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Author: Döbler H.
Tags: technischer fortschritt buchdruck bibliologie
ISBN: 3-570-06987-7
Year: 1974
Text
BOSTON
PUBLIC
LIBRARY
Jn
f
Digitized by the Internet Archive
in
2016
https://archive.org/details/vonderkeilschrifOOdobl
HANNSFERDINAND
DÖBLER
Kultur-
und Sittengeschichte der Welt
VON DER KEILSCHRIFT
ZUM
COMPUTER
Schrift
C.
•
Buch Wissenschaften
•
Bertelsmann Verlag
€)
1974 Verlagsgruppe Bertelsmann
GmbH
/
C. Bertelsmann Verlag
München, Gütersloh, Wien
Bildredaktion C. Bertelsmann Verlag
Schutzumschlag: Franz Wöllzenmüller
Gesamtherstellung Mohndruck Reinhard
Printed in
Mohn OHG
Germany - ISBN 3-570-06987-7
Gütersloh
Inhalt
9
Vorwort
11
Schriften der Götter
12
Auf steinernen Tafeln
Rosenkranz und Knotenschriften
15
Frau, Dach, Frieden
19
22
Bilder
26
Keilschriften auf
30
Archive unter Schutt
34
37
Der Stein von Rosette
Schriften ohne Schlüssel
41
Vom A zum O
45
48
Bambus, Schilf und Häute
Ehrwürdige Bücher
55
Stätten der Bildung
56
Schreiber und Lehrer
59
Erziehung in Sparta
Im Gymnasium zu Athen
63
71
79
90
97
102
105
und Schriften
Ton
Bücher für Rom
Rettung der Gelehrsamkeit
Scholarentum
Vorgänger des Dr. Faust
Fromme Wissenschaft
Mandarine in Klausur
109
Frühe Wissenschaft
110
112
Die Sterne lügen nicht
115
119
122
125
129
136
142
Feldfurche, Zicklein, Drache
Zeichen des Himmels
Zwischen den Zahlen
Mit Zählstock und Abacus
Die Weisen von Milet
Mit Steinmesser und Zauberpilz
Wege zu Hippokrates
Heilung mit Nadelstichen
147
Glaube und Erkenntnis
148
Zauberküche Alchemie
158
162
Die Söhne des Scheichs
Haus der Weisheit
170
Die Ziffern des Algoritmi
174
182
Ärzte im Islam
Aristoteles
191
Ein Bild der Erde
197
Aufbruch der Wissenschaften
198
202
Buch und Rute
Der Blick durchs Fernrohr
Entdeckung der Tierwelt
Mit gegossenen Lettern
Geschäfte mit Büchern
209
215
219
und
die Folgen
223
226
Unter den Augen des Zensors
235
Siege der Vernunft
236
Gelehrsamkeit unter Perücken
243
Prinzipien der Vernunft
255
263
Büchersammlungen und Büchernarren
267
272
Zwischen Noah und Darwin
Begegnung mit dem Kosmos
275
Entschlüsselung der Materie
Die Schule der Philanthropen
Schrittmacher der Revolution
28l
Bildung und Macht
und Bildung
282
Civilisation, Culture
285
Die Entdeckung der Sprachen
290
Die Ideale des Freiherrn von Humboldt
299
305
311
3 16
Mit Band und Mütze
Auf dem Paukboden
Protest auf der Wartburg
Geschichte und Historie
323
Bildung fürs Volk
3 29
Die neue Großmacht
33 °
Aviso Relation oder Zeitung
334
339
344
348
350
Zeitschrift für Dr. Faustus
355
Literatur
357
360
Bildnachweis
Journale und Gazetten
Alpdruck für Könige
Weltpresse
Mondmenschen im
Register
Feuilleton
Vorwort
möchte man annehmen, aber ihre
denn ein gebildeter Araber aus
Beirut dürfte einen anderen geistigen Horizont haben als ein gebildeter Chinese
in Schanghai oder ein junger, französisch sprechender Kanadier, der in Quebec
studiert, von einem gebildeten Brasilianer aus Rio de Janeiro ganz zu schweigen.
Es gibt noch keine detaillierten Untersuchungen darüber, was gleichsam als
»Weltbildung« bezeichnet werden könnte, aber man weiß, daß alle diese Gebildeten mit Millionen Menschen zugleich über die Massenmedien an den aktuellen
Geschehnissen teilnehmen. Ob sie alle Rembrandt oder Hokusai, Dante oder Cervantes, Aristoteles oder Li T'ai-po kennen, ist fraglich, aber sicher kann man sagen,
daß von jedem dieser gebildeten Menschen eine gewisse Kenntnis der eigenen
Literatur und Kunst, der eigenen Kultur und der Wissenschaften erwartet wird,
eine Teilhabe an dem, was Menschen bisher geschaffen haben. Einen Menschen,
der alle diese Dinge nicht kennt und trotzdem mehr zu wissen scheint als andere
Menschen, müßte man als weise bezeichnen; gebildet ist er nicht.
Bildung bedeutet also, daß Menschen nach einem gewissen unterschiedlichen
Kanon gemessen werden, und wenn sie eine bestimmte Menge von Denk- und
Verhaltensweisen erlernt haben, können sie sich zu jener Schicht zählen, die diese
Maßstäbe festgesetzt hat. Die Sache selbst ist überall auf der Erde bekannt, wo die
moderne Zivilisation herrscht, wobei allerdings das deutsche Wort Bildung mit
seinem tiefsinnigen Beigeschmack nahezu unübersetzbar ist; es handelt sich hier
aber um soziologische Tatbestände, die ihrerseits das Leben zahlloser Menschen
Gebildete
Menschen
gibt es in allen Völkern-, so
Bildung unterscheidet sich jeweils voneinander,
motivieren. Nicht der
Wunsch, an der Weltkultur teilzuhaben, sondern das
Bestreben, auf der sozialen Leiter eine Sprosse höher zu steigen, treibt die meisten
Menschen an, die sich mit alter Literatur, mit Geographie und Mathematik, mit
den Stilen der Kunst und der Gliederung einer Tragödie beschäftigen.
Allerdings, wer nicht lesen kann, steht vor verschlossener Tür, so wie der
Mensch, der die Mathematik nicht beherrscht, von der unübersehbaren Landschaft
der modernen Naturwissenschaften ausgeschlossen bleibt. Das gilt auch für ganze
Völker, deren kulturelle Entwicklung sich außerhalb der Schriftsysteme vollzogen
hat, wenn überhaupt bei diesem fast statischen Überliefern von Mund zu Mund
über Jahrtausende hinweg von Entwicklung im europäischen Sinn gesprochen
werden kann. Diese unglaubliche Hast des geistigen Lebens, dieses zwischen Ursache und Zweck gefangene Denken des modernen Europäers ist dem Menschen der
sogenannten Naturvölker ja vollkommen fremd, wie dem Europäer auch bis vor
einem Jahrhundert der Begriff der Entwicklung fremd war. Daß alles sich wandelt,
verändert, zu neuen Formen fortschreitet, dieser Aspekt ist erst durch die Evolutionstheorie eines Lamarck, durch die Erkenntnisse Darwins ins Bewußtsein gedrungen. Auch die Zeiträume, in denen sich die Entwicklung des Menschen vom
affennahen Halbmenschen zum heutigen Typus vollzogen hat, sind ja erst in den
letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts geahnt worden; noch Luther
glaubte, die Welt sei insgesamt 6000 Jahre alt.
9
Schriftlose Völker
haben ihre Mythen, ihre Überlieferung,
das nicht weniger lebendig
Aber
ist als
ihr geistiges Leben,
das eines heutigen Europäers, sondern eher viel-
überschaubares Leben und Wissen, und es unvon dem etwa eines Europäers oder Amerikaners wie das Wissen
eines Kindes von dem eines Greises. Einer der Unterschiede zwischen Kind und
Greis ist ja, daß die Erinnerung des Kindes kaum über die letzten Tage zurückreicht, die des Greises aber über viele Jahrzehnte. Bei den Naturvölkern, deren
Sterblichkeit hoch ist, werden Greise deshalb oft hoch geehrt, weil sie das Gedächtnis des Stammes verkörpern. Das Gedächtnis der zivilisierten Völker sind die unzähligen Bibliotheken, die angelegt worden sind, seit die Schrift die Stufe des mafältiger.
es ist ein begrenztes,
terscheidet sich
gischen Zeichens überwunden hat und
zum
rationalen
Informationssystem
geworden ist. Aus dem Schutt der Jahrtausende hat man die Bibliotheken assyrischer Könige geborgen und in mühsamer Kleinarbeit entziffert, man kennt die
Namen Pergamon und Alexandria als Stätten der Gelehrsamkeit, und man weiß,
welche Auswirkungen es hatte, als das kostbare Pergament in Europa durch den
Ersatzstoff Papier ersetzt wurde.
In der frühen Stufe der
Menschheit
ist
das menschliche Gedächtnis durch kein
Hilfsmittel künstlich erweitert. Die Erfindung der Schrift, zunächst auf Stein ge-
meißelt, schafft Gedächtnis, die Verbreitung der Schrift als Mitteilungsmittel
bestimmte Wechselbeziehung zwischen Wissen
den alten Bibliotheken des Orients ordnete man
die immer wieder kopierten Schriften auf Papyrus und Pergament, aber die Demokratisierung der Kultur begann erst in der Renaissance, als die Erfindung des
Druckes mit beweglichen Lettern und die Papiererzeugung mit einer konkreten
gesellschaftlichen Situation zusammentrafen.
In diese Zeit fallen auch die ersten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die zur
modernen Wissenschaft und Technik führen. Aus der Beschäftigung mit Gasen
erwächst die chemische Erkenntnis von Wasserstoff und Sauerstoff, aber auch die
spätere Möglichkeit, einen Explosionsmotor zu bauen aus der Beschäftigung mit
Glücksspielen entstehen die Ansätze der Infinitesimalrechnung, die mit unendlich
kleinen Größen arbeitet, und schon damals werden Fernsehen und Menschenflug
und das mühelose Leben in der modernen Technik vorausgeahnt.
Die Lernsysteme, mit denen jeweils Bildung vermittelt wird, sind in großen
Zügen nachgezeichnet. So schärft sich der Blick auch für die aktuellen Probleme.
Denn als Wilhelm von Humboldt, sechzehn Monate lang verantwortlich für die
preußische Kulturpolitik, in den Jahren 1809/1810 die Bildungsreform einleitete,
konnte er nicht ahnen, daß die daraus erwachsenen Institutionen noch im Zeitalter
der Weltraumflüge Wissen vermitteln würden.
Daß die Gebildeten aller Völker den Fortschritt der Naturwissenschaften und
schafft geistige Bedürfnisse, eine
und dem Hunger nach Wissen.
In
;
der Technik auch geistig nachvollziehen,
ist
eine Lebensfrage für die Menschheit.
dann nämlich wird das Bewußtsein dessen, was zur Weltkultur gehört, stärker
sein als das Bewußtsein dessen, was die Angehörigen der verschiedenen politischen
Systeme trennt.
Erst
München, 1973
Schriften der
Götter
Auf steinernen Tafeln
Rosenkranz und Knotenschrift
Frau, Dach, Frieden
und Schriften
Keilschrift auf Ton
Bilder
Archive unter Schutt
Der Stein von Rosette
Schriften ohne Schlüssel
Vom A zum O
Bambus,
Schilf
und Häute
Ehrwürdige Bücher
Auf
steinernen Tafeln
Moses auf dem Berge Sinai zu, »und als
Gott mit ihm zu Ende geredet hatte, gab er ihm zwei Tafeln, auf denen sein Gesetz
geschrieben stand. Steinern waren die Tafeln und von Gottes Finger beschrieben.«
Später heißt es dann über diese Tafeln, sie seien Gotteswerk, »und die Schrift war
Vierzig Tage und vierzig Nächte brachte
Gottesschrift«. Hier
sie ist
ist
die Schrift zunächst Beweis,
daß Gott selbst geredet hat,
und unveränderbare Schrift,
Zeiten auf deh steinernen Tafeln festzuhalten, was Gott
eine übernatürliche, deshalb unverrückbare
deren Sinn es
ist,
für alle
der Herr von seinem Volke will. Tatsächlich
ist
darin der Sinn jeder Schrift ausge-
denn wer schreibt, will etwas festhalten für einen zukünftigen Augenblick,
in dem jemand das Geschriebene liest und damit die Schrift zum Leben erweckt.
Sinnlos wäre es, etwas aufzuschreiben, wenn man annehmen müßte, daß niemand
die Schrift würde entziffern können. Hier in der Bibel wird diese Möglichkeit ausdrückt,
geschlossen, so selbstverständlich
ist es
dem
ben, sondern sein Volk auch lesen kann. Er
dem
bis
Verfasser, daß Gott nicht nur schrei-
stammt
ja
auch aus einem Volke, in
zur Geburt Christi die Schriftgelehrten einen unangefochtenen Rang be-
saßen, in
dem die Auslegung der Thora bedeutsamer Lebensinhalt ganzer GeneraMännern bis auf den heutigen Tag war, und dessen Gabe
tionen von heiligmäßigen
an die menschliche Kultur, die Bibel, selbst im europäischen Sprachgebrauch nach
Jahrtausenden noch
als
Heilige Schrift bezeichnet wird.
war der Umgang mit Schriften also nicht fremd, sondern
eher selbstverständlich. Sie lebten in einem Kulturkreis, in dem Schriften schon
jahrtausendelang in Gebrauch waren; ihre Herren, die Ägypter, denen sie später
entwichen, benutzten bereits eine hochentwickelte Bilderschrift, und so war es ihnen selbstverständlich, daß auch der Herr des Alten Bundes schrieb. Nichts, was
unverbrüchlich bis in die fernste Zukunft dauern sollte, hätte ungeschrieben bleiben können, denn auch im Lande Ägypten war alles und jedes aufgezeichnet wor-
Den Stämmen
Israel
man heute
Von der Entstehung der Schriften wird später
den, fast so selbstverständlich, wie
sich ja ab,
daß
es die Bilderschrift gibt
schreibt.
Rede sein schon hier zeichnet
wie bei den Ägyptern, und eine andere, nicht
die
;
dem Phönizischen nahe verwandt ist. Aus
dann bekanntlich das »Alpha-bet« hervorgegangen.
bildliche Schrift, die der Israeliten, die
dem Phönizischen
ist
Die Schrift gehört zu jenen menschlichen Kulturleistungen, die an verschiede-
nen Stellen der Erde, unabhängig voneinander, entstanden sein dürften - ein
Beweis für ihre Notwendigkeit. Es gibt insgesamt sieben vollständige, voneinander
unabhängige Schriftsysteme, alle orientalischen Ursprungs. Es sind dies das
Sumerische (3100 v. Chr. -50 m Chr.), das Proto-Elamische in Elam (3000-2200
v. Chr.), das frühe Indische im Industal (um 2200 v. Chr.), das Ägyptische (3000
v. Chr. - 400 n. Chr.), das Kretische in Kreta und in Griechenland (2000-1200 v.
Chr.), und das Hethitische in Anatolien und Syrien 1500-700 v. Chr.) sowie das
Chinesische (seit 1300 v. Chr. bis zur Gegenwart). Jede Schrift ist eine Art Konserve, die eine Botschaft enthält. Auch ein Handzeichen kann eine Botschaft bedeuten, ebenso ein Gegenstand oder ein Laut, etwa eine Trommel; der Indianer
12
Die hebräische Schrift,
in der
auch das Jiddische
geschrieben wird,
ist
eine Quadratschrift, die
von rechts nach
links
gelesen wird. Fol. 130V
aus
dem »Machsor« einem
,
jüdischen Gebetsbuch.
Pergamenthandschrift
1300
in
,
um
Deutschland
entstanden. Universitätsbibliothek, Leipzig
schickt eine Botschaft, die aus drei Pfeilen
chenruf
löst
und Krähenfedern besteht, ein Käuz-
einen Überfall aus - die schriftliche Botschaft aber wäre, herausgelöst
dem aktuellen Bezug, jederzeit neu ablesbar, sie ist aus demselben Wortmategeformt wie die Sprache, nur nicht vergänglich wie der gesprochene Laut, sondern so unvergänglich wie der Stein oder Stoff, auf den sie geschrieben ist.
Wie sieht das kulturelle Leben von Menschen aus, die keine Schrift kennen?
aus
rial
man meinen könnte, ärmer oder flacher, auch nicht geschichtsloMenschen in den Hochkulturen, nur andersartig. Hier, bei den Völkern ohne Schrift, in den abgelegenen Dörfern tief im Urwald oder hinter unzu-
Gewiß
nicht,
wie
ser als das der
gänglichen Gebirgen, spielt das mündlich überlieferte Wissen die entscheidende,
formende Rolle. Dieses im rhythmischen Singsang weitergegebene Wissen ist
stets geheim, wenn es sich um besondere Kenntnisse handelt, und dient dem einzelnen dazu, sich selbst und die Angehörigen seiner Familie herauszuheben, ihnen
Macht zu verschaffen. Die Schmiedekunst und die Heilkunst, die Kunst, eine
Trommel oder ein Boot zu bauen, eine Seekarte anzufertigen, oder den Geist der
grauen Känguruhs zu malen, den Regen oder den Wind zu beschwören, wird von
Mund zu Mund weitergegeben, allerdings nicht jedermann, sondern nur dem
eigenen Sohn, nur den Angehörigen des eigenen Clans, nur denen, die bestimmte
Prüfungen bestanden haben. Die Initiationsriten der Naturvölker, deren Abschluß
*3
Aufnahme des jungen Mannes oder Mädchens als gleichberechtigt in die
Stammesordnung ist, bedeuten auch, daß nun bestimmte Kenntnisse vermittelt
worden sind; das neue Stammesmitglied weiß jetzt/was man über die Herkunft
des Stammes, über die Götter und Menschen, die Geister und ihre Helfer wissen
muß.
die
Wie begrenzt für den schweifenden Jägertrupp die Möglichkeit ist. Wissen anzusammeln, kann man sich unschwer vorstellen. Hier gelten Männer von 30 Jahren schon als Greise; das Wissen bezieht sich auf praktische Fragen, wobei die oft
komplizierten Verwandtschaftsformen, die unzähligen Tabus, die Fragen der kosmischen Beziehungen zwischen den^Totemtieren und den Clans eine beherrschende Rolle spielen. Selbstverständlich bleibt die Frage nach der Herkunft des
Alls oder auch des Menschen nicht unbeantwortet, und so enthält das mündliche
Wissen einen Bestand gesicherter Auskünfte über die eigene Welt und die Ahnen
freilich ist dieser Bestand nicht unverrückbar, sondern er wächst und verändert
sich mit der Zeit, auch spielt es eine Rolle, ob zum Beispiel die Menschen im Innern
des Landes oder an der Küste die alten Mythen überlieferten. Oft variierte die
Sprache ja schon von einem Dorf zum anderen, von einem Tal zum anderen wie
heute der Dialekt, und es dauerte \iele Jahrtausende, bis sich überhaupt größere
Menschengruppen sprachlich verständigen konnten. Auch dies, die Spracheinheit
eines größeren Gebietes, dürfte mit der gemeinsamen Anbetung mächtiger Gottheiten und mit der gemeinsamen Art. den Lebensunterhalt zu erwerben, Zusammenhängen ; ohne Feldbau, ohne geschlossene Siedlungen, ohne die kontinuierli-
Altassyrische Tontafel
mit dem Text eines
Gerichtsprotokolls. Die
Keilschrift war ursprünglich eine
sumerische
Bilderschrift , die sich
erst im Lauf der Zeit
zu keilförmigen Schrift-
zeichen entwickelt hat,
bedingt durch das weiche
Tonmaterial der Schreibunterlage. Hüllentafel,
19J18. ]h. v. Chr. Sammlung des Orientalischen
Seminars der Universität
Heidelberg
che Folge von Saat und Ernte bildet sich auch bei Naturvölkern keine geistige
Kontinuität. Alle frühen Zeugnisse der Kulturvölker, mag es sich um indische oder
Aufzeichnungen handeln, reichen viele
noch keine Schrift gab. Meist bestehen
dem Versuch, das seit Generationen münd-
chinesische, ägyptische oder sumerische
Generationen zurück in jene
überhaupt in
Zeit, als es
diese frühen Zeugnisse
lich überlieferte
Wissen aufzuschreiben; das
gilt für die ältesten Teile
der Bibel
ebenso wie für die Vedas der Inder oder die ältchinesischen Bambustexte.
In den Jahrtausenden, die der Erfindung der Schrift vorangingen, hat es die verschiedensten »Vorläufer« von Schrift gegeben, denn zwischen
Menschen von
einer bestimmten Kulturhöhe an bestand stets die Notwendigkeit, sich miteinan-
der zu verständigen. Anders ausgedrückt, zwischen den Angehörigen
schweifenden Jägerhorde brauchte
man
Menschen zusammenrückten,
führlichen Botschaften. Je enger aber die
zierter das gesellschaftliche
Herrschaftsverhältnisse,
je
einer
nicht viele Worte, also auch keine aus-
Leben wurde,
je
je
kompli-
vielschichtiger die Abhängigkeits-
und
überwältigender die religiösen Vorstellungen, desto
zwingender wurde das Bedürfnis, sich mitzuteilen oder auch bestimmte Dinge
festzuhalten.
Heute kennt man rund 400 Schriften, die man lesen kann, wobei die Vorstufen
und Abarten nicht mitgezählt sind. Der Europäer zum Beispiel kennt außer dem
eigenen Alphabet meist noch die griechischen und hebräischen Schriftzeichen,
auch das kyrillische Alphabet, nämlich die russische Schrift, ist bekannt. Geleman auch die arabischen Schriften, etwa im Fernsehen, oder die chinesischen und japanischen Zeichen. Schon bei der Unterscheidung der verschiedenen indischen Schriften dürfte es aber Schwierigkeiten geben, und wer kann schon
gentlich sieht
die persische Schreibschrift
vom
Äthiopischen oder Syrischen unterscheiden?
Rosenkranz und Knotenschriften
bestimmten wörtlichen Inhalt aufnehnämlich das Geschriebene. Nichts anderes meint der Knoten im
Taschentuch des Vergeßlichen, nur eben wird hier eine andere Form als die Schrift
gewählt, um an etwas zu erinnern. Bekannter ist das Beispiel vom Rosenkranz.
Jedermann weiß, welche Bedeutung die großen und die kleinen Perlen haben, und
wer sie durch die Finger laufen läßt, »liest« gleichsam mit den Fingerspitzen die
Schrift zielt darauf hin, daß der Leser einen
men
soll,
Botschaft dieser
Perlenschnur ab. Die Wissenschaft nennt diese Form
Gedächtnisstütze die »Gegenstandsschrift«. Meist handelt es sich
gänge, die auf diese Weise im Gedächtnis befestigt werden.
Auch
um
der
Zählvor-
das Kerbholz des
Wirtes, eine Art Zählstock, gehört in diese Kategorie und zählt zu den ältesten
Formen, etwas für die Zukunft authentisch festzuhalten. Vor allem das Verhältnis
zwischen Schuldner und Gläubiger bedurfte solcher Formen, damit es nicht zum
Streit kam. Man schnitt zum Beispiel in einen festen Stock so viele Kerben, als
Vieh geschuldet wurde, und spaltete den Stock senkrecht. Jede der Parteien hatte
auf diese Weise eine Urkunde,
das Original.
und wenn man
sie
aneinanderfügte,
bekam man
Man kann auf Stäben ganze
Kalender führen, auch die Hirten haben Kerben auf
zu zählen. Wer einem Boten als Ausweis einen
Stab mitgab, mochte wohl wünschen, daß seine Botschaft unverändert an den
ihren Hirtenstäben benutzt,
um
Empfänger gelangte. Also wurde der Stab mit Gedächtnisstützen versehen, d.h.
mit Kerben oder Zeichen, an denen die Botschaft abzulesen war. Nicht nur Stäbe
aus Holz, sondern auch geknüpfte Schnüre wurden als Gedächtnishilfen verwandt.
mag
sein, daß selbst diese Verwendung als Gedächtnisstütze eine »späte« Form
Verwendung ist und daß die Verknüpfung von Schnüren zuallererst ein magischer Vorgang war, etwas Hochbedeutsames, dessen praktischer Nutzen sich erst
Es
der
Bedeutung des kindlichen Fadenspiels, das
ja auch bei den Eskimos, den Australiden und in Afrika wie in der Südsee vorkommt, scheint mit jener frühen Verwendung von Fäden und Schnüren als
»Gegenstandsschrift« zusammenzuhängen.
Noch zu Zeiten des griechischen Historikers Herodot war die Knotenschnur als
Zählmittel bekannt, denn der Grieche schildert, daß der Perserkönig Dareios den
Joniern den Gebrauch eines solchen Kalenders empfohlen hätte. Im Grunde ist es
auch erstaunlich, daß Knotenschnüre in so weit voneinander entfernten Gegenden
wie Südamerika und China in Benutzung waren. In China kennt man sie seit
Urzeiten, und die Inkas, die Herrscher von Peru, haben sie bekanntlich als Mittel
benutzt, ihre Statistiken zu führen. Diese Quipus (ketschua: Knoten) wurden, wie
ein Chronist erklärt, von den Inkas so benutzt, »als handele es sich um Papier und
Tinte«. An der bis zu einem Meter langen Hauptschnur hingen oft bis zu 100
kleinere Nebenschnüre herab, die ihrerseits nicht länger als einen halben Meter
waren. Die Knoten waren in diese kleineren Schnüre geknüpft, einfach oder mehrfach. Zehntausender, Tausender, Hunderter usw. wurden nach Farben unterschieden, während die Knoten selbst die Zahlenwerte angaben. Das Fehlen eines Knotens an einer bestimmten Stelle deutete die Null an, die damit gedanklich erfaßt
war; welche Bedeutung die mehrfachen Knoten hatten, ist umstritten. Für die
Beherrschung eines Landes, in dem der Staatssozialismus herrschte, war es lebenswichtig, alle Größen miteinander in Einklang zu bringen, von der Bevölkerungsstatistik als der Grundlage der Naturalzuteilungen bis zum Tribut der Bauern, Fischer, Jäger usw. Die Aufgabe, diese Knotenschnüre zu führen, die ja nur
ein Zahlengerüst gaben, vom Gedächtnis also substantiell ergänzt werden mußten,
war besonderen Beamten anvertraut, den Quipu-Wächtern. Sie wurden scharf
überwacht und verfielen der Todesstrafe, wenn sie sich auch nur einmal verrechneten. Eine Knotenschur konnte, wie ein Grabfund beweist, bis zu vier Kilogramm
wiegen. Das Erfassungssystem für die Daten lief von unten nach oben, gleichsam
über die kommunale und regionale Ebene. Wenn die Daten die Hauptstadt erreichten, wurden sie von Beamten in einem »Rechenzentrum« zusammengestellt
und ausgewertet.
Diese Methode entspricht genau dem, was das chinesische Weisheitsbuch I King
andeutet wenn es sagt: »In der Urzeit knotete man Stricke, um zu regieren.« Man
muß aber bedenken, daß es nur wenige Quipus gibt, die allesamt in Gräbern gefunden wurden, ohne daß man die näheren Begleitumstände kennt. Ihre Verwendung für statistische Zwecke ist wohl als gesichert zu betrachten, da andere Quelspäter ergab die ursprünglich magische
;
,
16
len das bestätigen.
Ob
sie
auch für die Astronomen Bedeutung hatten,
ist
nicht
bewiesen. Einige Wissenschaftler behaupten, die Quipus, die man in den Gräbern
gefunden hätte, enthielten keine statistischen Angaben, sondern magische Zah-
lenkombinationen, die mit astronomischen. Daten zusammenhingen und dem
Toten ungestörte Ruhe für viele tausend Jahre sichern sollten. Man kommt bei
dieser Theorie auf Größenordnungen über 15000 Jahre, was an sich nicht gegen
Auffassung spricht, denn die Mayakalender haben bekanntlich noch ganz
andere Größenordnungen exakt erfaßt.
Einstweilen bleibt also das Rätsel der Quipus wohl ungelöst. Wichtig ist der
Zusammenhang zwischen einem gewissen Niveau der Kultur und einem Abstraktionsvermögen, das eine Elite in die Lage versetzt, Details zu überschauen und damit zu beherrschen. Man kann solche Gegenstandsschriften wie die Knotenschrift
im Grunde auch nicht als "Vorläufer« der Schrift bezeichnen - ebensowenig gilt
es ja als eine Vorform des Pferdegespanns, wenn man im frühen Ägypten Gnus
diese
und Elenantilopen zu zähmen und vor den Wagen zu spannen versucht hat. Im
Rückblick erscheint diese Experimentierfreudigkeit vielleicht naiv, und häufig
scheint sie in Sackgassen zu führen, sie
ist
aber auf künstlerischem wie auf wissen-
schaftlichem Gebiet die Mutter des Fortschritts,
wohin immer
er führen
mag.
Bei den Inkas hat es außer den Knotenschnüren auch andere Ansätze für frühe
Geweben und Vasen,
Art Vorstufe einer Bilderschrift aufgefaßt werden. Ohne das Dazwischentreten der Spanier hätten sich diese Zeichen
zu einem wirklichen Schriftsystem weiterentwickeln können (Disselhoff). Aber
das sind Spekulationen. Tatsächlich konnten nur die spanischen VerwaltungsbeSchriftformen gegeben. Bestimmte magische Zeichen auf
auch einige Felszeichnungen
können
als eine
amten und der spanische Klerus lesen und schreiben, nicht die spanischen SoldaAnalphabeten waren. Mit dem Untergang des Sonnenkönigtums unter der
spanischen Herrschaft erlosch auch der Lebenswille, ohne den keine Kulturlei-
ten, die
stung zustande
kommen
kann.
Amerika noch eine andere Spielart der Gegenstandsschrift den
Wampumgürtel. Wampum war bei den Irokesen der Name für Muscheln. Man
sägte aus bunten Muscheln durchlochte, schmale Scheiben die man auf Schnüre
Es gibt in
aufreihte.
Auch
Weiß den
Frieden, Rot den Krieg, Schwarz oder Violett Feindschaft oder Gefahr
hier gab es, wie überall auf der Welt, eine Farbsymbolik. wobei
Man konnte also Figuren oder Zeichen, ähnlich einer Stikdiesem Gürtel aus Muscheln kombinieren und so eine Botschaft ausdrücken. Primär hatte ein solcher Gürtel, der in späterer Zeit aus europäischen
anzeigten (Doblhofer).
kerei, auf
Glasperlen gearbeitet war, einen materiellen Wert. Der Austausch von
Stämmen
Wampum-
Bedeutung wie der Austausch
von Noten unter europäischen Staaten Krieg und Frieden wurden auf diese Weise
formell zur Kenntnis gebracht. So erhielt der Gründer des Staates Pennsylvania
und Verteidiger der Quäker William Penn (1644-1718), dem wegen seiner
Schuldforderungen an die englische Krone ein Stück Indianerland verliehen worden war, im Jahre 1682 von den Leni-Lape einen Wampumgürtel zur Bekräftigung
des Friedens zwischen den Delaware und den Männern William Penns. Der weiße
gürteln zwischen zwei
hatte die gleiche
;
Gürtel zeigt zwei Gestalten, links einen Indianer, rechts einen Europäer, der an
*7
einem Hut erkennbar ist. Der Indianer reicht dem Europäer die Hand. Der Gürtel
im Besitz der historischen Gesellschaft von Pennsylvania.
befindet sich heute
Wenn diese Wampumgürtel als
werden können, so
eine gegenständliche
Form der
Bilderschrift be-
einem andeden Joruba, einem afrikanischen
Volk Nigerias, das Wort »efa« die Zahl 6 bedeutet, so kann man mit sechs Kaurimuscheln »efa« ausdrücken. Nun heißt aber »fa« auch soviel wie »ziehen«. Das
Wort steckt in dem Wort für »sechs«. Jeder Joruba kennt diese hintergründige
Bedeutung. Wenn also ein junger Mann einer Schönen eine Schnur mit sechs
Kaurimuscheln schickt, weiß sie, was^er meint: Er fühlt sich von ihr angezogen
trachtet
gibt es andere Gegenstandsbriefe, die auf
ren Verständigungsprinzip beruhen.
Wenn
bei
(Jensen).
Es gibt viele solcher Botschaften bei den Naturvölkern; nicht immer folgt die
Sinngebung dem Schema versteckter Wortbedeutung, sondern häufiger ist sie
»Ideenschrift«. So gibt es einen Liebesbrief, der von einem Jugakirenmädchen geschrieben wurde, aber in die Hände eines Völkerkundlers gelangte. Die Jugakiren,
ein inzwischen ausgestorbener Volksstamm, lebten in Nordostsibirien; um 1926
waren es noch insgesamt 2000 Seelen, doch sprachen nur noch etwa 400 die angestammte Sprache. Es war bei diesem Volk nur den jungen Männern erlaubt, von
4
Liebe zu reden; di^
Mädchen mußten
ihre Gefühle in Briefen ausdrücken, die
kunstvoll auf Birkenrinde eingraviert wurden. Anläßlich der großen Tanzfeste
wurden
diese Briefe
dann überreicht. Einer dieser Briefe, der 1896 in der wissenworden und zu einer gewissen Berühmtheit
schaftlichen Literatur veröffentlicht
gekommen
ist,
lautet:
»Du
gehst
fort.
Du
liebst eine Russin, die dir
den
Weg
zu
mir versperrt. Es werden Kinder kommen, und du wirst Freude an ihnen haben.
Ich aber werde ewig trauern und nur an dich denken, wenn es auch keinen anderen
Mann gibt, der mich liebt.«
Das ist nun nicht etwa mit Bildsymbolen ausgedrückt, schon gar nicht in Worten
mit Hilfe eines Alphabetes aufgezeichnet, sondern auf eine seltsam abstrakte
Weise durch eine Kombination von Bildsymbolen und abstrakten Symbolen. Das
Mädchen hat durch senkrechte Linien ein Haus angedeutet, sich selbst stellt sie
durch den Kopfputz der Mädchen dar, zwei gekreuzte Linien bedeuten Kummer,
andererseits aber auch Verbundenheit zwischen dem Mann und seiner russischen
Gattin, wie überhaupt die Gefühle hier ganz abstrakt durch Linien ausgedrückt
werden. Auch dieses Stück Baumrinde ist eine Botschaft, und auch hier wird vorausgesetzt, daß der Empfänger sie entschlüsseln kann, doch war dieses Prinzip
nicht sehr ausbaufähig. Das wäre etwa so, als müsse man alles, was mit dem Straßenverkehr zusammenhängt, durch die Symbole der Verkehrsschilder ausdrükken man könnte auf diese Weise wohl gewisse Nachrichten zusammenstellen,
aber schon ein einfacher juristischer Tatbestand wäre nur noch mit Mühe zu for;
mulieren, weil der Abstraktionsgrad nicht ausreicht.
Frau, Dach, Frieden
Nichts scheint einfacher zu sein, als
Gedanken
mit ein paar Strichen etwas, das einem
Man
in Bildern auszudrücken.
Mann
malt
ähnlich sieht, und es bedeutet, für
»Mann«. Ebenso geschieht es mit der Frau, dem Haus, dem
Vieh, mit Soldaten und Königen, die schon differenziertere Formen von Männern
sind, und wenn man noch ein paar Zeichen wie »Freude« und »Schmerz« hinzunimmt, kann man schon ganz hübsche Briefe schreiben. Eine solche Zeichnung,
welche die Idee von einer bestimmten Sache oder Menschengruppe ausdrückt,
jedermann
sichtbar,
nennt man Ideogramm. Die Chinesen haben etwa seit 1900 v. Chr. solche Ideogramme auf Schildkrötenschalen geritzt. Man warf diese Schildpattstücke, mit
Ideogrammen magisch bezeichnet und gleichsam »aufgeladen«,
deutete aus der Art der Risse, was die Zukunft bringen würde.
ins
Auch
Feuer und
die Schulter-
knochen von Rindern und Hirschen sind so benutzt worden. Ihre Entdeckungsgeschichte bildete ein wichtiges Kapitel bei der
Erforschung der chinesischen
Geschichte, denn die Existenz der Schang-Dynastie
bis
(ca.
1500-1000
v.
Chr.)
war
dahin bezweifelt worden, etwa wie die Existenz Trojas von den Lesern
Homers.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten auf den Kuriositätenmärkten eine
Anzahl beschrifteter Knochen und Schildkrötenschalen auf, man erkannte auf ihnen die traditionellen Königsnamen frühester Epochen. Inzwischen sind die
Inschriften entziffert, meist Fragen an die königlichen Ahnengeister, gelegentlich
auch die Antworten. Mindestens 100000 solcher Fragmente hat man inzwischen
entdeckt und seither ihre Aussage auch durch Grabungen bei
Hauptstadt Chinas in der Provinz Honan, bestätigt. Damit
Das Japanische
entwickelte sich aus der im
5. ]h.
An Yang, der ältesten
ist
die Kontinuität der
importierten chinesischen
Wortschrift und wird in vertikalen Reihen linksläufig mit
Tuschfeder »gezeichnet«
Jöbon Rendai-ji Kyoto
,
.
Federzeichnung auf Papier aus dem lnga-kyö,
8. lh.
chinesischen Schrift bewiesen, die mit allen ihren Variationen eine Frist von rund
4000 Jahren umspannt. Die frühen Schriftzeichen tauchen später auf Töpferwaren,
auf den bronzenen Dreifüßen und auf Bambustäfelchen wieder auf, und man kann
schrittweise verfolgen, wie der Anwendungsbereich der Bilderschrift immer breiter
und komplizierter wird,
bis er das breite Bett literarischer
An manchen Zeichen, wie z. B. »Regen« oder, »langschwänziger
diese Kontinuität deutlich ablesen,
denn
sie
wurden schon vor
Traditionen
füllt.
Vogel«, kann
man
ca.
3000 Jahren be-
nutzt (Loewe).
Schriftzeichen zu bilden - die chinesischen Gelehrten
begründet -, bietet das einfache Bildzeichen, das Piktogramm, nur eine bestimmte Möglichkeit. Am häufigsten kommt es vor, daß im
Laufe der Zeit die Bedeutung eines Zeichens immer vielfältiger wird, so daß man
Von den sechs Methoden,
haben
es
die Klassifikation
mit einem Zusatzzeichen versehen muß. Auch wird mit einem Zeichen häufig
ein bestimmter Lautwert assoziiert, so daß
man, wenn man das Zeichen
schreibt,
man im Deutschen das »ei« denkt, wenn man Ei
zum Lautzeichen und kann nun verwandt werden,
vor allem den Laut denkt, wie
schreibt. Das Zeichen wird
einem anderen Zeichen einen Laut zu geben, um dieses wiederum von seinen ähnlichen Brüdern zu unterscheiden. Es gibt noch andere Kombinationsmöglichkeiten, die nicht alle erörtert werden sollen, aber es ist reizvoll, in die Werkstatt des
chinesischen Sprachgeistes zu sehen und an den Zeichen die Erfahrungen derer
abzulesen, die vor vielen Jahrhunderten den schriftlichen Ausdruck prägten.
Man nennt heute die wichtigsten Zeichen der chinesischen Bilderschrift wie
Frau, Haus usw. »Radikale«. Von solchen Radikalen gibt es, fast 4000 Jahre nach
den ersten Orakelinschriften, 214 Ideogramme; in jedem chinesischen Schriftzei-
chen ist jeweils mindestens ein Radikale enthalten. Um nun feinere Sachverhalte
auszudrücken, kombinierte man die Ideogramme: Das Zeichen für Frau mit dem
Zeichen für Dach bedeutete Frieden. Zwei Frauen unter einem Dach bedeuteten
Zwietracht, und drei Frauen, diesmal ohne Dach, bezeichneten Ehebruch, Schändung, Hurerei oder Schlimmeres, etwa Gruppensex. Ein anderes Beispiel: Das
Ideogramm »piao« bedeutet »zeigen«. Setzt man das Radikale »Mann« links daneben, heißt es »verteilen«
deutet es »Prostituierte«.
;
wenn man
dafür das Radikale »Frau« hinschreibt, be-
Man kann das
Spiel beliebig fortsetzen,
indem man wie-
derum verschiedene Paare von Ideogrammen zusammensetzt. Dennis Bloodworth, ein Europäer, der mit einer Chinesin verheiratet
ist,
beschreibt in seinem
amüsanten »Chinesenspiegel« die Schwierigkeiten, die ein Chinese bei der Übertragung seines Denkens in eine fremde Sprache haben kann. Er geht mit seiner
Frau im Londoner Zoo spazieren, und sie äußert, sie wolle jetzt zur Taschenmaus.
Der Gatte ist verblüfft. »Du weißt doch«, sagte sie, »steckt-in-die-Tasche, diese
Art Maus.« Und sie zeichnet zwei Ideogramme für »Tasche« und »Maus« auf ihre
Handfläche. Der Gatte tappt noch immer im dunkeln, bis sie sagt: »Ich meine diese
größer-als-du herumspringende, boxende Maus.« Endlich geht ihm ein Licht auf,
und man eilt zu den Känguruhs.
Die chinesische Schrift mit ihren ursprünglich 8000 Schriftzeichen, die bis 1965
in Gebrauch waren und von der Regierung auf 3000 reduziert worden sind, gleicht
einem riesigen Puzzle, das nicht nur nach Form und Farbe, sondern auch nach
20
Klang, gleichsam mit jedem Satz neu, räumlich geordnet werden müßte. UnendKombinationen, die überdies noch verschiedenen Dialektformen unter-
lich viele
worfen
sind, verschlüsseln unendlich viele
Bedeutungen, und so kann eine Über-
dem Chinesischen nicht mehr als nur den ungefähren Sinn geben etwa so, als könne man einen Vers von Shakespeare nur in Hauptworten ausdrükken, ohne die logischen Verknüpfungen der Grammatik, ohne Rhythmus und
Reim. So kommt es, daß in einem Wörterbuch stehen kann: Pi = ein Hund unter
dem Tisch. Ein Hund mit kurzen Beinen. Ein Hund mit kurzem Kopf. Nai = dann,
setzung aus
jetzt, so
auch, und aber, wenn, das heißt, nämlich, entsprechend, zu sein, dein,
ihr, sein, jenes, jene.
Tui
=
stoßen, ausdehnen, ablehnen, ausweichen, übergeben,
nachspüren, andeuten, fördern, wählen, loben. Andererseits gibt es kein
»Maß«. Die Chinesen sagen »groß-klein«.
speares Titel
»Maß
für
Maß«
Man
fragt sich,
Wort
für
wie ein Chinese Shake-
versteht. Allgemeine Begriffe wie Müdigkeit,
Häß-
m. sind unübersetzbar, denn sie existieren im Chinesischen
nicht. Es gibt nur die konkrete Form, also »müde Frauen« oder »bittere Greise«.
Auch Gewichte können nicht mit dem Begriff Gewicht ausgedrückt werden.
»Leicht-schwer« sagt der Chinese, die Abstraktion ist hier nicht vorhanden, dafür
arbeitet das chinesische Denken eben auf anderer Basis. Der Europäer folgt der
Schriftzeile wie auf einer Rennbahn, ehe er zum Ziel gelangt. Das chinesische
Denken sieht die Rennbahn mit einem Blick von oben, die Stellung der Ideogramme zueinander vermittelt einen bestimmten Eindruck. Auch er gibt dem
Leser Erkenntnis - nur eine andersartige als die aus abendländischer Sicht. Der
lichkeit, Bitterkeit u. a.
Europäer sieht sich selbst in einer Entscheidungskette, der Kreuzweg
ist
symbo-
Hauptwort und Tätigkeitswort, seine
mathematische Zahlenfolge eine mathematische Funktion definiert. Anders der Chinese, dessen für den
Europäer unfaßliche sprachliche Vieldeutigkeit sich jeder Übersetzung entzieht.
Man stelle sich eine Reihe chinesischer Schriftzeichen vor, deren Übersetzung
wie folgt lautet: »Frauen und Eunuchen sind es, von denen wir weder Lehren noch
Unterweisen erwarten können.« Der Vers stammt aus dem klassischen »Buch der
Oden«, der Übersetzer ist ein Kenner. Ein anderer Wissenschaftler übersetzt:
»Frauen und Eunuchen gehören zu jenen, die weder erzogen noch unterrichtet
werden können.« Bloodworth schreibt, gebildete Chinesen hätten beiden Auffassungen widersprochen, denn nicht von Eunuchen, sondern von Sklaven im weitesten Sinne sei die Rede, und der Sinn des Satzes sei, man brauche einen Herrscher
lisch für diese Mentalität, sein Satz hat
Schrift bezeichnet die Wortfolge so eindeutig, wie eine
das Schlechte nicht zu lehren.
es
ganz von
selbst.
Den Frauen
Das geht über
lauschend, die ihn bedienten, lerne er
die üblichen
Übersetzungsprobleme,
wo
es
um
Jargon oder Versmaß geht, weit hinaus, weil die Schrift von vornherein Rätsel
nur dem chinesischen Denken nicht als Rätsel, sondern als zusätzliche
Dimension des Erfassens Vorkommen.
Für den Europäer ist es verwirrend, daß man trotz dieser völlig andersartigen
Mentalität im abendländischen Sinne »wissenschaftlich« denken und nicht nur
Homer und Shakespeare, sondern auch Einstein und Marx erarbeiten kann. Vor
aufgibt, die
dem Meer chinesischer Schriftzeichen
will
ihm
dies
wahrhaft unglaublich erschei-
nen, doch steckt dahinter eine eigentümliche Arroganz - so, als
21
sei
nur auf europä-
Weise schöpferisches Denken möglich. Zwar kennt das Chinesische keine
in unserem Wortverstand, es gibt keinen Plural, keinen bestimmten
Artikel, keine Tätigkeitsform noch die Leideform bei den Verben, es erreicht doch
aber einen hohen Grad von Genauigkeit - wenn auch nicht im juristischen Sinn.
ische
Grammatik
Nicht die Unklarheit, sondern die Vieldeutigkeit chinesischer Schriftzeichen
ist
das
Problem. Der Vorteil dieser Schrift: Zwischen Japan und Siam wird diese Bilderschrift wenigstens teilweise verstanden, wenn auch die Sprachen lautlich oft unterschiedliche Entwicklungen genommen haben.
Die Schwierigkeiten für einen Europäer, Chinesisch zu lernen, sind daher auch
enorm. Ein Universitätsstudent muß mit etwa 8000 chinesischen Schriftzeichen
und dem komplexen System ihrer gegenseitigen Verbindungen vertraut sein, eine
Lernleistung, welche die eines Chemiestudenten und sein Formelwissen weit
übertrifft. Ein Alphabet, mit dessen Hilfe man sich in einem Wörterbuch oder
Nachschlagewerk zurechtfinden könnte, gibt es nicht. Wer auf einer Schreibmaschine schreibt, bedient 2590 Tasten, etwa wie bei einer Setzmaschine, und weitere
3432 Leertasten, in die seltenere Typen nach Bedarf eingeschoben werden können.
Die Kompliziertheit der Schrift ist im Laufe der Jahrtausende ein Machtmittel geworden, um sie zu beherrschen, mußte man eine Art Gelehrter sein. Aus dem
Volke konnte sich niemand so ohne weiteres emporarbeiten, und noch in den 30er
Jahren schätzte man die Zahl der täglich verkauften Zeitungen für ganz China mit
seinen vielen hundert Millionen Menschen auf 3 Millionen, die nur von einem
winzigen Bruchteil gelesen wurden. Die Regierung hat unter Führung von Mao
Tse Tung einen erfolgreichen Feldzug gegen das »Analphabetentum« geführt und
die Zahl der Schriftzeichen auf 3000 reduziert. Eine solche Reform hat tiefgreifende Folgen, denn sie schneidet den jungen chinesischen Intellektuellen von der
Vergangenheit ab, die ihm bisher greifbar war. Allerdings kann der junge Europäer
im allgemeinen auch nicht den Parzifal oder Homer im Urtext lesen, und die
Beherrschung der Naturwissenschaften, der Zugang zur übrigen Welt durch eine
latinisierte, europäisierte Schrift, wie sie immer wieder gewünscht wurde, mag für
China heute wichtiger sein als der Kulturballast der Jahrtausende.
Bilder
und Schriften
wären aus den ägyptischen Hieroglyphen im Laufe der Jahrtausende
denen der Chinesen entstanden, wenn Christentum und Islam diese Entwicklung in Ägypten nicht unterbrochen hätten. China
Vielleicht
ebenfalls Schriftzeichen ähnlich
ist
bekanntlich nicht das einzige Volk, das eine Bilderschrift entwickelt hat; auch
Sumerer, die Ägypter und andere vorderasiatische Völker sind zur Bilderschrift
einige haben sie weiterentwickelt. Ferner gibt es im mittelamerikanischen Kulturkreis noch die Bilderschrift der Mayas. Selbst in neuester Zeit hat man
die
gekommen,
auf die Bilderschrift als eine »Welthilfsschrift« zurückgegriffen
;
der holländische
Journalist Janson nennt sie »Picto«, der deutsche Professor Eckardt »Safo«. Diese
systematisch erdachten Bilderschriften versuchen natürlich, die Mängel etwa des
Chinesischen ebenso zu vermeiden wie den Zwang zur Simplizität, haben aber wie
22
Die Hieroglyphen sind altägyptische Schriftzeichen und gehen auf
Bilderschrift zurück. Es
gab 24 Zeichen,
bezeichneten, die Selbstlaute
von einem Bau
Ägyptisches
Sesostris'
Museum,
I.
Kairo
die jedoch
mußte der Leser
(iyyi-iy^o
v.
nur
die
eine ältere
Mitlaute
selbst ergänzen. Pfeilerrelief
Chr.) aus Karnak.
das Esperanto vorerst nur geringe Bedeutung.
Man
erkennt, sobald
man
ein sol-
ches Schriftsystem auf eine abstrakte wissenschaftliche Diskussion oder auf einen
poetischen Text zu übertragen versucht, sehr bald die Grenzen dieser Methode.
Das
älteste
schriftliche
Zeugnis Ägyptens sind
Schminkpalette, auf der die Farbe gerieben wurde, ehe
die
sie
Wangen
Hieroglyphen
man
auftrug. Diese Bilderschrift zeigt Dinge, die es
benutzt wurde, nicht
mehr gegeben haben kann,
auf
sie aufs Lid
um
3200
weitaus älter sein, ohne daß
selbst behaupteten,
man
Chr., als
v.
die also schon weit vor
Zeitpunkt in das Schriftsystem eingeführt worden sind. Dieses selbst
Ibis-
,
,
Grabkammer
des
Amenhotep
in
also
Ägypter
oder Hundekopf, der Erfinder
Ägyptische Steinplatte mit Hieroglypheninschrift deren Entzifferung erst im
durch den Franzosen Champollion gelang. Grabrelief aus Kalkstein um 1275 v.
aus der
diesem
muß
hier genauere Kenntnisse hätte. Die
daß Thot, der Gotf mit dem
einer
oder auf
Deir Durinka. Kunstbaus, Zürich
19. ]h.
Chr.,
Herkunft der Hieroglyphen wohl bedaß verschiedene Faktoren Zusammentreffen
mußten, um »Schrift« entstehen zu lassen - Schrift nicht im Sinne von bruchstückhaftem Ausdruck bestimmter Botschaften, sondern im Sinne eines komplexen Systems. Eine der Voraussetzungen wird die Siedlungsdichte gewesen sein,
ferner die städtische Kultur und die mit ihr verbundene Konzentration von Intellider Schrift
wußt.
sei,
und waren
sich der göttlichen
Man möchte annehmen,
genz und differenzierter Leistung, das psychologische Motiv war wohl ein Ausdruckszwang gegenüber der übermächtigen Götterwelt, die mit dem neu gewonnenen Mittel, mit dem man einfache Botschaften zu übermitteln gelernt hat,
angesprochen wird.
Man
unterscheidet drei verschiedene Schriftformen in der ägyptischen Hiero-
und zwar das hieroglyphische, das hieratische und das demotische
System. Alle drei Varianten wurden dazu benutzt, das Ägyptische zu schreiben,
glyphenschrift,
wie es damals gesprochen wurde.
Man
benötigte in der klassischen Zeit etwa 800
Schriftzeichen, also weitaus weniger als in China. Die
ander; auch in Ägypten setzt
den Laut, der
in der
man
Gedankengänge ähneln
ein-
das Zeichen für »Hacke« (ägyptisch: mer) für
Sprache sowohl »Kanal«
als
auch »lieben« bedeuten konnte.
Auch hier also die vertrackte Vieldeutigkeit einer Bilderschrift, die
sich in
Ägypten
um
den Sinn klarer zu machen, als letztes Zeichen ein stummes Ideogramm, das die Kategorie eines Wortes
bezeichnete, zum Beispiel als ein Verb der Bewegung oder als Gegenstand. Die drei
Schriftarten unterschieden sich voneinander nur durch die Genauigkeit ihrer Bildhaftigkeit. Die Hieroglyphe war sauber in den Kalkstein gemeißelt, ursprünglich
eine Schönschrift zu Ehren der Götter und Pharaonen, das Hieratische zeigte
flüchtigere Formen und das Demotische eine abgeschliffene Schrift, deren Herallerdings
noch
in
Grenzen
hält.
Die Ägypter hatten,
kunft aus der Bilderwelt fast verwischt
ist.
Während
die seit
dem
7. Jh. v.
Chr.
entstandene demotische Schrift den Alltag beherrschte, blieb die ältere hieratische
Schrift den religiösen Texten Vorbehalten, die naturgemäß konservativ gestaltet
wurden; daher stammt der auf die Heiligkeit sich beziehende Name. Erst als die
griechische Epoche zu Ende ging, machten auch Ägypter sich die griechische
Schrift zu eigen, um in ihr die eigene, ägyptische Sprache zu schreiben, wobei eine
Reihe Zusatzzeichen verwandt wurden. Man nennt sie die koptische Schrift. Die
letzte hieroglyphische Inschrift stammt vom 24. August 394, als Kaiser Theodosius I. das west- und das oströmische Reich noch einmal vereinigen konnte. Das
Koptische erhielt sich bis zum 17. Jahrhundert, erst dann ging es im Arabertum
unter.
Letzten Endes sind alle Schriften irgendwann Bilderschriften gewesen, wobei die
frühen Bildzeichen nicht nur reale Gegenstände darstellen, sondern auch symboli-
Deutung freilich trägt oft
und eröffnet Zusammenhänge, die wie Assoziationen aneinander zu hängen scheinen. Kreis und Kreuz, Swastika und Mutterschoß, Mondund Sternformen tauchen als Bildzeichen für sehr ähnliche, oft identische Gewalten in vielen Frühkulturen auf. Ein Beispiel ist die Swastika. Dieses von den deutschen Rassisten als Hakenkreuz übernommene Sonnensymbol gehört bekanntlich
zu den Urzeichen. In Mesopotamien um 5000 v. Chr. steht das Zeichen für Urgeist,
sche Bedeutungen auszudrücken scheinen. Die heutige
spekulativen Charakter
25
für das Schöpferische, für an-nu,
den Herrscher der Sonne, das erinnert an die
keltischen bzw. die germanischen Äsen.
Im
südasiatischen Kulturkreis
um
alt-
4000
Chr. steht die Swastika für »Frieden in Gott«, im ostasiatischen Bereich für
v.
das
der
ist
der Schirmherr, oder für sang
am
ti,
die höchste
ti,
Macht, den Herrscher der Welt,
Polarstern seine Residenz hat.
Tatsächlich gibt es einige Jahrtausende vor der Zeitwende offensichtliche,
wenn
auch bisher nicht erklärte Ähnlichkeiten und Zusammenhänge zwischen dem Kulturgut der
Stämme
in der Sahara, in Turkestan, in Ostsibirien
und im nördlichen
Europa und Amerika. Einige Zeichen haben offenbar in weit auseinander liegenden
Kulturen ähnliche Bedeutungen, auch wenn sie ganz andere Worte oder Laute bezeichnen. Mehr wird sich aus dieser Epoche kurz nach der letzten Eiszeit nicht sagen lassen, und schon dieses wenige, abenteuerlich genug, beleuchtet den mythischen Urgrund der Schrift, ihren stellenweise magischen Bezug.
Ägypten oder bei den Sumerern, arbeitet das bildDenken in drei Kategorien. Einmal bezeichnet ein Teil das Ganze, also
der Kopf mit Hörnern das Rind, der Schoß die Frau, die Ähre das Korn. Dann wiederum gibt es eine regelrechte Abbildung; im Sumerischen etwa sind Boot und
Überall, in China wie in
schriftliche
Pflug exakt gezeichnet, bevor die Keilschrift sie in Zeichen umsetzt.
lich gibt es das
Symbolzeichen, wie
es
mit
dem Sonnenzeichen
Und
schließ-
beschrieben wurde.
ist also in China ganz ähnlich der im alten Sumer; es scheint,
könne der Mensch überhaupt nicht anders als auf diese optisch-symbolische
Weise seine Umwelt erfassen.
Die Denkstruktur
als
Keilschrift auf
Ton
Henry Layard, ein Engländer aus Paris, der viel im Vorderen Orient
war und 1845 Nimrud ausgegraben hatte, den Palast des Königs Sanherib
Als Sir Austin
gereist
(705-681 v.Chr.) freilegte, stieß er auch auf die königliche Bibliothek, freilich
ohne es recht zu wissen. Für ihn war es ein Raum wie andere Räume des Palastes,
er schreibt in seinem Bericht über die mit Schutt und Erde gefüllten Räume,
»daß der Fußboden einen Fuß hoch oder mehr ganz mit Keilschrifttafeln bedeckt
war aus gebranntem Ton, von denen etliche unversehrt, die meisten aber in viele
Stücke zerbrochen waren«. Ein Scherbenhaufen, aus teils heilen, teils zerbroche-
und
nen Tafeln bestehend, deren Schrift niemand lesen konnte - auch Layard nicht
Der Fund schien keiner besonderen Aufmerksamkeit wert zu sein, wurde aber
mit anderen Altertümern nach London verschifft. Man hört heute oft, die Europäer hätten die orientalischen Völker, die wahren Besitzer dieser Schätze, beraubt.
In Wirklichkeit hielten die
damaligen Griechen, Türken usw. dieses Interesse an
Ausgrabungen für eine Art europäischen Schwachsinn, doch ohne dieses Interesse
der englischen, französischen und deutschen Gelehrten hätte niemals ein Grieche,
Türke oder Araber einen Ort wie Troja oder Mykene, Ninive oder Jericho auszugraben versucht. Layard hat nicht gewußt, daß er eine Hälfte der Bibliothek
Assurbanipals entdeckt hatte, des letzten großen assyrischen Herrschers, und daß
er mit diesen Tontafeln einen vollkommenen Schlüssel zu allen Bereichen des as-
26
syrischen Lebens und für das noch unbekannte Sumerische in
hat
dann
Händen
hielt.
ein ehemaliger Mitarbeiter Layards, ein chaldäischer Christ aus
Später
Mossul
mit einer ausgezeichneten europäischen Bildung, die Grabungen im Aufträge des
Britischen Museums fortgesetzt. Er entdeckte 1853 in einem mit wunderbaren
geschmückten Saal die zweite Hälfte der Bibliothek. Die Reliefs von der
Löwenjagd der assyrischen Könige gehören zu den immer wieder abgebildeten
Reliefs
Schätzen der Weltkunst.
am
Erst ein Menschenalter später,
3.
Dezember 1872, erfuhr die Öffentlichkeit
George Smith, ein bis dahin unbe-
einiges über den Inhalt der Keilschrifttafeln.
teilte seinem auserwählten Publikum in der Society of Biblical
London mit, er habe auf den Tontafeln die babylonische Sintflutsage entdeckt, die wiederum Teil einer umfassenderen epischen Schilderung sei.
Die Wirkung dieses Vortrages war unglaublich, denn zum ersten Male bestätigten
Texte aus der Frühgeschichte den Text der Bibel. In einem wissenschaftsgläubigen
Zeitalter mußte ein solcher Beweis für die Richtigkeit der in der Bibel aufgestellten
Behauptungen wie eine Bombe einschlagen. Tatsächlich handelte es sich um eine
keilschriftliche Aufzeichnung des in anderen Bänden mehrfach erwähnten Gilgamesch-Epos, und die Ähnlichkeit der Sintflutschilderung mit dem Bibeltext war
nicht zu verkennen. Der Daily Telegraph stiftete daraufhin 21000 Goldmark, um
eine neue Expedition nach Assyrien ausrüsten zu können, und der junge Assistent
George Smith, der im Britischen Museum Tontafeln hatte sortieren müssen und
kannter Gelehrter,
Archaeology
in
unter Anleitung Rawlinsons die Keilschrift gelernt hatte, sollte der Leiter dieses
Unternehmens werden. Damit begann die Entdeckung versunkener Kulturen in
ihrer ganzen Breite, welche über die Ausgrabung von Kunstdenkmälern weit hinausging. Es war übrigens die gleiche Zeit, als Heinrich Schliemann im türkischen
Hissarlik das Troja
Homers ausgrub.
Über keine andere frühgeschichtliche Kultur weiß man so viel wie über die
Sumerer, Babylonier, Assyrer, also über die Menschen, die ihre Schrift mit dem
Griffel auf weiche Tontafeln ritzten. Gerade hier aber gibt es auch noch absolut
offene Fragen. Man weiß zum Beispiel nicht, wie ein derartiger Griffel ausgesehen
hat. Es gibt die feinlinigen Zeichen der frühen sumerischen Epoche, von der Wissenschaft nach der Schicht, in der diese Tafeln gefunden wurden, URUK-IV-Zeit
genannt. Sie sind mit einer Art angeschnittener Rohrfeder eingedrückt worden.
Für die spätere, bekannte Keilschrift gibt es verschiedene Vorstellungen, wie der
ausgesehen haben könnte man kann aber mit allen diesen rekonstruierten
Schreibwerkzeugen die gleiche Keilschrift schreiben, wenn man sie entsprechend
Griffel
hält.
Man
;
schrieb mit der rechten Hand,
und meist hatten
es die Schreiber eilig.
Unbequeme Keilzeichen wurden deshalb fortgelassen oder ersetzt, auch wurden
die Kanten immer schärfer. Um 2500 v. Chr. passierte dann etwas Seltsames die
;
Bildzeichen, auch
Piktogramme genannt
(griechisch piktein: malen), bisher nor-
mal und senkrecht auf der Tafel stehend, wurden um 90° nach links gedreht und
standen nun alle gleichsam quer. Es muß das mit dem Wunsch der Schreiber Zusammenhängen, die Tafeln während des Schreibens zu drehen, weil man offenbar
so besser vorankam. Auf den Denkmälern und Inschriften bleibt die Schrift noch
bis 1500 v. Chr. senkrecht, auf den Siegeln hat es nie eine Drehung gegeben.
27
Das Ägyptische ist auf das Land am Nil beschränkt geblieben, während die KeilSumerer von den späteren Assyrern, von den Babyloniern und Hethitern, von den Menschen in Ugarit und von den Persern übernommen worden ist.
Das Akkadische war damals, wie heute das Französische oder Englische, die Diplomatensprache des Vorderen Orients, und selbst die Pharaonen haben im 14. und
13. Jh. v. Chr. Briefe in Keilschrift geschrieben, so flexibel und praktisch war dieses
Schriftsystem. Sogar die Alphabetschriften Ugaritisch und Persisch sind damals
in Keilschrift geschrieben worden, so kompliziert das klingt.
Aber nicht die Schrift stellt den Gkicksfall für den Historiker dar, sondern das
Schreibmaterial. Man stelle sich vor, man wäre nicht über die Sumerer und Assyrer, sondern über die Chinesen der Zeit um 3000 v. Chr. so ausführlich unterrichtet, wie man es über die Völker des Vorderen Orients ist, oder man hätte über die
Germanen, Slawen, Inder, Inkas usw. so gründliche Kenntnisse wie über die
Könige Zimri-Lim oder Assurbanipal. Einzig die bronzenen Dreifußgefäße der
Chinesen mit ihren Inschriften sind ähnlich widerstandsfähig wie die Tontafeln,
aber auf solch frühen Opferbronzen findet man nur Weihetexte.
Auch das frühe Ägypten hat keine so reiche Überlieferung zu bieten wie Mesopotamien. Eine Papyrusrolle zerfällt selbst im Museum, zwischen zwei Glasplatten
präpariert, in Jahrhunderten unweigerlich zu Staub, und eine Buchseite aus Pergament wird im Laufe der Jahrtausende von der Metalltinte zerfressen, mit der sie
beschrieben ist. Tontafeln können nur zerbrechen, und es kostet Geduld, sie wieder
zusammenzufügen, auch würden sie durch Wasser zerstört werden können. Wenn
man sie aber sich selbst überläßt, überdauern sie, vor allem gebrannt, unglaubliche
Zeiträume. Daß es bei den Sumerern kein Holz und wenig Stein, kein Papyrus und
schon gar keine Seide gab, ist bekannt - und ebenso, daß dieses Schreibmaterial
im Boden steckte, man brauchte es nur aufzuheben. Weil nun die städtische Zivilisation eine Verwaltung unumgänglich machte, schrieb man alles und jedes auf;
nur im Zeitalter des Papiers hat es eine solche Schreibwut wieder gegeben.
Es gab auch bei Tontafeln Qualitätsunterschiede. Für die besseren Sorten mußte
der Ton in einen Behälter mit Wasser geschüttet, umgerührt und von Verunreinigungen gesäubert werden. Man schüttete das Wasser dann ab und erhielt einen
hochwertigen, feingeschlämmten Ton. Oft konnte man aber feinen Ton von den
Sandbänken an den großen Flußbiegungen holen. Für die unwichtigen Notizen
und alltäglichen Schreiben wurde ungeschlämmter Ton verwendet; er enthält gelegentlich Einschlüsse von Steinen, Muscheln und sogar Dattelkernen.
schrift der
Umstritten
ist
die Frage,
ob die Tontafel das ursprüngliche Schreibmaterial in
Mesopotamien war oder nicht vielleicht eine Art Ersatz für das sehr wertvolle
Holz. Es gibt ein Piktogramm, das an die Holztafeln nordafrikanischer Koranschulen erinnert, aber auch an indische Holztafeln mit Griff. Denkbar wäre, daß in früheren Epochen,
als
als die Schrift
noch aus nur wenigen, heiligen Zeichen bestand,
Schreibmaterial eben ein sehr kostbares Material, das Holz, benutzt wurde, und
daß die Profanierung der Schrift dazu zwang, ein billiges Material zu finden, das
dennoch den Anforderungen entsprach. Daß gebrannter Ton haltbarer ist als Holz,
war ein Glück für die Forschung. - Auch Papier ist ja ein Ersatzstoff für Seide gewesen, wovon noch zu reden sein wird.
28
Normalerweise wurde eine Tontafel mit der Hand geformt und dann an der Luft
getrocknet. Die ältesten Tafeln sind nicht größer als eine Streichholzschachtel,
später
bekommen
die Tafeln
mehr Format und
32X21X3 cm
erreichen bis zu
Größe. Auf der Unterseite sind sie flach, wejl sie auf einer Unterlage geformt werden mußten. Man beschrieb zuerst die flache Seite, weil auf diese Weise, wenn
die gewölbte Seite später beschrieben wurde, der Druck beim Schreiben die Schrift
nicht zerstörte.
Im umgekehrten
Falle hätte
man
zugleich mit der
Wölbung
die
Schrift eingedrückt. Es gab auch regelrechte Luxustafeln, die aus einem roten Kern
und einem weißen Überzug bestanden. Beim Schreiben wurde
die Deckschicht
durchstoßen, so daß die Schrift rot auf gelbem Grund erscheint (Ekschmitt).
Man
schrieb aber nicht nur auf solchen Tafeln, sondern auch, so bizarr das
klingt, auf Nägeln. Die riesigen
Mauern
der vorderasiatischen Städte waren aus
wußte man, daß gebrannte Ziegel
war knapp, weshalb man ja auch die Schreibta-
luftgetrockneten Ziegeln errichtet. Natürlich
haltbarer sind, aber Brennmaterial
feln
nur
in
besonderen Fällen brannte. In die Mauern nun ließen die Herrscher
Ursprungl.
Bildstellung
Früh-
Bild
der späteren
babylonisch
Ursprüngl. od.
Assyrisch
abgeleitete
Bedeutung
Keilschrift
Von
der Bildschrift zur
Keilschrift.
W
An Hand
dieser schematischen Dar-
4«!
Vogel
«
stellung wird der
$
Versuch unternommen, die
Entwicklung vom stilisierten Naturabbild
zum
Fisch
ab-
25
strakten Schriftzeichen
Esel
«ip*-
nachzuvollziehen
Ochse
0
Nf
f
1
/
Sonne
Tag
&
X
V VV
VV V
i>
p
Korn
—
Getreide
Obstgarten
»-
pflügen
urfc
ackern
Bumerang
M-
werfen
umwerfen
stehen
gehen
gebrannte Tonnägel einsetzen, die etwa die Form eines Fliegenpilzes hatten. Auf
der Fläche eines solchen Nagels oder Pilzes verewigten sie ihre Taten, wie dies auch
in den Urkunden für den Grundstein geschah. Wenn aber aus bestimmten Gründen die gesamte luftgetrocknete Mauer mit gebrannten Ziegeln verkleidet wurde,
beschrieb man jeden einzelnen Ziegel mit den ruhmredigen Inschriften. Dies geschah nicht etwa mit der Hand, sondern mit Hilfe von Stempeln, die auf die weiche
Tonmasse gedrückt wurden. An bestimmten Fehlern bei einzelnen Zeichen haben
nachweisen können, daß man diese Stempel offenbar mit ausmuß - ein erster, logischer Versuch, mit solchen Lettern zu »drucken«.
die Wissenschaftler
tauschbaren Lettern versehen haben
Archive unter Schutt
Das mündlich weitergegebene Wissen verlieh Macht und Ansehen, und wer einem
anderen etwas davon mitteilte, gab ihm ein Stück der eigenen Überlegenheit preis.
Sternenwissen und Zauberwissen, die Erinnerung an die Taten der Ahnen und die
Erkenntnis, wie die Welt erschaffen worden sei, bildeten den geistigen Hintergrund eines Stammes oder Volkes. Seine Überlieferung lebte nur in den Köpfen
weniger, besonderer Menschen, und kein einzelner Stammesangehöriger kannte
insgesamt alle diese Geheimnisse. Die Schrift veränderte diese Situation von
Grund auf. Nun war nicht mehr das von Mund zu Mund weitergegebene Wort,
das die Ahnen gesagt hatten, die Quelle der Autorität, sondern wer die Zeichen
entziffern, die Schrift lesen konnte, war im Besitz des Wissens und damit der
geistigen Macht über den Stamm. Mit der Schrift begibt sich der Mensch in die
verwaltete Welt. Auf Tontafeln und Papyri steht, was die Götter taten und die
Ahnen erlebten, wie man leben muß und was der König fordert.
Früher schickte ein König Boten und ließ seine Befehle ausrufen. Nachdem die
Schrift in Gebrauch gekommen war, konnte er diktieren, und die unglaubliche
Vervielfältigung des einmal gesprochenen Königswortes vergrößerte die königliche Macht. Wo immer ein priesterlicher Schreiber die Worte des Königs entziffern
konnte, war dieser allgegenwärtig. Nun war mächtig, wer lesen und schreiben
konnte. Gottkönigtum und Priesterschaft bedingten einander. Offenbar sind die
ersten Schriften Versuche, für die Verwaltung ein System von Zeichen zu schaffen, das erlaubte, Informationen zu abstrahieren und zu speichern; man benötigte
solche Systeme überall dort, wo eine große Anzahl von Menschen beherrscht und
ausgebeutet werden mußte. Nicht die Tributpflichtigen, sondern die Beauftragten
der Gottkönige, also die eigentlichen Herren des Landes, haben die Schrift gebraucht - wie sonst hätten sie ihren Anspruch legitimieren, ihre Herrschaft ausdehnen, die Bedürfnisse des Hofes in konkrete Forderungen umsetzen sollen mit
den Methoden eines Stammesältesten oder Medizinmannes war da nichts zu ma;
chen.
Grenze bezeichnet, die zwischen einer sogenannten Hochkultur
und der Kultur der sogenannten Primitiven verläuft. Die Ägypter, Chinesen, Kreter oder Sumerer waren gewiß nicht intelligenter als angrenzende Stämme, die
Hier etwa
ist
die
30
Babylonisches Tontafel-
buch mit
einer Priester-
Bestallungsurkunde
schrift.
des in
in Keil-
Nachbildung
Borsippa gefundenen
Originals. Deutsches
Buch- und Schriftmuseum
der Deutschen Bücherei
,
Leipzig
keine eigene Hochkultur entwickelt haben, keine umfassenden Religionssysteme,
keine Tempelbauten, keinen einheitlichen Baustil, keine Schriftkultur - sie lebten
nur unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen oder unter bestimmten äußeren Voraussetzungen, die zur Entstehung einer Hochkultur führten. Der Zusam-
menhang zwischen
trifft es
Schrift
und Hochkultur
ist
aber nicht absolut zwingend.
den übernommenen Schriftsystemen
ist
hier nicht die
Rede
tes
zum
Beispiel, also die der Inkas
und
von
HochDie Anden-
-, aber es gibt
kulturen, die durchaus ohne differenziertes Schriftsystem existierten.
kultur
Zwar
zu, daß keine primitive Kultur eine eigene Schrift entwickelt hat -
ihrer Vorläufer, hatte kein ausgebilde-
Schriftsystem.
daß das anfangs grob skizzierte historische Schema absolute
Mesopotamien wurde die Schrift in einer Epoche der kleinen
Stadtstaaten entwickelt, als die Verwaltungsprobleme noch nicht so groß gewesen
sein können; in Ägypten und Kreta erlangte die Schrift relativ schnell Geltung,
und zwar zu einer Zeit, als diese Völker jeweils politisch geeinigt wurden. Diese
Es
ist
auch nicht
so,
Gültigkeit hätte. In
Unterschiede sprechen für die Auffassung, daß die Schrift nicht
Merkmal
als
notwendiges
der höheren Kultur zu gelten hat, sondern nur eine wichtige Erfindung
ist,
die in der jeweiligen Kultur
ist
(Coulborn).
zu den verschiedensten Zwecken gebraucht worden
31
Es wäre reizvoll,
wenn man
aus allen Hochkulturen eine ähnliche
wenn
Menge
zu den großen Bibliotheken der assyrischen Herrscher in anderen Kulturen Entsprechungen gäbe, und wenn man auf
einem sozusagen durchgehenden historischen Profil einen Vergleich der kulturelgesicherter Informationen hätte,
es
Ablagerungen und Strukturen durchführen könnte. Däs ist nicht der Fall, und
Orakelknochen aus der Schang-Zeit Chinas sind den Archiven
Mesopotamiens nicht gleichwertig, auch nicht die wenigen an den Fingern zweier
Hände abzuzählenden Papyri der frühen ägyptischen Kultur. Zwar gibt es eine
Vielzahl von Texten auf Tempelwänden und Grabmälern, aber nichts, was sich mit
den mesopotamischen Archiven vergleichen ließe. Hier wie nirgends sonst ist der
Alltag der Völker eingefangen, und vom Küchenzettel bis zum Gilgamesch-Epos
findet sich nahezu alles, was man überhaupt nur aufschreiben kann. Verständlich,
daß bei einer solchen Leichtigkeit, Urkunden und Verträge in Ton auszustellen,
juristische Probleme ihren Niederschlag fanden.
Die vom Daily Telegraph ausgerüstete Expedition im Jahre 1873 hatte einigen
Erfolg, das Wunder geschah, und George Smith fand in den Schutthaufen von
Ninive noch weitere Bruchstücke der Sintflutsage, doch starb er, von den Strapazen erschöpft, auf einer dritten Reise in Aleppo; das Britische Museum griff deslen
die vielen tausend
Das babylonisch-assyrische Gilgamesch-Epos
alten Orients. Hier
ist
ist
die bedeutendste
ein Keilschriftfragment der 12 Tafeln aus
Archiv Assurb anip als (668-631
v.
Chr.) abgebildet. British
Dichtung des
dem
Museum London
,
halb noch einmal auf Monsieur Rassam zurück. Er hatte den Auftrag, die Reste
der assyrischen Bibliothek zu bergen, doch interessierte ihn diese »geistlose
Arbeit« nicht, und er versuchte, wichtige
Monumente
ans Licht zu fördern.
Immerhin fand er noch 2000 weitere Tontafeln und ein zehnseitiges Prisma aus
Ton mit dem Regierungsbericht Assurbanipäls. Insgesamt sind es inzwischen etwa
25000 Tafeln und Tafelstücke, die der’Assyriologie als Grundlage dienen. Man
setzt heute eine Zahl von 10000 Tafeln an, wovon die eine Hälfe aus dem Staatsarchiv des Königs, die andere aus seiner eigenen Bibliothek besteht. Beide Hälften,
in
verschiedenen Teilen des Palastes untergebracht, wurden von den Ausgräbern
nicht systematisiert, sondern vermischt, so daß
man
heute nicht mehr feststellen
kann, welche Tafeln zu welchem Teil gehört haben mögen.
Nach Entzifferung der
Keilschrift
und Datierung der Ereignisse hat man auch
die Geschichte der Bibliothek ziemlich gut rekonstruieren
gar ihren ersten Direktor,
wenn auch
nicht
dem Namen,
können.
Man
kennt so-
so doch der Herkunft
und Assurbanipal war dieser Angehörige einer alten
Chef
der
Staatskanzlei
er selbst hat die von seinem Vater angeGelehrtenfamilie
legte Tontafelsammlung dem König abgetreten. Als sein Vater, der assyrische
Priester Nabuzuqup-kenu noch lebte, hatte der König die Sammlung von Nimrud
nach Ninive schaffen lassen der Sohn übereignete sie dem König und dürfte aus
diesem Grunde der erste Direktor geworden sein. Durch andere Sammlungen vervollständigt, bildete sie den Grundstock der königlichen Bibliothek und umfaßte
Hymnen, Rituale, Gesetze, naturkundliche Beobachtungen, Lexika, Grammatiken, Mathematik und Ökonomie. Wenn man die Halle des Palastes betrat, sah man
Holzregale, in denen die Tontafeln aufbewahrt waren, aber auch Körbe und tönerne Sockel, die zum Schutz gegen die Feuchtigkeit mit Asphalt überzogen waren. Feuer konnte diese Tafeln nicht vernichten, aber Feuchtigkeit war ihnen gefährlich, und so galt das Augenmerk der Bibliotheksleitung vor allem dem Wasser.
Alle Werke waren katalogisiert; auf Tonschildern, die an den Regalen und Behältern befestigt waren, las man die Angaben, die man brauchte, um das Gesuchte
finden zu können.
nach. Unter Assarhaddon
;
;
(ca. 668-631 v. Chr.) ist weder die größte noch
Mesopotamiens gewesen, nur die erste Sammlung, die von
den Europäern entdeckt und ausgegraben worden ist. Da gibt es die Priesterbibliothek von Nippur, das neben Uruk-Warka und Babylon zu den ausgedehntesten
Ruinenkomplexen des Vorderen Orients gehört. Nippur war das heilige Zentrum
Die Bibliothek Assurbanipals
die älteste Bibliothek
des sumerischen Reiches, die heiligste Stadt unter
all
den geheiligten Städten,
wenn auch nicht die Hauptstadt. Aber Enlil, der Stadtgott von Nippur, war
gott für das ganze Land der Sumerer.
Im Norden
Reichs-
dieses Landes gab es das erste
große Imperium der Welt, das Großreich des Königs Sargon von Akkad (ca.
2350-2294 v. Chr.) zwischen dem Libanon und dem Iran. Akkad, die Hauptstadt
dieses Reiches, das 200 Jahre bestand, ist bis heute unentdeckt geblieben. Als
Akkad
die prächtigste Stadt des Reiches war, überfielen Gebirgsvölker die
Akkawurde ausgelöscht. Die benachbarten Sumerer konnten sich diesen
plötzlichen Untergang nur so erklären, daß sie glaubten, ihr Gott Enlil, dessen
Heiligtum in Nippur von den Akkadern geplündert worden war, habe sich gerächt.
der, das Reich
33
Man
kennt diese Version, weil ein Assyriologe eine Tontafel in Nippur gefunden
eben diesen Untergang, das Strafgericht Enlils über die Akkader, schildert.
Die Geschichte der Grabungen in Nippur, die vor allem mit dem Namen Hilprechts
hat, die
verbunden
ist, ist
ein Ruhmeskapitel der Archäologie.
Begonnen wurden
diese
gab Kampagnen mit wechselndem Glück, doch wurde schließlich der »Tafelhügel« in der Achäologie berühmt, und bis zum Beginn des Zweiten
Weltkrieges sind 30000 Tafeln geborgen worden man hatte mit diesen Texten die
Grabungen 1888,
es
;
älteste Literatur der
Welt in der Hand. Allerdings war das System der sumerischen
Grammatik
erst 1923 erforscht.
So achtlos, wie die meisten Menschen an den Denkmälern einer Großstadt Vorbeigehen, ohne je den Blick auf die Inschriften zu werfen, wanderten auch die
christlichen Pilger und die Araber an den ägyptischen Monumenten vorbei. Die
Muslims hatten Sinn für Kunst und Literatur, wenn sie gebildet waren, aber dies
war weder Kunst noch Literatur. Die Christen erkannten in den Pyramiden die
Kornhäuser des Pharaos aus der Josephslegende wieder, sie fanden die riesige
Sykomore, in deren Schatten Maria mit dem Jesuskind auf der Flucht nach Ägypten gerastet hatte, und fanden sogar Knochenreste der ägyptischen Verfolger am
Ufer des Roten Meeres, das sich vor den Kindern Israels geteilt hatte - aber die
Zeugnisse des alten Ägypten, die sie vor Augen hatten, sahen sie nicht.
Erst in der Renaissance begann man, sich auch mit den Hieroglyphen zu beschäftigen, und wie so oft, ist ein Zufall der Weichensteller für eine ganze wissenschaftliche Disziplin. Im Jahre 1628 stöbert der junge Geistliche Athanasius Kircher im Jesuitenkloster zu Speyer in der Bibliothek nach einem bestimmten Buch
und stößt auf ein illustriertes Werk, das den berühmten Obelisken in Rom zeigt.
Papst Sixtus V. hat ihn seinerzeit aufstellen lassen, und das
Werk
bezeichnete die
rätselhaften Zeichen, die auf den Stein gemeißelt waren, als die bisher nicht entzifferte Schrift der alten
sondern auch
als
Ägypter.
Nun galt Ägypten nicht nur als das Land der Bibel,
man vermutete uralte Weisheit und verschollene
das der Magie,
Erkenntnis in den Schriften der Ägypter wer ihre Schrift entzifferte, würde Texte
;
Moses stammten, und an der Schwelle der
Menschheitsgeschichte stehen. Pater Kircher, der eine umstrittene Deutung der
lesen können, die aus der Zeit des
Hieroglyphen erarbeitet hat, mag sich in vielen Punkten geirrt haben; sein Verist es, daß er in seinem 1643 zu Rom erschienenen Werk als erster das Koptische, die damals schon fast erloschene Sprache der christlichen Ägypter, mit
Bestimmtheit als altägyptische Volkssprache bezeichnet hat (Doblhofer).
dienst
Der Stein von Rosette
Über die Entzifferung alter Schriften, vergleichbar der Entzifferung eines
Geheimkodes, dessen Schlüssel man nicht kennt, ließe sich einiges Systematische
sagen. Die Begegnung mit den ägyptischen Hieroglyphen bietet indessen ein Beispiel dafür, wie sich die menschliche Neugier ganz unsystematisch, aber nicht ohne
Logik ihren Weg zum Geheimnis der Zeichen bahnt und dieses Geheimnis
schließlich lüftet.
34
In diesem Ausschnitt aus
dem Weisheitsbuch
altägyptische Verfasser seinen
BM
104Y4, Blatt
British
5.
Sohn zu
des
Amenemope ermahnt
der
einer sittlich aufrechten Lebenshaltung.
nach einem Original
um
1000
v.
Chr.
Museum, London
Niebuhr (1733-1815), den Erforscher des
in Kairo warten muß und vor Langeweile
Meeres,
der
längere
Zeit
Roten
1761/62
alle erreichbaren ägyptischen Inschriften abgezeichnet hat. Nach einer Weile ist
er mit den Hieroglyphen so vertraut, daß er sie mühelos abschreibt und vor allem
Da
gibt es den Arabisten Carsten
langsam die Struktur erkennt. Er unterscheidet zwischen Schriftsymbolen und
Deutungszeichen, erfaßt den Umfang der Schrift und ahnt, daß man mit Hilfe des
Koptischen die Schrift würde lesen können.
Der nächste Schritt wird wieder vom Zufall bestimmt, in der Archäologie nichts
Ungewöhnliches. Ein Soldat Napoleons stößt bei Schanzarbeiten an einem alten
Fort, einige Kilometer von Rosette entfernt, auf einen schwarzen Stein, der ganz
mit Schriftzeichen bedeckt
ist.
Man
bringt ihn gebildeten Offizieren, die seine
Bedeutung sofort erkennen, denn ein Teil des Textes ist in griechischer Schrift
verfaßt. Die Priester von Memphis, so entziffert man, bedanken sich im Jahre 196
v. Chr. mit einem Dekret, das die dem König Ptolemaios V. Epiphanes zustehenden
Ehrenrechte in den ägyptischen Heiligtümern vermehrt. Es war bei solchen Ehrendekreten aus der Ptolemäerzeit üblich, sie dreisprachig zu verfassen. Die Hieroglyphen waren die Schriftzeichen der alten Überlieferung; für das Volk waren
sie in der schon erwähnten demotischen Schrift aufgezeichnet, und das Griechische
Umgangssprache des hellenistischen Mittelmeerraumes. Eine Reihe von
immer Fachleute, haben dann einen Textvergleich zwischen den Hieroglyphen und dem Demotischen durchgeführt.
Da gibt es den schwedischen Philologen und Orientalisten Akerblad, der das
Demotische stellenweise ganz richtig interpretiert, sowie den Physiker Thomas
Young (1773-1829), der später die Interferenz der Lichtwellen erklärt hat und mit
mathematischer Logik aus reiner Neugier und ohne Kenntnis der orientalischen
Sprachen die Worte sinnvoll zu ordnen versuchte. Es gibt überraschenderweise
war
die
Wissenschaftlern, durchaus nicht
35
und im Jahre 1818 veröffentlicht er ein Verzeichnis der
Hieroglyphen, von dessen 204 Wörtern immerhin ein Viertel richtig gedeutet ist.
einige richtige Spuren,
Young hat die Dinge dann
nicht weiter verfolgt; seine
mangelnden philologischen
Kenntnisse haben ihn auch daran gehindert, gewisse Eigennamen richtig zu deuten. Den Totengott Anubis tauft er Cerberus, weil er den Namen des Gottes dem
Sinn der Textstelle unterordnet, und gelegentlich kann er seine eigenen Entdekkungen nicht umsetzen, seine Arbeit bleibt Stückwerk.
Die Entzifferung des Steines von Rosette ist heute vor allem mit dem Namen
Champollions verbunden. Daß der junge Champollion, ein hochbegabtes Kind, mit
dem bekannten Physiker, zusammentrifft, ist ein Glücksfall. Jean Baptiste
Fourier (1772-1837) hat über die Wärmetheorie gearbeitet; er war der wichtigste
Mann der wissenschaftlichen Kommission, die unter Napoleon Ägypten erforscht
hat, und schrieb die Einleitung für den Prachtband, den diese Kommission über
Fourier,
Ägypten herausgab. Der verdiente Mann, Besitzer einer Sammlung ägyptischer
Altertümer, wird Präfekt in Grenoble, und er zeigt dem Jungen seine Raritäten.
Dessen Weg ist damit vorgezeichnet wie der des jungen Schliemann, der von seinem Vater die Ilias hört. Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, in denen
sich Vorstellungskraft und Willensbildung zu einer unlöslichen Struktur verschmelzen; alles, was einem solchen Leben zugeworfen wird, setzt an wie bei
einem Korallenstock, nur daß dieses Wachstum nicht regellos geschieht, sondern
alles von einem einzigen Ziel bestimmt scheint. Die Entzifferung der Hieroglyphen war Champollions Lebensziel. 12 Jahre ist der Junge, als ihn diese Begeisterung packt, mit 16 Jahren publiziert er, von Fourier durchaus gefördert, sein erstes
Buch »Ägypten unter den Pharaonen«, er studiert in Paris Orientalistik, lernt
Koptisch und bekommt schließlich die Texte des Steines von Rosette in die Hand
dieser selbst ist längst nach London gebracht, doch hatte man vorher von den Seiten Abdrucke hergestellt, die seither in der gelehrten Welt zirkulieren.
Schrittweise enträtselt Champollion das Verhältnis der drei ägyptischen Bilderschriften zueinander, und am 23. Dezember 1821, seinem Geburtstag, kommt ihm
die Idee, die griechischen Worte und die hieroglyphischen Zeichen abzuzählen.
Nur wenn sich eine etwa gleiche Anzahl ergab, konnte eine einzelne Hieroglyphe
für ein Wort stehen. Sein Ergebnis: 486 griechischen Wörtern standen 1419 Hieroglyphen gegenüber, es mußte sich also um eine lautliche Schreibung handeln,
nicht um eine reine Bilderschrift. Nun war auch klar, daß man vom Demotischen
über das Hieratische zur Hieroglyphe kommen würde und daß die Namen den
Schlüssel liefern konnten. Champollion hatte sich aus dem Demotischen rückwärtsgehend den Namen Kleopatra so aufgeschrieben, wie dieser seiner Ansicht
nach in Hieroglyphen aussehen mußte. Im Januar 1822 hält er die Inschrift eines
Sockels für einen Obelisken in den Händen, in der er den
Namen KLEOPATRA
kann - genau, wie er sich ihn konstruiert hatte. Mit den beiden Namen Kleopatra und Ptolemaios hat er auf einmal zwölf verschiedene hieroglyphische Buchstaben in der Hand, er erkennt die Bedeutungszeichen, und am 22. August 1822
verliest er vor der Akademie in Paris einen Vortrag, das Ergebnis seines Lebens.
Der Erfolg war durchschlagend, aber erst einige Zeit später öffnet sich der Zugang
lesen
zur altägyptischen Kultur endgültig.
36
Ein französischer Architekt hatte Ägypten und Nubien bereist und genau nach
Vorbild angefertigte Zeichnungen von Relief- und Tempelinschriften nach
dem
Am 14. Steptember 1822 sieht Champollion diese Blätter, und voll
Paris geschickt.
Namen, vielmehr, er erkennt, da er Koptisch spricht, die
Hieroglyphen, die Ramses bedeuten, ebenso wie die Zeichen für Thutmosis. Dabei
wird ihm klar, daß gewisse Hieroglyphen eben schon seit Jahrtausenden eine lautSpannung
liest er die
Bedeutung haben, und zum erstenmal'kann er Inschriften entziffern, die
Ägyptens stammen, sondern aus der legendären Vorzeit. So groß ist die Spannung, daß er mit zitternden Händen wieder und
wieder prüft, ob er sich auch nicht geirrt hat. Gegen Mittag nimmt er alle Zeichnungen und seine Notizen, stürzt ins Institut, wo sein Bruder am Schreibtisch
sitzt, und wirft ihm den Packen hin: »Je tiens Paffaire !«, zu deutsch etwa »Ich hab's
geschafft!« Dann bricht er zusammen, bleibt fünf Tage zu Tode erschöpft in seinem Zimmer, ein ausgebrannter Mann, der den Gipfel bezwungen hat. Dann erholt er sich langsam und schreibt in drei Tagen eine Denkschrift, die noch im September der Akademie vorliegt und Sensation macht. Mit einem Schlage wird
Ägypten Mode, Champollion zum Helden der französischen Wissenschaft. Er erarbeitet noch ein System der Hieroglyphenschrift, bereist hochgeehrt den Orient,
vor allem Ägypten, das er wie eine geistige Heimat betritt, und sieht eine Fülle
von neuen Aufgaben auf sich zukommen. Aber sein Körper ist von Tuberkulose
und der Zuckerkrankheit gezeichnet, er weiß, daß die Frist zu kurz ist, um auch
nur einen Bruchteil dessen zu leisten, was er sich vorgenommen hat. Am 4. März
1832 stirbt er an einem Schlaganfall, die gelehrte Prominenz trägt ihn zu Grabe,
darunter sein greiser Lehrer de Sacy und Alexander von Humboldt.
hafte
nicht erst aus der griechischen Zeit
Schriften ohne Schlüssel
Die Entzifferung der Hieroglyphen war die spektakulärste Leistung auf diesem
Gebiet,
und
sie
zeichnet auch das Muster, nach
dem
sich die Entzifferung anderer
Man muß wissen, welche Eigennamen in einer solchen Schrift
Vorkommen können, man muß ihre Schreibrichtung verstehen, man muß anhand
Schriften abspielte.
der entzifferten
Eigennamen den Text Stück
für Stück aufbrechen.
Für die Keilschrift leistet das, aufbauend auf vielen Vorgängern, etwa
zosen de Sacy,
dem Dänen Münter, der
dem
Fran-
deutsche Gymnasiallehrer Georg Friedrich
Grotefend (1775-1853). Seine Entzifferung der Keilschriften legt er im Jahre 1802
der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften vor, damit hätte er die Voraussetzungen schaffen können, um die assyrischen Tontafel-Bibliotheken lesen zu können. In Wirklichkeit verliefen die Dinge anders und jämmerlicher; Deutschland
war nicht Frankreich, die Keilschrift nicht Ziel nationalen Ehrgeizes wie der Stein
von Rosette, Grotefends Beitrag blieb unbekannt und wurde erst 90 Jahre später
im Jahre 1893 n den Archiven wieder aufgefunden und endlich veröffentlicht.
Zudem war Grotefend wieder in seine Beamtenlaufbahn zurückgekehrt, und seine
Entzifferung, die er nicht als Orientalist, sondern als Liebhaber von Denksportaufgaben und Rätseln aller Art unternahm, hatte beachtliche Irrtümer aufzuweisen.
i
37
dem englischen
Henry Creswicke Rawlinson (1810-1895) entziffert, der sie an
Ort und Stelle, oft unter großen Mühen, von den Felsdenkmälern hatte abkopieren
lassen. Daß dies nicht ohne Gefahr bewerkstelligt werden konnte, zeigt einer seiDie persischen und babylonischen Keilschriften wurden von
Orientalisten Sir
ner Berichte über Versuche, im klassischen Orontes, einem riesigen Gebirgsstock
südlich von Ekbatana, dem heutigen Hamadän, Inschriften zu bekommen. Mit
dem Fernrohr kann er die Inschriften des Dareios entziffern, aber das genügt nicht,
und
so mietet er einen Kurdenjungen, der freiwillig gegen hohes Entgelt die Klet-
terei in der steilen
dem Jungen
es
Wand
wagt. Die Überhänge erweisen sich
nicht gelingt, sich mit
einem
Seil
als zu groß, so daß
über die gefährliche Stelle
schwingen zu lassen. »Nun blieb ihm nur übrig, zur zweiten Spalte hinüberzuklettern, indem er sich mit Fingern und Zehen an die kleinen Unebenheiten der kahlen
Wand klammerte. Und er schaffte es ein zwanzig Fuß breites Stück beinahe glatter, senkrecht abfallender Felswand legte er so zurück, während wir Zuschauer unseren Augen nicht trauen wollten. Als er die zweite Spalte erreicht hatte, war die
Hauptschwierigkeit überwunden. Das Seil, das am ersten Pflock befestigt war,
hatte er mitgebracht. Nun schlug er einen zweiten Holzpflock ein und konnte sich
jetzt quer über den vorspringenden Felsen hinüberschwingen. Hier baute er mit
Hilfe einer Leiter einen Schaukelsitz, ähnlich der Schaukel eines Malers darauf
;
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Hethitische Tontafel mit
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Chr. Gefunden
Bogazköy Türkei. Staat-
liche
sssjltS-
v.
Berlin
Berlin,
Museum,
hockte er nun und
nahm
unter meiner Anleitung den Papierabklatsch der babylo-
nischen Fassung des Berichtes des Dareios
.
.
.«
Keine gefahrlose Sache also, und im Grunde unverständlich für jeden, der die
Geschichtsbesessenheit des Europäers nicht teilt. Auch hier werden Zeichengrup-
pen geordnet,
Namen
verglichen,
schen Großkönigs bieten
und
die
ruhmredigen Ahnenreihen des
zum Glück genug Handhaben, um
persi-
Schritt für Schritt das
Dunkel zu lichten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts liegt eine der unter so
großen Mühen kopierten Inschriften vor. Der König verkündet dem, »der in
Zukunftstagen diese Inschrift sehen wird, die ich in den Fels hämmern ließ, diese
Menschenbilder hier - tilge und zerstöre nichts Sorg, solang Du Samen hast, un!
Man kann den Text allerdings
als den frühesten Auftrag
im
betreiben
Grunde
steckt dieser Auftrag ja
Denkmalsschutz
zu
aber
ansehen,
in jedem Monument.
Wie weit die Kenntnis der mesopotamischen und persischen Keilschriften schon
gediehen war, wurde 1857 in England durch einen Wettbewerb der Königlich
Asiatischen Gesellschaft in London bewiesen. In einem versiegelten Umschlag erhielten die vier bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiet, nämlich Rawlinson,
Hincks, Fox und Talbot einen Text in Keilschrift, der gerade ans Licht gebracht
worden war und auf einem Tonzylinder des Königs Tiglatpilesar I (1113-1074 v.
Chr.) stand. Unabhängig voneinander mußten sie sich der Aufgabe unterziehen,
den Text zu entziffern. Tatsächlich deckten sich die Übersetzungen in allen wesentlichen Punkten. So hatte sich in wenigen Jahrzehnten die Orientalistik zu einer
gesicherten Wissenschaft entwickelt, man verstand die Texte der assyrischen und
babylonischen Herrscher, und die Texte der Bibel bekamen den farbigen Hintergrund der altorientalischen Kulturen zwischen Euphrat und Nil, doch hatte das
Bild, das Jahrtausende umfaßte, noch große Lücken.
Eine dieser Lücken betraf das Volk der Hethiter, die »Söhne Chets«, wie sie in
der Bibel heißen man weiß jetzt, daß sie im 3. Jahrtausend das östliche Kleinasien
überrannten, man kennt die großen Schlachten dieses indogermanischen Volkes
gegen die Ägypter - nicht weil der Historiker schlachtenfreudig wäre, sondern weil
diese Ereignisse die politischen Schicksale der Völker so entscheidend beeinflussen.
Um 1200 v. Chr. ist das Hethiterreich, dessen Hauptstadt Chattusa war, das heutige Bogazköy, unter dem Ansturm der sogenannten Seevölker untergegangen.
Von Ägyptern und Persern wußte man um die Mitte des 19. Jahrhunderts schon
viel, von den Söhnen Chets kannte man nur, was in der Bibel stand.
Auch die Entzifferung des Hethitischen beginnt mit einem Stein. Im Bazar von
Hama, dem biblischen Hamath, hatte der Schweizer und Orientalist Hadschi
Scheich Ibrahim, eigentlich Johann Ludwig Burckhardt aus Basel, diesen Stein
entdeckt. Jahrzehnte später stießen Europäer erneut auf diesen inzwischen vergessenen Stein, und schließlich wollte sich der europäisch gebildete Gouverneur von
Syrien selbst ein Bild verschaffen und reiste mit dem britischen Konsul in Damaskus und einem irischen Missionar nach Hamath. Man entdeckte nicht einen, sondern vier Steine, denen die Einwohner magische Kräfte zuschrieben. Der Gouverneur ließ sie nach Konstantinopel transportieren, Gipsabgüsse gingen nach
London, und wieder begann das nun schon bekannte Spiel der Entzifferung, ein
versehrt sie zu erhalten.«
;
39
Puzzle aus den verschiedensten Funden und Texten, bei
Henry Sayce
seine Verdienste erwarb. In Arabien nannte
dem sich der Walliser
man ihn »Vater des fla-
chen Turbans« oder »Vater der Brille« oder auch den »Herrn von Schwalbenschwanz« (Doblhofer) er studierte die polynesischen Kulturen ebenso an Ort und
;
wie die Denkmäler von Chattusa. Dieser bedeutende Gelehrte hat 64 Jahre
lang dem Queens College angehört und in der ganzen Zeit die gleiche bescheidene
Wohnung bewohnt, ein geistvoller und phantasievoller Wissenschaftler, der sich
mit vergleichender Sprachwissenschaft befaßte und dabei das Geheimnis der
Stelle
Hethiter hat lüften helfen.
Es gibt noch eine ganze Reihe vonlrühgeschichtlichen Schriften, die wie das
mühsam entziffert worden sind. Dazu gehört die Schrift der kretischmykenischen Kultur, die der des klassischen Griechenland vorausging. Ihre
Geschichte ist noch nicht abgeschlossen, wenn ihr Geheimnis auch im Prinzip vor
einigen Jahrzehnten gelöst worden ist. Maßgebenden Anstoß gab Sir Arthur
Evans, ein englischer Gelehrter, der den Palast von Knossos auf Kreta ausgegraben
hat, den Sitz des Königs Minos. Man unterscheidet hier zwei Schrifttypen, die sogenannten Linearschriften A und B, deren Entzifferung so lange dauerte, weil Sir
Arthur erst 1935 die ersten 120 Texte von mindestens 2800 ausgegrabenen Täfelchen veröffentlichte. 1952 haben die Wissenschaftler Ventris und Chadwick dann
eine Publikation vorgelegt, die es ermöglichte, die Linearschrift B zu entziffern.
Damit gewann man einen tiefen Einblick in jene Epoche der vorgriechischen Kultur, bevor die Dorer, von Norden kommend, die Halbinsel erobert haben.
Noch sind aber nicht alle alten Schriften entziffert, und die stummen Zeichen
auf alten Felsblöcken und Bronzetafeln sind eine ständige Herausforderung an den
Scharfsinn der Wissenschaftler. Erstaunlicherweise gehören zu den nicht lesbaren
Hethitische
Texten die Inschriften der Etrusker. Ihr Alphabet, der Vorläufer des lateinischen
ist bekannt, aber man versteht die Texte nicht. Es gibt insgesamt rund
9000 etruskische Inschriften, freilich meist kurze Grabinschriften, auch einen
Inschriftenstein, zwei Verwünschungstafeln und eine Bronzeleber, nach deren
Hinweisen die Priester aus der Leber die Zukunft deuteten. Außerdem gibt es eine
auf Leinwand geschriebene Buchrolle, eine Rarität, die zu Streifen geschnitten als
Mumienbinde für eine tote Ägypterin verwandt worden war.
Trotzdem sind die Forscher bisher an dieser Schrift gescheitert, denn es gibt keider zum Schlüssel
nen einzigen zweisprachigen Text - man nennt das Bilingue
werden könnte, man kennt keinen Eigennamen, keinen Titel, keinen einzigen
Götternamen diese Schrift ist stumm, und wer sie zu deuten versucht, bewegt
sich in einem Labyrinth, weil sie keinen Bezugspunkt nach außen bietet. Auch die
Inschriften der frühindischen Kultur von Mohenjo-Daro und Harappa und die
Inschriften auf den »sprechenden Hölzern« der Osterinseln sind unentziffert, wie
es ja im Grunde nur Zufällen zu verdanken ist, daß man heute sumerische Texte
und chinesische Orakelknochen lesen kann. Auch die Bilderschrift der Mayas gehört zu den großen Geheimnissen der Schriftkunde. Eine Gruppe von russischen
Wissenschaftlern hat neuerdings in Nowosibirsk die Schrift der Mayas elektronisch zu entziffern versucht, indem sie die Worthäufigkeiten bestimmter Quellen
mit der Häufigkeit der vorkommenden Hieroglyphen verglich. Das Ergebnis war
Alphabetes,
;
40
negativ, weil dieser Vergleich theoretisch
unbegründet war; die Worte der soge-
nannten Chilam Balam, der »Bücher der Jaguarpriester«, sind zeitlich von der Entstehung der Hieroglyphen um über 1000 Jahre getrennt, denn die Priesteraufzeichnungen stammen aus der Verfallszeit, die Schriftzeichen aus den Ursprüngen
der Maya-Kultur (Cordan).
Vom A zum O
Die aus einzelnen Buchstaben gebildete Schrift hat außer in China, Korea und
Man kann sagen, daß in den letzten
500 Jahren die Schriften der Europäer den letzten Winkel der Erde erreicht haben
und zum beherrschenden Kulturfaktor geworden sind. In diesem Entwicklungsprozeß stecken so unterschiedliche Alphabete wie die ostsyrische und nestorianische Schrift, aus der die kyrillischen Buchstaben des heutigen Rußland hervorgegangen sind, die lateinische Schrift mit allen ihren Variationen, die indischen
Alphabete, die man erstmals als geschlossenes System auf den Edikten des Königs
Aschoka studieren kann, und die heute nur noch museale äthiopische Schrift.
Wie es nun eigentlich zur »Erfindung des Alphabets« gekommen ist, darüber
gibt es naturgemäß die unterschiedlichsten Auffassungen, weil sich der Vorgang
bisher nur rekonstruieren, nicht beweisen läßt. Eine weitverbreitete Annahme
besagt, das Alphabet aus Vokalen und Konsonanten, aus der semitisch-phönikischen Schrift hervorgegangen, sei das Werk eines einzigen genialen Mannes.
Dabei hätten ägyptische Einflüsse eine Rolle gespielt - auch die ägyptische Schrift
war linksläufig, auch hier wurde der erste Konsonant eines bestimmten Wortes
herausgehoben, ohne daß dies hier im einzelnen vertieft werden soll, und man ist
sich nur uneinig, ob der Erfinder die ägyptischen Anregungen bewußt herangezogen oder ob er sie mißverstanden verarbeitet hat. Der Erfinder, so sagt man, habe
mit großer. Wahrscheinlichkeit auch noch unter anderen Einflüssen gestanden,
zum Beispiel dem der kretischen Linearschriften. So kommt man zu dem Schluß,
es habe sich um einen Fachmann gehandelt, der sich mit den verschiedenen
Schriftsystemen eingehend beschäftigt zu haben scheint (Földes-Papp).
Andere Forscher widersprechen dieser Meinung. Sie halten die Vorstellung von
einem solchen imaginären Erfinder für fragwürdig und verweisen auf bestimmte
Tendenzen der Entwicklung einer Schrift. Das Alphabet, also die Schrift aus Buchstaben, mit der man die Lautwerte bezeichnet, ist gewiß nicht ein Ergebnis einsamen Grübelns - so, als hätte irgendein hochbegabter Mann im Vorderen Orient
den Entschluß gefaßt, eine Buchstabenschrift zu erfinden, wie man eine neue
Luftpumpe oder eine Wagenlenkung erfindet. Wahrscheinlich sei in der Entwicklung von Schriften eine gewisse Gesetzmäßigkeit festzustellen, die den Besonderheiten des menschlichen Denkens entspreche. Bilderschriften, Silbenschriften
könnten sich schließlich zu Buchstabenschriften entwickeln, denn in diese Richtung ziele eine gewisse Tendenz zur Differenzierung, aber nicht umgekehrt. Es
gibt kein Beispiel dafür, daß sich aus einer voll ausgebildeten Buchstabenschrift
Japan die Bilderschrift vollkommen verdrängt.
eine Silbenschrift oder gar eine Bilderschrift, vergleichbar der chinesischen Schrift,
41
Sinaitisch
Kanaanit.-
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Frühes
Griechisch
Abnutzung der Sprache zu
tun, mit
dem Ver-
Jahrhunderte benutzt wird.
Einig sind sich die Wissenschaftler darin, daß die Mutter aller europäischen
Alphabete, nämlich das griechische Alphabet, auf die semitische Schrift zurückzu-
führen ist, und hier wiederum auf die phönikische Variante. Hier nämlich ist ein
ganz bestimmter Schritt getan, der an die Entwicklung des Alphabets unmittelbar
heranführt: Es wurde der Anfangslaut eines Wortes in bestimmten Fällen absolut
gesetzt, und das Bildzeichen, das eigentlich dem ganzen Wort galt, stand nun für
den einen Laut. Dieses Prinzip, den Anfangslaut eines Wortzeichens mit dem früheren Wortzeichen zu schreiben und so das frühere Wortzeichen zum Lautzeichen
zu machen, nennt man mit dem griechischen Wort »Akrophonie«. Man weiß, daß
z.B. das Hebräische nach diesem Prinzip geschrieben wird, wobei die Schwäche
dieser altsemitischen Schriften darin besteht, daß sie keine Vokale kennen. In den
semitischen Sprachen spielt dieser Umstand keine so große Rolle, denn sie sind
vokalarm. Die Vokalisierung der Schrift
ist
42
fraglos griechischen Ursprungs, aber
über die Art und Weise, wie
Meinung
sie
vor sich gegangen
ist,
kann man unterschiedlicher
sein.
zunächst, daß überhaupt die Reihenfolge und die Anfangsbuchstaben des Alphabets auf das Semitische verWeisen. Alpha, Beta, Gamma, Delta
heißen die ersten Buchstaben des griechischen Alphabets, und aleph, beth, gim-
Auffallend
ist
mel, daleth heißen sie im Semitischen. Diese Reihenfolge bezeichnet Ochse, Haus,
und Tür. Bei genauerer Untersuchung stellt sich heraus, daß nicht das
Kamel
(?)
Aramäische, die vermutliche Sprache Jesu, der Ursprung des griechischen Alphabets sein kann, sondern das Phönikische, das z. B. das Wort für Ochse enthält. Die
griechischen Buchstaben jota, pi und rho entsprechen den phönikischen oder auch
hebräischen Worten »jodh« für Hand, »pe« für Mund und »ros« für Kopf. Die
griechischen a-Endungen für die Buchstaben, die im Phönikischen nicht vorhan-
den sind, dürften
keine harten
dem griechischen volkaireichen Sprachgefühl zu danken sein,
das
Endungen kennt.
den ältesten griechischen Inschriften wechselt die Richtung der Schrift teils
von links nach rechts, teils umgekehrt oder nach Art des Bustrophedon damit ist
gemeint, daß am Ende jeder Zeile, wie der Pflüger den Pflug wendet, um zurückzuackern, die Zeilenrichtung gewendet wird. Die klassische Richtung von links nach
rechts, in der auch dieses Buch gedruckt ist, hat sich nur langsam durchgesetzt.
In
;
Wann
die
Griechen das phönikische Alphabet entlehnt und für sich praktikabel
ist schwer zu sagen. Die einschlägigen Datierungen differieren um
gemacht haben,
etwa ein halbes Jahrtausend (Gelb), zwischen 1400 und 700 v. Chr. Man muß sich
Fragen immer wieder klarmachen, daß Bruchstücke von Vasen, Ton-
bei diesen
man vor Jahrtausenden Buchstaben geritzt hat, die
dem Forscher weiterhelfen. Daß es also über solche
oder Marmorscherben, auf die
einzigen Zeugnisse sind, die
Probleme unterschiedliche Meinungen gibt, liegt in der Natur der Sache hier läßt
sich selten etwas zwingend beweisen wie in den Naturwissenschaften, die mit exakten Daten arbeiten können. Nach Würdigung aller Umstände wird man sich der
Meinung anschließen können, die 900 v. Chr. als Datum für die Übernahme setzt.
Die frühesten griechischen Inschriften liegen um etwa ein Jahrhundert auseinander, sie sind an verschiedenen Orten gefunden worden, und es spricht viel dafür,
daß die Griechen in jenem Zeitraum die Schrift als ein praktisches Notationssystem von den Phönikern übernommen haben.
;
Das mag
sich
etwa so abgespielt haben wie die schrittweise Übernahme der
disch-arabischen Ziffern durch das Abendland.
man
das Neue, verbindet es mit
Wo
es praktisch ist,
Gewohntem, geht wohl auch
in-
übernimmt
einige Schritte zu-
Dinge durch, und das differenziertere,
bessere System gewinnt den Wettbewerb. In diesem Falle heißt das: Im Semitischen war eine bestimmte Schrift gegeben, in der die Vokale nicht bezeichnet wurden; nur gelegentlich wurden die im Hebräischen »Mütter des Lesens« genannten
Zeichen herangezogen, die in diesem Falle dann den Vokal vorschrieben, weil der
Text sonst mißverständlich gewesen wäre. Mit diesen Zusatzzeichen ist man nahe
an einem regelrechten Alphabet, wo schließlich jeder Lautwert der Sprache seinen
Buchstaben hat. Die Phönikier taten diesen Schritt nicht, denn sie brauchten ihn
nicht zu tun, die Griechen aber benutzten vermutlich jene Zusatzzeichen als
rück, aber schließlich setzt sich die Logik der
43
Vokalzeichen für die Laute ihrer eigenen Sprache. So wurde das semitische
Aleph-Zeichen, das einen sanften Hauch ausdrückt - ähnlich dem Laut zwischen
und a in dem Wort »Verachtung«
in den Vokal »a« von Alpha verwandelt.
Der Schritt zum allgemein verwendbaren Gebrauch des Alphabetes bedeutet
also, daß man die übernommenen Zeichen vollkommen und allgemein vokalisierte
- wobei es nur eine einzige Form dieser Vokalisierung geben durfte, damit die
Schrift richtig gelesen wurde. Außerdem wurden die Silben des übernommenen
r
Alphabetes zu Buchstaben verkürzt. So entstand das erste systematische Alphabet,
aber damit war die Entwicklung durchaus nicht abgeschlossen. Schon die formalen
Strukturen sind ja nicht selbstverständlich. Im Griechischen, Lateinischen usw.
wird wie in jeder europäischen Schrift der Vokal an den Konsonanten angehängt.
Im Aramäischen, Hebräischen und Arabischen, dessen Schrift sich aus der aramäischen Schrift entwickelt hat, werden die Vokale unter oder über die Konsonantenfolge als
Markierungen angebracht, durch entsprechende Punkte, Apostrophe oder
und äthiopischen Schrift gibt es angehängte Zusatzzei-
Beistriche. In der indischen
chen für die Vokale, also keine eigenen Buchstaben, oder auch innere Umformungen, die den Vokal bestimmen.
Man
könnte annehmen, daß mit der heute üblichen Buchstabenschrift,
in der
ist. Davon kann keine
Rede sein. Ein erheblicher Mangel der Buchstabenschrift besteht darin, daß einige
Buchstaben längst wieder verschiedene Laute bezeichnen, nicht nur im Englischen
und Amerikanischen, sondern auch im Deutschen. Auch kostet es Zeit, eine Schrift
leserlich auszuschreiben daraus sind schon im römischen Altertum die ersten
Kürzel entstanden. Es gibt zwar auch griechische Kürzel, aber sie sind unsystematisch angewandt und vielfach auch noch nicht entziffert worden. In Rom hat der
Literat Ennius um 200 v. Chr. eine Kurzschrift erfunden, die später von einem
freigelassenen Sklaven des Cicero, einem gewissen Tiro, in ein System gebracht
worden und weit bis in Mittelalter hinein unter dem Namen »Tironische Noten«
wir schreiben, ein Endpunkt der Schriftentwicklung erreicht
;
benutzt worden
ist.
Das Alphabet hat
ja,
meist über die europäischen Kolonialherren, auch Völker
erreicht, die selbst keine Schrift,
sondern nur einige magische Zeichen entwickelt
haben. Hier läßt sich besonders gut erkennen, wie gewaltig der Vorsprung der
Europäer von den schriftlosen Völkern empfunden wird. Deshalb hat z.B. ein Irokese namens Sequoyah (indianisch: Sikwayi) für seinen Stamm eine Schrift erfinden wollen. Er verstand den Sinn der englischen Schrift und der Bücher, ohne
sie selbst lesen
zu können. Zunächst entwarf er eine Bilderschrift, die aber von
sei-
nem Stamm als zu kompliziert abgelehnt wurde, dann eine Silbenschrift, die auf
dem englischen Alphabet aufbaute. Die Bedeutung der Buchstaben konnte er zwar
übernehmen, weil er nicht lesen konnte, aber die Einfachheit ihrer Form.
Tatsächlich gelang ihm 1824 sein Versuch: Aus rund 200 Silbenzeichen machte
er 85 Zeichen, und schließlich wurden in dieser Cherokee-Schrift sogar Bücher und
nicht
Zeitungen publiziert.
dem
mündliche Überlieferung herrscht, das
seit Generationen überlieferten
Gesänge und Zauberformeln, Märchen und Anekdoten stehen der geschriebenen
Gewiß
ist in
einem Stamm,
in
die
Gedächtnis des Menschen frischer, und auch die
44
Dichtung an Ausdruckskraft und Intensität nicht nach. Noch in unseren Tagen hat
die Baronin von Kamphövener solche Märchen, die in den uralten Sippen der
Märchenerzähler überliefert wurden, erzählt und dann auch aufgeschrieben. Der
Wert der Schrift liegt letzten Endes nicht auf diesem Gebiet, sondern im Bereich
des menschlichen Wissens. Erst auf ein^r breiten schriftlichen Basis konnte sich
das Gebäude des abendländischen Denkens von Platon bis zu Marx, von Aristoteles
bis zu Kierkegaard, von Archimedes bis zu Einstein entwickeln, und es wäre denkbar, daß die Form der Schreibweise auf das Denken zurückgewirkt hat; wer keine
Buchstaben aneinanderreiht, sondern Charaktere pinselt, denkt nicht im Detail,
ja
sondern
vom Ganzen
Welche
aus.
Macht von der Schrift ausgeht, dem Gefäß der Sprache, dafür
Beispiele. Eines dieser Beispiele bietet das Judentum. Im Mittel-
kulturelle
gibt es zahllose
meergebiet sprechen die Juden einen spanischen Dialekt, in Osteuropa das Altdeutsche des 14. Jahrhunderts, das im Laufe der Zeit verändert worden ist. Beide
Sprachen aber werden noch heute hebräisch geschrieben, also mit jenen Zeichen,
die
wie die indischen, persischen und arabischen Schriften aus
dem Aramäischen
entwickelt worden sind.
Bambus,
Schilf
und Häute
Viele Jahrhunderte vor der Zeitwende benutzte
man in China, wenn man
schaft übermitteln wollte, Bambustäfelchen, die untereinander an
sammengeknüpft waren. Daraus
erklärt sich die senkrechte
eine Bot-
Schnüren zu-
Anordnung der chineworden ist. Auch
sischen Schriftzeichen, die bis ins 19. Jahrhundert beibehalten
Papyri sind bekanntlich aus Pflanzenstoff hergestellt, wie der
Name
Papier
ja
noch
Außer im Botanischen Garten zu Kairo ist der Papyrus in Ägypten heute
mehr zu finden. Nur im Sudan kommt er noch vor; Thor Heyerdahl suchte
verrät.
nicht
für sein ägyptisches Boot Papyrus an den Ufern des Tschad
im Schilfmeer des Tana-Sees
Aus Papyrus fertigte man
Kokospalme gefertigt worden
und beschaffte ihn
sich
in Äthiopien.
alles an,
ist.
was anderswo aus Bambus oder aus der
Bauwerke hatten Säulen aus
Selbst die ältesten
Papyrusbündeln die späteren Bauten aus Stein zeigen, wie die längst zerfallenen
die steinernen Pfeiler sind naturgetreu den
Pflanzenpfeilern nachgebildet. Papyrus war also ein Allerweltsstoff, weshalb er
auch ausgerottet ist- Umweltvernichtung schon vor vielen tausend Jahren, sobald
der Mensch sich zu zivilisieren begann. Das Schreibmaterial wurde aus dem Mark
der Stämme gewonnen, man schälte die Stämme und schnitt das Mark in dünne
Streifen von etwa 40 cm Länge, dann legte man sie auf einer glatten Holzplatte
dicht nebeneinander. Auf diese Lage kam eine zweite Schicht, nun in Querrichtung, dann wurde das Ganze fest gepreßt. Ob zwischen den Schichten ein Kleber
aufgebracht worden ist, etwa Stärke oder Eiweiß, bleibt eine umstrittene Frage
(Ekschmitt). Die Stengel mußten frisch sein, das Blatt wurde so fest, daß man es
mit Bimsstein oder Elfenbein glätten konnte. Um ihm einen seidigen Glanz zu geben, präparierte man es hinterher gelegentlich noch mit Stärke. Wenn man hört,
;
Bauwerke ausgesehen haben, denn
45
wie diese Papyri hergestellt wurden, meint man, es müsse sich um ein steifes,
ziemlich dickes Schreibmaterial handeln. In Wirklichkeit sind diese Blätter nicht
dicker als unser Papier,
kaum mehr als ein Zehntel Millimeter. Es gibt sogar
man dennoch die Richtung der Markstreifen
durchscheinende Papyri, bei denen
nicht
mehr erkennen kann.
Für Briefe, Rechnungen usw. benutzte
man
die Einzelblätter, für größere Texte
bekannten Rollen, die aus zusammengeklebten Stücken bestanden. Die Blätter
überlappten wenige Millimeter und waren mit Stärke so sorgfältig geklebt, daß
man die Kanten nicht ohne weiteres findet. Zwanzig Blätter etwa war eine Rolle
stark, aber es gibt auch riesige Rollen wie den für die Ägyptologie so wichtigen
Papyrus Harris, der 42,5 cm breit und über 40 m lang ist. Selbst im frühen Ägypten
war dieses Schreibmaterial aber nicht so billig, daß man es verschwendet hätte.
Kleine Notizen machte man auf Ton- oder Kalkscherben, und die Rolle selbst beschrieb man auch rückseitig, obwohl das als unfein galt.
Die Griechen haben mit dem Alphabet der Phönizier auch den Papyrus übernommen, den sie Byblos nannten, so wie man heute einen Schraubenschlüssel
einen Engländer oder ein paar heiße Würstchen Frankfurter nennt. Byblos war der
griechische Name für die phönikische Stadt Gubla sie hatte offenbar bestimmte
Handelsmonopole, ihr Reichtum beruhte auf ihren Beziehungen zu Ägypten, und
durch sie wurde den Griechen »der Byblos« bekannt, daher auch das Wort »Bibel«,
»Bibliothek« und ähnliche Wortbildungen. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. öffneten die Ägypter ihr Land den Griechen, nachdem sie die assyrische Fremdherrschaft abgeschüttelt hatten. Im ganzen Land durften die Griechen
Handel treiben und im Nildelta sogar Kolonien anlegen; jetzt kamen bisher nie
gekannte Mengen von Papyrus nach Griechenland, und die Voraussetzungen für
die Entstehung von Literatur waren rein äußerlich gegeben. Diese sprunghafte
Veränderung der materiellen Gegebenheiten, das große Angebot an Schreibmaterial hatte ebenso tiefgreifende Konsequenzen wie Jahrtausende später die Möglichkeit, Texte durch Druck zu vervielfältigen. Nicht die Bedürfnisse erzwangen
die
;
den technischen Fortschritt, sondern der technische Fortschritt entfaltete die
Bedürfnisse.
Papyrusrollen sind bekanntlich in Griechenland und im römischen Imperium
Buchform gewesen und erst im 4. Jahrhundert n. Chr. durch den
»Kodex« abgelöst worden. Diese Rollen waren, dem Tonband vergleichbar,
»Sprachbänder«, die man nach links abdrehte und mit der rechten Hand hielt. Das
erste Blatt war leer, eine Art Vorsatzblatt, dann folgte der Text, am Ende die Titulatur. Der Text selbst ist in etwa 5 cm breiten senkrechten Kolumnen geschrieben
wie diese Buchseite. Eine Zeichensetzung gab es nicht, auch keine Trennung von
Wörtern und Sätzen - der Text war tatsächlich ohne jede Unterbrechung fortdie übliche
laufend geschrieben.
Niemand konnte
also,
wenn
er eine Rolle gelesen hatte,
ein Zitat mit Seitenzahl oder Satzanfang belegen. Für die antike Wissenschaft be-
dem Gedächtnis zitiert und ungenau sein dürften.
Das Angebot von Papyrus in Griechenland bedeutete nun nicht, daß der gebildete Bürger von Athen in einer Buchhandlung die Werke von Platon oder die
Stücke des Aristophanes hätte kaufen können. Zwar konnten die Autoren nun
deutete dies, daß alle Zitate aus
46
Sitzender Schreiber. Auf seinen Knien liegt eine Papyrusrolle bereit, auf
er das von seinem Herrn Diktierte niederschreibt. Die wenigsten Leute
die
im alten Ägypten konnten schreiben und lesen, daher nahmen diese Schreiber
eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein. Bemalte Steinfigur,
Altes Reich. Louvre, Paris
Werke
schreiben, die Überlieferung aber erfolgte mündlich durch Rhapsoden,
durch die Schauspieler oder durch den Dichter selbst; die wissenschaftlichen
Werke waren von unschätzbarem Wert,
ähnlich einer handschriftlich vervielfäl-
Papyrus noch lange in Gebrauch geweund erst als die Araber Ägypten eroberten und die Zufuhr sperrten, ging man
zu einem anderen Material über; immerhin hat die Kanzlei der Merowinger noch
tigten Widerstandsliteratur. In
Europa
ist
sen,
47
bis
675
am Gebrauch
des Papyrus festgehalten; ihre
Urkunden gehören zu den
kostbarsten Schätzen des Nationalarchivs in Paris. Die Tontafeln der Sumerer und
Babylonier waren kein Exportartikel, aber der leicht transportable Papyrus mit
seiner weiten Ausbreitung begünstigte ei-ne Schreibkultur, wie man sie vorher
nicht gekannt hatte.
Als in Europa der Papyrus knapp wurde,
Araber Nordafrika erobert hatPergament zurück. Dieses
Material hatte ein uralte Geschichte, denn es ist ja dem Leder nahe verwandt. Leder
wird bekanntlich nur gegerbt, während Pergament zunächst genauso wie Leder
behandelt, dann aber in ein Kalkbad gegeben, nochmals geschabt und mit Kreide
und Bimsstein eingerieben wurde. Die Haut wurde auf Rahmen getrocknet. Es gibt
Pergament von allen Haustieren vom Esel bis zum Schwein, von Jungtieren und
ten
und
die
Ausfuhr sperrten,
griff
man
w.eil die
hier auf das
von ungeborenen Tieren;
dieses durchsichtige Pergament heißt Jungfernpergament. Von den beiden ältesten Bibelhandschriften wird behauptet, sie seien auf
Antilopenpergament geschrieben, doch ist das unbewiesen. Schon die Entstehung
des Pergaments ist, wenn man Herodot glauben darf, mit einer Ausfuhrsperre von
Papyrus verknüpft. König Ptolemaios V. von Ägypten (208-180 v. Chr.) soll auf
wachsende Papyrussammlung des Königs Eumenes II. von Pergamon
so neidisch gewesen sein, daß er die Ausfuhr des Rohstoffes nach Kleinasien ver-
die schnell
soll. Der König von Pergamon ließ sich als echter Bibliomane nicht
und veranlaßte der Legende nach die Entwicklung eines Ersatzstoffes, eben
boten haben
beirren
jenes Pergaments, das seinerseits
zum
Schreibmaterial sind natürlich viel
älter.
Ausfuhrartikel wurde. Lederrollen
So
ist
als
einer der ältesten mathematischen
um
2500 v. Chr. auf Leder geschrieben worden, und der Talmud
verfügte, das mosaische Gesetz dürfe nur auf Lederrollen überliefert werden. Pergament ist also nur eine Art verbesserten Leders, das offenbar in der Bibliothek
von Pergamon einen besonders breiten Raum einnahm. Seine größte Bedeutung
hat das Pergament im christlichen Europa erhalten, als die Schriftrolle durch den
Kodex, den Vorläufer des heutigen Buches, abgelöst wurde. Diese Codices bestehen aus Pergament, bis das Papier seinerseits das Pergament ablöste.
Texte Ägyptens
Ehrwürdige Bücher
Es gab in der Antike Wachstäfelchen in Holzrahmen, die in
Form
eines Buches
zusammengebunden waren und wie Notizbücher benutzt wurden. Man
hat gelegentlich das Wachs durch Pergament ersetzt, denn auch auf Pergament
konnte man schnell und leicht schreiben. Mit der Papyrusrolle ließ sich aber ein
regelrecht
solches kleines
»Buch« nicht vergleichen.
Um die bewährte Rollenform durch den
Die Bilderschrift der Maya gehört zu den bis heute noch unentzifferten Schriften.
Götterbilder, Schrift- und Zahlenzeichen berichten von Weissagungen
und astronomischem Wissen. Blatt 6 des Codex Dresdensis. Faksimileausgabe der
Bayer. Staatsbibliothek,
München
Kodex zu ersetzen, muß man gewichtige Gründe gehabt haben. Die Wissenschaft
Gründe herausgearbeitet sie sind praktischer Natur, aber mit den
Gegebenheiten der christlichen Weltanschauung eng verknüpft. Mit einiger Vorsicht läßt sich folgendes sagen: Auf einer Rolle kann man, selbst wenn man die
hat einige dieser
;
Kolumnen numeriert, nur mühsam
auf-
und zurückrollen
muß und
Schriftstellen heranziehen, weil
man
ständig
keine rechte Übersicht hat. Anders beim Kodex.
Hier sind die Seiten eindeutig zu bezeichnen.
Man
sieht auf einen Blick, ob die
und man kann infolgedessen bei gelehrten
Disputen über die Bibel jederzeit nachschlagen, was man sucht und meint.
Es gibt noch einen weiteren Vorzug. Wenn man alle Evangelien und die Apostelgeschichte auf Rollen hätte schreiben wollen, wären dies nach damaligem Stand
fünf normale Rollen geworden. Der gleiche Text, in einen Kodex gebracht, ergab
zwar ein dickes Buch, verteilte sich aber nicht auf mehrere Bände. Man hat aus
dem 2. Jahrhundert in Kairo Bibelhandschriften gefunden, die in Kodexform aufgezeichnet sind, übrigens noch auf Papyrus und noch nicht auf Pergament. Es handelt sich um apokryphe Jesusworte, deren Fund 1930 sensationell wirkte. Die meiSeite die gesuchte Textstelle enthält,
sten der 190 Papyrusblätter konnte der amerikanische, in
Sammler Chester Beatty
immensen Preis
Christen dem Kodex
für einen
beweisen, daß schon die ersten
England lebende
in seinen Besitz bringen. Sie
eindeutig den Vorzug gaben.
daß Pergament praktisch unverwüstlich ist
und nur durch die metallhaltigen Tinten selbst, mit denen die Schriften gemalt
Ein weiterer, unschätzbarer Vorteil
sind, zerstört
werden kann.
ist,
Wenn man
einem Papyrus eine Lebensdauer von
durchschnittlich 70 Jahren zuschrieb, falls er nicht durch besondere Umstände
konserviert wurde, so war ein Kodex aus Pergament nahezu unzerstörbar.
Sobald man dies erkannt hatte, versuchte man, die Texte aus den Papyri auf Pergament umzuschreiben. So bemühten sich zwei Geistliche in Caesarea im 4. Jahrhundert, die Werke des Origines und anderer Kirchenväter auf Pergament zu
übertragen, denn die Rollen, die Pamphilus der Märtyrer der christlichen
Gemeinde hinterlassen hatte, waren brüchig und hätten kein Menschenalter mehr
erhalten werden können. Bald erkannte man, welche wunderbaren Möglichkeiten
das glatte, edle Pergament bot, und wandte in heiliger Verehrung alle Künste der
Antike auf die heiligen Schriften an. Die Königsfarbe Purpur war für die Seiten
gerade gut genug,
man
zog die Kapitalen, die Großbuchstaben,
aus,
und manche
ten,
nur die Evangelisten
in Silber oder
Gold
dieser Handschriften wirkte so prächtig, daß die Christen glaubselbst hätten so herrliche Schriften
hervorbringen kön-
nen. So gibt es eine Evangelienhandschrift von Cividale, von der sich im 13. oder
14.
Jahrhundert die Legende bildete, der Evangelist Markus selbst habe sie angeBerühmt ist auch der Codex argenteus, der Silberne Kodex zu Upsala mit
fertigt.
Bruchstücken der Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas aus dem 4. Jahrhundert.
Hier sind die Buchstaben in Gold und Silber auf purpurfarbenes Pergament geschrieben. Formal hat das junge Christentum diese Ausschmückung aus dem antiken Kulturkreis übernommen. Weil aber für die Heilige Schrift nichts gut genug
war, trieb man in der Ausstattung einen immer größeren Luxus, welcher zu der
Einfachheit der Christusworte in krassem Widerspruch stand. Schon die Kirchenväter Hieronymus und Chrysostomus haben die zunehmende Pracht der heiligen
5
°
Bücher, zu denen auch gottesdienstliche Bücher gehörten, beklagt. Andererseits
ist gerade diesem Prunk zu verdanken, daß sie zusammen mit kostbarem Altargerät die
Jahrhunderte überstanden haben, oft wie Reliquien verehrt und geschützt.
Die neue Form des Buches, der Kodex, hat noch eine andere Auswirkung gehabt,
denn wie das Innere, so wurde das Äußere kostbar gestaltet, und der Bucheinband
wurde zum Gegenstand künstlerischer Bemühungen. Besetzt mit Edelsteinen, mit
Gold und Silber geschmückt, sind diese frühen Einbände wahre Wunderwerke.
Man stellte in Elfenbein Christus und die Evangelisten dar, Maria oder Szenen aus
der Bibel. Den ältesten erhaltenen Prachteinband bewahrt der Dom zu Monza. Die
beiden Deckel sind mit Goldblech überzogen, ein mit Perlen und Edelsteinen besetztes Kreuz teilt sie jeweils in vier Felder. In jedem dieser vier Felder ist eine antike Gemme eingelassen. Eine Inschrift teilt mit, daß dieser Band von der Langobardenkönigin Theodelinde (gest. 625) der von ihr gegründeten Johannes-Basilika
gewidmet ist. Leider ist das zu diesem kostbaren Behälter gehörende Evangeliar
verlorengegangen (Schottenloher)
Der Sieg der Pergamenthandschrift über
die Payrusrolle hat
sammlung ein neues Gesicht gegeben. Während
auch der Bücher-
des ganzen Mittelalters liegen die
Bücher, festgebunden mit eisernen Ketten, auf Pulten oder stehen in Schränken
und Büchergestellen. Im Prinzip ändert sich an dieser Aufbewahrung nichts mehr,
nur die Räume werden immer prachtvoller ausgestaltet, die Sammlungen nehmen
einen immer größeren Umfang an, bis das Papier, verbunden mit dem Buchdruck,
alle Dimensionen sprengt. Tatsächlich ist auch Papier zunächst »Ersatz« gewesen,
und zwar Ersatz für die Seide, die in China nicht nur für Bekleidungszwecke benutzt, sondern auch als Schreibstoff gebraucht wurde. Es heißt in der offiziellen
Geschichtsschreibung, der Direktor der kaiserlichen Waffenmanufaktur Tsai Lun
um
sei
altes
100 v. Chr. auf den Gedanken gekommen, Baumrinde, Hanf, Lumpen und
Netzwerk zu einem feinen, filzähnlichen Werkstoff zu verarbeiten. Um 1000
man offenbar Bambus als Grundmaterial verwandt, um 1300 Reisstroh.
dem Norden Thailands stammt, wo
sie heute noch betrieben wird. Hier stellt man eine Fasermasse aus Maulbeerbaumrinde her, die man auf einem Sieb aus dem Wasser hebt und trocknen läßt.
n.
Chr. hat
Man weiß
heute, daß die Papiermacherei aus
Dieses auch in Nordburma, Nepal
v.
und Tibet geübte Verfahren
ist
vermutlich älter
der älteste chinesische Papierfund aus der Zeit des Kaisers Wu-ti (141-86
als
Chr.).
Nach Ansicht der Völkerkundler
ist
die Papierherstellung gleichsam eine Vari-
ante, eine Fortsetzung der Tapa-Herstellung.
hat
ja in
Wie im Norden
die Birkenrinde, so
Indonesien, Ozeanien und sogar Südamerika die Rinde anderer
die Rolle des Fells als Kleidungsmaterial
übernommen, und
Bäume
tatsächlich wird
Tapa
aus der Rinde des Papiermaulbeerbaums hergestellt; auch zwischen den Rindenstoffen
und
Filz
bestehen gewisse Zusammenhänge, die freilich historisch wohl
mehr zu klären sind. Nicht die »Erfindung« des Papiers, sondern seine intelNutzung ist also das, was man als chinesische Leistung bezeichnen könnte.
Tatsächlich betrieb man in China die Papiermacherei in großem Stil. Schon im 2.
nicht
ligente
Jahrhundert
n.
im Jahre 363
n.
Chr. gab
es, freilich
nur bei Würdenträgern, Papiertaschentücher,
Chr. erschien die Pekinger Zeitung, in Europa starb Kaiser Julian
5
1
-
Fragmente einer Inschrift
Wände
in
ägyptischen Bildzeichen schmücken die
der Grabkapelle Thutmosis
I.
im Tempel der Königin Hatschepsut
in
Deir
el-bahari bei Theben. 18. Dynastie
Griechisches Papyrusbruchstück mit dem Chorgesang von Euripides' »Orestes«,
1. ]h. n. Chr. Das Schreibmaterial Papyrus wurde aus dem Mark der Papyrusstaude hergestellt, indem man es in Streifen schnitt und diese kreuzweise übereinanderklebte. Pap.
G
2.315. Österreichische Nationalbibliothek,
Wien
Bei den ägyptischen Hieroglyphen unterscheidet
man
zwischen der hierati-
schen Schrift
dieser
,
in
der
ä »fe Sif
Papyrus geschrieben
1
und der demotischen.
Beide Arten wurden
ist,
,
»’£
zeitweise nebeneinander
verwendet. Kolumne 41
des Papyrus Ebers, einer
Sammelhandschrift medizinischer Texte,
ü
SM3 1T^3 l’33ftLL4
1
1
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15 50 v.Chr. Karl-MarxUniversität, Leipzig
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Apostata, der statt des Christentums den Mithraskult durchsetzen wollte.
Römer
kämpften am Rhein und an der Donau - und einige Jahrhunderte später gab es
in China sogar Papierservietten und im 9. Jahrhundert sogar Papierkleidung, die
allerdings kostbar war.
Nach Westen kam das Papier durch chinesische Kriegsgefangene, die von den
Arabern in Samarkand angesiedelt worden waren. Offenbar verstanden sich ein
paar von ihnen auf die Papiermacherei, und so verbesserten sie ihre trostlose Lage,
indem sie das den Arabern unbekannte Papier herstellten. Sie vervollkommneten
dabei die Verfahren und benutzten als Rohmaterial, was sie vorfanden, nämlich
Leinen und Baumwollreste. Der Kalif Al-Mansur begriff die Bedeutung des neuen
Werkstoffes, den man ihm ergebenst überreicht hatte. Dieses feine, glatte
Schreibmaterial war billiger, leichter und besser als Papyrus, der aus Ägypten eingeführt werden mußte. Im Jahre 794 wurde die erste Papiermühle bei Bagdad errichtet, in Damaskus, im syrischen Tripolis und in Tiberias entstanden Papierindustrien, ebenso in Jativa bei Valencia in Andalusien. So hatte Europa schon eine
Papierindustrie, als man in der Kanzlei der Merowinger noch auf Papyrus schrieb
- aber es war eine heidnische Industrie, also lag sie außerhalb des christlichen
Gesichtskreises, man kennt solche Schizophrenien ja aus heutigen politischen
Spaltungen und Teilungen.
Anfangs ist Papier also ein seltenes Material gewesen. Man kennt aus dem Jahre
1320 einen Fehdebrief der Stadt Aachen, der auf Papier geschrieben ist, aber damals war Papier in Europa schon über 200 Jahre alt. Das erste Privileg für Papiermacher in Deutschland ist vom Markgrafen von Meißen für die Benediktiner in
Chemnitz ausgestellt worden. Papiergeld, in China schon im 13. Jahrhundert in
Gebrauch, ist in Europa 1407 von der Bank St. Georg in Genua ausgegeben worden. Überall, wo massenweise Schreib- und Druckmaterial gebraucht wurde, hat
sich das Papier schnell durchgesetzt. Hauptsitz der Papierfabrikation war im 14.
und 15. Jahrhundert Italien, man stellte Papiere mit Wasserzeichen her und hatte
ein Monopol für ganz Europa, bis im 16. Jahrhundert die erste Papiermühle in
Stockholm errichtet wurde. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es dann auch Papierhandschriften, und im 15. Jahrhundert wurden sie mehr und mehr gebräuchlich.
Die alten Stunden- und Andachtsbücher sind sorgfältig gebunden und liebevoll illustriert; vor allem Prag und die Niederlande besaßen bekannte Buchbinder und
Illuminatoren. Um diese Zeit beginnt auch der Buchhandel, und in Städten wie
Gent, Antwerpen, Brügge, Köln, Straßburg, Augsburg und Wien entwickelte sich
ein lebhafter Markt mit Büchern. Vor Beginn der Reformation, die das neue
Medium nutzte, war der Boden vorbereitet für eine breite publizistische Auseinandersetzung, wie sie auf Pergament nie hätte geführt werden können.
Stätten
der Bildung
Schreiber und Lehrer
Erziehung
in
Sparta
Im Gymnasium zu Athen
Bücher für Rom
Rettung der Gelehrsamkeit
Scholarentum
Vorgänger des Dr. Faust
Fromme Wissenschaft
Mandarine
in
Klausur
Schreiber und Lehrer
Der älteste Brief, den man bisher kennt, ist um 2400 v. Chr. geschrieben worden.
Aber mit Sicherheit hat ihn der, der die Botschaft schickte’ nicht geschrieben, und
daß er heute bekannt ist, verdankt man dem Umstand, daß es von ihm eine steinerne Abschrift gibt. Das klingt wie eine Denksportaufgabe, ist aber leicht erklärt:
Um 2400 v. Chr. gab es einen ägyptischen Pharao Pepi
II.,
unter dessen Herrschaft
Der Pharao hat dem Expediweil dieser einen'Pygmäen gefunden habe, und gibt ihm aus-
eine Expedition ins Innere Afrikas aufgebrochen war.
tionsleiter gratuliert,
Die Schule Platons. Der griechische Philosoph Platon (42y~34y v. Chr.) war
Schüler Sokrates' und leitete eine Akademie in Athen an der er nicht nur
ein
,
Wert auf
Wissenschaften legte, sondern auch auf die Ausbildung des
Römisches Mosaik. Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel
die Pflege der
politischen Denkens.
Pygmäen nach Ägypten
führliche Anleitungen, wie er den
Allerdings
muß man
transportieren solle.
wissen: Der König war damals sieben Jahre
alt,
und
es
habe er sich auf den Pygmäen wie auf einen Spielgefährten gefreut.
»Wenn er mit dir das Schiff besteigt, so laß die zuverlässigsten Männer zu beiden
Seiten des Schiffes mit ihm sein und aufpassen, daß er nicht ins Wasser fällt. Wenn
scheint, als
er des Nachts schläft, so laß pflichttreue Leute in seinem Zelt neben ihm wachen
und zehnmal in der Nacht nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Wenn du den kleinen Mann gesund und wohlbehalten an den Hof bringst, so wird der Pharao mehr
für dich tun, als seinerzeit König Asosi (Anm. d. Verf.: König der V. Dynastie)
für jenen Mann tat, der einen Zwerg aus Punt mitbrachte.«
Hichouf, der Adressat des Briefes, war so stolz auf dieses Schreiben, daß er es
am Eingang seines Grabes eingravieren ließ. Ganz gewiß hat der König den Brief
Bildniskopf eines Philosophen aus Antikythera. Bronze,
frühes 3. Jh. v. Chr. N ationalmuseum Athen
,
einem Schreiber diktiert. So ein ägyptizu transportieren, im Gegensatz zu den Tontäfelchen der
nicht eigenhändig geschrieben, sondern
scher Brief
war
leicht
Sumerer, wenn auch nicht ohne Risiko. Man rollte das Blatt zusammen, faltete
zum Schluß wurde es verschnürt und versiegelt. Von besonderem Reiz für den
es,
worden sind, deren Text
nach rund 4000 Jahren, entziffert wird, ohne daß ihn ein Mensch
je gelesen hätte. Die Ägypter waren schreibfreudig, und so richteten sie ihre Briefe
Archäologen
ist es,
Briefe zu lesen, die nicht erbrochen
also erst jetzt,
nicht nur an Geschäftsfreunde
und Vasallen, Geliebte und Generäle, sondern auch
an Verstorbene. Manche solcher Briefe bitten die Abgeschiedenen
um
Hilfe, an-
dere fordern sie auf, mit den Quälereien der Lebenden aufzuhören.
Es gab im alten
Ägypten
ein ausgebautes, mit Boten durchgeführtes Postsystem,
eine logische Folge der hierarchischen Gesellschaftsstruktur,
Schreiberkaste.
Im Louvre
und natürlich eine
Beam-
steht die Statue eines solchen Schreibers, eines
mit untergeschlagenen Beinen, die Papyrusrolle auf dem Schoß, aufmerkscheint. Die Ägypter nannten die Schrift ja »Sprache der Götter«. Ursprünglich als Geheimwissen des Priesters weitergegeben, war
ten, der
sam seinen Herrn anzublicken
sie
schon zur Zeit der ersten Dynastien profaniert und diente nicht mehr dazu,
Namen der Götter anzurufen, sondern Beute und Ernte, Gewinn und
die heiligen
Verlust festzuhalten.
Im
Palast des Pharaos gab es Schreiber, die
zur Verfügung standen, und noch auf
schien vor der Ernte ein Schreiber,
dem König
selbst
kleinen Acker des kleinsten Bauern er-
um amtlich festzuhalten,
cher des Pharaos abgeführt werden
In
dem
was
in die
mußte und was dem Bauern
Kornspei-
verblieb.
Ägypten waren diese Schreiber,
gesehen. Das
gilt
die ersten Beamten, gesellschaftlich hoch anauch für die Schreiber Mesopotamiens, die nicht Hieroglyphen,
sondern Keilschrift schrieben. In beiden Fällen bestand ihre Macht in der Kenntnis
der Schrift - und eben deshalb konnte es keine Versuche geben, diese Schrift zu
verbessern, denn
je leichter
Menschen hätten
sie
und einfacher
lernen können, sehr
die Schrift
geworden wäre,
zum Schaden
um
so
mehr
der privilegierten Schicht.
Um den Beruf des Schreibers ergreifen zu können, mußte man eine langwierige
Ausbildung durchlaufen, denn es galt ja nicht, ein Alphabet zu lernen, sondern
viele Hunderte von Schriftzeichen, ähnlich wie heute beim Chinesischen. Wer die
Lehrzeit an der Priesterschule absolviert hatte, die ja nicht zeitlich begrenzt war,
sondern von Herrschenden bestimmt wurde, konnte sich »Schreiber« nennen, was
im Sumerischen soviel bedeutet wie »Gravierer auf Tafeln«.
Im Prinzip war dieser Beruf den Männern Vorbehalten, aber es gab erstaunliAusnahmen
Mesopotamien scheint
vor vielen tausend Jahren Vorläuferinnen der heutigen Sekretärin, also Schreiberinnen, gegeben zu ha-
cherweise auch
;
in
es
Schulen der altorientalischen Kulturen hat man nur wenige
keilschriftlichen Brief, der im 19. Jahrhundert v. Chr. in
Babylonien geschrieben, aber in Palästina gefunden worden ist, erklingt die Klage
eines Mannes, der offenbar eine Schule geleitet und auch Kinder unterrichtet hat:
»Es sind nur drei Jahre her, daß du mich gedemütigt hast. Gibt es denn bei dir weder Korn, Öl noch Wein, die man mir bringen kann? Was habe ich mir zuschulden
ben.
Über
die
Nachrichten.
Aus einem
kommen lassen, daß du mich nicht bezahlst? Die jungen Kinder hören nicht auf,
an meiner Schule (wörtlich übersetzt: von mir) zu lernen
.« (Rest unleserlich).
.
58
.
Vorwurf, dem zu entnehmen
allerlei auswendig
lernen mußten: »Wem will er das Wissen lehren? Wem will er die Lehre erklären?
Kindern, die kaum dem Saugen entwöhnt sind? Kindern, die der Mutterbrust abgenommen werden? Sadeh-waw: so! quof et waw: qo!« Die letzte Zeile macht
den Eindruck, als handele es sich um den leiernden Singsang eines solchen aus-
Im Buch
ist,
Jesaia der Bibel findet sich ein ironischer
daß auch im alten
Israel die
Kinder auf Schulen gingen und
wendig gelernten Textes.
Wie im alten Mesopotamien, so war in China die Schicht derer, die lesen und
schreiben konnten, privilegiert. Das galt noch bis ins 19. Jahrhundert; wer nicht
die Mittel hatte, seinen Sohn den langen und beschwerlichen Weg des »Gelehrten«
gehen zu lassen, der hatte in diesem komplizierten Schriftsystem keine Chance,
Beamter zu werden oder einen angesehenen Rang zu bekommen. Überheblichkeit angesichts dieser Zustände steht dem Europäer kaum an; daß bei einem so
überschaubaren Schriftsystem wie dem Alphabet in einigen Provinzen des südlichen Europas noch Menschen leben, die weder lesen noch schreiben können, klingt
unglaublich. Tatsächlich verschiebt sich ja im Weltmaßstab das Verhältnis zugunsten der Analphabeten, ihre Zahl wird größer statt kleiner. So wird noch lange Zeit
auch in Europa der dörfliche Schreiber, eine Person des allgemeinen Vertrauens,
je
nicht aussterben.
Erziehung
in
Sparta
Gymnasium und Aula, Universität und Akademie, Information und Disziplin,
Kollektiv und Programm sind Worte aus dem griechisch-römischen Kulturkreis,
in dem das heutige Bildungswesen auf vielfältige Weise verwurzelt ist. Daß jemand noch heute seinen Doktor macht oder mit dem Magister abschließt, charakungebrochene, gesellschaftlich fixierte Bildungstradition, die in großen Zügen bekannt ist. Was war für einen griechischen Jüngling zu lernen, wenn
er lesen und schreiben gelernt hatte? Wer unterrichtete einen jungen Mann, wenn
er aus dem Bannkreis der mütterlichen Fürsorge entlassen war? Gab es ein öffentliches Schulwesen schon in Griechenland, oder ist das erst eine Erfindung neuerer
terisiert eine
Zeit?
um
vorwegzunehmen, schafft sich Institutionen,
Zu diesen Institutionen gehört
jeweils die Schule oder besser das Lehrsystem, denn nicht immer ist es ja auch zu
regelrechten Schulen gekommen. Auch bei den Naturvölkern werden die Kinder
selbstverständlich unterrichtet. Man lehrt sie, wie sie das Leben bestehen und ihren Daseinskampf bewältigen können, wobei meist die Eltern selbst ihr Wissen
weitergeben, und man nimmt sie unter feierlichen Zeremonien in den Stamm oder
Clan auf. Von dem jungen Menschen werden weniger bestimmte Kenntnisse als
Fähigkeiten und Eigenschaften verlangt. Er muß, wenn er Indianer ist, Schmerz
ertragen können, er muß zu jagen gelernt haben und wissen, wie man sich bei
Schneesturm verhält, er muß die Riten seines Stammes kennen und soll bestimmte
Tugenden besitzen - aber die Summe seines gelernten, abstrahierten Wissens ist
Jede Gesellschaft,
mit denen
sie
die Bilanz
ihren eigenen Fortbestand sichert.
59
Der Tod des Sokrates. Der bedeutende griechische Denker wurde wegen seiner
beißenden Angriffe auf Männer des öffentlichen Lebens zum Tode verurteilt.
Hier bereitet er im Kreise von Schülern seinem Leben ein Ende. Gemälde von
J.
L.
David 1787. The Metropolitan
,
klein, verglichen
mit
Museum
dem Pensum
eines
of Art, Wolfe Fund, 1931,
modernen
New
York
Schülers. Freilich bedeutet das
daß dieses Wissen weniger wertvoll oder beschränkt ist, es ist nur anders
was in Schulen vermittelt wird. Im Stammesverband gibt es zwar gewisse
Prüfungen, aber keine Examina. Man kann es sich nicht leisten, junge Menschen
nicht,
als das,
aus
dem Stamm
auszustoßen,
man
ordnet
sie
auf irgendeine Weise ins
Stammes-
leben ein. So gab es Indianerstämme, bei denen der Heranwachsende entscheiden
konnte, ob er als Krieger oder
als
Weib im Stammesverband leben wollte, und
diese
Entscheidung wurde auch respektiert. In den vielen primitiven Gesejlschaften gibt
es nach Altersklassen unterschiedene Stufen. Wenn z. B. bei den Dieris in Australien ein Knabe 5 Jahre ist, durchbohrt man ihm die Nasenscheidewand. Einige
man ihm zwei Vorderzähne aus. Wiederum etwas später
Beschneidung
und Tätowierung vor, womit er das Recht erwirbt,
die
an bestimmten Totemriten teilzunehmen. Als vollgültiges Stammesmitglied wird
er indessen erst anerkannt, wenn die letzten Beschneidungen vorgenommen worden sind.
Alle diese Deformationen ordnen ihn einer bestimmten Altersklasse zu, die quer
durch die Stämme und Clans geht und gelegentlich ein Gefühl der Zusammenge-
Jahre später schlägt
nimmt man
60
hörigkeit weckt. Bei den Galla in Afrika ist diese Zugehörigkeit Bestandteil eines
bestimmten gesellschaftlichen Systems. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der
Generationen hat sich in Europa bis auf den heutigen Tag an den Offiziersschulen
erhalten als junger Marineoffizier gehört man auch heute noch zu einer »crew«,
und im Oberbayerischen gab es noch bis ins 19. Jahrhundert Jungmännergruppen,
die im Leben des Dorfes eine gewisse Rolle spielten. Unterweisung durch die
Eltern, Einweisungsriten durch den Medizinmann oder dessen Beauftragte, Aufnahme in den Stamm, das also ist der Gang der gesellschaftlichen Anpassung bei
den Naturvölkern, und tatsächlich sind die frühen Schulformen der Antike nicht
so sehr weit von diesem Muster entfernt.
In Sparta hatte sich schon um die Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts eine
staatliche Schulorganisation gebildet, der jeder junge Spartaner vom 8. bis 20.
;
In der Stoa am Markt von Athen, einer offenen Säulenhalle trafen sich die
Anhänger der nach diesem Versammlungsort benannten Philosophenschule die
,
,
Stoiker.
Nachbildung des von Attalos
II.
im
2. Jh. v.
Chr. gestifteten Baus.
Lebensjahr unterworfen war.
Man muß
sie
vor
dem Hintergrund
einer unerbittli-
chen »Staatsräson« sehen. In Sparta unterlag ja nicht nur jedes Kind dem Tötungsrecht des Vaters wie im frühen Rom auch, sondern mußte auch noch einer staatlichen Gutachterkommission vorgezeigt werden. Wenn es mißfiel, wurde es über
die Klippen ins Meer geschleudert. Sobald der 7jährige Knabe in die Schule kam,
wurde er gleichsam Mitglied eines Regiments, denn die Klasse, unter Aufsicht der
fähigsten Jungen, war zugleich im Krieg wie im Frieden Lebensgemeinschaft, ein
Muster aller Kadettenanstalten. Man entfachte unter diesen Jungen künstliche
Streitereien,
um zu sehen, wie sich der einzelne in
Schlägereien hielt Schmerzen,
;
Unglück und Anstrengungen mußten schweigend ertragen werden. An jedem Tag
wurden am Altar der Artemis Orthia einige ausgewählte Jünglinge gegeißelt, bis
vom
der Opferstein sich
Wenn ein Junge das
Blut rötete.
12. Lebensjahr erreicht hatte,
mußte
er die
Unterkleidung
ablegen und durfte während des ganzen Jahres nur noch ein einziges
gen.
Man
lebte bis
sammen und
zum
schlief
tra-
zu jeder Jahreszeit im Freien auf einem Binsenlager. Mündliman brachte den jungen Spartanern zwar
che Unterweisung stand hoch im Kurs
Der Waschplatz im Gymnasium von
teil
Gewand
30. Lebensjahr in Zelten mit seinen Altersgenossen zu-
;
Priene. Einen wesentlichen Bestand-
der Erziehung der männlichen Jugend Griechenlands bildete die körperliche Ertüch-
tigung, die in den
Gymnasien
praktiziert wurde. 3. ]h. v. Chr.
Lesen und Schreiben bei, gewöhnte sie aber nicht an den Umgang mit Büchern.
Wichtiger war die »Ranger-Ausbildung« der junge Spartiat sollte lernen, sich im
Freien selbst zu ernähren, bei solchen Streifzügen war allerdings Mundraub erlaubt. Wer sich aber erwischen ließ, wurde mit Stockhieben bestraft, kein morali;
sches, sondern ein praktisches Prinzip, das in
ten Lebensweisheit
geworden
den Armeen
vieler
Länder zur törich-
ist.
Für Mädchen gab es keine öffentlichen Klassen, wohl aber mußten sie Sport
und an den Wettbewerben im Laufen, Ringkampf, Speer-
treiben wie die Jungen
wurf und Diskuswurf teilnehmen. Bei öffentlichen Tänzen und Prozessionen waren sie nackt, auch in Gegenwart der jungen Männer. Man wollte sie auf diese
Weise zur rechten Körperpflege anleiten und erreichen, daß körperliche Mängel
erkannt und behoben würden. Über dieses Maß hinaus wurde für die Mädchen
nichts getan, sie lernten weder lesen noch schreiben, nur in der Hauswirtschaft
wurden sie ausgebildet. Ihre Aufgabe war die Mutterschaft; die Liebe blieb den
Männern Vorbehalten, die sich als Jünglinge meist mit älteren Männern verbanden, geistige Interessen bei einer Frau wären einem Spartaner als Abnormität
erschienen.
Im Gymnasium zu Athen
Wenn
in
Athen der Sohn
eines freien Bürgers
morgens zur Schule geschickt
wurde, begleitete ihn ein Sklave, jedenfalls in der ersten Schulzeit. Diesen Sklaven
nannte man »Paidagogo« (griechisch pais: Kind), den, der das Kind begleitet, woher sich der ehrenwerte Begriff des Pädagogen herleitet. In Athen, das keine öffentlichen Schulen wie Sparta, sondern nur eine behördliche Schulaufsicht kannte,
wurden
die
Knaben mit
6 Jahren bei
einem Schulmeister angemeldet, der sein
Man lernte in Athen, was man als Sohn aus guter
Namen Ehre zu machen. Zu einem gut erzogenen
Metier auf privater Basis betrieb.
Familie brauchte,
Mann
um
seinem
gehörte, daß er die Lyra zu spielen versteht, wie überhaupt das Ideal der
Erziehung nicht die soldatische Härte
ist
wie bei den jungen Spartiaten, sondern
Harmonie von Leib und Geist. Daß man sich in allen möglichen
Sportarten übt, vielleicht sogar von olympischen Ehren träumt, ist selbstverständlich. Musik und Leibeserziehung also und dazu noch das Schreiben und Lesen,
mehr braucht ein junger Athener nicht. Andere Sprachen als die eigene Muttersprache lernt man nicht - in Rom wird man einige hundert Jahre später Griechisch
lernen -, und das pädagogische Ziel orientiert sich an der Tüchtigkeit, nicht an der
Gelehrsamkeit. Den Sport treibt man in den von der Stadt errichteten Anlagen,
dem Gymnasion und der Palästra, und niemand gilt als gebildet, der nicht ringen,
schwimmen und Bogenschießen gelernt hat. Reiten ist selbstverständlich, die
Beherrschung der Schleuder wird vorausgesetzt - so wie der junge Offizier in
Europa mit der Pistole schießen können muß.
Lesen, Schreiben und Rechnen sind hier bereits kein Geheimwissen von Sterndeutern und Priestern mehr, sondern allgemein zugängliche Kenntnisse, die man
sich, wenn man Zeit und Geld genug hat, beibringen lassen kann, und eben darin
eine gewisse
63
t
Antiker Bücherschrank mit den Schriften der
Mosaik aus dem Mausoleum der Galla Placidia
vier Evangelisten.
5. Jh.
Mädchens mit Wachstafelbuch. Diese Art Bücher wurden
Notizbücher benützt waren jedoch wegen ihrer platzraubenden
Bildnis eines römischen
in der
Antike
als
,
Seitendicke nicht geeignet für größere Aufzeichnungen. Hierfür benützte
man
die Rollen,
bevor diese
vom Kodex
abgelöst wurden. Wandmalerei aus Pompeji.
Museo Nazionale
di
Capodimonte, Neapel
Szene aus Homers Ilias. Das große griechische Epos gehört zu den Standardwerken der Weltliteratur. In 24 Büchern wird der siegreiche Kampf der Griechen
gegen Troja beschrieben. Miniatur-Blatt XXXIV aus dem Ilias-Codex
3. ]h. n. Chr. Biblioteca Ambrosiana, Mailand
,
liegt
der eigentlich^ Unterschied zu den Erziehungsprogrammen anderer Kultu-
ren. Allenfalls in China, das ja ebenfalls eine feudale Struktur besaß
und auf der
Grundlage seiner Zeichenschrift eine literarische Tradition entwickelt hat, wird
der junge Mensch in die Kunst des Bogenschießens wie des Schreibens und Dichtens eingeweiht. Schon jetzt ist der Abstand einer solchen Schriftkultur zu der
eines Naturvolkes kaum noch überbrückbar, denn eine immer dichter werdende
literarische Überlieferung prägt das Selbstverständnis der herrschenden Schicht;
im übrigen meint man, die Besten sollten herrschen (griechisch aristokratia: Herrschaft der Besten), und die Besten waren eben die landbesitzenden jungen Herren
aus den guten Familien, gemessen an dem von ihnen selbst aufgestellten Maß.
Allerdings darf man sich das Niveau dieser athenischen Schulen nicht zu hoch vorstellen. Wenn ein junger Mensch in der Lage war, fließend einen Brief zu schreiben, konnte er als gelehrt gelten, die Mythen und Lieder lernte er nicht durch die
Schule kennen, auch die Götter nicht und die Tragödien, die im Wettbewerb aufgeführt wurden. Gerechnet wurde in der Antike ja noch nicht mit den indisch-arabischen Ziffern im Stellenwertsystem, sondern an den Fingern und mit Zählstrichen; es gab zwar, den Andeutungen nach zu urteilen, Rechensteine, mit denen
man Zahlen wie auf einer Kugelrechenmaschine hin- und herschob, aber schriftliches Rechnen war immer ein Buchstabenrechnen, weil jedem Buchstaben des
Alphabets eine Zahl zugewiesen war.
Im Leben eines Atheners gab es vier Lebensstufen - ähnlich wie die Altersgruppen, von denen bei Naturvölkern die Rede war, und zwar Kind, Jüngling, Mann
und Greis. Mit 18 Jahren wurde man in Athen »Ephebe« (griechisch Ephebos:
Jüngling). In den letzten zwei Jahren der Lernzeit mußte man besondere Aufmerksamkeit auf die »vormilitärische Ausbildung« wenden, dann wurde man von
der athenischen Truppe übernommen und für zwei Jahre im engen Verband der
athenischen Miliz ausgebildet.
gen Männer zusammen;
sie
Während
dieser Zeit
wohnten und
lebten die jun-
hörten Vorträge über Literatur, Geometrie, Musik
und Rhetorik und wurden in scharfem Drill ausgebildet. Ihr Zusammenleben war
ganz nach dem Vorbild der Stadt demokratisch organisiert, sie waren die Blüte des
Volkes, bewundert und beneidet im Theater war ihnen ein besonderer Platz zugewiesen, sie waren durch ihre Kleidung ausgezeichnet und standen unter strenger
Aufsicht. Bei den öffentlichen Festen und Spielen nahmen sie an hervorragender
Stelle teil, und regelmäßig führten sie in der Öffentlichkeit Wettkämpfe durch,
um ihre Leistungen unter Beweis zu stellen.
Die ganze Stadt nahm an diesen Veranstaltungen teil, und die 7 km lange
Strecke war beim Wettlauf dicht mit Menschen gesäumt, wenn die Jünglinge, die
Fackel in der Hand, ihren Stafettenlauf durchführten. Über die Altersgrenzen, die
Gliederungen der Epheben, sind sich die Historiker nicht immer einig. Der Unterricht für die Epheben fand in einem besonderen, meist schön geschmückten Saal
;
statt,
der ein Teil der öffentlichen Sportanlage, des Gymnasions, war.
Im
Mittel-
punkt des Unterrichts stand die Beschäftigung mit der eigenen Literatur, gelehrt
von einem »Grammatikos« (griechisch gramma: Buchstabe). Zunächst wurden
gemeinsam vom Lehrer und seinen Schülern die Textkopien durchgegangen. Man
las Homer, Euripides, Menander und Demosthenes. Das war nicht so einfach, wie
66
heute klingt, weil die fortlaufende Schreibweise, bei der es keine Trennungen
zwischen den einzelnen Worten gab, doch Schwierigkeiten bereitete. Es wurde also
laut vorgelesen. Der nächste Schritt war es, den Text zu erläutern und zu verstees
hen. Der sachliche Inhalt und die grammatische
Form wurden besprochen.
Schließlich gab es die »krisis« (griechisch kritein: trennen, unterscheiden), die
Beurteilung des Textes nach ethischen Gesichtspunkten und seine Nutzanwendung. Die Epheben mußten Diktate und Aufsätze schreiben, auch kurze moralische Erzählungen verfassen, die auswendig gelernt als Leitfaden in Konfliktsituationen dienen sollten.
Mit 19 Jahren wurden die jungen Männer einer Grenzgarnison zugeteilt, wo
sie die Sicherung gegen äußere und innere Feinde zu übernehmen hatten. Ein feierlicher Eid, in Gegenwart des »Rates der Fünfhundert« abgelegt, band sie an ihre
Pflichten. Wer nach der Schule eine höhere Bildung erwerben wollte, mußte sich
im Kreis eines berufsmäßigen Rhetors oder Lehrers ausbilden lassen. Außer der
in einer Demokratie so wichtigen Redekunst konnte man Philosophie, Naturwissenschaften und Geschichte hören. Die Lehrer selbst mieteten in den öffentlichen
Gebäuden Räume und verlangten für ihre Lesungen hohe Gebühren. Schon damals war es nicht ungewöhnlich, daß ein junger Mensch am Tage als »Werkstudent« arbeitete, um abends bei seinem Professor zu hören. Je nach Ansehen des
Lehrers dauerte das Studium bis zu 5 Jahre. Ausgenommen in der Medizin, wo
praktische Fähigkeiten vermittelt wurden, ging es dem Lehrer weniger um die
Vermittlung normalen Wissens als um sittliche, menschliche Vervollkommnung.
In diesem Rahmen ist Sokrates nur ein Lehrer unter vielen die Stellung des Lehrers zum Schüler ähnelt auch weit mehr der eines indischen Guru im Kreis seiner
Jünger als der eines Magisters, der in einem Hörsaal einem anonymen Publikum
;
seinen Stoff vorträgt.
Das athenische Bildungssystem insgesamt verbindet Ordnung und Freiheit,
und körperliche Betätigung, seelische Entfaltung und charakterliche Bildung auf so überzeugende Weise, verglichen mit allen anderen Bildungsformen
der Antike, daß es über 2000 Jahre als Leitbild diente. Weder die Perser noch die
Skythen, weder die Phönizier noch die Ägypter haben, abgesehen von hochgelehrten Priesterschulen, etwas Ähnliches zu bieten. Neu ist das demokratische Element
selbst dieser auf eine dünne Schicht beschränkten Erziehung, und neu ist die Einheit von Geist und Körper, die auch in der griechischen bildenden Kunst ihren ganz
eigentümlichen Ausdruck findet.
Wenn man an einer Lehrstunde zur Zeit des Perikies hätte teilnehmen können,
wäre man vielleicht enttäuscht von der Wildheit und Ungezwungenheit dieser
schwarzhaarigen, temperamentvollen Burschen, die so gar nicht dem Vorstellungsbild der marmornen Plastiken entsprechen. Ungenierte Zärtlichkeit zwischen
den jungen Männern, ein für heutige Begriffe primitives Textverständnis und ein
erstaunlicher Mangel an Konzentration wären auffallend, und man würde Mühe
haben, einen heutigen Oberschüler als Altersgenossen eines jungen Atheners zu
erkennen. Zugleich aber würde wohl sichtbar werden, wieviel die heutige Schule
einem jungen Manne schuldig bleibt, der kein Kind mehr und auch keine Lernmageistige
schine
ist.
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Der Kodex, öms dem
c/fe
heutige
Form
eine Erfindung der christlichen Antike.
des Buches hervorgeht,
Man nimmt
ist
an, daß der
offensichtlich
Übergang von
zum Kodex mit der raschen Ausbreitung des Schrifttums der Bibel
zusammenhängt. Der Kodex war übersichtlicher, man konnte die Seiten mit
der Buchrolle
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1
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und auf diese Weise Textstellen leichter finden. Doppelseite
dem byzantinischen Psalter 61 mit Darstellungen von David und Abimelech
(links) und der Apostelkommunion (rechts). Zweite Hälfte 9 ]h. Pantokrator
Ziffern versehen
aus
.
Kloster,
Athos
Was
Mädchen angeht, so unterschied sich ihre Ausbildung kaum von der
nur nahmen die jungen Athenerinnen nicht an öffentlichen Wettkämpfen teil. Was sie lernten, brachten ihnen ihre Mütter und Kinderfrauen bei außer
den häuslichen Fertigkeiten gehörte das Lyraspiel zur Bildung, auch lehrte man
sie lesen und schreiben. Ein Mädchen, das für die Ehe bestimmt war, durfte sich
über seinen Rahmen nicht hinausbewegen nur die Hetären waren durchaus kultiviert und den Männern als Gesprächspartner willkommen. Den Weg zur höheren
Bildung hat Aspasia, die Geliebte des Perikies, auch Mädchen öffnen wollen, die
keine Hetären werden wollten. Sie ist bekanntlich daran gescheitert, weil die öffentliche Meinung gegen sie war.
Aus dem griechischen Schulsystem, genauer gesagt aus dem Lehrbetrieb in
Athen hat sich die Akademie entwickelt, ein Begriff, der ja noch heute ein hohes
Niveau an Wissenschaftlichkeit garantiert. Im Grunde handelte es sich um eine
logische Entwicklung. Wo es einzelne Lehrer gab, die gegen hohe Gebühren ihre
die
in Sparta,
;
;
Kurse abhielten, konnte es auch ein Kollektiv von gleichgesinnten Lehrern geben,
die sich zu einem regelrechten Schulbetrieb zusammenschlossen. Diesen Schritt
taten die Pythagoreer in Kroton, der reichen griechischen Handelsstadt in Sizilien.
Dort hat es bereits 520 v. Chr. eine Schulgemeinde mit einem Angebot der ver-
Szene in einer Philosophenschule. Ein Lehrer doziert im Kreise seiner Schüler.
Marmor, 50-30 v. Chr. Staatliche Museen zu Berlin
Grabrelief aus pentelischem
schiedensten Kurse gegeben. Für den griechischen Schulbetrieb
ist
auch Isokrates
und Redenschreiber, dessen Texte
erhalten sind. Sie geben ausgezeichnete Einblicke in die politischen Gedankengänge seiner Zeit und sind Muster für die berühmte attische Beredsamkeit. Er hat
Ende des 5. Jahrhunderts eine Rhetorenschüle eröffnet, die dem Gedanken der
Akademie wohl schon recht nahekam.
Als Platon nach seinem Aufenthalt in Syrakus und seiner Gefangenschaft als
Sklave im Jahre 386 endlich nach Athen zurückkehren konnte, hatten Freunde für
ihn das Lösegeld gesammelt, aber nicht an den Mann bringen können. Sie kauften
deshalb von dem Geld in einem der Vororte ein Wäldchen, das seinen Namen nach
einem attischen Heilbringer namens Akademos trug, einem Heros, von dem nur
(436-338 v. Chr.) wichtig geworden, ein Rhetor
noch der Name, nicht der Mythos erhalten
ist.
Dort gründete Platon eine Art
reli-
giöser Bruderschaft, ein Kollektiv, das eine elitäre Bildung vermittelte. Die Mitglieder
fast
nannten
sich
Akademiker, die Einrichtung
selbst hieß
Akademie,
sie
war
ein Jahrtausend Griechenlands geistiger Mittelpunkt. Über ihrem Eingang
standen die Worte »medeis ageometretos eisisto« - niemand solle hier eintreten,
der keine Kenntnisse in der Geometrie hätte. Offenbar
liches
ist
ein nicht selbstverständ-
Eintritt in diesen Orden
Gedanke der gelehrten Gesellschaft
mathematisches Wissen die Voraussetzung für den
der Philosophen gewesen. Als in Italien der
neu gefaßt und
die erste
»Accademia
dei Lincei«, die »Gesellschaft der
Luchse« ge-
gründet wurde, war das allerdings eine Sprachgesellschaft, und erst später wandte
sie sich
den Naturwissenschaften zu.
Bücher für
Rom
Zum Gepäck des Eroberers gehören selten Bücher, und wer politische Vorstellungen mit Gewalt zu verwirklichen trachtet, gibt sich kaum mit Literatur ab. Alexander der Große, dessen Hauslehrer einer der bedeutendsten Geister Europas gewesen war, hielt das anders zu ausgewogen war sein Urteil, zu distanziert sein Blick,
zu ungebildet seine Umgebung aus harten Militärs und Höflingen, als daß er auf
;
Homer, deren Text sein Lehrer
neben dem Kopfkissen, damit er sie wie
seinen Dolch stets zur Hand hatte, wenn er schlief, eingeschlossen war dieser Text
in eine kostbare Büchse aus dem persischen Königsschatz. Als die persische Stadt
Susa gefallen und Persepolis in Flammen aufgegangen war, hatte man Teile seiner
Bibliothek, die er aus Makedonien nach Susa befohlen hatte, wohl schon auf den
Weg gebracht. Er brauchte Bücher um sich, las die Tragiker und Geschichtswerke,
versenkte sich selbst in Babylon in solche Lektüre. Nach seinem Tode wurden seine
Bücher, übrigens auch sein Tagebuch, eines der verlorenen unsterblichen Werke
der Weltliteratur, im königlichen Archiv von Pella, der Hauptstadt Makedoniens,
aufbewahrt. Als die Römer im Jahre 168 v. Chr. die Makedonier bei Pydna endgültig schlugen, erbeuteten sie mit dem größten Schatz, der ihnen bisher je zugefallen
war, auch die Bibliothek. Der Triumphator von Pydna Aemilius Paullus, dem ein
Teil der Beute zustand, soll darauf verzichtet haben, sich die unermeßlichen
Literatur hätte verzichten können. Die Ilias des
Aristoteles für ihn bearbeitet hatte, lag
71
Ein Gelehrter. Vermutlich ist Archimedes dargestellt einer der bedeutendsten
Mathematiker und Physiker der griechischen Antike der im 3. vorchristlichen Jahrhundert in Syrakus lebte. Gemälde von Domenico Feti (1589-1624).
Gemäldegalerie, Dresden
,
,
Aristoteles betrachtet die Büste Homers. Gemälde des Rembrandt Harmensz.
van Rijn (1606-1669). The Metropolitan
Museum
of Art,
New
York
Reichtümer, die aus den Feldzügen Alexanders stammten, auch nur anzusehen.
die Bibliothek interessierte ihn, und seine Söhne durften sich nach Belieben
Nur
bedienen. Das war die erste große griechische Bibliothek, die nach
Rom
gelangt
(Ekschmitt).
ist
Wenige Jahre
später
wurde
die wahrscheinlich
deutendere Bibliothek des Aristoteles nach
die
noch weit reichhaltigere und be-
Rom verschleppt, die inzwischen durch
und von dem reichen Biblioworden war. Ihr letzter Besitzer war
und als im Jahre 84 v. Chr. Sulla mit Grie-
Hände verschiedener Erben gegangen,
erweitert
philen Apellikon von Teos in Athen erworben
Römer gefallen,
nahm er als persönliche Beute die Bibliothek dieses Apellikon mit nach Rom. Durch Zufall wurde einige Zeit später der Grammatiker
Tyrannion auf diese Schätze aufmerksam. Er bestach den Bibliothekar, dem natürim Kampf gegen
die
chenland Frieden schloß,
lich
streng untersagt war, ohne Wissen des Besitzers Rollen auszuliefern,
und
ließ
Abschriften hersteilen. Eine dieser Abschriften gelangte an den etwa gleichaltrigen
Andronikos von Rhodos, den späteren Vorsteher einer bekannten philosophischen
Schule der Peripatetiker. Dieser veranstaltete eine Gesamtausgabe der Werke des
Aristoteles, und weil er einige Schriften, die Aristoteles geschrieben hatte, in seinem System nicht recht unterzubringen wußte, ordnete er sie nach der Physik ein.
Seitdem heißt dieser Bereich des Denkens Metaphysik (griechisch meta: nach).
Die dritte große Bibliothek in Rom, die allerdings nicht eifersüchtig gehütet,
sondern der gelehrten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist, war die des
pontischen Königs Mithradates VI., der von dem Römer Lucull am Schwarzen
Meer geschlagen worden war. Lucull, dem eines der größten Privatvermögen der
Antike gehörte und der bis in die heutige Zeit zur Symbolfigur für Sinn und
Absurdität des Reichtums geworden ist, hat diese Bibliothek auf seinen Sommersitz nach Tusculum gebracht und dort zur Verfügung gestellt.
Der nächste Schritt auf diesem Weg war die Einrichtung einer öffentlichen
Bibliothek, die jedermann besuchen und deren Bestände jedermann lesen durfte.
wenn es eine breite Schicht von litenur lesen und schreiben können wie jeder Handwerker oder Krämer, sondern die an Dichtung und Philosophie interessiert sind.
Eine solche Schicht hat es offenbar schon zu Caesars Zeiten gegeben, denn dieser
hatte bereits den Auftrag für die Errichtung einer öffentlichen Bibliothek erteilt
seine Ermordung vereitelte zunächst die Durchführung. Alle Bibliotheken in Rom
waren zweisprachig, denn es gab noch keine eigene römische Literatur die Kultur
war griechisch, und das änderte sich auch kaum, als mit Ennius und Plautus die
In der Tat
ist
dieser
Gedanke
erst realisierbar,
rarisch Gebildeten gibt, die nicht
;
klassische Epoche der römischen Literatur anbrach.
Zur Schriftsprache
ist
das Lateinische, soweit
man
diesen Zeitpunkt fixieren
kann, durch einen ehemaligen griechischen Kriegsgefangenen aus Tarent geworden, der 272 v. Chr. nach
sche übersetzt
richtstexte brauchte.
übersetzt
Rom gebracht worden ist.
und durch Diktat
Auch
und im Jahre 240
die griechischen
v.
Er hat den
Homer
ins Lateini-
verbreitet, weil er als Griechischlehrer Unter-
Chr.
zum
Tragödien und Komödien hat er
erstenmal aufgeführt. Literatur wurde
Mode, die griechische Kultur bot den Maßstab, und so entstanden die ersten bedeutenden Werke; Namen wie Plautus (ca. 254-200 v. Chr.) oder Terenz (ca.
185-159 v. Chr.) haben ihren Klang behalten. In dieser Blütezeit der Literatur entwickelte sich auch der Buchhandel man konnte Bücher ebenso in den öffentlichen
Bädern kaufen wie am Hafen oder am Markt. Der Buchhändler war damals ein
Unternehmer, der in seiner Schreibstube hinter dem Laden die Werke kopieren
ließ, deren Originale er sich hatte erwerben können. Die schnell geschriebenen
Kopien steckten in gefärbten Pergamenthüllen und waren auf Stäbe gerollt, deren
;
Ende mit Zierknöpfen geschmückt war. An dem Knopf auf der Schauseite hing ein
Etikett, der sogenannten Titulus, auf dem der Inhalt der Rolle angegeben war.
Draußen an den Säulen des Ladens hingen solche Titel aus wie heute im Kiosk die
Zeitschriften. Der Duft in einer solchen Buchhandlung war orientalisch zu nennen, denn die Rollen waren mit Safran und Zedernöl gegen verschiedene Ungezieferarten und Motten präpariert.
In den römischen Buchhandlungen wie in den Bibliotheken blieb die griechische
Abteilung die weitaus umfangreichste, eine Relation, die sich auch in den archäo-
74
Bronzestatue eines Mannes in römischer Tracht mit Rednergestus. Die Übung
im Fach der Rhetorik gehörte zur Standardausbildung des gebildeten Menschen
der Antike. Etruskisch. Archäologisches Institut, Florenz
in
Kanontafel mit zwei Evangelisten aus dem berühmten Rabula-Kodex, der 586 im
byzantinisch-syrischen Kulturkreis verfaßt worden ist. Diese Handschrift
gehört zu den frühesten Zeugnissen frühchristlicher Illuminationskunst des
Ostens. Biblioteca Laurenziana
,
Florenz
logischen Funden niederschlägt.
Was
sich
an griechischer Literatur erhalten hat,
im Verhältnis 10 1. Niemals hat es in Rom den
an lateinischer Literatur zu sammeln und
Gesamtbestand
den
gegeben,
Versuch
von Nippur und Ninive, von Alexandria
Bibliotheken
großen
und
die
zu ordnen,
gehabt. Caesars Plan war es, mit
nie
ein
Gegenstück
in
Rom
und Pergamon haben
Bildung der römischen Bürger
Literatur
die
einem breiten Angebot an lateinischer
steht zur lateinischen Literatur
:
zu heben. Als Bibliotheksdirektor hatte er Vairo vorgesehen, den bedeutendsten
römischen Gelehrten. Nach Caesars Tod hat dann ein Freund Caesars namens Asinius Pollio diesen Gedanken aufgegriffen und aus seiner eigenen Kriegsbeute fi-
einem offiziellen Gebäude, dem Atrium Libertatis, wo verschiedene
Behörden untergebracht waren, richtete er eine griechisch-lateinische Bibliothek
ein, deren Räume er neu hat herrichten lassen. In den Sälen standen die Porträtbüsten der berühmtesten Schriftsteller, wobei als einziger lebender Autor Varro
(116-27 v. Chr.) mit einer Büste geehrt wurde. Der Gedanke der öffentlichen
Bücherei, prinzipiell mit der Demokratie und der Freiheit des Denkens verknüpft,
hat über Jahrhunderte weitergewirkt und in der Stadt- und Volksbücherei, vor alnanziert. In
lem aber auch
in der
modern eingerichteten englisch-amerikanischen Library
ihre
Nachfolger gefunden. Öffentliche Bücherei und bürgerliche Demokratie hängen
eng zusammen, wofür die Kulturpolitik Beispiele
bietet;
wenn
ein deutscher Staat
kulturelle Repräsentation betreibt, geschieht dies in der Tradition der Fürstenhöfe
durch Theatergastspiele; Amerika
Goldener Buchdeckel
(gestorben
um
stiftet
Bibliotheken.
des Evangeliars der Langobardenkönigin Theodelinde
626). Besondere Sorgfalt verwendete
Ausschmückung der Einbände zu den
man
heiligen Schriften.
auf die künstlerische
Domschatz Monza
,
Im Schulwesen hat Rom keinen
originalen Beitrag geleistet, auch hat sich der
Schulfragen zunächst nicht gekümmert. Natürlich gab es Elementarschulen, in denen ungebildete Schulmeister den Kindern der Reichen Lesen,
Staat
um
Schreiben und Rechnen beibrachten, aber als unter Marc Aurel der Staat die Lehrer
durch Steuervorteile begünstigte, blieben die Lehrer an Elementarschulen aus-
Was es in Rom an Bildungseinrichtungen gab, waren
Kopien der griechischen Institutionen. So fanden sich Grammatikerschulen, die
nach griechischem Vorbild entstanden waren. Griechische Sklaven, also gebildete,
in die Sklaverei geratene Männer, richteten in Rom Schulen ein, um ihre Herren
in griechischer Literatur zu unterweisen. Erst seit der Zeit des Kaisers Augustus
gab es in Rom Grammatikerschulen, die auf den Werken Vergils aufbauten; sie
ergänzten die griechischen Schulen, konnten sie aber nie ersetzen. Auch ist die römische Schule niemals wie in Griechenland eine staatliche Einrichtung geworden.
Stets blieb sie Privatschule, wenn auch etwa seit der Regierungszeit Diokletians
unter stärkerer staatlicher Aufsicht. Man schrieb den Lehrern die Honorarsätze
vor, stellte auch wohl selbst seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. einzelne Lehrer ein,
doch wurden die Schulen niemals voll subventioniert sie blieben auf die Honorare
drücklich ausgeschlossen.
;
der Schüler angewiesen.
Die geistige Grundlage des gesamten Bildungssystems sind die Sieben Freien
Künste, wie
sie in
Griechenland zuerst
als eine
Art selbstverständlichen Bildungs-
programms entwickelt worden sind. Die Grammatik, d.h. die Beherrschung der
Sprache in Wort und Schrift, die Dialektik als Kunst, Rede und Gegenrede logisch
aufzubauen, die Rhetorik als die Fähigkeit, Menschen zu überzeugen, sind die ersten drei Künste. Später wird
sich nicht
die
man
diese
Künste abheben von den folgenden,
die
mit Worten, sondern mit Dingen befassen. Es sind dies die Arithmetik,
Geometrie, die Astronomie und die Musik. In der griechischen Klassik hatten
sich diese Fächer
waren aber
seit
noch nicht so scharf gegliedert wie in späteren Jahrhunderten,
4. vorchristlichen Jahrhundert Grundbestandteil der univer-
dem
salen Bildung.
Der römische Gelehrte Varro hat System in die Sache gebracht und diese sieben
Künste als frei bezeichnet, um sie von anderen zu unterscheiden, die dem Erwerb
dienen, also von handwerklichen Fertigkeiten oder sonstigem Können. Wer als gebildet im Sinne der Zeit gelten wollte, mußte diese Fächer beherrschen. Zum Fachmann konnte sich erst ausbilden, wer diese Universalbildung abgeschlossen hatte.
Es gibt aber auch andere Einteilungen, die von anderen Vorstellungen ausgehen
und bald
vier, bald elf
Künste nennen. Erst zur Zeit Senecas hat sich das Schema
der Sieben Freien Künste allgemein durchgesetzt. Die einzelnen Künste sollten
zwar gleichberechtigt nebeneinander stehen, aber die Rhetorik bekam ein immer
stärkeres Gewicht und wurde bald zum Hauptbestandteil des Unterrichts. Dieses
Fach, das die verschiedensten späteren Disziplinen bis zur praktischen Psychologie
vorwegnahm,
existiert
noch heute die Universität Tübingen
;
z. B.
verfügt auf
dem
Lehrstuhl für Rhetorik über einen bekannten Philologen. Die naturwissenschaftli-
chen Fächer wurden im Laufe der Jahrhunderte langsam zugunsten der literarischen Fächer verdrängt, und so zeichnete sich schon hier eine Kluft zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ab, eine Entfremdung, die an den
78
Römische Schulszene:
bereits
Ein Lehrer unterrichtet zwei Schüler
,
während
auf den Unterricht wartet. Grabrelief aus Neumagen, Ende
Landesmuseum,
ein dritter
2. Jh. n.
Chr.
Trier
Philosophenschulen der Antike nicht bestanden hatte, sich aber im Laufe der Jahrhunderte immer mehr vertiefen sollte.
Mit fortschreitender Vergreisung der griechischen Kultur, die schon um die
Zeitwende nur noch aus dritter und vierter Hand lebte, verstärkte sich die Tendenz
zum Formalismus, und als das römische Weltreich durch die Invasion der Germanenstämme in die Barbarei zurückfiel, schien es so, als ob auch die Bildungstradition der Antike erlöschen würde. Das frühe Christentum war an der Ausbildung
in
den freien Künsten zunächst nicht
interessiert, seine
ganze Energie richtete sich
anfangs auf das Ziel, beim Jüngsten Gericht das Heil der Seele zu erlangen, nicht
darauf, in irgendwelchen
Künsten zu glänzen.
Rettung der Gelehrsamkeit
Ob
an den Vorwürfen gegen den höchsten Staatsbeamten
am Hof
des Königs
ist, ob er wirklich mit irgendwelchen Gegnern des Germanenkönigs zugunsten der rechtmäßigen Kaiser in Byzanz intrigiert hat, wird
man nicht mehr klären können. Mit solchen Vorwürfen war man damals schnell
bei der Hand; durch den Hinweis, dies sei ein Freund von Byzanz, konnte man
jeden diffamieren, und so ist denkbar, daß Boethius, ein hochgebildeter, griechisch
orientierter Mann, persönlichen Intrigen zum Opfer gefallen ist. Im Jahre 525
wurde er festgenommen, ins Gefängnis geworfen, als Hochverräter gefoltert und
Theoderich etwas gewesen
79
f&t*
Drei Philosophen disputieren miteinander. Das wissenschaftliche Leben spielte
sich im Mittelalter hauptsächlich in den Klöstern ab. Dort gab es die
nötige Literatur angefangen mit den Werken der Antike die für eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ideen die Grundlage bildeten. Miniatur
aus der Enzyklopädie des Hrabanus Maurus, 1028. Abtei von Montecassino
,
,
König Theoderich, der König der Ostgoten, aus der Sage
dem Heerführer der germanischen Wandalen, um die Herrschaft in Italien gekämpft. In die Heldensage ist die
489 geführte Schlacht bei Verona eingegangen. Theoderich hatte mit Odoaker
einen Vertrag geschlossen, ihn aber dann ermorden lassen und auf diese Weise
das Ostgotenreich in Italien begründet. Byzanz, zu dessen Imperium Italien gehört
hatte, bevor Odoaker es ihm entriß, mußte 497 die politischen Realitäten anerkennen, die König Theoderich geschaffen hatte. Für die Römer selbst verkörperte er
die Idee des Imperiums, für die Germanen das angestammte Königtum. Die kulturelle Substanz dieses Reiches wurde durch den Umstand bestimmt, daß der junge
Adlige Boethius sich mit Nachdruck für die Vermittlung des griechischen Geistesschließlich hingerichtet.
als
Dietrich von Bern bekannt, hatte mit Odoaker,
gutes einsetzte.
80
Dieser Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius, etwa 480 geboren,
alten Geschlecht der Anicier und ist viele Jahre »magister offi-
stammte aus dem
ciarum« gewesen, eine Art Chef der Verwaltung. Er hat als theologischer Denker
die geistigen Grundlagen für das frühmittelalterliche Christentum gelegt und sich
als Christ mit seiner Schrift »Tröstung der Philosophie« zu stoischen und neuplatonischen Gedankengängen bekannt. Um seine Aufgabe zu lösen, übersetzte und
kommentierte er selbst die Schriften des Aristoteles und des Platon. Die Fächer
Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie, vor allem auf der Basis des aristotelischen Wissens, sah er als einen »vierfachen Weg« zur höheren Philosophie an.
Initiale
H
mit pflanzlichem Rankenwerk und der figürlichen Darstellung
Ahels durch die
Hand
vom Tod
seines Bruders Kain. Die mittelalterlichen Illumina-
toren legten besonderen Wert auf die Ausschmückung der Anfangsbuchstaben als
akzentsetzender Auftakt für die Schriftseite. Blatt aus der Winchesterbibel, 1150-1160.
Cathedral Library, Winchester
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An (VhentAmm
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.
a:
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Die Arithmetik
des Boethius
dargestellt. Boethius
und
galt durch seine
ist
hier in einer geometrischen Konstruktion
(um 480-524) war Kanzler am Hof Theoderichs des Großen
Übersetzungen von Platon und Aristoteles als der
bedeutendste Vermittler antiker Tradition. Kopie eines spätantiken Lehrbuchs
2.
Viertel 9. Jh. Staatsbibliothek
,
,
Bamberg
Der Begriff Quadrivium, der diese vier Disziplinen zusammenfaßt, stammt von
ihm. Aus den Schriften des Platon und Aristoteles nahm er die Fächer Logik, Physik und Ethik, aus denen später das sogenannte Trivium erwuchs. In den Bürgerschulen des 16. Jahrhunderts ist es, abwertend gebraucht, zur »Trivialität« ver-
kommen.
Es gab noch einen anderen jungen Adligen aus
dem
Kreis
um
König Theoderich,
der versucht hat, das Erbe der Antike an die jungen, barbarischen Staaten zu vermitteln. Es
war
507 eine Laudatio auf König
nach der Ermordung des Gegners zum
dies Cassiodor (ca. 490-580), der
Theoderich gehalten hatte,
als dieser sich
82
Herren von Italien machte. Diese Rede brachte dem 18jährigen jungen Mann eine
Quästur ein; seine Aufgabe war es von nun an, die königlichen Gesetze und sonstigen königlichen Willensäußerungen in eine ansprechende Form zu bringen.
Offenbar war er geschickt und schlau, denn er hielt sich in seiner Position, wurde
nach der Absetzung des Boethius dessen Nachfolger und unter der Gotenkönigin
Amalasuntha im Jahre 533 zum Kanzler ernannt. Cassiodor entstammte einer aus
Syrien eingewanderten, schon lange in Italien ansässigen Familie. Ein Urgroßvater
kämpfte auf Sizilien gegen die Wandalen, der Großvater ist mit dem weströmischen Feldherrn Aetius befreundet gewesen, der 451 den Hunnenkönig Attila in
der Schlacht auf den katalaunischen Feldern besiegt hat, und sein Vater war einer
der höchsten Beamten des Wandalenkönigs Odoaker - diese Familiengeschichten
erklären vielleicht die große Anpassungsfähigkeit des Cassiodor.
zusammen mit Papst Agapet (535-536) eine Art Bildungsreform ververfügte
aber weder über Lehrer noch über Bibliotheken oder genügend
sucht,
Er hat
klassische Texte. Als er schließlich aus Altersgründen aus
dem
Staatsdienst aus-
und gründete dort das
Kloster Vivarium, wo er westlateinisches und oströmisches Gedankengut miteinander zu verschmelzen suchte. Schon der heilige Augustinus, der mit 33 Jahren
von Ambrosius im Jahre 387 zum Christentum bekehrt worden war, hatte eine
auf das Studium weltlicher Autoren gegründete Wissenschaft gefordert. Auch der
schied, zog er sich auf seine Ländereien in Kalabrien zurück
fast
zwei Jahrhunderte später wirkende Cassiodor
aber er ergänzte sie mit
dem
stellte sich dieser
Forderung,
Bestreben, textkritische Arbeit zu leisten.
Cassiodor gehört zu der Gruppe der sogenannten lateinischen Enzyklopädisten,
die
mit Plinius
dem
Älteren beginnt. Dessen Naturgeschichte war noch bis ins 18.
Jahrhundert Lehrstoffan Schulen. Das Quellenverzeichnis des Plinius nennt 146
römische und 327 griechische Autoren, aus denen die ca. 20000 Einzelergebnisse
stammen, die Plinius mitteilt. Bekanntlich ist er, als er Freunden helfen wollte,
beim Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 gestorben. In seiner berühmten
»Historia Naturalis« hatte er in 37 Büchern das Wissen der Zeit in Erdkunde und
Botanik, Zoologie und Medizin sowie die Geschichte der Kunst zusammengefaßt,
ein unersättlicher Sammler, weniger von wissenschaftlicher Neugier als von naivem Wissensdurst getrieben, der die Fakten nahm, wo er sie fand, ohne sie kritisch
zu analysieren. Ein
Mann
wie Cassiodor ging da mit seiner textkritischen Arbeit
einen Schritt weiter. In der Tradition dieser lateinischen Enzyklopädisten steht
auch der westgotische Bischof Isidor von Sevilla (560-636), dessen Werke wie die
und Cassiodor zum Bildungsgut des Mittelalters gehörten. In seiner
»Etymologiae«, auch »Origines« genannt, wie immer man diese Titel heute über-
des Plinius
setzen mag, schrieb er eine Enzyklopädie des gesamten damaligen Wissens.
Man kann sich die kulturellen
genug
Verhältnisse im frühen Mittelalter nicht dürftig
auch in England und Frankreich, gab
außerhalb der Klöster keine Gelehrsamkeit, von Bildung im weiteren Sinne ganz
zu schweigen, und nur im ehemals byzantinischen Reich lagen die Verhältnisse
vorstellen. In Deutschland z.B., aber
es
etwas anders. Hier hatten sich die alten, antiken Rhetorenschulen erhalten, es gab
die Tradition der
Grammatiker, und selbst in den Rechtswissenschaften scheint es
alten römischen Rechtsüberlieferung gegeben zu haben.
Zusammenhänge mit der
83
Diese Bildseite aus dem Goslarer Evangeliar
sogenannte Eingangsseite für
Manuskriptillumination des Mittelalters. Dargestellt ist der Evangelist Johannes im
linken oberen Feld daneben Christus und die Samariterin und darunter die
das Johannes-Evangelium
,
ist
,
die
ein glänzendes Beispiel für die
,
Kreuzigung.
Um
1240. Stadtarchiv Goslar
,
Der Kardinal Nikolaus von Rouen beim Studium der Bücher. Wandmalerei
Tommaso da Modena im bischöflichen Seminar von Treviso, Mitte 14.
des
Jh.
Aber schon in Gallien waren die Rhetorenschulen aus der römischen Zeit unter
den Merowingern vollständig verfallen. Es war viel, daß überhaupt in den Klöstern
eine gewisse Gelehrsamkeit aufgrund antiker Texte gepflegt wurde, und so gibt
es Verbindungen zwischen dem Bildungsgut der Enzyklopädisten und den Arbeiten des Engländers Beda Venerabilis (675-735), des Alkuin von York (735-804)
und des Deutschen Hrabanus Maurus (776-856), die das antike Wissen aufgenommen und weitergetragen haben. In den irischen Klöstern Clonard, Bangor und
Jona wurden das Trivium und die Anfangsgründe des Quadrivium gelehrt, und
genau diese Einteilung ist auch für die sogenannte karolingische Renaissance unter
Führung des Alkuin von York verbindlich. Dessen Schüler Hrabanus Maurus trägt
einen
Hauch
dieser griechisch-römischen Bildung in die Wildnis ins Kloster zu
Fulda.
Man weiß über die Verhältnisse in dieser Zeit nicht viel. Wenige Jahrhunderte
zuvor hatten die Germanen ja erst den Übergang von einem »Naturvolk« zu einem
Volk mit schriftlicher Kultur vollzogen, wobei man sich diesen Wandel nicht langsam und mühsam genug vorstellen kann. Zwar gab es wie bei allen Naturvölkern
Mythen und Überlieferungen über die Ahnen, aber keine schriftlichen Quellen,
und schon die Lieder der älteren Edda sind von christlichen und antiken Vorstellungen stark beeinflußt. Auch die Berührung der Germannen mit der römischen
Kultur entlang des Limes, der römischen »Großen Mauer«, hat nur im Bereich
des Handels und Handwerks nachgewirkt. Zu einem Volk mit Schriftkultur wurden die Germanen erst, als ein Fremder, ein Christ aus Kappadokien, der heutigen
östlichen Türkei, die Bibel ins Gotische übersetzte. Seine Familie war 267 von den
Goten verschleppt worden, er selbst ist Missionar bei den Westgoten gewesen und
wurde 341 Bischof dieser Völker. Er hat 7 Jahre lang die Goten missioniert, dann
bei
anderen Gotenstämmen gelebt, die auf dem Balkan angesiedelt waren. Kir-
Begründer des arianisch-germanischen Christentums
bekannt. Um seinen Gemeinden die Bibel bringen zu können, mußte er sich selbst
erst ein Alphabet herstellen, denn die Germanen hatten keine Schrift. Es ist die
chengeschichtlich
ist
Runenschrift, die
man
er als
aus
dem Codex
argenteus kennt. Diese in Oberitalien ge-
schriebene Aufzeichnung der Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas (gotisch:
Wölfehen) aus dem
6.
Jahrhundert befindet sich heute in der Universitätsbiblio-
thek zu Uppsala.
Lesen und schreiben konnten in jener Epoche nur Geistliche, und man weiß, daß
noch Karl der Große darum gemüht hat, selbst das Schreiben zu lernen. Männer wie Alkuin und Hrabanus, die das fränkische Reich an die griechisch-römische
sich
Tradition anschlossen, wirkten nur auf wenige gelehrte
am Hof
»Haus der Weisheit« gegründet wurde, das eine
auch auf den Adel, der sich
das
Observatorium umfaßte,
krit wissenschaftliche
als
Mönche
ein, allenfalls
orientierte. Zur gleichen Zeit, als in Bagdad
man dort aus dem
Werke übersetzte und
man im Abendland
riesige Bibliothek
und
ein
Griechischen, Syrischen und Sans-
sogar eine Übersetzerakademie grün-
größten Schwierigkeiten, die Proportionen des
Euklid zu verstehen, wie Boethius sie überliefert hatte, und wußte mit Begriffen
wie »spitzer Winkel« oder »Quadratfuß« nichts anzufangen, wie man aus einem
dete, hatte
die
späteren Briefwechsel zwischen Schulleitern aus
86
dem
11. Jahrhundert weiß.
Der Evangelist Matthäus
als Schreiber.
deren Wurzeln in der Antike liegen
,
Die mittelalterliche Buchillustration
nimmt
in
den irischen Klöstern ihren
frühen Zentren einer Kunst die sich auf die kostbare Ausschmückung der heiligen Texte spezialisiert hatte. Zunächst begnügte
Ausgang. Dort entstanden
man
sich
die
,
mit der ornamentalen Gestaltung der Anfangsbuchstaben und Rand-
leisten, bald folgen figürliche
Darstellungen und pflanzliches Rankenwerk und
schließlich die anschauliche Illustration der Textstellen durch bildliche Szenen.
Einzelblatt aus einer irischen Handschrift,
Ende
8. ]h. Stiftsbibliothek,
Sankt Gallen
tPIKClUV
Im
und 7. Jahrhundert war im fränkischen Reich die Bildung fast schon erlound das Lateinische spottete aller Regeln es war etwa so seltsam verstümmelt wie das Pidgin-English und hatte als »Merowinger-Latein« einen schlimmen
Ruf. Einige Heiligenlegenden und einige dürftige Chroniken stellen die gesamte
literarische Produktion dar, und wenn die letzten Merowinger wenigstens noch
ihren Namen hatten schreiben können, so war inzwischen auch dies vergessen. Die
Christianisierung wurde bekanntlich von irischen und englischen Mönchen geleistet. Regensburg, Freising, Würzburg, St. Gallen, die Reichenau und Fulda sind
6.
schen,
;
die ersten Klöster, die ersten
Zentren der Kultur.
Aber erst als Alkuin (ca. 753-804) die Hofschule unter Karl dem Großen gründete und später die Klosterschule St. Martin in Tours ins Leben rief, war die Basis
für eine höhere Bildung gelegt. Bezeichnend ist, daß sich am Hofe Karls des Großen die Gelehrten zu regelmäßigen Sitzungen zusammenfanden und unter alten
Namen miteinander diskutierten. So hieß Karl hier David, Alkuin nannte sich
Flaccus, d.h. Horaz, Angilbert sprach als Homer und Einhard, der Architekt und
Biograph des Kaisers, bezeichnete sich
schen Stiftshütte.
Um
als Beseleel
solche Leitbilder zu setzen,
dem Erbauer der israelimußte man in einer geistigen
nach
noch so verwaschen und verwässert sein. Man war
gebildet mit dem einzig möglichen Bezug zum griechisch-römischen Denken. Zur selben Zeit, in welcher der Tadschike Ibn Sina, in
griechisch-syrischer Tradition wurzelnd, im Islam zu einem der größten Lehrer
der Medizin heranwuchs, mühten sich die Benediktiner um die Abschriften der
alten Codices. Dies war, wenn auch noch keine Gelehrsamkeit, so doch ein Gott
wohlgefälliges Werk. Nach dem Tode Karls des Großen war nämlich das Interesse
an der Gelehrsamkeit wieder erloschen, und selbst Minnesänger wie Wolfram von
Eschenbach (1170 bis ca. 1220) oder Ulrich von Liechtenstein (ca. 1200-1275)
konnten nach eigenem Zeugnis nicht lesen: »Zwaz an den buochen stet geschoben,
Tradition stehen,
Christ, aber
Des bin
mag
sie
man war auch
ich künstelos beliben.«
Scholarentum
Noch im
18.
Jahrhundert gab es in der Klosterschule
St.
Gallen drei schulfreie Tage
Jahre 911 am »Tage
Dezember, eine Prozession der Klosterschüler vorgeführt worden war. Mit einem selbstgewählten Abt an der Spitze schritten
sie wie die Großen in einer Prozession einher. Der König ließ Äpfel auf den Boden
zur Erinnerung an den Besuch des Königs Konrad
der unschuldigen Kindlein«,
dem
I.,
dem im
28.
(vorhergehende Doppelseite
Ein Kolleg des Henricus Allemagna. Hoch erhoben über seinen Studenten thront
der Vortragende Meister während nicht alle mit der gleichen Aufmerksamkeit
den Ausführungen zu folgen vermögen. Man unterhält sich oder ist sogar eingenickt, eine Situation die man auch aus heutigen Vorlesungssälen kennt. Miniatur
,
,
aus
dem
»Liber ethicorum« des Laurencius de Voltolina, zweite Hälfte 14. Jh.
Staatliche
Museen Preußischer
Kulturbesitz
,
Kupferstichkabinett Berlin
,
Zentren mittelalterlicher
Schulbildung waren die
Klöster. Hier unterrichtet
ein
Mönch
einige Schüler.
Holzschnitt von 1491.
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
werfen, aber keines der Kinder, auch nicht das allerkleinste, rührte sie an, was als
Zeichen frommer Selbstbeherrschung verstanden wurde. Nachher mußten die
Kinder der Reihe nach etwas vorlesen. Der König war sehr freundlich zu ihnen,
sie auf, wenn sie vom Pult stiegen, und steckte jedem eine Goldmünze in den
hob
Mund.
Einer der Kleinsten aber spie das Geldstück aus und fing kräftig an zu brülDer König wandte sich befriedigt an seine Begleiter: »Der wird, wenn er das
Leben behält, einmal ein guter Mönch werden.« Diese Dressuren, diese Denkweisen, in denen formelhafte Gesten als Ausdruck einer Haltung genommen wurden,
ist für das frühe Mittelalter typisch. Der Kleine, meinte der König, verabscheue
Gold, den »schnöden Mammon«. Aus dieser Geschichte geht auch hervor, daß die
jüngsten Klosterschüler noch recht klein gewesen sein müssen.
Den Rahmen für die höhere Erziehung bot das Gedankengebäude der Scholastiker. Mit Scholastik (lateinisch scholasticus: zur Schule gehörig) wird seit dem 18.
Jahrhundert die christliche Theologie und Philosophie des Mittelalters bezeichnet.
len.
Man
keit
schult die Logik an antiken Autoren, verknüpft philosophische Spitzfindigmit metaphysischen Spekulationen, hält sich an die Bibel und führt die Dis-
kussion über Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Richtungen, wobei sich der
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Mittelalterliche Kopierwerkstätte. Ein Schreiber
ist
Band abzuschreiben. Miniatur aus Cod. 2572,
Österreichische Nationalbibliothek Wien
Fo/. ir, nrn
einen
gerade dabei
,
1480/90.
Eine Schule in der Renaissance. In diesen Lateinschulen lernte man
neben dem Lesen und Schreiben lateinischer Texte auch die Grundanfänge
des Rechnens. Die Bezahlung der Lehrer war miserabel, so daß diese
vielfach lustlos ihrer Aufgabe nachkamen. Blatt aus dem Kodex 2i6y C 130,
15. ]h. Biblioteca Trivulziana, Mailand
Magnus gegen den älteren Augustinismus durchsetzt. Schließlich gehen aus der Scholastik über die sogenannten
Nominalisten auch die ersten naturwissenschaftlichen Versuche z. B. mit physikalischen Erscheinungen hervor.
Weil die Klosterschulen Elementarschulen waren, andere Bildungsmöglichkeiten im Mittelalter aber nicht existierten, boten die Universitäten nicht nur hohe
Wissenschaften, sondern auch die Anfangsgründe in Latein oder Physik, Mathematik oder Rhetorik. Das Alter der Scholaren lag noch weit bis in die Renaissance
entsprechend niedrig. In Heidelberg war die Immatrikulationsgrenze im Jahre
1453 auf 14 Jahre herabgesetzt, aber Männer wie Johann Eck und Philipp Melanchthon überzeugten durch ihre Gelehrsamkeit und wurden mit 12 Jahren eingeschrieben. Eck hatte mit 14 Jahren seinen Magister Artium, Melanchthon erlangte mit 15 Jahren das Baccalariat und mit knapp 17 Jahren das Magisterium.
Neben diesen jungen Leuten studierten auch ältere, die den Absprung nicht mehr
fanden, oder auch reife Männer, die in vorgerückten Jahren ihre Kenntnisse abrunden und um ihren Aufstieg kämpfen wollten.
Daß alle Disputationen, alle Arbeiten auf Lateinisch abgefaßt wurden, war
selbstverständlich. Die Sprache, die durch Cicero aus einer provinziellen, vielfältig
zusammengesetzten Dialektmischung ihren Charakter als klassische Hochsprache
bekommen hatte, war auch nach dem Zerfall des römischen Imperiums das einzige
internationale Verständigungsmittel gewesen. Die Kirche sprach lateinisch wie
heute noch der Katholizismus, also war Latein die Weltsprache. Nun verstand aber
jedermann in den letzten Jahrhunderten vor dem Zusammenbruch des Imperiums
auch das Griechische, etwa wie man im 18. Jahrhundert auf der Opernbühne italienisch sprach. So nahm das Latein griechische Formen auf, und später verkam es
so weit, daß selbst ein Mann wie der heilige Augustin ein höchst fragwürdiges
Mönchslatein sprach, ein verwaschenes, von Lehnwörtern geblähtes Idiom, das
mit der zuchtvollen Prosa eines Cicero nur noch wenig gemein hatte. Immer wieder wettern deshalb Männer gegen diese Sprachverhunzung, verweisen auf klassische Vorbilder. So erneuert Alkuin, Bischof von York, die Lateinstudien, und gegen den Verfall als Kultursprache wandte sich auch Anselm von Canterbury
(1033-1109), der »Vater der Scholastik und Mystik«. Es kann nicht leicht gewesen
progressive Aristotelismus eines Albertus
sein, diesen friesischen und britischen, schwäbischen und sächsischen, dänischen
und böhmischen jungen Leuten eine Sprache aufzuzwingen, die sie nur mühsam
radebrechten. Meist war in den Bursen, von denen noch zu reden sein wird, ein
sogenannter Lupus bestellt, der jedes deutsche Wort zur Anzeige bringen mußte.
Wer gegen die Statuten verstieß und nicht Latein sprach, wurde mit Entzug der
Kost, Geldstrafen, Karzer und Ausschluß von der Universität bestraft.
Es gab in der Universität zahlreiche Statuten, von denen sich übrigens viele mit
der schicklichen Kleidung, mit dem Tragen von Waffen und ähnlichen Fragen beschäftigten. In Leipzig wurde z. B. im Jahre 1458 bei Strafe von einem halben Gulden verboten, Schnabelschuhe mit auffallend kurzem Rock, einen seitlich offenen
Mantel und einen sogenannten gegitterten, d.h. durchbrochenen Kragen zu tra-
Man wollte damals schon den Scholaren an der Kleidung vom Schneiderknecht unterscheiden - Herrschaftsfragen, ausgedrückt in der Mode.
gen.
94
Man ging damals an die Universität, weil man im Klerus Karriere machen oder
wenigstens eine Aufgabe finden wollte. Die Masse der Studierenden kam schon
seit dem 15. Jahrhundert aus den ärmeren Schichten ;^o waren die Bauern- und
Bergmannssöhne Luther und Eck
ihrer
Unterhalt fanden solche jungen Leute
Herkunft nach typisch für ihre
als färnuli (lateinisch
Zeit. Ihren
famulus: Schüler),
Faktotum eines Magisters oder Doktors.
Das Rückgrat der Erziehung an den Universitäten in Deutschland waren die
Bursen, man würde sie heute Internate nennen. Hier wurde die Masse der ärmeren
Scholaren untergebracht, beköstigt und in Zucht gehalten. Um 5 Uhr wurde geweckt, die Studenten verrichteten allerlei Dienste, z. B. Stubenreinigen, Treppenkehren usw., wie heute die Soldaten in der Kaserne, um 9 Uhr gab es das »prandium«, um 5 Uhr die Hauptmahlzeit, bei Dunkelheit wurde das Haus versperrt.
Das Leben war karg dort. »Da die Weisheit in den Häusern derer, die Wohlleben,
sich nicht findet, so müssen feine Mahlzeiten, Leckereien wie böse Sirenen von
d.h. als Assistenten, Hausdiener,
unserem Hause weit weg bleiben«, heißt es in einer Freiburger Burse. Diese Bursen wurden von Spenden unterhalten, waren aber auch von Bürgern eingerichtet,
den Scholar ausnützten wie einen Gastarbeiter. Es wird berichtet, daß in den
bis zu zwölf Mann auf engem Raum lebten, der unbeheizbar war, wie überhaupt in der Burse allenfalls die Gemeinschaftsräume geheizt
die
Armenbursen manchmal
waren. Immerhin waren Bursen aus mancherlei Gründen noch besser
als Privat-
15. Jahrhundert Bestimmungen erlassen wurden, der Student
müsse in den offiziell zugelassenen Bursen wohnen. Adlige und reiche Kleriker
quartiere, so daß
im
brauchten dies selbstverständlich nicht. Die Bursen sind schließlich, weil dort auch
gearbeitet
und
lateinisch disputiert
wurde, regelrechte Lehranstalten geworden,
deren enges Verhältnis zur Universität sich gelegentlich lockerte. In Köln sind
z. B.
Gymnasien hervorgegangen.
Der Kontakt zwischen Magister und Scholar war eng. Stets war der aufgeputzte
Magister von einem Schwarm seiner Schüler umgeben, ob er nun ins Badhaus oder
zum Kollegium ging, und er selbst war häufig in der Burse, um zu disputieren.
Das Kollegium, ein klosterähnliches Gebäude mit einigen Lehrsälen, nahm die
Lehrkräfte auf. Auch hier war das Leben streng, die Moral locker und die Kost einaus den mittelalterlichen Bursen
tönig, so daß
jedermann nach Gelegenheiten suchte,
sich außerhalb des Kollegi-
ums auf gut deutsch vollzufressen. Die berühmten aristotelischen Doktorschmäuse
wurden so zu wahren Freßorgien und zum Anlaß des Unmutes. Leicht war das
Universitätsleben dieser Tage gewiß nicht, eher roh, bunt,
terworfen und
vom Leistungszwang
geprägt:
Wer
mancher Willkür un-
nach oben wollte, mußte
viel
schlucken können.
In der Zeit vor der
Gründung der Universitäten gehörten
die
sogenannten
clerici
vagi oder vagi scholares, zu deutsch die fahrenden Scholaren oder Vaganten,
alltäglichen Bild der Landstraße.
Man wüßte wenig
über
sie,
hätten
zum
sie sich nicht
Vagantenpoesie selbst Ausdruck verschafft; manches ist in
Kommerslieder studentischen Kneipentums eingegangen, auch Francois Villon
gehört in diesen Bereich. Diese oft übermütigen und gewitzten Kerle, die sich selbst
beim Bischof zu Gast luden und die keiner gerne abwies, obwohl sie jedermann
unbehaglich waren, stahlen und bettelten sich durch die Lande, vertrieben sich die
in ihrer lateinischen
die
95
Zeit mit Würfel-
und Kartenspiel und wurden
Landstraße. Oft gab sich
aus,
und im ganzen
13.
allerlei
schließlich
zum
Schrecken der
arbeitsscheues Gesindel als fahrende Scholaren
Jahrhundert versuchte man, mit Edikten und Strafen der
Sache Herr zu werden. Im 14. und 15. Jahrhundert ist es dann still um die fahrenden Scholaren geworden wahrscheinlich sind sie im großen Völkersterben um die
Mitte des 14. Jahrhunderts von der Pest ausgelöscht worden.
;
Vorgänger des Dr. Faust
macht Gretchen befangen,
wirkt aber außerordentlich belebend auf die mit allen Wassern gewaschene Marthe
Schwerdtlein. Tatsächlich reicht die ungemein moderne Hochschätzung des Akademikers, nicht als eines fachlich kompetenten Wissenschaftlers, sondern als des
»besseren Herrn«, bis ins 12. Jahrhundert zurück. In den Jahrhunderten zuvor
konnte sich jeder, der irgendwo eine Schule aufgemacht hatte, »doctor« oder auch
»magister« nennen. Ob ihm die Möglichkeit eingeräumt wurde zu lehren, hing
ausschließlich vom Grundherrn ab wenn der sein Einverständnis erteilt hatte, gab
es keine weiteren Instanzen mehr. Nur wenn sich jemand an einer Domschule als
Daß
der stattliche Herr Heinrich Faust ein Doktor
ist,
;
Lehrer niederlassen wollte, mußte der die Erlaubnis des zuständigen Kanonikers
einholen. Die Kirche machte hier keine Schwierigkeiten, es sei denn, der
Mann
wäre offensichtlich ungebildet oder von fragwürdigem Lebenswandel gewesen.
Papst Gregor IX. unterstreicht in seinen Dekreten ausdrücklich, daß man einem
Mann, der als Lehrer auftreten wolle, keine Schwierigkeiten machen
derte sich, als die ersten Universitäten entstanden, die
und Lernens hervorgegangen
ja
solle.
Das än-
aus einer freieren
An
Form
den regionalen Klosterschulen
hatte man nur begrenzte Studien treiben können, das »Studium particulare«. Im
Laufe der Zeit zogen berühmte Lehrer in Paris und Bologna Scholaren aus aller
Herren Länder an, die sich zunächst landsmannschaftlich organisierten. Sie betrieben ein übergreifendes Studium, das »Studium generale« - wobei dies selbstverständlich die alten freien Künste umfaßte und die Schriften der Alten zum
Gegenstand hatte. Um Männer wie Abaelard oder Wilhelm von Champeaux sammelten sich Scholarenhaufen wie in unserer Zeit um einen Adorno oder Bloch, und
es gab in Frankreich eine ganze Reihe solcher Vorformen der Universität, und zwar
in Laon, Reims, Tours, Orleans und Chartres. Zusammenschlüsse, universitates
genannt, gab es damals auch noch für bestimmte Bürger, für Meister einer Zunft,
des Lehrens
sind.
sogar im Bauernstand.
In
China gab
es eine
große Schriftkultur. Ursprünglich existierten etwa 80000
sowohl in senk-
Schriftzeichen, die von links nach rechts geschrieben werden,
rechten Reihen wie auch in waagerechten Zeilen. Die Kompliziertheit dieser
Bilder-Schrift liegt in der Mehrdeutigkeit ihrer Zeichen. Hier
vom
ist
der Großkönig
T'ai-Berg abgebildet in seiner Funktion als siebenter Höllenrichter. Farben
und Tusche auf Seide,
Museum
13. ]h. Staatliche
für Ostasiatische Kunst, Berlin
Museen Preußischer
Kulturbesitz,
Die Lehrenden und die Lernenden organisierten sich nun aber genossenschaftder Weise, daß der »universitas scholarium«, der Gemeinschaft der Schüler,
lich in
eine »universitas magistrorum« gegenüberstand. Der Begriff Universitas meinte
also
auch hier ein Kollektiv mit gleichen Interessen. Gelegentlich wurde das Kolauch »Studium generale« oder auch »academia« genannt, auf deutsch sagte
lektiv
man
Freischule oder
Hohe
Schule. In Paris,
wo man
vor allem Theologie und Phi-
losophie studierte, gab es die Körperschaft »magistrum et scholarum«, in der den
Magistern der meiste Einfluß gesichert war. In Bologna, damals eine Stadt der
Jurisprudenz, regierte die »universitas scholarium«, die auch den studentischen
Rektor
stellte.
Ihm mußten
Die Promotion
und
die Doctores
zum Doktor hat im
den Gehorsamseid schwören.
12. Jahrhundert formelle
zu einem feierlichen Ritual ausgebaut worden, wie
Züge angenommen
man
es heute bei der
Verleihung von Ehrendoktorwürden gelegentlich noch zu Gesicht bekommt; die
feierlichen Talare und Barette mit ihrer theatralischen Würde lassen aber den Einist
Zeremonie schon vor Jahrhunderten nicht mehr als
eine leere Geste gewesen. Im Mittelalter mit seinem starken Bedürfnis nach sinnhafter Handlung und bedeutsamer Geste war die Ernennung eines Doktors aber
ein höchst feierlicher Vorgang. Die Voraussetzungen, etwa im Bologna des ausgehenden 12. Jahrhunderts, wurden zwischen den Interessengruppen ausgehandelt.
Wer von den scholares discentes, den lernenden Schülern, in die Klasse der scholares docentes, der Dozenten, aufrücken wollte, mußte einige Jahre Jura studiert und
unter Aufsicht eines Magisters sein Wissen in einem Vortrag und einer Disputation nachgewiesen haben. Entscheidend wurde in den folgenden Jahrzehnten, daß
bei einem geregelten Lehrbetrieb die »licentia docendi«, die Lehrerlaubnis, nicht
mit der bisherigen Freizügigkeit erteilt werden konnte. Es waren entweder Doktorenkollegien, also beauftragte Gremien der Stadtverwaltung, oder bei den Universitäten Frankreichs und Englands die der Kirche verpflichteten Kanzler der Universität, welche die akademischen Grade verliehen. Die Frage der Promotion, mit
der ja handfeste gesellschaftliche Vorteile verbunden waren, wurde in den jungen
Universitäten zur Machtfrage, und niemanden konnte es gleichgültig lassen, wer
wen unter welchen Umständen zum Magister oder Doktor ernennen konnte.
Andererseits war es geradezu ein Charakteristikum für die Selbständigkeit einer
Fakultät, wenn sie besondere Grade der Promotion verleihen konnte (Bengeser).
Im Jahre 1119 ist die Universität von Bologna gegründet worden, etwa um dieselbe Zeit die Universität von Paris. Es folgten in Deutschland die Universität zu
Prag im Jahre 1348, später Heidelberg, Erfurt, Köln, Würzburg, Leipzig und
druck entstehen,
als sei diese
Rostock. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzt in Deutschland eine
neue Gründungswelle ein. Diese Institutionen waren vom Papst mit einer
Urkunde und dem »Studium privilegium« versehen, ein formaler Akt von seiten
der Kirche, der doch in Deutschland über die wahren Gründer und Träger der Universitäten nichts besagte. Seit 1456 wurde es dann üblich, den deutschen Universitäten auch kaiserliche Stiftungsbriefe zu erteilen.
Das Bild der mittelalterlichen Universitäten in Europa ist nicht einheitlich. Da
gibt es die sogenannten Stadtuniversitäten wie etwa Bologna. Sie sind höchst exklusiv, verweigern ausländischen Lehrern meist den Zugang, verleihen nur die
98
Doktorwürde und
dies meist durch ein Doktorkollegium, das aus verschiedenen
Bevölkerungsgruppen, also auch aus Zünften und Gilden, besetzt ist. Anders liegen die Dinge bei der Kanzleruniversität. Hier gibt es die verschiedensten Titel,
etwa den Baccalarus, heute Baccalaureus (mönchslateinisch: den Stab tragend). Im
Jahrhundert unterwarf man die Kandidaten der Artistenfakultät für das Baccalariat einer Prüfung, die zur Abhaltung öffentlicher Disputationen berechtigte
13.
Ein Universitätslehrer hält vor seinen Studenten eine Vorlesung. Holzschnitt
aus
dem ]ahr
1502. Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
Zwei Gelehrte
in
disputieren
Begleitung ihrer
Schüler. Holzschnitt,
Straßburg 1512.
Staatsbibliothek Berlin,
Bildarchiv
und Voraussetzung zum Erwerb weiterer Grade war. Baccalarus nannte man im
Mittelalter ursprünglich den ländlichen Hintersassen oder auch den Knappen des
Ritters, später ging der Begriff ganz in dem akademischen Grad auf. In Frankreich,
England und den USA wird er bekanntlich heute noch verliehen. Zwischen der
obersten Schicht, die aus Magistern und Doktoren bestand, und der Gruppe der
Baccalaren bildete sich in Paris die Gruppe der Lizentiaten. Ein Lizentiat hatte vom
Kanzler nach der Prüfung die Lizenz zu lehren erhalten, war aber erst wirklich
Magister, wenn er sein Lehramt angetreten hatte und seine feierliche Aufnahme
in die Korporation der Universität erfolgt war, ähnlich
wie
es
heute Dozenturen,
außerordentliche Professuren und Inhaber von Lehrstühlen gibt.
Nur China hat ein von der Kirche unabhängiges und
stem gekannt, das
differenziertes Bildungssy-
den Traditionen des chinesischen Feudalstaates erstarrte und nicht die Flexibilität besaß, immer neue Fakultäten und schließlich die
gesamte Naturwissenschaft zu integrieren, wie dies seit der Renaissance in Europa
geschah. Daß man an den mittelalterlichen Universitäten so eifersüchtig über gefreilich in
wisse Privilegien wachte, hatte seinen Grund. Die Universitäten besaßen eine weder
vom Grundherrn noch von den
Städten anfechtbare eigene Gerichtsbarkeit,
und wer zur Universität gehörte, genoß auch hinsichtlich der Zölle, Steuern, Strafen usw. bestimmte Privilegien. Das Ausmaß der Privilegien wiederum bestimmte
Mannes wie heute sein Bankkonto.
Ähnlich wie heute hatte jemand, der sein Doktorexamen bestand, nicht nur
einen bestimmten Umfang seines Wissens nachgewiesen, sondern er hatte gesell-
die Position eines
100
oben getan, in der streng hierarchisch gegliederten
Welt des Mittelalters eine bedeutsame Leistung. Wer im Mittelalter den Doktor
gemacht hatte, war gesellschaftlich jemandem gleichgestellt, der den persönlichen
Adel erhalten hatte. Man räumte ihm bei Festlichkeiten und Prozessionen Ehrenplätze ein, berücksichtigte sein Ansehen bei der Kleiderordnung und gewährte ihm
noch eine ganze Reihe anderer Vorrechte. Diese Privilegien wurden schon bald
nach der Einführung der feierlichen Promotion eingeräumt.
Die Riten haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert und sind schon
seit dem 12. Jahrhundert und noch lange danach nachweisbar. Die folgende Schilderung einer theologischen Doktorpromotion, die zugleich die Aufnahme in die
Korporation der Universität Straßburg bedeutete, dürfte typisch gewesen sein:
»Der Promotionsakt selbst wurde im Großen Auditorium des Hohen Chors der
alten Predigerkirche vollzogen. Die Musik spielt beim Einzug. Die Kandidaten treten in den inferiorem locum, der Promotor besteigt das obere Katheder. Er beginnt
mit einer kurzen Rede, an deren Schluß er vom Kanzler die potestas creandi (Anm.
d. Verf.: die Fähigkeit, zu schaffen) erbittet. Nachdem diese gewährt und der Promotor gedankt, liest der Notar den Doktoreid vor. Die Kandidaten schwören mit
zween Fingern auf das Scriptum, das der Pedell hinhält. Danach gehen die Kandidaten in cathedram superiorem zum Promotor, der nun die Renanciation (lateinisch: Wiedergeburt) vollzieht. Nachdem dies geschehen, werden unter gleichzeitiger Erklärung die üblichen Ceremonien angewendet, nämlich die Übergabe des
Katheders, des geschlossenen und geöffneten Buches, des Baretts, des Ringes und
schaftlich einen Schritt nach
endlich die Erteilung des Doktorkusses.«
Magisterpromotion an einer Universität zu Beginn des 16. ]h. Im Kreise seiner
Lehrer und Kollegen wird dem Aspiranten in feierlicher Zeremonie der Doktorhut
verliehen. Holzschnitt von Hans Weiditz. Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv
,
Von den heute
mehr einsichtigen Formalitäten abgesehen,
Schwur und Hut, Ring und Kuß geradezu an
Königskrönungen und Staatsakte. In Italien stand das Buch im Mittelpunkt der
Zeremonie, in Deutschland war es der Hut.' Übrigens mußte der Kandidat Doktorhut, Ring und Mantel selbst beschaffen, bevor sie ihm während des Festaktes in
feierlicher Form überreicht wurden. Seine- Weihe bekam der frisch gebackene
Doktor, wenn er den Kuß des Friedens und den Segen des Lehrers erhielt, während
man ihm das Katheder überließ. Für die Universität war die Vergabe von akademischen Graden eine Einnahmequelle, denn man mußte Gebühren zahlen. Außer
den Symbolen seines Standes hatte der Kandidat auch erhebliche Beträge für
Geschenke, Ehrengaben und einen gewaltigen Doktorschmaus, das sogenannte
»prandium Aristotelis«, aufzuwenden. Unbemittelte Scholaren konnten den Doktorhut nur erwerben, wenn sich ein Gönner fand, der sie finanzierte. Die meisten
Scholaren schafften den Sprung über diese Hürden nicht. Aus den Unterlagen der
gelegentlich nicht
erinnert eine solche Promotion mit
damaligen Zeit scheint hervorzugehen, daß nur etwa 20-30% der immatrikulierten Scholaren zum Baccalar und nur wieder 10-20% der Baccalaren zum Magister
oder Doktor promoviert wurden. Meist beendete
und
ließ sich
vom
man
das Studium ohne Abschluß
Rektor oder Dekan ein Zeugnis über Herkunft, Vorbildung,
Studiengang und besondere Leistungen ausstellen.
In Bologna bildete übrigens die Landsmannschaft der Deutschen, die »natio
Theutonicorum«, schon im 13. Jahrhundert eine der großen Hauptgruppen in der
Genossenschaft der »Ultramontanen«, der aus der Perspektive der Italiener von
»jenseits der Alpen« kommenden Scholaren. Allerdings wurden damals eine ganze
Reihe anderer Völker, etwa die Dänen, Norweger, Böhmen, Mähren, Litauer, Livländer usw., zu den Teutonen gerechnet. Andererseits hatten die Deutschen in
Paris keine eigene »natio«, sondern gehörten zu den Engländern. Erst nach 1331,
als die englischen Universitäten selbst zu wirken begannen und die Deutschen in
zahlenmäßig in der englischen Nation überwogen, nannte man diese die »naalemannorum«. Die Zahl der Scholaren aus Deutschland, die in Paris, Montpellier, Orleans usw. studierten, war nicht unbeträchtlich, aber es hat damals, von
Paris
tio
Albertus
Magnus abgesehen,
keine deutschen Scholastiker gegeben, keine bedeu-
tenden Gelehrten deutscher Herkunft.
Fromme
Wissenschaft
Mann von 61 Jahren Europa. Er ist 1254 in Riga, ein
Jahr später in Regensburg, er muß am 16. Januar 1256 zu einer wichtigen Sitzung
seines Ordens in Köln sein und nimmt zu Pfingsten am Generalkapitel des Ordens
Zu Fuß durchwanderte
ein
Bettelmönch also, wie sie in jenen Zeiten zu Hunderten durch
Lande ziehen, sondern ein leitender Geistlicher, der übrigens von seinem
Sekretarius begleitet wird. Dieser Dominikaner besucht jedes Kloster seiner
Ordensprovinz, prüft jede Klosterordnung, hört nach Vorschrift jeden einzelnen
Bruder des Klosters persönlich an und unterliegt wie jeder andere Abt auch den
in Paris teil, kein
die
strengen Regeln des Ordens. Besitzlos wie Christus will
102
man
sein, also
muß
der
Nahrung und Quartier erbetteln. Es wird in jenen Zeiniemanden gegeben haben, der es gewagt hätte, einen frommen Mann von seiner Schwelle zu weisen, auch vergriff sich kein Bandit, kein Habenichts an einem
Mann, der die Kutte trug. Aber welche Unbequemlichkeit für jemanden, der schon
im vorgerückten Alter war, welche mit Geduld ertragene Pein, jeden Abend unter
einem anderen Dach zu schlafen, mit anderen, ungeschlachten oder beschränkten
Kindern Gottes zusammen zu sein, welche Mjihsal des täglichen Weges - und dies,
obwohl dieser Mann ein ungewöhnliches Wissen besaß, die Werke des Aristoteles
kannte wie nur jemand in Deutschland und zu den großen Scholastikern des MitGelehrte sich jeden Abend
ten
telalters zählte.
Albertus
Magnus oder auch Albert
der Deutsche, wie
ist einer der wenigen großen Gelehrten,
bracht hat.
Um die Mitte des
die
man
ihn in Paris nannte,
Deutschland im Mittelalter hervorge-
18. Jahrhunderts schrieb
dann Jöcher, der Verfasser
eines noch heute als Quelle wichtigen Gelehrtenlexikons: »Er wird für einen gro-
ßen Hexenmeister gehalten, auch beschuldigt, er habe zuweilen die Stelle einer
Kindermutter vertreten, das Geschütz und den Lapidem Philosophorum (Anm. d.
Verf.: Stein der Weisen) erfunden; wiewohl alle diese Dinge ohne Grund sind.«
- So schnell verteufelt der gesunde Menschenverstand, was er nicht begreifen
kann. Schon bald nach seinem Tode liefen allerlei unheimliche Geschichten über
ihn durchs Volk, und dieselben Zauberkunststücke, die man ihm andichtete, hat
man drei Jahrhunderte später auch dem Doktor Faustus angehangen. Natürlich
fehlt unter diesen Dingen auch nicht der Automat, der Roboter, wie er in Prag zum
Golem und in Goethes Faust zum Homunculus wird. Ein ungewöhnlicher Mann
also,
vor allem seiner naturkundlichen Kenntnisse wegen, die er aus den Schriften
und als Erfahrung von seinen jahrelangen Wanderungen durch
Europa mitbrachte - kein Baum, kein Strauch, den er nicht betrachtet, keine
der Alten hatte
Naturerscheinung, die er nicht mit scharfem Auge und
hätte.
Im
Mittelalter hat
man
wachem
Geist beobachtet
ihn den »doctor universalis« genannt wie seinen
Thomas von Aquin, den »doctor angelicus« und Roger Bacon den
ist am 1 6. Dezember 1931 vom Papst heiliggesprochen worden, nachdem er Jahrhunderte für einen Zauberer gehalten worden war.
Woher Albertus Magnus stammt, weiß man nicht - vermutlich nicht, wie bisher
angenommen, aus dem schwäbischen Geschlecht der Herren von Bollstaedt,
Schüler, den
»doctor mirabilis«. Er
ebensowenig kennt
man
seine Ausbildung. Sicher
schen Adelsgeschlecht aus Lauingen an der
ist,
daß er aus einem schwäbi-
Donau stammt, auch nimmt man
an,
daß er bereits die griechisch-arabische Literatur seiner Zeit kannte, ehe er 1223
dem Orden der Dominikaner beitrat. Studiert hat er in Padua, wo er vermutlich
von dem Ordensgeneral Jordan von Sachsen gewonnen worden ist. Man wußte
denn nach seiner Lehrtätigkeit in verschiedenen
Doktor - heute würde man
Inhaber des Lehrstuhls der Dominikaner - tätig gewesen. 1254 wurde
seine Kenntnisse zu schätzen,
deutschen Klöstern
sagen, als
er
ist
er einige Jahre lang in Paris als
zum
ins
Ordensprovinzial für Deutschland ernannt, so daß er zu Visitationen bis
Baltikum verpflichtet war. Als man ihn 1259 von dieser Bürde befreit hatte,
wurde
er gegen seinen Willen auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes Bischof der
damals bedeutendsten deutschen Stadt Regensburg. Bis zu seinem Tode hat er
IO3
dann in einer Klosterzelle in Köln gelebt, wo die heutige Universität nach ihm benannt ist, lehrend, predigend und schreibend, eine europäische Berühmtheit, deren Autorität
um
immer wieder aufgerufen wurde. Noch
als
Greis reiste er nach Paris,
Thomas
Im vorgerückten Alter, etwa zwei Jahre vor seinem Tod, ver-
sich in einer gelehrten Disputation vor seinen bedeutendsten Schüler
von Aquin zu
lor er sein
stellen.
Gedächtnis und seine geistigen Fähigkeiten und
87 Jahren gestorben.
Als Geistlicher und
Ordensmann
kunft prädestinierte ihn, denn
stellte er in
ist
1280 im Alter von
der Kirche etwas dar, seine Her-
um zu Würden zu kommen, war
Adel von Vorteil.
Dabei aber hatte er die geistige Freiheit eines Mannes, der mehr als die Bibel kannte
und in vielen Dingen eine eigene Meinung vertrat. Dieselben Vorgänge, wie man
auch aus dem Islam kennt, spielen sich im christlichen Mittelalter ab, denn mit
der Entdeckung der Schriften des Aristoteles ist der Klerus vor die Frage gestellt,
ob man die antike Bildungstradition negieren soll - die politische Tradition des rösie
mischen Weltreiches wird ja von der Kirche ausdrücklich anerkannt - und sich geistig auf die Kirchenväter beschränken soll, oder ob die Kirche stark genug ist, sich
mit Aristoteles auseinanderzusetzen und ihn zu integrieren. Abertus Magnus
wurde von seinen Neidern der »Affe des Aristoteles« genannt, weil er zur fortschrittlichen, aristotelischen Richtung neigte und beinahe sklavisch von ihr
abzuhängen schien.
Der Streit um Aristoteles spielte sich zunächst als Streit um Zuständigkeiten
ab. Die »facultas artium« an der Universität zu Paris umfaßte die genannten Sieben
Akademische Weihen waren
in der damaligen Zeit mit größeren Geldausgaben
verbunden. Nach erfolgter Promotion mußten die frischgebackenen Doktoren
ein Festessen für die Universitätsangehörigen geben. Holzschnitt des 16.1-17. Jh-
Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv
,
Freien Künste, und als im Laufe des 12. Jahrhunderts die Schriften des Aristoteles
bekannt wurden, fielen sie in die Zuständigkeit der Artistenfakultät. Daß Albertus
Magnus und später sein Schüler Thomas von Aquin ebenfalls den Aristoteles auslegten, brachte diese beiden Männer in Gegensatz zu den anderen Professoren
Siger von Brabant und Boethius von Dacien. Erstaunlicherweise ist es nun gerade
Albertus Magnus, der mit einer Fülle eigener naturwissenschaftlicher Beobachtungen, so bruchstückhaft sie gewesen sein mögen, die realistische Linie der Aus-
legung vertritt und keineswegs reaktionär reagiert. Andererseits ist er der überzeugte und unbeirrbare Mann der Kirche. Von ihm stammt die heute noch in der
Kirche geltende Lehre, daß der menschliche Lebenskeim im Augenblick der
Befruchtung mit der spezifisch menschlichen »anima rationalis« geformt und be-
werde; diese sogenannte Simultanbeseelung führte zur Ablehnung jeder
Schwangerschaftsunterbrechung und zu den monströsen Praktiken der Wehmütter, den im Mutterleib sterbenden Fötus mit einer Spritze zu taufen.
seelt
Dem Albertus selbst, so realistisch er war, galt Magie als wesentliche
seiner Naturerkenntnis. So
ist er,
Ergänzung
ganz im Mittelalter verfangen, eine wider-
sprüchliche, aber großartige Gestalt, deren
net
ist.
Werk heute
auf 40 Quartbände berech-
Dieses große Lebenswerk umfaßt theologisch scharfsinnige Gelehrsamkeit
ebenso wie exakte Naturbeobachtung, es übermittelt oft unkritisch weite Teile des
Werkes von
Horizont
Sina,
als
Aristoteles
und
bietet
irgendein anderes
dem großen Gelehrten
doch in seiner geistigen Weite einen größeren
Werk
des Mittelalters. Ähnlich
dem Araber
Ibn
des Islam, auch Avicenna genannt, markiert er einen
Höhepunkt geistiger Entwicklung, die durch das Erbe Griechenlands in Gang gesetzt worden war, und nimmt in einem ersten Ansatz die späteren Formen des
abendländischen Denkens vorweg. Er hat nämlich als erster, wenn auch unzulängliche Experimente durchgeführt und soll einen Automaten ganz aus Metall konstruiert haben, den sein Lieblingsschüler Thomas von Aquin vor Entsetzen zertrümmerte, als er ihn zum ersten Male reden hörte. Dieses Werk erschien dem
»doctor angelicus« bezeichnenderweise denn doch als Teufelsspuk.
Mandarine
in
Klausur
Selbstverständlich hat es auch außerhalb des christlichen Europas das gegeben, was
man ein »Bildungssystem« nennen kann. Damit ist gemeint, daß
differenzierten Gesellschaft ein elitäres
Grundwissen
sich
wohl
in jeder
herauskristallisiert, das
zum
Kanon erhoben wird: Wer es beherrscht, gehört zu jener Schicht, die im Staat die
Macht hat. Im Islam freilich gibt es keine breit angesetzte Bildung, wie sie sich
Europa aus dem Rückgriff auf die Antike erhalten hat hier begrenzt der Koran
den geistigen Horizont und schafft eine geistige Isolierung, die erst durch die
Berührung mit den Kolonialmächten und durch die Medien des 20. Jahrhunderts
aufgebrochen worden ist. Ähnlich sind die Verhältnisse in Indien, wo das ritterliin
;
Brahmanen etwa dem des frühen Mittelalters in Europa entwurden bestimmte Tugenden zum Ideal erhoben, bestimmte
Fähigkeiten und Kenntnisse gefordert, wobei die Mythenwelt des Hinduismus den
che Bildungsideal der
sprach. Hier wie dort
IO5
Sakyamuni
als
Asketiker
in
meditativer Hockstellung. Im klassischen China
garantierte ein strenges Prüfungssystem den überdurchschnittlichen Bildungs-
standard. Dieses Bildungssystem baute auf den
Maximen
Leistung und Anpassung
auf und war somit auch niederen Bevölkerungsschichten zugänglich. Holzfigur
mit Lack überzogen Jüan Dynastie (1280-1368). The Detroit Institute of Arts, Detroit
,
reichen geistigen Hintergrund bot. Eine Kanonisierung des Wissens, wie sie in
Europa durch die »Sieben Freien Künste« geschah, hat es in Indien jedoch nicht
gegeben, ebenso keine freie, außerhalb der Stände und Kasten vermittelte Bildung.
Indiens Beitrag zur Weltkultur ist vor allem religiöser, weniger intellektueller Art,
so bedeutend auch die frühen Wissenschaften in Indien
Eine literarische Bildung, die
zum
gewesen sein mögen.
absoluten Maßstab erhoben wurde, hat es in
China gegeben; welche gesellschaftlichen Funktionen eine subtile Literatur haben
am chinesischen Beispiel besonders deutlich nachweisen. So ist die
kann, läßt sich
Kehrseite literarischer Bildung die Haarspalterei, die gelehrte Beschränktheit, die
an Textschwierigkeiten bewährt. In einem geschlossenen gesellschaftlichen
System, das die Kenntnisse auf diesem Gebiet zum Maßstab für den gesellschaftlichen Aufstieg erhebt, kann eine solche Bildung katastrophale Folgen haben, weil
sich
sie
formalistische, arrogante
und unfähige Beamte heranbildet - freilich
»Wenn
kultivierte
Mensch dreihundert Oden reziMänner
verhalten
soll, wenn er einen dienstlichen
tieren kann, aber nicht weiß, wie er sich
Auftrag erhält, welchen praktischen Wert hatte sein Studium?« Der Mann, der
mit erlesenen Kenntnissen.
mit Recht diese Frage
dem
stellt,
ein
heißt Konfuzius, aber gerade das Bildungssystem, das
Traditionalismus verhaftet war, entwickelte sich aus
dessen Entstehung im Band »Magie
Das Reich der Mitte hatte
bis
•
Mythos
zum Ende
•
dem Konfuzianismus,
Religion« geschildert wurde.
der zweiten Han-Dynastie in der
Hauptstadt wie in den Provinzstädten riesige Registraturen aufgebaut, die dann
durch den politischen Umsturz vernichtet wurden. Es wäre denkbar gewesen, daß
nun buddhistische Beamte
Verwaltung wiederaufgeman kam offenbar ohne
die Kenntnisse der konfuzianischen »Spezialisten« nicht aus, und so waren vor allem in Shantung die alten Beamtenfamilien wieder am Zuge, die im politischen
Gegensatz zum Kriegeradel standen, den Männern, die nach Ansicht der Gebildeten »nach Schaf und Ziege« rochen. Zwischen dem nomadischen Kriegeradel und
den Beamtenfamilien entwickelte sich nun ein Machtkampf um den größeren Einfluß bei Hofe; das Kampfmittel aller Beamten war die Prüfung in literarischer
Gelehrsamkeit. Ohne umfassende Kenntnis der Schrift und langwierige Beschäftigung mit der konfuzianischen Literatur waren solche Prüfungen nicht zu bestehen. Bereits unter der Sui-Dynastie, etwa um 589-618, begann man Examina abzuhalten. Prüfungsgegenstand war in erster Linie literarischer Stil; auf
europäische Verhältnisse übertragen hätte das bedeutet, daß die Herren im
Gefolge der Merowinger sich für ihre Stellungen hätten ausweisen müssen durch
Verfertigung von Lyrik in ägyptischen Hieroglyphen oder in genauer Kenntnis
statt
der konfuzianischen
die
baut hätten, aber eben dies geschah auf die Dauer nicht,
der griechischen Bibel.
Die chinesische Literatur überliefert zahllose Geschichten
vom armen Bauern-
jungen, der nachts fleißig studierte und eines Tages nicht nur Mandarin, sondern
auch Ratgeber höchster Herrschaften wurde. Tatsächlich gab es solche Geschichten, und das Bildungssystem war ursprünglich durchaus demokratischer als die
Feudalherrschaft, denn Aufstieg durch Leistung
und Wohlverhalten war möglich.
Söhne aus den Adelsgeschlechtern wurden aber auch in der Ming-Zeit keinem
Examen unterworfen, wenn sie einen Posten bekamen. Für jeden, der nicht aristo-
IO7
Abkunft war, führte der Weg über die in dreijährigem Turnus abzuhaltenden Bezirksexamen, deren Beste zu den Provinzialexamen zugelassen wurden.
Hier wurden die Besten wiederum im Kaiserpalast geprüft, dessen Anlage 10000
kratischer
Prüfungszellen umfaßte. Jede Zelle war drei Meter lang und eineinhalb Meter
wurde einer strengen Leibesvisitation unterzogen, ehe man ihn
Nahrung wurde wie in einer Gefängniszelle gereicht, die kaiserliche
Prüfung dauerte eine Woche. Wenn einer seine Prüfung bestand, auf die er sich
im Kreise der Sippe vorbereitet hatte, wurde er in seiner Gemeinde gefeiert wie
ein Olympia-Sieger, man sammelte Muster seiner Handschrift wie Autogramme,
er genoß im eigenen Land die Privilegien eines Diplomaten und benahm sich daher
breit, der Prüfling
einsperrte.
so, als unterliege er strafrechtlich
Wer in den
der Immunität.
kaiserlichen Prüfungen als Erster bestanden hatte,
wurde als Natiowas Menschen begeistert werden können, nimmt der schriftgelehrte Chinese bei aller Absurdität der Prüfungen keinen
so schlechten Rang ein, verglichen mit Wagenkämpfern, Gladiatoren, Tänzern
oder Torhütern. Tatsächlich bewährte sich in China immer wieder ein altes
Sprichwort: »Lerne einen Schreibpinsel zu gebrauchen, und du wirst niemals betteln gehen.« Außer der Kenntnis der Schriftzeichen wurden Rechtswesen und
Mathematik geprüft, aber nur gering benotet. Die Prüfungskandidaten mußten
zwei bis fünf Klassiker ihrer Wahl gründlich studiert haben. Das Examen selbst
bestand aus der Identifizierung von Zitaten, aus der Erläuterung des Textes und
aus der schriftlichen Ausarbeitung gegebener Themen. Außerdem mußte der
Kandidat unter Beweis stellen, daß er imstande war, Eingaben, Huldigungsadressen an den Kaiser und Gedichte zu verfertigen. Wenn man die Vieldeutigkeit
der chinesischen Schriftzeichen und die Tatsache bedenkt, daß es damals nur
abgeschriebene Texte gab, so kann man sich die Schwierigkeiten dieser Prüfungen
nalheld gefeiert;
wenn man
überblickt, für
denen mancher den Verstand verloren hat.
z. B. die Form des Aufsatzes nahezu vorgeschrieben, einschließlich der Länge der einzelnen Absätze, der Zahl der Wörter in jedem Absatz und
ihrer Beugung. Man nannte diese Form, heilig gehalten durch Generationen wie
in Europa ein Text aus Bellum Gallicum, den »achtbeinigen Aufsatz«. Es war der
Wille der Herrschenden, daß in den Köpfen der Menschen nicht zuviel gedacht
wurde, und so schien der am geeignetsten für den Staatsdienst zu sein, dessen
Intelligenz durch jahrzehntelanges Klassikerstudium entmannt und deformiert
war. Es gab ein einziges, veraltetes mathematisches Werk, das die Grundlage der
Prüfungen bot, und nur mit kaiserlicher Einwilligung durfte ein Gelehrter die allenfalls vorhandenen anderen Werke zu Rate ziehen. Unter mongolischer Oberherrschaft waren auch in China astronomische Studien betrieben worden wie in
Indien und in der Mongolei. Als die ersten Jesuitenpater sich mit den astronomischen Instrumenten in Nanking befaßten, stellten sie fest, daß die Chinesen sie
nicht mehr bedienen konnten und daß die Hofastronomen seit Jahrhunderten den
Kalender, der doch die Grundlage höchst feierlicher Opferfeste war, falsch berechnet hatten. Es war nämlich niemandem eingefallen, daß die Übersiedlung der
Instrumente aus Nordchina zum Yangtse ihre Polarrelevation außer Kraft gesetzt
vorstellen, über
Tatsächlich war
hatte (Bloodworth).
Frühe
Wissenschaft
Die Sterne lügen nicht
Feldfurche, Zicklein, Drache
Zeichen des Himmels
Zwischen den Zahlen
Mit Zählstock und Abacus
Die Weisen von Milet
Mit Steinmesser und Zauberpilz
Wege zu Hippokrates
Heilung mit Nadelstichen
Die Sterne lügen nicht
Der Sternenhimmel muß für die Menschen der Frühzeit, die ihr Leben im Freien
verbrachten und nichts von Milchstraßen und Sonnensystemen wußten, ein unglaubliches Schauspiel gewesen sein Da blitzten und funkelten unzählige Lichter,
:
Manche dieser funkelnden Lichter tauchten an imHimmels auf, andere wiederum erinnerten an Werk-
für die es keine Erklärung gab.
mer den gleichen
Stellen des
zeuge oder die Umrisse eines Tieres, wie
man
es
auch im magischen Fadenspiel
gab ganze Gruppen von solchen Lichtern, die immer zusammenhingen, und andere wiederum, die sich zerstreuten, und
festhielt oder als Figur in
schließlich fielen sogar
den Sand
manche
ritzte, es
Lichter
vom Himmel,
mit einem Feuerschweif
aufleuchtend wie eine sehr ferne Fackel.
in
Kein Zweifel konnte bestehen, daß in diesem unheimlichen Dunkel der Nacht,
dem sich die lebensspendende Sonne verbarg, Kräfte und Mächte sich regten,
vielleicht sogar die Götter des
kam
Himmels
selbst oder ihre Widersacher. Jedenfalls
ungeheure Schauspiel, das sich Nacht für Nacht wiederholte, zu verstehen, denn der menschliche Geist ist so beschaffen, daß er immer
neue Fragen stellen muß, wenn das Unbegreifliche ihn herausfordert, obwohl ihn
jede Antwort zu neuen Fragen führt.
Es waren wohl Hirten, die den nächtlichen Himmel besonders oft betrachtet haben. Wenn es Großstädter gewesen wären, hätten sie vielleicht in den funkelnden
Sternenhaufen sehr weit entfernte Städte mit ihren funkelnden Lichtern erkannt,
so aber fühlten sie sich durch diese Myriaden von Sternen, die langsam über den
Horizont hinaufzogen, an die Herden erinnert, die sie selbst weideten. In Ägypten
fanden sie, daß einer der Sterne, der morgens noch im Licht des herandämmernden
Tages funkelte, an das Auge eines Wachhundes erinnerte: Sie kannten bereits den
Jäger am Himmel, den Hirten, die Schlange und den Adler. Es war ihnen klargeworden, daß am Himmel ähnliche Gestalten lebten wie auf der Erde und daß es
zwischen Himmel und Erde eine Entsprechung gab. So erkannten sie auch den
Hütehund auf der Linie, die durch drei Sterne am Gürtel des Jägers und Hirten
Orion nach links gezogen wird. Das erweckte den Eindruck, als werde das Sternbild
des »Großen Hundes« von dem Hirten Orion an der Leine gehalten. Die Ägypter
nannten diesen Stern deshalb den »Hundsstern«. Alljährlich zeigte er sich um die
gleiche Zeit immer an der gleichen Stelle, und man konnte nach ihm die Länge
des Jahreszyklus zählen: Es waren genau 365 Tage. Genau an dem Tag, an dem
dieser Stern so deutlich aufblitzte, kam die große Flutwelle von weit her den Nil
herab und setzte das ausgetrocknete, von der Hitze gequälte Land unter Wasser,
Mengen von fruchtbarem Schlamm mit sich führend - es war also kein undurchschaubarer Zufall wie ein Gewitter, ein Wolkenbruch, sondern ein stets im gleichen Zeitraum wiederkehrendes, ein zyklisches und also vorhersehbares Ereignis:
Das war eine unglaubliche, der Existenz eine gewisse Sicherheit gebende Erkenntnis inmitten aller Furcht vor den undurchschaubaren höheren Mächten.
Man weiß nicht, wann diese Beobachtungen zum ersten Male gemacht worden
sind, aber man weiß aus ägyptischen Papyri, daß dies um 4236 v. Chr. geschehen
es darauf an, dieses
110
sein
muß. Damals war
die
Sternbeobachtung aber schon einige tausend Jahre
alt.
dem Aufgang des Hundssterns den Beginn des Jahres fest
auf den 23. Juli, und die Griechen haben dieses Datum übernommen: Die »Erntezeit« begann in Griechenland mit dem Aufgang des »Sothis«, und sie fand ihr Ende
mit dem Aufgang des Arkturos, des »Bärenhüters« (Böttcher). Dieses Sternbild
war nach dem Stammesheros der alten Arkadier genannt, nach Arkas, der zusammen mit seiner in eine Bärin verwandelten My tter Kallisto an den Himmel versetzt
worden war; er regierte die Herbststürme und beendete den Sommer.
Die Ägypter setzten mit
Im Laufe der Jahrtausende füllte sich der leere, mit unheimlich funkelnden
Lichtern besetzte Nachthimmel also mit »Anknüpfungspunkten«, mit Bedeutsamkeiten, und sobald auch nur ein einziges Sternbild den Namen eines Gottes,
eines Tieres, eines auf der Erde wirkenden und lebendigen Wesens bekommen
hatte, war es mit diesem Wesen auf magische Weise identisch Es regierte als Gott,
was ihm zukam, es war nicht nur ein Umrißbild von glühenden Glasklumpen, die
lichtjahrmillionenweit entfernt im leeren Weltraum standen, sondern am Himmel
existierten ein wirklicher Jäger oder ein wirklicher Wassermann, der Herr der
Gewässer und Fische: Er schickte Regenfluten und Gewitter. Auch andersherum
lief die menschliche Logik: Wenn es vom Himmel herab Donner und Gewitter gab,
die dem Brüllen eines riesigen Stieres glichen, dann mußte es diesen Stier am
Himmel geben: Sonne und Mond wurden als die Augen des Himmelsstieres aufgefaßt oder auch als die Augen des Himmels.
Es gibt die ägyptische Mythe von Ra, dem Sonnengott, der täglich mit den Wolkenschlangen kämpft, um sie zu vertreiben, und der Finsternis erliegt, um immer
wieder triumphierend aufzuerstehen. Der alternde Ra wurde eines Tages von einer
giftigen Schlange gestochen, und die Göttin Isis kannte das Gegengift. Sie wollte
:
das tödliche Gift aber nicht eher aus seinem Körper vertreiben, bis er ihr seinen
geheimen Namen gesagt und außerdem Horus, ihrem Sohn, seine beiden Augen,
nämlich Sonne und Mond, gegeben hätte. Dies ist nur ein Beispiel aus der nicht
ausschöpfbaren Fülle der frühen Deutung von Sternbildern: Sonnen- und Mondkulte sind die ältesten Religionen der Erde gewesen, und überall auf der Welt ha-
ben die Sterne das beklommen schaudernde Interesse des Menschen erregt.
Die Sternenreligion der Babylonier hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, denn jedes Horoskop, jede Frage, zu
Waage oder
welchem Sternbild
einer ge-
Löwe, berührt die jahrtausendealte Überlieferung: Selbst unsere Tageseinteilung in zwölf Tages- und zwölf Nachtstunden
ist babylonischen Ursprungs. In dem Land zwischen Euphrat und Tigris hat es um
höre, ob
Fische, Krebs oder
die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends eine Schriftkultur
man
gegeben, die
heute »sumerisch« nennt und deren Herkunft bisher nicht überzeugend ge-
sie in Beziehung zu der Kultur am
von dort her eine Einwanderung noch sehr viel älterer Völker
erfolgt. Man lebte von Rinderzucht und Fischfang, man benutzte Schilfrohr in
vielfältigen Anwendungen, und man schrieb auf weichem Ton mit dem Schilfrohrgriffel die »Keilschrift«. Die seßhaften Sumerer, die an die Götter des Himmels, der Luft und des Wassers glaubten, wurden von den semitischen Stämmen
überfallen, die man als Akkader kennt: Sie brachten andere Götter mit, die ein
klärt
worden
Indus setzen,
ist.
Es gibt Vermutungen, die
als sei
111
Arabisches Astrolabium.
Dieses Instrument zur
Berechnung von Gestirnshöhen wurde von den
Arabern erfunden und war
für die Entwicklung der
Seeschiffahrt unentbehrlich. 10. ]h.
Bibliotheque
Nationale, Paris
dualistisches Prinzip verkörperten: Die Erdmutter Ischtar
wurde vom Himmels-
gott befruchtet.
Wechselvolle Kämpfe zwischen den verschiedenen Teilfürstentümern Mesopo-
Um 1700 v. Chr. errang BabyMesopotamien. Aus dieser Zeit
stammt die babylonische Astralreligion, die den Kampf des Lichtes gegen die
Unterwelt nachzeichnet. Jedenfalls ist die Weltordnung vorherbestimmt und wird
unter fortgesetzten Erscheinungen der göttlichen Ordnung offenbart. Die Priester
können, wenn sie das Naturgeschehen aufmerksam beobachten, diese Offenbarungen deuten und die tatsächlichen Vorgänge in das vorherbestimmte Weltgeschehen einordnen.
tamiens kennzeichnen diesen Geschichtsabschnitt.
lon, eines dieser Teilreiche, die Herrschaft über
Feldfurche Zicklein, Drache
,
Über
viele
hundert Jahre hinweg notierten die Priester des Zweistromlandes auf
Bewegungen der Sterne, als notiere ein Sklave die rätselhaften
Bewegungen seiner übermächtigen und undurchschaubaren Herren. Sie glaubten,
das Himmelsgewölbe sei die Rückseite der Heimat der Götter, und sie hielten jeden
ihren Tontafeln die
Stern für den Widerschein eines Gottes. So genau und gründlich waren die Beobachtungen, daß die Priester, ohne über die entsprechenden Rechenmethoden zu
112
verfügen, die schrecklichen Sonnen- und Mondfinsternisse ungefähr Voraussagen
mögen die priesterliche Macht ins Unermeßliche
Beobachtungen machten sie ohne optische Hilfsmittel,
wenn man von Schilfrohren absieht, mit denen sie künstlich ihr Blickfeld einengten, um schärfer sehen zu können. So entdeckten sie die Umlaufphasen des Planeten Venus, des Widerscheines der Göttin Ischtar, von deren göttlichem Willen die
Fruchtbarkeit der Äcker und der Herden abhin,g, aber auch die Schrecken des männerverschlingenden Krieges-. Sie haben den Weg der Sonne über den Himmel, die
Ekliptik, in jene zwölf Zonen geteilt, die heute noch in der Astrologie gelten, und
ihnen die Namen gegeben, die wir als »Tierkreiszeichen« kennen. Die sumerischen
Tierkreiszeichen hießen Tagelöhner (Widder) - Plejaden (Stier) - Zwillinge (Zwillinge) - Tischler (Krebs) - Löwe (Löwe) - Feldfurche (Jungfrau) - Waage (Waage)
- Skorpion (Skorpion) - Schütze (Schütze) - Zicklein (Steinbock). Die in Klammern gesetzten Namen sind die heute noch in Gebrauch befindlichen Bezeichnungen. Alle Sterne der ersten sechs Größenordnungen, wie sie später der Astronom
Ptolemäus klassifiziert hat, sind von den Mesopotamiern benannt worden; der
»Große Wagen« ist eine alte sumerische Bezeichnung.
Der Schritt von der Beobachtung zur Klassifizierung, von der Messung der Zeiträume zur Berechnung der Bewegungen ist innerhalb der babylonischen Astrologie getan worden. Immer feiner wurden die Beobachtungen, immer genauer die
Methoden, und so wurde die Mathematik zur Formsprache des geoffenbarten
Weltgesetzes: Hunger und Seuchen, die Taten der Großen und die Schicksale der
Städte wurden mit Hilfe der Sternbeobachtung eingeordnet in den vorherbestimmten Ablauf, und das ganze Wahrsagewesen wurde am Lauf der Gestirne
gleichsam justiert: Das ist die Wurzel aller Astrologie.
Die sumerische Methode, den Himmel einzuteilen und die Tierkreiszeichen zu
benennen, die einen so großen Einfluß auf die astrologische Deutung der Geburtsstunde und damit der »regierenden« Sterne hat, ist nicht selbstverständlich. Auch
die Chinesen haben lange vor der Zeitwende die Sterne beobachtet und klassifiziert. Die Ekliptik nannten sie »die gelbe Straße« und bezeichneten die Abschnitte
mit 28 Merkzeichen, die sie zum Himmelsäquator, der »roten Straße«, in Beziehung setzten. Auch die Chinesen sahen »Bilder« am Himmel, aber nicht Widder
und Waage, Skorpion oder Feldfurche, sondern solche, die der eigenen Umwelt
und der eigenen Mythologie entsprachen: »Hien-yuan hat die Gestalt eines Drachen und einer Schlange. Das Sternbild zählt siebzehn Sterne. Der leuchtendste
Stern, genau im Süden, ist die >Herrscherin< Niutschou, die Mutter. Der sich sechs
Fuß nördlich von der Herrscherin befindende Stern ist die Prinzessin Fou-jen.«
Leider macht es Schwierigkeiten, diese zwischen dem 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr.
entstandene Beschreibung zu identifizieren und auf diese Weise Rückschlüsse zu
ziehen, welchen Einfluß wohl Prinzessin Fou-jen oder ihre Mutter, die Herrscherin, auf alle »Waage«-Kinder oder »Krebse« haben könnte. In China, das eine andere Weltschau als Sumer hatte, spielte die Sterndeutung aber keine so große
Rolle, und die Kunst der Wahrsagung ging andere Wege.
Auf dem höchsten Stand befanden sich die Astronomie und die Sterndeutung
bei den Mayas: Sie haben von Tempelpyramiden aus die Sterne ohne Hilfsmittel
konnten. Solche Voraussagen
gesteigert haben. Ihre
113
beobachtet wie die Sumerer, und da
Zeitbegriff besaßen,
haben
sie sich
sie eine geradezu neurotische Bindung an den
ununterbrochen mit Fragen der Datierung und
Chronologie beschäftigt: Alle 5 oder 10 Jahre errichteten sie Gedenksäulen. Nicht
nur die Festtage oder Jahre, sondern die einzelnen Tage wurden von den Sternen
beeinflußt oder, besser ausgedrückt, die Tage selbst waren ein Götterpaar. Jeder
Tag wurde mit einer Zahl und mit einem Namen bezeichnet, z. B. »1 Ik« oder »13
Ahau«, und jeder Teil dieses Namens war ein Gott. Der alte, phantastisch genaue
Maya-Kalender wird im Hochland von Guatemala noch benutzt, so sprechen die
Indios noch heute wie die Vorfahren vor vielen Jahrhunderten von den Tagen, als
ob jeder ein lebendiger Gott
sei.
Jede einzelne Zahl galt nämlich als göttlicher Trä-
bestimmte Last durch die Ewigkeit schleppte. Die Lasten wurden auf
dem Rücken getragen und waren durch Stricke gesichert, die über die Stirn gelegt
wurden, so auch bei den Sternen.
ger, der eine
Saturnus. Holzschnitt des
Planeten von Hans Burgk-
mair
d. Ä. (1473-1531).
Kupferstichkabinett Dresden
,
Wenn man
diese Vorstellungen an einer
Kalender deutlich machen
man
1
Datumsangabe aus dem europäischen
will, sieht das so aus:
Für den 22. Oktober 1973 braucht
sechs Götter als Träger, die Götter der 22 tragen den Oktober, die Götter der
das Jahrtausend, die Götter der 9 die Jahrhunderte, die Götter der Zahl 7 die Jahr-
Am
Ende des Tages tritt eine kurze
zehnte und die Götter der Zahl 3 die Jahre.
Pause ein, bevor die Träger sich erneut in Bewegung setzen. Doch nun lösen die
den Oktober trugen. So haben die MayaKolonne von göttlichen Trägern verstanden, die ihre
Lasten aufnahmen und absetzten, die sie verloren und in Rasthäusern rasteten,
denen göttliche Ereignisse wiederfuhren und die Glück oder Unglück mit sich trugen (Thompson).
Die Deutung der verschiedenen Zeitlasten, die ängstlich genaue Berechnung aller Daten, damit man erkennen konnte, welche Ernten vorbestimmt waren, welche Kriege und Nöte, war die vordringlichste Aufgabe der Priesterschaft. Wie bei
den Sumerern war man von der Vorherbestimmtheit der Ereignisse überzeugt;
nur auf dieser Basis läßt sich die Wahrsagerei rechnerisch-mathematisch betreiben. In keiner Hochkultur hat es eine so sklavische Beachtung dieser mathematisch-astrologischen Zukunftsdeutung gegeben, denn nirgends war der einzelne
Tag selbst ein Götterpaar. Dabei muß man bedenken, daß der Kalender der Mayas
mit seiner unvorstellbaren Genauigkeit mehrere weit- und engräumige Zeitrechnungen kombinierte wie ein Tachometer am Auto, der gleichzeitig Seemeilen, römische Stadien, russische Werst und englische Fuß anzeigen würde. Eric Thompson hat in seiner Kulturgeschichte der Mayas das Beispiel mit dem Auto
formuliert, um zu zeigen, wie die Priester auf Daten reagierten. Man stelle sich
vor, daß es Unglück brächte und die Fahrt im Auto sofort zu stoppen sei, wenn
auf allen Skalen eine 7 auftaucht, und daß andererseits als glückbringend verstanden werde, wenn man mehrere Zahlen mit einer 9 sähe und dementsprechend das
Tempo beschleunigen müsse, um die Zeit wieder herauszuholen. An dieses äußerst
komplizierte System haben die Mayas nicht weniger fest geglaubt als die Verfertiger astrologischer Gutachten an Tierkreis- und Geburtshaus-Symbolik.
Götter der Zahl
1
die Götter ab, die bisher
priester die Zeit als eine
Zeichen des Himmels
Der Regenbogen gilt im Alten Testament als Zeichen des Bundes zwischen Gott
und den Menschen. Das war im Sinne der Zeit gedacht, denn schon den Sumerern
waren Blitz und Donner, Gewitter und Hagel, Regenbogen und Wolken ebenso
legitime Äußerungen der Götter wie die noch sehr viel schwerer zu entziffernden
Sternbewegungen. Die Wolken brachten nach Überzeugung der Mesopotamier die
Botschaft des Gottes Adad, des Gottes der Landwirte - eine mythologische Interpretation, die doch auch der vernünftigen Erfahrung ihr Recht läßt. Im Zeitalter
des Flugverkehrs und der Raketenstarts hat die Meteorologie wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, nachdem sie lange Zeit im Konkurrenzkampf
mit
dem Hundertjährigen Kalender
Beispiel dafür, wie das
gelegen hat. Sie bietet ein ausgezeichnetes
Denken der Menschen
115
sich
gewandelt hat und wie Schritt
um
Gedankengänge die Oberhand gewonnen hawürde heute noch wie etwa im Bereich der Sternbilder aus dem
Wolkenzug und aus dem Stand der Regenbogen Schicksalskonstellationen berechnen oder kosmische Botschaften erkennen wollen.
Das Wetterproblem ist ein Problem der Ackerbauer in aller Welt. Überall ist es
deshalb auch zu Wetterzauber gekommen, meist zu einem Analogie- oder Sympathie-Zauber. Wenn z.B. bei den Nyo.ro in Ostafrika der Regen ausblieb, tat der
Regenzauberer einen faustgroßen Stein in einen Toritopf. Ringsum riß die Kruste
der Erde unter der glühenden Hitze, das Gras der Steppe verbrannte, die Glut, von
keiner Feuchte gemildert, schien die ganze Welt zu versengen. Der trockene Stein
war jetzt die ausgedörrte Erde. Der Zauberer goß unter rituellen Beschwörungen
Wasser über den Stein - und wenn dieses auch nur leicht sprudelte, galt dies als
ein Zeichen für nahenden Regen. Die ganze Ratlosigkeit des Menschen, aber auch
seine Inbrunst und Energie, sein Lebenswille, sprechen aus solchen Riten, die dem
naturwissenschaftlich gebildeten Menschen absurd Vorkommen. Analogiezauber
heißt dieses Verfahren, weil das vergossene Wasser den Regen anregen soll, es
wirkt Gleiches auf Gleiches. Der Zauberer ging noch weiter. Er vermischte das
Wasser mit gestoßenen Kräutern und mit dem Blut einer schwarzen Ziege - man
fühlt sich an den schwarzen Sündenbock der Israeliten erinnert - und spritzt es
gen Himmel. Nun wird sich, so hoffte man, der Regengott dem Bann dieses ZauSchritt naturwissenschaftliche
ben, denn niemand
bers nicht widersetzen können.
In ganz Europa hat es solche Arten von Regenzauber gegeben, die in der Volkskunde Windfüttern, Windbeschreien, Wetterläuten heißen. Auf einer zauberisch
andersartigen Basis geschieht der berühmte Schlangentanz der Hopi-Indianer,
heute eine Attraktion für Touristen. Die Schlangen gelten hier als Symbole der
Blitze, als Regentiere, und wenn der Indianer während des stampfenden, rüttelnden Tanzes lebende Klapperschlangen zwischen den Zähnen hält, so beherrscht er
damit das Phänomen selbst. Kein Zweifel besteht, daß es Augenzeugen für den
Erfolg solcher zauberischen Praktiken gibt - es gibt ja auch Horoskope, die bis ins
Detail vom Gang der Ereignisse bestätigt worden sein sollen. Die unerträgliche
Gegenwart zu verändern, sich die Macht über die Verhältnisse, wenn möglich Einblicke in die Zukunft zu sichern, ist das Bestreben der Menschen seit jeher, und
diesem Zweck dient jede Art von Magie, während die Neugier, die Mutter der
Wissenschaften, keinen anderen Zweck kennt als durch Wissen möglichst weitgehend befriedigt zu werden.
Diese Neugier
ist
nicht auf Wissenschaftler, historisch gesehen nicht auf die
griechischen Denker beschränkt, aber es läßt sich nicht leugnen, daß
ner anderen Kultur weiß, in der diese aus
dem
man von
kei-
magisch-religiösen Weltbild her-
ausgelöste Neugier eine solche Rolle gespielt hätte wie in Griechenland.
Um
sich
bei der Meteorologie
zu bleiben: Mit den Erscheinungen des Wetters hat
zuerst Anaxagoras auseinandergesetzt. Dieser
Mann
ist
mit modernen
Begriffen nur schwer zu fassen, denn »Philosoph« klingt im heutigen Sprachge-
brauch eher lächerlich. Man mag sich seine Ausstrahlung, seine Bedeutung so vorstellen wie die eines Hegel, auf den sich unter anderen Marx als Denker beruft.
Er hat um 500-425 v. Chr. gelebt. Das ist die Zeit, in der das junge Rom gegen
ll6
Ein Zuluzauberer mit Kopfputz. Bei den primitiven
Völkern wurde die Auseinandersetzung mit den unerklärbaren Naturereignissen
der
Vermittlungs- und
Beschwörungskunst der
Zauberer und Medizinmänner überlassen. Holzschnitt
,
zweite Hälfte 19. ]h.
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
die Etrusker,
Volsker usw. kämpft, also Italien erobert, und Persien sich die grie-
chischen Städte in Kleinasien unterwirft. Als Anaxagoras 10 Jahre
alt ist,
wird die
Marathon geschlagen, und mit 20 hört er vom Tod der Spartaner im
Engpaß der Thermopylen. Athen erlebt unter Perikies seine höchste Blüte, als
Anaxagoras ein reifer Mann ist; im Theater draußen vor der Stadt spielt man damals die Tragödien des Äschylos und die Komödien des Aristophanes. Ein Jahr bevor Perikies stirbt, wird Anaxagoras wegen seiner astronomischen Theorien - und
damit sind alle seine Beobachtungen am Himmel gemeint - strafweise verbannt;
er geht nach Lampsakos, das heute Lapseki heißt, und stirbt im Exil.
Auf eine Formel gebracht, würde seine Philosophie lauten, daß alles Seiende
Schlacht bei
existiert, also
unveränderlich
erscheint,
lediglich eine
ist
ist. Was als Veränderung, Verfall oder Wachstum
Umschichtung. Offenbar haben die Ereignisse am
Himmel Anaxagoras
beschäftigt und in seinen hier nur grob skizzierten Auffassungen bestätigt. In damaliger Zeit, die dem Poseidon und Dionysos, der Athene
und dem Zeus opferte, war es schon ein Beweis ungewöhnlicher geistiger Unab-
hängigkeit,
wenn man Vorgänge, die der normale Grieche
ter zurückführte, kausal
zu erklären versuchte. Der Schritt
117
auf das Walten der Göt-
zum Messen
physikali-
scher Vorgänge war noch nicht getan, also blieb nur eine möglichst umfassende
man die Erscheinungen insgesamt zu erklären versuchte.
So hat Anaxagoras vom Grundwasserproblem bis zum Erdbeben alle Phänomene der Geologie und Geophysik naturwissenschaftlich, nicht mythologisch zu
erklären versucht und die Rolle der Sonne im Haushalt der Erde klar erkannt.
Wenn ein antiker Denker sich mit solchen Ffagen beschäftigte, konnte er nicht wie
heute einen Teilaspekt herausgreifen, sondern er mußte sich in der ganzen Breite
des Lebens beweisen und für alles eine Erklärung haben. So hat Platon auch über
das Wetter geschrieben und in seiner Schrift »Meteorologia« Regen, Gewitter,
Regenbogen und Erdbeben rational zu erklären versucht und mit der Kosmologie
und der Klimatologie verknüpft.
Mit diesem Schritt aus der mythologischen in die rationale Erklärung ist der
Weg des abendländischen Denkens vorgezeichnet. Von nun an wird nicht nur auf
dem überschaubaren Gebiet der Meteorologie die Erkenntnis vertieft und verfeiSpekulation, mit der
nert,
man gewinnt im
Laufe der Jahrhunderte neue Methoden und Daten, bis
Computer mit den Ergebnissen der wetterbeobachtenden Satelliten gewerden können, um so eine größere statistische Wahrscheinlichkeit der
schließlich
speist
Wettervorhersage zu gewinnen. Ein solcher Vorgang, wie er durch Anaxagoras
und Platon vollzogen worden ist, läßt sich nicht mehr rückgängig machen, d.h.,
niemand wird heute einen Schamanen der Hopi-Indianer rufen, um für einen
Raketenstart das Wetter zu beeinflussen.
»Organon«
OPrANON
ÖPrÄNßN,
H H TH2
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Ba(ifese>apud
Anno
Ioannem Bebefium»
d* m.
xxxv!
lautet der Titel
zur griechischen Origi-
nalausgabe von Aristoteles'
sechs Logikbüchern
,
erschienen 1536.
Österreichische Nationalbibliothek Bildarchiv
Wien
,
Reihe der naturwissenschaftlichen Denker gehört wie auf allen Gebieten
Regen und Wind mit »Ausscheidun-
In die
des menschlichen Forschens Aristoteles, der
gen« der Erdoberfläche erklärt. Der Alexandriner Theophrast hat Schnee und
Hagel exakt beobachtet und richtig erklärt, und der Gelehrte Poseidonios hat sich
mit den Gezeiten, den Erd- und Seebeben, den Vulkanen und mit der Klimatologie
beschäftigt.
man erklärte und
wurden Meteore und Kometen dem Wetter
zugeordnet, nicht der Sphäre der Gestirne, und man kam auf die abenteuerlichsten
Zusammenhänge. Der mittelalterliche Forscher Roger Bacon (um 1214-1292)
Im
Mittelalter hat
man
die Schriften der Alt;en studiert, aber
interpretierte, statt zu erforschen, so
B ., der schreckliche Komet vom Juli 1264 sei unter dem Einfluß des Planeten Mars erzeugt und habe ein Zunehmen der Gelbsucht verursacht, wodurch
wiederum die damaligen und späteren Kriege entstanden seien. Es ist die Zeit der
Kreuzzüge, die aber wohl nicht gemeint sind, des Krieges Ludwigs IX. von Frankreich gegen die Albigenser und des Kampfes der Dänen gegen die norddeutschen
Fürsten. Was den Regenbogen angeht, so hat erst Descartes in seinem berühmt
gewordenen Werk »Meteores« die mathematische Theorie des Regenbogens geliefert, indem er das Reflexions- und Brechungsgesetz angewandt hat. Wie die
Spektralfarben des Regenbogens entstehen, ist in Newtons Farbenlehre erklärt;
er hatte die physikalische Erklärung, das Gesetz der allgemeinen Konstruktion
konzentrischer Kreise und ihres Kreuzungspunktes, im Jahre 1617 gefunden, doch
wurde das Ergebnis erst 1765 veröffentlicht. Seitdem ist das physikalische Phänomen erklärt, was weder den Zauber einer über der Landschaft aufleuchtenden
Spiegelung noch den jahrtausendealten Symbolgehalt mindert auch wer die phyglaubte
z.
;
sikalischen
Zusammenhänge kennt, wird
sich
dem
Reiz des Lichtbogens, der
Him-
mel und Erde zu verbinden scheint, nicht entziehen können.
Zwischen den Zahlen
Wann die Mathematik in
spielen, ist
der Menschheitsgeschichte begonnen hat, eine Rolle zu
schwer zu sagen.
bis drei zählen,
und
Man
sagt
von einem, der
dumm
ist,
er
könne nicht
in der
Tat gibt es Stämme, die mit einem Zweiersystem zählen.
am
Oberlauf des Xingu im Amazonasgebiet fangen beim
Die Bakairi-Indianer
kleinen Finger an, bilden dann einen Begriff »ahäge« aus
Ringfinger und zählen weiter, indem
Zwei kombinieren. So
kommen
sie
sie bis
immer den
dem
kleinen und
dem
Begriff für Eins oder den für
zur Sechs, was in ihrem System mit »zwei
zwei zwei« ausgedrückt wird. Einen eigenen Begriff für Drei, Vier oder Fünf ken-
Offenbar ist dem Menschen aber auch eine psychologische Fähigkeit
Mengen mit einem Blick zu erfassen, ohne sie zu zählen. Ein Missionar
berichtet von den Abiponen, einem Indianerstamm: »Wenn sie im Begriff sind,
zur Jagd aufzubrechen, so schauen sie vom Sattel aus umher, und wenn einer ihrer
zahlreichen Hunde fehlt, so rufen sie ihn. Ich habe es oft bewundert, wie sie, ohne
zählen zu können, trotz ihrer großen Meute sofort merkten, daß ein Hund
fehlt
.« Fast alle Menschen nehmen allerdings, wenn sie zählen, die Finger zu
nen
sie nicht.
gegeben,
.
.
119
Hilfe
und kommen
so auf das Fünfzahlsystem, das die Basis der Zehnersystems
Wie sich in den einzelnen Kulturen die Zählsysteme aufbauen, wie Zahlen bezeichnet werden - ob mit Buchstaben wie etwa im
Griechischen, mit Strichen oder mit eigenen Zeichen -, das deckt manches aus der
oder Zwanzigersystems bildet.
Frühgeschichte eines Volkes auf, gibt manchen Hinweis auf seine Denkweise.
aus der Vielfalt der Beispiele nur wenige zu nennen Im Griechischen gibt
Um
:
zwei Wörter für »rechnen«, eines heißt »pempäzein« und bedeutet »fünfern«,
das zweite heißt »psephizein« und heißt wörtlich »steinein«. Das ältere Wort ver-
es
weist auf das Abzählen an der Hand, das jüngere auf das Rechenbrett.
schen heißt rechnen »computare« »der »supputare«, was wörtlich
Im Lateini»zusammen
einschneiden« heißt -
man hat den Begriff vom Kerbholz abgeleitet, bei einem
Volk von Rinderzüchtern nicht verwunderlich so steckt der Zählstock italischer
Hirten noch im heutigen Computer. Im mittelalterlichen Latein nannte man das
Rechnen »calculare«, von »calculus«, dem Steinchen auf dem Rechenbrett. Auch
das französische »jeter«, wörtlich »werfen«, wie das englische »to cast« verweisen
;
aufs Rechenbrett.
Bevor aber von den Hilfsmitteln des Rechnens die Rede
dem Abacus,
soll
ist,
dem
Rechenbrett,
der Vollständigkeit halber die Fingersprache erwähnt werden,
eine kuriose, aber weitverbreitete
Methode unter Händlern, einen
Preis
auszuma-
chen, vergleichbar nur der Taubstummensprache. Sie wurde aufgezeichnet von
dem
dige.
englischen Benediktiner Beda (673-735), genannt Venerabilis, der EhrwürIm Mittelalter ging es um die Berechnung des beweglichen Osterfestes, Fra-
gen der Zeitberechnung und Kalender spielten deshalb eine große Rolle. In seinem
Werk »Dex temporum
ratione« schreibt Beda einleitend über Fingerzahlen: »Ehe
wir mit Gottes Beistand über die Zeitrechnung sprechen, halten wir es für nötig,
zuerst kurz die äußerst nützliche
und
stets bereite Fertigkeit der
Fingerzahlen zu
zeigen.« In dieser Sprache bedeutet der eingebogene kleine Finger der linken
Hand
der Mittelfinger 3, bei 4 muß man den Kleinfinger wieder
aufrichten, bei 5 den Ringfinger usw. Man braucht sehr gelenkige Finger, denn
6 bildet man, indem man nur den Ringfinger einbiegt, die anderen aber gestreckt
1,
dazu der Ringfinger
läßt.
2,
Dieses Fingerzählen, das im Mittelalter noch häufiger erwähnt wird,
römischen Imperium entstanden,
als viele
im
ist
verschiedene Völker miteinander Han-
ohne doch die gegenseitige Sprache zu verstehen.
Das Fingerzählen hat den Vorteil, daß Gaffer es nicht begreifen. Auf dem orientalischen Bazar werfen Käufer und Verkäufer ein Tuch über ihre Hände, mit
denen sie sich lautlos ihren Preis aushandeln. Die Währung, in der abgeschlossen
wird, gibt man vorher an. Faßt der Käufer den gestreckten Zeigefinger des Verkäufers mit der Hand, so bedeutet das 1, 10 oder 100, wobei sich beide über die
del trieben,
Der Alten Finger Rechnung
heißt die Überschrift zu dieser Rechentafel die
anschaulich das Rechnen mit Fingern
,
illustriert
,
bevor
man
Hilfsmittel,
wie z.B. das Rechenbrett, zu benützen lernte. Kupferstich nach Beda Venerabilis
aus
dem »Theatrum Arithmetico-Geometricum«
des Jacob Leupold, 1727.
Technische Universität, Berlin
ü^er-JLttc’n
inger. <Ü\L’ch nu n
Größenordnung iip klaren
sind. Griechische
und türkische, indische und persische
Händler verstehen diese Fingersprache ebenso wie die arabischen Händler, die
Galla aus Abessinien, die Somali - aber auch in Bessarabien, bei den serbischen
Zigeunern, in der Walachei und in der französischen Auvergne hat es das Fingerrechnen gegeben. Die letzte >offizielle< Abbildung stammt immerhin aus dem Jahre
1727 und findet sich im »Theatrum Arithmptico-Geometrico« des Jacob Leupold.
Mit Zählstock und Abacus
Zählstock und Kerbholz, auch das gespaltene Kerbholz, das aneinandergelegt eine
unveränderbare Urkunde
ist,
gibt es in vielen Kulturen.
Auch
hier wie bei der Fin-
um für den Alltag brauchbare Praktiken, nicht etwa um
nur um Vorstufen zum höheren Rechnen. Nicht nur Vieh
gersprache handelt es sich
Mathematik oder auch
und Schulden wurden ins Kerbholz eingeschnitten, sondern auch Rechte hat man
so verbrieft. Das Alpscheit aus dem Lötschental in der Schweiz verzeichnet das
Recht der Bauern, ihr Vieh auf die Alpe zu treiben, die der Gemeinde gehört. Wie
man ins Ohr von Rindern Marken schneidet, so schnitt man kleine Stücke aus der
Holzkante, sogenannte Tesseln. Sie mußten vorgewiesen werden und passen, so
war das Recht verbrieft. Auch Wasser- und Kapitaltesseln sind in der Schweiz noch
gebräuchlich. Ein anderes Hilfsmittel für das Rechnen ist der Rechentisch. Ähnlich
wie beim Abacus, bei dem Zählbrett, das die Kinder in der Schule und die Russen
heute noch bei ihren blitzschnellen Rechnungen benutzen, geht es um die Ordnung von Sternchen oder Kugeln auf einem Feld, das die Zahlengrößen bezeichnet.
Im Mittelalter deckte man so ein Brett wie einen Schachtisch sorgsam mit einem
Wolltuch ab, wenn man den Raum verließ. Im Lateinischen heißt die Wollflocke
»burra«, und »bure« heißt im Französischen ein grober Wollstoff. So bekam erst
die Decke, dann der ganze Raum den Namen »Bureau«, woraus schließlich das
Büro geworden ist, in dem wiederum der Computer steht. Die Rechenbretter sind
wohl hergeleitet aus einfachen Vorformen, etwa einem Rechteck, in den Sand gezeichnet und mit Linien für Einer, Zehner, Hunderter usw. versehen. Es kann sein,
daß Archimedes über einer solchen Rechnung gebrütet hat, als er erschlagen
wurde.
Man
um
die Zeitwende der Abacus, das antike
von dort kam es im 17. Jahrhundert nach
Japan. Von Rom aus ist es über Byzanz mit dem Christentum nach Rußland gekommen, wo es heute noch benutzt wird. Dieses Verfahren ist nicht etwa ein
Beweis von Primitivität, sondern eher von Geschicklichkeit, denn ein Rechner mit
dem Rechenbrett kann zeitlich nur vom Computer geschlagen werden. Seltsamerweise kennen auch die präkolumbianischen Indios in Peru und Ecuador die einfachen Rechentafeln. Auf einer Stein- oder Tonplatte, die mit Löchern versehen war,
wurden Bohnen oder Maiskörner hin und her geschoben, und zwar mit einer
Schnelligkeit, über die sich auch die Spanier gewundert haben.
Der technischen Methode des Zählens und Rechnens steht die geistige Bedeutung der Zahl gegenüber - auch dies ein Gebiet, das gänzlich außerhalb der Mathe-
vermutet, daß irgendwann
Rechenbrett, nach China gelangt
ist;
122
matik
man
liegt,
aber doch zur Geistesgeschichte der Menschheit gehört. Hier rührt
an sehr
tiefe
psychische und kosmische Bezüge. Allein die Frage, wie die
Sprache eine Zahl ausdrückt, eröffnet faszinierende Zusammenhänge. So gibt es
im Deutschen die Einzahl »Mann« und die Mehrzahl »Männer«, aber kein eigenes
Wort
für »zwei
Männer« oder »zwei Menschen« oder »zwei Rinder«. Das
selbstverständlich,
wiewohl
in vielen
der Sprache der indischen Aryas,
nicht
in
im Griechischen, Keltischen und Baltisch-Slawi-
schen hat sich der sogenannte Dual, der
nicht
ist
indogermanischen Sprachen ähnlich. Nur
Fall für die
Zweierform, erhalten, aber
im Germanischen. Aus der ursprünglich dem Gegenstand verhafteten
ist die Zahl zum abstrakten Begriff geworden.
Naturvolk im Urwald Mengen nur im Zusammenhang mit Kokosnüssen nennt, ist das konkret gemeint. Zahlen, mit denen man alles zählen kann,
stellen einen hohen Abstraktionsgrad dar, und selbstverständlich füllen sie sich,
entsprechend der Kultur eines frühen Ackerbauvolkes, mit symbolhafter Bedeutung. So entspricht die Zahl Zwei dem dualistischen Denken vieler Völker, ausgeprägt etwa in der persischen Religion oder im Yin-Yang-Prinzip der taoistischen
Chinesen. Die Drei ergänzt diesen Dualismus als dialektisches Prinzip: These und
Bezeichnung
Wenn
ein
Antithese ergeben die Synthese, die Einheit vereinigt in sich die Polarität des
Seins, so
ist
Drei eine magische Zahl von solcher Stärke, daß bis in die Märchen
hinein, bis in die alltäglichsten
Dinge
drei Rätsel gestellt, drei Fragen erlaubt, drei
Anläufe gestattet, drei Sieger verehrt werden. Hier offenbart sich die Zahl schon
deutlich als strukturelles Prinzip einer Kultur. Alle magischen
schen
Bemühungen nehmen
Hexeneinmaleins
in
auf die geheime
Goethes »Faust«
ist
Ordnung über
und alchemisti-
die Zahl Bezug, das
Zahlenmagie. Die Vier
Beispiel solcher
symbolisiert die Himmelsrichtungen, auch dies in China auf ausgeprägte Weise,
während
die
Fünf in das Viereck des Kosmos noch den Mittelpunkt des Ego
setzt.
Die Sechs gleicht der Vier, nur treten hier noch Zenit und Nadir hinzu, also die
raumschaffenden Punkte, denn mit Zenit bezeichnen die Araber den Scheitelpunkt
Himmels über dem Haupt des Betrachters, mit Nadir den entgegengesetzten
Punkt der Himmelskugel. Mit der Sieben ist diesem Zahlensystem wiederum das
des
Ego
als
Daß
Mitte eingeschrieben.
die
sogenannten arabischen Ziffern aus Indien stammen und
wissen der Brahmanen gehörten,
über den Islam
dem Abendland
ist
bekannt. Sie wurden
vermittelt,
und
als
zum Geheim-
Stellenwertsystem
es hat lange gedauert, bis sie sich
durchsetzten. Allerdings war diese Zahlenschrift nicht etwa eine Voraussetzung
wenn sie auch die Mathematik wesentlich erleichtert hat.
Was aber bedeutet nun eigentlich Mathematik? Wenn es sie nicht gäbe, würde
man trotzdem die rechnerischen Probleme des Alltags bewältigen, die Ingenieure
würden trotzdem gewisse Probleme lösen können, und man würde über die mystider Mathematik,
schen Beziehungen zwischen Zahlen nachsinnen. Mathematik beschäftigt sich mit
Zahlen und Figuren nach den Gesetzen der mathematischen Logik. Sie erforscht
ursprünglich nichts anderes als die Beziehungen zwischen Zahlen, und sie ist nicht
Welt bei bestimmter Kulturhöhe gleichsam zwangsläufig entstanden, sondern ein Ergebnis bestimmter geselbstverständlich, nicht an verschiedenen Stellen der
sellschaftlicher
und
politischer Konstellationen.
123
Verschiedene Positionen
des Fingerrechnens zeigt
diese Illustration.
ist
Darunter
eine französische
Kechenscheihe abgebildet
mit Hilfe derer
man
multiplizieren, dividieren
und Wurzel ziehen konnte.
Kupferstich aus
dem
»Theatrum ArithmeticoGeometricum« des Jacob
Leupold, 1727.
Technische Universität,
Berlin
Im Mittleren Reich Ägyptens (2040-1710 v. Chr.) berechnete man erbeutetes
Vieh und getötete Feinde, auch konnte man ermitteln, wieviel Laibe Brot und
Krüge Bier sich aus einem Scheffel Korn herstellen ließen. Man kannte aber auch
schon Quadrat und Quadratwurzel, ermittelte die exakten Volumina für Kegel und
Pyramidenstumpf und bewältigte sogar die Aufgabe, den Inhalt eines Kreises an-
nähernd zu berechnen. Der offenbar kulturgeschichtlich sehr früh liegende Übergang vom Rechnen zur Mathematik ist also hier nicht zu datieren, er liegt in einer
man keine archäologischen Zeugnisse mehr besitzt. Daß etwa aus dem
Weltraum kommende Wesen den irdischen Menschen solche Kenntnisse beschert
Zeit, aus der
hätten,
ist
Beweises
eine reine Phantasievorstellung, für die es nicht den Schatten eines
gibt.
Pygmäen oder
Ebensogut kann
man
die
Mathematik
als
Geschenk ausgestorbener
schließlich der ägyptischen Götter selbst bezeichnen.
In Mesopotamien kannte man den »Pythagoras«, der ihn ja seinerseits im Vorderen Orient kennengelernt haben muß, und löste quadratische und kubische
124
Gleichungen mit algebraischen Methoden. Im Gegensatz zu den Ägyptern, die
nach dem Dezimalsystem rechneten, arbeiteten die Mesopotamier mit einem
Sexagesimalsystem, also mit einem auf der 60 aufgebauten Zahlensystem. Der
Vorteil dieses Systems besteht darin, daß man die 60 durch insgesamt zehn Faktoren, nämlich 2, 3, 4, 5, 6, 10, 12, 15, 20 und* 30 teilen kann. So geht die heutige
Kreiseinteilung auf die Babylonier zurück, ebenso die Stunden- und Minutenrechnung. Erstaunlicherweise hatten die Babylonier ein Stellenwertsystem, wenn
es auch nicht so konsequent durchgeführt war wie das heutige Stellenwertsystem
mit den arabisch-indischen Ziffern. Man hält es für möglich, daß hier der
Ursprung unseres eigenen Stellenwertsystems zu suchen ist, das demnach über
und den Islam ins Abendland gekommen wäre. Die Ingenieure in Babylonien berechneten komplizierte Rauminhalte wie Festungswälle oder -gräben.
Diese Anwendungsbereiche mathematischen Könnens sind für Mesopotamien so
charakteristisch wie für Ägypten die Berechnungen über Bier und Brot.
Im Indien des ersten vorchristlichen Jahrtausends hat es ebenfalls eine hoch entwickelte Mathematik gegeben, wie überhaupt Indien und Babylon die größten
mathematischen Leistungen hervorgebracht haben, bevor die griechischen Denker
sich, auf diesen Kenntnissen aufbauend, mit Mathematik befaßten. Daß indische
Rechenaufgaben weder mit toten Feinden noch mit Festungen operierten, macht
sie besonders liebenswürdig. So heißt eine altindische Rechenaufgabe: »Acht
Rubine, zehn Smarade und hundert Perlen, die in deinem Ohrring sind, meine
Geliebte, habe ich dir zum gleichen Preis gekauft. Und der Gesamtpreis der drei
Edelsteinsorten war ein halbes Hundert weniger als drei; sagemir den Preis eines
jeden, glückverheißende Frau!« (Störig) Die Inder jener Epoche beherrschten die
Trigonometrie, sie kannten negative Größen, Gleichungen zweiten Grades, vermochten Wurzeln zu ziehen und boten sogar die Ansätze einer Differentialrechnung. Der Höhepunkt der indischen Mathematik ist allerdings im 1. Jahrtausend
n. Chr. zu suchen die wichtigsten Mathematiker sind Aryabhata im 5. Jahrhundert n. Chr. und Bhaskara im 12. Jahrhundert n. Chr., wobei die Frage, wieweit
indisches Denken durch die Griechen vermittels Alexanders des Großen beeinflußt
wurde, unbeantwortet bleiben muß. Ganz gewiß war es in den Jahrtausenden vor
den Alexanderzügen so, daß man in den Vorderen Orient reisen mußte, um sich
über die letzten Erkenntnisse der Mathematik zu informieren.
die Inder
;
Die Weisen von Milet
Die Philosophen aus Milet galten vor allem
verstand
men
man damals
vergrübelte und in einer Sprache redete, die kein
einen scharfsinnigen
6.
als Praktiker.
Jahrhundert
v.
Unter einem Philosophen
nicht einen würdigen Herrn, der sich in abstrakten Proble-
Mann,
Mensch
verstand, sondern
der für alles eine Erklärung suchte. Milet, im
7.
und
Chr. die bedeutendste Metropole der griechischen Ägäis, war
Schnittpunkt der Handelsstraßen zwischen Ost und West, Drehscheibe des Fernwo man Menschen aus aller Herren Länder treffen konnte.
Hier soll nach einer rund 1000 Jahre später aufgezeichneten Überlieferung Thaies
handels und ein Ort,
12 5
gelebt haben, einer der weisesten
Männer
seiner Zeit. Proklos (ca. 411-485 n.
Akademie, hat über diese sogenannten jonischen Naturphilosophen einiges mitgeteilt, das freilich nicht Anspruch auf unbedingte historische Glaubwürdigkeit erheben kann.
Thaies, so schreibt er, sei Großkaufmann gewesen und habe im Salz- und
Ölhandel sein Vermögen gemacht. Über seine mathematischen Leistungen berichten verschiedene Quellen der Antike, aber die Angaben über sein Leben sind
mehr als dürftig. Sie lauten: »Thaies, der nach Ägypten ging, brachte zuerst die
Geometrie nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte er
die Anfänge an seine Nachfolger.« K£in einziges seiner Werke ist erhalten geblieben, obwohl man Grund zu der Annahme hat, daß Heraklit und Demokrit etwas
von Thaies besessen haben. Die Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 während der
Schlacht zwischen Lydiern und Medern hat er, Herodot zufolge, mit Hilfe einer
nicht überlieferten Methode vorausberechnet und sich dadurch einen Namen gemacht. Wichtiger als diese mathematischen Kunststücke legendären Charakters
sind die Sätze, die den Beginn der linearen abstrakten Geometrie bezeichnen und
damit die Grundlage des exakten mathematischen Denkens bilden. Ob sie von
Thaies gefunden oder nur in dieser Präzision formuliert worden sind, muß offen
bleiben. Sie lauten »Ein Dreieck wird durch eine Seite und zwei Winkel bestimmt.
Die Scheitelwinkel sind gleich. Die Winkel über der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks sind gleich. Die Kreisfläche wird vom Durchmesser halbiert.
In den Kreis läßt sich ein rechtwinkliges Dreieck mit dem Durchmesser als GrundChr.), einer der Leiter der Platonischen
:
einschreiben.«
linie
Heute sind solche Sätze Lehrstoff für den Elementarunterricht. Sie haben damals eine so große Bedeutung gehabt, weil sie eine bestimmte Denkweise voraussetzten und Konsequenzen hatten. Aufbauend auf solchen Sätzen ist das axiomatisch-deduktive Verfahren der Mathematik entwickelt worden. Das bedeutet, man
stellt
nicht
mehr
einzelne Lehrsätze nebeneinander, sondern formuliert einen
Lehrsatz so allgemein, daß er auf
alle speziellen Fälle paßt.
Dies
ist
der Grundge-
danke des naturwissenschaftlichen Gesetzes, wobei verlangt wird, daß solche nicht
beweisbaren Sätze evident seien. Außer den dem Thaies zugeschriebenen Sätzen
gibt es noch eine Reihe anderer, die ebenfalls in der Mathematik von Bedeutung
sind. Zwei verschiedene Gerade, so lautet ein solcher Satz, haben entweder einen
oder keinen Punkt gemeinsam. Im letzteren Falle heißen die Geraden parallel.
Zwei verschiedene, nicht parallele Geraden besitzen also einen gemeinsamen
Punkt, ihren Schnittpunkt. Zu jeder Geraden gibt es durch einen nicht auf ihr liegenden Punkt eine dazu parallele Gerade. Solche Sätze hat Aristoteles »Axiom«
genannt (griechisch: Geltung, Grundsatz). Bei Euklid heißen sie »allgemeine Einsichten«. Aristoteles unterscheidet nun aber zwischen Axiomen, die allgemein
gültig seien, und Thesen, deren Geltungsbereich auf ein Gebiet, etwa die Geometrie,
man
beschränkt
die
sei.
Axiome,
Es hat später scharfsinnige Diskussionen darüber gegeben, wie
also die evidenten Sätze,
Solche Versuche, zu
immer
von den Thesen abgrenzen
schärferen Begriffen, gleichsam zu den
solle.
Atomen
der
Logik vorzustoßen, unscharfe Vorstellungen immer deutlicher zu präzisieren,
dürften eine Erklärung für den Umstand bieten, daß gerade die Griechen den
126
Werke des
berühmten
Titelseite der
Euklid, des
griechischen Mathematikers,
mit Dürers Kaufeintrag
aus
dem
Jahr 1501.
Herzog- August-Bibliothek,
Wolfenbüttel
0b 3 tl^maticani 5 OlfripHoanl ”|anifOMt':B^.ibcntin poc volunii
nc quictkp ad
tmtbcmmcä fubftantid afpirattdcmctoaini litnos.ru}. cn ejcpofittonc
Xbconfe tfigma matLxmattci.qtitbns imilta quac occrdt cjrlcctiöc gracca fumpta
addita fab uec nö plurima fubacrfa t picpoficrc^oluta tu iOfpam iterptatöe:
oidinata oigdla« cafh'gata funt.gSuihuo eaiä nonnulla ab fllo vcnerando.
iöocradco pbHofopbo mträdo itidido ftmcM babenfadiucra.^cputa/
tutn feilte« ^dmivdtm&xihjcä crpofttioc ‘t^ypß. ater. 5tidäp
1 Tbbaeno.O’pecu.T "ß>er)*pc.c»im erpofotonc Tbeoma.acmiratv
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®>artm nalcctiä piotbcojta.-^ar. ;g,lbcr. ’Bene.'^ntcrpte.
CXat» jjratla r 'fbitmfcgio per occemum.
von der Arithmetik zur Mathematik getan haben. Gewiß sind die Babylound Inder nicht weniger scharfsinnige Menschen gewesen als die Griechen;
der Lehrsatz des Pythagoras beweist das, ebenso die indische, wohl unabhängig
von den Griechen entwickelte Mathematik. Aber die Griechen haben bestimmte
Schritt
nier
Voraussetzungen besessen, die dem Orient nicht gegeben waren.
Verwendung von Hartgeld, die zu einer
spürbaren Belebung des Handels führte, eine andere Voraussetzung war die Einführung des leicht erlernbaren Alphabets anstelle der schwerfälligen orientalischen Schriften. Beides zusammen bewirkte die Demokratisierung des griechischen Lebens, denn das Wissen war nicht mehr Privileg der Priesterschaft, und
die Macht lag nicht mehr allein in den Händen des grundbesitzenden Adels. Aus
den kriegsgewaltigen, erzgerüsteten Helden Homers wurden realistische Kaufleute, geschickte Handwerker, an den Geschicken der Stadt leidenschaftlich inter-
gesellschaftliche
Eine dieser Voraussetzungen war die
essierte Bürger.
Das
nur für Athen, sondern ebenso für die Koloniestädte in Kleinihrem Einabhängigkeitsdrang, ihrer Selbstherrlichkeit und ihrem Weit-
galt nicht
asien. In
I27
blick sind diese griechischen Kaufleute
chen.
Gewiß waren
sie
den Kaufherren der Renaissance zu vergleisie verkörperten, gemessen am Stil des
Ausbeuter, aber
Landadels oder an den orientalischen Despotien, in ihrer Zeit den Fortschritt nicht
nur in politischer Hinsicht. So drängte in diesem rational bestimmten Milieu der
Verstand gerade auch in mathematischen Fragen zur größtmöglichen Klarheit.
Hier war das Studium der Mathematik nicht Selbstzweck, sondern verfolgte ein
hauptsächliches Ziel; nicht aus Göttervorstellungen, sondern aus vernünftiger
Menschen innerhalb des Kosmos abgeleitet werden,
Mathematik diente dazu, Ordnung im Chaos zu stiften, Ideen in logischen
Ketten anzuordnen und fundamentale Prinzipien zu entdecken (Struik).
Wie selbst komplizierte Rechenoperationen zu bewerkstelligen seien, wußte
man überall in den Handelszentren, aber niemand hatte sich die Frage gestellt,
warum ein gleichschenkliges Dreieck zwei gleiche Winkel habe und warum die
Fläche eines Dreiecks ebenso groß sei wie die halbe Fläche eines Rechtecks von
gleicher Grundlinie und Höhe. Es war die Frage nach der letzten Ursache, eine vom
Verstand zu beantwortende Frage, die das griechische Denken antrieb. Die jonischen Naturphilosophen suchten deshalb nach einem Urstoff, sie zerbrachen sich
den Kopf über Fragen, deren Lösung nicht von unmittelbarem Nutzen war, und
darin unterschieden sie sich von den Weisen aller anderen Kulturen.
Die Blütezeit Griechenlands unter Perikies um etwa 430 v. Chr. umfaßte alle
Gebiete, nicht nur die Mathematik. Und wie die heutige Bühnenkunst auf die Tragödien der Antike zurückgeht, so ist auch die moderne Naturwissenschaft in den
Erkenntnissen eines Thaies, Anaximander, Demokrit oder Euklid verwurzelt.
Dabei entzündete sich das formale Denken vor allem an drei Fragestellungen. Die
erste war, wie man einen beliebigen Winkel in drei gleiche Teile teilen könne. Ferner wollte man klären, wie man einen Würfel verdoppeln könne, das sogenannte
Delische Problem, dessen Name von den Deliern herrührt. Ihnen soll zu Platons
Zeiten das Orakel aufgegeben worden sein, ihren würfelförmigen Altar zu verdoppeln, woraufhin sie sich an Platons Akademie wandten. Und das dritte Problem
ist die berühmte Quadratur des Kreises, d.h. die Aufgabe, einen Kreis in ein flächengleiches Quadrat zu verwandeln. Dieses letzte Problem, sprichwörtlich für
eine nicht lösbare Aufgabe, hat zu einer ganzen Reihe mathematischer Erkenntnisse geführt. Das liegt daran, daß es mit einer endlichen Anzahl von geraden
Linien und Kreisen nicht gelöst werden kann. Auf der Fährte dieses Problems wurden später die Kegelschnitte entdeckt, schließlich sogar kubische Kurven, Kurven
vierter Ordnung und eine transzendente Kurve, die dem Mathematiker als QuaEinsicht sollte die Stellung des
und
die
dratix bekannt
ist.
jonischen Naturphilosophen, die sich auch mit Physik und Biologie, mit
der Astronomie und mit Musik befaßten, stand eine andere Richtung gegenüber,
deren Anhänger Beziehungen zu aristokratischen Kreisen besaßen. Ihr Interesse
Den
Ursache der Erscheinungen, sondern den unveränderlichen Elemenund in der Gesellschaft. Sie werden nach ihrem bedeutendsten,
wenn auch legendären Gründer Pythagoreer genannt. Die wichtigste, den Pythagoreern zugeschriebene Entdeckung war die der irrationalen Größen. Man ver-
galt nicht der
ten in der Natur
steht darunter die algebraischen Zahlen, die als unendliche, nicht periodische
128
Dezimalbrüche dargestellt werden. Jede Zahl hatte für die Pythagoreer eine Sym1 und
die 2. Als Symbol für das Prinzip der Aristokratie galt diesen Denkern, denen alles
bolbedeutung, drückte kosmische Proportionen aus. Das galt auch für die
symbolisch wurde, das geometrische Mittel a b = b c. Die Frage lautete: Wie
groß ist das geometrische Mittel von den heiligen Symbolen t und 2? Man mußte
:
:
das Verhältnis von Seite
und Diagonale eines Quadrates studieren, dabei fand man,
daß jenes Verhältnis nicht durch Zahlen, d. h. hier durch ganze Zahlen ausgedrückt
werden konnte. Nur solche Zahlen waren aber in der Arithmetik der Pythagoreer
zugelassen, mit Brüchen oder Dezimalzahlen arbeitete
Zeno von
Elea
(um 450 v.
man
nicht.
Chr.), ein konservativer Philosoph, nach dessen Lehre
der Verstand nur das unveränderliche Sein der Dinge erkennen könne,
ist
zu der
Überlegung vorgestoßen, daß man eine endliche Strecke in unendlich viele kleine
Strecken zerlegen kann. Das kam einer Revolution des mathematischen Denkens
gleich und war im Grunde ein »logischer Skandal« Ohne auf diese Probleme näher
einzugehen, kann hier festgehalten werden, daß damit zum ersten Male in der
Mathematik Probleme auftauchten, die zu Paradoxien führten. Der Weg zur Infinitesimalrechnung, der Rechnung mit unendlich kleinen Größen, ist damit vorge.
Abendland so charakteristisch
Musik des Barock.
zeichnet. Er wird in späteren Jahrhunderten für das
sein wie der
Dombau
des Mittelalters oder die
Mit Steinmesser und Zauberpilz
kam von Göttern oder Halbgöttern, so Schrift
und Zahl, Ackerbau und Schmiedekunst. Das gilt in gewissem Maße auch für die
Medizin. In den Hochkulturen, die sich der Schrift bedienten, findet man nun sehr
alte Quellen über medizinische Erkenntnisse; noch weiter zurück reichen die
Ermittlungen der Prähistoriker, die ergänzt werden durch die Bestandsaufnahme
Alles Wissen, das überliefert war,
der Völkerkundler.
stammen in Europa aus dem
40000-10000 v. Chr.). Es sind die Schä-
Die ersten Zeugnisse von chirurgischen Eingriffen
Neolithikum, der jüngeren Steinzeit
del der
(ca.
Steinzeitmenschen, an denen Trepanationen durchgeführt wurden. Bei
dieser Operation wird eine Knochenplatte
aus
dem
von der Größe eines Fünfmarkstückes
Schädel herausgemeißelt. Mit einer Obsidianklinge läßt sich ein solcher
Eingriff verhältnismäßig leicht
durchführen noch 1952 hat
;
man
in
Peru eine ex-
perimentelle Schädeloperation mit einem Obsidianmesser der Steinzeit durchgeführt,
wobei
es nicht viel schlechter als ein Skalpell funktioniert hat.
die steinzeitlichen
Trepanationen
ist
das Motiv.
Man
findet sie bei den
Unklar für
Ureinwoh-
nern der Kanarischen Inseln, den sogenannten Guanchen, ebenso aber im prähistorischen Afrika, im frühen Amerika, bei den Naturvölkern der Südsee.
Die Medizinhistoriker nehmen an, es handle sich um den Versuch, beginnenden
Wahnsinn oder unerträgliche Kopfschmerzen, etwa durch Schädelverletzungen
hervorgerufen, durch die Operation zu heilen, indem man zum letzten Mittel griff
und den Druck der Knochensplitter im Schädel entlastete. Denkbar sind aber auch
magische Motive, denn in den altperuanischen Gräbern wurden insgesamt über
129
Modelle der Leber und Gallenblase aus Babylonien (oben) und dem etruskischen
Italien (unten).
Die medizinischen Kenntnisse der Völker früher Hochkul-
turen setzen den heutigen
Berlin, Bildarchiv
Menschen immer wieder
in
Erstaunen. Staatsbibliothek
toooo trepanierte Schädel gefunden, dazu das ganze Oper'ationsbesteck, Obsidianund Bronzemesser, kupferne Stichel, Klammern und Nadeln (Pollak). Bei dieser
sehr großen Zahl ist es wohl nahezu ausgeschlossen, daß in jedem einzelnen Fall
Wahnsinn oder Kopfschmerzen diese Operationen angeraten sein ließen. Da man
steinzeitliche Ketten mit Knochenplättchen aus diesen Trepanationen gefunden
hat, wäre mindestens vorstellbar, daß man den Schädel aus magischen Gründen
öffnete. Denkbar, daß in irgendeinem Zusammenhang, den wir nicht kennen, etwas aus dem Kopf gelassen wurde, was darin eingesperrt war - es braucht nicht
immer ein Schmerz oder ein Druck gewesen zu sein, nicht einmal ein Krankheits-
dämon, sondern
vielleicht
nur ein Dämon, der das Denken verwirrte.
Man weiß nicht, welche Betäubungsmittel bei Trepanationen verwandt wurden,
aber man kennt aus dem alten Peru noch eine ganze Reihe medizinischer Maßnahmen, so den Aderlaß, das Einrichten von Verrenkungen, das Öffnen von Abszessen und Wundnähte, wie man überhaupt den frühen Kulturen anderer Erdteile
ein beachtliches praktisches Heilwissen und Handgeschick zubilligen muß. Die
Chirurgie jedenfalls war im alten Peru der gleichzeitigen europäischen Wundchirurgie bei Trepanationen des 15. Jahrhunderts ebenbürtig,
Geschichtlich bezeugt
ist
die Tatsache,
wenn
daß in China einmal
der Arzt ein Opfer der Trepanation geworden
ist.
nicht überlegen.
statt des
Patienten
Einer der größten Arzte der
Han-Zeit war der Chirurg Hua T'o (190-268 n. Chr.), der große Operationen ausals Erfinder der Anästhesie gilt, also der Methode, medi-
geführt hat und im Osten
kamentös den Schmerz auszuschalten. Er soll sogar Magen- und Darmoperationen
die Wunde mit einer Heilpaste verklebt haben, so daß sie sich
nach wenigen Tagen schloß. Über einen so großen Arzt kursierten viele Legenden.
vorgenommen und
Eine von ihnen erzählt, wie der Arzt
zum Herzog von
Qei,
dem Begründer
der
gleichnamigen Dynastie und berühmten Heerführer, gerufen wurde. Der General
litt
unter unerträglichen Kopfschmerzen, und der Arzt schlug eine Trepanation
dem Mißtrauen
seines Patienten gerechnet. Der General
einen Mordanschlag und ließ den
Behandlungsvorschlag
vermutete hinter diesem
Chirurgen einkerkern und zum Tode verurteilen. Alle seine medizinischen Schriften gab der Gelehrte dem Kerkermeister, dessen Frau sie aus Angst vor der
vor. Er hatte nicht mit
des Herrschers verbrannt haben soll. Nur die Schrift über die Tierheilkunde konnte gerettet werden. Dieser chinesische Arzt hatte offensichtlich schon
ein beachtliches medizinisches Wissen, auch vom heutigen Standpunkt aus gesehen. Bei einem medizinischen Examen freilich hätte er allenfalls in Botanik mit
Erfolg abschneiden können, denn so groß seine Heilerfolge, so weitgespannt sein
Wissen auch gewesen sein mögen, es war der Zeit entsprechend von unzähligen
Ungnade
irrationalen Faktoren bestimmt.
Ein Arzt der frühen Kulturen gleicht einem australischen Ureinwohner, der mit
Schraubenschlüssel,
ser
weiß zwar,
wo
Hammerund
Meißel ein Sportflugzeug reparieren
der >Kopf< und der >Bauch< des Flugzeugs
ist,
Fortpflanzungsorgane nicht und versteht nicht, weshalb der Vogel nicht
frißt.
Der menschliche Körper
ist
ist
Würmer
den Ärzten der Hochkulturen ein Rätsel geblie-
ben, das sie durch scharfe Beobachtung
suchten; in gewisser Weise
soll; die-
aber er findet die
und durch Analogieschlüsse zu lösen verja noch heute ein solches Rätsel, denn
der Körper
131
als
physiologisches ßystem hat die moderne Medizin ihn nahezu vollständig er-
kannt, während ihr die tieferen Ursachen der Krankheit und die Einwirkung des
Psychischen auf den Leib immer rätselhafter werden.
In allen Kulturen
kern findet
man
ist
Krankheit als Strafe empfunden worden. Bei den Naturvöl-
häufig die Auffassung, die Ursache jeder Krankheit
sei ein
böser
von Feinden verursacht und gleichsam gezielt wie ein vergifteter
Pfeil. Bei den Azteken z.B. bestrafte der Gott Titlacahuan, der »Rauchende Spiegel«, als mächtiger Hauptgott den Bruch von Fasten, von Gelübden und von sexuellen Tabus mit unheilbaren Krankheiten oder mit Geschwüren, besonders
an den Geschlechtsteilen. Mit Hämorrhoiden sowie Furunkeln wurde man vom
»Blumenprinz« bestraft, dem Gott der Spiele und des Leichtsinns, während die liebenswürdige »Blumenfeder«, die Aphrodite der Azteken, die Herrin der Handwerker und der Liebe, Krätze und andere Scheußlichkeiten schickte.
Nun ist ja die Auffassung, daß eine Krankheit von den Göttern oder von Gott
gesandt sei, in allen Religionen vertreten, weil ohne moralische Ursache der
Zustand der Erkrankung psychisch offenbar nicht verarbeitet werden kann. Erst
wenn der Kranke sein Leiden »annimmt« und es ihm nicht mehr als ein Zufall von
haarsträubender Ungerechtigkeit erscheint, werden psychische Energien für die
Heilung frei. Die Inkas schlossen von der Schwere der Krankheit auf die Schwere
vorangegangener Vergehen, eine Auffassung, die wie eine Vorstufe zur buddhistischen Lehre vom Karma und der Wiedergeburt wirkt. Wenn in diesem Staat
der Gottkönig selbst unheilbar krank wurde, mußten seine Untertanen die
schrecklichsten Sünden begangen haben, denn er selbst, der »Sohn der Sonne«,
war ja einer Sünde oder Tabuverletzung unfähig, auch schwächte seine Krankheit
die Kraft der Sonne. Deshalb betete man unablässig und opferte Lamas und Meerschweinchen, um dem Gestirn neue Kraft zuzuführen. Weil in einer so unglaublich gefährdeten Welt alles davon abhing, daß man die Sünden erfuhr, gab es
Beichten, und die in der Beichte gewonnenen Erkenntnisse wurden therapeutisch
genutzt und in Bußauflagen umgesetzt. Den Bruch des Beichtgeheimnisses beZauber,
sie sei
dem Leben.
zum Körper war
zahlten die Beichtpriester übrigens mit
Die Einstellung zur Krankheit wie
also
weitgehend von der
Weltauffassung des jeweiligen Stammes oder Volkes geprägt, so daß sich auch die
Kenntnisse vom menschlichen Körper sehr unterschiedlich entwickelt haben. Daß
jeder Teil des Körpers eine kosmische Beziehung habe,
und
ist
eine in Indien verbreitete
Weisheit wiedergegebene Auffassung. Wieviel Irrtümer
solche Analogien in sich bergen, zeigt die ägyptische Medizin. Erstaunlicherweise
war die Lage der Eingeweide den ägyptischen Ärzten, obwohl in diesem Lande
ständig Leichname einbalsamiert wurden, vollkommen unklar. Die Leichname
oft
heute
als tiefere
wurden nämlich von Hilfskräften ausgeweidet, zu anatomischen Studien
blieb
keine Möglichkeit, der Priesterarzt hatte andere Interessen. Regelrechte Sektionen
sind erst von den griechischen Ärzten
worden
;
bis
dahin bezog
man
um 300 v.
Chr. in Alexandria durchgeführt
seine anatomischen Kenntnisse wie in fast allen frü-
hen Kulturen aus der »Küchen- und Opferanatomie«,
der Tierzergliederung auf den Menschen.
schaft entwickeln konnte, liegt auf der
Daß
Hand.
132
man
übertrug die Befunde
sich daraus keine exakte
Wissen-
Allerdings räumte man dem Menschen in Ägypten eine'Sonderstellung ein. Das
Herz galt den Ägyptern als Mittelpunkt eines Kanalsystems, Teil des Verdauungssystems und Sitz des Denkens. Möglich, daß sie die Funktion ihrer Hauptstadt auf
das Herz übertrugen. Denn den menschlichen Körper verstanden sie als Analogie
zum Nil, seine Flutbewegungen verglichen sie mit dem Puls, und die Atmung erklärten sie als die Winde. Man glaubte, von der Nase führe ein Gefäßsystem über
das Herz zum After, und vom Herzen würde die Luft zu allen Körperteilen geleitet. Einige der griechischen Naturphilosophen haben auf der »Lehre vom
Lufthauch« ihr System der Pneumalehre aufgebaut.
In anderen Kulturen sind es nicht die Sonne und der Nil, sondern andere Leitvorstellungen, nach denen man Systeme erfindet. China z. B. hat sein dualistisches
Prinzip Yin und Yang, aber außerdem das kosmische Prinzip der Fünf, das sich
auch in der Fünftonleiter ausdrückt. Die Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser werden in Beziehung gesetzt zu Planeten - nämlich Jupiter, Mars, Saturn,
Venus und Merkur -, zum Klima, zu den Jahreszeiten, zum Wesen der Jahreszeiten wie Aufblühen, Reifen, Bewahren usw., zur Tageszeit und zur Farbe, hier in
der Reihenfolge Grün, Rot, Gelb, Weiß, Schwarz.
Peruanische Steinplastik von Gebärmutter
und Fötus, gefunden in Cuzco.
Sammlung Larrea, Museo de America,
Madrid
Bereits
im
alten
von Debilität
Berlin
,
Bildarchiv
hat man Schädelverformungen und Anzeichen
Gestochen nach originalen Holzfiguren. Staatsbibliothek
Ägypten
dargestellt.
China wird der Übergang von der schamanistischen Praxis zur Heilkunst des
als irgendwo anders, er ist fließend und verschwimmt im Nebel
legendärer Überlieferung. Was aber auch immer die Grundsätze und Prinzipien
gewesen sein mögen, nach denen die Heilpriester, Schamanen und die frühen
Ärzte sich richteten, ihre Heilerfolge sind, gemessen an ihren Mitteln, oft ganz
In
Arztes deutlicher
und neben absurden Phantastereien finden sich in der medizinischen
Erkenntnis präzise Beobachtungen und ein großes Heilwissen.
Die spektakulären Kenntnisse der Naturvölker über die Heilwirkung der Pflan-
erstaunlich,
zen sind bekannt. Umstritten
nischen Indianern
als
Jesuiten die fiebersenkende
laria
ist
die Frage,
ob das Chinin schon von präkolumbiaworden ist oder ob erst die
Mittel gegen Malaria erkannt
Wirkung
der Chinarinde erkannt haben, weil die
aus Europa oder Afrika eingeschleppt worden
ist.
Erstaunlich
ist,
Ma-
daß einige
Malariaparasitenstämme resistent gegen Chinin geworden sind, während
sie
offenbar gegen das natürliche Chinin empfindlich bleiben.
Zu den fabelhaften Ergebnissen botanischen Wissens bei Indianern gehört die
»Anti-Babypflanze« Barbasco und das Harz der Moracea (Chlorophoria tinctoria),
mit dem die Indios schmerzfrei kranke Zähne entfernen, von dem Drogenpilz
Teonanancätl und der Windenart Ololiuqui mit ihren Halluzinogenen ganz zu
Den Chaco, einen plastischen Ton, nahm man gegen Hämorrhoiden
und Darmkrankheiten, es gab aber auch Heilpflanzen gegen Müdigkeit von
Staatsbeamten und Gefahren auf Reisen (Pollak). Die Azteken kannten im 1 6.
schweigen.
Jahrhundert
dem
königlichen Chefarzt für das »westliche Indien« Dr. Francisco
Hernändez zufolge siebenmal mehr Drogen als ein Dioskurides, der römische
Militärarzt griechischer Herkunft mit seiner berühmten Arzneimittellehre
»Materia medica«. Tabak, Rhizinus, Perubalsam, Guajakholz, bestimmte Nierenund Blasentees und viele andere Heilpflanzen stammen aus der Apotheke der
Azteken. Insgesamt hat das Verzeichnis des Dr. Hernändez 4340 Positionen, ein
nirgendwo iibertroffenes Kompendium. Auch die anatomischen Kenntnisse der
Azteken waren im Gegensatz zu denen der Ägypter ausgezeichnet. Andererseits
heilte man viele Krankheiten, indem man ein Meerschweinchen auf der kranken
Stelle rieb, damit es die Krankheit übernahm, und dann in der Hand heimlich erdrückte. Das Tier wurde anschließend obduziert, die Krankheit aufgrund der Eingeweide des Meerschweinchens diagnostiziert und die Prognose gestellt.
Daß in allen frühen Kulturen oder auch bei den Naturvölkern die erstaunlichsten medizinischen Erkenntnisse intuitiv angewandt werden, zeigt der ägyptische
Schwangerschaftstest, mit dem man in Ägypten vor 5000 Jahren arbeitete und der
in einigen Gegenden der Türkei noch heute üblich ist. Wörtlich lautet er: »Andere
Untersuchung, ob eine Frau gebären wird oder nicht. Weizen (Emmer) und Gerste
(Spelz): laß sie eine Frau täglich mit ihrem Urin benetzen, wie Datteln und wie
Gebäck in zwei Beuteln. Wenn sie beide wachsen, wird sie gebären, wenn der Weizen wächst, wird es ein Knabe sein, wenn die Gerste wächst, wird es ein Mädchen
sein wenn keins wächst, wird sie nicht gebären.« Ägyptische Wissenschaftler haben im Jahre 1963 Reihentests nach diesem Verfahren durchgeführt. Von einer
Vorherbestimmung des Geschlechtes des Kindes konnte keine Rede sein, aber es
ließ sich sagen, daß der Urin wahrscheinlich von einer Schwangeren stammte,
;
135
wenn
es
zum Wachstum von Weizen und
kam -
Gerste
keine sichere, aber auch
keine absolut unsichere Methode, denn das Zahlenverhältnis betrug 12:40. In
zwölf Fällen wurde ein Ausbleiben des
Wachstums
registriert,
obwohl der Harn
von schwangeren Frauen stammte.
VMege zu Hippokrates
Die medizinische Ausbildung hat
man
sich bei
den Naturvölkern
in der üblichen,
sippengebundenen Generationsfolge zfi denken, aber auch im Sinne schamanistischer Lehre, wie sie bereits an anderer Stelle dieses Werkes beschrieben worden
ist. Herrscher, die zugleich als übermenschliche Ärzte verehrt werden, gibt es in
Ägypten und China. In Äypten ist es Imhotep, eine historische Persönlichkeit zu
III. Dynastie. Als Oberster Ingenieur war er
den Bau der Stufenpyramide zu Sakkara verantwortlich, ein »Vorsteher der
Bauten«, er hat Schriften verfaßt und war Arzt. Als Heilgott ist er später neben
anderen ägyptischen Heilgöttern verehrt worden. In China gab es bis in die jüngste
Zeit noch an vielen Orten die »Tempel der Medizinkönige«, in denen man dem
Lebzeiten des Königs Djoser aus der
für
Roten Kaiser, dem »Medizinweisen«, dem Gelben Kaiser, dem »Medizinkönig«
und einer ganzen Reihe verstorbener großer Ärzte aus geschichtlicher Zeit Opfer
brachte. In Ägypten wurden die Ärzte an Priesterschulen ausgebildet, da ja das
kosmische und das medizinische Wissen eng zusammenhingen. Auch in China
wird schon früh eine geregelte Ausbildung für Ärzte eingeführt, nämlich zur Zeit
Chr.). Man unterschied an den Medizinschulen vier Fakulnämlich Diätetik, Innere Medizin, Chirurgie und Tierheilkunde. Die Leistungen der Ärzte wurden taxiert, die Honorare entsprechend gestuft.
der
Chou (1122-247 v.
täten,
Aus den Aufzeichnungen des Papyrus Ebers kennt man die Art, die Krankheit
zu untersuchen, der Anamnese folgt der Behandlungsvorschlag, auch wird vor un-
»Wenn du jemanden mit einer
vorgewölbten Brustgeschwulst untersuchst, so sollst du finden, daß der Tumor in
die Brust ausgedehnt infiltriert ist und sich hart anfiihlt wie eine grüne Hamsetheilbaren Fällen gewarnt. So lautet ein solcher Fall
:
frucht (Anm. d. Verf.: Stechapfelsorte). Du sollst in diesem Falle sagen: Wenn
jemand einen Brusttumor hat, ein Leiden (also), mit dem ich ringen möchte, so
gibt es keine Behandlung.« Hier ist nicht mehr von Magie die Rede, sondern von
Medizin, und hier ermißt sich auch der Fortschritt durch eine moderne, naturwissenschaftlich orientierte Medizin, für die Brustkrebs zu einem hohen Prozentsatz
heilbar geworden ist.
Wenn nun
also der Vergleich
zwischen
dem
unterschiedlicher Kulturen aus verschiedenen
doch vielleicht eine ärztliche Ethik, wie
sie
medizinischen Können der Ärzte
Gründen unmöglich ist, so gibt es
etwa mit
dem
Eid des Hippokrates
zum
Ausdruck kommt und im christlichen Abendland zu besonderer Höhe entwickelt
ist: »Ich schwöre bei Apollon, dem Arzte, und bei den anderen Heilgöttern als
Zeugen: daß ich nach bestem Wissen und Gewissen dieses Gelöbnis und seine
Verpflichtung erfüllen werde. Ich will meine Lehrer der Heilkunst gleich meinen
Eltern achten. Mit ihnen werde ich meinen Lebensunterhalt teilen und in der Not
136
zu ihnen stehen. Selbstlos will ich die ärztliche Lehre ihren wie auch meinen Schülern weitergeben. Ich will
meine Ratschläge und Verordnungen zum Heil der
Kranken nach bestem Wissen und Können geben. Meine Patienten werde ich dabei
schützen vor allem, was ihnen schaden könnte oder unrecht
ich ein tödlich
täte.
Niemals werde
wirkendes Mittel verabreichen noch einen Rat dazu erteilen, selbst
wenn man mich dazu auffordern sollte. Niemals werde ich einer Frau zu einer
Abtreibung verhelfen. Denn heil und rein will ich mein Leben halten und meine
Kunst. Wenn ich des Kranken Haus betrete, so soll ihm dies nutzen und frommen.
Keinem soll Unrecht geschehen, und niemandem will ich zu nahe treten, zumal
nicht den Frauen. Was ich in meiner Praxis auch zu sehen und hören bekomme,
ich werde darüber schweigen und nichts verlauten lassen. Die Wahrung dieses
Geheimnisses sei dem Arzt eine heilige Sache! Wenn ich nun diesen Eid halte, so
soll
mir im Leben wie
in der
Kunst der Segen nicht ausbleiben, Ruhm und Ansehen
soll mich treffen, wenn ich je treulos
auch für folgende Zeiten. Verachtung aber
werden
sollte.«
Weiblicher Medizinmann aus der Südafrikanischen Republik. Die meist
furchterregende Ausstaffierung solcher Medizinmänner trug dazu bei ihre suggestive
,
Ausstrahlungskraft z.B. auf Kranke, zu steigern. Fotografie des 19.
,
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
]h.
Hier sind die verschiedenen Lagen und Stellungen der afrikanischen Frau
bei der Geburt dargestellt. Zeichnung von Robert W. Felkin 1885. Staatsbibliothek
,
Berlin
,
Bildarchiv
Die Tatsachen entsprechen aber leider nicht dieser für Europa sehr schmeichel-
Annahme, zum Glück für die Menschen, möchte man sagen. Gewiß wird
Schamane nur die Angehörigen seines Stammes behandeln, keinen Fremden,
obwohl man auch das nicht wird verallgemeinern dürfen. Daß der Kranke bei
Jäger- und Wildbeuterstämmen eine Last ist, liegt auf der Hand; erst der Nahrungsmittelüberschuß der höheren Ackerbaukulturen und die Differenzierung der
haften
ein
Tätigkeiten hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß
als die
man
sich andere Hilfe
der nächsten Angehörigen leisten konnte, mit anderen Worten, eine
wenn
auch begrenzte Leistungsgesellschaft ist Voraussetzung für ärztliche Bemühungen
wie für Barmherzigkeit. Ärztliche Ethik hat es also überall dort gegeben, wo Männern die Aufgabe zugeteilt war, andere Menschen zu heilen,
wo
ein gesellschaftli-
ches Interesse an dieser Art Tätigkeit bestand.
In
Ägypten gab
es
den »Chefarzt von Ober- und Unterägypten«,
die Spitze einer
straffen hierarchischen ständischen Gliederung, an deren unterem Ende so etwas
wie ein Bader stand, ein Wundarzt, dessen Hieroglyphe aus einem Salbentöpfchen
und einem Messer,
Pfeil
oder Brenneisen bestand.
Man
weiß, daß es Spezialisten
gab, den »Hirten des Afters« oder den Zahnarzt, den Augenarzt oder den »Kenner
der inneren Flüssigkeiten«. Das waren allerdings Männer, die nicht
als
mehr kannten
eben diesen Körperbereich, also nicht etwa Fachärzte nach abgeschlossener All-
138
gemeinbildung. Über das medizinische Wissen der Ägypter gibt es eine umfangreiche Literatur, in der von Herzkranzgefäßerkrankungen bis zur Urämie alles be-
wurde, es gab die sogenannte Dreckäpotheke und raffinierte
Medikamente, selbst Zäpfchen; als die ägyptische Medizin »geschichtlich« wurde,
handelt
v. Chr., hatte sie schon einen langen Weg hinter sich. Ethische
man nicht, wohl aber war es noch in der Antike von Nutzen,
kennt
Dokumente
Medizin
studiert zu haben. Die magisch-zauberische und die empiin Ägypten
risch-rationale Methode durchdringen einander, und die ausgeprägte Organisation setzt ein gewisses, religiös verankertes Standesbewußtsein voraus, also auch
um
also
3000
eine bestimmte Ethik.
Über
die altindische
Medizin weiß
man
in dieser Hinsicht besser Bescheid
;
hier
finden sich schon in der Spruchweisheit viele Zeugnisse ärztlicher Weisheit. Ein
indischer Spruch heißt: »Ist
man
krank, so
ist
der Arzt ein Vater,
ist
man
genesen,
und ist die Gesundheit wiederhergestellt, so ist er ein Hüter.«
Andererseits wußte man: »Ärzte leben von Kranken, Weiber von Verliebten,
Opferpriester von Opfernden, Fürsten von Streitenden, Kluge von Toren.« Aus
der brahmanischen Periode (ca. 800 v. Chr. - 1000 n. Chr.) stammt der folgende
Lehrsatz: »Ein Arzt, welcher Erfolg für seine Praxis und seinen Erwerb, seinen
guten Namen und einst den Himmel wünscht, der muß für das Wohl aller Lebenden - zuerst des Brahmanen und der Kuh - bitten alle Tage, wenn er aufsteht und
zu Bett geht. Mit ganzer Seele muß er um die Heilung des Kranken sich bemühen,
und wenn sein eigenes Leben auf dem Spiel steht, darf er dem Kranken kein Leid
tun und nicht einmal in Gedanken dem Weib eines anderen zu nahe treten, noch
auch seiner Habe. In Kleidung und anderen Äußerlichkeiten soll er einfach, soll
kein Trinker sein und schlechter Gesellschaft fernbleiben. Seine Rede sei zart, klar,
angenehm, wahr, zweckmäßig und gemessen; er erwäge Ort und Zeit, befleißige
sich des Nachdenkens, und suche stets seine Kenntnis zu wecken, zu unterstützen
und zu fördern.«
In der Unterrichtspraxis gingen Theorie und praktische Unterweisung Hand in
Hand, weil »durch Anhörung allein niemand zum ärztlichen Beruf befähigt wird«
Man forderte eine Ausbildung in Medizin und Chirurgie, denn der Arzt, dem die
Kenntnisse eines dieser beiden Zweige abgingen, gliche »einem Vogel mit nur
einem Flügel« Als der Buddhismus sich gegen den Brahmanismus als einer aristokratischen, elitären Weltanschauung durchsetzte, wurde die praktische Nächstenliebe selbstverständliches Gebot, und wie im Christentum wurden unter Anleitung
der frommen Mönche Hospitale und Asyle errichtet. Dies gilt vor allem seit der
Herrschaft des Königs Aschoka (272-231 v. Chr.), der den Buddhismus dem Volk
so
ist
er ein Freund,
.
erschloß.
Die Ethik des chinesischen Arztes spricht aus den Anweisungen, die ein Arzt
»Wenn jemand krank ist, so behandle ihn, wie
der Ming-Zeit (1368-1644) gab:
du selbst behandelt sein möchtest. Wenn dich jemand zur Konsultation ruft, so
gehe unverzüglich zu ihm und säume nicht. Bittet er dich um Medizin, so gib sie
ihm
sofort
und frage nicht erst, ob er
reich oder
arm
Brauche immer dein Herz,
so wird dein eigenes Glücks-
sei.
um Menschenleben zu retten und alle zu befriedigen,
gefühl gehoben. Mitten in der Dunkelheit der Welt gibt es einen, der dich sicher
I39
beschützt.
Wenn
du Gelegenheit
hast,
%
zu einem akut Erkrankten gerufen zu wer-
den, und du nur mit aller Gewalt darauf bedacht bist, viel Geld herauszuschla-
gen
., so gibt es im Dunkeider Welt sicher einen, der dich bestraft.« Die ethische
Substanz dieses sicher schwierig zu übersetzenden Textes ist eindeutig, und es
rundet sich das Bild vom Arzt, der sich von dem frühen Schamanen und Priester.
.
dadurch unterscheidet, daß er das Arzttum, zu dem er sich berufen fühlt,
Beruf ausübt. Der Konflikt zwischen einem normalen Berufsegoismus und der
heiler
als
ethischen Verpflichtung zu helfen
Hilfsbereitschaft
soll
auch hier aus dem Geist menschlicher
überwunden werden.
den Azteken klare Vorstellungen, wie ein schlechter und
solle. »Ein schlechter Arzt ist ein Betrüger, ein nach.Er behext die Menschen, ist ein Zauberer,
lässiger Behandler, unerfahren usw.
ein Wahrsager, ein Loswerfer, er verführt und verhext die Frauen.« Das Ideal sieht
anders aus: »Der gute Arzt ist der Heiler des Volkes, der Erneuerer und Beschützer
der Gesundheit. Der gute Arzt ist ein Diagnostiker, erfahren und reich an Kennt-
Ebenso bestanden
bei
wie ein guter Arzt aussehen
.
.
Bäume und Wurzeln.
maßvoll
Handlungen, heilt Kranke, indem er Knochen einrichtet und Schienen
anlegt; er versteht es, Abführ- und Brechmittel und Heiltränke zu verabreichen,
zur Ader zu lassen, Wunden zu nähen und Einschnitte zu machen, sowie die Leidenden zu beleben.« Übrigens gab es bei den Azteken wie bei den Ägyptern weibliche Ärzte, doch mußten sie die Wechseljahre hinter sich haben.
Für den heutigen Arzt ist die Ethik seines Standes im schon zitierten »Eid des
Hippokrates« formuliert. Zweifelhaft ist, ob dieser Text wirklich von dem berühmten Arzt der Antike stammt, der auf der Insel Kos 460-380 v. Chr. gelebt
hat; er gehörte zur Familie der Asklepiaden, aber es gab mehrere Männer seines
Namens. Er soll Reisen gemacht haben und in Larissa in Thessalien gestorben sein,
wo man noch lange sein Grab zeigte. Niemand weiß, welche der 58 Schriften in
73 Büchern wirklich ihm zuzuschreiben ist, da diese einen Zeitraum von etwa 500
Jahren umspannen und widersprüchlichste Standpunkte enthalten. Sie sind vermutlich als Bestand der medizinischen Bibliothek zu Kos unter dem Namen des
Hippokrates zusammengefaßt, wobei einige Schriften, etwa »Epidemien« oder
»Prognostikon«, durchaus zur sogenannten koischen Schule zählen dürften. Hippokrates also, eine zum Heros und halbmythischen Idealmenschen erhobene
Gestalt, ist für den abendländischen Arzt zum ethischen Leitbild geworden, wie
es sich auch in anderen Hochkulturen findet. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurden
von den Gelehrten Alexandrias zwei Hippokratesausgaben herausgegeben, deren
eine die gesamte Spätantike und mittelalterliche Medizin beeinflußt hat. Mit der
angeblich von Hippokrates stammenden Säftelehre und allgemein mit seinem menissen über die Heilkraft der Kräuter, Steine,
Er
ist
in seinen
man sich noch im 19. Jahrhundert auseinandergeexakten Naturwissenschaften ihren Siegeszug antraten. Vieles aber,
dizinischen Gedankengut hat
setzt, bis die
was schon auf der
Insel
Kos praktiziert wurde, etwa Heilschlaf und eine ange-
Chirurgische Instrumente aus römischer Zeit. Darunter befinden sich
verschiedene Sonden und ein Instrument für Gehirntrepanationen (Nr. 16). »The Wellcome Trustees«, London
u.a. ein Skalpell
,
wandte Psychotherapie,
erst in unserer Zeit
die vermutlich von Ägypten
wieder neu entdeckt worden.
übernommen waren,
sind
Heilung mit Nadelstichen
Für den Europäer klingt es phantastisch, und sooft er davon erfährt, so oft zweifelt
Man sticht einem kranken Mendamit ein gelähmtes Bein. Noch heute wird
bekanntlich in den chinesischen Krankenhäusern diese alte Heilmethode neben der
europäischen Medizin angewandt, auch gibt es in Europa bereits Ärzte, die sich
die Akupunktur zunutze machen.
Wahrscheinlich hat sich die Akupunktur, aus schamanistischen Praktiken erer
an diesem alten chinesischen Heilverfahren:
schen eine Nadel ins
Ohr und
wachsen, in der Epoche
vom
heilt
5. bis 2.
Jahrhundert
ursprünglich aus Stichen, die der Schamane
versetzte.
Man kann
die suggestive
Wirkung
v.
Chr. entwickelt und bestand
dem Dämon im Leibe des Kranken
der Situation kaum unterschätzen.
Verbunden mit dem Klang der Schamanentrommel, den beschwörenden Gesängen
und seiner Helfer und dem leidenschaftlichen Wunsch, geheilt
zu werden - Krankheit und Tod lagen ja in diesen Zeiten dichter nebeneinander
als heute
mag der Stich mit der steinernen Nadel seine Wirkung getan haben.
Auch heute sprechen Mediziner, womit das Phänomen gewiß nicht erschöpfend
erklärt ist, von Suggestion.
Die neuere Medizin hat der Akupunktur noch einige weitere Argumente geliefert. So entdeckte der britische Arzt Henry Head im Jahre 1893, daß kranke Organe
in genau abgegrenzten Gebieten weit vom Sitz der Krankheit entfernt Schmerzen
hervorrufen können. Diese »Headschen Zonen« erlauben, mit Massage- und
Wärmereizbehandlung überraschende Fernwirkungen beim kranken Organ selbst
des Zauberpriesters
zu erzielen. Später fand der Deutsche Hunecke, daß
nerer Organe oft schlagartig beheben kann,
man
Krankheitszustände in-
wenn man an gewissen
Stellen, die
durchaus nichts mit diesem Organ zu tun haben, Schmerzmittel injiziert. Das
erinnert durchaus an die Nadelstichtherapie, ist aber von der orthodoxen Medizin
nur ungenau zu erklären.
Ursprünglich bestanden
die
Nadeln aus Feuerstein, was auf eine uralte Praxis
hindeutet, später aus Silber, Gold oder gehärtetem Stahl.
an die Stellen,
wo
Moderne Heiler
setzen
früher der Einstich erfolgte, elektrische Stromreize. Die Nadel,
5-22 cm lang, wird mit leichten Schlägen eines Fingers oder eines Hämmerchens
bis zu 2 cm mit drehenden Bewegungen durch die gespannte Haut getrieben.
Es gibt jahrhundertealte Bronzestatuen mit vorgegebenen Einstichstellen, an
denen der künftige Heilkundige seine Kunst üben konnte. Dazu mußten astrologi-
Chinesische Akupunkturtafel mit anatomischem Schema. Diese Heilmethode ist
darauf spezialisiert, durch Einstich mit einer goldenen oder silbernen Nadel
an genau fixierten Hautpunkten kranke innere Organe zu beeinflussen.
Holzschnitt aus
dem »T'ong-jen
tschen Kieou King«, 1031. Staatsbibliothek
Bildarchiv, Berlin
Weiherelief für Äskulap, den griechisch-römischen Gott
der Heilkunst, mit der Darstellung einer medizinischen Behandlung.
Um 380-350 v. Chr. N ationalmuseum Athen
,
sehe Beziehungen beachtet werden:
Schenkel akupunktiert werden,
am
Am 3.
16.
Tag eines Monats durften z.B. keine
Tag nicht die Brust, auch galt es noch die
Elemente zu beachten und zu prüfen, ob die zu behandelnde Körperseite dem Yin
Wahl eines entsprechenden Yin- oder
Yang-Tages wichtig war (Luong Tit Gang). Die Einstichstellen liegen auf elf gedachten Linien, den Meridianen des Körpers, die symmetrisch über den Leib verteilt sind und den Strom der Lebensenergie leiten sollen. Jedem dieser spiegelbildlich doppelten Meridiane entspricht ein Organ, ein zwölfter Meridian gehört zum
Kreislauf. Die Zahl der Einstichstellen schwankt je nach Schule zwischen 300 bis
über 800 Meridianpunkten; man erklärt die Wirkung im Sinne der Akupunktur
oder Yang zugehörte, weil dies für die
mit
dem Hinweis
darauf, daß
man Störungen
des
Pneumas behebe und
Luft oder Flüssigkeit durch den Einstich herauslasse, doch
144
ist
schädliche
das schon eine west-
Beim
Im
Arzt. Der verwundete Äneas wird behandelt.
alten
Rom
hatten die medizinischen
Wissenschaften einen hohen Standard.
malerei aus Pompeji
Wand-
liehe, auf die antike
Pneumalehre verweisende Erklärung. Neuralgische und rheu-
matische Schmerzen, Schlaflosigkeit und Koliken, Lähmungen, Zucker, Cholera,
Tuberkulose, Blinddarmreizung, Nieren- und Augenleiden sind die Indikations-
von denen einige einleuchten, da es sich um krampfhafte Zustände hanandere aber, wie die Infektionskrankheiten, nur das Kopfschütteln des europäischen Mediziners hervorrufen können.
bereiche,
delt,
Die chinesischen Mediziner lernten die Akupunktur schon bald nicht mehr an
den Bronzestatuen der Frühzeit, sondern an Puppen, deren Einstichstellen mit
Papier überklebt waren. Schon im 17. Jahrhundert, zur Zeit der ostasiatischen
Jesuitenmission, lernte Europa die Aldipunktur kennen; nach
krieg, als
mit
dem
dem
Ersten Welt-
Zweifel an der abendländischen Zivilisation das Interesse an
fernöstlicher Weisheit wuchs, ist das geheimnisvolle chinesische Heilverfahren
auch unter Homöopathen und Naturheilkundigen verbreitet worden (Pollak).
Eine typisch chinesische Heilmethode ist die Moxibustion, so verbreitet wie
einst der
Aderlaß mit Blutegeln oder Schröpfköpfen in Europa. Auch bei der Moxi-
bustion (japanisch kusa: Haut; japanisch moje: brennen) wird die Haut gereizt,
aber nicht durch Einstich, sondern durch Brandreiz. Bestimmte Kräuter,
der
Wermuth
z.
B. wil-
(Artemisia vulgaris), werden getrocknet, zerdrückt und zu kleinen
Kegeln geknetet, die
Hautstellen klebt.
man
mit Speichel für die Akupunktur auf die bestimmten
Man kann
die
»Moxe« auch
auf ein durchlöchertes Geldstück
legen, damit sie nur punktförmig einwirkt.
Hervorragend waren seit jeher auch die chinesischen Masseure, die ein ausgeSystem anwandten alle Muskeln einschließlich der Augen
bildetes gymnastisches
;
und der Zunge wurden hierbei geübt, vollkommene Enthaltsamkeit, eine bestimmte Diät und absolute geistige Ruhe waren dem Patienten nicht selten vorgeschrieben. In einer Medizin, die Elefantenhoden gegen Impotenz, Hühnermägen
gegen Magenleiden und Elfenbein gegen Zuckerkrankheit verabreichte, sind Verfahren wie Akupunktur, Moxibustion und Massage sympathische Anzeichen medizinischer Einfühlungsgabe.
Glaube
und Erkenntnis
Zauberküche Alchemie
Haus
der Weisheit
Die Söhne des Scheichs
Die Ziffern des Algoritmi
Ärzte im Islam
Aristoteles
und
die Folgen
Ein Bild der Erde
Zauberküche Alchemie
Mond das Silber, dem Mars das Eisen, für Saturn
das Blei bestimmt, Jupiter regiert das Elektrum - in Ägypten galt diese
Der Sonne gehört das Gold, dem
ist
Mischung aus Gold und Silber als eigenes Metall - und dem Hermes ist Zinn zugeordnet, der Venus das Kupfer. Sonne, Mond und fünf Sterne symbolisieren demnach die Einheit der Materie, aus der die sieben Metalle stammen. Auch die chemischen Vorgänge selbst, nicht nur die Elemente, werden in der Sprache der
europäischen Alchemie symbolisch
d'argestellt.
gen, die Kondensation dar, während
als
hinkenden Mann, auch
als
man
So
stellen Vögel, die abwärts flie-
das Feuer als Gott Vulkan darstellt oder
Degen oder Salamander. Bäume bedeuten, wenn
Hippokrates und Galen waren die bedeutendsten Ärzte der Antike.
Der Grieche Hippokrates (um 460 - um 377 v. Chr.) gilt als Begründer der
Heilkunde. Galen (129-199) war der Leibarzt Kaiser Marc Aurels. Er faßte
zahlreichen Schriften das medizinische Wissen des Altertums
und wirkte damit richtungsweisend für die Medizin des
Domes von Anagni, 13. ]h.
Fresko aus der Krypta des
zusammen
Mittelalters.
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1
iHhaf«*?*. 1i iV
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Heilbehandlung gegen
die Fußgicht. Die Arzneimittelkunde geht auf
den römischen Arzt Galen zurück. Aus dieser Zeit sind auch die ersten Arznei-
zubereitungen bekannt. Kodex 93, Fol. 84V aus einem medizinischen Werk
des Antonius Musa, erste Hälfte 13. Jh. Österreichische Nationalbibliothek, Wien
Goldmacher und Schwarzkünstler
hei der Arbeit. Nach den Anweisungen des Meisters
unternehmen seine Gehilfen allerlei Versuche, um der Natur ihr Geheimnis
zu entreißen. Kupferstich von Philippe Galle nach einer Zeichnung
von J. Stradanus, um 1570. Österreichische N ationalbibliothek Bildarchiv, Wien
eine
Sonne tragen,
die
Vollendung des großen Werkes der Goldbereitung, wäh-
rend der geflügelte Löwe das Flüchtige zeigt, sonst aber auch das »große
Werk«
oder den »Stein der Weisen«. Dieses dichte Gefüge von Bezüglichkeiten zwischen
Himmel und
und Götterwelt, zwischen Gestirnen und Metallen,
Vergangenheit und verknüpft ägyptische, antike, platonische und gnostische Elemente miteinander zu
einem kaum noch entzifferbaren Gewebe von Bedeutsamkeiten.
Das Wort Alchemie meint wohl »die Kunst aus dem Lande Khem«, also Ägypten. Die Hieroglyphe für Ägypten heißt »kerne«, wörtlich »das Schwarze« und bezeichnet den Nilschlamm, auf dem Ägypten gewachsen ist. Plutarch schreibt, die
weißen Priester Ägyptens nennten das meist schwarzerdige Ägypten »Chemeia«,
Erde, Element
Symbolen und Körpern
reicht tief in die orientalische
aber einige hundert Jahre später, nach
Bedeutung
dem Völkersturm
bereits gewandelt. »Alkimija«, so lehrt der
957), »ist das
Werk
des Islam, hat sich die
Araber Amassudi
(gest.
der Darstellung von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und Eli-
Die ethnologische Grundlage der Alchemie beruht ursprünglich auf Fertigund Metalle künstlich zu verfärben oder mit
aufgelösten Perlen oder Farbstoffen zu experimentieren. Erst unter dem Einfluß
xier.«
keiten des Alten Orients, Minerale
der griechischen Naturphilosophen und ihrer Schüler
150
ist
die
Alchemie zu einer
mystischen Kunst geworden, deren zentrale Frage war, ob es ihr gelang, unedle
Stoffe in edlere zu verwandeln.
Man glaubte, daß die Metalle aus verschiedenen Substanzen zusammengesetzt
seien,
daß aber
Quecksilber und Schwefel enthielten. Sie ständen unter
alle
geheimen Einfluß der Gestirne und
kommnen. Im Gold habe jedes Metall seine
seien
im
dem
Begriff, sich unaufhörlich zu vervoll-
letzte,
höchste Transformation gefun-
den. Allerdings sei dieser Prozeß nie abgeschlossen, auch gäbe es keine anorgani-
schen Substanzen, sondern nur einen Kreislauf - mystische Weltschau nahm hier
den Kreislauf molekularer Substanzen vorweg, ohne sich aus den Irrtümern der
dem 12. Jahrhundert erklärten die Alchemisten,
Wandlung durchzuführen, die Quintessenz, das große Eli-
Epoche befreien zu können. Seit
um
man
brauche,
xier,
den Stein der Weisen.
Auch
die
in der chinesischen
Was
dieser Stein berühre, verwandle er in Gold.
Alchemie, die
das Gold eine Rolle. Bisher sind die
licher
Alchemie nicht
geklärt.
älter ist als die des
Abendlandes,
Zusammenhänge zwischen
Den pragmatischen Chinesen genügte
es,
spielte
und
öst-
wenn
ein
westlicher
Gold ähnlich sah. Das Gold selbst, so glaubten sie, verleihe Unsterblichkeit. So hatte es für den großen Alchemisten des Ostens Wei PoYang (um 100 n. Chr.) die entsprechenden Folgen, als es ihm tatsächlich gelungen
war, die echte Goldmedizin herzustellen. Sein Schüler Yu und er sind unsterblich
geworden, ebenso aber sein Hund, der die Reste der Medizin vom Teller geleckt
Stoff hergestellt war, der
hatte (Seligmann).
Gold interessierte die Chinesen nur
als
Verjüngungsmedizin, die im Abendland
entwickelten Aspekte interessierten sie weniger, doch kannten auch sie den Stein
der Weisen, die Quintessenz, die geistesgeschichtlich aus der Elementenlehre
kommt. Aus Feuer, Wasser, Erde und Luft bestand, wenn man den Alten folgte,
und ein fünftes Element, die »Quintessenz«, war der Geist, der allen
Dingen von den Sternen bis zum Grashalm innewohnte, selbst dem in der Erde
die Welt,
verborgenen Stein. Die Quintessenz ist Geist, ist nach Ansicht der Alchemisten
»mit schwerer Erde belastet«, wird niemals für sich sichtbar, aber lebt in den Dingen.
Wer diese Quintessenz befreien kann, die in der
selbst in der
Hand,
barkeitsgöttinnen wie
die
im Universum
Materie wohnt, hält die Kraft
vermag. Für die Alchemisten waren die alten Fruchtnur Sinnbilder jener unvergänglichen Zeugungskraft,
die alles
Isis
wirkt.
In Europa ging die
Alchemie eigene Wege. Hier galt das Blei als eine Art Urstoff
ihrer Ansicht nach jede Farbe holen könne, wenn man
Wie man aus dem Schwarz
nur die »Kunst« beherrsche, so sei das schwarze Blei die Urmaterie für die Transmutation, die große Verwandlung. »Alle Körper müssen zuerst in die Materia
prima überführt werden, damit sie sich umwandeln können«, heißt es in dem berühmten Werk über die Goldmacherei von Arnold Bachuon (ca. 1235-1313) aus
Villanueva in Katalanien, genannt Villanova. Es gab damals durchaus nicht die
Trennung zwischen exakter Wissenschaft und etwa der Alchemie. VilSchüler des berühmten Arztes Ibn Sina gewesen, des größten Gelehrten
Zeit, und war in Barcelona Professor der Medizin und Philosophie, ehe er
strenge
lanova
seiner
ist
sich vor
mundus
dem
Klerus in Sicherheit bringen mußte. Sein Schüler wiederum war RaiMann, der 1235 auf Mallorca geboren und um
Lullus, ein abenteuerlicher
151
Y
Drei chinesische Alchemisten arbeiten an einem Kolbenofen.
Wachstuchtapete 18. Jh. Deutsches Tapeten-Museum, Kassel
,
(vorhergehende Doppelseite)
Der Alchemist in seiner Werkstatt. Die okkulten Wissenschaften beschäftigten
seit dem Mittelalter vornehmlich mit der künstlichen Herstellung von Gold
und der Findung des Steins der Weisen. Durch
allerlei
Experimentieren hoffte
unbegrenzte Verlängerung des Lebens zu finden.
Gemälde von David Teniers (um 1610-1690). Herzog Anton-Ulrich Museum,
auch ein
Elixier für die
Braunschweig
sich
man
1315 von den Mauren in Algier, wo er missionierte, getötet worden ist. Villanova
hat das erste Werk über die Goldmacherei geschrieben, sein Schüler Raimundus,
genannt Doctor illuminatissimus, versuchte dann, die Kreuzzüge durch Goldmacherei zu unterstützen.
Auf ihn geht das Verfahren der
Destillation mit Kalkstein
zurück, andererseits hat er aber auch die Alchemie weitgehend mystifiziert. Er soll
am Hofe
von England sogenannte »Rosenobels« hergestellt haben,
goldene Münzen, die heute noch erhalten sind.
Die Autoritäten der Alchemisten waren die »smaragdenen Tafeln« des ägyptiEduards
III.
dem
schen Gottes Toth aus
schen
Namen Hermes
1.
nachchristlichen Jahrhundert, unter
dem
griechi-
Trismegistos bekannt und in den mittelalterlichen Texten
Herr der Zauberer, Totenbeschwörer, Alchemisten und Astrologen beschwogab es die aus Zitaten anderer Autoren stückweise übermittelten
Bücher des Zosimos von Panopolis, eines gnostischen Christen aus Ägypten, der
sich auf Isis, Mithras und die Magier als Autoritäten beruft.
Man könnte sagen, daß sich in der mittelalterlichen Alchemie betrügerische
Gewinnsucht und faustisches Grübeln zu einem unauflösbaren Gewirr verbinden.
als
ren. Ferner
Im Laufe der politischen Ereignisse ist die Versuchung, sich mit Hilfe der Alchemie
Geld zu verschaffen, für viele Menschen unwiderstehlich geworden - und wenn
sie auch nur ein wenig glaubten, was sie sagten, etwa wie ein heutiger Astrologe,
der ganzen Völkern Horoskope zu stellen wagt, dann kann man sie nicht einmal
Schwindler bezeichnen. An allen Fürstenhöfen tauchten damals Alchemisten,
Goldmacher, Phantasten auf, die es verstanden, sich als Beherrscher der geheimen
Kunst in Szene zu setzen, und was den heutigen Menschen amüsiert, war damals
blutiger Ernst. Selbst Pfarrer, wie ein Vertrag Johann Friedrichs des Mittleren von
Sachsen aus dem Jahre 1566 erweist, gaben vor, das »Hochwerk sampt dem geheimen Stein der Philosophia warhaftig machen« zu können. In so glänzenden
Erscheinungen wie dem König der Zauberer und Hochstapler Giuseppe Baisamo,
den die Welt als Alexander Graf Cagliostro kennt (1743-1795), und in Giacomo
Girolamo Casanova, dem Musiker, Frauenhelden und Diplomaten, findet diese Art
der Alchemie einen Höhepunkt.
als
Neben
dieser ins Mystische oder Betrügerische zielenden Richtung der Alche-
ist, den Umgang mit Destillation und Sublimamit Elementen und Stoffen wachgehalten zu haben, gab es die Ahnung von
mie, deren einziges Verdienst es
tion,
einer gleichsam naturwissenschaftlichen Möglichkeit der Alchemie.
der irische
Mönch,
schreibt in seinem
Opus Magnum »Aber
:
es gibt
Roger Bacon,
noch eine an-
und praktische, die lehrt, wie man die edlen Metalle
Dinge durch Kunst besser und in größerer Fülle machen kann, als durch die Natur gemacht sind. Und die Naturwissenschaft dieser
Art ist größer als alle vorhergehenden, weil sie größeren Nutzen bringt. Denn sie
kann nicht nur Reichtum und sehr viele andere Dinge für das Gemeinwohl beschaffen, sondern sie lehrt auch, wie man die Dinge entdeckt, die das menschliche
Leben um viel größere Zeitspannen verlängern können, als auf natürlichem Wege
erreicht werden kann
Darum ist diese Naturwissenschaft von besonderem
Nutzen, während sie gleichwohl durch ihre Werke die theoretische Alchemie bedere Alchemie, eine operative
und Farben und
viele andere
.
.
.
stätigt.«
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Die arabische Schrift wird non rechts nach links gelesen. Manuskriptseite mit
einem persischen Text aus dem Varka und Gulshah, 13. ]h. Topkapi Museum, Istanbul
Ein Ofen für chemische Versuche. Aquarellierte Federzeichnung des 16.
Cod. Min. 3, Fol. i}r. Österreichische Nationalbibliothek, Wien (links oben
Jh.
Der iranische Wissenschaftler Barzuiye überreicht dem König Khosraw Annshirwan
einen Band indischer Fabeln, die er vom Sanskrit ins Persische übersetzt hat.
Miniatur aus dem Fabelbuch Kalila und Dimna (1410-1420). Gulistan Museum,
Teheran
(links)
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Beschreibung eines
alchemistischen Versuchs,
Gold zu erzeugen.
Niedergeschrieben von
Königin Christina
’
von Schweden während eines
Besuchs bei Helvetius
Amsterdam am
in
26. 3. i66y.
Riksarkivet, Stockholm
Erst
im
18.
Jahrhundert
ist
durch Lavoisier der Schritt zur exakten Chemie getan
chemische Vorgänge mit der Waage maß und z. B. auf diese Weise
erklären konnte, daß jede Verbrennung auf einer Sauerstoffaufnahme beruht. Bis
dahin spukten Scheidewasser und Elixier, Trismegistos und die Prima materia in
worden, weil
er
den Köpfen, und immer wieder versuchten wirre oder allzu schlaue Adepten,
die alten Künste nutzbar zu machen.
sich
Haus der Weisheit
Durch
die Wissenschaft
von den Sternen, so lehrte der arabische Astronom Al-
Mensch zu dem Beweis der
und zu der Erkenntnis der ungeheuren Größe, der höchsten Weisheit, der größten Macht, der Vollendung seiner Tat. Dieser Gelehrte hat im »Haus
der Weisheit« in Bagdad, dem wissenschaftlichen Zentrum des Islams, 41 Jahre
lang mit höchster Zuverlässigkeit Sterne beobachtet und eine Reihe von astronomischen Größen bestimmt. Als Mathematiker förderte er vor allem die Trigonometrie und formulierte die Dreiecksfunktionen in der gleichen Form, wie man dies
noch heute tut (Störig). Das »Bait al-hikma«, das Haus der Weisheit, umfaßte eine
umfangreiche Bibliothek und ein Observatorium. Daß es zu dieser Gründung geBattani (877-918), latinisiert Albategnius, gelange der
Einheit Gottes
kommen
war, hatte auch politische Gründe.
158
Der islamische Staat unter dem
war ein religiös im Koran verankerter
Herrschaft
Gottes - ein Gott, ein Kalif -,
Staat, das Kalifat selbst entsprach der
und die erforderliche direkte Verwandtschaft mit dem Propheten lieferte die LegiKalifat
timation, wobei es eine Auslegungsfrage war, ob man den Verwandtschaftsgrad
und damit das Kalifat anerkannte. Tatsächlich gab es nicht nur einen, sondern viele
Kalifen, ein Problem, mit dem der Islam in der Theorie nie ganz fertig geworden
ist,
und
tatsächlich gab es ein arabisiertes Reich, das aber praktisch ein Vielvölker-
staat war,
mit allen Spannungen eines solchen Gebildes. Politisch lagen die Dinge
schwieriger. Seitdem die Abbasiden mit Rückhalt
gebrochen und Irak
zum Zentrum
im Iran das arabische Monopol
des Islam erhoben hatten, verging kein Jahr
ohne Rebellionen.
Als Zentrum des Islams war Bagdad (iranisch: Gottesgeschenk) gegründet und
von dem großen Kalifen Harun al Raschid, der 786-809 Kalif von Bagdad war, zum
geistigen Mittelpunkt des östlichen Islams gemacht worden. Sein Sohn Al Mamun
(786-833), der nach dem Tode seines Vaters das zerfallene Reich geeint hatte,
mußte den immer stärker werdenden persischen Einfluß in seinem Reich zurückdrängen, denn ihm ging es um die Einheit des Islams, die durch außerislamische
Ideen der Staats- und Individualethik nicht gefährdet werden durfte. In dieser
Situation lag einer der Gründe, daß der Kalif die allmählich einsetzende Übersetzerarbeit an griechischer Philosophie und Wissenschaft behutsam förderte und
schließlich das »Haus der Weisheit« gründete. Er wollte vermutlich der persischen
Infiltration, die auf ein jahrtausendealtes kulturelles Erbe zurückgriff und den
Islam in seinen Grundgedanken gefährdete, mit überlegenen geistigen Waffen begegnen (Grunebaum).
Schon von Anfang an war ein lebhaftes Interesse an Büchern für den Islam charakteristisch gewesen. Die Lektüre der heiligen Schrift, des Koran, blieb nämlich
nicht wie
im
sollte selbst
christlichen Mittelalter der Geistlichkeit überlassen
;
jeder
Muslim
den Koran lesen und rezitieren können. Deshalb wurde Arabisch
zum
»Latein des Islam«, das jeder Vollbürger des islamischen Reiches verstand. Die
Voraussetzung hierfür war das arabische Alphabet, das aus dem Syrischen übernommen und im Hinblick auf die arabischen Lautwerte reformiert worden war.
Auf Betreiben des Kalifen Abd-al-Malik (646-705) ist dann die arabische Schriftsprache geschaffen und als Kanzleisprache durchgesetzt worden. Auf dieser
Grundlage begann die Auseinandersetzung mit Einflüssen, die den Islam in Frage
stellten. Für die islamische orthodoxe Geistlichkeit waren der aus dem Iran kom-
mende Glaube an Zarathustra und
Man
der Manichäismus Angriffsziele geworden.
ging einerseits gegen die Manichäer mit Gewalt vor und machte ihnen eine
Reihe von Prozessen, die mit Hinrichtungen endeten. Geistig konnte
nicht wirkungsvoll
man sie aber
genug bekämpfen, wenn man nicht auf das Erbe der Antike zu-
rückgriff.
Ebenso wie der Platonismus dem jungen Christentum eine weltweit verstandene
philosophische Formsprache geliefert hatte, so sollte das griechische Denken nun
dem
Islam die gleichen Dienste leisten. Der Gedanke lag nahe, weil die Reste der
alexandrinischen Akademie, die sich bis zuletzt mit Aristoteles beschäftigt hatte,
über Antiochia und Harran, den Sitz eines uralten hellenistisch geformten Ster-
159
Koranseite. Neben der auch heute noch gebräuchlichen arabischen
Bücherschrift (Neschi), die aus einer älteren runden Form hervorging, gibt
noch eine eckige Schriftform, das Kufische. Ms. or. Wetzstein II 1921.
Um
es
800. Staatsbibliothek, Berlin
Arabische Bibliothek mit Lehrern und Schülern. Charakteristisch für den Islam
ist das rege Interesse an Büchern. Man sammelte besonders die
naturwissenschaftlichen Werke der Griechen, um aus ihnen zu lernen. Kein Wunder, daß die Wissenschaften dort zu einer Zeit bereits in Blüte standen, als in
Europa noch finsterstes Mittelalter herrschte. Miniatur aus dem
al-Hariri. Bagdad, 1237. Bibliotheque Nationale, Paris
Maquamat von
nenkultes, nach Bagdad
gekommen waren. Die
dort lebenden gebildeten Christen,
aus Syrien eingewandert, kannten die griechische Philosophie und Wissenschaft
im Urtext oder
in syrischen Übersetzungen.
Das Interesse der islamischen
dungsschicht an griechischer Wissenschaft war sehr lebendig, weil
man
Bil-
glaubte,
mit den griechischen Schriften den eigenen Glauben untermauern zu können. Die
Xenophon bis zu Herodot,
bekannt wurden, verwandelte man sie zu
griechischen Dichtungen, aber auch die Geschichte von
ließen die
Muslims
gleichgültig;
wo
eigener Form, wie dies etwa in den
Um
so begieriger
war man auf
sie
Märchen aus Tausendundeiner Nacht geschah.
die naturwissenschaftlichen, vor allem die
medi-
zinischen Kenntnisse der Griechen. In den syrischen Klöstern hatten die Christen
Aristoteles, Hippokrates
ter diese
und Galen
übersetzt.
Nun wurde viele hundert Jahre späMan war damals tolerant ge-
Arbeit im »Haus der Weisheit« fortgesetzt.
nug, nestorianische Christen und Juden
als
Gelehrte zu beschäftigen.
Nur
in der
europäischen Renaissance hat es ähnliche Erscheinungen gegeben.
Diese
vom
aus einem
Staat geförderte Übersetzertätigkeit wirkt nur wie eine
seit
Konsequenz
Jahrzehnten immer stärker werdenden geistigen Interesse, das
l6o
schon geweckt war, als der Kalif Harun al Raschid sich von den unterworfenen
Völkern die Reparationen in Büchern zahlen ließ - und Bücher waren damals nicht
Massenware, sondern uralte, kostbare Papyrus- oder Pergamentrollen, die zu beden Zugang zu sonst verschlossenem Wissen bedeutete. In jener Zeit wird
das Büchersammeln zur Manie, die Fürsten, Wesire und reichen Kaufleute übersitzen
bieten einander,
tigen, das
Buch
um immer erstaunlichere, immer kostbarere
ist
Erwerbungen zu
tä-
zum Prestigefaktor, zur Mode, zur Liebhaberei geworden - zum
erstenmal in seiner langen Geschichte. Gelehrte Kommissionen und Einzelagenten
prüfen die Echtheit von Angeboten aus
aller Herren Länder, reisen durch ganz
und Griechenland, um Bücherfunde zu besichtigen, Angebote zu prüfen, und man gibt ungeheure Summen aus, um in diesem Wettbewerb Schritt halten zu können, der ebenso von Geltungsbedürfnis wie von der Leidenschaft des
Kleinasien
Bibliophilen in
Gang gehalten
wird.
Auch
der Kalif Al
Mamun
nem Sieg über den byzantinischen Kaiser Michael III. alle noch
übersetzten
Werke
der griechischen Autoren
als
verlangt nach sei-
nicht ins Arabische
Reparation. Andererseits setzt
man bei anderen Fürsten das gleiche Interesse voraus. So überreicht Abd-ar-Rachman III. dem Fürsten von Andalusien einen ganzen Koffer voll alter Handschriften, darunter die Heilmittellehre des Dioskurides (Hunke).
Unter dem Schutt der Jahrhunderte war schon damals vieles vergraben, das nie
gekommen wäre, hätten die arabischen Büchernarren nicht die letzten
Winkel ihres Reiches durchstöbert. Ein Beispiel liefert die Schilderung des
Muhammed ben Ischaq, der drei Tagereisen von Byzanz entfernt eine alte griechische Bibliothek entdeckt hat. Sie war in einem Tempel aus älterer Zeit verwahrt,
ans Licht
»als die
Griechen noch die Sterne und die Götzen verehrten«. Als das Christentum
man den Tempel verschlossen und seitdem nicht wieder
Der Araber verstand es, sich beim Kaiser von Byzanz nach mehreren ablehnenden Bescheiden doch die Erlaubnis für die Öffnung zu holen: »Und siehe,
dort eingezogen war, hatte
geöffnet.
diesem Bau, aus mächtigen marmornen Steinen errichtet, befanden sich
Wänden und bemalte Figuren, wie ich ähnliches reicher und
schöner nie gesehen hatte! An alten Handschriften gab es dort viele Kamelladunin
Inschriften an den
Man sprach von
gen
voll.
rer
durch den
Wurm
tausend Werken. Ein Teil war schon zerrissen, ein ande-
zerfressen
.
.
.«
Die Söhne des Scheichs
in einer baumlosen Ebene bei Singar im Gebiet von Mossul, 114 km von
Mossul und 258 km von Samarra entfernt, machte sich Anfang des 9. Jahrhunderts
eine Gruppe von Astronomen mit Geräten zu schaffen, die auf Befehl des Kalifen
Al Mamun nach griechischen Vorbildern hergestellt worden waren. Man teilte
sich, beobachtete die Mittagshöhe der Sonne getrennt voneinander und maß den
Winkel. »Während des Marsches maßen sie den Weg mit dem Ellenmaß und richteten Merkzeichen auf. Auf dem Rückweg überprüften sie die Vermessung noch
einmal. Die beiden Gruppen trafen sich wieder da, wo sie sich getrennt hatten. Ihr
Befund war, daß ein Grad des Erdumfanges 56 Meilen (112 km) lang sei.«
Mitten
162
Es gibt verschiedene derartige Berichte, die das Interesse der Araber an der
Astronomie und ihre durchaus rationale Forschungsmethode bestätigen. Ihr Längenmaß ist allerdings weniger rational. Man nahm an, 1 ° entspräche $ 6 2 / 3 Meilen
zu 400 »schwarzen Ellen« - und die »schwarze Elle« war die Länge eines Unterarmes, gemessen an einer schwarzen Sklavin.
Die Araber waren allerdings nicht die ersten, die solche Messungen durchgeführt haben.
Den Erdumfang
Chr. bis Ende des
3.
hatte bekanntlich bereits Erathostenes
Jahrhunderts
v.
(ca.
295
v.
Chr.) in Alexandria rechnerisch ermittelt.
Später hat al-Biruni (gest. 1039), einer der großen Historiker und Geographen,
Vermessung vorgenommen, indem er von der Spitze eines aus der
eine solche
Ebene aufragenden Berges den Durchmesser der unter ihm sich ausbreitenden FläDann maß er von der Ebene aus die Höhe des Berges und kam so zu den
che maß.
bekannten Werten. Erst im 18. Jahrhundert sind unter dem Einfluß NewMessungen durchgeführt worden, und zwar 1735 und 1736 auf Expeditionen nach Peru und nach Lappland.
Die glanzvolle Geschichte der arabischen Wissenschaften in ihrer klassischen
bereits
tons von europäischen Wissenschaftlern ähnliche
Zeit trägt gelegentlich balladeske Züge.
der tagsüber
im
Palast des Kalifen
Da
gibt es
Mamun ein
den Scheich
und aus geht,
Mußa
ben Schakir,
ein Geachteter unter
den Ratgebern des Hofes, ein stolzer und unabhängiger Mann, der auch
als
Freund
Nacht über die Wüste hereinbricht,
schwingt er sich auf sein rotes Pferd, dessen Hufe umwickelt sind, und galoppiert
hinaus, um als ritterlicher Fürst seine »ghaswa« durchzuführen, die »Razzia«, den
blitzschnellen, nach bestimmten Regeln durchgeführten Raubüberfall, der dem
feindlichen Besitz gilt, den Herden und Reittieren, nicht der Ermordung des Gegder
Astronomen und Geometer gilt. Sobald
ners.
Wie
allen
Wüstennomaden
ist
die
ihm der
gestirnte
Nachthimmel auf seinen
Ritten durch die weglose leere Landschaft ein sicherer Führer. Sobald aber das
Auge »den schwarzen Faden von dem weißen unterscheiden kann«, ist der Scheich
zum Morgengebet in der Moschee und berührt mit der Stirn den Marmor in Ehrund bewahrt hat.
würdigen Mann, den bei Hofe jeder kennt
furcht vor Allah, der ihn so oft geschützt
Erst nach langer Zeit fällt auf den
und grüßt, der Schatten eines Verdachts, aber der Kalif schweigt, er bringt es nicht
übers Herz, dem Freund wie einem beliebigen Wegelagerer den Prozeß zu machen.
Mußa ben Schakir ahnt, daß seine Tage dennoch gezählt sind. Er überträgt die
Vormundschaft über seine Söhne seinem Freund, dem Kalifen, der sich denn auch
Zeit seines Lebens um sie kümmert. Die Nachricht vom Tode des Mußa ben Schakir erreicht den Kalifen während eines Feldzuges in Kleinasien. Unverzüglich beauftragt er seinen Statthalter in Bagdad, sich der Knaben anzunehmen sie werden
dem Direktor des Hauses der Weisheit zur Erziehung übergeben, dem Jachja ben
Abi Manßur. Hier schreibt der Araber Ibn Mußa al-Khwarizmi, einer der bedeutendsten Astronomen und Mathematiker unserer Zivilisation, sein Werk über
rechnerische Operationen, das »Aldschebr Walkumabäla«, von dem noch zu reden
sein wird, und verbesserte die astronomischen Tafeln des Ptolemäus, hier gingen
die klügsten und gelehrtesten Köpfe des Reiches aus und ein, und zwischen diesen
Tausenden von Büchern, seltsamen Geräten und gelehrten Männern wachsen die
drei Knaben zu bedeutenden Gelehrten heran. Muhammed ben Mußa, der Älteste,
;
163
Ein berühmter islamischer Mystiker wird in Istanbul vom Sultan empfangen.
Miniatur aus dem »Menazilname« erste Hälfte 16. Jh. Topkapi Museum, Istanbul
,
Ein glänzendes Beispiel iranischer Buchmalerei
ist
dieses Blatt aus
dem »Muraqqa Gulshan« mit
jungen Edelmannes. Ende
der Darstellung eines
16. Jh. Gulistan
Museum, Teheran
nimmt an
der Expedition zur Errechnung des Erdumfangs
teil.
Die drei Brüder
Mußa haben dann zusammen
exakte Sternbeobachtungen durchgeführt und
Sternmessungen veröffentlicht, deren Genauigkeit und Zuverlässigkeit die des
Ptolemäus übertrafen.
Ptolemäus, der Astronom, hat vermutlich 100-170
n.
Chr. in Alexandria gelebt,
während der Regierungszeit Kaiser Marc Aurels. Von seinem Leben kennt
man nur diese spärlichen und ungesicherten Daten, sein Werk ist wie die Geome-
also
trie Euklids,
wie die Algebra Avicennas ein Standardwerk der mittelalterlichen
wissenschaftlichen Literatur gewesen und hat bis an die Schwelle des naturwissenschaftlichen Zeitalters als Grundlage der Lehre über die Erde gegolten. Dieses
Almagest, eigentlich »Größte Syntaxia« (griechisch »megista syntaxia«), woraus
unter Voranstellung der Silbe »al« das »Almagest« geworden ist, enthielt ein
Sammelsurium unterschiedlichster Probleme, etwa »Über Krieg und Kampf« oder
»Über Gefangene und Eingekerkerte«, aber auch »Über das Los in Tabellenform«,
»Bericht über die Zustände der Sterne« oder »Über den Ablauf der Weltenjahre«.
Die in diesem
Werk
enthaltenen Sternentafeln sind von den Arabern durch die
»Mamunischen Tafeln« -
selbstverständlich trugen sie den
Namen
des Kalifen,
Die Erdkarte des Ptolemäus des bedeutendsten Geographen Mathematikers
und Astronomen der Antike. Er lebte um die Mitte des ersten nachchristlichen
hunderts in Alexandria und war der Schöpfer des ptolemäischen Weltsystems,
,
,
Erde als Mittelpunkt des Planetensystems bestimmt wird. Kupferstich, 16. Jh.
Jahrin
dem
die
Astronomen -
berichtigt und ergänzt wörden. Die ptolemäische
Systems - daß nämlich das Planetensygeozentrischen
differenzierte Lehre des
gegolten, bis Kopernikus behauptete,
Erde
kreise
hat
um
die
stem mit der Sonne
nicht den seiner
was vor ihm schon Aristarch von Samos (ca. 3^10-230 v. Chr.) geahnt, der Chaldäer
Seleukos in Babylon gewußt und der Araber al-Biruni klar erkannt hatten.
Muhammed ben Mußa und seine Brüder haben sich von ihren alten Lehrern
vom »Haus der Weisheit« getrennt; sie sind wohlhabend, und vor allem Muhammed ben Mußa ist ein großer Herr, der gelegentlich auch diplomatische Dienste
Man ist nun auf die
Instrumente des Instituts nicht mehr angewiesen, weil
Nähe der Tigrisbrücke eine eigene Sternwarte errichtet
hat. Hier werden von den Brüdern bedeutende Werke geschrieben, so eine Ausmessung ebener und sphärischer Flächen, das als »Buch der drei Brüder« im mitleistet.
man
sich in unmittelbarer
Abendland ebenfalls zur mathematischen Standardliteratur gehört.
Der Älteste ist Astronom, Philosoph, Logiker und der führende Kopf dieses Teams, der zweite Bruder
Achmed hat sich zum Techniker, zum Erfinder entwickelt - ein Mann, der die
telalterlichen
Tatsächlich ergänzen die Brüder einander ausgezeichnet:
Technik seiner Zeit souverän beherrscht haben muß und unerschöpflich in seinen
Einfällen ist. Er baut Pfeifbojen für die Feldbewässerung, automatisch arbeitende
Öllampen, Tröge, aus denen nur Kleinvieh
spezifische
und Krüge, mit denen sich das
läßt. Sein Hauptwerk ist ein
der Sternwarte zu Samarra, von
trinkt,
Gewicht von Flüssigkeiten berechnen
durch Wasserkraft getriebenes Planetarium in
dem ein zeitgenössischer Berichterstatter schreibt: »Wenn am
ein Stern untergeht, verschwindet
Apparat, in
Geht
dem
im selben Augenblick auch
er unter eine Kreislinie, die
wirklichen
Himmel
dem
sein Abbild auf
den Gesichtskreis
darstellt,
hinab-
Natur das nämliche Sternbild wieder auf, so erscheint auch auf
dem Apparat sein Abbild über der Horizontlinie.« Der dritte Bruder ist ein begnadeter Mathematiker auf dem Gebiet der Geometrie, er schreibt ein Werk über
Kegelschnitte und erfindet eine Konstruktion der Ellipse, die sogenannte Gärtnersinkt.
in der
konstruktion (Hunke).
Die arabische Astronomie zählt 534 Namen, die überliefert sind, ein Beweis dadaß eine bestimmte gesellschaftliche Situation Talente und Genies produziert.
für,
Bezeichnend hierfür
ist
die Biographie des Thabit. Als
Muhammed
ben
Mußa
auf
der Suche nach Manuskripten Kleinasien bereiste, stieß er in einer Wechselstube
von Kafartuta auf einen flinken jungen, der alle Währungen des Vorderen Orients
zu beherrschen schien und noch dazu in der jeweiligen Landessprache herausgab.
Ben Mußa stellte den jungen sprachgewandten Menschen an, nahm ihn nach Bagdad in sein Haus und ließ ihn die griechischen Klassiker übersetzen. Nebenher
schrieb Thabit selbst etwa 150 arabische und 10 syrische Werke, ging am Hofe des
Kalifen aus und ein und wurde, nachdem er Aristoteles, Galen, Euklid, Platon und
viele andere Autoren studiert hatte, eine Leuchte islamischer Gelehrsamkeit.
Nicht tiefgründige Spekulation, sondern Denkschärfe und Wirklichkeitssinn
zeichnen die islamischen Wissenschaften aus, die vor allem auf dem Gebiet der
Astronomie, Mathematik und Medizin bleibende Leistungen geschaffen haben.
Ihnen ging es um die Einzelfrage, um die praktische Lösung, nicht um Erkenntnis
letzter
Ursachen wie den Griechen.
167
Die Geburt des Rostam. Darstellung eines Kaiserschnitts.
Indisch-persische Miniatur aus dem »Schah-Nameh« von Firdausi,
Musee Conde Chantilly
,
16. ]h.
Ärztliche Diagnostik und Behandlungsweise im Mittelalter sind in
diesen vier Szenen einer medizinischen Sammelhandschrift des 12. Jh.
Ms. Sloane 1975, Fol. 9 iv. British Museum. London
illustriert.
Die Ziffern des Algoritmi
.
Wer
hat,
schon einmal einen komplizierten Bruch mit gesplitterten Knochen gesehen
weiß die Kunst zu schätzen, die Knochen sauber und glatt aneinanderzupas-
Im alten Arabischen hieß
ein solcher Einrichter »algebrista«, und einem Algewird denn auch Don Quixote übergeben, nachdem er mit seiner Lanze einen
Ritter vom Pferd gerannt hat und selbst übel zugerichtet worden ist. Ganz ähnlich
sen.
brista
scheinen die Araber die Kunst aufgefaßt zu haben, bei rechnerischen Operationen
Brüche einzurichten. Über dem Kapifel aus der Feder des größten Mathematikers
und Astronomen steht deshalb »Die Kunst des Einrichtens«, arabisch »Aldschebr
Walkumabäla«, das die Westaraber »al gabr« aussprachen - so ist Algebra die
Bezeichnung für das Rechnen.
Aus dieser Zeit gibt es in der Bibliothek von Oxford eine im Jahre 1342 vollendete Handschrift, die sich mit der arabischen Rechenkunst befaßt. Die Araber sind
ausgezeichnete Rechner und die mathematischen Lehrmeister Europas gewesen,
ihre Algebra brachte, obwohl es sich um ein schwerfälliges Wortrechnen und nicht
um ein Buchstabenrechnen handelte, der Mathematik entscheidende Fortschritte.
Al-Khwarizmi hat an den Anfang seines Werkes die Klassifizierung der von ihm
behandelten Gleichungen mit entsprechenden Lösungsmethoden gestellt. Die
Kategorien sind z.B. Quadrate, die den Wurzeln gleich sind, Quadrate, die einer
Zahl gleich sind, Wurzeln, die einer Zahl gleich sind, ebenso Quadrate und Wurzeln, die einer Zahl gleich sind, und Wurzeln sowie Zahlen, die den Quadraten
gleich sind. Jede von diesen Normen abweichende Gleichung muß, um gelöst zu
werden, »eingerichtet«, d.h. auf den Stand eines Normalfalles gebracht werden.
Es gibt noch eine zweite Schrift, die der Araber al-Khwarizmi am Hofe des Kalifen
al-Mamun verfaßt
hat,
um
seinen Landsleuten Hilfen zu geben, vor allem den
Großkaufleuten, den Bankhaltern, die in verschiedenen Währungen des Orients
und Okzidents rechnen mußten, und den Testamentsvollstreckern, die einen
Landbesitz nach
dem
komplizierten muslimischen Erbrecht aufteilen mußten.
Dieses kleine Lehrbuch der Rechenkunst erklärte den Gebrauch der indischen Ziffern
und
lehrte das Schreiben dieser
schließlich des Bruchrechnens.
christliche
Hände und wird
Auch
Zahlen sowie die Rechenmethoden einLehrbuch kommt über Spanien in
dieses
ins Lateinische übersetzt. Sein
Anfang
lautet: »Dixit
Algoritmi: laudes deo rectori nostri atque defensori dicamus dignas«, zu deutsch:
»Also sprach Algoritmi: Laßt uns Gott verdientes Lob sagen, unserem Herrn und
Beschützer.«
Man
hat diesen Algoritmus in einen indischen Fürsten
namens
Algorismus verballhornt, eine sagenhafte Gestalt, bis 1845 der französische Orientalist Reinaud den wahren Sachverhalt klären konnte. Mit dem griechischen
Wort »logarizein«, Logarithmus, das vom Rechnen (griechisch: logarizein) abgeleitet ist, hat der Name des Mannes aus Khorasan - denn das bedeutet Khwarizmi
- nichts gemein.
Bekanntlich sind die Ziffern, die noch heute auf der Welt benutzt werden und
auf jedem Kontrollschirm, auf jeder Stoppuhr aufleuchten, indischen Ursprungs.
Sie erforderten,
wo immer
sie in
Gebrauch genommen wurden, ein rechnerisches
Umdenken, boten aber so unbestreitbare Vorteile, daß siesich überall durchgesetzt
Wie in vielen anderen Zählsystemen bestanden die indischen Zahlen aus
Bündelungen von Strichen, nur wurde hier der Schritt' vom Strichbündel zur Zif-
haben.
zum Lautalphabet. Um 300 v. Chr. wa600 n. Chr. besaßen die Inder bereits eine
reine Stellenschrift mit Zahlzeichen von 1-9. Um 662 n. Chr. rühmt ein syrischer
Abt »die geschickte Methode des indischen Rechnens«, nämlich die »der neun Zeichen«, die alles überträfe. Es fehlte noch das zehnte Zeichen, die Ziffer Null. Wenn
die Inder mit ihrem Stellenwertsystem die Zahl 209 in der Ziffernschrift von der
Zahl 29 unterscheiden wollten, mußten sie zwischen die 2 für die Hunderter und
die 9 für die Einser ein Zeichen setzen, das bedeutete, in der Zehnergruppe sei
fernschrift getan, vergleichbar
dem
ren die ersten Ziffern entstanden,
nichts angegeben. Sie
Schritt
um
verwandten einen Kreis oder einen Punkt. Diese »Leere«
hieß im Indischen »sunya« und im Arabischen »as-sifr«, was von einem europä-
namens Leonardo von Pisa mit »cephirum« ins Lateinische überworden ist. Daraus haben sich die Begriffe Zero und Ziffer gebildet.
Um 400 n. Chr. ist in Indien zum erstenmal die Null geschrieben worden, schon
fast 200 Jahre später ist die neue Schreibweise bekannt, und der große indische
Astronom Brahmagupta gibt in seinem berühmten Werk »Siddhanta« gewisse
Vorschriften über das neue Rechnen mit den neun Ziffern und der Null.
Aus Indien geht es nach Bagdad. »Im 156. Jahre der Hedschra erschien vor dem
Kalifen al-Mansur ein Mann aus Indien, welcher in der unter dem Namen Sindhind bekannten Rechnungsweise sehr geübt war, die sich auf die Bewegung der
Sterne bezieht.« Er kommt mit einem Buch, eben jenem »Siddhanta«, und der
Kalif befiehlt, das Werk ins Arabische zu übersetzen und darauf aufbauend ein
Werk zu verfassen, nach dem die Araber die Planetenbewegungen berechnen
könnten. Diese Arbeit wurde von al-Fasari geleistet; sein Werk heißt »der große
Sindhind« - und eben dieses Werk hat dann der erwähnte al-Khwarizmi neu bearischen Gelehrten
setzt
beitet.
Für das Reich des Islam war damit die indische Ziffernschrift im Prinzip durch-
Übergang weitaus mühsamer. Die Künste
Alpen nur langsam Fuß, und zwischen
denen, die wie bisher mit römischen Zahlen rechneten, den »Abacisten«, und den
Anhängern der neumodischen, heidnischen Rechenmethode gab es einen jahrgesetzt; in Europa vollzog sich dieser
des Inders Algoritmi faßten diesseits der
zehntelangen Richtungsstreit.
Die wichtigste Figur in diesem Spannungsfeld war Leonard von Pisa (geb.
Sohn
um
wohlhabenden Kaufmannes, der bei den Fellverkäufern und
Ledergroßhändler das indisch-arabische System gelernt hatte. Er schrieb mit 23
Jahren ein Büchlein, das er listig »Liber abaci« taufte, also »Buch über den Abakus«, das aber im Gegenteil das indische System ausführlich darstellte. Er schrieb:
»Die neun Zahlzeichen der Inder sind diese 987654321. Mit ihnen und mit
diesem Zeichen o, das arabisch sifr heißt, kann jede beliebige Zahl geschrieben
werden.« Noch der berühmte Rechenmeister Adam Riese aus Erfurt (ca.
1492-1559), der eine Einführung in die Algebra und mehrere Lehrbücher des
praktischen Rechnens geschrieben hat, stellte in seinen Rechentafeln aber die römischen und »arabischen« Ziffern nebeneinander.
1180), der
eines
Szene in einem Spital der Renaissance-Zeit. Einem Kranken wird
die
Fußwunde
mit einer heilenden Salbe eingepinselt.
Miniatur Ms. Gaddiano 2470, 15.
]h. Biblioteca
Laurenziana, Florenz
Die Medizin,
eine
allegorische Darstellung.
Steinrelief des
Andrea Pisano
vom
Florentiner
Dom,
erste Hälfte 14. Jh.
Museo Opera
Florenz
del
Duomo,
Die Verwirrung
ist
groß, denn
man muß
das alte, vertraute Rechenbrett verlas-
sen und sich auf die höchst nebelhafte Schreibweise mit der o einlassen, von der
nun etwas darstellt oder nicht. Noch heute
Wort für »sich verrechnen« »fair par algorisme«, eine charakteristische Redewendung aus einer Zeit; in der nur Gelehrte mit dem Stellenwertsystem umzugehen verstanden.
kein
Mensch
so richtig weiß, ob sie
heißt in Frankreich das
'
auch im islamischen Kulturkreis gewisse Entwicklungen gegeim Westen des Reiches wurde zur Zahlschrift der europäisch
beeinflußten Welt, die des östlichen Arabiens, die anders aussieht, wird noch heute
von den Arabisch sprechenden Völkern geschrieben und die »indische« Zahlschrift
Übrigens hat
es
ben. Die Zahlschrift
Ein Konsortium von Ärzten berät über die Heilmethoden von eitrigen Geschwülsten.
Szene aus einer Galenushandschrift, um 1500. Sächsische Landesbibliothek, Dresden
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Im Westen
genannt.
hat sich die arabische Ziffer und das Stellenwertsystem
Vernunft in den Handelskontoren
Alpen über das Beharrungsvermögen siegte. Wenn man
die kulturelle Entwicklung der Menschheit in großen Zeiträumen überblickt, hängen alle Fortschritte wie Zellgewebe miteinander zusamrrten: die Entwicklung des
Schreibens und das Schreiben von Zahlen, das Zahlenrechnen der Inder und das
Buchstabenrechnen der Araber - und auf allen diesen Voraussetzungen aufbauend
schließlich durchgesetzt, weil die praktische
diesseits
und
jenseits der
die abendländische Rechentechnik. Fast eineinhalb Jahrtausende,
nachdem
die er-
Zahl geschrieben wurde, konstruiert der Franzose Blaise Pascal
die
erste Rechenmaschine, eine achtstellige Addiermaschine, die auf
(1623-1662)
ste
Null
als
dem Jahre 1640 zurückgeht. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erfindet für seine 1673 gebaute
Rechenmaschine die sogenannte Staffelwalze. Diese Rechenmaschine mit ihren
vier Grundrechenarten bleibt eine Kuriosität in der Hinterlassenschaft des ProfesIdeen eines Johann Ciermann aus
sors, bis der erste Fabrikant im Rechenmaschinenbau 1893 erklärt, die Erfindung
von Leibniz sei für die Industrie bahnbrechend gewesen.
Damit ist die Automatisierung des menschlichen Denkens auf einem Teilgebiet,
auf das besonders viel Mühe verwandt werden mußte, eingeleitet über die Hollerithmaschine, die erstmalig bei einer amerikanischen Volkszählung 1890 von Her;
mann
Hollerith (1860-1929) eingesetzt wurde, führt die Entwicklung
zum
ersten
Computer mit Lochstreifensteuerung, gebaut von Heinrich Zuse - eine vollkommen unvorhersehbare Entwicklung, wenn man die Anfänge bedenkt.
Ärzte im Islam
Im Hörsaal der medizinischen
Fakultät in Paris hängt noch heute das Bild des ara-
man zu den
Begründern der medizinischen Wissenschaft zählt, obwohl seine Bedeutung als
Denker und Vermittler aristotelischer Philosophie weit über die Medizin hinausreicht. Als er sich unter einem der persischen Fürsten dazu hatte drängen lassen,
in einer verworrenen Lage das Amt eines Wesirs zu übernehmen, brach eine
bisierten Tadschiken Ibn Sina (980-1037), lateinisch Avicenna, den
Revolte gegen ihn aus sein Haus wurde belagert, sein Besitz geplündert, ihn selbst
;
Die Soldaten forderten vom Fürsten seine Hinrichtung,
doch mochte sich dieser dem Willen der aufgebrachten Truppen nicht beugen. Er
schloß Ibn Sina lediglich von den Regierungsgeschäften aus. Dieser mußte sich,
wie sein Biograph berichtet, 40 Tage lang verstecken, als der Fürst aber an einer
schweren Kolik erkrankte, ließ man ihn ans Krankenlager rufen, er heilte seinen
Herrn und wurde wieder in seine Ämter eingesetzt, nachdem der Fürst sich bei
warf
man
ins Gefängnis.
ihm entschuldigt hatte.
Damals begann er, sein »Buch der Heilung« zu
schreiben, das nicht nur die
Medizin, sondern Physik, Metaphysik, Logik, Botanik, Zoologie und viele andere
Gebiete umfaßte. Für die islamische Wissenschaft bedeutete dieses Buch das, was
Alexander von Humboldt viele Jahrhunderte später mit seinem »Kosmos« unter-
nommen
hat; es
ist
der Versuch, eine
Summe
174
des gesamten Wissens zu ziehen.
Inzision einer Hydrocele. Die Erkenntnisse der arabischen Medizin waren im
Mittelalter wegweisend und wurden an allen europäischen Universitäten gelehrt.
Miniatur aus der »Chirurgie des Ilkhansi« (Ms. suppl. turc 693),
vom Chefchirurgen des Spitals von Amasya in Anatolien.
verfaßt 1463
Bibliotheque Nationale, Paris
Standardwerk für Mediziner wurde sein unter ähnlich abenteuerlichen Umständen geschriebenes Buch »Canon medicinae«, das 1658 in lateinischer Sprache in
Leuwen erschienen ist. Dieser Kanon besteht aus fünf Büchern, die systematisch
Aufgabe der Medizin mit Diagnose und Therapie, dazu vorbeugende
Behandlungsmethoden und Hygienevorschriften enthalten.
Weitere Bücher behandeln die Kräuterkunde, die Chirurgie, Kosmetik und Dro-
gegliedert die
genkunde. In diesen Arbeiten gibt Avicenna die erste richtige Darstellung der
Augenmuskeln, unterscheidet beim Gehirn Rinde und Hirnsubstanz, beschreibt
die Hirnhautentzündung, die Rippenfellentzündung, den infektiösen Milzbrand,
den er »persisches Fieber« nennt, und verschiedene Krankheiten, die zur Gelbsucht
führen. Die Präzision seiner Schilderungen nötigt heute noch Bewunderung ab.
Auch praktisch hatte er den Ärzten viel zu sagen. So empfahl er, Wasser durch
ein Tuch zu seihen und zu sieden, bevor man es im Hospital verwende, er kannte
die Klistierspritzen und ließ den Kranken Eisbeutel auflegen.
Wie groß die Sprachbarriere zwischen dem arabischen Orient und dem Abendland ist, zeigt Avicennas Beispiel sehr deutlich. Obwohl es sich bei ihm um einen
der großen Denker der Menschheit handelt, ist sein Name meist nur Historikern
bekannt, und nur ein Teil seiner Werke ist in den modernen europäischen Spra-
175
nwnGujc*&
wah inTeSJ&)
,
jfetwwfc»} ob*'ofl&i
m§tü>n föU-(W£
ßnß» &ßsH <t
dtwflr
pCm
jiC otlt# jnt
Die Kunst der Uroskopie
sucht den Urin,
um
heißt die Überschrift zu dieser Szene.
Der Arzt unter-
Klarheit über das Krankheitsbild des Patienten zu
gewinnen. Miniatur aus Heinrich von Louffenbergs »Regimen Sanitatis«, 15.
Jh.
Staatsbibliothek Handschriftenabteilung, Berlin
Besuch des Arztes
bei seinen
Kranken. Miniatur aus dem »canon medicinae«
berühmte arabische Arzt (um ^8o-io^y)
des Avicenna, 15. Jh. Dieser
beeinflußte die medizinischen Wissenschaften im Mittelalter nachhaltig.
Biblioteca della Universita, Bologna
chen erschienen. Welche Überraschungen
sie
enthalten können, zeigt eine Text-
über Grundfragen der Geologie. Von den Gebirgen sagt er, sie entständen
»durch Auffaltungen der Erdkruste bei heftigen Erdbeben, oder sie sind Wirkungen des Wassers, welches, indem es für sich einen neuen Weg schnitt, die Täler
stelle
entblößt hat«. Er spricht dann von den Schichten der Erde und schreibt:
»Daß
Wasser die Hauptursache solcher Wirkungen ist, wird bewiesen durch die Existenz
fossiler Überreste von Wassertieren auf vielen Gebirgen.« Das alles ist volle sieben
Jahrhunderte vor der wissenschaftlichen Geologie in Europa gesagt, vor der unsäglichen Diskussion über die fossilen Überreste von Wassertieren und zu einer
Zeit, als die Aussagen der Genesis Wort für Wort Geltung hatten. Kein Wunder,
daß auch im Islam ein so freier Geist von der orthodoxen Geistlichkeit gehaßt und
verfolgt worden ist.
Mit dem Aufkommen eines berberischen Nationalismus im Islam und der
Erschütterung durch die Mongolenstürme verlor das antike Erbe an Glanz, man
scheute Liberalität, zog sich unter das grüne Banner des Propheten zurück und
verschanzte sich hinter Glaubensfragen. Das war das Ende der islamischen Renais-
sance,
und
es
kündigte sich durch deutliche Signale an: 1160 wurden die philoso-
Werke des Ihn Sina öffentlich verbrannt. Ihn Sina ist im Alter von 53
in
Hamadan gestorben, dem alten Ekbatana der Perser. Sein Biograph beJahren
phischen
»Er sagte: >Der Arzt, der meinen Körper behandelt hat, hat dazu nicht getaugt. Jetzt nützt alles Heilen nichts mehr.< In diesem Zustand blieb er einige Tage,
richtet:
und dann nahm ihn der Herr zu
Amputation
sich.«
eines Beines. Holzschnitt aus »Feldbuch der
Wundarznei«, 1517.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
j
Im Abendland heilte man damals durch Teufelsaustreibung, Handauflegen und
Gebet, und wer dem Kranken die Schmerzen nahm, versündigte sich am Willen
Gottes. Ein Mann wie Bernhard von Clairvaux, <ler Abt der Zisterzienser
(1090-1153), verbot seinen Mönchen, im Orient Ärzte in Anspruch zu nehmen,
da ihnen »nicht zieme, ihr Seelenheil durch-den Gebrauch irdischer Hilfe in Gefahr
zu bringen«. Den Ärzten der islamischen Renaissance waren solche Fesseln nicht
auferlegt, sie studierten die Schriften der Griechen, besaßen die Heilerfahrungen
des Vorderen Orients, dachten durchaus rational
und standen an der Schwelle des
naturwissenschaftlichen Denkens, das wenige hundert Jahre später im Abendland
auf einer ungleich schwierigeren Basis
zum Zuge gekommen
ist.
Ein Beispiel für die Unterschiedlichkeit islamischen und abendländischen Den-
Entdeckung des Blutkreislaufes. Der Gladiatorenarzt Galen aus Alexwar Anhänger
der Pneuma-Theorie. Sie besagt, daß das Pneuma, der Atem, im Herzen die Blutströme reinige, die als Krankheitsträger angesehen und gleichsam als Abwässersystem des Körpers betrachtet wurden. Der 1210 in Damaskus geborene Ibn an Nafis,
langjähriger Chefarzt der Ärzteschaft in Kairo, hat sich mit Galen kritisch auseinandergesetzt und den kleinen Blutkreislauf richtig erkannt. Der junge Mediziner
Michael Servet, der 1555 von Calvin als Ketzer auf den Scheiterhaufen gebracht
worden ist, hatte als Emigrant in Paris die medizinischen Schriften der Araber
kennengelernt. Als er die Trinität angriff, war er nicht mehr zu schützen. Zusammen mit seiner letzten Schrift »Die Wiederherstellung des Christentums« ist er
als Ketzer vernichtet worden. In seiner Schrift ist der kleine Blutkreislauf exakt
beschrieben, wie ihn auch Ibn an Nafis gekannt hat.
William Harvey, ein cholerischer junger Herr von scharfem Verstand, der aus
reichem Haus stammte und in Canterbury und Cambridge studiert hatte, ehe er
nach Padua ging, die damals bedeutendste medizinische Forschungsstätte, wird als
Entdecker des Blutkreislaufs genannt. In Wirklichkeit hat er die in Padua gewonnenen Erkenntnisse und Methoden - vor allem das Experiment und die Messung
quantitativer Werte - konsequent auf den Blutkreislauf angewandt. Experimentell
hat er die Funktionen der Venen erklärt und nachgewiesen, daß sie Blut zum Herzen führen müssen. 1615 war er Professor in Cambridge geworden, später Leibarzt
Karls I. von England. Seine Schrift »Anatomische Studie über die Bewegung des
Herzens und des Blutes bei Lebewesen« hat er 1628 veröffentlicht; sie trug ihm
den Spitznamen »circulator« ein, denn man hielt seine Feststellungen für Hirngespinste. An diesem Beispiel tritt der unverwechselbare Zug naturwissenschaftlichen Denkens, die Methode des kontrollierbaren Experiments, um meßbare
Ergebnisse zu gewinnen, deutlich hervor. Diese Methode allein, nicht etwa Milieu,
Denkschärfe oder ärztliche Erfahrung, bezeichnete den Vorsprung abendländischen Denkens gegenüber der islamischen, orientalischen Welt.
kens
ist
die
andria, der die für Jahrhunderte gültige Säftelehre formuliert hat,
Was die ärztliche Versorgung angeht, so war man im Reich des Islams auch der
Gegenwart weit woraus. Alle ärztliche Behandlung war gebühren- und honorarfrei, ein Kranker erhielt, ob arm oder reich, Unterkunft, Verpflegung und Arzneimittel umsonst, außerdem standen jedem nach der Entlassung eine »Überbrükkungshilfe« und Kleidung zu. Die Kosten hierfür trug der staatliche Grundbesitz,
179
Anatomieunterricht. Die anatomische Erforschung des menschlichen
Körpers war für den Fortgang medizinischer Erkenntnisse
unerläßlich.
der von
Gemälde von
Philippe Bernaerts, löyy.
Beamten geleitet und vom
meinen, daß
es sich
Musee Gruuthuse, Brügge
Staat scharf überwacht wurde.
Man
könnte nun
um primitive Wundbehandlungen, Zaubermedizinen und um
Scharlatanerie gehandelt hätte, auch lebten Araber
ja
von einer Handvoll Hirse
oder Datteln. Diese Fehleinschätzung entspringt der europäischen Arroganz. In
einer großstädtischen Krankenhausanlage gab es Polikliniken, in denen jeder
Kranke zunächst untersucht wurde, und verschiedene Spezialabteilungen, etwa
Chirurgie und Orthopädie. In Genesungsräumen gab es die Bibliothek, und Musikanten spielten im Tagesraum, um die Genesenden seelisch zu entspannen. Bei
der Operation assistierte jeweils ein jüngerer Arzt, man verwandte Narkose, in-
dem man
einen
Schwamm,
getränkt mit einer Mischung aus Bilsenkraut,
Haschisch und Wicken, vor die Nase des Patienten hielt, der Puls wurde ständig
kontrolliert. Eine Operationsanleitung lautet: »Jetzt schneide langsam und sanft,
um die Geschwulst vom umgebenden Gewebe zu lösen.
ein
Achte darauf, daß du nicht
.« Mit einem weingeGefäß verletzt oder einen Nerv durchtrennst usw.
.
l8o
.
tränkten Tuch auf der
Wunde
wird Sepsis verhütet, und Knochenbrüche werden
1013) weiß man in der Geburtshilfe weit mehr
Griechen und beherrscht Fuß-, Quer- oder Gesichtslagen des Kindes, man
benutzt Vaginalspiegel und führt Vaginaloperationen durch, im 14. Jahrhundert
gegipst; seit
Abu l'-Quasim
(gest.
als die
erkennen die islamischen Ärzte den infektiösen Charakter der schrecklichen Pest
- zum erstenmal in der Geschichte derMenschheit wird sie nicht als Geißel Gottes,
sondern
als
medizinisches
Phänomen
begriffen.
Das Abendland hat von diesem Denken nur auf Umwegen Kenntnis genommen.
Die Vollnarkose mit den getränkten Schwämmchen, die in der Sonne getrocknet
und bei Bedarf angefeuchtet wurden, ist zwar im Abendland bekanntgeworden man schrieb sie zunächst einem Italiener, dann den Alexandrinern zu -, aber bald
in Vergessenheit geraten, bis 1844 die Äthernarkose durch Inhalation erfunden
wurde. Die keimtötende Wirkung von Rotwein kannten die Araber schon vor 800
Jahren, sie ist erst 1959 von Masquelier aus Bordeaux neu entdeckt worden
(Hunke). Und schließlich das Penicillin. Bekanntlich ist das eine Art Schimmelpilz,
und er kam auch auf den Geschirren der Wasserbüffel, der Lastesel und Zugpferde
vor. Die Araber kratzten ihn ab und verarbeiteten ihn zu einer Salbe, um entzün-
»Die Fußoperation«, ln dieser Zeit mußten alle kleineren und größeren körperohne jede Betäubung durchgeführt werden. Gemälde von Anthoni
lichen Eingriffe
Victoryns, 17. Jh. Privatbesitz Zürich
,
dete
Wunden zu behandeln.
Bei Halsentzündungen
wurde
er als
Staub
in
den Hals
gepustet, wie das heute noch die Beduinen machen.
Hervorragend war die arabische Chemie. Die Destillation, die schon die Sumerer
wurde verfeinert, die Glasbläser von Aleppo, zu ihrer Zeit unübertroffene Spezialisten, die nahezu industriell arbeiteten, lieferten gläserne
Destillationsapparate seit 1000 n. Chr. und versorgten die arabischen Mediziner
mit Alkohol und sonstigen Destillaten. Ebenfalls arabischen Ursprungs ist die
Apotheke, denn im Reich des Islams wurden diese Institutionen schon Ende des
8. Jahrhunderts eingerichtet und von staatlichen Stellen kontrolliert, die auch die
Bäcker, Metzger, Müller, Milchhändter und Lebensmittelgeschäfte auf Reinlichkeit überwachten.
Die arabische Medizin kannte lange vor der pharmazeutischen Industrie die
Arznei in Pillenform; es gab solche Pillen verzuckert, versilbert und vergoldet.
Hier, wo aus dem ganzen Orient die Waren umgeschlagen wurden, um weiter an
die europäischen Handelspartner in Venedig und Genua zu gehen, hatte man
pharmazeutische Kenntnisse, die weit über die der Antike hinausgingen. So
schrieb der große Pharmakologe des Islams Ibn al Baitat (1197-1248) sein Standardwerk »Was Dioskurides übersehen hat«, das mehr als 1400 pflanzliche Drogen
praktiziert hatten,
und Rezepte
Name
enthielt.
Daß man
sich auf praktische Psychologie verstand, zeigt der
und Erheiterung der
für die Kenntnis psychosomatischer Zusammenhänge.
Bei einer solchen Höhe der medizinischen und pharmazeutischen Kenntnis
wundert es nicht, daß dieser Vorsprung von Europa erst langsam aufgeholt worden
eines Abführmittels, es hieß »Schlüssel der Freude
Seele« - ein Zeugnis
ist.
in
Bis ins 18. Jahrhundert blieben die
Werke
Europa mit Gold aufgewogen wurden, wenn
Neben Ibn Sina
als
ist
da der aus
dem
Iran
arabischer Ärzte Kostbarkeiten, die
sie
überhaupt zu
bekommen waren.
stammende ar-Rases zu nennen,
in
Europa
ar-Rhases bekannt. Sein Standardwerk existierte in der Bibliothek zu Paris,
aber selbst der König von Frankreich Ludwig XI.
mußte zwölf Mark
in Silber
und
Kaution hinterlegen, wenn seine Leibärzte das Buch ausliehen, um es zu Rate zu ziehen. Es enthielt eine vollständige Enzyklopädie der
Medizin von Hippokrates bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, verfaßt vom
hundert Mark in Gold
als
»Hippokrates der Araber«, einem der großen Ärzte der Menschheit, dessen
Abhandlung über Blattern und Masern von 1498-1866 vierzigmal nachgedruckt
wurde. Sein
Name
aber fehlt noch heute in vielen Konversationslexika.
Aristoteles
und
die Folgen
Der Vorgang war unerhört und bezeichnete die überragende Stellung eines Mannes, den jeder ungebildete Christ ohne Besinnen voll Haß als verfluchten Heiden
bezeichnet hätte: Dante versetzte den Araber Muhammed Ibn Roschd aus Cordoba
in den Himmel seiner »Göttlichen Komödie« neben Albertus Magnus und Thomas
von Aquin. Außer dieser poetischen Beförderung hatten der schwäbische Edelmann, der sizilianische Graf und der arabische Kaufmannssohn nur eines gemeinsam - sie alle hatten sich mit Aristoteles auseinandergesetzt, ihn kommentiert und
182
und der Araber, im Abendland als Averroes bekannt, war deshalb am
Hofe des Kalifen in Ungnade gefallen. Aus einer bestimmten christlichen Sicht war
er also fast eine Art Märtyrer, denn die Lehre des Aristoteles war im Begriff, dank
Albertus Magnus, Thomas von Aquin u. a., sich zur herrschenden Lehre der Kirche
zu entwickeln. Dante Alighieri (1265-1321) hat die Arbeit an seinem Werk etwa
1311 aufgenommen und bis zu seinem Tode daran geschrieben.
erschlossen,
100 Jahren lagen die Werke des Aristoteles im wesentlichen in lateinivor. Das hatte angefangen mit den ersten Übersetzungen des
Setzung
Übei
scher
n.
Chr.), von dem schon die Rede war. Die physikalischen und
Boethius (480-524
Seit etwa
philosophischen Texte des Aristoteles-Kommentars von Avicenna waren Ende des
dem Arabischen ins Lateinische übersetzt worden,
später kamen die restlichen Werke hinzu, und die Auseinandersetzung mit AristoToledo aus
12. Jahrhunderts in
teles,
übrigens auch mit Averroes (1225-1274), erfaßte die Gebildeten des Abend-
landes, vor allem also die Kirche.
Der Richtungsstreit über
die
von Aristoteles geäußerten Auffassungen zum
Sein hat das ganze späte Mittelalter beherrscht und dazu geführt, daß seine von
Thomas von Aquin erweiterten und vertieften Lehren schließlich zur offiziellen
Lehre der Christenheit erhoben worden sind. Dies geschah auf dem Konzil von
Trient (1545-1563), als Luther schon längst seine bissigen Äußerungen über Aristoteles getan hatte Der müsse herabsteigen von seinem Thron und gehe seinem
Ruin entgegen. »Es tut mir wehe in meinem Herzen, daß dieser verdammte, hochmütige, arglistige Heide mit seinen falschen Worten so viele von den besten Christen verführt und zum Narren gehalten hat. Gott hat uns um unserer Sünde willen
so mit ihm geplagt.« So äußert er sein Unbehagen in seiner Schrift an den christli:
chen Adel.
Das ist, bedenkt man den Zeitabstand zwischen dem Wirken des Aristoteles und
den Äußerungen Luthers, ein immerhin erstaunlich lebhafter Zorn, und man mag
sich fragen,
weshalb sich der
Mönch
aus Wittenberg so ungemein über einen grie-
chischen Denker aufregt, der doch zu den größten Gestalten der Menschheit gehört hat? Luther befindet sich allerdings mit seiner
der Kalif von Bagdad hatte sich,
und kommentiert
nachdem Averroes
Ablehnung
die
Werke
nicht allein; auch
des Aristoteles stu-
Unwillen geäußert. Die islamische Inquisition
Leibarzt Averroes beschäftigen und dem Kalifen den Rat geben müssen, den Mann aus seiner Umgebung zu verbannen. Dies
geschah, und der Kalif drohte in seinem Edikt: »Gott hat das höllische Feuer für
die bestimmt, die die Wahrheit durch die Vernunft allein zu finden hoffen.« Genau
dies war der Punkt, der auch Luthers Empörung über den weitverbreiteten Aristotelismus zugrunde lag.
In den beiden Kulturkreisen, dem des Islam und dem des Christentums, haben
diert
hatte sich mit
hatte, mit
dem Philosophen und
die Erkenntnisse des Aristoteles also weitreichende geistige
löst,
Bewegungen ausge-
weil sie einerseits nicht zu widerlegen, andererseits aber mit den herrschen-
den Lehren des Klerus nicht in Einklang zu bringen waren. Erst Melanchthon, der
junge Humanist, hat denn doch noch Aristotelismus und Protestantismus vereinen können, weil es undenkbar gewesen wäre, die neue theologische Richtung vom
Bildungsgut der Zeit abzusperren.
183
»Der Kranke«. Gemälde von Wolfgang Heimbach
Kunsthalle
,
,
1669.
Hamburg
Untersuchung einer schwangeren Frau. Die Gynäkologie gehörte zu den
Teilgebieten
der Medizin, die sich erst verhältnismäßig spät entwickelt haben. Schuld
daran waren hauptsächlich
die
die
verschrobenen moralischen Vorstellungen der Kirche,
den Vorgang der Geburt durch Jahrhunderte hindurch tabuisierte.
Kolorierter Stich aus einem französischen medizinischen Lehrbuch für Ärzte,
Paris 1822. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Islam und Christentum boten
auf Offenbarung
dem Gläubigen
ein geschlossenes
und Glauben gegründet war. Die Werke des
System an, das
Aristoteles, als sie
ihrem ganzen Umfang bekannt waren, stellten ebenfalls ein geschlossenes
System dar, aber eines, das die Welt als Ganzes aus natürlichen Ursachen und
Zusammenhängen erklärte. Über die physikalischen Fragen, über Einzelheiten
hätte man sich einigen können, aber in den Grundfragen blieb die Kluft zunächst
unüberbrückbar. Aristoteles glaubte beispielsweise, die Welt sei ewig; die Christen
setzen bekanntlich den Begriff der endlichen Schöpfung Gottes dagegen. Das
Christentum muß von der »Freiheit eines Christenmenschen« ausgehen, wenn
auch Glaube und Gnade bestimmende Faktoren sein können. Der Aristoteli'smus,
der etwa über Avicenna, vor allem aber über Averroes aus dem Islam kam, trug
erst in
185
I
auch Züge des Islam, nämlich den Glauben an die Vorherbestimmtheit allen
Geschehens. Das war für einige Christen unerträglich, also legten sie Aristoteles
anders aus als die, die sich auf die Seite des Averroes stellten.
Die Geistesgeschichte des Mittelalters
ist
dje Geschichte des
Ringens
um
den
wahren Aristoteles, nicht etwa um die wahre Bibel, die lateinisch vorlag, vom gemeinen Mann nicht gelesen werden konnte und sakrosankt war. Nicht an der Problematik des Neuen und Alten Testaments, sondern an der Bewegungslehre, der
Lokalitätslehre, der Substanziehre des Aristoteles entzündete sich der wissenschaftliche Streit,
und
die
Dominikaner
in Paris interpretierten ihn anders als die
Franziskaner in Oxford oder der radikalere Siger von Brabant, der auf seiten des
Averroes stand. Es war im Grunde ein Ringen zwischen Rechten und Linken, wenn
man so will, zwischen den Nominalisten, Anhängern der Ideenlehre Platons, und
den Realisten, den Empirikern. Nicht selten erstickte die Diskussion in philologischen und theologischen Spitzfindigkeiten, und als im 16. Jahrhundert Aristoteles
gleichsam
zum Kirchenvater erhoben worden war, hatte
seine Autorität die freiere
So hieß in späteren Zeiten Naturwissenschaft betreiben,
den Aristoteles von seinem Kirchenthron stürzen aus einem der größten Geister
des Abendlandes war ein Symbol der Vernunftfeindlichkeit geworden.
Forschung
fast erdrückt.
;
Was war nun
dieser hochmütige, arglistige Heide,
um
mit Luther zu reden,
Mensch? Und welche Rolle spielte er in seiner Zeit, welche kulturgeschichtlichen Wirkungen hatte er in Griechenland selbst? Aristoteles, ein kleiner, stolzer und stets sorgfältig gekleideter Gelehrter, ist 384 v. Chr. in Stagira
in Makedonien geboren worden. Sein Vater war Arzt. Man weiß über seine frühen
Jahre nichts mit 17 Jahren wird er Mitglied der berühmten Akademie des Platon,
wirklich für ein
;
der damals 60 Jahre alt war. Er selbst
ist 20 Jahre später als Prinzenerzieher an
den makedonischen Hof gerufen worden. Sein Schüler war Alexander der Große,
den die Athener haßten und den Demosthenes verächtlich den »kleinen makedo-
nischen Jungen« nannte.
Man weiß
Akademie verbracht
und auch
hat,
nichts über die 20 Jahre, die Aristoteles an der
nichts über die Zeit
am makedonischen Hof
an
der Seite Alexanders.
Dieses Leben kann nicht so idyllisch gewesen sein, wie es sich in der musealen
Perspektive solcher Betrachtungen ausnimmt, es blieb stets von plötzlichen Lau-
nen des Herrschers, von politischem Wechsel und von Intrigen gefährdet. Das
Thebaner im griechischen Theben - es gab auch eines
in Ägypten - einem Gerücht geglaubt und den Tod Alexanders des Großen gefeiert
zeigt sich z.B. 311, als die
Knapp zwei Wochen später stand Alexander vor den Mauern von Theben,
und zerstörte sie bis auf die Grundmauern, nur das Haus des
Sängers Pindar ließ er unzerstört. Der Tod eines Herrschers bedeutete in der Regel
hatten.
eroberte die Stadt
unweigerlich den Sturz seiner Günstlinge, das galt auch für Aristoteles. Als Alex-
Triumph des
hl.
Thomas von Aquin.
Der im
13. Jh. lebende katholische Gelehrte
brachte die Gedankenwelt Aristoteles' in die philosophische Diskussion seiner Zeit
mit ein und gab so neue Anstöße für die wissenschaftliche Fundierung
theologischer Argumentation. Gemälde von Benozzo Gozzoli, 15. ]h. Louvre, Paris
Tabula Peutingeriana, eine römische Straßenkarte von der die Sektion Italien
ist. Durch ein wohldurchdachtes Netz von Straßenanlagen beherrschten
,
ahgebildet
Römer die einmal eroberten Gebiete ihres Weltreiches. Kopie des 12.
nach einem Original des 4. Jh. Cod. Vindobonensis 324.
die
Österreichische Nationalbibliothek
,
Jh.
Wien
Manuskriptseite aus einem astrologischen Werk mit der Widmungsvignette an den
Landesfürsten. Johannes Bianchino, »Astrologia «
,
15. Jh. Bibliothek
,
Ferrara
ander der Große 323 v. Chr. in Babylon an einem Sumpffieber starb, hat Aristoteohnehin Schwierigkeiten in Athen gehabt, weil er sich gegen den in solchen
les
Vorwurf der Konservativen wegen »Gotteslästerung« zur Wehr
Nach dem Tod Alexanders des Großen war er für die Athener als
Fällen beliebten
setzen mußte.
eine Art Quisling untragbar geworden. Er floh nach Chalkis auf der Insel Euböa,
der
Heimat
seiner mütterlichen Familie,
und
ist
dort 322 v. Chr.
im Alter von 62
Jahren gestorben.
Sein Lebenswerk bestand in der von ihm gegründeten Schule und in seinen
Schriften, die beide ein wechselvolles Schicksal hatten.
Der Ort der Schule hieß
dem Gott Apollon Lykeion gewidmeAristoteles dort im schattigen Säulengang, dem
Lykeion, eine Gebäudegruppe, die in einem
ten Hain stand. Alltäglich hielt
einem engen Kreis von Schülern seine Vorlesungen, so nannten sie
dem Säulengang. Aristoteles' Kritik an der Akademie
Platons ist offenbar auch eine Methodenkritik gewesen. Dort wurden die Schüler
in wissenschaftlichem Denken und in der Mathematik gefördert, es ging um die
Peripatos, vor
sich »Peripatetiker«, die aus
188
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Ideenlehre, um allgemeine Grundfragen. Bei Aristoteles wurden diese Fragen zwar
auch behandelt, aber der Ansatz war ein anderer, weil man von konkreten Fächern
wie Musik, Physik, Zoologie u.ä. ausging. Man arbeitete die Literatur durch, beschaffte sich aus dem In- und Ausland Informationen und unternahm offenbar
auch regelrechte Forschungs- und Studienreisen, deren Ziel vor allem Ägypten,
das Land der uralten Weisheit, gewesen ist. Leider gibt es über die Details nur lükkenhafte Quellenangaben und kein Reisetagebuch, etwa wie vom Zug der 10000
man kennt also nicht die Atmosphäre dieser Studienfahrweiß nichts von diesem Lehrer allein paar Daten und besitzt nur die freilich
umfangreichen Reste seiner Schriften.
Söldner von Xenophon,
ten,
Aristoteles selbst hat seine Schriften unterschieden in die streng wissenschaftlials »esoterisch« bezeichnete (griechisch: nach innen genur an seine Schüler gerichtet waren, und die Vorträge für ein
breites Publikum, die exoterischen Texte, von denen es 27 gegeben haben soll. Im
Altertum galten sie als sein Hauptwerk, doch ist nicht eine Zeile davon erhalten
chen Vorlesungen, die er
richtet), weil sie
und Plutarch stellen die nicht restlos
überzeugende Behauptung auf, die Originalmanuskripte des Aristoteles seien von
einem seiner Schüler in einem Keller der kleinasiatischen Stadt Skepsis eingemau-
geblieben. Die antiken Autoren Strabon
Wie sehr
Aristoteles Teil
der mittelalterlichen
Gedankenwelt war, zeigen
die
verschiedenen
figürlichen Darstellungen,
wie z.B. hier
am
Westportal
(um 1145) der Kathedrale
von Chartres.
ert
-
Nomen
est
omen, möchte man sagen - und
erst
nach 150 Jahren
um
90
v.
Chr. publiziert worden. Die Geschichte der aristotelischen Werke und Werkausgaben ist ein Spezialproblem der Historiker und Philologen.
Der
Fülle des Wissens, der oft
modern anmutenden
Interpretation biologischer
oder psychologischer Vorgänge stehen bei Aristoteles andere, längst überwundene
Spekulationen gegenüber. Entscheidend ist, daß Aristoteles mit seiner Philosophie
die
Gesamtheit
aller
erkennbaren Gegenstände zu erfassen suchte, über die sich
etwas Allgemeines begründet aussagen
ließ.
Er hat die Bewegungslehre begründet,
noch Galilei beschäftigt hat, und die Elementenlehre des Empedokles wurde
durch ihn zum Ausgangspunkt der späteren Alchemie. Ebenso hat die Lehre von
den vier Ursachen - der Materialursache, der Formursache, der Bewegungsursache
und der Zweckursache - die Philosophen jahrhundertelang beschäftigt. Stoff und
Form, Sein und Nichtsein wurden durch ihn als Kategorien in die Philosophie eingebracht, auch dies von weitreichender Wirkung auf die europäische Geistesgedie
und schließlich hat er die Zoologie begründet.
Der Aristotelismus, eine von der Schule der Peripatetiker abgelöste geistige
Kraft, ist im Islam von der reaktionären Geistlichkeit erstickt worden. Hier hat
man das Studium der Werke des Aristoteles unter Strafe gestellt und so die sich
entfaltende freie Forschung abgewürgt. Im Abendland verlief die Entwicklung anders, und wenn auch die Autorität des Griechen während der Scholastik erdrükkend war, so haben seine Werke doch entscheidende Impulse gegeben. Noch Leibniz verstand sich als Erneuerer des Aristotelismus, und 1879 empfahl Papst Leo
XIII. in der Enzyklika »Aeterni patris« den katholischen Wissenschaftlern, den
Aristotelismus thomistischer Prägung zu übernehmen.
schichte,
Ein Bild der Erde
Etwa 300 Jahre vor Marco Polo, dem venezianischen Kaufmann, der wegen seiner
Heimat als »messer millione« ver-
Berichte über das riesenhafte China in seiner
spottet
wurde, lag der erste wissenschaftliche Bericht über China im Westen vor.
Die Christen allerdings bekamen ihn nicht zu Gesicht, denn er stammte von einem
Muslim namens Al Massudi. Auch
er
war überwältigt von der
Fülle des
Gesehe-
nen, dessen Fremdartigkeit ihn faszinierte. Nicht als Kaufmann, den es nach Osten
als Forscher bereiste er den Vorderen Orient und Araund Ceylon, Indien und Zentralasien und schließlich auch
China. Von welchem wissenschaftlichen Format dieser Mann war, zeigt die Tatsache, daß er an eine Evolution »vom Mineral zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier,
vom Tier zum Menschen« glaubte, ohne sie selbstverständlich naturwissenschaftlich beweisen zu können. Al Massudi (gest. ca.
957) hat in 30 Bänden seine Erfahrungen und Erkenntnisse niedergelegt, die schließlich so umfangreich waren, daß
die Stoffmassen dieser Enzyklopädie kein Mensch mehr verarbeiten konnte. Also
schrieb er eine gekürzte Ausgabe, der er den attraktiven Titel »Die goldenen Wiesen und die Minen kostbarer Steine« gab. Aber selbst in dieser bildungsfreundlichen Epoche störte dieser Mann das Weltbild, er wurde von Bagdad nach Kairo
verschlagen hat, sondern
bien, besuchte Sansibar
\‘J
TJ Az
ITALIAE XOV1SSIMA
DESCRIPTIO AVCTORE
I IACOBO CASTALDO
texPEDEMONTANOjK»
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.
Cum
vriiuif/jw.
I
PiV^-
DA
Willi imm
verbannt und starb im
Exil,
wo
er einen Registerband
zu seiner Enzyklopädie ge-
schrieben hat. Er enthält jene ketzerischen Ansichten über die Natur, die
wahrscheinlich den
Haß
ihm
des Klerus zugezogen haben.
Die Nachricht des Al Massudi war nicht die älteste Kenntnis des Islam über
um 840 war ein Kaufmann namens Suleiman nach China gereist;
China. Schon
der Bericht über diese Fahrt, übrigens nicht von
ihm
selbst, ist erhalten geblieben.
Damals kannte man im Islam auch bereits die Vyege nach Indien, hatte Afrika von
Osten her erschlossen und Ceylon erreicht. Der Gesichtskreis dieser Kultur, die
am Schnittpunkt zweier Welten lag, erweiterte sich ständig. Im 10. Jahrhundert
gab es im Islam mindestens zehn bedeutende Geographen, die man mit Namen
kennt, und im Laufe weniger Jahrhunderte stießen Muslims bis nach Sibirien und
vermutlich sogar Australien vor. Die ostafrikanische Küste bis Madagaskar und
der Indische Ozean wurden befahren, die Karawanen der Araber durchzogen
Afrika bis zum Niger und haben möglicherweise Timbuktu erreicht.
Im Islam ist die Geographie eine von der Theologie her begründete Wissenschaft, denn täglich richtet sich der Muslim, wo immer er sich befindet, nach
Mekka aus, sein Glauben hat ein geographisches Zentrum, das ihm täglich ins
Bewußtsein gerufen wird. Deshalb war von einem Ende des islamischen Reiches
bis
zum anderen
seit jeher sichergestellt,
daß der Pilger unbehelligt Mekka errei-
mochte
er
nun Grieche,
oder Berber sein, mit Arabisch verständigen. Das
ist
so gewesen, als gäbe es heute
chen konnte, und überall konnte er
sich,
Perser, Spanier
für Europa von der Wolga bis zum Atlantik eine einzige allgemein gesprochene
und geschriebene Sprache. Das geographische Weltbild des Islam, das durch sehr
exakte Karten ergänzt wurde, konnte dem Vergleich mit dem eines Europäers zur
Zeit Maria Theresias durchaus standhalten, und die Berichte des größten islamischen Geographen Ibn Batuta sind noch heute von unschätzbarem Wert für die
Wissenschaft. Man verstand damals im Islam, die geographische Lage beliebiger
Orte exakt nach Längen- und Breitengrad zu bestimmen, und zwar bis auf 1-2
Minuten genau über die Geologie der Erde hatte man zutreffende, wenn auch sehr
allgemeine Vorstellungen, und wie man sich nüchtern mit den Wundern des gestirnten Himmels befaßte, die man als Ausdruck ewiger sich wandelnder Schöpferkraft Gottes begriff, so betrachtete man auch die Erde.
;
Wenn man
die
gleichzeitigen
geographischen
Vorstellungen
christlicher
Umfang aufgezeichnet hätte, um sie mit denen der arabischen Geographen zu vergleichen, würde man nicht meinen, daß es sich um dieGelehrter in ihrem ganzen
selbe Erde handelt. Für den Christen war Jerusalem nicht nur Zentrum seines
Glaubens wie Mekka für den Muslim, sondern der tatsächliche, reale Mittelpunkt.
mittelalterlichen Karte wird der Osten aus hierarchischen Gründen am
oberen Kartenrand eingezeichnet, denn dort liegt das Paradies in Gestalt eines Ber-
Auf der
Landkarte von Süditalien und der Adria-Küste Jugoslawiens. Der schwunghafte
Aufstieg des Handels in den Mittelmeerländern und die damit verbundene
Blüte der Seeschiffahrt ließ das Piratenwesen sprunghaft ansteigen. Karte aus
»ltaliae
Novissima Descriptio « verfaßt von Jacobo Castaldo
,
,
17. ]h.
ges, auf
dem die vier Paradiesflüsse entspringen. Vermutlich
Forschungen der Taht-i-Suleiman
vier Paradiesflüsse
in
Aserbeidschan
werden eingezeichnet,
nach den neuesten
Berg anzusehen. Die
ist
als dieser
es sind der Euphrat, der Tigris, der Pison
-womit offenbar der Ganges gemeint war- und der Gichon, der Nil.
Dieses Modell
der Erde, das noch bis in die Anlage von mittelalterlichen Gärten, bis in die Tep-
pichkunst nachgewiesen werden kann, wird nicht etwa
sondern
als
Wirklichkeit
genommen,
so unbeirrbar
ist
als ein
Symbol
betrachtet,
die Gläubigkeit, die sich an
der Bibel orientiert.
Wenn
denen sich etwa die Pilger
Land nicht entziehen konnten, zu aufdringlich werden, interpretiert
man sie im Sinne des Glaubens. So sagt man, die Flüsse entsprängen tatsächlich
im Garten Eden, und die Quellen des Euphrat und Tigris, die man ja aus eigenem
Augenschein kennt, seien nicht die eigentlichen Quellen das Wasser sei in der
Erde versickert und käme an diesen Stellen nur aufs neue ans Licht (Le Goff). Daß
durch Ägypten der angeblich aus dem Garten Eden stammende Nil floß, konnte
nicht geleugnet werden. Aber wie zauberhaft nahm man die Wirklichkeit, um die
Symbolwelt zu retten: »An der Stelle, an der der Nil in Ägypten eintritt, werfen
die Leute, die dieses Geschäft gewöhnlich besorgen, des Abends ausgespannte
Netze in den Fluß; und wenn der Morgen anbricht, finden sie darin kostbare
Dinge, die sie dann an Land tragen: Ingwer, Rhabarber, Aloeholz und Zimmet.
Diese Gewürze sollen aus dem irdischen Paradies stammen, wo der Wind sie von
den Bäumen weht wie dürres Holz in unseren Wäldern
.« Das ist 300 Jahre nach
Al Massudi geschrieben und stammt von Jean Sire de Joinville (1225-1317), der
den Kreuzzug Ludwigs IX. nach Ägypten mitgemacht hat.
Für die Christen ist Europa ein undeutlicher und im Grunde abstrakter Begriff.
tatsächlich die geographischen Erfahrungen,
ins Gelobte
;
.
.
Was zählt, ist die Christenheit, eine Feste des Glaubens in einem Meer von Heiden.
Wenn man sich aber auf eine geographische Terminologie einließ, sah man die
Welt
als in drei Teile geteilt, in
Europa, Afrika und Asien. Mit Europa kann sich
der Christ nicht identifizieren, weil Spanien den
Mauren
gehört, also
dem
Islam.
Überhaupt betrachtet man die Geographie theologisch: Erdteile sieht man als bestimmten Religionen zugehörig, und so schreibt ein englischer Pilger in seinem
Reisetagebuch des Dritten Kreuzzuges: »So fallen zwei Teile der Welt über den
dritten her, und Europa, das doch selbst nicht einmal in Gänze den Namen Christi
anerkennt,
muß
sich
nach zwei Seiten verteidigen.«
Der Christ des Mittelalters lebte unter einem starken geistigen Druck. Seine
Sexualität wurde verteufelt, Luxus als Götzendienerei angeprangert, Kostbarkeiten als Blendwerk der Hölle bezeichnet, sofern sie nicht in der Kirche zur höheren
Ehre Gottes dienten. Wer aus Europa über Palästina hinaus verschlagen wurde und
gar nach Indien oder Afrika geriet, dem mußte die ungezwungene Nacktheit der
Menschen zum Beweis zügelloser Sexualität werden, der war überwältigt vom
Überfluß der Natur und von den Erzeugnissen uralter Handwerkskunst. Die Inseln
des Orients, die Gewürzinseln, ebenso irreal wie das ganze Weltbild, verkörperten
für die Christenheit einen
Traum von Wohlleben und
Lust,
von abscheulicher und
insgeheim neidvoll begehrter Freiheit. Mit solchen Erwartungen brachen die Konquistadoren auf,
um
das andere Indien zu entdecken.
194
Landkarte von Indien
und Indochina.
Die geographischen Wissenschaften
wurden besonders
im Islam gepflegt.
Die arabischen Portulane
und Landkarten
bildeten
Voraussetzung für die
großen Entdeckungsfahrten
die
der Renaissancezeit.
G.
le
Testu »Cosmographie
Universelle «
,
Fol. 280.,
18. ]h. Bibliotheque
Ministere de
la
du
Guerre,
Paris
Ähnlich ahnungslos, was die wahren politischen Verhältnisse anging, waren die
Chinesen - nicht, weil sie nicht imstande gewesen wären, fremde Länder zu entdecken und zu erforschen, sondern weil sie kein Interesse besaßen, es sei denn,
diese Länder
konnten
die selbstverständliche
Oberhoheit des Reiches der Mitte mit
entsprechenden Tributen anerkennen oder hätten sonst irgendeinen Nutzen gehabt. Ähnlich wie der starre Bibelglaube der Wissenschaft
dem
im Christentum stand
chinesischen Forscherdrang der Taoismus entgegen, der, auf seiner Elemen-
tenlehre aufbauend, auf
heit hatte.
dem
Man wußte ja,
Fünferprinzip nebst Yin und Yang, über alles Gewißdaß die Erde aus den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde,
Metall und Wasser bestand
da ferne Länder
und
und nach Yin und Yang
Details der Natur.
Wenn man
strukturiert war,
sie erklärte, so
was zählten
eher beiläufig;
man, daß Schwalben und Sperlinge im Winter ins Meer stürzten und
Miesmuscheln verwandelten. Ähnliche Geschichten bieten die mittelalterlichen Bestiarien, und so weit sie von der Zoologie eines Aristoteles entfernt
sind, so dämmerhaft sind auch die geographischen Vorstellungen Chinas.
so glaubte
sich dort in
Für den Europäer am verblüffendsten ist, daß die Chinesen die technischen Voraussetzungen zur Erforschung und Vermessung der Erde lange vor der islamischen
und
christlichen Wissenschaft besaßen.
Der Kompaß, aus einem geomantischen
195
Wahrsagegerät entstanden, bestand schon einige Jahrhunderte vor der Zeitwende
frei kreisenden magnetischen »Großer-Bär-Löffel«, der zwischen zwei
Holzbrettern, dem oberen Himmelsbrett und dem unteren quadratischen Erdbrett,
befestigt war. Im 8. Jahrhundert kannte man schon die Magnetpole und die magnetischen Deklinationen, und 1044 besaßen die Armeen einen Kompaß, der als
Nadel auf einer Wasserschale, getragen durch die Oberflächenspannung,
aus einem
schwamm. Auch Schiffskompasse sind wenige Jahre später belegt, und so bot es
Tscheng-Ho, dem großen Eunuchengeneral des 15. Jahrhunderts, keine Schwierigkeiten, Ostafrika zu erreichen.
Solche Expeditionen wie auch die des Pan Chao, der 97 n. Chr. die Ufer des
Schwarzen Meeres auf dem Landwege erreicht, aber auf die abwehrenden Schwindeleien der Parther hereinfällt, so daß der direkte politische Kontakt mit dem römischen Imperium nicht zustande kommt, sind keine Forschungsunternehmen,
sondern Erkundungs- und Strafexpeditionen. So verkündet Kaiser Hsüan-te am
29. Juni 1430 eine allgemeine Amnestie für alle Welt und macht den Namen seiner
Herrschaft bekannt. Diese Nachricht, heißt es in
dem
Edikt, sei überall freudig be-
grüßt worden. »Aber die fernen Königreiche der Barbaren jenseits des Meeres haben noch keine Kenntnis davon erhalten.« Deshalb schickt er besagten Eunuchengeneral, damit er die kaiserlichen Erlasse überbringe
und bekanntmache. Das
ist
keine Frage der Wissenschaft, sondern eine Frage gleichsam des kosmischen Aufstandes,
sein,
ken
denn der Kaiser
ist
Welt in Ordnung
Mit 62 Dschunvon 27 800 Beamten und Dienern und
der Himmelssohn,
und wie kann
wenn sie nicht weiß, welcher erhabene Herrscher
sticht der
erreicht
General in See, er
ist
Mozambique. Drei Jahre
begleitet
die
sie regiert?
später wird die Flotte stillgelegt, jede weitere
Fahrt erübrigt sich. Die chinesischen Seeleute, die den Indischen Ozean überquert
haben und bis zur Sinai-Halbinsel vorgedrungen sind, würden auch das Kap umrunden und Gibraltar oder den Ärmelkanal erreichen können, aber das genügsame
China ist an solchen Abenteuern nicht interessiert. Knapp 100 Jahre später tauchen
die ersten Portugiesen, von den Chinesen in die Gruppe der »fremden Seeräuber«
eingestuft, an Chinas Küsten auf, und die Fahrten der sogenannten Konquistadoren verändern das Weltbild der Menschheit.
Aufbruch
der Wissenschaften
Buch und Rute
Der Blick durchs Fernrohr
Entdeckung der Tierwelt
Mit gegossenen Lettern
Geschäfte mit Büchern
Unter den Augen des Zensors
Die Schule der Philanthropen
t
Buch und Rute
Zur Kenntnis der lateinischen
Literatur, sagte der Redner, ein junger
21 Jahren, der soeben einen Lehrstuhl erhalten hatte,
muß
Mann von
die der griechischen
kommen. »Philosophen, Theologen,
sen sein. Bei allem
-wie
ist stets
die
einst Ixion, der sich mit
Historiker, Redner und Dichter wollen geleSache selbst anzugreifen und nicht nur ihr Schatten
Juno einlassen wollte und an eine Wolke
geriet.
Hat
man dann einmal gewissermaßen seine Wegzehrung zu sich genommen, so beschreite man als einen Richtweg >leichthin<, wie Plato sagt, das Reich der Philosophie. Denn ich bin der Ansicht, daß, wer es weiter bringen will, sei es auf der weltlichen, sei es auf der geistlichen Rednertribüne, nicht zum Ziele kommen wird,
wenn er nicht zuvor seinen Geist in den humanistischen Fächern - so nenne ich
nämlich die Philosophie - geschärft und ausreichend geübt hat.« In dieser
Antrittsvorlesung in Wittenberg hat das Wunderkind aus der Rheinpfalz Philipp
Schwarzerd
alias
Melanchthon nicht mehr und nicht weniger gefordert
als eine
Studienreform. Mit 14 Jahren hatte er in Heidelberg seinen Doktor gemacht, mit
17 in Tübingen seinen Baccalaureus, der Humanist Reuchlin hatte ihn empfohlen,
nun begann
seits die
er in
Wittenberg zu lehren. Daß
er sich
Luther anschloß, der seiner-
Kirche reformieren wollte, war naheliegend. Seit
dem Marburger
Religi-
onsgespräch von 1529 ist Melanchthon dann an allen wichtigen Religionsverhandlungen beteiligt gewesen. Der Sohn eines Waffenschmiedes, aus dem gehobenen
Handwerkertum kommend, war
nicht so radikal wie der bäuerische Luther, auch
von der Natur her leiser, ein Mann des Maßes. Die »Germania« des Tacitus hat
er zweimal herausgegeben und ist selbst mit dem Ehrentitel »Praeceptor Germaniae« geschmückt worden, denn er hat das Hochschul- und Lateinschulwesen der
protestantischen Länder geprägt.
Wie sahen vor Anbruch
der Reformation die Schulen aus, auf denen Latein geund Aristoteles gelehrt wurde? Über die alten mittelalterlichen Schreibschulen weiß man nicht viel sie werden von berufsmäßigen Schreibern geleitet worden
sein und standen nicht nur für Kinder offen. Auch das Rechnen lernte man hier.
Später haben dann die Städte selbst Schreiber angestellt, doch gab es selbstverständlich keinen Schulzwang. Der Sohn wohlhabender Eltern wurde ohnehin zu
Haus erzogen. Da nun aber häufig die Dom- und Stiftschulen ihr Unterrichtsprivileg verteidigten, kam es zum Streit zwischen Stadt und Geistlichkeit, als dessen
lernt
;
Ergebnis den Städten niedere Lateinschulen gestattet wurden. Die Klassenschich-
tung drückt sich in den höheren und niederen Schulen aus zur ersten Gruppe gehören Dom-, Stifts- und Klosterschulen, zur zweiten die Pfarr- und Stadtschulen.
Meist lagen die Stadtschulen nahe der Kirche, der Kirchhof war zugleich der Spielplatz. Im Prinzip unterschieden sie sich gar nicht so sehr von dem, was noch heute
;
dem Lande als Dorfschule überliefert ist. Gewöhnlich wurde für alle Schüler
einem einzigen Raum Schule gehalten, wobei der Lehrer in der Mitte saß und
die Schüler auf den Schemeln im Kreis.
Geprügelt wurde bei jeder Gelegenheit; die Beschaffung der Ruten im Mai gestaltete sich vielerorts zu einem Festtag. Dieses sogenannte »virgatum«, das auch
auf
in
198
Anlaß zu Ärger
um
Benehmen
das
der Schüler gab,
ist
häufig verboten worden,
hat sich aber anderswo, wie in Regensburg, bis ins 19. Jahrhundert erhalten. In
den Gymnasien Preußens wurden häufig Prügelbücher geführt, und noch 1950 hat
die Elternschaft einer Dorfschule im Sauerland dem Lehrer zum Schulbeginn ein
H aselnußstöcke
und Grammatik regierten den UnterGrammatik auf alten Holzschnitten mit den Symbolen
Buch und Rute abgebildet wurde. Im Winter begann der Unterricht um 6 Uhr, im
Sommer eine Stunde früher. Zwar wurden nur zwei Stunden vormittags und zwei
Stunden nachmittags gegeben, aber außerdem hieß es noch Kirchenlieder singen
Bündel
richt, kein
Wunder, daß
überreicht. Rute
die
lernen.
Schulgeld zahlten nur die wohlhabenderen, die
Armen zogen
singend und bet-
umher. Für Schüler, die zum Betteln berechtigt waren, wurden von den
Marken aus Messing oder Blech ausgegeben. Diese singenden Schülertrupps, von den Einwohnern als schwere Belästigung empfunden, nannte man
telnd
Städten
»Kurrendesänger« oder »Pärtekenfresser« (lateinisch pars: Teil). Was sie erbetteldaher der Name. Auch Luther hat sich bekanntlich in Eisenach auf
diese Weise sein Brot verdient. Höchst fragwürdig war das Verhältnis zwischen
ten, teilten sie,
Bacchant und Schütz, zwischen
herumtrieb, und
dem
dem großen Lümmel,
Kleinen, der
der sich auf den Straßen
ihm von wohlmeinenden
Eltern mitgegeben
Da wurde
und gestohlen, man »schoß« mit Steinwürfen die Gänse flügellahm, um
sie draußen im Wald zu rupfen und zu braten, und für die kleineren blieb oft nichts
mehr übrig als der abgenagte Knochen. In den Selbstbiographien ehemaliger
war, damit ihn der gelehrte Herr Bacchant auf eine gute Schule brächte.
gebettelt
fahrender Schüler finden sich immer wieder Klagen über die Brutalitäten, die sie
von ihren Bacchanten erdulden mußten da sie mehr bettelten als wirklich lernten,
;
sind viele auf der Straße
verkommen.
Diese Zustände änderten sich erst allmählich, und zwar in
dem Maße, wie
der
Landesfürst sich des Schulwesens annahm. Melanchthon hat sich in seiner Rede
über die Studienreform mit den sozialen Verhältnissen, den gesellschaftlichen
Problemen überhaupt nicht auseinandergesetzt. Seine Forderung war substantielArt, denn seiner Auffassung nach waren, um bessere Charaktere zu bilden,
bessere Bücher notwendig - wie die Studien, so die Sitten der Menschen. Jeder
Schulpsychologe würde dieser Ansicht mit Recht widersprechen, doch haben
Humanismus und Reformation zusammen die Verhältnisse an den Schulen und
Hochschulen auf die Dauer doch entscheidend verändert, wobei die Anfänge mühler
sam waren.
Zunächst allerdings hemmte die Reformation die Impulse des Humanismus.
Der geistliche Stand, früher im Besitz fetter Pfründe, war kein lohnendes Studien-
mehr, Gotteswort und Predigt auf gut deutsch scheinen genug für die Seligwozu brauchte man noch gelehrte Studien in Griechisch
und Latein - das war die eine Seite der Schwierigkeiten. Außerdem nahm die
ziel
keit eines Protestanten,
um den Glauben am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges
Aufmerksamkeit gefangen, so daß sich für Stilübungen nach antiker
Manier bald kein Mensch mehr interessierte. Schon im Mittelalter hatte es Ressentiments gegen den Gelehrten gegeben, war der schlichte Ritter gegen den ge-
Auseinandersetzung
bald alle
199
heimnisreichen Zauberer gestellt worden wie in Wolfram von Eschenbachs »Parzifal«. Dieses alte Mißtrauen des einfachen Menschen gegen alle Buchweisheit
wurde jetzt neu genährt, und mit den scholastischen Denkübungen griff man auch
das Latein selbst an. In Köln wurde das scholastische Latein im Jahre 1522 sogar
regelrecht verboten. Auch die Promotion, das Baccalaureat und die Lizentiatur
wollte man abschaffen und auf Leistungsnachweise verzichten, überall stand das
»neue Latein« für eine neue Gesinnung.
Indessen ist das Bild dieser Zeit verworren. Einerseits hatte der Humanismus
den kirchlich orientierten Scholastikern gegenüber die Stoßkraft einer offenen
Provokation, andererseits war er selbst durch die bibelbezogene Gläubigkeit des
echten Lutheraners gefährdet. Auch Luther, gelegentlich unwillig und cholerisch,
hat den Wert von Schule und Bildung eingesehen und in seiner berühmten Schrift
»An die Ratsherren aller
richten
alte
und halten
Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen auf-
sollen« die Ziele gesetzt.
Forderung der Humanisten -
Von den
sollte Latein,
besten Schriftstellern - eine
Griechisch und Hebräisch gelesen
Ein Lehrer bringt
zwei Schülern das Abc
Holzschnitt
,
zweite Hälfte 15. ]h.
bei.
Schulszene. Der Unterricht
damals je nach
Vermögenslage in privatem
Bereich ab oder in den
sogenannten Lateinschulen
der Städte und den Domund Stiftsschulen die
von der Geistlichkeit geleitet wurden. Eine Schulpflicht gab es nicht.
Holzschnitt von 1496.
spielte sich
,
Staatsbibliothek Bildarchiv
,
Berlin
werden, denn ohne die beiden letzteren könne das Wort Gottes nicht richtig verstanden werden.
Er selbst habe diesen
Vorzug
leider nicht gehabt:
Teufels Dreck, die Philosophen und Sophisten
(=
»Habe dafür lesen müssen des
die Scholastiker)
mit großen
Kosten, Arbeit und Schaden, daß ich genug habe daran auszustehen.« ich
»Wenn
Kinder hätte«, schrieb er damals, »sie müßten mir nicht allein die Sprachen
und Historien hören, sondern auch singen und die MUSICA mit der ganzen
MATHEMATICA erlernen.« Damit war das Ziel der Erziehung, eine Bildung ohne
Ballast, angesprochen. Papst und Kaiser kamen als Stützen des neuen Schulwesens
nicht in Frage, also
mußten wie auch
bei der
Gründung neuer Kirchen
die Landes-
und Städte herangezogen werden. Melanchthon hat die Sache
aufgegriffen und zu seiner eigenen Aufgabe gemacht. Für alle Fächer schrieb er
neue Lehrbücher, ebenso eine erste protestantische Dogmatik, und entwarf für die
neuen Schulen Lehrpläne. Mit seinen Vorlesungen und durch sein Beispiel bildete
er eine Anzahl ausgezeichneter Lehrer heran, die mit den ehemaligen halbgebildeten Bacchanten oder Magistern nichts mehr gemeinsam hatten. Als er nach 42jährigem Wirken starb, trauerte wohl in jeder protestantischen Stadt wenigstens ein
Lehrer oder Pfarrer um seinen Mentor, seinen Ratgeber und Erzieher.
Das Bildungsziel der Reformation war auf der Hochschule knapp formuliert
»sapiens et eloquenz pietas«, also eine gebildete und kultivierte Frömmigkeit, wobei die Eloquenz als Zeichen der Kultiviertheit genommen wurde. Die Frömmigherren, die Fürsten
201
/
war durchaus das Ziel, Theologie die Krönung des Studiums, das ist die eine
Melanchthon verkörperten Denkens. Andererseits hat er auch gesagt:
keit
Seite des in
»Wenn
wir nur theologische Studien treiben, fallen wir in die Barbarei zurück.«
Melanchthon hat damit nur ausgesprochen, was überha-upt als Bildungsziel der
Epoche gelten kann. Auf den Jesuitenkollegien wurde im wesentlichen etwas Ähnnur daß nicht eine erneuerte, auf die Bibellektüre gegründete
liches angestrebt,
Theologie die Basis bot, sondern die Auffassungen eines
Thomas von Aquin und
der Scholastiker.
Dieser Zielsetzung entsprach die Sghulwirklichkeit durchaus nicht. Bei den Protestanten lagen die Verhältnisse nicht anders als
im katholischen Raum, nur daß
»Was die Kinder von sie-
hier die Geistlichkeit meist auf ein Stipendium studierte.
ben
bis
vierzehn Jahren antrifft, klagt
müssen, darüber, daß
jetzt ist
;
sie ist so
sie nie
gar gottlos, daß
und Narrenweiß
alle
Welt, sonderlich die in den Schulen sein
unbändiger, ungezogener gewesen, denn
sie in
der Kirche mit
treibt.« Andererseits hört
man von den
»Drath in die Rute flechten oder kehren die Rute
Auch
dem Worte
sie
eben
Gottes Gespött
Schulmeistern, die
um und brauchen
das dicke Ende.
um
den Bakel zu wickeln und sie also damit
zu zerren und zu raufen, daß es einen Stein in der Erde erbarmen möchte.« Auch
hier also der erbitterte Kampf zwischen Autorität und Rebellion, wie er für gepflegen
sie
der Kinder Haare
spannte Zeiten charakteristisch
Bei den Protestanten
war
ist.
die Frage der Schulaufsicht ungeklärt.
Der Konflikt
zwischen Pfarrer und Lehrer, der als Freigeist galt - der Pfarrer als studierter Mann
fühlte sich dem Schulmeister gegenüber als Aufsichtsperson -, konnte bis ins 19.
Jahrhundert nicht befriedigend gelöst werden. Als fachliche Schulaufsicht taugte
der Pfarrer aber nicht, auch der Landesherr, der etwa nach
Großen
dem
visitierte, betrieb dies
eher nach Laune
als
dem
Vorbild Karls des
aus Pflichtgefühl. Es gab
ja
vor
Jahrhundert auch noch kein regelrechtes Lehrerexamen, also schwankten
die Kenntnisse der Lehrer beträchtlich, und niemand vermochte zu übersehen, was
19.
den Kindern beigebracht wurde.
Vor dem Dreißigjährigen Krieg waren
die älteren Schüler übrigens
noch häufig
bewaffnet gewesen, es gab regelrechte Straßenschlachten, kein Bürger war sicher,
und die Bürgerstöchter betrachtete der Scholar als
war der junge Adlige praktisch gegen jede Strafverfolgung ge-
nicht malträtiert zu werden,
Freiwild. Überdies
und konnte sich alles leisten. Es sieht in jenen Zeiten oft so aus, als hätten
mehr Angst vor den rohen Kerlen, die ihre Schüler waren, als umgeDas hat sich erst nach der Französischen Revolution mit der Einführung der
schützt
die Lehrer
kehrt.
allgemeinen Schulpflicht entscheidend geändert.
Der
Blick durchs Fernrohr
zum ersten Male durch das von Galilei konstruierte
Menschen am Strand der Insel Murano deutlich
beeindruckt, zumal der Gelehrte darauf hinwies, man
Als die Senatoren von Venedig
Fernrohr sahen, konnten
sie die
erkennen und waren sehr
könne durch ein solches Glas das Feldlager des Gegners beobachten oder auch sehr
202
SEXTANS
P
ROU T
ASTRONOMIC US
ALTITUDIN1BUS
infcrvit.
Ein astronomischer Sextant. Dieses Gerät dient zur Bestimmung von Winkelabständen zwischen Gestirnen und wird in der Seeschiffahrt zur
astronomischen Ortsbestimmung verwendet. Kupferstich aus dem Instrumentenbuch
von Tycho Brahe, 1598. Österreichisches Museum für Angewandte Kunst Wien
,
dem Inquisitionsgericht in Rom am 22. Juli 1633. Er wurde von seiten der
Kirche dazu gezwungen, seine Lehren öffentlich zu widerrufen. Es ging bei
Galilei vor
dieser
Auseinandersetzung hauptsächlich
um
Anerkennung
die
des von Kopernikus
formulierten heliozentrischen Weltsystems, der erkannte, daß die Erde
um
die
Sonne
sollte der
kreist
und somit nicht mehr
selbst Mittelpunkt sein
konnte
;
diese Tatsache
katholischen Kirche noch jahrhundertelang zu schaffen machen.
Nach einem Gemälde von Robert
frühzeitig die
Eleury. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Ankunft einer feindlichen
Flotte erkennen.
Das leuchtete
ein,
und
Senatoren erhöhten das Gehalt des Professors auf 1000 Goldgulden und übertrugen ihm seine Paduaner Professur auf Lebenszeit.
die
Der Erfinder des Fernrohres ist Galilei nicht
;
es hat
schon sogenannte Batavische
dann den Namen
»Teleskope« gab, auch weiß man von einem italienischen Modell aus dem Jahre
1590, das der holländische Glasschleifer Janssen kopiert hat. Als die Senatoren von
Venedig erfuhren, daß sie ein Fernrohr auch in Holland hätten bekommen können,
ohne sich mit so großen Kosten zu belasten, waren sie verärgert, aber die Sache
ließ sich kaum mehr rückgängig machen. So konnte Galilei einstweilen ungestört
ein Fernrohr in den Himmel richten, und hier war er in der Tat der erste Forscher,
der ein solches Hilfsmittel zur Verfügung hatte.
Der Vorgang ist charakteristisch für eine Entwicklung, die in der Renaissance
beginnt und sich auf allen Gebieten der Naturwissenschaft nachweisen läßt. In
Bologna seziert der aus Brüssel stammende Arzt Vesalius vor einem gespannten
Auditorium öffentlich menschliche Körper und überführt Galen, den römischen
Militärarzt, der seine Kenntnisse vorwiegend von einem Skelett in Alexandria und
oder auch Holländische Gläser gegeben, denen
204
man
in Italien
aus der Sektion von Berberaffen gewonnen hatte. Zum erstenmal steht ein gelehrter Mediziner selbst am sandgefüllten Trog mit dem Messer in der Hand und an
von Hohenstaufen ein entsprechendes Edikt im Jahre 1240 erlassen hatte, sollte der Arzt zwar lernen, wie man Leichen seziert, und auch die Kirche hatte dem schließlich nach vielfältigen Bedenken
zugestimmt, aber in der Praxis behielt die Scholastik die Oberhand, denn an den
Hohen Schulen stand der Professor oben auf seinem Katheder und kommentierte
aus Aristoteles und Galen, während unten im Hörsaal ein unwissender Bader an
der Leiche, die zu öffnen
ist.
Seit Friedrich
II.
der Leiche herumschnitt.
Vesalius
ist
der erste europäische Gelehrte gewesen, der sich selbst mit der
Ana-
tomie befaßt und schließlich das Werk geschrieben hat, das ihn berühmt machte,
eine Art Atlas des menschlichen Körpers, eine meisterhafte Leistung, der anzusehen war, daß der Verfasser selbst jedes Detail des menschlichen Körpers seziert
Vorgänger, etwa Berengario da Carpi (1460-1530), der als
anatomischen Werke illustriert hat. Trotzdem hatte das Werk des
Vesalius die größere Wirkung, denn er verfügte über die besseren Illustratoren;
vermutlich sind die Blätter in der Werkstatt des Tizian entstanden, wobei Vesalius
mitgewirkt haben muß. Auch hier also die entschlossene Hinwendung zur Wirklichkeit, das Interesse an der Natur, wie sie ist, und nicht daran, wie Aristoteles
hatte. Vesalius hatte
erster seine
sie auffaßt, die
»Entdeckung des Menschen und der Welt«, wie der Historiker
Burckhardt diese Tendenz genannt hat.
Auch die Konstruktion der ersten Mikroskope fällt etwa in diese Epoche. Die
Anfänge dieses Instrumentes liegen einige Jahrhunderte zurück. Der Araber
Alhazen (965-1039) hatte bereits optische Versuche mit kleinen Glaskugelsegmenten gemacht, war aber nicht bis zu einer Linsenkombination gekommen. Später hatte Roger Bacon erkannt, daß solche Glaskugelsegmente aus Glas oder
»Beryll«, einem durchsichtigen Halbedelstein, kurzsichtigen Personen das Lesen
erleichtern könnten. Irgendwann hat dann jemand mit den Linsen experimentiert,
wobei die Anfänge umstritten sind. In der ersten naturforschenden Gesellschaft
jedenfalls, der »Accademia dei Lincei«, der »Gesellschaft der Luchse«, hat man solche Instrumente zuerst benutzt.
Dem
Gebrauch solcher äußeren Hilfsmittel entspricht eine neue Methodik.
dem Patronat des Herzogs Frederico Cesi
Diese 1604 gegründete Gesellschaft unter
veröffentlicht gedruckte Protokolle, erstmalig in der Geschichte der Wissenschaft.
Erste quantitative
Messungen, etwa
dem
bei Nikolaus
von Kues, markieren den Beginn
nach Galilei die Aufgabe der Naturwissenschaften sein
wird, »meßbar zu machen, was meßbar ist« man beginnt, Funktionen zu erkennen und zu formulieren, und man befaßt sich erneut mit dem Charakter von
eines Zeitalters, in
es
;
Bewegungen. Aristoteles hatte die sogenannte »Impetus-Theorie« aufgestellt,
nach der jeder Körper eine Art spezifischer Kraft, einen »impetus« (lateinisch: das
Vorwärtseilen, die Beschleunigung) mitbekäme. Über diesen Begriff wurde spekuliert, doch zeigten sich neue Ansätze, und auch hier war der entscheidende
Schritt, daß man die Spekulationen aufgab und zu messen anfing. In der Antike
hatte man eine Mathematik der Statik geschaffen und mit Flächen und Körpern
operiert, während des 13. Jahrhunderts hatte es hier Fortschritte gegeben, nun aber
205
/
befaßte
man
sich
mit Veränderungen und Bewegungen, und es wurde das Ziel der
abendländischen Mathematik, die Bewegung zu formulieren.
Daß
der
Weltraum unendlich
zuerst ein philosophischer
sei, ist
Gedanke des
Giordano Bruno (1548-1600) gewesen, der in seiner Schrift »Von der Ursache,
dem Urprinzip und dem Einen« als mystische Spekulation entwarf, was erst Jahrhunderte später von der Astronomie bestätigt worden ist. »Bei den Bewegungen,
die sich
im Weltraum vollziehen,
gibt es also
im Hinblick auf das unendliche All
Hüben und Drüben, sondern nur
keinen Unterschied von Oben, von Unten, von
mit Rücksicht auf endliche Weltsysteme innerhalb jenes Alls oder dann, wenn man
sie auf die Umfassungsweite eines der unzähligen Welthorizonte oder auf die
Masse eines der unzähligen Gestirne bezieht.« Als
Wilhelm Herrschei
Friedrich
(1738-1822) sein Teleskop mit selbstgeschliffenen Spiegeln auf die Sterne richtete,
sah er mit eigenen
Augen
jene Sternenwelten, die Giordano
Bruno nur geahnt
hatte.
Wie wenig Verständnis diese Wendung fand, zeigt eine Äußerung Luthers über
Kopernikus: »Dieser Narr will die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie
die Heilige Schrift zeigt, ließ Josua die
Sonne
Stillstehen
und nicht
die Erde.«
Kopernikus, bekanntlich Domherr im ostpreußischen Frauenburg, hat seine
als ihn die Erkrankung seines
und Onkels Lucas Watzelrode, der in Heilsberg Bischof war,
zurück nach Ostpreußen rief. Schon in Krakau hatte er sich während seiner Studien mit Astronomie beschäftigt und war in Italien, als er in Bologna astronomische Studien trieb, von dem bekannten Professor Domenica Maria de Novara gefördert worden. Er hat lange an seinen Arbeiten gesessen und ist nur schwer dazu
gebracht worden, sie zu veröffentlichen. Als er nach Ostpreußen zurückkam, lebte
er erst als Hausarzt bis zu dessen Tode bei seinem Onkel, später in Frauenburg.
Mehrfach hat man ihn übrigens als diplomatischen Geschäftsträger verwandt,
deshalb residierte er einige Jahre auf dem Schloß in Allenstein. Damals gab es die
letzten Kämpfe zwischen dem Deutschen Ritterorden und Polen, das die Lehnshoheit über Ostpreußen besaß. Weder der deutschstämmige Kopernikus, eigentlich
Koppernigk, noch sein Onkel waren Parteigänger des Ordens, auch standen sie un-
Erkenntnisse vermutlich schon 1512 aufgezeichnet,
väterlichen Freundes
ter polnischer
Hoheit
;
es ist also sinnlos,
an der Gestalt dieses Dominikaners einen
deutsch-polnischen Nationalitätenstreit zu exemplifizieren.
Die Bedeutung dieses Mannes, der die
Wende im Denken
der
Menschen über
Motiven am deutlichsten aus. »Als ich dann diese Unsicherheit der traditionellen Mathematik gegenüber der Ordnung der Gestirnsbewegungen am Himmelsgewölbe überdachte,
war ich sehr enttäuscht, daß die Philosophen, die doch andere Dinge des Himmelsdie Stellung der Erde herbeigeführt hat, spricht sich in seinen
gewölbes so hervorragend erforscht haben, keine zuverlässigen Erklärungen über
den Mechanismus des Universums fanden, der, wie wir wissen, von dem größten
Künstler und Herrn der Ordnung begründet ist. Aus diesem Grunde gab ich mich
daran, alle Bücher dieser Philosophen, die ich mir verschaffen konnte, noch einmal
zu lesen,
sei,
um
herauszufinden, ob irgendeiner von ihnen auf die Idee
daß die Bewegung der Gestirne anders
sei, als die
annehmen.«
206
gekommen
akademischen Mathematiker
Es hatte sich im Laufe der Zeit, noch ehe etwas veröffentlicht war, bis zum Papst
Clemens VII. herumgesprochen, welchen Gedankengängen der Domherr in Frauenburg anhing, und so ließ sich der Papst 1533 darüber ausführlich berichten.
Klarheit bekam er dadurch nicht, denn selbst die Gelehrten seiner Zeit verstanden,
wie sich herausstellen sollte, die Arbeit des Kopernikus nur halb. Die Leistung des
Kopernikus bestand nicht darin, daß er behauptete, die Erde kreise um die Sonne,
denn das wäre nicht neu gewesen - es gab Vorläufer wie Aristarch von Samos sowie indische und arabische Astronomen -, sondern in seinen Berechnungen.
Kopernikus hat für das Sonnensystem die Bewegungen der Gestirne zueinander
in mathematische Beziehungen gebracht. Seine Voraussetzung, daß nämlich die
Erde um die Sonne kreise, war also nicht nur eine bloße Behauptung, sondern
wurde durch Zahlen belegt. Der Sonne wies er den Mittelpunkt des Alls zu, »denn
Ein Astronom. Der Blick durchs Fernrohr öffnete dem Menschen neue Dimensionen
um iy6o-iyyo. Kunstgewerbemuseum Schloß Charlottenburg, Berlin
für das Verständnis der Welt. Kissenplatte mit Chinoiserie. Lyon,
Anatomische Darstellung der inneren Organe und
am Menschen
Hauptarterien. Das neuerwachte
fand auch seinen Niederschlag
in den medizinischen Wissenschaften. Überall an den Universitäten wurden Sezierungen
durchgeführt gegen den heftigen Widerstand der Kirche, die darin eine
Art Gotteslästerung sah. Zeichnung von Leonardo da Vinci, vor 1500. Windsor Castle
Interesse der Renaissancezeit
,
wer wollte
dorthin,
in
wo
diesem wunderschönen Tempel die Lampe anderswohin setzen als
zu gleicher Zeit das Ganze erleuchten kann?« Dabei ging er von
sie
der für ihn selbstverständlichen
Annahme
aus, daß die Planeten auf Kreisbahnen
Schöpfung nichts Unvollkommestammende Standpunkt ist erst
von Galilei überwunden worden. Sein System war mindestens so genau wie das
astronomische System des Ptolemäos, aber theoretisch und quantitativ einfacher,
umliefen, weil der Kreis vollkommen
sei
und
die
nes enthalten könne - dieser von den Pythagoreern
denn er konnte mit einer einzigen Erklärung zahlreiche verschiedene Merkmale
der Planetenbewegungen erklären, die im ptolemäischen System willkürlich und
ohne Verbindung erschienen.
Beide Kirchen, die katholische wie die protestantische, haben die Gedanken des
Kopernikus mit allen Mitteln unterdrückt, wie das weltbekannte Beispiel Galileis
gelehrt hat. Erst 1835 ist das Werk des Kopernikus »De revolutionibus Orbium
Coelestium«, »Über die Bewegungen der Himmelskörper«, das Papst Paul III. gewidmet war und 1543 ausgeliefert wurde, als Kopernikus starb, vom Index der katholischen Kirche gestrichen worden.
Nicht Kopernikus hat durch seine Berechnungen ein neues Zeitalter begonnen,
sondern diese Berechnungen sind eines der vielen Anzeichen, daß die Menschen
ihr Denken änderten. Die Humanisten, die sich seit Petrarca mit wahrer Leidenschaft um die alten Texte bemühten und sie von ihrem scholastischen Überbau reinigten, hatten den Anstoß gegeben, die Wirklichkeit nach dem Vorbild der Griechen zu erforschen. Nun erkannte man, durch den Zerfall der päpstlichen
Autorität kritisch geworden, die Risse im System des bisherigen Weltbildes und
begann Fragen zu stellen, deren Beantwortung immer neue Fragen aufwarf.
Entdeckung der Tierwelt
In ihrem Alter erblindet die Sonneneidechse. Deshalb schlüpft sie in ein gegen
Osten gerichtetes Loch, und von dort aus starrt sie in die aufgehende Sonne. So
erhält sie ihr Augenlicht wieder. Ebenso soll der Mensch, wenn die Augen seines
Verstandes getrübt sind, die Hilfe Christi, die Sonne der Gerechtigkeit suchen.
Kein Christ zweifelte an der Richtigkeit solcher Feststellungen, ebensowenig
daran, daß nach Aussage dieser Schrift der Vater des
Ameisenlöwen
ein Fleisch-
Mutter aber eine Pflanzenfresserin. Weil das Junge dieser Eltern
seiner Mutter wegen weder an Fleisch ginge noch an Pflanzen wegen der Natur
seines Vaters, müsse es elend zugrunde gehen. Man könne, so die Moral, nicht
Gott und zugleich dem Teufel dienen. So dienten Rabe und Basilisk, Esel und Natter, Phönix und Kröte, Ameise und Panther in den frühchristlichen Tierbüchern
dazu, religiöses und moralisches Verhalten zu symbolisieren.
Ebensowenig wie für die Geographie interessierte man sich im hohen Mittelalter
für die wirkliche Natur der Dinge und Lebewesen, denn jede Wirklichkeit stand
ja als Symbol für eine unaussprechliche tiefere Wahrheit, und diese galt es zu entschlüsseln. Man kann die Tradition dieses »Physiologus« - so heißt das Buch, das
die »physis« auf diese Weise erläutert - bis auf die antiken Fabeln zurückverfolgen.
fresser sei, seine
209
Hier charakterisierte der Mensch den Menschen mit Hilfe von Tiergestalten, und
zwar war
Gehabe der Herren
es der Sklave, der das lächerliche
in der scheinbar
naiven Tiererzählung verschlüsselt bloßstellte. Im christlichen Bestiarium
man
nisch bestia: Tier) wird das Verhalten der Tiere, das
teils
aus
dem
(latei-
Plinius,
dem römischen Naturforscher, übernimmt, teils frei erfindet, als Muster gedeutet,
mit dem Gott auf bestimmte Tatbestände hinweisen will. Manchmal kam diese
Symboldeutung zu unglaublichen Ergebnissen. So berichtet der Physiologus, der
als Herr der weiblichen Herde kastriere aus Eifersucht die männlichen
Füllen bei ihrer Geburt. Allen Ernstes^ah man in jenem alten Esel die Patriarchen
der Bibel, die sich den Samen zu bewahren suchten. Die Eselsfüllen seien die Apostel, die sich nur um die geistige Nachkommenschaft bemühten.
Theologisch existierte die Natur also gleichsam nur als Symbol. Andererseits
ist es eine Tatsache, daß die Menschen des Mittelalters, auf bäuerlicher Grundlage
lebend, von der Natur umgeben und mit ihr lebend, durchaus realistisch mit Boden
und Vieh umgingen. Es gab eine, wenn auch dünne, Fachliteratur über Ackerbau
und Viehzucht, d.h. kostbare, vielfach abgeschriebene Manuskripte, auch ein
Werk über Pferdekrankheiten und die berühmte »Kunst der Falkenbeize« von der
Hand Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen. Insgesamt aber war das Verhältnis
wilde Esel
Die Nürnberger Sternwarte mit verschiedenen astronomischen Geräten.
Kupferstich aus /. A. Delsenhachs »Nürnb ergische Prospecten« 1715.
Germanisches N ationalmuseum Nürnberg
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Das heliozentrische Weltsystem
des Nikolaus Kopernikus in einer graphischen
Darstellung. Kopernikus hatte mit seiner Feststellung, nicht die Erde sei das
Zentrum unseres Planetensystems, sondern
revolutioniert. Kupferstich aus
Amsterdam
die
Sonne, das Weltbild der Renaissance
»Atlas coelestis « des Andreas Cellavius,
iyo8. Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv,
zur Wirklichkeit der Natur
einen
dem
Wust von
irreal,
Wien
und über Pflanzen und Tiere schleppte man
abenteuerlichen Gewißheiten durch die Zeiten, die noch dazu un-
angreifbar waren, weil sie von der Autorität der Kirche gedeckt waren. Selbstverständlich
nahm man
die Bibel
auch
in der
Frage der Entstehung der Arten wörtlich.
Aus der Arche Noah waren die Tiere paarweise gekommen, weil der Herr es so
befohlen hatte, und seitdem bevölkerten sie die Erde nach seinem Geheiß. Der
Gedanke der Entwicklung einer Art oder überhaupt einer evolutionären Entwicklung konnte gar nicht erst entstehen, weil die Unveränderlichkeit, die Konstanz
der Arten, zum Glaubensbekenntnis christlicher Naturwissenschaft gehörte.
Vom
»Physiologus« gibt es althochdeutsche Ausgaben (12.
Jh.),
französische
Varianten, aber auch Ausgaben in äthiopischer, syrischer, koptischer und arabischer Sprache. Solche Ausgaben, die textlich nicht identisch waren, enthielten
prächtige Bilder
und eine Bilderklärung im
Stil
211
jener Zitate.
Mehr gab es über Tiere
nicht zu wissen,
nommen
und
es
gab auch nicht mehr Bücher über Fragen der Natur, ausge-
einem praktischen karitativen Zweck dienten.
dann ein Werk, das die völlig
neue Einstellung zur Natur dokumentiert und bis ins 18. Jahrhundert ein Standardwerk blieb, aus dem auch Kinder ihre Kenntnisse bezogen. Es war die Naturgeschichte des Schweizer Arztes Konrad Gesner, eines ebenso neugierigen wie
fleißigen Mannes, der über alles geschrieben hat, was sein Interesse erregte, von
Erst
die Kräuterbücher, die
um
die Mitte des 1 6. Jahrhunderts erschien
der Würfelnatter bis
zum
Nordlicht oder bis zur alpenländischen Käserei. Sein
Hand rund 1500 Pflanzenund mit seiner 1545 erschienenen »Bibliotheca universalis«
Hauptinteresse galt der Botanik, er Kat mit eigener
zeichnungen
gefertigt,
die bibliographische
Wissenschaft begründet, d.h. die bücherkundlich erschlie-
ßende Darstellung von Publikationen.
Berühmt ist er mit seiner »Historia animalium« geworden, einer in vier Bänden
erschienenen Naturgeschichte. Hier spielt nun der theologische Bezug keine Rolle
mehr, die Symbolik verschwindet vor der Fülle der exakt beobachteten Details, nur
die Zoologie des Aristoteles, vermittelt über den Engländer Wotton Edward
(1492-1555), hat auf Gesner und seine Naturgeschichte einen gewissen Einfluß
gehabt, auch finden sich in seinem Werk noch eine Reihe fabelhafter Behauptungen, die meist auf Plinius zurückgehen. Da gibt es Basilisk, Phönix und Einhorn,
auch ist von der sagenhaften Bernickelgans die Rede, die aus Muschelschalen entsteht. Insgesamt enthält es aber doch die Summe des zoologischen Wissens jener
Zeit. Gesner hat nicht nur die entlegensten antiken, übrigens auch arabischen
Texte herangezogen, sondern auch rund 50 Korrespondenten aus aller Welt befragt. Das Gesamtwerk umfaßte rund 4500 Text- und Bildseiten (Säugetiere:
1551 Amphibien und vierfüßige Reptilien 1554 Vögel 1555 Fische und andere
Wassertiere: 1560) und war von ausgezeichneten Illustratoren erarbeitet worden.
Einer der berühmtesten Mitarbeiter war Albrecht Dürer, dessen Nashorn weltbekannt geworden ist. Das Schema der Darstellung ist noch heute gebräuchlich, weil
es vernünftig ist; Gesner nennt Namen, Vorkommen, den äußeren und inneren
Bau des Tieres, beschreibt seine Lebensweise und seinen Nutzen und vergißt auch
die Symbolik nicht, die vor kurzem noch die Hauptsache gewesen war. Daß der
:
;
;
Verfasser sorgfältig gearbeitet hat, zeigt das Beispiel
:
vom
;
Schopf-Ibis (Geonticus
und Arabien als unbekannte
Vogelart entdeckt worden ist. Erst 1897 stieß man auf die Abbildung dieses Vogels
in der Tierkunde Konrad Gesners, der ihn naturgetreu abgebildet hatte und als
»Waldrapp« bezeichnete; als das Buch erschien, ist der Waldrapp noch Brutvogel
eremita), der 1852 in Ägypten, später in Syrien
Mitteleuropa gewesen.
Gesner ist übrigens einer der ersten Alpinisten gewesen; am 20. Mai 1555 hat
er den Pilatus in den Voralpen südlich von Luzern bestiegen, ein für damalige Verhältnisse ziemlich absurdes Unternehmen. Auch darin drückt sich ein gänzlich
in
Mikroskop von
Alexis
Magny um
,
1750. Die Erforschung biologischer
Zusammenhänge
wird besonders durch die Erfindung des Mikroskops vorangetrieben.
Kunsthistorisches
Museum Sammlung
,
für Plastik
und Kunstgewerbe Wien
,
t
neues Verhältnis des Menschen zur Natur aus; es scheint, als sei man jetzt erst
überhaupt in der Lage, die ganze Fülle der Erscheinungen wahrzunehmen, nach-
dem man
sich so lange in einer
Symbolwelt verfangen
hatte.
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XOVLARIA CORPORA OEOMETR1CA EXJH IBtNS.
IlLVSTR-ISS: PR.1NCIP1.AG dFTo D^O FrIDLRIGO. DVCS WIRi
TtNHt&fU*, CT TBCXIO.C ONfTT MON T ff RCLGARYM. ETC. GOKSEGRAT
4
Keplers Kristallkombination. Hier sind die Abstandsverhältnisse der Planeten
von der Sonne durch die ineinander geschachtelten platonischen Körper dargestellt.
Kupferstich des ly. Jh. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Als Nachfolger und Schüler Gesners muß man Ulisse Aldrovandi bezeichnen
(1522-1605), einen Professor aus Bologna, der vier Bände über Vögel publiziert
hat und ein Buch über Fische schrieb, das sich allein auf diese Gattung beschränkte,
in dieser Ausschließlichkeit also der
Vorläufer späterer wissenschaftlicher
Mono-
graphien war.
Die Meerestiere wurden ebenfalls neu entdeckt, und hier zeigen sich bereits erste
Ansätze eines neuen naturwissenschaftlichere Denkens auch
Der Verfasser des Werkes »De aquatilibus«
in der Zoologie.
(lateinisch aquatilis:
im Wasser
le-
bend), Pierre Belon (1517-1564), hat als erster Naturforscher morphologisch und
homolog gedacht,
d. h., er
Es gibt von seiner
Hand
nebeneinander
hat die Ähnlichkeiten der Funktion und Gestalt gesehen.
eine Zeichnung, die ein
darstellt.
Menschen- und
ein Vogelgerippe
Solche Gedankengänge waren neu, denn eine biologische
Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch galt als im Grunde undenkbar: Gott
hatte die Tiere und den Menschen laut Genesis in verschiedenen Arbeitsgängen
geschaffen,
und
es
gab keinen Anlaß zu zweifeln. Allerdings ließen sich die vielen
sogenannten Entdeckung Amerikas 1492 ins Gesichtsfeld
Schema der Arche einfügen, und
nur mit mühsamen Hilfskonstruktionen konnte man sie erklären. Den Luchs, so
befand man, um das System zu retten, müsse man als Kreuzung zwischen Wolf
und Katze ansehen, die Giraffe als ein Ergebnis von Kamel und Leopard, die Hyäne
sei aus Wolf und Fuchs gekreuzt. Kein Zweifel, daß diese Denkweise, von Autori-
neuen
Tiere, die seit der
der Europäer gerieten, nicht ohne weiteres in das
täten gestützt
und daß
und
in der Bibel begründet, viele vernünftige
Gründe
für sich hatte
jede andere Auffassung höchst zweifelhaft war.
Mit gegossenen Lettern
Gutenberg ist bekanntlich nicht der Erfinder des Buchdruckes, auch hat er nicht
den Druck mit beweglichen Lettern erfunden. Es gab den Stempeldruck bei den
Babyloniern, den Druck mit Tonlettern bei den Chinesen schon um 1041, den
Blockdruck ganzer Seiten mit holzgeschnitzten Stöcken im Mittelalter, aber es gab
nicht den Druck mit beweglichen Lettern aus Metall. Die einschlägige Forschung
hat als möglichen Vorläufer Gutenbergs den Holländer Laurens Janszoon Coster
in Haarlem/Holland ermittelt, aber seine Drucke sind nicht datiert - und so ist
nicht bekannt, ob diese mit beweglichen Lettern hergestellten Drucke zeitlich vor
Gutenbergs Bibel liegen. Die entscheidende Erfindung Gutenbergs ist nicht die des
Druckes mit beweglicher Letter, denn das lag in der Luft, sondern die Konstruktion
eines brauchbaren Gießinstrumentes; er vervielfältigte gewissermaßen nicht nur
die bisher handgeschriebenen Bücher, sondern auch die Druckereien, und darin
lag die eigentliche Stoßkraft der neuen Technologie. Die Folge dieser zwischen
1436-1450 datierten Erfindung ist eine Bildungsexplosion, denn jetzt wird jedermann in der letzten Kleinstadt hinter dem Wald von Informationen erreicht, die
ihm vorher nie zugänglich gewesen wären.
Man kann darüber rätseln, ob die neue Drucktechnik die Tendenz der Epoche
bestimmt hat, diesen Zug ins Neue, Unentdeckte, diesen Realitätshunger, oder ob
umgekehrt diese Tendenz den Gutenberg dazu gebracht hat, das Statische beweglich zu machen, d. h. die Letter, aus Metall gegossen, aus festem Rahmen zu lösen.
Was der Mensch mit den Dingen ringsum tut, wirkt auf ihn selbst zurück. So ist
diese bewegliche Letter fast symbolisch für das bewegliche Individuum, das durch
Buchdruckes aus seinen Bindungen befreit wurde - ganz ähnlich wird der Mensch einige hundert Jahre später im Zeitalter der Kernphysik zur
Masse oder zum Teilchen, ein Nichts im leeren Weltraum, das sich durchaus nicht
die Revolution des
mehr
in einer Gottesebenbildlichkeit begreifen kann.
Die Geschichte des Buchdrucks gehört
zum
Lehrstoff der Schulen, die so unsi-
chere Lebensgeschichte des Friele Gensfleisch, nach seinem
Haus »zum Guten-
Man hat die
Prozeßakte über den
berg« genannt, bietet Nahrung für die Phantasie.
Johann Fust mit dem heruntergekommenen Patri1600 geliehene Gulden geführt hat, und man kennt das Ergebnis dieser
schwierigen Geschäftsverbindung: die 42zeilige lateinische Bibel, 1282 Folioseiten
umfassend und nach einer alten Prachthandschrift gearbeitet, die insgesamt mit
290 Lettern und Zeichen wiedergegeben wird. Die erste Auflage dieses gedruckten
Buches betrug 100-200 Stück, von denen noch 40 Exemplare erhalten sind.
Gutenberg ist seit 1458 zahlungsunfähig gewesen, der typische Erfinder, dem die
finanziellen Probleme über den Kopf wachsen, während Fust mit Peter Schöffer
1457 das Mainzer Psalterium veröffentlichen konnte. Wie es dem Erfinder Gensfleisch nach seinem Bruch mit dem Unternehmer Fust gegangen ist, weiß man
nicht, auch kennt man sein Todesdatum nicht, das Ende 1467, Anfang 1468 liegen
Rechtsstreit, den der Kapitalist
um
zier
dürfte.
Menschen sind
nicht unersetzlich, auch
trat Peter Schöffer, der
Gutenberg war
es nicht.
An
seine Stelle
früher Handschriftenmaler und Illustrator war, also ein
»Gebrauchsgrafiker«. Bis zu seinem Tode im Jahre 1502 hat er die Druckerei des
und übrigens neue Lettern gegossen, die haltbarer und exakter wavon Gutenberg.
Der Buchdruck hätte sich wohl nicht so schnell verbreitet, wenn Graf Adolf von
Nassau nicht Mainz erobert und geplündert hätte, wie es Kriegsbrauch war. Mainz
verlor damals seine Privilegien, d. h. seine Freiheit und wurde Sitz des Erzbistums,
Fust betrieben
ren
als die
man
vertrieb mißliebige Teile der Bevölkerung, so auch die Buchdrucker. Rhein-
aufwärts, donauabwärts, mainaufwärts ziehen die Gesellen der neuen Technik,
begehrte Spezialisten,
wenn
es
ihnen gelang, die Sache zu finanzieren. Straßburg
wird ein Hauptsitz der Schwarzen Kunst, ebenso Köln, Augsburg,
berg. Ein halbes Jahrhundert
wurde, gibt
es in
nachdem
Ulm und Nürngenommen
die erste Druckerei in Betrieb
zwanzig Handelsstädten, vorwiegend
in Süddeutschland,
Druk-
kereien.
Man stelle sich einen großen Raum
vor, dessen Mittelpunkt die schwere Druck-
Die Gesellen stellen, wie das heute noch im Handsatz
für Visitenkarten und Briefköpfe geschieht, die Lettern zusammen. Mit zwei
Lederkissen wurde der Satz geschwärzt, und es gehörte viel Übung dazu, das
presse aus Eichenholz
ist.
gleichmäßig auszuführen. Auch nutzten sich die Lettern schnell ab und die kupfernen Matrizen des Gießinstrumentes noch schneller, so daß Unregelmäßigkeiten
häufig waren. Dann setzt der Geselle den fertigen Satz ein und bedeckt ihn mit
2l6
einem Papierbogen. Von oben senkt
nun
sich
wird die Holzspindel gedreht,
aller Kraft
die Presse mit
dem
Tiegel,
und mit
bis der Tiegel das Papier fest auf seine
Unterlage, den Satz, gepreßt hat.
Das
erste Buch, das eine Mitteilung darüber Enthält,
druckt wurde,
ist
wann und von wem
es ge-
das schon erwähnte Psalterium, das den Schlußsatz enthält:
»Dieses Psalterium
ist
durch die kunstfertige Erfindung zu drucken und Buchsta-
ben zu bilden, hergestellt ohne jeder Schrift mit der Feder, und zu Gottes Ehre
ausgeführt mit Fleiß von Johann Fust, Bürgermeister in Mainz und Peter Schöffer
von Gernsheim anno 1457 am Abend vor Mariä Himmelfahrt«, also am 15. August
1457. Das Buch war zum erstenmal mit den Wappenschildern der Buchdrucker,
an einem Zweig hängend, signiert. Man spürt den Stolz auf die technische Leistung
bei dieser Arbeit. Heute existieren noch 20 Exemplare dieses schönsten Druckes
der frühen Buchgeschichte, das sehenswerteste davon befindet sich in der Nationalbibliothek zu Wien.
Bald druckt man nicht nur Geistliches, sondern auch politische Traktate wie
»Eine Mahnung der Christenheit wider die Türken«, der unter der Form eines
Kalenders die Mahnung an die Christenheit enthält, das ein Jahr zuvor eroberte
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für eine Bildungsexplosion,
die für das
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Zeitalter der Renaissance
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Staatsbibliothek Berlin,
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Psalterium, gedruckt 1457
von Fust und Schöffer in
Mainz. Mit der technischen
Erfindung des Buchdrucks
in den 7,0er und 40er
Jahren des 15. ]h. wird die
Voraussetzung geschaffen
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kennzeichnend
Bildarchiv
ist.
»Der Buchdrucker«
lautet die Überschrift zu
diesem Holzschnitt des
frühen 16. Jh.
Im Hintergrund sind die
Schriftsetzer tätig,
während vorne der
eigentliche Druckvorgang
illustriert wird.
Deutsches Buch- und
Schriftmuseum der
Deutschen Bücherei, Leipzig
Konstantinopel von den Türken zu befreien. Diese Bücher sind bereits etwa wie
die Stundenbücher illustriert, und man hat sehr bald die Holzschnitte, die man
von den Blockbüchern her kannte, in den Satz eingebaut und so jenes Seitenbild
geschaffen, das noch heute jede Zeitungsseite prägt.
Über den Zusammenhang zwischen der Reformation und der neuen Kunst der
Druckerei ist schon viel geschrieben worden. Man weiß, daß nach der Reformation
eine Flut von Druckschriften ganz Deutschland, ganz Europa überschwemmte, so-
weit es an diesem leidenschaftlich geführten Meinungsstreit beteiligt war.
Zwar
übertreffen die katholischen Druckschriften bei weitem die protestantischen
Druckerzeugnisse an Ausgewogenheit und Schönheit der Form, aber die Reformationsschriften, die Flugblätter
und Traktate der Protestanten eroberten das Volk.
Sie waren wie die Lutherbibel in einer deutlichen Sprache geschrieben, die jeder-
mann
verstand.
Die entscheidende Wirkung des Buchdrucks ist nicht, daß mehr Bücher herstellbar waren als bisher, sondern daß die Druckerpresse mit jedem Arbeitsgang neue
Leser schuf;
ger nach
sie ist die
Maßgabe
Schrittmacherin einer Demokratie gewesen, die jeden Bür-
seiner Fähigkeiten
und
seiner Informiertheit ins Zeitgeschehen
einbezieht. Tatsächlich sind die ersten Auflagen für damalige Verhältnisse atem-
beraubend. Der Buchdrucker der Luther-Bibel Hans Luft
2l8
soll
insgesamt 100000
Exemplare gedruckt haben; in Wittenberg verkaufte man von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, die eineinhalb Gulden kostete-, was nicht etwa eineinhalb Mark, sondern heute eher dem Zehnfachen entspricht, in drei Monaten 5000
Exemplare -kaum auszudenken, wie sie handschriftlich hätten hergestellt werden
sollen. So wundert es nicht, daß die meisten Druckereien in protestantischen Händen waren; nur in Köln und Mainz artikulierte sich die katholische Welt. Erst
während der Gegenreformation hat die Druckerei- und Verlagstätigkeit in den katholischen Ländern einen starken Aufschwung genommen. Ein Prachtwerk wie die
Zoologie des Konrad Gesner zeigt aber, wie sich die neue Technik sehr bald auch
neue geistige Formen erschlossen hat und wie das Bedürfnis nach vielseitiger
Information geweckt und befriedigt wurde.
Geschäfte mit Büchern
Ruhe die ihrem Werk hingegebenen
draußen auf der Straße schon die ersten Buchdrucker über Land wanderten. Wenn ein Abt oder Prior, der vielleicht
beim Bischof eines dieser neuen, wie durch Zauberei gedruckten Werke in der
Hand gehalten hatte, einen solchen Buchdruckergesellen einlud, seine Kunst zu
erklären, wurde er von den älteren Mitgliedern des Ordens als leichtfertiger Neuerer angegriffen. Damals waren die Buchhändler nur an den Universitäten anzutreffen sie hießen »stationarii« - noch heute heißt auf englisch der Schreibwarenhändler »stationer« - und hatten die benötigten Bücher für Professoren und
Scholaren bereitzuhalten. Mit den berufsmäßigen Schreibern, den Illuminatoren
und Buchbindern bildeten sie eine Zunft, da ihre Interessenlage gleich war. Mit
ihrem Einfluß, den sie an den Universitäten hatten, versuchten sie, die neumodische Buchdruckerei auszuschalten, jedenfalls in ihrem eigenen Bereich, aber die
Zeit ging über sie hinweg.
Die Buchdrucker ihrerseits standen zunächst außerhalb der Zünfte. Sie mußten
ein Wanderleben führen, da sie von Domkapiteln und anderen kirchlichen Institutionen nur zu befristeten Aufträgen herangezogen wurden. Um eine Druckerei
über Jahre gewinnbringend zu betreiben, fehlte anfangs noch der Markt. Die gebildeten Büchersammler, die Humanisten und Gelehrten, waren übrigens meist
offene Feinde des gedruckten Buches, das ihnen im Vergleich zur einmaligen Kopie
als vulgär und seelenlos erschienen sein mag. Gerade deshalb setzten die Drucker
alles daran, die handgeschriebenen Seiten in Type und Umbruch möglichst echt
nachzuahmen. Auf die Dauer aber konnte sich niemand den Erzeugnissen der
Druckerpressen verschließen, selbst die Klöster richteten eigene Druckereien ein,
und die klösterlichen und fürstlichen Bibliotheken nahmen immer mehr gedruckte
Bücher auf.
Nun kam auch in den Buchhandel neues Leben. Chroniken und Fabeln, Erbauungsbücher und Wahrsagebücher, Kalender und schließlich auch antike Autoren
wurden gedruckt, und weil die Presse in Betrieb bleiben mußte, suchten die Drukker ihren Markt. Zuerst haben die Buchdrucker selbst ihre Bücher angeboten und
In den Klosterstuben saßen in beschaulicher
Handschriftenmaler und Illuminatoren,
als
;
219
damit den eingesessenen »stationarii« Konkurrenz gemacht, später gab es sogenannte Buchführer man kann sie ab 1496 nachweisen. Sie kommen wie fliegende
Händler mit ihrer Ware auf den Markt und machen in der Stadt bekannt, welche
Bücher ihre Wagenladung enthält. Die Kunden werden gebeten, im Gasthof zu
;
was sie mitgebracht haben.
Der bedeutendste Drucker jener Zeit war Anton Koberger in Nürnberg. Er
führte viele Folianten juristischer und theologischer Art, insgesamt über 200 Titel,
und belieferte seine Filialen in Frankfurt, Paris und Lyon. Sein gesamteuropäischer
Markt bot ihm so große Chancen, wefl die Masse seiner Druckwerke in der Gelehrtensprache Latein abgefaßt war. Schon damals stand ein solcher Mann in
Geschäftsverbindung mit Buchhändlern in Italien, Holland, England, Polen,
Österreich und Ungarn, und seine Buchführer bereisten ganz Europa.
Wenn ein großes Werk hergestellt werden sollte, schlossen sich ein Buchdrukker, ein Holzschneider und ein Kapitalgeber zusammen; so geschah es auch, als
Koberger im Jahre 1492 die berühmte Schedelsche Weltchronik herausbringen
wollte. Sie sollte in Deutsch und Lateinisch erscheinen, und zwar waren zwei Auflagen vorgesehen, eine mit bemalten und eine mit unbemalten Holzschnitten. Am
Gewinn waren die Teilhaber dieses Unternehmens, Verfasser und Übersetzer inbegriffen, auf verschiedene Weise beteiligt.
Alle Bücher, die vor dem Jahre 1500 gedruckt wurden - im Norden bis zum Jahre
1550 -, nennt man »Inkunabeln« (lateinisch cunabula Wiege) Erst um die Wende
besichtigen,
:
zum
man
um
.
Vergangenheit bemühte, begann man jene frühen Drucke zu sammeln, von denen nicht viele mehr
vorhanden waren. Unschätzbare Werke sind im Dreißigjährigen Krieg in Flammen
aufgegangen, ganze Klosterbibliotheken wurden im Bauernkrieg vernichtet oder
als Makulatur verkauft. Allein in den Bauernkriegen sind in Thüringen 70 Klöster
geplündert und ihre Schätze vernichtet worden, wie ja in solchen Zeiten überhaupt
wenig daran liegt, Vergangenes zu bewahren. Die katholischen Bibliotheken blieben bis in neuere Zeit bestehen. Im Jahre 1773 wurden die Jesuitenbibliotheken
aufgehoben, und 1803 traf die Bestimmung über die Verstaatlichung des Kirchen-
und
19. Jahrhundert, als
sich überall
die Schätze der
Klosterbesitzes die Bücherschätze hinter Klostermauern. Sie wechselten ihren
Standort, oft pietätlos behandelt oder gar verschleudert, meist aber geschlossen,
und wurden in die Hofbibliotheken und Universitätsbibliotheken aufgenommen.
Erst jetzt konnten die alten Drucke einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden, und man begann, sich für die Geschichte des Buchdruckes und die Erhaltung der Inkunabeln zu interessieren.
Was im Sturm der Zeiten untergegangen ist, läßt sich nicht einmal annähernd
schätzen. Vor allem die Reformation in ihrer revolutionär aggressiven Phase hat
in vielen
europäischen Ländern üble Folgen gehabt,
Buchdruckereiwerkstatt mit der Presse
Gutenbergs bestand nicht
in
am
in der
schlimmsten
in
England.
Mitte des Bildes. Die Leistung
der Erfindung von beweglichen Lettern,
sondern darin, daß er den technischen Vorgang des Gießens mittels eines von
ihm erdachten Handgießinstruments vereinfachte. Französische Miniatur,
Anfang 16. ]h. Privatsammlung, Paris
4
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NGOLSTADII
Vermessung einer Turmhöhe
c^V".
AN» M.D.XXXUI,
mit
dem Astrolabium.
Holzschnitt aus
dem Instrumenten
buch des Petrus Appianus. Ingolstadt, 1533. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
dem 14. Jahrhundert stammende, unschätzbare UniversiOxford
im Jahre 1550 von Sonderbeauftragten König Eduards
von
tätsbibliothek
Bücher teils verbrannt, teils verkauft wurden. Einige
die
wobei
VE ausgeplündert,
Hier wurde
z.
B. die aus
Jahre später verkaufte
man
selbst die leeren Regale.
Für ein Festfeuerwerk in
Kopenhagen im Jahre 1634 anläßlich einet Fürstenhochzeit wurden Massen von
alten Pergamenthandschriften als Kartuschen für die Feuerwerkerei verwandt,
und nicht selten stößt man noch heute auf
alte
Bücher, deren Deckel aus noch älte-
ren Handschriften verstärkt oder die mit Resten von alten Codices geflickt und
wurden.
Wahrhaft unglaublich ist die Entdeckungsgeschichte einer dieser alten Schriften, des Codex Sinaiticus. Der Gelehrte Konstantin Tischendorf (1815-1874), der
versteift
Lebensaufgabe gestellt hatte, eine exakte, textkritisch einwandfreie Übersetzung des Neuen Testamentes vorzulegen, war nach Arbeiten in Paris, in Engsich die
land
und Holland
in
den Orient gereist,
um dort nach alten
Handschriften zu fahn-
kam auch ins Katharinenkloster auf dem Sinai, wo ein Haufen ungebildeter
Mönche ganz offensichtlich die unglaublichsten Schätze alter Papyri verwaltete.
den. Er
Ausrangierte Bücher wurden verbrannt, und Tischendorf entdeckte eines Tages
einen Papierkorb, vollgestopft mit alten Handschriften, und erfuhr, daß es sich
um
ausrangierte Werke handele dies sei schon der dritte Korb, dessen Inhalt man verbrennen wolle. Tischendorf zog 43 Blätter heraus, die heute als Codex Sinaiticus
weltberühmt sind und die älteste Handschrift des Alten Testaments darstellen. Die
;
restlichen 86 Blätter, die sich Tischendorf ebenfalls erbat, überließen
Mönche
nicht. Erst eine
spielten
ihm den Codex
ihm
die
Reihe von Zufällen und abenteuerlichen Verwicklungen
selbst in die
Hand, so daß 1862 zur Tausendjahrfeier der
Codex gedruckt
russischen Monarchie und der Einführung des Christentums der
vorgelegt werden konnte.
Daß
der Inhalt auch dieses Papierkorbes nicht verbrannt
von Zufällen zu danken - und niemand wird je erfahren,
welche Manuskripte vor dem Auftauchen Tischendorfs auf dem Sinai existiert haben und vernichtet worden sind, kein Opfer der Gewalt, sondern der menschlichen
wurde,
ist
also einer Kette
Dummheit.
Unter den Augen des Zensors
Für den französischen Kronprinzen, den Dauphin, ließ König Ludwig XIV. durch
zwei Gelehrte eine Ausgabe der antiken Klassiker veranstalten,
gen Stellen
getilgt
waren. Sie wurde gekennzeichnet mit
in der alle anstößi-
dem Zusatz
»ad
usum
Delphini«, also »für die Benutzung durch den Kronprinzen«, und damit wußte je-
um ein sauberes, wenn auch unvollständiges Werk handelte.
Der Sonnenkönig verfuhr bei dieser Gelegenheit wie jeder Herrscher, was Informationen angeht, mit allen seinen Untertanen nur allzu gerne verfahren würde,
selbst im Zeitalter von Funk und Fernsehen. Solange die Manuskripte mühsam
mit der Hand kopiert werden mußten, gab es zwar auch eine Kontrolle, eine Überwachung der Denkweisen - man denke nur an die Auseinandersetzung zwischen
Galilei und der Inquisition -, aber erst der massenweise Druck von Büchern, deren
der Leser, daß es sich
223
Verbreitung so schwer zu kontrollieren war,
stellte das Problem in voller Schärfe:
Druckwerke von Ketzern und Häretikern waren Teufelswerk, Unrat und Schmutz,
also mußte gesäubert werden. Dies geschah, indem man die Werke solcher Männer
wie Luther, Zwingli oder Calvin aus dem Verkehr zog und vernichtete.
Die Kirche erließ bereits 1559 einen Index librorum prohibitorum, ein Verzeichnis verbotener Bücher, mit dessen Hilfe alle kirchlichen Bibliotheken gesäu-
werden konnten. Zwanzig Jahre später gab der Spanier Arias Montanus im
II. und des Herzogs Alba einen »Index purgatorium«, eine Reinigungsanleitung fiirT>ücher heraus. Wie diese Reinigungen funktionierten, kann man aus den Restbeständen der Münchner Jesuitenbibliothek abbert
Aufträge seines Königs Philipp
lesen,
die
heute in der Staatsbibliothek stehen.
Was
aus
den katholischen
Verlagsorten kam, blieb meist unbeanstandet, da es ohnehin den Segen der kirch-
Buch aus einer protestantischen Druckerei mußte
durchgesehen und auf Stellen geprüft werden, die den Leser gefährden könnten;
sie wurden geschwärzt oder überklebt auch die Namen der Drucker und Verleger,
lichen Stellen hatte. Jedes
;
wurden unkenntlich gemacht.
den Glauben betreffenden Schriften wurde
die offenbar als Informationsquellen galten,
Die kirchliche Vorzensur für
alle
schon 1515 angeordnet; Deutschland als der Unruheherd war schon 1501 von der
Zensur betroffen worden. In der Bulle Inter multiplices von Papst Alexander VI.
heißt es: »Da wir erkannt haben, daß durch die Buchdruckkunst sehr viele Bücher
und Abhandlungen in den verschiedenen Teilen der Welt, namentlich im kölnischen, mainzischen, trierischen und magdeburgischen Sprengel gedruckt worden
sind, welche viele Irrtümer und verderbliche, ja selbst der christlichen Religion
feindliche Lehren enthalten, so verbieten wir - bestrebt, jener derartigen abscheuungswürdigen Verderbnis ohne Aufschub entgegenzutreten - allen Buchdruckern insgemein bei Strafe der Exkommunikation und bei einer Geldstrafe
.
.
.
Zukunft Bücher, Abhandlungen oder irgendwelche Schriften
drucken oder drucken lassen, ohne zuvor die Erzbischöfe oder genannten Stellvertreter um Rat zu fragen und ohne die besondere und ausdrückliche Erlaubnis aus.« Das hat, so schwerwiegend auch die Drohungen waren, wegewirkt zu haben
nig genützt, und schon hier zeigte sich, daß auf die Dauer die Wahrheit stärker
ist als die Zensur; mit dem Buchdruck hat sich mehr verändert als die Methode,
ernstlich,
daß
sie in
.
.
Bibeltexte zu vervielfältigen.
Der geistlichen Zensur
folgte die der weltlichen
Mächte. In Speyer
ist
die
Vor-
zensur 1529 zum Reichsgesetz erhoben worden, und Kaiser Maximilian II. richtete
in Frankfurt a. M., der damaligen Zentrale des deutschen Buchhandels, eine kaiserliche
Bücherkommission
ein.
Zu
stark
war
lutionären Schriften auf die Bauern gewesen,
len, die Freiheit des
die
als
Wirkung
daß
man
der bürgerlichen revo-
es sich hätte leisten
wol-
gedruckten Wortes zuzulassen. Diese Freiheit gehört denn
auch zu den Forderungen
aller Revolutionäre in ganz Europa. Bald ging es in dieauch nicht mehr um geistliche Glaubensinhalte, sondern um politische Ansichten.
sem Ringen
ja
Das Schema der Säuberung, der Zensur und Schwärzung beanstandeter Stellen
Preußen wurde am Vorabend der Französischen
Revolution im Jahre 1788 ein Zensur-Edikt eingeführt, das bis zum Revolutions-
blieb, die Inhalte wechselten. In
224
jahr 1848 Gültigkeit behielt. Ebenfalls bis dahin galten die berüchtigten Karlsbader
Beschlüsse vom Jahre 1819 mit ihrer Vorzensur für alle.Druckschriften unter 20
Bogen Umfang für alle deutschen Bundesstaaten.
Das Verbot von Druckerzeugnissen ist nur eine harmlose Unmutsäußerung der
Obrigkeit, verglichen mit der Bücherverbrennung. Nicht die achtlose Bücherverbrennung ist gemeint, etwa wenn römische Bäder in frühchristlicher Zeit mit alten
Papyri geheizt werden, weil die heidnischen Texte in dieser Zeit ohnehin keine
Bedeutung haben, oder wenn plündernde deutsche Landsknechte auf den Marmorfliesen des Vatikans aus alten Büchern ein Feuer anzünden, um sich zu wärmen, sondern die Bücherverbrennung als juristischer Akt. Die Fülle der Beispiele
ist unübersehbar; so verordnete die Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1 767, »daß
die Besitzer freigeisterischer Schriften dieselben binnen acht Tagen selbst verbrennen, im Unterlassungsfälle aber
mit der gegen das Laster der Freigeisterei
.
.
.
Bücher aus dem Besitz Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg (1564-1633).
Das Sammeln von seltenen Buchausgaben ist seit der Erfindung des Buchdruckes
ein weitverbreitetes Hobby in gebildeten Kreisen. Kunstsammlungen der Veste Coburg
verhängten Strafe belegt werden sollten«. Diese Praxis, beanstandete Bücher
durch Feuer zu vernichten, hat einen theatralischen Effekt, der bis in die neueste
Zeit von den verschiedensten Positionen her ausgenutzt worden ist. Derlei war of-
So sagt ein Bericht aus dem Jahre 1730, daß die Schrift
Marquis de Prie in Druck gegeben worden
war, »öffentlich durch den Henker verbrannt« worden sei. Das war ein sozusagen
fenbar
seit jeher üblich.
eines Generals Bonneval, die gegen den
öffentlich durchgeführter Strafvollzug in
stand
mehr
einem Zivilprozeß, aber nicht
selten
dahinter.
Goethe schreibt in seinen Erinnerungen: »Wir mußten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein, und es ist wohl wahr zu gedenken, daß auch ich bei der Verbrennung eines Buches gegenwärtig gewesen bin. Es war der Verlag eines französischen komischen Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten
schonte. Es hatte wirklich etwas Fürchterliches, die Strafe an einem leblosen
Wesen ausgeübt zu sehen.« Er schildert, wie das Feuer mit Ofengabeln geschürt
wurde, so daß die angebrannten Blätter in der Luft herumflogen, und die Leute
haschten gierig danach. »Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar aufgetrieben, und es waren nicht wenige, die sich das verbotene Vergnügen gleichfalls zu
verschaffen wußten. Ja, wenn es dem Autor um Publizität zu tun war, so hätte
er selbst nicht besser dafür sorgen können.« Lessing hat auf die Buchverbrennung
mit edlem Unwillen reagiert: »Denn ein solches Verbrennen hat die Absicht nicht,
das Buch gänzlich zu vernichten es soll diese Absicht nicht haben, es kann sie nicht
haben. Es soll und kann allein ein öffentlicher Beweis der obrigkeitlichen Mißbilligung, eine Art von Strafe gegen den Urheber sein. Was einmal gedruckt ist, gehört
der ganzen Welt auf ewige Zeiten. Niemand hat das Recht, es zu vertilgen. Wenn
er es tut, beleidigt er die Welt unendlich mehr, als sie der Verfasser des vertilgten
Buches, von welcher Art es auch immer sei, kann beleidigt haben.« Das war ein
Fortschritt gegenüber Luther, der am 10. Dezember 1520 vor dem Elsterntor in
Wittenberg die päpstliche Bannandrohungsbulle und die Bücher des kanonischen
Rechtes ins Feuer geworfen hatte.
Immer wieder, man weiß es, sind Bücherverbrennungen als politisches Fanal
benutzt worden, zuletzt im Dritten Reich der Nationalsozialisten, aber auch im
China der Kulturrevolution. Es scheint, daß gewisse Handlungsweisen bereits
Ritualisierungen darstellen, gegen die alle Vernunft machtlos ist. Freilich hat sich
inzwischen der Kampf der Herrschenden um die Informationsmittel auf eine andere Ebene verlagert es geht heute nicht mehr um Druckereien und Bücher, kaum
noch um den Einfluß in den Zeitungsredaktionen, sondern vor allem um die Massenmedien, gegen die es kein anderes Mittel gibt als den direkten Griff nach den
Redaktionen oder als die Gehirnwäsche für die Opfer.
;
;
Die Schule der Philanthropen
Zum
erstenmal erscheint im Jahre 1648 in einem Reformvorschlag für das Schulwesen das Rechnen als Pflichtfach. Der äußerst fromme Herzog Ernst von Sach-
sen-Coburg-Gotha (1601-1675) hatte den Rektor des Gothaischen Gymnasiums
226
beauftragt, eine Enquete über das Bildungswesen durchzuführen. Sein sogenannter Specialbericht oder,
schlug vor,
12. Jahr
alle
wie er auch später genannt wurde, »Schul-Methodus«,
Kinder, Knaben und
sommers und winters
Mädchen
sollten
die Schule besuchen.
sollten sie schulfrei haben, weil sie auf'
dem
vom
vollendeten
Nur während
5. bis
zum
der Erntezeit
wurden. Als Unterund Schreiben, Singen und Rech-
Feld gebraucht
richtsfächer schlug er Katechismuslehre, Lesen,
nen vor. Später kamen noch andere Fächer hinzu, eine Art Staatsbürger- oder besUntertanenkunde von »geist- und weltlichen Landessachen«, und der
Unterricht in »natürlichen Dingen«.
ser
Als diese Vorschläge auf den Tisch des regierenden Fürsten kamen, fristeten die
Lehrer ein Hungerleiderdasein. »Es
kam
nicht selten vor, daß sie den Bauern für
Vieh hüteten.« Herzog Ernst, spöttisch als Bet-Ernst
Aufgabe ernst. Er setzte dem Lehrer ein festes Gehalt aus,
dazu »8 Malter Korn, freie Wohnung und Gartengenuß, freies Holz und steuerfreies Getränk«. Die Unsitte, daß der Lehrer sich in jedem Jahr um sein Amt neu
bewerben und es gleichsam vorkaufen mußte, wurde abgeschafft, auch richtete
man eine Witwenkasse ein. Dieser Schulmethodus war die erste staatliche Volksschulordnung, und das Modell dieser Schulen als »Veranstaltungen des Staates«
machte als fortschrittlichste Lösung bald auch in anderen Staaten Deutschlands
Schule. Sachsen-Weimar, Hessen-Darmstadt und schließlich Württemberg folgten mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht.
Bezeichnend für die Tendenzen der Zeit war auch der Vorschlag, sich mit der
Natur zu beschäftigen. Am stärksten ist dieser Zug zuerst bei dem letzten Bischof
böhmischen Brüdergemeinde Johann Arnos Comenius
der sogenannten
ein Stück Brot nebenbei das
glossiert,
nahm
seine
(1592-1670) hervorgetreten, dessen »Orbis sensualium pictus« viele Generationen von Kindern mit der Umwelt vertrauter gemacht hat. Dieses Buch bot ein
Abbild der sichtbaren Welt, oft ungelenk, aber doch nicht ohne Realismus. So sah
auch der Ernestinische Schul-Methodus ein Ziel des Unterrichts im Anschaulichen Der Zeitabstand zwischen Blitz und Donner sollte den Kindern in der Schule
:
einem Büchsenschuß klargemacht werden.
als die äußeren Reformen im Herzogtum Coburg-Gotha war diese
Tendenz zur anschaulichen Sachlichkeit, die auch die höheren Schulen erfaßte.
Nicht mehr die mechanische Leier lateinischer Floskeln und Regeln zählte, sonz.B. an
Wichtiger
dern
man verlangte vom Schüler, daß er einen
Geschäftsbrief in deutscher Sprache
schreiben könne, übte sich in freier Rede, nicht nur auf lateinisch,
und gab
Geschichte und Erdkunde, wobei Landkarten benutzt wurden. Alles das war neu-
und verschaffte dem Gothaischen Gymnasium einen ausgezeichneten Ruf.
Das erste Lehrerseminar ist mittelbar aus den pädagogischen Bemühungen in
Gotha hervorgegangen, denn es ist eine Gründung des Pietisten August Hermann
artig
Franke (1663-1727), der seinerseits Schüler der Gothaischen Schule gewesen ist.
Franke ist bekanntlich Professor und Prediger in Halle gewesen, ein Mann von
entwaffnender Frömmigkeit, der mit dem Inhalt einer Armenbüchse - sieben
Sechzehngroschenstücken - seine Bildungspolitik anfing. Das ist, sagte er, ein
ehrlich Kapital, davon muß man was Rechtes stiften, ich will eine Armenschule
damit anfangen. Ein armer Studiosus erhielt den Auftrag, arme Kinder täglich
22 7
zwei Stunden zu unterrichten, wofür er selbst wöchentlich sechs Groschen erhalten würde. Noch in demselben Jahr wurde das Internat gegründet, ein sogenanntes
Pädagogium, im Jahre 1695 folgte das Waisenhaus, das 1701 ein eigenes Gebäude
zum Jahre 1722 saßen schon 156 Lehrer am »Ordinari-Tisch«, wo übrigens nicht viel mehr als Biersuppen und Hafergrützen auf den Tisch kamen, auch
Erbsen, Milch, Eier und Fleisch höchstens dreimal wöchentlich.
Diese Gruppe von Lehrern, die sich in den »Dingen, so zum Schulwesen gehörten, übten«, stellte eine Art Seminarium praeceptorum dar (lateinisch seminarium: Baumschule, Pflanzschule). D£r verzweifelte Ernst des christlichen »Bußkampfes«, der von Franke als Weg zur Seligkeit erlebt wurde, und die
Verteufelung jeder weltlichen Lust - Tanz und Theater wurden völlig negiert erhielt. Bis
war der im Schulerwurzelnde Realismus. Am Pädagogium gab es erstmalig Zeichenunterricht, und die Kinder lernten allerlei Handfertigkeiten wie Drechseln, Gläserschleifen, Papp- und Holzsägearbeiten, wie sie später als Laubsägearbeiten
weitergeführt wurden. Auch begriff man, daß Schüler, die man mit biblischer
Geschichte, Katechismus, französischen Vokabeln und deutscher Grammatik vollstopfte, Entspannung brauchen. Andererseits sollte das Kind nicht müßig gehen,
sondern Nützliches tun. So erfand man die »Reaktionsübungen« und lehrte dabei
so seltsame Dinge wie Servietten falten, Äpfel schneiden oder Vögel ausstopfen.
Zu den zahlenden Schülern gehörten eine ganze Reihe von Jungen aus dem
Landadel, dessen Einfluß mächtig war. So kamen einige Lehrstoffe in den Unterricht, die sich in dem frömmelnden Milieu des Schulvaters Franke etwas fremd
ausnahmen. Die Zucht war streng, die Schüler lebten eigentlich keine Minute ohne
Aufsicht; wenn sie sich an den nahen Universitäten immatrikulierten, zählten sie
zu den wildesten Studenten. Franke hat dies bis an sein Lebensende nicht verstehen
können und den Eltern im übrigen geraten, für ihre Söhne auf den Universitäten
zuverlässige Hofmeister zu bestellen. Diese Männer mußten alle Künste beherrschen, die von einem »Herrn von Stand« verlangt wurden. Dazu gehörten das
Fechten, ein gepflegtes, elegantes Französisch, eine gewisse Weltkenntnis und
Lebensart, kurzum die Kenntnis aller Signalements, die sie als Angehörige der
herrschenden Klasse auswiesen. Es gab für die jungen Adligen aber auch besondere
höhere Schulen, die sogenannten Ritter-Akademien, deren Lehrplan auf die
Bedürfnisse des Landadels zugeschnitten war, so das illustre Collegium zu Tübingen (gegr. 1589) und das Collegium Mauritianum zu Kassel (gegr. 1599).
Wenn die Pietisten, verkörpert durch Franke, den Akzent der Erziehung auf
bilden die Schattenseiten jener Einrichtungen. Fortschrittlich
lebnis Frankes
Frömmigkeit und Nützlichkeit legten, im Menschen aber eher ein der Sünde verfallenes Subjekt sahen, so stand eine neue Generation auf einem ganz anderen
(vorhergehende Doppelseite
Das Naturalienkabinett
des Ferrante Imperato. Seit
man
in
der Renaissance
menschliches Forschungsfeld neu entdeckt hatte, begann das Sammeln
der verschiedenen Arten, sei es in der Pflanzenkunde oder der Zoologie.
Titelkupfer aus »Dell'historia naturale di Ferrante Imperato Napolitano libri
die
Natur
als
XXVIII«, i6j2. Biblioteca Marciana, Venedig
Standpunkt. Ihrer Ansicht nach war der Mensch nicht von Anbeginn durch die
Erbsünde verdorben, sondern von Natur gut. Man müsse ihn nur entsprechend
seinen guten Anlagen behandeln, und er werde sich
frei und natürlich zu einem
Menschen entwickeln, der idealen Vorstellungen gerecht werde. Bei diesen
Gedankengängen hatte die Philosophie eines Rousseau Pate gestanden, pädagogisch wirkte sie sich in einer Entkrampfung des Unterrichts aus. Zunächst einmal
wurde der unsinnige Gebrauch der Prügelstrafe eingedämmt; die Philanthropen,
wie
was
fiel
man diese Richtung bezeichnete,
er begriffen
forderten ferner, ein Schüler solle nur lernen,
habe - und das hatte weitreichende Konsequenzen. Denn damit
das stumpfsinnige Büffeln des Katechismus, der ganze Ballast des auswendig-
gelernten, aber nie verarbeiteten Wissens, die Pedanterie des bisherigen Unter-
weg. Zu den bedeutendsten Vertretern des Philanthropismus in Deutschland
Johann Bernhard Basedow (1723-1790), der 1774 das »Philanthropinum« in
Dessau begründete und damit eine neue Welle reformerischer Bewegungen im
Schulwesen einleitete. Auch der Schriftsteller Joachim Heinrich Campe, der als
richts
zählt
Lehrer an dieser Anstalt wirkte, gehört in diesen Kreis.
im 16. Jh. Wie man
Hand abgenommen und der Lehrer
Eine Schulklasse
der
des Schülers
,
,
dieses
sieht
,
wurden Prüfungen mit der Rute
Instrument der Züchtigung auch
Holzschnitt. Staatsbibliothek Berlin
,
in
scheute sich nicht im Falle eines Versagens
Bildarchiv
,
in der Praxis
anzuwenden.
»Verbesserte Erziehung« heißt der Titel zu diesem Kupferstich von Daniel
Chodowiecki (r/26-1801). Die sogenannten Philanthropen vertraten
eine pädagogische Richtung die sich gegen die bislang üblichen Unterrichtsmethoden wie z. B. die Prügelstrafe und das sture Auswendiglernen des
Katechismus, wandten. Als Alternative propagierte man einen spielerischen
Lernprozeß im Einklang mit der Natur. Kupferstichkabinett Dresden
,
,
,
Gegen
die
Orthodoxie und strenge Bibelgläubigkeit der alten
stellten die
jungen
Pädagogen die »natürliche Religion«, man sah in Wald und Feld, der Romantik
folgend, den »großen Tempel der Natur«, und unter dem erhabenen Gewölbe des
Himmels - Kant hat ihn mit dem MoraJgesetz verknüpft, Beethoven dieses
Lebensgefühl im Schlußchor der »Neunten« in Musik umgesetzt - sank man in
die Knie und ehrte den Schöpfer.
Die Natürlichkeit der überzeugten Philanthropen hatte weitreichende Konsequenzen. So wünschte man, schon kleine Kinder mit Zeugung und Geburt bekannt
zu machen, ja man forderte, die Kinder sollten bei der Niederkunft der Mütter anwesend sein, eine Forderung, die weit über das heute geforderte Maß an Aufklärung hinausgeht.
Die Lehrmethodik zielte darauf ab, das Lernen, den natürlichen Anlagen des
Kindes entsprechend, spielerisch zu gestalten, auch sollte Anschaulichkeit oberstes
Gebot sein. Basedow selbst zeigte, mit seinen Schülern spazierengehend und spielend, wie man Latein gleichsam nebenbei einfließen lassen könne, Schritt für
Schritt fortschreitend, indem man an Wolke und Busch, Baum und Haus, Ball und
Feld ankniipfte. Rührend mutet der überschwengliche Ausruf an: »O wohl dir, du
liebe junge Nachwelt: du lernst Latein, Latein ohne Rute und Stock!«
In jenen Zeiten sind die ersten Jugendbücher entstanden, man richtete wie einst
schon unter Comenius Naturalien und Technische Cabinette ein, und man forderte, was heute in den sozialistischen Ländern neu in den Unterricht eingeführt
worden ist, nämlich die Arbeit außerhalb der Schule. Der Schüler, so sagte man,
solle ein paar Wochen lang den Beruf des Bergmannes, des Seemannes, des Kaufmannes oder sogar Soldaten nicht nur aus dem Unterricht kennenlernen, sondern
praktisch erleben können. Das wurde dann auch anderswo praktiziert. Nach der
braunschweigisch-liineburgischen Schulordnung von 1737 sollten die Schüler
Mühlen und Webstühle, Drahtziehereien und Salzsiedereien, Küchengeräte und
die Anatomie der Schlachttiere kennenlernen, anderswo unterrichtete man
Hydraulik und Miinzwesen oder gar bürgerliche Baukunst. Aus diesen Bemühungen entstand in Berlin die erste Realschule im Jahre 1747, eine Gründung von
Johann Julius Hecker, der Lehrer an den Frankeschen Anstalten gewesen war.
Dieser Zug ins Praktische, Hausbackene nahm bald überhand, und so verblaßten
die idealen Ansätze dieser pädagogischen Richtung zugunsten eines beschränkten
Nützlichkeitsfimmels. Selbst ein so begeisterungsfähiger Mann wie Campe hat
sich gelegentlich dazu hinreißen lassen, das Verdienst des Braunschweiger Bierbrauers Christian Mumme höher zu stellen als das des Homer.
Am wichtigsten war, daß die Philanthropen erstmals eine körperliche Erziehung
Abhärtung des Körpers, Spiele und Tanzen, SchlittschuhVerantwortung der Schule einbezog. Sogar regelrechte
Strapazen, lange Märsche, längeres Hungern und Nachtwachen wurden als Übunforderten, die z.B. die
lauf
und Schwimmen
in die
gen durchgeführt.
Es gibt kaum eine pädagogische Idee des 19. oder 20. Jahrhunderts, die nicht in
jenen Zeiten schon im Ansatz erkennbar gewesen wäre. Freilich erreichten diese
Reformversuche nur eine schmale, bürgerliche Schicht, und nur jene Kinder kain den Genuß der neuen Methoden, deren Eltern das Schulgeld aufbringen
men
233
konnten. Die allgemeine Schulpflicht war durchaus noch nicht überall eingeführt,
und
so vegetierten die Elementarschulen unter oft absonderlichen Verhältnissen.
Man gründete zwar überall Schulen für arme Kinder,
tel,
und
selbst
wo
aber ohne ausreichende Mit-
der Schulbesuch obligatorisch war, blieb der Lehrer ein armer
Schlucker. Für die Kinder der
Armen
gab es
allenfalls
Armenschulen, aber noch
keinen Schulzwang. Bis weit ins 19. Jahrhundert konnte der Lehrer in Preußen
kaum ohne Nebenverdienst auskommen, und meist war es ein Handwerk, das der
um leben zu können. Nach einer preußischen Verordnung von
waren
nur
Schneider, Leineweber, Rademacher und Zimmerleute zum
1722
Schulamt zugelassen, später wurden die Schneider, falls sie nicht Lehrer oder
Küster waren, vom platten Lande verbannt, so blieb die Schule das Monopol der
Schneider, bis Friedrich der Große 1771 feststellte, »daß die Schneiders schlechte
Schulmeisters seindt«. Seit 1779 wurde das Schulamt zur Altersversorgung für die
Invaliden der Armee, und der schnauzbärtige Unteroffizier mit Stelzfuß zog ins
Lehrer ausübte,
preußische Schulhaus ein, eine martialische Gestalt, deren Geist die Schulstuben
noch lange beherrscht
hat.
Siege
der Vernunft
Gelehrsamkeit unter Perücken
Prinzipien der Vernunft
chersammlungen und Büchernarren
Schrittmacher der Revolution
Zwischen Noah und Darwin
Begegnung mit dem Kosmos
Entschlüsselung der Materie
Gelehrsamkeit unter Perücken
Ein Professor des 17. Jahrhunderts war eine mächtige Erscheinung, die schon im
äußeren Auftreten etwas von ihrer inneren Würde ausstrahlte. Damals trug man
keinen Bart, wohl aber eine winzige Schnurrbartfliege, die dem Gesicht einen
leicht verwegenen Ausdruck gab. Der Schädel, mit der Allongeperücke bedeckt,
wirkte mächtig, und der stattliche Rohrstock mit dem goldenen Knauf verstärkte
diesen Eindruck. Elegant und doch majestätisch pflegten sich diese Herren zu geben, denen auf der Straße jeder seine Reverenz erwies. In Leipzig mußten die Soldaten vor dem Rektor der Universität präsentieren, die Professoren der Theologie
trugen dort den Titel Excellentia. Die aufquellende Gelehrtheit dieser Herren
nahm immensen Umfang
an, ein geistliches und geistiges Barock, wie es sich in
Baukunst und Musik auch äußerlich manifestierte.
Das wissenschaftliche Leben spielte sich in Zirkeln ab, in gelehrten Societäten
und Akademien. Es gab in jeder Universitäts- und Residenzstadt solche »deutschen
Gesellschaften«, Diskussionsrunden im Hause eines Mitgliedes, und viele noch
heute existierenden wissenschaftlichen Gesellschaften führen ihre Existenz auf
Gründungen zurück. Das französische Vorbild war maßgeblich, seit unter
Ludwig XIV. auf Veranlassung des Ministers Colbert die Akademie der Wissenschaften in Paris gegründet worden war. Damals gab es in den größten Städten
Frankreichs Kollegien der Jesuiten, in denen Zoologie, Botanik, Anatomie usw.
getrieben wurden, insgesamt etwa 100, und die Astronomie war so in Mode gesolche
kommen, daß
in dieser Zeit
etwa 50 private Observatorien betrieben wurden.
Leibniz, einer dieser barocken Gelehrten, der letzte Philosoph mit
einem uni-
versalen, alle Gebiete des menschlichen Forschens umfassenden Wissen, hat für
die
Gründung
eine bedeutende Konzeption geliefert, die Idee einer »Gelehrtenre-
publik«, die »aufhören müsse, bloßes
segensreiche
Macht solle
sie sein,
Wort zu
sein«. Eine große, wohlgeordnete,
»ein Föderativstaat gelehrter Gesellschaften,
um
Menschheit durch die Wissenschaft zu leiten und zu befördern«. Dieser hochgemute Glaube an die Kraft der Vernunft und die Überlegenheit
der Wissenschaft - ein Wort, das damals einen mächtigen, mitreißenden Klang
bekommt - befähigt ihn, an verschiedenen europäischen Fürstenhöfen seine Vorstellungen durchzusetzen, so bei Katharina der Großen in St. Petersburg und in
Preußen unter Friedrich I. Hier geht sein Vorschlag dahin, die »Academie des
Sciences et des heiles lettres«, als »Akademie der Wissenschaften und der Literatur« später hochberühmt, erst einmal durch den Verkauf von Feuerspritzen und
Kalendern zu finanzieren er hat für die Zwecke der Akademie den Buchhandel
gewinnbringend organisieren wollen und Vorschläge gemacht, das Bernsteingeschäft der Königlich-Preußischen Bernsteinmanufaktur in Palmnicken an der
Samlandküste über Rußland nach China in Gang zu bringen.
Leibniz, der erste Präsident der Akademie, hat sich mit den beengten Verhältnissen in Berlin schwergetan. Mit der Akademie in Paris, die sich wie Bagdad sogar
eine eigene Sternwarte geleistet hatte, konnte man einstweilen nicht konkurrieren. Unter dem sogenannten Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen ist
die Zivilisation der
;
236
Eine Gelehrtensitzung der Academia del Cimento
in Florenz.
Neben den
Universitäten konzentrierte sich das wissenschaftliche Leben in den sogenannten
Akademien, wo die hervorragendsten Gelehrten der Zeit zu gedanklichem
Autausch zusammentrafen. Kupferstich aus »Serie di ritratti d'uomi illustri
Toscani«, Bd.
4. 18. }h. Istituto e
Museo
di Storia della Scienza,
*
Florenz
/
es der
Akademie zeitweise übel ergangen. Die Mitglieder
dieser Institution be-
zeichnete der König spottend als »königliche Narren«, und den derzeitigen Präsi-
denten, den Historiographen
J.
P.
Freiherr von Gundling, gewiß ein Freund des
dem Krückstock Verprügelt und 1731 nach
dessen Tod in einem Weinfaß bestatten lassen. Friedrich der Große hat zur AkadeWeines, hat
er höchst
eigenhändig mit
mie auch nicht eben positiv Stellung bezogen »Man brachte Friedrich II. die Überzeugung bei, zu seinem Königtum gehöre eine Akademie, so wie man einem frisch
Geadelten aufbindet, es schicke sich für ihn, eine Meute zu halten.«
Immerhin hat König Friedrich I. Männer wie Leibniz und Thomasius protegiert,
während unter dem französisch orientierten Friedrich II. von Preußen nur die
Naturwissenschaften einige Erfolge boten. Lessing, von Voltaire als Feind der
französischen Bildung hingestellt, wurde gleichwohl von den Mitgliedern der
Akademie erwählt - mit dem Erfolg, daß der König der Akademie dieses Wahlrecht
entzog und sich nach dem Tode ihres Präsidenten Maupertuis, des französischen
:
Die französische Akademie der Wissenschaften und der Schönen Künste
in Paris wurde unter Ludwig XIV. auf Empfehlung seines Ministers Colbert gegründet.
Allegorische Darstellung gestochen von Sebastian Leclerc (163J-1J14).
Staatsbibliothek Berlin Bildarchiv
,
,
Mathematikers und Physikers, selbst zum Präsidenten machte. Welch bedeutenMann er mit Leonhard Euler (1707-1 783) hatte, der die analytische Mathematik weiterentwickelt und mit ihrer Hilfe wichtige mechanische Probleme gelöst
hat, ist dem König nicht aufgegangen. Er ließ ihn ohne Bedauern zurück nach St.
Petersburg gehen, wo Euler von 1727 bis zu seiner Berufung nach Berlin im Jahre
den
1741 gearbeitet hatte. Gerade Euler hat übrigens in seinen »Briefen für eine
deutsche Prinzessin«, die in drei Bänden 1768-1772 erschienen, den Naturwissenschaften ein breiteres Verständnis verschaffen wollen.
Wenn
in
Preußen
hier ihre
Akademie erst langsam ihren Platz in der Gelehrtenwar die Grundidee der Akademie doch fruchtbar und hat
sich die
republik erkämpft hat, so
Wirkung getan wie
in Frankreich oder
England,
wo
1660, also ein
Menschenalter vor Preußens Gründung, die »Royal Society of London for Proforming Natural Knowledge« ins Leben gerufen worden war. Immer wieder wurden
von diesen Institutionen Preisfragen gestellt, die bestimmte Probleme in den Mittelpunkt stellten und oft genug Lösungen brachten, und wenn in London ein Mann
wie Isaac Newton 25 Jahre lang die Geschicke der Gesellschaft leitete, so war damit
das Niveau des wissenschaftlichen Denkens bestimmt. Außerhalb der Naturwissenschaften, in der Philosophie, wirkten aber Vielwisserei und eine dem Aristoteles folgende Textgläubigkeit wie Scheuklappen, und erst im Laufe des 18. Jahrhunderts öffnete sich der Blick für die Probleme, welche die Vernunft stellte und die
an keine andere Autorität gebunden waren als an die Gesetze der Logik.
In Deutschland hatte der Gelehrte besondere Schwierigkeiten, weil die deutsche
Sprache, eben erst durch die Reformation und Luthers Bibelübersetzung zur Literatursprache geworden, noch keine für wissenschaftliche Sachverhalte geeignete
Form bot und bis dahin Latein die Sprache des Gelehrten war. Als Christian Thomasius (1655-1728), Rechtslehrer und Philosoph in Leipzig, im Jahre 1687 zum
ersten Male die Ankündigung einer deutschen Vorlesung in deutscher Sprache ans
Schwarze Brett der Universität Leipzig schlug, wirkte das wie eine Provokation,
wie auch seine Stellungnahme zu den Hexenprozessen provokativ gewirkt hatte.
Ein Jahr später gab er das erste literarisch-wissenschaftliche Rezensionsblatt in
deutscher Sprache heraus, und in den folgenden Jahrzehnten setzte sich das
Deutsche als Sprache der Wissenschaft langsam durch, freilich noch lange mit lateinischen und französischen Brocken gespickt.
Daß die Kirche noch lange einen starken Einfluß auf die freie Forschung und
das freie Denken ausüben konnte, wenn sie nur genug Einfluß bei Hofe hatte, zeigt
in Preußen das Beispiel der Kabinettsorder vom 8. November 1723, das den Professor Christian Wolf seiner unorthodoxen Denkweise wegen von seinem Lehrstuhl vertrieb. Man befahl ihm, »die sämtlichen königlichen Lande binnen 48
Stunden bei Strafe des Stranges« zu räumen, und dies nur, weil seine Philosophie,
angeblich atheistisch, die studierende Jugend verderben könne.
Im allgemeinen lebten die Gelehrten zurückgezogen und widmeten sich ganz
ihren Studien. Zerstreuungen gab es kaum, wenn man von den akademischen
Festschmäusen oder den Sitzungen gelehrter Gesellschaften absieht; man kannte
weder Konzerte noch Theateraufführungen oder Gesellschaften und Bälle. Selbstverständlich arbeitete der Wissenschaftler, auf seine eigenen Bücher angewiesen,
239
am Tag, sondern vorwiegend auch nachts, wie Faust es
Das Tageslicht wird durch die Butzenscheiben gebrochen, als Nachtlicht dienen qualmende Unschlittlichter oder blakende Öllampen. Der Orbis pictus des
Comenius schildert eine Gelehrtenstube, wie sie noch weit bis ins 19. Jahrhundert
typisch gewesen sein mag. Er schreibt, das Museum oder Kunstzimmer, worunter
später ja auch das Gelehrtenzimmer zu verstehen ist, sei »ein Ort, wo der Kunstliebende (Studiosus) abgesondert vori den Leuten, alleine sitzet, dem Kunstfleiß
(Studiis) ergeben, indem er Bücher lieset, welche er neben sich auf dem Pult aufschläget, und daraus in sein Handbuch das bäste auszeichnet und darinnen mit
Unterstreichen oder am Rand mit Sternlein (asteriscus) bezeichnet. Wer bey Nacht
studieren wil (lucubraturus), der stecket sein Liecht auf den Leuchter, welches gebutzet wird mit einer Liechtscheer.« Noch Kant und Hegel haben ihr Werk bei
nicht nur einige Stunden
tut.
Kerzenlicht geschaffen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die
Petroleumlampe eine milde Helligkeit ins Studierzimmer, eine Wohltat für die
;
überanstrengten Augen.
Die gesellschaftliche Stellung des Gelehrten, nach außen hin durch ein gewisses
pompöses Auftreten gekennzeichnet, war dennoch höchst fragwürdig. Diese
Männer stürzten sich mit einem solchen Eifer ins Meer der antiken Bildung und
zeitgemäßen Gelehrsamkeit, daß sie Essen und Trinken darüber vergaßen, ja man
kennt Männer, die sogar vergaßen, sich auszukleiden. Brautschaft und Heirat waren, wie es in den berühmten Monographien zur deutschen Kulturgeschichte
heißt, »meist nur unbequeme Störungen ihrer gelehrten Ruhe«, und da sie
schwach von Einkommen, ja oft geradezu arme Schlucker waren, heirateten sie
allenfalls
Töchter aus
haushalt,
und wenn
es
dem
gleichen Milieu, also aus
dem
Pastoren- oder Lehrer-
hoch kam, eine reiche Handwerkertochter, doch nie
Kaufmannsstand.
Noch ein Jahrhundert später,
in der
in
den
sogenannten Zopfzeit vor der Französischen
Revolution, war der Gelehrte eine oft lächerliche Gestalt, eingehüllt in einen
Mor-
genrock und eine Nachtmütze - man glaubte, es sei gesund, den Kopf warm zu
halten -, überquellend von Wissen, das niemanden interessierte, und befaßt mit
Problemen, die an der Wirklichkeit weit vorbeizugehen schienen. Daß sich auch
in so bizarren
Formen
die
menschliche Neugier regte, Geistesschärfe die Geheim-
nisse der Natur zu erforschen begann und die Grundlagen für die wissenschaftlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts geschaffen wurden, gehört zum Panorama
dieser Zeit. Schon damals aber war der Professorenstreit ein charakteristischer Fall
menschlicher Rechthaberei, und nicht selten erhob die mit einem Talar geschmückte Dummheit auf dem Katheder am lautesten ihre Stimme. Anspielend
auf die Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts schrieb ein Professor über seine
Kollegen: »Die überfleißigen Gelehrten sehen andere
Philipp
Melanchthon
Menschen
so wenig, daß sie
(1497-1560). Der bedeutende Humanist war ein enger
um die Durchsetzung reformatorischer Ideen
Mitarbeiter Luthers und machte sich
verdient. Seine enge
Bindung zum Gedankengut der Antike hatte
nachhaltige Wirkung auf das deutsche Schulwesen. Gemälde von Lucas Cranach d. Ä.
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
,
PHILOSOPHIE
NATUR.ALIS
PRINCIPIA
JS
NE JfTT 0 N
,
Tritt.
Profcflorc Lucafiano,
&
Coü.
englischen Physiker,
Mathematiker und Astronomen. ln diesem Werk legt
er die sogenannten Newtonschen Axiome dar,
denen er
die
in
wechselweise
Wirkung von Kraft und Masse
erklärt.
MATHEMATICA
Aiitore
Titelblatt des Hauptwerkes
von Isaac Newton (1643
bis 1727), dem bedeutenden
Staatsbibliothek Berlin,
Bildarchiv
Mathcfcos
Cant ab. Soc
Societatis RrgaJis Sodalt.
IMPRIMATUR.
P E P Y
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könnte, ohne daß
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X. S
S.
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infignia Princip» IVaUi* in
Cccmiteno
yiowaMDCLXXXVU.
Lebens beständig eine Art von Halbwilden bleiben;
es
daß der größte Teil der akademischen Gelehrten aus Män-
man außer ihrem
sie
E
Jofcfbt Strcater. Profhnt Vcna-
noonullos BibDopoIas.
in Rücksicht des geselligen
fehlt
P
1686.
Anstoß oder
Kreise in gemischte Gesellschaft führen
Stoff
zum
Lächeln gäben.«
Die Abhängigkeiten dieser Männer von mehr oder weniger einflußreichen Hofschranzen, lies Verwaltungsbeamten, von Damen und Mätressen und schließlich
von den Fürsten selbst waren beschämend. Weil sie selbst ihre Werke nicht selten
auf eigene Kosten drucken mußten und kaum das nötige Geld aufbrachten, widmeten sie ihre Arbeiten in langen und gewundenen Floskeln der Devotion ihrem
allergnädigsten Landesherrn in der Hoffnung, später ein paar Thaler als Druckzuschuß zu bekommen. Man war durchaus bestechlich, durchaus wankelmütig in
seinen Ansichten, denn wer konnte sich schon Charakter leisten in Zeiten, da niemand eine solche Haltung honorierte. Um so eindrucksvoller war es, als sieben
Professoren in Göttingen ihrem Landesherrn König Ernst August von Hannover
Verfassungsbruch vorwarfen. Sie wurden am 14. Dezember 1837 amtsenthoben,
darunter die Gebrüder Grimm, der Historiker Gervinus und F. C. Dahlmann.
242
Prinzipien der Vernunft
Am schwedischen Königshof hatte man sich über die
im
Stil
Liebe unterhalten, ein Disput
dem Vorsitz der Königin Christina von Schweden einige
Was ist die Liebe? Lehrt uns die natürliche Erleuchtung,
der Zeit, und unter
Fragen formuliert, z.B.:
Gott zu lieben? Welche von beiden Unregelmäßigkeiten und schlechten
Gewohnheiten ist schlimmer, die der Liebe oder die des Hasses ? Nach Art gelehrter
Akademien legte man solche Fragen Männern vor, die es wissen mußten, und der
französische Gesandte in Stockholm Chanut machte die Königin auf einen gewissen Descartes aufmerksam, einen französischen Mathematiker und Philosophen,
der sich gerade in Holland aufhielt. Die Antwort faszinierte die Königin. Dem
Gesandten erklärte sie, soweit sie diesen Descartes aus seiner Antwort zu erkennen
vermöge, sei er der glücklichste aller Menschen, und sein Leben erschiene ihr beneidenswert. Natürlich war sie neugierig, und deshalb wünschte sie ihn zu sehen.
Kein Mensch hätte damals voraussehen können, daß Königin Christina im Jahre
1655 in Innsbruck öffentlich dem protestantischen Glauben abschwören und in den
Schoß der katholischen Kirche zurückkehren würde, und ebensowenig, daß man
diese Sinnesänderung dem Philosophen Descartes als Verdienst anrechnen würde,
der bereits 1650, wenige Tage nach seiner Ankunft in Schweden, gestorben war.
Am 1. Februar 1650 hatte er der Königin noch seinen Vorschlag zur Gründung
einer Akademie der Wissenschaften vorlegen können, und bereits zehn Tage später verschied er. Dennoch war später die Freude des Vatikans über die unbegreifliallein
che innere
der
dem
Wandlung der
protestantischen Königin so groß, daß
man
dieses
sonst eher mißtrauisch betrachteten Descartes zuschrieb.
daraufhin im Zuge eines welthistorischen Mißverständnisses
am
Er
25. Juli
Wunwurde
1767
in
Frankreichs Pantheon beigesetzt.
Niemand konnte ermessen, aus welchem Grunde Descartes tatsächlich einen
im Pantheon französischer Größe hätte beanspruchen können, denn wenn
Platz
man auch seine Schriften kannte, so hat sich die Tragweite seiner Erkenntnisse
doch erst im Laufe der Zeit herausgestellt. Descartes war der Ansicht, die einzig
objektive Natur sei die mathematische, und er verstand die Materie einfach als
Ausdehnung. Die ganze Naturwissenschaft war für ihn deshalb Messung und
Mathematik. Diese Gedanken, wie übrigens auch das Trägheitsgesetz, waren in
seiner großen Schrift »Le monde« enthalten, ein unvollständig gebliebenes
System der Himmelsmechanik auf kopernikanischer Grundlage, an dem er vier
Jahre gearbeitet hat. Als er von der Verurteilung Galileis hörte, resignierte er und
publizierte später nur Teilergebnisse. Erst nach seinem Tod ist die Schrift erschienen, in der sich der berühmte Satz findet, der Körper sei »nichts als eine Statue,
eine Maschine aus Lehm«.
Damit war vorgezeichnet, was der folgenden Epoche an naturwissenschaftlicher
Forschung aufgegeben blieb, nämlich die Mechanisierung des Weltbildes bis ins
Detail. Schon bei der Entdeckung des Blutkreislaufes durch Harvey spielten solche
Gedanken eine Rolle, die gesamte Physiologie und Biologie ist von ihnen beeinflußt worden. Der Fortschritt dieser rationalen Methode bestand darin, daß man
243
Blatt aus der erstell
gedruckten deutschen
Bibel.
Die Miniaturen mit der
Darstellung des Gastmahls
der Söhne
und Töchter Jobs
sind handgemalt. Die Bibel
wurde um 1466 von
Johann Mentelin in Straßburg gedruckt.
Österreichische NationaT
bibliothek,
Wien
Szene in einer Schule.
Grabrelief des
Matteo Gandoni, 14. Jh.
Museo Civico, Bologna
tHHtMfVIlltlf
*
Titelbild eines Lehrbuches für den jungen Maximilian den späteren Kaiser,
ln der Vignette sind ein Lehrer mit seinem Schüler ahgebildet.
,
Miniatur aus dem Cod. Vind. Ser.
Österreichische
N ationalbibliothek
n.
,
267 entstanden
,
um
1466.
Wien
*
Beweise anstelle von Vermutungen setzen und Kausalitäten nach den Gesetzen der
Logik nachweisen konnte. Als fruchtbar erwies sich der »methodische Zweifel«,
den Descartes in seinem 1637 veröffentlichen »Discours de la Methode« so formuliert hat: »Ich glaubte daher, das Beste, was ich tun könnte, wäre, mich zu guter
Stunde zu entschließen, alles, was ich bisher gelernt, und alle Meinungen, die ich
gehört, von mir abzutun und nur das an die Stelle zu setzen, was mit meiner Vernunft in Einklang steht. Zwar entgingen mir nicht die großen Schwierigkeiten solchen Unternehmens, aber sie schienen mir zu überwinden, und gar gering gegen
die kleinste Reform, die man im öffentlichen Staatswesen vornehmen will.« Diese
vorläufige Verneinung alles dessen, was nicht rational erfaßbar und logisch zu be-
gründen ist, ist seit Descartes zum Prinzip des europäischen wissenschaftlichen
Denkens geworden und macht zugleich seine Begrenztheit und seine Stärke aus.
Schritt um Schritt hat Descartes auf diese Weise geprüft, was sich an Vorurteilen
und Meinungen angesammelt hatte, und ist zu dem berühmten Satz gekommen:
Cogito, ergo sum, der unterschiedlich übersetzt werden kann, etwa »Ich denke,
habe Bewußtsein, also bin ich«.
Holland war, zu Gottesbeweisen gelangt, die dann
von Kant aufgegriffen und in der »Kritik der reinen Vernunft« analysiert worden
sind. Als Mathematiker hat er das Verfahren entdeckt, die Algebra auf die Geomealso existiere ich« oder »Ich
Descartes
ist
später, als er in
Rene Descartes
(1596-1650),
französischer Mathematiker
und Philosoph,
am Anfang der neu-
steht
zeitlichen Philosophie.
Er zeichnete sich ferner
durch seine Arbeiten
auf dem Gebiet der
analytischen Geometrie
und der Physik
aus.
Kupferstich des 18. Jh.
Staatsbibliothek Berlin,
Bildarchiv
die Geometrie auf die Algebra anzuwenden. Man nennt das
Geometrie und kann damit algebraische Rechnungen geometrisch
darstellen oder geometrische Sätze rechnerisch ermitteln. Überall, wo heute Funktionen formuliert werden, ist diese Methodejünerläßlich sie stellt den eigentlichen
europäischen Beitrag zur Entwicklung der Mathematik dar. Übrigens lag sie in der
Luft, denn nach dem Tode des Juristen Fermat (1601-1665) fand man in seinen
Papieren die gleiche Entdeckung.
Man kann sagen, daß die abendländischen Naturwissenschaften auf der Grundlage der Mathematik, vor allem der analytischen Mathematik, und der experimentrie
und umgekehrt
die analytische
;
Methode entwickelt worden
tellen
eine entscheidende Rolle gespielt,
-
er
war
sind. Im Bereich der Mathematik hat Descartes
während er das Experiment vernachlässigt hat
ein Denker, kein Bastler.
Methode wird im allgemeinen mit Francis Bacon
Verbindung gebracht, doch hat er sie in seiner utopischen Schrift
»Nova atlantis« (1626) nur unscharf formuliert. Er setzte nämlich den allgemeinen
Die
experimentelle
(1561-1626)
in
Sätzen eines Aristoteles die sogenannte induktive Methode entgegen, die besagt,
man solle erst einmal alle Fakten, z.B. über Wärme, zusammenstellen und dann
vom Allgemeinen auf das Spezielle gehen.
Wichtiger
ist
der Schritt des Galilei gewesen, der ein Teilproblem isolierte, etwa
um
bei Ermittlung der Fallgesetze,
sich auf diese
Weise, ganz im Sinne Descartes',
Daten zu verschaffen. Kant hat in seiner »Kritik der reinen Vernunft« das Problem
so formuliert: »Die
Vernunft
mende Erscheinungen
Experiment, das
um von
sie
muß
die Prinzipien,
nach denen
allein
übereinstim-
Hand, und mit dem
der anderen an die Natur gehen, zwar
für Gesetze gelten können, in einer
nach jedem ausdachte,
werden, aber nicht
ihr belehrt zu
was der Lehrer
in
in der Qualität eines Schülers, der sich
sondern eines bestallten Richters, der die
Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt.«
alles
vorsagen
läßt,
will,
In diesem Zeitalter, das die Entdeckung neuer Kontinente und ihre Unterwerfung durch einen aggressiven europäischen Kolonialismus brachte, war alles in
und
den Schriften seiner bedeutendsten Zeitgenossen finden sich erstaunGegenwart. So hat Francis Bacon, ein Philosoph, Staatsmann und glänzender Schriftsteller, schon damals ein binäres System für die
Kommunikation entworfen, d.h. ein Schema wie etwa ein Morsesystem, das alle
Buchstaben des Alphabets auf ein Zweiersystem wie bei Computern umschrieb.
Der Tod dieses Mannes, der 1612 Lordkanzler gewesen ist, war bezeichnend für
Fluß,
in
liche Vorgriffe auf die
Neugier dieser Epoche, in der die Wissenschaften ein Jahrhundert
nach der Erfindung neuer Drucktechniken so große Energien entwickelten: Wähdie unersättliche
rend einer winterlichen Schlittenfahrt
zum Gut
eines Freundes, auf
Neujahrsfest erleben wollte, kaufte sich Francis Bacon, damals ein
dem
er das
Mann von
65
ausgenommenes Huhn. Er füllte es mit Schnee, um auszuprobieren,
ob man Fleisch auf diese Weise konservieren könne. Zwar kam er zu einem prin-
Jahren, ein
zipiell
positiven Ergebnis, aber
um
den Preis einer Lungenentzündung, an der
er bald darauf verstarb.
Neu wie die Denkansätze jener Epoche waren auch ihre technischer. Hilfsmittel.
Das Fernrohr hatte Galilei wissenschaftlich hoffähig gemacht, wenn es auch noch
247
Francis
in
Bacon (1561-1626)
der Philosophie. Er
König Jakob L
bis
gilt als
Begründer des englischen Empirismus
ein hervorragender Staatsmann der
war außerdem
zum
,
Lordkanzler brachte. Kupferstich Mitte ly.
,
es
unter
]h.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
(vorhergehende Doppelseite)
Modell der Druckereiwerkstatt
des Cennini.
Das
15. ]h. bringt eine der
wesentlichsten Erfindungen für die Entwicklung des Bildungswesens unserer Zeit.
Durch den Buchdruck, d.h. die unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten,
gelang
es,
Wissen zu popularisieren und
zugänglich zu machen.
Museo
es einer breiteren Schicht der
della Scienza, Florenz
Bevölkerung
lange dauerte, bis die ersten Spiegelreflektoren, die das Licht verstärkten, einen
den Weltraum eröffneten. Mikroskope sind wohl zuerst in Italien bei den
Sitzungen der berühmten »Gesellschaft der Luchse« benützt worden, deren Name
ja auf die Scharfsichtigkeit anspielt. Vermutlich hat der Niederländer Karl Janssen
(gest. 1619) aus einfachen Linsen die ersten Apparate gebastelt, die dann den
Namen »Mikroskop« bekamen. Auf die Einzelheiten der technischen Entwicklung
soll hier nicht eingegangen werden, wichtiger ist der geistige Hintergrund.
Blick in
Damals glaubte man, das Gehirn kühle das Blut, Bienen könne man zurück in
den Stock locken, wenn man sie mit dem Staub von der Spur einer Schlange bestreue- das hatte schon Plinius behauptet -, und Steinchen aus Schwalbennestern
hülfen gegen Epilepsie. Man wußte nicht, wie bei den Pflanzen die Fortpflanzung
vor sich geht, und so war
kommen
unvorbereitet.
man
auf das, was
Zwar gelang
man im Mikroskop
sehen würde, voll-
der Blick in die Welt des Winzigen -
wenn
auch nur mit einer Linsenkombination aus einer Okular- und einer Objektivlinse,
aber diesem Einblick entsprach noch keine geistige Dimension. Ein paar Männer
setzten sich an den neuen Apparat und zeichneten, was sie sahen oder zu sehen
glaubten, so der Italiener Francesco Stelluti oder der am Hofe Ludwigs XIV. tätige
Mediziner Pierre Vorel. Ebenfalls in Italien erforschte 1601 Marcello Malpighi die
füllte. Auch die Haut, die Zunge, die Spinndrüse
und die Lungen von Insekten hat Malpighi untersucht, der
seit 1656 Professor für Medizin an der Universität Bologna war. Er bietet übrigens
ein glänzendes Beispiel dafür, daß der Mensch nicht selten sieht, was er sehen will,
selbst im Bereich der Biologie. Malpighi glaubte nämlich wie jedermann, daß im
Ei schon das fertige Huhn vorhanden sei wie der Schmetterling in der Puppe oder
im Froschei der fertige Frosch, und als er die Eier unter die Linse legte, sah er tatsächlich, was er erwartete.
Das war die Geburtsstunde der sogenannten »Praeformationstheorie«, die eine
Lunge, die er mit Quecksilber
eines Seidenspinners
ebenso unzulängliche Erklärung für die
Wunder
der Fortpflanzung lieferte wie die
Immerhin war sie durch Tatsachen erhärtet, so daß noch
»Abgrund an Gelehrsamkeit« Albrecht von Haller (1708-1777), ein Wunder-
bisherigen Auffassungen.
der
Thema schreiben konnte: »Ohne daß der Same in den
Uterus kommt, kann kein Tier, das zwei Geschlechter hat, fruchtbar werden. Die
Ursache war verborgen, bis Vergrößerungsgläser lehrten, daß dieser ganze Saft,
kind seiner Zeit, zu diesem
im Menschen und in allen anderen Tieren, mit lebendigen Tierchen angefüllt ist,
die Älchen ähnlich, aber dickköpfig und mit einem feinen, aber zuversichtlich
sichtbaren Schwanz versehen sind
Daß es Tierchen sind, erklärt man aus der
mannigfaltigen Bewegung, der Vermeidung des Aufeinanderstoßens, ihren Rückkehren und Abänderung ihrer Schnelligkeit.« Ganz geheuer scheint ihm dabei
nicht gewesen zu sein. Mit 28 Jahren war dieser Mann, der als Physiologe den
Weltruf Göttingens begründet hat, Professor für Anatomie, Chirurgie, Chemie
und Botanik, aber der offenbare Widersinn der »Praeformationstheorie« erschien
ihm einleuchtender als die Tatsache, daß sich aus dem mit einer flüssigen Substanz
.
gefüllten winzigen
Spermium
entwickelt, das noch dazu art-
Eltern ähnlich
.
.
Wesen mit Augen, Knochen, Haaren, Federn
und gattungsgemäß bis ins Detail und sogar den
ein
ist.
25I
Jüdische Schule. Der Prophet Samuel unterrichtet
Miniatur aus dem Cod. 3.085, Fol. 134, 15. Jh.
Österreichische
die
N ationalbihliothek
,
die Kinder.
Wien
Eingangsseite zu einer Aristotelesausgabe der Renaissance. Die Besinnung auf
Antike bringt auch ein neues Aufleben der philosophischen Gedanken dieser Zeit.
Besonders Aristoteles wird dank seiner bis heute gültigen begrifflichen Klarheit
zum
Vater der modernen Wissenschaften. Miniaturseite mit
dem Vorwort
des Argiropilo zu seiner Aristotelesausgabe 15. Jh.
,
Biblioteca Laurenziana, Florenz
PrAEFATIO lOHANNI S AROlROPyLl BIZA
U'ROSAD
TI' INPHISICORV.WARISTOT
PR^ST ANT155IMVMVI RVM PETRVM. ME Dt
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mtnon .\ltrtte dtomirn meemutn tlU
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nobii canflimusn
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Vt entm me' ad td rseqocu rcruu Ion 00 tn-tcrual
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Ce
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Lacrtrmf cndnr.xtrm comrnunem noflrum
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nunc, cum necdTaruf commune
'X?£
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•
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/
Diese Praeformafionstheorie stammte von Pierre Gassendi (1592-1635), einem
philosophischen Gegenspieler Descartes'. Sie ließ einige Fragen offen, z. B. die, wie
denn die Folge der Generationen durch die Jahrtausende zu erklären sei. Der Italiener Spallanzi war konsequent und nahm an, daß das Ei nicht nur das neue Lebewesen en miniature enthielte, sondern alle künftigen
Abkommen.
Er bezog das Welt-
und andere Größen auf seine Theorie und kam auf 20000 Millionen
Exemplare je Ei - damit war die Praeformationstheorie an ihren Widersprüchen
alter
Wolff (1733-1794) hat in seiner 1759 erschienenen »Theoria generationis« exakte Beobachtungen an Ei und Pflanze verarbeitet
und die sogenannte Epigenese gelehrt. Damit ist gemeint, daß sich aus unorganisiertem Stoff immer wieder neue Individuen bilden die Entwicklung jedes Lebe-
gescheitert. Erst Caspar Friedrich
;
Himmelsglobus, 1707 von Gerhard Valk
Österreichische
N ationalbibliothek
,
in
Amsterdam
Wien
Bildarchiv,
angefertigt.
wesens wird also als eine Kette von Neubildungen verstanden. Ähnliches hatte
zwar schon Aristoteles gelehrt, aber man war nun, unter Einbeziehung unwiderleglicher Beobachtungen, gleichsam auf einer höheren Ebene zu diesem Gedanken
zurückgekehrt.
Büchersammlungen und Büchernarren
Die Wände sind holzgetäfelt, im übrigen aber mit kunstvoll gearbeiteten Bücherschränken vollgestellt, die man verschließen kann. Von der reich stuckierten Decke
hängt ein Haifisch oder der Zahn eines Narwales, man sieht einen mächtigen Erdglobus, und das blanke Parkett knarrt unter jedem Tritt.
breiten
Mauernischen
fällt
die
Morgensonne;
geht hinaus in den Garten, aber wer diesen
Durch
die Fenster in ihren
der Blick aus der Schloßbibliothek
Raum
besucht, will nicht die Aussicht
genießen, sondern die Bücherschätze kennenlernen, die
Werke
des Wolff
und
Thomasius, Semler und Pfufendorf, lateinische und griechische Folianten, geographische Berichte, mathematische Werke, die Schriften eines Voltaire oder die
Enzyklopädie des Diderot.
dem Gelehrten
Ursprünglich standen
was
der Gelehrtenstand
ja in
keine Bibliotheken zur Verfügung, und
Im 18. Jahrhundert hatte sich
zunehmendem Maße außerhalb der Geistlichkeit gebildet,
er nicht selbst besaß,
war auch nicht
griffbereit.
war ihm der Zugang zu den Klosterbibliotheken auf
Weise verlorengegan10000-20000
Bänden, die in einem beschränkten bürgerlichen Hause mancherlei Probleme aufgaben. Der Polyhistor und Arzt Gottfried Thomasius (1660-1746) besaß rund
30000 Werke, die in einem gedruckten Katalog verzeichnet waren, und der zu seiner Zeit berühmte Theologe Valentin A. Löscher (1673-1749) in Dresden hatte
gar 50000 Bände in seinem Besitz. Mit öffentlichen Bibliotheken hätten solche
Männer, die sich der Zeit entsprechend zu vielerlei Themen äußerten, auch kaum
arbeiten können, denn ein Gelehrter allein hätte viele tausend Bände blockiert.
Trotzdem setzte sich der schon in der Antike und im Islam realisierte Gedanke,
öffentliche Bibliotheken zu schaffen, nach Jahrhunderten einer elitären Abgeschlossenheit auch in Europa erneut durch, und einige große Vorbilder halfen,
diesen Gedanken weiterzutragen.
Es gibt zwei große, öffentliche Büchereien, die als Muster dafür gelten können,
wie auch auf diesem Gebiet private Initiative die Grundlage für eine bedeutende
kulturelle Leistung schuf, und zwar sind dies die Bodleiana in Oxford und die
Ambrosiana in Mailand. Sir Thomas Bodley, der Gründer der Bodleiana, wurde
am 20. Juni 1604 von König Jacob I. zum Ritter geschlagen, am gleichen Tag, an
dem durch feierliches Dekret bestimmt wurde, daß diese Einrichtung nach ihrem
Gründer zu nennen sei. Er dürfte der einzige Ritter in Europa gewesen sein, der
seine Würde weder seiner Tapferkeit noch seinem Geld und Besitz, sondern einzig
seiner Liebe zu Büchern verdankte. Bodley ist ursprünglich Diplomat gewesen. Als
er sich von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte, stellte er sich die Aufgabe,
die Büchersammlung von Oxford, von deren Zerstörung schon die Rede war, wieso
diese
gen. In dieser Zeit entstanden die großen Gelehrtenbibliotheken von
255
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der aufzubauen. Er kaufte nicht nur von allen Seiten Bücher, sondern überwachte
selbst die
Ausstattung der Bibliotheksräume und besprach die Ankäufe mit seinem
engsten Mitarbeiter,
dem Buchhändler John
Bill.
Dieser reiste durch ganz Europa und erwarb in
Rom und
Padua, Venedig und
Wie
Gönnern finanzielle Unterstützung zu gewinnen. Ihre Namen wurden in einem Buch verzeichnet, das die Namen
des Gründers und der Universität trug und dessen kostbare Ausstattung die Spender ehren sollte. Am 8. November 1602 fand die denkwürdige Eröffnung dieser
Frankfurt/M., Florenz und Mailand kostbare Handschriften und Druckwerke.
viele selbstlose
Organisatoren verstand er
es, bei
ersten öffentlichen Bibliothek Europas statt; sie nannte sich »publica bibliotheca«
und stand im Gegensatz zu den Kollegien-Sammlungen
allen Mitgliedern der
hervorragenden Beständen, in
ihren griechischen und orientalischen Handschriften, ihren wertvollen Frühdrukken liegt ihre Bedeutung, sondern in ihrem Prinzip, die Bücherschätze möglichst
Hochschule offen (Schottenloher). Nicht
in ihren
dem öffentlichen Zugang großzügig zu öffnen.
Ambrosiana in Mailand kann als eine der ersten öffentlichen Bibliotheken gelten, wobei der Maßstab strenger Wissenschaftlichkeit anzulegen ist.
Allein daß der Gelehrte zu bestimmten Schriften freien Zugang hatte, daß man
liberal
zu verwalten und
Auch
die
256
Ä
Tg
ra grunat öo Dum rr mag rnra jra Mus irmra iw titjutö
Fvuü lotanD um» es nif grlmtra ftau so ungrütjufet
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junAfeoutum lurr
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üröarf
brr feumjiar
)iii
Aushängeschilder eines Schulmeisters. Ein Lehrer erklärt zwei Analphabeten
ein Schriftstück (links), während oben ein Schulmeister und seine
Frau Kindern das Lesen beibringen. Gemalt auf Holz von A. Holbein, 1516.
Kunstmuseum, Basel
die
Büchersammlung nicht
als Privatbesitz eifersüchtig hütete,
sondern gleichsam
nur treuhänderisch verwaltete, war ein beachtlicher Fortschritt. Der nächste
Schritt, der Bibliotheken für die breite Öffentlichkeit schuf, ist erst sehr viel später
Frederigo Borromeo
und Kardinal in seinem
Bischofssitz eine Unterrichtsanstalt, das Collegium Ambrosianum, gründete und
ihm eine Bibliothek angliederte. Auch hier reisten Aufkäufer durch ganz Europa
wie Jahrhunderte zuvor die Antiquare des Islams durch den Vorderen Orient, und
getan worden.
Die Ambrosiana geht auf den Grafen
(1564-1631) zurück, der
als
Erzbischof von Mailand
wie eine antike Bilderhandzu erwerben. Auch die Vergilhandschrift Petrarcas wurde dem
Bestand eingegliedert, dazu Hunderte von kostbaren antiken Handschriften, die
aus verschiedenen Klöstern erworben worden waren, ebenso die kostbaren Sammlungen des Genuesen Pinelli aus dem 16. Jahrhundert und die des Rechtsgelehrten
tatsächlich gelang es ihnen, so einmalige Schriften
schrift der Ilias
Cesare Rovidio. Die Bibliothek erhielt einen der ersten barocken Bibliotheks-
räume; er besaß keine störenden Pfeiler mehr, dafür eine wundervoll stuckierte
Decke und eine in halber Höhe umlaufende Galerie, die aber den Gesamteindruck
nicht beeinträchtigte.
Am 10. Dezember 1609 wurde die neue Einrichtung als all-
gemein zugängliche Bibliothek
eröffnet. Sie hat nach
257
dem Tode
ihres
Gründers
M EX ICANA:
AFRICA
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AtäüCi Jtondij^
Imfkmhmi ^falhSn.
:
nicht recht floriert, da eine Bibliothek
Gründung als von den Mitteln
ja
weniger von den Investitionen ihrer
für ihren Unterhalt lebt.
Nur
das Jahr 1657 brachte
noch einen Höhepunkt, denn der Graf Galeazzo Arcomati schenkte
die berühmten Urschriftenbände Leonardo dä Vincis.
dem
Institut
auch Studenten geöffnet wurde, die
Universitätsbibliothek Göttingen gewesen. Die alten Bibliothekare, die solche
Sammlungen verwalteten, haben sich meist nicht mit dem Katalogisieren aufgehalten und ihre Schätze wie eigenen Besitz geliebt. Da es sich nicht um unüberIn
Deutschland
die erste Bibliothek, die
ist
schaubare Büchermassen handelte, kannte ein solcher
oft
konnte er
dem suchenden
Mann seinen Bestand, und
Man hat solche Posten
Leser gelehrten Rat spenden.
denn auch nicht so sehr nach abstrakten Richtlinien, sondern mit menschlichem
Verständnis für einen bestimmten Forschertyp besetzt. Für Männer wie Leibniz,
Lessing oder Hoffmann von Fallersleben war der Posten eines Bibliothekars ein
zwar ungeliebter, aber sturmgeschützter Hafen. Nach dem Vorbild Göttingens
wurden dann auch die fürstlichen und städtischen Bibliotheken eröffnet, freilich
nur wenige Stunden in der Woche, und meist wurden sie von einem Pfarrer oder
Professor im Nebenamt verwaltet, nicht anders als heute die Zwergbüchereien der
gemeinnützigen Vereine oder Bildungsvereine oder wie die zu kleinen Werksbüchereien, die oft aus diesem Grund ein jämmerliches Leben fristen.
Ein wahrhafter Bibliomane war in Deutschland Herzog Ernst der Jüngere von
Braunschweig, der im Jahre 1644 in Wolfenbüttel eine neue Bibliothek schuf, denn
die bisherige Sammlung war nach Helmstedt entführt worden. Bereits nach 20
Jahren besaß er 28000 Bände und 2000 Handschriften, die er höchst eigenhändig
verwaltete. Wie ein Geizhals seine Einnahmen, so trug er die neu erworbenen
Bücherschätze eigenhändig in vier mächtige Quartbände ein und sorgte selbst für
die Ordnung in seinen Beständen, ein unverwechselbares Merkmal des geborenen
Bibliothekars.
Vom
Tischler ließ er sich, auf Rationalisierung bedacht, für die
Benutzung der schweren Katalogbände
halten
ein Drehpult hersteilen, das heute
noch
er-
ist.
Es sind damals eine Reihe von Nationalbibliotheken entstanden, darunter die
Schloßbibliothek zu Berlin, die durch ein 1659 im Feldlager zu Jütland vom Großen
Kurfürsten unterschriebenes Dekret öffentlich zugänglich gemacht wurde;
Öffentlichkeit bedeutete, daß eben nicht nur der Kurfürst
und
sein Hof, sondern
auch Außenstehende die Bücher einsehen durften. Diese Bibliothek
ist der Grundhochberühmten Preußischen Staatsbibliothek gewesen. Andere
bedeutende Institutionen dieser Art waren die 1558 von Herzog Albrecht V. gegründete Staatsbibliothek zu München und die Nationalbibliothek in Wien, die
auf Kaiser Maximilian I. zurückgeführt werden kann. Das Barock hat auf die Ausgestaltung des Bibliothekraumes im Sinne eines Schauraumes besonderen Wert
gelegt in Wien hat Fischer von Erlach den berühmten Kuppelsaal der k.u.k. -Hofbibliothek geschaffen, einen 78 m langen und 15 m hohen Saal mit korinthischen
stock der später
;
Geographischer Atlas, von Gerhardus Mercator (1512-1594) verfaßt.
Der niederländische Geograph und Kartograph ist der Schöpfer der ersten modernen
Landkarte. Titelkupfer 1611. Staatsbibliothek Berlin
,
,
Bildarchiv
Säulen und Pilastern, reichen Stukkaturen und Holzschnitzereien; dieser
zählt heute zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt
starken Eindruck
vom Stil der Zeit, in dem
die
Raum
und vermittelt einen
Bücher genau besehen nur
die Rolle
eines Dekors spielten.
Wenn das 17. Jahrhundert gleichsam im Bereich des Buchwesens die Epoche der
großen, historischen Sammlungen war, so das 18. Jahrhundert das der Bibliophilie.
Der Bibliophile
entfaltet seine Kennerschaft
260
am
seltenen Stück, ob es sich
nun
um
Die Entdeckung der Natur
in der
Renaissance wirkt sich nicht nur auf
wissenschaftlichem Gebiet aus sondern findet auch Eingang in den künstlerischen
,
Schaffensprozeß. Mit großer Liebe
zum
Detail malt A. Dürer eine
Akeleipflanze (links) und den Federflügel einer Blauracke (oben). Beide Aquarelle,
1503 und 1312 entstanden, gehören der Albertina, Wien
einen frühen Druck, einen besonderen Einband, das letzte Exemplar einer vergrif-
fenen Ausgabe oder eines mit einer
nerschaften gibt es überall,
wo
Widmung des
Verfassers handelt. Solche Ken-
gleiche Interessen herrschen, auch bei Kakteen-
freunden und Briefmarkensammlern, aber die Bibliophilie, die Leidenschaft für
das Buch, hat doch einen besonderen Aspekt, weil sie sich mit
unmittelbarer
als
Dingen befaßt,
die
andere Sammelobjekte die geistigen Strömungen der Zeiten
spiegeln.
261
Mit dem Buchdruck entstand praktisch ein neues Gewerbe, das des Buchbinders,
denn bisher hatten die Mönche selbst oder Buchbinder an den Universitäten die
man ein rationelles Verfahren, die
mit einzelnen Prägestempeln mit einer einzigen
Platte zu prägen. Solche Plattendrucke aus dem 1 6. Jahrhundert oder die persisch gebundenen Bücher, wie man sie in Italien kennt, mit ihrem ornamentalen
Handschriften eingebunden. In Holland erfand
Dekoration des Einbandes
statt
Schmuck sind beliebte Sammelobjekte. Auch die Vergoldung haben die Italiener
von ihren persischen Lehrmeistern, vermittelt durch den Islam, abgelernt. Kostbar
waren die Drucke des Aldus Manutius, eines venezianischen Druckers, der die erste Kursivschrift
eingeführt hat; »Aldinen« heißen die kostbaren alten Klassiker-
ausgaben aus dieser Werkstatt.
Das erste mit einem Kupferstich
Bücher,
ist
1477
in
illustrierte
Florenz erschienen.
Nun
ist
Buch, Vorläufer
aller illustrierten
der Kupferstich eigentlich für den
Buchdruck ungeeignet, denn hier drucken die stehenden Teile. Buchdruck ist
Hochdruck, während beim Kupferstich die in die Platte mit der Nadel eingestochenen Linien, mit Druckerschwärze gefüllt, drucken, d.h., ein Kupferstich ist ein
Tiefdruck. Man kann deshalb beide nicht in einem Arbeitsgang drucken, die Kupferplatte also nicht in die gesetzte Seite einpassen und drucken. Ursprünglich gab
es deshalb nur kostbare Titelkupfer, und erst später kamen Kupfertafeln hinzu,
»Der fleißige Student« ist diese Szene in einem Studiensaal überschrieben.
Damals vollzog sich die Ausbildung an den Universitäten in einem weit universelleren
Rahmen
als heute.
akademischen Lebens«,
r
'K ltllÄ
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um
Kupferstich aus »Natürliche Abschilderung des
1725. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
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auch dies ein Angebot neuer Erkenntnismöglichkeiten. Nun wurden große Werke
mit naturwissenschaftlichen, geographischen, botanischen oder architektonischen
Abbildungen Mode, so kennt man ein riesiges Werk über Indien von Theodor de
Brys (1590-1625), Martin Zeillers »Theatrum Europaeum« oder Georg Brauns
»Theatrum urbium«. Der Schweizer Matthäus Merian (1593-1650) mit seinen
Städteansichten, »Topographien«, die von seinem Sohn fortgesetzt wurden, und
die Tochter Maria Sybilla Merian (1647-1717) mit ihren faszinierenden Stichen
aus der Blumen- und Schmetterlingswelt Surinams gehören in diesen Zusammenhang.
Im Rokoko gehört die umfangreiche Bibliothek zum standesgemäßen Lebensstil
des Grandseigneurs wie die literarische Bildung zu seinem Auftreten, und als 1738
die Bibliothek des sächsischen
wurde, erwarb
la
Valliere, der
sie
Gesandten
Grafen
in Paris, des
Hoym,
versteigert
der später größte Bibliophile Frankreichs, der Herzog Louis de
damit seine Laufbahn
als
Büchersammler begann. Als er starb und
Auktion 181 Tage. Berühmt war der
sein Besitz versteigert wurde, dauerte die
Buchbinder des Hofes Padeloup, dessen rote Lederbände mit Spitzenmustern zu
den Kostbarkeiten der Einbandkunst gehören. In dieser Epoche werden die Bücher
mit Vignetten geschmückt wie die Häuser mit Blumenvasen, und das übergroße
Besitzetikett, das »Ex libris«, bezeichnet den Besitzerstolz dessen, der die Bücher
erworben hat. Realistisch gesehene und liebevoll gestochene Kupferstiche, etwa
von Moreau oder Chodowiecki, beleben die Seiten, und das reiche literarische
Leben äußerte sich in den verschiedensten Produktionsformen.
Damals entsteht der erste »Selbstverlag der Autoren« für Klopstocks »Geburtenrepublik«, das Allgemeine Preußische Landrecht, eines der fortschrittlichsten
Gesetzeswerke der Zeit, bringt 1791 zum erstenmal eine Art Verlagsrecht und
schützt das Recht des Verfassers; andere Länder folgen diesem Beispiel, so hören
die Raubdrucke allmählich auf, und die steigende Buchproduktion wird von einem
immer lebhafter werdenden Buchhandel umgesetzt, man geht vom Tauschhandel
zum Zahlungsverkehr über und gründet die Leipziger Buchhändlerbörse - das geist zum selbstverständlichen Bestandteil der menschlichen Kultur
geworden, unübersehbar in seinen Wirkungen, denn aus Geschäftsinteresse werden immer neue Leser aufgespürt, verbreitet man Wissen bis in den letzten Winkel
druckte Buch
des Landes.
Schrittmacher der Revolution
Bereits der erste
Band
dieser Enzyklopädie hatte die Herausgeber mit der Kirche
in Konflikt gebracht, aber
man
hatte sich nicht beirren lassen. Als der siebente
Band erschien, gab es einen solchen Sturm der Entrüstung, daß selbst Voltaire riet,
das Vorhaben aufzugeben. Diderot jedoch hielt an seinem Programm fest und veröffentlichte 1765 zehn Textbände auf einmal. Man braucht den Vorgang nur in
die Gegenwart zu übersetzen, etwa in einen Verlag, dessen Pläne von einem Aufsichtsrat kontrolliert werden, um zu verstehen, wie unmöglich es heute wäre, ein
solches Wagnis einzugehen. Zwar spielt inzwischen die kirchliche oder staatliche
263
1
Der Schulmeister. Gemälde von Adrian Ostade,
Zensur nur noch
in
wenigen Ländern eine
ly. Jh. Louvre, Paris
Rolle, aber der
funktioniert deshalb nicht weniger wirksam,
Kontrollmechanismus
und die Verflechtung wirtschaftlicher
Zwänge behindert die freie Entfaltung von Ansichten, wenn
Meinung gegen sich haben.
diese die öffentliche
Enzyklopädien (griechisch: Umkreis der Bildung) sind damals gefragt,
man will
Ausweitung des Wissens, und das Interesse an den Realitäten der Umwelt wächst, auch wünscht man in diesen Zeiten konkurrierender Ideen
Schritt halten mit der
auf
dem
laufenden zu sein,
um
sich sein Urteil selbst bilden
zu können. Es hat
in
der Geschichte mehrfach solche Zeiten gegeben, in denen das Bedürfnis nach
Überblick besonders stark gewesen
ist,
nicht nur in Europa. In China
z.
B. ist nach
1403 die größte Enzyklopädie der Welt, die »Große Kaiserliche Enzyklopädie«, von
etwa 3000 Kopisten geschrieben, aber niemals gedruckt worden. Aus einer späte-
264
Werk »Ku-kin t'u-schu tsiExemplar im Britischen Museum in London
steht; es umfaßt 5000 Bände mit insgesamt ca. 10000 Büchern. In Europa geht
die Tradition der Enzyklopädie auf AristojHes, Plinius d. Ä., Francis Bacon
(Novum Organon, 1620) und Hrabanus Maurus (De Universo) zurück, deren
Werke ebenso wie die Zusammenfassungen einzelner Wissensgebiete den Gang
ren Epoche
stammt
tsch'eng«, von
dem
das nach Sachgruppen geordnete
ein vollständiges
der Wissenschaften begleiteten. Freilich wirkt keine dieser Publikationen so revolutionär
wie die
Enzyklopädie,
Auch
(1713-1784) herausgibt.
Unmittelbar vor
Werk von
dem
der
die
junge
Schriftsteller
Denis
Diderot
hier gibt es unmittelbare Vorläufer.
Zeitalter der Enzyklopädisten gab es in Deutschland ein
Alsted (1588-1638) mit
dem
Titel
»Scientiarum
omnium
Encyklope-
dia«, also etwa »Enzyklopädie aller Wissenschaften«, in Frankreich das »Diction-
naire historique et critique« des führenden französischen Skeptikers Pierre Bayle,
England die »Cyclopaedia« des Engländers Ephraim Chambers, die 1728
Das Werk des Deutschen Alsted hat Leibniz bearbeiten und neu herausgeben wollen, den Plan aber dann fallengelassen. Um den Chambers bemühte sich
und
in
erschien.
der Verleger Le Breton
und gewann Diderot als Übersetzer. Schon bald entwickelte
Diderot die Idee einer großen französischen Enzyklopädie, deren Herausgabe er
sich
zunächst mit d'Alembert
teilte, bis
dieser unter
dem Druck
der Jesuiten 1757
Von 1751-1780
erschienen die 35 Bände der Enzyklopädie, für die
Diderot selbst mehrere tausend Artikel schrieb, ein freier Geist, der Weitblick mit
zurücktrat.
stilistischer Leichtigkeit
verband. Diderot versammelte
um
sich als Mitarbeiter
Männer wie Turgot, Montesquieu, Rousseau und Voltaire.
Das Zentrum dieses Kreises war das Haus des Barons Holbach (1723-1789), der
einen konsequenten philosophischen Materialismus und Atheismus vertrat. Auch
am Hofe
man
neuen Bände des Werkes, das so übel beleuvon der
Kirche entrüstet abgelehnt wurden, zumal der Text flüssig geschrieben und selbst
für Damen faßbar war. Das Ziel dieses Lexikons war es nicht, den Wissensballast
der Vergangenheit zu konservieren. Vielmehr wollten Diderot und seine Mitarbeiter mit kritischer Vernunft die menschlichen Verhältnisse und Kenntnisse insgesamt darstellen, also nicht nur Wissenschaften und Künste, sondern z.B. auch
die frühindustrielle Technik. Das erklärt die Hellhörigkeit reaktionärer Kreise, denen der unüberhörbare kritische Unterton unheimlich war, aber auch die enorme
Wirkung dieser Reihe. So wurde dieses Lexikon der Aufklärungszeit zum Sammelpunkt aller fortschrittlichen und aufgeklärten Autoren, bestimmte ebenso wie
die Schriften eines Voltaire oder Rousseau weithin das geistige Klima Europas und
erwartete
jeweils die
mundet war, mit Spannung und
bereitete eine
Stimmung
diskutierte gerade jetzt Einzelheiten, die
vor, die sich politisch in der Französischen Revolution
entlud.
muß auch die 1750-1804 erschienene »Historie natuGrafen Buffon gesehen werden, die mit 44 Bänden das gesamte natur-
Vor diesem Hintergrund
relle« des
wissenschaftliche Wissen seiner Epoche darzustellen versucht hat. Graf Buffon
war
ein Kavalier nach
Mann,
dem Herzen
des Hofes, ein geistvoller Plauderer
und
ein
mehr zu formulieren verstand, als er zu sagen hatte - im Gegensatz
etwa zu dem Naturwissenschaftler Reaumur, der sich bei Hofe nicht durchzusetder
265
zen verstand. Von Buffon stammt denn auch der
Zusammenhang zitierte
Satz »Le style est
oft in recht
unverständigem
l'homme meme«, der weniger
gemeine Wahrheit für Lit&raten und Redner
als
eine
all-
einen Glaubenssatz des Rokoko
Auch Buffon, der Naturwissenschaftler, ein. Günstling der Marquise
bekam seine Schwierigkeiten mit dem Klerus, als er es wagte, von
sogenannten Konstanz der Arten abzuweichen. Zwar schilderte seine Natur-
wiedergibt.
de Pompadour,
der
geschichte die Tierwelt eher wie eine Klassengesellschaft, in der es ein eindeutiges
Oben und Unten
gab, aber selbst ein Buffon konnte sich, was die Entstehung der
Erde und der Arten anging, nicht unbedingt mit allen Behauptungen der Bibel
identifizieren.
Deshalb mußte
er,
um
nach den Beanstandungen einer drohenden
gerichtlichen Verurteilung zu entgehen, in den nächsten
Band seiner Naturge-
schichte folgenden Passus einrücken: »Ich erkläre, daß ich nicht die Absicht hatte,
der Heiligen Schrift zu widersprechen, und daß ich fest an alles glaube, was darin
über die Schöpfung geschrieben steht, sowohl in zeitlicher
als
auch
in tatsächlicher
Hinsicht. Ich widerrufe alles, was in diesem Buche über die Entstehung der Erde
und überhaupt alles, was darin der Darstellung in den Büchern Mosis
widerspricht.« Der wissenschaftliche Gehalt seiner Enzyklopädie mit ihrem ganzen rhetorischen Glanz ist schnell verblaßt, und doch hat er in seiner Zeit Wirkung
getan, denn durch ihn sind viele, die sonst nie daran gedacht hätten, zum erstenmal
gesagt
ist
St. Gallen wurde im 18. Jh. im Zuge der baulichen
Neuorganisation des Klosters durch die Architektenfamilie Beer erbaut. Das Kloster
besitzt eine berühmte Sammlung alter Manuskripte und Bücher.
Die Stiftsbibliothek
mit naturwissenschaftlichen Fragen konfrontiert worden. Eine dieser Fragen war,
ob die Welt so entstanden sein kann, wie die Bibel behauptete, und vor allem, ob
die Geschichte von Noah stimmte, nachdem der Stillstand der Sonne sich als Irr-
tum
herausgestellt hatte.
Zwischen Noah und Darwin
Seit der
Landwirtssohn Isaac Newton aus Woolsthorpe in Lincolnshire sich 1665
aus London vor der Pest zurückgezogen und in zweijähriger ländlicher Abgeschie-
denheit die Basis für sein Lebenswerk gelegt hatte, war das rationale Prinzip für
die
Naturwissenschaften zur alleinigen Autorität erhoben. Mit
dem
universellen
Gravitationsgesetz war mathematisch beweisbar formuliert, daß das ganze Weltall
vom
fernsten Spiralnebel bis
zum
Apfel, der
nischen Gesetzen gehorcht, die sich
vom Baum
dem Verstand
fällt,
bestimmten mecha-
erschließen. Seit
Newton
sich
mit der Physik beschäftigt hatte, schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein,
Geheimnisse der unbelebten Natur enträtselt sein würden, und es
begann für die Menschheit eine neue Epoche, eben jene, die von den Naturwissenschaften und ihrer Anwendung, der Technik, geprägt worden ist. Die universelle
Gravitationslehre, die von der modernen Physik als Spezialfall einer umfassenderen Physik verstanden wird, macht nur einen Teil des Lebenswerkes von Newton
aus. Er hat bekanntlich eine streng physikalische Farbenlehre entwickelt - Goethe
bis die letzten
setzte ihr seine eigene, letzten Endes psychologisch verankerte Farbenlehre entgegen - und die Infinitesimalrechnung, d.h. die Rechnung mit unendlich kleinen
Größen vervollkommnet. Newton, der 1687 die »Mathematischen Prinzipien der
Naturlehre« veröffentlichte, verfiel mit 50 Jahren in eine
litt einen Nervenzusammenbruch; er hat nach diesem
mehr
Auf Gott,
tiefe
Depression und er-
Werk
keine bedeutende
bewegende Ursache, hat er
wie auf eine unabdingbare Prämisse seines Denkgebäudes nicht verzichten wollen,
im Gegensatz zu dem Franzosen Laplace (1749-1827), der eine Theorie über die
Entstehung des Sonnensystems vorlegte und kühn erklärte, er benötige diese
Hypothese nicht.
Gemessen an der Mathematik und Physik steckte die Biologie zu Anfang des
19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Zwar hatte Cuvier, eine ähnliche
Arbeit
Arbeit wie
veröffentlicht.
Newton
als eine letzte,
leistend, in der Biologie jenen logischen
Zusammenhang
her-
Grund seines Knochenbaues in
System einzuordnen wie eine Pflanze nach Blütenblättern und Staubgefäßen,
aber es fehlte die Transparenz, wie sie in den exakten Naturwissenschaften durch
den mathematischen Beweis entsteht. Man glaubte damals, die Welt sei insgesamt
nicht älter als etwa 6000 Jahre, ein Alter, das man aus der Bibel ermittelt hatte,
und man hielt es für undenkbar, daß sich die Arten der Tiere in diesen Zeiträumen
geändert haben sollten, zumal jedermann wußte, daß Kreuzungen von Wildrassen
steril sind. Außerdem spielte der Gedanke der »mehrfachen Schöpfung« eine
Rolle. Wenn bestimmte Pflanzen auf den Bergspitzen der Alpen, aber auch des
Kaukasus vorkamen, konnten sie nicht durch Samenübertragung voneinander ab-
gestellt, der es
ermöglichte, jedes Lebewesen auf
ein
267
»
/
stammen - also mußte es sich um eine mehrfache Schöpfung solcher Pflanzen
Noch Kant hatte geäußert, es sei »ungereimt, zu hoffen, daß etwa dereinst ein Newton aufstehen könnte, der auch nur die Erzeugung eines Grashalmes
nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde«.
handeln.
Eben
dies geschah
im Ansatz, was
die
Entstehung der Arten
betraf,
durch den Eng-
länder Charles Darwin.
Dieser
Mann
hatte mit 22 Jahren an der
und auf
der »Beagle« teilgenommen
berühmten geographischen Expedition
von der er
dieser fünfjährigen Weltreise,
1836 zurückkehrte, die entscheidenden Eindrücke seines Lebens bekommen. Sein
Reisetagebuch zählt noch heute zu den klassischen Werken der Reiseliteratur. Als
er 1842, nun schon ein bekannter Autor, sein Werk über Korallenriffe veröffentlichte, ein klassisches, in keinem Punkt fehlgehendes Werk der exakten Geologie
und Zoologie, wurde
er für dieses Gebiet zur Kapazität. Es folgten weitere, streng
fachwissenschaftliche Arbeiten über die Geologie Südamerikas, über niedere
Lebewesen, aber nebenher hatte er sich im Juni 1842 »die Befriedigung gestattet«,
Abstammung der Arten mit Bleistift niederzuschreiben,
seine Theorien über die
35 Seiten, die erhalten geblieben sind und die er zwei Jahre später auf 250 Seiten
erweitert, aber nicht veröffentlicht hat. Erst als ihm 1858 ein jüngerer Fachkollege
einen Aufsatz einschickte, der seinen eigenen Theorien vollkommen entsprach,
wurde
die
Sache wieder wichtig.
Fast hätte er
dem jungen Wallace
das Feld überlassen. Seine Freunde
ihn überreden, sich überhaupt zu äußern, und so wurde
am
1. Juli
mußten
1858 eine
Sit-
zung der Royal Society einberufen, auf welcher ein Essay von Darwin und jener
Aufsatz von Wallace vorgetragen wurden. Die wissenschaftliche Wirkung dieser
Vorträge war gleich Null. Als aber 1859 Darwins Werk »Die Entstehung der Arten
durch Zuchtwahl« erschien, waren die 1250 Exemplare der ersten Auflage am Tage
des Erscheinens ausverkauft. Zu Goethes Zeiten waren Geologie und Botanik fortschrittliche Wissenschaften gewesen, der geologische Aufbau der Erde erlaubte
einen Blick in die Werkstatt der Natur, man bekam eine deutlichere Vorstellung
von dem Himmelskörper, auf dem man durch den Weltraum reiste, und die Welt
der Pflanzen ließ etwas ahnen von den Bauprinzipien der belebten Natur. Nun
rückte mit einem Schlage das Interesse an biologischen Fragen an die erste Stelle,
denn Darwin hob mit seiner ganzen wissenschaftlichen Autorität die bisherigen
Anschauungen aus den Angeln, und der Rückgriff auf die Arche Noah, die Theorie
von der mehrfachen Schöpfung wurden in Frage gestellt, im gleichen Jahr übrigens, in
dem
Darwin
Karl
ist
Marx
Ökonomie« veröffentlichte.
und einzige Naturwissenschaftler gewesen, der die
seine »Kritik der politischen
nicht der erste
Evolution, die stammesgeschichtliche Entwicklung der heutigen Formenvielfalt
der Lebewesen, erkannt und beschrieben hat. Der Botaniker Chevalier de Lamarck,
der die Wirren der Französischen Revolution trotz seiner adligen Herkunft überstand und die kaiserlichen Gärten in »Jardin des plantes«
umbenennen
ließ, hatte
mit 50 Jahren mit den wirbellosen Tieren zu beschäftigen begonnen, und während Napoleon Europa eroberte, schuf er in neunjähriger Kleinarbeit ein umfassendes System dieser Wesen. Hier nun, während seiner Beschäftigung mit
sich
Schnecken, Würmern,
Maden
usw.,
kam ihm
268
die Erkenntnis,
daß
alle
Formen
all-
Titelseite der Enzyklopädie
Diderots (iyi^-iy84).
ENCYCLOPEDIE,
O U
Diderot gehörte zu den
führenden Vertretern der
französischen Aufklärung.
Zusammen mit dem
Mathematiker D' Alembert
DICTIONNAIRE RAISONNE
entwirft er den Plan zu
DES ARTS ET DES METIERS,
diesem universellen Nach-
DES SCIENCES,
PAR UNE SOCIETE DE GENS DE LETTRES.
schlagwerk über
Wissenschaften Künste und
,
Handwerkarten.
Mis cn ordre
Sc public par
M.
DIDERO T
Lctcres dePruffe; Sc, quanc a
Ia
arti
e
de l’Academie Royale des Sciences
M ath£m atiq u e
de i’Academie Royale des Sciences de Paris
,
de
cclle
&
des Beiles-
M D’ALEMBERT,
par
de Prüfte
.
,
Sc
de
la
Socie'te
Royale
de Londres.
Tantum
Tantum
firies juncluraque poltet,
Horat.
de medio Jumptis accedit honoris
TOME PREMIER.
A
BRIASSON, rue
Chez
PARIS,
Saint Jacques
,
A
la Science.
Saint Jacques A
DAVID
Plume
LE BRETON, Imprimeur ordinaire du Roy,
DURAND, Saint Jacques A Saint Landry
1’aine
rue
rue
d’or.
la
,
,
M.
D C
,
C.
AVEC APPROBATION ET
Sr
rue de la Harpe.
au Griffon.
LI.
P R
I
VI
L E G E
DU
ROT.
mählich und stufenweise eine aus der anderen hervorgegangen seien. Dieser
Grundgedanke der Evolution, später von Darwin neu entdeckt und mit einer Fülle
von Beweisen versehen, ist unbestritten, während sich der sogenannte Lamarckismus im Streit der Meinungen befindet. Er besagt bekanntlich, daß erworbene
Eigenschaften vererbbar seien, eine Auffassung, die ebenso dazu gedient hat, poli-
Ansichten zu stützen, wie der mißverstandene Darwinismus zu einem bruRassismus geführt hat. Wenn nämlich erworbene Eigenschaften vererbbar
so behaupteten die Marxisten der 20er Jahre, dann ist die Weiterentwicklung
tische
talen
sind,
des
Menschen
letzten Endes eine Frage des Milieus.
Lamarck ist von Cuvier, seinem großen Gegenspieler, noch nach dessen Tod so
lächerlich gemacht worden, daß er zu seinen Lebzeiten keine gerechte Würdigung
erfahren hat. Er hatte nämlich das Sakrileg begangen, sich gegen Cuviers sogenannte Katastrophenlehre auszusprechen. Wer um 1800 diese Kühnheit besaß,
konnte nicht hoffen, wissenschaftlich ernst genommen zu werden, denn der allmächtige Baron von Cuvier (1769-1832), der kurz vor seinem Tode sogar Innen-
minister geworden
ist,
duldete keinen Widerspruch gegen die von ihm aufgestellte
Mann von untadeligem Privatleben hatte die Mannigfaltigkeit der Lebewesen auf bestimmte,
Th eorie von
der Entstehung der Arten. Dieser unliebenswürdige
anatomisch nachweisbare Typen und >Baupläne< zurückgeführt und damit überhaupt die vergleichende Anatomie, auch für die Archäologie, erst geschaffen. Sein
System ermöglichte, die ausgestorbenen und die noch existierenden Formen der
höheren Lebewesen logisch zu vereinigen. Das war eine wissenschaftlich unbestreitbare Leistung, und der nächste Schritt wäre gewesen, die Abstammung der
Arten zu untersuchen. Cuvier betrachtete aber die Arten nicht als sich entwikkelnde Formen, sondern als vom Schöpfer gesetzte Ordnungen.
Diese Lehre von der »Konstanz der Arten« könnte als Beispiel dafür dienen, wie
selbst bei einem so scharfsinnigen Geist das »gesellschaftliche Sein« das Bewußtsein bestimmen kann, denn die Unveränderlichkeit biologischer Arten spiegelte
den Wunsch nach der Unveränderlichkeit der gesellschaftlichen Klassen wider, zu
deren oberster Schicht der Baron Cuvier gehörte. Die fossilen Funde aber zeigten,
daß es sogar innerhalb der Arten gewisse Entwicklungen gegeben haben müsse,
Mathematisches Gerät zur Berechnung trigonometrischer Funktionen.
i6yo. Istituto e Museo di Storia della Scienza, Florenz
denn
Mammut
z. B.
und Elefant oder Wollnashorn und Nashorn waren deutlich
um den Gedanken der Evolution nicht denken zu müs-
unterschieden. Cuvier, nur
sen, erfand eine Katastrophentheorie, derzufolge jede aus einer geologischen Epo-
stammende Welt von Lebewesen in einem eigenen Schöpfungsvorgang entstanden und durch eine Katastrophe planetarischen Ausmaßes zugrunde gegangen
sei. Mit dieser Lehrmeinung glaubte Cuvier die Anmaßungen der sogenannten
che
Evolutionisten vernichtet zu haben, zumal die Bibel ihn zu bestätigen schien.
Darwins Entwicklungslehre
ist
inzwischen unumstrittener Bestandteil des
mo-
dernen Weltbildes geworden und wissenschaftlich nicht zu widerlegen, nur die
Faktoren der biologischen Entwicklung werden unterschiedlich beurteilt. Mit den
von Darwin geschaffenen Begriffen »natürliche Zuchtwahl«, »natürliche Auslese«
und »Kampf ums Dasein« sind nicht nur biologische Tatbestände formuliert worden, sondern Schlagworte, die der frühen kapitalistischen Gesellschaft entsprechen
und ins Vokabular des modernen Barbarismus eingegangen sind; das berührt die
Lebensleistung Darwins nicht, der den Menschen gelehrt hat, in Entwicklungsprozessen, d.h. biologisch zu denken.
Der Gedanke der Evolution, der heute auf alle Lebensgebiete angewandt wird,
ist für die Biologie so fundamental gewesen wie die Formulierung des universellen
Gravitationsgesetzes durch Newton. Thomas Henry Huxley (1825-1895) und
Ernst Hacckel (Die Welträtsel, 1899) haben zur Ausbreitung der Abstammungslehre entscheidend beigetragen. Dazu gehörte Mut, denn reaktionäre Kreise bekämpften in blindem Haß, was ihnen unverständlich und gefährlich erschien. Der
Unmut erreichte einen Höhepunkt, als Darwin es wagte, auch den Menschen in
seine biologische Konzeption einzubeziehen. Im Jahre 1871 veröffentlichte Darwin
sein umstrittenstes Werk, »Die Abstammung des Menschen«, eine Herausforderung für alle, deren Fundament auch in naturwissenschaftlichen Fragen die Bibel
war.
Daß
der
blatthema,
ja
Mensch vom Affen abstammen sollte, wurde zum beliebten Witzzum Gegenstand von Prozessen und Beleidigungsklagen, und noch
1963 wurde in
regelt, weil
sie
Memphis
(Tennessee) eine Lehrerin von ihrem Direktor gemaß-
eine Schülerdiskussion über die Schöpfungsgeschichte veran-
stalten wollte, da diese
gegen das »Gesetz des Staates Tennessee« verstieße.
Ernsthaft wird heute kein
bezweifeln können,
wenn
Mensch mehr
er sich
die Richtigkeit der
Abstammungslehre
an die von der Biologie erarbeiteten Fakten
hält.
Nicht nur die Abstammungslehre des Menschen, die empirische Biologie, die
Eugenik und Anthropologie, sondern die Biologisierung des Denkens überhaupt
gehen auf Darwin zurück. In unseren Tagen zeigt sich, wie der von Freud gegebene
Anstoß der Psychologie sich mit der Biologie eines Darwin trifft und Verhaltensforschung betrieben wird, wobei man auch den Menschen in das Feld dieser Untersuchungen einbezieht, nicht als »Krone der Schöpfung«, sondern als Wesen, das
mit mancherlei affenähnlichen Eigenschaften aufs unangenehmste behaftet ist.
Charles Darwin ist am 19. April 1882 gestorben und in der Westminster-Abtei neben Newton begraben. Beide ruhen unter Steinen gleicher Größe, auf beiden Stei-
nen stehen nur die Namen und die Lebensdaten, und in der Tat nehmen die »Prinmathematica« und der »Ursprung der Arten« in der Geschichte der
Naturwissenschaften den gleichen Rang ein.
cipia
'
Begegnung mit dem Kosmos
Menschheit geht seltsame Wege. Da sitzt ein reifer
Edelmann und Kammerherr seiner Majestät
des Königs, ein Gelehrter von hohen Graden, an einem Plan, dessen Umfang allein
ein ganzes Leben fordern würde. Am Türschild seiner Wohnung steht nicht sein
eigener Name, sondern der seines Dieners Seifert, mit dem ihn ein überaus unglückliches Verhältnis verbindet. Depn Seifert ist so herrschsüchtig, daß es ihm
gelingt, den differenzierten und hochqualifizierten Gelehrten in eine totale
Abhängigkeit zu bringen. Über sein Vorhaben schreibt Alexander von Humboldt
an seinen Freund Varnhagen von Ense: »Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und
des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den
Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen - und in einem Werke, das
zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und
wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt, muß neben der Tatsache hier verzeichnet
sein. Es muß eine Epoche der geistigen Entwicklung der Menschheit - in ihrem
Wissen von der Natur - darstellen.« Humboldt hat für sein Werk den Titel »Kos-
Der
geistige Fortschritt der
Mann von 65
Jahren, ein preußischer
mos« gewählt, »damit man
nicht
Humboldts physikalische Erdbeschreibung«
sage.
Damals, im Jahre 1834, hatte Faraday noch nicht die Theorie des elektrischen
im dunkeln, Justus
von Liebig hatte die organische Chemie noch nicht zu einer ernstzunehmenden
Wissenschaft entwickelt, Darwin noch nicht seine »Abstammung der Arten« geschrieben und Julius Robert Mayer noch nicht die »Bemerkung über die Kräfte
der unbelebten Natur« verfaßt, kurzum, für die modernen Naturwissenschaften
waren noch nicht einmal die Fundamente gelegt. Dennoch blieb das in seiner
Feldes gefunden, also lag das Gebiet der Elektrodynamik noch
Rahmen sprengende Werk ein Torso, charakteristisch nicht nur
Versuch, die Naturwissenschaften universal darzustellen, sondern
Stoffülle jeden
als ein letzter
wohl auch als ein psychologisches Zeugnis für die lebenslange Suche Alexander
von Humboldts nach der mütterlich bergenden Allnatur. Schon der junge Humboldt, durch Kindheitserlebnisse in seiner Reifung gestört, hat sich zu Männern
hingezogen gefühlt. Die Briefe an den Theologiestudenten Wilhelm Gabriel
Wegner, an den jungen
Offizier Reinhard
von Haeften und
die
Bemühungen um
Seifert bezeugen seine Veranlagung, der wohl, psychologisch formuliert, eine
ewige Enttäuschtheit von der Mutter entsprechen mag.
Wichtiger als diese intimen Hintergründe sind hier für die Entwicklung seines
Denkens und Forschens die Lehrer. Als junger Student hat er in Göttingen Blumenbach gehört, an der Bergakademie in Freiberg den Professor Leopold von Freiberg, den Schüler des berühmten Werner. Blumenbach (1752-1840) hatte als erster einen Gedanken auf Menschen übertragen, den man von Hunden und
Pferden, vom Vieh und vom Geflügel längst kannte, aber aus theologischen Gründen nicht hatte übertragen können; Blumenbach lehrte, daß es Menschenrassen
gäbe, und schuf mit dieser richtigen Erkenntnis die Voraussetzung für weitere
272
Bibliothekszimmer Alexander von Humboldts (1769-1859). Humboldt
repräsentierte
wie kein zweiter das naturwissenschaftliche Universalwissen seiner Zeit, das
von der Geologie über
und Chemie bis zur Botanik reichte, um nur
Nach einem Aquarell von Eduard Hildebrandt, 1856.
die Physiologie
einiges herauszuheben.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
wissenschaftliche Erkenntnis, aber auch für ihre demagogische Verzerrung.
Noch
zu Lebzeiten Kants hatte es einen wissenschaftlichen Streit darüber gegeben, ob
Neger dem Menschen oder dem Affen näher ständen. Die Rassenlehre Blumenund in keiner Weise diskriminierend, stellte
das Problem in den richtigen Relationen dar. Humboldt, ein liberaler Mann von
tiefer Humanität, hat zeit seines Lebens z. B. gerade in der Judenfrage einen offebachs, rein anthropologisch gemeint
nen Blick für Wesen und Wert des »Fremden« im weitesten Sinne behalten.
Für Humboldts Weltbild war die Begegnung mit der Geologie entscheidend.
Abraham
stuhl für
Werner (1750-1817), ein begeisterter Lehrer, der einen LehrMineralogie und Bergbaukunde innehatte, ersetzte Vermutungen durch
Gottlieb
Erfahrungen. Er sammelte Gesteine, schuf eine mineralogische Klassifizierung -
wie die des junge Linne für die Pflanzenwelt - und entwickelte eine Formationslehre. Der Gelehrtenstreit der Epoche ging um die
Gesteine. Werner behauptete, das Wasser sei der Erzeuger aller Gesteine, mit
also eine ähnliche Leistung
Ausnahme
erstarrtes
derer, die aus
Vulkangestein
Vulkanen stammen. Den
ist,
Basalt, der ja in Wirklichkeit
erklärte er als ein Erzeugnis
sem sogenannten Neptunismus haben
von Seewasser. Von
sich später alle seine Schüler
273
die
abgewandt.
Dennoch hat Wertier eine ganze Generation von Wissenschaftlern geprägt und
Alexander von Humboldt eine Grundlage mitgegeben, die diesen immer wieder
befähigt hat, geologische Tatbestände mit sicherem Blick zu beschreiben.
Der 21jährige Alexander von Humboldt, der seine Studien nicht im modernen
als Mann von Rang und Vermögen dilettierte,
lernte den um 40 Jahre älteren Johann Reinhold Förster (1729-1798) kennen, der
wenige Jahre zuvor James Cook auf seiner berühmten zweiten Australienreise beSinne abgeschlossen hatte, sondern
Mann hat Humboldt entscheidend beeinzusammen dui^h Europa und kamen im Juli 1790 in Paris
an, gerade rechtzeitig, um an der großen Jahresfeier der Revolution auf dem Mars-
gleitet hatte.
Auch
dieser genialische
druckt. Beide reisten
feld
als
teilzunehmen. Damals trennten sich die
Wege
der Freunde: Förster ging 1793
Deputierter der Mainzer Republikaner nach Paris. Er hat die Gefahren des
neuen
Zeitalters übrigens deutlicher als
sagte: »Die
Tyrannei der Vernunft,
mancher andere vorausgesehen, als er
von allen, steht der
vielleicht die eisernste
Welt noch bevor ... Je edler das Ding und je vortrefflicher, um so teuflischer der
Mißbrauch. Brand und Überschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer
und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird.« Er sollte
in gewisser Hinsicht recht behalten.
Humboldt
blieb
im Gegensatz zu Förster Naturwissenschaftler, aber
er
vergaß
Jugend begeistert hatten, auch als
preußischer Kammerherr nicht. Die Sklavenjagd auf Kuba hat er mit Abscheu geschildert und in Preußen 1856 das sogenannte »Negergesetz« durchgesetzt, demdie Prinzipien der Revolution, die ihn in der
frei wurde, der preußischen Boden betrat. Ein Revolutionär
gewiß nicht gewesen, aber ein Liberaler, der zu seiner Gesinnung stand.
Nicht für seine liberalen Ansichten, sondern für seine wissenschaftlichen Leistungen ist er vom Befreier Mexikos Benito Juarez mit dem Titel »Wohltäter der
Nation« ausgezeichnet worden. Er hatte eine fünfbändige Enzyklopädie dieses
Landes geschrieben, die Mexiko zum Selbstverständnis verhalf. Seine zahllosen
Reisen erbrachten reiches Material, das auch heute noch zum klassischen Bestand
der Reiseliteratur gehört, vor allem die südamerikanische Reise in den Jahren
1799-1804, wobei der Chimborasso (5760 m) bestiegen wurde, oder die Reise in
die chinesische Mongolei, die er als 6ojähriger unternommen hat.
Sein universales Lebenswerk umfaßt viele Bereiche und kann im Zeitalter notwendiger Spezialisierung nur Neid und Staunen hervorrufen. So hat er 1797 die
Wirkung von Strom auf Muskel- und Nervenfasern erprobt, eine Vorarbeit zur
elektrischen Therapie auf dem Gebiet der menschlichen Physiologie, und 1805 mit
Gay-Lussac (1779-1850) in Paris über Gase gearbeitet, dessen Leistung in der Entdeckung des Ausdehnungsgesetzes der Gase liegt. Die Botanik, der damals etwa
800 Pflanzenarten bekannt waren, hat er um die Kenntnis von etwa 500 neuen
Arten erweitert. Für die Klimakunde hat er die Grundlage durch die Beschreibung
der Isothermen gelegt, verschiedene geologische Arbeiten geschrieben und Fragmente einer Klimakunde und Geologie Asiens verfaßt. Neben seiner umfangrei-
zufolge jeder Sklave
ist
er
chen Korrespondenz, die etwa 300 Briefe jährlich umfaßte, seinen gesellschaftlichen Pflichten, die er gerne wahrnahm, und seiner Arbeit an gelehrten
Zeitschriften hat er breitere
Wirkungen gesucht, weil er im Grunde Demokrat war.
274
Am 6. Dezember 1827 hielt er seine erste
akademie,
freilich eine,
Vorlesungen
ist
sein Plan entstanden, den
ander von Humboldt
zum
merite« ernannt. Es hat,
»Volkshochschulvorlesung«
in der
Sing-
an der Prinzen und Generale teilnahmen. Eben aus diesen
Kosmos
darzustellen. 1842
wurde Alex-
ersten Ordenskarfzler der Friedensklasse des »Pour
als er
am 6. Mai 1859 auf Schloß Tegel
mehr gegeben, der wie er die Summe der Naturwissenschaften
starb, keinen
le
Mann
einer Epoche reprä-
sentieren konnte.
Entschlüsselung der Materie
Napoleon
ist
der einzige naturwissenschaftlich gebildete Herrscher unter den ge-
krönten Häuptern Europas gewesen. Er
beteiligte sich
nahm an den Sitzungen
der
Akademie
teil,
an den Diskussionen der Wissenschaftler und förderte die Entwick-
Gramm und Sekunde eine
Mit seiner Einstellung gegenüber den Wissenschaften erwies er sich als Bürger, nicht als Aristokrat und Monarch, denn die Fortschritte der Technik und der Industrie wurden von einer breiten
bürgerlichen Schicht getragen: Jedermann interessierte sich für die botanischen
Klassifizierungen des Schweden Linne, für die Froschschenkel des Professors Gallung des dezimalen Maßsystems, das mit Zentimeter,
Errungenschaft der Französischen Revolution
ist.
Daß es der menschlichen
Vernunft gelingen müsse, auch die letzten, noch unentdeckten Naturgesetze zu
erkennen, gehörte zum Credo jener Jahrzehnte. Damals endete aber auch die »anschauliche« Epoche der Naturwissenschaften. Um 1800 entdeckte man zum ersten
Male etwas, für dessen Wahrnehmung der Mensch kein Sinnesorgan besitzt,
nämlich unsichtbare Strahlen aus irdischen Lichtquellen und aus der Sonne. Der
vani oder für die Klangfiguren des Professors Chladni.
Astronom Friedrich Wilhelm Herrschei fand das Ultrarot, der aus Schlesien stammende Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810), Freund Goethes, Schellings
und der Gebrüder Schlegel, das Ultraviolett - aber diese Entdeckungen bewegten
sich im Rahmen anschaulicher Vorstellungen von Wärme und Licht.
Der Schritt zur Atomtheorie war zwar damals schon getan, denn der schlichte
Schulmeister John Dalton arbeitete bereits an seinem zweibändigen Werk, aber
es war noch nicht veröffentlicht. Erst Roentgens Entdeckung der X-Strahlen, vielmehr ihre exakte Erforschung, leitete zur Atomphysik über, zu der neuen, absolut
unanschaulichen Epoche der Naturwissenschaften. Damals begann man aber auch,
die Materie zu entschlüsseln und jene ersten, wenn auch bescheidenen Verwandlungen zu vollbringen, von denen die Alchemisten früherer Jahrhunderte nur hatten träumen können. Eine entscheidende Voraussetzung für diese Entwicklung
schuf der junge August Kekule, der im Halbschlaf am Kamin seines Studierzimmers in Berlin jenen zündenden Einfall hatte, der ihm die Struktur der organischen
Materie erschloß. Schlangen, die den eigenen Schwanz erfaßten, drehten sich vor
seinen Augen wie in Kreisen und Ringen, und damit war ihm ein Ansatz gegeben.
»Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich auch diesmal brachte ich den Rest der
Nacht damit zu, die Consequenzen dieser Hypothese auszuarbeiten.« Diese Hypothese ist als Ordnungsbegriff und als Formel unter dem Namen »Benzolring« be;
275
kannt und erschloß der organischen Chemie eine Vielzahl der aus
stammenden organischen Verbindungen.
dem Benzol
Mit einem Schlage war die organische Chemie, vorher ein Wirrwarr widerstreiman konnte nun organische Synthesen »nach Maß« bauen, d.h. Stoffe schaffen, die es so in der Natur nicht gab,
tender Theorien, überschaubar geworden, und
weil
man
das Bauprinzip der Kohlenstoffverbindungen erkannt hatte. Dieses Bild
von der zum Kreis geschlossenen Schlange bedeutet übrigens als alchimistisches
Symbol die Einheit aller Materie; in Kekules Existenz hat es eine anekdotische,
durchaus nicht mystische Bedeutungen Schlangenring war nämlich Beweisstück
in einem Mordfall, der im Nachbarhaus der Kekules in Darmstadt vorgefallen und
dessen Opfer eine junge Gräfin Rödern war - Kekule stand damals gerade im Abitur. Der Mörder, der Kammerdiener der Gräfin, wurde überführt, obwohl er
leugnete, die Gräfin erwürgt und den aus Gold und Platin gefertigten Ring geraubt
zu haben. Auch bei diesem Mordfall spielte die junge Wissenschaft Chemie ihre
Rolle,
denn der Kammerdiener hatte eine Selbstverbrennung der Gräfin vortäu-
schenwollen. Justus von Liebig, einer der Begründer der organischen Chemie, erläuterte
dem
Gericht
als
Sachverständiger die Unmöglichkeit von Selbstverbren-
nungen mit den damaligen Mitteln - Benzin hat
Diese Rechenmaschine wurde 1782 von
Man
es ja
]oh. Helfried
zu dieser Zeit noch nicht
von Müller erfunden.
konnte mit ihr addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren.
Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
gegeben.
Daß
das Schlangenmotiv, in der Jugend Kekules mit so starken emotio-
nalen Akzenten belastet, als Vision
strengung wieder auftaucht,
mag
im halbwachen Zustand
reizbarer Überan-
psychologisch erklärbar sein; für die Entwick-
lung der Chemie hatte diese Assoziation jedenfalls weitreichende Folgen.
In jenen Jahren ist auch die erste Synthese von organischen Stoffen gelungen
damit war bewiesen, daß
stellen, eine »vis vitalis«
man
nicht,
um
irgendeine organische Substanz herzu-
brauche, eine Lebenskraft, sondern daß
man nur chemi-
schen Gesetzen folgen müsse. Heute wiederholt sich diese Auseinandersetzung bis
zu einem gewissen Grade bei der Frage, ob
obwohl
sich die
man
künstlich Leben hersteilen könne,
Grundsätze des naturwissenschaftlichen Denkens weitgehend
durchgesetzt haben.
Die Geschichte der organischen Chemie, die heute einige hunderttausend Stoffe
dem Zwerg der anorganischen Chemie, beginnt mit Urin.
Denn der 28jährige junge Professor Friedrich Wöhler hatte 1828 entdeckt, wie man
Harnstoff künstlich herstellt, und dies seinem Mentor Professor Jöns J. von Berzeumfaßt, ein Riese neben
einem Meister der exakten Analyse, sogleich mitgeteilt: »Ich kann, sozusamein chemisches Wasser nicht halten, ich muß Ihnen sagen, daß ich Harnstoff
machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein Tier, sei es Mensch oder
Hund, nötig zu haben.«
Damit begann das, was man den Siegeszug der Chemie nennt, und eine Situation entstand, die der in dem Gedicht vom Zauberlehrling ähnelt: Die Menschheit
lebte von nun an auf vielfältige Weise von der Chemie und mit der Chemie, und
es dauerte ein Menschenalter, bis man begriff, daß unter bestimmten Verhältnislius,
gen,
sen der technische Fortschritt
mehr zerstört, als
er
zu geben imstande
wissenschaftlichen Disziplinen aber griffen ineinander. So haben
ist.
Alle diese
Männer wie
Wöhler und Kekule, Faraday und Gay-Lussac auf Daltons
Atomtheorie aufgebaut. Dalton ist der Sohn eines Webers gewesen und hat die
Schule nur bis zu seinem 12. Lebensjahr besucht; dann ist er geworden, was er
Justus von Liebig,
sein
Leben lang
blieb,
nämlich Schulmeister auf
dem
Dorfe. Er hat sich nebenher
kam schließlich
Atome anzuwenden.
mit Meteorologie beschäftigt, dann mit Sauerstoff und
Punkt, die Grundsätze der neuen Chemie auf die
zu
dem
Den Schritt von der Alchemie zur Chemie hatte Lavoisier vollzogen, der die
Gewichte der Stoffe wog und die Verbrennung erklärte; genau dies tat auch Dalton, ein besessener Junggeselle, der von höhergestellten Persönlichkeiten protegiert wurde und das Laboratorium der »Literarischen und philosophischen Gesellschaft von Manchester« benutzen durfte. 1803 veröffentlichte er die erste Tabelle
der Atomgewichte, 1808 sein zweibändiges Werk der Atomtheorie, in dem er die
Begriffe Atom und Molekül bereits im heutigen Sinne benutzt, zwischen Atomgewicht und Äquivalentgewicht unterscheidet und die Unveränderlichkeit der
Atome von der Veränderlichkeit der Moleküle scharf abhebt. »Wir können
ebensowohl versuchen, einen neuen Planeten dem Sonnensystem einzuverleiben
oder einen vorhandenen zu vernichten, wie ein
Atom
Wasserstoff zu erschaffen
oder zu zerstören. Alle Änderungen, die wir hervorbringen können, bestehen in
der
Trennung von Atomen, welche vorher verbunden, und
cher, die vorher getrennt waren.«
2 77
in der
Vereinigung
sol-
Hier
ist
eine Scheiben-
und Elektrisiermaschine mit Konduktor und
Batteriekasten abgebildet. Diese Apparatur wurde 1794 von
Oberösterreichisches Landesmuseum Linz
,
J.
Jechl erbaut.
Weg, der zur Zertrümmerung von Atomkernen und zur Verschmelzung von Wasserstoffkernen führt wenig mehr als 100 Jahre liegen zwischen dieEs
ist
der
;
sen ersten exakten Erkenntnissen und den ungelenken Apparaten eines Professors
Hahn in Göttingen, dem 1928 zusammen mit Fr. Straßmann die Kernspaltung des
Urans und des Thoriums gelang. Es beginnt nicht nur das Zeitalter der Vernunft,
dessen Schrecken Förster vorausgesehen hat, sondern das der Unwirklichkeit, wie
es der Kulturgeschichtler Egon Friedeil genannt hat: »Schon wenn man den
Gedanken der Unendlichkeit des Weltalls, mit dem die Neuzeit anhebt, konsequent zu Ende denkt, gelangt man zur Irrealität; denn Unendlichkeit
.«
mathematisch formulierter Ausdruck für Unwirklichkeit
ein
.
ist
nichts als
.
Die Männer, die sich in stiller Gelehrtenarbeit an den brisanten Problemen der
Physik und Chemie, Zoologie und Botanik, Physiologie und Psychiatrie mühten,
wenn auch
im Kreis der Universität mit Respekt bedacht. Der Herkunft nach waren sie nicht
den führenden Schichten zuzuordnen, und gesellschaftlich spielten sie zwischen
dem Hofadel, dem Landadel und den Offizieren keine Rolle, so wie sie selbst wiederum den Umgang mit Kaufleuten und Industriellen durchaus verschmähten:
Diese dem Broterwerb ergebenen Leute hielt man für »ungeistig«. Von der Freiheit und Freizügigkeit des Professorenlebens macht man sich heute kaum einen
Begriff. So erzählt Professor Steffens, der in den Freiheitskriegen gegen Napoleon
bekannt wurde, von dem Entomologen Fabricius, einer Kapazität, die weitaus die
lebten in biedermeierlicher Idylle nahezu außerhalb der Gesellschaft,
Das analytische Laboratorium
Justus von Liebigs in Gießen. Liebig (1803-1873)
Chemiker seiner Zeit und gründete das erste
deutsche chemische Unterrichtslaboratorium in Gießen. Zeichnungvon Trautschold 1842.
war
einer der hervorragendsten
,
Deutsches
Museum, München
meiste Zeit auf ReiSen war und sich lieber in Petersburg,
Amsterdam und Paris
Gerade Fabricius allerdings,
mit seiner extravaganten Gattin, die Bücher las und den Haushalt verkommen ließ,
ist ein ungewöhnliches Beispiel, das fast schon an die Boheme grenzte - der ordentliche Professor, eher zur Devotion als zur Rebellion geneigt, blieb innerhalb
der ihm gezogenen Schranken. Noch im 18. Jahrhundert ging das böse Wort um:
»Gelehrte und Huren kann man für Geld haben«, und die lange Abhängigkeit von
launischen Duodezfürsten und anderen Autoritäten hatte ihre Spuren hinterlassen. Die neue Entfaltung des wisseuschaftlichen Denkens gab dem Gelehrten
Selbstgefühl, auch waren manche dieser Koryphäen Könige in ihrem Reich - freiaufhielt als in Kiel,
wo
er eine Professur innehatte.
unumschränkte Herrscher, mit denen sich gut zu stellen ratsam war. Damals
auch die Spottfigur des ewig zerstreuten Professors aus, der, in den
seines
Faches verfangen, den Zugang zur Außenwelt verloren hat und
Grenzen
nur noch seinen Problemen lebt.
Daß die Konsequenzen aus all diesen Entdeckungen die gesamte menschliche
Existenz verändern und die Menschheit selbst in Frage stellen würden, hat damals
niemand ahnen können. Alle Auffassungen vom Kosmos und vom Leben wurden
verändert, das Selbstverständnis des Menschen wandelte sich unmerklich, und aus
dem gleichen Bürgertum, das mit Marx und Engels die Theorien der Revolution
hervorgebracht hatte, kamen die neuen Erkenntnisse der Vernunft, welche die bisherigen Begriffe von Geist und Materie, von Ursache und Wirkung sprengten.
Seinen höchsten Ausdruck findet der Vernunftglaube, der allen diesen Entwicklungen zugrunde liegt, in einem Satz von Albert Einstein, der in seinen 1952 veröffentlichten Aufzeichnungen enthalten ist: »Die Vernunft ist natürlich schwach,
mißt man sie an ihren nie endenden Aufgaben. Sie ist auch schwach, verglichen
mit unseren menschlichen Torheiten und Leidenschaften, die, das müssen wir zugeben, unsere Geschicke fast völlig beherrschen, in großen wie in kleinen Dingen.
Und doch überdauern die Werke der Vernunft die lärmend geschäftigen Generationen und verbreiten Licht und Wärme über Jahrhunderte.«
lich
bildete sich
Bildung
und Macht
Civilisation, Culture
und Bildung
Die Entdeckung der Sprachen
Humboldt
Mit Band und Mütze
Auf dem Paukboden
Protest auf der Wartburg
Geschichte und Historie
Die Ideale des Ereiherrn von
Bildung fürs Volk
Civilisation, Culture
Das Wort »Kultur«
kommt
bekanntlich aus
und Bildung
dem römischen
einer Formulierung des Cicero, der gelegentlich sagt:
Erbe. Es beruht auf
»Wie
nicht alle bebauten
Äcker fruchtbar sind, so tragen nicht alle bebauten Geister Frucht; wie der Acker
den Ackerbau braucht, so braucht der Geist die Unterweisung. Die Beackerung des
Geistes aber
mit
dem
heißt,
ist
die Philosophie.«
Bedeutungsvoll
ist
hier das Wortspiel, das Cicero
Boden bearbeiten«
und mit dem daraus abgeleiteten Hauptwort »cultura«, das als »Bebauung
Begriff »colere« treibt, der soviel wie »bebauen, den
des Geistes« verstanden wird. Den menschlichen Geist vergleicht er mit der unbebauten Erde, und »cultura« ist für ihn die Tätigkeit, ohne die der Boden keine
Früchte trägt. In vielen europäischen Sprachen, vom Portugiesischen bis zum Russischen, ist die »Kultur« im Sinne von Pflanzung erhalten. Andererseits haben sie
auch die andere Bedeutung des Wortes aufgenommen; im Englischen ist es »culture«, ebenso im Französischen »culture«, die soviel wie Bildung bedeuten, selbst
im Spanischen, Portugiesischen und Russischen ist die übertragene Bedeutung von
Kultur üblich. Nun hängen ja im Christentum Ackerbau und Paradies theologisch
zusammen wie zwei Seiten einer Münze, denn Adam, aus dem Naturzustand
vertrieben, soll ackern im Schweiße seines Angesichts. Die Kultur ist damit die
Frucht von Mühen und kann den ursprünglichen Zustand des Paradieses nie
erreichen.
Samuel Baron von Pufendorf (1632-1694), der in der Rechtsgenun im Gegensatz dazu erklärt, der Mensch
lebe ohne gesellschaftlichen Zusammenhang elend und eher wie ein Barbar. Erst
in der »Socialis vita«, der Existenz innerhalb einer Gesellschaft, werde sein Leben
lohnend und reich. Er hat mit dieser Auffassung, die er 1672 in seinem Werk »De
jure naturae et gentium«, über das natürliche Recht und das Geschlecht der Menschen, zum Ausdruck brachte, die Kirche provoziert und sich jahrzehntelang mit
seinen Gegnern herumgestritten. Dem mittelalterlichen Scholastiker ist »cultura«
die Summe der Anstrengungen, die der Mensch unternehmen muß, um den »StaDer
Jurist
schichte eine wichtige Rolle spielt, hat
tus naturalis« zu überwinden, den rohen
Zustand der Natur, damit
er schließlich
das Jenseits erreicht. Pufendorf versteht die »cultura« nicht so sehr als Bestrebung,
die auf ein jenseitiges Ziel gerichtet ist, sondern vielmehr als die Summe der
Anstrengungen, um das Leben der Menschen auf der Erde zu verbessern.
Einen neuen Impuls erhielt die Geschichte des Bildungsbegriffes kurz vor der
Französischen Revolution. Der Marquis de Mirabeau, der Vater des bekannten
Revolutionärs, veröffentlicht im Jahre 1757 oder 1756 ein Buch »Freund des Men-
schengeschlechtes«, in
dem
er einen aufklärerischen Bildungsbegriff formuliert.
Der Baron benutzt das Wort »civiliser«, das soviel bedeutet wie »die Sitten mildern«; es beschreibt den Lernprozeß, dem jemand unterworfen ist, wenn er »civis«, d. h. Bürger werden soll. Mit »Civilisation« ist die Gesamtheit aller Tätigkeiten bezeichnet, die aufgewandt werden muß, um einen Menschen in die
Gesellschaft einzufügen. Später definiert Mirabeau Civilisation auch als innere
Gesittung, und er sieht in ihr die Kulturmission Frankreichs begründet.
282
Man sieht, die Begriffe überdecken sich,
zugleich aber lassen sie auch wie geolo-
werden und bestätigen den
gische Ablagerungen die Geistesgeschichte sichtbar
Ansatz der Philologie, wonach eine Geschichte der Sprache eben auch eine
Geschichte des Denkens ist.
Im Jahre 1 767 schrieb Mirabeau, die Franzosen hätten das Recht erworben, in
Europa den Ton anzugeben, ein Anspruch, dgr den Franzosen seither in Fleisch
und Blut übergegangen ist und für sie solche Bedeutung besitzt wie für den Deutschen der Begriff der Ordnung. Mirabeau sagt, einen Franzosen interessiere alles,
was mit der Civilisation Zusammenhänge. Bei den anderen Nationen hinge man
am Bewährten und an alten Grundsätzen, aber Franzosen seien stets bereit, sie dem
Neuen zu opfern. Deshalb werde auf allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis
der Fortschritt stets aus Frankreich
kommen.
In Frankreich hat seitdem der Begriff
»Civilisation« einen besonderen Klang, der mit
dem Geschick
bar verknüpft und auf die Marseillaise gestimmt
ist.
der Nation untrenn-
Mit »culture« bezeichnete
man nur noch, was privat blieb und in Deutschland mit »Bildung«
»Im Namen
bezeichnet wird.
der Civilisation« stand gleichsam auf den Fahnen der französischen
man meinte, man müsse dem übrigen verrotteten Europa
und der Aufklärung bringen, und diese geriete in Gefahr,
so oft Frankreich in Gefahr geriete. Wie Rom sich als Stadt des Glaubens verstand,
so Paris als Zentrum der Zivilisation, wobei dieser für den Außenstehenden absurde Anspruch nur aus der Geschichte des Begriffes verstanden werden kann Der
Franzose ist gleichsam von Natur zur Zivilisation geschaffen, die alle übrigen Teile
der Menschheit erst von Frankreich zu lernen haben.
Im Französischen steht von nun an »civilisation« für den deutschen Begriff
»Kultur«, und so auch im Englischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen, während in den germanischen Sprachen, im Niederländischen, Dänischen
und Schwedischen, der Begriff »Kultur« Eingang gefunden hat, etwa wie ihn
Pufendorf verstanden hat. Auch der russische Begriff ist wohl von Pufendorf beeinflußt, wobei in neuerer Zeit das russische »kultura« die Lebensart meint, aber
Revolutionsheere, denn
das Licht der Vernunft
:
auch die Gesellschaftsform. Wieder, wie Frankreich nach 1789, versteht sich das
Land der Revolution als das Land der höheren Kultur.
Neben Kultur und
Zivilisation, die einander ergänzen, steht des
Lieblingswort, der Begriff »Bildung«.
Im Jahre 1784
Deutschen
schrieb der Philosoph
Moses
Mendelssohn: »Die Worte Aufklärung, Cultur, Bildung sind in unserer Sprache
noch Ankömmlinge. Sie gehören vorderhand bloß zur Büchersprache, der gemeine
Haufe versteht sie kaum.« Tatsächlich ist auch das Wort »Bildung« in der Bibel
verwurzelt. In der Genesis heißt es bekanntlich, der
Mensch
sei
»nach
dem
Bilde«
Gottes geschaffen. Diese Vorstellung wiederum geht wohl auf die sehr viel älteren
Auffassungen der Sumerer zurück, nach denen der Mensch ein Abbild des Kosmos
im kleinen war. Diese Entsprechungen von Kosmos und Mensch oder von Gottwesen und
Mensch gehören zum Urbestandteil des orientalischen Glaubens und
noch
spie-
Medizin der frühen Kulturen ihre Rolle. Der Apostel Paulus
sagt es im 2. Korintherbrief (III/18) ergänzend: »Nun aber spiegelt sich in uns allen
des Herrn Herrlichkeit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verwandelt
in dasselbige Bild, von einer Klarheit zur andern, als vom Geist des Herrn.« Das
len
bis in die
283
Bildnis des venezianischen Kunstsammlers Andrea Odoni. Gemälde von Lorenzo Lotto
(vor 1480-1556). National Gallery London
,
ganz aus der Theologie gesehen, und so bleibt es auch bis ins 18. Jahrhundert.
Die Pietisten sprechen von »geistlicher Bildung« in dem Sinn, daß der Mensch,
wie bei Paulus geschrieben, in Gottes Bild verwandelt werde, und auch Klopstock
sieht »bilden« und »Bildung« im religiösen Bezug.
Den nächsten Schritt tut Wieland, der im Jahre 1754 in Basel einen pädagogischen Aufsatz schreibt, einen »Plan von einer neuen Art von Privat-Unterweisung«. Darin heißt es: »Die Ideen vom Wahren und Guten liegen in uns, es liegen
auch in uns die Samen zu allen Tugenden ein weiser Kenner der Seele kann durch
seinen Umgang, durch Fragen, Einwürfe und Beantwortungen, durch eine psychologische Ordnung im Unterweisen, auf eine leichte und der menschlichen
Natur sehr angemessene Art die Köpfe seiner Untergebenen und zugleich ihre
ist
;
284
Herzen bilden.« Herzensbildung, Bildung des Verstandes, Unterweisung der
Jugend, um sie zu bilden, das werden von nun an die Schlüsselworte der Klassik,
ja der Pädagogik überhaupt, und an großen Idealen bildet man sich und das Menschengeschlecht. Wenn zur Zeit der Mystik die Bildung der Seele ein geistliches
Anliegen war, so ist sie jetzt das Bestreben aller wohlmeinenden Menschen, die
sich an weltlichen Zielen orientieren. Damit pian weiß, wie ein solcher Vorgang
aussieht, schreibt man Bildungsromane, die den Entwicklungsgang eines Menschen nachzeichnen. So schreibt Wieland seinen »Agathon» (1766/67), Goethe
seinen »Wilhelm Meister» (1795/96), und noch bis in die bürgerliche Literatur des
20. Jahrhunderts reicht diese Vorstellung, die im »Grünen Heinrich« von Gottfried Keller und im »Nachsommer« von Adalbert Stifter ihre bürgerlichen Entsprechungen
findet.
Es dauert nicht lange, bis der Bildungsbegriff
dann auch von den Arbeitern
übernommen oder auf sie übertragen wird. So schreibt der westfälische Unternehmer Friedrich Harkort, der die Burg Wetter in eine Fabrik umwandelte, in seinem
1845 erschienenen Werkchen »Die Vereine zur Hebung der unteren Volksclassen«
ganze Nation Bildung, Bildung und nochmals Bildung!
Geschwätz darüber gewesen, ob die unteren Stände nicht zuviel
Von unten auf lege man das Fundament und schließe alle
lernen könnten?
Klassen durch Bildung dem großen Ganzen an.« Später schreibt er: »Die Nation
hat den äußeren Feind besiegt, jetzt gilt es einer Geisterschlacht, damit jeder
einzelne zur geistigen und leiblichen Freiheit gelange ... Da muß jeder, welcher
ein fühlendes Herz im Busen trägt, zu der Erkenntnis kommen: Daß die Stunde
geschlagen hat, wo es gilt, die untern Klassen aus den Banden der Unwissenheit
und Not in ein wahres Bürgerleben einzuführen.«
»Wir fordern
Allerdings
laut für die
ist viel
.
.
.
Die Entdeckung der Sprachen
Noch zu Goethes Zeiten hat man allgemein geglaubt, die ganze Weltgeschichte
umfasse nur etwa 6000 Jahre, also auch die Geschichte der Sprachen, und das
Hebräische sei die Mutter aller Sprachen, wie die Stämme Israel den Ursprung der
Menschheit darstellten. Eine Ausnahme bildete Leibniz, der schon damals forman solle die Sprachen nach ihrer natürlichen Verwandtschaft gruppieren.
Den Schlüssel zu dieser Gruppierung, zunächst vor allem auf die europäischen
Sprachen bezogen, bildete das Sanskrit. Die Engländer waren zuerst auf diese indische Ursprache gestoßen, als sie sich mit der Kultur des von ihnen unterworfenen
Landes beschäftigten. Sir William Jones (1746-1794), seit 1783 Richter am Ober-
derte,
tribunal in Kalkutta, hat als erster die Sprachverwandtschaften zwischen
Sanskrit,
dem
Keltischen,
dem Griechischen,
dem
Lateinischen und Gotischen erkannt.
Er
erarbeitete verschiedene Übersetzungen indischer Epik, etwa Kalidasas
»Sakuntala« (1789) und veröffentlichte dann erstmals einen Sanskrit-Druck in
bengalischer Schrift (1792). Neben Jones muß der Engländer Henry Thomas Cole-
brooke (1765-1837) genannt werden, der die erste Sanskrit-Grammatik geschaffen
die Weisheit der altindischen Vedas, der mythischen Gesänge, entdeckt hat.
und
285
Dann aber ging das Interesse an der vergleichenden Sprachforschung nach
Deutschland über, das im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Philologie eine führende Stellung einnahm. Man sieht diese Entwicklung zur Philologie leicht im
Zusammenhang mit pädagogischen Zerrbildern, etwa mit dem Typ des Professors
Unrat aus dem »Blauen Engel«, während doch in Wirklichkeit gerade die Sprachwissenschaften den Völkern Aufschluß über sich selbst gaben und in vielen Fällen
eine nationale,
revolutionäre
Bewegung
geistig vorbereitet haben. In heutiger
zuvor wissenschaftliche Bemühungen bestimmt
und Erkenntnis nur so weit anerkamlt wird, als man ihren Zweck, ihre »Verwert-
Zeit,
wo
ja
der Nutzen
mehr
als je
muß die geduldige Beschäftigung mit abseitigen Sprachformen
und Wortstämmen Kopfschütteln hervorrufen. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gehörten solche sprachwissenschaftlichen Arbeiten aber zu den großen Leistungen der Kultur und stießen auf breites Interesse, weil ja auch hier ein neues
Bild des Menschen und der Geschichte hervortrat, das den biblischen Rahmen
barkeit« begreift,
sprengte.
Gerade
die
Bewegung
der Romantik hatte
ja
zu Problemen der Sprache ein be-
sonders sensibles Verhältnis, so schrieb Friedrich von Schlegel (1772-1829) eine
Abhandlung »Über die Sprache und Weisheit der Indier« und deutete die Sprach-
verwandtschaften an, während sein Bruder August Wilhelm von
Schlegel
(1767-1845), Professor für Sanskrit in Bonn, eine erste Einteilung für Sprachen
schuf. Diese Gruppierung ist im Prinzip noch heute gültig. Man kann nämlich
Sprachen danach unterscheiden, wie
sie ihre
Wortformen und
ihre Sätze bilden.
Es gibt Sprachen wie das Chinesische, die unveränderliche, einsilbige Wörter an-
einandersetzen, wobei die Kombination den Sinn ausdrückt. Schlegel nannte
sie
»Sprachen ohne grammatische Struktur«. Dann gibt es Sprachen, z. B. die der
Turkvölker, bei denen Wortformen durch Anhängen von starren Endungen gebil-
von sogenannten Suffixen oder Affixen. Und schließlich gibt es Sprain denen die Wortstämme verändert werden, um Wörter und Wortformen zu bilden - etwa »sang« von »singen«
und »klang« von »klingen«.
Damit eröffnete sich der Forschung ein unüberschaubares Feld von Fragen, in
deren Mittelpunkt zunächst die gegenseitige Verwandtschaft und Abhängigkeit
der Sprachen stand. Die Ähnlichkeiten mancher Sprachen waren verblüffend, und
man lernte mit der Zeit auch, die Lautverschiebungen und Abschleifungen im
Gefüge der Sprachen richtig einzuordnen und in ihrer Gesetzmäßigkeit zu erkendet werden,
chen wie die der indogermanischen Sprachfamilie,
nen, so daß
man
die
anatomische Struktur eines Sprachleibes zu erfassen ver-
mochte. Ursprünglich hatte man sich etwa zur Zeit der Humanisten und der
Renaissance überhaupt nur mit dem Griechischen, dem Lateinischen und mit dem
Hebräischen
als
der Sprache der Bibel abgegeben.
Sprachen hinzugekommen, und
es interessierte
Nun waren
die
anderen alten
vor allem, wie die Ähnlichkeiten
zwischen Sanskrit und einigen anderen Sprachen zustande
gekommen
waren.
Vater heißt auf sanskrit »pita«, auf griechisch »pater«, auf lateinisch »pater«, auf
gotisch »fadar«, auf altisländisch »fadir«, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Frage
war, ob Sanskrit eine Ursprache war oder wie sich überhaupt diese Verwandtschaften erklären ließen.
286
Jakob und Wilhelm Grimm gelten als Begründer der deutschen Philologie.
Wilhelm Grimm widmete sich besonders der Erhaltung der Volksdichtung und gab
zusammen mit seinem Bruder Jakob 1814 die »Kinder- und Hausmärchen« heraus.
Zusammen veröffentlichten die Brüder 1852 das umfangreiche »Deutsche Wörterbuch«.
Daguerrotypie nach einem Stich von L. Sichling. Österreichische Nationalbibliothek,
Bildarchiv,
Wien
Es sind drei Namen, die in diesem Zusammenhang mit ihren Arbeiten genannt
werden müssen, nämlich Franz Bopp mit der Schrift »Über das Konjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache« (1816), Rasmus Kristian Rask mit
der Arbeit »Untersuchung über den Ursprung der altnordischen oder altisländischen Sprache« (1818) und die »Deutsche Grammatik« von Jakob Grimm, die seit
1819 erschien. Wie breit alle diese Ansätze waren, zeigt ein Blick auf den Mann,
dessen Name am unbekanntesten geblieben ist. Der Däne Rasmus Kristian Rask
(1787-1832), ein Sammler wertvoller Pali- und Avesta-Handschriften, schuf
Grammatiken für das Angelsächsische, Friesische und Lappische, gab der finnisch-ugrischen Sprachfamilie ihre wissenschaftliche Einteilung und befaßte sich
mit dem Baskischen sowie mit den Dialekten der Eskimos. Die asiatischen Sprachen allerdings beherrschte er nicht, und so erklärt sich aus dieser Lücke auch, daß
er zum Sanskrit keine Beziehung hatte, das Problem der Sprachverwandschaften
also nur von den nordischen Sprachen her zu lösen versuchte.
Als Jakob Grimm, einer der berühmten Brüder, die im hessischen NiederZwehren die Geschichten und Märchen aus dem Volk aufgeschrieben hatten, die
Arbeit des Dänen Rask in die Hand bekam, schrieb er den ersten Band seiner eigenen Grammatik völlig um. Grimm hat die germanischen Sprachen grundlegend
behandelt und jenes berühmte »Lautverschiebungsgesetz« gefunden, das im Ausland auch »Grimms Gesetz« heißt. Allerdings hatte schon Rask festgestellt, daß
in den germanischen Sprachen dort ein f, th, h gesprochen wird, wo z. B. im Latei-
nischen ein p, t, k steht (Störig). Man erkannte, daß in vorchristlicher Zeit bei den
germanischen Völkern eine solche »Lautverschiebung« stattgefunden haben
müsse. Später gab es dann im Deutschen noch eine andere Lautverschiebung entlang der sogenannten Benrather Sprachlinie, mit der sich das Niederdeutsche vom
Oberdeutschen löste.
Franz Bopp (1791-1867), der mit 20 Jahren eine Professur in Berlin übernahm,
die er bis drei Jahre vor seinem Tod innehatte, schuf als Hauptwerk die »Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen,
Litauischen, Altslawischen, Gotischen und Deutschen«, die 1833-1852 erschien.
Er schrieb darin: »Ich glaube nicht, daß das Griechische, Lateinische und andere
europäische Sprachen vom Sanskrit, so wie wir es in den indischen Werken finden,
abgeleitet werden dürfen ich neige eher dazu, sie insgesamt als spätere Abarten
;
vollkommener als die ihm verwandten Sprachen bewahrt hat.« 1861 erschien dann das von dem deutschen
Sprachgelehrten August Schleicher verfaßte »Compendium der vergleichenden
Grammatik der indogermanischen Sprachen«. Schleicher hatte im Gegensatz zu
seinen Vorgängern die wichtigsten Sprachen an Ort und Stelle studiert und so den
Bezug zu den lebenden Sprachen hergestellt.
einer Ursprache anzusehen, die jedoch das Sanskrit
Prunksaal der Österreichischen
N ationalhibliothek
in
Wien. Die Konzeption zu
diesem prachtvollen 1723 begonnenen Bibliotheksraum in der Hofburg stammt von
Johann Bernhard Fischer von Erlach. Die Bücher sind in zwei Etagen
,
übereinander angeordnet von denen die obere durch eine Galerie zugängig
,
ist.
Daß
die Sprachwissenschaften mit ihren Ergebnissen tiefer greifen, als die
Vokabelweisheit der Schule vermuten läßt, zeigt ein Blick auf die Sprachphilosophie. Wie das menschliche Denken mit der Sprache verknüpft ist, wie die Sprache
mit ihrem Reichtum oder mit ihrer Kargheit das Bewußtsein des einzelnen prägt,
reicht ins Grenzgebiet der Psychologie andererseits hängen Sein und Bewußtsein
so eng miteinander zusammen, daß sich auch für die Philosophie und Anthropolo;
gie
immer neue Fragen
ergaben.
Was eine Sprache für ein Volk und damit auch politisch bedeuten
am deutlichsten die Wiederbelebung des Hebräischen, das aus einer
sprache zu einer modernen Sprache geworden
ist.
kann, zeigt
toten Kult-
Ein ebenso fesselndes Kapitel
würde sich dem bieten, der die griechisch-lateinische Herkunft oder die indogermanischen Wurzeln der modernen Techniksprache in der Luft- und Seefahrt entschlüsseln würde. Dieses Beispiel zeigt auch, daß Sprache nicht nur ein nach variablen
Regeln
System, sondern eine Summe von
einem ständigen Prozeß von Veränderungen
Ganz gewiß bauen aber Sprachkenntnisse Brücken, und selbst
geordnetes
Verständigungsmöglichkeiten
unterworfen
sind.
festes
die
ist,
in der harten politischen Praxis spielen philologische Fragen,
eine bedeutsame Rolle.
Wilhelm von Humboldt
ist
etwa bei Verträgen,
der erste Wissenschaftler ge-
wesen, der die von der Sprachforschung erarbeiteten empirischen Tatsachen mit
dem Blick des Denkers übersah und philosophische Ansätze fand; ihm war die
Sprache ein Spiegel des Denkens, vielmehr ein lebendiges Abbild, und er glaubte,
daß
man sich mit der Sprache eines Volkes befassen müsse, wenn man
seinen Geist
erfahren wolle.
Die Ideale des Freiherrn von Humboldt
Als der preußische Gesandte
am
päpstlichen Hof, der Freiherr
Wilhelm von Hum-
Urlaub zur Regelung seiner persönlichen Verhältnisse eingereicht
hatte, erreichte ihn in München die Nachricht, man wolle ihm die Leitung des
preußischen Schulwesens übertragen. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt keine Bezieboldt, einen
hung zur Pädagogik gehabt, wenn
er
auch selbst auf dem Gut seiner Eltern in Tegel
und für seine Kinder besonders
bei Berlin eine ausgezeichnete Bildung erhalten
aufgeschlossene und tüchtige Hauslehrer beschäftigt hatte. In seiner Amtszeit, die
insgesamt nur sechzehn Monate betrug, hat er das preußische Erziehungswesen,
das später für Deutschland vorbildlich wurde, auf eine feste Grundlage gestellt
damit für seine Zeit
geleistet,
was
in diesen Jahren
und
mit Hilfe der Bildungsreform
ist. Das preußische humanistische Gymnasium ist HumWerk, er hat die Universität in Berlin gegründet und das Abitur eingeführt,
kurzum, er hat wesentlich jene Einrichtungen geschaffen, die noch heute so viele
leidenschaftliche Angriffe hervorrufen und die damals den Fortschritt verkörperten. Ohne die Niederlage des preußischen Heeres bei Jena und Auerstedt im Jahre
1806, ohne den politischen Schock des Friedens von Tilsit zwischen Napoleon I.
und dem preußischen König hätte sich die reaktionäre Monarchie gewiß nicht dazu
neu versucht worden
boldts
hinreißen lassen, Bildungsreformen durchzuführen.
290
Daß ausgerechnet Humboldt mit
vom
dieser
Aufgabe betraut worden
ist,
verdankt
kurzen Zeit seines Wirkens ja einige bedeutende Männer in den preußischen Staatsdienst geholt und insgesamt wohl
mehr durch seine Persönlichkeit als durch sdne Arbeit gewirkt hat. Im Grunde
waren es zufällige Beziehungen, die zu-dieser Berufung führten, nicht sachliche,
sondern personenorientierte Entscheidungen, wie sie in höheren Gesellschafts-
man dem
Freiherrn
schichten üblich waren.
Stein, der in der
Humboldt
jedenfalls
nahm den Auftrag an, obwohl er bis
Wie alle seine Posten betrieb
dahin noch nie eine Schule von innen gesehen hatte.
auch diesen mit der unangestrengten Lässigkeit eines Mannes, der wirtschaftlich unabhängig ist und es sich leisten kann, eine profilierte Meinung zu haben.
er
Wie selbstverständlich übertrug
er seine eigenen Bildungserlebnisse auf
den Staat
dem
er selbst
und formte das preußische Erziehungswesen
in
jenem Geist,
in
höchst fortschrittlich erzogen worden war.
Sein Ideal war die klassische Bildung, orientiert an einem Griechentum, das wenig mit
dem
historischen Volk des Perikies, aber viel mit den gesellschaftlichen
Verhältnissen des frühen 19. Jahrhunderts zu tun hatte. Die Verinnerlichung und
Idealisierung bestimmter
ist,
Tugenden, wie
sie
von den Griechen
nie geleistet
worden
entsprach den patriotischen Bedürfnissen der Epoche, anders ausgedrückt, seit
Wand,
jeher bot die Antike die weiße
zierte, stets
mit
dem Hinweis
auf die Europa sein Selbstverständnis proji-
auf Griechenland - so etwa ließe sich das sehr
dem Preußen
kom-
und griechischer
Sprachwissenschaft interpretieren. Humboldt selbst hat das in einem Brief an den
Hauslehrer Wolf so ausgedrückt: »Es gibt, außer allen Studien und Ausbildungen
des Menschen, noch eine ganz eigene, welche gemeinsam den ganzen Menschen
zusammenknüpft, ihn nicht nur fähiger, stärker, besser an dieser oder jener Seite,
sondern überhaupt zum größeren und edleren Menschen macht, wozu zugleich
Stärke der intellektuellen, Güte der moralischen und Reizbarkeit und Empfänglichkeit der ästhetischen Fähigkeiten gehört. Diese Ausbildung nimmt nach und
nach mehr ab, und war in sehr hohem Maße unter den Griechen. Sie kann, dünkt
mich, nicht besser befördert werden, als durch das Studium großer und gerade in
dieser Rücksicht bewundernswürdiger Menschen, oder, um es mit einem Worte
zu sagen, durch das Studium der Griechen.«
Für ihn waren die Griechen gleichsam die reine Menschheit, wie er schon 1793
plizierte Verhältnis
in seiner »Skizze
zwischen
des Jahres 1809
über die Griechen« dargestellt hatte. Er meint, hier verbinde sich
und Einheit, Sinn für Mannigfaltigkeit mit einer Humanität, die sie
Naturnähe bereits auf hoher Kulturstufe erscheinen lasse«, kurzum,
Vielseitigkeit
»trotz ihrer
er idealisiert
den Typ des wirtschaftlich unabhängigen, ästhetisch gebildeten,
Mannes« Schiller und Friedrich Schlegel haben diesen aus
kenntnisreichen »edlen
der Geschichtswissenschaft
;
gewonnenen Ansatz zur Geschichtsphilosophie der
Klassik vertieft.
dem Abstand eines Jahrhunderts, daß diese humaniWendung ausgerechnet von jenem Manne vollzogen wurde, dessen Bruder
sich mit dem Gedanken zum »Kosmos« trug, der Gesamtdarstellung des naturwisEigentümlich wirkt aus
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senschaftlichen Wissens seiner Zeit. Die so folgenreiche Kluft zwischen Naturund Geisteswissenschaften ist in Deutschland bei den Gebrüdern Humboldt wie
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J
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vorgezeichnet; es 'scheint,
als
habe die Klassik ermöglicht, die revolutionären
Erkenntnisse der Naturwissenschaften zunächst zu bagatellisieren. Jedenfalls galt
es für edler, sich
mit Xenophon und Cicero zu befassen
als
mit
dem System
der
Pflanzen oder der Thermodynamik, und das Bildungsziel- blieb letzten Endes eine
unverbindliche, in der Politik nicht wirksam werdende Humanität, zwischen
dem
Aufstand eines Spartakus und dem Elend der schlesischen Weber gab es noch nirgends einen geistigen Zusammenhang.
Als Humboldt im Jahre 1808 Rom verlassen und in München auf der Durchreise
nach Norden von seiner neuen Aufgabe gehört hatte, herrschten unruhige Zeiten.
Humboldt selbst machte sich um Gut Tegel Sorgen, das von den Franzosen geplündert worden war, auch fürchtete er um sein im Herzogtum Warschau angelegtes Vermögen. An seiner Aufgabe in Rom hing er mit einer geradezu romanti-
Das Arbeitszimmer Wilhelm von Humboldts (iy6y-i8^)
in
Schloß Tegel bei Berlin.
1809 wurde Humboldt preußischer Minister für Kultur und Unterricht und leitete
eine grundlegende Reformierung des Schulwesens ein, ausgehend vom Bildungsideal
des klassischen Griechenlands aus der Sicht des 19. ]h. Staatsbibliothek Berlin,
Bildarchiv
(vorhergehende Doppelseite)
Die Bürgerbibliothek in Bern. Die Bibliothekskommission ist zusammengetreten,
um über den Ankauf neuer Werke zu beraten. Gemälde von Johannes Dünz, um 1696/97.
Bürgerbibliothek, Bern
sehen Schwärmerei, und es schien ihm unerträglich, sie aufgeben zu müssen. Er
hat denn auch den Posten mit sachlichen Begründungen strikte abgelehnt und For-
derungen prinzipieller Art gestellt, die als sehr weitgehend erscheinen mußten;
sie bezogen sich selbstverständlich nicht auf eigene Vorteile, sondern auf sein Amt.
Der preußische Minister des Inneren akzeptierte Humboldts sämtliche Voraussetzungen und behandelte die Sache so, als sei die, Ablehnung überhaupt nicht ausgesprochen worden. Humboldt, als Preuße an eine selbstverständliche Art des Dienens fixiert, trat seine Aufgabe schweren Herzens an.
Damals wie heute besteht die Leistung in der Verwaltung ja weniger in der
Entwürfe zu erarbeiten, denn gute Ideen sind wohlfeil, als in der
gegen Widerstände zu realisieren. Humboldt hat deshalb zunächst das
Schulwesen dem Griff der obersten evangelischen Kirchenbehörde entwunden und
Fähigkeit, große
Kraft, sie
ausschließlich
dem
Staat unterstellt, ein für altpreußische
binisches Vorgehen.
er es
mit
dem
Im Kampf
Beamte geradezu jako-
für sein Ressort, das ja erst zu schaffen war, hatte
Minister des Inneren Graf Dohna, mit
dem König
selbst,
dem
einzi-
gen Souverän, und mit einer Reihe von einflußreichen Nebenfiguren zu tun, zu
denen auch die Königin Luise und der damalige Oberpräsident von Ostpreußen
gehörten. Humboldts Ziele waren, das Ressort selbst zu organisieren und als Institution zu verankern, übrigens nach dem Maßstab der Selbstverwaltung, einen allgemeinen Schulpan zu entwerfen, sowohl was die Gliederung der Schulen, den
Lehrplan und die erzieherische Methode anging, und schließlich »die Regulierung
der Fonds und Etats« aller Schulen und der Besoldung aller Lehrer und Geistlichen.
An seine Gattin schrieb er: »Ich habe den großen Plan, die Schulen bloß von der
Nation besolden zu lassen« - auch diese heute selbstverständliche Einrichtung war
für damalige Verhältnisse ein kühner Fortschritt.
Dieser liberale Konservative strebte Reformen auf dem Verwaltungswege an.
Er gründete eine »Sektion für öffentlichen Unterricht«, eine Art Reformausschuß,
der durch eine »Wissenschaftliche Deputation« ergänzt worden ist. Im Jahre 1808
wurden diese Bestrebungen durch die Neuordnung der Provinzialverwaltung ergänzt. Jede Regierung umfaßte künftig vier Deputationen, nämlich für das Polizeiwesen, für Kultus und Unterricht, für das Finanz- und Kassenwesen und für
das Militärwesen. Humboldt hat damals den Gedanken der staatlichen Zentralisation energisch betrieben, ein Prinzip, das die deutsche Bildungslandschaft nach-
haltig beeinflußt hat. Seit
dem Wirken Wilhelm von Humboldts ist
selbstverständliche staatliche Einrichtung.
Man
die Schule eine
unterschied Bürgerschulen,
wo
Elementarunterricht gegeben wurde, die höheren Schulen, die einem Bildungsziel
dienten,
und Universitäten.
Humboldts Vorstellungen von Erziehung und Bildung nachhaltigen Einfluß gehabt. Dieser Schweizer in der Nachfolge Rousseaus,
der seinen Sohn ganz nach dessen Erkenntnissen aufzog, also nach der »inneren
Natur«, wollte den Armen helfen. Im Jahre* 1777 schrieb er in der Zeitschrift
»Ephemerdiden«, der Arme müsse zur Armut erzogen werden, dies sei nicht »kalte
Pestalozzi hat übrigens auf
Gleichgültigkeit gegenüber der Not«, gegenüber Verhältnissen, die unerträglich
sondern der einzige Weg, das Los der Armen zu erleichtern. Er gründete
dem Lande den »Neuhof«, eine Armenanstalt mit etwa 50 Erwachsenen und
seien,
auf
295
35 Kindern, die 1780 geschlossen wurde, und leitete seit 1790 die von ihm ins
Leben gerufene Waisenschule Burgdorf, die zugleich Lehrerbildungsanstalt war.
Seine Grundideen der Erziehung hatte er aus der Familie entwickelt und auf Liebe
aufgebaut; nicht der Drill, nicht die alttestamentarische Strenge, sondern Verständnis und Liebe waren seiner Ansicht nach Grundbedingungen der Erziehung.
Ihr Ziel
ist
die Vertiefung des inneren Seins, das in drei
äußeren Lebenskreisen
- Vaterhaus, Beruf, Staat - seine äußere Form findet. Solche Gedanken sind in
Humboldts Gesichtspunkt für die Schulreform eingeflossen, denn er schreibt:
»Die Übung der Kräfte auf jeder Gattung von Schulen ist allemal vollständig und
ohne irgendeinen Mangel vorzunehmen, alle Kenntnisse aber, die sie (d.h. die
Übung der Kräfte) überhaupt wenig oder zu einseitig befördern, wie notwendig
sie auch sein mögen, sind vom Schulunterricht auszuschließen und dem Leben die
»Die Sieben Freien Künste« beinhalten den
seit
der Antike bestehenden Bildungs-
kanon, den jemand absolvieren muß, der Anspruch darauf erhebt,
und kultivierter Mensch zu gelten. Wandteppich, um i6j 5.
Musee Gruuthuse, Brügge
als gebildeter
»Das Angesicht des Mondes«.
Pastellbild
von John Russell (iy4y-i8o6).
Diese malerische Darstellung wirkt nahezu wie eine moderne
fotografische
Aufnahme und
der damaligen Zeit. City
spricht für das exakte naturwissenschaftliche Interesse
Museum and
Art Gallery Birmingham
,
Kürzer ausgedrückt: »Alle Schulen, deren sich
nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken.« So steht es im
Litauischen Schulplan - diese Provinz gehörte damals bekanntlich zu Preußen -,
und es folgt daraus, daß in der Volksschule nur das Nötigste geschieht, weil Bildung im Sinne Humboldts im Grunde nur über Sprachen, genauer gesagt über das
Griechische möglich ist.
Gerade dieser Humanismus Humboldts, der auf den ganzen Menschen zielt und
die edelsten Absichten verfolgt, hat in späteren Jahrzehnten die Schule oft zu einer
speziellen Schulen vorzubehalten.«
Hölle der Philologie werden lassen, weil das ursprüngliche Ideal ganz aus
Blickfeld geriet.
in
Nun
paukte
man nur noch
die toten
dem
Sprachformen, und wer sich
diesem Ausleseverfahren nicht anzupassen verstand, wessen Begabung nicht in
das humanistische
Schema
wurde erbarmungslos ausgeschieden und
Das geistige Ziel Humboldts war das wissenschaft-
paßte, der
gesellschaftlich disqualifiziert.
Denken, das an der Universität geschah - man verstand irrtümlich Universität als die Stätte »Universitas litterarum«. Der junge Mensch wurde dieser Art des
Denkens, die für Humboldt auf Sprachwissenschaft und Philosophie abzielte,
schrittweise zugeführt. Geschichte und Biologie waren als Fächer zur Abrundung
wichtig wie Geographie oder Mathematik, aber alles, was unmittelbar genutzt
werden konnte, hatte einen unangenehmen Beigeschmack, denn nicht die Praxis,
sondern die Menschenbildung war das Ziel.
liche
297
Nach Humboldts Ansicht war es im Grunde gleichgültig, was der junge Student
denn sein beruflicher Werdegang war ja ohnehin, ohne daß
dies ausgesprochen wurde, von Klassenzugehörigkeit und gesellschaftlichen Verbindungen diktiert; gewiß konnte jemand Medizin und Jura studieren, und ein
spezielles Fachwissen war ohne Frage notwendig. Wichtiger aber war das ideale
Ziel: »Das wesentlich Notwendige ist, daß der junge Mann zwischen der Schule
und dem Eintritt ins Leben eine Anzahl Jahre ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widme, der viele, Lehrer und Lernende, in sich
für Kollegien belegte,
*
vereinigt.«
So entstand
in
Preußen ein großartiges, wenn auch auf eine einzige Grundvor-
stellung fixiertes Bildungssystem, dessen Stärke in seiner Einheitlichkeit beruhte.
Jeder,
auch der Ärmste, erhielt eine vollständige Menschenbildung,
sei es
auf der
Volksschule, auf der höheren Schule oder auf der Universität. Die Besten wurden
dem humanistischen Gymnasium im Geist der Antike erzogen, der mit dem
Preußentum eine wunderliche Verbindung eingegangen war. Spezialisierung auf
auf
besonderen Schulen, etwa auf technischen Hochschulen, interessierte nur am
Rande, überhaupt kümmerte man sich kaum um die, die praktische Forderungen
an die Schule
stellten.
Die Rebellion der Studenten an deutschen Universitäten
geht zunächst darauf zurück, daß es bisher nicht gelungen
Stellen geflickte Bildungssystem eines
ist,
dieses an vielen
Humboldt den heutigen Vorstellungen an-
zupassen.
Das Abitur verdankt die Schule dem legitimen Bestreben, die Zulassung zum
Studium aus der Gunst der Professoren, der geistlichen und weltlichen Herren
herauszulösen. Als Humboldt am 23. Juni 1810 zum ersten Male der Sektion für
öffentlichen Unterricht präsidierte, war sein Reformwerk nicht entfernt vollendet,
aber es waren überall die entscheidenden Anstöße gegeben worden. Dazu gehört
auch, daß sich sein Nachfolger der Reifeprüfung annahm. Man hatte schon 1788
die Prüfung, von der die Zulassung zur Universität abhing, dem Dekan abgenommen und der Schule auferlegt. Das war ein Schritt zur Versachlichung, zur Transparenz des Vorganges, der nur begrüßt werden konnte. Nun aber wurde diese Prüfung substantiell nach den Begriffen des Neuhumanismus geformt. Das Dekret
von 1812 besagte: »Im Griechischen muß der Examinandus die attische Prosa,
wozu auch der leichtere Dialog des Sophokles und Euripides zu rechnen, nebst
Homer, auch ohne vorhergegangene Präparation, verstehen; einen nicht kritisch-schwierigen tragischen Chor aber, im Lexikalischen unterstützt, erklären
können.« Diese Forderung war absurd und ist denn auch bald gemildert worden.
Aber die Überforderung der Schüler durch den Ressortehrgeiz der verschiedenen
Fächer, der Zug zur Paukschule, zeichnete sich schon damals ab, und der ideale
Zweck, es solle der Mensch gebildet und das Lernen gelehrt werden, wurde von
der Unzulänglichkeit der Institutionen erdrückt.
So wurde die Altphilologie zum Schrecken ganzer Generationen, und niemand
vermag noch zu sagen, ob diese Opfer an Mühe und Fleiß sinnvoll waren - außer
daß
keit
man sich, gebildet wie man
war, klassischer Zitate bediente, so die Zugehörig-
zu einer bestimmten Schicht gelegentlich
wurde der logische Sprachverstand
zum Ausdruck
bringend. Freilich
geschärft, der Sinn für das abstrakte
298
Denken
Johann Heinrich Pestalozzi
(iy46-i82y). Der Schweizer
Sozialpädagoge entwickelte
ein Erziehungssystem
,
das
auf einer engen Verbindung
des Menschen zur Natur
gegründet war.
Lithographie des 19. Jh.
nach einem Gemälde von
Georg
F.
Schöner.
Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv,
Wien
gefördert, das Gedächtnis geübt, aber unter ständiger, drückender Angst, zu ver-
und unter den Drohungen pädagogisch hilfloser Schultyrannen. Trotz dieunvorhersehbaren Wirkungen war die Bildungsreform des Freiherrn Wilhelm
sagen,
ser
von Humboldt ein großer Wurf und ein Schritt auf dem Weg zur Demokratisierung der Bildung. Humboldt selbst hat erst dann seine breite Wirksamkeit
als Philologe entfaltet, ein Mann von immensem Wissen, der die Sprachwissenschaft wesentlich begründet hat. Er ist am 8. April 1835 in Tegel gestorben, ein
Menschenalter früher als sein älterer Bruder.
Mit Band und Mütze
Mit Band und Mütze, dem sogenannten »Farbendeckel«,
stolzierte der Corpsstu-
dent durch die Gassen der kleinen Universitätsstadt, das Gesicht mit Schmissen
verziert
und aufgedunsen von unzähligen Bierschlachten,
in
denen
er unter
un-
verständlichen Bräuchen seine Kommerslieder grölt - dieses Bild des corporierten
299
Der Dorfschulmeister.
Die Stellung des Lehrers im 19. Jh. war nicht beneidenswert.
Preußen wurden meist ausgediente Militärs im Schuldienst eingesetzt
womit der soldatische Drill auch dort seinen Einzug hielt. Kolorierter Stich,
um 1830/40, erschienen bei Joseph Scholz in Mainz.
In
Studenten hat sich im Bewußtsein der Öffentlichkeit so festgesetzt wie die Figur
des brüllenden Unteroffiziers auf
dem
preußischen Kasernenhof, aber die Karika-
tur gibt nicht die Realität, sondern nur ihre polemische Verzerrung. Allerdings
verweisen solche Verzerrungen allemal auf die Tatsache, daß die angegriffene Per-
sonengruppe selbst ein gestörtes Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität hat.
Die Bünde, wie sie von den Angehörigen der studentischen Corporationen selbst
bezeichnet werden, gehen auf die alten Landsmannschaften in den Bursen zurück
und haben im Laufe der Zeit aus vielen Bereichen des Lebens, vor allem aus dem
Freimaurertum, Bräuche aufgenommen, die ihrerseits wieder auf die viel älteren
Formen der Bauhütten zurückgehen. Studentische Bünde, die mehr als rohe
landsmannschaftliche Haufen sind, gibt es zum erstenmal zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Form von Orden. Diese Amicisten, Unitisten und Konstantinisten
bekennen sich zu lebenslanger brüderlicher Freundschaft und Bundeszugehörigkeit sowie zur gegenseitigen tätigen Unterstützung über die Studienjahre hinaus.
Hier entwickelten sich, wie bei den Freimaurern, gesellige Formen, wie sie meist
unter einem gewissen Druck der Umwelt entstehen; man hat sich aufrührerisch
genug eine Verfassung gegeben, die man selbstverständlich geheimhalten muß,
es gibt Erkennungszeichen, Aufnahmebräuche und den körperlichen Eid.
300
Das Interesse an der Natur,
seit
der Renaissance in ganz Europa kultiviert
hatte seinen Niederschlag in zahlreichen
Werken der Zoologie und Botanik.
Hier ein Blatt aus der »Metamorphosis Insectorum Surinam ensium«
von Maria Sibylla Merian, 1705.
/
Frankfurter Studenten trinken Brüderschaft.
Aquarell aus
dem Jahr
Staatsbibliothek Berlin
1805.
,
Bildarchiv
den Anfängen bei den Amicisten wurde die »feierliche Loge« in einem verZimmer durchgeführt. Auf dem Tisch, den ein schwarzes Tuch bedeckte, lagen vor Leuchtern mit brennenden Kerzen gekreuzte Schläger, ein
Totenkopf und die »Constitution«, die Verfassung. Verfassungen waren ein Stück
Demokratie, also Bedrohung der Fürsten, daher die Feierlichkeit der Zeremonie,
die sozusagen der Aufnahme eines Verschwörers galt. »Nach Verpflichtung des
jüngsten Bruders wurde dieser in den drei genannten Orden auf die Bestrafung
des Eidbruches und des einseitigen Austrittes durch die blanke Waffe besonders
hingewiesen, bei den Konstantinisten, indem der Senior mit gewaffneter Hand in
den Kreis der Brüder trat und >Rache dem Meineidigen und Verräter< drohte.«
Die studentischen Orden sind verhältnismäßig schnell untergegangen, doch haben die Landsmannschaften einige ihrer Grundsätze und Formen übernommen.
In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts entstanden dann die Kartelle,
d.h. die Zusammenschlüsse verschiedener Verbindungen, und die Seniorenkonvents. Damals wurden bindende Regeln für die Studentenschaft ausgearbeitet; es
gab den studentischen Komment sowohl für die Kneipe, also für das Benehmen
in der Gaststätte, wie für das Fechten, den sogenannten Pauk-Komment. Im Mittelpunkt des studentischen Lebens standen gesellschaftliche Rituale und die ProIn
dunkelten
302
bleme der Ehre, über
die
noch zu reden sein wird. Der
Name
»Corps«
ist
dabei
eher aus Verlegenheit gewählt worden, um an die Stelle der verbotenen Landsmannschaften und der erloschenen Orden eine gängige Bezeichnung zu setzen.
Die Behörden begünstigten diese Corps, da man sie einerseits den Landsmannschaften, andererseits den Burschenschaften vorzog.
Der beherrschende Einfluß des Verbindungswesens auf das gesellschaftliche
Leben in Deutschland beruhte vor allem auf der Tatsache, daß der Bund zwischen
den Studenten ein Lebensbund war.
Noch um 1800 herrschten, was die unverbrüchliche Bundeszugehörigkeit anging, äußerst strenge Auffassungen; die Sitte, den Schwur bei gekreuzten Schlägern durch Handauflegen auf einen Gegenstand zu leisten, hat sich von den Amicisten aus weit verbreitet, man findet das Symbol der gekreuzten Schläger in den
Wappen
fast aller
rige einer
Corps. So verstehen sich Bundesbrüder noch heute
Angehö-
als
Vereinigung, die »gestiftet« wurde, nicht wie ein Verein bloß gegründet.
Der Unterschied liegt in der Unauflöslichkeit der Verbindung, und dieses Prinzip
bedingt auch die gegenseitigen Empfehlungen zwischen Bundesbrüdern die Vorherrschaft mancher Corporationen in einigen Ministerien ist amtsbekannt, wenn
auch seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sich andere Einflüsse durchgesetzt
haben und die Macht der Corporationen gebrochen ist.
;
Den stärksten geistigen
Einfluß auf die studentischen
Bünde hat
Schiller ausge-
»Räubern« (1781), später aber auch mit seiner Wendung
zur Klassik. In dieser Epoche sind insbesondere die Corporationen noch heute verankert. Ihre Angehörigen verstehen sich, unter Hinweis auf klassische Texte, als
Bewahrer antiker Tradition, die in besonderem Maße Ehrenhaftigkeit, Charakterfestigkeit und Pflichttreue anstreben. Ihre Verbindung sehen sie als eine nicht
übt, zuerst mit seinen
zeitgebundene, »insbesondere
dem
Zeitgeist nicht dienende, auf ideellen
Werten
aufgebaute Institution der Akademikerschaft« (Kösener Kongreß 1964).
Im Jahre 1789 ist als ältestes Corps die »Guestphalia« zu Halle gegründet wor-
Schon die Ansbacher Konstitution der »Onoldia« (1798) forderte, man solle
den entscheidenden Einfluß auf die allgemeinen Studentenangelegenheiten
sichern. Dies geschah denn auch, und der Jenaische Komment von 1813 wurde so
etwas wie eine Magna Charta des Studentenwesens. Sie hat die damals herrschenden Auffassungen über Ehre und Bund zum ungeschriebenen Gesetz erhoben und
dem studentischen Leben seinen Stempel mindestens bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges aufgeprägt. Das streng ständische Ideal der Corps ist noch heute im
Selbstverständnis manchen Akademikers konserviert.
Seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden die Universitäten von
den.
sich
den Corps mit ihren rüden Duellsitten und ihren extremen Ehrenbegriffen beherrscht. Dies gelang mit den verschiedensten Mitteln, unter anderem mit dem
sogenannten »Verschiss«. »Der Verschiss ist die akademische Infamie, und wer
mit dieser belegt ist, ist aus jeder Studentengesellschaft verbannt und aller
Gemeinschaft mit ihr verlustig. Mit einem, der mit der akademischen Infamie belegt ist, darf niemand umgehen, an öffentlichen Orten, sei es innerhalb oder
außerhalb von Jena, wo sich honorige Burschen befinden, darf er nicht geduldet
werden, und ein jeder hat das Recht, ihm die Weisung zu geben, sich zu entfer-
303
dem Jenaischen Komment, ausgestellt im Jahre 1812, stellt
einen unverfrorenen Versuch dar, die Anschauungen einer kleinen Gruppe von
nen.« Dieses Zitat aus
Studenten, nämlich eben der Corps, einer Mehrheit aufzuzwingen, die im Grunde
davon gar nicht berührt werden konnte.
Das gesellschaftliche Leitbild dieser Elite war nicht der Gelehrte, auch nicht der
gebildete Verwaltungsbeamte, wie ihn China im Mandarinentum hervorgebracht
hat, sondern der Akademiker, der zu allererst Herr war, sich also an den Idealen
des aufgeklärten Landadels orientierte. Allenfalls das evangelische Pfarrhaus hatte
diesen Vorstellungen einen tieferen 'Wertmaßstab engegenzusetzen. Das politische
Bewußtsein der Studenten war durch
die Französische Revolution
und vor
allem durch Schillers Pathos geweckt worden, aber es blieb ohne Wirkung. Erst
die Burschenschaft hat für eine kurze Zeit die Studentenschaft für ein politisches
Ziel, für ein einiges,
demokratisches Deutschland, begeistern können.
Studium Generale (1964) ist ein Brief des
Bayern Gustav Blumröder wiedergegeben, der im Juli 1823 als Student an seine
In einer der Schriften des Kösener
Ausgrabung des ersten amerikanischen Mastodons,
eines Rüsseltiers das als
,
Mit zu den Errungenschaften des 19. Jh. gehört die
wachsende Sammlertätigkeit die sich im Zuge der Explosion der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch auf die Erforschung der Uranfänge
der Geschichte dieser Erde erstreckt. Gemälde von Charles Wilson Reale
um 1830/40. The Reale Museum Baltimore.
Vorläufer des Elefanten
gilt.
,
,
,
Das Lesekabinett. Gemälde von ]. P. Hasenclever (1810-1853).
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Berlin
Schwester schrieb: »Da
kam
Commershaus. Da waren sieben in
und keiner war da, der nicht in Liebe gewesen
ich endlich aufs
lauter Liebesgespräche begriffen,
wäre und nicht seinen Pokal geleert hätte aufs Wohl seiner Geliebten mit glänzenden Augen und glühendem Antlitz; und da saß ich so recht miserabel solo, und
es schnitt mir recht durchs Herz, und ich hätte weinen können.« Man ist gefühlvoll
im Stil der Zeit, selbst als »Waffenstudent«, und die martialische Note späterer
Jahrzehnte fehlt durchaus noch erst als das Offizierkasino gesellschaftlich den
Ton in Deutschland angibt, macht sich in gewissen Häusern die rüde Arroganz der
damaligen Elite breit.
;
Auf dem Paukboden
Sein Leben jederzeit mit
dem Degen
in der Faust verteidigen
zu müssen, war
dem
Kavalier vergangener Jahrhunderte selbstverständlich, ebenso die Verteidigung
Auf die philosophische Erörterung dieses Begriffes kann
werden, ebenso aber auf gängige Ironie noch heute rotten sich
nicht nur in Süditalien, sondern auch im sozialistischen Jugoslawien ganze Familen aus, und zwar mit keinem besseren Grund, als daß sie nur so ihre Ehre wahren
können.
seiner sogenannten Ehre.
leicht verzichtet
;
305
/
An
wo
junge Männer aus vieler Herren Länder rivalisierten,
standesgemäß waren, eii\e erhebliche Rolle. Die allgemeine Duellwut hat Anfang des 17. Jahrhunderts ganz Europa ergriffen, sie mag
als Zeichen gewertet werden, wie eine herrschende Kaste sich gegen das immer
mächtiger werdenden Bürgertum als Träger besonders empfindlicher Ehrvorstellungen profilierte. Der Student, von den religiösen Kämpfen der Epoche verwirrt,
ist in diesen Zeiten zum wüsten Duellanten geworden. Ein Professor zu Jena hat
im Jahre 1607 den Typ geschildert: »Ein solcher greulicher Student betet gar nicht
zu Gott, um welche Ruchlosigkeit, wenn er von anderen gestraft wird, er gar säuberlich spricht: >Die Säue, ob sie wohl niemals verehren und anrufen, werden doch
Wenn es auf den Gassen, auch in den Gemasehr fett auf ihren Mast-Ställen<
chen still geworden, die Menschen der Ruhe sich begeben, alsdann erhebet er sich
mit großem Krach der Pfosten und Thüre, bricht los, wo er nur gesteckt, gewappWenn ihm andere Studenten oder friednet, und von seinem Jungen begleitet
liebende Bürger begegnen, an dieselbigen fällt er wie ein Mörder oder öffentlicher
der Universität,
spielten Duelle, weil sie
.
.
.
.
Erstes deutsches Studentenparlament
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
.
.
in
Eisenach
,
am
12. Juni 1848.
Straßenräuber mit bloßem gezücktem Schwerte
gen, schlaget, verwundet, wirft zu Boden,
tritt,
.
.
.
hauet und stoßet auf dieselbi-
würget, schnaubet, tobet und ge-
bahret sich nicht anders als ein Teufelin, die aus der Hölle in menschlicher Gestalt
losgelassen
worden ... Er scheidet von dannen fast allezeit schattengelb, mager,
Narben und Heften durch und durch zerflickt.«
halbäugig, hinkend, zahnlos, mit
Der Kriegsschauplatz für diese unberechenbaren Gesellen ist die Straße, aber auch
unter Alkohol geäußertes schiefes
Wort, einen spöttischen Blick, eine Ungeschicklichkeit auf der Stelle mit dem
die Wirtschaft. Jeder ist jederzeit bereit, ein
Degen zu rächen.
Die Landsmannschaften boten
ten ihre Satzungen, ihre eigenen
dem Studenten einen gewissen Rahmen
Farben am Degenknauf und am Hut, sie
;
sie hat-
erließen
und hielten Konvente ab, aber jede ihrer Unternehmungen war eine Provokation, denn sie bewies die Machtlosigkeit der Staatsgewalt, die sich damals auszuEdikte
bilden begann. Praktisch terrorisierten diese losen Studentengruppen die Universität
mit der Waffe. Die Philister waren ohnehin eine Art Freiwild, Saufen und
Fechten standen im Mittelpunkt studentischen Lebens, und
man
hielt
reihum auf
den Studentenbuden sogenannte Kränzchen ab, auf denen Wettkämpfe im Fechten
ausgetragen wurden.
Daß sich überhaupt für Duelle Regeln ausbildeten, muß man als Fortschritt gegenüber den früheren rohen Zeiten ansehen. Dem Duell selbst ging die sogenannte
Kontrahage voraus, der ritualisierte Ablauf der gegenseitigen Beleidigungen, bei
dem wie beim Schach ein bestimmter Zug zwangsläufig den nächsten zur Folge
haben mußte; der Ehrenkodex gebot, daß der Beleidiger durch irgendeine Handlung des anderen seine eigene Ehre verletzt sah. Also fühlte er sich herausgefordert
und hatte den anderen zu stellen. Er rempelte ihn an, gab ihm eine Ohrfeige, schrie
ihn mit bestimmten Worten an, die ehrverletzenden Charakter hatten. So galten
Schisser, Fuchs - dies für einen alten Burschen
Wurzel, Pflastertreter, Kümmeltürk und Quark als solche Beleidigungen, unfehlbar aber wirkte ein »dummer
Junge«. Die Sitte der Kontrahage wurde zur Farce, weil jeder versuchte, wenn er
seinerseits angegriffen wurde, sich mit gröberen Mitteln in die »Avantage«, den
Vorteil angeblicher Ehrverletzung, zu setzen. Man schlug sich sogar mit der Hetzpeitsche oder goß sich den Inhalt des Nachttopfes ins Gesicht, nur um »in Avantage« zu sein, d.h. den anderen an Beleidigtheit zu übertreffen. So konnte man
selbst die Bedingungen des Zweikampfes bestimmen.
Eine typische Figur jener Tage war der Renommist. Das Wort muß man nicht
erklären, wohl aber die Umstände des damaligen städtischen Straßenverkehrs.
Damit man heil durch die schlammige Brühe kam, die damals Straße hieß, waren
in der Mitte Steine gelegt, auf denen man trockenen Fußes balancierte. Ein Renommist wich grundsätzlich nicht aus, wie das üblich und höflich war, sondern
rempelte jeden an, der ihm entgegenkam, wie überhaupt diese Gehsteine in den
Universitätsstädten zu ständigen Rempeleien verführten. Bei den Raufbolden war
es beliebt, abends in der leeren Straße das Rapier am Pflaster zu wetzen und Beleidigungen zu grölen, bis der Betroffene sich stellte; offenbar sind Dummheit und
Brutalität zu allen Zeiten Verbündete und nicht nur in der sozialen Schicht angesiedelt, aus der die heutigen
Rockerbanden kommen.
307
Jena, die Stadt* der wildesten Exzesse, wurde auch zum Geburtsort der AntiDuellbewegung. Der spätere bayerische Kirchenrat Stephani gründete einen
gleichgesinnten Kreis, def von den Landsmannschaften als Club der »Chokoladisten« verspottet wurde, weil »sie sich vermaßen, alle Streitigkeiten bei einer Tasse
Schokolade schlichten zu wollen«. Auch bei den Konstantinisten und Amicisten
bildeten sich Logen, die den Zweikampf als unchristlich und unmoralisch verwarfen. Sie haben sich nicht durchsetzen, wenn auch durchaus an Boden gewinnen
können. Andererseits gab es im 18. Jahrhundert und auch später bis weit ins 19.
Jahrhundert hinein durchaus keine Strengen Regeln für Zweikämpfe die Ehre galt
sogar für wiederhergestellt, wenn man einen Stellvertreter antreten ließ, so gab
es Studenten, die einen Erwerbszweig daraus machten, sich zu duellieren, und niemand fand etwas dabei, daß sich jemand »für Geld und gute Worte« bereit fand,
die Ehre solcher Menschenkinder zu retten, »welche das elende Vorurteil haben.
;
Arbeiter und Magistrat im Jahre 1848. Diese Ölskizze von
als erste
).
P.
Hasenclever
gilt
Darstellung des klassenbeivußten Proletariats in der Auseinander-
setzung mit
dem Bürgertum. Landesmuseum
für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster
Eidgenössisches Polytechnikum in Zürich. Ansicht der Hauptfront 1859-1865
errichtet von G. Semper. Die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte die
den Anforderungen der technischen Entwicklung gewachsen waren machte die
Einrichtung von technischen Hochschulen in den Industrieländern notwendig.
,
,
,
man
dem Degen retten könne, aber nicht Herz genug besitzen,
Degen zu führen«. Schon der leiseste Kratzer genügte übrigens, damit
Satisfaktion gegeben war, und jedermann sah sich auf eine Weise vor, die man
daß
seine Ehre mit
selbst einen
heute auf
dem Fechtboden
als
»kneifen« bezeichnen würde.
Die spätere Bestimmungsmensur
ist
aus
dem Versuch
entstanden, den Progres-
sismus bestimmter Studentenverbindungen mit extrem elitären
terlaufen
;
man bestand in den
Normen
zu un-
reaktionären Verbindungen, die sich 18 55 im Köse-
ner S. C. -Verband zusammenschlossen, auf der Satisfaktion durch das Duell,
während
die Burschenschafter theoretisch
auch das Ehrengericht für die Satisfaktion anerkannten. Dank dieser unterschiedlichen Auffassungen bestand zwischen
man focht innerhalb der Corps unter sich, und zwar
mit dem Schläger. Diese Hiebwaffe mit Korb hatte den sehr gefährlichen »Stößer«
beiden Gruppen »Verruf«,
abgelöst, der
wenn auch
wiederum den im 16. Jahrhundert üblichen »Hieber« ersetzt
Waffen nebeneinander geführt wurden.
hatte,
zeitweise alle drei
Das Ringen der Corporationen mit den Burschenschaften
um den
Einfluß in der
Studentenschaft hat fast eineinhalb Jahrhunderte gedauert. In dem Maße, in dem
nach 1814 das liberale Bürgertum sich mit dem Staat versöhnte, wuchsen Einfluß
309
Schlägermensur mit Hüten.
Zum
täglichen Studentenleben gehörten solche
Mutproben, denen sich kein Corpsstudent entziehen durfte, ohne in den Ruf
eines Feiglings zu geraten. Nach einer Zeichnung von Eckert, um 1820.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
und Ansehen der Corps. Im Jahre 1858 galt als Bedingung für die Aufnahme in
ein Corps, daß der künftige Bundesbruder sich im Duell geschlagen haben müsse.
Da es mit den anderen Studenten keine Kontrahagen geben konnte, mußte man
formal einen eigenen Bundesbruder beleidigen, um dann ordnungsgemäß kämpfen zu können.
Später haben dann auch die deutschen Burschenschaften die Grundsätze der
Corps angenommen, und der Komment legte die Regeln für die Bestimmungsmensur und die Schlägermensuren exakt fest. Die Selbstbeherrschung, die dazu
gehört, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn der Hieb im eigenen Gesicht sitzt
und das Blut rinnt, hat viele Jahrzehnte als Beweis für höchsten männlichen Mut
gegolten und ist als Ziel der studentischen Erziehung gepriesen worden. So ließ
der Paukboden, auf
dem
die scharfen
Kommandos
310
der Sekundanten, das Klirren
Nähens ohne Betäubung erlebt wuraufkommen. Man erlebte diese mit
militärischer Präzision organisierten Zweikämpfe als germanisch-deutsches Erbe,
als hohe Schule des Mannesmutes und verkannte, daß der körperliche Mut nicht
der Schläger, die martialische Prozedur des
den, eine
Hochstimmung von Mut und
unbedingt mit moralischem
Blut
Mut einhergeht
;
so konnte auch der so straff erzogene
Waffenstudent während des Dritten Reiches korrumpiert werden.
Der Waffenstudent selbst sieht in der Bestimmungsmensur einen ethischen
Sinn;
sie
erziehe
zum
Standhalten, nicht
zum
Siegen, lehre den Starken, den
Schwachen zu schonen, und zwinge zur Überwindung der körperlichen Angst. Mit
dem Gedanken der
Satisfikation aber
ist
die
Mensur untrennbar an den
Ehrbegriff
und die Klassentrennung vergangener Zeiten gebunden. So ist der Student mit
Band und Mütze, den der frische Schmiß zeichnet, zu einem Symbol der Reaktion
geworden, denn hier hat der Typus der konservativen Corpstradition über die revolutionäre Tradition der Burschenschaft gesiegt.
Protest auf der
Wartburg
Bekanntlich sprach jener König von Preußen, der von Napoleon geschlagen sich
1813 gegen Napoleon erhob, nur in Tätigkeitsworten, als lohnten andere Worte
die Mühe nicht. Als man ihm am 3. Februar 1813 das bekannte Manifest »Zur Bil-
dung von
freiwilligen Jägerkorps« abnötigte, äußerte er mürrisch: »Freiwillige
aufrufen ganz gute Idee. Aber keine
aus
dem
kommen.«
Er hatte sich getäuscht. Gerade
Mittelstand, der bisher von der Wehrpflicht
eigenem Antrieb,
ausgenommen war, kamen
noch ehe dieser Aufruf überhaupt erlassen war. Damals folgten diese begeisterten Studenten einer Pflicht, für die ältere
Menschen kein Verständnis aufbrachten. So wurden Männer wie der Professor
Henrik Steffens und Immanuel Fichte, der erste gewählte Direktor der Universität
Berlin, hoch verehrt, weil sie auf der Seite der Jugend standen. In Berlin gingen
die Immatrikulationen auf 35 zurück, in Breslau gingen gegen den Willen von
Rektor und Senat mehr als drei Viertel der Studentenschaft zum Heer; dem leidenschaftlichen Appell des Professors Steffens folgend, schlugen sich 20-30 Hanseaten und Oldenburger aus Straßburg nach Breslau durch; in wenigen Tagen
stießen zu den 42000 Mann, die laut Friedensvertrag dem preußischen Heer zugestanden waren, rund 20000 Freiwillige, meist gut erzogene, begeisterungsfähige
Söhne aus dem wohlhabenden Mittelstand (Muchow).
Man hat sie sich nicht als kriegslüsterne Teutonen vorzustellen, die einem törichten deutschen Wahn folgend in den Krieg stürzten, um Franzosen umzubringen. Diese nationale Erhebung war eine Form des Protestes gegen die Unterdrükkung der geistigen Freiheit, gegen die Erwachsenen, die sich mit Napoleon
eingerichtet hatten, eine radikale Antwort auf eine bedrückende und verworrene
Situation. Allerdings waren aus den gepflegten Jungen sehr schnell »Landser« der
Befreiungskriege geworden, und das Flugblatt von Heirich von Kleist »Germania
an ihre Kinder« hatte mit seinem Refrain »Schlagt sie tot; / Das Weltgericht / Fragt
Euch nach den Gründen nicht!« die Hysterie zum Haß gesteigert.
die Freiwilligen aus
oft
311
Zum
bürgerlichen Bildungsideal des 19. Jh. gehörte der Besuch im Museum.
eine Szene im Louvre dargestellt.
Ölskizze von Adolph von Menzel (1815-1905). Kunsthalle Hamburg
Hier
ist
,
Die Ereignisse selbst, die Kämpfe des Major Schill und die »wilde verwegene
Jagd« des Freiherrn von Lützow mit seiner »Schwarzen Schar« sollen hier nicht
geschildert werden. Diese Generation ist zweimal, 1813 und 1815, ins Feld gezogen
und hat spätestens nach der Heimkehr ihre Illusionen verloren. Aber zum erstenmal haben Studenten, politisch handelnd als Studenten, nicht als einzelne Burschen ihrer Landsmannschaft die Universität zum Mittelpunkt einer geistigen
Bewegung werden lassen. Nach ihrer Rückkehr setzten sie der bisherigen Landsmannschaft die demokratisch verstandene deutsche Burschenschaft entgegen. Als
die Generation der Freiwilligen von 1813 nämlich zum zweiten Male in die Hörsäle
zurückkehrte, hatte sie den verkalkten Absolutismus ebenso satt wie die muffige
Enge der Kleinstaaterei. Sie waren ihrer Herkunft nach bürgerlich und standen
unter dem Eindruck der Romantik. Zuletzt waren sie 1815 mit einem Spottlied in
den Krieg gegangen »Vorm Jahr für Fürst und Vaterland, dies Jahr für Fürstenunverstand« nun wollten sie sich nicht mehr in alles fügen, was Fürsten beschlossen,
und einen Bund gründen, der ihre Gemeinsamkeit erhielt. Dies war die »Allgemeine Deutsche Burschenschaft«, gegründet am 12. Juni 1815, wenige Tage übrigens vor der entscheidenden Schlacht bei Waterloo in Belgien. Es waren einige
ehemalige »Schwarze« von der Universität Gießen, die an dieser Gründung beteiligt waren, und aus Jena eine Reihe ehemaliger Lützower.
Im Stadtmuseum von Jena, der alten Universitätsstadt in der DDR, befindet sich
die brüchige, schwarzrotgoldene Fahne der Jenaer Studentenschaft, auf deren unterem roten Streifen in Fraktur die Worte stehen: »Von den Frauen und Jungfrauen zu Jena am 31. März 1816.« Es ist die Fahne der Jenaer Studentenschaft,
der »Burschenschaft« der Jahre 1815-1819. »Es waren 143 Studenten, etwa die
Hälfte der damals in Jena Studierenden, die in langen Reihen über die engen Gassen der Innenstadt zur Saale zogen und sich auf dem anderen Ufer im Gasthof >Zur
grünen Tanne< trafen« (Steiger). Dort lösten sie die alten studentischen Verbindungen »Franconia«, »Saxonia«, »Thuringia« usw. auf, deren Fahnen symbolisch
gesenkt und abgelegt wurden. Es sollte in Zukunft nur eine einzige deutsche Studentenschaft geben, die sich zu einem einigen deutschen Reich bekannte. In einem
reaktionären Staatenbund unter Führung Österreichs und Preußens wurde bereits
diese Forderung der Studenten als jugendlicher Radikalismus empfunden. Die
Farben sind damals die Farben der Revolution gewesen. In dem Gedicht Ferdinand
Freiligraths (1810-1876), des Freundes von Karl Marx und Mitglieds des »Bundes
,
Deutscher Kommunisten« heißt
rot,
Golden
flackert die
Flamme
Mußt jeden
!
es auf dieser
/
Fahne: »Pulver
Die eine deutsche Republik,
ist
/
schwarz, Blut
Die
ist
mußt du noch
und Galgenstrick / Dreifarbig noch besiegen / Das
Flieg aus, du deutsches Panier, flieg aus!«
Die Republik wurde damals von allen fortschrittlichen Kräften gefordert; die
bürgerlichen Burschenschafter verkörperten zwar radikale fortschrittliche Ideen,
doch Revolutionäre waren sie nicht. Jena war damals eine bürgerlich-patriotische
Universität, an der bestimmte Professoren eine gelegentlich offene Sprache führten, und im Laufe der Nachkriegsjahre war die Ungeduld gewachsen. Nun stellten
erfliegen
ist
!
/
Strick
der letzte große Strauß -
sich die
!
/
Burschenschaften die Aufgabe, die rüden Sitten der Studenten abzuschaf-
fen, vor allem das
Duellwesen und das Hazardspiel einzudämmen, überhaupt
313
er-
/
»Die Hoffnung des
Landes« lautet die Überschrift
zu dieser Karikatur
auf den deutschen Studenten.
Nach einer Zeichnung von
Bruno Paul aus dem
Simplicissimus Nr. 25.
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
zieherisch
im Sinne einer bestimmten Haltung auf ihre Kommilitonen einzuwir-
ken. Die politische Zielsetzung bestimmte hier wie auch heute in Widerstands-
gruppen und
in revolutionären Zirkeln eine höhere Moral.
Die Saat, die Männer wie die Professoren Oken, Friesen und Luden unter die
Studenten gestreut hatten, ging auf, und so übernahmen die Berliner Studenten
Maßmann und Dürre, der eine ehemals Lützower Jäger, der andere Freiwilliger
von 1815, den Gedanken, ein völkisches Fest zu organisieren, dessen Grundideen
wohl auf den Vorstellungen des radikalen Patrioten Jahn beruhten. Mit letzter
Sicherheit haben sich diese Anfänge aber nicht klären lassen. Am 11. August 1817
lud dann der Student Friedrich Wesselhöft, Sohn eines Jenaer Buchdruckers, im
Namen
der Burschenschaft die Studentenschaften der dreizehn evangelischen
Universitäten Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen, Göttingen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig,
Marburg, Rostock und Tübingen zu einem Refor-
mationsfest ein. Diese Einladung war zu Pfingsten 1817 in
Naumburg zwischen
den Studentenschaften von Jena und Halle beschlossen worden, aber weil Halle
unter scharfem polizeilichem Druck stand, übernahm Jena allein die Durchfüh-
rung des Treffens.
314
Der Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar genehmigte das Fest, das er
nicht verhindern konnte, mit Unbehagen, die Bürgerschaft und ihre Behörden unterstützten alle Vorbereitungen, und die Studenten in ganz Deutschland begrüßten den Vorschlag mit Enthusiasmus. Bei strahlendem Herbstwetter reisten die
Studenten aus allen Teilen Deutschlands an, meist zu Fuß, das Bündel auf dem
Rücken, im Herzen »Tatendrang und Vaterlandslust«. Eisenach war das Ziel wie
vor wenigen Jahren für die Hippies Woodstock und der Gasthof »Zum Rautenkranz« das Empfangsbüro. Die engen Gassen hallten wider vom Gesang der jungen
Männer, die keineswegs so einig waren, wie sich das im Licht der Geschichtsbücher
ausnimmt. An heutigen Maßstäben gemessen war die Teilnehmerzahl begrenzt;
etwa 450 »Burschen« versammelten sich in der thüringischen Kleinstadt unter der
Fahne der Jenenser, Studenten jeder Couleur, auch Angehörige der Landsmannschaften, und es gehört zu den Leistungen der Veranstalter, daß dieses Treffen
nicht in Schlägereien, wilden Duellen und in Pöbeleien gegenüber den »Philistern«, den Bürgern der Stadt, unterging.
Keiner der Teilnehmer, von denen sich viele später als Wissenschaftler einen
Namen machten, hat ahnen können, daß die Teilnahme an diesem Fest, das dem
Gedächtnis an die Reformation galt, später als »politische Vergangenheit« gewertet und von den Behörden strafverfolgt werden würde. Die Einladung sah ein
Gebet auf der Wartburg vor, eine Versammlung im Freien oder im Minnesängersaal, einen Gottesdienst vor dem großherzoglich-weimarischen Konsistorium und
abends ein »Siegesfeuer«. Dieses Feuer wurde
zum
Gedächtnis an die Schlacht bei
Leipzig veranstaltet, als vier Jahre zuvor der Kaiser der Franzosen
geschlagen und entthront worden war. Heinrich
zum
erstenmal
Herrmann Riemann
hat die
Gedenkrede gehalten, er hat die Geister eines Schill, Körner, Friesen und Braunschweig-Öls beschworen, also den Geist des deutschen vaterländischen Krieges,
genauer gesagt, den demokratischen Geist, nicht den des Fürstendeutschland. Die
Rede Reimanns bedeutete einen Höhepunkt in seinem Leben, denn sie fand begeisterten Widerhall im ganzen fortschrittlichen Deutschland. Eine ebenso flammende, stärker profilierte Rede hielt der Studiosus Rödiger, deren Lektüre selbst
den greisen Goethe begeistert hat. Goethe äußerte später in vertrautem Kreis, er
habe als Staatsminister an sich halten müssen, um Rödiger, den er im Dezember
1817 empfing, nicht um den Hals zu fallen und ihn tüchtig zu küssen.
Im Anschluß an Rüdigers Rede kam es zu jener berühmten Bücherverbrennung,
die historisch nicht so ungewöhnlich war, wie es heute oft scheint, nachdem die
Studenten des Dritten Reiches sie auf ihre Weise nachgeäfft haben. Nach einer
kurzen Pause traten Maßmann und die Brüder Wesselhöft ans Feuer, bewaffnet
mit einer Mistgabel, und ein paar der radikalen Turner schleppten einen Korb mit
Makulatur herbei. Maßmann erinnerte an die Verbrennung der päpstlichen Bulle
und der kanonischen Rechtsschriften vor dem Wittenberger Elsterntor im Jahre
1520 und rief: »So wollen auch wir durch die Flamme verzehren lassen das Andenken derer, so das Vaterland geschändet haben, durch ihre Rede und That, und die
Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben in Leben und
Schriften.« Etwa 25-30 Titel wurden vorgelesen, die Ballen nach vielstimmigem
Geschrei »Ins Feuer!« jeweils stellvertretend für die Bücher selbst den Flammen
3*5
übergeben. Verbrannt wurden des bekannten Bühnenautors Kotzebue Schriften,
die »Restauration der Staatswissenschaft« des reaktionären Staatsrechtlers Karl
Ludwig von
Haller, der so den Begriff »Restauration« politisch gefaßt hatte,
und
vor allem der »Kodex der Gendarmerie« des in Preußen mächtigen Stellvertreten-
den Polizeiministers Christoph Karl Heinrich von Kampftz. Dieser Mann hat später als einer der übelsten »Demagogenriecher«, ein McCarthy-Typ, die Burschenschaftler gehetzt
und
verfolgt.
Auch
ein Militärzopf
und
ein österreichischer
Korporalstock wurden verbrannt; dies war die Antwort der Freiwilligen auf den
Drill der Militärs, der
Stützen des absolutistischen Regimes.
Die Verfolgung wurde denn auch durch die Arroganz dieser Kreise ausgelöst.
Als einige zufällig anwesende Kolberger Offiziere, den Charakter der Veranstal-
am 18. Oktober 1817, dem zweiten Tag der Veranstaltung, Einwurden sie handgreiflich gehindert. Sie beschwerten sich in Berlin
bei Hofe, und der König ordnete, über die Studenten aufgebracht, eine strenge polizeiliche Untersuchung der Vorfälle an. Der Polizeiminister Wilhelm Ludwig
Georg Fürst zu Sayn-Wittgenstein und sein Stellvertreter nahmen sich der Sache
mit Eifer an. Man hatte Napoleon nicht besiegt, um sich von grünen Studenten
an den Rand einer Revolution drängen zu lassen. Diese hätten die deutschen
Regenten »unbescheidenem und unreifem Tadel« unterworfen, die Religion entweiht, indem sie »unter gezogenem Säbel« religiöse Lieder gesungen und den Kirtung mißachtend,
laß begehrten,
chensegen ausgesprochen hätten. Ihre Staatsverschwörung hätten sie mit dem
besiegelt. Der Minister schrieb: »Was ist zu erwarten, wenn künftig
so verwilderte Menschen Kanzeln, Lehrstühle und Staatsämter erhalten? Was
Abendmahl
kann der Staat von ihnen auf hohen Posten, was von denen erwarten, welche schon
auf der Universität mit dem Glauben, weiser zu sein als der Fürst, und mit dem
Eigendünkel, sein Censor zu sein, in subalterne Posten eintreten?«
Scharfe Verhöre wurden durchgeführt, über jeden Teilnehmer des Wartburgfestes legte man Akten an, wagte aber, um nicht den Unmut des liberalen Bürgertums herauszufordern, keine Bestrafung. In dieser gärenden Epoche, der unheimlichen Kehrseite des Biedermeier, als Georg Büchner den »Hessischen Landboten«
schrieb und sich der Jurastudent Karl Marx in Berlin immatrikulieren ließ, wurden
jene Polizeischikanen und Verfolgungen vorbereitet, die durch die Karlsbader
Beschlüsse vom August 1819 gefordert und realisiert wurden. Den Anlaß zu diesen
Beschlüssen bot das Attentat des Studenten Karl Ludwig Sand, eines einzelgängerischen Burschenschafters, dessen ganzes Leben vom Erlebnis des Wartburgfestes
geprägt war. Er erstach den bürgerlichen Lustspieldichter August Kotzebue in dessen eigener Wohnung, einen harmlosen Mann und bekannten Autor, der als reaktionärer Journalist an den Zarenhof Berichte schrieb.
Geschichte und Historie
Der junge, kränkelnde Freiherr Friedrich von Hardenberg, in der Literaturgeschichte als Novalis bekannt, der mit 29 Jahren starb und zuletzt als SalinenAssessor in Weißenfels in Thüringen lebte, hatte ein unheimliches Gespür für die
316
feinsten Erschütterungen der Zeit.
Was
er
über die Geschichte schrieb, steht auf
Welt von Revolution und
der Schwelle der heutigen Epoche, die überall auf der
immer mehr
sich vergrößernde EvoluVollendung erreicht, wird
sie bei einem künftigen Versuch erreichen, oder bei einem abermaligen vergänglich ist nichts, was die Geschichte ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht es
Evolution bestimmt
ist:
»Fortschreitende,
tionen sind der Stoff der Geschichte.
Was
jetzt nicht die
;
immer Wieder hervor.«
Denkformen aus den Naturwissenschaften auf die
Geisteswissenschaft übertragen, und zwar mit dem Begriff vom »Stoff der
Geschichte« wie in der Annahme, in der Geschichte der Menschheit fänden Proimmer
in
reiferen Gestalten erneuet
Offensichtlich sind hier
zesse statt, die wie biologische Entwicklungen unbeirrbar
Eine solche Geschichtsauffassung
es bei
ist
einem
Ziel zustrebten.
nicht selbstverständlich. Ursprünglich gibt
Völkern, die ein Bewußtsein von einer eigenen Vergangenheit entwickeln,
die chronologische
Aufzählung von Ereignissen, etwa
die
sogenannten Annalen,
oder die Chronik, die das Erlebte im Lichte eines bestimmten Gedankens sieht und
beschreibt.
Wenn
das große Gedicht
Homers über den Kampf um
Troja die Taten
Odysseus beschreibt, so schreibt es
»Geschichte«. Man hat diese Art der Geschichtsschreibung so lange als Dichtung
abgetan, bis Heinrich Schliemann Homer beim Wort nahm und mit dem Spaten
auf eine Wirklichkeit von vor 3000 Jahren stieß freilich weiß man, was die Einzelheiten angeht, inzwischen vieles besser als die Historiker Homer und Schliemann
und kennt die wirtschaftlichen Ursachen des Angriffs auf Troja und die Schicksale
der Stadt, etwa das Erdbeben von Troja VI und die Eroberung der wiederaufgebauten Stadt durch die Thraker um 1200 v. Chr., nachdem rund 40 Jahre zuvor eine
Eroberung stattgefunden hatte, die wohl den Kern der trojanischen Sage bildet.
Zwar kannten die Griechen jene Muse, die mit dem Griffel die Ereignisse aufzeichnete, genannt Klio, aber sie war nicht die Göttin der Geschichte, sondern eine Art
eines Achill, eines Patrokolos oder eines
;
Schirmherrin der Epik, wie
Komödie gab, die Thalia.
und niemandem wäre es
der
ja
es Terpsichore, die
Muse
des Tanzes, oder eine der
Völkern war Geschichte zunächst Ahnenruhm,
eingefallen, einen Begriff von Objektivität zu fordern,
auch außerhalb der Ruhmeslieder und Ahnenpreisungen nicht gedacht werIn allen
den konnte.
Objektiver
als die
bisherigen Schreiber war der Grieche Herodot, ein Historiker
im eigentlichen Wortsinn
bestand damals aus
(griechisch historein: Kundschaft einholen). Die
dem Mittelmeer und
Welt
seinen Randvölkern, jedenfalls für einen
gebildeten Griechen, wie Herodot es war. Als Freund des großen Sophokles
des Äschylos hatte er seine Lebensauffassungen geprüft
und
vertieft.
und
Seine Reisen,
offenbar während einer Verbannung durchgeführt, führten weit in der Welt umher zwischen der Südküste des Schwarzen Meeres und Ägypten hat er viele Länder
;
bereist
und beschrieben.
er sah, wurde ihm Material zu einem Vorha»Von Herodotos aus Halikarnassos ist dies die
Forschung, damit weder das von Menschen Geschehene durch
Alles,
was
ben, das er selbst so umschrieb:
Darstellung seiner
werden, noch große und staunenswerte Taten, teils von Grievon Barbaren vollbracht, des Ruhmes verlustig gehen - neben anderem
auch, aus welchem Grunde und welcher Schuld sie miteinander in Krieg geraten.«
die Zeit augslöscht
chen,
teils
317
Herodot hat die Schrecken der Perserkriege erlebt und ist in die innenpolitischen
Wirren der Zeit hineingezogen worden, er will Geschichte schreiben, um die Menschen etwas lernen zu lassen,
um
Fehler vermeiden zu lehren.
sie
Wer
so denkt,
glaubt, daß kein Gott die Kriege anzettelt, daß
im Ablauf der Ereignisse nichts
Übernatürliches geschieht, sondern etwas, das bei vernünftiger Handlungsweise
auch anders verlaufen könnte - ein sehr moderner Gesichtspunkt, der durch die
Jahrhunderte nicht gleichmäßig gegolten hat.
Herodot berichtet, um Erkenntnisse zu vermitteln, aber er berichtet wie ein
Tourist, also von seinem Stoff gefangen, ohne Abstand von ihm zu haben. Was
man heute unter Geschichtswissenschaft versteht, beruht im wesentlichen auf der
Entwicklung eines kritischen Bewußtseins. Kritisch ist Herodot nur selten gewesen, diese Eigenschaft trifft aber für den anderen großen Historiker der Antike,
für Thukydides, zu. Die Skepsis dieses attischen Aristokraten, der die Pest überlebte, als Stratege eine Stadt verlor,
20 Jahre verbannt war und auf ungeklärte
Weise und an ungeklärtem Ort gestorben
ist,
galt allen
Überlieferungen und
Quellen. Er beschreibt nur die »tatsächlichen Begebenheiten«, und zwar »nicht so,
wie ich
sie
von irgend jemandem Beliebigen erfuhr, und auch nicht, wie es mir
wo ich selber dabei war und was ich von anderen über-
erschien, sondern nur das,
liefert
mit größter Genauigkeit
in jeder Einzelheit untersuchte«.
Von Ruhm ist nicht mehr die Rede, es geht um die Wirklichkeit. Diese beiden
Männer haben durch ihr Werk Markierungspunkte gesetzt, stehen aber nicht alDa istXenophon (ca. 430-355 v. Chr.), der als Augenzeuge und Chronist den
Zug der 10000 Söldner durch Kleinasien beschrieb - sie waren vom rebellierenden
Prinzen Kyros gegen König Artaxerxes II. angeworben worden, wurden aber bei
Kunaxa geschlagen und marschierten zur Küste zurück. Auch gibt es eine Reihe
minderer Namen, deren Werke verlorengegangen sind, und eine Literatur über
lein.
die Geschichtsschreibung der einzelnen Wissenschaften,
z.
B.
über die Geschichte
Menon, über die Geschichte der Arithmetik, Geometrie und
Astronomie von Eudemos sowie von Theophrastos, dem großen Schüler des Arider Medizin von
und berühmten Botaniker, eine Geschichte der Naturphilosophie.
ist vom Griechentum beeinflußt, aber hat
politischen
einen klaren,
Akzent. Während Herodot noch mit der Unbekümmertheit eines geborenen Sammlers Detail an Detail reiht und so zugleich Kulturhistostoteles
Die römische Geschichtsschreibung
riker
ist,
sieht der
römische Historiker die Geschichte
ner und bleibt streng bei der Sache. Hier
Grieche von Geburt, der
als
Geisel nach
ist
als
Material für Staatsmän-
vor allem Polybios zu nennen, ein
Rom verbracht wurde,
des Jüngeren Forschungsreisen durchführte
und
in
im Auftrag Scipios
seinem Gefolge die Zerstörung
Karthagos erlebte. Als Geschichtsschreiber setzte er die griechische Tradition fort,
genauer gesagt, weil er Grieche war, dachte er historisch, denn es gab keine andere
Art Geschichte; als Augenzeuge war er ein Mann nahe der Macht, und als Autor,
der seine Vorgänger kannte, entwickelte er sein kritisches Bewußtsein. Er wollte
die Kräfte erkennen, die im Geschehen sichtbar wurden, deshalb forderte er neben
einem exakten Quellenstudium, daß der Historiker
Schauplätzen vertraut machen solle;
sich
mit den geographischen
überaus gründliche
freilich hat die trockene,
Darstellungsweise ihn zu einem schwer lesbaren Autor gemacht.
318
Das Wartburgfest
der deutschen Studenten fand
Jenaer Burschenschaft
statt.
am
18. 10.
i8iy auf Anregung der
Als Reaktion gegen die restaurative Politik des
Deutschen Bundes wurden Schriften reaktionärer Autoren verbrannt. Holzschnitt
Mitte 19.
Der
Jh.
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
erste Feuilletonist in der Geschichte
Lebensberichte -
je
war Plutarch, der seine »parallelen«
Römer zustammenstellend - in un-
einen Griechen und einen
terhaltender Absicht geschrieben hat. Seither gibt es Biographien, also unterhalt-
same und erbauliche Lebensbeschreibungen, aus denen
sich
später
dann
die
Selbstbiographien entwickelt haben.
In Caesar schließlich begegnet
man dem
ersten Staatsmann, der nicht nur Welt-
geschichte machte, sondern auch beschrieb. Seine Darstellungsweise, weit entfernt
vom Pomp
ist
orientalischer Gottkönigtexte, die
dem Ruhm
des Herrschers dienten,
an wissenschaftlichen Gesichtspunkten orientiert, nicht an der eigenen,
als er-
haben erlebten Person. Damit ist die Szenerie des abendländischen Geschichtsbewußtseins geschaffen, und immer wieder werden sich die Historiker und Politiker
der folgenden Jahrhunderte an den Vorbildern der Antike orientieren, so bruchstückhaft auch zeitweise die Überlieferung sein mag.
Mit dem Christentum wie mit dem Islam, der aus der gleichen Wurzel geboren
kam ein neues Element in die Geschichtsbetrachtung. Vor allem dem Christen
war die Geschichte der Menschheit ein gewaltiges Ringen zwischen den Mächten
Gottes und denen des Satans, ein Drama zwischen der Genesis und dem Jüngsten
Gericht, und so war die Erde Schauplatz dieses Ringens. Gottes unerforschlicher
ist,
319
Ratschluß ließ di£ Dinge nach höheren Gesichtspunkten gelenkt ablaufen. So
ihm über die Schulter, wer Geschichte schrieb, denn die Menschen waren,
blickte
wie der Kirchenvater Augustinus (354-430) in seinem »Gottesstaat« darlegte, unwissentlich Angehörige zweier Reiche, entweder des Gottesreiches oder des Rei-
ches des Satans. Beide unsichtbare Reiche des Menschengeschlechtes standen im
Kampf, und jeder Mensch war nach Gottes Willen in diesem Kampf Partei.
So wurde jedes geschichtliche Ereignis ein einmaliges Ereignis von höchster
Bedeutsamkeit, das niemals wiederkehrte, sondern in jenem Kampf Gewicht hatte.
Damit schärfte sich das christliche Z^itbewußtsein auf eine mit anderen Kulturen
kaum vergleichbare Weise, und je näher man den Posaunen des Jüngsten Gerichtes
zu sein glaubte, desto dringlicher wurden die Ereignisse als Mahnungen Gottes
verstanden. Noch bis in Luthers Zeiten hat diese Auffassung nichts von ihrer beklemmenden Direktheit eingebüßt. Für das Christentum hat denn auch, wenn man
von Chroniken und Kirchengeschichten absieht, Dante Alighieri mit seiner
»Commedia«
ein
Werk geschaffen,
das in der europäischen Literatur einen ähnli-
chen Stellenwert hat wie Homers Epen in der griechischen Dichtung. Hier wie dort
wird ein ganzes Weltbild gezeichnet, das seinerseits ein starkes geschichtliches
Bewußtsein
Auch
schafft.
in der Geschichtswissenschaft hat es aber eine »kopernikanische
gegeben, ein Abstreifen
aller
Befangenheiten, die aus
dem Glauben
Wende«
entstanden,
aus Bindungen an jenseitige Mächte. Die gelehrten Humanisten der Renaissance
hatten
immer und immer wieder
die
Rückkehr zu den Schriften der Alten gefor-
und exakte Beschäftigung mit den Originaltexten. Sie selbst
hatten sich, wenn auch auf einem beschränkten Gebiet, vollkommen der
Geschichte zugewandt, weil sie hier neue Maßstäbe für den Menschen fanden,
Maßstäbe der Vernunft und Größe, die das mittelalterliche Christentum mit seiner
dert, die geduldige
Frömmigkeit verdeckt
hatte. In Italien hat dieser revolutionäre
Humanismus den
Florentiner Niccolö Machiavelli (1469-1527) geprägt. Er selbst sprach zwar kein
Griechisch, gehörte also nicht zur Bildungselite seiner Zeit, aber er war in seiner
Zehn und begegnete Cesare Borgia, dem absoluMachtmenschen, der für ihn stets das Ideal eines Staatsmannes blieb. Auch
dieser Mann hat im Gefängnis gesessen, als seine politischen Ziele scheiterten, und
Vaterstadt Sekretär des Rates der
ten
worden.
dann jene Schriften, vor allem den »Fürsten« geschrieben, der
1513 gedruckt worden ist und ihn als unbestechlichen Skeptiker ausweist. Er führt
ist
schließlich verbannt
Im
Exil hat er
ein gleichsam psychologisches
Moment
in die
Geschichtsbetrachtung ein, das
Gang hält, und sieht
im hervorragenden Mann, dem Führer mit Kraft und Mut, den Bändiger der widerstrebenden Gewalten. Moral hat in seinen politischen Betrachtungen keinen
Platz, denn er beschreibt das Verhalten der Menschen in der Arena der Politik,
in der es ums eigene Überleben geht; wer moralischen Werten verbunden bleibt,
so scheint es ihm, gehöre nicht in die Politik, denn politisch handeln heißt für ihn,
nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit verfahren.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wird die geschichtliche Betrachtung immer reicher, immer differenzierter, ohne daß jedoch die gesteckten Grenzen überWechselspiel von Begehrlichkeit und Angst, das die Dinge in
320
Mit Voltaire erkennt man, daß der Geschichtsschreiber Grenzen
Auswahl treffen muß, ja unterhaltend sein sollte, damit seine Schilderung die Menschen überhaupt erreicht, mit dem progressiven Generalsuperintendenten Johann Gottfried Herder in Weimar entsteht die erste Ideengeschichte, und
Kulturgeschichte wird grundsätzlich in die Betrachtungen einbezogen »Welch ein
schritten werden.
hat, eine
:
Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der
Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten!. .« heißt es
in seinen »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1794), und im.
mer weiter
öffnet sich der geschichtliche Blick
dem Nächsten und Fernsten, den
Stämme und Völker.
eigenen Überlieferungen und den Kulturen ferner
In jener Epoche, die
den Sturm auf die
am
Bastille
und
die gräßliche
Enthauptung
1793 miterlebt hatte, war Geschichte nicht
mehr Heilsgeschichte, aber auch die bloß pragmatische Betrachtungsweise, als sei
sie nichts als Lehrstoff für Staatsmänner und Politiker, reichte nicht mehr aus.
Man überblickte unglaubliche Zeiträume und viele Kutluren, aber nach welchen
König Ludwigs XVI.
21. Januar
Gesichtspunkten war das zu ordnen, welche Erkenntnisse vermittelte all dieses
Wissen? Begriffe wie Revolution und Evolution wetterleuchteten in den Hirnen,
und man glaubte zu ahnen, daß es wie in der organischen Natur Entwicklungsprozesse gäbe, die auf ein freilich unbekanntes Ziel gerichtet wären, eine höhere und
bessere Menschheit.
Die Wende, die wiederum weithin neue Wirkungen hervorrief und
bis auf
den
heutigen Tag andauert, brachte ein durchaus normal lebender Professor in Berlin
namens Georg
Friedrich
freundet, 1788-1793
Wilhelm Hegel. Er hatte, mit Hölderlin und Schelling beStift in Tübingen Philosophie studiert und hielt, nach
am
einigen Zwischenstationen seit 1818 Professor an der Universität Berlin, dort seine
berühmte Vorlesungsreihe »Philosophie der Weltgeschichte«, die erst nach seinem Tode - er starb mit 61 Jahren an der Cholera - veröffentlicht worden ist. Für
Hegel ist die Geschichte ein Prozeß der Selbstentfaltung des Weltgeistes - »die
ist die Auslegung des Geistes in der Zeit, wie die Idee als Natur
im Raume sich auswirkt«. Es hieße unzulässige Verkürzungen hersteilen, wollte
man in wenigen Sätzen jenes gewaltige Gedankengebäude skizzieren, an das
schließlich auch Marx angeknüpft hat. Das dialektische Prinzip ist von Hegel in
seiner ganzen Konsequenz erfaßt und durchdacht worden. Es besagt, daß jede
These notwendig die Antithese hervorbringe, die schließlich in der Synthese über-
Weltgeschichte
wunden würde.
Von nun an kann niemand mehr Geschichte als etwas betrachten, das abgeschlossen wäre oder das sich in ewigem Kreislauf wiederholt. Denn Hegel versucht
zu zeigen, wie sich der Weltgeist, eine immanente Vernunft, im Fortgang der
Ereignisse manifestierte. »Das höchste Gebot, das Wesen des Geistes ist es, sich
selbst
zu erkennen, sich
als das,
was
er ist,
hervorzubringen. Das vollbringt er in
der Weltgeschichte; er bringt sie als bestimmte Gestalten hervor,
und
diese
Gestalten sind die weltgeschichtlichen Völker. Es sind Gebilde, denen jedes eine
besondere Stufe ausdrückt und die so Epochen der Weltgeschichte bezeichnen.«
Die Wirkungen solcher Gedankengänge bis hin zu Spengler und Hitler, Marx und
Lenin sind
kaum
überschaubar.
Wenn
auch der Gedanke an den Weltgeist, dieses
321
Arbeiterbildungskurs
in Paris.
Die anfänglichen Versuche, die Arbeiterschaft
mit bürgerlichen Bildungsidealen vertraut zu machen, waren
zum
Scheitern verurteilt,
weil sie an der Realität der wirtschaftlich-politischen Situation vorbei operierten.
Lithographie nach Renard, Mitte 19.
abstrakte
Schemen
einer tieferen
]h.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Ahnung, verlorengegangen
ist,
so doch nicht,
was an Prinzipien und Begriffen von Hegel in das geschichtliche Denken eingefiihrt worden ist. Daß Staatsmänner an Völker appellieren können, sie seien zu
besonderen Leistungen berufen, daß Völker sich selbst als jung begreifen können,
3
22
man
Wirkungsweise gesellschaftlicher Prozesse zu durchschauen gelernt
hat, gehört zu den geistesgeschichtlichen Wirkungen Hegels, dessen Riesenwerk
noch heute auf speziellen wissenschaftlichen Kongressen durchleuchtet wird, ohne
daß sich ein Ende dieser Diskussionen abzeichnet.
Hegel aber steht nur für eine geistige Strömung, die in ihrer Gesamtheit auf
Geschichte bezogen ist. Niehbuhr und Ranke, Savigny und die Brüder Grimm, die
Brüder Humboldt und die Brüder Schlegel bezeichnen einen Höhepunkt in der
europäischen Ideengeschichte. Quellenkritik und Quellenforschung, die Schatzsuche in den alten Überlieferungen vom Märchen bis zum Lied, die Schilderung
der antiken wie der neueren Geschichte wurden als Ziele gesetzt, Sprachforschung
entwickelte sich zur unentbehrlichen kritischen Wissenschaft, und so nahm die
daß
die
Philologie in diesem Jahrhundert unter allen historischen Teilwissenschaften eine
beherrschende Stellung ein,
bis sie
von Schopenhauer und Nietzsche angegriffen
wurde. Diese gegenläufige, die Geschichte insgesamt in Frage stellende Tendenz,
die sich lieber der Zukunft als der Vergangenheit widmet, ohne doch ihre Herkunft
verleugnen zu können,
ist
noch nicht abgeschlossen.
Bildung fürs Volk
Zwischen dem sogenannten Gebildeten und dem Ungebildeten verläuft eine Kluft,
auch dadurch nicht geschlossen wird, daß beide sich im Fußballstadion oder
vor dem Fernsehschirm treffen. Die Geschichte der Arbeiterbildung und der
Volksbildung ist die Geschichte des Versuches, dem Ungebildeten die Hand zu reichen und ihn zu sich herüber zu ziehen, damit er lerne, was ihm beizubringen die
Gesellschaft bisher versäumt hatte. Alexander von Humboldt, Justus von Liebig
und auch der an sozialen Fragen interessierte Virchow, Männer aus verschiedenen
Generationen, hatten gehofft, durch Vermittlung von Kunst und Wissenschaft,
von Kenntnissen und Erkenntnissen dem einfachen Manne helfen zu können. Die
politische Problematik dieser Versuche deutete sich erst nur zögernd an, wie diese
Unternehmen selbst zunächst nur tastende Ansätze darstellten, der veränderten
gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht zu werden. Dabei ist der Begriff des Klassenkampfes, überhaupt der Begriff der Klasse, den Anfängen der Arbeiterbildung
durchaus fremd; man findet sich in durchaus gutwilliger Absicht zusammen, um
sich fortzubilden und hochzuarbeiten. »Insbesondere stand Herr Bebel«, heißt es
in den Erinnerungen eines Karl Biedermann, »allen sozialistischen Tendenzen
noch völlig fern. Ich erinnere mich sehr deutlich, wie er namentlich die Versuche
Lassalles, die Arbeiter als einen besonderen (>vierten<) Stand dem Bürgertum
feindlich gegenüberzustellen, mit großer Entschiedenheit zurückwies und verdie
dammte.«
Nach dem Zeugnis des Zeitgenossen strebten
die »hier
und da entstandenen
>Arbeiterbildungsvereine< nach solider Fortbildung ihrer Mitglieder, suchten auf
dem von
Schulze-Delitzsch vorgezeichneten
Wege durch Konsum- und Vor-
schußvereine, ihn zu Fleiß und Sparsamkeit anzuregen und von exzentrischen
Ideen fernzuhalten«. Schon 1844
ist
der »Zentralverein zur intellektuellen und
323
/
sittlichen
Hebung.der unteren Klassen« gegründet worden, dessen Name allein
Man kann den Männern, die sich damals
schon über seine Mentalität genug besagt.
vom Elend der Arbeiter angesprochen
handelten wenigstens und
nahmen
fühlten, guteri Willen nicht absprechen. Sie
Verhältnisse ernst, über die andere leichthin
als ob arm und reich gottgegebene Unterschiede seien.
Noch im Jahre 1848, als der Trauerzug der Berliner mit den ermordeten Bürgern
am Schloß vorbeizog, an der Spitze der Kammerherr Alexander von Humboldt,
und der König mit entblößtem Haupt diesen Opfern seiner Soldaten Ehre erwies,
hinweggingen,
verstanden sich die Arbeiter
als eine Art Handwerker. Die »soziale Frage« entwikden 60er Jahren zum Alpdruck der Gesellschaft, und so viele
Standpunkte und Weltanschauungen es gab, so viele Vorschläge wurden zur
Lösung vorgebracht. Mit einer falsch zitierten Äußerung Gustav Schmollers
(1838-1917), der die neuere Schule der Volkswirtschaft geschaffen hatte und als
Vorkämpfer der deutschen Sozialgesetzgebung bekannt war, drückten viele ihre
eigene Ansicht der Dinge aus, wenn sie sagten, die soziale Frage sei eine Bildungs-
kelte sich erst in
frage (Blättner).
Daß
die Bildungsinhalte bürgerlich sein
würden, daran bestand
nicht der mindeste Zweifel.
Ein anderes Schlagwort jener Epoche, das von dem Naturwissenschaftler Francis
Bacon in ganz anderem Sinne gemeint war, lautete »Wissen ist Macht« Bei Bacon,
dem Renaissancemenschen, war die Macht über die Natur gemeint, die man mit
Hilfe von Erkenntnissen werde erlangen können. Auf der politischen Szene des
19. Jahrhunderts und im Zusammenhang mit der sozialen Frage bekam das Wort
einen völlig neuen Sinn. Nun schien es, als sei politische Macht von einem bestimmten Bildungsstand abhängig, als müsse der Arbeiter sich zuerst ein bestimmtes Wissen aneignen, um die Frage nach der Macht stellen zu dürfen.
Aber nun waren es nicht mehr bürgerliche Bildungsinhalte, um die es dem
Arbeiter ging, sondern politisches Wissen. Mit literarischer Bildung und musikalischen Genüssen ließ sich nichts ändern und bessern, die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten blieb unüberbrückbar, nur in den Schriften eines Marx und
Engels, eines Bebel und Lassalle fand man, was man suchte. Hier wurde die Lage
.
der arbeitenden Klassen wissenschaftlich gedeutet, hier zeichneten sich Gesetze
Wenn der Untergang
und unausweichlich war wie das Aussterben der Dinosaurier, dann lohnte es sich, diesen Untergang zu beschleunigen.
In diesen Jahrzehnten entstand jener Typ des ergrauten Arbeiterfunktionärs,
wie in der Natur ab, die Vertrauen in die Zukunft schufen.
der herrschenden Bourgeoisie zwangsläufig
der nach schwerer körperlicher Arbeit nachts bei einer Petroleumlampe das Kapital
von Karl Marx studierte, dieses Werk eines Gebildeten für Gebildete, um sich über
seine eigene Lage klar zu werden. Er konnte diese zähe Fachsprache eines
Nationalökonomen selten auf den ersten Blick begreifen, aber er wußte, daß die
Anhänger der verhaßten Sozialdemokratie am entschiedensten für seine eigenen
Interessen eintraten und daß es kein anderes Selbstverständis für ihn gab als das
marxistische Geschichtsbild. Also las er und bildete sich, so gut es ging, vorwärtsgetrieben von
dem
Satz »Wissen
ist Macht«.
Die Arbeiterbildung, vorwiegend von der Sozialdemokratie getragen, hat sich
politisch verstanden und den Arbeiter primär als politische Existenz angesprochen.
3 24
In der
Abendschule
hatten Berufstätige vor allem der unterprivilegierten Gesellschafts-
und ihre Bildung zu erweitern.
Nach einem Gemälde von Blanchon, 19. Jh. Staatsbibliothek Berlin
schichten Gelegenheit ihr Wissen
,
,
Bildarchiv.
Stärker im Blickfelder Öffentlichkeit standen die konservativen, liberalen und
kirchlichen
Bemühungen um die »Hebung des Arbeiters«. Dem Gründer des
Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), der 1849 in
Genossenschaftsgedankens
Delitzsch die erste »Rohstoff-Assoziation« für
Schuhmacher und Tischler ge-
schaffen hatte, ging es neben praktischem Wissen auch
um
ästhetisch-kulturelle
Bildung, während die katholischen Arbeiter-- und Handwerkerbildungsvereine,
angeführt von Adolf Kolping,
ler,
dem
Bischof von
Mainz Wilhelm Emmanuel Kette-
ein Bildungsziel anstrebten, das fest in der Religion verankert war; ihnen
wa-
ren die sozialistischen und liberalen Tendenzen verhaßt.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vollführte das liberale Bürgertum denn auch eine Schwenkung, die von den Ideen der 48er Revolutionäre
fortführte in den Staat Bismarcks. Ursprünglich war dieser konservative Landedelmann bekanntlich mit höchstem Mißtrauen begutachtet worden seine
Machtpolitik, die Preußen zur führenden Macht in Deutschland und Deutschland
zur Weltmacht werden ließ, überzeugte das liberale Bürgertum. Für diese Kreise
kam die Drohung nun aus der Sozialdemokratie, und wer sich mit Volksbildung
befaßte, betrieb sie mit dem Blick der Angst, mit der das Bürgertum seit jeher die
linke Agitation betrachtet hat. Im Jahre 1871 war die »Gesellschaft für die Verbreitung von Volksbildung« gegründet worden, gedacht als geistiges Bollwerk gegen
radikale Bestrebungen, Agitatoren und Sozialisten. Man hat ein Menschenalter
später klar erkannt, daß diese Gesellschaft die »Züchtung des Einheitsstaatsbür;
gers«
zum
Daß
Ziel hatte.
die soziale Frage keine Bildungsfrage war, ist
durch den Ausbruch des
Ersten Weltkrieges und seine Folgen jedermann klargeworden. Robert von Erdberg, der seit 1896 in der »Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen« arbeitete
und
später die
Volkshochschulbewegung
ins
Leben
rief, ist
zum
Kritiker
dieser popularisierenden Volksbildung geworden. Er sei, schrieb er, niemals das
fremden Zungen zu den Arbeitern zu reden. Schon im
Jahre 1910, in der Zeit der frühen Jugendbewegung, des Wandervogels, der Besinnung auf das »Völkische«, wird der Schritt von der verbreitenden zur intensiven
Volksbildung getan. Damit war gemeint, daß es nicht mehr darauf ankommen
solle, möglichst viele Menschen mit Kunst und Wissenschaft in Berührung zu
bringen, da auf diese Weise nur oberflächliches Wissen verbreitet werde, sondern
daß man ein »Intensivverhältnis« zur Kultur anstrebe. Das Ziel sei es, wie einer
der geistigen Führer dieser Bewegung formulierte, eine wahre Volksbildung ins
Leben zu rufen und ihr eine doppelte Aufgabe zu stellen, damit der »Mensch zur
Persönlichkeit und die Masse zum Volk« werde.
Nach dem Weltkrieg 1914-1918, der mit einem Ausbruch nationaler Hysterie
in ganz Europa begonnen und mit dem Zusammenbruch ganzer Nationen geendet
hatte, empfand man wie 1945, daß eine ganze Generation versagt hatte. Aus den
verschiedensten Quellen speiste sich der Versuch, die Idee der Volksbildung zu erneuern, Vorbild war in England die Workers Educational Association, die 1903 von
Gefühl losgeworden,
in
Albert Mansbridge geschaffen worden war; stärkeren Einfluß hatte die dänische
Heimvolkshochschule, die der dänische Geistliche und Schriftsteller Nikolai F. S.
Grundtvig schon 1844 geschaffen hatte. Das nationale Bewußtsein des dänischen
326
Volkes war durch diese Einrichtung mächtig gefördert worden, und zwar auf bäuman, intensive Volksbildung, Rückbesinnung auf die
erlicher Ebene. Hier glaubte
Werte des eigenen Volkes und eine gesunde Ordnung gefunden zu haben. Auch
Deutschland galt es, in diesem Sinne an das anzuknüpfen, was nach Auffassung
von Picht, Flitner, Bäuerle und Angerman noch »gesund« war.
Das bäuerliche Leben, entdeckt durch Gruppen antibürgerlicher, antiautoritärer
Jugendlicher der Jahrhundertwende, empfand’man als gesund, ebenso Volkstanz
und Volkslied. Man wünschte, der einfache, unverbildete Mensch, der noch singen, werken und spielen könne, solle sich im Gespräch mit dem jungen Studenten
und Schüler als Kraft erweisen, den bloßen Intellektualismus zu überwinden. So
hoffte man, in kleinen Gruppen die Kluft zwischen dem Gebildeten und dem
Ungebildeten zu überwinden. Die Bestrebungen des »Hohenrodter Bundes« haben
in
Volkshochschulen nach dem Ersten Weltkrieg mächtig gefördert, auch die öfdem pädagogischen Impuls dieser Jahrzehnte zu
Instrumenten der Volksbildung wurden. Auch hier gab es erbitterte Richtungskämpfe zwischen der mehr »verbreitenden« und der sogenannten intensiven
die
fentlichen Büchereien, die unter
Volksbildung, und das englische System der sogenannten Freihandausleihe, bei
der jeder Leser sich wie
im Buchladen
auswählen konnte, was ihm wün-
selbst
schenswert erschien, wurde von diesen strengen Anhängern der intensiven Volksbildung achselzuckend abgetan. Der freie Zugang zur Literatur
als Element demovon den anglo-amerikanischen Besatzungsmächten nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt worden.
Im Dritten Reich, das sich als Erfüllung des völkischen Traumes und nationalen
Stolzes verstand, wurde die Arbeiterbildung zerschlagen, die Volksbildungsbewegung durch die rassistischen und nationalen Bestrebungen verdorben und der
Begriff der Bildung endgültig pervertiert. Wie man die Museen von der »entarteten Kunst« säuberte, so die Büchereien von »zersetzender Literatur«, und in den
Volkshochschulen war von Blut und Boden die Rede, von Heimatkunde und
Volkstumspflege. Die Generation der Kriegsteilnehmer hat nach dem Zweiten
Weltkrieg keine neue Bewegung ins Leben gerufen, keine neuen Bildungsziele
proklamiert, sondern die alten Inhalte zu überwinden versucht. Die Zerrissenheit
der bisherigen, nicht abgeschlossenen Entwicklung gerade in Deutschland hat diesen Vorgang erschwert, doch besteht kein Zweifel daran, daß man ohne die Institutionen der Erwachsenenbildung in der heutigen Gesellschaft kaum wird auskommen können. Das gilt gerade dann, wenn Presse, Rundfunk und Fernsehen
die Masse der Bevölkerung auf bisher ungeahnte Weise mit Kunst und Literatur,
Wissenschaft und Musik konfrontieren. Auf dieser Ebene ist der alte Richtungsstreit zwar überwunden, aber die Frage, was denn mit diesem Angebot an Informationen bezweckt werden soll, ist damit noch nicht beantwortet.
kratischer Willensbildung
ist
erst
(folgende Seite)
Satirisches Flugblatt auf den Ablaßverkauf des Dominikanermönches
Johannes Tezelius. Offensichtlich ging
Anprangerung der skrupellosen Geldgeschäfte
trieb.
Anonymer
dem unbekannten Verfasser um die
mit dem Ablaßgeschäft
Kunstsammlungen der Veste Coburg.
es
,
Holzschnitt von 1517.
die die Kirche
Sohaniu^Xcjclttis $emmKan«mid>/mu fcv
er im 3 *ftrq>rtfli 1*17. m\£eudfa)em
ioitfx» |ii martffgebra^f/wteer in Oer
teeren |« £ii n tu fernem
£kwerla»0 abgemajji et ifi.
£) fjr Oemfefje« mertfnmicft reefei/
M)ed ^eiligen 334C*r8 papgeb Jtoecfy/
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0o balö der 0rofch im £a$en fl ingt/
0o bald Dte0eel in #imel ftch fch»iii<**
SDurch Otefengeuffelifchen £anOt/
S)at er betrogen fein QUaterfanO/
faumoem^eneferenrtauffe»/ SS# ffn 0o« f af in $ Bptd gefeben/
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M
Die neue
Großmacht
Aviso Relation oder Zeitung
Zeitschrift für Dr. Faustus
Journale und Gazetten
Alpdruck für Könige
Weltpresse
Mondmenschen im
Feuilleton
'Aviso Relation oder Zeitung
Die älteste Zeitung, die in den Archiven erhalten geblieben und im Jahre 1876 von
dem Historiker Otto Opel in der Heidelberger Universitätsbibliothek entdeckt
worden ist, stammt aus dem Jahre 1609 und trägt den Titel »Relation aller fürnem-
men und gedenckwürdigen Historien«. Der
dem
kation ein Jahreswort mitgegeben, in
Verleger der Zeitung hat seiner Publi-
eyland gefertigt«, und in der Tat
hat das
ist
um
er die Leser
Zeitung, sagt der Straßburger Johan jEarolus (gest.
ca.
keiten interessieren bekanntlich nur, solange sie nicht
Wer
seine Informationen in
Blättern an den
Mann
bringen
bittet.
Aktualität für die Zeitung lebenswichtig.
Wort Zeitung ursprünglich etwa wie »Neuigkeit«
werden.
Nachsicht
will,
Die
1634), sei »bey der Nacht
Man
gebraucht, und Neuig-
vom
neuesten überholt
Konkurrenz mit Gerüchten und anderen
muß
also früh aufstehen.
Eines der ältesten aktuellen Nachrichtenmittel, die Buschtrommel, mit der sich
Einwohner gleichsam laufend über große Strecken hinweg informieren, ist in
Hörfunk und das Fernsehen
eingeholt worden. An anderer Stelle wurde bereits gesagt, daß die Trommelsprache nicht so sehr ein Mosealphabet wie eine lautmalende »Übersetzung« der gedie
seiner Aktualität übrigens praktisch erst durch den
sprochenen Sprache in die Laute der Trommel darstellt. Während etwa die Karawane der Sklavenjäger oder der weißen Männer durch den Busch zog, konnte man
laufende »Reportagen« trommeln und den Stamm bis in die letzten Dörfer mobilisieren
- mit Schallgeschwindigkeit.
Die gedruckte Nachricht hat, verglichen mit solchen Nachrichtenmitteln, erhebliche technologische Widerstände zu überwinden. Der
die
Kampf gegen
die Zeit,
durch das Schreiben, durch Satz und Druck verloren wird, prägt die technische
Seite des Zeitungsbetriebes
entdeckte und aus
von Anfang an. Diese » Relationen« wie auch der später
dem Jahre 1610 stammende »Aviso
Relation oder Zeitung« sind
Wochenblätter, aber immerhin echte Zeitungen, keine Flugblätter, keine Jahresnachrichten oder Halbjahresnachrichten, deren es schon einige gab.
am Vorabend blutiger Glaubenskriege, während Gustav
König von Schweden wird und der depressive Einsiedler Kaiser Rudolf
II. von Habsburg in einer Mönchszelle stirbt, wird die öffentliche Meinung auf
der Kanzel und bei Hofe gemacht. Die ersten Zeitungen, also die ersten periodisch
erscheinenden gedruckten Nachrichten, befriedigen zunächst nur ein Grundbedürfnis des Menschen, die Neugier, und stellen inmitten der zahllosen Gerüchte,
des Geredes, der ausgerufenen Verordnungen, der erlassenen Dekrete, der widersprüchlichsten Informationen, die man in der Wirtschaft, im Bad, am Stadttor, auf
dem Markt erhielt, ein neues Moment dar - allerdings nur für den, der lesen
konnte. Unglaublich wäre es einem Hofbeamten der damaligen Zeit oder selbst
einem Drucker erschienen, hätte man ihm erklärt, daß die Zeitungen wenige Jahrhunderte später die öffentliche Meinung beherrschen würden.
Im
Adolf
17. Jahrhundert,
II.
Den Nutzen der Zeitungen erkannte man früh, übrigens auch die politischen
Möglichkeiten und ihren erzieherischen Wert. So verweist man sogar auf die
gräßlichen Türken wie Gregor Wintermonat im Jahre 1609: »Denn ob sie wohl
330
plump nicht, daß sie nicht verwahrhaften Neuenzeitungen sowohl zu Friedenszeiten,
als sonderlich in Kriegszeiten niitzen und gut seien. Darum pflegen sie auf ihre
Sprache im gemeinen Sprichwort zu sagen: Die Neuenzeitungen sind der Herren
sonst barbarische Völker sind, sind sie doch so gar
stehen sollten,
wozu
die
und Potentaten Steuerruder, damit sie nämlich ihren Stato leiten und guberniren.
Solches könnte zwar mit vielen Exemplen dargetan werden, aus welchen zu sehen,
daß fleißige Erkundigungen der Neuenzeitung£n gemeiniglich den Herrschaften
sehr viel genützt.«
Das Zeitungswesen
ist
eine ganz unvorhersehbare
Nebenwirkung des Druckes
mit beweglichen Lettern, ein Beweis dafür, daß die Kettenreaktionen nach einer
bestimmten Leistung oder Erfindung kaum
in
ihrem ganzen Umfang erkannt wer-
den können. Daß eine gedruckt verbreitete Nachricht eine ganz andere Durch-
man früh erkannt, andererseits aber auch
Zeitungen mit Mißtrauen betrachtet, denn die Verbreitung der Zeitungen war
nicht zu kontrollieren. So haben sich die »Avisenschreiber«, die »Cassetas«, von
Anfang an bei den Herrschenden mißliebig gemacht, andererseits nutzten geschlagskraft besitzt als das Gerede, hat
die
schickte Regenten das neue Instrument. So rät der allmächtige Bischof von Wien
und Direktor des Geheimen Rates Kardinal Khlesl dem von ihm unterstützten
Erzherzog Matthias, seine Kampfbereitschaft gegen Kaiser Rudolf II. »mit guter
Manier« in die »Casseta« zu setzen - mit anderen Worten, die Presse zu nutzen.
Andererseits stellt sich schon bald heraus, daß die Herausgeber einer Zeitung
drucken lassen, was das Interesse reizt und Absatz verspricht die Zeitung ist kein
gemeinnütziges Unternehmen, sondern ein marktorientiertes Gebilde, wer wüßte
das nicht. So beschwerte sich schon 1628 die Wiener Regierung über die Berliner
Presse, weil nirgends so respektlos über die kaiserliche Majestät berichtet würde
wie in Berlin. Der Große Kurfürst läßt die Herren in Wien beschwichtigen, aber
;
maßregelt den für die Zeitung zuständigen Herausgeber, den Botenmeister Veit
Frischmann, nicht. Das Verhältnis zwischen Presse und Regierung bleibt nicht im-
er
mer
so freundlich, und die »Preßfreiheit« wird sehr bald zur stets wiederholten
Forderung der Revolutionäre - zunächst aber, in den Glaubenskämpfen des 17.
Jahrhunderts, nimmt das Zeitungswesen einen ungeahnten Aufschwung.
Was heute die Zeitungen unter »Vermischtes« oder »Lokales« bringen, findet
damals seinen Weg allerdings meist nicht ins Blatt, sondern wird auf Flugblättern
abgehandelt. Hier
meinen
Mann
stellt
man
mit Zorn und Spottlust Zustände bloß, die den ge-
quälen und provozieren,
man
attackiert das
wüste Treiben der Sol-
und Miinzverderber, macht Modenarren und
»Tabaktrinker« lächerlich, deckt die Schliche der Schreiber und Advokaten auf,
kurzum, man übt Kritik an Zeit und Umständen und nimmt dabei den Standpunkt
der breiten Masse ein, das sichert dem Flugblatt seinen Erfolg. Zum erstenmal seit
Jahrtausenden wird so die Tagesmeinung artikuliert und verbreitet, bekommt
überhaupt das, was bisher am Wirtshaustisch hinter hohler Hand geäußert wurde,
auf Papier gedruckt und verteilt das Gewicht einer öffentlichen Meinung, die auf
tausend Zetteln durchs Land flattert.
Diese etwa in den Bauernkriegen geübte Praxis wird nun von der Zeitung abgelöst, die nach und nach die Funktionen des satirischen, zeitkritischen Flugblattes
dateska, entlarvt die Spekulanten
331
/
übernimmt. Zusätzlich hat aber
die
gabe, Informationen zu verbreiten,
Zeitung von Anfang an und vor allem die Auf-
und
so entwickelten sich sehr bald ausgezeich-
nete Netze von Korrespondenten, die aus
Moskau und Hamburg
Wien und
Istanbul, Paris
und Venedig,
ihre Berichte schrieben. Häufig .sind es nebenberufliche
Korrespondenten, die solche Nachrichen
liefern, z.B. die
Agenten der Handels-
häuser, ehemalige Offiziere, Buchhändler, Postmeister oder gar Diplomaten, die
von diesem Geschäft leben. Man kann solche über Jahrzehnte hinweg geschriebenen Berichte noch heute in den Archiven nachlesen es handelt sich um exakte,
für die Zeit typische Schilderungen^die alle damals für die Höfe und Kanzleien
wichtigen Informationen übermittelten - freilich mit entnervender Langsamkeit.
;
Die »Fuggerzeitungen« in der Nationalbibliothek zu Wien, die Stockholmer
Zeitungsbestände und die im Sächsischen Staatsarchiv aufbewahrten Bestände geben Einblick in das weitgespannte Netz der damaligen Verbindungen. Übrigens
gab es wie heute bei den verschiedenen gedruckten Nachrichtendiensten bei den
frühen Zeitungen verschiedene Grade der Diskretion. Jede Zeitung war nicht für
jedermann bestimmt, auch damals nicht, sondern im Grunde nur für den Mann
von Stand, der in verantwortlicher Stelle tätig war. Allerdings konnte eine Information, die für eine Berliner Zeitung von Wichtigkeit war, an anderen Fürstenhöfen allerlei Ärger verursachen. Man zog sich aus der Affäre wie der Große Kurfürst
der Mark Brandenburg. Der entschied 1628, daß Meldungen, die am Hof in Wien
mißliebig aufgenommen werden könnten, nicht gedruckt, sondern den Empfängern der gedruckten Avisen handschriftlich »dabey geschrieben werden«. Das war
keine einmalige Praxis. Tatsächlich existierten gedruckte und geschriebene Zeitungen einige Zeit nebeneinander, wobei die geschriebenen Zeitungen als vertraulich galten und nur einem kleinen Kreis von wichtigen Lesern zugänglich gemacht
wurden.
Das ganze Zeitungsgeschäft wurde auf der Basis des Privilegs betrieben, das der
Landesherr erteilte, und so selbstverständlich Bücher einer Zensur unterworfen
wurden, so selbstverständlich galt dies auch für die »gedruckten Avisen«. Gesinnungsfragen stellten sich damals nicht, und wer Zeitungen und Nachrichten mit
kratzender Gänsefeder auf grobes Papier schrieb, war meist ein armer Schlucker,
etwa ein mittelloser Student. Schon damals aber gibt es die ersten Klagen, daß
nicht alles stimme, was in den Zeitungen stehe, ja der Dichter Johann Michael
Moscherosch (1601-1669) überschüttet die Zeitungsschreiber, diese »Fuchsschwäntzer und Ohrenbläser«, mit grimmigem Hohn und weist ihnen in der Hölle
einen ziemlich üblen Platz zu.
Umstritten wie das Zeitungsschreiben war auch die Frage, ob diese Form, die
Neugier zu befriedigen, denn überhaupt sinnvoll und nützlich sei. »Was soll man
über die schreckliche Neugier gewisser Leute, Neues zu lesen und zu hören, urteilen?« schreibt ein gewisser Ahasver Fritsch (1629-1701), ein fürstlicher Rat in
Rudolstadt zu Thüringen. »Ist sie zu loben oder zu tadeln? Die Stellung des Menschen ist dabei zu unterscheiden, es sind das entweder öffentliche oder private Per-
usw.« Natürlich kommt der Mann zu dem Schluß, Fürsten und amtliche
Personen hätten von Amts wegen neugierig zu sein. »Was aber die Privatpersonen
angeht, so ist ihre allzu große Neugierde auch hierin wie in anderen Dingen über-
sonen
.
.
.
33 2
.« Nach längeren Ausführungen
hauptein Fehler und verdient gerechten Tadel
kommt er zu dem Schluß: »Darum liegt es überhaupt im öffentlichen Interesse,
.
.
Verbreitung und Bekanntmachung von Neuen Zeitungen im Staate
nicht zu gestatten. So pflegen weise Fürsten sie als Selbstverständlichkeit entweder
ganz zu verbieten oder doch durch gewisse Vorkehrungen zu beschränken. Denn
die wahllose
dafür haben die Fürsten
ja
zu sorgen, da es
ja
vor allem in ihren Pflichtenkreis
fällt,
auf jede Weise dafür vorzusorgen, daß der Staat keinen Schaden nehme.«
Welche Neuigkeiten man dem Volk vorenthalten sollte, welche Kenntnisse in
Händen mehr Schaden als Nutzen stiften könnten, wird immer wieder
Unrechter.
abgehandelt werden, doch finden sich auch Fürsprecher der Presse, vor allem preist
man den Bildungswert der Blätter, die über so vielerlei berichten, wovon doch immer etwas hängen bleibt, »von der Zeit der Zerstreuung der Völcker nach dem babylonischen Turmbau bis auff der Druckerey Erfindung«. Wer nicht Zeitung liest,
sagt etwa Kaspar Stieler, dessen Werklein »Zeitungs Lust und Nutz« 1695 in
Hamburg verlegt wurde, der weiß nichts von der Welt wie der Bauer, der auch
Ahnung hat, »was der Kayser / Franzose / Spanier / oder Türke vor FeldHerrn habe? Ob Braband / Flandern / Piemont / Länder oder Städte seyn? und
/ ob sie gegen Auff- und Niedergang gelegen?«
keine
«Copü Per fäcwcn Sprung
atil5TMcfillg5Lint>r. z ~
In dieser frühen Zeitschrift
steht der erste Bericht
über die Entdeckung
Brasiliens zu lesen.
Holzschnitt
um
1508/09.
und Stadtbibliothek
Augsburg
Staats-
,
'
Neben
Zeitschrift für Dr. Faustus
das Flugblatt des 1
nach
trat ebenfalls
dem
Jahrhunderts und die Zeitung des 17 Jahrhunderts
als weiteres Informationsmittel für
.
.
Dreißigjährigen Krieg
die Gebildeten die Zeitschrift.
Im
Mittelaltef
ist
das Ideal des Gelehrten der
Mann
mönchischen Abgeschiedenheit seiner Studierstube die Schrifund über Worten grübelte wie der Dr. Heinrich Faust. Ein
solches Gelehrtendasein war privat, abgeschieden von den Händeln der Welt und
von jeder Form der Öffentlichkeit, außer vom Lehrbetrieb an der Universität.
Gewiß hatte der Gelehrte Schüler und Vertraute, auch Gegner, aber außer dem
gewesen, der
in der
ten der Alten studierte
öffentlichen Disput gab es
kaum
eine
Form der
öffentlichen wissenschaftlichen
Auseinandersetzung. Das änderte sich mit der Erfindung des Buchdruckes und vor
allem mit der
Gründung
der ersten Zeitschrift speziell für Gelehrte.
Male schaffen sich die Wissenschaften mit diesem Blatt
tionsmittel, und dieses wiederum stellt, wenn auch
Zum
ersten
ein periodisches Informa-
für einen kleinen Kreis,
Öffentlichkeit her.
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Jahre 1625.
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die
ist
Zeitung
Bildarchiv
,
Die Tragweite dieses Schrittes für das wissenschaftliche Leben ist auf den ersten
kaum abzuschätzen, jede Entdeckung wird von nun an erst existieren, wenn
Blick
sie publiziert
worden
ist,
jeder wissenschaftliche Streit wird unter den
kritischen Leserschaft in aller Öffentlichkeit aüsgefochten,
und wie
Augen einer
Akademie
die
wird die wissenschaftliche Fachzeitschrift zum charakteristischen Bestandteil des
zum heutigen Tag. Die Geburtsstunde der wissenschaftlichen
Geisteslebens bis
Publizistik läßt sich exakt angeben, es
schien die erste
Nummer der
ist
der 5. Januar 1665.
An diesem Tage
er-
»Journal des S^avans«, die von einem französischen
Sallo (1629-1669) herausgegeben wurde. Schon daß
der Zeit nicht in Latein, sondern in
Gepflogenheiten
dieses Blatt entgegen aller
französischer Sprache geschrieben ist, wirkt ungewöhnlich wie die Absicht des
Edelmann namens Denys de
Herausgebers.
Man wollte alle Neuigkeiten aus der Gelehrtenrepublik mitteilen, so z. B.
sollten
Neuerscheinungen Europas angezeigt werden, man wollte Nekrologe auf verdiente Gelehrte bringen, die Fortschritte auf den Gebieten der Naturwissenschaft, der Technik, der Astronomie und Anatomie bekanntgeben, auch
plante man, Gerichtsurteile weltlicher und geistlicher Instanzen zu publizieren,
denn für jeden Gelehrten war es wichtig, die Grenzen seiner Möglichkeiten gegenüber einer reaktionären Obrigkeit zu kennen, und schließich sollten Nachrichten
gebracht werden, die von allgemeinem Interesse für den Gelehrten sein könnten.
Man hatte die wöchentliche Erscheinungsweise gewählt, mit guten Gründen, wie
sich herausstellte, und entschuldigte sich für den Stil, da doch verschiedene Mitarbeiter in diesen Heften schreiben würden. Wie alle erstklassigen Zeitschriften der
folgenden Jahrhunderte war auch dieser ersten Zeitschrift kein langes Leben beschieden. Der unausweichliche Konflikt mit der Obrigkeit, in diesem Falle mit der
Kirche, ließ nicht auf sich warten. Man stellte dem Herausgeber die Forderung,
sein Blatt einer Zensur zu unterwerfen, was für einen unabhängigen Mann seines
Schlages unannehmbar war. So ließ de Sallo das Blatt 1665 eingehen. Ein ]ahr später wurde es unter Leitung eines Abbe Jean Gallois neu aufgelegt.
Das französische Vorbild wurde in England mit dem »Philosophical Transactions« im Jahre 1665 und in Italien drei Jahre später mit dem »Gironale de Letterati« nachgeahmt. In Deutschland gab es gleich zwei Unternehmen dieser Art,
beide eng mit wissenschaftlichen Gesellschaften verbunden. Da ist einmal die
die wichtigsten
»Miscellanea curiosa mediophysica«, eine
schrift,
1651 jährlich erscheinende Zeitherausgegeben aus den Kreisen jener gelehrten Gesellschaft, die später zur
berühmten Leopoldina geworden
ist,
seit
der ältesten naturforschenden Gesellschaft,
der 1652 gegründeten späteren Kaiserlich-Leopoldinischen Carolinischen Deut-
schen Akademie der Naturforscher. Zwölf Jahre später entstand eine Zeitschrift,
allgemein als der eigentliche Beginn der wissenschaftliche Publizität in
Deutschland bezeichnet wird und den Titel »Acta Eruditorum« trägt, wörtlich etwa
»Berichte der Gelehrten« Sie erschienen monatlich und brachten Rezensionen aus
die
.
allen Gebieten der Wissenschaft, so
daß
sie
älteren »Miscellanea« zurücktreten ließen.
mit ihrem Erfolg die Bedeutung der
Auch
hier lag der
Schwerpunkt der
einem vorwie-
Artikel allerdings auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wie das in
gend an diesen Fragen interessierten Zeitalter nicht anders zu erwarten war. Leider
335
wurden die Beiträge in den frühen Zeiten meist ohne Autorennamen veröffentlicht, was der gelehrten Zeitschriftenforschung ein weites Feld eröffnet. Der wichtigste Mitarbeiter war Leibniz man wollte das Blatt nicht herausgeben, bevor man
;
den heutigen Redakteur beruhigend mag
daß auch diese so ausgezeichnete Zeitschrift ein Zuschußunternehmen war; der Kurfürst von Sachsen steuerte jährlich 200 Taler bei.
sich seine Mitarbeit gesichert hatte. Für
die Tatsache sein,
Bis zum Jahre 1720 sind viele weitere Blätter dieser Art gegründet worden, so
daß schließlich von 241 Zeitschriften zum Anfang des 18. Jahrhunderts allein 54
Periodika die Gattung des wissenschaftlichen Blattes repräsentierten. Die Masse
wenn auch angeregt
durch die »Acta Eruditorum«. Man war im sogenannten Zeitalter der Aufklärung
erfüllt von antiautoritären, vernunftbestimmten Prinzipien, und daß das Natürder übrigen Zeitschriften war philanthropischen Inhalts,
liche vernünftig, das
Vernünftige natürlich
sei,
Christian Thomasius (1655-1728) wollte die
schien einleuchtend.
Menschen
in
einem neuen Geist
erziehen; mit seinen Vorlesungen in deutscher Sprache hatte er bereits Aufsehen
erregt.
Der zweite
Schritt
war
die
Gründung
einer Wochenschrift mit
dem
Titel
»Schertz- und ernsthaffter, vernünfftiger und einfältiger Gedancken über aller-
hand nützliche Bücher und Fragen erster Monath Januarius, in einem Gespräch
von der Gesellschaft der Müßigen« Wohlan denn, möchte man sagen,
ein gar wackeres Vorhaben, zumal dieses Monstrum in den Jahren seines Erscheinens von 1688-1690 auf annähernd 3000 Druckseiten kam, alle geschrieben, bearbeitet und redigiert von dem unermüdlichen Thomasius. Neu an diesem Blatt waren Eigenschaften, die man noch heute schätzt, nämlich Freimut und Witz,
Zeitkritik und Satire, allgemein interessierende Fragen allgemein verständlich angefaßt - freilich im Stil der Zeit, also im Sprachschwulst derer, die sich aus dem
vorgestellet
Gemenge
.
französischer, spanischer
mühsam
und
lateinischer Brocken, versetzt mit deut-
und Scheinheiwerden mit leichter Hand verspottet, schon die »Gesellschaft der Müßigen«
ist ein ironischer Titel und meint die gelehrten Perücken der Akademien.
In dieser Epoche trat auch die Geschichte auffallend in den Vordergrund. Man
war mit dem Engländer H. Bolinkbroke der Ansicht, daß Geschichte auf jeden Fall
lehrreich, daß sie eine durch Beispiele wirkende Philosophie sei. Mit Leibniz begann man, die geschichtliche Überlieferung mit kritischen Augen zu sehen, was
die Quellen und Zeugnisse anging, und sie wie die Naturwissenschaften als Erfahrungswissenschaft zu betrachten. Es gab eine ganze Reihe von Journalen, die neben
den gelehrten historischen Zeitschriften das Interesse des breiteren Publikums ansprachen, und zu den bekanntesten gehörten die »Gespräche in dem Reiche derer
Todten«, die von David Fassmann herausgegeben wurden, dem erfolgreichsten
Journalisten seiner Zeit und Prototyp des geschickten Unterhalters mit journalischen Worten,
herausarbeiteten. Pedanterie, Heuchelei
ligkeit
stischen Mitteln.
Dieser Fassmann hatte in vielen Städten Europas gelebt, viele Berufe ausgeübt,
ein
Mann
mit Erfahrungen, der sich auf die Welt und das Leben verstand und der,
wenn er wollte, die Sprache der Kammerzofe ebenso traf wie die eines Fürsten.
Von 1718-1739, also über 20 Jahre lang, schrieb Fassmann seine berühmten Dialoge, in
denen
sich
zwei bekannte Personen aus jeweils verschiedenen Epochen im
336
r
*
j
Die Pressefreiheit. Karikatur von Honore Daumier gegen
die
einschneidenden
Angriffe der Regierung Louis Philippes gegen das Pressewesen. Lithographie von 1834
Staatsbibliothek Berlin
,
Bildarchiv
Totenreiche unterhielten. Mit allerlei geschickten Tricks putzte er diese Gespräche
zu einem unterhaltsamen Feuerwerk auf, so hat er insgesamt 240 solcher Stückchen geschrieben und damit seine Zeitgenossen gefesselt und begeistert, keine
schlechte journalistische Leistung.
Nicht alle diese Blätter waren so unterhaltsam, zumal sie oft moralisierende
Tendenzen vertraten und ihre Redakteure mehr befriedigten als ihre Leser. Da gab
es den »Monatlichen Staatspiegel« und die »Europäische Fama«, das »Curieuse
Caffe-Hauß zu Venedig«, ebenfalls in Gesprächsform publiziert, und ähnliche
moralische Wochenschriften, allerdings ausschließlich in Norddeutschland, ge-
An den Landesgrenzen Bayerns wurden
Bücherpakete einer strengen Kontrolle unterworfen, und noch 1791 müssen
die Münchener Buchhändler Petitionen schreiben, um größere Freiheiten für sich
nauer gesagt, im protestantischen Raum.
die
zu erwirken. Nicht nur Voltaire, Rousseau und Montesquieu waren hier verboten,
sondern auch Kant und Herders »Briefe zur Beförderung der Humanität«, Knigges
»Umgang mit Menschen« und
selbst der
»Kinderfreund« eines gewissen Rochow
(Kirchner).
337
Zu den berühmtesten
Zeitschriften der Literatur in Deutschland gehören be-
kanntlich die »Horen«, nach den griechischen Göttinnen der Jahreszeiten oder
auch der Gesetzmäßigkeit so benannt und redigiert von Schiller, der wiederum
Goethe als Mitarbeiter gewann. Schiller ist ja überhaupt, seiner ganzen Zielsetzung und seinem Naturell entsprechend, ein ausgesprochener Redakteur gewesen.
Er hatte schon Ende des 18. Jahrhunderts die »Thalia« geleitet, die bei Göschen
in Leipzig erschien, später die
»Neue
Thalia«, die
Werke von Wilhelm Humboldt,
Hölderlin und Seume brachte. Die »Horen«, das später begonnene Unternehmen,
war gründlich vorbereitet und von Cotta großzügig finanziert es scheiterte an der
Unzuverlässigkeit der Mitarbeiter, dabei wurden die Ziele dieser Zeitschrift allgemein begrüßt. Sie sollte unter Ausschluß von Religion und Politik ein »Organ ästhetischer Bildung im Sinne idealer Geisteskultur« sein. Leider aber schrieben
Herder, Fichte, Wilhelm von Humboldt u.a. nicht die gewünschten Beiträge, und
was schließlich gedruckt wurde, erreichte die Leser nicht, die den Stil der Artikel
;
dunkel fanden. Als sich immer schärfere Kritik äußerte, übrigens gerade an
Goethes Aufsätzen, verlor man den Elan, und im dritten Jahrgang seines Bestehens
ging das Blatt sang- und klanglos
ein.
Die Romantik hat noch eine ganze Reihe berühmter Blätter hervorgebracht,
doch
soll hier als
wissenschaftliches Gegenstück zu den literarischen »Horen« das
Schicksal der »Poggendorff'schen
Annalen« geschildert werden, einer naturwis-
senschaftlichen Zeitschrift, in der publiziert zu werden für jeden Wissenschaftler
und vor allem
19. Jahrhunderts eine hohe Ehre bedeutete. Als »Annalen
noch heute erscheinende Fachzeitschrift 1799 von einem sonst
nicht bekannten Fr. Albert K. Gren gegründet worden. Nach seinem Tode hat sie
Ludwig Wilhelm Gilbert weitergeführt und seit 1824 für ein halbes Jahrhundert
Johann Christian Poggendorff (1796-1877). Um nur ein Beispiel für die Bedeutung
der Zeitschrift zu nennen: Im Jahre 1828 berichtete der junge Dr. Wöhler in einem
vierseitigen Aufsatz über seine Entdeckung, die sogenannte Harnstoffsynthese.
Zum erstenmal hatte ein Mensch aus unorganischen Stoffen eine organische Substanz geschaffen, den cyansauren Ammoniak, eine Menge »schön kristallisiert,
und zwar in klaren, rechtwinkligen, vierseitigen Säulen«. Man glaubte damals
noch an eine »Lebenskraft, die nur organischen Stoffen eigen sei«, und Dr. Wöhlers Entdeckung warf diese von reaktionären Kreisen geschätzte Theorie über den
Haufen - ähnlich, wie es heute geschähe, wenn man künstlich lebendes Eiweiß
des 18.
der Physik«
ist
diese
hersteilen könnte.
urkunde für
Der Beitrag
in
den Annalen war die wissenschaftliche Geburtsberuhende organische Chemie, die
die auf Kohlenstoffverbindungen
heute einige hunderttausend Stoffe umfaßt, während zu Wöhlers Zeiten genau 80
Verbindungen dieser Art bekannt waren.
Wöhlers Beitrag erregte Aufsehen, hatte also die gewünschte Wirkung. Gelegentlich aber haben solche Versuche, die wissenschaftliche Anerkennung zu erlangen, auch mit Mißerfolg geendet, und nicht immer war es dem Verfasser zuzuschreiben, der seinen Beitrag an die Redaktion sandte. So schickte der junge
Mediziner Dr. Robert Julius Mayer am 16. Juni 1841 an den Professor Poggendorff
einen Aufsatz mit dem Titel Ȇber die quantitative und qualitative Bestimmung
der Kräfte«, den dieser nie beantwortet hat, sehr zur Verzweiflung des Mediziners,
338
der mit
dem Gesetz von
der Erhaltung der Energie eine fundamentale Erkenntnis
gewonnen hatte. Für den Verfasser begann mit diesem unerklärlichen Schweigen
des berühmten Redakteurs ein Leidensweg, der ihn schließlich in die Nervenheilanstalt brachte. Was wirklich geschehen ist, hat sich niemals klären lassen. Im
Nachlaß des Professors ist die Schrift D.r. Robert Mayers aufgefunden worden,
doch weiß
wurde -
man
nicht,
weshalb
sie
weder gedruckt noch überhaupt beantwortet
ganz einfach vergessen.
vielleicht hat sie der Professor
Journale und Gazetten
in dem Chur-Fürstentum Sachsen«
im Jahre 1717 über die Zeitungen: »Sie
sind zwar heutiges Tages auch nicht so gar vollkommen und ohne alle Mängel,
wie denn sonderlich über die Hamburgischen stets geklaget wird, so daß viel falsche Relationen (Anm. d. Verf.: Nachrichten) darinnen enthalten; jedoch sind
doch die meisten gut und besser eingerichtet, als in vorigen Zeiten: Die Leipziger,
Hällischen, Gothaischen, Nürnberger, Breßlauer und vielleicht andere mehr, die
In seinen
»Unerkannten Wohlthaten Gottes
schreibt der Verfasser Christian Gerber
mir nicht bekannt seyn, verdienen alle ihr Lob, finden auch ihre Liebhaber.« Tatsächlich hatte man sich an Zeitungen gewöhnt, so dürftig sie waren, weil sie mehr
als nur das Bedürfnis nach Informationen befriedigten. Es gab Inserate aller Art,
Lotterieanzeigen, die Ankündigung von Versteigerungen, von Hausverkäufen
usw., und so las man denn, beim Herrn Kaufmann Stoltzenhagen »neben dem
Posthause bei
dem Weinschenken Herrn Meyllen« gäbe
chendes Jasminöl, »die Bouteille von weit größerer Art
als
es
grünen Tee, wohlrie-
sonsten« oder
Hambur-
ger Speckböcklinge, ungarisches Wasser oder Nürnberger Gewürzgurken.
Das Niveau der Zeitungen war unterschiedlich, man beklagte
oft,
daß
sie so viele
falsche Nachrichten brächten, übrigens meist aus fernen Ländern, selten aus der
Stadt selbst,
Wie
und häufig druckte eine Zeitung von der anderen ohne Bedenken
ab.
mag ein Beispiel aus Berlin
Moskau am 14. September 1710 eine
schwerfällig Nachrichten übermittelt wurden,
zeigen; hier erschien die Meldung, daß in
Feuersbrunst 6000 Häuser in Schutt und Asche gelegt habe, erst nach einem
Vierteljahr
am
3.
Januar 1711.
zum unentbehrlichen Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden, eine Wirkung nicht nur der neuen Druckverfahren, sondern sinkender Papierpreise, und in dem Maße, in dem sich an Stelle der alten
Tatsächlich waren die Zeitungen
Stampfhämmer die Holländer durchsetzten, wuchs die Produktion an
waren
schon
Papier. Billig
Zeitungen durchaus noch nicht, aber was ein französischer Philosoph
den Anfängen des Zeitungswesens formuliert hatte, galt auch für die fol-
die
in
genden Jahrhunderte: »Man merke, daß die Welt sich dermaßen an die Zeitungsblätter gewöhnet hat, daß sie die Unterdrückung derselben als eine Finsterniß ansehen würden.«
Es gab zu dieser Zeit auch die ersten Fälle von journalistischer Kriminalität, wie
eine Notiz aus der Berlinischen Privilegierten Zeitung aus dem Jahre 17 28 besagt:
»Es hat sich hierselbst ein betrüglicher
Mensch gefunden, welcher
339
allerhand gott-
^olUt5cl|fs
Beilage zur Zeitschrift
Die Pressezensur, der
„
iiunual.
der Humorist,,
M
von
ein politisches Journal ausgesetzt
ist,
satirischen Darstellung karikiert. Beilage zur Zeitschrift »der
von M. G. Saphir. Stich des frühen
Bildarchiv,
Wien
19. Jh. Österreichische
G.
Saphir
wird
in dieser
Humorist«
N ationalbibliothek
und grundfalsche Zeitungen von hier aus an seine auswärtigen Korrespondenten und Gazettiers geschrieben. Da er aber darüber ertappet und zur gebührenden Inquisition gezogen werden sollen, hat sich derselbe des Nachts zwischem dem
16. und 17 dieses (Dezember) auf dem Bett hegend aus dem Trieb seines bösen
lose
Gewissens mit heimlich bei sich getragenem Federmesser entleibet.«
Das Anzeigengeschäft lockte, so sehr man bei Hofe der »Publizität«, wie man
die Presse nannte, mißtraute, und so gründete man in Berlin ein amtliches Anzeigenblatt »Wöchentlich Berlinische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten«. Es wurde
ein kommerzieller Mißerfolg, weil sich kein Mensch für ein Blatt ohne Nachrichten interessierte. Also befahl
man den
später auch Geistlichen, Gastwirten,
gab
es eine Liste, auf der stand,
wer
Juden, das Blatt wöchentlich zu beziehen,
Weinhändlern und Bierschenken. Jährlich
verpflichtet war, das »Intelligenzblatt« abzu-
nehmen.
Daß
Preußen nach der Thronbesteigung Friedrichs
in
II.,
des »alten Fritz«, eine
Art Pressefreiheit geherrscht habe, weil der junge Monarch geistvoll und aufge-
gewesen sei, ist eine Legende. Der Tatbestand: Es hatten
Mächte über die Berichterstattung beklagt und sich durch Artikel,
klärt
I.,
die in der Berli-
Am
31. Mai 1740 war Friedrich
der sogenannte Soldatenkönig, gestorben. Wenige Tage später befahl
ner Presse erschienen waren, beleidigt gefühlt.
Wilhelm
sich auswärtige
der junge König, der in der Tat eine neue Ära der Aufgeklärtheit und Liberalität
heraufzuführen schien, seinem Minister,
ner Zeitungsschreiber, also
dem
dem Grafen
Podewils, er solle
währen. Der Minister hatte sich erlaubt, Einwände zu erheben: »Ich
zwar
die Freyheit, darauff
dem
Berli-
»Lokalredakteur« unumschränkte Freiheit ge-
nahm mir
zu regeriren, daß der Rußische Hof über dieses sujet
pointilleux wäre, Sr. Königl. Majestät erwiederten aber, daß Gazetten,
wenn
sie
werden müßten.« Ein berühmtes Wort im
Kauderwelsch jener Tage, das doch kein Freibrief für die Presse war, sondern einem
politischen Kalkül entsprang, denn keine andere Macht konnte sich über irgendinteressant seyn sollten, nicht geniret
welche »Articul« aus Berliner Blättern beschweren, wenn diese die Berliner
Zustände selbst ungeniert schildern durften. Friedrich der Große nahm mit der
Freiheit für den Berliner Artikelschreiber, wohlgemerkt nur für diesen, den
Beschwerden den Wind aus den Segeln.
Ein halbes Jahrhundert später schrieb denn auch Lessing an seinen Vater, zwar
könne
er
ihm
Zeitungen« ohne die geringsten Unkosten
»wegen der scharfen Censur größtenteils so unfruchtbar
Neugieriger wenig Vergnügen darinne finden kan«. Lessing
die »hiesigen politischen
schicken, aber sie seien
und trocken, daß
ein
mit 19 Jahren Mitarbeiter der »Berlinischen privilegierten Zeitung« geworden,
die nach ihrem Verleger Christian Friedrich Voß die »Vossische« genannt wurde
ist
und unter diesem Namen berühmt geworden ist. Lessing hat im März 1755 die
Schrift »Wohlmeinender Unterricht für alle diejenigen, welche Zeitung lesen« rezensiert, ein solches Buch muß also wohl von Interesse gewesen sein, eine Art Ratgeber für den Umgang mit dem neuen Medium Zeitung. Leider hat der junge Redakteur nur die Sache selbst angezeigt, aber keine eigene
weiß
man
nicht,
was dieser
Meinung geäußert;
so
erste klassische Journalist in Deutschland, der zugleich
ein ausgezeichneter Schriftsteller war, über die Presse gedacht hat.
341
Vor der Französischen Revolution von 1789 war eine unumschränkte PresseChimäre. Jede kritische Bemerkung über die Willkür der
Fürsten, über Skandale bei Hofe oder Mißwirtschaft von korrupten Beamten wäre,
wenn sie jemand gewagt hätte, als grobe Majestätsbeleidigung, als Aufwiegelei,
freiheit eine politische
als
unverschämte Provokation aufgefaßt worden, die nicht einmal die öffentliche
hinter sich hätten. In England gab'es freilich den »Tatler«, den »Plaude-
Meinung
rer«, ein satirisches Blatt, zugeschnitten auf ein politisch interessiertes
das bis 1711 erschien,
Bürgertum,
und danach »The Spectator«, der zum englischen Leben so
selbstverständlich gehörte wie der Mprgentee.
Daß
die
Zeitungen auch ihre Leser
schufen, zeigt eine Schilderung aus der Feder Richard Steels (1672-1729), eines
Beamten, Parlamentariers und Lustspieldichters, der mit Ergriffenheit den Typ des
neuen »zoon politikon«
schilderte,
den Typ jenes »guten, ehrlichen« Tapezierers,
liest und dann von Haus zu Haus läuft, um
der den ganzen langen Tag Zeitungen
Neuigkeiten einzuziehen, darüber arm wird, nichtsdestoweniger aber auch als
Bettler hohe Politik treibt, nach wie vor in alle Kaffeehäuser eindringt, um Zeitun-
gen zu lesen, dort unter den Politikern seines Schlages sogar eine bedeutende Rolle
spielt, bis er endlich den Verstand verliert und ins Irrenhaus wandert.
Die erzieherische Wirkung dieser bürgerlich moralischen Wochenzeitschriften
war in England ungewöhnlich groß. Schon zu Cromwells Zeiten hatte zu jedem
Regiment ein Drucker gehört, um die Bevölkerung mit Flugblättern zu gewinnen.
Jetzt war die bürgerliche moralische Presse an ihre Stelle getreten, auch erforderte
mehr Informationen über die Ereignisse
So konnte Robert Steele, der Herausgeber des »Tatler«
schreiben: »Da der Erdball nicht bloß in den Händen von lauter Geschäftsleuten
ist, sondern auch Menschen von Geist und Witz auf ihm eine bedeutende Rolle
Vorgänge und Gespräche
spielen, will ich, wenn politische Neuigkeiten fehlen
der erweiterte Horizont des Europäers
draußen
in Übersee.
.
.
.
erzählen, die in der Stadt wie auswärts Aufmerksamkeit verdienen.«
Das Zeitalter der Presse und der Kampf
um
die »Preßfreiheit« beginnt auf
dem
Kontinent aber erst nach der Französischen Revolution. Die ironische, liebevolle
Betrachtungsweise des »guten, ehrlichen Tapezierers«,
vom Standpunkt des
gebil-
dennoch als verzeichnet heraus, denn das politische Interesse des vierten Standes war geweckt,
und nur mit immer neuen Zeitungen konnte es halbwegs genährt werden.
Im 18. Jahrhundert waren die Zeitschriften die führende geistige Macht, wenn
auch mit Abnehmerzahlen, die keinen Vergleich mit der Massenpresse aushalten.
So hatte der »Mercure de France«, die angesehenste Zeitschrift Frankreichs vor
der Revolution, nicht mehr als 7000 Abonnenten, und nicht anders dürfte es bei
den englischen Journalen wie »Grubstreet Journal«, »Gentlemans' Magazine«
oder »Ladies' Magazine« mit seinen Essays von Goldsmith gewesen sein. Mit der
Französischen Revolution setzte in Frankreich selbst eine von politischem Interesse entflammte Neugier ein, und allein im französischen Sprachgebiet entstanden
etwa 1000 politische Blätter, während überall sonst in Europa der gravitätische offiziöse Pressetyp wie die »Vossische« oder in England die »Times«, diese königliche Großmutter der liberalen Presse, vorherrschte. Napoleon hat, als er Erster
Konsul war, seinem Unmut über die Presse lebhaft Ausdruck gegeben und sie dann
deten Bürgertums aus sicher nicht falsch gesehen,
342
stellte sich
einer scharfen Zensur unterworfen wie noch jeder Feldherr, der die Gesichts-
punkte der Gedankenfreiheit und der vermeintlichen militärischen Sicherheit gegeneinander abzuwägen hatte. Technisch waren die Zeitungsdruckereien auch
noch nicht in der Lage, riesige Auflagen herzustellen, so daß die tatsächliche Brei-
tenwirkung der Zeitungen
sich
nur auf eine schmale, bürgerliche Schicht er-
streckte.
Bei der Papierherstellung
kam man,
angeregt durch den Zoologen
Reaumur
(1683-1757), auf den Gedanken, Papier aus Pflanzenfasern herzustellen, wie es
bestimmte Wespen tun, nicht nur aus Hadern und Leinen. Papiergeld gab es in
Europa seit 1720, Tapeten aus Papier seit 1720 in Frankreich und in England. Bei
den Druckmaschinen wurden die Formate verbreitert. Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte man eine Siebbreite von 152 cm, in England erfand 1802 Friedrich
Koenig die Schnellpresse,
die er
1811/12 verbesserte und die die achtfache Druck-
leistung der bisher gebräuchlichen Druckpressen erreichte. Die erste auf dieser
Presse gedruckte Zeitung war die Times (1814).
Wenige Jahre
später baute Foster
Papiermacher Adolf Keferstein den ersten, dampfbeheizten Trockenzylinder für die Papierherstellung, und 1820 wird
die Papierbahn auf Grund eines Patents des Engländers Th. B. Crompton auf
die erste Setzmaschine, erfand der deutsche
Satirisches Blatt zur Illustration der Presse-Explosion gegen die reaktionäre
Politik
am
österreichischen Kaiserhof. Stich von Andreas Geiger nach einer
Zeichnung von
Bildarchiv
,
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Cajetan
,
um
1840/50. Österreichische
N ationalbibliothek
Wien
An
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Heartum-
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dampfbeheizten Zylindern getrocknet, wobei sie auf Filztüchern zugeführt und
anschließend durch einen Querschneider in Bogen ^ufgeteilt wird.
Es hat dann noch lange gedauert, bis die chemische Zusammensetzung des
Papiers erkannt und Papier aus Zellstoff hergestellt wurde, auch brauchten die
Maschinen
Zeit,
um
sich zu
den Rotationspressen zu entwickeln, die
heute kennt. Aber schon in der Schnellpresse konnte
man 2000 Bogen
man noch
je
Stunde
mehr Menschen in Städten lebten
Schulzwang wurde; nach dem Sturz Napoleons hatte der
abziehen, und der Nachrichtenhunger wuchs,
je
und je allgemeiner der
Bourbonenkönig Ludwig XVIII. der Presse die Freiheit gegeben, um die öffentliche
Meinung für sich zu gewinnen. Erst jetzt wurden die Zeitungen zu Wortführern
der Öffentlichkeit, und der spätere Aufklärer Karl Julius Weber schrieb in seinem
»Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen« im Jahre
1832: »Die Tinte ist das fünfte Element und die Presse die Artillerie der Gedanken.« Erst jetzt begann der Kampf um die »Preßfreiheit«, der ein Ringen des Bürgertums gegen die Engstirnigkeit und Rückständigkeit reaktionärer Kreise war, ein
Ringen des Untertanen mit der Obrigkeit.
Alpdruck für Könige
Trotz der Revolution und der heroischen Epoche unter Napoleon
I.
blieb die
Gesellschaft in Frankreich an aristokratischen Leitbildern orientiert, nur daß der
dem Parvenü teimußte, dem Emporkömmling, wie er von oben betrachtet bezeichnet wurde,
dem Selfmademan, wie man ihn in Amerika nannte, kurzum dem Bourgeois.
»Wenn ich im Theater in meiner Loge erscheine, richten sich alle Lorgnons auf
mich, und ich werde mit einer geradezu königlichen Ovation begüßt«, berichtet
stolz ein Bankier aus der restaurativen Ära. Diese bourgeoise Gesellschaft war
nicht an Revolution interessiert, obwohl sie das Ergebnis der Revolution war, sondern nur an Geschäften. Käuflichkeit war keine Schande und ebensowenig die
Überzeugung, daß alles käuflich sei. Wenn der Bourgeois sich Mätressen hielt,
subtile Prosa im Bücherschrank stehen hatte und Pferde besaß, kopierte er adligen
Lebensstil, der wiederum eine Kopie des königlichen Lebensstils war. In diesem
gesellschaftlichen Klima entstand die moderne Presse. Noch heute verweisen
Worte wie Journalismus, Boulevardpresse, Annonce und Reklame auf die französische Herkunft des neuen Metiers.
Wieder, wie schon beim Buchdruck, führten gewissen technische Voraussetzungen zu einer unerwartet explosiven Wirkung. Die bisherigen Zeitschriften
hatte man sich nur gegen ein teures Jahresabonnement halten können. Eben deshalb war das Gafehaus für den interessierten Bürger so wichtig; er konnte dort
die Journale verfolgen, ohne selbst das Abonnement bezahlen zu müssen. Mit den
aus der Emigration zurückgekehrte alte Adel seinen Einfluß mit
len
neuen Produktionsmethoden veränderte sich das Gesicht der Zeitungen. Man
konnte massenweise drucken, also konnte man billiger drucken, man brachte das
Blatt unter die Leute, indem man sich nach ihrem Geschmack richtete - also wurde
es nicht mehr von Dichtern verfaßt, von Literaten, die auf Stil sahen, sondern von
344
Männern,
die schrieben, wie der
Bürger sprach, von Journalisten, also unbekann-
ten Angestellten des Verlegers.
Schon
in der
napoleonischen Ära war der politische Journalismus ein fragwürdi-
ges Gewerbe gewesen, und die Nachrichtenpolitik des Kaisers entsprach bis zum
letzten Augenblick der, die alle stürzenden Diktatoren verfolgen. Heinrich von
Kleist hat sie mit Hohn in seiner 1 809 erschienenen Schrift »Lehrbuch der französischen Journalistik« analysiert. Unter § 2 heißt es da »Die französische Journali:
stik ist die
§3: Sie
ist
Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut
bloß Sache der Regierung, und
alle
hält.
Einmischung der Privatleute,
bis
auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tagesgeschichte betreffen, verboten.«
Nach dem Sturz Napoleons
I.
wurde
die
Zensur aufgehoben, und
als
Karl X.
im
Jahre 1824 den Thron Frankreichs bestieg, hatte er der Presse Unabhängigkeit versprochen. Schon nach kurzer Zeit änderte sich das Bild, und die immer einfluß-
reicheren Zeitungen
Von Anfang an
wurden zu einem Alpdruck der Könige.
fühlten sich die Herrschenden durch diese Presse bedroht, denn
wenn sich der Privatmann um
Regierung kümmerte. Der Journalist aber, täglich gezwungen,
sein Blatt mit Informationen zu füllen, die den Käufer reizen sollten, konnte sein
Geschäft nur machen, wenn er den Leuten auf der Straße nach dem Munde redete,
wenn er ihren Unwillen formulierte, ihrer Empörung Worte verlieh, wenn er für
sie hinter die Kulissen des Regierungsgeschäftes sah, kurzum, wenn er politisch
wurde. Eben dies wollte die französische Regierung verhindern, und König Karl
es
lang ihrer Ansicht nach in niemandes Interesse,
die Geschäfte der
X. von
Bourbon
scheiterte bei
dem Versuch,
die
Presse seiner Präventivzensur zu unterwerfen.
Entwicklung aufzuhalten und die
Wenn
es
dem Hof gegangen
wenn ihr Inhalt zuvor
Schema der Zensur.
nach
wäre, hätte jede Zeitung nur dann gedruckt werden dürfen,
von der Polizei genehmigt worden war - das klassische
Seit 1826 machte sich in der Bevölkerung ein wachsender Unwille bemerkbar,
man empfing den König bei Paraden nicht mit dem Ruf »Vive le Roi«, sondern
mit einem »Es lebe die Preßfreiheit«, und jedermann nahm Partei. So passierte
es auf einem Ball bei Lafitte, dem bekannten Bankier, nach dem in Paris das Stadtviertel benannt ist, daß ein junges Mädchen, zum Tanz aufgefordert, an den Herrn
die Frage richtete: »Erst sagen Sie mir: Sie sind doch auch für die Preßfreiheit?«
Diese Diskussion wurde in ganz Europa geführt, weil überall die gleichen gesellschaftlichen Konflikte bestanden. So hat sich selbst Goethe zum Thema Preßfreiheit olympisch vernehmen lassen, ein greiser Dichter und Minister, den die neue
Zeit mit Unbehagen erfüllte: »Was euch die heilige Preßfreiheit / Für Frommen,
Vorteil und Früchte beut? / Davon habt ihr gewisse Erscheinung; / tiefe Verachtung der öffentlichen Meinung.« In Frankreich hatte sich die bürgerliche Schicht
so mit der Presse identifiziert, daß Karl X. gehen mußte die dortige Presse bekam
eine Atempause im Abwehrkampf gegen Übergriffe der Regierung.
In dieser Zeit expandierender Zeitungen erfand der französische Publizist Emile
de Girardin (1806-1881) um das Jahr 1836 die billige Zeitung, die nicht im Abonnement, sondern täglich einzeln verkauft wird. Dies ist die Geburt der Boulevardpresse und begründet jenen Einfluß der Presse auf die öffentliche Meinung, den
;
sie sich,
bedrängt
vom
Fernsehen,
bis
heute erhalten hat.
345
»Der gefesselte Prometheus«. Allegorische Darstellung auf die Unterdrückung der
von Karl Marx redigierten »Rheinischen Zeitung«. Der preußische Wappenadler
hackt dem an die Druckerpresse geketteten Marx die Leber aus. Anonyme Lithographie
aus
dem
Kreis der »Lieder eines Malers«, 1843. Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Schon damals gibt es selbstverständlich den Journalismus in seiner übelsten
Form, denn es ist leicht, mit einem schiefen Artikel den Ruf eines Mannes zu ruinieren, einen Politiker in Verdacht zu bringen oder lächerlich zu machen, und
nicht immer liegt das Recht auf seiten dessen" der angreift. Manche Journalisten
lebten von publizistischer Erpressung od-er von Indiskretionen. So gab es um 1835
in München die »Landbötin«, ein Blatt, in dem Anzeigen eine bestimmte Rolle
spielten. Ein Zeitgenosse schreibt:
»Die eigentliche
Würze
des Blattes besteht
nun
aber in den sogenannten >Inseraten<, d.h. in Ausfällen gegen gewisse Stände oder
Personen, Beschimpfungen oder Enthüllungen von Familienverhältnissen in leicht
zu erratenden Chiffren und dergleichen, die gegen >Einrückungsgebühr< von Müller jederzeit
ihrer
Höhe,
aufgenommen werden. Aber
die hier wie nirgends das
Und
ihm zum
angrinsen darf.
Lektüre
ist
mit Heißhunger
Diese höchst
gemeint,
wenn
dies ist die pöbelhafteste Gemeinheit auf
Publikum mit der anmaßendsten Freiheit
das Publikum läßt sich das nicht nur gefallen, sondern diese
Bedürfnis geworden
fällt
man
;
alle
Stände sind damit befreundet und
über die frische Landbötin her.«
unangenehme
Seite des Zeitungswesens hat
er sich zur Preßfreiheit
Schopenhauer wohl
mit Vorbehalt äußert: »Ich fürchte sehr,
jedenfalls aber
daß die Gefahren der Preßfreiheit ihren Nutzen überwiegen
sollte Preßfreiheit durch das strengste Verbot der Anonymität bedingt sein.«
Schopenhauer hat damit zwar weniger die persönliche Diffamierung als die publi.
.
.
zistische Macht anonymer Dummköpfe angreifen wollen, aber die Problematik
war klar erkannt. Noch heute ringt die Publizistik um die gleichen Probleme, wenn
auch gelegentlich auf anderer Ebene und mit vertauschten Karten, denn die Pressefreiheit ist in Deutschland durch Gesetz vom 7. Mai 1874, ferner im Jahre 1918
verfassungsrechtlich eingeführt und durch das Grundgesetz bekräftigt worden.
Zu Schopenhauers Zeiten war in den deutschen Fürstentümern an Preßfreiheit
nicht zu denken. Während der napoleonischen Ära hatte der »Rheinische Merkur«
großen Einfluß, ein liberales Blatt, das, von Joseph Görres gegründet, sich mit gro-
publizistischem Mut gegen die Fremdherrschaft äußerte, ebenso wie die
»Nemesis« (griechisch: Rache) oder die »Isis«. Der »Rheinische Merkur« war das
erste große politische Blatt in Deutschland, sein Redakteur, der Epoche entsprechend ein glühender Nationalist, geriet wegen seiner liberalen Haltung mit der
preußischen Regierung in Konflikt, und der »Rheinische Merkur« wurde verboten. Görres selbst mußte vor der drohenden Verhaftung nach Straßburg fliehen,
weil er sich in seiner 1819 erschienenen Schrift »Teutschland und die Revolution«
gegen die Politik der Restauration gewandt hatte. Im Jahre 1819 waren nämlich
die Karlsbader Beschlüsse wirksam geworden, die so verheerende politische Folgen
haben sollten. Der Verleger mußte hohe Kautionen hinterlegen, das Versteckspiel
mit der Zensur begann überall, wo Zeitungen erschienen, und so konnte sich in
Deutschland keine öffentliche Meinung bilden, wie sie, durch eine freie Presse begünstigt, in Frankreich und England selbstverständlich war.
An der Spitze standen jetzt die Hofnachrichten, und was irgendeinen Grund zur
Besorgnis geben konnte, wurde von der Zensur - wohlgemerkt vor dem Druck -
ßem
getilgt. Es
war verboten, Artikel zu veröffentlichen, »worin öffentliche Behörden
oder Vorgesetzte durch Spott und Lästerung herabgewürdigt werden« - und es
347
durfte die durch Zertsur entstandene Lücke auch nicht sichtbar sein. So machte sich
in der deutschen Presse Langeweile breit, und man versteht die Verse Hoffmann
von Fallerslebens aus dem Jahre 1841: »Wie ist doch die Zeitung so interessant
/ Für unser liebes Vaterland / Was haben wir heute nicht.alles vernommen / Die
Fürstin ist gestern niedergekommen, / Hier ist der König heimgekommen, / Dort
ist der Kaiser durchgekommen - / Bald werden sie alle Zusammenkommen. / Wie
interessant, wie interessant! / Gott segne das liebe Vaterland!« Zur gleichen Zeit,
als in Deutschland diese Verse geschrieben wurden und von Preßfreiheit nur
Wirrköpfe und Demokraten träumten, hatte sich in den anderen europäischen
Ländern längst die »fünfte Großmacht« etabliert, wie Napoleon die Presse genannt
hat. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sind die ersten bedeutenden Zeitungen
zu Sachwaltern der öffentlichen Meinung und zu Faktoren der Politik geworden
auch die Grundsätze seriöser Journalistik haben sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet, ebenso aber auch die oft abstoßenden Züge der Gro!
!
schenpresse.
Weltpresse
Der konservative englische Ministerpräsident Disraeli, unter dessen Verantwortung die Erhebung der Queen Viktoria im Jahre 1876 zur Kaiserin von Indien fällt,
hat einmal das Wort geprägt, Großbritannien habe überall zwei Botschafter, den
einen ernenne die Königin, den anderen der Herausgeber der »Times«. Gemeint
waren damit
Ausländskorrespondenten des Blattes, die gelegentlich geradezu
einen halb diplomatischen Status hatten. Bei einer anderen Gelegenheit sagte Lord
Russell um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die »Times« habe das Todesurteil
über die Regierung gefällt, und es sei höchstwahrscheinlich, daß es bald ausgeführt
werde. Die Ziele der »Times« sind über Jahrzehnte unverändert geblieben und
neuerdings so umschrieben worden: »So umfassend, so sorgfältig und objektiv zu
die
Wiedergabe der neuesten Ereignisse der Welt; zu urBedeutung und Wichtigkeit festzustellen das Interessante
sein wie nur möglich in der
teilen,
um ihre relative
;
vom bloß Trivialen zu unterscheiden.«
Niveau honoriert und das Blatt
stellt, ist
ein solches
Solange eine breite Leserschicht ein solches
die Interessen dieser Schicht nicht selbst in Frage
Unternehmen
erfolgreich. Die
Methoden
dieses Journalismus
lassen sich auf wenige Grundprinzipien zurückführen, wie sie zuerst in der Redaktion der
1.
»Times« entwickelt worden
Januar 1785
als
sind,
damals schon ein ehrwürdiges
Blatt.
Am
»Daily Universal Register« gegründet, hatte das von John Wal-
Leben gerufene Unternehmen ursprünglich seinen Schwerpunkt auf
Um Verwechslungen mit anderen Blättern zu vermeiden, war die Zeitung nach 940 Ausgaben in
»The Times« umbenannt worden.
In England waren Zeitungen käuflich, und trotz gegenteiliger Erklärungen hatte
John Walter gegen jährlich 300 Pfund der Regierung die Erlaubnis eingeräumt,
jeden ihr genehmen Artikel aus der Feder des Schatzsekretärs zu veröffentlichen.
Als John Walter sich gegen Bezahlung gegen den geistesgestörten König Georg
ter ins
Marktberichte, Börsenberichte und Schiffsnachrichten gelegt.
348
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die auf einer mechanischen
Zylinder-Schnelldruckpresse
gedruckt wurde.
Ausgabe vom
29.
November
1814.
Staatsbibliothek Berlin,
Bildarchiv
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»The Times« besitzt noch
immer den seriösen Ruf,
der ihr von Anfang an
Weltruhm einbrachte.
Sie war die erste Zeitung,
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von England, der in Hannover residierte, engagierte, wurde er je zweimal zu
einem Jahr Gefängnis verurteilt, mußte an den Pranger und verlor seine Zuwendungen (Fischer). Unter Queen Viktoria, die 1837 den Thron bestieg, wurde die
»Times« ein Blatt mit 20 000 Auflage, womit sie an der Spitze der britischen Presse
lag. Im Jahre 1841 schied der bisherige Chefredakteur aus, und John Walter II.,
der Sohn des Gründers, fand in dem 24jährigen Oxford-Studenten John Thaddeus
Delane einen Mann, der die Zeitung bis 1877 leitete und auf den Gipfel ihres Ruhmes führte; man hat ihn den »größten Chefredakteur der englischen ZeitungsgeIII.
schichte« genannt.
Unter Delane wurden zwei Gesichtspunkte journalistischer Praxis herausgearTrennung zwischen Nachricht und Kommentar. Die Zuverlässigkeit
einer Meldung, welche die »Times« brachte, stand außer Frage, und der abwägende
Leitartikel verkörperte die Stimme engagierter Vernunft. Delane hat mit allen
Kreisen Kontakt gehabt, mit allen Premierministern verkehrte er auf vertrautem
beitet, die
Fuß, aber auch mit den bedeutensten Wissenschaftlern und Persönlichkeiten des
kulturellen Lebens,
und
so
wuchs
Die »Times« schien einfach
alles
ihr Einfluß auf eine heute
kaum
vorstellbare Art.
zu wissen, und so konnte Emerson feststellen:
»Keine Macht der Erde wird mehr gefühlt, mehr gefürchtet, keiner wird mehr geWas du am Morgen in der >Times< liest, wirst du am Abend in jeder Gesell-
horcht.
schaft hören. Sie hat überall
Ohren, ihre Informationen sind
am
schnellsten, voll-
ständigsten und zuverlässigsten.« Ihr berühmter Berichterstatter
Howard
war William
Rüssel, der von den Schauplätzen des Krimkrieges, des amerikanischen
Bürgerkrieges und des Deutsch-Französischen Krieges seine Reportagen schrieb.
Die Auflagenhöhe stieg von 40000 Exemplaren im Jahre 1851
349
bis auf
100000
im Jahre 1878 täglich absetzte. Damit hatte sie ihr Maximum erreicht. Allein im Burenkrieg waren 19 Spezialberichterstatter eingesetzt, darunter
der junge Churchill, eine für damalige Zeiten unglaubliche Zahl, und im RusStück, die sie
sisch-Japanischen Krieg hatte das Blatt eigens einen mit Telegraphie ausgestatte-
Dampfer gestartet. Gemessen an heutigen Kosten der Nachrichtentechnologie
wirken die damaligen Summen freilich lächerlich gering, aber im Konkurrenzkampf mit den Penny-Blättern wurden sie zu einer beträchtlichen Belastung.
ten
Mondmenschen im
Feuilleton
Die englische Penny-Presse wurde ins Leben gerufen,
als
1855 die
hemmenden
Zeitungssteuern fortfielen und 1861 auch die sogenannte Papiertaxe aufgehoben
wurde.
Man
schuf, begünstigt durch die
neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten,
großformatige, knallig aufgemachte Blätter, deren bekanntestes der »Daily Tele-
graph« war. Seine Sternstunde hatte dieses
Blatt, als es
zusammen mit dem »New
YorkHerald« Stanleys zweite Afrikareise ausrüstete, während derer der tatsächliche Verlauf des Kongo geographisch korrekt festgestellt werden konnte. Dem Einbruch der Penny-Presse mußten sich auch so ehrwürdige Blätter wie die »Times«
beugen, die dann ihrerseits auf Penny-Preise herunterging.
Die ersten Groschenblätter hat es übrigens in Amerika gegeben. Hier war ja
auch die erste Druckmaschine mit Dampfdruck 1822 in Betrieb genommen worden, und 1847 liefen die ersten Rotationsmaschinen, erfunden von Isaac Adams
und Robert Hoe, die ein Neffe von Hoe konstruiert hatte. Das erste Ein-Cent-Blatt
war die »New York Sun«, die sich auf Sensationsnachrichten, Unfälle, Duelle und
Skandalgeschichten spezialisierte; selbstverständlich wurden die Skandale voll
Abscheu detailliert beschrieben, um sie im Leitartikel um so salbungsvoller verdammen zu können. Die Auflage dieser Zeitung stieg sprunghaft an und erreichte
in wenigen Jahren fast 20000 Leser.
Den größten Erfolg hatte der Herausgeber Day durch die Geschichte, die ihm
einer seiner Reporter
in der
Woche
namens Richard A. Locke
schrieb, ein
Mann,
der 12 Dollar
verdiente. Dieser Locke publizierte einen angeblichen Bericht von
John Herschel, dem Sohn des weltbekannten Astronomen, der sich ebenfalls
als Astronom einen Namen gemacht hatte. Nun sollte er vom Kap der Guten Hoffnung in Südafrika aus sein Teleskop auf den Mond gerichtet und das Leben auf
der Mondoberfläche beschrieben haben. Was Locke da schrieb, war keineswegs als
Satire gedacht wie bei Gullivers Reisen und auch nicht als Utopie, als phantastische
Sir
Erzählung wie bei Jules Verne (1828-1905). Locke verkaufte seinen Lesern die
als pure Wahrheit, und das Publikum verschlang die Berichte
blanke Erfindung
Mondwesen und feuerspeiende Biber. Der
war eine Diskussion, bei der einige Gelehrte ernsthaft diesen Unsinn diskutierten, ohne ihn zu durchschauen.
Im Jahre 1835 wurde in den USA der »New York Herald« von James Gordon
über menschenähnliche, geflügelte
Höhepunkt des
Erfolges
Bennett gestartet, ein Weltblatt des Big business, dem sein Herausgeber prophezeite: »Nichts und niemand kann den Erfolg dieser Zeitung aufhalten, es sei denn
350
ist voll und ganz auf meiner Seite.« Dieser Bennett war
Chef der »Times« Delane ein Engländer war, ein monströ-
der Allmächtige, aber er
so amerikanisch wie der
ser Egozentriker, der seine
Redaktion zu höchsten Leistungen antrieb. Als der erste
den Atlantik überquert hatte, erklärte er: »Ich bin fest entschlossen, in einigen Tagen nach London zu reisen, zunächst zur Krönung der
Königin Viktoria am 21. Juni und auch, um in Europa Agenten einzusetzen und
damit allen anderen Zeitungen unseres Kontinents zuvorzukommen.« Im Bürger-
Dampfer,
krieg
die »Sirius«,
nahm Gordon Bennett für die Sklaverei und die Südstaaten
Partei
;
sein Blatt,
Deklamationen, hatte doch nur einen begrenzten Einfluß in der
amerikanischen Öffentlichkeit, ganz im Gegensatz zu der 1841 gegründeten »New
York Tribüne«, der zweiten großen Zeitung der amerikanischen Publizistik. Sie
trotz großartiger
galt als liberal, setzte sich für
weise auch Karl
Marx zu
Probleme
statt für
Sensationen ein und zählte zeit-
Im Ton vornehmer
Ramond gegründete »New
ihren auswärtigen Mitarbeitern.
Zurückhaltung berichtete die 1851 von Henry Jarvis
York Times«, ein ebenfalls liberales Blatt, das sich noch heute an bestimmten Vorstellungen von Verantwortlichkeit und Objektivität orientiert.
Einerseits spiegelte also die amerikanische Presse um die Mitte des 19. Jahrhunderts die allgemeinen Tendenzen wider, freilich ohne jedes Zensurproblem, andererseits steigerten sich die Dimensionen ins Riesenhafte. Typisch für die amerikanische Presse war die Erfindung des sogenannten »Lead-Stiles«, der heute in allen
Zeitungen der Welt üblich
dem
ist
(Steffens). Es handelt sich dabei
um
ein
Ordnungs-
aufgemacht und auf diese Weise dem Leser einprägsam verkauft wird. Nachrichten stehen einer Redaktion ja in nahezu unbegrenzter Menge zur Verfügung. Nur ein winziger Bruchteil dessen, was auf der
Welt geschieht, kommt als Nachricht auf den Redaktionstisch, und davon kommt
wiederum nur ein Bruchteil tatsächlich ins Blatt. Die alten, ehrwürdigen Hofnachrichten und privilegierten Intelligenz-Blätter schilderten die Ereignisse chronologisch, so wie sie sich abgespielt hatten.
In den USA, diesem hektischen, von Aufbauwillen erfüllten Land mit seinen
unglaublichen Freiheiten und Möglichkeiten, wollte man schneller zur Sache
kommen. Kein Bankier, kein Farmer, kein Geschäftsmann hatte dort die Muße,
mit der man im alten gemütlichen Europa im Gasthaus oder auf dem Kanapee seine
Zeitung las. Also setzte man das Wichtigste einer Meldung an den Anfang und
erläuterte es mit weiteren Einzelheiten. Erst dann schildert der Redakteur die Hintergründe und Vorgänge, kurzum alles, was sonst noch an Informationen wichtig
ist, um schließlich die Meinung der Zeitung hinzuzufügen. Auf diese Weise steht
das Ende der Sache, das Ergebnis einer Konferenz, eines Unfalls, einer politischen
Spannung stets am Anfang, meist auch typographisch durch fetten Satz hervorgehoben. Wer nur die Überschrift und den »Aufhänger« überflogen hat, weiß also
in großen Zügen Bescheid. Dieses Verfahren hat den Vorteil, daß man beim Einpassen der abgesetzten Spalten ins Blatt - ein Puzzlespiel mit Bleiblöckei\ dem sogenannten Satz, den man Umbruch nennt - diesen Block von unten kürzen kann,
bis er in die Seite paßt. Das Wichtigste bleibt dann dennoch erhalten.
Für den unbefangenen Betrachter und Leser einer Zeitung mag das zynisch
klingen; tatsächlich erfordert es viel Können, aus dem Wust von angebotenen
prinzip, mit
die Nachricht
35 *
Nachrichten, Meldungen, Meinungen, Gerüchten usw. täglich so etwas wie eine
attraktive, gescheite
und möglichst objektive Zeitung zu machen,
die sich
weder
vor wirtschaftlichem noch vor politischem Druck fürchtet. Eine solche Zeitung gibt
ebensowenig wie einen idealen Ehepartner, und trotzdem versuchen Redakteure
von neuem, der Sache nahezukommen, ein Versuch, der heute weitaus
schwieriger ist als in der großen Zeit der Presse, als die »Times« über einen gewissen Hitler berichtete, der in »einem der größten Versammlungsräume Münchens«
es
es täglich
Kundgebung veranstaltet habe.
Über allen Bemühungen der Redaktion schwebt das Damoklosschwert der Auflagenminderung und zwingt sie, Katastrophen und Skandale für das Blatt, d. h. für
die Neugier der eigenen Leser exklusiv auszuschlachten. Daß man mit einem geeine
schickt ausgewerteten Mordfall handgreifliche Erfolge
spiel des »Petit Journal«, des ersten
haben kann, lehrt das Bei-
echten französischen Boulevardblattes. Es war
1865 gegründet worden und hatte mit einer Auflage von 203350 Exemplaren anAm 23. September 1869 wurde das erste scheußliche Verbrechen eines
gefangen.
gewissen Tropmann entdeckt, der offenbar eine ganze Familie, Mann, Frau und
sechs Kinder, abgeschlachtet hatte. An diesem Tag betrug die Auflage 357000
Mit der Erfindung der Rotationsmaschine konnten ungeheure Mengen von
Zeitungen in kurzer Zeit gedruckt werden. Damit war der ]Neg frei für die
auflagenstarke Boulevardpresse. Rotationsmaschine von Koenig und Bauer, 1876.
Staatsbibliothek Berlin, Bildarchiv
Exemplare,
am
nächsten Tag brachte die Zeitung, das einzige Boulevardblatt in
Mord, am nächsten Tag zwei- Seiten, am dritten Tag drei
Tagen war die Auflage auf 403 950 Exemplare geklettert. Als
siebente Leiche gefunden wurde, erreichte sie 448300 Exemplare und
Paris, eine Seite über den
Seiten. In diesen drei
endlich die
kam
auf
467000 Exemplare,
als
man
-die
achte Leiche entdeckte,
womit
eine in
Auflagenhöhe erreicht war (Steffens).
Frankreich bis dahin noch
die
Jahrhundertwende nicht mehr denkbar ohne
Diese Boulevardpresse ist um
den Zeitungsjungen, der zu einer mythischen Figur des kapitalistischen Systems
geworden ist. Als Zeitungsjungen haben sich alle die Millionäre Amerikas in ihrer
Jugend ihr Taschengeld verdient, und selbst in Erich Kästners »Emil und die
Detektive« ist der pfiffige Emil ein Zeitungsbote. Aus den Anfängen dieses Vertriebssystems gibt es das Zeugnis eines Zeitgenossen, das um 1848 geschrieben
worden ist: »Die Straßenliteratur hatte einen neuen Erwerbszweig, den fliegenden
Buchhandel, hervorgerufen. Die Knaben der niederen Volksklassen, die früher mit
Kuchen, Blumen oder Schwefelhölzern gehandelt, vielleicht auch gebettelt hatten,
warfen sich auf dieses einträgliche Geschäft, welches ihnen hundert Prozent eintrug. Sie umlagerten die Druckereien, um die frische Ware möglichst schleunig
an den Mann bringen zu können. Viele bezogen ihren Bedarf nach rein kaufmännischen Rücksichten. Andere dagegen handelten nur mit Drucksachen, welche die
Tendenz der demokratischen Partei, zu der sie sich als Straßenjungen natürlich
nie erlebte
bekannten, vertraten.«
Jede Zeitung lebt von der Neugier des
diese
Neugier zu wecken,
ist sie
Menschen, und wenn
es ihr nicht gelingt,
verloren, sei es die platte Neugier nach Sex
Crime, nach Greueln und nach Katastrophen andererer Völker, oder
sei es die
und
ge-
mäßigte Neugier des an politischen Fragen interessierten älteren Herrn. Auch die
Neugier der Damen galt es zu reizen, und dies geschah im vorigen Jahrhundert
durch das Feuilleton, vor allem aber durch den Fortsetzungsroman, der die Auflagen sprunghaft ansteigen ließ. Wie heute die Sportredaktion hatte damals die
Feuilletonredaktion in der Zeitung ein gewisses Gewicht,
und das berechtigte
Interesse des Verlegers an höheren Auflagen zeitigte plötzlich durchaus intensive
Wirkungen.
Das Feuilleton (französisch: Blättchen) verdankt seinen Namen dem Abbe de
Geoffroy, der im Jahre 1800 im »Journal des Debats« das bisher beigefügte Blättchen mit allerlei amüsanten Kleinigkeiten in das Blatt einfügte, es aber mit einem
Strich abtrennte. Dieser Strich trennte von nun an alles, was in einer Zeitung ernst
zu nehmen war, von dem, was die Intellektuellen und die Damen offenbar interessierte, was aber ein vernünftiger Bourgeois höchstens achselzuckend zur Kenntnis
nahm. Daß man unterm Strich auch Romane brachte, beruhte vor allem auf der
elenden Lage der Schriftsteller. Emil Girardin hatte zuerst die Chance erkannt, mit
kulturelle
Romanen
die Leserschaft zu fesseln, aber seine größte
Wirkung
entfaltete er, als
Autoren wie Honore Balzac oder Dumas ausbeuten konnte. Balzac und Dumas
schrieben meist für die Zeitung »Le Siede«, während der damals ebenso bekannte
Eugene Sue (1804-1857) soziale Probleme aufgriff. Die Auflage der Zeitung stieg
von 3000 Stück auf 40000 Stück, denn sein Roman »Les mysteres de Paris« wurde
von den Frauen verschlungen, ob sie nun Herzoginnen oder Midinetten waren.
er
353
Sue hat sich mit seiner Sozialkritik, ein Vorläufer ganzer Generationen, zu weit
vorgewagt und ist auf der Höhe seines Ruhmes unter Napoleon III. ausgewiesen
worden. Schon bald nach seiner Emigration war er in Frankreich so gut wie vergessen,
und
als er
1857
starb, brachten die
Zeitungen, die ihm ihre Auflagenhöhe ver-
dankten, nicht einmal eine Notiz über seinen Tod.
Der bürgerliche Roman verdankt einen Teil seiner Bedeutung gewiß der TatsaZeitungen so weite Verbreitung fand; so ist die Presse, die als
von der Obrigkeit beherrschte »Aviso Relation« begann, zu einem Instrument geworden, das wie ein Nervengeflecht alle Erscheinungsformen des modernen
Lebens berührt und nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die Kultur tiefgreifende Wirkungen ausgeübt hat. Nur wenige Jahrtausende trennen die Priester, die
feierliche Inschriften in die Tempelwände und Götterbilder meißeln ließen, von
den Lesern der Massenpresse. In diesem Zeitraum ist die Information durch Schrift
und Druck, von der Boulevardzeitung bis zum wissenschaftlichen Protokolltext,
zu einem so selbstverständlichen Bestandteil des Lebens geworden wie die gesamte
moderne Technologie. Auch hier zeigt sich aber, daß die Steigerung der Informationsdichte nicht etwa gewisse Probleme entschärft, sondern sie nur ins Riesenhafte vergrößert. Die totale Information konfrontiert den Menschen mit dem
Dilemma, der Verarbeitung aller Daten, ohne die doch eine Urteilsbildung unmöglich erscheint, nicht mehr gewachsen zu sein.
che, daß er über
Literatur
Buch würde den Umfang eines weitenur möglich, einige Titel zusammenzustellen,
die nicht nur für den Autor wichtig waren, sondern auch für den Leser von Nutzen
sein können. Standardwerke der Geschichtswissenschaft, Lexika, fremdsprachige
Ein detaillierter Quellennachweis für dieses
ren Buches erreichen. Deshalb
ist es
Spezialuntersuchungen wurden nicht aufgeführt. Wo der
Autor die hier angegebene Literatur herangezogen hat, ist der Name im Text in
Klammern gesetzt. Literaturangaben aus bereits vorangegangenen Bänden werden
Literatur
und
ältere
nicht ausdrücklich wiederholt.
Bengeser, Gerhard: Doktorpromotionen
Blättner,
Fritz:
in Deutschland. (o.J.)
Geschichte der Pädagogik. 1962.
Bloodworth, Dennis:
Chinesenspiegel. 1967.
Böttcher, Helmut: Gott hat viele Namen. 1964.
Cordan, Wolfgang: Mexiko. 1955.
Coulborn, Rushton: Der Ursprung der Hochkulturen. 1962.
Dahl, Svend: Geschichte des Buches. o.J.
Disselhoff, Hans Dietrich: Alltag im alten Peru. 1966.
Doblhofer, Ernst: Zeichen und Wunder. 1964.
Ekschmitt, Werner: Das Gedächtnis der Völker. 1964.
Fischer, Heinz-Dietrich: Die großen Zeitungen. 1966.
Földes-Papp, Käroly: Vom Felsbild zum Alphabet. 1966.
Gelb,
J.:
Von
der Keilschrift
zum
Alphabet. 1958.
Grunebaum, G. F.: Der Islam in seiner klassischen Epoche. 1966.
Hobsbawm, Eric: Europäische Revolutionen 1789-1848. 1962.
Hunke, Sigrid: Allahs Sonne über dem Abendland, i960.
Jensen, Hans: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart. 1958.
Kirchner, Joachim: Das deutsche Zeitschriftenwesen. 1958.
Le Goff, Jacques: Kultur des europäischen Mittelalters. 1964.
Le Goff, Jacques: Das Hochmittelalter. 1970.
Loewe, Michael: Das China der Kaiser. Die historischen Grundlagen des modernen China. 1966.
Luong Tit Gang: Akupunktur und Räuchern mit Moxa. 1954.
Muchow, Hans
Heinrich: Jugend und Zeitgeist. 1962.
Pollak, Kurt: Wissen und Weisheit der alten Ärzte. 1968.
Rauhut, Franz (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Bildungsbegriffes. 1965.
Schottenloher, Karl: Bücher bewegen die Welt. 1952.
Seligmann, Kurt: Das Weltreich der Magie. 1958.
Handbuch der pädagogischen Grundbegriffe. 1970.
Spranger, Eduard: Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens.
Speck, Josef (Hrsg.):
i960.
Steffens, Manfred: Das Geschäft mit der Nachricht. 1971.
355
Steiger, Guenter: ‘Ideale und Irrtümer eines deutschen Studentenlebens. Jena
1966.
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft. 1954.
Struik, Dirk Jan: Abriß der Geschichte der Mathematik.. 1967.
Thompson, John
kultur. 1968.
Eric
Sidney Die Maya, Aufstieg und Niedergang einer Indianer:
Register
Die kursiv gesetzten Ziffern verweisen auf Abbildungen
Abacus 122
Aryabhata 125
Abitur 298
Abstammungslehre 268 ff.
Asinius Pollio 77
Assurbanipal, Bibliothek des 26 f.,
Addiermaschine 174
Ägypten, Medizin 1 38 f
Astralreligion 111
Schreiber 56
Schrift 22
Buchhandel, früher deutscher
33
f.
Assyrische Schrift 26
ff.
-,
f.
Astrologie 113
Buchzensur 223
ff.
Akademie 70 f.
»Akademie der Wissenschaften
und der Literatur« 236 f.
Akademiker 71, 97
Akkad 33
Akrophonie 42
Akupunktur 142 ff., 142
Astronomie 113 ff., 162 ff., 203,
210
Athen, Erziehungswesen 63 ff.
Atomtheorie 277
Al-Battani (Albategnius) 158
Axiom 126
Albertus
Magnus 102 ff.
Averroes
(Muhammed
Roschd) 182
Avicenna (Ibn Sina) 17 4 ff
.
-,
176
,
Aldine 262
Baccalarus 99
Bachuon, Arnold (Villanova)
151
94
Almagest 166
Al
Mamun
159, 162
Al Massudi 191
f.
Champollion, Jean Francois 36 f.
Chemie, arabische 182
-, organische 275
f.
Bagdad 158 ff.
Basedow, Johann Bernhard 231
Beda Venerabilis 86, 120
Belon, Pierre 215
f.
Bennett, James
f.
Byblos 46
Caesar, Gajus Julius 74, 77, 319
Bacon, Francis 247, 250
Bacon, Roger 119, 155
(Algoritmi) 163, 170 f.
Gordon 350 f.
ff.
Cherokee-Schrift 44
China, ärztliche Ethik 139
-, Enzyklopädien 264 f.
-,
Erforschung 191
f.
-, Fünfzahlprinzip
133
-, literarische Bildung 109 f.
-, Medizin 131
19 ff., 97
Sterndeutung 113
Alphabet, arabisches 159
Benzolring 276
-, Schrift
Entstehung 41
Alpscheit 122
Bernhard von Clairvaux 179
Bhaskara 125
-,
Bibliophilie 162, 235, 258
Christina, Königin von
-,
ff.,
42
Ambrosiana 255 ff.
Analytische Geometrie 247
Anatomie 205, 208
Anaxagoras 116 ff.
Andronikos von Rhodos 74
Anselm, Bischof von Canterbury
Bibliothek 255
-,
ff.,
266, 288, 294
Alexanders des Großen 71
-, des
-, des
Assurbanipal 26 f., 33
Mithradates 74
74 ff., 256 ff.
zu Wolfenbüttel 259
Bilderschrift 19 ff., 48
Bildung, humanistische 291
2 97
Bilingue 40
-,
Krankenhäuser 180
Medizin 174 ff.
Pharmazie 182
Biologie 212
-, Ziffern
ff.,
Armenschule 227 f.
Ar-Rases 182
Ärztliche Ethik 136!.
Delane, John Thaddeus 349
Delisches Problem 128
John 256
ff.,
267 ff.
ff.,
325
Bodleiana 255
Diderot, Denis 263
f.
Boethius, Anicius 79
f .,
Bopp, Franz 288
ff.,
191
Demotische Schrift 25
Descartes, Rene 119, 243
Blutkreislauf 179
196, 205
Aristotelismus 104 f., 182
Dante Alighieri 182 f.
Darwin, Charles 268 ff
ff.
2 72
Aristoteles 72, 73, 118, 119,
ff
ff.,
Blumenbach, Johann Friedrich
123
Arbeiterbildung 322, 323
2 99
Dalton, John 275, 277
Chemie 182
Schrift 157, 159, 160
Codex argenteus 50, 86
Codex Sinaiticus 223
Colebrooke, Henry Thomas 285
Comenius, Johann Arnos 227
Cuvier, Georges 267, 269 f.
f-
-,
Bill,
Schweden
2 43
Corporationen, studentische
-,
Bildungsbegriff 282
187
f
-, des Aristoteles 73
Bibliophilie 162
-,
Chirurgie, frühe 129 ff.
ff.
-, öffentliche
94
Apotheke 182
Arabien, Alphabet 159
-, ärztliche Versorgung 179 f.
Astronomie 162 ff.
f.
Campe, Joachim Heinrich 231
Aldrovandi, Ulisse 215
Alkuin, Bischof von York 86, 90,
(Hadschi Scheich Ibrahim) 39
Büro 122
Cassiodor 82
Medizin 135
Alchemie i5off., 150, 154, 158
Alexander der Große 71, 187
Al-Khwarizmi, Ibn Mußa
ff.
Buffon, Georges Louis 265 f.
Burckhardt, Johann Ludwig
Burschenschaften 310, 313
Burse 95
Ibn
f.
Azteken, ärztliche Ethik 140
Al-Biruni 163
219
römischer 74
Buchillustration 81, 84, 87, 262
Astrolabium 112, 222
ff.
Schwangerschaftstest 135
Buchdruck 215 ff., 217, 218, 220,
244, 250
Bücherverbrennung 235 f.
Borromeo, Federigo 257
Boulevardpresse 345
Brief 56 ff.
Bruno, Giordano 206
82
f.,
ff.,
269
Doktorschmaus 95, 102, 104
Doktorwürde 97 ff.
Drogen 135
Dual 123
Duell 306
Eck,
f.
Johann 94
246
Enzyklopädien 83, 263
ff.,
^9
Enzyklopädisten, lateinische 83
Haller, Albrecht
von 251
Keilschrift 14, 26
Hardenberg, Friedrich von
Ephebe 66
ff.,
(Novalis) 316
Erathostenes 163
Harkort, Friedrich 285
Erdberg, Robert von 326
Harun
Erdumfang 162 f.
Harvey, William 179
»Haus der Weisheit« 158 ff.
Head, Henry 142
Kircher, Athanasius 34
Klassische Bildung 291
Hebräische Schrift 13
Hecker, Johann Julius 233
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm
Knotenschnur 26
Ernst der Jüngere, Herzog von
Braunschweig 259
Herzog von Sachsen-
Ernst,
Coburg-Gotha 226 f.
Ethik, ärztliche 236
f.
Etrusker, Schrift 40
Euler,
321
Leonhard 239
Evans, Arthur 40
Evolutionstheorie 268
Kekule, August 275
Kerbholz 15, 122
Raschid 159, 162
al
f.
Klosterschule 90 ff., 92
Koberger, Anton 220
Kodex
46, 50 f., 68
(s.
auch
Codex)
ff.
Heilpflanzen ^35
Kompaß 195
Herder, Johann Gottfried 321
Kopernikanisches Weltsystem
Hermes Trismegistos 155
ff.
38
32,
Entwicklung 29
-, Entzifferung 38 ff.
207L, 222
Herodot 317 f.
Kopernikus, Nikolaus 206
Famulus 95
Fassmann, David 336
Fernrohr 202 f., 207
Hethiter, Schrift 39 f.
Hieratische Schrift 25, 53
Koptische Schrift 25
Kotzebue, August 326
Feuilleton 353
-, Entzifferung
Hieroglyphen 23, 24 ff
34 ff.
f.
Fingerzählen 120, 224
.
,
24,
34
Krankenhäuser, arabische 180
Krankheit 132
Kretisch-mykenische Schrift,
Hippokrates 140, 148
Hippokratischer Eid 136 f.
Flugblatt 331
Entzifferung 40
Hermann 174
Johann Reinhold 274
Fourier, Jean Baptiste 36
Franke, August Hermann 227
»Horen« 338
Hrabanus Maurus 86
Kupferstich 262
Freicorps 311
Humanismus 198 ff.
Kurzschrift 44
Förster,
Friedrich der
Fust,
Große 238, 341
Hollerith,
Humanistische Bildung 291
Johann 216
297
Kulturbegriff 282
Galilei, Galileo
ff.,
f.
273
202
f.,
Gegenstandsschrift 15
Geographie 191
Geometrie 126
ff.,
204, 247
Humboldt, Wilhelm von 290 ff.,
ff.
294
Huxley, Thomas Henry 271
195, 259
ff.
Kurrendesänger 299
Humboldt, Alexander von 272 ff.,
Galen 148, 179
ff.
Lamarck, Jean-Baptiste de 268 f.
Landsmannschaften 102, 307
Latein 94
Lateinschule 92, 198
Lautverschiebung 288
Lavoisier,
Antoine 258
Layard, Austin Henry 26
Baitat 182
247
Geschichtsschreibung 316 ff.
Ibn
Lehrerbildung 227
ff.
Ibn an Nafis 179
Leibniz, Gottfried
Wilhelm 274,
Gesellschaften, wissenschaftliche
Ibn Sina (Avicenna) 174 ff., 176
236, 336
Leonard von Pisa 272
Lessing, Gotthold Ephraim 226,
-, analytische
236
ff.,
al
Ideenschrift 18
237, 238
Gesner, Konrad 212
Ideogramm 19 f.
Gilgamesch-Epos 27, 32
Girardin, Emile de 345
Imhotep 136
Impetus-Theorie 205
Index librorum prohibitorum
Goethe, Johann Wolfgang 226,
Görres, Joseph 347
Gothaisches Gymnasium 226
Indien, ärztliche Ethik 139
-,
f.
Inkas 16
Lullus,
Raimundus 252
f.
Lupus 94
Luther, Martin 283, 200, 206
Mathematik 125
f.
Inkunabel 220
Göttinger Sieben 242
Griechenland, Erziehungswesen
63
Löscher, Valentin A. 255
Lucull 74
224
315
Goldmacherei 150, 151, 158
238, 342
Lizentiat 200
Isidor, Bischof
Islam
ff.
s.
von
Sevilla 83
Machiavelli, Niccolö 320
Magister 200
Arabien
Mainzer Psalterium 226, 227
Mathematik 126 ff.
Grotefend, Georg Friedrich 37
Joruba 18
Malpighi, Marcello 251
Massenpresse 344 ff.
Mathematik 223 ff.
Mayas, Astronomie 223
Gutenberg (Gensfleisch),
Journal 336 ff.
-,
Johannes 215 ff.
Gutenberg-Bibel 216
Journalismus 345
Jugakiren 18
Hadschi Scheich Ibrahim (Johann
Kampftz, Karl Heinrich von 316
-, Philosophie
Japan, Schrift 19
125
Grimm, Jakob und Wilhelm
287,
288
Ludwig Burckhardt) 39
Haeckel, Ernst 271
Hakenkreuz 25
Jena 313
f.
Jones, William 285
Kant,
ff.
Immanuel 247
Kanzleruniversität 99
Karl der Große 86 f.
ff.
Kalender 224!.
-, Schrift
48
Mayer, Robert
Julius 338
Medizin, arabische 274 ff.
-, frühe
f.
229 ff
Medizinische Ausbildung 136
Melanchthon, Philipp 94, 283,
298, 202, 240
Mensur 309 ff., 310
Preußen, Erziehungswesen
Schrift, koptische 25
Merian-Stiche 263, 301
Merowinger-Latein 90
290 ff.
-, Schulreform 295
Proklos 126
-,
Metaphysik 74
Meteorologie 115
ff.
Mikroskop 205, 212, 251
Milet 125
Mirabeau, Victor Marquis de
282
f.
kretisch-mykenische 40
Mayas 48
sumerische 26 f.
-, der
ff.
-,
Promotion 98 ff., 101
Psalterium, Mainzer 2*6, 217
Ptolemäisches Weltsystem 166,
Schriften, Entzifferung 34
Schriftrollen 46 ff.
167
Ptolemäus
Schulpflicht, allgemeine 227
1 66,
166
,
ff.
Schriftsysteme, orientalische 12
Schulwesen im Absolutismus
226 ff.
Mithradates, Bibliothek des 74
Pufendorf, Samuel von 282
Moxibustion 146
Muhammed ben Ischaq 162
Pythagoras, Lehrsatz des 124
Schulwesen, preußisches 290 ff.
Pythagoreer 70, 128
-, der
Muhammed
-,
Ibn Roschd
(Averroes) 182
Mußa ben
f.
f.
Schakir 163
Mußa, Brüder 163
ff.
Schwangerschaftstest, ägyptischer
Quintessenz 151
1 35
Sektion 204 f.
Servet, Michael 179
I. 275
Narkose i8of.
Radikale 20
Rasmus
Kristian 288
Nationalbibliotheken 259
Rask,
Newton, Isaac 119, 242, 267
»New York Herald« 350
Rassam, Hormuzd 27, 33
Rawlinson, Henry Creswicke
Niebuhr, Carsten 35
3 8f.
f.
Novalis (Friedrich von
Odoaker 80
Orakelknochen 19
Organische Chemie 275
ff.
Orientalistik 39
Papierfabrikation 34, 343
Papyrus 45
Sparta, Erziehungswesen 61
Sprachforschung, vergleichende
285
174
Penn, William 17
Penny-Presse 350
Stein der
Weisen 151
Stellenwertsystem 125, 171
Sternbeobachtung 110 ff.
Ritter-Akademie 130
Studentenverbindungen 299 ff.
Rom, Buchhandel 74
Studium generale 97
Studium particulare 97
Sue, Eugene 353 f.
Rosette, Stein von 35 f.
Rüssel, William Howard 349
Penicillin 181
ff.
Stadtuniversität 98
Sternenreligion 111
74
-, Schulwesen 78, 79
Rosenkranz 15
ff.
Sallo,
Sand, Karl Ludwig 316
Terenz 74
Tesseln 122
Sanskrit 285
Thabit 167
Pestalozzi,
f.,
133
Johann Heinrich 295!.,
Sayce,
Henry 40
f.
Symbolzeichen 25
Peripatetiker 188
Denys de 335
f.
Sumerische Schrift 26 f.
Swastika 25
Pergament 48
Peru, Medizin 129
Thaies 125
f.
f.
299
Pharmazie, arabische 182
Sayn-Wittgenstein, Wilhelm
Theoderich der Große 80
Philanthropismus 231 f., 232
Philosophen, griechische 125
»Physiologus« 209 ff.
Schlegel, Friedrich
Ludwig Georg Fürst zu 316
und August
Wilhelm von 286
Schleicher, August 288
Theophrast 119
These 126
Piktogramm 20
Schnellpresse 343
Schöffer, Peter 216
Planetarium zu Samarra 167
Platon 56, 71, 118
Plautus 74
Plinius der Ältere 83
Plutarch 319
Pneuma-Theorie 179
»Poggendorff'sche Annalen« 338
Polybios 318
Poseidonios 119
Präformationstheorie 251
f.
Presse 330 ff
Pressefreiheit 331, 337, 341
347
344,
Thomasius, Christian 239, 336
Thomasius, Gottfried 255
Thukydides 318
Tierkreiszeichen 113
Scholar, fahrender 95
Scholastik 91 f.
»Times« 343, 348 ff., 349
Tischendorf, Konstantin 223
Schopenhauer, Arthur 347
Titulus 74
Schreibmaterial 28 ff., 45 ff.
Schrift, ägyptische 22 ff., 53
-, arabische 157, 159, 160
Tontafeln 28
Trepanation 129 f.
Trivium 82
-, assyrische 26
Tyrannion 73
f.
-, chinesische
19 ff., 97
-, etruskische
40
-, hebräische 13
f,
ff.
Rhetorik 75, 78
Riese, Adam 171
-, Literatur
f.
Smith, George 27, 32
Sokrates 60
Rechenmaschine 174, 276
Regenbogen 119
Regenzauber 116
»Rheinischer Merkur« 347
f.
Sexagesimalsy stem 125
Sieben Freie Künste 78, 296
Sindhind, großer 171
Realschule 233
Rechentisch 122
Hardenberg) 316
Pascal, Blaise
Hermann 326
Schulze-Delitzsch,
Quadrivium 82
Napoleon
Null 171
ff.
Quadratur des Kreises 128
Quipu 16
Nippur 33
Reformationszeit 198
römisches 78, 79
-, hethitische
-, japanische
39 f.
19
f.,
31, 38
Überlieferung, mündliche 14
Ulfilas 50, 86
Universitas magistrorum 98
Universitas scholarium 98
f.
Zahlbegriff 124
Weltsystem, kopernikanisches
Universitäten, mittelalterliche
Zählbrett 122
207, 211
94 ffUniversitätsgründungen 98
-, ptolemäisches 166,
Zahlenmagie 123
Zählstock 15 f., 122
167
Werner, Abraham Gottlieb 273
Wetterzauber 116
Vagant 95
Varro 78
Vesalius, Andreas 204!.
Villanova (Arnold Bachuon) 151
Volksbildung 323
ff.,
f.
325
Zählsysteme 119 ff.
Wissenschaftliche Gesellschaften
Zeitschrift, wissenschaftliche 333,
236 ff-/ 237, 238
Wühler, Friedrich 277, 338
334 ffZeitungswesen 330 ff., 339 ff.
Wolfenbüttel, Bibliothek 259
-, amerikanisches
350 f.
Wolff, Caspar Friedrich 254
-, britisches 342,
348 ff.
Zensur 223
Walter, John 348
Wampumgürtel
Wartburgfest 314 ff., 319
Weltpresse 348 ff.
ff.,
340, 341
Ziffern, arabische 123
Xenopjpon 318
17 f.
-, indische
170 f.
Zoologie 212
Young, Thomas 35!.
BILDNACHWEIS
Albertina,
Wien
(260, 261); Bayer. Staatsbibliothek,
München
(49); R. Berger,
Köln (75); Verlagsgruppe Bertels-
mann, Gütersloh, Bildarchiv (29, 42, 112, 166, 192, 200, 301); Bibliotheque Nationale, Paris (161); Bildarchiv Foto
Marburg (190); British Museum, London (32, 35, 169); Callwey Verlag, München (300); The Cathedral Library,
Winchester (81); City Museum & Art Gallery, Brimingham (297); The Detroit Institute of Arts, Detroit (106);
Deutsche Fotothek, Dresden (114, 232); Deutsches Archäologisches Institut, Athen (144); Deutsches Archäologisches Institut, Istanbul (62); Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, Leipzig (218); Deutsches Museum, München (279); Deutsches Tapeten-Museum, Kassel (154); Walter Dräyer, Zürich (24) Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg (210, 222) Giraudon, Paris (168, 195, 221, 269) Herzog Anton Ulrich-Museum,
Braunschweig (152/153); Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel (127); Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
(276); H. Hinz, Basel (256, 257); Hirmer Fotoarchiv, München (23, 57, 650., 68/69, 76); Holle Bildarchiv, BadenBaden (61, 309); G. Howald, Bern (292/293); Dr. R. Huber, Wien (289); Istituto e Museo di Storia della Scienza
;
;
;
(237, 270); Karl-Marx-Universität, Leipzig (530.); R. Kleinhempel,
Hamburg
(312); Kunsthistorisches
Museum,
Kunstsammlungen der Veste Coburg (225, 328); Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte,
Münster (308) Louvre, Paris (264) The Metropolitan Museum of Art, New York (60, 73) H. Morscher, St. Gallen
(266) National Gallery, London (284) Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz (278); Österreichisches Museum
für angewandte Kunst, Wien (203); Österreichische Nationalbibliothek, Wien (53 u., 92, 118, 149, 150, 1560., 188,
Wien
(213);
;
;
;
;
;
211, 2440., 245, 252, 254, 287, 299, 340, 343); Orientalisches Seminar der Universität Heidelberg (14); PropyläenVerlag, Berlin (228/229); Rheinisches Bildarchiv, Köln (13); Riksarkivet, Stockholm (158); Royal Collection,
Windsor Castle (208); Scala, Antella (56, 64, 65 u., 77, 80, 85, 93, 148, 1720., 172U., 177, 189, 244U., 248/249, 253,
304); Service de Documentation Photographique, Paris (47, 186); H. Schmidt-Glassner, Stuttgart (79); Staad.
Kunstsammlungen, Dresden (72); Staad. Museen zu Berlin (38, 70,305); Staad. Museen Preußischer Kulturbesitz,
Berlin,
Kunstgewerbemuseum
(207); Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Bildarchiv (88/89, 9 1 ' 96,
99, 100, 101, 104, 117, 121, 124, 130, 134, 137, 138, 143, 145, 160, 173, 175, 176, 178, 181, 184, 185, 201, 204, 214,
217, 231, 238, 241, 242, 246, 250, 258, 262, 273, 294, 302, 306, 310, 314, 319, 322, 325, 334, 337, 346, 349, 352);
Staatsbibliothek
Bamberg
(82); Staats-
und Stadtbibliothek, Augsburg (333);
Stedelijke
Musea, Brügge (180, 296);
The Wellcome
Straicher, Goslar (84); H. Strobel, Leipzig (31); Unesco, Paris (19, 52, 156U., 157, 164, 165);
Institute of the History of Medicine,
London (141);
R. Wunderlich,
Madrid (133); Gebr. Zumbühl,
St.
Gallen (87).
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MC
LIBRARY
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