Bibel ihn zu bestätigen schien. Darwins Entwicklungslehre ist inzwischen unumstrittener Bestandteil des mo- dernen Weltbildes geworden und wissenschaftlich nicht zu widerlegen, nur die Faktoren der biologischen Entwicklung werden unterschiedlich beurteilt. Mit den von Darwin geschaffenen Begriffen »natürliche Zuchtwahl«, »natürliche Auslese« und »Kampf ums Dasein« sind nicht nur biologische Tatbestände formuliert worden, sondern Schlagworte, die der frühen kapitalistischen Gesellschaft entsprechen und ins Vokabular des modernen Barbarismus eingegangen sind; das berührt die Lebensleistung Darwins nicht, der den Menschen gelehrt hat, in Entwicklungsprozessen, d.h. biologisch zu denken. Der Gedanke der Evolution, der heute auf alle Lebensgebiete angewandt wird, ist für die Biologie so fundamental gewesen wie die Formulierung des universellen Gravitationsgesetzes durch Newton. Thomas Henry Huxley (1825-1895) und Ernst Hacckel (Die Welträtsel, 1899) haben zur Ausbreitung der Abstammungslehre entscheidend beigetragen. Dazu gehörte Mut, denn reaktionäre Kreise bekämpften in blindem Haß, was ihnen unverständlich und gefährlich erschien. Der Unmut erreichte einen Höhepunkt, als Darwin es wagte, auch den Menschen in seine biologische Konzeption einzubeziehen. Im Jahre 1871 veröffentlichte Darwin sein umstrittenstes Werk, »Die Abstammung des Menschen«, eine Herausforderung für alle, deren Fundament auch in naturwissenschaftlichen Fragen die Bibel war. Daß der blatthema, ja Mensch vom Affen abstammen sollte, wurde zum beliebten Witzzum Gegenstand von Prozessen und Beleidigungsklagen, und noch 1963 wurde in regelt, weil sie Memphis (Tennessee) eine Lehrerin von ihrem Direktor gemaß- eine Schülerdiskussion über die Schöpfungsgeschichte veran- stalten wollte, da diese gegen das »Gesetz des Staates Tennessee« verstieße. Ernsthaft wird heute kein bezweifeln können, wenn Mensch mehr er sich die Richtigkeit der Abstammungslehre an die von der Biologie erarbeiteten Fakten hält. Nicht nur die Abstammungslehre des Menschen, die empirische Biologie, die Eugenik und Anthropologie, sondern die Biologisierung des Denkens überhaupt gehen auf Darwin zurück. In unseren Tagen zeigt sich, wie der von Freud gegebene Anstoß der Psychologie sich mit der Biologie eines Darwin trifft und Verhaltensforschung betrieben wird, wobei man auch den Menschen in das Feld dieser Untersuchungen einbezieht, nicht als »Krone der Schöpfung«, sondern als Wesen, das mit mancherlei affenähnlichen Eigenschaften aufs unangenehmste behaftet ist. Charles Darwin ist am 19. April 1882 gestorben und in der Westminster-Abtei neben Newton begraben. Beide ruhen unter Steinen gleicher Größe, auf beiden Stei- nen stehen nur die Namen und die Lebensdaten, und in der Tat nehmen die »Prinmathematica« und der »Ursprung der Arten« in der Geschichte der Naturwissenschaften den gleichen Rang ein. cipia
' Begegnung mit dem Kosmos Menschheit geht seltsame Wege. Da sitzt ein reifer Edelmann und Kammerherr seiner Majestät des Königs, ein Gelehrter von hohen Graden, an einem Plan, dessen Umfang allein ein ganzes Leben fordern würde. Am Türschild seiner Wohnung steht nicht sein eigener Name, sondern der seines Dieners Seifert, mit dem ihn ein überaus unglückliches Verhältnis verbindet. Depn Seifert ist so herrschsüchtig, daß es ihm gelingt, den differenzierten und hochqualifizierten Gelehrten in eine totale Abhängigkeit zu bringen. Über sein Vorhaben schreibt Alexander von Humboldt an seinen Freund Varnhagen von Ense: »Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen - und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt, muß neben der Tatsache hier verzeichnet sein. Es muß eine Epoche der geistigen Entwicklung der Menschheit - in ihrem Wissen von der Natur - darstellen.« Humboldt hat für sein Werk den Titel »Kos- Der geistige Fortschritt der Mann von 65 Jahren, ein preußischer mos« gewählt, »damit man nicht Humboldts physikalische Erdbeschreibung« sage. Damals, im Jahre 1834, hatte Faraday noch nicht die Theorie des elektrischen im dunkeln, Justus von Liebig hatte die organische Chemie noch nicht zu einer ernstzunehmenden Wissenschaft entwickelt, Darwin noch nicht seine »Abstammung der Arten« geschrieben und Julius Robert Mayer noch nicht die »Bemerkung über die Kräfte der unbelebten Natur« verfaßt, kurzum, für die modernen Naturwissenschaften waren noch nicht einmal die Fundamente gelegt. Dennoch blieb das in seiner Feldes gefunden, also lag das Gebiet der Elektrodynamik noch Rahmen sprengende Werk ein Torso, charakteristisch nicht nur Versuch, die Naturwissenschaften universal darzustellen, sondern Stoffülle jeden als ein letzter wohl auch als ein psychologisches Zeugnis für die lebenslange Suche Alexander von Humboldts nach der mütterlich bergenden Allnatur. Schon der junge Humboldt, durch Kindheitserlebnisse in seiner Reifung gestört, hat sich zu Männern hingezogen gefühlt. Die Briefe an den Theologiestudenten Wilhelm Gabriel Wegner, an den jungen Offizier Reinhard von Haeften und die Bemühungen um Seifert bezeugen seine Veranlagung, der wohl, psychologisch formuliert, eine ewige Enttäuschtheit von der Mutter entsprechen mag. Wichtiger als diese intimen Hintergründe sind hier für die Entwicklung seines Denkens und Forschens die Lehrer. Als junger Student hat er in Göttingen Blumenbach gehört, an der Bergakademie in Freiberg den Professor Leopold von Freiberg, den Schüler des berühmten Werner. Blumenbach (1752-1840) hatte als erster einen Gedanken auf Menschen übertragen, den man von Hunden und Pferden, vom Vieh und vom Geflügel längst kannte, aber aus theologischen Gründen nicht hatte übertragen können; Blumenbach lehrte, daß es Menschenrassen gäbe, und schuf mit dieser richtigen Erkenntnis die Voraussetzung für weitere 272
Bibliothekszimmer Alexander von Humboldts (1769-1859). Humboldt repräsentierte wie kein zweiter das naturwissenschaftliche Universalwissen seiner Zeit, das von der Geologie über und Chemie bis zur Botanik reichte, um nur Nach einem Aquarell von Eduard Hildebrandt, 1856. die Physiologie einiges herauszuheben. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv wissenschaftliche Erkenntnis, aber auch für ihre demagogische Verzerrung. Noch zu Lebzeiten Kants hatte es einen wissenschaftlichen Streit darüber gegeben, ob Neger dem Menschen oder dem Affen näher ständen. Die Rassenlehre Blumenund in keiner Weise diskriminierend, stellte das Problem in den richtigen Relationen dar. Humboldt, ein liberaler Mann von tiefer Humanität, hat zeit seines Lebens z. B. gerade in der Judenfrage einen offebachs, rein anthropologisch gemeint nen Blick für Wesen und Wert des »Fremden« im weitesten Sinne behalten. Für Humboldts Weltbild war die Begegnung mit der Geologie entscheidend. Abraham stuhl für Werner (1750-1817), ein begeisterter Lehrer, der einen LehrMineralogie und Bergbaukunde innehatte, ersetzte Vermutungen durch Gottlieb Erfahrungen. Er sammelte Gesteine, schuf eine mineralogische Klassifizierung - wie die des junge Linne für die Pflanzenwelt - und entwickelte eine Formationslehre. Der Gelehrtenstreit der Epoche ging um die Gesteine. Werner behauptete, das Wasser sei der Erzeuger aller Gesteine, mit also eine ähnliche Leistung Ausnahme erstarrtes derer, die aus Vulkangestein Vulkanen stammen. Den ist, Basalt, der ja in Wirklichkeit erklärte er als ein Erzeugnis sem sogenannten Neptunismus haben von Seewasser. Von sich später alle seine Schüler 273 die abgewandt.
Dennoch hat Wertier eine ganze Generation von Wissenschaftlern geprägt und Alexander von Humboldt eine Grundlage mitgegeben, die diesen immer wieder befähigt hat, geologische Tatbestände mit sicherem Blick zu beschreiben. Der 21jährige Alexander von Humboldt, der seine Studien nicht im modernen als Mann von Rang und Vermögen dilettierte, lernte den um 40 Jahre älteren Johann Reinhold Förster (1729-1798) kennen, der wenige Jahre zuvor James Cook auf seiner berühmten zweiten Australienreise beSinne abgeschlossen hatte, sondern Mann hat Humboldt entscheidend beeinzusammen dui^h Europa und kamen im Juli 1790 in Paris an, gerade rechtzeitig, um an der großen Jahresfeier der Revolution auf dem Mars- gleitet hatte. Auch dieser genialische druckt. Beide reisten feld als teilzunehmen. Damals trennten sich die Wege der Freunde: Förster ging 1793 Deputierter der Mainzer Republikaner nach Paris. Er hat die Gefahren des neuen Zeitalters übrigens deutlicher als sagte: »Die Tyrannei der Vernunft, mancher andere vorausgesehen, als er von allen, steht der vielleicht die eisernste Welt noch bevor ... Je edler das Ding und je vortrefflicher, um so teuflischer der Mißbrauch. Brand und Überschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird.« Er sollte in gewisser Hinsicht recht behalten. Humboldt blieb im Gegensatz zu Förster Naturwissenschaftler, aber er vergaß Jugend begeistert hatten, auch als preußischer Kammerherr nicht. Die Sklavenjagd auf Kuba hat er mit Abscheu geschildert und in Preußen 1856 das sogenannte »Negergesetz« durchgesetzt, demdie Prinzipien der Revolution, die ihn in der frei wurde, der preußischen Boden betrat. Ein Revolutionär gewiß nicht gewesen, aber ein Liberaler, der zu seiner Gesinnung stand. Nicht für seine liberalen Ansichten, sondern für seine wissenschaftlichen Leistungen ist er vom Befreier Mexikos Benito Juarez mit dem Titel »Wohltäter der Nation« ausgezeichnet worden. Er hatte eine fünfbändige Enzyklopädie dieses Landes geschrieben, die Mexiko zum Selbstverständnis verhalf. Seine zahllosen Reisen erbrachten reiches Material, das auch heute noch zum klassischen Bestand der Reiseliteratur gehört, vor allem die südamerikanische Reise in den Jahren 1799-1804, wobei der Chimborasso (5760 m) bestiegen wurde, oder die Reise in die chinesische Mongolei, die er als 6ojähriger unternommen hat. Sein universales Lebenswerk umfaßt viele Bereiche und kann im Zeitalter notwendiger Spezialisierung nur Neid und Staunen hervorrufen. So hat er 1797 die Wirkung von Strom auf Muskel- und Nervenfasern erprobt, eine Vorarbeit zur elektrischen Therapie auf dem Gebiet der menschlichen Physiologie, und 1805 mit Gay-Lussac (1779-1850) in Paris über Gase gearbeitet, dessen Leistung in der Entdeckung des Ausdehnungsgesetzes der Gase liegt. Die Botanik, der damals etwa 800 Pflanzenarten bekannt waren, hat er um die Kenntnis von etwa 500 neuen Arten erweitert. Für die Klimakunde hat er die Grundlage durch die Beschreibung der Isothermen gelegt, verschiedene geologische Arbeiten geschrieben und Fragmente einer Klimakunde und Geologie Asiens verfaßt. Neben seiner umfangrei- zufolge jeder Sklave ist er chen Korrespondenz, die etwa 300 Briefe jährlich umfaßte, seinen gesellschaftlichen Pflichten, die er gerne wahrnahm, und seiner Arbeit an gelehrten Zeitschriften hat er breitere Wirkungen gesucht, weil er im Grunde Demokrat war. 274
Am 6. Dezember 1827 hielt er seine erste akademie, freilich eine, Vorlesungen ist sein Plan entstanden, den ander von Humboldt zum merite« ernannt. Es hat, »Volkshochschulvorlesung« in der Sing- an der Prinzen und Generale teilnahmen. Eben aus diesen Kosmos darzustellen. 1842 wurde Alex- ersten Ordenskarfzler der Friedensklasse des »Pour als er am 6. Mai 1859 auf Schloß Tegel mehr gegeben, der wie er die Summe der Naturwissenschaften starb, keinen le Mann einer Epoche reprä- sentieren konnte. Entschlüsselung der Materie Napoleon ist der einzige naturwissenschaftlich gebildete Herrscher unter den ge- krönten Häuptern Europas gewesen. Er beteiligte sich nahm an den Sitzungen der Akademie teil, an den Diskussionen der Wissenschaftler und förderte die Entwick- Gramm und Sekunde eine Mit seiner Einstellung gegenüber den Wissenschaften erwies er sich als Bürger, nicht als Aristokrat und Monarch, denn die Fortschritte der Technik und der Industrie wurden von einer breiten bürgerlichen Schicht getragen: Jedermann interessierte sich für die botanischen Klassifizierungen des Schweden Linne, für die Froschschenkel des Professors Gallung des dezimalen Maßsystems, das mit Zentimeter, Errungenschaft der Französischen Revolution ist. Daß es der menschlichen Vernunft gelingen müsse, auch die letzten, noch unentdeckten Naturgesetze zu erkennen, gehörte zum Credo jener Jahrzehnte. Damals endete aber auch die »anschauliche« Epoche der Naturwissenschaften. Um 1800 entdeckte man zum ersten Male etwas, für dessen Wahrnehmung der Mensch kein Sinnesorgan besitzt, nämlich unsichtbare Strahlen aus irdischen Lichtquellen und aus der Sonne. Der vani oder für die Klangfiguren des Professors Chladni. Astronom Friedrich Wilhelm Herrschei fand das Ultrarot, der aus Schlesien stammende Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810), Freund Goethes, Schellings und der Gebrüder Schlegel, das Ultraviolett - aber diese Entdeckungen bewegten sich im Rahmen anschaulicher Vorstellungen von Wärme und Licht. Der Schritt zur Atomtheorie war zwar damals schon getan, denn der schlichte Schulmeister John Dalton arbeitete bereits an seinem zweibändigen Werk, aber es war noch nicht veröffentlicht. Erst Roentgens Entdeckung der X-Strahlen, vielmehr ihre exakte Erforschung, leitete zur Atomphysik über, zu der neuen, absolut unanschaulichen Epoche der Naturwissenschaften. Damals begann man aber auch, die Materie zu entschlüsseln und jene ersten, wenn auch bescheidenen Verwandlungen zu vollbringen, von denen die Alchemisten früherer Jahrhunderte nur hatten träumen können. Eine entscheidende Voraussetzung für diese Entwicklung schuf der junge August Kekule, der im Halbschlaf am Kamin seines Studierzimmers in Berlin jenen zündenden Einfall hatte, der ihm die Struktur der organischen Materie erschloß. Schlangen, die den eigenen Schwanz erfaßten, drehten sich vor seinen Augen wie in Kreisen und Ringen, und damit war ihm ein Ansatz gegeben. »Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich auch diesmal brachte ich den Rest der Nacht damit zu, die Consequenzen dieser Hypothese auszuarbeiten.« Diese Hypothese ist als Ordnungsbegriff und als Formel unter dem Namen »Benzolring« be; 275
kannt und erschloß der organischen Chemie eine Vielzahl der aus stammenden organischen Verbindungen. dem Benzol Mit einem Schlage war die organische Chemie, vorher ein Wirrwarr widerstreiman konnte nun organische Synthesen »nach Maß« bauen, d.h. Stoffe schaffen, die es so in der Natur nicht gab, tender Theorien, überschaubar geworden, und weil man das Bauprinzip der Kohlenstoffverbindungen erkannt hatte. Dieses Bild von der zum Kreis geschlossenen Schlange bedeutet übrigens als alchimistisches Symbol die Einheit aller Materie; in Kekules Existenz hat es eine anekdotische, durchaus nicht mystische Bedeutungen Schlangenring war nämlich Beweisstück in einem Mordfall, der im Nachbarhaus der Kekules in Darmstadt vorgefallen und dessen Opfer eine junge Gräfin Rödern war - Kekule stand damals gerade im Abitur. Der Mörder, der Kammerdiener der Gräfin, wurde überführt, obwohl er leugnete, die Gräfin erwürgt und den aus Gold und Platin gefertigten Ring geraubt zu haben. Auch bei diesem Mordfall spielte die junge Wissenschaft Chemie ihre Rolle, denn der Kammerdiener hatte eine Selbstverbrennung der Gräfin vortäu- schenwollen. Justus von Liebig, einer der Begründer der organischen Chemie, erläuterte dem Gericht als Sachverständiger die Unmöglichkeit von Selbstverbren- nungen mit den damaligen Mitteln - Benzin hat Diese Rechenmaschine wurde 1782 von Man es ja ]oh. Helfried zu dieser Zeit noch nicht von Müller erfunden. konnte mit ihr addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren. Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
gegeben. Daß das Schlangenmotiv, in der Jugend Kekules mit so starken emotio- nalen Akzenten belastet, als Vision strengung wieder auftaucht, mag im halbwachen Zustand reizbarer Überan- psychologisch erklärbar sein; für die Entwick- lung der Chemie hatte diese Assoziation jedenfalls weitreichende Folgen. In jenen Jahren ist auch die erste Synthese von organischen Stoffen gelungen damit war bewiesen, daß stellen, eine »vis vitalis« man nicht, um irgendeine organische Substanz herzu- brauche, eine Lebenskraft, sondern daß man nur chemi- schen Gesetzen folgen müsse. Heute wiederholt sich diese Auseinandersetzung bis zu einem gewissen Grade bei der Frage, ob obwohl sich die man künstlich Leben hersteilen könne, Grundsätze des naturwissenschaftlichen Denkens weitgehend durchgesetzt haben. Die Geschichte der organischen Chemie, die heute einige hunderttausend Stoffe dem Zwerg der anorganischen Chemie, beginnt mit Urin. Denn der 28jährige junge Professor Friedrich Wöhler hatte 1828 entdeckt, wie man Harnstoff künstlich herstellt, und dies seinem Mentor Professor Jöns J. von Berzeumfaßt, ein Riese neben einem Meister der exakten Analyse, sogleich mitgeteilt: »Ich kann, sozusamein chemisches Wasser nicht halten, ich muß Ihnen sagen, daß ich Harnstoff machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein Tier, sei es Mensch oder Hund, nötig zu haben.« Damit begann das, was man den Siegeszug der Chemie nennt, und eine Situation entstand, die der in dem Gedicht vom Zauberlehrling ähnelt: Die Menschheit lebte von nun an auf vielfältige Weise von der Chemie und mit der Chemie, und es dauerte ein Menschenalter, bis man begriff, daß unter bestimmten Verhältnislius, gen, sen der technische Fortschritt mehr zerstört, als er zu geben imstande wissenschaftlichen Disziplinen aber griffen ineinander. So haben ist. Alle diese Männer wie Wöhler und Kekule, Faraday und Gay-Lussac auf Daltons Atomtheorie aufgebaut. Dalton ist der Sohn eines Webers gewesen und hat die Schule nur bis zu seinem 12. Lebensjahr besucht; dann ist er geworden, was er Justus von Liebig, sein Leben lang blieb, nämlich Schulmeister auf dem Dorfe. Er hat sich nebenher kam schließlich Atome anzuwenden. mit Meteorologie beschäftigt, dann mit Sauerstoff und Punkt, die Grundsätze der neuen Chemie auf die zu dem Den Schritt von der Alchemie zur Chemie hatte Lavoisier vollzogen, der die Gewichte der Stoffe wog und die Verbrennung erklärte; genau dies tat auch Dalton, ein besessener Junggeselle, der von höhergestellten Persönlichkeiten protegiert wurde und das Laboratorium der »Literarischen und philosophischen Gesellschaft von Manchester« benutzen durfte. 1803 veröffentlichte er die erste Tabelle der Atomgewichte, 1808 sein zweibändiges Werk der Atomtheorie, in dem er die Begriffe Atom und Molekül bereits im heutigen Sinne benutzt, zwischen Atomgewicht und Äquivalentgewicht unterscheidet und die Unveränderlichkeit der Atome von der Veränderlichkeit der Moleküle scharf abhebt. »Wir können ebensowohl versuchen, einen neuen Planeten dem Sonnensystem einzuverleiben oder einen vorhandenen zu vernichten, wie ein Atom Wasserstoff zu erschaffen oder zu zerstören. Alle Änderungen, die wir hervorbringen können, bestehen in der Trennung von Atomen, welche vorher verbunden, und cher, die vorher getrennt waren.« 2 77 in der Vereinigung sol-
Hier ist eine Scheiben- und Elektrisiermaschine mit Konduktor und Batteriekasten abgebildet. Diese Apparatur wurde 1794 von Oberösterreichisches Landesmuseum Linz , J. Jechl erbaut.
Weg, der zur Zertrümmerung von Atomkernen und zur Verschmelzung von Wasserstoffkernen führt wenig mehr als 100 Jahre liegen zwischen dieEs ist der ; sen ersten exakten Erkenntnissen und den ungelenken Apparaten eines Professors Hahn in Göttingen, dem 1928 zusammen mit Fr. Straßmann die Kernspaltung des Urans und des Thoriums gelang. Es beginnt nicht nur das Zeitalter der Vernunft, dessen Schrecken Förster vorausgesehen hat, sondern das der Unwirklichkeit, wie es der Kulturgeschichtler Egon Friedeil genannt hat: »Schon wenn man den Gedanken der Unendlichkeit des Weltalls, mit dem die Neuzeit anhebt, konsequent zu Ende denkt, gelangt man zur Irrealität; denn Unendlichkeit .« mathematisch formulierter Ausdruck für Unwirklichkeit ein . ist nichts als . Die Männer, die sich in stiller Gelehrtenarbeit an den brisanten Problemen der Physik und Chemie, Zoologie und Botanik, Physiologie und Psychiatrie mühten, wenn auch im Kreis der Universität mit Respekt bedacht. Der Herkunft nach waren sie nicht den führenden Schichten zuzuordnen, und gesellschaftlich spielten sie zwischen dem Hofadel, dem Landadel und den Offizieren keine Rolle, so wie sie selbst wiederum den Umgang mit Kaufleuten und Industriellen durchaus verschmähten: Diese dem Broterwerb ergebenen Leute hielt man für »ungeistig«. Von der Freiheit und Freizügigkeit des Professorenlebens macht man sich heute kaum einen Begriff. So erzählt Professor Steffens, der in den Freiheitskriegen gegen Napoleon bekannt wurde, von dem Entomologen Fabricius, einer Kapazität, die weitaus die lebten in biedermeierlicher Idylle nahezu außerhalb der Gesellschaft, Das analytische Laboratorium Justus von Liebigs in Gießen. Liebig (1803-1873) Chemiker seiner Zeit und gründete das erste deutsche chemische Unterrichtslaboratorium in Gießen. Zeichnungvon Trautschold 1842. war einer der hervorragendsten , Deutsches Museum, München
meiste Zeit auf ReiSen war und sich lieber in Petersburg, Amsterdam und Paris Gerade Fabricius allerdings, mit seiner extravaganten Gattin, die Bücher las und den Haushalt verkommen ließ, ist ein ungewöhnliches Beispiel, das fast schon an die Boheme grenzte - der ordentliche Professor, eher zur Devotion als zur Rebellion geneigt, blieb innerhalb der ihm gezogenen Schranken. Noch im 18. Jahrhundert ging das böse Wort um: »Gelehrte und Huren kann man für Geld haben«, und die lange Abhängigkeit von launischen Duodezfürsten und anderen Autoritäten hatte ihre Spuren hinterlassen. Die neue Entfaltung des wisseuschaftlichen Denkens gab dem Gelehrten Selbstgefühl, auch waren manche dieser Koryphäen Könige in ihrem Reich - freiaufhielt als in Kiel, wo er eine Professur innehatte. unumschränkte Herrscher, mit denen sich gut zu stellen ratsam war. Damals auch die Spottfigur des ewig zerstreuten Professors aus, der, in den seines Faches verfangen, den Zugang zur Außenwelt verloren hat und Grenzen nur noch seinen Problemen lebt. Daß die Konsequenzen aus all diesen Entdeckungen die gesamte menschliche Existenz verändern und die Menschheit selbst in Frage stellen würden, hat damals niemand ahnen können. Alle Auffassungen vom Kosmos und vom Leben wurden verändert, das Selbstverständnis des Menschen wandelte sich unmerklich, und aus dem gleichen Bürgertum, das mit Marx und Engels die Theorien der Revolution hervorgebracht hatte, kamen die neuen Erkenntnisse der Vernunft, welche die bisherigen Begriffe von Geist und Materie, von Ursache und Wirkung sprengten. Seinen höchsten Ausdruck findet der Vernunftglaube, der allen diesen Entwicklungen zugrunde liegt, in einem Satz von Albert Einstein, der in seinen 1952 veröffentlichten Aufzeichnungen enthalten ist: »Die Vernunft ist natürlich schwach, mißt man sie an ihren nie endenden Aufgaben. Sie ist auch schwach, verglichen mit unseren menschlichen Torheiten und Leidenschaften, die, das müssen wir zugeben, unsere Geschicke fast völlig beherrschen, in großen wie in kleinen Dingen. Und doch überdauern die Werke der Vernunft die lärmend geschäftigen Generationen und verbreiten Licht und Wärme über Jahrhunderte.« lich bildete sich
Bildung und Macht Civilisation, Culture und Bildung Die Entdeckung der Sprachen Humboldt Mit Band und Mütze Auf dem Paukboden Protest auf der Wartburg Geschichte und Historie Die Ideale des Ereiherrn von Bildung fürs Volk
Civilisation, Culture Das Wort »Kultur« kommt bekanntlich aus und Bildung dem römischen einer Formulierung des Cicero, der gelegentlich sagt: Erbe. Es beruht auf »Wie nicht alle bebauten Äcker fruchtbar sind, so tragen nicht alle bebauten Geister Frucht; wie der Acker den Ackerbau braucht, so braucht der Geist die Unterweisung. Die Beackerung des Geistes aber mit dem heißt, ist die Philosophie.« Bedeutungsvoll ist hier das Wortspiel, das Cicero Boden bearbeiten« und mit dem daraus abgeleiteten Hauptwort »cultura«, das als »Bebauung Begriff »colere« treibt, der soviel wie »bebauen, den des Geistes« verstanden wird. Den menschlichen Geist vergleicht er mit der unbebauten Erde, und »cultura« ist für ihn die Tätigkeit, ohne die der Boden keine Früchte trägt. In vielen europäischen Sprachen, vom Portugiesischen bis zum Russischen, ist die »Kultur« im Sinne von Pflanzung erhalten. Andererseits haben sie auch die andere Bedeutung des Wortes aufgenommen; im Englischen ist es »culture«, ebenso im Französischen »culture«, die soviel wie Bildung bedeuten, selbst im Spanischen, Portugiesischen und Russischen ist die übertragene Bedeutung von Kultur üblich. Nun hängen ja im Christentum Ackerbau und Paradies theologisch zusammen wie zwei Seiten einer Münze, denn Adam, aus dem Naturzustand vertrieben, soll ackern im Schweiße seines Angesichts. Die Kultur ist damit die Frucht von Mühen und kann den ursprünglichen Zustand des Paradieses nie erreichen. Samuel Baron von Pufendorf (1632-1694), der in der Rechtsgenun im Gegensatz dazu erklärt, der Mensch lebe ohne gesellschaftlichen Zusammenhang elend und eher wie ein Barbar. Erst in der »Socialis vita«, der Existenz innerhalb einer Gesellschaft, werde sein Leben lohnend und reich. Er hat mit dieser Auffassung, die er 1672 in seinem Werk »De jure naturae et gentium«, über das natürliche Recht und das Geschlecht der Menschen, zum Ausdruck brachte, die Kirche provoziert und sich jahrzehntelang mit seinen Gegnern herumgestritten. Dem mittelalterlichen Scholastiker ist »cultura« die Summe der Anstrengungen, die der Mensch unternehmen muß, um den »StaDer Jurist schichte eine wichtige Rolle spielt, hat tus naturalis« zu überwinden, den rohen Zustand der Natur, damit er schließlich das Jenseits erreicht. Pufendorf versteht die »cultura« nicht so sehr als Bestrebung, die auf ein jenseitiges Ziel gerichtet ist, sondern vielmehr als die Summe der Anstrengungen, um das Leben der Menschen auf der Erde zu verbessern. Einen neuen Impuls erhielt die Geschichte des Bildungsbegriffes kurz vor der Französischen Revolution. Der Marquis de Mirabeau, der Vater des bekannten Revolutionärs, veröffentlicht im Jahre 1757 oder 1756 ein Buch »Freund des Men- schengeschlechtes«, in dem er einen aufklärerischen Bildungsbegriff formuliert. Der Baron benutzt das Wort »civiliser«, das soviel bedeutet wie »die Sitten mildern«; es beschreibt den Lernprozeß, dem jemand unterworfen ist, wenn er »civis«, d. h. Bürger werden soll. Mit »Civilisation« ist die Gesamtheit aller Tätigkeiten bezeichnet, die aufgewandt werden muß, um einen Menschen in die Gesellschaft einzufügen. Später definiert Mirabeau Civilisation auch als innere Gesittung, und er sieht in ihr die Kulturmission Frankreichs begründet. 282
Man sieht, die Begriffe überdecken sich, zugleich aber lassen sie auch wie geolo- werden und bestätigen den gische Ablagerungen die Geistesgeschichte sichtbar Ansatz der Philologie, wonach eine Geschichte der Sprache eben auch eine Geschichte des Denkens ist. Im Jahre 1 767 schrieb Mirabeau, die Franzosen hätten das Recht erworben, in Europa den Ton anzugeben, ein Anspruch, dgr den Franzosen seither in Fleisch und Blut übergegangen ist und für sie solche Bedeutung besitzt wie für den Deutschen der Begriff der Ordnung. Mirabeau sagt, einen Franzosen interessiere alles, was mit der Civilisation Zusammenhänge. Bei den anderen Nationen hinge man am Bewährten und an alten Grundsätzen, aber Franzosen seien stets bereit, sie dem Neuen zu opfern. Deshalb werde auf allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis der Fortschritt stets aus Frankreich kommen. In Frankreich hat seitdem der Begriff »Civilisation« einen besonderen Klang, der mit dem Geschick bar verknüpft und auf die Marseillaise gestimmt ist. der Nation untrenn- Mit »culture« bezeichnete man nur noch, was privat blieb und in Deutschland mit »Bildung« »Im Namen bezeichnet wird. der Civilisation« stand gleichsam auf den Fahnen der französischen man meinte, man müsse dem übrigen verrotteten Europa und der Aufklärung bringen, und diese geriete in Gefahr, so oft Frankreich in Gefahr geriete. Wie Rom sich als Stadt des Glaubens verstand, so Paris als Zentrum der Zivilisation, wobei dieser für den Außenstehenden absurde Anspruch nur aus der Geschichte des Begriffes verstanden werden kann Der Franzose ist gleichsam von Natur zur Zivilisation geschaffen, die alle übrigen Teile der Menschheit erst von Frankreich zu lernen haben. Im Französischen steht von nun an »civilisation« für den deutschen Begriff »Kultur«, und so auch im Englischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen, während in den germanischen Sprachen, im Niederländischen, Dänischen und Schwedischen, der Begriff »Kultur« Eingang gefunden hat, etwa wie ihn Pufendorf verstanden hat. Auch der russische Begriff ist wohl von Pufendorf beeinflußt, wobei in neuerer Zeit das russische »kultura« die Lebensart meint, aber Revolutionsheere, denn das Licht der Vernunft : auch die Gesellschaftsform. Wieder, wie Frankreich nach 1789, versteht sich das Land der Revolution als das Land der höheren Kultur. Neben Kultur und Zivilisation, die einander ergänzen, steht des Lieblingswort, der Begriff »Bildung«. Im Jahre 1784 Deutschen schrieb der Philosoph Moses Mendelssohn: »Die Worte Aufklärung, Cultur, Bildung sind in unserer Sprache noch Ankömmlinge. Sie gehören vorderhand bloß zur Büchersprache, der gemeine Haufe versteht sie kaum.« Tatsächlich ist auch das Wort »Bildung« in der Bibel verwurzelt. In der Genesis heißt es bekanntlich, der Mensch sei »nach dem Bilde« Gottes geschaffen. Diese Vorstellung wiederum geht wohl auf die sehr viel älteren Auffassungen der Sumerer zurück, nach denen der Mensch ein Abbild des Kosmos im kleinen war. Diese Entsprechungen von Kosmos und Mensch oder von Gottwesen und Mensch gehören zum Urbestandteil des orientalischen Glaubens und noch spie- Medizin der frühen Kulturen ihre Rolle. Der Apostel Paulus sagt es im 2. Korintherbrief (III/18) ergänzend: »Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Herrlichkeit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verwandelt in dasselbige Bild, von einer Klarheit zur andern, als vom Geist des Herrn.« Das len bis in die 283
Bildnis des venezianischen Kunstsammlers Andrea Odoni. Gemälde von Lorenzo Lotto (vor 1480-1556). National Gallery London , ganz aus der Theologie gesehen, und so bleibt es auch bis ins 18. Jahrhundert. Die Pietisten sprechen von »geistlicher Bildung« in dem Sinn, daß der Mensch, wie bei Paulus geschrieben, in Gottes Bild verwandelt werde, und auch Klopstock sieht »bilden« und »Bildung« im religiösen Bezug. Den nächsten Schritt tut Wieland, der im Jahre 1754 in Basel einen pädagogischen Aufsatz schreibt, einen »Plan von einer neuen Art von Privat-Unterweisung«. Darin heißt es: »Die Ideen vom Wahren und Guten liegen in uns, es liegen auch in uns die Samen zu allen Tugenden ein weiser Kenner der Seele kann durch seinen Umgang, durch Fragen, Einwürfe und Beantwortungen, durch eine psychologische Ordnung im Unterweisen, auf eine leichte und der menschlichen Natur sehr angemessene Art die Köpfe seiner Untergebenen und zugleich ihre ist ; 284
Herzen bilden.« Herzensbildung, Bildung des Verstandes, Unterweisung der Jugend, um sie zu bilden, das werden von nun an die Schlüsselworte der Klassik, ja der Pädagogik überhaupt, und an großen Idealen bildet man sich und das Menschengeschlecht. Wenn zur Zeit der Mystik die Bildung der Seele ein geistliches Anliegen war, so ist sie jetzt das Bestreben aller wohlmeinenden Menschen, die sich an weltlichen Zielen orientieren. Damit pian weiß, wie ein solcher Vorgang aussieht, schreibt man Bildungsromane, die den Entwicklungsgang eines Menschen nachzeichnen. So schreibt Wieland seinen »Agathon» (1766/67), Goethe seinen »Wilhelm Meister» (1795/96), und noch bis in die bürgerliche Literatur des 20. Jahrhunderts reicht diese Vorstellung, die im »Grünen Heinrich« von Gottfried Keller und im »Nachsommer« von Adalbert Stifter ihre bürgerlichen Entsprechungen findet. Es dauert nicht lange, bis der Bildungsbegriff dann auch von den Arbeitern übernommen oder auf sie übertragen wird. So schreibt der westfälische Unternehmer Friedrich Harkort, der die Burg Wetter in eine Fabrik umwandelte, in seinem 1845 erschienenen Werkchen »Die Vereine zur Hebung der unteren Volksclassen« ganze Nation Bildung, Bildung und nochmals Bildung! Geschwätz darüber gewesen, ob die unteren Stände nicht zuviel Von unten auf lege man das Fundament und schließe alle lernen könnten? Klassen durch Bildung dem großen Ganzen an.« Später schreibt er: »Die Nation hat den äußeren Feind besiegt, jetzt gilt es einer Geisterschlacht, damit jeder einzelne zur geistigen und leiblichen Freiheit gelange ... Da muß jeder, welcher ein fühlendes Herz im Busen trägt, zu der Erkenntnis kommen: Daß die Stunde geschlagen hat, wo es gilt, die untern Klassen aus den Banden der Unwissenheit und Not in ein wahres Bürgerleben einzuführen.« »Wir fordern Allerdings laut für die ist viel . . . Die Entdeckung der Sprachen Noch zu Goethes Zeiten hat man allgemein geglaubt, die ganze Weltgeschichte umfasse nur etwa 6000 Jahre, also auch die Geschichte der Sprachen, und das Hebräische sei die Mutter aller Sprachen, wie die Stämme Israel den Ursprung der Menschheit darstellten. Eine Ausnahme bildete Leibniz, der schon damals forman solle die Sprachen nach ihrer natürlichen Verwandtschaft gruppieren. Den Schlüssel zu dieser Gruppierung, zunächst vor allem auf die europäischen Sprachen bezogen, bildete das Sanskrit. Die Engländer waren zuerst auf diese indische Ursprache gestoßen, als sie sich mit der Kultur des von ihnen unterworfenen Landes beschäftigten. Sir William Jones (1746-1794), seit 1783 Richter am Ober- derte, tribunal in Kalkutta, hat als erster die Sprachverwandtschaften zwischen Sanskrit, dem Keltischen, dem Griechischen, dem Lateinischen und Gotischen erkannt. Er erarbeitete verschiedene Übersetzungen indischer Epik, etwa Kalidasas »Sakuntala« (1789) und veröffentlichte dann erstmals einen Sanskrit-Druck in bengalischer Schrift (1792). Neben Jones muß der Engländer Henry Thomas Cole- brooke (1765-1837) genannt werden, der die erste Sanskrit-Grammatik geschaffen die Weisheit der altindischen Vedas, der mythischen Gesänge, entdeckt hat. und 285
Dann aber ging das Interesse an der vergleichenden Sprachforschung nach Deutschland über, das im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Philologie eine führende Stellung einnahm. Man sieht diese Entwicklung zur Philologie leicht im Zusammenhang mit pädagogischen Zerrbildern, etwa mit dem Typ des Professors Unrat aus dem »Blauen Engel«, während doch in Wirklichkeit gerade die Sprachwissenschaften den Völkern Aufschluß über sich selbst gaben und in vielen Fällen eine nationale, revolutionäre Bewegung geistig vorbereitet haben. In heutiger zuvor wissenschaftliche Bemühungen bestimmt und Erkenntnis nur so weit anerkamlt wird, als man ihren Zweck, ihre »Verwert- Zeit, wo ja der Nutzen mehr als je muß die geduldige Beschäftigung mit abseitigen Sprachformen und Wortstämmen Kopfschütteln hervorrufen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gehörten solche sprachwissenschaftlichen Arbeiten aber zu den großen Leistungen der Kultur und stießen auf breites Interesse, weil ja auch hier ein neues Bild des Menschen und der Geschichte hervortrat, das den biblischen Rahmen barkeit« begreift, sprengte. Gerade die Bewegung der Romantik hatte ja zu Problemen der Sprache ein be- sonders sensibles Verhältnis, so schrieb Friedrich von Schlegel (1772-1829) eine Abhandlung »Über die Sprache und Weisheit der Indier« und deutete die Sprach- verwandtschaften an, während sein Bruder August Wilhelm von Schlegel (1767-1845), Professor für Sanskrit in Bonn, eine erste Einteilung für Sprachen schuf. Diese Gruppierung ist im Prinzip noch heute gültig. Man kann nämlich Sprachen danach unterscheiden, wie sie ihre Wortformen und ihre Sätze bilden. Es gibt Sprachen wie das Chinesische, die unveränderliche, einsilbige Wörter an- einandersetzen, wobei die Kombination den Sinn ausdrückt. Schlegel nannte sie »Sprachen ohne grammatische Struktur«. Dann gibt es Sprachen, z. B. die der Turkvölker, bei denen Wortformen durch Anhängen von starren Endungen gebil- von sogenannten Suffixen oder Affixen. Und schließlich gibt es Sprain denen die Wortstämme verändert werden, um Wörter und Wortformen zu bilden - etwa »sang« von »singen« und »klang« von »klingen«. Damit eröffnete sich der Forschung ein unüberschaubares Feld von Fragen, in deren Mittelpunkt zunächst die gegenseitige Verwandtschaft und Abhängigkeit der Sprachen stand. Die Ähnlichkeiten mancher Sprachen waren verblüffend, und man lernte mit der Zeit auch, die Lautverschiebungen und Abschleifungen im Gefüge der Sprachen richtig einzuordnen und in ihrer Gesetzmäßigkeit zu erkendet werden, chen wie die der indogermanischen Sprachfamilie, nen, so daß man die anatomische Struktur eines Sprachleibes zu erfassen ver- mochte. Ursprünglich hatte man sich etwa zur Zeit der Humanisten und der Renaissance überhaupt nur mit dem Griechischen, dem Lateinischen und mit dem Hebräischen als der Sprache der Bibel abgegeben. Sprachen hinzugekommen, und es interessierte Nun waren die anderen alten vor allem, wie die Ähnlichkeiten zwischen Sanskrit und einigen anderen Sprachen zustande gekommen waren. Vater heißt auf sanskrit »pita«, auf griechisch »pater«, auf lateinisch »pater«, auf gotisch »fadar«, auf altisländisch »fadir«, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Frage war, ob Sanskrit eine Ursprache war oder wie sich überhaupt diese Verwandtschaften erklären ließen. 286
Jakob und Wilhelm Grimm gelten als Begründer der deutschen Philologie. Wilhelm Grimm widmete sich besonders der Erhaltung der Volksdichtung und gab zusammen mit seinem Bruder Jakob 1814 die »Kinder- und Hausmärchen« heraus. Zusammen veröffentlichten die Brüder 1852 das umfangreiche »Deutsche Wörterbuch«. Daguerrotypie nach einem Stich von L. Sichling. Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien
Es sind drei Namen, die in diesem Zusammenhang mit ihren Arbeiten genannt werden müssen, nämlich Franz Bopp mit der Schrift »Über das Konjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache« (1816), Rasmus Kristian Rask mit der Arbeit »Untersuchung über den Ursprung der altnordischen oder altisländischen Sprache« (1818) und die »Deutsche Grammatik« von Jakob Grimm, die seit 1819 erschien. Wie breit alle diese Ansätze waren, zeigt ein Blick auf den Mann, dessen Name am unbekanntesten geblieben ist. Der Däne Rasmus Kristian Rask (1787-1832), ein Sammler wertvoller Pali- und Avesta-Handschriften, schuf Grammatiken für das Angelsächsische, Friesische und Lappische, gab der finnisch-ugrischen Sprachfamilie ihre wissenschaftliche Einteilung und befaßte sich mit dem Baskischen sowie mit den Dialekten der Eskimos. Die asiatischen Sprachen allerdings beherrschte er nicht, und so erklärt sich aus dieser Lücke auch, daß er zum Sanskrit keine Beziehung hatte, das Problem der Sprachverwandschaften also nur von den nordischen Sprachen her zu lösen versuchte. Als Jakob Grimm, einer der berühmten Brüder, die im hessischen NiederZwehren die Geschichten und Märchen aus dem Volk aufgeschrieben hatten, die Arbeit des Dänen Rask in die Hand bekam, schrieb er den ersten Band seiner eigenen Grammatik völlig um. Grimm hat die germanischen Sprachen grundlegend behandelt und jenes berühmte »Lautverschiebungsgesetz« gefunden, das im Ausland auch »Grimms Gesetz« heißt. Allerdings hatte schon Rask festgestellt, daß in den germanischen Sprachen dort ein f, th, h gesprochen wird, wo z. B. im Latei- nischen ein p, t, k steht (Störig). Man erkannte, daß in vorchristlicher Zeit bei den germanischen Völkern eine solche »Lautverschiebung« stattgefunden haben müsse. Später gab es dann im Deutschen noch eine andere Lautverschiebung entlang der sogenannten Benrather Sprachlinie, mit der sich das Niederdeutsche vom Oberdeutschen löste. Franz Bopp (1791-1867), der mit 20 Jahren eine Professur in Berlin übernahm, die er bis drei Jahre vor seinem Tod innehatte, schuf als Hauptwerk die »Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslawischen, Gotischen und Deutschen«, die 1833-1852 erschien. Er schrieb darin: »Ich glaube nicht, daß das Griechische, Lateinische und andere europäische Sprachen vom Sanskrit, so wie wir es in den indischen Werken finden, abgeleitet werden dürfen ich neige eher dazu, sie insgesamt als spätere Abarten ; vollkommener als die ihm verwandten Sprachen bewahrt hat.« 1861 erschien dann das von dem deutschen Sprachgelehrten August Schleicher verfaßte »Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen«. Schleicher hatte im Gegensatz zu seinen Vorgängern die wichtigsten Sprachen an Ort und Stelle studiert und so den Bezug zu den lebenden Sprachen hergestellt. einer Ursprache anzusehen, die jedoch das Sanskrit Prunksaal der Österreichischen N ationalhibliothek in Wien. Die Konzeption zu diesem prachtvollen 1723 begonnenen Bibliotheksraum in der Hofburg stammt von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Die Bücher sind in zwei Etagen , übereinander angeordnet von denen die obere durch eine Galerie zugängig , ist.

Daß die Sprachwissenschaften mit ihren Ergebnissen tiefer greifen, als die Vokabelweisheit der Schule vermuten läßt, zeigt ein Blick auf die Sprachphilosophie. Wie das menschliche Denken mit der Sprache verknüpft ist, wie die Sprache mit ihrem Reichtum oder mit ihrer Kargheit das Bewußtsein des einzelnen prägt, reicht ins Grenzgebiet der Psychologie andererseits hängen Sein und Bewußtsein so eng miteinander zusammen, daß sich auch für die Philosophie und Anthropolo; gie immer neue Fragen ergaben. Was eine Sprache für ein Volk und damit auch politisch bedeuten am deutlichsten die Wiederbelebung des Hebräischen, das aus einer sprache zu einer modernen Sprache geworden ist. kann, zeigt toten Kult- Ein ebenso fesselndes Kapitel würde sich dem bieten, der die griechisch-lateinische Herkunft oder die indogermanischen Wurzeln der modernen Techniksprache in der Luft- und Seefahrt entschlüsseln würde. Dieses Beispiel zeigt auch, daß Sprache nicht nur ein nach variablen Regeln System, sondern eine Summe von einem ständigen Prozeß von Veränderungen Ganz gewiß bauen aber Sprachkenntnisse Brücken, und selbst geordnetes Verständigungsmöglichkeiten unterworfen sind. festes die ist, in der harten politischen Praxis spielen philologische Fragen, eine bedeutsame Rolle. Wilhelm von Humboldt ist etwa bei Verträgen, der erste Wissenschaftler ge- wesen, der die von der Sprachforschung erarbeiteten empirischen Tatsachen mit dem Blick des Denkers übersah und philosophische Ansätze fand; ihm war die Sprache ein Spiegel des Denkens, vielmehr ein lebendiges Abbild, und er glaubte, daß man sich mit der Sprache eines Volkes befassen müsse, wenn man seinen Geist erfahren wolle. Die Ideale des Freiherrn von Humboldt Als der preußische Gesandte am päpstlichen Hof, der Freiherr Wilhelm von Hum- Urlaub zur Regelung seiner persönlichen Verhältnisse eingereicht hatte, erreichte ihn in München die Nachricht, man wolle ihm die Leitung des preußischen Schulwesens übertragen. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt keine Bezieboldt, einen hung zur Pädagogik gehabt, wenn er auch selbst auf dem Gut seiner Eltern in Tegel und für seine Kinder besonders bei Berlin eine ausgezeichnete Bildung erhalten aufgeschlossene und tüchtige Hauslehrer beschäftigt hatte. In seiner Amtszeit, die insgesamt nur sechzehn Monate betrug, hat er das preußische Erziehungswesen, das später für Deutschland vorbildlich wurde, auf eine feste Grundlage gestellt damit für seine Zeit geleistet, was in diesen Jahren und mit Hilfe der Bildungsreform ist. Das preußische humanistische Gymnasium ist HumWerk, er hat die Universität in Berlin gegründet und das Abitur eingeführt, kurzum, er hat wesentlich jene Einrichtungen geschaffen, die noch heute so viele leidenschaftliche Angriffe hervorrufen und die damals den Fortschritt verkörperten. Ohne die Niederlage des preußischen Heeres bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806, ohne den politischen Schock des Friedens von Tilsit zwischen Napoleon I. und dem preußischen König hätte sich die reaktionäre Monarchie gewiß nicht dazu neu versucht worden boldts hinreißen lassen, Bildungsreformen durchzuführen. 290
Daß ausgerechnet Humboldt mit vom dieser Aufgabe betraut worden ist, verdankt kurzen Zeit seines Wirkens ja einige bedeutende Männer in den preußischen Staatsdienst geholt und insgesamt wohl mehr durch seine Persönlichkeit als durch sdne Arbeit gewirkt hat. Im Grunde waren es zufällige Beziehungen, die zu-dieser Berufung führten, nicht sachliche, sondern personenorientierte Entscheidungen, wie sie in höheren Gesellschafts- man dem Freiherrn schichten üblich waren. Stein, der in der Humboldt jedenfalls nahm den Auftrag an, obwohl er bis Wie alle seine Posten betrieb dahin noch nie eine Schule von innen gesehen hatte. auch diesen mit der unangestrengten Lässigkeit eines Mannes, der wirtschaftlich unabhängig ist und es sich leisten kann, eine profilierte Meinung zu haben. er Wie selbstverständlich übertrug er seine eigenen Bildungserlebnisse auf den Staat dem er selbst und formte das preußische Erziehungswesen in jenem Geist, in höchst fortschrittlich erzogen worden war. Sein Ideal war die klassische Bildung, orientiert an einem Griechentum, das wenig mit dem historischen Volk des Perikies, aber viel mit den gesellschaftlichen Verhältnissen des frühen 19. Jahrhunderts zu tun hatte. Die Verinnerlichung und Idealisierung bestimmter ist, Tugenden, wie sie von den Griechen nie geleistet worden entsprach den patriotischen Bedürfnissen der Epoche, anders ausgedrückt, seit Wand, jeher bot die Antike die weiße zierte, stets mit dem Hinweis auf die Europa sein Selbstverständnis proji- auf Griechenland - so etwa ließe sich das sehr dem Preußen kom- und griechischer Sprachwissenschaft interpretieren. Humboldt selbst hat das in einem Brief an den Hauslehrer Wolf so ausgedrückt: »Es gibt, außer allen Studien und Ausbildungen des Menschen, noch eine ganz eigene, welche gemeinsam den ganzen Menschen zusammenknüpft, ihn nicht nur fähiger, stärker, besser an dieser oder jener Seite, sondern überhaupt zum größeren und edleren Menschen macht, wozu zugleich Stärke der intellektuellen, Güte der moralischen und Reizbarkeit und Empfänglichkeit der ästhetischen Fähigkeiten gehört. Diese Ausbildung nimmt nach und nach mehr ab, und war in sehr hohem Maße unter den Griechen. Sie kann, dünkt mich, nicht besser befördert werden, als durch das Studium großer und gerade in dieser Rücksicht bewundernswürdiger Menschen, oder, um es mit einem Worte zu sagen, durch das Studium der Griechen.« Für ihn waren die Griechen gleichsam die reine Menschheit, wie er schon 1793 plizierte Verhältnis in seiner »Skizze zwischen des Jahres 1809 über die Griechen« dargestellt hatte. Er meint, hier verbinde sich und Einheit, Sinn für Mannigfaltigkeit mit einer Humanität, die sie Naturnähe bereits auf hoher Kulturstufe erscheinen lasse«, kurzum, Vielseitigkeit »trotz ihrer er idealisiert den Typ des wirtschaftlich unabhängigen, ästhetisch gebildeten, Mannes« Schiller und Friedrich Schlegel haben diesen aus kenntnisreichen »edlen der Geschichtswissenschaft ; gewonnenen Ansatz zur Geschichtsphilosophie der Klassik vertieft. dem Abstand eines Jahrhunderts, daß diese humaniWendung ausgerechnet von jenem Manne vollzogen wurde, dessen Bruder sich mit dem Gedanken zum »Kosmos« trug, der Gesamtdarstellung des naturwisEigentümlich wirkt aus stische senschaftlichen Wissens seiner Zeit. Die so folgenreiche Kluft zwischen Naturund Geisteswissenschaften ist in Deutschland bei den Gebrüdern Humboldt wie
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vorgezeichnet; es 'scheint, als habe die Klassik ermöglicht, die revolutionären Erkenntnisse der Naturwissenschaften zunächst zu bagatellisieren. Jedenfalls galt es für edler, sich mit Xenophon und Cicero zu befassen als mit dem System der Pflanzen oder der Thermodynamik, und das Bildungsziel- blieb letzten Endes eine unverbindliche, in der Politik nicht wirksam werdende Humanität, zwischen dem Aufstand eines Spartakus und dem Elend der schlesischen Weber gab es noch nirgends einen geistigen Zusammenhang. Als Humboldt im Jahre 1808 Rom verlassen und in München auf der Durchreise nach Norden von seiner neuen Aufgabe gehört hatte, herrschten unruhige Zeiten. Humboldt selbst machte sich um Gut Tegel Sorgen, das von den Franzosen geplündert worden war, auch fürchtete er um sein im Herzogtum Warschau angelegtes Vermögen. An seiner Aufgabe in Rom hing er mit einer geradezu romanti- Das Arbeitszimmer Wilhelm von Humboldts (iy6y-i8^) in Schloß Tegel bei Berlin. 1809 wurde Humboldt preußischer Minister für Kultur und Unterricht und leitete eine grundlegende Reformierung des Schulwesens ein, ausgehend vom Bildungsideal des klassischen Griechenlands aus der Sicht des 19. ]h. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv (vorhergehende Doppelseite) Die Bürgerbibliothek in Bern. Die Bibliothekskommission ist zusammengetreten, um über den Ankauf neuer Werke zu beraten. Gemälde von Johannes Dünz, um 1696/97. Bürgerbibliothek, Bern
sehen Schwärmerei, und es schien ihm unerträglich, sie aufgeben zu müssen. Er hat denn auch den Posten mit sachlichen Begründungen strikte abgelehnt und For- derungen prinzipieller Art gestellt, die als sehr weitgehend erscheinen mußten; sie bezogen sich selbstverständlich nicht auf eigene Vorteile, sondern auf sein Amt. Der preußische Minister des Inneren akzeptierte Humboldts sämtliche Voraussetzungen und behandelte die Sache so, als sei die, Ablehnung überhaupt nicht ausgesprochen worden. Humboldt, als Preuße an eine selbstverständliche Art des Dienens fixiert, trat seine Aufgabe schweren Herzens an. Damals wie heute besteht die Leistung in der Verwaltung ja weniger in der Entwürfe zu erarbeiten, denn gute Ideen sind wohlfeil, als in der gegen Widerstände zu realisieren. Humboldt hat deshalb zunächst das Schulwesen dem Griff der obersten evangelischen Kirchenbehörde entwunden und Fähigkeit, große Kraft, sie ausschließlich dem Staat unterstellt, ein für altpreußische binisches Vorgehen. er es mit dem Im Kampf Beamte geradezu jako- für sein Ressort, das ja erst zu schaffen war, hatte Minister des Inneren Graf Dohna, mit dem König selbst, dem einzi- gen Souverän, und mit einer Reihe von einflußreichen Nebenfiguren zu tun, zu denen auch die Königin Luise und der damalige Oberpräsident von Ostpreußen gehörten. Humboldts Ziele waren, das Ressort selbst zu organisieren und als Institution zu verankern, übrigens nach dem Maßstab der Selbstverwaltung, einen allgemeinen Schulpan zu entwerfen, sowohl was die Gliederung der Schulen, den Lehrplan und die erzieherische Methode anging, und schließlich »die Regulierung der Fonds und Etats« aller Schulen und der Besoldung aller Lehrer und Geistlichen. An seine Gattin schrieb er: »Ich habe den großen Plan, die Schulen bloß von der Nation besolden zu lassen« - auch diese heute selbstverständliche Einrichtung war für damalige Verhältnisse ein kühner Fortschritt. Dieser liberale Konservative strebte Reformen auf dem Verwaltungswege an. Er gründete eine »Sektion für öffentlichen Unterricht«, eine Art Reformausschuß, der durch eine »Wissenschaftliche Deputation« ergänzt worden ist. Im Jahre 1808 wurden diese Bestrebungen durch die Neuordnung der Provinzialverwaltung ergänzt. Jede Regierung umfaßte künftig vier Deputationen, nämlich für das Polizeiwesen, für Kultus und Unterricht, für das Finanz- und Kassenwesen und für das Militärwesen. Humboldt hat damals den Gedanken der staatlichen Zentralisation energisch betrieben, ein Prinzip, das die deutsche Bildungslandschaft nach- haltig beeinflußt hat. Seit dem Wirken Wilhelm von Humboldts ist selbstverständliche staatliche Einrichtung. Man die Schule eine unterschied Bürgerschulen, wo Elementarunterricht gegeben wurde, die höheren Schulen, die einem Bildungsziel dienten, und Universitäten. Humboldts Vorstellungen von Erziehung und Bildung nachhaltigen Einfluß gehabt. Dieser Schweizer in der Nachfolge Rousseaus, der seinen Sohn ganz nach dessen Erkenntnissen aufzog, also nach der »inneren Natur«, wollte den Armen helfen. Im Jahre* 1777 schrieb er in der Zeitschrift »Ephemerdiden«, der Arme müsse zur Armut erzogen werden, dies sei nicht »kalte Pestalozzi hat übrigens auf Gleichgültigkeit gegenüber der Not«, gegenüber Verhältnissen, die unerträglich sondern der einzige Weg, das Los der Armen zu erleichtern. Er gründete dem Lande den »Neuhof«, eine Armenanstalt mit etwa 50 Erwachsenen und seien, auf 295
35 Kindern, die 1780 geschlossen wurde, und leitete seit 1790 die von ihm ins Leben gerufene Waisenschule Burgdorf, die zugleich Lehrerbildungsanstalt war. Seine Grundideen der Erziehung hatte er aus der Familie entwickelt und auf Liebe aufgebaut; nicht der Drill, nicht die alttestamentarische Strenge, sondern Verständnis und Liebe waren seiner Ansicht nach Grundbedingungen der Erziehung. Ihr Ziel ist die Vertiefung des inneren Seins, das in drei äußeren Lebenskreisen - Vaterhaus, Beruf, Staat - seine äußere Form findet. Solche Gedanken sind in Humboldts Gesichtspunkt für die Schulreform eingeflossen, denn er schreibt: »Die Übung der Kräfte auf jeder Gattung von Schulen ist allemal vollständig und ohne irgendeinen Mangel vorzunehmen, alle Kenntnisse aber, die sie (d.h. die Übung der Kräfte) überhaupt wenig oder zu einseitig befördern, wie notwendig sie auch sein mögen, sind vom Schulunterricht auszuschließen und dem Leben die »Die Sieben Freien Künste« beinhalten den seit der Antike bestehenden Bildungs- kanon, den jemand absolvieren muß, der Anspruch darauf erhebt, und kultivierter Mensch zu gelten. Wandteppich, um i6j 5. Musee Gruuthuse, Brügge als gebildeter
»Das Angesicht des Mondes«. Pastellbild von John Russell (iy4y-i8o6). Diese malerische Darstellung wirkt nahezu wie eine moderne fotografische Aufnahme und der damaligen Zeit. City spricht für das exakte naturwissenschaftliche Interesse Museum and Art Gallery Birmingham , Kürzer ausgedrückt: »Alle Schulen, deren sich nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken.« So steht es im Litauischen Schulplan - diese Provinz gehörte damals bekanntlich zu Preußen -, und es folgt daraus, daß in der Volksschule nur das Nötigste geschieht, weil Bildung im Sinne Humboldts im Grunde nur über Sprachen, genauer gesagt über das Griechische möglich ist. Gerade dieser Humanismus Humboldts, der auf den ganzen Menschen zielt und die edelsten Absichten verfolgt, hat in späteren Jahrzehnten die Schule oft zu einer speziellen Schulen vorzubehalten.« Hölle der Philologie werden lassen, weil das ursprüngliche Ideal ganz aus Blickfeld geriet. in Nun paukte man nur noch die toten dem Sprachformen, und wer sich diesem Ausleseverfahren nicht anzupassen verstand, wessen Begabung nicht in das humanistische Schema wurde erbarmungslos ausgeschieden und Das geistige Ziel Humboldts war das wissenschaft- paßte, der gesellschaftlich disqualifiziert. Denken, das an der Universität geschah - man verstand irrtümlich Universität als die Stätte »Universitas litterarum«. Der junge Mensch wurde dieser Art des Denkens, die für Humboldt auf Sprachwissenschaft und Philosophie abzielte, schrittweise zugeführt. Geschichte und Biologie waren als Fächer zur Abrundung wichtig wie Geographie oder Mathematik, aber alles, was unmittelbar genutzt werden konnte, hatte einen unangenehmen Beigeschmack, denn nicht die Praxis, sondern die Menschenbildung war das Ziel. liche 297
Nach Humboldts Ansicht war es im Grunde gleichgültig, was der junge Student denn sein beruflicher Werdegang war ja ohnehin, ohne daß dies ausgesprochen wurde, von Klassenzugehörigkeit und gesellschaftlichen Verbindungen diktiert; gewiß konnte jemand Medizin und Jura studieren, und ein spezielles Fachwissen war ohne Frage notwendig. Wichtiger aber war das ideale Ziel: »Das wesentlich Notwendige ist, daß der junge Mann zwischen der Schule und dem Eintritt ins Leben eine Anzahl Jahre ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widme, der viele, Lehrer und Lernende, in sich für Kollegien belegte, * vereinigt.« So entstand in Preußen ein großartiges, wenn auch auf eine einzige Grundvor- stellung fixiertes Bildungssystem, dessen Stärke in seiner Einheitlichkeit beruhte. Jeder, auch der Ärmste, erhielt eine vollständige Menschenbildung, sei es auf der Volksschule, auf der höheren Schule oder auf der Universität. Die Besten wurden dem humanistischen Gymnasium im Geist der Antike erzogen, der mit dem Preußentum eine wunderliche Verbindung eingegangen war. Spezialisierung auf auf besonderen Schulen, etwa auf technischen Hochschulen, interessierte nur am Rande, überhaupt kümmerte man sich kaum um die, die praktische Forderungen an die Schule stellten. Die Rebellion der Studenten an deutschen Universitäten geht zunächst darauf zurück, daß es bisher nicht gelungen Stellen geflickte Bildungssystem eines ist, dieses an vielen Humboldt den heutigen Vorstellungen an- zupassen. Das Abitur verdankt die Schule dem legitimen Bestreben, die Zulassung zum Studium aus der Gunst der Professoren, der geistlichen und weltlichen Herren herauszulösen. Als Humboldt am 23. Juni 1810 zum ersten Male der Sektion für öffentlichen Unterricht präsidierte, war sein Reformwerk nicht entfernt vollendet, aber es waren überall die entscheidenden Anstöße gegeben worden. Dazu gehört auch, daß sich sein Nachfolger der Reifeprüfung annahm. Man hatte schon 1788 die Prüfung, von der die Zulassung zur Universität abhing, dem Dekan abgenommen und der Schule auferlegt. Das war ein Schritt zur Versachlichung, zur Transparenz des Vorganges, der nur begrüßt werden konnte. Nun aber wurde diese Prüfung substantiell nach den Begriffen des Neuhumanismus geformt. Das Dekret von 1812 besagte: »Im Griechischen muß der Examinandus die attische Prosa, wozu auch der leichtere Dialog des Sophokles und Euripides zu rechnen, nebst Homer, auch ohne vorhergegangene Präparation, verstehen; einen nicht kritisch-schwierigen tragischen Chor aber, im Lexikalischen unterstützt, erklären können.« Diese Forderung war absurd und ist denn auch bald gemildert worden. Aber die Überforderung der Schüler durch den Ressortehrgeiz der verschiedenen Fächer, der Zug zur Paukschule, zeichnete sich schon damals ab, und der ideale Zweck, es solle der Mensch gebildet und das Lernen gelehrt werden, wurde von der Unzulänglichkeit der Institutionen erdrückt. So wurde die Altphilologie zum Schrecken ganzer Generationen, und niemand vermag noch zu sagen, ob diese Opfer an Mühe und Fleiß sinnvoll waren - außer daß keit man sich, gebildet wie man war, klassischer Zitate bediente, so die Zugehörig- zu einer bestimmten Schicht gelegentlich wurde der logische Sprachverstand zum Ausdruck bringend. Freilich geschärft, der Sinn für das abstrakte 298 Denken
Johann Heinrich Pestalozzi (iy46-i82y). Der Schweizer Sozialpädagoge entwickelte ein Erziehungssystem , das auf einer engen Verbindung des Menschen zur Natur gegründet war. Lithographie des 19. Jh. nach einem Gemälde von Georg F. Schöner. Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien gefördert, das Gedächtnis geübt, aber unter ständiger, drückender Angst, zu ver- und unter den Drohungen pädagogisch hilfloser Schultyrannen. Trotz dieunvorhersehbaren Wirkungen war die Bildungsreform des Freiherrn Wilhelm sagen, ser von Humboldt ein großer Wurf und ein Schritt auf dem Weg zur Demokratisierung der Bildung. Humboldt selbst hat erst dann seine breite Wirksamkeit als Philologe entfaltet, ein Mann von immensem Wissen, der die Sprachwissenschaft wesentlich begründet hat. Er ist am 8. April 1835 in Tegel gestorben, ein Menschenalter früher als sein älterer Bruder. Mit Band und Mütze Mit Band und Mütze, dem sogenannten »Farbendeckel«, stolzierte der Corpsstu- dent durch die Gassen der kleinen Universitätsstadt, das Gesicht mit Schmissen verziert und aufgedunsen von unzähligen Bierschlachten, in denen er unter un- verständlichen Bräuchen seine Kommerslieder grölt - dieses Bild des corporierten 299
Der Dorfschulmeister. Die Stellung des Lehrers im 19. Jh. war nicht beneidenswert. Preußen wurden meist ausgediente Militärs im Schuldienst eingesetzt womit der soldatische Drill auch dort seinen Einzug hielt. Kolorierter Stich, um 1830/40, erschienen bei Joseph Scholz in Mainz. In Studenten hat sich im Bewußtsein der Öffentlichkeit so festgesetzt wie die Figur des brüllenden Unteroffiziers auf dem preußischen Kasernenhof, aber die Karika- tur gibt nicht die Realität, sondern nur ihre polemische Verzerrung. Allerdings verweisen solche Verzerrungen allemal auf die Tatsache, daß die angegriffene Per- sonengruppe selbst ein gestörtes Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität hat. Die Bünde, wie sie von den Angehörigen der studentischen Corporationen selbst bezeichnet werden, gehen auf die alten Landsmannschaften in den Bursen zurück und haben im Laufe der Zeit aus vielen Bereichen des Lebens, vor allem aus dem Freimaurertum, Bräuche aufgenommen, die ihrerseits wieder auf die viel älteren Formen der Bauhütten zurückgehen. Studentische Bünde, die mehr als rohe landsmannschaftliche Haufen sind, gibt es zum erstenmal zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Form von Orden. Diese Amicisten, Unitisten und Konstantinisten bekennen sich zu lebenslanger brüderlicher Freundschaft und Bundeszugehörigkeit sowie zur gegenseitigen tätigen Unterstützung über die Studienjahre hinaus. Hier entwickelten sich, wie bei den Freimaurern, gesellige Formen, wie sie meist unter einem gewissen Druck der Umwelt entstehen; man hat sich aufrührerisch genug eine Verfassung gegeben, die man selbstverständlich geheimhalten muß, es gibt Erkennungszeichen, Aufnahmebräuche und den körperlichen Eid. 300
Das Interesse an der Natur, seit der Renaissance in ganz Europa kultiviert hatte seinen Niederschlag in zahlreichen Werken der Zoologie und Botanik. Hier ein Blatt aus der »Metamorphosis Insectorum Surinam ensium« von Maria Sibylla Merian, 1705.
/ Frankfurter Studenten trinken Brüderschaft. Aquarell aus dem Jahr Staatsbibliothek Berlin 1805. , Bildarchiv den Anfängen bei den Amicisten wurde die »feierliche Loge« in einem verZimmer durchgeführt. Auf dem Tisch, den ein schwarzes Tuch bedeckte, lagen vor Leuchtern mit brennenden Kerzen gekreuzte Schläger, ein Totenkopf und die »Constitution«, die Verfassung. Verfassungen waren ein Stück Demokratie, also Bedrohung der Fürsten, daher die Feierlichkeit der Zeremonie, die sozusagen der Aufnahme eines Verschwörers galt. »Nach Verpflichtung des jüngsten Bruders wurde dieser in den drei genannten Orden auf die Bestrafung des Eidbruches und des einseitigen Austrittes durch die blanke Waffe besonders hingewiesen, bei den Konstantinisten, indem der Senior mit gewaffneter Hand in den Kreis der Brüder trat und >Rache dem Meineidigen und Verräter< drohte.« Die studentischen Orden sind verhältnismäßig schnell untergegangen, doch haben die Landsmannschaften einige ihrer Grundsätze und Formen übernommen. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts entstanden dann die Kartelle, d.h. die Zusammenschlüsse verschiedener Verbindungen, und die Seniorenkonvents. Damals wurden bindende Regeln für die Studentenschaft ausgearbeitet; es gab den studentischen Komment sowohl für die Kneipe, also für das Benehmen in der Gaststätte, wie für das Fechten, den sogenannten Pauk-Komment. Im Mittelpunkt des studentischen Lebens standen gesellschaftliche Rituale und die ProIn dunkelten 302
bleme der Ehre, über die noch zu reden sein wird. Der Name »Corps« ist dabei eher aus Verlegenheit gewählt worden, um an die Stelle der verbotenen Landsmannschaften und der erloschenen Orden eine gängige Bezeichnung zu setzen. Die Behörden begünstigten diese Corps, da man sie einerseits den Landsmannschaften, andererseits den Burschenschaften vorzog. Der beherrschende Einfluß des Verbindungswesens auf das gesellschaftliche Leben in Deutschland beruhte vor allem auf der Tatsache, daß der Bund zwischen den Studenten ein Lebensbund war. Noch um 1800 herrschten, was die unverbrüchliche Bundeszugehörigkeit anging, äußerst strenge Auffassungen; die Sitte, den Schwur bei gekreuzten Schlägern durch Handauflegen auf einen Gegenstand zu leisten, hat sich von den Amicisten aus weit verbreitet, man findet das Symbol der gekreuzten Schläger in den Wappen fast aller rige einer Corps. So verstehen sich Bundesbrüder noch heute Angehö- als Vereinigung, die »gestiftet« wurde, nicht wie ein Verein bloß gegründet. Der Unterschied liegt in der Unauflöslichkeit der Verbindung, und dieses Prinzip bedingt auch die gegenseitigen Empfehlungen zwischen Bundesbrüdern die Vorherrschaft mancher Corporationen in einigen Ministerien ist amtsbekannt, wenn auch seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sich andere Einflüsse durchgesetzt haben und die Macht der Corporationen gebrochen ist. ; Den stärksten geistigen Einfluß auf die studentischen Bünde hat Schiller ausge- »Räubern« (1781), später aber auch mit seiner Wendung zur Klassik. In dieser Epoche sind insbesondere die Corporationen noch heute verankert. Ihre Angehörigen verstehen sich, unter Hinweis auf klassische Texte, als Bewahrer antiker Tradition, die in besonderem Maße Ehrenhaftigkeit, Charakterfestigkeit und Pflichttreue anstreben. Ihre Verbindung sehen sie als eine nicht übt, zuerst mit seinen zeitgebundene, »insbesondere dem Zeitgeist nicht dienende, auf ideellen Werten aufgebaute Institution der Akademikerschaft« (Kösener Kongreß 1964). Im Jahre 1789 ist als ältestes Corps die »Guestphalia« zu Halle gegründet wor- Schon die Ansbacher Konstitution der »Onoldia« (1798) forderte, man solle den entscheidenden Einfluß auf die allgemeinen Studentenangelegenheiten sichern. Dies geschah denn auch, und der Jenaische Komment von 1813 wurde so etwas wie eine Magna Charta des Studentenwesens. Sie hat die damals herrschenden Auffassungen über Ehre und Bund zum ungeschriebenen Gesetz erhoben und dem studentischen Leben seinen Stempel mindestens bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges aufgeprägt. Das streng ständische Ideal der Corps ist noch heute im Selbstverständnis manchen Akademikers konserviert. Seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden die Universitäten von den. sich den Corps mit ihren rüden Duellsitten und ihren extremen Ehrenbegriffen beherrscht. Dies gelang mit den verschiedensten Mitteln, unter anderem mit dem sogenannten »Verschiss«. »Der Verschiss ist die akademische Infamie, und wer mit dieser belegt ist, ist aus jeder Studentengesellschaft verbannt und aller Gemeinschaft mit ihr verlustig. Mit einem, der mit der akademischen Infamie belegt ist, darf niemand umgehen, an öffentlichen Orten, sei es innerhalb oder außerhalb von Jena, wo sich honorige Burschen befinden, darf er nicht geduldet werden, und ein jeder hat das Recht, ihm die Weisung zu geben, sich zu entfer- 303
dem Jenaischen Komment, ausgestellt im Jahre 1812, stellt einen unverfrorenen Versuch dar, die Anschauungen einer kleinen Gruppe von nen.« Dieses Zitat aus Studenten, nämlich eben der Corps, einer Mehrheit aufzuzwingen, die im Grunde davon gar nicht berührt werden konnte. Das gesellschaftliche Leitbild dieser Elite war nicht der Gelehrte, auch nicht der gebildete Verwaltungsbeamte, wie ihn China im Mandarinentum hervorgebracht hat, sondern der Akademiker, der zu allererst Herr war, sich also an den Idealen des aufgeklärten Landadels orientierte. Allenfalls das evangelische Pfarrhaus hatte diesen Vorstellungen einen tieferen 'Wertmaßstab engegenzusetzen. Das politische Bewußtsein der Studenten war durch die Französische Revolution und vor allem durch Schillers Pathos geweckt worden, aber es blieb ohne Wirkung. Erst die Burschenschaft hat für eine kurze Zeit die Studentenschaft für ein politisches Ziel, für ein einiges, demokratisches Deutschland, begeistern können. Studium Generale (1964) ist ein Brief des Bayern Gustav Blumröder wiedergegeben, der im Juli 1823 als Student an seine In einer der Schriften des Kösener Ausgrabung des ersten amerikanischen Mastodons, eines Rüsseltiers das als , Mit zu den Errungenschaften des 19. Jh. gehört die wachsende Sammlertätigkeit die sich im Zuge der Explosion der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch auf die Erforschung der Uranfänge der Geschichte dieser Erde erstreckt. Gemälde von Charles Wilson Reale um 1830/40. The Reale Museum Baltimore. Vorläufer des Elefanten gilt. , , ,
Das Lesekabinett. Gemälde von ]. P. Hasenclever (1810-1853). Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Berlin Schwester schrieb: »Da kam Commershaus. Da waren sieben in und keiner war da, der nicht in Liebe gewesen ich endlich aufs lauter Liebesgespräche begriffen, wäre und nicht seinen Pokal geleert hätte aufs Wohl seiner Geliebten mit glänzenden Augen und glühendem Antlitz; und da saß ich so recht miserabel solo, und es schnitt mir recht durchs Herz, und ich hätte weinen können.« Man ist gefühlvoll im Stil der Zeit, selbst als »Waffenstudent«, und die martialische Note späterer Jahrzehnte fehlt durchaus noch erst als das Offizierkasino gesellschaftlich den Ton in Deutschland angibt, macht sich in gewissen Häusern die rüde Arroganz der damaligen Elite breit. ; Auf dem Paukboden Sein Leben jederzeit mit dem Degen in der Faust verteidigen zu müssen, war dem Kavalier vergangener Jahrhunderte selbstverständlich, ebenso die Verteidigung Auf die philosophische Erörterung dieses Begriffes kann werden, ebenso aber auf gängige Ironie noch heute rotten sich nicht nur in Süditalien, sondern auch im sozialistischen Jugoslawien ganze Familen aus, und zwar mit keinem besseren Grund, als daß sie nur so ihre Ehre wahren können. seiner sogenannten Ehre. leicht verzichtet ; 305
/ An wo junge Männer aus vieler Herren Länder rivalisierten, standesgemäß waren, eii\e erhebliche Rolle. Die allgemeine Duellwut hat Anfang des 17. Jahrhunderts ganz Europa ergriffen, sie mag als Zeichen gewertet werden, wie eine herrschende Kaste sich gegen das immer mächtiger werdenden Bürgertum als Träger besonders empfindlicher Ehrvorstellungen profilierte. Der Student, von den religiösen Kämpfen der Epoche verwirrt, ist in diesen Zeiten zum wüsten Duellanten geworden. Ein Professor zu Jena hat im Jahre 1607 den Typ geschildert: »Ein solcher greulicher Student betet gar nicht zu Gott, um welche Ruchlosigkeit, wenn er von anderen gestraft wird, er gar säuberlich spricht: >Die Säue, ob sie wohl niemals verehren und anrufen, werden doch Wenn es auf den Gassen, auch in den Gemasehr fett auf ihren Mast-Ställen< chen still geworden, die Menschen der Ruhe sich begeben, alsdann erhebet er sich mit großem Krach der Pfosten und Thüre, bricht los, wo er nur gesteckt, gewappWenn ihm andere Studenten oder friednet, und von seinem Jungen begleitet liebende Bürger begegnen, an dieselbigen fällt er wie ein Mörder oder öffentlicher der Universität, spielten Duelle, weil sie . . . . Erstes deutsches Studentenparlament Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv . . in Eisenach , am 12. Juni 1848.
Straßenräuber mit bloßem gezücktem Schwerte gen, schlaget, verwundet, wirft zu Boden, tritt, . . . hauet und stoßet auf dieselbi- würget, schnaubet, tobet und ge- bahret sich nicht anders als ein Teufelin, die aus der Hölle in menschlicher Gestalt losgelassen worden ... Er scheidet von dannen fast allezeit schattengelb, mager, Narben und Heften durch und durch zerflickt.« halbäugig, hinkend, zahnlos, mit Der Kriegsschauplatz für diese unberechenbaren Gesellen ist die Straße, aber auch unter Alkohol geäußertes schiefes Wort, einen spöttischen Blick, eine Ungeschicklichkeit auf der Stelle mit dem die Wirtschaft. Jeder ist jederzeit bereit, ein Degen zu rächen. Die Landsmannschaften boten ten ihre Satzungen, ihre eigenen dem Studenten einen gewissen Rahmen Farben am Degenknauf und am Hut, sie ; sie hat- erließen und hielten Konvente ab, aber jede ihrer Unternehmungen war eine Provokation, denn sie bewies die Machtlosigkeit der Staatsgewalt, die sich damals auszuEdikte bilden begann. Praktisch terrorisierten diese losen Studentengruppen die Universität mit der Waffe. Die Philister waren ohnehin eine Art Freiwild, Saufen und Fechten standen im Mittelpunkt studentischen Lebens, und man hielt reihum auf den Studentenbuden sogenannte Kränzchen ab, auf denen Wettkämpfe im Fechten ausgetragen wurden. Daß sich überhaupt für Duelle Regeln ausbildeten, muß man als Fortschritt gegenüber den früheren rohen Zeiten ansehen. Dem Duell selbst ging die sogenannte Kontrahage voraus, der ritualisierte Ablauf der gegenseitigen Beleidigungen, bei dem wie beim Schach ein bestimmter Zug zwangsläufig den nächsten zur Folge haben mußte; der Ehrenkodex gebot, daß der Beleidiger durch irgendeine Handlung des anderen seine eigene Ehre verletzt sah. Also fühlte er sich herausgefordert und hatte den anderen zu stellen. Er rempelte ihn an, gab ihm eine Ohrfeige, schrie ihn mit bestimmten Worten an, die ehrverletzenden Charakter hatten. So galten Schisser, Fuchs - dies für einen alten Burschen Wurzel, Pflastertreter, Kümmeltürk und Quark als solche Beleidigungen, unfehlbar aber wirkte ein »dummer Junge«. Die Sitte der Kontrahage wurde zur Farce, weil jeder versuchte, wenn er seinerseits angegriffen wurde, sich mit gröberen Mitteln in die »Avantage«, den Vorteil angeblicher Ehrverletzung, zu setzen. Man schlug sich sogar mit der Hetzpeitsche oder goß sich den Inhalt des Nachttopfes ins Gesicht, nur um »in Avantage« zu sein, d.h. den anderen an Beleidigtheit zu übertreffen. So konnte man selbst die Bedingungen des Zweikampfes bestimmen. Eine typische Figur jener Tage war der Renommist. Das Wort muß man nicht erklären, wohl aber die Umstände des damaligen städtischen Straßenverkehrs. Damit man heil durch die schlammige Brühe kam, die damals Straße hieß, waren in der Mitte Steine gelegt, auf denen man trockenen Fußes balancierte. Ein Renommist wich grundsätzlich nicht aus, wie das üblich und höflich war, sondern rempelte jeden an, der ihm entgegenkam, wie überhaupt diese Gehsteine in den Universitätsstädten zu ständigen Rempeleien verführten. Bei den Raufbolden war es beliebt, abends in der leeren Straße das Rapier am Pflaster zu wetzen und Beleidigungen zu grölen, bis der Betroffene sich stellte; offenbar sind Dummheit und Brutalität zu allen Zeiten Verbündete und nicht nur in der sozialen Schicht angesiedelt, aus der die heutigen Rockerbanden kommen. 307
Jena, die Stadt* der wildesten Exzesse, wurde auch zum Geburtsort der AntiDuellbewegung. Der spätere bayerische Kirchenrat Stephani gründete einen gleichgesinnten Kreis, def von den Landsmannschaften als Club der »Chokoladisten« verspottet wurde, weil »sie sich vermaßen, alle Streitigkeiten bei einer Tasse Schokolade schlichten zu wollen«. Auch bei den Konstantinisten und Amicisten bildeten sich Logen, die den Zweikampf als unchristlich und unmoralisch verwarfen. Sie haben sich nicht durchsetzen, wenn auch durchaus an Boden gewinnen können. Andererseits gab es im 18. Jahrhundert und auch später bis weit ins 19. Jahrhundert hinein durchaus keine Strengen Regeln für Zweikämpfe die Ehre galt sogar für wiederhergestellt, wenn man einen Stellvertreter antreten ließ, so gab es Studenten, die einen Erwerbszweig daraus machten, sich zu duellieren, und niemand fand etwas dabei, daß sich jemand »für Geld und gute Worte« bereit fand, die Ehre solcher Menschenkinder zu retten, »welche das elende Vorurteil haben. ; Arbeiter und Magistrat im Jahre 1848. Diese Ölskizze von als erste ). P. Hasenclever gilt Darstellung des klassenbeivußten Proletariats in der Auseinander- setzung mit dem Bürgertum. Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster
Eidgenössisches Polytechnikum in Zürich. Ansicht der Hauptfront 1859-1865 errichtet von G. Semper. Die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte die den Anforderungen der technischen Entwicklung gewachsen waren machte die Einrichtung von technischen Hochschulen in den Industrieländern notwendig. , , , man dem Degen retten könne, aber nicht Herz genug besitzen, Degen zu führen«. Schon der leiseste Kratzer genügte übrigens, damit Satisfaktion gegeben war, und jedermann sah sich auf eine Weise vor, die man daß seine Ehre mit selbst einen heute auf dem Fechtboden als »kneifen« bezeichnen würde. Die spätere Bestimmungsmensur ist aus dem Versuch entstanden, den Progres- sismus bestimmter Studentenverbindungen mit extrem elitären terlaufen ; man bestand in den Normen zu un- reaktionären Verbindungen, die sich 18 55 im Köse- ner S. C. -Verband zusammenschlossen, auf der Satisfaktion durch das Duell, während die Burschenschafter theoretisch auch das Ehrengericht für die Satisfaktion anerkannten. Dank dieser unterschiedlichen Auffassungen bestand zwischen man focht innerhalb der Corps unter sich, und zwar mit dem Schläger. Diese Hiebwaffe mit Korb hatte den sehr gefährlichen »Stößer« beiden Gruppen »Verruf«, abgelöst, der wenn auch wiederum den im 16. Jahrhundert üblichen »Hieber« ersetzt Waffen nebeneinander geführt wurden. hatte, zeitweise alle drei Das Ringen der Corporationen mit den Burschenschaften um den Einfluß in der Studentenschaft hat fast eineinhalb Jahrhunderte gedauert. In dem Maße, in dem nach 1814 das liberale Bürgertum sich mit dem Staat versöhnte, wuchsen Einfluß 309
Schlägermensur mit Hüten. Zum täglichen Studentenleben gehörten solche Mutproben, denen sich kein Corpsstudent entziehen durfte, ohne in den Ruf eines Feiglings zu geraten. Nach einer Zeichnung von Eckert, um 1820. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv und Ansehen der Corps. Im Jahre 1858 galt als Bedingung für die Aufnahme in ein Corps, daß der künftige Bundesbruder sich im Duell geschlagen haben müsse. Da es mit den anderen Studenten keine Kontrahagen geben konnte, mußte man formal einen eigenen Bundesbruder beleidigen, um dann ordnungsgemäß kämpfen zu können. Später haben dann auch die deutschen Burschenschaften die Grundsätze der Corps angenommen, und der Komment legte die Regeln für die Bestimmungsmensur und die Schlägermensuren exakt fest. Die Selbstbeherrschung, die dazu gehört, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn der Hieb im eigenen Gesicht sitzt und das Blut rinnt, hat viele Jahrzehnte als Beweis für höchsten männlichen Mut gegolten und ist als Ziel der studentischen Erziehung gepriesen worden. So ließ der Paukboden, auf dem die scharfen Kommandos 310 der Sekundanten, das Klirren
Nähens ohne Betäubung erlebt wuraufkommen. Man erlebte diese mit militärischer Präzision organisierten Zweikämpfe als germanisch-deutsches Erbe, als hohe Schule des Mannesmutes und verkannte, daß der körperliche Mut nicht der Schläger, die martialische Prozedur des den, eine Hochstimmung von Mut und unbedingt mit moralischem Blut Mut einhergeht ; so konnte auch der so straff erzogene Waffenstudent während des Dritten Reiches korrumpiert werden. Der Waffenstudent selbst sieht in der Bestimmungsmensur einen ethischen Sinn; sie erziehe zum Standhalten, nicht zum Siegen, lehre den Starken, den Schwachen zu schonen, und zwinge zur Überwindung der körperlichen Angst. Mit dem Gedanken der Satisfikation aber ist die Mensur untrennbar an den Ehrbegriff und die Klassentrennung vergangener Zeiten gebunden. So ist der Student mit Band und Mütze, den der frische Schmiß zeichnet, zu einem Symbol der Reaktion geworden, denn hier hat der Typus der konservativen Corpstradition über die revolutionäre Tradition der Burschenschaft gesiegt. Protest auf der Wartburg Bekanntlich sprach jener König von Preußen, der von Napoleon geschlagen sich 1813 gegen Napoleon erhob, nur in Tätigkeitsworten, als lohnten andere Worte die Mühe nicht. Als man ihm am 3. Februar 1813 das bekannte Manifest »Zur Bil- dung von freiwilligen Jägerkorps« abnötigte, äußerte er mürrisch: »Freiwillige aufrufen ganz gute Idee. Aber keine aus dem kommen.« Er hatte sich getäuscht. Gerade Mittelstand, der bisher von der Wehrpflicht eigenem Antrieb, ausgenommen war, kamen noch ehe dieser Aufruf überhaupt erlassen war. Damals folgten diese begeisterten Studenten einer Pflicht, für die ältere Menschen kein Verständnis aufbrachten. So wurden Männer wie der Professor Henrik Steffens und Immanuel Fichte, der erste gewählte Direktor der Universität Berlin, hoch verehrt, weil sie auf der Seite der Jugend standen. In Berlin gingen die Immatrikulationen auf 35 zurück, in Breslau gingen gegen den Willen von Rektor und Senat mehr als drei Viertel der Studentenschaft zum Heer; dem leidenschaftlichen Appell des Professors Steffens folgend, schlugen sich 20-30 Hanseaten und Oldenburger aus Straßburg nach Breslau durch; in wenigen Tagen stießen zu den 42000 Mann, die laut Friedensvertrag dem preußischen Heer zugestanden waren, rund 20000 Freiwillige, meist gut erzogene, begeisterungsfähige Söhne aus dem wohlhabenden Mittelstand (Muchow). Man hat sie sich nicht als kriegslüsterne Teutonen vorzustellen, die einem törichten deutschen Wahn folgend in den Krieg stürzten, um Franzosen umzubringen. Diese nationale Erhebung war eine Form des Protestes gegen die Unterdrükkung der geistigen Freiheit, gegen die Erwachsenen, die sich mit Napoleon eingerichtet hatten, eine radikale Antwort auf eine bedrückende und verworrene Situation. Allerdings waren aus den gepflegten Jungen sehr schnell »Landser« der Befreiungskriege geworden, und das Flugblatt von Heirich von Kleist »Germania an ihre Kinder« hatte mit seinem Refrain »Schlagt sie tot; / Das Weltgericht / Fragt Euch nach den Gründen nicht!« die Hysterie zum Haß gesteigert. die Freiwilligen aus oft 311
Zum bürgerlichen Bildungsideal des 19. Jh. gehörte der Besuch im Museum. eine Szene im Louvre dargestellt. Ölskizze von Adolph von Menzel (1815-1905). Kunsthalle Hamburg Hier ist ,
Die Ereignisse selbst, die Kämpfe des Major Schill und die »wilde verwegene Jagd« des Freiherrn von Lützow mit seiner »Schwarzen Schar« sollen hier nicht geschildert werden. Diese Generation ist zweimal, 1813 und 1815, ins Feld gezogen und hat spätestens nach der Heimkehr ihre Illusionen verloren. Aber zum erstenmal haben Studenten, politisch handelnd als Studenten, nicht als einzelne Burschen ihrer Landsmannschaft die Universität zum Mittelpunkt einer geistigen Bewegung werden lassen. Nach ihrer Rückkehr setzten sie der bisherigen Landsmannschaft die demokratisch verstandene deutsche Burschenschaft entgegen. Als die Generation der Freiwilligen von 1813 nämlich zum zweiten Male in die Hörsäle zurückkehrte, hatte sie den verkalkten Absolutismus ebenso satt wie die muffige Enge der Kleinstaaterei. Sie waren ihrer Herkunft nach bürgerlich und standen unter dem Eindruck der Romantik. Zuletzt waren sie 1815 mit einem Spottlied in den Krieg gegangen »Vorm Jahr für Fürst und Vaterland, dies Jahr für Fürstenunverstand« nun wollten sie sich nicht mehr in alles fügen, was Fürsten beschlossen, und einen Bund gründen, der ihre Gemeinsamkeit erhielt. Dies war die »Allgemeine Deutsche Burschenschaft«, gegründet am 12. Juni 1815, wenige Tage übrigens vor der entscheidenden Schlacht bei Waterloo in Belgien. Es waren einige ehemalige »Schwarze« von der Universität Gießen, die an dieser Gründung beteiligt waren, und aus Jena eine Reihe ehemaliger Lützower. Im Stadtmuseum von Jena, der alten Universitätsstadt in der DDR, befindet sich die brüchige, schwarzrotgoldene Fahne der Jenaer Studentenschaft, auf deren unterem roten Streifen in Fraktur die Worte stehen: »Von den Frauen und Jungfrauen zu Jena am 31. März 1816.« Es ist die Fahne der Jenaer Studentenschaft, der »Burschenschaft« der Jahre 1815-1819. »Es waren 143 Studenten, etwa die Hälfte der damals in Jena Studierenden, die in langen Reihen über die engen Gassen der Innenstadt zur Saale zogen und sich auf dem anderen Ufer im Gasthof >Zur grünen Tanne< trafen« (Steiger). Dort lösten sie die alten studentischen Verbindungen »Franconia«, »Saxonia«, »Thuringia« usw. auf, deren Fahnen symbolisch gesenkt und abgelegt wurden. Es sollte in Zukunft nur eine einzige deutsche Studentenschaft geben, die sich zu einem einigen deutschen Reich bekannte. In einem reaktionären Staatenbund unter Führung Österreichs und Preußens wurde bereits diese Forderung der Studenten als jugendlicher Radikalismus empfunden. Die Farben sind damals die Farben der Revolution gewesen. In dem Gedicht Ferdinand Freiligraths (1810-1876), des Freundes von Karl Marx und Mitglieds des »Bundes , Deutscher Kommunisten« heißt rot, Golden flackert die Flamme Mußt jeden ! es auf dieser / Fahne: »Pulver Die eine deutsche Republik, ist / schwarz, Blut Die ist mußt du noch und Galgenstrick / Dreifarbig noch besiegen / Das Flieg aus, du deutsches Panier, flieg aus!« Die Republik wurde damals von allen fortschrittlichen Kräften gefordert; die bürgerlichen Burschenschafter verkörperten zwar radikale fortschrittliche Ideen, doch Revolutionäre waren sie nicht. Jena war damals eine bürgerlich-patriotische Universität, an der bestimmte Professoren eine gelegentlich offene Sprache führten, und im Laufe der Nachkriegsjahre war die Ungeduld gewachsen. Nun stellten erfliegen ist ! / Strick der letzte große Strauß - sich die ! / Burschenschaften die Aufgabe, die rüden Sitten der Studenten abzuschaf- fen, vor allem das Duellwesen und das Hazardspiel einzudämmen, überhaupt 313 er-
/ »Die Hoffnung des Landes« lautet die Überschrift zu dieser Karikatur auf den deutschen Studenten. Nach einer Zeichnung von Bruno Paul aus dem Simplicissimus Nr. 25. Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv zieherisch im Sinne einer bestimmten Haltung auf ihre Kommilitonen einzuwir- ken. Die politische Zielsetzung bestimmte hier wie auch heute in Widerstands- gruppen und in revolutionären Zirkeln eine höhere Moral. Die Saat, die Männer wie die Professoren Oken, Friesen und Luden unter die Studenten gestreut hatten, ging auf, und so übernahmen die Berliner Studenten Maßmann und Dürre, der eine ehemals Lützower Jäger, der andere Freiwilliger von 1815, den Gedanken, ein völkisches Fest zu organisieren, dessen Grundideen wohl auf den Vorstellungen des radikalen Patrioten Jahn beruhten. Mit letzter Sicherheit haben sich diese Anfänge aber nicht klären lassen. Am 11. August 1817 lud dann der Student Friedrich Wesselhöft, Sohn eines Jenaer Buchdruckers, im Namen der Burschenschaft die Studentenschaften der dreizehn evangelischen Universitäten Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen, Göttingen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, Rostock und Tübingen zu einem Refor- mationsfest ein. Diese Einladung war zu Pfingsten 1817 in Naumburg zwischen den Studentenschaften von Jena und Halle beschlossen worden, aber weil Halle unter scharfem polizeilichem Druck stand, übernahm Jena allein die Durchfüh- rung des Treffens. 314
Der Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar genehmigte das Fest, das er nicht verhindern konnte, mit Unbehagen, die Bürgerschaft und ihre Behörden unterstützten alle Vorbereitungen, und die Studenten in ganz Deutschland begrüßten den Vorschlag mit Enthusiasmus. Bei strahlendem Herbstwetter reisten die Studenten aus allen Teilen Deutschlands an, meist zu Fuß, das Bündel auf dem Rücken, im Herzen »Tatendrang und Vaterlandslust«. Eisenach war das Ziel wie vor wenigen Jahren für die Hippies Woodstock und der Gasthof »Zum Rautenkranz« das Empfangsbüro. Die engen Gassen hallten wider vom Gesang der jungen Männer, die keineswegs so einig waren, wie sich das im Licht der Geschichtsbücher ausnimmt. An heutigen Maßstäben gemessen war die Teilnehmerzahl begrenzt; etwa 450 »Burschen« versammelten sich in der thüringischen Kleinstadt unter der Fahne der Jenenser, Studenten jeder Couleur, auch Angehörige der Landsmannschaften, und es gehört zu den Leistungen der Veranstalter, daß dieses Treffen nicht in Schlägereien, wilden Duellen und in Pöbeleien gegenüber den »Philistern«, den Bürgern der Stadt, unterging. Keiner der Teilnehmer, von denen sich viele später als Wissenschaftler einen Namen machten, hat ahnen können, daß die Teilnahme an diesem Fest, das dem Gedächtnis an die Reformation galt, später als »politische Vergangenheit« gewertet und von den Behörden strafverfolgt werden würde. Die Einladung sah ein Gebet auf der Wartburg vor, eine Versammlung im Freien oder im Minnesängersaal, einen Gottesdienst vor dem großherzoglich-weimarischen Konsistorium und abends ein »Siegesfeuer«. Dieses Feuer wurde zum Gedächtnis an die Schlacht bei Leipzig veranstaltet, als vier Jahre zuvor der Kaiser der Franzosen geschlagen und entthront worden war. Heinrich zum erstenmal Herrmann Riemann hat die Gedenkrede gehalten, er hat die Geister eines Schill, Körner, Friesen und Braunschweig-Öls beschworen, also den Geist des deutschen vaterländischen Krieges, genauer gesagt, den demokratischen Geist, nicht den des Fürstendeutschland. Die Rede Reimanns bedeutete einen Höhepunkt in seinem Leben, denn sie fand begeisterten Widerhall im ganzen fortschrittlichen Deutschland. Eine ebenso flammende, stärker profilierte Rede hielt der Studiosus Rödiger, deren Lektüre selbst den greisen Goethe begeistert hat. Goethe äußerte später in vertrautem Kreis, er habe als Staatsminister an sich halten müssen, um Rödiger, den er im Dezember 1817 empfing, nicht um den Hals zu fallen und ihn tüchtig zu küssen. Im Anschluß an Rüdigers Rede kam es zu jener berühmten Bücherverbrennung, die historisch nicht so ungewöhnlich war, wie es heute oft scheint, nachdem die Studenten des Dritten Reiches sie auf ihre Weise nachgeäfft haben. Nach einer kurzen Pause traten Maßmann und die Brüder Wesselhöft ans Feuer, bewaffnet mit einer Mistgabel, und ein paar der radikalen Turner schleppten einen Korb mit Makulatur herbei. Maßmann erinnerte an die Verbrennung der päpstlichen Bulle und der kanonischen Rechtsschriften vor dem Wittenberger Elsterntor im Jahre 1520 und rief: »So wollen auch wir durch die Flamme verzehren lassen das Andenken derer, so das Vaterland geschändet haben, durch ihre Rede und That, und die Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben in Leben und Schriften.« Etwa 25-30 Titel wurden vorgelesen, die Ballen nach vielstimmigem Geschrei »Ins Feuer!« jeweils stellvertretend für die Bücher selbst den Flammen 3*5
übergeben. Verbrannt wurden des bekannten Bühnenautors Kotzebue Schriften, die »Restauration der Staatswissenschaft« des reaktionären Staatsrechtlers Karl Ludwig von Haller, der so den Begriff »Restauration« politisch gefaßt hatte, und vor allem der »Kodex der Gendarmerie« des in Preußen mächtigen Stellvertreten- den Polizeiministers Christoph Karl Heinrich von Kampftz. Dieser Mann hat später als einer der übelsten »Demagogenriecher«, ein McCarthy-Typ, die Burschenschaftler gehetzt und verfolgt. Auch ein Militärzopf und ein österreichischer Korporalstock wurden verbrannt; dies war die Antwort der Freiwilligen auf den Drill der Militärs, der Stützen des absolutistischen Regimes. Die Verfolgung wurde denn auch durch die Arroganz dieser Kreise ausgelöst. Als einige zufällig anwesende Kolberger Offiziere, den Charakter der Veranstal- am 18. Oktober 1817, dem zweiten Tag der Veranstaltung, Einwurden sie handgreiflich gehindert. Sie beschwerten sich in Berlin bei Hofe, und der König ordnete, über die Studenten aufgebracht, eine strenge polizeiliche Untersuchung der Vorfälle an. Der Polizeiminister Wilhelm Ludwig Georg Fürst zu Sayn-Wittgenstein und sein Stellvertreter nahmen sich der Sache mit Eifer an. Man hatte Napoleon nicht besiegt, um sich von grünen Studenten an den Rand einer Revolution drängen zu lassen. Diese hätten die deutschen Regenten »unbescheidenem und unreifem Tadel« unterworfen, die Religion entweiht, indem sie »unter gezogenem Säbel« religiöse Lieder gesungen und den Kirtung mißachtend, laß begehrten, chensegen ausgesprochen hätten. Ihre Staatsverschwörung hätten sie mit dem besiegelt. Der Minister schrieb: »Was ist zu erwarten, wenn künftig so verwilderte Menschen Kanzeln, Lehrstühle und Staatsämter erhalten? Was Abendmahl kann der Staat von ihnen auf hohen Posten, was von denen erwarten, welche schon auf der Universität mit dem Glauben, weiser zu sein als der Fürst, und mit dem Eigendünkel, sein Censor zu sein, in subalterne Posten eintreten?« Scharfe Verhöre wurden durchgeführt, über jeden Teilnehmer des Wartburgfestes legte man Akten an, wagte aber, um nicht den Unmut des liberalen Bürgertums herauszufordern, keine Bestrafung. In dieser gärenden Epoche, der unheimlichen Kehrseite des Biedermeier, als Georg Büchner den »Hessischen Landboten« schrieb und sich der Jurastudent Karl Marx in Berlin immatrikulieren ließ, wurden jene Polizeischikanen und Verfolgungen vorbereitet, die durch die Karlsbader Beschlüsse vom August 1819 gefordert und realisiert wurden. Den Anlaß zu diesen Beschlüssen bot das Attentat des Studenten Karl Ludwig Sand, eines einzelgängerischen Burschenschafters, dessen ganzes Leben vom Erlebnis des Wartburgfestes geprägt war. Er erstach den bürgerlichen Lustspieldichter August Kotzebue in dessen eigener Wohnung, einen harmlosen Mann und bekannten Autor, der als reaktionärer Journalist an den Zarenhof Berichte schrieb. Geschichte und Historie Der junge, kränkelnde Freiherr Friedrich von Hardenberg, in der Literaturgeschichte als Novalis bekannt, der mit 29 Jahren starb und zuletzt als SalinenAssessor in Weißenfels in Thüringen lebte, hatte ein unheimliches Gespür für die 316
feinsten Erschütterungen der Zeit. Was er über die Geschichte schrieb, steht auf Welt von Revolution und der Schwelle der heutigen Epoche, die überall auf der immer mehr sich vergrößernde EvoluVollendung erreicht, wird sie bei einem künftigen Versuch erreichen, oder bei einem abermaligen vergänglich ist nichts, was die Geschichte ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht es Evolution bestimmt ist: »Fortschreitende, tionen sind der Stoff der Geschichte. Was jetzt nicht die ; immer Wieder hervor.« Denkformen aus den Naturwissenschaften auf die Geisteswissenschaft übertragen, und zwar mit dem Begriff vom »Stoff der Geschichte« wie in der Annahme, in der Geschichte der Menschheit fänden Proimmer in reiferen Gestalten erneuet Offensichtlich sind hier zesse statt, die wie biologische Entwicklungen unbeirrbar Eine solche Geschichtsauffassung es bei ist einem Ziel zustrebten. nicht selbstverständlich. Ursprünglich gibt Völkern, die ein Bewußtsein von einer eigenen Vergangenheit entwickeln, die chronologische Aufzählung von Ereignissen, etwa die sogenannten Annalen, oder die Chronik, die das Erlebte im Lichte eines bestimmten Gedankens sieht und beschreibt. Wenn das große Gedicht Homers über den Kampf um Troja die Taten Odysseus beschreibt, so schreibt es »Geschichte«. Man hat diese Art der Geschichtsschreibung so lange als Dichtung abgetan, bis Heinrich Schliemann Homer beim Wort nahm und mit dem Spaten auf eine Wirklichkeit von vor 3000 Jahren stieß freilich weiß man, was die Einzelheiten angeht, inzwischen vieles besser als die Historiker Homer und Schliemann und kennt die wirtschaftlichen Ursachen des Angriffs auf Troja und die Schicksale der Stadt, etwa das Erdbeben von Troja VI und die Eroberung der wiederaufgebauten Stadt durch die Thraker um 1200 v. Chr., nachdem rund 40 Jahre zuvor eine Eroberung stattgefunden hatte, die wohl den Kern der trojanischen Sage bildet. Zwar kannten die Griechen jene Muse, die mit dem Griffel die Ereignisse aufzeichnete, genannt Klio, aber sie war nicht die Göttin der Geschichte, sondern eine Art eines Achill, eines Patrokolos oder eines ; Schirmherrin der Epik, wie Komödie gab, die Thalia. und niemandem wäre es der ja es Terpsichore, die Muse des Tanzes, oder eine der Völkern war Geschichte zunächst Ahnenruhm, eingefallen, einen Begriff von Objektivität zu fordern, auch außerhalb der Ruhmeslieder und Ahnenpreisungen nicht gedacht werIn allen den konnte. Objektiver als die bisherigen Schreiber war der Grieche Herodot, ein Historiker im eigentlichen Wortsinn bestand damals aus (griechisch historein: Kundschaft einholen). Die dem Mittelmeer und Welt seinen Randvölkern, jedenfalls für einen gebildeten Griechen, wie Herodot es war. Als Freund des großen Sophokles des Äschylos hatte er seine Lebensauffassungen geprüft und vertieft. und Seine Reisen, offenbar während einer Verbannung durchgeführt, führten weit in der Welt umher zwischen der Südküste des Schwarzen Meeres und Ägypten hat er viele Länder ; bereist und beschrieben. er sah, wurde ihm Material zu einem Vorha»Von Herodotos aus Halikarnassos ist dies die Forschung, damit weder das von Menschen Geschehene durch Alles, was ben, das er selbst so umschrieb: Darstellung seiner werden, noch große und staunenswerte Taten, teils von Grievon Barbaren vollbracht, des Ruhmes verlustig gehen - neben anderem auch, aus welchem Grunde und welcher Schuld sie miteinander in Krieg geraten.« die Zeit augslöscht chen, teils 317
Herodot hat die Schrecken der Perserkriege erlebt und ist in die innenpolitischen Wirren der Zeit hineingezogen worden, er will Geschichte schreiben, um die Menschen etwas lernen zu lassen, um Fehler vermeiden zu lehren. sie Wer so denkt, glaubt, daß kein Gott die Kriege anzettelt, daß im Ablauf der Ereignisse nichts Übernatürliches geschieht, sondern etwas, das bei vernünftiger Handlungsweise auch anders verlaufen könnte - ein sehr moderner Gesichtspunkt, der durch die Jahrhunderte nicht gleichmäßig gegolten hat. Herodot berichtet, um Erkenntnisse zu vermitteln, aber er berichtet wie ein Tourist, also von seinem Stoff gefangen, ohne Abstand von ihm zu haben. Was man heute unter Geschichtswissenschaft versteht, beruht im wesentlichen auf der Entwicklung eines kritischen Bewußtseins. Kritisch ist Herodot nur selten gewesen, diese Eigenschaft trifft aber für den anderen großen Historiker der Antike, für Thukydides, zu. Die Skepsis dieses attischen Aristokraten, der die Pest überlebte, als Stratege eine Stadt verlor, 20 Jahre verbannt war und auf ungeklärte Weise und an ungeklärtem Ort gestorben ist, galt allen Überlieferungen und Quellen. Er beschreibt nur die »tatsächlichen Begebenheiten«, und zwar »nicht so, wie ich sie von irgend jemandem Beliebigen erfuhr, und auch nicht, wie es mir wo ich selber dabei war und was ich von anderen über- erschien, sondern nur das, liefert mit größter Genauigkeit in jeder Einzelheit untersuchte«. Von Ruhm ist nicht mehr die Rede, es geht um die Wirklichkeit. Diese beiden Männer haben durch ihr Werk Markierungspunkte gesetzt, stehen aber nicht alDa istXenophon (ca. 430-355 v. Chr.), der als Augenzeuge und Chronist den Zug der 10000 Söldner durch Kleinasien beschrieb - sie waren vom rebellierenden Prinzen Kyros gegen König Artaxerxes II. angeworben worden, wurden aber bei Kunaxa geschlagen und marschierten zur Küste zurück. Auch gibt es eine Reihe minderer Namen, deren Werke verlorengegangen sind, und eine Literatur über lein. die Geschichtsschreibung der einzelnen Wissenschaften, z. B. über die Geschichte Menon, über die Geschichte der Arithmetik, Geometrie und Astronomie von Eudemos sowie von Theophrastos, dem großen Schüler des Arider Medizin von und berühmten Botaniker, eine Geschichte der Naturphilosophie. ist vom Griechentum beeinflußt, aber hat politischen einen klaren, Akzent. Während Herodot noch mit der Unbekümmertheit eines geborenen Sammlers Detail an Detail reiht und so zugleich Kulturhistostoteles Die römische Geschichtsschreibung riker ist, sieht der römische Historiker die Geschichte ner und bleibt streng bei der Sache. Hier Grieche von Geburt, der als Geisel nach ist als Material für Staatsmän- vor allem Polybios zu nennen, ein Rom verbracht wurde, des Jüngeren Forschungsreisen durchführte und in im Auftrag Scipios seinem Gefolge die Zerstörung Karthagos erlebte. Als Geschichtsschreiber setzte er die griechische Tradition fort, genauer gesagt, weil er Grieche war, dachte er historisch, denn es gab keine andere Art Geschichte; als Augenzeuge war er ein Mann nahe der Macht, und als Autor, der seine Vorgänger kannte, entwickelte er sein kritisches Bewußtsein. Er wollte die Kräfte erkennen, die im Geschehen sichtbar wurden, deshalb forderte er neben einem exakten Quellenstudium, daß der Historiker Schauplätzen vertraut machen solle; sich mit den geographischen überaus gründliche freilich hat die trockene, Darstellungsweise ihn zu einem schwer lesbaren Autor gemacht. 318
Das Wartburgfest der deutschen Studenten fand Jenaer Burschenschaft statt. am 18. 10. i8iy auf Anregung der Als Reaktion gegen die restaurative Politik des Deutschen Bundes wurden Schriften reaktionärer Autoren verbrannt. Holzschnitt Mitte 19. Der Jh. Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv erste Feuilletonist in der Geschichte Lebensberichte - je war Plutarch, der seine »parallelen« Römer zustammenstellend - in un- einen Griechen und einen terhaltender Absicht geschrieben hat. Seither gibt es Biographien, also unterhalt- same und erbauliche Lebensbeschreibungen, aus denen sich später dann die Selbstbiographien entwickelt haben. In Caesar schließlich begegnet man dem ersten Staatsmann, der nicht nur Welt- geschichte machte, sondern auch beschrieb. Seine Darstellungsweise, weit entfernt vom Pomp ist orientalischer Gottkönigtexte, die dem Ruhm des Herrschers dienten, an wissenschaftlichen Gesichtspunkten orientiert, nicht an der eigenen, als er- haben erlebten Person. Damit ist die Szenerie des abendländischen Geschichtsbewußtseins geschaffen, und immer wieder werden sich die Historiker und Politiker der folgenden Jahrhunderte an den Vorbildern der Antike orientieren, so bruchstückhaft auch zeitweise die Überlieferung sein mag. Mit dem Christentum wie mit dem Islam, der aus der gleichen Wurzel geboren kam ein neues Element in die Geschichtsbetrachtung. Vor allem dem Christen war die Geschichte der Menschheit ein gewaltiges Ringen zwischen den Mächten Gottes und denen des Satans, ein Drama zwischen der Genesis und dem Jüngsten Gericht, und so war die Erde Schauplatz dieses Ringens. Gottes unerforschlicher ist, 319
Ratschluß ließ di£ Dinge nach höheren Gesichtspunkten gelenkt ablaufen. So ihm über die Schulter, wer Geschichte schrieb, denn die Menschen waren, blickte wie der Kirchenvater Augustinus (354-430) in seinem »Gottesstaat« darlegte, unwissentlich Angehörige zweier Reiche, entweder des Gottesreiches oder des Rei- ches des Satans. Beide unsichtbare Reiche des Menschengeschlechtes standen im Kampf, und jeder Mensch war nach Gottes Willen in diesem Kampf Partei. So wurde jedes geschichtliche Ereignis ein einmaliges Ereignis von höchster Bedeutsamkeit, das niemals wiederkehrte, sondern in jenem Kampf Gewicht hatte. Damit schärfte sich das christliche Z^itbewußtsein auf eine mit anderen Kulturen kaum vergleichbare Weise, und je näher man den Posaunen des Jüngsten Gerichtes zu sein glaubte, desto dringlicher wurden die Ereignisse als Mahnungen Gottes verstanden. Noch bis in Luthers Zeiten hat diese Auffassung nichts von ihrer beklemmenden Direktheit eingebüßt. Für das Christentum hat denn auch, wenn man von Chroniken und Kirchengeschichten absieht, Dante Alighieri mit seiner »Commedia« ein Werk geschaffen, das in der europäischen Literatur einen ähnli- chen Stellenwert hat wie Homers Epen in der griechischen Dichtung. Hier wie dort wird ein ganzes Weltbild gezeichnet, das seinerseits ein starkes geschichtliches Bewußtsein Auch schafft. in der Geschichtswissenschaft hat es aber eine »kopernikanische gegeben, ein Abstreifen aller Befangenheiten, die aus dem Glauben Wende« entstanden, aus Bindungen an jenseitige Mächte. Die gelehrten Humanisten der Renaissance hatten immer und immer wieder die Rückkehr zu den Schriften der Alten gefor- und exakte Beschäftigung mit den Originaltexten. Sie selbst hatten sich, wenn auch auf einem beschränkten Gebiet, vollkommen der Geschichte zugewandt, weil sie hier neue Maßstäbe für den Menschen fanden, Maßstäbe der Vernunft und Größe, die das mittelalterliche Christentum mit seiner dert, die geduldige Frömmigkeit verdeckt hatte. In Italien hat dieser revolutionäre Humanismus den Florentiner Niccolö Machiavelli (1469-1527) geprägt. Er selbst sprach zwar kein Griechisch, gehörte also nicht zur Bildungselite seiner Zeit, aber er war in seiner Zehn und begegnete Cesare Borgia, dem absoluMachtmenschen, der für ihn stets das Ideal eines Staatsmannes blieb. Auch dieser Mann hat im Gefängnis gesessen, als seine politischen Ziele scheiterten, und Vaterstadt Sekretär des Rates der ten worden. dann jene Schriften, vor allem den »Fürsten« geschrieben, der 1513 gedruckt worden ist und ihn als unbestechlichen Skeptiker ausweist. Er führt ist schließlich verbannt Im Exil hat er ein gleichsam psychologisches Moment in die Geschichtsbetrachtung ein, das Gang hält, und sieht im hervorragenden Mann, dem Führer mit Kraft und Mut, den Bändiger der widerstrebenden Gewalten. Moral hat in seinen politischen Betrachtungen keinen Platz, denn er beschreibt das Verhalten der Menschen in der Arena der Politik, in der es ums eigene Überleben geht; wer moralischen Werten verbunden bleibt, so scheint es ihm, gehöre nicht in die Politik, denn politisch handeln heißt für ihn, nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit verfahren. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wird die geschichtliche Betrachtung immer reicher, immer differenzierter, ohne daß jedoch die gesteckten Grenzen überWechselspiel von Begehrlichkeit und Angst, das die Dinge in 320
Mit Voltaire erkennt man, daß der Geschichtsschreiber Grenzen Auswahl treffen muß, ja unterhaltend sein sollte, damit seine Schilderung die Menschen überhaupt erreicht, mit dem progressiven Generalsuperintendenten Johann Gottfried Herder in Weimar entsteht die erste Ideengeschichte, und Kulturgeschichte wird grundsätzlich in die Betrachtungen einbezogen »Welch ein schritten werden. hat, eine : Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten!. .« heißt es in seinen »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1794), und im. mer weiter öffnet sich der geschichtliche Blick dem Nächsten und Fernsten, den Stämme und Völker. eigenen Überlieferungen und den Kulturen ferner In jener Epoche, die den Sturm auf die am Bastille und die gräßliche Enthauptung 1793 miterlebt hatte, war Geschichte nicht mehr Heilsgeschichte, aber auch die bloß pragmatische Betrachtungsweise, als sei sie nichts als Lehrstoff für Staatsmänner und Politiker, reichte nicht mehr aus. Man überblickte unglaubliche Zeiträume und viele Kutluren, aber nach welchen König Ludwigs XVI. 21. Januar Gesichtspunkten war das zu ordnen, welche Erkenntnisse vermittelte all dieses Wissen? Begriffe wie Revolution und Evolution wetterleuchteten in den Hirnen, und man glaubte zu ahnen, daß es wie in der organischen Natur Entwicklungsprozesse gäbe, die auf ein freilich unbekanntes Ziel gerichtet wären, eine höhere und bessere Menschheit. Die Wende, die wiederum weithin neue Wirkungen hervorrief und bis auf den heutigen Tag andauert, brachte ein durchaus normal lebender Professor in Berlin namens Georg Friedrich freundet, 1788-1793 Wilhelm Hegel. Er hatte, mit Hölderlin und Schelling beStift in Tübingen Philosophie studiert und hielt, nach am einigen Zwischenstationen seit 1818 Professor an der Universität Berlin, dort seine berühmte Vorlesungsreihe »Philosophie der Weltgeschichte«, die erst nach seinem Tode - er starb mit 61 Jahren an der Cholera - veröffentlicht worden ist. Für Hegel ist die Geschichte ein Prozeß der Selbstentfaltung des Weltgeistes - »die ist die Auslegung des Geistes in der Zeit, wie die Idee als Natur im Raume sich auswirkt«. Es hieße unzulässige Verkürzungen hersteilen, wollte man in wenigen Sätzen jenes gewaltige Gedankengebäude skizzieren, an das schließlich auch Marx angeknüpft hat. Das dialektische Prinzip ist von Hegel in seiner ganzen Konsequenz erfaßt und durchdacht worden. Es besagt, daß jede These notwendig die Antithese hervorbringe, die schließlich in der Synthese über- Weltgeschichte wunden würde. Von nun an kann niemand mehr Geschichte als etwas betrachten, das abgeschlossen wäre oder das sich in ewigem Kreislauf wiederholt. Denn Hegel versucht zu zeigen, wie sich der Weltgeist, eine immanente Vernunft, im Fortgang der Ereignisse manifestierte. »Das höchste Gebot, das Wesen des Geistes ist es, sich selbst zu erkennen, sich als das, was er ist, hervorzubringen. Das vollbringt er in der Weltgeschichte; er bringt sie als bestimmte Gestalten hervor, und diese Gestalten sind die weltgeschichtlichen Völker. Es sind Gebilde, denen jedes eine besondere Stufe ausdrückt und die so Epochen der Weltgeschichte bezeichnen.« Die Wirkungen solcher Gedankengänge bis hin zu Spengler und Hitler, Marx und Lenin sind kaum überschaubar. Wenn auch der Gedanke an den Weltgeist, dieses 321
Arbeiterbildungskurs in Paris. Die anfänglichen Versuche, die Arbeiterschaft mit bürgerlichen Bildungsidealen vertraut zu machen, waren zum Scheitern verurteilt, weil sie an der Realität der wirtschaftlich-politischen Situation vorbei operierten. Lithographie nach Renard, Mitte 19. abstrakte Schemen einer tieferen ]h. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv Ahnung, verlorengegangen ist, so doch nicht, was an Prinzipien und Begriffen von Hegel in das geschichtliche Denken eingefiihrt worden ist. Daß Staatsmänner an Völker appellieren können, sie seien zu besonderen Leistungen berufen, daß Völker sich selbst als jung begreifen können, 3 22
man Wirkungsweise gesellschaftlicher Prozesse zu durchschauen gelernt hat, gehört zu den geistesgeschichtlichen Wirkungen Hegels, dessen Riesenwerk noch heute auf speziellen wissenschaftlichen Kongressen durchleuchtet wird, ohne daß sich ein Ende dieser Diskussionen abzeichnet. Hegel aber steht nur für eine geistige Strömung, die in ihrer Gesamtheit auf Geschichte bezogen ist. Niehbuhr und Ranke, Savigny und die Brüder Grimm, die Brüder Humboldt und die Brüder Schlegel bezeichnen einen Höhepunkt in der europäischen Ideengeschichte. Quellenkritik und Quellenforschung, die Schatzsuche in den alten Überlieferungen vom Märchen bis zum Lied, die Schilderung der antiken wie der neueren Geschichte wurden als Ziele gesetzt, Sprachforschung entwickelte sich zur unentbehrlichen kritischen Wissenschaft, und so nahm die daß die Philologie in diesem Jahrhundert unter allen historischen Teilwissenschaften eine beherrschende Stellung ein, bis sie von Schopenhauer und Nietzsche angegriffen wurde. Diese gegenläufige, die Geschichte insgesamt in Frage stellende Tendenz, die sich lieber der Zukunft als der Vergangenheit widmet, ohne doch ihre Herkunft verleugnen zu können, ist noch nicht abgeschlossen. Bildung fürs Volk Zwischen dem sogenannten Gebildeten und dem Ungebildeten verläuft eine Kluft, auch dadurch nicht geschlossen wird, daß beide sich im Fußballstadion oder vor dem Fernsehschirm treffen. Die Geschichte der Arbeiterbildung und der Volksbildung ist die Geschichte des Versuches, dem Ungebildeten die Hand zu reichen und ihn zu sich herüber zu ziehen, damit er lerne, was ihm beizubringen die Gesellschaft bisher versäumt hatte. Alexander von Humboldt, Justus von Liebig und auch der an sozialen Fragen interessierte Virchow, Männer aus verschiedenen Generationen, hatten gehofft, durch Vermittlung von Kunst und Wissenschaft, von Kenntnissen und Erkenntnissen dem einfachen Manne helfen zu können. Die politische Problematik dieser Versuche deutete sich erst nur zögernd an, wie diese Unternehmen selbst zunächst nur tastende Ansätze darstellten, der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht zu werden. Dabei ist der Begriff des Klassenkampfes, überhaupt der Begriff der Klasse, den Anfängen der Arbeiterbildung durchaus fremd; man findet sich in durchaus gutwilliger Absicht zusammen, um sich fortzubilden und hochzuarbeiten. »Insbesondere stand Herr Bebel«, heißt es in den Erinnerungen eines Karl Biedermann, »allen sozialistischen Tendenzen noch völlig fern. Ich erinnere mich sehr deutlich, wie er namentlich die Versuche Lassalles, die Arbeiter als einen besonderen (>vierten<) Stand dem Bürgertum feindlich gegenüberzustellen, mit großer Entschiedenheit zurückwies und verdie dammte.« Nach dem Zeugnis des Zeitgenossen strebten die »hier und da entstandenen >Arbeiterbildungsvereine< nach solider Fortbildung ihrer Mitglieder, suchten auf dem von Schulze-Delitzsch vorgezeichneten Wege durch Konsum- und Vor- schußvereine, ihn zu Fleiß und Sparsamkeit anzuregen und von exzentrischen Ideen fernzuhalten«. Schon 1844 ist der »Zentralverein zur intellektuellen und 323
/ sittlichen Hebung.der unteren Klassen« gegründet worden, dessen Name allein Man kann den Männern, die sich damals schon über seine Mentalität genug besagt. vom Elend der Arbeiter angesprochen handelten wenigstens und nahmen fühlten, guteri Willen nicht absprechen. Sie Verhältnisse ernst, über die andere leichthin als ob arm und reich gottgegebene Unterschiede seien. Noch im Jahre 1848, als der Trauerzug der Berliner mit den ermordeten Bürgern am Schloß vorbeizog, an der Spitze der Kammerherr Alexander von Humboldt, und der König mit entblößtem Haupt diesen Opfern seiner Soldaten Ehre erwies, hinweggingen, verstanden sich die Arbeiter als eine Art Handwerker. Die »soziale Frage« entwikden 60er Jahren zum Alpdruck der Gesellschaft, und so viele Standpunkte und Weltanschauungen es gab, so viele Vorschläge wurden zur Lösung vorgebracht. Mit einer falsch zitierten Äußerung Gustav Schmollers (1838-1917), der die neuere Schule der Volkswirtschaft geschaffen hatte und als Vorkämpfer der deutschen Sozialgesetzgebung bekannt war, drückten viele ihre eigene Ansicht der Dinge aus, wenn sie sagten, die soziale Frage sei eine Bildungs- kelte sich erst in frage (Blättner). Daß die Bildungsinhalte bürgerlich sein würden, daran bestand nicht der mindeste Zweifel. Ein anderes Schlagwort jener Epoche, das von dem Naturwissenschaftler Francis Bacon in ganz anderem Sinne gemeint war, lautete »Wissen ist Macht« Bei Bacon, dem Renaissancemenschen, war die Macht über die Natur gemeint, die man mit Hilfe von Erkenntnissen werde erlangen können. Auf der politischen Szene des 19. Jahrhunderts und im Zusammenhang mit der sozialen Frage bekam das Wort einen völlig neuen Sinn. Nun schien es, als sei politische Macht von einem bestimmten Bildungsstand abhängig, als müsse der Arbeiter sich zuerst ein bestimmtes Wissen aneignen, um die Frage nach der Macht stellen zu dürfen. Aber nun waren es nicht mehr bürgerliche Bildungsinhalte, um die es dem Arbeiter ging, sondern politisches Wissen. Mit literarischer Bildung und musikalischen Genüssen ließ sich nichts ändern und bessern, die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten blieb unüberbrückbar, nur in den Schriften eines Marx und Engels, eines Bebel und Lassalle fand man, was man suchte. Hier wurde die Lage . der arbeitenden Klassen wissenschaftlich gedeutet, hier zeichneten sich Gesetze Wenn der Untergang und unausweichlich war wie das Aussterben der Dinosaurier, dann lohnte es sich, diesen Untergang zu beschleunigen. In diesen Jahrzehnten entstand jener Typ des ergrauten Arbeiterfunktionärs, wie in der Natur ab, die Vertrauen in die Zukunft schufen. der herrschenden Bourgeoisie zwangsläufig der nach schwerer körperlicher Arbeit nachts bei einer Petroleumlampe das Kapital von Karl Marx studierte, dieses Werk eines Gebildeten für Gebildete, um sich über seine eigene Lage klar zu werden. Er konnte diese zähe Fachsprache eines Nationalökonomen selten auf den ersten Blick begreifen, aber er wußte, daß die Anhänger der verhaßten Sozialdemokratie am entschiedensten für seine eigenen Interessen eintraten und daß es kein anderes Selbstverständis für ihn gab als das marxistische Geschichtsbild. Also las er und bildete sich, so gut es ging, vorwärtsgetrieben von dem Satz »Wissen ist Macht«. Die Arbeiterbildung, vorwiegend von der Sozialdemokratie getragen, hat sich politisch verstanden und den Arbeiter primär als politische Existenz angesprochen. 3 24
In der Abendschule hatten Berufstätige vor allem der unterprivilegierten Gesellschafts- und ihre Bildung zu erweitern. Nach einem Gemälde von Blanchon, 19. Jh. Staatsbibliothek Berlin schichten Gelegenheit ihr Wissen , , Bildarchiv.
Stärker im Blickfelder Öffentlichkeit standen die konservativen, liberalen und kirchlichen Bemühungen um die »Hebung des Arbeiters«. Dem Gründer des Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), der 1849 in Genossenschaftsgedankens Delitzsch die erste »Rohstoff-Assoziation« für Schuhmacher und Tischler ge- schaffen hatte, ging es neben praktischem Wissen auch um ästhetisch-kulturelle Bildung, während die katholischen Arbeiter-- und Handwerkerbildungsvereine, angeführt von Adolf Kolping, ler, dem Bischof von Mainz Wilhelm Emmanuel Kette- ein Bildungsziel anstrebten, das fest in der Religion verankert war; ihnen wa- ren die sozialistischen und liberalen Tendenzen verhaßt. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vollführte das liberale Bürgertum denn auch eine Schwenkung, die von den Ideen der 48er Revolutionäre fortführte in den Staat Bismarcks. Ursprünglich war dieser konservative Landedelmann bekanntlich mit höchstem Mißtrauen begutachtet worden seine Machtpolitik, die Preußen zur führenden Macht in Deutschland und Deutschland zur Weltmacht werden ließ, überzeugte das liberale Bürgertum. Für diese Kreise kam die Drohung nun aus der Sozialdemokratie, und wer sich mit Volksbildung befaßte, betrieb sie mit dem Blick der Angst, mit der das Bürgertum seit jeher die linke Agitation betrachtet hat. Im Jahre 1871 war die »Gesellschaft für die Verbreitung von Volksbildung« gegründet worden, gedacht als geistiges Bollwerk gegen radikale Bestrebungen, Agitatoren und Sozialisten. Man hat ein Menschenalter später klar erkannt, daß diese Gesellschaft die »Züchtung des Einheitsstaatsbür; gers« zum Daß Ziel hatte. die soziale Frage keine Bildungsfrage war, ist durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seine Folgen jedermann klargeworden. Robert von Erdberg, der seit 1896 in der »Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen« arbeitete und später die Volkshochschulbewegung ins Leben rief, ist zum Kritiker dieser popularisierenden Volksbildung geworden. Er sei, schrieb er, niemals das fremden Zungen zu den Arbeitern zu reden. Schon im Jahre 1910, in der Zeit der frühen Jugendbewegung, des Wandervogels, der Besinnung auf das »Völkische«, wird der Schritt von der verbreitenden zur intensiven Volksbildung getan. Damit war gemeint, daß es nicht mehr darauf ankommen solle, möglichst viele Menschen mit Kunst und Wissenschaft in Berührung zu bringen, da auf diese Weise nur oberflächliches Wissen verbreitet werde, sondern daß man ein »Intensivverhältnis« zur Kultur anstrebe. Das Ziel sei es, wie einer der geistigen Führer dieser Bewegung formulierte, eine wahre Volksbildung ins Leben zu rufen und ihr eine doppelte Aufgabe zu stellen, damit der »Mensch zur Persönlichkeit und die Masse zum Volk« werde. Nach dem Weltkrieg 1914-1918, der mit einem Ausbruch nationaler Hysterie in ganz Europa begonnen und mit dem Zusammenbruch ganzer Nationen geendet hatte, empfand man wie 1945, daß eine ganze Generation versagt hatte. Aus den verschiedensten Quellen speiste sich der Versuch, die Idee der Volksbildung zu erneuern, Vorbild war in England die Workers Educational Association, die 1903 von Gefühl losgeworden, in Albert Mansbridge geschaffen worden war; stärkeren Einfluß hatte die dänische Heimvolkshochschule, die der dänische Geistliche und Schriftsteller Nikolai F. S. Grundtvig schon 1844 geschaffen hatte. Das nationale Bewußtsein des dänischen 326
Volkes war durch diese Einrichtung mächtig gefördert worden, und zwar auf bäuman, intensive Volksbildung, Rückbesinnung auf die erlicher Ebene. Hier glaubte Werte des eigenen Volkes und eine gesunde Ordnung gefunden zu haben. Auch Deutschland galt es, in diesem Sinne an das anzuknüpfen, was nach Auffassung von Picht, Flitner, Bäuerle und Angerman noch »gesund« war. Das bäuerliche Leben, entdeckt durch Gruppen antibürgerlicher, antiautoritärer Jugendlicher der Jahrhundertwende, empfand’man als gesund, ebenso Volkstanz und Volkslied. Man wünschte, der einfache, unverbildete Mensch, der noch singen, werken und spielen könne, solle sich im Gespräch mit dem jungen Studenten und Schüler als Kraft erweisen, den bloßen Intellektualismus zu überwinden. So hoffte man, in kleinen Gruppen die Kluft zwischen dem Gebildeten und dem Ungebildeten zu überwinden. Die Bestrebungen des »Hohenrodter Bundes« haben in Volkshochschulen nach dem Ersten Weltkrieg mächtig gefördert, auch die öfdem pädagogischen Impuls dieser Jahrzehnte zu Instrumenten der Volksbildung wurden. Auch hier gab es erbitterte Richtungskämpfe zwischen der mehr »verbreitenden« und der sogenannten intensiven die fentlichen Büchereien, die unter Volksbildung, und das englische System der sogenannten Freihandausleihe, bei der jeder Leser sich wie im Buchladen auswählen konnte, was ihm wün- selbst schenswert erschien, wurde von diesen strengen Anhängern der intensiven Volksbildung achselzuckend abgetan. Der freie Zugang zur Literatur als Element demovon den anglo-amerikanischen Besatzungsmächten nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt worden. Im Dritten Reich, das sich als Erfüllung des völkischen Traumes und nationalen Stolzes verstand, wurde die Arbeiterbildung zerschlagen, die Volksbildungsbewegung durch die rassistischen und nationalen Bestrebungen verdorben und der Begriff der Bildung endgültig pervertiert. Wie man die Museen von der »entarteten Kunst« säuberte, so die Büchereien von »zersetzender Literatur«, und in den Volkshochschulen war von Blut und Boden die Rede, von Heimatkunde und Volkstumspflege. Die Generation der Kriegsteilnehmer hat nach dem Zweiten Weltkrieg keine neue Bewegung ins Leben gerufen, keine neuen Bildungsziele proklamiert, sondern die alten Inhalte zu überwinden versucht. Die Zerrissenheit der bisherigen, nicht abgeschlossenen Entwicklung gerade in Deutschland hat diesen Vorgang erschwert, doch besteht kein Zweifel daran, daß man ohne die Institutionen der Erwachsenenbildung in der heutigen Gesellschaft kaum wird auskommen können. Das gilt gerade dann, wenn Presse, Rundfunk und Fernsehen die Masse der Bevölkerung auf bisher ungeahnte Weise mit Kunst und Literatur, Wissenschaft und Musik konfrontieren. Auf dieser Ebene ist der alte Richtungsstreit zwar überwunden, aber die Frage, was denn mit diesem Angebot an Informationen bezweckt werden soll, ist damit noch nicht beantwortet. kratischer Willensbildung ist erst (folgende Seite) Satirisches Flugblatt auf den Ablaßverkauf des Dominikanermönches Johannes Tezelius. Offensichtlich ging Anprangerung der skrupellosen Geldgeschäfte trieb. Anonymer dem unbekannten Verfasser um die mit dem Ablaßgeschäft Kunstsammlungen der Veste Coburg. es , Holzschnitt von 1517. die die Kirche
Sohaniu^Xcjclttis $emmKan«mid>/mu fcv er im 3 *ftrq>rtfli 1*17. m\£eudfa)em ioitfx» |ii martffgebra^f/wteer in Oer teeren |« £ii n tu fernem £kwerla»0 abgemajji et ifi. £) fjr Oemfefje« mertfnmicft reefei/ M)ed ^eiligen 334C*r8 papgeb Jtoecfy/ fÖm id|/tmoir tngeucfefgtaöein/ 94* taufeiH onO neu» |un Oer fröret«/ ©1140 smO 3bf<# s>o» einer 0ilnd/ SSoremlj/fwer £Uer «/ IBeib P»0$in0/ Bol ein 0 jeder gewejjref fein Booieljfrlegt in$ J£4 £e!etn/ o bald oer 3m 6 0 $om im «$> Oie 0 eel Sbedfen f lingf/ «mJpimelipringf/ 28 ab(l ieo oer |efcenö genanOf/ Ohl me§r faß onmügüdj befanD/ 3)a$ er Oab3tdmifdj3ube!34* :$ ^ Des 3tbla^r4m0 m4>emf^eni4nO/ S&f lebet fat er Oie faule toaljr/ iÖurc^ feine Ärarnfnec^fauefgefandf/ flcfj Oenn o£n aü oerOrief?/ 3o^nn ;Xfi$eI gebrauchen lieb/ £><mu 3U$ erOieoimOe ißelrbereo/ £>a$ er Oen S) tmel feil rragm ff et/ 333enn man nt* 0dt gnug gebe Dar/ $)ttt mir den $Ö?enfchen fein gefafr/ 0o balö der 0rofch im £a$en fl ingt/ 0o bald Dte0eel in #imel ftch fch»iii<** SDurch Otefengeuffelifchen £anOt/ S)at er betrogen fein QUaterfanO/ faumoem^eneferenrtauffe»/ SS# ffn 0o« f af in $ Bptd gefeben/ 3U6 er wegen ^ebruef^ folf erfauffen/ £>urch 2)oetor Puffern fdigen/ ^Beicher jfm feinen Ärdmmifcft/ fr| 2Bo niefit Oer from görß JrieOericfe/ deiner bet angenommen fleh/ ©ewaUiglicft iu'2“>oDen fließ/ $&< £>a|e r /0oti lob/b# auff Oie|eit/ §Ü ^nOOeunkeofer^a^imiiian/ jjij £>er trug jnt m ^ *J§ 1 Ä<* QMtötifr Sörbi« getljan/ £)er ^tlafjfram *erflrett>et Uit/ J^ierbe# e$ aber fo nief^t bUeb/ 0o bleibet nun <£§rifii oerDienfl/ 3tuO eim ^ebrecher wurd ein SDCeb/ SBeldjr durch oermeine gewalfondmath*/ 2Jiel 0ddb wiO ©uro |u weg gebracht/ Sßtnig aöein rnfer 0m>infl/ g)eO &e|db£ram onO Q^apflo betrug/ SinOet be$ dttb fein reckt noch fug. ßg M
Die neue Großmacht Aviso Relation oder Zeitung Zeitschrift für Dr. Faustus Journale und Gazetten Alpdruck für Könige Weltpresse Mondmenschen im Feuilleton
'Aviso Relation oder Zeitung Die älteste Zeitung, die in den Archiven erhalten geblieben und im Jahre 1876 von dem Historiker Otto Opel in der Heidelberger Universitätsbibliothek entdeckt worden ist, stammt aus dem Jahre 1609 und trägt den Titel »Relation aller fürnem- men und gedenckwürdigen Historien«. Der dem kation ein Jahreswort mitgegeben, in Verleger der Zeitung hat seiner Publi- eyland gefertigt«, und in der Tat hat das ist um er die Leser Zeitung, sagt der Straßburger Johan jEarolus (gest. ca. keiten interessieren bekanntlich nur, solange sie nicht Wer seine Informationen in Blättern an den Mann bringen bittet. Aktualität für die Zeitung lebenswichtig. Wort Zeitung ursprünglich etwa wie »Neuigkeit« werden. Nachsicht will, Die 1634), sei »bey der Nacht Man gebraucht, und Neuig- vom neuesten überholt Konkurrenz mit Gerüchten und anderen muß also früh aufstehen. Eines der ältesten aktuellen Nachrichtenmittel, die Buschtrommel, mit der sich Einwohner gleichsam laufend über große Strecken hinweg informieren, ist in Hörfunk und das Fernsehen eingeholt worden. An anderer Stelle wurde bereits gesagt, daß die Trommelsprache nicht so sehr ein Mosealphabet wie eine lautmalende »Übersetzung« der gedie seiner Aktualität übrigens praktisch erst durch den sprochenen Sprache in die Laute der Trommel darstellt. Während etwa die Karawane der Sklavenjäger oder der weißen Männer durch den Busch zog, konnte man laufende »Reportagen« trommeln und den Stamm bis in die letzten Dörfer mobilisieren - mit Schallgeschwindigkeit. Die gedruckte Nachricht hat, verglichen mit solchen Nachrichtenmitteln, erhebliche technologische Widerstände zu überwinden. Der die Kampf gegen die Zeit, durch das Schreiben, durch Satz und Druck verloren wird, prägt die technische Seite des Zeitungsbetriebes entdeckte und aus von Anfang an. Diese » Relationen« wie auch der später dem Jahre 1610 stammende »Aviso Relation oder Zeitung« sind Wochenblätter, aber immerhin echte Zeitungen, keine Flugblätter, keine Jahresnachrichten oder Halbjahresnachrichten, deren es schon einige gab. am Vorabend blutiger Glaubenskriege, während Gustav König von Schweden wird und der depressive Einsiedler Kaiser Rudolf II. von Habsburg in einer Mönchszelle stirbt, wird die öffentliche Meinung auf der Kanzel und bei Hofe gemacht. Die ersten Zeitungen, also die ersten periodisch erscheinenden gedruckten Nachrichten, befriedigen zunächst nur ein Grundbedürfnis des Menschen, die Neugier, und stellen inmitten der zahllosen Gerüchte, des Geredes, der ausgerufenen Verordnungen, der erlassenen Dekrete, der widersprüchlichsten Informationen, die man in der Wirtschaft, im Bad, am Stadttor, auf dem Markt erhielt, ein neues Moment dar - allerdings nur für den, der lesen konnte. Unglaublich wäre es einem Hofbeamten der damaligen Zeit oder selbst einem Drucker erschienen, hätte man ihm erklärt, daß die Zeitungen wenige Jahrhunderte später die öffentliche Meinung beherrschen würden. Im Adolf 17. Jahrhundert, II. Den Nutzen der Zeitungen erkannte man früh, übrigens auch die politischen Möglichkeiten und ihren erzieherischen Wert. So verweist man sogar auf die gräßlichen Türken wie Gregor Wintermonat im Jahre 1609: »Denn ob sie wohl 330
plump nicht, daß sie nicht verwahrhaften Neuenzeitungen sowohl zu Friedenszeiten, als sonderlich in Kriegszeiten niitzen und gut seien. Darum pflegen sie auf ihre Sprache im gemeinen Sprichwort zu sagen: Die Neuenzeitungen sind der Herren sonst barbarische Völker sind, sind sie doch so gar stehen sollten, wozu die und Potentaten Steuerruder, damit sie nämlich ihren Stato leiten und guberniren. Solches könnte zwar mit vielen Exemplen dargetan werden, aus welchen zu sehen, daß fleißige Erkundigungen der Neuenzeitung£n gemeiniglich den Herrschaften sehr viel genützt.« Das Zeitungswesen ist eine ganz unvorhersehbare Nebenwirkung des Druckes mit beweglichen Lettern, ein Beweis dafür, daß die Kettenreaktionen nach einer bestimmten Leistung oder Erfindung kaum in ihrem ganzen Umfang erkannt wer- den können. Daß eine gedruckt verbreitete Nachricht eine ganz andere Durch- man früh erkannt, andererseits aber auch Zeitungen mit Mißtrauen betrachtet, denn die Verbreitung der Zeitungen war nicht zu kontrollieren. So haben sich die »Avisenschreiber«, die »Cassetas«, von Anfang an bei den Herrschenden mißliebig gemacht, andererseits nutzten geschlagskraft besitzt als das Gerede, hat die schickte Regenten das neue Instrument. So rät der allmächtige Bischof von Wien und Direktor des Geheimen Rates Kardinal Khlesl dem von ihm unterstützten Erzherzog Matthias, seine Kampfbereitschaft gegen Kaiser Rudolf II. »mit guter Manier« in die »Casseta« zu setzen - mit anderen Worten, die Presse zu nutzen. Andererseits stellt sich schon bald heraus, daß die Herausgeber einer Zeitung drucken lassen, was das Interesse reizt und Absatz verspricht die Zeitung ist kein gemeinnütziges Unternehmen, sondern ein marktorientiertes Gebilde, wer wüßte das nicht. So beschwerte sich schon 1628 die Wiener Regierung über die Berliner Presse, weil nirgends so respektlos über die kaiserliche Majestät berichtet würde wie in Berlin. Der Große Kurfürst läßt die Herren in Wien beschwichtigen, aber ; maßregelt den für die Zeitung zuständigen Herausgeber, den Botenmeister Veit Frischmann, nicht. Das Verhältnis zwischen Presse und Regierung bleibt nicht im- er mer so freundlich, und die »Preßfreiheit« wird sehr bald zur stets wiederholten Forderung der Revolutionäre - zunächst aber, in den Glaubenskämpfen des 17. Jahrhunderts, nimmt das Zeitungswesen einen ungeahnten Aufschwung. Was heute die Zeitungen unter »Vermischtes« oder »Lokales« bringen, findet damals seinen Weg allerdings meist nicht ins Blatt, sondern wird auf Flugblättern abgehandelt. Hier meinen Mann stellt man mit Zorn und Spottlust Zustände bloß, die den ge- quälen und provozieren, man attackiert das wüste Treiben der Sol- und Miinzverderber, macht Modenarren und »Tabaktrinker« lächerlich, deckt die Schliche der Schreiber und Advokaten auf, kurzum, man übt Kritik an Zeit und Umständen und nimmt dabei den Standpunkt der breiten Masse ein, das sichert dem Flugblatt seinen Erfolg. Zum erstenmal seit Jahrtausenden wird so die Tagesmeinung artikuliert und verbreitet, bekommt überhaupt das, was bisher am Wirtshaustisch hinter hohler Hand geäußert wurde, auf Papier gedruckt und verteilt das Gewicht einer öffentlichen Meinung, die auf tausend Zetteln durchs Land flattert. Diese etwa in den Bauernkriegen geübte Praxis wird nun von der Zeitung abgelöst, die nach und nach die Funktionen des satirischen, zeitkritischen Flugblattes dateska, entlarvt die Spekulanten 331
/ übernimmt. Zusätzlich hat aber die gabe, Informationen zu verbreiten, Zeitung von Anfang an und vor allem die Auf- und so entwickelten sich sehr bald ausgezeich- nete Netze von Korrespondenten, die aus Moskau und Hamburg Wien und Istanbul, Paris und Venedig, ihre Berichte schrieben. Häufig .sind es nebenberufliche Korrespondenten, die solche Nachrichen liefern, z.B. die Agenten der Handels- häuser, ehemalige Offiziere, Buchhändler, Postmeister oder gar Diplomaten, die von diesem Geschäft leben. Man kann solche über Jahrzehnte hinweg geschriebenen Berichte noch heute in den Archiven nachlesen es handelt sich um exakte, für die Zeit typische Schilderungen^die alle damals für die Höfe und Kanzleien wichtigen Informationen übermittelten - freilich mit entnervender Langsamkeit. ; Die »Fuggerzeitungen« in der Nationalbibliothek zu Wien, die Stockholmer Zeitungsbestände und die im Sächsischen Staatsarchiv aufbewahrten Bestände geben Einblick in das weitgespannte Netz der damaligen Verbindungen. Übrigens gab es wie heute bei den verschiedenen gedruckten Nachrichtendiensten bei den frühen Zeitungen verschiedene Grade der Diskretion. Jede Zeitung war nicht für jedermann bestimmt, auch damals nicht, sondern im Grunde nur für den Mann von Stand, der in verantwortlicher Stelle tätig war. Allerdings konnte eine Information, die für eine Berliner Zeitung von Wichtigkeit war, an anderen Fürstenhöfen allerlei Ärger verursachen. Man zog sich aus der Affäre wie der Große Kurfürst der Mark Brandenburg. Der entschied 1628, daß Meldungen, die am Hof in Wien mißliebig aufgenommen werden könnten, nicht gedruckt, sondern den Empfängern der gedruckten Avisen handschriftlich »dabey geschrieben werden«. Das war keine einmalige Praxis. Tatsächlich existierten gedruckte und geschriebene Zeitungen einige Zeit nebeneinander, wobei die geschriebenen Zeitungen als vertraulich galten und nur einem kleinen Kreis von wichtigen Lesern zugänglich gemacht wurden. Das ganze Zeitungsgeschäft wurde auf der Basis des Privilegs betrieben, das der Landesherr erteilte, und so selbstverständlich Bücher einer Zensur unterworfen wurden, so selbstverständlich galt dies auch für die »gedruckten Avisen«. Gesinnungsfragen stellten sich damals nicht, und wer Zeitungen und Nachrichten mit kratzender Gänsefeder auf grobes Papier schrieb, war meist ein armer Schlucker, etwa ein mittelloser Student. Schon damals aber gibt es die ersten Klagen, daß nicht alles stimme, was in den Zeitungen stehe, ja der Dichter Johann Michael Moscherosch (1601-1669) überschüttet die Zeitungsschreiber, diese »Fuchsschwäntzer und Ohrenbläser«, mit grimmigem Hohn und weist ihnen in der Hölle einen ziemlich üblen Platz zu. Umstritten wie das Zeitungsschreiben war auch die Frage, ob diese Form, die Neugier zu befriedigen, denn überhaupt sinnvoll und nützlich sei. »Was soll man über die schreckliche Neugier gewisser Leute, Neues zu lesen und zu hören, urteilen?« schreibt ein gewisser Ahasver Fritsch (1629-1701), ein fürstlicher Rat in Rudolstadt zu Thüringen. »Ist sie zu loben oder zu tadeln? Die Stellung des Menschen ist dabei zu unterscheiden, es sind das entweder öffentliche oder private Per- usw.« Natürlich kommt der Mann zu dem Schluß, Fürsten und amtliche Personen hätten von Amts wegen neugierig zu sein. »Was aber die Privatpersonen angeht, so ist ihre allzu große Neugierde auch hierin wie in anderen Dingen über- sonen . . . 33 2
.« Nach längeren Ausführungen hauptein Fehler und verdient gerechten Tadel kommt er zu dem Schluß: »Darum liegt es überhaupt im öffentlichen Interesse, . . Verbreitung und Bekanntmachung von Neuen Zeitungen im Staate nicht zu gestatten. So pflegen weise Fürsten sie als Selbstverständlichkeit entweder ganz zu verbieten oder doch durch gewisse Vorkehrungen zu beschränken. Denn die wahllose dafür haben die Fürsten ja zu sorgen, da es ja vor allem in ihren Pflichtenkreis fällt, auf jede Weise dafür vorzusorgen, daß der Staat keinen Schaden nehme.« Welche Neuigkeiten man dem Volk vorenthalten sollte, welche Kenntnisse in Händen mehr Schaden als Nutzen stiften könnten, wird immer wieder Unrechter. abgehandelt werden, doch finden sich auch Fürsprecher der Presse, vor allem preist man den Bildungswert der Blätter, die über so vielerlei berichten, wovon doch immer etwas hängen bleibt, »von der Zeit der Zerstreuung der Völcker nach dem babylonischen Turmbau bis auff der Druckerey Erfindung«. Wer nicht Zeitung liest, sagt etwa Kaspar Stieler, dessen Werklein »Zeitungs Lust und Nutz« 1695 in Hamburg verlegt wurde, der weiß nichts von der Welt wie der Bauer, der auch Ahnung hat, »was der Kayser / Franzose / Spanier / oder Türke vor FeldHerrn habe? Ob Braband / Flandern / Piemont / Länder oder Städte seyn? und / ob sie gegen Auff- und Niedergang gelegen?« keine «Copü Per fäcwcn Sprung atil5TMcfillg5Lint>r. z ~ In dieser frühen Zeitschrift steht der erste Bericht über die Entdeckung Brasiliens zu lesen. Holzschnitt um 1508/09. und Stadtbibliothek Augsburg Staats- ,
' Neben Zeitschrift für Dr. Faustus das Flugblatt des 1 nach trat ebenfalls dem Jahrhunderts und die Zeitung des 17 Jahrhunderts als weiteres Informationsmittel für . . Dreißigjährigen Krieg die Gebildeten die Zeitschrift. Im Mittelaltef ist das Ideal des Gelehrten der Mann mönchischen Abgeschiedenheit seiner Studierstube die Schrifund über Worten grübelte wie der Dr. Heinrich Faust. Ein solches Gelehrtendasein war privat, abgeschieden von den Händeln der Welt und von jeder Form der Öffentlichkeit, außer vom Lehrbetrieb an der Universität. Gewiß hatte der Gelehrte Schüler und Vertraute, auch Gegner, aber außer dem gewesen, der in der ten der Alten studierte öffentlichen Disput gab es kaum eine Form der öffentlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Das änderte sich mit der Erfindung des Buchdruckes und vor allem mit der Gründung der ersten Zeitschrift speziell für Gelehrte. Male schaffen sich die Wissenschaften mit diesem Blatt tionsmittel, und dieses wiederum stellt, wenn auch Zum ersten ein periodisches Informa- für einen kleinen Kreis, Öffentlichkeit her. The Continuation erste englische Humkiu THE OfOVR WEEKLY f *JNcwcs,from the i 4 .of February tothc 2 „pf March. U ctnmned the prefent flcte cf Cc*m ManfHi Arme. The pr(per cito» cf the Prime cf Orange wktrtt* fic teith theccntintimm cfthe fege cf Breda. fhcUtejttrfrtftü cj the 1 ovnte cf Soeb hy Gcnt ^ **rbe vcjtrre-ükt freperetüns cf Bethlem the Cc/cneä * 4s % elfe the preteediegs whieb m Vcftolinc. ¥tenchfcrces w + » Gabor heim Hhwrncw Germany. »tu laxdj mtde hj the Beßdet the great eeuiribcticm hieb * the Ki»gefSpeise tc matntente the hatte beene einen tc imres, Withiitn grern Rome.Vcnice, Napl«, Millan, Sauoy, Germany, France, L>enmarkc,thc Low-Cousttic$ 3 ** and dioers other placcs ©f CbriSlettdome. ^rintcd at •ff" dem Jahre 1625. Staatsbibliothek Berlin CON TIN VATION ^ aus Londoh for Mmur'ms 2*M‘<** Brita die ist Zeitung Bildarchiv ,
Die Tragweite dieses Schrittes für das wissenschaftliche Leben ist auf den ersten kaum abzuschätzen, jede Entdeckung wird von nun an erst existieren, wenn Blick sie publiziert worden ist, jeder wissenschaftliche Streit wird unter den kritischen Leserschaft in aller Öffentlichkeit aüsgefochten, und wie Augen einer Akademie die wird die wissenschaftliche Fachzeitschrift zum charakteristischen Bestandteil des zum heutigen Tag. Die Geburtsstunde der wissenschaftlichen Geisteslebens bis Publizistik läßt sich exakt angeben, es schien die erste Nummer der ist der 5. Januar 1665. An diesem Tage er- »Journal des S^avans«, die von einem französischen Sallo (1629-1669) herausgegeben wurde. Schon daß der Zeit nicht in Latein, sondern in Gepflogenheiten dieses Blatt entgegen aller französischer Sprache geschrieben ist, wirkt ungewöhnlich wie die Absicht des Edelmann namens Denys de Herausgebers. Man wollte alle Neuigkeiten aus der Gelehrtenrepublik mitteilen, so z. B. sollten Neuerscheinungen Europas angezeigt werden, man wollte Nekrologe auf verdiente Gelehrte bringen, die Fortschritte auf den Gebieten der Naturwissenschaft, der Technik, der Astronomie und Anatomie bekanntgeben, auch plante man, Gerichtsurteile weltlicher und geistlicher Instanzen zu publizieren, denn für jeden Gelehrten war es wichtig, die Grenzen seiner Möglichkeiten gegenüber einer reaktionären Obrigkeit zu kennen, und schließich sollten Nachrichten gebracht werden, die von allgemeinem Interesse für den Gelehrten sein könnten. Man hatte die wöchentliche Erscheinungsweise gewählt, mit guten Gründen, wie sich herausstellte, und entschuldigte sich für den Stil, da doch verschiedene Mitarbeiter in diesen Heften schreiben würden. Wie alle erstklassigen Zeitschriften der folgenden Jahrhunderte war auch dieser ersten Zeitschrift kein langes Leben beschieden. Der unausweichliche Konflikt mit der Obrigkeit, in diesem Falle mit der Kirche, ließ nicht auf sich warten. Man stellte dem Herausgeber die Forderung, sein Blatt einer Zensur zu unterwerfen, was für einen unabhängigen Mann seines Schlages unannehmbar war. So ließ de Sallo das Blatt 1665 eingehen. Ein ]ahr später wurde es unter Leitung eines Abbe Jean Gallois neu aufgelegt. Das französische Vorbild wurde in England mit dem »Philosophical Transactions« im Jahre 1665 und in Italien drei Jahre später mit dem »Gironale de Letterati« nachgeahmt. In Deutschland gab es gleich zwei Unternehmen dieser Art, beide eng mit wissenschaftlichen Gesellschaften verbunden. Da ist einmal die die wichtigsten »Miscellanea curiosa mediophysica«, eine schrift, 1651 jährlich erscheinende Zeitherausgegeben aus den Kreisen jener gelehrten Gesellschaft, die später zur berühmten Leopoldina geworden ist, seit der ältesten naturforschenden Gesellschaft, der 1652 gegründeten späteren Kaiserlich-Leopoldinischen Carolinischen Deut- schen Akademie der Naturforscher. Zwölf Jahre später entstand eine Zeitschrift, allgemein als der eigentliche Beginn der wissenschaftliche Publizität in Deutschland bezeichnet wird und den Titel »Acta Eruditorum« trägt, wörtlich etwa »Berichte der Gelehrten« Sie erschienen monatlich und brachten Rezensionen aus die . allen Gebieten der Wissenschaft, so daß sie älteren »Miscellanea« zurücktreten ließen. mit ihrem Erfolg die Bedeutung der Auch hier lag der Schwerpunkt der einem vorwie- Artikel allerdings auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wie das in gend an diesen Fragen interessierten Zeitalter nicht anders zu erwarten war. Leider 335
wurden die Beiträge in den frühen Zeiten meist ohne Autorennamen veröffentlicht, was der gelehrten Zeitschriftenforschung ein weites Feld eröffnet. Der wichtigste Mitarbeiter war Leibniz man wollte das Blatt nicht herausgeben, bevor man ; den heutigen Redakteur beruhigend mag daß auch diese so ausgezeichnete Zeitschrift ein Zuschußunternehmen war; der Kurfürst von Sachsen steuerte jährlich 200 Taler bei. sich seine Mitarbeit gesichert hatte. Für die Tatsache sein, Bis zum Jahre 1720 sind viele weitere Blätter dieser Art gegründet worden, so daß schließlich von 241 Zeitschriften zum Anfang des 18. Jahrhunderts allein 54 Periodika die Gattung des wissenschaftlichen Blattes repräsentierten. Die Masse wenn auch angeregt durch die »Acta Eruditorum«. Man war im sogenannten Zeitalter der Aufklärung erfüllt von antiautoritären, vernunftbestimmten Prinzipien, und daß das Natürder übrigen Zeitschriften war philanthropischen Inhalts, liche vernünftig, das Vernünftige natürlich sei, Christian Thomasius (1655-1728) wollte die schien einleuchtend. Menschen in einem neuen Geist erziehen; mit seinen Vorlesungen in deutscher Sprache hatte er bereits Aufsehen erregt. Der zweite Schritt war die Gründung einer Wochenschrift mit dem Titel »Schertz- und ernsthaffter, vernünfftiger und einfältiger Gedancken über aller- hand nützliche Bücher und Fragen erster Monath Januarius, in einem Gespräch von der Gesellschaft der Müßigen« Wohlan denn, möchte man sagen, ein gar wackeres Vorhaben, zumal dieses Monstrum in den Jahren seines Erscheinens von 1688-1690 auf annähernd 3000 Druckseiten kam, alle geschrieben, bearbeitet und redigiert von dem unermüdlichen Thomasius. Neu an diesem Blatt waren Eigenschaften, die man noch heute schätzt, nämlich Freimut und Witz, Zeitkritik und Satire, allgemein interessierende Fragen allgemein verständlich angefaßt - freilich im Stil der Zeit, also im Sprachschwulst derer, die sich aus dem vorgestellet Gemenge . französischer, spanischer mühsam und lateinischer Brocken, versetzt mit deut- und Scheinheiwerden mit leichter Hand verspottet, schon die »Gesellschaft der Müßigen« ist ein ironischer Titel und meint die gelehrten Perücken der Akademien. In dieser Epoche trat auch die Geschichte auffallend in den Vordergrund. Man war mit dem Engländer H. Bolinkbroke der Ansicht, daß Geschichte auf jeden Fall lehrreich, daß sie eine durch Beispiele wirkende Philosophie sei. Mit Leibniz begann man, die geschichtliche Überlieferung mit kritischen Augen zu sehen, was die Quellen und Zeugnisse anging, und sie wie die Naturwissenschaften als Erfahrungswissenschaft zu betrachten. Es gab eine ganze Reihe von Journalen, die neben den gelehrten historischen Zeitschriften das Interesse des breiteren Publikums ansprachen, und zu den bekanntesten gehörten die »Gespräche in dem Reiche derer Todten«, die von David Fassmann herausgegeben wurden, dem erfolgreichsten Journalisten seiner Zeit und Prototyp des geschickten Unterhalters mit journalischen Worten, herausarbeiteten. Pedanterie, Heuchelei ligkeit stischen Mitteln. Dieser Fassmann hatte in vielen Städten Europas gelebt, viele Berufe ausgeübt, ein Mann mit Erfahrungen, der sich auf die Welt und das Leben verstand und der, wenn er wollte, die Sprache der Kammerzofe ebenso traf wie die eines Fürsten. Von 1718-1739, also über 20 Jahre lang, schrieb Fassmann seine berühmten Dialoge, in denen sich zwei bekannte Personen aus jeweils verschiedenen Epochen im 336
r * j Die Pressefreiheit. Karikatur von Honore Daumier gegen die einschneidenden Angriffe der Regierung Louis Philippes gegen das Pressewesen. Lithographie von 1834 Staatsbibliothek Berlin , Bildarchiv Totenreiche unterhielten. Mit allerlei geschickten Tricks putzte er diese Gespräche zu einem unterhaltsamen Feuerwerk auf, so hat er insgesamt 240 solcher Stückchen geschrieben und damit seine Zeitgenossen gefesselt und begeistert, keine schlechte journalistische Leistung. Nicht alle diese Blätter waren so unterhaltsam, zumal sie oft moralisierende Tendenzen vertraten und ihre Redakteure mehr befriedigten als ihre Leser. Da gab es den »Monatlichen Staatspiegel« und die »Europäische Fama«, das »Curieuse Caffe-Hauß zu Venedig«, ebenfalls in Gesprächsform publiziert, und ähnliche moralische Wochenschriften, allerdings ausschließlich in Norddeutschland, ge- An den Landesgrenzen Bayerns wurden Bücherpakete einer strengen Kontrolle unterworfen, und noch 1791 müssen die Münchener Buchhändler Petitionen schreiben, um größere Freiheiten für sich nauer gesagt, im protestantischen Raum. die zu erwirken. Nicht nur Voltaire, Rousseau und Montesquieu waren hier verboten, sondern auch Kant und Herders »Briefe zur Beförderung der Humanität«, Knigges »Umgang mit Menschen« und selbst der »Kinderfreund« eines gewissen Rochow (Kirchner). 337
Zu den berühmtesten Zeitschriften der Literatur in Deutschland gehören be- kanntlich die »Horen«, nach den griechischen Göttinnen der Jahreszeiten oder auch der Gesetzmäßigkeit so benannt und redigiert von Schiller, der wiederum Goethe als Mitarbeiter gewann. Schiller ist ja überhaupt, seiner ganzen Zielsetzung und seinem Naturell entsprechend, ein ausgesprochener Redakteur gewesen. Er hatte schon Ende des 18. Jahrhunderts die »Thalia« geleitet, die bei Göschen in Leipzig erschien, später die »Neue Thalia«, die Werke von Wilhelm Humboldt, Hölderlin und Seume brachte. Die »Horen«, das später begonnene Unternehmen, war gründlich vorbereitet und von Cotta großzügig finanziert es scheiterte an der Unzuverlässigkeit der Mitarbeiter, dabei wurden die Ziele dieser Zeitschrift allgemein begrüßt. Sie sollte unter Ausschluß von Religion und Politik ein »Organ ästhetischer Bildung im Sinne idealer Geisteskultur« sein. Leider aber schrieben Herder, Fichte, Wilhelm von Humboldt u.a. nicht die gewünschten Beiträge, und was schließlich gedruckt wurde, erreichte die Leser nicht, die den Stil der Artikel ; dunkel fanden. Als sich immer schärfere Kritik äußerte, übrigens gerade an Goethes Aufsätzen, verlor man den Elan, und im dritten Jahrgang seines Bestehens ging das Blatt sang- und klanglos ein. Die Romantik hat noch eine ganze Reihe berühmter Blätter hervorgebracht, doch soll hier als wissenschaftliches Gegenstück zu den literarischen »Horen« das Schicksal der »Poggendorff'schen Annalen« geschildert werden, einer naturwis- senschaftlichen Zeitschrift, in der publiziert zu werden für jeden Wissenschaftler und vor allem 19. Jahrhunderts eine hohe Ehre bedeutete. Als »Annalen noch heute erscheinende Fachzeitschrift 1799 von einem sonst nicht bekannten Fr. Albert K. Gren gegründet worden. Nach seinem Tode hat sie Ludwig Wilhelm Gilbert weitergeführt und seit 1824 für ein halbes Jahrhundert Johann Christian Poggendorff (1796-1877). Um nur ein Beispiel für die Bedeutung der Zeitschrift zu nennen: Im Jahre 1828 berichtete der junge Dr. Wöhler in einem vierseitigen Aufsatz über seine Entdeckung, die sogenannte Harnstoffsynthese. Zum erstenmal hatte ein Mensch aus unorganischen Stoffen eine organische Substanz geschaffen, den cyansauren Ammoniak, eine Menge »schön kristallisiert, und zwar in klaren, rechtwinkligen, vierseitigen Säulen«. Man glaubte damals noch an eine »Lebenskraft, die nur organischen Stoffen eigen sei«, und Dr. Wöhlers Entdeckung warf diese von reaktionären Kreisen geschätzte Theorie über den Haufen - ähnlich, wie es heute geschähe, wenn man künstlich lebendes Eiweiß des 18. der Physik« ist diese hersteilen könnte. urkunde für Der Beitrag in den Annalen war die wissenschaftliche Geburtsberuhende organische Chemie, die die auf Kohlenstoffverbindungen heute einige hunderttausend Stoffe umfaßt, während zu Wöhlers Zeiten genau 80 Verbindungen dieser Art bekannt waren. Wöhlers Beitrag erregte Aufsehen, hatte also die gewünschte Wirkung. Gelegentlich aber haben solche Versuche, die wissenschaftliche Anerkennung zu erlangen, auch mit Mißerfolg geendet, und nicht immer war es dem Verfasser zuzuschreiben, der seinen Beitrag an die Redaktion sandte. So schickte der junge Mediziner Dr. Robert Julius Mayer am 16. Juni 1841 an den Professor Poggendorff einen Aufsatz mit dem Titel »Über die quantitative und qualitative Bestimmung der Kräfte«, den dieser nie beantwortet hat, sehr zur Verzweiflung des Mediziners, 338
der mit dem Gesetz von der Erhaltung der Energie eine fundamentale Erkenntnis gewonnen hatte. Für den Verfasser begann mit diesem unerklärlichen Schweigen des berühmten Redakteurs ein Leidensweg, der ihn schließlich in die Nervenheilanstalt brachte. Was wirklich geschehen ist, hat sich niemals klären lassen. Im Nachlaß des Professors ist die Schrift D.r. Robert Mayers aufgefunden worden, doch weiß wurde - man nicht, weshalb sie weder gedruckt noch überhaupt beantwortet ganz einfach vergessen. vielleicht hat sie der Professor Journale und Gazetten in dem Chur-Fürstentum Sachsen« im Jahre 1717 über die Zeitungen: »Sie sind zwar heutiges Tages auch nicht so gar vollkommen und ohne alle Mängel, wie denn sonderlich über die Hamburgischen stets geklaget wird, so daß viel falsche Relationen (Anm. d. Verf.: Nachrichten) darinnen enthalten; jedoch sind doch die meisten gut und besser eingerichtet, als in vorigen Zeiten: Die Leipziger, Hällischen, Gothaischen, Nürnberger, Breßlauer und vielleicht andere mehr, die In seinen »Unerkannten Wohlthaten Gottes schreibt der Verfasser Christian Gerber mir nicht bekannt seyn, verdienen alle ihr Lob, finden auch ihre Liebhaber.« Tatsächlich hatte man sich an Zeitungen gewöhnt, so dürftig sie waren, weil sie mehr als nur das Bedürfnis nach Informationen befriedigten. Es gab Inserate aller Art, Lotterieanzeigen, die Ankündigung von Versteigerungen, von Hausverkäufen usw., und so las man denn, beim Herrn Kaufmann Stoltzenhagen »neben dem Posthause bei dem Weinschenken Herrn Meyllen« gäbe chendes Jasminöl, »die Bouteille von weit größerer Art als es grünen Tee, wohlrie- sonsten« oder Hambur- ger Speckböcklinge, ungarisches Wasser oder Nürnberger Gewürzgurken. Das Niveau der Zeitungen war unterschiedlich, man beklagte oft, daß sie so viele falsche Nachrichten brächten, übrigens meist aus fernen Ländern, selten aus der Stadt selbst, Wie und häufig druckte eine Zeitung von der anderen ohne Bedenken ab. mag ein Beispiel aus Berlin Moskau am 14. September 1710 eine schwerfällig Nachrichten übermittelt wurden, zeigen; hier erschien die Meldung, daß in Feuersbrunst 6000 Häuser in Schutt und Asche gelegt habe, erst nach einem Vierteljahr am 3. Januar 1711. zum unentbehrlichen Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden, eine Wirkung nicht nur der neuen Druckverfahren, sondern sinkender Papierpreise, und in dem Maße, in dem sich an Stelle der alten Tatsächlich waren die Zeitungen Stampfhämmer die Holländer durchsetzten, wuchs die Produktion an waren schon Papier. Billig Zeitungen durchaus noch nicht, aber was ein französischer Philosoph den Anfängen des Zeitungswesens formuliert hatte, galt auch für die fol- die in genden Jahrhunderte: »Man merke, daß die Welt sich dermaßen an die Zeitungsblätter gewöhnet hat, daß sie die Unterdrückung derselben als eine Finsterniß ansehen würden.« Es gab zu dieser Zeit auch die ersten Fälle von journalistischer Kriminalität, wie eine Notiz aus der Berlinischen Privilegierten Zeitung aus dem Jahre 17 28 besagt: »Es hat sich hierselbst ein betrüglicher Mensch gefunden, welcher 339 allerhand gott-
^olUt5cl|fs Beilage zur Zeitschrift Die Pressezensur, der „ iiunual. der Humorist,, M von ein politisches Journal ausgesetzt ist, satirischen Darstellung karikiert. Beilage zur Zeitschrift »der von M. G. Saphir. Stich des frühen Bildarchiv, Wien 19. Jh. Österreichische G. Saphir wird in dieser Humorist« N ationalbibliothek
und grundfalsche Zeitungen von hier aus an seine auswärtigen Korrespondenten und Gazettiers geschrieben. Da er aber darüber ertappet und zur gebührenden Inquisition gezogen werden sollen, hat sich derselbe des Nachts zwischem dem 16. und 17 dieses (Dezember) auf dem Bett hegend aus dem Trieb seines bösen lose Gewissens mit heimlich bei sich getragenem Federmesser entleibet.« Das Anzeigengeschäft lockte, so sehr man bei Hofe der »Publizität«, wie man die Presse nannte, mißtraute, und so gründete man in Berlin ein amtliches Anzeigenblatt »Wöchentlich Berlinische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten«. Es wurde ein kommerzieller Mißerfolg, weil sich kein Mensch für ein Blatt ohne Nachrichten interessierte. Also befahl man den später auch Geistlichen, Gastwirten, gab es eine Liste, auf der stand, wer Juden, das Blatt wöchentlich zu beziehen, Weinhändlern und Bierschenken. Jährlich verpflichtet war, das »Intelligenzblatt« abzu- nehmen. Daß Preußen nach der Thronbesteigung Friedrichs in II., des »alten Fritz«, eine Art Pressefreiheit geherrscht habe, weil der junge Monarch geistvoll und aufge- gewesen sei, ist eine Legende. Der Tatbestand: Es hatten Mächte über die Berichterstattung beklagt und sich durch Artikel, klärt I., die in der Berli- Am 31. Mai 1740 war Friedrich der sogenannte Soldatenkönig, gestorben. Wenige Tage später befahl ner Presse erschienen waren, beleidigt gefühlt. Wilhelm sich auswärtige der junge König, der in der Tat eine neue Ära der Aufgeklärtheit und Liberalität heraufzuführen schien, seinem Minister, ner Zeitungsschreiber, also dem dem Grafen Podewils, er solle währen. Der Minister hatte sich erlaubt, Einwände zu erheben: »Ich zwar die Freyheit, darauff dem Berli- »Lokalredakteur« unumschränkte Freiheit ge- nahm mir zu regeriren, daß der Rußische Hof über dieses sujet pointilleux wäre, Sr. Königl. Majestät erwiederten aber, daß Gazetten, wenn sie werden müßten.« Ein berühmtes Wort im Kauderwelsch jener Tage, das doch kein Freibrief für die Presse war, sondern einem politischen Kalkül entsprang, denn keine andere Macht konnte sich über irgendinteressant seyn sollten, nicht geniret welche »Articul« aus Berliner Blättern beschweren, wenn diese die Berliner Zustände selbst ungeniert schildern durften. Friedrich der Große nahm mit der Freiheit für den Berliner Artikelschreiber, wohlgemerkt nur für diesen, den Beschwerden den Wind aus den Segeln. Ein halbes Jahrhundert später schrieb denn auch Lessing an seinen Vater, zwar könne er ihm Zeitungen« ohne die geringsten Unkosten »wegen der scharfen Censur größtenteils so unfruchtbar Neugieriger wenig Vergnügen darinne finden kan«. Lessing die »hiesigen politischen schicken, aber sie seien und trocken, daß ein mit 19 Jahren Mitarbeiter der »Berlinischen privilegierten Zeitung« geworden, die nach ihrem Verleger Christian Friedrich Voß die »Vossische« genannt wurde ist und unter diesem Namen berühmt geworden ist. Lessing hat im März 1755 die Schrift »Wohlmeinender Unterricht für alle diejenigen, welche Zeitung lesen« rezensiert, ein solches Buch muß also wohl von Interesse gewesen sein, eine Art Ratgeber für den Umgang mit dem neuen Medium Zeitung. Leider hat der junge Redakteur nur die Sache selbst angezeigt, aber keine eigene weiß man nicht, was dieser Meinung geäußert; so erste klassische Journalist in Deutschland, der zugleich ein ausgezeichneter Schriftsteller war, über die Presse gedacht hat. 341
Vor der Französischen Revolution von 1789 war eine unumschränkte PresseChimäre. Jede kritische Bemerkung über die Willkür der Fürsten, über Skandale bei Hofe oder Mißwirtschaft von korrupten Beamten wäre, wenn sie jemand gewagt hätte, als grobe Majestätsbeleidigung, als Aufwiegelei, freiheit eine politische als unverschämte Provokation aufgefaßt worden, die nicht einmal die öffentliche hinter sich hätten. In England gab'es freilich den »Tatler«, den »Plaude- Meinung rer«, ein satirisches Blatt, zugeschnitten auf ein politisch interessiertes das bis 1711 erschien, Bürgertum, und danach »The Spectator«, der zum englischen Leben so selbstverständlich gehörte wie der Mprgentee. Daß die Zeitungen auch ihre Leser schufen, zeigt eine Schilderung aus der Feder Richard Steels (1672-1729), eines Beamten, Parlamentariers und Lustspieldichters, der mit Ergriffenheit den Typ des neuen »zoon politikon« schilderte, den Typ jenes »guten, ehrlichen« Tapezierers, liest und dann von Haus zu Haus läuft, um der den ganzen langen Tag Zeitungen Neuigkeiten einzuziehen, darüber arm wird, nichtsdestoweniger aber auch als Bettler hohe Politik treibt, nach wie vor in alle Kaffeehäuser eindringt, um Zeitun- gen zu lesen, dort unter den Politikern seines Schlages sogar eine bedeutende Rolle spielt, bis er endlich den Verstand verliert und ins Irrenhaus wandert. Die erzieherische Wirkung dieser bürgerlich moralischen Wochenzeitschriften war in England ungewöhnlich groß. Schon zu Cromwells Zeiten hatte zu jedem Regiment ein Drucker gehört, um die Bevölkerung mit Flugblättern zu gewinnen. Jetzt war die bürgerliche moralische Presse an ihre Stelle getreten, auch erforderte mehr Informationen über die Ereignisse So konnte Robert Steele, der Herausgeber des »Tatler« schreiben: »Da der Erdball nicht bloß in den Händen von lauter Geschäftsleuten ist, sondern auch Menschen von Geist und Witz auf ihm eine bedeutende Rolle Vorgänge und Gespräche spielen, will ich, wenn politische Neuigkeiten fehlen der erweiterte Horizont des Europäers draußen in Übersee. . . . erzählen, die in der Stadt wie auswärts Aufmerksamkeit verdienen.« Das Zeitalter der Presse und der Kampf um die »Preßfreiheit« beginnt auf dem Kontinent aber erst nach der Französischen Revolution. Die ironische, liebevolle Betrachtungsweise des »guten, ehrlichen Tapezierers«, vom Standpunkt des gebil- dennoch als verzeichnet heraus, denn das politische Interesse des vierten Standes war geweckt, und nur mit immer neuen Zeitungen konnte es halbwegs genährt werden. Im 18. Jahrhundert waren die Zeitschriften die führende geistige Macht, wenn auch mit Abnehmerzahlen, die keinen Vergleich mit der Massenpresse aushalten. So hatte der »Mercure de France«, die angesehenste Zeitschrift Frankreichs vor der Revolution, nicht mehr als 7000 Abonnenten, und nicht anders dürfte es bei den englischen Journalen wie »Grubstreet Journal«, »Gentlemans' Magazine« oder »Ladies' Magazine« mit seinen Essays von Goldsmith gewesen sein. Mit der Französischen Revolution setzte in Frankreich selbst eine von politischem Interesse entflammte Neugier ein, und allein im französischen Sprachgebiet entstanden etwa 1000 politische Blätter, während überall sonst in Europa der gravitätische offiziöse Pressetyp wie die »Vossische« oder in England die »Times«, diese königliche Großmutter der liberalen Presse, vorherrschte. Napoleon hat, als er Erster Konsul war, seinem Unmut über die Presse lebhaft Ausdruck gegeben und sie dann deten Bürgertums aus sicher nicht falsch gesehen, 342 stellte sich
einer scharfen Zensur unterworfen wie noch jeder Feldherr, der die Gesichts- punkte der Gedankenfreiheit und der vermeintlichen militärischen Sicherheit gegeneinander abzuwägen hatte. Technisch waren die Zeitungsdruckereien auch noch nicht in der Lage, riesige Auflagen herzustellen, so daß die tatsächliche Brei- tenwirkung der Zeitungen sich nur auf eine schmale, bürgerliche Schicht er- streckte. Bei der Papierherstellung kam man, angeregt durch den Zoologen Reaumur (1683-1757), auf den Gedanken, Papier aus Pflanzenfasern herzustellen, wie es bestimmte Wespen tun, nicht nur aus Hadern und Leinen. Papiergeld gab es in Europa seit 1720, Tapeten aus Papier seit 1720 in Frankreich und in England. Bei den Druckmaschinen wurden die Formate verbreitert. Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte man eine Siebbreite von 152 cm, in England erfand 1802 Friedrich Koenig die Schnellpresse, die er 1811/12 verbesserte und die die achtfache Druck- leistung der bisher gebräuchlichen Druckpressen erreichte. Die erste auf dieser Presse gedruckte Zeitung war die Times (1814). Wenige Jahre später baute Foster Papiermacher Adolf Keferstein den ersten, dampfbeheizten Trockenzylinder für die Papierherstellung, und 1820 wird die Papierbahn auf Grund eines Patents des Engländers Th. B. Crompton auf die erste Setzmaschine, erfand der deutsche Satirisches Blatt zur Illustration der Presse-Explosion gegen die reaktionäre Politik am österreichischen Kaiserhof. Stich von Andreas Geiger nach einer Zeichnung von Bildarchiv , /. Cajetan , um 1840/50. Österreichische N ationalbibliothek Wien An ff. Z,>>t4nnfm ptytw t/it. Heartum- /'<'/</>•
dampfbeheizten Zylindern getrocknet, wobei sie auf Filztüchern zugeführt und anschließend durch einen Querschneider in Bogen ^ufgeteilt wird. Es hat dann noch lange gedauert, bis die chemische Zusammensetzung des Papiers erkannt und Papier aus Zellstoff hergestellt wurde, auch brauchten die Maschinen Zeit, um sich zu den Rotationspressen zu entwickeln, die heute kennt. Aber schon in der Schnellpresse konnte man 2000 Bogen man noch je Stunde mehr Menschen in Städten lebten Schulzwang wurde; nach dem Sturz Napoleons hatte der abziehen, und der Nachrichtenhunger wuchs, je und je allgemeiner der Bourbonenkönig Ludwig XVIII. der Presse die Freiheit gegeben, um die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Erst jetzt wurden die Zeitungen zu Wortführern der Öffentlichkeit, und der spätere Aufklärer Karl Julius Weber schrieb in seinem »Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen« im Jahre 1832: »Die Tinte ist das fünfte Element und die Presse die Artillerie der Gedanken.« Erst jetzt begann der Kampf um die »Preßfreiheit«, der ein Ringen des Bürgertums gegen die Engstirnigkeit und Rückständigkeit reaktionärer Kreise war, ein Ringen des Untertanen mit der Obrigkeit. Alpdruck für Könige Trotz der Revolution und der heroischen Epoche unter Napoleon I. blieb die Gesellschaft in Frankreich an aristokratischen Leitbildern orientiert, nur daß der dem Parvenü teimußte, dem Emporkömmling, wie er von oben betrachtet bezeichnet wurde, dem Selfmademan, wie man ihn in Amerika nannte, kurzum dem Bourgeois. »Wenn ich im Theater in meiner Loge erscheine, richten sich alle Lorgnons auf mich, und ich werde mit einer geradezu königlichen Ovation begüßt«, berichtet stolz ein Bankier aus der restaurativen Ära. Diese bourgeoise Gesellschaft war nicht an Revolution interessiert, obwohl sie das Ergebnis der Revolution war, sondern nur an Geschäften. Käuflichkeit war keine Schande und ebensowenig die Überzeugung, daß alles käuflich sei. Wenn der Bourgeois sich Mätressen hielt, subtile Prosa im Bücherschrank stehen hatte und Pferde besaß, kopierte er adligen Lebensstil, der wiederum eine Kopie des königlichen Lebensstils war. In diesem gesellschaftlichen Klima entstand die moderne Presse. Noch heute verweisen Worte wie Journalismus, Boulevardpresse, Annonce und Reklame auf die französische Herkunft des neuen Metiers. Wieder, wie schon beim Buchdruck, führten gewissen technische Voraussetzungen zu einer unerwartet explosiven Wirkung. Die bisherigen Zeitschriften hatte man sich nur gegen ein teures Jahresabonnement halten können. Eben deshalb war das Gafehaus für den interessierten Bürger so wichtig; er konnte dort die Journale verfolgen, ohne selbst das Abonnement bezahlen zu müssen. Mit den aus der Emigration zurückgekehrte alte Adel seinen Einfluß mit len neuen Produktionsmethoden veränderte sich das Gesicht der Zeitungen. Man konnte massenweise drucken, also konnte man billiger drucken, man brachte das Blatt unter die Leute, indem man sich nach ihrem Geschmack richtete - also wurde es nicht mehr von Dichtern verfaßt, von Literaten, die auf Stil sahen, sondern von 344
Männern, die schrieben, wie der Bürger sprach, von Journalisten, also unbekann- ten Angestellten des Verlegers. Schon in der napoleonischen Ära war der politische Journalismus ein fragwürdi- ges Gewerbe gewesen, und die Nachrichtenpolitik des Kaisers entsprach bis zum letzten Augenblick der, die alle stürzenden Diktatoren verfolgen. Heinrich von Kleist hat sie mit Hohn in seiner 1 809 erschienenen Schrift »Lehrbuch der französischen Journalistik« analysiert. Unter § 2 heißt es da »Die französische Journali: stik ist die §3: Sie ist Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut bloß Sache der Regierung, und alle hält. Einmischung der Privatleute, bis auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tagesgeschichte betreffen, verboten.« Nach dem Sturz Napoleons I. wurde die Zensur aufgehoben, und als Karl X. im Jahre 1824 den Thron Frankreichs bestieg, hatte er der Presse Unabhängigkeit versprochen. Schon nach kurzer Zeit änderte sich das Bild, und die immer einfluß- reicheren Zeitungen Von Anfang an wurden zu einem Alpdruck der Könige. fühlten sich die Herrschenden durch diese Presse bedroht, denn wenn sich der Privatmann um Regierung kümmerte. Der Journalist aber, täglich gezwungen, sein Blatt mit Informationen zu füllen, die den Käufer reizen sollten, konnte sein Geschäft nur machen, wenn er den Leuten auf der Straße nach dem Munde redete, wenn er ihren Unwillen formulierte, ihrer Empörung Worte verlieh, wenn er für sie hinter die Kulissen des Regierungsgeschäftes sah, kurzum, wenn er politisch wurde. Eben dies wollte die französische Regierung verhindern, und König Karl es lang ihrer Ansicht nach in niemandes Interesse, die Geschäfte der X. von Bourbon scheiterte bei dem Versuch, die Presse seiner Präventivzensur zu unterwerfen. Entwicklung aufzuhalten und die Wenn es dem Hof gegangen wenn ihr Inhalt zuvor Schema der Zensur. nach wäre, hätte jede Zeitung nur dann gedruckt werden dürfen, von der Polizei genehmigt worden war - das klassische Seit 1826 machte sich in der Bevölkerung ein wachsender Unwille bemerkbar, man empfing den König bei Paraden nicht mit dem Ruf »Vive le Roi«, sondern mit einem »Es lebe die Preßfreiheit«, und jedermann nahm Partei. So passierte es auf einem Ball bei Lafitte, dem bekannten Bankier, nach dem in Paris das Stadtviertel benannt ist, daß ein junges Mädchen, zum Tanz aufgefordert, an den Herrn die Frage richtete: »Erst sagen Sie mir: Sie sind doch auch für die Preßfreiheit?« Diese Diskussion wurde in ganz Europa geführt, weil überall die gleichen gesellschaftlichen Konflikte bestanden. So hat sich selbst Goethe zum Thema Preßfreiheit olympisch vernehmen lassen, ein greiser Dichter und Minister, den die neue Zeit mit Unbehagen erfüllte: »Was euch die heilige Preßfreiheit / Für Frommen, Vorteil und Früchte beut? / Davon habt ihr gewisse Erscheinung; / tiefe Verachtung der öffentlichen Meinung.« In Frankreich hatte sich die bürgerliche Schicht so mit der Presse identifiziert, daß Karl X. gehen mußte die dortige Presse bekam eine Atempause im Abwehrkampf gegen Übergriffe der Regierung. In dieser Zeit expandierender Zeitungen erfand der französische Publizist Emile de Girardin (1806-1881) um das Jahr 1836 die billige Zeitung, die nicht im Abonnement, sondern täglich einzeln verkauft wird. Dies ist die Geburt der Boulevardpresse und begründet jenen Einfluß der Presse auf die öffentliche Meinung, den ; sie sich, bedrängt vom Fernsehen, bis heute erhalten hat. 345
»Der gefesselte Prometheus«. Allegorische Darstellung auf die Unterdrückung der von Karl Marx redigierten »Rheinischen Zeitung«. Der preußische Wappenadler hackt dem an die Druckerpresse geketteten Marx die Leber aus. Anonyme Lithographie aus dem Kreis der »Lieder eines Malers«, 1843. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Schon damals gibt es selbstverständlich den Journalismus in seiner übelsten Form, denn es ist leicht, mit einem schiefen Artikel den Ruf eines Mannes zu ruinieren, einen Politiker in Verdacht zu bringen oder lächerlich zu machen, und nicht immer liegt das Recht auf seiten dessen" der angreift. Manche Journalisten lebten von publizistischer Erpressung od-er von Indiskretionen. So gab es um 1835 in München die »Landbötin«, ein Blatt, in dem Anzeigen eine bestimmte Rolle spielten. Ein Zeitgenosse schreibt: »Die eigentliche Würze des Blattes besteht nun aber in den sogenannten >Inseraten<, d.h. in Ausfällen gegen gewisse Stände oder Personen, Beschimpfungen oder Enthüllungen von Familienverhältnissen in leicht zu erratenden Chiffren und dergleichen, die gegen >Einrückungsgebühr< von Müller jederzeit ihrer Höhe, aufgenommen werden. Aber die hier wie nirgends das Und ihm zum angrinsen darf. Lektüre ist mit Heißhunger Diese höchst gemeint, wenn dies ist die pöbelhafteste Gemeinheit auf Publikum mit der anmaßendsten Freiheit das Publikum läßt sich das nicht nur gefallen, sondern diese Bedürfnis geworden fällt man ; alle Stände sind damit befreundet und über die frische Landbötin her.« unangenehme Seite des Zeitungswesens hat er sich zur Preßfreiheit Schopenhauer wohl mit Vorbehalt äußert: »Ich fürchte sehr, jedenfalls aber daß die Gefahren der Preßfreiheit ihren Nutzen überwiegen sollte Preßfreiheit durch das strengste Verbot der Anonymität bedingt sein.« Schopenhauer hat damit zwar weniger die persönliche Diffamierung als die publi. . . zistische Macht anonymer Dummköpfe angreifen wollen, aber die Problematik war klar erkannt. Noch heute ringt die Publizistik um die gleichen Probleme, wenn auch gelegentlich auf anderer Ebene und mit vertauschten Karten, denn die Pressefreiheit ist in Deutschland durch Gesetz vom 7. Mai 1874, ferner im Jahre 1918 verfassungsrechtlich eingeführt und durch das Grundgesetz bekräftigt worden. Zu Schopenhauers Zeiten war in den deutschen Fürstentümern an Preßfreiheit nicht zu denken. Während der napoleonischen Ära hatte der »Rheinische Merkur« großen Einfluß, ein liberales Blatt, das, von Joseph Görres gegründet, sich mit gro- publizistischem Mut gegen die Fremdherrschaft äußerte, ebenso wie die »Nemesis« (griechisch: Rache) oder die »Isis«. Der »Rheinische Merkur« war das erste große politische Blatt in Deutschland, sein Redakteur, der Epoche entsprechend ein glühender Nationalist, geriet wegen seiner liberalen Haltung mit der preußischen Regierung in Konflikt, und der »Rheinische Merkur« wurde verboten. Görres selbst mußte vor der drohenden Verhaftung nach Straßburg fliehen, weil er sich in seiner 1819 erschienenen Schrift »Teutschland und die Revolution« gegen die Politik der Restauration gewandt hatte. Im Jahre 1819 waren nämlich die Karlsbader Beschlüsse wirksam geworden, die so verheerende politische Folgen haben sollten. Der Verleger mußte hohe Kautionen hinterlegen, das Versteckspiel mit der Zensur begann überall, wo Zeitungen erschienen, und so konnte sich in Deutschland keine öffentliche Meinung bilden, wie sie, durch eine freie Presse begünstigt, in Frankreich und England selbstverständlich war. An der Spitze standen jetzt die Hofnachrichten, und was irgendeinen Grund zur Besorgnis geben konnte, wurde von der Zensur - wohlgemerkt vor dem Druck - ßem getilgt. Es war verboten, Artikel zu veröffentlichen, »worin öffentliche Behörden oder Vorgesetzte durch Spott und Lästerung herabgewürdigt werden« - und es 347
durfte die durch Zertsur entstandene Lücke auch nicht sichtbar sein. So machte sich in der deutschen Presse Langeweile breit, und man versteht die Verse Hoffmann von Fallerslebens aus dem Jahre 1841: »Wie ist doch die Zeitung so interessant / Für unser liebes Vaterland / Was haben wir heute nicht.alles vernommen / Die Fürstin ist gestern niedergekommen, / Hier ist der König heimgekommen, / Dort ist der Kaiser durchgekommen - / Bald werden sie alle Zusammenkommen. / Wie interessant, wie interessant! / Gott segne das liebe Vaterland!« Zur gleichen Zeit, als in Deutschland diese Verse geschrieben wurden und von Preßfreiheit nur Wirrköpfe und Demokraten träumten, hatte sich in den anderen europäischen Ländern längst die »fünfte Großmacht« etabliert, wie Napoleon die Presse genannt hat. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sind die ersten bedeutenden Zeitungen zu Sachwaltern der öffentlichen Meinung und zu Faktoren der Politik geworden auch die Grundsätze seriöser Journalistik haben sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet, ebenso aber auch die oft abstoßenden Züge der Gro! ! schenpresse. Weltpresse Der konservative englische Ministerpräsident Disraeli, unter dessen Verantwortung die Erhebung der Queen Viktoria im Jahre 1876 zur Kaiserin von Indien fällt, hat einmal das Wort geprägt, Großbritannien habe überall zwei Botschafter, den einen ernenne die Königin, den anderen der Herausgeber der »Times«. Gemeint waren damit Ausländskorrespondenten des Blattes, die gelegentlich geradezu einen halb diplomatischen Status hatten. Bei einer anderen Gelegenheit sagte Lord Russell um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die »Times« habe das Todesurteil über die Regierung gefällt, und es sei höchstwahrscheinlich, daß es bald ausgeführt werde. Die Ziele der »Times« sind über Jahrzehnte unverändert geblieben und neuerdings so umschrieben worden: »So umfassend, so sorgfältig und objektiv zu die Wiedergabe der neuesten Ereignisse der Welt; zu urBedeutung und Wichtigkeit festzustellen das Interessante sein wie nur möglich in der teilen, um ihre relative ; vom bloß Trivialen zu unterscheiden.« Niveau honoriert und das Blatt stellt, ist ein solches Solange eine breite Leserschicht ein solches die Interessen dieser Schicht nicht selbst in Frage Unternehmen erfolgreich. Die Methoden dieses Journalismus lassen sich auf wenige Grundprinzipien zurückführen, wie sie zuerst in der Redaktion der 1. »Times« entwickelt worden Januar 1785 als sind, damals schon ein ehrwürdiges Blatt. Am »Daily Universal Register« gegründet, hatte das von John Wal- Leben gerufene Unternehmen ursprünglich seinen Schwerpunkt auf Um Verwechslungen mit anderen Blättern zu vermeiden, war die Zeitung nach 940 Ausgaben in »The Times« umbenannt worden. In England waren Zeitungen käuflich, und trotz gegenteiliger Erklärungen hatte John Walter gegen jährlich 300 Pfund der Regierung die Erlaubnis eingeräumt, jeden ihr genehmen Artikel aus der Feder des Schatzsekretärs zu veröffentlichen. Als John Walter sich gegen Bezahlung gegen den geistesgestörten König Georg ter ins Marktberichte, Börsenberichte und Schiffsnachrichten gelegt. 348
pwikhm «f * i >» W*r MMtai« «tftii pMftow rwTMfMMMkm: »Ab «tourt», **}» ; ii, w WA ' ) .... j .! TZ * 57» » » s~ taotani, tfe* tiwfc wt«i. f — . hcht&d Mu« wben SOI) ke slftf < Hi theatrv o «w»y TltEITRERO VA L, DfWH Y LASE. be The tes tbe bwl •tolMi E* oi » rses-ftt* ä y*t Jl ftöfflT» Ci th« Farhaj defewt tb« r«ls IV EN ING, BING RICHAHD III. THE Eö&EST OF BONDY. TOMORROW. THE STATE LOTYRKY HEGIN* DKAW UNk-THK «HOLE IS TO BE DBA WH ON THAT DAY.' London, r£mm9rwff¥£mMR *. m *. T« wUd» will be $&k*L -Q«r Journal ©f thi» <jay present« I« tbe pnUic tl#> These the »*o« practica! resöJt &f th« greatest *i»prm««seiil cooiKcted is witb printing, suk« The rearier ©f th» paragraph mm hoids io im iiself. die auf einer mechanischen Zylinder-Schnelldruckpresse gedruckt wurde. Ausgabe vom 29. November 1814. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv sampH of th #«* th« ft formt <1 » «poG*?. tbe discovery ©f th« art *»<4« of liberfy.' fbeDr. thar««d tJaoes » * TH1S EVEKING, THE H YF^KTUTE. c©«I«io« d, T# wfedb wdl I« ftddNi, • mw «tamml Rimancr, to be cdkd puhiiohrd THE MNTH »TAT* E or Tw imfe m*» in Bagdad. THEAtRE ROYAL, COFENTGARDEN. »i*e » m design ©t *e& m »The Times« besitzt noch immer den seriösen Ruf, der ihr von Anfang an Weltruhm einbrachte. Sie war die erste Zeitung, * Im*( i», »r»d «t «ii owwir», nad »Hw«« wucernod in «BSO; mm\ JKmliir Die englische Zeitung kmm Mt«»».' >«*. ilwakxM« A«t wi« CorntMll, imui tt» exaeUy woyjd hat aoy ^ ] haml, that thooüuid improwtost af f ke Ti$m* public cot It h ti which wer« fakea off huüußfc by * meLovtj. ws Um prv A mtem ©f aftmmi. cbaaieai apparatu». vtlbuM, i egf? obf : oue of tfee b«®4, «f Dr. tiewspaper, «nany «Ä»ry von England, der in Hannover residierte, engagierte, wurde er je zweimal zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, mußte an den Pranger und verlor seine Zuwendungen (Fischer). Unter Queen Viktoria, die 1837 den Thron bestieg, wurde die »Times« ein Blatt mit 20 000 Auflage, womit sie an der Spitze der britischen Presse lag. Im Jahre 1841 schied der bisherige Chefredakteur aus, und John Walter II., der Sohn des Gründers, fand in dem 24jährigen Oxford-Studenten John Thaddeus Delane einen Mann, der die Zeitung bis 1877 leitete und auf den Gipfel ihres Ruhmes führte; man hat ihn den »größten Chefredakteur der englischen ZeitungsgeIII. schichte« genannt. Unter Delane wurden zwei Gesichtspunkte journalistischer Praxis herausgearTrennung zwischen Nachricht und Kommentar. Die Zuverlässigkeit einer Meldung, welche die »Times« brachte, stand außer Frage, und der abwägende Leitartikel verkörperte die Stimme engagierter Vernunft. Delane hat mit allen Kreisen Kontakt gehabt, mit allen Premierministern verkehrte er auf vertrautem beitet, die Fuß, aber auch mit den bedeutensten Wissenschaftlern und Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, und so wuchs Die »Times« schien einfach alles ihr Einfluß auf eine heute kaum vorstellbare Art. zu wissen, und so konnte Emerson feststellen: »Keine Macht der Erde wird mehr gefühlt, mehr gefürchtet, keiner wird mehr geWas du am Morgen in der >Times< liest, wirst du am Abend in jeder Gesell- horcht. schaft hören. Sie hat überall Ohren, ihre Informationen sind am schnellsten, voll- ständigsten und zuverlässigsten.« Ihr berühmter Berichterstatter Howard war William Rüssel, der von den Schauplätzen des Krimkrieges, des amerikanischen Bürgerkrieges und des Deutsch-Französischen Krieges seine Reportagen schrieb. Die Auflagenhöhe stieg von 40000 Exemplaren im Jahre 1851 349 bis auf 100000
im Jahre 1878 täglich absetzte. Damit hatte sie ihr Maximum erreicht. Allein im Burenkrieg waren 19 Spezialberichterstatter eingesetzt, darunter der junge Churchill, eine für damalige Zeiten unglaubliche Zahl, und im RusStück, die sie sisch-Japanischen Krieg hatte das Blatt eigens einen mit Telegraphie ausgestatte- Dampfer gestartet. Gemessen an heutigen Kosten der Nachrichtentechnologie wirken die damaligen Summen freilich lächerlich gering, aber im Konkurrenzkampf mit den Penny-Blättern wurden sie zu einer beträchtlichen Belastung. ten Mondmenschen im Feuilleton Die englische Penny-Presse wurde ins Leben gerufen, als 1855 die hemmenden Zeitungssteuern fortfielen und 1861 auch die sogenannte Papiertaxe aufgehoben wurde. Man schuf, begünstigt durch die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten, großformatige, knallig aufgemachte Blätter, deren bekanntestes der »Daily Tele- graph« war. Seine Sternstunde hatte dieses Blatt, als es zusammen mit dem »New YorkHerald« Stanleys zweite Afrikareise ausrüstete, während derer der tatsächliche Verlauf des Kongo geographisch korrekt festgestellt werden konnte. Dem Einbruch der Penny-Presse mußten sich auch so ehrwürdige Blätter wie die »Times« beugen, die dann ihrerseits auf Penny-Preise herunterging. Die ersten Groschenblätter hat es übrigens in Amerika gegeben. Hier war ja auch die erste Druckmaschine mit Dampfdruck 1822 in Betrieb genommen worden, und 1847 liefen die ersten Rotationsmaschinen, erfunden von Isaac Adams und Robert Hoe, die ein Neffe von Hoe konstruiert hatte. Das erste Ein-Cent-Blatt war die »New York Sun«, die sich auf Sensationsnachrichten, Unfälle, Duelle und Skandalgeschichten spezialisierte; selbstverständlich wurden die Skandale voll Abscheu detailliert beschrieben, um sie im Leitartikel um so salbungsvoller verdammen zu können. Die Auflage dieser Zeitung stieg sprunghaft an und erreichte in wenigen Jahren fast 20000 Leser. Den größten Erfolg hatte der Herausgeber Day durch die Geschichte, die ihm einer seiner Reporter in der Woche namens Richard A. Locke schrieb, ein Mann, der 12 Dollar verdiente. Dieser Locke publizierte einen angeblichen Bericht von John Herschel, dem Sohn des weltbekannten Astronomen, der sich ebenfalls als Astronom einen Namen gemacht hatte. Nun sollte er vom Kap der Guten Hoffnung in Südafrika aus sein Teleskop auf den Mond gerichtet und das Leben auf der Mondoberfläche beschrieben haben. Was Locke da schrieb, war keineswegs als Satire gedacht wie bei Gullivers Reisen und auch nicht als Utopie, als phantastische Sir Erzählung wie bei Jules Verne (1828-1905). Locke verkaufte seinen Lesern die als pure Wahrheit, und das Publikum verschlang die Berichte blanke Erfindung Mondwesen und feuerspeiende Biber. Der war eine Diskussion, bei der einige Gelehrte ernsthaft diesen Unsinn diskutierten, ohne ihn zu durchschauen. Im Jahre 1835 wurde in den USA der »New York Herald« von James Gordon über menschenähnliche, geflügelte Höhepunkt des Erfolges Bennett gestartet, ein Weltblatt des Big business, dem sein Herausgeber prophezeite: »Nichts und niemand kann den Erfolg dieser Zeitung aufhalten, es sei denn 350
ist voll und ganz auf meiner Seite.« Dieser Bennett war Chef der »Times« Delane ein Engländer war, ein monströ- der Allmächtige, aber er so amerikanisch wie der ser Egozentriker, der seine Redaktion zu höchsten Leistungen antrieb. Als der erste den Atlantik überquert hatte, erklärte er: »Ich bin fest entschlossen, in einigen Tagen nach London zu reisen, zunächst zur Krönung der Königin Viktoria am 21. Juni und auch, um in Europa Agenten einzusetzen und damit allen anderen Zeitungen unseres Kontinents zuvorzukommen.« Im Bürger- Dampfer, krieg die »Sirius«, nahm Gordon Bennett für die Sklaverei und die Südstaaten Partei ; sein Blatt, Deklamationen, hatte doch nur einen begrenzten Einfluß in der amerikanischen Öffentlichkeit, ganz im Gegensatz zu der 1841 gegründeten »New York Tribüne«, der zweiten großen Zeitung der amerikanischen Publizistik. Sie trotz großartiger galt als liberal, setzte sich für weise auch Karl Marx zu Probleme statt für Sensationen ein und zählte zeit- Im Ton vornehmer Ramond gegründete »New ihren auswärtigen Mitarbeitern. Zurückhaltung berichtete die 1851 von Henry Jarvis York Times«, ein ebenfalls liberales Blatt, das sich noch heute an bestimmten Vorstellungen von Verantwortlichkeit und Objektivität orientiert. Einerseits spiegelte also die amerikanische Presse um die Mitte des 19. Jahrhunderts die allgemeinen Tendenzen wider, freilich ohne jedes Zensurproblem, andererseits steigerten sich die Dimensionen ins Riesenhafte. Typisch für die amerikanische Presse war die Erfindung des sogenannten »Lead-Stiles«, der heute in allen Zeitungen der Welt üblich dem ist (Steffens). Es handelt sich dabei um ein Ordnungs- aufgemacht und auf diese Weise dem Leser einprägsam verkauft wird. Nachrichten stehen einer Redaktion ja in nahezu unbegrenzter Menge zur Verfügung. Nur ein winziger Bruchteil dessen, was auf der Welt geschieht, kommt als Nachricht auf den Redaktionstisch, und davon kommt wiederum nur ein Bruchteil tatsächlich ins Blatt. Die alten, ehrwürdigen Hofnachrichten und privilegierten Intelligenz-Blätter schilderten die Ereignisse chronologisch, so wie sie sich abgespielt hatten. In den USA, diesem hektischen, von Aufbauwillen erfüllten Land mit seinen unglaublichen Freiheiten und Möglichkeiten, wollte man schneller zur Sache kommen. Kein Bankier, kein Farmer, kein Geschäftsmann hatte dort die Muße, mit der man im alten gemütlichen Europa im Gasthaus oder auf dem Kanapee seine Zeitung las. Also setzte man das Wichtigste einer Meldung an den Anfang und erläuterte es mit weiteren Einzelheiten. Erst dann schildert der Redakteur die Hintergründe und Vorgänge, kurzum alles, was sonst noch an Informationen wichtig ist, um schließlich die Meinung der Zeitung hinzuzufügen. Auf diese Weise steht das Ende der Sache, das Ergebnis einer Konferenz, eines Unfalls, einer politischen Spannung stets am Anfang, meist auch typographisch durch fetten Satz hervorgehoben. Wer nur die Überschrift und den »Aufhänger« überflogen hat, weiß also in großen Zügen Bescheid. Dieses Verfahren hat den Vorteil, daß man beim Einpassen der abgesetzten Spalten ins Blatt - ein Puzzlespiel mit Bleiblöckei\ dem sogenannten Satz, den man Umbruch nennt - diesen Block von unten kürzen kann, bis er in die Seite paßt. Das Wichtigste bleibt dann dennoch erhalten. Für den unbefangenen Betrachter und Leser einer Zeitung mag das zynisch klingen; tatsächlich erfordert es viel Können, aus dem Wust von angebotenen prinzip, mit die Nachricht 35 *
Nachrichten, Meldungen, Meinungen, Gerüchten usw. täglich so etwas wie eine attraktive, gescheite und möglichst objektive Zeitung zu machen, die sich weder vor wirtschaftlichem noch vor politischem Druck fürchtet. Eine solche Zeitung gibt ebensowenig wie einen idealen Ehepartner, und trotzdem versuchen Redakteure von neuem, der Sache nahezukommen, ein Versuch, der heute weitaus schwieriger ist als in der großen Zeit der Presse, als die »Times« über einen gewissen Hitler berichtete, der in »einem der größten Versammlungsräume Münchens« es es täglich Kundgebung veranstaltet habe. Über allen Bemühungen der Redaktion schwebt das Damoklosschwert der Auflagenminderung und zwingt sie, Katastrophen und Skandale für das Blatt, d. h. für die Neugier der eigenen Leser exklusiv auszuschlachten. Daß man mit einem geeine schickt ausgewerteten Mordfall handgreifliche Erfolge spiel des »Petit Journal«, des ersten haben kann, lehrt das Bei- echten französischen Boulevardblattes. Es war 1865 gegründet worden und hatte mit einer Auflage von 203350 Exemplaren anAm 23. September 1869 wurde das erste scheußliche Verbrechen eines gefangen. gewissen Tropmann entdeckt, der offenbar eine ganze Familie, Mann, Frau und sechs Kinder, abgeschlachtet hatte. An diesem Tag betrug die Auflage 357000 Mit der Erfindung der Rotationsmaschine konnten ungeheure Mengen von Zeitungen in kurzer Zeit gedruckt werden. Damit war der ]Neg frei für die auflagenstarke Boulevardpresse. Rotationsmaschine von Koenig und Bauer, 1876. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Exemplare, am nächsten Tag brachte die Zeitung, das einzige Boulevardblatt in Mord, am nächsten Tag zwei- Seiten, am dritten Tag drei Tagen war die Auflage auf 403 950 Exemplare geklettert. Als siebente Leiche gefunden wurde, erreichte sie 448300 Exemplare und Paris, eine Seite über den Seiten. In diesen drei endlich die kam auf 467000 Exemplare, als man -die achte Leiche entdeckte, womit eine in Auflagenhöhe erreicht war (Steffens). Frankreich bis dahin noch die Jahrhundertwende nicht mehr denkbar ohne Diese Boulevardpresse ist um den Zeitungsjungen, der zu einer mythischen Figur des kapitalistischen Systems geworden ist. Als Zeitungsjungen haben sich alle die Millionäre Amerikas in ihrer Jugend ihr Taschengeld verdient, und selbst in Erich Kästners »Emil und die Detektive« ist der pfiffige Emil ein Zeitungsbote. Aus den Anfängen dieses Vertriebssystems gibt es das Zeugnis eines Zeitgenossen, das um 1848 geschrieben worden ist: »Die Straßenliteratur hatte einen neuen Erwerbszweig, den fliegenden Buchhandel, hervorgerufen. Die Knaben der niederen Volksklassen, die früher mit Kuchen, Blumen oder Schwefelhölzern gehandelt, vielleicht auch gebettelt hatten, warfen sich auf dieses einträgliche Geschäft, welches ihnen hundert Prozent eintrug. Sie umlagerten die Druckereien, um die frische Ware möglichst schleunig an den Mann bringen zu können. Viele bezogen ihren Bedarf nach rein kaufmännischen Rücksichten. Andere dagegen handelten nur mit Drucksachen, welche die Tendenz der demokratischen Partei, zu der sie sich als Straßenjungen natürlich nie erlebte bekannten, vertraten.« Jede Zeitung lebt von der Neugier des diese Neugier zu wecken, ist sie Menschen, und wenn es ihr nicht gelingt, verloren, sei es die platte Neugier nach Sex Crime, nach Greueln und nach Katastrophen andererer Völker, oder sei es die und ge- mäßigte Neugier des an politischen Fragen interessierten älteren Herrn. Auch die Neugier der Damen galt es zu reizen, und dies geschah im vorigen Jahrhundert durch das Feuilleton, vor allem aber durch den Fortsetzungsroman, der die Auflagen sprunghaft ansteigen ließ. Wie heute die Sportredaktion hatte damals die Feuilletonredaktion in der Zeitung ein gewisses Gewicht, und das berechtigte Interesse des Verlegers an höheren Auflagen zeitigte plötzlich durchaus intensive Wirkungen. Das Feuilleton (französisch: Blättchen) verdankt seinen Namen dem Abbe de Geoffroy, der im Jahre 1800 im »Journal des Debats« das bisher beigefügte Blättchen mit allerlei amüsanten Kleinigkeiten in das Blatt einfügte, es aber mit einem Strich abtrennte. Dieser Strich trennte von nun an alles, was in einer Zeitung ernst zu nehmen war, von dem, was die Intellektuellen und die Damen offenbar interessierte, was aber ein vernünftiger Bourgeois höchstens achselzuckend zur Kenntnis nahm. Daß man unterm Strich auch Romane brachte, beruhte vor allem auf der elenden Lage der Schriftsteller. Emil Girardin hatte zuerst die Chance erkannt, mit kulturelle Romanen die Leserschaft zu fesseln, aber seine größte Wirkung entfaltete er, als Autoren wie Honore Balzac oder Dumas ausbeuten konnte. Balzac und Dumas schrieben meist für die Zeitung »Le Siede«, während der damals ebenso bekannte Eugene Sue (1804-1857) soziale Probleme aufgriff. Die Auflage der Zeitung stieg von 3000 Stück auf 40000 Stück, denn sein Roman »Les mysteres de Paris« wurde von den Frauen verschlungen, ob sie nun Herzoginnen oder Midinetten waren. er 353
Sue hat sich mit seiner Sozialkritik, ein Vorläufer ganzer Generationen, zu weit vorgewagt und ist auf der Höhe seines Ruhmes unter Napoleon III. ausgewiesen worden. Schon bald nach seiner Emigration war er in Frankreich so gut wie vergessen, und als er 1857 starb, brachten die Zeitungen, die ihm ihre Auflagenhöhe ver- dankten, nicht einmal eine Notiz über seinen Tod. Der bürgerliche Roman verdankt einen Teil seiner Bedeutung gewiß der TatsaZeitungen so weite Verbreitung fand; so ist die Presse, die als von der Obrigkeit beherrschte »Aviso Relation« begann, zu einem Instrument geworden, das wie ein Nervengeflecht alle Erscheinungsformen des modernen Lebens berührt und nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die Kultur tiefgreifende Wirkungen ausgeübt hat. Nur wenige Jahrtausende trennen die Priester, die feierliche Inschriften in die Tempelwände und Götterbilder meißeln ließen, von den Lesern der Massenpresse. In diesem Zeitraum ist die Information durch Schrift und Druck, von der Boulevardzeitung bis zum wissenschaftlichen Protokolltext, zu einem so selbstverständlichen Bestandteil des Lebens geworden wie die gesamte moderne Technologie. Auch hier zeigt sich aber, daß die Steigerung der Informationsdichte nicht etwa gewisse Probleme entschärft, sondern sie nur ins Riesenhafte vergrößert. Die totale Information konfrontiert den Menschen mit dem Dilemma, der Verarbeitung aller Daten, ohne die doch eine Urteilsbildung unmöglich erscheint, nicht mehr gewachsen zu sein. che, daß er über
Literatur Buch würde den Umfang eines weitenur möglich, einige Titel zusammenzustellen, die nicht nur für den Autor wichtig waren, sondern auch für den Leser von Nutzen sein können. Standardwerke der Geschichtswissenschaft, Lexika, fremdsprachige Ein detaillierter Quellennachweis für dieses ren Buches erreichen. Deshalb ist es Spezialuntersuchungen wurden nicht aufgeführt. Wo der Autor die hier angegebene Literatur herangezogen hat, ist der Name im Text in Klammern gesetzt. Literaturangaben aus bereits vorangegangenen Bänden werden Literatur und ältere nicht ausdrücklich wiederholt. Bengeser, Gerhard: Doktorpromotionen Blättner, Fritz: in Deutschland. (o.J.) Geschichte der Pädagogik. 1962. Bloodworth, Dennis: Chinesenspiegel. 1967. Böttcher, Helmut: Gott hat viele Namen. 1964. Cordan, Wolfgang: Mexiko. 1955. Coulborn, Rushton: Der Ursprung der Hochkulturen. 1962. Dahl, Svend: Geschichte des Buches. o.J. Disselhoff, Hans Dietrich: Alltag im alten Peru. 1966. Doblhofer, Ernst: Zeichen und Wunder. 1964. Ekschmitt, Werner: Das Gedächtnis der Völker. 1964. Fischer, Heinz-Dietrich: Die großen Zeitungen. 1966. Földes-Papp, Käroly: Vom Felsbild zum Alphabet. 1966. Gelb, J.: Von der Keilschrift zum Alphabet. 1958. Grunebaum, G. F.: Der Islam in seiner klassischen Epoche. 1966. Hobsbawm, Eric: Europäische Revolutionen 1789-1848. 1962. Hunke, Sigrid: Allahs Sonne über dem Abendland, i960. Jensen, Hans: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart. 1958. Kirchner, Joachim: Das deutsche Zeitschriftenwesen. 1958. Le Goff, Jacques: Kultur des europäischen Mittelalters. 1964. Le Goff, Jacques: Das Hochmittelalter. 1970. Loewe, Michael: Das China der Kaiser. Die historischen Grundlagen des modernen China. 1966. Luong Tit Gang: Akupunktur und Räuchern mit Moxa. 1954. Muchow, Hans Heinrich: Jugend und Zeitgeist. 1962. Pollak, Kurt: Wissen und Weisheit der alten Ärzte. 1968. Rauhut, Franz (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Bildungsbegriffes. 1965. Schottenloher, Karl: Bücher bewegen die Welt. 1952. Seligmann, Kurt: Das Weltreich der Magie. 1958. Handbuch der pädagogischen Grundbegriffe. 1970. Spranger, Eduard: Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens. Speck, Josef (Hrsg.): i960. Steffens, Manfred: Das Geschäft mit der Nachricht. 1971. 355
Steiger, Guenter: ‘Ideale und Irrtümer eines deutschen Studentenlebens. Jena 1966. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft. 1954. Struik, Dirk Jan: Abriß der Geschichte der Mathematik.. 1967. Thompson, John kultur. 1968. Eric Sidney Die Maya, Aufstieg und Niedergang einer Indianer:
Register Die kursiv gesetzten Ziffern verweisen auf Abbildungen Abacus 122 Aryabhata 125 Abitur 298 Abstammungslehre 268 ff. Asinius Pollio 77 Assurbanipal, Bibliothek des 26 f., Addiermaschine 174 Ägypten, Medizin 1 38 f Astralreligion 111 Schreiber 56 Schrift 22 Buchhandel, früher deutscher 33 f. Assyrische Schrift 26 ff. -, f. Astrologie 113 Buchzensur 223 ff. Akademie 70 f. »Akademie der Wissenschaften und der Literatur« 236 f. Akademiker 71, 97 Akkad 33 Akrophonie 42 Akupunktur 142 ff., 142 Astronomie 113 ff., 162 ff., 203, 210 Athen, Erziehungswesen 63 ff. Atomtheorie 277 Al-Battani (Albategnius) 158 Axiom 126 Albertus Magnus 102 ff. Averroes (Muhammed Roschd) 182 Avicenna (Ibn Sina) 17 4 ff . -, 176 , Aldine 262 Baccalarus 99 Bachuon, Arnold (Villanova) 151 94 Almagest 166 Al Mamun 159, 162 Al Massudi 191 f. Champollion, Jean Francois 36 f. Chemie, arabische 182 -, organische 275 f. Bagdad 158 ff. Basedow, Johann Bernhard 231 Beda Venerabilis 86, 120 Belon, Pierre 215 f. Bennett, James f. Byblos 46 Caesar, Gajus Julius 74, 77, 319 Bacon, Francis 247, 250 Bacon, Roger 119, 155 (Algoritmi) 163, 170 f. Gordon 350 f. ff. Cherokee-Schrift 44 China, ärztliche Ethik 139 -, Enzyklopädien 264 f. -, Erforschung 191 f. -, Fünfzahlprinzip 133 -, literarische Bildung 109 f. -, Medizin 131 19 ff., 97 Sterndeutung 113 Alphabet, arabisches 159 Benzolring 276 -, Schrift Entstehung 41 Alpscheit 122 Bernhard von Clairvaux 179 Bhaskara 125 -, Bibliophilie 162, 235, 258 Christina, Königin von -, ff., 42 Ambrosiana 255 ff. Analytische Geometrie 247 Anatomie 205, 208 Anaxagoras 116 ff. Andronikos von Rhodos 74 Anselm, Bischof von Canterbury Bibliothek 255 -, ff., 266, 288, 294 Alexanders des Großen 71 -, des -, des Assurbanipal 26 f., 33 Mithradates 74 74 ff., 256 ff. zu Wolfenbüttel 259 Bilderschrift 19 ff., 48 Bildung, humanistische 291 2 97 Bilingue 40 -, Krankenhäuser 180 Medizin 174 ff. Pharmazie 182 Biologie 212 -, Ziffern ff., Armenschule 227 f. Ar-Rases 182 Ärztliche Ethik 136!. Delane, John Thaddeus 349 Delisches Problem 128 John 256 ff., 267 ff. ff., 325 Bodleiana 255 Diderot, Denis 263 f. Boethius, Anicius 79 f ., Bopp, Franz 288 ff., 191 Demotische Schrift 25 Descartes, Rene 119, 243 Blutkreislauf 179 196, 205 Aristotelismus 104 f., 182 Dante Alighieri 182 f. Darwin, Charles 268 ff ff. 2 72 Aristoteles 72, 73, 118, 119, ff ff., Blumenbach, Johann Friedrich 123 Arbeiterbildung 322, 323 2 99 Dalton, John 275, 277 Chemie 182 Schrift 157, 159, 160 Codex argenteus 50, 86 Codex Sinaiticus 223 Colebrooke, Henry Thomas 285 Comenius, Johann Arnos 227 Cuvier, Georges 267, 269 f. f- -, Bill, Schweden 2 43 Corporationen, studentische -, Bildungsbegriff 282 187 f -, des Aristoteles 73 Bibliophilie 162 -, Chirurgie, frühe 129 ff. ff. -, öffentliche 94 Apotheke 182 Arabien, Alphabet 159 -, ärztliche Versorgung 179 f. Astronomie 162 ff. f. Campe, Joachim Heinrich 231 Aldrovandi, Ulisse 215 Alkuin, Bischof von York 86, 90, (Hadschi Scheich Ibrahim) 39 Büro 122 Cassiodor 82 Medizin 135 Alchemie i5off., 150, 154, 158 Alexander der Große 71, 187 Al-Khwarizmi, Ibn Mußa ff. Buffon, Georges Louis 265 f. Burckhardt, Johann Ludwig Burschenschaften 310, 313 Burse 95 Ibn f. Azteken, ärztliche Ethik 140 Al-Biruni 163 219 römischer 74 Buchillustration 81, 84, 87, 262 Astrolabium 112, 222 ff. Schwangerschaftstest 135 Buchdruck 215 ff., 217, 218, 220, 244, 250 Bücherverbrennung 235 f. Borromeo, Federigo 257 Boulevardpresse 345 Brief 56 ff. Bruno, Giordano 206 82 f., ff., 269 Doktorschmaus 95, 102, 104 Doktorwürde 97 ff. Drogen 135 Dual 123 Duell 306 Eck, f. Johann 94 246
Enzyklopädien 83, 263 ff., ^9 Enzyklopädisten, lateinische 83 Haller, Albrecht von 251 Keilschrift 14, 26 Hardenberg, Friedrich von Ephebe 66 ff., (Novalis) 316 Erathostenes 163 Harkort, Friedrich 285 Erdberg, Robert von 326 Harun Erdumfang 162 f. Harvey, William 179 »Haus der Weisheit« 158 ff. Head, Henry 142 Kircher, Athanasius 34 Klassische Bildung 291 Hebräische Schrift 13 Hecker, Johann Julius 233 Hegel, Georg Friedrich Wilhelm Knotenschnur 26 Ernst der Jüngere, Herzog von Braunschweig 259 Herzog von Sachsen- Ernst, Coburg-Gotha 226 f. Ethik, ärztliche 236 f. Etrusker, Schrift 40 Euler, 321 Leonhard 239 Evans, Arthur 40 Evolutionstheorie 268 Kekule, August 275 Kerbholz 15, 122 Raschid 159, 162 al f. Klosterschule 90 ff., 92 Koberger, Anton 220 Kodex 46, 50 f., 68 (s. auch Codex) ff. Heilpflanzen ^35 Kompaß 195 Herder, Johann Gottfried 321 Kopernikanisches Weltsystem Hermes Trismegistos 155 ff. 38 32, Entwicklung 29 -, Entzifferung 38 ff. 207L, 222 Herodot 317 f. Kopernikus, Nikolaus 206 Famulus 95 Fassmann, David 336 Fernrohr 202 f., 207 Hethiter, Schrift 39 f. Hieratische Schrift 25, 53 Koptische Schrift 25 Kotzebue, August 326 Feuilleton 353 -, Entzifferung Hieroglyphen 23, 24 ff 34 ff. f. Fingerzählen 120, 224 . , 24, 34 Krankenhäuser, arabische 180 Krankheit 132 Kretisch-mykenische Schrift, Hippokrates 140, 148 Hippokratischer Eid 136 f. Flugblatt 331 Entzifferung 40 Hermann 174 Johann Reinhold 274 Fourier, Jean Baptiste 36 Franke, August Hermann 227 »Horen« 338 Hrabanus Maurus 86 Kupferstich 262 Freicorps 311 Humanismus 198 ff. Kurzschrift 44 Förster, Friedrich der Fust, Große 238, 341 Hollerith, Humanistische Bildung 291 Johann 216 297 Kulturbegriff 282 Galilei, Galileo ff., f. 273 202 f., Gegenstandsschrift 15 Geographie 191 Geometrie 126 ff., 204, 247 Humboldt, Wilhelm von 290 ff., ff. 294 Huxley, Thomas Henry 271 195, 259 ff. Kurrendesänger 299 Humboldt, Alexander von 272 ff., Galen 148, 179 ff. Lamarck, Jean-Baptiste de 268 f. Landsmannschaften 102, 307 Latein 94 Lateinschule 92, 198 Lautverschiebung 288 Lavoisier, Antoine 258 Layard, Austin Henry 26 Baitat 182 247 Geschichtsschreibung 316 ff. Ibn Lehrerbildung 227 ff. Ibn an Nafis 179 Leibniz, Gottfried Wilhelm 274, Gesellschaften, wissenschaftliche Ibn Sina (Avicenna) 174 ff., 176 236, 336 Leonard von Pisa 272 Lessing, Gotthold Ephraim 226, -, analytische 236 ff., al Ideenschrift 18 237, 238 Gesner, Konrad 212 Ideogramm 19 f. Gilgamesch-Epos 27, 32 Girardin, Emile de 345 Imhotep 136 Impetus-Theorie 205 Index librorum prohibitorum Goethe, Johann Wolfgang 226, Görres, Joseph 347 Gothaisches Gymnasium 226 Indien, ärztliche Ethik 139 -, f. Inkas 16 Lullus, Raimundus 252 f. Lupus 94 Luther, Martin 283, 200, 206 Mathematik 125 f. Inkunabel 220 Göttinger Sieben 242 Griechenland, Erziehungswesen 63 Löscher, Valentin A. 255 Lucull 74 224 315 Goldmacherei 150, 151, 158 238, 342 Lizentiat 200 Isidor, Bischof Islam ff. s. von Sevilla 83 Machiavelli, Niccolö 320 Magister 200 Arabien Mainzer Psalterium 226, 227 Mathematik 126 ff. Grotefend, Georg Friedrich 37 Joruba 18 Malpighi, Marcello 251 Massenpresse 344 ff. Mathematik 223 ff. Mayas, Astronomie 223 Gutenberg (Gensfleisch), Journal 336 ff. -, Johannes 215 ff. Gutenberg-Bibel 216 Journalismus 345 Jugakiren 18 Hadschi Scheich Ibrahim (Johann Kampftz, Karl Heinrich von 316 -, Philosophie Japan, Schrift 19 125 Grimm, Jakob und Wilhelm 287, 288 Ludwig Burckhardt) 39 Haeckel, Ernst 271 Hakenkreuz 25 Jena 313 f. Jones, William 285 Kant, ff. Immanuel 247 Kanzleruniversität 99 Karl der Große 86 f. ff. Kalender 224!. -, Schrift 48 Mayer, Robert Julius 338 Medizin, arabische 274 ff. -, frühe f. 229 ff Medizinische Ausbildung 136 Melanchthon, Philipp 94, 283, 298, 202, 240
Mensur 309 ff., 310 Preußen, Erziehungswesen Schrift, koptische 25 Merian-Stiche 263, 301 Merowinger-Latein 90 290 ff. -, Schulreform 295 Proklos 126 -, Metaphysik 74 Meteorologie 115 ff. Mikroskop 205, 212, 251 Milet 125 Mirabeau, Victor Marquis de 282 f. kretisch-mykenische 40 Mayas 48 sumerische 26 f. -, der ff. -, Promotion 98 ff., 101 Psalterium, Mainzer 2*6, 217 Ptolemäisches Weltsystem 166, Schriften, Entzifferung 34 Schriftrollen 46 ff. 167 Ptolemäus Schulpflicht, allgemeine 227 1 66, 166 , ff. Schriftsysteme, orientalische 12 Schulwesen im Absolutismus 226 ff. Mithradates, Bibliothek des 74 Pufendorf, Samuel von 282 Moxibustion 146 Muhammed ben Ischaq 162 Pythagoras, Lehrsatz des 124 Schulwesen, preußisches 290 ff. Pythagoreer 70, 128 -, der Muhammed -, Ibn Roschd (Averroes) 182 Mußa ben f. f. Schakir 163 Mußa, Brüder 163 ff. Schwangerschaftstest, ägyptischer Quintessenz 151 1 35 Sektion 204 f. Servet, Michael 179 I. 275 Narkose i8of. Radikale 20 Rasmus Kristian 288 Nationalbibliotheken 259 Rask, Newton, Isaac 119, 242, 267 »New York Herald« 350 Rassam, Hormuzd 27, 33 Rawlinson, Henry Creswicke Niebuhr, Carsten 35 3 8f. f. Novalis (Friedrich von Odoaker 80 Orakelknochen 19 Organische Chemie 275 ff. Orientalistik 39 Papierfabrikation 34, 343 Papyrus 45 Sparta, Erziehungswesen 61 Sprachforschung, vergleichende 285 174 Penn, William 17 Penny-Presse 350 Stein der Weisen 151 Stellenwertsystem 125, 171 Sternbeobachtung 110 ff. Ritter-Akademie 130 Studentenverbindungen 299 ff. Rom, Buchhandel 74 Studium generale 97 Studium particulare 97 Sue, Eugene 353 f. Rosette, Stein von 35 f. Rüssel, William Howard 349 Penicillin 181 ff. Stadtuniversität 98 Sternenreligion 111 74 -, Schulwesen 78, 79 Rosenkranz 15 ff. Sallo, Sand, Karl Ludwig 316 Terenz 74 Tesseln 122 Sanskrit 285 Thabit 167 Pestalozzi, f., 133 Johann Heinrich 295!., Sayce, Henry 40 f. Symbolzeichen 25 Peripatetiker 188 Denys de 335 f. Sumerische Schrift 26 f. Swastika 25 Pergament 48 Peru, Medizin 129 Thaies 125 f. f. 299 Pharmazie, arabische 182 Sayn-Wittgenstein, Wilhelm Theoderich der Große 80 Philanthropismus 231 f., 232 Philosophen, griechische 125 »Physiologus« 209 ff. Schlegel, Friedrich Ludwig Georg Fürst zu 316 und August Wilhelm von 286 Schleicher, August 288 Theophrast 119 These 126 Piktogramm 20 Schnellpresse 343 Schöffer, Peter 216 Planetarium zu Samarra 167 Platon 56, 71, 118 Plautus 74 Plinius der Ältere 83 Plutarch 319 Pneuma-Theorie 179 »Poggendorff'sche Annalen« 338 Polybios 318 Poseidonios 119 Präformationstheorie 251 f. Presse 330 ff Pressefreiheit 331, 337, 341 347 344, Thomasius, Christian 239, 336 Thomasius, Gottfried 255 Thukydides 318 Tierkreiszeichen 113 Scholar, fahrender 95 Scholastik 91 f. »Times« 343, 348 ff., 349 Tischendorf, Konstantin 223 Schopenhauer, Arthur 347 Titulus 74 Schreibmaterial 28 ff., 45 ff. Schrift, ägyptische 22 ff., 53 -, arabische 157, 159, 160 Tontafeln 28 Trepanation 129 f. Trivium 82 -, assyrische 26 Tyrannion 73 f. -, chinesische 19 ff., 97 -, etruskische 40 -, hebräische 13 f, ff. Rhetorik 75, 78 Riese, Adam 171 -, Literatur f. Smith, George 27, 32 Sokrates 60 Rechenmaschine 174, 276 Regenbogen 119 Regenzauber 116 »Rheinischer Merkur« 347 f. Sexagesimalsy stem 125 Sieben Freie Künste 78, 296 Sindhind, großer 171 Realschule 233 Rechentisch 122 Hardenberg) 316 Pascal, Blaise Hermann 326 Schulze-Delitzsch, Quadrivium 82 Napoleon Null 171 ff. Quadratur des Kreises 128 Quipu 16 Nippur 33 Reformationszeit 198 römisches 78, 79 -, hethitische -, japanische 39 f. 19 f., 31, 38 Überlieferung, mündliche 14 Ulfilas 50, 86 Universitas magistrorum 98 Universitas scholarium 98 f.
Zahlbegriff 124 Weltsystem, kopernikanisches Universitäten, mittelalterliche Zählbrett 122 207, 211 94 ffUniversitätsgründungen 98 -, ptolemäisches 166, Zahlenmagie 123 Zählstock 15 f., 122 167 Werner, Abraham Gottlieb 273 Wetterzauber 116 Vagant 95 Varro 78 Vesalius, Andreas 204!. Villanova (Arnold Bachuon) 151 Volksbildung 323 ff., f. 325 Zählsysteme 119 ff. Wissenschaftliche Gesellschaften Zeitschrift, wissenschaftliche 333, 236 ff-/ 237, 238 Wühler, Friedrich 277, 338 334 ffZeitungswesen 330 ff., 339 ff. Wolfenbüttel, Bibliothek 259 -, amerikanisches 350 f. Wolff, Caspar Friedrich 254 -, britisches 342, 348 ff. Zensur 223 Walter, John 348 Wampumgürtel Wartburgfest 314 ff., 319 Weltpresse 348 ff. ff., 340, 341 Ziffern, arabische 123 Xenopjpon 318 17 f. -, indische 170 f. Zoologie 212 Young, Thomas 35!. BILDNACHWEIS Albertina, Wien (260, 261); Bayer. Staatsbibliothek, München (49); R. Berger, Köln (75); Verlagsgruppe Bertels- mann, Gütersloh, Bildarchiv (29, 42, 112, 166, 192, 200, 301); Bibliotheque Nationale, Paris (161); Bildarchiv Foto Marburg (190); British Museum, London (32, 35, 169); Callwey Verlag, München (300); The Cathedral Library, Winchester (81); City Museum & Art Gallery, Brimingham (297); The Detroit Institute of Arts, Detroit (106); Deutsche Fotothek, Dresden (114, 232); Deutsches Archäologisches Institut, Athen (144); Deutsches Archäologisches Institut, Istanbul (62); Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, Leipzig (218); Deutsches Museum, München (279); Deutsches Tapeten-Museum, Kassel (154); Walter Dräyer, Zürich (24) Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (210, 222) Giraudon, Paris (168, 195, 221, 269) Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig (152/153); Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel (127); Hessisches Landesmuseum, Darmstadt (276); H. Hinz, Basel (256, 257); Hirmer Fotoarchiv, München (23, 57, 650., 68/69, 76); Holle Bildarchiv, BadenBaden (61, 309); G. Howald, Bern (292/293); Dr. R. Huber, Wien (289); Istituto e Museo di Storia della Scienza ; ; ; (237, 270); Karl-Marx-Universität, Leipzig (530.); R. Kleinhempel, Hamburg (312); Kunsthistorisches Museum, Kunstsammlungen der Veste Coburg (225, 328); Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (308) Louvre, Paris (264) The Metropolitan Museum of Art, New York (60, 73) H. Morscher, St. Gallen (266) National Gallery, London (284) Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz (278); Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien (203); Österreichische Nationalbibliothek, Wien (53 u., 92, 118, 149, 150, 1560., 188, Wien (213); ; ; ; ; ; 211, 2440., 245, 252, 254, 287, 299, 340, 343); Orientalisches Seminar der Universität Heidelberg (14); PropyläenVerlag, Berlin (228/229); Rheinisches Bildarchiv, Köln (13); Riksarkivet, Stockholm (158); Royal Collection, Windsor Castle (208); Scala, Antella (56, 64, 65 u., 77, 80, 85, 93, 148, 1720., 172U., 177, 189, 244U., 248/249, 253, 304); Service de Documentation Photographique, Paris (47, 186); H. Schmidt-Glassner, Stuttgart (79); Staad. Kunstsammlungen, Dresden (72); Staad. Museen zu Berlin (38, 70,305); Staad. Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Kunstgewerbemuseum (207); Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Bildarchiv (88/89, 9 1 ' 96, 99, 100, 101, 104, 117, 121, 124, 130, 134, 137, 138, 143, 145, 160, 173, 175, 176, 178, 181, 184, 185, 201, 204, 214, 217, 231, 238, 241, 242, 246, 250, 258, 262, 273, 294, 302, 306, 310, 314, 319, 322, 325, 334, 337, 346, 349, 352); Staatsbibliothek Bamberg (82); Staats- und Stadtbibliothek, Augsburg (333); Stedelijke Musea, Brügge (180, 296); The Wellcome Straicher, Goslar (84); H. Strobel, Leipzig (31); Unesco, Paris (19, 52, 156U., 157, 164, 165); Institute of the History of Medicine, London (141); R. Wunderlich, Madrid (133); Gebr. Zumbühl, St. Gallen (87).

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